Edward Bulwer Paul Clifford. Zweites Bändchen. Siebentes Kapitel. Von seiner Sklaven Schaar umstellt. Im Schmucke, wie es liebt der Held Im Divan Giaffer sitzt der Alte! Mir ahnt, es schaff' in spätrer Zeit Der Bube mir noch Herzeleib. Braut von Abydos. Der gelehrte und scharfsinnige Johann Schweighäuser (ein Name, leicht zu buchstabiren für einen englischen Mund und honigmild zum aussprechen), erfreut sich in seinem Appendix continens particulam doctrinae de mente humana , welcher den Band seiner Opuscula Academica schließt, an der Beobachtung, daß – wir führen seine Worte nur aus dem Gedächtniß an – daß unter der unendlichen Mannigfaltigkeit von Dingen, die auf dem Schauplatz der Welt dem Blicke der Menschen begegnen, oder in irgend einer Weise auf seinen Körper oder seinen Geist einwirken, bei weitem der größere Theil so beschaffen ist, daß sie ihm eher ein Gefühl der Lust denn des Schmerzens und Unbehagens geben. Wir nehmen an, daß dieß im Allgemeinen richtig ist, bei gesunden, tüchtigen Naturen, und zeichnen als auffallendes Beispiel den Fall des eingekerkerten Paul aus; denn obwohl dieser Jüngling dermalen in keiner angenehmen Lage war – und obwohl keine ermuthigenden Gestalten ihm von den Zinnen der Zukunft zulächelten: trotz dem fand er, sobald er nur wieder das Bewußtseyn erlangt und sich mit einem Ruck aufgerafft hatte, eine unmittelbare Quelle des Vergnügens in der Entdeckung, erstlich, daß einige Herren und Frauenzimmer ihm in seiner Gefangenschaft Gesellschaft leisteten, und zweitens darüber, daß er einen mächtigen Wasserkrug in seinem Bereiche wahrnahm, den er, da seine erste Empfindung beim Erwachen ein brennender Durst war, auf Einen Zug leerte. Dann dehnte er sich, sah sich mit nachdenklichem Ernste um, und entdeckte einen ihm zugekehrten Rücken auf dem Boden liegend, welcher schon auf den ersten Blick ihm bekannt schien. »Fürwahr« dachte er, »ich kenne diesen rauhhaarigen Rock und die eigenthümliche Krümmung dieser schmalen Schultern.« Unter diesem Selbstgespräch erhob er sich, streckte den Fuß aus und versetzte der ausgestreckten Gestalt einen leichten Stoß. Schwere Flüche murmelnd wandte sich die Gestalt um, und indem sie sich auf den ungastfreundlichen Theil des Körpers zurecht setzte, dessen Berührung durch fremde Füße nichts weniger denn als eine Ehre aufgenommen wird, heftete er seine stumpfen, blauen Augen auf das Angesicht des Ruhestörers, öffnete sie allmälig mehr und mehr, bis sie sich in dem Verhältniß erweitert hatten, als erforderlich war, um die wichtige sich ihnen aufdrängende Wahrheit einzuschlingen, und dann kamen aus dem Munde dieses Wesens folgende Worte hervor: »Ich will keine Linser im Kopf haben, wenn das nicht der kleine Paul ischt.« »Ja, Dummie, da bin ich! Hat nicht lang gedauert, bis man mich in den Stock gelegt hat, wie Ihr seht! das Leben ist kurz; wir müssen die Zeit aufs Beste benützen!« Auf dieß raffte sich Herr Dummater, (denn keine andere als diese achtbare Person war es) vom Boden auf, setzte sich auf die Bank neben Paul und sagte in kläglichem Tone: »Ha, die Pescht über mich, wenn Ihr nicht über den Kopf gehauen worden seyd; Eure Perrücke ist so blutig, wie der Kopf eines Grunzers, wenn man ihm den Hals abgeschnitten.« »Das ist nur das Kriegsglück, Dummie, und eine bloße Kleinigkeit: die Köpfe, die in Thames-Court gefertigt werden, lassen sich nicht leicht aus dem Gleise bringen. Aber sagt mir, wie kamt Ihr hieher?« »Nun, ich hatte tief in das Schnapsglas hineingeguckt – –« »Bis es Euch hell im Kopfe wurde, he? und Ihr in die Gosse fielet?« »Nun ja!« »Meine Angelegenheit ist schlimmer als diese, fürchte ich,« und hiemit erzählte Paul mit leiser Stimme dem getreuen Dummie die Reihe von Ereignissen, die ihn in sein dermaliges Asyl gebracht hatten. Dummie's Angesicht verlängerte sich bei diesem Berichte; jedoch als die Erzählung zu Ende war, bemühte er sich, mit allen ihm einfallenden Trostgründen Paul zuzusprechen. Er stellte ihm fürs erste die Möglichkeit vor: der Gentleman nehme sich vielleicht nicht die Mühe, zu erscheinen; zweitens die Gewißheit, daß bei Paul keine Uhr gefunden worden; und drittens, den Umstand, daß nach der eigenen Angabe des Gentleman Paul nicht der wirkliche Thäter gewesen; viertens, wenn Alles schief gehen sollte, was denn die Gefangenschaft von ein paar Wochen oder Monaten sey?« »Schlag mich dieser und jener!« sagte Dummie, »wenn der Aufenthalt dort nicht so kurzweilig ischt, als ein Bursche, der Freund von kommlicher Ruhe ischt, sich nur wünschen kann!« Diese Bemerkung war nicht sehr tröstlich für Paul, der mit all der mädchenhaften Sprödigkeit eines Menschen, dem solche Verbindungen etwas Fremdes sind, vor einem Ehebunde mit der kommlichen Ruhe des Zuchthauses zurückbebte. Mehr vertraute er auf eine andere Trostquelle; mit Einem Worte, er hegte die schmeichelnde Hoffnung, der lange Ned werde, wenn er inne werde, daß Paul statt seiner gefangen gesetzt worden, den Edelmuth haben, sich zu stellen und ihn von der Anklage frei zu machen. Als er gegen Dummie etwas von diesem Gedanken fallen ließ, konnte dieser vollendete Mann der Stadt eine Zeitlang gar nicht glauben, daß irgend ein Einfaltspinsel so ganz und gar mit der Welt unbekannt seyn sollte, um im Ernste eine so lächerliche Vorstellung zu hegen, und wirklich ist es einigermaßen auffallend, daß eine solche Hoffnung je mit ihren schmeichelnden Mährchen das Ohr eines Menschen sollte bezaubert haben, der im Hause der Mrs. Margretha Lodkins aufgezogen worden war. Aber Paul hatte, wie wir gesehen, viele seiner Begriffe aus Büchern genommen, und er hatte dieselben schönen Theorien von moralischen Schelmen, wovon die Gemüther junger Patrioten eingenommen sind, wenn sie aus dem Collegium austretend und zuerst ins Unterhaus kommend, Unbescholtenheit für etwas Kostbareres halten als Aemter. Herr Dummaker drang ernstlich in Paul, eine so unzuverläßige und kindische Einbildung aus seinem Herzen zu verbannen, und lieber darüber nachzudenken, auf welche Art er seine Verteidigung am besten würde führen können. Als endlich dieser Gegenstand erschöpft war, kam Paul auf Ms, Lobkins zu sprechen und erkundigte sich, ob Dummie diese Dame in neuster Zeit mit einem Besuch beehrt habe. Herr Dummaker erwiderte, er habe, obwohl mit großer Schwierigkeit, ihren Zorn gegen ihn wegen seiner vermeintlichen Aufhetzung zu Pauls Ausschweifungen, begütigt, und sie habe in neurer Zeit verschiedene Besprechungen mit Dummie über unsern Helden gehabt. Bei weiterem Ausfragen Dummie's erfuhr Paul die Gründe, warum die gute Matrone nicht den besorgten Eifer für seine Rückkehr an den Tag gelegt habe, wie unser Held mit Recht es erwartet hatte. Die Sache war die, daß ihr, weil sie in seine Hülfsquellen, unabhängig von ihr, nicht das mindeste Vertrauen setzte, gar nicht um eine Gelegenheit bange war, den Stolz, der sie so empört hatte, wirklich und nachdrücklich, wie sie hoffte, zu demüthigen; und sie vergnügte ihre Eitelkeit schon im Voraus mit dem Gedanken, wie einmal Paul, durch Darben zur Unterwürfigkeit gebracht, reuig und freudig wieder das Obdach ihres Hauses aufsuchen, und durch seine Erfahrungen zahm gemacht, nie wieder gegen das Joch sich sträuben würde, das ihre mütterliche Klugheit ihm aufzulegen für gut befände. Sie begnügte sich also damit, von Dummie den Aufschluß zu erhalten, daß unser Held unter Mac Grawlers Dach sey und also vor dem Schlimmsten gesichert; und da sie die scharfsinnigen Geistesanstrengungen nicht voraussehen konnte, wodurch Paul sich zum »Nobilitas« des Astnäum emporschwang und sich dadurch den ärgsten Mangel vom Leibe hielt: so war sie, nach ihrer Charakterkenntniß, völlig überzeugt, der erleuchtete Mac Grawler werde nicht in die Länge ihrem widerspenstigen Pflegesohn den Schutz verwilligen, der, nach ihrer Meinung, allein ihn davor bewahrte, Taschen fegen oder Hungers sterben zu müssen. Sie kannte Pauls gründlichen und nüchternen Widerwillen gegen eine solche artige Wahl, und war also wegen seiner Sittlichkeit und seines Lebens wenig angefochten, wenn sie ihn auch eine Welle dem Spiel des Geschicks überließ. Jede Aengstlichkeit, welche sonst noch wohl ihr Gemüth hätte quälen mögen, wurde durch die gewöhnliche Trunkenheit erstickt, welche bei der guten Frau mit dem Alter überhand nahm, und welche, wiewohl sie zu Zeiten zu all ihrer eigenthümlichen Heftigkeit sich aufraffen konnte, doch meist ihre Besinnung in einer letheischen Starrsucht, oder um höflicher zu reden, in einer poetischen Entfremdung von den Dingen der äußern Welt befangen hielt. »Aber,« sagte Dummie, wie er so allmälig die Auflösung von dem Benehmen der Dame dem horchenden Ohr seines Gesellschafters mittheilte; »aber ich hoffe, wenn Ihr jetzt aus dieser Klemme daraus seyd, kleiner Paul, laßt Ihr's Euch zur Warnung dienen und gebt Herrn Pepper den Laufbaß – muß ohnehin sagen, 's war mir nie wohl ums Herz, wenn ich ihn Euch anführen sah, – und geht heim in den Krug und bietet der alten Strunzel die Hand, denn sie sieht sich selber gar nicht mehr gleich, seit Ihr fort seyd. Sie hat ein vordreffliches Herz, die Pigyy Lob!« Eine so geeignete Lobrede auf Mrs. Margaretha Lobkins würde wohl zu einer andern Zeit Pauls Lachmuskeln nicht in Ruhe gelassen haben; aber in diesem Augenblick fühlte er wirklich Beklemmungen wegen der unmanierlichen Art, wie er sie verlassen hatte, und die Weichheit reuevoller Zärtlichkeit verklärte sogar das Bild der Piggy Lob mit ihren verschönernden Farben. Unter Gesprächen so geistreichen und häuslichen Inhalts verfloß die Nacht und der folgende Morgen, bis Paul sich in der unheimlichen Nähe des Richters Burnflat fand. Einige Fälle wurden vor dem seinigen erledigt, und unter andern erhielt Herr Dummie Dummaker seinen Abschied, doch nicht ohne eine strenge Rüge wegen der sich zu Schuld gebrachten Sünde eines Rausches welche ohne Zweifel einen tiefen Eindruck auf das offenherzige Gemüth dieser nobeln Person machte. Endlich kam die Reihe an Paul. Er hörte, als er seinen Plaz einnahm, ein allgemeines Geflüster. Anfänglich bildete er sich ein, es gelte seiner eignen, Theilnahme erregenden Erscheinung, aber als er die Angen erhob, merkte er, daß es dem Eintritte des Gentleman galt, der als sein Ankläger auftrat. »Bscht!« sagte Jemand in seiner Nähe, »es ist der Advokat Brandon. Ha! das ist ein schlauer Gesell! Es wird dem von ihm Angeklagten hart gehen!« Unser Held besaß einen trefflichen Schatz geistiger Spannkraft, und obgleich ihm das Glück nicht ein unheilbar krankes Herz bescheert hatte, ein Umstand, der nach den Dichtern und Filosofen der jetzigen Zeit dem Menschen einen wunderbaren Muth einflößen, und ihn gegen alles Mißgeschick unempfindlich machen soll: so hielt er sich doch unter seiner gegenwärtigen, peinlichen Lage mit wunderbarem Muth aufrecht, und wurde durch die so eben gehörte Bemerkung, obwohl sie ihn ein wenig beengte, doch keineswegs niedergedrückt. Herr Brandon war wirklich ein Rechtsgelehrter von ansehnlichem Ruf und Stand, in hoher Achtung bei der Welt, nicht allein wegen seiner Talente, sondern auch wegen großer Sittenstrenge, die, obgleich ein wenig mit herber Rauhheit gegen die Fehler Andrer vermischt, doch deßhalb nur um so preiswürdiger erschien, da es, wie Leute von Erfahrung ohne Zweifel wohl wissen, in der ersten Classe der Sittlichkeit zwei Abtheilungen gibt: erstens, ein großer Ingrimm gegen die Laster des Nebenmenschen, und zweitens, der Besitz eigener Tugenden. Herr Brandon wurde von dem Richter Burnflat mit großer Höflichkeit empfangen, und da er mit einer (entlehnten) Uhr in der Hand kam, und sagte: seine Zeit gelte jeder Augenblick 5 Guineen, so schritt der Richter unverzüglich zur Sache. Nichts konnte klarer, kürzer und befriedigender seyn, als die Aussage von Herrn Brandon. Das bestätigende Zeugniß des Wächters schloß sich daran an, und dann wurde Paul zur Vertheidigung aufgerufen. Sie war eben so kurz wie die Anklage, aber ach! sie war nicht eben so befriedigend. Sie bestand in einer festen Erklärung seiner Unschuld. Sein Kamerade, gestand er, möge die Uhr gestohlen haben, aber er erinnerte bescheiden daran, daß dieß eben der Grund sey, warum Er sie nicht könne gestohlen haben. »Wie lang, Bursche,« fragte der Richter Burnflat, »kennt Ihr schon euern Begleiter?« »Ungefähr ein halbes Jahr!« »Und was ist sein Name und Gewerbe?« Paul stockte und weigerte sich zu antworten. »Ein böses Stück Arbeit!« sagte der Richter in trübseligem Tone und mit bedeutungsvollem Kopfschütteln. Der Sachwalter war mit jenem Ausruf ganz zufrieden, aber mit erhabener Großmuth bemerkte er, wie er nicht wünsche mit Härte gegen den jungen Mann zu verfahren. Seine Jugend spreche zu seinen Gunsten und seine That sey wahrscheinlich die Folge schlimmer Gesellschaft. Er schlug daher vor: da Paul von dem Aufenthaltsorte seines Freundes gewiß unterrichtet seyn müsse, so solle er vollständige Verzeihung erhalten, wenn er unverzüglich dem Beamten diese Mittheilung machen wolle. Zum Schluß fügte er mit ausgezeichneter Menschenfreundlichkeit hinzu: nicht die Bestrafung des Jünglings, sondern die Wiederauffindung seiner Uhr sey es was er wünsche. Der Richter Burnflat wiederholte jetzt, nachdem er die uneigennützige und christliche Barmherzigkeit des Klägers und die gewichtige Verbindlichkeit, welche ihm Paul dafür schuldig sey, unserm Helden gebührend an's Herz gelegt, mit verdoppelter Feierlichkeit die Fragen nach Wohnung und Namen des langen Ned, auf welche unser Held zuvor die Antwort verweigert hatte. Mit Leidwesen gestehen wir, daß Paul, undankbar und völlig unempfindlich gegen die schöne Großmuth des Sachwalters Brandon, auf seiner festen Weigerung, seinen Kameraden anzugeben, verharrte und mit gleicher Hartnäckigkeit fortfuhr, seine Unschuld und die mackellose Unbescholtenheit seines Charakters zu betheuern. »Euer Name, junger Mann?« sagte der Richter. »Euer Name ist Paul, sagt Ihr – Paul wie weiter? Ihr habt gewiß manche sonstige Namen, darauf will ich schwören!« Hier stockte der junge Mann wieder; endlich antwortete er: »Paul Lobkins. Euer Gestrengen!« »Lobkins, wiederholte der Richter, »Lobkins! kommt her Saunders! haben wir den Namen nicht in unsern schwarzen Büchern?« »Euer Gestrengen zu dienen,« sagte ein kleiner, stämmiger, dem Festus der Polizei in vielen Beziehungen sehr nützlicher Mann, »es gibt eine Peggy Lobkins, die ein Wirthhaus besitzt, eine Art von Gaunerherberge, genannt der Krug, in Thames Court, gehört nicht eben ganz in unsern Bereich, Ihr Gestrengen.« »Hoho,« sagte der Richter Burnflat, und winkte Herrn Brandon, »wir müssen dieß ein wenig sondiren. Seyd so gut, Herr Paul Lobkins, in welchem Verwandtschaftsverhältniß steht die gute Wirthin vom Krug, in Thamts-Court, zu Euch?« »In gar keinem, Sir!« sagte Paul rasch, »Sie ist nur eine Freundin.« Auf dieß erhob sich ein Gelächter in der Gerichtsstube. »Stille!« gebot der Richter, »und ich darf annehmen, Herr Paul Lobkins, daß diese Eure Freundin für die Unbescholtenheit Eures Charakters, auf welche Ihr Euch zu berufen beliebt, bürgen werde?« »Ich zweifle nicht daran, Sir!« antwortete Paul; und hier entstand wieder ein Gelächter. »Und habt Ihr noch einen ebenso vollwichtigen und preiswürdigen Freund, der Euch denselben Gefallen thun würde?« Paul stockte; aber in diesem Augenblick drängten sich zum Erstaunen des Gerichts, aber vor Allem zum höchsten, überraschendsten Erstaunen Pauls selbst, zwei Gentlemen, nach der höchsten Mode gekleidet, vor, und indem sie sich gegen den Richter verbeugten, erklärten sie sich bereit für die gänzliche Unbescholtenheit und den mackellosen Charakter des Herrn Paul Lobkins zu bürgen, den sie, wie sie sagten, schon viele Jahre kannten und vor dem sie die größte Achtung hegten. Während Paul das Aeußere dieser gefälligen Freunde musterte, die er im ganzen Verlaufe seines Lebens nicht sich erinnerte gesehen zu haben, flüsterte der Sachwalter, ein ganz schlauer Kopf, dem Beamten etwas ins Ohr; diese würdige Person nickte beistimmend, faßte die Ankömmlinge ins Auge und erkundigte sich nach den Namen von den Zeugen des Herrn Lobkins. »Herr Eustace Fizherbert und Herr William Howard Russel,« lautete die Antwort. So aristokratisch klingende Namen erregten allgemeines Aufsehen. Aber der unempfindliche Richter rief den nämlichen Herrn Saunders, an den er sich zuvor gewendet hatte, und forderte ihn auf die Gesichter der Freunde des Herrn Lobkins genau zu prüfen. Wie der Alguazil die Züge des denkwürdigen Don Rafael und des berühmten Manuel Morales ins Auge faßte, als der erster dieser trefflichen Männer es angemessen fand, die Würde eines italienischen Prinzen auf Reisen, eines Sohnes des Fürsten der Thäler zwischen der Schweiz, Mailand und Savoyen, anzunehmen, indeß der letztere sich damit begnügt« für den Diener von Monseigneur le prince zu gelten: ebenso, mit weit mehr Ernst als Ehrfurcht beaugenscheinigte Herr Saunders die Gesichtszüge dieser hochgeborenen Gentlemen, der Herren Eustace Fitzherbert und William Howard Russel; aber nach einer langen Prüfung wandte er die Augen ab, machte gegen den Beamten eine verneinende, seine Unzufriedenheit ausdrückende Geberde und sagte: »Mit Genehmhaltung Eurer Gestrengen, sie gehören nicht zu meinem Strich; aber Bill Troutling kennt diese Art von feinen Kameraden besser.« »Laßt Bill Troutling erscheinen?« war der lakonische Bescheid. Bei Nennung dieses Namens wurde man wohl eine gewisse bescheidne Verwirrung in den Gesichtern der Herren Eustace Fizherbert und William Howard Russel gelesen haben, wäre nicht die Aufmerksamkeit des Gerichtshofs in diesem Augenblik auf einen andern Fall gelenkt worden. Eine arme Frau war auf 7 Tage ins Strafhaus gesprochen worden auf die Beschuldigung unordentlichen Wandels. Ihr Mann, die bei der Sache am meisten betheiligte Person, erschien nun um die Anklage zu entkräften; und mit Hülfe seiner Nachbarn gelang es ihm wirklich. »Das ist Alles sehr wahr,« sagte der Richter Burnflat, »aber da Eure Frau, mein guter Freund, in 5 Tagen wieder los kommt, so ist es kaum der Mühe werth, sie jetzt freizulassen.« Eine Thatsache, die sich im Jahr 1830 wirklich begeben hat. Man sehe den Morning Herald Eine so einsichtsvolle Entscheidung mußte nothwendig den Ehmann zufrieden stellen und die Zuhörenden wurden von diesem Augenblick an über eine so merkwürdige Wahrheit aufgeklärt: daß nämlich 5 Tage von 7 ein ganz ausnehmend kleiner Theil sind im Verhältniß zu den übrigen zwei; und daß die Leute in England eine so unbegreifliche Liebe zum Strafen haben, daß, während man es nicht der Mühe werth findet, ein unschuldiges Weib fünf Tage früher aus dem Gefängniß zu entlassen, als im andern Fall geschehen wäre, man es für gar sehr der Mühe werth hält, sie auf sieben Tage einzusperren. Als der Ehmann, die rauhe Hand vor die Augen haltend, und eine oder die andre gemeine Grobheit murmelnd, weggegangen war, sagte Herr Saunders: »Hier ist Bill Troutling, Ihr Gestrengen!« »Ah, gut!« sagte der Richter, »und nun, Herr Eustace Fitz – holla, wo ist er? Wer sah zuletzt Herrn William Howard Russel und seinen Freund Herr Eustace Fitzherbert?« Und spottend sprach das Echo: Wer? Diese vornehmen Herren, denen es natürlich mißfiel, mit einer so niedrigen Person wie Herr Bill Troutling confrontirt zu werden, hatten in dem Augenblick, wo die allgemeine Aufmerksamkeit von ihnen abgelenkt war, sich in der Stille von einem Schauplatz fortgemacht, wo ihr hoher Rang so wenig berücksichtigt zu werden schien. Wenn Du, mein Leser, begierig seyn solltest, zu erfahren, von welchem Theile der Welt her diese vorübergehenden Gestalten aufgestiegen waren, so wisse, es waren Geister von dem unnachahmlichen Zauberer, dem langen Ned, abgesandt, theils um Bericht zu erstatten wie die Sachen im Gerichtshof abliefen; denn Herr Pepper war in Gemäßheit der alten Politik, welche lehrt, daß je näher der Fuchs den Jägern ist, desto mehr Wahrscheinlichkeit für ihn da ist, übersehen zu werden, unmittelbar nach seiner plötzlichen Trennung von Paul, in ein Haus in derselben Straße geschlüpft, in der er seine Schlauheit entfaltet hatte, worin Austern und Ale jede Nacht eine Gesellschaft anlockten und vergnügten, welche, um unpartheiisch zu reden, mehr zahlreich als auserlesen war; hier hatte er erfahren, wie ein Beutelschneider wegen ungesetzlicher Neigung zur Uhr eines andern Mannes festgenommen worden sey, und hier hatte er, während er geruhig seine Austern würzte, mit seinem eigenthümlichen Scharfsinn die feste Ueberzeugung gewonnen: daß der verhaftete Unglückliche kein Andrer als Paul seyn konnte. Theils also aus Vorsicht für seine eigne Sicherheit, um bald Nachricht zu erhalten, wenn Pauls Vertheidigung eine Veränderung des Wohnsitzes rathsam machen sollte, und theils aus kameradschaftlicher Freundschaft, um seinen Genossen mit so vieler Hülfe zu unterstützen und das günstige Zeugniß von zwei wohlgekleideten, in der Stadt wenig gekannten Personen verleihen konnte, hatte er diese himmlischen Wesen abgeordnet, welche unter den sterblichen Namen Eustace Fitzherbert und William Howard Russel vor dem Reichstage des Richters Burnflat erschienen waren. Da wir so das Erscheinen, (denn das Verschwinden bedarf keiner Erklärung) von Pauls Freunden erläutert, kehren wir zu Paul selbst zurück. Trotz den Gefahren, wovon er umringt war, kämpfte sich unser junger Held aufs Aeußerste durch; aber der Richter war durchaus nicht gemeint, Herrn Brandon sich mißfällig zu erzeigen; und da er bemerkte, wie während Pauls Vertheidigung ein ungläubiges und beissendes Hohnlächeln nicht von des Gentleman Lippe wich, konnte er nicht umhin seine Entscheidung gemäß der wohlbekannten Schärfe des berühmten Anwalts zu fällen. Paul wurde demnach verurtheilt, sich auf 3 Monate in das zu Bridewell gelegene Landhaus zurückzuziehen, in welches die undankbaren Diener der Gerechtigkeit oft ihre thätigsten Bürger verbannen. Sobald der Spruch gefällt war, erklärte Brandon, dessen lebhaftes Auge keine Hoffnung sah, den verlorenen Schatz wieder zu entdecken: der Bösewicht habe ganz den Old-Bailey's-Schnitt im Gesicht, und er zweifle nicht, wenn er je es erleben sollte, Richter zu werden, daß er auch noch ein ganz anderes Urtheil über den Thäter zu fällen bekommen werde. Nach diesen Worten entschloß er sich, keine Zeit mehr zu verlieren und verließ sehr eilfertig das Amthaus, ohne einen andern Trost als den Gedanken mitzunehmen, daß er doch in jedem Fall einen Knaben an einen Ort geschickt hatte, von wo, er mochte jetzt auch noch so unschuldig seyn, er gewiß mit einer solchen Neigung zum Verbrechen herauskommen mußte, wie seine Freunde nur wünschen mochten, wozu noch solche moralische Betrachtungen kamen, wie die Tragödie von Bombaster Furioso ihm darbieten mochte in folgendem gedankenreichen und gediegenen Verse: »Weg ging die Uhr – Nun, Uhren sollen gehen.