Berthold Auerbach Schwarzwälder Dorfgeschichten – Neunter Band. Nach dreißig Jahren. Das Dorf an der Eisenbahn könnte ich vorliegende und ferner sich anschließende Erzählungen betiteln. Es ist ein Menschenalter verflossen, seit ich begonnen habe, das intime Leben meiner Heimatgenossen dichterisch zu fassen. Die Thäler und Berge meiner Heimat sind nun von der Eisenbahn durchzogen, durch unwegsame Höhen, bald in den Bergstock sich bohrend, bald wieder zu Tage kommend, braust der Dampfzug dahin. Eisenbahn und Freizügigkeit haben Grundformen des wirtschaftlichen und sozialen Dorflebens umgestaltet. Das Deutsche Reich ist erstanden! Es ist keine Hütte so abgeschieden, in der nicht das Lied vom Vaterlande erklingt. Im Kampf um Freiheit und Reinheit des humanen Gedankens bildet sich nun die allgemeine geistige Wehrpflicht. Es ist keine Seele so in sich verschlossen, daß nicht das Aufgebot zu ihr dränge. Keine Dichterphantasie hätte Gestaltungen zu erfinden vermocht, wie sie der Genius der Zeitgeschichte vor Augen stellt. Es war hier zunächst nicht meine Aufgabe, diese großen Thatsachen als Motive dichterischer Bildungen zu fassen; aber in jedem Charakter der Gegenwart zeigen sich ihre Wirkungen. In den vorliegenden Erzählungen erscheinen alte Gestalten und neue Fortbildungen. Wohl ist es anmutend, am Baume die rotwangigen Aepfel zu schauen, deren Blüten wir gesehen. Anders ist das Menschenleben. Eine Jugendgestalt im Alter wiedersehen, erweckt verschiedenartige Empfindungen. Es haben sich Züge und Formen herausgearbeitet, deren Vorhandensein früher nicht so auffällig war. Bald aber mag das Anfremdende auch wieder zum Anheimelnden werden. Sei dies den nachfolgenden Bildern beschieden! Wenn wieder nach einem Menschenalter ein Dichter das Dorfleben meiner Heimat neu erfassen wird, was mag er finden? Die Blumen blühen allezeit auf der deutschen Erde, und die Schönheit wird allezeit neu erblühen aus dem deutschen Gemüt. Im Hochsommer 1876. I. Des Lorles Reinhard. Erstes Kapitel. Da bist du wieder. »Einsteigen! Der Zug geht gleich weiter!« rief der Schaffner laut; zu einem Manne von hoher Gestalt gewendet, setzte er hinzu: »Steigen Sie gefälligst ein, Haltepunkt Weißenbach ist erst beim nächsten Dorf.« »Ich will von hier an zu Fuß wandern. Geben Sie diese drei Stück Handgepäck dort ab.« »Können sich drauf verlassen. Danke vielmal,« sagte der Schaffner, die Hand schließend und an die Mütze greifend. »Wissen Sie den Weg? Er führt durch den Wald da drüben.« »Ich weiß.« Der Zug brauste davon und der Mann ging über die Schienen hinweg nach dem Bergwald. In den Wiesen zirpten die Grillen, die Heuschrecken hüpften klappernd hin und her, im wogenden Weizenfelde schlug die Wachtel und hoch in den Lüften sang die Lerche. Erst am Waldesrande, im Schatten einer Weißtanne, hielt der Wanderer an, brach einen Zweig mit dem frischen Jahresschosse ab, that den spitzen, breitkrempigen und schleierumwundenen Hut vom Kopfe, steckte aber den Zweig nicht auf den Hut, den er weiterschreitend nur in der Hand hielt. Wer je diesen charaktervollen Kopf gesehen, vergißt ihn nicht wieder. Es sind dreißig Jahre, seitdem der Maler Reinhard mit seinem Freunde, dem Kollaborator Reihenmeyer, hier durch diesen Wald gewandelt ist; das Haupthaar ist noch so voll wie damals, nur grau geworden, und an der Stirn aufrecht stehend in dichten Locken gibt es dem Antlitze ein majestätisches Ansehen, wie die ganze Erscheinung etwas Gebietendes hat. Damals schien die Stirn noch nicht so gewölbt: und stark ausgearbeitet, und gewiß fehlte damals die tiefe Falte zwischen den Augen, die von schweren Erlebnissen, vielleicht auch von Leidenschaften zeugen mag; aber der Glanz der blauen Augen ist noch so leuchtend wie damals und die Bewegungen des Körpers haben nichts von ihrer Behendigkeit und Biegsamkeit eingebüßt. Reinhard schaute manchmal zur Seite, als wäre er noch im Geleite des Genossen, sonst aber schritt er rüstig vorwärts und hielt erst an, als er auf der Anhöhe aus dem Walde trat und das Dorf drunten vor ihm lag. Da stehen die Häuser am Ufer des blinkenden Baches, dort oben die alte Kirche und dort inmitten des Dorfes die neue. Nahe der Kirche steht ein altersgebräuntes Haus mit geschlossenen grünen Fensterläden und daneben eine alte Linde mit breitem Geäst. Jetzt läutet es vom Kirchturm zu Mittag; Reinhard, der den Atem angehalten, seufzte tief auf und fast laut sagte er: »Das ist der Glockenton, der zu meiner Trauung, der zu ihrem Tode erklang. Wieviel tausendmal hat er dir, du arme Seele, deine Lebensstunden gekündet, und ich, ich war . . .« Wie abwehrend schüttelte er den Kopf, da sah er eine Bank am Waldesrand unter einer Buche; er setzte sich und mit dem Wanderstabe schrieb er in den Sand den Namen Lorle. Das sprach all sein Denken und Sinnen aus; er verwischte den Namen wieder, aber sein Denken und Sinnen konnte er nicht so verwischen. Der Pfiff der Lokomotive weckte ihn; durch das Thal bewegte sich ein Bahnzug wie eine schuppige Schlange und der Dampf flatterte darüber hin. Jetzt hielt der Bahnzug wie verschnaufend am Dorfe, dann ging es weiter, pfiff mächtig vor einer schwarzen Tunnelöffnung, und verschwunden war alles; man hörte nichts mehr als das Zirpen der Grillen im Grase und drüber hin den schrillen Schrei eines Habichts, der über dem Thale im Kreise sich wiegte. Reinhard erhob sich und setzte sich schnell wieder, er war schwer müde. Da kam der Waldhüter des Weges und sagte soldatisch grüßend: »Grüß Gott. Nicht wahr, da ruht sich's gut?« Reinhard nickte still und der Waldhüter fuhr fort: »Ihr wollet gewiß auch nach Weißenbach. Da ist gute Herberg im Gasthof zum grünen Baum, dort nahe beim Bahnhof.« »So? Gibt es sonst kein Wirtshaus?« »Nein. Früher war eins neben der Kirche. Der Sohn vom alten Lindenwirt hat das neue gebaut, es ist ein braves Haus, ein Ehrenhaus, aber eben anders wie vorzeiten, wo der Lindenwirt – man hat ihn auch den Wadeleswirt geheißen – drin im Dorf gewirtet hat. Das war ein fester Mann, der hätte hundert Jahr alt werden können, aber er hat eben auch Kummer gehabt, besonders von einem Kind. Ist's erlaubt, daß ich mich zu Euch setze?« »Setzt Euch nur.« Reinhard bot dem Manne eine Cigarre dar und steckte sich selber eine frische an. Der Waldhüter fuhr fort: »Ihr seid gewiß fremd in der Gegend, sonst wüßtet Ihr, was da geschehen ist.« »Wollt Ihr's nicht erzählen?« »Gern. Ich bin freilich nicht aus dem Dorf gebürtig, bin aber seit sieben Jahren hier stationiert und weiß alles. Ich bin gut bekannt mit einem Mädchen, das die verlassene Frau auferzogen hat.« »Nun?« »Ja, die Geschichte ist so. Der Wadeleswirt – man hat ihn wegen seiner dicken Waden so geheißen – war im Wohlstand und hatte nur zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter; ja die Tochter. Der Farbenschmierer hat selber einmal gesagt, sie wär' unter den Bauernmädle was ein Kanarienvogel unter den Spatzen. Freilich, lustig ist der nichtsnutzige Kerl gewesen und hat alles untereinander bringen können; er hat's austrommeln lassen, wenn er ins Dorf kommen ist; das war lang vor der Eisenbahn, ich hab' ihn auch einmal gesehen, bei der Einweihung der Kirche, ich war damals noch ein kleiner Bub'. Eure Cigarre ist Euch ausgegangen, wollt Ihr anzünden?« »Nein, erzählt nur weiter.« »Es war ein schöner, großer Mann, um einen halben Kopf größer als Ihr und breiter in der Brust, und singen hat er können oben 'raus und mit jedermann ist er freundlich und vertraulich gewesen; man hätt's nie geglaubt, daß er so falsch und nichtsnutzig und hoffärtig sein kann.« »Was hat er denn gethan?« »Man soll einem Toten nichts Böses nachsagen, aber was wahr ist, ist wahr. Er hat das Lorle abgemalt als heilige Mutter; das Bild hat in der neuen Kirche gehangen, viele Menschen sind kommen, um es zu sehen und die einen sagen, das Lorle hab's veranstaltet, die andern sagen, der Pfarrer, und wieder andere sagen, der König sei von selber drauf kommen; kurzum, der König hat das Bild in sein Schloß genommen und ein anderes dafür gestiftet, es ist größer, aber sie sagen, es sei nicht so schön, so kunstmäßig wie das vom Reinhard.« »Was hat er denn so Böses gethan?« »Er ist tot, aber wahr bleibt's. Er hat das Lorle geheiratet, und wie er sie gehabt hat, hat er sich ihrer geschämt, weil sie ein Bauernmädle gewesen ist, und daneben hat er noch eine andere gern gehabt, eine Gräfin, und er hat das Lorle arg mißhandelt. Er soll sonst ein gescheiter Mensch gewesen sein, aber darin war er kreuzdumm, daß er die brave Frau nicht zu nehmen gewußt hat; heißt das, ich mein', genommen hat er sie, aber eben nicht gehalten; und da ist er einmal heimkommen selbander, die einen sagen, mit einem Rausch, die andern sagen, mit der Gräfin, und wieder andere sagen, mit beiden miteinander. Das weiß man nicht genau. Und da ist eben das Lorle still wieder heim ins Dorf und er ist nach Italien und ist dort gestorben, und vergangenes Frühjahr ist das Lorle auch gestorben. Jetzt sind sie beide in der andern Welt, aber er in einer andern als sie. Die gute Seele hat treu an ihm gehangen, die Bank, worauf Ihr sitzet, hat sie gestiftet, und des Wendelins Malva hat erzählt, die Frau Professorin habe gesagt, von dem Platz da sei der Reinhard damals ins Dorf kommen und habe geschossen, und sie hat dran festgehalten, daß sie noch einmal mit ihm da sitzen werde. Sie hat oft allein da gesessen. Was ist? Nicht wahr, ich schwätz' zu viel? Was sehet Ihr mich so an?« Reinhard antwortete nicht. Nach einer Weile fragte er: »Seit wann weiß man denn, daß der Reinhard gestorben ist?« »Es hat einmal in der Zeitung gestanden. Bei Lebzeiten Lorles wäre ihm nichts geschehen, aber wenn er jetzt wiederkäme, das ganze Dorf thät' ihn mit Steinen totwerfen.« Reinhard stand auf und ging thalab. Der Waldhüter schaute ihm nach und sagte vor sich hin: »Wenn der Reinhard nicht tot wäre, könnte das der Reinhard sein.« Er sah eine wilde Taube und schoß sie herab, der Wanderer drunten erschrak ins Herz hinein. Und wie hatte er seine eigene Lebensgeschichte sagenhaft verunstaltet nun gehört aus dem Munde des Volkes! Die Welt kennt nur die augenfälligen Thatsachen und verändert sie noch im Lause der Ueberlieferung. Reinhard hielt still. Wie lange ist es her, daß er in Rom die Landschaft, die Menschen hier wie eine Traumerinnerung auftauchen sah? Kaum wenige Monate. Zweites Kapitel. Von Rom ins Dorf. Ist es nur ein Traum? Und doch steht alles so klar und fest vor der Erinnerung. – Es war eine milde Frühlingsnacht in Rom. Reinhard war auf der Villa der berühmten Sängerin Angela, um deren Gunst er viel beneidet wurde. Er stand mit ihr an der offenen Thür des Balkons und schaute über die blühenden Orangen hinweg hinaus in die Siebenhügelstadt, er hörte die Glocke vom Petersturm, aber ihm war's, als läutete die Glocke vom Dorf im Schwarzwaldthale und als säße er im Wirtshaus zur Linde und hielte still die Hand Lorles; denn er hatte eben zum erstenmal erzählt, welche namenlose Glückseligkeiten er in der Liebe zu Lorle empfunden und welche unergründliche Schmerzen ihm dann und jetzt noch die Seele zermarterten. Angela hatte still zugehört, endlich aber sagte sie: »Du übertreibst die Tragik deines Schicksals. Ein Modell geheiratet! Kostüm-Illusion! Sie hatte gewiß ein bezaubernd naives Gesichtchen, aber rote Hände und breite Füße. War tausendmal und wird noch tausendmal sein. Wir Künstler spielen mit dem Leben und das Leben spielt mit uns.« Angela hatte das alles scherzhaft, aber auch mit einer gewissen graziösen Innigkeit gesagt, und doch fühlte sich Reinhard im Innersten abgestoßen. Er verließ Angela, und erst am dritten Abend, als die Dämmerung bereits eintrat, zog er wieder nach der Villa. Da hörte er vor einer Osteria deutsche Laute, er hielt an und vernahm aus einer Gruppe heraus im heimischen Dialekt: »Ich kann in Weißenbach noch genug schlafen, in Rom will ich wach sein, so lang es geht.« »Der Kaspar will für sein Geld eine große Portion Rom haben!« rief ein junger Geistlicher, und alles lachte. »Heut darf man nicht lachen,« nahm Kaspar wieder auf; »morgen lasse ich für das Lorle eine Totenmesse lesen. Vor drei Tagen ist sie gestorben. Die Malva ist also doch nicht Erbin geworden. Der Schullehrer schreibt, das Lorle ist so sanft eingeschlafen und in seinem Testament hat es zwei Plätze als Erbbegräbnis bestellt; der Reinhard soll neben ihm begraben sein, wenn er wiederkommt. Still! habt ihr's nicht gehört? Ich mein', es hat jemand gejammert, vielleicht ist's die Seele von Lorle.« Es war ihre Seele, die in den Gedanken des Lauschenden aufjammerte. Reinhard hatte das Gespräch vernommen und er sank fast in die Kniee. Im Schatten der Häuser huschte er dahin, von droben tönte der Gesang Angelas. – Es erregte großes Aufsehen, als in der Zeitung L'Artista angekündigt wurde, die sämtlichen Gemälde Reinhards, seine Skizzen, Studien, Vasen und Teppiche würden durch einen öffentlichen Notar versteigert. Reinhard hatte Rom verlassen, ohne jemand das Ziel seiner Reise anzugeben. »Büßen, Sühnen,« das waren die Worte, die er auf der langen Reise oft vor sich hinsprach. Jetzt war er da, wie wenn ein fremder Wille, wie wenn ein Zauber ihn herversetzt hätte. Er sah in die Wiesen, wo die Menschen Heu zusammenrechten und aufluden, und dort schnitt die Sense ins Gras; alles erschien ihm wie unwirklich. Ein mächtiger Peitschenknall weckte ihn. »Aufgepaßt! Es kommt ein Heuwagen!« rief ein Bursch in roter Weste, der die Pferde an einer Fuhre Heu lenkte; oben auf dem Wagen saß ein junges Mädchen, es hatte wilde Rosen in der Hand und warf sie auf den Aufgeschreckten nieder. Reinhard trat beiseite und stürzte fast in den Weggraben. Wie ein Blitz im Aufblicken war's: das ist ja der Hirtenknabe Wendelin mit dem gekrausten kupferroten Haar, den du damals am Tage nach der Verlobung mit Lorle gezeichnet. Er kann's nicht selber sein, aber sein Kind ist's sicher. Reinhard that seinen Hut ab, eine wilde Rose lag noch drauf; der Wagen fuhr weiter und das Mädchen oben sang das Lied mit der wundersamen Weise: Schön Schätzichen, wach' auf – Das tönte fort und fort, bis es verklang. Reinhard richtete sich straff auf und ging hinein ins Dorf, geradenwegs zur Linde; in all sein schweres Denken und Sinnen hinein tönte es: Schön Schätzichen, wach' auf Und laß mich zu dir ein. Drittes Kapitel. Wo bist du? Das ist das alte Wirtshaus zur Linde, es ist verschlossen, öde. Den Baum da zur Seite haben sie doch müssen stehen lassen; die Bank, die den Baum umschloß, ist nicht mehr da, zerbrochene Pflüge, reifenlose Räder lehnen an dem Stamme, dessen Wurzeln sich aus dem Boden emporgehoben. Ein leiser Windhauch zieht jetzt durch das Gezweige mit den hellgrünen Blättern und den noch geschlossenen Blütenknospen. »In dem Haus wird nicht mehr gewirtet!« rief eine alte Frau aus dem Erdgeschoß des Nachbarhauses dem Dreinstarrenden zu; »das Wirtshaus ist jetzt draußen beim Bahnhof, da an der Gartenecke steht der Wegweiser, da könnet Ihr nicht fehlgehen.« Reinhard ging zwischen den Gartenzäunen, stand bald vor einem weißangestrichenen Hause mit grünen Schattenläden und einem Balkon in der Mitte, auf dessen Brüstung in goldenen Buchstaben zu lesen war: Restauration und Gasthof zum grünen Baum. Reinhard schauderte, als er näher trat. Auf der Schwelle saß eine Menschengestalt, wie ein Gespenst am hellen Tage; ein Trottel fletschte die Zähne gegen Reinhard und murmelte wirre Laute zu einem weißen Hahn, der auf der Treppe stand. Reinhard eilte an dem unförmlichen Mannsbilde vorüber die Treppe hinan. Er trat in die Stube, niemand war da; er setzte sich ermattet an einen Tisch. Der weiße Hahn kam durch die offene Thür herein, schaute Reinhard an und schüttelte den roten Kamm und starrte auf die an den Wänden befestigten, aus Pappe bereiteten Reh- und Hirschköpfe mit Geweihen. Da kam endlich, noch unter der Thür den Rock anziehend, der Wirt und jagte den Hahn hinaus. Reinhard sah den Bruder Lorles stumm an; dieser aber schien nichts von dem verwunderten Blicke zu bemerken, denn er fragte in geläufigem Tone wie auswendig gelernt: »Mit was kann man aufwarten? – Ein Literle alten, neuen, roten, weißen; fünfzig Pfennig, achtzig Pfennig, eine Mark? Zu essen gibt's auch bald was. Parlez-vous français? Boire ou manger? Vroni,« rief er nach der Küche, »rufe die Madlon, es ist ein Franzos da! La fille viendra tout de suite ,« sagte er, sich den Schweiß von der Stirn trocknend, da der Fremde ihn so anstarrte. Reinhard konnte noch immer kein Wort hervorbringen. Das sind die Augen Lorles, ihre Augen sind auf ewig geschlossen, und diese hier blicken nicht so treuherzig und der Mund hat etwas Verkniffenes. Endlich sagte Reinhard: »Hab' ich mich denn so ganz und gar verändert? Stephan, ist denn gar nichts mehr an mir zu erkennen?« »Herr Gott, die Stimme! Wa– Was? Nein.« »Doch. Ja. Er ist der Reinhard. Grüß' Gott, Schwager.« »Was? Der Reinhard? Frau! Vroni! Komm! Hurtig. Tapfer! Ich komm' gleich wieder,« wendete er sich schnell und verließ die Stube. Reinhard saß still, ihm war, als könnte er sich nicht mehr aufrichten und dumpf dröhnte es ihm im Gehirn. Draußen stand Stephan bei seiner Frau und sagte: »Hast gehört, der Reinhard ist da? des Lorles Reinhard? Was will er? Er wird doch nicht kommen sein, um zu erben? Ich lasse es auf einen Prozeß ankommen. Er hat kein Recht. Ein Kind ist nicht da, und sie haben nach Landesgesetz geheiratet.« »Wie sieht er denn aus? Abgerissen?« »Ich kann's nicht sagen, ich hab' ihn nicht einmal recht angesehen und er ist sitzen blieben. Von Gepäck hab' ich nichts gesehen.« »Jetzt laß ihn nicht so lang allein. Geh hinein und vorderhand sei freundlich. Ich komme bald nach.« »Soll ich ›du‹ zu ihm sagen?« »Gewiß.« Stephan ging in die Stube und sagte: »Du mußt verzeihen, daß ich so erschrocken bin. Mir liegt ja noch der Kummer um ihren Tod in allen Gliedern, und warum hast du auch nicht ein Wort vorher geschrieben? Ich wär' dir entgegenkommen und wir hätten alles in Güte und Freundschaft miteinander besprochen. Sie hat, solang sie gelebt hat, kein böses Wort über dich gesagt und vor meinen Ohren hat auch keines ein böses über dich sagen dürfen. Du siehst noch ganz bestanden aus; ich hab' gar nicht mehr gewußt, daß du so große blaue Augen hast. Ja, deine Augen! Die haben dich auch groß gemacht, du hast einen großen Namen. Vor ein paar Jahren hat's geheißen, du seiest gestorben, sie hat aber nichts davon erfahren, es hat's ihr niemand sagen dürfen, ich hab' sie behütet wie meinen Augapfel, und sie wird mir's vom Himmel herunter bezeugen, daß wir in Frieden miteinander gelebt haben.« Reinhard hatte nicht Zeit, über diese Redseligkeit und ihre Absichten nachzudenken. Bald kam Vroni, sie war eine breite, behäbige Wirtin geworden, und in ihrem Blicke lag der Ausdruck voller Gutmütigkeit; sie hieß Reinhard herzlich willkommen, und Madlon, die Lothringerin, die hier Deutsch lernen sollte, stellte Wein und einen Imbiß auf den Tisch. Der Wirt schenkte drei Gläser ein und sagte: »Stoß an, auf guten Willkomm und gute Freundschaft, und was vorbei ist, ist vorbei.« Der Schwager sprach so freundliche Worte und doch hatte Reinhard plötzlich das Gefühl, daß es sehr schlimm wäre, mit diesem Manne in Feindschaft zu geraten, und er sah es fast deutlich vor sich, daß sie feind miteinander. Sich sammelnd, erwiderte er stotternd: »Ich danke, ich kann jetzt nicht trinken, ich will vor allem auf das Grab von Lorle.« Kaum hatte er das Wort gesprochen, als ein markerschütterndes Geschrei und Gezeter entstand; der Trottel, der unversehens in die Stube gekommen war, stieß es aus. »Wer ist das?« fragte Reinhard. »Das ist leider Gottes unser ältestes Kind. Es muß jedermann seine Portion Elend haben.« »Und warum hat er geschrieen?« »Das thut er immer, wenn man Lorle sagt; er kann's nicht verstehen, daß sie tot ist, und sie hat ihn gepflegt wie ein Engel, und ihr allein hat er gefolgt.« Reinhard sah den Armen, der vom aufgestellten Backwerk gestohlen und den Mund so voll hatte, daß er kaum kauen konnte. Sich erhebend und wie aus schwerem Traume erwachend, sagte Reinhard: »Stephan, ich hab' dir noch was sagen wollen. Ja, jetzt besinne ich mich. Bitte, verwahre mir das Geld da sicher.« »Wieviel ist es?« »Es sind sechzig englische Banknoten, jede zu hundert Pfund. Du mußt mir's später hier anlegen, ich bekomme noch einiges dazu.« »Soll ich dir was Schriftliches geben?« »Ist unter uns nicht nötig. Sag' aber niemand davon.« »Soll ich dich nicht auf den Kirchhof begleiten?« »Nein, laß mich allein gehen.« Hinter Reinhard drein sagte Stephan zu Vroni: »Der will keinen Prozeß wegen der Erbschaft. Frau, da schau. So viel englisch Geld ist noch nie hier über Nacht gewesen. Rechne einmal, wieviel das in Mark ist. Laß ihm das Balkonzimmer schön herrichten. Stell' ihm einen Blumenstrauß hinein und mach' ihm ein gutes Essen zurecht.« Und um seiner Freude rechten Ausdruck zu geben, ging er hinab in den Hof, fing den weißen Hahn und schnitt ihm den Hals ab. Vroni war außer sich, als Stephan den geschlachteten Hahn in die Küche brachte, und noch dazu kam jetzt wie rasend der Trottel, dem sein Spielkamerad getötet war; er warf Töpfe und Pfannen durcheinander und heulte und lachte. Es gelang, ihn endlich zu beruhigen, aber Vroni schien nicht zu beruhigen, denn das war ja der weiße Hahn, den Fabian – so hieß der Trottel – nach Lorles Tod aus deren Hause heimgebracht hatte. »Vielleicht ist's aber gut, daß das geschehen,« beschwichtigte sich endlich Vroni; »ich will kein Wort weiter sagen, wenn du mir jetzt etwas versprichst.« »Was?« »Da gib mir die Hand, daß du dem Reinhard das vom Fabian nie berichtest oder auf sonst eine Art zu wissen thun lassest.« »Wie werde ich so dumm sein? Dann bliebe er ja keine Stunde mehr hier und käme nicht wieder.« »Also du versprichst es?« »Soll ich dir versprechen, daß ich mein Geld nicht aus der Brusttasche und meinen Verstand nicht aus dem Kopfe verlieren will?« »Gib mir die Hand darauf.« »Da hast du sie, und jetzt genug.« Viertes Kapitel. Eine Nelke vom Grabe. Dreifach in breitem Schwall quillt das Wasser aus dem Rohrbrunnen am Rathause, und das ganze Dorf ist stolz auf die eiserne Säule und den eisernen Trog, da kann jeder gleich sehen, daß wir nun an der Eisenbahn liegen. Die Frauen und Mädchen, die am Brunnen stehen, Wasser holen und Salat putzen, haben heute viel zu reden. »Hast schon gehört?« wurde einer eben herzukommenden alten Frau zugerufen, »hast schon gehört? des Lorles Reinhard ist wiederkommen.« »O, du lieber Gott im grundgütigen Himmel droben, warum hast du sie das nicht erleben lassen? Wie sieht er denn aus?« »Er hat einen weißgrauen langen Bart, es hat ihn niemand erkannt, er hat sich selber müssen zu erkennen geben.« Ein kleines runzeliges, klug dreinschauendes Weibchen, das Tänzerle genannt, weil es immer so kleine, zierliche Schrittchen machte, sagte fröhlich: »Ich hätt' ihn gewiß erkannt, ich hab' mit ihm getanzt; ja lachet nur, man ist damals lustiger gewesen wie jetzt, und wie der Herr Reinhard, so kann kein zweiter Mensch auf der Welt tanzen; man hat gemeint, man fliegt und man schwimmt und . . .« »Still! dort kommt er; er schaut gar nicht auf. Wohin er nur gehen mag? Guck! Er geht auf den Kirchhof. Ja, armes Lorle, jetzt kommt er, aber an dein Grab. Wendelin!« wurde ein Bauer angerufen, der mit der Peitsche auf der Schulter den Kühen am Pflug vorausgegangen war, »Wendelin! weißt schon, wer kommen ist?« »Wer denn?« »Des Lorles Reinhard.« »O was? So? Hat er nicht nach mir gefragt?« »Nein.« »Hü!« rief der Bauer den Kühen zu, die wie er stehen geblieben waren; »hü, Bläß! hot, Strom!« Wendelin steckte den Daumen unter seinen Hosenträger und bog ab nach seinem Hause. Der Dorfschütz kam am Brunnen vorbei. »Martin,« wurde ihm zugerufen, »zieh' ein frisch Bandelier und einen scharfen Säbel an!« »Warum? Was gibt's?« »Des Lorles Reinhard ist angekommen, du mußt seine Leibwache sein, denn die Burschen haben ja geschworen, daß sie ihn totschlagen, wenn er wiederkommt.« »Hat keine Gefahr. Aber wo ist er?« »Wer?« fragte ein herzutretendes Mädchen mit roten Zöpfen, das in einer durchlöcherten Blechschüssel grünen Salat trug. »Malva, dich geht er am meisten an,« wurde erwidert; »der Mann von deiner Pflegemutter, des Lorles Reinhard, ist ja angekommen, er ist jetzt auf dem Kirchhof.« Malva kehrte schnell wieder um, eilte mit der Blechschüssel heimwärts und dann nach dem Kirchhof. Dort am Zaun, wo die wilden Rosen blühten, sah sie ihn am Grabe stehen; es war mit dichtverbuschten Nelken ringsum eingerahmt und in der Mitte blühte der Rosmarin. Die Luft war so still, daß man die Bienen summen hörte, die dort Honig holten. Der Mann stand entblößten Hauptes, unbewegt, nun bückte er sich und brach eine Nelke ab. Er hielt die Nelke an die Lippen und Malva betete schnell vor sich hin; denn es ist ja bekannt, daß man bald sterben muß, wenn man an einer Blume von einem Grabe riecht. Jetzt wendete sich der Mann. Hat er geweint oder sind seine Augen immer so hellblau und so strahlend? Unter der Kirchhofthür trat ihm Malva in den Weg und sagte: »Grüß Gott, Herr Reinhard. Schenket mir die Blume, ich bitt'.« »Warum?« »Es ist die erste Nelke von diesem Jahr und eine Blume vom Grab bringt Todesgefahr.« »Ich hab' keinen Aberglauben. Habe ich dich heute schon gesehen?« »Ja, ich hab' nicht gewußt, wer Ihr seid, aber die Selige hat's gewiß so eingerichtet, daß ich zuerst Euch sehe.« »So? Wie heißest du?« »Eigentlich heiße ich Malvina Katharina, aber die Selige hat mich immer Malva gerufen, und jetzt heiße ich im ganzen Dorf so.« »Wie heißt dein Vater?« »Wendelin.« »Also doch? Ich habe deinen Vater gekannt, als er noch nicht so alt war wie du jetzt. Lebt er noch?« »Ja, und er wartet daheim aufs Essen und wird schimpfen; aber Ihr geht jetzt allem vor. Das Lorle, die Frau Professorin, ich bin in ihrer letzten Stunde bei ihr gewesen, hat mir lang vorher gesagt, grüß' mir meinen Reinhard, wenn er wiederkommt, und noch viel, viel hat sie mir für Euch gegeben.« »So erzähle.« »Ich kann jetzt nicht, mein Vater schimpft, er hat heut den ganzen Morgen Kartoffeln gehäufelt und ist hungrig.« »Sag' mir nur schnell, wer hat den schönen Grabstein gesetzt?« »Der Herr Reihenmeyer, er ist auch beim Begräbnis gewesen und hat da gleich alles angeordnet. Aber verzeihet, ich muß heim, der Vater ist gar arg, wenn er aufs Essen warten muß. Ihr bleibet doch wenigstens heut hier?« »Gewiß.« »Gut, so kommet in einer Stunde in unser Haus, dort das Haus, wo die abgezweigte Tanne ist, das ist unser Haus. Unterdes kann ich mich auch besser besinnen. Gebt mir die Nelke.« »Nein.« »Nun, so behüt' Euch Gott, ich muß fort.« Reinhard kehrte durchs Dorf zurück. Wie zittern die Sonnenstrahlen an den weißen Wänden der Häuser auf und ab, wie flimmert das Wasser aus den Brunnenröhren so seltsam, als wär's flüssiges Metall, und die Linde schauert in sich zusammen und kein Menschenkind zeigt sich . . . In der hellen Morgensonne erschien ihm das Dorf, als wäre es aus nächtiger Versunkenheit wieder emporgetaucht, und er selber war sich ein Versunkener, der wieder ans Licht kommt. Die Augen brannten ihm, er hätte sie gern geschlossen, für immer. Er kannte das Grab seiner Mutter nicht, er hatte kein Grab auf der Erde, jetzt hatte er eins, und er hatte die Stelle gesehen, wo er ruhen sollte. Fünftes Kapitel. Beim Schwager. »Du mußt einen Wolfshunger haben. Man sieht dir's an. Ich hab' mit dem Essen auf dich gewartet, damit du nicht so allein bist. Soll ich Champagner aufsetzen lassen? Ich hab' echten im Keller. Ich bin im Krieg mit meinem Fuhrwerk auch drei Wochen in der Champagne gewesen.« So wurde Reinhard vom Schwager begrüßt, als er wieder in das Wirtshaus kam. Reinhard setzte sich und der Schwager, der ihm ansah, daß er etwas fragen wollte, fiel ein: »Red' jetzt gar nichts und laß dir's schmecken. Weißt, wie mein Vater immer gesagt hat? Mit Essen und Trinken im Magen hat man eine andere Seel! Nach dem Essen kannst du fragen, was du willst.« Sie aßen still und Reinhard fragte endlich: »Warum bist du nicht im alten Haus verblieben?« »Ja schau, es ist eben eine neue Welt. Sobald es gewiß gewesen ist, daß wir die Eisenbahn bekommen und den Bahnhof daher, hab' ich zu meinem Acker noch den Baumgarten vom Wendelin gekauft, ich hab' ihn gut bezahlt, aber der Rothaarige schimpft – die Menschen schimpfen eben auf jeden, der sein Sach versteht, es wird bei euch im Malergeschäft auch so sein – und da hab' ich hergebaut und die Ingenieure haben bei mir gewohnt und zweimal auch der Minister.« »Und das alte Haus, in dem wir so vieles erlebt haben, ist dir gar nichts mehr wert?« »O, wert schon,« erwiderte der Schwager, es blitzte schelmisch in seinem Gesichte, »die Maler malen's alle ab und photographiert ist's auch, und das Lorle ist darin verblieben, sie ist nicht mit herausgezogen. Schau, du siehst wieder gleich so aus, ich kann nicht sagen wie. Es geht doch nicht anders, ich muß doch von ihr reden, es ist mein einzig Geschwister auf der Welt gewesen.« Er machte ein Gesicht, wie ein Fuchs machen müßte, wenn er weinen wollte, und dabei zerknackte er mit seinen scharfen Zähnen einen Knochen vom Hahnenbraten und schlürfte das Mark mit Behagen aus. Reinhard sagte: »Ich bitte im Gegenteil, erzähl' mir nur recht viel von ihr. Des Wendelins Tochter hat mir auch schon von ihr erzählt.« »So? hat der Rotkopf dir schon den Weg verlegt? Ja, die Malva hat's dem Lorle angethan, hat sich viel von ihr schenken lassen, wer weiß, was sie hat. Sie ist ein lustig Ding, und das hat das Lorle gern gehabt.« »So? Sie hat gern heitere Menschen um sich gehabt?« »Ja freilich, sie ist gern heiter gewesen, darüber brauchst dir keine Vorwürfe zu machen. Ich mach' dir auch keine und ich wäre doch der einzige, der das dürfte. Die gute Seele hat aber auch unser blödsinniges Kind zu sich genommen gehabt. Sei nur ruhig. Ich hab' schon gemerkt, daß du so was nicht um dich sehen kannst, der Fabian kommt nicht mehr in die Stube.« »Kann ich nicht im alten Haus wohnen?« »Freilich, kannst's ganz haben. Weißt was? Kauf mir's ab. Ich geb' dir's, was es unter Brüdern wert ist; für zweihundert von deinen Pfund sollst's haben mitsamt dem Garten. Sag' aber niemand, daß ich dir's so billig angeboten habe.« »Was soll ich allein in einem so großen Haus?« »Wenn dir's allein zu einsam ist, so geb' ich dir ein Kind, unsere zweite Tochter, die Ida, ist gut geschult und unterhaltsam; sie ist jetzt im Lothringischen und lernt dort Lebensart und Französisch und dafür hab' ich die Tochter von dort und die lernt bei uns kochen und Deutsch. Hätt' mein Vater das Lorle noch vorher wohin geschickt, wer weiß, wie es jetzt wär'. Weißt noch? Er hat gewollt, du sollst sie noch ein Jahr zu den englischen Fräulein thun lassen. Aber reden wir nicht von Vergangenem. Wenn du die Ida an Kindesstatt annehmen willst, dir geben wir sie, oder auch unser Enkelchen, ein Prachtbub, er heißt wie du, und du bist sein Großonkel. Das Lorle hat immer auch ein Kind annehmen wollen, aber es hat sich nicht machen lassen, kannst dir denken warum, und sie hat ihr Erbgut auch aufgezehrt. Also du kaufst die alte Linde?« »Ich will mich noch besinnen.« »Das gefällt mir von dir, daß du so besonnen bist und nicht gleich einschlägst. Da sieht man den erfahrenen, bedachtsamen Mann. So ist's recht. Du kannst das Haus von einem Baumeister untersuchen und schätzen lassen.« Vroni kam herein, sie war nun sorgfältiger gekleidet, man sah aber nichts mehr von der alten Bauerntracht. Vroni war eine stattliche behäbige Frau geworden, aus ihrem runden, breiten Gesichte leuchtete es wie wahrhaftes Wohlwollen. Sie setzte sich nun mit zum Nachtisch, aber ihr Mann ließ sie lange nicht zu Worte kommen, denn er sagte: »So ist's recht. Wir lassen dich nicht mehr fort. Du mußt bei uns bleiben. Du kannst hier leben wie in der Stadt. Wir haben alle Tage frisch Fleisch und zum nächsten Winter lege ich einen Eiskeller an, und was man sonst will, bringen die Schaffner von der Eisenbahn in einigen Stunden, und unsere älteste Tochter hat die Bahnhof-Restauration in der Hauptstadt und alles bei der Hand. Du bist uns eine Ehre und ein Stolz. Nicht wahr, Vroni?« »Gewiß, gewiß,« konnte Vroni endlich einfügen und sie sagte: »Der Herr Schwager sollt' auch meinen Vater besuchen.« »So? Lebt dein Vater noch?« »Ja, er ist hoch in den achtzig, aber noch ganz bei Weg und unser Enkelchen ist bei ihm. Er ist viel beim Lorle gewesen und sie bei ihm, ihr letzter Ausgang war zu ihm; er weiß noch nicht, daß sie gestorben ist. Und er hat nie zugegeben, daß eines ein böses Wort über den Herr Reinhard sagt.« Der Wirt sah seine Frau grimmig an, das letzte war nicht nötig. Um es zu verwischen, berichtete er Reinhard von seiner Familie. Der älteste Sohn, der mit im Feldzuge gegen Frankreich gewesen war, ist Oberkellner in Baden, die älteste Tochter ist Wirtin auf dem Bahnhofe der Residenz und die zweite, die jetzt in Lothringen ist, ist soviel als verlobt mit einem Ingenieur, der hier gewohnt hat und nun am Gotthard-Tunnel baut. »Er kann auch malen,« schloß Stephan, »und er ist stolz darauf, daß der berühmte Maler Reinhard der Onkel seiner Braut ist.« Der Dorfschütz trat ein in seinem Sonntagsstaat mit frischlackiertem Bandelier; Reinhard erkannte ihn nicht und er mußte sich selber zu erkennen geben als der lange Martin, der Sohn der Bärbel, die Lorle in die Hauptstadt gefolgt und dort gestorben war. Martin ließ sich den dargereichten Trunk wohl munden, aber trotz Zuredens setzte er sich nicht mit an den Tisch, sondern an einen entfernten. Von Martin und dem Schwager geleitet, ging Reinhard ins Dorf nach der alten Linde. Das Haus wurde aufgeschlossen, ein kalter Luftstrom drang daraus hervor. Sechstes Kapitel. Es geht ein Geist um. Reinhard redete kein Wort. dafür war der Schwager um so wortreicher. »Es denkt mir noch, wie du da allemal drei Stufen auf einmal genommen hast; jetzt mußt halt auch eine nach der andern nehmen. Laß den Martin voraus. Martin, mach' die Läden und Fenster auf! Seit dem Tag nach ihrem Begräbnis ist alles zu; es ist, wie wenn alles auf dich gewartet hätte. Ja, das muß dein sein und niemand anderm auf der Welt. Da ist unser Lorle dreißig Jahr auf und ab gangen.« Er sagte letzteres mit weinendem Tone und jetzt weinte er wirklich und rief: »O meine einzige Schwester! Meine liebe Schwester! Warum hast du sterben müssen? Verzeih' mir, Bruder, daß ich dir das Herz so schwer mache. Aber wir sind ja Brüder, wir sind Brüder.« Er warf sich an die Brust Reinhards und schluchzte. Reinhard suchte den Schwager zu beruhigen und ward damit seiner eigenen Herzbewegung Meister. Es war ihm, wie wenn alles redete, jede Treppenstufe, das Geländer, die Küchenthüre, die große Bank. Stephan öffnete die große Stube, die nach dem Baumgarten liegt. Das volle Mittagslicht strömte herein und er sagte jetzt mit gefaßterem Tone: »Da hat sie gewohnt, da hast du sie gemalt und da habt ihr euch verlobt; sie hat nicht auf die Straß' gehen wollen, sie hat immer gesagt, was geht mich das an? Sie hat gelebt wie eine Klosterfrau, aber nicht traurig, das nicht. Sie hat gesagt, den Nußbaum da, den habest du im ersten Jahr, wie du hier gewesen, gepflanzt. Schau, wie groß er ist und wie voll er steht. Siehst du dort den Brunnen? Der ist neu. Weißt, es war immer ein nasser Fleck dort, da hat unser Lorle nachgraben lassen, und jetzt ist das der beste Brunnen im Dorf. Der Doktor sagt, es sei ein Stahlsäuerling, besonders gut unterm Wein. Das Recht mußt du mir lassen, daß ich da an deinem Haus Sauerwasser hol' für meine Gäste. Schau, da in der Kammer hat ihr Bett gestanden, sie hat's der Malva vermacht, ich hätte Einsprache thun können, aber ich will keinen Prozeß, nur keinen Prozeß! Jetzt halt! ich muß dir was sagen: da in ihrer Stube, da nehm' ich mein Wort zurück. Ich setze dir gar keinen Preis fürs Haus, es ist dein für jeden Preis, den du sagst; es bleibt alles brüderlich unter Brüdern. Jetzt verzeih'! Ich hab' Leut im Feld, ich muß Heu einthun. Mach dir dein Herz nicht schwer und denk', daß du daheim bist bei den Deinigen. Behüt' dich Gott.« Reinhard war allein, er setzte sich ans Fenster, wo der Nußbaum seine Aeste heranschickte, und jetzt brach's hervor, ein Thränenstrom, so schwer, so voll. Lorle! Lorle! war das einzige, was er rufen konnte, er legte den Kopf auf das Fenstersims, wo ihre Hand so oft geruht. Als er endlich aufschaute, stand Martin unter der Thür und sagte: »Ich hab' mich noch gar nicht bedankt, daß der Herr Reinhard meiner Mutter selig, der Bärbel, ein steinern Kreuz hat setzen lassen. Ja, wenn die am Leben blieben wär', wär' alles nicht so geworden. Hundertmal hat die Professorin mir gesagt, Martin, hat sie gesagt, deine Mutter, die Bärbel, ist meine zweite Mutter gewesen. Meinem Sohn, dem Kammersänger, hat die Frau Professorin, wie er allbereits ein kleiner Bub' war, eine Geig' gekauft, er kann gut geigen, erst später ist er Sänger geworden.« Reinhard ging festen Schrittes allein durch das ganze Haus. Plötzlich war's ihm, als hätte sich Lorle nur neckisch versteckt wie damals in der Brautzeit. Alle die Jahr waren nicht vergangen, die beiden Liebenden lebten noch jung und frisch . . . Auf einer alten Truhe am Giebelfenster, dort wo Lorle damals dem Gesange Reinhards unter der Linde gelauscht, dort saß er lange und preßte die zitternden Hände ineinander. »Tot! Alles tot!« stöhnte er endlich vor sich hin. Er ging hinab, Martin wartete auf der Treppe, und als er endlich wieder auf der Straße stand, verschloß Martin das Haus. Reinhard reichte ihm still die Abschiedshand, aber Martin sagte, er wolle ihn begleiten, hinter ihm drein gehen, wenn er's wünsche. »Ah so!« entgegnete Reinhard, »du fürchtest, daß sie die Drohung wahr machen und mich tot schlagen?« »Wer hat das dem Herrn Reinhard hinterbracht?« »Ein Waldknecht.« »Gewiß der Maurus. Es ist aber nicht wahr, es ist bloß Geschwätz, und hernach bin doch allbereits ich da. Im Gegenteil, Herr Reinhard, Ihr müsset Euch auch hier anbauen, Ihr könnt hier so alt werden wie der Hohlmüller, der ist bald neunzig. Dort neben meinem Sohn, dem königlichen Kammersänger, müßt Ihr Euch anbauen.« Er zeigte Reinhard ein wohlgebautes Haus auf der Anhöhe und erzählte, daß dort sein Sohn die Sommerferien zubringe. Er wiederholte, daß der Sohn sein Glück der Bärbel und dem Lorle verdanke; von der Mutter, die viel mit Lorle gesungen, habe er die schöne Stimme, und Lorle habe ihn Musik lernen lassen. Der Sohn käme in der nächsten Zeit mit Frau und Kindern; die Frau sei auch Sängerin und eine Adlige, aber gar nicht stolz. »Er kommt nächsten Sonntag,« sagte Martin mit Behagen, »er richtet's immer so ein, daß er am Sonntag kommt; da ist's lustig, lustiger als die Kirchweih. Mein Ulrich hat's gescheit gemacht. Wir heißen mit dem Geschlechtsnamen Flohberger, da hat er den Floh springen lassen und er heißt jetzt nur Berger.« Siebentes Kapitel. Wie Lorle lebte und starb. Es gelang Reinhard nur schwer, den Martin Flohberger von sich loszumachen. Auf Umwegen ging Reinhard nach dem Hause Wendelins, er klopfte, Malva öffnete und that ein Tuch von der Stirn ab; sie berichtete leise, sie habe sich krank stellen müssen, um daheim bleiben zu dürfen, sie habe sich aber auch still besonnen, um Reinhard alles genau zu berichten. »Ich habe nur vorher eine Bitte,« sagte sie. »Was denn?« »Meine Stiefmutter will Euch sehen. Sie liegt da in der Kammer. Kommet nur auf ein paar Minuten.« Reinhard folgte in die Kammer. Eine abgehärmte Gestalt betrachtete ihn mit großen dunklen Augen und rief: »So sieht also der Herr Reinhard aus? So groß? Und wenn er den grauen Bart abthäte, wär' er noch ein schöner junger Mann. Wenn Ihr Eurem Lorle was zu berichten habt, so saget mir's, ich komm' bald zu ihr.« Reinhard ging mit Malva nach dem Garten, wo man die Kranke hören konnte, wenn sie rief. Sie setzte sich auf die Bank und Reinhard sagte: »Nun, so erzähle.« »Ja, wo anfangen?« »Wie lang warst du bei ihr?« »Das ist recht, da will ich anfangen.« »Vierzehn Monate bin ich alt gewesen, wie sie mich zu sich genommen hat. Mein Vater hat wieder geheiratet, und ich habe erst am Morgen, als mich die Frau Professorin in die Schule brachte, von ihr erfahren, daß sie nicht meine leibliche Mutter ist.« »Hat sie dich nicht an Kindesstatt annehmen wollen?« »Freilich. Ich hab' aber nie Mutter zu ihr sagen dürfen; sie hat mich nur manchmal ihr Schwesterchen geheißen. Ich hab' später davon gehört, daß sie mich gerichtlich nach ihrem Tod hat an Kindesstatt einsetzen wollen, aber weil man nicht gewußt hat, wo der Herr Reinhard lebt, haben die Gerichte das nicht zugegeben. Ich glaub', sie hat ein Testament hinterlassen, aber man hat's nicht gefunden. Ich will gegen niemand was sagen, er ist ihr Bruder. Das Bett habe ich bekommen, weil sie das einmal der Bärbel Martin gesagt hat, daß es mein ist. Ich glaub', sie hat auch dem Martin etwas vermacht.« »Gut, ich werde dem nachforschen. Erzähle weiter.« »Ja, lieber Gott, ich weiß nicht mehr, wo anfangen.« »Wie du zum erstenmal in die Schule gegangen bist.« »Ja, sie hat alle Schulaufgaben mit mir gemacht und mein Lesebuch hat sie ganz auswendig gewußt, und oft und oft hat sie gesagt: wären zu meiner Zeit die Schulen so gut gewesen und ich hätt' so ein schönes Bilderbuch gehabt, so wäre ich nicht zu unwissend gewesen für meinen Reinhard. Greift's Euch an, wenn ich so erzähle?« »Erzähl' nur weiter.« »Sie hat sich auch ein Buch angeschafft mit einer Beschreibung von Rom, und da hat sie alle Straßen und alle Häuser gekannt und oft gesagt: da geht jetzt mein Reinhard.« Reinhard schloß die Augen, die Lider zuckten, während Malva fortfuhr: »Nie ist ein böses Wort über den Herrn Reinhard über ihre Lippen gekommen und auch dem Stephan hat sie's verboten, daß er schimpft. Das ist das einzigmal, wo ich sie grimmzornig gesehen hab'. Ich glaub', sie hat jede Nacht ein Gebet für den Herrn Reinhard gesagt.« »Ist sie lange krank gewesen?« »Höchstens drei Wochen und die letzten elf Tage im Bett. Sie hat sich gar arg verkältet, wie sie das letzte Mal beim Hohlmüller gewesen ist, und von da an hat sie Tag und Nacht gehustet. Der Doktor hat gleich gesagt, da ist nicht mehr zu helfen.« »Hat sie dir nie gesagt, warum sie mich verlassen hat?« »So? Sie hat den Herrn Reinhard verlassen? Ich hab' immer anders gemeint. Viel gejammert hat sie, weil sie kein Kind gehabt, aber sie hat den Aberglauben gehabt, daß sie sich versündigt habe, weil der Herr Reinhard sie als heilige Jungfrau abgebildet hat.« »Ist sie viel in die Kirche gegangen?« »Nicht eben mehr als der Brauch, und wie das Bild aus der Kirche fort gewesen ist, ist's ihr doch nicht recht gewesen. Einmal hat sie mich gerufen und hat mir gesagt: Merk' dir's! Es kann keine böse Ehe geben, wenn eines von den Eheleuten ganz rechtschaffen ist. Ich hab' angesehen sein wollen für meine Liebe, meine Gutheit, und das ist nicht das rechte. Ich wäre gern seine Magd gewesen und hab' doch den Stolz gehabt; ich bin darin auch nicht ganz brav gewesen, aber die kurze Zeit, die ich mit ihm glücklich gewesen bin, ist mir mehr wert als siebenmal leben. Und einmal hat sie geweint am Morgen, weil sie nicht mehr von Herrn Reinhard träumt.« Malva hielt wieder inne und endlich sagte sie: »Nicht wahr, ich mach' Euch das Herz schwer? Aber sie hat hundertmal gesagt, wenn ich's ihm nur sagen könnt, daß ich ihn lieb hab', so lieb . . . und ihm verzeihe, und er soll mir auch verzeihen. – Einmal ist sie vom Hohlmüller heimkommen, sie hat ihm immer die Zeitung vorgelesen. Ich hab' schon geschlafen, und da hat sie mich geweckt und hat ganz glückselig gesagt: Malva! Von meinem Reinhard steht in der Zeitung. Er ist ein weltberühmter Mann!« Reinhard griff mit der Hand ins Leere und schloß die Faust krampfhaft. Welch eine Liebe ist das, die, um das volle Herz zu erleichtern, das schlafende Kind weckt und ihm den Ruhm des Geliebten, Ungetreuen verkündet. »Hätt' ich das nicht erzählen sollen?« fragte Malva. »Du sollst alles erzählen. Alles. Hat sie auch von dem Gerücht gehört, daß ich gestorben sei?« »Nein.« »Wie hat sie den Krieg erlebt?« »Sie hat sich gar nicht gefürchtet. Sie hat in der großen Stube drei Betten hergerichtet für Verwundete. Wir haben aber keine bekommen.« »Ist sie bei Besinnung gestorben?« »Freilich! Sie ist nicht gern gestorben. Am letzten Tag hat sie gemeint, der Herr Reinhard ist da und da hat sie gerufen: Wein' nicht zu arg, ich hab's gewußt, daß du kommst. Lieber Gott! Laß mich nur noch einen Tag leben, nur noch einen halben Tag und ich will mit meinem Reinhard über die Wiese gehen. Ja, das Zittergras ist schön! wunderschön! . . . Und da hat sie gerufen: Nicht sterben! jetzt erst recht leben! und da war sie tot . . .« Lange war es still im Garten, man hörte nichts als das Zwitschern der Schwalben vor dem Fenster und von dem Kirchhof in der Nähe schmetterte ein Fink seinen hellen Sang. Reinhard erhob sich endlich, reichte Malva still die Hand und ging davon. Achtes Kapitel. Ein Freund übers Grab. Spät in der Nacht schrieb Reinhard einen Brief an Doktor Adalbert Reihenmeyer: »Du bist ein Freund übers Grab und Du bist der einzige noch Lebende, den ich begrüßen will. Ich bin hier und habe das schauerliche Behagen, als ein Gestorbener wieder erschienen zu sein. Während ich hier in stiller Nacht sitze, singen die Burschen durchs Dorf. Es ist mir wie ein Wunder, daß die Lieder noch die alten Töne haben. Die Welt wird immer wieder jung. Ich aber bin alt und müde und ein fester Platz wartet auf mich. Mir wirbelt's im Kopfe von all den Erinnerungen, die mir heute erweckt wurden. Willst Du Dich meiner noch erinnern, so komm. Woldemar Reinhard. (Nachschrift.) Es ist so still, ich höre jenen zitternden Klang, jenes flüsternde Knistern, jenes leise Summen in der Luft, das Du einmal den Flügelschlag der Schleiereule Vergänglichkeit und ein andermal ein Austönen von der Bewegung unseres Planeten nanntest . . . . Ach was ist alles! Quacksalberei und endlich Tod. Ich habe mein Leben verfehlt, ich möchte den Rest noch rein abthun. Was ist alle Kunst, alle Selbstbefriedigung, was ist Ehre und Ruhm, wenn das Leben nicht rein? Aber nenne mir einen Künstler, der sein Dasein rein ausgelebt. Vielleicht ist alle Kunst nur Quacksalberei, um den Bruch und Schmerz des Daseins zu vergessen . . . . Ich habe mit grauen Haaren die Studentenkrankheit der Skepsis bekommen, die ist in solchem Alter unheilbar. Ich bin müde und möchte schlafen auf immer. Ich habe nichts mehr von der Welt zu erwarten, nichts mehr in ihr zu suchen. Du hast ihr ein Grabdenkmal gesetzt. Vor mir liegt eine Nelke, die aus ihrem Grabe entsprossen, und jetzt scheinen die Sterne über dem Hügel. Ich stand auf dem Fleck Erde, den sie für mich bereit gehalten. Wenn Du kannst und willst, so komm zu mir. Ich bedarf keines Menschen, ich bedarf auch Deiner nicht, ich will nichts als ruhig und still einschlafen, sterben. Wenn Du noch der Alte bist, so darf und muß man Dir auch dies alles sagen. Uebelnehmen kennst Du nicht. Ich werde am Sonntag Dein Waldheiligtum aufsuchen, wo Du damals an unsrem ersten Dorfsonntag so glückselig träumtest und den großen Schmetterling Traumglück aufspießtest. Wann war das doch? Ich meine, in Urweltzeiten. (Letzte Nachschrift.) Eigentlich wollte ich Dir alles, was da steht, nicht schreiben, sondern nur das: Komm zu mir, bleib bei mir, denn es will Abend werden. Komm – schilt mich, aber bleib bei mir. Ich habe einen Plan für unser beider letztes Leben, aber den will ich erst vor Deinen treuen Augen auslegen. Komm zu mir. Ich kann und will nicht nach der Stadt. Komm zu mir. Du bist der einzige Mensch, der über mich richten darf. Ich war undankbar gegen Dich. Ich gedenke jenes Tages, als Du um meinetwillen die Kleidung des Waisenknaben anzogst. Ich kann nicht mehr schreiben. Viva voce will ich Dir alles sagen. Komm zu mir.« Reinhard starrte lange in das Licht, dann schloß er den Brief, ohne ihn durchzulesen. Er stand auf, verließ das Hans und ging nach dem Bahnhofe, um den Brief in den Schalter zu werfen; dort brannte noch eine Lampe, und der Hund des Bahnwärters knurrte nur verschlafen. Reinhard wanderte noch ruhelos im Felde umher, dann kehrte er ins Dorf zurück, aber nicht durch die Dorfstraße, er ging zwischen den Gartenhecken draußen, und unversehens stand er vor dem Kirchhof. Er schauderte, aber was ist die Nacht anders als der Tag? Was soll der alte kindische Aberglaube? Warum jetzt nicht auf ihr Grab? Er ging hinter dem Hause Wendelins vorüber, da brannte Licht in der hintern Stube des Erdgeschosses. Er näherte sich dem Fenster, ein dürrer Zweig auf dem Boden knackte unter seinen Füßen. »Wer ist da?« rief eine Frauenstimme. Er antwortete nicht und wollte still davon schleichen, aber schon öffnete sich ein Schiebfensterchen, ein Mädchenkopf erschien darin, und Malva rief: »Der Herr Reinhard!« »Warum wachst Du noch?« »Ich hab' gar so schwer denken müssen. Es ist mir, wie wenn die Frau Professorin es in der andern Welt nicht aushalten könnte und jetzt wiederkommen müßte.« »Du bist ein seltsames Kind. Gut Nacht. Gib mir eine Hand.« »Ich kann jetzt nicht. Ihr seid doch nicht in der Nacht auf dem Kirchhof gewesen?« »Nein.« »Gottlob. Schlafet gut.« Er fuhr Malva unwillkürlich mit der Hand über das Gesicht, sie küßte seine Hand, er erbebte. Das Schiebfensterchen wurde geschlossen, das Licht gelöscht. Reinhard ging am Kirchhof vorbei heim in das Wirtshaus zum grünen Baum . . . . Sensendengeln weckte ihn, als es schon lange Tag war. Er mußte sich besinnen, wo er war. Was hatte sich alles in dem gestrigen Tag zusammengedrängt! Bald nahm er ein in grau Leinen gebundenes Skizzenbuch heraus, er blätterte darin flüchtig, er schien die Bilder nicht sehen zu wollen. Das sei das letzte! sagte er vor sich hin und strich mit der Hand über ein leeres Blatt. Und so ist die Künstlernatur und die Gewöhnung, das Leben im Bilde zu fassen. Reinhard zeichnete einen Mann, der, dem Beschauer abgewendet, vor einem Grabe steht und eine Blume in der Hand hält; so weit das Gesicht sich zeigte, war er selbst unverkennbar. Im Hintergrunde hinter einer Ecke von wilden Rosen sah ein Mädchenkopf lauschend hervor. Jetzt wurde noch mit schnellem Stift ein Flug Raben gezeichnet, der über dem Haupte des Mannes dahinschwebte. Nun noch ein letzter Blick, Datum und Stunde wird an den Rand geschrieben, das Buch fest verschnürt und beiseite gelegt. – Aus Erlebnis, aus äußerer und innerer Wahrnehmung schafft die Künstlerphantasie ein Gebilde, das unverändert die Geisteszüge des Schöpfers trägt. Anders wird es, wie er seine Seele auf ein lebendes Wesen wirken läßt, in welchem das Empfangene fort und fort waltet. Reinhard hatte das Herz Lorles erweckt, es wachte nur in ihm. Muß es ihn nun hinabziehen in den Tod? Er hieß den Tod willkommen, wenn er nur rasch kommt. . . . Neuntes Kapitel. Im grünen Klee. In der ersten Morgenfrühe ging Malva mit dem Grastuche unterm Arme und der Sense auf der Schulter nach dem Kleefeld am Berge. Sie dachte, wie Reinhard die erste Nacht im Dorfe verbracht haben mochte, sie schritt aber dabei rüstig vorwärts, denn die Kühe daheim warteten auf ihr Futter. Die Sense mähte den tauglänzenden Klee nieder, da rief der Waldhüter Maurus: »Schneidet's gut?« Malva hielt still und erwiderte: »So? Du bist's? Hast du heut' noch keine alte Frau gesehen?« »Warum?« »Weil ihr Jäger ja das für einen Aberglauben haltet,« lachte Malva und das gurrte so lange nach, wie die Waldtaube dort im Walde. »Du bist lustig!« »Warum nicht? Es ist ja wieder Tag. Ich hab' gestern viel Elend durchgemacht, aber wenn's wieder Morgen ist, da fang' ich allemal frisch zu leben an.« »Was hast denn gestern gehabt?« Malva erzählte, daß Reinhard bei ihr gewesen und daß sie ihm von der Toten berichtet habe. »Was siehst mich so an? Warum sagst du kein Wort?« schloß sie. Der Waldhüter entgegnete, daß er gestern dem Manne begegnet sei, von dem er nachher gehört habe, daß er der Reinhard selber sei. Er hütete sich indes wohl, zu berichten, was er dem Ungekannten erzählt hatte. »Ich kann mir's jetzt denken,« begann Malva wieder, »daß dem ein Mädle folgt von allem weg und nach gar nichts fragt.« »Wie es scheint, gefällt er dir arg.« »Von Gefallen ist da kein Red'. Wenn der Herr Reinhard sagen thät', ich soll seine Magd sein, mit Freude ging' ich zu ihm, und wenn er sagen thät', geh' mit mir in die weite Welt, ich ging' mit ihm wie dein Hund mit dir geht.« »So? Und mich könntest du so für nichts und wieder nichts aufgeben?« »Das ist anders. Wenn das Lorle noch lebte und es thät' sagen, pfleg' meinen Reinhard und sei ihm unterthan, ich müßt's thun; aber davon ist keine Red'. So ein Herr braucht mich nicht.« Sie schien nicht weiter reden zu können, sie nahm ihren Wetzstein und wetzte die Sense, daß es hell klang. Plötzlich aber sagte sie: »Ich hab' genug geschnitten,« und den Klee in das Tuch sammelnd und zusammenschnürend sagte sie: »Hilf mir auf.« Der Waldhüter hob den Kleebündel auf und wollte ihn eben dem Mädchen auf den Kopf legen. da hörten sie einen grellen Pfiff und von ferne her den Ruf: »Malva! Maurus! Wartet! Ich komm'.« »Was will der Schütz?« fragte Malva den Kleebündel wieder abwerfend, denn Martin war es, der ihnen gerufen hatte. Er kam atemlos herbei und sagte: »Gut, daß ich euch bei einander treffe, es geht euch beide an.« Heftig fuhr er den Waldhüter an, der dem Reinhard gesagt habe, das ganze Dorf wolle ihn steinigen. »Ja, sie haben's ja alle gesagt,« erwiderte der Waldschütz, »wenn sie gelogen haben und jetzt feig sind, was geht's mich an?« »Und du hast auch gesagt,« nahm der Schütz wieder auf, »die Malva weiß von seinen grausamen Thaten.« »Jawohl, das hab' ich auch gesagt. Ist's nicht wahr?« »Nein. Du mit deinem halben Verstand hast das nicht verstanden,« rief Malva, »und wenn ich was gesagt hätte, wie darfst du so ungetreu an mir sein?« »Freilich, das darfst nur du. Du darfst allein ungetreu sein, die Rothaarigen dürfen das allein.« »So ist's recht. Ich dank' dir, daß du das gesagt hast. Gottlob, jetzt ist es aus. Du bist der Kamerad von meinem Bruder gewesen und da hab' ich was auf dich gehalten. Da der Anhenker,« sagte sie, und deutete auf eine silberne Kapsel, die um ihren Hals hing, »den hast du mir machen lassen, er hat drei Gulden gekostet, ich zahle sie, kannst sie beim Martin da holen. Mit uns zwei ist's aus, auf immer und ewig. So gewiß der abgemähte Klee da nimmer wieder auf die Stoppel wächst, ebenso auf immer auseinander ist's mit uns. Gott Lob und Dank, du kannst dich nicht berühmen, einen Kuß von mir zu haben.« »Das wär' auch was.« Malva stürzte mit geballten Fäusten auf den Spötter zu, ihr Auge flammte und ihre Lippen bebten, aber vor ihm stehend, sagte sie sich selbst bezwingend: »Halt. Nicht so. Ich dank' dir für jedes von deinen Worten tausendmal.« Sie wendete sich zum Schütz und sagte: »Martin, hilf mir auf.« Das geschah, und mit dem Kleebündel aus dem Kopfe ging Malva nach dem Dorfe zurück. Sonst hörte man sie immer singen, heute sang sie nicht. Martin, der sie bald wieder einholte, sagte: »Schau, dort geht der Herr Reinhard, er geht gewiß nach der Hohlmühle zum alten Müller.« »Wenn er nur dem nicht verratet, daß das Lorle gestorben ist,« sagte Malva, »der alte Müller weiß es noch nicht und er war ihr bester Freund.« Zehntes Kapitel. Alte und neue Gleise. Singen die Lerchen nur in der deutschen Heimat so wonnig? Duftet nur hier das Heu so würzig und ist die Luft voll kühlenden Taues? So fragte sich's in der Seele Reinhards, als er zwischen den Gartenhecken und durch die Wiesen dahinschritt. Die Tiefe eines Elends vollkommen kennen, ist auch Befreiung. Reinhard kannte nun ganz, was er verwüstet und verloren; er wollte still tragen und seinem neuen Grundsatze treu bleiben. Am Hügel blinkte eine Sense, Reinhard ahnte nicht, daß dort Malva war, die ihm so Schweres berichtet hatte und mit jedem Atemzuge an ihn und die Verstorbene gedachte. Er schritt weiter, jeder Baum, jede Hecke sprach mit ihm, sie erzählten von vergangenen Tagen, sie schauten ihn an mit dem Blicke jenes Auges, das nun geschlossen war. War es immer so, daß sich um diese Jahreszeit so die Sommerfaden ins Gesicht legen? Reinhard fuhr sich oft mit der Hand über das Gesicht und wischte sie ab. Das ist doch der rechte Weg nach der Hohlmühle, den sind wir damals miteinander gegangen, und ihr Vater und der Kollaborator war dabei. Aber der Wald ist weiter zurückgewichen, da, wo er sich noch in die Thalsohle erstreckte, ist er in Wiese verwandelt und nur einzelne Tannen am Mühlbache zeigen, daß hier ehemals Wald gestanden. »Ich bin so grau, ich bin so alt, Sah den Berg sechsmal als Wiese und sechsmal als Wald« Dieser Spruch eines alten Berggeistes tauchte in der Erinnerung Reinhards auf. Ein neues Wehr braust dort an der Sägmühle, und ein Schienenstrang ist bis dahin gezogen. Dort wo die schöne Ahorngruppe gestanden hatte, die Reinhard in verschiedenem Lichte und von verschiedenen Seiten aufgenommen und zum Hintergrund von manchen Bildern verwendet hatte, dort stand jetzt ein helles nach dem Muster des Bahnhofes gebautes Häuschen mit einem Gärtchen voll Gemüse und Blumen. Eine stattliche junge Frau, die mit einem Kinde auf dem Arme am Zaune stand, grüßte und brach ihm eine volle Rose ab. »Wer seid Ihr?« »Eine Enkelin von des Lorles Bärbel, des Martins Tochter.« »Ich dank' Euch. Auf Wiedersehen.« Auf einem Baumstumpf an einer Lichtung des Waldes saß Reinhard und schaute in die Landschaft hinein; er sah die hellen Wiesen mit dem leuchtenden Grün und die tiefblauen Schatten der Schluchten und Waldeinschnitte. Das ist nicht das helle Licht Italiens mit seinem strahlenden Glanze, nicht die leichte wellenförmige Gebirgskette der Campagna, aber der Sommertag stufte die Uebergänge sanft ab, der Horizont war durchsichtig, die Ferne klar. Wenn du noch malen würdest, du würdest den Landschaftscharakter der Heimat neu erfassen. Weiter schritt er. Es stehen nur noch wenig alte Stämme, aber wie ist der Jungwald so frisch gediehen, ja die Natur ist stetig, aber wer weiß, wie viel Kämpfe auch der Pflanze beschieden sind, und wie auch eine der andern ihr Wachstum verkümmert, ihr Licht und Luft verschränkt, so daß sie verkommt. Wie vor seinen eigenen Gedanken fliehend, beschleunigte Reinhard seine Schritte und schon von ferne rief er dem Alten, der mit einem kleinen Knaben im Schatten des Felsens vor der Mühle saß, laut entgegen: »Grüß Gott, Hohlmüller!« »Herr Reinhard! Herr Reinhard!« rief es ihm entgegen, »hab' schon gehört, daß Ihr kommen seid. Ist brav, daß Ihr mich gleich aufsuchet. Aber allein? Wo ist die Frau? Wo ist das Lorle? Ist sie noch krank? Freilich jetzt, der Schreck! Aber sie wird schon wieder gesund werden, sie hat das zähe Leben von ihrem Vater.« Reinhard konnte nur stumm die Hände des Alten fassen, der nun sagte: »Ihr sehet noch ganz aus wie vor Zeiten. Ja, Ihr seid weit in der Welt herumgekommen, und ich bin da wie die Felswand, hier am selben Fleck zu finden. Da laufen Wagen, auf denen steht Paris, Wien, Berlin, Zürich – die ganze Welt rennt da auf der Eisenbahn an mir vorüber und ich halte still. Der Nußbaum, wo Ihr Euren Namen eingeschnitten habt, der ist nimmer da; die Eisenbahn hat ihn weggenommen, aber der schön geschnitzte Schrank und der Tisch in Eurem Haus, den hat das Lorle aus dem Stamm machen lassen. »Das ist mein Urenkelchen, das Lorle hat Gevatter bei ihm gestanden und er heißt wie Ihr, Woldemar. Woldemar! gib dem Herrn die Hand, das ist dein Gevatter und Großonkel. So, jetzt geh, ich hab' mit dem Herrn zu reden. Setzet Euch zu mir.« Der Knabe ging, und Reinhard saß bei dem Alten. Nachdem der Alte von seinen Leiden erzählt und wie die Doktoren alle nichts verstehen, fragte er Reinhard, ob er glaube, daß der Kaiser über den Papst Meister werde. Reinhard schaute verwundert drein, wie weit die politische und kirchliche Bewegung gedrungen, aber er war der Antwort überhoben, denn der Hohlmüller fragte und wartete keine Antwort ab; er erklärte vielmehr, daß er die Aufhebung aller Klöster noch zu erleben hoffe, und daß dann auch seines Bruders Tochter wieder käme, die statt zu heiraten mit ihrem großen Besitztum ins Kloster gegangen sei. »Ihr müsset Euch noch des verstorbenen Pfarrers erinnern, der schon damals immer dran gewesen ist, ein Kloster zu errichten. Er hat's richtig fertig gebracht. Der Wald da droben, dort von der Buche an bis zu dem Tobel, der gehört jetzt dem Kloster in Weyhern drüben,« sagte er mit geballter Faust hinweisend. Er setzte hinzu, Lorle solle sich bald wieder gesund machen und Reinhard müsse schon zugeben, daß sie ihm wieder die Zeitung vorlese, sie lege alles so gut aus. »Es ist freilich spät, daß der Herr Reinhard wiederkommen ist,« sagte er, »aber noch nicht zu spät. Daß er wieder zu seiner Frau kommen ist, ist brav und rechtschaffen, und daß er seine alten Tage bei uns bleibt, ist gescheit. Die Menschen sind gut. Wisset Ihr, worin sich das zeigt?« »Was meint Ihr?« »Wenn sie einen alten Mann nicht links liegen lassen. Es vergeht kein Tag, wo nicht eins zu mir kommt. Das ist's eben. Man muß mit denen alt sein, mit denen man jung gewesen ist.« Reinhard sah verwirrt drein, da der Mann fortwährend so sprach, als ob Lorle noch lebte. Es legte sich wie ein Schleier vor seine Augen und ringsum war Nacht. Elftes Kapitel. Die bitterste Leidensstation. »Nicht wahr, unser Dorf hat sich arg verändert?« nahm der Hohlmüller wieder auf. »Ja, die Eisenbahn! Sie geht da unter unserm Wald durch. Und die Geistlichen! So stark sind sie noch nie gewesen. Ihr müßt Euch ja auch noch an des Jockels Kaspar erinnern, der ist mit einer großen Wallfahrt, die der Pfarrer von Renzlingen anführt, nach Rom und Jerusalem, sie müssen bald wiederkommen.« Reinhard erzählte, daß er die Wallfahrer in Rom getroffen und die Stimme des Jockelskaspar erkannt habe. Er war nahe daran, zu berichten, daß er da den Tod Lorles erfahren, aber er hielt noch zeitig zurück. »Es sind auch vornehme Frauen bei der Wallfahrt, eine Schwester von der Gräfin Felseneck, die das Lorle einmal besucht hat. Lasset Euch das von ihr erzählen. Mein Schwiegersohn – er ist Euer Schwager und ich darf frei zu Euch reden – der hält's auch halb und halb mit den Geistlichen und hat auch zu der Wallfahrt beigesteuert, er ist eben ein Wirt und arg vorteilhaft (auf seinen Vorteil bedacht). Seit ich gehört hab', daß Ihr kommen seid, muß ich immer an das Lied denken: Willewillewitt mein Mann ist kommen, Willewillewitt hat abgestellt, Willewillewitt ein Sack voll Geld. »Herr Reinhard! Habt Ihr die Geschichte vom langen Lukas gehört?« »Nein.« »Sie ist fast so wie Eure. Also, der lange Lukas, der Zimmermann und seine Frau, sie ist eine Schwestertochter vom Wendelin, haben auch nicht gut miteinander gehaust und zuletzt ist er gar noch eifersüchtig worden auf den Schlosser Wenzel. Und da ist der lang Lukas fort nach Amerika und hat die Frau allein zurück gelassen. Kinder haben sie auch nicht gehabt, und sieben Jahr ist der lang Lukas fort geblieben und hat nichts von sich hören lassen. Eines Morgens im Hochsommer, kurz vor Tag, klopft jemand an bei der Frau, sie wacht auf und fragt: Wer ist da? und da kriegt sie zur Antwort: Der Wenzel! Mach auf, lieber Schatz. Was, Schatz? sagt die Frau, ich bin eine rechtschaffene, verheiratete Frau. Geh zum Teufel oder besser zu seiner Großmutter, die paßt für dich.« Reinhard mußte wider Willen lachen und der Hohlmüller fuhr fort: »Ja, die lang Lukassin hat ein scharf Mundstück und das war eigentlich die Hauptursach von dem Unfrieden. Sie hat mir den ganzen Hergang nachmals erzählt, und er auch. Also wie die Frau das gesagt hat, hört sie nichts davon, daß der Mann fortgeht, im Gegenteil, sie hört ein unterdrücktes Lachen. So ist's, denkt sie, halt! das ist nicht der Wenzel; das ist er . Sie bleibt lang still, natürlich, es hat ihr doch den Hals zusammengezogen und endlich sagt sie: Warum scherst dich nicht fort, du Nichtsnutz? Geh fort oder ich schrei zum Fenster hinaus Feuerjo! Thu's nicht, sagt der draußen, sei nicht dumm, dein Mann hat auch eine andre. Jetzt hat die Frau seine Stimme ganz deutlich erkannt und sie lobt ihren Mann – sie hat ihn immer gelobt, das muß ich sagen, – sie rühmt ihn und gibt ihm in vielem recht, und da hat er sich zu erkennen gegeben. Das ganze Dorf hat sich verwundert, wie die beiden am Tag miteinander gehen in neuer Liebe und Herzlichkeit, und sie sind miteinander in Friede und Einigkeit in das Amerika. Nicht wahr, das ist gerade wie Eure Geschichte? Aber Eure ist noch besser und schöner. Ihr bleibet da beisammen und wir haben noch Freude an euch beisammen.