Berthold Auerbach Auf der Höhe Vierter Band Vom einsamen Weltkind. Siebentes Buch. (Irmas Tagebuch.) Ans Ufer geschleudert –was soll ich nun? Bloß leben, weil ich nicht tot bin? Tagelang, nächtelang, hielt mich diese Rätselfrage wie in der Schwebe zwischen Himmel und Erde, wie in jener grauenhaften Minute, da ich vom Felsen niederglitt. Jetzt bin ich das Rätsel los. Ich arbeite. Ich will festhalten, was aus mir wird. Es befreit mich, indem ich aufzeichne. Ich war krank, im Fieber sagen sie. Und jetzt arbeite ich. Ich hatte der Großmutter berichtet, was ich zu arbeiten verstehe. Ich kann hier nichts davon anwenden. Sie führte mich in den Garten; wir sammelten die Aepfel, die der Ohm Peter vom Baume schüttelte. Da kam der alte Auszügler, der über mir wohnt, und schrie scheltend, daß von den Aepfeln ihm ein bestimmtes Maß gehöre. Er suchte nach einem Apfel und wollte schmecken, welcher Baum jetzt geschüttelt wird. Ich reichte ihm einen Apfel und erklärte, daß ich unter ihm wohne. Als wir noch so im Garten standen, kam ein Mann, der Hansei zwei am Feldwege stehende Ahornbäume abkaufen wollte, um daraus Holzschnitzereien zu machen. Wie eine rettende Hand erschien mir das. Ich sagte der Großmutter, daß ich aus Thon Figuren zu bilden verstünde, und wohl leicht die Holzschnitzerei lernen könnte. Nun bin ich als Lehrling in der Werkstatt. Jetzt, am ersten freien Sonntag, während alles in der Kirche ist, schreibe ich das. * Ich kannte einen Mann, er hatte schon auf dem Sandhaufen gekniet, die Flintenläufe waren schon nach ihm gerichtet und – er wurde begnadigt. Ich habe ihn oft gesehen. Hätte ich ihn nur gefragt, wie er weiter lebte. * Ich habe keinen Spiegel in meinem Zimmer, ich habe mir vorgesetzt, mich selbst nicht mehr zu sehen. * Und weil ich keinen Spiegel habe und keinen will, so seien diese Blätter ein Spiegel für meine Seele. * O diese Ruhe! Dieses Allein! Wie aus dem See auftauchend, wieder atmen. Diese Ruhe, diese Stille jetzt! * Hier oben und auf tausend Punkten der Erde war diese Ruhe, während ich drunten das Entsetzliche thun wollte. * Ich komme aus der Werkstatt. Oft, wenn wir von der Sommerburg aus über Land durch die gewerblichen Dörfer fuhren, hielten wir an und besuchten die großen Werkstätten und ließen uns alles zeigen. Ich schämte mich damals –ach, wie lange ist es her? –daß wir nur eine Weile der Arbeit zusehen, dann wieder in die harrenden Wagen steigen, und die Menschen da drin weiter arbeiten lassen. Mit welchen Gedanken mußten sie uns nachschauen, als wir in den Wagen stiegen? * Ich bin jetzt selbst an der Werkbank. * Warum hat keine Religion vor allem andern das Gebot: Du sollst arbeiten! –? * Man sagt: wenn eine Wunde mit liebenden Lippen ausgesaugt wird, heilt sie schnell. Ich möchte dir, die du Königin genannt wirst, das tröpfelnde Blut deiner Seele aufsaugen mit meinem Mund. * Habe ich den Brief an die Königin vernichtet, oder ist er ihr zugekommen? Tief ins Herz erschreckte mich's, als die Großmutter mich fragte, warum ich der Königin das angethan und ihr mein Vorhaben berichtet habe. Warum that ich das? Ich weiß kein Warum, ich weiß nur, daß ich es mußte als notwendige und letzte, sich selbst vollziehende That der Wahrhaftigkeit. Warum liegt uns nur daran, wie man nach dem Tode von uns denkt, da unser Sein doch nur leerer Schall geworden! Schwere Tage, peinvolle. Ich hielt es für Pflicht, an die Königin zu schreiben, aus der Verborgenheit heraus. Der Bruder der Großmutter, ein gar treuherziges und williges Männchen, das sich mir immer zu Gebote stellt und mir gern jede Minute etwas Gutes erweisen möchte, erklärte sich bereit, meinen Brief nach einer entfernten Stadt zu tragen. Die Königin soll nicht leiden um mich, wenigstens nicht um meinen Tod, und sie soll wissen, daß ich büße, lebend büße. Wenn ich nur wüßte, ob ich die Briefe in der That verbrannt habe oder ob sie an ihn und sie gelangt sind ... Ihm brauche ich nichts mehr zu sagen. Die gute Mutter sah mir an, daß etwas in mir vorgeht, das ich ihr nicht mitteile. Sie kam oft, fragte aber nicht. Endlich hielt ich's nicht mehr aus und erzählte meinen Entschluß. Sie faßte mich bei der Hand und sagte –wenn sie mir etwas ganz sagen will, faßt sie immer meine Hand, sie muß mich körperlich halten –»Kind, du mußt dir nur klar machen, was du thun willst. Wär' dir's eigentlich im Grund des Herzens nicht lieber, wenn du entdeckt würdest? Frag' dich im Gewissen.« Ich erschrak. Es ist wahr. Ich möchte nichts thun, aber wenn es geschehe ... »Gib mir keine Antwort,« fuhr die Mutter fort, »gib sie dir und frag' dich weiter, ob du übermorgen, wenn du dort wärest, wo du gewesen, nicht wieder fortmöchtest. Das aber sag' ich dir: was du thun willst, thue ganz. Entweder schreib' der Königin gar nicht, laß sie trauern; um ein Totes trauert sich's besser, als um eins, das man verloren hat und das noch lebt. Oder aber thue das andre, schreib' ihr ehrlich und gradaus: Da bin ich! Wie gesagt, was du thun willst, thue ganz. O Kind,« setzte sie hinzu, »ich fürchte, dir geht's wie der armen Seele. Kennst du die Geschichte von der armen Seele?« »Nein.« »So will ich sie dir erzählen. Da ist einmal ein junges Mädchen, weil es sich verfehlt hat und wie es früh gestorben ist, in die Hölle gekommen, und da hört der heilige Petrus immer, wie es aus den Flammen herausschreit: Paul! Paul! und das so herzrührend, daß die ärgsten Teufel nicht haben darüber spotten können. Da kommt der heilige Petrus einmal ans Höllenthor und fragt: Aber Kind, was schreist du immer: Paul! Paul! und gar so erbärmlich? Und da sagt das Mädchen: Ach, lieber heiliger Petrus, was sind alle Höllenqualen! Gar nichts! Mein Paul hat's viel ärger. Wie wird er's aushalten ohne mich? Ich bitte nur um ein einziges: Laß mich nur noch ein einzigmal hinunter auf die Erde und laß mich einen Augenblick sehen, wie's ihm geht. Ich will ja dann gern noch hundert Jahre länger hier in der Hölle bleiben. »Hundert Jahre –hat da der heilige Petrus gesagt –bedenke Kind, ist gar eine lange Zeit. »Mir nicht, o ich bitt', ich bitt', laß mich nur noch ein einzigmal auf die Erde nach meinem Paul schauen, ich will dann gewiß still sein und alles in Geduld hinnehmen. »Der heilige Petrus hat sich lang gewehrt, aber die arme Seele hat keine Ruh' gegeben, und da hat er endlich gesagt: Nun meinetwegen, geh, aber du wirst's bereuen. »Und da ist die arme Seele hinab auf die Welt zu ihrem Paul. Und wie sie hinunterkommt, da sieht sie den Paul und er ist lustig mit andern. Und da ist die arme Seele wieder still hinauf in die Ewigkeit und hat nur gewinkt, ganz still, und hat gesagt: Ich will jetzt wieder in die Hölle und will büßen. Und da hat der heilige Petrus gesagt: Die hundert Jahre, die du versprochen hast, sind dir geschenkt; du hast in der einen Minute mehr durchgemacht als hundert Jahre Hölle. »Das ist die Geschichte von der armen Seele.« * Ich dürste nach einer Quelle außer mir, die mich tränkt, erlöst; ich schmachte nach Musik, nach Glauben, nach einer befreienden Weihe. Ich finde sie nicht. Ich muß die Quelle in mir finden. * Oft in meinem tiefsten Schmerz ist mir's, als hätte ich das alles nicht selbst erlebt; ich gehe dahin und es ist, als erzähle mir jemand eine fremde Geschichte. * Ich habe zum erstenmal im Leben das Gefühl des Geduldeten, Begnadigten. Ich sollte eigentlich nicht da sein; ich genieße das Gnadenbrot. Ich weiß jetzt, wie es den armen Heimatlosen zu Mute. Hansei konnte, wenn er wollte, mich heute aus dem Hause schicken, und was würde dann aus mir? Daß ich in Gemeinschaft mit meinen Gastfreunden essen muß, wird mir schwer. Am meisten dauert mich aber Hansei. Er hat ein fremdes Gespenst am Tisch sitzen, das er nicht kennt. Ich bin eine Störung seines Glücks. Ich habe mir mit dem Bohrer in die Hand gestochen, weil ich bei der Arbeit zu viel an andres denke. Mein Pechmännlein hat mir eine Heilsalbe aufgeschmiert. Das Holz ist nur Notmaterial; es folgt den Absichten der Kunst nur schwer, ist spröder, eigensinniger Stoff. Antike Formenschönheit ist nicht für das Holz. »Ach, hier oben wohnen –das müßte herrlich sein!« –Wie oft ruft man das auf Landpartien aus. Aber man vergißt, daß Landpartienstimmung und Wohnstimmung zwei ganz verschiedene Dinge sind. Es ist anders, wenn der Wind über die Stoppeln saust und in den Bäumen des kahlen Waldes rast, wenn träge Nebel über die Berge wegkriechen, wenn die Wolken tagelang an den Bergen hängen, und nur manchmal eine Spitze wie ein Traumgesicht erscheinen lassen und wieder verhüllen; wenn du nachts vom Windsturm aufwachst und es gar nicht Tag werden will. Ja, ihr Landpartiengeister, mit frischen Kränzen auf dem Hut, seid nur wochenlang hier oben, ohne Sofa, ohne frisches Brot –ohne Sofa –denkt euch nur das aus! Einsamkeit mit gutem erhellendem Zurückdenken, friedsam und selig mühte das sein; das ist Einsamkeit wie die des Baumes, der durch saftiges Erdreich seine Wurzeln bis zum frischen Bach im Thal hinabschickt; aber Einsamkeit mit schwerem nächtigem Zurückdenken, das ist Einsamkeit des Baumes, dessen Wurzeln immer auf Felsen stoßen, er muß mit seinen Wurzeln darüber hinweg, muß sie umklammern und ewig in sich tragen –einen schweren Stein im Herzen der Wurzel. Das beste Alleinsein ist, wenn kein Menschenauge auf unsrem Antlitz geruht, einen ganzen Tag. Zu wissen, kein Menschenauge hat dich gesehen, der Spiegel der Mienen ist rein, unangehaucht –das thut wohl. Alleinsein macht leicht abergläubisch. Man will sich auf etwas stützen, an etwas halten, was außer uns. Morgens, wenn mir das Werkzeug gleich beim Anfassen aus der Hand fällt, erschreckt's mich; das wird ein schlimmer, schwerer Tag, der so anfängt. Ich kämpfe diesen Aberglauben nieder. Mit einem festen Glauben allein sein, ist man nicht allein. Mein Meister ist beständig verdrossen. Die Frau und drei Töchter helfen bei der Arbeit. Hansei hat mir das Lehrgeld vorgestreckt. Ich lerne schnell. Ich merke es wohl –und das Pechmännlein hat mir's verraten, daß Hansel diese schützende Tarnkappe über mich ausgebreitet –ich gelte hier bei den Leuten für nicht ganz geheuer. Das gibt mir Freiheit und schützt mich; aber mir ist doch manchmal bange dabei. Auch mein Meister glaubt, daß ich irrsinnig sei. Er spricht behutsam mit mir und hat Freude, wenn ich etwas fasse. Die Schwalben ziehen fort. Ach, ich kann's nicht leugnen, mir wird bange vor dem Winter. Wenn ich nur nicht krank werde. Das wäre entsetzlich! Dann müßte ich mich verraten oder ... Ich darf nicht krank sein! Aber ich bin noch so erregbar. Es wird mir schwer, es zu sagen, aber auch schwer, es zu ertragen: eine Kuh in dem nahen Stall hat eine Schelle um, die sich stets bewegt, Tag und Nacht, so unrhythmisch. Ich muß mich daran gewöhnen. Ich habe ein wahres Grauen vor dem Winter. Wäre nur jetzt nicht Herbst, wäre nur Frühling! Die Natur wäre meine Freundin. Die Natur ist überall sich gleich. Aber jetzt den Winter vor Augen! Du mußt dich drein finden, wir Menschen machen uns die Jahreszeiten nicht. Ich will sehen, was stärker ist, mein Naturell oder meine Willenskraft. Ich will meiner Seele nichts andres zu denken geben, als was sie denken soll. Ich will. Der Schuhmacher will Aschenbrödel am Fuß erkennen –er findet meinen Fuß unerhört klein für ein Bauernmädchen. Ich hoffe, das Märchen bleibt Märchen. Mir geht heut immer die rührende Melodie aus Isouards Aschenbrödel durch den Sinn mit dem Texte: O gutes Kind, gib dich zufrieden, Ein bessres Los ist dir beschieden. Wie einfältig sind die Worte. Aber die Musik ist die Fee, die die einfältigen Worte Aschenbrödels mit königlichen Gewändern schmückt und es dazu bringt, daß sie auf den Lippen aller Menschen thronen. O du glückliches Kindermärchen! Du fragst nicht: Wie lebte die Prinzessin als Gänsemagd? Deine Phantasie spricht ihr schöpferisches »Werde« und siehe da, es ward. Aber in der Wirklichkeit kostet solche Verwandlung schwere Mühe. Walpurga hat meinen Zustand getroffen. Sie sagte heute: »Dir geht es hier fast so, wie mir im Schloß. Du kannst dich auch nicht in das finden. Aber freilich, man gewöhnt sich leichter an ein seidenes Bett, als an einen Laubsack.« Und wenn man wieder heim will, nimmt sich auch alles leichter mit, hätt' ich ihr gern gesagt; ich drückte es aber nieder. Man darf diese Menschen nicht mit logischen Konsequenzen plagen; ihr Denken und Empfinden ist wie der Vogelsang, ohne Rhythmus, höchstens wie das Volkslied, dessen Melodie mit der Terz schließt und nicht mit dem Grundton. Daß ich das lockende, flimmernde und schimmernde große Leben täglich haben könnte, das gibt mir den freien Mut, es nicht haben zu wollen und doch nicht zu entbehren. Wäre ich in ein Kloster gegangen und lebte dort, gebunden, gezwungen durch ein Gelübde, durch äußern Zwang –ich weiß, ich vertrauerte meine Tage am Gitter. Ohne Handschuhe! Ich wußte gar nicht, daß die Hände so frieren. Ohne Handschuhe, ich fasse es nicht. Damals, als er mir den Handschuh auszog, es durchschauerte mich –ahnte meine Seele? – Am Morgen vermisse ich tausend Kleinigkeiten; ich wußte nicht, daß ich sie hatte. Die alltäglichsten Dinge muß ich von der guten Mutter lernen. Gerade die alltäglichsten lernen wir nicht. Wir lernen tanzen, bevor wir ordentlich gehen können. O, wie viele Dinge, wie viel dienende Hände braucht der Mensch, vom Schuhputzen des Morgens bis zum Anzünden und Verlöschen der Lampe am Abend. Vor lauter Kochen und Waschen und Scheuern, Wasserholen, Holztragen, vor all dem Tausenderlei kommt der Mensch nicht zu sich selbst. Dem Tiere wachsen die Kleider und wächst die Speise; der Mensch muß spinnen und kochen. Ich habe mir Schweres auferlegt, daß ich mich in nichts bedienen lassen will. Ein Einsiedler darf nicht säuberlich und nicht heikel in Speisen sein. Ich passe nicht dazu. Es hat mich schwer bedrückt, aber jetzt bin ich stolz darauf, ein Robinson im Geiste geworden zu sein. Jeder, der zu sich selbst kommt und nicht vom Herkömmlichen leben kann, ist auf eine Insel verschlagen und muß sich alles neu schaffen. Warum aber mußte ich innerlich belastet Schiffbruch leiden? Wenn ich so in die Nacht hinausschaue, alles dunkel, nirgends ein Licht, mir zu zeigen: da sind Menschen wie du –Mir ist so schauerlich und bang, mir ist, als wäre ich allein auf der Welt. (Oktober.) Heut am Abend –ach, die Abende sind schon lang –da kam mir plötzlich zu Sinne: Tausende leben in der gebildeten Welt in Wohlstand und Freuden, die – Warum soll ich allein entsagen, entbehren und mich in Einsamkeit vergraben? Weil ich will und muß. Ich habe nichts als ein geschenktes, begnadigtes Dasein. Ich habe mein Leben verscherzt, ja verscherzt, das ist's. Soll ich es in bitterem Ernste wieder gewinnen? Die Sprache, mit der ich einst spielte, fesselt und richtet nun. »Du hast noch zu schwer geladen,« sagte mir die Großmutter. »Wieso?« »Schau, einen schwerbeladenen Wagen kann man nicht schmieren, daß seine Räder nicht ächzen und krächzen; man muß warten, bis der Wagen wieder leer ist, dann kann man ihn mit der Winde in die Höhe heben, die Räder abnehmen und die Achsen salben. Du hast noch die schweren Kisten mit deinem Zurückdenken aufgeladen; thu' sie ab, dann wirst du sehen, wie wir schmieren.« Ich weiß doch jetzt, warum ich aufstehe. Du sollst arbeiten! ruft es mir zu. Heut wird das, morgen jenes fertig, und wenn ich mich niederlege, ist etwas mehr in der Welt als am Morgen da war. Arbeit, Arbeit! heißt hier die Parole. Täglich, stündlich. Die Menschen denken an gar nichts, als Arbeiten, »Werken«, wie sie es nennen. Die Arbeit ist ihnen eine Naturnotwendigkeit, wie dem Baum das Wachsen. Das macht fest. Auch hier Elend und Zerfall. Walpurga spricht in ihrer Gutherzigkeit davon, wie sie es nicht ertragen könne, daß der alte blinde Auszügler so allein esse, sie wolle ihn an den Tisch nehmen. »Das leid' ich nicht,« sagte Hansei. »Kein Wort davon, das leid' ich nicht.« »Warum nicht?« »Warum? Das solltest du selber wissen. Wenn der Jochem einmal am Tisch gewesen ist, da kann man ihn nicht wieder wegthun, drum besser gar nicht. Und du weißt nicht, wie ein blinder alter Mann ißt.« Nach dieser Verhandlung saßen wir nur noch stumm bei Tische, es wurde kein Wort weiter gesprochen. Walpurga that, als ob sie esse, aber sie schluckte nur ihre Thränen hinab und stand bald auf. Sie empfindet diese Roheit und Hartherzigkeit schwer, aber sie klagt nicht, auch nicht mir. * (Bei heftigem Sturmwind.) Wie mich das heute erschreckte! Mein Pechmännlein berichtete mir, daß in der Nachbarschaft sich ein Mann erhenkt habe. »Das hat so sein müssen,« meinte er, »der Mann hat sich vor fünfzehn Jahren schon einmal aufgehenkt gehabt, aber da hat man ihn abgeschnitten, nun hat er doch gelebt, wie wenn er immer einen Strick um den Hals hätte –wer einmal so etwas gewollt hat, der stirbt keines geraden Todes.« Wie mich das erschreckte! Wäre mir doch noch das Entsetzliche beschieden? Ich sage nein! Ich will nicht. * Aus der warmen Stube in das Schneegestöber draußen schauen –es ist mir wie Zurückdenken in den Wirrwarr der großen Welt. Nun schon die neunte Woche. Noch ist mir's dumpf, wie wenn man mir mit einem Hammer aufs Hirn geschlagen hätte. Ich lebe nur so fort. Aber schon fängt es an, mich zu wecken. Wenn ich morgens erwache, muß ich mich besinnen, wer ich bin und wo ich bin. Mein ganzes Elend muß ich zurückrufen. Dann aber ruft mich die Arbeit. * Ich habe gar nichts mehr von der Welt draußen zu erwarten und nichts mehr vom morgenden Tag, alles nur von mir und alles von heute. Für mich sind die Straßen verschüttet, für mich gibt es keine Post, keine Briefe, keine Bücher, gar nichts. Morgens aufstehen und wissen, es kann keine Nachricht von draußen kommen, die mir Glück oder Unglück, verkündete, alles aus mir, aus dem ewigen Gesetz der Natur –wer es zu dieser Selbstheit, zu diesem Alleinleben im All bringen könnte, er wäre jenes Kind, das aus sich leuchtet, wie es Correggio gemalt. Hammer und Axt, Feile und Säge und alles, was mir als Marterwerkzeuge der armen geknechteten Menschheit erschienen war, das sind die erlösenden Werkzeuge. Sie jagen die Dämonen aus dem Hirn; wo diese Werkzeuge sich rühren und die Hand rüstig wirkt, können die Schwarmgeister nicht weilen. Der Erlöser muß noch kommen, der die Arbeit und den Werktag heiligt. Ich sehe nun, daß ich auch der künstlerischen Bethätigung entsagen und mich bescheiden muß. Das Holz ist zu so vielem nützlich und Bedürfnis, es will sich nicht auch zur freien selbständigen Schönheit verwenden lassen. Der Stoff meiner Kunst, oder eigentlich meines Handwerks, bleibt immer dürftig und kann nur dekorativ auftreten. Erz und Marmor sind Weltsprache; ein Bildwerk in Holz behält etwas Provinziales, spricht immer im Dialekt, kommt nicht zum vollen durchsichtigen Ausdruck des Höchsten. Wir können Tiere und Pflanzenbildungen, die unsern Augen vertraut sind, in Holz nachbilden, im Relief auch Engel; aber eine lebensgroße Büste oder ganze Menschenfigur in Holz –es geht nicht. Die Holzschnitzerei ist nur ein Anfang der Kunst, sie bleibt stotternd oder besten Falles monoton. Was schon einmal eine organische Erscheinung hatte, wie der Baum, läßt sich nicht zum künstlerischen Organismus umgestalten. Dem Stein und dem Erz geben wir Menschen erst ihre organisierte Erscheinung. O unsre gräßlichen Heiligenbilder! Wenn ein Grieche aus Perikles' Zeit sie sähe, er würde schaudern über uns Barbaren. Dies Tagebuch ist mir ein Trost. Ich kann da meine Sprache sprechen, ich komme heim zu mir selbst. Dieses beständige Reden im Dialekt –ich komme mir dabei so affektiert vor und alles, was ich sage, erscheint mir so verzerrt, ich trage eine fremde Tracht; über mein Seelenantlitz ist eine eiserne Maske geschmiedet. Ich bin ein Kind der Berge und höre mich doch wie eine Fremde. Der Dialekt ist eine Beschränktheit, ein dürftiges Instrument, eine Pauke, auf der man kein Konzertstück spielen kann, nein, besser: die Sprache Lessings und Goethes ist der schöne geflügelte Schmetterling, der aus der Puppe ausgeflogen ist; er kann nicht mehr in seine Puppe zurück. Wehe! Aus allem heraus springt mir wieder das Entsetzliche entgegen. Ich habe euch beleidigt, verleugnet, ihr Genien meines Volkes, ihr Genien der Menschheit. Ihr habt mich genährt und ich habe alle Bildung entweiht. Ich muß im Exile leben. * Es dampft noch eine Glut in meinem Herzen, sie brennt. Die muß verlöschen. Mein Herz ist so schwer; es wird mich tiefer hinabziehen, als wenn Steine an mir hängen. * Ich bin so müde, so zerschlagen und müde, als müßten mir alle Glieder abfallen; ich möchte immer schlafen, nur schlafen. * Ich möchte nach einem Ort, zu einem Menschen wallfahrten, daß ich gesühnt würde. Ich verstehe nun den Grund der sichtbar gewordenen Religion. Ich will fort, nach Italien, nach Spanien, nach Paris, nach dem Orient, nach Amerika, Ich will nach Rom, ich will Künstlerin werden, es muß sein. Soll ich noch auf der weiten Welt leben, so will ich sie ganz haben, nicht entsagen, ich bin keine entsagende Natur. Ich konnte den vollen Lebensbecher in den Grund schleudern; aber ihn vor mir sehen und verschmachten, mich kasteien, mir die Hände binden, das kann ich nicht. Ich will, ich muß fort. Es ruft mich. Neapel liegt vor mir ausgebreitet, eine Villa am Strande, helle Meerfahrten, lachende, singende, bunt gekleidete Menschen –ich stürze mich in den Strom des Lebens. Besser als in den des Todes. Und doch –ich kann nicht ... * Eine entsetzliche Dämmerstunde! Es lockt etwas in mir, ich soll umkehren, die ganze Welt ist mein; was ist geschehen? Leben nicht Tausende, wie ich –in Ehren und im Selbstvergessen? Was ist das, das in mir ruft: Du mußt büßen? Ich trete hinaus und es ist nichts geschehen. Es war ein pikantes Abenteuer. Einige Wochen verschwunden ... Ich muß nur keck sein ... Das Viergespann greift aus, alles grüßt, ich bin schön, niemand sieht die Hand auf meiner Stirn, ein Diadem glänzt darauf ... Da steht nun das Grelle, geschrieben ... mir ist, als hätt' ich meine Seele vor mir ... * Es gibt eine Kindschaft der Seele, sie waltet in der Großmutter, bei all ihrer gediegenen Erfahrung. O könnte ich diese Kindschaft gewinnen! Aber hat sie nicht der auf ewig verloren, der sie sucht? * Der alte Jochem bringt mir oft sein bares Geld; ich muß es ihm zählen, jedes Stück einzeln. Er behauptet, daß man mit dem Geld gar so arg betrogen wird. Mein Pechmännlein sagt, daß die Bauersleute fast immer ihre abgedankten Eltern hart behandeln und da fragt er mich: »Warum muß nur der Jochem so lang leben, und hat doch nichts auf der Welt als Haß und Mißtrauen?« Ich weiß keine Antwort! Der alte Jochem ist ein wahrer Bauern-Lear, aber weil er bei Gericht klagen kann und geklagt hat, ist sein Schicksal nicht rein tragisch. Ein König aber hat kein Gericht, bei dem er klagbar werden kann, will keines; darum ist sein Schicksal groß und tragisch. Mein Freund! Wenn du in dir vor Gericht stehst, rufe mich, niemand kann dich anklagen als ich und ich klage dich nicht an, nur mich ... Und ich büße. * Glückliche Stunden macht mir das offene Herdfeuer. Wie schön ist das Feuer! Was sind dagegen alle Edelgesteine? Mein armer Blinder, der das Feuer nicht sehen kann! In jedem Haus ist das Feuer das Schönste –der Mensch mußte das Feuer anbeten. »Jetzt hast du was Gutes gedacht,« sagte Hansei zu mir, als ich heute so am offenen Fenster saß. »Du hast so gut dreingesehen,« fügte er hinzu. Er hatte offenbar Verlangen, mich zu fragen, aber er bleibt streng bei seinem Vorsatz; er fragt mich nie, er setzt alles in andre Redeweise um. Ich sagte ihm nun meine Gedanken. Seine Mienen erwiderten: das ist nicht der Mühe wert, das zu denken. »Ja, so beim Feuer,« sagte Hansei zuletzt, »das ist wahr, da gehen die Gedanken spazieren.« Das Verwerflichste von allem, was es auf der Welt gibt, ist für Hansei Spazierengehen. In der Welt herumlaufen, wo man nichts zu suchen hat und nichts zu thun –es ist ihm unbegreiflich, warum man sich da nicht lieber auf die lange Bank legt und schläft. * Ich denke mir den braven Kent immer mit der Stimme Bronnens, aus breiter voller Brust; und in seiner Jugend muß Kent ausgesehen haben wie Bronnen. Es zieht eine Prozession von Gestalten an meiner Seele vorüber. Die Königin und Bronnen allein leben stets mit mir fort. Der König ist mit meiner Vergangenheit verschwunden, ausgelöscht; in meinen Träumen leben mir noch viele Menschen, er allein nicht. Hier liegt ein Rätsel –ich kann es nicht lösen. Wenn man in der Einsamkeit sich besinnt, da fällt so viel ab, so viele Menschen. Der Leibarzt war mir persönlich nicht mehr als jedem andern; Emmy war nur Echo. Wenn man so überzählt, hat man nur wenig, und ich habe auch nur wenig in der Welt zurückgelassen. * Das Schellengeläute der Schlitten ist jetzt der einzige Ton, den man vernimmt; nun ist größte Thätigkeit im Walde. Schnee und Eis, die draußen unwegsam machen, werden hier an den Bergen zu Straßen. * Arbeit setzt die Lebenskraft ein für andre. Meine Lebenskraft geht hinaus in die Welt durch meine Arbeit. Das Gebilde geht zu den Menschen und ich darf doch einsam sein, allein, verborgen. Den Menschen verläßt seine Arbeit. Ich glaube, ich habe den Gedanken einmal in Ottiliens Tagebuch gelesen. * Der Hund ist der Freund und Vertraute des Menschen in der Einsamkeit. Man lernt seine Treue und Wachsamkeit lieben und schätzen, hier draußen in der Einöde; da schallt doch ein Ton, und bei jedem neuen Ereignis wird Kunde gegeben. * Wenn der Hund im Hofe bellt, springe ich oft ans Fenster –es kann ein Fremder gekommen sein, wer weiß, wer. Wenn jetzt auf einmal der Intendant käme oder noch besser der Leibarzt und riefen und führten mich zurück? Ich zittere. Müßte ich folgen? * Daß ich einmal alles Leben hinter mich geworfen hatte, nur noch einen Schritt und einen Sprung ... das macht mir das Leben leichter. Mich kann kein Unglück mehr treffen. Und doch –wenn mich das Leben wieder faßte ... * Ich bin auch eine Ameise, die ihre Fichtennadel schleppt. * »Ich bin doch nicht ganz verlassen. Ich trage Melodien und Bilder in mir und vor allem hat mein Gedächtnis Lieder unsres Meisters Goethe bewahrt: Ueber allen Gipfeln ist Ruh' – Das zog mir schon hundertmal durch die Seele und erquickte mich wie kühlender Tau. Ich freue mich des melodischen Tonfalls, der einfachen Worte. Es ließ mir keine Ruhe, ich mußte das Lied einer andern Seele sagen. Ich habe es meinem alten Auszügler vorgesagt, er versteht's, und mein Pechmännlein hat es schon auswendig gelernt. Wie glücklich ein Dichter! Eine Stunde, die er gelebt, wird zum ewigen Leben von Tausenden nach ihm. Wie freue ich mich dieses Gedächtnisschatzes! Ich bin wie mein alter Auszügler, der seine paar Lieder gelernt hat und sich still vorsingt. * Der alte Auszügler wird mir doch auch ehrwürdig. Heut in der Frühe kam er zu mir, sonntäglich angethan, mit der Denkmünze aus den Befreiungskriegen auf der Brust, und mit einem gewissen Hochgefühl sagte er: »Heut wird in der Kirche eine Messe für mich gelesen. Ich habe damals Napoleon gedient, wie der König auch. Es war Anno neun, bis heute nachmittags um drei Uhr, so zwischen drei und vier, da war ich ein gesunder Mensch, und da hat mich eine Kugel getroffen, hier, in die dritte Rippe –ich trage darum die Denkmünze auch auf der rechten Seite –und da bin ich umgesunken und hab gedacht: Gute Nacht, Welt! Behüt' dich Gott, mein lieber Schatz! Meine Frau ist schon damals mein Schatz gewesen. Und da haben sie mir nachderhand die Kugel herausgezogen mit dem Kugelzieher, und ich hab' dabei geraucht, mir ist die Pfeife nicht ausgegangen, und dann bin ich wieder gesund geworden. Aber so einen Tag vergißt man nicht, und da hab' ich in die Kirche gestiftet, daß man an diesem Tag eine Messe für mich liest. Schau, da ist die Kugel, die soll man mir wieder auf die dritte Rippe legen, wenn ich begraben werde.« Er zeigte mir die Kugel in einem ledernen Beutel und ging dann, von einem Taglöhnerkind geführt, hinab ins Dorf. Ich will nun mehr Geduld haben mit dem Armen; sein Leben war ein Tropfen im Meer der Geschichte. –Von einer Feindeskugel getroffen ... Man kann eine Bleikugel herausziehen, warum nicht auch ... Alles, was ich erlebe, verwandelt sich in meinem Denken in das Eine, Unlösbare. Die Mutter hat mir heut das rechte Wort gesagt. Als ich ihr erklärte, daß ich auch damals nie vollkommen glücklich war, sagte sie: »Du hast dich eben auch selbst betrogen. Das ist immer so in der Welt –wer betrogen ist, hat sich selbst betrogen, aber er will sich das nur nicht ehrlich eingestehen.« * Der Ohm Peter ist die wahre fröhliche Armut, immer wohlgelaunt, und er ist ganz glücklich geworden durch mich. Er bringt mir Arbeit, trägt die fertige fort, und wir haben beide zusammen guten Verdienst. Daneben hilft er mir im Zurichten des Holzes, er handhabt Säge und Axt so leicht wie ein Vogel Kralle und Schnabel. * Heute habe ich das erste Geld bekommen, das ich mit meiner Hände Arbeit verdient. Der Ohm Peter hat mir's auf den Tisch gezählt. Er nimmt kein Papiergeld, nur Silbermünze. »Bar Geld lacht,« sagt er, und er selber lachte und ich auch. Wie gering ist dieser Erwerb und doch so erquickend. Ich habe ihn errungen. Mein Leben lang habe ich immer nur genossen. Wer hat mir's geboten? Andre, die für mich arbeiteten, ein Erbe meiner Vorfahren. Ich kann nun schon ordnen, was ich Walpurga für meinen Unterhalt bezahle. Sie wollte nichts nehmen, aber ich thue es nicht anders. Es ist gut, daß mein Geschäft so viel Mechanisches hat, einfach Notwendiges, worüber nichts zu besinnen, nichts auszumachen ist. Das muß gemacht werden, so fest, wie die Natur ihre Gegenstände hervorbringt. Hätte ich etwas den Geist Anstrengendes zu thun, ich verginge. Ich bin nun vier Monate hier. Meine Hände sind hart. Ich sehe bei jeder Begegnung, daß alle, die mich umgeben, mich von Herzen lieben. * Ich weiß nicht, wann etwas kommen kann, das mich aufscheucht aus meinem Versteck, wo ich mich niedergeduckt. Ich will diese Tage festhalten und alles um mich her und in mir. * Wenn man nur immer sich gleich bliebe, ich meine, immer im Vollbesitz seiner Kraft stände. Ich sinke so oft unter mich herab, fühle mich vernichtet, verlassen, hilflos und unfähig, und meine, es müsse mir jemand helfen. Wer? Was? Ich muß noch täglich die Morgenschwere überwinden. Am Abend bin ich ruhig –ich bin müde. * Den Regen hört man fallen, den Schnee nicht. Der herbe Schmerz ist noch laut, der gefaßte ist still. * Es ist grimmig kalt hier oben; aber wir haben den Wald nahe, und mein Ungeheuer von Kachelofen ist mir ein treuer Freund, der die Wärme bewahrt. * Wenn Hansei aus dem Wald kommt, dauert es oft eine Stunde, bis er im buchstäblichen Sinne des Wortes auftaut. Da darf man nichts mit ihm reden, er wird da leicht ärgerlich, weil seine Stimme und seine Bewegungen noch so ungelenk. Wenn er dann auftaut, ist er ganz glücklich. »Gottlob, daß ich Holzknecht gewesen bin,« sagt er dann immer. Er hat mit dem Wald etwas Besonderes vor, aber er sagt es nicht. * Das Volk hat immer überheizte Stuben; es liebt den Rausch, auch den Wärmerausch. * Ich habe keinen Spiegel. Ich brauche nicht zu wissen, wie ich aussehe. Der Spiegel ist Anfang und Grund des Selbstbewußtseins. Das Tier sieht sich nicht, es wird nur gesehen, und doch putzt es sich, der Vogel auf dem Zweig, wie die Katze vor meinem Fenster. Auch ich kleide mich um meiner selbst willen sorglich, es ist mir nicht wohl, wenn ich nicht stramm gekleidet bin. * Anfangs war's ein hartes Opfer, jetzt finde ich Beruhigung und Selbstvergessen darin, viel mit meiner Umgebung zu leben. Ich möchte ihr Dasein nicht trüben, sondern erhellen. Die Meinigen fühlen, daß ich nicht nur teilnehmend, sondern auch teilgebend bin. Ich glaube, das Wort habe ich von Goethe. * Heute war große Freude im Hause. Das Gespiel der Walpurga erschien plötzlich mit ihrem Mann, einem Förster. Nun das Glück, diese Freude, dieser Austausch von Erlebnissen! Hansei bat den Förster gleich zu Gevatter für seinen Jungen –denn ein Junge muß es sein! Walpurga sagte schnell, sie wolle der Freundin das ganze Haus zeigen. Ich mußte auch mitgehen. Die Liebe ist in den höheren Ständen vielleicht größer, energischer, tiefer, und hat mehr alles, was mit Leidenschaft zusammenhängt; die Treue aber, dies beständige und warmherzige Verharren, scheint mir größer im Volke. In der Arbeit lernt man Treue. * Ich war mit Hansei im Wald. O wie schön! Wir kamen an dem gefrorenen Wasserfall vorbei; die krystallenen Säulen glitzerten im Sonnenschein. Hansei zeigte mir hoch oben zwei Bäume, die er mir schlagen lasse, damit ich das beste Holz zum Verarbeiten habe. Zwei ganze Bäume soll ich verarbeiten! Ganz lustig ward mein Hansei, als ich ihm sagte: »Ich habe mir deine Bergregel behalten: immer stat vorwärts und nie stehen bleiben.« Dieses frische Bergsteigen im Winter hat mich sehr müde gemacht; aber mir ist ganz wohl. * Ich habe mich lange gewundert, daß ich gar nie von der Familie Hanseis gehört habe. Jetzt erzählt mir Pechmännlein, daß seine Mutter schon früh gestorben, und seinen Vater hat er nie gekannt. Nun ist mir vieles von Hanseis Benehmen erklärlicher, aber es ist darum um so schöner. * Wir haben Metzelsuppe im Haus. Groß ist Hansei und ein Spender vieles Guten. Ja, auch groß. Wie verrottet sind doch unsre Vorstellungen! Ein homerischer Held, der Schweine zerteilt und kocht und bratet, bleibt uns ein Held, und Hansei ist so viel wie sie alle, wenn auch nicht gerade mit dem Schwert. Es ist ein homerisches Schmausen im ganzen Hof, und sie beißen mit so guten Zähnen, wie Held Menelaos. * Das Beste auf der Welt ist gesundes Blut, gestählte Sehnen und starke Nerven. Wer noch ein ruhiges Gewissen dazu hätte! * Ich liebe die Dämmerung, dieses Nachtwerden aus dem Tag, wie es ineinander verschwimmt. Wenn man ganz mit dem Naturwalten lebt, ist jeder Tag voll gelebt. Licht und Feuer machen den Menschen zum Menschen. Der Mensch allein lebt in die Nacht hinein. Der allwissende Schnabelsdorf sagte einmal: »Es ist ein Gradmesser der Kultur, wie viel die Menschen in die Nacht hinein leben.« Jetzt setzen sie sich bei Hofe zum Diner; sie scherzen, sie lachen, es gibt Anekdoten. –Wenn ich plötzlich unter ihnen erschiene ... Nein, ich störe euch nicht, ihr sollt ruhig leben! Und dann fahren sie ins Theater –Ist heute nicht? –Ja, ich hatte es ganz vergessen –heut ist mein Geburtstag. Heut vor einem Jahr ging ich als Seejungfrau auf den Ball, und er sagte mir leise –dort im Palmenhaus, ich höre noch seine Stimme: »Ich habe diesen Tag absichtlich gewählt –nur Sie sollen es wissen, nur Sie und ich.« O diese Nacht! Ob sie dort wohl auch meiner gedenken? Die Aegypter stellten bei ihren Festen die Gedenkzeichen der Toten auf ... Ich kann nicht mehr schreiben –Ich will Licht anzünden –ich muß arbeiten. * Drunten im Dorf lebt ein Taubstummer, der grobe Holzschnitzereien macht. Er hat weder lesen noch schreiben gelernt, noch Religionsunterricht bekommen; er weiß von gar nichts. Aber die Kirchweihen, die Festtage und besonders Fastnacht weiß er ganz genau. Da stellt er sich mit seinem Schirm vor die Kirche, sieht sich die Bauern an, und wer ihm gefällt, zu dem geht er, zieht den Rock aus und setzt sich an den Tisch, und man gibt ihm, ohne ein Wort zu sagen, drei Tage zu essen und zu trinken. Und so kam er nun zu uns. Manchmal weint er und kann nicht sagen, worüber; aber er gibt durch Zeichen zu verstehen, und das Pechmännlein erklärt, er weine darüber, daß er nichts mehr essen kann. Ich habe mich mit dem Stummen zu verständigen gesucht, aber wir verstehen einander nicht. * (Aschermittwoch.) Heut ist alles im Hause so still, gedankenvoll. Jede Stirn wurde mit Asche bestreut und dazu der Spruch gesagt: Mensch, gedenke, daß du Staub bist! Ach, ich habe einen langen Aschermittwoch nach einem tollen Karneval. * Ich sehe oft das Bild jener ägyptischen Königstochter vor mir. Alle Gewänder sind von ihr abgefault: nackt, mit aufgelöstem Haar kniet sie betend an ihrem offenen Grabe. Wann wirst du mich aufnehmen, du allbarmherzige Mutter Erde? Mir kommt die einfach große Antwort der Antigone in den Sinn. Sie sagt zu Kreon, der ihr das Todesurteil verkündet: »Ich wußte, daß ich sterben werde, du sagst mir nur, wann.« * Ich will ruhig die Folgen meines Thuns tragen, ganz allein auf mich gestellt, auf keine materielle und keine geistige Hilfe von außen. * Es ist eine schöne Sitte, daß die Leute, wenn sie das Ave Maria unter dem Geläute gesprochen haben, einander »Guten Abend« sagen. Sie kommen vom Himmel wieder heim zu den Ihrigen. * Walpurga will, wenn wir allein sind, »Sie« zu mir sagen und mich »Gräfin« heißen. * Alles kehrt sich um. Einst sagte ich zu ihm heimlich »Du« und öffentlich ... Ach, in alles hinein springt das eine. Das Entsetzlichste wäre, wenn ich empfindsam würde –bin ich's vielleicht schon? Der Empfindsame ist der Waffenlose unter lauter Bewaffneten, der Unverhüllte unter lauter Maskierten. Ich will stark sein. Ich muß. * Walpurga brachte mir heute einige Blumentöpfe ins Zimmer, Rosmarin, Geranium und Oleander. Hansei hat sie mitgebracht von einem großen Doktor, wie er sagt, der einige Stunden von hier im Thal wohnt; sein Gärtner darf Pflanzen verkaufen, und da bringt sie mir nun Walpurga und sagt: »Du hast immer Blumen um dich gehabt, diese da halten sich im Winter.« Glücklich machen mich diese wenigen Pflanzen. Die Blume fragt nichts danach, welch einen Topf sie hat, wenn ihr nur Sonne und Regen wird. Was haben die Menschen im Schlosse dort von den Blumen im Treibhaus? Sie haben sie nicht gepflanzt und nicht gewartet, sie kennen einander nicht. * Hansei kam heute zu mir und sagte: »Irmgard, wenn ich dir einmal was Leids gethan hab' –ich weiß zwar nichts –so bitt' ich, verzeih' mir's!« »Warum fragst du mich das jetzt?« »Ich gehe morgen mit den Meinigen zur Beichte und Kommunion,« erwiderte er. Meine Thränen, die auf dies Blatt fallen, beichten. In Worte kann ich es nicht fassen. * Warum bin ich erst über die besudelte Schwelle hinüber in dies engumschlossene und doch in sich gefriedete Leben eingegangen? Warum nicht rein und frei, stolz und stark? Ich habe einmal von Franz von Assisi gelesen, daß er, mit lustigen Gesellen von einem Gelage kommend, morgens in der Frühe, auf dem Weg plötzlich vom Geist ergriffen ward, allem entsagte und ein heiliges Leben führte. Also immer nur aus Sünde heraus? Härter aber noch ist die Frage: Warum mußtest du, Königin, das erleben? * Ich gehe im triefenden Regen oft wie gefangen in den Feldern umher. Was hält mich hier? Was lockt mich fort? * Ich lebe auch gefangen wie zwischen Steinen und Eisengittern, die aus dem Grunde meines Wollens genommen sind. Ich fühle den ganzen Schmerz des Verbannten. Ich lebe in einer Erstarrung. Warum muß ich auf den Tod warten? Mir ist oft, als läge ich träumend an einem Abgrund und kann doch nicht erwachen und mich aufraffen. Wohin sollte ich? * Oft, und wie mit Zaubergewalt, wie ein Reiter auf geflügeltem Rosse, sprengt der Gedanke durch die Seelenöde und schleppt mich fort: du weißt so gar nichts mehr von der Welt draußen –deine Umgebung verhehlt dir's, wenn sie etwas weiß, und du darfst nicht fragen. Wie, wenn die Königin tot wäre, und der dich einst liebte und den du liebtest –ach so sehr –er ist doppelt allein und verlassen und denkt trauernd deiner? Gib ihm ein Zeichen und er kommt und holt dich, und auf weißem Zelter reitest du ein ins Schloß als Königin, und alles ist gesühnt und versöhnt und du bist eine Freundin des Volkes, denn du kennst es, du hast mit ihm gelebt und gelitten ... So packt's mich oft und umschlingt mich wie ein Zaubernetz, und läßt mich nicht los, und ich horche, wie wenn ich Stimmen und Trompetentöne vernähme, die mich rufen. Noch ist das wilde Heer in der Seele nicht zur Ruhe gekommen. * Es schlummern zusammengekauert rätselhafte Dämonen in der Seele, die Phantasie ruft, sie recken die Häupter und kriechen und fliegen und schwimmen und rennen. Sie haben kluge Augen und schillernde Gestalten, und können auch als Tugenden erscheinen, sie borgen sich das Priestergewand und reden die Sprache des Mitleids: Hab' Erbarmen gegen dich und gegen andre. Sie prunken im Stahlpanzer der Kraft und Thatenlust und sprechen: Du kannst beglücken den einen und die vielen, und kannst Gutes und Großes thun an dem einen und an den vielen. Ich vernichte sie, ich halte ihnen das Licht vor die Augen, sie verschwinden. Du lebst, Königin, von mir so tief gekränkte Freundin, du lebst... Ich frage nicht und will nicht wissen, ob du tot bist. Du lebst, und ich wünsche nur, daß du von meinem Reueleben wissest, und wie ich wühle in den Eingeweiden meiner Seele. * Das griechische Drama vom gefesselten Prometheus liegt mir im Sinn. Prometheus war der erste einsiedlerische Mensch. Er ist äußerlich angeschmiedet. Wir schmieden uns selber an, durch Gelübde, Ordensregeln. Ich bin kein Prometheus und keine Nonne. * Nach gar nichts in der Welt draußen habe ich Verlangen, nur nach einer guten Musik mit vollem Orchester. Ich freue mich, daß ich sie oft im Schlaf höre. Wunderbar! Meine Seele spielt im Traume alle Instrumente und große Orchesterstücke, die ich nie ganz auswendig konnte. Unser Leben hat doch einen zweiten Boden. * Freiheit und Arbeit, das sind die schönsten Vorzüge des Menschen. Einsam und arbeitsam, das ist mein Alles. * Noch nie hat Walpurga jener vorahnenden Scene gedacht, wo sie mich warnte. Ach, sie hat mich mit derber Hand gefaßt, als ich am Abgrunde schwebte und ich habe sie gescholten und bethört und mich selbst verwirrt. Sie hält jede Erinnerung daran zurück. * Mein alter Jochem hat mir die ganze Bitternis seines Lebens damit ausgesprochen, daß er mir heute sagte: »Alte Ochsen und alte Kühe schlachtet man, alte Pferde und alte Hunde schießt man tot und alte Menschen füttert man zu Tode –das ist der einzige Unterschied.« * Das Wohnhaus auf unserm Hof ist verwahrlost. Aber Hansei will nicht sofort bauen. »Man muß sich mit dem alten Haus behelfen, zuerst muß man arbeiten,« sagt er. Und dann hat er eine gewisse Scheu vor den Leuten: das Haus war bis jetzt gut genug –warum soll's ihm nicht sein? Auch der Bauer auf seinem einsamen Gehöft ist nicht vollkommen unabhängig. Wem noch daran gelegen ist, was die Leute von ihm denken, muß auch Rücksicht darauf nehmen. Da ist die ganze Sklavenkette. * (1. März.) Glück und Freude ist in unser Haus gekommen. Auch in mir ist es licht, als wäre nicht mein Leben in Nacht versunken. Walpurga hat einen Knaben, Hansei ist ganz glückselig, er nennt den Knaben nicht anders, als den »jungen Freihofbauer«. * Wir hatten Taufe im Haus. Es that mir weh, daß ich nicht mit zur Kirche gehen konnte. Aber ich konnte nicht. * Ich habe die Bauernkleider abgelegt. Die waren am Platze zur Flucht; jetzt nicht mehr. Ich trage nun einfachen Kattun, wie die vielen auf dem Lande, die sich mit Hausindustrie beschäftigen. Nur den grünen Hut trage ich noch, und das ist nötig, man kann sich gut darunter verbergen. Ich habe viele äußere Gewänder abgelegt; wie viele innere muß ich noch abthun? * Furcht und Bangen weichen von mir. Ich war zum erstenmal im Dorf. Es liegt zerstreut am Berggelände, die Häuser stehen einzeln an den Wiesen und sehen von oben gesehen fast aus wie eine zerstreute Herde. * In der Nacht ist mir das Rauschen des Wassers und des Waldes so wundersam. Das strömt und rauscht so ewig fort. Wie nichtig und klein ist doch ein Menschenkind! * O, dieses Erwachen durch den Finkenschlag, und alles so voll stark und herb machender Morgenluft! * (19. April.) Dichter Nebel den ganzen Tag. Sterben und Erwachen der Natur geht verhüllt unter dem Schleier des Nebels vor sich. * Drüben am Bach singt eine Nachtigall den ganzen Tag und die ganze Nacht. Welch eine unermüdliche Kraft, welch ein unerschöpflicher Quell im Nachtigallensang! Eben jetzt, da ich schreibe, als wüßte sie, daß ich mich nach ihr sehne, singt sie hier näher. * Ich sehe jede Knospe aufgehen, ich sehe das Farrenkraut noch in Schnecken zusammengerollt und selbst die herbe Rüster hat eine zarte Blüte. Alles blüht und singt. Auch das Gackern der Hühner ist Gesang. Die Welt ist eine unendliche Mannigfaltigkeit. * O dieses glückselige Warten auf jedes einzelne grüne Blättchen, das Aufgehen jeder Knospe! Das Schönste an der Natur ist doch, daß sie nie Eile hat; sie kann warten und unsre ganze Arbeit ist: ihrer warten. * Anfangs will man jede kleine Entwickelung beobachten, jedes Wachstum: bald aber geht's nicht mehr, es ist zu viel. * Nur ein einziger Regentag und alle Knospen springen auf. Der helle Frühling ist da. Es gibt auch im Frühling eine Unruhe im Gemüte, die dem Drängen draußen parallel geht. * Welch ein lautloses und doch in der Bewegung melodisches Wiegen in der Hängebirke, jetzt, da sie so voll Blütentrauben hängt. * Das beste Selbstvergessen ist: die Dinge der Welt mit Aufmerksamkeit und Liebe ansehen –oder eigentlich in der Aufmerksamkeit ist schon die Liebe, vielleicht die am meisten unselbstische. * Morgens in der ersten Frühe kommt der Kuckuck ganz nahe an unser Haus und ruft. * (Pfingsten.) Die Festesvorbereitungen sind eine Freude, vielleicht eine höhere, als das Fest selber. Dieses Mehleinthun zum Kuchenluxus, dies Kneten, Backen, dieses Erquicken am Anblick des gelungenen Festkuchens. Die selbstbereitete Freude ist ganze Freude. Und nun das Fest! Die Bäume blühen und die Menschen blühen und da draußen steht der Wald und sie tragen ihn als Pfingstmaien in die Stube. Hansei hatte ein neues Gewand in hierländischer Tracht. Als er heute durch den Hof ging und sich wohlig umschaute, lag in seinem »Guten Morgen!« eine ganze Welt voll Glück. Es thut mir wieder wehe, daß ich nicht mit zur Kirche gehe. Die Festesstimmung hat ihre Höhe im Kirchgang; aber auch daheim ist das Haus voll Duft der Birken und des Festkuchens. * (24. Mai.) Wir hatten einen tollen Frühlingssturm mit Blitz und Donner. Die Bäume bogen und krümmten sich, als müsse alles zerbrechen. »Das ist bös,« sagte mein Pechmännlein, »für den Roggen freilich ist's auch wieder gut; aber ein Gewitter im Frühling bringt viele Tage kalt, im hohen Sommer aber bringt's neue Wärme.« Wie sinnbildlich ist das für frühreife Leidenschaftlichkeit... Jetzt haben wir wieder hellen Sonnenschein. Ich war draußen, Millionen Blüten liegen am Boden und im Wald liegen viele junge Vögel tot, sie hatten sich zu früh herausgewagt aus dem Nest, der Regen machte ihnen die jungen Flügel naß und sie konnten nicht mehr zurück, auch hatte das Nest keinen Raum mehr für sie; verlassen und hungrig mußten sie sterben. Die Natur ist grausam. Sie arbeitet so lange an Hervorbringung eines Wesens, und dann plötzlich, mutwillig läßt sie's verkommen. * Die Sonntage sind mir das Schwerste. Man ist gewohnt, da etwas Besonderes zu wollen. Man zieht ein besonderes Kleid an und die Welt soll auch ein besonderes haben. Am Sonntag fühle ich am meisten, daß ich in einer fremden Welt bin; vielleicht überall, aber hier besonders. Der Brunnen rauscht und die Vögel singen, so heute wie gestern. Wie kann ich verlangen, daß sie mir heute etwas andres singen? Die Natur hat keine Stimmung. Der Mensch allein hat sie. Da liegt ein schwerer Stein darin ... * Die Wolkenbildungen und ihre Farben, die ich sonst nur hoch am Himmel sah, sehe ich jetzt auf der Erde und unter mir. Ich kann stundenlang die Wolkenwandlungen, ihre wechselnden Bildungen auf den Bergen betrachten. Aus solchen flüssigen Formen hat sich die Erde zu fester Gestaltung gebildet. Kein Künstler kann je diese gestaltenreiche Wolkenwelt ausmessen. Bevor die Gedanken fest sind in unsrer Seele, müssen sie auch solche Wolkenformen haben; wir können sie nur nicht fassen. * Am Saume des Waldes ist der mannigfaltigste Vogelsang, da tönt das Lerchenschwirren zusammen mit Ammer und Zeisig, Amsel, Fink, Drossel, Rotschwänzchen und Kohlmeise. Nur wenige Vögel, die tief im Walde nisten, singen dort. * Im Frühling ist in jeder Waldrinse ein Bächlein; im Sommer ist da nichts als eine ausgetrocknete Schlucht. Es geht auch im Menschenleben so. * Wenn ich mich mit dem Frühling freue, da sagt der alte Jochem: »Ha, was ist denn dran? In so und so viel Wochen nehmen die Tage schon wieder ab.