« Mittlerweile wurde Paul mit Gepränge nach seinem Aufenthaltsort abgeführt, in Gesellschaft von zwei andern Missethätern, der eine ein Mann von mittleren Jahren, obgleich eine sehr alte Feile, der verurtheilt worden, weil er Geld unter falschem Vorgeben eingenommen, und der Andere ein kleiner Junge, der des Verbrechens schuldig befunden worden, unter einer Säulenhalle geschlafen zu haben; denn es ist die Hauptschönheit der englischen Gesetze, daß sie zwischen Laster und Unglück nicht die abgeschmackten, feinen Schattirungen und Unterschiede gelten lassen, und ihr Hauptmittel, die ehrlichen Leute zu schützen, besteht darin, möglichst viele Schurken in möglichst kurzer Zeit zu ziehen. Achtes Kapitel Gesunder Menschen-Verstand: Was ist der Zweck der Strafe hinsichtlich der bestraften Individuen? Herkommen: Sie zu bessern. Gesunder Menschen-Verstand: Wie bestraft Ihr junge Missethäter, die vermöge ihrer Jugend für das Beispiel besonders empfänglich sind und die deßwegen leichter ganz zu verderben oder zurecht zu bringen sind, als Personen von reifem Alter? Herkommen: Wir schicken sie ins Zuchthaus unter die heillosesten Bösewichter des Landes. Gespräch zwischen dem gesunden Menschenverstand und dem Herkommen. (Sehr selten.) Da es ziemlich spät war, als Paul in Bridewell als Neuling ankam, so brachte er diese Nacht im Empfangzimmer zu. Am nächsten Morgen, sobald er vom Chirurgus untersucht und mit der üblichen Uniform bekleidet worden war, wurde er, seiner Classeneintheilung gemäß, bei der guten Gesellschaft eingeführt, deren Schuld unter den vielumfassenden Namen: gemeine Vergehen, fiel. Hier kam ein großer Mann auf ihn zu und redete ihn in einer gewissen Sprache an, welche man die Freimaurersprache der Gauner nennen könnte. Paul, obwohl er nicht jedes Wort verstand, faßte doch den Sinn der Anrede richtig auf, welche die Frage enthielt, ob er ein durchtriebener Schurke und vollendeter Bösewicht sey. Er antwortete halb bestürzt, halb zornig, und seine Antwort vereitelte jeden günstigen Eindruck, den er sonst auf den Frager hätte machen können, so sehr, daß der letztere ihn ins Ohr kneipte und laut aufschrie: kraut ihn, kraut ihn! Auf diese bedeutungsvolle und entsetzliche Worte fand sich Paul in einem Nu von einem ganzen Schwarm sinnreicher Peiniger umgeben. Einer zerrte ihn an diesem Theil des Körpers, der Andre an jenem; Einer knuffte ihn vorne und ein Andrer stauchte ihn von hinten. Als Zwischenspiel unter diese anmuthige Beschäftigung hinein beraubten sie ihn auch noch der wenigen Sachen, die er bei seinem Kleiderwechsel behalten. Einer riß ihm sein Taschentuch heraus, der Zweite das Halstuch und ein Dritter, glücklicher als Beide, setzte sich in Besitz von einem Paar karneolener Hemdknöpfe, welche Paul von einem jungen Frauenzimmer, einer Orangenverkäuferin beim Tower, als Liebespfand erhalten hatte. Es war ein Glück, daß ehe diese Einstandsfeierlichkeit, mit dem Kunstausdruck: Kranen genannt, die an allen Neueintretenden, welche noch einen Funken von Anstand in sich zu haben scheinen, vorgenommen wird, die Knochen Pauls, der sich mit Zähnen und Nägeln wehrte, in Bittererde aufgelöst hatte, einen Mann von ernstem Aussehen, der bisher ruhig sein Werg gezupft hatte, plötzlich aufstand, sich zwischen das Opfer und seine Angreifer drängte und letztere, wie in Kraft eines überlegenen Ansehens, aufforderte, sie sollten den Jungen in Ruhe lassen und zum Teufel gehen. Dieser Vorschlag, sich an einen andern Ort zur Belustigung zu begeben, obwohl in sehr ernstem und ruhigem Tone gemacht, hatte die augenblickliche Wirkung, welche Ermahnungen großer Spitzbuben auf kleine gewöhnlich ausüben. Die Herrn Krauer gaben ihre Ergözlichkeit auf, und der Reigenführer der Rotte, der Paul einen tüchtigen Puff auf den Rücken gegeben, erklärte er sey ein ganzer Kerl, und er sey nur getätschelt gewesen, und er hoffe ihm damit kein Leid gethan zu haben. Paul hatte noch die Faust geballt und wollte eben nicht sehr friedfertig antworten, als ein Schließer, der sich im mindesten nicht darum kümmerte, wie viele Leute er wegen eines Vergehens einsperrte, aber dem die Mühe bei einem von seiner Truppe nachzusehen, um ein Vergehen zu verhüten, ganz und gar zuwider war, jetzt plötzlich in dem Kreise erschien, und nachdem er sie wegen des unerträglichen Verdrußes den sie ihm verursachten, ausgescholten, zwei der Armseligsten von der Rotte zu besondren Einsperrung abführte. Natürlich traf es sich, daß gerade diese Zwei nicht entfernten Antheil an dem Unfug genommen hatten. Als dieser Auftritt vorüber war, kehrte die Bande wieder zum Wergzupfen zurück – denn die Tret-Mühlen, diese wunderbare, angemessene Erfindung, bei welcher ein kräftiger Mensch keine Anstrengung hat, und ein schwächlicher seine Gesundheit auf Zeitlebens verliert, waren damals in unsern trefflichen Anstalten zur Besserung der Verbrecher noch nicht eingeführt. Mit Schmerz, und mit vielen finstern und zornigen Empfindungen, wobei das Gefühl der Ungerechtigkeit seiner Strafe allein ihn unter den Demüthigungen, welche er zu erdulden hatte, aufrecht erhielt; mit Schmerz und mit schwellendem Herzen, in welchem die Gedanken, die zum Verbrechen führen, sich schon den Weg durch einen plötzlich erwärmten und ihrem Wachsthum günstigen Boden brachen, machte sich Paul an seine Arbeit. Er fühlte sich am Arm berührt, wand sich um, und sah daß der Ehrenmann, der ihn so freundlich von seinen Plagegeistern befreit hatte, jetzt neben ihm saß. Paul betrachtete lang und ernstlich seinen Nachbar, kämpfte mit dem Gedanken, dieses listige, feine Gesicht in glücklichern Zeiten schon gesehen zu haben, obgleich es leider! verändert war, nicht allein durch die Zeit und das Leben, sondern auch durch jenen Anflug von Ernst, welchen die Sorgen der Menschheit allmälig auch dem Gesicht des Gedankenlosesten mittheilen, – bis alle Zweifel sich zerstreuten, und er ausrief: »Seyd Ihr's Herr Tomlinson? Wie froh bin ich, Euch hier zu sehen!« »Und ich,« sagte der weiland Mörder in den Zeitungen mit scharfem näselndem Ton, »wäre sehr froh mich irgendwo sonst zu sehen.« Paul antwortete nicht, und Augustus fuhr fort: »Einem weisen Manne gelten alle Orte gleich, hat man schon gesagt. Ich glaube das nicht, Paul ich glaube es nicht. Nur ein ruhiges Plätzchen zum Nachdenken. Ich erkannte Euch wieder, sobald ich Euch sah, obgleich Ihr erstaunlich gewachsen seyd. Was macht mein Freund Mac Grawler? Immer noch rüstig an der Arbeit beim Asinäum?« »Ich glaube so,« antwortete Paul verdrießlich und eilte das Gespräch zu ändern, »aber sagt mir Herr Tomlinson, wie kommt Ihr hierher! Ich hörte, Ihr seyd nach dem nördlichen England abgereist um ein gewinnreiches Geschäft zu übernehmen?« »Möglich! die Welt entstellt immer die Handlungen derjenigen, welche beharrlich sich in ihr umtreiben.« »Sehr wahr,« sagte Paul, »und ich habe mir das Nemliche hundertmal beim Asinäum gesagt, denn wir waren in diesem trefflichen Journal mit unsern Wahrheiten nie zu verschwenderisch. Es ist erstaunlich, wie weit man mit drei Ideen kommen kann.« »Ihr erinnert mich an mich selbst und meine Zeitungsarbeiten,« versetzte Augustus Tomlinson; »ich bin dessen nicht ganz gewiß, ob ich auch nur mit drei Ideen Haus zu halten hatte; denn, wie Ihr sagt, es ist erstaunlich, wie weit man mit dieser Anzahl kommt, wenn man sie recht zu handhaben weiß. Es ist bei Schriftstellern wie bei wandernden Schauspielern – dieselben drei Ideen, die in Einer Scene für Türken paßten, passen in der nächsten für Holländer; aber Ihr müßt mir dieser Tage eure Geschichte erzählen und sollt dafür die meinige hören.« »Ich würde Euch für Euer Vertrauen unendlich verbunden seyn,« sagte Paul, »und ich zweifle nicht, Eure Lebensgeschichte muß außerordentlich unterhaltend seyn. Die meinige war bisher ohne Geschmack und Würze. Das Leben von Gelehrten hat keinen Ueberfluß von Abenteuern, und ich frage, ob nicht jeder Arbeiter am Asinäum so ziemlich das gleiche Daseyn geführt hat, wie ich selbst es dahinschleppte.« Mit Gesprächen dieser Art unterhielten sich unsere neu zusammengebrachten Freunde den Rest des Tags bis halb 5 Uhr, von wo die Gefangenen den Anfang der Nacht rechnen müssen und wo sie in ihren Schlafzimmern eingeschlossen werden. Tomlinson, erfreut, einen Menschen wieder zu finden, der ihn in seinen bessern Tagen gesehen hatte, sprach ins Geheim mit dem Kerkermeister und die Folge dieser Besprechung war, daß Paul und Tomlinson in dieselbe Kammer zusammen kamen – eine Art von steinernem Kasten, den gewöhnlich drei Bewohner einnahmen und der 8 Fuß lang und 6 breit war, denn wir haben diesen Kerker so gut gemessen, als wir die Zelle des Gefangenen von Chillon würden gemessen haben. Wir beabsichtigen nicht, Dir o Leser! mit dickaufgetragenen Farben und langweiliger Ausführlichkeit die moralische Verschlimmerung unsres Helden zu schildern; denn wir haben aus Erfahrung gelernt, daß eine solche Mühe von unsrer Seite uns von Dir nur Tadel unsrer Abgeschmacktheit, statt Lob für unsre Sorgfalt einträgt. Wir wollen deßwegen unsre Moral nur in seinen Winken und kurzen Fingerzeigen preis geben, und wollen uns für jetzt damit begnügen Dich zu erinnern, daß Du bisher Paul in den allergefährlichsten Lagen und Umständen ehrlich befunden hast. Trotz der ansteckenden Atmosfäre des Krugs, trotz seinen Gesellen in Fishlane, trotz seinem vertrauten Umgang mit dem langen Ned, hast Du ihn der Versuchung widerstehen und um eine andere Laufbahn als die der Räuberei und des Betrugs sich bemühen sehen. Ja selbst in seiner Hülflosigkeit, vertrieben von dem Sitze seiner Kindheit, sahst Du wie er, statt eine vergnüglichere und ungebundenere Lebensweise aufzusuchen, sich zu dem unwirthlichen Dache und abgeschmackten Beschäftigungen Mac Grawlers bequemte; und lieber ehrlich seinen Unterhalt im Schweiße seines Hirnes verdienen, als zu einem der mannigfachen Wege, auf anderer Leute Kosten zu leben, greifen wollte, womit ihn doch seine Bekanntschaft mit dem schlechteren Theil der Gesellschaft mußte vertraut gemacht haben und die, um das Wenigste zu sagen, für einen Jüngling und Abenteurer mehr Lockendes haben, als die dornigten Pfade literarischer Geschäfte. Es war in der That, um Dich in ein Geheimniß einzuweihen, Pauls kühner Ehrgeitz darauf gerichtet gewesen, sich zu einem würdigen Mitglied der Gesellschaft emporzuarbeiten. Seine gegenwärtige Lage aber legte, wie man nachher sehen wird, in ihm den Grund zu einer großen Veränderung in seinen Wünschen, und die Unterredung, die er in dieser Nacht mit dem gewandten und abgefeimten Augustus hatte, trug mehr dazu bei, ihn zum Helden dieses Buchs zu stempeln, als alle Neigungen seiner Kindheit oder die Auftritte seiner frühern Jugend. Junge Leute sind zu dem irrthümlichen Glauben geneigt: es sey etwas so Schlimmes, ein verruchter Mensch zu seyn. Das Korrektionshaus wird so genannt, weil es ein Ort ist, wo eine so lächerliche Vorstellung für immer korrigirt wird. Am nächsten Tag wurde Paul durch einen Besuch von Mrs. Lobkins überrascht, welche durch den freundschaftlichen Dummie von seiner Lage und deren Ursachen gehört und vom Richter Burnflat einen Einlaßbefehl herauszuschlagen gewußt hatte. Wie Pyramus und Thisbe kamen sie, eine Mauer, oder vielmehr ein eisernes Gitter zwischen sich, zusammen und Frau Lobkins brach, nach einem Erguß der Verzweiflung über das trennende Hinderniß, weinend in den pathetischen Vorwurf aus: »O Paul, Du hascht deine Säue auf einen saubern Markt gebracht!« »Es ist ein geeigneter Markt für Schweine, meine liebe Frau!« sagte Paul, welcher zwar mit einer Thräne im Auge, einen eben so bittern als unzierlichen Scherz nicht verschmähte, »denn, was eine Hauptsache ist, dieß ist der Ort wo Einer lernt, auf seinen Speck Achtung geben.« »Halt Dein Maul!« rief die Dame erzürnt, »was hast Da dann solches Zeug zu schwatzen, während Du in der Hölle da bischt?« »Ach, liebe Frau!« sagte Paul, »wir können diese Hoppeln und Unebenheiten auf unsrem Wege zur Beförderung nicht vermeiden!« »Ja auf dem Wege wo der Deufel exoraboscht fährt!« rief die Dame. »Ich sage Dir, Kind, Du wirscht noch erleben, gehängt zu werden trotz all meiner Sorge und Obacht auf Dich, und trotz dem, daß ich Dich wie einen Gelehrten erzogen habe, und immer gehofft Da werdescht, wenn Du groß geworden, Ehre machen Deinem –« »König und Vaterland,« unterbrach sie Paul. »Wir reden immer davon: dem König und dem Land Ehre machen, und das bedeutet: reich werden und Steuern zahlen. Je mehr Steuern Einer zahlt, desto mehr Ehre macht er beiden, wie Augustus sagt. Nun, liebe Frau, Alles zur rechten Zeit.« »Was! Du bischt luschdig, bischt Du? Warum heulscht nicht? Dein Herz ist so hart wie Backstein. Es ist ganz unnatürlich und hyänenartig so zu sprechen: ich kümmre mich den Deufel drum!« Bei diesen Worten rollten die Thränen der guten Frau so bitterlich wie die der verzweifelnden Parisina. »Nein, nein,« sagte Paul, der obgleich innerlich weit schmerzlicher leidend, doch den Schmerz viel leichtmüthiger als seine Beschützerin ertrug. »Durch Schreien können wir die Sache nicht besser machen. Versucht einmal und seht, was für mich zu thun ist. Ich darf wohl sagen ihr werdet den Spruch des Richters durch ein wenig Palmenöl schon zu mildern im Stande seyn, und wenn Ihr mich herauskriegen könnt, eh' ich ganz verderbt bin – und dazu kann ein oder zwei Tage in diesem Höllenloch schon Rath schaffen, – verspreche ich Euch, nicht nur selbst ehrlich zu leben, sondern auch zu Leuten mich zu halten, die ebenso leben.« »Küß mich, Paul!« sagte die zärtliche Mrs. Lobkins, »küß mich, o ich vergesse das Gidder! Ich will sehen was zu duhn ischt. Und hier, mein Junge, ischt was für Dich in der Zwischenzeit. Ein Dropfen von der Gottesgabe, Deinen armen Magen wieder einzurichten. Bscht! schmuggle es durch oder sie sehens!« Hier versuchte die Dame eine steinerne Flasche durch die Stäbe des Gitters zu schieben; aber ach! der Hals ging zwar durch, aber der Bauch sträubte sich und die Dame war genöthigt die Goddesgabe zurückzuziehen. Auf dieß erneuerte das zartfühlende Weib sein Schluchzen und so versunken war sie in ihren Schmerz, daß sie, ganz vergessend, wie es schien, zu welchem Zweck sie die Flasche mitgebracht, dieselbe an ihren Mund setzte und mit diesem Lebenselixier, das sie ursprünglich für Paul bestimmt hatte, sich selbst tröstete. Dieß stärkte sie wieder ein Wenig; und nach einem sehr rührenden Auftritt taumelte die Frau mit den schwankenden Schritten, welche dem Schmerz eigenthümlich sind, fort, und versprach beim Abschied, wenn Zärtlichkeit oder Geld Pauls Haft abkürzen könnten, so solle es an keinem fehlen. Wir wären in großer Verlegenheit, wenn wir mit Genauigkeit angeben sollten, wie viel Einfluß das erstgenannte von jenen zwei Mitteln, geltend gemacht von der anmuthigen Margaretha, auf den Richter Burnflat wohl würde ausgeübt haben. Als die gute Frau sich entfernt hatte, eilte Paul wieder an sein Wergzupfen und zu seinem Freund. Er traf den würdigen Augustus, wie er eben insgeheim kleine, anständige Luxuswaaren, als Tabak, Branntwein und schmackhaftere Fleischportionen, als der Kerker sie zugestand, verkaufte; denn Augustus, der mehr Geld hatte, als seine übrigen Genossen, mußte vermöge der Freundschaft des Kerkermeisters solche, den Gefangenen besonders werthe Bedürfnisse heimlich einzukaufen und mit einem Gewinn von etwa 100 Prozent wieder an Mann zu bringen Eine in den Zuchthäusern sehr gewöhnliche Spekulation. Der Oberaufseher von Cold-Baths-Fields, ein sehr einsichtsvoller und thätiger Mann, wie es scheint, und in jedem Betracht geeignet zu einem so schwierigen Amte, erzählte uns in der einzigen Unterredung deren wir uns mit ihm zu erfreuen hatten, er glaube in seinem Gebiete diesen gesetzwidrigen Handel ganz oder beinah ganz ausgerottet zu haben; einen Handel der für den Kerkermeister sehr gewinnreich ist, und demgemäß ohne Zweifel nach dem vortrefflichen Grundsatz der englischen Verfassung, daß je mehr die Regierenden einnehmen, desto besser es für die Regierten sey, für das Publikum ausnehmend wohlthätig seyn muß. »Ein Beweis,« sagte Augustus trocken zu Paul, »daß durch Klugheit und Betriebsamkeit Einer sogar an diesen Orten, wo man sich kaum regen und legen kann, doch sein Geld gut anzulegen, Mittel findet. Neuntes Kapitel Erzähle denn, o göttergleicher Gast! Wie ward durch griech'sche List die Stadt betrogen? Aeneis. So stiegen sie herunter und entflohen. Ebendaselbst. Mit dem Charakter Augustus Tomlinsons war, seit Paul mit diesem berühmten Mann zuletzt zusammen gewesen war, eine große Veränderung zu seinem Vortheil vorgegangen. Damals hatte Augustus den Mann des Vergnügens gespielt, den gelehrten Pflastertreter, den vollendeten Perikles der Zeitungen, – bald hatte er aus Horaz citirt, bald eine Fliege von Lord Dunshunners Vorderpferd weggeklatscht; mit einem Wort eine Art von Mittelding zwischen Lord Dudley und dem Marquis von Worcester. Jetzt hatte ein ernsteres aber darum nicht minder hochmüthiges Wesen sich in seinen Zügen ausgeprägt; die Anmaßung des guten Tons hatte der Anmaßung der Weisheit Platz gemacht; und aus einem Mann des Vergnügens war Augustus Tomlinson ein Filosof geworden. Aber mit dieser Erhöhung war er noch nicht zufrieden, er verschmolz den Filosofen mit dem Politiker und der schlaue Schurke that sich besonders gern etwas darauf zu Gute: Ein gemäßigter Whig zu seyn. »Paul,« so pflegte er sich auszusprechen, »glaubt mir! gemäßigter Whiggism ist ein vortreffliches Glaubensbekenntnis Er schmiegt sich an jeden möglichen Wechselfall, an jede nur deutbare Umwandlung der Verhältnisse an. Es ist die einzige Politik für uns, die Aristokraten der freisinnigen Art, welche gegen tyrannische Gesetze sich empören; denn, zum Kuckuk, ich bin kein Demokrat. Kerker und Kerkermeister mögen da seyn für die gemeinen Spitzbuben, welche Kleider von den Zäunen rupfen, daran sie zum trocknen hängen, oder einem silbernen Löffel zu lieb in ein Haus sich einschleichen; aber Zuchthäuser sind nicht gemacht für Männer, die eine aufgeklärte Erziehung genossen, die kleine Diebstähle so sehr als irgend ein Friedensrichter verabscheuen, von denen man nie sagen sollte, sie trieben ein unehrliches Gewerbe, sondern, wenn man sie je entdeckt: sie seyen unglücklich in ihren Spekulationen. Ein Ausdruck der von Einem gebraucht wurde, welcher wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder berüchtigt war. Eine saubere Sache in der That, daß bei allen andern Gliedern der Gesellschaft Rang-Unterschiede seyn sollen, und nur bei uns nicht! Wo bleibt die berühmte brittische Verfassung? Ich wäre begierig zu erfahren – wo bleiben die Privilegien der Aristokratie, wenn ich, ein geborner Gentleman, der Latein versteht und in der besten Gesellschaft gelebt hat, in diesen abscheulichen Ort mit einem schmutzigen Gesellen zusammengeworfen werde, der in einem Winkel geboren ist und sich nie mehr auf Einmal erwerben konnte als um eine Bratwurst zu kaufen. Nein, nein! weg mit diesen Nivellirungs-Grundsätzen! Ich bin liberal, Paul, und liebe die Freiheit; aber, dank dem Himmel, ich verachte die Demokraten!