« Reinhard konnte nichts antworten. Der Alte fuhr fort, ihm zu erklären, wie man in der Ferne und Getrenntheit einsehe, was man eigentlich aneinander habe und wie viel Liebe im Herzen. Reinhard hatte Thränen in den Augen und der Alte sagte: »Verzeihet mir, daß ich Euch das Herz betrübe. Wozu auch? Es ist ja jetzt alles gut und gottlob nicht zu spät. Darf ich Euch was raten?« »Gewiß.« »Schenket und verleihet in den ersten drei Monaten keinen Kreuzer. Was Ihr nachher thun wollt, da hab' ich Euch nichts zu raten.« Reinhard erzählte, daß er das alte Haus von seinem Schwager kaufen wolle. »Es gehört ja dein, es gehört ja dem Lorle, sie hat ja den Anteil am Wald dafür hergegeben,« entgegnete der Hohlmüller. Reinhard schwieg, er konnte ja nicht sagen, daß das Lorle tot ist. Der Alte fuhr fort: »Die Malva müsset Ihr behalten, bis sie heiratet; ich weiß nicht, ob der Waldhüter für sie paßt, aber die Malva ist gar brav und gewitzigt, unter dem roten Haar steckt ein grundgescheiter Kopf, und ein Mäulchen hat sie, scharf wie ein Schermesser; aber gut ist sie auch, herzensgut. Wie hat sie deine Frau gepflegt, wie sie krank gewesen ist. Der Doktor hat gesagt, ohne die treue Pflege wäre sie gestorben. Der Malva müsset Ihr eine gute Aussteuer geben, sie hat's treulich verdient.« Reinhard versprach's, und der Alte verstieg sich bald wieder in die große Politik, über welche Reinhard keine Auskunft geben konnte. Er empfand zum erstenmal, daß er die große Wandlung im Vaterlande nicht mit erlebt, und diese Empfindung erneuerte sich ihm, als der Hohlmüller ihn in seine Stube führte und ihm die Wandbilder zeigte, die Helden unsrer Tage. Vroni kam und begrüßte den Vater; sie freute sich seines Wohlbefindens und erzählte, daß morgen am Sonntag des Bärbelmartins Sohn, der Sänger, käme, der auch immer manche gute Stunde beim Hohlmüller zubrachte. Sie ging mit Reinhard bald davon, und der Hohlmüller rief ihr noch nach: »Ja du, du laufst immer so schnell davon. Herr Reinhard! Schicket mir das Lorle bald, die ist eine Ruhebringerin und ist geduldiger mit mir als meine eigene Tochter.« Reinhard ging mit Vroni heimwärts, sie sprachen lange nichts. Endlich sagte Reinhard: »Also sie war viel hier im Hause?« »Natürlich! Die ersten sieben Wochen war sie ganz da und ist nicht ins Dorf gegangen, und von da stammt die so nahe Freundschaft mit meinem Vater.« »Was meinst du mit den ersten sieben Wochen?« »Soll ich alles erzählen? Es wird aber den Herrn Reinhard angreifen.« »Erzähle mir nur alles, ich will ihr nachwandern die Leidensstationen.« »Leidensstationen! Dasselbe Wort hat sie gesagt. Bittere Leidensstation! Also es war so. Wie sie damals fort ist von der Hauptstadt, heim, ist sie nicht heim, sie hat da drunten im Thale gewartet bis Nacht ist, und ist hierher auf die Hohlmühle zu meinem Vater. Erst am zweiten Abend hat sie es uns sagen lassen, daß sie da sei. Wie ich zu ihr in die Stub' gekommen bin und wie sie mir um den Hals gefallen ist, das kann ich nicht erzählen. O, wie werde ich gestraft, hat sie gesagt, ich bin so stolz gewesen, so stolz auf ihn und jetzt muß ich mir vom Aermsten Mitleid schenken lassen. Es kann doch nicht sein; er kann mich nicht allein lassen, er hat mich doch so lieb gehabt . . . . Sie ist sieben Wochen lang nicht über die Schwelle gekommen, und mein Vater hat sie so lieb bekommen, daß er mehr an ihr gehangen hat, als an einem von uns Kindern. Drum haben wir ihm auch ihren Tod verhehlt, und jetzt ist's doch bös, der Schlag kann ihn treffen, wenn er' s unversehens erfährt. Sie hat ihm in den letzten Jahren täglich die Zeitung vorgelesen, die freisinnige, und über alles, was in der Welt vorgeht, mit ihm gesprochen, und wie sie damals endlich mit mir heim ist, war's in später Nacht, ich hab' sie an der Hand geführt, und sie hat gesagt: ich mein', ich hab' Ketten an den Füßen, wie die Sträflinge. Da, wo jetzt die neue Sägmühle ist, da ist sie zusammengesunken. Es hat mich arg angegriffen, besonders in dem Stand, in dem ich damals gewesen bin, aber davon ist das Unglück doch nicht. Es hat mich drei Tage vorher ein andres ärger mitgenommen. Da hab' ich's gespürt. Aber was rede ich jetzt von mir? Da an dem Erlenbaum hat das Lorle gelegen und hat an allen Gliedern gezuckt, und wie ich sie aufrichte, sagt sie: Ich breche unter meinem Kreuz zusammen, aber ich will's jetzt schon geduldig tragen. Und sie hat Wort gehalten.« Vroni hielt inne, und die beiden gingen geraume Zeit wortlos dahin. »Hat sie nie geglaubt,« fragte Reinhard, »daß ich wiederkomme und sie hole?« »Ich weiß nicht, gesagt hat sie's nie deutlich, aber wer weiß, was ein Frauenherz denkt. Sie hat nicht gern von sich gesprochen. Nur einmal hat sie gesagt: Ich bin zu grob für die Stadt und zu sein fürs Dorf. Sie ist ein Engel gewesen, mein Friedensengel; ja, ich hab' mit meinem Mann auch mein Teil auszustehen gehabt. Ich hab's nicht gewußt und vielleicht der Herr Reinhard auch nicht, wie gescheit sie gewesen ist, grundgescheit, sie hat so ruhige Gedanken gehabt. Hundertmal hat sie gesagt, man muß den Menschen nicht den Gefallen thun, unglücklich zu sein; sie sind schnell bei der Hand mit dem Mitleid, aber in der andern Faust haben sie Schadenfreude. Es ist fast so, wie wenn man den Leuten klagt: ich bin bestohlen worden. Ei, ei! sagen dann die Leute: was denn alles? Das ist zu hart! Daneben aber denken sie: du Tralle, geschieht dir recht, warum hast's nicht besser verwahrt, da bin ich vorsichtiger. Sie greifen in die Tasche und freuen sich, ihre Schlüssel bei sich zu haben. Lern von mir, hat sie einmal gesagt, der Reinhard und ich wir haben gemeint, mit dem Liebhaben allein bringt man alles fertig und keins hat vom andern ertragen wollen, – soll alles lauter Lob und Liebe sein. Er hat recht gehabt und ich auch; aber die Geduld, das ist erst die rechte Liebe.« Reinhard atmete tief auf. »Ist's denn wahr, daß das ganze Dorf so gegen mich ist?« fragte er. »Du solltest doch jetzt die Welt kennen,« entgegnete Vroni. »Verzeih, daß ich du zu dir sage.« »Bleib dabei, es gehört dir mehr als deinem Mann. Also sag mir nur gradaus, wie war's?« »Anfangs war alles gegen dich und hätte dich gern totgeschlagen. Jedes hat einen Schimpf drin gesehen, den du jedem angethan, daß das Lorle wieder heim gemußt hat. Nachher haben die Männer alle auf Seite vom Lorle und die Weiber auf deiner Seite gestanden. Du weißt ja, wie es ist. Sie ist zu hoffärtig und eigenwillig gewesen, haben die Weiber gesagt. O, lieber Gott, eigenwillig! Das war sie ja zu wenig, sie hat gar keinen Willen gehabt, sie ist von dir fort, weil sie das für einen Befehl von dir gehalten hat.« »Für einen Befehl von mir?« »Du mußt so was gesagt haben. Aber jetzt genug vom Vergangenen. Ich sehe dir's an und dein Kommen zeigt's ja, du büßest hart.« »Ich danke dir, nun weiß ich alles, nun kann ich nichts mehr erfahren.« »Halt! Ich hab' dir aber doch noch was zu sagen,« rief Vroni. »Ja, das ist's. Ich bin dir eigentlich nur nachgegangen, weil ich dir etwas sagen will, wenn mein Mann nicht dabei ist. Kauf das alte Haus nicht, und überhaupt, bleib bei uns im Haus, ich will für dich sorgen wie eine Schwester.« »Ich möchte aber das Haus besitzen.« »Dann gibst du nur die Hälfte von dem, was er verlangt hat, es ist damit bezahlt. Auch gegen den Wendelin laß dich nicht aufstiften, und wenn du was Gutes thun willst, so versorge die Malva, sie verdient's. Der einfältige Wendelin glaubt, es sei ein Testament unterschlagen, das Lorle gemacht habe; sie hat aber keins gemacht. Die Malva aber war brav am Lorle und hat sie gepflegt und gehoben und getragen in ihrer Krankheit, kein Kind kann's besser. Herr Gott! Da läuten sie schon den Sonntag ein, und wir haben morgen Gäste,« schloß Vroni und eilte nach Hause. Reinhard saß im Walde, in dem das Glockengeläute widertönte. Aus allem Schmerze heraus empfand er doch ein Heimatsgefühl, da der Hohlmüller und Vroni so getreu zu ihm hielten. Hier am Orte war er des Lorles Reinhard und das Wort des Hohlmüllers erneuerte sich: Man muß mit denen alt sein, mit denen man jung war. Zwölftes Kapitel. Der leibhaftige Sonntag. Der volle Morgentau lag noch auf Wiese und Wald, von der Kapelle auf dem Berge läutete das helle Glöckchen, als Reinhard still und gedankenvoll dahin wanderte. Ueber alles Schwere hinüber hastete die Erinnerung, daß der Hohlmüller und Vroni so gut von Malva gesprochen und deren Versorgung ihm ans Herz gelegt. Meinte er nur, das früher gedacht zu haben, oder fiel's ihm erst ein, da er jetzt die helle Gestalt vom Kapellenberge herabkommen sah? Es war Malva. Sie stutzte, da sie ihn sah, hielt an und schritt dann rasch bergab. Reinhard sah die Gestalt in ihren frischen Formen und in ihren festen Bewegungen, sie hatte die alte Volkstracht nicht mehr, vielmehr ein eng anliegendes, einfaches blaues Kattunkleid, nur der Hut, den sie am Arme trug, war noch der aus der alten Zeit, und die mächtigen roten Zöpfe, die am Werktag den Rücken hinab hingen, waren zum Sonntag aufgesteckt und umkränzten die weiße Stirn. Reinhard griff an die Brusttasche, als wollte er sein Skizzenbuch herausnehmen, aber er verwarf nicht nur die alte Künstlerneigung, sondern vielleicht noch etwas andres. Malva kam näher und rief: »Guten Morgen, Herr Reinhard. Das ist ein echter Sonntag.« »Und du siehst aus wie der leibhaftige Sonntag,« erwiderte er, »und jetzt eben wird mir's deutlich, dich versteh' ich jedes Wort, sonst bin ich nicht mehr an die hiesige Sprache gewöhnt. Ich verstehe meinen Schwager und den Bärbelmartin nur halb und den Hohlmüller noch viel weniger.« Er sagte das, während sich sein Blick mit künstlerischem Wohlgefallen in diese Erscheinung versenkte; dieses reine Ebenmaß der Glieder, die bläulichen Schatten um Schläfe und Hals, diese schön geschwungenen, dichten dunkelroten Brauen über den hellbraunen Augen. »Du siehst aus wie der leibhaftige Sonntag,« wiederholte er. »Der Sonntag, dem ich gleichen soll, ist aber rot angestrichen,« entgegnete Malva und lachte hell auf. »Wenn ich noch malen würde, dich würde ich abmalen,« sagte er, indem er dachte, wie diese Gestalt sich in braunem Samt oder roter Seide ausnehmen würde. »Wegen meiner roten Haare?« »Just deswegen.« Malva lachte; eine mutige, ja übermütige Seele lachte ihr aus den Augen und sie rief: »Jetzt ist's gut. Ich hab' immer denken müssen, wenn nur der Herr Reinhard sich das Herz nicht zu schwer macht. Jetzt ist's aber gut. Ihr sehet so heiter aus und ich – das Lorle hat mir oft gesagt: du stammst aus der lustigen Armutei. Das Kleid, was ich da anhab', ist noch das letzte, was sie mir geschenkt hat, und sie hat's selber genäht.« »Hast du auch die silberne Kapsel, die da an deinem Hals hängt, von ihr?« »Nein, die ist von meinem Schatz.« »So? Du hast einen Schatz?« »Ja, aber schon wieder keinen mehr.« »Wer war es denn?« »Ein Kamerad von meinem Bruder, der hier Waldhüter geworden ist.« »Ist noch jemand in der Kapsel?« »Freilich.« »Und da drin im Herzen auch?« »Natürlich.« »Wie heißt er?« »Joseph.« »Wo ist er?« »Beim Lorle.« Sie that das Halsband ab, öffnete die Kapsel und zeigte eine kleine Photographie. »Das ist mein Bruder, der bei Champigny vor Paris gefallen ist. Sein Name steht mit goldenen Buchstaben auf der Tafel an der Kirch'. Nicht wahr, ein schöner Mensch? Und er ist noch braver gewesen als schön. Es war mein einziger rechter Bruder; einen Stiefbruder habe ich noch.« Reinhard gab die Kapsel mit dem Bilde zurück; er fühlte wiederum, wie bis in die weitesten Kreise hinein der Kampf ums Vaterland gegriffen hatte, derweil er in der Fremde war. »Darf ich mit dir gehen?« »Warum nicht? Es wird mir eine große Ehre sein.« »Woher kommst du schon so früh?« »Aus der Frühmesse. Ich muß zur Kirche nachher daheim bleiben, der Vater geht und die Stiefmutter ist bettlägerig. Der Doktor sagt, sie steht nimmer auf, und sie ist gar wunderlich. Aber ich will Euch den schönen Sonntagmorgen nicht mit meinen Geschichten verderben. Darf ich den Herrn Reinhard an etwas mahnen?« »Gewiß.« »So besuchet jetzt meinen Vater, er sitzt im Garten bei den Bienen, es kränkt ihn, Ihr seid gestern zum Hohlmüller hinaus, ich hab' Euch auch gesehen von da drüben, wo ich Klee geholt habe. Mein Vater meint sonst, Euer Schwager, der Stephan, hab' Euch gegen ihn aufgestiftet, und der Vater ist am Sonntag immer besonders verdrießlich; er hat sich's verschworen, dem Stephan je ins Haus zu gehen, und das ist doch das einzige rechte Wirtshaus, und da weiß er nicht, wo er sich hinthun soll. Gehet voraus, ich will da heim Bäck Weißbrot mitnehmen.« Sie ging behend davon. Reinhard schaute ihr noch nach und ging zu Wendelin. Er erinnerte ihn an die Zeit, wo er ihn als Hirtenknaben abgemalt hatte. »Jetzt ist nichts mehr an mir abzumalen als ein Häuflein Elend,« klagte Wendelin. »Mein bestes Kind hat mir der Franzos totgeschossen.« »Ist denn die Malva nicht auch brav?« »Wohl! wohl! aber sie ist eben doch nur ein Mädle. Ja, wenn die ein Bub wäre, die könnte der Welt was aufzuraten geben; sie ist schneidig und scharf wie der Tag. Ein lindes Herz hat sie, das haben meine Kinder alle, sie haben's nicht gestohlen.« »In drei Monaten will ich Euch was sagen,« erwiderte Reinhard; er dachte daran, daß er dem Gebote des Hohlmüllers gemäß erst später Wendelin mit einer Summe aufhelfen wolle. »In drei Monaten!« wiederholte Wendelin und that die Pfeife aus dem Munde. »In drei Monaten kann man sich viel besinnen.« Es blitzte etwas auf in seinen verfallenen Zügen. Als Reinhard eben weggehen wollte, kam ein kräftiger junger Mann in der Uniform des Bahnwärters; es war unverkennbar der Bruder Wendelins. »Mich kennt der Herr Reinhard natürlich nicht mehr,« sagte der Mann, »und er hat mich doch viel angesehen. Ja, ich bin das Kind gewesen, das Euer Lorle damals auf dem Schoß gehabt hat. Es hat mir gottlob nichts geschadet, ich hab' ja nicht gewußt, was man mit mir thut. Sie heißen mich im Dorf das Christkindle. Der Pfarrer hat's verboten, sie sagen's aber doch,« schloß der starke Mann lachend. Reinhard ließ sich berichten: der Mann war Bahnwärter und wohnte in jenem Häuschen am Wege zum Hohlmüller; jetzt am Sonntag konnte er zwischen dem Güterzug thalauf und dem Personenzug thalab in die Kirche gehen und den älteren Bruder abholen. Der Mann hatte bereits zwei Kinder, seine Frau war eine Tochter Martins, eine Enkelin der Bärbel. Reinhard ging bald davon, er wollte nach dem Walde, dort, wo der Kollaborator damals am Sonntag bei seinem sogenannten Waldheiligtum geruht hatte. Dreizehntes Kapitel. Einsam und gemeinsam. Im Dorfe, wo dich jeder kennt, kannst du nicht still in Gedanken dahin wandeln. Auf den Bänken vor den Häusern, auf dem Bauholz beim neuen Spritzenhaus saßen die Männer, sie zeigten sich in sonntäglich frischgewaschenen Hemdärmeln und rauchten und plauderten. Reinhard vermutete nicht mit Unrecht, daß er Gegenstand ihres Gespräches war. Man hatte in der Woche, zumal in der Heuet, nicht Zeit, über ihn zu denken, oder gar sich gemeinsam auszusprechen; jetzt am Sonntag war's um so willkommener, über seine Rückkehr zu reden, und da und dort, wo er grüßend vorüberging, verstummte plötzlich das laute Gespräch. Manche standen auf und zogen die Mützen ab, andre blieben sitzen, und im Weitergehen vernahm Reinhard hinter sich drein helles Lachen. Was hatten sie über ihn zu lachen? Wer weiß! Das erste Zeichen zum Kirchgang läutete, Reinhard ging dem Menschenstrom entgegen. Da waren junge Männer, die eine Kriegsdenkmünze trugen, sie hatten eine selbstbewußte Haltung, und Reinhard empfand wiederholt, wie anders jedes Dorf geworden; ein Regenstrom von Ehre war über alle deutschen Lande ausgegossen, und was im entlegensten Thale lebt, ist erquickt im Selbstgefühl. Das muß auch weiter wirken, denn wer dessen teilhaftig geworden, muß sich über Roheit und Niedrigkeit erhoben halten. Reinhard grüßte die jungen Männer zuvorkommend, er wollte ihnen kundgeben, daß er ihre Teilnahme an dem Großen erkenne; sie antworteten lässig. Um so redseliger waren die Frauen, die des Weges kamen, sie umringten ihn, und jede wollte erkannt sein. »Ich bin des Schmalzjockels Kathrein.« »Mein Mann ist der Küfer Märte.« »Ich bin die Bach-Marie.« »Ich die Schackerlies'!« »Ich bin die Theres', die beim Wadeleswirt gedient hat.« »Und ich bin des Rechenmachers Gundel, sie heißen mich das Tänzerle.« So geht es hin und her. Alte, verschrumpfte, zahnlose Frauen geben sich als Altersgenossinnen Lorles und als ihre Schulkameradinnen zu erkennen und jede hat was besonders Gutes zu erzählen aus ihrer Kindheit, wie aus ihrem spätern Leben, und alle jammern, daß sie vor seiner Heimkehr habe sterben müssen. Das Tänzerle mit seinen Eidechsenäuglein fand zuerst wieder eine freundliche Wendung, indem es auf dem Kirchgang die gottlose Rede vorbrachte, Reinhard solle sich jetzt nicht das Herz abkränken; man lebe nur einmal. Reinhard sprach leutselig mit jeder, denn in ihm regte sich der Gedanke: Was ist der Unterschied zwischen diesen Frauen und hochfrisierten Salondamen? Vielleicht nur das, daß diese hier eingestehen, daß sie alt sind und alt aussehen. »Der Herr Reinhard geht gewiß nicht in die Kirche, weil das Bild nicht mehr da ist,« hieß es zuletzt, und er ließ es dabei. Er machte sich los und ging nach dem Bergwalde. Im Weitergehen sagten die Frauen zu einander: »Ich mein', er ist noch größer geworden. . . . Und er geht so schön kerzengrad. . . . Und wie fein kommt er daher. . . . Das sind einmal schöne Kleider. . . . Und seine Schönheit macht die Kleider schöner, als sie sind. . . . Der kann wieder heiraten. . . . Du bist ja Witfrau, probier's. . . . Schämt euch!« Die verschiedenen Glocken läuteten zusammen, nicht minder aber das Gerede der Frauen bis an die Kirchenthür. Wie ist das Dorf so anders geworden! mußte Reinhard bei jedem Schritte denken. Er kam am Hause des Sängers vorüber, die frischgeharkten Wege im Garten glänzten von zermürbtem Schwerspat; die Thüre war bekränzt. Ein gut gehaltener Weg führte nach dem Waldheiligtum, das der Kollaborator damals zuerst entdeckt zu haben glaubte. Ein Steg aus hellen Birkenstämmchen war über den Bach gebaut und die Tafel daran sagte, daß Ulrich Berger ihn hergerichtet habe. Die kleine Tanne, die damals auf dem Felsen gestanden hatte, war zum hohen Baume erwachsen, aber wie vorzeiten rauschten die Wellen über die Felsentrümmer und sammelten sich in dem Becken. Reinhard streckte sich am Bergabhange auf dem Moose aus; seit Jahrzehnten zum erstenmal empfand er wieder, was es heißt, im deutschen Tannenwald ruhen. Nur noch wenig Vögel sangen, der Fink war bereits verstummt, aber Schwarzamsel und Goldammer pfiffen noch lustig und der Specht hämmerte an den Stämmen. Das Wasser da drunten rauscht, ob wir leben oder sterben, es ist dieselbe Flut und immer neu die Welle, und das wird fließen und quellen, wenn du drunten im Grabe ruhst! Sterben! Eine grausame, unsichtbare Macht hat den Menschen allein gelehrt, daß er sterben muß. Sieh, dort schwebt ein frühverwelktes Buchenblatt im leisen Winde, es weiß nicht, wohin es fällt. Das ist das Menschenleben, das ist dein Leben. . . . Reinhard sprang auf. »Der Ort ist verhext mit den Gedanken des Kollaborators!« Lange wanderte er umher, Mittag war vorüber, als er ins Dorf zurückkehrte. Im Wirtshause waren viele sonntägliche Stadtgäste; Reinhard beschloß, baldmöglichst das Wirtshaus zu verlassen. »Komm mit auf den Bahnhof,« sagte der in sein Zimmer eintretende Schwager. »Bleib nicht so allein. Komm mit. Der Sänger Ulrich kommt mit dem nächsten Zug. Das ganze Dorf ist drunten.« Sie kamen gerade, als der Zug anhielt. Im Vaterstolze stand der Bärbel-Martin stramm und grüßte soldatisch. Ein schöner, junger Mann, hochgewachsen und bartlosen Antlitzes stieg aus, ihm nach eine Frau und zwei Kinder. »Grüß Gott, Ulrich!« rief alles, und drängte sich herzu, und jeder war glücklich, der ihm und den Seinen etwas vom Gepäcke tragen konnte. »Da bin ich wieder!« sagte Ulrich, seinem Vater die Hand reichend, und so hin und her den Altersgenossen allen, jeden beim Namen nennend. Eine hochschwangere Frau umarmte den Sänger, und dieser sagte lachend und seine schönen Zähne zeigend: »Schwester! Wenn's ein Sohn ist, dann stehe ich mit meiner Frau zu Gevatter.« Die stattliche Frau errötete bis in die Stirnhaare hinein. Der Vater mußte Ulrich etwas gesagt haben, denn dieser ging nun geradeswegs auf Reinhard zu, zog den Hut ab, ihn ehrerbietig in der Hand haltend, und stellte sich als Enkel der Bärbel vor: »Wissen die hohen Herrschaften bereits, daß Sie hier sind? Der Hof ist bereits nach der Sommerresidenz übergesiedelt. Die Fürstlichkeiten werden sich freuen, den hochberühmten Herrn Professor zu empfangen.« Reinhard bat den Sänger, den Hut aufzusetzen und ließ sich der Frau vorstellen, die sich sehr zeremoniell verbeugte. »Singen Sie noch?« fragte Ulrich. »Nicht mehr.« »Man hat mir viel erzählt, wie Sie vorzeiten neue Lieder brachten und zur Zither sangen. Das Lied von der Sennerin hab' ich auch gelernt.« Plötzlich erschrak Reinhard. Fabian, der Blödsinnige, stand vor ihm und drängte sich zu Ulrich. Dieser reichte dem Armen die Hand; und zum Zeichen, daß er wisse, wer Ulrich sei, suchte der Blödsinnige zu singen, aber es klang, wie wenn ein heiserer Hahn kräht. Der Schwager bemerkte die Betroffenheit Reinhards und schickte Fabian mit einem Knechte heim. Der Blödsinnige wollte nicht gehen, er stemmte sich, offenbar mit nicht geringer Kraft, er mußte gewaltsam geschoben werden, er schaute grimmig gegen Reinhard zurück; man hatte ihm offenbar eingeschärft, daß er sich von Reinhard fern halten müsse. Madlon die Lothringerin, die vielleicht gehofft hatte, auf dem Bahnhof besonders beachtet zu werden und mit Modehut und Sonnenschirm erschienen war, ging verdrossen hinter dem Blödsinnigen drein. Abseits, Arm in Arm mit einer ganzen Reihe Mädchen, stand Malva. Ulrich rief sie an und sagte: »Malva, singst du noch fleißig und lernst die Noten?« Bevor sie antworten konnte, sagte er, zu Reinhard gewendet: »Sie hat eine mächtige Altstimme, sie könnte Künstlerin werden, wenn sie wollte.« Die Freundinnen stießen lachend Malva los und rannten davon, und Malva wußte auch nichts andres zu thun, als ihnen nachzueilen. Der Sänger wendete sich wieder zu Reinhard und sagte: »Ich verdanke mein Lebensglück Ihrer . . .,« der redefeste junge Mann stockte und setzte endlich hinzu: »Alles verdanke ich Ihrer Familie.« »Es freut mich, daß meine Frau Schönes bewirken und Dank ernten konnte.« »Ich habe ihr oft vorgesungen. Sie liebte die italienischen Lieder; sie sagte, solche hört jetzt auch der Herr Reinhard.« Im Aerger, daß er eigentlich Unpassendes vorbrachte, rettete er sich mit dem Ausspruch des neuen Gedankens, daß Kunst und Natur zwei große Dinge im Leben seien. »Erzeigen Sie uns die Ehre Ihres Besuches,« bat er schließlich, »es ist schön, daß Sie nun wieder im Dorf bleiben wollen.« Reinhard sah gedankenvoll dem Sänger nach, der mit seiner Familie, von ehemaligen Kameraden geleitet, den Berg hinan zu seiner schönen Behausung ging. »Du solltest doch auch den Pfarrer besuchen,« sagte der Schwager, »es schickt sich. Wenn du ihn nicht treffen willst, geh jetzt, nach der Mittagskirch' geht er allemal nach Weiler.« Reinhard entgegnete, daß er es müde sei, so umher zu wandeln und sich von jeglichem wegen Lorle verzeihen oder auch nicht verzeihen zu lassen. Dennoch ging er bald nach dem Pfarrhause. Hatte der Schwager sich geirrt oder ihn getäuscht? Der Pfarrer saß im Gartenhaus und las im Brevier. Den Finger zwischen dem Buch haltend, fragte er Reinhard nach den Zuständen in Rom, war aber nicht erbaut davon, daß Reinhard von kirchlichen Dingen gar nichts wußte; er hoffte mehr zu erfahren, wenn in den nächsten Tagen Kaspar, der Wallfahrer, zurückkam. Reinhard fragte den Pfarrer, wie das Madonnenbild vordem wieder ins Dorf gekommen sei. Der Pfarrer erwiderte, daß sich das unter seinem Vorgänger ereignet hatte: Der Engländer, der in Erfahrung brachte, daß das Bild in die Kirche bestimmt gewesen, habe in Gewissenhaftigkeit seines wiedergewonnenen Glaubens das Bild geschickt mit dem Auftrage, es dem Künstler zur Verfügung für die Kirche zu übergeben. Die Schwester der Gräfin Felseneck, eine wahrhaft gläubige Dame, die jetzt auf der Wallfahrt nach Jerusalem sei, habe im Auftrage des Fürsten das jetzt in der Kirche befindliche Bild gestiftet, und die Madonna, zu welcher »die verstorbene Frau Gemahlin« Modell gesessen, sei nunmehr in der Gemäldegalerie der Hauptstadt. Auf dem Heimwege traf Reinhard den Wendelin, er wollte ihn mit ins Wirtshaus nehmen, aber Wendelin lehnte ab. »Nicht wahr, Ihr seid Zimmermann?« fragte Reinhard. »Freilich. Ich hab' dem Ulrich sein Haus gerichtet. Gelt, das darf sich sehen lassen? Wollet Ihr auch bauen?« »Nein.« Er erklärte, daß er die alte Linde kaufen wolle, und Wendelin solle den Bau untersuchen und abschätzen. Sofort wurden die Schlüssel geholt und alles vom Keller bis zum Speicher untersucht. Am Abend noch schloß Reinhard den Kauf ab, und Wendelin mußte mit beim üblichen Trunke, dem sogenannten Weinkauf, sitzen und sich mit dem Schwager aussöhnen. Er konnte es freilich nicht lassen, seinen alten Obstgarten zu betrachten und von Stephan eine Nachzahlung zu wünschen, aber er ließ sich doch beruhigen. »Du machst alles wieder friedlich und gemeinsam,« sagte Vroni zu Reinhard. Vierzehntes Kapitel. Der neue Bürger. Tag um Tag, Woche um Woche verging, der einzige Mensch, nach dem Reinhard ein Verlangen trug, ließ nichts von sich hören. Reinhard wollte sich auch gegen den Kollaborator eine Gleichgültigkeit einreden, ja er fragte sich, ob dies Freundschaftsverhältnis nicht auch eine Illusion war; aber gerade in dem Bestreben, zu dieser Stimmung zu gelangen, wurde ihm der Kollaborator immer wichtiger, und er kam zu dem Gefühl, daß er nicht leben könne ohne Ausgleich mit dem Freunde, der von allen noch Lebenden das meiste Recht hatte, ihm Vorwürfe zu machen und ihm zu zürnen über seine Vergangenheit. Vergebens kämpfte Reinhard gegen diese Abhängigkeit und er war ärgerlich auf sich, da er erkannte, daß sein Selbstgefühl nicht ausreichte. Unruhig wanderte er hin und her und am Sonntag beneidete er die Bauern, die mit den Händen auf dem Rücken da und dort draußen im Felde standen und das wogende reife Getreide betrachteten, das nun andern Tages unter der Sichel fallen sollte. Wo ist deine Ernte? Er schien ganz zu vergessen, daß er einstmals und oft auch mit ähnlicher Empfindung vor vollendeten Arbeiten gestanden. Man kann, solange die Seele arbeitet, sich nicht an längst Vollbrachtem genügen, und doch hielt Reinhard an seinem Vorsatze fest, seinem Kunstberufe auf immer zu entsagen. Nur das Haus, das er erworben, sollte ein volles Musterwerk der heimischen ländlichen Baukunst sein. Er hatte Zeichnungen zu dessen Ausbau entworfen, er kaufte alte gebräunte Stämme aus einem verfallenen Holzbau und Wendelin war ihm mit Geschick und Verständnis immer zur Hand. Beim Abnehmen einiger alten Bretter an der Stirnseite des Hauses gewahrte man, daß hier ehedem ein Gemälde gewesen, wohl ein Heiligenbild, aber es war nichts mehr zu erkennen als einige Farbenkleckse. Reinhard trug sich mit dem Plane, noch ein einzigmal seine Kunst aufzunehmen und sein eigen Haus mit einem Bilde zu schmücken. Verschiedene Entwürfe schwebten vor seiner Phantasie, und einer haftete am längsten; er wollte Lorle malen, in ganzer Gestalt in ihrer Landestracht, und sie streckte zum Willkomm beide Hände grüßend aus zu den Daherkommenden. Was wird der Freund dazu sagen? schwirrte ihm durch den Gedanken und er ließ den Plan einstweilen dahingestellt. Der Schwager und der Sänger, ja auch der alte Hohlmüller, den Reinhard oft besuchte – so schmerzlich es ihm auch war, von dem lebenden Lorle reden zu müssen – sie alle fanden, daß Reinhard immer trauriger und trauriger dreinsah, und sie glaubten, er habe sich doch zu viel zugemutet, wieder im Dorfe und an den Stätten seiner Jugendfreuden zu leben. Nur Malva sah ihn nicht traurig, denn sein Gesicht erheiterte sich, wenn er ihr begegnete. Sie war ihm voll Dankes, da er dem Vater so guten Verdienst gab und ihn mit dem Baumwirt wieder versöhnt hatte. Sie durfte jetzt auch Vroni wieder besuchen, aber sie hatte nicht Zeit dazu, denn neben der Arbeit im eigenen Hause hatte sie sich eine freiwillige gemacht. Die Zimmer, worin Lorle gewohnt hatte, sollten möglichst im alten Stande verbleiben; und als Reinhard eines Tages in das Haus kam, traf er Malva auf der Treppe knieend, sie hatte das ganze Haus frisch aufgescheuert.. »Das könnte ein andres thun,« sagte Reinhard. »Nein, das ist für mich,« entgegnete Malva mit wundersamem Blick vom Boden aufschauend. »Ich hab' mit meiner Kameradin, mit des Martins Annelise, in einer Nacht die ganze Kirche aufgewaschen, den Boden und alle Stühle, und mir ist das Haus da auch heilig, ich wasch' es so gern aus wie die Kirche. Und sobald ich kann, richte ich den Garten her, er ist arg verwildert.« Während sie noch so sprachen, kam ein Kind und rief: »Malva, sollst schnell heimkommen. Dein' Mutter liegt im Sterben.« Sie eilte davon. Reinhard blieb im Hause und sah hinaus nach dem Nußbaum, in dem ein Häherpaar hin und her huschte. Horch! Jetzt läutet die Totenglocke! Solch ein Schreck und noch viel mehr ging durchs Dorf, als Lorle im Sterben lag. . . . Es war Nacht, als Reinhard das Haus verließ, er ging nach dem Hause Wendelins. Malva saß mit dem Vater vor demselben auf der Bank. Er setzte sich still zu ihnen und Malva sagte: »Ja, wenn eines tot ist, da bereut man's, daß man doch nicht mehr Geduld mit ihm gehabt hat. Du lieber Gott! wer gesund ist, der sollte die Krittlichkeiten eines Kranken still aushalten. So daliegen und auf ein gut Wort, eine gute Handreichung warten und dann Verdrossenheit sehen. Sie hat so schweres Blut gehabt. Wenn die Sonne geschienen oder wenn's geregnet hat, wenn man gelacht hat oder wenn man traurig gewesen ist, aus allem hat sie Unglück prophezeit, sie hat eben schwarzes Blut gehabt. Ich habe an ihr gelernt, daß ich nicht allein eigenwillig bin, andre sind's auch, und haben ebensoviel Recht dazu, und da muß man sich eben miteinander abfinden. Mich tröstet nur, daß sie mir in der letzten Stunde die Hand gegeben, und mir gedankt hat.« »Dir wird's gut gehen, du hast Gutes an ihr gethan,« tröstete der Vater. Reinhard war still, er sah auf den Herzensgrund eines redlichen Gemütes, das sich in der Hingebung nicht genugthun konnte. Reinhard ging mit zum Begräbnis von Wendelins Frau. Er wollte sich damit auch als Angehöriger des Dorfes erweisen, und hatte nicht das ganze Dorf Lorle das Geleit gegeben? Als das Grabgefolge den Kirchhof verlassen hatte, stand Reinhard am Grabe Lorles. Wohlthätig und befreiend ist die Macht der Phantasie, sie bringt die Ferne nahe, macht Vergangenheit zur Gegenwart; jetzt aber überwältigte sie Reinhard und ließ ihn in Tod und Verwesung der Geliebten schauen. Er sank neben dem Hügel auf die Stelle nieder, die ihm zur Ruhe bestimmt war: »Lorle, lieb Lorle, nimm mich zu dir, erlöse mich . . .« rief es in ihm. Da richtete er plötzlich den Kopf in die Höhe, er hörte Stimmen draußen vor dem Kirchhof. »Wir wollen nichts von ihm!« »Er soll fort.« »Den Totschlag verdient er.« »Aber wir thun ihm nichts,« so rief es durcheinander. Eine beschwichtigende Stimme redete drein, es war die Stimme Stephans. Reinhard erbebte. Werden sie nun kommen und ihn wegreißen vom Grabe? Wird es hier an dieser Stätte zu wüstem Lärm kommen? Er erhob sich rasch, sein Mut erwachte, er will den Leuten zeigen, was er doch noch ist. Noch einmal wendete er den Blick zurück, wo ihr Grab und einst das seine, dann schritt er hoch aufgerichtet durch das Thor des Kirchhofes. Da standen in der That die Männer aus dem Dorfe, unter ihnen Stephan, und der Schultheiß kam auf Reinhard zu und hieß ihn im Namen des Gemeinderats willkommen als neuen Bürger mit dem Hinzufügen, daß man stolz auf ihn sei. Die Leute ahnten nicht, warum Reinhard so totenbleich aussah und kein Wort des Dankes hervorbringen konnte, sondern still dem Schultheiß die Hand reichend davon ging. Fünfzehntes Kapitel. Der Waisenknabe. Tag für Tag erwartete Reinhard Nachricht vom Kollaborator, aber vergebens. Die tiefste Jugenderinnerung tauchte in Reinhard auf. Nicht weit von dem Residenzschlosse steht ein großes, in sich abgeschlossenes Gebäude von altertümlicher, aber schmuckloser Bauart, das jedem Vorübergehenden sich als eine Wohlthätigkeitsanstalt zu erkennen gibt; es ist das große Waisenhaus. Es war ein menschenfreundlicher Gedanke des Stifters, das Waisenhaus in der Nähe des Schlosses errichten zu lassen; der Fürst wollte seiner Pflichten eingedenk sein, und er besuchte das Haus in der That nicht nur zu vorbereiteten Schaustellungen, sondern öfters unerwartet und verweilte lange bei den Lehrern und den Kindern. Mit der Zeit wurde das Haus auch eine Wohlthat für das Land; aus ihm gingen die besten Schullehrer, auch brave Handwerker, bisweilen auch Musiker für die Kapelle hervor; sonst waren nur wenig hervorragende Zöglinge da, aber in allen lebte eine mit Vertraulichkeit versetzte Schwärmerei für den Fürsten. In der großen Zahl der Knaben, die durch Jahrzehnte im Waisenhause erzogen wurden, lebte aber auch die Erinnerung an den Direktor wie an die Erscheinung eines Heiligen. Das war der Vater Adalbert Reihenmeyers. Er hütete sich wohl, einen Knaben vorzuziehen, aber er konnte sich doch nicht enthalten, den schönen Knaben Woldemar Reinhard, der aus seinen blauen Augen so kühn dreinschaute und den schöngeformten Kopf so stolz trug, manchmal mit einem besonders freundlichen Wort oder Blick zu begrüßen. Es war zum fünfundzwanzigjährigen Dienstjubiläum des Direktors, Woldemar war damals acht Jahre alt, da war ein großes Fest im Waisenhause. Feierlicher Gottesdienst wurde gehalten, und nach demselben überreichte der Minister mit einer lobenden Rede dem Direktor ein großes Ordenskreuz. Bei dem freien Spiele, das am Nachmittage den Kindern gegeben wurde, hieß es, der Direktor heiße nun von Reihenmeyer und seine Kinder seien auch Adlige. Adalbert, der Sohn des Direktors, hatte auch an den Spielen teilgenommen, da fragte ihn Woldemar leise: »Du, ist es wahr, daß du nun auch adlig bist?« »O nein, ich möchte das auch nicht. Ich hin ebenso wie du und bleibe es.« Reinhard drückte dem Adalbert die Hand, daß dieser schrie: »Du thust mir weh.« »Ich hab' dir nicht weh thun wollen. Sei nicht so zimperlich.« »Ja, ich will so stark werden wie du.« Von jenem Tage an waren die beiden Knaben unzertrennliche Genossen, und Woldemar wurde, soviel es die allgemeine Ordnung erlaubte, in die Familie des Direktors gezogen. Wenn die Waisenknaben spazieren geführt wurden, ging Adalbert mit, und da sie paarweise einherschritten, ging Adalbert immer an der Seite Woldemars. »Ich möcht' deine Kleider haben,« sagte Woldemar. »Und wenn's der Vater erlaubt, trag' ich solche wie du,« entgegnete Adalbert. Woldemar hatte einen Abscheu vor der Uniform der Waisenknaben, die in gelblichem Tuch mit blauen Aufschlägen bestand, und auch das ständige Leben in der Herde widerstrebte ihm schon früh. Wenn die Knaben in die naturgeschichtlichen Museen, in die Kunsthallen, ja auch in Reiterbuden und Theater geführt wurden, war Woldemar immer unwillig, und der gute Adalbert vermochte ihn nicht zu beruhigen, denn der Kamerad hatte etwas Herrschendes und Eigenwilliges. Es gab einmal eine harte Strafe, da Woldemar in den Kleidern seines Freundes einen ganzen Tag außer der Anstalt verbrachte, aber Woldemar gestand nicht, wo er den Tag verlebt; denn er war in der Bildergalerie gewesen, von der die Knaben oft gehört hatten, an der sie oft vorübergeführt wurden, in welche sie aber wegen der Nuditäten, für die der alte Fürst besondere Neigung hatte, nie eingelassen wurden. Von jenem Tage an war das Auge Woldemars noch glänzender und unruhiger. Sein Zeichentalent zeigte sich entschieden, und der alte Direktor erlebte noch die Freude, seinen besondern Liebling in die Kunstschule zu bringen. Das Jahr darauf, während Adalbert auf der Universität war, starb der Direktor und hinterließ die beiden Kinder in dürftigen Umständen. »Jetzt bin ich auch ein Waise,« rief damals Adalbert, sich an die Brust Woldemars werfend. . . . Das alles und was das spätere Leben hinzufügte, ging jetzt in der Erinnerung Reinhards neu auf. Sechzehntes Kapitel. Steinalt. Endlich am dritten Sonntag erhielt Reinhard einen Brief. Schon die Aufschrift war seltsam anfremdend: »Seiner Hochwohlgeboren, Herrn Woldemar von Reinhard, Professor a. D., Ritter hoher Orden in Weißenbach.« Der Brief aber lautete:   »Vom schwarzen See. Aus der Pfahlbaute. Wenn mir der prähistorische Pfahlbauer erschienen wäre, er hätte mich nicht mehr überraschen können als Dein Brief. Ueberraschungen, das könntest Du noch wissen, machen mich fast krank. Da saß ich auf einem jener halbvermorschten Stämme, drauf unsre vorgeschichtlichen Ahnen ihre Wohnstätten errichtet hatten. Wir haben bald die ganze Puppenstube beisammen, in der das Menschheitskind sich tummelte. Um mich her lagen plumpe Speerspitzen, Hämmer und Sägen, aus Feuerstein bearbeitet, Knochen von Höhlenbären und vom Renntier der Polarzone, die einstmals bei uns daheim gewesen und – da kam Dein Brief. Ich muß Dir sagen, er ist mir rätselhafter als die Artefakte der ältesten Steinzeit. Dich aber kann ich fragen und werde es thun, sobald ich mit der neuentdeckten Fundstätte vom Hausrat meines anonymen Urahnen etwas in Ordnung bin. Ich glaube, daß unser Familienname schon in der ältesten Steinzeit sich irgendwo eingegraben finden sollte, einstweilen bin ich der alte und heiße sogar Direktor des historischen Museums Adalbert Reihenmeyer. (Auch eine Nachschrift.) Ich lasse Dir von meinem Verleger meine letzte Schrift »Die Reliquien der Menschwerdung« schicken. Man hat mir den Titel sehr übelgenommen. Sieh einmal in einer leeren Stunde Dich nach Deinem Urahn um. Vor dreißig Jahren habe ich die Versteinerungen im Moralienkabinett zu ordnen gesucht, ich hatte einen Schuß ins Schwarze gewagt; es war ein Flintenschuß gegen die wohlbewehrte Festung der Theologie. Wir ackern jetzt mit dem weltgeschichtlichen Untergrundspflug. Die alten und die neuen Propheten und Gottesgelehrten wußten nichts von unsern Urahnen, und es ist unser demokratischer Ahnenstolz, daß wir von Viertelsmenschen abstammen und immer mehr werden als unsre Vorfahren. Die Entwickelungsfähigkeit des Menschengeistes ist unbegrenzt und läßt sich nicht in ein Dogma verkapseln. Die Menschheitsgeschichte ist die Geschichte der Arbeit oder vielmehr die Geschichte der Werkzeuge, von Steinart und Kieselmesser bis zur Dampfmaschine. Nach Millennien wird man über unsre einfachen elektrischen Telegraphen lächeln. Und wie erst, wenn einmal unser Planet neu geknetet wird. Was thut's? Wir haben das große Gesetz von der Erhaltung der Kraft. Laß Dir das vorläufig auch gesagt sein. Ich sehe indes, Du bist noch jung und stark, denn Du wütest gegen Dich selber, und das thut nur die Jugend. Schreib' aber nie mehr im Zorn solche Gotteslästerung gegen die Kunst, die das erste und letzte Göttliche im Menschen ist; denn mit den ersten Finger- und Nagelmalen, mit den ersten Linien, die der Pfahlbauer seinem Thongefäß eindrückte, begann das Werden von Phidias und Raphael und aller, die jetzt und nach jetzt. Ich schreibe Dir aus einer andern Welt, aber ich kann nicht anders.«   Allerdings schien Reinhard dieser Brief wie aus einer andern Welt zu kommen, er sah nachdenklich drein, als er gelesen hatte. Ist der alte Kamerad in der That so befangen von seinen Studien, daß er nichts andres kennen will, oder ist das nur Maske, um neue freundschaftliche Annäherung abzulehnen? Er hatte nicht Zeit, lange darüber zu denken, denn der Schwager fragte: »Ist der Brief nicht vom Herrn Reihenmeyer?« »Jawohl. Wie ist er denn geworden?« »Er ist geblieben wie immer, er ist freilich grimmzornig auf unser Dorf, weil sein guter Freund in der Reichstagswahl bei uns durchgefallen ist; er hat geglaubt, durch die Schullehrer Meister über uns zu werden. Wir haben ihm aber den Meister gezeigt. Sonst aber ist er seelensgut, dem thut's leid, daß die Fliege, die ihm ins Aug' geflogen ist, hat sterben müssen.« Stephan lachte selbst über seinen Vergleich. Nach einer Weile fragte Reinhard: »Warum hast du allen Leuten von meinem Geld erzählt?« »Warum?« lachte Stephan. »Nimm mir's nicht übel. In solchen Sachen bin ich gescheiter. Von dem Augenblick an hast du keinen Feind im Dorf mehr gehabt, im Gegenteil, sie haben Respekt vor dir.« Am Mittag las Reinhard die Schrift Reihenmeyers über die Pfahlbautenzeit, er wollte sich mit den Gedanken des Freundes und der Sphäre, in der er lebte, vertraut machen; aber in die Zeilen hinein, die von vorgeschichtlichen Zuständen erzählten, sprang eine lebendige Figur mit rötlichem Haar und hellen, warmblickenden Augen und ließ sich nicht verscheuchen. Da kam der Schwager und rief: »Komm nur wieder mit! Der Pfarrer ist da und eine ganze Wallfahrt; mit dem nächsten Zug kommt der Kaspar aus Jerusalem. Er ist auch in Rom gewesen.« Reinhard erinnerte sich dessen wohl, hatte er ja durch die Wallfahrer den Tod Lorles erfahren. Er ging aber nicht mit, er saß auf seinem Zimmer und hielt das Buch des Kollaborators in der Hand, während vor dem Hause eine große Schar Menschen vorüberzog, die eine Litanei beteten. Am Abend war der heimgekehrte Kaspar selbstverständlich allgemeines Gespräch im Wirtshause; ein hier übernachtender Lokomotivführer hielt der Lobpreisung Widerstand. Seine Aeußerung stimmte mit einem Worte des Kollaborators zusammen, denn er sagte; »Was, nach Jerusalem! Wenn ich so viel Geld aufzuwenden hätte, ich ginge nächstes Jahr zur Weltausstellung nach Philadelphia. In der Neuen Welt kann man Neues kennen lernen. Ich glaube, alle Apostel miteinander haben nichts von Amerika gewußt.« Siebzehntes Kapitel. Verfahren. Der erste, der Reinhard zum Hauskauf Glück wünschte, war der Sänger, der etwas phantastisch bäuerlich gekleidet war; in den Kniehosen und Wadenstrümpfen kam sein schönes Bein zur vollen Geltung. Er bot Reinhard einen großen eichenen Schrank mit guten Schnitzereien an, den er bei der Versteigerung nach dem Tode Lorles gekauft hatte; er hatte seinen Vater darauf unterrichtet, ihm gelegentlich allerlei alte Sachen zu erwerben. Reinhard betrachtete den Mann staunend, denn er hatte noch niemand gesagt, daß er das alte Haus vollkommen im landschaftlichen Stil herstellen und den Hausrat demgemäß halten wolle. Noch während der Sänger da war, kam ein Telegramm vom Kollaborator an den Lindenwirt, worin er anfragte, ob Herr Professor Ritter von Reinhard noch da sei; wenn nicht verneinende Antwort käme, werde er am andern Mittag eintreffen. Reinhard begleitete den Sänger in seine Behausung, und unterwegs erklärte der Sänger mit Behagen, daß er es als ein Glück für seine Kinder betrachte, ihnen eine feste Heimat und ländliche Erinnerungen aus der Jugendzeit zu geben. Zur gesetzten Zeit ging Reinhard im Geleite des Schwagers nach dem Bahnhof, aber wenn etwas mißlich werden soll, so legt auch der Zufall einen Grund dazu. Der Zug hatte sich verspätet, noch war kein Signal da. »Das muß beim Herr Reihenmeyer so sein,« lachte der Schwager, »wo der auf dem Zug ist, da verfahrt sich die Eisenbahn.« Nachdem man lange gewartet hatte, kam der Zug und Reinhard hätte in dem hagern Manne mit dem grauen Vollbart, den hinter das Ohr gestrichenen schlichten langen Haaren und der blauen Brille den Kollaborator kaum erkannt. Dieser aber reichte die Hand, wendete sich indes schnell in den Waggon zurück und sagte noch etwas zu einem Reisegefährten; dann fragte er den Stationsmeister, wann heut' abend der letzte Zug landauf gehe. Zu Reinhard gewendet, sagte er: »Ich glaubte, du wärest schon wieder fort.« Reinhard antwortete nicht, der Kollaborator aber setzte hinzu: »Ich bleibe nur bis heut' abend.« »Ich rede nie jemand zu,« entgegnete Reinhard; es schnürte ihm die Kehle zu. War das ein Wiedersehen nach dreißig Jahren? Die Freunde betrachteten einander. »Du siehst stattlich aus,« sagte der Kollaborator, »du hast Aehnlichkeit mit dem Holbeinschen Porträt des Moret, nur ist dein Bart weißer. Nicht wahr, ich habe mich sehr verändert?« Reinhard nickte stumm. Unter der Thür stand Stephan und suchte den Fabian fortzuschaffen. »So seid ihr habsüchtigen Bauern,« schalt der Kollaborator, »warum hast du das arme Geschöpf noch nicht in eine Anstalt gegeben? Heimlich mit dem armen Geschöpf zu einem Pfarrer zu reisen, der Teufel austreiben kann, das war dir nicht zu viel. Und nicht wahr, um das Wohl dieses Unglücklichen hat sich dein Pfarrer hier nicht zu kümmern? Er hat nur dafür zu sorgen, daß keine liberale Zeitung in deiner Wirtsstube aufliegt.« »Zum Winter geb' ich den Fabian fort,« entgegnete Stephan verlegen und ging, Fabian an der Hand zerrend, nach dem Hinterhause. Vroni stand unter der Küchenthüre und begrüßte den »Herrn Direktor« herzlich. Der Kollaborator freute sich der Nachricht, daß ihr Vater noch lebe. »Er ist noch wie ein alter Kernstamm im Walde,« sagte er, »sonst ist die Mehrheit des Dorfes so schwarz, nicht wert, daß ihnen die Sonne scheint,« setzte er laut hinzu. »Bleibst du noch lange hier?« fragte er Reinhard, als sie in die Stube eingetreten waren. »Hoffentlich nicht mehr lange, aber doch solang ich lebe,« entgegnete Reinhard in schmerzlichem Tone. Der Kollaborator that die blaue Brille ab und betrachtete den Sprechenden, er wollte offenbar ausführlicher antworten, aber da jetzt das Essen aufgetragen wurde, sagte er: »Nach Tisch reden wir weiter davon. Du erlaubst mir doch noch, meine Meinung gradaus zu sagen?« »Gewiß. Ich bin dankbar für jedes getreue Wort.« Ein verwunderter Blick des Kollaborators streifte Reinhard. Während des Essens wurde wenig gesprochen, die beiden Freunde schienen den rechten Ton nicht finden zu können. Um die peinliche Stille zu unterbrechen, fragte Reinhard nach Jugendgenossen. Der Kollaborator erklärte, daß er ganz einsam lebe; wer nicht gestorben sei, habe höheren Rang erreicht, und zwei Genossen aus der Bierstube, »zur Schachtel« genannt, seien sogar Excellenzen geworden. »Der Döbele, der Kultusminister geworden,« fügte er hinzu, »hat mir sogar mein Folio im schwarzen Buche gezeigt, zu welchem damals der hiesige Pfarrer den ersten Posten lieferte. Und unser Freund Merkwürdig ist Oberstudienrat. Du weißt doch, wen ich meine? Du erinnerst dich doch des Fritz Fischer, der zu allem, was man ihm vorbrachte, Merkwürdig! ausrief, und das hat ihn beliebt gemacht und wohlgefällig bei Frackmännern und Schleppenweibern. Ich habe unterwegs ein Motiv zu einem Bilde für dich gefunden,« sagte der Kollaborator, wieder abschweifend, »ich sah einen Alten, der die Sense dengelte, und da dachte ich: das solltest du malen, wie über dem Dengelnden der Tod mit geschwungener Sense schwebt, oder auch, du könntest den Tod selber als Sensendengler malen.« »Ich male nichts mehr, und wenn ich auch noch malte, du solltest wissen, wir Künstler können uns in keiner Weise ein Motiv geben lassen, in keiner Weise; wir müssen unsre Motive selbst finden, wenn ein Gemäßes draus werden soll.« Der Kollaborator war von dem maßhaltenden und doch entschiedenen Tone des Freundes überrascht. Achtzehntes Kapitel. Bist du ein Sohn des Vaterlandes? »Laß uns nach dem Walde gehen,« sagte der Kollaborator aufstehend. »Ich war schon bei deinem Waldheiligtum.« »Will's nicht mehr sehen, der Flohberger hat den Platz geschminkt und frisiert. Ich bin überhaupt ungern ins Dorf gekommen, ich mag den Menschen nicht begegnen, die reichsfeindlich gewählt haben; ich sage ihnen nicht gern guten Tag, weil ich ihnen in Wahrheit keinen guten Tag wünsche.« »Wohin sollen wir?« lenkte Reinhard ab. »Nach dem Kapellenwald, so daß wir schließlich zum Hohlmüller kommen.« Reinhard hatte ein Gefühl, daß er mit einem beleidigten Freunde gehe, mit dem er sich im Walde duellieren müsse, und seltsamerweise sagte jetzt der Kollaborator: »Ich habe dir's nicht vergessen, daß du dich einmal wegen meiner duelliertest.« »Ich? Ich erinnere mich nicht.« »Du mußt viel erlebt haben, daß du das vergessen. Damals, als ich wegen meiner Schrift gegen die Schwarzen abgesetzt wurde, wagtest du dein Leben gegen die Spötter.« Die Erinnerung tauchte in Reinhard auf, wie Lorle damals voll Verzweiflung war, weil er sein Leben, das ihr gehörte, dem Tode ausgesetzt hatte. Der Tag war heiß, und der Kollaborator sagte: »Das Schönste ist doch solch ein gerechter heißer Sommertag. Ein Frühlingstag ist unruhiges Werden, ein Herbsttag gelassenes Sterben.« Reinhard legte die Hand auf die Schulter des Freundes; der ist noch der alte, Feindseligkeit hat keine Stätte in seiner Seele. Dort, wo die Freunde vor Jahrzehnten zum erstenmal des Dorfes ansichtig wurden, dort auf der von Lorle gestifteten Bank saßen sie und den Blick zu Boden geheftet, fragte Reinhard in mildem Tone: »Ich habe noch nicht einmal gefragt, wie du dich fühlst?« »Ich? Ich habe Jahre verloren in dem edeln Bestreben ein Menschenverächter zu werden. Ich habe die alberne Gewohnheit, das Leben anderer, zumal meiner Freunde, ständig in der Seele zu hegen – ich trug ihnen im Geiste immer und überallhin Mäntel und Ueberzieher nach, sie aber hatten sich's bequem gemacht und lachten, wenn sie mich gewahr wurden, oder sahen mich gar nicht. Da wollte ich denn Egoist, noch besser, ich wollte Menschenkind werden.« »Dazu hast du kein Talent.« »Das habe ich endlich auch eingesehen. Vor allem fehlt mir die dazu nötige Gabe, mich für eine eximierte Hoheit zu halten. Ich lasse mich indes nicht mehr so vom einzelnen durchschüttern, ich bin stumpf geworden gegen Tod und Abfall, man erlebt deren so viel, wenn man alt wird. Jetzt hin ich geborgen, mein Atom Kraft steht im Dienste des Universums. Ich bin auch mit meiner Portion unsterblichen Namens zufrieden.« »Durch deine Schriften?« »O noch durch ganz anderes. Ich habe eine neue Varietät Nessel bestimmt und sie wird Lamium Reihenmeyerianum heißen. Was will der Mensch mehr? Non omnis moriar kann ich von mir sagen. Dazu war ich im Kriege glorreiches Mitglied des Erfrischungskomitees, habe Freund und Feind manchen Labetrunk gereicht und auch manchen verschüttet, und du weißt ja, bei mir ist alles wirklich und zugleich symbolisch.« »Ich verstehe. Du wolltest keine höhere Stellung?« »Wollte? Niemand kann es ernster und besser meinen als ich, und niemand ist mehr lächerlich und sogar auch ungut erschienen als ich. Mir fehlt der Nerv, den die Physiologen nicht bezeichnen können, ich meine den Imponierungsnerv. Menschen, die moralisch und intellektuell weit unter mir stehen, thun sehr gnädig gegen mich. Meine Schwester, die sehr stolz auf meine Hoheit war, hat mir das immer mitgeteilt. Seit ihrem Tode erfahre ich selten mehr davon. Du weißt doch, daß sie infolge der Anstrengungen in den Kriegslazaretten gestorben ist?« Der Kollaborator wurde inne, daß er nur von sich redete und, plötzlich überspringend, sagte er: »Aber nun erzähle mir vor allem: wie hast du unsere große Zeit erlebt und bist du nicht auch gekommen, um dich des geeinten starken Vaterlandes zu erfreuen?« »Muß das unser Erstes sein?« fragte Reinhard. »Gewiß. Wer mein Vaterland nicht liebt, sich nicht an seiner Schönheit und Größe freut, an den verschwende ich keinen Atemzug.« »Du sagtest ja, daß du dich nicht mehr um den einzelnen kümmerst.« »Du bist kein einzelner. Ich gestehe dir offen, ich war in der Welt ohne dich, du warst tot, jetzt bist du wieder da und . . .« Er stockte, und Reinhard fiel ein: »Und da wird es dir schwer, mit mir noch einmal anzufangen? Erinnere dich, daß du mir einmal sagtest, ich als Künstler denke nur in Farben. So erlaß mir anderes, und wir haben ganz anderes zu besprechen.« »Nein, das muß voraus. Sprich offen.« »So sage ich dir, die Kunst war mein Vaterland, und mir ist die Kriegsfreude ein Greuel. Du als Menschenfreund, wie kannst du dich für Menschenmord und Herrichtung zum Menschenmord begeistern?« »Der Krieg hat die Doppelwirkung seines Elementes, des Pulvers,« entgegnete der Kollaborator, »derselbe Stoff, der die Menschen tötet, sprengt auch die Felsen zu neuen Kulturwegen. Und wenn die Straße fertig ist, denkt man nicht mehr des Dynamits und seines Lärms und Rauchs.« »Sag' ehrlich,« entgegnete Reinhard und ein Lächeln spielte um seine Augen, »sag' ehrlich, hast du diesen dir gewiß lieblich erscheinenden Vergleich nicht schon einmal in einer Rede angewendet?« »So, also hast du sie doch gelesen? Ja, in meiner Rede beim Pflanzen der Friedenseiche.« »Ich glaube nicht an den Fortschritt der Menschheit,« warf Reinhard ein. »Sieh dort den Bahnzug. Was habt ihr Volksbeglücker nicht alles von der Eisenbahn erwartet? Und was ist? Sie befördert Kriegsheere und Wallfahrtszüge. In fünfzig Jahren kanonisiert der Papst einen heiligen Vaporius als Schutzpatron der Eisenbahnen.« »Du hast recht,« rief der Kollaborator, hellauf lachend. »Ja, wenn man an schroffen Bergen gute Fußsteige herrichtet, so wählen die wilden Wasser zuerst diesen Weg als ihr Bett. Aber ich habe dich unterbrochen. Sprich weiter.« »Ja weiter. Du weißt es ja. Ihr habt das Volk gezwungen, lesen zu lernen und was ist die Folge? Es liest eure Schriften nicht und hört und liest nur, was der Geistliche sagt und schreibt.« »Und doch ist der Fortschritt zur Freiheit unaufhaltsam,« rief der Kollaborator in andächtigem Tone. »Ich könnte dir's beweisen von den Pfahlbauten bis jetzt. Wir halten fest, Bildung in die weitesten Kreise zu tragen, in die Breite zu bauen; aber wir sind Aristokraten genug, auch in die Höhe zu bauen, und zu wissen, daß Ruhm und Ehre und höheres Leben einer Nation doch nur in ihren Genies der Kunst und Wissenschaft sich aufthut. Breite Bildung macht ein Volk stark, hohe Bildung macht es erst groß. Aber wir verlieren uns zu weit ab. Sag' nur gradaus: warum bist du wieder hierher zurückgekehrt?« Reinhard atmete tief auf. Der erste Waffengang war ohne Entscheidung abgebrochen worden; wie wird es nun werden? Werden die ehemaligen Freunde sich feindlich trennen und der eine da, der andre dort seines Weges ziehen? Neunzehntes Kapitel. Wie Reinhard die Zeit lebte. »Hast du denn meinen Brief nicht erhalten?« begann Reinhard nach einer langen Pause. »Dein Brief war so verzweifelt und müde und ich finde dich spannkräftiger, als ich erwarten durfte. Ich frage dich nun nicht mehr, wie du in einem geistig schwarzen Dorfe leben kannst. Aber so viel kenne ich dich doch noch, du kannst ohne Aufregung nicht leben, du bedarfst des beschleunigten Pulses.« »Ich habe die Menschen nicht mehr nötig.« »Man bedarf oft gerade das Unnötigste am meisten.« »Lassen wir das Wortgefecht.« »Ich frage nur, was willst du hier?« »Leben, so lang ich atme, und dann sterben.« »Sterben? Das Unnützeste, was man im Leben thun kann, ist, an den Tod zu denken,« entgegnete der Kollaborator. »Aber warum hast du all die Jahre nichts von dir hören lassen und bist nicht früher gekommen? Jetzt hast du keine Pflicht mehr. Du kannst beliebig Trauer anthun und ablegen. Und wem leistest du durch dein Hiersein etwas? Keinem Menschen, und dir selber auch nicht, du verschleuderst deine Lebenskraft, und dazu hast du kein Recht. Ja, schüttle nur den Kopf. Das ist unsre Religion der That. Deine Kraft gehört nicht dir, du bist eingereiht in den Dienst der Menschheit, so lang du atmest. Du leugnest das? So sage ich dir, du empörst nur aufs neue alle Welt durch dein Hiersein.« Der Freund setzte nichts hinzu, und lange war ringsum Stille, nur in den Wipfeln der Fichten rauschte ein leiser Wind. Reinhard mißhandelte mit beiden Händen seinen langen Bart und biß die Lippen, endlich, sich gewaltsam fassend, sagte er: »Gut, ich nehme auch diese Buße auf mich. Ich gehe durchs Fegfeuer. Du hältst dich für einen Menschenfreund und du quälst deinen Nächsten, wie dich selbst.« Es lag eine gewisse hochmütige Nachlässigkeit in Ton und Behaben Reinhards; der Kollaborator schien davon betroffen und er sagte: »So lassen wir jedes weitere Wort und sagen uns Lebewohl.« »Nein, das will ich nicht. Willst du mich ruhig anhören? Ich möchte von deinen Augen doch gerecht gesehen sein. Willst du es geduldig hören?« Der Kollaborator nickte, und Reinhard begann: »Ich weiß, was sie gelitten hat; ich weiß das jetzt erst ganz und voll. Ich lasse unentschieden, ob sich der verschuldete oder unverschuldete Schmerz leichter trägt. Und wer ist ganz ohne Schuld? Du kennst jenes höchste Gleichnis. Ihr könnt nicht wissen, was ich gelitten habe. Träumtest du schon einmal, du seiest blind geworden? Meine erste Empfindung, als sie mich damals allein gelassen, war tief gekränkter Stolz. Wie? Mit mir, mit einem Manne meiner Art nicht glücklich? Das kann nur eine bornierte Natur. Dann kam es anders. Ich schalt mich, weil ich die Folgen einer Unbesonnenheit nicht tragen wollte. Und doch kämpfte ich wieder dagegen, daß eine einzige That ein ganzes Leben zerstücken und zerstampfen soll. Meine Frau hatte einen großen Feind in der Welt, und das war mein Ruhm. Sie hatte keinen Sinn für meinen Ruhm, nach ihrer Denkart brauchte ich den nicht, ich war ja der Reinhard. Du sagst gewiß, das war ja alles lauter Liebe, was ging sie dein Ringen mit dir und der Welt an? Ich sage dir, es ist anders. Ich bin nur das in meinem Kunstberuf geworden, weil ich Wesen fand, um derentwillen es mich freute, Ruhm zu gewinnen. Ich gestehe dir aber noch mehr. Der Kunstberuf schließt ein glückliches bürgerliches Leben aus, man kann nicht in der Idealwelt und in der wirklichen zugleich daheim sein wollen. Du schüttelst den Kopf? Ich weiß, auch andre werden das leichthin verdammen. Laß mich erklären. Mein Hauptirrtum war, daß ich glaubte, eine Frau könne die Wetterlaunen einer Künstlernatur verstehen. Das kann keine Frau, keine naive und keine gelehrte. Kein andres kann die Welt mit unsern Augen sehen, aber es muß unsern Augen glauben. Die Art, wie die Lebensbegegnisse sich uns verwandeln, wie wir in jeglichem etwas anders sehen, als andre, das kann kein zweiter Mensch fassen, gewiß aber keine Frau. Wir sind stets im Werbezustande, im Brautzustande mit der Erscheinungswelt, wir sind nie verheiratet, oder auch mit jedem Begegnis. Du lächelst? Unterbrich mich nur, ich bin so alt, daß mich kein Widerspruch mehr stört.« »Ich dachte nur: es ist wunderbar, wie viel romantische Ueberschwenglichkeit in dir steckt. Du bist doch ein guter Deutscher.« »Sei es. Und trotz dieses Denkens habe ich doch hundertmal Lorle schreiben und sie zu mir rufen wollen. Wären wir vom Dorfe aus gleich nach Rom gezogen, wer weiß, ob nicht das große Leben uns schön beisammen gehalten; die engbrüstige Verhocktheit der kleinstädtischen Residenz hat uns versäuert und voneinander gescheucht.« »Wohl möglich.« »Ich schrieb nicht und rief sie nicht, weil in meiner Seele ständig zwei Strömungen nebeneinander und übereinander gehen. Ich habe trotz unbeschränkter Freiheit doch in meinem ganzen Leben nie eine Arbeit ohne Störung, aus mir selber oder von außen, vollendet. Darum empfand ich's oft doppelt schmerzlich, daß ich die Störung durch die Fremdheit meiner Frau – wenn sie verblieb – nicht leichter und freier ertrug. Ich habe in der großen Welt gelebt und haßte doch alles Leben; das Dasein erschien mir als ein Fluch, als der Hohn eines unsichtbaren Tyrannen. Es gab Zeiten, wo mir mein Atelier zuwider war, wo ich in den Straßen umherschlenderte und nicht wußte wohin, weil nichts mich anmutete. Ich lernte die Verderbtheit der Welt kennen und es war mir erwünscht, daß sie verderbt ist. Ich suchte Ermunterung in der Betäubung. Ich wollte mich vergessen und stürzte mich in Gesellschaften, die ich verachtete, die mich anekelten. Das war eine Strafe für mich, wie sie nicht härter zu erdenken ist.« »Eine Strafe? In welchem Gesetzbuche steht diese Strafe?« hatte der Kollaborator auf den Lippen, aber er hielt es zurück und Reinhard fuhr fort: »Ich war in Rom, in Paris, London, in Aegypten und Amerika; ich habe Ehre, Ruhm, Reichtum erworben. Ich habe viel freundliche Gunst des Lebens erfahren, aber so hat mich doch nie jemand geliebt, wie Lorle, nie wurde ein Mann mehr geliebt, als ich von ihr.« »Und du sie? Warum sprichst du nicht von deiner Liebe?« wollte der Kollaborator fragen, aber er schwieg und Reinhard erzählte nun, wie er ihren Tod erfahren, wie er alles von sich gethan, seine Skizzen und Studien, seine Sammlungen weggegeben, und seine Stimme zitterte, als er nach einer Pause erklärte, wie er an ihrem Grabe gestanden und den Fleck Erde betrachtet habe, den sie neben sich ihm zur Ruhestätte bestimmt hatte, dann fügte er hinzu: »Ich habe das Gefühl, daß ein fremder Wille über mich verfügt und das thut mir wohl; ich habe stets nur mir selbst gefolgt und empfand meine Freiheit als Tyrannei. Ich hatte ein Leben, in dem es kein Gebot, keine Pflicht gab als nur selbstauferlegte. Dieser Ruf zu der von ihr mir bestimmten Grabstätte ist mir ein Befehl, und ich begrüße den Befehl als Glück. Sag' mir nichts dagegen. Ich freue mich, daß ich noch ein entschiedenes Gefühl habe. Laß mir's. Ich will keinen Willen mehr haben, ich folge einem unwiderruflichen Gebot. Ich habe der Medusa Wahnsinn ins Auge gesehen. Hier bin ich erlöst. Ich bin nicht so schlecht, als ich von mir dachte. Es ist nicht Sentimentalität, daß ich hier bleibe, ich kenne den Gräberkultus nicht, ich liebe ihn nicht, aber ich will da sein, wo ich jung und glücklich war, wie man es nur in der Jugend ist. Ich bin da, wo Mensch und Baum und Berg und Wald mich kennt von alters her und ich sie auch. Hier heiße ich des Lorles Reinhard und mit diesem Namen will ich sterben. Ich habe genug Leinwand mit Farben bedeckt, habe Natur und Mensch stets mit weitaufgerissenem Auge gesehen. Es ist genug. Ich schließe die Augen und will still hindämmern, bis das Auge geschlossen bleibt. Und nun sei wieder mein Bruder!« Zwanzigstes Kapitel. Wie der Kollaborator alles ansieht. Reinhard hielt inne, der Kollaborator war aufgestanden und hatte den Freund mit wechselnden Mienen betrachtet. War diese Anschauung der Welt und seines eigenen Selbst zu berichtigen? Jetzt setzte er sich wieder und sagte in gehaltenem Tone: »Ich war nie auf Seite der Welt, die dir allein unrecht gab und deine Irrwege bestätigen mir nur meine Ansicht. Du und Lorle, ihr wart Objekt meines Studiums; ich habe jahrelang über euch gedacht und euch mir erklärt.« Der Kollaborator hielt inne, er erwartete offenbar, daß Reinhard ihn um diese Erklärung ersuche, aber Reinhard sah vor sich nieder, und der Kollaborator mußte von selber fortfahren: »Du darfst dir Vorwürfe machen, aber keine zu schweren. Lorle war unglücklich, das ist wahr, aber in ihrem ruhigen, gelassenen Schmerze, der wie ein stilles, kaum mehr gefühltes Austropfen des Herzblutes war, hat sich ihre Seele erhöht und geschmeidigt. Wer weiß, ob sie in fortgesetztem Widerstreit und daraus erwachsender leidenschaftlicher Erregung nicht verherbt worden wäre.« »Ich glaube, du hast recht,« schaltete Reinhard ein. »In einem Punkte,« nahm der Kollaborator auf, »stimme ich mit deiner Betrachtung der Unzuträglichkeit überein. Lorle fehlte ein Frauenelement und das war doppelt schwer für deine Frau. Sie war nicht dankbar.« »Wie? Lorle undankbar?« »Ich habe nicht undankbar gesagt, sondern präzis nicht dankbar. Wenn du, wie man sagt, ihr das Blau vom Himmel geholt, sie hätte das natürlich gefunden: du bist ja der Reinhard und sie das Lorle, und wenn du den höchsten Ruhm errungen, wenn du zum Kaiser ausgerufen worden wärest, das war ihr wieder selbstverständlich, du bist ja der Reinhard, dem alles, was er bekommt, schon lange gehört. Ihr war nichts ein Wunder, darum hatte sie keine Bewunderung und keine Dankbarkeit, und du bedurftest beider als Mensch und als Künstler.« Reinhard lächelte schmerzlich, und der Kollaborator bestätigte. »Klarheit ist für uns Heiden die Absolution. Sieh, so wenig die Glockenblume zu deinen Füßen sich bestrebt, zu gefallen, so wenig war ein solches Bestreben in Lorle, ja, sie hätte es für einen Treubruch gehalten, dir zu gefallen zu suchen. Hier war die Grundquelle der wildwachsenden Naivetät, aber der Kulturmensch bedarf der gekochten Speise und der Variation, der Salze –« »Aber Freund, wohin geratest du?« »Gut, ich danke. Laß dir nur noch meine Hauptresultate sagen. Du und Lorle, ihr wart zwei unlösliche Naturgewalten. Ich habe die Formel gestellt. Ihr wart die Naivetät und die Genialität. Jede in sich berechtigt und jede konnte nicht anders werden, ohne sich selbst zu zerstören. Die Naivetät permanentes Insichsein, die Genialität permanentes Außersichsein.