Novellen und Legenden aus verklungenen Zeiten von Th. Birt   *   Vierte Auflage Quelle und Meyer Leipzig [1928]   *   Inhalt         Achill Ein Heldenmärchen Fortuit Ein römisches Märchen Marpessa Eine griechische Legende Kamma Eine vergessene Tragödie Der Besuch bei Cicero Ein Intermezzo aus der Zeit der römischen Bürgerkriege   *   Zum Geleit Novellen und Märchenstoffe »aus verklungenen Zeiten« werden hier vorgeführt, Geschichten, die sich in jenen Zeiten abspielen, als noch den großen Julius Cäsar die Sonne beschien, ja, als es noch Kentauren auf der Balkanhalbinsel gab, als noch göttliche Meerfrauen um die Schiffe im Mittelmeer schwammen und der alte Gott Zeus noch auf seinem Berge saß, um zu donnern, wenn die lieben Menschen nicht taten, was recht ist. Mit Liebe habe ich diese Erzählungen geschrieben, indem ich mir wie aus dem Jenseits die Gestalten herüberholte. Ein Teil von ihnen benutzt in der Tat alte schöne Sagenmotive und versucht sie in freieste moderne Dichtung umzuwandeln. Weltgeschichte, Kulturgeschichte zu schreiben, genügt nicht. Man muß die Vergangenheit dichten: erst dann wird sie wahr. Durch vollblütig pulsierende menschliche Belebung soll hier, wie ich dies auch schon in meinem »Menedem« versucht, das Fremde und Zeitenferne uns nahe kommen, um uns zu erheitern und zu erschüttern. Das Gefühl, daß das alles längst vorbei, daß eine längst untergegangene Menschheit zu uns redet, bleibt dabei bestehen. Das soll so sein; es soll wie ein zauberischer Märchenschleier über dem Ganzen hängen. Th. Birt.           *   Achill Ein Heldenmärchen Wir saßen am Strand von Phaleron. Salamis, die Insel des Ajax, lag vor uns, dahinter Ägina; vor uns das dunkelblaue Inselmeer. Kleine Boote setzten Segel auf. Der Wind ging stark. Er wehte von Troja her. Alles mahnte an Homer. Wir tranken eine Flasche griechischen Inselwein von märchenhafter Süßigkeit, feurigschwer, als wäre er voll Erinnerungen. Erinnerungen? sagte die Dame neben mir. Der Wein redet nicht. Himmel und Meer haben für mich keine Sprache. Und doch ist dies Land voll verblichener Sagen, verlöschter Erlebnisse! Und Sie verlangen, daß ich Ihnen erzähle? Griechisches? griechisches Erinnern? Sie sind – oder Sie waren Mutter, gnädige Frau. Sie haben einen Sohn nach Indien geschickt, daß er sein Glück mache. Sie haben ihn verloren. Er widmete sich als Arzt der Bekämpfung der Pest. Die Bekämpfte hat ihn getötet und mitten in seinen stolzesten Erfolgen dahingerafft. Ich will Ihnen von einer griechischen Mutter erzählen, die hier noch lebt, aber die ihr Schicksal vor vielen tausend Jahren erfuhr. Hören Sie von Thetis, der Göttin, und ihrem Sohn Achill. Ein Märchen? Hier werden Sie an das Märchen glauben. Thetis 4 und Achill! Die Sage ist allbekannt, und ich will sie gewiß nicht ganz erzählen. Versuchen wir nur, daß sie unserm Herzen näher tritt. Glauben Sie an Götter? Wer sollte es nicht, der im Süden lebt? Die Götter sind , ob der Moderne sie denkt oder nicht. Aber sie sind geheimnisvoll und verbergen sich gern. Sie verbergen sich im Licht, nicht im Dunkel. Wer aber das ungeblendete Auge des Griechen hat, wer ins Licht sehen kann und den Glanz ertragen, wem es selbst licht ist im Inneren, der erkennt noch heute den rüstig frohen Helios droben auf seinem Wagen, mit dem Glutblick und Funken im Haar, die tanzenden Stunden wie hüpfende Strahlen um ihn her; der hört noch heute Poseidon im Seesturm brüllen, flatternden Bartes; der sieht noch heute im Frühlingsmorgen Aphrodite aus dem Quell steigen, mit süßem Lachen, daß alle Luft voll ist von Liebeshauch. Solch eine Göttin ist und war auch Thetis, die schönste der Meerweiber. Sie haben sie sicher schon gesehen, diese Nereïden im Meeresschwall zwischen den Inselküsten. Man sieht sie am besten am heißen Mittag, wo die Sehkraft am schärfsten ist. Da fließen ihre blendenden Leiber im abgrundtiefen Blau unter den wandernden Wogen her, mit spritzenden Fingern und offenem Mund, muschelbehangen, schimmernden Gischt wie Perlen im Haar, und ihre Augen träumen und lachen, und man starrt in diese Augen, als sollte man sich selbst verlieren. Thetis aber, die schönste, lacht nicht. Daran ist sie zu erkennen. Ihr Auge ist Schwermut. Man sagt, das Meeressalz kommt von ihren Tränen. Denn sie hat ihren Sohn verloren; die Göttin ist mit dem Menschenschicksal verwachsen, und das hat sie traurig gemacht in ihrem endlosen Leben. 5 Götter haben kein Schicksal; denn die Ewigen sind dem Tod und dem Schmerz entzogen; und spielend das Gute zu wirken und das Schöne, spielend zu züchtigen, ist ihr Beruf. Nur wenn ein Götterherz sich an den Sterblichen hängt – wehe dem allzu zärtlichen! – da gewinnt das Schicksal, dessen Spielball der Mensch, Macht über den Gott, und er verewigt die Trauer, da er nicht sterben kann. Der Liebesgott aber war schuld an allem. In unseren Tagen plant Eros nichts ähnliches mehr, und er führt gut bürgerlich nur Menschen mit Menschen zusammen von Hütte zu Hütte, als wäre er dem Kroniden ganz entfremdet. Damals waren Menschen noch gottähnlicher und ragten in die Unsterblichkeit hinein; und Götter und Menschen konnten sich erkennen und mischen. König Peleus , der Thessalier, war's. Ihm gab sich Thetis zur Gattin. Eine berühmte Hochzeit. Das All staunte. Alle Olympier kamen neugierig zur Feier. Denn sonst stiegen nur Götter zu sterblichen Weibern herab, und ich begreife, daß sie es taten. Hier dagegen war es ein Mann, der sich eine Göttin erwarb. Das befremdete. Und sie gebar ihm den Achill. Da hängte gleich Neid und Sorge sich an den Knaben. Thetis eilte zur Schicksalshöhle. Hier drehten die Parzen ihre Spindeln, spannen den jungen Lebensfaden und sangen im Takt dazu den Spruch mit düstergrauer Stimme: Willst du hohen Erdenruhm, So willst du kurzes Leben. Nur dem Ruhmlosen allein wird lange Frist gegeben. Ob er dies, ob er jenes will, Wähle er selbst. Es wähle Achill. Da erschrak die Mutter, den bitteren Sinn des 6 Spruches erwägend, nahm ihren Sohn und trug ihn in die Wildnis. Er sollte nicht berühmt werden. Sie wollte ihn retten. Und ihr Kampf mit dem Schicksal begann. Nur am belebten Strand gedeiht der Ruhm. Die Einsamkeit ist sein Feind. Fern vom Strande aber liegt die einsame Bergwildnis des Pindus. Das ist die Wildnis, in der einst die Kentauren lebten, das vierfüßige Geschlecht mit starken Gliedern und ehrenfestem Sinn. Bei ihnen ward Achill auferzogen. Er beendete eben sein vierzehntes Lebensjahr. Das Herz der Mutter entbrannte, ihn zu sehen. O Einsamkeit des Pindus! – Sind Sie einmal die thessalische Bahn gefahren? Die Reise ist heute nicht ratsam ohne militärische Bedeckung; denn das Räuberwesen des barbarischen Mittelalters ist dort noch nicht ausgestorben. In den Heldenzeiten aber hausten dort andere Räuber, wilde Bestien, wo das tiefe sonnige Tempetal von schroffen Bergkulissen umstanden wird und der Urwald sich massig auf den Höhen und in die Bergnischen drängt: ein Paradies, eingemauert in Schrecknisse; alles weglos, straßenlos; enge Pässe für den, der wie das Raubtier zu schleichen und in den Ästen zu hängen gelernt hat. Von jenen Wäldern bezieht das kahle Griechenland noch heute sein Brenn- und Bauholz. Aus den Höhen winkt der Pelion und Ossa, zweitausend Meter hoch über dem Meer. Man sieht sie am schönsten vom Hafen von Volo aus. Der Himmel stützt sich auf die Erde. Erhabene Stille, ungeheure Größe! Einsamkeit und Vergessenheit! Es war Morgen. Da scholl Gesang. Chiron , der alte Kentaur, hatte sich mit seinen Schülern im Sturzbach gekühlt und gebadet. Seine Hufe waren gereinigt, 7 und sein greises scheckiges Fell schimmerte. Jetzt lagerte er munter unter der breiten Esche und gab dem jungen Achill Unterricht, die Leier zu schlagen. Patroklos stand daneben, denn er wurde mit Achill erzogen und wuchs hier zu seinem unzertrennlichen Freunde und Schicksalsgenossen heran. Nun sangen Achill und Patroklos zum Leierspiel ein Morgenlied. Der Lehrmeister führte mit seinem tiefen Baß den Ton und lenkte die hohen Knabenstimmen. Denn des Patroklos Stimme irrte ab; Achill aber fand rasch die Melodie und lachte zu seinem Lehrer auf, indem er sich kindlich an den Bug seines Pferdeleibes schmiegte. Echo aber stand hinter der Felsenkante. Echo hallte es wider, und es lauschten der Abgrund und die Felsenkammern. »Wir wollen die Echo greifen!« rief Achill und wollte davon. »Seid nicht närrisch, ihr Buben!« herrschte da der Alte. »Geht immerhin nur der Echo nach, die euch foppt. Denn dort am selben Abhang, da findet ihr die Wurzeln und Kräuter in den Felsritzen, die ich euch zu suchen gelehrt habe. Eilt euch und bringt mir die richtigen, die gegen Wunden und Hautriß gut sind und gegen innere Schmerzen. Hurtig!« Und Chiron scharrte mit dem Hufe im Boden, legte eine Wurzel frei, bückte sich schwerfällig (denn er war alt) und riß sie heraus: »Hier diese mein' ich vor allem; daß ihr mir nicht das Falsche bringt.« Da sprangen die Knaben und brachten bald, was sie gefunden, und Chiron prüfte alles, braute Säfte davon und begann mit Umständlichkeit seine Lehrstunde vom Gebrauch der Kräuter. Denn er war ein berühmter Arzt. Achill fragte: »Wozu das alles? und wer soll mich verwunden?« »Hast du die Narbe an deiner Stirn vergessen?« 8 »Die kam, weil ich vom Baum stürzte. Aber es gibt Bißwunden, nicht wahr? Die kommen vom Bären. Und Schlagwunden gibt es; die kommen, wenn ein Kentaur mit der Keule schlägt. Aber auch von Herakles hast du mir ein Lied gesungen. Ich weiß es auswendig. Herakles war kein Kentaur; er war ein Held und trug die Keule. Könnt ich es auch!« Chiron strich ihm das Haar: »Du könntest sie nicht tragen, du junges Blut. Vergiß den Herakles. Für dich sind solche Kämpfe nicht.« »Aber es gibt noch mehr Wunden. Auch Schnitt- und Stechwunden gibt's; so sagtest du, Alter. Woher kommen die?« »Das sollst du nicht wissen.« »Warum lehrst du uns die Heilkräuter, und wir kennen die Waffen nicht, die den Schaden tun? Aber ich weiß, man kann sich in den Arm stechen, daß das Blut hochspritzt.« »Nun denn, es gibt Menschen da drunten am Meer, die kämpfen mit Pfeilen, mit Speer und Dolch; damit kämpfen die Menschen.« »Auch mein Vater? Zeige mir sie!« »Wir Waldleute hier oben haben nicht Pfeile noch Lanzen.« »Aber Steinwaffen hast du doch, womit du schlachtest?« »Ja, wir schlachten damit. Aber uns ist Gesetz, solche Waffen wider Menschen nicht zu brauchen. Kommt! helft mir!« Und Chiron holte ein Hirschkalb aus der Höhle; das hatte er am Vortag erlegt; und die Knaben übten sich voll Eifer und zerlegten es nun unter seiner Leitung. Er schalt und lobte und freute sich an der Jugend. 9 Denn er war siebzig Jahre alt und lebte einsam und ohne Weib seit langem, und in seinem leeren Herzen klang jeder Laut der Kindheit doppelt wieder. Als sie das Eingeweide freigelegt, begann er den Lehrton von neuem (er konnte nicht anders als Kluges reden) und zeigte ihnen, wie man aus dem Gekröse, aus Leber und Milz die Zukunft voraussagt; denn es gibt Glück und Unglück, Gelingen und Mißlingen bei jedem irdischen Werk, und nur der Kundige kann es voraussagen. »Was aber ist Unglück?« fragte da Achill erstaunt. »Was ist Mißlingen? Ich kenne es nicht. Und was ist, was du Zukunft nennst?« »Zukunft?« Der Alte suchte seinen Knabenverstand zu bedeuten. Achill aber lachte glockenhell, daß die Vögel rechts und links auflauschten im Laub, und sprach: »Ich mag nicht denken. Ich will keine Zukunft. Aber wachsen will ich, ja, ja! das eine: ich will größer werden. – Es ist so schön heute. Laß mich aufsitzen!« Und er sprang dem Kentaur auf den Rücken im Reitersitz und stieß mit den Hacken, als gäbe er seinem Lehrer die Sporen. Da lehnte Chiron seinen Menschenleib zurück, faßte ihm in die hellen Locken und küßte ihn, daß das Kindergesicht sich in seinem wilden Bart vergrub. Dann setzte er sich in Galopp hei, hei! hoiho! durch die nächste Schlucht in wilder Jagd. Das war ein Hasten mit Gejauchze und Geschrei. Die Kiesel flogen. Und mitten im Galopp sprang Achill ab und wieder auf und lief nebenher und ließ Patroklus reiten. Keiner aber war so schnellfüßig wie der Sohn der Thetis. Das machte: die Meeresgöttin ist seine Mutter; auch kein Wasser schießt so schnell übers Gestein wie er. Chiron keuchte und konnte nicht mehr. Er hielt vor seiner Höhle und peitschte sich die Flanken mit dem 10 Schweif. »Jetzt tost nur alleine. Der Wald ist weit. Wollt ihr meine siebzig Jahre zu Tode reiten? Aber zur Mittagstunde, wenn die Sonne beginnt abzusteigen, seid ihr zurück. Habt acht auf die Sonne; sie ist uns zum Zeitmaß gesetzt. Ich erwart' euch hier.« Da schlüpften die beiden davon, und Patroklus sprach: »Ich weiß etwas, das du nicht weißt. Dort unter den Felssteinen, da liegen Speer und Schwert verborgen. Die gehören deinem Vater Peleus. In früheren Zeiten kam er oft hierher, um mit Chiron zu jagen, und ließ die Waffen hier zurück. Wenn er einmal wiederkommt, will er sie brauchen.« Das war etwas Neues! Ohne Besinnen hoben sie die Felssteine auf, und Achill sah den Speer seines Vaters, stellte ihn an seine Schulter und maß steil aufgerichtet voll Gier an ihm die eigene Größe: aber, wie sehr er den Hals dehnte, die Speerspitze überragte ihn weit. »Das Schwert faßt sich gut« – damit eilten sie fort und verschwanden, wo das Dickicht am tiefsten ist. Chiron aber trat keuchend in seine Höhle, hockte am Herd nieder, blies mächtig ins Feuer, drehte den Spieß, an den er die Keulen des Hirschkalbes getan, und begann das Mahl zu bereiten, das sie zu dreien verzehren wollten. Da kam draußen vom fernen finsteren Walde heller Zauberschein. Die Laubkronen flüsterten und neigten die Äste. Eine Duftwelle flog zu ihm herauf aus der Tiefe: Thetis, die Göttin, schritt durch die Natur. Es war nur ein Schweben; ihre Sohle drückte den Boden nicht. Kein Gras, kein Farn ward geknickt, und die Natur betete an vor ihr. Chiron erkannte sie von weitem, galoppierte ihr entgegen, kniete possierlich mit eingeknickten Vorderläufen vor ihr nieder und küßte ihr voll Verehrung die Hand. 11 Sie lachte: »Beneidenswert mein Sohn. Er kann von dir lernen, wie man die Götter ehrt. Und du bist rüstig geblieben, alter Freund, als wärest du selbst ein Gott: ein Gott auf vier Füßen! Ich werde Zeus bitten, daß der Tod nicht an dich kommt. Er soll dich an den Himmel versetzen. Als Sternbild im Tierkreis der Sonnenbahn sollst du dich in der See spiegeln. Aber wo bleibt er? Wo ist Achill?« Und Chiron führte sie in die Höhle. Die Höhle ist noch heut vorhanden. Nur ist ein Felsblock von oben vor den Eingang gestürzt, und sie ist wie ein zugeworfener Zauberbrunnen, wie ein geschlossener Kyffhäuser oder Venusberg: eine Grottenhalle, künstlich aufgewölbt, weit, dunkel und kühl und mit engem Lichtschacht. Und während Thetis saß und er das Essen bereitete, erzählte er ihr von ihrem Sohn. Sorglos fröhlich hörte sie alles und zog die Nüstern voll Übermut: »Bei dir gibt's keine Fische. Wie schön riecht dein Braten. Wir wollen uns gütlich tun. Wenn er nur mitspeiste. Wo bleiben die Knaben?« »Daß ein Donnerwetter!« – Der Alte spähte hinaus und tat einen Lockschrei. Aber die Burschen kamen nicht; sie antworteten nicht. Und er fuhr fort zu erzählen: »Er ist sonst gelehrig und folgsam. Er rennt, er klettert und springt dir wie ein Luchs. Auch singt er und schlägt die Leier voll Verstand. Aber es regt sich in ihm übermenschliches Kraftvermögen.« »Mag die Kraft sich regen. Aber er weiß vom Ruhme nichts? Was Ruhm ist, hast du ihm nicht gesagt?« warf sie hastig ein. »O, ich hasse das Wort. Wir Unsterblichen brauchen es nicht; nur die Staubgeborenen, die dünken sich Göttern gleich, wenn der Ruhm ihren Namen durch die Welt trägt. Aber so seid 12 ihr nicht. Dein schlichtes Kentaurenvolk ist zwar auch rauflustig, aber es weiß nichts von Ehrgeiz; und du bist friedfertig wie kein zweiter. Darum brachte ich Achill zu dir. Die Welt bleibt ihm hier ein verschlossenes Geheimnis. Mein Plan gelang. Achill kennt bis heut nur dich und deine Sippe, nur Peleus, seinen Vater, nur Patroklus, den Gespielen, und kein Weib, außer seiner Mutter. Ist es nicht so? So soll es bleiben. Er weiß nicht, daß es dort unten Völker rasender Menschen gibt, die morden und sich morden lassen, weil es als herrlich gilt, von ihren vergänglichen Lippen gepriesen zu werden. Denn Menschenlippen blühen wie die Wasserrosen nur einen Tag. Ach! mir graut vor dem Tode . . .« Chiron sah verlegen zur Seite und sagte zögernd und voll Bedenken: »Soll es wirklich so weitergehn? Ihr Ewigen könnt euch kein Ende denken. Darum soll dieser Knabe, der eine Zier der Menschheit ist, zum Einsiedler werden, vom großen Ringen der Welt nichts erfahren, hier in unsrem Busch eine der dummen Nymphen freien, die mit fangendem Blick schon nach ihm ausschauen, Kinder zeugen, die werden wie er, um endlich tatenlos hinzualtern, bis du, du ewig junge, diesen deinen Sohn als eingeschrumpften Greis auf deine weißen Arme nimmst und auf den Holzstoß legst?« »Du kränkst mein Mutterherz«, fuhr Thetis auf. »Mein Herz schreit: rette ihn, rette ihn! Der Tod steht auf der Lauer. Er zielt auf die Besten zuerst. Wer müde ist, mag sterben. Jung sterben ist Frevel gegen die Natur. Du wolltest mir helfen ihn zu retten, Freund. Meines Dankes bist du sicher. Also hilf weiter.« »Ich fürchte . . .« »Du fürchtest?« 13 »Du bist Mutter mit Leidenschaft. Aber Leidenschaft und Klugheit ist nicht dasselbe.« »Ich will, daß du ihn hütest.« »Auch eine Göttin kann das Unmögliche wollen. Er hofft auf Gefahren. Er wird zum Jüngling. Der Trieb ergreift ihn. Er wandert in die Welt. Ich kann ihn nicht halten.« »Mach', daß er dich über alles liebt. Enge seine Vorstellungen ein, und er wird nicht darauf verfallen.« »Wer aber kann es ertragen, in ein kluges, horchendes Knabenauge zu sehen und ihm nicht zu erzählen von den Helden der Vorzeit, von der Größe der Welt, von den Burgen der Könige . . .?« »Das tatest du?« »Er hing im Baum und starrte suchend in die leere Ferne, stundenlang, dorthin, wo das Meer liegt. Ein Knabe kann starren, wie die Eidechse starrt, zeitlos, regungslos, gedankenlos: eine große lange Frage ohne Antwort! Ich sah, seine Seele hungerte. Da erzählte ich ihm weniges, von den Argonauten und ihrer Schiffahrt . . .« »Du hast ihm erzählt, daß es Seefahrt gibt? Wehe mir! Jenseits des Meeres harrt sein Grab auf ihn. Er soll es nicht finden.« Chiron trat mit ihr an das Grottentor: »Da siehst du das Meer. Fern, fern taucht es auf wie ein Gespenst. Es läßt sich nicht verheimlichen.« Und er zeigte ihr den Blick in die Ferne. Da schimmerte die duftblaue Fläche der See, mit den gezackten Küsten ins Unendliche winkend: Euböa, dem waldigen Othrys, Pelion und Ossa. Und bleich und entschlossen trat Thetis zurück. Da erscholl Geschrei aus der Höhe. Auf einem Felsgrat 14 standen die Kinder; wie Dioskuren, so hoben sie sich von der dunklen Kiefernwand leuchtend ab und winkten und jauchzen, und ihre Stirn strahlte, als stünde ein Stern auf ihrem Scheitel. Achill schwang das bluttriefende Fell einer Löwin, die er erlegt, in den Lüften und trug zwei Löwenkätzchen im Arm und reizte sie, daß sie die Krallen zeigten. Patroklus gönnte ihm neidlos den Triumph. Dann nahm er die Kätzchen, und der Sohn sah die Mutter und stürzte frohlockend in ihre Arme. Mutter und Sohn! Chiron sah es froh bewegt und bemerkte, daß der Knabe schon so groß wie seine Mutter war und wie er ihr ähnlich sah. Und sie küßte ihn lange und achtete nicht des Schweißes und Staubes, der sein Gesicht entstellte. »Kommt erst zum Quell!« herrschte da Chiron; denn der Zorn erwachte in ihm. Und sie wuschen sich gehorsam und reinigten auch das Haar. Dann pflag man des Mahles. Die Knaben bedienten, und Achilles sprach mit Sanftmut: »Wir haben gefehlt, Meister. Zürne uns nur nicht, der Mutter zuliebe!« Mehr sprach er nicht und erzählte nichts (das Schwert des Vaters hatte Patroklus wieder verborgen), und schweigend aßen sie am Tisch: die drei auf dem Lager; nur Chiron hockte nach Hundeart und brauchte keinen Sitz. Es war ein großes Schweigen der Erwartung. Ihr Sohn! Die Mutter versenkte ihren Blick in ihn und schwelgte in seinem Gebilde, und Besorgnis und Wonne kämpften in ihrem Herzen. Er fing ihren Blick auf und lachte sie siegreich an und selbstgewiß. Stahlblau war sein Auge; es lag groß und drohend in den Höhlen. Weiche Wimpern hingen darüber. Aber die Brauen stiegen mächtig steil an, als wollte er zürnen. 15 Schwer lag ihm die Haarmasse in der niederen Stirn. Das Oval der Wangen war schmal und fest gedrungen, der Mund noch weich wie eines Kindes; aber um die Mundwinkel lag es gespannt wie eiserner Wille. ›Er kam vom Kampfe!‹ dachte Thetis. ›Und die Wunden an seinem Hals? Seh' ich nicht Wunden?‹ »Er ist verwundet!« – rief sie voll Schreck und streifte ihm das Fellkleid vom Nacken. »So ein Riß heilt von selbst«, lachte Achill. »Es juckt mir. Ich fühle, es heilt schon.« Patroklus aber fing an zu erzählen: »Wir pirschten durchs Dickicht talab, dorthin, wo die vielen Hirsche gehn, und schlugen mit der Keule an die Baumstämme, daß es hallte. Dann lauschten wir und sahen Scharen von Wildgänsen; die flogen auf mit Geschrei. Auch zwei Adler standen hoch über ihnen; aber wir konnten sie mit keinem Wurf erreichen. Da – wo es am dicksten und ganz finster war, hörten wir ein fauchendes Schnarchen und Gebrüll. Wir stürzten hin, und ein mächtig gelbes Ungetier brach hervor. Die Löwin war's. Wir hatten solch ein Tier noch nie gesehen. Sie glaubte gewiß ihre Jungen bedroht und brüllte furchtbar dumpf, und mit mächtigem Satz faßte sie Achill und schlug ihre Tatzen ihm hier in den Hals. Er aber blieb aufrecht, würgte sie rasch, eh' ihr Gebiß ihn faßte, warf sie flach zur Erde und stieß ihr das Schwert tief ins Gekröse. Dann zogen wir ihr das Fell ab. Hier ist das Fell. Wir haben es. Darauf wollen wir fortan schlafen.« »Und woher das Schwert?« schrie Thetis. »Chiron, hast du ihnen das Schwert gegeben?« »Es ist meines Vaters! Wir fanden es unter dem Felsstein!« jubelte Achill. »Es ist mein eigen.« »Kind des Unheils! Und ist euer Abenteuer hiermit 16 zu Ende? Mit dem Löwenfell eiltet ihr flugs nach Haus?« »Es ist noch nicht zu Ende. Höre Chiron, weshalb wir uns verspäteten. Ein junger Kentaur – er nennt sich Glaukos, der hütete sein gehörntes Vieh am Berghang des Pelion. Wir hörten schon von fern das Geläut. Die Kentaurin melkte eben die Kühe. Da sprengt Glaukos auf uns her: »Was habt ihr da, ihr Kinder?« so rief er voll Übermut und griff rasch und entriß mir das Löwenfell, als ob es ihm gehörte. Ich forderte: »gib es heraus.« Er lachte nur und höhnte mich, als stünde ein Kind vor ihm. Ich weiß, die Kentauren lieben das Vlies der wilden Katzen um ihre Schultern zu hängen. Wir aber kletterten an ihm empor und erstachen ihn. Sein Weib erhob Wehgeschrei. Morgen werden seine Verwandten hier sein und Rache fordern. Morgen! morgen! Es gibt Krieg, es gibt Krieg! Das ist ein Leben!« »Sind das die Künste, die Chiron dich lehrte?« schalt Thetis, vor Schrecken außer sich. »Nein, nein! Chiron hat mich noch andre Künste, er hat mich auch die Musik gelehrt. Willst du ein Lied hören, Mutter? Nach der Mahlzeit ziemt sich wohl Leierklang.« Und Achill probierte kurz, ob die Saiten unter seinem Griff nicht rissen; und, die Stirn gefaltet, den Kopf gesenkt, wie ein junger Stier, begann er hell, aber eintönig, zu singen, und das hallende Gewölbe verdoppelte den Klang: Dich, Herakles, Herakles, großer Held, Dich will ich singen und deinen Ruhm , Und wie du die Stadt Öchalia nahmst . . . »Herakles? Woher der Name?« rief da Thetis, wie 17 von Sinnen. »Und Ruhm? Ruhm? Was soll dir der Ruhm des Herakles?« Und sie entriß ihm die Leier und gebot: »Höre auf. Du singst nicht die Lieder, die mir wohlgefallen. Du bist mir ein Ärgernis. Ich ertrag' es nicht.« Da stürzten ihm die Tränen. Er barg sein Haupt in der Mutter Schoß und klagte: »Ich wußte nicht, daß es dir mißfalle. Zeige mir, was ich tun soll, Mutter. Aber ich kann nur tun, was ich liebe. Zeige mir, was ich lieben soll.« Sie blieb ratlos und sagte nichts, und er schlich von dannen, und Thetis versank in Grübeln, und Chiron trottete um sie her und brummte leise und scharrte mit den Hufen und räusperte sich viel und wagte doch nicht sie zu stören. Und die Stunden vergingen. Draußen wurde der Baumschatten länger. Die Täler verdämmerten. Der Abend nahte. Da gingen die Knaben schlafen – denn schwere Müdigkeit war in ihren Gliedern – und legten sich auf das Fell, um von künftigem Ruhme zu träumen. Thetis erhob sich, führte Chiron ins Freie, wo in der Tiefe unter ihnen das Meer perlgrau schimmerte, und sie sprach: »Er soll mit mir hinweg. Hier kann er nicht bleiben.« »Du willst ihn mir nehmen?« Chiron senkte das Haupt. Thetis fuhr fort: »Wüßt' ich nur, wohin ich ihn rette! Gefahr ist überall in der Welt. Auch hier oben droht ihm das Gefecht: morgen droht ihm die Rache für den Totschlag. Seine Kampfeswut ist entzündet. Großer Erzieher, bekenne, daß du ihn schlecht gehütet hast!« »Ich habe es versucht, die Kräfte des Zöglings zu 18 ertöten statt sie zu wecken. Aber mein Herz lehnte sich auf. Beschneide auch den Eichenstamm, soviel du willst; er wird doch nie gezähmt; er wird dir niemals Feigen tragen. Den angeborenen Trieb zu steigern und zum Guten zu lenken, das ist, was wir können, nicht mehr. Ich rate dir: tu' ein Wunder, mach' den Knaben zum Mädchen. Dann bist du seiner sicher.« Mach' ihn zum Mädchen! War das Hohn? Das Gemüt der Göttin war zu bewegt, um Acht zu geben. Sie hörte nur: Tu' ein Wunder! tu' ein Wunder! wär' er ein Mädchen! Und sie nahm den schlafenden Sohn in ihren Arm. Der Schlaf des Halberwachsenen ist tief, und Achill erwachte nicht. So schwebte sie schweigsam mit ihrer teuren Last, die sie leicht dahintrug, durch das Nachtdunkel, von der Höhe des Pindus zum tiefen Tempetal und weiter an die Meeresküste hinab. Chiron folgte ihr in tiefer Trauer. Die Welle des Meeres leuchtete auf, da die Herrin nahte, und die munteren Tritonen kamen, Meermuscheln in den Händen, wölbten ihren Fischleib zum Sitz und erboten sich dienstbereit, sie und den Sohn übers Meer zu fahren. Aber sie lehnte es ab: »Geht nur, ihr Guten. Ihr plätschert zu laut; ihr stoßt in die Hörner, und das Kind könnte mir erwachen. Laßt meine Delphine kommen. Die sind geräuschlos und klug, und sie lieben die Knaben.« Dann grüßte sie Chiron, den alten: »Leb wohl! und es sei kein Groll zwischen uns. Du hast getan, was du mußtest. Ich mach' es nicht anders.« Chiron war einsilbig in seinem Kummer und fragte nur noch: »Wohin?« »Nach Skyros,« antwortete sie geheimnisvoll. »Ich folge deinem Rat.« 19 Da lagerte sie sich schon auf den Delphinen. Die Tiere freuten sich der doppelten Last und schaukelten den Knaben in tieferen Schlummer. Und die nächtliche Fahrt begann, hoch über dem Rücken des warmen, atmenden Meeres, und Thetis hing mit dem Fuß im Wasser, und wo der Fuß die Welle furchte, gab es weithin einen Lichtstreifen im Meer; und Chiron stand einsam am Ufer noch lange, stellte sich voll Sehnsucht auf die Hinterbeine seines Pferdeleibes, um möglichst weit zu schauen, und verfolgte mit Blick und Gedanken den Schimmer auf dem Meere und den Schüler, den er verloren hatte. * Sie kennen die griechischen Inseln, verehrte Freundin? Ich weiß, Sie haben Delos und Paros betreten. Wer solche Insel im Meere von außen sieht, dem scheint sie kahl, ein Steingehege, ausgebrannt von der Sonne und unfruchtbar wie die See selbst. Denn weder vom Stein noch von der Salzwelle kann der Erdenmensch leben. Steigt man aber durch die Felsenrüstung ins Innere, da grünt es in den Spalten der Gebirge, und geschwungene Flächen dehnen sich, auf denen der Pflug seine Furchen zieht. Aus den Senkungen schimmern Städte auf, und jede Insel ist wie ein kleines, geheimnisvolles Königreich, zugeschlossen wie eine Festung; inwendig aber walten Friede und Fröhlichkeit. Solcher Inselkönigreiche gab es viele in den Zeiten Homers. Es war Nacht, als Thetis an Skyros' Küste anschwamm. Skyros ist solche Insel; sie liegt von anderen weit abgetrennt, in der Mitte zwischen Lesbos und Euböa. Auf einem Felsenhang über der sanften Brandung bettete die Mutter ihren Sohn, gebot den 20 auftauchenden Tritonen: »Schafft mir Kleider und Schmuck aus meiner Lade!« und die Tritonen eilten fauchend, den Nereïden den Befehl kund zu tun. Es war wundervolle Sommernacht, ein tiefes Ausruhen und stilles Schlummern der Kreatur. Nur die Sterne standen noch mit goldenen Augen in der schwarzen unendlichen Höhe und sangen ihr Sphärenlied; aber niemand hörte es. Unter dem Schutze der Felsenbucht ankerten buntbemalte Boote, und die Schiffer lagen darin und schliefen so weich gewiegt unter dem Sternenlicht. Das Murmeln der Welle aber scholl zu Achill empor, und ihr melodisches Spiel und das Kosen des Seewindes stimmten seine Träume weich und weicher. Thetis schlief nicht. Es galt rasch zu handeln. Darum eilte sie schwebend in den Königspalast des Eilands, wo im innersten Raum Lykomedes mit seiner Königin Klymene ruhte, stellte sich zu Häupten der Königin, und Klymene vernahm in ihrem Traum die Worte: »Ich, die Göttin, bringe dir meine Tochter. Haltet sie verborgen, bei meinem Zorne, als wäre sie euer Kind, und fragt sie nie nach Herkunft und Vergangenheit.« Als sie zum Gestade kehrte, reckte der Junge sich schon im Erwachen. Denn die Helle des Morgens fuhr rosenfarben über das aufrauschende Meer, und mit großen, irren Augen sah Achill die weite, wunderbare Fläche, die ihm so fremd war, rieb sich die Lider ganz geblendet und fragte: »Was ist es, was ich sehe?« »Das Meer!« »Das Meer, auf dem die Argonauten fuhren? Und die hölzernen Wannen auf dem Wasser, darinnen die Männer schlafen?« »Das sind Boote, die zum Fischfang gehen.« 21 » So war das Schiff Argo! Ich erkenne es. Laß mich hinein!« Und sein Jauchzen klang so herrlich stark großatmig über das Meer, daß die Schiffer erwachten und in die Knie fielen, weil sie vermeinten einen Gott zu hören. Dann setzten sie die braunen Segel auf und fuhren davon. Thetis hatte den Sohn zurückgehalten: »Du sollst hinfort mir gehorchen!« Achill aber konnte immer noch nicht begreifen: »Und hier hab' ich geschlafen? Und die Grotte? der Wald? und das Löwenfell?« »Das suchst du vergeblich.« »Und Patroklos?« »Du wirst ihn nie wiedersehen.« »Chiron! Patroklos!« schrie er auf. »Vergiß ihn! Vergiß sie beide. So ist es bestimmt. Du beginnst hier ein neues Leben. Ich umschwimme täglich das Ufer und bin dir nah. Du hast mich, deine Mutter, so wie ich dich habe. Das ist genug.« »Ich will nicht. Laß mich zurück! Ich will zurück! Ich will Patroklos holen und das Schwert meines Vaters.« »Errege dich nicht. Dies Eiland ist ein Gefängnis für dich, und du wirst mir nicht ausbrechen. Aber das Gefängnis ist schön, und du sollst es lieben. Mein Knabe, siehst du nicht, wie auf der erwachenden See die flimmernden Funken spielen, und wie sie den Himmel in ihrem Schoße wiegt? Verliere dich in die Tiefe der See; das kühlt und beschwichtigt. Und riechst du auch nichts? Unsichtbar auf dürren Felsen, da wuchern Lavendel und bläulicher Thymian. Die hüllen die ganze Insel in Duft. Das ist lieblich und beschwichtigt auch. Und nun tritt hierher auf den Scheitel der Klippe und 22 tu das Auge auf. Da liegt das Inselland offen: auf den Feldern gehen tausend fette Schafe und Ziegen; und dort unten, das sind wohl hundert Gärten, von Mastixhecken umsponnen. Erkennst du die Feigen nicht und die blutroten Trauben? Sie quellen im Laub. Und zwischen braunen Myrten leuchten Rosenbüsche, und tausend Blumen stehen im Beet. Da ist auch ein Flüßchen; das kommt aus dem kühlen Born, der dort unter den Ulmen rinnt. Und daneben stehen die schwarzen Schirme der Pinien in Reihen: da schimmert es weiß; das sind Häuser der Menschen; da haust der König.« »Aber Patroklos ist nicht hier. Wo ist er? Wir wollen wider die Kentauren kämpfen!« Achill warf sich nieder, hörte nichts, sah nichts, krallte die Finger in die Erde und rief unbändig nach seinem Freund! und als die Mutter ihm streng gebot: »Steh auf. Ich hab' euch getrennt. Mein Wille ist's, und du sollst gehorchen« – da packte ihn die Wut der Ohnmacht und schüttelte seine junge Seele, und ein wildes Schluchzen rang sich los aus seiner Brust. Da scholl Gesang. Woher kam der Schall? dies liebliche Tönen? Aus der tiefen Schlucht einer Gebirgsfalte stieg Opferrauch steil empor und zerflatterte leicht im Morgenwind. Achill stutzte, gab acht und horchte. Da sah er eine Schar von Mädchen. Ihre Gewänder schimmerten rosig und schwebten wie Wogen um ihre Füße. Ihr Haar war hochgeflochten und mit schmalen Binden festlich bekränzt. Auf einem kreisrunden Platz, da faßten sie sich an den Händen und begannen zwölfstimmig ein helles Lied: das klang so heilig, so selig schön, so liebreizend, und der Schall wuchs und entfaltete sich schwellend im weiten Rund des Felseneilandes. Denn es war heut Festtag der Artemis, der 23 keuschen Göttin, die das Frauenleben hütet, und nur Frauen waren zugegen. So wandelte dort unten der fromme Reigentanz im Kreise, und die Tänzerinnen lächelten friedselig und jauchzten und wiegten sich. Das waren die zwölf Töchter des Königs Lykomedes. Deïdamia aber gab kundig den Schritt an und sicherte die Regel. Nachtschwarz war ihr Haar und ihr Sammetauge groß und fragend, süß ihr Odem, und ihre Wangen glichen den Pfirsichen, wenn sie reifen wollen. Sie zählte schon fünfzehn Jahre und schimmerte im Reigen wie der Mond im Kranz der Sterne. Aber sie blickte scheu wie ein Reh in die fremde Menge, die den Platz in schaulustiger Andacht umstand. »Wer sind die?« rief Achill. »Sind das auch Menschen? Wie sie hold sind! Laß mich zu ihnen!« Und er stürzte wie ein Panther vor, der sein Wild erspäht. Denn ein neugieriges Verlangen erfaßte ihn, und sein Auge funkelte in plötzlichem Wohlgefallen. »Ich führe dich zu ihnen,« gab Thetis fröhlich zurück. »Aber zuvor laß dich kleiden, wie es geziemend ist.« Und sie tat einen Möwenschrei, der über die See drang. Da tauchten mit weißen Armen die freundlichen Nereïden aus der Schaumkrone der Brandung und fingen den Knaben ein und badeten ihn mit weichen Händen. Das gefiel Achill. Dann hüllten sie ihn in ein weites Frauenkleid, das man Peplos nennt, und er duldete auch das voll Staunen und aufgeräumt, drehte sich dreimal lachend um sich selbst, daß der Rock flog, und meinte: »Darin könnten sich drei Männer kleiden! und das Vlies der Schafe Chirons ist nicht so weich. »Das ist hier die Tracht des Landes,« belehrte die Mutter. »Du sollst hinfort einhergehen wie jene, die dort unten den Reigen schreiten und nach denen dein 24 Herz verlangt.« Und die Nereïden fuhren fort, ihn zu schmücken, flochten sein schweres, wild strähnendes Haar in einen Knoten, der gefügig im Nacken hing, legten breite Spangen um seine Arme und Fußknöchel und holten gar einen Spiegel vom Meeresgrund, der blitzend Achills Bild zurückgab. Er sah es voll Belustigung. »Wer ist es, den du im Abbild siehst?« frug die Göttin. »Nicht Achill!« rief er. »Und dies ist nicht der Sohn der Thetis.« »Du siehst die Tochter der Thetis,« begann sie feierlich. »Vergiß den Namen, den du bisher geführt. Du sollst hinfort Aigle heißen, die Tochter der Thetis!