« So pflegte dieser gemäßigte Whig, halb im Ernst und halb einen natürlichen Hang zum Spott verschleiernd, während der langen Nächte, die um halb 5 Uhr anfingen und wo er und Paul einander Gesellschaft leisteten, stundenlang fortzuplaudern. Eines Abends, da Tomlinson so gründlich zur Weitschweifigkeit aufgelegt war, daß Paul selbst sich durch den Strom seiner Beredsamkeit einigermaßen ermüdet fühlte, erinnerte unser Held, sehnlich eine Aenderung des Gesprächs wünschend, Augustus an sein Versprechen, seine Geschichte ihm mitzutheilen, und der filosofische Whig, der sichs nie verdrießen ließ von sich selbst zu sprechen, räusperte sich und begann: Geschichte Augustus Tomlinson's. Man frage nicht wer mein Vater oder was mein Geburtsort war! Mein erster Ahne war Tommy Linn, (sein Erbe wurde Tom Linns Sohn), Ihr kennt die Ballade ihm zu Ehren: Tommy Linn ist als ein Schotte geboren. Sein Kopf ist kahl und sein Bart geschoren; Eine Kappe von Hasenfell schmücket ihn! Ein ältlicher Mann ist Tommy Linn! u. s. w. Siehe Ritsons Liederbuch des Nordens. In der Schlußstrofe dieser Ballade war eine Art von Profezeihung über die Nachkommen meines Ahnen dunkel angedeutet: »Tommy Linn, sein Weib, ihre Mutter zusammen Fielen sie alle in die Flammen; Den untersten wurd' es zu heiß darin, »Wir sind nicht genug!« sprach Tommy Linn.« Ihr seht die Profezeihung; sie paßt sowohl auf vornehme Schelmen als auf gemäßigte Whigs, denn beide sind in der Welt die Untersten und beide schreien unablässig: Wir sind nicht genug. Ich will meine eigene Geschichte mit der Bemerkung anfangen, daß ich in eine Schule im Norden des Landes kam, wo ich wegen meiner Anstelligkeit im Lernen und meiner Geschicklichkeit im Gefangenschafts-Spiele gerühmt wurde; auf mein Wort, ich wollte kein Wortspiel machen! Ich war für die Kirche bestimmt; ich wünschte mich bei Zeiten in den Ceremonien zu unterrichten und überredete meines Schulmeisters Dienstmädchen, mir bei Vollziehung einer Taufe behülflich zu seyn. Mein Vater sah diese vorzeitige Liebe zu den heiligen Gebräuchen nicht gerne. Er nahm mich nach Haus zurück und von dem Wunsche beseelt, meinem geistigen Eifer eine andere Richtung zu geben, bereitete er mich auf das Schreiben von Predigten dadurch vor, daß er mir täglich ein Dutzend vorlas. Ich wurde dessen überdrüssig, so sonderbar Euch dieß vorkommen mag. »Vater,« sagte ich eines Morgens, »ohne langes Gerede, ich werde nicht in die Kirche treten – das ist einmal ausgemachte Sache. Gebt mir Euern Segen und 100 Pfund; damit will ich nach London gehen und ein Mann der zu leben hat, Living heißt zugleich Lebensunterhalt und Pfründe. Der Doppelsinn ist nicht zu übersetzen. werden, statt ein Pfarrverweser.« Mein Vater tobte, aber zuletzt setzte ich es durch. Ich sprach davon, Privatlehrer zu werden, schwur, ich habe gehört es sey die leichteste Sache von der Welt; das Einzige woran es fehlen könnte, seyen Zöglinge, und der einzige Weg solche zu bekommen, sey: nach London zu gehen und meine Gelehrsamkeit bekannt werden zu lassen. Mein armer Vater! nun, er ist todt und ich bin jetzt froh darüber! (die Stimme zitterte dem Redenden,) ich wurde Meister, sage ich, und ging in die Hauptstadt wo ich einen Buchhändler zum Verwandten hatte. Durch seine Vermittlung schrieb ich ein Buch: Reisen in Aethiopien, für den Sohn eines Grafen, der ein Wunder der Welt werden sollte, und eine Abhandlung über die griechischen Partikeln, dem ersten Minister gewidmet, für einen Dekan, der Bischof zu werden wünschte, da das Griechische, zunächst dem Einfluß, der beste Weg zur heiligen Mütze ist. Diese beiden Werke wurden freigebig bezahlt; ich nahm eine Wohnung im ersten Stock und entschloß mich zu einem kecken Streich um eine Frau zu bekommen. Was meint Ihr, daß ich that? Nein, laßt das Rathen, es würde ganz umsonst seyn. Zuerst ging ich zu dem besten Schneider und ließ mir meine Kleider auf dem Rücken nähen, fürs zweite lernte ich den hohen Adel und seine Stammbäume auswendig; drittens marschirte ich eines Abends mit der allerkühlsten Ueberlegung in das Haus einer Herzogin, die einen ungeheuern Rout gab. Die Zeitungen hatten mir diese Idee eingegeben. Ich hatte von dem ungeheuern Gewühl gelesen, »welches eine Dame zu Hause um sich zu versammeln bemüht war.« Ich hatte von gedrängt vollen Treppen gelesen und von Ladys die man unmächtig fortgetragen, und mein gesunder Menschenverstand sagte mir, wie unmöglich es sey, daß die schöne Wirthin um die Rechtmäßigkeit Aller Gäste wissen sollte. Ich beschloß also mein Glück zu versuchen und schwärzte den Leib des Augustus Tomlinson, wie eine gestohlene Waare, ein. Freilich in der ersten Nacht war ich schüchtern; ich war wie an die Treppe geheftet, und liebäugelte mit einem alten Frauenzimmer von Stand, die ich als Lady Margaretha Sinclair ankündigen hörte. Ohne Zweifel hatte noch Niemand mit ihr Liebesblicke gewechselt; und sie war offenbar ganz entzückt über die meinigen. In der nächsten Nacht las ich von einem Ball bei der Gräfin von – –. Mein Herz schlug mir, als sollte ich gepeitscht werden, aber ich raffte meinen Muth zusammen und erschien bei der gnädigen Lady. Hier sah ich wieder die göttliche Lady Margaretha, und weil ich beobachtete, daß sie bei meinem Anblick gelb wurde, was bei ihr das Erröthen vertrat, kam mir der Portwein, den ich als Ermuthigungsmittel zu meinem Gang getrunken hatte, zu statten, so daß ich auf die allerzierlichmodischste Weise auf sie zutänzelte, die gnädige Lady daran erinnerte, daß ich einmal bei dem Herzog von Dashwell die Ehre gehabt, ihr vorgestellt zu werden, und sie um die Hand für den nächsten Cotillon bat. O Paul! denkt Euch meinen Triumf, das alte Fräulein sagte mit einem Seufzer: Sie erinnere sich meiner recht gut, ha! ha! ha! und ich führte sie zum Cotillon wie ein zweiter Theseus der eine zweite Ariadne entführt. Um über diesen Theil meines Lebens nicht zu weitschweifig zu werden, ich ging Nacht für Nacht auf Bälle und Rout's, zu welchen die Hälfte der seinen Welt in London mit ihren Ohren wohl gern den Zutritt erkauft hätte. Und ich benützte meine Zeit so gut bei der Lady Margaretha, die ihre eigne Herrin war und 5000 Pfund hatte – ein verdammt schmaler Bissen für Manchen, aber für mich doch nicht zu verachten – daß ich schon daran dachte, auf wann der glückliche Tag festzusetzen seyn möchte. Inzwischen war ich, weil Lady Margaretha mich mit einigen ihrer Freunde bekannt machte und meine Wohnung sich sehen lassen konnte, mit einigen wirklichen Einladungen beehrt worden. Die einzigen zwei Fragen, die mir immer in nachläßigem Tone vorgelegt wurden, waren: ob ich der einzige Sohn sey? und auf meine wahrhafte Antwort: Ja! erfolgte mit etwas mehr Wärme die andre: Aus welcher Grafschaft ich sey? Zum Glück war meine Grafschaft ansehnlich – Yorkshire; und wenn meine artigen Frager etwa bei diesen und jenen dorther Gebürtigen sich nach mir erkundigten, so erhielten sie natürlich die Antwort: ich sey von einem andern Theile der Grafschaft.« »Nun, Paul, ich wurde durch den glücklichen Erfolg so keck, daß mir der Teufel eines Tags in den Kopf setzte zu einem großen Essen bei dem Herzog von Dashwell zu gehen. Ich ging hin, speiste mit; es ging Alles gut; ich ging wieder weg und am nächsten Morgen las ich in den Zeitungen: »Ein räthselhafter Vorfall – ein Individuum das sich seit einiger Zeit blicken läßt – die ersten Häuser – höchst fashionable Gesellschaften – Niemand kennt ihn, – bei Herzog von Dashwell gestern – der Herzog will keine Störung herbeiführen – da eine Hoheit anwesend. Das Journal sank mir aus der Hand. In diesem Augenblick übergab mir das Mädchen vom Hause ein Billet von Lady Margaretha; sie erwähnte darin des Zeitungsartikels, wunderte sich, wer doch der Fremde seyn möchte, hoffte mich diesen Abend bei Lord A – – zu sehen, zu dessen Gesellschaft ich eine Einladung zu haben vorgab – dann könne man genügender von den berührten Gegenständen sprechen, kurz, mein theurer Paul, ein zärtlicher Brief. Alle große Männer sind Fatalisten; ich bin auch einer; das Schicksal machte mich zu einem Wahnsinnigen; im Angesicht dieses Unglück weissagenden Artikels bot ich meinen Muth auf und ging diese Nacht zu Lord A – –. Die Sache verhielt sich so: meine Angelegenheiten waren in Unordnung; ich steckte tief in Schulden, ich sah die Notwendigkeit ein, meinen Sieg über Lady Magaretha bald möglichst zu vollenden; und bei Lord A – – schien der beste Ort für dieses Vorhaben sich darzubieten. Ja ich hielt, nach diesem verfluchten Artikel, den Verzug für so gefährlich, daß Ein Tag mich entlarven konnte, und glaubte es deßhalb angemessener, die Beendigung dieses Stücks: der Fremde, auch nicht um eine Stunde durch die Posse: der Honigmonat, aufzuhalten. Und so stellt Euch denn vor, wie ich bei Lord A – – Lady Margaretha zum Tanze führte; stellt Euch vor, wie ich ihr die süßesten Sachen ins Ohr flüsterte; denkt Euch, wie sie meinen Anzug lobte und mich sanft schalt, daß ich von Gretna Grün gesprochen. Stellt Euch dieß Alles vor, mein guter Gesell, und eben wie ich auf dem Gipfel meines Triumfes angekommen war – reißt die Augen Eurer Einbildungskraft auf und schaut: wie die stattliche Gestalt des Lord A – – meines edlen Wirthes auf mich zukam, während eine Stimme, die, obwohl leise und ruhig wie ein Abendlüftchen, mir doch das Herz in die Schuhe fallen machte, zu mir sagte: »Ich glaube Sir, Sie haben von Lady A – – keine Einladung bekommen?« Nicht ein Wort konnt' ich vorbringen, Paul! – nicht ein Wort. Wäre es auf der Landstraße gewesen, statt im Ballsaal – ich hätte laut genug reden wollen; aber ich war wie von einem Zauber gebannt. »Hm, hm,« stotterte ich endlich, »hm, ehem, – ein Miß – griff, ich – ich –« hier stockte ich. »Sir,« sagte der Graf und betrachtete mich mit finstrem Ernst, »Sie thäten wohl, sich zu entfernen.« »Gott steh' mir bei! Was soll das heißen?« rief Lady Margaretha, ließ meinen gelähmten Arm fahren, und sah mich an als erwartete sie, ich würde wie ein Held sprechen. »Oh,« sagte ich, »hm – hm, ich will morgen Auf – schluß geben, hm – hm,« damit ging ich der Thüre zu; alle Augen im Saal schienen in Brenngläser verwandelt und versengten mir die Haut im Angesicht. Ich hörte, als ich das Zimmer verließ, einen leisen Schrei; Lady Margaretha in Ohnmacht, vermuthlich! Hiemit endete meine Bewerbung und meine Abenteuer in der besten Gesellschaft. Ich wurde über das Mißlingen meines Planes schwermüthig. Ihr müßt gestehen, es war ein trefflicher Anschlag. Welch ein moralischer Muth! Ich bewundre mich selbst, wenn ich daran denke. Ohne eingeführt zu seyn, ohne eine Seele zu kennen, verschaffe ich mir durch meine Entschlossenheit freien Zutritt in den vornehmsten Häusern in London, tanze mit Grafentöchtern, und es fehlt nichts, als daß ich selbst eine Grafentochter als Gemahlin heimführte. Wäre dieß geschehen, so hätten meine Freunde etwas für mich thun müssen; und Lady Margaretha Tomlinson hätte wohl leicht den jugendlichen Genius ihres Augustus ins Parlament oder ins Ministerium einführen können. O, welch ein Sturz vom Himmel war das! und doch wahrhaftig, ha! ha! ich konnte trotz meinem Verdruß mich des Lachens nicht erwehren, wenn ich mich erinnerte, wie ich drei Monate lang mich bei diesen delikaten Exklusiven im Ansehen erhalten und von vielen derselben förmlich eingeladen worden war, welche die jüngern Söhne ihrer eignen Vetter nicht würden zu sich gebeten haben, und das nur deßwegen, weil ich in einer guten Straße wohnte, mich für einen einzigen Sohn ausgab und von meinen Besitzungen in Yorkshire sprach. Ha! Ha! wie bitter mußten es die lohnsüchtigen Narren empfinden, als die Entdeckung gemacht wurde! welch eine Pille war es für die guten Matronen, welche schon mein Bild mit dem ihrer Töchter Jane und Mary vermählt hatten! Ha, ha, ha! der Triumpf war beinah die Beschämung werth. Indeß ich wurde, wie schon gesagt, schwermüthig darüber; besonders als meine Gläubiger drohende Mienen annahmen. So ging ich denn zu meinem Vetter, dem Buchhändler, mich bei ihm Raths zu erholen; er empfahl mir für die Journale zu schreiben und verschaffte mir einen Antrag. Ich machte mich eine Zeitlang geduldig ans Werk und schloß einige angenehme Freundschaften mit Gentlemen, mit denen ich regelmäßig in St James zusammenkam. Aber noch waren meine Gläubiger, obgleich ich sie in kleinen Abschlagssummen bezahlte, die Plage meines Lebens; ich gestand dieß einem meiner neuen Freunde. »Kommt mit mir,« sagte er, »eine Woche nach Bath, und Ihr sollt so reich wie ein Jude von dort zurückkommen.« Ich nahm das Anerbieten an und fuhr im Wagen meines Freundes nach Bath. Er legte sich den Namen Lord Dunshunner bei, ein irländischer Peer, der nie über Galway hinausgekommen war, und deßhalb in Bath schwerlich bekannt war. Er miethete auch ein Haus für ein Jahr, füllte es mit Weinen, Büchern und Silbergeschirr; während er, unbestimmt von seiner Abreise in die Hauptstadt, zur Parlamentssitzung, sprach, kaufte er diese Waaren von den Leuten in der Stadt um ihrem Handel einen Aufschwung zu geben; ich besorgte heimlich die Fracht nach London und den Verkauf, und da wir sie 50 Procent unter dem wahren Werth losschlugen, so waren unsre Abnehmer, die Pfänderleiher, nicht sehr zudringlich in ihren Fragen. Wir führten ein paar Monate in Bath ein lustiges Leben; in einer Nacht reisten wir ab und überließen unserm Hausbesitzer die Beantwortung aller Anfragen. Wir hatten die Vorsicht beobachtet, unkenntlich machende Kleidungen zu tragen, hatten uns ausgepolstert und die Farbe unsrer Haare verändert, mein edler Freund war in diesen Verwandlungskünsten ein Adept, und obgleich die Polizei bei dem Handel nicht schlief, erwischte sie uns doch nie. Ich bin besonders froh, daß wir nicht entdeckt wurden, denn ich liebe Bath ausnehmend, und beabsichtige dieser Tage dahin zurückzukehren und mich mit einer Erbin von der Welt zurückzuziehen. Nun, Paul, bald nach diesem Abenteuer machte ich Eure Bekanntschaft. Ich setzte zum Schein mein literarisches Treiben fort, aber bloß als eine Maske für die Geschäfte, die ich nicht gestehen durfte. Ein Umstand nöthigte mich London ziemlich übereilt zu verlassen. Lord Dunshunner traf mit mir in Edinburgh zusammen. Verdammt! statt dort etwas einzuthun, wurden wir selbst eingethan. Der ärgste Igel, der je durch die Hochstraße kroch, ist dem gründlichst gebildeten und durchtriebenen Engländer mehr als gewachsen. Bei uns ist es Kunst; bei den Schotten ist es Natur. Sie fegen uns die Taschen aus, ohne die Finger zu brauchen, und kommen der Vergeltung zuvor, weil sie nichts haben, das man rapsen könnte. Wir verließen Edinburgh mit sehr langen Gesichtern und in Carlisle fanden wir es nothwendig uns zu trennen. Ich meines Theils ging als Kammerdiener zu einem Edelmann, der eben in Carlisle seinen vorigen durch ein Fieber verloren hatte: mein Freund gab mir die trefflichsten Zeugnisse. Mein neuer Herr war ein sehr gescheuter Mann; er setzte die Leute beim Diner mit den Impromptus in Erstaunen, die er beim Frühstück vorbereitete, mit Einem Wort, er war ein witziger Kopf. Bald sah er, denn er war selbst gelehrt, daß ich eine klassische Bildung genossen und er nahm im Vertrauen meine Fähigkeiten in Anspruch, Citate für ihn aufzufinden. Ich ordnete diese nach dem Alfabet und unter drei Hauptklassen: Parlamentarische, Literarische, Gesellschaftliche; diese hatten wieder Unterabtheilungen: Vornehme, gelehrte, scherzhafte, so daß mein Herr auf Einmal wußte, wo er Geist, Weisheit und Witz zu suchen hatte. Er war sehr entzückt über die von mir in seine Geistesthätigkeiten gebrachte Ordnung. Um mich ihm gefällig zu erweisen, widmete ich der Politik mehr Aufmerksamkeit als früher; denn er war ein entschiedener Whig , und in Allem, außer im Geld, ungemein liberal. Daher stammen, Paul, meine politischen Grundsätze, und dem Himmel sey Dank, es giebt jetzt keinen Schelmen in England, der ein bessrer, das heißt ein gemäßigterer Whig wäre, als Euer unterthäniger Diener. Ich blieb beinah ein Jahr bei ihm. Er verabschiedete mich wegen eines Fehlers der meines Genius würdig war; andre Diener bringen ihren Herrn etwa um eine Uhr, einen Rock; ich spielte ein größeres Spiel und brachte ihn um seinen: Privat-Charakter.« »Was meint Ihr damit?« »Nun, ich war in eine Dame verliebt, die mich als Herrn Tomlinson nicht würde angesehen haben; so nahm ich denn meines Herrn Kleider und gelegentlich seinen Wagen und machte meiner Nymfe als Lord – – den Hof. Ihre Eitelkeit machte sie unbesonnen und geschwätzig. Die Toryblätter bekamen Wind davon; und bei einem Ministerwechsel erklärte Georg III. von meinem Herrn, er sey: zu leichtsinnig zu einem Kanzler der Schatzkammer. Ein alter Gentleman, der von einer Frau wie eine Gorgo fünfzehn Kinder hatte, wurde statt meines Herrn erkoren, und obgleich der neue Minister in seinen Fähigkeiten als Staatsmann ein Narr war, so war doch das moralische Publikum wegen seiner häuslichen Tugenden vollkommen wohl mit ihm zufrieden. Mein Herr wurde wüthend, stellte die strengsten Untersuchungen an, kam mir auf die Schliche und jagte mich aus dem Haus. Ein Whig außer Diensten hat das Recht, mit der Verfassung unzufrieden zu seyn. Mein Unfall machte mich beinah zum Republikaner; aber, getreu meinem Glaubensbekenntniß, muß ich gestehen, daß ich nur nach Oben zu nivellirt hätte. Besonders war ich der ungleichen Vertheilung des Reichthums feind; bei jedem Wagen, der vorbeirollte, blickte ich finster; wie ein zweiter Catilina runzelte ich die Stirne beim Dampf aus der Küche eines Gentleman. Meine letzte Stelle war nicht einträglich gewesen; in meinem Eifer für Politik, hatte ich meine Nebeneinkünfte versäumt. Mein Herr weigerte sich auch, mir ein Zeugniß zu geben – wer sollte mich ohne ein solches nehmen? Diese traurige Frage legte ich mir selbst eines Morgens vor, als ich plötzlich einem von den vornehmen Freunden begegnete, mit welchen ich in meiner alten Gesellschaft in St. James gewöhnlich verkehrte. Sein Name war Pepper. »Pepper!« rief Paul. Ohne den Ausruf zu beachten fuhr Tomlinson fort: »Wir gingen in eine Schenke und tranken mit einander eine Flasche. Der Wein machte mich mittheilsam, auch meinem Kameraden schloß er das Herz auf. Er forderte mich auf diese Nacht mit ihm einen Ritt nach Hounslow zu machen; ich that es und fand eine Börse.« »Welches Glück! Wo denn?« »In der Tasche eines Gentleman. Ich war so erfreut über meinen guten Stern, daß ich jede Woche zweimal dieselbe Straße einschlug um zu sehen, ob es noch mehr Börsen aufzulesen gebe. Das Schicksal begünstigte mich und ich lebte lange Zeit das Leben eines Lieblings der Götter. O Paul, Ihr wißt nicht, nein, Ihr wißt nicht, was es für ein superbes Leben um das Leben eines Hochstraßenmannes ist; aber Ihr sollt es dieser Tage zu kosten bekommen, das sollt Ihr, auf meine Ehre.« »Jetzt lebte ich mit einem Club ehrbarer Gesellen; wir nannten uns selbst die Exclusiven, denn wir waren über die Maßen wählerisch mit unsern Genossen und nur die, welche das Geschäft auf einem hohen Fuß betrieben, erhielten bei unserer Gesellschaft Zutritt. Ich für meinen Theil jedoch fand, bei all meiner Liebe für mein Gewerbe, mehr Gefallen an der List als an der Gewalt und zog, was der Pöbel schnellen nennt, sogar der Hochstraße vor. Bei einer Unternehmung dieser Art ritt ich einmal in eine Landstadt und sah in einem Theile der Stadt ein Menschengewühl versammelt: ich näherte mich, und denkt Euch meine Empfindungen! ich sah meinen alten Freund, den Viscount Dunshunner eben im Begriff gehängt zu werden. Ich ritt davon, so schnell ich konnte. Ich meinte Meister Rothmantel, mir auf den Fersen zu sehen. Mein Pferd warf mich gegen einen Zaun und ich brach das Schlüsselbein. In der Absperrung von der Welt, welche die Folge davon war, tauchten düstre Gedanken in mir auf. Ich mochte nicht gern gehängt werden; deßhalb bot ich Vernunftgründe gegen meine Verirrungen auf und bereute sie. Langsam genas ich, kehrte in die Hauptstadt zurück und stellte mich meinem Vetter, dem Buchhändler vor, die Wahrheit zu sagen, ich hatte ihm einen kleinen Streich gespielt; durch ein Versehen einige seiner Schulden eingezogen – eine sehr natürliche Folge der Verwirrung bei meinen Unfällen. Er war jedoch äußerst unartig gegen mich und das Versehen, so natürlich es war, hatte mir seine Bekanntschaft gekostet. Jezt ging ich zu ihm in dem Büßeraufzug des verlornen Sohns und wahrhaftig, Er stellte nicht übel das gemästete Kalb dar, welches meiner Rückkehr zu Ehren hätte geschlachtet werben sollen; so wohlbeleibt sah er aus und so niedergeschlagen. »Undankbarer Verworfener,« empfing er mich, »Euer armer Vater ist todt.