Geflüsterte Worte von Carmen Sylva Den Schlaflosen gewidmet Müdigkeit Deine große Müdigkeit, Seele, das ist es, was mir nicht gefällt. Deine Müdigkeit ist so dunkel, als müßtest du in einen Abgrund steigen, und dann in noch einen, und mit dem Blick den dritten ergründen, vor dem du schauderst, so kalt, so schwarz ist er, und wie deine Hand, dir voran, hinunter greift, da fühlt sie schon Totengebeine darin, von denen, die vor dir hinabgestiegen sind und nie wieder das holde Licht geschaut haben. Deine Müdigkeit will Erfahrung heißen; deine Müdigkeit glaubt die Menschen zu kennen. Deine Müdigkeit meint zu wissen, was die Vergangenheit bedeutet hat. Und du begreifst nicht, daß du in Dunkelheiten tastest, in engen, schwarzen Dunkelheiten, daß dir Vergangenheit sich ebenso verhüllt wie das, was du Zukunft nennst. Aber, Seele, es gibt ja nicht Vergangenheit und Zukunft, es gibt nur eine grobe Ewigkeit, in der du ein Teil bist, ein Goldkörnchen, ein leuchtender Funke. Was willst du denn in Nächten? Was sprichst du denn von Müdigkeit, bevor es an der Zeit ist für dich, müde zu sein? Dein Los ist dunkel? Warum eben solltest du es aus eigner Kraft und eignem Glanz erhellen. Deine Arbeit ist schwer? Was ist denn das für Arbeit, die leicht ist? Man würde nicht sagen: »Arbeit«, wenn es leicht wäre, und: »Müde«, wenn es stets Freude wäre. Du bist zu kleingläubig, Seele, darum schaust du immer zurück und erstarrst an deinem eignen Unglück, an allem, was dich schon zerrissen hat, und denkst nicht, daß alles, was dich zerrissen hat, unter deinen Füßen sich in Reichtum und Blumen verwandeln soll. Daß die Erde rätselhaft traurig ist, das geht dich, Seele, nichts an: du bist hineingestellt, deinen Umkreis hell zu machen. Was weiter ist, das ist nicht deine Sache. Dein Leib hungert: Dein Leib ist krank? Dein Leib leidet? Aber, Seele, das ist ja nur dein Kleid, das sich eben beklagt. Dein Kleid soll verbraucht werden, auf diese oder die andere Weise. Dein Kleid kann dich nur kurze Zeit quälen. Das wirst du abwerfen. Wenn du Leuchtkraft genug erlangt hast, um die Hülle zu durchbrechen, und selbst zu verbrennen, was nicht mehr zu dir gehört. Alle Menschen sind müde. Alle Menschen sollen müde werden. Die ganze Erde ist auf Verbrauch eingerichtet, wie solltest du allein darin ohne Not sein? Der Vogel lebt in Angst, der Wurm wird verzehrt, der Biene Hochzeitsflug wird von irgend einem Räuber vernichtet, und du willst allein glücklich sein, da, wo kein Tier glücklich ist, und zufrieden, ohne Angst leben darf? Wer bist du denn, daß du es so sehr viel besser haben mußt, als alle die andern, die unschuldig sind, und gar nicht wissen, warum sie sich ängstigen? Der Winterschlaf ist nur für den Körper, nicht für die Seele, die muß weiter, sogar im Schlafe ruht die Seele nicht. Da wandert sie durch unbekannten Raum, und nennt das »Träumen«, weil sich das, was sie erlebt, nur im Bilde in ihr Gehirn prägt. Das irdische, körperliche Gehirn wäre zu schwach, um die Erlebnisse der Seele in sich aufzunehmen und in ihrer ganzen Tiefe wiederzugeben. Da sieht es das nur im Bilde und Gleichnis, was die Seele Großes durchmacht, während der Körper schläft. Dein Nichtschlafenkönnen quält dich darum so sehr und macht dich unnütz müde, weil du verlangst, die Erde zu verlassen und dort zu sein, wo dein andrer Beruf ist, der dir unbekannte, unbewußte Beruf, den du bei der Nacht erfüllst, und der dich lehrt, die Erde für das anzusehen, was sie ist, – ein Übergang. Du verstehst nicht, warum der Körper ein solches Hindernis sein muß. Du sollst es wahrscheinlich nicht verstehen, sonst würdest du es verstehen. Du siehst alles rings um dich vergehen und hast doch den Begriff »Ewigkeit«; du siehst Beschränkung überall und hast doch den Begriff »Unendlichkeit«. Ist das nicht Beweis genug, daß deine Seele noch andere Regionen durchschweift und ganz genau weiß, daß es Ewigkeit und Unendlichkeit gibt? Du weißt dir unbewußt, daß es weder Vergangenheit noch Zukunft gibt. Denn dir selbst ist nichts vergangen von deinem kleinen Leben und von dem, was du weißt. Nicht was du gelernt hast, das hast du im Drange der Umstände vergessen, aber was du erlebt hast, das ist gegenwärtig wie in der ersten Stunde, das kann sich nicht verwischen und nicht verändern, du siehst es so deutlich als erlebtest du es eben noch, und oft versinkt die sogenannte Wirklichkeit vor dir in der sogenannten Erinnerung. Weißt du denn, was wirklicher ist, das was du mit leiblichen oder was du mit geistigen Augen siehst? Lerne deine körperlichen Träume verachten und lerne die andern, die schauenden, im Bilde verstehen. Deine schauenden Träume tragen dich über deinen jetzigen Aufenthaltsort fort, in weiten Raum, und wollen dich verstehen lehren, wollen dich warnen, dir das zeigen, was geschehen muß, und dem du nicht entrinnen kannst, und das du, Seele, ganz genau weißt, wenn du von dem beengenden Gehirn befreit bist. Müde! Aber Seele, frage dich einmal, ob deine Müdigkeit Stich hält gegen eine einzige kleine Freude, oder gegen einen erfüllten Wunsch? Wo ist sie hingekommen deine Müdigkeit, wenn dir ein Werk gelungen ist? Sie kehrt nur wieder, wenn dies Werk verkannt und mißachtet wird. Sie kehrt wieder, wenn du Angst erduldet hast. Denn Angst macht sehr müde. Wen? Doch wohl nur den Körper; denn der Körper hat Herzklopfen und trockne Lippen, der Körper hat kalte Hände und Ohnmacht, der Körper fällt nieder und kann sich nicht aufrichten. Du aber, Seele, du hast das alles nicht, du stehst schon über deiner Angst, wenn du nur genau weißt, was dir bevorsteht, und was du erdulden mußt, unentrinnbar, unentweichbar. Du stehst, wie der Feldherr über der Schlacht, vor der dein Antlitz erbleicht, und deine Zähne zusammenschlagen, aber du bleibst dennoch stehn, wie der Feldherr auf seinem Posten, und wunderst dich über deinen Mut. Der ist nicht größer, wie der des Weibes, das gebären muß. Sie weiß, ihre Stunde ist gekommen und nichts kann sie abwenden, das Kind muß in die Welt, und wenn sie sich auch tagelang in Qualen windet, und wenn sie ihr Leben darum verlieren wird, das Kind muß in die Welt. So stehst du, Seele, vor dem Unabänderlichen, das du weißt, das du so gut weißt, als hättest du es in einem Spiegel gesehen. Du tust nur vor dir selber so als wüßtest du es nicht. Du weißt die Folgen deiner Handlungen, du weißt, daß sogenanntes Unglück über dich hereinbrechen wird, aber du machst die Augen zu und willst es nicht sehen, und sagst, du bist müde. Du stirbst nicht vor Schmerz und weißt es. Vielleicht erliegt dein Körper, aber du weißt, daß die Seele auskosten muß, was ihr bestimmt ist zu erleben. Darum haben einige Menschen eine Hölle und ein Fegefeuer erfunden, in dem deutlichen Gefühl, daß die Seele nicht fertig mit Erleben ist, wenn auch zufällig das Erdenkleid abgestreift ist. Darum ist Selbstmord nur Gehirnschwäche, nicht Seelenentkräftung, denn du, Seele, mußt dennoch auserleben, was dir bestimmt ist, in einer oder der andern Form. Du kannst dem nicht entrinnen, was du Schicksal nennst. Du hast auch eine Ahnung davon, daß es umsonst ist dem Körper ein Ende zu machen, und zauderst, und denkst, vielleicht wendet sich doch das Unerträgliche noch, und dann ist es vielleicht ein für allemal ausgetrunken, und du brauchst nicht noch einmal anzufangen. Und wenn in dem Augenblicke, da du mit dem Erdenleben abschließen willst, ein Hoffnungsstrahl durch dein Herz zieht, wie schnell öffnest du deine Herzenskammer dem eindringenden Lichte, wie bitter bereust du, daß du hast das kurze Leben nicht tragen wollen, und wie lächelst du später, wenn es dir besser geht, darüber, daß du so töricht hast handeln wollen! Es ist meistens nur ein Augenblick, der so ganz unerträglich ist, denn dann kommt schon wieder irgend eine Kleinigkeit, die dir das Sein in anderm Lichte zeigt. Du bist viel weniger verlassen und vergessen als du es wähnst, du bist von vielen umgeben, die deiner warten, aber du glaubst es nicht in der Stunde, welche du Verzweiflung nennst. Deine Verzweiflung ist nur Ungeduld. Denn, wärest du über der Erde wie der Feldmarschall über der Schlacht, so würdest du eben nicht verzweifeln, sondern die Zähne zusammenbeißen, Seele. Du glaubst nicht an Gott? Warum denn nicht? Weil du eben leidest? Ist das ein Grund? Aber dein Leiden ist vielleicht von der allerhöchsten Notwendigkeit, nicht nur in der dir sichtbaren Welt, sondern es greift vielleicht in dir fremde Welten hinein, und du bist nur ein kleiner Teil von dem, was hervorgebracht werden soll. Du mußt dein Kind hergeben und wähnst dich deswegen von Gott verlassen, und weißt nicht, wie gütig Gott dein Kind vor der Erdenqual bewahrt und es reif findet für viel höheren Beruf, und dich nicht reif genug, um es dem höheren Beruf entgegenzuführen. Gott hat dich verlassen, weil er dich auf der Erde zur Witwe gemacht hat? Aber dein Mann hat eine Seele gehabt, die dir nicht gehört, in aller Ewigkeit nicht, denn du hast sie vielleicht nicht so verstanden und nicht so gehütet, wie sie es hätte haben sollen, und da wird sie abgerufen zu ihrem höheren Beruf oder zum Ruhen, nach langem Kampfe, den du nicht treu genug geteilt. Und nun stehst du da und ringst die Hände, und deine Seele ist nicht so betrübt wie dein Leib, der vielleicht darben wird, weil der Ernährer fehlt, und du hast ihn nicht lieb genug, um zu begreifen, daß das Erdenleben für ihn vollendet war. Du hast vielleicht nie daran gedacht, daß du allein auf der Erde zurückbleiben müßtest. Aber nun bist du allein, wenigstens fühlst du dich allein, da du nicht sehen kannst, was dich umgibt. Der Eltern Gräber haben sich geschlossen, und niemand hat dich selbstlos lieb, niemand, nicht Mann, nicht Kind, nicht Bruder, nicht Freund, niemand, und du weinst. Aber selbstlos lieb haben dich viele, die du nicht siehst, viele, die dich umschweben, viele, die dir als Hüter bestimmt sind, bis du selbst andere wieder beschützen sollst. Kennst du das ungeheure Ineinandergreifen der Welten? Gott hat dich verlassen? O du kindische Seele! Weißt du denn, wozu Gott dich berufen hat? Müde! Du brauchst ja gar nicht zu wissen, wann du müde bist. Das wissen die andern viel besser als du, die dir zu Wächtern bestimmt sind und dich abrufen, wenn die Stunde der Müdigkeit für dich geschlagen hat. Warum denn in den Abgrund hinunterblicken? Der Himmel ist ebenso nahe, und das Auge voll Licht, das hineinsieht. Warum es willkürlich in Schatten hüllen? Hast du nicht gesehen, daß die Gott vertrauen, auch immer Hilfe erfahren? Es ist deine eigene Ungläubigkeit, die dich in den Abgrund stürzt. Du brauchtest nicht hinunterzublicken, es zwang dich nichts dazu. Angst Wenn es eine Hölle geben kann, so ist sie ganz gewiß nur eine Zeit namenloser Angst. Denn es gibt wohl nichts Furchtbareres als Angst. Die Schmerzen des Leibes und der Seele reichen nicht an das Gefühl wahnwitziger Angst hinan, welche die Glieder lähmt, das Wort in Eis verwandelt, das Herz in einen Krater, in dem es pocht und siedet Tag und Nacht. Die Höllengeborenen, welche die Angst erfanden, wußten, daß diese dem Menschen die Sinne und Gedanken raubt. Und dennoch haben Unzählige diesem Entsetzen widerstanden und sind für einen einzigen Gedanken, für eine einzige Überzeugung durch die Qual hindurchgegangen in den Tod, der wie ein Balsam ihre erlöschenden Kräfte umfing. Ein Gedanke trug diese Menschen dem Himmel zu, während ihre Henker in der Hölle verweilten, darum, wenn die Angst, o Seele, dich umnachtet, so ist es nur darum, weil du zweifelst, weil deine Überzeugung schwankt, weil du nicht den Glauben hast, daß höchste Weisheit dich erleuchtet, und wenn sich die ganze Welt wider dich kehrt. Du hast schon Angst vor der Leute Geschwätz, schon diese Kleinigkeit ist dir so unerträglich, daß du lieber dem Moloch dieser Leute opferst, als dich freudig zu deiner Überzeugung zu bekennen. Das macht, weil das Christentum die Throne bestiegen hat und in goldenen Gewändern einhergeht, anstatt verfolgt und verhöhnt und gemartert zu sein. Damals zweifelte keiner, und alle gingen in den Tod. Der Zweifel ist die Ausgeburt des Wohllebens und der Erschlaffung. Wer leidet, der zweifelt nicht, im Gegenteil, er wird nur immer bestärkt in seinem Glauben. Du aber bist in der Verweichlichung groß geworden, in dem bequemen Weihrauch der Kirche, der dich einhüllt und keinen Kampf mehr von dir fordert, und da trifft dich das Ungemach mit seiner Folter, Angst, wie etwas Unbekanntes, Entsetzliches. Angst ist entsetzlich. Sie hat hundert Köpfe und tausend Krallen, sie hat gar kein Antlitz, und gar keine Gestalt, das macht sie so furchtbar. Die heilige Vehm nahm Masken vor, um furchtbarer zu sein. Dasselbe tut die Angst. Sie hat kein erkennbares Aussehen, sondern legt sich dir auf Herz und Glieder und raubt dir den Verstand. Das aber ist wiederum der Körper, der dich also schwach macht, denn du weißt, daß du dasselbe denkst wie zuvor. Die Angst an einem Totenbette ist schlimmer als der Tod, die Angst vor einem vernichtenden Gespräche schrecklicher als das Gespräch, das mit einem Menschen stattfindet, der nur eine kurze Zeit über dich Gewalt bekommen hat und dich nicht ewig foltern kann. Die Angst, Unrecht getan zu haben, die Angst vor der Tat, die du für recht hältst, und von der du doch nicht gewiß weißt ob sie zum Guten führt, die Angst, ein Wort gesprochen zu haben, das einem andern Schaden bringt, – aber siehst du nicht, daß die ganze Natur Angst hat? Vor dir, dem Räuber, der alles Lebendige verzehrt, fürchten sich alle, und dein Entzücken ist grenzenlos, wenn eins dieser bangen, mißtrauischen Wesen sich an dich anschmiegt und glaubt, daß du es gut mit ihm meinst. Womit hast du denn dieses Vertrauen verdient? Was hast du getan, damit Vogel und Reh, Schmetterling und Eidechse dir vertrauen? Denn selbst die Haustiere sind alle dem Tode verfallen, du nährst sie nur für dich, nicht zu ihrem Wohl. Und dann willst du allein das Gefühl der Angst nicht kennen? Hast du das verdient? Du würdest nicht so arm sein, als du es bist, wenn du dich von dem ernähren wolltest, was dir entgegen wächst, und das nicht leidet, sondern reift und fällt, selbst ohne dein Zutun. Du aber mußt Leben abschneiden und gar noch unschuldige Wesen quälen und verfolgen, und trauerst nicht, daß alles Getier von dir flieht als vor seinem grausamsten Feinde? Und du willst kein Auge haben? Du mußt es bezahlen, was du leiden machst. Du hast Angst vor dem Messer, das dich heilen will, und läßt Tiere die gesund sind, in Stücke schneiden, auf daß man dadurch dein elendes Leben verlängere? Die Angst vor dem Tode ist wiederum rein körperlich, denn die Seele wünscht sich oftmals die Befreiung, wenn der Körper sich oftmals vor dem Sterben graust. Ist dir das nicht ganz klar, Seele, daß es nur der Körper ist, dem die zeitweilige Vernichtung nicht gefällt? Er hat ja sein eigenes, starkes Leben und will nicht in den Tod, bei dir nicht und bei keinem einzigen Tiere, du aber, Seele, weißt sehr wohl, daß du dir den Tod wünschest, um aus der engen Behausung herauszukommen, und den unendlichen Raum zu kennen, der dich so nahe umgibt, und der dir so fremd bleiben muß, bis du frei wirst. Dein Körper hat Angst vor Hunger und Kälte, nicht du, Seele; du fühlst weder Hunger noch Kälte, es genügt hierfür, daß ein Gedanke dich ganz befangen hält. Angst macht dich oftmals töricht, so töricht, daß du das Verkehrte, ja das Unerhörte tust, nur weil du Angst gehabt und dein Urteil hast trüben lassen. Angst vor Menschen, ist das nicht ein nichtswürdiges Gefühl? Und doch treibt es in alle denkbaren Handlungen hinein, in Reden die man gedacht, in einem Gesichtsausdruck, der dem wahren Gefühl widerspricht. Angst entwürdigt dich so sehr, daß sie dich sogar zum allerelendesten Menschen, zum Lügner machen kann. Seele! Unwahr brauchst du doch nicht zu sein! Ein Christ, der sich von wilden Tieren zerreißen ließ, machte Hunderte zu Christen: ein beherztes Wort von dir würde vielen helfen, Mut zu haben, und sich zur Wahrheit, oder zu dem, was sie dafür halten, zu bekennen, Wir müssen uns oftmals mit dem Spiegelbild der Wahrheit begnügen, und dieses verteidigen wie ein heiliges Symbol, da uns die wirkliche Wahrheit verhüllt bleibt, bis wir sie ertragen können. Wenn wir die Erde gegen einen Angriff von außen verteidigen müßten, würden wir plötzlich alle Brüder sein, da gäbe es keine Grenze mehr und keinen Erbfeind, und keinen Hader, ja man würde vergessen, worüber man eben noch Krieg führte, und es ganz unbegreiflich finden, daß man entzweit sein konnte; so notwendig würden alle allen sein, in dem Kampf um die Erde gegen einen auswärtigen Feind. Es brauchte nur ein Stern sehr bedrohlich nahe zu kommen, und in der Angst vor Vernichtung wären alle Menschen Brüder. Einsam getragene Angst macht zum Einsiedler vielleicht für alle Zeit. Gemeinsam getragene Angst schließt alle Herzen zusammen mit einem oft unzerreißbaren Bande. Da Märchen und Legenden meistens so sehr viel wahrer sind als sogenannte Geschichte, so ist vielleicht die Bibellegende von einem Paradiese viel wahrer als wir in unserer dunklen Schulweisheit es jetzt noch glauben wollen. Vielleicht hat es in einer Zeit solch ein seliges Erdenland gegeben, und nur als die Angst erschien, da war es vorbei, da wurde eine Art von Hölle daraus. Aber das Bewußtsein einer Himmelsmöglichkeit blieb in den Menschen zurück, und nun suchen sie auf jede Weile diesem seligen Zustande nahe zu kommen, gar mit Mord und Totschlag, da sie meinen, einer steh dem andern im Wege zu dieser Glückseligkeit. Die unten stehen, haben Angst vor den Großen und Reichen und meinen, die nehmen ihnen den Himmel weg, und die oben stehen, haben Angst, ermordet zu werden, und so fürchten sich die einen vor den andern, anstatt sich gegenseitig zu helfen soviel es in aller Kräfte steht. Wenn man einsehen würde, daß der eine mehr Hände-, der andre mehr Gehirnarbeit verrichten soll, so würde man nicht so gierig einer auf den andern blicken, sondern mit dem zufrieden sein, was das Los bestimmt hat. Wissen wir denn, ob wir in einem früheren Dasein nicht das alles schon gewesen sind, oder in einem kommenden wieder werden, was die andern sind? Wie mancher muß schon in diesem Leben Steine Klopfen, weil er sein Gut vertan hat, und zu nichts zu brauchen ist, was andre leisten können. Vielleicht geht es so mit den verschiedenen Existenzen, die wir durchlaufen. In der einen müssen wir hungern, in der andern müssen wir Erfinder sein, in der dritten auf des Gebens Höhen stehen, wenn wir reif genug sind, um den andern so zu dienen. Angst! Aber wenn wir wüßten, was wir schon alles gewesen sind, und noch werden müssen, wie würde die Angst steigen! Vielleicht waren wir einmal Verbrecher! Vielleicht würde sich die Menschheit entsetzt von uns abkehren, wenn sie sehen könnte, was dieselbe Seele schon alles getan hat! Vielleicht ist die Angst, die unsere stete Begleiterin ist, die erste von früheren Fehlern, die wir noch immer sühnen müssen. Viele wollen es sich nicht eingestehen, daß sie schon auf der Erde alles sühnen müssen, jedes unbedachte Wort, jede selbstsüchtige Handlung, jede Tat, die der Menschheit in ihrem Fortschritt Schaden bringt. Oder ist es das dunkle Gefühl, daß die Sühne unser harrt, die uns die Angst ins Herz jagt? Sie ist heilbar, diese Angst, durch einfältigen Kinderglauben. Aber heutzutage ist der Kinderglaube außer Kurs gesetzt, und man hat die Wissenschaft dafür herbeigeholt, und merkt nicht, daß die Wissenschaft in einem Jahrhundert solche Schwankungen erleidet, daß heute falsch ist, was gestern wahr war. Wie soll man aus der Wissenschaft eine Religion machen? Das Christentum gilt für verbraucht. Aber so lange noch kein einziger Mensch der Bergpredigt nachgelebt hat, ist das Christentum noch nicht einmal erreicht, geschweige denn veraltet. Wenn nicht in der ganzen Natur die Angst wohnte, so würden wir berechtigt sein, uns für etwas außergewöhnlich Schlechtes und Nichtswürdiges zu halten, aber nun sehen wir die Unschuldigen ebenso davon heimgesucht, wie wir es sind, und das mitten in der herrlichsten Natur, die ihre Gaben ausschüttet, und alle Augen erfreuen will. Eine Hölle brauchte dennoch die Erde nicht zu sein und ist es für so sehr viele, ja vielleicht für die meisten. Denn selbst, wenn die Angst vorüber ist, läßt Sie unverlöschbare Spuren zurück, in der Seele wie am Leibe: sie geht wie ein verheerendes Feuer über die Menschen und verbrennt sie bis ins Mark. Die Narben davon schmerzen immer wieder, und eine Kleinigkeit reiht sie auf, als wären sie nie geheilt. Ein Gethsemane wartet auf jeden, nur erzählt er es nicht, wenn er es durchlitten hat. Manchmal kann man es an seinem Mitleid mit jedem andern erkennen, daß es über einen Menschen hingegangen ist, manchmal auch am scheuen und scheinbar harten Abschließen gegen die ganze Welt. Angst wirkt so verschieden auf jede Natur. Du aber, Seele, wenn du in dem Fegefeuer der Angst stehst, so halte still, und wolle nicht der Qual ein Ende machen. Sie hat ein Ende, sei nur vertrauensvoll! Angst ist ebensowenig ewig, wie alle andern Erdenerlebnisse. Sie erscheint uns nur ewig, gleichwie Körperschmerzen, auch wie Not jeder Art. Die Freude ist kurz, wie lange sie auch gedauert hat. Über die Seele Warum sagt man: »In der Tiefe der Seele?« Ist die Seele denn tief? Ist die Seele ein Brunnen oder eine Quelle oder ein Abgrund oder ein Sumpf oder eine Nacht oder ein Himmel, in dessen Fernen man auch nicht hineinblicken kann. Was ist die Seele? Ist sie lichtgeboren? Ist sie nur das Ergebnis von dem Gehirn und seinen Kammern? Und vergeht sie in tausend neue Kombinationen wie das Gehirn nach dem Tode? Die Seelentiefe? Was macht, daß in allen Religionen der Erde etwas angenommen wird, das man Seele nennen dürfte, je nach dem Grade der Zivilisation? Keine läßt dem Körper mehr Rechte, als die einer zeitweiligen Behausung. Hat es die Menschheit gefühlt, daß etwas ganz anderes in ihrem Inneren wohnt, als was zu Tage tritt, oder hat dieses Zutagetreten sie erschreckt oder auch erfreut? Jeder Märtyrer und jeder hohe Denker hat den Beweis geliefert, daß die Seele vom Körper trennbar ist, und erhaben ist über die Leiden und Schmerzen desselben. Ja man kann sagen, daß oftmals, je mehr der Körper zerstört wurde, um so erhabener die Seele darüber zu stehen schien, als ob sie bereits keinen Teil mehr habe an dem zerfallenden Gehäuse. Also muß die Seele eine Kraft besitzen, die vom Körper unabhängig ist und des Körpers nur bedarf, um sich der sichtbaren, oder wenigstens unserm Auge sichtbaren Welt kund zu geben, von dem sie sich aber gern und freudig trennt, sobald es ihr möglich ist, um andere Gestalten zu begrüßen, und einem anderen Leben entgegenzueilen. Ist die Seele so vielemal vertieft, als sie Existenzen durchgemacht und den Tod überwunden hat? Ist die Seele je nach dem Zustand tiefer, in welchem sie sich vor ihrer Inkarnation befunden hat? Das entzieht sich unserer Beobachtungsmöglichkeit, und nur ahnend folgen wir den Entschlummernden, nur tastend fragen wir uns in das zu erziehende Kind hinein, und lassen uns fast von ihm leiten, in der Art, wie seine Seele behandelt sein will, diese Seele, die wir für jung halten, weil ihr die irdische Ausdrucksweise noch fremd und neu ist, bei der wir aber sehr bald ganz bestimmte Eigenschaften entdecken, welche den Menschen durch sein ganzes Leben in höchst charakteristischer Weise begleiten. Es hat sich noch nie ein scharf und liebevoll beobachteter Mensch verändert, wenigstens nicht insofern man ihn zu studieren die genügende Gelegenheit gehabt hat. Denn in anderen Lagen erscheint sein Leben in anderem Lichte, ohne deshalb sich verändert zu haben. Manchmal kommt in bewußtlosem Zustande, in schwerer Krankheit, etwas zum Vorschein das wieder verschwindet, sobald der Mensch wieder in die frühere Lage gebracht worden ist. Wenn man sich in seine früheste Kindheit zurückversetzt, und manche haben eine deutliche Erinnerung vom zweiten Jahre an, und manchmal noch früher, so wird man sich sagen, daß man stets derselbe war, mit denselben Empfindungen, und daß die äußere Welt in ähnlicher Weise dasselbe Gehirn oder dieselbe Seele beeinflußte. In einer Familie erscheinen Geschwister, die nicht den geringsten Zug miteinander gemein haben, die auch gar kein Verständnis für einander haben, als kämen sie wirklich aus verschiedenen Welten, und hätten einer des anderen Sprache nie vernommen. Wenn die Seele nur aus Gehirnstoff erbaut wäre, so müßten Geschwister einander ähnlich sehen, da sie ihr Gehirn aus demselben Material gebaut haben, einer wie der andere. Man spricht dann von fernen Erbschaften verschiedener Gehirnzellen aus vergangenen Geschlechtern. Das wäre dann der einzige gültige Adelsbrief, den man mitbekommen, der aber schwer zu entziffern ist, zumal da die folgenden Geschlechter die früheren meist vergessen haben, und sich nur zufällig Züge ihres Wesens erhalten haben. Wer weiß, ob es der sich zu inkarnierenden Seele nicht gestattet ist, sich das Elternpaar und das Geschlecht auszusuchen, aus dessen Stoff sie glaubt, eine gute Behausung bauen zu können. Denn man sieht, daß Erziehung auch nur einen ganz äußerlichen Einfluß hat, die Seele aber in keiner Weise modelliert. Erziehung heißt, sich in der umgebenden Welt zurechtfinden, und die Freiheiten seiner Nebenmenschen in keiner Weise beeinträchtigen. Inwieweit dies aber gelingt, hängt lediglich von der Natur eines jeden ab, ob er egoistisch oder altruistisch angelegt ist. Es ist auch möglich, daß frühere Existenzen eine Art von Selbstverurteilung herbeiführen, unter ungünstigen Umständen wiedergeboren zu werden, oder gar gezwungen zu sein, das Böse zu tun, ein Dämon zu sein auf der Erde, bis auf diese Weise ein anderes Dasein erfüllt oder gebüßt ist. Umgekehrt muß es auch vorkommen, daß die Seele die Verhältnisse, die sie versucht, ungünstig findet und den Körper wieder verläßt, um sich einen besseren zu suchen. Das heißt für die Menschen dann frühes Sterben. Vielleicht sind Sie selbst an dem frühen Sterben schuld, weil Sie der Seele nicht die körperliche und geistige Nahrung zugeführt haben, deren sie bedurfte. Wir tasten in Dunkelheiten, die wir vielleicht nicht einmal erhellen sollen. Darwin sagte bescheiden und demütig: »Vielleicht stammen wir aus demselben Uranfang?« und seine Schüler erhoben diese Anfrage zur Lehre und schworen dabei, bis sie sahen, daß sie nicht weiter führt. Fichte sprach vom Ich, Schopenhauer vom Willen, Kant von der Vernunft, Büchner von der Kraft, aber warum dachten Sie nicht an das Alte? Warum unsere Identität fortbeweisen wollen, wenn die allergrößten Philosophen der Welt, die Inder, schon so lange den Weg gezeigt hatten, die unerklärlichen Verschiedenheiten von Seele und Leib zu erklären. Sie bewiesen in der vollkommenen Extase, auf ein wie geringes Maß von Existenz man den Körper reduzieren kann, ohne an Denkkraft einzubüßen, sondern im Gegenteil, die Denkkraft schien sich zu erhöhen, je weniger der Körper vorhanden war. Die Europäer verfielen auf den gegenteiligen Gedanken, sie wollten dem Körper alles zuschieben, was durch ihn hindurchzustrahlen bestimmt ist. Man dürfte aber sein bescheidenes Vielleicht wieder einmal in der Richtung der Inder entsenden und nachforschen, warum sie so große Gewalt über sich und über die ganze Natur erlangten. Vielleicht waren sie der Wahrheit näher gekommen und wußten, daß sie viele Wege bereits zurückgelegt. Vielleicht wacht die Erinnerung besser auf, wenn der Körper überwunden und als nebensächlich behandelt wird, vielleicht sehen wir in einem Spiegel, was früher wir gewesen sind. Ob in der vollkommenen Extase wir unsern jeweiligen Beruf erfüllen, das ist eine andere Frage. Aber es muß auch solche geben, die sich zum Wohle der andern in sich selbst zu vertiefen suchen, und ihnen mitteilen, woraus sie entnommen sind. Wir wissen vielleicht gar nicht, wie wahr wir sind, wenn wir von Seelentiefen sprechen, denn wir haben oft Überraschungen von Eigenschaften, die uns verhüllt blieben, bis zu einem gewissen Augenblick. Daß die Seele sich den Leib bis zu einem gewissen Grade modelliert, das wird wohl auch richtig sein, denn der Gesichtsausdruck verändert sich je nach der einen oder andern Eigenschaft, die sich entwickelt, ja die ganze Kopfform verändert sich, der Schädel scheint eine Umbildung zu erleiden, die Bewegungen werden anders, die Form der Hände, der Gang, alles wird gröber, oder was wir vergeistigter nennen, je nach den Beschäftigungen oder Sitten, die zur stärkeren Entwicklung kommen. Wie oft wird der schwächlichste Körper zu unerhörten Leistungen förmlich durch das innewohnende Feuer der Seele gezwungen, und dieser beständige Kampf gegen die ungenügende Materie bringt eine immer steigende geistige Kraft zu Tage. Wer befiehlt denn dem Menschen, der ohne Arme und Beine geboren ist, ein gewaltiger Mathematiker zu werden, oder wenigstens ein Rechenkünstler, der alle in Erstaunen setzt? Wer befiehlt dem ohne Arme Lebenden, seine Füße zum Malen zu gebrauchen? Die Seele, die den Körper überwinden will, und in dieser Überwindung einen Triumph feiert, wie ihn kein Ringkampf und kein heldenhafter Sieg zur Empfindung bringt. Wie viele Menschen sehen ihren Körper wie einen Feind an, den man täglich bezwingen muß, und der dennoch gehorchen muß, ob er scheinbar kann oder nicht. Das ist doch wohl nicht Materie, welche die Materie beherrscht, oder jedenfalls eine andere Materie, die viel stärker ist, als die sichtbare, oder als diejenige, über die wir uns in unserer Beschränktheit Rechenschaft geben. Das, was wir überirdisch nennen, oder den Naturgesetzen zuwiderlaufend betrachten, ist doch nur das, was wir nicht verstehen. Aber ein Mensch, der noch nie einen Baum gesehen hätte, würde das Wachstum einer Eiche oder einer Buche, oder einer Tanne für ungeheuerlich und unmöglich, den Naturgesetzen zuwiderlaufend, erklären. Was wissen wir überhaupt von den uns umgebenden Gesetzen? Wir tasten umher, um sie zu erkennen, und unsere Entdeckungen weisen uns täglich auf den Grad unserer Blindheit hin. Einige Menschen erhoben das sogenannte Böse zum Prinzip, weil sie in ihrem Glauben an einen gütigen Gott nicht erschüttert werden wollten, durch all das Unrecht, das sie sehen mußten und von dem sie nicht glauben konnten, daß ein gütiger oder nur ein gerechter Gott es dulden würde. Aber da steht man wiederum fragend da und kann nicht erklären, warum das sogenannte Böse besteht und geduldet wird, und ob es so böse ist, als es uns erscheint, oder das Gute so gut, als es uns erscheint. So vieles ist nur durch Gestalt und Größe bestimmt, was uns in irgend einer Weise beeinflußt. Würde es Raupen geben, die größer wären als wir, wie entsetzlich müßten sie uns erscheinen, ja, wie die Drachen der Fabel oder der grauen Vorzeit. Könnte eine Spinne uns das Blut aussaugen, wie gräßlich würde sie uns sein, und wir würden sie gar keinem Studium unterziehen können, sondern uns nur verbergen und entfliehen voller Entsetzen und Grausen. Ja, das heilige Grausen, das die meisten Menschen über allerhand Käfer, Spinnen, Tausendfüßler und Gewürm befällt, ist vielleicht nur der Instinkt des Körpers, der ahnt, daß er dieser Tiere sichre Beute ist, sobald der Geist sie nicht beherrscht. Ein sehr tiefer Schlaf ist sicher nur ein Abbild dessen, was Körper und Seele trennt. Der Körper kann in vollkommner Bewußtlosigkeit daliegen, während die Seele ganze Erlebnisse durchwandelt, und in so unglaublicher Schnelle, daß sie beim sogenannten Erwachen nicht begreift, so wenig geschlafen zu haben, und ein Buch mit ihren Erlebnissen füllen könnte. Der Graf Keyserling beschäftigte sich viel mit der Traumseele, aber er kam nicht auf den Gedanken, daß unsere Träume nur das Spiegelbild von dem sind, was die Seele im freien Zustande erlebt, und wovon das schlummernde Gehirn soviel erzählt, als ein Kind lallen würde, das ein wirklicheres Erdenerlebnis schildern wollte und dem dazu Worte und Bilder, ja Begriffe fehlen. Wissen wir, was die Seele tut, während wir schlafen? Vielleicht ist sie viel beschäftigter als im wachenden Zustande des Körpers und hat Aufgaben, vor denen wir staunen würden, könnten wir sie anders erkennen als im undeutlichen Spiegelbild und manchmal gar nicht. Wir haben auch ganz gewiß viel größere Voraussicht als wir es uns zum Bewußtsein bringen, und im Traume erkennen wir vieles, das wir gern dem wachenden Menschen mitteilen möchten, um ihn zu warnen, das er aber nicht recht versteht, weil er die Bildersprache, zu der seine Seele gezwungen ist, um sich überhaupt verständlich zu machen, noch nicht zu entziffern gelernt hat. Wenn wir aufmerksamer schlafen würden, so würde uns manches zum Bewußtsein kommen, das uns jetzt wie ein Märchen oder Rätsel erscheint oder als leeres Hirngewebe. Kann man sich aber in einer Welt, in der alles in einander greift, und alles zweckmäßig ist, vorstellen, daß ein Wesen stundenlang jeden Tag vollkommen unnütz sein soll? Sogar die Tierseele scheint im Schlafe weiterzuarbeiten, denn wir sehen deutlich die Träume, die sie dem Tiergehirn vorspiegelt, geringste Träume haben oft nicht die geringste Verbindung mit dem bewußt Erlebten, mit unsern Gedanken, Wünschen und Erinnerungen. Wir durchwandern eine Welt, die uns vollkommen fremd ist, und die vielleicht mehr Erinnerungen enthält, als wir es ahnen. Wer schickte Columbus nach Amerika? Er war nicht besonders gelehrt, er hätte schwer beweisen können, daß dort Welten sein müßten, wo die Welt aufhörte, und daß die Erde eine Kugel ist, und die Sterne singen in ihrem Laufe, was doch Pythagoras versicherte, gehört zu haben. Es ist eine üble Gewohnheit der Menschen, einander ihre verschiedenen Erfahrungen und Erlebnisse nicht zu glauben. Die Menschheit würde sicher viel schneller vorwärts kommen, da Vorwärtskommen ihr Bestreben ist, wenn sie von einander annehmen und lernen wollte, und nicht die Zeit mit Zweifeln an einander verlöre. Aber alle sind nur zu bereit, zu sagen: »Ich sah das nie, also ist es nicht vorbanden.