« »O närrische Mutter! Was ist das, eine Tochter? Was muß ich tun, wenn ich Tochter bin?« Und voll Übermut sprang der Knabe, der den Unterschied der Geschlechter noch nicht ahnte, auf eine Felsenplatte, die in die Höhe ragte, und setzte den Fuß zierlich an, als ob er tanzen wollte wie jene Mädchen. Aber täppisch wie ein Stier trat er auf den schleppenden Saum des Gewandes und stürzte lachend vornüber ins Knie. Vor seinen wilden Riesenschritten spannte sich der Rock, daß er in den Fäden krachte, und das Kleid wäre wie Segeltuch grausam unter dem Messer zerrissen, wäre es nicht dereinst am göttlichen Webstuhl unzerreißbar gewebt worden. »Nun helft mir aus den Kleidern!« begann er zu flehen. »Die Tochter der Thetis sitzt wie ein Wild in der Schlinge.« Thetis aber hatte schon neues ersonnen. Jetzt eben brachten die Meerfrauen in Muschelschalen Honig und Milch zum lieblichen Frühmahl. In den Trank aber 25 mischte die Göttin rasch und heimlich einen Tropfen Vergessenheit. Im Reiche der Toten, da fließt die Lethe, der Strom des Vergessens. Als Thetis vorzeiten den Orkus betrat, um die schwarzen Schicksalsfrauen nach dem Los ihres Sohnes zu befragen, hatte sie des Lethestromes wahrgenommen und aus ihm ahnungsvoll das schmerzlich köstliche Naß in ein Alabasterfläschchen geschöpft, ohne doch selbst davon zu kosten. Denn die Götter selbst dürfen die Lethe nicht trinken, da das All zusammenbricht, wenn das Gedächtnis der Götter schwindet. Jetzt war die Zeit gekommen, den Schicksalstrank zu nutzen. Nur mit einem halben Tröpfchen versetzte Thetis die Milch, schüttete vorsichtig den Rest auf die Flur und zertrümmerte das Fläschchen. Auf der Flur aber stand ein Kraut, das nennt man Absynthkraut. Das erhielt von dem Guß für immer seine todesbleiche Farbe, und wer heute gar vom Saft des Absynthkrautes trinkt, dem gehen auch jetzt noch das Gedächtnis und der Wille verloren. Da vergaß Achill, da er getrunken, jählings seine ganze Vergangenheit und seinen Namen, und ein Traumdasein umhüllte ihn und trug ihn willenlos auf Schwingen des Märchens, und über den Unbändigen kam die Spiellust des Kindes, das sich freut am Schaukeln des Schmetterlings, am Gezirp der Zikaden und nach allen Blumen greift, um sich zu schmücken. Und Thetis vollendete ihr Werk, umgoß ihr Kind mit ambrosischem Duft, ließ das Rund seiner Wange und Brust und Arme weicher erscheinen, glättete auch alle Risse der Haut und alle Narben weg, und das Mädchenhafte des Knabenalters, das unter der Rauheit verborgen lag, trat täuschend heraus, in herber Anmut. 26 Inzwischen war schon am Altar der Artemis der Festgesang verklungen, und Thetis brachte Klymenen, der Königin, den verwandelten Sohn und sprach: »Sieh, hier hast du mein Kind Aigle.« Und zum Achill gewandt: »Die hohe Frau ist gut und tugendsam und wird dich zu ihren Töchtern führen. Im Frauenhof des Palastes wirst du mit den fröhlichen Mädchen leben und sittsam und fleißig und ohne Ehrgeiz und glücklich sein wie sie alle. Allabendlich aber wird die Schaffnerin dich an die Uferstelle führen, wo ich deiner harre, daß ich dich sehen und herzen kann. Denn du bist mein Liebling, vergiß es nicht, meine Sinne bangen um dich, und ein Götterleben ist nichtig und leer ohne die Liebe zum sterblich Geborenen.« Mit solchen Worten umschlang sie den Sohn. Am seligsten Erdenglück weidete, berauschte, sättigte sich das Herz der Göttin, und in ihr frohlockte es: »Gerettet! gerettet! Mein Werk ist geglückt! Kein Krieg schlägt je an diese Ufer, und wie man in der Tiefe des Brunnens vom Sturm nichts hört, der hoch in den Wolken fährt, so hört Achill hier nichts von Männermord und Schwerterklingen.« Und unter dem Stammeln der Liebe zerging Thetis in des Sohnes Armen in Lust und wurde nicht mehr gesehen. Da waren schon die Mädchen! Wie drängten sie sich, um den neuen Abkömmling zu begrüßen! Denn Mädchen sind mit Neugier begabt, und sie lebten so eingeschlossen und streng gehütet, daß jeder Gast und neue Hausgenosse ihnen liebwert schien wie ein Festtagsessen. Als aber Achill mit steilem Nacken vor sie trat, erschraken sie, und erbebten unter dem Druck seines Handschlags und voll Verwunderung sahen sie den machtvollen Wuchs seiner Glieder, der abformend sich im 27 Peplos verbarg. Ein junger Habicht mit gestutzten Fängen, dem gab man Einlaß in den Taubenschlag. Sein kühner, heller Blick flog musternd von einer zur anderen, aber der enge Kreis wich vor ihm zurück, und nur Deïdamias sonst scheue Seele flog ihm entgegen, ihre Blicke fingen sie auf, und voll Zutrauen lachend hub sie an: »Wie groß und stark du bist! Man könnte sich fürchten! So laß es dir denn bei uns heimisch sein.« Mit solchen Worten nahm sie ihn an der Hand und schritt mit ihm im Zuge unter der Mutter Geleite durch die Gartenhecken und unter Rebenlauben hin, die, die steilen Gassen überwölbend, zwischen den Häusern der Stadt von Wand zu Wand sich rankten, bis hinan zum Palast des Vaters Lykomedes. Von einer Schaffnerin mit vielen Mägden wurde die Frauenwohnung gehütet, die, im Rechteck von allen Seiten ummauert, hart neben dem Herrensaal des Palastes stand und nur durch einen schmalen Gang mit ihm verbunden war. Zwölf schattige Stuben lagen zu ebener Erde um einen weiten Spiel- und Gartenhof; aber auch an größeren Gemächern für die gemeinsame Tagesarbeit der Lykomedestöchter war kein Mangel. Nun teilte Achill Deïdamias Gemach und speiste und spielte mit den Schwestern, schnitt das Futter zurecht für Deïdamias Schoßhündchen und sollte bald auch das Nähen und Spinnen und Weben lernen oder gar stundenlang müßig sitzen, die Hände um das Knie gefaltet, und süßes Geschwätz anhören und selber schwatzen. Allabendlich aber verschwand er, seine Mutter zu sehen, und sie badete ihn in der lauen Flut, solange es Sommer war, indes der Himmel lodernd den Tag begrub und das Meer trunken war vom Gold der untergehenden Sonne. Dann erzählte er der Mutter fröhlich 28 von seinem neuen Leben und von dem Staunen der lieben Mädchen, und in Thetis wuchs die Gewißheit, daß ihr Plan gelungen war: seine Tatkraft war eingelullt, sein Gedächtnis tief entschlummert. Für die Mädchen aber war in der Tat des Staunens kein Ende. Wie herrlich war es, auf die Schaukel, die am Baum hing, zu steigen, wenn Achill die Schaukel schwang. Stieg er jedoch selbst hinein, so überschlug sie sich wirbelnd, und mit gelösten Zöpfen saß er auf einmal oben auf einer Astgabel im Platanenwipfel. Beim Ballspiel verschwand der goldene Ball, den er geworfen, im leeren Äther, die Mädchen starrten ihm nach mit offenem Mund, und die kleinste weinte schon bitterlich, daß sie den schönen Ball verloren, als er plötzlich heruntergeschossen kam, wie wenn ein Stern vom Himmel fiele. Zu jedem Neumond fuhren sie alle hinaus, die Wäsche im Fluß zu spülen. Da rieb Achill das derbe, kostbare Linnen am Stein so hart, daß es wie Zunder in Fetzen ging. Dann stand er beschämt – denn die Schaffnerin schalt –, pfiff wie ein Vogel in den Tag hinein, füllte endlich die Körbe wieder und lud sie auf den Karren. Die Maultiere aber erschraken so vor seinem Anruf, daß sie sich rasend in Flucht warfen; da nahm er Karren und Körbe zugleich auf seine Schulter und trug sie trällernd nach Hause. Der Winter kam und die langen Nächte, und die grauen Stürme gingen über das Meer. Da wurde im Saal gewebt und gesponnen. Aber seine großen Hände zerknickten die zarte Spindel, und wenn er an den Webstuhl trat, wankte das Gebälk, die festesten Fäden rissen, als griffe er in lose Spinnweben hinein, und die gute Schaffnerin schalt wieder voll Grimm: »Aigle! Aigle! 29 du sollst uns hinfort im Stall die Schafe scheren. Nur dazu bist du nütze, daß du uns Wolle schaffst in unsere Körbe. Aber der Schäfer wird dir seine Tiere nicht ausliefern, denn mit der Wolle schneidest du ihnen zugleich den Kopf und die vier Beine ab.« Da lachten alle, und Aigle lachte mit und küßte die Alte so herzlich, daß ihr die Knie wankten. Die Stürme sangen über dem Dach des Saales ihre grollenden Weisen. Die Flämmchen in den Lampen hüpften unsicher und in Angst zu verlöschen. Wie soll man die leeren Stunden füllen? Die Leier ging von Hand zu Hand. »Aigle,« hieß es, »sing' uns ein Lied.« Da griff Achill froh in die Saiten, und seine Stimme wollte sich hell erschwingen, aber siehe: alle Worte entfielen ihm; denn selbst den Heraklessang, den ihn Chiron sorgsam gelehrt, hatte er ganz vergessen, und wie ein Kind saß er nun und lernte von seiner Freundin andere Weisen, die Weise vom Kuckuck und von der Schwalbe oder von den Sirenen: Die da lockend sitzen Auf Felsenspitzen Und wie Vögel singen Und Männer verschlingen. »Das ist ein langweilig Geklimper! So erzähl' uns etwas!« Und das Geschichtenerzählen ging im Kreise herum, und alle wußten ein Erlebnis oder eine Fabel. Achill aber besann sich lange, und seine Gedanken suchten im Leeren, und er konnte nicht angeben, wo er vordem gewesen, wo er aufgewachsen, was er irgendwann gesehen, erlebt, erfahren. »Aigle ist klug wie ein Gott und doch dumm wie ein Fisch,« kicherten die Mädchen. »So laßt uns denn Rätsel raten.« Und von allen Rätseln, die die Kinder sich aufgaben, fand das 30 Mädchen Aigle jede Lösung zuerst. Danach gab Aigle selbst den Schwestern ein Rätsel auf: »Wer ist fünfzehnjährig ein Neugeborener?« Und sie begriffen es nicht. Er aber dachte in tiefem Befremden: ›Ich! ich! Das Rätsel bin ich mir selber!‹ Denn er hatte wirklich das Gedächtnis des Neugeborenen. So schien es, daß er in brütenden Tiefsinn versank. Deïdamia aber ließ es nicht zu, durchstach ihm, um ihn zu wecken, erst ein Ohrläppchen und dann das andere und hing ihm die schönsten Ohrgehänge hinein, und ihre herzliche Munterkeit tröstete ihn rasch und ließ ihm nicht Ruhe; und wie einst Achill und Patroklos, so waren jetzt Aigle und Deïdamia Kameraden und Freunde geworden in Unzertrennlichkeit. Denn sie lehrte ihn alles, und indem sie ihn zu beherrschen schien, diente sie ihm mit liebendem Herzen. Der König Lykomedes sprach zu Klymenen, der Königin: »Deïdamia ist nunmehr zur Ehe reif. Die Zeit ist erschienen, daß sie uns verläßt. Polyphont, des Kresphontes Sohn, der in Messenien haust, der freit um sie; du weißt es; ihm hab' ich die Tochter zugesprochen.« Klymene versetzte in Sorgen: »Melde Polyphont, daß er wird warten müssen. Denn ich sprach von ihm mit unserer Tochter selbst, und das Kind weigerte sich in Leidenschaft und weinte laut. Warum? Sie will von Aigle, der neuen Freundin, nicht lassen. Auch Aigle selbst war zugegen und rief mit schrecklichem Ton: »Wohin, Königin, deine Tochter geht, dahin folg' ich ihr, und den Polyphont erwürg' ich auf der Stelle, noch eh' er sie angerührt, noch eh' er zu ihr seinen Blick erhoben!« Da Lykomedes dieses hörte, erfaßte auch ihn ein 31 großes Staunen, und er begann sorgsamer und mit Besorgnis auf Aigle acht zu geben. Der Frühling kam. Die Schiffe liefen aus. Da ging das Gerücht über das griechische Festland, daß Paris , der Trojaner, die Königin Helena aus Sparta entführt, und schon rief Menelaos die Könige und Königssöhne des Griechenvolkes zum Rachezug gegen Troja auf. Nach dem einsamen Skyros aber drang davon nicht die Kunde; auch hatte Lykomedes keinen Sohn in den Krieg zu senden. Der Frühling war gekommen. In den schluchzenden, veilchenfarbenen, lichtdurchsponnenen Wogen umspielten die Nereïden mit Thetis, ihrer Königin, aufjauchzend das friedliche Gestade, und Venus selbst kam und streute aus voller Hand süße Frühlingsblumen ins Gefilde; die Bienen schwärmten aus, und auch die lieben Mädchen des Palastes ließen endlich Webstuhl und Wocken stehen und eilten mit den leeren Wollkörben zum Kränzewinden hinaus auf die Flur. Anemonen und blutiger Mohn, Narzissen und Hyazinthen, die blühten zu Tausenden auf den Wiesen; da tummelten sie sich und haschten sich und taumelten ins Gras, in kindlicher Lust. Dann begann die Arbeit. Die einen pflückten, die anderen banden. Achill aber köpfte die Blumen wie ein Wilder und, da er nach Rosen suchte, riß er die ganze Staude gleich mit den Wurzeln aus, daß die Mädchen ihn einfingen und lachend mit geschwungenen Rosenzweigen ihn geißelten, bis er um Gnade flehte. Aber auch für die Bienen sind die Blumen da, und auch die Bienen zürnten ihm. Gott Amor flog eben unter den Bienen umher, denn er war mit seiner Mutter Venus gekommen, der winzige Gott, der leicht zürnt, aber immer auf Liebe sinnt 32 und der sich oftmals in eine Biene verwandelt. Sein Liebespfeil wird da zum Stachel, und er hockt lauernd in einem Blumenkelch, bis daß sich eine Pflückerin arglos naht. Nun nahte sich Aigle, und er stach sie voll Zorn, und auffliegend merkte er in Überraschung, daß dies kein Mädchen war, die er gestochen. Sein Stachel war in Heldenblut gedrungen. Triumphierend dachte er da: ›Es war ein Stich des Zornes; doch er soll Liebe wirken!‹ Und er wirkte Liebe. Denn Deïdamia sah Aigles Wunde kaum, als sie schon begann, sie auszusaugen. Aigle sträubte sich zwar; aber es war schon geschehen. Da hatte auch Deïdamia von Amors Gift getrunken, und ein Zittern befiel sie, und in Achills junger Brust erwachte dämmernd die Freude am Weibe, die nicht Freundschaft ist. Gott Amor flog indes zu seiner Mutter, und beide fanden Thetis, und da die Göttinnen von ihm gehört, was er eben vollbracht hatte, da lachten beide, Venus und Thetis, und die Natur und das All und Himmel und Erde lachten in Liebe auf und in Lenzesseligkeit. Ein Unheil ahnte niemand, und Thetis sprach für sich: »Im Starken erwacht die Sehnsucht früh. Nun ist sein Sinn hier ganz gefangen!« Ein Paar Turteltauben waren Deïdamiens Lieblingsvögel. Amor öffnete heimlich den Schlag, so daß sie ausbrachen und in freiem Flug feldeinwärts flogen. Das Mädchen rief und haschte ihre Vögel umsonst. Da stürzte sich auch schon ein Falke aus hoher Luft auf sie nieder. Achill aber hob die Schleuder und traf den Falken, daß er ihm tot zu Füßen fiel, und lockte, da der Abend nahte, die Tauben glücklich heim, und Deïdamia bedeckte die lieben Tiere und den, der sie gerettet, mit ihren Küssen, dem Zeichen ihrer Zärtlichkeit. 33 Die Nacht kam. Zum erstenmal vergaß da Achill den gewohnten Abendgang zu seiner Mutter; und mit der Nacht schlich sich Gott Amor in die Behausung der Mädchen ein, die ihm so fremd war. Denn der Arge wollte sein Werk vollenden und löschte die Lampen früh, so daß man ihn und sein Tun nicht sah. Die Schaffnerin horchte auf. Es war wie ein Wunder! Sie hörte in der tiefen Nacht die schlummernden Tauben im Käfig girren. Es war dies aber dieselbe Nacht, da fremde Kaufleute auf Skyros gelandet waren: ein seltenes Begebnis. Ohne Thetis' Wissen war die Landung geschehen. Denn da die Göttin des Sohnes Kommen vermißte, schwamm sie voll Besorgnis in der Brandung und suchte im Dämmer den Umriß seiner Gestalt. So kam es, daß sie des Schiffes nicht gewahr wurde, das die Kaufleute brachte. Es waren dies aber die Helden Odysseus und Diomedes , die von Aulis kamen, um Achill zu suchen, und sich als Händler verkleidet hatten, die nach Phönizierart Schmuck feilboten, wie ihn die Kunst des Orients erzeugt. Denn als die Griechenhelden sich in Aulis zur Ausfahrt gen Troja sammelten, wurde der Sohn des Peleus vermißt, und man suchte ihn von Königsburg zu Königsburg. Wie sollte man ohne Achill auf Sieg hoffen? Der König Lykomedes aber nährte im Herzen Argwohn gegen Aigle und hatte einen Boten an den Seher Kalchas nach Aulis gesendet. Der Bote meldete ihm: »Meine Tochter Deïdamia verschmäht Polyphont, den Messenier, der um sie freit. Denn sie hat nur Freundschaft zur Aigle, dem wunderstarken Mädchen, die hier mit meinen Töchtern haust. Eine Göttin brachte uns Aigle entweder zum Fluch ins Haus oder zum 34 großen Heil. Rate mir, weiser Mann, was soll ich tun?« Als Kalchas das gehört, befiel ihn frohe Ahnung; denn ihm war Seherkraft von Apoll verliehen; er erriet das ganze Geheimnis und erhob selbigen Tags zum Odysseus das Wort: »Macht euch schleunigst auf und geleitet des Lykomedes Boten nach Skyros zurück. Das sei meine Antwort. Begebt euch dort zur Frauenwohnung des Königs, und ihr werdet den Besieger Hektors finden.« Am Morgen nach jener Nacht, da die Tauben girrten, zogen auf Skyros die Händler mit ihrem Kram zum Palast hinan und baten, den Töchtern ihre Waren zeigen zu dürfen. Käse und Feldfrüchte und Schläuche Weins, auch Kupfer, das man im Bergwerk fand, forderten sie als Zahlung. Und da standen schon die Königstöchter und Mägde und bewunderten im Gedränge mit ah! und oh! all die kostbaren Nadeln und Spangen und Kämme und Schalen und Spiralen gewundenen Golddrahtes, und begehrten hin und her fahrend bald dies und bald das. Deïdamia ergriff einen Halsschmuck und wiegte ihn in der Hand; der bestand aus geschliffenen Edelsteinen voll Wunderkraft, und wer ihn trug, so sagten die Händler, verlor nie die Liebe dessen, der ihm teuer. So stand sie da, an Achill gelehnt, strahlend schön wie nie, von Liebreiz umflossen, in ihrem dunklen Auge schmachtende Verklärung. Achill aber achtete nicht ihrer, nicht der Steine und forschte mit ganzer Seele gespannt in den Mienen der fremden Männer, deren Worte so frei, deren Blick so kühn, deren Wuchs so heldenhaft, und seine Brust hob sich. Und wie ein Kelch mit Zaudern unmerklich sich öffnet, wenn ihn der erste Strahl des Lichts berührt, so stieg ein unsagbares 35 Erinnern aus fernem Hintergrund seiner Seele langsam, langsam in ihm empor. Da stieß Diomed wild in die Kriegsposaune, daß es hallte. Odysseus rief: »Wer keine Nadeln liebt, der liebt den Speer,« und warf mit dröhnendem Geklirr erzene Waffen in den steinernen Saal, daß die Töchter entsetzt auseinanderstoben und zitternd in ihren Türen standen. Nur Deïdamia blieb, Achill umklammernd, und suchte in Ohnmacht ihn hinwegzuziehen, als schon Odysseus von neuem die Stimme hob: »Wer will das Schwert des Peleus?« »Es ist mein!« schrie Achill und stieß die Geliebte von sich und stand schon gleißend in Waffen, und Blitze schlugen aus seinem Aug'. »Peleus mein Vater! Ich bin Achill!« Da hatte er sich erkannt und war ganz erwacht, das Vergessen vergessen, die Lethe ausgeschleudert aus dem siedenden Blut, und er bat fortstürmend: »Wo ist Patroklos? Wer immer ihr seid, bringt mich zu ihm und zeigt uns den Feind, daß ich fechten kann!« – Schon stieß das Schiff vom Ufer; die Ruder griffen schon aus. Hoch wie ein Baum im Feld, strahlend und wonnelachend und jung wie das Morgenrot, so stand Achill am gewölbten Bord und spähte über die fremde, flutende See, die ihn mit ihren Wogen grüßte, berauscht nach Ost in die ahnungsvolle Ferne, endlich frei, frei, um in ungebundenem Willen sich fröhlich hinauszuwerfen auf den Ozean des Lebens und, das Segel hoch, in die Zukunft zu rennen und nach dem Schicksal zu jagen, mit dem es sich zu ringen verlohnte. Er winkte der Geliebten nicht Abschied und nicht der Mutter, die ihn um sein Heldentum betrogen, und Deïdamias sehnsüchtiger Blick grüßte vergebens vom 36 Felsengestade, und Thetis sah vergebens in Tränen jammernd zu ihm auf. Es geschah der Wille der Parzen. Thetis' zweiter Rettungsplan war vereitelt. Wie sollte sie ihn jetzt noch seinem Geschick entreißen? Sie bangte scheu vor der Herrlichkeit und vor dem Groll des Sohnes und mußte den Kiel des verhaßten Schiffes nun sorglich durch die Klippen tragen, damit der Sterbliche, den sie geboren, auf seiner Reise in den Heldentod nicht gefährdet sei. So fand Achill seinen Freund Patroklos und das Griechenheer, das schon nach Asien fuhr. Fünfzig Schiffe der Myrmidonen aber geleiteten ihn; und mit feierlichem Schwur gelobte er dem Oberkönig Agamemnon, von Trojas Mauern nicht eher abzuziehen, als bis sie in Asche lägen. * »Aber Sie sind müde vom Hören, verehrte Freundin! Wer hätte noch heute für Märchen Geduld? In zehn Minuten geht der Tram von Phaleron nach Athen zurück. Sie wollen, daß wir fahren?« »Im Gegenteil,« versetzte meine Zuhörerin in sanftem Ton. »Wer hätte Lust eben jetzt abzubrechen und aufzubrechen? Der Tag sinkt schon. Ein kühlender Hauch kommt vom Meere; und die Fabel rührt und stillt das Herz. Lassen Sie mich so im Halbdunkel das Ende hören, wenn es nicht allzu schmerzlich ist.« »Dort,« sagte ich, »ragt Ägina vor uns am Rand des Meeres, schon verschattet, und nur um die Gipfel seiner Höhen spielt noch das Abendlicht. Ägina ist die Insel des frommen Äakos, der der Ahne des Achill war. Die Natur, das Land selbst redet hier von diesen Dingen, und die Steine selbst erzählen.« 37 »Und Thetis?« drängte die Dame. »Eine Mutter, die Göttin ist, ist anders als ich gestellt. Sie kann ihrem Sohn überall in der Gefahr nah' sein und helfen und sein Herz trösten, wenn er leidet. Alles das war mir, da mein Sohn im fernen Land sein Leben opferte, nicht beschieden. Nur eins fürchte ich: wird Thetis sich auch in die Schlacht mischen? und werde ich viel von Blut und Gebrüll des Ares hören? Denn Ares, so nennt wohl Homer den schrecklichen Gott des Schlachtengemetzels?« »Fürchten Sie nichts! Ich handle nicht von Wunden des Leibes, sondern des Herzens. Es ist eine lange Geschichte, wie Thetis zu hoffen nicht aufhörte. Aber ich raffe sie kurz zusammen. Drüben im Osten, jenseits Suniums, an der trojanischen Küste Kleinasiens wälzt der Skamander seine Wogen im Sande, und über der uralten troischen Burg erhebt sich das jähe Idagebirge wie ein zweiter Olymp. Auf der Höhe des Ida aber, da thronte Zeus im Gewittergewölk, der donnerfrohe Gott, der Vater der Götter und Menschen. Denn alle Berge knien vor ihm, und auf ihre Scheitel stellt er seine Throne. Ein Mantel aus goldenen Wolken umwallt ihn in strahlenden Falten. In der Rechten hält er den flackernden Blitz, und sein schwerer Bart und seines Hauptes schwarze Mähne wogt und schüttert, wenn er hinab in die Tiefe schaut und mit großen, rollenden Augen das Haupt nach rechts und links drehend bewegt. Denn zu ihm aus den Tiefen dringen Jubel und Notschrei und jeder Seufzer des Erdengeschlechts. Ein Lächeln stand in seinen Mienen, da er Achills Taten vor Troja sah. Denn ein rechter Gott freut sich an werdender Menschengröße. Auch liebte er ihn. Denn 38 Äakos, der den Peleus zeugte, war Sohn des Zeus, und Peleus eben zeugte den Achill. Agamemnon war der Herrscher und Schlachtenordner im Griechenheer. Achills Speer aber brachte Sieg auf Sieg, indem er, um Troja von jeder Hilfe abzusperren, alle umliegenden Festen zerstörte. Mit jedem Sieg aber fuhr Thetis in Sorgen auf. Sie ruhte auch jetzt nicht; denn die Sorge ist stärker im Herzen des Liebenden, als die Klugheit. Eine Möwe schwang sich vom Meer hoch über das Haupt des Ida. Der Adler, der am Knie des Zeus saß, fuhr auf, um sie zu zerfleischen. Aber die Hand des Gottes drückte den streitbaren Vogel nieder, und Zeus sprach zur Möve: »Thetis, was bringst du?« Da stand schon Thetis, die als Möwe flog, vor dem Gottvater in aller Schönheit der Meerfrau und warf sich ihm zu Füßen: »Hilf mir, Gütiger! Du kennst das Verhängnis, den Spruch der Parzen: Ruhm und früher Tod – oder ruhmloses, langes Leben . . .« »Wie helfen?« sprach der Gott. »Das Schicksal ist mein Ratschluß. Die Parzen buchten ihn, und er ist unabänderlich.« »Ändere dennoch! Unterbrich den Gang der Dinge, dafern du allmächtig bist.« »Der Gang der Dinge läßt sich ändern, aber ihr Ende nicht. Der Fluß, der vom Ida entspringt, mag er träge im Sand sich wälzen oder aus der Höhe über Klippen stürzen: du siehst, er fällt doch immer in dasselbe Meer.« »Ich suche nicht Weisheit, ich suche Hilfe. Schon droht meinem Knaben der Ruhm. Gib Aufschub! reiß' ihn aus dem Kampfe.« »Und wenn du sein Herz damit betrübst?« 39 »Es ist mir gleich. Jeder gewonnene Tag seines Lebens ist für mich wie tausend selige Jahre der Ewigkeit.« Und sie legte die Hand flehend unter sein Kinn, und ihr meertiefes Auge sah beweglich zu ihm empor. Da gab Zeus dem Adler, der ihm diente, den Blitz in seine Klauen und hob Thetis an beiden Händen sanft empor, und aus seinen mächtigen Augen, die tief in der Nacht der Augenhöhlen lagerten, schlug wie Wetterleuchten ein lachender Strahl, und ein Schimmer der Freude ging durch das All. Dann sprach sein Mund: »Du bist kurzsichtig wie ein Weib. Aber wie kann ich deine Schönheit trauern sehen? Du sollst Aufschub haben. Wie selten sehe ich dich! Ihr Meerfrauen meidet unsere Höh'n zu sehr. Kehre wieder, so oft dich die Sorge drängt, da du des Fliegens so kundig bist.« »Sag noch dies, Zeus! Und durch wen, durch wen wird er sterben?« »Drängt dich der Vorwitz? So wisse: durch einen Gott endet Achill oder durch einen Sterblichen, der ihm selbst an Wert gleichwiegt.« »Memnon! du meinst Memnon?« »Der Name schläft noch in der Urne des Schicksals.« Da hüpfte aus der Götterhalle ein girrender, süßer Mädchenschwarm; die riefen, und es klang wie ein silbernes Glockenspiel: »Tireli, lala! Wir haben deine Stimme erkannt, Thetis. Erkennst du uns nicht, die Musen, die dir an deiner Hochzeit das Brautlied sangen? Deine Hochzeit, das war ein seltenes Fest, und wir werden in Ewigkeit davon erzählen.« Und ihr Geplauder ging weiter wie ein gurgelnder Bach in allerliebsten Kadenzen, als auch der Schenk Ganymed mit der goldenen Kanne hervortrat; der tippte dem Vater der 40 Götter vertraulich an die Schulter: »Väterchen, es ist Zeit. Die Welt beginnt ihren Mittagsschlaf, und Hera wartet. Da darfst du endlich des Mahles pflegen.« Und der Duft der Ambrosia, die ewig das Götterblut verjüngt, strömte aus der hohen schattigen Halle, die wie aus Luft geformt schwebend im Äther stand und farbig in Edelsteinen schimmerte wie der Regenbogen. Und im Mischbecher schäumte und perlte schon der Nektar, der die Unsterblichen selig macht, und man hörte von innen ihr klingendes Gespräch und der Aphrodite Lachen, das jedes Herz mit Überschwang der Wonne füllt. »So tritt mit uns ein,« baten die Musen verbindlich, »Thetis, du glückliche! und wir wollen vom künftigen Ruhm deines Sohnes plaudern.« Unseliges Wort! Thetis schrak zusammen und war schon wortlos verschwunden. In die Tiefe, wo am Strand die Gezelte der Myrmidonen standen, schoß die Möwe kreischend hinab. Ganymed aber wandelte fleißig um die blanken Tische zum Gesang der Musen und schenkte den Göttern, bis sie Genüge hatten; dann schlüpfte er zum Adler hinaus, der seiner harrte, streichelte ihm vertraulich das Nackengefieder und tränkte ihn und legte sich schlummern unter seine Schwingen. Und die ganze friedlose Welt ruhte so um die Stunde der Mittagsglut in Frieden wie die olympischen Götter. Auch Agamemnon schlief. Zeus aber sandte ihm einen Traum und schlug ihn mit dem Wahn der Verblendung. Achill war eben fröhlich wie einst, als er den Kentauren erschlagen, mit Patroklos, dem unzertrennlichen Gespielen, heimgekehrt zu seinen Zelten, die wie Blockhäuser mit ebenem Dach in langen Reihen standen, und führte reiche Beute, geschirrte Rosse, Waffen und schöne 41 Frauen mit, die er mit freigebiger Hand ohne Verzug zu verteilen begann. Agamemnon sah es, und durch Zeus' Traum verblendet, trat er herrisch hervor und forderte kraft seiner führenden Herrschermacht das Recht der Verteilung und von allem das Beste für sich. »Der Hund schnappt nach der Beute des Tigers,« fuhr Achilles auf. Aber er gehorchte und gab knirschend das Geforderte und saß nun düster grollend in seinem Zelt. So begann der Zorn des Achill . Und der Zorn wollte nicht enden. Tag um Tag verging, der Mond füllte sich, nahm ab und füllte sich wieder: aber wie sehr die Freunde sein Herz bestürmten, Achill grollte und kämpfte nicht mehr. Thetis hatte ihren Willen: er war der Gefahr entzogen, der Tod war verscheucht. In der Dämmerung kam sie oft zum Sohne und festigte seinen Unwillen mit Fleiß: »Unehre schüfe es dir, einem Agamemnon zu dienen; aber die Götter lieben dich,« so sprach sie in verzeihlicher Arglist. Er aber hatte das Lächeln verloren; er grollte auch der Mutter, Verachtung und Haß wühlten in seiner jungen unberührten Seele; seine Helligkeit wurde finster. Eine Wolke fraß das Sonnenlicht von seiner Stirn. Die Mutter aber hatte des nicht acht, und wie bei Windstille auf dem Spiegel der See keine Welle sich kräuselt, so wiegte sie sich endlich wieder in Ruhe, Frieden, Sicherheit und strahlendem Glück. Sie wußte nicht, daß auch der Zorn zum Ruhme führt. Zeus, der allsehende, wußte es. Denn schon war die Schmach über Agamemnon gekommen. Die Trojaner drangen mit Siegesgeschrei aus ihren Mauern. Agamemnon floh. Diomedes, Meriones, Menelaos, Odysseus, Helden auf Helden, trug man verwundet aus dem Getümmel. Hektor , der 42 wunderstarke, schwang frohlockend die Brandfackel gegen die Griechenschiffe, und Helena stand höhnend mit Paris auf den Wällen Trojas. Da warf sich Patroklos, der Freund, ohne Achill dem Feind entgegen und löschte den Brand und wehrte der Not. Aber er starb im Sieg hingestreckt unter Hektors Schwert. Patroklos tot! sein Blick erloschen! seine Lippen bleich! seine blühenden Glieder schlaff, kalt, ohne Odem, staubbedeckt, blutüberströmt – so trug man ihn in das Zelt Achills. Da ächzte Achill auf, ins tiefste Herz getroffen, und schlug zu Boden und umschlang ihn, als müßte seine Glut in ihn überdringen und sein wilder Herzschlag ihn beleben, und rief ihn mit jedem zärtlichsten Wort der Kindheit. Umsonst! Er, der so viele in den Tod gejagt, begriff nicht, was der Tod ist. Denn erst am Verlust des Nächsten lernt der Mensch das Unfaßbare, das Nichtsein in seiner Wirklichkeit. Und das Grauen, das Weh, Verzweiflung und Schrecken und schwarze Wut und rasende Rachgier loderten in ihm auf, und waffenlos, wie er war, sprang er auf das Dach seines Zeltes und schrie, die Arme reckend und heulend wie Sturm, gräßliche Drohungen über das Feld, daß vor seiner bloßen Stimme der Feind zusammenbebte und hinter die bergenden Mauern floh. Auch Thetis erbebte und kam liebreich, die Leiche durch Bad und Salbungen der Verwesung zu entziehen. Aber ihr Trostwort verstummte. Das Schicksal hatte wieder seinen Lauf. Sie selbst brachte jetzt dem Sohn aus Vulkans Schmiede neue Waffen zu neuem Kampf. So mußte ihr Anschlag endigen. Sie selbst trieb ihn ins Gefecht, und mit gehobenem Speer begann Achill nicht die Schlacht, nein, die Jagd auf den Feind, grausige Mordgier im geröteten Auge. Alle Tapfersten flohen; 43 dem Schnellfüßigen aber entrann keiner, daß von rinnendem Blut der Fluß Skamander dampfte und überschwoll und die Götter selbst in der Höhe es schaudernd sahen: bis Achill Hektor, den edlen, erspähte, ihn, der ihm den Freund getötet. Da brach er los in furchtbarem Frohlocken und hetzte den Verzagten, bis er ins Knie sank, und durchstieß ihm die Kehle und schleifte den Leichnam siebenmal um die Mauern der Stadt. Dann erst ermattete sein Wahnsinn. Er warf sich weinend über Patroklos. Die Rache war gesättigt, aber den Toten weckte es nicht auf. Es war vergebens. So zerrte die Furie der Hölle sein junges Herz in unlautere, blinde Leidenschaft und in den Schlamm des Argen. Wer rettete ihn? wer heilte ihn? wer gab ihm die Kraft, sich aufzurichten? Er tat es selbst. Als der Abend kam, da erschien Priamos , der hochbetagte, der Vater Hektors, mit wankenden Knien bittflehend im Zelt des Verfinsterten, warf sich ihm klagend zu Füßen und bat mit zitternden Lippen um den Leichnam seines Sohnes. Und Achill sah die Tränen, und die Ehrwürdigkeit fremden Schmerzes ergriff ihn ganz, und er fühlte die Heiligkeit des Alters, und er hob Priamos lind an den Händen auf und gedachte des eigenen Vaters Peleus, der ohne Sohn fern in Pthia alterte, und mischte seine Tränen mit denen des Feindes, speiste und labte ihn und gewährte ihm alles und suchte mit kindlichem Wort die Wunde des Leides zu lindern, die er selbst nach dem harten Recht des Kriegs ihm gerissen. Dann erhob er sich. Das Trauern fiel hinter ihn. Seine Seele war gereinigt, und er war reif zum größeren Kampf. Denn Memnon , der dunkle, der schöne, zog aus Assur mit mächtigen Scharen Troja zu Hilfe, 44 Memnon, der Sohn der Eos, der holden Göttin des Morgenrots. Mit Bewunderung und Staunen grüßten sich die jungen Helden auf dem Felde, Memnon und Achill, jeder der Sohn einer Göttin, jeder unüberwindlich, jeder klirrend in Waffen, die ein Gott geschmiedet; dann schwangen sie im Zweikampfe die Riesenschilde und streckten die eschenen Lanzen zum gewohnten Sieg. Es war, wie wenn im Weltall zwei Sterne auf ihren Bahnen zusammenrennen. Der Sonnenaufgang stand wider den Sonnenuntergang, und die Götter selber spalteten sich, und der Himmel begann zu zweifeln. Thetis und Eos, beide göttliche Mütter, knieten vor Zeus, wettflehend um Sieg, und auf des Erhabenen nachtender Stirne woben Gedanken unergründlichen Ratschlusses. Er stand auf, ergriff die Wage der Gerechtigkeit und warf das Los beider Helden in die ehernen Schalen und hielt sie so stehend hoch über der Schlacht. Aber siehe: keine Schale sank; sie schwebten nur zaudernd auf und nieder, und ein atemloses Harren ging durch die Welt. Die Speere der Fechter zerschellten an ihren Schilden, und der Mut beider Helden wuchs. Jetzt aber zersprang das Schwert Memnons; Memnon stand ratlos ohne Wehr. Achill jedoch gab ihm bewundernd das seine und ließ sich selbst ein schlechteres reichen und holte erst danach zum neuen Schlage aus. Da senkte sich in des Gottes Hand langsam und traurig Memnons Schale herab, und sein Harnisch brach, und er stürzte nieder, ins Herz getroffen. Als die Nacht kam, entschwebte Eos mit Memnons Leiche und setzte eine Säule auf sein Grab im fernen Ost. Und die Säule erklang und erklingt an jedem Morgen, wenn Eos am 45 Himmel aufgeht und ihr erster Strahl zärtlich den Stein berührt. Frühen Tod, aber auch Ruhm zugleich, das hatten die Parzen dem Achill verheißen. Erst jetzt war sein Ruhm vollendet, fleckenlos und untadelig. Und Achills Ruhm wurde laut. Jetzt stand Homer auf, der Dichter, und in den Städten und von Meer zu Meer und bis zum Himmel scholl das Wunderlied von Ilion und vom Heldensohn der Thetis. Thetis hörte es, und Todesentsetzen befiel sie, und sie flehte heftiger: »Zeus, Zeus! hilf noch einmal! mach' sie alle blind! Es soll fortan kein Ruhm mehr sein. Mach sie blind, diese Sänger, daß sie verstummen.« Zeus lächelte ihres Unverstandes und machte an einem Tage den Homeros blind und alle Sänger der Heldenzeit. Aber siehe: sie sangen fortan nur noch herrlicher, so wie das Lied der Nachtigall, die man blendet, unermüdlich und doppelt süß ertönt. Apoll aber, der der Spender des Liedes und der Schützer der Sänger ist, Apoll warf seinen Haß auf Thetis und Achill, und er rief dem Tode, daß er komme. Da erscholl zum letztenmal der Möwenschrei über dem Ida. Mit zerrauftem Haar warf sich Thetis angstgepeitscht vor des Gottes Thron, und aller Glanz fiel aus ihrem Angesicht. »O daß ich stürbe! ich! ich! Soll er schon jetzt, kaum zwanzigjährig, von hinnen fahren? Mir, mir gib die Vernichtung und rette ihn, Herr. Meine Gottheit ist mir ein Fluch, und ich kranke am ewigen Leben. Die Abgründe der Erde reiß auf und stoß mich hinunter in die gähnende Tiefe des Tartarus, und ob ich verlechze am Kozyt, und ob ich in ewiger Qual vergehe, und ob ich ersticke am Pechqualm der grausigen Finsternis: aber ich werde dann dort einst 46 mein Kind, mein Kind haben und Achill, den ich geboren, wiedersehen, und sein Tod wird mein Tod sein und seine Seligkeit meine Seligkeit und die Erinnerung seiner Vollendung ein Labequell der Verdurstenden, der nie verrinnt!