« Ich war außerordentlich erschrocken, aber – nein Paul! fürchte nichts, ich werde gewiß nicht pathetisch. Mein Vater hatte sein Vermögen unter seine Kinder getheilt, mein Antheil betrug 500 Pfund, der Besitz dieser Summe machte meine Reue in den Augen meines guten Vetters weit aufrichtiger; und nach einer sehr pathetischen Scene nahm er mich wieder in seine Gunst auf. Ich ging jetzt mit ihm über die beste Art, mein Kapital anzulegen und meinen guten Namen herzustellen zu Rathe. Bei der ersten Besprechung machten wir noch keinen Plan ausfindig, aber als ich ihn zum zweitenmal sprach, sagte mein Vetter mit freudeglänzender Miene: Freue dich Augustus, ich habe eine Stelle für Dich gefunden. Herr Asgrave, der Bankier, will Dich zum Schreiber nehmen. Er ist ein sehr würdiger Mann, und da er eine ausgebreitete Gelehrsamkeit besitzt, so wird er deine Kenntnisse schätzen. Noch an diesem Tage wurde ich dem Herrn Asgrave vorgestellt, einem kleinen Manne mit einem seinen, kahlen, wohlwollenden Kopfe und nach einer langen Unterredung, welche er mit mir zu halten geruhte, wurde ich einer seiner Federfuchser. Ich weiß nicht wie es zuging, aber allmälig stieg ich in meines Herrn Gnade; – ich machte ihn, so bilde ich mir ein, durch Anlegung meiner 500 Pfund nach seinem Rathe, mir geneigt; er lieh sie für mich wie er sagte, mit unermeßlicher Sicherheit auf einen Grundbesitz aus. Herr Asgrave war ein gar umgänglicher Mann, er hatte ein stattliches Haus und treffliche Weine. Da er in seiner Gesellschaft nicht sehr wählerisch war, und sein Ehrgeiz ihn nicht in die großen Cirkel trieb, zog er mich oft an seinen Tisch und vergnügte sich, lange Erörterungen über die Alten mit mir anzustellen. Bald kam ich darauf, daß mein Herr ein tüchtiger Moral-Filosof war, und da ich selbst einer schwachen Gesundheit genoß, des gewöhnlichen Treibens der Welt, worin meine Erfahrungen meinen Jahren vorausgeeilt, überdrüssig und von Natur nachdenksamer Gemüthsart war, so richtete ich meine Aufmerksamkeit auf die moralischen Studien, die meinen Brodherrn so wunderbar ansprachen. Ich las neun Bücherständer voll metafysischer Schriften durch und wußte genau, über welche Punkte diese berühmten Denker mit einander zum großen Nutzen der Wissenschaft stritten. Mein Herr und ich pflegten manches lange Gespräch über das Wesen des Guten und des Bösen zu halten und vermöge seiner wohlwollenden Stirne und seiner lauten, mürrischen Stimme erschien er unsern Zuhörern immer als der Weisere und Bessere von Beiden; er hatte deßhalb an unsern Streitübungen großes Vergnügen. Dieser Ehrenmann hatte eine einzige Tochter, eine gräßliche Keiferin mit einem Gesicht wie die Nacht so häßlich; aber Filosofen setzen sich über körperliche Uebelstände weg; und da ich nur an die Wohlthaten dachte, welche meinen Mitmenschen zu erweisen mich ihr ansehnliches Vermögen in Stand setzen wärde, beehrte ich sie heimlich mit meiner Liebe. Ihr werdet sagen, das heiße meinem Herrn seine Güte mit einem Schurkenstreich erwiedern – keineswegs! mein Herr hatte mich überzeugt, daß es keine solche Tugend wie Dankbarkeit gebe. Es sey ein Irrthum der gemeinen Moralisten. Ich gab seinen Gründen nach und heirathete zuletzt seine Tochter in der Stille. Den Tag, nachdem dieß stattgefunden, berief er mich auf sein Arbeitszimmer und sagte sehr mild: »So Augustus, Ihr habt jetzt meine Tochter geheirathet; nein, Ihr dürft darüber nicht bestürzt' seyn; ich sah lange voraus, daß Ihr dieß thun wurdet und freute mich darüber.« Ich versuchte etwas wie Dank hervorzustammeln. »Unterbrecht mich nicht!« sagte er. »Ich habe zwei Gründe mich darüber zu freuen: erstlich weil meine Tochter die Plage meines Leben« war und ich mir sehnlich Jemand wünschte, der sie mir abnähme; zweitens, weil ich Euern Beistand in einer eignen Sache bedurfte, und doch nicht wagen konnte, Euch darum anzusprechen, bevor Ihr mein Schwiegersohn wäret. Kurz, ich wünsche Euch zu meinem Handelsgenossen anzunehmen.« »Zum Handelsgenossen! rief ich und fiel auf die Knie, »edler großmüthiger Mann!« »Wartet ein Wenig,« fuhr mein Schwiegervater fort. »Welche Fonds glaubt Ihr, daß zur Führung einer Bank erforderlich seyen? Ihr blickt verdutzt? Nicht ein Schilling! Ihr werdet gerade so viel einlegen, als ist selbst; ja sogar noch mehr. Denn Ihr habt einmal 500 Pfund eingelegt, die schon längst verwendet sind. Ich schieße keinen Schilling von meinem eigenen her. Ich lebe von meinen Clienten und biete Euch bereitwillig die Hälfte davon an.« Denkt Euch, lieber Paul, mein Erstaunen, meinen Verdruß! Ich sah mich mit einer schändlichen Keiferin verheirathet, Schwiegersohn eines Schurken, der keinen Pfennig besaß, und um mein ganzes Vermögen betrogen. Vergleicht diesen Stand der Sache mit dem, der mir ins Auge gestochen, als ich der Schwiegersohn des reichen Herrn Asgrave zu seyn wähnte! Ich tobte im Anfang. Herr Asgrave ergriff: Bakon über die Fortschritte der Gelehrsamkeit, und antwortete nicht, bis ich durch den Ausbruch abgekühlt war. Ihr begreift leicht, daß ich, sobald die Leidenschaft sich gelegt hatte, nothwendig einsehen mußte, wie mir nichts Anderes übrig blieb, als meines Schwiegervaters Vorschlag anzunehmen. So wurde ich durch das schlimme Schicksal, das über mir waltete, eben in der Zeit, da ich mich zu bessern dachte, mit Gewalt in die Schurkerei hinein geschleudert und durch den Zufall, daß ich der Schwiegersohn eines großen Moralisten war, genöthigt eine ungeheure Menge Menschen zu betrügen. Da Herr Asgrave ein träger Mann war, der seinen Morgen mit Spekulationen über die Tugend hinbrachte, so lastete eigentlich alles Geschäft auf mir. Ich brachte den Tag auf der Börse zu, und wenn ich, mich zu erholen, nach Hause kam, kratzte mir meine Frau die Augen aus.« »Aber erkannte man Euch in Eurer neuen Eigenschaft nicht als den Fremden oder als den Abenteurer?« »Nein! denn natürlich nahm ich bei allen Veränderungen meiner Lage andre Namen und Masken an. Und um Euch die Wahrheit zu sagen, mein Ehstand veränderte mich so, daß ich in einem Tabakfarbigen Rock, einer braunen Stutzperücke und einer Feder hinter dem rechten Ohr aussah, wie die gestandne Ehrbarkeit selbst. Mein Gesicht wurde jeden Tag um einen Zoll länger. Nichts ist so Achtunggebietend als ein langes Gesicht und ein gedrückter Zug in der Miene ist das untrüglichste Zeichen von Handelsglück. Nun, es ging uns etwa ein Jahr ganz glänzend. Mittlerweile machte ich in der Filosofie wunderbare Fortschritte. Ihr habt keinen Begriff davon, wie ein zänkisches Weib den Geist erhöht und läutert; der Donner reinigt die Lust, wißt Ihr! Endlich starb meine Frau, zum Unglück für meinen Ruhm, (denn ich beabsichtigte eine prächtige moralische Geschichte der Menschheit, die, wenn sie noch ein Jahr lebte, vollendet worden wäre) im Wochenbette. Mein Schwiegervater und ich, besprachen uns über das Ereigniß, und klagten deßhalb die Civilisation mit ihren entnervenden Gewohnheiten an, in Folge deren die Weiber an ihren Kindern sterben, statt sie auf die Welt zu bringen, ohne nur etwas davon zu wissen – als meinem Handelsgenossen ein schief versiegeltes Papierchen überbracht wurde; er überlief es, brach die Erörterung ab und sagte mir dann, unsre Bank habe ihre Zahlungen eingestellt. »Jetzt Augustus,« sagte er, die Pfeife mit dem Papier anzündend, »seht Ihr, wie gut es ist, wenn man Nichts zu verlieren hat.« Wir zahlten keinen halben Schilling für das Pfund; aber mein Handelsgenosse galt bei dem brittischen Publikum für so bedauernswerth, daß es eine Subscription für ihn eröffnete und er sich sehr geachtet und bemitleidet mit einer Jahresrente zurückzog. Da ich mir keinen solchen Ruf als Moralist erworben hatte, auch nicht den Vortheil eines kahlen, wohlwollenden Hauptes besaß, so geschah für mich Nichts, und ich war wieder auf die weite Welt angewiesen, um über die Wechselfälle des Schicksals zu moralisiren. Mein Vetter, der Buchhändler, lebte nicht mehr, und sein Sohn sagte sich von mir los. Ich miethete in Warwick-Court eine Dachstube, und mit einigen Büchern, meinem einzigen Trost, suchte ich mein Gemüth gegen die Zukunft zu stählen. Damals, Paul, brachten mir meine Studien wahrhaften Gewinn. Ich dachte viel und wurde ein ächter d.h. ein praktischer Filosof. Meine Handlungen waren von nun an durch Grundsätze geregelt, und ich will Euch irgend einmal beweisen, daß der Pfad der achten Sittlichkeit von den Taschen unserer Nebenmenschen sich durchaus nicht ferne halt. Sobald mein Geist die große Entdeckung gemacht hatte, worin Herr Asgrave mir zuvorgekommen war: daß man nach einem System leben müsse, – denn wenn du unrecht handelst, so ist es das System, das irrt, und nicht du – begab ich mich auf die Landstraße, ohne einen der Gewissensbisse, die mich bisher bei solchen Abenteuern belästigt hätten. Ich schloß mich an eine auserlesene Bande von Frei-Agenten an, mit welchen ich Euch nächster Tage bekannt machen will, und setzte mich bei ihnen bald in Ansehen. Aber vor ungefähr 6 Wochen – wie ich denn immer noch ein größerer Liebhaber der Schleichwege als der Landstraße blieb, versuchte ich mich in den Besitz eines Wagens zu setzen, den ich billig verkaufen wollte. Ich ward von der Anklage der Felonie freigesprochen, aber vom Richter Burnflat wegen gemeinen Vergehens Hieher geschickt. So weit, mein Freund, ist bis jetzt das Leben von Augustus Tomlinson fortgeschritten.« Die Geschichte dieses Ehrenmannes machte auf Paul einen tiefen Eindruck. Dieses wurde noch durch die nachherigen Unterredungen mit Augustus verstärkt. Dieser Held war ein gefährlicher und feiner Verführer. Er hatte wirklich Viel von der Geschichte und Einiges aus der Moral gelesen; und er besaß eine scharfsinnige Weise, seine schlimmen Kniffe mit Schlüssen aus der letztern und Beispielen aus der erstern zu rechtfertigen. Diese seine Theorien bekräftigte er gleichsam durch Beziehung derselben auf die bestehenden politischen Meinungen des Tages. Solche, die unter falschen Vorwänden das Publikum betrogen, beliebte er gemäßigte Whigs zu nennen; diejenigen, welche trotzig die Börse forderten, Hoch-Tory's, und Diebstähle von Banden ausgeführt, nannte er Wirkungen des Partheigeistes. Zwischen Augustus Tomlinson und dem langen Ned war der Unterschied: Ned war der handelnde, Tomlinson der räsonirende Spitzbube: und wir werden daher durch ein Wenig Nachdenken uns überzeugen, daß Tomlinson ein weit gefährlicherer Gesellschafter war, als Pepper; denn glänzende Theorien sind für den aufgeweckten Jüngling immer weit verführerischer als lockende Beispiele, und die Eitelkeit der jungen Leute bewirkt, daß sie sich lieber von einer Sache überzeugen, als dazu antreiben lassen. Ein paar Tage nach der Erzählung des Herrn Tomlinson erhielt Paul wieder einen Besuch von Mrs. Lobkins; denn die Maßregeln gegen häufige Besuche wurden damals noch nicht so streng gehandhabt, als, wie wir hören, jetzt der Fall ist, und die gute Frau kam, um den schlimmen Erfolg ihrer mit dem Richter Burnflat gehabten Unterredung zu bejammern. Wir ersparen dem zartfühlenden Leser die genaue Schilderung der rührenden Unterredung, welche folgte. In der That, es war nur eine Wiederholung der oben schon erzählten. Wir führen nur als Beweis von Pauls Zärtlichkeit an, daß, als er von der guten Matrone Abschied nahm und ihr Gottes Segen wünschte, seine Stimme zitterte und ihm die Thränen im Auge standen, wie es Georg dem III. geschah, wenn dieser treffliche Monarch voll Anmuth die Wiederholung des God save the king begehrte. »Ich will mich hängen lassen,« so redete unser Held bei sich selbst, als er mit langsamem Schritte zu dem seinen Augustus zurückkehrte, »ich will mich hängen lassen, (halt! der Ausdruck könnte profetisch seyn!) wenn ich nicht gegen die alte Frau für ihre Sorgfalt um mich so innige Dankbarkeit fühle, als hätte sie mich nie übel behandelt. Was meine Eltern betrifft, so glaube ich ihnen wenig Dank schuldig zu seyn, und wenig Ursache zum Stolz zu haben. Meine arme Mutter scheint allen Berichten zufolge, kaum auch nur die instinktartige Tugend mütterlicher Zärtlichkeit gehabt zu haben, und aller menschlichen Wahrscheinlichkeit nach werde ich nie erfahren, ob ich Einen Vater oder fünfzig hatte. Aber was thut das? So habe ich doch den Vortheil unabhängig zu seyn; und dann Alles zusammengenommen: was haben neun Zehntheile von uns je von ihren Eltern bekommen, als einen befleckten Namen und Räthe, deren Befolgung unser Elend und deren Mißachtung unsre Enterbung nach sich zieht.« Sich selbst tröstend mit diesen Gedanken, die vielleicht ihren filosofischen Anstrich seinen Gesprächen mit Tomlinson in der letzten Zeiten verdankten und die sich in der gemurmelten Melodie »Was sollten wir zanken um Schätze?« Luft machten, erschien Paul wieder bei seiner gewöhnlichen Beschäftigung. In der dritten Woche der Gefangenschaft unsres Helden, theilte ihm Tomlinson einen Plan zur Flucht mit, der seinem erfinderischen Kopfe sich dargeboten hatte. In dem Hof, der zur Ergötzlichkeit, der Herren die sich ein Vergehen hatten zu Schulden kommen lassen, eingerichtet war, befand sich eine Wasserleitung, welche die Mauer einfaßte und über eine Thüre ging, durch welche die frommen Gefangnen alle Morgen auf ihrem Gang in die Kapelle kamen. Durch diese schlug Tomlinson vor zu entfliehen; denn die Wasserleitung, die von der Thür bis zur Mauer in einer schiefen, bequemen Richtung ging, hatte eine Art von Schirmdiele, und ein flinker gewandter Mann konnte leicht mit Hülfe dieser Diele sich die Wasserröhre fortarbeiten, bis der Fortgang dieses nützlichen Leiters (der zum Glück sehr kurz war,) auf die Höhe der Mauer auslief, wo eine andere Wasserröhre als Fortsetzung sich befand, welche auf der entgegengesetzten Seite der Mauer auf den Boden herunterging. Auf der andern Seite nun war der Garten des Gefängnisses, in diesem Garten war eine Wache, und diese Wache war der feindselige Kobold in Tomlinsons Plan; denn gesetzt auch wir erreichen wohlbehalten den Garten,« sagte er, »was sollen wir mit diesem verwünschten Kerl anfangen.« »Aber das ist noch nicht Alles,« fügte Paul hinzu, »denn wäre auch keine Wache da, so ist dort eine furchtbare Mauer, die ich mir letzte Woche recht wohl merkte, als wir im Garten arbeiten mußten und die hat keine Wasserrohre, als eine ganz senkrechte, so daß ein Mann die Füße einer Fliege haben müßte, um daran hinaufzuklimmen.« »Narrchen!« erwiederte Tomlinson! »Ich will Euch zeigen, wie man die stärkste Mauer in der Christenheit erklimmen kann, wenn man nur reines Feld hat – der Wächter, der Wächter ist es – wir müssen –« »Was?« fragte Paul, als er bemerkte, daß sein Camerade den Satz nicht vollendete. Es währte einige Zeit, bis der weise Augustus antwortete; dann sagte er in nachdenklichem Tone: »Ich habe mich besonnen, Paul, ob es sich mit der Tugend vertragen würde und mit dem strengen Moral-Gesetz, wodurch alle meine Handlungen geregelt werden – die Wache zu – tödten.« »Guter Himmel! rief Paul von Abscheu ergriffen. »Und ich habe entschieden,« fuhr Augustus feierlich fort, ohne den Ausruf zu beobachten, »daß die That sich ganz wohl rechtfertigen ließe.« »Elender!« rief Paul aus, und wich an das entgegengesetzte Ende des steinernen Kastens aus (denn es war bei Nacht,) in dem sie eingesperrt waren. »Aber,« fuhr Augustus fort, der mit sich selbst zu sprechen schien, und dessen Stimme, kalt und nachdenklich, wie die Poungs in dem berühmten Monologen in Hamlet, verrieth, daß er die unhöfliche Unterbrechung nicht beachtete, »aber die Theorie übt nicht immer ihren Einfluß auf das Verfahren, und obgleich es tugendhaft seyn mag, die Wache zu ermorden, so Hab ich doch nicht das Herz dazu. Ich hoffe, ich werde in meiner künftigen Geschichte von einsichtsvollen Moralisten nicht allzustreng wegen einer Schwäche getadelt werden, wegen welcher nur mein systematisches Temperament anzuklagen ist. Trotz dieser Wendung des Selbstgesprächs dauerte es doch lange Zeit, bis Paul sich zu einem weitern Gespräch mit Augustus verstand, und nur weil er glaubte, der Moralist habe die Ader des Scherzes springen lassen, nahm er endlich wieder die Berathung auf. Die Verschworenen brachten jedoch in dieser Nacht ihren Plan noch nicht zur völligen letzten Entscheidung. Am nächsten Tage wurden Augustus, Paul und einige Andre von der Gesellschaft zur Arbeit in den Garten geschickt, und hier bemerkte Paul, daß sein Freund, der ganz nahe bei dem Ort wo die Wache stand, einen Karren schob, diesen mit Allem was darin war, umstürzte. Der Wächter war gutherzig genug, ihm beim Wiedereinfallen des Karrens behülflich zu seyn und Tomlinson benutzte die Gelegenheit so gut, daß er des Nachts Paul die Nachricht bringen konnte, sie würden von der Wachsamkeit des Wachpostens nichts zu fürchten haben. »Er hat« sagt Augustus, »auf gewisse Vorstellungen hin, versprochen, sich von mir zu Boden schlagen zu lassen; er hat auch versprochen, so stark beschädigt werden zu wollen, daß er sich nicht rühren könne, bis wir über die Mauer hinüber sind. Unsre Hauptschwierigkeit ist also der erste Schritt – nämlich unbemerkt die Wasserleitung zu erklettern.« »Was das betrifft,« sagte Paul, der bei dem ganzen Anschlag einen Scharfsinn, eine Keckheit und einen erfindrischen Geist entwickelte, die seinen Freund bezauberten und gewiß eine glänzende Laufbahn ihm verbürgten, »was das betrifft, ich meine, wir werden das erste Erklimmen mit weniger Gefahr bewerkstelligen, als Ihr Euch vorstellt; die Morgen sind in der letzten Zeit sehr trübe gewesen; es ist beinah noch Nacht zu der Stunde, wo wir in die Kapelle gehen. Ihr und ich, wir müssen die letzten im Zuge seyn; die Wasserröhre geht gerade über der Thüre hin, wir können sie, wie wir schon versucht, mit den Händen erreichen, und ein Schwung mit mäßiger Gelenkigkeit ausgeführt, wird uns in Stand setzen, auf der Wasserleitung und der Schirmdiele festen Fuß zu fassen, dann ist das Fortklettern leicht, und mit Hülfe des dichten Nebels und unserer Behendigkeit soll es uns, hoffe ich, nicht allzu schwer werden den Garten zu erreichen. Die einzigen Vorsichtsmaßregeln, die wir zu beobachten haben, sind: daß wir einen recht dunklen Morgen abwarten, und daß wir ja gewiß die Letzten im Zuge sind, daß keiner hinter uns Lärm machen kann –« »Oder unsrem Beispiel zu folgen versucht und mit einer überflüssigen Pflaume die Pastete verderbt,« fügte Tomlinson hinzu. »Ihr wißt trefflichen Rath zu geben, und werdet nächster Tage, ich wage es zu behaupten, wenn Ihr nicht gehängt werdet, ein großer Logiker werden.« Der nächste Morgen war hell und kalt, aber der darauf folgende Tag war nach Tomlinsons Vergleichung: so dunkel, als ob alle Neger in Afrika in der Luft geschmort worden wären. Man hätte können den Nebel mit Messern zerschneiden, wie das Sprüchwort sagt. Paul und Augustus konnten nicht einmal wahrnehmen, wie vielsagend sie einander ansahen. Es war ein bemerkenswerther Zug der kühnen Gemüthsart des ersteren, daß er, so jung er war, doch der Verabredung gemäß das Wagstück leiten und anführen sollte. Zu der gewöhnlichen Gottesdienststunde, gingen die Gefangnen wie immer durch die Thüre. Als die Reihe an Paul kam, zog er sich mit den Händen zu der Röhre hinauf, kroch dann in ihrem gewölbten Bauche fort und gewann die Mauer, ehe er noch Athem geholt hatte. Etwas unbeholfener folgte Augustus dem Beispiel seines Freundes, einmal glitt sein Fuß aus und er wäre beinahe gestürzt. Unwillkührlich streckte er die Hände aus und erwischte Paul beim Bein. Zum Glück hatte aber unser Held schon die Mauer erreicht, an welcher er sich festhielt und so hätten wir hier einen Fall, wo ein Schelm sich selbst durchhalf, ohne einen andern über Bord zu werfen. Wir sehen jetzt Paul und Tomlinson einen Augenblick auf der Mauer sitzen, um Athem zu holen; dann ließ der erstere – der Abstand vom Boden war nicht sehr beträchtlich – seinen Körper an den Händen herab und sprang in den Garten. »Beschädigt?« fragte der kluge Augustus mit einem heisern Flüstern eh' er von seiner luftigen Höhe herunterkam; denn er war Willens lieber Die gegenwärt'gen Nebel zu ertragen Als unbekannten sich in Arm zu werfen, ohne zuvor jede Vorsicht, die in seiner Macht war, zu beobachten. »Nein!« war die Antwort in demselben Tone, und Augustus sprang hinab. Sobald dieser Ehrenmann von der Erschütterung des Falls sich erholt hatte, verlor er keinen Augenblick dem andern Ende des Gartens zuzueilen. Paul folgte. Unterwegs hielt Tomlinson bei einem Haufen Schutt an, und hob einen mächtigen Stein auf; als sie an dem Theile der Mauer ankamen, wo sie hinüberzusteigen verabredet hatten, fanden sie den Wächter, wegen dessen sie, beiläufig gesagt, sich nicht hätten bekümmern dürfen; denn wärt es nicht so abgemacht gewesen, daß er ihnen begegnen sollte, so hätte sie der dichte Nebel in der That seinem Blicke ganz entzogen; diesen zuverläßigen Wächter streckte Augustus nieder – nicht mit dem Stein, sondern mit zehn Guineen; dann zog er aus seinen Kleidern ein dickes Seil hervor, das er sich vor einigen Tagen vom Kerkermeister verschafft hatte, befestigte den Stein an einem Ende und warf dieß Ende über die Mauer. Nun hatte die Mauer, wie Mauern von großer Dicke es meist haben, zu beiden Seiten eine Art von hervorragender Zinne und der Stein, hinübergeschlendert und dann an dem Seile, an welchem er befestigt war, wieder heraufgezogen, stemmte sich nothwendig gegen diesen Vorsprung an; und so war das Seil gleichsam an der Mauer festgemacht und Tomlinson dadurch in den Stand gesetzt, sich bis auf die Höhe der Mauer hinaufzuziehen. Er führte diese That mit gymnastischer Gewandtheit aus, wie einer der in dergleichen eine Uebung hat; obgleich der verschwiegene Abenteurer in seiner Erzählung gegen Paul früherer Gelegenheiten zu diesem Kunstgriff nicht erwähnt hatte. Sobald er die Höhe der Mauer gewonnen hatte, warf er das Seil seinem Begleiter zu und in Betracht von Pauls Unbekanntschaft mit dieser Kletterweise, verstärkte er die Sicherheit der Stricks noch dadurch, daß er selbst auch ihn hielt. Langsam und mit Mühe arbeitete sich Paul hinauf; dann wurde der Stein auf die andere Seite der Mauer hinuntergelassen, wo er natürlich einen gleichen Anhaltpunkt gab, und so unsre beiden Abenteurer in Stand setzte, nach einander hinunter zu gleiten und ihre Flucht aus dem Zuchthaus zu vollenden. »Jetzt folgt mir!