« Aber welcher Mensch hätte Gehirn genug, um alle Erfahrungen der andern wieder zu erfahren? Dazu ist der Raum zu klein, in den er gesperrt ist. In einfacheren Zeiten verstanden die Menschen ihre Traumseele besser und folgten ihrem Rat, weil ihnen eine Ahnung sagte, daß die Traumseele weiter schaue, als die vom Körper befangene. Das Freisein vom Körper gab ihrem Gefühl nach größere Einsicht und besseres Erkennen, sie konnten ihre Träume selten Verdauungsbeschwerden zuschreiben, da sie der Schlemmerei nicht ergeben waren und oft nicht satt zu essen hatten. Das viele Essen macht die Seele sehr zur Sklavin, sie kann nicht so frei denken; daher die Idee des Fastens. Wie wären die Menschen aufs Fasten verfallen, wenn sie nicht entdeckt hätten, daß Enthaltsamkeit im Essen eine außerordentliche Klarheit und Denkkraft verleiht. Wenn aber das Gehirn allein denken würde, so könnte man es garnicht stark genug ernähren, um es besser denken zu machen. Ganz im Gegenteil gibt das Fasten eine leuchtende Kraft, die viel größere Dinge auf geistigem Gebiet leistet, als man berechnen kann. Es ist ein großes Unglück für die Menschheit, daß das Essen eine so große Rolle spielt. Erstens macht es viele unglücklich, die auch gern essen möchten und es nicht können, weil es zu teuer ist, und zweitens raubt das Essen vielen die hochgeistige Vollkommenheit, nach der sie streben dürften. Man sollte die Kinder von früh an gewöhnen, asketisch zu leben, so einfach, daß ihnen die Lust am Essen für später kein Hindernis ist, und sie gern so einfach weiter leben. Man sollte es ihnen als die größte Demütigung hinstellen, vom Gaumen beherrscht zu sein und des Gaumens halber krank zu werden. Eine Indigestion sollte mit der größten Härte und Verachtung bestraft werden, fast mitleidslos. Denn es ist verächtlich, seinen Gaumen nicht in der Gewalt zu haben. Jedes Tier ist uns dann überlegen. Ach! In wie vielem sind uns die Tiere oft überlegen. Wir wollen es oft nicht sehen und leugnen, daß sie eine Seele haben, und sie beschämen uns jeden Augenblick mit ihrer Seelengröße und Aufopferungsfähigkeit. Würden wir so einfach und unschuldig bleiben wie sie, so würden wir auch solcher edlen Züge teilhaftig werden, die wir mutwillig in den Wind schlagen, nur, weil es uns anders bequemer ist. Ja es ist sogar bequemer, an die Abwesenheit der Seele zu glauben, das vermindert die Verantwortung. Die Frauenfrage Die sogenannte Frauenfrage geht die Seele garnichts an. Der Frauenberuf heißt in der Natur: »Gebären« und in der geistigen Welt: »Mutter sein«. Das ist der Frauen Beruf, und wer das Gegenteil beweisen kann, beweise es. Nun aber wollen die Frauen ihre Gehirnkraft beweisen durch andere Arbeiten und andere Geistentfaltung, als was sie sich früher begnügten, ihren Kindern mitzugeben. Es ist eine vorübergehende Zeit, in der die Männer lernen sollen, daß sie die Frauen zu sehr als ihre Sache behandelten, und nicht mit der richtigen Anteilnahme an ihren Entschlüssen und Beratungen, nicht mit der richtigen Verantwortung, die der Frau zukommt, da sie der eigentliche Hort und Hüter der Familie ist, während der Mann nur der Ernährer sein soll. Später wird sich das wieder ausgleichen, wenn die Frauen ihre sogenannten Rechte errungen haben, und ihr Brot verdient und ihre Fehler gemacht haben, und die Verhältnisse sich wieder so vereinfacht haben, daß der Mann genügt, um seiner Familie den Unterhalt zu erwerben, und der Frau die nötige Zeit zu lassen, ihre Kinder auch geistig auszubilden, nicht nur ihnen Suppe zu kochen und ihre Kleider zu flicken, obgleich auch das schon ein sehr großes Verdienst ist, und unsägliche Mühe in sich schließt. Das wirkliche Wissen der Frau braucht nicht so groß zu sein als ihr Wissenwollen, um den Kindern die geistige Stütze zu sein, die sie ihnen sein soll. Wenn die Menschen sich von Brot, Gemüse und Früchten ernährten, so würden die Männer ihnen ihren Unterhalt erwerben können; wenn die Frauen nicht prachtvolle Hüte brauchten, so würde sie nicht auch Brot verdienen müssen. Die Männer sind daran Schuld, daß ihre Frauen so geworden sind, und die Frauen sind daran schuld, daß die Männer nicht mehr genügen und in so große Versuchungen geraten. Das ideale Leben wäre auf dem Lande, in seinem eignen Garten, der das tragen würde, dessen man zur Ernährung bedarf; einfache, gesunde Kleidung und Bücher, in denen man erlernen kann, was einem keine schablonenmäßige Schule lehrt. Wie aber sieht heute die Welt aus, wo die Menschen in große Städte und riesige Häuser eingepfercht sind, nie einen Baum sehen, nie die freie Luft atmen, und nur vor Neid vergehen, weil der Nachbar Rheinwein bat, und die Nachbarin erster Klasse gefahren ist. Würde man einfach leben, so wäre viel mehr Geld da für Kunstgegenstände, die alle Menschen erfreuen würden, wie die schönen Kirchen, die allen offen stehen. Es ist unrecht, daß ein Bild einem einzelnen gehört, es sollte allen Menschen gehören. Allen, warum denn Besitz? Nur damit die schönen Dinge nicht zerstört werden. Das beweist eine außerordentliche Ungleichheit der Erziehung. Denn wären alle Menschen gleich gut erzogen, so würden sie vor Natur und Kunst den gleichen Respekt und die nötige Verehrung haben, um nie etwas zu zerstören. Die Frauen sollten dazu in der Welt sein, um in den Kinderseelen die Verehrung für alles Schöne zu wecken und zu pflegen. Das wäre ihr eigentlicher Beruf. Ein Komponist, der in einem Bauernhause wohnte, bemerkte, daß, wenn er nachts arbeitete oder sich ans Instrument setzte und seinen Eingebungen freien Lauf ließ, in der Stille der Nacht plötzlich die Leute unten leise zu beten anfingen, im deutlichen Gefühl, daß der Geist des Herrn vorüberging und daß ihr Haus in dem Augenblicke ein heiliger Tempel sei. Und diese Leute kannten weder Bach noch Beethoven noch Wagner noch Komposition noch Harmonielehre. Sie fühlten nur wahr und einfach und kochten ihm dann ihre Suppe, die seine einzige Nahrung war und ihm Kraft genug zur Arbeit verlieh. Das waren Italiener, deren Feingefühl groß ist bis in die untersten Schichten hinunter. Sie stammen von so hoher Bildung her, daß es ihnen atavistisch im Gehirne geblieben ist, wenn sie auch selbst nichts mehr davon haben. Nie sollte es aussehen da, wo gesittete Frauen das wirkliche Regiment der Liebe, der Harmonie und der Aufopferung führten? Die Frauen sind im Begriffe, sich ihrer hohen Stellung und ihrer heiligsten Rechte zu begeben. Eine große Enthüllung über die Frau ist ein Wort von Nietzsche, der sagt: »Das echt männliche Gefühl der Selbstverachtung!« Das ist ein Gefühl, das der Frau fremd bleiben soll, das sie nie zu kennen braucht. Es müssen außergewöhnliche Verhältnisse sein, bis eine Frau lernt, sich selbst zu verachten. Denn sogar eine vor der Welt verpönte Liebe ist in ihren eigenen Augen geheiligt durch die Aufopferung, die sie hineinträgt. Also sollten die Frauen sich ihrer hohen Stellung immer bewußt bleiben, und anstatt den Männern gleich sein zu wollen, immer über ihnen stehen. Der Mann hat den Instinkt, die Frau zu verehren, in der Mutter, oft in seiner Gattin, und wieder in seiner Tochter, unter Umständen in seiner Schwester, oder in dem schwesterlichen Wesen, das ihm als Krankenpflegerin oder Hüterin seiner Kinder entgegentritt. Immer und unter allen Umständen ist die Frau in der Lage, vom Manne die größte Hochachtung zu erfahren. Freilich behandelt er sie oft als seine Sache, aber mehr aus Herzensrohheit und Unverstand. Kinder tyrannisieren am meisten die, welche sie am liebsten haben, und ahnen es nicht. Sie bedürfen der großen Pflege und fordern sie. Die Männer sind in der Stunde der Müdigkeit große Kinder und wollen von dem, was sie am liebsten haben, gepflegt sein, und erquickt und gehütet. Es gibt Frauen, die das wunderbar verstehen, und die haben auch noch nie gefunden, daß ihre Stellung eine verfehlte sei. Sie verfehlen sie von vornherein, indem sie kindisch und unverständig sind, und allerhand dummes Zeug im Kopf haben über ihr Leben und über ihre Stellung zum Manne. Die so denken, sollen dann einfach unverheiratet bleiben, das ist ja viel bequemer. Man entgeht den allergrößten Leiden des Lebens, indem man nicht heiratet, aber man entbehrt allerdings auch seine allertiefsten Freuden. Daß man heiraten soll, um im Alter nicht allein zu sein, das ist eine Torheit. Denn man ist immer mehr oder weniger allein durch das, was einem der Tod entrissen hat, oder durch Verhältnisse, welche die Kinder in ein fernes Land oder einem fernen Beruf entführen. In seltenen Fällen gibt es goldene Hochzeiten, wie Kauer sie gemalt hat, wo Kinder und Urenkel da sind in hellen Haufen. Man ist auch im vollen Leben oft einsam, und zumal die Frau hat viele Stunden, in denen ihr wohl das Herz schwer wird. wenn sie an die Heimat denkt mit den fröhlichen Geschwistern und der verhältnismäßigen Sorglosigkeit. Man sollte früh die Mädchen darauf aufmerksam machen, daß sie oft und viel allein sein werden mit ihren Gedanken, und daß sie dann ihre Zeit benutzen sollen, um dem Mann eine Gefährtin zu sein, ebenbürtig an Denkkraft und heiterer Ruhe. Dazu braucht man gar keine Gelehrsamkeit, die oft den Mann nur ermüdet, und ihm gar keine Erholung ist. Eine unverheiratete Dame, die wunderschöne Handarbeiten machte, Stickereien in den feinsten Stichen, die es geben kann, so daß sie wahre Aquarelle mit der Nadel malte, hatte die Gewohnheit, während der Arbeit ganze Bücher auswendig zu lernen, sodaß sie der Jugend endlos erzählen konnte und für Zitate nie ein Buch aufzuschlagen brauchte, sie wußte alles auswendig. Die sagte oft: »Ich habe gar kein Examen bestanden, wie die heutigen jungen Damen, weiß aber viel mehr als sie, denn ich kenne die ganze Litteratur in vier Sprachen auswendig und irre mich nie in der Geschichte. Ich habe eben immerfort gelesen, mit acht Jahren schon Shakespeare, da es zu meiner Zeit gar keine Kinderbücher gab!« Es konnte nichts anmutigeres geben als ihre Gespräche, und waren wir Jungen nie so glücklich als in ihrer liebenswürdigen Gesellschaft. Denn solche Belesenheit macht nachsichtig und freundlich, während die harten Examina, und das furchtbare Einpfropfen von Brotwissenschaften oft den Frauen viel Lieblichkeit wegnehmen. Was nun die einsamen Stunden betrifft, so wissen wir alle, daß sie oft dunkel und schwer sind, und daß wir selten eingestehen, was wir erduldet haben, nicht einmal oder vielleicht am allerwenigsten dem Manne, dem man bemüht ist stets ein heiteres, sorgenfreies Gesicht zu zeigen. Der Frauen einsame Stunden hören manchen schweren Seufzer und sehen manche stille Träne fließen. Es wäre gut, wenn nie ein Mensch etwas von ihnen erfahren würde. Das Mitteilen solcher Stunden, wem es auch sei, nimmt ihnen Wert und Weihe. Allerdings gehört Seelenstärke dazu, sie zu verschließen, denn man möchte wohl manchmal sein gequältes Herz ausschütten: aber besser nicht, viel besser nicht! Man hat ja seine teuern Toten, mit denen man in solchen Stunden flüstern, das Zwiegespräch halten kann, sicher, verstanden zu werden, während die lebenden Menschen selten die Zeit und das Verständnis haben, dessen in der schwachen Stunde bedürfen; und keine ist, die es nicht bereut hätte, sich mitgeteilt und ihr Herz erschlossen zu haben. Nicht Selbstverachtung ist dann das Gefühl, das einen befällt, aber doch Erniedrigung, Schwäche, Reue. Unbehagen mindestens, denn wir haben unreine Füße unser Heiligstes betreten lassen, wenigstens Füße, die nicht vorher ihre Schuhe ausgezogen, im Gefühl, daß der Boden heilig sei, sondern Menschen, die aus dem täglichen Getriebe das seine Aufschreien der gequälten Seele ganz alltäglich und trivial auffaßten. Aber wenn die Frauen doch lernen wollten, daß sie nicht dazu da sind, um verstanden zu werden, sondern um zu verstehen. Dies ist ihr heiliger Beruf, nicht der, von andern durchschaut und erkannt zu werden. Die Menschen, zumal die Männer, verstehen sehr selten die Frauen, denn der Mann ist viel einfacher in seinen Empfindungen und hat selten Zeit, ihnen zu lauschen, ihm ist's genug, wenn er seinen Herd behaglich findet, wenn er sich müde gearbeitet hat. Dann will er nicht das seine Räderwerk der Frauenseele studieren. Er hat garnicht das Bedürfnis, sie zu ergründen, sondern er denkt, das einfache Liebhaben ist genug, und sie braucht weiter nichts. Wenn die Frau wüßte, welche heilige Kraft es ihr verleiht, das einsame Denken in sich zu verschließen und immer und immer freundlich zu sein, so würden nicht so oft unnötige Stürme entstehen, welche die klügeren Frauen vermeiden, mit denen die tugendsamen Frauen nichts zu tun haben wollen. Anstatt eifersüchtig zu weinen, sollte man nur noch viel liebenswürdiger sein, als alle andern, sodaß der Mann beständig einsehen mühte, daß sein Herd der allerbeste Ort in der Welt ist. Natürlich kann man ihm die Pein nicht fern halten, die er auch tragen soll: die Krankheiten der Kinder. die Not, die Sorge, die beiden gleich auferlegt ist, aber die kleinlichen Dinge, welche die Frau allein bewältigen kann, sollte sie ihm nicht vorhalten, wenn er müde gearbeitet ist. Er sollte zuhause stets nur Sonnenschein und Feiertage finden, und das wäre ganz leicht, wenn eben die Frau garnicht an sich dächte, sondern nur an ihren heiligen Beruf. Daß Frauen das können, beweisen die Nonnen und solche, die ein nonnenhaftes Leben und Selbstentäußerung führen. Es ist ihnen nicht gestattet, jemals von sich selbst zu sprechen. Warum befolgen sie nicht in allen Verhältnissen diese überaus weise Regel? Ihr Innenleben ist den wenigsten Menschen interessant. Sie wollen nur das Ergebnis des innerlich Erlebten sehen, nicht aber an den Kämpfen teilnehmen, die solche Reife hervorgebracht. Die Menschen möchten am liebsten Göttinnen haben, nicht schwache Frauen, die sich anlehnen wollen. Der große Irrtum besteht hier, daß die Frau, die so gut auf eignen Füßen stehen kann so lange sie unverheiratet ist, auf einmal meint, sie dürfte nun sich anlehnen, d. h. ihre Selbständigkeit aufgeben und alles von einem andern erwarten, der nebenbei ein schwacher, fehlerhafter Mensch ist, wie sie selber, den sie aber so lange zu einem Gott macht, bis sie die erste Enttäuschung erfährt. An dieser Enttäuschung ist sie allein schuld, da sie sich vorher der Täuschung hingegeben. Warum denn nicht weiter auf eignen Füßen stehen? Warum denn anlehnen, wo man oft mehr Geisteskraft hat als der bewunderte und angebetete Mann? Fest stehen und verbeißen, was quält, ein Seelenkampf, den sie am besten allein mit sich durchmacht und überwindet, wie körperliches Unbehagen, das den Frauen in überreichem Maße zugemessen ist. Der Fehler ist der erste Freund und noch schlimmer die erste Freundin, der man einen Einblick in diese Kämpfe gestattet. Wie oft bereut man später bitter, in der schwachen Stunde geklagt zu haben, da man das empfohlene bittere Wort nicht zurückrufen kann. Hierin haben die Männer mehr Würde als die Frauen. Sie haben das Gefühl, den Herd vor äußern Einblicken zu schützen und der Welt zu verbergen, was sie enttäuscht. Die Frau aber klagt und beschwert sich, und wenn ihr dann der Mann entrissen wird, mit dem sie eben garnicht leben konnte, so will sie verzweifeln, und derselbe Mann hat nur noch Eigenschaften, die man nie auserzählen kann. Warum lebt man nicht ein bißchen mehr in Gedanken an den Tod? Man würde so geduldig sein, wenn man immer Angst hätte, der Geliebte würde morgen fort sein, und man dürfte nie mehr seine Stimme hören, nie mehr über seine kleinen Schwächen lächeln, nie mehr sein Lächeln der Freude sehen bei einer kleinen Aufmerksamkeit. Aber nein, man denkt an sich und wieder an sich und noch immer an sich, und dann findet man, daß der Mann einen nicht auf Händen trägt. Was man sich darunter gedacht, auf Händen getragen zu werden, das bleibt dunkel, denn es war immer dunkel, aber es ist solch ein schöner Ausdruck in den Büchern, und man denkt garnicht, daß man den Mann, den Haushalt, die Kinder, die Sorgen, die Mühen, nicht nur auf Händen, nicht nur auf den Schultern, sondern im Herzen tragen muß, und daß es da oftmals drückt, wer wollte es leugnen? Die Frauen verstehen sich alle unter einander, mit einem einzigen Blick, ganz gleich, welchem Stande sie angehören, während die Männer die Frauen in den seltensten Fällen verstehen. Das war auch wohl gar nicht die Absicht. Die Frauen sollten ihrem eignen Manne stets ein wenig rätselhaft bleiben, damit er immer etwas zu entdecken hat. Selbst die körperlichen Leiden, denen die Frau ausgesetzt ist, erfüllen den Mann mit Andacht, ja mit Anbetung, wenn sie mit der rechten Würde und Geduld getragen werden. Vielleicht gab es eine Zeit, da Mann und Frau ein einziges Geschöpf waren, und daß von der Zeit der Trennung her die Legende von der Rippe entstanden ist. Nun können sie nie wieder eins werden außer in der Aufopferung, in Gedanken an die kommende Generation, für welche beide gleich ernst bedacht sind in der gegenseitigen Hilfe. Die Türken, welche vier Weiber gestatten, nicht vorschreiben, sagen: »Aber nur mit derjenigen, die das ganze Leben hindurch deine Frau war, wirst du ins Paradies eingehen.« Die Frauen sollten mehr der Schwäche der menschlichen Natur Rechnung tragen, und wenn sie glauben Grund zur Eifersucht zu haben, sollten sie dies mit kluger Philosophie verbergen. Wenn sie den Heldenmut hätten, diese Qual zu verbergen, so würden sie bald davon erlöst sein, statt durch Szenen und Vorwürfe zu reizen und den Mann noch abwendiger zu machen. Es hat schon manche kluge, selbstlose Frau ihren Mann wieder zu sich zurückgeführt und ihm geholfen, über eine unerlaubte Leidenschaft Herr zu werden. Alles und alles konzentriert sich immer wieder im Worte; Selbstlos! Das ist das einzige, das man allen Verhältnissen entgegenzubringen hat. Warum braucht man das einer Mutter nicht zu lehren? Die ist es von selbst und weiß es nicht einmal. Die zählt die schlaflosen Nächte nicht, nicht die tägliche Mühe, die unendliche Sorge, nichts, gar nichts, wenn nur ihr Kleines gesund und fröhlich ist und ihr manchmal zulächelt. Wer hat noch je der Mutter zu sagen brauchen, sich selbst zu vergessen! Aber in allen andern Verhältnissen wäre dies Selbstvergessen zu erlernen. Das wäre die einzige Hilfe, da, wo das Leben zu schwer oder scheinbar zu schwer ist. Denn es ist merkwürdig, was die Frau eigentlich auf ihre Schultern nehmen und tragen kann. Daher kommt es wohl auch, daß die Männer in dieser Hinsicht oft zu viel verlangen. Sie wissen, daß die Frau Unerhörtes zu ertragen vermag. Nun aber kam die Stunde der Empörung und des Nichtmehrtragenwollens. Wie sah die aus? Sie hilft weder den einen noch den andern, denn sie war wie alle Revolutionen falsch angefangen. Die Frauen sagen, sie könnten noch die Untreue ihrer Männer ertragen, wenn sie nicht immer dabei noch so ungerecht würden und so viel schwerer zu haben wären, voller Launen und Vorwürfe. Aber ein wenig Geduld hätte über das alles weggeholfen. Die Männer sind ungeduldig, weil eben die berühmte Stunde der Selbstverachtung da ist, und bohrt und nagt, und ihnen ihr Leben verdunkelt; da wissen sie nicht, wie sie ihre innere Pein auslassen sollen, und weil sie im Grunde genommen große, naive Kinder sind, so lassen sie ihre Unzufriedenheit mit sich selbst an der eigenen Frau aus, deren Anblick ihnen diese Unruhe verursacht. Der Mann sagt sich, daß er ein Elender ist, daß die Frau alle die Leiden für ihn, alle die Sorgen mit ihm getragen hat, und daß er eben doch eine andere sehr schön findet, und sehr begehrenswert. Wenn die Frau in solcher Zeit geduldig wäre und vollkommen selbstlos! Das ist natürlich sehr schwer. Das Geld geht aus dem Hause, die Freude auch, ihre Einsamkeit wird unerträglich groß, denn sie hat eigentlich keinen Mann mehr. Es hat eine Frau gegeben, deren Mann ein schlimmer Geselle in der Beziehung war, und der sie oft nahe am Hungern ließ, weil er alles Geld anderwärts verbrauchte. Sie erzog ihre Kinder geduldig in der Entbehrung und im Entsagen, und hatte ihren Mann lieb und sagte: »Mein Mann kann einen Schritt tun und wird eine finden, die schöner ist als ich, und zwei Schritte und eine finden, die klüger ist und gebildeter als ich, aber in der ganzen weiten Welt wird er keine finden, die ihn so lieb hat als ich!« Liebhaben! Liebhaben! Liebhaben und immer Liebhaben! Nicht verliebt sein, das ist ein ganz selbstsüchtiges Gefühl und führt zu keiner Aufopferung; aber Liebhaben, das ist ganz etwas anderes, das ist heilig und aller irdischen Schwäche entkleidet. Überhaupt sollte die Frau mit großer Klugheit erkennen, wann sie Geliebte sein soll, und wann Gefährte, wann begehrenswert und wann nonnenhaft; das sind solch feine Stimmungen und so zarte Nüancen, daß es der ganzen Klugheit der Frau bedarf, um sie zu erkennen. Warum denn sich dieser unsrer größten Kunst und Kraft entkleiden, um zu sein, wie die Männer, derb und rauh und unverständig? Es kommt aber auch viel von einem Erziehungsfehler her. Denn man erzieht die Mädchen darauf, sich für geringer anzusehen, wie die Männer, und daher kommen dann alle die schrecklichen Enttäuschungen, wenn die junge Frau entdeckt, daß ihr Mann schwach ist wie sie, und Fehler hat wie sie, und in vielen Stücken wirklich unvollkommener ist als sie. Anbetungswürdig ist nur das, was uns entrückt ist, darum haben die Männer für die Mutter diese tiefe Verehrung. Die Frauen könnten dasselbe haben, wenn sie ein wenig unnahbar blieben und geheimnisvoll, und nicht den Mann zu ihrem Gott machten, sondern zu ihrem Freunde, der oft Rat geben kann und oft beraten sein will. Alles ist natürlich dadurch erschwert, daß hier der Körper eine Rolle spielt; aber das wäre wieder die Sache der Frau, auch hieraus das Heiligste zu machen, das Erhabenste und Höchste, ein Gebet zu zweien, eine Weihe zu zweien. Die Frau begibt sich ihrer ganzen Würde, wenn sie nicht in jedem Augenblick des Lebens die zarteste Selbstbeherrschung bewahrt. Die Natur belohnt große, tiefe Liebe durch hochbegabte, schöne Kinder. Das wissen alle und haben dann die Gewissenlosigkeit, unglückliche Kinder in die Welt zu setzen, weil sie nur vergessen haben, sich lieb zu haben; so über alles lieb, so heilig lieb, daß der Himmel ganz nahe gekommen ist, und daß das Kind, was aus dieser Verbindung hervorgeht, eben vollkommen ebenmäßig, glücklich, heiter, stark und gesund sein kann. Aber ach! Der Kinder wird nicht gedacht und meistens werden sie ungern empfangen, anstatt, daß sie die Hauptsache sind. Wofür heiratet man denn, wenn man keine Kinder will? Man bleibt ja viel besser ledig. Man frage die Kinderlosen, was sie denken, wenn sie Familien sehen. Sie finden nie eine Familie zu groß oder einen Kindersegen zu reichlich. Die Kinderlosigkeit ist ein anderes schweres Leid im Frauenleben, und kostet es lange Jahre des Kampfes, bis die Entsagung kommt, da die Hoffnung immer wieder täuschend aufsteht, und zu neuer bittrer Enttäuschung Anlaß gibt. Es ist schwer, das zwischen den Eheleuten nicht Bitterkeit und heimlicher Groll entsteht, und jeder dem andern vorwirft, woran beide nicht schuld sind. Wenn nun gar das Kind entrissen wird, so geschieht es gar leicht, daß der einzige Schmerz, der über Menschenkräfte geht, und der ans Unerträgliche streift, einen Riß hervorbringt, und daß das Grab zwischen den Eheleuten immer offen steht, in das sie ihre ganze Liebe und ihre Hoffnung, und alles versenkt haben, was ihnen das Leben wert und lieb machte, und daß die große Müdigkeit von dem bitteren Leiden sie einander für immer entfremdet. Da wird von der Frau eine Kraft verlangt, deren sie sich selbst nicht für fähig halten würde. Denn bei ihr ist es ein körperliches Zerreißen, nicht nur ein grenzenloses Seelenleid. Bei ihr bluten die Eingeweide, nicht nur das Herz, und dennoch soll sie noch liebreich dem Manne tragen helfen, dem Manne, der sich nach außen hin zerstreuen kann durch seine Arbeit, während sie allein am kalten, leeren Herde sitzt, und die Stille nicht aushalten kann, die sie umgibt. Da kann man nur ganz geduldig sein, wie unter dem Operationsmesser, wie bei einer tiefen und schweren Wunde, die eben ihre Zeit braucht, bis eine schmerzende Narbe zurückbleibt, und man das Leben wieder aufnehmen kann. Je mehr Geduld, je besser für beide. Wissen wir, warum die Kinder unsern ungeschickten Händen entrissen werden? Vielleicht haben wir ihnen nicht die Bedingungen entgegengebracht, unter welchen sie sich zur größten Vollkommenheit entwickeln konnten. In der Ewigkeit zählen nur die Seelen, und die sollen das beste erreichen dürfen, und sobald sie nicht die günstigen Bedingungen finden, nicht den Boden, auf dem sie sich entwickeln dürfen, so werden sie wieder verpflanzt. Oder sie haben nur die Erde streifen wollen, um das hineinzutragen, was sonst gefehlt haben würde. Vielleicht sind es schon zu vollkommene Seelen, um auf der Prüfungsstätte, welche Erde heißt, zu verweilen; daher der Ausdruck »Zu gut für diese Welt« wohl ein ganz berechtigter sein mag. Die Natur selbst hat das Weib zweimal geheiligt, als Jungfrau und als Mutter und zum dritten Mal oft als Märtyrerin. Ist das nicht genug für die elende Erde? Schmerz Aus den Tiefen des Schmerzes steigt es wie der Dampf der Täler an den Bergwänden in die Höhe, sich an alle Felsen und Bäume klammernd, um endlich das Himmelsgewölbe zu berühren, von wo es als strömender Regen oder als zerschmetternder Hagel, oder als Schnee, der alles verhüllt, wieder herunterfällt. Die Natur und du, Seele, ihr macht es ganz gleich. Es ist ein Äußern, das sich immer wiederholt. Dein Schmerz ist in den Abgründen verborgen und muß doch immer wieder empor, schweigsam wie die Dünste, aber unaufhaltsam, sich verdichtend, je nach der Macht dessen, was dich getroffen hat, und das nicht zur Ruhe kommen kann. Was in dir zittert und kocht und gährt und wühlt, das kann nicht verborgen bleiben. Es nimmt oft weder Namen noch Gestalt an, so wenig wie die Nebel, aber es ist doch so stark wie das, was die Wetter braut und niederfällt in unaufhaltsamer Gewalt. Der Schmerz hat sogar erst die Furchen in dir gezogen, in denen er weiter gewühlt hat, bis tiefe Schrunnen und ganze Bergschlünde und gähnende Abgründe entstanden sind, die du selbst nicht mehr messen, in welche du garnicht mehr hinunterblicken kannst; denn sie sind so unermeßlich tief. Dein Schmerz ist so groß, als stünde er ganz allein in der Welt, in einer weiten Wüste des Unverstandes, des scheinbaren Wohlergehens andrer Leute, des Nichtbegreifens deiner Qual, oder gar des Vermehrens derselben. Du und dein Schmerz, ihr seid ganz allein, in einem einzigen gewaltigen Ringen, in welchem du immer unterliegst. Denn Seele, das weißt du wohl, daß du noch niemals stärker gewesen bist, als der Schmerz, sondern immer schwach und hilflos ihm gegenüber, wenn du auch noch so sehr gemeint hast, du könntest ihn niederkämpfen und fortwischen aus deinem Herzen, aus deinem Leben. Er ist da, er tritt dich mit Füßen, er liegt auf deiner Brust, und wie sehr du auch keuchst, und um Gnade flehst, er hat kein Erbarmen, er schlägt dir seine furchtbaren Tatzen in die Flanken, in die Nieren, in die Kehle, er würgt dich, er schüttelt dich wie der Sturm den Baum, er nimmt dir die Möglichkeit, empor- oder hinauszuschauen, oder seine Gegenwart einen Augenblick zu vergessen. Für dich hört die Welt auf, so lange er da ist in seiner entsetzlichen Gewalt. Die Sonne hat ihren Schein verloren, der Wald sein Grün, der Tag sein Licht, die