« So weinte Thetis, wie noch kein Gott geweint. Da zuckten die schweren Wimpern in Gottes Auge, und ein Tau der Rührung schimmerte darin, aber er verbarg seine Gnade in Tadel: »Deine wilde Torheit endet nicht, du Allzuzärtliche! Glaube mir: in der Jugend vollendet sterben ist schönstes Erdenlos. Gönne ihm sein Schicksal. Aber ich verhieß dir Hilfe, selbst wo du irrst. Ein letztes Mittel ist da. Achill wähle selber. Denn sein Wille ist frei.« Und Zeus winkte Hermes, dem hellen Gott der Klugheit, und gab ihm Auftrag, und auf geflügelten Schuhen trat Hermes, da es Nacht war, hinaus in die leere Luft, ließ sich lotrecht fallend zum Griechenlager hinab, und eine Lichtlinie zuckte durch den Himmel, wie wenn ein Stern fiele. Achill saß einsam wach. Einen Löwen hatte er im Gebirge gefangen; mit dem spielte er aufgeräumt und harrte auf den Anbruch des neuen Tages, da er versuchen wollte, die Tore Trojas aus ihren Angeln zu heben. Da sprang er geblendet auf. Sein Zelt war voll Helligkeit, und in einer Glanzwolke sah er den Gott und schwieg in Ehrfurcht, und der Löwe senkte die Mähne und legte das schwere Haupt andächtig auf seine Tatzen. »Sinnst du immer noch Schlachten, Achill?« hub Hermes an, »und gedenkst nicht des Endes? Zeus sendet mich, und er spricht zu dir: zieh heim! Dein greiser Vater Peleus in Pthia trauert: geh hin und tröste ihn. 47 Deïdamia, deine Freundin und dein Weib, die du auf Skyros verlassen, sie trauert auch: geh hin und führe sie in das Haus deines Vaters, wie es dir zukommt. Auch gebar Deïdamia einen Knaben, Neoptolem. Er lebt vaterlos. Erziehe den Knaben nach deiner Pflicht zur Tapferkeit, daß er dir gleich werde. Lerne in der Heimat den Segen der Stille, die Kunst des Friedens; rüste Gelage und koste die Erdenwonnen, die weiche Muße und das Ausruhen, wie die Götter es jedem Tapferen gönnen, und der Tod wird fliehen vor dir, der schon zum Schlag ausholt.« »Sage Zeus,« begann Achill, »daß ich ausharre vor Troja, bis es in Asche liegt. Das hab' ich den Königen der Griechen zugeschworen.« »Wir lösen den Eid!« »Das kann kein Gott, wenn ich selbst mich des Eides nicht entbinde.« Hermes aber fuhr fort: »So freue dich der Erkenntnis wie wir; denn die Götter wollen dich des Höchsten würdigen. Fragst du nicht nach dem Sternenlauf? Ich will dich lehren, ihn zu ergründen. Fragst du nicht, woher die Winde kommen? und Winter und Sommer und Tag und Nacht? und die Quellen des Meeres? und was dem Adler seine Kraft gibt und dem Erz seine Schwere?« Und Achills heller Geist begann zu lauschen. »Erhebe dich! Ich will dir das All erschließen. Du sollst sehend werden wie wir.« Und Hermes führte Achill einsam in grauer Morgenfrühe auf eine Klippe des Hochgebirgs, als noch die Heere schliefen, schwang dreimal seinen schlangenumwundenen Zauberstab in die Sphären, und der Himmel stand offen, und Achills Augen gingen über vor Glanz, und er lachte hell wie ein Knabe und schaute alles, den 48 Olymp und die Schlünde der Unterwelt und die Wurzeln der Erde selbst. Ein Eichenbaum, von Flügeln getragen, der stand frei im leeren All, auf seiner Krone aber hing das Gewand der Welt, in das Zeus Himmel, Länder und Meere gewoben. Da erlahmte im Jüngling aller Wille, und sein Denken verlor sich im Nicht-Ich, und er entschwebte im Schauen, und er bemerkte nicht, daß auf der Erde der Tag begann. Und schon rüsteten die Götter, den tief Träumenden zu entrücken und durch die Luft hinwegzutragen nach Leuke, dem Märchenland, wo er nach Art der Olympier zu seiner Mutter Freude überirdisch und unvergänglich leben sollte – als von den Mauern Trojas zum Ida empor das Feldgeschrei scholl: »Achill ist fort. Der Schreckliche feiert. Zur Schlacht, zum Sieg!« So riefen die Trojaner, und das Wehklagen der Myrmidonen scholl: Laßt uns fliehen. Sein Zelt ist leer. Er hat uns nicht Treue gehalten, und wir sind wehrlos vor dem Feinde!« Da erwachte das Ich in der Seele des Helden und schlug in Flammen auf: »Schließet den Himmel! Was soll mir Erkenntnis, Allwissenheit, wenn man an meines Namens Ehre rührt? Die mir vertraut sind, die brauchen mich. Ich renne gegen Trojas Mauern.« Aber Apoll – schon stand hochgereckt Apoll über dem Skäischen Tor mit gespanntem Bogen, Mißgunst im Feuerauge, und sprang herab ins Gefilde und schoß von hinten den Pfeil in Achills Ferse. Der junge Held fühlte es erstaunt und wollte rennen, den Pfeil im Fuße. Aber Götterpfeile sind tötlich wie die Pest, und er verblich mit Weheschrei und schlug nieder auf sein Angesicht. Und sein Grabmahl wurde hoch erhöht am Strand, 49 daß Thetis, die Mutter, es schauen konnte. Die Sonne erlosch, und Himmel und Erde trauerten. Die Nereïden aber sangen das Meer entlang: »Wer herrlich im Gedächtnis der Zukunft lebt, ist selig zu preisen. Seliger noch das Gedächtnis derer, in denen der Herrliche weiterlebt! Denn wie die Wogen, so sind die Geschlechter der Sterblichen; sie rollen und heben sich und sind gewesen.« Das sangen die Meerfrauen und singen es noch heute. Sehen Sie, teure Freundin: das Ägäische Meer liegt vor uns in schwarzer Nacht, die Schleier des Grams wehen auf und ab, und weiße flehende Hände strecken sich aus dem feuchten Abgrund in die bleichen Wolken. Und aus der tiefsten Brust der Natur kommt ein Stöhnen herauf und leises Wimmern unermeßlich süßer Schwermut, die das Herz auflöst: das unendliche Herzeleid einer Gottheit, die einen Menschen liebte. Der Mutterschmerz ist ewig wie das All. Wohl der Mutter, die ihrem hochstrebenden Sohne sein kurzes, leuchtendes Leben durch engherzige Sorge nicht verdüstert! Und wohl dem Sterblichen, der da Schmerzen leidet; denn seine Schmerzen sterben mit ihm. 50   *   *   Fortuit Ein römisches Märchen Polla, die Bauersfrau, saß im Flur ihres Hauses unter dem Binsendach und stillte ihren Jüngsten, der zwei Monate zählte. Der Kleine war inmitten seiner Ernährung eingeschlafen; sie wiegte ihn mit eintönigem Gesang, und ihre rauhe Stimme setzte eben ab; es war ihr, als ob sie selbst einnickte. Der Schatten von den hohen Bergen deckte das Dorf; es dunkelte rasch. Da meinte sie draußen ein Leuchten zu sehen, wie wenn sich die Morgenröte selbst vor ihre Hütte gestellt hätte und schiene, und eine süße Stimme rief dreimal: Polla! Sie fuhr aus dem Traume auf, fand alles stockdunkel und rief ihren Mann, der hinter dem Herde stand, Knoblauch kaute und langsam das Öllämpchen am Herd entzündete: »Dossénn, mir war im Traum, als ob man mich von draußen riefe. Sieh doch einmal nach, was ist.« Dossénn biß in eine große Zwiebel und sagte knurrend: »Glaubst du, ich soll deinen Träumen nachlaufen?« »Gewiß, tu's, tu's!« bat die Frau. »Es hat dreimal gerufen.« »Ich hab' nichts gehört,« sagte der Mann; aber er schlüpfte in seine schweren Holzschuhe, riß die knarrende Tür auf, die nach innen schlug, und sah auf der 51 Schwelle etwas liegen. Er leuchtete: es war in ein rosenfarbiges Tuch gewickelt. Er hob es auf; da bewegte es sich. Es war ein Kind, kaum zwei Tage alt. »Ein Fallkind auf unserer Schwelle?« Ein Fluch wollte ihm entfahren. Da stürzte aus dem Stall der Knecht ins Haus und rief ganz außer sich: »Dossénn, Dossénn, in diesem Augenblick haben deine beiden Säue geworfen: zweiunddreißig Ferkelchen auf einmal. Du bist ein reicher Mann geworden.« Den Bauer durchfuhr es; er wollte zu seinen Säuen und den fremden Balg fortschleudern. »Was sollen wir damit?« »Bist du unfromm?« rief da Polla energisch. »Siehst du nicht, daß das Glück uns den Eindringling ins Haus gebracht? Im selben Augenblick, als ich den Lichtschein sah, ist im Stall das prächtige Wunder geschehen. Wer weiß, wer das Kind brachte? Vielleicht war es irgendein Gott. Gib her das Kind, ich zieh' es mit auf.« Eben fing der Findling erbärmlich an zu schreien. »Hör' nur, er brüllt, er brüllt! Das Leben tut weh; das bezeugt jeder rechte Säugling. Aber er lebt, er hat Kraft, zu leben.« Und sie setzte den eigenen Sohn ab und nahm das fremde Kind an ihre Brust. Ihre Natur war stark genug und freute sich, beide zu nähren. »Die Götter hören jeden Kinderschrei,« sagte sie andächtig und selbstzufrieden. Erst als der Kleine wieder still geworden, wickelte sie ihn in Windeln von oben bis unten, daß nur das Köpfchen heraussah. Es schien gar kein schönes Kind zu sein. Dossénn aber hatte inzwischen die Glücksbescherung in seinem Stall mit Wonne betrachtet. Zweiunddreißig 52 Ferkel auf einmal! Dafür konnte er sich bald ein ganzes Ackerrind erstehen! Als ihn am anderen Morgen zwei Bälge statt eins aus dem Schlafe schrien, lachte er nur, sah sein Weib gespaßig an und sagte: »Du machst es schon; es bringt dich nicht um. Wenn nur meine Säue an den zweiunddreißig nicht krepieren!« Kaum hatte er das gesagt und stand auf der Straße, da kam in einer Staubwolke ein reicher Mann aus Verona auf einem feinen zweirädrigen Lustwagen einhergefahren; auch noch ein Lastwagen kam im Gefolge. Der Mann hielt an, winkte mit der Peitsche und fragte: »Wir bauen in Verona einen großen Bau. Habt ihr nicht Ziegel im Dorf?« »Ziegel! Ziegel! Ei, ihr lieben Götter! Ist's mit den Säuen noch nicht genug?« Dossénn hatte in den letzten Jahren wirklich Ziegel gestrichen; aber sie standen unterm Verschlag, alle mißmutig und unverkauft. Seine Wirtschaft wollte nicht voran. Jetzt riß er das Maul auf vor Staunen, er hatte auf einmal einen Käufer und half selbst sie aufzuladen, und faßte einen ganz frischen Mut. Denn der reiche Mann sagte, er solle nur immer mehr Steine backen, so Jahr für Jahr; er werde sie ihm alle abnehmen, Fuhre um Fuhre. »Polla, hast du es gehört?« Polla stand in der Tür und nickte sprachlos, und ihre Augen gingen ihr über. Sie hielt beide Kinder auf den Armen, in jedem Arm eins; sonst hätte sie vor Überraschung das Gleichgewicht verloren. Und der Wohlstand mehrte sich gleich, der Kasten schwoll zusehends, und es wurden auch noch ein paar Kinder mehr im Hause geboren. Die gediehen alle ganz wundervoll und strotzten wie die Gurken und Melonen. 53 Nur der kleine Findling – sie hatten ihn Fortuit genannt – war zart und enttäuschte sie. Er lernte laufen und sprechen wie jedes andere Kind und hatte eine liebliche Stimme, wie eine Hirtenflöte, dazu schöne dunkle Locken um die Schläfen, und große blaue Augen von übermenschlichem Glanz standen ihm im Kopf. Aber was nutzten die Stimme und die Augen? Das Bürschchen hatte einen kleinen Höcker, der Kopf war größer als nötig, und die Arme waren gar schwächlich und ohne Kräfte. Polla hatte Mitleid mit dem Kleinen, und Fortuit hing mit Liebe an ihr. Dossénn aber sah jetzt mißmutig auf den Eindringling, der in der Wirtschaft nie nützen würde. Als der Junge sechs Jahre alt war, noch kein Reisig aus dem Walde schleppen konnte und nicht einmal ein paar Backsteine auf den Wagen hob, gönnte er ihm das Brot nicht. Fortuits große Augen sahen, was der Ziehvater dachte, und er begann auf einmal, ihn zu hassen und zu fürchten und drehte sich um, wie der Vater kam. Der packte ihn derb und schlug ihn. Tags darauf hörte Dossénn, der reiche Mann in Verona sei gestorben. Das Geschäft ging ein. Die Ziegelei stand still. Die Armut stand wieder vor der Tür. Dossénns üble Laune wuchs; er mußte die Armut einlassen. Und eines Tages war auch Fortuit verschwunden. »Ein Glück, daß wir ihn los sind!« murrte der Mann, machte sein dümmstes Gesicht und kaute an seinem Ärger, als hätte er Knoblauch im Munde. Polla weinte: »Ich fürchte, das Glück zürnt uns darum, daß wir an dem Knaben nicht recht getan. Ich sah einen Schimmer wie Morgenröte, als er uns ins Haus kam. Du solltest ihn suchen gehen.« 54 Aber Dossénn war trotzig und suchte ihn nicht. Fortuit faß weinend am Feldrain unter einem Wacholderbusch. Er ängstete sich sehr, aber er wollte doch eben artig wieder nach Hause schleichen. Da sagte ein Wanderer zu ihm: »Du armer Kauz, was gibt's denn zu weinen?« Derselbige Wanderer bemerkte, daß das Kind etwas bucklig war, und dachte: Aufgepaßt! Das gibt einen guten Handel. Bucklige sind besonders klug, und in Rom kauft man gern solche Knaben! Freundlich schmeichelnd nahm er Fortuit an der Hand, und der folgte ihm willig und voll Zutrauen. »Wie heißt du?« fragte Fortuit. »Ich heiße Atrox.« Das gab eine lange Reise – erst zu Fuß, dann auf dem Karren, durch Berge und Tiefland und wieder durch Berge. Wie sonnig ist die Welt und wie groß! dachte Fortuit und sang vor sich hin und sah dankbar auf diesen Atrox, der doch nichts als ein Menschenhändler war. Der aber gab bald das Schmeicheln auf und sperrte den Knaben, um seine Mißgestalt noch zu steigern, in einen niedrigen Kasten, worin er nicht aufrecht sitzen konnte; so würde er noch besser verkäuflich sein. Und Fortuit saß in sich gekrümmt und sah kläglich mit seinem feinen Gesicht aus dem Gitter hervor, wie ein mißhandelter Amor im Vogelkäfig; durch das Gitter bekam er sein Futter – bis sie endlich an einem Strom anlangten. Es war der Tiber. Da stand ein schlechtes Wirtshaus, worin die Fuhrleute und Flößer verkehrten. Atrox fing sogleich mächtig zu trinken an, den Kasten aber ließ er in der Sonne auf der Straße stehen. Zum Glück kam Verus, der Flößer; der entdeckte den Gefangenen, und es erbarmte sein Herz, denn er 55 war ein starker und guter Mann. »Komm heraus, armer Junge!« Zitternd hängte sich Fortuit an den Befreier und legte sein Haupt ohne Furcht in sein rauhes, struppiges Gesicht. So angeschmiegt, schlief er gleich ein im Arm des Fremden. Der trug ihn sorgsam zu seinem Weibe und trat dann zu Atrox an den Tisch, wo die Würfel lagen; und das Würfelspiel begann und endete erst am Morgen. Und siehe da: Verus gewann, Atrox verlor und verlor, bis er den Würfelbecher krachend auf den Tisch schlug. »Was hast du noch zu verlieren?« »Nichts als den Knaben.« Da verspielte Atrox auch noch den Fortuit. Der Flößer nahm Fortuit auf sein Floß. »Ich glaube, der Junge war's, er hat mir Glück gebracht!« sagte er abergläubisch. Und so ging nun die Flußfahrt den Tiberstrom hinab, durch die Krümmungen des Gebirges, indes wilde Ölbäume, Bergeschen und Erlen vom Ufer grüßten. Das Floß war bedeckt mit Körben duftender Gemüse und Früchte. Dazwischen hockten des Verus Frau und zwei Töchterlein, und Fortuit lag daneben selig träumend auf dem Rücken und starrte geradeauf in den Himmel. Die Töchter wuschen den Knaben, sie kämmten ihn, sie steckten ihm Früchte in den Mund, sie fragten ihn nach seiner Geschichte, und er erzählte viel; sie neckten ihn und nickten ihm, und er mußte lachen. Er hörte das Wasser unter sich gurgeln und zischen und strudeln und fühlte sich endlich frei und ungepeinigt und glücklich, wie der Fisch im Grund. Verus aber, der das Steuer zu drehen hatte, zählte inzwischen mit Eifer das gestern gewonnene Geld nach. Er zählte und rechnete, als auf einmal die Balken 56 krachten, der Boden schwankte, das Ruder zerbrach und das schöne Geld ihm aus der Hand stürzte. Er hatte auf die Stromschnelle nicht achtgegeben. »Verloren!« schrie er. »Das Sündengeld bringt uns allen Verderben.« Aber – o Wunder! – das Floß blieb heil, inmitten der Klippen, und Fortuit kroch herbei und las ihm das Geld auf, Stück für Stück. Sein Kinderauge war dabei voll von fremdartigem Glanz. Die schwimmenden Balken, die sonst auseinanderklafften, schlossen eng und ohne Spalt zusammen wie der Boden einer Tenne. Kein Heller war ins Wasser gefallen. Verus war bleich vor frommem Schreck. Das geschieht nicht mit rechten Dingen! In dem Kinde steckt etwas! dachte er wundergläubig. Bei mir behalten kann ich es nicht, heimatlos, wie ich bin; aber ich muß sorgen, daß es ihm gut geht, sonst rächt es sich an uns noch nachträglich und aus der Ferne wie ein Gespenst. Als sie endlich an der schönen Hafentreppe in Rom das Fahrzeug festlegten, da bot die Frau das Gemüse, das sie mitgebracht, er selbst aber bot das Kind zum Kauf aus im Menschengewühl der Großstadt. Den vornehmen Händlern, die ganz ansehnliche Sümmchen zahlen wollten, gab er Fortuit doch nicht heraus; denn er meinte, solche Leute würden das Knäblein am Ende nur peinigen und mißbrauchen. Aber da war ein Schullehrer, der sah spindeldürr und ebenso verhungert wie liebreich aus; der kaufte sich eben fünf Sardellen für sein Mittagbrot; denn sie waren zu Hause fünf Personen bei Tisch. Ihm zeigte Verus seinen Schützling, und der Lehrer blickte in das Knabenauge, nahm ihn gleich an der Hand – denn er war nicht nur mager und liebreich, sondern auch klug –, kaufte am Stand 57 noch rasch eine sechste Sardelle und führte den neuen Mitesser stracks nach Hause. Es war ein Handel ganz ohne Geld. Verus hatte für das Kind keine Bezahlung genommen und dankte den Göttern für die glückliche Fahrt und ihre Gnade. Der Herr Magister wohnte in der Altstadt im fünften Stock. Fortuit verging auf den endlosen engen Treppen der Atem. Als sie oben waren und in den schlotartigen Lichthof hinabsahen, befiel ihn der Schwindel. Die Magistersfrau und zwei garstige Töchter begrüßten ihn mit freudigem Geschrei. Die dritte Tochter, Megilla, war hübsch, aber traurig und teilnahmslos. Die Sardellen wurden zu Brot und Wasser verzehrt. Da war er! Man teilte sein Brot mit ihm! Er wurde dann auch noch oben aufs Dach des Hauses geführt, denn er sollte gleich ganz Rom sehen. Aber da wurde ihm so schwindlig, daß man ihn zurücktragen mußte. Die Schüler hatten in Rom Sommerferien vom Mai bis September, und der Lehrer hatte also fünf Monde lang nichts zu tun. Wie ein ausgehungerter Tiger stürzte sich des Magisters Lehreifer auf den Ankömmling. Fortuit mußte gleich lesen lernen, und nicht nur Lateinisch, nein, auch gleich Griechisch, und er begriff das herrlich, als hätte er selbst die Sprachen erfunden. Flugs kamen auch Geschichten daran wie vom Pelopidas und vom Epaminondas (denn das Buch des Cornelius Nepos war damals eben erschienen), sowie auch Tiergeschichten vom Löwen und Esel und von der alten Krähe, die sich mit Pfauenfedern schmückt. Die waren vom Äsop. Fortuit strahlte dabei vor Vergnügen, sein Lehrer aber war ganz gerührt; denn das Lerntalent des Jungen war ihm wie ein Leckerbissen und Zuckerbrot. Er strich ihm sanft über den Rücken und sagte mit 58 süßen Tönen: »Auch Äsop war bucklig wie du, und er ist doch berühmt geworden und hat all die Fabeln erdacht, und auf der Promenade steht sein buckliges Sitzbild in Marmor. Das will ich dir zeigen. Und dein Höcker ist nur klein, aber ich glaube, es sitzt Gehirn darin, und er ist dir ein Ehrenschmuck; und du sollst mir wie ein Sohn sein, um den ich die Götter umsonst gebeten.« Da kamen dem Fortuit die Tränen; denn es war das erstemal, daß jemand so ehrenvoll von seinem Gebrechen sprach. Aber der Magister sprach noch, da hatte es schon laut an der Flurtür gepocht. Ein Bote überbrachte ihm einen großen gallischen Schinken gratis mit Gruß vom Marktbeamten, dem Ädilen; und gleich darauf kam schon ein anderer Bote, der meldete bei ihm für den Herbst fünf neue Schüler an, fünf reiche Freigelassenensöhne aus dem Haus des großen Hortensius! Das waren glänzende Aussichten. Die zwei garstigen Töchter jubilierten und sprangen umher, der Vater rang die dünnen Hände vor Erregung, daß sie knackten, und auf einmal stürzte er mit einem Stück Schinken im Mund und mit einem zweiten unterm Arm zum Tiberhafen. Der Flößer, der ihm den Knaben gegeben, war wirklich noch da. »Hier, nimm, nimm, du sollst auch etwas vom Schinken haben!« rief er atemlos und erzählte, was eben vorgefallen, und auch Verus gab nun zum besten, was er an Fortuit beobachtet und was seine Frau von dem Kinde erlauscht hatte; und der Magister zog die Augenbrauen hoch, als hätte er eine Entdeckung gemacht, wichtiger als die Quadratur des Zirkels. »Aber was nutzt mir der Schinken und alles andere, solange noch meine Megilla traurig ist?« Megilla saß 59 seit Wochen weinend auf einem Schemel. Ihr Verlobter war verzaubert und lief einer andern nach. Als jedoch der Magister nach Hause kam, war auch Megilla froh. Fortuit war aus Neugier aufs flache Dach des Hauses geklettert. Er wollte noch einmal ganz Rom sehen; denn Rom war ja die Stadt, wo der Kaiser wohnte. Aber der Schwindel hatte ihn wieder gepackt. Er hielt sich an der niedrigen Brüstung und glaubte, es zerrte ihn vornüber jäh in die Tiefe. Er konnte vor Angstbetäubung nicht einmal schreien. Megilla aber hatte auf ihn achtgehabt. Sie fand den Hilflosen und schloß ihn in die Arme, bis ihm wieder wohl wurde. Als sie ihn heruntergetragen, stand ihr Verlobter im Zimmer und stammelte Entschuldigungen. Sie schimpfte den Mann erst gründlich aus in beiden Sprachen (denn sie zeigte gern, daß sie auch Griechisch gelernt) und fiel ihm dann glückselig um den Hals. Denn er war Kuchenbäcker und hatte einen Honigkuchen mitgebracht, der größer war als der Tisch. Schinken und Honigkuchen? Nun ging es hoch her, und Fortuit bekam sein Teil von allem. So fand er hier für ein ganzes Jahr eine rechte Heimat, wo ihn ohne Trübung nur Güte und wirkliche Zuneigung umgab. Im Oktober begannen die Schulstunden. Da mußten sie beide, der Meister und er, zu den Lauben im untersten Stock hinunter; denn die Stuben zu ebener Erde waren nach der Straße ganz offen. Da wurde Schule gehalten, und zwar schon eine Stunde vor Sonnenaufgang und im Stockdunkeln. Es galt früh aufstehen, während sonst alles noch schlief. Die Hähne der Nachbarschaft wurden wach von dem Singen und Gedichtaufsagen der kleinen Schreihälse, das über die Straße scholl. 60 Mit Wonne half Fortuit seinem Herrn, hielt ihm die Bücher, spitzte die Kreide und stellte jedem Knaben ein Öllämpchen hin, damit ein jeder auch ins Buch sehen konnte. Aber es waren diesmal so viel Schüler herbeigeströmt, fünfzig statt zwanzig, daß der Platz kaum reichte und er eilen mußte, um neue Lampen hinzuzukaufen. Der Lehrstoff schwirrte im rauchigen Zimmer, der Stock fuhr dazwischen, und alle lernten herrlich. Am Schluß des Quartals brachten sämtliche Kinder dem Magister prompt das in Papier gewickelte Schulgeld, das bisher so oft ausblieb; denn die Eltern drückten sich sonst gern darum und sagten, die Kinder müßten es wohl auf der Straße verloren haben, und der Magister war wehrlos und hungerte. Zur Prüfung endlich kamen die Eltern selbst herbeigeströmt, standen auf der Straße, horchten in die Stuben und hörten zu. Das gab einen wahren Volksaufstand. Aber die Kinder auf den Bänken machten es musterhaft, als hüpfte ihnen vor Freude der Verstand in der Brust. Das war noch nicht dagewesen! Der Magister wurde sofort berühmt; sein grammatisches Lehrbuch, das er vor zehn Jahren abgefaßt und das niemand ansah, war sofort vergriffen, und im hohen römischen Senat selbst trat eine Kommission zusammen, die beriet, ob es nicht an der Zeit sei, diesem berühmten Schulmann ein Marmordenkmal zu setzen. Es kam schon ein Künstler, der seinen Schattenriß aufnahm. Triumphierend saß der Alte Modell. Zu derselbigen Zeit heiratete auch Megilla ihren Kuchenbäcker. Wem dankte er das alles? Es konnte kein Zweifel sein. Und er setzte sich hin und schrieb rasch ein Buch, betitelt »Fortuit«; darin pries er, was alles der Knabe vollbracht, und dichtete noch etliches hinzu. Denn er 61 glaubte, das Talent des Schriftstellers zeige sich erst da, wo er die Wahrheit verläßt. Fortuit selbst erfuhr nichts vom Inhalt des Werkes. Kaum war das Buch erschienen, da bot man dem Verfasser hunderttausend, zweihunderttausend Sesterze für das Kind. Die kolossalen Summen betäubten ihn. Er gab Fortuit weg an den reichen Lollius und wurde nun auf einmal fett und faul, satt und untätig und verlor die Freude aus seinem Herzen. Seine Schule schlief ein, sein Marmorbild kam nicht zustande, und die Geschichte hat nicht einmal den Namen des Mannes aufbewahrt. Fortuit brach fast das Herz vor Betrübnis, als er die fünf Stiegen zum letztenmal hinunterstieg. Er hatte noch nicht das achte Jahr vollendet. Auch der Magister weinte ein bißchen – aber es half wenig – und gab dem Leselustigen zum Trost noch ein paar Bücher mit, die er nicht mehr brauchte. Wie schnell trockneten indes die Tränen, als Fortuit im Palast seines neuen Herrn war! Daß Lollius ein hämischer, ehrgeiziger Mann, daß er seine Reichtümer aus Asien durch Raub erworben, konnte das Kind nicht ahnen. Wie wundervoll war der Marmorpalast, und all die Säulen und Erzfiguren und Malereien! Wie schön war das Bett, das er bekam! Und bei den fürstlichen Mahlzeiten durfte er stehen und vom Silberteller naschen und trug ein himmelblaues linnenes Röckchen: das lag so weich auf seiner Haut! Auch schenkte ihm Lollius gleich, um ihn recht gut zu stimmen, einen Wagen mit zwei schneeweißen Ponys, die kurzgeschorene Mähnen und rote Schleifen hatten; damit fuhr er in dem von Kolonnaden umgebenen Baumpark umher, wo das Wasser aus wundervollen Muschelgrotten sprang – da war es geschützt auch im 62 Winter –, und vornehme Knaben spielten mit ihm, vor allem auch des Lollius kleine Tochter Lolliana. Lolliana zog ihn auf die Bank und küßte ihn, um ihm Mut zu machen. Das machte ihn lachen, und er fragte sie, ob ihr denn sein Höcker nicht mißfiele. Sie aber fand ihn ganz elegant und wunderhübsch und führte ihn gleich zu einem Spiegel; darin beschaute er sich lange von der Seite und dachte heimlich: »Es steckt Gehirn darin, sagte der kluge Mann. Gehirn? was ist das nur?« Und er wurde fast eitel; aber Lolliana liebte er fortan über die Maßen, denn sie war liebreizend und fein. Lollius war mit dem kaiserlichen Hof zerfallen und saß bärbeißig, verärgert, gedemütigt und schmollend in seinem Reichtum. Jetzt aber ging ihm plötzlich des Kaisers Gnade auf. Niemand begriff, wie das zuging. Der große Kaiser Oktavian erschien in Person bei ihm; Lollius wurde mit allem Glanz zum Konsul erhoben – eine lang ersehnte Ehre –, seine Frau und seine Schwester wurden als Hofdamen bei der Kaiserin zugelassen, und auf einmal strömten ihnen auch die Gunst und die Huldigungen der großen Gesellschaft zu. Er hatte, was er wollte. Oktavian war übrigens gekommen, um den kleinen Fortuit bei Lollius zu erspähen. Denn auch zu ihm war das märchenhafte Gerücht gedrungen. Er hätte ihn gern mit in den nächsten Krieg geschickt. Wer weiß? der Sieg wäre durch ihn entschieden gewesen. Aber Lollius verbarg den Kleinen wohlweislich, und der Kaiser scheute sich, nach ihm zu fragen. Seitdem hielt ihn Lollius verborgen. Nur zum Zirkusrennen ließ er ihn einmal gehen; denn Fortuit bat so sehr. Im Zirkus fuhren die Vierspänner der Vornehmen 63 um die Wette, und Lollius und viele andere öffneten ihre Stallungen und sandten ihre schönsten Vierer dorthin. Fortuit war mit im Zirkus. Er schlich voll Neugier zu den Kutschern, die eben mit Geschrei ihre Tiere anschirrten. Niemand kannte ihn. Aber im Gedränge fiel er hin, und ein Kutscher trat auf ihn und stieß ihn roh mit dem Fuß zur Seite, als ein andrer ihn rettete, ihn emporriß und freundlich festhielt und tröstete. Es war ein schöner, feuriger, starker Mann im blauen Rock: das war Fortuits Lieblingsfarbe. Der stellte ihn in seinen Wagenkorb, und die Wettfahrt begann; der Knabe bebte vor Erregung, die Sandwolken flogen, die Achsen krachten, der Schaum der Tiere flog ihm spritzend ins Gesicht. Das Volk schrie von allen Seiten aus tausend Kehlen: »Ein Knabe im Wagen! der Knabe, der Knabe!« – Ein Wirbel, ein Donnern, ein Heulen, ein Stampfen – siebenmal die Bahn! Die Fahrt war zu Ende. Fortuit hing jauchzend und halb von Sinnen in seines Beschützers Armen. Se i n Wagen hatte gesiegt. Aber es war nicht des Lollius Wagen, der siegte. Fortuit war mit dem Gegner seines Herrn gefahren. Lollius wütete; seine Niederlage war schwer; die höchsten Wetten standen auf seinen Pferden. Am andern Tage wurde Fortuit mit Ruten blutig gestrichen, daß ihm das Rückgrat noch lange schmerzte, und er wurde fortan in strengem Gewahrsam gehalten. Niemand sollte etwas von ihm haben. Auch Lolliana sah er jetzt nur noch von weitem; sie blickte nicht mehr nach ihm; er sprach sie nie wieder. Nur mit der Dienerschaft im engsten Hausverbande durfte er noch verkehren. Da kam ein tiefes Trauern, eine unsägliche Verlassenheit über ihn, schwerer denn je. Denn er war sich keiner 64 Schuld bewußt. Er war so stolz, so glücklich gewesen, und aus all dem Glanz und all der Wonne war er gerissen. Er begriff nicht, warum, weshalb man ihn geliebt hatte und wieder verstieß. Unter den rohen Stalljungen und Waschmädchen verbrachte er die nächsten sieben Jahre. Sein Herr vergaß ihn ganz. Er war für ihn nur Zahl, nichts weiter. Aber sein Körper gedieh in der Stille und wuchs ansehnlich, und seine Natur gesundete. Glück brachte er niemandem. Er liebte nur die Bücher, die er besaß; die las er in der Einsamkeit immer wieder. So ward er fünfzehn Jahre alt. Da merkte er, daß eine wohlhabende griechische Frau – sie hieß Helena –, die bei einer der Schaffnerinnen verkehrte, auf ihn achtgab. Sie hatte längst von Fortuit gehört. Er war ja das Wunderkind, über das der Magister, als er noch hungerte, sein bekanntes Buch geschrieben hatte. »Besuche mich!« sagte sie zu ihm. »Mein Herr hat verboten, daß ich ausgehe,« gab er zurück. Aber er kam heimlich zu ihr, einmal und oft; es war ein Abenteuer, als wäre er ein Liebhaber, und in ihm erwachte ein verschleiertes Gefühl grenzenloser Hingabe. Aber Helena war nicht wie andre Frauen. Sie war Witwe und schön wie eine Heilige. Ihre Stimme klang feierlich wie Tempelgesang. Schwarz wie Kohlen glommen ihre Augen in ihrem tiefbleichen Gesicht, und sie hatte den Blick der Seherin. Sie wollte ihn erziehen und versuchte in heiligen Büchern mit ihm zu lesen. Aber er sah nur sie. Sie erzählte ihm Legenden von frommen Männern, die Wunder taten und verbrannt wurden, und die Welt pries sie selig. Fortuit fand das sehr grausam und fremd, 65 und er hörte nur sie . Sie führte ihn ins Nebengemach: da stand in magischem Licht eine Statue Virgils, des großen Dichters, großmächtig und gedankenvoll. »Wer aber ist Virgil?« fragte Fortuit. »Das ist der weiseste unter den Menschen,« antwortete sie; »und er lebt noch . Könntest du ihn suchen!« »Ich will nur dich! « stammelte er zärtlich. Da begann Helena: »Sieh nicht auf mich, Kind. Die Götter haben ihre Pläne mit dir. Berühmt wie Virgil und ein Beglücker des Menschengeschlechts, das sollst du werden.« »Das versteh' ich nicht,« sagte Fortuit und weinte. Sein Herz öffnete sich endlich ganz: »Siehst du denn meinen Höcker nicht? Mein Höcker ist mir ein Zeichen: ich werde wohl Sklave bleiben mein Lebelang. Er ist wie die Last, die den gebückten Knechten im Rücken hängt, während der Freie nichts trägt. Des Freien Nacken steht schlank und gerade!« Helena sagte sanft: »Die Götter tun nichts Übles. Glaube mir: der Höcker des Buckligen ist wie der Henkel am Krug; Gott will ihn daran fassen zu seiner Zeit, um ihn emporzuheben und anzufüllen mit Glückseligkeit aus dem Born des Himmels bis oben hin.« »Warum aber verdurste ich denn?« fragte Fortuit traurig. »Und was soll aus mir werden?« »Du bist ein Glücksbringer! Darum lieben dich die Guten, und die Schlechten fürchten dich. Weißt du es nicht?« Fortuit wußte es nicht. »Aber daß du ein Findelkind, das weißt du doch? Findelkinder aber sind Kinder des Glücks, die 66 Glücksgöttin Fortuna selbst ist deine Mutter, und heimlich hat sie dich einst auf die Schwelle gelegt. Deine Mutter selber, die wirkt in dir. Daher hast du der Megilla zur Ehe, ihrem Vater zum Wohlstand, hast du dem Lollius zu des Kaisers Gnade verholfen; daher hast du auf der Rennbahn gesiegt. Du bist ein gefährlicher Mensch und mächtig wie das Schicksal selber. Gib acht, daß du hinfort nicht den Verkehrten beglückst.« »Und wie soll ich achtgeben?« »Prüfe die Menschen. Häng' deine Zuneigung nur an die, die es verdienen. Wen du nicht liebst, der hat von dir nichts zu hoffen. Deine Liebe ist deine Macht. Liebe nur, die reines Herzens sind, und du wirst sein wie ein Gott auf Erden; denn alsdann wird durch dich die Tugend schon hinieden ihren Lohn haben.« So sprach die eifrige Frau. Fortuit aber war tief bestürzt, er erschrak vor sich selber, er war sich selbst ein Gespenst: »Es muß schrecklich sein, ein Gott zu sein! Und wer ist gut? bist du es, Helena? Und warum darf ich dich, dich allein nicht glücklich machen?« »Weil ich wunschlos bin«, sagte sie herb und gab ihm ein Schriftstück in einer Kapsel, die ganz erfüllt war von Weihrauchduft. »Geh! Ich habe hier ein Wort für dich geschrieben; das lies dereinst, wenn du ein Mann geworden; es wird dir helfen, wenn du es brauchst.« Am andern Tag war Fortuit an Agatharch in Capua verhandelt. Man schleppte ihn fort aus Rom. Er sollte Helena nie wiedersehen. Denn Lollius, sein Herr, wollte ihn endlich los sein, da er nichts mehr von ihm hoffte, und ließ seine unheimliche Begabung beim Verkauf laut anpreisen, um wenigstens noch ein gutes Geschäft zu machen. Agatharch, der neue Käufer, versprach 67 sich viel von ihm. Von neuem war er unter Fremden. Sollte hier dasselbe Spiel noch einmal beginnen? Agatharch war Arzt und schliff gerade sein Seziermesser, als Fortuit, ganz ausgehungert von der Reise, in die Halle trat. Fortuit sah in ein Habichtsgesicht mit krummer Nase und in ein paar Augen, die gelb und blank wie Honig waren. »Willkommen, Bürschchen! Du sollst uns Glück bringen!« sagte Agatharch. »Und bist du auch gut? « fragte Fortuit einfach. »Ich bin Arzt, und wir Ärzte sind alle gut; denn du weißt, wir helfen den Leidenden.« Und er zeigte ihm gleich seine Bestecke und Zangen und Sägen und Sonden; die lagen alle fein sauber und unbenutzt. Denn Agatharch hatte als Militärarzt im letzten Kriege die Verwundeten arg mißhandelt; in Capua fürchtete man ihn daher wie den Tod und vertraute ihm keinen Esel an. Fortuit fragte kritisch: »Die Ärzte, die gut sind, brauchen die auch noch Glück?« Als ihn aber Agatharch mit an seinen Herrentisch nahm zu einem herrlichen Empfangsessen und ihm gar in Jahresfrist die Freiheit versprach, die Freiheit und noch Geld dazu, da erwärmte sein Herz sich rasch: »Freiheit! köstliches Wort! Wer mir die Freiheit schenkt, den muß ich lieben.« Am selben Tage noch brach ein großes Viehsterben in Capua aus, und man schickte in der Not auch zu Agatharch. Er konnte sich jetzt wenigstens an den Eseln bewähren. Ja, auch ein Mensch ließ sich von ihm amputieren und blieb am Leben; Fortuit assistierte bei dem Werk; der abgeschnittene Fuß wurde sorgfältig einbalsamiert und zum Dank in einem Tempel aufgehängt. »Daß doch die Seuche endlich auch in die Menschen 68 führe!« zischelte Agatharch zu Rufa, seiner Frau, und kniff vor Gier die blanken Augen zu, als ob sie klebten. Fortuit hörte es, und er stutzte. Das schien ihm nicht gut zu sein. An seinen Haustürpfosten schrieb Agatharch die Anpreisung: »Hier findet man Heilung gegen Schlangenbiß«; in seinem Hofe aber züchtete er giftige Nattern und setzte sie dann heimlich in die Gärten und Häuser der Nachbarschaft aus. Fortuit sah mit Angst die züngelnden Tiere. Ein Widerwille faßte ihn. Im Hause saß ein altes Männchen mit wackelndem Kopf auf einer Kiste. Das war Agatharchs reicher Vater. Der sah aus, als wäre er wie Tantalus am Verhungern; man wusch ihn nicht, man kämmte ihn nicht, und er warf täglich lechzende Blicke herüber, wenn Fortuit mit seiner Herrschaft Krebse und Masthuhn aß. Fortuit sprang auf, um dem Tantalus seinen Teil zu bringen, aber man riß ihn zurück: »Das Huhn ist für uns; er verträgt es nicht.