« sagte Augustus, indem er Fersengeld zu geben begann, und Paul eilte hinter ihm her durch ein Labyrinth von Gängen und Gäßchen, die er kreuz und quer mit einer immer die Richtung wechselnden und doch sich nie verirrenden Schnelligkeit durchrannte, so daß, hatte sich nicht Paul dicht hinter ihm gehalten, er sehr bald, zumal bei dem Nebel, den Augen seines jungen Verbündeten würde entzogen worden seyn. Zum Glück verhinderte der frühe Morgen, die Abgelegenheit der Straßen durch die sie kamen, und vor Allem die ausnehmende Trübe der Atmosfäre zur Entdeckung und Festnehmung, der sie im andern Fall in ihrer Gefängnißkleidung sicherlich nicht entgangen wären. Endlich fanden sie sich auf freiem Feld, schlichen sich an den Zäunen fort, vermieden sorgfältig die Heerstraße und setzten ihre Flucht fort, bis sie einige Meilen weit ins Innere des Landes vorgedrungen waren. Jetzt begann auch der Magen des Augustus Tomlinson seine Forderungen zu machen, und dieser setzte auseinander, wie wünschenswerth es sey, daß sie den ersten besten Bauer, auf den sie stoßen würden, ergriffen und ihn veranlaßten, mit einem der Flüchtlinge die Kleider zu wechseln, damit dieser dann in ein Wirthshaus sich wagen und für ihre beiderseitigen Bedürfnisse sorgen könnte. Paul genehmigte diesen Vorschlag; sie paßten ihre Gelegenheit ab und haschten einen Bauersmann. Augustus streifte ihm Rock, Hut und wollene Strümpfe ab und Paul, durch die Noth und seinen Gesellschafter hart gemacht, half den armen Landmann an einen Baum binden. Dann wanderten sie noch ungefähr eine Stunde weiter und als die Schatten des Abends sie umgaben, entdeckten sie ein Wirthshaus. Augustus ging hinein und erschien in wenigen Minuten wieder, mit Brod, Käse und einer Flasche Bier beladen. Die Gefängnißkost kurirt Einen von der Leckerhaftigkeit und so verspeisten die beiden Flüchtlinge diese eben nicht köstlichen Lebensmittel mit großer Zufriedenheit. Dann setzten sie ihre Reise fort und kamen endlich, von den Anstrengungen ermüdet, an einem einsamen Heuschober an, wo sie ein paar Stunden auszuruhen beschloßen. Zehntes Kapitel. Ungleich dem Wüstling, der voll Frechheit spaßt Das Festmahl schändet und verletzt den Gast, Steigst du herab von Größe und Reichthum gern. Vergessen lassest du im Freund den Herrn; Um deinen Tisch ein froh Gesinde wandelt. Mit freundlicher Herablassung behandelt; Gern der gesell'gen Pflicht der Herr sich beugt. Weil Liebe – Lieb', und Achtung – Achtung zeugt Lukan an Piso. Schüchtern glänzten die verschämten Sterne an unsre Abenteurer herab, als sie, nach einem kurzen Schlummer hinter dem Heuschober sich wieder dehnten und streckten und einander ansehend unwillkührlich in ein fröhliches Gelächter über den glücklichen Ausgang ihres Wagestücks ausbrachen. Bisher waren sie zuerst durch die Flucht selbst, dann durch Hunger und endlich durch Müdigkeit zu sehr in Anspruch genommen gewesen, um sich zu beglückwünschen; jetzt rieben sie die Hände und scherzten wie schwänzende Schulknaben über ihre Flucht. Allmälig lenkten sie ihre Gedanken von der Vergangenheit auf die Zukunft, und Augustus sprach: »Sagt mir, mein werther Gesell, was denkt Ihr zu thun? Ich hoffe Euch längst überzeugt zu haben, daß es keine Sünde ist unsern Freunden zu dienen und unsrer Parthei treu zu seyn, und so hoffe ich, Ihr werdet Euch für das Gewerbe auf der Landstraße entscheiden.« »Es ist sehr einfältig,« antwortete Paul, »daß ich nach Euren Vorlesungen über den Gegenstand noch Bedenklichkeiten haben kann; aber ich gesteh' Euch frei heraus, daß ich doch noch hin und wieder Zweifel hege, ob das Stehlen in der That die ehrlichste Handthierung ist, der ich mich widmen könnte.« »Hört mich an, Paul,« antwortete Augustus und seine Antwort ist der Beachtung nicht unwürdig: »Alles Verbrechen und alle Trefflichkeit sind von einer guten Wahl der Worte abhängig. Ich seh Euch verblüfft; ich will mich erklären. Wenn Ihr Geld vom Publikum nehmt und sagt, Ihr habt geplündert, so habt Ihr ohne Zweifel ein großes Verbrechen begangen; aber wenn Ihr dasselbe thut und sagt: Ihr habet den Bedürfnissen der Armen abgeholfen, so habt Ihr eine vortreffliche That gethan; wenn Ihr bei der nachherigen Theilung des Geldes mit Euren Gefährten sagt: Ihr habet die Beute getheilt, so habt Ihr Euch gegen die Gesetze unsres Landes versündigt; aber wenn Ihr es so darstellt: Ihr habt mit Euern Freunden den Gewinn Eurer Betriebsamkeit getheilt, so habt Ihr eine der edelsten Thaten von der Welt verrichtet. Einem Menschen den Kopf einschlagen, ist an sich weder tugendhaft noch sündlich; es hängt vom Ausdruck ab, den man von der That braucht, um sie entweder zu einem Mord oder zu einem ruhmvollen Heldenstück zu stempeln. Warum nicht lieber sagen also, Ihr habt den Muth eines Helden bewährt, statt: die Grausamkeit eines Spitzbuben? Dieß ist vollkommen klar, oder nicht?« »Es scheint so,« antwortete Paul. »Es ist so einleuchtend durch sich selbst, daß es der Weg ist, denn alle Regierungen einschlagen. Wenn ihr einen Mißbrauch abzuschaffen verlangt, so nennen Euch die Machthaber mißvergnügt. Unterdrückung heißt Ordnung, Gewaltthätigkeit ist eine durch die Religion geheiligte Einrichtung und Steuern sind der Segen der Verfassung. Deßhalb, mein guter Paul, thun wir nur, was alle andere Gesetzgeber auch thun. Wir sind keine Schelmen, so lang wir uns selbst ehrliche Bursche nennen und wir begehen kein Verbrechen, so lang wir es als eine Tugend betiteln können. Was sagt Ihr jetzt? Wir finden in einem Artikel einer amerikanischen Zeitung, der im heutigen Morning Chronikle ohne Commentar abgedruckt ist, einen auffallenden Beleg der Wahrheit von Tomlinsons Filosofie. »Herr Rowland Steffenson,« so lautet der Auszug, »der berühmte englische Bankier hat eine beträchtliche Strecke Landes angekauft.« O filosofischer Artikelschreiber! »der berühmte englische Bankier« dieser Satz ist eine bessere Erläuterung von den Täuschungen der Worte, als alle Abhandlungen Bethams zusammen. Berühmt! O Merkur! welch ein geschmeidiges Beiwort! Paul lächelte und schwieg einige Augenblicke eh' er antwortete: »Es ist wohl außer Zweifel, daß Ihr Unrecht habt; aber wenn Ihr Unrecht habt, so ist es bei der übrigen Welt auch so. Es ist nicht gut das einzige weiße Schaf in der Heerde zu seyn. Darum, mein theurer Tomlinson, will ich in Zukunft ein trefflicher Bürger werden, den Bedürfnissen der Armen abhelfen und den Gewinn meiner Betriebsamkeit mit meinen Freunden theilen.« »Bravo!« rief Tomlinson, »und nun dieß ins Reine gebracht ist, müßt Ihr, je eher je besser, eingeweiht werden. Bei dem Lichte der Sterne sehe ich, daß ich an einem Orte bin, wo ich sehr gut bekannt seyn sollte; oder wenn Ihr argwöhnisch seyn wollt, mögt Ihr glauben, ich habe Euch absichtlich in dieser Richtung geführt; aber laßt mich zuerst fragen, ob Ihr großes Verlangen traget, die Nacht in diesem Heuschober zuzubringen, oder ob Euch Gesang und die Punschbowle wohl beinah eben so lieb wäre als die frische Luft nebst der Möglichkeit, in einem Wisch Heu von einer herumschweifenden Kuh verschlungen zu werden?« »Ihr könnt meine Wahl errathen,« antwortete Paul. »Gut denn, hier in der Nähe ist ein trefflicher Geselle, dir ein Wirthshaus besitzt und ein treuer Verbündeter und großmüthiger Gönner der Bursche von den Kreuzwegen ist. Zu gewissen Zeiten halten sie wöchentliche Zusammenkünfte in diesem Hause, heut ist eine solche Nacht. Was sagt Ihr? Soll ich Euch bei dem Club einführen?« »Ich werde sehr erfreut seyn, wenn Sie mich zulassen wollen!« erwiederte Paul, den der Drang kämpfender Gedanken einsylbig machte. »O, deßhalb seyd unbesorgt! unter meiner Leitung. Euch die Wahrheit zu sagen, obgleich wir eine tolerante Sekte sind, bewillkommen wir doch jeden neuen Glaubensgenossen mit Enthusiasmus. Aber seyd Ihr müde?« »Ein wenig; das Haus ist nicht weit entfernt, sagt Ihr?« »Ungefähr eine Meile,« antwortete Tomlinson; »Führt Euch an mir.« Jetzt verließen unsre Wandrer den Heuschober und gingen über einen Theil des Finchley-Gemeinde-Angers querfeldein, denn der Sitz des würdigen Gasthofinhabers war glücklich gelegen, und der Ort wo seine Gäste ihre Festlichkeiten feierten, war nahe bei dem Schauplatz ihrer häufigen Heldenthaten. Im Weltergehen befragte Paul seinen Freund über Namen und Charakter des Herrn Wirths und der Alles wissende Augustus Tomlinson antwortete ihm, wie ein Quäcker mit einer Frage: »Habt Ihr nie vom Gentleman George reden gehört?« »Was! von dem bekannten Inhaber eines Gaunerwirthshauses auf dem Lande? Ja wohl, und oft; meine arme Pflegemutter, Frau Lobkins pflegte zu sagen, er sey der am vortheilhaftesten bekannte Mann in der Handthierung.« »Ja, das ist er immer noch. In seiner Jugend war George ein sehr schöner Bursch, aber ein größerer Liebhaber von Mädchen und von der Flasche als seinem Vater gefiel, einem sehr gesetzten alten Gentleman, der Sonntags in einer Stutzperücke und mit einem goldbeschlagenen Stock umherging und an Wochentagen ein weit besserer Bauer als Vorsteher eines öffentlichen Hauses Wir machen den Leser aufmerksam, daß auf dem Doppelsinn von public house und public, Wirthshaus und Gemeinwesen oder Staat, ein großer Theil, der in diesem Buch vorkommenden, auf hohe Personen sich beziehenden Witze beruht. war. George war ein ausgezeichnet gewichster Bursche und das ist er noch jetzt. Er hat viel Witz, ist ein sehr guter Whistspieler, hat einen Ausbund von Keller, und hat eine solche Freude daran, seine Freunde berauscht zu sehen, daß er vor einiger Zeit ein großes Zinngefäß kaufte, worin sechs Männer aufrecht stehen können. Die Mädchen oder vielmehr die alten Weiber, gegen welche er noch weit höflicher zu seyn pflegte, liebten ihn immer; sie sagen: es gebe nichts so Vornehmes, als seine vornehmen Reden und sie geben ihm den Titel: Gentleman George. Er ist ein feiner, zartfühlender Mann in vielen Dingen, aber jetzt wird er zusehends preßhaft. Gebe der Himmel, daß wir ihn nicht vermissen, wenn er abgeht. Und ich denke, wir werden nicht in den Fall kommen, denn sein Bruder, der arme Kerl, der lange Zeit im Wassergraben gesteckt ist, ist ein schlauer Hund auf seinem Weg und wird ihm nachfolgen. Auf jeden Fall wird, hoffe ich, Bill Squareyards oder Marinen Bill, (so nennt man den Bruder) gewissenhafter mit dem öffentlichen Schatz umgehen, als Gentleman George, der die Wahrheit zu sagen, aus unserem gemeinschaftlichen Beutel einen sehr gentlemanmäßigen Antheil nimmt. »Was! ist er geizig?« »Gerade das Gegentheil; aber er ist so rasend aufs Bauen hinein, daß er all sein Geld in Häuser steckt und von uns dasselbe verlangt; und da ist ein verwünschter Hund von Maurer, der ihm furchtbare Rechnungen anschreibt – ein Kerl, Cunning Nat genannt, der eben so gewandt ist, den Boden herunter- wie den Bodenzins hinaufzubringen.« »Was meint Ihr?« »Ach, das hängt mit einer Geschichte zusammen. Aber wir sind jetzt dem Ort nahe; Ihr werdet einen sonderbaren Club zu sehen bekommen.« Als Tomlinson dieß sagte, näherte sich das Paar einem Hause, das einzeln und dem Anschein nach ohne eine andere Gebäulichkeit in der Nachbarschaft dastand. Es war in seltsamem grotesken Styl gebaut, weiß angestrichen, mit einem gothischen Camin, einem porzellanenen Schildhalter (auf dem Schild war ein fischender Gentleman gemalt, mit der Inschrift: der fröhliche Angler), und einem Portal das griechisch gewesen seyn würde, wäre es nicht holländisch gewesen. Das Haus stand in einem kleinen Gute, das nach hinten einen Zaun und vor sich den Gemeinde-Anger hatte. Augustus blieb vor der Thüre stehen, und während er lauschte, hörte man von innen lustiges Gelächter erschallen. »Ach, die muntern Bursche!« murmelte er, »mich verlangt recht, bei ihnen zu seyn,« und dann pochte er mit geballter Faust viermal an die Thüre. Nun entstand eine plötzliche Stille, die ungefähr eine Minute dauerte und zuletzt durch eine Stimme von innen unterbrochen wurde, welche fragte, Wer da sey? Tomlinson antwortete mit einigen cabalistischen Worten; die Thüre wurde geöffnet und sofort stellte sich ihnen ein kleiner Knabe dar. »Gut, mein Junge!« sagte Augustus, »und was macht dein Herr? kerngesund und munter, wenn ich nach seiner Stimme urtheilen darf.« »Ja, Meister Tommy, ja, er zecht in dem hintern Gesellschaftszimmer tüchtig drauf los, mit Herr Pepper und Haudegen Attie, und noch einem Halbdutzend. Er wird gewaltig erfreut seyn, Euch zu sehen, dafür steh ich! »Zeige diesem Herrn den Weg in die Schenkstube,« erwiederte Augustus, »indeß ich hingehe und dem ehrlichen George meine Achtung bezeuge.« Der Knabe machte eine Art Verbeugung, führte unsern Helden in die Schenkstube und überließ ihn der Sorge des lüsternen Schenkmädchens, Sally, welche auf den Geschmack des Wirths ein günstiges Licht warf und Paul mit merklicher Auszeichnung und einem Glas Branntwein empfing. Paul hatte nicht lange den Galanten zu spielen, als Tomlinson wieder mit der Nachricht kam: Gentleman George werde sich sehr glücklich schätzen, ihn im hintern Gesellschaftszimmer zu sehen, und er werde dort einen alten Freund, in der Person des Herrn Pepper treffen. »Was, ist der hier?« rief Paul, »der elende Schurke! mich statt seiner in den Käfig stecken zu lassen!« »Ruhig, ruhig! keine falsche Anwendung der Ausdrücke!« sagte Augustus; »das war nicht Schurkerei, das war Klugheit, die größte von allen Tugenden und die seltenste. Aber kommt hinüber und Pepper soll sich morgen erklären.« Durch eine Gallerie oder einen Gang führte Augustus unsern Helden, öffnete eine Thüre und ließ ihn in ein langes, niederes Zimmer eintreten, wo um einen Tisch, mit Pfeifen und Getränk besetzt, zehn bis zwölf Männer saßen; an der Spitze der Tafel führte in einem Armsessel Gentleman George den Vorsitz. Dieser Ehrenmann war ein stattlicher und anmuthiger Herr mit einem gescheuten Blick und einer walliser Perücke, die er, wie der Morning Chronikle von dem Hut seiner Majestät sagt: in einer ungezwungenen Weise auf die eine Seite gesetzt hatte. Da er vom Podagra geplagt war, so ruhte sein linker Fuß auf einem Stuhl, und diese Lage ließ, trotz lammwollenen Strümpfen, die Reliquien eines ausnehmend wohlgeformten Beines sehen. Da Gentleman George eine Person von majestätischer Würde unter den Rittern vom Kreuzweg war, so halten wir es für keine Verletzung der Ehrfurcht, wenn wir einige Worte, womit obgemeldeter Morning Chronikle seine Majestät schilderte, an dem Tage, wo er den Grundstein zum Denkmal seines Vaters legte, in die Beschreibung von Gentleman George aufnehmen. Da ein betrübendes Ereigniß uns Gentleman George entrissen hat, wird man diese Spizze desselben ohne Zweifel mehr mit dem Interesse der Geschichte als der Klatscherei betrachten. Wir würden es in der That angemessener gefunden haben, die Schilderung ganz auszumerzen, wäre nicht der außerordentliche Kummer aller Ritter vom Kreuzweg durch ihre außerordentliche Freude über Nachfolge des Bill Squareyards sogleich verdrängt worden. Wir ersparen eine Schilderung von jenem für unsre letzten Blätter; da wird man wenigstens eine Ansicht von der Vergangenheit finden, welche nicht lüstern nach der Zukunft schielt. »Er trug einen schönen blauen Rock und weiße Weste,« und ferner: »er lachte in der besten Laune,« als er, zu Augustus Tomlinson gewandt, ihn also begrüßte: »So, dieß ist der Jüngling, den Ihr uns vorstellt. Willkommen im lustigen Angler! Gebt uns die Hand junger Herr! ich werde mirs zum Vergnügen rechnen, mit Euch Wolken zu blasen!« »Mit aller schuldigen Unterwürfigkeit,« sagte Tomlinson, »dächte ich doch, es wäre das beste, fürs erste meinen Zögling und Freund mit seinen künftigen Genossen bekannt zu machen.« »Ihr sprecht wie ein kluger Gesell!« rief Gentleman George, und sich in seinem Armsessel umwendend stellte er seine Gäste der Reihe nach Paul vor: »Hier,« sagte er, und wies auf einen herzhaft aussehenden Matrosen in seiner Standeskleidung, mit gefälligem, englischem Gesicht, »hier ist mein Bruder Bill; er ist einst mein Nachfolger auf dem fröhlichen Angler. Du brauchst nicht so schmunzelnd darnach zu sehen, Bill – es ist eine ziemliche Last und Plage die Sorge für ein Publikum, wenn einmal der Reiz der Neuheit an dem Ding vorüber ist. Aber hier, Junker! hier zu meiner Rechten das ist ein ganzer Kerl,« (die so bezeichnete Person war eine kleine militärisch aussehende Gestalt in einem schäbigen Reitfracke und mit einem gebieterischen, trotzigen, adlerartigen Gesicht, das aber etwas abgetragen aussah,) ein alter Soldat, Haudegen Attie Athur – Der Leser erräth leicht den diesen Vornamen führenden Helden. nennen wir ihn; »er ist ein Teufelskerl auf der Landstraße. Halt! – gebt Feuer – sollt und müßt – kann nicht und will nicht – thut wie ich euch bitte, oder fahrt zum Teufel – das ist Atties ganze Beredtsamkeit, und bei Gott! sie trifft den Nagel wunderbar auf den Kopf. Indeß die Schwärmer lieben ihn nicht und wenn er das Geld des Volks einnimmt, sollte er nicht so ungeberdig gegen dasselbe sich benehmen. Attie! laßt mich Euch einen neuen Kumpanen vorstellen.« Paul machte seine Verbeugung. »Macht's Euch bequem, Mann!« sprach der Veteran, ohne die Pfeife aus dem Munde zu nehmen. Dann fuhr Gentleman George fort und nachdem er vier oder fünf von der Gesellschaft ausgezeichnet (unter welchen unser Held zu seiner Ueberraschung seine alten Freunde, Herrn Eustace Fitzherbert und Herrn William Howard Russel entdeckte,) kam er zuletzt an einen mit einem sehr rothen Gesicht und von tüchtigem Körperbau. »Dieser Herr,« sagte er, »ist Scarlet Jem , ein gefährlicher Bursche für ein Pressen im Gedränge, obwohl er sagt, er raube jetzt lieber ganz allein, denn das Pressen ist jetzt überhaupt nicht mehr so vorteilhaft als es früher zu seyn pflegte. Ihr habt keinen Begriff davon, welch ein Schlaukopf Scarlet Jem im Verkleiden ist. Er hat eine alte Perücke, in welcher er für gewöhnlich seine Geschäfte macht; und Ihr würdet ihn sicher nicht wieder erkennen, wenn er sich unter der Perücke Es wimmelt diese ganze Stelle von Wortspielen; so läßt sich press nicht im Deutschen wieder geben. Wig heißt Perücke, ist aber auch ziemlich gleichlautend mit Whig . versteckt. Oh, es ist ein kostbarer Schelm, der Scarlet Jem! Was den Kameraden auf der andern Seite betrifft,« fuhr der Gastwirth zum fröhlichen Angler fort, indem er auf den langen Ned deutete, »so ist Alles was ich von ihm sagen kann, Gutes, Schlimmes oder Gleichgültiges, nur so viel, daß er einen Ausstich von Haarboden besitzt; und nun Junker, da Ihr ihn kennt, so dächt' ich, Ihr ginget her und setztet Euch zu ihm, damit er Euch mit den Uebrigen bekannt macht; denn meine Perücke soll bersten (Gentleman George war ziemlich zum Fluchen geneigt,) wenn ich nicht müde bin und so trink' ich auf Eure Gesundheit; und wenn Euer Name Paul ist, so mögt Ihr immer den Peter plündern, um damit Paul zu bezahlen.« Dieser Witz des Wirthes wurde mit ausnehmendem Beifall aufgenommen und Paul ging, unter allgemeinem Gelächter hin, den Platz neben dem langen Ned einzunehmen. Dieser lange Herr, der bisher in tiefer Stille Wolken versammelt hatte, wie Homer von Jupiter sagt, wandte sich jetzt mit der wärmsten Herzlichkeit zu Paul, erklärte seine überschwengliche Freude seinen alten Freund wieder zu sehen, und wünschte ihm zu seiner Flucht aus Bridewell so wie zu seiner Aufnahme in den hohen Rath Gentleman George's Glück. Aber Paul, eingedenk des Stückchens von Klugheit von Seiten des Herrn Pepper, vermöge welcher er ihn seinem Schicksal und der Barmherzigkeit des Richters Burnflat überlassen hatte, nahm seine Freundlichkeit sehr mürrisch auf. Diese Kälte brachte den langen Ned, der von Natur reitzbar war, so auf, daß er unserm Helden den Rücken wandte und in seinem aristokratischen Stolze etwas murmelte von Emporkömmlingen und gemeinen Schubsackfegern oder Beutelschneidern, die man in die Gesellschaft anständiger Tobymänner zugelassen. Dieses Gemurmel rief alles Blut in Pauls Wangen, denn obgleich er als Beutelschneider gestraft worden war, wußte doch Niemand besser als der lange Ned, ob er schuldig oder unschuldig gewesen; und ein Vorwurf von diesem erschien ihm als doppelte Ungerechtigkeit und Härte. In seiner Wuth faßte er Herr Pepper beim Ohr und forderte ihn, indem er ihn einen schäbigen Schuft nannte, zum Zweikampf heraus. Da diese freundliche Einladung nicht sotto voce , sondern in einem, der Wichtigkeit des Vorschlags entsprechenden Tone vorgebracht worden war, so hörten es Alle am Tische, und noch eh der lange Ned antworten konnte, donnerte die volle Stimme von Gentleman George: »Haltet Frieden da, junger Herr! Was, eben seyd Ihr erst zu unsern Lustbarkeiten zugelassen worden und müßt schon Unfug anfangen? Seht Ihr Herrn, ich bin schon vorher mit Eurem Gezänke genug geplagt gewesen, und der erste Kamerade, der den gegenwärtigen Frieden des fröhlichen Anglers stört, soll über Hals und Kopf hinausgeworfen werden; soll er nicht. Attie?« »Rechtsum kehrt Euch, marsch!« versetzte der Held. »Ja, das ist ein Wort, Attie,« sagte Gentleman George, »und nun Herr Pepper, wenn zwischen Euch und dem jungen Mann noch irgend böses Blut ist, wascht es mit einem Becher Schnaps ab und laßt uns nichts mehr davon hören!