Nacht ihre Ruhe. Du bist nur eine Masse von Qual, so elend, daß du verschmachtest, und kein Wasser gibt es, das deinen Durst stillen kann, auf der ganzen Erde fließt es nicht. Dein Durst ist größer als die Wasser der weiten Erde, dein Schmerz ist größer, als alles, was sonst Schmerzen stillt. Worte sind leerer Schall, du kannst sie garnicht verstehen. Gedanken gibt es nicht mehr, du kannst ihnen kein Gehör geben, denn sie haben alle dieselbe Gestalt; sie gleichen deinem Schmerze, der sie ganz unterjocht hat und gefangen hält. Es dringt kein Ton bis zu dir, Teilnahme nicht, du siehst sie kalt die Teilnahme, die man dir zeigt, denn sie hilft dir nicht. Schmerz, Schmerz, Schmerz, das ist das einzige, das du verstehen kannst, in der wühlenden Qual. Es kommt dir auch kein Geber, nicht einmal ein Seufzer mehr, denn zum Seufzen ist dir die Brust zu enge. Da geht keine Luft hinein und auch keine heraus, es steht alles still in dir, und ist doch nicht tot. Wenn es nur tot wäre, das wäre leichter als die übermenschliche Qual, als das Gefühl, daß alles dunkel geworden ist wie im Grabe, für immer und immer, und daß es nie wieder Tag werden kann für dich. Sagte man dir, daß du im Leben noch einmal lächeln wirst, so würdest du es für eine Kränkung ansehen; lächeln, wenn das Herz gebrochen ist! Ja lächeln so wie die Mater Dolorosa lächelt, die das Haupt ihres einzigen Sohnes an die Brust drückt und ihm noch unter strömenden Tränen zulächelt, weil es ihr ist, als könnte ihr Lächeln ihm den Tod weniger bitter machen! Aber dem Grabe von dem, was man besessen und verloren, die Hoffnung, die nicht mehr ist und nicht wieder sein kann, der Liebe, die gestorben ist, diesem Grabe lächelt man nicht zu, und darüber weg meinst du, wirst du nie mehr gehen; darüber weg lächeln? Nein, das scheint ganz unmöglich. Alles ist unmöglich, das Leben und das Sterben gar. Denn du hast ihn gerufen, den Tod, du hast ihn angefleht, dich mitzunehmen, und er hat sich abgewandt, und hat dich nicht aus den Krallen des Schmerzes befreien wollen. Dem Tode könntest du zulächeln, wenn er dich von hinnen tragen wollte, aber er geht vorüber und hat den Blick nicht einmal nach dir gewandt. Warum? O warum? Du warest so bereit, mit ihm zu gehen! Statt dessen geht er hin und rafft hinweg, was noch gern leben wollte, was noch keinen Schmerz gekannt und kein Unglück und keine Bitternis und kein Verzagen und keine Not und alles nicht, woran du verschmachtest, Seele, und er muß doch fort, er muß die Erde verlassen, ob er sie auch schön findet und gern noch ihr leuchtendes Grün und ihre Sonne und ihre ruhevollen Freuden genießen könnte, die dir alle nicht mehr sind; denn du hast keine Kraft und dennoch keine Ruhe. Du bist immer müde, immer und immer müde, so müde, Seele, du meinst einen Stein auf dem Haupte zu tragen, und einen auf dem gekrümmten Rücken, und Blei in den Füßen und die Arme wie zerbrochen. Du möchtest dich gern zu deinem Schmerz ins Grab hinein legen; denn du meinst nach dem Grabe kommt nichts mehr für dich! Ja, Seele, du weißt, daß du in sehr tiefen Schlünden bist, du hast die Abgründe gemessen, und die Steilheit der umgebenden Wände, an denen kein Emporklimmen und kein Entkommen mehr ist, sondern nur stählernes Grauen, unerbittliche Höhe und dunkle Nacht, kein Sonnenstrahl dringt in deine Schlünde mehr hinein, und doch, Seele, die Sonne steht noch immer über dir, an derselben Stelle, sie ist auch noch warm und groß, und sie allein hat die Macht, den Schmerz niederzuzwingen, gegen den die ganze Erde machtlos ist. Die Sonne hat allerlei Kraft, die du nur nicht kennst. Die Sonne weckt auf deinen Gräbern Blumen, an die du nicht geglaubt, die Sonne hat sogar für die Tiefen deiner Verzweiflung Verständnis, wie hell sie auch erscheint und wie wenig sie aussieht, als könnte sie Leid begreifen, sie die immer lacht. Die Sonne ruft die Saaten ans Licht, welche deine Tränenströme begossen haben. Du meinst, du habest keine Saat gesät, du glaubst, dein Korn ist verdorrt in deiner Hand, denn der Schmerz ist wie der Sturmwind darüber hingegangen und kein Halm kann mehr erstehen, Und doch ist dem nicht so. Ganz im verborgenen Winkel deiner Leiden, Seele, da steht die Saat leise auf, da keimt etwas, das du garnicht bemerkt hast. Aber Gott hat es bemerkt, und seine Engel haben es gehütet, vielleicht gerade derjenige, den du für Wüstensturm gehalten hast. Gerade der Gottesbote, der dir alles nahm, der dich zerschmetterte und zu Staub zermalmte, der hat mit einem Blicke die grüne Stelle belebt in dir, an welcher du genesen und dir selbst beweisen sollst, daß du noch ein Mensch bist, und daß du nicht aufgehört hast, zu sein, weil alles aufgehört hat um dich her, was deine Welt war. Sogar die Trostesworte, die dir dein ganzes Leben heilig waren, sind nun nichts mehr in deiner Qual, du meinst, die trösten wollen, wissen nicht, daß man nicht mehr leben kann, daß man nur eine Wunde, eine Masse von Weh ist, und keine Ehre und kein Gefühl und keinen Verstand mehr hat, nur leiden, leiden, leiden. Doch liebe Seele, die dich trösten wollen, die wissen es wohl, die haben es vor Jahren selbst erfahren, sie sind in der Hölle gewesen, sie haben die heißen Nächte im Bett gesessen, mit dem tobenden Herzen zwischen den Händen und gedacht, daß jeden Augenblick der letzte sein wird, oder zum letzten gemacht werden wird, wenn die Hand nicht durch ein Wunder zurückgehalten wird, die nach dem pochenden Herzen zielt. Gott allein weiß, wie verlassen sich seine armen Menschenkinder manchmal fühlen können, denn die äußerste Grenze der Qual teilt keiner dem andern mit, weil er fürchtet, man wird an seinem Verstande zweifeln und ihn noch tiefer ins Elend stoßen, statt ihm zu helfen. Die Leute, die soviel Weh noch nicht kennen, zweifeln leicht an dem Verstande des Verzweifelnden, sie wissen nicht, wie dunkel es in einem völlig gesunden Hirne aussehen kann, Sie vergessen, daß wir allesamt Gefangene sind in der Schädelzelle, und daß das Gehirn in tobenden Wellen an die engen Wände anschlägt und keinen Ausgang findet, darum leicht zu dem einzigen Ausweg greift, der offen scheint, anstatt zu warten, daß das Gehirn austobt und ein wenig stiller wird. Die Seele hat nur das einzige Instrument, so lange sie auf die Erde verurteilt ist. Das ist freilich sehr klein und sehr unbedeutend für der Seele gewaltige Ewigkeit. Sie kommt vielleicht schon aus hundert anderen Existenzen, reich beladen mit Wissen und mit Schuld, die zu sühnen sie noch einmal auf die Erde gesandt ist, oder beladen mit dem allerheiligsten Berufe des Märtyrertums, das vielen zur Hilfe werden soll, die sonst an der Erde zweifeln und verzweifeln würden, und die nur durch dein Heldentum, Seele, den Pfad der Ewigkeit finden und betreten. Denn wir sind alle für alle da, und unser Leid ist gebucht, unsere Kraft berechnet. Die soll hinaus wirken in weiten Umkreis. Nur brauchen wir es nicht zu wissen. Wir sind wie die Mönche in jenem strengen Orden, die Tag und Nacht schreiben und arbeiten, aber nie erfahren dürfen, wozu ihre Arbeit benutzt worden ist, oder wohin sie getragen worden und wirken soll. Wir wissen nicht, ob wir nicht gegenseitig den Schmerz uns von den Schultern nehmen dürfen, und was der eine trägt, andern erspart bleiben darf. Freilich würden sich nur wenige bereit finden, wenn man sie früge, den andern durch eigne Pein Pein zu ersparen, nur die Mütter würden ohne Zaudern sich in alle Höllen stürzen, damit ihrem Kinde eine Stunde der Angst erspart bliebe. Wir wissen nicht, warum wir leiden und glauben, daß das schwerer ist, als wenn wirs wüßten. Aber dem ist nicht so. Wir haben ein zu beschränktes Gehirn, um zu begreifen, wie wir in dem Weltall stehen und wirken sollen und warum uns die Dornenkrone zuerkannt wird, die wir nicht begehrt haben. Wissen wir, ob wir sie nicht begehrt haben, ob wir nicht gefragt worden sind, ob wir ein furchtbares Erdenleben auf die Schultern nehmen wollen, bevor wir begonnen haben? Wissen wir, ob wir nicht als höchste Ehre erlesen haben, leidensvoll und schwer geprüft zu sein, oder ob nicht unsere Einsicht so groß war, daß wir gesehen, durch eine schwere Erdenlaufbahn weit, weit höher zu kommen, als wenn unser Los leicht und das Erdenleben bequem gemacht worden wäre? Wissen wir, ob wir nicht gewählt wie Herkules am Scheidewege? Wissen wir, ob wir nicht mit Enthusiasmus das Herbe auf unsere Schultern genommen, als wir nicht wußten, daß wir es mit menschlichem Gehirn, anstatt mit der göttlichen Seele tragen müßten? Vielleicht haben wir wie im Blitz gesehen, was uns so dunkel erscheint und so unerträglich und haben wir gemeint, als Helden das Erdenleben durchwandern zu können, und scheitern nun an der Übermacht des Erlebten, da wir nicht mit der schwachen Gehirnkraft gerechnet, die wir vergessen oder für größer hielten, als sie ist. Wissen wir das alles? Vielleicht erschien uns im Augenblick der Ewigkeit das Erdenleiden wie eine Stunde, und dachten wir nicht, daß es uns auf der Erde endlos lang erscheinen würde. Vielleicht ist es unser letztes Erdenwandern, und darum die allergrößte, letzte, furchtbarste Prüfung, ein wahres Höllenfeuer, damit das Metall, was in uns steckt, in so reinem Guß herausströmt, daß es reif wird für andere Höhen und anderes Licht und andere Kraft. 0 nicht schwach werden, Seele, nicht verzagen! Nicht denken: »Ich kann nicht mehr!« Denn, wenn dein Gehirn nicht mehr kann, und dein Herz nicht, und die Nieren nicht, und die Eingeweide sich winden, dann kannst du, Seele, immer noch, denn du bist ewiges Metall in der Weißglühhitze, bei der das Hirn siedet und die Augen verbrennen. Und du sollst rein und lauter aus der Qual hervorgehen, Du fragst dich oft, ob du wirklich so großer Leiden wert bist? Ja, du beginnst erst zu begreifen, daß du überhaupt einen Wert hast, an dem Maße der Leiden, an dem Grade der Hitze, die man dir zumutet. Still halten, es ist bald überstanden, es dauert nicht ewig. Denn ewige Pein kann es nicht geben, gewiß nicht auf der Erde, deren Endlichkeit uns nur zu deutlich jeden Augenblick entgegen tritt. Jeder Augenblick kann der letzte, der dir bestimmten oder von dir ausgewählten Qual sein, jeder Augenblick kann dir Befreiung oder wenigstens zeitweilige Abkühlung bringen, in dem Glühofen der Schmerzen. Harre nur aus! Nur noch ein klein wenig, Seele, harre aus, ich bitte dich! Das Licht ist nahe, die Sonne steht über deinem Haupte, die Sonne ewiger Kraft, ewiger Helle, ewigen Verstehens. Du siehst doch, daß du wert und edel sein mußt, Seele, sonst fände man es nicht der Müde lohnend, dich so zu schleifen und zu glühen und zu schmelzen und wieder in die Glut zu werfen, zu walzen und noch einmal in erneute Glut zu schleudern, bis du als derjenige herauskommst, der du hast sein wollen. Ja du hast gemeint, Seele, in einer Erdenlaufbahn vielleicht niedrere zu überspringen, und hast Stolz gewähnt, soviel Leid tragen zu können, und nun wirst du beim Worte genommen, und du zitterst sehr, und meinst zu Grunde zu gehen, und fragst warum, und begreifst nicht, was dir soviel Leid zugezogen, da du dir keiner Schuld bewußt bist. Dein Fehler liegt darin, daß du dich, Seele, mit dem, was du bewohnst, verwechselst und meinst, dein Gehirn leidet, dein Herz leidet, deine Gesundheit leidet, und nicht denkst, daß du höher stehst, als dein Hirn, dein Herz, deine Gesundheit, deine Kraft, daß du eben aus einem ganz anderen Stoff gemacht bist, der all das Glühen vertragen kann, und nicht zaudert und nicht erschrickt. Die Welt, aus der du kommst, hat einen ganz anderen Maßstab für das Erträgliche und Unerträgliche, und nur, daß du das kleine Erdenmaß anlegst, ist, woran du meinst, zu Grunde zu gehen, sage nur immer: Ich leide, das tut ja nichts, ich bin unglücklich, das tut ja nichts, ich bin schwach, das tut ja nichts, das einzige, das wert ist, beachtet zu werden, ist der zurückgelegte Weg, die Ferne von dem kleinlichen Erniedrigenden, die immer größer wird: denn du wanderst höherem Ziele zu, Seele, du wirst den Staub deines Leibes abschütteln, aber nicht bevor du das erreicht hast, was du erreichen wolltest, bevor du der Erde Schwäche, Kleinheit, Weiblichkeit noch einmal zu ertragen gelobtest. Wehre dich nicht, Seele, gegen die Feuerglut. Würde man von Leidensgluten sprechen, wenn sie kühl wären und wenn sie garnicht zählten und garnichts erreichten? Ein dunkler Instinkt lehrt uns Menschen, diejenigen für heilig zu erklären, die mehr erduldet als die andern. Warum denn? War es nicht im Gefühl und vielleicht im Bewußtsein, daß sie für ein schöneres, heiligeres Leben geglüht wurden, und der göttlichen Nähe teilhaftig werden sollten? Wer bist du, Seele, daß du mit Gott haderst, oder daß du zu zagen wagst, du seist nicht? Hast du dir nicht schon oft mitleidig zugesehen, wie du leidest, als wärest du ein zweiter außer dir selbst Stehender, der genau weiß, daß der leiden muß, dem er zusieht. Du weißt überhaupt viel mehr, als du zu wissen vorgibst. Und es ist deine eigene Schuld, daß du es deinem Gehirn so dunkel werden lässest, daß du nicht mehr verstehst, wohin du geführt wirst, wohin du wahrscheinlich selbst begehrt hast, geführt zu werden. Du weißt nicht, was du sühnst, aus Mitleid, damit dir die Selbstverachtung erspart wird und deine Mitmenschen dich für heilig ansehen statt für einen armen Sünder, der vergangene Schuld büßt. Seele! Sei nicht so zaghaft, du bist zu edel dafür. Das Erdenleben ist es nicht wert, daß du ihm so große Wichtigkeit leihst. Betrachte es doch als das, was es ist und nicht als mehr, nicht als dein ein und alles, nicht als den Anfang und das Ende deiner selbst. Du kommst aus weiten Fernen und wanderst in noch weitere Fernen, und auf deinem Wege mußt du eben den Glühofen der Erde auch durchwandern, sonst erlangst du die Reife nicht, die du erreichen kannst und die dir neue Tore öffnet. Mut, schwache Seele! Mut, zaghafte Seele! Mut, ungläubige Seele! Natürlich bist du müde, das tut ja nichts! Sei müde, aber standhaft! Sei müde, aber geduldig! Sei müde, aber geläutert! Es wird etwas aus deinen Augen leuchten, das allen andern Seelen Mut einflüstert, und sie hoffen lehrt und sie glauben lehrt, daß sie mehr sind als Herz und Hirn und Nieren! Seele! Leide und sei standhaft! Leide und verzage nicht! Mut Wo war dein Mut, Seele, mit dem du hinausgingst ins Leben, mit dem du Taten tun wolltest, und kämpfen so lange du Atem hattest? Wo war er, als du so kläglich unterlagst? Dein Wille vernichtet, dein Wort zitternd, dein Herz wie ein Schmetterlingsflügel am Fenster! Das war dein Mut, Seele, das war deine Kraft! Du hast diejenigen verlassen, die an dich geglaubt hatten, die sicher waren in deiner Hut, du hast dich vor Menschen gefürchtet, als wären sie Henker und als könnten sie dich in Stücke reißen mit ihren Worten. Du hast dich gefürchtet wie ein Hund! O Seele, wo war dein Heldentum? Was begibst du dich in Gefahr und Todesnot, wenn du nicht durchfechten kannst bis ans Ende! Es ist schwer vor der Meute nicht Hase zu sein, und nicht fortzurennen, wenn alle dir nachbellen, um sich zu verbergen, und nicht mehr gefunden zu werden. Es ist schwer, fest zu stehen, wenn der Boden wankend wird unter deinen Füßen, und der Abgrund sich auftut und dir entgegengähnt. Du hast viel gewagt, weil du gemeint hast, alles tragen zu können. Du hast einen neuen Gedanken auszusprechen, ja zu verteidigen gewagt. Aber, Seele, wußtest du denn nicht, daß man sein Leben läßt für einen neuen Gedanken? Wußtest du denn nicht, daß die Menschen jedesmal nur Meute werden, wenn einer unter ihnen nicht mitgeht, wie sie gehen, sich nicht in denselben Pferch sperren läßt, in welchem sie schon so lange geschlummert haben? Hast du das nicht sehr wohl gewußt und tratest du nicht dennoch in die Schranken, und hieltest dem Stier »Gewohnheit« das rote Tuch hin? Was wunderst du dich, daß er dich auf die Hörner nahm und dich mit Füßen trat? Du mußtest in den Staub, Seele, und mit Füßen getreten werden, und große Pein erdulden, aber den Mut verlieren, das durftest du nicht, dazu warst du ein edler Ritter und hast zu große Gedanken verteidigen wollen. Nun lachen die Schranken, nun lachen sie in der Arena, weil sie meinen, sie haben dich gebändigt, und der Stier Alltäglichkeit hat dich ganz zertreten. Du aber, du liegst in Ketten und Banden, du atmest schwer mit der zertretenen Brust, und meinst zu sterben. Ja, willkommen, sehr willkommen wäre dir der Tod, du hast schon mehrmals nach dem Messer gegriffen, das die Kehle durchschneidet, weil du nicht ertragen willst, so darnieder zu liegen. Du hast dich gewunden im Staube wie ein Wurm, Seele, warum hast du denn die Menschen sehen lassen, daß du im Staube liegst? Du hättest dich aufrichten sollen wie der Torrero, die Gedärme in die Hand nehmen und hinausgehen mit erhobenem Haupte. Du aber hast die Meute wissen lassen, daß sie stärker war als du, das war deine Mutlosigkeit, Seele! Warum denn zaghaft, wenn du recht getan? Warum denn zittern, da du keine Sünde begangen? Warum denn verzagen, da die Menschen nicht klüger und nicht weiser sind als du, und da sie dich so wenig begreifen können, wie du sie begreifst? Sie sind dir fremd mit ihrer Gewohnheit und Alltäglichkeit: du bist ihnen fremd mit deinen fernen Gedanken, mit deiner Weitsicht, mit dem Vorauswissen von allerhand Unheil. Cassandra ist noch von je her verfolgt und vervehmt gewesen: du hast ihnen gesagt, was sie nicht wissen wollten, nun bringen sie dich zum Schweigen, und du wunderst dich? Aber Seele, es wäre ja garnicht des Kämpfens wert, wenn der Sieg greifbar nahe stünde. Der Sieg ist oftmals nicht mehr deine Sache. Den feiern andre, die nicht in der Schlacht gestanden haben, sie werden mit Ehren und Kränzen bedeckt über deine und noch viele andere Leichen hinweg. Laß dir an deinem Gedanken genügen, an deiner Überzeugung halte fest und nähre dich davon, wenn alles bricht. Dir kam sie nicht von ungefähr, du hast den Gedanken nicht aufgesucht, sondern er suchte dich. Du hast nichts erfunden, sondern es fand dich. Du bist nur der Träger eines neuen Lichts, und da wollen die Leute lieber Finsternis, als die Leuchte dahin, wo sie ihre Schwachheit verborgen hielten. Du aber hast mit kühner Hand aufgedeckt, was moderte, und hast es dem Tage gezeigt. Was Wunder, daß darüber ein Geheul entsteht, und deine Hand lahmgelegt wird? Was Wunder, daß man eilig bedeckt, was kein Licht vertragen kann? Mut, Seele, aber Mut ist nicht Enthusiasmus, Kampfbegier, sondern das stille Ausharren in Ketten und in Nacht, zertreten und verleumdet, verfolgt und verstoßen, und behandelt wie Schmutz! Mut ist eine so große Kraft, daß du ihrer vielleicht gar nicht wert gewesen bist, und darum hat Sie dich verlassen. Du warst nur dazu bestimmt, das aufzudecken, aber nicht das Neue durchzuführen, das du so deutlich siehst. Wie mancher Moses hat wie manches Kanaan nur von fern gesehen und hat müssen zufrieden sein, nach einem langen Leben unausgesetzten Kampfes und unbeschreiblicher Mühsal. Verhülle dein Haupt, du warst nicht dazu erlesen, die Menschheit weiter zu führen, als sie gehen konnte. Die Menschheit geht nicht mit Riesenschritten und Siebenmeilenstiefeln, sondern mit Schneckenschritten und oftmals denselben Weg hin und wieder, bis sie sich entschließt voranzuschreiten. Du weißt nicht, wie oft du auf deinem Wege selbst gezaudert hast und verlangst, daß alle die Überzeugung teilen, die du auf schweren Pfaden mühselig errungen. Du bist sicher, daß du nicht geirrt hast. Wer gab dir diese Gewißheit? Du hast nicht geirrt, wohlan, so werden deine Wahrheiten allen Menschen Wahrheiten werden, später, dann, wenn sie dich vergessen haben, und deine Gegenwart sie nicht mehr zum Zorne reizt. Du weißt ebensowenig, was die wirkliche Wahrheit ist, wie die andern. Du weißt nicht, warum du deine Ueberzeugung bis zum Tode verteidigen mußt. Du weißt nicht, wozu du ein Werkzeug hast sein sollen, und hast nicht die Kraft zu sagen, daß es einerlei ist, ob du geopfert wirst, wenn nur die Sache, die du verteidigt hast, nach deinem Tode liegt. Du bist immer noch zu persönlich, und das hat dich furchtsam gemacht, Seele. Du hast nicht das Bewußtsein, daß du nur ein Teil von einem Ganzen bist, und daß du an der Stelle, an der du stehst, stehen mußt, vielleicht als Wogenbrecher, damit nicht noch größeres Unheil komme, Aber Wogenbrecher zu sein, ist schon genug. Der kann nicht auch noch Reformator sein und Führer und Held, der Wogenbrecher ist. Bescheide dich mit deiner Laufbahn! Es hat schon manch einer verschmachten müssen, der gemeint hat, Armeen führen zu sollen. Mut ist, immer wieder zu beginnen, sobald nur Atem in die Brust zurückgekehrt ist, auch wenn man dich hat zwingen wollen, abzuschwören und Pater Peccavi zu sagen, wenn du dich keiner Schuld anklagen kannst, und gar keine Reue empfindest. Reue ist überhaupt nur ein Gefühl, das der Menschen halber entsteht, denn vor dir selber in deiner Einsamkeit, was solltest du da wohl bereuen? Robinson hatte nichts zu bereuen, da er keinen schädigen konnte. Du aber fürchtest, geschädigt zu haben, ganz in andrer Weise, als es die Menschen von dir behaupten. Du fürchtest, ins Unglück gestoßen zu haben, die deinem Schutze sich befohlen hatten. Und daher deine Reue. Du hast keine einsame Insel im Ozean, daher deine Qual. Du möchtest sie finden diese Insel, aber sie halten dich in Banden und lassen dich nicht fort. So finde sie doch in der eignen Brust, jene einsame Insel, wo es kein Weh mehr gibt, und keine Reue, und keine Schmach, wo du nur von Gottes himmlischer Luft umgeben bist. Finde sie, Seele, du hast ja Flügel bekommen, dein Kerker ist dein eigner Schädel, mach dich von deinem Schädel frei und begreife, daß der unendliche Raum dir gehört, daß man dich nicht fangen und nicht knechten kann, und dann wird dein Mut wachsen, wie Simsons Mut in der Kerkerzelle. Dann aber tritt heraus, nicht zur Rache, nicht zum Verderben, sondern mit dem breiten Flügelschlag höherer Geister, mit der errungenen Ruhe, mit dem Verzeihen, das aus weiten Fernen kommt und nicht mehr weiß, wer der Verfolger war. Nimm die Verfolgung als eine Tatsache auf, nicht als eine gewollte Übeltat oder Schmach. Denke, daß sie nicht gewußt, was sie taten. Denke, daß sie dich schon vergessen, als du noch im Elend in Banden gelegen. Mut, Seele! Mut ist Verzeihen, Mut ist großmütig sein, und über seinen eignen Leiden stehen. Mut ist steigen, auch wenn das Steigen unmöglich scheint. Mut ist schweigen, da, wo die andern geredet. Mut ist, sich verleumden lassen ohne ein Wimpernzucken, und darüber hinweggehen, als hätte man es gar nicht gehört. Die Menschen haben viel weniger Gewalt über dich, als sie es meinen, da sie über deine Gedanken keine Macht haben. Die sind dein und bleiben dein, was sie auch sagen und wie sehr sie auch schreien mögen. Im engsten Raume bist du dennoch ein Herrscher, Seele, denn du beherrschst deinen Willen und dein Denken. Das ist genug. Unterliegen ist da gleichgültig, wo du frei stehst in dir selber. Unterliegen den Menschen wie dem Schicksal, ist keine Schmach. Nur fürchten sollst du dich nicht, und du hast dich gefürchtet, sehr gefürchtet, Seele. Was ist deine Reue, nicht, daß du anders gedacht hast, als die andern, daß du das Gute gesucht, wenn man es dir nicht gestatten wollte, daß du der Wahrheit die Ehre geben wolltest, als man es nicht haben wollte oder für lüge erklärte, was dir Wahrheit schien. Aber, daß du dich hast fürchten können, das nagt dir am Leben, das macht dich so elend, wo du frei sein könntest in dir. Manchmal fehlt auch nur der Mut, wehe zu tun. Du hast Angst gehabt, Leiden zu machen. Aber das mußtest du wissen, daß du Leiden machen würdest, und nicht beben, als das Messer in deiner Hand bereits die Wunde berührte. Hätte deine Hand nicht gezuckt, so hättest du vielleicht heilen dürfen. Aber du hast gebebt und nun schreien sie, du seiest ein ungeschickter Arzt. Und da haben sie vielleicht Recht. Denn der geschickte Arzt hätte sich an ihr Schreien nicht gekehrt, sondern hätte fest weiter geschnitten, mitten in das Übel hinein. Du aber wolltest nicht wehe tun. Das hättest du vorher überlegen müssen. Entschuldige dich nicht vor dir selber, du hast dich gefürchtet, und du weißt es, und darum hast du so viel Mühe in die Höhe zu kommen, nicht wegen der Menschen, nicht wegen der Gefangenschaft, in der sie dich halten, und die dir nichts anhaben kann, bis du Seele nur frei. Was dich unfrei macht ist deine eigne Furcht. Und wovor? Besinne dich! Du hast dich vor dem Schicksal nicht gefürchtet, sondern oftmals ihm getrotzt. Du hast dich vor dem Tode nicht gefürchtet, dem du oftmals ins Angesicht gesehen. Du hast dich gefürchtet vor den schlimmen Menschenworten! Warum ließest du sie nicht vorüberbrausen wie Sturm? Der ist auch einmal vorüber, wenn er ausgetobt hat. Aber die schlimmen Worte der Menschen haben dich zittern gemacht. War es der Mühe wert Seele? Du sagst, der Stier hat keinen Verstand, aber seine Hörner zerreißen auch ein Genie, du hast vielleicht damit deinen Beruf erfüllt. Christus ist freiwillig in den Tod gegangen, weil er wohl wußte, daß, wenn er seine Lehre nicht mit seinem Blute besiegelte, sie keinen Glauben finden würde. Nur der Gedanke, für den man leidet bis zum Tode, hat Lebenskraft. Mehr brauchtest du auch nicht, als eines Gedankens Träger sein und für denselben leiden bis zur Kreuzigung. Das wird manche stutzig machen und sie fragen lassen, ob nicht dennoch ein Funke von Wahrheit in dem gewesen, was du mit deinem Blute besiegelt hast, sie wollen an deinem Verstande zweifeln, laß sie zweifeln. Du weißt, daß dein Verstand gesund ist, ist das nicht genug, Seele? 0 Mut, Seele, Mut ist eine große Sache. Dir ist das Lager verhaßt, auf welchem du die schlaflosen Nächte und all das Zittern erduldet halt. Du möchtest den Räumen entfliehen, in denen du geplagt und verfolgt worden bist, und gequält mit der Folter böser Zungen. Kindisch! Du bist doch stärker als ein Eindruck, als ein Lager und ein Raum, Seele, denn du hast weder Raum noch Lager, du schwebst in der Unendlichkeit, und hast dich völlig freiwillig, diensteifrig für eine Zeit in die Hülle des irdischen Körpers begeben, gerade weil du gesehen hast, daß es etwas für die Menschheit zu tun und zu leiden gab. Du halt dirs nicht so unmenschlich schwer gedacht, als du noch frei warst, Seele, als du vergessen hattest, wie es war auf der Erde, im irdischen Gewande verborgen zu sein, in dem keiner dich mehr erkennt als die du bist, Seele; dulde noch eine kleine Weile, du wirst dich wundern, wie herrlich du dich fühlen wirst, wenn du wieder die irdische Hülle abstreifst und lächeln kannst über die Wesen, die dich mit Nadelstichen zum fürchten brachten. Da hattest du dein himmlisches Wesen für einen Augenblick vergessen, sonst hättest du dich nicht fürchten können, sie hatten dir so lange gesagt, du seist irdisch, bis du es ihnen beinahe geglaubt hättest, obgleich du sehr wohl weißt, woher du stammst. Der Hirsch, den die Meute jagt, ist ein edles Tier, von königlichem Geblüt, und die Meute ist dennoch für den Augenblick stärker, nur weil sie zahlreich ist, und weil er sich fürchtet. Würde er sich stellen, so würde die Meute stutzen und sich ihrerseits fürchten. Aber vor dem fliehenden Hirsch fürchtet sich keiner mehr. Erst in der Todesstunde setzt er sich zur Wehr und zeigt seines Geweihes Kraft, wenn es zu spät ist. Könnte er in voller Kraft um sich stoben, sie könnten ihn nicht niederreißen. Aber er kennt seine Kraft nicht, er sieht nur das Ungewohnte, er hört das Gebell, das ihn erschreckt, und eilt von dannen in seine Einsamkeit. Aber die Einsamkeit ist nicht, wenn die Meute sie durchstöbert. Einsamkeit ist nur in der eigenen Brust, in keiner Höhle, in keinem Dorngestrüpp und wäre es auch noch so dicht. Einsamkeit ist die Kraft des Gedankens, der sich über das erbebt, wovor man beben könnte. Einsamkeit ist die Ruhe in sich, das Bewußtsein, daß man nicht aus niederem Stoffe gemacht ist, sondern aus Himmelsherrlichkeit und Himmelskräften und Himmelswahrheit. Schau, Seele, empor in deine Heimat, nach der du immer ein Sehnen hast, das du nicht erklären kannst, weil du im Leibe dieser Erde, der wirklichen Heimat nicht gedenken sollst, der du gehörst, weil sonst dein Leiden nicht groß und echt genug wäre, um Überzeugung in sich zu tragen und mit sich zu führen. Du sollst an dir selbst und an deiner Herkunft zweifeln lernen, damit du, in alles Elend eingetaucht, als Held daraus hervorgehen kannst. Das hast du gewollt, bevor du die Erde betratest. Du kalt dich stärker gefühlt als irdische Schicksale, weil sie dir in der Höhe klein erschienen und des Verschmachtens nicht wert. Und nun ist dirs dennoch zum Verschmachten, nur, weil du nicht sehen kannst, wie weit du von dem allen entfernt bist, wie hoch dein Ziel, wie rein dein Wesen. Jeder Mensch könnte ein Lohengrin sein, er darf nicht sagen, wer er ist, und wenn die Menschen ihm nicht glauben, so muß er weiter und darf sich nicht enthüllen. Jeder Mensch sollte die Wahrheit und Reinheit verteidigen, wenn er nur wüßte, wie unüberwindlich er ist in seiner Himmelskraft: Engel? Die Seelen sind Engel Gottes, Boten, und wissen es nicht! Im Nichtwissen liegt oftmals alles Unglück. Wüßtest du, was du tun sollst auf der Erde, so könntest du nicht zaudern, nicht schwach werden, so kenntest du keine Furcht, denn du wärest sicher, abgerufen zu werden, sobald das getan ist, wozu du auf die Erde gesandt bist. Du läßt dich befangen und unterjochen von dem Alltäglichen, das deinem Wesen so fremd ist, nur weil es fremd ist. Kenntest du es genau, so würdest du ob deiner Torheit lächeln und es abschütteln mit Ruhe und Gleichmut, ohne Verachtung zu zeigen, ohne unnötig zu reizen, da du weit hinaufblicken könntest, und sehen, daß man einmal das erreichen wird, wofür man dich heute in Kerker und Banden schlägt und unglücklich macht. Du wußtest ja, Seele, daß du während der Erdenlaufbahn unglücklich sein würdest. Zum Glücklichsein bist du nicht aus Himmelshöhen gekommen, sondern zum Helfen, in der Hoffnung, daß alle schneller ein besseres Dasein, ein freieres Selbstbewußtsein erreichen könnten, wenn man es ihnen nur sagte. Du hast dich nicht geirrt, alle Denker kommen zu früh, alle, die eine Wahrheit verkündigen, werden gesteinigt. Aber der Gedanke lebt und die Wahrheit bricht sich Bahn, sie hat viele Träger, nicht dich allein. Du bist nur einer von vielen, und wenn Du an der Stelle gewirkt, darin du gestellt bist, so sieh ruhig zu, was die andern tun, die vielleicht geschickter gewesen sind als du, vielleicht noch mehr haben leiden müssen, vielleicht noch dunklere Wege gewandelt sind. Licht ist dein Element, Licht dein Wesen, Licht deine Bestimmung. Vergiß es nicht, dann brauchst du keinen Mut mehr, dann bist du frei. Schönheit Daß soviel Schönheit dich umgibt, Seele, das beherzigst du nicht genug. Du sagst, du bist so leidensvoll, daß dir die Bäume nicht mehr grün sind, der Fluß nicht mehr silbern, die Blütenbäume nicht schneeig, die Harmonie der Töne ein unleidlicher Lärm. Arme Seele! Du bist krank, du bist von der Erdenkrankkeit angekränkelt, sonst würdest du dich nicht erdrücken lassen, sondern sehen, was schön ist und ewig schön bleibt. Du würdest eindringen in das Wesen des Schönen und es verstehen, besser als das Leid, das dich eben quält und das vergänglich ist, während das Schöne unvergänglich ist, weil es eben der Ewigkeit Kind ist. Das Schöne auf Erden ist nur der Glanz des höchsten Lichts, und darum wissen wir so wohl, was schön ist, darum ist allen Menschen dasselbe schön und dasselbe herrlich, je nach dem Grade ihrer Entwicklung. Jedes Kind findet der Mutter Brust schön und sein Spielzeug schön, und tut wohl daran, denn es sind die ersten Dinge, die sein inneres Leben wecken. Die schöne Mutterbrust ist der Lebensquell in mehr als einem Sinne. So ist es das Schöne überhaupt. Wir sollen uns dem Schönen in die Arme legen, es Mutter nennen, es lieb haben, uns ihm anschmiegen mit der Kraft unserer Seele. Denn das Schöne führt uns zu unserm Entstehen zurück, zu dem Lichte, aus dem wir kamen. Das Böse ist auch häßlich allenthalben. Es hat keine ebenmäßige Linie und keinen reinen Klang, und keine Zartheit, und keine mütterlichen Arme, und keinen Lebensquell, denn es trägt den Tod in seinem Schoße. Dem Manne soll das Weib schön sein, weil Leben aus ihnen kommen soll, nicht, weil sie seine Verführerin und sein Unglück sein soll, sondern sein höchstes Glück. Schumann sagt: »Das Chaos, aus dem die Welt gemacht ist!