Marcel Prévost Französinnen Einzige berechtigte Übersetzung aus dem Französischen von F. Gräfin zu Reventlow Don Juan I Graf Jean de Guercelles war seinerzeit ein paar Monate als Diplomat tätig gewesen, weil das eben in ausländischen Großstädten für junge Leute aus guter Familie als die beste Empfehlung gilt. Mit fünfundzwanzig Jahren war er dann durch den Tod seines Vaters ein reicher Mann geworden und beschränkte sich nun darauf, einfach ein echter Pariser zu sein, ein Klub- und Sportsmann ersten Ranges. Die dritte Republik erschien ihm anfangs ganz annehmbar, aber dann hatte sich das Blatt gewendet, und Guercelles fühlte keine Neigung mehr, einer Regierung zu dienen, die die Traditionen seiner Familie brüskierte. So zog er sich denn ins Privatleben zurück und pflegte selbst etwas ironisch festzustellen, er sei zeitweilig ein wenig aus seiner eigentlichen Sphäre herabgestiegen und nehme erst jetzt die Stellung ein, die ihm zukomme. Dieses neue Dasein führte er nun schon achtzehn Jahre lang, und sie flossen so gleichförmig dahin, daß er kaum hätte sagen können, welches die schönsten oder die schlimmsten gewesen wären. Seine Tage glichen sich wie ein Ei dem andern. Dabei führte Jean de Guercelles nicht etwa ein untätiges Dasein, – im Gegenteil – er konnte wie jeder wahre Pariser mit Recht behaupten, daß keine Stunde des Tages ihm selbst gehöre. Jede Saison stellte ihre besonderen Anforderungen, denen man unweigerlich nachzukommen hatte. So gehörte er zum Komitee eines der ersten Reit- und Fahrklubs und wurde mit der Zeit zum Präsidenten gewählt. Ebenso war er ein berühmter Schütze, und in der Jagdzeit riß man sich förmlich um ihn. Von seiner Diplomatenzeit her stand er zu einem der regierenden deutschen Fürstenhäuser in Beziehung, und kam sein Freund, der Erzherzog, nach Paris, was häufig geschah, so gehörte Guercelles überhaupt nicht mehr sich selbst. Im übrigen interessierte er sich auch für Kunst – natürlich nur in dem Maße, wie es sich für einen Weltmann schickt, nämlich mit einer leisen Beimischung von Verachtung für die Künstler selbst. Aber er hielt es immerhin für angemessen, sich über alle Ereignisse auf diesem Gebiet auf dem Laufenden zu halten. Ein leidenschaftlicher Spieler war er nie gewesen, aber er fand, daß ein Mann in seiner Lebensstellung sich nicht ganz von derartigen Dingen zurückhalten dürfe, um nicht in den peinlichen Ruf pedantischer Sparsamkeit zu geraten. Und er zeigte sich ebenso freigebig, wenn es sich um wohltätige oder politische Zwecke handelte, die ihm der Sympathie wert schienen. Alle diese Dinge zusammengenommen vermögen wohl das Leben eines Mannes auszufüllen, der seiner Geburt nach den obersten Gesellschaftsschichten angehört und aus irgend einem Grunde von öffentlicher Tätigkeit ausgeschlossen ist. Aber außer allen den gesellschaftlichen Verpflichtungen, politischen und künstlerischen Interessen, außer Jeu und Sport gab es noch etwas anderes, was im Leben des Grafen Jean de Guercelles eine nicht unbedeutende Rolle spielte, und er machte auch gar kein Geheimnis daraus. – Er galt von jeher für einen Eroberer, dem alle Frauenherzen sich neigten. In unserm heutigen rastlosen, abgehetzten Gesellschaftsleben, wo schon aus Mangel an Zeit die meisten Liebschaften mehr Gelegenheits- als Herzenssache sind, ist dieser Typus ziemlich selten geworden. Die moderne Gesellschaft will eben Realitäten, und Gestalten wie Don Juan, Lovelace und Valmont sind immerhin von einem gewissen romantischen Schimmer umwoben. Der getreueste Spiegel für den vorherrschenden Zeitgeschmack ist das Theater, und die Bühne unsrer Tage führt uns oft genug Männer vor, die im Laufe ihres Daseins verschiedne Liebesepisoden erleben, aber nur selten den Mann, der jubelnd oder leidend das Glück seines Lebens darin sucht, ein Frauenherz nach dem andern zu erobern. Jean de Guercelles gehörte nun allerdings nicht gerade zu diesen romantischen Gestalten, aber er war auch kein gewöhnlicher Weiberheld. Etwas von dem Verhängnis, das über den großen Verführern früherer Zeiten waltete, lag auch über seinem Leben, der dunkle, quälende Drang, sich eine Frau nach der andern zu eigen zu machen, um ihr innerstes Wesen zu erforschen. Ein Mann, dessen Leben von derartigen Träumen erfüllt ist, mag nach außen hin so vorsichtig sein wie er will, mehr oder minder pflegen seine Mitmenschen doch etwas zu ahnen, und der Durchschnitt – ob Männer oder Frauen – ist ihm nicht günstig gesinnt. Aber Guercelles verstand es durch seine tadellose Lebensführung und unfehlbare weltmännische Haltung, der Masse zu imponieren. Er selbst schwieg über seine Erlebnisse und duldete nicht die leiseste Anspielung. Wer sich je eine solche erlaubte, wurde von ihm in einer Weise zurückgewiesen, daß er es sicher nicht zum zweiten Mal wagte. So war er dreiundvierzig Jahre alt geworden, ohne daß seine gesellschaftliche Stellung auch nur die leisesten Schwankungen durchgemacht hätte, und er galt immer noch für einen gefährlichen Herzensbrecher. Er wußte das auch sehr wohl und war in gewissem Sinne stolz darauf. Nicht daß er selbst sich jemals darüber äußerte, aber ein scharfsinniger Beobachter hätte vielleicht herausgefühlt, daß er sein Alter nicht ungern angab. Er freute sich geradezu darüber, wie wenig die Jahre ihm anzuhaben vermochten. Man konnte nicht gerade behaupten, daß er noch »jung« aussah. Guercelles hatte auch gar keine Sympathie für die Jugend und dachte nicht daran, mit ihr zu wetteifern. Aber seit seinem dreißigsten Jahr etwa war die Zeit wirklich fast spurlos an ihm vorübergegangen. Der Sport und jene strenge Hygiene, der sich nur der echte homme à femmes unterwirft, hatten seinen Körper vor jeder überflüssigen Fülle bewahrt, und seine Schlankheit ließ ihn größer erscheinen, als er eigentlich war. Sein Kopf war wohlgeformt, und in dem üppigen, kastanienbraunen Haar vermochte man nur bei näherem Hinsehen einzelne graue Fäden zu entdecken. Wie bei den meisten Männern, die stark auf Frauen wirken, trug sein Gesicht durchaus keine klassischen Züge, es war nicht einmal regelmäßig zu nennen. »Stirn niedrig – Augen braun – Nase gebogen«, so lautete die wahrheitsgetreue Personalbeschreibung in seiner Jagdkarte. Und weiterhin: Mund gewöhnlich. Aber das war nicht ganz zutreffend, denn sie hatten einen eigentümlichen Reiz, diese stark geschwungnen Lippen, die sich scharf umrissen unter dem fast blonden Schnurrbart abzeichneten und, wenn sie sich öffneten, eine Reihe leuchtend weißer Zähne sehen ließen. Dazu kam noch ein tadelloser Teint, von dem neidische Mitmenschen behaupteten, er sähe aus wie sterilisiert. Stirn und Mund zeigten nicht die kleinste Falte, nur unter den Augen zogen sich jene feinen Linien hin, die bei den Physiologen als Merkmale der Wollust gelten. Die Hände des Grafen waren klein und tadellos geformt. Seine ganze Erscheinung trug das Gepräge beherrschter Kraft, mit Leichtigkeit und Grazie gepaart. Übrigens legte Graf Guercelles keinen besonderen Wert darauf, für einen schönen Mann zu gelten, und es wäre ihm geradezu unangenehm gewesen, wenn man ihn für »liebenswürdig« gefunden hätte. Es lag immer etwas höflich Zurückhaltendes in seinem Auftreten. Männern gegenüber war er kühl und gemessen, Frauen, die ihn geliebt hatten und die den Mut besaßen, davon zu sprechen, behaupteten, er sei als Liebhaber ungestüm, herrisch und doch zärtlich. Er pflegte nicht leicht Schmeicheleien zu sagen, hatte aber gerade die beiden Eigenschaften, die jede Amoureuse am meisten schätzt: ein Temperament, dem selbst das feurigste Weib nicht gewachsen war, und jene wundervolle Freigebigkeit, die ein Liebesverhältnis zum Feenmärchen zu gestalten vermag. Und doch, wenn man versuchte, der Sache auf den Grund zu gehen – es gibt ja in jedem Pariser Salon Leute, die sich gleichsam berufsmäßig für diese Dinge interessieren – wenn man versuchte, sich erklären zu lassen, warum die Liebe immer von einem solchen Zauberglanz umflossen war, wenn der Geliebte Jean de Guercelles hieß – ja, da hielt es sehr schwer, eine klare Antwort zu bekommen. Die Nervösen erschauerten – die Bleichsüchtigen lächelten. Nur einmal wagte eine Nachdenkliche die Erklärung: »Guercelles ist eben ein Erotiker, der auch Gefühl hat.« Und als erfahrene Frau setzte sie hinzu: »Das findet man selten.