« »Ich bin dazu bereit,« rief der lange Ned mit dem nachgiebigen Wesen eines Höflings und reichte Paul die Hand hin. Unser Held, einigermaßen in Verlegenheit wegen der Neuheit seiner Lage und der Zurechtweisung von Gentleman George, nahm, obgleich mit einigem Widerstreben, die entgegenkommende Artigkeit an. Als so die Ordnung wieder hergestellt war, begann das Gespräch der Tischgesellschaft eine reißendere Wendung zu nehmen. Sie redeten mit unendlichem Behagen von den Summen, die sie vom Volk erhoben hatten und von den Unterschleifen die sie zum Besten des Wohls der Gemeinschaft , wie sich der Eine, oder der bestehenden Ordnung , wie sich der Andre ausdrückte, und worunter sie sich selbst verstanden, begangen hatten. Es war leicht zu sehen, in welcher Schule der scharfsinnige Augustus Tomlinson die Bedeutung der Worte gelernt hatte. Es hatte etwas gar Erbauliches, diesen Schelmen zuzuhören. So fein war ihre Sprache, und so redlich ihr Enthusiasmus für ihre eignen Interessen, daß man sich hätte einbilden können, man höre einer Versammlung von Cabinets-Ministern zu, die über Steuern sich beriethen oder über die Nebengefälle stritten. »Langes Leben und Gedeihen den Gemeinen;« rief der witzige George indem er sein Glas füllte, »durch die Gemeinen werden wir fett, und mögen sie nie von der Hand der Cultur berührt werden!« »Drei mal drei!« brüllte der lange Ned und der Toast wurde so getrunken wie Herr Pepper vorgeschlagen. »Eine kleine, gemäßigte Cultur der Gemeinwesen, um frei zu sprechen,« sagte Augustus Tomlinson bescheiden, »könnte nichts schaden, denn sie würde die Leute zum Glauben verlocken, sie können sicher reisen; und Alles erwogen, ein Zaun oder ein Gerstenfeld ist für uns so gut wie eine unfruchtbare Heide, wo wir kein Obdach haben, wenn wir einmal verfolgt werden.« »Ihr redet Unsinn, Ihr Einfalts-Pinsel!« rief ein angesehener Räuber, Namens Bagshot, der weil er alt und eines Anwalts Laufbursch gewesen war, bisweilen der alte Sack genannt wurde. »Ihr redet Unsinn; diese Neubrüche sind unser Verderben. Jeder Getreidehalm ist ein Eingriff in die Verfassung und die Rechte der Herren Hochstraßenmänner. Bin jetzt alt und werde die Sachen nicht mehr erleben; aber merkt Euch meine Worte: es wird eine Zeit kommen, wo ein Mann von Lonn'on bis Johny Groat reisen kann, ohne durch Unsereinen auch nur einen Heller zu verlieren; wo Hunlow sicher und Finchly ungefährdet seyn wird. O du meine Zeit, wie schlimm wird es dann mit uns stehen!« Der ehrwürdige alte Mann verstummte plötzlich und die Thränen traten ihm ins Auge. Gentleman George hegte einen tiefen Abscheu gegen üble Laune und besonders behagten ihm alle unangenehme Gegenstände gar nicht. »Donner und Wetter, alter Sack!« murrte der Wirth vom fröhlichen Angler, »das wird nie geschehen! wir sind alle hiehergekommen um lustig zu seyn und nicht um eurem melancholischen Geleyer zuzuhören. Ich sage, langer Ned, wie wär's, Ihr tischtet uns ein Lied auf, und ich will mit den Knöcheln den Takt dazu schlagen.« Der lange Ned nahm die Pfeife aus dem Munde und versuchte, wie Lady Heron, ein paar kleine Entschuldigungen; als diese durch allgemeines Gebrülle verworfen wurden, gab der hübsche Beutelschneider folgendes Lied preis, nach der Weise: »Die Zeit verdünnte das Haar mir nicht.« Das Lied des langen Ned. Die Handschuh mind'stens sauber sind, Klebt auch das Gold an her Hand, Und selten sah man ein Menschenkind. In solchem flottem Gewand. O Publikum, das du zahlest Tribut Zu unsres Gewerbes Betrieb: Ist's Dir kein Trost, zu steuern dein Gut An einen so stattlichen Dieb? Stets, wenn eine Kutsche ich plünderte aus. Ich galant wie ein Liebhaber war; Und war den Leuten mein Thun ein Graus: Sie mußten doch loben mein Haar! John Bull, harmlosen Scherzen hold. Grinst gern auch gegen mich; Hab' ihrem Lachen nie gegrollt. Denn wer gewinnt – bin ich! John Bull hat Geld im Kasten sein Und hat im Kopf viel Grütz; Ich üb' an Bull meine Schlauheit sein Und er an mir seinen Witz! »Und Er an mir seinen Witz! trefflich!« rief Gentleman George seine Pfeife anzündend und Attie winkend, »ich höre daß ihr ein so superber Kerl mit den Weibsbildern seyn sollt?« Ned lächelte und antwortete: »Niemand soll prahlen, aber –« er hielt bedeutungsvoll inne, warf dann einen Blick auf Attie und sagte: »da wir von Frauenzimmern sprechen, die Reihe ist an mir, einen Gentleman zu einem Gesang aufzufordern und ich fordre den Haudegen Attie auf.« »Ich singe nie,« versetzte der Kriegsmann. »Verrath, Verrath,« rief Pepper, »es ist ein Gesetz und Ihr müßt dem Gesetz gehorchen – so fangt an.« »Es ist wahr, Attie,« sagte Gentleman George. Gegen des ehrlichen Gastwirths Befehl gab es keine Einrede, und wie es denn Attie's Lieblingssatz war, daß je weniger Worte, desto kleiner der Schaden, so sang auch jetzt der Krieger in rascher und lakonischer Weise wie folgt: Haudegen Attie's Lied. (Nach der Weise: Hochberühmt durch Waffenthaten.) »Auf um sechs, gespeist um zwei – Leute geplündert ohne Geschrei! Dieß mein Evangelium – Zweifelt Ihr ob es klug? rechtsum! (Er winkt einem blaßgelben Gentleman auf derselben Seite des Tisches die Bowle heraufzusenden.) »Gebt herum den Stoff, herauf zu mir, Ihr knurriges, knuffiges, muffiges Thier! (Der blaßgelbe Gentleman mit heiserer Stimme:) Attie, die Kanne ist jetzt bei mir. Ich kann sie nicht missen, sehet Ihr!« (Attie die Bowle umfassend:) Gebt her, gebt her! entsagt dem Gelüst (Er reißt sie ihm weg und sieht stolz den blaßgelben Gentleman an:) »Ihr habt entsagt jetzt und Ihr müßt!« Chorus. »Ihr habt entsagt jetzt und Ihr müßt!« Während der Chor, über den überwundenen Zecher sich lustig machend, die emfatischen Worte des heldenmaßigen Attie fortbrüllte, leerte diese Person die Kanne auf einen Zug, nahm wieder seine Pfeife und forderte mit so kurzen Worten als nur anging, Bagshot zum Singen auf. Der treffliche alte Highwayman gehorchte mir großem Widerwillen der Forderung, räusperte sich und stimmte eine Arie an, etwa in der Melodie: »Alte Weiber!« Lied des alten Sack. »Sind die Tage dahin, wo auf Hounslow Gefild Wir den Klepper gejagt« Vor der Stimme des Sacks, von Furcht erfüllt Jedes Herz gezagt? Nie ließ ich mein Werk nur halb gethan, Nie ward ich ertappt; Verdächtlich war ich, doch blieb ich daran. Bis ich Alles erschnappt. Chorus. Bis ich Alles erschnappt. Hielt die Kutsche und stürmten die Herren heraus: Ich trotzte der Macht! Und kein andres Wörtchen stieß ich aus Als: sachte, nur sacht!« O nie vergeß ich der fröhlichen Zeit, Doch der Trunk ist lack! Wenn ich todt bin, noch einen Becher weiter Dem armen, alten Sack!« Chorus. Dem armen, alten Sack!« »Ja, das wollen wir, mein lieber Bagshot,« rief Gentleman George mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit; aber als er im Auge des guten alten Gesellen eine Thräne sah, setzte er hinzu: »Hellauf! Was da! Hellauf!« die Zeiten werden sich bessern, und die Vorsehung kann uns schon noch ein gutes Jahr bescheeren. wo Ihr Euch so gut befinden werdet als je. Ihr schüttelt den Kopf. Nun seyd nur nicht doskollerig, sondern fordert einen Gentleman auf!« Den Tropfen der Empfindsamkeit abwischend, forderte der Veterane den Gentleman George selbst auf. »O verhenkert!« sagte Gentleman George, »mich sollte es überspringen, weil ich ausschenke, aber seys drum.« Gentleman George's Lied. »Ich bin der Kneipwirth, der lustige alte Kneipwirth, Gerühmt und besungen nicht wenig. Und ein durstiger Kneipwirth der vom Saufen beleibt wird. Ist so viel als ein nüchterner König. Chorus. Ist so viel als ein nüchterner König. Was thut der Alarm von dem tobenden Schwarm Wenn sie in der Schenkstube zechen! Was Kreuz der Alarm macht mir keinen Harm So lange die Schufte nur blechen. Chorus. So lange die Schufte nur blechen. Ist fremder Credit meines Häuschens Kitt: Wer denkt drum von mir geringer? Dem warm schlägt das Herz, für Gemeinwohl und Schmerz, Siebt dem Wirthschafter leicht durch die Finger, Chorus. Siebt dem Wirthschafter leicht durch die Finger. »Da, Ihr Herrn,« sagte der Hausinhaber keuchend, »das ist das Mark der Versekunst, und meine Perücke soll bersten, ich bin jetzt ganz außer Athem. So, gebt den Branntwein herum, Augustus – ihr schlauer Hund! Ihr behaltet Alles für Euch!« Mittlerweile war das ganze Conclave mehr als halb seekrank geworden, oder wie Augustus Tomlinson sich ausdrückte: »ihre herberen Eigenschaften waren durch eine anmuthige und harmlose Weichheit gemildert.« Pauls Augen gingen im Kreis herum und seine Zunge verirrte sich. Nach und nach ging das Zimmer mit ihm um, die Gesichter seiner Kameraden verwandelten sich und das Antlitz des alten Sacks nahm ein unheimliches und drohendes Wesen an. Er meinte, der lange Ned beleidige ihn, und der alte Sack ergreife die Parthie des Angreifenden, balle die Fäuste, und drohe den Kopf des Klägers vors Gericht zu bringen, wenn er die Ruhe der Gesellschaft störte. Verschiedene andere eingebildete Unglücksfälle schwebten ihm vor. Er glaubte einen Postwagen in Gesellschaft des langen Ned geplündert zu haben, Tomlinson klage ihn an und Gentleman George gebe Befehl ihn zu hängen! kurz er litt an einem vorübergehenden Wahnsinn, verursacht durch den plötzlichen Glücksumschlag – von Wasser zum Branntwein, und das letzte, wovon er noch eine Erinnerung behielt, eh er in Gesellschaft des langen Ned, des Scharlach Jem und des alten Sack unter den Tisch sank, war: daß er an den Schlußzeilen eines Liedes mitgesungen hatte, welches ihm ein Chorus von Sterbgedanken und Geständnissen zu seyn schien, was aber in der That ein zu Ehren des Gentleman George gedichtetes Lied war und von seinen dankbaren Gästen zum Schluß der Festlichkeit gesungen wurde. Es lautete also: Der große Räuber Toast. Einen Becher mit blauem Tob schenkt ein! Zapfe rothes Getränk wem's behagt! Doch was auch der Stoff – randvoll muß seyn. Wer weiß, wann der Trunk uns versagt? Und jezt in das Bett, wo der Schelm liegt gern. Weil er denkt die Verborgenheit nütz' ihn! Ein Tropfen im Mund und am Augenstern, Hoch Gentleman George! Gott schütz' ihn! Gott schütz' ihn! Gott schütz' ihn! Hoch Gentleman George! Gott schütz' ihn! Bei des Prinzen Gelag ist's, so hör' ich, der Brauch, Eh' sie machen dem Trinken ein End', Curaxao man gießt in der Bowle Bauch, Daß der Stoff desto weidlicher brennt. Nicht rühm' ich den Stoff; doch wer nicht sein Glas Gern leeret – der Teufel besitz' ihn! Aufrecht ihr Jungen, laßt's kreisen baß! Hoch Gentleman George! Gott schütz' ihn! Gott schütz' ihn! Gott schütz' ihn! Hoch Gentleman George! Gott schütz' ihn! Seht, der Ehrenmann wird jetzt schwach auf dem Strumpf, Helf' Schuft, ihm zum sicheren Stand! Ihr reget Euch nicht, wie seyd ihr so stumpf! Tapfrer Attie, leiht ihm die Hand! (Die Räuber drängen sich um Gentleman George zusammen und jeder stößt ihn, unter dem Vorwand, ihm beizustehen, hin und her.) Lehnt auf mich Euch! ich bin Euch zum Dienste bereit. Laßt den Ellbogen fahren, ihr Wölf'! Ihm Seyd ihr nur zur Last! o tückische Leut'! Hoch Gentleman George! Gott helf' ihm! Gott helf' ihm! Gott helf' ihm! Hoch Gentleman George! Gott helf' ihm! Eilftes Kapitel. Ich singe keine Wunder und Paläste; Doch sind, Natur! so arm denn an Ertrag Für Lob des Dichters deine stillen Feste? Wohnt in der Wahrheit hellem, frischem Tag Kein Wesen, weckend unsres Herzens Schlag? Ein Mädchen hatte Albert, sanft gesinnt, Auf ihrer holden Stirne kunstlos lag Der Locken Fülle – mild wie Engel sind Ging sie zur Seite ihm – sie war sein einzig Kind. Gertrude von Wyoming. O Zeit! du hast uns schlimme Streiche gespielt, und wir segnen unsern Stern, der uns zum Romanschreiber machte, und uns jetzt das Recht der Vergeltung üben läßt. Wir überlassen Paul der Anleitung des Augustus Tomlinson und den Festlichkeiten des fröhlichen Anglers, wo er sich in allmäligem aber sicherem Fortschritt die Tugenden und den Ruhm eines vollendeten und ausgemachten Aneigners von andrer Leute Gut erwirbt; wir aber überspringen den Verfluß von Jahren mit derselben unbesorgten Eile, womit sie über unser Haupt hingeflogen, und laden unsren Leser auf einen Schauplatz ein, ganz verschieden von demjenigen, welcher sich wahrscheinlich seinen Blicken dargeboten hätte, wenn wir neuen Telemach, auf seinen Abenteuern begleiten wollten. Auch sollst Du, lieber Leser, den wir zum Schiedsrichter machen zwischen uns und den Leuten, welche nie lesen – den Critikern, Du, der Du im ächten Geist seiner Bildung uns an Orte hingefolgt bist, wo die Neuheit der Gegenstände kaum, so fürchten wir, für ihre Derbheit dich entschädigt hat, ohne Dir das Ansehen einer edeln Abigail zu geben, und, ohne wie ein Lakai über die gemeine Gesellschaft, der Du begegnet, zu schimpfen, Du sollst, lieber und freundlicher Leser, keine Ursache zu der Furcht haben, wir werden deine Geduld durch eine heillose Wiederholung derselben Scenen ermüden. Indem wir einen Augenblick stehen bleiben, um einen Blick auf die abgetheilten Gebiete unsrer Geschichte zu werfen, die wie eine Landkarte vor uns liegt, fühlen wir uns in den Stand gesetzt zu dem Versprechen, Dir in Zukunft eine Gesellschaft darzustellen, die deinen Lebensgewohnheiten verwandter ist, wo die unerrathenen Begebenheiten durch Landschaften mit reizenderer Abwechslung und durch Menschengeschlechter von glänzenderer Civilisation zu der ihnen bestimmten Bucht hinfließen. An dem Ufer eines der schönsten Flüsse des schönen Englands, ungefähr 80 Meilen von London entfernt, steht noch ein altväterisches Gebäude, das wir Warlock Manor-Haus benennen wollen. Es war von Backsteinen aufgeführt, unterbrochen von steinernen Gesimsen, und zum großen Theil von Efeu und Jasmin überwachsen. Um dasselbe her liegen die Trümmer des ältern Theils des Gebäudes, und diese sind der Menge und dem Maße nach ansehnlich und nach ihrer noch sichtbaren Beschaffenheit bedeutend genug, um zu bewähren, daß das Haus einst nicht ohne Ansprüche auf Pracht war. Diese Ueberbleibsel alter Größe, deren einige ihrer Jahrszahl zufolge weit vor Heinrich III. fielen, fanden in dem Karakter der Landschaft in der unmittelbaren Nachbarschaft des alten Herren-Hauses, eine entsprechende Umgebung. Eine ungeheure Strecke wüsten Landes, abwechselnd mit Waldungen gekappter alter Bäume und da und dort unregelmäßige geschlängelte Erhöhungen grüner Hügel bezeugten dem geübten Auge unwidersprechlich, daß hier ein zerstörtes Jagdgehäge oder ein Park sey, der ursprünglich einen nicht unbedeutenden Umfang mußte gehabt haben. Zu einer Seite des Hauses flacht sich der Grund gegen den Fluß hin ab und wird von einer Terrasse, welche die Hauptschönheit solcher Anlagen ausmacht, durch jene Art von Gehäge getrennt, der man den sinnreichen und treffenden Namen: Ha! Ha! gegeben hat. Wenige zerstreute Bäume von riesenhaftem Wuchs sind die einzigen Hindernisse, welche die Aussicht auf den Fluß unterbrechen, der uns oft eben an dieser Stelle mit ungewöhnlicher Ruhe und Heiterkeit hinzugleiten schien. Auf der andern Seite des Wassers ist eine Reihe Hügel, durch keine romantische Eigenschaft berühmt außer etwa dadurch, daß sie den Herden, die ihr kurzes und anscheinend ärmliches Gras abweiden, einen Wohlgeschmack zu geben geeignet sind, der den Liebhabern jenes hirtlichen Thieres ganz besonders angenehm ist, das nach seinem Tode, den Namen Mouton annimmt. Auf diesen Hügeln ist keine Spur menschlicher Ansiedlung sichtbar; und zu Zeiten, wenn kein Kahn die süße Einsamkeit des Flusses stört und der Abend gleichsam den Lärmen der Arbeit und des Lebens gestillt hat, kennen wir wenige so ganz friedliche, so ganz in Ruhe getauchte Ansichten, wie diejenige, welche das altmodisch abgezirkelte Haus und seine alterthümlichen Gartenanlagen, der milde Rasenplatz – der schweigsame und (um wahrhaft, obgleich einigermaßen unehrerbietig zu sprechen), etwas träge Fluß, sammt den ausgedehnten Hügeln, (an welche sich bekanntlich aus einfachen aber tiefen Gründen der Gedanke der Ruhe und selbst der Unbeweglichkeit so ganz besonders gerne anknüpft,) und die weißen Herden, diese friedlichsten Geschöpfe Gottes, die in weißen, wolligen Gruppen die Höhen zieren, dem Auge darbieten. In Warlock-Haus lebte zu der Zeit, von welcher hier die Rede ist, ein Herr mit Namen Brandon. Er war Wittwer und hatte sein fünfzigstes Jahr erreicht, ohne daß ihm der Blick auf die Vergangenheit viel Kummer, oder der Gedanke an die Zukunft viel bange gemacht hätte. Mit Einem Wort, Josef Brandon war einer der sorglosen, ruhigen, gleichgültigen Menschen, bei welchen es ohne die dringendste Noth nie zum Nachdenken über irgend einen Gegenstand kommt. Er war gutmüthig, friedlich und schwach; und wenn er kein unvergleichlicher Bürger war, so war er doch wenigstens als vegetirendes Wesen musterhaft. Er war von einer sehr alten und früher sehr berühmten Familie. Seit den letzten vier oder fünf Menschenaltern jedoch hatten die Eigenthümer von Warlock-Haus allmälig zugleich an ihren Hufen Landes und an ihrem Glanz eingebüßt und hatten ihrem Ankömmling keinen höhern Rang, als den eines kleinen Squiren vom Lande hinterlassen. Einer war ein Jakobite gewesen und hatte ein halb Dutzend Pachthöfe zu Ehren Charley's über dem Wasser vertrunken; Charley über dem Wasser war keine sehr gefährliche Person, aber Charley über dem Weine war verderblicher; – der nächste Brandon war ein Fuchsjäger gewesen, und Fuchsjäger leben so stattlich wie patriotische Politiker; Pausanias erzählt uns, dieselben Leute, die wegen ihrer Liebe zum Wein am bekanntesten waren, seyen auch wegen der Vernachläßigung ihrer Angelegenheiten berüchtigt gewesen. Die Zeiten haben sich, seit Pausanias schrieb, nicht sehr verändert und die Bemerkung gilt so gut von den Engländern als sie von den Figaleern galt. Nach diesem Brandon kam Einer, der, obgleich er den Waidmann nicht verachtete, doch mehr den feinen Gentleman spielte. Er heirathete eine Erbin, die ihm natürlich darin beistand, ihn zu ruiniren; da er bei einem so angenehmen Geschäft keinen Beistand verlangte, warf er sie (vielleicht nicht absichtlich,) in einer neuen Art von Fuhrwerk um das er fahren lernte, und die gute Dame blieb todt auf dem Platze. Sie hinterließ dem feinen Gentleman zwei Söhne, Josef Brandon, den dermaligen Herrn und einen um einige Jahre jüngern Bruder. Der ältere wurde, da er eben das passende Alter hatte, in die Schule geschickt und entging so einigermaßen der Ansteckung des väterlichen Hauses. Aber der jüngere Brandon, der zur Zeit da seine Mutter starb erst das fünfte Jahr erreicht hatte, wurde zu Hause behalten. Ob er schön, oder gescheut, oder unverschämt war, oder seinem Vater aus den Augen geschnitten, (das größte Verdienst!) wissen wir nicht; aber der Wittwer war so vernarrt in ihn, daß er ihn erst spät und mit großem Widerstreben endlich der Aufsicht einer Schule anvertraute. Unter Schelmen, Spielern, vornehmen Herren, Gaunern und Gentlemen von der Leibwache, sammt ihren häufigen Gesellschaftern: Wächtern der Gentlemen – d. h. Baillifs, verlebte William Brandon die erste Periode seines Knabenalters. Er war ungefähr dreizehn Jahre alt, als man ihn zur Schule schickte und als ein Knabe von auffallenden Talenten brachte er die versäumte Zeit so gut herein, daß er, als er im neunzehnten Jahr die Universität bezog, hier kaum einen Cursus mitgemacht hatte, als er schon hier zwei der höchsten, für akademische Leistungen ausgesetzten Preise davon trug. Von der Universität ging er auf die große Tour , die damals für unerläßlich zur vollkommnen Bildung eines Gentleman galt; er reiste mit einem jungen Edelmann, dessen Freundschaft er auf der Universität gewonnen, blieb mehr als zwei Jahre im Ausland und ließ sich nach seiner Rückkehr als Rechtsanwalt nieder. Mittlerweile starb sein Vater und da sein Antheil am Vermögen als eines jüngern Sohnes im buchstäblichen Sinne beinah in Nichts bestand und das Familiengut furchtbar belastet war, (denn seinem Bruder fehlte es nicht an gutem Willen, ihn zu unterstützen,) hatte er, wie man glaubte, einige Jahre mit einer sehr schwierigen und dürftigen Lage zu kämpfen. Er war jedoch während dieses Abschnitts seines Lebens von London abwesend, und wie sein Bruder glaubte, auf das Festland zurückgekehrt; zuletzt scheint es, benutzte er die Erneuerung seiner Freundschaft mit dem jungen Edelmann, der sein Begleiter im Ausland gewesen, erschien wieder in der Hauptstadt und erlangte durch seinen vornehmen Freund eine oder zwei Stellen mit ansehnlichen Einkünften; bald nachher bekam er eine Rechtssache an einem Fall, wo ein Major für seinen Mit-Offizier Mannschaft angeworben hatte, und zwar mehr zur Zufriedenheit der Gattin des Mit-Offiziers als des Offiziers selbst. Hier fand Brandons Geschicklichkeit zum erstenmal seit er seine Kunst ausübte, ein angemessenes Feld; sein Ruf schien auf Einmal gemacht, er machte reißende Fortschritte in seiner Praxis und zu der Zeit wovon wir sprechen, segelte er mit dem vollen Strome des Ruhms und Reichthums, war der Gegenstand des Neids und das Orakel aller jungen Studenten des Rechts und der Anwälte, die vor zehn Jahren selbst dem Hungertod nahe, jetzt auf die Möglichkeit zu spekuliren begannen, ihre Clienten am Hungertuch nagen zu machen. Gleich zu Anfang seiner Laufbahn hatte er durch die Verwendung des