« Das Weib soll schön sein dem Manne, auf daß er sie als sein Höchstes begreife, als die Mutter, zu der er sie machen soll, mit seiner alles überwältigenden Liebe. Er soll sie so lieb haben, daß die Welt für ihn stille steht, da eine Welt aus ihr kommen soll. Zum Schaffen und Gestalten wurde die Schönheit eingesetzt. Das Kind soll der Mutter schön sein, weil sie es am Leben erhalten soll mit ihrer ganzen Kraft, mit ihrer höchsten Zärtlichkeit, mit Einsetzen von allem, was sie an Leides- und Seelenstärke in sich trägt. Dem Weibe soll der Mann schön sein, der sie zur Mutter machen soll, zu dem Höchsten auf Erden. Dem Menschen soll die Frucht schön sein, die ihn ernährt, damit er darnach greife. Das Schöne ist Leben, ist Güte, ist Herrlichkeit und Kraft. Du meinst, die Natur und ihre Herrlichkeit sagt nichts mehr zu dir? Du bist eben in Nacht und Dunkelheit gehüllt, liebe Seele, sonst wüßtest du, daß in dem Augenblicke, in welchem du das sagst, die Natur dich mit hundert Armen hält, und dir weiche Worte ins Ohr flüstert, und du sehr gut das Rauschen des Waldes und das Brausen des Meeres verstehst, daß ein weicher Lufthauch dir das Gefühl gibt, als ob du dennoch nicht im Grabe wärest. Nein, liebe Seele, so lange du auf der Erde bist, hat die Natur Gewalt über dich, du bist ihr anvertraut, sie ist deine Mutter, sie ist dein Leben und deine Kraft. Se ist nicht umsonst so schön in allen ihren Stimmungen. Du bist selbstsüchtig. Sie soll nicht lachen, wenn du weinst, sie soll sich in Nebel hüllen, wenn du verborgen sein möchtest, sie soll jauchzen, wenn dir's froh ums Herze ist, sie soll nicht winterlich aussehen, wenn die Liebe in dir grünt und jubelt. Aber sie ist, was du bist; sie hat Jahreszeiten und die sind alle schön, Nebel, und Sturm, und Regen, und Sonne, und Wind, und Frost, und Schnee, und grünes Laub, und kahle, große Stammknochen. Alles ist schön, alles hat seinen tiefen Sinn. Alles ist reich und birgt neuen Reichtum unerschöpflich. Daß du dich eben erschöpft fühlst, ist ein falsches Gefühl, du bist ebensowenig erschöpft, wie sie. Du hast ja noch Blut in dir, also Lebenssaft und Lebensquellen, ungeahnte Kraft und neues Werden. Du wirst jeden Augenblick, so gut wie die Natur,. Du wirst von Schönheit ernährt, gebändigt, erzogen, geleitet, gestärkt, du weißt es nicht. Alles ist schön, das dich umgibt, und du suchst es häßlich zu machen, um schimpfen zu dürfen. Aber darf ein Mensch seine Mutter beschimpfen? Du kamst aus den Flanken der Natur, aus des Schönen Widerschein und Schöpferkraft. Und war es auch nur ein Augenblick, in welchem das Gefühl des Schönen dich berührte, so war der Augenblick Leben und Werden. Darum bringe deinen Mitmenschen so viel Schönes nahe, als es in deiner Macht steht, so hast du ein gutes Werk getan, mehr als mit Speise und Trank, mehr als mit Kleidung und Behausung, und dies alles scheint so überaus notwendig. Aber siehe, eine schöne Kirche tröstet viele, denen man weder Kleidung noch Behausung hat geben können. Dort ist ihr Heim und ihre Erquickung, wenn sie das Leben im eigenen Hause nicht mehr ertragen können. Andern ist eine Bildergalerie Erquickung, noch andern, und den Meisten, Licht, Ton, Farbe, das alles haben wir, um uns und andere zu erfreuen, und gebrauchen es nicht! Aber, liebe Seele, du hast ja deinen Erdenberuf verfehlt, wenn du das Schöne nicht angebetet hast, als von Gott gesandt, als ebensoviele Engel, welche dich erfreut haben. Die Sonnenanbeter waren schon auf einer viel höheren Stufe von Bildung, sie verehrten das Licht, folglich ahnten sie die Wahrheit und die Schönheit. Denn wo wäre dies alles ohne die Sonne, von der wir alles Leben haben. Sie verehrten unsere Mutter in der Sonne, denn die Erde wäre eine Wüste ohne sie. Warum, liebe Seele, willst du nicht eine kleine Sonne sein, alles hell machen um dich der, alles schöner machen durch den Glanz und die Güte Heines Blickes, durch den Wohllaut deiner Stimme, durch die Schönheit deiner Sprache, durch das Ebenmaß deiner Bewegungen und die Harmonie deiner Kleidung? So roh war ja kein Volk, daß es nicht versucht hätte, mit Muscheln und Steinen und Schnitzen und Färben, das Schöne nach dem Maße seines Könnens darzustellen. Und je höher es stieg, je schöner wurde alles, was es berührte, je edler alle Formen, auch die des Umgangs, je herrlicher seine Begriffe von Linie und Farbe und Klang. Man sieht ja, daß gebildete Menschen sich ein viel schöneres Organ angewöhnen, als solche, die noch nie schön sprechen hörten. Nun, daß schönes Sprechen eine ganz außerordentliche Gewalt auf die Menschen ausübt, das hat man im einzelnen und in den Massen hundertmal gesehen. Beredsamkeit ist die Schönheit in Worten, im Tonfall: immer Schönheit, und Schönheit ist die gewaltige Siegerin über alles. Darum verfehlen diejenigen ihren irdischen Beruf, welche die Schönheit für ein Übel erklären, anstatt zu begreifen, daß die Menschen in ihrer Torheit selbst das Schöne mißbrauchen können, statt Musik erfanden sie Drehorgeln, statt des reizvollen Ganzes auf grünem Rasen unanständige Luftsprünge im engen Raume, statt lieblicher Kleidung lächerlichen Aufputz, statt Bildern und Statuen Fratzen, statt Mütter Dirnen, statt des hehren Wortes Flüche und Zoten. Das verändert aber die Ewigkeit und Heiligkeit des Schönen nicht. Man kann in einer Kirche Vieh unterbringen und Soldaten hausen lassen und Pestkranke pflegen, dann wäscht man die Kirche rein und sie ist so heilig wie zuvor, und bietet dieselbe andachtsvolle Stimmung, weil sie schön ist. Ein Mensch, der sich immer mit Schönem beschäftigt, wird sicherlich schöne und ebenmäßige Bewegungen annehmen, nicht häßlich sprechen, und, hätte er auch gar kein schönes Gesicht, doch anziehend aussehen. Das Schöne ist nicht Luxus, nicht Prunk, nicht Reichtum. Das Schöne kann ein kleiner brauner oder grüner irdener Topf sein mit einigen Feldblumen, ein reizendes Kindergesicht im Grase liegend, ein junges Tier, das voller Freude in die Luft springt, Schönheit ist überall. Wir können uns ihr gar nicht verschließen, so groß ist ihr Zauber, so unendlich groß. Das Mädchen, das mit bloßen Füßen und aufgeschürztem Rock am Brunnen steht, und den Krug auf dem blühenden haarumwogten Kopf bebt, ist schön wie eine junge Göttin und weiß es manchmal nicht. Die Mutter, die ihr Kind nährt, hat zu den schönsten Madonnen Modell gestanden. Der Mann, der den Hammer schwingt vor dem Feuer seiner Esse, der sein Feld besät mit dem weiten Schritt und der weiten Handbewegung, der Mäher, der Hirte, sind schön. Die geschickte Hand, die etwas gut zu machen versteht, bewegt sich schön. Sogar die Hand des Operateurs, von Blut überströmt, in der Wunde wühlend, kann schön sein in ihrer großen Geschicklichkeit und Sicherheit. Blut ist schön. Es ist rubinenrot wie der feuerrote Wein, wie der herrlichste Edelstein. Und diese Dinge haben alle Menschen, arm und reich, hoch und gering. Alle haben eine Mutter gehabt, alle dürfen arbeiten und Kinder haben, alle können Blumen pflücken und Blumen ziehen, alle können dem Sämann zusehen, alle dürfen Vogelgesang hören und sich daran erquicken. Alle können blühende Bäume ansehen und die Früchte haben, von denen ihnen das Herz lacht und der Mund kühl wird. Luxus ist oftmals das Gegenteil von Schönheit, weil ihm das Ebenmaß fehlt, das die Natur immer hat. Man versenke sich nur in den Anblick einer einzigen Blüte eines einzigen Baumblattes, bis man sein Blut kreisen sieht, und seine feinen Adern kennt, und sein wunderbares Farbenspiel, und seine herrliche Textur, und die Sorgfalt studiert hat, mit der jedes Blatt und jede Blüte einzeln bereitet ist, als wäre sie allein auf der Welt und ihre Staubfäden von allerhöchster Wichtigkeit. Über einen Schmetterling kann man außer sich kommen vor Entzücken, wenn man ihn gründlich betrachtet. Aber der Mensch muß ihn gleich aufspießen und sein Flattern von Blüte zu Blüte verderben, das ihn noch viel schöner macht, da seine Farbe sich zur Blumenfarbe gesellt und sie sich gegenseitig verschönen. Die Blattwanzen tragen Schilde mit Grüngold und Saftgrün, wundervoll gezeichnet, oder ein schwarzes Malteserkreuz auf rotem Grunde, oder kabbalistische Zeichen und deutliche Buchstaben. Und die Leuchtkäfer und Glühwürmchen mit ihrem strahlenden Licht! Von den Bienen und Ameisen und ihren Wunderbauten und ihrer politischen Organisation nicht zu reden. Das anerkannt Schöne ist nicht des Erwähnens wert, Pferde, die Katzen, die so verkannt und so edel sind, nicht nur schön; aber sogar das allerhäßlichste Tier, die Kröte, ist mit dem wunderbaren Glockenton begabt, der die Sommernächte durchklingt, wenn die Vögel schweigen. Alles um uns her ist Entzücken, nur unsere Augen sind manchmal gehalten, und unser Interesse nicht geweckt, oder die Dinge, welche uns störend sind, machen uns unempfänglich für die Schönheit, die sie bergen. Der Mensch hat zu sehr die Einbildung, daß die Natur sein Werkzeug ist, und von ihm mißbraucht werden darf, und nicht genug Andacht vor Gottes Schöpfung, an der er gar keinen Theil bat. Es ist sogar fraglich, ob er sich soviel Herrschaft anmaßen darf, da er nicht imstande ist, ein Gotteskäferchen wiederherzustellen, das er aus Unbedacht zertreten hat, oder alle die prachtvollen Reiher, Ottern und andere herrliche Tiere, die er durch seine Geldgier und Putzsucht beinahe vom Erdboden vertilgt hat. Alle die unschuldigen Geschöpfe, die oft so aufopfernd und gut sind, hat der Mensch umgebracht, durfte er das wohl? Wer gab ihm dazu das Recht? Wenn die Menschen die Sprache der verstehen könnten, so würden sie nicht mehr imstande sein, ihnen ein Leid anzutun. Sie kämen sich vor, wie Kannibalen. Nur weil sie sie nicht verstehen, sind sie so barbarisch und vertilgen die unschuldigen Geschöpfe. Nun kommt noch der Gaumen hinzu, dem man alles zuführen will, was ihn reizen kann, anstatt aller Speisen köstlichste: das Brot zu genießen. Das Brot ist schön in jeder seiner Verwandlungen, vom ersten wogenden Feld, das unter dem Schnee hervorprangt, bis zum reifen goldenen Kornfeld, das im Sommerwinde leise wogt, zu den Garben in ihrer Pracht, und in der Mühle als reifes, blütenweißes Mehl, und dann in den glänzenden Leiben Brotes, immer schön und immer köstlich. Wir sprechen vom täglichen Brote viel öfter mit Bitterkeit, weil es ungenügend ist, als mit Dankbarkeit, es überhaupt zu besitzen. Das wunderschöne, duftende, herrliche Brot! Wie gut könnten wir von Brot, Milch und Früchten leben, und brauchten die sogenannten Tafelfreuden gar nicht, die so vielen Wesen das Leben kosten. So viel Wohlgeruch umgibt uns mit seiner zarten Schönheit, daß wir es gar nicht ermessen, nicht die Düfte nennen können, so zahlreich sind sie. Das ist eine subtile Art von Schönheit, die an einen andern unserer Sinne sich wendet. für jeden ist Schönheit erreichbar um uns der. Die Sonne scheint allen, die Mondnacht ist für alle da, und wenn die Menschen sich nicht in Städte zusammenpferchten, so hätten sie viel innigeres Verständnis für die Wunder der Natur, denn sie wären ein Teil derselben geblieben, sie wären viel glücklicher und zufriedener. Sie wären wie der Hirte auf dem Gipfel der Karpathen. dem jemand vom König sprach und der fragte: »Was ist denn das?« Aber auch da noch, wo die Menschen sich abmühen, in den Eisenhütten und unter der Erde, geht ihnen das Schöne nach: die rauchenden Essen, die ungeheuren Feuer, neben welchen sie ihre Kraft zeigen, indem sie die Massen Feuers und glühenden Eisens bändigen, wie schön ist das! Und in den Krystallen der Salinen, ist das nicht schön? Die geschwärzten Gesichter sind nicht häßlich, sie treten in ihrem Umrisse scharf hervor und verleihen den Ausdruck von Kraft und Wildheit wie einer Urgewalt da, wo sie sonst nicht vielsagend scheinen würden. Schönes ist überall, wenn Nur Augen da sind, um es zu lehen. Aber die Menschen schließen die Augen und wollen lieber klagen, anstatt des Schönen teilhaftig zu werden. Und meistens sind es ihre eigenen ungezügelten Leidenschaften, die verderben, was ihnen Herrliches geschenkt war. Anstatt dem Vogelgesang zu lauschen, töten sie die Vögel, und setzen sich ins Wirtshaus, um im Wein ihr Elend zu vergessen. Sie wären nicht so elend ohne Wirtshaus, bei den Vögeln, ihrem reizenden Gesang und unbeschreiblich schönem Gefieder. Das Wort ist wohl nicht das weniger Schöne in der Welt, sondern eine große Macht und Herrlichkeit. Das Wort ist himmelgeboren, und wird schon in der Bibel als Schöpferkraft und ewiges Werden bezeichnet, als der Träger des Gedankens, und als dasjenige, was uns der Gottheit nahe bringt, und uns teilhaftig macht an dem ewigen Leben. Ohne das Wort wüßten wir nicht, daß wir Seelen sind, und daß unser Heim nicht auf der Erde ist. Das Wort ist unser Himmelsbote, zu jeder Zeit, aber auch dieses Göttergeschenk verstehen wir zu mißbrauchen. Das Wort sollte unser Trost und Balsam sein, das Wort unsrer Liebe Träger, das Wort ein Sonnenstrahl, ein milder Tau, ein lebender Regen, eine fruchtbringende Saat, das Wort sollte Brot des Lebens sein. Gesang der Vögel in viel höherer Form, das Wort sollte unsere Stirnen mit Glanz und Licht krönen, das Wort, das alles nennt, das uns umgibt. An Schönheit so reich, daß es noch nie erschöpft worden ist, an Macht so groß, daß die Menschen seine Macht noch nie ausprobiert haben, an Güte so tief, daß die Menschen es mit Andacht handhaben sollten, anstatt ihre gemeinen Neigungen damit auszudrücken. Das Wort ward uns geschenkt, um uns von der Tierwelt zu unterscheiden, zu der wir sonst in jeder Weise und mit allem gehören. Das Wort allein erhebt uns über sie, das Wort allein hat uns zum Herrn der Natur gemacht, das Wort ist Geist, das Wort ist unser Verband mit dem sogenannten Überirdischen, da es des Gedankens Träger ist, des Gedankens, der mit der uns umgebenden Welt nichts mehr gemein hat, sondern nach anderen Regionen strebt. Des Wortes erhabene Schönheit steht jedem zu Gebote, und man findet oft, daß es von den einfachsten Seelen am allerschönsten gehandhabt wird, daß sie Bilder finden, welche denen verloren gegangen sind, die nur nach Geld und Erwerb gehen. Das Wort ist Dichtung an und für sich, denn es enthält in seinem Ausdruck, in seinem Klang allen Wohllaut und allen Glanz, man braucht es nur an die richtige stelle zu letzen, zu dem richtigen Bilde zu gebrauchen, und das Gedicht ist da. Die Heiligkeit und Erhabenheit des Wortes kann einem über viel Ungemach hinweghelfen. Das haben die Leute gefunden, die Predigten erfanden, um über des Lebens Schwere leichter hinwegzukommen, aber auch hier wird es oftmals ungeschickt gehandhabt, und könnte Wunder wirken. Die größte Predigt der Welt, die Bergpredigt, hat Wunder gewirkt, und wirkt sie noch täglich. Das Wort behält seine Macht nach Tausenden von Jahren. Von großen Völkern bleibt nichts übrig als ihr Wort, wenn sogar ihre Steine zertrümmert sind. Das Wort überdauert alles, wie ein ewig grünender Baum. Das ist der Schönheit Krone und wiederum allen erreichbar. Das Wort ist unsere Kirche, in die wir uns flüchten können. Im Anfang war das Wort, und am Ende aller Dinge bleibt das Wort allein übrig. Ruhe Mit tiefer Beschämung siehst du, Seele, daß du zur Ruhe noch nicht gelangt bist, zu der großen, weiten Ruhe, die du seit deiner Kindheit ahnst, von der du das Fittigstreifen oft empfunden hast, und die immer wieder an dir vorüber gebt, als wärest du ihrer immer noch nicht wert. Siehst du, Seele, die Ruhe kommt nicht von selbst in dich hinein, weil du ein höheres Alter erreichst, oder bittere Erfahrungen gemacht hast, oder gleichgültig geworden bist gegen der Menschen Urteile, und Lob und Tadel dich vollkommen kalt lassen. Dieses alles ist noch nicht die Ruhe. Es ist ein Teil des Weges zu ihr hin. Die Ruhe ist so groß, so hehr, so erhaben über alles, daß der Weg zu ihr steil und hart sein muß. Denn sie ist der Vorgeschmack des Himmels, wenn nicht der Himmel selbst. Warum wir den Himmel nicht in der Brust tragen und nicht behalten können, wie Fiesole und seine Engel, das wissen wir nicht. Wir wissen nicht, woher wir stammen, und was wir ertragen müssen, noch wofür. Aber, daß wir zur Ruhe wollen, das wissen wir alle. Warum wollen wir denn zu ihr? Warum erscheint sie uns als das köstlichste Gut, das uns die Arbeit doch nicht widerstrebt, sondern im Gegenteil unser Trost gewesen ist in vielen Nöten. Aber die Ruhe ist doch noch viel mehr als die Arbeit. Warum? Wir haben eine Ahnung davon, daß Schauen mehr ist als Tun, Denken mehr als Leisten, Empfinden mehr als Dienen, Anbeten mehr als Schaffen. Und wir leisten, dienen, schaffen doch gern, und unsere Hände liegen nicht leicht müßig im Schoße. Aber uns winkt dennoch der Gedanke, die Einkehr in unser innerstes Heiligtum als das Höchste und Erhabenste, wonach wir streben können. Warum? Und warum sind wir so tief beschämt, wenn irgend ein äußerer Umstand sich diesem hehren Ziele widersetzt in uns, und uns aufhält, oder gar uns wiederum mehrere Klafter zurücksinken läßt auf dem bereits durchlaufenen Wege. Und dann überfällt dich das Schamgefühl, daß du noch so klein bist, wo du schon gemeint hattest, Flügel ausbreiten zu können. Falte sie. und bescheide dich, und klimm wieder. Denn die Ruhe ist erreichbar, und wärest du noch so stürmisch gebaut, einmal ist sie da, einmal kann dich nichts mehr von ihr trennen, und dann darfst du sie andern schenken, ohne sie zu verlieren, im Gegenteil, je mehr du von ihr verschenkst, um so reicher wirst du selbst. Alles Seelenschenken macht den Geber reicher und manchmal weit über das hinaus, was er hergegeben hat. Auch die Scham darf dich nicht überwältigen, denn sie ist eine neue Unruhe und Herzensangst, und Qual, sie muß rasch überwunden werden, du mußt auch das Schamgefühl beherrschen und über demselben stehen, und es hinuntersenden, dorthin, wo du hergekommen bist, und wo du nicht mehr hingehörst. Es ist eben so traurig, daß wenn du gemeint hast, einen großen Schritt getan zu haben in die Ruhe hinein, du dich desto leichter herausstören läßt, und wieder zurückrufen in des Lebens Kampf und Unrast hinein. Sieh, Seele, du mußt nicht dem Leben so großen Wert beilegen, hier liegt der Fehler. Es ist alles viel unwichtiger, als du denkst, alles viel kindischer als du wähnst. Das lieben ist eine große Kinderei, und die Erde eine schmerzvolle Erziehungsanstalt, ein Waisenhaus, eine Besserungsschule, und da geht's oft hart der, und unerbittlich, aber das Ende ist eben, daß du dich aus der Schule frei machst, Seele, und selbst wanderst, ungeführt, ungescholten, ungestraft, dem Lichte entgegen, der Ruhe in die Arme. Diogenes hat gemeint, sie gefunden zu haben in der Bedürfnislosigkeit. Er aber irrte, insofern er keinem Menschen Gutes erwies, sondern alle verachtete. Dazu bist du selbst zu schwach, Seele, verachten darfst du selbst nicht deinen bittersten Feind, denn du weißt manchmal nicht, was ihn dir zum Feinde gemacht hat, oftmals ein ganz geringes Mißverständnis, eine unbedeutende Kleinigkeit. Auf der Erde sind der unbedeutenden Kleinigkeiten soviel, denen wir zu großen Wert beilegen, und uns viel zu sehr darum kümmern. Die Kleinigkeiten hindern uns oft am allermeisten auf unserm Wege. Der Tag bringt deren so viele, und das Leben ist so lang für den, der viel erlebt, für welchen jede Stunde ein reiches Erleben oder eine Pein enthält. Das Leben ist nur kurz, wenn es einförmig ist, wenn ein Tag dem andern so sehr gleicht, daß man die Rechnung verliert. Das hat uns dem Begriffe der Ewigkeit nahe gebracht. Wir haben verstehen lernen, daß immerwährendes Schauen zeitlos ist, und daß unsre Erdenmaße, die nur durch den Wechsel der Jahreszeiten bedingt sind, nicht zählen in den großen Maßen der Ewigkeit. Die Ruhe ist ewig und unbeweglich und vollkommen. Darum erreichen wir sie so schwer, wir, die lauter Bewegung, Rastlosigkeit und Unvollkommenheit sind. Die Kirchenglocken sagen: Ruhe! Den Sonntag haben wir eingesetzt, um ein Ruhegefühl zu haben, das oft schlecht genug gebraucht wird, und von einem Ruhetage wenig an sich trägt. Ruhe wäre eben Denken für den Menschen, da ihm der Gedanke geschenkt ist als höchste Kraft. Diese Kraft verausgabt er immerfort, und da wäre der Ruhetag dazu da, um diese Kraft zu erneuern, und sich zu fragen, wie nahe sie uns der Ruhe gebracht hat. Aber da soll es Vergnügen heißen, und ach, was wir Vergnügen nennen, ist der Ruhe so fern, wie ein Pol dem andern. Die Inder wußten, daß es die höchste Kraft ist, zu denken und sich in Schauen zu versenken. Die Inder suchten der Ruhe nahe zu kommen, aber sie erreichten sie nur durch einsames Abtöten des Leibes. Dazu ist der Leib aber nicht gegeben, um ihn zu töten, so lange er uns noch dienen kann. Die Ruhe trotz des Leibes und in demselben und in der Welt und von ihr umringt zu erlangen, ist weit mehr als das indische Sichzurückziehen. Es gibt Menschen, die es von selbst haben, aber die sind zuweilen so selbstsüchtig wie Diogenes, und tun den Mitmenschen nicht wohl mit ihrer Ruhe, die wie Gleichgültigkeit erscheint und niemanden erquickt. Die errungene Ruhe ist weitaus höher und besser, da sie das Ergebnis eines Gebens voll Qual ist, und einer fortwährenden Selbstdisziplin. Wie viel Reue und Herzeleid, wieviel Fallen und Wiederaufstehen bedeutet sie, wieviel Aufgeben seiner Herzenswünsche, wieviel Entsagen, da wo einmal Hoffnung stand. Um zur Ruhe zu gelangen, muß eine vollkommene Wunsch- und Hoffnungslosigkeit im irdischen Sinne eingekehrt sein. Das scheint dir traurig, Seele, wie ein Abschied von allem, was dem Leben Reiz und Wert verlieh, aber dem ist nicht so, die Wunsch- und Hoffnungslosigkeit ist nur eine höhere Stufe des Daseins, ein Verstehen der Führungen, denen man unterworfen gewesen ist. Was die Menschen dabei getan haben, muß man lernen zu verzeihen. Wer nicht verzeihen kann, der ist der Ruhe noch ganz fern. Und Verzeihen ist schwer. Denn oftmals fühlt man, daß etwas in uns zerstört worden ist, wohl nicht mutwillig, nicht einmal aus Haß oder Neid oder Feindschaft, aber in bester Absicht und hellem Unverstand, und da ist am allerschwersten zu verzeihen, weil es hoffnungslos ist. Nichts kann das wieder aufrichten, was niedergestürzt ist, nur deine eigne stete Kraft, Seele, das Bewußtsein, daß du allein deinem eigensten Ziele entgegengehen mußt, ungeführt, ungehindert, daß keiner zerstören kann, was lebensstark in dir ist. Du meinst es nur, weil du Mühe hast, das Gefallene wieder aufzurichten und ihm das Leben wiederzugeben, das man hat vernichten wollen. Aber Seele, du bist doch stärker als äußere Umstände, stärker als die wohlmeinenden Peiniger, stärker als das Unverständige um dich her. Gib doch den Versuch auf, verstanden zu werden. Du bist dazu viel zu eigentümlich und dir allein angehörend, du kannst nicht im Geleise gehen? Um so besser für dich, so geh nicht im Geleise, sondern deinen eigenen Dornenpfad, oder pfadlos, wie es eben kommt. Die andern können keinen Weg für dich bahnen, wie sehr sie es auch versuchen, du mußt dahingehen wie der Schauende, der sich nicht viel um das Dornengestrüpp kümmert, das seine Füße verwundet, und seine Stacheln bis ins Herz hinein versenkt. Du sollst nach den Strahlen greifen, die du siehst, und die oftmals deine Umgebung garnicht wahrnimmt, du sollst selbst die Helle sehen, nicht die andern, du sollst ihnen zeigen, daß dein Weg klar ist, auch wenn sie es zuerst nicht glauben wollen. Dann wird deine Ruhe vieler Ruhe werden, und da wir einer für den andern auf der Erde sind, so ist es höchst wichtig, daß wir ihnen unser Ruhegefühl mitteilen, und sie mitnehmen, dahin, wo es keine Unrast mehr gibt. Warum denn nicht einen Himmelseingang aus der Erde machen? Dazu ist jeder da, um den andern diesen Himmelseingang zu bauen. Die Philosophen haben sich vergebens besonnen, wozu wir hier sind und was wir eigentlich hier machen. Wenn wir aber den andern den Himmel auf die Erde niederziehen, so brauchen wir nicht zu fragen, was wir tun und was unser Zweck ist, die Frage wird uns garnicht mehr kommen. Wir wollen nur Ruhe und den andern helfen, dahin zu gelangen. Ist es nicht eigentlich genug? Ob wir vom Affen abstammen oder vom Engel, ob unser Gehirn gröber oder geringer ist als das der Ameise, ob das Ich die Hauptsache ist. ob der Geist, oder der Stoff, das sind müßige Fragen, dem gegenüber, daß wir die Ruhe erreichen. Der Tod ist nicht so gewiß die Ruhe, als es scheint, da wir nicht willen, was hinter dieser Pforte steht und uns immer fragen, ob die scheinbare Ruhe Wahrheit oder Täuschung ist. Denn Schweigen ist noch lange nicht Ruhe, Und was schweigt im Tode? Die Lippen, weiter nichts, das Auge, weiter nichts. Aber das, was Lippen und Augen bewegt hat, schweigt das auch? oder durchwandert es neue Angst und neue Unruhe, und neue Bahnen, die wir zuweilen ahnen, aber niemals Schauen dürfen. Die Ruhe muß vorher erreicht sein, ehe die Lippen sich schließen und keinem mehr verraten dürfen, was die Seele erlebt. Ruhe war von jeher der Menschen sehnlichstes Begehr und sie haben auf jede Weise versucht, dieselbe zu erreichen, die einen wollten reich sein, um ruhen zu können, die andern arm, um bedürfnislos zu werden, die andern ließen sich pensionieren und meinten, wenn sie nur aus der Tretmühle des täglichen Berufs heraus wären, so hätten sie die Ruhe von selbst. Die Arbeiter jeder Klasse fanden den Sonntag gut zum Ruhen, und sie taten recht daran, da sie neue Kräfte sammelten. Dieses alles aber ist nicht die Ruhe, welche eine Errungenschaft eignen Kampfes und eigner Kraft ist. Denn die wirkliche Ruhe ist unabhängig von äußeren Umständen und von allen Schwierigkeiten und Anstrengungen im Dienste der andern. Die Ruhe ist das Überallemstehen der eignen freien klaren Seele. Und die die Seele leugnen, verlangen ebenso eifrig nach Ruhe wie die andern, die den Körper für nichts achten. Die Gedanken der Menschen sind verschieden, ihr Sehnen ist eins, das ändert sich nicht und in keiner Lebenslage. Was die Krankheit aus dir machen soll, Seele, das fragst du dich. Du bekämpfst sie, als wäre sie deine ärgste Feindin, und weißt nicht, daß sie oftmals eine Freundin ist, die dir den Weg zur Ruhe zeigen will. Die Krankheit ist wohl eine der schwersten Prüfungen auf dieser Erde, wenn wir sie aber richtig benutzen, so ist sie ein wunderbarer Weg. Manchmal kommt sie als Erlösung aus unerträglicher Lage, als Befreierin von großer Not, da sie einen Stillstand bringt am Rande des Abgrundes und einen Ruhepunkt inmitten großer Anfeindung und Gefahr. Manchmal kommt sie, weil die Seele sich nicht vom Körper lösen wollte, sondern zu sehr in ihrer zeitweiligen Wohnung gefangen war, da mußte die Krankheit kommen, die Wohnung so vernichten, daß die Seele sie verließ und einen andern Weg einschlug, um Ruhe zu finden. Hier liegt das Mittel des Inder, das Freiwerden vom Körper ganz nahe. Denn die gezwungene Untätigkeit gibt den Gedanken freie Bahn, und die langen Stunden, die man wach auf dem Lager liegt, bringen die Seele in wunderbare Schwingungen, erheben sie in unbekannte Gegenden und lassen sie mit sich selbst allein. Es gibt Leben, in welchen diese Selbsteinkehr durch die Verhältnisse unmöglich gemacht wird, da kommt die Krankheit und ruht aus und gibt der Seele die Speise, die ihr gänzlich versagt war. Da bedarf es keiner Bücher und keiner fremden Gedanken. Da lernt die Seele Dinge verstehen, die ihr keine Bücher lehren können. Man kann so hoch über den Schmerzen des Leibes stehen, daß die Schmerzen nur eine Anregung werden zur Freiheit der Seele, daß, je stärker der Geist, je unvermögender die Glieder, desto reiner der Ruhe Empfindung. Krankheit ist nicht so schlimm, als wir es oftmals wähnen. Wir wollen nur nicht immer lernen, was sie uns lehren will. Wir wehren uns gegen ihre Qual und wollen die Hitze der Esse nicht tragen. Sobald wir uns aber der Schule hingeben ohne Gegenwehr, bemerken wir, daß wir steigen können und daß unsichtbare Flügel wachsen. Wir merken es bald an der Umgebung, die gern an unser Lager tritt und oftmals Erbauung und Ruhe empfindet, anstatt vom Mitleid verletzt zu werden. Auch Mitleid zu erwecken ist gut, da es den Mitmenschen nötig ist, durch Mitleid zu wachsen, und durch Mitleid von Selbstsucht befreit zu werden. Auch hierin ist der Kranke seinen Mitmenschen nützlich, ohne es zu wissen und zu wollen. Wenn er freilich ungeduldig ihnen ihre Aufgabe erschwert, dann hat er die Krankheit und ihre Lehre nicht verstanden, dann geht sie spurlos an der Seele vorüber und hat sie nicht höher gehoben und nicht gestärkt und nicht gereinigt von Erdenschlacken. In den langen Stunden der Nacht ist es oft, als wäre ein Gespräch in uns mit uns selbst oder mit andern, Unsichtbaren, ein Hin und Her der Fragen und des Wissens, das uns weit fortführt in unbekannte Regionen. Zuerst wehrt man sich verzweifelt gegen Schmerzen und Schlaflosigkeit, bald aber lernt man und lauscht man den Lehren, welche die Nacht uns zuflüstern will in ihren heimlichen Worten, wenn alles schläft. Sie flüstert von der Ruhe, nicht nur der Ruhe im Tode, sondern von der erhabenen Ruhe der Seele, die über dem Körper steht, mit ihrer Kraft und Einsicht. Sie flüstert von den vielen, die früher gelitten haben, und die so geduldig den andern Menschen viel gelehrt und viel geholfen haben, während sie meinten, sie seien hülfreich. Die Kranken, welche qualvolle, lange Nächte geduldig und mit sich selbst allein zuzubringen den Mut haben, die erringen etwas, das ihnen keine andere Arbeit an sich selbst gebracht hätte. Nicht klagen, nicht weinen, sondern dem Schmerze sagen: »Ich bin stärker als du, denn ich trage die Ruhe in mir!