« II So lebte Graf Guercelles nun schon seit achtzehn Jahren in Paris, im Strom der großen Welt, als ihm eines Morgens, während sein Kammerdiener Viktor ihn gerade frisierte, ein schwarzgeränderter Brief gebracht wurde. Wie er aus dem Stempel ersah, kam das Schreiben aus La Fourchetterie, einem Jagdgut in der Salogne, das ihm gehörte. Und es lautete:   »Sehr geehrter Herr Graf! Ich habe Ihnen die traurige Mitteilung zu machen, daß mein Vater, Augustin Deraisme, heute nachmittag verschieden ist. Uns hat dieser Schlag völlig unerwartet getroffen. Er kam gerade von der Besichtigung des kürzlich in Villemaure begonnenen Baues zurück, und anscheinend hat die drückende Hitze ihm einen Schlaganfall zugezogen. Kaum war er ins Eßzimmer getreten, als er plötzlich zusammenbrach. Meine Mutter hat mich sofort gerufen – ich saß gerade in meinem Zimmer und sah Rechnungen durch. Ich bin dann rasch hinuntergestürzt, aber es war zu spät – mein Vater erkannte mich nicht mehr. Die Beerdigung findet morgen in Millançey statt. Es wäre uns eine große Ehre gewesen, wenn Sie, sehr geehrter Herr Graf, derselben hätten beiwohnen können. Aber meine Mutter und ich haben uns gleich gedacht, daß Ihre Zeit es nicht erlauben würde. Und nun, verehrter Herr Graf, habe ich eine Bitte an Sie zu richten. Wäre die Angelegenheit nicht dringend, so hätte ich in diesem traurigen Moment wohl kaum die Fassung gefunden, Ihnen zu schreiben. Aber die Umstände nötigen mich, Ihnen mein Anliegen sofort zu unterbreiten. Mein Vater hat uns völlig mittellos zurückgelassen. Er hatte sich in letzter Zeit durch einen seiner Freunde zu Börsenspekulationen verleiten lassen, und alles, was wir besaßen, ist dabei verloren gegangen. Meine Mutter versteht sich nun darauf, alte Spitzen auszubessern, aber ihre Augen sind so schwach geworden, daß sie ihrer Arbeit nicht mehr obliegen kann. So muß ich also für uns beide sorgen. Da ich die Mittelschule durchgemacht habe, könnte ich wahrscheinlich irgend eine Stellung in einem Bureau oder als Lehrerin finden. Aber ich fürchte, daß wir davon nicht leben könnten und ins Elend geraten würden. Deshalb möchte ich, sehr geehrter Herr Graf, Ihnen einen Vorschlag machen. Was die Verwaltung Ihres Gutes betrifft, bin ich schon seit längerer Zeit Mitarbeiterin meines Vaters gewesen. Ich bin ja auch hier aufgewachsen und darf wohl behaupten, daß niemand so genau über die Dinge orientiert ist wie ich. Und deshalb möchte ich Sie bitten, mir diesen Posten zu übertragen. Ich würde natürlich nur einen geringeren Gehalt beanspruchen, denn meine Mutter und ich brauchen nicht so viel. Sollten Sie der Ansicht sein, daß ein junges Mädchen von zweiundzwanzig Jahren nicht geeignet sei, eine derartige Stellung zu bekleiden, so könnten Sie ja offiziell meine Mutter zur Nachfolgerin des Verstorbenen ernennen. Ich versichere Ihnen, verehrter Herr Graf, hier auf dem Gut würde niemand daran Anstoß nehmen. Denn jetzt darf ich es Ihnen wohl eingestehen: die eigentliche Verwaltung liegt schon seit Jahren in meiner Hand. Mein armer Vater hatte schon lange den Kopf so voll von seinen eignen Angelegenheiten, daß er sich kaum mehr darum bekümmerte. Ich bitte Sie also dringend, Herr Graf, es wenigstens einmal mit mir zu versuchen. Sie werden sich bald überzeugen, daß Ihre Interessen auf diese Weise am besten gewahrt werden. Für mich selbst kommt dabei noch in Betracht, daß ich in meiner gewohnten Tätigkeit bleiben kann, die mir besser liegt als irgend eine andere, und daß ich in der Lage bin, meiner armen Mama einen ruhigen Lebensabend zu schaffen. Ich hoffe, Sie werden die Güte haben, meiner Bitte zu willfahren, und sehe Ihrer geneigten Antwort entgegen. Mit vorzüglicher Hochachtung                               Ihre ergebene Dienerin                     Henriette Deraisme.«             »Viktor, hast du schon gehört, daß der alte Deraisme gestorben ist?« fragte der Graf und legte den Brief weg. Viktor war gerade damit beschäftigt, das Brenneisen zu prüfen, mit dem er den Schnurrbart seines Gebieters kräuseln sollte. »Deraisme? Nein, Herr Graf, davon hab ich noch nichts gehört. Woran ist er denn gestorben?« »Es scheint ein Gehirnschlag gewesen zu sein. – Er ist plötzlich tot umgefallen, als er von Villemaure zurückkam.« Viktor zuckte die Achseln, als ob er sagen wollte: ja, – alles ist vergänglich. Während er die blonden Barthaare des Grafen vorsichtig mit der Brennschere bearbeitete, murmelte er dann vor sich hin: »Der alte Deraisme war eigentlich ein guter Kerl.« Er bemühte sich dabei, seiner Stimme einen ganz unpersönlichen Klang zu geben, als sähe er voraus, daß sein Herr ihm widersprechen würde. »Ja, ein guter Kerl, der mich gehörig betrogen hat,« brummte Guercelles, beinah ohne die Lippen zu bewegen, denn sein Schnurrbart war noch in die Schere eingeklemmt. »Herr Graf wußten davon?« lächelte Viktor. »Na, er hat es ziemlich offenherzig betrieben, besonders in den letzten Jahren.« Viktor legte das Eisen weg und griff nach dem Zerstäuber. Dann sagte er: »Und Herr Graf haben ihn aus Gutmütigkeit nicht fortgejagt?« »Nein, eher aus Faulheit. Es ist so langweilig, sich darum zu kümmern. – So – genug, Viktor – jetzt abtrocknen.« Guercelles wischte sich selbst die letzten duftenden Tropfen aus dem Gesicht und meinte dabei: »Als Verwalter war er immerhin sehr tüchtig und hielt die Sache tadellos in Ordnung. Hätte er nur seine Betrügereien gelassen, so würde ich ihn geradezu als Muster hinstellen.« »Wissen Herr Graf, daß in Wirklichkeit die Kleine den ganzen Betrieb geleitet hat? Die ist ein schlaues Ding – hätte er es ihr überlassen, die Rechnungen aufzustellen, so wäre wahrscheinlich nie etwas herausgekommen.« Guercelles wußte selbst nicht recht weshalb, aber diese Bemerkung berührte ihn unangenehm. Viktor, der ausgezeichnet in den Zügen seines Herrn zu lesen wußte, merkte es auch sofort und fügte in väterlichem Ton hinzu: »Übrigens kann man der Kleinen gar nichts vorwerfen. Sie ist klug und tüchtig, weiter ist nichts über sie zu sagen. Übrigens wundert man sich allgemein, daß sie noch nicht geheiratet hat. Es heißt, der junge Bourgain aus Theilly möchte sie gern zur Frau. Und weil nichts daraus geworden ist – – – « Er fühlte, daß sein Herr nicht aufgelegt war, noch mehr zu hören, und schwieg plötzlich. Stillschweigend wurde die Toilette beendigt. Jean de Guercelles hatte heute morgen verschiedenes vor, er war zum Dejeuner eingeladen, und dann mußte er zwei junge Frauen abholen, um mit ihnen eine Ausstellung englischer Porträts aus dem achtzehnten Jahrhundert zu besuchen. Die beiden Damen stammten aus großindustriellen Kreisen, und es bedeutete für sie ein gesellschaftliches Avancement, mit dem Grafen gesehen zu werden. Sie waren denn auch gerne bereit gewesen, ihm für diesen Vorzug das Beste, was sie besaßen, hinzugeben, nämlich sich selbst. Ehe er das Haus verließ, ging er noch in sein Arbeitszimmer und erledigte rasch seine Korrespondenzen. Dann nahm er den Brief von Henriette Deraisme wieder zur Hand und las ihn noch einmal durch. Jeder von Frauenhand geschriebene Brief, ebenso wie jedes weibliche Wesen an sich – vorausgesetzt, daß es noch nicht alt war, löste in ihm eine geheimnisvolle Sympathie aus, einen unbestimmten Drang nach Zärtlichkeit und den Wunsch, diesem Wesen, das ja einen Teil des Ewig-Weiblichen verkörperte, zu gefallen, ihm Liebes zu erweisen. Und mit den geschärften Sinnen des Kenners pflegte er diese quälende und doch süß verlockende Unruhe mit den Jahren immer intensiver zu genießen. Er warf einen Blick auf die Unterschrift – Henriette Deraisme – und versuchte, sich »die Tochter des Verwalters« ins Gedächtnis zurückzurufen. Bisher hatte er sich eigentlich kaum um das Mädchen gekümmert, aber er erinnerte sich jetzt, daß sie als Backfisch beinah für häßlich gegolten hatte – im Gegensatz zu ihrer Mutter, deren Züge immer noch die Spuren früherer Schönheit trugen. Mit ihrer eckigen, überschlanken Gestalt hätte man die Kleine damals für einen verkleideten Knaben halten können. Das Gesichtchen war nicht unregelmäßig, durch unreinen Teint entstellt und so blaß, daß die dunkelblauen Augen und das starke rotbraune Haar einen allzu scharfen Kontrast bildeten. Aber mit den Jahren hatte ihr Äußeres entschieden gewonnen, der Teint war klarer geworden und hatte eine gesunde Farbe bekommen, und die Figur entwickelte sich zu vollendetem Ebenmaß. Diese Veränderung war Guercelles aufgefallen, als er die letzten Male zur Jagd hinauskam. Unwillkürlich war sein Blick damals der schlanken, leicht dahinschreitenden Gestalt gefolgt, aber er konnte sich nicht erinnern, jemals mit Henriette gesprochen zu haben. Die Betrügereien des alten Deraisme, denen er vor einigen Jahren auf die Spur gekommen war, hatten ihm die ganze Familie unsympathisch gemacht. Denn er nahm als selbstverständlich an, daß sie alle unter einer Decke steckten. Vor allem schien gerade Henriette ihre Mitwisserschaft schweigend einzugestehen. Sie vermied es sichtlich, dem Grafen zu begegnen, ja, sie floh ihn förmlich, während der Verwalter und seine Frau an Unterwürfigkeit wetteiferten. »Der Brief ist tatsächlich gar nicht übel geschrieben,« dachte Guercelles, während er ihn noch einmal durchlas. »Vor allem ist es angenehm, daß sie mir nichts vorjammert und keine trivialen Phrasen macht.