obgemeldeten Edelmanns einen Sitz im Hause der Gemeinen erlangt und obgleich seine Beredsamkeit von einer Art war, wie sie mehr für die Gerichtsschranken, als für den Senat paßt: hatte er sich doch auch in letzterer Hinsicht einen bedeutenden Namen gemacht; und von vielen wurde ihm das glänzende Glück des gewandten Mansfield profezeiht – eines großen Mannes, dessen politische Grundsätze und abgeschliffene Artigkeit sich Brandon vorzugsweise in seinem Streben zum Muster soll gewählt haben. Ein Mann von fleckenloser Unbescholtenheit im öffentlichen Leben – denn da er alles Mögliche was einmal da war, mit unbiegsamer Schärfe vertheidigte, konnte man ihn keines Mangels an Folgerichtigkeit anklagen – war William Brandon auch, wie schon an einem andern Orte von schlimmem Andenken für unsern Helden erwähnt wurde, in seinem Privatleben, als der ehrenhafteste, sittlichste und selbst strengste Mann geschätzt, und der Ruf seiner ernsten Herbigkeit in dieser Hinsicht, verbunden mit dem blendenden Schimmer seiner Beredsamkeit und seiner gewaltigen Kraft bei den Gerichtsverhandlungen hatten in hohem Grade den Groll partheisüchtiger Feindseligkeit entkräftet und die öffentliche Meinung wies ihm wegen seiner Tugenden beinahe eine eben so hohe und beneidenswerthe Stelle an, als wegen seiner Geschicklichkeit. Während so William eine ruhm- und ehrenvolle Laufbahn einschlug, hatte sein älterer Bruder, der in die Familie eines Geistlichen geheirathet, bald aber seine Gattin verloren hatte, mit seinem einzigen Kind, eine Tochter, Lucie genannt, das Haus seiner Väter in ungestörter Zurückgezogenheit bewohnt. Der unwürdige Charakter und Lebensweise der frühern Herrn von Warlock, wodurch ihr Ansehen in der Grafschaft eben so heruntergebracht, als ihre Habe geschmälert worden war, hatten den umherwohnenden Adel wenig begierig nach vertrauterer Bekanntschaft mit dem jetzigen Besitzer gemacht, und die schwerfällige Gemüthsart und das verschlossene Benehmen Josef Brandons waren nicht geeignet, die Fehler seiner Vorfahren wieder auszugleichen, oder den Namen Brandon in seine frühere Beliebtheit und Achtung wieder einzusetzen. Obwohl stumpfsinnig und ungebildet, war der Squire doch nicht ohne seinen eignen Stolz; er suchte sich nicht aufzudrängen, wo er unwillkommen war, vermied Zusammenkünfte und Bälle in der Grafschaft, schmauchte seine Pfeife mit dem Pfarrer, nicht selten auch mit dem Chirurgen und dem Sachwalter, und ließ seine Tochter Lucie mit Hülfe der Frau des Pfarrers sich selbst erziehen, und, wobei sie von der Natur mehr, als der Kunst begünstigt wurde, zum hübschesten Mädchen heran reifen, dessen die ganze Grafschaft, gerne sagten wir das ganze Land, sich damals rühmen konnte. Nie warf der Spiegel ein lieblicheres Bild zurück, als das von Lucie Brandon in ihrem neunzehnten Jahre. Ihr kastanienbraunes Haar fiel im üppigsten Reichthum über eine immer faltenlose Stirne und eine Wange wo das Blut nie schlief; mit jedem Augenblicke wechselte die Farbe und mit jedem Wechsel schien diese sanfte, reine, jungfräuliche Wange holdseliger als zuvor. Sie hatte die anmuthigste Art zu lachen, die sich ein Liebhaber der Musik nur denken mag; silberhell, nicht laut, und doch so freudig! alle ihre Bewegungen schienen, wie der alte Pfarrer sagte, mit ihrem Lachen Takt zu halten; denn Fröhlichkeit war ein Hauptzug ihres schuldlosen kindlichen Gemüths; und doch war ihre Fröhlichkeit weiblich, nie ausgelassen und glich nie der der jungen Damen, welche in den Highgate-Bildungsanstalten die letzte Vollendung erhalten haben. Alles Fröhliche sprach sie an, und Alles auf Einmal – Gesang, Blumen, Sonnenschein, Schmetterlinge. Unähnlich den gewöhnlichen Heldinnen, schrie sie sehr selten auf und sah nichts Reizendes daran, Grillen zu haben. Aber nie sah sie so schön aus, wie im Schlafe! und wenn der leichte Athem aus den gespaltenen Lippen wehte und die elfenbeinernen Lieder sich über den Augen zuschlossen, die nur im Schlummer schwiegen, und ihre ganze Gestalt im Schlafe die unaussprechliche Anmuth annahm, die nur der Kindheit oder der ersten frischen Jugend eignet, in welche die Kindheit verschmilzt, dann war sie, wie man sich etwa ein schlummerndes Gretchen vorstellen mag, ehe dieses einfachste edelste Dichtergebild von Weiblichkeit den Faust gesehen hatte und ein Traum von Liebe ihren Schlummer störte. Von Luciens geistiger Ausbildung können wir nicht viel sagen; sie konnte, Dank des Pfarrers Frau, leidlich gut lesen und schrieb eine erträgliche Hand, sie machte eingemachte Früchte und bisweilen Räthsel; – es war schwerer die Trefflichkeit jener in Frage zu stellen, als die Aufgaben der letztern zu beantworten. Sie arbeitete zur Verwunderung Aller derer, die sie kannten und wir bitten um Erlaubnis sagen zu dürfen, daß wir das für eine gar schöne Sache bei den Frauen halten. Sie machte sich selbst Hauben, und Röcke für die Armen und dann und wann widmete sie sich dem mehr schöngeistigen Geschäft der Lektüre einer verirrten Novelle, die in das Herrenhaus den Weg gefunden, oder eines Abschnitts der alten Geschichte, wo Alles außer den Namen fehlen mochte. Zu diesen Geschicklichkeiten fügte sie noch eine mäßige Fertigkeit auf dem Spinett und die Kunst alte Lieder mit der reichsten und süßesten Stimme zu singen, die je Augen feucht gemacht, oder ein Herz in unruhige Bewegung gesetzt hat. Die Eigenschaften ihres Gemüths waren vollständiger entwickelt, als die ihres Geistes. Sie war das gütigste menschliche Wesen; selbst der Hund, der sie nie zuvor gesehen hatte, erkannte diese Wahrheit auf den ersten Blick und säumte nicht, ihre Bekanntschaft zu machen. Ihre Herzensgüte thronte wie Sonnenschein auf ihrem Angesicht und die alte Frau im Wachthäuschen sagte poetisch und wahr von dem Eindruck den es machte: es werde Einem warm, wenn man sie ansehe. Könnten wir die Schilderung eines gewissen fröstelnden Tons entkleiden, so möchten folgende treffliche Verse eines vergessenen Dichters die Reinheit und den Glanz ihrer Miene am besten ausdrücken: Ihr Antlitz war der Milchstraß' gleich am Himmel, Ein Meer von holden namenlosen Lichtern. Umgeben war sie von Lieblingen aller Art, schönen und häßlichen; von Ralf dem Raben bis zu Schönvogel dem Fasanen, und von Rob dem Schäferhund bis zu Beau, dem Windhund mit blauen Bändern um den Hals, liebten sie alle Wesen und sie liebte auch alle. Es schien damals zweifelhaft, ob sie je hinlängliche Gesetztheit und Stärke des Charakters bekommen werde. Ihre Schönheit und ihr Charakter erschienen gleicherweise so wesentlich durch ihr Geschlecht bedingt, so sanft und doch lebhaft, so schwebend und doch zutraulich, daß man kaum in sie jenes moralische Vertrauen setzen konnte, wie in einen minder lieblichen, aber weniger weiblich nachgiebigen Charakter. Der Zeit jedoch und den Umständen, die oft ein Gemüth verändern und stählen, blieb die Entscheidung vorbehalten, ob ihr inneres Wesen nicht noch geheime bisher unentdeckte Eigenschaften besaß. So schön war Lucie im Jahre – –, und in diesem Jahre an einem reizenden Herbstabend führen wir sie zum erstenmal in Person unsern Lesern vor. Sie saß auf einer Gartenbank am Flusse mit ihrem Vater, der nachdenklich die Abendzeitung von einer frühern Woche studirte und die alten Neuigkeiten ernsthaft mit den Eingebungen des Krautes würzte, das so bitter die königliche Entrüstung unsers britischen Salomo erregte. Zum Unglück für uns besaß der Squire Brandon so wenig unterscheidende Eigenthümlichkeiten in seinem geistigen Wesen, – denn Sonderbarkeiten im Aeußern vertragen sich kaum nur mit der Würde, welche die Comödie, sey's in dramatischer oder erzählender Form, anstrebt – daß er seinem Abzeichner wenig darbietet, um ihn kenntlich zu machen, außer einer verworrenen und verschrobenen Redeweise, vermöge welcher er oft Solchen, welchen nicht lange Erfahrung oder genaue Aufmerksamkeit zu Statten kam, gerade das und dazu noch auf eine spaßhafte Art zu sagen schien was er nicht zu behaupten beabsichtigte. »Ich sage, Lucie,« bemerkte Herr Brandon, doch ohne das Auge von dem Zeitungsblatt zu erheben, »ich sage, das Korn ist gefallen. – Denk daran, Mädchen, denk daran. Diese Zeiten, nach meiner Meinung (ja und nach der Meinung klügerer Köpfe als ich bin, obwohl ich damit nicht sagen will, daß ich in diesen Sachen nicht einige Erfahrung habe, was mehr ist, als von allen unsern Nachbarn sich sagen läßt), sind sehr sonderbar, und selbst gefährlich.« »In der That, Papa!« antwortete Lucie. »Und ich sage, Lucie, Kind!« hob der Squire nach einer kleinen Pause wieder an: »Es ist auch (und um so auffallender, wenn man die starkbevölkerten Umgebungen bedenkt – Gott schütze mich, was sind das für Zeiten!) ein gräßlicher Mord begangen worden (der Tabackstopfer! da ist er!) denk, du weißt, Mädchen, gerade bei Epping! ein alter Gentleman!« »Gott! wie schrecklich! von Wem?« »Ja, das ist die Frage! der Coroner hat (welch' eine Wohlthat ist es in einem civilisirten Lande zu leben, wo ein Mensch nicht stirbt, ohne zu wissen warum und wozu) den Leichnam besichtigt und erklärt, (es ist sehr sonderbar, aber sie scheinen nicht viel Entdeckungen gemacht zu haben; denn so viel war uns zuvor schon bekannt) daß der Todte (man fand ihn auf der Flur, Lucie) ermordet gefunden worden sey; der oder die Mörder (in dem Schreibpult das man aufbrach, fand man das Geld ganz unberührt) sind unbekannt!« Hier entstand wieder eine kleine Pause und auf eine andere Seite der Zeitung übergehend, begann Herr Brandon in lebhafterem Tone: »Ha! gut, das ist hübsch! aber er ist ein verhenkert gescheuter Bursche, Lucie! dieser mein Bruder hat (und auf sehr ehrenvolle Weise dazu, die auf die Familie, dessen bin ich gewiß, das glänzendste Licht wirft, obgleich er neuerlich sich wenig um mich bekümmert hat, ein Umstand über den ich, in Betracht daß ich der ältere Bruder bin, etwas ungehalten bin) sich durch eine Rede hervorgethan, die, wie das Blatt sagt, durch die große Gesetz-Kenntniß (beiläufig, ich bin begierig ob mir William das Pferch-Geld herausschlagen konnte! es ist ärgerlich so etwas zu verlieren; aber den Rechtsweg betreten, das heißt, wie mein seliger Vater zu sagen pflegte, nach Grundeln [kein übler kleiner Fisch! wir könnten auch einmal zum Nachtessen haben] mit Guineen angeln,) so wie durch glänzende und hinreißende (ich liebe William, weil er die Familienehre aufrecht erhält; ich bin überzeugt, er thut es mehr als ich, leider! gethan habe) Beredsamkeit.« »Und worüber hat er denn gesprochen, Papa?« »O über einen wichtigen Gegenstand; was man eine (es ist erstaunlich, daß man in diesem Lande so darauf aus ist, den Charakter der Leute anzutasten, was mir für meinen Theil nicht um einen Deut unterhaltender wäre, als deine fortwährende Beschäftigung da, wenn Du mit den einfältigen Vögeln spielst) Schmähschrift nennt.« »Aber kommt mein Oheim nicht hieher uns zu besuchen? Er versprach es uns und es machte Sie, Papa, zwei Tage lang ganz glücklich. Ich hoffe, er wird Sie nicht täuschen, und ich bin gewiß es ist nicht seine Schuld, wenn er einmal Sie zu vernachlässigen scheint. Er redete mit mir, als ich ihn sah, von Ihnen aufs Freundlichste und Zärtlichste. Ich, denke, mein theurer Vater, er liebt Sie sehr!« »Je nun,« sagte der Squire, offenbar geschmeichelt, aber doch nicht überzeugt. »Mein Bruder Will ist ein gar feiner Bursch und ich habe, mein liebes kleines Mädchen, keinen Anstand, als daß, (wenn Du die Welt so kennen gelernt hast wie ich, wirst Du auch argwöhnisch werden!) er dachte, ein gutes Wort über mich, meiner Tochter gesagt, würde (Du siehst, Lucie, ich bin so scharfsichtig wie meine Nachbarn, obgleich ich mir nicht ihre wichtige Miene gebe; was ich ganz wohl thun könnte, in Betracht, daß mein Groß-Groß-Ur-Elter-Vater Hugo Brandon bei der Entdeckung der Pulververschwörung mitwirkte,) mir wieder zu Ohren kommen.« »Ja, aber ich bin ganz gewiß, daß mein Oheim nie in dieser Absicht mir von Ihnen sprach.« »Möglich, mein liebes Kind; aber wann (die Abende werden jetzt viel kürzer als sie waren,) sprachst Du mit deinem Oheim von mir?« »O, als ich mit Mrs. Warner in London war, sicherlich sind es 6 Jahre her, aber ich erinnere mich dessen genau. Ich erinnere mich namentlich, daß er von Ihnen sehr rühmlich mit Lord Mauleverer sprach, der an einem Abend, als ich dort war, bei ihm speiste und wo mein Oheim so gütig war, mich ins Theater zu führen. Es that mir nachher sehr leid, daß er so gut gewesen, denn er verlor, (Sie erinnern sich wohl, daß ich Ihnen die Geschichte erzählte,) eine sehr kostbare Uhr.« »Ja, ja, ich erinnere mich Alles dessen wohl, und so (wie lange währt doch die Freundschaft mit gewissen Leuten!) speiste also Lord Mauleverer damals mit William! welch eine schöne Sache ist es für einen Mann, (es ist aber etwas das ich in meinem Leben nicht that, fürwahr! ich bin gerne was man nennt: der Hahn auf dem Miste – laß mich sehen, jetzt besinn' ich mich, Pillum kommt heute Abend zu einem Brettspiel,) mit einem großen Mann schon frühe (aber bei Will war es nicht so gar frühe, der arme Bursche! er hatte zuerst mit vielen Sorgen und Mühseligkeiten zu kämpfen Freundschaft zu schließen. Es ist jetzt viele Jahre, daß Will Ein Herz und eine Seele mit dem (er hat etwas Zieräffiges an sich) Lord Mauleverer ist; was denkst Du von seiner Lordschaft?« »Von Lord Mauleverer? Wahrhaftig ich betrachtete ihn kaum, aber er schien mir ein hübscher Mann und war sehr artig. Mrs. Warner sagte, er sey als jung ein sehr schlimmer Mensch gewesen, aber jetzt scheint er ziemlich gutmüthig, Papa!« »Beiläufig,« sagte der Squire, »seine Lordschaft ist so eben (dieß neue Ministerium scheint dem alten sehr unähnlich zu seyn, was mich in einige Verlegenheit bringt; denn ich halte es für meine Schuldigkeit, siehst Du, Lucie, immer für die Regierung seiner Majestät zu stimmen; besonders wenn ich bedenke, daß Hugo Brandon bei Entdeckung der Pulververschwörung mitwirkte, und es ist wenigstens ein Bischen widerwärtig, wenn man das jetzt für gut halten soll, was man vorher immer für abscheulich hielt,) zum Lordstatthalter der Grafschaft ernannt worden.« »Lord Mauleverer unser Lordstatthalter?« »Ja, Kind, und da seine Lordschaft ein so großer Freund von meinem Bruder ist, sollte ich meinen, in Betracht besonders, welch eine alte Familie in der Grafschaft wir sind, – nicht daß ich wünschte mich einzudrängen, wo ich nicht für eben so vornehm gelte als die Andern, er werde gegen uns aufmerksamer seyn, als Lord – – es war; aber das, meine liebe Lucie, erinnert mich an Pillum, und so gingst Du vielleicht gerne zu dem Pfarrer, da es ein hübscher Abend ist. John soll Dich dann um 9 Uhr abholen mit (der Mond ist da noch nicht aufgegangen) der Laterne.« Auf seiner Tochter gefälligen Arm gestützt, erhob sich der gute alte Mann und wandelte heim; und Lucie, so bald sie seinen Armsessel herbeigerollt, das Brettspiel auf den Tisch gestellt, und dem alten Herrn einen leichten Sieg über seinen erwarteten Gegner, den Apotheker, gewünscht hatte, band sie ihre Haube fest und begab sich in das Pfarrhaus. Als sie in der geistlichen Wohnung ankam und in das Gesellschaftzimmer trat, war sie überrascht, die Frau des Pfarrers, eine gute, einfache, schläfrige, alte Dame, dem Anschein nach in großer Aufregung auf sich losstürzen zu sehen, indem sie rief: »O meine liebe Miß Brandon! welchen Weg kommen Sie? Ist Ihnen auf der Straße Niemand begegnet! O ich bin so erschreckt, dieser Zufall, dem armen lieben Doktor Slopperton begegnet! Auf der königlichen Landstraße angehalten, das Zehntgeld ihm geraubt, das er eben vom Pachter Slowforth empfangen hatte; wäre nicht dieser theure Engel, der gute junge Mann gewesen: Gott allein weiß, ob ich jetzt nicht schon eine trostlose Wittwe wäre.« »Während die erschütterte Matrone so sich ausschüttete, entdeckte Luciens durch das Zimmer schweifendes Auge in einem Armsessel die runde und ölichte kleine Person des Doktor Slopperton, mit einem Antlitz, auf welchem alle Lebensfarbe, ausgenommen einen ringförmigen Abschnitt um die Nase, welche gleich der letzten Rose des Sommers in ihrer Blüthe unversehrt geblieben war, zur jämmerlichsten Blässe verblichen war; der kleine Mann versuchte ein Lächeln heraufzubeschwören, während seine Frau sein Mißgeschick erzählte und einige gleichgültige Worte herzustammeln; aber mit all seiner erkünstelten Mannhaftigkeit sah er so verstört aus, daß Lucie wider ihren Willen in ein unzeitiges Gelächter ausgebrochen wäre, hätte nicht ihr Auge auf die Gestalt eines jungen Mannes sich geheftet, der neben dem hochwürdigen Herrn gesessen hatte, der aber bei Luciens Eintritt aufgestanden war, und sie aufmerksam, aber mit sehr ehrfurchtsvoller Miene betrachtete. Tief und unwillkührlich erröthend wandte sie das Auge hastig weg, näherte sich dem guten Doktor und erkundigte sich nach dem gegenwärtigen Zustand seiner Nerven in einem ernsteren Tone, als sie noch vor einer Minute sich zugetraut hätte, in ihrer Gewalt zu haben. »Ach mein gutes junges Fräulein!« sagte der Doktor, indem er ihr die Hand drückte: »Ich, ja ich darf sagen, die Kirche, denn bin ich nicht ihr Diener? schwebte in großer Gefahr; aber dieser treffliche Herr verhütete den Frevel am Heiligen, wenigstens großentheils. Ich verlor nur einiges von meinen Einkünften – meinen rechtmäßigen Einkünften – wofür ich mich mit dem Gedanken tröste, daß der ruchlose und verworfene Bösewicht später dafür büßen wird.« »Darüber kann nicht der mindeste Zweifel statt finden,« sagte der junge Mann; »hätte er nur den Postwagen geplündert, oder wäre er in das Haus eines Gentleman eingebrochen, so könnte das Verbrechen noch gesühnt werden; aber einen Geistlichen, einen Rektor noch dazu, ausplündern! O der tempelräuberische Hund!« »Eure Wärme ehrt Euch, Sir,« sagte der Doktor, der sich jetzt zu erholen anfing, »und ich bin sehr stolz darauf, die Bekanntschaft eines Gentleman von so religiösen Gesinnungen gemacht zu haben.« »Ach!« rief der Fremde, »meine Schwäche, Sir, wenn ich so sagen darf ist eine Art von enthusiastischem Eifer für die protestantische Kirchen-Einrichtung. Ja, Sir, ich gehe nie durch das Schiff einer Kirche, ohne eine unbeschreibliche Rührung zu empfinden, eine Art von Sympathie gleich mit – mit – Ihr versteht mich, Sir, ich fürchte mich unrecht auszudrücken.« »Durchaus nicht, durchaus nicht!« rief der Doktor. »Solche Gesinnungen sind selten bei solcher Jugend.« »Sir, ich lernte sie schon frühe bei meinem Freund und Lehrer, Herr Mac Grawler, und ich hoffe bis zu meinem Todestag dabei zu beharren.« Hier trat des Doktors Diener ein und brachte den Thee-Apparat und Mrs. Slopperton, die jetzt die Oberaufsicht über denselben übernahm, erkundigte sich mit mehr Fassung, als ihr Benehmen bisher gezeigt hatte, welchem Geschöpfe denn der Spitzbube gleichgesehen habe? »Ich will Dir's erzählen, meine Liebe, ich will es Ihnen erzählen Miß Lucie, den ganzen Hergang. Ich ging von Herr Slowforth, mit dem Geld von ihm in der Tasche, nach Hause, und dachte daran, Dir, meine Liebe, das Topas-Kreuz zu kaufen, das Du dir wünschest.« »Lieber, guter Mann!« rief Mrs. Slopperton, »welch ein böser Feind muß es gewesen seyn, der ein so treffliches Wesen plünderte!« »Und,« fuhr der Doktor fort, »es fiel mir auch ein, daß der Madera auf die Neige geht – den Madera mit dem rothen Siegel mein ich, und ich dachte es würde kein Fehler seyn, einen Theil des Gelds zum Ankauf von frischen sechs Dutzenden zu verwenden; und den Rest, meine Liebe, ungefähr ein Pfund und achtzehn Schillinge könnte ich, so dacht' ich, vertheilen – denn wer den Armen giebt, leiht dem Herrn, – unter die dreißig armen Familien der Gemeinde, das heißt, wenn sie sich gut hielten, und die Aepfel im Hintergarten nicht frevelhaft gestohlen würden.« »Vortrefflicher, menschenfreundlicher Mann!« unterbrach ihn Mrs. Slopperton. »Während ich so nachdachte, hub ich meine Augen auf und sah zwei Männer vor mir – der eine von erstaunlicher Größe mit einem großen Haarreichthum um die Schultern; der andere war kleiner und trug den Hut ins Gesicht gedrückt; es war ein sehr großer Hut. Meine Aufmerksamkeit wurde durch das Haar des großen Mannes gefesselt und während ich über dessen Fülle lächelte, hörte ich ihn zu seinem Begleiter sagen: »Nun Augustus, da Ihr so ein moralischer Hund seyd – er ist in Eurem Strich, nicht in meinem, und so überlasse ich ihn Euch!« Ich ließ mir nicht träumen, daß diese Worte mich angehen könnten. Sobald sie ausgesprochen waren, sprang der große Spitzbube über einen Zaun und verschwand; der andere Kerl ging auf mich zu, fragte mich sehr sanft um den Weg zur Kirche, und als ich ihm auseinander setzte, er müsse sich zuerst rechts und dann links schlagen und so fort, denn der beste Weg hat, wie Ihr wißt, außerordentlich viele Krümmungen, faßte mich der heuchlerische Schurke beim Kragen und rief: Euer Geld oder euer Leben! Ich versichere Euch, in meinem Leben zitterte ich nicht so, und das, meine liebe Miß Lucie, nicht sowohl um meinetwillen, als wegen der dreißig armen Familien in der Gemeinde, deren Noth ich zu erleichtern im Sinn gehabt hatte. Ich lieferte, da ich fand, daß Bitten und Einwendungen umsonst waren, mein Geld aus, und dann sagte der Hund, indem er einen mächtigen Knittel über meinem Haupte schwang; – Welch eine abscheuliche Sprache! – »ich denke, Doktor! ich will einem Daseyn ein Ende machen, das Euch selbst nachtheilig und Andern nutzlos ist.