« Seelenschmerz kann auch zur Ruhe hinanführen. Aber schwerer. Denn im Seelenschmerz bleibt so oft die Frage: Warum? Und die verscheucht die Ruhe. Könnten wir das nicht fragen, sondern geduldig sein und denken, daß wir ein Teil vom Ganzen sind und daß unser Schmerz vielleicht für andere Glück ist, oder aus einer Verkettung von Verhängnissen kommt, deren furchtbare eiserne Gerechtigkeit bewunderungswürdig ist, so würden wir geduldiger bleiben und sogar im Seelenschmerz zur Ruhe hindurchdringen. Seele, sei geduldig, geh deinen Weg zur Ruhe, das ist dein einziger Weg, alle andern sind Scheidewege und führen zu nichts. Die Ruhe ist dein Ziel, die Ruhe dein Himmel, wenigstens der Himmel, den du für den Augenblick begreifen kannst. Die Ruhe ist, was dich göttlich unnahbar, erhaben, und dennoch so gütig und friedlich und nachsichtig macht. Die Ruhe ist eine unerschütterliche Kraft. Geh der Ruhe entgegen, liebe Seele, und zaudere nicht und frage nicht. Geh zur Ruh! Reinheit Du wußtest nicht, als du das Erdenleben auf dich nahmst, Seele, wie dunkel es sein würde. Oder mußtest du es wohl? Hast du das schwere Leben erwählt, um den Brüdern zu dienen, oder, um rascher emporzuklimmen durch all das schwere dindurch? Denk, du habest selbst dein Los erwählt, dann trägst du es leichter. Dann drückt es nicht so sehr, und du hast den Eindruck, als würdest du größer, reifer, reiner durch alles, was du erduldet. Du hattest gemeint, die Reinheit sei dein Heil, da du nicht vergessen könnest, Seele, daß du eine Himmelgeborene, aber siehe, die Erde hat dich in ihrer Gewalt, und du durftest nicht reiner bleiben als die andern, die alle von Körpernot und Körperschwäche niedergezogen werden. Du wußtest doch, was Reinheit ist, oder wußtest du auch das nicht mehr? Mußtest du es begreifen lernen dadurch, daß du sie verloren? Oder waren deine Begriffe von der Reinheit überhaupt falsch? Zur Reinheit gehört Heldenkraft, das haben alle Zeiten verstanden, die sieghafte Engel gegen Drachen streiten ließen, und Helden von der Tafelrunde ihrer Reinheit halber unbesiegbar machten. Also haben alle Zeiten gewußt, daß Reinheit eine Kraft und eine Hoheit verleiht. Übrigens fühlen alle den Zauber der Unschuld in den jungen Kindern. Alle beugen sich vor dem zarten Wesen, das gut und böse noch nicht unterscheiden kann. Was ist denn Reinheit? Das ist wohl schwer zu beantworten, denn Reinheit kann ohne Unschuld bestehen, nicht aber Unschuld ohne Reinheit. Reinheit kann nicht erworben werden, sie ist wie ein Instinkt, etwas Angebornes, nicht zu Entäußerndes, oder doch zu Entäußerndes? Könnte sie erhalten bleiben, oder muß sie im Lebenskampfe immer untergehen? Worin besteht sie? Sie besteht nicht im Nichtwissen, aber vielleicht im Nichtwissen-Wollen? Sie besteht nicht in der Dunkelheit, da sie Licht ist. Auf der Erde sind aber so viele Dinge, welche der Reinheit widerstreben, und die sie gar nicht wissen noch berühren Reinheit erscheint manchem kindlich und ist es noch nicht einmal so sehr. Denn sie ist alles überwältigend, da, wo sie auftritt. Es ist wahr, daß sie siegt, daß man sie nicht erdrücken kann, daß sie stärker ist als das Böse, das sie berühren will, um sie niederzuziehen zu sich. Denn es ist sonderbar, wie die Unreinen nicht vertragen können, daß einige rein bleiben und dadurch über sie erhaben, anstatt anzubeten und niederzuknien und zu bitten, auch zu der Höhe empor steigen zu dürfen. Wir sehen oftmals junge Menschen sterben, die zu rein sind, um vom Erdenschmutz berührt werden zu dürfen. Wir haben selbst das Gefühl, daß sie bewahrt worden sind, indem man sie hinweggenommen hat von allem, was ihnen ihre eigne Seele verdunkelt hätte. Diese waren der Erde nur geblieben, damit die Erde daran erinnert werden würde, wie rein sie sein sollte und könnte, wie das Paradies noch immer vorhanden ist und erreichbar bleibt, wenigstens für unsern Blick, wenn wir es auch nicht mehr betreten dürfen. Aber diese Wesen tragen das Paradies in sich, sie wissen es gar nicht einmal, sie ahnen nicht, daß sie Licht sind, und schön und erhaben. Manchmal werden sie vom Neid der andern verfolgt und können nicht begreifen, warum man ihnen so wehe tut. Die Bösen wollen sie nicht anerkennen, nickt dulden. Die Bösen? Wer sind die Bösen? Das sind die Unglücklichen, die vielleicht seit Aeonen zum Bösesein verurteilt sind, zur Strafe für irgend eine Tat der Vergangenheit, und die Böses tun müssen auf der Erde, auf der sie die Rolle der Teufel oder des Teufels spielen sollen, um das Gutsein der andern zu erschweren und verdienstvoller zu machen, was sonst gar kein Verdienst wäre, sie sollen in Versuchung führen, sie müssen weinend das Unrecht tun, das sie nicht bereut hatten und darum verurteilt sind, es wieder zu tun, oder noch Schlimmeres zu tun, und diese armen Seelen stehen da und zittern vor den Reinen, als wären das ihre Richter gewesen. Wer weiß, ob sie es nicht waren, und ob die also Verurteilten nicht empfinden, was wahr ist. Oder verurteilen wir uns selbst im sogenannten Jenseits. Müssen wir selbst unsere vergangenen Existenzen sehen und uns selbst zuerkennen, wohin wir gehören, nicht als Strafe, sondern als einfache Folge? In wie weit sind wir verantwortlich? Diese ewige große Frage wird immer und immer wieder erscheinen und von so vielen abgelehnt, weil sie lieber nicht verantwortlich wären. Sie sagen, sie haben weder ihre Eltern, noch die Lebensstunde gewählt, in welcher sie auf der Erde erschienen sind. Wer sagt denn das? Wer sagt, ob wir nicht unsere Eltern wählen, und ob die sogenannte Liebe nicht einfaches Drängen der Seele ist, die ihre künftigen Eltern zusammenführt, um die Erde betreten zu können? Warum es so eingerichtet ist, daß zwei Wesen notwendig sind, um ein drittes zu zeugen, das ist uns ebenfalls dunkel, denn wir kennen keine andere Entstehungsart, wenn wir sie uns auch sehr wohl denken könnten. Darum sind wir so vielverlangend von unsern Eltern und so selbstsüchtig ihnen gegenüber, weil wir von ihnen die ganze Kraft fordern, mit der wir ausgestattet sein wollten, um den neuen Kampf mit einem neuen Dasein zu bestehen. Wir kommen doch wohl zuerst im Zustande großer Wildheit auf die Erde, und bei jedem neuen Dasein bricht sich die Seele mehr Bahn, die selbst wie ein Embryo sich aus allerhand Dunkelheiten emporarbeiten muß und bei jedem neuen Dasein eine vollkommenere Gestalt annimmt. Daß wir das frühere vergessen, ist gewiß sehr weise und gütig eingerichtet, denn sonst kämen wir vielleicht nie mehr in die Höhe und würden von denen erdrückt werden, die sich erinnerten, wie elend wir einst gewesen, oder wie schlecht oder wie niedrig gesinnt. Manchmal brechen noch alte überwundene Instinkte in uns hervor, über die wir vor uns selbst verwundert stille stehen und nicht begreifen, wie solch eine Rohheit uns noch heimsuchen kann, da wir von gebildeten Eltern zu sein scheinen. Wer weiß ob die früh sterbenden Kinder nicht finden, daß sie ihr Elternpaar schlecht gewählt und unter ungenügenden und ungünstigen Bedingungen stehen, um das zu erreichen, was sie diesmal erreichen können und dürfen: und dann wollen sie lieber den Tod kosten, und von vorne beginnen, um höher zu kommen. Die Seele lebt so gewiß ihr eigenes, verborgenes Leben, als sie nicht von gestern ist. Sie geht Wege, die denen des Körpers fremd sind, mit denen der Beruf, den man äußerlich erfüllt, garnichts zu schaffen hat. Wer weiß, ob nicht der eine, der einst König war, eben die niedrigsten Dienste tut, und ob der Erzbischof nicht ein einfacher Landpfarrer geworden ist, und die Herrin eine Magd, und der Hirte ein König? Der äußere Beruf ist gewiß sehr unabhängig von der Seele und ihrem Arbeiten in sich selbst. Daß die Seele Reinheit erlangen oder bewahren möchte, ist ganz gewiß, denn die heißesten Tränen vergießt der Mensch da, wo er fühlt, daß er herabgestiegen ist und sich besudelt hat. Und er möchte vor seinen Mitmenschen so rein als möglich dastehen. Daher hassen die armen Dirnen so ihre Verführer. Darum ist manche Frau verzweifelt, wenn sie sieht, daß sie an den unrechten ihr Herz gehängt, und daß die Ehe mit ihm sie täglich erniedrigen muß. Darum möchte der Mann sich im Staube wälzen, der sieht, daß er hätte rein bleiben sollen, um groß und stark zu sein, und daß er Leib und Seele in den Schmutz geworfen hat. Rein sein, das ist allen eine Sehnsucht und ein endloser, tiefer Schmerz, wenn es unerreicht oder verloren scheint. Da wiederholt sich die Geschichte vom Paradiese täglich, da weinen die Vertriebenen, denen die Erde dunkel geworden ist. Da arbeiten sie und sehen, daß sie die Sünde gebären, daß Haß und Eifersucht aus ihnen kommen, daß die ersten bösen Regungen der Menschenseele an ihren reinen Kindern sich vollziehen, weil sie selbst ihr Paradies verscherzt haben. Manchmal gewinnt das Kind das Paradies wieder in einem wahren Märtyrertum, das es von aller Erdensünde frei macht, oder davor bewahrt, und das Leiden der Erde wie eine Feuerflamme alles an ihm reinigt, was von den Eltern her niedrig und gering sein könnte. Zum Reinigen sind die ungeheuren Leiden da, deren Zweck wir manchmal nicht verstehen wollen oder können, zumal, wenn sie unschuldige Kinder treffen. Aber vielleicht hatte das Kind als reife, selbstbewußte Seele das Märtyrertum gewählt, um rein zu bleiben oder zu werden. Was wissen wir davon? Warum denn immer glauben, alles sei Zufall, ungewollt, unbestimmt, ungeordnet? Warum denn nicht einmal das Gegenteil annehmen? Warum nicht denken, daß alles in höchster Ordnung sich vollzieht? Daß wir leiden wollen, dürfen, können, daß wir einem viel höheren Ziele zustreben, als wir es selber wissen, und daß wir gern bereit sind, durchs Feuer zu gehen, wenn wir dadurch Schlacken los werden können! Vielleicht dürfen wir unsern nächsten Beruf, unser Dasein, wählen und selbst bestimmen, welche Wege wir geführt sein sollen. Darum bleiben einige so fest in ihrer Bahn, denn sie haben nicht vergessen, daß sie aus eignem freien Willen sie erwählt, darum sind andere so verzweifelt glaubenslos, skeptisch, höhnend, weil die Verbrecher sind, die sich wie Galeerenskaven vorkommen und nicht ahnen, daß es lauter Barmherzigkeit ist, wenn sie nicht willen, wer sie sind, und daß besonders ihre Nebenmenschen es nicht erkennen. Auf derselben Erde streifen sich Himmelskinder und Verbrecher, und sollen einander zum Nutzen werden und sich gegenseitig helfen. Auf derselben Erde gibt es Hunger und Herzeleid, und äußeres Glück und Wohlergehen, damit immer Hilfe neben dem zu großen unerträglichen Leiden stehe, und ihm unter die Arme greifen kann, wenn es Zeit ist. Manchmal ist vielleicht die Sühne vollzogen und könnte die erlöste Seele sich nicht aus ihrer Gefangenschaft befreien, wenn nicht einer die Hand ausstreckte und ihr wenigstens die äußeren Umstände so erleichterte, daß sie aufatmen und um sich blicken kann, warum haben die sogenannten Reichen eine so ungeheure Verantwortung und sollten so viel Gutes tun, daß ihr eigner Säckel nicht allzuvoll bleibt, sondern sich beständig im Dienste der Brüder leert. Einige bleiben von der Erde sogenannten Leidenschaften ganz frei und lernen sie nie verstehen, beschmutzen sich aber in anderer Weise, durch Selbstsucht oder Eigennutz, oder irgend eine kleine Schwäche, gegen welche sie nicht frühzeitig zu Felde gezogen sind. Wir haben das Gefühl, daß sogenannte Leidenschaft irdisch oder unrein ist. Warum? Während es für uns eine Liebe gibt, die wir für himmelgeboren und erhaben und veredelnd halten? Warum? Gibt es eine Liebe, die durch mehrere Existenzen geht? Gibt es eine Verschmelzung der Seelen, die so tief, so dauernd ist, daß, wenn sie auf der Erde sich begegnen, sie einander zufliegen, unaufhaltsam? Ist das die Liebe, von der wir glauben, daß ihr das Grab nichts anhaben kann? Ist das die Liebe, die uns rein erscheint? Es gibt Menschen, die an gar keine reine Absicht glauben können. Vielleicht sind diese unter den verurteilten, armen Seelen, die auf der Erde umherirren und an das Gute nicht glauben, in welcher Form es auch erscheint. Es gibt geborene Verführer. Denn warum wären sie sonst mit sogenannter Unwiderstehlichkeit ausgerüstet? Eine Unwiderstehlichkeit, die aber auf die ganz reinen, kindlichen Seelen abstoßend wirkt, wie Schlangen. Was fühlen diese reinen Seelen? Wer sagt ihnen denn, daß hier Gefahr droht? Sie kehren sich ab, ungewarnt, ungewitzigt, nur aus einem feinen Instinkt, der ihnen sagt, daß hier etwas ist, das sie besudeln könnte, und mit einer gewissen Freude besudeln würde. Wer lehrt ihnen das? Sieht man nicht junge Kinder einen wahren Abscheu empfinden vor Leuten, die in der Gesellschaft für hinreißend liebenswürdig gelten? Und wenn ein solches Wesen seine erste Anziehungskraft ausübt, folgen dann nicht die unrein Beanlagten mit einem gewissen Schauder, und dem unbestimmten Gefühle, daß sie sich willkürlich in Gefahr begeben. Es gibt berufsmäßige Verführer, die an gar keine Unschuld glauben, weil sie eben nur solche beherrschen können, die durch irgend eine Ähnlichkeit im Gemüte zu ihnen hingezogen werden, und sie diejenigen nicht bemerken, die sich von ihnen fern halten. Es gibt ebensowohl Männer, die gewisse betörende Frauen fliehen, wie es Frauen gibt, die keinen Don Juan in ihre Nähe lassen, weil sie eben den Kultus der Reinheit haben, der in ihnen, wie eine Religion ist. Manche Gefahr entsteht dadurch, daß mitleidige Seelen den andern helfen wollen, sie retten möchten, und dann selbst nicht stark genug sind, ihnen zu widerstehen, und nicht begreifen, daß sie den Verführern keinen größeren Dienst leisten können, als ihnen fern zu bleiben und ihnen vollkommen unnahbar zu erscheinen. Sobald sie sich mit ihnen einlassen, ziehen sie den kürzeren, weil sie zu unschuldig sind, um die Schliche der Gefährlichen, der Teuflischen zu erraten. Aber ihnen zeigen, daß sie garnichts mit ihnen zu schaffen haben wollen, ist eine viel größere Hilfe für die armen Verurteilten, als es die sogenannten Reinen wissen. Die allergrößte Gefahr ist, mit einem gewissen Stolz ihnen zeigen zu wollen, wieviel besser man ist als sie, wieviel reiner und erhabener über der Welt Versuchungen. Das ist der Augenblick, den sie gern benutzen, um die schlecht behütete Veste zu stürmen. Sie sehen an diesem Hochmut, daß sie schwach ist und einnehmbar, und erreichen gerade dann ihre Zwecke, wenn der andre am sichersten ist ihnen zu widerstehen. Wie mancher hat retten wollen, und ist nur selbst gefallen! Es ist besser, wenn diejenigen, die eines Geistes sind, sich vereinigen und sich gegenseitig helfen, auf geraden Wegen zu bleiben, ohne Überhebung, ohne den Gedanken, die Welt zu verbessern. Dazu reicht ihre Einsicht nicht. Ihre Zeit, zu helfen, kommt, und der Gelegenheiten sind viele. Was braucht man sie aufzusuchen? Nur niemals denken; Ich bin rein! Oder, ich bin reiner als dieser oder jener! Erstens weißt du das nicht, liebe Seele, denn du siehst in den andern nicht hinein und in dich selbst auch nur sehr wenig, zweitens kannst du von dir selbst noch von andern sagen, wer oder was sie sind, denn es weiß es ja doch keiner. Das »Fνώδι σεαυτόν« war ein Irrtum. Denn es ist unmöglich, sich selbst zu kennen, da man nicht weiß, was man gewesen ist. Um sich selbst zu kennen, müßte man genau sagen können, wer man in früheren Existenzen war, und das ist uns vollkommen verhüllt. Das Gute ist, Gott sei Dank, uns allen verständlich, und wir möchten gern gut sein. Viele, die sich dem Schlechten ergeben, tun es aus Verzweiflung, weil sie sich einbilden, so tief gefallen zu sein, daß es ihnen ewig unerreichbar ist. Dann leugnen sie das Gute überhaupt. Man sollte mit diesen nicht nur tiefes Mitleid haben, sondern sogar versuchen, sie vom Gegenteil zu überzeugen, aber nicht durch Worte, die an sie ganz verschwendet wären, da sie nicht geglaubt würden, sondern durch Taten der Liebe, der Aufopferung, des Edelmuts, der Güte. Nicht reden da, wo Reden nicht hilft. Und wenn man dich verleumdet hat, liebe Seele, so habe doch Mitleid mit den Verleumdern und denke, daß sie sich gern einmal von deiner Reinheit überzeugen lassen werden; vielleicht dann, wenn du es gar nicht ahnst, wenn du zu großmütig vergessen halt, wie sehr ihre Zunge dich beschmutzt hat. Sie fallen dir zu Füßen und bitten dich in ihren Herzen um Verzeihung, wenn du es nicht weißt. Warum dich so kränken? Warum dich verteidigen? Gegen wen? Gegen viel Schwächere? Gegen solche, die die Reinheit nicht glauben wollen oder können, bis sie dieselbe mit Händen greifen, wie Thomas die Nägelmale? Sei geduldig, liebe Seele, und hülle dich in den weißen Mantel der Reinheit, und harre bis der Tag dich bescheint. Du weißt ja nicht, warum du unter der dunklen Wolke ungerechten Mißtrauens und Verdachtes einhergehen sollst, vielleicht zu deinem und der andern Frommen. Du sollst wie die Sonne verhüllt sein, um besser strahlen zu können, wenn die Stunde kommt, in welcher dein Strahlen den andern gut ist, und sie von irgend einer bezweifelten Wahrheit überzeugen soll. Du kannst es oftmals nicht begreifen, daß man dich für so viel geringer hält, als was du bist und als du deiner reinen Absichten halber verdient hast. Aber, wer hält dich für geringer und unwürdiger, als du meinst, es zu verdienen? Doch nur derjenige, der selbst gering und unwürdig ist, und dich nur nach dem Maße seiner eignen Einsicht beurteilen kann. Nichts ist wahrer, als daß man die andern nach sich selbst beurteilt. Wer gut ist, wird immer bei den andern das Gute voraussetzen, wogegen der Verurteilte sich immer mit den andern an derselben Galeerenkette wähnen wird, und ihnen andichten, was sie nie gedacht, was sie nicht haben denken können. Du mußt nicht vergessen, liebe Seele, daß deine Reinheit ein Gegenstand des Neides für alle die Unglücklichen ist, die nicht dir nach, noch zu dir empor können, und die deshalb lieber an deiner Güte zweifeln möchten, nur um den bittern Stachel auszureißen, der ihnen im Herzen sitzt und an ihnen nagt, wie die Wunde des Amfortas. Neid ist wohl die unheilbarste Wunde und sollte unser Mitleid so sehr erregen, daß wir jeden Grad von Geduld hätten mit den also Betroffenen. Wir aber fühlen nur Groll und Widerwillen und haben nicht die Kraft uns bis zum Erbarmen zu erheben, trotz dem wundervollen Beispiel desjenigen, der sich ans Kreuz schlagen und mehr als verleumden ließ. Wir sind noch immer gar keine Christen und finden das Christentum überlebt und abgenutzt, obwohl wir es noch nicht einmal verstanden, noch nicht ein einziges Mal wirklich ausgeübt haben; sonst würden wir in all diese Fehler gar nicht mehr verfallen. Darum ist die Erde keine Hölle und auch kein Himmelreich, sondern jeder Mensch ist sich selbst und andern Himmel und Hölle, sich selbst und andern Glück oder Unglück, Freude oder Herzeleid, Trost oder Pein. Denn was macht die Erde so dunkel als nur das Übelwollen der Menschen untereinander? Wie sollte dieses Übelwollen nicht sein, wenn die Armen bitter, die Reichen hart und selbstsüchtig, die Verurteilten wütend, die minder Begabten neidisch, die Leidenden widerspenstig, die Verführer triumphierend sind? So lange die Erde so bleibt, ist keine Hoffnung, daß sie erträglich werde. Sobald aber alle zur Einlicht gelangen, daß alle allen helfen sollen, dann wird sie vielleicht aufhören zu sein, dann wird diese Prüfungszeit nicht mehr notwendig, und sie wird zur Schlacke werden, wie so viele andere Gestirne, die nicht mehr notwendig sind im großen Welthaushalt. Warum uns die Liebe unrein dünkt? Weil zu viel Körperlichkeit an ihr haftet, und weil wir das deutliche Gefühl haben, daß die Körperlichkeit abgetan werden wird, und nur die Seelen übrig bleiben werden, vorausgesetzt, daß sie ein Weiterleben nicht gänzlich verscherzt haben. Das ist auch möglich, daß nicht alle dazu bestimmt sind, wieder zu beginnen, sondern einige für unwürdig befunden werden, nachdem man ihnen den letzten Versuch gestattet, sich zu erheben, und besser zu werden. Wir wissen nicht einmal, wer auf der Erde zum ersten Male lebt, wer zum sechsten oder zehnten Male weiterleben wird, und wer auf der Erde seine verschiedenen Existenzen für immer beschließt, weil seine Seele nicht die Kraft hat, weiter zu leben, oder nicht wert befunden worden ist, noch einmal gebraucht zu werden. Wir werden vielleicht hierin noch großes Erstaunen erleben, und diejenigen verurteilt finden, die wir für außerordentlich gut hielten, und die andern, die verachtet und in Gefängnissen schmachtend ihr Erdenleben beschlossen haben, wiederbeginnend, und reif zu höherem Beruf, in welchem die sogenannte Sünde von ihnen abgewaschen ist. Wir sind noch nicht einmal ganz sicher, ob unser Urteil über das was wir Sünde oder gut und böse nennen, ganz richtig und stichhaltig ist. Jedenfalls sollten wir viel bescheidener sein, als wir es sind, und uns vor Urteilen hüten, die wir in unserer Unzulänglichkeit garnicht zu fällen berechtigt sind. Rein sein, so weit es in unserer Macht steht, und nicht fragen, ob die andern Menschen uns dafür halten; das letztere ist beinahe gleichgültig. Sagen wir, das, was wir Engel nennen, ist ganz nahe und hat alles gebucht und steht dir zur Seite, liebe Seele, wenn alles dich verläßt, und du über dein Vermögen versucht wirst. Wenn du jeden Augenblick denken würdest, daß du bewacht wirst, so würdest du nicht verzweifeln, sondern wissen, daß du behütet bist, und daß oftmals die Hilfe ganz nahe gewesen wäre, wenn du nur geglaubt hättest. Die Geduldigen gewinnen, das wissen alle, und sind so ungeduldig! Über einen selten ausgezeichneten alten Herrn rief ein beliebter deutscher Schriftsteller begeistert aus: »Ach! das ist ein reiner Mensch! das ist ein sauberer Mensch! von dem kann man sagen: er trägt inwendig reine Wäsche!« Geduld Wenn du von der Geduld sprichst, liebe Seele, dann bist du immer schon ungeduldig. Denn, so lange deine Geduld reicht, denkst du garnicht, daß du geduldig bist, oder, daß du überhaupt der Geduld bedarfst. Erst, wenn sie am Ende ist, dann fängst du davon zu reden an, als ob dir das wieder dazu verhelfen könnte. Du meinst, du bist es immer noch, aber was du vorher leicht getragen, ist plötzlich vor deinen Augen und auf deinen Schultern eine unerträgliche Last, und du begreifst in deinem Innern schon kaum mehr, wie du es so lange ausgehalten hast. Du findest dich selbst geduldig, gerade dann, wenn du aufgehört hast, es zu sein, und möchtest von andern dafür Anerkennung, ja sogar Bewunderung ernten, obgleich das schon nicht mehr da ist, wofür du bewundert sein möchtest. Die Geduld; die man fühlt, ist keine Geduld mehr, und die Geduld, die man nicht fühlt, trägt einen ganz anderen Namen. Das ist einfach Liebhaben. Wenn man ganz lieb hat, dann braucht man keine Geduld, denn dann findet man selbstverständlich, was sonst unerträglich wäre, und was unerträglich wird, in der Stunde, wo die Liebe aus irgend einem Grunde nachläßt. Am deutlichsten sieht man das in der Ehe, diesem sonderbaren menschlichen Verhältnis, das so wenig Bestand und Festigkeit in sich hat, daß man es hat mit hundert Ketten heiligen und stark machen wollen, und das eben doch ein lockeres Band bleibt, wenn es nicht im Himmel geschlossen und angekettet ist. Sobald in der Ehe der Gedanke an Geduld auftaucht, ist sie eigentlich schon keine Ehe mehr, denn die Liebe ist fort, auf der dieses Verhältnis sich allein aufbauen und erhalten kann. Geduld heißt, daß kein Verständnis da ist. Denn, was man ganz tief versteht, das bedarf keiner Geduld, das ist selbstverständlich, natürlich, einfach klar. Nur, was man nicht versteht, daran schleppt und zerrt man sein ganzes Leben und macht doch nie etwas Ganzes daraus. Geduld ist das traurige Versteckenwollen, daß man nicht glücklich ist und sich garnicht versteht. Geduld ist das gegenseitige Übereinkommen, trotz alledem in Frieden zu leben, obgleich nichts gemeinschaftlich ist zwischen den Eheleuten. Da bleibt schließlich nichts anderes übrig als die Geduld. Denn alles, was der andere tut und sagt, ist schon unangenehm und macht keine Freude, selbst wenn es gut ist. Und der Liebe erschienen die Fehler wie Eigenschaften. Der Liebe ist jede kleine Schwäche und Eigentümlichkeit lieb. Der Liebe ist jedes Opfer willkommen, da es garnicht als solches empfunden wird. Da, wo die Geduld anfängt, ist schon alles verfehlt, und das Leben eine traurige Komödie. Es ist vor der Welt anständig so, und gewiß noch ein Vorteil, sie nicht in das Elend einer verfehlten Ehe hineinblicken zu lassen. Aber beide zerren an einer Kette, die sie bei jedem Schritte ins Fleisch schneidet, wenn sie nicht Schritt halten, wie die Galeerensklaven. Nun schreiten die Menschen zur Lösung dieses Verhältnisses eher, als zu manchen andern, weil es durch seine Intimität schneller unerträglich wird. Man weiß nicht, ob es ein Gewinn ist. Ist es für die Kinder besser, wenn sie den Unfrieden nicht mehr sehen? Dann sollten aber beide darauf verzichten, eine neue Ehe einzugehen. Bei manchen Völkern ist das ja auch Gesetz, in anderen hat man dieses nicht durchführen können, und eigentlich ist es im Gefühl der Menschen, daß man lieber aushalten als sich scheiden sollte, außer in den Fällen, wo die Gesundheit einer ganzen Familie und vielleicht mehrerer Generationen auf dem Spiele steht. Die Frage ist wohl die schwierigste und zarteste, die es gibt, und wird nie gelöst werden außer durch einen viel höheren Standpunkt, auf welchem beide Eheleute einmal stehen werden. Wenn sie zur Einsicht gelangen, daß sie sich geirrt haben und eigentlich nicht zusammen gehört hätten, dann sollten sie sich fragen, zu welchem Zweck sie es haben tun, und sich scheinbar irren müssen, zu welchem Dienste für die Menschheit sie wohl berufen waren, und welchem Kinde sie haben das Leben schenken sollen. Denn die Ehe hat in sich den einzigen Zweck, Kinder zu zeugen und zu schützen, bis sie sich selbst beschützen können. Nun entsteht aber die Schwierigkeit, daß die so gezeugten Kinder in ihrem Charakter alle Mühe haben, die beiden zu ungleichen Naturen der Eltern in Einklang zu bringen, sodaß es ein sehr zweifelhaftes Glück ist, das man ihnen auf ihren Lebensweg mitgibt. Vielleicht aber sind die Kinder so verschieden gearteter Eltern gerade dazu bestimmt, etwas ganz Besonderes zu sein, und Besonderes zu leisten für die Menschheit. Es gibt Kinder der Liebe, die nicht so wunderbar begabt sind und schön ausfallen, wie man es gewöhnlich sagt, und es gibt Kinder der Pflicht, die hochbegabt sind, und von vornherein sehr viel selbstloser als diejenigen, die in dem großen Egoismus zu Zweien, den man im gewöhnlichen Leben Liebe nennt, gezeugt worden sind. In der Ehe sollte man ebensowenig an sich denken, wie in allen anderen Dingen, und hier fühlen die meisten Menschen ein Recht, nur an sich zu denken, und tun an der Menschheit ein großes Unrecht, denn sie sind nur dazu da, um der Menschheit vollkommenere, reinere, edlere Wesen zu schenken, als sie es vielleicht selber sind. Würde man die Ehe von vornherein als ein heiliges Opfer ansehen, als eine vollkommene Selbstentäußerung, so würde man vielleicht weiter kommen, nicht glücklicher sein, das ist eine andere Frage. Denn es ist eine Frage überhaupt, ob man auf der Erde ist, um glücklich zu sein. Und wenn man der Menschen Schicksale und der unschuldigen Tiere Leiden sieht, so ist das irdische Glück mehr als zweifelhaft, und die Bestimmung der Erde erscheint in einem ganz anderen Lichte. Die Ehe trägt in jedem Volke das Gepräge, dessen dieses Volk bedarf. Darum lassen sich auch keine Gesetze und Vorschriften machen, sondern es wäre allein Sache der einzelnen Menschen, sich hierin, wie in allen Stücken zu veredeln und zu vervollkommnen. Grade in der Ehe spielt der Körper unerhörte Streiche und macht das Edlerwerden so sehr viel schwieriger. Es gäbe gar keine Frauenfrage, wenn die Ehe anders gehandhabt worden wäre. Die Männer haben Mägde haben wollen, die Frauen Helden, und die Männer waren nicht zu Helden geschaffen, und die Frauen konnten den Druck nicht mehr ertragen, unter welchem die Männer sie zu halten suchten. Da kommen alle die traurigen Dinge der Erde: Eifersucht. Mißtrauen, Vergewaltigung, Selbstsucht und allerhand unbeschreibliche Unarten ins Spiel. Denn in der Ehe bilden die Menschen sich ein, sich vollkommen gehen lassen zu dürfen, und denken nicht, daß, sobald sie sich gehen lassen, alle ihre Fehler riesengroß werden und ihre Eigenschaften unbedeutend klein. Gerade in der Ehe sollte man sich niemals gehen lassen, sondern sich vollkommen in der Gewalt haben. Ein unzeitiges Gähnen kann ein ganzes Drama zur Folge haben. Denn es bekundet eine Gleichgültigkeit und Abspannung vielleicht in einem Augenblicke, der dem andern höchst wichtig erschien zu einer seelischen Mitteilung. Dann kommt hinzu, daß beide Eheleute anderwärts beschäftigt sind und sich müde wieder finden, sodaß die Müdigkeit allein schon genügt, um sie reizbarer und gleichgültiger zu machen, anstatt daß jede Begegnung und Vereinigung ein kleines Freudenfest sein sollte. Da kommt die Geduld sehr zu statten. Denn die Liebe ist selten so groß und so stark, wie sie in den Büchern steht, oder, wie die Menschen sich selbst einbilden möchten, daß sie es ist. Die Geduld reicht weiter, weil sie überlegt und gewollt ist. Das kleine Unwohlsein, das man sorgfältig vor den Fremden verborgen hatte, in der stillen Zweisamkeit des häuslichen Herdes bricht es los, wenn man mit ein klein wenig Selbstüberwindung nicht so gar sehr zu klagen brauchte, sondern dem andern seine Ruhestunde nicht verderben sollte, indem es sich ängstigen muß. Es gibt Beispiele von wahrer Himmelsgeduld, da wo einer der Eheleute nicht normal ist, und der andre das sein Lebelang ohne Murren und Klagen trägt Das Klagen einer über den andern ist schon ein Fehler, denn wenn andere darauf eingeben und in dasselbe Horn blasen, so wird es übel empfunden und sofort widersprochen. Man sollte nie über seine Ehe klagen, in keinem Falle und unter keinen Umständen. Man sollte sie tragen können, wenn man die rechte Selbstüberwindung und Geduld hätte. Es bleibt im besten Falle ein Verhältnis, das nur mit äußerster Zartheit gesund bleiben kann, und nur mit größter Aufopferung zu einem guten Ziele führt. Im Dienste der Menschheit! das sollte vor jedem Traualtar der erste Gedanke sein, statt zu denken, wie glücklich man beiderseitig werden kann. Das Glück oder Unglück liegt so selten in unserer Hand, da wir unser Schicksal meist nicht einmal ahnen können, weder unsern Körper noch unsere Seele kennen, geschweige denn die des anderen, und es wohl schwer ist in den ersten vierundzwanzig Stunden zu entdecken, daß man sich geirrt hat. Diese Entdeckung ist nun auch zuweilen irrtümlich, und es wird besser mit der Zeit. Da müßte wieder beiderseitige Geduld eintreten, bis die Liebe groß genug gezogen ist, wie ein junger Tannenbaum, der im Schatten der Geduld wächst, bis er Sturm und Sonnenschein ertragen kann. Die Frauenfrage und ihre übertriebene Lösung hat vielleicht das Gute, daß die jungen Mädchen selbständiger in die Ehe treten, und dadurch dem Manne nicht so kindisch erscheinen, sondern sofort Gefährtinnen werden können, ohne die schwere Schule durchzumachen, die in der Ehe gemacht werden muß, wenn sie nicht vorher absolviert ist. Man darf immer noch denken: »Er, der Herrlichste von allen!