« »Es ist Zeit, daß er stirbt,« hörte er Agatharch zu seinem Weibe raunen. »Weiß er denn nicht, daß wir sein Geld brauchen, und ist er nicht alt genug geworden?« Den anderen Tag brachte das Paar dem großen guten Gott Jupiter ein reiches Brandopfer im Tempel. Fortuit aber wußte, weshalb sie beteten. Er haßte, haßte jetzt seinen Herrn. Wehe, wenn er ihm auch nur einen seiner Wünsche erfüllte! Sein Herr aber merkte den Wandel und verging vor Wut – denn auch der Tantalus verjüngte sich wunderbar und saß fester als je auf seiner Geldkiste. Das Jahr war verstrichen, aber die versprochene Freiheit blieb aus. »Was, Freiheit?« kreischte Agatharch, und seine Honigaugen wurden giftig wie die Nattern. 69 »Wenn du mir nicht Glück bringst, Betrüger, mir nicht gleich morgen einen Haufen von Kranken schaffst – und ob die Pest unter die Menschen fährt! – so schneide ich dir den Höcker weg, daß du merken sollst, wozu ich meine Messer schleife. Du hast Bedenkzeit bis morgen.« Da befiel den Fortuit Todesangst. Er liebte doch jetzt seinen Höcker, und er dachte, der Krug könnte zerbrechen, wenn man ihm seinen Henkel nähme; und der Krug war immer noch so leer an Glück. In stockdunkler Nacht floh er davon, irrte im Wintersturm durch die Gassen und fand erst am Morgen einen Bauersmann, der mit einem Karren voll Säcken ins Gebirge fuhr. Tief in den Säcken verkroch er sich, ohne daß der Fuhrmann es merkte; nur sein Höcker ragte ein wenig heraus. Die Maultiere zogen an. Agatharch verfolgte sein Opfer umsonst. Er war gerettet. Der Fuhrmann machte große Augen, als er am Ziel war und den Eindringling fand. Er wollte die Hunde auf ihn hetzen. Aber es stellte sich heraus, daß die Säcke auf der Fahrt sich wunderbar vermehrt hatten: zwanzig hatte der Mann aufgeladen, und dreißig lud er wieder ab. Auch fand sich im ersten Sack gleich noch ein goldener Ring, der für eine Prinzessin getaugt hätte. Das ist mir ein kostbarer Junge! dachte der Fuhrmann und sagte grunzend: »Du darfst bei uns bleiben.« Fortuit hätte ihn küssen mögen vor Dankbarkeit; denn er war nun endlich frei und geborgen. Aber der Kerl war borstig und wild wie ein Waldteufel. Da saß er nun unter rauhen Hirten, eingeschneit im engen Hochgebirge des Apennins. Die einfältigen Leute sahen mit scheuer Verehrung auf ihn und brachten ihm Hirse und Käse und Haferbrot gegen den Hunger. Das 70 schmeckte ihm freilich wenig, denn er war durch die städtische Küche arg verwöhnt. Und er war nun ganz vereinsamt. Denn wer sollte ihn hier verstehen? Der Himmel zog seine schweren Winterwolken durchs Tal; dann kam der Frühling und legte seinen Glanz um sein junges Herz. Aber er trauerte und war wie ein junger Baum ohne Trieb, als sollte er eingehen. Er hatte die Menschenverachtung gelernt. Er glaubte nicht mehr an das Gute. Wozu leben die Menschen? Sie sündigen, um reich zu werden; sie werden reich, um zu sündigen; sie schwelgen, um zu sterben – und hätten sie nicht gelebt, die Welt wäre besser. Und Fortuit selbst? Wozu seine Begabung, an die alle glaubten? Auch er trug ja tausend Wünsche in der jungen Brust, aber er konnte sich keinen erfüllen. Er konnte nur andre glücklich machen. Er hatte Heimweh nach Polla, die seine erste Mutter gewesen. Er hatte Heimweh nach dem Floß, auf dem er den Tiber hinabgeglitten wie in die Gefilde der Seligen. Er hatte Heimweh nach der Schulklasse mit den Öllämpchen, wo er mit Myrtenbesen den Boden gereinigt, wo er dem Magister das Buch gehalten und wo er wirklich gefühlt, daß er etwas galt. Er hatte Heimweh endlich nach Lolliana, die wie ein Morgenstern, und nach Helena, die wie ein Abendstern ihm vor der Seele stand. Alle, die er liebte, waren ihm entrissen worden, und keiner hatte ihm mit gleicher Liebe gelohnt. Da fraß der Neid in ihm. Einsam wie die Eule saß er in einem Baum und ließ sich keinen nahekommen, aus Angst, er könne ihm Gutes tun, indes sein Herz aus Mangel an Liebe verschmachtete. Die Hirten aber hatten ganz andres von ihm gehofft; sie gönnten dem Nichtsnutz keine Nahrung mehr 71 und verlangten, daß er ihr Tal verlasse. Vereinsamung ist der Hungertod der Seele. Aber er wollte auch sonst nicht verhungern. Das gab ihm einen gesunden Stoß. Er brauchte die Menschen doch! Sein Leben mußte sich entscheiden. Wohin sollte er sich wenden? Er stürzte sich in den sprudelnden Bergbach, badete sich Leib und Seele rein, und ein kräftiges Wollen kam über ihn. Jetzt endlich griff er nach der Kapsel, die ihm Helena gegeben, und die von heiligem Weihrauch noch immer duftete. Da las er die strengen Worte, die ihm Helena für diese Stunde geschrieben hatte. »Lebe für andre,« hieß es, »und vergiß dich selbst! Liebe, aber hoffe nichts! und du wirst nicht nur in dieser Welt, sondern auch vor Gott groß werden. Geh hinaus zu den Guten und Bedürftigen und gib ihnen das Glück, das du nicht hast! Ich weiß,« schrieb Helena, »diese Lehre ist herb und schwer. Laß sie groß werden in deinem Herzen und mache mir Ehre als mein rechter Schüler. Wenn du aber verzagst, so geh zum Virgil! Virgil wird dir Trost wissen. Denn er ist weiser als wir alle.« Fortuit las mit Andacht; er dachte an Helena, und es gab ihm Kraft. Der überirdische Glanz war wieder in seinen Augen. Er griff zum Stecken, gürtete sich in ein Fell, schlug um seinen Rücken den blauen Mantelstreifen und schritt rüstig hinab ins Tal des Volturnus. Hätte er sich selber sehen können, er hätte bemerkt, wie er gewachsen; seine Züge waren fein und gedankenvoll, seine Wange blühte, und der Schatten eines Bartes stand keck auf seiner Lippe. Da tat sich die Tiefe vor ihm auf, und er sah dort unten im rotgelben Dunst das Volk in langem Zuge um einen Acker gehen. Es war große Dürre im Land, 72 die Luft glühte, die Saat versengte, das Vieh lag verlechzend am Wege, und das Volk flehte in Prozession mit lauten Litaneien um Rettung der Ernte. Das traf gleich sein Herz: es war die Not der Kreatur! Er stellte sich mit in den Zug und betete mit. Man warf erstaunte Blicke auf ihn. Wer war der Pilger, so fromm und jung? Da begann es schon zu dunkeln. Im Donnergewölk kam das Gewitter. Es kam, es kam! Der Regen ergoß sich. Er währte drei Tage. Der Halm stand auf. Die Flüsse rauschten. Der Segen war wieder im Lande. Das Volk warf die Götterbilder aus den Händen und schrie nach dem jungen Wundermann: »Wo ist er? Wir wollen ihn speisen und wie einen Himmlischen verehren!« Fortuit aber war geflohen, noch ehe man auf ihn achten konnte. Freute er sich nicht? Er hatte eine Gemeinde beglückt! Es war das erstemal, daß er mit bewußtem Willen Unglück in Glück verwandelte. Er kannte jetzt seine Macht. Wie ein Heiland und Segenbringer schritt er durchs Land. Aber sein Herz blieb tot: »Und wann wird mir der Segen? wann fällt Regen in mein Herz? Einsam, verlassen, verstoßen unter den Fröhlichen – wo soll ich hin?« Und er schluchzte vor Weh. »Ich bin kein Gott, ich bin ein Mensch und habe Sehnsucht wie andre Menschen. Wer nimmt diese Begabung von mir, die ich nicht tragen kann?« Da fiel ihm Virgil ein. Virgil sollte ihm Rat geben. Er wohnte am Posilipp bei Neapel in einem Landhaus über dem Meer. Das Haus war ein Palast, denn Virgil war reich wie ein Fürst und Herr, und drei Tage lang stand Fortuit zaudernd und wagte nicht, an das Tor zu pochen, als könne er die Majestät des Hauses beleidigen. 73 In der Nähe wohnte eine Fischersfrau; bei der trat er ein. Sie hieß Polla, geradeso, wie einst auch seine Ziehmutter geheißen. Der Name schlug ihm mächtig ins Herz, und mit der Sehnsucht des Kindes fing er an, diese Polla heiß zu lieben; denn sie schien ihm so schlicht und so mütterlich edel. Und er sagte ihr in beweglichem Ton: »Ich bin elternlos, Frau. Oh, könnte ich hier mein Heimweh stillen! Könnte ich nicht bei dir bleiben, und wolltest du nicht meine Mutter sein?« »Ich habe drei Söhne,« sagte Polla stolz und mild. »Sie sind draußen auf dem Meer. Die Götter legen jedem das Seine auf; sie werden dir auch helfen. Geh nur zum Virgil, wie du es wolltest.« Virgil hauste wie ein Geheimnis in seinem Schloß; seit zehn Jahren hatte die Welt ihn nicht gesehen. Er dichtete ein großes Werk über Götter und Helden zum Ruhm der ewigen Stadt Rom, und die Menschheit wartete darauf und harrte seit langem. Besucher ließ er ungern zu sich ein. Als aber Fortuit sich meldete, da befahl er, sogleich das verrostete Tor zu öffnen; denn er wußte längst von diesem Wunderkind. Er war fast wie ein Allwissender. Fortuit schritt gedrückt und scheu durch all die Säle. Der eine Saal hing voll von Heldenwaffen; denn der große Dichter hatte ein gar zu friedliches Herz und eine zu weiche Hand und mußte erst Speere sehen, wenn er von Schlachten dichten wollte. In einem andern Saale stand ein Kranz edler Götterbilder auf hohen Säulen, die waren wie lebendig, und der Meister starrte sie an, tagelang, bis sie ihm vernehmlich zu reden schienen, und er sang himmlisch von den himmlischen Dingen. Dann war da noch ein Turm, der war drehbar und von Glas, und Virgil sah, wenn er ihn erstieg 74 und der Turm sich drehte, ringsum in alle vier Teile der Welt, und nichts entging seiner Kunde. Unter dem Palast aber ging es tief in den Erdenschoß. In diese Unterwelt der schwarzen Grotten stieg der Dichter mit Fackellicht gedankenvoll, wenn er vom Jenseits dichten wollte und von den Strafen der Hölle. Virgil kam eben aus der Unterwelt. Er war bleich wie der Tod, aber ein Riese von Wuchs. Mit stumpfem Blick sah er auf den jungen Pilger und sagte mit müden Mienen und einer dünnen, weichen Stimme: »Senke deine Augen, Knabe! Ich komme aus der Nacht, und deine Augen strahlen und blenden mich. Ich weiß, du bist der Glücksbringer, der jetzt durch die Welt geht. Ich hoffe aber, du überhebst dich nicht. Denn ein Mensch wie du ist nicht mehr als ein Amulett; man wirft es fort, wenn es kein Glück bringt. Sieh hier, ich selbst trage solch Amulett am Halse. Es ist ein Beryll, und es hat sich bewährt. Wenn ich den Stein berühre, da gestalten sich plötzlich meine Gedanken, mein Werk gelingt, und ich bin mit Glück versorgt. Womit kann ich dir nützen?« Fortuit sagte bitter: »Ich will mein Los nicht mehr tragen. Ich will kein Amulett sein. Ich bin ein Mensch. Die gräßliche Wunderkraft bringt mich um. Sage mir, wie kann ich ihr entrinnen?« Da faßte Virgil weich das Haupt des Knaben und sagte: »Deine Augen strahlen nicht mehr und sind voll Tränen. Jetzt sieh mich an. Es gibt drei Klassen von vernünftigen Wesen: es gibt Götter, es gibt Dichter und es gibt Menschen, die im Haufen leben. Die Götter brauchen kein irdisches Glück; der Dichter braucht es, aber er findet es nicht, weil sein Verlangen in die Wolken greift, wo die Ideale schweben, und er lernt 75 zu entsagen, um so zu seinem Werk heranzureifen. Mein Werk lebt, nicht ich. Das ist mein schweres, dumpfes Los. Du aber taugst weder zum Gott noch zum Dichter. Du brauchst Liebe, armes Kind. Ich beklage dich. Suche jemanden, der dich liebt wie du ihn , und der Zauber wird von dir fallen, der dich vernichtet, und du hörst auf, ein elender Sohn des Glücks zu sein.« Virgil stieg müde auf seinen Turm. Der fing schon an, sich zu drehen. Fortuit sah ihm voll Ehrfurcht und Mitleid nach, in seinem Ohr aber tönte es: Suche jemanden, der dich liebt, wie du ihn! Und er stürzte zu Polla: sie sollte ihm Mutter sein, sie sollte es; er wollte ihr Herz erweichen. Aber – er fand sie nicht zu Hause. Vom Hafen kam ein Geschrei. Da fand er Polla. Ihre Söhne waren in der Frühe beim Fischfang ertrunken. Wie wahnsinnig lag sie über den drei Leichen. Fortuit umfaßte sie. »Polla! Mutter!« rief er. »Ich wollte dein Sohn sein! Warum hast du mich fortgeschickt? Ich hätte dir Glück gebracht, und die Söhne wären dir nie gestorben.« Sie hörte nicht. »Mutter,« rief er wieder, »tröste dich nur und sieh mich an! Ich bringe ja Glück, und mit allem, was ich bin, will ich dir dienen.« Sie hörte noch immer nicht. Gewaltsam zog er sie empor. Da stöhnte sie in ihrem Jammer: »Ich will sterben! Kinder, Kinder, nehmt mich mit in den bleichen Tod!« Das sprach sie noch; da war sie zurückgesunken. Ihre Augen standen gläsern. Ihre Hand war starr und kalt. Ihr Wunsch war erfüllt. Er, er hatte sie getötet. Das graue Entsetzen faßte Fortuit; er war imstande, auch Menschen umzubringen, Menschen, die er liebte. Er rannte hinweg – man konnte ihn für den Mörder 76 halten – und warf sich mit einem Sprung auf ein Schiff, das eben nach Ägypten abfuhr. Das blaue Meer lag lauernd da wie ein schönes Raubtier. Die Segel blähten sich, die Wogen stießen das Schiff. Auf Deck drängten sich fahrende Spielleute, Weiber und Gesellen, bei süßem Saitengeklimper und Liederklang. Bunte Tücher wehten vom Mast. War es nicht eine Jubelfahrt? Fortuit aber glaubte, die blauen Wogen leckten nach ihm, und er müßte in die endlose Tiefe versinken. Dort unten war es still. Da waren auch Pollas Söhne still geworden. Da legte sich eine Hand auf seine Schulter. Ein hochgewachsener Mann mit langem weißem Bart trat zu ihm und sagte: »So jung, mein Freund, und so betrübt?« »Ich bin verflucht und ein Sohn des Glücks,« ächzte Fortuit. Der Alte aber nahm ihn lächelnd an der Hand: »Komm mit! Dort hinter den Fruchtkörben sitzt Manto, meine Enkelin. Ich bin zu alt für sie; sei du ihr ein Gefährte.« Manto hielt gegen die Sonne über ihrem Haupt ein großes Palmenblatt, und Fortuit konnte ihr Gesicht nicht sehen; er sah nur ihre langhängenden schwarzen Zöpfe, darin goldene Bänder geflochten waren, bis sie das Blatt senkte. Da sah er sie; sie war schön und träumerisch wie das Meer. Er meinte Lolliana, er meinte Helena zu sehen; aber er sah mehr als sie beide. Manto hob die schweren Lider, und ihr dunkles Auge ruhte warm und fest auf ihm, wie ein aufrichtiger Gruß des Willkommens, und als früge sie ihn nach seinem Kummer. Wie zwei Ringe sich verschlingen, so fingen ihre Blicke sich da ineinander und konnten sich nicht 77 trennen. Da beschlich es Fortuit wie ungläubige Hoffnung, wie Knospenspringen, wie Vogelsang. Er atmete tief, als zöge er mit diesem Odem den Himmel ein. Es wurde licht. Er war Mann geworden. Er liebte! Er liebte von neuem, aber er liebte ein junges Weib. Der Greis fuhr mit seiner Enkelin nach Lipara. Lipara, das dürre Felseneiland, das weltverloren und steil und eng im Meere lag, war ihre Heimat. Sie baten ihn, dort ihr Gast zu sein. Und er war ihr Gast und nächtete in dem stillen Haus, das unter Felsenhängen hoch über der Brandung stand, und erzählte ihnen das seltsame Märchen seines Lebens. Am Morgen aber trat der Greis zu ihm und sprach: »Bleibe hier und suche dir ein Weib. Du wirst nicht weit suchen, und Manto liebt dich, und du bist mir teuer.« Fortuit brach zusammen. Ihm wurde zumute wie damals, als er auf hohem Dach gestanden und ganz Rom in seiner Herrlichkeit zu seinen Füßen lag: der Schwindel faßte ihn; die Sinne vergingen ihm. Manto war es, die ihn in ihren Armen hielt, als er die Augen aufschlug. Da fiel er in die Knie und dankte mit gestreckten Händen dem Schicksal hoch über ihm, das ihn in dies Leben geworfen und ausgesetzt. Er hatte das Glück gefunden und hatte das Glück gebracht . Es war das Glück, das jenem weisesten der Dichter nie erschienen, das Glück, um das selbst die Ewigen in ihrer Seligkeit den armen Staubgeborenen beneiden. Er brachte es seinem Weibe und keinem anderen mehr. – Agatharch war am Natterbiß gestorben. Der große Lollius fiel längst aus des Kaisers Gunst. Dossénn, der Bauer, lebte mit den Seinen in grauer Armut und Plage. Der Flößer Verus dagegen trank allabendlich lachend seinen würzigen Landwein und gedachte des 78 fremden Kindes, das ihm dereinst seinen Wohlstand begründet, mit Dankbarkeit. Der Magister hatte sich von seinem Marmorbilde, das nie zustande kam, zum wenigsten den Sockel erworben; darauf saß er nun täglich als sein eignes Monument vor seinem Hause und horchte, ob er nicht wieder etwas vom Fortuit höre; denn er hätte gar zu gern über ihn auch noch ein zweites Buch geschrieben. Fortuit aber blieb verschollen für immer. Er lebte mit Manto weltenfern, wie auf einem stillen Sterne. Auch geschahen keine Wunder mehr. Das Haus gedieh, die Felsen begrünten sich; aber das war ihrer Hände Werk und der Lohn ihres Fleißes, den die Natur dem Redlichen selten versagt. Der Höcker, der dem Griff des Kruges glich, vererbte sich nicht auf seine Kinder. Der Krug selbst aber füllte sich von Tag zu Tag mit Glück bis zum Rande. Dann ging er in Scherben, wie einst alle Krüge, wenn ihre Zeit gekommen, in Scherben gehen. 79   *   *   Marpessa Eine griechische Legende Heil dir, großer Gott Apoll! Weh, wehe über den Gestorbenen. Hyakinthos! Hyakinthos!« »Was ist das für ein Geschrei unten im Tal?« so fragte Idas , der Held. Er stand, auf die Keule gestützt, und der Hohn spielte um seine bärtige Lippe. »Spotte nicht; laß uns lauschen. Die Andacht beginnt und das Gottesfest.« So beruhigte ihn der Viehhüter, der neben ihm stand und mit ihm zu Tale spähte. Kienfackeln sprühten auf und begannen im Zuge am Fluß entlang zu irren. Denn der Abend senkte sich schon über das Eurotastal; noch flammte aus Westen der letzte Glutstrahl der sinkenden Sonne auf, und linde Kühle folgte auf den heißen Tag. »Hyakinthos! Hyakinthos!« »Welch Geheul! Tu mir Wachs in die Ohren, oder gib Wein her; laß uns zechen!« Sie warfen sich ins Gras; die Knechte holten den Weinschlauch aus Ziegenfell und füllten den tönernen Mischkrug. Das Wehgeschrei steigerte sich; seltsam unheimlich stoßend drang es durch die Nacht. Idas schrie gellend auf; er wollte mit Jauchzen und Johlen die Klage überschreien; seine weißen Zähne lachten unter dem schwarzen lockigen Bart. Aber sein Gastfreund hielt ihn zurück: »Laß uns fromm sein und stille.« 80 Der Jüngling fiel auf, wo immer er sich zeigte, und man kannte ihn in Amyklä schon. Vor etwa zehn Tagen war er gekommen, der einsame junge Wanderer und Held. Zwanzig Sommer zählte er: breit und massiv wie Herkules, mit starkem Nacken und stiermäßig vorgeneigtem Haupt. Ein Wanderleben und Jagdleben, das liebte er und war aus Messeniens Gebirgen gekommen, das Messer im Gürtel, Köcher und Bogen an der Schulter, ein Hirschfell um die Lenden; der Köcher mit Bärenklauen verziert. Was wollte er? was suchte er hier? Ein spartanisches Mädchen wollte er sich fangen; das war die Jagdbeute, nach der er lechzte. Denn er hatte genug Bären und Eber erlegt. Die spartanischen Mädchen sind die stärksten, wie sie ein Held braucht, und sie wachsen hier im Eurotastal, in Amyklä und Sparta, den offenen Städten. Er kannte niemanden und wußte nicht, wohin mit sich selbst. Er sah, wie die Rosse frei in Herden auf den Wiesen weideten: ein Roß konnte er sich rauben, aber ein Mädchen nicht; denn die Mädchen wurden in den Häusern gehütet von ihren Müttern. Den Viehhüter am Berge, den sprach er an; der nahm ihn in seiner Hütte auf. Menon hieß er. Eine Wiesenstelle war vom Bergwasser überflutet; auch im heißen Sommer wich das Wasser nicht, und häßliche Schlangen gab es da. Darüber klagte Menon. Idas kletterte fröhlich den Bach hinan, wo er sich durch Felsschluchten brach. Eine hängende Felswand riß er auseinander, und der Sturzbach nahm einen anderen Lauf, und der Wiesenwinkel lag trocken. Das wurde bald im Ort bekannt. Die Stadt glich einem weitverstreuten Dorfe. Als er zur Stadt hinunterstieg, spähend wie ein Räuber, da war ein Aufruhr; ein mächtiger Stier war rasend 81 geworden, und keiner konnte ihn bändigen. Idas fing ihn ab, faßte sein Gehörn und zwang den schnaubenden, vor dem Pflug zu gehen, er zwang ihn abends in den Stall, und alles bewunderte ihn. Er durfte das Hyakinthosfest mitfeiern. »Was soll das Fest?« Menon erzählte: »Es gilt dem Apoll und seinem Freunde. Hyakinth war ein Knabe aus Amyklä, schön wie der Frühling anzusehen. Apoll liebte ihn und verlor ihn. Er übte mit ihm den Diskuswurf. Aber auch der Sturmwind liebte den Knaben, der böse neidische Zephyr. Apoll warf die eiserne Scheibe, da lenkte der böse Wind sie voll Eifersucht, und sie zerschlug dem Jungen die Stirn, und er war tot.« »Heil dir, großer Gott Apoll! weh, wehe über den Gestorbenen! Hyakinthos, Hyakinthos!« Die Fackeln taumelten wie im Wahnsinn; in Klagechören scholl der Jammerruf unaufhörlich durchs Tal, zum Gebirge hinan. Man hörte ein Schlagen, im Takt: das Frauenvolk schlug sich die Brüste wie bei einem Leichenfest. »Unser Gott trauert und wir mit ihm. Denn Hyakinth ist erschlagen, das süße Leben stirbt, und der Frühling verdorrt!« Idas trank und trank fröhlich, am Brunnenrand hingelagert, mit den Knechten und äffte den Klageruf nach, voll Hohn: »Der Wein ist rot wie das Blut des Knaben. Hyakinthos! Wie sie alle närrisch und weibisch sind! Elend der Gott, der da weint um den Toten.« Die Fackeln erloschen. Grabesstumm stand die Nacht, und kein Mond wollte sie vergolden. Da trällerte Idas sein Lied und taumelte weinesvoll über die Wiesen hin, zu den Gärten. Duftig schweres Laub wölbte sich über ihm, als er einschlief, einschlief für eine kurze 82 Sommernacht. Es war um die Zeit der kürzesten Nächte. Noch flammte der Morgenstern; da glaubte er im Schlaf Geräusch und Stimmen zu hören, er glaubte, ihm träume von schönen Mädchen. Aber sie waren wirklich da, mit Körben und Sicheln und Messern, an dreißig junge Städterinnen: die sammelten reife Kornähren in den Körben und Lorbeerlaub und Myrthen und Zweige des wilden Granatbaums mit seinen roten Äpfeln. Die Bäume raschelten, ein Rufen und Zulachen ging hin und her, und zwischendurch sangen sie weich und süßstimmig: «Hyakinth, den wir beweinet hatten, Nun kehre wieder von den Schatten. Du hast den Höllenhund gesehn: Am dritten Tage sollst du auferstehn. Morgen, ja morgen! Das wird schön.« Eben sprang die Sonne über den Bergesrand. Idas erhob sich leise auf die Füße und spähte überrascht durch die Zweige, wie ein Raubtier. In seiner Nähe sah er ein lahmes Mädchen; das ordnete den Laubschmuck in den Körben. Die anderen liefen herzu, in kurzen bunten Röcken, mit losem Haar, wie fliegende Schatten. Jetzt nahte Eine ihm selbst, ein schlanke Maid. Sie sah nicht auf und bückte sich tief, um an der Wasserfurche das Schilfrohr zu schneiden. Er konnte sie greifen; sie ahnte seine dichte Nähe nicht. Lilienweiß schimmerten ihr Brust und Schultern aus dem lose flutenden Hemde, um ihr Haupt schwebte alle Lieblichkeit des Himmels, aber elastisch sehnige Kraft und Übermut war in ihrer Bewegung. Er bezwang sich nicht. »Mädchen, Mädchen,« schrie er auf – da traf ihn, in Angst aufgerissen, ihr wundervolles tiefblaues Kinderauge; nur ein Augenblick, und 83 sie hastete davon, und alle Mädchen flogen wie die Feldtauben, unter die man den Stock geworfen, mit wirbelndem Fuß über Wiesen und Hecken und waren verschwunden. Nur die Lahme konnte Idas greifen. »Wer war das Mädchen?« frug er; »wie hieß das Mädchen, die da schlank ist wie das Schilf, das sie gebrochen?« » Marpessa meinst du, meine Schwester, des Evênos Tochter.« »Grüße Marpessa von mir. Ich bin Idas der Messenier.« Und er trug ihr die Körbe voll duftenden Laubes bis dahin, wo die Wohnstätten begannen und Menschen sich sammelten. »Morgen kannst du Marpessa wiedersehen,« sagte die Lahme noch. »Ich bin Agido , ihre Schwester. Morgen ist der Wettlauf der Spartanerinnen. Das ist unseres Festes Ende. Aber ich laufe nicht mit; denn mich hat ein Gott geschlagen.« »Wiedersehen? Sehen? Marpessa, junges Blut! was nützt das Sehen? warum griff ich dich nicht? was kann ich tun, und wo find' ich dich?« Schon erscholl Musik. Die Prozessionen begannen. Menon mußte mit Idas in die dicht gedrängte Hauptgasse der Stadt. Ihm war aller Spott vergangen, und er sprach kein Wort mehr. Heut war der zweite Festtag, und in Laubkränzen, in frischen Ährenkränzen, mit Jubelhymnen und klingenden Gitarren zog zum Tempelhof die endlose Prozession hinan, steif und pagodenhaft. Dann brachten die Knechte die Rosse herbei, und es folgte am Fluß das Wettreiten und der Waffentanz der Jünglinge. Idas stand abgewandt, als wäre er blind und taub geworden. Verlorene Stunden! Marpessa fehlte. 84 Ein weiter, langgestreckter Platz war am Flußufer ausgespart: das war der Fechtplatz und die Laufbahn für das alljährliche Wettspiel zu Apollos Ehren. Mit niedrigen, aufgeschütteten Galerien war die sandige Arena rings umgeben; aber auch auf den flachen Hausdächern, auch auf dem ansteigenden Ufer jenseits des Flusses standen die festesfrohen Zuschauer in dichten Haufen. Nie war das Menschengedränge größer als am dritten Tage. Denn welch Schauspiel ist schöner als der Wettlauf? Nach schlafloser Nacht eilte Idas in die Gassen der Stadt; Menon konnte ihm kaum folgen. Hoch oben auf der Bergeskuppe über Amyklä sahen sie schon den großen Brandaltar rauchen zu Ehren Apolls. Eine schwarze, qualmende Wolkensäule hob sich dort oben im klaren, windstillen Morgen schwerfällig und breit ins Himmelsblau, als Merkzeichen für die Pilger. Denn auf allen Straßen und Gebirgspfaden, vor allem von Sparta her, auf Saumtieren reitend, zogen die Menschen in südländisch bunter Tracht, die Frauen mit schweren Ohrringen und Ketten, die Tiere mit klingenden Schellen behangen, in langen Zügen durch die Ölberge und Weingehänge heran. Die Straße war voll Klingen und heiterem Zuruf und Gejauchze. Für Tausende war Platz in der Rennbahn, wo der ehrwürdige Priester schon harrte und auf offener Flamme das Festopfer brachte und auch schon die Sitzreihen sich füllten, ein Gewimmel, als sammelten sich Ameisen in einem Topf voll süßem Honig. Und auf einmal hub ein Summen und Singen an; immer mehr Stimmen fielen ein: »Auferstanden, auferstanden!«, und von allen Berglehnen und Hausdächern in der Ferne und Nähe scholl es wieder, lauter und lauter: »Heil uns, auferstanden!« als sänge das ganze 85 sonnentrunkne Tal selber: »Erstanden ist der Gestorbene, und des Gottes Freude währet in Ewigkeit. Darum sei uns auch gnädig, Päan Apollo, und wende den Hagelschlag, die Ernte laß reifen, und gib uns einen neuen Frühling jedes Jahr.« Auf einmal wurde es feierlich still. Idas sah da, wo in der Bahn der Priester und der Ephore stand, zwölf Mädchen erscheinen, die zwölf edelsten Töchter der zwei Städte Sparta und Amyklä. Bescheiden traten sie heran, in bunten Kleidchen, die alle frisch vom Webstuhl kamen, und legten in die Hand des hohen Beamten den Eidschwur ab, den er vorsprach, dem Gott zu Ehren ihr Bestes zu tun, keine Kraft zu sparen, aber auch sich aller Hinterlist zu enthalten, wie sie die Begierde nach dem Sieg dem Schnelläufer eingibt. Dann traten sie ins Zelt, und das Publikum harrte in lautloser Spannung: nackt traten die Mädchen wieder hervor und stellten sich auf die Steinschwelle zum Ablauf, gesenkten Blickes, geschlossenen Auges. Nur dem Gott zu Ehren zeigten sie sich so in ihrer natürlichen Schönheit; nur des Gottes selbst dachten sie im Herzen und wollten nicht sehen, daß man sie sah. Aber der prüfende Blick der Erfahrenen fiel auf sie, und Idas packte in Erregung Menons Arm. Welch rassiger Jungwuchs, sechzehn- bis achtzehnjährig! die vornehmste Edelzucht Griechenlands beisammen. Welch straffe und doch so biegsame Gestalten in eben erblühender aphrodisischer Vollendung. Durch Jahrhunderte berühmt war und blieb dieser Frauenwettlauf der Spartanerinnen. Siebenmal rund um die weite Bahn. Wer zuerst am Ablaufsplatz zurück war, war Siegerin. Manch einer gab auf Idas acht. Der stiernackige Fremdling, was wollte er? Vorn auf dem granitnen 86 Eckpfeiler der Galerie hockte Idas. Man stieß sich an: »Was will der Fremdling aus Messenien? Bärenklauen hat er am Chiton aufgenäht, und Raubtieraugen hat er im Kopf!« Den Hals vorgestreckt, die Knie hoch, den Kopf über den Knien, so saß Idas und schien mit gierigen Augen die Dahinjagenden zu verzehren. Wo war Marpessa? Wie auf archaischen Reliefs, so glichen sich die Mädchen in jagendem Profil, als wäre es zwölfmal dieselbe Person: kein Schmuck, kein Abzeichen, keine klirrende Kette am Hals, das schwarze Haar eng zusammengerafft. Sie warfen die Arme und sprangen stöhnend und schreiend, mit offenen Mündern, die Blicke stier nur nach vorwärts, die eine wie die andere; die Waden schlank und sehnig, die Füße elastisch und breit fingernd wie Hände, und als hätte sie nie ein Schuh gepreßt. Der alte Menon fuhr zusammen. Idas war emporgefahren und wies mit den Fingern weit vorgebeugt, als wollte er in die Arena springen. Er hatte sie erkannt. Die schlanke Maid dort, schlank und biegsam wie ein Weidentrieb, sie war's, mit der Geierfeder im Haar, Marpessa! Warum raubte er sie nicht? Warum nicht? Ein Sprung, ein Griff! Wer wollte es wagen, ihm zu wehren? Aber Menon zog ihn auf seinen Sitz zurück, und er begriff das fromme Gesetz, das am Götterfest die Mädchen vor jeder Begierde schützte. Staubwolken flogen, die Sonnenglut wuchs. Ein Hetzgeschrei kam von allen Bänken. Da löste sie sich aus dem rennenden, fliegenden Haufen. Sie war voran, sie gewann Vorsprung. Idas schrie auf; ein Massenschrei ging durch die ganze Bahn. Die Läuferinnen selbst riefen hetz hetz! mit keuchender Brust. »Marpessa gewinnt!« Aber keines der Mädchen schaute 87 auf, auch die Siegerin nicht. Die Mädchenseelen blieben tief in ihr Werk versunken, Marionetten des Gottesdienstes, die ihre letzte Kraft hergaben, auf daß der Gott gnädig sei. Nur einmal, nahe dem Ziel und schon ihres Erfolges gewiß, warf Marpessa den Blick spähend nach hinten zu ihren Gefährtinnen, und ein kindlich seliges Lachen übergoß ihre gespannten Züge. Aber den Idas sah sie nicht. Es war ein Gesicht voll knabenhaftem Trotz, Mut und Willenskraft. Aber wo war ihre Schönheit? Vom dicken Staub der Arena untermischt, rann ihr der Schweiß in Strömen über Nase und Wangen. Die Geierfeder hing ihr lose tief im Nacken, das Haar war glanzlos, grau und wirr, und sie taumelte wie mit gebrochenen Knien, als der Jubel scholl, und man sie, sie und die andern, in das Zelt zurückführte. Als wäre Marpessa Hyakinth selbst, der Götter-Liebling, so scholl ihr Name durch das Tal. Und da war sie schon wieder, in safranfarbigem Gewand, wie verwandelt! Ein schmales Lorbeerdiadem schwebte ihr im Haar, und man hatte ihr Wein gegeben: die Erschöpfung war gewichen, ihre Augen flammten verklärt. Kleoböa , die Mutter, schritt sorgend neben ihr und Agido, die Schwester, als man sie die Gasse entlang in großem Geleit zum Elternhaus führte. Der Vater Evênos folgte mit erhobenen Händen, als spräche er ein Dankgebet. Idas drängte nach; mit Wucht spaltete er die Menge. Und wenn ihr Auge ihn nur noch einmal träfe, es wäre ihm für jetzt genug. Allein bei all ihrem kindlichen Triumphgefühl blickte sie doch nicht um sich, sie blickte nur scheu in sich hinein, auf ihre Mutter gestützt. Und da stand schon das Haustor offen, da winkte 88 schon das Gesinde und schwenkte jubelnd Blumenzweige und bunte Tücher. Da sprang Idas vor und zerrte am Ärmel ihres Chiton. Ein wilder Griff: es war die unzarte Zärtlichkeit des Recken. Er wollte nur ihren Blick, nichts weiter; nur einmal ihr Auge auffangen und auf sich lenken. Aber kein Schrecken, keine Neugier vermochte etwas über sie. Sie sah nicht hin. Sie wußte nichts von ihm. Ihre Sinne waren nur in dem Gott, dem sie diente. Der Zug bog aus. Idas stand in der Gasse allein. Marpessa war schon im Haus verschwunden. Er lachte, daß es schallte. Er lachte wie der Knabe, der den Schmetterling jagt. Ein Sprung mehr oder weniger – einerlei. Er wird ihn schon erwischen, und dann wird er ihn fest an den Faden binden. »Unmöglich« war ein Wort, das er nicht kannte. Vom Vater Evênos wollte er am Abend die Tochter fordern mit offenem Wort, und weigerte der Vater, so brach er nachts die Wände des Hauses ein. Lehmziegelwände waren es. Sie konnte ihm nicht entgehen. Aber er irrte sich. Auf der Tenne hinter dem Haus des Evênos standen Tische: da hatten die zwölf Mädchen, nachdem sie sich sorglich gebadet, zusammen gespeist; sie speisten die berühmte schwarze Schüssel, das dampfende kraftvolle spartanische Blutgericht. Dann gingen die andern; Marpessa aber war tief wie in Ohnmacht entschlafen, indes Agido, die ältliche Schwester, bei ihr wachte. Plötzlich fuhr sie aus ihrem Schlaf und griff nach ihrem Kranze. »Ich bin die Siegerin, Schwester,« jauchzte sie, »bist du nicht stolz auf mich?« Da hörte sie Agido die Worte sprechen: »Ich aber habe heute den Gott selbst geschaut.« »Den Gott geschaut?« 89 »Mit gehobenen Händen saß ich andächtig in der Menge. Da sah ich Apoll . . .« »O du Hellsichtige!« »Leibhaftig riesengroß stand er auf seiner Tempelmauer, Licht im Licht . . .« »Licht im Licht?« »Sein Umriß offenbart sich nur dem sehnsüchtigen Auge.« »Und wohin spähte der Gott?« »Er sah eurem Laufe zu.« »Er sah auf mich?« »Er sah auf dich.« »O, Rennen und Siegen und die Götter ehren, das ist schön und himmlisch, wundervoll! Nun ist alles vorbei, und ich muß jetzt hier still wieder im Hause hocken, am Herd die endlosen Tage, und im grauen Schatten mit den Mägden am Webstuhl mein junges Leben vertrauern.« »Das mußt du. Komm in den Garten. Es dämmert schon.« »Warum?« »Damit du deine Pflicht nicht verlernst, nimm die neue Wolle, die ich gesponnen, und wasche sie im Fluß.« »Heute?« »Zögerst du?« Marpessa nahm folgsam träge den Korb voll Wolle. Hinten am Hausgarten floß rauschend in seinem steinigen Bett der Eurotas vorüber. Auf einem flachen Stein mitten im stürzenden Wasser kniete sie nieder, um die Wolle zu spülen, und das Gebirgswasser kühlte ihre heißen Pulse, indessen Agido sich niedersetzte unter dem Rebengang. Agido gab nicht acht: auf einmal war Marpessa verschwunden. 90 »Marpessa! Marpessa! Wohin?« Drüben am Ufer, im dunkelen Erlenwald, war ein Schimmer erschienen. Das Licht fiel von unten in die Baumkronen, als wandelte eine Sonne unter ihnen her. Apoll kam gewandelt; Lichtspuren ließen seine Sohlen im Gras. Er bückte sich, denn er war selbst hoch wie ein Baum. Sein welliges, goldenes Haar hing ihm tief über Stirn und Schläfen. Trauerte er noch? Sein Schritt zauderte; er schien zu suchen. Dachte er noch immer seines Hyakinthos? Da sah er Marpessa. Sie hatte sich eben im Fluß hoch aufgerichtet und dehnte lässig, sehnsüchtig den knabenhaft schlanken Leib im engen Kleide und streckte in unnennbarem Verlangen die Arme in den sinkenden Abend. So glich sie dem Verlorenen; sie glich dem Hyakinthos. Da schlug des Gottes Glanz ihr ins Auge, und es war wie Sturm. Ihr schwanden die Sinne. Starke Arme hatten sie schmerzlos eng umfangen. Die Luft legte sich tragend unter ihre Füße. Strom und Wald versanken unter ihr. Apoll hatte sie empor in seinen Tempel getragen. Auch Götter lieben. Wer rein und jung und fromm und schön, den sucht der Gott und wirft sich ihm ins Herz und reißt den Sterblichen wie Zeus den Ganymed in seine Höhen. Schon kamen die Eltern und riefen nach ihrem Kinde. Sie fanden nur Agido betäubt im Rebengang. Agido war sprachlos und wußte nichts. Am anderen Tag aber wußte es trotzdem die ganze Stadt; denn Kleoböa, die Mutter selbst, erzählte es allen: Apoll war der Räuber ihres Kindes, und Apoll war der Mutter im Traum erschienen und hatte vernehmlich zu ihr gesprochen: »Segen von nun an mit euch, eurem Haus, 91 Vieh und Gesinde. Ich habe Marpessa zu mir erhöht. In Jahresfrist sollt ihr sie wieder sehen in meinem Tempel (merkt es wohl!), wenn ihr nicht trauert und fromm zum Berge wandelt und Opfer bringt.