« In diesem Augenblick sprang der junge Herr neben mir über denselben Zaun, über welchen der Schelm verschwunden war, und schrie: Halt Schurke! Beim Anblick meines Erlösers stutzte die Memme und eilte in ein nahes Gehölz. Der gute, junge Gentleman verfolgte ihn einige Minuten; aber dann kehrte er, um mich zu unterstützen, um, und führte mich nach Hause. Und wie wir in der Schule zu sagen pflegten: Te rediisse incolumem gaudeo; was verdollmetscht so viel heißt – (Sir, verzeihen Sie ein Wortspiel, ich bin versichert, ein so warmer Freund der Kirche versteht Latein,) daß ich sehr froh bin, mit heiler Haut zu meinem Thee zurück zu kehren. He, He! Und nun, Miß Lucie, müssen Sie dem jungen Herrn danken, das er Ihrem geistlichen Lehrer das Leben gerettet, eine That, deren sicherlich am großen Gerichtstag gedacht werden wird! Als Lucie gegen den Fremden gewendet, ihm irgend eine Artigkeit sagte, bemerkte sie ein flüchtiges und gleichsam verdecktes Lächeln in seinem Angesicht, welches unverzüglich, wie durch Sympathie, ein solches auch bei ihr hervorrief. Der Held des Abenteuers jedoch erwiederte ihr Compliment in sehr ernstem Tone und unter einer tiefen Verbeugung: »Sprechen Sie nicht davon, Fräulein. Ich wäre des Namen eines Britten und eines Mannes nicht werth, wenn ich über die Straße gehen könnte, ohne einem Mitgeschöpf in seiner Noth beizuspringen oder seine Bürde zu erleichtern. Und,« fuhr der Fremde nach einer augenblicklichen Pause fort, unter dem Sprechen erröthend, und schloß mit der schwülstigen, damals üblichen Galanterie: »mich dünkt, es wäre eine hinreichende Belohnung, hätte ich die Kirche selbst, statt eines der kostbarsten Glieder gerettet, den Dank von einer Dame zu empfangen, die ich mit Recht für eines der himmlischen Wesen ansehen könnte, deren Obhut, wie ein frommer Glaube uns lehrt, die Kirche ausdrücklich übergeben ist.« Mochte auch dieses übertriebene Compliment, zumal in seiner Verbindung mit Doktor Sloppertons Rettung, in der That lächerlich seyn in dem Munde eines Mannes, den Lucie für den schönsten hielt, der ihr je vor Augen gekommen, dünkte es sie nichts weniger als abgeschmackt, und noch lange nachher bebte ihr Herz vor Freude, wenn sie sich erinnerte, daß die Wange des Redenden unter seinem Sprechen geglüht und seine Stimme gezittert habe. Das Gespräch lenkte sich jetzt von Räubern im Besondern ab und blieb bei Räubereien überhaupt stehen. Es war erbaulich, die tugendhafte Entrüstung zu sehen, womit der Fremde von den zügellosen Freibeutern redete, von welchen das Land, in den Zeiten der Makheath's, beunruhigt wurde. »Ein Pack schändlicher Spitzbuben!« sagte er zornglühend, »welche ihre Unthaten durch das Beispiel ehrlicher Leute zu rechtfertigen suchen, und die behaupten: sie thuen nicht mehr als Anwälte und Aerzte, Soldaten, Geistliche und Minister. Erbärmliche Täuschung, oder vielmehr: schamlose Heuchelei« »Das kommt Alles von der Erziehung der Armen,« sagte der Doktor. »Sobald sie sich heraus nehmen, die Handlungsweise von Leuten die mehr sind als sie, zu beurtheilen, ist es mit aller Ordnung aus. Sie sehen nichts Heiliges mehr an den Gesetzen, obgleich wir die Hunde rasch weg aufknüpfen; und selbst die Peers des Landes, geistliche und weltliche, hören auf, ihnen ehrwürdig zu erscheinen.« »Da von Peers die Rede ist,« sagte Mrs. Slopperton, »ich höre Lord Mauleverer soll heute Nacht diese Straße kommen auf dem Weg nach Mauleverer-Park. Kennen Sie seine Lordschaft, Miß Lucie? Er ist mit ihrem Oheim sehr vertraut.« »Ich habe ihn nur Einmal gesehen,« antwortete Lucie. »Sind Sie dessen gewiß, daß seine Lordschaft auf dieser Straße kommt?« fragte der Fremde nachläßig, »ich hörte diesen Morgen etwas davon, wußte aber nicht, daß es ausgemachte Sache sey.« »O ganz gewiß!« versetzte Mrs. Slopperton. »Der Kammerdiener seiner Lordschaft bestellte Postpferde für seine Lordschaft in Wyburn, ungefähr drei Meilen jenseits vom Dorfe, auf 10 Uhr Nachts. Seine Lordschaft ist gar ungeduldig bei Verzögerungen.« »Bitte,« sagte der Doktor, der dieser Wendung des Gesprächs wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatte, und jetzt mit gastlichen Sorgen beschäftigt war: »Bitte, Sir, wenn es nicht unbescheiden ist, sind Sie auf Besuch oder ansäßig in der Nachbarschaft, oder wollen Sie bei uns ein Bett annehmen?« »Sie sind ausnehmend gütig, mein lieber Herr, aber ich fürchte, ich muß ihnen bald guten Abend wünschen. Ich habe nach einem kleinen Gut zu sehen, das ich einige Meilen von hier besitze und das mich auch in diesen Theil der Welt geführt hat.« »Gut! – in welcher Richtung, Sir, wenn ich fragen darf?« sagte der Doktor, »ich kenne das Land auf Meilen weit.« »So kennen Sie es, in der That? Wo mein Gut sey, fragen Sie! »Nun, es ist ziemlich schwer zu beschreiben und ist überhaupt nur eine Kleinigkeit; es ist nur ein Stück Gemein-Land neben der Landstraße, und ich kam her um einen Besuch zu wagen, es einzuzäunen und trocken zu legen!« »Ein guter Plan, wenn man Capital hat und nicht eine rasche Ernte verlangt.« »Ja! aber man hat doch gern gute Zinsen, wenn man so viel aufs Spiel seht und eine rasche Ernte ist immer wünschenswerth, obgleich es freilich oft mit Gefahr verbunden ist.« »Ich hoffe, Sir,« sagte der Doktor, »da sie uns so bald verlassen müssen, Ihr Gut wird Sie oft in unsre Nachbarschaft bringen.« »Sie überwältigen mich mit so viel unerwarteter Güte,« antwortete der Fremde. »Aufrichtig gesprochen: nichts kann mir größeres Vergnügen machen, als mit denjenigen wieder zusammenzukommen, die mir einmal eine Verpflichtung auferlegt haben!« »Vielmehr, welchen Sie Verpflichtungen auferlegt haben,« rief Mrs. Slopperton und setzte, Lucien laut ins Ohr flüsternd, hinzu: »Wie bescheiden! Aber so ist es immer beim wahren Muth!« »Ich versichere Sie, Madame,« erwiederte der wohlwollende Fremde, »daß ich nie zweimal an die kleinen Gefälligkeiten denke, die ich meinen Mitgeschöpfen erweise; meine Hoffnung ist nur, Sie werden eben so leicht vergessen, wie ich.« Bezaubert von einer so unerkünstelten, natürlichen Gutmüthigkeit stimmten jetzt der Doktor und Mrs. Slopperton eine Art von Duett zum Preise ihres Gastes an; nachdem er ihre Lobsprüche und Complimente einige Minuten lang mit ablehnenden und schüchternen Geberden ertragen hatte, schien endlich dem Fremden in seiner Bescheidenheit dieses Uebermaß von Dankbarkeit peinlich zu werden; er wies also auf die Uhr, welche bald 9 Uhr anzeigte und faßte: »Ich denke, mein geehrter Wirth und meine bewunderte Wirthin, ich muß Sie jetzt verlassen. Ich habe weit zu gehen.« »Aber fürchten Sie sich nicht vor den Landstraßen-Rittern?« rief Mrs. Slopperton ihn unterbrechend. »Den Landstraßen-Rittern?« sagte der Fremde lächelnd. »Nein! die fürchte ich nicht, und zudem hab' ich Wenig was des Raubens werth wäre.« »Bewirthschaften Sie Ihr Gut selbst?« sagte der Doktor, der seinen Landsitz verpachtete und abgeneigt, sich von einem so angenehmen Gast zu trennen, ihn beim Knopf festhielt. »Selbst bewirthschaften? nein nicht eigentlich. Es ist da ein Bailiff , dessen Ansichten nicht mit den meinigen zusammenstimmen, und der mir dann und wann viel Unlust macht.« »Warum geben Sie ihm dann nicht sogleich den Abschied?« »Ach, ich wollte es ließe sich thun! aber es ist ein notwendiges Uebel. Wir Landeigenthümer, mein lieber Herr, müssen immer von etwas der Art heimgesucht werden. Ich für meinen Theil habe gefunden, diese verdammten Bailiffs rafften gern all die kleinen Besitzthümer auf, die man sich zu sammeln gesucht hat. Aber,« und hier nahm sein Betragen auf Einmal eine große Sanftheit an, »dürfte ich wohl meine Dienste und meine Begleitung der jungen Dame anbieten? Wollte Sie mir erlauben, sie nach Haus zu begleiten und diesen Tag dadurch meinem Gedächtniß als einen der wonnevollsten, die ich erlebt, einprägen?« »Dank Ihnen, lieber Herr« sagte Mrs. Slopperton, indem sie für Lucie antwortete, »es ist sehr vorsorgend von Ihnen und wahrhaftig, meine Liebe, ich könnte nicht daran denken, Sie nach einem solchen Abenteuer, wie es dem guten alten Doktor begegnet, mit dem alten John allein heimgehen zu lassen.« Lucie fing eine Entschuldigung an, welche die gute Frau nicht hören wollte. Aber da der Diener, welchen Herr Brandon mit der Laterne schicken sollte um seine Tochter nach Haus zu begleiten, noch nicht eingetroffen war, und Mis. Slopperton, trotz ihres günstigen Vorurtheils für den Retter ihres Gemahls, doch nicht einen Augenblick daran dachte, daß er ohne eine weitere Begleitung ihrer jungen Freundin zu dieser unheimlichen Stunde über Feld Gesellschaft leisten könne: sah sich der Fremde genöthigt, für jetzt sich wieder zu setzen; ein offenes Klavier in der Ecke des Zimmers gab ihm Veranlassung zu einer Bemerkung über die Musik; dieß führte eine Lobrede auf Luciens Stimme von Seiten der Mrs. Slopperton herbei und das Ende derselben war nothwendigerweise eine Bitte an Miß Brandon den Fremden mit einem Gesang zu erfreuen. Nie hatte Lucie, die kein schüchternes Mädchen war, – sie war zu unschuldig um verschämt zu seyn, – bisher sich beklemmt gefühlt, wenn sie vor einem Fremden singen sollte; aber jetzt zauderte und bebte sie und durchlief eine ganze Reihe kleiner natürlicher Affektationen, ehe sie das Gesuch erfüllte. Sie wählte ein Lied das einigermaßen in der Weise der alten englischen Schule gedichtet war, die damals wieder in Aufnahme zu kommen begann. Das Lied, obgleich es eine Art witzigen Einfall enthielt, war doch vielleicht nicht ganz ohne Zartheit; es war ein Lieblinglied von Lucie, sie wußte selbst kaum, warum? und lautete also: Lucien's Lied. Was schlaft ihr Blumen mein. Wenn Abendlüfte wehen? Wenn die Sterne schlürfen die Seufzer ein Von Winden, lockend den Feen? Das Locken ist voll Weh; Es gleicht der Taube Stöhnen, Und der Flöte, wenn sie den stillen See Vom Kahn überschüttet mit Tönen. Was schlaft ihr Blumen mein, Wenn ihr uns wart so nöthig? Es ist der Himmel, voll Sehnsuchtspein, Euch wach zu küssen, erbötig. Der Thau, der Duft, das Licht Und alles Sanfte schmückt euch; Doch Alles befriedigt die Seele nicht. Weil der Schlummer, o Blumen! drückt euch. Wacht ihr noch nicht, o weh! Hin eilt die Zeit aus Flügeln, Halt eitler Träumer! in Blumen ich seh Dein eignes Schicksal sich spiegeln. So oft der Sterne Lauf Dir Göttertage schenket: Du rufest schlummernde Blumen auf Ihr Schweigen das Herz dir kränket. Als Lucie endigte, war das Lob des Fremden weniger laut, als das des Doktors und seiner Gattin; aber wie viel süßer war es! und zum erstenmal in ihrem Leben machte Lucie die Entdeckung daß das Auge so gut, als der Mund, im Loben beredt seyn kann. Wir unseres Orts haben oft bedacht, diese Entdeckung mache im Leben Epoche. Jetzt sprach Mrs. Slopperton ihre volle Ueberzeugung aus, daß der Fremde selbst auch singen könne. »Er habe etwas in seinem Wesen,« sagte sie, »das ihr keinen Zweifel übrig lasse.« »In Wahrheit, liebe Frau,« sagte er mit seinem gewöhnlichen unaussprechlichen, halb freimüthigen, halb versteckten Lächeln, »meine Stimme ist nur so, so, und mein Gedächtnis so untreu, daß ich selbst in den leichtesten Stücken leicht stecken bleibe. Meine besten Töne habe ich in der Fistel und was meine Ausführung betrifft – aber davon wollen wir nicht sprechen.« »Nein, nein, Sie sind zu bescheiden!« sagte Herr Slopperton, »ich bin gewiß, Sie könnten uns den Gefallen thun, wenn Sie nur wollten.« »Ihr Befehl,« sagte der Fremde sich dem Klavier nähernd, »ist allvermögend, und da Sie, mein Fräulein (zu Lucie sich wendend) ein Lied nach der alten Schule gesungen haben, so darf ich wohl auf Verzeihung rechnen, wenn ich das Gleiche thue. Meine Wahl ist freilich aus einem ungesetzlichen Liederbuch genommen und gilt für eine Ballade von Robin Hood oder doch von einem seiner lustigen Leute; eine ganz andere Art von Freibeutern als die Schufte, welche Sie angriffen, Sir!« Nach dieser Einleitung sang der Fremde nach einer wilden aber muntern Melodie mit erträglicher Stimme folgenden poetischen Erguß: Die Liebe zu unserem Genre oder das Räuberleben. Des Räubers Leben trägt auf dein Fluß Der Welt die fröhlichste Welle; Bald stürmt es ans Licht in des Kampfes Genuß, Bald birgt sich's spottend der Helle. Vor der Pforte des Liebchens da macht er Halt; Wie ruhig sein Renner da stehet! (Doch ruhig dem Wind gleich, der mit Gewalt Die drohende Wolke schon blähet.) Gebogen den Hals, das Gebiß beschäumt Mit dem Auge des Hirsches, des scheuen. Mit dem Feuergeist, der von Kämpfen träumt. Und den ehernen Muskeln des Leuen. In des Lebens Röthen, wenn Alles ihn flieht, Bleibt getreu dieser einzige Knecht noch. Fürwahr, wer geächtet die Welt durchzieht, Hat zum trefflichsten Rosse ein Recht doch. »Nun fort, Herzliebster, ich hör' ihren Tritt!« – »So nimm den Kuß noch, mein Schätzchen, Wenn ich wieder komme, bring ich dir mit Für dein Haar von Golde ein Netzchen.« »Hurrah! zum Raube, jetzt hurrah mein Roß, Ueber Busch und Gestrüpp mich getragen! Meine Pfade beschaut der Mond, mein Genoß. Wie mein eignes Liebchen mit Zagen.« Mit klingendem Beutel der Pfaffe trabt. Eintreibend den Segen der Fluren, Der Höfling in goldener Kutsche sich labt. Bezahlet von Sinekuren. In seinem Sinn sich der Rechtsmann erbaut Am Verbrechen, das kürzlich geschehen! Und die Dame mit ihren Karten vertraut, Ueberzählt den Gewinnst an Guineen. »He Dame, und Mann, der Sünden baar! Meine Wünsche müßt Ihr erhören: Plündern ehrliche Leut' ihre Nächsten – fürwahr So muß es den Räuber empören.« Der Dame Wang' überströmt Incarnat, Schön drehte der Rechtsmann die Sätze: Der Pfaffe fluchte, der Höfling bat, Und der Räuber trug fort seine Schätze. »Hurrah, zum Feste jetzt, hurrah mein Roß. Ueber Busch und Gestrüpp mich getragen! Es ist tugendhaft, was gesteuert der Troß, Zu verschwenden bei lust'gen Gelagen.« Nichts gleichet dem Leben des Räubers – allstund Keck, lustig und frei wie die Götter, Und das Ende – das Jauchzen des Volkes im Mund Und ein Sprung vom Baum ohne Blätter! Als dieses sehr moralische Lied zu Ende war, erklärte Mrs. Slopperton, es sey vortrefflich, obwohl sie gestand, die Grundsätze scheinen ihr etwas locker. Vielleicht lasse sich der Herr bewegen, sie mit einem Lied von feinerem und modernerem Ton zu erfreuen, kurz – mit etwas Rührendem. Mit einem Blick auf Lucie erklärte der Fremde: er kenne nur Ein Lied von der Art wie Mrs. Slopperton sie bezeichnet, und es sey so kurz, daß er durch Erfüllung ihres Verlangens ihre Geduld zu ermüden nicht befürchten müsse. In diesem Augenblick schimmerte der Fluß, den man von den Zimmerfenstern aus bequem erschauen konnte, in dem Sternenlicht auf; und das Auge auf das Wasser gerichtet, als ob dieser Anblick ihm die Verse, die er sang, eingegeben hätte, sang er die folgenden Strofen in einem sehr gedampften und wohllautenden Tone und mit weit reinerem Geschmack als vielleicht nach dem vorigen, wüsteren Lied zu erwarten war. Der Wunsch. Wenn unten sanft der Abend träumt, Hält oben Wacht sein Sterngebild, Mit seinem Glanz die Flut sich säumt, Wie Freundschaft, die zur Lieb' erschwillt. O wäre deine Brust ein See, Den jungfräulich die Luft umzieht, Und ich der Stern, der aus der Höh Sein Bild in diesem Spiegel sieht! Kaum war der Gesang zu Ende, als die Ankunft des Dieners der Miß Brandon gemeldet ward; ihr auserkorner Begleiter fuhr auf, war ihr mit Artigkeit beim Anziehen des Mantels und Hutes behülflich, und pries sich ohne Zweifel glücklich, einigermaßen den lästigen Complimenten seiner Wirthsleute zu entgehen. »Aber,« sagte der Doktor, als er seinem Retter die Hand schüttelte, »unter welchem Namen soll ich des Herrn gedenken und (indem er seine ehrwürdigen Augen erhob) für ihn beten, dem ich so sehr verpflichtet bin?« »Sie sind sehr gütig, sagte der Fremde, mein Name ist Clifford. Fräulein, (zu Lucie gewendet,) darf ich Ihnen die Treppe hinunter die Hand reichen?« Lucie nahm die Höflichkeit an und der Fremde war halb die Treppe hinunter, als der Doktor seinen kurzen Hals dehnend, ihm nachrief: »Guten Abend, Sir, ich hoffe wir sehen uns wieder?« »Seyen Sie ohne Furcht,« sagte Herr Clifford fröhlich lachend, »ich bin ein so rüstiger Reisender, daß dieß durchaus nichts Unmögliches ist. Geben Sie Acht, Fräulein, noch eine Stufe!« Die Nacht war ruhig und ziemlich hell, obgleich der Mond noch nicht herauf war, als Lucie und ihr Begleiter die Felder durchschnitten, indem der Diener in kleinem Abstand mit der Laterne ihnen vorging. Nach einer ziemlich kleinen Pause sagte Clifford mit einigem Bedenken: »Ist Miß Brandon eine Verwandte des berühmten Rechtsgelehrten gleichen Namens?« »Er ist mein Oheim,« sagte Lucie, »kennen Sie ihn?« »Nur Ihr Oheim,« sagte Clifford mit Lebhaftigkeit und umging Luciens Frage. »Ich fürchtete, hem – hem – das heißt, ich dachte, er könnte ein näherer Verwandter seyn.« Hier entstand wieder eine kürzere Pause, worauf Clifford mit gedämpfter Stimme wiederanfing: »Wird mich wohl Miß Brandon für unbescheiden halten, wenn ich sage, daß ein Angesicht, wie das ihrige, einmal gesehen, sich nie wieder vergißt; und daß ich glaube vor einigen Jahren Sie in London im Schauspielhaus gesehen zu haben? Nur einen flüchtigen Blick von Ferne konnte ich damals gewinnen, und doch,« setzte er bedeutungsvoll hinzu, »war es genug.« »Ich war nur Einmal im Theater, während meines Aufenthalts in London vor einigen Jahren,« sagte Lucie ein wenig verlegen, und ein unangenehmer Zufall, der meinem Oheim in dessen Gesellschaft ich war, begegnete, hat mir in der That die Erinnerung davon fest eingeprägt.« »Ha – und was war es denn?« »Nun, beim Herausgehen aus dem Schauspielhaus wurde ihm seine Uhr von einem gewandten Taschendieb gestohlen.« »Wurde der Schelm gefaßt?« fragte der Fremde. »Ja, und am folgenden Tag nach Bridewell geschickt. Mein Oheim sagte, er sey sehr jung und doch ganz verstockt gewesen. Ich besinne mich noch, daß ich närrisch genug war, als ich von dem Spruch hörte, meinem Oheim dringend anzuliegen, er möchte sich für ihn verwenden; aber umsonst.« »Wirklich, verwendeten Sie sich für ihn? sagte der Fremde in so ernstem Tone, daß Lucie zum zwanzigstenmal in dieser Nacht die Farbe wechselte, ohne daß doch irgend ein Grund zum Erröthen vorhanden war. Clifford fuhr in munterem Tone fort: »Nun, es ist auffallend, wie Spitzbuben unter sich zusammenhängen. Es würde mich nicht sehr überraschen, wenn die Person, die Ihren Oheim beraubte, zu derselben Bande gehörte, wie der Bösewicht, der Ihren würdigen Freund, den Doktor, so in Schrecken setzte. Aber ist dieser schöne alte Ort Ihre Heimath?« »Dieß ist meine Heimath, antwortete Lucie, »aber es ist ein sonderbarer altväterischer Ort und wenige Leute, denen er nicht durch Erinnerungen theuer ist, würden ihn für schön halten.« »Verzeihen Sie,« sagte Luciens Begleiter stille stehend und betrachtete mit Blicken worin sich großes Interesse aussprach, das sonderbare Gebäude aus Elisabeth's Zeiten, das jetzt ganz nahe vor ihm stand; sein dunkles Gemäuer, seine Giebel, seine efeubewachsenen Mauern, die vom Sternenlicht des Himmels angestrahlt wurden, und dann den Fluß, der schweigend unten hinströmte und einen artigen Contrast bildete. Die Läden an den großen Kreuzstockfenstern in dem Saal, worin der Esquire gewöhnlich saß, waren noch nicht geschlossen und das stete, warme Licht des Gemachs leuchtete und warf einen Schimmer selbst auf die sanften Wasser des Flusses; im nemlichen Augenblick ließ sich auch das freundschaftliche Bellen des Haushundes, als Willkomm, vernehmen und darauf folgte das Zeichen der großen Glocke, welche die Stunde der letzten Mahlzeit der altväterischen und gastlichen Familie ankündigte. »Es ist doch ein süßes Gefühl darum!« sagte der Fremde unwillkührlich und mit einem halben Seufzer, »ich wünschte ich hätte eine Heimath.« »Und haben Sie denn keine Heimath?« fragte Lucie naiv. »So gut ein Junggesell eine haben kann, vielleicht,« antwortete Clifford, der ohne Anstrengung jetzt wieder seine Munterkeit und die Gewalt über sich selbst gewann. »Aber Sie wissen, wir pilgernde Leute dürfen uns nicht des gleichen Glücks rühmen, wie die Lieblinge des Himmels; wir senden unsere Herzen aus nach einer Heimath, und verlieren das eine, ohne das andre zu gewinnen. Aber ich halte Sie in der Kälte hin, und wir sind jetzt an Ihrer Thüre.« »Sie kommen doch mit herein, natürlich!« sagte Miß Brandon, »und theilen unser Abendbrod.« Der Fremde bedachte sich einen Augenblick und sagte dann in raschem Tone: »Nein, vielen – vielen Dank! es ist schon spät. Will Miß Brandon meinen Dank entgegen nehmen für ihre Herablassung, die Begleitung eines ihr Unbekannten gestattet zu haben?« Mit diesen Worten beugte sich Clifford tief herab auf die Hand seiner schönen Schutzbefohlenen; Lucie wünschte ihm gute Nacht und eilte mit leichtem Schritte an ihres Vaters Seite. Clifford blieb inzwischen noch eine Minute stehen, und nachdem die Thüre vor ihm geschlossen worden, wandte er sich plötzlich weg; er murmelte etwas bei sich selbst und eilte mit raschen Schritten zur Ausführung des Plans, den er im Auge hatte.