« * Wenn die Menschen alljährlich wie die Bäume sichtbare Blüten trügen, es würden von Jahr zu Jahr andre Blüten erscheinen an Farbe und Gestalt. Die Blüte meiner Seele war einst so feurig, und jetzt ... * Ich habe zum erstenmal in meinem Leben ein Adlerpaar in den Lüften gesehen. Welch ein Leben, solch ein Adlerpaar! Sie schwebten im Kreise, hoch oben. Um was schwebten sie? Dann schwangen sie sich höher und verschwanden tief in den Lüften. Es gibt noch freie Adler in der Welt. Der Adler hat niemand über sich, keinen Feind, der ihm beikommen kann. Nur der Mensch sendet die tödliche Kugel, und wirkt noch da, wohin nur sein Blick reicht. Auch er war damals stolz und hoch, als er einen Adler geschossen. Warum? Weil es ein Zeichen seiner Kraft. Und mit dem Siegeszeichen schmückte er meinen Hut –o wehe! wehe! Warum kommt aus der unendlichen Ferne immer wieder mein Elend auf mich hernieder? * Wir Frauen sind nie allein in der Natur. Immer wieder die Tiefsinnigkeit der alten Sage: Der Mann, zuerst geschaffen, war allein in der Natur; die Frau war nie allein da. Das wiederholt sich durch die ganze Geschichte der Geschlechter, und ich verstehe ein rätselvolles Geheimnis. * In der vornehmen Welt werden wie im Park die Fußtapfen von gefälligen Dienern wieder ausgelöscht. Nur seine Fußtapfen von gestern! Und doch soll ihr ganzes Leben Geschichte sein. * Nichts Böses mehr thun –das ist noch nicht Gutes thun. Ich möchte eine große That vollziehen. Wo ist sie? In mir allein. * Mein Pechmännlein ist draußen in der Natur ein ganz andrer Mensch. Er liebt die Natur nicht, er hat nur –wie er sagt –seinen Spaß daran, seine Freude an den kleinsten Zügen des Vogellebens, und wie kennt er sie alle! * (In vielen Regentagen.) Ich vergehe fast vor Heimweh nach der Sonne. Ich gehe umher, wie verwelkend, wie verdurstend –ich kann nicht leben ohne Sonne, sie ist mir diese holden Maitage schuldig, sie sind mein Labsal, ich muß sie haben. * Wenn ich so abhängig vom Wetter bleibe und jede Wolke mir die Seele verfinstert, jeder Regen mich in das fröstelnde Gefühl der Verlassenheit taucht, dann wäre mir besser, ich läge tief im See, und der Schiffer im Kahn, der über mein Gebein wegschwimmt, erzählte dem Ueberfahrenden, wie dort beim Kloster: Hier unten ruht ein junges Hoffräulein ... Ich habe der Sonne schon einmal ade gesagt, ich will frei sein von ihr ... * Es gibt Menschen, die nur Regen und Sonnenschein kennen und haben. Es gibt aber auch Seelen voll taubildender Kraft –das sind die stillen, in sich reichen, triebkräftigen, die mehr innerlich als äußerlich erleben. * (12. Juni.) Es hat nach heißen Tagen geregnet in der Nacht. Alles glitzert und tropft. O dieser wonnige Morgen nach einem Nachtgewitter! Solch einen Morgen voll gelebt zu haben, ist der Lebensmühe wert. * Jochem hat eine Lerche im Käfig –er muß noch etwas bei sich eingesperrt haben. Die Lerche macht mir Freude. Es gibt hier oben keine Lerchen, wir haben hier lauter Wiesen –über den Getreidefeldern im Thal, dort schwirren sie. * Nach der Sonnenwende um Johanni ist der Wald stumm. Die Sonne zeitigt nur noch; sie ruft keine Blüten und keinen Sang mehr. Der Fink allein ist noch lustig. * Das Schimmelfüllen grast vor meinem Fenster auf der Wiese. Es kennt mich. Wenn ich aufschaue, sieht es mich lange stillstehend an, dann springt es tollend hin und her. Ich habe ihm den Namen Wodan gegeben; es hört darauf und kommt zu mir, wenn ich Wodan rufe. Ich habe das Schimmelfüllen gezeichnet und schneide es nun in Birke aus. Ich glaube, es gelingt mir. Holz ist aber doch ein spröder, eckiger Stoff. Ich werde so leicht ungeduldig. Ich darf's nicht sein. * Gestern war es ein Jahr, daß ich drunten am Felsen lag. Ich konnte kein Wort schreiben, ich verging fast vor Schwindel über all dem Denken von damals. Nun ist's vorbei. Ich glaube, ich werde nicht viel mehr schreiben. Ich habe nun alle Jahreszeiten in meiner neuen Welt durchlebt. Der Ring ist geschlossen. Es kommt von außen nichts Neues mehr, ich kenne alles, was da ist und kommen kann. Ich bin in meiner neuen Welt daheim. * Die Schriftgelehrten und Pharisäer brachten ein Weib zu Jesus, das den Steinigungstod erleiden sollte, und er sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. So steht geschrieben. Ich aber frage: Wie lebte sie weiter, die vom Steinigungstod Errettete, zum Leben Begnadigte oder Verdammte? Wie lebte sie weiter? Kehrte sie in ihr Haus zurück? Wie stand sie in der Welt? Wie in ihrem Herzen? Keine Antwort. Keine. Ich muß die Antwort erleben. * Wer sich rein fühlt, werfe den ersten Stein auf sie. Du größtes Wort, das je ein Menschenmund gesprochen und ein Menschenohr gehört! Du teilst die Geschichte des Menschengeschlechts in zwei Hälften. Du bist das »Werde« der zweiten Schöpfung. Du teilst und heilst auch mein kleines Leben und schaffst mich neu. * Darf ein Mensch, der nicht ganz rein, den andern Lehren und Betrachtungen geben? Greift in euer eigen Herz! Wer seid denn ihr? Seht her, meine Hände sind rauh von der Arbeit –ich habe sie nicht bloß betend erhoben. * Ich habe in meiner Einsamkeit noch keinen gedruckten Buchstaben gesehen. Ich habe kein Buch. Ich will keines. Nicht aus Kasteiung. Ich will mich allein haben. * Erdrückend ist die Last, immer für sich allein den Ewigkeitsgedanken zu hegen, die Abgeschiedenheit von der Welt auf sich zu nehmen. Das Kloster hat doch sein Gutes. Im Chorgesang hebt und trägt eine Stimme die andre, und wenn der Ton einmal ausgleitet, er verschwimmt und verschwindet. Hier aber bin ich ganz allein, bin Priester und Kirche, Orgel und Gemeinde, Beichtiger und Beichtkind, alles zusammen, und meine Seele ist mir oft so schwer, so zentnerschwer, als müßte ein andres mir tragen helfen. Nimm du mich und trage mich, ich kann nicht weiter! ruft meine Seele. Aber dann raffe ich mich wieder auf, fasse Bündel und Wanderstab und wandere, wandere einsam und allein mit mir, und im Wandern gewinne ich wieder Kraft. * Seit einem Jahre zum erstenmal habe ich dort auf der weißen Straße im Thal eine Kutsche fahren sehen. Die Darinsitzenden ahnen nicht, wie ich ihnen nachschaue. Wohin geht der Weg? Wer seid ihr? * Ich muß doch wieder schreiben. Ich glaube jetzt zu wissen, was gemütlich ist: Ausdenken und Vorsorgen für das Kleinste, vollkommenes Versetzen in Lage, Bedürfnis und Stimmung eines andern, ein Dichten mit dem Herzen, die Phantasie der Empfindung. Die echte Bildung ist Gemütlichkeit. Denn was ist Bildung? Die Kraft, sich in die Zustände eines andern zu versetzen und seine eigenen Zustände wie fremde anzusehen. Ich bleibe beim ersten. Mein Hansei erscheint stockig und ist viel gebildeter als ein Dutzend Herren mit Orden und Epauletten, die als die interessantesten Kavaliere brillieren. * Ich meine immer, in mir liege etwas, was ich noch nicht gefunden. Es läßt mir keine Ruhe. Ist's ein Gedanke? Ist's eine Empfindung? Ist's ein Wort? Eine That? Ich weiß es nicht. Aber ich spüre, es will noch etwas aus mir heraus. Vielleicht sterbe ich und habe es nicht gefunden. * Mein alter Jochem weiß noch einige Verse aus dem Gesangbuch auswendig. Er sagt sie immer vor sich hin, aber ganz verkehrt, und es ist purer Unsinn, was er daraus gemacht hat. Ich wollte ihm nun die Verse richtig stellen. Darüber ward er sehr bös und sagte, das wäre Neues, das gelte nicht. Sein Unsinn ist ihm lieber, er hat etwas Geheimnisvolles daran, und das imponiert ihm, weil er's nicht versteht. * Wer es nicht selbst erlebt, kann nicht wissen, was es heißt: nach einer leichten Ansprache mit Menschen gleicher Art sich sehnen. Es ist brennender Durst. Jeder, der meine Sprache spräche, wäre mir jetzt recht. Ich halte diese Spannung nicht aus. Ich komme mir vor, als wäre ich in fremdem Lande und lausche auf den geliebten Ton meiner Heimatsprache, aber immer vergebens. Wohl mir, daß ich arbeiten kann. * Solange ich Walpurga im Schloß hatte, konnte ich gut von allerlei mit ihr reden. Ich kam zu ihr von anderm, aus der eigentlichen Heimat meines Geistes. Hier, wo ich sie allein und nichts andres mehr habe, ist das anders. Es ist nicht Stolz –wie sollte ich und Stolz –es ist eine Fremdheit, oder ist's Verdrossenheit, daß mir nur so Karges verblieben? * Die Naivetät ist nur für eine kurze Weile anmutend und ausgiebig. Die Weisheit allein ist es immer, die Weisheit, wie sie Mutter Beate und wie sie der Leibarzt hat. Ja, nach ihm sehne ich mich am meisten. Weisheit ist gebildete Naivetät oder Naivetät des Genies, sie ist der rotwangige Apfel von der schönen Apfelblüte Naivetät, die als Nutzen noch im Apfel da ist. Nacht und Tag und alle elementarischen Einwirkungen, helle Erkenntnis und dunkler Naturdrang vollenden die schönste Frucht. * Ich kann die Arbeit nicht als das Höchste des Menschen betrachten. Der schöne Mensch ist der, der müßig geht, sich hegt und pflegt, sich entwickelt –so leben die Götter, und der Mensch ist der Gott der Schöpfung. Da ist meine Ketzerei. Ich habe sie gebeichtet. Aber drin im Beichtstuhl sitzt ein andrer Mensch und der hat doch eigentlich recht, wenn er sagt: Wohl, mein Kind, nichts thun, bloß da sein –das wäre das Würdigste und Erhabenste. Ganz recht! Aber da kein Mensch da sein kann, ohne daß ein andrer für ihn arbeitet –komm her, tritt auf diesen Punkt! –daran muß jeder auch arbeiten. Alles muß bezahlt werden. Die einen sind nicht da, um bloß zu sein, und die andern, um bloß zu arbeiten. * Wenn keine Vergangenheit wäre, wie glücklich könnte ich sein. Ein zweites Leben mit Erinnerung –wie traurig! Und ohne Erinnerung, wär's da ein zweites Leben? * Jetzt erst ist die rechte Freude im Haus. Wenn wir etwas genießen, sagt meine Walpurga: »Das haben wir selber gepflanzt, an dem und dem Tag haben wir die Bohnen gesteckt, ich hab' sie der Burgei in die Hand gegeben und dann hat sie sie aufs Beet fallen lassen.« Und so geht's mit allem. Die vergangenen Tage wachen wieder auf. * Es ist mir schwer geworden, denselben Gegenstand der Arbeit zu wiederholen und nicht nur einmal, ein Dutzendmal und mehr. Aber das ist Arbeit; dasselbe immer wieder thun. Alles andre ist Lust, Liebhaberei. Die Natur thut immer das Gleiche, und wir müssen ihr dienen, es ihr nachthun. Die Natur wiederholt sich im Gesetz, der Mensch in der Pflicht. Ich habe aber doch Variationen gemacht und auch diese gefallen. Beim Gang durch den Stall sah ich die Kuh, wie sie sich zu ihrem saugenden Kalb wendet und ihm zubrummt. Das habe ich nun auch geschnitzt. Ich möchte die ganze Natur noch einmal schaffen, neuschaffen. Die Menschen sollen sie sehen mit meinem Blick. O, Dank dir, ewiger Geist, daß du mir diese Gabe verliehen. * Nicht die Freude, nicht die Ruhe ist Lebenszweck. Arbeit ist es, oder es gibt überhaupt keinen Zweck. * Arbeit und Liebe, das ist Leib und Seele des Menschenseins. Glückselig, wo sie eins. Ich habe die Liebe verwirkt, mir bleibt nur die Arbeit. * Mein Schimmelfüllen! Du siehst mich an und ich dich; frei und ungebunden rennst du umher, und ich halte dich doch fest und schicke dich hinaus in alle Welt, sie sollen auch Freude an dir haben, du schönes fröhliches Tier! Ich habe mein Schimmelfüllen gezeichnet, wie es lustig daher rennt, wie es grast, wie es ins Weite hinaus horcht, Nüstern und Augen aufsperrt, wie es niedergestreckt liegt und wie es sich aufrichtet, wie es traulich mich anschaut und zu mir kommt, wenn ich es locke. Wie rein und reich sind diese Bewegungen, wie schön und fest. * Ich habe es fertig gebracht, mit fliegendem Atem: ich habe mein Schimmelfüllen in Holz geschnitten. Die Meinigen staunen und ich selbst staune. Ich glaube, es ist mir gelungen. Mein Pechmännlein hat das Werk –warum soll ich's nicht so nennen? – hinabgetragen zum Händler. Es war mir eigentlich schmerzlich, meine Arbeit herzugeben, aber mein Zauberrößlein muß mich nähren und es nährt mich. Ich bekomme einen guten Preis und habe eine große Bestellung erhalten. Manchmal muß ich mich umschauen, ob sie nicht wirklich da sind. Ich denke mir, was die Oberhofmeisterin, was die fromme Konstanze, was Schnabelsdorf, was Bronnen dazu sagen würde, wenn sie mich so sähen, wie ich jetzt einhergehe. Du bist nicht frei, solange du nicht auch deine Phantasie beherrschest. Die Phantasie ist der mächtigste Despot. * Unser Brunnen quillt und sprudelt die ganze Nacht, und besonders, wenn der Mond scheint, ist es so schön und friedlich. Die Erde strömt immerwährend ihre Labung aus, wir Menschen brauchen nur zu kommen und schöpfen und trinken. Ich sitze am liebsten am Brunnen, und oft ist es, als ob er schnell etwas Besonderes zu bringen hätte, er sprudelt rascher und voller; es ist aber wohl nur eine Luftströmung, die mich das glauben macht. Es träumt sich so gut am Brunnen. * Besondere Freude macht mir Gundel, die Tochter meines Pechmännleins. Das gute, rechtschaffene, einfältige Wesen ist jetzt so gehoben und beglückt: Sie liebt und wird geliebt. Hansei hat einen Knecht aus seinem Heimatsorte. Er stand früher bei den Kürassieren. Und dieser Knecht, ein derber und gar nicht schöner Bursch, aber äußerst treuherzig, liebt die Gundel. Solch ein Mädchen, von niemand beachtet, immer nur zur Arbeit da –von einem Manne geliebt, wird sie auf einmal etwas, ihre Person hat nun ein Interesse für andre, alles an ihr wird gut und schön gefunden, sie ist aus der Niedrigkeit und Vergessenheit erhoben. Die Liebe ist die Krone jedes Lebens, sie krönt auch das niedrigste Haupt. Wenn jetzt die Gundel Wasser holt und die Tiere füttert und alle rauhe Arbeit thut –es umstrahlt sie bei allem ein höherer Glanz. Sie merkt es, mit wie teilnehmendem Auge ich sie betrachte, obgleich ich ihr nichts gesagt; sie kommt oft und fragt, ob sie nichts für mich thun soll. Ich möchte wieder reich sein, um die Liebenden glücklich zu machen. * Ach, die Sucht, immer etwas Besonderes sein zu wollen! Die Natur ist gar nicht originell, sie wiederholt immer dasselbe. Die Rose von heuer ist wie die Rose vom vorigen Jahr. Die Menschen bestimmen sich –das ist Wahl und Qual. * Ich bin doch noch eitel. Ich freue mich, wenn mir ein brillanter Ausdruck in die Feder kommt. Ist das Eitelkeit! Geistiges Spiegelgefallen? Ich glaube nicht. Ich schmücke mich in meiner Zelle vor mir, ich muß schön sein und Schönes um mich haben, sonst ist mir nicht wohl. Derbes verletzt mich nicht, aber Unschönes wie eine Disharmonie. Ueber eine Derbheit schreit die sogenannte gebildete Welt Ach und Weh, aber eine elegante Gemeinheit wird belächelt. * Jede Woche wenigstens einmal muß ich dem alten Jochem seine Verschreibungen vorlesen. Er weiß sie zwar ganz auswendig, ist aber doch glücklich, wenn er hört, wie alles richtig gestellt ist –wie er sagt –und vom Amt gestempelt. Er läßt mich das Blatt nicht in die Hand nehmen, ich muß es ihm vorlesen, wenn er es in der Hand hält. Er ist äußerst mißtrauisch. Der Alte will immer, ich soll ihm eine Eingabe an den König machen –es ist ihm fast leid, daß er nichts mehr zu klagen hat –ich soll ihm die Eingabe aus Vorsorge machen. Wunderbar, wie sich ihm der Begriff alles Rechts, aller Gerechtigkeit immer als König darstellt. Er erzählt auch viel vom verstorbenen König, unter dem er als Soldat gedient, und sagt immer: Das war ein ganzer Herr, der hat hier herum oft gejagt; der jetzige soll kein Jäger sein, hab' ich mir sagen lassen, der hält's mit den Pfaffen und die geben ihm dafür Absolution. Er fragt mich dann immer, ob ich den König auch schon einmal gesehen, und wenn ich hundertmal nein sage, er fragt mich immer wieder. * O, wie recht hatte Hansei, wie möchte ich ihm Abbitte thun! Will man den Alten nicht bis zu seinem Tod am Tisch haben –und es ist grausenhaft, wie er ißt –so ist es besser, man hat ihn gar nicht dazu gebracht. Klug und brav war's von Hansei und nicht hart und roh. Wenn man eine Gutthat nicht ausführen kann, ist es besser, man fängt sie nicht an. Als ich heute Walpurga das erklärte, weinte sie und sagte: »Es ist mir tausendmal lieber, wenn du meinen Hansei lobst, als wenn du mich lobst.« * Die Humanität kann zur schweren Pflicht werden, dann aber erst zeigt sich, ob man sie wirklich übt, als Opfer, nicht bloß als Lust. Ich habe mich dem alten Jochem natürlich freundlich erwiesen, habe ihn oft bei mir gehabt und ihn unterhalten, und nun will er mich gar nicht mehr allein lassen, will immer bei mir sein, und das einzige, was ich habe, mir rauben: meine Einsamkeit, Es ist mir schwer geworden, aber ich mußte festsetzen, daß er nur zu bestimmten Stunden bei mir sein darf. Auch das ist schon hart für mich. Ich bin nicht mehr in ungemessener Zeit allein, ich bin an Stunden gebunden. Wenn es zwölf Uhr läutet vom Thal herauf, kommt der Alte und bleibt bei mir sitzen. Unsre Gespräche sind nicht sehr ergiebig, er hat nur ein kleines Kontingent von Gedanken, und alles andre, was da nicht anfaßt, daran ist ihm kein Interesse beizubringen; dazu hustet er viel, und will immer, ich soll ihm von meinem Vater erzählen; er vergißt immer wieder, daß ich ihm gesagt –und das war das Schwerste, was ich je zu sagen hatte –daß ich meinen Vater nicht gekannt habe. Ich habe ihn auch nicht gekannt, solange er lebte; er wollte sich mir zu erkennen geben im Tiefsten, aber ich verstand ihn nicht. Aus der Tiefe meiner Seele rufe ich: Mein armer Vater, du wolltest deine Vollendung, aber deine letzte That war die bittere That eines Gebundenen und doch wolltest du mich nur wecken. Ich vollführe das, was du stockend begannst; indem ich für dich arbeite, liebe ich dich ganz und voll; du bist mir nahe, bist was du mir sein wolltest, mein Erretter. * Ich habe nun doch –es ging nicht anders –dem Alten das Gesetz gemacht, daß er nur kommen darf, wenn ich ihn rufe. Und das ist mir wieder eine neue Plage, fast schwerer, als früher die bestimmte Stunde; ich muß oft denken: jetzt wäre es Zeit, den Alten zu rufen, jetzt wird er dich nicht stören. Ich bin dadurch mehr mit ihm beschäftigt als früher. Ich muß lernen, es in Geduld tragen, und der Jochem wird auch immer besser. Wenn ich ihm sage: Jetzt kann ich nicht sprechen, so ist er auch zufrieden; es ist ihm schon genug, wenn er nur still dasitzen darf. * Von der Arbeit müde –wie gut schläft sich's da! Hunger und Müdigkeit, wie gut sind sie, wenn man sie befriedigen kann. –Da draußen in der großen Welt essen und ruhen sie, und sind nicht hungrig und nicht müde. Ich habe gar nicht gewußt, daß ich ehedem so viel gesprochen habe und mir Sprechen Bedürfnis war. Jetzt weiß ich beides, da ich still und allein in mir sein gelernt habe. Ich sehe jetzt, jedes Zusammensein mit andern übte einen elektrisierenden Einfluß auf mich und überspannte mein Wesen. Ich war nie unwahr, aber ich war mehr als ich bin. Ich machte andre heiter und war es in mir selbst ach so selten. * Die Einsamkeit hat eine heilende Trösterin, Freundin, Gespielin: es ist die Arbeit. Wer nicht einsam gelebt hat, weiß nicht was Arbeit ist. * Ich denke oft an das Wort Dantes: Kein größeres Unglück gibt's, als sich im Elend des Glückes erinnern. Warum sagte er nicht, welchen Glückes? Sich schuldlosen Glückes erinnern, muß immer Wonne sein und sei das nachfolgende Unglück auch noch so groß. Francesca aber spricht vom andern, vom schuldvollen Glück, und sie hat recht. Ich weiß es, daß sie recht hat. Ich meine, auch mein Vater hat mir damals beim Abschied gesagt: Laß nur solche Freuden über dich kommen, deren Erinnerung dir eine Freude sein kann. * Wunderbare unterirdische Quellengänge der Seele! Weil ich mich heute eines so tief schmerzlichen Wortes von Dante erinnerte, übersetzte ich mir den ganzen Tag alles, was ich dachte und was ich sah, ins Italienische. Eben jetzt, da ich schreiben will, bemerke ich das. * Oft ist mir's, als wär's eine Sünde, da ich doch leben soll, mich so zu vergraben. Ich mache meine Gesangsstimme stumm und noch so vieles in mir. Ist das recht? Um mit mir selbst ins reine zu kommen, ist dies Leben gut für mich, aber ich möchte etwas für andre thun, wirken. Wo? Was? * Ich habe einmal gehört, daß die schön geschnitzten Möbel der Vornehmen von den Sträflingen im Zuchthaus gearbeitet werden. Wie schauderte mich's damals! Und jetzt –bin ich selbst dabei, wenn auch in freier Gefangenschaft, und es quillt mir noch ein Trost der Gerechtigkeit aus diesem Thun: die, welche das Leben verunstaltet und verpestet haben, sollen in der Buße arbeiten an der Schönheit des Daseins für andre. * Meine Arbeit gedeiht. Ich kann aber das Holz vom letzten Winter noch nicht gebrauchen. Mein Pechmännlein hat mir vortreffliches Holz gebracht, langjährig geräuchertes, von einem alten eingerissenen Hause. Wir arbeiten fröhlich miteinander und unser Verdienst ist gut. * Das Laster ist sich überall gleich, hier wie dort; hier nur offener. Die Laster des Volkes sind roh, die Laster der Gebildeten sind gemein. Die Vornehmen schütteln die Folgen ihres Lasters ab, die Leute aus dem Volke tragen sie. * Die rauhen Sitten dieser Menschen sind nötig und sind besser, als die verlogenen Höflichkeitsformeln. Diese Menschen müssen rauh und derb sein; diese Formen sind die starre grobgepanzerte Eichenrinde; nur weil diese Rinde sie deckt, können sie draußen in Wind und Wetter gedeihen. Ich habe gefunden, daß viel mehr Zartheit und innige Empfindung hinter dieser rauhen Rinde ist, als unter allen glatten Formen. * Jochem sagte mir heute, daß er wohl noch gut zu Fuß sei, aber das Gehen eines Blinden sei gar beschwerlich. Zuerst mit lockerem Fuß tasten und versuchen, ob der Boden, auf den man treten will, fest und eben ist, und dann erst stark mit dem Fuß auftreten –das sei entsetzlich anstrengend. Ist das nicht in meinem Leben auch so? Ich muß immer erst ängstlich untersuchen, ob das ein fester Boden ist, auf den ich meinen Fuß setzen kann, sicher, ohne zu straucheln und ohne verraten zu werden. Das ist der Gang des Gefallenen. Ach, warum wird mir denn alles, was ich höre und sehe, zum Sinnbild meines Lebens? * Wir leben hier wie die Pflanzen. Die Hauptsorge, Freud' und Leid, ist das Wetter. Regen und Sonnenschein, wie es gerade gut und nötig ist für das Wachstum draußen, das trifft auch uns. Hansei klagt noch oft, daß er sich hier herum nicht aufs Wetter verstehe –daheim am See, da habe er ganz genau gewußt, wie es werde. Diese Unkenntnis läßt ihn hier noch nicht recht daheim sein. Dafür ist unser Pechmännlein ein glaubwürdiger Wetterprophet und dadurch eine wichtige Person im Hause. Ich bin seine gelehrige Schülerin und er ist stolz auf mich. Er ist zutraulich gegen mich, macht auch seinen Spaß, bleibt aber immer in eigentümlicher Weise respektvoll. Es ist viel Takt unter den Menschen, die nichts von Etikette wissen. Als ich vorige Woche meinem Pechmännlein zu seinem Geburtstage gratulierte und ihm die Hand gab, wurde er feuerrot im ganzen Gesicht; er dankte mir sehr und sagte immer: Wenn er hinaufkomme in den Himmel, wolle er mir gutes Quartier bestellen, und seine Alte dürfe nicht bös sein, wenn er mich in der Ewigkeit noch dazu nehme zu ihr. Er thut sehr gern etwas für mich. Wenn er in meinem Ofen einheizen darf, ist er immer ganz glücklich, und wenn er mein Holz spaltet, liebäugelt er mit jedem Stück, wie wenn dem Holz eine besondere Ehre geschehe, daß es mir Wärme geben darf. * Die Volkszählung hat mir einen schweren Tag gemacht. Nach dem Essen zeigte Hansei die Liste, die er ausfüllen müsse, und sagte zu Walpurga: Schreib' du oder sie –er meinte mich –soll schreiben, ihren Namen und Alter und woher. Wir waren in großer Verlegenheit, bis endlich Walpurga bestimmte: das sei gar nicht nötig, die Herren auf dem Amt brauchten nicht alles zu wissen. Und das war eine bequeme Handhabe, weil ein Zettel dabei war, worin alles ausgefragt wurde: Wieviel Milch man des Jahres gewinne? Wieviel Butter man verkaufe? Wieviel Hühner man halte? u. s. w. Hansei war ganz grimmig über die Beamten, die gewiß jetzt wieder eine neue Steuer auf alles legen wollen. Dieser Grimm machte mich frei und der Staat ist um eine Seele betrogen. Die Leute hier halten den Staat und seine Beamten noch für ihre natürlichen Feinde und machen sich gar kein Gewissen daraus, sie zu hintergehen. * Ich habe zum erstenmal einen Baum fällen sehen. Das letzte Zittern hat etwas Schauerliches und dann das Krachen und Aufschlagen. Es ist wie ein Menschenschicksal, das von der Sonnenhöhe durch einen Schlag in die Tiefe und Nacht des Elends stürzt. Hansei läßt einen Weg durch den Wald schlagen, gerade vor meinem Fenster; ich werde einen schönen freien Ausblick haben. Als ich ihm das sagte, freute er sich sehr. * Hansei war in der Hauptstadt. Mit großem Stolz hat er ein großes Paket auseinander gewickelt und uns gezeigt, welch ein gescheites Geschenk er bringe. Es sind die Bildnisse des Königs und der Königin. Er war so gut und wollte, daß ich die Bilder in meiner Stube aufhänge, und war ganz ärgerlich, daß seine Frau sie für sich behalten wollte. Endlich war er's zufrieden, da ich sagte: »Die Wohnstube gehört ja uns allen.« Es war mir nun peinlich in der Wohnstube. Die Bilder schauen immer auf mich nieder. Walpurga merkte das und die Bilder mußten in die Schlafstube auswandern. Jetzt bin ich wieder freier. Hansei sieht auf solche Dinge gar nicht. Der König hat sich in bürgerlicher Kleidung abbilden lassen. Ist das ein Zeichen? ... * Hansei rückt mit seinem Waldplan heraus. Er macht einen klugen Streich, er schlägt zuerst Wege durch den Wald, dann kann er die Stämme von weit oben als Langholz herunterbringen, und so haben sie einen dreifach größeren Wert, als wenn er sie verscheitern muß. * (3. April.) Anfangs hat man soviel zu beobachten, die ganze Welt ist wie ein junges Kind, wie das erste Grün im Frühling. Später ist man das alles gewohnt, das spricht, das lacht, das steht und geht, das weint und scherzt, das grünt und blüht, und alles ist wie immer und überall. Ich glaube, wir konnten nicht leben, wenn uns die Welt täglich neu wäre und uns keine Ruhe ließe. Die zweite Mutter, Gewohnheit, ist auch eine gute Mutter. * Meinem Schimmelfüllen hat man die Füße mit einem Strick gebunden. Es kann nun nicht davonrennen, es kann nur im Schritt gehen. Die schönen freien Bewegungen sind dahin, bevor du eingespannt wirst. Ach wie viele Menschenbrüder gleichen Schicksals hast du, mein Schimmelfüllen! * Ich liebe den Regen, dies gelassene Niederrieseln vom Himmel. Ich könnte stundenlang am Fenster stehen und träumerisch hinausschauen und hören, wenn ich nicht arbeiten müßte. Mir ist, als hätte ich Millionen Augen und sähe, wie die Tropfen auf halboffene Knospen fallen. Jetzt geht's auf, alles! Aber ich schäme mich, hier, wo alles stetig arbeitet, mit offenen Augen müßig in die Welt hineinzuschauen. Schön und lind ist der Regen im Frühling; die Luft und jede kleinste Rinne vor dem Haus und am Berg gewinnt Stimme, Gestalt und Inhalt. * Sonst bedurfte ich immer eines Fernglases, jetzt erweitert sich mein Blick. Weil wir nicht im Freien leben, sind wir kurzsichtig. * Wenn man die Rose veredelt, wachsen ihr auch andre Dornen, aber immer Dornen. * (15. April.) Heut hab' ich zum erstenmal in diesem Jahr die Goldammer gehört. Sie hat im Frühling noch mehr und fast lauter Sechzehnteltöne; im Sommer hat sie weniger Töne, aber lauter halbe Noten. * (23. April.) Die erste Schwalbe ist da. Jetzt darf man sich wohlig wiegen im Gefühl des Frühlings. Es ist kein Hangen und Bangen mehr, kein ängstliches Flattern von einem sicheren guten Tag zum andern. Mein Pechmännlein sagt: Die Schwalben und die Stare kommen und gehen in der Nacht. Das gibt zu denken. * (Ende April.) Ein Regen! O, welche Düfte weckt er aus Blume, Gras und Baum! Und das steigt ins Unendliche, und wir kurzlebigen Menschenkinder meinen, das sei alles für uns. Es ist alles nur für sich. * Die Immortelle gehört zu dem, was am frühesten zu grünen anfangt; sie gedeiht am Waldrain und kommt auch noch im schlechten Boden fort. * (1. Mai.) Heute –der Tag war regnerisch und kalt, und es schloßte noch einmal, alles glitzerte und triefte im goldnen Widerschein –da hörte ich am Abend den Kuckuck zum erstenmal. Er flog von Wald zu Wald, von Berg zu Berg, und rief überall. Warum sagt man nur: Geh zum Kuckuck? Ich hab's gefunden: der Kuckuck hat kein eigen Nest, keine Heimat, er muß, nach der Volkssage, jede Nacht auf einem andern Baum schlafen. Geh zum Kuckuck! heißt also: Geh unstät und flüchtig, sei nirgends daheim. Als ich der Großmutter meinen Fund mitteilte, sagte sie: »Du hast's gewonnen, du holst dir aus allem was heraus, du hast's gewonnen.« Sie meint: das Spiel des Lebens habe ich gewonnen. * Mein gutes Pechmännlein hat mir eine Freude gemacht. Droben bei dem Ahornbaum auf dem Felsenvorsprung, da hat mir's gar so wohl gefallen, und nun hat er mir dort eine Bank hergerichtet: er hat mir aber auch alles Gestrüpp ringsum weggehauen und mir mein Plätzchen eigentlich verdorben. Ich sitze aber doch dort und finde wieder mein ganzes Wohlbehagen. Es kann kein Mensch dem andern etwas vollkommen recht machen, aber dankbar kann man doch sein. Und Dank ist ein Boden, auf dem die Freude gedeiht. * (Am ersten Maisonntag.) Am Sonntag nachmittag, wenn ich nicht arbeiten darf, habe ich eine unbezwingliche Sehnsucht, in einer leicht wiegenden, offenen Kalesche durch den Park zu fahren; nicht immer gehen, nicht immer etwas thun zu müssen; im Frühling auf einem weichen Sitz, daran Räder befestigt sind, von schnellen Pferden sich durch die Welt rollen zu lassen, oder –noch besser –auf weichem Weg durch den Wald zu reiten, eine fremde Kraft regieren und sie unterthan halten. –Ich kann's nicht vergessen. * Und in der Nacht, wenn ich zum weiten Himmelsbogen mit den zahllos flimmernden Sternen aufschaue, ist mir's so schwer, zu sitzen und zu gehen. Ich denke der Nächte, da ich im Wagen liegend in die weite Welt hineinfuhr und aufschaute zu den Sternen –wie frei, wie reich war da alles. So vieles in mir hängt doch am Kleinen. * Es gibt Tage, wo ich den Wald nicht ertrage. Ich will keinen Schatten. Ich muß Sonne haben, nichts als Sonne, Licht. Ich gehe dann die heißen, schattenlosen Feldwege. * Ich habe nun auch ein Fensterbrett mit Blumentöpfen. Das ist ganz anders, wenn man warten muß auf die aufblühenden Blumen, als wenn man sie aufgeblüht vom Gärtner bekommt. Und gar die Sträuße damals –dort ... * Die Abende sind mein Feind –immer so schwer. Der Morgen ist mein Freund –wie leicht wird da alles! War's sonst nicht anders? . .. * Draußen in der Welt ist es im Gemüte, wie es Baronin Konstanze körperlich ist: sie hat beständig Ohrensausen, kennt nicht die heilige Ruhe, die Stille, die Lautlosigkeit. Erst wenn man nichts mehr von der Welt weiß und will, hört das geistige Ohrensausen auf und man hat die heilige Ruhe, die Stille, die Lautlosigkeit –jeder Klang, der dann eintritt, tönt Wunder. * Ruhig und rasch ist die Großmutter, beides, wie es gerade erforderlich. Sie ist keine von den ewig Geschäftigen und Heftigen und ist doch nie müßig. Sie kennt die Menschen und ist doch stets gut. Sie hat viel gedacht und ist dabei so naiv. Sie ist so aufrichtig zärtlich zu mir, ja sie sagte, sie habe sich ihr lebelang eine gescheite Person gewünscht, die etwas gelernt habe und mit der man alles ausreden könne. Und das thut sie denn redlich. Ich muß ihr tausenderlei erklären und sie ist für jeden neuen Einblick aufrichtig dankbar. »Ich hacke mir gern Kleinholz im Vorrat,« sagte sie heute. Das heißt in unsrer Sprache: sie denkt sich gern viel vorher aus. Es gibt aber doch so manche schwarze Thür, an der wir vorbeigehen und die Augen zudrücken. * Das Füllen vor meinem Fenster kann mich oft so lang betrachten und sein ganzes Sein schickt mir Gedanken zu. Der erste Mensch, der ein Tier zähmte, das heißt unterjochte, daß es ihn trug, führte, nährte, hat die Herrschaft des Menschen begonnen. Ein andres Tier töten kann das Tier auch, ein andres zu seinem Nutzen leben lassen –nicht. Es gibt keine neuen Tiere mehr, die sich zähmen lassen. Nun wird die Menschheit in Wahrheit zum Dichter, sie verdichtet unfaßbare Kräfte, spricht zum Dampf, zum Licht, zum elektrischen Funken: komm, diene mir! * Ich habe mir Zucker gekauft und füttere mein Schimmelfüllen; das ist eine große Freude. Und heut dachte ich: wer uns so sähe, das Füllen und mich –es muß ein schönes Bild sein! O, wie klein und eitel bin ich noch. * Jedes große Anwesen, jeder ausgebreitete Besitz hat seine Vasallenschaft, am Bauernhof hier und am Hof in der Residenz dort. Da gibt es so viel Dienende, Schmarotzer und freiwillige Unterthanen. Die Welt ist überall gleich. * Das Bauerntum ist nicht die schöne Welt. Es muß Ackerpferde geben und elegante Wagenpferde. * Fortleben aus sich, aus der Stimmung, wie sie die eigene Natur gibt, durch nichts von außen erregt, da lernt man sich selbst und das Höchste kennen. In der Wüste offenbart sich die Gottheit dem eigenen Herzen. Der Dornbusch brennt und verbrennt nicht. * Immer neu haucht mich die Erhabenheit aus den Bergen an. Die ganze Welt unter mir ist vom Nebelmeer überflutet, nur die Bergspitzen ragen daraus hervor. Ich erlebe täglich den ersten Schöpfungstag. Ich lerne das Erhabene verstehen. Es ist der Schauer des Großen, nicht der Schauer der Furcht. Mir ist, als wohnte ich in einem Tempel. * Das Alleinsein macht oft dumpf, halbschlafend. Ich erfahre das auch bisweilen an mir. Hansei sieht an einem Regensonntag oft stundenlang zum Fenster hinaus. Ich bin überzeugt, anfangs denkt er an ein Pferd, eine Kuh, einen Holzverkauf oder an einen Bekannten, dann aber duselt er so drein und denkt gar nichts mehr. Dieses kinderhafte Daliegen, und In-die-Welt-hineinschauen –wenn man daraus erwacht, ist es so gut und stärkend, als ob man geschlafen hatte. Es ist ja auch nur elementarisches Sein. * Ich sehe an meinen Aufzeichnungen: früher lag mir's doch im Sinn, als wäre ich hier nur auf einer Reifestation, wo man das Interessante, das Abenteuer festhält; jetzt sehe ich, ich bin auf keiner Station, ich bin am Ziele. Ich packe mein schweres Fuhrwerk ab, wie mich die Großmutter ermahnte, und zerschlage die Kisten. Hier bleibe ich für meine Lebenszeit. Und jetzt, da ich fest entschlossen bin, zu bleiben –und wenn ich morgen entdeckt würde und der ganze Spott der Welt mich verfolgte –jetzt habe ich ein wohliges Gefühl des Daheimseins. Ich bin und bleibe da. Ich wurde erst aufmerksam, wie mir das alles durch den Sinn ging, als heute mein Pechmännlein sagte: »Du siehst so vergnügt aus, so –ich weiß gar nicht wie –so hast du noch gar nicht ausgesehen.« Ja, liebes Pechmännlein, du hast recht. Ich bin heute auch erst recht daheim geworden. Ich habe Wurzel geschlagen wie der Kirschbaumsetzling vor meinem Fenster. * Der alte Auszügler hat mir heut gesagt: »Schau, Kind, das Alter nimmt viel, aber ich kann noch so schön träumen, so schön, wie in meiner Jugend.« * Von allen Blumen finde ich auf der Rose den reichsten Morgentau. Macht das der reichste Duft? Ist der Duft taubildend? Kein grünes Blatt hat soviel Tau auf sich, als ein Blumenblatt. * Ich habe oft die Versuchung, dem ganzen Hause und dem Jochem dabei den Lear zu erzählen. Es kränkt mich, daß ich ihnen nicht alles gebe, was ich habe, und wie würde es mich kränken, wenn sie mich nicht verstehen! Wie weit sind doch noch Kunst und Religion auseinander! Diese kann allen gegeben werden, jene nicht. * Dem Volke feinere Freuden zu geben –das geht nicht. Es muß die Woche über hart arbeiten, und am Sonntag schieben sie zur Erholung Kegel und tanzen in schweren Stiefeln. Sie müssen derbe Freuden haben und derbe Religion. * (Am Sonntag unter dem Glockenläuten.) Das Volk lebt ganz ohne Kunst. Die bildende Kunst, das Theater, die höhere Musik, die Litteratur, sie sind für das Volk gar nicht da. Alles, was sich ihm noch als das andre Leben neben und über dem Trivialen darstellt, ist die Kirche. Und das beste in der Kirche, in allen Religionen, ist das, was sie von Poesie in sich haben. * Was wird aus einem Menschen, der jahrelang kein ernstes Buch oder überhaupt nicht liest, der keine großen, durchgearbeiteten Gedanken in sich aufnimmt? Ist er vornehm und reich, so wird ihm das Leben eitel Spiel; ist er niedrig und arm, wird ihm das Leben eitel Arbeit. Darum hat die Natur dem Volke das Lied gegeben, und die Geschichte hat die Religion aufgestellt, die den ausgegohrenen Wein alles Wissens und aller Kunst in ihrem Kelche allem Volke darbieten soll; aber sie muß immer neuen Wein nachschütten, sonst – * (30. Juli.) Die ganze weite Welt war heute ein einziger Nebel, die Sonne war verhüllt. So brütet ein künstlerisch schöpferisches Auge über dem werdenden Gebilde. Nun aber das Zerreißen der Flocken. Einen Augenblick ist die Bergwelt frei. Die Nebel jagen, es scheinen aber neue aus der Erde zu steigen. * Draußen in der Welt schämt man sich der Mondscheinschwärmerei. Ich bade mich in der Wonne der Mondscheinnacht, wenn die ganze Welt so still verklärt im sanften Scheine ruht und nur der Bach rauscht und glänzt. * Die Versuchung kommt wieder zu mir und spricht: Es ist eine Sünde an der Natur, eine Verschwendung, die reiche in dir liegende Kraft zu etwas zu verwenden, was auch andre vermöchten. Geh in die Welt, nimm dein jetziges Sein nur als einen Durchgang! Nein, ich bleibe. * Wenn ich auf dem Berg stehe und hinausschaue ins Weite, da muß ich mich oft fragen: Bist du noch dieselbe Irma? Wo ist noch eine Spur deines vergangenen schimmernden Lebens? Nichts als eine lastende Schwere im Herzen. * Man findet es langweilig, vom Wetter zu reden, und doch gibt es nichts Bedeutsameres; die Pflanzen, die Tiere, sie fühlen, was für Wetter ist, das Wetter ist ihr Tagesschicksal; der Mensch kann das sagen. Und wer so sieht, wie sich Nebel, Wind und Regen bildet, für wen Sonne oder bedeckter Himmel alles ist, dem ist ein ganzes Leben in dem Wetter. Da steht eine Wolke, wie ein Gürtel, am Gebirgsgiebel drüben, den ganzen Tag regungslos. So sind oft ganze Zeiträume, wie dort Ortsräume, in Nebel gehüllt, verstimmt, in uns ist oft tagelang eine ganze Gegend unsres inneren Wesens so vernebelt. * Der Mensch hat ein Mienenspiel, das Tier nicht; das Menschengesicht verändert sich je nach seiner Gemütsbewegung, das des Tieres nicht, und das Tier hat dabei immer nur dieselben Töne, der Hund bellt in Freude und Zorn gleich, nur das Tempo verändert sich. Oder sind es nur für unser Ohr dieselben Töne? * Solche unharmonische, durchaus folgenlose Töne, wie sie die Zippdrossel über mir hervorbringt –wenn ein Mensch sie hervorbrächte, sie würden mir das Ohr zerreißen. Warum aber so nicht? Warum mutet es mich fast an? Der Vogel soll so, das ist seine Natur; der Mensch aber, weil er die Töne frei bilden kann, muß sie auch harmonisieren. * Was ist all unser Wissen? Wir wissen nicht einmal, was morgen für ein Wetter sein wird; es gibt gar kein festes Zeichen für diese erste Lebensbedingung. Die Bauern wissen auch nichts und reden doch so gern davon. * Das Jahr hat seinen dramatischen Wendepunkt, das ist die Erntezeit. Da ist eine Hast und Spannung, der nichts gleicht; die Menschen sind da sehr ungemütlich. * Wenn man lernen will, wie grundverdorben die ganze Welt ist, muß man meinen Blinden hören; da hat er Kraftworte wie Keulenschläge. Er will mich immer aushorchen über Hansei und Walpurga, er möchte gern wissen, was schlecht an ihnen ist; daß sie gar so brav sein sollen, das läßt ihm keine Ruhe. * Mir fiel heut ein Wort des Leibarztes ein: Leidenschaftlich sind wir alle, es kommt nur auf den Rhythmus an. Wer die Treppe auf einmal hinabspringt, bricht das Genick; wer sie in gemäßigter Ordnung stufenweise hinabgeht, bleibt gesund. * Ich sehe hier nie auf die Uhr. Das Leben teilt sich mir nicht mehr in Stunden. Morgen-, Mittag- und Abendläuten vom Thal herauf, danach bestimmt sich alles. Am Kirchturm ist die Uhr –die Kirche bestimmt die Zeit. * Der alte Jochem ist krank, der Arzt, der ihn besucht, ist eine heitere Natur; er behauptet, daß Jochem noch viele Jahre leben würde, wenn er seinen Aerger und seine Prozesse behalten hätte, das gab ihm Leben und Bewegung und Unterhaltung zugleich, er hatte noch etwas auszufechten in der Welt, noch jemand zu kujonieren, das hielt ihn aufrecht; jetzt in der Friedfertigkeit wird er aus Langweile sterben. »Du lächelst?« sagte der Arzt zu mir. »Glaub, es ist mein voller Ernst. Ein Kind in der Wiege, das nicht schreit, und ein Hund an der Kette, der nicht bellt, die haben keine Bewegung, kein Leben, und verkommen.« Er mag doch in manchem recht haben. Ich fühle mich dem Arzt gegenüber sehr beengt, und er sieht mich immer so seltsam, so forschend an. »Du lieber Gott, jetzt kommen alle Gräschen heraus, und mich thut man hinunter und ich komm' nicht wieder heraus,« klagte Jochem. * Der Alte ist gestorben, heut nacht in den Tod hinübergeschlafen. Es war niemand bei ihm. Er ist gestorben wie ein Baum im Wald, alle Kraft war aufgesogen. Die kleine Burgei schläft jetzt in meiner Kammer, die Meinigen thun es nicht anders, ich darf nicht mehr allein sein in der Nacht. * Mir ist so bang. Ueber mir liegt eine Leiche auf dem Boden und brennt ein einsames Licht dabei –das Licht brennt, bis man die Leiche begraben. Und doch meine ich, ich muß darüber hinaus, ich muß! Ja, ich will. Noch erschüttert mich's, wie der Alte mein gedacht hat. Er ließ mich gestern hinaufrufen und sagte: »Irmgard, du bist eine Fremde und bist gut gegen mich gewesen –ich möchte dir nun etwas schenken und vermachen, und da hab' ich überlegt, ich kann dir was geben, es ist das beste, was ich habe, und mir nützt's nichts, wenn man mir's mit ins Grab gibt, aber dir kann's gut sein und soll dir gut sein, es liegt ein Heiltum darin. Schau, da ist's, nimm's, es ist die Kugel, die meine dritte Rippe getroffen; bewahr sie gut auf. Wer eine Kugel bei sich hat, die einmal einen Menschen getroffen, der steht nicht mehr in Gefahr, daß ihm ein jäher Tod ankommt, unversehens –kannst dich darauf verlassen! Und jetzt will ich dir noch was sagen: sag mir, wie heißt dein Vater? Du hast ja gesagt, daß er schon gestorben ist. Wenn ich in den Himmel komme, will ich ihn aufsuchen und ihm sagen, daß du ein ganz braves Mädchen bist, ein bißchen eine besondere –ich weiß nicht recht –aber brav. Das will ich deinem Vater sagen und es wird ihm eine gute Botschaft sein.« Ich konnte dem Alten den Namen nicht nennen –Kann ich das? Ich konnte ihm nur danken, daß er mir etwas gab, was ihm so viel wert war, und wunderbar –wenn ich jetzt die Kugel in der Hand halte und anschaue, wie mir das die Seele bewegt! Ich will mich rüsten, um den Alten zu Grabe zu geleiten. * Ich war auf dem Kirchhof, als der Alte begraben wurde. Da werde ich auch einmal liegen. * Ich meine, durch den Willen müßte sich der Tod besiegen lassen. Wenn ich nicht sterben will, sterbe ich nicht. Ist der Wille das in mir Verschlossene, was ich suche? Und doch, ich habe keinen Willen, niemand hat einen Willen, unser ganzes Leben und Denken ist nichts als eine Folge, notwendige Folge von Ereignissen und Erlebnissen, von wachen Erkenntnissen und nächtlichen Träumen; wir können den Ort verändern wie die Tiere, aber den großen Ort, das große Gefängnis nicht: wir können die Erde nicht verlassen. Das Gesetz der Schwere, der Anziehungskraft hält auch unsre Seele fest. Da droben wandeln die Sterne, und ich bin nichts als eine Blume, ein Grashalm, der an der Erde haftet. Die Sterne sehen mich und ich sehe sie, und wir können nicht zu einander. * Ein regierender Fürst hat unsern Hof besucht. Seine Hoheit, der Grubersepp, von dem mir Walpurga schon viel erzählt, ist angekommen mit seinem kleinen Sohn oder –um es korrekter zu sagen –mit seinen beiden Rappen und seinem Sohn. Es ist ein Leben im Hause und ein Stolz und ein Glück, wie wenn in der That ein regierender Fürst gekommen wäre. Mich sah der Grubersepp gar seltsam an. »Ist das zimpfere Mädchen« –sagte er, mit dem Daumen rückwärts deutend, zu Hansei –»ist die da von deiner Frau Seite?« »Ja, meine Frau« –murmelte Hansei etwas –ich merkte wohl, daß es ihm schwer wird, zu lügen, und nun gar vor dem großen Bauer, dem er sein ganzes Anwesen zeigt. Es ist auch unter den Bauern so, nur die Großen kennen einander. Aber schön und stattlich ist dieser Verkehr. Die beiden Männer geben einander kein freundliches Wort, aber sie thun einander Freundschaft. Alles ist glückselig im Hause. Der Grubersepp hat gesagt: Der ganze Hof ist ordentlich im Stand. Und wenn der Grubersepp »ordentlich« sagt, so ist das ebensoviel, als wenn der Intendant göttlich sagt. Die zwei Tage, die der Grubersepp hier war, herrschte unsägliche Unruhe im Haus, das heißt, alles dachte nur an ihn. Jetzt ist wieder jegliches im alten Geleise, aber eine strahlende Freude liegt auf den Gesichtern. Man hat's von einem Manne gehört, und von was für einem, daß das Anwesen gut im Stand, und so glückselig auch ein Mensch in sich, es ist doch was ganz andres, wenn er von fremdem Munde hört, was an ihm ist. * Mir zittert noch die Hand vor Schreck. Heut war ich im Wald; ich saß auf meiner Bank, da sehe ich eine Gestalt durch den Wald gehen, sich manchmal bücken, eine Blume abbrechen, einen Stein aufnehmen; die Gestalt kommt näher und –wer ist's? Der Freund, den ich mir so oft herwünschte, der Leibarzt. Er fragte mich mit seiner tiefklaren Stimme: »Kind, geht hier der Weg hinab ins Dorf?« Mir schnürte es die Kehle zu, ich konnte nicht sprechen. Ich deutete hinüber nach dem Fußpfad und stand zitternd auf. Er fragte mich: »Bist du stumm, armes Kind?« Das half mir. Ich bin stumm, stumm, ich kann kein Wort sprechen. Ohne einen Laut von mir zu geben, floh ich vor ihm davon, und lange, lange hab' ich dann geweint, wie seit Jahren nicht. Ich wollte ihm nacheilen, aber er ist fort, ich kann mich nicht aufrichten, es brechen mir fast die Kniee. Jetzt bin ich ruhig –es ist alles vorbei –es muß alles vorbei sein. * Ich habe lange, schwere Tage gehabt. Die Arbeit ging nicht von der Hand und vieles mißlang mir. Die Welt draußen hat mich wieder aufgescheucht. * Ich danke dem Schicksal das am meisten, daß ich gelernt habe, zu sehen. Ich sehe überall etwas, das mich erfreut, mich denken macht. Die schönsten Freuden, die allverbreitetsten, sind die durch das Auge. * Das Pechmännlein kennt alle Vögel am Gesang: das thut mir wohl. Man sagt im Sprichwort: Man erkennt den Vogel an seinen Federn –weil natürlich die wenigsten ihn am Gesang erkennen; sein Federnschmuck ist ständig, sein Gesang nur flüchtig und zeitweilig; jenen kann man fixieren, diesen nicht. * Das Krächzen der Bäume im Wald, das mich in jener Todesnacht so erschreckte, höre ich jetzt oft und bin ruhig dabei. Und wunderbar! Sobald ein Vogel singt, hört man es nicht mehr. Woher mag das kommen? * Ich habe frische Arbeit bekommen. Jetzt ist mir's wieder wohl. Nur mein Pechmännlein will kränkeln. Anfangs hat mich das fast geärgert. Dann aber habe ich meine eigensüchtigen tyrannischen Gewohnheiten überwunden. Ich habe für treue Dienste wiederum treu gedient. Ich glaube, ich habe den Ohm gut gepflegt; jetzt ist er wieder wohlauf. Ich bin doch nicht so egoistisch, als ich mich schalt; ich habe gute Menschen mir treu zu eigen gemacht. Aber ich kann nicht Menschen Gutes thun, die mich nichts angehen! Ich gehöre mir und einem kleinen, unendlich kleinen Kreise –weiter kann ich nicht. * Wenn ich so still dasitze und den einzigen Raum betrachte, in dem ich lebe und hoffentlich auch sterben werde, da befällt mich oft eine Angst zum Entsetzen; da ist mein Stuhl, mein Tisch, meine Werkbank, mein Bett, das hast du, bis man dich ins Grab legt, und keine Menschenseele ist dein? Es beklemmt mich, daß ich aufschreien möchte; erst schwer kommt dann die Ruhe wieder. Die Arbeit hilft. * Ich habe mir eine Stunde Allwissenheit ausgedacht. Die Stunde von elf bis zwölf gestern am Mittag –es zog ein leichter Sonnenregen vorüber, dann ward's wieder hell und sah ich im Geiste, wie Tausende von Menschen diese Stunde leben: Ich sah den Handwerksburschen am Waldesrand, den König in seinem Kabinett, die Näherin in ihrer Dachkammer, den Bergmann im Schacht, den Vogel auf dem Baum und die Eidechse am Felsen, ich sah das Kind, das in der Schule sitzt, und den sterbenden Greis mit seinem letzten Atem, ich sah das Schiff auf dem Meer, ich sah die Kokette, die sich schminkt, und die arme Taglöhnerin, die Unkraut ausjätet auf dem Acker. Ich sah alles, alles! Ich lebte eine Stunde Unendlichkeit. Und jetzt bin ich wieder gebunden, ein einzelnes, kleines, armseliges, lallendes Kind. Der große Gedanke der Unendlichkeit zieht nur wie ein Flüchtling durch die Seele, hat keinen Haltpunkt darin. Wir müssen wieder am Kleinen haften. Ich schnitzle wieder an meiner Werkbank. * Ich habe einmal gelesen, daß die Araber vor dem Gebet ihre Hände waschen, haben sie aber in der Wüste kein Wasser, so waschen sie die Hände in Sand und Staub. So ist's. Der Staub der Arbeit reinigt. * Das Volk soll keine Bücher zum Lesen haben, da soll jeder mit dem andern reden, zuhören. Bücher machen den Menschen einsam für sich. Erzählen, mündlich berichten, das ist alles. * Die Lehren –nein, die Erfahrungen eines verlorenen Weltkindes haben das doppelte Gute: Nicht nur, wer in der Irre war, ist auf alles aufmerksam geworden und wird der beste Wegweiser –ich meine auch: wer von einem vollkommen reinen Menschen eine Lehre vernimmt, hat keine Wahl, er muß sie annehmen, die Reinheit ist die höchste Autorität; aber aus dem Munde eines Verworfenen muß man jedes Wort prüfen, darf es nicht gleich verwerfen. Und das ist gut, das macht dich frei. * Die Schwalben ziehen fort! Wie sie sich jetzt in Haufen sammeln und dann blitzschnell im Zickzack mit scharfem Schrillen wolkenartig dahinjagen! So zusammen in unregelmäßigen Bahnen fliegen –wir können uns das gar nicht denken. Wann, wie, zeigen sie einander an, daß jetzt eine scharfe Wendung genommen wird? Fliegen –wir sehen eine ganz andre Lebenssphäre vor uns und können sie nicht fassen. Und wir glauben, wir verstehen die Welt? Was fest ist, fassen wir, und nur was fest davon ist –weiter hinein beginnt der große Gedankenstrich. * Ich hörte, wie Franz, der Geliebte der Gundel, zu dieser sagte: Eine Frau, ganz so wie die Irmgard, ist einmal mit der Königin beim Manöver in der Uniform unsres Regiments vor unsrer Front auf und ab geritten. Wenn der Soldat mich erkannte und verriete? Welch ein Wirrsaal von Versteckensspiel ist das Menschenherz! Da geht mir's jetzt in meinem Elend wie ein Triumph durch den Sinn, daß in so viel tausend Augen sich mein Bild eingeprägt hat. * Allein gehen zu dürfen, das bin ich noch immer nicht gewöhnt, ich meine noch oft, der Bediente müsse hinter mir gehen. Ach, wie verschnörkelt und verpuppt leben wir! Ich war einen ganzen Tag allein im Walde. O, welch eine Seligkeit! Ich lag im Waldesgrund und über mir rauschte es in den Bäumen und drunten der Bach. Wenn du nur hier verenden könntest, wie ein angeschossenes Reh –ich bin's, meinen Weg bezeichnen Blutspuren –nein, ich bin wieder gesund und heil geworden, war schon einmal auf der Welt, auf einer andern, und jetzt lebe ich neu. * Das Pechmännlein hat meinen Vater gekannt. Er hat einmal einen Sommer lang in unserm Forst Pech gekratzt, da hat sich mein Vater zu ihm gesellt und ihn gelehrt –er verstand alles –wie das Pech besser und reiner auszusieben sei. »O, das war ein Mann. Ich möchte dir nur wünschen, daß du ihn gekannt hättest,« sagte mir das Pechmännlein, »so ein guter Mann! Ich hab's nachher von allen Leuten gehört, jedem hat er geholfen, er hat alles verstanden; mir hat er gezeigt, wie man aus Lärchen den besten Terpentin gewinnt, geschenkt hat er den Leuten nie gern, er ist aber nicht geizig gewesen, arbeiten hat er allen geholfen und hat sie unterwiesen, wie man's mit geringerer Müh und mit mehr Vorteil macht –das ist mehr, als wenn man Geld schenkt –und hat ihnen jedes Jahr Geld geliehen, daß sie sich ein Schwein haben einthun können, und wenn sie's dann verkauft haben, haben sie's ihm zurückzahlen müssen. Man hat oft über ihn gelacht und hat ihm einen Spottnamen darüber gegeben, aber das war ein Ehrenname. Ja, und sollt' man's glauben? Der Mann hat schweres Unglück gehabt, seine Kinder sind ihm davongelaufen.