« O Gottes Gnade! Nicht trauern? und wiedersehen in Jahresfrist? Log der Traum nicht? Aber auch eines Gottes Gnade ist schwer und peinvoll für ein Mutterherz. Auch Idas vernahm die Kunde gleich, und Menon sah ihn nicht wieder. Er lachte nicht mehr; schwerer Zorn war ihm seitdem ins heiße Blut gemischt. Sein Übermut hüllte sich in Finsternis. Ins Gebirge trug er sein verlorenes, wildes Herz. Auf Waidwerk und Fischfang warf er sich, auf Raub und Beute. Wehe dem Sterblichen, der ihm widerstand! Einen grauen Riesenbären fing er sich und sperrte ihn ein, fütterte ihn und zähmte ihn und übte sich oft mit ihm im Ringen. Eine tiefe eiskalte Felsengrotte, dergleichen es viele im arkadischen Hochland gibt, eine Grotte voll Nacht und Einsamkeit, nahm er sich zur Wohnung und baute einen Herd hinein. An ein Stiergehörn hängte er Schwert und Köcher. Aus Fellen erhöhte er eine breite Lagerstatt. Auch eine Ziegenherde, die er erbeutet, hütete er, als wäre er Menon, und lockte sie jeden Abend zum Melken heim. Eine Rosenhecke pflanzte er vor den Eingang. Für wen das alles? Wollte der Unstete hier dauernd wohnen? Er konnte die Läuferin nicht vergessen, den rassigen Eigensinn in ihren Zügen und ihren süß erschreckten Blick, als er sie zuerst gesehen auf der Wiese in der Morgenfrühe. So lebte Idas stumm und voll Grimm, wie der Höhlenbär, der sein einziger Kamerad war. Marpessa aber freute sich ihres Gottes. Hoch oben 92 im grellen Himmelslicht lag des Apoll Bezirk. Durch schwarze Pinienalleen schritt man zu ihm nicht allzu steil auf. Rechts und links rastete der Pilger an Heroengräbern. Doch auf dem stumpfen Gipfel stand kein stolzes Tempelhaus; nur eine schwere, von Zyklopen übermenschlich aufgetürmte Umfassungsmauer umgab im weiten Kreis die leere Plattform, auf der nichts als ein Brandaltar, ein kolossalischer Aschenhügel, ragte. Im Hintergrund aber, unter wucherndem Lorbeerdickicht, da öffnete sich die Erde geheimnisvoll, und wer im Felsenspalt Einlaß fand, der fand auch den Gott, und durch wundervolle, in Kristall aufgewölbte Labyrinthe ging man dort ein in das Land der Märchen und der Seligkeit. Im ewigen Frühling irrte da das Kind der Sterblichen durch Palmenwälder und Paradiese, Narzissen- und Hyazinthenfelder und haschte die Falter und die Kolibris, die beflügelten Blumen, die in Gold, Blau, Violett, in tausend Farben schillerten. Die Gazellen, die auf den Wiesen sprangen, ließen sich von ihr greifen. Am Rand des Sees blühte die Iris, und Schwanenvölker ruderten mit ihren Jungen. Wenn Marpessa nahte, flogen sie im Kreise um das Wasser und sangen mit gestreckten Hälsen ihr süß melancholisches Schwanenlied. Andächtig sah sie täglich alles wieder mit Trällern und Lachen. Ihr Jubel war Andacht, ihre Andacht Jubel. O Bucht des Friedens! o Pracht! o Versunkenheit! es war zu köstlich. Schon allein die hundert rinnenden Brunnen! Da fand Marpessa unterm Marmortrog eine Katzenbrut. Katzen morden die lieben Vögel: sie wollte die jungen weißen Kätzchen im See ertränken; da aber schlugen die Schwäne sie mit den Flügeln, und 93 die Musen schalten derb. Denn es gab keinen Tod hier im Götterland. Ach, warum nicht ein bißchen Übermut? Da war ein allerliebster goldiger Spitz; mit dem Hund hetzte Marpessa die Gazellen, und wieder schalten die lieben Musen. »O ihr guten,« sagte Marpessa und küßte sie alle neun, »man muß doch ein bißchen toben, auch im Himmel. Kommt heran! laßt uns wettlaufen!« Und die göttlichen Schwestern liefen mit ihr siebenmal um den See; aber sie siegten nicht. Denn Musen können nur tanzen, nicht rennen, und es war ein großes, seliges Gelächter. Mittags speiste Marpessa die seltensten Früchte, auch Hasenfleisch in goldenen Schalen. Apoll selbst war ja Bogenschütze, und er lieferte Kraniche und Wildenten und manches andere für die Küche, und Marpessa rupfte das Geflügel selbst. »Wie schade, Herr, daß du nur Nektar und Ambrosia nimmst,« seufzte sie zu ihm hin. So war es. Nur sie, die Sterbliche, genoß feste Nahrung. Aber vom Nektar ließ der Gott sie doch leise nippen, täglich nur ein Fingerhütchen voll; dann wurde ihr rasch das Köpfchen schwer, und sie nickte ein, während hoch aus den Zweigen in traumsüßem Andante ein schwellendes Saitenklingen kam, und ihre Ohren schlürften den Wohlklang. Wie herrlich war es gar, wenn der schönste der Götter abends heimkam und schon von weitem »Marpessa« rief! Er legte zuvor hinter dem Felsen die Strahlen ab, um sie nicht zu blenden, und dann sah sie oft, daß er traurig war, und drängte sich an ihn: »Herr, Herr, was betrübt dich nur?« »Der Morgen liebt mich, da bin ich heiter,« sagte Apoll; »am Abend, da ist mir's wie der Sonne zu Mut, die untergeht.« Er setzte sich. »Und es gibt auch 94 viel Irrung unter den Erdenmenschen (deine junge Seele ahnt es nicht), Bosheit und Zorn und häßlichen Neid, und es gibt viel Hunger und Herzweh und Krankheit bei Vieh und Mensch, und wir Götter sehen alles und können nicht jedem helfen.« Und der Sanfte versank vollends in Traurigkeit; denn er hatte die weiche Seele eines Künstlers und Musikers. Da holte das Mädchen seine goldene Leier und bestürmte ihn: »Spiele doch!« und er tröstete sein Götterherz mit den eigenen himmlischen Phantasien, und Terpsichore tanzte dazu mit ihren Schwestern unsäglich schön, bis er Marpessas Hand nahm und sie schwärmend über Wolkenschatten und Bergesstirnen höher und höher führte ins unendliche Abendblau. Sie begriff nicht, woher die Lichtfülle kam in der Nacht; sie begriff nicht, wie man auf weich wiegenden Wolken wandeln konnte ohne einzusinken. Sterne deutend, trug er sie die Sphären entlang, und ihre Seele war weit offen, ihr Kinderherz berauschte ein weltdurchschauendes Gefühl. Aber der ganze Himmel mit seinen Wundern, er war doch nur ein sternbestickter Vorhang für sie, unter dem sie ruhte, als er im Nachtduft des Violenfeldes sich über sie neigte, seine Hand unter ihren Nacken legte und sein Göttermund ihre aufblühenden Lippen fand. Sie staunte nicht. Ihre Angst war längst geschwunden. Sie war eine Götterbraut. Tausend Tage waren für sie wie ein Augenblick, und jeder Augenblick war Ewigkeit. Da kam der Winter, und die Schwäne hoben sich unruhig, und Apoll sprach: »Ich gehe jetzt ins Hyperboräerland, fern, jenseits der Meere, wo die Heimat der Schwäne ist. Mit dem ersten Frühlingstag bin ich 95 zurück.« Sein klares, goldbraunes Auge sah sie dringend an: »Harre mein, Marpessa, und sei geduldig.« Er schüttelte den Bogen, die Vögel schwangen sich hoch im Sturm, und im Schwanenzug flog der Gott davon ins Unsichtbare. Wirr flammten seine Locken. Sie hörte aus der Ferne ein wonniges Lied verklingen. Was sangen die Schwäne? Sie sangen: »Schwäne sterben wie Frühlinge. Leben und Sterben ist nur ein Lied, das verklingt. Schön, wenn es schön war, das Lied und das Leben!« Schön, wenn es schön war? Nun begann Marpessas schwerste Zeit. Draußen – sie wußte es – fegte der Wintersturm schaurig über Wälder und Bergeskuppen. Aber sie merkte nichts davon; sie lebte wie in einem Treibhaus der Wonne. Wenn sie hinaus könnte, nur einen Augenblick! nur etwas Sturm, freier Odem, rauhe Kraft! Was sollten die lieben Musen ihr jetzt, die Narzissen und Gazellen? Das Gazellchen, ihr Lieblingstier, kam nachts und legte sich vor ihr Bett, das Köpfchen auf ihr Kissen. Sie jagte es von sich. Ohne Eltern, ohne Freund, einsam mit ihrem schlagenden Herzen! Ihre Angst wuchs. Wenn sie den Grottenausgang fände? Die Musen warnten sie. Umsonst. Sie wagte sich ins Labyrinth, das zum Ausgang führte, und lief sich müde und fand ihn nicht, bis eines Tages ihre Neugier siegte. Ein heftiger Windstoß blies herein: da war der Ausgang, und die Erdenwelt lag offen. Der Schneesturm peitschte sie; er zerriß ihr das Haar. Unter dem Brandaltar suchte sie zitternd Schutz und spähte empor: die Wolken jagten, die Raben krächzten grausig über ihr. Wie Raben und Wolken, so flatterte 96 auch ihr Traum hinaus und zerflatterte im Winde. »Göttlicher Freund, o wärst du nie gegangen!« Sie wollte zurück in ihren Märchengarten, aber nein! erst einmal noch die hohe Mauer erklettern, die neidische Grenze des Gottesbezirks. Da waren Stufen. Sie stand schon oben. Da sah sie entzückt das Schneegebirge, das unendliche, offen, Arkadien, das himmelhohe, das wilde Bärenland. Die Wolken zerrissen in Fetzen an den eisigen Felskanten. Angsttaumel faßte sie; sie glaubte, sie müsse von der Mauer stürzen wie ein verwehtes Blatt und rief nach den Tempeldienern, daß sie ihr hülfen. Da fühlte sie sich von hinten umschlungen. Ein wilder Mensch riß sie nach außen hinab in die Tiefe. Sie schrie, sie biß um sich. Aber er hielt sie mit eisernem Griff. Bergab gings. Er setzte sie vor sich auf seinen Gaul und jagte mit ihr weit, weit hinaus in das einsame Land. »Marpessa, sei ruhig,« raunte er, »das Tier rennt gut.« Sie bebte in allen Gliedern. Er deckte sie mit seinem Fell und versuchte sie zu streicheln; da kratzte und biß sie ihn wieder. »Wer bist du, Unhold?« »Ich bin Idas.« »Ich kenne dich nicht.« »Hundertmal war ich hier oben; jetzt endlich sah ich dich, fand ich dich!« Umsonst ihr Schreien, ihr Entsetzen. Halb ohnmächtig brachte er sie in seine Höhle. Wütend wie die eingefangene Eule starrte sie ihn an, als er sie ansprach. »Wer bist du? Ein Bergesteufel? oder Gott Pan? Unglücklicher, weißt du nicht? ich bin des Apoll. Er wird dich furchtbar strafen.« Er lachte überselig: »Liebe mich nur!« Sie wandte 97 sich weg: »Berühre mich nicht. Apoll ist mein Gemahl. Mein Leib ist gesegnet.« Scheu wich er zurück. Er fühlte das Wort wie einen Peitschenhieb. Aber seine Mildigkeit wich nicht. Er pflegte sie, ließ, damit sie nicht friere, das Feuer lustig brennen, brachte ihr Milch, Rüben, Kürbis und den Schinken des Wildschweines (wozu hatte er seine Vorräte gesammelt?) und sagte immer wieder: »Ist es nicht traulich und wohnlich hier?« Dann holte er seinen Bären, rang mit ihm, ohrfeigte das Tier und schüttelte sich vor Lachen. Marpessa aber verkroch sich zitternd hinter das Bett und bedeckte die Augen, um nicht hinzusehen. Die Grotte war von Wacholder umbuscht und einem Rosendickicht und mit Epheu und Erdbeerstauden überwuchert. Über ihr aber drohten rissige Baumstämme und wilder Fichtenwald und schroffe Felsenriesen. Wildbäche stürzten. Düstergrau hing der Nebel herein, und ringsum in Tagesweite keine Menschenspuren. Nur die Glocken der Ziegen hörte sie und das Krachen des Wasserfalls. So blieb sie angstvoll und in Schreck erstarrt. Was sollte nun werden? Was sollte ihr dieser Räuber Idas, der wilde Jüngling? Im Knoten trug er das lange schwarze Haar; braun wie Kienholz sein Nacken, zottig seine Brust wie eines Waldmenschen. Er hütete sie wie ein anvertrautes Heiligtum, wie ein Geschenk der Gnade. Wenn er aber vom Jagdgang heimkam und sie grüßte ihn nicht, da stürzten ihm die Tränen, und sein schwarzes Auge hing wie flehend an ihr; seine grobharten Züge wurden weich und zärtlich wie die eines abbittenden Kindes. Das rührte sie, und sie wurde endlich freundlicher. Die Wölfe bellten des 98 Nachts; da rief sie in Angst seinen Namen, und er hielt brüderlich ihre Hand, als wäre sie seine Schwester. Er hatte Geduld gelernt und erstickte seine Flammen. »Willst du nicht mit?« sprach er eines Tags. »Wohin?« »Gürte dich. Der Winterregen ist heut gelinder. Komm zum Adlerhorst . . .« Sie folgte ihm, aber sie erlahmte bald, und er mußte sie heimwärts tragen. Aber ihr Kraftgefühl, ihr Eifer war angeregt. Nach etlichen Tagen sagte sie selbst: »Ich geh' mit dir.« Und sie fanden wirklich unter einem Felsenjoch den Horst eines jungen Adlers. »Merk' dir die Stelle. Im Frühling wollen wir die Jungen rauben!« Sie zuckte die Achseln. »Im Frühling? wir? « Schon ließen die Winterregen nach; es sollte bald Frühling werden. Da wurde ihr Körper schwerfälliger; sie brauchte Ruhe und wurde bang beklommen. Denn sie merkte zugleich, daß sie langsam das Augenlicht verlor. Sie sah nur noch ungewisse, matte Lichtflächen, und ihr Fuß trat oft fehl. Marpessa! War es möglich? sollte dies junge Weib fast noch im Kindesalter erblinden? Da beugte Idas seinen Starrsinn, er baute einen Altar und brachte ein reiches Opfer und flehte mit heißem, inbrünstigem Wort: »Vergib mir, erhabener Gott, dem ich das Weib entrissen, und willst du unerbittlich strafen, Apollo, so triff nicht sie, triff mich , und müßte ich siech und blind sein mein Leben lang; ich will es dankbar tragen und dich ehren, wie ich jetzt dich ehre!« Ob der Gott seinen Ruf vernahm? 99 Der Schnee schmolz. Die Bäche schäumten. Wonnig erscholl der erste Vogelsang. »Idas, hörst du? der Frühling will kommen.« Idas brachte ihr die erste Blume, die schüchtern im Gras wuchs. Es war der erste Frühlingstag. »Wehe dir, Idas! der Gott mit seinen Schwänen kehrt heim.« »Er wird mich nicht finden.« Da stand der, den sie meinten, schon hoch über dem Felsen, ein blendendes Gespenst, in drohender Schönheit vor ihm. Apoll stand und schüttelte seinen Bogen, der funkelte wie ein Mondstrahl, und rief: »Idas, Idas!« »Was soll ich, Herr?« »Marpessa will ich.« »Schone uns, Herr.« »Marpessa gib.« »Nimmermehr!« »So sollst du sterben.« Marpessa stürzte tastend vor; aber Idas stellte sich breit vor sie hin. »Und ob du mich tötest,« schrie er, »ich geb sie nicht.« Da wurde es Nacht. Eine steile, schwarz aufqualmende Wolkenwand verschlang grauenvoll auf einmal von oben bis unten Himmel und Erde. In der Nacht stand der Gott, schlank und hoch, ein tötlicher Blitz in Menschengestalt, und gegen ihn stand da der Sterbliche: Idas stand da, sich aufbäumend, wie ein atmender Fels. Was ist der Mensch? Denkende Kraft, die sich über sich selbst erhebt. Will der Mensch mit Gott ringen? Ja, der Mensch will ringen mit Gott. Das ist der Gipfel seines Seins. Der Gott, der ein irdisches Weib liebt, den Gott kann auch ein Erdgeborener zwingen. Wie ein 100 Gigant wuchs Idas empor, und Eros selbst, der unüberwindliche Liebesgott, Eros selbst erhob sich in Idas und füllte ihm die Glieder mit schwellender Kraft. Apoll schoß seinen Pfeil; aber zum erstenmal fehlte sein Geschoß; denn er hatte auf Marpessa gesehen und nicht auf den Gegner. In die Fichte drang der Pfeil, und der Baum stand gleich in Flammen, und den ganzen Wald erfaßte die Feuersbrunst. Idas aber sprang vor und schlug aus des Gottes Hand den goldenen Bogen. Da umschlangen sich Gott und Mensch, und es begann ein entsetzliches Ringen. Einen solchen Kampf sah noch nicht die Götter- und Menschengeschichte. Einen solchen Kampf wird sie nie wieder sehen. Wehe dir, Idas! Wie lange wirst du mit deinem Tode kämpfen? Denn alle Götter töten, die einen mit raschem, die anderen mit langsamem Tod. Marpessa sah nichts, und doch, sie sah um Apoll den wundervollen Glanz. Der Sieg lachte auf des Gottes Stirn, und sie flüchtete sich zu ihm und barg sich vertrauensvoll in seiner Nähe. Da donnerte es. Der Donner des Zeus fuhr rollend durch die Berge. Dreimal dröhnte der Schlag, und in die angstvolle Stille hallte vernehmlich die Stimme des Zeus: »Hört auf, hört auf!« Das war Zeus' Gebot. Auch des Gottvaters Herz bangte um Idas; denn der Göttervater ist auch ein Vater der Sterblichen, und er schont gern die edlen Menschengeschlechter. »Hört auf!« Die Arme der Kämpfenden fielen herab. Apoll stand ruhig. Des Idas Brust keuchte schwer. »Marpessa wähle!« erscholl wieder des Zeus 101 Stimme. »Gott oder Mensch, sie wähle selbst, wem sie folgen will.« Marpessa hörte es: »wähle selbst«. Sollte Kampf sein, so sollte sie selbst ihn kämpfen in ihrem Herzen. Aber da war kein Kampf. Andächtig kniete sie zu Apollos Füßen und umfaßte seine Knie. Des Gottes Hand streichelte ihr Haar: da war süßester, überirdischer Friede in ihr. Sie fühlte sich ganz geborgen in seinem Zauber. Des Paradieses lachende Wonnen trieben wieder Knospen in ihrem Herzen. Da hörte sie Idas. Sie hörte Idas aufschluchzen im Weh. In namenloser Erschütterung stammelte er ihren Namen; schreiend warf er sich auf sein Angesicht und weinte bitterlich und fand kein Wort mehr in zerschmettertem Stolz, und sie stürzte zu ihm und umfing ihn und küßte ihn und hängte sich an ihn, und ein Riß ging durch ihr Herz, und sie rief laut zum Himmel empor: »Idas braucht mich. Ich bleibe bei ihm .« Der Gottvater im Himmel hörte es und donnerte Bejahung. Ein Regen löschte den brennenden Wald. Die Wolkenwand wich. Apoll war verschwunden. Idas war mit Marpessa im Frühling allein. »Was hast du gewagt?« stammelte der Jüngling. »Ich wähle den, der verlassen ist. Ich wähle ihn, der Mühe und Arbeit hat. Ich wähle ihn, der ein Schicksal hat, das ich teilen kann. Ich wähle ihn, dessen Los ist, zu kämpfen und zu sterben zur rechten Stunde. Ich habe Mut und will wagen; ich habe Kräfte und will sie brauchen. Meine Pulse fiebern, und ich bin kein Gott. Das Paradies ist für die Toten, die Ewigkeit ist ein Gespenst und selig das Sterben, wo die Liebe ist.« »Aber Apoll wird sich an uns rächen!« »Nein, nein!« rief sie kühn. »Er kann es nicht. Der 102 große Zeus selbst hat der Stimme des Herzens ihr freies Recht gegeben. Zeus schützt uns. Und Apoll ist gut. Ich kenne ihn.« Bald genas Marpessa eines Knaben. Es war ein schöner Knabe, aber totgeboren, und die junge Mutter weinte sehr. Als aber Idas nach frommer Sitte die Scheiter entzündete und den Toten auf den Holzstoß legte, flog er lebendig und in Anmut strahlend, wie in einer Feuergarbe davon. Zur selben Stunde wurde Marpessa sehend: sie hatte das Kind, das sie verlieren mußte, nicht sehen sollen. Fortan lebte sie mit Idas, schnellfüßig und frisch, ein irdisch Leben. Bald war sie seine Jagdgenossin, und sie holten sich die jungen Adler aus dem Adlerhorst und erzogen sie zu Jagdtieren, als wären es Falken. Dann ritten sie nach Amyklä. Marpessa sah ihre Mutter, ihren Vater, sie sah ihre Schwester Agido wieder und holte sich der Eltern Segen und zog mit ihrem kühnen Gatten nach dem schönen Land Messenien in die Felsenburg, wo seiner Kindheit Heimat war. Da führte Idas als Seefahrer und Bogenschütze zum Nutzen des Vaterlandes ein Heldenleben voll Sieg und Gefahr, Marpessa hütete seinen Herd, und ein Heldengeschlecht erwuchs ihm in Söhnen und Enkeln. Apolls Zorn schien verflogen. Aber Apoll rächte sich doch. Er gönnte dem Idas die Liebe, aber er gönnte ihm nicht den Ruhm. Auf des Gottes Geheiß schwiegen die Musen; kein apollinisches Lied hat jemals des Idas Taten verherrlicht, und auch die Namen seiner Söhne blieben verschollen und unbekannt bis auf den heutigen Tag. 103   *   *   Kamma Eine vergessene Tragödie Galatien war ein Land der Kelten, jener Kelten, die einst, hundert Jahre nachdem der berüchtigte Kelte Brennus Rom eroberte, auch nach Griechenland und Delphi vordrangen, dann in Kleinasien sich niederließen und dort, im Innern des Landes, fernab der Küste, zwischen den Flüssen Sangarius und Halys, Wälder genug und fette Weidetriften fanden, um stolz und wohlhabend als ihre eignen Herren zu leben. Ancyra, Gordium, Tavia hießen drei ihrer vornehmsten Städte. Die umwohnenden Griechen in Bithynien und Phrygien staunten über die Leibesgröße dieses Volkes, die weiße Haut und die sonnige Blondheit seiner Männer und Frauen und fürchteten seine Streitlust, sein Kriegsgeschrei und seine langen Schwerter. Es sind dieselben Kelten oder Galater, an die späterhin Paulus, der Apostel, in griechischer Sprache seinen Brief »an die Galater« richtete. Griechische Kultur und Bildung drangen aber bei diesem edlen Naturvolk starker Eigenart nur langsam ein. Es war wohl anderthalb Jahrhunderte vor der Zeit des Apostels Paulus, um das Jahr 90 vor unserer Zeitrechnung, da lebte dort unter den Kelten in der Stadt Gordium der Fürst Sinatus mit seinem Weib Kamma; denn das Volk stand unter zwölf Fürsten, die 104 gleichberechtigt nebeneinander walteten in den verschiedenen Gauen Galatiens. Sinatus war der letzte seiner Sippe. In den langwierigen Kämpfen mit dem Griechenkönig von Pergamum und mit anderen umwohnenden Stämmen waren ihm erst der Oheim, dann der Bruder gefallen. Das machte ihn ernst und gedankenvoll. Nachdem er seinen Vater beerbt, ging er lange unbeweibt einher. Sein Blick war müde und verschattet und in ihm die Melancholie des Vereinsamten. Da sah er einst bei einem Umritt durchs Land Kamma, das Mädchen; sie hing in einer Baumkrone und brach Äpfel in das Fruchtnetz. Er hielt an und bat um eine Frucht, und sie kam herab, und eine Wonne fiel ihm ins Herz und ein Junggefühl und Glutverlangen; sie war schön wie ein Märchen, aber scheu und verzagt wie ein junges Reh. Sie sah ihn nur kindlich fragend mit großen flehenden Augen an und rief angstvoll: »ich darf nicht, ich darf nicht,« und rannte zur Hütte fort, wo ihre krächzende Stiefmutter sie mit lauten Scheltworten empfing. Es gibt Worte, die hart sind wie Peitschenschläge. Sinatus drang ein, und vor dem Fürsten verstummte die böse Frau. Ein süßer, staunender Blick des Kindes dankte ihm; und es drang ihm wie Frühling ins Innerste. In tiefer Feldeinsamkeit hatte Kamma dahingelebt; sie kannte die Welt nicht, die Männerwelt nicht; ihre Schwester war an einen geringen Mann weggegeben und lebte ferne. Sie war nichts als die Dienerin dieser Mutter und spann und hütete die Tiere und grub die Beete und pflanzte. Und in den Raststunden saß sie am Feldrain oder hoch in den Bäumen und lauschte dem Vogelsang und starrte in die Sternenwelten der 105 Sommernächte und warf sich in die Winterstürme mit fliegendem Haar. Dämmer lag über ihrer Seele; eine große Frage der Sehnsucht war ihr Leben; aber die Natur antwortete nichts auf ihre Fragen, und sie lernte das Sprechen nicht. Dies Kind war es, das Sinatus zu seiner Gattin erhob und in sein schlichtes Haus führte. Er war 36, sie 16 Jahre. Sie folgte ihm mit Zagen und Jauchzen. Es war ein Halberwachen. Sie sah, wie ernst und gut und tätig und geradgesinnt er war; und er setzte sie über das Gesinde und verschaffte ihr Gehorsam auch bei Amaryllis, der alten Hausdienerin, und sie lernte das Ordnen und Herrschen rasch. Mit grenzenloser Dankbarkeit und stummer, verklärter Freude hing sie an dem Gatten. Er sprach nicht viel, aber mit gleichmäßiger Güte, und sie erfuhr von seinem Wirken im Land und wie er Gericht hielt auf dem Markt und Händel schlichtete im Land und das Volk ihm huldigte, da er zu den gemeinen Leuten ins Haus trat wie zu seinesgleichen; und so häuslich sie war, drang doch jetzt der Schall des großen städtischen Lebens in ihr Ohr. Das Leben berührte, erfaßte sie, und sie wurde wacher. Daß er nicht schön war, sah sie nicht. Auch veränderte sich sein Äußeres. Sein hageres Gesicht bekam etwas Blühendes, seine grauen Augen, die tief in den Höhlen standen, hatten festtäglich frischen Glanz, seit Kamma im Hause war. Den struppigen Kinnbart stutzte er, und sein glattes gelbes Haupthaar, das ihm bis auf die Schultern hing und seine Ohren verdeckte, hielt er sorgsam unter der Bürste. Drei Jahre vergingen. Die Ehe blieb kinderlos. Das beunruhigte, betrübte das Gemüt des Weibes. Sie zog 106 weise Frauen zu Rate; brachte der »Großen Mutter« im Tempel Opfer und Opfergelöbnis. Sie rief endlich sogar die Zauberin aus dem Nachbardorf, die, wie alle wußten, viel Wunder wirkte; die besprach ihren Körper und braute einen schweren Zaubersaft aus Froschblut und Knochenmark und Kräutern und bestrich damit das holzgefügte Bett von allen Seiten. Das Verlangen nach einem Erben des Hauses blieb ungestillt. Kamma forschte in den Mienen des Mannes: Sinatus zeigte sich ihr mild wie immer. Aber ein Schatten lag in seinen Augen, und er war häufiger aushäusig als früher. Das Geschäft, die öffentlichen Pflichten, die Jagd zerstreuten ihn. Das war sein Recht. Ihr Herz hing nur noch demütiger an ihm. Im Herbst ritt Sinatus zur Fürstenversammlung nach Ancyra. In der großen Stadt Ancyra, die auf schön geschwungenen Bergen lag, versammelten sich einmal im Jahr die zwölf Fürsten zu gemeinsamem Ratschlag und zur Erneuerung der Verträge mit Opfer und Eidschwur und Festgelage. Die ältesten und angesehensten unter ihnen waren Dejotarus und Bitoitus; Sinorix dagegen war der jüngste unter den Fürsten. Sinatus sah den jungen Sinorix in Ancyra einreiten auf seinem schwarzen ungezäumten Gaul, und Freude erfaßte ihn. Sinorix zählte erst 23 Jahre; er war lange wanderlustig im Ausland, in den Griechenstädten von Pontus und Thrazien gewesen und nach seines Vaters Tod jetzt endlich heimgekehrt, um seines Amtes im engen Vaterland zu walten. Wie ein neu aufgehender Stern erschien er dem Land. Durch seine Mutter und durch die Schwestern des Vaters war er mit mehreren der Mitfürsten verwandtschaftlich eng verbunden, und alles wollte ihm wohl. Griechische Bildung brachte er mit 107 und den weltgewandten Ton, der den Einheimischen so fremd war und der wie Metallschliff blendete. Wie er vom Pferde sprang, sah ihn Sinatus mit Entzücken und eilte, ihn zu umhalsen: denn alle Herrlichkeit der nordisch-keltischen Rasse sah er in diesem Menschen verkörpert. Der hohe Wuchs, die Wucht der Arme, die breit gewölbte Brust, ein heller Glanz siegreicher Schönheit, lachendes Wangenrot; Lockenfülle in Ringeln über den weißen Nacken; ein keck gestutzter Schnurrbart über den vollen Lippen! Sprudelnde Lustigkeit und rascher Zorn, aber auch Arglist flammte ihm im Auge. Das war Sinorix, des Sinorix Sohn. »Wie schön, dich so wiederzusehen,« sagte Sinatus, lebhafter als je. »Weißt du noch, vor fünfzehn Jahren, auch hier in Ancyra, da sah ich dich; du warst mir ein feiner Junge, und ich hob dich auf den Arm, damit du den Festzug sehen könntest, die Prozession und das Gottesbild. Wir kennen uns lange.« Sinorix dankte freundlich, aber nur allzu flüchtig; denn da waren auch die andern. Er war freundlich zu allen, bewegte sich sorglos und siegreich hin und her und versicherte sich der allgemeinen Zuneigung. Denn er war die Liebe der Frauen gewohnt, und auch die Herzen der Männer fielen ihm zu. Erst am nächsten Tage gab er mehr auf Sinatus acht; denn Sinatus hörte nicht auf, ihn in sein Gespräch zu ziehen. Der herzlich treubiedere, ernsthafte Ton der Freundschaft, der ihm hier entgegenklang, blieb nicht ohne Wirkung auf das Gemüt des jungen verwöhnten Mannes, und, wennschon er nicht Anlaß sah, den Sinatus vor andern zu bevorzugen, war er doch zu gutmütig, um ihn zurückzustoßen. Sie trafen sich öfter, nicht nur beim Würfelbecher und Trunk, sondern auch 108 bei Schwertspiel, Reit- und Fechtübung, und des Sinatus bewundernde Zuneigung zu dem Jüngling wuchs; denn er fand alle Tüchtigkeiten des Leibes und Geistes in ihm in seltener Vereinigung, und er fühlte: »an diesem Menschen kann ich mich verjüngen! Wär' ich wie er!« Ja, er redete sich ein, wie köstlich es sei, auf ihn einzuwirken, daß er im Geiste der Vorväter ein wackerer Volksfürst werde, der seine enge Heimat liebt. »Besuche mich auf meinen Jagden!« sagte er, als sie aus Ancyra ritten und sich trennten. »Es gibt Antilopen und seltenes Wild genug. Wir schießen vom Pferd die Trappen mit dem Pfeil. Die Wälder sind dicht, die Schluchten sind wild am Sangarius, meine Jagdnetze stark, und meine Meute stellt dir den wilden Stier und den Panther.« Jagen! das lockte Sinorix. Zwar mußte Sinatus ihn durch Boten noch oftmals mahnen; denn wie vieles gab es, das ihn anzog! Aber schließlich geschah es: Sinorix kam, und sie jagten zusammen tagelang in grauer Winterszeit und teilten die Gefahren und Unwetter und die Beute; und er kam wieder und öfter wieder, und sie gewöhnten sich aneinander zu großer Vertrautheit bis zur Verbrüderung. Es war ein köstliches Sichergehen; das Mahl, der Trunk in der Hütte, die schlichte Lagerstatt. In der Bergstadt Tavia im Gau des Trokmerstammes, da wohnte Sinorix selbst; Sinatus kam hin, ihn dort zu besuchen. In der Halle standen Bildwerke und Tische voll Schmuckwerk aus den Griechenstädten; die zeigte ihm Sinorix mit Stolz und sein Schatzhaus, das er nach Art der Griechenfürsten auf hohem Kastell erbaut hatte. Das Frauengemach aber war leer. »Heirate nicht zu spät!« sagte Sinatus gedankenvoll. 109 Sinorix sah ihn fragend an – aber er fragte nicht mit Worten. Dann lachte er aufgeräumt und zuckte die Achseln. »Die Ehe will mich nicht, weil ich zu unhäuslich in der Liebe war.« Als der Frühling nahte, kam endlich Sinorix auch nach Gordium. Sinatus wünschte das längst. Aber Sinorix hatte bisher nur wenig Neigung gezeigt. Was konnte auch Gordium, das bescheidene Städtchen, ihm bieten? Keltische Lehmhütten! Das Vieh in den Gassen! »Laß uns lieber zusammen nach Pessinunt gehen oder in die Seestädte! Da ist großes Leben! Rausch des Daseins!« Aber er fand sich endlich gutmütig in die Freundespflicht und sagte fröhlich und rasch erwärmt: »Alle Welt rühmt deine Weisheit, edler Freund, und wie dein Volk dich liebt. Das will ich von dir lernen! Ich will auf dem Markt in Gordium mitten unter den Leuten stehen und zuhören, wenn du Recht sprichst!« Und er tat es und war in Gordium und spendete dem Freund den Beifall, den er verdiente, spähte beiläufig durch die Gassen nach Abenteuern aus, doch keines fand sich; dann zogen sie in den geschlossenen Turnraum; das war ein glatter Lehmboden, weithin von Holzplanken umfriedet; das Männervolk drängte nach. »Wollt ihr etwas Neues lernen?« rief Sinorix. »Unser keltisches Schwertspiel ist roh und ungeschlacht. Entkleidet euch! Laßt uns heut turnen wie die Griechen!« Und sie begannen nackt erst den Ringkampf; dann auch den Wettlauf; siebenmal die Bahn. Ein leichtes Ballspiel folgte. »Das macht stark und geschmeidig und leicht. Tummelnde Delphine im Luftbad!« Und alle bewunderten die Kunst und die behende Kraft des fremden Jünglings; und ein griechischer Kaufmann, der zufällig zugegen war, sprach: »Ich sah 110 keinen Hellenengott so herrlich an Menschenwuchs wie diesen. Wehe uns, wenn dies blonde Volk sich vermehrt!« Im bescheidenen Speisesaal des Rathauses gab Sinatus darauf dem Freund ein Gelage. Dann führte er ihn gastlich in sein Haus zur Ruh. »Und Kamma, dein Weib?« fragte Sinorix, als er sein Lager suchte. »Soll ich sie nicht sehen? Du sprichst kaum von ihr. Du zeigst sie nicht. Ist sie ein Drache, daß du ihrer dich schämen müßtest?« »Du sollst sie morgen vor dem Abschied sehen,« erwiderte Sinatus lächelnd. »Sie ist lieb und scheu, und ihr Platz ist nicht im Haufen der Menge.« Kamma harrte schon auf die Begegnung; sie war glücklich, daß ihr Mann den Freund gefunden. Wieviel heiterer war sein Wesen, seit er ihr von Sinorix erzählte! wie elastisch und jung seine Gestalt geworden! Ja, die Jugend wirkt ansteckend auf das Alter wie ein mildes Fieber. Was ihr, der Frau, nicht gelungen war, schien dem Freund gelungen. Und das war recht. Denn sie konnte doch nie sein Jagdgenosse sein. Am Morgen schmückte sie sich mit Sorgfalt und Munterkeit und trat zu den beiden in die Halle, von zwei Dienerinnen gefolgt, hochgewachsen und schlank und bleich und schön, das nußbraune Haar gewellt, mit gerade gezogenem Scheitel; aber ein schwerer Zopf lag ihr, vom Nacken aufsteigend, bis über die Stirne, wie ein voller Kranz um das wundervolle Haupt. Als sie den Gast gewahrte, streckte sie in freudiger Erregung die Hand und eilte ihm entgegen: »Sei mir gegrüßt, dreimal gegrüßt und habe Dank für die Freundschaft, die du meinem Gatten schenkst. Es tut 111 ihm wohl, und Sinorix ist ein Name, der guten Klang in diesem Hause hat.« Sinatus, ihr Gatte, sah voll Überraschung, wie frei und unbefangen ihr Ton, wie offen ihr Blick in Beglücktheit strahlte. Wie schüchtern trat sie sonst den Männern der Stadt entgegen! Die Liebe zu ihm gab ihr den Freimut. Kamma aber fuhr fort, indem sie ihm die Hand entzog: »sieh nur, hier am offenen Hof, den großen Rosenstock, wie er mit seinen Zweigen ins Zimmer wächst! Man sagt, der Stock ist älter als drei Menschenalter; jetzt aber blüht er, und er trägt prangend hundert berauschende Rosen am Tag. Hier setze dich. Es ist unser Lieblingsplatz. Seit einem Winter kenne ich dich schon, Sinorix, durch die Rede meines Mannes. Der Schall des Wortes aber gibt dem Auge nichts; es ist gut, daß ich dich sehen darf.« Da faßte er wieder ihre Hand und hielt sie länger; der Moment erlaubte es. Er durfte sie halten. Sinatus schaute so gütig darein. Und wie er sie so neben sich duftumsponnen unter den Rosen sah und den vertraulich weichen Druck ihrer Hand in der seinen fühlte – seine Sinne wurden wach; er merkte, er spürte: sie kam eben in der Morgenfrische aus ihrem Bade und atmete süßes, harrendes, zauberisches Leben. Da durchfuhr ihn die Begier; ein rasendes Verlangen; das Gift der Schönheit; er hatte es nicht gesucht, gewollt! Durch das Blut schlug es ihm auf einmal ins Eingeweide. Mit dem Blick des Weiberkenners merkte er, daß hier Wonnen schlummerten, Schätze der Liebe, noch unvergeben; ein vermähltes Weib, das in all seiner Jugendhuld nichts ahnte vom Rausch jener unermeßlich gesetzlosen Seligkeit, die das tiefste Ich sättigt. 112 Er wollte sie wecken! Eine Glut drang aus seinem Auge; das Blut stieg ihm in die Stirn. Er war verstummt. Sie aber sah still und unbefangen auf ihn und wußte selbst nicht weiter zu reden. Sie löste die Hand und forderte von den Dienerinnen Wein und Früchte. Da plauderte er schon und kam zur Besinnung und begann von der weiten großen Welt, die er gesehen, zu reden. »Jetzt, Kamma, ist der Frühling im Land; jetzt ist draußen die Seefahrt herrlich! Aber die Fremde, das ist nichts für Frauen, nichts für unsere Frauen. Und doch gibt es Frauen genug in der Fremde. Diese Griechinnen in Heraklea, in Byzanz, in Ephesus! sie sind nicht wie du. Sie gehen mit Ringen und Spangen beschwert und stecken sich das Kleid mit Nadeln zu, statt es zu nähen. Ihre Röcke sind so lang am Fuß, daß sie sie im Arm tragen; sonst strauchelten sie, und mit geschminkten Wangen, den Fächer in der Hand, so kommen sie ins Theater, wo man Musik macht, in großer Zahl und lassen sich bewundern. Bei der Großen Mutter, sie sind nicht wie unsere Frauen.« »Du liebst nicht die Griechen?« »Ich liebe ihre Sachen; ich kaufe oder raube ihre Sachen, wo ich kann. Künstler sind sie! Was zum Leben gehört, was das Leben schmückt, das wissen diese Griechen. Ein Narr, wer es nicht von ihnen lernt. Sieh hier den Ring! Ist er nicht schön?« Und er zeigte ihr den Saphir, den er am Finger trug; ein Tiger war in den dunklen Stein geschnitten, auf dem ein kecker Amor ritt. Sie sah es mit Vergnügen, und seine Locken kamen beim Betrachten ihrem Haupte nah, ihre Hände berührten sich wieder, und jetzt fühlte sie im Tiefsten und mit frohem Staunen die Anmut seiner Nähe und ein inniges Wohlgefallen. 113 »Zeig' mir den Ring!« unterbrach sie Sinatus, und er gab ihn. Kamma aber fragte: »So hübsch sind die Sachen der Fremden, und doch liebst du die Griechen nicht?« »Ich hasse sie. Denn sie sind stets unseres Landes Feinde gewesen. Was würdest du sagen, wenn es Krieg gäbe? Der große Kampf ist noch nicht zu Ende. Rom hält die griechischen Küsten Asiens in den Händen, und König Mithridates im Pontus rüstet. Der Kampf des Griechentums gegen Rom wird neu und schrecklich beginnen. Wenn die Zeit kommt, und sie ist nah, siegen oder sterben wir auf der Seite der Römer!