« Dann mußte er unwillkürlich lächeln. Der alte Deraisme hatte immer nur in der dritten Person geschrieben: wünschen Herr Graf, – ich erlaube mir, Herrn Grafen mitzuteilen usw. Die Tochter dagegen warf diesen Brauch einfach über den Haufen und redete ihn direkt an. Selbst die Unterschrift: »Ihre ergebne Dienerin« trug ein selbständiges Gepräge, trotz der äußerlich unterwürfigen Form, die man sofort als komödienhaft empfand. Es machte Guercelles Spaß, sich die Persönlichkeit vorzustellen, die dahinter steckte. Die Art, wie sie ihr Anliegen vorbrachte, hatte etwas beinahe Gebieterisches, man fühlte heraus, daß sie eine abschlägige Antwort für ausgeschlossen hielt. Diese kleine Deraisme war sicher ein »modernes Weib«, das nach Gleichberechtigung strebte. Unwillkürlich prüft er den Brief auf sein Parfüm, – ein diskreter Veilchenduft entströmte dem schwarzumränderten Papier. Und ihm fiel plötzlich wieder ein, wie er vorigen Winter in Villemaure einmal zufällig mit Henriette zusammengetroffen war. Der merkwürdige Gegensatz zwischen ihrem blassen Gesicht, den lebhaften blauen Augen und dem dunklen Haar war ihm damals aufgefallen und ebenso die schlanke Gestalt, die sich unter dem Mantel deutlich abzeichnete. Henriette war anscheinend erschrocken, ihn plötzlich vor sich zu sehen, und schien im ersten Moment davonlaufen zu wollen. Dann hatte sie sich rasch wieder gefaßt, seinen Gruß mit leichtem Kopfneigen erwidert und war weiter gegangen. Guercelles ärgerte sich über ihr Benehmen und dachte: »Die gibt sich wenigstens keine Mühe, sich zu verstellen.« Und dann hatte er in ihrer Nähe denselben leichten Veilchenduft verspürt, der ihm heute aus ihrem Brief entgegenwehte. »In meiner Kindheit,« sagte er halblaut vor sich hin, »war die Frau des Verwalters in La Fourchetterie eine Art Dienstmädchen, das nicht einmal lesen konnte und meinen Vater »den Herrn Grafen, unsern gütigen Herrn« nannte, und jetzt diese Henriette Deraisme, die sich wie eine Dame kleidet, tadellose Briefe auf anständigem Papier schreibt und sie mit Veilchen parfümiert. Ihr Brief ist beinah in demselben Ton gehalten, als hätte ihn eine Dame aus meinen Kreisen geschrieben, die mich um irgend etwas bitten will. – Ja, du lieber Gott, das ist nun einmal so. Man muß den Dingen ihren Lauf lassen. Die Kleine ist eben ein Kind ihrer Zeit. Das Unangenehme ist nur, daß sie mich noch viel ärger übers Ohr hauen wird als ihr Vater. Denn sie ist ein schlaues Ding, darin hat Viktor recht.« Er dachte noch eine Zeitlang nach, ehe er sich an die Beantwortung des Briefes machte. Auf jeden Fall wollte er ihre Bitte erfüllen. Zum Teil aus Indolenz, denn wie er schon zu seinem Diener gesagt hatte, war es ihm zu langweilig, sich viel um derartige Angelegenheiten zu kümmern. Und dann steckte auch eine gewisse Neugier dahinter. Jean de Guercelles wäre nicht er selbst gewesen, wenn das Bild dieses jungen Mädchens nicht seine Phantasie bis zu einem gewissen Grade beschäftigt hätte. Dabei dachte er nicht im entferntesten an die Möglichkeit, ihr irgendwie näher zu treten. Trotz ihrer Damenhaftigkeit und trotz ihres guten Stils blieb Henriette Deraisme für ihn eben nur die Tochter ihrer Eltern – des alten Verwalters, der in Holzschuhen herumlief und seinen Herrn bestahl, und seiner Frau, die mit erhitztem Gesicht und in einer großen Schürze beim Jagdfrühstück aufwartete. Und Guercelles hatte als moderner Don Juan absolut keine Neigung, sich mit Dienstboten abzugeben. Was bei Henriette seine Neugier reizte, war die Lust, zu ergründen, was für eine Persönlichkeit sie wohl sein möchte – diese Art von modernem weiblichen Wesen, das aus eigner Kraft nach Besserem strebte, war immerhin etwas Neues für ihn. Er würde sie schon dazu bringen, von sich selbst zu sprechen, ihm ihr Denken und Fühlen zu offenbaren, genau so gut wie er die mechanischen Bestandteile eines Automobils zu zerlegen wußte. Zum Beispiel hatte sie sicher einen Liebhaber, warum sollte sie sonst nicht heiraten wollen? Und es würde ihm Spaß machen, das alles herauszubekommen, wenn er einmal Zeit und Gelegenheit dazu hätte. Schließlich war es doch auch entschieden angenehmer, die Rechnungen mit einem anmutigen jungen Mädchen zusammen durchzusehen, als mit dem alten Deraisme, der nach Schweiß und Tabak roch. – Guercelles hatte die Gewohnheit, sich selbst sehr genau zu beobachten und er mußte sich eingestehen, daß er die Sache jedenfalls länger überlegt hätte, wenn Henriette eine unangenehme alte Jungfer gewesen wäre, oder wenn ihre Mutter geschrieben hätte. Die englische Wanduhr in der Ecke seines Arbeitszimmers schlug mit ihrem schönen vollen Klang zwölf Uhr, und Viktor erschien, um zu melden, daß das Auto vor der Tür stehe. Als Guercelles wieder allein war, setzte er seine Antwort an Henriette auf, und es machte ihm Vergnügen, sie in übertrieben höflichem Ton abzufassen. Sehr geehrtes Fräulein Deraisme! Mein herzlichstes Beileid zu dem schmerzlichen Verlust, der Sie betroffen hat. Das Hinscheiden Ihres Vaters beraubt mich eines Mitarbeiters, dessen Wert ich wohl zu schätzen wußte. Hätte ich die Nachricht gestern abend erhalten, so würde ich es sicher möglich gemacht haben, der Trauerfeier beizuwohnen. Ich bitte Sie, dies Ihrer Mutter zu versichern und mich bei ihr zu entschuldigen. Aus Ihrem werten Schreiben ersehe ich, daß meine Wünsche sich mit den Ihrigen vollkommen decken. Ich brauche Ihnen also nur meinen Dank auszusprechen, daß Sie die Wahrung meiner Interessen auch fernerhin auf sich nehmen wollen. Selbstverständlich sehe ich gar keinen Grund, den bisherigen Gehalt für die Verwalterstelle deshalb herabzusetzen, weil der Titel an eine andere Person übergeht. Gegen Mitte der nächsten Woche gedenke ich auf einige Tage nach La Fourchetterie zu kommen. Wenn es Ihnen möglich wäre, bis dahin die Abrechnungen in Ordnung zu bringen, so könnte ich meinen Aufenthalt gleich dazu benutzen, die amtlichen Funktionen Ihres Vaters offiziell auf Sie zu übertragen. Ich erlaube mir, Sie und Ihrer Frau Mutter meiner vorzüglichen Hochachtung zu versichern. Guercelles. »So, die Sache wäre erledigt,« murmelte der Graf vor sich hin, wahrend er das Geschriebene noch einmal durchlas. »Wenn man mich schon einmal übers Ohr haut, ist es mir wenigstens lieber, es geschieht durch ein hübsches Mädchen. Nur soll sie nicht glauben, daß ich nichts merke.« – Dann ging er in den Klub frühstücken und verbrachte den Rest des Nachmittags mit den beiden jungen Frauen in der Ausstellung. Sie amüsierten ihn sehr durch ihren naiven Snobismus. »Diese Talmi-Bourgeoisen sind doch weit ärger als die eingebildetsten Weiber aus unsern Kreisen,« dachte er. »Sie wollen die Aristokratinnen spielen und karikieren dabei so, daß wir uns selbst beinahe komisch finden.