« Wie mir das das Herz zerwühlte! Den ganzen Abend brannte mir die Stirn an der entsetzlichen Stelle. Heute ist der Jahrestag meiner Rückkehr ins Sommerschloß. Damals träumte mir, daß ein Stern auf mich niederfiel, und ein Mann stand abgewendet, der mir die Worte sagte: Du bist auch einsam – Es gibt eine Tiefe in der Seele, wohin kein Grubenlicht kommt, sie verlöschen da alle. Ich kehre um –hier hausen die wilden Wetter. * Ich denke meiner Kindheit. Ich war drei Jahre alt, als meine Mutter starb. Ich habe keine Erinnerung daran, als daß mich ein Rücken und Rutschen im Nebenzimmer so sehr erschreckte. O Mutter, warum bist du so früh gestorben? Wie ganz anders wäre ich geworden ... Ich? Wer ist dies Ich? Wenn es ein andres hätte werden können, wäre ich's nicht. Es mußte so sein. Sie zogen mir schwarze Kleider an, mir und meinem Bruder, und ich erinnere mich nur, daß der Vater uns geleitete; er sagte nur, daß es zu unsrem Glück wäre, wenn wir nicht bei ihm, nicht allein aufwachsen; beim Abschied küßte er uns, er küßte mich und meinen Bruder, dann wiederum mich –jetzt ist mir's, als wenn er meinen Kuß zuletzt behalten wollte. Was sind die Erinnerungen meiner Kindheit? Ein stilles Kloster, meine Tante Aebtissin, Emmy meine Freundin. Nur so viel weiß ich: Wenn Fremde kamen, sagten sie, zu mir gewendet: Ach, welch ein schönes Kind! Diese großen braunen Augen! Emmy sagte mir, daß ich nicht schön sei, daß die fremden Leute mich nur neckten, ja verhöhnten; aber ich sah mich im Spiegel, ich sah, daß ich schön war; ich sagte es Emmy ehrlich, und sie gestand mir, daß ich schön sei; auch mein Vater kam, er kam aus Amerika, er betrachtete mich lange. Nicht wahr, Vater, ich bin schön? sagte ich zu ihm. Ja, mein Kind, das bist du, und es wird viel von dem gefordert, der schön ist; es ist eine schwere Aufgabe, schön zu sein. Halte dich immer so, daß du es verdienst, daß die Menschen Freude an dir haben. Ich verstand ihn damals noch nicht. Schönsein eine schwere Aufgabe? –Jetzt verstehe ich's. Ich weiß nicht, wie die Jahre vergingen. Ich kam zum Vater zurück. Bruno, der Landwirt hatte werden sollen, trat gegen den Willen des Vaters in die Militärcarriere. Der Vater lebte ganz für sich, in seinen Studien und Arbeiten, und ließ uns gewähren; er war stolz darauf und sagte es oft, daß er keine Autorität üben und uns ganz als freie Naturen aus uns heraus erwachsen lassen wolle. Ich kehrte ins Kloster zurück und blieb, bis die Tante starb. Und hier –verzeihe mir, du großer und reiner Geist –hier liegt dein Vergehen. Du hast deine väterliche Majestät abgelegt und wolltest von freier Liebe leben –und wir? Bruno wollte es nicht verstehen, und ich konnte es nicht. Und so warst du einsam und wir elend. Bruno war an den Hof gekommen. Er war schön, heiter und voll Uebermut. Er führte auch mich an den Hof, der Vater stellte es mir frei –und da, da begann mein Elend. Ich war schön, ich war's, ich weiß es, und ich hatte Mut, ich dachte nicht wie die andern, ich war die freie Natur geworden, die mein Vater gewollt. Aber wozu? – * Ich übersehe, was ich geschrieben. Ach, wie wenig Ausbeute gibt solch ein Jahr, und wie viel hat man gelebt, wie lange daran gearbeitet; aber –auch die Blume braucht lange zum Blühen, die Frucht lange zum Gedeihen; die sonnigen Tage und die tauigen Nächte stecken darin. * Ein Regenbogen! Ruhe und Friede sind nirgends auf der Welt, keine faßbaren Gegenstände, sie liegen nur in unsrem Auge, und wie sich uns die Dinge stellen. Jetzt verstehe ich, warum in der Bibel nach der Sündflut der Regenbogen als Friedenszeichen bezeichnet wurde: die sieben Farben sind nicht wirklich, sie sind nur dem Blicke da, der im richtigen Sehwinkel das gebrochene Licht empfängt. Ruhe und Friede lassen sich nicht zwingen, sie sind reine Gaben aus dem Himmel in uns, an dem es weint und lacht, Regenwolke und Sonnenschein sich begegnen. * Oft befällt mich noch die Angst, ich möchte die ganze Bildung meines Wesens verlieren, weil ich niemand habe, mit dem ich meine eigene Sprache reden kann –ich weiß nicht, wie ich's nennen soll –mich, mein eigentliches Wesen wieder finde. Und doch, was den Menschen zum Menschen macht, haben die um mich her so gut wie die Höchstgebildeten. Woher also diese Angst und wozu diese Bildung? Will ich noch etwas damit in der Welt? Ich verstehe mich nicht. Da ist der Punkt, warum unsre moderne Bildung die Religion nicht ersetzen kann: die Religion macht alle Menschen gleich, die Bildung ungleich. Es muß aber eine Bildung geben, die die Menschen gleich macht; erst dann ist sie die richtige, die wahre. Wir stehen noch im Anfang. * Ich habe ein großes Werk vor. Es muß mir gelingen. Hansei hat den kleinen Peter auf den Schimmel gehoben und ihn ein paar Schritte reiten lassen. Das war eine Freude! Und wie mein Wodan umschaute nach Vater und Sohn! Ich habe das festgehalten und arbeite an der Gruppe. Hansei, Peter und der Schimmel, sie sind beisammen –Wenn mir's nur gelingt! Es läßt mich fast nicht schlafen. * Die Gruppe ist mir gelungen. Freilich nicht so, wie ich wollte. Die menschlichen Figuren sind steif und nichtssagend, das Pferd aber ist wieder lebendig, und alles im Hause ist ganz glücklich über die Arbeit. Hansei will, ich soll auch mit auf die Jagd gehen, um Hirsche, Rehe und Gemsen nachmachen zu können, das seien doch die Hauptstücke. * Ich habe es auch mit den Tieren des Waldes versucht. Es gelingt mir nicht so, wie mit dem Pferd. Ich kann nur festhalten, was keine Scheu vor mir hat und was ich darum auch liebe. Ich bleibe bei meinen Pferden und Kühen, Alle Bergspitzen, die ich sehe, haben Namen, und so bezeichnende und wunderliche. Wer hat sie ihnen gegeben? Wer hat sie angenommen? Was für Namen könnten wir heute noch erfinden? Die Erde und die Sprache sind bereits erstarrt, nichts ist mehr flüssig. Ich meine, etwas Aehnliches wurde damals zum Thee bei der Königin gesprochen. * Fastnacht ist ein großes Fest, die eigentliche Lustbarkeit. Es kamen auch Bauern aus dem Dorf zum Besuch. Sie kommen oft am Sonntag. Ich hörte sie aber noch nie etwas andres sprechen, als vom Vieh, oder was man geerntet und wie die Getreidepreise sind. Ich sitze manchmal in der Stube beiseit und höre sprechen. Ich höre gern Menschenstimmen. Die Geschichten, die sie einander erzählen, scheinen einfältig, aber im Grunde genommen wird auf dem Parkettboden nichts Besseres vorgebracht. * Warum habe ich mein Leben nicht rein ausgelebt? Ich war zu einem schönen Dasein geschaffen. * Draußen läuft mein Schimmelfüllen frei umher, hier sitze ich und forme es nach. Den Blick des Auges zu bleibenden Gestalten machen –das ist menschlich allein. Wir haben Worte für alles um uns her und können alles nachbilden, und weiter hinauf Musik und reines Denken. Welch eine überströmende Fülle ist es, Mensch zu sein. * Das war eine schwere Zeit. Die Großmutter war krank. Alles im Hause in Angst. Hansei wollte sich gar nicht vom Hof entfernen, er fürchtete das Schlimmste. Mir war's ein Trost, daß der Großmutter meine Pflege so wohlthat. Hansei hatte den Großbauernstolz ganz abgelegt; er wollte doch auch etwas für die Mutter thun und spaltete das Holz, mit dem man ihre Stube heizte, und trug es selbst herbei. Dem Doktor sagte er immer, er solle ja nichts sparen, für die Großmutter sei nichts zu teuer. Der Doktor erklärte mir die Krankheit der Großmutter, als wäre ich ein Arzt. Die Großmutter schickte mich mit dem Ohm oft fort in den Wald. Es war noch rauh draußen, wir kehrten bald wieder heim. Jetzt ist die Großmutter genesen und sitzt im Frühlingssonnenschein. »Ja, man muß aus der Welt gewesen sein, um wieder dankbar daheim zu sein. Wer nicht hinauskommt, kommt nicht heim,« sagt sie. Und heut erzählte sie mir viel vom Tod ihrer fünf Kinder. »Der wäre jetzt so alt und die so alt,« sagte sie immer –sie hat sie in Gedanken mit sich fortwachsen lassen; und dann erzählte sie vom Tod ihres Mannes, wie er damals bei der Holzflöße im See ertrunken, und wie dann der Hansei dageblieben. »Er war ein Wunderlicher« –sagt sie immer von ihrem Mann –»aber grundgut.« Am verzweifeltsten von uns allen war das Pechmännlein bei der Krankheit seiner Schwester. »Sie ist der Stolz von unsrer Familie gewesen,« sagte er immer, als wäre sie schon lange tot. Jetzt ist er aber auch fast der Glückseligste von uns, und als die Großmutter zum erstenmal auf meiner Bank beim Ahornbaum saß, sagte er: »Für die Bank da krieg' ich einen goldnen Stuhl im Himmel. Das ist ein Platz, der König hat ihn nicht schöner, der kann den Himmel auch nicht blauer und die Wälder nicht grüner anmalen lassen.« * Das Pechmännlein bringt mir schwere Kunde. Wie soll ich mir heraushelfen? Der Abnehmer meiner Arbeit läßt mir sagen, daß er zu mir kommen wolle, er habe eine große Bestellung: ein neues Jagdschloß des Königs soll mit geschnitztem Getäfel geschmückt werden, und ich soll da große Arbeit bekommen. Wie weiche ich dem aus? * Die gute Mutter hat mir ausgeholfen. Sie hat den Arbeitgeber selbst aufgenommen und ihm erklärt, daß ich niemand sehen wolle. Sie hat sich zu keiner Lüge verstanden, zu der Walpurga leichter geneigt war. Nun habe ich die große Zeichnung vor mir und schöne Hölzer. Ich habe einen Teil der Arbeit übernommen. * Es ist gleich, wie man sein Dasein auslebt, wenn es nur in Selbsterweckung und Bewußtsein geschieht. Alle Künste, alle Wissenschaften sind doch nur dazu da, um an fremdem Bewußtsein unser eigenes zu wecken. Wer das aus sich selbst kann, hat genug. Wer des Morgens zur Stunde, da er an die Arbeit gehen will, von selbst aufwacht, braucht sich nicht vom Nachtwächter wecken zu lassen. * Hansei ist Geschworener geworden. Walpurga ist stolz darauf, er selbst nahm auch mit einem gewissen feierlichen Stolz Abschied. Es ist eine schöne Sache, daß das Gewissen des Volkes zum Rechtsprechen angerufen wird. * Hansei ist zurück. Er weiß viel Schauderhaftes zu erzählen. Mir ist, als wäre das ganze Leben, alle die Schicksale der Menschen, nur ein Schattenspiel an der Wand. Hansei war sehr bewegt, als er erzählte: »Ja, da sind mir alle meine Sünden eingefallen und ich hab' hart gebüßt, wie ich da hab' Urteil sprechen müssen. Wir alle können nur von Glück sagen, wenn wir nicht in Sünde verfallen und auch dort auf der Marterbank sitzen.« * (Sonntag, 28. Mai.) Die Großmutter ist tot. Ich kann nicht davon erzählen. Es erstarrt mir die Hand. Sie küßte mich auf die Augen und rief: »Ich küsse deine Augen und wünsche, daß sie nie mehr weinen!« Noch zwei Stunden vor ihrem Tod sagte sie zu Hansei: »Mach der Burgei einen Schlitten, sie hat solches Verlangen danach; es freut mich, wenn du das thust, sie wird keinen Schaden dabei leiden. Ich bitte dich, thu's.« »Ja ja, Großmutter,« erwiderte Hansei –es erstickte ihm fast die Stimme, daß die Großmutter jetzt noch an das Kind dachte und nichts wollte, als ihm eine Freude machen. * Der Todesschrecken liegt auf mir, so schwer, und doch fühle ich innerlich eine Freiheit. Ich habe den schönen Tod gesehen. Meine Hand hat ein erstarrendes Auge zugedrückt. Ich habe das Schwerste vollzogen, was der lebendigen Kraft auferlegt ist. Ich hätte nicht geglaubt, daß ich es kann. Damals konnte ich es nicht, ich selber lag am Boden, tief unter der Erde und neben mir mein todesstarrer Vater. Der Tod der Mutter hat mir alle Schrecken von der Seele genommen. Ich habe die Kraft, Walpurga beizustehen. Ihre Klage hat keine Grenze. »Ich bin jetzt auch eine Waise wie du,« rief sie und warf sich an meinen Hals. Dann rief sie der Toten: »O, Mutter, kannst du mir das anthun, daß du mich verlässest? Ach lieber Gott, und da springt der Vogel noch im Käfig! Ja, du kannst springen, die Mutter aber nicht mehr.« Sie nahm ein Tuch und hing es über den Käfig des Kreuzschnabels und sagte dann: »O, liebes Tierchen, ich möchte dich gern fliegen lassen, aber ich kann nicht; meine Mutter hat dich so gern gehabt, ich kann dich nicht lassen,« und dann wieder zur Leiche gewendet, sagte sie: »O, Mutter, kann's denn wieder Tag werden, wenn du nicht da bist? Ja, die Uhr tickt, die geht weiter, die kann man aufziehen, o, du lieber Gott, und da werden die Stunden kommen und vergehen und ich hab' dich nicht, o verzeih' mir's, daß so viele Stunden gewesen sind, wo ich nicht bei dir war!« Der Kleiderschrank sprang plötzlich auf, und Walpurga erschrak ins Herz hinein; dann aber faßte sie sich wieder und sagte: »Ja, ja, ich trag' deine Kleider, ich trag' sie und will sie zu Gutem tragen, und es soll mir kein böser Gedanke ins Herz kommen und kein böses Wort in den Mund, halt' mich nur, daß ich immer dein bin. O, lieber Gott, jetzt sagt niemand auf der Welt mehr ›Kind‹ zu mir; ich denk' an dein Wort, wie du gesagt hast: So lang man noch Vater und Mutter sagen kann, so lange ist noch eine Liebe auf der Erde, die einen auf den Armen trägt; erst wenn die Eltern gestorben sind, wird man auf den harten Boden hingesetzt. Ich will deine Worte alle behalten, und meine Kinder sollen sie auch behalten. Nicht wahr, Irmgard, du weißt auch noch viele gute Worte von ihr?« So klagte Walpurga und ich konnte nur erwidern: »Ja, und halte das fest, daß sie gesagt hat: Man kann sich auch mit Worten versündigen. Klage nicht so sehr!« * Walpurga holte das Gebetbuch der Verstorbenen und las darin das Gebet für eine abgeschiedene Seele. Nachdem sie gelesen, gab sie das Buch auch mir. Ich las, mit Dank und Andacht. Wir singen auch Lieder und Weisen, die andre gesetzt, –wir können in den höchsten Erregungen nichts Eigenes fixieren –wir nehmen die Lieder von Dichtern auf die Lippen, sie singen, dichten und empfinden uns vor; in Dichterherzen ist in Wahrheit das zweite Jerusalem der Bildung. Die ganze weite Welt, wodurch sich der Mensch vom Tier, von Pflanze und Stein unterscheidet, ist eben, daß ein Mensch dem andern vorempfindet und nachempfindet. Es tönt ein ewiges Lied durch die Menschheit, von Anfang bis jetzt, und es ist auch mein, und meine Stimme ist ein Ton darin; es leuchtet eine ewige Sonne von Geschlecht zu Geschlecht und ich bin ein Strahl darin. Die Berge überdauern die Geschlechter stumm, es kommt kein neuer dazu; aber aus der Seele der Menschheit steigen von Geschlecht zu Geschlecht neue Hochwarten des Geistes empor. * Schön sterben ist das Beste. Wunderbare Kraft der Religion! Ueber dem Lager des Kranken hängen vom Himmel herab Glockenzüge, an denen er sich aufrichtet, und sind sie auch nicht da, er glaubt sie, er hält sie, und das gläubige Halten und Fassen richtet ihn auf. * Eine wundersame Ruhe trat im Hause ein, als die Großmutter begraben war. Es ist Walpurga ein Trost, daß so viele beim Leichenbegängnis zugegen waren. »Ja, sie haben sie alle geehrt, alle, aber sie haben sie doch nicht ganz gekannt. Du und ich, wir haben sie gekannt. Weißt du noch, Hansei, wie man uns daheim die Kartoffeln gestohlen hat im Feld? Da hat sie gesagt: ›Wenn man nur die Leute wüßt', die sie gestohlen haben.‹ Und da hab' ich gesagt: ›Mutter, wollt Ihr sie verklagen beim Amt?‹ –›Du einfältig Ding,‹ hat sie mir darauf vorgehalten, ›wie kannst du denken, daß ich's so meine? Ich meine, wenn man nur wüßt', wer die Leute sind, die bei Nacht uns die Kartoffeln stehlen; sie müssen doch auch wissen, daß wir selbst wenig haben. Das müssen aber gar unglückliche Leute sein, denen müßte man aushelfen, so viel man kann.‹ Ja, das hat sie gesagt. Hat's noch je eine Seele gegeben, die so was ausdenken kann? So müssen die Heiligen gewesen sein, die an alle so gut denken. Gar keinen Ekel vor einem Kranken hat sie gehabt und gar keinen Haß auf einen Schlechten; sie hat nur immer gedacht: wie viel müssen die Menschen Elend leiden, daß sie so krank sind, und die anderen, daß sie so schlecht sind. Wenn ich nur auch so werden könnte, wie meine Mutter. Ermahne mich nur immer, Irmgard, wenn ich wieder zornig bin und schreie. Gelt, du hilfst mir, daß ich so werde, wie meine Mutter war, und daß einmal meine Kinder auch so an mich denken? Ach, wenn man nur immer so brav war', wie man sein möchte. Aber sie hat recht gehabt, wie sie immer gesagt hat: Wünschen in die eine Hand und blasen in die andre Hand ist gleichviel.« * Jetzt will ich wieder an die Arbeit. Das ist das Harte und das Tröstliche der strengen Arbeit: Walpurga und Hansei müssen arbeiten, sie können sich dem Schmerz nicht hingeben, es liegt zu viel auf ihnen. In den höchsten Affekten ist die Tonart des Königs und des Bettlers, des phantasiegetragenen Dichters und des einfältigen Herzens ganz dieselbe. Die Klage Walpurgas war aus demselben Accord wie die Lears um Cordelia, und doch wieder wie ganz anders. Einem Vater, dem sein Kind stirbt, stirbt die Zukunft, einem Kinde, dem eines seiner Eltern stirbt, stirbt die Vergangenheit. Ach, wie dürftig ist jedes Wort! * Wie hat mich heut ein Wort des Hansei erschreckt! Also auch in diese Herzen ist der Zweifel eingedrungen? Und sie thun ihre Pflicht auf der Welt ohne Glauben an das Jenseits, wenigstens ohne den festen. Der Pfarrer hatte am Sarge gepredigt und gesprochen: »Seht die Bäume, vor wenig Wochen waren sie tot, aber sie leben auf im Frühling.« Das hätt' der Pfarrer nicht sagen sollen, klagte Hansei, so nicht. Das ist ein Trost, den man einem Kinde geben kann, aber uns nicht, so nicht. Was will er da von den Bäumen? Die Bäume, die noch Leben haben, die grünen wieder im Frühjahr, die aber tot sind, die grünen nicht mehr, die werden umgehackt und neue dafür gepflanzt oder gesäet. * Es ist uns allen wunderbar einsam im Haus. Jedem fehlt etwas. Am untröstlichsten ist aber der Ohm Peter. »Jetzt lauf' ich allein in der Welt herum und hab' kein Geschwister mehr. Sie war der Stolz von unsrer Familie,« wiederholt er dann oft. Er hat bisher auf der Bodenkammer bei den Knechten geschlafen, nun hat ihm Hansei die Stube des Auszüglers angewiesen und er ist ganz stolz damit; oft aber klagt er auch wieder: »Warum komm ich erst so spät zu dem da? Wie dumm sind wir doch gewesen, meine Schwester und ich. Wir hätten da miteinander hineinziehen sollen; könnte es etwas Schöneres geben? Wie gut hätten wir da miteinander gelebt und du wärst auch mit. O, wie dumm, wie dumm ist das Alter! Man sieht die vielen guten Nester erst, wenn die Bäume kahl sind und nichts mehr drin ist. Man kriegt was zu beißen, wenn man keine Zähne mehr hat, hat meine Schwester immer gesagt.« »Meine Schwester hat gesagt« –setzt er jetzt immer hinzu, wenn er etwas vorbringen will, worin er sich nicht gern widersprochen sieht, und ich glaube, er meint auch, seine Schwester habe es wirklich gesagt. Er hat ihren Schrank geerbt und klopft allemal erst mit dem Schlüssel an die Thür, ehe er aufschließt. * Mein Pechmännlein ist ein guter Bienenvater. Er weiß die Bienen zu warten und nennt sie das Weidevieh des armen Mannes. »Seit dem Tod meiner Schwester,« klagte er mir heut, »hab' ich lauter Unglück mit den Bienen, sie wollen nichts mehr von mir.« * Ich habe monatelang nichts geschrieben. Für wen sollen diese Blätter? Wozu quäle ich meine Seele, die flüchtigen Erscheinungen um mich her und die Regungen in mir festzuhalten? Das hatte mich wirr gemacht. Jetzt bin ich ruhig. Ich habe monatelang gearbeitet und nur gearbeitet. Mir ist, als müßte ich bald sterben, und ich fühle mich doch in der Fülle meiner Kraft. Auch daß die Menschen mit meinem Wahnsinn spielen, ängstigt mich oft. * Jetzt erst fühle ich, daß meine Ruhe hier keine volle war, sie konnte jede Minute verscheucht werden. Nun aber komme, was da wolle, ich bleibe. * Ein Gewitter! Wir, die wir immer mit Sonne und Mond und allem Witterungswechsel leben, für uns ist ein Gewitter etwas ganz andres, als für die Menschen in ihren Häusern, die nur nach dem Wetter schauen, wenn sie müßig sind oder eine Lustpartie vorhaben. Es ist ein Gefühl, als wenn man in den Moment der Schöpfung zurückversetzt wäre, alles ist wieder dem Chaos preisgegeben, noch ist nichts Festes da, die Unendlichkeit des großen Weltorganismus und seiner gebundenen Mächte spricht in Donnern und leuchtet in Blitzen. Ich sah einmal an einer öffentlichen Spielbank, während es Schlag auf Schlag donnerte und blitzte und die ganze frivole Welt sich vom Spieltisch zurückzog, eine einzige vornehme Dame fortpointieren. Die Croupiers mußten weiter arbeiten. Diese Dame gibt große Gesellschaften, und eine Magd, die ihr einen silbernen Löffel gestohlen, muß ins Zuchthaus. Wie gemein diese Diebin! –Und sie? Allerdings, das darf ich nicht vergessen: die Dame hört jeden Morgen, bevor sie zum Spieltisch geht, eine Messe. * Der schönste Tod wäre doch der, von einem Blitz erschlagen zu werden. An einem schönen Sommertag plötzlich vom großen Schützen Blitz getroffen zu werden. * Ich habe einen Menschen aus der Bildungswelt gesehen. Ein junger, schöner, lebhafter Mann mit feinen, wohlgepflegten Händen –er ist Musiker –übernachtete heut auf unserm Hof. Das Gewitter hatte ihn überrascht. Er blieb hier und erzählte: »Ich habe meinen Arzt ehrlich und aufs Gewissen gefragt –sehen Sie, auf diesem Auge bin ich schon erblindet –auf dem andern werde ich's in einem Jahre sein. Da will ich nun noch einmal die große, weite, schöne Welt sehen; wer die Alpenwelt nicht gesehen, weiß nicht, wie schön unsre Erde ist. So fasse ich sie noch einmal in mich hinein und habe sie in mir geborgen, ich fasse die Sonne, die Berge, die Wälder, die Wiesen, die Ströme und die Seen und das Menschenantlitz vor allem. Ja, Kind,« sagte er zu mir, »und das deine werde ich behalten, du bist das lieblichste Bauernmädchen, das ich je gesehen; ich lerne dein Gesicht auswendig, wie ich Gedichte auswendig lernte, um mir sie einst in Nacht und Einsamkeit vorzusagen und vorzustellen.« Ich war sehr befangen, er war überaus lustig. Nur warf er manchmal einen seltsamen fragenden Blick auf die Binde um meine Stirne. Was mochte er davon denken? Ich hätte ihm gern gesagt, daß ich einst ein von ihm komponiertes Lied gesungen habe im Hause Gunthers. Er erwähnte seinen Namen nicht. Ich kann nicht sagen, wie mich das Bild des schönen, jungen Mannes rührte, und es war so viel Kraft in ihm, keine Spur von weichlicher Empfindsamkeit. Er ist aus dem hohen Norden und hat etwas von der herben Schönheit der nordischen Stämme; er hat salzige Seeluft eingeatmet, und das macht ihn so stramm, wie sie es dort nennen. Mir sind diese strammen Naturen tief ansprechend und erwecklich. Man kann nicht schlaff, brütend, selbstgefällig sein in ihrem Umkreise. O, was vermag ein starker Wille! Wie ringt der Menschengeist mit den Naturmächten und besiegt sie ... * Ich habe seit dem Tod der Großmutter heut zum erstenmal wieder geweint, jetzt ist mir leicht und frei. Der Erblindende ist abgereist und ich habe ihn noch lange auf dem Thalwege jodeln hören. Wenn ich im Leben einem Menschen außer mir noch etwas sein dürfte ... Wer meine Stirn nicht sehen, meine Schönheit nicht loben könnte, dem könnte ich doppelt gut sein. Vorbei! – Welche wundersame Schatten wirft das Spiel des Lebens auch zu uns herauf! * Bei diesem Besuch habe ich gesehen, daß in Walpurga noch eine starke Portion Eitelkeit steckt. Sie hat es nicht lassen können, das Gespräch darauf hinzulenken und dem Fremden endlich deutlich zu sagen, daß sie die Amme des Kronprinzen gewesen ist und fast ein Jahr lang im Schloß gewohnt habe. Es ist etwas in ihr, wie in einem Manne, der viel hohe Orden hat und nun undekoriert einhergeht, wie ein General in Zivil; er lehnt es bescheiden ab, Excellenz genannt zu werden, aber er will's doch. Das Jahr Hofluft ist nicht spurlos an Walpurga vorübergegangen. Hansei, der den Fremden auch gern hatte und tiefes Mitleid für ihn zeigte, war offenbar ärgerlich über die Prahlsucht seiner Frau, aber er unterdrückte es. Er ist stark in der Selbstbeherrschung. Heut aber, als sie miteinander zur Kirche gingen, fragte Hansei: »Willst du nicht an einem Band das Bild um den Hals hängen, wo du mit dem Kronprinzen als Amme abgebildet bist, damit ja niemand vergißt, was du einmal gewesen?« Ich glaube, daß Walpurga nie mehr von ihrer glänzenden Vergangenheit sprechen wird. * Beim Tod und Begräbnis der Großmutter habe ich den Schulmeister im Dorf näher kennen gelernt. Er hatte eine ziemlich gute Bildung, nur prunkt er damit und bringt gern große Worte vor, um immer zu imponieren und zu zeigen: Seht, ihr versteht mich doch nicht ganz. Aber die Art, wie er mit wahrer Herzlichkeit unsre Trauer teilte, hat ihn mir wert gemacht, und ich habe ihm das unbefangen gezeigt. Und da sagte er mir einmal: »Deine Fertigkeit im Holzschnitzen ist so viel wie ein Heiratsgut; du kannst viel Geld verdienen.« Ich ahnte nicht, was er damit wollte. Am letzten Sonntag zeigte sich's. Er kam angethan mit schwarzem Frack und weißen baumwollenen Handschuhen und machte mir einen förmlichen Heiratsantrag. Er wollte mir gar nicht glauben, daß ich nie heiraten wolle, und wiederholte dringend seinen Antrag, von dem er nur abstehen wollte, wenn ich einen andern liebe. Glücklicherweise kam mir Walpurga zu Hilfe. Der gute Mann ging wie zerbrochen wieder aus dem Hause. Warum muß ich noch einem armen Menschen Herzeleid bereiten? Von meinem eigenen will ich nicht reden. * Die Geschichte mit dem Schulmeister geht mir doch nach. Walpurga sagte mir, warum ich denn so einsam bleiben wolle; wenn ich auch nicht mehr in die große Welt zurückkehren wolle; so könnte ich doch einen guten Menschen glücklich machen und könnte viel Gutes thun an den Kindern und Armen im Dorf. Da lernte ich mich neu kennen. Ich bin nicht zur Wohlthätigkeit geartet. Ich bin keine barmherzige Schwester. Ich kann keine Kranken besuchen, die ich nicht kenne und nicht liebe. Die Großmutter konnte ich hegen und pflegen –sonst aber niemand. Mir sind die Bauernstuben zuwider –diese dumpfe Luft in den Wohnungen der Simplicität. Ich bin keine wohlthätige Fee. Meine Sinne sind zu leicht verletzt. Ich will mich nicht besser machen als ich bin. Nein, besser machen möchte ich mich wohl, aber man kann nur das Gute besser machen, und dieses Gute ist nicht in mir. Ich muß ehrlich sein. Eher könnte ich in einem Kloster leben. Diese Erkenntnis macht mich nicht unglücklich, aber schwermütig. Die Sucht, zu genießen, mein Selbst zu empfinden, ist so stark. * Franz, der Bräutigam der Gundel, ist einberufen. »Es gibt Krieg mit den Franzosen!« bringt mein Pechmännlein die Kunde aus der Stadt, und er berichtet, daß jetzt auch unser Geschäft schlecht gehen würde, die Leute wollen nichts mehr kaufen, unser Arbeitgeber will nur die Hälfte des Preises zahlen. So arbeite ich nun auf Vorrat –ich muß auch die Lasten der Welt mittragen. Seltsam aber geht mir's durch den Sinn, daß ich von meinem Vaterland und meiner Zeit so gar nichts mehr weiß. Den einen Trost habe ich dabei: man wird jetzt in Kriegszeiten nicht nach einer Verlornen forschen. * Jeder Mensch, wo er auch stehe, steht ungeahnt auf einer Höhe, wo er die Gräber nicht sieht. Sähe man sie immer, es gäbe keine Arbeit in der Welt und keinen Gesang. Selbstvergessen oder Selbsterkennen –darum dreht sich alles. * Ich sehe beständig, auch im heißesten Sommer, die Berge mit den Schneespitzen vor mir. Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, aber es gibt mir das stets eine eigentümliche Mischung der Empfindung; ich sehe immer über das Datum hinaus, über die Jahreszeit; ich habe alle zusammen. In meiner Seele ist auch eine Stelle, darauf ewiger Schnee liegt. * Ich bin nun im dritten Jahre hier. Ich habe einen schweren Entschluß gefaßt. Ich ziehe noch einmal in die Welt hinaus. Ich muß die Stätten meines vergangenen Daseins noch einmal sehen. Ich habe mich streng geprüft. Ist es nicht Abenteuersucht, jener gemeine, vornehme Kitzel, etwas Ungewöhnliches, Gefahrvolles vorzunehmen, und die Lust, den Schauer auszukosten, als eine Gestorbene noch einmal durch die Welt zu wandern? Nein, nichts davon. Was ist es denn? Ein inniges Verlangen, wieder in die Weite zu ziehen, nur auf Tage. Ich muß das Verlangen töten, sonst tötet das Verlangen mich. Woher auf einmal diese Sehnsucht? Jedes Handwerkszeug brennt mir in der Hand. Ich muß fort! Ich will nicht grübeln, ich folge. Ich habe keine Ordensregel, mein Wille ist mir Gesetz. Ich thue niemand etwas zu leide, wenn ich folge; ich fühle mich frei, die Welt hat keine Macht über mich. Ich scheute mich, Walpurga mein Vorhaben mitzuteilen. Aber wie sie dann sprach, Ton, Wort, die ganze Art, ja daß sie zum erstenmal »Kind« zu mir sagte, alles war mir, als ob ihre Mutter noch zu mir spräche. »Kind,« sagte sie, »du hast recht. Geh' du, es wird dir gut sein. Ich glaube, daß du wieder zu uns kommst und bei uns bleibst; aber wenn du auch nicht wiederkommst und dir vielleicht doch noch ein ander Leben aufgeht –du hast schwer gebüßt, schwerer als du verschuldet.« Mein Pechmännlein war ganz glücklich, als es hieß: wir reisen von Sonntag bis Sonntag. Als ich ihn fragte, ob er denn nicht neugierig sei, wohin wir reisen, erwiderte er: »Mir eins! Mit dir reise ich durch die ganze Welt, wohin du willst, und wenn du mich fortjagst, komm' ich dir nach wie ein Hund und ich finde dich.« Wir reisen ab. Ich nehme meine Blätter mit. Ich will jeden Tag aufschreiben. * (Am See.) Es wird mir schwer, ein Wort niederzuschreiben. Die Schwelle, die ich überschreiten muß, um in die Welt hinauszugehen, ist mein eigener Grabstein. Ich kann's nicht fassen. Wie fröhlich war das Wandern thalwärts. Mein Pechmännlein sang, und auch mir stiegen Lieder auf; aber ich sang nicht. Plötzlich unterbrach er sich und sagte: »In den Wirtshäusern, da bist du meine Bruderstochter, nicht wahr?« »Ja.« »Da mußt du mich aber auch Ohm heißen.« »Natürlich, lieber Ohm.« Er nickte auf dem ganzen Wege vor sich hin und war voll Glückseligkeit. Wir kamen zum Wirtshaus an der Anlände. Er trank und ich trank mit aus seinem Glase. »Wohin geht der Weg?« fragte die Wirtin. »Nach der Hauptstadt,« sagte er, und ich hatte ihm doch gar nichts darüber mitgeteilt; leise sagte er zu mir: »Wenn du auch anderswohin willst –die Leute brauchen nicht alles zu wissen.« Ich ließ ihn allein. Ich suchte die Stellen auf, die ich damals gewandelt. Da –da ist der Felsen –darauf ein Kreuz –auf dem Kreuz lese ich in goldenen Buchstaben: Hier verunglückte Irma Gräfin von Wildenort im 21. Jahre ihres Lebens, Wanderer, bete für sie und ehre ihr Andenken. Ich weiß nicht, wie lange ich da gelegen. Als ich erwachte, waren mehrere Menschen um mich beschäftigt, unter ihnen mein Pechmännlein, der jammerte und klagte. Ich hatte die Kraft, nach dem Wirtshaus zu gehen, und mein Pechmännlein sagte den Leuten: »Meine Bruderstochter ist's nicht gewöhnt, so weit zu laufen; sie sitzt das ganze Jahr in der Stube, sie ist eine Holzschnitzerin und was für eine!« Die Menschen waren alle sehr freundlich gegen mich. Es gingen viele ab und zu in der Wirtsstube, und sie erzählten meinem Pechmännlein, daß der schöne Gedenkstein da draußen ein großer Vorteil für das Wirtshaus sei; im Sommer kämen Hunderte von Menschen, Männer und Frauen, die den Gedenkstein besuchen, und auch eine Nonne vom Kloster käme jedes Jahr mit einer andern Nonne und bete am Kreuz. »Wer hat denn den Bildstock gesetzt?« fragte das Pechmännlein. »Der Bruder der Verunglückten.« »Nein, der König!« hieß es. Das Gespräch brach oft ab, spann sich aber immer wieder neu an. Ich sah in ein sich bildendes Sagengewebe hinein. Die einen sagten: es sei doch nicht geheuer, damals habe sich auch eine schöne Person ertränkt, die man die schwarze Esther genannt, sie sei eine Tochter der Zenza gewesen, die über dem See drüben im Wahnsinn lebt! und wer weiß, ob nicht auch das schöne Fräulein, denn sie sei gar schön gewesen, sich ertränkt habe. Dagegen aber eiferte die Wirtin: die Gräfin habe viele goldene Ketten und Diamanten an sich gehabt und besonders einen diamantnen Stern auf der Stirne, und man habe ja das Pferd gesehen, das sie abgeworfen habe, und der Bruder habe das Pferd erschießen wollen, weil es das gethan, das Pferd sei aber verhext gewesen und habe von dem Tag an nichts mehr gefressen, bis es tot umgefallen sei. Wieder andre erzählten: der Vater der Gräfin habe ihr befohlen, sich zu ertränken, und sie sei ein folgsames Kind gewesen und habe es gethan. »Und warum soll denn das der Vater befohlen haben?« fragte mein Pechmännlein. »Weil sie einen Ehemann geliebt. Man darf nicht davon reden.« »Man darf schon,« flüsterte ihm ein Schiffer zu. »Sie und der König haben einander gern gehabt, und um nicht schlecht zu werden, hat sie sich ertränkt,« Wie soll ich sagen, wie mir's war bei all diesen Reden? Vielleicht fährt nach Jahren ein einsames Kind über den See und singt ein Lied von der schönen Gräfin mit dem diamantnen Stern auf der Stirne. Ich weiß nicht, wie es Nacht wurde und wie ich eingeschlafen. Ich erwachte und hörte das Lied von der ertrunkenen Gräfin. Es hatte mir im Traum geklungen, aber so wehmütig, so tief. Alles, was ich erlebt, war mir wie ein Traum. Ich schaute zum Fenster hinaus –ich sah über den See, und drüben blinkte die goldene Schrift im Morgenschein. Was sollte ich thun? Sollte ich umkehren? Mein Pechmännlein war wohlauf, als er mich wieder so frisch sah. Die Wirtin bot mir eine Abbildung des Gedenksteins an, die alle Reisenden kauften. Mein Ohm handelte darum, und erhielt sie um die Hälfte des geforderten Preises und schenkte sie mir. Ich trage das Bild meines Grabsteins auf der Brust. Ueber ein zweites Grab mußte ich wandern. Ich sah das Grab meines Vaters. Ich legte die Hand auf den Hügel, und in mir sprach es: Du wirst versöhnt sein –ich sühne und büße. Wie mich all die Erinnerungsorte erschütterten –ich kann nichts davon aufzeichnen, es bricht mir das Herz. Ich fühle ohnedies ein stetes ängstliches Herzklopfen. Ich will den Bericht abkürzen. Ich halte die Aufzeichnung nicht aus. Ich werde diese Blätter nie wieder ansehen ... Wir wanderten nach dem Frauensee; wir setzten über nach dem Kloster. Ich sah unter den Nonnen meine geliebte Emmy, die alljährlich zu meinem Grabstein wallfahrtet. Ich betete mit ihr hier seit vielen Jahren zum erstenmal wieder in der Kirche. Was ist denn für ein Unterschied, ob man noch lebt oder tot ist, wenn nur der Gedanke ... Ich schreibe mit zitternder Hand weiter, aber ich will ... Als ich das Kloster verließ und wieder über den See fuhr, da wehte mich in der freien Luft doch wieder ein starker Gedanke an: ich büße frei! Das ist mein letzter Stolz. Mein Wille hält mich so fest, wie die Riegel im Kloster, und ich –ich arbeite ... Es mußte alles ausgeführt werden, wie ich mir's vorgesetzt. Ich sah die ganze Welt noch einmal und nahm Abschied von ihr. Wir wanderten nach der Residenz. Wie mich der Lärm und das Fahren erschreckte. Als ich zum erstenmal wieder ein Seidenkleid knistern hörte, es war mir ein angreifender Ton. Und als ich die erste Frau mit Modehut und Schleier sah, drängte es mich sie anzusprechen. Diese Menschen aus der Bildungswelt gehören zu mir. Ich komme doch wie aus der Unterwelt wieder an das Sonnenlicht. An den Straßenecken las ich die Anzeigen. Ist das noch dieselbe Welt, in der ich lebe? Einer amüsiert den andern, musizierend, singend u. s. w. Man holt keine Lebensfreude aus sich. Die Welt ist ein Zusammenhang. Du hast ihn verloren. Ich sah das Getreibe der Stadt aus einem kleinen Einkehrwirtshaus am Morgen. Die Häuser da und dort –es ist ein Stück Leben von mir als Gespenst. Wenn die Menschen wüßten –Es sind Straßen da, die ich nicht kenne. Alles geht sorglos aneinander vorüber. Die Menschen in der Stadt sehen alle so verdrossen aus; kein sonniges, glückliches Gesicht ist mir noch begegnet. * Ich war in der Bildergalerie. Diese Lust, mit dem Auge zu saugen; dieser Rausch von Farben, diese feierliche Stille! Ich sah und hörte meinen alten Lehrer zu einem Fremden sprechen: Nicht die historische Größe des Gegenstandes und Umfanges gibt einem Kunstwerke seinen großen historischen Charakter, sondern das, daß der Künstler sich auf den großen historischen Boden stellt, und uns darauf stelle; derselbe Gegenstand kann so oder so gefaßt, vergänglich und genrehaft oder historisch bleibend und groß dargestellt werden ... Wie berauscht ging ich durch die Räume. Alle meine alten Freunde grüßten mich, sie sind, in ewige Farben gekleidet, treu und unverändert geblieben. Die Natur und die Kunst sind treu, das ist ihre Kraft, aber sie sprechen nicht, sie sind nur da. –Nein –die Natur allein ist stumm, die Kunst ist die redende Natur. Der Menschengeist spricht nicht durch den Mund allein. Mir war's, als müßte die Maria Aegyptiaca plötzlich den Kopf wenden und zu mir sprechen: Kennst du mich jetzt? Mir wurde wirr und bang. Ich saß lang im Raphaelsaal wie in einer andern Welt, und das Schönste, was die Erde getragen und die Schöne, mit der die reinsten Augen es erfaßt hatten, umgab mich. Ein beglückender Gedanke ging mir durch die Seele: durch die Kunst werden die Menschen zuerst frei, da geht ein zweites freudenschaffendes Leben an und –was noch größer –da ist ein höchstes Reich, da kann jeder eintreten, wenn er berufen: der arme Sohn des Volkes spricht: in diesen hohen seligen Räumen will ich und mein Geist wohnen –und er waltet hier ewig, in der freien Ahnenluft der Menschheit. Da ist Unsterblichkeit oder besser ewige Ungestorbenheit. Im Vaterhause der freien Kunstschöpfung ist unendlicher Raum und ewige Heimat. Hier tritt ein, wer selig gelebt hat. Ich stand am Schloß. Die Fenster waren offen in den Zimmern, die ich einst bewohnte. Mein Papagei war noch da in seinem goldenen Käfig und rief: Pfüt di Gott! Pfüt di Gott! Meinen Namen setzt er nicht hinzu. Er hat ihn vergessen. * Ich sah seit Jahren zum erstenmal wieder eine Zeitung: sie lag vor mir auf dem Tisch. Ich konnte mich lang nicht entschließen, sie zu lesen: endlich that ich's doch. Da hieß es: »Seine Majestät der König sind im Gefolge des Ministerpräsidenten von Bronnen (also Bronnen Minister), des Oberstallmeisters Grafen von Wildenort (also mein Bruder) und des Leibarztes, Geheimrats Doktor Sirtus (also mein hoher Freund Gunther ist auch tot), zu einer sechswöchentlichen Kur nach dem Seebad abgereist.« Wie viel sagen mir diese wenigen Zeilen! Ich brauchte nicht weiter zu lesen. –Da stand aber doch noch: »Ihre Majestät die Königin sind mit Seiner Königlichen Hoheit dem Kronprinzen nach Schloß Sommerburg übergesiedelt.« * Ich ging in der Stadt umher, stand an den Schaufenstern der Kaufläden und sah mir alle die Dinge an, die ich nicht mehr brauche. Da fand ich in einem Schaufenster meine Schnitzereien ausgestellt. »Das ist unsre Arbeit,« rief mein Pechmännlein, ging keck in den Laden, fragte nach dem Preis und von wem die Arbeit. Wir hörten einen hohen Preis, und der Kaufmann setzte hinzu: »Diese Kunstwerke –ja Kunstwerke nannte er sie –sind von einer halbwahnsinnigen Bäuerin im Gebirge.« Ich sah mein Pechmännlein an. Er hatte entsetzliche Angst vor mir, und sein Blick bat mich, ich solle doch ja nicht da in der Fremde verrückt werden. In der That, er hatte wohl Grund zu dieser Angst, denn bei aller Selbstbeherrschung mag meinem treuen Geleitsmann mein ganzes Thun und Lassen nicht geheuer erschienen sein. Ich habe mir einige kleine Gipsabgüsse von griechischen Gemmen gekauft; nun habe ich doch ewige Schönheitsmuster vor mir. Es war ein Kunststück, solche seltsame Dinge einzukaufen; ich wagte es auch nur in der Dämmerung. Ich sah viele Gesichter, die ich kannte; aber ich schaute immer schnell weg. –Nur die gute Mamsell Kramer hätte ich gern angesprochen; sie ist alt geworden, sehr alt; sie trug ein Buch mit dem gelblichen Schilde der Leihbibliothek in der Hand –wie viel tausend Bände hat die Gute schon gelesen! Sie liest die Bücher weg, wie die Männer Cigarren rauchen. Ich ging nach dem Hause des Leibarztes. Das Hofthor stand offen, es ist jetzt eine Fabrik darin. Die schönen Bäume sind gefällt. Auf dem Haupte der Viktoria am Zeughaus saß eine Taube mit glänzendem Gefieder –ich sah die Figur ohne Augenglas ganz klar. * Der Abend brachte mir ein reines Glück, das reinste, das ich je empfunden und, wie ich glaube, noch je empfinden werde. Im Theater wurde Mozarts Zauberflöte aufgeführt. Ich ging hin mit meinem Pechmännlein. Wir saßen auf der obersten Galerie. Es waren wohl viele Menschen im Theater: darunter gewiß auch manche, die ich kannte. Ich sah niemand. Ich sah und hörte und schwebte nur im Zauber. Mitternacht ist vorüber. Ich wohne mit meinem Pechmännlein in einem Fuhrmannswirtshaus; ich kann nicht zur Ruhe kommen, ich muß festhalten in Worten, was mir ward. Mozarts Zauberflöte –das ist eine jener ewigen Schöpfungen, die im reinen Aether, im Jenseits aller Leidenschaft und alles Menschenkampfes steht. Ich habe oft gehört, wie kindisch dieser Text sei; aber auf dieser Höhe kann alle Handlung, alles Geschehen, alle Menschenerscheinung, alle Umgebung nur noch allegorisch sein. Die Schwere und Begrenztheit ist abgestreift, der Mensch wird zum Vogel, zum reinen Naturleben, er wird zur Liebe, wird zur Weisheit. Das Kindliche, ja das Kindische des Textes ist einzig naturgemäß; nur überreizte Menschen können das langweilig und geschmacklos finden. Das ist das letzte dramatische Werk Mozarts und er erneut sein höchstes Wesen, all die Klangfülle in ihm wie in der Verklärung. Seine Einzelgestalten ziehen an ihm vorüber, werden neu, minder fest und charakteristisch, aber um so reiner und ätherischer. Es ist da im besten Sinne etwas Ueberirdisches, wie es in den Menschen und Dingen zerstreut waltet und klingt, aber hier gesammelt und gebunden ist. Der Einzugschor der Priester ist der Marsch der Humanität und der Chor »O Isis« die sonnenhafte Friedensseligkeit. Hier ist das volle Paradiesesmärchen, ein Leben über der Welt, wohin nur die Musik emportragen kann, im freien, über allen Stürmen und Wettern erhabenen Aether. Ich habe stundenlang darin geschwebt, ich weiß nicht, wie ich wieder hernieder kam, und zahllose Gedanken umschwirren mich. In dieser Musik ist erhabene Ruhe, selbstbewußte, nichts von gedrückter Demut; da ist unverwelklich blühendes Leben, nein der Duft der reifen Frucht. Mozarts letztes Werk hat einen Genossen in Lessings letztem Werk, in »Nathan der Weise«. Weit weg über die zerrissene kämpfende Welt schwingt sich da die Seele und lebt im reinen Jenseits, in der positiv gewordenen Frömmigkeit und Friedsamkeit, wo es nur noch ein Lächeln gibt für die Abquälungen der Menschen in ihrer Beschränktheit und Endlichkeit. Der große Hort des Menschentums ist nicht in eine Vergangenheit vergraben, er muß erst aus der Zukunft geschürft, gebildet und geschaffen werden. In »Nathan« und »Zauberflöte« sind glänzende Stücke des Geschmeides; sie beweisen, daß die Seligkeit nicht ein Wahn, und wer in der wirklichen Welt die Ueberweltlichkeit nicht ahnend in sich trägt, der faßt das nicht. Solche Stunden gelebt zu haben ist ewiges Leben. Die drei Knaben singen gottesvolle Seligkeit. Wenn die Engel auf Raphaels Sixtina sängen –das wären ihre Weisen, in dieser Tonregion bewegten sich ihre Stimmen. Das sind Klänge, die ich hören möchte in meiner Sterbestunde, so wonnig auflösend. Wenn man nur die ungebrochene Fortsetzung solcher höchsten Wonnen der Empfindung haben könnte! Ich saß nach der Oper lange im Park, rings um mich Nacht und Stille. So vollgesogen von dieser Musik möchte ich hinausfliegen in meine Waldeinsamkeit und nichts mehr von der Welt haben und still vergehen; kein fremder Ton sollte mich mehr berühren und stören. Ich mußte doch wieder in die Welt zurück. Da sitze ich nun in später Nacht, die ganze Welt liegt in Ruhe und Selbstvergessen, ich bin wach in Ruhe und Selbstvergessen. O ihr ewigen Geister, wer mit euch sein und aus seinem Leben auch nur einen einzigen Klang, ein Wort hineinsprechen könnte in die Unendlichkeit! Dort in der Galerie schauen Augen, ewig offen, auf die kommenden und gehenden Geschlechter und hier klingen Harmonien und tönen nie verhallende Worte ... O ihr gebenedeiten Geister, die ihr aus der Kunst die zweite Welt schafft! Die Welt, wie sie ist, verwirrt uns. Ihr durchklärt sie. Ihr seid die seligen Genien, die der Menschheit fort und fort im goldenen Kelch den Wein des Lebens bieten, und er erschöpft sich nie, so viele Millionen auch daraus trinken. Ich verlasse tief schmerzlich dies schimmernde und klingende Reich der Farbe und des Klanges. Das allein entbehre ich. * Nur noch die letzte Station. Wir wanderten nach der Sommerburg. Am Gitter des Parkes gingen wir hin und her. –Ich sah die Hofdamen oben bei der Kapelle unter der Hängeesche auf den zierlichen Stühlen sitzen und sticken. Ach, wie manche sitzt dort und ist nicht besser als ich, und sie scherzt und lacht und ist glücklich und geehrt. Das ist unser Elend, immer betäuben wir uns und sagen: Sieh dich um, andre sind nicht besser als du. Jetzt erhoben sie sich und machten ihre Verbeugung. Das Gitterthor wurde geöffnet, die Königin fuhr heraus, neben ihr saß der Prinz. Sie schaute mich und das Pechmännlein an und grüßte. Mir vergingen die Augen. Ich weiß nicht –sah ich recht? Die Königin sieht heiter aus. Der Prinz ist ein schöner Knabe geworden, er hat gehalten, was das Kind damals in der Wiege versprach. Mein Pechmännlein unterhielt sich mit dem Steinklopfer am Weg. Der lobte die Königin gar sehr und ihr einziges Kind, den Kronprinzen. Also hat sie nur ein einziges Kind – Ich war so müde; ich mußte mich am Wegrain niedersetzen. Da saß ich nun am Weg, wo ich einst stolz vorüber fuhr. Immerhin! Es ist gut, daß es so ist. Mein Pechmännlein war glückselig, als ich ihm sagte: Jetzt geht's wieder heimwärts. Es mußte ihm doch bange um mich geworden sein; er mußte sich still denken: die Leute haben nicht so unrecht, die da behaupten, daß es mit ihr nicht ganz richtig sei. Die mich nicht sehen, halten mich für tot, und die mich sehen, für verrückt. Ich war fest entschlossen, wenn ich entdeckt würde, dem König und der Königin alles frei zu sagen und wieder still in mein Asyl zurückzukehren. Jetzt ist es besser so. * Wir kehrten heim. Als ich wieder an unsern Berg kam und die ersten Schritte hinan ging, da fragte ich mich: Ist das deine Heimat? Und doch –diese Abwesenheit macht mir sie zur neuen Heimat. Ich lebe hier ein wirkliches Leben. Es ist mir ein Stein vom Herzen, daß ich das nun aufgezeichnet habe. Es schwindelte mir oft, als stehe ich an einem Abgrund, während ich schrieb. Aber ich bleibe fest. Ich sehe diese Blätter nicht mehr an. Nun wieder die Hände fleißig gerührt und keine Reuegedanken mehr im Kopf! Die nächste Minute ist unser, die jetzt rinnende kaum mehr und die vergangene gar nicht. Es wartet viel Arbeit auf mich. Das ist gut. Und meine Walpurga und die Kinder sind ganz glückselig, daß ich wieder da bin. * Während ich fort war, hat Walpurga mein Zimmer blaßrot färben lassen, geschmacklos und ich muß doch dankbar sein. Sie glaubte auch, daß ich nicht wieder käme. Ich könnte diese Menschen jeden Tag verlassen, und sie sind doch meine ganze Welt. Ist das so, wenn ich einmal die Welt ganz verlassen werde? * Mit Mut die Welt entbehren –ich glaube, ich habe das Wort einmal gelesen; jetzt verstehe ich's, ich habe es aus mir, ich bin in der Ausführung. Nicht verzagt, nicht traurig. Mit Mut. * Ich bin nicht mehr traurig, eine stille Sättigung in Entsagung macht mich frei. Wenn ich hineinsehe in das Leben –wozu all das Mühen und Kämpfen und all diese Schranken bis zur letzten Schranke, bis zum Tod? Die Helden in der großen Geschichte und mein Pechmännlein –sie haben nichts voreinander voraus. Niemand hat ein ganzes, klares, reines, erfülltes Schicksal. Mein alter Jochem betete täglich, oft stundenlang, und dann schimpfte er wieder auf die Menschen und auf sein Schicksal; und ich sah vornehme Frauen, die in Beethovenscher Musik schwelgten und schwärmten und gleich darauf gemein zankten. Es geht mir immer nach: mit Mut entbehren. Dank dir, guter Geist, für dies Wort, wer du auch seiest. Den Tag leben und sich ihn nicht trüben lassen, weil wir wissen, daß es Nacht wird. Mit Mut entbehren –das ist alles. Ich hätte nie geglaubt, daß ich ohne Glück, ohne Freude leben könnte. Jetzt sehe ich doch, ich kann's. Glück und Freude sind nicht die Bedingungen meines Lebens. Es liegt in unsrer Macht, die Seele heiter zu stimmen; ich meine ruhig, klar. * Wie viele Jahre sind es doch, welche die Hermione des Wintermärchens verborgen blieb? Ich weiß es nicht mehr. * Mir fallen jetzt immer bei der Arbeit die Weisen und Klänge, die Einzelgesänge und großen Gesamtstücke und die begleitenden Instrumente aus Mozarts Zauberflöte ein. Sie umtönen mich aus der stillen Luft und tragen mich. Vor allem der Zuruf: Sei standhaft! mit den drei kurzen Noten D E D und dem darauf folgenden Trompetenstoß erklingt mir immer und ist mir wie ein geistiges Wachsignal. Die höchsten Lehren sollten nur in Musik gegeben werden. Das dringt ein und haftet. Sei standhaft! ... * Ich entwirre wieder am Rätsel des Lebens. Der Mensch darf nicht alles thun, was er kann, wozu es ihn treibt; sobald er ein Mensch ist, muß er die Grenze seines Rechts erkennen, bevor er an die Grenze seiner Macht gelangt. Wie oft wurde dort am Hofe der Spruch erörtert: Recht geht vor Macht! Ich habe die Redensart im heißen Denken wieder eingeschmolzen und neu geprägt. Schön ist die Sage vom Paradies. Da sind die Menschen hingesetzt, alles ist ihnen gestattet, soweit ihre Kraft reicht, ein einziges nicht –und die Frucht lockt. Aber das Paradies ist nicht. Das Tier allein hat das, was man Paradies nennt; es thut, was es vermag. Sobald ein Verbot da ist, und der Mensch als sittliches Wesen muß ein solches kennen, da ist kein Paradies mehr, keine volle Freiheit. Ich meine so: durch Ueberschreiten der Grenze kommt das Selbstbewußtsein. Es ist das Genießen vom Baume der Erkenntnis. Von da an bereitet sich dem Menschen sein Genuß nicht mehr von selbst, er muß ihn schaffen, aus sich, aus der umgebenden Welt, da beginnt sein Ringen mit der Natur und mit sich, sein Leben wird zur That. Die Arbeit ist die zweite Schöpfung, die Arbeit an sich selbst und an der Welt. Mein ganzes Denken ist mir, als wäre es ein Lallen und Stottern am großen Worte der Erkenntnis. Ich sehe jetzt die kleine Welt, die um mich ist, und die sogenannte große, die ich noch in Erinnerung habe, wie durchsonnt. Die Schranken erkennen, die Notwendigkeit des Gesetzes, das ist Freiheit. Ich bin frei. * Ich habe recht gethan, daß ich wieder in der Welt war; oder finde ich nur, daß ich recht gethan, weil ich es als wohlgethan empfinde? Ich bin seitdem freier, ich bin nicht die arme Seele, die sich wieder hinabgesehnt hat auf die Welt, und ich lebe nicht in einer Hölle. Ich könnte wieder in die Welt zurückkehren, ohne mich vor ihr zu fürchten. Ich kann jetzt frei entbehren und ich entbehre kaum mehr. O wie eingebildet, daß wir glauben, die andern bedürfen unser. Ich bedarf auch keines andern mehr. * Es wird eine Telegraphenleitung an meiner Waldaussicht vorbeigezogen. Da geht nun das große Weltgetriebe an mir vorüber. Ich sehe die Männer an den hohen Stangen auf den Leitern die Drähte aufwinden. * Walpurga sagt, meine Stimme klinge jetzt so rauh; ich fühle aber keinen Schmerz. Es kommt wahrscheinlich davon, weil ich so wenig spreche; oft tagelang kein Wort. Ich trinke diese kühle, reine Luft jeden Morgen wie einen Labequell und das Blau des Himmels ist hier oben viel intensiver. * Der Leibarzt sagte mir einmal mit Recht, ich sei eine unrhythmische Natur. Wäre ich's nicht, jetzt würde ich mein innerstes Leben in melodische Worte fassen –meine Gedanken haben eigentlich nur in Versen ihre rechte Heimat, so voll, so selig, so erlöst ist es in mir. * Hansei ist nun doch schon lange im Besitz, aber er hat noch immer neue Dankbarkeit für alles: daß er schöne Kühe kaufen kann, daß er schöne Schellen anschafft, das alles macht ihn glücklich, und diese Dankbarkeit im Glück gibt seiner rauhen Außenseite eine innere Weichheit. * (28. August.) Nach langen sonnenlosen Tagen mit scheintoter Seele nun heut diese klare Himmelsheiterkeit über den beschneiten Berggipfeln, auf den saftgrünen Vorbergen und Thalgründen –ich möchte hinaus und frei schweifen im All; aber ich bleibe sitzen und arbeite, meine Arbeit ist mir treu geblieben in trüben Tagen, ich bleibe ihr treu in hellen. Nur zum Feierabend will ich wandern. Heut ist Goethes Geburtstag, Ich glaube, Goethe wäre mir freundlich gewesen, wenn ich in seiner Zeit und Umgebung gelebt hätte. Es ist doch schön, daß wir die Stunde wissen, wann er geboren wurde. Es war um Mittag. Ich schreibe das in dieser Stunde, sein gedenkend. Was er mir wohl für mein verlorenes Leben geraten hätte? Ist es ein verlorenes? –Es ist nicht verloren. * Das war ein Siegesjubel: Franz ist als Held vom Schützenfest heimgekommen. Er hat den besten Gewinn, einen schönen Stutzen. An unserm Haus prangt nun die vielfach zerschossene Schützenscheibe. * Solch ein im Herbst fallendes Blatt –wie viele helle Sommertage und laue Nächte führten sein Wachstum herbei, und was ist es, da es am Baum hing, und jetzt, da es abfällt? Und was ist das Ergebnis eines ganzen Menschenlebens, auf wenig Sätze zurückgeführt? * Wie hoch liegt unser Hof über dem Meeresspiegel? Ich weiß es nicht, und mein Hansei würde lächeln, daß man nach so etwas fragen kann. Man thut auf dem Fleck, wo man lebt, seine Schuldigkeit. Wie das ausmündet ins Ganze, in das große Meer auf der Erde und der Geschichte der Menschheit? Das fügt sich ohne unser Zuthun ein. Der Bach treibt die Mühle und wässert die Wiese auf seinem Lebensweg, bis ihn das Meer verschlingt, und von dort kommen die Wolken und die Wetter wieder heran und nähren den Bach. * Mit allem, wozu ich erwachsen bin, was ich im Lauf der Jahre gelernt, geübt, gethan, gedacht habe, komme ich mir doch immer wieder wie ein Block Holz vor –ich weiß noch immer nicht, was aus mir wird. Wer macht mich zu etwas? Ich muß es selbst. Ich habe eine schöne Arbeit bekommen, eine Arbeit, die bleibt, die nicht wandert und mich beständig freut, eine Arbeit für unser Haus. Schon bei dem Neubau am Wohnhaus habe ich in Gemeinschaft mit dem Zimmermeister dem Wohnhaus eine bessere Symmetrie gegeben; die Laube, die rings ums Haus läuft, hat eine freiere Bedachung bekommen und die Bretter am Geländer angenehme Formen. Nun hat Hansei oft davon gesprochen, welch eine schöne Alm aus seinem Holzschlag wird. Gestern kam er heim und sagte: »Ich hab's! Ich lasse an der Berglehne die Bäume schlagen, und da hab' ich vier schöne Stämme stehen lassen, just im Viereck, und da wird eine Almhütte hingebaut, und dann haben wir wieder eine eigene Alm; der Hof kann ohne eigene Alm nicht zurechtkommen. Es ist freilich weit, wohl zwei Stunden Wegs ist's hinauf, aber wir sehen die Waldlichtung von hier.