« Reinhard lehnte sich an den Baumstamm zurück, er schränkte die Arme und hörte dem Kollaborator geduldig, und wie es schien, mit gespannter Aufmerksamkeit zu. »Naivetät und Genialität,« setzte der Kollaborator auseinander, »haben das Gemeinsame, daß sie in jedem Dinge, jedem Begegnisse, Gewöhnliches und Ungewöhnliches, das Ordentliche und das Außerordentliche sehen. Nur sieht der Geniale das Außerordentliche vor dem Ordentlichen, der Naive umgekehrt. Die Genialität sieht im Natürlichen das Wunder, die Naivetät sieht das Wunder als natürlich an. Ich meine Wunder im alten Sinne, denn wir Nachkommen der Pfahlbauern kennen keine Wunder mehr; alles ist Entwickelung, Demaskierung der Naturkräfte.« »Aber, Freund, wohin willst du?« »Bitte, nur noch das. Die Naivetät ist der Schmetterling, dessen Auge gar nicht so gestellt ist, daß er sehen und wissen kann, wie schönfarbig seine Flügel sind; die Genialität beguckt ihre bunten Flügel und – aber nein, ich kann nicht im Bilde fortfahren. Ich wollte nur noch sagen, das Wort ihres Vaters ›Nur stät‹ war in Lorle Gestalt geworden, in deinem Grundwesen aber liegt, daß dir alles Stetige, Regelmäßige, alltäglich Wiederkehrende lästig ist. So warst du von je. Schon in unsrer Kindheit. Niemand kann mehr als ich das an dir schätzen, was – ich finde kein andres Wort – noble Gesinnung zu nennen ist, aber dir fehlte und fehlt jede Selbstsucht. Du und Lorle, ihr wart beide nur Natur. Keines von euch war eigentlich gebildet, und darum konnte sich keines an dem andern und nach dem andern bilden.« Der Kollaborator hielt endlich inne und Reinhard entgegnete: »Ich habe ein Selbstporträt gemacht, aber so wie du mich im Spiegel zeigst, habe ich mich noch nie gesehen. Versprich mir nur, daß du mir keinen Nekrolog schreibst, wenn ich sterbe.« »O!« schaltete der Kollaborator ein, aber Reinhard faßte seine Hand mit den Worten: »Laß uns jetzt praktisch reden. Unser Ideal verwirklicht sich. Du ziehst mit ins Dorf. Die zeitweilige politische Stimmung des Dorfes darf dich nicht stören. Das hat sich geändert und wird sich wieder ändern. In deine Seele mich versetzend, aus dir denkend, habe ich den Trost gefunden: Ein Bildwerk von Menschenhand bleibt, wie es geschaffen wurde, alles, was aber aus sich lebt, muß sich wandeln, weil und solange es lebt. Ist das nicht auch dein Gedanke?« »Gewiß! Du bist auf dem rechten Wege!« rief der Kollaborator, seine Brille neu zurechtrückend. »Ich habe die Formel dafür: Am Baume der Menschheit, wie hier an dieser Weißtanne, ersetzt sich die abgestorbene, verholzte Zelle durch immer neue, lebensfähige.« »Soll gelten. Also wir bauen uns unsre Zelle und erfüllen sie mit Schönheit und Ruhe. Du schenkst mir aus deinen tiefen Kellern auf Flaschen gezogenen Geist ein und ich dafür leibhaftigen Wein. Lieber, alter Kamerad! Damals, als du deines Amtes entsetzt wurdest, sagtest du: Ich nehme nie mehr eine Anstellung. Es gibt Pferde, die lieber verdursten, als mit dem Zaum im Maul saufen. Erinnerst du dich noch? Es war in der Nacht auf dem Schloßplatz.« »Wohl erinnere ich mich noch,« erwiderte der Kollaborator lächelnd, es that ihm gar wohl, daß der Freund so seine Worte behalten. Reinhard fuhr fort: »Es war ein Ideal unsrer Jugend, daß wir beide miteinander still unser Leben beschließen. Es kann sich nun noch erfüllen. Ich glaube nicht mehr, daß es Glück auf der Welt gibt, aber Ruhe, vielleicht auch Frieden, möchte ich die kurze Zeit noch gewinnen. Ich habe das alte Haus zur Linde gekauft, dort leben wir selbander und ich will von dir lernen, so daß ich als gebildeter Mann sterbe. Wir richten das alte Haus neu her, im alten historisch und klimatisch gemäßen Landschaftsstil, und im Inneren bequem und behaglich. Ich bin sechs Wochen älter als du, ich verzichte auf mein Erstgeburtsrecht, du sollst Herr über alles sein, nur zwei Zimmer laß mir. Mich friert und ich will mich an deinem warmen Blicke sonnen. Ich habe die Liebe nicht verstanden, vielleicht verstehe ich die Freundschaft.« »Woldemar! Alter, gewaltiger . . . Halt ein! Es ist zu viel.« »Nein, laß mich das noch sagen. Du kannst deine Forschungen nach dem Pfahlbauer Reihenmeyer, seinem Kulturstand und Hausstand fortsetzen und ich, ich sammle alles Volkstümliche in Tracht und Geräte, was jetzt untergehen will.« »Da hast du recht. In dreißig Jahren gibt's keine Volkstrachten und keine Volksbräuche mehr. Alles wird Landwirt oder ländliches Proletariat.« »Also gut oder schlimm. wie du willst. So sammeln wir. Zwei Zimmer sollen ein Museum des eben vergehenden Volkslebens sein. Gib mir die Hand. Wir bleiben bei »Ich kann nicht. Ich kann nicht,« wiederholte der Kollaborator, zitternd vor Erregung. »Aber es ist gewonnen. Du bist ein Sohn des Mutes. Ich kenne deinen Weg. Ich freue mich, dir ihn zu künden.« Einundzwanzigstes Kapitel. Komm mit. Der Kollaborator ballte wie in der Jugendzeit beide Fäuste, schaute in den Himmel hinauf, in die Welt hinaus und lächelte, dann sagte er: »Hast du nicht Unruhe und Unstetigkeit an mir bemerkt?« »Natürlich. Unser Wiedersehen nach so langer Zeit unter solchen Umständen.« »Es ist nicht das allein. Erlaube mir eine Frage.« »Dir ist jede gestattet.« »Sag, hattest du nie Lust, in ein Kloster zu gehen?« Reinhard erzählte, wie ihm oft die Anmutung aufgegangen, dann fügte er hinzu: »Es mag leichter sein, in ein Kloster zu gehen und sich da mit dem Generalgläubiger aller Menschen abzufinden und durch das Vorschieben eines Riegels von der Welt sich zu trennen; das mag leichter sein, als sein Thun und Lassen vor einem ganzen Dorf zu erklären und zu entschuldigen.« »Pah! Wer den ganzen Erdkreis überwindet, der bekommt das Dorf mit drein. O Freund, ich bin glücklich, daß ich das Einzige gefunden habe, das Einzige und Höchste auch für dich. Nein, du darfst nicht verbauern, ich dulde es nicht. O ich kenne den Prozeß der Verwahrlosung, er beginnt mit dem ersten losen Knopf, den man nicht annähen läßt. Nein. Mein Woldemar soll nicht an Winterabenden auf den Hochgenuß eines Kartenspiels mit Schulmeister und Schultheiß warten. Ikarus, der in eine Skatpartie fällt, das ist zu viel. Nein. Ich lasse dich nicht hier verkommen.« »Ich möchte dich bitten, mir etwas Selbstbestimmung zu lassen.« »Nein. Du gehörst nicht mehr dir, deine Steuerkraft wird zum Weltbesten eingefordert. Was Gutes an uns ist, gehört nicht uns, es ist Gemeingut der Menschheit. Seltsam, daß ich nicht im ersten Augenblick daran dachte.« Er hielt inne und schaute den Freund wie verklärt an, dann sagte er: »Wir sind nicht mehr hier, die Meereswelle trägt uns, wir sind am Nordpol, am Südpol und wir sind selbander über der Welt, in der ganzen Welt, das Universum ist unser.« Reinhard schüttelte den Kopf, diese Verzückung war ihm unfaßlich. Der Kollaborator warf sich an seine Brust und rief: »So halten wir uns und das Ueberwältigende soll uns nicht überwältigen. Du ziehst mit auf die große Reise um die Erde. Das ist ein Leben und, wenn es sein muß, ein Ende deiner würdig.« Er wurde so bewegt, daß ihm die Stimme versagte, er that den Hut ab und die schlichten Haare breiteten sich ihm über Stirn und Augen, er schob sie gewaltsam zurück, und wie verzückt fuhr er fort: »O Woldemar! Der Ring schließt sich so wunderbar! Erinnerst du dich noch, wie wir als Knaben davon träumten, einst miteinander in die weite Welt zu ziehen, zu den Wilden und auf einer einsamen Insel zu leben? Die Kinderphantasie hatte vorahnende Kraft. Jetzt ist uns gemeinsam das Höchste beschieden. Wir mehren das Wissen der Menschheit von sich selber und von unsrem Planeten.« »Du mehrst aber mein Wissen nicht. Ich verstehe dich noch immer nicht.« »Verzeih mein Ungestüm, meine Verwirrung. Gradaus also: Ich habe mich als Mineralog zu der großen wissenschaftlichen Forschungsreise gemeldet und bin angenommen worden, und du, du ziehst mit uns, du hast die Landschafts- und Figurenbilder gleich kultiviert.« »Was ich leisten könnte, vermag auch eine photographische Maschine und in vielen Fällen weit besser.« »Nein, nur Leben faßt das Leben. O Freund! Erfaßt es dich nicht auch, als würdest du von einer ungeahnten Macht in eine höhere Luftschicht gehoben? Du hast keine Heimat, kannst keine finden, du nicht, ich nicht. Nun denn; die Welt gehört uns und wir gehören der Welt. In der Hand des sich immer höher ausgestaltenden Menschheitskörpers ist ein Dampfschiff mit Mannschaft und Maschinen, was ehedem ein Schleuderstein war. Fühlst du nicht auch das Große, ein Atom zu sein, aber ein bewußtes Atom im Organismus der Welt? Das ist der Tod des endlichen, aber auch zugleich die Auferstehung des unendlichen Wesens in mir, in uns. Ich kann mit unserm großen Dichter, der selber eine Natur war und den Gang der Natur erkannte, ausrufen: Es ist mir wie einem, der der Morgenröte entgegengeht.« »Ich kann dir leider nicht in deine Weltgedanken und auf deine Weltfahrt folgen.« Mit siegesfrohem hellem Tone entgegnete der Kollaborator: »Wir führen die Fahne des neuen Reiches in unbekannte Welten, und unter dieser Fahne ist allgemeine Lehrpflicht. Du bist eingetragen in die Armeeliste des Geistes und darfst dich der Mobilisierung nicht entziehen. Ich weiß, du willst nichts von Kriegsbildern, laß dir unsre heidnische Frömmigkeit gefallen. Wir sind die Missionäre einer erst zu gewinnenden Offenbarung. Noch Kolumbus glaubte, jenseits des Meeres das Paradies der Bibel zu entdecken, wir sind die Sendboten des neuen Forschens und Wissens. Und hier meine Hand,« fuhr er in feierlichem Tone fort: »Kehren wir glücklich zurück, dann ziehe ich mit dir hierher und wir leben und sterben miteinander. In deinem Briefe rief es immer: komm zu mir. Ich rufe jetzt auch: komm zu mir und bleib bei mir, Bruder, bleib bei mir!« »Dein Gedanke ist schön und verlockend, aber zu solchem Uuternehmen bedarf es eines gesunden Körpers und einer reinen Seele. Ich kann beide nicht mehr mein nennen.« »Du wirst sie gewinnen außerhalb der Welt, über der Welt. Und sterben wir, so ist das Weltmeer, das ewige Eis, unser Grab.« »Zu spät, ich hafte am Boden, ich kann nicht mehr los, ich bin müde. Hier will ich bleiben, ein stiller Mann, bis die ewige Stille eingetreten ist.« »Du glaubst, nur noch auf den Tod warten zu dürfen, deine Lebenskraft sei gebrochen, ja noch anders, du glaubst, deine Thatenlust sei gesättigt? Du irrst, es gibt keine Sättigung für immer. Du wirst wieder hungrig werden, nach Thätigkeit, nach Liebe . . .« »Ich bin nicht gesättigt, ich bin erschöpft.« »Nein, es quillt aus dir. Du darfst nicht hier bleiben. Langsames Verdorren wäre der entsetzlichste Tod. Willst du deinen früheren Irrtum multiplizieren und eine unglückliche Ehe mit einem ganzen Dorfe eingehen? Schön! Lache! Du hast noch alle Zähne. Du mußt noch Probleme aufknacken.« »Ich habe viele wurmstichig gefunden.« »Was? Du willst dir selber absterben? Das kannst du nicht. Du darfst nur eines schönen großen Todes sterben. Du willst aus Trotz deiner innersten Natur entsagen und gegen deinen Charakter handeln, das rächt sich, verlaß dich drauf. Du darfst deiner jetzigen Stimmung nicht nachgeben, du gefällst dir jetzt in dieser süßen Schwermut; du willst unter Menschen leben, die dir nicht widersprechen dürfen und mit der stummen Natur, die dir nicht widersprechen kann.« »Ich widerspreche auch dir nicht,« erwiderte Reinhard scharf, aber sich fassend, fügte er hinzu: »Du thust unrecht an dir, du verdirbst deine guten Gründe mit – sagen wir falschen, die keiner Beachtung wert sind.« »Du hattest immer nur Aufmerksamkeit für deine Gedanken, nie für die andrer,« entgegnete der Kollaborator. Das Auge Reinhards bewegte sich unruhig, der Kollaborator achtete nicht darauf und fuhr fort. »Ich darf dich nicht sinken lassen. Ich muß dich retten.« »Aber ich will nicht gerettet sein.« »So sage ich denn: dein Vorhaben ist Wahnwitz, Selbstmord, Verbrechen an dir, an der Toten, an der Welt, an allem.« Reinhard biß die Lippen immer schärfer und schärfer. »Und das ist die Humanität von euch Menschenbeglückern?« rief Reinhard, sich aufrichtend. Dunkle Röte durchschoß sein Antlitz bis zu den Stirnhaaren hinauf, indem er fortfuhr: »Ihr wollt mit geistigen Torturen zu euren Heilslehren zwingen! Und du glaubst, nach solcher Auseinandersetzung, nach solcher Herabsetzung könnte ich dir noch folgen? Ich erkenne die Kompetenz des Gerichtshofes Reihenmeyer ferner nicht an. Ich habe dir ein Recht eingeräumt, wie sonst niemand auf der Welt, aber auch dies Recht hat eine Grenze. Ich erwarte, daß du dir kein weiteres ehrenrühriges Wort gestattest, ich gestatte dir keins mehr. Du hast an der Seligen im Leben und Tod brav gehandelt, du hast dich bezahlt gemacht, wir sind quitt.« Die beiden Männer standen auf, sie schritten weiter durch den Wald. In jedem wogte es mächtig. Die Sonne strahlte golden durch die Tannen, der Wald stand wie in Feuerduft. Wie gern hätte der Kollaborator dem Freunde das gezeigt und wie gern hätte ihm Reinhard zugehört, aber jetzt mußten beide sich verhalten, als ob sie das nicht sähen, und sie sprachen kein Wort. Der Kollaborator war tief zornig auf sich, weil er so in Heftigkeit geraten war. Er mußte sich bekennen, daß im Hintergrunde seiner Seele ein tiefer Groll durch Jahrzehnte zu mächtig geworden war und nun unversehens ausbrach. Er hatte sich die Unvereinbarlichkeit vom Wesen Reinhards und Lorles erklärt und konnte doch nicht davon lassen, Reinhard zu zürnen, weil er trotzdem nicht Glück daraus geschaffen. Er bekannte sich, daß Reinhard, eben weil er in Selbsterkenntnis und Selbstanklage stand, reizbar und empfindlich sein mußte, und doch hatte er ihm die bittersten Vorwürfe gemacht. »Ich habe zu viel allein gelebt und in mich hinein gedacht, ich bin zu eigengesinnt für die Freundschaft.« Das alles hätte er Reinhard gern bekannt, aber er kam nicht zu Wort. Reinhard dagegen war ärgerlich. daß er nicht die rechte Haltung bewahrt hatte; er mußte Welterfahrung genug besitzen, um den Freund, der es im Grund der Seele doch so gut mit ihm meinte, nicht so weit kommen zu lassen. – Du hast in den langen Jahren des Fremdenlebens vergessen, wie man mit einem brüderlichen Freunde lebt, von dem es keine Entzweiung geben kann. Wen hast du noch, wenn du auch diesen verlierst? fragte er sich. Fehlt dir die Fähigkeit, einen Lebensgefährten zu haben? So gingen die Freunde stumm nebeneinander bis da, wo der Weg nach der Hohlmühle einmündet. Der Kollaborator wartete nicht länger auf die Einlenkung des Freundes, er hielt still und sagte in mildem Tone: »Ich hatte dich betrauert, als du noch lebtest und als ich dich gestorben glaubte; ich hätte nicht wiederkommen sollen, es wäre besser.« »Du willst sagen, ich hätte nicht wiederkommen sollen,« fiel Reinhard ein. Es lag eine Spannung in der Luft und in den Gemütern, die sich nicht lösen konnte. Der Kollaborator sah den Freund bittend an, dieser aber wendete ihm keinen Blick zu. Sie gingen weiter, die letzte Bergspitze glühte, die Sonne sank hinab. Da hörten sie von einer Frauenstimme das Lied: »Schön Schätzichen wach auf!« Die Stimme war ein tiefer, mächtiger Alt; Reinhard kannte die Stimme, sie hatte ihn ja mit diesem Liede beim Eintritt ins Dorf begrüßt. Die beiden Männer standen still. Wie oft hatten sie das Lied gemeinsam gesungen, damals in der Linde und auf der Wanderung bergaus und bergein, sie schauten einander an, dann schlug jeder den Blick zur Erde. Die Stimme kam näher, Malva mit ihren roten Zöpfen ward sichtbar. Das Lied brach ab, Malva hielt still, dann rief sie: »Das ist gut, daß ich Euch begegne, Herr Reinhard. Ei, grüß Gott, Herr Reihenmeyer.« »Bist du nicht des Wendelins Malva?« »Ei freilich.« »Du bist groß geworden und sauber.« Das Mädchen errötete und sagte: »Herr Reinhard, ich komm' vom Hohlmüller, er hat Verlangen nach Euch, Ihr sollet doch wieder zu ihm kommen. Vergesset aber nicht, daß er nichts vom Tode der Frau Professorin weiß. Er fragt sonst nach niemand, aber nach ihr fragt er.« »Wird dir's nicht auch schwer, das zu verhehlen?« wendete sich Reinhard an Malva. »O nein! Einem altersschwachen Mann braucht man die Wahrheit nicht zu sagen, so wenig als einem Kranken. Ich habe am Mittag die Fensterläden zugemacht und meiner Stiefmutter gesagt, es sei Nacht, dann ist sie eingeschlafen.« Der Kollaborator zuckte zusammen, als er einen Blick zwischen Reinhard und Malva wahrnahm. »Seit wann bist du aus der Schule?« fragte er. »O schon lang. An jenen Pfingsten, bevor mein Bruder in den Krieg gemußt hat. Wie der Herr Reihenmeyer das letzte Mal bei der Frau Professorin gewesen ist, war ich noch ein kleines Mädchen.« »Und bist ein . . . ein keckes geworden,« entgegnete Reihenmeyer. Malva zuckte verächtlich die Achseln und warf die Lippen auf, sprach aber nichts. Als sie sich zum Gehen gewendet hatte, rief sie: »Herr Reinhard, ich möcht' gern ein Wort mit Euch allein reden.« Reinhard ging zu ihr und sie sagte leise: »Herr Reinhard, trauet dem Reihenmeyer nicht. Er ist ungetreu an Euch.« »Wie?« »Ich kann das jetzt nicht weiter auseinandergeben. Glaubet mir einstweilen.« »Ich danke dir,« sagte Reinhard laut und kehrte zu dem Kollaborator zurück, dessen Mienen sich verfinstert hatten. Das Mädchen ging und Reinhard fragte: »Willst du nicht auch den Hohlmüller begrüßen?« »Ja, ja, gern.« »Dann bitte ich dich, nichts vom Tode Lorles zu erzählen, er weiß noch nichts davon.« In Miene und Gebärde des Kollaborators zeigte sich, daß er alle Fassung verlor, indem er rief: »So? Und das kannst du? Du kannst verleugnen? O ich verstehe. Lorle die erste ist tot, es lebe Lorle die zweite. Dein Blick war mehr als bloßes Interesse für eine neue Spielart Dorfkind. Das war nicht nur, weil die roten Haare jetzt bei euch Malern beliebt sind. Sag nein, sag, du irrst dich. O er ist doch noch so weit ehrlich, er kann nicht. Du willst noch einmal? Die Teufel werden lachen und die Engel werden weinen über solche That, wenn es wirklich Engel und Teufel gäbe,« setzte er gewissenhaft hinzu. Es zeigte sich eine gewaltsame Verzerrung in seinem Gesichte, endlich, seinen ganzen Zorn neu aufraffend, rief er mit mächtiger, weithin schallender Stimme: »O, jetzt verstehe ich alles. Du bist an diesen Fleck Erde gebunden. O schön, schön, abscheulich schön. Lucullus dürstet nach kuhwarmer Milch. Da geht ein Dorfkind dahin, das du wieder zerstörst.« Reinhard überglühte es, als stünde er in Flammen und dann überrieselte es ihn wieder kalt. Der Freund tastete ein noch nicht vor ihm selbst bekanntes Geheimnis seiner Seele an. Der Heftige aber fuhr fort. »Ja, rolle nur die Augen, mit denen du wieder ein Dorfkind bannst, berückst und zerstörst. Ich bin der einzige Mensch auf der Welt, der dir die Wahrheit sagen darf.« »Genug, sag' ich. Nicht weiter.« »Nein. Du hast mir das Recht gegeben, alles zu sagen.« »Wer das Recht erteilt hat, kann es auch wieder zurücknehmen, wenn es mißbraucht wird.« »Alle Welt wird urteilen wie ich.« »Es ist sehr bescheiden von dir, die ganze Welt für so weise und so edel zu halten wie dich selber.« »Ich lasse mich auch durch deinen Spott nicht aufhalten. Da steht der Meister in seinem Künstlerberufe und ist ein Pfuscher, ein Stümper im Lebensberufe. Ich sage dir die Wahrheit, bis du mir die Kehle zudrehst, du bist stärker als ich. Du bist nichts als ein Selbstschwelger. Was du Liebe nanntest, war nur Jagd nach Vergnügen. Du hast dein Leben lang nichts geliebt, deine Frau nicht, deine Kunst nicht, dein Vaterland nicht, deinen Freund nicht. Er ist doch noch ehrlich,« rief der Kollaborator ins Weite hinein und nachspottend setzte er hinzu: »Nie ist ein Mann mehr geliebt worden als ich von Lorle. Ist das nicht rührend? Thu dich auf, du Grabhügel da drüben, der große Mann hier geht über die Welt und hat nie geliebt, nicht damals in Freud', nicht jetzt im Leid. Nie. Pfui und Wehe ringen miteinander um diese morsche, arme Seele!« Reinhard stand da, er hatte die Hand fest um eine junge Tanne geklammert, die Tanne erzitterte wie sein ganzer Leib, aber er bewegte sich nicht, er ließ den Rasenden sich austoben. Plötzlich, wie vor sich selbst fliehend, ließ er die Tanne los, wendete sich und rannte mit raschen Schritten thalab in das Dickicht des Waldes. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Eine Blume erblüht in der Gewitternacht. Es war Nacht, als Reinhard heimwärts ging, er war nicht beim Hohlmüller gewesen, still und einsam hatte er die tiefe Bewegung niedergekämpft, aber er kam sich unsäglich einsam vor, nun auch vom Freunde verlassen. Eine tiefe Sehnsucht nach traulicher Hegung bemächtigte sich seiner, als er die Abendglocke läuten hörte. Der Abend schien die Tageshitze nicht abzukühlen, vielmehr zu steigern, fern über den Bergen stieg eine dunkle Wolke auf. Da kamen zwischen hoch aufgelagerten Stämmen zwei Frauen hervor. Beide grüßten. »Ach, du bist's, Malva?« »Ja. Das ist die Frau meines Ohms. Hedwig, warte jetzt dadrüben auf mich, ich hab' mit dem Herr Reinhard zu reden.« Die Frau ging und Malva begann: »Ja, ich hab' auf Euch gewartet. Ich hab' hinter mir drein den Herr Reihenmeyer arg schreien hören und dann ist er allein an mir vorbei kommen, er hat mit sich selber geredet, wie einer, der von Zank und Streit kommt; verzeih mir's Gott, wie ein Hund, der einem Fuhrwerk nachbellt und dann wieder heimbellt auf das Stroh in seiner Hütte.« »Das ist nicht recht von dir, so zu sprechen. Er ist mein Freund.« »Euer Freund? Der? Ich will Euch nur sagen, Ihr brauchet Euch von dem nichts gefallen zu lassen, von dem am wenigsten, er hat den Ungetreuen an Euch gespielt.« »Er? Wie? So sprich doch deutlich. Sag mir alles offen.« »Herr Reinhard,« fügte sie hinzu, »ich hin damals noch zu klein gewesen, ich hab' damals noch nicht recht verstanden, was vorgegangen ist; aber so viel mein' ich doch, er hat Eure Frau nicht ungern gehabt und hat gewollt, sie soll Euch in der Zeitung tot ansagen, und wie er das letzte Mal dagewesen und fort ist, hat die Frau gesagt: ›Den sehe ich nie mehr auf der Welt. Steckbrief, Verschollen,‹ hat sie dann oft vor sich gesagt. Fraget Euren Schwager, der weiß alles besser, er hat ihm auch den Marsch machen müssen.« Reinhard schwieg, nach einer Weile begann er: »Malva, ich will dir was sagen. Ich hab' deinem Vater anbieten wollen, er soll mit euch Kindern zu mir ins Haus ziehen, ich will nicht so allein sein.« »O das ist prächtig! O lieber Gott wie schön.« »Malva, ich habe Gutes mit dir vorgehabt.« »Das weiß ich.« »Doch nicht alles. Malva, ich hab' noch warten wollen, dich brauch' ich nicht mehr prüfen, aber mich. Malva, ich habe Böses an Lorle gethan und du lauter Gutes. Ich will dir's vergelten.« »O redet doch nicht so. Und warum weinet Ihr jetzt? Was ist denn?« »Malva, bin ich schlecht?« »Hat das der Brillengucker gesagt? O der!« »Malva, wenn ich nochmals heirate . . .« »Dann gehe ich als Magd zu Euch, wenn Ihr's wollet. Was Ihr thuet, das ist recht, und was Ihr saget, das thu' ich. Ich bin sonst nicht so. Aber Euch kann ich die Händ' unter die Füß' legen.« »Nein, gib mir deine Hand, und sei du meine Frau.« Er umhalste sie. Sie machte sich leise los und seine Hände fassend und küssend sagte sie: »Mir ist's, wie wenn die Selige mir eine Besorgung auftraget': ›Malva, geh, lauf, hurtig, tapfer, mach meinen Reinhard glücklich.‹« »O Himmel!« rief Reinhard, und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und weinte. Malva aber schaute zum Himmel auf und sprach wie betend: »Nicht wahr, du schaust jetzt vom Himmel auf uns herunter? Ja, ja, du gibst deinen Segen.« Lange sprachen die beiden kein Wort, und auch in der weiten Natur ringsum war es wie banges Anhalten des Atems. Endlich sagte Reinhard: »Hast du gewußt, daß es so kommen wird? Hast du nichts geahnt?« »Ich weiß nicht, wie ich sagen soll. Wie ich die Treppe aufgescheuert habe und der Herr Reinhard so zu mir gesprochen hat, da sind meine Thränen auf die Treppe gefallen.« »Du sollst in Freude die Treppe auf und ab gehen.« »O lieber Herr Reinhard. Kann's denn sein?« »Wenn wir allein sind, wie jetzt, nenne mich Woldemar und nenne mich du.« »Das thu' ich nicht. Ich thue nichts im geheimen, was ich vor der Welt verleugnen muß.« Reinhard stand einer festen, in sich fertigen Natur gegenüber, die bei aller Hingebung auch ihre Selbsthaltung bewahrte. Der Himmel hatte sich verfinstert, ein Blitz zuckte durch die dunkle Wolkenwand, die ganze Landschaft stand in grellgelbem Licht, das rasch wieder in Nacht versank. »Dort kommt ein arges Wetter herauf,« sagte Malva. »Es ist noch weit. Bleib nur.« Es blitzte und donnerte wiederum und die Waldbäume am Berge bogen sich im Sturmwind hin und her und rauschten gewaltig. Ein Hund bellte und kam schnell zu den beiden. »Das ist des Baumwirts Hund. Euer Schwager kommt,« sagte Malva und floh schnell nach dem Walde zu. In der That kam jetzt der Schwager und Reinhard suchte sich zu fassen. Stephan erzählte, daß der Kollaborator in großer Aufregung heimgekommen sei und nach dem Bahnhof geeilt, aber wieder zurückgekehrt sei; er wolle nun hier übernachten. Der Schwager bat nun, daß Reinhard sich von dem Ungetreuen nicht solle vom Dorf abspenstig machen lassen. »Der Herr Reihenmeyer darf dir keinen Vorwurf machen. Ich bin dein Schwager. Ich bin ihr Bruder, habe ich dir noch ein einziges ungerades Wort gesagt?« Da Reinhard schwieg, fuhr der Schwager fort: »Der Herr Reihenmeyer muß froh sein, wenn wir still sind,« und jetzt erzählte er ausführlich, daß der Kollaborator gekommen sei, um Reinhard gerichtlich verschollen erklären zu lassen, wobei er offen gestanden habe, daß er Lorle heiraten wolle. Der Schwager war nicht wenig erstaunt, da Reinhard entgegnete: »Ich nehme das dem Reihenmeyer gar nicht so übel; er hat sie noch glücklich machen wollen, er hat sie immer hochgehalten. Tot ist tot, und was leben muß, will vergnügt leben.« »Komm schnell! Es bricht ein arges Gewitter los,« drängte der Schwager. »Schau, dort durch die Gärten rennt eine Frau! Wer das nur sein mag?« Reinhard wußte es, aber er schwieg. Ein mächtiger Wind hatte sich erhoben, die Waldbäume rauschten und brausten und von den Fruchtbäumen prasselte das Obst nieder. Im scharfen Schritt sagte der Schwager nur noch: »Gott sei Lob und Dank, daß mein Korn geschnitten ist. Dem Hafer schadet's nichts.« Donner und Blitz jagten einander und als die beiden Männer eben die Hausthüre erreichten, fiel ein schwerer Hagel nieder, von den festgerammten Tischen im Wirtsgarten prasselte und knatterte es wie rasches Rottenfeuer. Der Kollaborator hatte sich zur Ruhe begeben, aber bald hörte man ihn in der oberen Stube hin und her wandern. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Zerflossener Hagel. Also neu beginnen! Wieder lieben! wieder leben! sagte sich Reinhard, als er am Morgen erwachte; der Tag begann kaum zu grauen, das ganze Thal lag in dichten Nebel gehüllt. Er versuchte noch zu schlafen, es gelang ihm nicht. »Hast du recht gethan? Hat der rasche Ansturm des Freundes dich nicht zu einer Uebereilung getrieben, und du Mensch, der du keine Illusion mehr zu haben glaubtest, bist wieder darin und ziehst ein anderes hinein?« wollte es in ihm fragen. »O nein,« antwortete es schnell – quoll das aus den von ihm so genannten zwei Strömungen seiner Seele? – »O nein,« antwortete es, »es hat sich nur eine vom ersten Tage an gesetzte Thatsache bestätigt und sie ist gut. Ich werde glücklich sein und auch Malva beglücken. Solang ich Künstler war und sein wollte, war ich dessen nicht fähig. was jetzt eben zum Feierabend vergönnt ist. Das macht keine Ansprüche, ist selber gesund und erhält gesund. Wie nur Malva erwacht sein mag?« Er öffnete die Augen, das ganze Thal stand im goldenen Duft. Der graue Nebel wird zum Feuerglanz – so beginnt dein zweites Leben. Reinhard lag im Fenster und schaute hinaus in die Landschaft. Alles hatte sich im Gewitter aufgefrischt, die Lust war kühl und würzig, die Schwalben flogen hoch, an den Waldbergen hingen zerrissene Wolkenflocken, der Bach rauschte vom neuen Zustrome so laut, daß man ihn bis hier herauf hörte. »Das war gestern ein schwüler Tag, der sich endlich im Hagelwetter befreite. Was warten auf den Tod! Jeden Tag fängt das Leben an!« Reinhard war in frischer Spannkraft wie die Natur ringsum, da klopfte es, der Kollaborator trat bei ihm ein und rief: »O Freund! Laß dich noch so nennen.« Reinhard antwortete in heiterem Tone: »Vor allem bitte ich, nicht mehr in das Fortissimo zu verfallen. Die Bauersleute brauchen nicht zu hören, wie die vollendete Geistes- und Herzensbildung sich ausdrückt.« Der Kollaborator zuckte in sich zusammen, dann begann er in gehaltenem Tone: »O wie recht hast du! Die Unbildung hat immer einen verborgenen Haß auf die Bildung und freut sich, eine Ursache zur Geringschätzung zu finden.« Reinhard sah den sofort ins Allgemeine überspringenden Freund verwundert an, und der Kollaborator nahm neu auf: »Ich habe eine Sünde gegen dich auf dem Herzen.« »Eine alte oder neue?« unterbrach Reinhard. Der Kollaborator stutzte, dann fuhr er fort: »Du warst für mich tot und solltest es auch für sie sein. Ich habe geglaubt, daß zwei Leben nicht einsam vergehen sollen. Ja, ich habe deine Frau bestimmen wollen, dich öffentlich für verschollen erklären zu lassen. Das bekenne ich und –« »Ich weiß das.« Der Kollaborator hielt den Kopf in beiden Händen und fuhr fort: »Ich war stolz auf meine Rechtschaffenheit, aber es soll niemand ganz aufrecht stehen, bis er in die Grube sinkt. Kannst du mir verzeihen? Ich bitte darum. Ich sehe meinen Fehl vollkommen. Du durftest nicht für sie tot sein und man durfte ihr nicht die Erinnerung an dich zerstören, und ich durfte nicht da ein Glück hoffen, wo dein Glück gescheitert war.« Reinhard schwieg und der Kollaborator begann aufs neue: »Ich bitte dich, laß uns in Güte scheiden. Du hast es gesagt: nur wer reiner Seele, darf sich so großem Unternehmen anschließen. Laß mich reiner Seele, laß mich ohne bittern Gedanken sterben auf dem Meere, auf einer einsamen Insel oder im ewigen Eise. Es darf niemand auf der Welt sein, der ein Wehe von mir im Herzen trägt. Du vor allem nicht. Ich leide schwer. Du hast es so gut gemeint und ich kränkte dich so tief. Mitten in meiner Raserei spielte schon eine Nebenmelodie in meiner Seele, war etwas in mir selber, was ums Wort bat, aber ich ließ es nicht dreinreden, ich, der eine verweigerte dem anderen in mir das Wort! O! was ist der Mensch!« »Ich weiß ihn auch nicht zu bezeichnen,« warf Reinhard leicht hin. »Aber ich. Ich habe den schlimmsten Dämon der Menschenseele in mir selber kennen gelernt. Ich habe dir boshafte unverantwortliche Worte gesagt. Das ist der Dämon des Zorns, der, weil er den Gegner nicht überwunden sieht, ihn mit Giftworten verwundet. Der Zornesdämon schleudert Vorwürfe hin, von denen er weiß, daß sie nicht wahr sind; aber eben das reizt ihn, weil er auch weiß, daß solches trotzdem, oder weil es erlogen ist, den anderen reizt und verletzt. Die Theologen haben manchmal recht. Im leidenschaftlichen Menschen ist eine Besessenheit von Teufeln, die aus den Säuen in den Menschen gefahren sind.« »Dürfte man das nicht seelische Trichinen nennen?« »Ich danke dir,« entgegnete der Kollaborator, »daß du mich neckst. O! Ich sah dich in der Nacht immer vor mir stehen an dem Tannenbaum gleich einem Märtyrer, der die Geschosse auf sich abschnellen läßt, und meine Geschosse waren explodierende, völkerrechtswidrige. Laß mich reden. Ich bekenne meinen Fehl, ich bekenne meinen Fehl gern, ich habe schwer gesündigt an dir und an mir. Ich bitte, befreie mich. Es raubte mir den Schlaf, daß ich durch meine Heftigkeit und durch meine Abtrünnigkeit dich in neues Elend hineintreiben könnte. Was siehst du mich so starr an?« »Dein Fehl war klein und verzeihlich. Ich hatte kein Recht mehr. Ich sollte und durfte für tot gelten. Der Kultus des Toten ist nutzlos, hast du gesagt. Das ist wahr. Hier meine Hand. Alles ist ausgelöscht.« Der Kollaborator faßte warm die Hand des Freundes, der nun in hellem Tone fortfuhr: »Dein Worthagel ist auch zu Wasser geworden und fließt den Bach hinab.« Ein Lächeln zog über das Antlitz des Kollaborators, das nicht bloß dem Gedanken des Freundes galt, sondern auch der Art des Ausdrucks. Reinhard kannte die Bilderfreude des Freundes, und er setzte mit lustigem Tone hinzu: »Wir Künstler fassen die Welt der Erscheinung als Motive, ihr Gelehrten macht Gesetze daraus. Ließe sich nicht eine seelische Hagelbildung, eine Zorneskrystallisation feststellen?« »Ich danke dir. Aber dein Scherz ist nicht bloße unfruchtbare Wortspielerei. Wir müssen es allerdings noch zu einer Physik der Affekte bringen. Die Psychophysik ist dem, was du meinst, auf der Spur. O wie schön ist's, so im Morgentau beim Heuduft neben dem Freunde zu sitzen!« Reinhard machte den Freund glücklich, da er ihn fragte, ob die Wissenschaft Heuduft und Tau bereiten könne. Der Kollaborator erklärte des breiteren, daß die Chemie den Heugeruch als solchen nicht aufbauen könne, weil er ein Konzert von Gerüchen sei. Dann erklärte er, wie der Tau die Wissenschaft lang geneckt habe, bis man den einfachen Vorgang fand. Trotz dieser Ablenkung kam er wieder auf den gestrigen Zerfall zurück. Als er aber von Malva reden wollte, unterbrach ihn Reinhard: »Nichts von gestern mehr, dabei bleibt's. Laß uns aber auch nicht deutschgrüblerisch von Zukunft reden. Wenn es Rosen sind, werden sie blühen, sagt ein italienisches Sprichwort. Ich heiße dich aufs neue willkommen. Du bleibst also heute noch bei mir?« »Bis Mittag. Ich bin heute in jeder Beziehung unzufrieden mit mir. Ich muß stark sein, um die Mühen der Forschungsreise auf mich zu nehmen. Heute fühle ich mich so matt. Ich ertrage Seelenschmerzen schwer. Sonst härte ich mich ab, und ich hoffe, meine zähe Natur hält aus.« »Du bist kräftiger als je,« betätigte Reinhard, und zum Beweise dafür machte der Kollaborator allerlei Turnübungen; er bedauerte, daß zu seiner Zeit die allgemeine Wehrpflicht noch nicht eingeführt war, er wäre durch einjährigen Dienst ein viel festerer Mann geworden. Reinhard mußte zählen, wie lang der Freund Luft einziehen und wieder ausatmen könne. Reinhard lachte nicht; er sagte vielmehr mit ernster Miene: »Schade, daß du dein Flötenspiel aufgegeben. Du wärst den Wilden als ein Wunder erschienen, wenn du auf einem Holze ihnen deine Lieblingsmelodien vorgeblasen hättest.« »Du sagst das im Scherz, vielleicht im Spott. Aber ich sage dir: alle Religion –« »Ich weiß, ich habe deinen Hauptspruch behalten: Nur was gesungen werden kann – ist wirklicher Inhalt der Religion.« »Ich danke,« entgegnete der Kollaborator, er war teils geschmeichelt, teils verdrossen über das Citat des Freundes. Die beiden Freunde standen miteinander am offenen Fenster und schauten hinaus ins Weite. »O Freund!« rief der Kollaborator, »mir ist wie einem Genesenden. Da ist die Welt wieder! Sie ist mir tagtäglich ein Wunder. Wie wird mir erst sein, wenn ich als der erste Mensch ein unentdecktes Stück Erde sehe. Ach, verzeih, ich weiß, du sprichst nicht gern am Morgen und verzeih auch, ich bin jetzt so redselig.« Reinhard entgegnete: »Ich habe sogar deine Redekunst bewundert. Du bist originell. Ich glaube nicht, daß Demosthenes oder Cicero solche Bilder gefunden hätten. Pfui und Wehe streiten sich um eine arme Seele. Es ließen sich Gestalten bilden, die Pfui und Wehe repräsentieren, aber die arme Seele, die wüßte ich nicht zu gestalten.« »Ich danke dir. Sprich nur mehr, sprich viel, du hast deinen braven Baß noch, bei dem mir so warm und satt wird. Ich möchte dich immer sprechen hören, der Ton deiner Stimme thut mir so wohl.« Reinhard empfand die Innigkeit des Freundes, die etwas Liebkosendes hatte, wie eine Mutter, die ihr langentbehrtes Kind hegt. Reinhard konnte den leise spöttischen Ton nicht festhalten. Die beiden Freunde waren lange still. Da begann der Kollaborator wieder: »Sieh die Spinne in ihrem Gewebe hier vor dem Fenster und dort die Schwalbe, die im Zickzack fliegt. Wenn die Linien, die die Schwalbe zieht, zu Fäden würden, wäre das ein ähnliches Spinngewebe. Das eine findet im Fluge seine Nahrung, das andre in einem aus sich gesponnenen Netz.« »Schön und sonderbar!« entgegnete Reinhard, »aber wie die Schwalben und Spinnen sich in ihrer Art nähren, so haben auch wir jetzt die naturrechtliche Pflicht, Kaffee zu trinken, den Frau Vroni in voller Rechtschaffenheit und ohne Cichorienfalschheit braut.« Vierundzwanzigstes Kapitel. Madonna im Exil. Die beiden Freunde saßen im ehemaligen Baumgarten Wendelins. »Ich glaube,« sagte der Kollaborator, »daß Orest und Pylades in einer Gewitternacht oder sonst einmal auch hart aneinander gerieten, eben weil sie die besten Freunde waren. Und weißt du, daß wir eine ähnliche Aufgabe haben, wie die beiden?« Reinhard sah den Freund fragend an. Der Kollaborator erklärte: »Wir haben das Götterbild wieder in seinen Tempel zurückzubringen. Leider hast du keine Schwester, die wir nebenbei retten und die vielleicht den Orest –« »Ich bitte, mein Kopf ist etwas benommen. Uebersetze dich aus dem Klassischen ins Süddeutsche.« »Du bist jetzt wieder da, und das Madonnenbild muß wieder an seine Stelle, wohin es gestiftet war.« »Der Fürst hat es erworben. Ich verstehe nicht, wie er das thun konnte.« »Der Fürst? O nein, deine ehemalige Gönnerin und Freundin, die Gräfin Felseneck hat den Wunsch des Fürsten ausgeführt; sie hat durch ihre Schwester gute Verbindungen mit der Klerisei.« »Wo ist das Bild jetzt?« »In der Galerie. Es ist eine Lohnbedientenmerkwürdigkeit. Du hast doch gewiß auch tiefes Verlangen, das Bild wiederzusehen. Die Naivetät Lorles war damals auf deine Künstlerschaft übergegangen; da war nichts Absichtliches, alles nur unschuldige Wirklichkeit.« »Es wird mir doppelten Schmerz machen,« entgegnete Reinhard. »Ich möchte, ich weiß es nicht anders zu sagen – ich möchte das Bild sehen, aber die Malerei nicht.« »Warum?« »Weil es aus der Zeit stammt, als ich noch nicht malen konnte.« »Du thust dir unrecht. Ich habe deine Diana und Endymion auf der Weltausstellung gesehen – ich war mit in der Jury für die mineralogische Abteilung, damals hieß es ja, du seiest gestorben. – Das Bild ist schön gemalt, mit etwas mehr oder weniger Bravour als die Franzosen und Italiener auch leisten. In deiner Lorlemadonna ist aber etwas Holbeinisches, das sagen alle Kenner, dein Nachfolger im Amte auch; da ist eine Innigkeit und Wärme, eine Andacht und Liebe, es klingt daraus wie Harfenton und zugleich wie ein Volkslied, ja wie eine Bachsche Passion, so wahrhaftig, so deutsch, nur deutsch und lauter ganze Noten, keine zerhackten Töne. Das Bild ist in der Galerie wie im Exil. Du mußt es erlösen. Ich bin, wie du weißt, ein Unkirchlicher, aber ich sage doch, das Bild gehört nur dahin, wo zur Orgel gesungen und gebetet wird.« Reinhard sah schweigend auf den Freund, dessen Züge wahrhaft schön wurden, als er so sprach. Bei all seiner Weichlichkeit und Absonderlichkeit war er doch in Aeußerung der Verwerfung wie der Verehrung ein gewaltiger wahrhaftiger Mensch. Reinhard legte die Hand auf die Hand des Freundes und der Kollaborator hielt still; diese warme Berührung schien ihn mit neuer Lebenskraft zu durchdringen. Er fürchtete sich aber vor einer enthusiastischen Aeußerung und sagte: »Komm, wir wollen den Wechselbalg sehen. Gehen wir nach der Kirche und sehen wir, was dort hängt.« Sie gingen miteinander, und der Wirt schaute ihnen verwundert nach. »Die Herren Gelehrten und Künstler sind doch wunderliche Menschen,« sagte er zu seiner Frau, »hat man gemeint, die reißen einander die Kopfe herunter, und jetzt sind sie wieder Bruder-ander.« »Es sind beide grundgute Menschen und gescheit,« erwiderte Vroni, »gescheite Menschen besinnen sich und sind wieder gut miteinander.« Fünfundzwanzigstes Kapitel. Scheiden und Meiden. Der Kollaborator war so harmlos und so redselig wie vor dreißig Jahren, ja das überwundene Zerwürfnis schien seine Mitteilsamkeit noch zu steigern. Er pries die Baumpflanzungen an den Bahnhöfen als Parkanlagen für jedes Dorf. Er freute sich, daß der Fink noch sang, der in den nächsten Tagen aufhören muß; er zeigte Reinhard, daß seit gestern die Wiesen von der aufgeblühten sogenannten Habermarke gelb geworden, er freute sich der Fortschritte im Ackerbau und »erinnerst du dich noch?« hieß es, »wie ich vor dreißig Jahren wegen der Armutei beim Pfarrer war? Seitdem hat unser Bauernstand am meisten gewonnen, Grund und Boden ist im Werte gestiegen, die Eisenbahn hat viel bar Geld aufs Land geworfen, die landwirtschaftlichen Produkte haben leichteren Absatz und höheren Preis, die Freizügigkeit hat die Arbeitskraft mobilisiert.« »Für welche von deinen Wissenschaften gehst du mit auf die Forschungsreise?« schaltete Reinhard ein. »Von meinen Wissenschaften? Ich habe kaum eine recht inne; indes bin ich ein leidlicher Mineralog.« Die Freunde gingen ins Dorf, der Kollaborator wies auf die gutgebauten Häuser hin, gab dem Freunde aber sofort wieder recht, daß diese weißgetünchten Wände durchaus unmalerisch seien. Bauern mit Cigarren im Munde begegneten ihnen und Reinhard lächelte still, als der Kollaborator darlegte, welch ein gemütliches Verhältnis zwischen Raucher und Tabakspfeife verschwunden sei. »Horch!« unterbrach er sich, »die Klavierpest ist auch hierher gedrungen. Das ist schon das dritte Klavier, darauf ich hier klimpern höre. Ist aber auch wieder gut. Wenn die Mode ins Volk geht, stirbt sie oben ab. Ja, daß ich's nicht vergesse! Bei deiner Sammlung des Volkstümlichen kann dir der Flohberger – ich selber will nichts mit ihm zu thun haben – viel nützen. Dein Plan ist sehr schön.« Um doch auch etwas beizusteuern, erzählte Reinhard, daß er den Menschenschlag hier zu Lande bei weitem nicht mehr so schön fände wie ehedem; er setzte indes hinzu, daß es wohl daher käme, weil er selber alt geworden sei. Der Kollaborator hatte ein Wort der Erklärung auf der Zunge, aber er unterdrückte es, er fürchtete, daß es wieder zu einer Debatte und zu unliebsamen Verhandlungen führe. Reinhard sah ihm an den Lippen an, daß er ein Wort hinabschluckte. »Ich kann nicht mehr zum Hohlmüller, es ist mir für den Vormittag zu weit,« sagte der Kollaborator, »grüße den Ehrenfesten von mir, aber die Malva möchte ich noch aufsuchen. Ich meine, ich war gestern barsch und ungerecht gegen das Kind, welchem Lorle soviel Liebe widmete. Komm, gehen wir zu ihr.« »Wir treffen sie jetzt schwerlich zu Hause und wir wollten ja zur Kirche,« lenkte Reinhard ab, aber er erschrak, da eben Wendelin des Weges kam. »Wendelin! Ist die Malva daheim?« fragte der Kollaborator. »Nein, sie ist im Feld.« »So saget ihr einen guten Gruß von mir und sie soll mir verzeihen, daß ich gestern so . . . so unfreundlich, so grob gewesen bin.« »Will's ausrichten,« erwiderte Wendelin und ging durch die Gartenhecken. »Willst du nicht wie sonst den Schullehrer besuchen?« »Nein. Ich bin mir noch nicht klar, ob die Schullehrer besser geworden sind, seitdem sie besseres Gehalt haben. Der hiesige findet jedenfalls seinen Vorteil dabei, sich zu den Schwarzen zu halten. Und kennst du das Härteste, was uns die Pfaffen angethan haben?« setzte er hinzu. »Was nennst du so?« »Sie haben das Volk aufsässig und widerspenstig gemacht gegen die Bildung, sie haben die alte Zutraulichkeit zwischen uns aufgelöst. Das ist das Härteste und Bitterste.« Die beiden Freunde gingen nach der Kirche, und als sie das Heiligenbild sahen, erzählte der Kollaborator, daß ein vordem heidnisch gesinnter Künstler, der nicht durchdrang, sich in die Gunst des Bischofs gesetzt habe und nun ins ganze Land die Bilder von alltäglicher Mache bringe, die ihm ein schönes Stück Geld eintragen. Auf dem Heimwege begegnete ihnen der Wallfahrer Kaspar, der Reinhard darum ansprach, er solle ihm ein Bild malen für die neue Kapelle, die er erbaue. »Ich male nicht mehr,« entgegnete Reinhard. »An diesem frommen Kaspar da,« sagte der Kollaborator im Weitergehen, »habe ich ein Meisterstück der Albernheit gemacht. Ich entdeckte an seiner Bergwiese ein mächtiges Lager von Schwerspat, ich zwinge den Mann fast, einen Schurfschein zu nehmen. Und was ist das Ergebnis? Der Flohberger hat glänzenden theatralischen Kies in seinen Gartenwegen, und der Kaspar hat Geld genug zu Wallfahrten, und aus dem Urgestein werden reichliche Peterspfennige. Der Kaspar hält sich nun für etwas Höheres, weil er die Wallfahrt nach Rom und Jerusalem gemacht.« Man kam gegen das Haus zur alten Linde und der Kollaborator sagte schon von ferne, er wolle heute nicht hineingehen, er habe seit gestern zu viel Herzbewegungen gehabt. Sie gingen vorüber. Der Kollaborator schaute nicht auf. Es war Zeit, daß man nach dem Bahnhof ging. Reinhard legte seine Hand in den Arm des Freundes und dieser die Hand an sich drückend, sagte: »Fühle meinen Arm. Nicht wahr, ich bin stark geworden? Du glaubst auch, daß ich die Strapazen überdauern kann?« »Ich zweifle nicht. Und nach deiner Rückkehr kommst du zu uns.« Zu uns? Was meinst du damit? wollte der Kollaborator fragen, aber er unterdrückte auch dies. Diese kurze Spanne Zeit soll durch nichts wieder gestört werden und Reinhard hat unzweifelhaft mit dem Uns das Dorf gemeint. Man hörte den Bahnzug von ferne rollen und dem Kollaborator war's, als habe er seine ganze Pflicht noch nicht erfüllt; er sagte daher: »Ich habe eine letzte Bitte. Erzeige mir eine letzte Liebe.« »Und die wäre?« »Laß mich nur noch einmal von meiner gestrigen Waldwut sprechen. Bei all meinen bitteren Worten bewegte mich doch nur der Schmerz, daß ich dich vereinsamt und in schwerer Gefahr zurücklasse.« »Ich bin nicht in Gefahr.« »Aber wenn du in Gefahr kommst, so denke, es gibt Gefahren, denen zu entfliehen nicht Feigheit ist, sondern höchster Mut, die Kraft, sich selbst zu besiegen. Man rettet einen Nachtfalter, der sich verbrennen will, am sicherten, wenn man das Licht löscht. Nicht wahr, das behältst du mir zulieb?« Reinhard bejahte und der Kollaborator sagte erleichtert: »Sieh, lieber Bruder, es war Fanatismus, aber nicht ein solcher der Rechthaberei, sondern der Freundschaft. Freilich war es auch von jener ein Stück. Aber nie wollte ich etwas für mich und sei es nur momentane Superiorität über dich, ein stolzes Gefühl des Sieges und des Wohlthuns. Es war meine tiefe Liebe zu dir, für deine hohe Natur, für deine Würdigkeit. Nicht wahr, das weißt du, und hast mich wieder ganz lieb ohne Schatten?« Tiefbewegt erwiderte Reinhard: »Jetzt, da wir uns vielleicht auf ewig trennen, darf ich dir alles sagen. Ich habe deine kindliche Seele nie verkannt. Man sagt im Sprichwort: er ist gut wie ein Kind – man könnte auch sagen, er ist bös wie ein Kind, wie ein bös, das heißt zornig gemachtes, das sich häßlich benimmt, weil sein Selbstwille durchkreuzt ist.« Mit Thränen in den Augen betrachtete der Kollaborator den Freund und rief: »Jetzt noch möchte ich wiederholen: komm mit.« »Und ich möchte wiederholen: bleib hier bei mir.« Lachend mit Thränen in den Augen stieg der Kollaborator ein. Reinhard stellte sich noch auf den Wagentritt und sagte: »Ich bin der Zuversicht, du kommst wieder. Ich möchte mir deine Redeweise erlauben und dir sagen: Du hast eine goldene Seele im eisernen Körper.« Der Zug brauste davon und auf dem Wege lächelte der Kollaborator vor sich hin. »Eine goldene Seele im eisernen Körper,« sprachen seine Lippen noch oft. Nur manchmal fuhr es ihm wie ein Schreck durch die Glieder: »Du kommst zu uns. Ist damit nicht Malva gemeint? Wie wird das enden?« Sechsundzwanzigstes Kapitel. Renaissance. »Still verborgen muß alles bleiben, bis der Freund zur See ist; das bin ich ihm und mir schuldig,« sagte sich Reinhard, als er vom Bahnhof zurückkehrte und wieder einsam war. – Wie von selber fügte sich's, daß nunmehr der Sänger in den Vordergrund trat; er war vom Plane Reinhards unterrichtet und in dienstfertiger Weise berichtete er von da und dort vorhandenem altem Hausrat und war noch Bedeutenderem vom besten Kunststil auf der Spur. Reinhard legte dem Sänger ausführlich den Plan klar, wie er die schwindenden volkstümlichen Formen festhalten wolle; denn neben der Hauseinrichtung sollte die ehemalige große Wirtsstube mit der Holzsäule in der Mitte eine um den Tisch sitzende Hochzeitsgesellschaft aufweisen; Figuren in den alten Trachten mit Musikanten auf der Erhöhung und daneben möglichst vollständigen Hausrat. Ulrich äußerte sich beglückt, hierbei mitwirken zu können und seine hochgewölbte Sängerbrust hob sich noch höher. Er trug eine sammetbesetzte Jägerjoppe, die er nach eigenem Geschmack verschönert hatte und das Ehrenzeichen aus dem Kriege war gut sichtbar. Er erzählte gern, wie er mehrmals bei einem sogenannten Sanitätszuge gewesen und Verwundete heimgebracht habe. Auf Weg und Steg erfuhr Reinhard, wie jedes einzelne Menschenleben neuen Inhalt bekommen in der großen Zeit. Der Mann, der so zufrieden mit einigen Gemeinplätzen lebte, war doch eine tüchtige, in sich feste Natur. Der Sänger und Reinhard wanderten miteinander bergaus und bergein, sie wanderten die Wege, die Reinhard damals mit dem Kollaborator gezogen; diesem war jegliches Begegnis wie ein Wunder voll Bedeutsamkeit erschienen und ließ ihn überall stillhalten, dem Sänger dagegen war alles selbstverständlich und erheischte keine besondere Betrachtung. Vor allem gewannen sie aus einem alten Schlosse einen wohlerhaltenen Kaminmantel aus der besten Renaissancezeit und er paßte wie abgemessen in die große Wirtsstube, die Reinhard bereits scherzweise sein Museum nannte. Er gab dem Baumeister neue Zeichnungen und besonders kunstreich war die zum Geländer des Söllers, denn das alte war morsch. Es kam eine neue Belebung über Reinhard, die fast als Ersatz für künstlerisches Schaffen erschien, und der Sammeleifer konnte dem vorgeschrittenen Alter gemäß sein. Während die Stücke des Kamins abgeladen wurden, sprach Reinhard schon jetzt im Sonnenscheine von der anheimelnden Kraft des offenen Feuers und wie er da sitzen und träumen und die Welt vergessen wolle. Noch war alles Gewonnene chaotisch, aber vor dem Auge des Künstlers ordnete es sich bereits zu einem in sich vollendeten Bilde, das eine abgeschlossene Kulturperiode darstellte. Leuchter, Trinkgefäße, alte Uhrgestelle, Schränke, Bettstätten und Tische, auch gute Stücke alter Trachten fanden sich zusammen und der Sänger war ein guter Geleitsmann. »Habt ihr nichts Zerbrochenes oder Verlegtes?« fragte er mit keckem Humor in die Häuser eindringend und die Bodenräume öffnend. Unerwartetes kam zu Tage, das der Sänger zu mäßigem Preise erwarb; denn Reinhard behandelte Geldangelegenheiten noch immer mit einer vornehmen Gleichgültigkeit. Reinhard erfreute sich immer mehr an dem frischen und wohlgeordneten Wesen des Sängers, der sich allerdings ständig in Scene zu setzen wußte und etwas Gespreiztes, Theatralisches hatte, aber die einfache Grundnatur kam dabei doch auch zu Tage. Er sprach oft davon, wie glücklich er sei: seine Frau sei zwar weit gebildeter als er – er flocht ihre vornehme Herkunft gern ein – und daß die Recensenten ihm jetzt die bewegte dramatische Darstellung nachrühmen, das verdanke er ihren Aufschlüssen; es sei eben eine besondere Gunst, daß sie beide dem Künstlerberufe angehörten und daneben verständen sie gut bürgerlich für das Alter zu sparen. Mit den Bauersleuten als ein Zugehöriger verkehrend, hatte er dabei doch etwas Beherrschendes, daß er die Menschen fast wie Requisiten behandelte. Er hatte eine eigene Sorte Cigarren, die er popularitatis nannte, sie war so kräftig als billig, und indem er sie verschenkte, wußte er die Männer, alt und jung, vertraut und redselig zu machen. Seine Hauptagenten waren seine »Herren Kollegen«, wie er die Nachtwächter in den Dörfern nannte; aber auch die Mitglieder der Gesangvereine hatte er im Aufgebot und diejenigen, die gleich ihm den Kriegsorden hatten, waren seine Kameraden. Daneben hatte er noch eine besondere Gabe, die ihn da und dort willkommen sein ließ. Vom Kriege her hatte er manche ärztliche Erfahrungen, die er ohne Entgelt anwendete, und als die beiden einmal auf der Straße dazu kamen, wie ein Mann, der Stammholz geführt hatte, ächzend am Wege lag, während die Umstehenden nur klagten und schrieen, wußte der Sänger schnell einen Notverband anzulegen, so daß man den Verletzten heimtragen konnte. Da und dort beim Wandern, auf einer Anhöhe auf einem Felsvorsprunge, jodelte der Sänger hell und mächtig in die Landschaft hinein, so daß die Arbeitenden auf dem Felde aufschauten und manchmal ein junger Bursch oder auch ein Mädchen mit einem frischen Jodelruf entgegnete. Reinhard sah in dem Sänger ein Stück seiner eigenen Vergangenheit; ähnlich war er selber einst gewesen, damals, als er um Lorle freite. Und jetzt? Etwas wie ein Schreck überfiel ihn, wenn er an Malva dachte, dann aber sagte er sich wieder: du hast ein neues Glück gefunden, wie du es nie mehr erwarten durftest. Das sagte er sich, aber Tage vergingen, ja eine ganze Woche, ehe er mit Malva selber ein Wort tauschte. Oft durchzuckte es ihn: was wird sie denken, daß du so von ihr fern bleibst? Sie ist stark und fest, antwortete er sich – ich bin zu Liebeständeleien zu alt und habe ein zu schweres Leben hinter mir. Auch im Hause bei dem Sänger, der ihm Lieder vorsang, war er oft, und die Frau wußte es ihm behaglich zu machen. Sie hatte leise den Wunsch geäußert, daß Reinhard sie male; als er aber erklärte, daß er nicht mehr male, stand sie ohne Empfindlichkeit davon ab. Sie hatte in Erscheinung und Wesen etwas Hohes, was mit ihrem Rollenfache zusammenstimmte, und in ihrem Gespräche zeigte sich jene vielverbreitete täuschende Unterhaltungskunst, die es versteht, gebildete Fragen zu stellen, wodurch ein Redseliger gute Unterhaltung gefunden zu haben glaubt; nur hatte sie die Eigenheit, daß sie mit ihrem mächtigen wohltönenden Organ sich gerne hoher Worte bediente. »Solch ein Morgengang im tauduftenden Hochwald ist voll Daseinswonne,« erklärte sie mit Pathos und Ulrich sah dabei glückselig auf Reinhard, der gewiß diese Erhabenheit zu bewundern vermochte. Sie war indes voll natürlicher Güte gegen die Angehörigen ihres Mannes und gab Reinhard zu verstehen, daß sie die ehrliche Grundnatur ihres Ulrich hochschätze. Reinhard war fast überrascht, als er an die Familie Malvas erinnert wurde, denn der Ohm Bahnwärter kam zu ihm und lud ihn zum Taufschmaus auf den morgenden Sonntag ein; sein Jüngstgeborener werde morgen getauft und Ulrich und seine Frau stehen Gevatter. Er fügte hinzu: »Die Malva hat mir gesagt, ich darf den Herrn Reinhard einladen. Sie ist schon die ganze Woche bei uns und pflegt meine Frau wie eine Schwester.« Reinhard mußte zusagen und es war ihm lieb, zu hören, daß Malva in diesen Tagen nicht zu Hause war. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Besinn' dich noch einmal. Reinhard saß am Sonntagmorgen auf dem Langholz an der Sägmühle, dort, wo er sich in der Gewitternacht mit Malva verlobt hatte. Die Mühle stand still und ringsum war sonntägliche Ruhe. Er betrachtete sinnend ein Schwalbennest, in dem die Jungen kaum mehr vom Ausfluge zurückzuhalten waren, so daß die hin und her eilenden Eltern immer warnen und zureden und mit guten Bissen beschwichtigen mußten. Jetzt läutete es, der Taufzug kam des Weges, Reinhard ging ihm entgegen bis auf die Straße. Malva trug das Kind, sie sah ruhig und fromm aus. »Das ist brav, daß der Herr Reinhard kommen ist,« sagte sie; in ihrem Ton und in ihren Mienen war auch keine Spur eines Vorwurfes über die Vernachlässigung Reinhards. Hat sie keinen Vorwurf in ihrer Seele oder weiß sie sich nur vor den Menschen zu beherrschen? Malva saß nicht mit am Tisch, sie trug das Essen auf und als der Ohm das einfache Mahl gegen Reinhard entschuldigte, sagte sie: »Der Herr Reinhard verlangt keine Umstände, er weiß, was wir geben können und wie die Menschen hier zu Lande sind.« Beim Beginn ihrer Rede war die Falte zwischen den Augen Reinhards immer tiefer und dunkler geworden, jetzt glättete sie sich und ein strahlender Blick ruhte auf Malva, die auch ihn treuherzig ansah, aber ihre Wimpern zuckten. »Was sehe ich?« sagte der Sänger leise zu seiner Frau, »zwischen dem Professor und Malva geht was vor.« »Das habe ich schon beim Begegnen auf der Straße bemerkt. Es wäre schade, wenn das brave Kind ins Elend gestürzt würde,« erwiderte die Frau ebenso leise. Der Sänger erwartete Gäste aus der Stadt, er ging mit seiner Frau bald davon. Reinhard blieb, und verstohlen sagte er zu Malva: »Ich warte im Garten auf dich.« Sie antwortete nicht, kam aber bald. »Hast du dir keine Gedanken gemacht, weil ich dich die ganze Woche nicht gesprochen habe?« fragte Reinhard. »Nein, ich will dem Herr Reinhard in nichts ein Hindernis sein, da kann er ruhig sein.« »Wie meinst du das? Ich verstehe dich nicht.« Es zuckte im Antlitze Malvas, ihre Lippen waren energisch geschlossen, in ihren Augen war ein kalter Glanz. »Was meinst du?« fragte er nochmals. Sie wendete den Kopf rasch, wie wenn sie geweckt würde und erwiderte, auf die Sägmühle deutend: »Sehen Sie, die steht still. So ist es auch mit den Menschen. Man kann nicht immer das Rad treiben.« »Du bist gescheit.« »Ich glaub's bald auch. Die Menschen sagen mir's alle, und jetzt auch der Herr Reinhard. Ich hab' in dieser Woche wenig geschlafen und habe mich viel besonnen. Hoffentlich hat der Herr Reinhard sich auch ordentlich besonnen.« Jetzt waren in der That wieder die zwei Strömungen im Gemüte Reinhards. Wie? Will das Mädchen ihn befreien? Ist aber das nicht ein Verschmähen? Mit einer Schnelligkeit des Gedankens, die keine Worte zu erreichen vermögen, ging ihm durch den Sinn, daß es kein Wesen auf der Welt gäbe, das so für ihn geschaffen und so begehrenswert war, wie Malva. Und diese sollte er jetzt verlieren? »Ich meine, ich verstehe dich,« brachte er hervor, da Malva innehielt. »Gewiß versteht mich der Herr Reinhard und klar wie der Tag soll alles sein. Der Herr Reinhard hat sich schon einmal übereilt gehabt, es wäre schlimm, wenn's noch einmal wär'. Ich reiße mir das Herz auseinander, aber ich muß. Ich will nicht das neue Unglück vom Herr Reinhard sein, da soll Gott bewahren.« In ihrem Gesichte lag der Ausdruck einer entschlossenen Seele und Reinhard erwiderte: »Ich seh', wie gut du bist.« »Nein, Herr Reinhard, ich bin nicht gut, was die Leute so heißen; ich bin nicht so sanft und nachgiebig, wie die Selige war. Ich bin nicht so reich und nicht so schön, und wieder nicht so demütig, wie sie gewesen ist. Ich kann Magd sein, ich kann dienen und mir befehlen lassen, aber wo ich Frau sein soll, muß ich das Meinige auch gelten. Soviel hab' ich wohl ausgefunden: Frau Lorle ist immer aufgescheucht und in Angst gewesen vor dem Herr Reinhard, sie könnte etwas nicht recht machen. Ich hab' gar keine Angst, gar nicht: ich thu', was recht ist und sag', wie ich's versteh, und weiter geht mich nichts an, was ein Herr Reihenmeyer und was sieben Generale und siebzehn Gräfinnen darüber denken mögen. Ich will zulernen, was sich gehört, ich bleib' aber auch, was ich bin. Ich trag' keinen Schleier und keine Handschuhe und bleib' im Dorfe und meine Gespielen behalt' ich auch und meine Verwandten und meine Annehmer.« »Vom Wegziehen aus dem Dorf war nie die Rede.« »Ja, ja. Aber es ist besser, wenn alles gesagt ist. Ich hätt's nie geglaubt. daß ich so mit dem Herr Reinhard reden könnte! Aber ich bin nicht umsonst bei der Frau aufgewachsen. Ich muß von der Frau reden. Nicht wahr, ich darf?« »Gewiß, du bist mir ein Trost, bei dir habe ich meinen Schmerz um meine Schuld und meine Liebe nicht zu verbergen.« »In der Ehe sind immer beide schuldig, vorher oder nachher, hat sie oft gesagt. Drum soll alles jetzt an Tag. Ich will mir nicht unrecht thun, ich bin nicht bös, gewiß nicht, und gegen den Herr Reinhard bös sein wäre die ärgste Sünde auf der Welt. Aber er soll wissen, daß ich eigenwillig bin. Ja, ich kenn' mich auch, ich hab' nicht so viel erfahren wie der Herr Reinhard, aber doch auch schon manches. Ich habe gemeint, ich habe den Waldhüter gern, aber es ist nicht wahr gewesen. Wenn ich's genau überleg', hab' ich nur gern zweistimmig mit ihm gesungen, er singt schön. Wie der Herr Reinhard kommen ist, habe ich's gespürt wie einen Messerschnitt. Der Herr Reinhard soll aber von dem Abend her nicht gebunden sein. Wenn er eine Minute wünscht, daß es nicht wäre, soll's nicht gewesen sein. Lieber springe ich da ins Wasser und ersäufe mich, ehe ich den Herr Reinhard übereilen und ihn noch einmal unglücklich machen will.« »Du bist mein! tausendmal mein!« rief Reinhard und wollte Malva küssen. Da brachte der Ohm in einer Wiege den Täufling in den Garten und sagte Malva, sie solle auf das Kind acht geben, damit die Frau schlafen könne. Als er weggegangen war, rief Reinhard: »Komm her! Hier lege deine Hand zu der meinen auf das Haupt des Kindes und ich schwöre dir: So wahr dieses Kind rein und unschuldig, so wahr ist mein Gelöbnis, ich will dein sein von ganzer Seele und von ganzem Herzen und nichts soll uns je trennen. Und du sagst ja.« »Ja,« sagte Malva und warf sich an seine Brust. Die beiden hielten sich umschlungen. Ein Flug junger Schwalben flog über die beiden dahin, zwitschernd und jauchzend in der ersten Fluglust. Und während Reinhard die Geliebte umschlungen hielt, durchschauerte es ihn, er hörte die Worte, er spürte den Atem, wie Lorle damals sagte: »Nicht sterben! Jetzt erst recht leben.« Ist das jetzt? Was ist Vergangenheit? . . . Er ließ Malva los und sie sagte: »Hat der Herr Reinhard auch die jungen Schwalben ausfliegen gesehen?« »Gewiß,«entgegnete Reinhard sich gewaltsam fassend. »Es war, als wir uns in den Armen hielten. Sie können's durch alle Lüfte verkünden, was sie gesehen haben. Ja, Malva, wenn diese Wandervögel sich ihr erstes Nest auf der anderen Seite der Erdkugel bauen, dann zieht der alte Wandervogel da auch in sein Nest mit seiner jungen Frau.« Achtundzwanzigstes Kapitel. Zusammenstimmen. Wo die Ahorngruppe gestanden, dort war jetzt das Häuschen des Ohm Bahnwärters, darin Reinhard und Malva still verständigende Stunden hatten. Dort hörte er auch Malva singen, wenn sie in der Kammer den jungen Vetter in Schlaf sang, denn aufgefordert sang sie selten, aber es ist wohl anzunehmen, daß sie wußte, Reinhard lausche draußen auf der Bank im Garten, denn sie sang noch lange, wenn das Kind bereits schlief und nicht Wiegenlieder, sondern Lieder voll Liebeslust und Liebesleid. Reinhard war ergriffen von ihrer mächtigen Stimme und ihrem tiefen Ausdrucke; er hoffte indes, sie dahin zu bringen, methodisch singen zu lernen, sprach das aber jetzt noch nicht aus. Wenn Malva mit hochgeröteten Wangen aus der Kammer kam, reichte sie Reinhard die Hand, und einmal sagte sie: »Ich hab' auch manchmal die Frau Professorin in Schlaf gesungen wie ein kleines Kind, und da hat sie auch ganz rote Backen bekommen.« Die ständige Erinnerung an Lorle schien Reinhard genehm, und wie Malva ständig an die Tote dachte, so hielt sie auch fest, daß Reinhard ihr deshalb um so mehr anhing, weil er mit ihr von Lorle reden konnte. Wunderlicherweise fing er aber jetzt nicht mehr von selber davon zu reden an. Eines Tages sagte er: »Ich habe dir's noch gar nicht ausgerichtet: der Herr Reihenmeyer läßt dir einen Gruß sagen und dich um Verzeihung bitten. wenn er dich beleidigt hat.« »Ich brauch' keinen Gruß von ihm und er keine Verzeihung von mir, wir gehen einander nichts an.« »Aber er ist mein Freund.« »Da muß der Herr Reinhard wissen warum.« »Wir haben von Kindheit an treulich miteinander gelebt und werden nie voneinander lassen.« »Ist recht. Und wenn er zu uns kommt, soll er unser Ehrengast sein, da soll's an nichts fehlen.« »Er kommt vorerst nicht wieder, er geht zu Schiff übers Meer.« »Meinetwegen dahin, wo der Pfeffer wächst.« »Dahin geht er auch,«erwiderte Reinhard lachend. »Nächsten Sonntag über fünf Wochen reist er ab, und an dem Tag ist unsre Hochzeit.« »So? Just an dem Tag?« »Ja,« schloß Reinhard kurz ab; er sagte nicht, daß er die neue Ehe dem Freunde verbergen wolle. Es schmerzte Reinhard, daß Malva so starr und schroff gegen den Freund, obgleich sie es doch nur war, weil sie meinte, daß er ungetreu an Reinhard gehandelt. Er erklärte ihr, daß der Freund doch rechtschaffen sei; was er gethan habe, sei in dem guten Glauben geschehen, daß Lorle verwitwet sei. Malva hörte ihm still zu, sagte aber nichts, und Reinhard hielt inne, Malva zu andrer Ansicht bekehren zu wollen. Er erinnerte sich, wie er ein Leben zerstört habe, da er einfaches gerades Denken hatte vervielfältigen und umbiegen wollen. Diese Erfahrung sollte nicht verloren sein. Er sagte sich, daß Malva weder methodisch singen lernen noch die Einfalt ihrer Empfindungen ablegen solle. Er wollte ihre gesunde, wenn auch schroffe Natur achten und sich ihrer erfreuen. Sie hat festen Lebensverstand und starkes Selbstvertrauen der Welt gegenüber und das ist gut. Stumm saßen die beiden beisammen und endlich sagte Malva, von ihrer Näherei aufschauend: »Es läutet zwölfe. Der Herr Reinhard muß jetzt zum Essen. Ich hab' kochen gelernt von der Frau Professorin, und ich weiß alle Leibspeisen vom Herr Reinhard.