« Vorausgesetzt, daß der Mann dasselbe denkt, und seine Frau auch als die Herrlichste und Verehrungswürdigste erkennt. Gegenseitige Hochachtung ist mehr wert als Liebe, gegenseitige Höflichkeit ist sehr notwendig, Grazie und Lieblichkeit, die durch alle Alter sich bewahren läßt, statt des widerwärtigen Sichgehenlassens, das unter keinen Umständen graziös und anziehend ist. Manche Ehe scheitert an der erdrückenden Sorgenlast, manche an der Langeweile, manche an irgend einem ganz unbedeutenden Fehler, der dem andern unerträglich erscheint, und von dem er sich einbildet, daß er ganz leicht zu bekämpfen wäre. Und in der Familie wurde dieser Fehler vielleicht gerade als Eigenschaft geschätzt, und mit Befremden entdeckt man, daß diese Eigenschaft in andern Kreisen mißfällt. Man ist sich ja so unglaublich fremd, so vollkommen unbekannt mit allen seinen Traditionen, allen seinen Gewohnheiten, allen seinen heiligsten Gedanken und Gebräuchen. Der eine hat noch nie den Tod gesehen, der andere ist an Krankenbetten groß geworden und hat schon viele Lieben beweint. Das macht ein Verstehen schon überaus schwer. Der eine kommt aus einer Gegend, wo viel Scherz und Heiterkeit zu Hause ist, der andere hat gar keinen Sinn für Humor. Dem einen erscheint es fromm in die Kirche zu gehen, der andere hat den Wald lieber oder sein eigenes Zimmer und findet in seiner Arbeit die größte Andacht. Von den tiefen Meinungsverschiedenheiten in der Kindererziehung garnicht zu reden. Da kann man nur Geduld und wieder Geduld entgegensetzen, und man wird als Sieger aus der schwersten aller Aufgaben hervorgehen, und gegenseitig wachsen durch die fortwährende Selbstentäußerung. In der Arbeit ist es fast von selbst, daß man geduldig ist, vorausgesetzt, daß man sich in seinem Berufe nicht geirrt hat, und das tut, was einem lieb und sympathisch ist. Im falsch erwählten Berufe gibt es wohl kaum eine Geduld, die groß genug ist, um über die tägliche Tortur hinwegzuhelfen. Das ist fast noch trauriger als eine verfehlte Ehe. Denn hier gibt es keine Erlösung und kein Ende als den Tod. Leider wählen viele ihren Beruf nach dessen Einträglichkeit, und nicht nach dem, wie es im Märchen heißt: »Was ist dein Beruf? Dein Beruf ist, was dich ruft!« Manchen tönt aber kein Ruf, manchen ist alles gleichgültig, oder sie haben gewähnt, einen Ruf zu hören. Und das war Schein und Trug, und nun rufen sie täglich die heilige Geduld an, ihnen aus der Not zu helfen, aber diese Heilige hilft nie heraus, sie hilft, sich noch tiefer hineinfahren, noch sicherer anketten, noch unendlicher verwickeln, aber zur Freiheit hat diese Heilige noch nie geholfen. Nur in einem Falle kann man sie nicht genug anrufen, das ist, wenn man zu einer Einsicht gelangt ist und kann seine Nebenmenschen nicht von ihrer Notwendigkeit überzeugen. Da muß die heilige Geduld helfen, daß man Jahre und Jahre verstreichen lassen kann, bis die andern dieselbe Einsicht erreicht haben und zum Handeln sich entschließen. Denn, was man erzwingen will, hat keinen Bestand und kein Leben, nur Einsicht und Erkenntnis kann man da abwarten und herbeiflehen, wenn man auch noch so klar sieht, wie gut das wäre, was einem vor Augen steht. Ja, da ist die Geduld wirklich eine Hilfe. Bei lieber Arbeit braucht man sie garnicht, denn da hilft die Leidenschaft, die Freude, das sichere Werdensehen einer Sache, die man vollkommen in seiner Gewalt hat; Geduld braucht man da nie. Liebe Arbeit ist vielleicht die heilige Geduld in Person, die einem da zur Seite steht und hinweg hilft über alles Ungemach der Erde. Liebe Arbeit ist der größte Segen, den Gott den armen Menschenkindern beschert hat, und in ihrer blinden Torheit wähnten sie, das sei eine Verurteilung, ein Leiden, eine Strafe. Nein, das war noch nie eine Strafe, sondern die größte Wohltat, die uns werden konnte. Liebe Arbeit, zu der wir begabt sind, macht alles erträglich, sogar eine schlechte Ehe. Liebe Arbeit hilft über Kummer und Sorgen hinweg, als wüßte sie, daß sie unsere einzige Trösterin ist, als verstünde sie unsere Not und nähme uns einen Teil davon ab, auf ihre starken, freien Schultern. Liebe Arbeit ist eine Freundin, die nie verrät, die ihre fleißigen Hände unermüdlich in Bewegung setzt, um immer Besseres zu Tage zu fördern, und mit Fortschritten niemals aufzuhören. Geduld ist nur da von nöten, wo keine Hoffnung ist. Geduld erinnert stets an die armen Tiere, die im Joch gehen und ohne Gegenwehr alles erdulden, was ihnen an übermäßiger Arbeit und steter Mißhandlung zu teil wird. Ach! Sie haben einen rührenden Ausdruck von Hoffnungslosigkeit, der jedem in die Seele schneidet, der in ihre tiefen stillen Augen blickt. Da steht das Wort Geduld in goldenen Buchstaben, so groß, daß man manchmal wünschte, es stünde Empörung und Gerechtigkeit darin. Aber nie kommt ein Aufblitzen des Unmuts, des Zorns, der Verzweiflung. Denn Verzweiflung ist weiter nichts als Ungeduld. Selbstmord ist Ungeduld. Denn wäre man geduldig, so würde man dem unerträglichsten nicht ein Ende machen wollen, weil man bei ruhigem Nachdenken garnicht so gewiß weiß, ob der Tod das Ende ist, oder der Anfang von viel größerem Ungemach, das vielleicht gar kein Ende hat, oder ein viel späteres als das Erdendasein, das im Ganzen doch beschränkt ist, wie endlos lang es auch scheinen mag. Einigen Menschen ist das Erdenleben sehr lang, weil es wenig Freude und gar keine Ruhe gebracht hat, und weil die Geduld beständig droht zu versiegen. Es ist als wäre man nur mit einem gewissen Grad von Geduld ausgerüstet, und wenn das verbraucht ist, so ist eben nichts mehr da und man hat gar nichts mehr, worauf man zurückgreifen kann. Das Tier, das noch irgend eine Freude hat, der Hengst, der Stier, sind nicht geduldig, nur die armen Wesen, die der Mensch jeglicher Lust beraubt hat, um sie noch sicherer dienstbar zu machen. Vielleicht ist der hohe Grad von Geduld, den manche Menschen entwickeln, auch nur ein Zeichen, daß sie auf jede Freude, jeden Trost, jede Erhebung, jede Genugtuung verzichtet haben. Wenn jeder Funke erloschen ist, dann ist es leichter geduldig sein, aber das kann man dann beinahe nicht mehr Geduld nennen, da es nur ein Aufhören des persönlichen Seins ist, ein Sichweggeben, ein Verzichten auf sich selbst und auf alles, was uns das Leben lieb und wert gemacht hat. Es gibt darum vielleicht keinen trostloseren Anblick als vollkommene Geduld. Für den, der Augen hat, liegt darin eine viel größere Verzweiflung, als in den wildesten Klagen und dem theatralischsten Haareraufen, für manchen bleibt als einzige Tat die Geduld übrig, wenn er zum Tun nicht mehr die Kraft hat, ja als Wohltat für seine ganze Umgebung, seine Geduld zeigt die höchste Seelenstärke und ist das Resultat unaufhörlicher Selbstüberwindung. Hier ist die Geduld Dankbarkeit und Liebe und Verstehen, daß Pflegen große Aufopferung bedeutet, und daß man dieselbe schätzt und anerkennt. Geduld da, wo keine andere Kraftäußerung möglich ist, zeigt höchste Seelenstärke. Dem Kranken bleibt nichts auf der Erde zu leisten, als Geduld zu üben, und er unterschätze nicht diese Arbeit, da sie oft überwältigend groß ist. Die Geduld, die der Kranke übt, macht seine Lagerstatt zu einer Kirche, und beglückt alle, die ihm nahen. Sie macht jede Handreichung zu einer Freude. Der Kranke kann eben nichts mehr leisten für die Menschen, als ihnen diese heroische Geduld zu Füßen legen, ihnen damit seine Liebe und Dankbarkeit beweisen, und sie manchmal beschämen, wenn sie zu Liebe und Dankbarkeit keine Veranlassung gegeben haben. Vor sich selbst steht der Kranke anders da, wenn er geduldig ist. Die langen, einsamen Leidensstunden, die nichts verkürzt, können ihm selbst zu den heiligsten Stunden seines Lebens werden, wenn er vor sich selbst heldenhaft geduldig dastehen kann. Hat er aber die Nacht mit hilflosem Jammern zugebracht, so hat er am Morgen nichts gewonnen und steht vor sich selbst schwächer und weniger ehrwürdig da. Krankheit und Schmerzen des Leibes sind so schwer zu ertragen, daß man nicht zu klagen braucht, um den andern Menschen begreiflich zu machen, wie schwer es ist. Das kann fast jedermann verstehen, mit wenigen Ausnahmen. Und diese Ausnahmen sind im höchsten Grade beneidenswert, denn sie haben gewöhnlich noch nie einen Tag des leichtesten Unwohlseins gekannt. Krankheit ist einer unserer schlimmsten Feinde, gegen den wir mit aller Macht zu Felde ziehen müssen. Man denke aber nicht, daß in diesem Falle die Geduld die Kraft vermindert. Im Gegenteil, sie ist die allerbeste Waffe und besiegt den Feind weit sicherer, als alles Sichwehrenwollen. Krankheit ist eine der ganz schweren Prüfungen, und wer diese heldenmütig besteht, der hat einen großen Schritt zur Vollkommnung getan. Es ist auch schwer, wenn die andern vergessen, welche fortwährende Entsagung man üben muß, wieviel Freuden man von der Ferne sieht, die nie erreichbar sind, und vielleicht desto verlockender erscheinen. Aber der Kranke sage sich, daß jede freundlich getragene Entsagung eine Stählung des Charakters ist, der anders sich verweichlichen würde, oder der von den liebenden Pflegern zu sehr verwöhnt würde, weil sie alles tun möchten, das Leiden leichter zu machen. Mit Kranken Geduld haben, ist auch nicht jedermanns Sache. Manchen wird es überaus schwer, und werden sie ungerecht, weil ihre eigene Müdigkeit ihnen Streiche spielt und sie ungeduldig macht. Darum wird es denen leichter, die vollkommen gleichgültig sind, die das Krankenpflegen als Beruf erwählt haben, und deren Herz dabei weniger beteiligt ist. Für sie ist's nicht schwer, geduldig sein, da sie den Kranken früher nicht gekannt haben, also garnicht bemerken, wie sehr er sich verändert hat, wieviel schwerer er zu ertragen ist, und wie oft er seine Lieben befremdet. Die Krankenpflegerin von Beruf braucht weniger Geduld, weil es eben oft eine Leidenschaft bei ihr ist, zu pflegen, und da ist ihr keine Last zu groß. Diejenige, die es ungern tut, sollte es nie unternehmen, denn sie wird es nie gut machen und nie den Kranken eine wirkliche Hilfe und ein Trost sein können. Geduld ist immer Kraft, auch da, wo sie vollkommen unbewußt bleibt, und nicht als Heldentum empfunden wird. Eine Tat wird sie nur da, wo sie Kampf und Überwindung kostet, täglichen Kampf und tägliche Überwindung. Man irre sich aber nicht. Die andern empfinden sehr wohl, ob man geduldig ist, oder ob man freudig das tut, was man auf sich genommen hat. Darum reizt die Geduld manchmal da, wo sie rühren sollte, denn da erscheint sie wie ein fortwährender Vorwurf, denen, die sie nötig machen und hervorrufen. Nur da, wo sie mit vollkommener Selbstverleugnung geübt wird, wird sie den andern zur Wohltat und Erbauung. Man täusche sich nicht. Die Nebenmenschen empfinden die Wahrheit in uns, wenn wir sie auch zu verhüllen bestrebt sind. Der Kranke merkt an einem Fingerzwicken, ob der Pflegende lieber wo anders wäre, oder etwas anders täte. Der Arbeitgeber fühlt den verborgenen Unwillen genau. Den Ehemann, dessen Gewissen schlecht ist, reizt die Geduld seiner Frau über die Maßen. Die Geduld, die im geringsten zur Schau getragen wird, und die nicht aus Liebe entspringt, wird nie eine Wohltat sein, sondern ganz im Gegenteil, eine Pein und ein Vorwurf für alle. Manchmal hat man jahrelang Geduld und bricht in einem unbewachten Augenblicke los, zerstört damit die Arbeit von Jahren, das Verhältnis eines ganzen Lebens und steht vor sich selbst erniedrigt da. Man fange nicht mit geduldigem Tragen an, wenn man es nicht sein Lebenlang durchführen kann. Ein Augenblick der Ungeduld kann alles vernichten, was man mit Jahren der Aufopferung gebaut hat. Und es ist so schwer, garnicht ungeduldig zu sein! Es ist eine Art von göttlicher Erhabenheit über das Weh, über Schmerzenspein, über Unverstand der Menschen, über des Schicksals Tücke und Unbegreiflichkeit, über die Enttäuschungen, die das Leben bringt, über die Schwächen, die oft unangenehmer sind, als Sünde und Verbrechen! Es gibt nichts, das nicht oft und viel unsere Geduld auf die Probe stellt. Und bis wir lächelnde Götter sind, geht manches Jahr ins Land, wenn wir überhaupt jemals diese Ruhe erreichen; wenn wir nicht immer den einen nehmen, um den andern mit ihm durchzuprügeln, und uns selbst an den ersten Nagel aufhängen, weil wir's in der Welt meinen, nicht mehr aushalten zu können. Geduld ist in unsern Augen ein göttliches Attribut, weil wir nicht verstehen, wie soviel Torheit geduldet werden kann. Nun gibt es aber für die Gottheit gar keine Geduld, sondern Weisheit. Es ist nur Unweisheit, die ungeduldig macht. Wenn wir stets den Schädelbau eines jeden im Auge behielten, so würden wir nicht von ihm verlangen, was er nicht kann, so würden wir uns nie mehr streiten, nie mehr aufbrausen, nie unfreundlich werden, sondern lächeln Dunkel Woher kommt wohl unsere große Sehnsucht nach dem Lichte und unsere kindische Furcht vor der Dunkelheit? Denn die Dunkelheit ist dir furchtbar, liebe Seele, du hast Angst, wenn es dunkel ist und meinst, daß alles Böse wacht, die Sorge, die Angst, die Krankheit. das Verbrechen, das schlechte Gewissen, ja die Tiere der Nacht erfüllen uns mit Grausen. Der traurige Ruf des Käuzchens hat von jeher für unglückbringend gegolten, da, wo man nicht im Walde wohnte, und daran nur die wechselnde Jahreszeit erkannte. Das ist doch nur, weil es dunkel in dir ist, liebe Seele, denn wärest du hell, so würden deine Nächte lauter Licht sein, durch die Helle im eignen Hirn. So aber läßt du die Nacht eindringen, und ihr Heer von Gespenstern, die Gespenster der Angst, der Reue, des Zweifels, der Sorge, und wie sie sonst heißen. Schrecklich sind sie alle und haben scheußliche Gesichter, und machen deine Nächte zu einer Höllenpein. Das ist nur Kraftlosigkeit, liebe Seele, du könnest stärker sein als deine Nachtgedanken, du weißt doch, daß der Tag sie verscheucht, daß die Dinge, welche bei Nacht unerträglich sind, im Lichte des Tages leichter werden, und nicht mehr die Kraft haben, dich zu ängstigen. Es gibt Kranke, denen der Schlaf völlig geraubt ist, und die sich so daran gewöhnen, nicht zu schlafen, daß sie später ihre schlaflosen Nächte mit zu ihren besten und tiefsten, und oft sogar freudigsten Stunden rechnen. Dazu gehört aber mehr Mut als du es glaubst, liebe Seele, dazu gehört eine große Kraft des Geistes, der wiederum den Körper auf seiner Marterstatt liegen läßt, und währenddem die höchsten Höhen erreicht mit unnachahmlichem Fluge. Das ist der Vorteil schwerer Krankheit, daß sie uns oft von uns selbst frei macht, ja, daß wir den augenblicklichen Sorgen entrückt werden durch eine Art von ferner Gleichgültigkeit, durch das Nichtmehrkönnen, nachdem wir uns zu sehr gequält haben. Oft kommt die Krankheit wie eine Erlösung und macht die Nächte hell. Warum liegst du still, wenn du es nicht mußt, wenn du die Glieder bewegen, dein Stübchen hell machen und arbeiten kannst? Das ist die beste Art, die Dunkelheit zu überwinden: durch Geistesschätze, die man sich aneignet, oder die man andern schenken will. Eine Stunde Arbeit ist oft genug, um guten Schlaf hervorzubringen. Wer sich nicht gewöhnt hat, Abends zu arbeiten, der ist seines Schlafes viel sicherer. Man gehe um neun Uhr schlafen, und stehe um drei Uhr auf, und gewiß wird der Schlaf ein viel gesünderer werden. Die meisten Menschen aber lassen sich durch die Erregung des Tages verleiten, zu glauben, sie seien Abends frischer und setzen sich zur Arbeit, wenn das Gehirn müde ist und die Nerven abgespannt sind, anstatt erst zu ruhen und dann zu arbeiten. Die Stille der Morgenstunden ist oft viel größer als die des Abends, zumal in einer Stadt, wo das Leben bis tief in die Nacht weiter hastet, und die Morgenstunden vor Sonnenaufgang die verhältnismäßig stilleren sind, jedenfalls ist man da vor Störungen am sichersten. Kein Mensch denkt daran, den andern vor Sonnenaufgang und noch recht lange nachher aufzusuchen. Das Dunkel ist unser Freund, wenn du hell bist, Seele. Darauf kommt es allein an! Du bist aber in Nacht gehüllt und klagst die Nacht auf der Hemisphäre an, auf der du wohnst, vergessend, daß es immer noch auf der Erde sehr hell ist. Es ist sonderbar, daß wir das Licht so anbeten, als wüßten wir, daß es Leben ist. Wir sprechen von der Todesnacht, weil es vor unsern leiblichen Augen dunkel wird im Sterben, und wissen nicht, ob uns das wahre Licht aufgeht. Laß einmal des Gedankens ganze Leuchtkraft herein, liebe Seele, dann wirst du erfahren, was in dir ist. Du weißt es nicht, so lange du dir gestattest, in Dunkelheiten zu tasten. Alles ist Nacht in dir, dein Wollen, deine Erkenntnis, deine Hoffnung, deine Liebe, alles, denn an allem hast du gelitten oder leidest noch. Da willst du gar keine Helle mehr, weil du meinst, die Helle sei noch grausamer. Kommt die Nacht, so stirbst du vor Angst, und kommt der Morgen wieder, so willst du verzweifeln, daß ein neuer Tag anbricht: Du liegst hilflos vor dir selbst da, liebe Seele, und kannst nicht den Blick erheben, daß du über deinen Bettrand hinaussiehst und begreifst, wohin du geführt werden sollst. Es ist so dunkel in dir, daß du nicht mehr erkennen kannst, wo der einzige Lichtstrahl herkommen könnte, der dich erleuchten würde, ließest du ihn nur herein. Siehst du, liebe Seele, deine Einsamkeit in dieser Stunde ist sehr groß, aber doch nicht so groß, als du denkst, denn viele wachen mit dir und wissen nur nicht von deiner Nacht. Es würde dich auch kaum trösten, zu denken, wer sonst noch leidet und nicht schlafen kann. Es tröstet dich aber vielleicht, zu denken, daß mancher über der Dunkelheit steht, daß er die Nächte kennt, die dich entsetzten, und daß er sie in Helle verwandelt hat. Wenn man einen kühnen Schwimmer das andere Ufer erreichen sieht, so faßt man frischen Mut und hofft, ebenso große Kraft zu haben. Und man hat sie auch, wenn man ihr nur vertraut. Es hat sich schon manch einer verlassen und elend gefühlt in der dunklen Nacht, es hat schon manch einer gedacht, den Morgen nicht mehr erleben zu können oder zu wollen, und ist heute ganz fröhlich, und blickt auf die Dunkelheiten seines Lebens mitleidig zurück, und sagt sich, daß es gut ist, daß er kein Ende gemacht, sondern von Nacht zu Nacht versucht hat, das noch zu tragen, was so unerträglich schien. Dem andern ist es nicht leichter geworden als dir, liebe Seele, er kennt deine Todesangst genau, er kann die wilden Schläge deines geängsteten Herzens zählen, denn er hat nächtelang seine Herzschläge zählen können, gegen sein Lager, in den Schläfen, in den Halsadern, in den Lippen, überall, wo es Pulse gibt, und weiß, was man da empfindet. Er hat gemeint, die umgebende Dunkelheit sei mit der Hand zu greifen, und mit den Augen zu fühlen, wie eine Hand, wie eine Macht, die unüberwindlich schrecklich war, und nun steht er im Lichte der Sonne, mit weißen Haaren aber lächelndem Munde, und hat das hinter sich gelassen, was über seine Kraft zu gehen schien, als es da war. Die Dinge verschieben sich. Ein Staatsmann sagte, jede Situation dauere nur drei Monate, dann verändere sie sich genug, um eine andere Handlungsweise einschlagen zu können und manchmal sich herausschlagen zu können und manchmal sich herauszuwinden, da, wo man gegen Mauern rannte. Der Fluß geht auch zuweilen auf türmende Felsen zu, und du glaubst, er kann nicht weiter, er wird sich stauen, aufbäumen, austreten, alles überfluten, aber weiter könne er nicht, und siehe, da hat er sich rings um den Felsen her einen Weg gebahnt, ihn ganz und gar umgangen, und fließt jenseits so ruhig weiter, als hätte nie ein Hindernis seinen Weg gekreuzt. Gerade so geht es dir, liebe Seele, du siehst nichts als unüberwindliche Felsen vor dir, und weißt garnicht, daß schon ein Weg vorgesehen ist, daß du die türmenden Schrecken umgehen magst und weiterziehen in das Licht hinaus. Der Ausweg ist auch nicht immer freudevoll, sondern oft so, wie du ihn nicht gewünscht hättest, aber du weißt nicht, wie sicher du entrinnst, du weißt nicht, daß der Weg, der dir eben nicht gefällt, der einzig gangbare für dich ist, und eingeschlagen werden muß, zu deinem und der andern Frommen. Deine düsterste Nacht kommt daher, weil du denkst, daß du andre in dein Unglück verwickelt hast, daß sie deinethalben leiden, daß ihre Angst hätte erspart werden können, hätten sie dir nicht vertraut und deiner Führung. Aber, liebe Seele, du bist so unwissend, warum ließen sie sich führen, die ebensogut allein gehen konnten! Laß dich nicht so erdrücken! Sie mußten vielleicht auch ihre dunklen Stunden erleben, und du bist das unwillkürliche Werkzeug gewesen, das sie hat hinein- und vielleicht hindurchführen sollen. Du wolltest ihnen Glück bereiten und gerade das Gegenteil ist eingetreten, und nun ringst du die Hände in deiner Machtlosigkeit, gut zu machen, was du verfehlst. Es scheint dir das fast so wie schwere Sünde in deiner Not und Angst, in deiner dunklen Nacht, Seele, du hast den klaren Überblick nicht mehr, und wenn das Herz so schlägt, beschuldigst du dich selber jeder bösen Tat. Wenn man dich in solchen Nächten eines Verbrechens beschuldigen würde, so wüßtest du nicht sicher, ob du es nicht vielleicht begangen hättest. So groß ist deine Angst. Darum ist es so grausam, zu vollkommener Einzelhaft Menschen zu verurteilen, die oft nicht mit ihren Gespenstern fertig werden können, da sie keine Bildung, keinen Trost haben; denn das Dunkel der begangenen Tat, das ihnen unablässig droht, gewährt ihnen nicht die Möglichkeit, auch nur von fern eine Rettung aus ihrer eignen Qual zu sehen. Wenn dann völlige Umnachtung des Geistes eintritt, so ist es nicht das, was wir an unsern Nebenmenschen tun sollten, denen wir helfen müßten. Wissen wir denn, warum wir uns für besser zu halten berechtigt sind? Wer sagt uns, daß wir in irgend einer früheren Existenz nicht auch einmal Verbrecher gewesen sind? Das Verbrechen ist doch nichts weiter als ein geringerer Grad von Entwicklung, wo allen Leidenschaften noch freie Bahn gelassen wird, das Mein und Dein nicht deutlich erkennbar ist, und die Rache ein alles überwältigendes, unbezähmtes, und unzähmbares Gefühl ist. Statt diese Menschen als Wilde zu behandeln, die bildungsfähig wären, halten wir sie für gefährlich, und retten uns vor ihnen, indem wir sie zur ewigen Nacht verurteilen. Aber wenn du, der du nicht eingesperrt bist wegen deiner Tat, der du nicht einmal von andern für so sündhaft gehalten wirst, als du dich selber hältst in deiner Angst, schon solche Qual leidest, was muß der Arme leiden, der sich selbst nicht entrinnen kann, dessen Nächte so lang sind, wie die Jahreszeit sie macht, ohne Erbarmen, ohne Hilfe! Eine solche Hölle haben wir doch wohl kaum das Recht, unsern Nebenmenschen aufzuladen. Man spreche dann wenigstens nicht so heilig von Besserung und nützlicher Strafe. Keine Strafe ist nützlich, die nicht zur Helle und Einsicht führen kann. Gottes Strafen führen zur Erleuchtung. Wir wissen es zu gut, wir, die oftmals gestraft werden da, wo es kein Mensch weiß und sieht, und die sehen müssen, wie gerecht es war. Denn was du vor den Leuten sagst, liebe Seele, daß du garnicht weißt, warum Du leidest, das ist wohl nicht wahr. Du weißt es meistens recht gut, aber du willst es dir selbst nicht eingestehen. Du weißt, daß du jede Schuld bezahlen mußt. Du weißt, daß die ewige Gerechtigkeit so groß ist, wie es nur derjenige ahnt, der deine Nächte kennt, und wovor mancher bewahrt bleibt, der vielleicht schon eine höhere Vollkommenheit erreicht hat, oder noch auf so niedriger Stufe der Entwicklung steht, daß sein Gewissen schläft, oder sehr derb ist und nicht bei jedem Anlaß zittert und schmerzt. Du meinst immer, die andern leiden weniger als du, d. h. das meinst du in den Nächten, aus denen du noch keinen Ausweg gefunden hast. Die andern erzählen dir aber auch nicht, was sie erduldet haben. Denn die Dinge, über die sie weinen und klagen, sind noch lange nicht diejenigen, welche ihr Lager in Feuer verwandelt haben, wie das brennende Grab des Farinata, in der göttlichen Komödie. Dunkel! Wenige Leben sind es nicht! Wenige Menschen haben nicht wenigstens einmal daran gedacht, sich das Leben zu nehmen, und manche haben einen jahrelangen Kampf gegen diese Versuchung bestanden. Sie sehen ein, daß sie damit nicht zu Ende sind. Viele hätten lieber, daß es zu Ende wäre, aber sie fühlen wohl, daß noch etwas hinter dem Grabe steht, und dann fragen sie sich, ob es nicht töricht wäre, dieses unbekannte Etwas heranzulocken, indem sie dieses Leben nicht tragen wollen. Du glaubst nicht an Dantes Hölle? Sie ist dir zu materiell? Ja, aber deine irdische Hölle hast du vielleicht ebenso empfunden, wie jene im Eise, oder im Sumpf, oder du bist jahrelang unter der Bleikutte gegangen, den andern unsichtbar, aber dir selbst fühlbar, und deine Augen sind auch zugenäht, denn du bist blind, du bist im Dunklen, und weißt nicht, was vor dir umhergeht. Dante sprach im Symbol wie die Bibel, wie alle die großen Dichter und Propheten, er meinte die Dinge nicht wörtlich. Und da findest du dich ganz, liebe Seele, in allen Stimmungen, in allen Erscheinungen. Deine Lässigkeit ist auch manchmal überwältigend groß, und du willst dich nicht aufraffen, sonst hättest du den Ring deiner finsteren Nacht schon längst hinter dir zurück gelassen, und wärest dem Lichte nähergekommen. Dunkel! O wie dunkel ist es in dir, daß du nicht einmal mehr nach Licht begehrst und es für vollkommen unerreichbar hältst. Und wenn ein Wort dich auf Augenblicke getröstet hat, so ist es bald vorüber, und du läßt dich wieder sinken. Liebe Seele! Du brauchst nur den Kopf emporzustrecken und du wirst sehen, daß das Licht näher ist, als du es wähnst. Du kannst auch deine Bleikutte lüften und allmählich abwerfen, nur wollen mußt du es, und es ist gerade dein Wille, der darnieder liegt. Das Leiden ist nicht größer als deine Kraft, nicht ärger als was du verdient hast, sage dir das immer, dann wirst du an seine Vergänglichkeit glauben. Du weißt sehr wohl, daß du alles sühnen mußt. Du hast es schon oftmals erfahren. Warum denn jetzt verzagen, wo vielleicht alles zu gewinnen ist, jedenfalls eine Erfahrung, an der du Tausende reich machen kannst, die bis in die Ewigkeit dein Teil ist, und dir vielleicht viele Wege erspart, die sonst noch vor dir lägen und nun bereits überwunden sind. Die Sonne ist immer da, immer, nur du gewahrst sie nicht. Das ist aber nicht die Schuld der Sonne, sondern die Schuld deiner Schuld, oder deiner Blindheit, oder deiner Begehrlichkeit, die mehr hat haben wollen, als das ihr zugeteilte Maß von Glück, und darum in Nächte hat zurücksinken müssen, um Dankbarkeit zu lernen. Du weißt ja kaum, was du lernen sollst. Du erfährst es manchmal hernach, wenn die schwerste Leidenszeit überstanden ist, und du aus dem dunklen Eise herausgekommen bist, in das du verbannt warst, liebe Seele. Die Dunkelheit muß sich zerteilen, sie kann nicht ewig währen. Sie ist nur für eine Zeit um dich, bis du reif bist, das Licht zu genießen. Zerteile du sie selbst, deine Finsternisse, mit des Wortes Kraft, mit der Liebe Übermacht, mit dem Gedanken, der weit über die Dunkelheiten der Erde hinausragt, und einer ganz anderen Sphäre angehört. Du weißt es ja, warum verzagst du denn? Du weinst? Warum solltest du nicht weinen? Es weinen viele, und oft noch bitterer als du! Hast du schon ganz genau gesehen, wie oft dir geholfen wird, und wie mancher Trost bei dir einkehrt? Manchmal weisest du dem lieblichsten Troste selbst die Türe, und willst den Lichtstrahl garnicht haben, der durch deinen geschlossenen Laden eindringt. Trotze nicht dem Schicksal und nicht dem Himmel, denn beide sind stärker als du, und werden dir den Nacken beugen bis in den Staub. Du bist zu stolz, um im Staube zu liegen? Meinst du? Jedermann ist stolz, und keiner liegt gern im Staube. Es haben es aber schon viele tun müssen, und haben das Antlitz lange nicht erheben können, dann waren sie ganz demütig dankbar für den ersten Sonnenstrahl. Du bist von einem furchtbaren Geschick getroffen, liebe Seele, von einer dauernden Prüfung heimgesucht? aber du hast ja Flügel, du brauchst dich nicht zu Boden drücken zu lassen und zu verzagen! Dein Schicksal kann sich in deiner Hand in Segen verkehren für dich und die andern, sobald du nur hell machst bei dir, und nicht dich in die Dunkelheit der Verzweiflung und des Murrens vergräbst. Du hast ein Gefühl, als könntest du aus dem Sumpfe nicht heraus, in den du dich verurteilt wähnst. Aber Gott ist nicht so erbarmungslos wie die Menschen, er hat keine ewigen Verurteilungen, sondern es kommt die Erleichterung der Pein, und die Hilfe in der Not, wenn du es am wenigsten erwartest, schließe nur nicht alle Tore zu, das ist dein Fehler. Denn der Jammer hat seine besonderen Fehler und Versuchungen, und es gibt eine Selbstsucht des Elends und der Verzweiflung, die schlimmer ist, als das Elend selbst. Trotzen und Verzagen reizen das Schicksal, seinen Mut an uns zu kühlen. Es kommt eine Hand, die führt, wie der Engel an der Martinswand, glaube es nur! Wer Gott vertraut, dem schickt er immer einen Engel, bevor er zu Grunde geht und hilft ihm heraus. Darum ist es ein so großer Fehler, zu denken, daß wir nur Erdenwürmer sind, und daß unser Schicksal Zufall ist. Es gibt in der Welt keinen Zufall für den. der tief in das Geräder hineinzublicken die Gelegenheit gehabt hat. Da greift alles in einander in der wunderbarsten Ordnung. Das muß erlitten werden, was du erleidest. Sei doch nicht so kleinmütig, liebe Seele! Dein Hunger wird gestillt werden, dein Bangen in Kraft sich verwandeln, deine Finsternis wird lauter Licht, glaube es fest, wie der Seemann an seine Sterne, und du wirst siegen! Eifersucht Eine der großen Qualen deines Daseins, liebe Seele, ist die Eifersucht, mit der Liebe und Freundschaft dich quälen. Du meinst, alle müßten sich unter einander lieb haben, die du lieb hast. Dem ist aber nicht so. Jeder möchte dich für sich allein haben, ungeteilt, und daher kommt so viel Leidwesen, daß du oft weniger geliebt sein mochtest, um nicht so geplagt zu werden. Du mußt hundert Ausflüchte finden, wo du ehrlich und einfach sein möchtest. Du kommst beinahe zu einem Gefühl von schlechtem Gewissen, nur, weil du nicht alle zufrieden machen kannst. Das schlechte Gewissen kommt überhaupt meistens durch andere Leute und deren Vorwürfe. Denn vor sich selber hat man oft kein Unrecht getan, wenn man ganz unerwartet gescholten und übel behandelt wird. Daher kommt dann diese Unruhe und Gewissensangst, die aber in nichts anderem ihren Grund hat, als in der wahrhaft qualvollen schlechten Laune deiner Umgebung. Dir ist es manchmal vollständig unbegreiflich, daß Menschen, die dir lieb sind, sich unter einander anfeinden, und du brauchst oft lange Zeit, ehe du den wahren Grund entdecken kannst. Eifersucht ist eines der Dinge, welche aus der Erde eine kleine Hölle machen, dem der von ihr besessen ist, und dem der sie erduldet. Wenn du kein Verständnis dafür halt, so quält sie dich noch mehr, denn sie überrascht dich immer, wenn du ihr Vorhandensein am gründlichsten vergessen hattest. Und sie nimmt so viele Formen an. Man versteht, wenn ein Mann seine Frau lieber nicht tanzen sieht; man versteht es weniger, wenn er ihr ein interessantes Gespräch über Kunst und Wissenschaft nicht gönnt, wenn sie gewandt genug ist, ihre Person ganz aus dem Spiele zu lassen. Man versteht, wenn ein Mann weibliche Freundschaften für seine Frau mehr fürchtet als männliche. Denn nie wird ein Mann einer Frau etwas Ungehöriges zu sagen wagen, wenn sie ihn nicht dazu herausfordert, wogegen Frauen einander zuweilen sehr sonderbare Dinge erzählen, deren Wissen nicht gut und heilsam ist. Nun aber kommen ganz andere Dinge: Der Mann ist eifersüchtig auf seiner Gattin Geist, Talente, kurz auf alles, womit sie glänzen kann, wodurch er fürchtet, in den Schatten gestellt zu werden. Diesen Fehler findet man in Deutschland leider noch sehr viel. Oft sind die Frauen zum Schweigen verurteilt, oder zu sehr alltäglichen Gesprächen, weil die Männer allein ihre Denkkraft zeigen wollen, anstatt zu verstehen, daß die Frau viel mehr einsame Stunden hat und oft sehr viel lesen und denken kann, und manchmal eine sehr viel feinere Auffassung des Lebens besitzt als der Mann. In Frankreich führt die Hausfrau das Gespräch, und ist dadurch die Konversation in einem französischen Salon sehr viel graziöser und wechselvoller als da, wo die Frauen auf ihre Arbeit niederschauen, oder unter einander von geringen Alltäglichkeiten sprechen, damit die Männer sich ja als Herren des Gedankens und Willens fühlen. Nun sind aber die Gedanken freie Vögel, die alle Köpfe besuchen, und das Wissen bleibt Stückwerk, sodaß Frauen mit klugen Fragen oftmals mehr zur Aufklärung beitragen können, als die Gelehrten, die morgen verwerfen müssen, was sie heute als unumstößlich wahr aufgestellt haben. Es ist eine sehr geschmacklose Art von Eifersucht, welche die Frauen erniedrigen und für geringer achten will. Das hat mit dem Brotneid und der Angst vor dem Erwerb der Frauen nichts zu schaffen. Die Eifersucht der Frauen auf Glanz und Schönheit ist eine zu niedrige Sorte, um hier besprochen zu werden: die hat mit dem Seelenleben nichts zu tun. Aber die Eifersucht auf Liebe und Vertrauen kann das ganze Dasein vergiften, und du stehst wehrlos vor der treusten Freundin, wagst kaum, ihr zu zürnen, ihrer großen Liebe halber, und siehst doch keinen Ausweg aus diesem Labyrinth und diesen törichten Schmerzen. »Ach! Was man mich in meinem Leben mit Liebe gequält hat!