« Er ist ganz glückselig, daß er das zu stande bringt. »Und denke dir,« sagte Hansei, »jetzt, wo man den vorderen Wald geschlagen hat, jetzt sieht man weit, gar weit, man sieht unsern See von daheim. Es ist freilich nur ein kleiner glitzeriger blauer Fleck, aber das sieht einen doch so freundlich an wie ein treues Auge von daheim, das einen von Jugend auf kennt. Es war doch schön daheim! Aber es ist noch schöner hier, und wir wollen nicht sündigen.« Ich habe nun Zeichnungen für unsre Alm gemacht. Mein Pechmännlein ist ganz geschickt, alles zu schneiden. Wir zimmern und sägen für unsre Arche Noah und sind lustig wie Lehrburschen. Ich meißle auch zum erstenmal einen lebensgroßen Pferdekopf für den Dachgiebel. * Ich war mit Hansei droben, wo wir die neue Alm bauen. Mir ist heut nach dem erfrischenden Berggang, als hätte ich den Anfang alles Weltlebens miterlebt: neuer Weg, neues Wohnhaus, wo nie ein Mensch vordem daheim war. Ich meine, ich habe nichts mehr zu erleben; mir ist so frei, als wäre alle Erdenschwere von mir abgelöst. * Am Morgen nach einer großen Anstrengung, einem ermüdenden Berggang erwachen. Die Müdigkeit ist verflogen und nur die Erfrischung ist noch da und dazu das Gefühl der Erprobung: du hast Spannkraft, du kannst dir etwas zumuten. Und ringsumher grüßt dich dein vergangenes Leben, das du eine Weile verlassen hattest, indem du nichts mehr besaßest, als dich allein –ich kann mir die Friedsamkeit derer denken, die sich das Erwachen zum ewigen Leben so vorstellen können. * Nichts ist droben in der Almhütte, alles noch kahl, nur in der Ecke hängt das Bild des Heilands und wartet einsam auf die Menschen, die da kommen werden. Es ist und bleibt ein Segen für die Menschheit, daß sie das Bild eines reinen Menschen hat, das sie in die Einsamkeit und auf die Berge tragen kann. Eine ganze höhere Kultur, eine große Geschichte nimmt damit Besitz von der neuen Welt. Wenn nur auch die reine Erkenntnis des reinen Geistes sich daran schlösse. * (Oktober.) Jetzt, da es Winter werden will, muß ich immer an die einsame Almhütte droben denken. In meinen Träumen bin ich immer dort, allein, und erlebe Wunderbares. Ich meine, ich muß nächstes Frühjahr hinaufziehen. Einen ganzen Sommer lang nur mit Pflanze und Tier, mit Berg und Bach, mit Sonne, Mond und Sternen –ich meine, erst wenn ich das gelebt, habe ich ganz gelebt. Bist du denn noch nicht gesättigt und begnügt, du unersättliches, unbegnügtes Herz? Immer wieder Sehnsucht nach etwas anderm. Was ist das? Ich muß Ruhe haben. Ich will. * Wer, um glücklich zu sein, nichts zu haben braucht, als sich selbst, der ist glücklich. * Hier bin ich wieder ein erster Mensch. Ein Mensch für sich ist rein, unbefleckt, und aus ihm kommt die Welt. Hier liegt ein Geheimnis. Ich will's nicht nennen. Es macht mich glücklich, daß ich noch höher hinauf soll, noch höher in die Berge, noch mehr Einsamkeit, noch stillere. Es ist mir, wie wenn mich dort etwas riefe –es ist keine Stimme, es ist kein Klang, ich weiß nicht, was es ist, und doch ruft's mich, zieht's mich, lockt's mich, komm, komm! Ja, ich komme. * Ich weiß, daß ich nicht sterbe. Eher zweifle ich, daß ich lebe. Die Welt ist kein Rätsel mehr. * Vom Berge aus überschaue ich, wem ich Leid angethan in meinem Leben: Dir, mein Vater, und dir, meine Königin, und am meisten mir. * Von allen Dingen der Welt rächt sich die Unwahrheit am meisten. Damals, als ich dem König aus dem Kloster schrieb, pochte ich auf meine Wahrhaftigkeit und war doch durch und durch unwahr. Ich wollte eine That der Freiheit bewirken und eigentlich wollte ich ihm nur schreiben und mit meinem Freiheitsgefühl schön erscheinen. Ich war stolz, daß ich der Alltagsmeinung widersprechen konnte, und eigentlich wollte ich damit vor ihm glänzen als seine starke Freundin. Er hat meine Mahnung abgelehnt und doch war ich's, die die Klöster wieder aufschloß. Die Unwahrheit rächt sich. Nur wo man ganz wahr ist, ist Reinheit und Freiheit. * Wenn ich nur die Wonne in Worte fassen könnte, die heut beim Sonnenuntergang mich durchzog. Jetzt ist Nacht, und so gewiß die Sonne mir ins Antlitz leuchtete, so gewiß leuchtet ein Sonnenstrahl in mir. Ich bin ein Strahl aus der Ewigkeit. Was sind da Tage und Jahre? Was ist da ein ganzes Menschenleben? – * Ich wußte nicht recht, was ich wollte, warum ich aus aller Gegenwart heraus immer ruhelos und sehnsüchtig nach der nächsten Stunde, dem nächsten Tag, dem nächsten Jahre ausschaute, etwas davon hoffte, was ich nicht finden kann. Aber auch die Liebe war's nicht, sie sättigt nicht. Ich wollte im Augenblick leben, und konnte es doch nicht. Es war mir immer, als riefe mich etwas, als warte etwas draußen vor der Thür. Was war's denn? Jetzt weiß ich's. In mir sein wollte ich, mich fassen, mich in der Welt und die Welt in mir. * Der Eitle ist der eigentlich Einsame. Er hat immer eine Sehnsucht, gesehen, verstanden, erkannt, bewundert, geliebt zu werden. Ich könnte darüber jetzt viel sagen, denn ich bin selbst einmal eitel gewesen. Erst in meiner wirklichen Einsamkeit habe ich die Einsamkeit der Eitelkeit überwunden. Es genügt mir, zu sein. Wie weit ab liegt da alles Scheinen! * Jetzt verstehe ich die That meines Vaters. Er wollte mich nicht strafen, er wollte mich nur wecken, zum Bewußtsein meiner selbst bringen, und das Bewußtsein erlöst, lehrt anders werden. * Ich verstehe die Aufschrift in der Bibliothek meines Vaters: »Wenn ich allein, bin ich am wenigsten allein.« Ja, im Alleinsein kann man sich am besten und reinsten versenken ins Allsein. Ich habe gelebt und erkannt. Ich kann sterben. * Wer eins in sich ist, ist alles. * Was die Leute sagen werden –in diesen Worten liegt die Tyrannei der Welt, die ganze Entwendung unsres Naturells, der Schielblick unsrer Seele. Diese fünf Worte herrschen überall. Auch Walpurga steht unter der Herrschaft dieses Tyrannen, während Hansei einen ganz andern Halt hat, den einzig richtigen –er weiß es nicht, wie der Leibarzt, aber er handelt ganz so wie dieser. Der Mensch hat die einzige und erste Pflicht, die Ruhe in seiner Seele zu wahren. Was draußen ist, jenes entsetzliche »Was die Leute sagen werden?« hat ihn nicht zu kümmern. Diese Frage macht die Seele heimatlos. Thue recht und scheue niemand, du kannst sicher sein, daß du bei aller Rücksichtnahme auf die Welt doch die Welt nie zufrieden stellst. Wenn du aber deinen Weg gerade fortgehst und dich nicht um freundliche oder unfreundliche Blicke der Menschen kümmerst, dann hast du die Welt besiegt, sie ist dir unterthan. Mit der Frage: »Was werden die Leute sagen?« bist du ein Unterthan der Welt. * Ich glaube jetzt zu wissen, was ich that. Ich habe keine Barmherzigkeit gegen mich selbst. Hier mein volles Bekenntnis: Ich bin in Sünde verfallen –nicht gegen die Natur, nur gegen die Weltordnung. Ist das eine Sünde? Da drüben steht der Wald von hochstämmigen Fichten. Je höher der Wipfel steigt, umsomehr stirbt das Gezweige unten ab, es erstickt. Der Baum im geschlossenen Wald, in Schirm und Schutz der Gemeinschaft, lebt sich nicht aus in allen seinen Auszweigungen. Ich wollte mich ausleben und doch im Wald stehen, in der Welt, in der Gemeinsamkeit. Wer sich ganz und voll ausleben will, darf nur einsam sein. In der Gemeinsamkeit der Welt sind wir als Menschen sofort keine Naturgeschöpfe mehr. Natur und Sitte sind gleichberechtigt und müssen zum Friedensschluß miteinander gebracht werden. Und wo zwei Gleichberechtigte sind, kann kein einzelnes sein volles Recht ausleben, es muß Konzessionen machen. Hier liegt meine Sünde. Wer als Natur allein leben will, muß aus dem Schutz der Sitte ausscheiden. Ich wollte das eine und das andre nicht ganz. So bin ich zerbrochen und zerstückt. Mein Vater hatte recht mit seiner letzten That. Er rächte das Sittengesetz, das ebensogut menschlich ist, wie das Naturgesetz. Die Tierwelt kennt nicht Vater, nicht Mutter, sobald das Junge selbständig ist. Die Menschenwelt kennt sie und muß sie heilig halten. Das alles ist mir nun klar. Ich leide und büße gerecht. Ich war eine Diebin, ich stahl das höchste: Vertrauen, Liebe, Ehre, Ansehen, Glanz. Wie vornehm und erhaben erscheinen sich die zarten Seelen, wenn ein armer Schelm gestohlen hat und dafür ins Zuchthaus kommt. Was sind aber alle Besitztümer, die mit der Hand gestohlen werden können, gegen die unfaßbaren? Es sind nicht immer die schlechtesten Menschen, die vor Gericht stehen. Ich bekenne meine Sünde und büße ehrlich dafür. Daß ich heuchelte, daß ich verleugnete und beschönigte, was ich als Naturrecht wollte gelten lassen, das ist meine todeswürdige Sünde und für sie büße ich. Gegen die Königin habe ich die höchste Sünde begangen. Sie ist für mich die Vertreterin der sittlichen Weltordnung, die ich verletzte und doch genießen wollte. Dir, meine Königin, dir, du Holde, Gute, Schwergekränkte, dir beichte ich dies alles. Wenn ich vor dir sterbe –und ich hoffe das –sollen diese Blätter dir, Königin, übergeben werden. * Wir können nicht ganz Natur sein. Wer seinem Naturgesetz folgt, hat keinen Anteil an der geschichtlichen Welt, kein Erbe; für ihn hat niemand vor ihm gelebt, ihm das Dasein vorbereitet, mit ihm ist seine ganze Natur geboren und mit ihm stirbt sie. Wer dem Naturgesetz allein folgt und sich einredet, der thue damit recht, der ist ein Menschheitsleugner; er leugnet, daß es eine Geschichte der Menschheit gibt, die nicht er allein repräsentiert, sondern die vor ihm war, außer ihm ist. Der Menschheitsleugner ist trotz allen Firnisses doch nur der Wilde, er steht draußen, alles was er von Bildung übt und trägt und genießt, hat er gestohlen; er dürfte kein Lied singen, als das ihm selbst in der Kehle liegt, wie dem Vogel das seine; der bringt sein Gefieder und seinen Gesang mit, hat kein besonderes Kleid und keinen besonderen Ton, alles in ihm ist Gattung, alles Naturgesetz. Darin allein liegt Wahrheit. * Und über aller Gerechtigkeit und aller Verpflichtung steht die Liebe, die den Geliebten und das eigene Selbst der reinen Entfaltung ihres Wesens zuführt. Wehe, wer die göttliche Sendung der Liebe entweiht. * Auch das Geschick meines Vaters ist mir nun klar. Er wollte für sich leben, sich vervollkommnen, und er hatte doch Kinder in der Welt und verlangte die Liebe und Anhänglichkeit dieser Kinder. Er starb an der entsetzlichsten Folge seines Lebens. Darum bin ich aber nicht unschuldig, und er hat recht an mir gehandelt. Ich will mich in nichts und vor niemand beschönigen. Ich will wahr sein bis an die äußerste Grenze. Das ist mein Glück und mein Stolz. * Nur was du in dir bist, bestimmt deinen Wert, nicht was du hast. * Ich habe das Zentrum meiner Seele gefunden. * In diesen Tagen ist es mir immer und kommt mir, ich weiß nicht woher, der Gedanke, die entsetzliche Strafe meines Vaters sei gar nicht geschehen, er habe sie nicht vollzogen, alles sei nur Einbildung meiner Phantasie, meine Seele habe vorausgeträumt, daß ich das verdiente. Woher kommt das plötzlich und verläßt mich nicht? Ich weiß, ich weiß. Was auch geschehen ist, es ist gesühnt. Es gibt eine Erneuerung des Lebens, eine Erlösung aus uns heraus. Sie ist mir geworden, ich fühle es, ich bin frei, ich kann zurückkehren in die Welt und die Binde von meiner Stirne lösen. In die Welt? Was ist denn die Welt? Ich habe die Welt hier bei mir, in mir, und ich bin in der Welt und die Welt ist in mir. Ich bin. * Heute zum erstenmal habe ich wieder gesungen. O, wie wohl mir das that. Niemand hörte mich als ich allein. Kein Vogel singt für sich, er singt seinem Lieb. Der Mensch allein singt für sich und denkt für sich und hat sich allein in sich. * Die Morgenstille war mir stets so lieb, jetzt setzt sich mir die Morgenstille den ganzen Tag fort. * Der Bach drüben rauscht oft plötzlich so laut, der Wind faßt ihn unversehens und trägt die Schallwellen zu mir. * (Bei der Arbeit.) Wenn der Stoff spröde ist, lernt man aus der Not eine Tugend machen. Ich komme oft auf Verästelungen, die neue Schönheiten oder Verunstaltungen bedingen. Ich bringe aus einem Stück Holz oft Züge, die ich nicht wollte, und die ich wollte, werden ganz anders, weil eben das Stück Holz auch Herr ist, nicht bloß meine Hand. Der gebenedeite Nothelfer Firnis deckt Tugend und Fehler. * Wir machen nichts; wir bilden, wir entdecken nur, was für sich schon da ist, aber ohne unsre Handreichung sich nicht aus dem gestaltlosen Chaos lösen kann. Ach, ich meine, ich verstehe jetzt die ganze Welt und alle Kunst und Arbeit. Ich fühle mich so im Unendlichen gesättigt. Ich weiß jetzt, wo der ganze Zwiespalt zwischen dem Denken im großen und dem Leben im kleinen liegt. Hansei, Walpurga, der König, die Königin, der Leibarzt, Emmy –was sind sie? Tropfen im Meer der Menschheit. Ich vergesse sie, ich denke mich ins Ganze. Das löst die Liebe zum einzelnen auf, das Begehren und Genießen hört auf, aber auch alle Leidenschaft, alles Herzeleid. Und was bist denn du? Was bleibt denn an dir? Das Ganze, das Große, das All können wir erkennen, das Einzelne müssen wir lieben, du kannst nur das Nächste lieben, und das Nächste zu dir ist Gott, der große Gedanke des Weltgesetzes. * Walpurga ist jetzt so besorgt um mich; sie kommt oft und es ist, wie wenn sie etwas sagen wollte, sie sieht mich so seltsam an und bleibt doch still. Sie kommt immer wieder darauf zurück; wie schön es droben auf der Alm sei und wie ich da so ruhig und glücklich sein werde. Sie möchte, daß jetzt die Berge schon vom Schnee befreit wären, sie will mich fort haben und sagt, ich würde gesund werden. Und ich fühle mich doch nicht krank. Sie sagt immer: Du siehst so glanzig aus. Kann, sein, daß etwas aus mir glänzt, weil ich gar so ruhig, fertig abgeschlossen von der Welt bin. Ich könnte jetzt nichts mehr von der Welt fürchten, ich könnte wieder unter den Menschen leben, ich fühle mich frei, mich verletzt nichts mehr. * Ich habe ein Verlangen, noch einsamer zu sein. Finde ich da droben noch tiefere, verschlossenere, lautlosere Einsamkeit? Ich meine immer, es ruft mich, ein Wort ruft mich: mutterseelenallein. O du gebenedeite deutsche Sprache. Welch ein Segen ist es, daß ich den ganzen Reichtum meiner Muttersprache mühlos mit mir trage; und wenn es sprudelt aus allen Orten und Enden des Denkens, ich immer ein Wortgefäß habe, um es unterzustellen und die Gedanken aufzufassen. Ich meine, ich muß immer sprechen und schreiben und jubeln über diesen Besitz und könnte gar nicht enden. Ich breche ab. Die geheimnisvollsten, traumhaften Gedanken sind wie der Vogel auf dem Zweig: er singt, sieht er aber dein Auge, das ihn beobachtet, so fliegt er davon. * Ich erkenne jetzt genau die Jahreszeit, ja oft auch die Stunden daran, wie die Sonnenstrahlen des Morgens zuerst in meine Stube und auf meine Werkbank fallen, besonders mein Meißel vor mir an der Wand ist mein Zeiger. * Jetzt rieselt's in Frühlingsschauern durch die Bäume –so ist's in mir. Mir ist, als müßte ich noch eine neue Wonne erleben. Was ist's? Ich will still warten. * Mir ist so wundersam, als würde ich mit dem Stuhl auf dem ich sitze, hinweggehoben und fliege, fliege und weiß nicht wohin. Was ist das? Ich fühl's, ich lebe in der Ewigkeit. Und alles strömt mir zu, das Sonnenlicht und der Sonnenglanz, Waldesrauschen und Waldesluft und alle Menschen aller Zeiten, aller Formen –Alles ist bei mir schön, so durchsonnt. Ich bin. Ich bin ein Gott. Wenn ich nur jetzt sterben dürfte in diesem wonnigen Schweben, in dieser Erlösung und Auflösung. Aber ich will noch leben bis meine Stunde kommt. Komm, du dunkle Stunde, wann du willst, du bist mir licht! In mir ist Licht, ich fühle es. O ewiger Geist aller Welten, ich bin eins mit dir! Ich bin gestorben und ich lebe –ich werde sterben und ich lebe. Alles ist verziehen und ausgelöscht –es war Staub auf meinen Flügeln –ich schwirre hinauf zur Sonne, ins All, in die Unendlichkeit. Singend werde ich sterben, singend und die Seele so voll! Genug. * Ich weiß, ich werde wieder trüb sein, schwer, mich mühsam fortschleppend; aber ich schwebte einmal in der Unendlichkeit, ich fühlte einen Strahl aus ihr in mir –ich werde ihn nie mehr verlieren. Jetzt möchte ich doch in ein Kloster gehen; in einer stillen Klause, von der Welt nichts wissend, in mir fortleben dürfen, bis der Tod mich fordert. Aber es soll nicht sein. Ich soll frei leben und arbeiten, leben mit meinen Nebenmenschen und für sie arbeiten. Das Werk meiner Hände und meiner Einbildungskraft gehört euch; aber was ich in mir bin, ist mein und mein allein. * Ich habe Abschied genommen von allem hier, von meiner stillen Stube, von meiner Sommerbank –ich weiß nicht, ob ich wiederkehre; und wenn ich wiederkehre, wer weiß, ob mir nicht alles fremd geworden. * (Letztes Blatt, mit Bleistift geschrieben.) Wenn ich gestorben bin, so bitte ich mich so zu begraben: In ein einfaches Leintuch gehüllt in einem ungehobelten Sarg und in die Erde gesenkt unter dem Apfelbaum am Weg nach meinem Vaterhaus. Man zeige meinem Bruder oder sonstigen Verwandten sofort meinen Tod an; sie sollen mich dort am Weg begraben lassen. Mein Grab soll kein Stein bezeichnen, kein Name. Achtes Buch. Erstes Kapitel. Gunther war entlassen. Satt an Erfahrung schied er aus dem zerstreuten Weltgetriebe. Es war kein geringes, ein so lange eingewurzeltes und vielverzweigtes Heimwesen zu verpflanzen; es geschah ohne Schädigung des eigenen Bestandes. Die beiden reinen Götter: Liebe und Wissenschaft, folgten Gunther über die Berge und nichts von Groll haftete in seiner Seele. Der Ring schloß sich. Wie von weiter weltumsegelnder Fahrt kehrte Gunther wieder in seinen Ausgangspunkt zurück; er wußte, daß in ihm, in seiner Gattin und seinen Kindern selbständiges Leben genug war, um alles Veredelnde und Verschönende aus sich zu schöpfen. Wohl fehlte die Atmosphäre eines gebildeten Umkreises, wo man empfängt und bietet, und damit im höheren Gemeinleben atmet; aber er glaubte mit den Seinen die Probe zu bestehen, entbehren zu können, ohne zu vermissen. Sofort nach seiner Dienstentlassung hatte er den ehrenvollsten Ruf an eine große Universität erhalten. Er lehnte ab. Seit Jahren hatte er sich vorgesetzt, diese und jene Lücke seines Wissens auszufüllen und im Aufriß niedergelegte wissenschaftliche Arbeiten auszuführen; schmerzlich sah er oft, wie er aus dem Leben scheiden werde, unfertig in sich und Begonnenes unfertig hinterlassend. Denn das ist das Versplitternde des Hoflebens, daß es die stetig sich fortsetzende Gesamtstimmung und geschlossene Gedankenkette hunderfältig durchreißt. Jeden Morgen mit der ganzen Feldrüstung auf Wache ziehen, zu jeder beliebigen Stunde bereit sein, alle Erörterung nur im gesprächsamen Absprunge halten –solch ein Leben Jahrzehnte fortgesetzt, führt zu einer Schädigung des innern Wesens trotz aller Selbstwahrung und Selbstführung. Gunther hatte das Glück und die Kraft, aus seinem Hause und aus seiner Wissenschaft kommend, immer mit neuer Frische ausgerüstet zu sein; aber er sah doch oft mit Schrecken, wie er einer Kleinteilung zu verfallen drohte und allmählich sein eigen Selbst ihm entwendet werden konnte; er ließ sich ein Stück Uniformierung gern gefallen, ja er erkannte sie als notwendig und schön, weil darin ein guter Rest jener geistigen und staatlichen Disziplin lag, die die Menschheit aus der Verzettelung in eitel unfügsame Persönlichkeiten wieder zusammen schließt. Aber Gunther hatte dabei die Physiognomie seines Wesens sich streng bewahren wollen, denn das betonte er oft: Wer sich in seiner Wesenheit umstimmen und verwandeln läßt, den hat die Welt besiegt und getötet, er lebt nicht als er selbst fort. Die strenge, ja fast starre Haltung, die man so oft an ihm bemerkte, hatte ihren Grund darin, daß er täglich aus einer fremden Welt an den Hof kam. Er war aber mild gegen die Oberflächlichkeit und bloße Gefälligkeit in dieser Sphäre, denn er wußte, daß da, wo nicht in der Tiefe des Naturells oder der Bildung eine Quelle immer neu speist, eine Herrichtung für den Tag und die Stunde notwendig eintreten muß und der ganze Inhalt des Lebens überhaupt sich in die Tagesbegebnisse des geschlossenen Kreises auflöst. Gunthers sogenannte Starrheit bestand aber auch darin, daß er den Schwerpunkt seines Wesens nie aus sich hinaus verlegte und damit, wenn die Stütze fiel oder brach, selbst dem Falle nahe wäre; er stand immer fest in sich. Als nun unversehens, wenn auch im Grund genommen nicht unerwartet, der Bruch eintrat, konnte er den Geheimrat ablegen und der Doktor blieb. Gunther hatte jegliche Verstimmung über den plötzlichen und jähen Sturz schnell verwunden. Es that ihm leid, die vielen Freunde in der Hauptstadt und vor allem die Königin verlassen zu müssen, ihr hätte er noch viel sein können; aber er sagte sich wieder, wie es wohl gut und notwendig sei, daß die Königin in sich selbst und ohne fremde Unterstützung erstarke. So war Gunther von der Hauptstadt ausgezogen. Ein Ideal seines Lebens hatte sich ihm erfüllt; er wohnte wieder in dem Städtchen, wo er geboren war. Jetzt, da er bald in das siebente Jahrzehnt eintrat, betrachtete er die noch beschiedene Lebenszeit als Feierabend, nachdem er redlich seine Manneslast getragen. Er wollte soweit als möglich abschließen mit seiner Erkenntnis, damit der Tod ihn nicht inmitten so vieles nur erst Begonnenen überrasche. Schon vor Jahren hatte sich Gunther in seinem Heimatsstädtchen ein bescheidenes Haus erbaut, das zur Sommerfrische für seine Familie diente, so lange die Kinder noch im jugendlichen Wachstum waren. Jetzt sollte hier der letzte Ruhepunkt seines Lebens sein. Frau Gunther und die Kinder hatten mit heiterm Sinn Abschied genommen von der lang gewohnten Umgebung; sie verließen Freunde und Freundinnen, die ihnen lieb waren, aber ihr volles Leben war im Hause, und dies Haus ging samt allem Sichtbaren und Unsichtbaren mit in das neue Daheim. Gunther hatte nur noch eine einzige Schwester im Gebirgsstädtchen. Sie war eine rüstige Wirtin. Bruder Wilhelm war immer der Abgott der Familie gewesen, und die Schwester, sowie die Mutter, so lang sie lebte –der Vater, der Landarzt gewesen, war schon zur Universitätszeit Gunthers gestorben –gedachten immer des Wilhelm wie eines kühnen und glücklichen Seefahrers. Nun hatte die Schwester mit ihren erwachsenen Söhnen und Töchtern geholfen, die neue Häuslichkeit behaglich herzustellen, und bald war das anmutige Haus Gunthers der Mittelpunkt des kleinen Städtchens, fast angesehen wie das Schloß mit der königlichen Familie in der Residenz. Verehrung und Dankbarkeit standen als unsichtbare Wachen vor dem Hause, und die Art, wie die Menschen ihre Schuhe reinigten vor der Thür und wie sie sich zusammenfaßten beim Eintritt, zeigte deutlich, daß die Schwelle dieses Hauses nur von der Wohlanständigkeit betreten werden durfte. Die Rosenwirtin, die Schwester Gunthers, stand in neuen Ehren, und als rasch nacheinander zwei Söhne und eine Tochter derselben sich verlobten, wurde es als besonderes und unschätzbares Glück hervorgehoben, daß man mit dem Geheimrat verwandt wurde. Jeder Fremde, der ins Städtchen kam, konnte bald hören, welch ein berühmter Mann hier Bürger sei, und wie prächtig es im Hause desselben bestellt sei. In Gunthers Haus war eine friedsame Luft wie in einem Tempel der Wissenschaft und der Schönheit; es war schwer zu entscheiden, wann es hier behaglicher war, ob im Sommer oder im Winter. Im Sommer freilich mochte man es weniger bemerken, wie die Menschen in diesem Hause sich das Leben zu verschönen wissen; waren auch die Gärten in andern Häusern nicht so wohl bestellt, die Ruhesitze nicht so bequem und lauschig, die Aussichtspunkte nicht so künstlerisch gewählt; das frische Grün der Bäume und Hecken und die Fernsicht ist doch auch im Nachbargarten dieselbe. Im Winter aber, wo sich's der Mensch daheim schön macht und nichts hat, als die Welt, die er um sich gebildet und geordnet, da erst zeigt sich, was Menschen aus ihrer Umgebung schaffen können, wenn Licht und Wärme in ihnen selbst wohnt. Wenn ein Wanderer, durchfroren, von den schneeigen Bergen herab in das kleine Bergstädtchen und plötzlich in das Haus Gunthers gekommen wäre, er hätte sich denken mögen, auf einer Insel der Bildung angelandet zu sein. Salve! stand über der Schwelle des Hauses, dessen Bauart eine Veredlung des landschaftlichen Stiles zeigte. Das Dach bog sich weit vor, denn es ist hier sehr dafür zu sorgen, daß sich der Schnee nicht vor die Fenster lagere; aber dieses Schutzdach war mit geschmackvollen Schnitzereien bekrönt. Die Treppe war mit überwinternden Topfgewächsen bestanden, die Wände mit Gipsabgüssen aus dem Parthenon geschmückt, die Zimmer sauber geordnet, jedes Stück Hausrat sprach in seiner Anordnung aus: ich stehe am rechten Ort, und darüber hingen in guten Kupferstichen die erwähltesten Bilder, dazwischen Statuetten der großen Geister aller Zeiten und überall kleine Kunstgebilde in Gips, Marmor und Erz, die dem berühmten Arzt von Verehrern, vornehmlich aber von Verehrerinnen zugesandt waren; im Städtchen fabelte man viel von zwei ausgestopften Bären, die als wärmende Schemel auf dem Boden lagen und von einer russischen Fürstin geschenkt worden waren. Die Wärme war nirgends eine jähe, vielmehr überall anmutend, darin Mensch und Pflanze gleichmäßig gediehen. Schöne große Blattpflanzen waren an Fenstern und in Zimmerecken angebracht. Auf einem Eckkonsol stand, von Blumen umgeben, die Marmorbüste Gunthers, wie sie der Lehrer Irmas vor Jahren geformt hatte. Gunther war als berühmter Frauenarzt in vielfachem Briefwechsel mit Frauen aus den höheren Ständen. Allmählich kamen während des Sommers auch viele und blieben, oft kürzer, oft länger verweilend, in dem Städtchen. Die Frau Rosenwirtin hatte neben ihrem Wirtshaus noch zwei Häuser eingerichtet, die sie unter strenger Oberaufsicht durch zwei ihrer Kinder verwalten ließ, und hier wohnten die Fremden zu ihrer Heilung, Gunther übergab einem jungen Arzt, der die zweite Tochter der Rosenwirtin geheiratet hatte, einen großen Teil der Praxis und behielt für sich die Oberleitung. Das Städtchen segnete seinen berühmten und so vielfach wohlthätigen Bürger. In das Haus Gunthers wanderte immer das Beste: von den Fischen aus dem Bach die ausgesuchtesten, vom Wilde das beste Stück, jedes Frühgemüse, jede besonders schöne Obstfrucht wurde ihm ins Haus gebracht, und Frau Gunther hatte nur abzuwehren, daß das Haus nicht übervoll wurde. Selbst die Dienstboten des Hauses standen in Ehren. Seit man ins Städtchen gezogen, hatte man dieselben Dienstboten behalten, denn alle beeiferten sich, immer gefälliger zu werden; ja sogar der Hund und das Maultier Gunthers, das er sich zu seinen Gebirgsfahrten angeschafft, waren wohlgefällig betrachtete Erscheinungen im Städtchen. Zweites Kapitel. Es war im Vorfrühling. Frau Gunther und ihre beiden Töchter saßen am Fenster und arbeiteten, zu ihren Füßen spielte ein blondlockiges, großäugiges Mädchen von bald fünf Jahren, das die drei Frauen oft mit innigem Blick betrachteten. Tante Paula schien die Bevorzugte, denn das Kind wendete sich mit Fragen und Wünschen weniger an die Großmutter und Mutter, als an Paula. Frau Gunther hatte sich seit der Uebersiedelung gar nicht verändert, sie war noch so stattlich und fein und es war noch, wie Freunde in der Residenz behauptet hatten: jedes Kleid, das sie trug, sah aus, als ob es eben neu aus der Truhe käme. Die Witwe des Professors war etwas stärker geworden. Paula war noch höher gewachsen, ganz das jugendliche Ebenbild ihrer Mutter. »Darf ich jetzt den Großvater rufen?« fragte die kleine Cornelia, da der runde Tisch in der Mitte des Zimmers mit dem zweiten Frühstück hergerichtet war. »Noch nicht, aber bald,« erwiderte Paula. Gunther war in seinem Arbeitszimmer, das einfach eingerichtet war, mit der nicht großen, aber ausgewählten Bibliothek und den schönen, entsprechend verteilten Bronzeabgüssen. Gunther saß an seinem Arbeitstische so sorgfältig gekleidet, als müsse er in der nächsten Minute bei Hofe erscheinen. Er stand Sommers und Winters jeden Morgen unabänderlich um fünf Uhr auf und hatte bereits eine Tagesarbeit hinter sich, wenn für andre erst der Tag begann. Nur in unumgänglichen Ausnahmefällen durfte man ihn des Morgens stören. Er schrieb viel. In der Residenz behauptete man, er schreibe die Denkwürdigkeiten seines Lebens, und er hatte ja viel zu erzählen; denn wer kannte wie er die innere Geschichte der letzten und der jetzigen Regierung? Aber er glaubte sich verpflichtet, ganz andres aufzuzeichnen. Aus der Naturforschung, verbunden mit praktischer Weltkenntnis, suchte er die Wissenschaft vom Leben aufzubauen. Oft durchdrang leise Röte seine Wange und sein Auge schaute unwillkürlich hinaus ins Weite, wenn sich ihm ein Rätsel klärte; oft stand er auch auf, wie von innerstem Kraftgefühle getrieben und die Brust hob sich ihm, wenn er inne ward, wie er frei von allen Rücksichten das innerste Getriebe der Sitten und Charaktere bloßlegte, wie ein physiologisches Präparat. Aus den Fenstern Gunthers, die aus großen, undurchbrochenen Scheiben bestanden, sah man hinaus auf die weiten Berge. Weit oben war eine kleine Lichtung, mit bloßem Auge kaum sichtbar, der Wald war nur abgebrochen und man sah vom Freihof und seinem ansehnlichen Feldgebreite gar nichts, man wußte nur, dort ist er. Und hier oben saß, arbeitete und grübelte Irma nun schon im vierten Jahr und hier unten sah Gunther an seinem Eichentisch und schrieb an seinem Werke: »Zum Wissen vom Leben.« Sein Blick ging oft nach den Bergen hinaus, er ahnte nicht, daß dort oben eine Seele am großen Rätsel des Daseins sich abhärmte, während er hier in friedsamer Stimmung das Ergebnis seines Lebens zusammenfaßte. Wenn er die Mischung von Kultur und Natur und ihren schweren Ausgleich in den Verhältnissen des Lebens und in den Charakteren erwog, dann stellten sich ihm hundertfältig bunte Erscheinungen dar; die Lebenden und die Toten waren gleich, nur was sie von der ewigen Idee in sich hatten, galt. Oft auch tauchte wie aus dem Morgenduft der Jugend herauf und dann in ihrer letzten, so tief jammervollen Erscheinung die Gestalt Eberhards, auch Irma wurde von dem Geiste der Erkenntnis beschworen und mußte, ohne genannt zu werden, Rede stehen über die Gärungen im Gemüte der Gegenwart. Heute hatte Gunther ihrer besonders gedacht. Leise klopfte es jetzt an die Thüre Gunthers. Das Enkelchen trat ein und die Mienen Gunthers erheiterten sich wundersam beim Anblick des Kindes. Er hatte so viele Stunden nur im allgemeinen Denken, mit Erinnerungsbildern und Gesetzen gelebt, jetzt grüßte ihn das frische, heitere Kindesleben. Er ging mit der Enkelin in die Wohnstube. Man setzte sich zu Tische. Briefe und Zeitungen wurden erst nach dem Essen zur Hand genommen. »Ist Adolf pünktlich abgereist?« fragte Gunther. Er erhielt ausführlichen Bescheid. Der Sohn Gunthers, der die chemische Fabrik in der Hauptstadt hatte, war auf mehrere Tage bei den Eltern zu Besuch gewesen; heute war er abgereist, aber Gunther hatte sich schon am Abend vorher von ihm verabschiedet. Es war eine Eigenheit, aber eine wohlbedachte, daß er einen Abreisenden nie in die Unruhe der letzten Stunde hineingeleitete; es kamen oft Besuche, denn das Haus war ein gastliches in der besten Bedeutung des Wortes, aber immer sagte Gunther den Abreisenden schon am Abend vorher lebewohl; er ließ sich seine Morgenstimmung nicht entführen. Man war heiter beim Frühstück, und Paula sagte: der Frühling sei ganz sicher da, denn der Holzschnitzer in der Nachbarschaft habe seine abgetragenen Filzschuhe zum Fenster hinausgeworfen, und das sei das sicherste Frühlingszeichen, viel sicherer als die Ankunft der Schwalben. Nach dem Frühstück nahm Gunther die Briefe vor; er erbrach keinen hastig, betrachtete die vielen je nach der bekannten Adresse oder nach dem Absendungsorte und wählte mit Ruhe aus, welcher zuerst an die Reihe kam. Heute öffnete er vor allen einen Brief mit dem Siegel des Staatsministeriums. Er war von Bronnen, der, seitdem er die höchste Staatsstelle bekleidete, mit dem alten Freunde in ununterbrochenem Briefverkehr stand; auch war er schon zweimal zu Besuch bei Gunther gewesen. Gunthers Mienen wurden heiter während er las, und als er geendet und den Brief ruhig an die andre Seite gelegt, sagte er: »Freund Bronnen wird uns in den nächsten Tagen wieder besuchen.« Paula machte eine rasche Wendung, bückte sich nieder und küßte ihre kleine Nichte. Gunther sah das über den Brief hinweg, den er jetzt las. Nachdem er alle Einsendungen durchgesehen, nahm er die Zeitungen vor. Er blieb ernst; manchmal bezeichnete er Paula eine Stelle, die sie vorlesen solle. »Man wünscht sich so oft,« sagte er, »ich meine, ich habe viele den Wunsch aussprechen hören: nach dem Tode wieder einmal hinabschauen zu können auf die Welt; es ist das aber auch nur eine Phrase, die für tief gilt, weil sie selten gehörig ausgemessen wird. Man hat, sieht und versteht doch nichts als die Welt, in der man lebt.« Dieser Ausspruch kam seltsam heraus und Paula wollte eine Frage daran knüpfen, aber die Mutter winkte ihr, es zu unterlassen. Der Gedanke hatte sich offenbar abgelöst von einer Reihe von Folgerungen, die den einsamen Gelehrten beschäftigt hatten. »Du mußt mir mehrere Briefe beantworten,« sagte Gunther zu Paula, die ihm Sekretärsdienste versah, »komm!« Aber schon als Gunther im Gehen war, brachte ein Extrabote einen Brief. Er war von der Königin. Gunther erbrach ihn und las die mit blauer Tinte geschriebenen Bogen. ***, den 5, April. In Ihrem Briefe ist Bergluft. Wenn nicht vielleicht ein wissenschaftlicher Stolz entgegenstände, so möchte ich bitten, daß Sie Ihre gesammelten Weltbetrachtungen in Briefform geben möchten. Was sich nicht in Briefform dargeben läßt, ist noch nicht portativ. Im Epistolaren ist persönliche Gegenwart des Schreibenden. Und glauben Sie mir, ich habe ein Recht, das zu sagen, Sie können selbst nicht ermessen, wie Sie Ihre Ideen benachteiligen, wenn Sie sie derart ablösen, daß solches auch ein andrer gesagt haben könnte. Der Brief hat noch Stimme. Eben im Schreiben werde ich inne, daß ja auch Ihr Freund Horaz Briefe in Versen geschrieben und die Apostel bedienten sich auch der Briefform. Es macht mir einen unheimlichen Eindruck, da Sie sagen, die tausenderlei Gestalten des Lebens, die einst vor Ihr Auge getreten, drängen sich um Ihr Fahrzeug wie um Charons Nachen. Ich kann mir nicht denken, daß Sie uns nur ins allgemeine Schattenreich führen; Ihre Aufgabe ist ja das Wissen vom Leben. Ich habe Sie gewiß mißverstanden. Ich denke mir, daß Sie ganze Gruppen, ganze Epochen als Persönlichkeiten fassen und mit Ihrer, ich möchte sagen, hörenden Hand den Rhythmus ihres pulsierenden Daseins erlauschen. Das ist schön, daß Sie auch mein bescheidenes Thun in den großen Gang der Menschheitsentwickelung einreihen können. Ich sehe recht wohl, daß diese Fürsorge für Wohlthätigkeitsanstalten nur ein Episodisches, nichts Ganzes ist, aber ich vollführe sie mit ganzer Seele. Das verdanke ich Ihnen. Wir können wissen, wie klein und halb unser Thun; wir müssen das Große und Ganze wollen und es im kleinen und einzelnen mit treuer Hingebung pflegen. Und ich finde in dem Wirken für andre das besonders Befreiende, daß es uns aus der Selbstkultivierung herausführt. In der Selbstkultivierung und Bespiegelung halten wir uns bald zu hoch, bald zu nieder, sind übermäßig zufrieden oder ebenso unzufrieden. Nur das, was wir leisten können, gibt uns ein Maß unsres Wertes. Ich frage mich oft, ob ich zu alledem im vollen Besitz des Glückes gekommen wäre. Mein Sinn strebte eigentlich nach einer andern Seite. Ich hatte Lust, vielleicht auch Begabung, das Schöne zu pflegen, das Leben mit Festen zu kränzen. Nun hat mich das Geschick anders gewendet und es ist gut. Wir sollen nicht das Leben zum Fest machen, so lang noch so viel Not zu lindern ist. Ich war so glücklich, die eine Krone zu tragen –ich muß auch die andre willig auf mich nehmen. Ihre Bemerkung, daß die Verzeichnisse der Mitglieder wohlthätiger Anstalten die eigentlichen und einzigen Kirchenregister der neuen Zeit seien, hat mich anfangs sehr erfreut, dann aber mußte ich wieder finden, daß ihr Männer des freien Gedankens doch auch terroristisch seid. Die Kirche hat auch ihr Recht, wenn sie nur nicht allein recht haben, sondern vielmehr bescheiden als Gleiche unter Gleichen mit andern Wohlthätigkeits- und Lehranstalten stehen will. Ich bin durch mein Protektorat über die verschiedenen Wohlthätigkeitsinstitute nun auch mit Bürgerfrauen in persönliche Beziehung getreten und finde ungemein viel gediegene Bildung und gute Haltung. Es hat, wie Sie sich denken können, viel Mühe gekostet, mehr als bloß zum Schein einige bürgerliche Namen anzuhängen. Minister Bronnen hat auch mir hierin wirksamen Beistand geleistet. Ich habe auch eine liebenswürdige, ebenso bescheidene als resolute Jüdin in meinem Komitee der Blindenanstalt. Es ist Frau *. Ich glaube, Sie haben mir einmal von ihr erzählt. Bei der letzten Prüfung der Blinden empörte mich der Geistliche, da er in seiner Rede den Blinden ihr Schicksal als weise Vorsehung pries. Ich konnte nur durch Nichtbeachtung seiner Anwesenheit ihm mein Mißfallen über diese salbungsvolle Barbarei kundgeben. Ich lese jetzt viel Religionsgeschichte. Wenn ich die Zeiten übersehe, ist mir's, wie wenn ich an dem Wasserfall säße, den wir so oft miteinander betrachtet. Da stürzt die ewige Flut herab, es kommt immer neues Wasser und das neue bildet stets dieselben Rinnsen, Wallungen, Quellungen, der Untergrund bleibt stets derselbe, die Felsentrümmer behalten die Lage, die am ersten Tag der Erdbildung geworden, und mit der Zeit wachsen Gräser und Blumen auf den Felsentrümmern, Jahrtausende höhlen da und dort eine veränderte Richtung aus, oder ein großes Naturereignis bricht neue Bahnen. Das ist der Gang der Weltgeschichte. Wir sind Tropfen, die hinabfließen, schäumen und brausen. Ich sehe, daß ich noch einiges in Ihrem Brief zu beantworten habe. Sie wünschen Mitteilung meiner Wahrnehmungen an den Wohlthätigkeitsanstalten. Hier aber tritt Vorteil und Nachteil meiner Stellung als Königin ein. Ich bin nie sicher, ob mein Besuch da und dort nicht doch voraus angesagt ist und ich treffe Vorbereitetes. Das Glück meiner Stellung ist aber, daß ich schon durch meine Anwesenheit, durch eine Anrede, die Unglücklichen und Armen beglücken kann. Ja, es ist die nächste Pflicht der so hoch Bevorzugten, sich den Verlassenen zuzuneigen. Ein Gedanke beunruhigt mich aber noch immer: diese Gemeinsamkeit der Erziehung und Versorgung ist gut und nötig und vielleicht auch zweckmäßig, aber sie entzieht den armen Kindern das beste, was eine junge Seele in sich nährt: das Alleinsein. Sie finden, daß ich heiteren Sinnes geworden und wünschen, daß dies nicht nur momentane Stimmung. Ich glaube auch, daß die Tonart meines innern Lebens aus Moll in Dur übergegangen ist. Aber die große Dissonanz meines Lebens ist noch dieselbe. Glauben Sie ja nicht, daß ich gewaltsam daran halte. Ich darf sagen, tief in meiner Natur liegt jenes große Wort: Aergert dich dein Auge, so reiße es aus. Ich verstehe das so: Findest du in deinen Neigungen und Bestrebungen etwas, was dir und der Welt zum Aergernis werden könnte, so sei unbarmherzig gegen dich und halte es nicht für einen notwendigen Bestandteil deines Wesens, reiße es aus. Aber, mein Freund, ich kann das Aergernis nicht finden. Ich muß den großen Schmerz meines Lebens tragen. Wie oft sehne ich mich nach Befreiung; auch er leidet und doppelt, als Schuldiger, da überfällt mich stets und jetzt eben, indem ich schreibe, ein Schauer –es steht ein Todesschatten zwischen uns. Was wird ihn bannen können? Den 6. April. Für das Beste habe ich Ihnen noch gar nicht gedankt. Daß auch Sie Ihre volle Freude über die konsequente freie Gestaltung des Staats aussprechen, ist mir eine Labung ohne gleichen. Ich lese jetzt viel Gutes über die neue Regierung, aber ich las und hörte ebensoviel Gutes über die alte, und man will ja behaupten, es sei kein Bruch geschehen mit der alten, es sei nur eine andre Tonart, aber dieselbe Melodie. Warum nur die Menschen so stolz sind, sich immer als die Unveränderten behaupten zu wollen? Doch immerhin! wenn nur das Gute und Rechte geschieht. Die Auflösung der Garde wird in unsrer nächsten Umgebung als eine wahre Revolution angesehen. Es wird mir erst jetzt klar, welch eine privilegierte Kaste es gab, und das hielt sich so selbstverständlich und wir wußten kaum davon. Haben Sie noch in Erinnerung, wie ich Sie damals fragte, ob es in Wirklichkeit glückliche Menschen auf der Welt gäbe? Ihr Leben ist mir nur eine Antwort und Ihr bestes Glück besteht darin, daß Sie nichts Unwahres zu vollführen haben, nichts, was Ihrer Einsicht und Ueberzeugung ungemäß ist. Ich sehe nun auch meinen Irrtum, daß ich Ihre Denkweise für die Philosophie der Einsamkeit hielt. Sie halten den Einklang des Lebens fest. Aber ich habe noch immer eine Furcht vor der Verflüchtigung der Wirklichkeit, wo die lebendigen Formen des bunten Menschenschwarms verschwinden und nur die Essenz ausgehoben wird, oder wenn ich recht verstehe, in die Substanz aufgelöst wird und aller Anteil am vollen Leben mit seinen Mischungen in der Persönlichkeit aufhört. Ich kann nicht anders, ich muß selbst in den Instituten einzelne mir nahe bringen. Ich kann das Ganze fördern, aber ich kann nur das Einzelne lieben. Eine große Beruhigung gewährt es mir, wie Sie mir zeigen, daß es nie eine Periode der Geschichte gab, die ganz mit sich zufrieden war. Wir träumen uns so gern ein goldenes Zeitalter, aber das goldene Zeitalter ist heute oder nie. Nun aber genug ins Weite. Ich erfülle gern Ihren Wunsch und erzähle Ihnen von Woldemar. Ich muß mich nur hüten, Ihnen nicht tausend kleine Züge von ihm zu erzählen. Ich gebe mir Ihrer Mahnung gemäß alle Mühe auf seine Fragen einzugehen, statt ihn Unverlangtes zu lehren. Er hat viel Entschiedenes in seiner Natur, in Zuneigungen und Abneigungen. Ich glaube, das ist gut und lasse ihn gern gewähren. Er hat vorherrschend das Naturell des Königs. Dabei ist der Sinn für Musik besonders wach in ihm. Ich glaube, es hat ihm wohlgethan, daß im buchstäblichen Sinne des Wortes ihm an der Wiege gesungen wurde, freilich von den Lippen jener Bildungsheuchlerin und jener Naturheuchlerin. Ach, lieber Freund, diese schwere Erinnerung wirft noch immer einen schweren Schatten in alles Denken und Schauen. Den 7. April. Nun hat das mühselige Schreiben ein Ende. Wir kommen zu Ihnen, lieber Freund, Woldemar und ich, ich und Woldemar. Ich habe es eben Woldemar erzählt, der sogleich in entschiedenem Tone hinzufügte: »Aber Schnipp und Schnapp (das sind seine beiden Pferdchen) gehen auch mit.