« Sie stand auf und Reinhard sagte: »Wenn du aufstehst, bist du immer überraschend groß.« »Ja,« entgegnete sie strahlend, »es wird schön sein, wenn wir miteinander durchs Dorf gehen; ich hab' auch schon dran gedacht, wir haben grad die rechte Größe füreinander.« »Ja, aber ich bin grau und alt.« »O nein, der Herr Reinhard ist gar nicht alt, nur der Bart ist's, und der Herr Reinhard hat einen Gang, so fest wie ein junger Soldat in Urlaub.« Wie ein junger Soldat in Urlaub – wiederholte Reinhard still lächelnd, er hatte schon manches freundliche Wort von schönen Lippen gehört, aber keines erfreute ihn mehr als dieses. »Weißt du, wie alt ich bin?« fragte er. »Ja wohl.« »Und wenn ich bald sterbe?« »Ein Jahr oder sieben Jahr, oder soviel es ist, glücklich gewesen mit dem Herr Reinhard, das ist mehr als siebzig Jahr mit einem andern.« »Es ist gut, daß du nicht weißt, wie schön du bist, wenn du so was sagst, wie dein ganzes Gesicht lauter Sonne ist.« »Ist mir recht, wenn's dem Herrn Reinhard so recht ist. Aber jetzt behüt Euch Gott und lasset's Euch gut schmecken.« Reinhard ging in der That in strammer Haltung voll neuer Jugendkraft heimwärts. Im stillen war ihm oft die Sorge gekommen: in die Liebe und Hingebung, die der Mann grauer Haare empfängt, ist ein Tropfen Mitleid gemischt, als Geschenk und milde Gabe. War das auch bei Malva? Jetzt war das Bangen besiegt. Er sah im Weitergehen immer nur Malva vor sich, so fein, so reizend, so urkräftig und ihre Seele so offen und selbstlos. »Du siehst so glücklich aus,« begrüßte ihn Vroni, »wie wenn dir was Gutes angethan worden wäre, oder wie wenn du jemand was Gutes gethan hättest. Du bist in den letzten Tagen um zehn Jahre jünger geworden. Gott sei Lob und Dank, daß es dir bei deinen Verwandten so wohl ist.« Reinhard dankte, es schmerzte ihn, daß er hier bald nicht mehr wie ehedem Verwandter sein werde. Neunundzwanzigstes Kapitel. Sei stolz. Der Sänger kam zu Reinhard im Auftrage des Hohlmüllers, der sich sehr darüber gräme, daß ihn Reinhard gar nicht mehr besuche. Der Sänger setzte indes sofort hinzu, daß man Reinhard nicht zumuten könne, immer von Lorle als von einer noch Lebenden zu sprechen, und daß es überhaupt nicht wohlgethan sei, dem Alten den Todesfall zu verhehlen. Er erbot sich, dem Hohlmüller die Wahrheit zu sagen, aber Reinhard hielt ihn davon ab; er wollte nicht in das Verhalten von Schwager und Schwägerin eingreifen. Der Sänger hatte allerlei Plane für sich und Reinhard, und dieser ließ ihn gern gewähren. Er verkündete nun, daß heute abend die Jagd auf der Dorfgemarkung versteigert werde; er wolle dieselbe gemeinsam mit Reinhard erstehen, denn er könne im Winter sich bisweilen frei machen und zur Jagd hierher kommen. Reinhard willigte ein und er lächelte, als der Sänger hinzufügte, Reinhard könne es bei seinem Ansehen leicht bewirken, daß der Wiener Eilzug hier anhalte, statt im Nachbarorte, dadurch sei es Reinhard auch möglich, Oper und Schauspiel bequem zu besuchen. Reinhard freute sich an dem vielen guten Denken des Sängers für ihn; er sagte indes, daß er derartiges genug genossen, er habe nur ein einziges Verlangen und das sei vollkommene Ruhe und stilles Alleinsein. Reinhard wollte so bald als irgend thunlich das Wirtshaus verlassen und sein eigenes Haus beziehen. Neben dem peinlichen Gefühl, daß er gegen Schwager und Schwägerin seine Absicht verheimlichen mußte, störte ihn vor allem auch der blödsinnige Fabian. Reinhard hatte wohl bemerkt, daß man den Armen oftmals eingeschlossen hielt, solang er da war; er bestand daher darauf, daß man ihm bis zur Unterbringung in einer Anstalt die volle Freiheit lasse. Er bezwang sich und näherte sich freundlich dem Blödsinnigen, dieser aber wich ihm scheu aus, verkroch sich vor ihm und starrte ihn aus einem Versteck grinsend und zähnefletschend an. Der Arme hatte offenbar eine Vorstellung davon, daß Reinhard an seiner Einsperrung schuld war. Wenn er den Namen Reinhard hörte, machte er Zeichen, als ob er mit beiden Händen einen großen Bart fasse; er wollte damit sagen, daß er wohl wisse, von wem die Rede sei. »Ich werde bald in mein Haus ziehen,« sagte Reinhard eines Tages zu Malva. »So? Ich hab' gemeint, wir ziehen erst miteinander ein.« »Nein, du kommst zu mir.« Malva antwortete nicht, sie sah nur wie verwirrt hin und her und seufzte tief auf. Reinhard bemerkte es nicht, denn er hielt in stillem Brüten die Hand fest auf die Augen und Malva nickte still vor sich hin, wie wenn sie sich sagen wollte: Vergiß das nie mehr, er ist Herr. »Ich muß für mich sein,« fuhr Reinhard fort. »Im Wirtshaus betrachtet mich jeder so keck, als ob ich zu seiner Unterhaltung aufgestellt wäre, und manchem ist es unterhaltsam, mich anzureden, er denkt eben an sich und nicht an mich, ob ich auch mit ihm reden will.« »Das ist recht,« entgegnete Malva, »das freut mich, daß der Herr Reinhard wieder stolz ist, wie sich's ihm gehört. Das ist das einzige, worüber ich mich mit der Frau Professorin gezankt habe; sie ist nicht genug stolz gewesen und nachher hat's ihr leid gethan, wenn die dummen Menschen das nicht verstanden und so zuthulich gewesen sind.« Reinhard lächelte zufrieden. Malva machte freilich aus allem, was man sagt, ein andres, eben weil sie eine Natur für sich war, und Reinhard freute sich, daß er eine solche Natur jetzt richtig zu verstehen wüßte. »Und daß ich's nicht vergesse,« sagte sie, »das ist grundgescheit. Der Herr Reinhard hat die Jagd gepachtet, jetzt ist der Waldhüter unser Untergebener, nicht wahr?« »Ja freilich.« »So gehört sich's. Der Herr Reinhard sollt' eigentlich König sein über alle.« »Ich will nicht einmal über dich herrschen, du sollst mich nur herzlich lieben und Geduld mit mir haben.« Malva wollte ihm die Hände küssen, er aber umhalste sie. Dreißigstes Kapitel. Alle Lichter brennen. Der Schwager war sehr erstaunt, daß Reinhard schon jetzt das Haus beziehen wolle; als er aber hörte, daß der Entschluß unumstößlich war, wollte er Reinhard unter den drei Mägden des Hauses wählen lassen, oder auch er schlug ihm vor, er solle einen Knecht zu sich nehmen, denn das dulde er als Bruder nicht, daß Reinhard so allein sei; er sei doch kein junger Mensch mehr. Stephan redete sich indes von selbst Beruhigung ein, indem er sagte, im Herbst reise er mit Madlon nach Straßburg, wohin deren Vater mit Ida käme, da tauschten sie dann ihre Kinder aus und Ida wäre gewiß grad recht, um Reinhard das Hauswesen zu führen, sie gleiche in vielen Stücken dem Lorle. Vroni entgegnete ihrem Manne, daß Reinhard schon selber wissen müsse, was ihm gut sei. Sie ließ sich's nicht nehmen, den neu angekommenen Hausrat einordnen zu helfen; sie war nicht wenig glücklich über die vielen schönen Sachen, die der Sänger für Reinhard bestellt hatte und doch war noch das und jenes vergessen – denn ein Mann denkt doch nicht an alles – das sie aus ihrer Wirtschaft nach dem alten Hause bringen ließ. Es war Abend, als Reinhard nach seinem Hause ging, um fortan für immer dort zu bleiben. »Behüt dich Gott, Reinhard,« sagte Vroni beim Abschied, »und ich wünsch' dir, daß der heutige Tag ein neuer Glückstag für dich sei.« »Was ist denn heut für ein besonderer Tag?« fragte Stephan in der Nebenstube, wo er einen besseren Rock anzog, um Reinhard zu begleiten. »Stephan, sag ihm aber nichts davon,« entgegnete Vroni, »heut ist ja der Hochzeitstag von ihm und von Lorle.« Reinhard konnte es nicht ablehnen, daß der Schwager ihn begleitete, aber im Hause angekommen bat er, ihn allein zu lassen. Auf dem Heimwege ging der Schwager noch zum Nachtwächter und empfahl ihm, heute und die nächsten Nächte sich beim alten Hause aufzuhalten. Reinhard war nicht lange allein, er ging durch die Hinterthüre und durch den Garten nach dem Hause Wendelins. Dort bat er Wendelin und Malva, mit ihm in sein Haus zu kommen, er habe was zu besprechen, und hier könne man gestört werden. Die beiden folgten ihm, und Reinhard bat Malva, alle Lichter, die in Leuchtern aufgestellt waren, anzuzünden. Wein stand auf dem Tische. »Wendelin, setzet Euch hierher,« begann Reinhard mit bewegter Stimme. »Ich will Euch was sagen, es muß aber noch unter uns bleiben. Wendelin! Von dieser Minute an sollet Ihr Vater heißen. Seid Ihr einverstanden? »Ich heiß' schon lang Vater, von dem, der in Frankreich liegt, und von dieser da und von den andern.« »Ihr sollt auch mein Vater heißen. Ich bitte Euch, mir Malva zur Frau zu geben.« Wendelin schaute um und hielt sich am Tisch, daß die Flaschen und Gläser aneinander klangen. Reinhard schenkte ihm ein und sagte: »Da trinket.« Wendelin trank, er trank das Glas ganz aus und sich den Mund wischend, sagte er: »Sie ist so jung, und –« »Ihr wollet sagen, ich sei so alt?« Wendelin lachte hellauf. »Er ist gescheit. O der ist gescheit!« rief er. »Weiß der Baumwirt schon von der Sache?« »Niemand weiß und niemand soll wissen als wir drei, bis zum Tag des Aufgebots, und ich habe niemand zu fragen als Euch.« »Gewiß, den Baumwirt geht's gar nichts an; das Kind ist gestorben, die Gevatterschaft hat ein End'. Es ist schön, daß mir der Herr Reinhard die Ehre anthut und mich noch fragt, ich seh' ja schon, euch zwei kriegt man nicht mehr auseinander. Den Ehevertrag den mach' ich mit dem Herrn Reinhard, da weiß ich schon Bescheid. Jetzt, ich sag' Glück und Segen dazu.« Reinhard steckte den Brautring an die Hand Malvas und Wendelin rief: »Schenket noch einmal ein! Der Wein ist gut, der König hat keinen besseren. So, stoßet mit an.« Die drei stießen an und tranken. Wendelin trank wiederum ganz aus, dann rief er: »O Malva, wenn das dein' Mutter noch erlebt, und wenn das das Lorle noch erlebt hätt'.« Die beiden schraken zusammen über diesen seltsamen Anruf, und auch Wendelin merkte, daß er etwas Ungeschicktes gesagt habe. Malva bat Reinhard leise, dem Vater keinen Wein mehr zu geben, er sei keinen gewohnt und nun gar so starken. Wendelin war noch nicht so weit, daß er das nicht merkte, und er sagte: »Du hast recht, Malva. Ich darf keinen Tropfen mehr trinken. Und es muß ja nicht heut alles getrunken sein. Mein Schwiegersohn schenkt mir ein, solang ich leb'.« »Ja, Vater, Ihr sollt es gut haben.« »Ich hab's schon gut. Und ich sag' dir, du heiratest gescheit. Du hast eine brave Frau gehabt, das ist wahr, aber die Malva, weißt? die ist aufgeweckter, und nicht so wehleidig, die ist stramm, wie die Preußen sagen; wenn dir einer was anthun will, die steht für den Mann, sie hat einmal den Schreiber vom Rentamt an der Brust gepackt und niedergeschmissen wie –« »Aber Vater!« »Nur noch eins. Zur Hochzeit muß mir der Herr was schenken.« Malva sah verweisend auf den Vater, dieser aber rief jubelnd: »Eine Trommel ist's, weiter nichts. Der Herr Reinhard muß mir eine rechte Soldatentrommel schenken, ich kann's noch und ich will den Wirbel schlagen. Herrrrr!« »Da habt Ihr meine Hand. Ihr bekommt die beste Trommel, die es gibt.« »Mich denkt's,«murmelte Wendelin glückselig, »mich denkt's, wie wenn's gestern gewesen, wie sich der Herr Reinhard hat austrommeln lassen; damals ist sein Bart noch fuchsrot gewesen, und wir Kinder sind dem Schütz nachgesprungen durchs ganze Dorf, und abends hat er unter der Linde den Burschen neue Lieder vorgesungen, bis sie sie gelernt haben. Ist's nicht so? Ist nicht alles so?« Reinhard bestätigte, und Wendelin war stolz auf sein treues Gedächtnis. Er wollte immer weiter von den lustigen Streichen Reinhards erzählen, aber Malva bat ihn, innezuhalten. »Hast recht. Ich red' nichts mehr.« Vor sich hin lächelte er immer still, denn er dachte an den Grimmzorn des Baumwirts. »Dein Vater ist wie ein glückliches Kind, das sich nichts als eine Trommel wünscht,« sagte Reinhard. Reinhard und Malva saßen Hand in Hand beisammen. Plötzlich löste Malva ihre Hand los und betrachtete dieselbe. »Was hast du? Warum betrachtest du deine Hand so starren Blickes?« »Lieber Herr Reinhard, lasset mir das. Es ist nicht nötig und nicht gut, daß man alles so sagt, was einem durch die Gedanken geht.« »Nein, sag mir's, was es auch sei.« »Aber es ist nicht am Ort und ist nicht recht.« »Du kannst nichts Unrechtes denken.« »Unrechtes ist es just auch nicht, aber es gehört jetzt nicht hierher.« »Sag es nur frei.« »Ich seh' schon; ich muß. Also Ihr wisset ja, daß die Frau . . . die Frau Professorin verordnet hat, man soll ihr ihren Trauring am Finger lassen ins Grab hinein, und da hab' ich meine Hand mit dem Ring angesehen, und hab' in die Erde hinein denken müssen. . . . Jetzt ist's also gesagt, und ich sag' auch noch: Dieser Ring da soll in Treuen an meiner Hand sein. So. Und jetzt genug an dem Tag.« Sie sah stier darein, als sie die Worte »heut an dem Tag« sagte, dann aber faßte sie sich und rief: »Und jetzt nichts Trauriges mehr. Weiß der Herr Reinhard noch, wie wir uns zum erstenmal gesehen haben?« »Ja, du warfst mir Rosen auf das Haupt. Wie bist du dazu gekommen?« »Das war so. Ich sitz' auf dem Heuwagen und hab' an gar nichts gedacht, oder doch, ich denk': ach Gott, ich bin so hungrig und wenn ich heimkomm', muß ich erst kochen. Und dabei ist mir's im Herzen doch so lustig, ich weiß nicht warum. Der Herr Reinhard hat das gewiß auch schon so gehabt, es ist einem, wie wenn in der nächsten Minute jemand käm' und schenkt' einem ein goldenes Schloß. Da seh' ich einen alten Mann – der Herr Reinhard hat damals so alt ausgesehen – und da denk' ich, das ist ein alter General aus dem Krieg oder so was, er sieht so befehlerisch aus; wenn der in die Nähe kommt, der soll die Rosen haben.« »Du erfrischest mein Alter.« »Was alt? Ich tanz' noch mit dem Herr Reinhard. Das Tänzerle sagt, so kann's keiner wie der Herr Reinhard.« Aufstehend rief Reinhard: »Eben fällt mir ein, ich habe dich immer nur bei Tag gesehen, aber bei Lampenlicht siehst du noch viel schöner aus.« »So? Bei Licht betrachtet bin ich noch schöner? Was so ein Maler nicht alles sieht! Was ist? Was soll das?« »Erlaube mir, deine Zöpfe aufzulösen. So, so. Prächtig! Du mußt als meine Frau immer aufgelöstes Haar tragen.« Er wühlte in ihren Haaren. »Nein, das thue ich nicht. Die Fräuleins tragen's auch so, aber die schaffen nichts. Mit den Pferdemähnen, die einem immer ins Gesicht fallen, daß man sie zurückschütteln muß, kann man nichts arbeiten.« »Hast recht, aber in Ruhestunden.« »Jawohl, da putz' ich mich aus, wie der Herr Reinhard will.« Von der Straße herauf ertönte plötzlich schöner Chorgesang. »Das ist der Ulrich mit dem hiesigen Liederkranz,« erklärte Malva, »er hat seiner Schwester gesagt, daß er dem Herr Reinhard, wenn er in sein Haus einzieht, ein Ständchen bringen will.« Die Sänger auf der Straße sangen ein vorzeiten von Reinhard ins Dorf gebrachtes Volkslied, dann das Lieblingslied Reinhards: »Schön Schätzichen wach auf.« »Das hast du damals auch gesungen,« sagte Reinhard zu Malva. Sie winkte Stille, und jetzt begann ein Solo, das nur von Brummstimmen begleitet war, der Wohllaut von Ulrichs Stimme drang durch die stille Nacht, und er betonte so deutlich, daß man jedes Wort vernahm. Dort, wo einst du jung gewesen, Willst du nun im Alter ruhn, Hast dein Dörfchen dir erlesen, Mußt dem Herz den Willen thun. Schmückte dich am Tiberstrande Reichen Lorbeers Ruhmesglanz, Krönt dich nun im Heimatlande Unsrer Tannen schlichter Kranz. Ein Bauernbursch rief: »Hoch lebe unser neuer Bürger, der Herr Professor Reinhard!« Dreifach in wohlgestimmtem Rufe ertönte das Hoch. »Wir wollen durch den Garten heim,« sagte Malva, »der Herr Reinhard muß die Sänger heraufrufen und ihnen einen Trunk geben.« »Nein, bleibt, ich gehe zu den Sängern hinab.« Reinhard ging auf die Straße, sprach seinen herzlichen Dank aus und entschuldigte sich, daß er die Sänger nicht heute bewirte, er sei zu bewegt, und er hoffe, bald ein Fest anzuordnen. Während Reinhard auf der Straße war, zöpfte Malva schnell wieder ihr Haar. Singend zog die Schar drunten ab, Ulrich unter seinen Jugendgenossen. Reinhard kehrte zu den Seinen zurück, er sah staunend auf Malva, aber er sagte nichts, er wollte sie in ihrer Art gewähren lassen. »Ich mein', wir sollten jetzt heim,« sagte Wendelin aufwachend. Vater und Tochter verließen das Haus, Reinhard gab ihnen den Schlüssel zur Hinterthüre mit. »Vater, ich hab' eine Bitt,« sagte Malva im Garten. »Du darfst um alles bitten, ich thu' dir alles; du machst mich zum König.« Malva bat den Vater, er möge in der unteren Stube, wo Heu lag, bleiben, damit Reinhard nicht so allein sei in dieser Nacht. »Hast recht, ich will's ihm sagen.« »Nein, dann leidet er's nicht. So vornehme Herren sind gar scheu, und haben's nicht gern, daß man was Besonderes thut wegen ihrer, denen muß man ungesagt was Gutes kochen.« »Hast recht! Der kriegt eine Frau, die ist wie angefrehmt für ihn. Du bist gescheiter wie das Lorle.« »Vater, redet jetzt nicht wieder davon.« »Du glaubst doch nicht, daß das Lorle heut nacht im Sterbekleide zu ihm kommt, weil er eine andre gern hat? Da hätt' sie viel in der Welt herumspringen müssen.« Er lachte, und Malva bat ihn, stille zu sein, er aber fuhr leise fort: »Kennst du auch das Lied von ›Heinrich schlief‹, der wieder geheiratet hatte? Wir haben's oft in der Kaserne gesungen: ›Zwölfe schlug's, da drang durch die Gardine Eine kalte marmelweiße Hand; Wen erblickt er? Seine Wilhelmine Die im Totenhemde vor ihm stand.‹« So sang Wendelin leise und Malva bat ihn dringend, doch ruhig zu sein, denn Reinhard könne ihn hören. »Ach Gott!« klagte sie, »Ihr machet einem noch Aengste und ich hab' schon Schweres genug heimlich niederzudrücken. Wenn ich es vorher gewußt hätt', heut hätt' die Verlobung nicht sein dürfen.« »Was ist denn heut?« »Heut ist ihr Hochzeitstag, sie hat ihn immer gefeiert und hat mir erzählt, wie sie miteinander im Mondschein gefahren sind und der Rapp ist angespannt und der geht in die Luft hinaus. Brauchet Euch aber nichts zu fürchten, Vater. Ich fürcht' mich auch nichts mehr.« »Weißt, was mich noch am meisten freut?« pisperte Wendelin sich ermannend, » das , daß der Schwager sich grün und blau ärgert. Ja, guten Morgen, Schwager, jetzt ist es ausgeschwagert. Jetzt sind wir da. Genug und fertig. Auf den Posten!« schloß Wendelin, »ich bin sieben Jahr Soldat gewesen und fürcht' mich nichts.« Leise wurde nochmals geöffnet, und Wendelin legte sich in der untern Stube ins Heu und schlief bald. Einunddreißigstes Kapitel. Dreißig Jahre und eine Nacht. Alles still! Nun ist sie endlich erreicht, die so lang erstrebte, fast nicht mehr wirklich geglaubte, vollkommene Ruhe im eigenen Hause, von keinem künstlerischen Streben, von keiner Leidenschaft bewegt; stilles, wünscheloses Dasein. Dieses Leben mit Malva wird das rechte; ruhig, erfrischend, tief ergeben, und in gewandter Vorsorglichkeit. Reinhard lag am offenen Fenster und schaute hinein in den Garten; alles still, nur der Brunnen rauschte, der Brunnen, den sie hatte fassen lassen. Nein, nicht zurückdenken heute, vorwärts! das Leben ruft, ein still beruhigtes. Ein großer Nachtfalter war hereingeflogen, er flatterte ums Licht. Reinhard erhaschte ihn, ließ ihn hinausflattern in den Garten und schloß das Fenster. Er lächelte vor sich hin, denn er dachte: der Kollaborator würde sagen, das ist das Bild deines Lebens, du warst auch solch ein Falter, der sich verbrennen wollte, und eine milde Hand rettete dich und gab dich dem Leben wieder. Es schlägt ein Uhr vom Kirchturm, die Geisterstunde ist vorüber. Reinhard löschte die Lichter und legte sich nieder. Schlafe jetzt! sagte er sich fast laut, aber der Schlaf läßt sich nicht befehlen. Da ist die Stube, darin sind dreißig Jahre Leben verbracht, zahllose, wortlose Gedanken schweben in der Luft. O, du Reine, Holde, wie schwer hast du getragen und wie schwer büße ich. Wie ist es möglich, daß so viel inniges, süßes Leben tot ist? Jene Sitte der Hindus, daß Gatte und Gattin miteinander im Feuer verzehrt werden, war schön und tief. Wendet euch weg, ihr Gedanken, wendet euch zu jetzt, zu heute, zu morgen. Ich werde mich nicht im Dorfe trauen lassen, ich will dem Wendelin sagen, daß er mit Malva an einen einsamen Ort kommen muß, dann reisen wir hierher. Wenn das Lorle das erlebt hätte, hat der einfältige Wendelin gesagt, das kam doch heraus wie eine Wirrnis. Horch! Was ist das? stöhnt es nicht unter dir? Reinhard richtete sich auf. Es ist still. Wunderlich, wie abergläubisch man werden kann! Es war doch etwas wie Stöhnen aus tiefer Menschenbrust. Ich will künftig nachsichtig sein gegen den Aberglauben der Menschen. Die Aufregung gaukelt uns allerlei vor. Das werde ich dem Kollaborator berichten. Reinhard suchte seine Gedanken an den Kollaborator zu heften. Das Denken an ihn gibt Ruhe, und er würde gutmütig lächeln, daß ich ihn als Schlafmittel suche. War das nicht wieder ein Stöhnen? Malva hatte recht, wir hätten erst gemeinsam einziehen sollen und der Schwager hat auch recht, ich hätte einen Knecht zu mir nehmen sollen. Aber seit wann bin ich denn so feig? Schäme dich! Morgen schaff' ich mir einen starken, treuen Hund an. Wie ich das nur vergessen konnte. Der Nachtwächter ruft zwei. Also schon eine Stunde! Ich will den Mann heraufrufen, aber was sage ich? Nein, die Nacht ist lind, ich bin so aufgeregt, ich will nicht schlafen und kann nicht, ich wandere hinaus. Nein! Vor was fliehst du denn? Du mußt schlafen. Halt! Das ist keine Täuschung! Jetzt wälzt es sich vor deiner Thür, es raschelt, es knackt. Mit zitternder Hand macht Reinhard Licht, er öffnet die Thür, da schreit es: »Lorle! Lorle!« Das Licht entfällt seiner Hand und ein Dämon umschlingt ihn und würgt ihn. Reinhard schreit laut auf, da poltert es die Treppe herauf. »Was ist? Wer ist da?« ruft Wendelin. Reinhard schreit mit halb erstickter Stimme. Da wirft sich Wendelin auf den Angreifer, reißt ihn los und wirft ihn zu Boden wie einen Sack. »Licht! Licht!« ruft er, »was ist das?« Es gelingt Reinhard, Licht zu machen, und da sehen sie den blödsinnigen Fabian auf dem Boden stöhnen. »Du bist's, du verfluchter Kerl,« schreit Wendelin, »und du hast mich in den Finger gebissen.« Reinhard mußte Einhalt thun, so grausam mißhandelte Wendelin den Blödsinnigen. Der Blödsinnige sah sich kaum befreit, als er zum Angriff überging, und beide Männer bedurften aller Kraft, um ihn zu bewältigen. Wendelin band ihm endlich Hände und Füße zusammen. Der Nachtwächter kam und bald nach ihm der Baumwirt. »Lorle!« schrie der Blödsinnige, als man ihn davontrug; es war, wie wenn ein Tier das Wort rief, es war nicht wie eine Menschenstimme. Der Tag brach an, ein heller, frischer Tag. Der Baumwirt kam wieder und suchte Reinhard zu beruhigen. »Der arme Kerl hat geglaubt, das Lorle sei wieder da, da er Licht im Hause gesehen hat, und du bist selber schuld; du hast darauf bestanden, daß wir ihn nicht mehr einsperren. Wendelin!« wendete er sich plötzlich, »wie kommst du daher? Was hast du hier zu thun?« Noch bevor dieser antworten konnte, fiel Reinhard ein: »Ich danke Euch herzlich, lieber Nachbar. Gehet jetzt heim, ich komme bald zu Euch.« Wendelin ging in sich hinein lächelnd davon. Der Schwager blieb bei Reinhard. Zweiunddreißigstes Kapitel. Ist die Schuld ein lebendiges Gespenst? »Du brauchst deswegen nicht bereuen, daß du das Haus gekauft hast. So etwas kommt nicht mehr vor,« tröstete der Schwager. »Morgen am Tag oder heut noch – der verfluchte Wendelin hat ihn arg geschlagen, aber es thut ihm nichts – heut noch bringe ich den Fabian in eine Anstalt.« »Warum hast du das nicht früher gethan?« »Ich habe gemeint, du thust's und versorgst ihn überhaupt.« »Ich? Warum ich?« »Ich red' nicht gern darüber, ich mach' dir nicht gern ein schweres Herz. Du weißt doch, wie alt der Fabian ist?« »Nein.« »Das weißt du nicht? Er ist grad so lang auf der Welt, als das Lorle heimkommen ist.« Der Schwager sah Reinhard so seltsam, bald so scheu, bald so vertraulich an, daß das Ungeheuerlichste Reinhard als möglich erschien. »Was hat die Heimkehr Lorles mit Fabian zu thun?« »Ich sag' dir's nicht gern, du bist heute ohnedies verstört, du siehst aus, wie wenn du aus dem Grab kämst.« »Sprich, was ist?« »Ja, bis jetzt hat's kein Mensch gewußt außer dem Bezirksarzt, und der ist gestorben.« »Was ist denn? So sprich doch gradaus.« »Du zwingst mich also? Ich sag's. Der Fabian ist von dir und vom Lorle . . .« »Wie? Was? Bist du von Sinnen? Willst du mich verrückt machen?« »Laß mich doch ausreden. Ich mein's ja nicht so. Er ist unser Kind, natürlich . . . Aber . . .« »Was aber?« »Also damals ist meine Frau mit dem Fabian gegangen und von dem Schreck über Lorle ist das Kind als blödsinniges zur Welt gekommen. Versprich mir,« fügte er hinzu, indem er die Hand Reinhards faßte, – sie war starr und kalt – »sag meiner Frau nichts, daß ich dir das gesagt habe. Du hast mir jetzt die Hand drauf gegeben. Jetzt sei ruhig . . . Schau, dort kommt meine Frau, sie bringt dir Kaffee. Ich geh, und du, du hältst dein Wort.« Reinhard erwiderte nichts. Hat sich die Schuld in ein lebendiges Ungeheuer verkörpert? Vroni kam. Reinhard starrte sie stumm an, sie aber war voll beredter Zutraulichkeit und freute sich, daß jetzt wieder Tag sei, und am Tage ließe sich alles ordnen. »Sag, was hast? Was siehst du mich so an, wie wenn du mich noch nie gesehen?« fragte sie. »Wie geht es Fabian?« fragte er endlich. »Er hat gegessen und getrunken und ist so wie immer. Der einfältige Wendelin hat seinen Zorn auf meinen Mann an dem armen Wesen ausgelassen, aber der Fabian ist hartschlägig, der spürt nichts, das ist so bei der Art.« »Vroni! Verhehlst du mir nichts?« »Ich wüßte nicht.« »Wie alt ist der Fabian?« »Dreißig Jahr. Und man versündigt sich, wenn man ihm den Tod wünscht. Er hat freilich nichts vom Leben . . .« »Vroni! Dir glaub' ich. Sag offen. Haben wir . . . Habe ich an Fabian . . .« »Hat dir mein Mann gesagt?« schrie Vroni laut auf, sie wurde flammrot und rasch schwand alle Farbe aus ihrem Gesichte. »Vroni, du bist so gut gegen mich und ich, ich habe dir so Schweres . . .« »Also, er hat dir's gesagt? Du hast schon schwer genug zu tragen, und wer weiß, ob's wahr ist. Der Doktor hat's freilich gesagt, aber alles wissen die Doktor doch nicht, und du kannst nichts dafür und das Lorle kann nichts dafür. Ich allein bin schuld. Warum bin ich so schreckhaft? Und jedes muß was haben, und Gott hat mir sonst lauter gesunde Kinder geschenkt.« Lange herrschte Stille. Endlich fragte Reinhard: »Wußte Lorle auch? . . .« »Sie hat wenigstens nie ein Wort darüber gesprochen. Freilich, sie hat über Dinge, die sie nicht sagen wollte, schweigen können wie ein Beichtvater. Und Geduld hat sie mit dem Armen gehabt wie ein Engel und ihr hat er auf einen Wink gefolgt und er kann sonst nichts reden, aber du hast's ja gehört, ihren Namen kann er sagen.« Vroni wußte mit großer Beredsamkeit das Ungeheuerliche Reinhard aus der Seele zu nehmen und sie schonte sogar ihren Mann nicht, der dem Doktor etwas eingeredet habe, um sich selber von einer bitteren Heftigkeit zu entlasten. »Darf ich dir was raten? Darf ich dir alles sagen?« begann sie aufs neue. »Gewiß. Du meinst es ja so getreu.« »Es kann's niemand auf der Welt getreuer mit dir meinen. Also überleg dir, was ich dir sag'; ich sag' dir: Bleib nicht hier. Du passest nicht hierher. Es ist ganz recht, daß du neben dem Lorle begraben sein willst, aber deswegen brauchst du dich nicht hier lebendig begraben. Du kannst das Haus behalten, ich will dir's sauber halten und du kommst manchmal her. Aber bleib nicht für immer hier. Es ist nicht gut für dich, so allein zu sein. Du bist noch zu – fast hätte ich gesagt, zu jung und du machst dir auch zu viel Gedanken. Ich nehm' dir's nicht übel, daß du meinen Vater nicht mehr besuchst. Kann mir's denken, daß es dir schwer wird, von Lorle zu reden, wie wenn sie noch lebte, kann ich's ja kaum. Glaub mir, wenn das Lorle vom Himmel herunter reden könnte, es thäte dir auch sagen: Bleib nicht hier. Du brauchst mir jetzt kein' Antwort zu geben. Ich sag' nur, überleg dir's.« Reinhard war nahe daran, Vroni seine Verlobung mit Malva zu bekennen, und er erschrak, da Vroni wieder aufnahm: »Wenn du wieder heiraten könntest, thäte ich sagen: Bleib hier, laß dir's die paar Jahre noch wohl sein. Der alte Baron Hahnenkamm hat in deinen Jahren auch wieder geheiratet und hat zwei schöne Kinder. Aber freilich! wer das Lorle zur Frau gehabt hat, kann nicht wieder heiraten. Jetzt aber hab' ich genug geschwätzt. Jetzt behüt dich Gott! Leg dich noch hin und schlaf. Ich mach' die Laden zu.« Sie ging und Reinhard schlief in der That bis zum Abend. Dreiunddreißigstes Kapitel. Zweierlei Botschaften. Ist es Folge des Alters oder der heftigen Gemütsbewegung und innerer Seelenkämpfe? Es wirkten wohl beide Ursachen zusammen, daß Reinhard mehrere Tage gar kein andres Verlangen hatte als nach Ruhe. Er war doch nicht so kräftig, als es den Anschein hatte, und er schlief jetzt stundenlang am Tage und von Sonnenuntergang bis zum Aufgang. Die Ermattung dauerte an, man wollte einen Arzt zu Rate ziehen, Reinhard wehrte ab, er fühle keinerlei Schmerz und Beunruhigung, nur eine Müdigkeit, die fast angenehm sei, wie ein Ausruhen nach langer Bergwanderung. Der Sänger bewährte eine wohlthuende Sorgsamkeit. Reinhard dankte ihm nochmals für das Ständchen und die Worte des Liedes. »Die sind nicht von mir,« entgegnete der Sänger, »die hat meine Frau gesetzt. O, sie könnte noch in andrer Weise berühmt sein. Sie haben ihr einmal das Wort des Hohlmüllers erzählt, man muß da alt sein, wo man jung war, und darauf hat sie die Verse gesetzt.« Malva umkreiste das Haus von allen Seiten. Warum durfte sie Reinhard nicht pflegen? Sie schickte endlich ihren Vater zu ihm, der gerade in der Minute kam, als Reinhard nach ihm verlangte. Reinhard bat den Sänger, ihn mit dem Manne allein zu lassen. »Sie hat mir einen Brief mitgegeben,« sagte Wendelin, nach der sich schließenden Thüre umschauend, »sie hat gemeint, ich könnt's nicht recht ausrichten.« »Gebt her.« Reinhard las: »Kein andrer Mensch auf der Welt hat das Recht, meinen Herrn Reinhard zu pflegen und zu warten als ich, und kein andrer Mensch auf der Welt kann es so wie ich. Und da laufe ich wie aus der Welt ausgesperrt herum. Ich mache mir nichts draus, was die Leute sagen könnten; ich bitte mit aufgehobenen Händen, daß der Herr Reinhard mich zu sich kommen läßt. Will er's vor der Welt sagen, wie's mit uns ist, um so besser. Ich bitte, ich bitte nur um ein einzig Wort, ich vergehe vor Jammer. Verzeih, daß ich so bin, aber ich wär's nicht wert, wenn ich nicht so wär', und ich bin bis in den Tod dein und ewig dein.« Da Reinhard, nachdem er gelesen, den Brief still betrachtete, sagte Wendelin: »Nicht wahr, sie schreibt gut? Sie kann schreiben wie ein Advokat. Sie ist die Erste in der Schule gewesen.« »So sag ihr viel Tausend herzliche Grüße und ich sei nicht krank und werde morgen ausgehen; sie solle Geduld haben. Ich komme bald.« In der Thüre wendete sich Wendelin nochmals und sagte: »Ja, daß ich's nicht vergess'. Das mit der Trommel ist nur Spaß gewesen. Ich stehe, gottlob! so, daß ich mir selber eine Trommel kaufen könnt' und ich nehme von niemand was geschenkt.« Reinhard wußte, woher diese ungewöhnlich lange und zusammenhängende Rede des Wendelin stammte. Wendelin bat noch, daß sein zweiter Sohn, der Stiefbruder Malvas, fortan im Hause Reinhards schlafen dürfe. Reinhard willigte ein und sagte, er solle später das Reitpferd besorgen, das er sich anschaffen wolle, und jetzt solle Wendelin den Hund herbringen lassen, den er dem Waldhüter hatte abkaufen wollen. Wendelin ging lächelnd davon. Reinhard las den Brief wiederholt, dann holte er eine alte Brieftasche und nahm ein vergilbtes Blatt heraus, es war der letzte Brief, den Lorle damals hinterlassen hatte, als sie ihn heimlich verließ. Der Gedanke wollte sich in ihm regen, daß Malva ihn nicht so verlassen, sondern seine Umkehr und Heilung abgewartet hätte. Wie um diesen Vorwurf zu verscheuchen, las er den Brief der Verstorbenen laut, die Spuren der Thränen, die aus dem Auge der Verstorbenen auf das Papier geflossen, waren noch sichtbar, und was noch von Widerstreit in Reinhards Seele war, löste sich in Thränen auf. Während Wendelin bei Reinhard gewesen war, saß die Frau des Sängers mit Vroni in der großen Wirtsstube, deren Fenster nach der Straße zu gingen. Vroni sprach die Vermutung aus, Reinhard werde auch nur zeitweilig hier bleiben und wahrscheinlich nach der Residenz ziehen; die Frau des Sängers wollte das nicht glauben. »Wunderlich!« sagte Vroni, »was nur die Malva hat. Sie geht jetzt seit einer Viertelstunde schon zum drittenmal am Haus vorbei. Sehen Sie? Jetzt geht sie ihrem Vater entgegen. Er sagt ihr etwas, und sie faltet die Hände, und jetzt fährt sie nach den Augen. Ich glaub' gar, sie weint.« Vroni öffnete das Fenster und rief: »Malva, komm herauf!« »Ich danke. Ich kann jetzt nicht,« erwiderte Malva mit thränenvoller Stimme und ging mit ihrem Vater heimwärts. Als Reinhard wieder zum erstenmal durch die Dorfstraße ging, hörte er hinter sich sagen: Des Lorles Reinhard. Er schaute nicht um. Darf er noch so heißen? Vierunddreißigstes Kapitel. Die Welt ruft. Im Gefühle der Genesung und einer festen starken Liebe ging Reinhard durch das Dorf und über die Felder; alle Menschen sahen so heiter drein, denn sie schauten in sein neu belebtes Antlitz. Er mußte sich oft besinnen. daß er schon einmal ein Leben gehabt und daß er schon so alt sei; das Dasein schien erst jetzt zu beginnen. Die Welt draußen aber hatte ihn nicht vergessen. Es kamen drei Briefe auf einmal, der eine war aus Rom, der andre trug ein gräfliches Siegel und der dritte das Siegel des Fürsten. Reinhard öffnete den aus Rom zuerst. Angela schrieb: »Ich habe deine Adresse erfahren. Dein Freund, der Bildhauer, mit dem grausamen Namen Kneitler, hat mir's verraten. Willst du also in der That deinen teutonischen Wunsch ausführen und dich in den dunklen Wäldern deiner Heimat begraben? Wenn du kannst, vergiß mich. Der Papagei ruft jetzt eben deinen Namen. Wenn du von heute an in drei Wochen nicht hier bist, muß der Schwätzer sterben. Ich danke dir indes, daß du mir deine Bacchantin hinterlassen.« Reinhard schaute eine Weile drein, als müßte er sich aus einen Traum besinnen, dann steckte er den Brief zu sich. Er öffnete den zweiten und las: »Eine alte Freundin – wirklich alt und wirklich Freundin – ruft dem Jugendgenossen Willkomm in der Heimat zu. Finden Sie in dieser Photographie noch etwas von den alten Zügen? Das Herz läßt sich leider nicht photographieren, sonst würden Sie es sofort wiedererkennen. Sie sind wieder im Vaterlande, ich weiß aber nicht, ob Sie eine alte, nein, ich sage eine junge innige Beziehung fort erhalten wollen. Ich möchte Ihre Einsamkeit nicht stören, nur wissen sollen Sie, daß Sie unvergessen sind von – darf ich mich noch so nennen? – Ihrer Freundin, verwitwete Ida von Felseneck. (Briefschleppe): Die Baronesse Arven in Ihrer Nähe ist meine älteste Tochter. Ich bringe in der Regel die Herbstmonate bei ihr und meinen Enkeln zu.« Ohne weitere Zögerung öffnete Reinhard den dritten Brief, es war ein eigenhändiger vom Fürsten, der ihn einlud, nach der Residenz zu kommen und den Tag seiner Ankunft zu melden. Die ersten beiden Briefe überging Reinhard mit Stillschweigen, vom dritten aber erzählte er Malva und fragte: »Was meinst du? Ich kann ablehnen, ich bin frei. Oder soll ich doch hingehen?« »Ich glaubt der Herr Reinhard fragt mich nicht nur, er will mich auch hören.« »Gewiß.« »Ich mein', da muß man hingehen; es ist eine große Ehre und es schickt sich auch.« Malva hätte gern aller Welt gesagt, daß Reinhard zum Fürsten gerufen sei, aber sie mußte schweigen. Der Baumwirt dagegen verkündete im ganzen Dorfe, daß sein Schwager, der Professor, eine Einladung vom Fürsten bekommen habe; er sprach das so gelassen und selbstbewußt aus, als wollte er sagen: das gehört sich für uns, und es ist nur schade, daß ich eine solche schmackhafte Nachricht nicht auf die Zeche setzen kann. Fünfunddreißigstes Kapitel. Zieh Handschuh an. »Das ist herrlich, daß Sie mitreisen,« sagte der Sänger, der gekommen war, um sich bei Reinhard zu verabschieden, da die Ferien zu Ende waren und die Theatersaison begann. »Es ist mir lieb, daß ich Ihnen gleich den Tamino singen kann. Meine liebe Gisela sagt, daß mein hohes B noch viel reiner und voller geworden sei. Ich freue mich, Ihnen meine Arie in Es dur zu singen.« Diese leise vor sich hinsummend, setzte er hinzu, daß Reinhard von den Kindern nicht belästigt werden solle. Am Morgen der Abreise stand der erste Herbstnebel im Thale, und der Sänger hielt sich ein seidenes Tuch an den Mund. Es waren beim Abschied Ulrichs weit weniger Menschen als bei der Ankunft, denn es war eben nicht Sonntag. Martin hatte sein Alltagsgewand an, die Schwester war da und mit ihr der Pate, den aber Malva auf den Armen hatte. »Das ist schön, daß du auch da bist,« sagte der Sänger dumpf in das Tuch hinein sprechend, zu Malva; sie lächelte. »Aber das Kind hättet ihr bei solchem Nebel zu Hause lassen können,« sagte die Frau. »Es ist ein starkes Kind, dem schadet's nichts,« entgegnen Malva. Die Kinder Ulrichs, die große Blumensträuße trugen, hatten die Volkstracht abgelegt und waren wieder modisch gekleidet. Der Zug kam an, der Abschied war übereilt, der Sänger küßte seine Schwester und reichte dem Vater die Hand. Reinhard küßte das Kind auf dem Arme Malvas. Der Zug ging ab, und da man hier durch die ganze Reihe der Wagen gehen kann, wanderte der Sänger alsbald umher, um nach Bekannten auszuschauen; er kam zurück und berichtete, daß er ein Abenteuer ersten Rangs erlebt habe; die Nonne, die Bruderstochter des Hohlmüllers, sei im Geleite einer andern Nonne mit auf dem Zuge; sie halte den Blick auf ein Brevier geheftet und bewege lautlos die Lippen, es sei ihm aber unzweifelhaft, daß sie ihn gesehen habe. »Sieh dir sie an,« sagte er seiner Frau, »es ist eine Studie für deine Rolle als Aebtissin.« Lächelnd erzählte die Frau, daß die Nonne eine Jugendliebe ihres Mannes sei. »Sie ist eine Verwandte Ihrer Seligen,« setzte der Sänger halb ablehnend hinzu, »ihre Großmütter waren Schwestern und sie haben auch Aehnlichkeit.« Die Frau winkte ihm unwillig, denn sie sah die Betroffenheit in den Zügen Reinhards, der sich schweigsam verhielt. »Herr Professor,« wendete sich die Frau an Reinhard, »finden Sie nicht auch, daß das Wort Sommerfrische hoch bedeutsam, und es ist neu in unsrer lieben deutschen Sprache. Wissen Sie vielleicht, von wem es stammt?« »Ich glaube von Ludwig Steub, dessen Schriften selber voll Sommerfrische sind.« Man fuhr eine geraume Strecke am Parke eines Lustschlosses vorüber, auf welchem die Fahne flatterte. »Die Fürstin Mutter sind noch nicht in der Residenz,« sagte der Sänger und war voll Entzücken über die schönen Anlagen, darin Springbrunnen sprangen, schöne Blumengruppen glänzten, und helle Wege sich durch die künstlerisch geordneten Wiesen und Baumgruppen schlängelten. Man sah einen leichtgebauten Pavillon, der von Schlinggewächsen bedeckt war, und Frau Berger sagte mit vollklingender Stimme: »O die farbenbunten wilden Rebenranken!« und ehe Reinhard auf ihre Frage nach den römischen Gartenanlagen antworten konnte, sagte der Sänger mit bedeutsamem Blick zu Reinhard gewendet: »Ja, die Natur ist schön, aber die Kunst auch;« er sprach das wie eine große Weisheit, wie die Entdeckung eines bisher ungelösten Rätsels, und da Reinhard schwieg, setzt er hinzu: »Sie stimmen doch mit mir ein, Herr Professor?« »Allerdings. Vollkommen.« Man näherte sich der Residenz. Der Sänger wurde von vielen neu Hinzukommenden begrüßt. Reinhard hörte, daß gefragt wurde, wer er sei, und auf die leise Antwort sah er die Lorgnetten auf sich gerichtet. »Werden Sie von jemand erwartet?« fragte der Sänger. »Ja, ich habe meinem Freunde Reihenmeyer telegraphiert.« Man fuhr in den großen Bahnhof ein, und die Frau sagte: »Franz, zieh Handschuh' an.« Der Sänger gehorchte und gab weiter: »Kinder, zieht Handschuhe an.« Man stieg aus. Die Reisegefährten entfernten sich, Reihenmeyer war nicht da. Reinhard schaute sich wie verlassen um. Die junge Nonne ging an der Seite einer alten an ihm vorüber, sie schaute flüchtig auf nach ihm und preßte die Lippen zusammen; Reinhard war erschüttert, die Nonne sah in der That Lorle sehr ähnlich. Sie stand bei der Frau des Bahnhofsrestaurateurs und sprach mit ihr. Reinhard erinnerte sich, daß dies die Tochter Stephans sei; er sah auch den Knaben, den Urenkel des Hohlmüllers, der seinen Namen trug, aber er wollte jetzt nicht weiter die Familienbeziehung beanspruchen. Er ging in die Stadt, er glaubte diesen und jenen, der alt geworden war, zu erkennen: er sprach niemand an. Der Schloßplatz, der ehedem kahl gewesen, war mit Bäumen und Rasen besetzt und mächtige Springbrunnen rauschten. Wo ehedem ein unförmliches Stallgebäude gestanden, war jetzt ein säulengetragener Prachtbau, neue Straßen mit neuen Helden- und Siegesnamen waren angelegt. Reinhard ging wie träumend weiter. Aber da ist doch noch das Alte! Die Wachtparade zieht noch zur selben Minute mit klingendem Spiele durch die Hauptstraße, und eine große Menschenmenge folgt ihr. Die Soldaten haben aber andre Uniformen, und ihre Haltung scheint fester und stolzer. In der Wohnung Reihenmeyers hörte Reinhard, daß dieser zur Erwerbung von Instrumenten für die Forschungsreise abwesend sei. Sechsunddreißigstes Kapitel. In weißer Halsbinde. Mit dem festen Vorsatze, sich nicht durch Erinnerungen an die Vergangenheit verdüstern zu lassen, sondern mit hellem Blick die Zukunft festzuhalten, wanderte Reinhard durch die Straßen der Residenz. Wie zur Befestigung seines Vorsatzes trat er zuerst in einen Modeladen ein und wählte mehrere für Malva passende Kleiderstoffe; eine schöne junge Verkäuferin hatte den ungefähren Wuchs von Malva; Reinhard bestimmte, daß die Stoffe alsbald verarbeitet werden und gab dabei einige von der Mode abweichende künstlerische Bestimmungen. »Darf ich um Ihren Namen und Ihre Adresse bitten?« wurde gefragt. Reinhard erschrak und bezeichnete nur die Nummer seines Zimmers im Gasthofe; er sagte, er werde die Kleider abholen lassen und entrichtete sofort den Preis. Als er aber wegging, hörte er, wie ein alter Handlungsdiener zu der Verkäuferin sagte: »Ich wette meinen Kopf, das ist der ehemalige Professor Reinhard.« Nunmehr that sich Reinhard keinen Zwang mehr an. Er ging von Laden zu Laden, kaufte Teppiche und schönen Hausrat; er freute sich über die Fortschritte, die das Kunstgewerbe gemacht, und bestellte Handwerker nach dem Dorfe, das er nun seine Heimat nannte. Der Hof war angekommen, Reinhard meldete sich und wurde sofort zu einer großen Soiree auf den andern Abend geladen. Am Morgen aber kam ein Lakai und beorderte ihn zum Fürsten. Dieser kam ihm mit großer Herzlichkeit entgegen und sagte, er habe ihn allein sprechen wollen, bevor er ihn in großer Gesellschaft sehe. Der Fürst war voll und gedrungen geworden, von der ehemaligen Weichlichkeit war keine Spur, und auch die vormalige Phrasenhaftigkeit war geschwunden. Er trug einen Vollbart, in den sich schon graue Haare mischten. Sein Auge schien größer geworden, es leuchtete voll Wohlwollen. Vor dreißig Jahren hatte Reinhard wegen seiner Hofstellung den Bart abnehmen müssen. »Schade,« sagte der Fürst, nachdem verschiedene Fragen über Rom erledigt waren, »schade, daß Sie unsre große Zeit in der Ferne mitgelebt haben. Sie hätten im Felde großes Leben gesehen. Aber schön, daß Sie jetzt wiedergekommen sind, um sich an unsrer Einheit und Größe zu erfreuen.« Reinhard errötete und schwieg. Er mußte sich über etwas loben lassen, das ihm nicht gebührte. Er erzitterte aber am ganzen Leibe, da der Fürst fragte: »Befindet sich Ihre Frau Gemahlin recht wohl?« »Meine Frau ist tot.« Der Fürst war nicht minder erschreckt als Reinhard, und fügte herzlich teilnehmend hinzu, daß er davon nichts gehört habe. Daneben gab er im voraus dem Oberhofmarschall einen Verweis, der ihn darüber nicht instruiert hatte. Der Zerfall mit Lorle schien vergessen. Der Fürst lobte die Pietät Reinhards, und dieser erzitterte, denn er dachte an Malva. Er erntete Lob für etwas, das nicht mehr in ihm war. »Sie wissen,« sagte der Fürst mit inniger Teilnahme, »welche Hochschätzung ich für Ihre Frau Gemahlin hatte. Es gibt Pflanzen, die sich nicht verpflanzen lassen. Ich habe einmal, als ich durch Weißenbach kam, bei Ihrer Frau Gemahlin anfragen lassen, ob ich sie besuchen könne. Sie hat mir mit großer Zartheit verneinend antworten lassen. Sie soll, wie man mir sagte, wahrhaft verklärt ausgesehen haben, und sie war der gute Engel des Dorfes.« Jedes Wort des Fürsten versetzte Reinhard eine blutige Wunde. »Ist das Haus zur Linde noch im alten Stande, und wer besitzt es?« »Ich.« »Das ist schön.« Der Fürst verdoppelte seine Freundlichkeit, faßte die Hand Reinhards zwischen seine beiden Hände beim Abschiede: »Auf Wiedersehen, lieber Professor, heut abend.« Noch im Weggehen hörte Reinhard, daß der Fürst den Oberhofmarschall rufen ließ. Dieser begegnete ihm bereits auf der Treppe, und reichte nur im Vorübergehen eilig die Hand. Im Kabinette aber sagte der Fürst in ärgerlichem Tone zu dem Oberhofmarschall: »Aber, lieber Truben, wie konnten Sie mich in Unwissenheit lassen, daß die Frau des Professors bereits gestorben ist?« »Ich wußte nicht, daß mein gnädiger Herr den Mann privatim empfangen werde vor heut abend.« »Sie haben recht. Er hat doch sehr gealtert.« »Und doch sagt man, daß er wieder heirate und wieder ein Bauernmädchen.« »Noch einmal? Unfaßlich! Woher wissen Sie das?« »Die Schauspielerin Berger, die ein Landhaus in Weißenbach hat, hat mir's erzählt; natürlich unter dem Siegel der Verschwiegenheit, aber unter diesem Siegel werden viele Menschen Wissende sein.« »Ich meine, Sie sollten das doch nicht weiter verbreiten.« Der Hofmarschall verbeugte sich zustimmend. Siebenunddreißigstes Kapitel. Verwandelte Gestalten. Es war großes Hoffest. Reinhard hatte sich früh eingefunden; er sah die Festräume des Schlosses neu und geschmackvoll dekoriert, er ging durch die glänzend erleuchteten Säle und stand vor manchem neuen Kunstwerke still, ein Schreck überfiel ihn aber, als er sein altes Bild, »Waldeinsamkeit« genannt, wiedersah. Welch' eine kindische Auffassung und ängstliche Pinselführung. Er konnte nicht lange einsam die Bilder betrachten, denn bald war er von einer Gruppe höherer Offiziere und in goldstrotzende Uniformen gekleideter Civilbeamten umgeben. Der Lieutenant, der ihm damals bei dem Duell wegen des Kollaborators sekundiert hatte, war jetzt General. Die Menschen waren so zuvorkommend, sich ihm neu vorzustellen, nur zwei waren so neckisch, ihn zu fragen: »Kennst du uns nicht mehr?« Reinhard konnte sich nicht besinnen und sagte, es sei anstrengend, so in den Zügen vor sich und in der Erinnerung herum zu wühlen. Die Männer stellten sich nun als ehemalige Kneipgenossen vor, sie waren jetzt beide Minister geworden; sie erzählten von vielen Genossen jener lustigen Gesellschaft, in der der Kollaborator das große Wort führte; die einen waren da und dort in hohen Stellen, viele aber auch waren längst tot. »Haben Sie unsern Freund, den Kollaborator, schon begrüßt?« fragte der Kultusminister, und da Reinhard bejahte, fragte er: »Und Sie fanden ihn?« »Ganz den alten.« »Ja, ganz derselbe, er lernt alle paar Jahre eine neue Wissenschaft, er hält sich an der Grenze des Originals.« Reinhard fand es angemessen, dem Minister jedes positive Urteil über den Kollaborator vorzuenthalten und die Reden beider blieben so gestellt, daß man in Lob oder Tadel übergehen konnte. Der Minister erklärte endlich nicht ohne Befriedigung, daß er bei der Reichsbehörde die Zuziehung des Kollaborators zu der Erforschungsreise befürwortet habe, und eben, als er darlegen wollte, daß der Kollaborator wegen des Madonnenbildes in der Galerie mit ihm gesprochen, zerteilten sich die Gruppen. Der Hof erschien. Der Fürst führte seine Gemahlin und grüßte nach allen Seiten, er nickte Reinhard besonders zu. Hinter dem Fürsten kam der Erbprinz eine elastische Erscheinung, seinem Vater von damals ähnlich, aber größer; er trug das eiserne Kreuz, und ein Nachbar sagte Reinhard, daß der Prinz sich tapfer im Franzosenkriege bewiesen habe. Mehrere Prinzessinnen folgten, und unter den Palastdamen erkannte Reinhard sofort die Gräfin Ida von Felseneck; sie war noch schön, die entblößte Büste war voll und von edler Form. Sie grüßte Reinhard, zwiefach mit dem Kopfe nickend. »Wer ist die Dame mit der eigentümlichen Dekoration?« fragte Reinhard, er wurde berichtet: »Das ist die Schwester der Gräfin Felseneck, sie war mit auf dem Pilgerzuge nach Rom und Jerusalem und erscheint heute zum erstenmal bei Hof mit einer Dekoration vom Papste. Warum soll man nicht aus seiner Kirchlichkeit einen Gesellschaftsschmuck machen?« setzte der Gefragte – es war der Kanzler der Universität – leise hinzu. Im nächsten Saale wurde getanzt. Nur die Tänzer durften weiter schreiten. Im Nebensaale hielt der Hof Cercle, wohin nur die in unmittelbarer Hofstellung sich befindenden Männer folgten. Der Nachfolger Reinhards, ein Künstler von gutem Namen, stellte sich ihm vor, erzählte von der Rührigkeit des Kunstlebens in der Hauptstadt, und fragte nach Berufsgenossen in Rom. Reinhard konnte nicht ausführlich antworten, denn ein Kammerherr rief ihn zum Fürsten. Der Fürst war überaus huldvoll und bat Reinhard, sich die neuen Kunsterwerbungen in der Galerie anzusehen und sein Urteil darüber abzugeben. »Oder waren Sie schon in der Galerie?« Reinhard verneinte. Der Fürst wendete sich an den Oberhofmarschall und sagte ihm leise einige Worte. Reinhard glaubte das Wort Madonna zu hören. Reinhard wurde der Fürstin, dem Erbprinzen und den Prinzessinnen vorgestellt, und jedes hatte ein freundliches Wort für ihn. Die Oberhofmeisterin stellte sich ihm als das Mädchen vor, das er – er solle nicht sagen, wie lang das sei – als Braut gemalt. Als er sich zurückzog, sah er, wie die Gräfin Belgern, vormalige Felseneck, ihm zunickte. Er eilte zu ihr, sie reichte ihm die Hand, sie drückte die seine warm, er erwiderte den Druck. Gräfin Ida fand zuerst das Wort; ihre Stimme war tiefer geworden, aber noch immer voll Wohllaut: »Es ist eine Gnade des Geschicks, daß wir uns wiedersehen. Ich wagte es nicht mehr zu hoffen. Haben Sie auch bisweilen des unbedeutenden Mädchens gedacht, das einstmals zu dem genialen Künstler aufschaute? Damals verstand ich Sie doch noch nicht ganz.« »O liebe Gräfin, ich selber verstand mich damals auch nicht. Sind Sie der Kunst treu geblieben?« »Der Kunst nicht. Begeisterung für eine Sache ist noch nicht Talent dafür. Ich erkannte meine geringe Begabung, die aber vielleicht bis zu einem gewissen Grade befähigt, die Schöpfungen der hohen Meister zu verstehen.« Reinhard erwiderte einige verbindliche Worte. »Mir ist es wie ein Traum, daß ich Sie wiedersehe und Ihnen muß ja auch alles wie ein Traum sein,« sagte die Gräfin, und ein voller warmer Blick ruhte auf Reinhard. »Singen Sie noch viel?« fragte er. »Ja.« antwortete sie, rückte sich dabei das diamantenbesetzte sammetne Halsband zurecht und legte den Kopf etwas zurück mit jener vollen Anmut der Jugendtage; sie wußte noch immer gütig zu lächeln, aber mit einem begleitenden schmerzlichen Ausdruck, der zu sagen schien: ich bin alt. Nach einer kleinen Pause fuhr sie fort: »Und Sie, Herr Professor, singen Sie auch noch?« »O nein, ich singe schon lange nicht mehr.« Die beiden sprachen das und dachten doch andres, und sie redeten nur, um sich gegenseitig wieder genau anzusehen. Es kamen andre herbei, und die Gräfin sagte rasch: »Also morgen um zehn Uhr erwarte ich Sie und die versprochene Skizze.« Reinhard verließ den Saal und wieder stellten sich ihm alte Kameraden in den Weg. »Behalten wir Sie, . . . dich, nun wieder bei uns?« wurde er oft gefragt. Er erklärte, daß er im Dorfe bleibe, und man bewunderte und rühmte seine Treue für das Dorfleben. »Ja, das ist alles wie ein Traum,« wiederholte Reinhard, als er in seine Zimmer zurückkehrte, »aber ich habe diesen Traum zum letztenmal geträumt,« setzte er hinzu, als er das Licht löschte. Achtunddreißigstes Kapitel. Verfügung über sich selbst. Der heutige Abend soll mich nicht mehr hier finden, gelobte sich Reinhard beim Erwachen und er vermochte, sich das volle Bild Malvas zu vergegenwärtigen. Er fertigte mit rascher Hand die Zeichnungen zu dem bestellten Hausrat, die er dem Kunsttischler versprochen hatte. Er wanderte durch die Straßen, überlieferte die Zeichnungen und nun war's Zeit, die Gräfin aufzusuchen. Sie wohnte neben dem Hause, in dem er ehedem mit Lorle gelebt. Er bannte jedes Zurückdenken aus seiner Seele und ließ sich bei der Gräfin melden; sie ließ ihn sofort eintreten, sie war in einem weiten Morgengewand und trug eine feine weiße Haube. Sie reichte ihm die Hand, sie drückte die seine nicht mehr. »Ach!« klagte sie, »wir sind eben doch alt. Bitte, keine Schmeichelei! Ich habe mich gut konserviert, Sie auch, trotzdem Sie und ich viel gelitten. Mein guter Mann war lange krank, und man hat Not und Sorge mit Kindern und Enkeln. Wie habe ich mich gefreut, eine gute Stunde mit Ihnen zu sein und in Jugendidealen zu schwelgen, und nun hat meine Schwester über mich verfügt und ich kann Ihnen, oder sage ich besser mir, nur eine Viertelstunde gönnen. O, das Leben ist nichts als Unruhe.« Gräfin Ida war nur Großmutter und gegen ihn nur mütterliche Freundin. Reinhard kam kaum zu Wort und die Gräfin sagte, er müsse während ihrer Anwesenheit bei ihrer Tochter sie besuchen und ihr dort ausführlich erzählen, denn die Fama berichte doch immer falsch. Als sich Reinhard zum Abschied erhob, reichte sie abermals leise die Hand, und wie sich zusammenfassend, sagte sie: »Verzeihen Sie einer vielleicht altväterischen Großmutter, die den Wunsch hat, daß Sie sich in der Heimat nicht deplaciert fühlen mögen. Sie haben vergessen, daß hier nicht Paris, nicht Rom und London ist. Wenn man hier Damentoiletten kauft, so bleibt das nicht verborgen. Ich rate Ihnen aus alter Freundschaft, vorsichtiger zu sein.« Reinhard erwiderte etwas, er wußte nicht was, und ehe er sich's versah, stand er wieder auf der Straße. Alle Welt spielt mit dir und du lässest dich wie ein Fangball hin und her werfen, sagte er sich vorwurfsvoll, und er mußte sich auf sein Selbst besinnen. In solcher Stimmung heftet sich die unruhige Seele leicht an Aeußeres. Mit einem Eifer, als wäre er der Aufseher, sah er den Pflasterern zu, die die Straße neu pflasterten, und dann las er die Schilder an den gegenüber stehenden Häusern, als müßte er sich das alles genau merken. »Notar Kräutler« stand hier neben angeschrieben, da in dem Hause, wo er früher mit Lorle gewohnt hatte. Das ist's ja, was du unbewußt suchtest. Reinhard ging hinein. Der Notar, ein Mann von ruhiger gemessener Haltung, begrüßte ihn geschäftsmäßig. Als aber Reinhard seinen Namen nannte, rief der Mann, die Hände zusammenschlagend: »Was? Sie sind's? Es hieß ja vor einigen Jahren, Sie seien tot. Entschuldigen Sie. Ich bin ganz verwirrt. Ja, Sie sind's, ich erkenne Sie wieder. Sie waren damals ein junger Mann und ich ein kleiner Knabe. Wir wohnten ja früher zusammen in diesem Hause, und als die Mutter krank war und starb, pflegte uns Ihre selige Frau.« Ein Schreiber unterbrach mit einer Meldung den Notar, dieser erklärte, er wäre jetzt für niemand zu sprechen und in zutraulicher Redseligkeit fuhr er fort: »Ich habe mit meiner Familie Ihre Frau vor drei Jahren besucht und ihr gedankt, sie hatte große Freude an uns, sie wollte auch ein Testament machen. Es ist wohl nicht geschehen?« Reinhard verneinte, und der Mann fuhr fort: »Ich war einmal sehr bös auf Sie, Herr Professor. Ich war mit Ihrer Frau auf dem Paradeplatz, als sie mit dem Soldaten aus ihrem Dorfe sprach, und der Herr Professor wurden sehr zornig. Am Abend kam sie zu mir und brachte mir einen Apfel; ich sehe noch, wie schön rot er war und da sagte sie mir: Albrecht – so heiß' ich – Albrecht, mein Mann ist nur von den Hoflakaien geärgert gewesen, drum war er so zornig; sonst ist er so gut, wie es keinen andern mehr auf der Welt gibt.« Reinhard errötete. Ein Funke aus seiner Zornesflamme war in die Seele des Kindes gefallen, und Lorle hatte ihn ausgelöscht. Der Notar aber fügte lächelnd hinzu: »Ja, man weiß nicht, was alles die böse Zeit gemacht hat. Damals war's unschicklich oder wenigstens auffällig, wenn eine Frau aus höherem Stande mit einem gemeinen Soldaten sprach; jetzt, bei der allgemeinen Volkswehr, erscheint uns solche Auffassung unbegreiflich. Aber lassen wir das! Ich denke an Ihre selige Frau wie an eine Erscheinung aus der höheren Welt, und auch meine Kinder wissen von ihr.« Reinhard empfand einen tiefen Schmerz. Das war ja, wie in der Sage von jener Heiligen, überall, wo Lorle gewandelt, sproßten Rosen empor, und ihm wurden die Rosen zum Dornstrauch. Er wollte umkehren. Sollte er gerade diesem Manne die Bestimmungen für seine neue Ehe kundgeben? Er faßte sich gewaltsam und ließ in aller Form Rechtens sein Testament aufsetzen. Er vererbte sein ganzes namhaftes Vermögen, falls er kinderlos sterbe, an Malva, ausgenommen war eine Summe für den Unterhalt von Fabian; seine Skizzenbücher und Sammlungen sollten Reihenmeyer zufallen. Das Testament war fertig; der Notar reichte ihm die Hand und versprach, doppelte Ausfertigung alsbald in den Gasthof zu schicken. Als Reinhard in seine Wohnung kam, fand sich eine Deputation der Künstlerschaft ein, die ihn zu einem Feste einlud, das man ihm zu Ehren veranstalten wollte; er dankte und bat, davon abzustehen, denn er müsse alsbald abreisen. Er schrieb noch einen Brief an den Hofmarschall, seine schnelle Abreise entschuldigend. Mit dem nächsten Zuge eilte er heimwärts. Neununddreißigstes Kapitel. Aufgebot. Das Abendrot glühte am Himmel und glänze von den Schienen, als Reinhard den Bahnhof der Residenz verließ. Die Sonne ist doch schöner draußen in meinem stillen Dorfe, dachte Reinhard. An dem ersten Haltepunkt setzte sich eben der Eilzug in entgegengesetzter Richtung in Bewegung. Reinhard schaute unwillkürlich hinauf und siehe da! das ist der Kollaborator, er hat ihn auch bemerkt und winkt zurück mit einem Buche in der Hand, aber bald ist nichts mehr zu sehen als der verfliegende Rauch. Wie wäre es geworden, wenn du den Freund getroffen? Nein, besser so, und alles rasch, fest und fertig. Die Wangen Reinhards glühten in Fieberhitze, er schloß die Augen, aber er konnte keine Ruhe finden. Es ist doch peinlich, daß kein Eilzug am Dorfe hält; der Sänger hat recht, das muß geändert werden; der alte Genosse ist ja Verkehrsminister, es wird leicht zu bewirken sein. Endlich, endlich hielt der Zug am Dorfe, es war bereits Nacht. Reinhard verließ rasch den Bahnhof, aber zwischen den Gartenhecken stand er still. Es überkam ihn plötzlich, wie wenn er verlassen in die Oede versetzt wäre. Läßt sich allen höheren Freuden, aller geselligen Verbindung, aller Kunst entsagen? Jetzt singt der Sänger Berger und schaut nach der Loge aus, wo du sitzen solltest: »Bei Männern, welche Liebe fühlen.« Das schöne Duett sang sich in seiner Erinnerung, und er dachte daran, wie er es einst mit der Gräfin Felseneck gesungen. Reinhard drängte die Erinnerung zurück, aber doch summte er die Melodie: »Bei Männern, welche Liebe fühlen,« leise vor sich hin. Das ist die Macht des Genius, sie geleitet in ungeahnter Zeit auf einsamen Wegen ein zitterndes Herz und schlichtet und beruhigt. Die Weisheit, die Leidenschaft, die reine Liebe, die sinnliche Gewalt, alles, was jenes Werk in Töne gefaßt, drängte sich in die wenigen Minuten zusammen, da hier der Wanderer zwischen den Gartenhecken stand. Sei beruhigt! Es läßt sich alles festhalten, alles finden im eigenen Selbst und in der Liebe eines andern. Aus ihnen strömt alles höhere Dasein, alle Kunst. Mit fieberhafter Hast, als müsse er vor einer untergehenden Welt fliehen und sich in eine neue retten, eilte er weiter. Ueberall in den Häusern brennen Lichter und ist die Familie beisammen, bald soll es auch in deinem Hause licht und warm sein. Er ging an seinem Hause vorüber nach dem Pfarrhause, dort brannte noch Licht. Er klingelte und wurde eingeladen. »Was verschafft mir noch so spät die Ehre?« fragte der Pfarrer. Reinhard erklärte, daß er sich mit Malva wolle trauen lassen und zwar morgen am Sonntag. »Ist unmöglich, dreimaliges Aufgebot muß sein; allerdings zwei können abgelöst werden, aber eine Woche vorher ist unerläßlich.« Reinhard war bereit, die Ablösungssumme zu bezahlen. Da sagte der Geistliche: »Sie müssen auch noch Dispens wegen des Trauerjahres haben.« Da Reinhard ohne zu erwidern dreinstarrte, fuhr der Geistliche fort: »Es sind ja kaum fünf Monate, seit Ihre Frau gestorben ist.« Es war, als ob ein Schuß Reinhard in die Brust gedrungen war, so zuckte er zusammen. Er faßte sich aber und sagte: »Hochwürdiger Herr! Sie können mir glauben. daß ich in meiner Natur in einer Stunde den Verlauf ganzer Jahre erlebe.« »Das glaube ich, aber das Gesetz kennt das nicht. Indes können wir auch da helfen.« Reinhard erklärte sich bereit, eine namhafte Summe für den zweiten Dispens zu bezahlen, und als er dankend davonging, sagte ihm der Pfarrer, es genüge, wenn Wendelin morgen vor der Kirche im Namen seiner Tochter die Meldung mache. Reinhard ging nach dem Hause Wendelins. Er fühlte sich stark und frisch in der Empfindung der neuen Liebe. »Ich soll nicht in einer liebeleeren Welt sterben,« sagte er vor sich hin. Im Hause Wendelins schlief schon alles; er weckte Vater und Tochter und erklärte ihnen das Vorbereitete; er sei entschlossen, nun nicht auswärts sich trauen zu lassen, sondern im Dorfe. »Das ist mir auch lieber, aber so schnell!« sagte Malva, »und ich habe noch kein Brautkleid.« »Ich habe es bestellt, es kommt.« Reinhard händigte Wendelin eine Abschrift seines Testamentes ein, eine zweite sollte versiegelt im Gemeindehause aufbewahrt werden. Wendelin sagte Malva, sie solle es vorlesen, er sei mit Geschriebenem nicht sehr bewandert. Malva sagte, das könne sie nicht und Reinhard beruhigte den Alten, indem er ihm die Hauptsachen mündlich mitteilte. Von Wendelin geleitet, ging Reinhard heim. Vierzigstes Kapitel. Harte Wirkung. Beim Ausgang der Kirche am Sonntagmorgen war lärmendes Durcheinander, wie es vor wenigen Jahren, als man den Einfall der Franzosen fürchtete, nicht stärker gewesen war. »Hast gesehen? Wie der Baumwirt das Aufgebot gehört hat, ist er davon gerannt, wie wenn ihn die Sohlen brennten.« »Er wird Einspruch erheben.« »Er kann nichts machen.« »Der Herr Reinhard sieht totenbleich aus.« »Ja, wie der geköpfte heilige Johannes auf der Schüssel.« »Das gibt bald wieder eine vornehme Witwe.« »Und eine reiche.« »Die Rothaarige ist gescheit und der Wendelin –« »Still! Sie kommen!« So hieß es in der Männergruppe hin und her, jetzt ging sie auseinander, Reinhard und Malva kamen Hand in Hand. »Glück und Segen!« wurde von seiten der Männer den Vorübergehenden zugerufen; in den Frauengruppen ging es siebenstimmig durcheinander. »Ach, das gute Lorle weint jetzt im Himmel,« rief eine kleine Frau und half der himmlischen weinen. »Ich mein', das Grab da drüben muß sich aufthun.« »Die Rothaarige hat's fein gemacht, daß er sie heiraten muß.« »Keiner ist leichter zu verführen als ein Witwer in Trauer,« sagte eine uralte Frau und wackelte mit dem greisen Kopfe. Es entstand großes Gelächter, sie aber fuhr fort: »Die Witmänner heiraten bald wieder oder gar nicht mehr, bei den Witweibern ist's anders.« Das Tänzerle aber sagte und seine Eidechsenäuglein flimmerten: »Recht hat der Herr Reinhard, man muß lustig leben, solang man lebt.« Eine große, kropfige Frau prophezeite mit starker Stimme, das gäbe ein Unglück, das könne nicht gut ausgehen, das sei ja himmelschreiend. Diese Prophezeiung bewirkte einen Umschlag der Stimmung. Malva hatte doch wieder so viele gute Freunde im Dorf, daß die Prophetin weidlich ausgeschimpft wurde. Schimpfen und Losziehen wollte man – das ist in der Ordnung und dazu hat man ein Recht – aber Unglück prophezeihen, das gilt nicht. Die Männer waren sehr eilig beim Mittagstisch, sie wollten allesamt bald hinaus zum Baumwirt, um ihn schimpfen zu hören und sich an seinem Ingrimm zu ergötzen, denn er hatte eigentlich keinen guten Freund im Dorf und man gönnte ihm den Schabernack. Sie täuschten sich aber alle. Der Baumwirt war nicht zu Hause. Er hatte kaum einen Bissen gegessen, um so mehr aber mit seiner Frau gescholten, die es auch nicht recht fand, daß Reinhard ihnen nichts gesagt; sie machte ihm aber wegen der Heirat keinen Vorwurf und lobte sogar Malva. Mit raschem Entschluß eilte Stephan zu seinem Schwiegervater nach der Hohlenmühle. Unterwegs begegnete er dem Waldhüter. »Du bist grad der Rechte, den ich treffen will.« »Ich?