« Trotzdem gefiel ihm die eine, Madame Foucher-Desgardes, ganz gut. Sie war Levantinerin von Geburt, und ihr Mann, ein reicher Kaufmann, galt für einen großen Kenner und Sammler von altem Porzellan. Jung, hübsch und pikant, besaß sie genug Humor, sich manchmal über ihre eigne Blasiertheit lustig zu machen. Und außerdem interessierte sie den Grafen durch ihren absoluten Mangel an moralischen Begriffen. Nichts war ihr heilig, weder Philosophie noch Religion, kurz, ihre Ansichten waren reinste Anarchie. Guercelles verabredete auf einen der nächsten Tage ein Rendezvous mit ihr. Aber als er sich abends zu Bett legte und wie gewöhnlich die Ereignisse des Tages überdachte, erfaßte ihn wie schon oft, der unwiderstehliche Wunsch, Paris für einige Zeit zu fliehen. Es konnte dann plötzlich ein unsagbarer Dégôut über ihn kommen, den er in seinen Selbstgesprächen als »erotisches Verkrachtsein« bezeichnete. Und dieser Zustand endigte gewöhnlich mit einer kleinen Reise nach Italien oder Holland. Oder wenn gerade Jagdzeit war, ging er einfach nach La Fourchetterie, um ein paar Tage nur als Gutsherr und Jäger unter einfachen Leuten zu leben. So studierte er denn auch heute den Kalender: »Heute ist Mittwoch – Sonntag: Auteuil. Nächsten Dienstag das Fest bei Lasserade – da muß ich hingehen, ich hab der kleinen Foucher-Desgardes eine Einladung verschafft, und sie kennt niemand von der Gesellschaft. – Aber heute in acht Tagen kann ich wenigstens in La Fourchetterie schlafen.« Und mit wollüstigem Heimweh dachte er an die Wälder der Salogne, die würzig duftenden Frühlingswiesen und die stillen schilfumkränzten Teiche. Da würde er wieder einmal mit der Flinte umherstreifen oder durch die Wälder reiten, deren Boden noch mit verwelktem Laub bedeckt war, und schließlich würde es auch ganz amüsant sein, mit seinem unfehlbaren Scharfblick die Seele dieses rebellischen kleinen Mädchens zu erforschen, das jetzt sein Gut verwaltete. III Acht Tage später saß Jean de Guercelles in einem einfachen Jagdanzug am Ufer eines Teiches bei Theilly und plauderte mit seinem Förster Denis. Es war ein wundervoller Märznachmittag. Der Graf hatte schon ein solches Blutbad unter den Hasen angerichtet, daß es ihm langweilig wurde, die kleinen Tierchen sich im Todeskampf überschlagen zu sehen und immer wieder aus Denis' Munde zu hören: »Den haben Herr Graf aber nicht gefehlt!« So saß er jetzt mit einer Zigarette zwischen den Lippen da und blickte auf den Teich, der durch den Winterregen so angeschwollen war, daß nur die Spitzen der Schilfhalme herausguckten. Tannen und Eichbäume umstanden die Wasserfläche wie ein dunkler Rahmen, und am gegenüberliegenden Ufer sah man zwei Turmspitzen über dem Wald emporragen. Denis bat um Erlaubnis, sich eine Pfeife anzuzünden, was ihm auch gern gestattet wurde. Er war ein stämmiger und zugleich hagerer Mann mit gebräuntem, wetterhartem Gesicht, durch das sich tiefe Furchen zogen. In beiden Seiten des Mundes, der nur noch wenige Zähne aufzuweisen hatte, hing der graue Schnurrbart lang herunter, und die braunen Augen hatten etwas von dem wachsamen Blick eines Jagdhundes. Guercelles hätte den melancholischen Reiz des Frühlingstages lieber schweigend genossen, aber Denis war nun einmal redselig und hielt es auch für einen Beweis der Ehrerbietung, wenn er mit seinem Herrn Konversation machte. »Sehen Herr Graf, wie die Türmchen von Bourgains Haus in der Sonne glänzen. Man könnte beinah meinen, es wären Laternen.« Guercelles nickte bejahend. »Der junge Bourgain scheint sich in seiner Einsamkeit zu langweilen, seit er seine alte Mama verloren hat – trotzdem sie eine unausstehliche Person war. Die Schwester hat nach Orleans geheiratet, und nun ist er ganz allein. Er ist kein übler Bursche, aber er ist eigentlich für seine Verhältnisse zu fein erzogen. Mit seinesgleichen geht er nicht gerne um, ich glaube, er möchte lieber mit den Gutsherren in der Nachbarschaft verkehren. Aber das geht natürlich nicht, sein Vater war doch Krämer in Neung, und dafür würde die feine Gesellschaft sich doch bedanken – – Hierher, Pouf – schweig doch!« Pouf war ein großer, weiß und gelb gefleckter Hund – er sprang plötzlich auf und bellte den Teich an. Dann knurrte er noch eine Zeitlang und streckte sich schließlich wieder auf das trockne Laub hin. »Du willst wohl Hechte jagen – bist du verrückt?« schrie Denis ihn an. Und Guercelles dachte: »Merkwürdig, wie diese Leute aus dem Volk selbst das Volk verachten, wenn sie sich durch ihr Dienstverhältnis als unsre Angehörigen betrachten –« Dann fragte er: »Was hat dieser Bourgain denn eigentlich für einen Besitz?« »Ach, ein kleines Gütchen, das Haus und der Grund zusammen sind vielleicht hunderttausend Francs wert. Und noch mal so viel soll seine Mutter ihm in Papieren hinterlassen haben.« Der Graf lächelte. Immer wieder dieses Identifizieren des Dieners mit seinem Herrn. Denis besaß sicher keine fünftausend Francs, aber er sprach beinah verächtlich von den Zweihunderttausend des jungen Bourgains, weil er die zwei Millionen seines Gebieters hinter sich fühlte. – »Übrigens ist das Gütchen ganz hübsch,« fuhr der Förster fort, »mit dem schönen Haus und dem Wald und dem Teich. Beinah wie ein kleiner Herrensitz. Und wenn der Besitzer aus guter Familie wäre, könnte er sehr gut die Nachbarn bei sich empfangen und zu allen Jagden gehen. Aber so langweilt er sich natürlich, es heißt sogar, daß er gerne verkaufen möchte. Herr Graf sollten es sich doch einmal überlegen.« Auf diesen Vorschlag war Denis schon öfters zurückgekommen. – Guercelles erhob sich jetzt und hängte das Gewehr um, Pouf sprang fröhlich bellend um ihn herum. »Also vorwärts, gehen wir jetzt zum Essen,« sagte der Graf, und sie gingen nun rasch den Fußpfad entlang, der mitten durch den Wald auf die Landstraße nach Milancey führte. Als sie die Chaussee erreicht hatten, fing Denis, der jeden einmal gefaßten Gedanken hartnäckig verfolgte, wieder von Bourgain an: »Wenn Herr Graf sich entschließen würden, Theilly zu kaufen – ich habe Herrn Grafen natürlich keinen Rat zu geben – aber man müßte sich dann schon etwas beeilen. Der junge Bourgain ist Junggeselle – wenn er sich aber eines schönen Tages verheiratete, würde die Frau sich sicher nicht von der Domäne trennen wollen.« »Hat er denn die Absicht zu heiraten?« fragte Guercelles. Wie alle richtigen Gutsbesitzer träumte auch er mit Vorliebe davon, seinen Besitz zu vergrößern. Denis öffnete die weiße Barriere, die den Eingang in den Park versperrte und ließ seinen Herrn vorangehen. Es war inzwischen dunkel geworden, aber sie kannten beide den Weg ebenso genau wie Pouf, der schnuppernd vor ihnen herlief, und jetzt schimmerten auch schon die erleuchteten Fenster des Schlosses durch das Gezweig. Denis dämpfte seine Stimme, als ob es sich um ein diplomatisches Geheimnis handelte, und erzählte, Bourgain habe schon zweimal – einmal zu Lebzeiten seiner Mutter und dann nach ihrem Tode – um Henriette Deraisme gefreit. Ihre Eltern hätten mit Freuden eingewilligt, denn für die Kleine wäre es doch eine glänzende Partie gewesen. Aber Henriette hätte Nein gesagt, ohne irgendeinen Grund anzugeben, außer dem, daß sie überhaupt nicht heiraten wolle. Und es sei wirklich unverständlich, – Bourgain wäre doch ein schöner Kerl – erst sechsundzwanzig Jahre alt, solide und wohlerzogen.« Inzwischen waren sie am Schloß angelangt. Der Graf unterbrach Denis' Betrachtungen mit den kurzen Worten: »Also auf morgen – um sieben Uhr bin ich fertig.« Dann ging er in das Haus und durch den Billardsaal in die Halle. Viktor erwartete ihn und nahm Gewehr und Hut in Empfang. »Haben Herr Graf nichts an Mademoiselle Deraisme auszurichten?« »Nein – ja, doch – wo ist sie denn?« »Im kleinen Bureau.« Das kleine Bureau stieß an den Speisesaal, und Guercelles pflegte dort die Pächter und Lieferanten kurz alle Besuche, die nicht in den Salon gehörten, zu empfangen. Der Graf blieb an der halboffnen Tür stehen und warf einen Blick hinein: Henriette saß müde in einem Ledersessel, die Hände über dem Knie verschlungen. Auf dem Tisch neben ihr stand eine Lampe und beleuchtete ihr Gesicht, das in der schwarzen Trauerkleidung noch bleicher als sonst erschien. So saß sie regungslos da, ohne zu weinen, aber auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck von namenloser Verzweiflung. Und sie war so in ihre Gedanken versunken, daß sie die Schritte des Grafen nicht gehört hatte. Als er eintrat, fuhr sie erschrocken zusammen, faßte sich aber gleich wieder und stand auf. »Gnädiges Fräulein,« sagte er liebenswürdig, »ich höre, Sie warteten auf mich. Hoffentlich habe ich Sie nicht zu lange aufgehalten?