« Nun also kurz: der König hat meine Bitte gewährt, ich kann im Hochsommer zur Stärkung meiner Gesundheit auf vier Wochen mit Woldemar zu Ihnen kommen. Es ist bereits Befehl gegeben –Minister Bronnen soll das schon im stillen angeordnet haben –daß die Meierei in Ihrer Nähe, sie soll sehr schön liegen, für ein kleines Gefolge eingerichtet wird. An Goethes Geburtstag gehen wir diesmal miteinander spazieren. Jetzt aber ist der Brief groß genug, ich nehme keinen neuen Bogen mehr. Wenn Sie, wie ich annehmen möchte, eine Macht über Ihre Heimatberge haben, so lassen Sie sie recht heiter und wolkenlos sein, wenn bei Ihnen und den Ihren sein wird Ihre Freundin Mathilde. Nachschrift. Bronnen war bei Ihnen. Er hat mir viel erzählt und als ich nach Ihrer jüngsten Tochter fragte, glaubte ich eine besondere Bewegung in seinen Mienen zu bemerken. Irrte ich mich? Empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlin und Ihren Kindern. Ich hoffe, daß die Königin sie nicht genieren wird. Drittes Kapitel. Es scheint auch im ruhigsten Leben, als ob es Tage gäbe, an denen sich die ganze Welt wie verabredet hätte, daß ein störender Besuch nach dem andern die Thür in die Hand nimmt. Gunther hatte kaum Zeit, sich in seinem Zimmer auf den Brief der Königin zu fassen. Es ist offenbar, daß der König hier etwas anlegt, um durch den verabschiedeten Freund einen Ausgleich zwischen ihm und seiner Gattin zu bewerkstelligen. Gunther war bereit, mitzuwirken, aber in keiner Weise dadurch sein Leben wieder ändern zu lassen. Die Andeutung der Königin in Bezug auf Bronnen stimmte mit seinen eigenen Beobachtungen zusammen, und jetzt eben hörte er –zum erstenmal in diesem Jahr bei offenem Fenster –Paula laut und hell singen, und in ihrem Ton lag ein Ausdruck von bräutlicher Stimmung. Er wußte, daß Paula des besten Lebens würdig war, er konnte dem so hoch gestiegenen Freunde und dem eigenen Kinde nichts Besseres wünschen als ihre Vereinigung; aber auch wenn diese einträte, stand der Entschluß bei ihm fest, den Heimatsort nicht mehr zu verlassen. Günther saß, still vor sich hinsinnend. Da meldete der Diener die Freihofbäuerin. »Nein, die Walpurga!« rief es draußen und noch ehe der Diener die Rückmeldung brachte, drang Walpurga in das Zimmer. »Ach, Herr Leibarzt. Sie sind unser Nachbar? Ich Hab' erst vor einer Minute erfahren, daß Sie hier wohnen und es ist doch kaum vier Stunden von unserm Hof. Ja, so ist's hier herum, da lebt man in den Einöden, von einander wie abgestorben.« Sie streckte Günther die Hand entgegen, aber Günther raffte mehrere Papiere zusammen und fragte: »Lebt deine Mutter noch?« »Leider Gottes, nein. Ach, wenn die es noch erlebt hätte, den Herrn Leibarzt wiederzusehen, und wer weiß, ob sie nicht noch am Leben wäre, wenn man in ihrer Krankheit Sie hätte rufen können.« Walpurga weinte in der Erinnerung an ihre Mutter. Günther setzte sich und fragte: »Was ist dein Begehr?« »Wie? Was?« fragte Walpurga, sich schnell die Thränen trocknend. »Und wie mir's geht, fragen Sie gar nicht?« »Du bist im Wohlstand und hast dich wenig verändert,« »Erlauben Sie, daß ich mich setze,« sagte Walpurga mit beklommener Stimme. Dieser abweisende Empfang dieses sonst so wohlwollenden Mannes traf sie so schwer, daß sie kaum aufrecht stehen konnte. Sie schaute sich wie verwirrt in der Stube um. Endlich sagte sie: »Und weiter hätten Sie mich gar nichts zu fragen? Nicht einmal, wo ich daheim bin jetzt? Und wie es meinem Mann und meinen Kindern geht?« »Walpurga,« sagte der Arzt aufstehend, »laß jetzt dein altes Komödienspiel,« »Was –Komödienspiel? Ich weiß nicht, was das ist? Was hab' denn ich mit Komödienspiel zu thun?« »Das gehört jetzt nicht hierher. Hast du mich etwas zu fragen oder mir sonst etwas mitzuteilen?« »Freilich, deswegen bin ich ja gekommen,« »So sprich.« »Ja, mir hat sich aber alles im Kopf verwirrt, weil Sie so sind. Mein Hansei weiß nichts davon, daß ich zu Ihnen bin, und es soll auch sonst niemand in der Welt etwas davon wissen, als Sie, Sie allein. Ich kann ein Geheimnis bewahren, ich hab's bewahrt, mir kann man vertrauen, ich bin verschwiegen.« »Das weiß ich!« sagte der Arzt mit scharfem Tone. »Das wissen Sie? Woher? Das können Sie nicht wissen. Und ich sag's Ihnen auch jetzt noch nicht ganz. Ich hätt's Ihnen vielleicht gesagt, aber nach so einem Empfang kann ich nicht.« »Thu' ganz, wie du es für gut hältst. Sprich oder schweige, aber mach's kurz, ich habe nur wenig Zeit.« »Da will ich lieber ein andermal kommen,« »Ich kann dich zu Plaudereien nicht annehmen. Sprich jetzt, was du hast,« »Gut. Also, Herr Leibarzt ... o lieber Gott, daß Sie mir nicht einmal eine Hand geben, ich komme nicht darüber hinaus, aber ich sehe schon, so ist's bei den vornehmen Herrschaften; meinetwegen–ich weiß gottlob, wo ich daheim bin.« »Laß deine Redensarten,« unterbrach Günther noch schärfer. »Was hast du mir mitzuteilen? Soll ich dir in etwas helfen?« »Mir? Mir fehlt gottlob nichts. Ich hab' nur sagen wollen, draußen auf der Meierei, da wohnt der Unterförster Steingaßinger, und seine Frau ist die Stasi, mein Gespiel, und die hat mir berichtet, schon anfangs Winter, daß der König den Sommer hierher kommen will, und da hab' ich nur sagen wollen, daß der König ganz frei auf den Freihof kommen kann, wenn er mich besuchen will. Ich hätte noch etwas zu sagen, aber ich sehe schon, es ist besser, ich sage nichts, ich möchte nicht einen Eid brechen.« Günther nickte. »Wenn der König dich besuchen will, werde ich ihm deine Mitteilung machen.« »Und kommt denn unsre gute liebe Königin nicht auch mit? Es hat mich oft in der Nacht aus dem Schlaf geweckt aus Aerger und Verdruß, daß sie sich so gar nicht um mich kümmert, und sie hat mir's doch so heilig versprochen. Ich verstehe nicht, wie es möglich ist, daß sie so gar nicht mehr an mich denkt. Aber es ist schon gut so. Und wie geht's denn meinem Prinzen? Und ist's denn wahr, daß Sie in Ungnade sind und verbannt vom Schloß und darum hier in dem kleinen Nest wohnen?« Der Leibarzt gab ausweichende Antwort und sagte, daß er andres zu thun habe. Walpurga stand auf, aber sie konnte nicht vom Fleck, sie begriff nicht, was das ist, und nur weil sie sich's vorher ausgedacht hatte, sagte sie noch, der Leibarzt sollte sie bei Gelegenheit auch einmal besuchen, und ob sie wohl die gute Frau Gunther auch noch auf eine Minute sprechen könne. Sie hatte die Hoffnung, bei ihr wenigstens freundliche Aufnahme und eine Erklärung für das abwehrende Benehmen des Leibarztes zu finden. »Geh zu ihr,« erwiderte Gunther; er wendete sich ab, nahm ein Buch, und Walpurga verließ das Zimmer. Auf dem Hausflur stand sie und mußte sich besinnen, ob sie nicht träume. Sie, die ehemalige Amme des Kronprinzen, wurde jetzt so angesehen, als ob man sie nie gekannt habe, und sie, die Freihofbäuerin –ihr Stolz empörte sich, da sie an ihr großes Heimwesen dachte –sie wird jetzt hinausgeschickt wie ein Bettelweib. Sie wollte Frau Gunther nicht mehr sprechen und ein tiefer Gram machte ihre Lippen beben, indem sie denken mußte, wie gar so schlecht die vornehmen Menschen seien. Und da rühmt man dieses Haus, und sie selbst hatte es einst gerühmt, als ob lauter heilige Menschen darin wohnten. Sie verließ das Haus; aber im Garten traf sie auf Frau Gunther, die zurückprallte, als sie Walpurga erkannte. »Sie kennen mich nicht mehr?« sagte Walpurga, ihr die Hand entgegenstreckend. »Wohl erkenne ich Euch noch,« sagte Frau Gunther, die dargebotene Hand nicht erfassend. »Wo kommt Ihr her?« »Von meinem Hof. Ich bin jetzt die Freihofbäuerin und, Frau Geheimrätin, wenn Sie zu mir gekommen wären, ließe ich Sie nicht so draußen stehen. Ich thät' Ihnen sagen: kommen Sie herein in meine Stube.« »Aber ich sage es nicht,« erwiderte Frau Gunther. »Ich lege den Menschen, die nicht den geraden Weg gehen, nichts in den Weg, aber ich ziehe sie nicht in mein Haus.« »Wann bin ich denn nicht den geraden Weg gegangen? Was hab' ich denn gethan?« »Ich bin Euer Richter nicht.« »Es kann jedes mein Richter sein. Was hab' ich denn gethan? Sie müssen mir's sagen.« »Ich muß nicht, aber ich will. Ihr werdet es vor Euch selbst zu verantworten haben, wie das viele Geld erworben ist, von dem Ihr den großen Hof gekauft habt. Adieu!« Sie ging nach dem Hause. Walpurga stand allein. Die Häuser, die Berge und Wälder und Felder schwammen vor ihr, und in ihrem Auge standen schwere Thränen. Gunther hatte von seinem Fenster aus Walpurga bei seiner Frau im Garten gesehen und an den zurückweisenden Bewegungen wohl gemerkt, daß seine Frau der Bäuerin die Wahrheit gesagt haben mußte. Jetzt sah er Walpurga des Weges dahin wandeln, oft stille stehen und mit der Schürze die Thränen trocknen. Wenigstens ehrliche Reue hat dieses Weib aus dem Volk doch noch, dachte er für sich, und immer wieder zeigt die Verkettung des Uebels, daß die Verdorbenheit auch andre verderben muß. Nur schwer hatte sich Gunther überzeugen lassen, daß Walpurga für schlimme Dienste eine große Summe Geldes bekommen, aber es war gerichtlich festgestellt, daß sie in neugeprägtem Golde –wie nur die Fürstlichkeiten solches verausgaben –das Gut bar bezahlt habe. Und eben weil Gunther an die einfache Treuherzigkeit Walpurgas geglaubt und sein Wort dafür eingesetzt hatte, war er um so empörter gegen sie. Er war entschlossen, eine nächste Gelegenheit zu ergreifen, alles ins klare zu setzen. Viertes Kapitel. So fröhlich und stolz Walpurga am Morgen vom Freihof ausgefahren war, so traurig und demütig kehrte sie am Abend wieder heim. Sie konnte stolz sein, denn stattlicher kommt keine Großbäuerin daher. Franz, der ehemalige Kürassier, hatte das Schimmelfüllen gut einexerziert; es war an das Bernerwägelein gespannt, und das schöne Pferd schaute sich wie zufrieden um, als sonntäglich gekleidet die Bäuerin mit ihrem Töchterchen Burgei kam und Hansei der Mutter auf den Sitz half und ihr dann das Kind nachreichte. »Kommet gesund wieder heim,« sagte er, »und du, Franz, nimm dich mit dem Gaul gut in acht!« »Hat keine Gefahr!« hatte Franz geantwortet, und der Schimmel ging so leicht, er tänzelte nur so daher in seinem Geschirr, solch eine Fracht schien ihm Kinderspiel zu sein. Hansei sah Frau und Kind eine Weile nach, dann wendete er sich und ging an seine Arbeit; er nickte nur Irma zu, die aus ihrem Fenster schaute und Walpurga noch lebewohl nachwinkte. Walpurga fuhr dahin und hielt die Hand aufs Herz, als müsse sie das überquellende Glück zurückhalten. Was gibt es aber auch besseres auf der Welt, als ein so wohlbestelltes Heimwesen zurücklassen, und dabei können die Leute sehen, wie man daherkommt. Walpurga war aber auf noch etwas stolz, was die Leute nicht sehen können. Sie hat mit großer Umsicht eine schwierige Sache zum Ausgleich gebracht: Morgen früh geht Irma auf die Alm und alle Gefahr ist abgewendet. Es ist keine Kleinigkeit, solch ein Geheimnis einen ganzen Winter lang still zu tragen, denn Irma hatte recht gesehen. Walpurga hielt sie bei dem Gedanken fest, daß sie einen ganzen Sommer lang in noch tiefere Einsamkeit ziehe. Sie hatte vom Gespiel erfahren, deren Mann es vom Oberförster gehört hatte, daß der König nächsten Sommer in das Städtchen drüben kommen werde. Sie bangte um Irma. Und jetzt ist die Sache noch entschiedener. Der Mann des Gespiels war auf die Meierei versetzt worden, er hatte die Durchschläge zu ordnen und die Herrichtung der Wege zu beaufsichtigen, die zur Ankunft des Königs bereitet wurden. Nun war noch mancherlei Geschirr und Bequemlichkeiten zu kaufen, um sie der Gundel und Irma mit auf die Alm zu geben, und Hansei willigte ein, daß seine Frau statt im benachbarten Städtchen, im entfernteren die Sachen kaufe und dabei zugleich das Versprechen löse, das Gespiel in seiner neuen Behausung aufzusuchen; zuletzt gestattete er sogar, daß sie die kleine Burgei mitnehme, und so fuhr nun Walpurga mit vollgesättigtem Herzen dahin und grüßte im nächsten Dorfe die Begegnenden und lächelte allen freundlich zu, die sie auf dem Weg erschaute. »Ich möchte nur,« sagte Franz unterwegs, »daß wir so miteinander jetzt daheim am See ums Dorf fahren könnten; alle, wie wir da sind, sind wir von daheim, ich, die Bäuerin, die Burgei und der Schimmel.« Franz hatte sich heute besonders herausgeputzt, und sein ganzes Gesicht glänzte, denn auch er hegte einen stillen Gedanken: er wollte im Städtchen einen silbernen Ring kaufen, um ihn seiner Gundel an den Finger zu stecken, bevor sie auf die Alm zieht. »Hab nur auf den Schimmel acht,« entgegnete Walpurga, »er ist doch noch gar so jung. Und was ist das für ein schöner Tag! Hier unten blühen aber die Kirschen noch nicht, und das Bäumchen, das wir von daheim gesetzt haben, blüht heuer zum erstenmal. Hast's nicht auch gesehen?« »Nein.« Man fuhr ruhig weiter. Als man gegen das Städtchen kam, wo das Gespiel wohnte, sagte Franz, der viel mit Fuhren im Lande herumkam: »Bäuerin, der schöne Bach da, der kommt von droben her bei unsrer neuen Alm; kaum einen Büchsenschuß davon kommt er aus dem Gestein.« Walpurga lächelte; auf ihrem eigenen Grund und Boden entspringt ein Bach, der weit durchs Land zieht. Ja, man sollt's nicht glauben, was man alles in der Welt noch werden und bekommen kann. Die Freude des Gespiels bei der Ankunft Walpurgas war groß, und eine bessere Lobpreiserin hätte sich Walpurga nicht wünschen können. Sie behauptete, daß der König kein schöneres Pferd, keinen manierlicheren Knecht, kein lieblicheres Kind und keine bessere Frau habe als Hansei, und überall, wo sie die Bäuerin umherführte, standen die Arbeiter, die die Wege herrichteten und Brücken bauten, eine Weile still und schauten auf die stattliche Bäuerin und auf das Kind, das gerade wie die Mutter aussah und auch gerade so gekleidet war wie sie. Das Gespiel richtete ein vortreffliches Essen, und Walpurga hatte Butter, Eier und Schmalz für lange Zeit mitgebracht. Walpurga war geehrt in der Amtswohnung des neuen Inspektors, als wäre sie die Königin. Endlich ging's ans Einkaufen im Städtchen, und Walpurga zeigte sich ebenso verständig als ihrer Stellung bewußt. Sie kaufte von allem Angebotenen immer das beste und marktete nicht viel. Als man in die Meierei zurückkehrte, war Walpurga eben daran, dem Gespiel etwas von ihrem Geheimnis mitzuteilen, um vor dem König desto sicherer zu sein; da hörte sie, welch ein Mann jetzt schon im vierten Jahr hier im Städtchen wohne. »O lieber Gott, das ist ja mein bester Freund,« rief sie. Schnell übergab sie das Kind der Freundin und eilte zu Gunther. Sie glaubte, das Herz müsse ihr zerspringen vor Freude, und sie mußte vor dem Hause eine Weile niedersitzen, um zu Atem zu kommen. Als sie aber wieder den Weg nach der Meierei zurückging, sah sie immer auf den Boden, sie konnte das Auge nicht aufschlagen, und das Entsetzlichste war, daß sie beim Gespiel ausgerufen hatte: »Das ist mein bester Freund!« Jetzt sollte sie erzählen. Sie brachte nichts hervor, als: »Laß mich nur schweigen, was die Vornehmen für Menschen sind. Wenn ich zu reden anfange, werd' ich vor morgen nicht fertig, und wir müssen fort, sonst kommen wir in die Nacht hinein.« Je mehr nun das Gespiel und ihr Mann den Leibarzt und dessen Frau und Töchter lobten, desto stiller und trauriger wurde Walpurga. Sie darf nicht sagen, was man ihr gethan hat. Das hat man davon, wenn man sich auf die Ehre verläßt, die einem andre geben sollen. Noch als sie weggefahren war, redeten das Gespiel und der Inspektor miteinander, wie wunderlich und veränderlich Walpurga sei; Walpurga aber war froh, daß sie niemanden mehr ins Auge zu sehen hatte. Also so ist's? Jetzt steigt etwas auf, an das man gar nicht mehr gedacht hat. »O liebe Mutter,« sagte sie einmal laut vor sich hin, »du hast recht gehabt, alles auf der Welt muß bezahlt werden. Jetzt muß das Gold von damals auch bezahlt werden, aber wie?« Sie setzte ihr Kind, das neben ihr saß, auf den Schoß, als wäre es das einzige, was ihr geblieben; sie herzte und küßte das Kind und es schlief an ihrem Herzen ein. Auch sie wurde ruhiger, obgleich sie lebhaft spürte, was ihr angethan worden und wer weiß, was sie noch erleben muß? Damals, als sie daheim die Hässigkeit der Dorfleute erfahren, konnte sie sich dessen getrösten, daß das einfältige, uneinsichtige Menschen seien. Aber jetzt? Was kann sie jetzt sich zum Troste sagen? Und soll's jetzt wieder kommen, daß sie so lang ganz verstört sein soll? Und sie hat niemand, dem sie davon Kunde geben darf. –Die Mutter ist nicht mehr da, und Hansei darf nichts wissen, und die Irmgard erst gar nicht. Es dämmerte bereits, als sie endlich ihr Heim ansichtig wurde. Sie faßte sich: »Es ist besser, ich lasse jetzt, bis ich sterbe oder meinetwegen bis sie stirbt, den Verdacht auf mir ruhen; dann kommt niemand zu uns und ich brauche nicht in Angst zu sein um meine gute Irma, die viel schwerer zu tragen hat, und gottlob, daß ich nichts von dem Geheimnis verraten habe, und doppelt gut ist's, daß sie jetzt in die Einöde dahinauf kommt, wo niemand sie findet.« Mit festem Mut kehrte sie in ihr Haus zurück und erzählte Hansei nur von ihrem Besuch bei ihrem Gespiel. »Ich habe bisher alles allein getragen, ich will's weiter tragen,« sagte sie sich. Mit großer Selbstbeherrschung zeigte sie eine heitere Miene vor Hansei und Irma, und tummelte sich mit ihrem Knaben, dem sie ein hölzernes Pferdchen mitgebracht hatte. Fünftes Kapitel. Es war ein unruhevoller Rüstabend, Hansei hatte viel zu thun, aber immer wieder machte er sich bei den Kuhschellen zu schaffen, er hörte den Ton gar zu gern, denn er hatte ein gut abgestimmtes Glockenspiel gekauft, und Irma hatte es am Tage heut', da er es ihr zeigte und erklingen ließ, gar sehr gelobt. Man ging früh zu Bette, denn am andern Morgen mußte man lang vor Tag aufstehen. Hansei war eingeschlafen. Da erwachte er und hörte Walpurga weinen und schluchzen. »Um Gotteswillen, was ist?« »Ach, wenn meine Mutter nur noch am Leben wäre!« klagte Walpurga. »Wenn ich nur meine Mutter noch hätte!« »Thu das nicht. Weine jetzt nicht mehr. Das ist eine Sünde.« »So? Um die Mutter trauern ist eine Sünde?« »Es kommt drauf an, wie man trauert. Ich hab' oft gehört, so lange der Boden auf dem Grab noch offen ist, darf man weinen um ein Gestorbenes, da schadet's dem Toten nicht und den Lebenden auch nicht; wenn aber Gras über das Grab gewachsen ist, darf man nicht mehr mit Weinen an ein Verstorbenes denken. Man sagt im Sprichwort: man macht ihm die Kleider in der Ewigkeit damit naß. Versündige dich nicht, Walpurga, deine Mutter hat ihre Jahre ausgelebt, und so ist es einmal in der Welt, die Eltern müssen vor den Kindern sterben, und ich wünsch', daß unsere Kinder uns auch nicht vergessen, aber wenn die Zeit um ist, nicht mehr mit Weinen an uns denken. Jetzt aber –warum läßt du mich so viel reden? Hab' ich recht oder nicht? Warum bist du so still?« »Ja ja, sollst recht haben. Aber ich bitt' dich, frag' mich jetzt nichts mehr; ich habe eben vielerlei Gedanken. Gut Nacht!« »Gut Nacht, und sag' auch deinen unnötigen Gedanken gut Nacht.« Ein flüchtiges Lächeln zog über das Angesicht Walpurgas, da Hansei sie so gut anrief, aber dann überfiel sie wieder Wehmut, Verzweiflung und Verlassenheit. Sie hatte nach ihrer Mutter geweint, die das Geheimnis Irmas mit ihr getragen hatte und mit der sie davon reden konnte. Jetzt wälzte sich eine neue Last auf ihre Seele und drohte sie zu erdrücken und niemand kann ihr helfen. Jener Abend, da sie im Schloßhof gestanden, als wäre sie in den Zauberberg geholt, stand plötzlich vor ihrer Seele und die steinernen Männer im Halblicht starrten sie an. Sie hatte einen goldenen Schatz von dort mitgenommen, aber was haftete daran? Die erfahrene Unbill nagte am Herzen. »So sind die Vornehmen,« knirschte sie, »sie verdammen ungehört. Ich könnte mich rechtfertigen, aber ich will nicht.« »Ist dir's vielleicht nicht recht, daß unsre Irmgard auf die Alm zieht?« fragte Hansei nach geraumer Weile. »Ich hab' gemeint, du schläfst schon lang,« erwiderte Walpurga. »Nochmals schlaf wohl.« Sie dachte, wie es sein wird, wenn Hansei erfährt, was man ihr nachsagt. Wie wird er's ertragen? Und ist es nicht wie ein Wunder, daß man bisher nichts davon erfahren hat? Alle Ehre vor den Menschen verwandelte sich ihr plötzlich in Schande. Ihre besondere Gabe, sich auszudenken, was die Menschen da und dort reden und meinen, wurde wieder zur Qual, und alles verwirrte sich ihr in halbwachem Traumgesicht. Sie richtete sich auf und griff nach ihren Kleidern, sie wollte zu Irma, ihr klagen und sich das Herz erleichtern. Aber rasch kämpfte sie den Vorsatz wieder nieder. Wie willst du der Büßenden das auferlegen? Sie hat die Kraft, für gestorben zu gelten in der Welt und sich alles zu versagen; wie so wenig, wie so gar nichts ist das, was du dagegen zu erleiden hast ... Und muß nicht auch die Königin unschuldig leiden? Muß nicht eines auf der Welt leiden für das andere?« Eine Kraft, wie sie sie noch nicht gekannt hatte, erfüllte sie plötzlich. Sie wollte für Irma leiden, ihr Ehrengewand opfern, um der Büßenden Schutz zu gewähren. Sie dankte dem Geschicke, daß der Leibarzt sie hart behandelt hatte; wie wär's, wenn sie bei freundlichem Empfang doch etwas verraten hätte? Die Elemente, die sich in Walpurga gemischt hatten, bald in Gärung, bald in Ruhe waren: das stille Leben daheim, das unruhige am Hofe, die Eitelkeit, die Ehre, die Demut, der Stolz, die Freude am Besitz, die Lust, etwas zu gelten, alles regte sich durcheinander und endlich kam die Klärung. Was hast du denn noch für Irma gethan? fragte sie sich. Gar nichts! Du hast sie neben dir leben lassen. Jetzt war sie bereit, um ihretwillen in Unehre zu stehen. Nicht was man in der Welt gilt, sondern was man in sich wert ist, ist die Hauptsache. Das stieg ihr im dämmernden Denken auf und sie atmete frei. Als sie sich endlich ruhig in die Kissen zurücklegte, war's ihr, als striche die Hand ihrer Mutter ihr über die Stirne. Sechstes Kapitel. Draußen war eine milde Frühlingsnacht. Irma saß am Brunnen und schaute hinein in den funkelnden Sternenhimmel. Es war ihr wunderbar zu Mute, daß sie nun wiederum wandern sollte. Morgen früh geht's auf die Alm, um dort einen ganzen Sommer zu verleben. Wie wird es dir sein, wenn du wieder hier sitzest und den Brunnen rauschen hörst in der Nacht? Da vernahm sie aus der dunklen offenen Stallthür ein Geflüster. »Ja, Gundel, die Bäuerin hat auch Aprilwetter im Kopf; auf der Hinfahrt war sie so lustig und auf der Heimfahrt, wie wenn sie Schläge bekommen hätte. Sie war bei dem großen Doktor, und da muß ihr was geschehen sein. Aber was geht uns jetzt die Bäuerin an? Sie hat Pfannen und Töpfe gekauft und ich was Besseres. Gib einmal deine Hand her. So, das silberne Ringlein steck' ich an deine Hand und hab' dich damit mit Leib und Leben eingeschirrt und du bist mein. Jetzt kannst du in die Welt hinausspringen und auf alle Berge hinauf, ich hab' dich doch.« Man hörte schmatzendes Küssen, und Gundel sagte endlich: »Du kommst aber doch auch manchmal hinauf auf die Alm?« »Ja freilich,« und dann gab es wieder leises, unverständliches Flüstern. »Horch, schau,« sagte Franz plötzlich. »Dort sitzt die Base Irmgard, die hat alles gehört.« »Das hat nichts zu sagen, sie weiß alles, und das ist gut, da kann ich doch den Sommer über mit ihr reden. Komm, wir gehen zu ihr, du wirst sehen, wie gut die ist.« Sie gingen zu Irma. Diese gab beiden die Hand und sagte: »Laßt eure Liebe sein wie dieser Brunnen, rein und frisch und unerschöpflich.« Sie tauchte die Hand in den Brunnenstrahl, den der Mond durchglitzerte, und bespritzte die beiden Liebenden mit dem Wasser. »Das ist so gut, wie aus dem Weihkessel,« rief Franz, »jetzt wird alles gut und frisch; ich hab' kein Bangen mehr. Du Brunnen und du Holunderbaum, ihr zwei seid unsre Zeugen, daß wir beide zu einander gehören und nie mehr voneinander lassen. Gut' Nacht!« Franz ging nach dem Stall zurück und schloß die Thür. Gundel ging mit Irma in ihr Zimmer und schlief auf der Bank, denn der Vater Pechmännlein war schon mit ihrem Bett und allerlei Hausrat vorausgezogen auf die Alm. Irma fand lange keinen Schlaf. Es war ihr, als müsse sie die vielen Tage und Nächte da oben vorausleben. Sie war unruhig. So lag sie hin- und hersinnend, und alles schwirrte in ihren Gedanken durcheinander. Da fragte sie endlich leise: »Gundel, schläfst du auch noch nicht?« »O nein, ich weiß, mein Franz schläft auch noch nicht. Er hat's nicht so gut wie ich, er kann mit niemand so reden, wie ich mit dir. O, wie dank' ich dir das. Du sollst's recht gut haben. O, was ist der Franz für eine gute, getreue Seele! Hörst du die Kühe schreien im Stall? Die haben auch keine Ruhe. Ich mein', ich hör' schon die Glocken, die sie morgen um den Hals kriegen, und ich mein', die Kühe müssen's auch voraus wissen; o, wenn du nur auch einen Schatz hättest, Irmgard. Aber ich weiß schon, wie's mit dir noch wird, wie's in der Geschichte heißt –du bist's wert. Da ist einmal ein König durch den Wald geritten und da hat er die schöne Sennerin gefunden und hat sie auf sein Pferd gesetzt und hat sie mit heim genommen und hat ihr goldene Kleider angezogen und eine diamantene Krone auf den Kopf, und da hat die Königin –o, die Glocken, die Königin, komm Bläß, die Glocken ... komm, komm, komm ... so, so –« Gundel schlief, aber Irma wachte und sah in den Mond hinein und die ganze Welt war ihr wie ein Wunder und schimmernde Märchen stiegen in ihr auf. Sie lächelte und ihr Auge glänzte, bis der Schlaf es schloß; aber das Lächeln blieb auf ihrem Antlitz und niemand sah es, als der Mond, der still am Himmel stand. Siebentes Kapitel. Was mit klarem Blick erkannt und mit heiterer Sicherheit beschlossen wurde, kommt oft erst in Trübung und Verzagtheit zur Ausführung. So war's nun auch, als man sich zur Almfahrt anschickte. Es war früh vor Tag. Bei Walpurga am offenen Herdfeuer stand Irma. Sie fröstelte. Seit ihrer Rückkehr vom Gange in die weite Welt hatte Irma alle Sehnsucht überwunden, aber doch war ein neues Gefühl der Heimatlosigkeit über sie gekommen, als ob sie immer erst heute in die gegebenen Verhältnisse einträte; sie schaute oft um, als sähe sie eine Gestalt herankommen mit einem leichten Bündel unter dem Arm, und diese Gestalt war sie selbst und doch so verändert; sie hatte kaum mehr ein Bedürfnis nach Speise und Trank, kaum mehr nach einer Ansprache im Wort, sie lebte ganz in sich und aus sich allein. Dabei war sie wohl still, aber heiter und zutraulich bei jeder Ansprache. Das Pechmännlein hatte zuerst diese Veränderung wahrgenommen, und er war es, der eine Sommerfrische auf der Alm für besonders zuträglich hielt, denn er behauptete, Irma sei krank, obgleich sie immer wohlauf schien und unablässig arbeitete. Nun hatte sich alles wie verabredet zusammengefügt; der eigene Wunsch Irmas, das Zureden des Ohms und die Gefahr vor Entdeckung durch die Ankunft des Königs in dem nahen Städtchen, die Walpurga für sich allein abwenden wollte. Walpurga war an diesem Morgen wohlgemut und frei, wie nach einem in schwerem Kampfe errungenen Siege; ihr Blick ruhte oft auf Irma, die in das offene Herdfeuer starrte. »Du wirst sehen,« sagte sie ihr endlich, »du wirst wieder ganz anders da oben, und ich hör' dich in Gedanken schon wieder singen, und dann singen wir wieder miteinander.« Sie summte vor sich hin das Lied: Wir beide sein verbunden Und fest geknüpfet ein. Aber Irma stimmte mit keinem Tone zu. »Ich trage das Leben, so lange das Leben mich trägt,« sagte Irma vor sich hin und hielt die ausgebreiteten Hände vor die offene Flamme. Nicht lange konnten die beiden Frauen so still am Herdfeuer beisammenstehen. Draußen im Stall war alles vorbereitet. Das Pechmännlein, als Kundiger aller Geheimnisse, hatte schon am Tage vorher alles gerichtet, um die Herde für ihren zukünftigen Aufenthalt fest und gesund zu machen. Er hatte eine Scholle Erde und drei Ameisen von der Alm herabgebracht, und diese Erde wurde untermischt mit Steinheilkraut, Teufelspeitsche, Speik und Salz, wozu noch etwas Pechöl getropft wurde, den Tieren allesamt als Maulgabe und letztes Futter gegeben. Das Pechmännlein war in der Nacht noch von der Alm herabgekommen, hatte die geheime Speise unberufen bereitet, stolz darauf, das für den Bauer zu thun, der hierzulande doch nicht heimisch war. Jetzt hatten die Tiere die Maulgabe verzehrt, waren gefeit gegen allen Zauber und alle Krankheit und heimisch auf der Alm, als wären sie dort geboren. Als jetzt der Tag zu grauen begann, ließen nun aber auch die Kühe sich nicht mehr halten; jede einzelne, die aus dem Stall kam, besprengte Peter noch mit Dreikönigswasser, aber die zahmen Haustiere schienen trotz Geheimmittel und Weihwasser wieder zu wilden Tieren geworden: das war ein Brüllen, Rennen und Kämpfen im verschlossenen Hofraum und dazwischen ein Schreien der Knechte. Auf Befehl des Pechmännleins ließ man die Kühe ruhig kämpfen, und sie wurden endlich von selbst ruhig. Gundel setzte der schönen großen braunen Heerkuh den Kranz auf die Hörner, hing ihr die große Vorschelle um, auch die andern Kühe erhielten die abgestimmten Schellen, und nun war die Heerkuh von ihren Genossinnen, die sie schnaubend anglotzten, im Kreise umstanden. Die Heerkuh aber stand so stolz und trotzig da, daß keine mehr es wagte, sie herauszufordern. »Jetzt fort in Gottes Namen!« rief das Pechmännlein und machte das Hofthor auf. Der Zug setzte sich in Bewegung. Zuletzt kam noch Franz, der den mächtigen braunroten Bullen an den kurzen kräftigen Hörnern hielt und von ihm mehr geschleppt wurde, als daß er ihn führte. Sobald der Bulle aus dem Stall war, stand er still, schaute mit unheimlich glänzenden Augen rechts und links, bog den Kopf hoch und schritt würdevoll und allein dahin; draußen aber vor dem Thore brüllte er laut auf. Es war alles ruhig und gut vorbereitet und doch trat jetzt Hast ein. Walpurga und Hansei gaben den Davonziehenden ein Stück Wegs das Geleite. Irma war still. Sie förderte frei ihre Schritte und doch war's ihr, als hätte sie das nicht selbst bestimmt und sie würde von einem andern getrieben. »Du siehst schon jetzt wieder fröhlicher aus,« sagte Hansei zu Irma. Sie nickte. Die vorausgegangene Herde hielt vor dem Dorf an, denn ohne die Sennerin darf man nicht durchs Dorf ziehen. Man hätte wohl auch den andern Weg ziehen können, der hinter dem Dorfe nach dem Berg führte und ein Stück näher war, aber warum soll man nicht noch einmal sich und sein Vieh den Menschen zeigen, ehe man in die Einsamkeit zieht? So ging es nun mit dem schönen Geläute durch das Dorf, und von mancher Seite gab es hellen Zuruf und Jauchzen. Jenseits des Dorfes stieg man den Berg hinan, man kam auf den Waldweg, den Hansei geschlagen; er konnte sich nicht enthalten, Irma wiederholt zu zeigen, was er zustande gebracht. Da, wo mitten im Wald das königliche Wappen auf den Grenzsteinen ausgehauen war –denn hier begann der königliche Forst –nahm Hansei Abschied von Irma; auch Walpurga that's, aber sie gab ihr doch noch eine Strecke weit allein das Geleite; sie hatte Irma so viel zu sagen und sagte ihr doch nur: »Sei ohne Furcht, und nächsten Sonntag komme ich zu dir. Wenn dir's aber zu einsam wird, komm du nur wieder zu uns herab, es zwingt dich ja niemand; bleib' aber nur oben, wirst sehen, es wohlet dir.« Es drückte Walpurga auf dem Herzen, das Geheimnis lastete wieder. Sie nahm rasch Abschied. Hansei wartete, auf dem Marktstein sitzend, auf seine Frau. Als sie nun herankam, ging er geraume Zeit still mit ihr heimwärts. »Ich muß mich oft besinnen, ob es nicht ein Traum ist,« sagte er endlich. »Jetzt im Herbst werden es vier Jahre, daß wir da sind, und daß sie bei uns ist. Ich hab' sie so lieb, ich kann's gar nicht sagen, und ich kenn' sie doch nicht –heißt das, ich kenn' sie wohl, aber ich kenn' sie doch wieder nicht.« »Halt einmal still, Hansei,« sagte Walpurga. Er stand still. Man hörte von ferne das Geläute der Herde, die bergauf zog; im Wald war es lautlos, denn ein dichter Nebel hatte die Berge eingehüllt und die Vögel waren stumm. Walpurga atmete tief auf. »Hansei,« begann sie endlich –»du hast die schwere Prob' bestanden. Ich hätt's nicht geglaubt, daß das ein Mann so ausführt wie du. Jetzt laß dir was sagen. Ich mein', ich muß dir da endlich einmal die Thür aufmachen.« »Halt ein,« unterbrach Hansei, »nicht so! Hat sie dir selber gesagt, daß du mir jetzt alles kundgeben sollst? Sag' Ja oder Nein.« – »Nein.« »So will ich auch nichts wissen. Das ist anvertrautes Gut, da darf man nicht daran rühren. Freilich, wenn ich's ehrlich sagen muß, es hat mir oft das Hirn umgedreht. Sag mir nur das eine: nicht wahr, sie hat niemand was angethan, und sie hat auch nicht gestohlen? heißt das, sie mag gethan haben, was sie will, sie hat's gebüßt. Sag nur das, weiter nichts, hat sie so etwas auf dem Gewissen?« »Gott bewahre, sie hat niemand auf der Welt ein Leids gethan, als sich allein.« »So ist's gut. Jetzt reden wir weiter nichts davon. Hast du im Dorf gesehen, wie der Taubstumme vor ihr auf die Kniee niedergefallen ist?« »Nein.« »Aber ich hab's gesehen und hab' auch gehört, wie die Enzianbabi gesagt hat, die Verrückte vom Freihof kommt nicht mehr von der Alm herunter. Die Babi ist doch verrückt und die Irmgard nicht, aber es hat mich doch erschreckt. Ich weiß nicht –ich meine der Hof wär' nicht mehr recht voll, wenn wir die Irmgard nicht mehr haben; sie gehört einmal dazu.« Als die beiden Eheleute wieder in ihrem Heim ankamen, sagte Hansei in der Stube: »Weißt noch, wie sie geraten hat, daß wir den Tisch anders stellen, und wie sie dir geholfen hat, alles herrichten, und wie sie dann dem Ohm angegeben hat, die Stuhlfüße kürzer zu machen, damit sie besser zum Tisch passen? Ich hab' noch keine Bauernstube gesehen, wo es so schön ist wie bei uns, und da hat sie dir doch viel geholfen.« Hansei hatte mancherlei ums Haus zu rüsten und zu ordnen, aber Walpurga kam oft zu ihm mit einem Kinde und sprach einige kurze Worte; sie mochte nicht allein sein, Irma fehlte ihr, und doch war sie glücklich, sie geborgen zu wissen droben in der Einsamkeit. Achtes Kapitel. Der Tag hellte sich nicht auf. Am Mittag verwandelte sich der Nebel in ausgiebigen Regen. Ob's wohl droben auch so regnet? Sie wird arg naß, dachte Walpurga immer vor sich hin, und in der That regnete es im Bergwalde ebenso gleichmäßig; es rieselte und säuselte in den Bäumen, und schnelle Wässerlein liefen überall behende über den Weg und gurgelten und plätscherten die Berghänge hinab. Irma schritt an ihrem Bergstock –Hansei hatte ihr seinen eigenen gegeben –ruhig weiter. Das Pechmännlein hatte ihr seinen grauwollenen Teppich, in den nur zum Durchschlüpfen des Kopfes ein Einschnitt gemacht war, als Schutz gegen das Wetter übergeben; er selber bedeckte sich sehr geschickt mit leeren Kornsäcken. So schritt er neben ihr und erklärte oft: »Ich könnte dich tragen.« Irma ging weiter. Zum Aufsteigen bedurfte man des Bergstockes kaum, aber manchmal ging es auch eine scharfe Berglehne hinab, eine Sunke, wie das Pechmännlein es nannte; da mußte man scharf einsetzen und sich schwingen. Das Pechmännlein war immer bei Irma, jeden Augenblick bereit, sie aufzufangen, wenn sie ausgleite, aber Irma hatte einen festen Schritt. Es war keine geringe Mühe, die Herde zusammenzuhalten, die noch nicht aneinander gewöhnt war; aber das Pechmännlein verstand zu locken, zu schelten, zu schmeicheln und zu züchtigen, und bald gingen die abgestimmten Glocken miteinander, wie eine immer höher hinaufsteigende Melodie. »Die Tiere haben's gut, die finden überall am Weg ihr Futter,« sagte das Pechmännlein, »aber unsre Bäuerin hat mir für uns was mitgegeben; wir kommen bald an den Hexentisch, da drunter können wir trocken sitzen und uns auch füttern.« Es zeigte sich bald ein weit vorspringender Felsen wie ein halbrunder Tisch; hier war trockener Sandboden, wo nur der Ameisenlöwe in seiner trichterartigen Höhle hauste. Gundel, Franz, das Pechmännlein und Irma setzten sich ins Trockene unter dem Hexentisch und speisten mit Hunger, während draußen die Kühe weideten, die der Handbub beaufsichtigte. »Der Regen dauert lang,« sagte Franz. Das Pechmännlein wies ihn zurecht und sagte, kein Mensch wisse, wie lang ein Regen dauere. Er wollte Irma Mut machen. Er haschte einen Ameisenlöwen aus seiner Höhle heraus und zeigte, wie gescheit das Tierchen sei: das macht eine Fallgrube in seinen Sand, versteckt sich in die Spitze des Trichters, eine Ameise kommt arglos des Weges, sie fällt herunter, kann nicht mehr herauf, der feine Sand rollt ihr unter den Füßen ab und der Spitzbub in seinem Versteck spritzt der Ameise Sand in die Augen, holt sie herab und verspeist sie. »Und was das wunderlichste ist,« schloß er, »die graue Made da ist im nächsten Jahre eine bräunliche Wasserjungfer (Libelle) am See.« Das Pechmännlein kannte Irma, er wußte, daß solch ein Einblick in das Naturwalten sie mehr erquickte, als alles Zureden und alle Speise. Weiter ging's mit frischer Kraft, immer höher hinan. Die Tiere wurden lebendiger, die Kräuter der höheren Region belebten sie neu. Endlich war man nicht weit vor dem Ausschlag, wo die neue Alm stand; das Pechmännlein hieß Franz voraussichtlich und droben die Stallthür öffnen, Franz folgte hurtig der Anweisung, da hörte man seinen Lockruf, und die Kühe, jetzt auf den freien Wiesenplan heraustretend, brüllten und sprangen empor. Regen und Nebel waren so dicht, daß man erst wenige Schritte vor der Hütte dieselbe sah. »Gut ist's!« rief das Pechmännlein. »Das ist das beste, es nisten schon Schwalben an unsrer Hütte; jetzt ist's gewonnen!« Er schritt voran, klopfte dreimal an die Hüttenthür, öffnete, reichte Irma die Hand mit den Worten: »Glück herein, Unglück hinaus!« und endlich war man daheim. O, ein schützendes Dach über dem Haupte! Irma schaute oft empor und ihr Dankesblick sagte, daß sie es froh empfand, nun im geborgenen Schutz vor dem Unwetter zu sein; aus der Hütte sah und hörte sich der Regen draußen noch viel unheimlicher an, als da man unter demselben bergan gewandelt war. Bald brannte das helle Feuer auf dem großen Herde, und das Pechmännlein nahm etwas aus der Tasche und warf es stillmurmelnd in die Flammen. »Seit die Welt steht,« sagte er, »hat hier oben noch kein Feuer gebrannt und ist noch kein Rauch zum Himmel aufgestiegen, jetzt sind wir zum erstenmal da. Aber die Schwalben, ja die Schwalben, das ist gut.« Er hatte wahrscheinlich noch viel zu sagen, aber er wurde von Franz abgerufen, denn im Stall kalbte eine Kuh. Irma war mit Gundel allein. Sie entkleidete sich schnell und trocknete und wärmte sich am Feuer; aber auch Gundel wurde gerufen, sie sollte mit im Stall sein, damit sie sich bei solchen Vorkommnissen künftig zu helfen wisse, und Irma saß allein, entkleidet bei dem Feuer auf dem Herd; nur kurz war mit dem Frösteln eine Bangigkeit über sie gekommen; jetzt sah sie still in das offene Herdfeuer, ein einsames Menschenkind allein auf der Höhe. Sie wußte nicht mehr, wo sie war, bis sie Stimmen hörte, die sich wieder der Hütte näherten. Sie warf schnell wieder die getrockneten Kleider um, das Pechmännlein brachte seine Glückwünsche an, da man gleich am ersten Tage mit einem mächtigen Stierkalb gesegnet wurde. Die Nacht brach herein, Franz nahm Abschied. Gundel gab ihm ein Stück Weges das Geleite, und bald hörte man durch den fortrieselnden Regen ein Jodeln von unten und ein Antworten von oben, bis Gundel zurückkam. Man ging bald zur Ruhe. Das Pechmännlein und der Handbub schliefen auf dem Heu über dem Stall, Irma und Gundel in der Kammer. Als man am Morgen erwachte, war der Tag kein Tag; dichter Nebel hüllte auch heute alles ein. »Wir stecken in einer Wolke,« sagte das Pechmännlein. Die Kühe weideten draußen, die Schellen zerstreuten sich, und es tönte wie träumerisches Bienensummen von da und dort. Noch mehr Einsamkeit hatte Irma gehofft, und nun war sie in die enge Hütte gebannt mit den wenigen Menschen. Das Pechmännlein hatte gesagt, daß sie die ersten Bewohner dieses Stückes Erde seien, und es schien, als ob die Natur sich dem widersetzte, daß die Menschen es wagten, immer weiter vorzudringen; der Wind heulte, er jagte die Wolken, brachte aber immer wieder neue, und manchmal hörte man Kollern und Knallen; drüben an den Schneebergen rollten die Lawinen herab. Irma versuchte zu arbeiten, aber es wollte ihr nicht recht gelingen. Es ward wiederum Nacht und wiederum Tag, und immer noch undurchdringliche Wolke. Selbst die Tiere schienen darüber zu klagen, ihr Brüllen tönte so tiefwehmütig nach dem Thale zu. Es war am dritten Morgen in der Frühe, Irma erwachte, als ob etwas an ihr gerissen hätte. Sie richtete sich auf. Durch den Spalt am Kammerladen drang ein leiser Schimmer. »Die Sonne hat mich geweckt,« sprach sie vor sich hin und kleidete sich rasch und leise an. Sie trat hinaus vor die Hütte. In vollen Zügen sog sie die feuchte, würzige Morgenluft ein. Die Heerkuh, die nicht weit von ihr graste, hob den Kopf empor und schaute Irma an, dann fraß sie wieder weiter. Mäßig begann ein silbergraues Licht aus dem Osten zu fließen, und durch die Seele Irmas zog jene wunderbare Weise aus Haydns Schöpfung; sie glaubte die Töne fassen zu können wie leibhaftige Erscheinungen, die dort aus dem ersten Morgengrauen brachen: das Grau verwandelte sich in einen gelblichen Ton, und jetzt schoß leise Rot hindurch und färbte sich immer höher und höher, und drunten, weit hinaus, wie eine unermeßliche dunkle Flut, stand noch die schwarze Nacht. Nun aber tauchten aus ihr Schrofen, Spitzen, breite Höhenrücken empor, andre Häupter waren frei und ihr Grund floß noch in der Nacht, die sich jetzt zu dunklem Grau verwandelte. Immer glühender, immer brennender breitete sich das Rot am Himmelsraume aus und immer freier streckten sich die Riesenleiber der Berge hervor, und jetzt kam –das Auge erträgt es nicht –der große Sonnenball herauf, alle Höhen glänzten in Purpur und Gold, und drunten in der Tiefe schwammen nur noch sich ballende und überstürzende Wolken wie hohe Stromeswellen. Der Tag war erwacht, der helle, die Erde erwärmende und durchschimmernde, und Millionen Düfte stiegen auf von Baum und Gras und Blume, und die Stimmen der Vögel tönten drein, und Irma stand und breitete die Arme weit aus, als müsse sie die Unendlichkeit umfassen; sie kniete nicht nieder, sie stand aufrecht, und ihr Fuß hob sich, als müsse sie hineinschweben in die Unendlichkeit des Daseins, und mit beiden Händen faßte sie das Haupt, faßte sie die Binde, die Binde löste sich und fiel zur Erde. Der Sonnenstrahl leuchtet auf ihrer Stirne, die Stirne war rein, sie fühlt es. –Lange stand sie offenen Auges, und ihr Auge war nicht geblendet von der Sonne und eine erlösende Harmonie zog durch ihre Seele: ein Menschenkind hat den Moment der Schöpfung miterlebt und war neu geschaffen. »Nun kommt noch, ihr Tage, die ich zu atmen habe, wie lang, wie kurz, wo und mit wem –ich bin frei, ich bin erlöst. Was ich noch thue, es ist mir eine Arbeit vor der Reise. Die Stunde kommt. Sie komme –früh oder spät –ich bin bereit. Ich habe gelebt.« »Ei, Irmgard, du siehst ja so wunderbar aus!« rief Gundel, die mit dem Melkkübel aus der Hütte kam. »O Gott, was hast du für eine Stirne? So weiß –ach, wie schön! O wie schön bist du! So glatt und so schön hab' ich noch keine Stirne gesehen.« Irma ließ sich von Gundel ein Glas Milch geben, dann schürzte sie ihr Kleid auf und ging hinein in den Wald. Erst als es hoher Mittag war, kam sie in die Almhütte zurück; ihr Mund hatte heute kaum noch ein Wort gesprochen. In der Hütte fand sie das Pechmännlein am Tische stehend und einen großen Haufen stark duftender Kräuter und Wurzeln ordnend. »Schau,« rief er, »ich hab' auch schon was! Ja, ich hab' auch viel Kenntnis, ich hab' Schabziegerklee und Bergpetersilie für die Apotheker gesammelt, ich weiß alles, was sie brauchen von da oben, und hundertmal hat's meine Schwester gesagt: jetzt im Frühling ist alles noch zahm und gut; was Gift sein muß, das kocht erst der Sommer aus. O, sie war gescheit, und hundertmal hat sie's gesagt: das Beste wächst droben, wo die Wolken stehen.« Nach einer Weile begann er wieder: »Die Gundel hat recht, ich muß sagen, ich hab's nicht gewußt, daß du so schön bist; aber du siehst doch nicht recht gesund aus –du mußt mehr essen, du issest ja fast gar nichts.« Irma sah ihn dankbar lächelnd an, aber sie entgegnete kein Wort. »Weißt du, was ich hätte sein mögen auf der Welt?« fragte er. »Was?« »Dein Vater hätt' ich sein mögen.« Irma nickte still. Ihr Vater war angerufen, und es war ihr, als spräche sein Mund und seine Stimme hier aus dem armen einfältigen Manne, der nun fortfuhr: »Ich meine oft, du wärst –verzeih mir's Gott, aus dem Himmel herabgekommen und hättest nicht Vater und nicht Mutter, und heut' siehst du gar so aus, daß mir die Augen übergehen, wenn ich dich ansehe. So, jetzt iß aber etwas!« Er plauderte noch viel, ganz wie berauscht, durcheinander, der Endreim hieß aber immer: jetzt iß aber auch. Irma zwang sich dem guten Alten zulieb zum Essen. Neuntes Kapitel. Der Tag war hell, die Nacht voll Sternenglanz, der Atem frei, das Auge klar, alle Schwere des Denkens schien drunten geblieben, dort, wo die Menschen in festen Wohnungen sich zusammenhalten. »Ich glaub', du könntest jetzt wieder singen, deine Stimme ist gar nicht mehr so rauh,« sagte das Pechmännlein zu Irma. »Aber mehr schlafen solltest du; wenn man alt ist, lauft der Schlaf schon von selber davon; jag' ihn nicht fort, wenn er noch gern bei dir bleibt.« Das Pechmännlein schien seine Sorgfalt zu verdoppeln, und Irma merkte jetzt in der That, daß ihre Stimme rauh war. Sie saß so gern; sie wanderte wohl durch die Wälder und in Thaleinschnitte, wohin nur der Jäger und der Holzhauer kommt, aber sie saß so oft still, ihr Wandern war wie das Fliegen eines jungen Vogels, er fliegt auf, muß sich aber gleich wieder niederlassen. Jetzt erinnerte sie sich, daß diese Müdigkeit in ihr war, seit sie von dem Gang nach der Hauptstadt zurückgekehrt war. Im Winter hatte sie nicht darauf geachtet, nun glaubte sie auch das Drängen Walpurgas zu verstehen, daß sie noch höher hinauf nach der Alm sollte; sie war krank und sollte wieder gesund werden, und doch fühlte sie keinen Schmerz. Tief im Waldesdickicht versuchte sie einmal eine Skala zu singen, sie brachte sie nicht zu stande. Das Haupt sank ihr auf die Brust; also doch – Am Sonntag morgens kam Franz, und es war viel Freude auf der Alm. »O, wie gut ist's,« rief Gundel, als sie mit Franz allein war, Irma saß aber nicht weit davon und hörte wiederholt die Worte: »O, wie gut ist das! Sonst hab' ich meine Arme nur zum Arbeiten, jetzt hab' ich sie doch auch, um einen Menschen um den Hals zu fassen und zu herzen und zu küssen.« Gundel, das schwerfällige, verdrossene Mädchen, war hier oben flink und geweckt. Sie ging den ganzen Tag aus und ein, säuberte, wusch, molk, bereitete Butter und Käse, und immer sang sie dabei oder summte wenigstens eine Weise vor sich hin; die Lieder ersetzten ihr das Denken, sie war wie ein Vogel, der, so lang es Tag ist, umherflattert und singt. Die Liebe hatte ihre Seele erweckt, und die Selbständigkeit, in der sie hier oben walten durfte, ihren natürlichen Frohmut frei heraustreten lassen. Irma betrachtete das Treiben der Genossin und das Naturleben rings um sie her mit einem Auge, als ob sie das alles nur sehe und nicht mitten drin stehend etwas davon haben sollte. Die Sage erzählt von Genien, die aus einem Himmel herabflattern, da unten schauen, schlichten, ordnen und wieder in ihren Himmel zurückfliegen; sie haben nicht Teil an der Welt Mühen und Sorgen. –So war es Irma oft, als zöge sie sich zurück von allem Sehen, Sprechen, Teilnehmen in den einen großen Gedanken, in dem ihre Seele schwebte. Sie ging in die Hütte und schrieb mit Bleistift noch in ihr Tagebuch die Worte: »Wenn ich sterbe, so bitte ich meinen Bruder Bruno, eine Aussteuer an Gundel und Franz zu geben, daß sie einen eigenen Hausstand gründen können.