« »Ja du. Warst du in der Kirche? Ja? Und du gehst in den Wald? Deine Flinte solltest du anders wohin richten. Pfui. Eure Lieder vom mutigen Jägerburschen sind alle lauter Lug und Trug. Ja, singen könnt ihr von dem Jägerburschen, der das ungetreue Mädchen mit samt seinem Verführer erschossen hat. Aber ausführen? Krach! Da liegt ihr? Pfui, schäm dich.« »Herr Wirt! Was saget Ihr da? Wenn ich das melde?« »Melde dich beim Teufel und seiner Großmutter,« schloß Stephan. Schweißtriefend und zornglühend eilte er weiter. Der einfältige Waldhüter wird doch nicht wirklich Anzeige machen? Pah! Mit einer Leberwurst stopft man dem das Maul und mit einem Schoppen macht man ihn reden, was man will. Er rannte weiter und kam in atemloser Hast bei seinem Schwiegervater an. »Was ist?« fragte der Alte. »Du siehst drein, wie wenn jemand gestorben wär'?« »Aerger als gestorben. Der Reinhard . . .« »Was ist mit dem Reinhard?« »Schwäher! Ihr seid der einzige, der's ihm wehren kann. Auf Euch allein hört er. Lasset ihn kommen. Er darf das nicht thun. Er darf uns die Schand nicht anthun und uns um alles bringen. Die Tote im Himmel hat Euch gern gehabt, wie einen Vater. Ihr seid der Vater, Ihr müßt Einspruch thun.« »Ja was ist denn? Ich verstehe dich kein Wort.« »Ja so. Ich komm' aus der Kirch, der Reinhard hat sich aufbieten lassen mit des Wendelins Malva, einmal für allemal, und nächster Tage soll die Hochzeit sein.« »Hast du einen Rausch? Ein Trinker bist auch? Am hellen Sonntagsmorgen?« »Schwäher, ich hab' nicht getrunken.« »Ja, wie kann denn der Reinhard heiraten wollen und hat doch eine Frau? Da muß das Lorle drein reden.« »Jetzt kann man's Euch nicht mehr verhehlen. Ihr allein könnt da helfen. Das Lorle ist schon lang tot und begraben. Man hat's Euch nur verhehlt, aber jetzt geht's nicht mehr.« »Was? Das Lorle tot? Und du und die Vroni und alle und er selber da, ihr habt mir immer Grüße von ihr ausgerichtet und mir mein Herz ausgestohlen. So . . . so betrügt man einen alten Mann, weil er nicht mehr vom Fleck kann?« Er weinte bitterlich und sich gewaltsam aufrichtend rief er: »Verfluchter Lugenbeutel. Herr! O Herr! Lorle! Kinder!« Er sank auf den Boden. Der Wirt schrie, alles kam herbei. Es war zu spät. Der Hohlmüller war tot . . . In den Wirtsgarten kam ein Bote, Vroni solle schnell zu ihrem Vater kommen, er läge im Sterben. Vroni eilte davon. Der Bote sagte aber den Gästen, daß der Hohlmüller bereits tot sei. Sie tranken rasch aus, auf der Kegelhahn wurden die Einsätze geteilt. Leer und still war's. Einundvierzigstes Kapitel. Ueberstürzt. Als Reinhard mit seiner Braut und deren Vater, geleitet vom Ohm Bahnwärter und seiner Frau und vielen andern Anverwandten aus der weitverzweigten Familie in sein Haus kam, war ein Extrabote mit einer Kiste da. Der Geleitbrief trug das Siegel des Hofmarschallamtes. Reinhard las und erblaßte. Die Direktion der Galerie schickte im besonderen Auftrage des Fürsten ihm das in seine Verfügung gestellte Bild der Madonna. Reinhard ließ das Bild in die große Stube mit dem Söller bringen und bat die Angehörigen, ihn allein zu lassen und in den andern Zimmern auf ihn zu warten. Die Frauen, die bei Malva waren, bewunderten die schönen Kleider, die Reinhard bestellt hatte und das Tänzerle ließ nicht ab, Malva mußte ein seidenes anprobieren. Tänzerle half dabei wie eine kleine Hexe, und als Malva nun ihr Haar auflöste, daß es in reichen Strähnen herabfloß, rühmten alle: »Du siehst aus wie die Prinzessin im Märchen.« Unterdes hatte Reinhard Stemmeisen und Hammer geholt und schlug die Kiste auf; er erbebte von den Schlägen, als öffne er einen Sarg. Der Deckel hob sich. Da war's. Das ist das Bild Lorles als Madonna. Er sank in die Kniee. »O Lorle!« rief er und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen, und dicke Thränen quollen zwischen den Fingern heraus. Er ermannte sich und leise vor sich hin sprach er: »Du hattest recht: So kann ich nicht mehr malen. Dies Grün so saftig, dies Rot so leuchtend und o, dieses Auge so kindlich froh und warm. Dies da ist falsch, kindisch, aber diese Innigkeit, dieser Mut. O Lorle, das konnte ich, als meine Seele noch dein, noch rein war; das konnte ich nur durch dich, das bin ich nicht mehr. O Lorle. Damals als ich dich malte, sagtest du: Ich bin gestorben gewesen und allein . . .« Es flimmerte ihm vor den Augen, die Gestalt bekam rotleuchtende Haare, das Gesicht verwandelte sich. »Malva! Malva!« schrie er. Malva trat ein. »Um Gottes willen, was ist? Du siehst ja aus . . . Was siehst du mich so an? Um Gottes willen, Vater, kommet!« Reinhard erwachte aus seinem Starrblick und bat, den Vater nicht zu rufen. »Schön! Ja, du bist schön!« »Aber so zeig' ich mich nur dir,« entgegnete Malva. Er sah sie abermals starr an und als sich sein Blick nach dem Bilde wendete, zuckten seine Wimpern. Aus gepreßter Brust sagte er: »Ich danke, danke. Aber bitte, laß mich jetzt wieder allein.« »Nein, laß mich bei dir sein,« bat Malva und legte ihre Hand auf seine Schulter. Er zuckte zusammen. »Halt dich tapfer. Du mußt dich nicht unnötig quälen.« Sie betrachtete das Bild und fragte: »Sag, hat die Frau je so ausgesehen?« »Ja. Ich glaub's. Ich, ich hab' sie so gesehen. Aber bitte, laß mich jetzt noch eine Minute allein. Du nimmst's doch nicht übel?« »Von Uebelnehmen weiß ich nichts. Ich geh' schon, ruf mich oder komm bald nach.« Reinhard war wieder allein. Da hörte er die Totenglocke läuten. Die große Thür nach dem Söller stand offen, und es tönte, als oh die Glocke in der Stube selber läutete. Reinhard ging auf den Söller, er legte die Hand auf das Geländer, aber er zog sie rasch zurück, denn das morsche Gebälk schwankte; er wollte Vorübergehende fragen, wer gestorben sei, aber er kehrte schnell um und ging zu den Seinen und fragte, wer gestorben sei. »Der Hohlmüller« wurde ihm geantwortet. Wankenden Schrittes ging er wieder zu dem Bilde. Die Menschen alle, selbst Malva, erschienen ihm wie Schatten, wie Gespenster. Was kommt polternd die Treppe herauf? »Ich muß zu ihm,« rief Stephan, »er hat mit seiner zweiten Heirat meinen Schwiegervater getötet!« Die Thür wurde aufgerissen und der Schwager drang ein, hinter ihm Malva und Wendelin. Stephan stand starr, den Blick auf das Bild gerichtet und rief: »Was? Das hast du . . . Wie kannst du dein Auge auf diese da richten?« »Du,« wendete er sich zu dem Bilde, »thu deinen Mund auf! An deinem Hochzeitstage hat er sich mit der da verlobt.« Reinhard erbebte und Stephan fuhr fort: »Aber ich will ruhig sein. Nur stet, hat mein Vater gesagt; ich will gut mit dir reden. Zum letztenmal. Weißt du, was du thust, daß du aus unsrer Familie in so eine hinein heiraten willst? Wer das Lorle zur Frau gehabt hat, wie kann der eine solche zur Frau nehmen –« »Ich verlange von dir nichts als Ruhe. Wendelin, ich danke, ich brauche keine Hilfe. Das ist mein Haus und ich gebrauche mein Hausrecht.« »Was? Dein Haus? Jeder Balken, jeder Stein schreit: Hinaus mit dem meineidigen Maler und seiner rothaarigen –« »Lorle! Lorle!« tönte es plötzlich wie aus der Unterwelt, wie von einem Ungeheuer. Fabian war mit seinem Vater gekommen und als er das Bild sah, auf dessen Rahmen Reinhard die Hand gelegt hatte, schrie er fortwährend den Namen. Alles wendete sich zu Fabian, den der Vater zu beruhigen suchte, dann trat Stephan nochmals schäumend vor Wut auf Reinhard zu und schrie: »Das Bild da ist nicht sein, er darf es nicht haben.« Er legte die Hand auf das Bild. Reinhard riß ihn davon weg, aber der Wirt faßte es wieder und rief auf den Söller eilend: »Lieber werfe ich es auf die Straße.« Reinhard rang mit ihm, es gelang ihm, das Bild zu erfassen, aber Fabian krallte sich an Reinhard, wie eine Katze, Reinhard suchte den Blödsinnigen abzuwehren und sich umbiegend, wurde er an das Gewölbe des Söllers gedrängt, das Geländer krachte, Reinhard stürzte vom Söller auf die Straße, das Bild fiel nicht weit von ihm auf das Angesicht. Alle eilten auf die Straße. Man hob Reinhard auf, er atmete kaum; man trug ihn in das Haus. Malva trug das Bild Lorles, der goldene Rahmen war zerschmettert. das Bild war unversehrt. Zweiundvierzigstes Kapitel. Ich danke dir, Lorle. Alle Dorfbewohner sammelten sich vor dem Hause. Ein großer Kreis umstand den Nachbar Schmied, der den Sturz mit angesehen hatte. Man betrachtete die Stelle, wo Reinhard gestürzt war, wo das Bild gelegen hatte; man stritt darüber, ob er auf den Kopf oder auf den Rücken gefallen sei. Die Männer lärmten, die Frauen klagten. Der Ohm Bahnwärter kam herab und sagte, Reinhard lebe noch, er habe die Augen aufgeschlagen, aber die Sprache versage ihm noch. Er ging rasch davon, um nach dem Geheiße Malvas ein Telegramm an den Kollaborator aufzugeben, damit er sofort komme. Jeder erbot sich zu helfen, und nach verschiedenen Seiten wanderten Eilboten, um einen Arzt herbeizurufen. Bärbel-Martin, der Dorfschütz, wendete seine ganze Amtsgewalt auf, um die Leute zum Auseinandergehen zu bewegen, denn der Kranke müsse Ruhe haben. Auf den Baumwirt schimpfend und den Fabian verwünschend, gingen sie endlich davon. Beim Spritzenhaus sammelte man sich wieder und dort hieß es, daß Stephan vor das Schwurgericht müsse, aber er werde alles auf den Trottl schieben. Während man noch darüber sprach, ob Malva etwas erben werde, kam ein Knecht aus der Hohlmühle herzu und berichtete, daß Stephan durch seine Mitteilung seinem Schwäher einen Schlaganfall zugezogen habe. Nun brannte das Feuer wieder neu. Die einen sagten, man dürfe Stephan nicht mehr ins Haus lassen, andre dagegen wollten gerade heute ihn aufsuchen, um zu sehen, wie er sich verhalte. Während man noch sprach, hörte man Musik, die aus der Eisenbahn thalauf kam. Alles eilte nach dem Bahnhof, heute war Gauversammlung der Feuerwehren in der Kreisstadt. Der Zug hielt an, die Musik spielte weiter, aber Martin ging an den Wagen auf und ab und schrie mit mächtiger Stimme: »Wenn ein Doktor auf dem Zug ist, soll er aussteigen. Ein Mann ist in Todesgefahr. Und es wird gut bezahl,« setzte er auf Geheiß des Stationsmeisters hinzu. Die fremden Reisenden starrten den Rufer an und die Feuerwehrleute fragten teilnehmend nach dem Vorfall, aber es war kein Arzt da. Dagegen stieg Ulrich, der Sänger, aus, er konnte kaum zu Wort kommen, denn der Jagdhund, den er beim Vater gelassen, sprang an ihm empor. Als der Sänger gehört hatte, was geschehen war, legte er Jagdtasche und Flinte ab und eilte ins Dorf. Der Zug rollte davon und lustige Musik erscholl wiederum. Der Sänger bewährte seine Kriegserfahrungen; er schnitt Reinhard sofort die Haare ab, legte ihm kaltes Wasser auf den Kopf und schickte nach der Kreisstadt, Eis zu holen. »Sei ruhig, Malva,« tröstete er, »noch kann alles gut werden, die Pulslosigkeit hat aufgehört, der Puls geht wieder, freilich schwach. Aber nur kein Weibergeschrei! Nimm dich zusammen.« »Kannst dich drauf verlassen. Ich danke dir,« entgegnete Malva. »Kann ich denn gar nichts thun?« »Nein. Nur Ruhe halten. Das Wasser ist nicht kalt genug. Hol von dem aus dem Garten.« Malva ging, holte Wasser aus dem Brunnen, den Lorle hatte graben lassen. Als sie wiederkam, war der Arzt aus der Kreisstadt da. Er gab ausweichenden Bescheid. Wendelin fragte, ob man nicht dem Kranken zur Ader lassen solle, aber der Arzt erklärte, daß man dies frühestens den andern Tag thun dürfe. Stunden gingen vorüber, der Kranke erwachte, verfiel aber bald wieder in Ohnmacht. Heute zum erstenmal hielt der Eilzug am Dorfe. Der Kollaborator kam und mit ihm der Arzt, der zur Gesellschaft der Erforschungsreise gehörte; sie brachten Eis mit und als man es auflegte, schien der Kranke beruhigter, er öffnete die Augen und nickte, er schien den Freund und Malva zu erkennen. Malva saß am Bette Reinhards, sie weinte nicht, aber ihr Antlitz war totenbleich, sie hielt die Hand Reinhards und unter dem hellen Verlobungsring klopften Pulse, als hämmerten sie gegen den Ring. »Also ihr seid verlobt?« fragte der Kollaborator leise. Malva nickte und nach einer Weile sagte sie: »Da, just auf dieser Stelle habe ich die Selige gepflegt. Herr Reihenmeyer,« fuhr sie stockend fort, »ich hab' eine Bitte.« Sie wartete, daß er frage, welche Bitte sie habe; als er aber stumm und regungslos blieb, fuhr sie fort: »Wir zwei sind die einzigen Menschen, die er auf der Welt hat. Herr Reihenmeyer, wenn ich Euch was Leids angethan hab', oder wenn Ihr sonst was gegen mich gehabt, ich bitte mit aufgehobenen Händen, laßt es aus und vorbei sein. Seine zwei einzigen Menschen sollen nicht da in Unfriede an seinem Krankenbett, vielleicht Totenbett, sein. Ich bitt', und ich glaub' er wird eher gesund, wenn wir gut sind.« Mit wechselndem Ausdruck in den Mienen betrachtete der Kollaborator die so leise und sanft Redende. »Ich habe dir nichts zu verzeihen,« sagte er endlich, »oder wir haben alle einander zu verzeihen.« »Seht, wie er im Schlaf lacht,« hauchte Malva leise, »ich glaub', er spürt die Worte aus Eurem guten Herzen. Und wenn er wieder gesund wird, da sollet Ihr sehen, was ich –« »Jetzt genug, still!« Reinhard murmelte zuerst Unverständliches, dann sprach er italienisch, kurze Worte »Bacchantin und Holbein« verstand man ganz deutlich. »Adalbert! Das Meer! Der Wellentod!« rief er, bäumte sich empor und sank wieder zurück und schlief, bis der Tag erwachte. Da hörte man Sensendengeln in der Nähe. Hellauf lachend rief Reinhard: »Der Tod dengelt die Sense. Hast recht, Bruder.« Reihenmeyer schickte den Ohm Bahnwärter zu dem Nachbar mit der Bitte, daß das Sensendengeln eingestellt würde. Bald war alles still rings umher. Die Sonne stieg höher, Reinhard erwachte zum Bewußtsein und fragte: »Wo bin ich?« Er war glücklich, Reihenmeyer zu sehen, aber er streckte nicht ihm, sondern Malva die Hand entgegen, dann erst erzählte er dem Freunde, wie es ihm geworden, da er das Bild wiedersah, er schien zu glauben, daß er davon in Ohnmacht gesunken sei. Erst allmählich besann er sich auf die Rauferei mit dem Schwager. »Damals,« sagte er, »als ich zum erstenmal an seinem Tisch saß und hörte, wie er die Knochen des Brathuhns zermalmte und wie er sprach, damals fühlte ich's, es ist nicht gut, mit diesem Menschen Feind sein.« Er fragte, wo das Bild sei und ob es unverletzt. Auf die beruhigende Antwort bat er, daß man ihm das Bild vor das Bett stelle. Der Arzt gestattete es. Reinhard starrte lange auf das Bild, ein wehmütiges Lächeln zog über sein Antlitz. »Wer kommt? Wer ist da?« rief er wie erwachend, da Schritte vernommen wurden. Man sagte ihm, daß der Amtsrichter da sei, um den Thatbestand festzustellen. Reinhard hieß ihn eintreten und erzählte, daß nicht der Schwager, sondern der unzurechnungsfähige Fabian und das morsche Geländer an seinem Sturze schuld seien. Der Freund und die Braut waren wieder getrosten Mutes, der Arzt aber blieb noch bedenklich; er wollte in dem vollen Puls, in der Röte des Gesichts keine Hoffnung erkennen. Am Morgen wagte der Arzt einen Aderlaß und Reinhard verfiel in ruhigen Schlaf. Da ertönten alle Glocken. Der Hohlmüller wurde begraben. Reinhard richtete sich krampfhaft empor und starrte auf das Bild. Malva eilte herzu, faßte ihn in die Kissen und reichte ihm eine Kühlung. »Ich danke dir, Lorle,« rief er zu dem Bilde, und mit einem tiefen Seufzer, der aber nicht schmerzlich klang, sondern wie im Ausruhen nach langer Ermüdung, streckte er sich und hauchte seinen letzten Atem aus. Dreiundvierzigstes Kapitel. Die Schwalben ziehen fort. Lautlos war's im Hause zur Linde, als hätte der auf ewig verstummte Mund Reinhards jede Lippe verschlossen. Malva lag auf dem Boden, nur das Zittern ihres Körpers zeigte, daß noch Leben in ihr. Der Kollaborator stand starren Blickes, er preßte den Mund zusammen, und auf einen Stuhl niedersinkend bedeckte er die Augen mit beiden Händen. Wendelin verließ das Zimmer, man hörte seinen Schritt nicht. Der Sänger und der fremde Arzt kamen nach einer Weile. Sie waren zur Reise gerüstet, der Arzt sagte kaum hörbar, daß er zur Hauptstadt zurückkehre, der Sänger fügte hinzu, daß er zum Begräbnis wiederkehre; es lag ein schmerzlicher Ausdruck in seinem Gesichte, da er hinzufügte, er müsse morgen abend singen, werde aber, da er im letzten Akte nicht mehr beschäftigt sei, noch in der Nacht hierher reisen. Malva erhob sich und fragte, ob Reinhard nicht Verwandte habe, denen man es anzeigen müsse. Der Kollaborator bat, daß sie alle mit ihm in die Nebenstube gehen sollten, Malva folgte zögernd, und zurückgewendet sagte sie: »O du Guter, ich muß dich allein lassen.« In der andern Stube erklärte der Kollaborator, daß Reinhard schon in der ersten Kindheit verwaist war, und daß alle seine Verwandten nach Amerika ausgewandert seien. Mit gefaßter Stimme gab er dem Sänger und dem Arzt verschiedene Aufträge, und als diese fortgegangen waren, sagte er zu Malva: »Sei getrost. Du hast ihm seine letzten Lebenstage neu belebt, und wenn wir's recht überlegen, so ist ihm geworden, was er eigentlich wünschte; er war ja nur gekommen, um neben seiner Frau begraben zu werden. In dir liegen die Kräfte zu Edlem und Tüchtigem. Ich hoffe, du wirst sie zu gebrauchen verstehen. Wenn ich wiederkomme, soll es mein erstes sein, nach dir zu schauen.« Malva hatte die heiße Stirn an die Fensterscheibe gedrückt und schaute hinaus. Da stehen noch die Bäume, wie früher, da scheint noch die Sonne, die Schwalben ziehen in Scharen hell zwitschernd durch die Luft, und sitzen dann gedrängt auf der Dachfirste des Nachbarhauses; sie sammeln sich und rüsten sich zum Fluge übers Meer, dabei sind wohl auch jene, die damals beim Brautkusse den ersten Flug unternommen hatten. »Die Schwalben ziehen fort,« sagte Malva leise vor sich hin, und plötzlich sich umwendend, sagte sie: »O, Herr Reihenmeyer, wenn ich nur auch fort könnte. Ich weiß nicht wohin. Ich will nichts von all den Sachen da. Aber ich möchte mit dem sein, der ihm der liebste war auf der ganzen Welt, und möcht' alle Tage von ihm reden können. Sind auf Eurem Schiff denn nicht auch Mägde? Könnt Ihr mich nicht auch mitnehmen?« »Nein, wir sind nur Männer. Halte dich still und gut hier. Du trägst eine Ehrenkrone.« »Aber ich vergehe vor Jammer.« »Du wirst dich aufrichten lernen.« Vroni kam, sie umhalste Malva weinend und sagte, sie solle an ihr einen Beistand haben, sie könne sich ja getrösten, daß sie den beiden – sie nannte die Namen Lorle und Reinhard nicht – nur Gutes gethan. »Wie trägt es Stephan?« fragte der Kollaborator. »Er hat doppelt schwer zu tragen. Mein Vater und der Herr Reinhard. Aber er ist an beiden eigentlich unschuldig und unser armes Kind versteht ja gar nichts von allem.« Gemeinderat: und Gerichtsbote kamen, sie wollten alles versiegeln, aber Wendelin legte das Testament vor, und Malva weinte laut, als sie hörte, daß außer dem Vermächtnis für Reihenmeyer und Fabian ihr alles vererbt war. »Es ist eine Kiste angekommen,« sagte der eintretende Ohm Bahnwärter. »Der selige Herr Reinhard hat mir gesagt, ich soll immer alles aufmachen. Es sind noch mehr Kleider für dich drin und ein Brautkranz. Schau,« unterbrach er sich, »da sitzt der Fabian auf dem Nußbaum und stiehlt Nüsse.« Die Männer eilten ans Fenster und sahen, wie schwer es dem Ohm gelang, den fletschenden Trottl herab zu bringen. Während noch der Gemeinderat da war, kam Stephan und sagte: »Ich trete vor den Toten hin und schwöre, ich hab' ihm kein Leid anthun wollen. Ich bin freilich wild gewesen und das Unglück ist ja leider von dem armen Kind geschehen.« Niemand antwortete ihm, bis endlich der Gemeindeschreiber ihm das Vermächtnis für Fabian verkündete. Vroni bat, daß man sie mit Malva allein lasse. Alle gingen fort, nur Reihenmeyer und Wendelin blieben in der Nebenstube. Es ward Nacht und ward wieder Tag. Malva stand wieder am Fenster. Da sind noch die Häuser, da sind noch die Bäume, und die Sonne scheint so hell, aber in der Luft regt sich nichts, die Schwalben sind in der Nacht fortgezogen. »Die Schwalben sind fort,« sagte Malva. Niemand achtete darauf. Reihenmeyer hatte das Album vor sich, das ihm Reinhard vererbt hatte. Es war ein Tagebuch seines Lebens mit Lorle. Besonders lustig waren die Zeichnungen von der damaligen gemeinsamen Wanderung mit dem Freunde bergaus und bergein. Auf dem letzten Bilde stand geschrieben: »An meinem Grabe,« und darunter das Datum von Reinhards letzter Ankunft im Dorfe. Die Blumen, die im Garten erblüht waren, bedeckten den Sarg Reinhards. Die Baronin Arven, die Tochter der Gräfin Felseneck, hatte einen Lorbeerkranz geschickt, der Künstlerverein aus der Hauptstadt einen Tannenkranz. Die Glocken läuteten, vor dem Hause stand die ganze Bewohnerschaft: des Dorfes. »Malva, ich sage dir jetzt lebewohl,« sagte Reihenmeyer mit heiserer Stimme, »ich muß vom Kirchhof aus fort. Halte dich tapfer und unsres Freundes würdig.« Neben Lorle wurde Reinhard begraben. Als Reihenmeyer die erste Scholle auf den Sarg warf, küßte er die Scholle, und seine Thränen fielen darauf. Vom Liederkranz begleitet sang der Sänger Ulrich mit bewegter Stimme: ». . . Schmückte dich am Tiberstrande Reichen Lorbeers Ruhmesglanz, Krönt dich nun im Heimatlande Unsrer Tannen schlichter Kranz.« Nelken und Rosmarin blühen auf dem Grabe von Lorle und Reinhard. Nach dreißig Jahren. II. Der Tolpatsch aus Amerika. Erstes Kapitel. Station Horb! rief der Schaffner. Ein schwarzgekleideter junger Mann von derber, stämmiger Gestalt stieg aus, er stieß den breiten Hut zurück, so daß er ihm im Nacken saß; das trotzig dreinschauende Gesicht mit der mächtigen Stirn und den starken Backenknochen war frisch rasiert und hatte nur einen herzförmigen, kurz gehaltenen Kinnbart. Um den Hals, der kräftig und sonnverbrannt war, hatte er mit einem Knoten, darauf ein Diamant glitzerte, ein ziegelrotes Halstuch geschlungen. Jetzt that er den Hut ab, der fast so breit war, wie ein mäßiges Wagenrad, und wie er den Kopf zurückwarf und sich mit gespreizten Beinen hinstellte, schien es, als früge er in die Welt hinein, ob jemand mit ihm anbinden wolle. Seine derbe Hand, an der er einen großen Ring trug, spielte mit dem Behäng einer schweren goldenen Uhrkette, das aus Winkelmaß, Hammer und Kelle von Gold bestand. Die blauen Augen, deren gutmütiger Ausdruck mit der rauflustigen Erscheinung im Widerspruch war, wendete er hin und her. Ein wohlverschnürter Koffer wurde ausgeladen, der Schaffner fragte: »Gehört das Ihnen?« » Well! « antwortete der Fremde; »werde ihn holen lassen.« Ohne ein weiteres Wort wendete er sich und ging nach der Stadt zu. Auf der Neckarbrücke hielt er an, schaute hinab in den Strom, darin just weiße Enten schwammen, und ein seltsames Lächeln ging über sein breites Gesicht, da er vor sich hin sagte: »Vater! hab' mir's größer gedacht. Da drunten also liegt dein Glückskreuzer. Man könnt' ihn sehen, wenn er noch da wäre. Ich meine, die Wasser seien hier viel klarer als bei uns.« Nun wissen wir's also, es ist der Sohn des Aloys, genannt Tolpatsch. Der Vater war damals, von seinem Soldatendienste befreit, wegen seiner Liebe zu dem falschen Marannele, das den Jörgli geheiratet hatte, nach Amerika ausgewandert. Die Singweise des Liedes vom »schwarzbraunen Mädichen« vor sich hinpfeifend, kehrte der junge Mann um, überschritt die Schienen der Eisenbahn und ging den Berg hinan. »Grüß Gott! Wollet Ihr nicht einkehren?« rief die Wirtin, die auf der Vortreppe der Bahnhofrestauration stand. Der junge Mann wehrte stumm mit der Hand winkend ab und schritt weiter. »Das also ist die Ziegelhütte und das die Schlucht, wo damals die argen Raufhändel waren,« dachte er vor sich hin im Weiterschreiten, und als er die vielen in die Berghalde eingegrabenen Bierkeller sah, sagte er mit dem schweren Kopf nickend: »Für den Durst ist hier jedenfalls wohl vorgesorgt.« Der Tag war heiß, am Walde hielt der Wanderer an und schaute auf die Stadt, die so wunderlich am Berg hinangebaut ist, er schaute aber auch auf einen Rasenhügel am Wegrain. »Da also hat das Marannele damals gesessen, als der Vater von der Soldatenlotterie heimgekommen ist.« Knaben mit Schulränzchen kamen den Berg herauf, sie stutzten und ein kecker, sommersprossiger Bursch sagte, die Mütze abziehend: »Guten Tag, Herr Amerikaner.« »Woran erkennst du mich?« »Am Radhut.« »Wie heißest du?« »Julius.« »Wer ist dein Vater?« »Er ist gestorben.« »Wie hat er geheißen?« »Des Kobbels Frum« (Abraham). »Verwandt mit des langen Herzles Kobbel?« »Von dem weiß ich nichts.« Die Knaben gingen eine Strecke neben ihm weiter, und der Sommersprossige fragte: »Ihr seid wohl Zimmermann oder Maurer?« »Warum?« »Weil Ihr das Handwerkszeug von Gold an Eurer Uhrkette habt.« Jung Aloys gab weiter keine Antwort. Am Gemarkungspfahl, wo angeschrieben ist: Dorf Nordstetten – blieb er stehen und ließ die Knaben voraus ziehen. Ja! Da ist auch eine Station. Wie traurig ist der Vater damals gewesen, als er diesen Grenzpfahl zum letztenmal sah! Dafür hat er aber auch in Amerika ein Dorf gleichen Namens gegründet Von der Tanne, die unweit des Gemarkungspfahles steht, brach der Ankömmling einen Zweig mit frischem Jahresschosse ab. Horch! Welch ein Singen in der Luft! Nicht aus Baum, nicht aus Hecke, frei vom Himmel herab klingt es, und sieh, dort schwingt es sich, ein kleiner zitternder Punkt. Das ist die Lerche! Jung Aloys hörte zum erstenmal im Leben die Lerche. Er stand lange still, bis er weiterschritt. Auf der Hochebene hielt er an, und wie damals sein Vater von der Bildechinger Höhe aus das Dorf militärisch begrüßt hatte, so stand der Sohn nun still und betrachtete sich das Dorf, dessen Häuser so hell und freundlich aus den Baumgärten schimmerten. Im Acker am Wege sang eine Frauenstimme nur leise. Wie wär's, wenn ich auf das erste Mädchen zuträte und ihm sagte: »Willst du mich heiraten? Ich bin gesund und kann eine Frau ernähren.« Er setzte den Fuß über den Weggraben und wollte nach dem erhöhten Felde gehen, aber er zog den Fuß wieder zurück, nicht aus Furcht vor dem großen Hunde, der am Rande des hohen Feldrains erschien und bellte, sondern er wartete auf die Erscheinung der Frau, die laut rief: »Ruhig, kusch! hier her, Tolpatsch!« Hat er wirklich den Ruf Tolpatsch gehört, oder liegt ihm das nur im Sinn? Denn vor der Abreise hat ihm der Großvater, Mathes vom Berg, heimlich vertraut, Vater Aloys habe im Dorf den Unnamen Tolpatsch gehabt; er sei freilich nicht schön, aber auch nicht so schlimm gemeint. Es kam niemand, und Jung Aloys ging weiter. Da drüben ist das Schießmauernfeld, wo der Vater einen Acker gehabt hat und da auf der Hochbux liegen Bauhölzer, wie zu Vaters Zeiten. Damals arbeitete der Vater Ivos hier. Verwundert las Jung Aloys am Eingang des Dorfes auf dem Pfahle den Namen, die Amtsstadt, den Kreis und den Landwehrbezirk. Dies ganze Deutschland ist doch in den Soldatendienst gestellt. Zweites Kapitel. »Es kommt ein Amerikaner! Es kommt ein Amerikaner!« riefen durch die Dorfgassen die Knaben, die aus der Realschule des Städtchens heimkehrten. Ein Amerikaner war just nichts Neues mehr, aber jedes fragte doch, wer es sei; denn es ist kaum jemand im Dorfe, der nicht Verwandte in der Neuen Welt hat. Die Knaben wußten indes nicht weiter Auskunft zu geben, nicht einmal, ob der Fremde ein Christ oder ein Jude sei. Und der Fremde kam lange nicht ins innere Dorf, denn er hielt schon am dritten Hause an, dort bei der unteren Stube neben des Maurers Mendles Haus. Er klopfte, niemand antwortete. Aus des Landolins Haus gegenüber steckte ein Alter seinen schneeweißen Kopf heraus und rief: »Zu wem wollt Ihr?« »Ich hab' nur fragen wollen, wer da wohnt. Ich will zu niemand.« »Der wohnt just da! Da wohnt der Niemand,« rief der Alte und lachte so übermäßig, daß ihm fast der Mund offen blieb. »Hat da nicht des Bartels Basches Witfrau, die Mutter von Aloys Schorer, gewohnt?« »Freilich! Aber das ist schon lang her. Aber wartet! Ich komm' hinab.« Der Alte kam auf die Straße und fragte: »Woher seid Ihr?« »Von Nordstetten, aber nicht von hier.« »Wenn Ihr einen zum Narren haben wollet, so schaffet Euch einen Euresgleichen an – ich mein' so jung.« »Ich will Euch nicht zum Narren haben. Ich bin aus Nordstetten in Amerika und bin der Sohn von des Bartels Basches Aloys.« »Was? Der Sohn vom Tolpatsch? Potzheideblitz! Was man nicht alles erlebt? Ist der Vater auch mit?« »Nein, er ist daheim geblieben.« »So sag' ich grüß Gott. Ja, ja, das Amerika kommt zu uns. Früher hat man gemeint, es geht nur ein Weg von hier nach Amerika, jetzt geht aber auch einer von Amerika hierher. Ihr seid wohl wegen der Erbschaft von Eures Großvaters Schwester in Seebronn gekommen?« »Ihr saget's.« »Wer hätt' das geglaubt, daß da einmal was zu erben wär'! Im dritten Geschlecht bin ich auch verwandt mit Eurer Mutter, oder auch im vierten, nämlich –« Und nun wurde ein Stammbaum aufgestellt, dem in seinen Verzweigungen schwer nachzuklettern war. Der Alte vermochte das selber nicht und schloß: »Wir sind halt verwandt. Kannst's glauben. Ich brauch' aber, gottlob! nichts davon.« Jung Aloys ging fürbaß; aber Umstehende mußten schon verkündet haben, wer er sei, denn aus den Häusern grüßte man, und hinter sich drein hörte er sagen: »Das ist der Sohn des Tolpatsch.« An des Zundelmanns Haus kam ihm eine alte Frau entgegen und rief schon von ferne laut weinend: »O meiner Mechthild ihr Sohn!« Als sie vor ihm stand, konnte sie vor Weinen und Schluchzen nicht reden. Der Ankömmling reichte die Hand und sprach beruhigende gute Worte. »Ich meine, ich höre deinen Vater,« rief die Muhme, »just so herzgetreu hat er auch gesprochen. Nimm mir's nicht übel, wie ich ausseh'; hätt' ich's gewußt, daß du kommst, ich hätt' mich gesonntagt und wär' dir entgegen gegangen. Gott sei tausendmal gedankt und gelobt, daß ich noch ein Lebendiges von meines Bruder Geschlecht sehe! – Nicht wahr, ich darf du zu dir sagen?« »Natürlich.« »Du bist der jüngste?« »Ja.« »Und noch ledig?« Jung Aloys konnte nicht darauf antworten, denn an des Schloßbauern Haus kam ein hagerer Mann, der eine Brille trug, in aufgestreiften Hemdärmeln und großer Schürze mit Brustlatz auf ihn zu und sagte: »Bin ein alter Kamerad vom Vater, bin mit ihm Soldat gewesen.« »Ihr seid der Schuhmacher Hirtz?« »Ja.« »An Euch hat mir der Vater besondere Grüße gegeben und hat mir gesagt, ich soll mir bei Euch in allen Dingen guten Rat holen.« »Ja, Schusterdraht und guten Rat kann man bei mir haben. Jetzt, da wohn' ich und bin immer daheim.« »Ich komme bald zu Euch.« »Ist recht,« sagte der Mann und ging eilig wieder in sein Haus zurück an seine Arbeit. »Das ist das Schloß,« sagte Jung Aloys, auf das Gebäude deutend; er wurde belehrt, daß die Gemeinde das Schloß angekauft und Rathaus und Schule daraus gemacht. Der Schultheiß schaute zum Fenster heraus und nickte. Jung Aloys ging sofort hinauf und legte seine Legitimation und Vollmacht vor. Er erhielt den Bescheid, daß es dessen kaum bedurft hätte, denn man glaube sich um dreißig Jahre zurückversetzt, so ähnlich sehe er seinem Vater, nur habe er den höheren Wuchs des Geschlechts derer vom Mathes vom Berg. »Du wärst ganz dein Vater,« sagte der Schultheiß, Jung Aloys am Kinn fassend, »wenn du nicht den Bocksbart da hättest.« »Und du bist ganz gut rasiert,« entgegnete Jung Aloys, dem Schultheiß sein glattes Kinn streichelnd. Der Schultheiß fuhr zurück. Das ist keck, daß der junge Mensch so schnell gefaßt ihm tatsächlich entgegnet; aber es ließ sich nichts dawider sagen und thun. Vor sich hinlächelnd ging Jung Aloys die Treppe herab. Wie wird der Vater sich freuen, wenn er ihm erzählt, daß er die hochmütige Zutraulichkeit gleich bar heimbezahlt hat. Sie mögen alle Tolpatsch sagen, sie sollen's merken, daß ein Amerikaner sich von niemand oben herab behandeln läßt. Auf der Straße wartete die Muhme, und viele hatten sich zu ihr gesellt. Einer der Schulknaben, denen er auf der Steige begegnet war, hatte einen Verwandten von des langen Herzles Kobbel gebracht. Jung Aloys konnte berichten, daß derselbe im Wohlstand sei und auch im neuen Nordstetten in Amerika wohne; er hatte ihm sogar Geld für arme Verwandte mitgegeben. Noch viele andere kamen und fragten nach ihren Angehörigen, die in ganz anderen Staaten wohnten. Jung Aloys wußte nicht Bescheid zu geben, aber alle geleiteten ihn weiter das Dorf hinein. »Wir haben ihn! Wir haben ihn!« wurde an das Schmidjörglis Haus gerufen. Aloys fragte, was das sei, und hörte, daß man einen zugeflogenen Bienenschwarm eingefangen habe. »Das ist ein gutes Zeichen,« bedeutete die Muhme, »o, das beste. Denk' nur, ein Bienenschwarm bei deinem Angang eingefangen. Gott Lob und Dank, Besseres hätt' man sich nicht wünschen können.« Aloys ließ sich diese Rede still gefallen. In der Alten Welt ist eben noch viel Aberglauben. »Wo willst du denn absteigen?« fragte die Muhme. »Bei dir.« »Ja, bei mir ist's armselig. So ein Herr, wie du, muß in der tapezierten Stube im Adler wohnen.« Die Muhme hatte vielleicht erwartet, daß Jung Aloys Einsprache thue, aber er sagte ganz einfach: »Ist recht.« Die Muhme fügte hinzu: »Und die junge Adlerwirtin ist auch von deines Vaters Seite verwandt mit dir, sie ist die Bruderstochter von deines Ohms Frau. Verstehst du?« »Nein.« Alles lachte. Erst mit Hilfe anderer wurde Aloys endlich klar, daß die Adlerwirtin die Tochter Ivos sei, und seines Vaters Bruder hatte ja eine Schwester Ivos zur Frau. Ja, das ist einmal so, wer sich nicht im Vetterles- und Bäsleswald zurechtfinden kann, der taugt nicht in unsere oberdeutsche Heimat. Ein junger Mann in verwahrloster Kleidung, den etwas zerdrückten Cylinderhut schief auf dem Kopfe, kam unsicheren Schrittet vom oberen Dorfe herab. »Da kommt der Ohlreit!« hieß es, und durcheinander wurde gerufen: »Ohlreit, jetzt kannst englisch schwätzen! Ohlreit, sprich englisch, da ist auch ein Amerikaner!« Der junge Mann kam auf Aloys zu und redete ihn mit heiserer Stimme in der That englisch an, Aloys erwiderte ablehnend in derselben Sprache und ging weiter. Der Angetrunkene schaute ihm, gläsernen Blickes vor sich hin murmelnd, nach. Jung Aloys wurde berichtet, daß dies des Schreiner Philipps Trudpert sei, der vor bald einem Jahre mit viel Geld heimgekommen war, aber nichts zu thun wisse, als zu prozessieren und sich täglich zu betrinken und ständig auf alle Welt zu schimpfen. Der Landbriefbote stellte sich Jung Aloys als Sohn des Soges vor und erhielt den Gepäckschein, um den Koffer von der Bahn hierher zu bringen. Beim Adler staunte alles, da Jung Aloys fragte, wo denn die Linde sei, bei der vor Zeiten immer große Holzbeugen aufgeschichtet waren. Nur ältere Leute wußten sich dessen noch zu erinnern. Der alte Tolpatsch hatte seinen Sohn offenbar gut unterrichtet. Vor allem aber hatte er ihm gesagt: Die Erbschaftsgeschichte ist ein guter Vorwand. Hol dir eine Frau aus unserer Heimat. Am liebsten wär's uns, du brächtest eine Tochter vom Ivo und der Emmerenz. Die Adlerwirtin war eine anmutende Erscheinung und Aloys hätte gern gefragt: Hast du noch eine ledige Schwester, die dir gleicht? Aber Jung Aloys war bedachtsam genug, nicht sofort seine Absichten kundzugeben. »Wo ist der Adlerwirt?« fragte er. »Er muß bald heimkommen, er ist auf dem Sulzer Markt. Wir brauchen eine frischmelkige Kuh.« In guter Manier, zu der die Adlerwirtin beifällig nickte, bat Jung Aloys die Muhme, ihn jetzt eine Weile allein zu lassen. Die Muhme sah verwundert drein, daß sie so ohne weiteres heimgeschickt wird, sie blieb indes dabei, sie wolle in der Wirtsstube warten, bis Aloys wieder herunter käme; aber sie mußte doch heimgehen, bevor er wiederkam, denn bei aller Herzlichkeit für das ganze Dorf und vorab für die Muhme, wollte er seine Ruhe und stilles Besinnen nicht dran geben. Wie wunderlich ist es doch in der Welt, so in ein Dorf zu kommen, wo in jedem vom ersten bis zum letzten Haus bei Nennung deines Namens sich Erinnerungen erwecken und jedes an deinem Leben teilhat. Wie viel hat der Vater aufgegeben, sich von allem dem loszureißen und allein oder doch nur mit wenigen Altvertrauten das Leben neu anzufangen. Der Stamm muß gesund sein, der, aus der Gemeinschaft des Waldes versetzt, zu neuem Gedeihen kommt. Drittes Kapitel. Es war noch Tag, als der Adlerwirt heimkam, denn die Eisenbahn hat das Gute, daß sie das Ausbleiben abkürzt. Der Landbriefbote hatte den auffällig schönen Koffer auf das Fuhrwerk geladen, das den Adlerwirt erwartet hatte, und so wußte dieser bereits von der Ankunft des Aloys und kam zu ihm auf sein Zimmer. Auch der Adlerwirt war von bekanntem Geschlechte, er war der Sohn des sogenannten Studentle, der indes schon seit Jahren verstorben war. Aloys richtete nun den Gruß vom Vater an den Sohn aus. »Unsere Väter sind gut Freund gewesen, wir wollen's auch sein,« sagte der Adlerwirt, und Aloys reichte zur Bestätigung nochmals die Hand, indem er sagte: »Ich trete hier nicht bloß das Erbe von der Base in Seebronn an, ich erbe lauter gute Freundschaft.« Der ist wie sein Vater, dachte der Adlerwirt und sein lauernder Blick nahm einen wohlwollenden Ausdruck an, indem er laut sagte. »Wenn du über jemand Kundschaft haben willst, frag nur mich; du wirst gut dabei fahren. Haben wir lang die Ehre von dir?« »Ich weiß noch nicht, wie lang ich bleibe. Mein Vater schickt mich auch zu deinem Schwiegervater, zum Ivo. Hat er noch Kinder im Haus?« »Freilich. Noch eine Tochter und einen Sohn, der ist aber nicht daheim, er wird Tierarzt.« Ueber das Gesicht von Jung Aloys ging etwas, dessen Sinn, wie er glaubte, niemand errate, aber der Adlerwirt erriet es doch. Denn drunten in der Stube sagte er seiner Frau: »Behalt im Sinn, was ich dir jetzt sag'. Du gefällst dem jungen Tolpatsch.« »Schäm' dich, was sind das für Reden!« »O, Hoffart! Es geht ja gar nicht auf dich. Der ist da – aber behalt's bei dir und sag's niemand – aber halt! Es ist besser, ich sag' dir's gar nicht.« »O du! Du hast getrunken und weißt nicht, was du schwatzst. Du hast gar nichts, du willst mich nur neugierig machen.« »Gut. Also ich sag' dir, der Jung Aloys ist da, um deine Schwester Ignazia zu holen. Jetzt sei aber gescheit, sonst verdirbst du die Sach'.« Die beiden konnten nicht weiter allein reden, denn bald war die Wirtsstube gesteckt voll; alle wollten Jung Aloys sehen, der bald frisch gekleidet eintrat. Sie staunten, wie schnell er sich zurecht fand, wer dieser und wer jener sei und von wem die jüngeren abstammten; sie lachten, da er die Unnamen kannte und klatschten in die Hände und schlugen auf den Tisch, als er sagte, man solle ihn nur den jungen Tolpatsch heißen. »Der ist gescheit!« sagte die Adlerwirtin hinter dem Schenktisch, »weil er's ihnen erlaubt hat, wird ihn jetzt gewiß niemand so heißen.« »Ist des Maranneles Jörgli nicht da?« fragte Jung Aloys. »Der ist schon lang tot.« »Wie geht's denn der Frau?« »Halt so so. Sie ist viel bettlägerig.« »Hat sie Kinder?« »Ja, fünf. Ein Sohn ist ihr im Krieg umgekommen, der war der beste Trompeter, und eine Kanonenkugel hat ihm die Trompet vom Mund weg und den Kopf dazu abgeschossen. Sie hat auch zwei Söhne drüben (in Amerika), sie lassen aber nichts von sich hören und sehen. Eine Tochter von ihr ist an den Forstwart in Ahldorf verheiratet, und eine hat sie noch daheim, die sieht grad aus, wie wenn sie dem Jörgli aus dem Gesicht geschnitten wär', und sie geht auch so soldatenmäßig und ist die beste Kirchensängerin. Die wär' für übers Wasser.« Ein jeglicher schien seinen Beitrag zur Schilderung geben zu wollen, und dabei ließen sie sich tapfer auftragen, Wein und Bier, je nach Lust. Die Adlerwirtin stellte sich hinter den Stuhl von Jung Aloys und fragte leise: »Soll ich alles, was da verzehrt wird, auf deine Rechnung schreiben?« »Nein,« entgegnete Jung Aloys ebenso leise, »es zehrt jeder für sich.« Die Adlerwirtin hatte nicht Zeit, eine Meinung über diese Bestimmung zu fassen oder gar kundzugeben, denn eben trat der Schuster Hirtz ein; Jung Aloys ging ihm entgegen, hieß ihn an seine Seite sitzen und rief der Wirtin, eine Flasche vom besten zu bringen. Hirtz aber lehnte entschieden ab, er trinke seinen Schoppen für sich und lasse sich von niemand freihalten. Die Anwesenden verzogen das Gesicht, da Aloys schnell hinzufügte: »Ist gut. Ich erlaube mir also nicht jemand freizuhalten.« Nun war's bekannt, jeder mußte seinen Abendtrunk selbst bezahlen. Der Vater hatte Jung Aloys freilich gesagt, er möge einen Freitrunk geben und Jung Aloys war, wie wir schon noch erfahren werden, ein folgsames Kind, wie es deren in Deutschland und in Amerika wenige gibt. Dennoch wußte er, daß der Vater da nur eine Anweisung gegeben, es aber sicherlich nicht mißbillige, wenn der Sohn seinem eigenen Sinne folgte, und der stand nun darauf, die Leute sollten nicht des Trinkens wegen, sondern weil er der Sohn des Aloys war, ihm die Ehre geben, und schließlich verdroß es ihn doch, daß man es noch wagte, den Vater Tolpatsch zu nennen. Jung Aloys war sonst nicht ruhmredig, aber als jetzt auch der Schultheiß und die drei Lehrer kamen, erzählte er, daß der Vater Friedensrichter und im Kriege zum Hauptmann erwählt worden sei; Ludwig Waldfried, der drüben im Murgthal wohnt, sei sein Oberst gewesen. Die Stimmung schien sich daraufhin doch etwas in höhere Tonart zu finden, man hörte hin und her, wie stolz man auf den guten alten Genossen war. »Ist er auch noch lustig?« wurde gefragt, und Jung Aloys erzählte, wie viel sie daheim singen und der Vater fast so lustig sei wie der Großvater, der Mathes vom Berg, der alle Lieder wisse. Jung Aloys bat nun, daß man auch hier singe, aber es hieß, daß es nicht mehr der Brauch sei, wie in alten Zeiten; es sei aber jetzt ein Gesangverein da, und der Oberlehrer versprach, denselben am Sonntag für den Ehrengast zusammenzuberufen. »Ich meine,« sagte ein junger Mann – es war der jüdische Lehrer – »ich meine, es wird im Dorfe weniger gesungen, seitdem der lahme Klaus, der Stricker, die Ziehharmonika spielt.« Kaum hatte er das gesagt, als der Stricker Klaus auf Krücken hereinkam und mit großer Kunstfertigkeit schöne Weisen erklingen ließ. Bald indes sprach man hin und her und wie um die Musik zu übertönen, wurde das Gespräch immer lauter und lebhafter. »Mir kommt's so vor, als ob wenig junge Bursche im Dorf seien,« sagte Jung Aloys. »Er hat recht. Er hat's schnell heraus. Das ist vor Zeiten anders gewesen,« wurde ihm erwidert, und der Schultheiß sagte: »Da ist der Preuß' schuld.« »Wie so der Preuß'?« »Es muß jetzt eben alles Soldat werden, da gibt's wenig heimgezogene junge Bursche mehr.« Aloys fragte den Stricker Klaus, ihm heimlich Geld zusteckend, ob er die Weise vom schwarzbraunen Mädichen spielen könne. Er konnte es, und nun sang alles, und Jung Aloys am eifrigsten, er wußte sämtliche Strophen, die fast niemand mehr kannte. »Das hab' ich noch vom Großvater, vom Mathes vom Berg gelernt,« rief er fröhlich. Der Abend schien schön und heiter zu verlaufen, da hieß es plötzlich: »Der Ohlreit kommt.« »Heißt der Mann denn Ohlreit?« fragte Aloys. »Er welscht immer so,« wurde erwidert, und schon von draußen hörte man ihn rufen: All right . Verschlafen blinzelnd kam Ohlreit an den Tisch und wollte englisch reden. Aloys antworte ihm deutsch. Indes erlustigte sich alles mit dem Verkommenen, und Aloys sah, daß die Leute mehr Freude an einem Gehänselten haben, als an einem Geachteten, und Männer, die den ganzen Abend den Mund nicht aufmachten als zum Trinken, waren jetzt plötzlich überaus redselig. Aloys ging mit dem Schuster Hirtz, der seinen Schoppen ausgetrunken hatte und keinen Tropfen weiter genoß, auf die Straße. Da stand ein Trupp Mädchen, sie flogen auseinander bei seiner Annäherung, nur eins blieb stehen. »So ist's recht,« sagte der Schuster, »laß du die Gänse springen.« »Guten Abend,« sagte das Mädchen, zu Aloys gewendet, und dieser erwiderte: »Danke. Wer bist du?« »Des Maranneles Tochter. Die Mutter läßt grüßen und läßt sagen, Er soll doch auch zu ihr kommen; sie ist leider Gottes bettlägerig.« Jemand in der Nähe zündete mit einem Zündhölzchen seine Pfeife an, es leuchtete kurz, und Aloys sah zwei große, helle Augen, dann war wieder alles dunkel, und »Gut Nacht,« schloß das Mädchen und huschte wie ein Wiesel davon, bevor Aloys ein Wort erwidern konnte. Der Schuster ging mit Aloys noch nach dem Hause des Mathes vom Berg, wo die Muhme wohnte, aber hier war alles dunkel und still, die Muhme schlief bereits. Aloys begleitete den schweigsamen Mann noch bis zu seinem Hause, er war auch schweigsam, denn es bewegte sich gar viel in seiner Seele. Der Mond schien hell, da und dort bellte ein Hund und krähte mit dünner Stimme ein junger Hahn, der sich wohl noch nicht recht in die Zeit fand. Hirtz sagte: »Also, da bin ich daheim, und da findest du mich immer. Das Haus hat vormals dem blinden Konradle gehört, dein Vater hat dir gewiß auch von ihm erzählt, er hat dich, wie's scheint, von allem unterrichtet.« »Ja, und mir gesagt, Ihr sollet mir in allem raten, und die Mutter hat noch gesagt, der Hirtz, der kennt die Menschen, der hat den Leisten von jedem im Dorf.« »Ja, dein' Mutter, die ist immer ein aufgeweckt Mädle gewesen. Ich kann mich just nicht berühmen, ein großer Menschenkenner zu sein, aber so viel weiß ich: vom König bis zum Kesselflicker, in Amerika und bei uns sind alle Menschen gleich, sie stecken alle barfuß in den Strümpfen.« Aloys lachte, dann fragte er: »Was ist der Adlerwirt für ein Mann?« »Er ist kein unebener Mann und der richtige Sohn des Studentle; von dem Gebot: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, hält er's besonders mit dem zweiten Teil.« »Lebt der alte Buchmaier noch?« »Ja, aber er ist am Auslöschen. Er ist über achtzig.« »Mein Vater hat mir einen besonderen Gruß an den Buchmaier aufgetragen, auf diesen ist er besonders stolz.« »Ist auch ein Ehrenmann, aber von Amerika will er nichts wissen, das ist so seine Eigenheit; von seiner Sippschaft hat niemand nach Amerika auswandern dürfen. Aber jetzt gute Nacht. Morgen ist auch noch ein Tag. Laß dir was Gutes träumen in der ersten Nacht bei uns.« Aloys ließ sich wachend noch was träumen. Er ging durch die Hohlgasse und zwischen den Gartenhecken hinaus vor das Dorf. Der Weizen blühte, und ein nährsamer Duft schwebte über den Feldgebreiten. Der Nachtzug von der Eisenbahn leuchtete und dröhnte im Thal, und jetzt schwanden die Lichter und verklang das Dröhnen drüben im Hochdorfer Tunnel. Stille war's ringsum, nur von der Steingrub herüber tönte das halb verschlafene Quaken eines Frosches, aber auch die Wachtel schlug noch jetzt in der Nacht und der Wachtelkönig antwortete drauf. Die Kette der rauhen Alb lag hell im Mondenschein und eine Burg war deutlich sichtbar. »Das muß der Hohenzollern sein. So sieht also eine Stammburg aus,« dachte Aloys vor sich hin. Es klingt und schwingt etwas in stiller Mondnacht über die Heimatberge, dessen sich auch der junge Amerikaner nicht erwehren konnte. Horch! Die Glocke im Dorfe schlägt an und jetzt die drüben in Ahldorf und noch eine andere, wohl von Mühlen oder Hochdorf, und jetzt deutlich von den verschiedenen Türmen in Horb. Am Tage hören die Dörfer einander nicht, aber in der Nacht sprechen sie miteinander mit eherner Stimme. Hier sind deine Vorfahren gewandert und auch deine Eltern, die jetzt drüben in weiter Ferne sind, dort ist Tag, sie sind bei der Arbeit und denken dein. Wunderlich! Das Marannele hat also noch eine Tochter. Hat das der Vater gewußt? Gewiß! Sonst hätte er ja nicht ausdrücklich gesagt: »Schau, am besten ist's, du holst dir eine Frau von daheim und du kannst mir als Schwiegertochter heimbringen, wer dir gefällt, arm oder reich, Jud' oder Christ, wenn's nur schaffig und gesund ist, ist mir alles recht und der Mutter auch. Erkundige dich nach der Familie beim Schuster Hirtz und auch beim Ivo. Am liebsten wär' mir freilich, du bekämest eine Tochter vom Ivo und der Emmerenz, die wohnen da droben bei Freiburg und die haben gewiß gute und schöne Kinder, er ist auch ein Bruder, du weißt, was das sagen will. Wir können hier niemand brauchen, das nicht über den Katechismus hinaus denkt. Der Ivo hat sollen Geistlicher werden, und sie ist eine rechtschaffene Magd gewesen, das ist gewiß ein gutes Geschlecht und bei guten Gedanken aufgewachsen, hell im Kopf. Aber bring du, wen du magst. Nur bring mir nicht eine Tochter vom Marannele und dem Jörgli. Weiter sag' ich dir nichts, das andere kannst du dir denken.« Ja wohl kann ich mir's denken, und es ist gut, daß ich's weiß, sagte Jung Aloys zu sich, als er endlich wieder ins Dorf zurückkehrte. Er nahm sich vor, sobald die Erbschaftssache bereinigt sei, zu Ivo zu reisen, und es macht sich ja ganz geschickt, daß er hier bei dessen Tochter wohnt, vielleicht reist die Adlerwirtin mit, oder doch ihr Mann. Als Aloys gegen das Wirtshaus kam, sah er von ferne, wie dem Ohlreit herausgeleuchtet wurde. »Spiel auf!« rief der Ohlreit, und der krumme Klaus ging mit der Ziehharmonika voran und spielte Yankee Doodle nach der Hintergasse zu, wo Ohlreit wohnte, aber Klaus verknüpfte schnell auch die amerikanische Melodie mit der vom schwarzbraunen Mädichen. Viertes Kapitel. Von Haus zu Haus im ganzen Dorfe suchte heute jedes mit einem neuen Gedanken in der Seele den Schlaf. Ein Sohn des Tolpatsch ist da! Wie lang hat man nicht an den gedacht, und es ist auch nicht möglich, die Gestorbenen und Ausgewanderten alle in Gedanken zu behalten; jedes hat genug mit sich selbst zu thun und mit dem, was um einen herum lebt. »Wie sieht er denn aus?« fragte da und dort eine Frau den aus dem Wirtshaus heimgekehrten Mann. »Ganz gut,« lautete die Antwort, »er hat eine schwere goldene Uhrkette und einen großen Ring, aber von Freihaltingen ist er nicht daheim. Jedes hat seine Zech' bezahlen müssen. Ist das schön?« »Just nicht besonders. Aber mir ist das ein Zeichen, daß er reich ist.« »Kann schon sein. Hände hat er, doppelt so breit wie die meinigen, und mit wem meinst, daß er am zutraulichsten gewesen ist?« »Wie kann ich das wissen?« »Mit dem Schuster Hirtz. Da steckt was dahinter.« »Ist er noch ledig?« »Kann wohl sein.« »Gib acht, der holt sich eine Frau von hier. Gewiß des Hirtzen Madlen', ich thät's ihr gunnen, sie sieht ganz elend aus von dem Telegraphen-Klöppeln, und der Ohlreit, der kommt nie mehr auf.« »Laß mich in Ruh, mich geht der Tolpatsch mit seiner ganzen Sippschaft von Haut und Haar gar nichts an.« So wurde in vielen Häusern gesprochen, bevor man sich zum Schlaf wendete. In einem Hause aber dauerte das Gespräch noch lange. In den sogenannten Hinterhäusern, nicht weit vom neuen Kirchhof, steht ein breites Haus mit Scheune und weitläufigen Ställen; die Scheune ist nur halbvoll, die Ställe sind fast ganz leer; denn zwei Kühe und ein sechswöchiges Kalb sind in dem weiten Raume fast wie verloren. Zu Lebzeiten Jörglis war's freilich anders; da waren vier Rosse in dem einen und sechs Kühe im anderen Stall und in der Scheune, meist aber vor dem Hause, stand ein großer Stellwagen, der zwölf Sitze hatte, ungerechnet die vier Plätze auf dem Deck. Der Ernährer, der alles dies leitete, liegt nun da drüben auf dem Kirchhof, er war bis zu seinem Tode ein lustiger Kamerad gewesen, und wie er vor Zeiten als stolzer, junger Kavallerist durch die Dorfgassen jodelte, so jodelte er noch oft vom Bock herunter, wenn er dreimal in der Woche mit seinem eigenen Stellwagen zur Hauptstadt und wieder heimfuhr, und auf dem ganzen Weg, in Städten und Dörfern, sah er lauter fröhliche Gesichter, denn alles hatte den Jörgli gern und lachte ihm zu. Ja, auch der Hund, der neben dem Wagen herlief, teilte die Beliebtheit seines Herrn; nie kam er in Raufhändel, was freilich sich auch daraus erklärt, daß es kein Hund war, sondern eine Hündin und um diese raufen sich wohl die Hunde, sie selbst aber wird nie angegriffen. Jörgli ist, wie die Rede lautet, vor seiner Zeit gestorben, denn er hatte Backen fast so rot wie seine Scharlachweste, und wie die nahe aneinander gereihten silbernen Knöpfe drauf, so glänzten seine Zähne aus einem Munde, der für jedes am Wege eine Scherzrede hatte. Bei seinem Tode fand sich, daß durch die Anschaffung von Pferd und Wagen das Bauerngütlein verschuldet war, aber die Witwe konnte doch noch mit ihren Kindern Nahrung auf eigenem Felde bauen, freilich nur knapp. Zwei erwachsene Söhne, statt der Mutter zu helfen, wanderten aus, ein Acker und eine Wiese mußten zu ihrer Ausstattung und Ueberfahrt verkauft werden. Der jüngste Sohn, in Gestalt und Lustigkeit ganz seinem Vater gleich, war im letzten Krieg gefallen. In der Kammer, deren Fenster nach dem Kirchhof geht – man sieht ihn aber nicht, denn der Nußbaum am Hause und die Obstbäume im Garten verdecken den Ausblick – da leuchtete der Mond auf die Decke eines Bettes, in dem eine Frau vor sich hinmurmelte: »Was hat man davon, daß man einmal jung und übermütig gewesen ist und jedes hat einem schön gethan? Da lieg' ich jetzt wie eine verhutzelte alte Birn' im Gras. Aber schön ist's doch gewesen, wie ich den Tolpatsch tanzen gelehrt hab'! Bist von klein auf ein guter Tralle gewesen, ein weiches Herz, hast gewiß auch meiner gedacht, hast mich gern gehabt, mehr als gut gewesen ist, hab' dir's nicht vergelten können. Was kann ich dafür? Hast uns gewiß durch deinen Sohn was sagen lassen oder auch was geschickt. Weißt denn, daß ich noch leb'? Freilich ein Leben, der Tod wär' besser. Wo nur das Marannele so lang bleibt! Es wird sich doch nicht zu ihm ins Wirtshaus setzen! Meine Kinder sind fort und meine eigenen Füße wollen nicht mehr gehen.« So klagte die Frau in einsamer Nacht, jetzt hörte sie den krummen Klaus spielen und den Ohlreit johlen, dann war alles still. Es schlug Viertelstunde auf Viertelstunde, und vom Thale heraus klang der Pfiff der Lokomotive. »Es ist gleich elf Uhr. Wo nur das Kind bleiben mag. Marannele!« rief sie laut, »Marannele! Bist denn noch nicht daheim?« »Ja freilich, schon lang,« antwortete es aus der Kammer. »Ich hab' gemeint, Ihr schlafet.« »O nein! Komm herein und erzähl'.« Das Mädchen kam herein und setzte sich auf das Bett der Mutter. Diese fragte: »Hast ihn gesehen? Was hat er gesagt? Wie sieht er aus?« »Ich hab' ihm Euern Gruß ausgerichtet, aber wie er aussieht, das weiß ich nicht; wir sind im Schatten gestanden und er hat einen Hut auf, so breit wie ein Regendach. Groß ist er und breit und hat eine Stimme wie ein Oberamtmann.« »Was hat er zu dir gesagt?« »Zu mir? Nichts. Ich hab' ihn aber gehört, wie er mit dem Schuhmacher Hirtz geredet hat. Wie er auf uns zukommen ist, sind meine Gespielen alle davongerannt und haben mich fast umgerissen; ich bin aber stehen blieben und hab' ihm Euren Gruß ausgerichtet.« »Und was hat er dir drauf gesagt?« »Nichts. Ich weiß nicht. Wie ich's heraus gehabt hab', bin ich eben auch davongerannt.« »O du Tättele du! Aber schon gut, er hat nun doch in der ersten Nacht hier eine Gutnacht von mir, und er müßt' nicht sein Sohn sein, wenn ihm das nicht in der Seele blieb'! Freilich, die Menschen in Amerika verwachsen sich, der Ohlreit sagt, daß die Zwetschgenbäume drüben allemal zu Pflaumenbäumen werden, aber ein Tannenbaum wird doch kein Birnenbaum. Schon gut. Morgen in aller Früh machst das Haus sauber, von oben bis unten, und putzest das Bild ab, das draußen hängt, das von dem Soldat zu Fuß. Wirst sehen, er kommt gleich morgen. Und weißt was?« »Was?« »Morgen in aller Früh gehst in die Frühmess'. Wirst sehen, er kommt auch und da –« »Nein, Mutter, das thu' ich nicht. Ich thät' mich vor unserm Herrgott schämen.« »So? Da laß es bleiben.« – Während hier von ihm gesprochen wurde, stand Jung Aloys am offenen Fenster und atmete mit bewegter Brust die Heimatsluft seines Vaters, bald trat er zurück, öffnete seinen Koffer und schrieb:   »Liebe Eltern. Ich will euch nur gleich sagen, daß ich gut hier angekommen bin. Ich bin in einem Zug von Hamburg hierher gereist. Mir ist gewesen, wie wenn ich in Europa keine Nacht anderswo daheim sein könnte, als eben in Nordstetten, und wie wenn hier ein Wunder auf mich wartete. Aber es ist alles wie überall. Lieber Vater! Das muß ich Euch aber gleich sagen: Auf der Eisenhahn habe ich Menschen auf das neue Deutschland schimpfen hören. Warum, haben sie mir nicht deutlich machen können, aber es gibt eben immer und überall Menschen, die unzufrieden sind. Der Tannenzweig, der da einliegt, ist vom Baum an der Gemarkungssäule. Ich lege auch ein Blatt bei vom Nußbaum an des Großvaters Haus. Vom Lerchensang, den ich zum erstenmal im Leben recht gehört habe, kann ich nichts schicken. Die Muhme Rufina ist noch ganz munter, aber sie spricht so, daß ich sie nur schwer verstehe und überhaupt auch sonst. Ich werde mich schon dran gewöhnen. Es ist doch schade, daß bei uns daheim kein Nußbaum fortkommt. Wie oft habt Ihr mir von Eurer Heimat erzählt, aber sehen ist doch noch anders. Es macht sich gut, Ihr habt's wohl nicht gewußt, daß die junge Adlerwirtin die Tochter vom Ivo ist, sie ist erst seit Ostern verheiratet, und ihr Mann ist ein Sohn vom Konstantin. Ich bin hier in lauter Vettern und Basen eingewickelt und das Marannele ist Witwe und hat noch eine Tochter. Ich schreibe bald wieder. Euer Aloys.   Nachschrift. Lieber Vater. Morgen besuche ich den Buchmaier, wie Ihr mir aufgetragen. Es soll höchste Zeit sein, denn man erwartet stündlich seinen Tod. Großvater! Der Nachtwächter singt nicht mehr so, wie zu Euern Zeiten.« Fünftes Kapitel. Als Aloys in der Frühe erwachte, hieß es, der alte Landolin sei schon lange da und warte auf ihn. Aloys ging hinab, aber der Alte bat, mit ihm auf sein Zimmer gehen zu dürfen und, als ob er's bis dahin verhalten habe, fing er plötzlich an, heftig zu weinen. Aloys suchte ihn zu beruhigen, und der Alte sagte: »Ja, ja, du hast das linde Herz von deinem Vater und es ist Gottes Fügung, daß ich von allen im Dorfe zuerst dich angesprochen habe. Ich habe dich nun was zu fragen. Wie lange bleibst du bei uns?« »Mindestens zwei bis drei Wochen.« »Das macht sich gut. Von heut über acht Tagen hast's wieder auf Heller und Pfennig.« Der Alte brachte nun unter sehr vielen Wendungen und Beteuerungen vor, daß sein Sohn, bei dem er im Leibgeding lebte, nichts davon wisse, aber wenn Aloys helfe, werde der Alte bis an sein Lebensende die besten Tage dadurch haben. Aloys mußte sich erst unterrichten lassen, daß es in Deutschland Sitte sei, daß ein Vater sein Besitztum abgehe und sich in Abhängigkeit von einem Kinde versetze. Der Alte brachte endlich den Wunsch um ein Darleihen für seinen Sohn vor, der in acht Tagen durch Heuverkauf wieder zu Geld käme. »Ich habe kein Geld zum Verleihen.« »Der Adlerwirt gibt dir, was du verlangst.« »Da kann er's ja selber Euch geben und ich glaub', daß Ihr's zur Zeit heimzahlt, aber wenn's nicht wär', ich könnt' Euch nicht verklagen. Das schickt sich nicht für mich.« Aloys brachte das nicht in mildem Tone vor, er hatte geringes Mitleid mit der Armut; sie erschien ihm fast als Laster. Er war wieder ganz Amerikaner. Dem Alten blieb wieder der Mund offen vor Erstaunen und jetzt kam die Magd und sagte Aloys, es warte jemand draußen, der ihn notwendig sprechen müsse. Draußen stand der Adlerwirt und warnte Aloys, dem Alten Geld zu geben; er sei ein Ehrenmann, aber sein Sohn mißbrauche ihn, dieser warte schon hinterm Garten, bis der Vater wieder was für ihn geborgt habe, und es sei eine Schande fürs Dorf, daß Aloys gleich am ersten Tag so überlaufen werde. Aloys fragte, ob er dem Alten was schenken dürfe; es wurde verneint und als Aloys wieder in sein Zimmer kam, merkte er, daß der Alte gehorcht hatte, der nun auf den Adlerwirt schimpfend bald davonging. Sonntäglich geputzt kam die Muhme. Aloys konnte nicht umhin, auf ihr andringendes Fragen zu gestehen, daß er ein Mädchen aus rechtschaffener Familie, dem er gefalle, als Frau heimbringen wolle. Die Muhme war überaus heiter bei dieser Mitteilung, aber plötzlich unterbrach sie sich: »Hab' schon gehört,« sagte sie, »des Jörglis Marannele hat dir gestern noch einen Gruß sagen lassen. Laß dich nur mit der falschen Schlange nicht ein. Am besten ist, du gehst ihr gar nicht ins Haus.« »Das werde ich doch müssen.« »Aber andere Leut' und rechte Leut' kommen zuerst dran. Ich bin deines Großvaters Schwester. Nicht wahr, ich darf alles sagen?« Aloys bezwang seine Ungeduld über die umständliche Weise, die wohl hier zu Lande üblich ist, und er sagte: »Ja wohl. Ich folg' Euch gern, wo ich's einseh'.« »So ist's recht. Dein' Mutter hat mir auch immer gefolgt und du siehst, wie gut es gangen ist. Ich hab' sie und deinen Vater zusammengebracht. Jetzt bei dir ist's freilich anders.« Die Muhme erzählte, daß es sich ganz geschickt füge, wenn er ein Mädchen aus dem Ort haben wolle. Am nächsten Sonntag sei Hochzeit, freilich nur eine kleine von einer Witfrau und einem Schneider; der junge Krappenzacher, der habe das Heiratgeschäft von seinem Vater ererbt und habe die beiden zusammenbracht. Wenn man wolle, sage der Krappenzacher den ersten Bauerntöchtern aus der Gegend Bescheid, die seien auch gerne bereit, wenn sie einen reichen Amerikaner bekommen könnten. »Und noch dazu einen aus so einer Familie wie die unsere,« setzte sie in neuem Adelsstolze hinzu. »Aber weißt, was das Gescheiteste wär'? Hast's ja gestern gesehen. Wenn man die Immenkönigin fangen will, muß man eine Immenkappe aufsetzen. Ich will aussprengen, du seiest schon verheiratet, dann bist du wie der Mann, der eine Nebelkappe hat überziehen können. Kennst du die Geschicht' vom hörnenen Siegfried? Es ist einmal ein Mann gewesen –« Aloys dankte; das war doch zuviel, daß sich ein Amerikaner am hellen Morgen ein deutsches Märchen erzählen läßt, und als Amerikaner fühlte sich jetzt Aloys wieder. In der Nacht hatte ihn etwas von deutscher Traumsucht angefaßt, das ist verflogen. Aloys verabschiedete sich bei der Muhme und sagte, er müsse zum Buchmaier. »Ist recht,« bestätigte die Muhme, »das ist der beste Mann und das beste Haus. Wärst du nur ein halb Jahr früher kommen, da hat er noch eine ledige Tochter gehabt . . .« Wenn man die Leute kennt und den Weg weiß, geht man nicht irre, sagt man bei uns daheim. Jung Aloys schien diese unwiderlegliche Wahrheit aufs neue zu beweisen. Er war gut unterwiesen, von Vater und Mutter und noch dazu vom Großvater. Dieser hatte ihm besonders die Namen der besten Sänger angegeben, die meisten waren aber bereits in den himmlischen Liederkranz abberufen. Vater Aloys dagegen hatte viel Rühmens gemacht vom Buchmaier, dem »ersten Freibürger«, so nannte er ihn stets. Beim ersten Ausgang am Morgen sah Aloys eine Gruppe von Menschen bei der Schmiede, sie umstanden ein Pferd und drin in der Werkstatt brannte das Feuer. Vom Vater her wußte Aloys, daß bei der Schmiede sich stets die beste trockene, das heißt trunklose Unterhaltung ergibt. Er gesellte sich zu den Männern, als eben der Schmied das Eisen anprobierte. Er musterte das Pferd und sagte: »Bei uns in Amerika thät' man sagen, das kann Wähler sein.« »Was soll das heißen?« »Das Pferd ist gut zwanzig Jahre alt.« »Hat's erraten.« Stolz und lächelnd fügte Aloys hinzu, daß in Amerika niemand dem Pferd den Fuß aufhebe, das thue der Schmied selber und beschlage es dabei ohne fremde Beihilfe. Die Leute nickten einander zu, sich bedeutend, das sei amerikanische Prahlerei. »Ist es denn wahr, was der Ohlreit sagt,« fragte der Knecht, der den Fuß des Pferdes hochhielt, »ist's wahr, daß die Ochsen in Amerika so gescheit sind, daß sie ohne Peitsche sich aufs Wort regieren lassen?« Aloys bestätigte und erzählte Näheres wahrheitsgemäß; aber wenig erbaut von der Wahrnehmung, daß man den Amerikanern nicht recht glaube, ging er davon. Er nahm sich vor, den Leuten nichts Auffälliges mehr zu erzählen, so wahr es auch sei. Während er nun nach dem Hause des Buchmaiers wanderte, rief er sich jene Geschichte zurück, wie der Buchmaier eine gesetzwidrige Verordnung des Oberamtmanns Rellings mit seiner Art durchhieb. Als er an den abgeschlossenen einzeln stehenden Hof kam, rannte ihm aus dem offenen Thor ein schönes Fohlen entgegen, das den Kopf hoch hob, einen Augenblick still stand und den Fremdling mit seinen großen Augen ansah, dann aber ausschlagend in die Wiese rannte und ruhig graste. Im Hofe begegnete ihm der Pfarrer mit dem Ministranten, die Kreuz und Weihrauchkessel trugen, sie kamen aus dem Hause. Als sie vorüber waren, fragte Aloys die Knechte, die vor der Stallthüre standen, wie es mit dem alten Buchmaier sei, ob er noch lebe. Er erhielt zur Antwort, daß er noch bei voller Besinnung sei, nur eben am Auslöschen. »Da kommt der junge Bauer,« hieß es. Der junge Buchmaier fragte Aloys etwas unwillig, wer er sei und was er begehre. Während Aloys seinen Wunsch erklärte, war eine hochschwangere Frau hinzugekommen und sie sagte: »Ich mein', du solltest das dem Vater doch berichten. Nehmen Sie's nicht übel,« wendete sie sich zu Aloys, »mein Mann ist jetzt natürlich verstört und nicht aufgelegt.