« Henriette antwortete kurz, ohne auf seine höfliche Frage zu achten: »Der Bauunternehmer hat mich gebeten, Herr Graf, Sie zu fragen, ob er in der Meierei von Villemaure noch einen Speicher anbauen soll, oder ob die Scheune so repariert werden soll, wie sie früher war. Es ist ja schon früher die Rede davon gewesen.« »Was meinen Sie denn selbst dazu?« »Ich glaube, wir könnten den Speicher gut brauchen. Wenn die Ernte gut ausfällt, weiß Bertaux nicht, wo er mit dem Heu hin soll. Aber der Umbau würde dreizehnhundert Francs mehr kosten.« »Also lassen Sie den Speicher bauen.« »Haben Sie für morgen keine weiteren Aufträge, Herr Graf?« »Nein, Sie wissen ja selbst am besten, was zu geschehen hat. – Wie geht es Ihrer Mutter?« »Sie ist noch sehr angegriffen.« »Und Sie selbst?« »Ach, ich!« Der gleichgültige Ton, in dem sie das sagte, verriet deutlich, daß sie es für überflüssig hielt, auf ihre eigne Müdigkeit Rücksicht zu nehmen. Dann wünschte sie ihm guten Abend und ging, blieb aber in der Tür noch einmal stehen: »Wann darf ich Ihnen die Abrechnungen vorlegen, Herr Graf?« Guercelles beobachtete sie mit Interesse, er sah wohl, daß sie sich nur mit Anspannung aller Kräfte aufrecht hielt. »Wann Sie wollen, morgen oder übermorgen. Ich bleibe noch bis Ende der Woche.« »Also dann übermorgen. Bis dahin bin ich mit allem fertig. Und um welche Zeit?« »Wenn es Ihnen paßt, um neun Uhr abends nach dem Essen. Dann sind wir am ehesten ungestört.« »Gut, Herr Graf.« Diese letzten Worte kamen fast unhörbar heraus, dann ging sie und machte die Tür hinter sich zu. Aber Guercelles hörte, daß sie draußen stehen blieb, erst ein Paar Minuten später verklangen ihre leichten etwas unsicheren Schritte im Korridor. »Sonderbares Mädchen,« dachte der Graf, als er allein in seinem Schlafzimmer war, »sie weicht mir geradezu aus, spricht nur das Allernotwendigste mit mir. Man sollte beinahe denken, sie fürchtet sich vor mir oder sie kann mich nicht ausstehen. Und ich habe ihr doch, weiß Gott, nichts zuleide getan. Was sie von mir erbeten hat, habe ich ihr ohne weiteres gewährt. Das Mädel mit seinen zweiundzwanzig Jahren bezieht jetzt einen Gehalt von dreitausend Francs. Wenn sie dem Beispiel ihres würdigen Vaters folgt, dürfte sie auf meine Karten die dreifache Summe beiseite schaffen. Und ich finde, unter diesen Umständen könnte sie mir wenigstens etwas liebenswürdiger begegnen. Aber das ist es ja eben, sie ist anscheinend, was man ein modernes Weib nennt. Was ich für sie tue, betrachtet sie als ihr gutes Recht und findet womöglich, daß ich ihr eigentlich noch viel mehr schuldig wäre. Daß ihr teurer Papa mich gehörig ausgeraubt hat, hält sie wahrscheinlich für recht und billig und ist entschlossen, dieses System nach besten Kräften weiter zu befolgen. Bah, was geht mich das schließlich an, wenn sie mir nur das Gut in Ordnung hält. Und das scheint sie zu verstehen. Sie hat so ihre Art durchzusetzen, was sie will, es geht alles wie am Schnürchen. Nur schade, daß sie es nicht mit ihren Grundsätzen vereinigen kann, etwas netter gegen mich zu sein, um so mehr, weil sie jetzt wirklich reizend aussieht.« Guercelles legte den Roman beiseite, den er seit einer Stunde aufgeschlagen in der Hand hielt. Er war heute nicht imstande, zu lesen, seine Gedanken schweiften immer wieder ab. So lehnte er sich in den altertümlichen, mit rotem Samt überzogenen Sessel zurück, schlug die Beine übereinander und blickte nachdenklich in das Kaminfeuer. Er konnte es nicht lassen, immer wieder Henriettens Bild vor sein inneres Auge heraufzubeschwören. Deutlich sah er sie vor sich mit ihrem vollen, dunklen Haar, das sich weich und wellig um das Gesichtchen schmiegte und einen gesunden, würzigen Duft ausströmte. Ihre niedrige Stirn würde sich frühzeitig in nachdenkliche Falten legen, wenn die erste Jugendblüte vorbei war. Unter den schweren, schöngeschwungenen Brauen leuchteten die wunderbaren klaren dunkelblauen Augen aus dem blassen Gesicht hervor und gaben ihm einen eigentümlichen Reiz. Die Nase war zierlich und von klassischem Schnitt – eine große Seltenheit bei den Französinnen, die sich meist mit einem koketten Stumpfnäschen begnügen. Und was diese üppigen Lippen verhießen, die manchmal bleich waren und dann wieder plötzlich erglühten, als ströme alles Blut in ihnen zusammen – das wußte Guercelles als Frauenkenner wohl zu deuten. Über der Oberlippe zog sich ein leichter dunkler Flaum hin, und wenn der Mund sich öffnete, schimmerten die Zahne in so schneeigem Weiß, daß man unwillkürlich hinsehen mußte. – Denis' Geplauder fiel ihm wieder ein. »Der junge Bourgain hat keinen üblen Geschmack,« dachte er. »Gott sei Dank, daß es ihm nicht geglückt ist. Er hätte sie zu einer braven Ehefrau gemacht und nie geahnt, was für eine wundervolle Geliebte an dem Mädchen verloren gegangen wäre. Dieses feine, rassige Geschöpf! Ausgeschlossen, daß dieser greuliche alte Deraisme wirklich ihr Vater war, dieses plumpe, diebische Scheusal. – Die Mutter – ja, die war einmal hübsch und graziös. Ich möchte doch wetten, daß die Kleine von irgendeinem unsrer benachbarten Gutsherren abstammt.« So philosophierte Jean de Guercelles in seinem einsamen Zimmer vor sich hin. Aber plötzlich wurde er ernst. Er war gewohnt, sich selbst über seine Gefühle und Triebe unerbittliche Rechenschaft abzulegen, und mit einem Schlage wurde ihm klar, daß ein heißes Verlangen nach diesem Mädchen in ihm aufflammte. Jawohl, ihr ganzes Wesen, das körperliche wie das geistige, zog ihn mit jener unwiderstehlichen Gewalt zu sich hin, der er sein Leben lang immer unterlegen war. Wie viele Frauen hatten schon dieses Gefühl in ihm wachgerufen. Er wußte wohl, daß es nicht die große Liebe war, aber doch mehr als ein bloßes sinnliches Begehren. Vor allem empfand er den leidenschaftlichen Wunsch, in der Seele der Frau die Leidenschaft zu erwecken und sich an ihren Schauern zu berauschen. Leute von ruhigem Temperament können das gewöhnlich nicht verstehen und pflegen hart darüber zu urteilen. Sie sind im Unrecht. – Jemand wie Jean de Guercelles ist kein gewöhnlicher Genußmensch, vor allem kein trivialer Gourmand in bezug auf die Liebe. Er ist sehr wohl imstande, monatelang in völliger Enthaltsamkeit zu leben, und was er in der Liebe sucht, ist nicht der bloße Besitz irgendeiner Frau, sondern die Offenbarung alles dessen, was in den Tiefen der weiblichen Seele schlummert. Und Henriette war so anders, so ganz anders, als alle die Frauen, die während der letzten Jahre eine Rolle in seinem Leben gespielt hatten. Guercelles dachte mit innerem Unbehagen an die moralische und die Gefühlsmisere, die solchen Verhältnissen meistens gefolgt war. Er war jetzt aufgestanden und durchmaß mit langen Schritten das große Zimmer mit seinen altmodischen Mahagonimöbeln und roten Ripsvorhängen. In alten Zeiten hatte Madame de la Fourchetterie, die Schwester seiner Mutter, es bewohnt. – Ja, die matte Bezeichnung Liaison paßte sehr gut auf alle diese Liebschaften ohne Glut und Leidenschaft, die nur dem Zufall entsprangen und die man oft nur aus Trägheit aufrecht erhielt. »Man bleibt eben dabei,« dachte Guercelles, »wie in einer ungemütlichen Wohnung, weil man keine Lust hat, umzuziehen. Das Herz bleibt unbefriedigt, und wie oft kommen nicht einmal die Sinne auf ihre Rechnung. Diese modernen Zierpuppen sind ja nur reizvoll, solange sie mit all ihrem kostbaren Firlefanz behangen sind. Was bleibt denn von ihnen übrig, wenn man sie dessen entkleidet? Eine klägliche Beute für den stolzen Sieger, ein Stückchen elender Menschlichkeit, das manchmal fast rührend sein konnte. Diese degenerierten Körper, eingeengt durch den jahrelangen Druck des Korsetts, und geschwächt durch unvernünftige Lebensweise. »Da ist diese kleine Deraisme doch von ganz anderm Schlage,« dachte Guercelles. – »Sie hat den Wuchs einer Amazone und in ihrem Gesicht liegt soviel Ausdruck, daß es fast beunruhigend wirkt. Sicher ist sie äußerst sensibel und stark sinnlich veranlagt. Sie ist nicht so kultiviert, so raffiniert elegant und witzig, wie z. B. Madame Fourchet-Desgardes – hat nichts von dieser amüsanten Kopflosigkeit und all dem gesuchten Snobismus. Aber ich möchte glauben, daß sie dafür großer und gewaltiger Leidenschaften fähig ist, daß sie hassen und lieben kann wie wenige. Es muß schön sein, das an sich selber zu erfahren – aber ich will es nicht versuchen.