« Dann wickelte sie das Tagebuch wieder in die Binde, die sie um die Stirn getragen, legte die Hand darauf und gelobte sich, kein Wort mehr hineinzuschreiben; sie hatte genug in ihrer Seele gewühlt, genug von dem, was ihr Auge erschaut, festgehalten, um die schwergekränkte Freundin zu versöhnen und vor sich selber versöhnt zu sein; jetzt wollte sie nur noch ganz und allein in sich leben. Franz hatte die Nachricht gebracht, daß Walpurga diesen Sonntag nicht kommen könne, weil der Knabe unwohl sei; nächsten Sonntag aber hoffe sie ganz bestimmt zu kommen. Irma war fast froh, sich hier erst völlig einleben zu dürfen, bevor sie jemand sprach, der sie kannte. Sie war nun ganz unter Menschen, denen ihr vergangenes Leben unbekannt war, und sie ließen sie nach ihrem Begehr allein und sprachen nur zu ihr, wenn sie fragte. Auch am zweiten, auch am dritten Sonntag kam Walpurga nicht, sie schickte aber Salz und Brot. Irma dachte kaum, warum daß Walpurga nicht käme. »Ein Leben, in dem nichts vorgeht« –wie sehr hatte das Irma einst verworfen; jetzt war es ihr selbst geworden, und nicht die leiseste Regung stieg in ihr auf, daß es anders sein könnte. Sie arbeitete wenig und lag dann stundenlang wieder auf ihrem Lieblingsplatz an der Berglehne. Das ganze Leben der Natur senkte sich auf sie nieder; sie grüßte den ersten Morgentau, und der Abendtau feuchtete ihre Locken, sie war still glücklich, wünschelos, wie die ganze Natur um sie her; nur oft in der Nacht, wenn sie zu den Sternen aufschaute, die hier oben viel heller glitzerten, schwang sich ihr Geist ins Unendliche. Sie sah nach den Bergen –da stehen noch wie am Tage der Schöpfung die Zacken, die kein Menschenfuß betreten, nur die Wolken kommen dorthin und nur das Auge des Adlers ruht darauf. Sie war heimisch und traut mit dem Leben der Pflanze und des Vogels, aber sie beobachtete sie kaum mehr, das gehörte ihr zu, wie die Gliedmaßen des eigenen Körpers; die Natur war ihr nicht mehr fremd, sie selbst fühlte sich als ein Stück derselben; sie war zur Stetigkeit gelangt, in der sich das Leben wie eine reine Naturnotwendigkeit fortsetzte, ohne Rätselfrage, nicht mehr täglich aufgelöst, alles erst aus dem Chaos befreiend. Die Sonne geht täglich auf und unter, die Gräser wachsen, die Kühe weiden und dem Menschen befiehlt das Gesetz des Lebens: arbeite und denke! Die Welt um dich her steht im Gesetz und dein Leben auch; des Menschen allein ist es, daß er erkenne, was er muß, und so in Freiheit seiner Natur unterthan sei. Klar durchleuchtet wie die blaue Luft um sie her war es in ihrer Seele, vergessen in ihr selbst, daß sie je anders gelebt und je geirrt. Der vierte Sonntag kam, Irma ging schon früh eine lange Strecke Weges bergab. Auf dem Markstein, der die Grenze des königlichen Forstes bezeichnete, wartete sie auf Walpurga und Hansei. Jetzt, da Bauer und Bäuerin bestimmt hatten sagen lassen, daß sie kämen, war Irma wieder voll Verlangen nach Walpurga, nach dem einzigen Menschen, der sie von damals her kannte und ihr noch bestätigen konnte, wer sie sei. Sie saß auf dem Grenzstein, sie hatte den Hut abgenommen, die Stirn war frei; das Haupt in die Hand gestützt, saß sie da und dachte darüber nach, warum tief im Hintergrund der Seele sich etwas dagegen sträubt, die Persönlichkeit aufzugeben und selbst nicht mehr zu wissen, wer man sei, und von keinem andern mehr das zu erfahren. Der Gefangene auf der Galeere wird nur bei der Zahl gerufen, aber in sich weiß er, wer er ist, und kann es nicht verlieren. Warum können wir uns nicht frei in die freie Natur auflösen? Ihr Haupt sank tiefer herab. Da hörte sie Menschenstimmen, rasch richtete sie sich auf. »Ist das dort nicht unsre Irmgard?« rief Hansei. »Ja, sie ist's!« Walpurga eilte auf sie zu und reichte ihr die Hand, Hansei stand wie versteinert; solch ein Wesen hatte er noch nie gesehen, es war ihm immer wieder, als ob sie etwas Uebernatürliches wäre; ihr ganzes Angesicht glänzte, die Augen waren viel größer geworden und darüber zeigte sich die freie hohe Stirn so weiß und glänzend wie Marmelstein. Auch Walpurga, die ja Irma in ihrer vollen Schönheit gekannt hatte, sah sie jetzt mit einem andern Blicke an, denn sie litt jetzt um ihretwillen noch anders, als die Einsame ahnen konnte; unwillkürlich legte sie die Hand aufs Herz, das ihr erzitterte. »Warum gibst du mir keine Hand, Hansei?« fragte Irma. »Ich –ich ––ich hab' dich noch nie so gesehen.« Eine flüchtige Röte schoß durch ihre Stirn, sie fuhr sich mit der Hand darüber, dann reichte sie die Hand Hansei nochmals dar; Hansei drückte sie in seiner Erregtheit so heftig, daß es ihr wehe that. Man wanderte nun gemeinsam der Almhütte zu, und kaum war man einige Schritte gegangen, so war auch das Pechmännlein da. Er war, wie er schon oft gethan, um Irma zu behüten, ihr nachgeschlichen; er bangte für sie, denn er sah, daß etwas mit ihr vorging, und wollte sie deshalb nie allein lassen. »Nicht wahr, sie sieht prächtig aus?« sagte er zu Hansei, der bei ihm zurückgeblieben war, während Irma und Walpurga vorausgingen. »Sie lebt aber wie ein kleines Kind, von nichts als Milch, und sie will sich nicht daran gewöhnen, daß es hier oben in der Nacht schnell abkühlt, und will immer draußen sitzen in der feuchten Nacht, und ich mein' oft, sie wär' gar kein Menschenkind, sie wär' ein Engel, der auf einmal seine Flügel aufmachen und davonfliegen wird –ja, lach' nur –weit hinauf in den Himmel haben wir von da oben nicht mehr, wir sind da die nächsten Nachbarn von unserm Herrgott, hat meine Schwester immer gesagt.« Hansei ging mit dem Ohm abseits und schaute nach der Herde. Außer dem am ersten Almtag geborenen Kalb hatten noch zwei hier oben das Licht der Welt erblickt, und alles war wohlauf. Erst nach einer Stunde kam Hansei zur Almhütte, und aus seinen Mienen sprach Zufriedenheit. Unterdes hatte Walpurga alles in der Hütte gemustert, und auch sie hatte überall Sauberkeit und Ordnung gefunden. Am Nachmittag kam die nächste Nachbarin, die nur eine Stunde entfernt wohnte, von ihrer Alm und brachte ihre Zither mit. Es war keine geringe Herablassung von der Freihofbäuerin, sie sang mit Gundel und der Nachbarin; Franz konnte gut mit einstimmen und auch das Pechmännlein stellte noch seinen Mann im Singen; Hansei aber verstand keinen Laut hervorzubringen und sein Ungeschick ward zur Würde: der Großbauer singt nicht mehr. »Nur von hier aus kann man singen, aber nicht von dort, wo man vom Städtchen heraufkommt,« rief Gundel nach dem ersten Liede. »Wenn man dort ein Wort laut spricht oder singt, gibt's einen vielfachen Widerhall.« Sie rannte nach der Stelle und jodelte, und lang tönte es wider von den Bergen und aus den Klüften. »Du solltest auch singen,« wendete sich Walpurga zu Irma. »Ihr glaubt gar nicht, wie schön sie's kann.« »Ich kann nicht mehr,« erwiderte Irma, »die Stimme ist mir in der Kehle versunken.« »So spiel uns was, du kannst ja prächtig Zither spielen,« drängte Walpurga. Alle vereinigten sich in der Bitte und Irma mußte endlich willfahren. Das Pechmännlein hielt den Atem an, so schön hatte er noch nie spielen hören, und man weiß ja gar nicht, was die Irmgard noch alles kann. Sie ging aber bald in die Weise des wohlbekannten Liedes über und das Pechmännlein stimmte zuerst an: »Wir beide sein verbunden.« –Es war eine gute und heitere Stunde. Hansei führte nun seine Frau, Irma und das Pechmännlein an die Stelle, wo man einen Ausschnitt des Sees von daheim sah; er blinkte hell auf und Hansei wiederholte, es käme ihm vor, wie der Blick eines Menschen, der einen von Jugend auf kennt. Walpurga wendete sich zu Irma; sie fürchtete, daß dieser Anblick in ihr Traurigkeit erwecke, aber diese sagte: »Mich freut es auch.« Hansei erklärte nun Irma die ganze Umgegend, wo das und das liegt; er zeigte ihr den Berg, wo er die vielen Bäume gepflanzt, den Wald selbst sah man nicht, aber die Felsenspitze, die sich daraus emporhebt. Walpurga ging unterdes mit dem Ohm abseits und sagte: »Ohm, meine Mutter ist tot ...« »Ja, das weiß ich, und du kannst nicht mehr an sie denken, wie ich; frag' nur die Irmgard, wie oft wir von ihr reden, es ist mir immer, als ob sie da in der Nebenstube wäre, es ist nicht weit hier oben zwischen uns und dem Himmel, sie kann jedes Wort hören, das wir sprechen.« »Ja, Ohm, aber laßt mich nur ausreden, ich hab' Euch was zu sagen.« Das war aber ein schwer Stück, daß der Ohm ruhig zuhören sollte, er hatte selber so viel zu sagen. Walpurga fuhr, immer wieder vom Ohm unterbrochen, fort: »Ohm, Ihr seid ein gescheiter, Mann –« »Kann sein, hat mir aber nicht viel genutzt im Leben.« »Jetzt will ich Euch was sagen –« »Ja, ja, sag nur, was du hast.« »Ich bin in Sorge und Angst um unsre Irmgard –« »Ist nicht nötig, ich hüte sie wie meinen Augapfel, da sei ganz ruhig.« »Ja, Ohm, das weiß ich, aber es gibt gar böse Menschen und die sagen einem nach bis auf die höchsten Berge hinauf –« »Ja wohl, der Landjäger hat schon manchen –« »Ohm, hört mich doch geduldig an!« »Ja, ja, ich red' ja kein Wort.« »Also, Ohm, meine Mutter hat auch gewußt, wer die Irmgard ist.« »Und ich weiß es auch, da brauchst du mir nichts zu sagen. Ich kenn' sie von Grund aus, ich bin nicht dumm, verlaß dich drauf.« »Ja, Ohm, schon recht; ich hab' Euch anvertrauen wollen –« »Kannst mir alles anvertrauen, dafür könnt' ich deine Mutter im Himmel als Zeuge anrufen.« »Ist nicht nötig! Also, Ohm! die Irmgard hat ein schweres Leben hinter sich –« »Weiß schon, ich hab' in der Stadt wohl was gemerkt, da muß etwas gewesen sein, daß sie einen hat heiraten sollen, den sie nicht mag. Sie ist wohl ein Nebenauskind? Oder vielleicht hat sie gar schon einen Ehemann und ist dem davongegangen? Sie hat mir die großen Häuser so angesehen –und hat sich immer in sich hinein verkriechen wollen.« Walpurga sah staunend auf den Ohm, der sie gar nicht zu Worte kommen ließ, und plötzlich stand der Gedanke vor ihr: So warst du selbst einmal, du hast auch geglaubt, immer schwatzen zu müssen, statt zu hören, was die andern sagen, und dir gut berichten zu lassen. Sie sah den Ohm lange an, und dieser, der das für Lob hielt, erzählte nun zum erstenmal, wie es ihm mit Irma auf der Reise zu Mut gewesen, und was er alles mit ihr erlebt –die Löwen und Schlangen und die weißen Priester aus der »Zauberflöte« liefen auf der Straße herum und alles war durcheinander. Walpurga besann sich, daß es nicht nötig sei, die Pflicht der Geheimhaltung zu verletzen; sie sagte daher nur dem Ohm, er solle Irma nie allein lassen, und wenn ein Fremdes käme –wer es auch sei –solle er sie heimlich in den Wald hineinführen, damit niemand sie sähe. Der Ohm versprach's. »Ja,« setzte er hinzu, »wunderlich ist's doch in der Welt. Denk nur, die Kräuter, die ich da ins Städtchen bring' für den Apotheker, die sind zum Bad für die junge Gräfin von Wildenort, für die Schwiegertochter von dem, den ich gekannt habe; und wie ich da vor der Apotheke stehe, da kommt ein Mann dahergeritten auf einem schönen glitzerigen Rappen, der hat dir Glieder wie gedrechselt, und der Mann hat ein Kind vor sich auf dem Pferd sitzen, einen Buben so wie unser Peter, in einem blauen Kleid und mit einem Federhut, und der Bub sieht dir unsrer Irmgard ähnlich, es könnte ihr eigenes Kind sein, und da sagt mir der Apotheker, das sei der Graf von Wildenort, der Sohn von dem, den ich gekannt habe, und wie er vorbeireitet, da sag' ich: Guten Morgen, Herr Graf! Er hält an und fragt mich: ›Woher kennst du mich?‹ –Und ich geb' ihm zur Antwort: Ich hab' Ihren Herrn Vater gekannt, das war gar ein braver Mann. –Und was meinst du, was er darauf gesagt hat? Gar nichts; davongeritten ist er und hat mir nicht einmal gedankt. Ich hab' mir sagen lassen, er soll nicht so brav sein, wie sein Vater, und seine Schwieger, die hält ihn unterm Daumen, daß er nicht mucksen darf. Aber schön ist das Kind und unsrer Irmgard wie aus dem Gesicht geschnitten. Es ist doch wunderlich, was man in der Welt für Sachen antrifft.« Walpurga zitterte und ließ sich vom Ohm die Hand darauf geben, daß er drunten im Städtchen zu keinem Menschen der Irmgard erwähne, zu niemand. Der Ohm versprach auch das und gab noch die Hand darauf, sich auch vor der Irmgard nichts davon merken zu lassen. Gegen Abend gingen Walpurga und Hansei wieder heimwärts, und als es Nacht geworden war, auch Franz. Die Bewohner der Almhütte waren wieder allein, sie sprachen miteinander kein Wort mehr; man hatte heute schon genug gesprochen und gehört. Still war's wieder auf der Alm, nur die Glocken der Kühe läuteten aus dem Wald und von den Wiesenhängen, und drüber glitzerten die Sterne. Irma saß noch lange dort auf jener Stelle, wo man nach dem See hinausblickt, und spät erst begab sie sich zur Ruhe. Zehntes Kapitel. Irma arbeitete nur wenige Stunden des Tages an ihrer Werkbank, sie mußte sich jetzt zu solcher Arbeit zwingen, fast mehr als im Anfang; ihr Blick war stets hinaus ins Große und Weite gespannt. Wenn sie dann aber die Arbeit ließ, hatte sie ein frisches Auge gewonnen und erschaute die Pracht des Hochgebirges aufs neue. Das Pechmännlein hatte auch seine Diplomatie. Er bat Irma, ihn bei seinem Pflanzen- und Wurzelsuchen zu begleiten, er sei doch alt und könne nicht wissen, wie er einmal ausrutsche, dann sei doch jemand bei ihm, der Hilfe holen könnte. Nun wandelte Irma den größten Teil des Tages mit dem Pechmännlein durch die Wälder, über Höhen und Gründe. Besonders glücklich war sie, als sie an die Stelle kamen, wo der Bach entspringt. Er floß still aus einer dunkeln Felsenhöhle und stürzte sofort in kühnem Sprung die Höhe hinab, oft von Felsentrümmern aufgehalten, darüber hinweggleitend, darunter durchwühlend, bis sich im ersten Thalgrunde ein breites, von hohen Weißtannen umstandenes Becken bildete. Erst von da aus floß der Bach über die Hochebene und den zweiten Berg in milderem Grunde still murmelnd dem Thale zu. Das Pechmännlein sah wohl, wie es Irma hier gefiel; er glaubte sogar, daß sie einmal gesungen habe, mitten durch das Rauschen und Brausen wohl vernehmlich, und es war ein seltsames Zusammentreffen, wie sich nun hier die meisten Kräuter fanden, die er zu suchen hatte. Er hatte auch die Freude, da und dort ein Vogelnest zu entdecken, das er Irma zeigte, die sich daran ergötzte wie ein kleines Kind. Die Tiere hier schienen noch keine Scheu vor den Menschen zu haben, und das Pechmännlein behauptete, Irma habe so gute Augen, daß die Vögel nicht vor ihr davonfliegen; in der That hüpften sie um sie her, als wäre sie von jeher ihre Vertraute, und der brütende Vogel im Nest sah sie von der Seite so treuherzig an und flog nicht davon. So saß Irma oft ganze Mittage am Wasserquell, und ohne daß sie es wußte, warf sie manchmal eine Blume, die sie unversehens gepflückt hatte, hinein in die Wellen. Drunten aber im Wohnorte Gunthers, durch welchen der Bach floß, saß am Ufer ein schöner Knabe, neben ihm ein rothaariger Bedienter in Livree. Der Knabe bat den Diener, daß er ihm eine schöne Blume, die eben vorüberschwamm, herausfische; der Diener stieg den steilen Rand hinab ans Wasser, der Knabe aber warf schnell einen Stein ins Wasser, daß es aufspritzte, und der Diener rief: »Junger Herr, Sie sind wieder unartig!« »Macht er wieder seine tollen Streiche?« sagte ein herzutretender, groß gewachsener, schöner junger Mann mit verlebtem Gesichtsausdrucke. »Was machst du, Eberhard?« Der Knabe sah betroffen auf und der Diener sagte: »Gnädiger Herr, der junge Herr und ich, wir machen nur Spaß miteinander.« Der Mann nahm den Knaben an die Hand und ging mit ihm durch die Wiese nach einem schön gelegenen Landhause, der Jockey Fitz hinterdrein. Der Vorausgehende war Graf Bruno von Wildenort und der Knabe sein Sohn. Bruno hatte streng verboten, daß der Knabe am Wasser spiele, er hatte eine besondere Furcht vor dem Wasser, es hatte seiner Familie solch entsetzliches Unglück gebracht; aber der Knabe war immer wie von dämonischer Gewalt zu dem wilden Bache hingezogen, und Fitz, der dem jungen Herrn stets willfahrte, leistete ihm im Geheimen Vorschub und geleitete ihn an den Bach. Bruno drohte mit dem Finger zurück zu Fitz und ging nun in den Garten an dem Landhause. Hier sah eine Frau in einem großen Lehnstuhl; nicht weit von ihr spielte ein kleines Mädchen im Sand am Wege, und ein Säugling wurde von einer Amme auf und ab getragen. Die Morgenglocke läutete und bald erschien die Schwiegermutter unter der Gartenthür, ein Diener hinter ihr, der ein von Edelsteinen blinkendes Gebetbuch und ein gesticktes Kissen trug. Mit der begnügten Ruhe eines Wesens, das heute schon seine höheren Pflichten erfüllt, grüßte die Baronin ihre Angehörigen, Bruno gab ihr den Arm, Arabella folgte ihnen nach, man setzte sich zum Frühstück, das in der Laube aufgestellt war. »Du lieber Gott,« klagte die Baronin, »was fangen wir nur heute an? Der Tag ist schön, das Wetter scheint sich zu halten. Der Apotheker sagt mir, es sei einige Stunden von hier eine überaus schöne Almhütte, von wo man eine herrliche Aussicht haben müsse. Wie wär's, wenn wir die Diener vorausschickten, um da oben zu dinieren?« »Erlauben Sie, gnädige Frau Schwiegermutter, daß ich Ihnen einen Vorschlag mache?« erwiderte Bruno zaghaft. »Gut, machen Sie einen Vorschlag; überlassen Sie nicht alle Sorge mir. Was schlagen Sie also vor in dieser tödlich langweiligen Einöde, wo man auf den odiösen Geheimrat und seine philiströsen Frauen angewiesen ist? Bitte, schlagen Sie vor.« »Es ist mein unmaßgeblicher Vorschlag –« »Machen Sie doch nicht so langweilige Einleitungen –« Bruno biß sich auf die Lippen, dann begann er lächelnd: »Ich glaube in Ihrem Interesse zu handeln; ich will zuerst auf die Alm gehen, nachsehen, ob die Wege gut sind und ob ich Sie nicht einer Enttäuschung aussetze, denn in der Regel sind die theaterberühmten holden Almerinnen au naturel höllische Scheusale.« »Danke, Sie sind in der That liebenswürdig. Wann werden Sie die Rekognoszierung vornehmen?« »Noch heute, wenn Sie befehlen.« »Er möchte gern einen Tag frei sein, ein lediger Mann,« wendete sich die Baronin lachend zu ihrer Tochter. »O, ich kenne ihn! Wollen wir ihm den Tag schenken?« fragte sie schelmisch. »Sie sind sehr wohl gelaunt,« warf Bruno ein. Er hielt die Manier fest, trotz aller Bissigkeiten der Baronin immer äußerst galant zu bleiben; sie hatte Bruno schon zweimal seine Spiel- und andre Schulden bezahlt, denn Bruno hatte das Erbteil seiner Schwester noch nicht bekommen, da man ihre Leiche nicht gefunden; erst im nächsten Jahre, fünf Jahre nach ihrem Tode, wird sie vom Totengericht für verschollen erklärt. »Ja, lieber Bruno,« sagte endlich Arabella, die die Sklaverei ihres Mannes tief schmerzte, »geh du allein, laß uns Fitz hier, Eberhard hat sich so an ihn gewöhnt, daß er nur noch mit ihm spielen will.« Bruno ging zum Apotheker und erfuhr, daß die Alm, die er nur vom Hörensagen kannte, dem Freihofbauer gehöre, der einige Stunden von hier wohne. Er ritt nun zuerst nach dem Freihof. Walpurga saß am Fenster und spielte mit dem Kinde auf ihrem Schoß. Sie sah den Reiter dahersprengen, und unwillkürlich drückte sie die Hand auf die Augen und bog sich zurück, als reite er gerade auf sie los. Sie sah den Reiter absteigen, Hansei ihn begrüßen, und das fremde Pferd nach dem Stall führen, und jetzt kam er mit dem Fremden in die Stube. »Grüß Gott, Herr Graf,« trat Walpurga sich fassend ihm entgegen. »Das ist schön, daß Sie uns besuchen.« Sie streckte ihm die Hand entgegen, aber Bruno zwirbelte seinen Schnurrbart und reichte ihr keine Hand. »Ah, du bist's? Ich habe nicht gewußt, daß du die Bäurin hier bist. Also das ist das Gut, das du mit Gold bar ausbezahlt hast? Du bist klug, aber sei nur ruhig, ich verlange nichts von dir.« Hansei sah wie seine Frau erblaßte. »Wer ist der Mann? Wer ist der, der so mit dir redet von oben herunter?« fragte er, sich in den Schultern zurecht rückend. »Sei nur ruhig,« beschwichtigte Walpurga. »Es ist ein Herr vom Hof, der gern Spaß macht.« »Drum!« –brummte Hansei. »Ich hab' Ihnen nur etwas sagen wollen –wie heißt man Sie denn?« »Graf Wildenort.« »Also, Herr Graf, ich hab' Sie nicht gefragt, wer Sie sind und hab' Sie willkommen geheißen und Ihr Pferd auch, und nun bitt ich, mir zu sagen, was Sie wollen, und meine Frau in Ruh' zu lassen. Auf meinem Grund und Boden duld' ich keine Späße, die mir nicht gefallen; und wenn der König kommt und macht einen, der mir nicht ansteht, da schmeiß' ich ihn hinaus. Nichts für ungut, aber jeder redet, wie ihm ums Herz ist. So, jetzt setzen Sie sich.« Hansei setzte seinen Hut auf und drückte ihn fest, zum Zeichen, daß er hier Herr sei. Bruno sagte lächelnd: »Du hast einen braven Mann, Walpurga.« »Jetzt genug,« unterbrach Hansei, »was wünscht der Herr Graf?« »Gar nichts Unrechtes. Ich höre, Ihr habt bei Eurem Gute eine Alm, das soll die schönste im ganzen Hochgebirg sein.« »Ja, ja,« schmunzelte Hansei, »sie ist nicht uneben und geschickt gelegen, aber ich verkauf' sie nicht.« »Ich will dir sie auch nicht abkaufen, nur auf einen Tag oben hausen.« »Ja, wie ist jetzt das gemeint?« »Sind die Wege da hinauf gut und ist's auch reinlich oben? Nimmt man nicht eine Herde am Leibe mit, wenn man herunterkommt?« »Du hast recht, Walpurga, er ist spaßig,« wendete sich Hansei zu seiner Frau und fuhr zu Bruno fort: »Der Weg ist schon gut, und wenn man eine Stunde Umweg nicht scheut, kann man reiten, fast bis hin. Wenn der Herr Graf will, ich führ' ihn hinauf.« »Ja, meine Frau und meine Schwiegermutter wollen die Alm gern sehen.« Walpurga hörte mit Schrecken, welche Gefahr Irma drohte, aber schnell gefaßt, sagte sie scherzend: »Nein, Herr Graf, Frauen können da hinauf nicht, unsereins wohl, aber da muß man die Röcke in Hosen stecken.« Sie lachte hell auf und auch Bruno lachte, er dachte sich seine Schwiegermutter in diesem Kostüm; sie hatte vielerlei gehabt in ihrem Leben, aber ein solches nicht. Er war nur ausgeritten, um der Schwiegermutter mit dem Schein authentischer Erfahrung den Plan auszureden, denn er wußte, daß solch eine Ausfahrt für ihn ein Tag der bittersten Sklaverei würde. Nichts ist recht, er muß immer Vorwürfe und bissige Worte hinnehmen, als hätte er es verschuldet, daß da ein Sumpf, dort ein Geröll, und daß es droben auf der Alm nur Eisberge zu sehen, aber kein Vanilleneis zu verspeisen gibt! Er kennt diese Lustpartien, bei denen er immer vor innerer Wut hätte vergehen wollen. Walpurga fand Gelegenheit, ihrem Mann zu sagen, daß er den Grafen mit allen Mitteln vom Besuch der Alm abhalten solle, und Hansei lachte auf allen Stockzähnen und sagte im Stall zu dem Grafen, der nach seinem Pferde sah: »Es ist eine Verwandte von uns oben, mit der's nicht ganz geheuer ist.« Auch Walpurga kam in den Stall, sie fürchtete doch, daß ihr Mann etwas verrate, und nun fragte Bruno, ob sie wisse, was mit ihrer Kameradin geschehen sei. Walpurga nickte und weinte. »Ja,« sagte sie, »ich darf's sagen, kein Mensch auf der Welt hat mehr um sie gelitten, als ich.« Sie weinte so bitterlich, daß Bruno sie tröstete. Er ritt endlich davon. Noch tagelang lag es Walpurga in allen Gliedern von dem Schreck. Und wiederum dachte sie, es wäre besser, wenn Irma entdeckt würde, sie ist vielleicht doch krank und stirbt bei uns vor der Zeit. Aber wenn sie entdeckt wird, das tötet sie gleich. Darum war sie am Sonntag auf der Alm so unruhig gewesen, und hatte dem Ohm die größte Behutsamkeit eingeschärft, immer aber ging es ihr nach: das nimmt bald ein Ende, wenn man nur wüßte, wie, wenn man nur etwas thun könnte. Sie konnte nichts thun, sie mußte geschehen lassen, was geschieht. Elftes Kapitel. Im Garten Gunthers grünte und blühte es, die Vögel sangen, und der Waldbach, der wohl umhegt, mitten durch den Garten floß, murmelte hier in sich hinein, daß es ihm leid thäte, so schnell da fort zu müssen. Auch drin im Hause blühte Freude und Glück. Bronnen war mit Paula verlobt. Was still erwachsen und gediehen war, brach nun plötzlich und in reicher Fülle auf. Bronnen wollte Paula die Seine nennen, bevor der Hof kam, damit sie dann desto freier sich bewege und an das Hofleben gewöhne. Frau Gunther sah mit Bangen ihr Kind in das bewegte große Leben eintreten; sie hatte davor eine unüberwindliche Scheu. Bronnen erzählte den Schwiegereltern, daß ihm die liberalen Reformen im Staatsleben weit müheloser und gefügiger sich ergäben, als die Reform der Hofetikette; es bestand bisher als altherkömmlicher, unerschütterlicher Brauch, daß die Gattinnen bürgerlichen Standes, welches auch die Stellung des Mannes bei Hof, doch nicht selber hoffähig waren. Bronnen hatte eine Aenderung hierin nicht anders zu stande gebracht, als bis er eine Kabinettsfrage daraus machte. Gunther lächelte zu dieser Darlegung. Er kannte die Sprödigkeit der Etikette, die sich nicht splittern ließ. Frau Gunther dagegen war davon erschreckt. Mit heißer Angst überfiel sie's, daß Paula nach der Königin die erste Dame am Hof und in der Residenz sein sollte; es wäre ihr erwünschter gewesen, wenn Bronnen eine geringere Stellung eingenommen hätte; aber sie liebte ihn mit einer mütterlichen Liebe, die nur im Glanz ihres Auges einen Ausdruck fand, wenn dies Auge auf dem stattlichen, gediegenen Manne ruhte; ja sie ging so weit, daß Gunther lächelnd sagte: »Du wirst deiner Heimat untreu« –denn sie hatte behauptet, daß ein Mann, so edel in allen Formen und würdig in allem Denken, so fügsam und selbstgewiß zugleich, sich vielleicht nur in einer Monarchie entwickeln könnte. In der Republik sei doch eine gewisse Formlosigkeit, ein Sichgehenlassen; diese Selbstehre dagegen, die zugleich immer so respektvoll gegen andre, sei eine eigentümliche Blüte des Hoflebens, und Bronnen habe ein Talent, das besonders anheimelnd sei, er habe das Talent, gut zu hören, er warte so aufmerksam, bis man ganz gesagt habe, was man sagen wolle. So leuchtend aber auch das Glück der Eltern, es war doch nur ein milder Widerschein von dem der Verlobten. Nachdem Paula in voller Aufrichtigkeit ihr Zagen bekannt, einem Manne wie Bronnen zu genügen, ward sie bald wieder ruhig; denn sie empfand, daß es eine Fülle der Liebe im Herzen gibt, welche die höchste und, was noch mehr ist, die dauernde Beglückung in sich schließt. Durch Feld und Wald gingen Bronnen und Paula, und Bronnen erkannte immer aufs neue die reine Kraft, die sich aus einer edlen häuslichen Atmosphäre in seiner Erkorenen fest gebildet hatte. Bei jedem neuen Tone, den er anschlug, fand er ein still vorbereitetes reiches Denken, eine klare und reine Empfänglichkeit. Er pries sein Schicksal, das ihn so geführt, und tief erquickte sich ihm die Seele in der Erkenntnis, daß alle Selbstveredelung erst in der gemeinsamen Veredelung sich vollkommen erweise. Frau Gunther saß bei ihrem Mann in der Arbeitsstube. Sie schaute manchmal durch das Fenster auf die Liebenden, die im Garten dahingingen. »Er hat gestern,« sagte sie, »Paula und mir ein seltsames Geständnis gemacht. Wenn mir's ein andrer berichtet hätte, ich hätte es nicht geglaubt.« »Und was ist das?« »Er hat uns erzählt, und seine Stimme war dabei sehr bewegt, er habe einst die Gräfin Wildenort geliebt. Wußtest du davon?« »Nein. Ich kann es aber nur gerecht finden. Sie war des besten Mannes wert, wenn sie ihre Natur hätte ordnen können, und mein guter Eberhard hätte es wohl verdient, solch einen Mann seinen Sohn zu nennen.« »Ich bitte,« fragte Frau Gunther, »findest du es recht –ich habe sonst noch nicht den leisesten Schatten an ihm bemerkt –findest du es recht, daß er Paula davon erzählt? Es wird Paula noch ängstlicher machen, sie wird sich mit der glänzenden Erscheinung der Gräfin vergleichen und –« »Sei hierüber vollkommen ruhig,« unterbrach sie Gunther. »Ein Herz wie das unsres Kindes, das die volle Kraft der Liebe in sich fühlt, hat eine unerschöpfliche Fülle, die keine noch so glanzvolle Erscheinung stören und überragen kann; daß aber Bronnen hiervon erzählte, macht mir ihn, wenn es möglich wäre, noch teurer. Nicht jeder Mann ist so glücklich, wie ich es war und bin, daß seine erste Liebe auch seine einzige; die meisten müssen durch Täuschung und Abfall gehen, und der Mann darf sein Geschick preisen, der wie Bronnen rein und ganz daraus hervorgeht; denn das ist, je mehr ich die Welt aus der Ferne betrachte, der große Jammer, der die Menschheit erfaßt hat, und –wenn sie gerettet werden soll –eine Umwälzung ohnegleichen auch in den Gesinnungen hervorbringen muß: es darf nicht so weitergehen, daß ein Lasterleben sich parallel hinzieht mit dem sogenannten geordneten und häuslichen und die Menschheit und jeden Mann in sich spaltet. Wir haben unser Kind so lange, so treu behütet und ich hätte bei allem äußern Glück tiefes Herzweh, wenn ich sehen müßte, daß ein Mann ihr die Hand reicht, der, wie die Gesellschaftsfalschmünzerei es nennt, schon stark gelebt hat.« Frau Gunther sah mit glänzendem Auge auf ihren Mann. »Ich finde, daß Bronnen dich auch von deiner Abneigung gegen das militärische Leben bekehrt hat,« sagte sie leise. »Keineswegs,« erwiderte Gunther, »nur hat Bronnen keine Schädigung davon erfahren. Er vereinigt mit dem entschlossenen Mut und der leichten Beherrschung fremder Kraft ein tiefes und ernstes Denken. Es ist wie ein Wunder, wie eine unverhoffte schöne Fügung, daß mir eben jetzt, wo ich das Bild des reinen Menschen, des modernen, thätigen, in meiner Arbeit herausmeißeln will, eben jetzt echte Züge in einem Menschen entgegentreten, der durch die Freiheit der Natur mir zu eigen wird. Es ist doch, als ob geheimnisvolle Mächte uns eben das zutrügen, wonach in Dichten und Trachten unser Auge gespannt ist. Bronnen tritt mir entgegen, als träte er aus meiner Arbeit heraus.« Noch nie hatte Gunther so von seiner Arbeit gesprochen. »Du verstehst mich recht,« fügte Gunther hinzu, »ich sehe das Ideal des reinen Menschen in keinem vollkommen; aber ich sehe Züge in jedem und sehe viele davon in Bronnen besonders. Die Menschen leben mir in der Wirklichkeit schön, in der Wahrheit aber noch schöner. Ich freue mich, daß das nach uns kommende Geschlecht ein andres ist als wir, und doch dürfen wir sagen, daß das Gute von uns mit ihm fortlebt; der Enthusiasmus des neuen Geschlechts ist ein andrer als der unsre war, aber ich glaube, daß die Nüchternheit ihn auch nachhaltiger macht. Doch –ich will mich jetzt nicht zu weit verlieren. Ich wollte dir nur sagen: ich habe gefunden, daß die Herzspältigkeit der modernen Welt wesentlich darin beruht: Die Religion hat den Glauben, die Kunst die Schönheit, die Politik die Freiheit für sich und abgelöst von der Sittlichkeit hingestellt, und doch sind sie eins und müssen es sein, wie die beiden Seiten ein und derselben Substanz. Ich hoffe, daß ich das der Welt noch deutlich machen und etwas beitragen kann zur Einigung der wahren Frömmigkeit, Schönheit und Freiheit mit der so vornehm und gnädigst nebenher tolerierten Sittlichkeit.« Das Gespräch wurde unterbrochen, denn der Graf von Wildenort, seine Gemahlin und Schwiegermutter wurden gemeldet; man ließ ihnen sagen, sie möchten in den Gartensalon eintreten, und bald waren die Gemeldeten, Gunther und seine Frau, Bronnen und seine Braut dort in lautem Gespräch versammelt. Frau Gunther sprach ausschließlich mit der jungen Gräfin, welcher der Kuraufenthalt sehr wohl gethan hatte. Die Baronin Steigeneck wußte das Brautpaar in einem Gespräche festzuhalten, und Frau Gunther sah oft nach Tochter und Sohn hinüber, als müsse sie eine Raupe von ihren Kleidern abthun. Bruno sprach sehr heiter mit Gunther und sagte, daß er auf Befehl der höchsten Herrschaften wohl noch einmal während der Anwesenheit derselben hierher kommen werde; er wollte damit vielleicht Gunther den Auftrag geben, daß ihm der Befehl zugehe, denn die Baronin wollte vor Ankunft der Majestäten –ihre Ausgeschlossenheit drückte sie sehr –mit den Kindern und Enkeln nach ihrem Schlosse zurückkehren, um dann in ein Luxusbad zu reisen; sie war voll Ungeduld, bis sie zur Spielbank kam. Man nahm sehr redseligen Abschied, man dankte für den herrlichen Landaufenthalt, man beneidete die Menschen, die hier wie auf einer glückseligen Insel leben könnten und endlich stieg man in den auf der Straße haltenden Wagen. Als die Fremden fortgegangen, kehrte Frau Gunther nochmals in den Gartensalon zurück und öffnete alle Fenster, damit ein frischer Luftzug durch das Gemach strich; es bedurfte auch dessen, um die starken Parfüms der Baronin zu zerstreuen. Am Abend verließ Bronnen das Städtchen. Der Wagen fuhr nebenher, man gab dem Bräutigam das Geleite. Er und Paula gingen voraus, Gunther und seine Frau hinterdrein. Der Abschied war einfach und herzlich, man freute sich der genossenen Tage und sah neuen freudig entgegen, denn Bronnen wollte mit dem König wiederkommen. Bei der Rückkehr ging Paula zwischen den Eltern, ihre Wangen glühten; unterwegs trennte sich Gunther von den Seinen und ging nochmals zum Grafen Wildenort, um dessen Gemahlin fernere Verhaltungsregeln zu geben. Mutter und Tochter gingen allein, und als Frau Gunther ihr Kind anblickte, sah sie eine stille Thräne in dessen Auge, aber das Antlitz leuchtete. »Du darfst vollauf glücklich sein,« sagte Frau Gunther. »Dir wird ein Mann, der sich mit deinem Vater vergleichen darf, und ich kann dir nichts Höheres wünschen, als daß dir werde, was mir geworden, und daß du einst Freude haben mögest, wie ich an den Meinen und an dir besonders.« »Ach Mutter,« sagte Paula, »ich fasse es gar nicht, daß ich ihn allein ziehen ließ, und fasse es doch wieder nicht, daß ich dich, den Vater und die Schwester lassen soll; aber Bronnen« –sie nannte ihn unabänderlich nie bei seinem Taufnamen –»sagt, daß er hoffe, der Vater werde wieder in die Residenz zurückkehren; er könne sich jede Stellung, die ihm beliebe, auswählen, der König wünsche das.« »Ich glaube nicht, daß der Vater dem nachgibt. Doch du, Kind, laß dich in nichts stören; du kannst glücklich sein, denn dein Glück lebt in uns allen.« Noch auf dem Heimwege begegneten den beiden Frauen viele schöne Pferde und Wagen, die der Königin vorausgingen, deren Ankunft man in den nächsten Tagen erwartete. Die Landstraße war auf einmal so belebt, und im Städtchen war ein Wogen, ein Staunen, ein Freuen. Der Hof kommt! Und das alles verdankt man doch nur Gunther! –Die Frau und Tochter wurden ehrerbietig begrüßt, und schon von ferne sah man, wie die Städtebewohner den neuangekommenen Hofdienern sagten, wer die beiden Damen seien; auch die Hofdiener grüßten mit großer Unterwürfigkeit. Den Weiterschreitenden begegnete auch ein Fuhrwerk, wie aus einem Märchen hervorgesprungen. Zwei isabellenfarbene winzige Ponies mit kurzgeschorenen schwarzen Mähnen, mit buntem Geschirr angethan, waren an einen kleinen zierlichen Wagen mit niederen Rädern gespannt. Als ob sie ahnten, was da vorging, kamen die Kinder aus den Bauernhäusern über die Wiesen und von den Halden dahergesprungen und bewunderten das Märchengespann des Kronprinzen und begleiteten es jubelnd durch das Städtchen, wo das Kindergefolge immer größer ward, bis hinaus zur Meierei. Paula sah allem lächelnd zu. Sie stand bei der Mutter vor dem Hause, wo ein Schild anzeigte, daß hier fortan das neue Telegraphenamt sei. Hierher wird sie Botschaften senden und von hier wird sie solche vom Elternhause empfangen. Die Leitung, die Irma nicht weit vom Freihof vorbei hatte aufrichten sehen, war für den Sommeraufenthalt der Königin hergestellt. Als man am andern Morgen im Hause Gunthers erwachte, kam das erste Telegramm ins Städtchen. Es war an Paula gerichtet und lautete: »Ich weihe den elektrischen Funken ein zum Dienst der Liebe. Bin wohlauf, grüße Dich, Vater, Mutter und Schwester. Bronnen.« Zwölftes Kapitel. Die Schuljugend war hüben und drüben am Wege unter den Obstbäumen aufgestellt. Die Glocken läuteten, Musik erscholl, Böller krachten und widerhallten von den vielzackigen Bergen. Die Königin zog ein. Sie saß im offenen, von vier Schimmeln gezogenen Wagen, neben ihr der Prinz, ein Knabe mit hellen goldenen Locken und frischem Antlitz. An der Gemarkung hielt der Wagen. Ein in der kleidsamen Landestracht aufgeputztes Mädchen hieß die Königin mit einem vom Schulmeister verfaßten Gedichte willkommen und überreichte ihr einen Strauß Alpenblumen. Die Königin empfing den Strauß, auf ihrem Antlitze lag Güte und Holdseligkeit; sie grüßte nach allen Seiten, reichte dem Kinde die Hand, und auch der Prinz reichte seine Händchen dar und sagte –der ganze Gemeinderat, der katholische und evangelische Geistliche hörte es –»Grüß Gott!« »Hoch und abermals hoch!« wurde gerufen und Blumen wurden auf den Weg gestreut. Die Königin fuhr durch das Städtchen, das mit Kränzen und Fahnen geschmückt war, nach der Meierei. Dort standen bereits die Hofkavaliere, die vorausgekommen waren, unter ihnen Gunther. Er trug die großen Orden auf der Brust, die die Bewohner des Städtchens noch nicht an ihm gesehen hatten. Jetzt kam der Wagen durch die Ehrenpforte; er hielt an, die Königin stieg aus. Sie reichte Gunther die Hand, er hätte sie gern geküßt, aber er wandte sich zum Prinzen und küßte ihn. Auch er war so bewegt, daß er kein Wort hervorbringen konnte, endlich sagte er: »Ich heiße Majestät von Herzen willkommen auf meinem Heimatsgrunde.« »Wo Sie sind, ist Heimatsgrund,« erwiderte die Königin. Sie ging voran, an der Hand den Knaben führend. Die Oberhofmeisterin Gräfin Brinkenstein, die Palastdame Konstanze und andre Hofdamen begrüßten nun ebenfalls Gunther; es waren aber auch neuernannte da, die Gunther nicht kannte. Bald war die Königin mit den ihr Zunächststehenden auf der großen Terrasse, die einen entzückenden Ausblick über das Thal und nach den Bergen bot. Gunther erklärte der Königin den Höhenzug und die dazwischenliegenden Thäler, er nannte die Namen der vernehmlichsten Bergspitzen und fügte da und dort etwas Geschichtliches hinzu; er stellte die Häupter seiner Heimat der Königin vor. Jetzt begann die Abenddämmerung sich niederzusenken und ruhte im glühenden Rot dort oben auf den Höhen. Man stand eine Weile still und schaute hinauf nach den Höhen dort, wo allen ungeahnt eine Frauengestalt träumend hineinsah in die weite Welt und erschreckt sich umgeschaut hatte, als plötzlich von den nahen Schrofen das Echo der Böllerschüsse donnergleich widerhallte. Da drunten feiern wohl die Menschen ein lautes Fest, und sie, die einst auch unter den hier Versammelten gestanden und die nicht am wenigsten Bewunderte war, lebt still und einsam in sich. An dem Zaune des abgegrenzten Parkes stand die Einwohnerschaft des Städtchens und viele, die aus den Dörfern und den einsamen Höfen herbeigekommen waren; sie schauten alle nach der Königin, jedes wollte etwas Besonderes bemerkt haben, an ihr, an den Pferden, an dem Wagen, an den Dienern. Jetzt läutete die Abendglocke, die Männer zogen die Hüte ab und alles betete still und zog heimwärts. Die Nacht brach schnell herein, die Versammelten zerstreuten sich und die Königin fragte Gunther, ob es nicht einen Weg nach seinem Hause gebe, der nicht durch das Städtchen führe. Gunther erwiderte, daß der König einen solchen längs des Vorhügels habe anlegen lassen. Die Königin blickte nieder. Sie war im Innersten erquickt von dieser freundlichen Fürsorge, und wäre jetzt der König dagewesen, sie hatte ihm ein Wort der Güte gesagt, wie er es lange nicht von ihr gehört. »Ich will Ihre Familie begrüßen,« sagte die Königin. »Ich werde die Ehre haben, sie Eurer Majestät morgen vorzustellen.« »Es ist so schön, der Abend so mild, lassen Sie uns noch heute dahin gehen.« Die Königin und Gunther und mehrere Herren und Damen vom Hofe gingen den neuen Weg nach dem Hause Gunthers. »Wollen Sie nicht Ihren Damen schnell voraussagen lassen, daß Ihre Majestät zu Besuch kommt?« sagte die Oberhofmeisterin beim Ausgang aus der Meierei mit sehr gnädigem Ausdruck zu Gunther. Die Formlosigkeit der Königin, mit der sie diesen Besuch in Scene setzte, war doch gegen alle Regel, obgleich der Landaufenthalt mancherlei Freiheit gestattet. Gunther lehnte ebenso höflich jede Ansage ab. In ihm war das stolze Selbstgefühl: es kann zu jeder Stunde eine Königin mit ihrem Gefolge in sein Haus eintreten, sie findet es würdig bereit, und seine Frau und seine Kinder bedürfen keiner Zurechtstellung. Die Frau des Inspektors, die kluge Stasi, hatte aber doch gehört, wohin es geht; sie war durch die Stadt vorausgeeilt zu Frau Gunther, um zu sagen, wer heute noch zu ihr käme. So fand nun der Hof den Gartensalon schön erleuchtet, und Frau Gunther, von ihren beiden Töchtern umgeben, begrüßte die Königin am Eingang des Gartens, mit ehrerbietiger, wenn auch nicht vollkommen ordonnanzmäßiger Verbeugung. »Ich konnte es nicht erwarten,« sagte die Königin –ihre Stimme klang jetzt so hell, ganz anders wie ehedem –»ich mußte Sie noch heute begrüßen und Ihnen meinen Glückwunsch aussprechen. Sie sind die Braut des Ministers Bronnen?« wendete sie sich zu Paula. Paula verbeugte sich so regelrecht, daß die Oberhofmeisterin zufrieden nickte. Die Königin reichte Paula die Hand und küßte sie auf die Stirne. »Ich werde Sie nun oft sehen,« setzte sie hinzu, »und es wird uns eine Quelle der Erinnerung sein, daß ich Sie schon in Ihrem elterlichen Hause gekannt.« Sie winkte dann Frau Gunther an ihre Seite und ging mit ihr durch den Garten. »Also erst heute muß ich Sie sehen,« sagte die Königin, »ich hoffe, ich bin Ihnen keine Fremde.« »Majestät, es ist zum erstenmal in meinem Leben, daß ich mit einer Königin spreche, und ich bitte –« »Ihr Mann ist mir ein väterlicher Freund, und ich wünsche, daß auch Sie mir in ähnlicher Weise –doch, überlassen wir das der freien Bestimmung, wie wir uns gegenseitig finden. Legen Sie nur als Schweizerin ein klein wenig Ihr Vorurteil gegen eine Königin ab.« »Majestät, ich bin eine Bürgerin Ihres Landes.« »Ich freue mich, daß ich Sie zuerst in Ihrem eigenen Hause begrüßen konnte. Singen Sie noch viel? Ich hörte, daß Sie schön gesungen.« »Majestät, das überlasse ich jetzt den frischeren Stimmen meiner Kinder; Paula singt.« »Ach, das freut mich! Ich entbehrte es lange, daß keine Dame unseres näheren Kreises schön singt.« Wie ein flüchtiger Schatten huschte die Erinnerung an Irma in der Nacht dahin durch die Seele der Königin. Sie stand am Bach, der von dort oben kam, und hier jetzt laut quallte und murmelte. Die Königin blieb nur eine kurze Weile im Pavillon. Als sie zurückging, sagte sie an der Gartenthür zu Frau Gunther: »Wollen Sie uns nicht noch ein Stück Weges begleiten?« »Ich danke, Majestät.« »So sehe ich Sie morgen. Gute Nacht! Auf gute Nachbarschaft!« Die Königin ging davon. Gunther wußte, wie die Herren und Damen laut oder still über die unerhörte Unschicklichkeit sprechen werden, daß man einen ausgesprochenen Wunsch der Königin geradezu verneint; aber er sagte seiner Frau kein Wort, er konnte sie gewähren lassen und war sicher, daß sie das Rechte that; wenn sie auch gewisse Konvenienzen unberücksichtigt ließ, sie wird doch mit rechtem Takt alles einleiten und festhalten, und gerade das, daß sie das überaus huldvolle Zuneigen der Königin mit leiser Abwehr behandelte und sich von der Gnade nicht eine Freundschaft befehlen ließ, gerade das war ihm sichere Bürgschaft. »Es ist mir lieb,« sagte Frau Gunther zu ihrem Manne, als sie in der Wohnstube beisammen waren, »daß unsre Paula schon vom elterlichen Hause aus in das Hofleben eingeführt wird, und die Königin scheint mir in Wahrheit ein edles Gemüt.« Gunther stimmte bei und setzte hinzu, daß Paula schon bei der kurzen Begegnung gezeigt habe, wie sie die Unterweisung ihres Verlobten praktisch zu üben wisse, denn Bronnen hatte ihr gesagt: Man ist bei Hofe frei, wenn man sich den Krimskrams der Formen, ohne Accent darauf zu legen, so zu eigen macht, daß man sie ohne Beschwer übt, wie grammatische Regeln. Die Nacht war mondhell und Paula sang in die stille Nacht hinein mit klangvoller Stimme und in glühendem bräutlichem Ausdruck den Schluß des Goetheschen Liedes, das Bronnen vor allen liebte: Krone des Lebens, Glück ohne Ruh, Liebe bist du! Und droben auf dem Berge, wohin keine Stimme drang, saß in ihre blaue Decke gehüllt eine Einsame, und durch ihre Seele zog lautlos das Lied desselben Meisters, das Lied aller Lieder, in dem die von aller Schwere freigewordene Seele sich mit der ewigen Natur eint: Füllest wieder Busch und Thal Still mit Nebelglanz, Lösest endlich auch einmal Meine Seele ganz. Die Hofdamen in der Meierei plauderten noch lange miteinander: diejenigen, die die Königin nicht hatten begleiten dürfen, beneideten die andern, die sofort die Braut Bronnens mustern konnten. Was mochte nur an dem bürgerlichen Mädchen sein, daß Bronnen, dem keine noch so hoch Stehende ihre Hand geweigert hätte, gerade sie wählte? Die einen fanden sie linkisch, die andern zu sicher: auch ihre Schönheit war zweifelhaft. Den jüngeren Hofdamen wurde scherzend mitgeteilt, daß der Leibarzt jetzt viele Tage große Parade der Gefühle und Weltideen abhalten werde, und zwar au grand sérieux . Der Mond schien hell auf den Bergen und im Thal, wo endlich alles schlief. Nur die Brunnen rauschten und der Bach murmelte und manchmal erscholl ein Jodelruf hoch in den Bergen. Ein heller Tag brach an. Gunther war früh bei der Königin. Er war entschlossen, nun die nächsten Wochen seine Morgenstille zu opfern: er wollte sich ganz der Freundin widmen, und er sah jenseits dieser Wochen wieder seine ungestörte Ruhe. Wieder wie vor fünf Jahren saß er am Morgen auf der Terrasse, aber nicht ausschauend nach den fernen Bergen, sondern nun von ihnen umschlossen: und wieder, wie damals, erschien die Königin in weißem Gewand und grüßte ihn, aber ihr Wesen war jetzt ein andres, ihr Gang war sicherer, ihr Wort bestimmter. »Wir machen kein Programm, wie wir nun hier leben wollen,« sagte die Königin, mit Gunther im Garten auf und ab wandelnd, »wir wollen den Tag nehmen, wie er sich gibt.« Sie sprach ihre Freude aus, daß sie seine Frau und Töchter nun schon kenne: sie fand, daß er wohlgethan, in der Residenz seine Häuslichkeit vom Hofe entfernt gehalten und nur mit wenigen Menschen eine Ausnahme gemacht zu haben. Wieder zog wie ein flüchtiger Schatten die Erinnerung an Irma durch die Morgenfrühe dahin, denn die Königin wußte, daß Gunther sie in sein Haus eingeführt. Immer noch schien das Andenken Irmas nicht völlig gebannt und begraben. »Majestät erlauben mir,« sagte der Leibarzt, »doch ein kleines Programm aufzustellen; es hat nur einen einzigen Paragraphen. Erlauben Sie mir, ihn zu motivieren. Ich habe mich nie brieflich über diesen Punkt aussprechen können, ich kann es nur persönlich. Majestät, ich habe mich vor Ihnen einer Schuld anzuklagen.« »Sie? Einer Schuld?« »Ja, und es macht mich frei, sie beichten zu dürfen. Majestät, ich frage nicht, wie jetzt Ihr Verhältnis zu Ihrem königlichen Gemahl. Daß und wie er Ihnen dies alles hier bereitet, ist die That eines zarten Sinnes –« »Und ich erkenne die That vollkommen; aber ich kann doch nicht –« »Ich muß Sie unterbrechen, Majestät, denn das ist meine Bitte: Gestatten Sie mir, daß wir nie mehr miteinander über Ihr Verhältnis zu Seiner Majestät sprechen. Ich habe damals –und das eben ist meine Schuld –in dem schweren Konflikt geglaubt, Eure Majestät durch freies und umfassenderes Denken zur Gerechtigkeit und von da aus zur wiedererweckten Liebe zu führen. Ich habe geirrt und gegen einen ganz einfachen Grundsatz verstoßen. Gefühle wollen sich nicht durch Gedanken beherrschen lassen; und wäre es auch in dem genannten Falle, jeder dritte, der da sich einstellen läßt, wird mit Recht zermalmt und ausgestoßen. Wer da Mittler sein will, der macht den Riß nur weiter. Gatte und Gattin können nur allein sich finden. Ich breche ab und bitte nun Eure Majestät –denn so allein können wir freien Blickes einem jeden und Ihrem Gemahl selbst, wenn er kommt, frei ins Auge schauen –wir sprechen nie mehr über dies Verhältnis. Sie haben keinen andern Vertrauten, als Ihr Herz, und Ihrem eigenen Herzen allein müssen Sie folgen und vor keiner scheinbaren Abtrünnigkeit und Umkehr zurückschrecken. Ist dies eine mir gewährt?« »Ja, und nun weiter kein Wort davon.« Als ob den beiden eine Last abgenommen wäre, ein Bann, der auf ihnen geruht, frei und heiter besprachen sie sich nun. Der Kronprinz wurde herbeigeführt. Der Leibarzt freute sich seiner kräftigen Gestalt und versprach ihm eine Gespielin, die am selben Tag mit ihm geboren war. »Mama, warum hab ich kein Schwesterchen?« fragte der kleine Prinz. Die Königin wurde über und über rot. »Die kleine Cornelia soll deine Schwester sein,« erwiderte sie und gab Auftrag, daß man den Prinzen in das Haus des Leibarztes zu dem Kinde führe. Der Leibarzt gab Frau von Gerloff noch die Anweisung, daß man den Kindern das Vogelnest mit den jungen Vögeln im Rosenbusch zeige. Der Prinz bat, daß er Schnipp und Schnapp mitnehmen dürfe, und bald fuhren die beiden Kinder miteinander in dem zierlichen Wagen durch das Thal, ein kleiner Groom lenkte die Pferdchen, ein Vorreiter ritt voraus. Am Mittag kam Frau Gunther mit ihren Töchtern zur Königin. Allmählich bildete sich ein zutrauliches Verhältnis zwischen dem Hause Gunthers und dem Hofe, als wären es zwei gleichstehende Familien. Keine Gesellschaft in geschlossenen Räumen kommt so zu gleicher Stimmung, wie die auf dem Lande bei Ausfahrten; die Gemeinsamkeit der Naturfreude und Erfrischung gibt auch eine Gemeinsamkeit der Stimmung. Die Tage flossen schön dahin, die Königin wollte keine außergewöhnlichen Vergnügungen, und jede Stunde war in sich erfüllt. Die Königin sagte einst Frau Gunther, daß sie die erste Bürgerin sei, mit der sie von Haus zu Haus in Beziehung getreten, und sie könne nicht umhin, ihren klaren und festen Sinn zu bewundern. »Ich muß Ihnen etwas aus meiner Jugend erzählen,« entgegnete Frau Gunther, der dieses mit Lob Begnadigen sehr anfremdend war. »Bitte, erzählen Sie,« ermunterte die Königin. »Majestät, ich war eine glückliche Braut. Wilhelm war in den Ferien verreist, wir schrieben uns oft. Da kam eines Tages ein Brief von ihm, der meinen Stolz beleidigte, ja mich tief verletzte. Ich hatte mich in allerlei Ueberschwenglichkeiten verstiegen, und er schrieb mir das Lessingsche Wort, das Nathan zum Tempelherrn spricht: ›Mittelgut wie wir, findet sich überall in Menge‹.