« Der junge Bauer ging hinauf, und bald wurde Aloys gerufen. Sechstes Kapitel. In einem Lehnstuhl saß der Buchmaier, die langen Haupthaare und der Bart waren schneeweiß, er saß in sich versunken, aber die markige Gestalt war noch wohl erkennbar. »Vater. Der Aloys aus Amerika ist da,« sagte der junge Bauer mit bebender Stimme. Erst nach einer Weile sagte der Kranke: »Wo ist der Aloys? Wo? Komm her! Ich seh' nicht mehr gut.« Jung Aloys näherte sich ihm und der Alte tastete ihm mit zitternden Händen über das Gesicht. Jung Aloys erzählte, daß sein Vater und alle in Neu-Nordstetten des Buchmaiers gedenken, wie er damals mit der Axt in die eigenmächtige Verordnung des Oberamtmanns hineingehauen habe. »Der Vater sagt oft und oft,« berichtete Jung-Aloys, »damals wie er Euren Axthieb gesehen und Eure Worte gehört habe, sei ihm aufgegangen, was Freiheit ist.« Ueber das Antlitz des Alten ging ein Freudenstrahl. »Mathes!« rief er. »Vater! Was wollet Ihr?« »Leg mir die Axt auf den Sarg und gib sie mir mit ins Grab. Es ist die kleine breite mit dem Ahornstiel.« »Ich weiß, Vater,« erwiderte der Sohn und biß die Lippen, während große Thränen ihm über die Wangen rollten. Die ältere Tochter des Buchmaiers kam herein mit ihrem Mann und ihren Kindern, die jüngst verheiratete Tochter kam mit ihrem Mann und ihren Schwiegereltern, Männer vom Gemeinderat stellten sich ein; die Stube schien die Menschen alle kaum fassen zu können. Der alte Buchmaier saß in sich versunken, plötzlich erhob er sich und rief: »Sie kommen! Sie kommen!« Er breitete die Arme aus, als müßte er Entgegenkommende ans Herz nehmen. Aloys eilte auf ihn zu und hielt ihn aufrecht. Der Alte wendete den Kopf hin und her und schien verwundert auf den Fremden zu schauen, dann erhob er das Haupt hoch, ein Leuchten zog über sein Antlitz, mit weit aufgerissenen Augen starrte er drein und mächtig erscholl seine Stimme: »Alle kommen sie wieder! Machet das Thor weit auf, alle sind sie wieder da. Lebwohl, Amerika! Guten Morgen, Deutschland. Hellauf! Grüß dich Gott, Lucian! Grüß dich Gott, Mathes vom Berg! So? bist auch wieder da, du guter Tolpatsch? Laß sie nur alle herein. Alle. Wieder daheim. Hellauf!« Er wankte, er sank zurück und hauchte seinen letzten Atem aus. Auch alle Anwesenden hielten den Atem an, bis endlich der Gemeindeschreiber sagte: »Solch ein ehrenfester Mann wie der Buchmaier lebt nicht so bald wieder auf . . .« Als Aloys das Haus verließ, gab ihm der junge Bauer das Geleite und sagte auf der Schwelle: »Du bist ein guter Bote gewesen, du hast meinem Vater einen leichten lustigen Tod gebracht.« In der Wiese draußen vor dem Hofe wieherte das Füllen in den hellen Tag hinein, die Vögel sangen in der Luft und von den Bäumen; dennoch war Aloys schwer bedrückt. Als tags darauf der Buchmaier begraben wurde, stand Aloys wie ein nächster Verwandter an der Seite des jungen Bauers, der ihm die Axt übergab, um sie in das Grab des Vaters zu versenken. Aloys schrieb alle diese Vorgänge au seinen Vater, aber er schickte den Brief nicht ab; es könnte daheim den Kränkelnden doch zu sehr angreifen. Er fuhr mit der Muhme Rufina nach Rottenburg und suchte vor allem die Erbschaftssache zu ordnen. »Das ist ein scharfer Mensch, man sollt' nicht meinen, daß das der Sohn vom Tolpatsch sei,« lautete das Urteil der Verwandten von Seebronn. Er wurde indes doch dringend gebeten, über den Sonntag bei ihnen in Seebronn zu bleiben, sie waren eifersüchtig auf Nordstetten und fanden es unrecht, daß er dort blieb. Sie sagten ihm wiederholt, die Nordstetter seien Spöttler, und wenn er entgegnete, er habe noch nichts davon gemerkt, da hieß es: »Gib acht, wirst's schon noch erfahren.« Aloys aber fühlte sich in Nordstetten mehr daheim als in Seebronn, wo er allerdings weit mehr Verwandte hatte, er wußte aber wenig von ihnen, denn man kam selten mit der hier ansässigen Schwester des Großvaters zusammen. Der Vater hatte richtig gesagt: In Amerika gelten sieben Stunden Wegs gar nichts, aber daheim ist man von denen überm Neckar drüben getrennt, als läge ein Meer dazwischen. Es gab auch schöne Mädchen in Seebronn und alle waren verwandt, aber Aloys war seltsam stockig. Er reiste nach der Hauptstadt zu seinem Konsul, und auch, um einen Verwandten zu besuchen, der als Soldat diente. Er sah das Gebäude, in dem sein Vater Soldat gewesen; es diente jetzt gewerblichen Zwecken, aber wahrhaft erschrocken war er, als er zum erstenmale eine Kaserne sah, in der hundert und hundert junge Männer in ihren besten Jahren leben müssen. »Gottlob! das haben wir in Amerika nicht,« dachte er auf dem Heimweg. Als er wieder gen Nordstetten kam, war's ihm, als wäre er hier von je daheim, und er fand etwas, das daheim macht wie nicht anderes. Wie damals der Vater Ivos, der Zimmermann Valentin, so arbeitete heute auf der Hochbur ein Mann mit der Breitaxt, um Balken zuzuhauen. Aloys stellte sich zu dem Manne und fragte, warum man nicht die Stämme in der Sägmühle zurichten lasse; der Mann erwiderte, daß es mehr Mühe und Kosten mache, die Stämme den Berg hinab und die zugerichteten Balken wieder herauf zu bringen. »Nehmt Ihr keinen Gesellen an?« fragte Aloys. »Ich möcht' schon, aber es ist mit den Gesellen ja nicht mehr auszukommen.« »Vielleicht doch,« entgegnete Aloys und zog seinen Rock aus, faßte eine Breitaxt und arbeitete mit Ruhe und Sicherheit, daß der Meister ihm zunickte. Die vom Felde Heimkehrenden staunten, und sie mußten von der Seltsamkeit drin im Dorfe erzählt haben, denn Männer und Frauen und Kinder kamen und schauten auf Aloys, dieser aber arbeitete ohne umzuschauen weiter. Auch der Ohlreit ging vorüber und lachte so unbändig als gezwungen, dann aber saß er lange auf einem Steinhaufen und starrte hinüber zu Aloys, der bei seiner Arbeit blieb, bis Feierabend gemacht wurde. Und so arbeitete Aloys eine ganze Woche. Jetzt aber mußte er rasten, denn die Grundmauern zu dem neuen Hause waren noch nicht weit genug, um das Gebälke aufzusetzen. Er ist ein gelernter Zimmermann, hieß es im Adler, er hat das goldene Handwerkszeug an der Uhr hängen. Die Adlerwirtin aber vertraute ihrem Manne, sie wisse das von ihrem Vater her, Aloys sei ein Bruder Freimaurer. »Da paßt er ja doppelt in deine Familie,« entgegnete der Adlerwirt, »aber sag's nicht weiter. Die Leute hier sind noch so altväterisch und denken sich Teufelszeug drunter.« – Dreschen ist kein Geheimnis, sagt man, und auf der Hochbur Bauholz zimmern, auch nicht. Als Aloys am ersten Tage da draußen arbeitete, galt das für einen Spaß, für eine Wunderlichkeit des Amerikaners; als er aber Tag für Tag das Geschäft fortsetzte, mußten die Leute doch sich anders besinnen und im Adler wurde darüber hin und her geredet und der Schluß war: »Es ist weiter nichts als Prahlerei, er will zeigen, wie er schaffen kann. Prahlhanserei ist's.« Die kluge Tochter Ivos und der Emmerenz mischte sich sonst nicht gern in das Gespräch der Männer, zumal wenn wie jetzt der Schultheiß das große Wort führte; sie war auch noch zu neu im Dorfe, um ihre Meinung geltend zu machen. Jetzt aber hielt sie sich nicht mehr und mit zornbebender Lippe rief sie: »Ei ei! Was muß man da nicht alles hören.« »Still! Die jung Adlerwirtin hat was,« rief der Ratsschreiber. »Laß hören. Gib her. Glaubst du, daß der jung Tolpatsch was anderes dabei im Sinne hat?« »Ich mein', das mit dem Tolpatsch könnt' man jetzt einmal lassen. Ja, ich mein' grad das Gegenteil von Euch. Wenn's auch wär', wenn er auch zeigen will, was er ist und kann; ist denn das was Schlechtes, wenn einer für das gelten will, was er wert ist? Die Leute, die so bescheiden thun, daß man sie um Gottes willen nicht lobe, das sind nicht immer die ehrlichen und die guten. Ich muß grad heraus sagen: Ich höre da allfort Spott und Schimpf und im besten Fall Bedauern über den Ohlreit, und jetzt kommt einmal einer und will nicht müßig warten und in den Wirtshäusern herumliegen, bis er wieder fortgeht. Ist das nicht ehrenhaft? Ich mein' einmal so.« »Du kannst ja predigen wie dein Vater.« »Und recht hat sie.« »Und wahr ist's.« »Die jung Adlerwirtin muß Gemeinderat werden.« »Die ist wie die verstorbene Schultheißin, die hat man die Stellfalle geheißen. Sie kann lange schweigen, wenn sie aber einmal anfangt, lauft's auch über die Wiesen.« So schlug die Meinung um, und die junge Adlerwirtin verbat sich nur jeden Unnamen. Als Aloys nun in die Stube trat, rückte jeder beiseite und jeder rief: »Setz dich zu mir! zu mir.« Man neckte ihn, er verstand indes nicht, was das heißen solle, daß die junge Adlerwirtin sein Advokat sei. Als aber die Gäste fortgegangen waren, setzte sich die Adlerwirtin zu ihm und sagte: »Du hast mir bisher gefallen, so deine ganze Art, und jetzt gefallst mir noch viel mehr. Wenn mein Vater da wär', er thät dir die Hand geben und sagen: Brav so! Du bist aus dem Rechten. Nicht müßig gehen, bis die Schreiber bei Amt fertig sind, das ist das Rechte.« »Du hättest mir nichts sagen können, was mich glücklicher macht als das, daß dein Vater mir die Hand gäbe. Wenn mein Vater den Namen Ivo sagt, da ist lauter Glückseligkeit in seinem Gesicht. Hab' ich dir schon gesagt daß ich zu deinem Vater reise?« »Jawohl.« »Und . . .« »Was und? sprich nur frei.« »Also ich gefall' dir?« »Das ist kein Spaß für dich und auch nicht für mich.« »Und ich muß es doch noch einmal sagen. Also ich gefall' dir? Und glaubst du, daß ich deiner Schwester auch gefallen könnt'?« »Du bist nicht versteckt.« »Nein. Meinem Vater wär's das Liebste und seit ich dich kenn', mir auch, wenn ich deine Schwester kriegen könnt'. Sieht sie dir gleich?« »Sie ist größer und breiter und anderthalb Jahr älter als ich.« »Das ist alles kein Schaden. Könntest du es nicht machen, daß sie hierher käme?« »Nein. Sie geht nicht von daheim fort.« »Wie meinst das? Auch nicht, wenn sie heiratet?« »Wenn sie heiratet? Ja, wenn. Sie ist verliebt.« »So? darf man wissen in wen?« »Ja freilich. In den Vater ist sie verliebt.« »Das ist kein Fehler. Darin nehm' ich's mit ihr auf.« »Du wärst mir ein lieber Schwager. Aber daß meine Schwester nach Amerika geht, das wird schwer halten. Ich mein', du solltest dir hier eine Frau suchen, es hat schöne und brave Mädle hier genug.« Die junge Adlerwirtin erzählte von ihrer Schwester Ignazia, die selber darauf gedrungen habe, daß die jüngere Schwester heirate, denn sie wolle den Vater nicht verlassen, sie verstehe die Landwirtschaft so gut wie ein Hohenheimer Professor; daneben lese sie auch mit dem Vater die Zeitungen und Bücher, und sie habe als Krankenpflegerin im letzten Krieg das Ehrenzeichen bekommen. Die Verwundeten willigten in die Operation nur ein unter der Bedingung, daß ihnen Ignazia die Hand hielt. Uebrigens, schloß sie, könne man nie wissen, wie ein Mädchen gewonnen werden könne; Aloys solle sein Glück versuchen, denn glücklich werde der, der Ignazia heimführe. »Ignazia! Ein seltsamer Name,« sagte Aloys. »Dein Vater hat dir gewiß vom Nazi, der ein treuer Knecht bei meinen Großeltern war und nachher als Bauer meinem Vater viel aufgeholfen hat, erzählt; der hat bei meiner ältesten Schwester Gevatter gestanden und davon hat sie den Namen Ignazia bekommen. Es gehört ihr auch ein besonderer Name; denn so wie sie gibt's keine zweite mehr. Sie ist für sich gar nicht stolz, aber wenn sie heiratet, muß es ein Mann sein, auf den sie stolz sein kann.« Jung Aloys sah betroffen auf. Er war in die alte Heimat des Vaters gekommen mit dem sichern Gefühl, daß er nicht nur die Ehre seiner Familie, sondern auch die Ehre von ganz Amerika mit sich bringe. Selbstverständlich würde jedes frohlocken, dem er sich zuneigt, und nun sah er sich gedemütigt; Zaghaftigkeit und Bangen überkamen ihn. Dennoch sprach er voll Mut, wie wenn noch ein anderer Mensch aus ihm rede. Er bat die Adlerwirtin, an ihre Schwester zu schreiben, daß er komme und warum er komme; er wolle keinen Vorteil vor ihr voraus haben. »Ich verstehe nicht, wie du das meinst?« entgegnete die Adlerwirtin. »Ich hab's so gemeint: Ich komme als Freier ins Haus und deine Schwester soll das so gut wissen, wie ich, und sich danach verhalten. Ich hab' keine Zeit zum langen Ausproben. Sie weiß, von welchen Leuten ich bin, und ich weiß, von welchen Leuten sie ist, und mit gutem Willen und wenn sie just nichts gegen mich hat, können wir gut miteinander leben.« Die Adlerwirtin wußte nicht recht, was sie hierauf sagen sollte; es ist doch ein seltsames Gemisch von Gutherzigkeit und Hochmut in dem Amerikaner. »Bis wann willst du reisen?« fragte sie. »Ich möchte gern das Haus richten helfen. Ich lasse nicht gern halbe Arbeit, und mein Vater hat mir erzählt, wie schön das Maiensetzen hier ist. Ich muß warten, bis die Grundmauern soweit heraus sind. Ich sage nicht gern etwas gegen die Leut hier zu Lande, aber grausam langsam sind sie. Morgen ist auch ein Tag, heißt's immer.« Siebentes Kapitel. Nächst der jungen Adlerwirtin war der Schuster Hirtz am meisten erfreut von der Arbeitsbethätigung des Jung Aloys, und dieser saß am liebsten bei dem alten treuen Genossen seines Vaters in der Werkstatt, die gar ruhig nach dem Grasgarten zu gelegen war. Schuster Hirtz hatte, wie sich das fast von selbst versteht, auch einen Sohn in Amerika. Er hatte ihm einen Brief an seinen Jugendfreund Aloys mitgegeben, aber der Sohn hatte ihn nicht abgeliefert, war in New York hängen geblieben und hatte seit Jahren nichts von sich hören lassen. Hirtz meinte, daß er wohl im Kriege gefallen, aber Jung Aloys bestritt das, denn es sei in dieser Hinsicht große Ordnung gewesen und es wäre sicher Kunde davon gegeben worden. Zwei andere Söhne von Hirtz hatten eine Schuhfabrik in der Hauptstadt, und der Vater sagte, es sei einmal so bei der neuen Freizügigkeit, es dränge und treibe alles nach den Städten hin, aber das werde sich schon einmal wieder umdrehen. Während die Menschen übers Meer und in die Städte zogen, saß Hirtz vom frühen Morgen bis in die späte Nacht arbeitsam auf seinem Dreibein, und seine Aecker mehrten sich und im Hause war gutgeschmalztes Essen. Nur nach dem Mittagessen ruhte er, die nackten Arme auf der Brust übereinandergeschlagen, eine Weile, und da sprach er auch nicht gern, sonst aber war er gesprächsam und spendete gern von seiner still angesammelten Weisheit. Da er als Ehrenmann anerkannt war, hatte man ihm die Postablage übertragen, welche die eine Tochter besorgte, während die andere, als Telegraphistin angestellt, täglich morgens nach dem Bahnhofe hinabging und abends wieder heimkehrte. Ja, Vater Aloys hatte seinem Sohne die beste Weisung gegeben, denn Hirtz sah Menschen und Dinge scharf und gut. »Ich habe noch ein gutes Auge und nur zur Arbeit brauche ich die Brille,« sagte er bisweilen. Jung Aloys sammelte viel ein, was er dem Vater zu berichten hatte, und ihm selber auch that es wohl, zu vernehmen, wieviel tüchtige Menschen im Dorfe seien; aber obgleich er seinen Sinn auf Ivos Tochter gerichtet hatte, fragte er doch nach dieser und jener Bauerntochter, auf die der junge Krappenzacher hingewiesen; auch die Tochter des Papierers von Egelsthal war durch einen Neffen von des Herzles Kobbel in Vorschlag gebracht. Hirtz aber ging nur mit kurzen Worten auf diese Nachforschungen ein, er mißbilligte die Art, wie die Muhme ihren Neffen zu Markt brachte und wie dieser sie gewähren ließ. Um so freigebiger aber war er mit seiner angesammelten Weltweisheit. »Mich freut's,« sagte er, »daß du fleißig bist, es ist mir ein Zeichen, daß du auch wahrhaftig bist. Wer nicht fleißig ist, muß lügen; muß sich selbst belügen und andere belügen. Denk drüber nach. Ich hab lang gebraucht, bis ich das fertig gekriegt hab'. Und wenn's mit der Lüge nicht mehr geht, muß sich der Müßiggänger umbringen, stückweise, er muß sich betäuben durch Trunk und sonst allerlei. Und die Zigarre, das ist ein ganz neues Unglück. Da hat man kein' Pfeif' mehr zu stopfen und zu putzen und hat immer eine Spielerei in der Hand. Sieh dir den Ohlreit an, halbe Tage lang sitzt er da und bläst Nullen in die Luft und sieht zu, wie sie sich ringeln und wie sie zerfließen; der mit Rauch ausgefüllte Müßiggang ist ein großes Unglück. Das kannst deinem Vater auch berichten.« »Vielleicht wär' dem Ohlreit zu helfen, wenn man ihm ein ander Geschäft gäbe.« »Halt, das ist euer Amerika! Da werden die Menschen ungetreu.« »Ungetreu? Mein Vater –« »Ich mein's nicht so, ich mein's so: sie haben keine Treue zu ihrem Handwerk. Macht man mit einem andern mehr Geld, so werfen sie das gewohnte Handwerk weg. Ist's nicht so?« »Aber ich mein', es kommt eben dadurch, daß die Leute ausgewandert sind von allem Angewohnten daheim, und in der Neuen Welt neu auf die Welt kommen.« Hirtz schaute Aloys groß an. Er wollte sagen: Schau, schau, des Tolpatschen Sohn hat nicht unebene Gedanken. Er griff auf seinem Werktisch hin und her, als ob ihm jemand sein Handwerkszeug durcheinander gebracht und seine beste Ahle entwendet hätte. »Ich lasse jedem seine Gedanken, ich behalte aber auch die meinen,« schloß er, indem er weit ausgreifend den Draht wichste, die Borste in den Mund nahm und den Knieriemen schärfer einlegte. Aloys ging nun mit seinem Anliegen heraus, er sagte, daß er die Tochter Ivos freien wolle. »Es ist nur noch eine da, die Ignazia.« »Ebendie.« Schuster Hirtz sah ihn über die Brille weg groß an. Was sich so ein Amerikaner nicht alles einbildet! Er glaubt, nur kommen und pfeifen zu dürfen und die feinste und beste lauft ihm zu. Mit schelmischem Lächeln erwiderte er: »Allen Respekt! Ja, wenn du die kriegst, da kannst du froh sein; aber schad wär's, die nach Amerika zu geben.« Aloys drückte es hinab, daß Hirtz einen Widerwillen gegen Amerika hatte; der Mann hat da einen verlorenen Sohn, und so gescheit er sonst ist, er läßt sein Unglück ganz Amerika entgelten. Er ging daher über den letzten Ausruf weg und fragte: »Also Ihr kennet die Ignazia?« »Sieh, dort oben, da steht ihr Leisten. Wenn du bis nächste Woche wartest, kannst du ihr ein Paar Doppelsohlenstiefele mitnehmen. Ja, die Ignazia, sie ist bei der Hochzeit ihrer Schwester hier gewesen und viel in meinem Haus. Ich habe als Soldat mitgespielt in der Jungfrau von Orleans, dein Vater ist auch dabei gewesen. Erinnere ihn nur dran. So eine, wie die Jungfrau von Orleans, könnte auch die Ignazia sein; aber sie hat keinen Aberglauben, sie ist freisinnig und hell wie der Tag. Jetzt sag, ist denn da schon was fertig gemacht?« Aloys mußte verneinen, und je mehr Hirtz das Glück pries, eine solche Frau zu gewinnen, um so zaghafter wurde Aloys. »Ich hab' eine Bitt',« sagte er endlich, »darf ich fragen, wieviel Ihr an einem Tag verdienet?« »Darf ich fragen, warum du das fragst?« »Weil ich Euch gern das bezahlen möcht'. Man sagt bei uns in Amerika, die Welt ist ein Markt, wo man für Geld alles haben kann. Die Freundschaft kann ich freilich nicht bezahlen, aber Euren Arbeitsertrag. Ihr thätet mir den größten Gefallen, wenn Ihr mich zum Ivo begleiten möchtet, oder vorausginget und mit der Ignazia von mir sprächet.« Hirtz lehnte entschieden ab. Aloys saß lange still verdrossen. Die Menschen sind hier doch nicht so, wie der Vater meint; sie lassen nicht alles stehen und liegen und helfen einer dem anderen. »Ich habe noch was fragen wollen,« begann er endlich. »Frag nur.« »Ich versteh' nicht, was das ist mit dem Ohlreit. Keiner kann mir's ordentlich erzählen. Wollet Ihr?« »Nicht gern.« »Aber ich möcht' bitten.« »Nun denn, die Sach' ist so: Bis zum Tod des Schreiners Philipp hat man nicht gewußt, daß das so vermögliche Leute sind und so schönes Geld haben neben ihren Aeckern. Sie haben gar genau gelebt, und die Frau ist eine von den stillen Schafferinnen, die früheste am Morgen und die späteste am Abend. Ihre Freude waren natürlich die beiden Kinder. Der Trudpert ist damals sechzehn, siebenzehn Jahr alt gewesen, wie der Vater gestorben ist, und man sagt, der Bub sei nicht gut gegen seinen Vater gewesen, aber die Mutter hat alles vertuscht und den Trudpert verzogen. Ich muß das sagen, sie hat schwer gebüßt, aber eine Schuld hat sie auch gehabt, freilich nicht so, wie sie gestraft wurde. Damals ist der Auswanderungsteufel bei uns umgegangen, und auf einmal heißt's, der Trudpert geht auch fort. Es weiß kein Mensch warum, er selber eigentlich auch nicht. Die Mutter kommt zu mir und bittet mich, ihm abzureden. Aber da hilft nichts. Fort will ich, war seine einzige Antwort und dabei ist es verblieben. Man weiß jetzt, seitdem so viele zurückkehren, nicht mehr, wie es damals beim Auswandern gewesen ist. Das Weinen hat kein Ende genommen. Kannst dir denken, wie es der Mutter vom Trudpert war. Sie hat von da an nicht mehr ordentlich gearbeitet. Da draußen auf der Hochbur ist sie jedesmal gesessen, wenn der Briefbot' die Steig' herauf gekommen ist und hat ihm entgegen gerufen: Hast Brief' an mich von meinem Trudpert? Wie nun Monate vergangen sind ohne Brief, hat sie nimmer gefragt, sie hat nur die Hand ausgestreckt, und wenn sie nichts bekommen hat, hat sie die Hände wieder gefaltet und hat gebetet: Lieber Gott! Laß es ihn nicht entgelten, daß er seine Mutter tausendmal umbringt, und er hat doch so gut schreiben gelernt . . . Schau, ich hab' nicht zu entscheiden, welche Religion die beste ist. Ich mein' fast, wie der Doktor gesagt hat, die beste Religion ist noch gar nicht da. Das aber muß man den Juden nachsagen, noch kein Jude aus dem Ort hat die Seinigen daheim vergessen, jeder schickt was, selbst die, wo drüben Dienstboten sein müssen, schicken was heim. Ich mein', das kann doch keine schlechte Religion sein.« »Gewiß nicht. Aber wie ist es weiter mit der Frau geworden?« »Einmal haben sie hier einen dummen Spaß gemacht oder eigentlich einen niederträchtigen. Ein Ausgewanderter aus Betra kommt die Steig' herauf und da rufen sie: Der Trudpert kommt! Die Mutter eilt die Straße hinab, und wie sie den fremden Menschen sieht, der sie anlacht, rennt sie ins Feld hinein, und erst spät in der Nacht hat man sie gefunden, drunten am Neckarufer im Wald, da wo der große Ameisenhaufen ist, sie war tropfnaß; man meint, sie hab' sich ertränken wollen. Gewisses aber weiß man nicht, und sie hat nichts davon bekannt. Von da an ist sie immer stiller geworden und mit einem Wort: sie hat sich hintersinnt. Wie damals die Nachricht vom Untergang der Austria gekommen ist – es sind auch von hier und von Empfingen dabei gewesen – da war natürlich viel Wehgeschrei und Herzeleid, aber die Schreinerin ist fast lustig gewesen und hat gerufen: Jetzt ist er ertrunken. Es hat nichts genützt, daß man ihr gesagt hat, das Schiff sei ja nicht von Amerika gekommen, sondern dahin abgegangen; sie ist dabei geblieben, ihr Trudpert sei mit dem Schiff ertrunken. Wenige Wochen drauf hat sie aber doch immer wieder den Briefträger abgewartet. Ich habe zu erzählen vergessen, daß sie noch hei hellem Verstand – ich habe als Zeuge unterschrieben – ein Testament gemacht hat, worin sie dem Trudpert, statt des gesetzlichen Erbes, nur den landesrechtlichen Pflichtteil unter Abzug des Ueberfahrtsgeldes vermachte, das übrige der Tochter, die unterdies geheiratet hatte, und ihren Kindern. Wir redeten ihr ab, aber sie sagte damals: Wenn er zu meinen Lebzeiten wiederkommt, gilt ja das Testament nichts, und kommt er nach meinem Tod, soll er spüren, was es heißt, der Mutter das Leben abkränken. Sie ist vor einem Jahr gestorben, der Trudpert ist wieder gekommen, bevor er das Ausschreiben von der Testamentseröffnung hat zu Gesicht bekommen können, und das ist ein Zeichen, daß er in der Hauptsache die Wahrheit spricht: er ist von selber gekommen. Er ist gut bei Geld gewesen und hat anfangs groß gethan und als ob er nichts von dem Erbe wollte. Mit der Zeit aber hat er den Prozeß angefangen und möchte den Beweis führen, daß seine Mutter damals schon irrsinnig gewesen. Das thut er, der sie durch seine Unkindlichkeit später dazu gebracht hat.« »Entsetzlich!« rief Aloys. »Jawohl,« bestätigte Hirtz, »und doch, sag' ich dir, ist noch etwas brav in dem Menschen und er wäre noch zu retten. Ich glaub's ihm, daß er aus Reue heimkommen ist und gern alles hätte wieder gut machen wollen. Freilich, die Jahre und den Verstand hätt' er seiner Mutter nicht mehr geben können.« Hirtz stand auf und atmete schwer, er mochte auch seiner Söhne gedenken und halb vor sich hin schloß er: »Das Gesetz mit dem Pflichtteil der Ausgewanderten scheint hart, ist es aber nicht. Wer so davongeht und nicht daran denkt, für die Eltern was zu thun, wenigstens ihr Herz nicht verhungern zu lassen, der soll auch nichts von den Eltern haben . . .« Aloys ging von Hirtz weg auf den Bauplatz. Er half das Haus richten, freilich ohne die Feierlichkeit, die er erwartet hatte, und nun bereitete er sich zur Reise zu Ivo. Er wollte nicht einmal mehr warten, bis er die Schuhe für Ignazia mitnehmen konnte. Nur eines, was er bisher von Tag zu Tag verschoben, hatte er noch zu erledigen: er mußte des Jörglis Marannele besuchen. Achtes Kapitel. »Er läßt mich warten. Ja, wer denkt an eine dürre alte Frau. Von seinem Sohn hätt' ich das doch nicht geglaubt. Aber der Rufina soll die Zung' verbrennen, die ist an allem schuld. Ich glaub' an keinen Menschen mehr. Ich bin eine vergessene verlassene Witib.« So jammerte und fluchte Marannele auf ihrem Lager, und es nützte nichts, daß die Tochter sie zu trösten versuchte, Aloys arbeite als Zimmergesell; die Mutter hatte doch erfahren, daß er am Abend bei diesem und jenem im Dorfe Besuch gemacht habe, er scheine unter Anleitung der Muhme zu leben, denn er sei am längsten immer dort geblieben, wo heiratbare Töchter im Hause seien. »Sieht er lustig aus?« fragte die Mutter. »Es kommt mir nicht so vor.« »Kennt er dich? Hat er dich begrüßt?« »Nein. Er sieht kaum auf.« In der That war Aloys nicht gut gelaunt, denn er mußte zum Ueberdruß hören, wem er eigentlich gleiche; die einen behaupteten, er gleiche mehr seinem Vater, die anderen seiner Mutter, die meisten aber sagten jetzt, er ähnele vorzugsweise dem Großvater, dem Mathes vom Berg. Daneben waren die Menschen so ungeschickt, ihn geradewegs zu fragen, ob er sich bald entscheide, eine Frau mitzunehmen; denn die Muhme hatte den jungen Krappenzacher ins Vertrauen gezogen, ihrem Neffen die Fürnehmste zu verschaffen. Jung Aloys sagte der Adlerwirtin, daß er entschlossen sei, in nächster Woche zu ihrem Vater – Ivo – zu reisen, und vielleicht käme er von da gar nicht mehr hierher zurück. Der Adlerwirt schrieb einen Brief an seinen Schwäher, worin er den Ankömmling meldete. Er fand es besser, das geradewegs Aloys zu sagen, das war nicht nur ehrlich und gab Zutrauen, es band auch Aloys, sich in nichts anderes einzulassen. Aloys hatte wohl in Erinnerung, daß ihn Marannele am ersten Abend hatte begrüßen lassen, aber daß sie eine Tochter hatte, war ihm zuwider; der Vater hat also nicht umsonst gewarnt und am besten ist, sie gar nicht kennen zu lernen. Die Alte wird freilich gekränkt sein, daß er sie nicht besucht, aber man kann nicht allen Menschen helfen, und zudem ist es eine widerwärtige Sache, die Frau zu sehen, die die Geliebte des Vaters war, ihn verschmähte und einen anderen vorzog. Dennoch regte sich etwas in ihm – das hat er doch vom Vater – das ihn wie eine Sünde plagte, eine alte kranke Frau durch Vernachlässigung zu kränken. Er kannte das Haus recht wohl, er war schon mehrmals dran vorbeigegangen und als er nun mit dem jüdischen Schullehrer, der sich ihm angeschlossen hatte, wieder vorüberging, hörte er einen Jodelgesang mit mächtiger Stimme. »Wer ist das?« »Des Jörglis Maranneles Tochter.« »Wie heißt sie?« »Auch Marannele. Sie haben sie den ersten Abend gesprochen, sie hat Ihnen einen Gruß von ihrer Mutter ausgerichtet. Das Jodeln hat sie von ihrem Vater. So lustig jodelt keiner mehr im Ort. Er war auch ein freisinniger Mann, wie wenige mehr hier; er ist aus dem Gemeinderat zu mir gekommen und hat mir gratuliert, als ich Gemeindelehrer geworden bin, wie meine christlichen Kollegen auch.« Der Lehrer trug Aloys auf, seinem Vater zu erzählen, welchen Fortschritt man in der Heimat gemacht habe; denn es sei ja bekannt, wie gut sich sein Vater gegen des langen Herzles Kobbel benommen habe; drüben in Amerika begrüßen sich die Menschen nicht mehr als Religionsgenossen, sondern als Heimatsgenossen, und das Gleiche mache sich nun endlich auch im Vaterlande geltend. Jung Aloys war kein aufmerksamer Zuhörer, er schaute hin und her und wieder auf den Weg wie einer, der an sich hinreden lassen muß, was ihn eigentlich gar nichts angeht, gewiß aber nicht im gegenwärtigen Augenblick. Er verstand es indes nicht, in schicklicher Weise die Begleitung abzulehnen, zumal er glaubte, das sei wohl so im bevölkerten Dorfe, denn draußen auf seiner Farm kam ihm niemand in die Quere. Endlich riß er sich doch los und ging nach dem Hause. Der Gesang war verstummt, ein Mädchen saß auf der Hausbank, es hatte einen hellroten Rock an, der Oberkörper war nur mit dem straff anliegenden Hemde bekleidet, neben ihm lag eine Jacke, die bloßen Arme waren voll trotzender Kraft, und die sonngebräunten Backen so rund und frisch. Das Mädchen nickte einem großen Leonberger Hund zu, der seinen Kopf an ihre Kniee drückte; jetzt brummte der Hund, sie schlug verwundert die großen blauen Augen auf, rief dem Hunde zu: »Ruhig! Kusch!« Der Hund folgte. War das nicht derselbe Hund, den Jung Aloys beim ersten Angang gesehen, und war das nicht dieselbe Stimme, die damals die gleichen Befehlsworte gerufen hatte? »Ei, Ihr seid's? Grüß Gott,« rief das Mädchen. »Wollet Ihr zu uns?« »Ja freilich.« »Das wird die Mutter freuen. Das ist schön, daß Ihr kommet. Die Mutter hat Tag für Tag, jede Stunde auf Euch gewartet.« Während sie sprach, zog sie abgewendet die neben ihr liegende Jacke an. Jetzt wendete sie sich flammenden Antlitzes um, er reichte ihr die Hand. »Ein schöner Hund,« war das erste, was er jetzt sagte, und der Hund schien die Worte zu verstehen, er drückte sich an das Mädchen und schaute ruhig auf den Mann. »Und getreu ist er auch und gescheit. Ihr könnt ihn haben, wenn Ihr wollt. Wir haben ihn noch vom Vater her, wir wollen ihn aber nur einem guten Herrn geben, der ihn nicht an die Kette legt. Aber wartet jetzt eine Minute, ich will's der Mutter sagen, daß Ihr da seid, es könnte sie doch erschrecken. Ihr müßt ein wenig laut reden, sie darf's aber nicht merken; sie nimmt's übel, wenn man sie es merken läßt, daß sie fast taub ist. Du . . . bleib da! Bleib bei dem Herrn und sei brav, dann nimmt er dich mit,« schloß sie lachend zu dem Hund und verschwand im Hause. Der Hund blieb ruhig bei Aloys und blinzelte ihm zu. Aloys streichelte den Kopf des guten Tieres und dachte vor sich hin: wie fein und gut hat das Mädchen gesprochen und wie klingt ihre Stimme so gut. Halt Aloys! Vergiß nicht, was dein Vater gesagt. Das war' schön, wenn du just da . . . »Du einfältiges Ding, was läßt ihn vor dem Haus warten?« rief eine gellende Stimme oben. Das Mädchen kam wieder und winkte Aloys mit den Augen, die größer geworden schienen, sie sagte leise: »Lasset Euch nicht anfechten, daß sie geschrieen hat.« Aloys trat in die Stube. Aus der Kammer rief es: »Kommet doch! Was machet Ihr so lang? Kommet herein miteinander.« Neuntes Kapitel. Die Thüre öffnete sich, Aloys stand still. Das also ist das Marannele! Die Alte mochte fühlen, daß der junge Amerikaner das dachte, denn sie rief: »O lieber Aloys! Wie oft hab' ich das gesagt, aber der so heißt, hat's nicht gehört. Ja, lieber Aloys, nicht wahr, dein Vater hat dir gesagt, ich sei ein schön Mädle gewesen? Da siehst du jetzt, was aus einem schönen Mädle wird. Komm näher her!« Die Augen der Mutter Marannele leuchteten zu dem Sohne, wie vor dreißig Jahren zum Vater, ihr Glanz schien derselbe geblieben. »Verzeih, daß ich du gesagt habe. Ihr habt eine breite Hand und was für einen schönen Ring. Nicht wahr, meine Hand ist dürr? Gottlob, daß ich sie dem Aloys noch hab' geben können. Die Leute haben gesagt, er geht von hier fort, ohne bei mir gewesen zu sein, ich aber hab' gesagt, das kann der Sohn von meinem Vetter Aloys nicht übers Herz bringen, oder er ist sein Sohn nicht, und wenn alles andere nicht wär', verwandt sind wir doch auch.« »Jawohl sind wir verwandt, und saget nur auch du zu mir.« »Stell dich besser ins Licht, daß ich dich besser sehen kann. So, ja, es ist so, hab' schon gehört, du siehst dem Mathes vom Berg am gleichsten. Aber die Augen hast doch vom Vater und auch die Stirn und den Mund.« Aloys lachte. »Ja, wenn du so lachst, das ist herzig das Lachen von deinem Vater. Die Gutheit hat aus ihm gelacht. Erzähl ihm nur, wie ich aussehe.« Aloys konnte mit Aufrichtigkeit erwidern, daß das Gesicht nicht anmutlos sei, daß es runzlig und verfallen war, brauchte er ja nicht auszusprechen. »Jetzt sag mir, wie sieht denn dein Vater aus? Ist er auch so dürr wie ich?« »Nein, er ist breit und dick; da seht, das ist sein Bild.« Jung Aloys zog ein Paket Photographien aus der Tasche und reichte eine davon. »Ja, den hätt' ich nicht mehr erkannt, der sieht ja aus wie der alt' Buchmaier; ja dem sieht man das Wohlleben an, ich gunn's ihm von Herzen, einen besseren Menschen, als er ist, gibt's auf der ganzen Welt nicht. Schau, dort hängt dein Vater.« Die Alte deutete auf ein koloriertes Bild, das an der Wand hing, worunter geschrieben stand: Aloys Schorer, Soldat im fünften Infanterie-Regiment. »Nimm's herab du!« rief sie zur Tochter. »O was sind die jungen Leut' jetzt! Wie ich so alt gewesen wie du, hätt' ich mir das nicht erst sagen lassen, ich hätt's von selber gethan.« Erschrocken ging Jung Marannele an die Wand und suchte das Bild herab zu nehmen, ihre Hand zitterte und Jung Aloys half ihr. So hielten die beiden das Bild des Vaters aus seiner Jugendzeit. Aloys hätte dem Mädchen gern gesagt: Ist brav von dir, daß du der keifenden Mutter nichts antwortest, und Marannele hätte gern gesagt: Ist brav von dir, daß du alles so geduldig anhörst. Vielleicht sahen beide im begegnenden Blicke diese Worte. »Hat mein Vater je so ausgesehen?« fragte Jung Aloys. »Der Postur nach ja, und auch im Gesicht; nicht ganz, aber auch nicht weit gefehlt, und da steht's ja, das hat er selber geschrieben. Ach, lieber Gott! damals sind andere Zeiten gewesen.« »Das Bild scheint einmal zerrissen gewesen zu sein.« »Das ist ja eben die Geschicht'! Dein Vater hat dir gewiß davon erzählt. Freilich, so etwas erzählt man nicht gern einem Kind; es ist aber nichts Unrechtes dabei. Er hat mir das Bild geschickt, wie er Soldat gewesen, ich bin aber schon mit meinem Jörgli versprochen gewesen, und dein Vater war auch viel zu jung für mich und zu wehleidig, ich bin ein bißle scharf, aber nicht bös. Ich will mich nicht besser geben als ich bin. Wie er dann heimkommen ist, hat er das Bild zertreten, weil es noch in seiner Mutter Stube gehangen hat. Sie hat's aber doch nachher wieder zusammenflicken lassen. Und wie die Versteigerung von den Sachen deiner Großmutter war, bin ich eben hin ins Haus und hab' das Bild gekauft; es soll nicht verunehrt werden, es ist doch dein Vater und er hat was drauf gehalten, und mein Mann hat nichts dagegen gehabt. Wir haben's gehalten, Gott verzeih' mir's, fast wie ein Heiligenbild.« »Es ist Euch also sehr teuer.« »Ich hab's um den Wert vom Glas und Rahmen noch billig gekauft, ich glaub' um 26 Kreuzer. Es hat niemand drauf geboten gehabt, als der Schuster Hirtz. Wie er aber gesehen hat, daß ich's will, ist er zurückgestanden, er weiß doch, daß ich deinem Vater näher gewesen bin als er. Wie ich höre, bist du arg gut Freund mit ihm.« »Er scheint mir ein Ehrenmann.« »Scheint nicht bloß. Ja, und da ist noch was. Der Turteltaubenkäfig ist auch von deiner Großmutter, aber die Turteltauben sind nicht mehr die alten, das sind junge davon.« Wie zur Bestätigung gurrten die Tauben aus dem Käfig. Die Alte war offenbar zweifelhaft, wie sie über Schuster Hirtz sprechen solle, aber Aloys war nicht geneigt, ihr darin nach irgend einer Seite Beistand zu leisten. Er fragte daher: »Den Käfig und die Turteltauben behaltet nur. Wäret Ihr aber nicht geneigt, das Bild herzugeben?« »Ich weiß nicht.« Es war ein lauernder Blick, mit dem die Alte den jungen Amerikaner betrachtete, dann fuhr sie fort, indem sie schnell eine andächtige Miene annahm: »Unser Herrgott weiß, ich kann nicht hinterm Berg halten. Was soll ich lügen? Wenn man so alt ist und bald vor den himmlischen Richter kommt. Ja, lieber Aloys, kein Mensch auf der Welt bekäm' es von mir als du. Du bist sein Sohn, du sollst's haben, ohne einen Kreuzer.« »Ich danke Euch, danke von Herzen.« »Es wird mir freilich and thun, das Bild nicht mehr zu sehen; in allen Ehren hab' ich das Bild Tag für Tag angesehen und dem Manne Glück und Segen gewünscht und es ist, gottlob! eingetroffen.« Aloys erwiderte ruhig: »Darf ich das Bild gleich mitnehmen? »Schau, das hast du jetzt grad so gesagt, wie wenn's dein Vater gesagt hätte; ganz seine Stimme so von Herzensgrund. Marannele!« rief sie plötzlich in anderem Tone. »O lieber Gott, was ist denn heut mit dir? Muß man dir denn heut alles sagen und befehlen? Bist doch sonst – Jetzt hol dem Herrn Vetter ein Gläsle Kirschenwasser. Sag nichts dagegen, Aloys, ich trink' mit, es thut mir gut.« Jung Marannele ging still davon, und kaum war sie weg, als die Mutter leise sagte: »Komm näher her, ich hab' dir was zu sagen.« Zehntes Kapitel. Die Alte nahm seine Hand zwischen ihre beiden dürren Hände und flüsterte: »Sie ist sonst nicht so wie heut, sie ist ein aufgewecktes Mädle und ich zeig' ihr gern den Meister, und sie darf keine Widerrede machen. Das gibt nachher die besten Frauen.« Die Alte schien zu merken, daß sie zu vorschnell und zu weit gegangen war, denn sie setzte hinzu: »Es ist nicht mehr so wie vor Zeiten, daß alles auf und davon nach dem Amerika fliegen möcht'. Ich bin so allein. Aus dem Ort lasse ich kein Kind mehr. Ja, was hab' ich doch sagen wollen? Hast du mich nicht was gefragt gehabt?« »Ob ich das Bild gleich mitnehmen kann.« »Von mir aus gern. Aber laß dir was sagen. Allem Anschein nach bist du ganz wie dein Vater und weißt auch nicht, wie schlecht die Menschen sind und wie sie einem alles verdrehen. Das Bild ist dein. In einer Ehrenfamilie wie die unsere ist ein Wort ein Eid. Bei minderen Leuten mag das anders sein, aber ich stamme auch von den Schorers ab. Wie ich höre, bist du gut gegen alle Menschen, aber laß dich in keine geringe Familie hineinziehen. Vergiß nicht, daß du ein Schorer bist. Deines Vaters Großvater und meiner Mutter Großvater sind Brüder gewesen –« Die Alte war so ins Reden gekommen, daß sie nicht merkte, wie Aloys über die ewigen Vetterschaften lächelte, dann sie fuhr fort: »Die Schorer, das ist von uralten Zeiten her ein Bauernadel. Dein Vater hat dir gewiß davon erzählt.« »Nein. Auf solche Sache halten wir in Amerika nichts. Mich hat's gefreut, wie ich die armseligen Häuser von meinen Großeltern beider Seiten gesehen hab'. Bei uns in Amerika ist das der Stolz, von geringen Leuten abzustammen und selber aus sich was gemacht zu haben.« Die Alte schaute verwundert um; auf ihre besten Trümpfe gewann sie keinen Stich. Sie gab aber das Spiel noch nicht auf und begann aufs neue. »Nicht wahr, ich schwätz' viel? Ja, ich hab' eben zu viel mit mir allein geredet; die Tage und Nächte auf dem Krankenlager, da denkt man sich durch die ganze Welt durch. Also nicht wahr? Von dem Bild haben wir geredet? Folg mir und laß es da hängen, bis zu deiner Abreise. Die Leute könnten drüber spötteln, und du hast das linde Herz von deinem Vater, dir thut so was weh. Sag. Kenn' ich dich und verstehe ich dich?« »Zum Teil. Ich frage nicht viel nach dem Gerede. Aber Ihr habt recht.« »So hat's dein Vater auch in der Red' gehabt; er hat auch gern gesagt: du hast recht. Komm nur zu mir, so oft du willst. Laß dich dünken, ich wär' die Schwester von deinem Vater. Ach lieber Gott! Wenn ich nur sein' Schwester wär'!« Sie weinte bitterlich und sagte dann: »Nicht wahr, das Bild. wie er jetzt aussieht, das darf ich behalten?« »Von Herzen gern. Er hat mir noch ausdrücklich gesagt, Euch soll ich eins geben, wenn Ihr noch gut an ihn denkt.« »Und die anderen?« »Die soll ich eben denen geben, die auch noch gut an ihn denken.« »O, du guter Aloys in der weiten Welt draußen! Bist von Kindsbeinen auf gutherzig gewesen und bleibst gut. Hast aber recht, man wird dick und fett dabei, wenn man nicht weiß, wie schlecht die Menschen sind. Marannele! Sag mir nichts. Ich seh' dir's an, du willst mir drein reden. Ich weiß, was ich sag', und ich sag's zu unserm nächsten –« »Mutter! Ich hab' ja gar nichts –« »Ist gut. Bleib dabei. Jetzt Aloys, glaub mir! Das ganze Dorf ist nichts als eine Räuberbande und Bettelpack, und die Reichen sind die Nichtsnutzigsten. Schau, wenn dein Vater morgen hierher käm' und wenn er noch einmal so brav wär' wie ein frisch vom Himmel hergezogener Engel und er hätt' kein Geld, kein Mensch wendete ein Auge nach ihm. Auch wieder hier? thät's heißen. Hü Bläß! Hot Stromel! Und sie gingen mit ihren Kühen und Ochsen davon und ließen ihn stehen.« Von diesen Allgemeinheiten ging Marannele zu ganz genauen Persönlichkeiten über, sie ließ das ganze Dorf vom ersten bis zum letzten Haus vor ihrem Bette vorbeimarschieren und jeder bekam seinen Treff; besonders geschickt derjenige, der eine schöne Tochter hatte. Ueber die Mädchen selber sagte sie nichts Deutliches, sie winkte gegen Marannele hin, andeutend, daß sie vor ihrem Kinde nicht sagen dürfe, was da alles vorgehe. Sie schloß: »Dir darf ich alles sagen und dir muß ich alles sagen. Ich weiß nicht, wie mir ist, ich bin wieder ganz jung. O was ist der Mensch für ein wunderliches Ding, das da drin, das wird nie alt –« sie deutete auf die Stelle, wo das Herz sein soll, und sich wendend rief sie: »Jetzt hab' ich aber genug geschwatzt. Jetzt erzähl du: wie lebet ihr denn so in dem wilden Wald? Wie viel Geschwister seid ihr? Wie viel Häuser sind um euch herum und was für Leut'? Sind auch Arme da?« »Ich erzähl' nicht gern von Amerika. Die Leute hier halten leicht alles für Prahlerei.« »Hast sie also schon so grundmäßig kennen gelernt? Ja, dir sieht man den hellen Verstand an. So jung und schon so . . . Aber mir, lieber Aloys, mir kannst du berichten, bei mir ist's –« Sie konnte vor inniger Beteuerung kein Wort finden und Aloys erwiderte: »Ja, also auf Eure letzte Frage will ich zuerst sagen: Arme gibt's eigentlich bei uns nicht, das heißt, es gibt Arme, aber das sind eben die Liederlichen. Wer schaffen will, braucht nicht zu hungern. Wir haben ein großes Bauerngeschäft. Wir ernten aber nicht wie hier mit Sichel und Sense, wir arbeiten mit der Mähmaschine, die arbeitet in einer Stunde, wozu zehn Mäher einen ganzen Tag brauchen.« »Und dein Vater kann noch immer gut schaffen?« »Er thut nicht mehr viel als gärteln. Er hat mehr als zweitausend Pfirsichbäume gepflanzt.« »Zweitausend? So viel hat ja vielleicht das ganze Württemberger Ländle nicht.« »Wir verschicken viel Pfirsiche und lösen daraus ein schön Geld.« »Erzähl mir von deinen Geschwistern.« »Zwischen dem Basche und mir ist ein Geschwister gestorben. Jetzt sind wir noch fünf. Meine älteste Schwester, sie heißt auch Mechthilde, ist eine Lady, eine vornehme Frau, von den vornehmsten eine in der Stadt, ihr Mann hat eine Metzgerei und schlachtet alle Tage seine fünfzig bis sechzig Ochsen und gegen zweihundert Hammel.« »O lieber Gott! Da geht's nicht hungrig her,« unterbrach Marannele. »Aber erzähl weiter. Von deinem Vater.« »Ja, der geht nicht mehr weit weg vom Haus. Wie der Krieg ausgebrochen ist mit den Südländern, da hätten ihn keine zehn Ross' daheim gehalten, und die Mutter – besser versteht keine Frau ihren Mann – bevor er noch einen Laut gegeben hat, hat sie ihm gesagt: Geh du nur mit. Und er ist mitgangen und in großen Ehren heimkommen, leider mit einem Schuß im linken Bein schon im ersten Vierteljahr. Er hat im Regiment von Ludwig Waldfried gestanden, der jetzt da drüben bei der Freudenstadt wohnt. Das ist ein Mann! Er hat uns besucht. Ich habe dem Vater versprochen, daß ich seinen Oberst aufsuche. Der Vater ist sein Adjutant gewesen –« »Warum hat sich dein Vater nicht in seiner Uniform abbilden lassen?« »Die Uniform gilt bei uns nichts. Es ist nicht so wie hier zu Land, wo die Beamten und die Offiziere, soviel ich sehe, sich für was Besonderes halten. Bei uns ist alles gleich. Wir sind freie Bürger.« »Ist auch besser. Jetzt sag: Hat's auch Wilde in eurer Gegend?« »So nah grad nicht, aber wir sind auch schon mit ihnen zusammenkommen, ganz in Frieden, es sind Ehrenleute und stolz, und uns viel lieber als die Irländer. Das ist ein Lumpenpack oben heraus. Bis zu dem Krieg haben sie noch dazu immer gethan, als wenn sie was Besseres wären als wir Deutsche, und die Franzosen in der Stadt, die haben gelacht, daß man nur dran denken kann, die Deutschen werden nicht zu Wurst zusammengehackt. Ja, ihr daheim, ihr habt gewiß viel Angst ausgestanden, aber gewiß nicht mehr wie der Vater. Der hat jeden Morgen gesagt: Jetzt kommen vielleicht die Franzosen mit ihren Turkos die Horber Steige herauf und von Isenburg her und brennen und sengen und es kann niemand mit ihnen reden als der Franzosensimpel, wenn er noch lebt, und da hat der Vater auch von Euch geredet –« Aloys hielt plötzlich inne, und die Alte fragte: »Sag's nur, was hat er von mir gesagt? Ich nehm' nichts übel.« »Es ist just nichts Böses; er hat eben gesagt, das Marannele hat eine scharfe Zung', vor dem laufen die Franzosen davon.« Sie lachte gezwungen und Jung Aloys lächelte schelmisch, die Alte weiß nun doch auch, wie der Vater von ihr denkt; aus Gutmütigkeit fügte er indes hinzu, daß der Vater oft gewünscht habe, wenn er nur ganz Nordstetten bei sich aufnehmen könnte. Dann fuhr er fort: »Jeden Abend hat eines von uns auf die Post reiten müssen und die Zeitung holen. Wir halten den ›Schwäbischen Merkur‹ und wissen alles. Der Vater hat's voraus gesagt: Jetzt kommen die Deutschen zu Ehren, daheim und hier. Er hat nur gemeint, in der ersten Schlacht siegen die Franzosen, nachher aber sicher die Deutschen.« »In solchen Sachen ist dein Vater so gescheit?« suchte Marannele die Rede des Aloys in Bewegung zu erhalten, denn er stockte, da er inne ward, wie unnötig es sei, das der alten Frau da zu sagen. Jetzt fuhr er fort: »Ja, hier reden sie noch vom Tolpatsch; schön ist's nicht, aber was liegt dran? Der Vater ist ein Mann, so grundgut und so grundgescheit und so fest, einen besseren gibt's nicht in der Alten Welt und nicht in der Neuen.« Es kratzte etwas an der Thüre. Jung Marannele stand auf und verließ die Stube, es war ihr offenbar peinlich, wie die Mutter so viel in den guten Menschen hineinredete. Nach einer Weile kam sie wieder und Jung Aloys sagte: »Du hättest den Hund wohl hereinlassen dürfen. Ich habe die Hunde gern und die Hunde haben mich auch gern.« Das Mädchen schwieg, aber die Mutter rief: »Wenn ich die Augen zumache, meine ich, dein Vater wär' da. Aber erzähl weiter. Sag, gibt's bei euch auch Schnee und ist es wirklich wahr, daß ihr keine Nußbäum' und keine Lerchenvögel habt, und daß dir das so viel Freude macht bei uns?« Jung Aloys erzählte alles genau; er sprach eine Zeitlang dreinstarrend, wie wenn ein anderes die Worte für ihn hergebe, denn er dachte anderes, als er berichtete. Mutter Marannele konnte gut fragen, sie hatte den Hauptschlüssel zu allen Verschlüssen in der Seele. Aloys fühlte sich so angeheimelt, daß er bekannte, es sei ihm, wie wenn er von Kindheit an bei der Base und ihrer Tochter gelebt hätte, und als er bei diesen Worten in das Antlitz der Tochter schaute, zuckte es ihm im Herzen, als wäre ein Blitz hineingefahren, und Jung Marannele fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, als spüre sie leibhaftig den warmstrahlenden Blick von Jung Aloys. Die Mutter richtete sich auf und jetzt war ein Augenblick, wo sie in der That wieder schön war, ihr Gesicht war wie durchleuchtet und in ihrer Stimme war ein Herzton, da sie sagte: »Aloys, wenn du zu deinem Vater kommst, sag ihm, er soll mir auch verzeihen. Ich kann in der nächsten Stunde sterben, und es nimmt mir einen Stein vom Herzen, daß ich seinem Sohn das sagen kann ins lebendige Auge hinein. Sag ihm, er soll gut an mich denken in Zeit und Ewigkeit.« Sie hatte das mit großer Lebhaftigkeit gesprochen und ihre Wangen hatten sich gerötet. Es herrschte geraume Zeit Stille, nur die Turteltauben gurrten. »Jetzt, lieber Aloys,« sagte die Alte, »du nimmst mir's ja recht nicht übel, wenn ich dir sag: geh jetzt. Es hat mich so arg angegriffen. Marannele, gib dem Herrn Vetter das Geleit, und laß mich jetzt ein bißle schlafen. Ich spür's, lieber Aloys, dein Ehrenbesuch und alles Gute, was ich von dir gehört hab', macht mich gesund. Das ist besser als alle Doktor und Apotheker. Ich mein', ich könnt' jetzt aufstehen, aber ich will warten. Jetzt gehet miteinander und behüt' euch Gott.« Elftes Kapitel. Mutter Marannele trank hinter den Weggehenden schnell das Kirschwasser aus, das Aloys hatte stehen lassen, dann legte sie sich in die Kissen zurück und schloß die Augen, aber ihre Züge lächelten. Plötzlich richtete sie sich wieder auf und murmelte vor sich hin: »Ich mein', ich könnte jetzt hören, wie sein Herz und wie ihr Herz schlägt. Die Welt wird immer wieder jung. Jetzt brennt's!« Es fiel ihr die Geschichte von dem Brandstifter aus Ahldorf ein, der sein Haus angezündet hatte und hierher ins Wirtshaus ging; er saß beim Schoppen und im Denken, was fern von hier vorging, rief er plötzlich laut: Jetzt brennt's! Es brannte, aber doch anders, als die Mutter gedacht hatte. Jung Marannele und Aloys waren ohne ein Wort zu reden die Treppe hinabgegangen, er hielt sich am Geländer, sein Schritt war unsicher. An der untersten Stufe standen sie still und das Mädchen sagte. »Ich dank' dir tausendmal, daß du noch zu uns kommen und so gut zu meiner Mutter gewesen bist. Wie ich höre, gehst du bald wieder fort.« Jung Aloys schien das nicht zu hören, er drehte die hölzerne Kugel, die an der Treppenpfoste aufgesteckt war. Jung Marannele öffnete die Hausthüre, ein warmer breiter Sonnenstrahl drang herein, auch der Hund kam mit lechzender Zunge, betrachtete die beiden, schüttelte den Kopf und legte sich in den Schatten unter der Treppe. »Mach nur die Thüre wieder zu,« sagte Aloys. Sie gehorchte. Er drehte fort und fort die Kugel, daß man das Rollen vernahm. »Ich hab' dich was fragen wollen,« begann er tief aufatmend. »Frag du nur, es soll mir lieb sein, wenn ich dir Bescheid geben kann.« Jung Aloys zögerte lange, dann sagte er: »Besinn dich, der Hund erinnert mich an was. Bist du nicht an dem Tag, wo ich hier ankommen bin, draußen in einem Acker an der Horber Steige gewesen und hast leise gesungen und dann dem Hund zugerufen?« »Ja freilich. Ich hab' deinen großen Hut gesehen, aber sonst nichts. Ich hab' dem Fremden guten Tag sagen wollen, aber es ist mir gewesen, wie wenn ich nicht dürft'; ich hab' in unserem Haferacker Disteln ausgejätet. Aber darf ich wissen, warum du das fragst?« »Ich wollt', ich hätt' damals gethan, was mir durch den Kopf gefahren ist.« »Was ist's denn gewesen?« »Es ist besser, ich sag's nicht. Ich mein' aber, du hast mir was zu sagen.« »Ja wohl. Ich danke dir, daß du mit meiner Mutter so geduldig gewesen bist und . . .« »Was und?« »Es hat mir das Herz gerührt, wie du deinen Vater so im Herzen hast und noch im Leben vor dir. Mein Vater ist tot und ich möcht' für ihn reden. Du hast vielleicht gehört, daß mein Vater sich über den deinigen lustig gemacht hat. Er hat gern Spaße gemacht, aber er ist kein böser Mann gewesen, gegen niemand, aber weißt so . . . so . . . übermütig und neckisch, und . . . ja . . . da hab' ich dich bitten wollen, sag deinem Vater, er soll dem meinen in der Ewigkeit verzeihen.« »Das ist so gut wie geschehen. Ich wollte nur, mein Vater hätte dich gehört und könnte dich jetzt sehen.« »Das wünsch' ich auch und ich weiß gewiß, er thät' zu dem, was ich sag', nicht nein sagen!« Aloys erbebte und schaute um und um. Die Kugel am Treppenpfosten flog aus dem Pflock, aber er haschte sie noch schnell und steckte sie wieder auf. »Weißt, was ich jetzt möcht'?« rief er stockend. »Was?« »Dir einen Kuß geben.« »Und ich dir auch.« Die beiden umhalsten und küßten sich und schienen nicht mehr voneinander lassen zu können. Sie sahen und hörten nichts mehr von der Welt, sie hörten den leisen Schritt nicht oben am Treppengeländer und sahen nicht, wie Mutter Marannele mit frohlockendem Blicke herniederschaute. »Verzeih mir! Ich dank' dir!« sagte Aloys endlich. »Leb wohl!« Er öffnete rasch die Hausthüre und stürmte davon. Jung Marannele setzte sich auf die unterste Treppenstufe. Die Turteltauben da oben in der Stube gurrten so tief und so unaufhörlich und lachten dann wieder so schelmisch: Kukeruku! Unsere Haustochter und der Vetter Aloys haben einander geküßt! Kukeruku! Wie vor sich selbst verbergend, bedeckte Jung Marannele ihr Angesicht mit der Schürze und dachte, was denn das sei, daß Aloys so plötzlich und mit so seltsamen Worten davongestürmt war. Sie ging lange nicht zur Mutter hinauf. Als sie endlich doch an ihr Bette kam, fragte die Mutter: »Ist der Vetter Aloys bis jetzt da blieben?« »Nein, er ist schon lang fort.« »Wie gefällt er dir?« »Der Vetter Aloys scheint ein braver Mensch und kann auch gut reden, aber wunderlich ist er doch auch.« Die Alte lächelte in sich hinein, wie wenn sie sagen wollte: Ich hätt's vor meiner Mutter auch so gemacht. Wart nur! du beichtest mir schon! Laut aber sagte sie: »Häng ein Tuch über den Käfig, damit die Turteltauben still sind, ich weiß nicht, was die heut haben, sie thun wie närrisch und ich möcht' schlafen. Ja, der Vetter Aloys! Was die Leut' so einfältig schwätzen! Da haben sie gesagt, er sei nicht besonders schön. Jetzt mir gefällt er, er hat so getreue Augen und einen Mund, aus dem geht gewiß kein unrecht Wort heraus.« Jung Marannele fand nichts darauf zu erwidern, und die Mutter fuhr fort: »Er ist viel gewitzigter, aber er hat doch noch viel von seinem Vater. Lern von mir, Kind! Ich bin nicht so gut geschult wie du, aber das kannst du doch von mir lernen. Wenn man machen will, daß ein Mensch sich ganz hergibt und noch dafür dankt, muß man ihm Gelegenheit geben, seine Gescheitheit an den Tag zu bringen, und wenn man ihm dann zu verstehen gibt: so gescheit wie du ist kein zweiter Mensch auf der Welt, dann kann man mit ihm machen, was man will. Hast mir sonst nichts zu sagen?« »Ich muß ins Schießmauernfeld in unsern Hopfenacker.« »Willst du nicht vorher essen? Du hast ja noch nicht zu Mittag gegessen.« »Ich hab' jetzt keinen Hunger,« erwiderte Marannele, zog die Tischschublade auf und schnitt sich ein groß Stück Brot ab, das sie zu sich steckte, »behüt' Euch Gott! Mutter!« sagte sie abgewendet und ging davon. »Der Acker hat seinem Vater gehört,« rief die Mutter noch nach, und für sich dachte sie: »Sie haben das gewiß ausgemacht, daß sie sich dort treffen. Aber wenn ihr nichts redet, ich kann warten.« Alt Marannele fühlte sich in der That frischauf, und sie überlegte, was besser sei, krank sein oder aufstehen; sie kann aufstehen, das fühlte sie, und es ist nicht ganz gelogen, wenn sie Aloys sagte, sein Besuch habe sie gesund gemacht. Es hat freilich sein Gutes, wenn man besucht werden muß, man hat den Besuch fester, aber jetzt darf man den Aloys nicht mehr fremden Leuten überlassen, besonders nicht der Muhme Rufina, man muß ihnen den Weg verlegen. Die beiden sind jetzt draußen miteinander im Hopfenacker, das beste wäre, jetzt gleich fertig machen. Sie ruhte noch geraume Weile, da hörte sie Männerschritte. »Wer ist da?« »Euer Schwiegersohn, der Forstwart.« »Du kommst wie gerufen. Wart, ich kann aufstehen. Ich komm' in die Stub'.« Zwölftes Kapitel. Wie sind die Häuser so hell, in lauter Sonnenglanz getaucht, wie strahlt es von Pflug und Egge vor des Seppers Scheuer, wie glitzern an den Bäumen die Blätter und die Aepfel haben glühende Wangen, der dürre Reisighaufen ist eitel rotes Gold und der weiße Hahn obendrauf kräht so lustig und schlägt die Flügel und wirft seinen purpurnen Kamm bald rechts bald links auf seinem stolzerhobenen Haupte; drin im Hause gackert die Henne und das Rotbrüstchen auf dem Dache zirpt so in sich vergnügt und schwenkt sein Schwänzchen und wetzt sein Schnäbelchen. Die Welt ist erwacht, es ist zum erstenmal Tag, und gleich so blutwarmer Mittag. Die Kinder, die aus der Schule kommen, sagen guten Tag und lächeln so glückselig wie Engelsgesichter. Guten Tag! Wie wohl thut das, daß da so viele sind, die grüßen, und die Sonnenstrahlen sagen auch guten Tag zum Apfel auf dem Baum, zur wilden Rose am Hag und zu dem Korn auf dem Felde, die Bienen summen zu den Wiesenblumen und die Lerche singt zum Himmel hinauf: Guten Tag! Aloys that den Hut ab, er hätte ihn gern jauchzend in die Luft geworfen, aber als er den breiten Hut in der Hand hielt, preßte er die Lippen zusammen, die noch vom Kusse Maranneles brannten. Welches Wort wird jetzt zuerst von diesen Lippen kommen? Warum ist es nicht so, daß man nach dem ersten Kusse vor den Altar tritt und vor Gott und den Menschen bekennt: Dies Weib ist mein und ich bin sein? O Mutter! rief er fast laut, denn aus allem heraus tauchte ihm die Erinnerung auf, wie die Mutter ihm beim Abschiede gesagt: in der Minute, wo du spürst, da ist sie, wir sind füreinander aufbewahrt – da denk', ich bin bei dir, liebes Kind. O Mutter! wiederholte er leise, aber er wendete den Kopf, als hätte jemand hinter ihm gerufen: Und dein Vater! Wie aus einer Berauschung kam er wieder zu sich; seine Mienen verzogen sich in schwerem Nachdenken: Nein, es geht doch nicht, es kann nicht sein, es darf nicht sein. Nein, Vater! Ich will dir deine alten Tage nicht verbittern. Du kannst als alter Mann nicht immer vor dir sehen, was dir als junger Mann fast das Herz zersprengt hat; du hast keinen Glauben an eine Tochter von denen da, und müßtest dich zwingen ihr guten Tag zu sagen. Aber Vater! Sie hat drüber geweint, weil man über euch gespöttelt hat. Und denk', Vater, ich hab ihr einen Kuß gegeben. Ich weiß, was du sagst: ein Kuß ist kein Ehepfand. Das ist wahr, aber eben doch – So mit sich redend war Aloys gleich von des Seppers Haus weg den Feldweg gen Ahldorf gegangen. Die Menschen, die ihm begegneten, waren erstaunt, daß er auf keinen Gruß Antwort gab, geschweige zuerst grüßte; er war doch sonst so leutselig gewesen. Aber die Menschen waren hungrig und hielten sich nicht auf, dazu brannte die Sonne vom Himmel herunter, wie wenn sie sich eilen müßte, um das Korn zu reifen. Aus dem Dorfe läutete es zu Mittag, drin im Adler wartete das Essen auf ihn, Aloys spürte auch Hunger, aber er ging doch weiter, er wollte jetzt vor keinen Menschen treten und besonders vor der Adlerwirtin schämte er sich: sie hat ihrer Schwester geschrieben; und nun ist er ungetreu, er hat freilich noch keine Verpflichtung, aber wie verwirrt ist jetzt alles. Plötzlich schrak er zusammen, er fühlte es kalt an seiner Hand, der Hund war ihm gefolgt. Hat sie ihn geschickt oder ist er von selber gegangen? Er fürchtete, daß die Menschen, die den Hund sehen, gleich wissen, woher er käme. »Kehr um! Geh wieder heim!« rief er dem Hunde barsch zu. Der Hund sah ihn an, wie wenn er staunte. »Willst du gleich fort?« rief Aloys scheltend; der Hund wendete sich, aber er lief nicht ins Dorf zurück, er jagte durch ein Kornfeld, man sah einen langen Streif, wie sich die Halme bogen und immer weiter zog sich's, bis hinaus ins Schießmauernfeld, wo ein roter Rock durch den Hopfenacker schimmerte. Sie ist wohl dort! Sei's. Ich gehe nicht hin. Aloys! besinn dich! Im Felde war ein seltsames Schnarren und Knarren, Knaben gingen die Feldwege hin und her und drehten die sogenannten Ratschen, um die Sperlinge zu verscheuchen, diese flogen auf, aber hinter dem Rücken der Warnenden stürzten sie wieder in hellen Haufen in das reife Getreide und schmausten lustig. Zum erstenmal that Aloys wie die Leute im Dorfe, zog seinen Rock aus und ging hemdärmlig den Feldweg durch die wogenden Kornfelder. Vielleicht sah doch die im roten Rocke dort den Mann hier mit dem breiten schwarzen Hut und den weißen Hemdärmeln. Hastigen Schrittes ging er nach dem Wald, aus dem eben ein Forstwart mit der Flinte auf der Schulter und einem scheckigen Dachshund an der Leine auftauchte. »Sie sind der Herr Aloys Schorer?« fragte der Forstwart. Aloys nickte und der Forstwart fuhr fort: »So sag' ich grüß Gott, Herr Vetter. Meine Frau ist verwandt mit Ihnen, sie ist die älteste Tochter vom Jörgli. Meine Schwiegermutter wartet von Tag zu Tag auf Ihren Besuch.« »Ich komme eben von dort.« »So? Das ist schön. Besuchen Sie uns auch einmal in Ahldorf.« »Danke. Werde einmal kommen.« »Wohin wollen Sie?« Aufs neue fremd erschien es Aloys, daß die Menschen hier zu Land so ohne weiteres fragen, wohin man wolle, und dazu wußte er's jetzt kaum anzugeben, er antwortete aber doch: »Nur da hinunter gegen Egelsthal.« »Behüt's Gott.« Der Forstwart ging dem Dorfe zu und Aloys in den Wald. Dreizehntes Kapitel. Wie ist es da im Waldesgrunde so schattig und still, und der kleine Bach plaudert wie ein vor sich hinlallendes junges Kind in der Wiege, das am Mittag einsam aufgewacht ist. Ja, aber du mußt auch bald arbeiten, da ist die Leitung und dort treibst du das Wasserrad an der Papiermühle. Aloys besah sich das Mühlwerk und fand es gut eingerichtet; sie sind hier doch in allem schon weiter, als der Vater meint. Als er die Mühle verließ, begegnete ihm Soges der Landbriefbote und sagte, daß er im Adler einen Brief aus Amerika für ihn abgegeben. Aloys schien aber gar nicht neugierig auf Nachrichten von daheim, er sah den Boten an, als ob er nichts gehört hätte, und Soges sagte vertraulich, eben sei noch ein Freier für des Papierers Tochter angekommen, es sei auch ein Papierer, aus dem Hohenzollernschen. »Wünsche Glück und Segen!« erwiderte Aloys lächelnd, es kam ihm wie ein vergessener Traum vor, daß die Muhme ihn auf die Papiererstochter gewiesen hatte. Der Soges schaute dem Amerikaner verwundert nach; sind doch wunderliche Leute die von drüben, könnte der Mensch unterhaltsame Gesellschaft haben zum Heimweg und geht jetzt allein und jetzt steht er dort bei der großen Weißtanne und schaut auf den Ameisenhaufen, wie wenn er sein Lebtag so was nicht gesehen hätte » Good evening Sir! « rief eine Stimme zu Aloys; Ohlreit stand vor ihm, an seinen Kleidern, in seinem Haar hing noch Moos, er hatte offenbar im Walde geschlafen und er blinzelte auch wie einer, der eben erwacht ist. »Nicht wahr, eine schöne Tanne? Edeltanne heißt man's bei uns. Weißt wozu die gut wär'? Sich dran aufzuhängen.« »Das sind keine Späß', die ich hören mag.« »Gut. Steck deinen Stock in den Ameisenhaufen, sieh zu – grad so ist es gewesen, wie ich heimkommen bin. Hui! Wie ist da das ganze Dorf hin und her gerannt, wie die Ameisen da. Und jetzt? Pah! Weißt du, was das Dümmste auf der Welt ist?« »Nein.« »Das Dümmste ist, daß man gern für reicher gelten will, als man ist. Ich rate dir, mach dich fort, eh du unwert wirst und nimm mich auch mit, nimm mich mit. Teufel hol's!« unterbrach er sich, »ich hab' kein Feuer. Kannst du mir kein Feuer geben?« Aloys verneinte und Ohlreit rief: »Ja so, du rauchst ja nicht! Möcht' wissen, wie man lebt, ohne zu rauchen. Gut. Ich kann auch kauen.« Er zerbrach die Cigarre und steckte sie in den Mund. »Aber gut ist's,« rief er, ein Knöllchen bildend, »daß ich dich da treffe, hast du es auch schon entdeckt?« »Was denn?« Lachend erwiderte Ohlreit: »Da, ja da hab' ich mich setzen wollen, hab' mich auch gesetzt, aber nur von einem Wirtshaus ins andere. Aber schau, da, wo sie den Neckar wegen der Eisenbahn haben abgraben müssen, schau, was das ein Gefäll ist. Mit einem Geringen fangt man hier die beste Wasserkraft, und da ließe sich eine Werkstatt herstellen, eine echt amerikanische. Meiner Schwester Mann ist halt ein grüner Junge, weil er nicht mitthut. Ich könnt' denen hier zeigen, was ein Amerikaner ist. Die Kerle hier wissen noch nicht einmal, daß beim Sägen die halbe Mühe vergebens ist, das Anziehen der Säge.« Aloys freute sich, den Verwahrlosten doch einigermaßen bedachtsam zu finden, und er lobte sein Vorhaben. Frohlockend rief Ohlreit: »Du wärst mein Mann. Weißt du, was ich brauch'?« »Geld.« »Das auch, aber ein Co, das ist die Hauptsache. Ich bin ein ganzer Kerl, wenn ich zu zweit bin: Schorer und Compagnie soll es heißen. Ich will der Co sein.« »Ich bleibe nicht hier und du wirst hier schon einen Gesellschafter mit Geld finden.« »Nein. Eine Werkstatt hierher bauen, das käme ihnen vor, wie aus der Welt draußen. Wenn der Amerikaner ein Haus buildet , will er auch eine gute view haben, davon versteht das people hier nichts. Wenn sie nicht die Base drüben im Nachbarhaus ihre Kinder prügeln hören, dann meinen sie gleich, sie wären aus der Welt. O! Wenn ich sie nur alle einmal beim Kopf nehmen und eine Stunde ins Meerwasser halten könnte.