« sagte eine der edelsten Seelen auf ihrer letzten Marterstatt. Eifersucht ist eine Form von Selbstsucht und weiter nichts, und darum kann sie so widerwärtig sein, daß man gar kein Mitleid mit ihr hat und nicht schonend mit ihr umgehen würde, wenn man sich nicht selbst dadurch unangenehme Stunden ersparen möchte. Die Eifersüchtigen versichern, ihr Leiden sei außerordentlich groß, aber was sie leiden machen mit ihren Szenen, mit der ewigen Angst und Unruhe, die sie hervorrufen, das bedenken sie nicht. Man kann mit unsäglicher Geduld und Langmut darüber Herr werden. Wenn man einen Mann bekommt, der durchaus alle Briefe lesen will, so gibt man sie ihm ruhig, aber man hebt dadurch kalt alle Korrespondenzen auf. Seinen Freunden sollte man lehren können, sich unter einander so lieb zu gewinnen, daß dadurch diese krankhafte Eifersucht aufhört. Es ist eine Arbeit von Jahren, aber zugleich eine außerordentliche Schule für dich selbst, liebe Seele. Es lehrt dich, eine ganz vollkommene Selbstbeherrschung gewinnen, nicht dem sogenannten Herzausschütten in unzeitiger Gefühlsseligkeit Raum zu geben, sondern vielmehr in gemeinschaftlichen Interessen, im Schaffen und Arbeiten für andre die schöne Freundschaft zu befestigen. Es ist nur eine schlechte Gewohnheit, das Herzausschütten. Es hilft nichts. Denn das Schwere bleibt schwer und wird manchmal noch dunkler und trübseliger, wenn es mit Worten zu scharf beleuchtet worden ist. Du solltest deinen Freunden auch nicht mit Klagen das Herz betrüben und ihnen das Gefühl deiner Abhängigkeit von ihnen geben. Es ist die allgemeine Unfreiheit, welche dieser bösen Krankheit, der Eifersucht, zu Grunde liegt. Und warum sollte man sich denn gegenseitig unfrei machen? Es gibt Männer, die einfach Angst haben vor den törichten, ungerechtfertigten Eifersuchtsszenen ihrer Frauen, während es Frauen gibt, die mit hochzuachtender Würde kein Wort über begründete Schmerzen verlieren, und die Welt sowohl wie den Mann nie erfahren lassen, ob sie überhaupt bemerkt haben, was die Übelwollenden ihnen so brennend gern mitteilen möchten, aber nicht dürfen, da alles wie an einer Marmorwand und Elfenbeinkugel abgleitet. Eifersucht ist würdelos, und sollte schon darum nicht bei edlen Frauen einkehren dürfen. Eifersucht ist ein Testimonium paupertatis . Nur ist es eine Armut, die kein Mitleid erregt, und darum vergißt man ihrer so oft und weckt das Gefühl und reizt es, ohne daran zu denken. Nur wahrhaft himmlische Geduld kann darüber Herr werden. Die geistig Armen erheischen aber noch viel mehr Geduld als die es materiell sind, und die bedürfen ihrer schon so sehr! Merkwürdige Fügung Es gibt Menschen die von »Zufall«, von »Schicksalslaune« und »Schicksalstücke« reden. Diese Menschen haben noch nie den gestirnten Himmel betrachtet, noch über die Anordnung der Jahreszeiten nachgedacht, noch die Einrichtung eines Körpers studiert. Wer möchte es wagen, in diesem wunderbaren Gefüge noch von Zufall oder Laune oder gar Tücke zu sprechen! Nur weil es dir übers Herz geht, findest du der Welt Räderwerk schlecht. Nur weil du dein Schicksal nicht begreifst, findest du es tückisch, liebe Seele. Aber, daß Welten verschwinden, das findest du ganz einfach, weil es dir keine Schmerzen macht. Wer bist du, daß du es überhaupt wagst, über den Weltenbau und über den Gang der Ereignisse zu reden? Du weniger als Ameise, du mehr als eine Welt! Versteh doch, du, du, so klein, so unscheinbar du bist, spielst deine Rolle in der ungeheuren Welt, und wenn du alt genug wirst, um zuzusehen, so wirst du nur staunen, wie merkwürdig das Gefüge und die Fügungen ineinandergreifen. Wenn man von sich selbst abzusehen geneigt ist, oder sich so kalt beurteilt, wie man es bei den andern tut, so wird man staunend entdecken, daß genau an jener Stelle jene Tat hat geschehen, jener Mensch hat geboren werden oder sterben müssen, jenes Ereignis eintreten, das vielen ihr Lebensglück zerstört hat, um es andren aufzubauen. Wir gewinnen selten den Standpunkt des Archimedes, der der Musik der Sphären lauschte und das Weltgefüge zu begreifen schien. Aber selbst unsern dunkeln Sinnen wird es zuweilen leuchtend kund, daß alles Fügung, Ordnung und Verstand ist. Es ist so modern bequem, über Unverstand und verrückte Ereignisse die Achseln zu zucken, statt anzubeten, wie es weit vorgeschrittenere Weise getan haben. Es bedauerte einmal jemand, daß Mozart nicht so reich gewesen, daß er nur zum Vergnügen habe Musik machen können. Da antwortete ein Musiker: »Hätte Mozart nicht gehungert, so wäre er ein liebenswürdiger Dilettant geworden, der sich selbst Vergnügen gemacht hätte, aber niemals der große Meister, der auf alle Jahrhunderte hinaus der Menschen wechselnde Geschlechter entzückt und entzücken wird.« Deine Schmerzen leisten vielleicht der Menschheit einen großen Dienst, liebe Seele. Was weißt du davon! Es ist noch selten jemand gestorben, ohne daß man nach wenig Wochen oder Monden es für ein Glück erklären durfte. daß er der Erde entrückt wurde. Von den Fügungen nicht zu reden, die wir glücklich nennen, weil sie uns eben Freude machen. Es sagte ein vielverkannter, verleumdeter und leidensvoller Mensch einmal: »Ich habe mich noch nie gerächt, bin aber bei geduldigem Warten oftmals so bitter gerächt worden, daß es mir selbst leid tat, da meine kühnste Phantasie eine so furchtbare Sühne nicht erdacht hätte!« Andre beklagen sich, es gäbe keine Gerechtigkeit, nur weil einer Millionen besitzt, während ein andrer darben muß. Hast du denn dem lieben Gott in seine Weltordnung hineingeblickt, daß du so genau weißt, ob dein Darben und sein Reichtum Laune, Tücke, Zufall oder höchste Weisheit bedeutet? Was die Menschen am meisten gegen das Schicksal empört, ist gerade die ungleiche Verteilung irdischer Güter. Es scheint schwer zu sein, hierüber erhaben zu sein. Und doch waren die größten Geister arm, und sind die großen Reichtümer stets nur für kurze Zeit in eine Hand gesammelt worden, um desto sicherer verteilt, und wahrscheinlich so verteilt zu werden, wie's der Menschheit am meisten zu statten kam. O Seele! Wenn du nur soviel Gottvertrauen haben könntest, wie jene blinde Frau, die betete, wenn sie für den nächsten Tag nichts zu essen hatte, und jedesmal schickte Gott Garn zum Spulen, sodaß für die nächsten und noch mehrere Tage Brot und Kartoffeln da waren. Es gibt Menschen, deren Gottvertrauen so unerschütterlich ist, daß es scheint, als würden sie immer gehört und erhört, während diejenigen, die nur das Schicksal anklagen, auch vom Schicksal zermalmt werden. Es ist sonderbar, wie unbescheiden die meisten Menschen Gott gegenüber sind, ja, ihn ganz verleugnen, weil sie ihn lieber gütig haben möchten als gerecht, und weil er nach ihrer Meinung nicht gütig ist, und seine Gerechtigkeit sie empfindlich trifft, so soll lieber ein blindes Schicksal wie ein fühlloser Sturmwind geweht haben. Waren nicht diejenigen glücklich zu preisen, die Gott folgten und sich demütig beugten vor seiner Macht? Du aber, liebe Seele, könntest ihn ganz wohl verstehen, wenn du deinen Lohn nicht immer für zu gering, deine Strafen aber für zu schwer, wenn nicht gar für vollkommen unverdient hieltest. Versuche es doch, dich willenlos führen zu lassen, von einem Tag zum andern zuzusehen, wie wunderbar die Fügungen ineinander greifen. Es gab einen Mann, der jeden Abend die Freuden aufschrieb, die er an einem Tage gehabt, und am Ende von nur einem Jahre beschämt sah, wieviel es gewesen. Du aber, liebe Seele, verzeichnest nichts als dein Leiden, und nie eine Freude, da sie dir unbedeutend erschien. Deine Leiden sind groß, wer wollte das Gegenteil behaupten! Aber es hat mancher Sonnenstrahl dein Zimmer erhellt, und manche Blume an deinem Wege gestanden, und du hast nicht gedankt! Der Sturmwind ist vielleicht blind, der den Wald lichtet und morsche Baumriesen entwurzelt, aber das war kein blindes Gesetz, das ihn blasen hieß, damit für den Jungwald Platz, Licht und Luft geschaffen würde. Du verwechselst dein Schicksal mit Dem, der es lenkt, oder mit denen, die angestellt sind, über dich zu wachen, und dich nicht zu Schanden werden lassen. Weißt du so gewiß, daß der alte Kinderglaube an Schutzengel und Penaten so sehr kindisch oder abergläubisch gewesen ist? Wäre es nicht möglich, daß die Menschheit hier die Wahrheit geahnt hat, und daß es Wesen gibt, die zu ihrem Schutz hilfreich hingestellt sind, ihre Angst kennen, ihre Gebete sammeln, ihre Leiden buchen, und ihre Kraft im Tragen und Leisten zu prüfen haben? Wir haben in unschuldigeren Zeiten vielleicht Wahrheiten gewußt oder geahnt, die uns heute verloren gegangen sind, und unserm erbitterten Gemüt ist es leichter von Zufall und von Prüfungen zu sprechen. Dann stand Hiob höher als wir, darum auch redete Gott mit ihm und klärte ihn auf über die Weisheit seiner Wege! Das Gewissen Ein Gefühl von beständigem schlechten Gewissen, doch ohne Schuldbewußtsein, ist deine quälende Pein, liebe Seele. Das ist aber nicht, weil du dir mehr Vorwürfe zu machen hättest als andere Menschen, sondern vielmehr weil dein Gemüt zu viel Druck erlitten hat, vielleicht von Kind auf, durch eine zu harte Erziehung, vielleicht in der Ehe, vielleicht in dem Dienstverhältnis unter einem zu harten Herrn oder einer zu schwierigen Herrin: Und bist du selbst Hausfrau, so ist Unfrieden in deinem Hause, unter dessen Bewohnern oder Gästen, genug, um dir ein Unbehagen in der Herzgrube zu verursachen, das genau einer Art von schlechtem Gewissen ähnlich sieht. Oder du fürchtest, unwissentlich und ungewollt etwas Kränkendes gesagt zu haben, oder du möchtest vor dem all zu strengen Herrn kleine Vergehen, die im Hause vorgekommen sind, verbergen. Das schlechte Gewissen hat hundert Gründe, manchmal sogar körperliche Herzschwäche oder schwache Verdauung. Immer liegt dem widerwärtigen Gefühl eine Schwäche zu Grunde, oft nur in der Kindheit erduldete Härte, die sich dem Gehirn eingeprägt hat. Es ist überaus schwer zu bekämpfen, nicht wahr, liebe Seele? Es ist wie irgend ein körperlicher, neuralgischer Schmerz, dessen Wiederkehr man kommen fühlt und nicht verhindern kann. Man klagt sich großer Schwäche und Zaghaftigkeit an, man findet sich kleinmütig, feige, entwürdigt oder zum mindesten würdelos, aber das schlechte Gewissen nimmt den Atem wie ein Alb, die Eßlust wie ein Examen, raubt die Gedanken wie Gespensterfurcht und den Schlaf wie eine böse Tat. Dann möchtest du dem Gefühl einen Namen geben, und quälst dich nächtelang, was du könntest gesagt haben, das töricht oder unfreundlich war. Es braucht für ein zartes Gemüt so wenig, um es nicht zur Ruhe kommen zu lassen. Und mit Neid sieht man denen zu, die die Kappe in die Luft werfen können und singen: »Glücklich ist, wer vergißt, was nicht mehr zu ändern ist!« – Aber der mit schlechtem Gewissen gebaute Mensch kann nie vergessen. Für den Augenblick bleibt jeder kleinste Mißgriff ein ewiger, nagender Vorwurf. Man sollte das bekämpfen, wie einen Fehler. Man sollte suchen, seinem Gemüte einen kräftigeren biceps anzuüben, auf daß es seine Lasten leichter heben und tragen könne. Das ist kein Trost zu denken, daß Menschen, die dir wirklich schlecht vorkommen, kein schlechtes Gewissen zu haben scheinen. Erstens sind sie vor sich selbst nicht so schlecht wie vor dir, und zweitens erzählen sie dir nichts von ihrem Gewissen, sie behalten das für sich und tragen es allein, gerade so wie du. Sie betäuben es sogar durch die ihnen bekannten Mittel, die du nicht anwenden kannst. Laß die andern Leute gehen und vergleiche dich nicht mit ihnen, liebe Seele. Sie sind anders gebaut als du, und der Vergleich kann dir nicht helfen und nicht nützen. Du mußt mit dir ganz allein fertig werden. Da hilft nur, zu denken, daß du nie allein bist, nie, sondern von tausenden von Wesen umringt, die dir nicht ins Bewußtsein treten, weil sie nicht dieselbe äußere Erscheinung haben wie du. Aber es sind lauter Schwesterseelen. Die sind feiner geartet als die dich umgebenden Menschen. Rede mit deinen geliebten Toten. Du wirst dich plötzlich verstanden und erleichtert fühlen, und die Gewissensangst wird dir vom Herzen genommen mit weichen zarten Händen. Quäle dich nicht über die Maßen liebe Seele! Du kannst dich selbst doch nie ganz zufrieden stellen; denn jeder deiner Tage muß der Versäumnisse viele bringen. Dem kannst du nicht entgehen. Dein schlechtes Gewissen ist auch manchmal eine Art von Überhebung. Du meinst, so viel mehr haben leisten zu können, oder du legst deinen Worten eine allzugroße Wichtigkeit bei. Bescheide dich, liebe Seele, und lerne, garnicht mehr, auch bei der Nacht nicht mehr, an dich selbst zu denken, sondern nur an die andern, denen du helfen sollst, und wäre es nur, seinen eignen, schlechten Charakter zu bekämpfen und zu überwinden. Das »Erkenne dich selbst!« besteht garnicht im Grübeln über sich selbst, sondern im ruhigen Buchen der gemachten Erfahrungen, bei dir so gut, wie bei andern Leuten. Verkannt zu werden ist dir merkwürdig bitter. Lerne zu lächeln und zu denken, daß man dich in fünfzehn bis zwanzig Jahren ganz anders beurteilen wird, und daß andrer Leute Urteil nie und nimmer dein Gewissen belasten sollte, schreibe nur während einer Woche auf, was dir verschiedene Personen über dich sagen, und du wirst sehen, wie sie sich nicht nur untereinander, sondern sogar selbst widersprechen, unter dem Einfluß ihrer augenblicklichen Laune. Du selbst, hüte dich, ungerecht zu sein: denn du weißt, daß es dich später den Schlaf kosten wird, da du nun einmal das Gewissen bekommen hast, das sich nicht beruhigen läßt. Sage es nie den andern; die würden dich nicht verstehen und glauben, daß du alles mögliche Schlechte zu verbergen hast. Verbirg dein ängstliches Gemüt vor ihnen, sie würden dich bald mißhandeln. Angst muß man nie zeigen, sonst wird man zertreten. Dein banges Gewissen trag vor Gott und bitte ihn, dir seine Engel zu senden, die mit weichem Flügelschlag den Schlaf heranwehen, und die zarten Hände auf dein Herz legen, bis du garnicht weißt, wo deine törichte Angst hingekommen ist. Beschwere nie deinen Magen; denn das Gewissen hat seinen Wohnsitz in der Magengegend und kommt manchmal nur von einer unvorsichtig genossenen Speise. Das Γνώδι σεαυτών hat ebensosehr auf den Körper Bezug als auf die Seele. Der Körper muß sehr beachtet werden, und niemand kann das so gut als du selbst. Wenn Essen dich bange macht, iß nicht. Ein wenig Obst und Brot sei deine Speise. Wenn Hunger dich bange macht, so lege dich nur mit sattem Magen. Aber mit allen äußern und innern Mitteln bekämpfe das unruhige Gewissen, das dir Schlaf und Kräfte, Verstand und Einsicht raubt. Sei heiter, liebe Seele, nicht dunkel! Im Himmel ist es vor allem hell! Ehrgeiz Diesem Abschnitt sollte man das schöne Gedicht von Wilhelm Jordan voranschicken: »Bescheide dich!« Denn es will von dem unruhigen Gesellen, dem Ehrgeiz, reden. Du meinst, liebe Seele, du bist garnicht ehrgeizig. Aber was dich eben nicht schlafen läßt, das ist doch ein Gefühl, das dem Ehrgeiz merkwürdig nahe verwandt ist. Mendelssohn hatte mit 19 Jahren schon den Sommernachtstraum geschrieben! Denkt, der zwanzigjährige Komponist, und wandelt in seinem Zimmer auf und ab statt zu schlafen. Victor Hugo schrieb mit 80 Jahren noch wunderschön! Denkt, der Dichter, der sich ergrauen sieht und erkalten fühlt. Von gemeinem Ehrgeiz, Ruhmsucht, Glanzsucht, von Hermelinfieber und Größenwahn reden wir hier nicht. Hier ist es von Seele zu Seele, die ganz stillen, zarten Regungen, die niemand kennt, als die stille Nacht und was in der Nacht wach ist, unsre stärksten Gefühle und brennendsten Gedanken, unsre verborgensten Regungen und ungestandenen Schmerzen. Es ist notwendig, bis zu einem gewissen Grade ehrgeizig zu sein, aber nur vor sich selber, nicht vor den Menschen. Aber dies Gefühl, sein Bestes leisten zu wollen, nicht zu krankhafter Ruhmsucht ausarten zu lassen, dazu gehört eiserne Standhaftigkeit, ein Erhabensein über sich selbst und ein kindliches Vertrauen. Der Nachtigall gab Gott die wunderbare Flöte, der Meise ihren herzigen Frühlingsruf: »Spitz die Schar! Spitz die Schar!« Du weißt es aber selbst nicht, ob du Nachtigall bist oder Meise. Darum laß dich nicht traurig stimmen, sondern gib dein Bestes. Sorge aber, daß dein tägliches Erleben dich täglich höher bringe und täglich reife. Dann wirst du dich wundern über das, was du hervorbringen kannst. Kein Ehrgeiz, kein Gutmachenwollen kann zeitigen, was eine einzige Erfahrung in Hirn und Herzen wach ruft. Vor allem aber niemals dich hinreißen lassen, etwas besser machen zu wollen als ein anderer. Das mißlingt. Sei du dein eigenstes bestes Selbst, liebe Seele, aber nicht besser als der andre, der vielleicht sehr vollkommen ist. Warum denn immer Turniere? Warum die andern aus dem Sattel heben? Du bist du, und kannst nicht schreiben, singen, spielen wie der andre. Kein Operateur arbeitet wie der andre. Die besten Stickerinnen gleichen sich nicht in ihrer Arbeit. Es gibt so vieles, das vollkommen ist oder scheint, in der großen menschlichen Unvollkommenheit. Liebe Seele! Sei vor allem du selbst in deiner eignen, bescheidenen Gestalt; harre bei aller Arbeit auf den Strahl von oben, auf den Tropfen, der von der Gottheit dir zugedacht ist. Mit Ehrgeiz kannst du nur die herrlichen Gaben zerstören, denn Ehrgeiz enthält einen sehr gefährlichen Mehltau, der heißt Neid und Mißgunst, und ehe du dich dessen verstehst, hat er deine Seele vergiftet, deine heiße Mühe vergiftet, deine Arbeit unschön gemacht. Sei das, was du selbst sein kannst, mit heiligem Eifer, mit dem einzigen Ehrgeiz, die Saat erstehen zu lassen, die in dich gelegt ist. O nicht über die andern fortsteigen wollen, liebe Seele! Es ist so viel Raum in der Welt für dich und für die andern. Laß dich nicht berauschen von Erfolg und vor allem nicht niederdrücken von Kritik und Tadel. Die Menschen, die dich beurteilen, sind ebensowenig unfehlbar als du selbst. Sie sind einseitig, oft sehr ungebildet, und du würdest, bei stiller Überlegung, oftmals dich schämen müssen, der Menschen Urteil soviel Gewicht und Bedeutung beigelegt zu haben. Der Erfolg berauscht dich keinen Augenblick, wenn du mit dir selbst nicht zufrieden bist, und der Tadel ist dir im Grunde des Herzens gleichgültig, wenn der heilige Engel, der dir die Inspiration geschickt hat, dir lächelnd in die Augen schaut und flüstert: »Das war schön!« Laß es dein einziger Ehrgeiz sein, dem Engel in deiner Brust zu gefallen, und kümmere dich nicht um die andern, als, um dich mitzufreuen, wenn auch sie haben Schönes zu Tage fördern dürfen. Es wäre der Himmel auf Erden, wenn alle gemeinsam arbeiteten, jeder das, was er am besten kann, und mit seinem Können denen zu Hilfe käme, die er um ihrer Vollkommenheiten willen wiederum herzlich bewundert. Ehrgeiz hat ein dunkles Gesicht und finstere Brauen, während deine Arbeit ein helles Licht in dein Herz und auf dein Antlitz zaubern soll. Arbeite dir selbst zur Freude. Denn du weißt sehr wohl, daß du dein eigener strengster Richter bist, viel strenger als alle, die dich umgeben; denn der dir deine Gaben geschenkt hat, der legte auch das Wissen in dich, wann und wie du sie zu ihrer vollen Entwicklung zu bringen hast. Du bist nur für das Maß deiner Gaben verantwortlich. Da du aber nie wissen kannst, wie hoch der Gipfel ist, den du erreichen sollst, so sei ungeheuer ehrgeizig, mit dir selbst die volle Höhe zu erklimmen. Mach, daß du heiteren Antlitzes von Gipfel zu Gipfel mit den andern Meistern himmelwärts blicken kannst in die ewige Vollkommenheit hinein. Entsagung Eines wird dir überaus schwer, liebe Seele, das ist Entsagen, Aufgeben, Verzichten. Das kostet viele heiße Stunden, manche bittre Träne, und so schwere Seufzer, daß dein Herz davon sehr beklommen und manchmal ganz schwach wird. 0 liebe Seele! Das ist wohl das bitterste in deinem Leben, wenn das Hoffen daraus ausgelöscht wird, wenn du selbst verzichten mußt, wo du sicher geglaubt hattest, etwas zu erreichen, wo du deines Herzens heißesten Wunsch als unerreichbar aufgeben mußt und entsagen, wo du besitzen solltest. Manchmal scheint alles so erreichbar, so ganz einfach, gar keine übertriebene Forderung an das Schicksal, und dennoch mußt du langsam zur Einsicht gelangen, das Erstrebte und Ersehnte ist nicht für dich; das ist schwer. Du fühlst dich fast berechtigt, zu murren; denn du hattest nur das verlangt, ohne das dir das Leben überhaupt unmöglich erschien, und auf dieses eine Lebensbrot sollst du verzichten? 0 wie zittern dir Herz und Hände! Die Nieren schmerzen und das Haupt schwindelt. Es geht beinahe ans leben, was du aufgeben sollst. Der Kampf deiner Nächte ist so groß, daß du Angst hast vor dem Tage, wenn der Morgen graut, und der Kampf deiner Tage ist so schwer, daß du dich vor der Nacht fürchtest, wenn der Abend hereinbricht. In diesen Stunden stehst du nicht vor dir selber da wie ein tapfrer Held, sondern dir ist so schwach und elend, daß du sterben möchtest. Klag nicht vor den Menschen, liebe Seele, suche allein den Kampf auszufechten. Denn niemand kann dir helfen. Gott verlangt von dir, zu gehorchen, er kennt das Ringen in dir, er sieht deine Nächte, er weiß, daß du leidest, laß dir daran genug sein! Denn die Menschen verstehen dich selten, und sind nicht im Stande, dein Leiden zu erleichtern, auch dann nicht, wenn sie es verstehen. Gib auf, was dir Freude machte, verzichte auf den Wunsch deines Lebens, aber still, klaglos, daß die andern nicht darunter leiden, und schrei nicht auf, nicht einmal im lautlosen Jammern des Seelenkämmerleins, wenn andern das geschenkt wird, was dir versagt geblieben ist. Entsagen heißt: lächeln und dem Nächsten alles gönnen. Entsagen heißt: sich lossagen von sich selbst und nichts mehr begehren. Entsagen heißt: Nicht in Worte kleiden, was ewig verschwiegen und verborgen bleiben soll. Der Kampf, den es zuerst gekostet, das begehrte Kleinod zu erringen, und den noch viel größeren Kampf, den es gekostet, es aufzugeben, verschließ in die innersten Tiefen und denk, daß du in dem Glühofen männlich und nervig und von reinem Metall geworden bist, schlackenfrei, selbstlos, echt. Du wärst das alles vielleicht lieber nicht, statt dessen glücklich; aber das Glücklichsein war nicht für dich, es war dir garnicht bestimmt. Denn wärest du glücklich geworden, so wärest du eben der Mensch nicht mehr, der du werden solltest. Gott selbst hat nicht gemeint, daß es leicht sei, als er dir das Entsagen auferlegte. Er hat nicht gewollt, daß es kampflos, von selbst käme. Er wollte, du solltest den ganzen Acheron durchwandern, Psyche, bevor er dir den Himmel auftun konnte. Solange du nicht vollkommen heiter bist, so lange wisse, hast du dich noch nicht ganz selbst entäußert, so lange lebt noch ein Funken von dem alten Feuer in dir und ein leises Sehnen nach dem, was du entbehrst. Wirf es hinter dich, seufze noch einmal und lächle dann, und lächle gerade dem zu, der das Ersehnte besitzt und es vielleicht nicht einmal so doch schätzt, als du es getan hättest. Dein Leben ist darum nicht weniger schön, weil es weniger Freude enthält. Dein Leben ist vielleicht um das reicher als du dich ärmer fühlst. Dein Leben ist vielleicht um das schöner, um das du es beraubt wähnst. Was weißt du davon? Du wirst stärker, immer stärker durch die Kraft der Besitzlosigkeit, durch das ewige Entbehren. Dir ist ein beständiges Fasten auferlegt und das macht dich zu jedem Werke nüchtern und tüchtig. Du leidest nicht an Sattheit, sondern du hast beständig alle Sehnen gespannt in heißer Arbeit, weil du in der Arbeit allein das völlige Vergessen deiner selbst finden kannst. Wenn man ganz vollkommen wäre, so würde man gar keinen so brennenden Wunsch mehr hegen, sondern immer sagen: Wie Gott will! Es ist sogar ein Unrecht um ein teures Leben zu flehen, denn wir wissen nicht, ob die Erhörung unsrer Bitte ihm nicht den Himmel verschließt und es in ein Leben zurückschleudert, von dem es beinahe befreit gewesen wäre. Es ist lauter Selbstsucht von uns. Sonst würden wir uns freuen, daß der Mensch erlöst und noch heute im Paradiese sein wird. Denn das Erdenleben ist im besten Falle leidvoll, da es soviel Sterben und Abschiednehmen in sich schließt, ohne alle die andern selbstgeschaffenen Leiden. Wunschlos zu sein macht unabhängig und macht stark, noch mehr als besitzlos zu sein. Es macht von allen Menschen frei und gibt dir dadurch große Gewalt über sie. Du wirst aller Freund und Ratgeber, sobald sie ahnen, daß du garnichts mehr für dich selbst begehrst, liebe Seele. Sie kommen zu dir wie die Kinder, weil sie noch Wünsche haben, die du gütig lächelnd anhören und manchmal erfüllen kannst. Gib dich ganz auf, liebe Seele, dann hat dein Erdenwandern dich reif gemacht! Duldsamkeit Du rühmst dich, ein Christ zu sein, ein törichter Ruhm, denn du bist es noch nie gewesen, trotz des Namens den du trägst, trotz all der schönen Lehren die du auswendig gelernt hast, aber ein Christ bist du nicht, solange du nicht gelernt hast duldsam zu sein. Dir ist so vieles ein Greuel das du anhören mußt, ja das Christentum selber ist dir verleidet, durch all die Heuchelei mit der es so häufig umgeben und verunstaltet wird. Du siehst, daß es mit viel Heidentum verquickt worden ist, aber bedenkst nicht, daß es, duldsamer als du, sich dem vorhandenen Heidentum anpassen mußte, um sich Bahn zu brechen und überhaupt verstanden zu werden. Der Missionar muß ja auch zuerst die Sprache lernen, in welcher er das Christentum und die Civilisation predigen will, sonst kann er gar keinen Eingang finden. Du aber willst, man soll deine Sprache reden und keine andre. Wer gibt dir denn das Recht soviel zu verlangen und so unduldsam zu sein? Wer gibt dir das Recht zu verlangen, die Menschen sollen so denken wie du? Sie gelangen auf anderm Wege genau zu demselben Schlusse, aber sie wollen ihre eignen Wege gehen, gerade so wie du. Sie wollen nicht geführt sein, sondern selbst finden. Was tut es dir, daß sie anders reden, daß sie anders empfinden als du, daß sie Wege einschlagen die dir fremd sind? Du willst sie durchaus in die von dir als gut erkannten Bahnen hineinzwingen, da du ihr Glück dort allein erkennst. Aber, liebe Seele, du gehst ja auch deine eignen Bahnen, und willst von niemandem geführt sein, von niemandem geknechtet, von niemandem bevormundet, du hältst dich für männlich genug, um deinen eignen Dornenpfad und deine eignen Abgründe zu beschreiten. Du trägst dem Schädelbau des andern nicht Rechnung, nicht seiner Vergangenheit, nicht den Eltern, denen er entsprungen ist, nicht den Gewohnheiten, die ihm vielleicht heilig und lieb sind, weil seine Eltern sie gehabt, und die dir kindisch oder unleidlich vorkommen, bloß weil du anders gewohnt bist. Der Weg zum Himmel ist für uns so