« »Und das verletzte Sie?« »Ja, Majestät, das verletzte mich tief. Gunther hat keine Spur jener lügenhaften Bescheidenheit, die um so eitler ist, je bescheidener sie thut. Nach meinem Gefühl beleidigte er sich mit diesem Wort, er, der mir so hoch stand, und, gestehe ich's nur, er beleidigte auch mich; ich hielt mich nicht für Mittelgut, ich hielt mich für eine höher bevorzugte Natur. Von damals aber begann ich und lernte durch mein ganzes Leben immer mehr einsehen, daß das meiste Elend davon kommt, daß die Menschen, die Verstand, Bildung und etwas Talent haben, sich für bevorzugt, für höher geartet halten und sich damit das Recht zuerkennen, über die gewohnten Schranken und den geschlossenen Pflichtenkreis hinwegzuschreiten. Sich als Mittelgut erkennen, danach handeln für sich und urteilen über andre –das ist meine Lebensführung gewesen, und so bitte ich Eure Majestät, mich auch anzusehen. So wie ich bin, sind tausend und aber tausend Frauen in der Welt. Es ist wie im Gesange. Ich habe im Chorgesang gefunden, wie viele gute Stimmen im Chor mitsingen und damit froh sind und nie nach einem Solo verlangen.« Die Königin ging still neben Frau Gunther. Wie viele Anwendungen ließen sich von dem machen, was die Frau mit dem Ausdruck vollster Wahrhaftigkeit gesagt. Die Königin konnte es auf sich selbst, auf den König und die noch immer Unvergessene deuten. Frei aufschauend begann sie endlich: »Ich wollte Sie um etwas bitten,« sprach sie stockend und nahm eine Busennadel mit einer großen Perle ab, »Bitte, nehmen Sie das zum Andenken an diese Stunde, zur Erinnerung dessen, was ich jetzt von Ihnen empfangen.« »Majestät,« erwiderte Frau Gunther, »ich habe in meinem ganzen Leben noch nie etwas derart geschenkt genommen. Doch, ich verstehe. Sie als Königin sind gewohnt, die Seligkeit des Gebens zu empfinden, andre zu beglücken. Ich nehme dies Zeichen an, als wär's eine unverwelkliche Blume aus Ihrem Garten.« Frau Gunther ging still in sich begnügt heimwärts. An ihrem Hause stand sie still. Auf dem Klavier im großen Saal, dessen Fenster offen standen, spielte eine Meisterhand voll Kraft und Innigkeit. Das kann Paula nicht sein. Wer ist es? Es war ein herzerschütterndes Wiedersehen, oder leider, wir sind des Wortes zu sehr gewohnt –es war kein Wiedersehen, sondern nur ein Umfassen! Der Neffe der Frau Gunther, der junge Mann, von dessen Komposition Irma vor Jahren ein Lied gesungen, und der die Verwandten auch hier schon einmal besucht hatte und damals, bei einem Ausflug vom Gewitter überrascht, auf dem Freihof übernachtet, Irma gesehen hatte, ohne zu wissen, wer sie war, der junge Mann war jetzt, wie ihm vorausgesagt, völlig erblindet. Er war ein Meister im Pianospiel geworden und trug das Schicksal der Blindheit mit männlicher Kraft. Frau Gunther stellte ihren Neffen am Abend der Königin vor, und es war die erste Freundesthat der Königin gegen Frau Gunther, daß sie den Blinden zu ihrem Kammervirtuosen ernannte, sie wollte die Ernennung nur noch dem König zur Bestätigung vorlegen, der in den nächsten Tagen kommen sollte. Dreizehntes Kapitel. Der König war in der Nacht angekommen ohne vorgängige Anmeldung. Er wollte jeder Empfangsfeierlichkeit ausweichen. Er betrachtete sich als Gast bei seiner Gemahlin, für sie allein hatte er diese bescheidene Sommerfrische herrichten lassen. Gunther ging am andern Morgen mit seinen Orden geschmückt den neuen Weg von seinem Hause nach der Meierei. Er empfand, daß sich jetzt dies Sommerleben ändern wird. Es hatte sich eine Gesamtstimmung gebildet, die nun durch einen Hinzukömmling, und wäre es auch ein fügsamerer als der König, eine Umstellung erleiden wird. Seit der letzten Audienz, in der er für die Dekorierung danken mußte, hatte Gunther den König nicht wieder gesehen. Er war gefaßt. Die Hofformen haben in ihrem festen Bestand das Gute, daß sie keine momentane Stimmung und Belebung erheischen. Als Gunther so den Weg, der sich an der halben Höhe eines Vorhügels hinzog, dahinschritt, erweckte sich ihm unwillkürlich eine Erinnerung an Eberhard. Die Morgenfrühe, die Bergluft, die stramme Uniform, alles war wie damals vor Jahrzehnten. Eberhard hatte die Erfüllung einer Höflichkeitsform ohne Empfindungsinhalt beständig als Roheit bezeichnet, er hatte verlangt, daß man in jedem Augenblick des Lebens wahr sei und keine Form, kein Wort gebrauche, die nicht aus dem Grund der Seele stammen. Gunther hatte in den Jahren seiner Einsamkeit wohl erkannt, daß auch er durch Konzessionen einen teilweisen Abfall sich hatte zu schulden kommen lassen; es war sein höchstes Glück geworden, nun vollkommen wahr vor sich und vor der Welt zu sein, und darum hatte er in dem Werke, das er als Ergebnis seines Lebens betrachtete, rücksichtslos und mit unverhülltem Ausdruck gesprochen. Als er in Gedanken so fortwandelnd um die Meierei sah, hielt er still, um sich zu sammeln. Er war ja auf dem Weg, den zu begrüßen und ihm Ehrerbietung zu bezeigen, der ihn hatte entwürdigen wollen. Auch der König, der Gunther schon von ferne hatte kommen sehen, war beim ersten Anblick bewegt. Er trat vom offenen Fenster zurück und doch hätte er dem hochgehaltenen Manne gern durch das Fenster willkommen zugerufen; aber die königliche Würde duldet das nicht, und sie hat dabei das sehr Genehme, daß der Zutritt Begehrende in harrender Stellung bleibt und der Zulaß Gewährende seine natürliche Freiheit, man könnte sagen, sein bequemes Daheim dem Fremden gegenüber innehat. Der Leibarzt ließ sich melden. Er wurde sofort vorgelassen. Der König ging ihm drei Schritte entgegen und sagte: »Willkommen, lieber Geheimrat, ich freue mich von Herzen –« er stockte, als er das gesagt, und fügte, wie plötzlich eine andre Wendung nehmend, hinzu: »Ich freue mich sehr, Ihnen Glück wünschen zu können. Man weiß nicht, soll man sagen: Sie sind es wert, einen solchen Sohn zu gewinnen, oder der Minister Bronnen ist es wert, Sie Vater zu nennen; es ist beides ein und dasselbe,« schloß er mit einem Lächeln, das etwas Gezwungenes hatte. »Ich danke Eurer Majestät unterthänigst –« auch Gunther stockte, er hatte dies Wort schon lange nicht gesprochen –»ich danke Eurer Majestät für diese huldvolle Teilnahme an mir und meinem Hause.« Der Glückwunsch zur Verlobung Bronnens war eine ansprechende Ueberleitung in die neue Bewegungsweise zwischen dem König und Gunther. Dennoch trat jetzt eine Pause ein, in der sich die beiden Männer musterten, als müßten sie nach vierjähriger Trennung das Antlitz sich wieder einprägen, das jeder durch Jahrzehnte fast täglich gesehen. Gunther war sich fast gleichgeblieben, nur trug er jetzt einen kurzgehaltenen schneeweißen vollen Bart; der König dagegen war gerundeter in seiner Gestalt geworden; auf seinem Antlitz lag jetzt ein Ausdruck strengen Ernstes, der indes wohl mit seiner gewinnenden Liebenswürdigkeit zusammenstimmte; seine Bewegungen schienen an Spannkraft eher gewonnen als abgenommen zu haben. »Wie ich höre,« begann der König aufs neue, »sind Sie mit einer großen philosophischen Arbeit beschäftigt, dazu darf ich uns nur Glück wünschen, wir genießen gesammelt die Früchte Ihres Geistes; die wir jetzt im täglichen Verkehr entbehren.« »Majestät, ich ziehe das Facit meines Lebens. Es ist einerseits weniger, anderseits mehr, als ich hoffen durfte; ich lebe in mir, freue mich aber, daß ich, hinausschauend in die zeitgenössische Welt, erkennen darf, daß die zu Größerem Berufenen ein reines Facit ziehen können.« »Das Wachstum ist langsam,« sagte der König. »Als ich gestern durch die Felder fuhr, dachte ich: wie lange solch ein Halm braucht, bis die Aehre gediehen ist. Wir sehen das einzelne Wachstum des Tages nicht, aber das Resultat wird es zeigen.« Lächelnd und jetzt ganz ungezwungen fuhr er fort: »Ich teile Ihnen da meine neuesten Wahrnehmungen mit, es ist... es ist... als hätte ich Sie erst gestern gesprochen. Kommen Sie mit in den Garten.« Auf dem Wege fragte der König: »Wie finden Sie den Prinzen?« »Er ist wohlgebaut und –soweit ich es beurteilen kann –auch seine geistige Entwickelung normal und schön.« Das Gespräch brach immer wieder ab und mußte immer neu aufgenommen werden; das war die Folge einer langen Trennung und eines unaufgehellten Hinterhaltes in der Empfindung. »Sie haben nun auch viel unter dem Volk gelebt,« begann der König wieder. »Finden Sie auch, daß der naive Volksgeist das Korrektiv für die Abirrungen der höheren Bildung zu sein berufen ist?« Der Leibarzt sah den König nach dieser Frage betroffen an. Was soll diese Frage? Ist es eine Müßigkeitsfrage? Lebt im Könige noch der unbesiegte Widerspruch gegen die Entscheidungen des Volkes? Oder will der König den Gekränkten dadurch mit Huld begnadigen, daß er ihm Gelegenheit gibt, seine Betrachtungsweise des Breiteren darzulegen und sich darin zu gefallen? Mit Blitzesschnelle gingen diese Erwägungen durch die Seele Gunthers. Er entgegnete nach einer kleinen Pause: »Gestatten mir Eure Majestät, bevor ich zur Beantwortung der Frage übergehe, uns die Fragestellung scharf zu bestimmen?« »Ich bitte darum.« Die beiden Männer faßten sich in verschiedener Empfindung. Es trat wieder eine Pause ein, in der es wie Probieren und Stimmen der inneren Instrumente war, die aus ungleichen Temperaturen kommend, noch nicht zusammenklingen konnten. »Wenn wir also,« nahm Günther auf, »unter Volksgeist jene Ansichten und Stimmungen verstehen, die nicht aus festgestellten wissenschaftlichen und künstlerischen Ueberlieferungen sich herausbilden, sondern als Naturmacht ungebrochen bestehen, und wenn wir dagegen unter Korrektiv der höheren Bildung ein Abstoßen des aufgedrungenen Fremden oder auch des gesetzmäßig Verwelkten und Verrotteten fassen, und damit ein Ausführen auf die grundmäßige Natur, dann glaube ich diese Frage nach Maßgabe meiner Erkenntnis beantworten zu können.« »Ich nehme diese präzisere Fragestellung gern an,« erwiderte der König. »Ich finde, daß man oft darum vergebens auf befriedigende Antwort wartet und sich fruchtlos abmüht, weil man die Fragestellung unbestimmt und vag gelassen hat.« Günther nickte lächelnd. »Nun, also Ihre Antwort?« fragte der König, mit gespannter Aufmerksamkeit ihn betrachtend. »Majestät,« begann Günther mit frischem Tone, »ich hole weit aus, bin aber bald wieder auf dem Punkt, wo die Frage Eurer Majestät sich aufwirft. Diese Frage stammt aus einem großen, einen Wendepunkt der Menschheitsgeschichte bezeichnenden Ereignis. Im Gegensatz zur ganzen vorhergegangenen Geschichte des Menschengeschlechts tritt die Zentralgestalt, an der die modernen Völker idealisierend sich und sie erbauten, nicht aus der olympischen Höhe hervor, Jesus wird in der Krippe geboren und die Könige der Welt wallfahrten anbetend zu ihm. Es wird bleiben als Zeugnis des Hohen im Niederen, als Kunde jener reinen Demokratie, daß in der Krippe bei den Haustieren dasjenige aufleuchtete, was dem reinen Menschen eingeboren ist. Nun aber wäre es eine Verkehrung des reinen Gedankens und eine neue Orthodoxie und Veräußerlichung, wenn man fortan die Krippe allein als heilig fassen und an die niederen Formen und Umgebungen des Volkslebens allein das Innewohnen des ewigen Geistes, der heiligen Natur binden wollte. Bleiben soll: der reine Geist erscheint überall, aber auch überall, in der Krippe bei den Haustieren wie im säulengetragenen Tempel, in der büchererfüllten Gelehrtenstube und im schimmernden Palaste auf dem Königsthron: Buddha war ein Königssohn und war einer der großen neuschaffenden Wohlthäter der Menschheit, der im Reiche des Kastengeistes die Gleichberechtigung aller Menschen verkündete. »So kehre ich nun zurück und bin bei der Frage. So oft eine Kultur zur höchsten Entwickelung gelangt und dann ihre Schwächen sich zeigen, stellt sich der Gedanke einer völligen Umkehr heraus, wobei man aber immer ins Extrem geht; man glaubt von vorn anfangen zu müssen, während es sich doch nur darum handelt, eine Regeneration herbeizuführen durch die noch unverbrauchten Schichten, die mit frischen Kräften kommen. Diese Regeneration aus den unteren Volksschichten kann aber aus den unteren Volksschichten allein nicht gemacht werden, sie sollen nur stets frische Kräfte hinaufschicken. Die große Masse als solche kann nur neuen Stoff hergeben, aber als Masse nicht die Kultur erneuen. Das Volk ist nur in sehr bedingtem Sinne der Träger des Volksgeistes; es treten einzelne aus dem Volke herauf, sie haben durch ihren Ursprung aus dem Volke etwas von der unsterblichen Kindschaft in sich bewahrt, aus dem Naturleben, aus dem unbelauschten und ungeleiteten ersten Wachstum. Aber mit der Kindschaft muß sich der Geist der Wissenschaft verbinden und eine Epoche oder ein einzelner bildet einen neuen Knotenpunkt, worin das sich fortsetzende Wachstum nicht abgebrochen ist, sondern neu ansetzt, gewissermaßen neu anwurzelt und auf dem Stamme einen neuen Boden bildet. Nicht das Volk als Masse, sondern der Mann oder der Kreis, der den Volksgeist in sich konzentriert, erneuert denselben individuell.« »Ist das nicht Aristokratie?« fragte der König mit leiser, fast zaghafter Stimme. »Majestät, ich scheue kein Wort und keinen Begriff, die als Ergebnis logischer Konsequenz sich darstellen. Ich lasse dies immerhin auch Aristokratie nennen; aber es ist die ewig werdende, die demokratische; denn die Fortbildner des Volksgeistes gehen nicht aus derselben Sphäre hervor.« »Ich verstehe,« sagte der König bei einem Rosenstock stehen bleibend, »es ist wie hier, es sind jedes Jahr neue Schosse am Stamm, die die Rosen tragen. Doch entschuldigen Sie, ich habe Sie unterbrochen.« »Ich will nur noch hinzufügen,« nahm Gunther wieder auf, »die Masse als solche ist Träger der Bildung, aber die Höherführung dieser Bildung geht von einzelnen Berufenen und Erwählten aus. Noch näher: Wer das körperliche Durchschnittsmaß seiner Rasse hat, ist nicht groß; so auch, wer die allgemeine Bildung hat, besitzt eben damit die allgemeine, die nichts Auszeichnendes, Befreiendes, Erhöhendes hat.« »Wer aber mißt, bestimmt und ermächtigt zu dieser Auszeichnung?« fragte der König. »In der Wissenschaft und Kunst die individuelle Berufung, der individuelle Drang und Trieb, aus dem sich in einer Persönlichkeit das herausbildet, was die Masse stotternd und unfertig in sich hatte und eben weil sie es in sich hatte, nun, äußerlich gegeben, als ihr Eigenes begrüßen kann. Im Staate dagegen ist die Berufung durch Wahl, wie sie in solcher Ausdehnung nur die moderne Menschheit kennt, die entscheidende. Es ist vielfach ersprießlich, daß den momentanen Berufungen durch die Wahl gegenüber eine geschichtlich gegründete Berufung steht. Aber wenn sich diese nicht mit der zeitlichen eint, überhebt sie sich und kommt zu Falle.« Der König ging still vor sich niederschauend dahin. Alles lenkt immer wieder dahin, daß es einen Gesamtgeist gibt, der mächtiger ist und sein muß, als jeder einzelne. Weit ab lag nun jede Ahnung, daß man zu diesem Ergebnisse durch eine Müßigkeits- oder Gunstfrage gelangt sei. Lange schritt der König neben Gunther dahin, aber diesmal war das Gespräch nicht abgebrochen, weil im Hintergrund der Seele noch eine ungelöste Dissonanz stand. Der König war vielmehr nachdenklich und er hatte gelernt und geübt, über einen neuen Aufschluß nicht konversationell hinweg zu tändeln, sondern das Empfangene in seinem inneren Denken einzuordnen. »Darf ich fragen,« begann der König –es lag eine große Bescheidenheit in seinem Tone –»darf ich fragen, ob die Betrachtungsweise, die Sie mir jetzt geben, und die mir noch viel zu denken geben wird, in dem Werke, mit dem Sie sich jetzt beschäftigen, zur weiteren Darlegung kommen wird?« »Allerdings, Majestät.« »So lassen Sie mich nun sofort in der ersten Stunde auf eine Frage für unser kleines Leben und für das Stück Geschichte, das wir zu sein haben, übergehen.« Der König verschränkte die Arme auf der Brust und fuhr fort: »Lassen Sie mich frei zu Ihnen sprechen. Sie haben die Ihnen vom Minister Bronnen angebotene Stellung als Minister des Kultus abgelehnt; ich kann mir denken, daß Sie Ihre Wissenschaft nicht der Bureauthätigkeit opfern wollen. Würden Sie es vielleicht vorziehen –entschuldigen Sie« –sagte der König und lachte ungezwungen, »entschuldigen Sie, daß ich Ihre gewohnte Redewendung gebrauchte, es geschah ganz unversehens –also dürfte ich Ihnen den Posten eines Präsidenten der Akademie anbieten?« »Majestät bitte ich unterthänigst, mich nicht für undankbar zu halten, aber ich bin entschlossen, nicht mehr in die bewegte Welt einzutreten. Außerdem hat mich der längere praktische Beruf –Majestät wissen, ich lehne jede formelle Bescheidenheit ab, es ist das meine aufrichtige Erkenntnis –von der strengen Wissenschaft derart entfernt, daß ich den mir so gnädig zuerkannten Rang nicht behaupten könnte. Ich bitte, Majestät, die noch beschiedenen Lebenstage mich in meiner Zurückgezogenheit verleben zu lassen. Majestät, ich bin Schriftsteller geworden und will es bleiben.« »Ich würde mich glücklich schätzen, Ihnen die volle Freiheit zu gewähren, sich rücksichtslos auszusprechen.« »Ich weiß das, Majestät, und doch, ich mache von der Rücksichtslosigkeit sofort Gebrauch und sage: gewährte Freiheit ist nicht die ganze Freiheit. Ich müßte in einer hohen Staatsstellung dennoch die Bedachtnahme auf Eure Majestät und auf die Verwaltung, der nun mein Sohn vorsteht, vor Augen haben. Erlauben mir Eure Majestät, ein Schriftsteller zu sein und zu bleiben und weiter nichts.« In den Mienen des Königs trat eine Verstimmung ein. Er hatte das Aeußerste gethan, er hatte dem Manne durch die That gezeigt, wie er das zu schnelle Vorgehen von damals gerne ausgleichen möchte; da war nun wieder der so oft empfundene Starrsinn. Konnte denn der Mann verlangen, daß der König sagt: ich bereue, verzeihe mir? Ein scharfes Wort kam bis auf die Lippe des Königs. Er drängte es zurück. Gunther sah schnell, was hier vorging und die Achtung vor dem neuen Menschen, der jetzt vor ihm stand, machte sein Auge hell erglänzen. Der König hatte noch mit keinem Worte der Königin erwähnt; er hatte, wie doch so natürlich gewesen wäre, den langjährigen Arzt nicht gefragt, wie er das Aussehen der Königin finde. Eben wollte Gunther der Königin erwähnen, als der König, die Brauen zusammenziehend, fragte: »Haben Sie je in Ihrem Leben eine That begangen, die Sie zu bereuen hatten?« »Majestät –ich heiße Wilhelm Gunther, habe mir das Leben erobert auf einem schweren Weg und bin oft gestrauchelt; bin jung gewesen und alt geworden und habe gesehen, daß jedem zu teil wird, was er in Wahrheit verdient.« »Und das hat sich auch bei Ihnen bewährt?« »Ja, Majestät. Ich danke, daß Sie mich fragen. Und so lassen Sie mich bekennen –was ich sage, hat nicht entfernt die Spur einer Verbitterung; wenn ich eine Thatsache als solche erkannt, bin ich damit fertig, ich spreche daher mit Unbetroffenheit, als hätte ich einen Naturvorgang in seinem Gesetz zu erklären. Ja, Majestät, was mir geworden, ist mir in voller Gerechtigkeit geworden. Ich bin in gnädigster Form von Eurer Majestät in Ungnade entlassen, mir ist mein Recht geschehen.« »Das wollte ich nicht, darauf wollte ich nicht hinführen. Im Gegenteil –« »Erlauben mir Majestät, selbst und nach freier Erkenntnis die logische Linie der Gerechtigkeit zu bezeichnen. Ich habe in einem tieftraurigen Fall meine Pflicht als Mensch, als Freund und Diener Eurer Majestät mißverstanden.« »Sie?« fragte der König. »Ja, ich. Daß ich das Gute wollte, entschuldigt mich nicht. Gut sein ist unsre Neigung, klug sein unsre gleichberechtigte Bestimmung. Ich habe damals Ihre Majestät die Königin auf eine Höhe zu führen gesucht, von der aus die kleinen Begegnisse des Lebens klein und leicht erträglich erscheinen sollten. Das war eine schwere Irrung. Ich mußte jede Einmischung vermeiden oder den nächstgegebenen Konflikt zu schlichten suchen. Sie haben recht gethan, daß Sie mich entfernten und haben damit auch Gutes gethan an der Königin. Von jeder Einwirkung, auch von der eines Freundes isoliert, mußte sie Halt in sich gewinnen und sie hat ihn gewonnen.« Im Auge des Königs schwamm ein feuchter Glanz. Er legte die Linke auf die Brust –es schien ein Gedanke, ein Wort heraufkommen zu wollen, das er nicht kundgeben mochte. »Ich bin glücklich,« sagte er endlich, »daß mir auf meinem Lebensweg Männer begegnet sind, wie Sie und unser Bronnen. Was wir sind, wir sind es nur teilweise aus uns, wir sind es –bewußt oder unbewußt –wesentlich aus der Genossenschaft derer, die mit uns zugleich atmen.« Er faßte die Hand Gunthers und Gunther atmete hoch auf: die heroische Selbstherrlichkeit des Königs war vollauf besiegt –dessen war das Selbstbekenntnis des Königs Zeugnis. »Papa!« tönte eine Knabenstimme von der Terrasse, sie tönte hell in der morgenfrischen Bergluft, »Papa!« Die beiden Männer wendeten sich um. Die Königin saß von den Herren und Damen vom Hofe umgeben auf der Terrasse. Sie hatte mit schwerem Blick den beiden Männern nachgesehen, die dort wandelten und oft stillstanden. Was weiden sie sprechen? Werden diese so holden Tage nun durch die alte noch immer nicht getilgte Schuld wieder zerrüttet werden? Als jetzt der König die Hand Gunthers faßte und sie lange hielt, richtete sich die Königin plötzlich auf, dann faßte sie den Prinzen, küßte ihn, hob ihn zu sich empor und sagte: »Rufe: Papa!« Die beiden Männer kehrten um und kamen auf die Terrasse, und so schön und erquicklich war kein Anblick der hohen Berge, als ein Blick in die ruhig leuchtenden Gesichter des Königs und Gunthers. Der König küßte seiner Gattin die Hand und sie drückte ihre Hand zum erstenmal seit Jahren an seine Lippen. Als sich Gunther verabschiedete, sagte ihm der König: »Empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlin. Ich werde heut vor der Tafel zu Ihnen kommen,« Frau Gunther war entsetzt, als ihr Mann berichtete, daß auch der König kommen werde. Sie begriff nicht, trotz aller Erklärung, daß ihr Mann die ihm angethane Beleidigung –denn als solche mußte sie die Entlassung doch ansehen, wenn es auch ihrem Manne keine war –so vergessen und vergeben könnte, und zum erstenmal in ihrem Leben ließ sie sich vor ihrem Manne nicht zu andrer Ueberzeugung bringen. Sie sah in der verzeihenden Stimmung Günthers eine Unterthänigkeit, die doch nur im monarchischen Staat möglich sei; ihr alter republikanischer Sinn erwachte wieder. Der König und die Königin kamen. Der König fand das Benehmen der Frau Günther sehr scheu. Er konnte nicht wissen, daß sie ihn immer mit verhaltenem Grimme ansah. Ist das der Mann und darf es überhaupt einen auf Erden geben, der Günther ein- und absetzen kann? Am Bach im Garten sagte der König zu Günther: »Wie ich höre, ist die Amme des Kronprinzen hier in der Umgegend. Wollen Sie sie nicht einmal herbescheiden lassen?« »Ihre Majestät die Königin wünscht nicht, sie zu sehen,« erwiderte Günther. »Wissen Sie den Grund?« »Er liegt im Nachhall der traurigen Erinnerung,« erwiderte der Leibarzt –und dies war die einzige, nur leise streifende Erinnerung an Irma, die laut wurde. In der kurzen Pause, die nach diesen Worten entstand, murmelte der Bach dringlicher, als hatte er auch etwas zu sagen. Am zweiten Abend nach der Ankunft des Königs traf Bronnen in Begleitung des Intendanten ein; er fand den ganzen Gesellschaftskreis in schöner Wohlordnung. Die Freude des Landlebens hatte durch eine gewisse formelle Haltung noch einen besonderen Reiz; man empfand jeden Tag den Genuß der Freiheit und war dabei doch wie in umhegendem Schutze, den bei jeder Ausfahrt und jedem Ausgang die überallhin vorbereitende Hofbegleitung und Dienerschaft bildete. Denn wo man sich in der freien Natur niederließ, wo man dem kleinen Prinzen zum Vergnügen im Walde ein Feuer anzündete, stets standen im weiten Umkreis Diener, bildeten eine Kette und hielten jeden störenden Zutritt eines Fremden ab. Paula benahm sich in der Gesellschaft mit vollkommener Ruhe; ihre Bewegungen zeigten Kraft und Zierlichkeit; sie drängte sich weder vor, noch verbarg sie sich; das Gefühl, im eigenen Hause zu sein, gab ihrem ganzen ???Behaben eine anmutige Sicherheit. Der blinde Neffe Günthers, nun bereits als Kammervirtuos der Königin bestätigt, spielte am Abend meisterhaft. Am andern Morgen nahm er seinen ersten Urlaub, um, wie er lächelnd sagte, sich in der Gegend umzusehen und alte Bekannte zu begrüßen. Der König rüstete sich zur Jagd. Vierzehntes Kapitel. Es war am Morgen. Gundel sprach mit ihrem Vater darüber, wie so seltsam die Base Irmgard sei; es sei ihr zuviel, ein Wort zu reden, sie genieße fast nichts mehr, als etwas frische Milch von der Kuh weg, und dieses viele Liegen draußen am Bergvorsprung, wo man den Blick nach dem fernen See hat, sei doch gar so seltsam. Auch dem Pechmännlein war das Benehmen Irmas rätselhaft; sie arbeitete schon seit geraumer Zeit gar nicht mehr und ging auch nicht mit ihm, Kräuter zu sammeln. »Ich möcht' einmal den großen Doktor drunten, dem ich für seine Badanstalt die Kräuter bringe, fragen, was ich machen soll,« sagte er. »Aber die Bäuerin hat mir's verboten, und dabei seh' ich doch wieder nicht, daß unsrer Irmgard was fehlt. Ich hab' schon was machen wollen, aber ich weiß nicht, ob das bei Menschen auch nutzt: wenn ein Tier krank geworden ist draußen im Freien, schneidet man den Rasen aus, worauf es gelegen, und wendet ihn um, dann wird es wieder gesund. Ich möchte nur wissen, ob das bei einem Menschen auch hilft.« »O, Vater!« erwiderte Gundel, »das ist was Schreckliches! Ich fürchte, man stürzt bald den Rasen auf unsre gute Irmgard, und sie ist doch so gut, nur ist's, wenn man sie anredet, als ob sie sich auf die Worte besinnen müsse, die sie hört und die sie zu sagen hat.« So redeten die beiden miteinander und jedes ging an seine Arbeit, während Irma draußen lag auf ihrer blauen Decke und bald hinausschaute in die weite Welt, bald die Augen schloß und in sich hinein dachte und träumte. Sie lebte in lautloser Gelassenheit fort, als wäre sie eins mit der belebten und unbelebten Natur ringsum, als habe sie von je hier gewandelt und würde ewig hier wandeln, ein Menschenkind, dem nichts fremd, keine Blume, kein Baum, kein Tier, das an der Erde lebt und frei in Lüften sich schwingt; die Berge, die Wolkenzüge, der helle Tag, die sternenglitzernde Nacht, alles war ihr heimisch und traut. Jetzt lag Irma, wie so oft, an der Berglehne auf dem Moos. Sie schaute mit offenem Auge drein ins Weite, und wieder haftete ihr Blick am Boden, wie da so viel Leben zwischen den Halmen und Moosen sich bewegt; unwillkürlich grub dann manchmal ihr Finger die Pflanzendecke auf, da lagen die Tannennadeln von Jahren und Jahren übereinander und im Grunde die Pflanzenkrume aus verwitterten Stoffen vom Erdbeginne an –noch hatte kein Menschenauge diesen Grund erschaut; das erste ruhte jetzt auf ihm. Die Kühe kamen oft zu Irma heran und grasten um sie her, aber sie störten sie nicht; Irma hörte ihr Schnaufen neben sich und blieb ruhig liegen, manchmal blieb die Heerkuh vor ihr stehen und schaute auch mit hochgehobenem Kopfe lange hinein in die weite Landschaft, dann fraß die Kuh weiter und bisweilen hielt sie das abgegraste Futter im Maul und schien zu vergessen, daß sie fressen wollte, und schaute auf die Daliegende. Ein wunderbares Leben von hellem Wachen und verschleiertem Träumen that sich in Irma auf. Je mehr sie ruhte, um so mehr Sehnsucht nach Ruhe überkam sie; eine unfaßliche Müdigkeit schien aus ihr heraufzukommen, Müdigkeit von Arbeit und Denken, die sie die vielen Jahre drunten unter den Menschen nicht hatte über sich kommen lassen. Oft wollte sie sich aufraffen, aber sie konnte nicht, und es lag ein eigentümliches Wohlgefühl im Empfinden dieser Schwere, in diesem Ruhen am Boden. Hunderte von Liedern und ganze Musikstücke zogen ihr durch die Seele und tausenderlei Gedanken stiegen auf und flossen dahin, hinweg mit dem leichten Luftstrom –nichts war festzuhalten. Es war am heißen Mittag. Die Sonne brannte mit brütender Glut, kein Lüftchen bewegte sich, selbst hier auf der Höhe; die Kühe lagen im Schatten der Bäume. Irma war allein hinausgegangen. Das Pechmännlein war nach der Stadt, um Kräuter abzuliefern. Weiter und weiter wandelte Irma; sie kam bis an die Quelle des Baches, dort saß sie an dem breiten Becken, wo die Wasser sich vom Sturz sammelten; die Bäume ragten darüber und warfen dunkle Schatten in das Wasser. Irma beugte sich vor und sah ihr Antlitz, sie sah es seit vielen Jahren zum erstenmal wieder und lächelte ihm zu. Kein Lüftchen regte sich, kein Ton wurde laut, alles schlief im hellen heißen Mittag. Nur kurz schaute sich Irma um, dann hatte sie sich rasch entkleidet und bald schwamm sie im Wasser und tauchte unter und tauchte auf, und ein ungeahntes Wohlgefühl kam über sie. Nur die Sonne, die durch die Zweige blinkte, sah einen Augenblick die wundersame Gestalt. Wieder war alles still, Irma hatte sich wieder angekleidet; sie lag träumend am Waldesrand und süße Melodien zogen ihr durch die Seele. Da hörte sie ihren Namen rufen, laut wiederholt. Sie antwortete mit aller Kraft, endlich kam Gundel und sagte: »Irmgard, komm gleich in die Hütte, es ist ein Herr da mit einem Diener, er will dich sprechen.« Irma, die sich halb aufgerichtet hatte, legte sich wieder nieder. Sie fühlte einen Stich durchs Herz. Was ist das? Ist die Zeit erfüllt und muß sie noch einmal hinein ins Weltgetriebe? Sie stand auf und fragte: »Weißt du nicht, wer es ist?« »Nein, aber er sagt, er sei vor Jahren einmal bei uns über Nacht gewesen. Es ist ein großer schöner junger Mann, aber er ist leider Gottes stockblind.« Der Blinde wandert? dachte Irma und ging hastigen Schrittes mit Gundel nach der Hütte. »Grüß Gott!« rief sie schon von ferne. »Ja, das ist deine Stimme,« versetzte der Blinde, die Arme ausstreckend und die Hände auf- und zuschließend! »komm, komm näher, gib mir deine Hand.« Schnell riß er mit den Zähnen die Handschuhe ab und sein Gesicht hatte dabei einen fremdartigen Ausdruck. Irma trat näher und faßte die dargebotene seine weiße Hand. »Deine Hand zittert,« rief er, »du erschrickst wohl auch, weil du mich blind siehst?« Irma konnte nicht antworten, sie nickte, als ob der Blinde das sehen könnte. Die Sonnenstrahlen schienen dem Armen geradezu ins Antlitz, sein erloschenes Auge starrte drein. »Du bist viel magerer geworden,« sagte der Blinde. »Erlaubst du, daß ich dir mit der Hand übers Gesicht fahre?« »Ja,« entgegnete Irma und schloß die Augen. »Du bist nicht mehr so schön, wie du vor zwei Jahren gewesen, deine Augenlider sind heiß und schwer. Du hast dich gewiß viel abgehärmt. Kann ich dir vielleicht helfen? Ich bin nicht reich, aber ich vermag doch etwas.« »Ich danke, ich habe gelernt, mir selber zu helfen.« Irma sagte das in reiner Sprache, ohne eine Spur von Dialekt; unwillkürlich hatte sie bei der Ansprache in Hochdeutsch in gleicher Weise geantwortet. Der Fremde zuckte, wendete den Kopf rechts und links und streckte dabei den Hals so weit heraus, daß es fast schauerlich anzusehen war. Irma führte ihn an der Hand nach der Bank vor der Hütte; sie wollte zittern, daß sie diese seine wohlgepflegte Hand hielt, aber sie machte sich stark. Sie setzte sich zu dem Blinden und fragte, wie er denn daher käme. »Du erinnerst dich,« sagte der Blinde, »daß ich schon damals, als ich bei euch war, mein Schicksal kannte; ich habe lange mit mir gekämpft und habe ertragen gelernt; wir wissen ja auch, daß wir sterben müssen und können heiter dabei sein, und so wußte ich, daß mein Augenlicht stirbt und wurde heiter.« Irma atmete schwer. »Verstehst du mich, wie ich's meine?« fragte der Blinde. »Jawohl, sprich nur weiter, ich höre deine Stimme gern.« »Das hab' ich gewußt und darum bin ich zu dir gekommen. Ich war drunten auf dem Hofe; es ist alles bei der Ernte, aber die Kindsmagd hat mir berichtet, daß du hier oben bist, und so bin ich zu dir. Ein gut Stück Wegs hieher bin ich schon einmal gewandert, damals im Gewitter, und wo ich jetzt gehe, empfinde ich noch einmal die Wonnen, die ich einst mit den Augen eingesogen. Was ich dir damals sagte, daß ich's wollte, ist wahr geworden: ich habe all die prächtigen Landschaften in mir, ich sehe das Sonnenlicht funkeln, den Bach über den Felsen stürzen, den See ruhig glänzen und die Bäume im stillen Waldfrieden nebeneinander stehen. Ich habe meinem Führer immer gesagt: jetzt sind wir da und jetzt da; er war ganz außer sich, daß ich das alles so weiß. Das beste aber ist doch, daß ich schöne Menschenbilder in mir habe, und nach dir hatte ich ein besonderes Verlangen, dich wiederzusehen; ich sage sehen und ich meine doch, dich sprechen zu hören, aber ich sehe dich, wenn du sprichst.« Irma erwiderte, wie sehr sie ihn verstehe und mit ihm empfinde, und als sie ihm die Beschwernis des Gehens erklärte, wie da immer der tastende Fuß zuerst locker den Boden suche, dann erst die Muskeln sich anspannen zum Schritt, da fragte der Blinde verwundert und es hatte wieder etwas Erschreckendes, wie er seinen Kopf hinüberstreckte und zurückbog und alles an ihm sich spannte: »Woher weißt du denn das?« »Ich habe einen Blinden gekannt, der mir's erzählt hat. Es ist mir schrecklich, daß du dich so auf einen fremden Menschen verlassen mußt. Der blinde Gloster bittet seinen Führer, verlaß mich nicht!« »Mädchen, wer bist du? Bist du es, die so gesprochen? Es war deine Stimme –oder ist jemand anders neben dir? Woher weißt du?« »Ich hab's einmal gelesen,« sagte Irma und biß sich auf die Lippen, daß fast das Blut herausspritzte. »Ich hab's einmal gelesen,« wiederholte sie, gewaltsam in den Dialekt übergehend. Der Blinde saß tief gebeugt und hielt seine Hände zwischen den Knieen; in seinem schönen jugendlichen Antlitze zuckte es, wie wenn Thränen darunter drängten, die doch nicht herauskonnten. Er legte den Kopf zurück an die Wand und sagte endlich: »Also du kannst lesen und so verständig? Könntest du –nein, ich will dich nicht fragen.« »Frag' du mich nur, ich bin dir auch von Herzen gut und habe viel an dich gedacht.« »Das hast du? Du auch?« rief er hastig und bog seinen Kopf wieder so seltsam hin und her. »Mädchen,« fuhr er fort, »gib mir deine Hand wieder, sag': könntest du mir sie geben und deine Augen mein sein lassen –?« »Guter Herr,« unterbrach ihn Irma, »ich möchte, daß du zu Gutem da heraufgekommen und wieder zu Gutem da hinabgingest. Ich meine, dir darf ich alles sagen und ich müßte auch. Ich sehe dich jetzt zum zweitenmal in meinem Leben –« »Und ich habe dich nur einmal gesehen und ich sehe dich immer!« fiel der Blinde ein. »Komm, fort von hier, komm, ich führe dich; ich will dir allein alles sagen und dir zeigen, wie ich dir danke, daß du so gut zu mir.« »Man muß von hier aus ein Stück von dem See jenseits der Berge sehen,« sagte der Blinde, »kannst du mich nicht dahin führen?« »Wohl,« erwiderte Irma und erschrak im Herzen über dieses wunderbare Innenleben. Sie führte den Blinden über die Matte nach dem Berghang. »Hier setz' dich,« sagte sie, »ich setze mich zu dir. Was ich dir nun mitteile, ist nur für dich, nicht wahr, nur für dich?« Der Blinde streckte seine Hand aus und rief: »Ich schwör' dir's!« »Du bedarfst keines Schwures,« erwiderte Irma. »So wisse denn: ich bin ein verschollenes Weltkind, ein Kind aus der großen Welt. Frage nicht nach meinem Namen. Der hellste Glanz des Lebens war mein, ich ging in Dunkelheit. Ich war ein arges Weltkind. Ich war so verloren, daß ich die Vernichtung suchte. Wenn es möglich wäre, ich möchte, jetzt von dieser Höhe herab, mit dir als einem Bruder hineinflattern in das goldene Abendrot, wie dort das Vogelpaar in den Lüften, und verschwinden in der Unendlichkeit. Aber ich habe gelernt: das Leben ist eine Pflicht, und alles was wir sind und haben, sind wir nur und haben wir nur, wenn wir die Welt in uns und uns in der Welt finden. Wie du die Welt um uns her in dir hast, und niemand kann sie dir nehmen, so haben wir alles nur, wenn wir es in uns haben, und der Tod nimmt uns nichts, er gibt uns nur wieder ganz der Welt –« »Mädchen!« rief der Blinde plötzlich –»Mädchen, was machst du? Wer bist du? So spricht kein leibliches Wesen! Soll ich noch abergläubisch werden? Soll ich noch an Engel glauben? Ist jemand bei dir? Wer ist bei dir? Wer bist du! Gib mir deine Hand!« »Sei ruhig, ich bin's!« sagte Irma und reichte ihm die Hand, und er bedeckte sie mit seinen Küssen. Sie entzog ihm ihre Hand, fuhr ihm damit über das Gesicht und sagte: »Sei ruhig, ich habe nur in die Welt hineingesehen wie du; und hier oben sitzen wir, hier in der Weltvergessenheit, zwei arme Weltkinder, du und ich, und wir sind doch glückselig, denn wir sind in der Ewigkeit. Sei du glücklich und laß deine Seele fliegen hoch über allem im unermessenen Reiche der Musik! Hier hast du noch einmal meine Hand. Komm, ich führe dich!« Irma führte den Blinden nach der Hütte. Er sprach kein Wort. An der Hütte rief er mit etwas herrischem Tone nach seinem Diener und dem Führer. »Du willst so schnell wieder fort?« fragte Irma. Der Blinde gab keine Antwort; auf seinen Diener gestützt verließ er die Hütte. Irma reichte ihm noch einmal die Hand und sagte nichts als die Worte: »Die Welt in uns und wir in der Welt.« Der Blinde nickte nur; in seinem Gesicht zuckte es wieder wie eine irre unerlöste Thränenflut. Schon als der Blinde dem Rande des Waldes nahe war, rief er noch einmal zu Irma zurück: »Mädchen, komm her, ich muß dir noch etwas sagen.« Irma ging zu ihm und er sagte: »Ich bin der Neffe des Doktor Gunther, der ehemals Leibarzt des Königs war und nun wenige Stunden von hier dort unten im Städtchen wohnt. Ich wohne bei ihm und bin Kammervirtuos der Königin, und wenn du einmal eines Menschen bedarfst, schick' zu mir oder zu meinem Oheim; er wird dir helfen. Verlaß dich aber darauf: ich spreche zu niemand von dir.« Hastig wendete sich darauf der Blinde ab und ging, auf seinen Diener gestützt, den Berg hinab. Irma stand und schaute ihm nach. Gunther lebt? und hier in ihrer Nähe? Und nun trägt ein Mensch das halbverschleierte Geheimnis ihres Daseins hinab ... Der Blinde verschwand im Walde, Irma ging, den Blick zu Boden gesenkt, wieder nach ihrem Ruheplatze. Dort saß sie bis die Nacht hereinbrach, und schaute hinaus ins Weite. Es stand eine seltsame Wolke nach Norden, grau mit weißglühendem Rande; sie stand fest wie eine Mauer, und jetzt brach plötzlich, wie aus der Erde aushauchend, ein Sturmwind los, daß die Bäume sich bogen. Sie eilte nach der Hütte, das Pechmännlein war zurückgekehrt. »Wenn nur nicht heute nacht ein Gewitter kommt,« sagte er. »Der Mond steht nicht am Himmel, er geht erst spät auf, und da gewittert's gern.« Er ging nochmals hinaus, um die Kühe einzutreiben; der Handbub war den Ziegen nachgegangen, die sich weit verlaufen hatten. Fünfzehntes Kapitel. »Das ist ein Wind!« rief Gundel und setzte sich atemlos nieder in der Hütte. Sie hatte die Thüre nur mit aller Mühe anlegen können. »Das ist ein Wind! So einer war noch nie, das weht einen an wie aus einem Backofen.« Sie erhob sich wieder schnell, nahm ein Schaff Wasser und schüttete es in das brennende Feuer auf dem Herd. »Was machst du?« rief Irma. »Wir dürfen jetzt kein Feuer haben,« entgegnete Gundel, und die beiden saßen in Rauch und Dunkelheit in der Hütte, es war fast zum Ersticken, und doch konnte man bei dem heftigen Winde kein Fenster öffnen. »Wenn nur der Vater nicht fort wäre,« klagte Gundel, »um Gottes willen, der Vater.« Das letzte Wort der Gundel wurde von einem Donner verschlungen, der plötzlich niederkrachte und von den Bergen widerdröhnte, daß es war, als müsse mit einem Schlage die ganze Welt zusammenbrechen. Und jetzt raste und stürmte wiederum der Wind, die festgefugte Hütte schlotterte, das Dach schien zu zittern und einer der großen Felsenbrocken, mit denen das Dach beschwert war, kollerte herab. »Gib mir deine Hand!« rief Gundel im Finstern. »Wenn wir sterben müssen –wir wollen beten.« Sie betete laut in Nacht und Rauch, aber die Donner verschlangen die Worte. Plötzlich änderte sich das Geräusch und wie mit zahllosen Eisenhämmern schlug es rasselnd auf das Dach; es kollerte, polterte und knatterte durcheinander. »Das ist ein Hagelwetter!« schrie Gundel Irma ins Ohr. Es donnerte und hagelte und fahle Blitze zuckten in die raucherfüllte Hütte, daß die beiden Mädchen einander erschienen als wären sie ins höllische Dasein entrückt. Wie einander drängend stürzten die Hagelschütter nieder, bald wie mit mächtigen Würfen geworfen, bald absetzend und in gleichmäßigem raschen Takte niederfallend, als wolle der rasende Bergunhold nur manchmal wieder aufatmen, um dann aufs neue seine Wut auszulassen, daß man es gewagt, hier herauf eine Hütte zu bauen. Durch das Geprassel des Hagels hörte man draußen die Kühe brüllen und die Schellen klingen. »Ich hab' die Stallthür aufgemacht, aber der Wind muß sie wieder zugeworfen haben,« schrie Gundel, und ihr eigenes zitterndes Weh vergessend, eilte sie hinaus. Sie kam schnell zurück, faßte einen Kübel, stülpte ihn über den Kopf und verließ wieder die Hütte. Irma folgte ihr und die beiden duckten unter, wie die großen Schlossen prasselnd auf die Kübel schlugen. Gundel wollte die Stallthür öffnen, aber die Kühe umdrängten sie, daß sie niedergeworfen wurde; mitten durch das Hagelgepolter hörte Irma den durchdringenden Schrei der Gundel; die Heerkuh, an der Schelle kenntlich, stand bei Irma und brummte zitternd. »Komm mit,« sagte Irma, und faßte die Heerkuh am Horn; sie folgte ihr, die andern Kühe wichen zurück. Irma fand Gundel und richtete sie auf, die beiden öffneten die Stallthür, sie wurden fast zerquetscht, denn die Kühe wollten alle auf einmal hinein, und man hatte nur eine Hand frei, mit der andern mußte man den Kübel über den Kopf halten; es gelang ihnen, sich an die Wand zu drängen, und endlich waren alle Kühe im Stall und die beiden Mädchen wateten durch tiefe Schlossenlagen zurück nach der Hütte. Sie tasteten nach dem Herde und setzten sich darauf. Da saßen sie im Dunkel, zwei einsame verlassene Kinder, und draußen raste das wilde Wetter. »Ich hab' den Glauben,« schrie Gundel, »daß der Vater wo einen Unterschlupf gefunden hat, er kennt ja jeden Felsenvorsprung und –o Gott!« schrie sie plötzlich noch lauter auf, »o Gott, der arme Blinde jetzt draußen! Hast du auch Beulen auf der Hand und am Rücken?« fragte sie, weinend sich an Irma schmiegend. »Nein, ich fühle nichts,« erwiderte Irma, und in der That war's, als ob kein körperlicher Schmerz ihr etwas anhaben könnte. Auch sie hatte schon des Blinden gedacht, und dazwischen war das Bild jenes von Kindesundank verstoßenen Königs in der Sturmnacht vor ihr aufgestiegen, und wilder raste Wind und Hagelwetter draußen nicht, als es wieder Irma erfassen wollte, weil sie, von Mitleid bewältigt, eines Mannes Hand ihr Antlitz hatte betasten lassen. Ist wiederum alles verloren? Alles so schwer Erkämpfte? klagte es in ihr und sie wußte sich doch so rein. »Gottlob, es regnet nur noch,« sagte endlich Gundel. Sie machte Licht, und wie wenn sie aus der Tiefe der Finsternis kämen, betrachteten die beiden einander. Der Zimmerboden war voll von der Nässe, die den beiden aus den Kleidern geflossen war. »Seid ihr daheim?« rief draußen eine Stimme. Die Thür öffnete sich und das Pechmännlein kam herein. Er trug ein junges Zicklein im Arm. »Gottlob, daß ihr gesund seit!« rief er und legte das Zicklein auf den Rand des feuerlosen Herdes; dann wischte er sich mit dem Aermel, der aber noch viel nasser war, das Wasser von der Stirne und aus den Augen. Er holte eine Flasche mit Enzianbranntwein vom obern Bord und trank; auch Irma und Gundel mußten trinken, und nun erst erzählte er: »Ich hab' doch schon mein Teil erlebt, aber das noch nicht; ich kenne doch stundenweit jeden Baum und jeden Stein, aber ich war wie verirrt; und wie ich da so steh', da hör' ich mitten durch Donner und Sturm und Hagel eine Gemsenziege gar erbärmlich meckern, ich geh' drauf zu und da steht sie und hat ein Junges geworfen und kann nicht fort, und das arme Zicklein, kaum ist's zur Welt gekommen, will's der Hagel schon totschlagen. Die Geiß läuft fort, wie sie mich sieht und kommt wieder und stellt sich über das Junge, daß der Hagel nur sie trifft und nicht das Junge. Ich komme näher, und da springt die Geiß wieder davon. Ich nehme das Junge auf, und wie wir so weiter wollen, um einen Unterschlupf zu suchen, da hör' ich Menschenstimmen, und einer ruft und der andre ruft, sie rufen einem dritten zu, der brüllt und schreit, und jetzt wie's blitzt, sehe ich's: er liegt auf dem Boden und will nicht weiter. »Gnädiger Herr, stützen Sie sich nur auf uns; wir finden schon einen Schutz« –rufen sie, und wie es jetzt wieder blitzt, da seh' ich, wir sind nicht weit vom Hexentisch, und ich ruf' ihnen zu: Da drüben ist der Hexentisch! Jetzt wie es wieder blitzt, seh' ich, daß die beiden Männer, die aufrecht gestanden haben, auch niedergefallen sind. Sie haben mir nachher erzählt, sie haben sich vor mir gefürchtet, und ich nehme es niemand übel; in so einem Wetter, in so einer Nacht kann man alles glauben. Ich geh' auf sie zu und sag' ihnen, wer ich bin, und daß ich sie führen will, und wir kommen glücklich –es hat freilich schwer gehalten, der Blinde war noch dazu wie närrisch und hat nach einem verlorenen Kind gerufen –wir kommen mit gesunden Gliedern, aber wie aus dem Wasser gezogen, unter dem Hexentisch an, und da sind wir gelegen und haben, wie es immer blitzt, gesehen, wie die Schlossen an den Felsen tanzen und mit den Bäumen raufen. Wir warten, bis es nur noch regnet, und der Blinde hat mir gesagt, wenn ich wieder zum Apotheker hinunterkomm' ins Städtchen, will er mir ein Goldstück geben, und der König ist jetzt auch da und die Königin auch, und da will er's machen, daß ich die Lebensrettungsmedaille kriege und eine Pension für mein ganzes Leben. Jetzt aber macht, Kinder, daß ihr ins Bett kommt, ihr seid ja patschnaß. Was hast denn du, Irmgard? Warum zitterst du so?« Nun zankte das Pechmännlein auf Gundel, daß sie die Base Irmgard so lange in nassen Kleidern hatte da sitzen lassen, und dazwischen schrie das Zicklein gar kläglich und zitterte auch am ganzen Leibe, so daß das Pechmännlein seine Schlafdecke vom Heuboden holte und das Zicklein hineinwickelte; dann gab er ihm sehr geschickt mit drei Fingern Milch aus einer Schüssel zu trinken. Das Zicklein schlief und drin in der Kammer schlief auch Irma. »Gottlob, du hast lang geschlafen,« sagte Gundel, die am späten Morgen vor dem Bett Irmas stand. »Und das ist wie ein Wunder, dir hat der Hagel gar nichts gethan und schau, wie ich aussehe.« Sie zeigte ihre Beulen, fuhr aber rasch fort: »Schadet nichts, das vergeht bald wieder. Jetzt schau aber einmal den Himmel an, sieht er nicht aus, wie wenn er gar nie was Böses thun könnte? Drüben am Bach hat der Blitz in einen Baum eingeschlagen und ihn mitten voneinander gerissen, und wo es sonst trocken ist wie in einem Backofen, da laufen Wässerlein. Wenn man's nicht in allen Gliedern spürte und auch draußen sähe, man thät' es gar nicht glauben, daß das Unwetter je gewesen ist; aber wir sind doch glücklich, es ist kein Stück Vieh zu Schaden gekommen und der Handbub ist auch da, der ist untergekrochen drunten im Thal, da soll gar nichts gewesen sein.« Es war ein klarer frischer Morgen. Nur in einzelnen Schrunden lagen noch unzerflossene große Schlossen; die Kühe waren munter auf der Weide und der Handbub sang und jodelte; er war stolz darauf, daß die Ziegen das Wetter am besten verstehen; sie hatten thalab geweidet, und das ist das sicherste Zeichen, daß ein Gewitter kommt. Am Mittag kam Franz vom Freihofe herauf. Man hatte an wilden Wassern, die zu Thal gekommen waren, vermutet, daß etwas hier oben vorgefallen sei, und Walpurga hatte Franz heraufgeschickt, um Gewißheit zu holen. Die heiße Mittagssonne sog schnell wieder alles auf, und die Wasser hielten nicht stand auf den Höhen. Irma ging mit ihrer blauen Decke nach ihrem Lieblingsplatz, breitete die Decke auf den Boden und legte sich nieder. Da ertönten Waldhornklänge. Was ist das? Ist's Wirklichkeit oder Traum? Die Waldhornklänge wiederholten sich, die Brust Irmas hob und senkte sich rasch. Jetzt kommt etwas näher, es schnaubt, Aeste knacken, Irma schaut auf, an der Waldlichtung vor ihr, ganz nahe, rennt ein Hirsch vorbei und hinterdrein jagen Reiter, sie kommen näher, Irma fährt sich mit der Hand über die Augen –sie sieht nochmals –sie sieht deutlich: da reitet der König und sein Gefolge ––– Der Oberpikeur springt vom Pferd und ruft: »Hier, Majestät, hier brach das Tier durch, hier ist frischer Schweiß.