« Ohlreit kam so in Wut, daß ihm der Mund schäumte, der halbverschlafene Rausch schien wieder aufzuwachen. Er geleitete Aloys und sagte, nun käme man noch zu rechter Zeit auf den Bahnhof, zwanzig Minuten nach sieben bringe der Soges die Briefe und warte auf den nächsten Zug, Soges sei der beste Trinkgenosse. »Und weißt was!« rief Ohlreit, »ich hab' dir den besten Rat. Du willst die Leute hier kennen lernen? Mach's wie ich, geh mit dem Soges Briefe bestellen, da lernst du die Menschen kennen, von innen und von außen; sind aber von keiner Seite schön.« Aloys dankte. Als sie in der Au an dem Kreuzweg, da, wo dem Thal entlang der Weg nach Horb und bergauf nach dem Dorfe geht, trennte sich Aloys rasch von Ohlreit. Wußte er, daß da oben die Gemarkung Schießmauernfeld ist? Er stand, aus dem Walde heraustretend, still und sah den roten Rock sich zwischen den Hopfenranken bewegen. Er hielt an, und jetzt setzte sich Marannele an den Feldrain unter den Ebereschenbaum und aß Brot und gab dem Hunde von Zeit zu Zeit ein Stück. Auch Aloys verspürte Hunger, er trat näher und rief: »Willst du mir auch ein Stück Brot geben?« »Was ich noch hab'. Es ist leider Gottes wenig.« Er setzte sich zu ihr; über ihnen, im Wipfel des Ebereschenbaumes, sang eine Goldammer ihre kurzen und langgezogenen Töne, die nach der Landessprache bedeuten: I wie ist's so schön! I wie ist's so schön. Vierzehntes Kapitel. »Ist das nicht der Acker, der meinem Vater gehört hat?« »Freilich, aber die Mutter hat mir gesagt, dazumal hat man hier noch keinen Hopfen gebaut. Er steht heuer gut, er hat viel Anflug.« »Dein Brot ist schmackhaft. Hast du das gebacken?« »Wer denn sonst? Ich kann auch gut Kuchen backen. Wenn du bis zur Kirchweih da bleibst, mach' ich dir.« »Ich bin die längste Zeit hier gewesen.« Es trat eine Pause ein, bis Aloys wieder begann: »Wie manche haben schon, wie wir zwei hier, beisammen gesessen.« »Kann wohl sein,« lautete die Antwort des Mädchens; er nannte seinen Vater nicht und sie nicht ihre Mutter und doch gedachten sie ihrer. Zwei Raben flogen über sie weg, waldwärts, das Weibchen flog still voraus, das Männchen schreiend ihm nach. Drüben über den Vogesen begann die Sonne zu sinken, am mählich sich rötenden Himmel stand kein Wölkchen. »Es gibt morgen wieder einen schönen Tag,« sagte Marannele. »Und den heutigen,« fiel Aloys rasch ein, »vergesse ich nie und du gewiß auch nicht.« »Nein, nie.« »Es ist das erste Mal in meinem Leben . . .« – er stockte. »Du hast was sagen wollen.« »Ja, ich bin dein Vetter und da darf ich schon so bei dir sitzen.« Bist du nur mein Vetter? fuhr es ihr schnell durch den Sinn und sie schärfte mit ihren kleinen weißen Zähnen die roten Lippen. »Natürlich, Aloys!« »Sag noch einmal Aloys! Ich bitt'!« »Aloys! Aloys! Was ist denn dabei?« »Ich hab' gar nicht gewußt, daß mein Name so schön ist; so hat er noch nie geklungen. Ich möcht' immerfort hören, wie du Aloys sagst.« Ein närrischer Kerl, aber herzensgut. So muß sein Vater gewesen sein, dachte sie, fand aber nicht nötig, es zu sagen. »Arbeitest du gern so allein?« fragte er. »Ja, am liebsten allein. Ich mach' mir nichts aus dem Schwätzen beim Schaffen; am Feierabend, da gehe ich gern zu des Hirtzen Madlene.« »Kannst du dir denken, wie es bei uns ist, wo man oft tagelang keinen Menschen sieht und kein Wort über die Lippen kommt?« »Freilich. Aber was hat man am Ende von den vielen Menschen im Dorf? Ich hab' viel Schweres für mich allein getragen und hab's niemand merken lassen, und es hat's auch niemand wissen wollen. Schau, in den Hauptsachen muß doch jedes mit sich allein fertig werden. Aber es ist mir lieb, daß du mich da dran erinnerst. Es gibt doch Menschen, die so wie am Ertrinken sind, und andere müssen ihnen heraushelfen. Und ja, da könntest du ein gutes Werk thun!« »Ich? Was denn?« »Ich hab' den Ohlreit gesehen, wie er den Wald hinunter getorkelt ist; ein Kind und ein Betrunkener thun sich nicht leicht einen Schaden im Fallen, aber man muß ihnen doch aufhelfen. Willst noch Brot? Da ist noch.« »Nein, sag weiter, was meinst.« »Von was hab' ich denn geredt?« »Vom Ohlreit.« »Ja. Also ich möcht' dir sagen: Nimm den Ohlreit von hier mit fort, er richtet sich zu Grunde und es ist doch schad um ihn. Ich glaub', er möcht' gern aus der Verwahrlosung und dem Trunk heraus und schaffen, aber er kriegt hier zu Land den Hobel nicht mehr recht in die Hand und ist unwert vor den Menschen und unwert vor sich selber. Er ist stolz und es wird ihn vielleicht anfangs beleidigen, aber nachher wird er dir folgen. Jetzt, was meinst?« »Ja wegen Ohlreit,« entgegnete Aloys sich sammelnd, er hatte wieder anderes gedacht. »Ja, schau, ich kann mir keinen fremden Menschen aufladen. Wir Amerikaner haben das Sprichwort: Die Nächstenliebe fängt bei mir selber an, und unser Hauptspruch heißt noch dazu: Hilf dir selber.« Marannele hielt sich die Hand fest auf die Lippen, die Worte sollten nicht heraus, daß das ein stolzer, aber auch ein liebloser Spruch sei. Sie mußte an ihre beiden Brüder in Amerika denken, die wohl auch so für sich selber leben und nichts davon wissen wollen, daß daheim Mutter und Schwester zu kämpfen und zu ringen haben. Aloys mochte fühlen, was sie denkt, denn er sagte: »Ich sehe dir an deinen Lippen an, daß du mir etwas dagegen sagen willst. Sag's frei.« »Das kann ich. Ich hab' an meine Brüder gedacht und hab' sagen wollen, dich hätte ich gar nicht für hartherzig gehalten.« »Hartherzig? Das bin ich nicht.« Er sah ihr lächelnd ins Gesicht, sie aber blieb ruhig und er fuhr fort: »Schau, bei uns in Amerika legt man niemand was in den Weg, man bahnt aber auch niemand einen; jeder mag seinen eigenen freien Weg gehen und sehen, wohin er ihn führt. Verstehst du das?« »Ja wohl, du sprichst ja deutsch. Ich lege mir's so aus: Da, wo man nicht Guten Tag sagt, kriegt man auch keinen Dank zur Antwort. Hab' ich dich verstanden?« »Ja, auf deine Art.« »Und auf meine Art hab' ich gemeint, du solltest dir an dem Ohlreit einen guten Dank verdienen.« Aloys gab sich Mühe, den tiefen Abscheu eines Amerikaners vor dem Trunkenbold zu erklären, jedes andere scheint ihm verzeihlicher als dieses Laster. Er kam nicht zu Ende, denn Marannele half ihm: »Ich merk' schon. Weil jeder sich selber helfen soll, so meinet ihr, das Aergste ist, daß einer sich selber zu Grunde richtet. Ihr hättet vielleicht weniger Abscheu, wenn er das einem andern anthut!« »So arg ist's gerad nicht, aber in etwas hast du's getroffen. Schau, wir haben jetzt auch böse Zeiten. Früher ist's anders gewesen, da sind die Menschen nach Amerika gekommen und haben gesagt: Hopsa, da bin ich, jetzt Glück komm und mach mich reich. Es ist auch zu vielen gekommen und mein Vater hat vielen von hier geholfen. Aber jetzt –« »Ja, jetzt hilf du dem einen, dem Ohlreit.« »Schau, ich thät's gern, aber schau, bis jetzt habe ich den Menschen so viel als möglich vermieden, und wenn ich mich mit ihm einlasse, so thut er vor der Welt und glaubt auch selber, daß er ein Recht auf mich habe, und wenn ihm, wie ich fürchte, nicht mehr zu helfen ist, dann –« »Du bist bedachtsam, du denkst weiter hinaus. Jetzt bitt' ich dich, laß es.« »Nein, ich will's. Ich will sehen, ob ich dem Ohlreit helfen kann, dir zulieb. Ich sag' dir jetzt schon Dank, daß du mich so ermahnst. Ich laß mich gern ermahnen.« Geraume Zeit saßen die beiden wieder still und doch sagte eines dem anderen gar viel. Endlich fragte Aloys: »Also du bist am liebsten allein?« »Ja. Ich hab' aber doch immer einen Kameraden.« »Deinen Hund?« Das Auge Maranneles leuchtete in schelmischer Fröhlichkeit, indem sie sagte: »Nein, einen ganz anderen. O, das ist ein Wesen von lauter Herz und Seele und so getreu und kennt meine innersten Herzgedanken, und sagt mir sie vor und ich sag's ihm nach, und es ist bei mir im Feld und in der Stub' und im Stall und wenn ich mich niederleg' und wenn ich aufsteh'.« Sie hielt schalkhaft inne und er sagte: »Du meinst unsern Herrgott?« »Unser Herrgott soll mir's verzeihen, ich mein' ihn nicht. Ich mein' etwas, du hast's grad so gern wie ich und ist das Billigste auf der Welt, man braucht nichts dazu als Lust. Weißt noch immer nicht, was ich mein'? So will ich dir's sagen: den Gesang mein' ich.« »O du!« rief Aloys glühenden Antlitzes. »Weißt du, was ich mir jetzt wünsch'?« »Nein. Ich hab' dich auch nicht lang raten lassen; laß du mich auch nicht. Sag, was?« »Meine Mutter wünsch' ich mir her, die hätte sollen deine Worte hören, die sollte dich jetzt sehen, dein Gesicht im Abendrot . . .« Aloys hatte eine Mutter angerufen, es kam eine andere, frisch und rüstig drein schreitend, es war Alt Marannele, sie rief schon von ferne: »Glück und Segen miteinander! Bleibet nur dort! Ich komm'.« Gellend klang die Stimme. I wie ist's – pfiff nur noch der Vogel im Baumwipfel und sich unterbrechend flog er davon. Der Hund sprang laut bellend zwischen den beiden oben und der Alten unten hin und her. Eben sank die Sonne hinab, ein Schauerfrost ging über die Erde und Aloys fror es plötzlich bis ins Mark. Er ging der Alten rasch entgegen und sagte: »Verzeihet! Ich muß schnell ins Dorf, es wartet im Adler ein Brief auf mich.« Die Alte blieb wie versteinert stehen, Jung Aloys jagte davon, als ob das wilde Heer hinter ihm drein wäre. Erst beim Hause seiner Großmutter hielt er an und verschnaufte. Er ging an das Haus, er faßte den Pfosten der Hausthüre und starrte lange auf die Schwelle. Es wurde Nacht und der junge Mann, der so frohgemut und zuversichtlich in die Alte Welt gekommen war, stand hier wie verloren und verwirrt. Endlich raffte er sich zusammen und ging hinein ins Dorf. Fünfzehntes Kapitel. Da und dort saßen Männer und Frauen in der Abendkühle auf der Hausbank und plauderten und scherzten mit den Kindern. Aloys grüßte zuvorkommend. Aber was ist denn das? Hinter sich drein hört er immer Tolpatsch sagen und besonders die Kinder pfeifen und locken und rufen: Tolpatsch! komm her! Schuster Hirtz saß noch vor seinem Hause mit Frau und Töchtern, auch die Muhme Rufina saß bei ihnen. Aloys mußte sich aufhalten und er wurde gefragt, warum man ihn den ganzen Tag nicht gesehen, wo er denn gewesen sei. Aloys sagte, er sei im Egelsthal gewesen und habe die Papiermühle beschaut. Plötzlich rief die Muhme: »Tolpatsch! Was thust du da? Fort! Marsch!« Aloys schaute verwundert und fragte: was denn das für Redensarten seien. »Ja, wie kommt denn der Hund zu dir?« hieß es. »Das ist ja des Jörglis Hund. Weißt denn nicht, wie er gerufen wird?« »Nein.« »Tolpatsch wird er gerufen.« Aloys erzitterte, und sein Schreck wurde nicht gemindert, da der Hund ihm just die Hände leckte. »Es ist ein übermütiger Possen vom Jörgli gewesen, just nicht so bös gemeint,« beschwichtigte der Schuster Hirtz, die Muhme aber behauptete, die falsche Schlange, das Marannele, habe dem Hund den Namen gegeben. Aloys redete kein Wort drein und sagte nur schnell, es warte im Adler ein Brief auf ihn und ging davon. »Komm heut zu mir und bericht mir, und ich muß dir auch noch was sagen,« rief ihm die Muhme nach. Er erwiderte nichts und eilte davon. Also in lauter Liebe schickt mich der Vater hierher, wo sie einem Hund seinen Unnamen gegeben haben. Wartet nur! Und wie schön hat sie Aloys gesagt, aber seit Jahren hat sie auch den Hund Tolpatsch gerufen . . . Er schaute nicht um, ob der Hund ihm folge. Als er aber beim Adler um die Ecke bog, sah er das Tier und sagte: »Bleib du nur bei mir. Ich brauch' dich.« Die Adlerwirtin begrüßte Aloys herzlich und sagte, indem sie ihm einen Brief einhändigte, sie habe auch einen Brief aus Amerika bekommen von der Schwester ihres Vaters, die an den Bruder vom Vater Aloys verheiratet war. Der Brief an Jung Aloys war eben von diesem Ohm. Er drückte zunächst die Freude aus, daß die junge Adlerwirtin seine Nichte und dann die Mahnung, Aloys solle sich nicht lange in Nordstetten aufhalten, sondern alsbald zu Ivo reisen und sehen, ob er dessen ältere Tochter Ignazia zur Frau bekommen könne. »Willst du nicht was essen? Es ist noch für dich da,« sagte die Adlerwirtin. Aloys ließ sich auftischen und trank rasch einen Schoppen Unterländer dazu. Er gab dem Hunde zu essen. »Hast du den Hund gekauft?« fragte die Adlerwirtin. »Nein, er ist mir nachgelaufen.« »So? Der da lauft dir nach?« rief der Adlerwirt lachend, er pisperte seiner Frau etwas zu; sie wehrte ab. Aloys ging mit raschen Schritten die Stube auf und ab. Bei einer Wendung sagte er: »Adlerwirtin, gib mir noch eine Wurst.« »So? Bist noch nicht satt?« »Nicht für mich, für den Hund.« »Für den da?« »Ja. Er soll nicht drunter büßen, und vielleicht hab' ich Gutes durch ihn.« Und während er dem Hunde den Leckerbissen schnitzelweise gab, fragte er den Adlerwirt, ob er ihn in den nächsten Tagen, vielleicht schon morgen zu seinem Schwäher Ivo begleiten wolle. Der Adlerwirt gab triftige Gründe an, die ihn nicht von Haus wegließen. Es war schon spät, als Aloys nochmals den Adler verließ und mit dem Hunde hinaus ins Feld wanderte. Es war wieder so still wie am ersten Abend, aber in Aloys war ein gewaltiger Lärm und vielerlei Stimmen riefen durcheinander, daß er das und das thun solle. Unversehens stand er vor dem Hause Maranneles, es war kein Licht mehr oben, aber ein Fenster war offen und man hörte Stimmen. Aloys hielt die Hand auf den Kopf des Hundes, der zu verstehen schien, daß er schweigen solle. »Sei nur ruhig! Er kommt wieder!« sagte die Alte oben. »Wenn auch sonst nichts wär', wir haben da das Bild seines Vaters. Und weißt was? Morgen machst einen Kranz drum herum. Das wird ihn freuen, er hat das weiche Gemüt von seinem Vater.« »Mutter! Das thu' ich nicht. Ich thue keinen Kranz herum. Das kommt nicht aus mir und ich thue nichts, was nicht aus mir kommt. Mutter! Ich hab' eine Bitt'!« »Sag's!« »Mutter! Habt Ihr den Vater von ihm wirklich gern gehabt?« »Ehrlich gestanden, nein. Er ist ein guter Pudel gewesen, dem gibt man die besten Worte; aber weiter ist da nichts dabei.« »Mutter! Hat er Euch einmal geküßt?« »Ja, ein einzigmal, wie er zur Soldatenlotterie gegangen ist. Aber was ist das für eine Welt, wo ein Kind so etwas die Mutter fragt? Ich hätt' meine Mutter nie so was fragen dürfen. Aber jetzt hör, Kind. Paß auf, was ich dir sag'. Dein Vater, ich ruf' ihn vom Himmel herab zum Zeugen, dein Vater ist der erste und einzige Mensch auf der Welt gewesen, den ich in den Arm genommen und ans Herz gedrückt hab', daß ich gemeint hab', es muß mir springen, und wenn er gewollt hätt', daß ich mir alle Adern für ihn schlagen lasse und für ihn ins Feuer springe, ich hätt's gethan.« »O Mutter, so ist's! just so –« Der Hund unten spürte ein Zittern der Hand auf seinem Kopfe, aber Aloys faßte ihn wieder stärker und horchte, wie oben die Alte fortfuhr: »Dein Vater ist Knecht gewesen, für mich aber ist er der König über alle Menschen gewesen. Er hat einem nicht viel gute Worte gegeben, aber so herzig, so lieb und so lustig und so getreu wie er gibt's keinen mehr auf der Welt. Und wenn ich noch einmal all das Schwere auf mich zu nehmen hätt', ich thät's wieder. Schau, der Aloys ist ein guter Mensch gewesen, ein herzguter, aber wie ein Kalb, wie ein junger Hund, der über seine eigenen Füße stolpert. Verzeih' mir's Gott, daß ich so was sag'. Er ist um meinetwillen Soldat geworden und um meinetwillen in die weite Welt gegangen; ich hab' nichts dagegen machen können. Man kann einem, weil er brav ist, alles Gute erweisen und wünschen, aber heiraten kann man ihn deswegen doch nicht, und erst recht nicht, wenn man einen anderen im Herzen hat. Aber Kind! Jetzt ist genug, mach mich nicht so viel reden. Geh schlafen und laß mich auch schlafen.« »Mutter! Noch eins! Warum habt Ihr's erlaubt, daß der Vater den Hund Tolpatsch geheißen?« Der Hund unten bellte bei Nennung seines Namens laut auf. Jung Marannele sah zum Fenster heraus und Jung Aloys rief: »Mach die Thür auf und laß deinen Hund hinein, der Tolpatsch . . .!« Er rannte davon. Sechzehntes Kapitel. Früh am Morgen, als es kaum tagte, saß Jung Aloys bei der Adlerwirtin und sie schenkte ihm Kaffee ein. »Ich fürcht', du triffst den Vater nicht daheim, er ist Abgeordneter und hat sonst viel Ehrenämter.« »Aber deine Schwester ist doch daheim?« »Gewiß! Außer in der Kriegszeit, wo sie im Lazarett gewesen, ist sie nie acht Tage von Haus weg gewesen. Vergiß nicht, daß ich dir gesagt hab', sie ist nicht so wie ich, sie ist viel vornehmer; es ist ihr keine Arbeit zu grob, aber sie ist eben doch vornehm, und der Vater, du weißt ja, ist ein Studierter, aber mit ihr kann er alles ausreden.« »Du machst mir bang.« »Brauchst kein Bang zu haben. Und wer weiß. Jedenfalls ist's der Mühe wert, daß du dein Glück versuchst. Es wird dir bei uns gefallen. Es ist aber ganz anders wie hier. Mein Vater ist doch von hier gebürtig, aber er sagt immer, drüben im Badischen seien die Menschen viel aufgeweckter, um fünfzig Jahr weiter. Und du mußt auch vorher etwas an dir anders machen.« »Was?« »Wie du gleich feuerrot wirst? Es ist nichts Besonderes. Der Vater hat's nur nicht gern, wenn die Amerikaner überall damit groß thun, daß sie Amerikaner sind. Du bist kein Prahler. Im Gegenteil. Aber thu den breiten Hut weg. Laß die Krempe abschneiden, oder kauf dir einen, wie hier zu Lande der Brauch. Auch das rote Halstuch mit der Brillantnadel, das du für Alletag hast, thu ab. Nicht wahr, du nimmst mir's nicht übel? Thu das meinem Vater zulieb.« »Das kann ich schon. Wenn ich nicht mehr hierher kommen sollte – es kann ja sein – so ist alles oben in der Stub' gut gepackt zum Schicken.« »Du kommst schon wieder, aber warum eilst du so? Es geht erst in zwei Stunden ein Zug für dich.« »Ich will in Horb warten.« Aloys ging durch das Dorf, wo da und dort in den Häusern ein Stall geöffnet und ein Fensterladen aufgemacht wurde. »Wohin schon so früh?« wurde er da und dort gefragt. Er gab ausweichende Antwort. Ja, im Dorf kann man nicht so für sich allein leben. Man muß von Gehen und Kommen Bescheid geben. Beim Schuster Hirtz hörte Aloys bereits Leder klopfen. Arbeitet der Mann vielleicht jetzt an den Schuhen für Ignazia? Jung Aloys ging nicht hinauf, lebewohl zu sagen. Dort, wo er bei der Ankunft Marannele hatte singen hören und wo der Hund zuerst geknurrt hatte, dort blieb er einen Augenblick stehen und schaute auch hinüber nach dem Hopfenacker im Schießmauernfeld, wo er gestern bei Sonnenuntergang mit Marannele gesessen. Lerchen tänzelten vor ihm auf der Straße, flogen dann auf und jubelten hoch in den Lüften. Solch ein frischer Morgen läßt keinen Trübsinn haften und Aloys ging mit sicherem Mute den neuen Ereignissen entgegen. » All right! Komm herein!« wurde er beim Bahnwirt angerufen; es war die Stimme des Verwahrlosten. Hat ihn nicht gestern Marannele ermahnt, dem zu helfen? Es gibt eigene Bedrängnisse, in denen man gerade besonders geneigt ist, anderen beizustehen. Aloys trat ein; in der Stube waren die Stühle mit in die Höhe gerichteten Füßen auf die Tische gestellt, der Boden war naß, aber Ohlreit hatte bereits eine halb geleerte Flasche Wein vor sich stehen. Er schob die Flasche weg und sagte: »Du mußt mir's jetzt abnehmen. Willst du mich geduldig anhören?« »Ja. Aber nicht hier. Komm mit in den Garten.« » Well. « Die beiden saßen im Garten, und Ohlreit begann: »Hast du nicht eine gute Cigarre bei dir? Sie haben hier nichts Gescheites. Ja so, ich vergess' schon wieder, du rauchst ja nicht.« »Ja, ich wollte dich bitten, daß du nicht rauchst, während du erzählst; du sprichst dann deutlicher.« Ohlreit sah den Aloys groß an und indem er eine Cigarre in der Mitte zerbrach und die Stücke ins Gras warf, rief er: »Auch den Cigarren hier geht die Luft aus! Aber hör mich an, ich will ruhig sein.« Aloys nickte. »Ich bin,« begann Ohlreit nach einer Weile, in der er sich mit beiden Händen das Gesicht gewischt hatte, »ich bin, wie du weißt, des Schreiner Philipps Sohn, bin auch Schreiner. Dein Vater war gut bekannt mit meinem Vater, der mich als Lehrling nicht gut behandelt hat; sie mögen sagen, was sie wollen, es ist doch so, und ich hab's ihm vergolten. Meine Mutter ist eine Sklavin gewesen, aber sie hat nicht gemurrt, sie hat nicht verdient, daß es ihr so gegangen ist, auch an mir nicht. Wie ich zum Gesellen gesprochen worden, bin ich fort nach Amerika. Was ich da erlebt hab', ist jetzt einerlei. Mich geht die Welt nichts an und ich die Welt auch nicht. Ist mir auch gegangen wie allen, bin erst zu was kommen, wie der letzte europäische Heller weg war. In der ersten Zeit bin ich bös auf die daheim gewesen, sie hätten mich nicht sollen fortgehen lassen; und anfangs aus Aerger und nachher aus Haß und weil ich von niemand mehr was wissen will, hab' ich kein Wort heim geschrieben. Ich bin viel herum gekommen und zuletzt zu den Temperenzlern. Da bin ich wieder ein Mensch geworden. Ja, anfangs hat mir's ganz gut gethan, keinen Tropfen geistiger Getränke zu mir zu nehmen, ich bin gesund geworden und stark, sieh mich an, nicht wahr, das ist alles von Eisen?« Er streckte den Arm hin, dann fuhr er fort: »Ich hätt' gut heiraten können, aber es hat mir doch nicht gefallen; außer Kirchenliedern gibt's gar keinen Gesang, und einmal in der Nacht hör' ich meine Mutter singen, lustige Lieder, kreuzfidele. Ich hab' am Tag nicht gewußt, daß ich selber sing', aber man hat's gehört. Wenn unversehens die fünf Schüsse in meinem Revolver losgegangen wären, es hätt' nicht ärger sein können. Und ich bin mit dem Vorstand hart aneinander und auseinander gekommen und fast hätt's geknallt. Teufel auch! Halt! Ich kann nicht weiter erzählen, wenn du mich nicht rauchen lassest.« »Gut, so rauche.« Und mit Begierde den Rauch einziehend und von sich blasend, fuhr Ohlreit fort: »Zwei Pferde haben mich hierher gezogen.« »Zwei Pferde?« »Ja, gelt, das ratest du nicht? Das eine war ein Rapp und das andere ein Schimmel, und der Rapp hat Heimweh geheißen und der Schimmel Prahlhans; oder auch umgekehrt; wie du willst. Mir ist's eins. Bin also heimkommen, hab' Geld gehabt und schöne Kleider und eine Uhr mit goldener Kett', wie du. Sie haben da gemunkelt, meine Mutter habe sich hintersinnt, weil ich die langen Jahre nicht geschrieben hab'; das ist Unsinn. Ich red' nicht davon. Ich bin heimkommen und hab' auftischen lassen und da hat's geheißen: lieber Vetter hin und lieber Vetter her. All right . Ich hab' sie alle freigehalten, und ich bin ja nicht mehr dort, ich kann trinken, wann ich will und was ich will und soviel ich will. Ich hab' mir auch wieder Thee angeschafft, ich hab' ihn sonst nicht ungern getrunken, aber er schmeckt hier ganz anders; das Schwarzwälder Wasser muß nicht dazu sein. Und sag, was du willst, das mußt du doch auch sagen: Respekt vor dem Trudpert, sag meinetwegen auch Ohlreit, Respekt vor dem, er rührt keine Karte und keinen Würfel an, er spielt nicht. Ist das was? Sag, he?« Mit der Zudringlichkeit Verkommener drängte er auf Lob und fuhr dann fort: »Ja, guck mich nur an. Wein und Bier schmeckt mir eigentlich nicht mehr, aber der da aus dem Fegfeuer mit den kleinen Gläsern, der kriegt mich nicht. Davon kriegt man die Schlangen am Kopf, um die Füß! Ich hab's gesehen in Amerika. Sie greifen auf, greifen ab. Nein! Nein!« rief er und schlug auf den Tisch. »Und meinen Prozeß gewinnen muß ich, und wenn ich die dreitausend Dollar gewonnen hab', schmeiß' ich ihnen den Bettel vor die Thür.« »Man hat mir gesagt, das Gesetz ist gegen dich, du kannst deinen Prozeß nicht gewinnen.« »So?« rief Ohlreit. »Wollen doch sehen.« Er glaubte offenbar selber nicht mehr an günstige Entscheidung, aber es ist gar bequem, als Rechtsgekränkter in den Wirtshäusern zu schimpfen, und er hatte sich die Summe bequem in dreitausend Dollar umgesetzt. Er sah wild umher und grimmig auf Aloys. Dieser suchte abzulenken und fragte: »Wo wohnst du denn?« »Im Elternhaus bei meiner Schwester. Wir reden aber nichts miteinander. Mein Schwager ist auch Schreiner, aber ich kann nicht bei ihm arbeiten, er versteht nichts. Bis vor wenig Wochen bin ich auch noch ein Herr gewesen, aber nur der Herr von meinem Hund. Sie haben mir ihn weggenommen, weil ich keine Steuer dafür bezahlt hab'. Hundesteuer zahlen sie hier . . .« »Willst du mir nun sagen, was du vorhast und ob ich etwas dafür thun könnte?« »Du? Alles. Bind mich, schleppe mich an den Haaren, aber nimm mich wieder mit. Ich komme nicht mehr aus den Sonntagskleidern heraus hier zu Land, und ich möcht' doch wieder schaffen. Schau, das ist der wahre help your self ,« rief er und zog einen fünfläufigen Revolver aus der Tasche. »Aber sei ruhig, ich thu' ihnen den Gefallen hier nicht. Ich will meiner Mutter unterm Boden zulieb auch den Prozeß aus sein lassen, wenn du es sagst. Ich schenk' ihnen die dreitausend Dollar.« Aloys versprach, für ihn bedacht zu sein und ihn mitzunehmen, wenn er bis dahin das Trinken lasse. »Da hast du's, ich laß es,« rief Ohlreit und warf eine volle Flasche an den Baum, daß die Scherben klirrten und der Wein umherspritzte. Aloys verlangte nun noch, daß ihm Ohlreit den Revolver aushändige, man bedürfe dessen hier zu Lande nicht. Wirr und grimmig sah Ohlreit den Fordernden an, endlich sagte er: »Gut, da nimm's. Jetzt kann mich ein Kind umwerfen.« Aloys suchte sich loszumachen, aber Ohlreit hing sich an ihn, und als sie den Soges sahen, sagte Ohlreit schmunzelnd: »Und das Marannele geht also mit uns?« »Was sagst du?« »Der Soges hat's gestern abend erzählt, daß er dich beim Marannele am Feldrain habe sitzen sehen.« So ist es also im Dorfe allbekannt und du reisest zu einer anderen, um sie zu freien, mußte Aloys vor sich hindenken, als er endlich nach einem Gange in die Stadt zum Bahnhofe ging. Siebzehntes Kapitel. »Willst schon wieder fort?« »Doch nicht auf ganz?« »Wohin geht's?« »Du hast einen neuen Hut auf.« »Er steht ihm nicht so gut wie der große.« »Du fahrst wohl erster Klasse?« »Bis wann kommst wieder?« So und noch viel mehr wurde Aloys auf dem Bahnhofe von anwesenden Nordstettern angeredet. Ja, so ist's. In Amerika fragt dich kein Mensch, aber hier bist du eben in die Dorfgemeinschaft eingetreten, und jedes hat ein Recht, dein Thun und Lassen zu erfragen. Ohlreit stand abseits, er sah seltsam verändert aus und schob seine ewig brennende Cigarre bald in den einen, bald in den anderen Mundwinkel. Er streckte Aloys die rechte Hand mit den ausgespreizten fünf Fingern entgegen. Das sollte wohl den Fünfläufigen bezeichnen. Dann machte er mit der Linken über der Handwurzel das Zeichen des Abhackens. Das sollte wohl bedeuten, daß ihm mit Wegnahme des Revolvers die Rechte abgehackt sei. Als der Zug sich in Bewegung setzte, that er die Cigarre heraus und rief in englischer Sprache: »Vergiß nicht! Ich verlasse mich auf dich.« Er blinzelte mit den Augen, die in Thränen zu stehen schienen. Aloys war froh, als er endlich allein war. Er betrachtete bald lächelnd, bald wehmütig den schnell gekauften, schmalkrempigen und niederen kleinen Hut. Sieht der nicht aus wie der schüchtern zusammengeschrumpfte aus der Heimat? Und warum soll man dem Aberglauben – er nannte alle Vorurteile Aberglauben – warum soll man dem nachgeben, daß man nicht überall zeigt, daß man ein freier Amerikaner ist? Das ist und bleibt doch das Stolzeste auf der Welt. Er suchte sich in diesem Gedanken aufzurichten, aber es war ihm doch nicht wohl zu Mut; und wunderlich! wie die beiden Namen auf den Taktschlag der Lokomotive gingen! Bewegte sich der Zug langsam, dann hieß es: Ignazia, Ignazia; ging er schnell und das war viel öfter und länger, da hieß es: Marannele! Marannele! Schöne Gegend! Kunstreich gebaute Bahn! nickte Aloys manchmal zum Fenster hinaussehend mit dem Gefühl, daß Gegend und Kunststraße zufrieden sein könnten, das Lob eines Amerikaners zu erhalten. Im übrigen sah er nicht schöne Wiesen, sondern nur saftiges oder mageres, saures oder süßes Gras; er sah auch nicht Wälder, sondern nur schlagbare Bäume oder junge Anpflanzungen. Er hatte den praktischen, aber auch den scharfen Blick des Farmers, der tagüber wenig Wechsel der Gegenstände vor Augen hat, aber alles Vorkommende rasch mit seinen Besonderheiten erschaut und festhält. Es war hoher Mittag, als er an dem freundlichen Freiburg ankam, er besah sich das Münster und konnte nicht umhin, den Deutschen das Lob zu geben, daß sie schöne Bauwerke haben. Noch am Abend fuhr er auf der Außenseite des Stellwagens durch das Himmelreich nach dem Höllenthal. Er saß auf der Außenseite beim Postillon, der ein lustig Stücklein blies, daß es von Berg und Thal widerhallte. Aloys forderte weitere Stücklein und sein Antlitz wurde hochrot, da der Postillon die Weise des Liedes vom schwarzbraunen Mädichen blies. Aus dem Inneren des Wagens schaute eine junge Frau mit großen Augen herauf. Im behaglichen Sternwirtshaus wollte er übernachten, denn er wollte nicht in der Nacht, sondern am Morgen bei Ivo ankommen. Eine schöne stattliche Frau – wohl die, die aus dem Wege herausgeschaut – stieg aus dem Wagen, legte ein Gepäck auf ein wartendes einspänniges Fuhrwerk, ging nach dem Hause und kam bald wieder, von mehreren Frauen geleitet, die ihr herzlich Lebewohl sagten, und fuhr davon. »Wer ist das?« fragte Aloys einen Knecht. »Die Jungfer Ignazia vom Reutenhof.« »Wie heißt ihr Vater?« »Ivo Bock. Der angesehenste und bravste Mann der ganzen Gegend, er ist aus dem Württembergischen, hat eigentlich sollen Geistlicher werden, ist aber aus dem Konvikt durchgegangen und ist Bauer worden. Er ist schon lang Witwer, und die Ignazia ist das einzige Kind, das er noch daheim hat.« Aloys sprach im Gastzimmer mit keinem Menschen, und hatte eine unruhige Nacht. Früh am Morgen machte er sich auf den Weg. Als er eben das Haus verließ, hörte er rufen: »Marannele.« »Was gibt's?« »Mach hurtig! Dein Bräutigam ist kommen.« Ein hell gekleidetes Mädchen kam aus dem Haus und umhalste einen Mann, der eben vom Pferde stieg. Es gibt eben viel Maranneles auf der Welt, dachte Aloys vor sich hin, und ich will und muß mir sie aus dem Sinn schlagen. Hätte ich nur gestern noch meinen Amerikanerhut gehabt, die drin im Wagen hätte mich erkannt. Aber vielleicht ist es besser so. In allerlei Gedanken wanderte Aloys dahin, der Tau glitzerte auf Wald und Wiese, die Vögel sangen so fröhlich, er sah selbstvergessen zu, wie lange Baumstämme ausgeladen wurden; das ist mühsame und gefährliche Arbeit, aber es ging alles sicher und gut von statten. Er raffte sich zusammen und wanderte fürbaß durch das Thal, wo Ivo vordem eine Sägmühle gehabt, an den Löffelschmieden vorbei. Aus einem Hause am Wege kam ein nur mit dem Hemdchen bekleidetes Kind auf den Wanderer zugerannt und umfaßte seine Kniee, die Mutter eilte dem Kinde nach, nahm es schäkernd auf den Arm und sagte dem Fremden, er müsse was Gutes an sich haben, daß das Kind, das sonst so scheu war, ihm so zutraulich sei. Aloys dankte und sagte, er nehme das als gutes Zeichen. Im Wirtshaus am Wege wartete er, gestern wollte er nicht so spät, heute wollte er nicht so früh bei Ivo ankommen. Die Leute sahen ihm verwundert nach, da er endlich davon ging und den unberührten Wein bezahlte. Selbstvergessen stand er an der Schmiede und sah zu, wie ein Pferd beschlagen wurde, als ob er das noch nie gesehen hätte. Was nutzt das Zaudern? Frisch drauf los! Er hatte noch eine gute Strecke auf der Hochebene zu wandern. Trotz des heißen Sommertages war hier oben die Luft so erfrischend und so würzig, sie trug den Duft der Waldberge und Seen. Aloys ging seines Weges, ohne umzuschauen, er fand die Straßen in Deutschland sehr gut gehalten. Plötzlich flimmerte es ihm vor den Augen. Sieh da die Alpenkette weit hinaus mit den gezackten leuchtenden Gletschern und im Vordergrunde der weite Mantel der Wälder. Und das sieht sie jeden Tag! sprach es in ihm; und von da soll sie mit dir in die weite fremde Welt? Er zögerte wiederum, aber plötzlich lüpfte er den Hut und grüßte. Er hatte keine Ahnung von der Herzbewegung gehabt, die uns der Posthornklang erweckt; jetzt aber grüßte ihn etwas mit gezackten Flügeln, die auf und ab gingen und sein Angesicht wurde so heiter, als sähe er einen alten vertrauten Freund. In dem großen Feldgebreite nicht weit vom Hause Ivos sah er die Mähmaschine in Bewegung, und das war ihm wie ein Heimatsgruß. Und warum soll eine Maschine nicht auch anheimeln können so gut wie Posthornklang? »Das habt ihr doch von uns Amerikanern,« sagte Aloys fast laut vor sich hin, und mit neuer Zuversicht, als hätte er selbst das erfunden und gebracht, schritt er auf das stattliche Haus Ivos hinzu; man hatte es ihm ja genau beschrieben. Der Rauch steigt gradauf zum blauen Himmel hinan. Ob sie wohl dort am Herde steht und ins Feuer schaut, dessen gedenkend, der jetzt kommen soll? Es ist kein Thal so verborgen, es blüht eine Blume drin und es klingt ein Klavier. Aloys stand am rauschenden Röhrbrunnen und horchte nach den Tönen des Klaviers. Achtzehntes Kapitel. Wohlhäbig und breit steht das Haus Ivos da, einsam inmitten wohlgebauter Felder, zwei mächtige Scheunen und ein großer Schafstall zeigen, daß hier größere Wirtschaft betrieben wird. Vor Jahrzehnten schon hat Ivo die Sägmühle verlassen und unter Beihilfe des getreuen Nazi das große Anwesen von einem Auswanderer gekauft; er hat mit unermüdlichem Fleiß und großer Umsicht den Ertrag des Gutes erhöht, einen Wald in Feld und ein weites Stück Sumpfland in die beste Wiese verwandelt; es ist ihm gelungen, das Gut schuldenfrei zu machen, und mit Behagen schaut sich's aus dem Hause über den Titisee nach dem Feldberg. Bei aller Feldarbeit, wobei er selber tapfer mit Hand anlegte, ist Ivo doch seinen Studien nicht untreu geworden, die er allerdings vom Himmel auf die Erde verpflanzt hat, denn in der Bücherei des Zimmers im obern Stock – das die Buchstube genannt wird – sind landwirtschaftliche Werke vorherrschend, aber auch ein Klavier ist da zu sehen, über welchem ein Waldhorn hängt. und auf dem runden Tisch in der Mitte des Zimmers liegen Zeitungen. An diesem Morgen war die Thüre nach dem Söller offen, und an dem Klavier saß ein Mädchen mit großen, wunderbar hellen, blauen Augen und las in einem Briefe; sie hatte den Brief offenbar schon mehrmals gelesen, denn sie ging über viele Zeilen weg und las besonders: »Ja, liebe Ignazia, ich schreibe dir, weil ich's versprochen habe, denn dir zu raten wage ich nicht. Es ist wahr, es ist Stolz dabei, aber auch Offenherzigkeit, daß er will, du sollest gleich wissen, er kommt als Freier um dich. Er ist ein gar ordentlicher Mensch und hat nichts von der amerikanischen Großprahlerei. Manchmal ist er ungeschickt und stockig und dann wieder flink und aufgeweckt. Er hat hier geholfen, ein Haus zimmern und aufrichten und wie ich ihm sage: das wird meinen Vater freuen, wenn er's hört – da ist er ganz schön geworden, wirklich schön; er sieht sonst nicht zum Verlieben aus, ist aber gut gewachsen und wie ich dir sage, sein ganzes Gesicht hat geglänzt und er sagt: Vom Ivo gelobt werden, das wär' mir das Liebste in ganz Europa. Also, liebe Schwester. Ich kann dir nur sagen, wenn er in meinen ledigen Tagen gekommen wär' und eh ich meinen Mann gekannt, ich hätte ihn genommen. Aber freilich du, du bist anders. Der Doktor ist dir zu jung, der Bezirksförster zu gesetzt und der Papierstofffabrikant zu bigott. Ich glaub', der Aloys hat keinen von diesen drei Hauptfehlern.« Die Leserin überschlug mehreres, dann las sie wieder: »es ist mir so, wie wenn er die weite Reise gemacht hätte, um zu unserm Vater zu wallfahrten; er verehrt ihn wie einen Heiligen, und es thut gar viel zu einer guten Ehe, wenn der Mann den Vater der Frau so hochhält. Liebe Schwester. Du bist soviel gescheiter als ich, aber –« Das Mädchen steckte schnell den Brief ein und fast laut sagte sie vor sich hin: »Es ist doch eigentlich eine empörende Keckheit, da kommt ein Mann aus der weiten Welt, von dem man nichts gewußt hat, und sagt: ich will dich heiraten.« Nicht von Bangen und Zagen, sondern von Empörung pochte ihr Herz und sie nahm sich nur vor, diese Empörung zu bemeistern und den Fremden mit kalter Höflichkeit abzulehnen. Sie versuchte, Klavier zu spielen, stand aber bald auf und ging, die Arme über die Brust gekreuzt haltend, mit raschen Schritten durch das Zimmer. Sie war eine große und volle Gestalt, nicht just modisch, aber auch nicht in Bauerntracht gekleidet. Bei einer Wendung blieb sie vor dem Spiegel und das Gefallen, das jedermann an ihr haben mußte, schien auch ihr nicht fremd. Sie lächelte dem vollen Spiegelbilde zu und schob eine Ringellocke zurück, die sich über die hochgewölbte Stirne gelegt hatte. »So? also du denkst doch: wie sehe ich aus und wie wird er mich ansehen?« sagte sie wie im Zorne zu sich und die feingeschnittenen Lippen verzogen sich ärgerlich. Sie trat auf den Söller, gab einem Knechte die Anweisung, jetzt mit dem Fuhrwerk dem Vater entgegen zu fahren, dann setzte sie sich wieder an das Klavier, aber plötzlich brach sie ab, sie hörte eine fremde Stimme, die mit dem Knechte sprach. Das ist er, sagte das Mädchen, ihr Busen wallte hoch, sie hielt eine Weile still, dann ging sie hinab. »Ich heiße Aloys Schorer. Sie sind Fräulein Ignazia?« sagte der Fremde. Sie verneigte sich, öffnete die Stube im Erdgeschoß und sagte: »Treten Sie ein.« Neunzehntes Kapitel. Aloys ging voran in die Stube. Eine Sekunde schauten die beiden einander stumm an. Die dunkeln Wimpern der Jungfrau zuckten mehrmals, da ihr helles Auge ihn forschend betrachtete; Aloys betrachtete sie festen Blickes. »Der Vater ist leider nicht zu Hause, aber er kann jede Stunde kommen,« begann Ignazia. Aloys schien nichts weiter sagen zu können, er atmete unhörbar tief und unhörbar sprach's in ihm: Ja die! die ist zu schön und zu vornehm für mich. Aber mit Blitzesschnelle dachte er wieder: Wollen doch sehen. Ignazia sah die Befangenheit des Mannes, in dessen Mienen Treuherzigkeit und Arglosigkeit unverkennbar waren; ihr strenger Blick milderte sich und ward immer wohlwollender, als Aloys mit bewegter Stimme sagte: »Mein Vater hat mir's auf die Seele gebunden, ich darf nicht aus Europa heimkommen, ohne den Herrn Ivo gesehen zu haben. Und die Frau meines Ohms, die Schwester vom Herrn Ivo, läßt viele Grüße sagen; bringe auch Grüße von der Adlerwirtin, von der Schwester in Nordstetten.« »Ich danke. Es thut immer wohl, Menschen zu sehen, die eines unsrer in der Ferne Lebenden gesehen haben.« »Man kann mir frei in die Augen sehen, es ist nichts Unehrliches dahinter,« entgegnete Aloys, und während er das frei hin sagte, spürte er einen Stich im Herzen, denn es ist nicht wahr. Er lügt mit dem ehrlichsten Gesicht von der Welt, würde Marannele schreien, wenn sie da wäre, und jetzt schlug er die Augen beschämt nieder. Ignazia war überrascht von dieser Wendung, sie war fast zornig über diese rasche Andringlichkeit und doch sah der Mann jetzt plötzlich so demütig aus. Sie antwortete nichts, sondern wendete sich schnell, und an den Schrank gehend und Kirschwasser aufstellend, dachte sie: ist dies Benehmen Keckheit oder gewaltsam bezwungene Schüchternheit? Wie aus vielerlei Gedanken heraus sagte Aloys: »Sie kommen mir gar nicht wie eine Bauerntochter vor. Freilich, Ihr Vater ist ein Studierter. Meine Schwägerin ist auch eine Lady. Sie sprechen gewiß auch englisch?« »Nein, nicht einmal französisch. Das hab' ich im Krieg besonders bedauert –« »Ja, hab' gehört, wie groß Sie im Krieg gewesen sind.« Ignazia nickte dankend, sie hörte ihm gut zu, wie er von der Teilnahme der Deutschen in Amerika sprach und Aloys legte alles noch viel besser dar, als da drüben beim Marannele; die verständnisvolle Zuhörerin hier machte ihn beredter. »Mein Vater,« entgegnete Ignazia, »ist ganz glücklich heimgekommen von Ludwig Waldfried, der ihm erzählt hatte, wie tapfer Ihr Vater sich im Kriege zur Befreiung der Schwarzen gehalten hat.« Jetzt konnte Ignazia sehen, wie recht die Schwester hatte, daß das derbe Gesicht des Aloys wahrhaft schön werden konnte. »Entschuldigen Sie,« unterbrach Ignazia, »ich höre jemand auf dem Flur.« »Sie sind grad wie meine Mutter, die spricht auch mit einem in der Stube und hört und weiß doch alles, was draußen vorgeht,« konnte Aloys noch schnell der Davongehenden nachrufen. Ignazia kam schnell wieder herein mit einem Päckchen und sagte: »Das kommt auch aus Nordstetten. Haben Sie den Schuster Hirtz kennen gelernt?« Aloys erklärte, daß ihm das eigentlich der liebste Mann im Heimatsdorfe sei, und die hellen, blauen Augen der Ignazia leuchteten noch freundlicher, da er sagte: »Das ist ein gediegener, einfacher Mann, so einen kennen zu lernen, ist schon allein eine weite Reise wert.« »Ja,« ergänzte Ignazia. »Wenn man ihn so ansieht, hat er nichts Ehrwürdiges und doch ist er's von Grund aus; er arbeitet, und alles allein, will keinen Verdienst von der Arbeit andrer und bleibt ruhig am Ort. So wenig sein dreibeiniger Stuhl wandern will, so wenig will er wandern.« Schnell fiel Aloys ein: »Aber seine Gedanken wandern oft gern zu Menschen in der Ferne und besonders gern zu Ihnen, er hat gar gut von Ihnen gesprochen; ich wollte nur, er könnte auch zu andern so von mir reden.« »Ueber einen guten Menschen reden, das macht gut bekannt miteinander,« unterbrach Ignazia, indem sie rasch das Päckchen öffnete und dabei fortfuhr: »Ich wünsche, daß Sie noch mehr solche tüchtige Männer im Vaterlande kennen und schätzen lernen, um daheim davon berichten zu können.« Die denkt nicht dran, mitzugehen, fuhr Aloys durch den Sinn; dennoch sagte er, die ausgepackten Stiefelchen streichelnd: »Die Stiefelchen sind fein und stark, die passen . . . Wenn man nur wüßte, wo die noch gehen werden.« »Das weiß ich selber nicht. Jedenfalls nicht weit. Ja, daß ich's nicht vergesse. Der Vater ist kein großer Freund von Amerika und er arbeitet stark gegen die Auswanderung.« »Was hat er gegen uns?« »Ich wollte Ihnen das nur voraus sagen. Wollen Sie mich ins Feld begleiten? Wir haben viele fremde Schnitter draußen.« Aloys war bereit, und als sie vor das Haus kamen, sagte er: »Wie schön ist's hier oben! Es muß Ihrer Schwester schwer geworden sein, von da weg zu gehen.« »Und ich werde es doch auch bald über mich nehmen müssen.« Aloys errötete und Ignazia fuhr fort: »Mein Vater nimmt wahrscheinlich einen Staatsdienst an.« »Einen Staatsdienst?« fragte Aloys, das Wort schien ihm eine Entwürdigung. »Ich hab' immer gehört, Ihr Vater sei ein freier Mann.« »Er bleibt dabei doch frei und kann viel Gutes thun. Es wird ihm nicht leicht, in alten Tagen noch das Leben zu ändern. Sieh da! dort kommt er! Er muß unser Fuhrwerk unterwegs getroffen haben.« Sie eilte dem Vater entgegen; er stieg ab, sie sprach kurze Worte, er eilte voraus zu Aloys. Zwanzigstes Kapitel. Nach der herzlichen Begrüßung sagte Ivo, die Hand des Aloys lange festhaltend: »So ist's recht, die Amerikaner schicken jetzt ihre Kinder ins Vaterhaus zurück, wo jetzt Friede und Freude und Einigkeit ist.« Die Stimme Ivos und jedes seiner Worte kam so aus dem Herzensgrund, und eine wahre Wohlthat war's, wie er dreinblickte, er sah so ehrgebietend und doch so zutraulich aus. Ivo war, was man einen wohl ausgearbeiteten Mann nennen kann, und wie er in seinen hohen Stiefeln dastand, konnte man sagen, das ist ein fester Mann auf festem Grund. In seinem faltenlosen, freundlich glänzenden Gesicht lag der Ausdruck der Geradheit und Bestimmtheit, sein Auge hatte den stillen, beruhigenden Blick der Menschenfreundlichkeit; die Gestalt, gedrungen und untersetzt – so was man pfostig nennt – war von behaglicher Fülle, die aber noch Behendigkeit zuläßt. Da Ivo noch immer seine Hand hielt, sagte Aloys: »Mir ist's, wie wenn der Herr Ivo mich von Kindheit an so an der Hand geführt hätte.« »Soll dir auch wohl bei uns sein.« Und Aloys wurde schöner bei diesen Worten; denn das beste, was er aus Amerika mitgebracht hatte, war die Achtung vor der höheren Bildung, und hier hatte sich noch inniges Wohlwollen dazu gesellt. Ivo fuhr fort: »Wir haben dich schon lang erwartet. Meine Schwester in Amerika hat geschrieben, daß du kommst. Wo ist denn die Ignazia? Ignazia!« rief er, »komm herein in die Stube, ich muß dir was Wichtiges sagen.« Ignazia kam zögernd und Ivo sagte: »Ich habe die Stelle als Vorsteher der Ackerbauschule angenommen und der Schwager Rupfer wird Hauptlehrer. Schon zum Herbst ziehen wir auf die Burg.« Zu Aloys gewendet, erklärte er diesem, daß die Regierung schon lange in ihn dringe, die Leitung einer Ackerbauschule zu übernehmen, worin Bauernsöhne und Knechte in den Fortschritten der Landwirtschaft unterrichtet werden, aber die Haltung doch so bleibe, daß sie bei höherem Wissen sich nicht für zu gut halten, einen Wagen voll Dung zu laden. »Ich habe der Regierung als eine Hauptbedingung gestellt,« fuhr er fort und zu Aloys gewendet: »nicht als Gunst für mich, das verlange ich nicht, und das ist bei uns in Deutschland auch nicht, nein, weil er's verdient, hab' ich's verlangt, man soll mir meinen Schwiegersohn, der Reallehrer in Offenburg ist, als Hauptlehrer beigeben. Und das ist bewilligt worden. Du gehst doch auch gern mit?« wendete er sich zu Ignazia. »Von Herzen gern, Vater. Ich hab' gewußt, daß Ihr annehmet, und es ist das Rechte. Ich hoffe, auch nicht unnütz zu sein.« Sie verließ das Zimmer und Ivo sagte hinter ihr drein: »Es gibt doch keine größere Freude auf der Welt, als wenn ein Kind eben bei allem Verstand das rechte Kinderherz behalten hat. Wie mir meine Schwester schreibt, bist du auch ein guter Sohn an deinen Eltern. Das soll ja bei der frühen Selbständigkeit der Knaben in Amerika nicht gar so häufig sein.« Er fragte nach seiner Tochter in Nordstetten und dann nach den Angehörigen in Amerika. Aloys erzählte genau und legte ein Bild seines Vaters vor. »So sieht er aus? Ich sehe noch sein gutes, junges Gesicht aus dem alten heraus. Ich vergesse es nie, wie ich seinen langen Brief deiner Großmutter vorgelesen habe. Dein Vater war ein Herzmensch, ein wenig weichmütig, aber Amerika hat ihm die nötige Straffheit gegeben. Ludwig Waldfried hat viel von seiner Bewährung im Kriege erzählt. In dem damaligen Briefe deines Vaters war eine Kinderhand abgezeichnet, als Gruß herüber gereicht zu uns; das kann nicht deine Hand gewesen sein.« »Nein, die von meinem ältern Bruder Basche, er hat schon selber fünf Kinder und seine Frau ist eine Lady.« Ivo schien die letzte Bemerkung nicht zu verstehen oder nicht zu beachten, denn er fuhr fort: »Ja dein Vater! In unserem Dorf haben sie nicht verstanden, was in ihm steckt, und wer weiß, ob's daheim je an den Tag gekommen wäre. Viele werden erst in Amerika zu dem, was sie sein sollen. Jetzt gottlob nicht mehr. Wir schicken euch keinen Zuzug mehr. Wir behalten unsere tüchtigen Menschen daheim.« »Herr Ivo,« begann Aloys. »Heiß mich nur Vetter. Und sei nicht zaghaft. Soweit die Tannen grünen, findest du keinen Menschen, der es besser mit dir meint und sich mehr mit dir freut, als ich.« Ivo erzählte, wie es ihn gefreut habe, daß Aloys in Nordstetten ein Haus habe zimmern und richten helfen und Aloys fügte so bedachtsam als bescheiden hinzu, daß man in Deutschland nicht so zu arbeiten verstehe wie in Amerika, wo man die Zeitverschwendung für einen der schlimmsten Fehler halte. Ivo sah wohlgefällig auf den jungen Mann, da ist etwas, was man doch nur in der Neuen Welt bekommt, ein entschlossenes und behendes Zugreifen, wie es auch Ludwig Waldfried mit heimgebracht hat. Aloys steht ihm an Bildung nach, aber gewiß nicht an mannhafter Selbstheit und solche könnten wir aus Amerika importieren. Ein flüchtiges Lächeln ging über die Mienen Ivos und Aloys, der darin die Wohlgesinntheit erklärte, platzte mit dem Gedanken heraus, warum er gekommen sei. Kopfschüttelnd entgegnete Ivo: »Du gehst schnell, aber da mußt du sachte thun. Wie lang kannst du denn bei uns bleiben?« »Ich hab' noch gute Zeit. Ich möcht' nur vor den Herbststürmen zu Schiff sein. Ich habe also fragen wollen.« »Sei ohne Scheu. Sprich offen.« »Ich habe fragen wollen, ob der Herr Vater nichts dagegen hat.« »Ich geb' kein Kind gern nach Amerika. Aber vielleicht läßt sich's umdrehen. Wenn sie dich will, habe ich nichts dagegen. Ich bleib' nicht allein, ich hab' meine Tochter und ihren Mann und ihre Kinder auf der Burg. Aber da kommt das Essen. Laß dir's bei uns schmecken.« Man hatte kein Tellerrasseln und kein Messerklappern gehört. Der Tisch war mit feinem, glänzenden Linnen bedeckt. Ignazia sagte, sie müsse eigentlich ins Feld, aber sie wolle dem Gastfreunde zulieb mit zu Tisch gehen, nur solle er's nicht verübeln, wenn sie bald aufstehe. Einundzwanzigstes Kapitel. Man saß wohlgemut bei Tische und Vater und Tochter waren unbefangen gegen den Gast, als ob sie von seiner Absicht gar nichts wüßten. Sie fanden Gefallen an dem Amerikaner, der mit Geschick von allem berichtete. Ivo war verständig und gutherzig genug, den Gastfreund nicht bloß auszufragen, sondern berichtete auch von sich. Er trug dem Sohne auf, dem Vater Bericht zu gehen: »Kannst deinem Vater sagen, ich fühle mich noch wie in jungen Jahren, nur daran spüre ich etwas vom Alter, daß ich nach der Arbeit müder bin als ehedem. Sag ihm auch, daß seit seiner Zeit sich die Landwirtschaft bei uns geändert hat. Die Güterzusammenlegung ist weit vorgeschritten und zeigt sich als sehr vorteilhaft, und die verbesserte Wiesenwässerung ist allgemein. Wir bauen nicht mehr vorzugsweise Brotfrüchte, sondern Futterkräuter zu guter Milch und Fleischerzeugung. Unsere Landleute müssen mehr Fleisch essen, sonst muß man das Militärmaß noch weiter herunterthun.« Ivo berichtete, daß Luzian, genannt Luzifer, wieder aus Amerika heimkomme, denn er sehe ein, daß die Aufgabe der Religionsfreiheit nicht in der Neuen Welt, sondern in der Alten und besonders in Deutschland gelöst werde. Ivo fügte hinzu, daß es jetzt ganz anders sei, wie zu seines Vaters Zeiten, damals galt es für freisinnig und man war's gewohnt, auf Deutschland zu schimpfen, weil man darunter nur die Regierungen meinte, jetzt habe die Zeit begonnen, in der Regierung und Volk, Soldat und Bürger eins werden. Aloys hielt sich bescheidentlich von jedem Eintreten in dieses Gebiet zurück, und als ihn Ivo geradezu fragte, sagte er: »Ich bin nicht so gut geschult, daß ich da mit dreinreden darf.« Er berichtete, daß ihn zuerst der Ohm Gregor unterrichtet habe und auch des langen Herzles Kobbel, das meiste aber – es sei aber freilich wenig – habe er aus guten Büchern zu lernen gesucht. »Ich lerne gern,« fügte er hinzu, »aber ich könnte eher die Stationen der Pacificbahn im Kopf behalten, als die Vetterschaften. Mein Vater hat mir in dem Büchlein alle aufgeschrieben: bei den Gestorbenen habe ich ein Kreuz, bei den Verdorbenen eine Null gemacht. Es ist mir nur lieb, daß mein Vater nicht, wie anfangs im Plan war, mitkommen ist.« »Warum ist Ihnen das lieb?« fragte Ignazia. »Jeden Tag siebenmal hätte mein Vater einen Herzstoß bekommen, so hören zu müssen von Tod und von allem. Mich rührt das weniger an, ich habe die Menschen nicht gekannt.« »Aufs Wohl von deinem Vater und auch auf dein Wohl,« unterbrach Ivo, das Glas erhebend. Auch Ignazia stieß mit Aloys an und Ivo fuhr fort: »Ja dein Vater! Es ist ein Glück gewesen, daß er seine erste Liehe nicht geheiratet hat. Das ist oft gut. Ich freilich, ich hab' das Glück gehabt, das erste und einzige Mädchen, das ich auf der Welt lieb bekommen, auch zur Frau zu kriegen. Wie würde sie sich gefreut haben, daß an unserem Tisch ein Sohn sitzt vom . . . vom . . .« Er sah verlegen lächelnd umher, es fiel ihm offenbar der rechte Name nicht ein, sondern eben nur Tolpatsch. Der Amerikaner sagte daher errötend schnell: »Ein Sohn vom Aloys.« »Ja, ein Sohn vom Aloys und der Mechthild des Mathes vom Berg.« »Sag einmal: hast du die alte Liebe von deinem Vater, des Jörglis Marannele auch gesehen? Und ich glaub', sie hat eine schöne Tochter, ein Kernmädle.« Aloys bejahte, aber er erschrak dabei so, daß er das Glas mit dem roten Wein umstieß. »Verzeihen Sie! Das schöne Tischzeug!« wendete er sich zu Ignazia. »Das hat nichts zu sagen,« entgegnete Ignazia. »Vater! Kommet mit dem Herrn Vetter nach. Ich will jetzt ins Feld zu den Schnittern.« Sie stand auf, reichte Aloys die Hand und ging rasch davon. Die beiden Männer waren allein und eine geraume Weile still. »Darf ich was fragen?« begann Aloys. »Frag du nur.« »Hat die Jungfer Ignazia vielleicht schon jemand einmal gern gehabt? Ich mein', der Herr Vetter hat das von der ersten Liebe, die nicht immer das Rechte trifft, noch aus einem besonderen Grund gesagt.« »Du passest gut auf.« »Soll das eine Antwort sein?« »Du kannst sie dafür nehmen.« Aloys war betroffen, aber er sagte Mut fassend: »Ich will nur gestehen, daß das Wort mir in die Seele gefahren ist. Ich glaub', es paßt auch auf mich. Ich will's nur gestehen, das Jung Marannele hätt' mir gefallen, aber es paßt sich nicht, niemals, und seitdem ich die Jungfer Ignazia gesehen habe, erst recht nicht. Ich meine nur, ich wäre zu gering für sie.« Ivo hielt sich zurück, hierauf einzugehen. Im Gedanken, daß Aloys in Deutschland bleiben könne, sprach er davon, daß Aloys bei seinem guten Eifer und seiner festen Natur es leicht zu höherem Wissen bringen könne; er ermahnte ihn indes auch mit eindringlichen Worten, sich in jedem Falle die guten Erfahrungen und Einsichten nicht verderben zu lassen, die er bei guter Fassung von dieser Reise mit heimnehmen werde. Wie eine innere Labung war jedes Wort Ivos; er war so entschieden und mild zugleich und sein ganzes Behaben so anheimelnd. Aloys fühlte die wohlthuende Art dieses Mannes, es beschlich ihn aber eine um so größere Bangigkeit. Wie wird es denn sein, wenn du abgewiesen davongehen mußt? Liebenswürdig in der eigentlichen und ersten Bedeutung des Wortes sollte Aloys erscheinen, aber im inneren Zerfall mit sich und in Beschwichtigung von stillen inneren Vorwürfen des Gewissens ist man am wenigsten dazu geeignet. Aloys konnte wie sein Vater damals bei der Soldatenbeschau sagen: Kusperet mich nur aus, ihr werdet kein Unthätele an mir finden. Er konnte jedem durchdringenden Blicke ruhig standhalten, aber es verdroß ihn, daß er Gescheitheit und gutes Herz zeigen sollte. Geschieht dir recht, dachte er in sich, warum hast du Marannele so ohne Wort verlassen! Sie hat kein Examen mit dir angestellt und du keines mit ihr, die Herzen sind aufgegangen füreinander und wegen eines Hundenamens soll das alles aus und vorbei sein? Eitelkeit und Stolz auf der einen und Liebe und Gehorsam auf der andern Seite kämpften um ihn. Da drüben weint ein Mädchen, weil es sich um seine Liebe betrogen glaubt; der Mund, den du geküßt, zittert und bricht in Klagen aus. Was hat das arme, gute liebe Wesen denn verschuldet? Was kann es für den dummen Uebermut seines Vaters? Und was kannst du für einen untilgbaren Widerwillen deines eigenen Vaters? Diese Gedanken bewegten Aloys, als er einsam durch Feld und Wald auf der Hochebene ging. Ivo hatte ihn aufgefordert, ihn zu den Schnittern zu begleiten, aber Aloys hatte dankend abgelehnt; er wollte allein sein, aber er war doch nicht allein, denn eine Mädchengestalt ging mit ihm und sah ihn weinend an, und er sagte fast laut: »Sei ruhig, Marannele. Es ist noch nichts geschehen. Und vielleicht ist's gut, daß ich fort bin, es wird alles besser und fester dadurch . . .« Er wandelte so in Gedanken versunken dahin, daß er die Gestalt nicht sah, die sich ihm näherte. »Grüß Gott, Vetter! Sie sehen ja gar nicht auf,« wurde er angeredet. Ignazia stand vor ihm, sie trug den breiten Strohhut am Arme und sah hochgerötet und schön aus. »Es kommt ein starkes Gewitter,« fuhr sie fort, »sehen Sie die schwarzen Wolken. Man stellt nur noch die Garben auf und dann geht alles heim.« »Da will ich helfen,« antwortete Aloys und eilte querfeldein. Ignazia schaute ihm verwundert nach. Mit einer Schnelligkeit, die das Staunen Ivos erregte, richtete Aloys Garbe um Garbe in die Höhe. Es donnerte und die Wälder rauschten mächtig, aber das Gewitter zog sich gegen die Schweiz hin und Aloys half mit großer Behendigkeit die Garben aufladen. Als man hinter den geladenen Garbenwagen heimging, sagte Ivo: »Im raschen Zugreifen können wir von euch Amerikanern lernen. Du wärest mir eine große Hilfe, wenn du über die Ernte bei uns bliebest. Wir haben Mangel an Feldarbeitern, glücklicherweise habe ich sechs Soldaten aus Freiburg zur Aushilfe bekommen; sie reichen aber kaum aus.« »Ja,« schaltete Aloys ein, »ich meine, das Arbeitsleben wird in Deutschland bei jedem Menschen arg unterbrochen, daß eben jeder jahrelang Soldat sein muß.« Ivo suchte klar zu legen, daß wir die schwer zu vereinbarende Aufgabe haben, stark zum Krieg und mächtig zur Arbeit zu sein. Die Mähmaschine wurde nach dem Hause geführt und Aloys sagte, es freue ihn, daß dies aus Amerika hier heimisch geworden; er erzählte, wie es ihn angemutet habe, als ob er einen guten Freund aus der Heimat sehe, da er diese Maschine hier erblickt. Ivo sah den Redenden verwundert an; ein fremder Mensch schien aus ihm zu sprechen. Nach einer Weile sagte Ivo: »Es macht mich freilich glücklich, ein neues Bauerngeschlecht erziehen zu helfen, aber es thut mir doch weh, das Gut zu verkaufen, in dem die Lebenskraft meiner besten Jahre steckt. Ihr Amerikaner kennt da keine solche Anhänglichkeit, bei euch ist alles money making .« »Just auch nicht alles,« entgegnete Aloys. »Wie wär's,« begann Ivo, »wenn du mir das Gut abpachtest oder abkauftest und hierbliebest?« »Ich bin ein Amerikaner.« »Gut. Warum soll sich's nicht auch umkehren? Es wandern bereits viele zurück, und es werden noch mehr kommen.« »Ich bin ein freier Republikaner.« »Ich ehre jede Ueberzeugung und jeden Mann, der auf sein Vaterland stolz ist. Die republikanische Staatsform ist gewiß schön und gut, aber damit ist das Schöne und Gute noch nicht da. Sieh dich bei uns um. An Freiheit fehlt uns nichts und wir halten's sogar für besser, daß ein Fürst obenan steht und nicht ein wechselnder Präsident und wechselnde Beamte. Dagegen ist bei uns die Verwaltung ehrlich und die Justiz unbeugsam. Glaub mir, lieber Aloys, wegen der Freiheit geht kein Mensch mehr nach Amerika. Mit dem Stolz auf die Republik ist's vorbei, bei unseren Nachbarn da drüben wie bei euch.« Aloys schüttelte den Kopf und heftiger werdend rief Ivo: »Und ich muß dir sagen, es kommen jetzt viele aus Amerika zurück, einzelne und ganze Familien und nicht zu unserer Freude. Die was besitzen und die nichts haben, alle glauben sie Großprahler sein zu müssen. Und was ist in Wirklichkeit?« Ivo erging sich in bitteren Worten über den zeitweiligen Verderb des öffentlichen Lebens in Amerika. Aloys hatte nicht das Wissen, um ihn mit Thatsachen und Zahlen widerlegen zu können; da fiel ihm ein gutes Beweismittel ein und sein ganzes Gesicht lachte, indem er sagte: »Sie kennen ja auch den Oberst Waldfried. Ist das nicht ein Mann, wie nur Amerika ihn aufbaut?« »Allerdings. Das ist ein kernbraver und großdenkender Mann. Aber, lieber Aloys, das ist kein Zeuge für dich. Er klagt selber über die Prahlhansigkeit und Verdorbenheit vieler Deutschamerikaner. Ich war vor mehreren Wochen bei ihm. Da war ein Mann in arger Verwahrlosung mit Frau und fünf Kindern herüber gekommen. Waldfried nimmt ihn in sein Geschäft und der Mann schimpft täglich hundertmal über die Kleinlichkeit in Deutschland. Kleinlich! Alles ist bei uns kleinlich. Und was war sein großartiges Gewerbe drüben? Er schenkte täglich ein Faß oder mehrere vergüteten Schnapses an die Irländer aus, und seine Großartigkeit Amerikas bestand darin, daß man seine Kunden nicht kennt und keine dauernde Beziehung und Verpflichtung zu ihnen hat. Ja, lieber Aloys, ich meine, wenn nicht eine große sittliche Wendung bei euch eintritt, müßt ihr noch schweres Lehrgeld zahlen.« Da Aloys schwieg, fuhr er fort: »Aber was wollen wir uns streiten? Du bist mir ein lieber Besuch. Marte, komm her!« rief er einem starkknochigen Manne zu. Der Angerufene kam und Ivo sagte: »Aloys! Das ist ein Landsmann von uns, er ist auch aus Nordstetten. Dein Vater hat den seinen gut gekannt. Sag nur, der Sohn des Wendels von der Bruck. Der Marte ist schon einundzwanzig Jahre bei mir und geht auch mit auf unser Pachtgut bei der landwirtschaftlichen Schule.« »Wer ist der Herr?« fragte Gregor. »Aus Amerika, der Sohn von des Barthels Basches Aloys.« »Von . . .« er wollte offenbar auch wieder Tolpatsch sagen, er unterdrückte es aber noch und sagte nur: »Grüß Gott,« dann ging er davon. – Am Abend war Aloys wieder wohlgemut, aber Ignazia merkte doch, daß zwischen dem Vater und dem Gastfreund eine Verfremdung war. Ignazia wollte offenbar freundliche Stimmung erwecken. Als daher noch am Abend Männer ans der Umgegend kamen, die von dem Wegzuge Ivos gehört hatten, ließ sie den Vater mit den Männern und ging mit Aloys auf der Landstraße. Die Nacht war mild und dunkel, kein Stern sichtbar am wolkenbedeckten Himmel, die ganze Natur war wie in atemloser Spannung, des ersehnten Regens gewärtig. Aloys gestand offen, wie sehr es ihn überrasche und schmerze, daß Ivo so schlimm von Amerika denke. Ignazia wußte die Stimmung des Vaters dahin zu deuten, daß er vielleicht im Grunde Republikaner sei und darum so bitter, wenn er von deren Verderb höre. Uebrigens hätten ihn die Großsprechereien vieler Heimgekehrten in letzter Zeit vielfach verletzt. Aloys erzählte von Ohlreit und wie er glaube, der voraussichtliche Untergang dieses Menschen habe damit begonnen, daß er für reicher angesehen sein wollte, als er in Wirklichkeit war. Ignazia fragte nach dem Heimwesen des Aloys und er war erschreckt und erfreut, wie sie alles genau erforschte. Ist das ein Zeichen der Liebe und wird sie ihm in die Neue Welt folgen? Er schilderte indes alles anschaulich und lebhaft und besonders schön war, wie er das volle und innige Familienleben darstellte. Aloys schien im Dunkeln viel besser sprechen zu können als am hellen Tag. Verwunderlich blieb aber, daß seine Doppelnatur sich immer bestimmter kundgab; über manche Dinge sprach er wie ein Kind und über anderes wieder wie ein voll ausgereifter Mann. In guter Wechselrede waren die beiden wieder zum Hause zurückgekehrt. »Ich weiß nicht,« sagte Aloys stehen bleibend und seine Stimme war wundersam bewegt. »Ich meine, ich höre Musik.« »Sie hören richtig. Da drüben in Erlenbruck ist heute Hochzeit und der Luftstrom trägt bisweilen den Trompetenklang zu uns.« Es mag sein, daß Ignazia fürchtete, Aloys könnte jetzt etwas sagen, was sie nicht wünschte; denn nach einer peinlichen Pause fragte sie: »Haben Sie in Ihrer Heimat auch Hebels Alemannische Gedichte?« »Gewiß! Der Ohm Gregor hat uns oft daraus vorgelesen.« »Das ist schön! Sie wissen doch, daß Sie hier auf seinem Heimatsboden sind? Dort ist der Feldberg. Ich kann fast alle seine Gedichte auswendig. Im Lazarett habe ich sie oft und oft unseren Landsleuten vorgelesen, und es war den Verwundeten so wohl, wie wenn sie leibhaftig die frische Luft unserer Waldeshöhen atmeten. Wenn Sie über den Sonntag bleiben, gehen wir allesamt auf den Feldberg. Aber jetzt, da ist der Regen! Gut Nacht, Aloys.« sagte sie. »Gut Nacht, Ignazia,« antwortete er. Aloys! Sie hat dich bei deinem Namen genannt. Aber hat's nicht doch schöner geklungen, wie Marannele Aloys sagte? Ivo rief Aloys noch auf seine Stube und sagte: »Das ist viel, daß Ignazia mit dir gegangen ist. Dessen kann sich noch keiner rühmen. Darf ich wissen, was sie dir gesagt hat?« »Sie hat nichts von der Hauptsache gesprochen, aber gut gegen mich ist sie, von Herzen gut. Es mag nun werden, wie es will, ich hab' eine gute Freundin.« Ivo begleitete den Gastfreund noch auf das Giebelzimmer, wo Ignazia alles wohl hergerichtet hatte. Auf dem Tische lagen Hebels Alemannische Gedichte und als Aloys eben darin lesen wollte, mußte er aufhorchen. Ein wohlgestimmter Gesang der Soldaten tönte von der Scheune herüber. Aloys lauschte am offenen Fenster. Der Duft der getränkten Erde stieg zu ihm auf und ein Hauch aus dem Tiefsten unseres vaterländischen Lebens wehte ihn an. Es war Nacht und Regen, und doch war's Aloys, als schiene die helle Sonne. Die Soldaten sangen das Lied vom guten Kameraden, das konnte er in der Ferne leise auch mitsingen, und jetzt stimmten sie die Wacht am Rhein an; Aloys suchte im Nachsingen sich die Weise einzuprägen, er verstand keine Worte, aber die Töne thaten ihm wohl. Nun erscholl noch helles Jauchzen. Dann war alles still. Zweiundzwanzigstes Kapitel.             