« Es war nicht das erstemal, daß Guercelles sich einen derartigen Zwang auferlegte. Er wollte sich selbst jederzeit beweisen können, daß er nicht der Sklave seiner Sinne war. Und trotzdem er jetzt fünfundzwanzig Jahre hindurch ein bewegtes Leben geführt hatte, konnte er sich mit gutem Gewissen sagen, daß er nie die Schwäche, die Unwissenheit oder die unglückliche Lebenslage einer Frau mißbraucht hatte. Henriette Deraisme war nun gewiß weder unwissend noch ein schwacher Charakter, aber sie und ihre Mutter waren von ihm abhängig. Und der Gedanke, daß sie sich ihm verpflichtet fühlen könnte, schloß von vornherein jede Annäherung aus. Es hatte überhaupt von jeher zu seinen Grundsätzen gehört, daß die Frauen und Töchter seiner Untergebenen in dieser Beziehung nicht in Betracht kamen, einerlei, welcher Bildungsstufe sie angehören mochten. Es war ihm daher völlig Ernst, wenn er sich jetzt vornahm, seine Gefühle Henriette gegenüber zu beherrschen und selbst das flüchtige Wohlgefallen, das er an ihr gefunden hatte, zu unterdrücken. Es schlug halb elf, und Guercelles rief seinen Diener, sich entkleiden zu lassen. Um sechs Uhr früh wollte er morgen geweckt werden. Als er im Bett lag, las er noch eine Weile in einem alten Buch, das er sich heute abend aus der Bibliothek geholt hatte. Es war die Lebensbeschreibung eines seiner Vorfahren, des Marquis de Braux, der 1797 geboren und zur Zeit des zweiten Kaiserreiches ein bekannter Diplomat gewesen war. Seine Tochter hatte dann später in pietätvollem Ton die Geschichte seines Lebens niedergeschrieben. Aber jetzt war dieser Mann, der einst auf den Höhen des Lebens gewandelt war, längst tot und vergessen, und der verstaubte Band atmete eine trostlose Langweiligkeit. Guercelles schlief denn auch richtig über dem Lesen ein. Nach einer Weile fuhr er plötzlich auf und bemerkte, daß er das Buch immer noch in der Hand hielt. Er legte es auf den Nachttisch, löschte die Lampe aus und versuchte wieder einzuschlafen. Schon halb im Traum sah er wieder Henriette Deraisme vor sich, ihr bleiches Gesicht, das sich leuchtend von dem schwarzen Krepp abhob, und die verschlungnen Hände, die auf ihren Knieen ruhten. Und seinem Entschluß getreu, versuchte er ohne Verlangen an sie zu denken. IV Am nächsten Morgen bekam er sie nicht zu Gesicht. Als er dann von der Jagd heimkam, fand er in dem kleinen Bureau statt ihrer die Mutter vor, die ihn mit einem fast atemlosen Wortschwall und endlosen Höflichkeitsbezeugungen empfing: »Ach, Herr Graf – ich bitte Herrn Grafen, gütigst entschuldigen zu wollen. Meine arme Henriette hat sich mit heftigem Kopfweh zu Bett gelegt – das heißt, sie liegt eigentlich nicht zu Bett, ich konnte sie absolut nicht dazu bewegen. Sie hat sich nur auf die Chaiselongue gelegt, die mir die selige Frau Baronin nach meiner Entbindung geschenkt hat. Ach, die gute Frau Baronin! Sie war wirklich eine Heilige, Herr Graf. Und sie hatte meine kleine Henriette so gern. Es macht ihr doch sicher Freude, wenn sie von dort oben herabschaut und sieht, wie die Kleine das Gut besorgt. – Die Frau Baronin hing ja so sehr an dem Gut. – Aber wenn die arme Henriette ihre Migräne hat, kann sie sich überhaupt nicht rühren, ißt nichts und spricht kein Wort. Sie kann nicht einmal das geringste Geräusch ertragen. – Deshalb bin ich auch heute an ihrer Stelle hier, die Befehle des Herrn Grafen entgegenzunehmen. Nun, ich hoffe, morgen wird sie wieder wohlauf sein, und wenn Herr Graf mir seine Instruktionen geben wollen, werde ich sie ihr dann mitteilen.« – »Könnte man nicht einen Arzt aus Nancy holen lassen?« meinte Guercelles. »O nein, Henriette will durchaus keinen Arzt. Die Migräne pflegt zwölf Stunden zu dauern, wenn sie dann die Nacht gut durchschläft, ist es vorüber. – Aber sie hat sich die letzten Tage so mit den Gutssorgen überanstrengt, daß sie jetzt eben besonders empfindlich ist. Wenn sie draußen nichts zu tun hatte, saß sie den ganzen Tag über den Papieren und Büchern und rechnete. Sogar alte Schriftstücke, die mein Mann seit zehn Jahren nicht mehr anrührte, hat sie wieder hervorgeholt. Manchmal sitzt sie bis zwei Uhr nachts dabei. Wie oft kommt es vor, daß ich wieder aufstehe, Herr Graf, um ihr zu sagen: ›Henriette, ich bitte dich, laß deine Rechnungen jetzt liegen und geh zu Bett.‹ Denn, gnädigster Herr Graf, –« ihre Stimme klang immer rührseliger – »ich kann es nicht mehr mit ansehen, daß die Arbeit hier auf dem Gut mir meine Tochter nimmt, – wie sie mir meinen Mann genommen hat.« »Es scheint also,« sagte der Graf, den das Geschwätz und die falsche Empfindsamkeit der Alten nervös machten – »es scheint also, daß die Gesundheit Ihrer Tochter dieser Arbeit nicht gewachsen ist. Dann ist es besser, sie verzichtet darauf.« Die Augen der alten Deraisme füllten sich bei diesen Worten sofort mit Tränen. »O nein, Herr Graf, – Gott bewahre. Davon kann gar nicht die Rede sein. Sie ist ja so froh darüber, daß sie ihren Vater ersetzen und sich selber ihr Brot verdienen kann. – Nur ist es zu Anfang natürlich nicht so leicht, und sie nimmt es auch gar zu genau. Mein Mann war ja die letzten Jahre immer schon leidend und hat manches gehen lassen. Henriette wollte nun durchaus, daß bis morgen alles in Ordnung sein sollte, damit sie dem Herrn Grafen die Bilanz vorlegen kann. – – Und daher ist sie jetzt etwas übermüdet. Morgen wird sie bestimmt wieder auf ihrem Posten sein. Sie ist ja kräftig, die Kleine, hält mehr aus wie mancher Mann. Und trotz ihres blassen Gesichts ist sie vollblütig genug, das können Herr Graf mir glauben.« Die Alte kam etwas näher an ihn heran und sagte in geheimnisvollem Ton: »Ja, unter uns gesagt, gnädigster Herr Graf, das heiße Blut macht ihr viel zu schaffen. Ein Mädchen von zweiundzwanzig Jahren, mit so einem Körper wie meine Henriette, sollte sich verheiraten. Herr Graf haben doch sicher davon gehört, daß der Besitzer von Theilly ihr einen Antrag gemacht. Ein reizender junger Mensch, und er ist rein närrisch auf sie. Aber sie hat nicht gewollt. Man darf ihr nicht einmal von ihm sprechen. – Wie soll man sich das erklären, Herr Graf. Ich meine immer, das Kind muß eine unglückliche Liebe haben.« Während sie das sagte, blickte sie den Grafen scharf an. »Was zum Teufel will sie denn eigentlich mit all den Geschichten?« dachte Guercelles. – »Am Ende will sie mir ihre Tochter verkuppeln.« Er vermochte das ordinäre Geschwätz nicht mehr auszuhalten und verabschiedete die Alte. Beim Essen und später auf seinem Zimmer vertiefte er sich weiter in die ziemlich langweilige Lebensgeschichte des Marquis de Braux, nur um sich müde zu machen und den unangenehmen Eindruck loszuwerden. Dieses dicke, gewöhnliche Weib mit seinem keuchenden Atem und seiner abscheulichen Geschwätzigkeit drängte Henriettens anmutiges Bild in den Hintergrund. Er mußte auch wieder an den diebischen Alten mit seiner Tabakspfeife denken, und an diesem Abend kostete es ihn keine Überwindung, sein Verlangen nach dem Mädchen niederzukämpfen. »Wieder ein Beweis,« dachte er bei sich selbst, »daß man sich niemals mit einer Frau außerhalb seines gesellschaftlichen Kreises einlassen darf. Bei allen ihren Reizen wäre Henriette Deraisme nur möglich, wenn man weit von hier mit ihr beisammen wäre. Und selbst dann – man dürfte ihre Eltern nie gesehen haben.« Guercelles ging in Gedanken noch einmal all seine Liebesgeschichten durch, – immer hatten sie sich in einem eleganten, geschmackvollen und sympathischen Milieu abgespielt – in einem vornehmen Hause am linken Seineufer, auf einem Schloß an der Loire oder einem Edelsitz in der Dordogne – bei einem Jachtausflug auf dem Mittelmeer oder in einem der ersten Hotels irgendeines Modebades. Und die Damen der großen Welt, mochten ihre Reize noch so dekadent sein, dafür waren sie doch immer elegant, rassig und wußten sich zu benehmen. Selbst die kleinen Frauen aus der höheren Bourgeosie, die man jetzt immer mehr in die Gesellschaft aufnahm, brachten es nicht fertig sie gut zu kopieren. Aber sie machten ihre Mängel wiederum gut durch all den äußeren Aufwand, den der Reichtum ihnen erlaubte, und hatten eine so reizende Art sich geschmeichelt zu fühlen, wenn ein Mann von tadelloser Herkunft sich mit ihnen abgab. »Zum Beispiel meine kleine Levantinerin,« dachte Guercelles, »ihr Großvater war Agent, und ihr Mann handelt mit Fellen – aber sie ist von einer fabelhaften Eleganz und ihr Haus geradezu ein Wunder an gutem Geschmack. Wo und wann Foucher-Desgardes seine Felle verkauft, ahne ich nicht, ich weiß nur, daß er die schönsten Meißner Figürchen und die wundervollsten Emails gesammelt hat, die ich jemals in Paris gesehen habe. Und die Kleine ist einfach reizend. Ihre Neugier und ihr guter Wille, mit mir ein Verhältnis anzufangen, war doch entzückend. Ihre Art und Weise, sich hinzugeben, ist so lieb und ohne Pose gewesen und wirklich nur schmeichelhaft für mich. – Gott, ich habe doch vor drei Tagen einen Brief von ihr bekommen und immer noch nicht geantwortet. Das ist wirklich nicht recht von mir.