« Er tauchte seinen Finger in das Blut und zeigte es dem König. Der König schaute sich um –Fühlt er den Blick, den für ihn längst erloschenen, einst ihn so beseligenden, der jetzt aus dem Waldesdickicht auf ihn gerichtet ist? Er strauchelt im Bügel, das Pferd bäumt sich wild, Irma duckt nieder mit dem Gesicht ins Moos, sie spürt es, als ob das wilde Heer, als ob alle Pferdehufen über sie hinweg gehen –sie zerbeißt das Moos vor ihrem Munde –sie wühlt sich mit den Händen in die Erde –sie fürchtet, laut aufzuschreien ––– Als sie sich wieder erhob, war alles still. Sie starrte umher. War die Erscheinung nur ein Traum gewesen? Von ferne tönte noch ein Schuß, ein Waldhornklang. Der Hirsch war erlegt. Wer auch so sterben könnte! klang es in Irma. Wieder sank sie zurück auf das Moos und sie weinte. Sie erhob sich. Auch in ihrer Seele war noch einmal eine dunkle Wolke gewitterschwer aufgestiegen. Zum letztenmal. Ringsumher und in ihr war wieder alles klar und sonnig, vergessen Hagel und Sturm und Blitz. Sie kehrte nach der Hütte zurück und schaute oftmals um nach der Sonne, die sich zu neigen begann. Jetzt zum erstenmal begab sie sich, bevor es nacht war, zur Ruhe. Ein Fieberfrost schüttelte sie und bald brannte ihre Wange heiß und rot. Sie rief das Pechmännlein an ihr Bett und ließ sich ein Blatt Papier geben; ihre Hand zitterte und sie schrieb mit Bleistift: »Die Tochter Eberhards ruft Gunther.« Sie befahl dem Pechmännlein, hinab ins Städtchen zu eilen zu dem großen Doktor, ihm allein das Blatt zu geben und ihn sofort hierher zu geleiten. Dann wendete sie sich ab und war ruhig. »Ich will dir noch was Gutes geben,« sagte das Pechmännlein, als er, den großen breitkrämpigen Hut auf dem Kopf und den Bergstock in der Hand, vor ihr stand. »Wirst sehen, es thut dir gut. Ich lege dir das Gemszicklein da unter die Füße, das thut dir gut und ihm. Soll ich?« Irma nickte. Das Pechmännlein that, wie er gesagt. Das Zicklein schaute schläfrig zu Irma auf und Irma sah lächelnd zu ihm nieder. Bald schlossen beide die Augen. Das Pechmännlein wandelte durch die Nacht dahin thalab. Sechzehntes Kapitel. Während des ganzen Tages hatte es im Thal fast unausgesetzt geregnet. Was hoch oben als Schlossenwetter niedergefallen war, verwandelte sich in der Niederung zu Regen, der nur bisweilen lichte Himmelsbläue durchblicken ließ, so daß man wissen konnte, oben ist schön Wetter. Gegen Abend heiterte sich der Himmel ganz auf. Die Königin mit den Damen vom Hof, zu denen jetzt auch Frau Gunther und Paula gehörten, saß im großen Musiksaal, dessen Thüren geöffnet waren. Paula hatte zum erstenmal vor der Königin gesungen. Sie war befangen und Frau Gunther bat, ihre Tochter nun für heute nicht mehr aufzufordern. Zwischen der Königin und Frau Gunther hatte sich ein eigentümliches Verhältnis gebildet. Die Königin erfreute sich an der geraden und tüchtigen Natur, aber sie gewöhnte sich doch schwer daran, einer vollen Unabhängigkeit gegenüber zu stehen, ja sie war einmal versucht, diese Unabhängigkeit als Kleinlichkeit aufzufassen, denn Frau Gunther hatte schon am Tage, nachdem sie die Busennadel empfangen, zur Königin gesagt: »Majestät, es thut nicht gut, bis Sie ein Gegengeschenk von mir empfangen« –und sie übergab der Königin ein schön gebundenes Buch, das ihr Bruder, der als Arzt in Amerika lebte, über die Sklavenfrage und die Geschichte der Sklaverei überhaupt verfaßt. Die Königin hatte das Buch dankend angenommen und Frau Gunther fühlte sich nun freier, obgleich es ihr noch oft Mühe machte, alles, was sie sagen wollte, gewissermaßen zu übersetzen und in das allgemein vorgeschriebene Hofkostüm zu kleiden, denn sie setzte einen Stolz darein, keinerlei Formen zu verletzen. Die Königin fragte, warum die ältere Tochter, die Witwe des Professors, sich so sehr zurückziehe; Frau Gunther erwiderte, daß jetzt, da Bronnen und der Neffe zu Besuch seien und überhaupt viel im Hause zu wirtschaften, Cornelie sich gern diesen Verpflichtungen unterziehe. Immer aufs neue vernahm es die Königin wie eine Kunde aus fremder Welt, daß die Zurichtung des täglichen Lebensbedarfs eine besondere Thätigkeit in Anspruch nimmt und sich nicht von selbst erledigt. Im Gemüte der Menschen war auch etwas Verregnetes. Die Gewitterspannung, die sich hoch oben gelöst hatte, schwebte hier noch teilweise in der Luft. Beim Landaufenthalt und zumal hier in der kleinen Meierei, wo viele Bequemlichkeiten fehlten und man sich in den Räumen nicht ausbreiten und zerstreuen konnte, war die Störung des Wetters besonders auffällig und hindernd. Um so mehr freute man sich schon des morgenden Tages, der allen Anzeichen nach ein heller werde. Es war verabredet, daß man morgen mittag mit dem König, der von der Jagd dahin kommen wollte, in der Nähe des zweiten Wasserfalles, den der Bach in den Bergen bildete, zur Mittagstafel zusammentreffen wollte. Der König arbeitete mit Bronnen im Kabinett, der neue Telegraph trug jetzt viele Botschaften hin und her; Gunther, der Intendant, Sixtus und mehrere Kavaliere wanderten, Cigarren rauchend, zwischen den noch tropfenden Bäumen der Allee, auf denen jetzt das Abendrot tausendfältig glitzerte. Die Damen im Musiksaal behaupteten, daß man heute Alpenglühen sehe, was man natürlich täglich schauen wollte, obgleich es eine äußerst seltene Erscheinung. Die Nacht war hereingebrochen, der König saß mit Gunther und zwei Kammerherren am Spieltisch. Da wurde Gunther durch einen Lakaien benachrichtigt, daß ein Mann draußen warte, der ihn augenblicklich sprechen wolle. Gunther übergab seine Karten dem allzeit gefälligen Intendanten und ging hinaus; hier stand, auf seinen großen Alpstock gelehnt, den breiten, viel zerdrückten Hut in der Hand, den Teppich überworfen, das Pechmännlein. Er hielt die linke Hand in der Tasche, und als Gunther vor ihm stand, sagte er: »Hier ist ein Zettel für Sie.« Gunther las, rieb sich die Augen und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, als ob er sich erst wecken müsse. »Wer hat dich geschickt?« fragte er. »Es wird da drin stehen –Unsre Irmgard.« Gunther schaute sich erschreckt um, als er den Namen hier nennen hörte, hier vor der Thür, und drin sitzt der König, die Königin ... Er ging nochmals an die im Korridor brennende Lampe und las den Zettel wiederholt, da stand's: »Die Tochter Eberhards ruft Gunther.« Der Mann, der sich seiner stets ruhigen Fassung wohl rühmen durfte, mußte sich am Treppengeländer halten und konnte geraume Zeit kein Wort hervorbringen. Er schaute um, der Blick des Pechmannleins begegnete ihm. »Wer bist du?« fragte er endlich. »Ich bin vom Freihof, die Walpurga ist mein Schwesterkind –« »Gut, geh vor das Haus, warte auf mich, ich komme sogleich.« Das Pechmännlein ging, und Gunther sammelte all seine Kraft, um wieder hineinzugehen in den Speisesaal, sich dort zu beurlauben und zu sagen, daß ein Schwerkranker ihn rufe; er wußte nicht, wie er das mit ruhiger Stimme vorbringen sollte vor allen denen, die das so nahe angeht, aber er hoffte, daß es ihm gelingen werde. Da traten glücklicherweise Bronnen und seine Braut, die noch im stillen Abend durch den Garten gewandelt, in das Thor. »Gut,« rief Gunther ihnen entgegen. »Paula, schicke mir meinen Hut heraus, und Sie, lieber Bronnen, entschuldigen mich bei Ihren Majestäten, ich muß augenblicklich zu einem Schwerkranken. Ich bitte aber, jedes Aufsehen zu vermeiden, und Paula, sage der Mutter erst davon, wenn ihr nach Hause geht; ich komme heut Nacht nicht nach Hause.« »Kann nicht Doktor Sixtus gehen?« fragte Bronnen. »Nein. Bitte, fragen Sie nichts mehr. Morgen früh bin ich wieder gut zu Hause, oder wenn ich nicht komme, so werde ich mich bei der Tafel am Wasserfall einfinden.« Das Brautpaar ging in die inneren Gemächer und bald brachte ein Lakai den Hut Gunthers heraus. Gunther ging rasch mit dem Pechmännlein davon, nur einmal schaute er zurück nach den hell erleuchteten Fenstern der Meierei und dachte der Menschen, die dort sorglos und nichts ahnend sitzen. Wie wird erst sie das erschrecken, was ihn so mächtig faßte! Auf dem Weg bis zu seinem Haus sprach er nur oberflächlich mit dem Pechmännlein; er wollte nichts Näheres fragen, denn er konnte nicht wissen, ob nicht eine Antwort des Boten etwas ausspreche, das, von einem Lauscher gehört, das Geheimnis vorzeitig verrate, und er arbeitete noch in sich selbst daran, wie das alles zu ordnen und zu schlichten sei. Erst in der Nähe seines Hauses fragte Gunther: »Was fehlt der Kranken? Worüber klagt sie?« »Sie klagt über nichts, sie hat nur ein hitziges Fieber und hüstelt schon lang.« »Ist sie bei vollem Verstand?« »Wie immer, ganz ordentlich, im Schlaf ruft sie nur manchmal Viktoria! sagt die Gundel; das ist meine Tochter –« »Gut, warte hier,« sagte Gunther am Hause, »ich werde dir etwas zu essen und zu trinken herabschicken; sprich aber zu niemand davon, wer dich hergeschickt.« Cornelia saß, ihrem blinden Vetter vorlesend, bei der einsamen Lampe. Der Blinde hatte nur von dem Schrecken des Hagelwetters erzählt; was er im Herzen erlebt, verschwieg er. Er hatte fast den ganzen Tag geschlafen, jetzt war er wieder erfrischt. Cornelia erschrak, als sie den Vater sah, aber er beruhigte sie. Schnell war seine Handapotheke, erfrischende und stärkende Nahrungsmittel in wohlverschlossenen Kapseln bereit, alles wurde auf das Maultier gepackt. Gunther ritt davon, das Pechmännlein schritt neben ihm her; man sah dessen Antlitz kaum, denn sein breitkrämpiger Hut hatte das Gewitter von gestern noch nicht verwunden. Erst als man die Häuser des Städtchens hinter sich hatte, fragte Gunther: »Wie weit ist es bis zu der Kranken?« »Zum Fußgehen wär's bergan in drei Stunden zu machen, ich bin schon oft weniger daran gegangen, aber zum Reiten ist's eine gute Stunde mehr.« Als man in den Wald einritt, hielt Günther an und sagte: »Komm näher. Also du bist der Ohm von der Walpurga?« »Freilich, der leibliche Bruder von ihrer Mutter und auch der einzige, zwei andre sind schon jung gestorben.« »Wie nennst du die Kranke?« »Wie sie heißt –Irmgard.« »Und seit wann ist sie bei euch?« »Seitdem der Hansei den Hof gekauft hat. Sie ist damals gleich vom See aus mit uns gekommen. Sie ist aber krank gewesen, sie sagen, sie sei ein bißchen verrückt; ich glaub das nicht, sie hat ihren rechten Verstand, eher zu viel als zu wenig,« »Und weißt du nicht, wie sie mit ihrem Familiennamen heißt?« fragte Günther. »Ich hab' nie danach gefragt.« Und nun erzählte das Pechmännlein in redseliger Weise vom Leben der Irmgard und wie sie jahrelang eine Binde um die Stirn getragen und nie abgelegt habe, bis sie auf die Alm gekommen sei. Das Pechmännlein schilderte das ganze Leben der Irmgard so herzergreifend, daß Gunther anhielt, dem Alten die Hand reichte und sagte: »Du bist ein guter Mann.« Ohm Peter ließ sich das gefallen, behauptete aber, so gut wie die Irmgard gebe es niemand auf der weiten Welt. Ueber den Weg rannten überall schnelle Wässerlein, und das Pechmännlein erzählte von dem Gewitter von gestern abends, wie das so grausig sei, wenn die Luft plötzlich zu Steinen wird und auf einen loshämmert, und wie er dem Blinden geholfen und was der ihm versprochen. Oft nahm er das Maultier am Zügel, führte es eine steile Vertiefung hinab, durch einen Bach und dann wieder aufwärts. »Sie müssen auch schon vieles erlebt haben, Herr Doktor,« sagte das Pechmännlein; er hätte sich auch gern von dem Manne unterhalten lassen auf dem langen Weg, und er könnte, auf dem Maultier sitzend, besser sprechen, als er, der nebenher geht; er spürte es auf der Brust, daß ihm das Sprechen bergauf nicht gut ist. Als hätte Gunther das erraten, stieg er ab, da man jetzt auf einer Hochebene anlangte, und hieß das Pechmännlein aufsitzen. Ohm Peter machte viel Umstände, gab aber zuletzt nach und stieg auf; als es aber jetzt wieder bergan ging, stieg er schnell ab und Gunther mußte wieder reiten. »Wenn unsre Irmgard jetzt von uns fort will,« sagte das Pechmännlein, »dem Herrn Doktor übergeb' ich sie gern; sie kann auch gar schön Zither spielen, und wenn sie wieder gesund ist, die kann man alle Künste lernen lassen, der ist gar nichts verborgen. Aber ich hoffe, sie bleibt bei uns, sie ist verscheucht und geht nicht gern unter Menschen.« Es war, als ob er die Gedanken Gunthers geahnt, denn dieser hatte sich eben in die Vorstellung versenkt, wie er Irma noch vor dem Hof verborgen halten wolle, um sie dann zu sich ins Haus zu nehmen; er sah sie im Geist schon neben seiner Frau und Cornelia sitzen, und er hatte für Paula wieder eine Tochter gewonnen. Im Walde war es dunkel und nur die Sterne glitzerten darüber. »Jetzt ist Mitternacht vorüber,« sagte das Pechmännlein, als man wieder auf der Höhe eines Vorberges anlangte, »da drüben geht der Mond auf.« Gunther schaute zurück und sah den Halbmond sich erheben, er sah aus wie ein Trümmer im weiten Aether ... »Da sind schon von unsern Kühen,« sagte das Pechmännlein, und seine Stimme wurde heller, »das ist die Amsel, die hat die bimbelige Schelle und verlauft sich immer am weitesten, aber es ist keine halbe Stunde mehr, bis wir daheim sind.« Wortlos ging es des Weges weiter, und endlich war man bei der Alm angekommen. Ein Lichtschimmer drang durch den Ausschnitt im geschlossenen Laden am Kammerfenster. Gunther stieg ab. »Ich will zuerst hineingehen und ihr sagen, daß der Herr da ist,« sagte das Pechmännlein leise. Gunther nickte. Bald kam er wieder heraus und sagte: »Sie schläft, aber sie hat flammrote Backen, und die Gundel sagt, sie hat oftmals aus dem Traum gerufen: Vater! und auch Viktoria! sie muß Gutes träumen,« Gunther ging in die Hütte. Er stand erstarrt, als er Irma sah. »Was ist das?« fragte er das Pechmännlein, da sich das Gemszicklein zu Füßen Irmas aufrichtete und den Fremden groß anschaute. »Das ist ein Gemszicklein, das ich gestern gefunden hab', sie hat's gern,« erwiderte das Pechmännlein leise. Gunther hieß das Pechmännlein und Gundel das Zimmer verlassen, er setzte sich still neben das Bett. Er befühlte den Puls Irmas, er betastete ihre Stirn; das Pechmännlein fragte noch leise: »Wie steht's?« Gunther zuckte die Achseln und bedeutete ihm, hinauszugehen. Das Pechmännlein eilte auf den Heuboden, weckte Franz und befahl ihm, hurtig zum Bauer und zur Bäuerin hinabzugehen und zu sagen, sie möchten gleich heraufkommen, die Irmgard sei schwer krank. Er legte sich selbst in das Heu, er war wie zerbrochen in allen Gliedern, so müde war er sein Lebtag nicht gewesen; aber er fand weder Ruhe noch Schlaf, und bald stand er wieder vor der Hütte, am Ladenfenster lauschend. Gunther saß indes bei der Kranken. Sie bewegte sich manchmal hin und her, aber sie öffnete die Augen nicht; auch das Zicklein zu ihren Füßen schlief wieder. Gunther hatte das Licht aus dem Zimmer gebracht und saß im Dunkeln. »Es wird Tag! Ich will den Tag sehen!« rief Irma, plötzlich sich aufrichtend. Ein dämmeriger Strahl fiel durch den Ladeneinschnitt. »Ich will den Tag sehen!« rief Irma nochmals, und das Pechmännlein draußen öffnete die nur angelehnten Fensterladen. Ein breiter Lichtstrom drang herein. Ueber das Antlitz Irmas zog ein Glanz, sie streckte Gunther beide Hände entgegen, er faßte sie, sie küßte ihm mit fiebernden Lippen die Hände. »Du hast Großes vollbracht,« sagte Gunther, »du hast eine Kraft bewährt, die ich bewundere. Halte sie fest.« »Ich danke dir. Mein Vater kommt in dir zu mir. Lege deine Hand auf meine Stirn.« »Ich halte meine Hand auf deine Stirn und segne dich im Geiste deines Vaters, und mit diesem Kusse küsse ich dir alle Schwere weg. Du bist frei.« Irma lag ruhig und Gunther hielt seine Hand auf ihrer Stirn und draußen stieg das Morgenrot immer höher und das Licht umfloß im goldenen Schein das Gemach. Gunther ging hinaus und holte Irma eine stärkende Medizin. Sie fühlte Labung und Erfrischung. »Ich weiß, daß ich jetzt sterbe,« sagte sie mit klarer Stimme. »Ich bin glücklich, daß ich im Bewußtsein gelebt, im Bewußtsein sterben kann.« Sie übergab Gunther das Tagebuch und sagte, daß ihr darin niedergeschriebener Wunsch, wo sie beerdigt sein wolle, nicht gelten solle; der Ohm wisse, wo ihr Lieblingsplatz gewesen, dort wolle sie begraben sein, und kein Merkmal solle ihr Grab bezeichnen. Günther hatte ehedem gesagt, daß er schon viele im Tod erstarrende Hände in der Hand gehalten –an einem Totenbett wie das Irmas hatte er noch nicht gesessen. Siebzehntes Kapitel. »Ich hab's gewußt, ich hab's geahnt!« jammerte Walpurga, als Franz die Nachricht von der schweren Krankheit Irmas auf den Freihof brachte. »Ich hab's gewußt, daß sie nicht wiederkommt,« wiederholte sie oft und weinte und rang die Hände und kniete an dem Stuhl nieder und preßte den Kopf auf die gefalteten Hände. »Das hilft jetzt nichts,« sagte Hansei und legte seine Hand auf ihre Schulter. »Steh auf, du bist doch sonst nicht so. Komm, es wird nicht so arg sein, und was es auch sei, jetzt ist nicht Zeit zum Weinen und Jammern; jetzt wollen wir thun, was zu thun ist.« »Was kann ich thun? Was soll ich thun?« wendete Walpurga ihr thränendes Antlitz zu Hansei. Er half ihr auf, daß sie stand und er sagte: »Der Franz berichtet ja, es ist ein Doktor oben, der eine Apotheke bei sich hat, und jetzt wollen wir essen und dann wollen wir auch hinauf.« »O lieber Gott, ich kann ja keine drei Schritte gehen; mir sind meine Knie wie abgeschlagen.« »So bleib du da und ich geh' allein.« »Allein willst du mich lassen? Was soll ich denn dann machen?« »Das weiß ich nicht; leg dich ins Bett, vielleicht kannst du schlafen.« »Ich will kein Bett, ich will keinen Schlaf, nichts will ich, ich geh mit, und wenn ich unterwegs sterbe, ist mir auch recht.« »Sag so was nicht, du versündigst dich an mir und an den Kindern,« lag Hansei auf den Lippen, aber er machte eine schnelle Bewegung mit der Hand, als drücke er die Worte wieder zurück; es ist nicht nötig, daß sie laut werden. Wenn Frauen zu klagen anfangen, untermischt mit Mitleid über sich selber, wissen sie nicht, was sie sagen. Hansei brachte seiner Frau die besseren Kleider herbei, denn sie war so benommen, daß sie nicht mehr wußte, wo etwas liegt und wie man's anzieht. Hansei zeigte sich als gar nicht ungeschickter Kammerdiener. »Jetzt, andre Schuhe mußt du dir selber anziehen,« sagte er endlich. Unter Thränen lächelnd schaute ihn Walpurga an; sie merkte erst jetzt, wie er ihr so treulich und demütig geholfen hatte. Mit frischer Stimme sagte sie: »Ja, ich kann! Du hast mir geholfen, daß ich's spüre, ich kann gehen.« Hansei ließ das Essen hereinbringen und setzte sich geruhig nieder, nachdem er Bergstock, Weidsack und Hut neben sich zurecht gelegt. Auch Walpurga mußte sich an den Tisch setzen, sie aß nur wenig, Hansei aber hatte die Tugend, zu jeder Zeit gehörig essen zu können; er lud tapfer auf und seine Mienen sagten: wenn man sein gehörig Essen im Leib hat, dann kann man schon fester alles auf sich nehmen, mag kommen, was will. Er schnitt sich noch zu guter Letzt ein tüchtig Stück Brot ab, steckte es ein und stand auf. Die Kinder wurden der Obermagd übergeben und noch einer Taglöhnerin befohlen, auch im Hause zu bleiben. Die beiden Eheleute gingen davon. Als man schon eine große Strecke gegangen war, kam Burgei den Eltern nachgelaufen und schrie: »Ich will auch mit! Ich will auch mit zur Base Irmgard!« Es war nichts anders zu machen, man mußte das Kind mitnehmen, denn die große Strecke wollte man es nicht allein zurückgehen lassen, und keines von den Eltern wollte es zurückführen. »Du bist ein böses Kind, ein arg böses, jetzt muß ich dich tragen und du bist schon so groß,« sagte Walpurga und nahm das Kind auf den Arm. Hansei nickte. Es ist gut, wenn das Kind dabei ist, da wird seine Frau, die über alles hinaus ist, doch nicht gar so ???sturm sein können, wenn das Aergste eintritt. Walpurga, die nicht geglaubt hatte, allein gehen zu können, trug nun das Kind, und schritt rasch fürbaß. »Jetzt laß die Burgei wieder laufen, und wenn sie dann müd' ist, trag ich sie,« sagte Hansei. So lang der Weg Raum bot, ging das Kind zwischen den Eltern, als es schmal wurde, ließ man es vorausgehen. Man kam nur langsam vorwärts wegen des Kindes; Hansei nahm es auf den Arm und es schlief bald ein. Leise begann Walpurga: »Jetzt muß ich dir's sagen, Hansei, jetzt mußt du mir's abnehmen, wer unsre Irmgard ist.« »Und ich sag' dir nochmals, ich will's nicht wissen: sie allein muß mir's sagen, wenn sie am Leben bleibt, und wenn sie tot ist, kannst du mir's nachher auch noch sagen.« »Tot!« schrie Walpurga, »du weißt mehr? Hat dir der Franz was im geheimen gesagt?« »Der Franz hat mir nichts gesagt, was du nicht auch gehört hast.« »Warum sprichst du aber so vom Tod?« »Weil eines, das schwer krank ist, auch schnell sterben kann. Sei doch ruhig.« »Ja, ja, ich weiß gar nicht mehr, daß das der Wald ist, und ich mein', ich seh' gar nichts mehr. Steh einmal still. Es ist ein Doktor oben, der kennt sie, es werden noch andre kommen, die sie kennen: der bei uns gewesen, ist ihr Bruder, und jetzt werden sie kommen und werden unsre Irmgard holen und mit fortnehmen.« »Wenn sie fortgehen will und mit klarem Verstand zustimmt, da können wir nichts dagegen,« beruhigte Hansei, »das aber sage ich und da bringt mich niemand davon: so lang sie so krank ist, daß sie nicht selber sagen kann, was sie will, da leid' ich's nicht, daß sie etwas mit ihr anfangen. Ich bin der Hansei und ich bin ihr Annehmer, ich laß ihr nichts geschehen –jetzt da bitt' ich dich, steh' mir bei und red mir nichts drein; du weißt, was ich sag', das ist,« »Ja, ja, du hast recht,« stimmte Walpurga ein, und die entschlossenen Worte Hanseis schienen ihr körperliche Kraft einzuflößen, daß sie den steilen Bergweg hinanstieg ohne die mindeste Beschwer, ja es war fast, als ob Hansei sie selbst mit auf den Arm genommen hätte zu dem Kind. Aus diesem Gedanken heraus sagte sie plötzlich: »Weißt noch? Du hast mich auch einmal tragen wollen, daheim am See. O lieber Gott, ich mein', wir müssen ganz andre Menschen gewesen sein damals, da haben wir noch gar nichts von der Welt gewußt,« »Es ist uns just nicht übel bekommen, daß wir etwas davon wissen und etwas davon haben,« entgegnete Hansei. Seine Stimme war laut und das Kind erwachte. »So, jetzt lauf wieder,« schloß er. Man machte Rast; Hansei erinnerte sich seines Stück Brotes, und einen guten Bissen davon in den Mund steckend, sagte er, mit dem Messer nach dem Thale zeigend: »Da drüben lauft unser Bach, und von hier aus ist's nur eine Stunde nach dem Städtchen, wo die Stasi wohnt.« »Nur eine Stunde von hier aus?« fuhr Walpurga auf, »da lauf' ich hin. Das ist ja die beste Hilfe, die einzige. Hansei geh du voraus mit dem Kind, geradswegs auf die Alm; ich komm' bald nach, vom Städtchen aus, und ich bringe Gutes mit.« »Weib, bist du närrisch geworden? Mach mich nicht auch verrückt. Jetzt willst du fort? So nah bei der Totkranken?« »So muß ich dir sagen: Die Königin ist unten, und die Königin allein kann helfen. Behüt dich Gott, Hansei, und behüt dich Gott, Burgei, ich komm' bald nach.« Fort rannte sie, den Wald hinab, nach dem Bach, am Ufer entlang, dem Städtchen zu. »Wo ist die Mutter? Mutter, Mutter!« klagte das Kind. »Sei ruhig,« tröstete Hansei, »die Mutter hat da unten noch ein Kind, und das ist ein Prinz, und der schickt dir goldene Kleider.« »Ist das ein verzauberter Prinz, den die Mutter erlöst? Was ist er denn jetzt?« »Ja, er ist verzaubert,« beschwichtigte Hansei; er glaubte damit fertig zu sein. »In was denn aber ist er verzaubert?« fragte das Kind. »In einen Kuckuck. Aber jetzt laß mich in Ruh'. Kein Wort mehr! Sei still!« In seltsamen Gedanken gingen Vater und Kind den Berg hinan. Hansei begriff nicht, wie seine Frau jetzt die Freundin verlassen und zur Königin gehen kann –vielleicht ist da etwas zusammengebandelt. Hansei schüttelte den Kopf, Dinge, die er nicht auseinander wirren konnte, warf er von sich. Man muß jetzt einmal sehen, was man für die Kranke thun kann. Das ist die Hauptsache. Er hob sich schon in den Schultern, er war entschlossen, wenn der Arzt es für gut hielte, Irmgard auf den Armen herabzutragen nach dem Freihof. Das Kind aber wandelte, mit großen Augen dreinschauend, dahin. »Er ruft, er ruft!« sagte es leise. »Meine Mutter erlöst dich.« Ein Kuckuck rief durch den von der Mittagssonne durchschimmerten Wald; sein Ruf war bald näher, bald entfernter, und jetzt flog er über die Wandelnden weg und rief nach seiner Art im Fliegen. Hansei kam mit dem Kinde auf der Alm an. Der Ohm und Gundel gingen ihm traurig entgegen. »Sie lebt noch, aber nicht mehr lang,« berichtete der Ohm und trocknete sich mit dem Aermel die Thränen. »Der Doktor läßt niemand von uns mehr zu ihr. Wo ist denn die Bäuerin?« »Sie kommt bald nach,« erwiderte Hansei; er hatte zu thun, die Kühe abzuwehren, denn sie kannten ihren Herrn und kamen zu ihm heran, um, wie sonst immer, eine Handvoll Salz von ihm zu bekommen; aber diesmal hatte er vergessen, es mitzubringen, und was man hier oben hatte, lag drin in der Kammer, die man jetzt nicht betreten durfte. Hansei befahl dem Handbuben, die Kühe weit weg zu treiben, damit die Kranke das Schellengeläute nicht höre. Das war alles, was er jetzt für Irma thun konnte. Er setzte sich traurig auf die Bank vor der Hütte, hob ein Stück Schnitzholz vom Boden und betrachtete es hin und her, als ob er wunder was daran sehe. So saß er lange. Dann übergab er Burgei der Gundel und ging auf den Weg, der am andern Abhang des Berges nach dem Städtchen führte, seiner Frau entgegen. Sie kam lange nicht. Er ging weiter im Wald, und heute, wie immer, wenn er hier heraufkam, ärgerte er sich, daß da drüben auf den Felsen, die zu seinem Grunde gehören, so schöne Bäume stehen, denen man nicht beikommen kann, um sie zu fällen. Eine Elster, die oben auf einer schönen Tanne saß, schnatterte und schien ihn zu verspotten. Indem er mit der ganzen Hand sich mehrmals über das Gesicht auf und ab fuhr, wurde Hansei erst inne, an was für Dinge er jetzt mitten in diesem Elend gedacht hatte. Es war nichts Unrechtes –das ist es nie, aber das gehört jetzt nicht hierher, und aufs neue, als ob er das Elend jetzt zum erstenmal erführe, kam wieder der Jammer über ihn. Er kehrte um und ging nach der Hütte zurück. Der Leibarzt trat heraus. »Ihr seid wohl der Bauer?« fragte er. »Ja. Und Sie der Herr Doktor?« »Ja.« »Und wie steht's?« »Ich glaube, daß sie nicht vor dem Abend stirbt.« Hansei traten die Thränen in die Augen. Der Ohm bat Gunther um die Erlaubnis, das Gemszicklein heraus zu holen. Es ward ihm gewährt. Er brachte es, kaum hörbar auftretend, gab ihm zu trinken und trug es wieder hinein zu Füßen der Kranken. »Sie hat die Augen aufgemacht und mir zugewinkt, sie hat aber kein Wort gesprochen, dann hat sie die Augen wieder zugemacht,« berichtete der Ohm. Hansei bat, daß er Irmgard nur noch einmal sehen dürfe. Er durfte durch den Spalt sehen, während Gunther wieder ins Krankenzimmer eintrat. Hansei wendete sich wieder auf den Weg nach dem Städtchen, und auf seinem ganzen Gang weinte er, daß es ihm immer Herzstöße gab. »Der Ohm hat recht, sie ist wie ein Engel geworden,« sagte er vor sich hin. Das am ersten Almtage geborene Stierkalb schien sich besonderer Anrechte auf den Bauer bewußt; es lief ihm trotz allen Zurückjagens immer wieder nach und blökte ihn bettelnd an um Salz. Hansei befriedigte es durch das letzte Stück Brot, das er noch bei sich hatte. Er mußte sich im Wald niedersetzen, und hier weinte er und schaute manchmal verwirrt um sich: wie ist es nur möglich, daß die Sonne noch so schön scheint und der Kuckuck ruft und der Habicht krächzt, und dort veratmet ein Mensch ... »Was nur Walpurga jetzt von der Königin will? Da oben ist ihr Platz,« dachte er dann immer wieder in sich hinein. Achtzehntes Kapitel. Am Bache entlang war Walpurga den Berg hinabgeeilt. Sie sah bald das Städtchen und die Meierei, auf deren Dachspitze eine hellfarbige Fahne flatterte. Walpurga setzte sich, Atem holend, eine kurze Rast auf einen Fels am Bach. Ein Kuckuck flog über ihr weg bergauf. »Das ist ein böser Angang,« sagte sie vor sich hin. Sie schritt voran nach der Meierei. Da sah sie durch das Eisengitter einen Knaben in hellem Gewand und mit einem Federhut auf den langen blonden Locken im Garten spielen. Das Herz im Leibe wollte ihr zerspringen, sie faßte krampfhaft nach einer Eisenstange des Gitters. Sie schritt nach der Eingangsthür des Gartens. »Frau von Gerloff ... der Prinz ... mein Kind, mein Kind,« schrie sie, stürzte auf den Prinzen zu, kniete im Gras nieder und umhalste und küßte ihn. Der Knabe schrie laut. »O, das ist seine Stimme!« rief Walpurga. Frau von Gerloff war erschrocken einen Augenblick wie angewurzelt festgestanden, jetzt kam sie herbei und wehrte Walpurga ab; auch Diener kamen hinzu. Der Prinz verbarg sich an Frau von Gerloff. Walpurga kniete im Gras und konnte nicht aufstehen. »Er kennt mich nicht mehr! Er kennt mich nicht mehr und ich bin seine Amme!« klagte sie verwirrten Blickes zu den Umstehenden. Die Stimme schien eine Wirkung auf das Kind zu üben. Es wendete sein Gesicht um, es war glühend rot, in seinen Wimpern hing noch eine Thräne, aber sein Antlitz lächelte. »Grüß Gott,« sagte er –das war das Wort, das man ihm für den Landaufenthalt eingeübt hatte. »Grüß Gott kann er sagen ... o, er kann ja reden! O lieber Gott, er kann reden! Jetzt sag einmal Walpurga, Kind! Kannst du Walpurga sagen?« »Walpurga!« wiederholte der Knabe. Die Königin kam herbei, in ihrem Geleit die Gräfin Brinkenstein und Paula. Walpurga wollte auf sie zueilen, aber die Königin wehrte ab und befahl Frau von Gerloff, den Prinzen hinwegzuführen. Der Prinz wurde aus dem Garten geführt; aber er schaute doch noch einmal um nach Walpurga, und sie nickte ihm zu und vergaß, daß die Königin vor ihr stand, bis diese sagte: »Du hast dich hier hereingedrängt und mußt doch wissen, daß wir dich nicht mehr sehen wollen und du weißt auch warum.« »Ich will mich jetzt nicht verteidigen, ich will was andres,« drängte Walpurga. »Was willst du?« fragte die Königin. In hastigen Worten, oft absetzend, schwer atmend, sagte Walpurga: »Frau Königin, man kann schlecht angesehen werden, man kann gar nicht gesehen sein in der Welt und doch brav sein. Sie und ich, wir sind jetzt gesund und können das ein andermal ausmachen. Frau Königin, ich hab' zwei Worte zu sagen, ganz allein. Frau Königin, um aller Barmherzigkeit willen –es wird Ihnen in Ihrer Sterbestunde gut thun, Frau Königin, Sie müssen auch sterben –Frau Königin, ich bitte um aller Barmherzigkeit willen, hören Sie mich an, allein, nur eine Minute! Schicken Sie die andern fort. Wir haben keine Zeit!« Die Königin winkte der Gräfin Brinkenstein und Paula, daß sie sich zurückzögen. Sie stand allein mit Walpurga, und diese sagte –es gab ihr einen Herzstoß dabei: »Irma lebt.« »Was sagst du?« »Vielleicht ist sie in diesem Augenblick schon tot, sie liegt im Sterben.« »Ich verstehe dich nicht –bist du wahnsinnig?« »Nein, Frau Königin. Setzen Sie sich ... hier auf die Bank ... Sie zittern ja am ganzen Leib. Ich hab's ungeschickt gemacht, aber ich hab' nicht anders gekonnt, aber was liegt jetzt an mir? Meinetwegen machen Sie mit mir, was Sie wollen –Irma lebt. Vielleicht nur noch diesen Tag, vielleicht den nicht mehr aus. Frau Königin, Sie müssen mit mir, Sie müssen zu ihr. Es ist das einzige, was sie noch auf der Welt haben kann ... Ein Wort ... Eine Hand ...« Gräfin Brinkenstein und Paula kamen herbei, da sie sahen, wie die Königin sich leichenblaß zurücklegte. Als die Königin das Rauschen der Gewänder hörte, richtete sie sich auf: »Walpurga, sag noch einmal, was du gesagt!« Walpurga wiederholte, daß Irma noch lebe, und fügte hinzu, sie sei jetzt im vierten Jahr bei ihr verborgen, und Gunther sei bei ihr oben auf der Alm. Auch die beiden Damen standen erstarrt, aber Walpurga wendete sich wieder zur Königin und rief: »Um Gottes willen, versäumen Sie keine Minute mehr! Kommen Sie mit mir, zu ihr! Frau Königin, da drin wohnt die Stasi, die hat damals das Gebet für die Königin auf mich gewendet. Frau Königin, wenn Sie selber nicht vergeben, wie soll man noch für Sie beten? Frau Königin, denken Sie, wie es Ihnen damals in der heiligen Nacht im Herzen gewesen! Frau Königin, stehen Sie auf, werfen Sie alles hinter sich, und behalten Sie Ihr gutes Herz allein. Frau Königin ...« »So laß Ihre Majestät in Ruhe!« fiel Gräfin Brinkenstein ein. Aber Walpurga fuhr fort: »Frau Königin, wenn Sie sterben, haben Sie keine Hofdamen bei sich und nichts –Lasen Sie einmal im Leben jetzt eine Stunde alles dahinter und kommen Sie mit mir allein und fragen Sie nach weiter gar nichts! Ehe die Nacht hereinbricht, ist sie tot! Sie können an dem Tag eine Gutthat thun, die in alle Ewigkeit bleibt.« »Ich will zu ihr –ich muß!« sagte die Königin aufstehend, und ging der Meierei zu; ihr Schritt war rasch und ihre Wangen glühten. »Majestät,« warf die Oberhofmeisterin ein, »der gnädigste Herr sind ausgeritten und kommen zur Tafel am Wasserfall. Wollen Eure Majestät nicht abwarten?« »Nein!« erwiderte die Königin, ihr Ton war scharf, es schien, als ob diese Formfrage eine strenge Gedankenreihe verletzt und durchschnitten. »Ich bitte,« setzte sie hinzu, »mich auf meine Verantwortlichkeit handeln zu lassen.« »Majestät, es gibt keinen Fahrweg nach der Alm,« setzte Gräfin Brinkenstein milder hinzu. »Aber einen Reitweg bis zum letzten Stück, fast ganz bis an die Hütte,« erwiderte Walpurga, »und da ist ja der Mann von der Stasi, der ist ja Förster, der weiß alle Wege; ich will ihn rufen.« Sie eilte in die Amtswohnung des Inspektors und brachte ihn mit heraus. Der Inspektor bestätigte, daß man eine gute Strecke fahren könne, und von da aus könne man reiten. Die Königin befahl, daß er sogleich mit den Reitpferden vorauseile; sie zog sich in ihre Gemächer zurück und bald darauf fuhr sie mit Paula, Sixtus und Walpurga den Bergen zu; auf dem Hintersitz saßen zwei Lakaien. Die Braut des Mannes, der Irma geliebt, und die Gattin des Mannes, dessen Liebe Irma erwidert hatte, saßen nebeneinander, um an ihr Sterbebett zu eilen. Erst im Fahren gewann man wieder freien Atem. Walpurga erzählte. Von dem gleichmäßigen Leben Irmas war wenig zu berichten, um so mehr verweilte Walpurga bei der Mitteilung des Ohms, wie Irma mit demselben verhüllt nach der Residenz gewandert und bei der Sommerburg noch einmal die Königin und den Prinzen gesehen habe. Oft von Weinen unterbrochen berichtete sie dann, wie Irma die sterbende Mutter gepflegt, und wie die Mutter, die alles gewußt, Irma noch in der letzten Stunde gesegnet habe. Die Königin hielt das Tuch vor die Augen und reichte Walpurga still die Hand. Je mehr Walpurga erzählte, um so reiner und verklärter erschien Irma. Die Königin wendete sich zu Paula und sagte: »Das ist ein Leben im Tod –dazu gehört unfaßbare Heldenkraft.« »Es gibt auch in unsern Tagen noch Heilige,« erwiderte Paula. »Alles, was vordem je schön, groß und echt war in der Welt, ist gewiß noch in der Welt, wenn auch zerstreut, verhüllt.« Mitten aus allem gegenwärtigen tiefwühlenden Schmerz leuchtete ein heller Strahl im Auge der Königin auf. Sie sah auf Paula: Gunther ist nicht mehr bei dir, aber in Zukunft wird sein Bestes bei dir sein in seinem Kinde. Noch einmal mußte Walpurga von jenem Morgen am See erzählen, dann schilderte sie auch die schönen Arbeiten Irmas, aber sie merkte bald, daß die Königin nicht mehr zuhörte und schwieg. Still fuhr man dahin. Der Fahrweg war zu Ende, man verließ den Wagen und stieg zu Pferde. – Bald darauf, nachdem die Königin abgefahren war, kam der König mit Bronnen von der Jagd in die Meierei zurück. Sie waren voll frisch gestärkter Kraft, und der König fragte, ob seine Gemahlin sich schon nach dem Wasserfall begeben, denn sie hatte den Wunsch ausgesprochen, dort zu zeichnen. Gräfin Brinkenstein war in einer Verlegenheit, die ihr, zum erstenmal im Leben, alle Fassung rauben wollte. Sie hatte gewiß auch alles gebührliche tiefe Mitleid mit Irma, aber –sie hatte verborgen gelebt, sie hätte nun auch verborgen sterben sollen. Wozu diese nochmaligen Aufregungen? Sie schüttelte den Kopf über diese exzentrischen kapriziösen Menschen, die nicht einmal gebührendermaßen tot sind, wenn man sie schon lang betrauert und vergessen hat. Sie berichtete nun mit stockender Stimme dem Könige, wohin die Königin gefahren und was vorging; sie wagte kaum zu betonen, daß die Königin auf ihre eigene Verantwortung und gegen alle Hofordnung sich allein mit Paula und Hofrat Sixtus nach den Bergen begeben. Der König stand still, schaute zur Erde und sprach lange kein Wort. Der Boden vor seinem Auge zitterte, alles schwankte wie in einem Erdbeben und die Schrecken der Verwüstung fuhren durch seine Seele. Was er jahrelang im Innersten gelitten und gebüßt, stand wieder auf. Er hatte gearbeitet, gerungen und entsagt und niemand dankte ihm, am wenigsten sein eigen Herz, denn er war ein Schuldbeladener, der Gutes thun will und in tiefster Demut erkennen muß, daß ihm das doch noch gestattet ist. Er preßte zitternd die geballte Faust auf die Stirn, seine Wangen brannten, während Fieberfrost die Glieder schüttelte: Dank dem gütigen Geschick, daß sie noch lebt! Die Todesschuld ist von der Seele genommen. Und auch sie soll erkennen, welch ein Strafgericht sich in mir vollzogen und was aus mir geworden. ... In diesen wenigen Minuten hatte der König alle die stillen Qualen der vergangenen Jahre aufs neue durchgelebt. Wie aus der Unterwelt auftauchend blickte er jetzt um sich. Die Bäume, die Häuser, die Berge stehen noch fest, es ist kein Erdbeben hereingebrochen. Er sah Bronnen an und reichte ihm die eisigkalte Hand, während er kaum hörbar flüsterte: »So ist Ihre Ahnung von damals auf dem Jagdschloß wahr geworden.« Seine Stimme war heiser. Er befahl, daß man frische Pferde sattle und ein zweiter Wagen nachgeschickt werde. Er ritt mit Bronnen der Königin nach. Neunzehntes Kapitel. Bergan ritt die Königin und neben ihr schritt Walpurga. Das Sonnenlicht fiel schon schräg durch die Wipfel auf den Weg, den gestern in der Nacht Gunther, vom Ohm geleitet, gezogen war; von den Wässerlein, die gestern über den Weg liefen, waren nur noch dünne Spuren da. Die Königin sprach kein Wort, sie sah Walpurga oft groß an, durch ihre Seele zog eine lange Reihe von Erinnerungen und Erweckungen. Da geht die Frau neben dir, die damals auf deinen Wunsch aus der Heimat gerufen wurde –damals, als du mit dem König und Gunther unter der Hängeesche gesessen, warst du mild und verzeihend gegen Gefallene –und Gunther sagte: »Du bist es wert, daß Tausende für dich jetzt beten.« Warst du es damals? Bist du es jetzt wert? Damals warst du noch nicht verletzt, hattest noch keine Unbill erfahren und es war leicht, verzeihend zu erscheinen –und nun, da du gekränkt worden, bist du in Bitterkeit, in Haß und Tugendstolz versunken und hast dir darin gefallen. Er änderte sein Leben, hat alles Kleinliche, Nichtige, Eitle abgethan und seine ganze Seele in treuer Arbeit seinem Volke gewidmet. Und du? Du wurdest immer herbei und starrer, weil du gar so tugendsam. Bist du es denn? Was ist eine Tugend, die nur sich selbst lebt? Und sie, die so schwer fehlte, hat sie nicht noch schwerer gebüßt? Groß und hoch über dir steht sie, die Sünderin. Für mich ist sie gestorben; und was habe ich aus diesem Tod gemacht? Ich habe meinen Gatten allein gelassen in seiner schweren Arbeit, verlassen in seiner höchsten Not. Ich habe nur für mich gelebt, denn meinem Kinde leben, war auch nur für mich leben –Du hast Mildthätigkeit geübt an Armen und Hilflosen. Aber deine Pflicht? Deine nächste Pflicht? Du konntest dich nicht selbst überwinden ... Und du hast es gewagt, von dir zu sagen, du seiest des Höchsten fähig, und: ärgert dich dein Auge, so reiße es aus? Gunther hatte recht: niemand kann dich erlösen, als du selbst, denn niemand kann dir so die Wahrheit sagen, als du selbst. Was hast du gethan in den langen Jahren, in denen sie sich durchrang zur Vollendung und er sich festigte im schönen Thun für sein Volk? Ich bin die Sünderin ––Du mußt noch leben, Irma, du mußt, damit ich dir sagen kann: ich bin unerlöst, wenn du stirbst, ohne daß du mir verziehen, du mir! ... In solchen Gedanken ritt die Königin den Berg hinan und immer freier wurde es ihr im Gemüt. Es löst sich der Bann, es hebt sich ein Druck, der doch immer und auf allem war. »Ist's noch weit?« fragte sie Walpurga. Wieder überfiel sie eine Angst –wenn Irma nicht mehr lebt, wenn sie nicht mehr vor ihr sie und sich selbst befreien kann –? –Ihr Herz zitterte –sie legte die Hand darauf, als müsse es still stehen, wenn das Herz da oben still gestanden. Immer tiefer, immer inniger und drängender stieg eine Verklärung Irmas in ihrer Seele auf und sie selbst war sich so klein. »Jetzt sind wir bald am Ziel,« sagte Walpurga. Eine Stimme von oben rief: »Walpurga!« Die Stimme tönte vielfach wieder von den Felsenbergen. »Das ist mein Mann,« sagte Walpurga zur Königin, und ebenfalls laut rief sie: »Hansei!« Seine Stimme antwortete von oben. Hansei kam näher, und als er die vornehmen Frauen und Männer zu Pferde sah und die Livreebedienten, zog er den Hut ab und wischte sich mit der Hand über die Augen, ob er denn auch richtig sehe. »Wie steht's?« fragte ihn Walpurga. »Sie lebt noch, aber nicht mehr lang. Ich bin schon eine Stunde von oben fort, wer weiß, was derweil geschehen ist. Der Doktor ist aber bei ihr.« »Von hier an kann man nicht mehr reiten,« sagte der Inspektor. Die Königin und Paula stiegen ab, Sixtus und die Diener folgten. Man ging die letzte Anhöhe hinan. »Das dort, die in dem großen, weiß seidenen Tuch, das ist die Königin,« sagte Walpurga mit bedeutsamer Miene zu Hansei. »Ist mir eins. Unsre Irmgard ist mehr als alle Menschen. Was Königin!« erwiderte er. »Wenn ein Mensch stirbt, sind alle drum herum ganz gleich; wir müssen alle sterben und da ist's eins, was wir noch die paar Jahre sind.« Die Königin schaute nur kurz um nach Hansei. Sie eilte hastigen Schrittes vorwärts, winkte Paula, zurückzubleiben und eilte allein fort –sie war ohne Gefolge, aber zu ihrer Rechten und Linken, vor und hinter ihr gingen die Geister der Angst und die der Erlösung –sie mußte durch sie hindurchschreiten. Die Angst rief: Irma ist tot, du kommst zu spät! –und das fesselte ihr den Fuß und wollte ihr den Atem rauben. Die Erlösung rief: schwinge dich auf –was zögerst du? Du bist frei, du bringst den Frieden und gewinnst den Frieden! So stritten die Gewalten in ihr und um sie her, und sie wehrte mit den Händen ab. Die Angst gewann die Uebermacht, und wie ein Hilfeschrei aus der Tiefe rang sich von den Lippen der Königin der Ruf los: »Irma! Irma!« und Irma! Irma! tönte es wieder und wieder von den Bergen. Die weite Welt ringsum rief den Namen Irma ... Drin in der Kammer hatte Irma gelegen, Gunther saß vor ihr. Sie atmete schwer. Sie wendete kaum den Kopf und öffnete nur manchmal leicht die Augen. Gunther hatte die Aufzeichnungen Eberhards mit hinaufgenommen, und er fand eine Stunde, in der er der Tochter die Worte des Vaters: »Für den Tag und die Stunde, da sich mein Denken verdunkeln will, sei mir dies zur Erleuchtung« –vorlesen konnte. Als er die Worte las: –»im Verlorenen und scheinbar Versunkenen ist doch noch Gott« hatte sich Irma aufgerichtet; sie lehnte sich aber wieder zurück, und winkte, daß er weiterlese. Er las: »und bricht mein Auge –ich habe das Ewige gesehen –mein Blick ist ewig. Frei über alle Verzerrung und Selbstverwüstung hinüber rauscht wieder der ewige Geist.« Gunther schwieg und legte die Blätter auf das Bett Irmas. Sie hielt die Hand darauf. Nach geraumer Weile erhob sie die Hand, deutete auf die Stirn und sagte, die Augen schließend: »Und doch hat er mich gezüchtigt.« »Was er dir auch gethan,« entgegnete Gunther, »hat nicht er gethan, nicht sein freier reiner Wille; ein Krampf, ein Rückfall in die Endlichkeit hat es in ihm vollzogen. Im Geiste deines Vaters und so wahr als ich wünsche, daß in meiner Sterbestunde die Wahrheit in mir lebe, entsühne ich dich. Du hast dich entsühnt. Verzeihe ihm, wie er dir dennoch verziehen. Er würde dich jetzt segnen, wie ich dich segne. Sei in Liebe sein gedenk, wie er in innerster Wahrheit in Liebe zu dir war.« Irma faßte die Hand Gunthers, die er ihr auf die Stirn gelegt, und küßte sie. Dann sprach sie mehrmals, ohne sich umzuwenden, vor sich hin: »Bleib bei mir.« Stundenlang saß nun Gunther an Irmas Bett. Man hörte nichts als den ängstlichen Atem, der immer schwerer wurde. Als jetzt draußen die Stimmen der Berge ihren Namen liefen, richtete Irma sich auf und schaute rechts und links. »Hörst du es auch?« fragte sie. »Mein Name... von Stimmen, Stimmen überall, Stimmen –« Die Thüre öffnete sich, die Königin trat ein. »O, endlich bist du da!« hauchte Irma tief aufatmend. Sie richtete sich mit der letzten Kraft auf und kniete im Bett; ihr langes Haar floß an ihr nieder, ihr Auge glänzte wundersam, sie faltete die Hände, dann breitete sie die Arme aus und rief in herzzerreißendem Tone: »Verzeih, verzeih!« »Verzeih du mir, Irma, meine Schwester, Irma!« schluchzte die Königin und faßte sie in ihre Arme und küßte sie. Ein Lächeln trat auf das Angesicht Irmas, dann stieß sie einen lauten Schmerzensschrei aus, sank zurück und war tot. Die Königin kniete an ihrem Bett, Walpurga, die im Hintergrunde gestanden hatte, trat vor und drückte Irma die Augen zu. Still war's, nur tiefes Schluchzen der Königin und Walpurgas war vernehmbar. Da nahten sich draußen Schritte. »Wo? wo ist sie?« rief die Stimme des Königs. Gunther öffnete die Thür und winkte dem Herbeikommenden mit beiden Händen beschwichtigend zu. »Tot?« rief der König. Gunther nickte. Er winkte Walpurga und sie verließ mit ihm die Kammer. Der König warf sich stumm an der Leiche auf die Kniee. Die Königin erhob sich, legte ihre Hand auf das Haupt ihres Mannes und sagte: »Kurt, verzeihe mir, wie ich verziehen habe.« Der König faßte die dargereichte Hand, und Hand in Hand starrten die beiden noch lange in das Antlitz der Toten, darauf ein lächelnd milder Ausdruck ruhte. Sie schienen sich von dem Anblick nicht trennen zu können. Endlich nahm die Königin ihr weißes Tuch ab und breitete es über die Tote. Sie verließen die Hütte. In purpurner Pracht stand die untergehende Sonne am Himmel und ringsum war alles still, lautlos. Gunther trat zur Königin und übergab ihr das in die Binde eingewickelte Tagebuch mit den Worten: »Dies ist das Vermächtnis Irmas an Sie.« Die Königin ging auf Walpurga zu, reichte ihr still die Hand und küßte das Kind, das Walpurga auf dem Arm trug. Der König reichte Hansei die Hand und sagte: »Ich danke dir. Ich sehe dich noch.« Das Pechmännlein trat zum König und der Königin und sagte: »Vergelt's Gott, daß Ihr da herauf gekommen seid. Sie hat's verdient.« Der König und die Königin gingen allein dem Walde zu. Das Gefolge hielt sich zurück. Zwanzigstes Kapitel. Der König und die Königin gingen in den Wald. Sie gingen Hand in Hand. Die Nacht brach herein. Die Baumwipfel rauschten. Die Königin stand still. Mit der ganzen, so lange zurückgedrängten Liebesglut und aus der tiefsten Erschütterung der Seele heraus umarmte sie ihren Gatten. Sie küßte ihm Mund und Augen und Stirn, und sprach: »Ich habe die Verklärte um Verzeihung gebeten, sie ist gestorben mit meinem Kuß. Dich bitte ich um Verzeihung, der du lebst. Ihr habt gebüßt, schwer. –Sie einsam für sich, du einsam neben mir.« Sie zog ein Amulett hervor, das sie verborgen auf dem Herzen trug; es war der Trauring des Königs. »Nimm noch einmal diesen Trauring von meiner Hand,« sagte die Königin. »Wir sind neu vermählt,« erwiderte der König, steckte den Ring an seinen Finger und faßte die Königin in seine Arme, er hielt sie umschlungen, ihr Haupt ruhte an seinem Herzen. Mit festem Schritt gingen sie weiter, den Berg hinab. Drunten harrten die Wagen. Auch Bronnen und Sixtus gingen mit Paula, von den Dienern gefolgt, den Berg hinab. Der König und die Königin fuhren allein, Paula und Sixtus fuhren im zweiten Wagen, Bronnen ging wieder auf die Alm zu Gunther. Die Neuvereinten kamen in der Meierei an. Ihr erster Gang war in das Gemach des Kronprinzen. Sie standen am Bett ihres Kindes, und der König sagte: »So wie er jetzt schläft, so hat sein harmloser Kindessinn unsern Zerfall noch nicht empfunden. Wohl uns, daß er mit erwachendem Geiste nur unsre Einigkeit und Liebe sehe bis in den Tod.« Der König und die Königin saßen bei der Lampe und lasen die ganze Nacht das Tagebuch des einsamen Weltkindes. Droben bei der Hütte waren Gunther und Bronnen geblieben. Eine kurze Weile saß Gunther bei Walpurga und hielt ihre Hand, indem er ihr sagte, wie ihre volle Unschuld nun an den Tag gekommen sei. Walpurga nickte still. Die Kühe kamen an die Hütte, sie witterten die Leiche, schnaubten und brummten und brüllten dann um die Hütte herum, und kaum hatte man sie vertrieben, so waren sie unversehens wieder da. In der Nacht grub das Pechmännlein ein Grab, dort auf der Stelle, wo Irma so oft gelegen, und manche Thräne fiel hinein, und wenn er einmal aufatmete, sagte er vor sich hin: »Wenn das Gemszicklein laufen kann, laß ich's in den Wald springen.« Früh am Morgen wurde Irma begraben. Hansei, das Pechmännlein, Gunther und Bronnen trugen sie, Walpurga und das Kind gingen hinterdrein. Gundel und Franz hatten Wände und Grund des Grabes mit Alpenrosen verdeckt. Still wurde Irma im weißen Tuch der Königin eingesenkt, als eben das Morgenrot anbrach. Drunten hatten der König und die Königin das Vermächtnis Irmas gelesen. Jetzt brach der Tag an. Sie schauten in das Morgenrot, hinauf nach den Bergen, wo Irma begraben ward auf der Höhe.