« Sinorix war aufgesprungen, und es blitzte und funkelte wild genug in seinen Augen; aber es war ihm eben jetzt angesichts dieser Frau nicht ernst. Wie fern lag ihm der Wunsch, jetzt in den Krieg zu ziehen! Er wußte kaum, was er redete; die Worte schafften seiner grenzenlosen Erregung Luft, und herrlich, wie ein Heros, ein Mann der Leidenschaft, so stand er vor dem Weibe. Wie ihre Blicke sich fingen, verging sie in Bewunderung. Dann sah Kamma sprachlos zu ihrem Mann hinüber und erkannte: Ungeduld, Unruhe, Befremden stand in seinen Zügen. Da erhob sie sich rasch und wurde plötzlich schüchtern, reichte dem Gastfreund den Becher, nippte auch selbst vom Weine und sprach unsicher und trübe: »Ich verstehe nichts von Rom und von Mithridat. Aber der Friede sei mit uns, so oft du kommst. Auch sei dies nicht der letzte Becher, den ich dir reiche.« Das war es, was sie gesagt hatte. Dann hatte sie sich gewandt, während sein Blick, ein dreister Blick, sie zu verschlingen schien. Das verwirrte sie, und sie senkte das Haupt. An der Tür lag eine halb aufgeschnittne Frucht am Boden. Sinorix sah das; er gab 114 vor, sie möchte darüber fallen, und las, indes sie weiter ging, kniend die Frucht auf und, da er sich vom Boden erhob, berührte ihre Hand ihm unversehens Wange und Mund. Da war sie schon verschwunden. Er starrte ihr fassungslos nach; dann wandte er sich rasch zu Sinatus um, legte die Frucht gleichmütig mit den Worten: »sie hätte straucheln können,« auf die Schale und fügte leichten Tones hinzu: »Ich danke dir. Nun kenne ich auch deine Hausfrau. Sie ist eines Fürsten würdig. Aber es ist Zeit, daß ich reite. Ein scharfer Ritt! Gib mir Urlaub. Heute Abend noch muß ich in Tavia sein.« Sinatus gab ihm bis vor die Stadtmauer das Geleit. Noch einmal drehte Sinorix wie zufällig sein Pferd; aber von Kamma war nichts zu sehen. Dann sprach er eifrig von der Wasserleitung, die er in seiner Stadt anlegen wollte, sobald das starke Frühlingswasser abgelaufen, und wieviel das kosten werde und wie man die Abgaben auf das Volk verteilte. Und Sinatus hörte und gab Rat, und sie schieden mit herzlichem Wort und Handschlag. In der Nacht warf Sinorix sich schlaflos auf seinem Lager. Kamma! Er sah nur dies Weib in ihrem betörenden, ihrem ahnungslosen Reiz; er fühlte sie körperlich nah, er fühlte ihren Atem. Ahnte es ihm, daß ihn diese Liebe entwurzeln könnte? Er dachte nicht voraus; er dachte nur, wie er sie sehen könnte. Einmal allein mit ihr! ein kurzes, siegreiches Gespräch des Einverständnisses! und alles andere würde die Zukunft geben. Es galt nur den Freund zu betrügen. Was war dabei? Er ging noch einmal mit Sinatus zur Jagd und zeigte sich harmlos aufgeräumt wie immer; aber es fiel ihm schwer, er ertrug es nicht. 115 Sinatus hatte in Gordium auf Sinorix' Rat und nach den Bauplänen, die er ihm gezeigt, einen neuen Turnraum nach griechischer Art zu errichten begonnen, mit langen Schattengängen, Sitz- und Warteräumen und Wannenbad. Sinorix zeigte dafür jetzt den größten Eifer und erbot sich, in des Sinatus Abwesenheit den Bau, der schon in seinen Anfängen war, zu beaufsichtigen. Die Sommerzeit kam; in der Tat führten den Sinatus seine Pflichten wiederholt aus der Stadt zu den Landleuten von Ort zu Ort. Sobald und so oft Sinatus sich entfernt hatte, war fortan Sinorix sicher in Gordium. Er wohnte bei einem Griechen des Ortes. Daß er ins Fürstenhaus eintrat, fiel nicht auf. Denn vielerlei gab es mit dem Hausmeister zu verhandeln. Aber er sah Kamma nicht. Es gelang nicht. Er ließ ihr die Bitte sagen, sie zu sehen; sie erschien nicht. Er gab vor, in Geschäften mit ihr reden zu wollen. Sie lehnte ab. Denn so war es ihr von Sinatus vorgeschrieben: sie zeigte sich in seiner Abwesenheit keinem Manne, außer dem Stadtältesten, wenn er es dringend forderte, und einem der Armen der Stadt, der der Großvater ihrer jüngsten Zofe war und der bisweilen kam, seine Enkelin zu sehen. Ihm gab sie reiche Gaben mit. Sinorix sah sich knirschend seinem Ziele fern. Gewalt durfte er nicht brauchen; denn dann war alles verraten. Die Frauenwohnung war verschlossen und treu bewacht. Er umschlich nachts die Mauern des Hauses und Gartens; ein Eindringen war unausführbar. Wachend stand er stundenlang im Dunkeln unter den Fenstern; die Fenster waren klein und hoch gelegen und zeigten kein Licht. Nicht einmal ihren Schatten sah er an der Wand gleiten. Eines Morgens hörte er Gesang 116 aus dem Garten schallen. Er klang schwermütig weich und blumenhaft süß. Sinorix regte sich nicht und sog den Schall ein. Da behielt er die Liedweise, und am nächsten Abend sang er sie selbst, als Feldarbeiter verkleidet, auf- und abgehend unter ihrem Fenster. Eitle Müh' der Liebe! Das Fenster blieb tot und leer; sie ahnte schwerlich, wer da unten sang, und aus dem Garten tönte ihre Stimme nie wieder. Das Erntefest kam. Da endlich zeigte sich Kamma. Den gnädigen Göttern des Fruchtsegens brachte man zur Ernte Opfer und Lobgesang und wandelte in langer Prozession vom Tempel aus um die Stadt. Vor dem Tor standen uralte Steineichen und Ulmen, die ihre Wipfel ins Unendliche dehnten. In ihrem Schatten war für das jauchzende junge Volk, das von der Sommerarbeit ruhte, ein Tanzplatz ausgespart und mit Buden umgeben, und im Rasen am Weiher lagerte sich jung und alt, Männer und Weiber, in ihrem schönsten Putz. Der Fürst Sinatus aber wandelte mit Kamma mitten dazwischen; heiter und festesfroh saßen sie nieder in den Reihen des Volkes und tauschten Gruß und Gespräch und sangen die Volksweisen mit, die nicht endeten. Auch Sinorix war da. Er war gekommen, wie er sagte, um das Fest zu sehen. Was er sah, war Kamma, nur sie allein. Aber sie ließ nicht von ihrem Gatten. Oder war es Sinatus, der sie so ängstlich hütete? In der Prozession schritten sie zu dreien durch die Tempelstraße: Kamma zwischen dem Gatten und dem Freund des Gatten. Das Volk sah es und sprach: »Der Freund ist schön und jung, und die Fürstin auch. Sinatus soll sich vorsehen!« Sinatus tat es. Sinorix fühlte nur Pein und Wut; er verlor die Unbefangenheit der Rede, und 117 als Kamma enttäuscht ihn frug, warum er die Lieder nicht mitsinge, war er um die Antwort verlegen. Da kam ein reitender Bote aus Ancyra. Sinatus wurde abgerufen; Sinorix stand mit Kamma am Weiher allein! Endlich allein! Was sollte er sagen? Es galt zu erfahren, ob sie ihn liebe. Er zauderte und fand das Wort nicht. Kamma brach das Schweigen und versicherte wieder, wie beglückt ihr Mann durch seine Freundschaft sei. »Und du selbst, Kamma, bist du glücklich?« fragte Sinorix schnell. Sie sah ihn überrascht an und antwortete offen und ernst: »Glücklich? Bist du nicht fromm und weißt du nicht? Das reine Glück gehört den Göttern, die überirdisch sind. Wir Irdischen haben nur dürftigen Teil daran, nur in den guten Stunden; das Glück wird zu Scherben in des Menschen Hand. Ich bin kinderlos. Das betrübt meinen Gatten.« »Wie kann es ihn betrüben, Kamma, wenn er dich liebt? wenn er die Wonne fühlt, ein Weib zu haben, ein Weib wie dich, was fragt er nach Töchtern und Söhnen, die dich ihm rauben!« »Ich glaube,« sagte sie, »du sprichst nicht von Liebe. Kennst du die Stromschnellen des Halysflusses? Sie sind wild wie ein Sturzbach und reißen im rasenden Strom alles fort. So ist die Leidenschaft; ich fürchte mich vor ihr. Die Liebe ist nicht so, sie ist anders. Sie ist tief und ruhig und trägt uns alle . . .« »Was du da redest, das hat dich dein Mann gelehrt. Ich kenne es von ihm selber! Aber du fragst nicht nach mir, Kamma, und ob ich, ich, ob ich glücklich bin!« Sie verstummte. »Ich lebe einsam in meinem Haus. Mein Haus ist 118 reich an Schmuck und goldenem Zierrat, der eine Frau erfreut. Aber du kommst nie, es zu sehen. Darf ich dir ein Geschenk senden und wirst du es hüten und in Ehren halten?« Sie blickte freudig überrascht und doch ratlos verlegen; was würde Sinatus sagen? Da trat Sinatus schon wieder zu ihnen und gebot: »Komm ins Haus, Kamma. Dringende Botschaften von Dejotarus sind da; er verlangt Antwort, und ich kann hier nicht bleiben.« So mußte sie gehen. Sie tat es in Sanftmut und grüßte Sinorix mit einem warmen Blick, in dem sich Dank und Mitleid mischten und ein Bedauern, hinweg zu müssen. »Aber du bleibst doch, bis ich wiederkehre, mein Teurer?« sagte Sinatus zu Sinorix. »Zur Nachtstunde kehr ich hierher zurück, und der Festjubel währt bis in die Morgenfrühe.« »Ich reite,« antwortete Sinorix kurz und rief schon nach seinen Knechten und ritt davon. Wenige Tage vergingen; da kam schon eine verschwiegene Frau in Kammas Frauenwohnung und brachte ihr in einem Korb Geschenke von Sinorix, dem Fürsten. Verstohlen verschwand sie, wie sie gekommen. Das war ein schlichter Spiegel; dazu eine Halskette aus blauen Steinen, in Gold zusammengehalten, und breite und schwere Armspangen mit schönster Ziselierung von Weinreben und Akanthus. Sie legte den Schmuck bewundernd an, als sie einsam war; keine Dienerin half; der Spiegel zeigte ihr, wie schön es sie kleidete; Ariadne, die Freundin des Dionys, oder Helena, die Paris entführt, konnte nicht holdseliger, nicht betörender sein. Dabei lag noch ein griechisches Buch, das sie zuletzt aus 119 dem Korb nahm; sie beachtete es kaum. Denn sie las nicht gern, und die griechische Sprache war nicht leicht. Sollte sie nicht alles dem Sinatus zeigen? Aber sie scheute sich; sie fühlte, es sei nicht gut, und sie verbarg die Sachen. Auch die Dienerinnen sollten es nicht sehen; sie könnten plaudern. Sinatus war streng; es könnte die Freundschaft der Männer stören. Aber auch zurücksenden mochte sie die Gaben nicht. Ein törichtes Wohlgefallen knüpfte sich daran und Nachsicht für den Spender. Wenn sie ihn wiedersah, wollte sie ihm danken und ihn bitten, den Schmuck zurückzunehmen, so heimlich, wie er gekommen war. Eine Frau wie sie hat viel Zeit und viele leere Stunden. Sie holte endlich das Buch hervor und begann es mühevoll und langsam wie ein Gebet zu lesen, in der frühesten Morgenstunde, wenn der Tag sie weckte. Anmutig und leicht war das Buch geschrieben und erzählte die Mär von jener Helena, die so schön war, und von Menelaus, ihrem Gatten, der trübe und ernst und ehrenfest. Und ein junger heldenhafter Mann kam ins Haus, der hieß Paris; der wagte der Frau nicht zu sagen, daß er sie liebe. Sie aber verstand ihn und erbarmte sich und küßte ihn heimlich, und die Göttin Venus selber, da Helena in Reue verzagte, sprach ihr Mut zu mit göttlichem Wort, und sie entfloh kühn mit dem schönen Mann, und hunderte von Helden standen auf und fochten für das Weib, das ihren Mann verlassen und groß und frei der Stimme des Herzens gefolgt war. Kamma las und las und verstand es langsam und starrte stundenlang ins Leere, und eine Sehnsucht und schmachtend fiebernde Erregung faßte sie. Die Ernte war zu Ende. Sinatus blieb in diesen Zeiten viel 120 daheim und sah sein Weib oft, und er bemerkte an ihr eine Hingebung und stille fromme Ergebenheit und einen Blick angstvoller Zärtlichkeit, der ihm auffiel und ihn rührte. War das nicht Treuversicherung? Er redete jetzt oft mit ihr, und sein Herz erschloß sich ihr inniger, und sie hörte ihm zu, versunken und doch erregt hinhorchend, als harrte sie im Tiefsten auf etwas Großes, Unerhörtes, das sie ergreifen sollte, und als er sagte, daß er nach Ancyra reiten müsse und er werde dort Sinorix wiedersehen, umklammerte sie ihn in Schreck aufstöhnend, als befiele sie ein Entsetzen, und er konnte sie kaum beruhigen, als er schied. Sinatus zog nach Ancyra, wie in jedem Herbst, zur Fürstenversammlung, in der Dejotarus, der Alte, seit vielen Jahren den Vorsitz führte. Dejotarus begrüßte den Ankömmling mit den spöttischen Worten: »Du kommst allein, Sinatus, und ohne deinen Sinorix? Man nennt euch die Unzertrennlichen. Oder macht Sinorix sich in deiner Stadt Gordium zu tun, während du fort bist?« Sinatus empfand, daß in der Anrede etwas Böses lag, aber er sagte nur, und nicht ohne schmerzlichen Ton: »Er scheint mich zu fliehen. Ich sah ihn seit einem Monat nicht.« Da erschien auch Sinorix, in seinen Mienen übermütige Entschlossenheit. Er hatte die Sache zu Ende gedacht. Was gab dem Sinatus das Recht auf sein Weib? Daß er älter war und sie darum früher erspäht hatte? Im Keltenlande das schönste Weib gehörte ihm. Er hatte sich schon zu lange bezähmt. Und es gab nur einen Weg, um zum Ziele zu kommen. »Freund meiner Seele,« rief Sinatus ihm zu, da sie im Säulengange des Marktplatzes zusammenstießen, 121 »sage, was dich ferngehalten? So lange! Ich bin dir nichts. Wahrhaftig, ich könnte sterben, und dich würde es nicht kümmern.« »Du könntest sterben?« lachte Sinorix auf. »Was hielt dich fern?« Sinorix wandte sich ab: »Frage mich nicht. Es führt zu nichts.« »Rede!« »Es führt zum Unheil!« »Ich ertrage alles, nur die Unklarheit nicht und nicht das Verhehlen.« »Ertrag' es, wenn du kannst! Ich liebe dein Weib. Ich liebe Kamma! Mensch, begreifst du nun, weshalb ich deinem Haus ferne blieb?« Sinatus stand vom Donner gerührt. Aber die Freundschaft war stark in ihm, und er griff sprachlos nach Sinorix' Hand. »Ich will deine Hand nicht,« schrie Sinorix. »Gib mir Kamma, laß mir Kamma; du siehst, daß ich offen bin.« Sinatus sank wie betäubt an eine Säule. »So sind wir Feinde. Knabe! Das ist zu viel! Heilige Götter. Es ist mir schwer, dich zu verlieren.« Sinorix aber sagte erpicht: »Und du wußtest es nicht? ahntest es nicht? Hat sie dir nicht von mir gesprochen? nicht, daß ich in sie drang, sie allein zu sehen?« »Sie sagte mir nichts . . .« »Nicht, daß ich Geschenke sandte? . . .« »Auch das nicht.« »Das Geschmeide! Sie hat es noch! Und sie sagte dir's nicht?« »Nein, nichts davon!« »Sie sagte dir's nicht?« Da überkam Sinorix ein 122 Jubelrausch, ein Taumel wahnsinniger Freude. Er hätte Sinatus umarmen, er hätte ihn in der Umarmung erdrosseln mögen. »Sie hat geschwiegen, sie liebt mich. Alles ist gut,« schrie es in ihm. Die Menge schob sich zwischen die zwei. Man begab sich zum Tempelhof. Die Opferhandlung folgte und das Treugelöbnis der Fürsten, am heiligsten Altar. Es folgte die Ratsversammlung in der geschlossenen Halle, in der nach dem Herkommen die Ältesten das Wort führten. Sinorix war entgeistert und nur sein Leib zugegen. Wie eine Maschine sprach er die Eide nach und hob die Hände und gab bei der Umfrage im Rat seine Stimme. Aber in ihm klang es und sang es: »Sie hat geschwiegen, sie liebt mich!« Und er sah ihre einzige Gestalt vor sich in ihrer schwellenden, schmachtenden, jungfräulich-frauenhaften Blüte, und sein Begehren wuchs mit der Hoffnung ins Unbezwingliche. Er wußte nicht, wie es kam: er mußte auf Sinatus immerwährend das Auge heften. Seine Augen ruhten suchend auf seiner Figur, und er beobachtete, wie dünn und hager sein Hals, wie schmal seine Lenden, wie knorpelig mißgestaltet seine Nase unter der flachen Stirn stand, wie kahl und blank bis zum Hinterkopf sein schmaler Schädel verlief. Nur im Nacken und um die großen Ohren lagen die langen gelben Strähnen. Und diesen Mann hätte sie je geliebt? Er ist brav, brav! Aber was ist Bravheit in der Liebe? In diesen Armen hat sie gelegen? An dieser Brust geatmet? Diese dünnen Lippen hat ihr Mund, ihr wonniger Mund gesucht? Es war ein merkwürdiges Ziehen, ein geheimnisvolles Band, das die Männer an diesem Tag, da sie die Freundschaft verloren, zueinander zog. Auch der besonnene Sinatus gab auf Sinorix acht. Er überdachte 123 in Ruhe alles und zweifelte an Kammas Treue nicht, und seine Achtung vor Sinorix wuchs; wie ehrlich und ohne Hinterhalt war sein Bekenntnis gewesen! Und weil er Kamma liebte, hatte er Gordium so lange gemieden; wie achtungswert und löblich auch das! Er empfand nicht Zorn, nur Mitleid mit dem Jüngling, der hoffnungslos liebte. Eine Verirrung des Herzens war ja keine Sünde. Die Trennung mußte fortbestehen; Sinorix würde die Leidenschaft schon endlich bezwingen. Denn die Zeit heilt alles, und die Wunden der Jugend vernarben schnell. Als beim Gelage Sinorix dem Sinatus zutrank (die Männer waren sich gegenüber gelagert) und mit gewaltsam lachender Gebärde und mit brennendem Blick ihm die Worte zurief: »Es lebe, wer das Weib hat! Trinke noch einmal mit mir und hasse mich, aber gib acht auf mich!« – da neigte sich Sinatus gütig zu Sinorix hinüber, erwiderte den Zutrunk und sagte mit schlecht verhüllter Innigkeit: »Ich verschiebe die Feindschaft und wollte, ich könnte auch dich bald so glücklich sehen, wie ich dich jetzt beklagen muß.« »Bald?« lachte Sinorix. »Du sollst mir dazu helfen!« Und er lachte wieder. Er schien zu viel getrunken zu haben. Als die Sonne sank, brach Sinatus auf. Denn obschon die Fürsten in Ancyra mehrere Tage beisammen blieben, zog es ihn diesmal ungestüm heim, zu seinem Weib. Aber auch Sinorix hielt es nicht, und beide Männer hatten eine Strecke denselben Weg zu reiten. Erst nach einer Stunde teilten sich die Straßen nach Tavia und Gordium. Sinatus wunderte sich über seinen Gefährten und prüfte seine Mienen scharf. War es die alte Freundschaft, die ihn zog, auch heute mit ihm zu 124 reiten? Hatte er ihm noch mehr zu sagen? Aber Sinorix schien befangen, verlegen, unterwürfig freundlich und sagte nichts. Was fruchteten auch Worte in dem Handel? Kammas Name blieb ungenannt. Die Zeit verging. Sinorix wurde unruhig und unstät. Sein Gaul strauchelte, schlecht geführt. Er hieb ihn in Wut, daß er im Galopp ging, und schrie wüst und brachte ihn mit einem Riß ins Gebiß zum Stehen. Die Diener beider Fürsten ritten auf Maultieren hinter ihnen, wohl zwanzig Leute, und die Gesellschaft vermischte sich fröhlich und trällerte weinselig Lieder im Chor; denn es war ein schöner Tag gewesen. Der Mond kam. Es dunkelte rasch. Tief unten neben der Straße rauschte der Strom Halys, der seine Wogenmassen nordwärts dem Schwarzen Meer zuwälzt. Am steilen Ufer reckten sich schwarze Pinien und Kiefern auf und düstergraue, sturmzerschlagene Pappeln. Die Finsternis lag wie lauernd in der Tiefe und stieg höher, um alles zu verschlingen. Schon verstummten die Lieder. Man hörte im Laub den Kauz schreien. Große Fledermäuse fuhren schreckhaft huschend wie böse Gedanken um die Stirnen der Reiter. »Die Straße steigt!« sagte Sinorix, wie aus einem scheuen Traum erwachend; »laß uns zu Fuß gehen.« Er saß ab und gab schon den Dienern sein Tier. Sinatus gehorchte. Die Tiere sträubten sich, wurden plötzlich unbändig, standen hoch und wollten nicht weiter, und die Diener blieben weit mit ihnen zurück. Sinorix hielt sich dicht an Sinatus; doch dieser wich seitwärts, und Sinorix begann auf einmal lebhaft zu plaudern: »Das war mein Leibpferd! Ich will es dir lassen. Du kennst es und nimmst es an von mir. Kappadozisches Blut! Es läuft dir herrlich zur Trappenjagd. Wer weiß, 125 was folgt, Sinatus? Noch können wir uns Geschenke geben.« Eine Wolke trat vor den Mond. Der Kauzruf tönte von neuem siebenmal. Sinatus horchte hin und zählte und vergaß Antwort zu geben. Den anderen befiel eine Hast, er ging schneller und sprach von Trappenjagd und Bärenjagd und lachte plötzlich und sagte: »Hast du heut an der Tempeltreppe, eh' wir ritten, die Sagana gesehen, die alte Kupplerin? Sie trank Wein und bot mir ein süßes Mädchen . . .« »Und du gabst dich mit dem Mädchen ab?« »Du irrst, Mensch. Ich hielt der Alten nur ein Goldstück hin und sagte: Sagana, stell' dich auf den Kopf, und dies Geld ist dein. Da band sie den Rock zusammen und stellte sich wirklich auf den Kopf. An ihren dünnen Beinen aber krochen zwei Schlangen hinauf, die sie unter ihrem Gewand getragen. Die ringelten sich um ihre Füße und wiegten züngelnd die Köpfe. Ich sagte: »Trink', Alte, so wie du da bist, dann kriegst du ein Goldstück mehr . . .« »Und sie trank?« »Wahrhaftig, sie griff gleich nach einer engen Flasche und soff, daß ihr der Krätzer in die Nase lief. Sie bekam das Niesen, aber stand wie ein Fels, und ich legte ihr die zwei Goldstücke auf die Fußsohlen. In einer Pfütze Wein stand die Hexe so auf dem Kopfe.« Sinatus wollte schelten: »Wie garstig, mir ekelt,« aber er mußte übermäßig lachen bei dem Bericht. Ihm war grausig seltsam abenteuerlich zumute. Sein Lachen steigerte sich unheimlich, und er merkte nicht, daß Sinorix nicht lachte, sondern ihm wieder nahe kam. Der Mond trat just wieder hervor; Sinorix erkannte von weitem den Baum, der die Wegscheide anzeigte, wo 126 die Männer sich trennen mußten. Da umschlang er blitzschnell den Sinatus von hinten, warf ihn rücklings zu Boden und stieß ihm sein langes persisches Messer bis ans Heft in die Brust; er stieß zweimal und bohrte nach. Ein kurzer Aufschrei, ein Ächzen, ein Röcheln, ein kollerndes Fallen: er hatte den Toten in den Fluß gestoßen und stand nun aufrecht, das triefende Messer hoch in der Hand, und rief: »Kamma! durch Blut! aber du wirst mein!« »Kamma!« rief er. Seine Knie zitterten, der Schreck schüttelte ihn. Er lauschte. Regte sich der Tote nicht? Starrte da nicht sein bleiches Haupt, die Augen offen? Stieg er nicht blutend aus der Tiefe? Da belebte sich die grausige Stille. Die Diener kamen. Er verbarg rasch seine Waffe und sagte zu dem Nächsten: »Euer Herr Sinatus ist abgestürzt. Ich ziehe meines Weges« – und ritt mit den Seinen davon. Die anderen suchten und fanden die Leiche, die im Mastix-Gestrüpp hing. Das schwarze Blut verriet den Mord. Auch hatten sie den Aufschrei gehört. Die Tat war offenkundig. Sinorix leugnete die Tat nicht. Seine tigerhafte Natur, kraftvoll und geschmeidig, überwand das Grauen rasch, das er in jener Schreckensnacht vor sich selbst empfunden. Er fühlte die Schändlichkeit tief, die er begangen, aber ließ nicht von seinem Ziel. Er setzte seine Stadt und sein Kastell in Verteidigungszustand und schrieb ausführlich an alle Fürsten über das, was er getan; er sprach von dem Hader, den er um Kamma mit Sinatus geführt; der Hader sei losgebrochen auf dem Ritt; Sinatus habe ihn töten wollen (das war begreiflich!), er selbst habe nur in Notwehr gehandelt, um nicht selbst erschlagen zu werden. So auch erhielt Kamma von ihm schriftlichen Bericht. 127 Die Fürsten erkannten diese Darstellung an. Der Kampf war ohne Zeugen in der Nacht geschehen; und was vermochten die Aussagen von unfreien Dienern gegen das Wort eines solchen Herrn wie Sinorix? Sinorix brachte die Sühneopfer dar, die der Ritus vorschrieb, zahlte auch eine große Summe Geldes zur Pön an den Haupttempel des Landes in Ancyra, und er galt nunmehr als entsündigt. Niemand dachte daran, ihn anzutasten; er war gefürchtet, und die ihn verehrt hatten, ließen auch jetzt nicht von ihm. Man wollte ihm sogar das Fürstentum Gordium selbst, das jetzt herrenlos war, übergeben. Aber er lehnte es ab und beantragte, daß Dejotarus, der Älteste, die Erbschaft des Sinatus antrete. Dies geschah; hinfort gab es nur noch elf Fürsten, und des Dejotarus Freundschaft zu ihm wuchs. Kamma aber? Bewußtlos war sie hingeschlagen, als man ihren Gatten tot in das Haus trug. Die Diener erzählten, was sie wußten, aber ihr selbst ahnte gleich, wer der Täter sei. Böse Träume hatten ihr Unheil, das doch keiner wenden konnte, vorausgesagt. Sinorix! Er hatte sie geliebt, so war es! und Sinatus mußte sterben. Zwei Diener behaupteten den Mord bestimmt: das Mondlicht war scharf gewesen; sie hatten den Vorgang ganz deutlich gesehen. Kamma öffnete das Hemd des Toten und wusch die Wunde, aus der das Leben entflohen, betastete sie und prüfte sie lange. Sie ließ Waffen kommen, wählte ein langes Messer aus, legte es in die Wunde und erkannte, daß die Klinge von oben her in die Brust gefahren. Der Leichnam wurde durch Balsam der Verwesung entzogen. Nächtelang saß sie wach bei ihm. Was wollte sie? Wollte sie sich töten? Wozu sonst die Waffen? Der Selbstmord der Witwen war nichts Fremdes. Aber sie tat es nicht. Sie ließ 128 sich nicht einmal das Haupthaar scheren und ging in langen schwarzen Gewändern einher, ruhelos, schlaflos, sprachlos, Tag und Nacht. Nach neun Tagen erst fand sie Worte und gebot die Bestattung. Die Flamme verzehrte den Leichnam. Sie setzte die Asche ihres Gatten unter Kränzen in der Gruft seiner Ahnen bei. Unter dem Schleier flossen ihre Tränen. Niemand sah sie. Sie verschleierte ihr Herz vor jedem; niemand ahnte, was sie empfand. Aber ihr Geist wuchs jählings; das spürte jeder. Das Mädchenhaft-zagende fiel von ihr ab. Sie war fortan Wille und Entschlossenheit. Die Grabesehren waren erwiesen; auch beim Totenmahl durfte sie auf der Grabesstätte nicht fehlen. Jedes Wort aber, das gegen Sinorix fiel, untersagte sie streng und gebot hoheitsvoll, in ihm den Fürsten zu ehren. Dann kehrte sie ins Haus zurück, wo alles leise schlich und niemand sprach. Denn die Stummheit der Herrin wirkte ansteckend. In dieser Totenstille rüstete sie sich, das Haus zu räumen. Da kam der Bote, der ihr mit reichen Totenspenden für des Sinatus Grab des Sinorix Sendschreiben brachte. Es war jenes Schreiben, darin er von Notwehr sprach. Er mußte selbst Kamma gegenüber seine Aussage aufrechterhalten: »Die Liebe ist grausam,« so schrieb er weiter: »die Liebe tötet die Freundschaft. Ich habe aus Liebe zu dir und durch mich selbst den Freund verloren. Wie groß auch immer meine Schuld, entzieh' dem Grab die Spenden nicht, die ich durch den Boten sende. Gib mir, Kamma, ein Wort der Vergebung, und wisse, daß ich trostlos dahinlebe ohne dich. So wahr ein Gott über mir ist, der mich mit seinem Donner rühren kann, so wahr wird mein Leben sich 129 verzehren in deinem Dienst und im Dienst des Vaterlandes.« So schrieb er. Ob es sie rührte? Sie gestattete dem Boten, das Grab des Ermordeten mit den Spenden des Mörders zu schmücken. Ja, sie zögerte nicht und schrieb zurück: »Ich habe dem Sinatus keinen Sohn gegeben, der ihn rächen könnte. Mein Fluch jage dich durch Leben und Tod, wenn du ihn mordetest. Tatest du es nicht und ist es wahr, was du mir meldest, so weißt du, daß das Land und seine Fürsten dir verzeihen; ich aber bin ein Kind des Landes und kann nur dich und mich beklagen.« Sinorix hoffte kaum auf Antwort. Wie froh empfing er dies Schreiben! Als er es aber näher betrachtete, erkannte er, daß es ein Blatt aus einem gerollten Buch, aus eben jenem Buch war, das er ihr einst geschenkt und das von Paris handelte und von Helena. Auf die leere Rückseite des ausgerissenen Blattes hatte sie ihre Schrift gestellt. Also sie hatte sein Buch bewahrt! Aber sie hatte es in Stücke gerissen! War das ein gutes, ein übles Zeichen? Da wandte er die Seite um und las aus der Geschichte von Helena die Textzeilen: . . . Und Paris wagte ihr nicht zu sagen, daß er sie liebe; Helena aber flüsterte ihm zu: »Du bist schön und stark und hast mein Herz besiegt, und du darfst kommen . . .« Sinorix fuhr auf. War es Zufall? Just dies Blatt hatte sie gewählt, und diese Worte sandte sie ihm?»Und du darfst kommen!« Ein frauenhafter Wohlgeruch haftete an dem Papier. Es hatte so lange in Kammas Schrein gelegen! Er hob es sorglich auf, ein Denkmal ihrer Nähe und seiner scheuen Hoffnung, einer Hoffnung, die so trügen konnte! Aufs Land in ein kleines Anwesen zog sich Kamma 130 während des Trauerjahres zurück. Ihre Mägde vergaßen das Entsetzen bald und umgaben sie mit munterem Geplauder; man sprach sogar von Sinorix oft und daß er im Land umziehe, um für den Krieg zu werben. Denn es gab Krieg gegen Mithridat. Da hörte Kamma eifrig hin und fragte viel, und als es hieß, er käme in der Nähe vorbeigeritten, fand man sie auf dem Dach ihres Hauses, und sie spähte regungslos in der Richtung seiner Straße; sie spähte mit weit offenen Augen stundenlang nach Sinorix. Mithridates, der König, begann eben den Krieg; er bedrohte Galatien und die benachbarte Provinz der Römer zugleich. Das galatische Land mußte sich wehren. Da hoffte alles auf Sinorix' Schwert, und die beste Mannschaft sammelte sich um ihn. Er atmete auf. Aus dem lastenden Gefühl der Blutschuld, die er nie bekennen durfte, wollte er sich durch Blut und Eisen und wilden Kriegsgang befreien, und koste es sein Leben. Kamma aber trat, als das Jahr der Trauer abgelaufen, tatkräftig hinaus in die Welt. Sie schien größer geworden. Etwas Mächtiges lag in ihrem Gang, im Ton ihrer Rede. Sie war sehr bleich und ihr Ausdruck, wenn sie in sich versank, sibyllinisch-schicksalsvoll, jung und düster. Aber sie mied die Stille; sie wollte nicht einsam sein. Ein paar Kinder erbat sie sich von armen Leuten des Landes; die zog sie auf und verlor ihr Herz an sie und übte sich, mit ihnen zu spielen, und ließ sich verklären von ihrer Holdseligkeit und lernte das Lachen, das Kindeslachen neu, als könnte sie so den Mädchenzauber ihrer eigenen Kindheit erwecken. Sie lernte es wirklich. Es war etwas Dämonisch-Sirenenhaftes, dies Weib auch nur lächeln zu sehen, wie wenn ein schwarzer Diamant leuchtet. 131 In Ancyra stand das verehrteste Heiligtum des Landes, der Tempel der »Großen Mutter«, der Mutter alles Werdens und der Weltbefruchterin, die da Himmel und Erde und alle Kreatur nährt und trägt. Die Priesterin der großen Mutter, Chiomara, war gestorben, und Kamma trat an ihre Stelle. Kamma selbst wünschte das, und die Fürsten sahen es gern und umgaben sie mit Verehrung. Sie lernte ihre frommen Pflichten schnell, brachte im Angesicht des Volkes und des Heeres Gebet und Opfer und wachte über die Reinheit der Altartische und Gefäße, verwaltete den Opferstock, und bei den heiligen Handlungen wirkte ihre hohe gedankenvolle Gestalt, in der Fülle erblühter Schönheit, wie ein Wunder. Ihr großes braunes Auge wanderte langsam wie suchend im Kreis der Gemeinde, und wer dies rätselvolle Auge sah, fühlte den andächtigen Schauer der höheren Macht und die Nähe des Schicksals. Ihr Haus aber, das am Tempel lag, wurde von des Dejotarus bester Mannschaft gehütet. Allein sie hatte nicht nur priesterliche Gedanken. Sie verfolgte die Kriegsläufte mit gespannter Seele. Nicht nur das. Von einer Magierin erwarb sie ein Amulett, das man am Halse trug – denn sie war wundergläubig wie ihre Zeit –, ließ es mit Zaubersäften besprengen, vergrub es für kurze Zeit unter dem Altar der Großen Göttin, dann sandte sie es ins Heerlager. Sinorix stand mit seinem Geschwader bei der Stadt Drepanum. Da erhielt er von Kamma ein Amulett überbracht, dazu die kurzen Worte: »Sinorix, dir droht Gefahr; trage dies, und du bist fest gegen den Hieb des Feindes.« Ihr Name, ihr Name stand dabei. Es war sicher: sie sandte ihm das! Sie bangte um sein Leben. Sie wollte ihn wiedersehen. 132 Und der Zauber half: er kehrte heim, als Sieger heim! Den Feind hatte er von der Grenze gejagt. Die Römer selbst hatten Sinorix wie einen König behandelt. In Ancyras Straßen jubelte das Volk seinem Einzug entgegen. Er brachte reiche Beute mit. Die Fürsten beschenkten ihn, bekränzten ihn. Er selbst schien verändert; älter schien er und edler geworden. Die Hast, der Übermut, das lauernd Ehrgeizige war aus seinem Gesicht verschwunden. Wie er dankte und grüßte, glich er den verklärten Sonnenhelden der Sage, und es war, als schimmerte in seinem tiefblauen Auge echte Treue, die Sehnsucht nach Reinheit und die Freude, von Schuld und Reue erlöst zu sein. So sah sie ihn. Und er sie. Beim Gottesdienst fanden ihn endlich ihre immer suchenden Augen. Und sie wurde blaß wie der Tod. Ein Schwindel faßte sie. Die Schale entfiel ihr. Der heilige Opferwein ward verschüttet. Was war es? Sie hatte Todesangst vor ihm und war doch verkettet mit ihm für immer. Nach der Handlung schritt sie durch den Tempelhain. Da erst faßte sie sich. Er folgte ihr. Sollte sie seine Anrede erwarten? Sie ertrug es nicht. Aber sie hob ein Kind auf, das im Hain spielte, und herzte es zärtlich, und das Lachen kehrte wieder, ihr süßes Lachen, und so lächelnd sah sie auf ihn und erwiderte seinen fragenden, flehenden Blick. Sein Herz ward froh und hell. Sie hatte vergessen, vergeben! Warum zweifelte er noch? Aber er wagte kein entscheidendes Wort. Nur einen kostbaren Teppich sandte er ihr, als Gabe für den Tempel: beim nächsten Gottesdienst stand sie mit ihren Füßen darauf. Er sandte ihr ein priesterliches Prachtgewand; sie verschmähte nicht, es zu tragen. Er staunte und jauchzte: »Was 133 will ich mehr?« Sein Vertrauen wuchs. Er wich nicht aus Ancyra. An Kammas alte Dienerin Amaryllis wandte er sich mit seiner ersten Frage. Und Amaryllis war ihm gefällig und sagte zu Kamma: »Sinorix will dich zum Weibe, mein Kind. Wir wissen es alle. Gib ihm ein Wort der Entscheidung. Er fürchtet noch immer, daß du ihn verkennst.« »Ein Mann, der sich fürchtet?« sagte sie. »Es ziemt sich, daß eine Priesterin vermählt sei. Die Göttin, der ich diene, ist Schützerin und Hort der Ehe. Sinorix ist mein Schicksal. Bringe ihm dies, zum Zeichen.« Und Amaryllis brachte dem Hoffenden einen geschnittenen Stein; darauf war Kammas Haupt im Rundbild zu sehen. Und als Sinorix den Stein im Jubel geküßt hatte und ihn näher betrachtete, gewahrte er am Rand des Bildes einen Flügelknaben, winzig klein, Amor, den Liebesgott, der dalag wie im Todesschlummer. »Wir wollen den Amor wecken!« frohlockte er und ging entschlossen zu Dejotarus, dem Alten, und bat ihn, als Brautwerber für ihn bei Kamma das Wort zu führen. Dejotarus kam zur Priesterin, die er verehrte, und sprach fröhlich die Brautbitte: »Willst du das Weib sein des Sinorix?« Da blitzte es triumphierend in ihr auf. Aber sie fragte vorsichtig: »Ihr kennt ihn alle und kennt mich. Ratet ihr mir zu diesem Manne, vor dem ich Sinatus nicht nennen darf?« »Er ist entsühnt für dich und unser Volk,« gab der Greis zurück. »Seine ungestüme Liebe zu dir war sein 134 Verschulden. Alles verehrt, alles liebt ihn, und wir Fürsten sind einig. Er ist der hoffnungsvollste, der beste Name, den Galatien nennt; unser Retter und Held, der den Mithridat geschlagen, den Rom selbst geehrt hat und der mit einem Sulla und Pompejus getafelt. Wir wollen, daß sein Herz endlich Rast finde und er sich ein Haus gründe, wie er es wert ist. Leugnest du, Kamma, daß dein Herz ihn liebt? Du brauchst dich deiner Liebe nicht zu schämen.« Mit Gier hörte sie zu, und siegreich rief sie, aufspringend mit fieberndem Angesicht: »Endlich! endlich! Die Zeit ist reif. Sagt ihm, daß er morgen zu mir in den Tempel komme. Ihr geleitet ihn. Setze heute noch, ich bitte dich, die schriftliche Formel auf. Rast! Rast für sein Herz und für meines!« Als Dejotarus fort war, fiel sie platt zu Boden. Niemand kam. So lag sie, wie eine Abgeschiedene, leichenhaft, wohl eine Stunde. Erst als Amaryllis sie suchte, schreckte sie auf, als führe sie aus dem Grab, und lachte krampfhaft: »Hast du es noch nicht gehört? Eure Herrin wird Braut, Braut des herrlichsten Mannes! Laß uns das Festkleid bereiten, und reinige zwei goldne Becher aus dem Tempelschatz für den Trank des Verlöbnisses.« Es war Sitte, das Eheversprechen schriftlich aufsetzen zu lassen. Das Verlöbnis fand morgens im Tempel statt. Beim Opfer wurde das Schriftliche verlesen. Dann leerten beide Verlobten einen Becher geweihten Weines und trennten sich, um zum Festmahl sich wieder zu finden. Am Schluß des Mahles erklang dann das Hochzeitslied, von der Jugend angestimmt, bis die Nacht kam und die Neuvermählten aus dem Kreise verschwunden waren. 