« Und nun setzte er sich rasch an den Schreibtisch und schrieb: Liebe Freundin! Seien Sie mir bitte nicht böse, daß ich erst heute schreibe. Aber seit ich hier bin, hat das Landleben aus alter Gewohnheit es mir so angethan, daß ich ein ausschließlich animalisches Leben geführt habe. Bei Tagesgrauen aufgestanden, den ganzen Tag auf der Jagd oder zu Pferde und mit den Hühnern zu Bett – wie ein Bauer. Ach, holde Lucie, wenn Sie raffinierte kleine Pariserin mich in meiner jetzigen Verfassung zu Gesicht bekämen, wie ich abends von der Jagd nach Hause komme – ich glaube Sie würden mich ohne weiteres verleugnen. – Ruppig angezogen, mit schmutzigen Stiefeln, ich sehe um kein Haar besser aus wie mein Förster, der mich treulich begleitet. – »Unmöglich, sich mit so einem Menschen einzulassen,« würden Sie entsetzt ausrufen. – »es kann auch nicht wahr sein, daß ich diesem Mann einmal angehört habe.« Und doch ist es derselbe, dem Sie ihre göttliche kleine Persönlichkeit mit all ihrem holden Jugendreiz geschenkt haben, und dem Sie gestatteten, Sie anzubeten. Und die Erinnerung an jene Stunde läßt ihm keine Ruhe, verfolgt ihn bis in seine ländliche Einsamkeit. Er möchte Sie heute fragen, ob auch Sie noch manchmal an unser Beisammensein denken, ob Sie die Sehnsucht, die ihn quält, ein klein wenig mit empfinden können? Das friedliche altmodische Zimmer, in dem ich jetzt hause, hat sicher noch nie einen Gast beherbergt, der in solchem Maße von frivolen Gedanken gepeinigt wurde. Lucie, meine reizende Freundin, denken Sie auch ein wenig an mich. Ich möchte, daß Sie sich ebenso schlaflos auf Ihrem prunkvollen Lager dehnten, das einer Madame de Polignac gehörte, wie ich in dem Mahagoniebett meiner seligen Tante. Warum sind Sie nicht hier bei mir? Ich möchte Ihren wunderbaren Körper dicht an meinem fühlen, ihn mit meinen Liebkosungen ermatten bis zu seligster Erschöpfung. So bald wie möglich komme ich nach Paris. Wollen Sie am 8. April nachmittags zu mir kommen? Noch sechs Tage bis dahin – das ist eine lange Zeit. Aber ich muß unbedingt hier noch meine langweiligen geschäftlichen Angelegenheiten erledigen. Schreiben Sie mir einen recht närrischen Brief – so wie Sie plaudern, wenn Sie ein Gläschen Portwein getrunken haben. – Wissen Sie noch – Ihre Theorie über Schamhaftigkeit und Häßlichkeit? Ich küsse Ihre geliebten Zauberhändchen und Ihre blauen Augen und Ihren Mund. Und ich presse Sie in Gedanken fest an mich, Sie holdes Meißner Figürchen. Sie sind ja so tausendmal reizender und seltsamer wie die ganze Sammlung Ihres teuren Gatten.« Als Guercelles fertig war, las er den Brief noch einmal durch. Er kam ihm direkt geistlos und gezwungen vor. Man fühlt ja aus jedem Wort, daß das alles nur Gerede war. Vielleicht zum erstenmal in seinem Leben empfand er einen förmlichen Widerwillen gegen diese Art, mit Frauen umzugehen wie mit einem amüsanten Spielzeug. So stand er auf und vertiefte sich wieder in die Geschichte des Marquis de Braux, die entschieden einen beruhigenden Einfluß auf seine Nerven ausübte. Erst spät in der Nacht legte er das Buch weg und begab sich zur Ruhe. Aber ehe er schlafen ging, las er noch einmal wieder den Brief an Madame Foucher-Desgerdes durch, und was er geschrieben hatte, schien ihm jetzt noch geschmackloser als vorhin. Schließlich warf er ihn einfach ins Feuer und sah mit einem Gefühl von Erleichterung zu, wie das Papier sich in der Hitze krümmte, schwarz wurde, und dann noch einmal aufflammte, ehe es in nichts zerfiel. Es war schon ziemlich spät, als Viktor kam und die Fenster weit aufmachte. Guercelles wollte heute nicht auf die Jagd, da verschiedene Unterredungen mit seinen Pächtern und Unternehmern zu erledigen waren. »Warum hast du mich nicht früher geweckt, Viktor?« fragte er. »Herr Graf haben es nicht befohlen. Deshalb bin ich erst um die Zeit gekommen, wo Herr Graf in Paris aufzustehen pflegen.« »Sind die Leute gekommen, die mich sprechen wollten?« »Ja, Herr Graf, der Sohn des Pächters von Rigny ist schon um sieben Uhr dagewesen und wollte später wiederkommen. Jetzt ist nur der junge Herr Bourgain aus Theilly da. Er ist in seinem englischen Jagdwagen gekommen und hat einen Bedienten in Livree mit.« »Was will denn der von mir?« brummte Guercelles ärgerlich. Er wußte selber nicht recht warum, vielleicht nur weil ihm alle Parvenüs von vornherein unsympathisch waren, aber er hatte gar keine Lust, den jungen Bourgain kennen zu lernen. Trotzdem ließ er sich rasch ankleiden und das Frühstück bringen und ging dann hinunter ins Bureau. Der junge Bourgain war kaum mittelgroß und für seine sechsundzwanzig Jahre etwas zu korpulent. Aber sein Gesicht war nicht unangenehm mit den regelmäßigen Zügen, die man in Frankreich grade bei Leuten aus dem Mittelstande häufig findet. Er trug einen braunen Spitzbart, und die grauen Augen hatten etwas Frisches, Gutmütiges im Ausdruck. Als der Graf eintrat, schien er äußerst verlegen und stammelte nur: »Hoffentlich störe ich nicht, Herr Graf« – – »Absolut nicht, Monsieur Bourgain,« sagte Guercelles, den das bescheidene Auftreten des jungen Menschen angenehm berührte. Bitte, nehmen Sie Platz und sagen Sie mir, was Sie herführt. Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung.« Michel Bourgain ließ sich nieder und streichelte etwas befangen seinen weichen Filzhut. »Mein Gott, Herr Graf – ich möchte gern ein offenes Wort mit Ihnen reden. Ich hatte bisher noch nie die Ehre, persönlich mit Ihnen zu sprechen, aber ich kenne Sie ja seit meiner frühsten Kindheit. Wir sind aus derselben Gegend, Herr Graf, und meine Großeltern standen im Dienst Ihrer Familie. Désiré Bourgain war Pächter von Villemaure; und wie er sich jederzeit um Rat und Hilfe an Ihren Herrn Großonkel, den Marquis de la Fourchetterie, wenden durfte, so komme ich heute mit einer Bitte zu Ihnen.« Der Graf streckte ihm die Hand hin: »Es freut mich, daß Sie Vertrauen zu mir haben.« Seine Sympathie für den jungen Mann wuchs, er haßte das moderne Bestreben, die Standesunterschiede zu verwischen, aber wenn ein Tieferstehender die nötige Distanz wahrte, war er stets bereit, ihm liebenswürdig entgegenzukommen. Bourgain faßte denn auch allmählich Mut und sah dem Grafen jetzt voll ins Gesicht. Er suchte ein wenig nach dem rechten Ausdruck, aber man fühlte wohl, daß er ganz genau wußte, was er wollte. »Also – es ist Ihnen vielleicht bekannt, Herr Graf, daß meine Eltern mir einiges Vermögen hinterlassen haben. Es war ihr Traum, einen richtigen Gutsherrn aus mir zu machen, und die guten Alten haben ihr Lebenlang dafür gearbeitet. »Du sollst dein Gut und Schloß haben, wie die andern Herren hier herum« – pflegten sie zu sagen. Sie ließen mich denn auch in demselben Institut erziehen, wie alle die jungen Adligen, und ich stand mit ihnen allen auf Du und Du. Aber später, als wir alle von der Universität wieder nach Hause kamen, habe ich doch gesehen, daß die gemeinsame Erziehung nicht genügt, den Standesunterschied zu überbrücken. Ich versuchte es anfangs, die alten Beziehungen aufrecht zu erhalten, aber die einen zogen sich von mir zurück, und bei den andern fühlte ich mich schließlich selbst nicht recht wohl. Ich fühlte wohl, daß ich in diese Atmosphäre eigentlich doch nicht hineinpaßte. So hab ich denn schließlich diesen Verkehr ganz aufgegeben.« »In meinem Hause sollen Sie immer willkommen sein, Monsieur Bourgain«, unterbrach ihn der Graf, »es würde mich sehr freuen, wenn wir gute Nachbarschaft miteinander hielten.