Wo der Dengligeist in mitternächtiger Stunde Uffeme silberne Gschirr si goldene Sägese denglet (Todtnau's Chnabe wüsse's wohl) am waldige Feldberg . . . Schwebt mi muntere Blick und schwebe mine Gedanke. Feldbergs lieblige Tochter . . . bis mer Gott wilche. Ja, mitten im Rauschen des Regens ist ein Klingen in der Luft, wie vom Dengeln einer goldenen Sense, und wenn der Dengligeist heute nacht vom Feldberg herabgekommen wäre zu dem stattlichen Hause, das breit an der Straße steht, hätte er drei Menschen belauschen können und ihren innersten Gedanken. Aloys hörte das Rauschen des Regens draußen und neben ihm tickte seine große Taschenuhr so laut, und jetzt verwandelte sich das Ticken der Uhr in den Taktschlag der Lokomotive und setzte bald das Wort Ignazia und bald das Wort Marannele. Eine Regennacht ist so gut zum Schlafen, das rieselt und klingt draußen so leise und macht das Ruhelager doppelt behaglich. Dennoch war Aloys voll Unruhe. Auch Ignazia ging in ihrer Kammer streng mit sich zu Rate. Gesteh dir's nur, du bist zu alt, als daß es dich überkäme: der und kein anderer. Er ist ein rechtschaffener gesunder Mensch und hat auch gute Gedanken und ein lindes Herz. Aber könntest du fort in eine fremde Welt und aufhören, eine Deutsche zu sein? Und warum diesen und nicht? . . Nein, vom Papierer kann keine Rede sein; vom Arzte noch eher, aber er ist zu fahrig. Warum aber nicht der Bezirksförster? Er ist so gediegen, so mannhaft; er wäre auch dem Vater der liebste . . . ist es Schüchternheit oder ist es Stolz, daß er jedes Liebeswort vermeidet? . . . Wenn Aloys hierbleiben und das Gut übernehmen könnte, wie dann? Sie fand lange keine Ruhe. Die Jugend hat's aber doch gut, der Schlaf ist stärker als alles Sinnen und Grübeln, er senkt sich auf die junge Seele und hüllt sie in Vergessenheit. Ivo war doch auch müde von der Reise, von der Arbeit im Felde, wo er tapfer zugegriffen hatte, aber es schien, daß aus dem Heimwesen, das er zu verlassen beschlossen hatte, die alte Ruhe schon davon gezogen sei. Du gehörst fortan nicht mehr dir selber, du bist in Pflichten für die Jünglinge und Männer, die du zu dir rufst. Freue dich deines großen Wirkungskreises. Ja, und Ignazia? Wie wird sie sich entschließen? Es ist ein schwerer Schritt, auch für dich. Ach, das Bangen und Sorgen hört nicht auf. Glaubt man mit dem eigenen Leben fertig zu sein, so kommt die Lebensentscheidung der Kinder. Und Ignazia wird sie so schwer. Nimm dich in acht, du hast sie über die Bewerber zu früh zu dir reden lassen. Diesmal soll sie ohne ein Wort zu dir sich entscheiden. O, wenn die Mutter noch lebte, da wär' alles anders. Dieser letzte Gedanke war nicht dazu geeignet, ihm den ersehnten Schlaf zu bringen. Und während Ivo um Mitternacht noch keinen Schlaf gefunden hatte, erwachte droben in der Giebelstube Aloys, wie wenn jemand seinen Namen gerufen hätte. Ein mächtiger Regen rauschte nieder. Es ist doch gut, daß die Garben eingebracht sind, was noch auf dem Halme steht, dem schadet der Regen nicht. Ob es wohl da drüben in Nordstetten auch regnet? Ob Marannele in dieser Stunde schläft oder dein gedenkt in bitterm Harme? Vielleicht hat sie gar eben jetzt deinen Namen gerufen. Er hatte das Richtige geahnt. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Als Aloys am frühen Morgen die Horber Steige hinabgegangen war, konnte er in seinem Zorne nicht dran denken, wie er die vielen Menschen im Dorfe zurücklasse. Du kannst das Wissen von dir plötzlich in die Seele der Menschen einsetzen, aber nicht so plötzlich wieder herausnehmen. Und nun gar die eine, die er umschlungen gehalten, wie lebte sie nun? Wie waren Mutter und Tochter erschrocken, als Aloys vor dem Hause gerufen hatte: »Laß deinen Hund hinein! Den Tolpatsch!« Jung Marannele rief zum Fenster hinaus: »Wart! ich komme.« Aber der davon Eilende hatte es nicht gehört und er hätte auch nicht gewartet. Jung Marannele öffnete die Hausthür, der Hund kam herein und sprang an ihr empor und drückte sich dann an sie, wie wenn er sagen wollte: ich kann nichts dafür, aber es thut mir gar leid. »Bleib da! Hier!«sagte Marannele zu dem Hunde, er legte sich nieder. Sie ging zur Mutter und sagte: »Er ist fort.« »Er kommt wieder,« entgegnete die Mutter. »Glaubet Ihr das wirklich?« »Wenn er nicht wiederkommt, ist er selber ein Tolpatsch und du kannst dann von Glück sagen, daß du so einen losgeworden, so lang es noch Zeit ist. Aber er kommt wieder. Verlaß dich drauf.« »Ja, Mutter, es thät' mich auch kränken, wenn man meines Vaters Unnamen einem Hund gegeben hätt', und wer das gethan hat, der hat nicht recht gethan.« »So? Du beleidigst deinen Vater unterm Boden? Wer hat je denken können, daß ein Sohn vom Tolpatsch wiederkommt? Und ein unschuldiger Spaß ist's. Das will ich ihm morgen auslegen.« Ja, morgen! Und heute nacht verdammt er uns alle, dachte Marannele, aber sie sagte es nicht, denn sie wollte keinen Streit mit der Mutter. »Er ist nur drei Häuser von uns,« sagte sie; sie wollte darthun, daß sich ihm so leicht Botschaft geben ließe und wie hart es sei, daß sie nicht selber zu ihm gehen dürfe, aber die Mutter erriet es und rief: »Du wärst imstande und liefest ihm nach und thätest einen Fußfall vor ihm?« »Jawohl, das thät' ich gern und thät' es auch, wenn's nicht wegen der Leut' wär',« und schwer aufatmend setzte sie hinzu: »Er dauert mich, daß er jetzt so traurig ist.« »Laß ihn das ja nicht merken,« mahnte die Mutter, »wenn er kommt, lach ihn aus. Das ist das beste. Zeig ihm, daß andere Menschen viel lustiger sind und nicht so weichselig, wie die vom Tolpatsch.« Marannele ging still in ihre Kammer. »Nur einen einzigen halben Tag haben wir uns gern gehabt, aber der löscht nimmer aus, nie. O Aloys! Du bist doch so gescheit und so gut. Wenn ich nur an dein Fenster fliegen und dir alles sagen könnt'! Was geht uns die übermütige Einfältigkeit an? Und sie war nicht so bös gemeint.« Früh, als der Tag graute und eben der Pfiff der Lokomotive von der Hochdorfer Höhe herüber tönte, saß Marannele aufrecht im Bette, und ihr erster Gedanke war, er ist dort, wo die Lokomotive pfeift, fort, auf immer; sie war in Gedanken auf dem Schießmauernfeld und sah in den Tunnel auf dem jenseitigen Berge; dort in der schwarzen Höhle, dort ist er auf immer verschwunden. Sie ging Wasser holen am Brunnen beim Adler, sie stellte lärmend ihren Kübel auf, sie pumpte lange und schlug mit dem Schwengel an die Teichel; die Fenster seines Zimmers gehen hier heraus, aber es zeigte sich nichts; sie trug den gefüllten Kübel auf dem Kopfe heimwärts, der Kübel mußte tropfen, denn sie fuhr sich mit der Hand oft über das Gesicht und wischte es ab. Ließ sich denn gar keine Ausrede finden, um in den Adler zu kommen? Aber dort kannst du ja nicht mit ihm reden. . . . Du erfährst aber doch, ob er noch hier ist. . . . Frisch entschlossen ging sie nach dem Adler und verlangte einen halben Schoppen alten Wein für die Mutter. »Ist deine Mutter krank?« fragte die Adlerwirtin. »Man hat sie doch gestern auf der Gasse gesehen.« »Ich will ihr eine Weinsuppe kochen.« »Wärest du zwei Minuten früher gekommen, hättest du noch den Aloys gesehen. Er ist fort.« Das Fläschchen entfiel Marannele. »Was bin ich ungeschickt!« sagte sie schnell, und die gute Adlerwirtin gab ihr ein anderes Fläschchen und anderen Wein und nahm keine Bezahlung. Marannele ging heim und dort an der Treppe, wo er sie geküßt, dort setzte sie sich nieder und weinte bitterlich. Sie hörte die Mutter oben, sie ging hinauf, brachte ihr den Wein und erzählte alles. Die Mutter suchte ihr Kind damit zu trösten, daß sie darlegte, wie schlecht und ungetreu die Amerikaner seien; sie beteuerte, sie ginge nicht nach Amerika und wenn man ihr ein goldenes Haus baue. Der Schwager Forstwart von Ahldorf kam und erzählte, daß der Soges gestern Aloys und Marannele beisammen habe sitzen sehen; er fragte, wann der Verspruch gehalten werde. Jung Marannele berichtete ihm mit bebender Stimme, was vorgegangen war. Der Hund war mit in die Stube gekommen und die Mutter verlangte, daß der Schwiegersohn den Hund sofort erschieße, aber die Tochter duldete das nicht, das arme Tier habe sich ja nicht selber den Namen gegeben. Sie ging mit dem Hunde ins Feld. Sie begegnete dem Ohlreit, der sie schon von ferne angrinste. » Well ,« rief er, »ich hab' noch mit ihm gesprochen.« »Hat er dir was für mich aufgetragen?« »Für dich? Nein. Er ist ein smart fellow , der verspricht nichts fest, dir nicht und mir nicht.« »Glaub mir, er hilft dir.« »Und das sagst du? Die Adlerwirtsmagd hat's gehört, wie er gesagt hat, es sei alles gepackt, daß man's ihm nachschicken könne, er käme nicht wieder. Ich lege aber Beschlag auf seine Sachen, er hat mir meinen Fünfläufigen abgelurt.« Höhnisch lachend nahm Ohlreit einen Strick aus der Tasche und rief: »Weißt, was das ist? Ein Halsband. Ich möcht' ihn dran aufhängen. Nein, besser, komm, ich hab noch Geld, geh mit mir nach Amerika.« »Du bist verrückt oder betrunken.« »Beides! Beides!« schrie Ohlreit, er suchte Marannele zu umfassen, sie stieß ihn von sich und rannte querfeldein, er sah ihr schimpfend nach und ging waldeinwärts. Am Abend erfuhr Marannele von des Hirtzen Madlene, daß Aloys zum Vater und zur Schwester der Adlerwirtin gereist sei, offenbar werde Aloys die älteste Tochter Ivos heiraten; er habe indes auch dem Ohlreit versprochen, daß er ihn versorge, wenn er auch nicht mehr hierher komme. Der Schuster Hirtz, der sonst so ruhig war, sprach sehr ingrimmig von Aloys. Das sei keine Art, so davonzulaufen, es sei eben auf die Amerikaner kein Verlaß; wo sie keinen Nutzen mehr sehen, laufen sie davon. Der gute Hirtz meinte, daß Marannele damit getröstet würde, wenn Aloys nur eben schlecht sei wie andere auch; aber Marannele fand darin keinen Trost, sie ging durch die Dorfstraßen, sie arbeitete im Feld und am Herd, und ihr war, als ob sie das alles nicht selber thäte, sondern ein ganz anderes; ihre Seele war ihr entrissen, sie selber nur ein Schatten, der Schatten des Marannele von ehedem. Und in der Nacht, da es so mächtig regnete, erwachte sie mit dem Rufe: Aloys! Wer weiß, welche Mächte solch einen Liebesruf hintragen über Berg und Thal. – Vierundzwanzigstes Kapitel. In derselben Stunde, da Aloys hier erwachte und Marannele dort und das Rauschen des Regens vernahmen, saß Ohlreit mit einem fremden Manne in der Bahnhofrestauration und trank mit ihm. Niemand kannte den Fremden, und wenn der rechte Aberglaube noch bestünde, müßte man ihn für den Teufel halten; aber der Mann war mit dem Züricher Zuge mittags angekommen, und von da und zu solcher Zeit kam bisher der Teufel nicht; der Mann sprach auch englisch, und das war bisher nicht die Sprache des Teufels, und schließlich nannte ihn Ohlreit Kapitän und dieser Titel des Teufels ist bisher nicht bekannt. Freilich, gekommen und verschwunden ist er und gethan hat er wie der Teufel. »Die Knochen her! Die Knochen!« rief endlich Ohlreit. »Sie respektieren's doch nicht, daß ich nicht spiele! Die Knochen her!« Er würfelte mit dem Fremden und sie lachten miteinander und fluchten englisch. Als Ohlreit endlich auch seine Uhr eingesetzt und verloren hatte, ging der Fremde hinaus. Ohlreit wartete lange und ließ für sich allein die Würfel auf dem Tische rollen. Jetzt hatte er die besten Würfe und er lachte hellauf; jetzt wußte er, wie man den Becher halten und die Vierkantigen tanzen lassen muß. »Komm nur!« rief er, »jetzt mußt alles wieder herausgeben.« Aber der Fremde kam nicht. Ohlreit eilte auf die Straße nach den Schienen, da brauste der Zug vorüber. »Ich hab' den Zug versäumt!« das hat ihn der Bahnwärter am Wegübergang rufen hören, dann war er verschwunden . . . Eine Wolke mußte sich ins Thal gesenkt haben, es regnete von oben und von allen Seiten, da wälzte ein Mensch drunten in der Egelsthaler Halde einen Stein auf den Ameisenhaufen, stellte sich drauf, schlang einen Knoten um den großen Ast, eine brennende Zigarre fiel herab, zischte und verlosch. Am Morgen fand man Ohlreit an der Tanne in der Egelsthaler Halde erhängt. Eine halb gerauchte Zigarre lag unter ihm im zerstörten Ameisenhaufen . . . Fünfundzwanzigstes Kapitel. Es regnete in Nordstetten, und es regnete droben auf der Hochebene beim Feldberg. Ivo war voll Unruhe, bis er am Morgen den Knechten und Soldaten, den vielen Taglöhnern und Taglöhnerinnen Beschäftigung unter Dach und Fach angewiesen hatte. Als ihm dies endlich gelungen war, saß er wohlgemut mit der Tochter beim Gastfreunde. Ein Regentag inmitten der heißen Erntezeit bringt nach Ueberwindung des Mißgefühls über die Störung ein freies Aufatmen und wohliges Zusammensein; ein Stück winterlich stillen Behagens ist in den Sommer versetzt. Ignazia erzählte, daß sie heute schon an den Schuster Hirtz geschrieben habe, und sie fügte hinzu: »Es gibt doch nichts Besseres, als einen rechten Menschen gern haben, und es ist eins, ob er auf dem Schusterschemel oder auf dem Präsidentenstuhl sitzt.« Ivo nahm hiervon Veranlassung, seine warme Verehrung für Abraham Lincoln auszusprechen; er suchte offenbar mit besonderem Nachdruck darzuthun, daß sein Vorurteil gegen Amerika doch nicht so stark sei, um nicht das einfach Edle zu erkennen. Aloys erzählte von jenem Entsetzen, das alle Menschen erfaßt habe bei der Nachricht von der Ermordung Lincolns, und wie er in so gedrungen innigen Worten sprach, fühlte er den warmen Blick von Vater und Tochter, der auf ihm ruhte. Ivo fragte nach einem Kameraden aus dem Konvikt, einem großen Volksredner, der in die Revolution verflochten und flüchtig geworden, eine Zeitlang hei Aloys gelebt hatte, bis er im Irrenhause starb. »Hast du ihn gekannt?« »Jawohl und an ihm hab' ich zuerst gesehen, was es heißt, Heimweh haben. Mein Vater hat's manchmal auch noch gehabt, aber er kann's bezwingen, und wie er eines Tages die Freiheit lobt, da sagt der traurige Mann: ›Was Freiheit! Wenn ich wieder heim dürfte, ich ließe mir meinetwegen einen Maulkorb anhängen‹ . . . Der arme Mann hat doch in der Fremde sterben müssen.« Eine Zeitlang saßen die drei still. Endlich sagte Ivo: »Ignazia! Du hast ja dem Vetter Aloys die Geschichte von den Kindern von Erlenbruck erzählen wollen.« Ignazia nahm lebhaft auf: »Ja, gern. Also vor sieben oder acht Jahren sind zwei junge Eheleute nach Amerika ausgewandert mit einem einzigen bald dreijährigen Kinde, einem Mädchen. Die Eltern des Vaters wohnen da drüben in Erlenbruck, nicht arm, nicht reich, sie bringen sich so durch und der Alte soll in jungen Jahren ein Wilderer gewesen sein, aber sonst ist er brav. Das Enkelchen, ein Mädchen, hatte große Liebe zum Großvater und beim Abschied sagt das Kind: ›Großvater, komm mit!‹ und der Großvater sagt: ›Mariele, bleib da!‹ Das ist dem Kind, wie es mir erzählt hat – es spricht deutsch mit englisch untermischt – im Gedächtnis verblieben. Nun sind die Eltern in Amerika weit nach Westen gezogen, ich weiß augenblicklich den Staat nicht mehr, und vier Jahre drauf, das Mädchen hatte ein Brüderchen bekommen, herrschte eine Epidemie, das Kind nennt es den gelben Tod, wahrscheinlich das gelbe Fieber, daran sind in wenigen Tagen die Eltern gestorben. Die Habe wurde verkauft, und das neunjährige Kind war entschlossen, mit dem Brüderchen zum Großvater heimzukehren. Es scheint, daß weiter keine deutschen Landsleute in der Umgegend waren. Als die Kinder beim Friedensrichter Abschied nahmen, sagte er weiter nicht viel, aber er hing jedem an einer Schnur ein Täfelchen um, darauf war geschrieben: ›Unsere Eltern sind tot. Wir reisen zu den Großeltern nach Deutschland.‹ Die Kinder haben die Täfelchen noch, und ich glaube, das war amerikanisch und gut, daß da keine Bitte beigeschrieben war. Wem diese Thatsache das Herz nicht rührt, bei dem hilft auch eine Bitte nicht.« Ignazia hielt an, und Ivo sagte lachend: »Nicht wahr, Aloys, so ein Täfelchen wär' auch für dich geschickt gewesen, wenn darauf gestanden hätte: ›Ich bin der Jung Aloys Schorer aus Amerika und bleib so und so lang‹? Da hättest du nicht siebzigmal dasselbe zu sagen gehabt.« »Jawohl,« entgegnete Aloys schelmisch, »aber so ein Täfelchen, das noch ein bißchen mehr sagt, wäre auch zu anderem gut.« Ivo sah seine Tochter an, aber diese schlug die Augen nieder und sagte: »Ich will nur weiter erzählen. Gute Menschen halfen den Kindern bis New York, und dort und auf dem Schiffe und von Hamburg bis hierher waren überall gute Menschen, die den Kindern halfen, und sie sind der Trost und das Glück der alten Großeltern. Es ist doch herzerquickend, daß durch die ganze Welt eine Kette von guten Menschen ist. Ich hätte das Mädchen schon gern zu uns ins Haus genommen, aber es geht nicht vom Brüderchen weg. Herr Vetter« – Aloys schaute verwundert auf, sie nannte ihn Herr Vetter und nicht wie gestern nacht: Aloys. Ignazia fuhr ruhig fort: »Wenn Sie über den Sonntag bleiben, dann lasse ich die Kinder hierher kommen, oder wir gehen miteinander nach Erlenbruck. Als der gute Nazi noch lebte, erzählte er mir, da ich klein war, oft das Märchen vom Brüderchen und Schwesterchen im Walde; ich meine die Geschichte dieser amerikanischen Geschwister wäre noch schöner.« Aloys sagte, wie er sich darauf freue, diese Geschichte seinem Vater zu erzählen, und wie herrlich es wäre, wenn Ignazia ihm dieselbe erzählen könnte. Hochrot war das Gesicht von Jung Aloys und auch die Jungfrau errötete schnell. Ivo dagegen sah vor sich nieder; er hatte das Gefühl, daß die beiden allein sein müßten; sein Herz zitterte: ist die Entscheidung über sein Kind gekommen? Er wollte sich entfernen, da hörte man Männerstimmen draußen und herein traten hintereinander drei Männer. Zuerst der Bezirksförster, eine hohe, feste Gestalt, mit etwas trotzigem, vollbärtigem Gesichte, er hieß Stahl und es lag nahe zu sagen, daß in seinem Wesen sich etwas stählern Festes zeigte; hinter ihm der Doktor, ein Mann rötlich blonden Haares, von breiter untersetzter Figur, rundlich und von hellem glattem Antlitze, in dem es flimmerte, denn er trug eine Brille, deren Gläser nicht eingefaßt waren; zuletzt kam der Besitzer der Holzpapierfabrik, ein Mann in den sogenannten besten Jahren, schwarzgekleidet, von fast geistlichem Behaben und Ansehen. Aloys wurde vorgestellt und drei Hände thaten ihm weh; zuerst die Hand des Forstmeisters, die, breit und knochig, ihn gewaltig drückte, dann die Hand des Holzpapierers, die so kalt war, am wehesten aber that ihm die Hand des Doktors, denn diese wurde gar nicht gereicht; der Doktor putzte seine Brille, setzte sie wieder auf und betrachtete dann den Fremdling scharf. »Kennen Sie die Geschichte der drei Regenbrüder?« fragte der Förster mit anmutender Kraftstimme; wenn man diese Stimme in vollem Dunkel gehört hätte, so hätte man wissen können, daß sie von einem kräftigen, in sich festen Manne käme. »Nein.« »Wohin die kommen, regnet's. Wir drei haben uns aber da getroffen, weil es regnet.« Man lachte und diese erste Ansprache schien Heiterkeit über die Ankömmlinge wie über die Bewohner des Hauses und den Gastfreund zu verbreiten. Aloys wußte von der Schwester in Nordstetten, daß diese drei Bewerber um Ignazia waren. Besser drei als nur einer, dachte er in sich hinein und schaute mutig umher. Ignazia war hinausgegangen, sie kam wieder mit einer Magd, die Fleisch und Brot trug, während sie selber Flaschen und Gläser brachte und nun einschenkte. Man stieß stumm an und wer weiß, was jeder dem andere innerlich wünschte, denn alle wußten, daß sie Nebenbuhler und Bewerber um Ignazia waren; vielleicht war Aloys noch der, dem man das Beste wünschte, denn wenn man abgewiesen war, so ist's vielleicht am genehmsten, kein Heimischer gewinnt Ignazia, und sie zieht in die weite Welt auf Nimmerwiedersehen. Sie betrachteten Aloys mit forschenden Blicken; der Bezirksförster spitzte den Mund und pfiff unhörbar. Von diesem Amerikaner ist nichts zu fürchten, er ist zu einfältig für solch ein Mädchen . . . Der Fabrikant rieb sich die allzeit kalten Hände, wie wenn er sich leibhaftig rüste, um mit Aloys, der ihm als Schlaukopf erschien, zu ringen und ihn zu Boden zu werfen; der Doktor sah vielleicht das einzig Richtige, er erkannte in Aloys eine Art von Treuherzigkeit und Geradheit, die just ein vielbedenkendes Mädchen wie Ignazia gewinnt. Man sprach zunächst durcheinander über den Wegzug Ivos. Der Doktor und der Holzpapierer beklagten, daß der beste Bürger, der Stolz der Gegend, fortkommen würde. Der Bezirksförster allein verlautbarte sich nicht darüber, jeder hatte aber ein besonderes Wort für Ignazia; sie entgegnete jedem unbefangen und frei und setzte sich dann an ihre geräuschlose Nähmaschine am Fenster, des Turnieres gewärtig, das auch nicht lange auf sich warten ließ; denn wo Kampfbereite sind, wird auch das Friedlichste zum Gegenstand des Streites. Der Bezirksförster sagte, daß er gekommen sei, um Ivo zum Begräbnis des Halbjöchlers abzuholen. Ivo entgegnete, daß er dem Mann einen Nachruf in die landwirtschaftlichen Blätter setzen wolle, und zu Aloys gewendet, berichtete er, daß der Verstorbene seine Zeit und Kraft daran gesetzt habe, um die Zwillingsjoche abzuschaffen, mit denen die Ochsen wohl leichter regiert, aber auch unsäglich geplagt werden. Der Doktor fügte hinzu, daß der physiologische Bau des Ochsen das freie Joch bedinge. Ivo erzählte, wie er vor Zeiten ein Gegner der Tierquälervereine gewesen, weil er in der Zeit der Knechtschaft das für Spielerei gehalten; er bereue das tief, denn zum Guten sei immer Zeit, und er betrachte es jetzt als eine Probe der Religion eines Menschen, wie er sich gegen die Tiere verhalte. Der Holzpapierer nickte sehr beifällig und führte nicht ohne Geschick den Gedanken weiter, daß wer die Tiere schone, nicht nur einen äußeren Wertgegenstand wahre, sondern auch seinen eigenen, inneren menschlichen Wert erhöhe. Mit heftig zusammengezogenen Brauen fuhr der Bezirksförster dazwischen, daß man die Weichlichkeit, die ohnedies schon groß genug sei, nicht weiter ausdehnen solle. »Sie kennen den Herrn Forstmeister nicht,« fiel Ignazia ein, zu Aloys gewendet, »glauben Sie mir, er ist weichherziger, als er bekennen mag. Wenn einem seiner Hunde was fehlt, ist er lauter Barmherzigkeit.« »Es freut mich, wenn Fräulein Ignazia meine Gedanken kennt, die ich nicht ausspreche,« sagte der Forstmeister mit einer Grazie, die man ihm nicht zugetraut hätte, und doch errötete der starke Mann dabei wie ein schüchternes Mädchen. Die Männer schauten einander an. Was ist das? Will die Umworbene, daß der Bezirksförster gerecht erkannt werde, oder ist ihr besonders daran gelegen, daß der Amerikaner von allen richtig denke? Für welchen von beiden liegt darin eine Entscheidung? Es kam zu keiner Gewißheit. »Wie spannt man denn bei euch die Ochsen ein?« fragte Ivo den Aloys. »Auch mit einem Doppeljoch, aber gar nicht am Kopf, sondern mit einer Art Kummet um die Brust, aus verschiebbarem Hickoryholz. Ich glaube nicht, daß wir das Halbjoch einführen können; wir spannen auf den Wagen, die wir uns selbst herrichten müssen, oft zwanzig, dreißig Ochsen ein und die muß ein einziger Mann lenken können. Wir haben nicht Menschen genug. Unsere Einspannung ist ungefähr so!« Er zeichnete schnell mit Bleistift auf ein Papier und Ignazia sagte: »Lassen Sie mich auch sehen.« Während er das Blatt darreichte, sagte er: »Mir fällt eben ein, daß wir von einem Tiere nie sagen, wie ich hier gehört habe: es ist krepiert oder verreckt, wir sagen he died , es ist gestorben, wie von einem Menschen.« »Das ist schön und fein,« sagte Ignazia, »und Sie zeichnen ja ganz fertig.« »Wir Amerikaner müssen von allem etwas können. Auch bin ich Zimmermann und Schreiner und muß ein bißchen zeichnen können.« Der Holzpapierer rief spöttisch: »Da erfahren wir doch einmal aus dem Lande, wo König Dollar regiert, etwas Anmutiges.« Aloys war's, wie wenn aus warmer Luft plötzlich ein eisiger Sturm ihm ins Gesicht bliese, da der Papierer sich in heftigen Ausfällen gegen Amerika erging. Aloys sah auf Ivo, ob er als Hausherr nicht für ihn antworten wolle, aber nicht Ivo, sondern der Bezirksförster nahm das Wort und sagte, wie er es bewundre, daß Aloys die neckische Art des Holzpapierers erkenne und darum nicht antworte. Der Herr spreche im ernstesten Tone immer scherzhaft. Verwundert blickten die Einheimischen einander an, da der Bezirksförster so sprach, denn der Papierer vermied jeden Scherz auf das gewissenhafteste. An der Nähmaschine Ignazias riß der Faden ab und sie suchte mit niedergebeugtem Antlitze denselben wiederzufinden. Der Bezirksförster aber fuhr fort, Aloys zu erklären, daß der Herr Papierer vielleicht den Herrn Ivo nicht verstanden habe; dieser arbeite gegen die Auswanderung, aber er achte mit ihm die Größe und Unabhängigkeit Amerikas und alle Einsichtigen erkennen vollkommen die Solidarität der Völker im Fortschritt zur Freiheit, für welche Amerika Unvergängliches geleistet habe und noch leisten werde. Er schloß mit den Worten: »Morgen ist der vierte Juli. Machen Sie mir die Freude, Sie bei mir zu begrüßen, und wir trinken eine Flasche zur Feier Ihres großen Nationalfestes.« Noch nie hatte man den Bezirksförster so reden hören, und als eben Ivo beistimmend begann, kam ein Eilbote an den Doktor, er möge sofort nach Erlenbruck kommen, wo es gestern bei der Hochzeit zu Raufhändeln mit Messerstichen gekommen sei. »Und da hörten wir in der linden Nacht Musik,« sagte Ignazia, und Ivo rief: »Da haben wir's! Die Raufhändel mit Messerstichen haben entsetzlich überhand genommen. Der Krieg hat unser Volk verwildert, wie ihr Amerikaner noch unter den Folgen des Südkrieges steht. Wir haben einander nichts vorzuwerfen.« Der Arzt forderte Aloys auf, sich auch ein Pferd zu satteln und mit ihm zu reiten; der Bezirksförster wollte, daß er mit ihm und Ivo gehe. Ignazia beugte sich auf ihren Tisch nieder, um das Lächeln zu verbergen, keiner wollte Aloys allein bei ihr lassen, sie sagte, als Aloys eben vorüber ging, leise und rasch: »Gehen Sie mit niemand, bleiben Sie hier.« Sechsundzwanzigstes Kapitel. Als die anderen endlich fortgegangen waren, sagte Ignazia zu Aloys: »So, jetzt sind wir wieder allein. Ich will nur noch einiges draußen anordnen, dann setzen Sie sich zu mir, ich habe an der Nähmaschine zu arbeiten.« Sie ging hinaus, Aloys pochte das Herz, jetzt kommt die Entscheidung. Wird sie dir das Jawort gehen? Darf dein Mund, der noch den Kuß von Maranneles Lippen fühlt, sie küssen? Ignazia kam wieder, sie rückte einen Stuhl in ihre Nähe und begann an einem feinen weißen Linnen zu arbeiten. Lange wurde kein Wort gesprochen. Endlich fragte Aloys, das Ende des Linnens fassend: »Ist das für Ihre Aussteuer?« Ignazia hielt inne, ihre großen Augen ruhten auf ihm: »Gut, besser heut' als morgen und am besten jetzt gleich . . . Jeder von den dreien, die da waren, begehrt mich zur Frau . . .« Sie hielt abermals inne und Aloys sagte: »Da hab' ich also doch recht gesehen.« »Ja,« fuhr sie fort, »und Ihnen darf ich sagen, was ich denen da nicht sage . . .« Sie stockte wieder, aber jetzt half ihr Aloys nicht weiter, er hätte auch kein Wort hervorbringen können und sie nahm neu auf. »Sie sind ein erfreulicher Mensch . . . In früheren Jahren . . . Ich glaub', . . . ich bin zu eigenwillig . . . zu, zu . . . Nicht wahr, Sie nehmen mir das gut auf, daß ich das sage und wir bleiben gut Freund? . . .« Wie in eine andere Welt versetzt, schaute Aloys drein und es war eine andere Welt. Der Himmel hatte sich plötzlich aufgehellt und durch das Fenster, vor dem Ignazia saß, sah man die Alpenkette in einen Regenbogen eingerahmt. Eine atemlose Pause entstand: »Sie starren so drein. Was wollen Sie sagen?« »Ich danke Ihnen aus Herzensgrund, daß Sie so zu mir reden, und ich muß auch sagen, es wär' nicht recht von mir gewesen, denn ich . . . ich hab schon eine andere gern . . . Aber mein Vater meint, das darf nicht sein, und ich hab' gemeint . . .« »Ist es nicht des Jörglis Marannele?« Aloys nickte stumm, aber sein ganzes Gesicht erglühte. »Und warum soll's nicht sein?« fragte Ignazia und begann wieder zu arbeiten und drückte ihr Gesicht tief nieder auf ihre Arbeit. Aloys erzählte, sich oft unterbrechend, wie wunderlich es ihm vorkomme, daß er just Ignazia das erzähle. Er berichtete genau, nur das von dem Hunde verschwieg er. »Wie wär's,« sagte Ignazia wieder aufschauend, »wie wär's, wenn mein Vater statt Ihrer in dieser Sache an Ihren Vater schriebe?« »Das wär' schon gut. Aber ich mein', da muß ich allein für mich einstehen. Wir Amerikaner sagen: › Help yourself ‹.« Als Ivo wieder zurückkehrte, sah er betroffen auf Ignazia und Aloys, da dieser sagte, er werde am Nachmittag abreisen. »Ich hab' gemeint, du bleibst länger bei uns.« »Nein, ich will jetzt auf den Feldberg und von da zum Herrn Oberst Waldfried.« Er hatte bis zu diesem Augenblick nur gewußt, daß er fort wollte. Jetzt wußte er, wohin er wollte. Ivo wollte den Gastfreund in seiner Halbkutsche ein Stück Weges fahren lassen, die Pferde ständen bei dem Regen ja ohnedies müßig im Stall, aber Aloys sagte, es thue ihm besser, zu Fuß zu gehen. Ivo ließ noch Wein auftragen zum Johannistrank. Ignazia stieß mit Aloys an und sagte leise: »Glück und Segen!« Aloys trank das Glas aus bis auf den Grund und in lustigem Tone sagte er: »Vielleicht begegnet mir der Dengligeist, wenn er sich nicht vor einem Amerikaner fürchtet. Ich bitte nur noch, grüßen Sie den Herrn Bezirksförster herzlich von mir.« Die Gastfreunde begleiteten ihn vor das Haus und als Aloys die dort stehende Mähmaschine sah, war's ihm, als streckte sie die Arme zum Himmel empor. Geschah das in Leid über die Ablehnung, oder in Freuden, weil ein Sohn Amerikas der Liebe allein folgen wollte? Aloys nahm von Ivo und Ignazia herzlichen Abschied, er hatte edle Freunde gewonnen. »Also wieder einer!« sagte Ivo, hinter dem Weggehenden drein . . . »Es scheint, du willst dein lebenlang bei mir bleiben.« »Ja Vater, ich kann mir's nicht denken, daß ich noch auf der Welt wäre, wenn ich keine Deutsche mehr wäre. Und daran seid Ihr schuld.« »Ich?« »Ja. Seit ich denken kann, höre ich Euch danach verlangen, daß einmal ein Deutschland wird. Jetzt ist es da, und da soll ich fort? Und es ist ja alles in Ordnung. Der Aloys hat des Jörglis Marannele gern und er ist ein Mensch, den gewiß das Mädchen, das er liebt, auch wieder liebt.« Als Ivo mit seiner Tochter ins Haus zurückgekehrt war, sagte er: »Ist dir's nicht aufgefallen, daß der Bezirksförster Stahl kein Wort des Bedauerns ausgesprochen hat, daß wir von hier wegziehen?« »Nein.« »Aber es hat seinen Grund.« Ivo hielt inne, er erwartete wohl, daß die Tochter frage, aber sie sah ihn nur mit großen Augen an, und er fuhr fort: »Er hat mir das Dekret gezeigt, er ist Forstrat geworden in der Residenz. Er hat es vor den anderen nicht sagen wollen. Du mußt ihm aber Glück wünschen, wenn er heut abend wiederkommt.« Ignazia nickte und sah nicht auf, sie verließ die Stube. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Zu Ludwig Waldfried und nach Nordstetten zurück oder eigentlich heim wollte Aloys, aber der Weg dahin führt nicht über den Feldberg. Ist es aber nicht so, daß man oft in der Herzensbedrängnis einen Umweg macht? Der Ginster blühte golden am Waldesrande, die Schwarzamsel sang noch am späten Abend, der Abendtau senkte sich auf Baum und Gras und kühlte Aloys die heiße Stirne. Die Sonne sank hinab und das Abendrot durchzog den Wald mit einem Feuerdufte, die Bäume schüttelten sich leise wie von innerer Lust, Aloys atmete hoch auf. Es war Nacht, als Aloys am hellerleuchteten freundlichen Wirtshause ankam, ein großer Hund kam ihm entgegen, er bellte nicht, er schmiegte sich dem Fremden an. Wie mag es dem Hunde dort ergangen sein, der die unschuldige Ursache des traurigen Zufalls geworden? Alles, was Aloys dazwischen erlebt, war vergessen, er dachte nur jener Stunde, da er, die Hand auf den Kopf des Hundes haltend, am Hause Maranneles gestanden hatte. Der Wirt kam, hieß den späten Gast willkommen und sperrte den Hund ein, der jämmerlich heulte. Am Morgen, nachdem Aloys auf der Bergspitze, »Höchste« genannt, gewesen, saß er einsam in der behaglichen Nische des Gasthofes und schrieb: Auf dem Feldberg am 4 Juli 187— »Liebe Eltern! Auf dem höchsten Berge eurer Heimat, am höchsten Tage unseres Landes schreibe ich euch. Ich bin allein, ich habe heute noch mit keiner Menschenseele gesprochen, aber ich bin bei euch und mit den Millionen, die heute das frohe Fest begehen, und ich spreche zu euch. Lieber Vater! Die Lerchen singen auch hier oben, aber sie singen mir was Besonderes. Man sieht hier weit, alle Schweizerberge, o es ist herrlich, und man sieht auch in die Gegend von Nordstetten, man sieht den Hohenzollern. Lieber Vater! Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll. Sie haben hier oben eine Sternwarte erbaut, wo sie die Sterne am Tag sehen können; aber ich sehe zwei Augensterne am Tag und in der Nacht. Da drunten sind so viel Dörfer und Städte mit so viel tausend Menschen, aber keiner hat mehr im Herzen, als ich, Trauriges und Fröhliches . . . . Ich will, so gut ich kann, ordentlich berichten. Also. Ich komme aus dem Hause Ivos und gehe, wie ich gekommen bin, allein. Ich danke Euch, lieber Vater, daß Ihr mir befohlen habt, dahinzugehen; es ist auch so gut für mich gewesen. Ich hab' mich erprobt. Es sind prächtige Menschen, der Vater und die Tochter. Er hat freilich Aberglauben gegen Amerika. Vater! Wir wissen daheim gar nicht, was für ein Aberglaube hierzulande gegen Amerika herrscht; das muß zu Eurer Zeit ganz anders gewesen sein. Aber das hat nicht den Entscheid gegeben. Die Tochter ist ein Mädchen, fein und schön. Aber nicht für mich. Und es ist mir eigentlich recht, daß alles so gekommen. Denn ehrlich gestanden, ich bin nur zum Ivo, um meine Schuldigkeit zu thun, im Herzensgrund habe ich aber gewünscht, daß nichts draus wird. Ich will in Ordnung erzählen. Also lieber Vater, es ist gut, daß Ihr nicht mit nach Nordstetten seid. Es sind so viel Menschen dort verdorben und gestorben und alles anders, als wie Ihr fort seid. Von der Aufsässigkeit gegen Amerika ist in Eurem Ort noch wenig zu verspüren, im Gegenteil, viele meinen noch, bei uns wäre das Paradies. Der Hirtz ist ein braver Mann und ist's wert, daß Ihr ihn Freund heißet. Lieber Vater! Entweder komm' ich wieder allein heim, oder nur mit der, die ich meine. Ja, lieber Vater! Es ist gegen meinen Willen geschehen, aber lieber will ich einsam sterben, eh ich gegen Euren Willen heirate. Und sie ist die Tochter vom Marannele; der Jörgli muß ein arger Spöttler gewesen sein, aber ich glaub' nicht, daß es Bosheit gewesen ist. Sie ist groß und soll ihrem Vater ähnlich sehen; aber gewiß nur von außen. Wie wir zum erstenmal beisammengesessen haben an dem Ebereschenbaum im Schießmauernfeld, wo Euer Acker gewesen ist, da hat sie nichts als mich ermahnt, ich soll einem Menschen helfen, der sie nichts angeht und der am Verkommen gewesen. Da könnet Ihr ihr gutes Herz sehen. Das Jung Marannele – ich kann nichts von ihr sagen, ich hab' sie so gern und ich hätt' nie geglaubt, daß ich so sein kann. Wo ich hinseh', sehe ich ihre Augen. Das kann ich sagen, gesund ist sie und hell wie der Tag, und sie hat ein fröhliches Herz und ist schaffig, wie die Mutter sagt. Liebe Eltern! Die eine Stunde bin ich so verzagt und so matt und die andere meine ich, ich könnte es mit der ganzen Welt aufnehmen und könnte Bäume ausreißen. Ich habe mein Leben von euch, liebe Eltern, und ich meine, ich bringe noch ein gutes und frisches dazu mit. Die eine von den zweien spart einen Dienstboten im Haus und die andere hätt' noch einen mehr gebraucht. Ich will nicht ungerecht sein, die Ignazia kann auch schaffen, und es wäre ein Stolz, so eine Frau zu haben; aber ich brauch' keine Frau zum Stolz vor anderen, sondern nur zum Liebhaben für mich, und ich kann für das Marannele doppelt schaffen. Lieber Vater! Wenn Ihr Euer Wort zurücknehmen könnet, wär' alles gut. Ich bring' Euch aber keine Schwiegertochter, die Ihr nicht mit Freude Tochter heißet. Es schickt sich nicht für mich, da noch was zu sagen. Aber was kann das arme Kind dafür? So wenig als ich. Ich hab' beim Ivo erst recht gesehen, daß ich keine andere heiraten kann. Und ich kann mich auch von keiner Frau von oben herunter ansehen lassen. Aber es wär' unrecht, wenn ich sagen wollt', die Ignazia sei stolz. Lieber Vater und liebe Mutter, ich gehe nicht mehr nach Nordstetten, wenn ihr nicht ja saget. Ich verspreche euch aber, nie einen Vorwurf zu machen. Liebe Eltern! Ich bin ganz klar, wenn auch mein Brief nicht in Ordnung ist; ich weiß genau, was ich will und was ich soll. Ich bleibe beim Herr Oberst Waldfried, bis ich Antwort von euch habe. Gott gebe, daß sie eine gute sei, die glücklich macht euren treuen Sohn Aloys. Liebe Eltern! Ich kann von allem anderen jetzt nichts schreiben, ich will alles erzählen und noch besser könnte ein anderes erzählen, das bei mir wäre. Ich überlese, was ich da geschrieben habe. Ich komme euch vielleicht närrisch vor, aber ich bin ganz bei Verstand; ich meine, ich hab' erst jetzt Verstand und klare Augen bekommen und – jetzt ist's genug. Ich werde doch nicht fertig.« Mit hellem Jauchzen, als hätte er bereits die Antwort in der Tasche, eilte Aloys den Berg hinab. Er traute der abgelegenen Post nicht; er nahm den Brief mit bis nach Freiburg, und dort an der Eisenbahn gab er ihn selber auf und fuhr mit demselben Zuge, mit dem der Brief abging, bis nach Rastatt. Dort schaute er lange dem Zuge nach, der seinen Brief mit fortnahm, dann wendete er sich das erquickungsvolle Murgthal hinauf. Achtundzwanzigstes Kapitel. Aloys wurde von Frau und Sohn Ludwig Waldfrieds wie ein Zugehöriger bewillkommt; Ludwig Waldfried selber war nicht zu Hause, aber nach zwei Tagen kam er und war in freudiger Stimmung, denn er hatte mit einem Berufsgenossen, der ebenfalls aus Amerika zurückgekehrt war, die Wasserleitung zustande gebracht, die eine ganze wasserarme Landschaft in frisches Leben versetzte. Nachdem er Aloys bewillkommt, erzählte er den Seinen von dem Jubel, als der erste Hydrant geöffnet wurde, und das frische Quellwasser vom Gebirge her sich ergoß; er fügte mit Stolz hinzu, daß wir in unserer Zeit mit der Leitung des Elementes, das Mensch und Tier und Pflanzen neu belebt, die alten Römer noch übertreffen. Waldfried war glücklich, seinem Vaterlande Heilbringendes leisten zu können, und es gehört zu dem Erfreulichsten, zu einem Menschen zu kommen, der eben von einem gelungenen gemeinnützigen Werke heimkehrt. Als Ludwig Waldfried sagte, daß der Mut zu den großen Wasserleitungen und die reichen Erfahrungen in deren Ausführung doch zu gutem Teil aus Amerika stammen, glänzte das Antlitz unseres Aloys und er nahm Veranlassung, sein Herz auszuschütten und sich über die schlimme Art zu beklagen, wie viele, und besonders auch Ivo, das amerikanische Wesen betrachteten. Und hier war er nun gerade an den rechten Mann gekommen, denn Ludwig Waldfried erklärte, daß viele Heimgekehrte, weil sie Geld und gebildete Kleider haben, sich nun für vornehm halten und mit prahlerischem Schimpfen auf alles Heimische den Widerspruch herausfordern. Uebrigens komme das Mißurteil über Amerika eben davon her, daß man vordem zu hoch davon gedacht habe. Amerika und Deutschland seien wie zwei Menschen, die viel aufeinander und treu zu einander halten, und bei den zu Tage gekommenen Verfehlungen sei man nun doppelt bös, weil der Freund sich anders zeigt, als man sicher und fest von ihm erwartet hatte. Schließlich aber sei die Krankheit in Amerika und die Mißstimmung in Deutschland eine Art von Kartoffelkrankheit. Die Kartoffel, die aus Amerika stamme, sei doch eine der besten Naturgaben und werde wieder gesund, drüben und hüben. Aloys erklärte nun alsbald, daß er hier in der Bautischlerei arbeiten wolle, bis er Brief von daheim bekäme, vielleicht auch telegraphiere der Vater. Still vor sich hin dachte er: ich wäre imstande und ginge gar nicht mehr heim und arbeitete hier und verdiente mir und meinem Marannele unser Brot. Dieser Gedanke war aber nur flüchtig, er lachte sich selbst darüber aus. So weit ist es noch nicht, daß man Hab und Gut dahinter läßt und nichts weiter ist wie der Ohlreit. Ja, der Ohlreit! In treuem Worthalten wollte er sich für den Ohlreit bemühen, es war aber auch ein kleiner Stolz dabei; er wollte ganz Nordstetten zeigen, daß, wo niemand etwas thut, er eintritt, und sie sollen sehen, was er vermag. Aloys wollte nach Nordstetten schreiben, aber an wen? Das Natürlichste war, an Marannele zu schreiben, sie hat ja auch für den Verkommenen Fürsprache eingelegt. Aber wie ist an Marannele zu schreiben? Nein, wenn nichts draus wird, ist es besser, sie hält dich für ungetreu, als daß sie einen Haß auf den Vater wirft . . . An Hirtz schreiben? Du hast ihm nicht lebewohl gesagt. An den jungen Buchmaier? Der ist zu stolz und richtet kein Wort an Ohlreit. Und so schrieb er an die Adlerwirtin, und erhielt nach einigen Tagen Kunde vom entsetzlichen Ende des Verwahrlosten. Er erzählte Waldfried den Vorgang. Dieser ging mit keinem Worte auf das Schicksal Ohlreits ein, sagte aber, er habe heute Brief von Vater Aloys und der Brief läge zu Hause. Der Weg von der Bautischlerei bis zum Hause Waldfrieds ist doch nicht weit, aber Aloys meinte, das Haus, das man stets sah, rücke immer weiter weg, und mit pochendem Herzen gestand er seine Liebe zu Marannele. »Davon steht etwas in dem Briefe.« »Im Brief von meinem Vater steht schon etwas davon? Wie ist denn das möglich? Was steht denn drin?« »Sie werden ja hören.« Man war endlich beim Hause. In der unteren Stube öffnete Waldfried den Schreibtisch und reichte Aloys den Brief dar; er las: Neunundzwanzigstes Kapitel. »Hochgeehrter Herr Oberst und lieber Freund! Mein jüngster Sohn Aloys wird zu Ihnen kommen und Ihnen alles von mir und den Meinigen berichten. Meine Schußwunde am Fuß ist wohl geheilt, aber unbehilflich bin und bleibe ich. Ich hätte gern noch einmal meine Heimat gesehen, aber ich habe mich doch auch vor den vielen Herzstößen fürchten müssen. Man ist eben älter und muß mit den Lebensjahren haushalten. So habe ich meinen Sohn geschickt, der vielleicht auch in der Heimat die rechte Frau bekommt. Und da möchte ich, daß Sie Vaterstelle übernehmen. Ich weiß, Sie prüfen alles, als wär's Ihr eigner Sohn. Er ist ein rechtschaffener Mensch und daß er auch nicht einfältig ist, werden Sie bald heraus haben. Er ist aber sehr scheu und gibt sich erst her, wenn man ihm viel gute Worte gegeben hat. Ich weiß, Sie thun das schon seinem Vater zulieb, der Ihnen im voraus dankt. Ich habe aber noch eine besondere Bitte. Ich habe einmal in meinem Heimatsdorf ein Mädchen gern gehabt, es hat aber einen anderen gern gehabt. Ich danke Gott von ganzer Seele dafür, denn ich habe meine Mechthilde bekommen. Sie kennen sie ja, und sie läßt Sie herzlich grüßen und auch Ihre Frau und den Wolfgang. Meine Frau hat mich ermahnt und ermuntert, daß ich Ihnen diesen Brief schreibe, und ich weiß, bei Ihnen ist alles in guter Hand. Also – es ist zum Lachen, daß ich nicht gern von meiner alten Liebe spreche. – Ein Großvater! Aber es ist auch nicht zum Lachen; nämlich ich habe meinem Sohn dadurch ein Schweres auferlegt. Es hat mir seit Wochen wie ein Stein auf dem Herz gelegen, und da hab' ich's meiner Frau berichtet; wie gesagt, mein Sohn will sehen, ob er eine Frau von daheim mitbringen kann. Er kann frei wählen, nur das hab' ich mir verbeten, daß er eine Tochter von Marannele und dem Jörgli heirate. Und jetzt sagt meine Frau – Sie wissen ja, wie hellauf sie ist – und jetzt sagt sie: ›Das ist grad' wie Adam und Eva im Paradies, just in den Apfel, der ihnen verboten ist, in den möchten sie beißen.‹ Ja, also ich bitte Sie darum, wenn mein Sohn doch vielleicht, wer kann das wissen? eine Tochter von dem Marannele und dem Jörgli gern bekommen hat, so soll er sich sein Herz nicht schwer machen. Er hat leider Gottes das wehleidige Herz von mir. Ich nehme mein Wort zurück und gebe meinen Segen dazu.« »O lieber Gott! O guter Gott! O lieber guter Vater!« schrie Jung Aloys auf und mächtige Thränen rannen ihm über das Gesicht. Aloys las die letzten Worte nochmals laut, dann las er still weiter, sich nur manchmal wieder die Augen und die Wangen abwischend. Im Briefe aber hieß es: »Lieber Herr Oberst und guter Freund! Wenn man solche Kriegszeiten mitgemacht hat, wie wir miteinander, da sollt' man's nicht denken, daß man noch so sein kann und wegen so Kleinem miteinander hadern. Ich schäme mich, Friedensrichter zu sein und zu heißen, und hab' noch heimliche Feindschaft in meiner Seele. Liebet eure Feinde! Das kann ich nicht halten, und ich hab' noch keinen Menschen gefunden, der es kann. Aber thuet wohl denen, die euch Böses gethan. Das ist recht, das kann man, und so eigentlich meine Feinde sind sie auch nicht und haben mir auch nichts Böses gethan. Und wenn das Marannele mitkommen will und der Jörgli auch, sie sollen nur kommen. Wir sind alle miteinander alt. Im Himmel droben kann man niemand mehr ausweichen und meiden, das wollen wir auf Erden auch so halten, die paar Jahre, die wir noch zu leben haben.« Mit zitternden Händen gab Aloys den Brief wieder zurück, dann ging er, die Thränen hinabschluckend, ohne ein Wort hervorbringen zu können, hinaus in den Garten, dort saß er lange und die Hände faltend sah er zum Himmel hinauf und gelobte, es verdienen zu wollen, einen solchen Vater zu haben. Am Abend bat er Ludwig Waldfried, ihn nach Nordstetten zu begleiten; der Gastfreund willigte ein. Dreißigstes Kapitel. An der Horber Steige stiegen Waldfried und Aloys ab, die erbeuteten Bourbakis, die rund herausgefüttert waren, zogen den leeren Bankwagen; er war aber nicht ganz leer, denn ein Korb mit Weinflaschen stand darauf und die weißen Hälse der Flaschen blinzten neugierig und erwartungsvoll aus dem Stroh heraus. Aloys sprach ein begegnendes Mädchen an, es war des Hirtzen Madlene, die Telegraphistin. Er fragte nach Marannele und hörte von ihrer tiefen Trauer, sie habe sich vor keinem Menschen mehr sehen lassen; es habe im Dorfe geheißen, er sei bereits mit des Ivos Ignazia verlobt. Aloys erblaßte. Er sah und hörte nicht, wie Madlene einige Schritte hinter ihm einem barfüßigen kleinen Mädchen den Auftrag gab, den näheren Fußweg hinter den Bierkellern ins Dorf zu eilen und des Jörglis Marannele zu sagen, der Aloys käme. Das Kind eilte rasch den Waldberg hinan. Madlene schloß sich nun den beiden Männern an und Waldfried sagte, er freue sich, ihren Vater kennen zu lernen. Im Weitergehen schloß sich Jung Soges, der die Briefe geholt hatte, an Aloys an; er war sehr unwirsch, denn er hatte seinen Spender, den Ohlreit, verloren; er wurde indes aufgeheitert, da Aloys ihm heute zum erstenmal Geld gab, um einen guten Schoppen zu trinken. Auf der Hochebene zeigte Aloys den Acker, wo Marannele leise gesungen, und drüben im Schießmauernfeld den, wo er mit ihr gesessen. Man fuhr in lustigem Trab das Dorf hinein. Aloys grüßte zuvorkommend; man antwortete nur lässig, und der Jung Landolin, der Dung aufladet, hat ihn doch gewiß gesehen und wendet sich nicht einmal um. Am Hause des Schuster Hirtz wurde angehalten. Die beiden Männer gingen hinauf. Hirtz erhob sich mit verdrossener Miene von seinem Dreibein, er reichte indes dem Herrn Waldfried freundlich die Hand, dem Aloys aber nicht. »Ich bin wieder da!« preßte Aloys hervor. »Wir haben vorher gelebt und werden nachher auch leben, mag einer aus Amerika kommen oder in Amerika bleiben,« entgegnete Hirtz. Nicht zu Aloys, sondern zu Waldfried gewendet, sagte er, man könne nicht so kommen und so herzgetreu thun und dann davonlaufen, wie ein Feuerdieb. Mit bebenden Lippen suchte Aloys sich zu entschuldigen, aber was ihn damals in Zorn versetzt und ihn zur schnellen Abreise bewogen hatte, konnte er doch nicht sagen. Er erklärte, daß er gekommen sei, um Marannele zu holen. Hirtz lächelte schelmisch und sagte, er sei ihr Vormund und vom Kommen und Holen könne nicht so gradaus die Rede sein. Er erbot sich indes, voraus zu Marannele zu gehen, die beiden sollten derweil hier warten. Aber während er sich nun in der Kammer ankleidete, schickte er schnell die Frau zu Marannele, ihr die Botschaft zu bringen. Die Frau eilte durch die hintere Gasse, sie kam aber mit der Nachricht doch zu spät. Mutter und Tochter waren im Stall, wo nächtiges Dunkel war, die Thüre und der Laden am kleinen Fenster war verschlossen, denn eben hatte die schwarze Kuh ein Kalb geboren. Das Kälbchen lag auf frischem Stroh, und die Kuh leckte es ab. »Ich hab' schon Wasser ans Feuer gestellt, ich will der Kuh jetzt die warme Tränke bereiten,« sagte Jung Marannele; da klopfte es. »Wer ist da?« Eine Kinderstimme rief: »Des Hirtzen Madlene lasse sagen, der Aloys komme.« »O Mutter! Ich hab's immer geglaubt, hab' aber nur nicht gewagt, es zu sagen.« »Meinetwegen! Dem wollen wir jetzt den Meister zeigen. Er muß Abbitte thun vor dem ganzen Dorf. Jetzt muß er mit aufgehobenen Händen auf den Knieen betteln, daß er dich kriegt; da hast du's dann dein Lebtag gut. Sag' nur nichts! Du weißt, mein Kopf sitzt fest.« Während die beiden noch sprachen, kam Frau Hirtz und berichtete, daß Aloys in einer zweispännigen Kutsche angekommen sei und mit ihm der Herr Waldfried, ein Amerikaner, der ein großes Anwesen drüben im Murgthal habe. Jung Marannele wurde in ihre Kammer geschickt, um sich anzukleiden, und die beiden Frauen versorgten die Kuh. Ein Männerschritt näherte sich dem Stall. Alt Marannele sah den Forstwart und rief ihm zu: »Du kommst wie gerufen. Wir brauchen jetzt einen Mann im Haus.« Sie erklärte dem Schwiegersohn, was vorgehe, und der Forstwart stopfte sich vergnügt schmunzelnd eine frische Pfeife und dachte dabei: Künftighin muß der Schwager aus Amerika guten Tabak schicken. Er setzte sich auf die Hausbank und sah mit Ruhe den kommenden Ereignissen entgegen. Eine Nachbarin aus Ahldorf ging vorüber, und der Forstwart ließ seiner Frau sagen, sie solle sofort hierherkommen und einen Busch Rosmarin im Garten abbrechen und mitbringen. »Verschließ das Haus,« rief Alt Marannele zum Fenster hinaus. »Nimm die Schlüssel in die Hand und laß niemand herein, bis ich's sag'.« Einunddreißigstes Kapitel. Als Hirtz wohlgekleidet in die Stube zurückkam, erklärte Aloys, daß er ihn sofort zu Marannele begleiten wolle; er habe allen Respekt vor dem Vormund, aber er wolle selber für sich reden. Hirtz lächelte schelmisch, der Aloys hatte heute ein ganz verändertes Behaben, dennoch sagte er: »Ja, komm nur mit. Im Garten blühen noch Rosen und Nelken. Willst du dir gleich einen Strauß an den Rock stecken, damit man weiß, daß du ein Freier bist? Verzeihen Sie, Herr Oberst, aber wir sind hier so.« »Ich weiß, man heißt die Hiesigen die Spöttler.« »Es heißt keine Kuh Bläß, sie hat einen weißen Fleck.« Während Waldfried nach dem Adler fuhr, ging Aloys mit Hirtz durch die hintere Gasse nach dem Hause Maranneles. Er erschrak, da der Forstwirt auf der Hausbank saß und den Schlüssel zur Hausthür in der Hand hielt. Ist der als Wache bestellt und will man ihn gar nicht mehr ins Haus lassen? Der Forstwart stand indes auf, reichte die Willkommhand und wartete die Erlaubnis der Schwiegermutter nicht ab, sondern öffnete die Thür. Jung Marannele sah unbemerkt aus ihrer Kammer herab, sie stand entkleidet hinter der Fensterpfoste. Sie zog ihr Sonntagsgewand an; es dauerte lange, die Haften wollten nicht schließen, die Bänder sich nicht knüpfen; als sie endlich damit zustande gekommen war, brach sie eine Nelke ab vom Blumenbrett vor dem Fenster und steckte sie in den roten Brustlatz. Unterdes drehte Aloys die runde Kugel am Treppengeländer wie liebkosend, dann ging er hinan, er trat mit Hirtz in die Stube. Niemand war da, aber ein Kranz von Epheublättern hing um das Bild seines Vaters. Er hörte Geräusch in der Kammer und rief: »Liebe Base! Ich bin wieder da.« »Und ich hin schon lang da,« tönte es scharf zurück. Der Forstwart winkte ihm mit der Hand, er solle sich aus dem Weibergethue nichts machen. »So, auch wieder hiesig?« rief Alt Marannele eintretend. »Nicht wahr, wir sind der Gutgenug, wenn man anderswo nicht ankommen kann? Was meint Er denn? Man läßt sich an die Wand lehnen: wart ein Weilchen, ich will sehen, ob ich nicht eine Vornehmere krieg'. Wenn's nicht ist, komm' ich wieder . . .« »Mutter! Es ist nicht recht, daß Ihr so redet. Ihr zerreißet mir ja das Herz,« entgegnen Aloys. »Was, Herz? Glaubst du, ich geb' mein Kind einem solchen Menschen in die weite Welt hinaus? Wir haben auch unsern Stolz.« »Aloys! Ich leid's nicht, daß sie dich so plagt,« rief Jung Marannele in die Stube stürmend und sich an den Hals von Aloys hängend, »du bist mein und ich bin dein. Und Mutter, jetzt saget Ihr kein Wort mehr.« Sie konnte vor Weinen nicht weiter reden und Aloys umhalste sie und jauchzte hoch auf. Endlich sagte er: »Ich hab' schon was verdient, aber soviel nicht.« »O,« rief die Mutter schelmisch, »ich hab's ja nicht ernst gemeint. Der kennt uns Nordstetter noch nicht,« wendete sie sich zu Hirtz und dem Forstwart. Auch Hirtz lächelte schelmisch und that einen Brief aus der Tasche von Ignazia und las vor, wie sie Aloys hoch hielt, wie sie ihn aber nicht nehmen könne, da er ihr gestanden habe, daß er Marannele liebe. Alle waren voll Glückseligkeit und Aloys fragte: »Lebt dein Hund noch?« Lautauf wurde gelacht, und Alt Marannele erzählte die bekannte Geschichte von dem Manne aus Schwandorf, der nach dreißigjähriger Abwesenheit die erste Frage an den Vater richtete: ›Vater, lebt unsere alte Katze auch noch?‹ Diese Geschichte verbreitete große Lustigkeit, und der Forstwart berichtete, daß die Mutter den Hund habe erschießen lassen wollen, daß aber Marannele ihn gerettet habe, und er habe den Hund an einen Mann aus dem Badischen, der auf dem Feldberg wirte, verkauft. Man hatte nach dem Adler geschickt. Waldfried kam; ihm voraus wurde der Korb mit weißhalsigen Flaschen getragen. Vor dem Haufe spielte der krumme Klaus Yankee Doodle und die Weise vom schwarzbraunen Mädichen. Aloys bat, seinem Vater das Wort zu geben und einiges aus dessen Brief vorzulesen. Ludwig Waldfried willfahrte. Bei der Stelle, wo Mutter Mechtilde das Gleichnis von der verbotenen Frucht im Paradiese anbringt, rief Hirtz: »Das ist aber ganz echt, die erzige Tochter vom Mathes vom Berg.« »Und das könnte kein Pfarrer besser auslegen,« fügte der Forstwart mit seinem Grundbaß hinzu: »Wenn nur auch meine Frau da wär', die hat auch solche Redensarten.« Alt Marannele hieß alle schweigen und bat Waldfried, weiter zu lesen. »Trinken Sie zuerst noch, Herr Oberst und wir auch,« schob indes der Forstwart ein und trank sein Glas mit Behagen und schmatzte. Bei der Stelle, daß man im Himmel einander auch nicht ausweichen könne, weinte Alt Marannele laut und rief zu dem Bilde: »Ja, du verdienst einen ewigen Kranz.« Jung Marannele aber faßte beide Hände des Aloys und sagte: »Du bist ein guter Sohn. Ich will auch eine gute Tochter sein. Ich will deinem Vater die Händ' unter die Füße legen. Und mein Vater sieht jetzt gewiß vom Himmel herunter und lacht glückselig.« »Schwiegermutter! Wollet Ihr nicht auch mit uns?« fragte Aloys. »Ich bleib' daheim die paar Jahre noch, ich hab' nicht weit mehr bis da hinüber,« sagte sie nach dem Kirchhof deutend, und weinte wirkliche Thränen . . . . »Ich leid's nicht und ich leid's nicht,« hörte man plötzlich eine Frauenstimme von der Straße herauf. »Das ist deine Muhme Rufina,« sagte Hirtz. »Ich will ihr entgegen gehen,« sagte Jung Marannele aufstehend. »Nein, lieb Marannele,« beschwichtigte Aloys. »Sie könnte dich beleidigen und das darf nicht sein. Da laß mich hinstehen.« »Hat recht. Das ist ein Mann!« bestätigte der Grundbaß des Forstwarts hinter Aloys drein, und er gönnte sich wieder ein volles Glas für sein gutes Wort. Draußen aber hörte man kreischen: »Die alte Schlange hat dich verführt! Halt mich nicht! Laß mich hinein!« Die Thüre wurde aufgerissen und die Muhme rief: »Ich bin seine nächste Verwandte. Ich leid's nicht:. Er kann heiraten, wen er will, aber keine von Nordstetten ohne meine Einwilligung.« »Beruhigen Sie sich, Frau Muhme,« sagte Ludwig Waldfried. Die hohe Gestalt und die freundlich gebietende Stimme schien die zitternd Erregte zu beschwichtigen; sie starrte mit offenem Munde den Fremden an. »Ja, Herr Oberst, beruhigen Sie die Muhme, die es gut meint,« fügte Aloys bei. »Wer ist das? Was ist das für ein Oberst? Woher ist der?« fragte die Muhme heftig. »Herr Oberst Waldfried aus Amerika.« »Und der ist wegen deiner kommen?« »Ja.« »Aus Amerika hierher?« »Nicht ganz.« »Herr Oberst! Sie sehen aus, wie ein gerechter Mann. Wissen Sie alles?« fragte Rufina. »Ja, und ich habe Vollmacht vom Vater Aloys und der Mutter Mechtilde. Liebe Frau Muhme.« »Ich bin kein' Frau, ich bin freiledig.« »Also liebe Muhme . . .« »Die Muhme Rufina soll leben, hoch!« fiel der Forstwart ein, und alles rief mit und wiederholte den Ruf. Muhme Rufina lächelte und stieß mit dem Oberst an und dann mit allen anderen, nur mit Alt Marannele stieß sie nicht an. Jetzt kam auch die Schwester von Ahldorf; sie brachte einen großen Busch Rosmarin und umarmte die Schwester, dann steckte sie jedem einen bänderverzierten Strauß Rosmarin an den Rock; auch die Muhme mußte sich den Schmuck gefallen lassen. Jung Marannele und Jung Aloys schrieben schnell einen Brief nach Amerika. Ludwig Waldfried und der Schuster Hirtz schrieben dazu. Mit Rosmarin geschmückt gingen Jung Aloys und Jung Marannele miteinander nach dem Schießmauernfeld, dort saßen sie am Feldrain und hielten einander an der Hand. Die Hopfendolden waren aufgebrochen und dufteten voll süßer Würze. Ueber ihnen sangen die Lerchen. Die beiden waren lange still. »Marannele,« sagte Aloys, »vielleicht haben wir das Glück, daß deine Brüder zu uns kommen. Es ist noch jedem Nordstetter gut gegangen, der sich bei meinem Vater angesiedelt hat und verdorbene Menschen sind brav geworden.« »Ich kann schwören,« erwiderte Marannele, »daß das eben mein stiller Gedanke war, vielleicht kommen meine Brüder zu uns.« Sie legte ihren Kopf an seine Brust und sagte: »Ich höre dein gutes Herz klopfen.« Still hielten sich die beiden umschlungen. Sie sprachen vom Abschied aus dem Dorfe und von der Ankunft in Amerika und sie gedachten auch des armen Ohlreit, dem nicht mehr zu helfen gewesen war. Seit jenem Tage, da sie hier zum erstenmal beisammen waren, hatten sich die Beeren der Eberesche gerötet und in flammendem Rot prangten die Wangen der beiden Liebenden. Die Goldammer im Wipfel des Baumes sang: I, wie ist es jetzt so schön, schön . . . Zweiunddreißigstes Kapitel. Als es zu dämmern begann, gingen die beiden Hand in Hand durch das Dorf. Eine Weile standen sie vor dem kleinen Häuschen still, und was Aloys denkt, weiß Marannele zu sagen: »Da hat dein Vater gewohnt. Ja, der Anfang ist klein gewesen.« Von Haus zu Haus saßen die Menschen in der Abendkühle auf der Bank und überall wurden die beiden angehalten. »Ja, ich hab's immer gesagt, das Marannele verdient's, das macht noch ein besonderes Glück. Und du, Aloys, kannst auch froh sein, du hast die Lustigste und Bravste.« »Ich wollt', ich könnt' mit euch.« »Und es thut wohl, auch wieder einmal eine rechte Liebe zu sehen und eine lustige Hochzeit zu erleben.« So hieß es da und dort, und wie zur Verstärkung der freudigen Empfindung wurde dann von Elend und Verbrechen erzählt. Man war froh, die Erinnerung an Ohlreit durch dieses freudige Ereignis zuzudecken. Einige sagten sogar, und es schien, sie glaubten es selber: »Ich kann drauf schwören, am ersten Abend, wie der Aloys ankommen ist, hab' ich zu meinem Mann, zu meiner Frau, zu meiner Tochter gesagt, oder doch sagen wollen: Das ist ein Mann für des Jörglis Marannele, die wären einander zu gönnen.« Als sie wieder allein waren, rief Marannele: »O Ihr tausend Millionen Sterne am Himmel und so viel herzgute Menschen auf der Erde. Unser Glück macht alle Menschen glücklich. Man weiß gar nicht, wie viel Menschen man hat, die einem im Herzen gut sind. O wie wohl thut das, aber auch weh, daß man sie verlassen muß.« »Du kriegst andere dafür in der Neuen Welt,« entgegnete Aloys. »Uebermorgen schwimmt unser Brief an die Eltern auf dem Meer. Jetzt essen sie bei uns daheim zu Mittag. Schau, ich habe hier auf der Innenseite meines Uhrendeckels den Zeitstand. Wenn es hier mittags um zwölfe ist, ist's daheim bei uns morgens um sechse.« »Du hast von deinen Eltern sagen wollen.« »Ja, ich sehe vor mir, wie der Brief geholt wird, und der Vater macht ihn ruhig auf, er zerreißt keinen Umschlag. Und was für ein Jubel wird sein!« Es dauerte lange, bis die beiden Abschied voneinander nahmen. Als Aloys in das Wirtshaus kam, traf er Waldfried noch bei den Wirtsleuten, bei denen er sich als Freund Ivos heimisch fühlte. »Glück und Segen,« rief die Adlerwirtin Aloys entgegen. »Und weißt auch schon, daß meine Schwester Ignazia Braut geworden ist?« »Mit wem?« »Mit dem Bezirksförster, er ist Forstrat geworden.« »Das freut mich, das paßt.« »Und sie schreibt Gutes von dir und wünscht dir alles Gute. Ich glaub', ihr beide habt einander aufgeweckt, daß jedes seine rechte Liebe erkennt.« »Ich glaub's auch.« Waldfried nahm schon jetzt Abschied von Aloys, in der ersten Nacht als Verlobter schlafe er gewiß spät ein und wache spät auf, und er habe beschlossen, am Mittag wieder zu Hause zu sein; Aloys aber müsse jedenfalls vor der Heimkehr mit seiner Frau nochmals ins Murgthal kommen. Aloys drückte dem Freunde, der sich so treu seiner angenommen, still die Hand; man sah ihm an, wie dankbar er war, aber sagen konnte er's nicht. – Der erste Besuch, den das Brautpaar andern Tages machte, war beim jungen Buchmaier. Dieser kam ihnen strahlenden Angesichtes entgegen und rief: »Aloys, vor Wochen bist du zu einer Sterbestunde gekommen, und jetzt in dieser Stunde ist mir mein erster Sohn geboren worden. Wenn ihr einmal die Freude habt, werdet ihr dran denken, wie es mir jetzt ist. Wartet ein wenig, ich muß es meiner Frau sagen.« Er ging davon, kam aber bald wieder und sagte: »Es ist der Bäuerin auch lieb. Also, wir bitten euch, bei unserem Sohn Gevatter zu stehen.« Aloys schien keine Antwort zu wissen, aber Marannele sagte: »Ist uns eine große Ehre.« Und das war's auch. Der Enkel des Buchmaier erhielt den Namen seines Großvaters Pius und dazu den Namen Aloys. Am Sonntag, an dem das erste Aufgebot verkündet wurde, machte Aloys mit der ganzen Sippschaft – auch Hirtz und seine Tochter und die Muhme Rufina waren dabei – in dem vierspännigen, großen Stellwagen des Schwiegervaters, der wieder hergerichtet worden war, eine Ausfahrt, und das Ziel war ein hohes. Denn Aloys, der noch nie eine Burg gesehen hatte, wollte daheim dem Vater besonders von der Burg Hohenzollern erzählen, die er am ersten Abend im Mondenschein gesehen hatte. Man hielt auf dem Rückweg in dem lieblichen Imnau an, wo getanzt wurde. Aloys konnte aber leider nicht tanzen, das hat er auch noch vom Vater, und Marannele tanzte nun auch nicht. Knechte und Mägde, alte und junge, kinderreiche Familien und junge Liebesleute kamen zu Marannele und erboten sich, mit ihnen auszuwandern und einstweilen bei ihnen in Dienst zu treten. Marannele war klug genug zu entgegnen, sie kenne die Verhältnisse nicht und mische sich da auch nicht ein; um aber auch Aloys nicht zu belasten, fügte sie hinzu: wenn Aloys jemand brauche, werde er schon selber Umfrage halten, man solle ihn daher nicht überlaufen. Das geschah aber doch, und im Dorfe hieß es, der junge Tolpatsch sei gar nicht so gutmütig, im Gegenteil, er sei hartherzig. Aloys ordnete mit Hirtz alles, so daß Alt Marannele gut versorgt war. Die Gespielen Maranneles hielten geheime Versammlung und berieten, was sie der Scheidenden mitgeben sollten. Sie lachten beim Entschlusse, aber – und das will viel heißen – sie verrieten doch nichts. In der letzten Woche fuhr das Brautpaar, von Hirtz geleitet, nach dem Murgthal, und Hirtz brachte das Schuhmaß von Ludwig, Conny und Wolfgang mit heim. Die Leisten für Aloys und Marannele hatte er schon fertigen lassen, denn solang Hirtz lebte, wollten sie in seinen Schuhen gehen. Am Sonntag wurde die Hochzeit gehalten mit Musik und Tanz, wie lange nicht im Dorfe gewesen. Hirtz war Brautvater und alles stimmte bei, als er bei der Hochzeitstafel mit klugem Bedacht ein Wort aus einem alten Briefe des alten Aloys auslegte: das Nordstetten in Amerika sei nur ein in die Fremde verheiratetes Kind, und hierauf ließ er Neu-Nordstetten in Amerika hoch leben. Leise sagte er dann zu Aloys, er möge in der Nacht abreisen, denn am Tage werde die junge Frau viel Herzbrechen haben; da ist der eine Acker und da ist der andere Acker, und auf allen wachsen schwere Erinnerungen. Die Gespielen brachten Windeln aus selbstgesponnenem Linnen als Hochzeitsgeschenk; es war ein volles Dutzend, genau numeriert für zwölf Kinder. Und was noch das beste ist, ein neuer Liederquell that sich nach langer Vertrocknung an diesem Tage wieder auf. Es wollte gar nicht abbrechen, wie ein Bursch nach dem anderen eine Vierzeile nach der alten Melodie hergab. Die vielen, nicht immer wählerischen »G'sätzle« waren schnell wieder vergessen, nur eines sangen die Neuvermählten noch, als sie in der Nacht das Neckarthal hinabfuhren:         »Und 's Marannele und der Aloys, Han's doch noch verzwungen, Was den Alten entgange ist, Das han jetzt die Jungen.«