135 Sinorix kam am Morgen in den Tempel, von Dejotarus geleitet. Weitere Zeugen füllten den feierlichen Kreis. Dann erschien auch Kamma, von älteren Frauen umgeben. An den hohen Kandelabern hingen flackernde Lampen. Eine Gehilfin im Priesteramt verrichtete das Opfer. Der Duft der Spezereien stieg auf. Der Text wurde verlesen und von Sinorix und Kamma und fünf Zeugen gezeichnet. Sie hatte gezeichnet! Ihr Name stand neben seinem! Alles schwieg. Alles harrte. Kamma stand in der Glorie ihrer unaussprechlichen Schönheit, aber starr und aschfahl, als wäre sie ihr eigener Schatten. Ein eiserner Wille hielt ihren Mund fest geschlossen, und ihr Haupt sank tief herab, als erwartete sie einen Schlag in den Nacken und wollte ihn willig tragen. Sinorix sah es mit Betrübnis. Im goldgestickten Kriegermantel, stürmenden Schritts, strahlenden Hauptes, Freudenglanz im Auge, war er erschienen; der tiefinnige Dank des endlich Begnadeten, Jugendrausch, die Wonne der Hoffnung leuchteten sonnenhaft aus ihm. Die Stille dauerte an. Dejotarus rief laut Kammas Namen. Da endlich erwachte sie und ergriff einen der Becher. Sinorix nahm den Becher aus ihrer Hand (es war das zweite Mal, daß ihm so Kamma den Becher reichte!), und mit den Worten: »Kamma mein eigen! Sinatus versöhnt! Gesegnet sei diese Stunde!« setzte er an und trank selig aus. Gleichzeitig trank auch sie selber. Er wollte sie hinausführen. Sie schreckte zurück: »Berühre mich nicht. Die Ehe hat noch nicht begonnen.« Wie von Sinnen stürzte sie ins Freie, in den Tempelhain. Unter einer Platane auf einer Erhöhung, da blieb sie stehen, mit fliegendem Atem, an den Baum gelehnt, und rief: »Heilige Götter, betrügt mich nicht! Die 136 Pflicht ist getan. Laßt mich den Sieg erleben, bevor ich dahin bin.« Da stürzte, die Tempeltreppe hinab, Sinorix ihr nach und stand flehend vor ihr: »Ehern ist deine Lippe geworden und wie ein Dolch dein Auge, und ich hoffte doch auf deine Liebe und Mildigkeit. Liebe zu dir hat mich zerrüttet. Sage mir, laß es mich endlich hören, Kamma, Kamma, daß du mich liebst!« Da – wie er ihr näher kam, taumelte er jählings hin. Ein Riesenschmerz durchzuckte seinen Leib. »Was ist mir?« schrie er. »Gift!« jauchzte das Weib. »Ich habe dich in der Ehe gefangen, auf daß ich dich tötete. Mörder, Mörder, leugnest du den Mord? Endlich gefangen! Aus den Kriegen kehrtest du lebend heim, damit du meiner Rache erhalten bliebest. Sinatus ist gerächt. Darum nur lebte ich. Mein Werk ist vollbracht.« Man suchte Sinorix aufzurichten. Er hatte die Worte noch vernommen und mit der Faust sich stöhnend vors Gesicht geschlagen. Dann wurden seine Lippen blau, seine Züge verzerrt; seine Augen standen tot und gläsern in den Höhlen. Er hatte den Gifttrank mit Hast und Wollust tief bis zum Grunde geleert, und der Tod zerstörte sein junges Leben rasch. Kamma führten die Frauen bestürzt ins Haus. Denn auch ihre Kräfte schienen zu schwinden. Ein stilles Weinen hatte sie befallen. Die grause Pflicht des Hasses war endlich, endlich von ihr genommen, und die gewaltsame Härte ihres Wesens löste sich und zerschmolz endlich lind in weichen Tränen. Nun durfte sie um ihn weinen, den sie sterben sah. Sie weinte um ihn und um sich und um die Liebe, die nicht Seligkeit, sondern den Tod wirkt, und fühlte trostlos, die Hände reckend, 137 die Ohnmacht der Menschenseele vor dem Schicksal und ihre Verlassenheit im All. »Das Glück wird zu Scherben in des Menschen Hand!« So weinte sie, bis langsam der Krampf sich in ihrem Innern beschwichtigte und das Trauern versiegte. Da ward es stille. Sie winkte mit den Händen in die Ferne und hauchte lallend: »Sinatus, ich sehe dich! ich komme!« Ein tötliches Schmerzgefühl durchzuckte sie. Sie bäumte sich auf und stürzte nieder und streckte sich lautlos auf das flache Lager, die schlanken Hände am weißen Kleide, sie selbst marmorweiß, als läge sie auf dem Sarkophage, und öffnete die großen Augen, schmerzverklärt und in Tränen suchend, noch einmal: da war sie verschieden. Auch sie hatte Gift getrunken. Mit Gift war diese Ehe geschlossen, durch Gift war sie gelöst. Und ihre geliebte Seele entflog auf den Schwingen der Sehnsucht in die Traumgefilde der seligen Schatten, wo alle Wunden sich stillen und keine Klage tönt und wo das Nichtbegehren und der ewige Friede ist. 138   *   *   Der Besuch bei Cicero Ein Intermezzo aus der Zeit der römischen Bürgerkriege Motto : Vieles, was unwahr, dichten wir Musen, als wär' es die Wahrheit; doch nach Belieben verkünden wir auch, was wirklich geschehn ist. Hesiod.     Vorbemerkung : Zum Verständnis des Ganzen sei daran erinnert, daß im Jahre 48 vor Chr. Julius Cäsar durch den Tod des Pompejus, den er bei Pharsalos besiegte, Alleinherrscher des Römerreichs geworden war. Mark Anton hieß der junge Feldherr, der ihm dabei die größten Dienste geleistet hatte. Der Bürgerkrieg war damit zwar noch nicht zu Ende, aber an Cäsars endgültigem Sieg, dem Sieg der Monarchie, ließ sich nicht zweifeln. Rom war bisher Freistaat, das großartigste Beispiel einer Republik gewesen, in der Senat und Volksversammlung alles entschieden, der Senat die eigentliche Regierung führte, die Volksversammlung auf Antrag Gesetze gab und die Magistrate wählte. Diesen Freistaat hatte Pompejus zu verteidigen versucht; auch Brutus, der Mörder Cäsars, hing ihm an, sowie jener Cato, der, als Cäsar auch den afrikanischen Feldzug gewann, in Utica Selbstmord beging. Den Winter des Jahres 48 auf 47 verlebte Cäsar mit der jungen Königin Kleopatra in Ägypten. Als er von dort nach Italien zurückkam, war es zweifelhaft, ob er wirklich die absolute Monarchie einführen oder sich begnügen würde, als Präsident des Freistaates dazustehen. Cicero der Redner aber nahm in diesen gewaltigen Konflikten eine abwartende Stellung ein, wie es die folgende Erzählung schildert. Sein voller Name ist Markus Tullius Cicero. 139 »Da kommt die Post aus Rom! Unser Cito ist's. Hol' ihn heran, Modesta!« so rief Dio, der Gärtner, der elastisch und leichten Schritts mit einem Korb voll Trauben aus dem Weinberg herunterstieg und dabei auf die Straße spähte. Er war kaum bekleidet; nur um die Hüften hatte er sein Hemd zusammengerafft. Denn die Vollglut des Mittags lag über dem Vesuv und dem Golf. Es war September. Die Luft zitterte funkelnd in der Hitze, und die Cikaden zirpten laut. Modesta, das junge Weib, stand in der Pergola und schnitt Kletterrosen in Massen. Ihre zwei Kinder kauerten im Beet neben ihr und spielten mit Blumen. Sie stürzte rufend zur Straße, die den weiten Garten in der Mitte durchschnitt, und Cito, der Schnellläufer, stand unwillig keuchend still, einen Sack auf dem Rücken. »Seit gestern aus Rom?« »Was kümmert's euch?« »Man will doch hören, in dieser großen Zeit, was es Neues in Rom gibt.« »Königtum gibt's, sagt man. König von Rom, das will der Cäsar werden, sagen sie. Gott ist er schon; den »göttlichen« Julius Cäsar nennen sie ihn, und als König hat er ja schon in Ägypten gehaust. Auch war ich eben im Lager, und seine Söldner sagen: Er bleibt nur neun Tage hier im Land; dann nimmt er sein starkes Heer und schlägt die Widersacher, die Herrn vom hohen Adel, auf die Nase, wo immer er sie findet; in Afrika, glaub' ich. Neue Schlachten gibt's und neues Plündern. Wer nicht umkommt, schwimmt im Geld.« »Und heut' . . .? »Es ist mir zu heiß hier, und unser Herr will die Post haben.« Der Läufer griff sich voll Gier ein paar Trauben aus dem Korb und rannte auf das Haus zu. 140 »Ich bin froh, Modesta, daß wir hier so still unsere Reben schneiteln. Arge Zeiten! Auch unser Herr Tullius hat Sorgen.« »Ja, und traurig ist's,« seufzte Modesta, »wie unser Gemüse verdorrt. Sieh nur! Ich kann nichts tun. Wie oft hab ich's dem Herrn gesagt: die Berieselung versagt. Er läßt nichts reparieren.« »Geldmangel, Geldmangel! Die Zeitwirren zerrütten alles, und unsere Vornehmen stecken alle in Schulden.« »Ein so guter Herr! Wie sorgsam hat er uns unser Haus bestellt!« »Aber er ist alt geworden. Das machen die Sorgen. Und nun soll er den Cäsar empfangen.« »Wir werden heute Cäsar sehen!« rief Modesta voll Entzücken. »Du könntest wohl auch für den Cäsar schwärmen? So seid ihr Weiber. Heut in der Frühe streifte ich hinter Pompeji die Straße hinauf. Es ist wie im Krieg. Unsren ganzen Landbesitz haben Cäsars Soldaten umstellt. Nicht nur Neapel und Stabiae liegen von seinen Truppen voll; auch auf dem Felde nach Nola zu ist ein Militärlager errichtet. Ein vornehmes Pack, diese Landsknechte! streuen in den Dörfern mit Geld und greifen sich die Hühner und die Weiber.« Da fing Modesta an zu lachen: »Schau nur, Dio. Da kommt noch was! Die schöne Reiterin! das Gespenst!« »Saura, Saura, das ist Saura, die Hexe.« Ein altes, zigeunerhaft dürres Weib trottete daher; spreizbeinig saß sie mit nackten Waden auf dem Esel, eine rote Hahnenfeder wippte in ihrem Haar, das in wirren Strähnen pechschwarz auf die Schultern herabhing, und eine Schlange trug sie als Gürtel. 141 »Saura, das Judenweib, mit den Eulenaugen, die Zauberin aus Neapel, die nur die drei Zähne hat.« »Sie hält vor dem Haus. Es ist heut ein Tag, um sich aufzuregen. Im feuerroten Rock! das ist ein Anblick! Was will sie nur?« »Zur Terentia will sie. Alle Jahr einmal kommt sie her; denn ohne Zauberspuk geht es nicht. Vielleicht soll sie Gold machen.« »Und warum just heute?« »Frag' sie selber.« »Und was hat sie im Sack?« »Zauberkräuter hat sie im Sack, Giftflaschen und Habichtsflügel, Froscheier und Kröten und Bleirollen. Das versteht sich.« »Sie springt ab. Sieh nur. Fort ist sie.« Auf demselben Wege wie Cito war das unheimliche Wesen hinter dem Haus verschwunden, das Grautier an der Hand, das sie schimpfend und kreischend in die Stallungen führte. Eine Pause entstand. Die jungen Leute traten Hand in Hand wieder in den Laubengang zurück, als aus dem Landhaus der Ruf ertönte: »Modesta, die Blumen!« und Terentia, des Cicero Gattin, eine schwere Frauengestalt mit kraftvoller Geiernase, am Fenster erschien. Das junge Weib küßte ihren Dio rasch und zärtlich; dann hob sie die duftigen Rosenmassen mit beiden Händen, Dio nahm die Kinder. So traten sie vereint ins Haus, ein liebreizender Anblick. Terentia hieß Dio gehen, legte ihren Arm um die Dienerin und sagte mit freundlich rauher Stimme: »Alles ist heut verlaunt, nur ihr nicht; nur du nicht, liebes Kind. Ja, hätte ich dich nicht! Du bist unser Sonnenschein.« Modesta war in Ciceros Haus geboren, sie war im 142 Haus groß geworden und in ihrer Schönheit, Sauberkeit und Pflichttreue unbestritten der Liebling ihrer Herrschaft. »Du aber hast neuen Kummer?« fragte Modesta forschend. »Kann ich deine Sorgen nicht teilen?« »O, dein Dio ist anders als mein Cicero!« gab Terentia knurrend zur Antwort und schloß die Türe. Sie sagte nichts weiter. In dem großen Bibliothekszimmer war indes geheimnisvoll reges Treiben; Cicero wirkte dort mit seinen Schreibern wie ein gurgelnder Gießbach, der ein Mühlrad umtreibt, seit Sonnenaufgang. So ging es täglich. Wer in die Nähe kam, schlich vor Scheu auf den Zehen; es schien, die Wände selber lauschten. Der gewölbte Raum lag nach Norden und war wonnig kühl; der Fußboden grünes Mosaik. Dämmerlicht herrschte. Die hübsch bemalten Büchergestelle an den Wänden bildeten Nester; darin lagen die größten Kostbarkeiten des Altertums, die Bücher, wie schlummernde Tauben, die den Kopf unter den Flügel gesteckt haben. Eine Demosthenesbüste mit geflickter Nase stand in der Ecke. Eben hatte das Personal das zweite Frühstück beendet: Brot, Ziegenkäse und Feigen. »Was ist das höchste Gut?« scholl es durch den Raum. Ciceros Stimme hallte herrlich. Er stand gedankenvoll, das Kinn in der linken Hand, und wollte eben fortfahren, sein neues Werk über das höchste Gut zu diktieren. Da hörte er laut husten im Nebenraum. Tiro war's, sein Stenograph und kluger Geschäftsdiener, dem er eine freie, bürgerliche Existenz geschaffen hatte und den er wie einen Freund liebte. »Huste nicht, lieber, goldiger,« sagte er liebkosend. 143 »Nimm doch die Milch, und hier ist auch Honigwasser. Könntest du reisen, mit deiner schwachen Lunge! Nach Ägypten mußt du. Aber in diesen Kriegszeiten geht es nicht.« Tiro sah mit seinem alten Gesicht trübe lächelnd und wortlos zu Cicero auf und vergrub dann schon wieder die Nase in staubige Briefpakete. Er ordnete die Riesenkorrespondenzen seines Patrons. Er sollte darin sein Leben verzehren. Indes harrte das Personal auf das Diktat. »Was ist das höchste Gut? Wir müssen die Weisen fragen. Sind die griechischen Texte da? Ist die Tinte frisch? auch der Kleister gerührt?« Der alte Schreiber Philist nickte eifrig, und Cicero strich ihm freundlich über den Graukopf. Der Kleisterer zückte seinen Pinsel. Die wichtigste Person aber war Proklos, der junge Grieche; der hockte wie eine Hökersfrau, die da Zwiebeln verkauft, am Boden und rollte die griechischen Bücher auseinander, und die Rollen ergossen sich um ihn her wie Bäche der Weisheit. Murmelnd las Proklos daraus einen Textabschnitt vor; Cicero übersetzte das flugs lautstimmig in sein schönes Latein; der Schreiber schrieb nach und füllte die Blätter; der Kleisterer klebte die Blätter sogleich zu einer langen Fahne zusammen. Dann las Cicero selbst noch Korrektur, und das Buch war fertig. So wurde die römische Literatur gemacht. »Was ist das höchste Gut? Es gibt der Güter viele im Leben. Herrlich ist das Forschen in der Wissenschaft. Habt ihr's geschrieben?« Cicero spielte nervös mit den Händen beim Sprechen, sein Blick flog bei jedem Satz unstet hin und her, dann hob er ihn zu den hoch gelegenen Fenstern suchend empor, als käme ihm die Erleuchtung 144 von oben. Ein melancholischer Schimmer lag in seinen grauen Augen; er sah tief vergrämt, gedrückt und müde aus, und die Gehilfen warfen mitunter sorgenvolle Blicke auf ihn. Selbst seinen Morgenspaziergang hatte er heut' ausgesetzt, weil überall Militär lag; die Soldaten Cäsars waren ihm widerwärtig; und das philosophische Arbeiten strengte ihn an. Sollte das immer so weitergehen? »Herrlich,« diktierte er, »ist das Forschen und die Wissenschaft, herrlich auch die Schönheit; herrlicher ist der Ruhm, aber die Tugenden . . . Nein, so geht es nicht.« Da flog die Tür auf. »Bist du da?« Der Schnelläufer war's. »Ich bringe alles.« »Haben die Soldaten dich durchgelassen?« Tiro nahm dem Läufer die Pakete ab: »Laß dir zu essen geben, braver Cito. Heut geht's bei uns hoch her. Terentia, unsre Herrin, hat extra zugekocht.« Ciceros Gesicht leuchtete flüchtig auf; denn da war ein Brief seines Bankiers, der ihm schrieb, daß der Markt sich beruhige und das geborgte Geld wieder billiger werde; die Schulden ließen sich ordnen, und Cicero brauchte nicht zu verkaufen. Geld, Geld! Man sollte stolz sein, einem Cicero Geld zu borgen! Dann war da von Tulliola ein Brief. Tulliola, seiner heißgeliebten Tochter, ging es nach dem Kindbett nicht gut. Das Fieber wuchs. Cicero las es mit bebender Stimme, und die heißen Tränen stürzten ihm. »Die Götter beneiden mich um dieses Kind! sie werden sie mir nehmen.« Da war schon ein anderes Schreiben, und rasch wurde 145 sein bewegliches Herz aus einem Gefühl in das andere gerissen. Irgendein Jüngling in Rom schrieb: »Deine Catilinarien sind wundervoll, o großer Mann. In unsrem Jugendklub, da deklamieren wir sie oft. Wir wissen von dir jede Silbe auswendig. Wann wird, o Tullius, wieder in Rom dein Wort ertönen?« Da stellte sich Cicero hin, und über seine Lippen floß es wie Wohllaut » Quousque tandem, Catilina... « So hatte er einst, vor 16 Jahren, gegen Catilina gedonnert. O große Zeit seines Konsulats! Eine stille Wonne flog über seine gutmütigen Züge. Da war endlich noch ein großes Paket: was war darin? Ciceros eigene Schrift vom besten Staat; zwanzig vom römischen Verleger hergestellte Reinschriften. »Wie schön sind die Kopien! Ist alles vollständig?« Der Läufer berichtete: »Ich bin im Feldlager durchsucht worden. Aber sie haben dir nichts weggenommen. Als ich sagte: »Postsachen für den großen Cicero« – Mark Anton, der Feldherr, war gerade da; der nahm die Sachen an sich, flog sie durch, fing laut an zu lachen und rief: »Wertloser Plunder,« und die Sachen flogen in großem Bogen aufs Ackerfeld. Ich hab' sie sorglich wieder aufgesammelt.« »Geh zum Essen! – Ruhm, Ehre! Wertloser Plunder, meine Schriften! Ha, ha! was ist das Glück?« Sofort wandte sich Cicero, der unermüdliche, wieder zur Arbeit zurück, und des Schreibers Feder flog: »Also lehren die Weltleute und Praktiker: es gibt unzählige Güter, und alles, was ergötzt, ist wert des Erlebens. Leibesschönheit und Kunst, Reichtum, Allwissenheit des Gelehrten; herrlich vor allem ist der Ruhm! Die 146 Mucker sollen daran nicht rühren. Ausleben soll sich der Mensch in Geist und Körper – so sagen die Praktiker; denn der Körper will blühen, und Geist und Wille fordert Betätigung; jeden Besten treibt ein natürliches Gesetz zum siegreichen Genießen in Herrschbegier und Wissensfülle, treibt ihn zum Ruhm. Darum rede man nicht ängstlich von Tugend und Laster. Alles ist Natur. Das Laster wächst wie die Distel im wogenden Weizenfeld; man muß sie hinnehmen und sich der großen Ernte freuen. Angenehm im Ohr klingen solche Sätze; unser Freund Cato aber spricht anders: der strenge Cato spricht: »ehrenhaft handeln, das ist das einzige Gut, das währt, und wandelloses Glück hat nur der, der sittlich ist. – Hast du es geschrieben, Philist? – Der Sittliche fragt nicht nach Tod und Leben. Nicht nach Tod und Leben?? O Tulliola, meine Tochter!« Da sprang die Tür von neuem auf, und eine Stimme rief: »Noch immer hier? Buchmacherei und kein Ende!« Cicero zuckte zusammen. Terentia war's. »Vergißt du deine Gäste?« grollte sie. »Ich soll alles für sie schaffen? Komm und sorge wenigstens für die Weinsorten.« Cicero trat verwirrt, aber folgsam in den Säulenhof hinaus, wo sein Küfermeister stand. »Was soll ich viel bestimmen?« sagte er verdrossen. »Wir haben doch nur die zwei Weine, den achtjährigen und den fünfzehnjährigen Campaner!« »Nicht fünfzehnjährig, er ist jetzt sechzehnjährig geworden,« verbesserte der Küfer grinsend. »Aber, Herr, wir haben auch noch den süßen aus Lesbos.« »Also auch den! Was ist da viel zu sagen? Heut lassen wir uns nicht lumpen.« Der Küfer verschwand. Terentia aber zog den Gatten 147 in ihre geräumige Frauenstube und begann mit Heftigkeit ihr Herz zu entladen: »Cäsar, den verhaßten, bringst du mir ins Haus . . .« »Ich bring' ihn nicht; Cäsar hat sich selbst angemeldet.« »Jawohl, die alte Feigheit! Von der Schwelle hätt'st du ihn weisen müssen.« Cicero zuckte wieder zusammen. Sprachlos zog er die arabischen Parfüms ein, die das Zimmer frauenhaft erfüllten; sein Blick irrte auf die Prachtgewänder seiner Gattin, die auf dem Gestell bereit lagen, und auf den in die Wand eingelassenen Spiegel, und ihm schien: es war kein erhebendes Bild, das der Spiegel zurückgab. »Aber so warst du immer,« fuhr sie fort, »in dem ganzen Streit, damals schon, als man den Pompejus umbrachte. Es ist, um an Gott und Welt zu verzweifeln. Den Pompejus hat dieser Cäsar hinterrücks überfallen, unsren Adel hat er verunehrt. Die reinen Hallunken hat er in den Senat gebracht. Nivellieren will er die ganze Gesellschaft, um allein groß zu sein. Dann saß er in Ägypten fest und praßte mit Kleopatra, der gekrönten Kurtisane, und schiebt jetzt eine Truppenmacht durch Italien, um sie nach Afrika – wer weiß es? – oder nach Spanien, wo unsre Freunde stehen, zu werfen; und nebenbei wirbt er hier katzenfreundlich um Freundschaft, sucht er dich, gerade dich einzufangen, indem er sich gnädigst als Gast von uns bewirten läßt. Und du?« Cicero hielt wieder das Kinn in der Hand; er rieb sich das Kinn vor Pein, als wäre er schlecht rasiert, und seufzte erbärmlich, als Terentia fortfuhr: »Ja du! Über Pompejus hast du, als er in Not geriet, nur Witze gemacht, vor Cäsar hast du dich verkrochen. Alle 148 Achtung vor Cato, der sagt: Freiheit oder Tod! lieber unter die Räder als unter das Joch dieses Abenteurers.« Cicero fiel überwältigt in den Armstuhl und schluchzte laut auf vor Erregung. Es war zu viel. »Ja, Cato ist ein Mann,« trumpfte sie auf. »Gegen ihn wird jetzt Cäsar in Afrika kämpfen müssen. Stündest du da, Cicero, ich würde dich segnen. Du aber, du knochenloses Gebilde, vergräbst dich hier in deine Bücher und schreibst über Tugend. Tugend dein drittes Wort.« Da fuhr Cicero auf, zitternd vor Wut: »Dumm bist du wie ein Maultier und herzlos wie ein Reptil. Du denkst nicht, verstehst nicht, willst, willst, willst mich nicht verstehen. Es ist wahrhaftig besser, wir gehen auseinander, du verläßt dies Haus, wenn du mich beschimpfst und mir die Achtung versagst, die ich unbedingt verlange. Und Tulliola, unsre Tochter! Denke, daß sie krank ist.« Er hielt ihr den Brief hin, nachdem er ihn mit Küssen bedeckt hatte. Terentia las den Brief und wurde still und ernst; ihre Zornfalten verschwanden. Sie tröstete den Gatten nicht, sie näherte sich ihm mit keinem Schritt; sie sagte nur dumpf: »Unglück über Unglück. Sie ist so zart, unsere Tulliola. Aber ihr Arzt ist gut. Der Arzt ist bei ihr. Mir wirbelt der Kopf. Aber was hilft es, Cicero? wir dürfen, wir müssen hoffen.« Cicero sprang auf und preßte stürmisch ihre Hand: »Ich bitte dich jetzt nur um eins, sei heute höflich gegen Cäsar. Es muß sein, und du mußt mein Verhalten zu begreifen suchen. Höre mir noch einmal zu. Es gibt Pompejaner, es gibt Cäsarianer. Die einen huldigen dem einen, die andern dem andern Götzen. Ich aber treibe keinen Personenkultus. Ich bin für Pompejus begeistert 149 eingetreten, nur solange er mir nützlich schien. Ob Hinz, ob Kunz, ob Cäsar oder er: die Mächtigen haben für mich nur so lange Wert, als sie dem Staat nützen. Ich will nur Roms Größe allein: die Götter im Himmel wissen es. Wer einmal, wie ich, den Staat geführt hat, der ordnet sich nicht unter; wer einmal die Achse des Rades war, will nicht Speiche sein. Daher; versteh' mich, daher leb' ich im Versteck. Ich warte hier auf meine Zeit. Denn wir haben gesehen, daß auch große Männer sterben können.« »Auch Cäsar kann sterben!« Es blitzte in Terentias Augen. »Freiheit oder Tod, das klingt edel und erhaben. Aber was nützt es Rom, wenn ich jetzt für die Freiheit sterbe, da wir die Freiheit nicht mehr brauchen können! Die Freiheit, die Cato will, ist das Chaos; sie ist nichts als der schnöde Egoismus der Vielen. Denn keiner will jetzt mehr selbstlos dem Ganzen dienen. Die Freiheit von heute ist fluchwürdiger als ein Tyrann. Das Riesenweltreich Roms braucht ein kraftvolles Haupt, braucht einen Fürsten.« »Tarquinius Superbus,« schrie Terentia aufstampfend. »Nein, einen Fürsten, der klug und voll Billigkeit sich mit dem Bürgertum verständigt. Pompejus war zu schwach; versuchen wir's mit Cäsar, der für den Augenblick allmächtig ist. Du weißt, ich mißtraue ihm, ich fürchte ihn. Will Cäsar ein Fürst sein nach dem Willen des Volkes, unter Aufsicht des Volkes, so ist er mir willkommen. In meinem Verfassungswerk vom Staat, da steht's geschrieben; da hab' ich der Welt mein Programm entworfen: Teilung der Gewalten. Will er es erfüllen, so ist er ein Segen für die Welt.« 150 »Sein Schwert riecht nach Bürgerblut, nach dem Blut unsrer Freunde,« zürnte Terentia, »und er hat sich an den Geruch gewöhnt. Und dem Raufbold Mark Anton spielt er alle Macht in die Hände. Ich hasse ihn; ich hasse sie beide. Ich hasse den Ausgleich. Ich sehne mich, sehne mich nach Männerstolz.« In Ciceros Auge war ein Ausdruck der Überlegenheit: »Immer trotzig! So warst du schon als Mädchen, Terentia, und es stand dir damals gut. Aber wir sind heute zu alt dafür. Hilf mir. Laß uns den Mann beobachten. Er ist ein Mensch der Überraschungen. Ich versichere dir, höre mich an: wenn Cäsar nicht so denkt, wie ich es von ihm hoffe, wenn in Cäsar der » Superbus « steckt, den du in ihm fürchtest (wir können es heut' noch nicht wissen), dann soll er untergehen; dann soll er seinen Brutus finden . . .« »Brutus?« »Und ich will noch einmal selbst versuchen, den Staat zu führen. Denn das Vaterland liebt mich, und ich habe Mut.« »Aber du fürchtest die Militärs. Aber du fürchtest des Messers Schneide.« Terentia trat dicht an ihn heran. »Cicero, hast du schon einmal getötet?« Cicero sah sie erschreckt an: »Die Götter wollen mich bewahren!« »So geh' denn zum Tiro in dein Versteck; du hast noch zwei Stunden, ehe dein hoffnungsvoller Gast erscheint; nütze die Zeit und schreibe noch rasch ein Buch für die Unsterblichkeit.« Sie rief ihre Zofen und öffnete die Tür: »Verlangst du noch mehr? Ich will mich jetzt schmücken für deinen Fürsten.« Da stürzte Cicero zu seinem Tiro und sagte: »Nimm 151 Papier und schreibe an Atticus.« Attticus war des Cicero intimster Freund, sein Gewissen und Ratgeber; und er diktierte in fliegender Erregung an Atticus die Zeilen: »Vernichte diesen Brief unbedingt; aber höre, Freund, das Herzeleid deines Cicero. Mein Weib wird mir zur Pein, und das Unglück verfolgt mich. Mein Tiro hustet schwer, Tulliola kränkelt, und mein Ruhm ist dahin und alle Ideale zertrümmert und Cäsar kommt zu Gast, und Terentia höhnt mich, hochfahrend und unerträglich. Sie ist hart wie Kiesel, und ich bin so weich. Sie hat kein Herz für mich. Soll ich sie von mir tun? Scheidung? nach solchem Leben! Nur die Philosophie ist noch mein Trost. Ich wiederhole, vernichte dies. Jeder Wisch von mir wird, ich weiß es, von meinen Freunden für die Ewigkeit aufbewahrt. Aber nur diesen Zettel nicht!« Tiro suchte Cito, den Läufer, gab ihm reichlich Geld, und der Brief ging ab nach Rom. Und schon begann die Arbeit von neuem. Die Philosophie! ach, sie reichte zum Trost nicht aus. Proklos, der junge Grieche, las jetzt eintönig und ernst aus einem griechischen Buch die strenge stoische Lehre vom Zweck des Lebens, und Cicero lauschte und seufzte niedergeschlagen; dann gebot er Halt und reproduzierte frei und schön; in glänzenden Perioden und Antithesen, in wunderbar leuchtender Klarheit der Diktion ergossen sich die Sätze, bis er an das Wort »Tugend« kam. Da stockte er, er hörte Terentias Hohn, und ein galliger Geschmack war ihm auf der Zunge. Der Schreiber sah erstaunt wartend zu ihm empor. Da riß er sich zusammen, und es klang wie Hochgesang: »Nur der Sittliche ist König, und wer von der Tugend schweigt, der kennt sie nicht. Wie Millionen 152 Kerzenflammen lichtlos unter der Himmelssonne verblassen, so verblassen alle Glücksgaben vor ihr. Zwischen Lachen und Weinen wird der Sterbliche hin und hergeworfen. Was aber ist ihm die Freude? Liebliche Täuschung. Denn wie sie kam, so vergeht sie wieder und läßt uns so leer, wie wir gewesen. Was aber ist der Schmerz? Gottgewollt ist er wie jedes Glück; wir sollen lernen, ihn zu ehren. Wonne ist der gerechte Schmerz. Wer wäre sonst tapfer in der Schlacht, der das nicht glaubte? Wer auf seiner Überzeugung beharrt, ist glückselig, ob ihn auch das Eisen zerfleischt. Nicht der Schmerz, nur die Schande ist ein Übel.« Ciceros Lippen zitterten. Die Lehre war stärker als er. Wir sollen es lernen, den Schmerz zu ehren? Ein unmenschlicher Gedanke! Und ist Schwäche schon Laster? Er fühlte sich schwach und suchte nach einer menschlicheren Predigt. Da rief im Flurgang der Stundenrufer laut die neunte Stunde (d. i. die dritte Stunde des Nachmittags), und gleich danach scholl ein Getöse von der Straße her, ein Rossestampfen, Rollen, Peitschenknallen und Geschrei, ein Vivatruf. Das Personal schnellte in die Höhe, wie von Sinnen, so daß das große Tintenfaß umstürzte und sein schwarzer Inhalt furchtbar hoch aufspritzte. Cicero aber war schon in der Vorhalle draußen, und da stand Julius Cäsar vor ihm, Julius Cäsar mit Gefolge. Auch Terentia stand da mit ihren Dienerinnen. Sie hatte den Gast soeben steif und förmlich, aber mit vollkommener Höflichkeit begrüßt. Cicero war zurückgeprallt; sein großer Mund zog sich noch breiter mit dem Ausdruck grenzenloser Verlegenheit; denn er hatte nur die Tunika, seinen leichten Hemdrock an; die Brust 153 stand offen, und ein mächtiger Tintenfleck war an ihm emporgespritzt. Er suchte den Fleck zu verbergen, und ein großes Lachen ging endlich über sein ehrwürdiges Gesicht, als er vorstürzte und Cäsars Hände eifrig schüttelte: »Willkommen! Du siehst, ich bin arg im Rückstand. Aber willkommen, willkommen!« Da beugte Cäsar sich vor und küßte ihn. Cicero stand auf einmal verdutzt, befremdet. Der Kuß war nicht Sitte in Rom; nur die asiatischen Despoten küßten so ihre Hofleute, denen sie gnädig waren. Cäsar kam als Despot aus Asien. Gepeinigt wandte Cicero sich ab: »ich will mich in meine Toga werfen.« Aber Cäsar hielt ihn, und seine Gesichtszüge, die zäh wie Leder in harten Falten lagen, wurden weich und gütig leuchtend: »Gestatte noch ein Wort. Gestatte, daß ich dir dafür danke, daß ich kommen durfte. Im Haus eines Tullius darf ich Krieg und Politik vergessen. Du siehst, ich komme ohne Schwert im Friedenskleide. Es ist schön, Freunde wie dich zu haben, wie dich und Brutus; denn ich traf auf der Fahrt mit Brutus, der auch dein Freund ist, zusammen, und habe ihn und die andren Männer, die du kennst, mitgebracht.« Brutus! Cicero begrüßte freundlich in seiner schnellen Art alle Angekommenen mit Namennennung. Es waren noch sechs Offiziere. Dahinter stand eine Gruppe dienenden Gefolges. Cäsar überragte alle Anwesenden an Größe; sein purpurviolettes Gewand fegte mit breiter Schleppe den Boden. Er trug den Nacken steif und hoch. An Hochwuchs, Willensstärke und Klugheit glich er einem geborenen König. Hinter seiner Schulter stand der jugendliche Brutus in dunklen Locken, mit dem ausdrucksvoll elegisch weichen Gesicht und den tiefbraunen versonnenen Augen. Für Cicero war es ein wahrer 154 Trost, daß Brutus gekommen, und so nahm er die übrigen Gäste willig hin, darunter vor allen Ventidius und Mamurra, die zwei Emporkömmlinge geringster Herkunft, von denen Cäsar sich gern bewundern ließ: Mamurra, ein genialer Artillerieoffizier, aber leichtlebig und allem Luxus maßlos ergeben. Ein seidener Überwurf, leicht wie Gaze, flutete in reicher Stoffmasse an ihm nieder, der regenbogenartig in Gold, Grün und Violett schillerte und frauenhaft mit Troddeln behangen war. Cäsar aber wandte sich zu Terentia: »Ich brauche eure Nachsicht. Ich komme von der Heerstraße, und ich komme zu früh.« »Die Schnelligkeit Cäsars ist berühmt,« rief Cicero sogleich. Er wollte seiner Terentia zu Hilfe kommen. »Ja, berühmt,« fiel da auch Mamurra ein. »Er kam, er sah, er siegte. Davon wissen nicht nur seine Feinde, auch seine Gastfreunde.« Ein Schweigen entstand. Cicero kam sich wie nackt vor in all der Kleiderpracht; er sehnte sich nach seiner Toga. Aber er wandte sich noch einmal entschlossen zu Cäsar: »Ich bitte noch um eine Aufklärung. Mein Landsitz ist von Soldaten umstellt. Ist dies mit deinem Willen geschehen?« »Gewiß, gewiß,« sagte Cäsar, »weil das leidige Volk mir überallhin nachläuft. Mißversteh' mich nicht. Wenn man hört, ich sei bei Cicero, strömt alles, was Beine hat, in deine Gärten, und des Juchhegeschreis und Hallos wird kein Ende. Das ist nichts für eure Ohren. Daher die Absperrung, und wahrhaftig, ich selbst bin froh, dem zu entkommen.« Welch seine Rücksichtnahme! Cäsar sah sich um, und seine Stimme hob sich: »Ich wünsche ein Bad.« Es 155 klang wie Kommando. Doch milderte er rasch den Ton: »wenn eure Thermen geheizt sind, verehrte Terentia, und es nicht stört . . .« »Immer geheizt, immer geheizt,« versicherte Cicero, fast kellnerhaft. »Auch unsere Bedienung . . .« »Ich habe meine vertrauten Diener mitgebracht.« Cäsar winkte einem Araber und einem Neger (in grellem Rot und Gelb standen sie da, ein banditenhafter Anblick, und es war, als hätten sie Waffen im Gürtel). Dann spähte Cäsar wieder umher; sein rascher Blick fiel in die Säulengänge der Halle, und er gewahrte Modesta und Dio, die eben Girlanden an den Säulen befestigt hatten, und nett und sauber gekleidet, mit großen, neugierigen Augen auf den Herrscher schauten. »Wer ist das junge Weib?« frug Cäsar langsam, mit unterdrückter Neugier. »Unsere Gärtnersfrau.« »Eine Gärtnersfrau, die die Blumen begießt? Ich bin zwar keine Blume,« sagte er, »aber sie soll auch mich begießen. Sie kann mich im Bad bedienen.« Modesta klammerte sich an Dio. Über Cäsars Gesicht ging ein lockendes Etwas, wie ein Grinsen des Wohlgefallens, so daß sein mächtiges Gebiß frei wurde. »Und der Bursche ist wohl ihr Gärtner? Soll auch ein gutes Geschenk haben.« Dio trat unwillkürlich näher. Terentia aber sagte kurzweg: »Das Bad ist geräumig und für alle Gäste bereit. Modesta aber wird dich nicht bedienen, Cäsar! denn sie hat in meinem Dienst zu tun.« Cäsar sah sie groß an, mit aufgerissenen Augen. Terentia verschwand mit dem jungen Weib. Breit und schwer schritt sie dahin, junonisch erhobenen Hauptes, in lang wallendem, meergrünem Talar: Rock, 156 Überwurf und Ärmel mit goldener Mäanderkante und glitzernden Sternen durchwirkt, schwere Schlangenreifen am Oberarm, ein reiches Perlenband in den vollen, hochgepufften, seidengrauen Haaren. So ging sie. Cicero führte die Herren in die Thermen. Solange die Gäste im Bad, war alle Spannung gelöst und verschwunden: ein befreites Aufatmen, wohl für eine Stunde. Cicero konnte sich gemächlich umkleiden, und auch alle fünf Knechte, die er auf seiner Villa hatte, mußten sich fein machen, auch der gute Schreiber Philist, auch Proklos, der Grieche. Denn alles sollte bei der Tafelbedienung helfen. Sie kamen festlich froh und mit wichtiger Miene, in ihren schlichten weißen Leinwandkitteln mit farbigem Gürtel, die Serviette unterm Arm. Aber ihr Stolz verging, als sie die hochmütigen Blicke der Diener sahen, die Cäsars Gesellschaft mitgebracht: die sprachen großartig nur griechisch und hatten gebrannte Locken und trugen nur Trikot mit Gurt oder durchsichtige mattblauseidene Stoffe, die statuenhaft den Wuchs des Körpers zeigten. Ausgesucht ägyptische Aufmachung. »So ist es bei den Königen!« Cicero hatte beschlossen, sich zurückzuhalten. Wenn nicht der große Mann, in dem sich jetzt Rom verkörperte, von den Staatsangelegenheiten selbst begann, durfte er sie nicht berühren. Mit lautem Zuruf holte er seine Gäste aus dem Bad und zeigte ihnen zunächst trippelnd als sorglicher Wirt seine Villa, die dürftigen Stallungen, den Ententeich und den kleinen Aussichtsturm, endlich die sechs Reliefs im Gartenhof, die Terentia notdürftig hatte reinigen lassen. »Wir lieben die Tauben, aber es ist schwer, wo Tauben sind, die Marmorbilder rein zu halten.« Cäsar beteuerte, diese Bemerkung sei vollkommen richtig; auch seine Tauben 157 seien nicht reinlicher. Die Einstimmigkeit der Männer wuchs. Bald aber zeigte sich eine Meinungsverschiedenheit: Cäsar liebte die Hunde und Cicero nicht. Nirgends in der Villa war ein Hund zu sehen. Mamurra und die anderen Offiziere schwenkten ab; sie gingen auf Suche: ob es hier keine schönen Weiber gab? Freilich, Cicero und schöne Weiber? Cicero hatte nichts als schöne Worte! Sie drangen noch einmal zu den Ställen vor, zur Äpfelkammer, wo sie sich Früchte stahlen, und zur Küche, wo eben das ganze Dienstpersonal auf Bänken saß und sich an Mehlbrei, Salzfisch und Rüben sättigte: denn die Dienerschaft mußte, ehe die Herrschaft speiste, satt gemacht werden. Auch da gab es nur Mannsbilder und ältliche Weiber. Auch Saura, die Hexe, saß da und schlang mit offenem Rachen. Pfui! die Hyäne! Mamurra spuckte aus. Wo war Modesta? Modesta war verschwunden. Infam! Cicero aber stand schon mit Cäsar und Brutus in seiner Bibliothek. »Die Bücher da in den Nestern, das ist dein Taubenschlag,« sagte Cäsar gönnerhaft scherzend. Es war mitunter, als ob er mit Kindern spräche. »Aber diese Tauben brüten nicht, ich brüte hier über den Tauben,« versetzte Cicero ebenso. Brutus musterte die Titel. »Lauter griechische Weisheit!