breit wie die ganze Erde, es ist kein Plätzchen so klein und unscheinbar, daß darauf nicht einer der vielen Himmelspfade hinliefe. Jeder ist gut, wenn er nur steigt, manche steigen aber so unmerklich, daß du sie gar nicht siehst. Manche gehen so steil, daß sie vor deinem Blick verschwinden. Und derjenige, den du belehren möchtest, ist vielleicht schon viel höher als du, nur kannst du ihn mit dem Blick nicht verfolgen, und hältst deshalb seinen Weg für den falschen. Aber liebe Seele, du hast dir noch nicht einmal die Mühe gegeben, genau hinzusehen, sondern hast gleich verurteilt, was du nicht begreifen konntest. Du bist wie der Stier mit dem roten Tuche gewesen, verrannt in deine eignen Meinungen, und hast die andern umgestoßen und über den Haufen rennen wollen, bloß weil ihre Farbe dir nicht gefiel. Die einen legen Trauerkleider an, wenn sie einen geliebten Menschen verlieren, die andern erklären das für gottlos, und ziehen Feierkleider an, und weinen nicht, weil sie sich mitfreuen wollen, daß ihr Liebster nun in den Himmel eingegangen ist. Die einen beten für die armen Seelen ihrer Abgeschiedenen, die sie bescheidener als die andern, nicht direkt im Himmel zu suchen wagen, weil sie ihre Fehler und Gebrechen genau kannten. Die andern möchten ihre Toten bitten für sie zu beten. Die einen jammern über unsre große Unzulänglichkeit und Sündhaftigkeit, die andern wollen uns als reine Engel sehen, gerecht und fleckenlos. Wer hat Recht? Wer sieht die Wahrheit? Jeder will für die Wahrheit einstehen, und sich sogar opfern für die Wahrheit. Aber die Frage des Pilatus war nicht so töricht und nicht so gottlos als sie Christi Himmelsgestalt gegenüber uns nach Jahrhunderten erscheint. Was ist Wahrheit! Man kann nicht verlangen, daß alle alles für wahr halten, was sich ihrem Begriffsvermögen vollkommen entzieht, und da kannst du mit keinem Eifern erreichen, daß deine Wahrheit anderen sofort auch Wahrheit sein soll. Die einen glauben an Gespenster, die andern haben sogar Erscheinungen und Gespenster oder was wir so nennen gesehen, noch andere lachen sie aus und finden sich ungeheuer klug, weil sie über etwas lachen, das sie nicht beurteilen können. Wir können höchstens von Überzeugungen und Meinungen sprechen, von der Wahrheit niemals, da wir weder Augen noch Ohren noch irgend welche Sinne haben, um sie zu vernehmen und schwören zu können: Das ist sie! Die Wissenschaft glaubt jeden Augenblick, ihr auf der Spur zu sein, und in wenig Jahren wird doch all ihre Erkenntnis über den Haufen geworfen, und alles liegt am Boden was doch aufgerichtet beinahe schon zum Glaubensartikel erhoben war. Man darf doch höchstens sagen: Mir scheint es so, ich denke das, ich empfinde als ob meine Auffassung berechtigt wäre, das ist schon viel gewagt. Allerdings gäbe es keine Märtyrer, wenn nicht in einem die Überzeugung stärker wäre als die ganze umgebende Welt. Aber sind Märtyrer so sehr notwendig in einer vollkommen gebildeten duldsamen Welt? Es ist doch nur die Roheit der Umgebung, die Märtyrer schafft; wären alle gleich gebildet, so würden alle allen zuhören können und sich fragen, ob nicht ein Körnchen Erkenntnis in jeder Auffassung schlummert. Gebildet sein, heißt durchaus nicht viel wissen; denn kein Mensch weiß viel, wenn er sich mit der Unendlichkeit des zu Wissenden vergleicht. Aber gebildet sein, heißt allen Meinungen zuhören können und sich fragen, ob nicht ein Körnchen Erkenntnis in jeder Auffassung schlummert. Gebildet sein, heißt durchaus nicht viel wissen: denn kein Mensch weiß viel, wenn er sich mit der Unendlichkeit des zu Wissenden vergleicht. Aber gebildet sein, heißt allen Meinungen zuhören können und aus jeder das Körnchen Erkenntnis sichten, das darin enthalten, ob auch die Ausdrucksweise zuweilen dunkel, ob auch ein geduldiges Tasten dahinter liegt, und noch nicht leuchtende Einsicht. Was ist denn leuchtende Einsicht? Das was den meisten oder den wenigsten als solche erscheint? Das was die Zeitgenossen erschüttert, oder das, was sich langsam Bahn bricht, wenn der Suchende schon längst Staub ist und beinahe vergessen? Man denke sich eine Gesellschaft, in welcher kein Streit mehr möglich, weil jeder bereit ist, den andern anzuhören und seine Meinung gelten zu lassen, weil die Handlungen eines jeden vom Standpunkte seiner Vergangenheit und Erbschaften aus beurteilt würde, und weil jeder so tief bescheiden wäre, daß er es für möglich hielte sich geirrt zu haben und sich noch sehr oft zu irren. Nicht allen Eiferern wird es so gut wie Paulus, daß sie von blendender Klarheit umleuchtet werden und daß sie für wahr halten, was sie vorher verfluchten und verfolgten und daß diese Wahrheit noch von andern anerkannt wird, und sie nicht stracks auf dem Scheiterhaufen ihre Erkenntnis büßen müssen. Es ist eine große Unselbständigkeit in den Menschen, daß sie alle nachbeten müssen, irgend einen Götzen sich schaffen, irgend einen Fetisch aufrichten, sei es Mensch oder Stein, oder Licht oder Wärme oder ihre eignen Toten, oder was es auch immer sei; sie wollen anbeten, und in ihrer Anbetung nicht gestört werden. Sie wollen hören, daß sie Recht haben von irgend jemand, der ihnen zeitweilig als Autorität erscheint, und mit dessen Überzeugung sie schlafen können. Ja man findet meistens den größten Eifer da, wo nachgebetet wird, ohne Verstand, ohne eignes Denken, ohne Erkenntnis, sondern nur, weil der Apostel sympathisch gewesen ist. Das ist das Unglück vieler Frauen in Religion, nochmehr aber in Politik, daß sie irgendeinen Apostel haben und von dem nicht loskönnen oder wollen, nur weil er einmal sie erschüttert hat, oder eine Saite hat anklingen machen, die lange weiter klingt. Nun wollen sie alle Menschen mit demselben Ton beglücken, und begreifen nicht, daß vieler Ohr für denselben verschlossen ist. Einige Menschen wollen zur Mütterlichkeit in der Welt beten und nennen es Jungfrau Maria und Mutter Gottes, laß sie doch! es ist ein liebevolles und natürliches Gefühl einer kindlichen Seele, sich an den Inbegriff, an das Symbol aller Mütterlichkeit zu wenden, da ihm das Mütterliche als das einzig anbetungswürdige auf der Erde erschienen ist, der andre will die reine Vernunft walten lassen, und gar nicht beten, lebt aber so fromm und so einfältig gottesfürchtig wie der Betende. Laß ihn doch. Bete, wenn es dir ein Trost ist, dein Herz dem unsichtbaren Höchsten vertraut zu machen, bete nicht wenn es dir lieber ist, an die Unabwendbarkeit aller Fügungen zu glauben. Der eine muß einen persönlichen Gott haben, der andre einen viel unbegreiflicheren, den er nicht fassen kann, weil er eben die ganze Welt in sich begreift, jeder hat das Recht zu denken und noch mehr zu empfinden wie er kann. Gott duldet ihn ja! Wie solltest du ihn verachten? Die einen glauben gesund zu werden, wenn man für sie betet, weil sie gesehen haben, daß kein irdischer Arzt ihnen helfen kann, die andern glauben nur ans Messer und an die Kunst der Chirurgie. Es ist auf dieser Erde eben alles Glauben und weder Wissen noch Schauen. Darum ist der einfachste Kinderglauben vielleicht der allerbeste, nicht der Glauben, den die Kirche lehrt; denn die Kirche ist wiederum Menschenwerk, und darum vergänglich und jedem Irrtum preisgegeben, sondern der einfache Glauben, den jeder in seiner eignen Brust findet, wenn er ihn nicht künstlich hinauserzogen, und hinausgebildet bat. Darum soll der ehrliche Zweifler auch einen guten Platz an unserm Herde haben. Den ehrlichen Zweifler hat Gott lieb, denn er denkt. Der Zweifel ist eine andre Form des Anbetens manchmal, denn es ist der Mensch, der alles ungenügend findet, die Wissenschaft, die Religionen, die Philosophien, der am Ende am allermeisten Recht hat; denn alle Religionen, alle Philosophien, alle Wissenschaften sind Menschenwerk und menschlichen Gehirnen entsprungen, deshalb jedem Irrtum ausgesetzt und der Zweifler will der Wahrheit näher kommen als alles, was man ihm an Errungenschaften bietet, darum werden ihm die Nägelmale gezeigt, darum hat die Gottheit Mitleid mit seiner ewigen Frage, da, wo die Menschen verdammen, und verurteilt nicht, da wo die Menschen steinigen. Deine Überzeugung ist für den andern noch lange keine Überzeugung, selbst wenn sie in dir felsenfest steht, und du kannst sie ihm nicht beibringen, weil er nach deiner Überzeugung weder Verlangen noch Bedürfnis hat. Die Form deiner Frömmigkeit ist ihm vielleicht gar nicht angenehm, während deine Frömmigkeit selbst ihn mit Andacht und Ehrfurcht erfüllt und er sie um keinen Preis stören oder vernichten möchte. Nur ihr Ausdruck ist ihm unverständlich und er kann das nicht teilen was dich erbaut. Laß ihn doch und geh deinen Weg. Du weißt, daß er dir der rechte ist. Der seine läuft nebenher, mit andern Schuhen, mit andern Steinen, mit andern Hindernissen; da braucht er auch eine andre Religion. Die Errungenschaft deiner Wissenschaft beglückt und bereichert dich, dem andern ist sie nichts nütze und er hört dir nur befremdet zu und sieht den hohen Wert deines erlangten Erkennens nicht ein oder hat keinen Genuß davon. Es ist so als wollte man von einem Tauben verlangen Musik zu genießen, und wenn sie auch himmlisch klingt. Wenn sie ihm verschlossen ist, so kann man es für ihn bedauern, aber mit keiner Gewalt kann man sein Gehör offnen, und wenn man ihm noch so oft sagt, daß die ihn umwogende Musik schön ist, wenn er keine Partituren lesen kann, so wird er eben nichts davon ahnen. Laß ihn doch und mach ihn nicht traurig indem du ihm das Gefühl gibst, daß er soviel entbehren muß, was dir in so reichem Maße geschenkt ist. Dafür hat er andere Freuden die dir keine sind. Der eine meint eine väterliche Regierung sei das einzig richtige für die kindlichen Völker die man nicht zu sehr aufklären müsse, der andre findet, daß alle Menschen so aufgeklärt werden müssen, daß sie keiner väterlichen Regierung mehr bedürfen, sondern sich selbst regieren können. Und nun ereifern sich beide, und wenn sie sich recht ereifert haben, dann denkt jeder wie zuvor und keiner hat etwas von seinem Standpunkt eingebüßt, höchstens haben sie sich geärgert und waren unduldsam, und fühlen hernach eine Art von geistigem Katzenjammer über ihre verschwendete Lungenkraft und ihre Unfreundlichkeit. Der eine ist zu hart erzogen worden und kann außer sich kommen über jede Erziehungsmaßregel, weil ihm nun alle zu hart erscheinen, der andre leidet darunter, daß er verwöhnt worden ist, und möchte nun alle Kinder zu reinen Stoikern und Spartanern erziehen. Zur rechten Stunde Stoiker sein und zur rechten Stunde mit dem Kopfe in der Mutter Schoße liegen und seine tiefsten Gedanken und Herzensgeheimnisse ins treue Herz ausschütten, das ist das Rechte. Nicht immer alles sein, sondern alles zu seiner Zeit. Dulden, duldsam sein, ist göttlich und erhaben und macht den Eindruck großer Weisheit und Erkenntnis, viel mehr als predigen und bekehren. »Du dürftest Recht haben!« sagt der Weise. »Du mußt glauben oder du wirst verbrannt!« der unweise Eiferer. Wie gebildet würde eine Gesellschaft werden, in welcher jeder angehört würde und über eines jeden Meinungen und Ansichten nachgedacht würde, mit Erwägung der Umstände, aus denen eine solche Meinung entsprungen ist. Es würde keine Eiferer mehr geben, weil der Widerspruch, der sie reizt, wegfallen würde. und es gäbe keine ungläubigen Skeptiker, weil sie jedermann gestatten würden seinen Glauben zu haben, ohne ihn zu verlachen und zu verachten. Hat doch Lombroso versucht, die Unglücklichsten der Menschen, die Verbrecher, zu verstehen, und Duldsamkeit auch für diese zu erlangen. Sogar dem Genie will er Duldsamkeit verschaffen, das doch von der allgemeinen Mittelstraße verpönt und verachtet wird. Er schlägt dazu freilich einen sonderbaren Weg ein, indem er es unter die Wahnsinnigen rechnet, bloß weil es von der allgemeinen Auffassung abweicht, aber es ist doch seine Art der Duldsamkeit, da wo viele Menschen vollkommen unduldsam sind. Sie können es nicht vertragen, daß ein Mensch ein Goldkörnchen gefunden hat, das ihrem Auge entgangen ist. Es ist leider viel Eifersucht bei der Verfolgung der Genialität, auch ist die Unmöglichkeit zu begreifen, wie einem solchen Wesen die Welt erscheint und was für eine Traumwelt es bewegt, mehr als die kalte Wirklichkeit, die in seinem Leben gar keine Rolle spielt, während die andern so überaus wichtig erscheint. Duldsamkeit ist des Christentums wie der Bildung höchste Errungenschaft, Duldsamkeit ist reine Philosophie, reine Erkenntnis, reine Selbstentäußerung, die größte Entfernung von allem Wahnwitz; denn der Wahnwitzige ist in eine einzige Idee verrannt und hat keinen Raum und keine Duldsamkeit für andre. Duldsamkeit ist wie eine große schöne Bildergalerie, in welcher alle Schulen vertreten sind, und alle Meister friedlich nebeneinander wohnen, weil in dem weit ausgebildeten Gehirn Raum ist für alle, und Anerkennung für jede Auffassung. Duldsamkeit ist wie ein Dom, in welchem alle Menschen einkehren, die einen zum Beten, die andern zum Anschauen, die dritten um allein zu sein, die vierten um zu bewundern; Duldsamkeit ist wie eine große Abtei, in welcher viele weise Arbeiter sich versammeln und aller Streit ausgeschlossen ist, weil jeder seine Zelle und seine Einsamkeit hat, und man sich nur versammelt, wenn man vollkommen friedlich und harmonisch sein kann, weil man des Tages Denkarbeit hinter sich läßt in heitrer Ruhe und Weltabgeschiedenheit. Freude Hast du dich schon einmal so von ganzer Seele, aus aller deiner Kraft und mit all deiner Dankbarkeit gefreut, liebe Seele? Hast du gefühlt, wie es in dir aufjauchzte vor Entzücken, vor Überraschung, vor unsagbarer Seligkeit? Weißt du wirklich was das ist: Freude? Oder was noch viel schöner ist: Hast du in deinem Leben schon die Gelegenheit gehabt, Freude zu machen? Weißt du Seele, was das für ein Glück ist, Freude zu machen? Es ist vielleicht das einzige wirkliche, unzerstörbare Glück, das uns auf Erden geschenkt ist, und wir können nicht dankbar genug dafür sein. Wir wissen selbst nicht, welch hohe Gabe es ist, da wir oft nicht im Stande sind, den Grad der Freude zu ermessen, die wir bereitet haben. Meistens macht man mehr Freude als man es gedacht, und tut auch weher als man es gewollt oder gefürchtet hat. Man liest so schwer das wunderbare verschlossene Sphinxbuch: Eine andere Seele! Man steht davor und fragt sich, wie man hineindringen soll und ob man hineindringen darf. Um sichersten und besten dringt man mit einer großen und tiefen Freude hinein, nicht mit einem überwältigenden Geschenk, das vielleicht nicht den Wünschen des andern entspricht, oder ihn sogar peinlich demütigt, weil es unverhältnismäßig ist: aber mit einer ganz kleinen liebevoll erdachten Freude, damit kann man Wunder tun. Eine Dame hatte gehört, daß eine andere in bitterste Not geraten war, und nicht wußte wie sie ihre zahlreiche Familie ernähren sollte, obgleich sie nicht zu stolz war, die geringste Arbeit zu verrichten, von früh bis spät. Sie besuchte sie und fand sie nicht zu Hause, ließ aber ein Veilchensträußchen für sie zurück als Liebesgruß. Die Verarmte freute sich mehr über dieses Freundschaftszeichen als über ein Geschenk, das ihr nur demütigend gewesen wäre, Freude machen ist eine ganz besondere und sehr große Kunst, die nur in des Herzens feinsten Tiefen erblühen und gepflegt werden kann. Denn es ist nicht leicht, es richtig anzufangen und es gelingt nur dann, wenn man sich ganz in die Seele des andern versetzt und sich mit ihm freut, als wäre einem das Geschenk zu teil geworden; manchmal ist ein Wort eine große Freude, manchmal ein Blick, ein Lächeln, ein Winken, ein Händedruck, der aus des Herzens Grunde gekommen ist, und oft unbewußt getröstet und erquickt hat. Man sollte immer dem Instinkt folgen, der uns treibt: denn der Instinkt zeigt uns mit unfehlbarer Sicherheit, wo die Blume wächst, die man pflücken und schenken soll, wo die wunde Stelle in des andern Herzen ist, auf die man Balsam legen kann. Freude ist der Sonnenstrahl, der eine Kammer vergolden kann, und wäre es auch nur für einen Augenblick! Der Augenblick ist doch gewesen und zählt im Leben. Und der die Freude gebracht hat, ist doppelt erfreut, denn Freude machen ist von allen Erdenglückseligkeiten die größte. Sie ist so goldrein, so klar, so erhaben über alle niedrigen Gefühle, daß sie den veredelt, der sie spenden darf, und oft vor seinen eignen Augen besser erscheinen läßt. Denn der Strahl, der aus des andern Auge in das seine fiel, war noch weit wärmer, als der den er gebracht! O Seele! Freude und wieder Freude! das sollte deine Losung sein! Freude und immer Freude! Laß die Blume nicht stehn, die du dem Freunde bringen wolltest, laß das Wort nicht ungesagt, das ihm Trost spenden sollte, laß die Hand nicht an deiner Seite niederhängen, deren Druck erquicken sollte. Wenn du in ein Zimmer trittst, denk nur gleich, wen du erfreuen sollst, du kommst doch nie umsonst herein, du bist hingeschickt, um irgend etwas zu tun, das sonst ungeschehen bliebe. Sieh dich um und gleich wirst du entdecken, wer es ist, der deiner bedarf, und dem du hast Gutes bringen sollen, und wäre es auch nur ein Morgengruß, da seine Nacht unruhig und bange gewesen, und er es nicht eingestehen will; oder ein Wort, damit er den Klang deiner Stimme hört, den er besonders gern hat. Oft verlangt ein Kranker nur nach dem gewissen Klang einer gewissen Stimme, die er lieb hat, auch wenn der Sinn der Worte ihn nicht erreicht, und ihm wird wohler. Sei du so warm, daß dein Erscheinen wirkt wie ein Strahl, daß du Freude machst, nur weil du gekommen bist, liebe Seele. Das kannst du sehr wohl durch vollkommenes Selbstvergessen und Selbstentäußerung. Statt einzutreten mit dem Gedanken, daß man dir nicht wohl will, sei du wohlwollend, und du wirst siegen wie die Sonne über den Frost und Winterreif über Nebel und düstere Wolken. Vor deiner unverwüstlichen guten Laune werden dunkle Stirnen sich aufheitern, und ein Lächeln erwachen und ein freundlich Wort zu den Lippen aufsteigen, die vorher mürrisch verschlossen waren. Es gibt Menschen, welche die Gabe haben, überall gute Laune und Freude hinzutragen, wo sie auch immer erscheinen. Man kann sich darauf verlassen, daß das stets ganz altruistische Menschen sind, in die nie ein Hauch von Selbstsucht hat eindringen können, weil einfach kein Platz dafür da ist, weil sie von den andern erfüllt sind, und von dem, was diese bedürfen, daß sie nicht Zeit haben an ihr eignes Ungemach zu denken. Es gibt Menschen, ohne welche es gar keinen rechten Spaß gibt, weil ihre gute Laune auch dem scheinbaren Ungemach die heitere Seite abgewinnt, und den andern weismacht, es sei alles herrlich, und prachtvoll, wenn es auch noch so bescheiden ist. Man kann einem Menschen bei der wenigstguten Mahlzeit Appetit machen, indem man ihm vorspiegelt, das Essen sei sehr gut, oder mit so heiterem Scherz über die schlechte Speise hinweghilft, daß der andre satt wird, und nicht weiß wie. Man kann auch dem andern ein lukullisches Mahl ganz verderben, indem man es schlecht findet, und alles daran kritisiert. Die Phantasie, diese liebenswürdigste Gesellschafterin, macht eben alles hell, wo sie einkehrt. Zumal das Essen kann man durch Phantasie gut machen und verderben. Phantasie ist die große Freudenbringerin, sie läßt einen erraten, womit man Freude bereiten kann, sie macht heiter, wo alles dunkel war, sie erfreut, wo kein Grund zur Freude vorhanden ist. Deswegen kann man nicht dankbar genug sein, wenn einem diese Freudenbringerin in die Wiege gelegt worden ist. Man macht sich selbst das Leben so viel schöner, wenn man es durch seine Phantasie erhellen läßt. Freude ist der liebste Gast, den man nie verfehlen sollte in die Ehe und an jeden Mittagstisch einzuladen. Freude ist so hell, daß sie eine Leuchtkraft ist, da wo sonst keine andre Leuchtkraft vorhanden ist, oder erschwungen werden kann. Singen bei der Arbeit ist darum so ratsam, weil das Singen froh macht und viele schlimme Gedanken fortjagt. Singen bei Kranken ist so gut wie Arzenei, mit sanfter leiser Stimme ein Lieblingslied, und jeder Kranke wird lächeln! Ist das Lächeln nicht überhaupt eine Himmelsgabe, die Gott seinen Menschenkindern hat zu Teil werden lassen, damit sie wie Engel aussehen sollten? Jedes Gesicht wird schöner durch freundliches Lächeln, aber nicht durch schadenfrohes oder hämisches Lächeln, aber durch das Lächeln, das wie der erste Frühlingsgruß alle Knospen schwellen macht, und das Gefühl gibt, daß Hoffnung und Liebe nicht erstorben sind. Das Harte für Blinde ist, daß sie nie das Lächeln sehen, das man ihnen entgegenbringt, und mit dem man sie so gern erfreuen möchte, wenn man es ihnen nur zeigen könnte. Ein Blinder, der lächelt, ist so rührend wie er es selbst nicht ahnt, ein lächelnder Kranke überhaupt reißt einem das Herz auf und manchmal ab, denn es kann ein Lächeln geben, das herzzerreißender ist als die bitterste Klage und doch so lieblich, daß es unvergessen bleibt, jedem, der es einmal sah! Lächeln ist der Freude Schwester, wenn sie es nicht manchmal selbst ist; denn die Freude lächelt! Deswegen wollen die Völker, die sich Herrscher gegeben haben, ihre Herrscher gern lächeln und immer lächeln sehen, damit sie das Gefühl haben, daß sie dafür da sind, um ihnen Freude zu machen und ihnen alles hell und leicht zu machen, was sie vorher bedrückte. Ein Lächeln sieht schon aus wie ein liebevolles Versprechen. Ein Lächeln sieht aus als könnte und als wollte man helfen. Ein Lächeln kann Finsternis zerstreuen. Wie erhaben kann ein Lächeln sein, auf einem fälschlich angeklagten oder verleumdeten Gesicht, wie ergreifend ein Lächeln, wenn die Not so groß scheint, daß der arme Mensch unter ihrer Last zusammensinken müßte, wenn sein Lächeln nicht stärker wäre, als die Not und ihr scheußlich grinsendes Totengesicht. Seele! wenn du nur immer wüßtest, was du fortlächeln kannst, wie würdest du alles dran setzen um deinem Gesichte die Freundlichkeit abzugewinnen, die so wohl tun würde! Es ist nicht so schwer als du es wähnst. Du kannst lächeln, liebe Seele, du kannst es wirklich! Es haben Menschen auf dem Scheiterhaufen gelächelt und auf der Folterbank gestrahlt! Es haben Sterbende so gelächelt, daß ihr Tod wie eine Apotheose ausgesehen hat. Du kannst es ganz gut, wenn du nur immer vor Augen hast, daß du Freude machen sollst und willst! Freude, liebe Seele! Wie hat sie Schiller besungen und was hat Beethoven für einen ewigen und unvergänglichen Jubelhymnus daraus gemacht! Diese schwergeprüften Sänger wußten, was Freude bedeutet, sie wußten, daß ein Freudenstrahl für Ewigkeiten von Pein trösten kann, und in den Himmel erheben. O Seele! Nur ein wenig Kraft, ein ganz klein wenig Selbstüberwindung und du wirst reich belohnt sein! Du wirst sogar erstaunen wie Feindschaft verstummt und sich nicht mehr regen kann, dort, dahin du Freude getragen hast! Dein Lächeln hat den Groll zu nichte gemacht. Statt selbst zu grollen, heiter blicken, liebevoll heiter, und siehe: der Feind weiß gar nicht mehr, wo sein Haß hingekommen ist! Er ist auf einmal wie weggeblasen. Und daß du schenken darfst, Seele, das ist ein so erhabenes Glück, daß man sich nur wundern muß, wie du es übers Herz bringen kannst, nicht alles wegzuschenken, was du besitzest, nur um das Glück zu genießen, Freude machen zu können! Schenken ist ja die allerherrlichste Freude, die man haben kann, und der Blick, der aus frohen Augen einem entgegenleuchtet ist doch tausendmal mehr wert als jedweder Gegenstand in unserm Besitze. Es gibt nichts, gar nichts, das eines Freudenblickes unwert wäre, oder gar zu kostbar, um einen solchen zu erwecken! Und wenn es deine einzige und ganze Habe ist! Aber Mensch! Du kannst vielleicht nur einmal in deinem Leben einen solchen Blick ernten, und du wolltest dir dieses einzige Erdenglück entgehen lassen? Conrad Ferdinand Meyer hat eines seiner schönsten Gedichte dem Freudemachen gewidmet. Danach läßt sich garnichts mehr sagen, das erschöpfender wäre. Man kann nie wissen wie weit eine Freude reicht, die man hat machen wollen, denn sie schlägt Wellen unberechenbar weit. Ich hatte einer sehr teuern, jetzt eben verstorbenen Freundin, ein Märchen in Versen geschrieben und ihr dasselbe nach Paris geschickt. Sie war so unbeschreiblich glücklich darüber, daß sie in eine Kirche ging, niederkniete und betete: »Lieber Gott: mach daß ich einen andern so erfreuen darf, wie mir es beschert worden.« Als sie aus der Kirche geben wollte, sah sie nahe der Kirchentüre einen wohlgekleideten fein aussehenden totenbleichen Mann knien. Sie war bereits an ihm vorübergegangen, kehrte aber zu ihm zurück und ihre Scheu überwindend fragte sie: »Sind sie vielleicht krank mein Herr?« »Nein, aber ich habe seit drei Tagen nichts gegessen!« Ihr Herz jubelte ein Dankgebet. Fünfundzwanzig Jahre nachher brachte sie mir ein Exemplar des Figaro mit nach Bukarest, in welchem ein ergreifender Artikel stand: Die Geschichte eines Goldstückes, in welchem ein nun wohlhabender Fabrik- oder Minenbesitzer in Spanien die Geschichte erzählt und hofft, die Wohltäterin, die ihn gerettet, sei noch am Leben und sein Dank würde die Unbekannte erreichen. Das war Freudemachen, und das Seltenste vom Seltenen: Die Wellen kamen bis zu mir zurück! 0 liebe Seele! laß dir das Freudemachen nicht entgehen! Du weißt nie wie weit es reicht, und bis wohin es getragen wird! Laß nicht ein hungrig Kind am Bäckerladen und ein armes am Spielsachenladen stehen! mach das brennende Herzchen froh und glücklich! Du wirst dich noch in Jahren über den einzigen stummen Blick aus den beredten Kinderaugen freuen! Es geht sehr tief, und der Lohn ist weit größer als die Gabe! Freude und noch einmal Freude sei die Losung! Sie ist himmelgeboren, und sie liegt in der Möglichkeit des Ärmsten, der sein Stück Brot teilt, des Hungernden, der noch Hungrige laben kann, und wäre es mit einer am Wege gepflückten Leere oder dem letzten Schluck aus seiner Feldflasche. Man kann immer noch etwas opfern. Zum Freudemachen ist kein Händchen zu klein, kein Beutel zu leer, kein Herz zu trauervoll. Zum Freudemachen schließe all deine Schleusen auf, liebe Seele, und du wirst dich wundern, wie unermeßlich reich du bist! Zum Freudemachen gib dich selbst, deine Ruhe, deine Freiheit, deine heiligsten Gedanken, deine reichste Phantasie, zum Freudenmachen ist nichts zu gut, das dein ist! Aufregung Du klagst, du bist so aufgeregt, du kannst niemals schlafen. Das hast du verkehrt angefangen, liebe Seele. Du brauchst innerhalb der 24 Stunden sechs bis sieben Stunden Schlaf; das aber ist vollkommen nebensächlich, zu welcher Zeit innerhalb dieser 24 Stunden oder in wieviel Absätzen du die sieben Schlafstunden erreichst. Steh um vier Uhr auf und schlafe von 10 - 11 und nach deinem Essen ein bis zwei Stunden. Arbeite tief in die Nacht hinein und schlafe gegen Morgen: schlaf drei Stunden vor Mitternacht, eine vor dem Aufstehen, wenn du vielleicht von ein Uhr nachts an gearbeitet hast und dann nach dem Mittagmahl oder vor demselben, wie es deiner Arbeitskraft bekömmlich ist. Aber sich im Bett herumwälzen und nicht schlafen, das ist für Körper und Geist schädlich. Du brauchst vielleicht garnicht soviel Schlaf als du dir einbildest, oder hattest die schlechte Gewohnheit, 9 - 10 Stunden zu schlafen, ohne dessen zu Wachstum oder Genesung zu bedürfen. Hast du kalt, so mach dir auf deinem Lager einen Pult, sodaß du lesen und schreiben kannst, ohne im kalten Zimmer zu sitzen. Dann wirst du es auch viel besser ertragen, nachts zu arbeiten, wenn währenddem ein Teil des Körpers ruht. Du bildest dir ein, aufgeregt zu sein und Herzklopfen und jagende Pulse und Fieber zu haben, nur weil du nicht die Energie hast, deine Lampe anzuzünden und zu arbeiten, bis dir von selbst die Augen zufallen. Denn zu irgend einer Zeit fallen sie zu. Warum meinst du, wie ein Kind die ganze Nacht schlafen zu sollen? Das ist ja garnicht nötig. Der Schlaf wird dich mitten im Satz überraschen, wenn du ihn am wenigsten erwartest. Du bist garnicht so aufgeregt, als du dir's einbildest, und deine sogenannten Nerven sind ganz gesund, nur nicht genug angestrengt für ihre Spannkraft, sei doch froh, daß du nicht so schlafbedürftig bist, und sieh wie unendlich viel Zeit du gewinnst, wenn du jeden Augenblick benutzest, in welchem du nicht schläfst. Es ist nur die Gewohnheit zu nehmen, eine gut brennende Lampe, Pult, Feder, Bücher, alles am Bett zu haben, sodaß kein Augenblick unbenutzt bleibt, und die schrecklichen schlaflosen Nächte werden dir zu den liebsten leichtesten Stunden werden, in denen deine Arbeitskraft um das Doppelte und Dreifache sich steigert und die umgebende Stille deine Gedanken laut werden läßt, als sprächen sie. Korrespondenz und Handarbeit sind sogar gut, da man sich dabei die Augen nicht anzustrengen braucht, sogar ein stummes Klavier spart dir am Tage der Fingerübungen, wenn nicht gar dein Klavier so steht oder so abgedämpft werden kann, daß du aufstehen und nachts spielen kannst. So sparst du am Tage die vielen Stunden an deinem Instrument, die du andern zu widmen vermagst. Das einzige, was du nachts unter keinen Umständen tun darfst, das ist, Romane lesen, die spannend sind und dadurch wach halten. Nein, sehr anstrengen, tüchtig arbeiten, bringt gesunden Schlaf zu verschiedenen Stunden, ganz einerlei, welchen. Arbeit ist der Zweck unseres Aufenthalts auf der Erde, und wie du das größtmöglichste Maß derselben verwirklichen kannst, das mußt du selbst herausfinden. Wer ein Kind nährt, muß schlafen, damit sich die Milch erneuert und darf nicht kalt haben, damit das Kind gesund bleibt. Aber das gehört zu den großen und schweren Arbeiten, ein Kind aufzuziehen und wer nicht beim Schlafengehen und Aufstehen der Kinder zugegen oder tätig ist, hat seine erste Pflicht versäumt. Wer nicht vor Sorgen, Krankheit, Angst, Kummer zeitweilig schlaflos ist, der sage sich, daß seine sogenannte Aufregung und Schlaflosigkeit sich auf mangelnde Ausgabe zurückführen läßt, und daß bei anstrengender Tätigkeit der Schlaf wieder köstlich werden wird, vielleicht nicht ununterbrochen, aber doch 6–7 Stunden in den 24. Das ist vollkommen genug, um ausgeruht und im Gleichgewicht zu sein. Wer regelmäßig zwischen drei und vier Uhr morgens aufsteht, der wird nach dem Essen süß schlafen und um neun Uhr wieder recht schläfrig sein. Die Vögel machen es so, und das sind bekanntermaßen die fröhlichsten und fleißigsten Wesen in Gottes ganzer Schöpfung. Man hat ihre Flüge berechnet und eine unglaubliche Summe herausgebracht. Sei wie der Vogel, liebe Seele, fleißig und gesangvoll, fröhlich und guten Muts, und dein Schlaf wird ein Kinderschlaf sein, so, als legtest du das müde Haupt in Gottes Arme, vertrauend und trunken vor süßer Müdigkeit!   Ende