« rief er begeistert. Cäsar wurde ernsthafter. »O, ich betrete diesen Raum voll Verehrung. Die Arbeitsstätte eines Cicero ist wie ein Heiligtum, ein Nationalheiligtum Roms.« Das klang schön. Über Ciceros immer noch vergrämtes Gesicht ging ein verjüngender froher Schimmer. Cäsar aber zog jetzt die Nase; er roch den Kleister. Der ganze Raum war voll Kleistergeruch. Die frisch 158 zusammengeklebten Rollen lagen in langen Streifen offen am Boden, mit ciceronischem Text bedeckt. Der stille Brutus aber hatte sich gleich flach auf den Boden geworfen und begann neugierig zu lesen, was Cicero am Morgen diktiert hatte. Cicero bückte sich zu ihm nieder; er hätte mit Brutus gar zu gern ein intimeres Wort allein gesprochen. Aber es kam dazu nicht. Denn Cäsar fragte forschend: »Deine Rastlosigkeit, Cicero, ist bewunderungswürdig. Was hast du dir für die nächste Zeit zur Aufgabe gestellt?« Cicero ärgerte sich. Er mußte sich ausfragen lassen. Wie gern hätte er die Gegenfrage gestellt: und du, du, Cäsar, was wirst du uns in den nächsten Tagen bringen? Aber er durfte nicht. Cäsar war der Undurchsichtige, aber er durchschaute alle anderen. Gleichwohl sprach Cicero sogleich mit Wichtigkeit von seiner Schriftstellerei: »Denk' an die griechische Literatur; sie hat viele tausende wundervoller Bücher, ein wahres Reich der Geister. Die römische Literatur besteht noch kaum; kaum zwei Dutzend lateinische Bücher gibt's, die man lesen mag. Ich will meinem Vaterland endlich eine Literatur geben.« »So schreibe nur, schreibe. An Muße soll es dir nicht fehlen.« Wieder ärgerte sich Cicero: »Er will mir Muße lassen, als wäre er mein Herr, und meine Rolle als Staatsmann ist ausgespielt!« »Ich kenne deine Schrift vom Staat,« fuhr Cäsar fort. »Du billigst sie?« fragte Cicero dringend. »Das sind Ideale,« sagte Cäsar leichthin. »Ideale sind Ziele der Zukunft. Gewiß!« rief Cicero feurig. »Ich will der Zukunft ihre Ziele geben. Hörte 159 man nur auf mich! wäre nur nicht die Selbstsucht die Losung aller! Wer weiß heut, was er dem Nebenmenschen, wer weiß, was er dem Staat schuldig ist? Daher will ich nicht nur das Staatsrecht, ich will die Menschenpflichten buchen. Der Römer, dieses Raubtier, soll endlich lernen Mensch zu sein.« »Glücklich der, der an Ideale glaubt!« Cäsars Stimme klang kühl und frostig. »Und die Natur der Götter? und das Schicksal? Glaubst du, Cäsar, noch an Götter? soll der Römer an sie glauben? Und sollen wir an viele Götter glauben oder an einen Gott?« Cäsar pfiff eine Marschmelodie und sagte lachend: »Ich glaube an mich, weiter weiß ich nichts.« »Aber es gibt auch ein Schicksal,« fuhr der Eiferer in dringendem Tone fort, »und auch danach gilt es zu fragen. Ist der Wille frei? gibt es Willensfreiheit? oder steht alles, was wir tun, vorherbestimmt durch Gottes Ratschluß auf der Tafel der Zukunft?« »Eine fatale Frage, lieber Freund. Es ist gut, Probleme zu stellen, an denen sich die Geisteskraft übt, Probleme, die alle Zeiten bewegen. Für die lahmen Seelen sind das Angeln und Schlingen; Spinnweben sind es für den Tatkräftigen. Der Mann der Tat sieht sie nicht; er diktiert der Welt seinen Willen und freut sich, wenn die Philosophen ihm sagen, daß sein Wille auch Gottes Wille ist.« Da hörte man von draußen Mamurras Lachen. Cäsar wandte sich rasch zur Tür. Brutus aber las aus Ciceros neuverfaßtem Buche: »Der Ruhm ist wie die Seifenblasen der Kinder, und alle Freude läßt uns leer, und der gerechte Schmerz ist Wonne, und nur die Schande ist ein Übel. Wundervoll, lieber Cicero!« 160 Cicero beugte sich abermals über ihn und flüsterte: »Du tratest ihm näher. Was hoffst du? Sage rasch. Alles hängt davon ab. Wird er dem Adel, dem Volk sein Recht geben? Er hat den Staatsschatz beschlagnahmt. Gibt er den Staatsschatz heraus?« »Er tut es,« sagte Brutus ruhig und friedlich. »Ängstige dich nicht. Ich ertrüge die Schande so wenig wie du. Der Erfolg hat ihn berauscht; wenn er nüchtern wird, wird er die Güte seines Herzens ganz entfalten. Meine edle Mutter, du weißt es, war Cäsars Vertraute, er selbst war von früh an mein Abgott, und ich glaube an ihn. Könnte ich das nicht . . .« Er sprang auf die Füße und ballte die Faust. Cäsar winkte. Sie standen draußen. In der Vorhalle vor dem Speisesaal war es himmlisch zu sitzen. Die Natur strahlte. Der Seewind fächelte. Aus Buchs und Lorbeer und Rosengehängen, aus den Festons und gefüllten Vasen wogten narkotische Düfte. Der Vesuv ragte über dem Hausdach prangend in großartiger Plastik empor, mit Rebenwuchs und Wald bedeckt bis oben, und alles troff von flimmerndem, unermeßlichem Licht, obschon der glühende Sonnenwagen am Himmel sich schon zum blauen Meer zu senken begann. Da saß man auf Stühlen und begann langsam zu speisen. Etwas Vorkost gab's; die Diener brachten Eier, Salat, Austern, Krebse und Langusten zur Auswahl. Dazu kam der heiße Wein aus Lesbos. Die Schaltiere waren mühsam zu essen, und man war vollauf beschäftigt. Cäsar, der Verwöhnte, nahm huldvoll vorlieb. Terentia bewahrte auch jetzt ihre höflichen Formen. »Wirst du bei uns nächtigen, Cäsar?« fragte sie. »Wir haben Raum für alle.« 161 Er lehnte dankend ab: »Wenn die Dunkelheit kommt, muß ich zurück.« »Wirst du reiten oder fahren?« »Ich fahre; mein Wagen ist in eurem Schuppen eingestellt.« Sogleich befahl sie, daß Cäsars Leibkutscher reichlich zu beköstigen und mit Wein zu versehen sei; er solle in der Gesindeküche möglichst festgehalten werden. Cäsar wollte auf diese trotzige Frau doch gern den gebührenden Eindruck machen; es gab kaum eine, ob alt, ob jung, die ihm widerstand, und er versuchte zu plaudern, indem er von Ägypten und den Nilkanälen erzählte, die leider halb versandet sind. Die Neuregulierung würde Unsummen verschlingen. Terentia gähnte: sie interessierte das nicht. Mamurra aber warf gleich dazwischen: »Ägypten, Terentia! feine Welt, großes Leben! Das solltest du sehen: so zwanglos, erzlustig und exotisch. Und alles überlebensgroß! Allein diese Nilpferde. Wer in solch einen Nilpferdrachen hineinschaut, der meint, er könne darin einen Weinkeller anlegen oder unser teurer Cicero könnte darin sitzen, wenn er eine berühmte Rede schreibt.« Terentia amüsierte sich. Cicero aber sagte gutherzig: »Ich ziehe denn doch den Weinkeller vor.« »Und die Nilquellen, lieber Cicero,« setzte Cäsar ernsthaft und nicht ohne Wichtigkeit hinzu. »Das ist das große Problem, das mich bewegt. Ich habe eine Stromfahrt nilaufwärts gemacht, weit über die Katarakte hinaus, bis zu den Zwergvölkern. Zwei Ströme sind's, die aus dem Innern . . .« Der vorlaute Mamurra unterbrach ihn mit Lachen. »Das war nämlich die Fahrt, wo wir in Phile die Schlüssel zur Tempelkasse erbeuteten. Die Priester, die 162 Bonzen, fütterten gerade ihre heiligen Katzen, und sie wissen gar nicht, wieviel ihnen da abhanden gekommen ist.« Brutus wollte den üblen Eindruck dieser Worte schnell verwischen und sagte treuherzig mit seinem klangvollen Organ: »Afrika, eine unentdeckte Unendlichkeit! Es ist nichts erhabener als die Größe der Welt, und es ist nichts heiliger als die verborgenen Quellen der großen Ströme; denn sie gleichen dem Ursprung der Elemente unseres Lebens.« Cäsar zerkaute eine Krebsschale, daß es knirschte: »Hätte ich nur einen exakten Naturforscher, einen Eratosthenes zur Hand, der sich auf Erdmessung versteht, ich würde ihm ein Geleit von 10 000 Mann mitgeben, und er sollte mir in das heiße Land und mir die Nilquellen erforschen. Man muß den Erdball kennen, den man verwaltet!« Er sah über alles bedeutend aus, als er so sprach. Seine schwarzen Augen standen unter der hohen Stirn wie Kohlen und seltsam funkelnd in dem pergamentblassen Gesicht. Nilquellen, Erdmessen, Zeitmessung, Kalenderwesen: sein reger Geist umfaßte, erfaßte alles. Da kam der Koch und gab mit wehender Serviette das Zeichen. Terentia erhob sich, und man ging in den großen Eßsaal, der noch hell genug war. Gleichwohl waren im Hintergrund an den Kandelabern die Lampen schon entzündet. Ein Paar Pilaster teilten den Saal in zwei Hälften. In beiden Hälften standen Speisebetten. Cäsar fand seinen Mamurra heute doch etwas zu dreist und unbequem; aber Terentia kam seinen Wünschen zuvor, indem sie über die Tischordnung entschied. Mamurra bekam in der anderen Saalhälfte den 163 Ehrenplatz unter den Offizieren des Gefolges; dazu kam noch Tiro und der inzwischen erschienene Hausarzt, während die eigentlichen Würdenträger für sich blieben. Zwei Speiselager standen sich gegenüber; auf das eine legte sich Cäsar neben Brutus und Ventidius, auf dem andern nahmen Cicero und Terentia Platz. Die Sohlen wurden von den Füßen gelöst, die Hände neu gespült. Ventidius war der berüchtigte Spediteur und Maultiertreiber, mit den gedunsenen Lippen und dem schlecht ausrasierten Gesicht, den Cäsar unlängst zum Senator gemacht hatte: er war dick; Cäsar begünstigte bekanntlich die Dicken, und auch insofern war Ventidius unschädlich, als er nur mit seinen Knechten und Tieren deutlich zu sprechen verstand. In Gesellschaft grunzte er nur laut in sich hinein, wenn sein Herr und Meister etwas Kluges sagte. Für Terentia war es ein Opfer, mit dieser Kreatur, die nach dem Stall roch, aus derselben Schüssel zu langen. Da kam eine Wolke von Bratenduft. Ein vollständiger Eber wurde auf einem Tisch säuberlich aufgebaut hereingetragen. Der Vorleger hatte dem Tier die Knochen gebrochen, zerlegte jetzt das Rücken- und Keulenfleisch und häufte die Stückchen sorglich zusammen. Und wieder begann ein fleißiges Schmausen. Man hatte keine Gabeln und Messer und mußte sich die feucht gewordenen Hände immer wieder am weichen Brot abwischen. Cäsar nahm als erster mit langen Fingern ein Stück Rückenfleisch, das er sich von seinem arabischen Leibdiener reichen ließ (denn jeder Gast hatte seinen eigenen Diener hinter sich stehen). »Unser Cicero ist Jäger geworden,« sagte Cäsar dabei erheitert. »Unser Cicero hat einen Eber erlegt.« »Ich jage ein anderes Wild,« sagte Cicero. 164 »Welches Wild?« »Ich jage Gedanken.« »Du jagst Gedanken?« »Ja; denn ich habe selbst keine und muß doch von ihnen leben, und ich finde sie in den Wäldern der Griechen, an den Quellen der Weisheit des Aristoteles und Plato.« »Aristoteles und Plato,« sagte Brutus feierlich; »auch das sind heilige Quellen, die man anbeten möchte, heilig wie die Quellen des Nil.« Ventidius grunzte vernehmlich und aß mit Macht. Cicero aber konnte sich nicht enthalten, auszurufen: »Immer wieder die Bücher der Griechen! Wie erschütternd, daß nun in Alexandria der ganze Bücherschatz, die große griechische Bibliothek verbrannt ist!« Cäsar zog die Brauen hoch, und seine schwarzen Augen drohten. Cicero hätte das Wort gern zurückgenommen. Denn Cäsar selbst hatte beim Straßengefecht in der Stadt Alexandria den Bibliotheksbrand verursacht. Cicero fühlte: das Gespräch ging wie auf Eiern. Aber der große Mann überwand sich rasch und sagte lachend, indem er den Becher ergriff, im allerverbindlichsten Tone: »Mag die griechische Literatur in Flammen aufgehen. In den Werken unseres Markus Tullius steht sie herrlicher wieder auf. Bleibe uns gesund, Cicero, und bleibe uns gut gesinnt. Ich rechne auf dich, der Staat rechnet auf dein Genie.« Dem Cicero wurde unbeschreiblich wohl und warm bei diesem Wort, sein Herz war auf einmal wie entlastet, und er gab das Kompliment zurück: »Ein besseres Buch als Cäsars Bellum Gallicum besitzt Rom nicht und wird es nie besitzen.« Da schrie vom andern Tisch her Mamurra durch den 165 Saal: »Ein berühmtes Buch; aber ich bin darin nicht erwähnt, und ich war es doch, der die Rheinbrücke baute und gegen die Gallier die Geschütze richtete. Und meine Geschütze trugen weit.« Cäsar war darin geübt, Dreistigkeiten zu überhören, und beharrte bei seinem Thema; sein Ton steigerte sich herzgewinnend: »Cicero und Cäsar sind dazu da, sich zu ergänzen. Wessen Ruhm wird mehr Ewigkeit haben? Über Menschenpflichten, über Götter und Schicksal willst du schreiben. Ich habe bei mir deine Mitteilung wohl erwogen. Es sind die wichtigsten Schätze der Kultur, die du als Schriftsteller verwaltest. Ich bin nur der Praktiker des Lebens; ich organisiere Kolonien und Kohorten, ich schaffe am Staatsrecht und am Kalender und lenke, wenn ich muß, die Schlacht. Du gibst dem Weltreich Roms die geistige Nahrung, du gibst den künftigen Jahrhunderten die Erziehung, und alle Götter sind mit dir. Ich werde in Rom Nachfolger haben, die mich übertreffen, du nicht.« Ventidius sah erstaunt auf und grunzte schwer. Cäsar hob den Becher, aber er nippte kaum. Wo alles sich berauschte, war er immer der ewig Nüchterne. Cicero dagegen wiegte sich in seligen Gefühlen und trank begeistert seinen Becher leer auf das Wohl seines großen Gastes und aller Freunde, die er mitgebracht. Terentia wurde rot vor Ärger. Die Eitelkeit ihres Mannes war zu erbärmlich. Sie durfte nichts sagen; aber da war eine Schüssel Endivien, von einem Kranz von Drosseln umgeben. Sie riß dem Diener die Schüssel weg, und Cicero bekam nichts. Da hatte er seine Strafe. Der glückliche Cicero merkte es kaum. Plötzlich war Lärm, ein Aufruhr. Ein Löffel fiel klirrend auf den Boden, und gleichzeitig stürzte ein Riesenhund in den 166 Saal. Mit drohendem Gebell fiel er den Lakaien an, der die Vögel trug. Cicero fuhr entsetzt zusammen und zog die Hände hoch: »woher kommt das Scheusal in mein Haus?« schrie er kläglich. Ihm waren solche Doggen etwas Schreckliches. Das Tier aber leckte wedelnd Cäsars Hand, dann warf es sich gierig auf die fetten Brotreste, die unter dem Tisch lagen. Dabei kam aber der Tisch ins Wanken. Terentia erhob sich wütend: »Hinaus die Bestie!« Cäsar pfiff leise. Die Dogge legte sich. »Mamurra, das war höchst ungeschickt. Schaff' ihn hinaus. Wir bitten unsere teure Wirtin tausendmal um Vergebung.« Mamurra aber hatte schon weidlich getrunken: »Gut, daß es kein Krokodil ist,« rief er höchst fidel. »Ein königlicher Hund! es ist der Hund, den Kleopatra, die holdeste der Königinnen, unserem Cäsar geschenkt hat.« Er schnalzte mit der Zunge: »Und Kleopatra, Kleopatra, das ist ein Weib . . .!« Damit verschwand er; der Hund desgleichen. Aber ein tötlich strenger Blick des Herrschers hatte dem übermütigen Menschen klar gemacht, daß er sich hinfort ruhiger zu verhalten habe. Und er tat es. Die Stimmung war gestört. Cicero wollte darüber hinweghelfen. »Ist Kleopatra wirklich so schön, wie sie alle sagen?« fragte er. »Ihre Bilder enttäuschen.« Cäsars Stimme vibrierte eigentümlich, als schwelgte er in Gedanken. »Was ist schön?« sagte er. »Ich denke an Tuberosenduft. Wenn du die Luft einsaugst, in der die Tuberose blüht, fragst du noch, ob sie schön ist? Sie berauscht. Du wirst sie übrigens selbst sehen, wenn sie nach Rom kommt.« Brutus, der all die Zeit träumerisch verharrt, horchte auf, und seine Stirne runzelte sich. »Die Königin? 167 Cäsar holt sie nach Rom? Rom Residenz Kleopatras?« Sein Blick fing den zornigen Blick Terentias auf. » Superbus! Er will selbst König in Rom sein,« dachte Terentia. Brutus aber schüttelte die Locken und sank bald wieder in seine Verträumtheit zurück. Indes wurde ein neues Gericht aufgetragen. Cicero sah mir Erstaunen, was da von den Dienern getragen wurde: es war ein Pfau in einer silbernen Wanne. In einer zweiten trug man die Pfauhenne. Der gemästete Pfau galt damals in den Gastereien der Aristokratie als der neueste Geschmack und vornehmste Leckerbissen, und Terentia wollte heute diesem Gast gegenüber augenscheinlich ihr Bestes tun. Kopf und Hals war in Federn aufgebaut, als lebte das Tier, und auch der Schweif stand prunkvoll als Riesenfächer aufgestützt. Cicero war ganz stolz und lobte seine Hausfrau. Sogar Ventidius brummte »ein nobler Bissen« in sich hinein. Darum glaubte auch Cäsar »Bravo« rufen zu müssen. Es war ja sein Zweck, hier liebenswürdig zu sein, um sich die Ergebenheit dieses Hauses zu sichern. Er sagte darum so verbindlich wie möglich: »Welch prachtvoller Anblick! Aber bei allen Göttern, ihr macht die Bewirtung zu kostbar, werteste Freunde. Ich hatte es anders erhofft; denn man sagt: ein einfaches Essen ist ein Zeichen der Freundschaft.« Terentia war um die Antwort nicht verlegen: »Wir müssen bitten, fürlieb zu nehmen. Ich dachte, dies Essen sei einfach für den, der aus dem Palast der Kleopatra kommt.« Cäsar versicherte, Kleopatra sei jung und bescheiden und lebe ganz vernünftig und brav. »Wir haben das Tier selbst gemästet,« fuhr Terentia fort. »Aber ich hasse den Pfau, und er verdiente zu 168 sterben. Denn sein Kopfschmuck gleicht der Krone. Ich habe ihn getötet, weil er auf seinem Haupt eine Krone trägt .« Ein Stillschweigen entstand. Jeder fühlte den Sinn dieser Worte und wollte ihn doch nicht verstehen. Cicero redete rasch etwas über Lukull und lukullische Tafelfreuden. Aber Cäsar konnte den Eindruck nicht loswerden. Als er von dem Pfau essen wollte, wurde ihm plötzlich übel. Ein geschlachteter König – das saß in ihm fest. Er ließ alles liegen und verließ den Saal. Brutus und die Diener stürzten ihm nach. Lautlose Spannung! Aber er erschien schon wieder: er hatte sich rasch genug erholt, und jetzt forderte er Wein. Zwei große Becher trank er im Sturz leer; dann war er wieder seiner selbst Herr, wie immer. Terentia sah er nicht mehr an. Aber Cicero, Cicero durfte er nicht verloren geben. »Es lebt sich gut bei dir,«^ sagte er mit erstaunlicher Selbstüberwindung. »Aber ich vermisse eins. Cicero ist der witzigste Mann Roms. Ich habe mir eine Sammlung der besten Schlagworte gemacht, die in Rom von Mund zu Mund gehen. Das schönste darin stammt unfraglich von dir. Ich habe dafür ein scharfes Ohr und erkenne an der Güte des Witzes sehr leicht, ob er von dir herstammt oder nicht.« Cicero schnellte empor, als wollte er mit einer Verbeugung den Empfang dieses neuen Lobes bescheinigen. »Aber warum höre ich heute keine Witze Ciceros?« »Ich mache sie nur, wenn ich gereizt, ich mache sie nur, wenn ich böse bin,« sagte Cicero. »Witze sind wie Blitze: sie entstehen nur in Gewitterstimmung.« »Vortrefflich, und heute ist klarster Himmel. Das höre ich gern, und so soll es bleiben. Ich wiederhole, 169 es ist gut, wenn die Verständigen zusammenstehen, wie wir es tun. Auch mein Freund Brutus! Du kennst unsren Brutus. Ich liebte ihn schon, als er Knabe war. Alles was er ist, ist er aus vollem Herzen. Er entschließt sich langsam, aber was er tut, tut er voll und ganz.« In Brutus' Augen stand ein mildes Feuer. Terentia sah ihn erwartungsvoll an. Aber er schwieg, und Cäsar begann jetzt wirklich seine verborgenen Gedanken etwas zu enthüllen: »Wenn ich jetzt übers Meer gehe, lasse ich Brutus als den Mann meines Vertrauens in Italien zurück. Ich setz' ihn nach Mailand als meinen Statthalter. Er hat mir's schon zugesagt. Und wenn ich einmal nicht mehr bin . . .« (es war eine Art Neugier in Cäsars Ausdruck, als sähe er im Geist seine eigene Leiche prunkvoll aufgebahrt; er schlug das Kleid zurück und befühlte seinen sehnigen Arm). »Ich bin immer noch wie ein Jüngling, meine Muskeln straff in Zucht und Übung; ich fühle, daß ich sehr alt werde – aber wenn . . .: soll dann Mark Anton mein Nachfolger, mein politischer Erbe sein? Mark Anton, der Raufer, oder du, Brutus? Ich wünsche mir dich.« Da rief Brutus inbrünstig warm: »So sag' ich denn aus vollem Herzen: es lebe die Freiheit!« »Die Freiheit?« »Die Freiheit, die Rom groß gemacht.« »Mein Sohn,« versetzte Cäsar kühl, »Freiheit ist ein gefährliches Wort. Gefährlich, weil vieldeutig. Ich sage, es lebe das Recht.« »Welches Recht?« »Das Recht der Intelligenz und des Willens. »Das Recht der Menschenliebe,« warf Cicero ein. Brutus griff sich an den Kopf. »Das Recht der Selbstbestimmung,« hatte er sagen wollen. Hier waltete 170 eine Unklarheit. Aber er schwieg. So machte er es immer. Er kam mit seinen Gedanken nicht weiter. Er mußte sich bemühen, Cäsar, diesen besten und klügsten Mann, ganz verstehen zu lernen. Er starrte in seinen Becher, Terentia sah es und rief über den Tisch: »Brutus, schläfst du?« Da schrak er zusammen. Aber Brutus verstand nicht, was sie meinte. Erst drei Jahre später hat er es verstanden. Die Schüsseln waren längst weggetragen. Am Nebentisch sang Mamurra ein keckes alexandrinisches Liebeslied, im Walzertakt, und Cäsar wiegte dazu den Kopf und summte mit. Es gab noch feines süßes Gebäck, auch Lattich und Obst; die Trinkschalen wurden noch einmal gefüllt. Dann folgte das Handspülen in verdünntem Rosenwasser; die Sandalen wurden angelegt, und man stand draußen im Garten, wo schon alles hell war von Lampen und Kerzen und flackerndem Fackellicht. Auf Setztischen standen hübsche Gefäße mit Naschwerk und Früchten; das waren Geschenke für die Gäste. Cicero und Terentia boten – denn so war es Sitte – jedem Gast mit einem Geleitwort ein Gastgeschenk, das dann der Diener in der Serviette nach Hause trug. Die Gruppen zerstreuten sich. Cäsar stand mit Terentia unversehens an einem Tische. Er hatte den Trieb, ihr sogleich den Rücken zuzudrehen. Aber das verhinderte sie; sie zwang sich noch einmal zur Freundlichkeit. »Magst du diese Schale nehmen?« sagte sie; »es ist keine Kostbarkeit, aber doch ein Andenken aus dem Hause des Cicero.« Es war eine Bronceschale nicht ohne Kunstwert, mit vergoldeten Laubranken geschmackvoll verziert. »Eure Gaben sind mir wert,« gab er zurück. »Aber darf ich wählen?« 171 »Bitte.« »So bitte ich um dies andre Stück.« Er griff nach einem stattlichen Teller aus Terra sigillata , auf dem man Rom im Relief, die sitzende Göttin Roma selbst im Panzer und Helm abgebildet sah. Als Cäsar den Teller aufhob, brach er mitten entzwei. »Wie schade!« Die eine Hälfte fiel zu Boden. »Es ist ein altes, geflicktes Stück und war längst geborsten,« erklärte Terentia gelassen, nahm auch die andre Hälfte und warf sie achtlos zu der vorigen. Das Kunstwerk war nun ganz zerstört. Dann blitzte es in ihren stahlblauen Augen: »So liegt Rom dir gebrochen zu Füßen, Julius Cäsar, großer Mann. Ja, Rom! Ist es nicht wie ein Gleichnis?« Sie wartete abergläubisch, ob Cäsar die Scherben aufheben würde. Ließ er das zerbrochene Rom zu seinen Füßen liegen? Auch das wäre wie ein Gleichnis. Aber Cäsar war nicht gewohnt, sich nach Scherben zu bücken; er winkte nur seinem Neger. Da bückte sich Terentia selbst. Cäsar stand verwirrt, verlegen. Ihr Blick voll Haß, Wut und Verachtung schien ihn zu durchbohren. Mit nachlässiger Verbeugung wandte sie sich und trug »das zerbrochene Rom« mit fort. Sie ging, und er sah sie nicht wieder. Erstaunt blickte Cäsar ihr nach und lachte auf: »Der arme Tullius! Zwanzig Jahre an diese Frau geschmiedet!« Terentia aber war entschlossen. Sie allein, sie hatte den Bezwinger Roms ganz durchschaut. »Brutus schläft,« murmelte sie vor sich hin; »mein Mann ist ein Schwächling, und ich bin wehrlos. Aber ich hab' noch eine Waffe, und ich muß handeln.« Sie warf ihr Prunkgewand ab, löste sich das Haar, holte 172 Saura, die Zauberin, aus der Dachkammer, in die sie sich verkrochen, und schlich mit ihr und einer alten Magd in den dunklen Schuppen, wo Cäsars Reisewagen stand. Der Schuppen war vollständig verlassen, dunkel und fensterlos. Kutscher und Diener tranken in der Gesindeküche. Terentia verriegelte die Tür fest, als sie eingetreten; die Magd entzündete Fackellicht, und Saura trat in Wirksamkeit; sie stellte sich hin wie eine Furie, die Arme mit Nattern umwickelt, verfluchte Cäsars Namen, rief Hekate, die dreiköpfige Göttin des Orkus, zu Hilfe, riß ein Paar Steine aus dem Fußboden und stellte sie als Altar auf; eine Grube entstand daneben, und es begann die gefährliche Handlung. Die vornehmen Römerinnen glaubten alle an Zauberei, Terentia nicht ausgenommen, und der Zauber war jetzt ihre einzige Waffe. Mochte ihr Cicero sie darum verlachen; sie wußte: es gab höllische Geister, die dem halfen, der sie richtig rief. Eine Flamme schlug auf. Schwefelmassen hatte die Hexe entzündet, und der Schuppen füllte sich mit bläulich erstickendem Qualm. Übelriechende Kräuter, bittere Baumrinde warf Saura fluchend in den Brand, dann ein Rad, aus Wachs geformt, endlich Uhufedern, einen lebendigen Molch, einen kralligen Hahnenfuß. Die Flamme schlug greller auf. Terentia erschauerte; ihr verging der Atem. Dann nahmen alle drei Weiber einen Stab, sengten ihn erst, zerbrachen ihn dann in der Mitte, daß es krachte, und Saura begann mit erhobenen Händen und in heulendem Ton dem tötlichen Zauberspruch; die beiden andern sprachen ihn nach. Es war schwer, die unheimlichen Namen richtig zu sprechen: »Sabaôth, Sabaôth, Eicharoplex, Orebazarga, ich rufe euch, ihr Höllengeister, wir rufen euch dreimal 173 mit rechtem Namen. So wahr dieser Stab von Holz gebrochen ist in meiner Hand, so wahr soll noch heute Abend an der Wolfsbrücke, da, wo der Absturz ist, dieser Wagen hier in Stücke zerbrechen, und der umkommen, der darin fährt, so daß ihm das Herz erstarrt und er den Odem verliert. Macht, daß das wahr werde. Iâo, Iâo, Iasdâo Bei dem Höchsten, der in Wassern und Lüften allmächtig herrscht, beschwör' ich euch.« Dreimal ging die Beschwörung; das Raunen wurde zum Kreischen und zum Geheul. Die gierig aufschlagende Flamme erlosch mit Gestank. Da schrieb Saura die Zauberformel auch noch auf Blei und nagelte das biegsame Plättchen unter dem Wagen fest. Terentia wollte gehen; sie erstickte vor Angst und Grauen. »Spuck' aus,« schrie da die Jüdin; »spucke dreimal aus, damit uns drei hier die bösen Geister nicht anfassen.« Und die drei spuckten sich dreimal in ihren Gewandbausch. Cicero aber genoß mit seinen Gästen indes den Abend im Garten mit leichtem Herzen. Die Nacht war überirdisch, balsamisch schön; der Mond hing in seiner goldenen Pracht am Himmel, die Sterne funkelten. Cäsar dachte zwar längst an Heimfahrt; aber Cicero zog ihn neben sich auf die weichen Polster zwischen den Malvenbeeten. Der Blumenduft, die Lichter waren so schön, der Brunnen plätscherte; Nachtfalter flogen; in der Ferne klimperte Musik. Alles so bedeutungslos friedlich und ausruhend. Cicero schmunzelte, seit seine Terentia fern war, vor Behagen; er fühlte sich wieder philosophisch angehaucht und lehnte den Kopf weinselig weit zurück: »Was denkt Cäsar? Sind die Millionen Sterne Götter? sind sie beseelt? mit Willen begabte 174 Wesen? Mich dünkt, ich fühle wirklich, wie sie atmen, und der Odem der Sterne ist der Abendwind.« Cäsar, der nüchterne, ließ es an Antwort nicht fehlen: »Ob sie nun Willen haben oder nur ein Klumpen Erde sind, die Sterne gehorchen sklavisch dem Gesetz. Der Kosmos ist eine absolute Monarchie, und es herrscht im All unerbittlicher Zwang und ein einziger Wille.« »Gottlob, daß wir keine Sterne sind,« rief Brutus, der zugehört, fröhlich und voll Zuversicht. Und Cicero fiel ein: »Ja, wir sind Menschen! Horch, wie sie lachen . . .« Mamurra hatte sich mit Ventidius und den andern zechend ins Gras geworfen. Die Diener sprangen um sie her und füllten den Wein nach. War noch ein Weinrest in ihrem Becher, so schleuderten die Zecher den Rest in die Luft und zielten damit nach den hängenden Lampen, und ab und zu erlosch im Wein eine Flamme. Das gab ein Lachen und Wetten und Vergnügen. Jetzt aber rottete sich die ganze Dienerschaft zusammen: Köche, Küfer, Küchenjungen, Kutscher und Reitknechte, die Ackerknechte mit ihren Weibern; auch aus der Nachbarschaft hatte sich das Volk eingedrängt, auch Legionssoldaten, die ihren Posten verlassen hatten, und alles wollte auf einmal Cäsar sehen, Cäsar, Cäsar, den König der Welt. »Er ist hier bei Tullius im Garten,« rief man, »und man muß ihn sehen; denn er hat die Welt besiegt.« Und alles schrie: »Da sitzt er, der einzige, der göttliche, unser allmächtiger Herr; sei er ewig glücklich und den Unsterblichen gleich!« Cäsar wandte sich achselzuckend zu Cicero und Brutus mit den Worten: »Seht ihr? so ist die blöde Menge,« dann stand er auf und trat näher in seiner ganzen majestätischen Größe und dankte mit Nicken und 175 wedelnden Händen, und das Huldigungsgeschrei verzehnfachte sich: »sei ewig glücklich!« Auf einmal kam wieder ein lockender Zug in sein felsenhartes Gesicht; es war jener fangende Blick, dem noch keine Römerin widerstand; seine Mundwinkel dehnten sich langsam zu einem wohlgefälligen Lächeln, und seine mächtigen Zähne wurden frei. Er hatte Modesta erspäht. Das Gärtnerweib, die wunderschöne Person! Er hatte Modesta ganz vergessen. In der Tat hatte sich in dem Haufen auch Modesta mit ihrem Dio, von Neugier gepackt, herangewagt, herangedrängt, und sie verging wie alle anderen in Bewunderung vor dem herrlichen Mann, der nun der Herr der Welt ist. Cäsar sagte sich: er hätte die Person gern irgendwie mitgenommen, mit oder ohne ihren Dio. Er hätte sie dem Cicero gern abgehandelt. Denn er besaß selbst große Gärten in Rom und konnte da eine schöne Gärtnersfrau immer gut gebrauchen. Aber es ging nicht. Er mußte sich das versagen. Also rief er nur jovial in die Masse: »Ich danke euch allen, ihr braven Leute, und ich danke auch der schönen Gärtnersfrau.« Das war aber noch nicht das Ende. Auch Mamurra hatte das hübsche Geschöpf längst festgestellt; er verstand seinen Gebieter, gebot der Modesta, auf eine der Gartenbänke zu steigen, hängte ihr sein eigenes grünviolett schillerndes Seidenkleid um, brach einen Lorbeerzweig aus dem Gebüsch, gab ihn ihr in die Hand und deklamierte: »Hier ist eine Viktoria, eine Viktoria ohne Flügel. Es ist die schönste der Viktorien. Tritt heran, Julius Cäsar. Die süße Siegesgöttin soll dich krönen.« Cäsar, der Gewaltige, trat wirklich näher. Es war, als tauchte ein Königstiger vor ihr auf, und sie sollte ihn streicheln. Da taumelte Modesta vor Angst; ihre 176 Knie versagten. Zitternd, mit scheuer Andacht, legte sie den eingebogenen Zweig wie eine Krone lose über die große Stirn und rings um das kahle, breite Haupt. »Fester!« flüsterte er. Da preßte sie den Kranz fester. Und ihre weichen Finger drückten ihm die Haut, die Schläfen. Ihr war, als schmückte sie einen Gott im Tempel, und der Gott atmete, und er umfing Modesta und hob sie hoch, daß alles Volk es sah, stellte sie dann langsam auf die Erde nieder und küßte sie. Der Kuß ist das Gnadenzeichen der Könige, weiter nichts! Cäsar hörte noch, wie man im Garten rief: »Heil dir, Dio; dein Weib hat ein Gott geküßt!« Cäsar war schon ins Haus getreten, Cäsar mit dem Lorbeerkranz: der Pfau mit der Krone! Er war mit diesem Tag zufrieden. Er konnte jetzt ruhig in den blutigen Kampf gegen Cato und die Söhne des Pompejus ziehen; er wußte, Cicero würde indessen die Stimmung in Rom gegen ihn nicht verderben. Der große Redner machte die Stimmung seit Jahrzehnten in Rom. Er hatte ihn jetzt für sich eingefangen. Und Brutus, der Träumer war so zahm! Cäsar verteilte Geldgeschenke an die Dienerschaft, bedachte den Dio, der herantrat, besonders reichlich, bestellte den Wagen, und das Abschiednehmen begann. Aber Terentia fehlte. Dio lief, sie zu suchen. Cicero stammelte Entschuldigungen. Terentias Abwesenheit war indes leicht zu verschmerzen. Als nun Mamurra, Ventidius, alle Offiziere lachend und schwatzend davonritten und in der Nacht verschwanden (die große Dogge schoß hinterdrein), atmete Cicero erleichtert auf. Er sagte nicht: »auf Wiedersehn.« In Reihen standen die Diener mit wehenden Fackeln an der Straße. Cäsar raffte schon sein Kleid, um seinen Wagen zu 177 besteigen. Der Wagen hielt schon vor dem Haus, und die Rosse stampften. Da flehte sein Kutscher: »Herr, fahre nicht.« »Warum nicht?« »Herr, ich warne dich. Hier ist ein Reitpferd.« »Albernheit.« »Wir haben gehört, Herr, dein Wagen ist verzaubert. Teufelsspuk, unheimlich, gräßlich war's im Schuppen, wo der Wagen stand. Ein Geheul. Mir sträubten sich die Haare, und als ich die Rosse anschirrte, stank es in dem Raum nach dem Höllenbrand. Der Wagen bricht, Herr!« »Bist du besoffen, Bursche?« Cäsar war der kaltblütigste Verächter alles Aberglaubens. Sein Wagen war ganz neu. Er ließ ihn untersuchen: alles war solid und heil. Man fand das festgenagelte Bleiplättchen. Der Kutscher riß daran: »ein Zauber, Herr!« Cäsar verbot, es abzureißen. Die Nacht war lind, windlos und verlockend. Cäsar lud Cicero ein, bis zur Flurgrenze mitzufahren. Die Sitze waren weich, Cicero fuhr mit Cäsar, und die Villa lag auf einmal leer von Gästen, lautlos und traumverloren. Die Lampen erloschen. Terentia erschien. Sie sah sich mit Brutus allein. Heftig erschrak sie, als sie hörte, daß Cicero, daß ihr Gatte den verhängnisvollen Wagen bestiegen. Sie erzählte dem Brutus alles und suchte zugleich seine gutmütige Natur gegen den verhaßten Cäsar aufzuregen. Eine Stunde danach kam Cicero hinkend nach Haus. Hatte der böse Zauber gewirkt? Cäsars Wagen war wirklich zerbrochen: zum Glück nicht bei der Wolfsbrücke, wo der Absturz in die Tiefe drohte, sondern schon eine Strecke vorher. Der Kutscher hatte zu viel 178 getrunken; die Pferde scheuten vor einem Baumstrunk: ein Prellstein kam zu nah; das Rad zerbrach; das Gestell kippte. Cäsar selbst sprang unverletzt ab und ritt ohne Aufenthalt von dannen. Cicero war nicht so geschickt; er fiel hart aufs Knie; zwei Diener Cäsars mußten ihn nach Hause führen. Die Haut war arg zerschunden, und die Kniescheibe schmerzte sehr. »Der Schmerz ist kein Übel,« das hatte er heute selbst seinem Schreiber Philistos diktiert. Jetzt zweifelte er auf das heftigste an der Richtigkeit dieses Satzes; aber er dachte, »o gäbe es nicht noch andere Schmerzen!« Kaum ein Jahr verging, und Cicero hatte seine Tochter Tulliola verloren, und er war von seiner Frau Terentia geschieden. Als Cäsar in Afrika von der Scheidung hörte, wunderte er sich nicht. Vier weitere Jahre, und die drei großen Römer, die an jenem Abend friedlich-gesellig Freundschaftsversicherungen ausgetauscht hatten, lagen erschlagen in ihrem Blut, ein Schlachtopfer der Weltgeschichte: Brutus hatte zu schlafen aufgehört und Cäsar war erdolcht, Cicero enthauptet; Brutus, Cäsars Mörder, hatte sich schwermütig selbst in sein Schwert gestürzt. Die Erde dampfte von Bürgerblut, das Weltreich lag sonnenlos tot und wie erfroren und harrte umsonst auf einen neuen Frühling, einen Männerfrühling, der nicht kommen wollte. Wo war der alte Freimut? Hoffnung, Vertrauen, Freiheit und Freudigkeit, wo waren sie? wie der Duft der Fluren verweht, wie der Lichtschimmer des Mondstrahls, der über das Meer huscht, verglommen und in Nacht versunken. Nur Dio und Modesta lebten in Ciceros leerem Garten noch lange ein sonniges Leben. Denn sie waren zu niedrig; der Sturm der Ereignisse traf nur die Höhen, und bei 179 ihnen war der Friede heimisch und eine bescheidene Glückseligkeit. Cicero hatte den beiden ein Stück Feld und einen schönen Rebengarten, er hatte ihnen auch die bürgerliche Freiheit gesichert, und sie pflegten im Kreis ihrer Kinder sein teures Gedächtnis bei jeder frohen Ernte und in jeder süßen Stunde des Ausruhens. Denn er war nicht nur ein Wortführer der Tugend, er war ein rastloser Menschenfreund, ein Tröster der Schwachen und wie ein Vater seiner Untergebenen gewesen.   Ende