« Bourgain verneigte sich dankend, aber Guercelles fühlte wohl, daß er bei sich dachte: »Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre gute Absicht, aber im Grunde denken Sie doch ebenso, wie die andern, und es würde Ihnen schwerlich angenehm sein, wenn ich Sie beim Wort nähme.« Dann führ er fort: »Ich hause also ganz allein in meinem Schloß, wie meine guten Eltern es nannten, und verkehre nur mit einigen Bürgerfamilien aus der Umgegend. Ich will mich durchaus nicht darüber beklagen, Herr Graf. Die Landwirtschaft interessiert mich, ich jage gern, vielleicht nicht mit solcher Leidenschaft wie Sie, Herr Graf, und Ihre Bekannten, aber es macht mir doch Vergnügen. Außerdem lese ich viel, spiele etwas Geige, kurz, ich weiß meine Zeit sehr gut auszufüllen. Aber ich bin meiner Einsamkeit etwas müde und möchte mich verheiraten, eine Familie haben. Gott, ich könnte ja sicher irgend eine gute Partie machen, wenn ich wollte, hier in der Gegend sind Mädchen genug, die gern Herrin von Theilly sein möchten. Aber es gibt nur eine Einzige, die mir gefällt. – Sie wissen sicher, wen ich meine.« Der Graf lächelte. »Es ist ja genug darüber geredet worden. Wollen Sie mir glauben, Herr Graf, ich war schon als Gymnasiast in sie verliebt. Damals war sie vielleicht fünfzehn, sechzehn Jahre alt, und wenn ich in den Ferien nach Hause kam, lief ich ihr nach, wo ich konnte. Sie galt damals für häßlich, ich habe sie immer hübsch gefunden, und jetzt teilen alle meine Meinung. Nicht wahr, Herr Graf, ein Mädchen wie Henriette sieht man nicht alle Tage?« Diese Äußerung war ihm entschlüpft, ohne daß er es wollte, und er schwieg plötzlich verlegen still. Guercelles erwiderte nichts, und es entstand eine etwas peinliche Pause zwischen den beiden. Männern. Guercelles war seltsam zumute, die Offenheit und das warme Empfinden Bourgams waren ihm sympathisch, und doch konnte er ein Gefühl von Feindseligkeit gegen ihn nicht loswerden. Es reizte ihn, daß Bourgain so selbstverständlich und mit solcher Wärme von Henriette sprach. Es kam ihm augenscheinlich gar nicht in den Sinn, daß der Graf selbst ein Auge auf Henriette werfen möchte, und den blassen Gedanken, daß das Mädchen sich in Guercelles verlieben könnte, hätte er jedenfalls direkt komisch gefunden. »Ich habe zweimal um Mademoiselle Deraisme angehalten«, fuhr Bourgain dann langsam fort. »Die Mutter war auf meiner Seite, der Vater hätte nichts dagegen gehabt, aber sie selber wollte nicht. Ich bekam zur Antwort, sie sei noch zu jung. Es sind vier Jahre her – sie war damals achtzehn. Nun, dagegen war ja schließlich nichts zu sagen, und ich ließ die Sache ruhen. Jetzt vor einem Monat wiederholte ich meinen Antrag. Ich wußte, daß Deraisme sich in unglückliche Spekulationen eingelassen hatte, und sah es kommen, daß er in eine üble Lage geraten würde. Nun und dieses Mal taten beide Eltern, was sie konnten, um Henriette zur Annahme zu bewegen. Sie wären ja so froh gewesen, sie versorgt zu sehen. Aber sie ließ mir sagen, sie danke mir für meine guten Absichten, sei aber fest entschlossen, nicht zu heiraten. Halten Sie das für normal, Herr Graf – ein gesundes blühendes Mädchen von zweiundzwanzig Jahren, das in unangenehmen häuslichen Verhältnissen lebt und sich trotzdem hartnäckig weigert, zu heiraten? Es ist doch zum mindesten merkwürdig, nicht wahr? Um so mehr, als ich in der Lage bin, meiner Frau ein angenehmes Dasein zu schaffen, und doch immerhin ein ganz annehmbarer Mensch bin. Ich will Ihnen offen gestehen, daß ihre Weigerung mich auf allerhand Gedanken brachte – ich hegte sogar den furchtbaren Verdacht, sie wolle nicht heiraten, weil sie – vielleicht irgend einen Geliebten habe.« Bourgain zögerte sichtlich, ehe er diese Worte aussprach. »Sie wissen, Herr Graf, daß sie ihrem Vater einen großen Teil der Geschäfte abnahm, so kam es, daß sie oft allein in der Umgegend herumfuhr oder auch nach Orleans und Paris reiste. – Ich konnte diese Unsicherheit nicht ertragen, Herr Graf, ich habe ihr nachspioniert, sie beobachten lassen. Das ist unschön, widerwärtig, ich weiß es sehr wohl, aber ich konnte nicht anders. – Nun, und alle meine Nachforschungen ergaben nur das eine Resultat, Henriette Deraisme ist das anständigste, junge Mädchen, das man sich denken kann. Ihr ist nicht das mindeste nachzusagen.« Bourgain schwieg einen Augenblick, und Guercelles dachte: »Mein Gott, warum erfüllt mich die Beichte dieses Toren mit solcher Freude? Was geht es mich an, ob das Mädchen physisch oder moralisch intakt ist?« Und doch war jene stille innere Glückseligkeit in ihm, die er immer nur empfunden hatte, wenn er wußte, daß ein geliebtes Wesen ihm bald angehören würde. Aber er wollte es sich selbst nicht eingestehen, daß Bourgains Worte eine solche Wirkung auf ihn ausübten, sein Verstand sprach dagegen. Was ging ihn, Guercelles, Henriettens Tugend an? So hörte er mit gleichgültiger Miene zu, wie der junge Gutsbesitzer fortfuhr: »So standen die Dinge, als der alte Deraisme plötzlich starb. Er hat nie viel getaugt – das darf man jetzt, wo er tot ist, wohl ruhig aussprechen – und niemand hat ihn betrauert. – Und offen gesagt, mein erster Gedanke war, daß meine Chancen jetzt wohl steigen würden, da Mutter und Tochter völlig mittellos dastanden. – Kaum war der Alte unter der Erde, so machte ich Anstalten, meinen Antrag zu wiederholen – da, hols der Teufel – erfuhr ich, die Kleine würde an Stelle ihres Vaters die Gutsverwaltung übernehmen. – Jetzt brauchte sie mich natürlich nicht mehr, – ah, Herr Graf – Sie haben in diesem Falle sicher sehr menschenfreundlich gehandelt, aber ich gestehe, ich war Ihnen in jenem Augenblick nicht gerade wohlwollend gesinnt.« »Jetzt fängt dieser kleine Plebejer wahrhaftig an, familiär zu werden«, dachte Guercelles und seine Haltung wurde unwillkürlich steifer. Bourgain fühlte es auch sofort, ohne daß der Graf auch nur ein Wort gesagt hatte, und fiel wieder in seinen früheren bescheidenen Ton zurück. »Ich komme jetzt zu dem eigentlichen Anlaß meines Besuches, Herr Graf. Verzeihen Sie mir, daß die Vorrede etwas weitschweifig ausgefallen ist. Ich war anfangs ganz unglücklich darüber, daß Sie Fräulein Deraisme zur Verwalterin Ihres Gutes eingesetzt hatten. Dann habe ich alles erwogen und mir gesagt, daß meine Sache deshalb doch noch nicht ganz verloren ist. Mag Henriette noch so tüchtig sein, ihr jetziger Posten ist für ein junges Mädchen immerhin eine gewaltige Aufgabe. Und ich glaube, auch im Interesse des Gutes möchte eine Verbindung mit mir für Henriette nur von Nutzen sein. – Ich sagte Ihnen schon, Herr Graf, daß ich mich recht gut auf die Landwirtschaft verstehe. Sie können sich davon überzeugen, wenn Sie gelegentlich meinen Betrieb in Augenschein nehmen wollen. Selbstverständlich würde ich nicht das Mindeste dafür beanspruchen, wenn ich ihr mit Rat und Tat zur Seite stehen dürfte. Ich denke ja nicht daran, einen pekuniären Vorteil daraus ziehen zu wollen. Ich liebe Henriette, und es war mir sympathischer, wenn sie überhaupt keinen Beruf hätte. Da sie nun aber einen hat, möchte ich ihn am liebsten mit ihr teilen. Sie werden es sicher nicht zu bereuen haben, Herr Graf, wenn Sie mir beistehen würden, mein Ziel zu erreichen. Und dieses Ziel wäre einzig und allein, die Frau, die ich liebe, mein zu nennen und ein ruhiges, glückliches Leben mit ihr zu führen. – Schlagen Sie mir meine Bitte nicht ab, Herr Graf, Sie würden in diesem Fall wirklich ein gutes Werk tun.« »Ja, mein Gott, Monsieur Bourgain«, warf Guercelles ein, »ich weiß nicht recht, in wiefern ich da etwas für Sie tun kann. Ich habe Mademoiselle Deraisme als Verwalterin engagiert – selbstverständlich habe ich sie nicht zum Zölibat verpflichtet, aber ebensowenig kann ich sie veranlassen, zu heiraten.« »Aber es ist ja schon alles mögliche, wenn Sie mir nichts in den Weg legen, Herr Graf. Ich bin Ihnen ja so dankbar, wenn Sie nur mit meinen Plänen einverstanden sind. Und wenn Sie in Ihrer Güte so weit gehen wollten, bei Fräulein Deraisme ein gutes Wort für mich einzulegen, – ihr etwas zuzureden. – Ich habe so ein Gefühl, als ob das sie stark beeinflussen würde. Ich versichere Ihnen, Herr Graf, daß ich alles tun werde, sie glücklich zu machen, wenn sie nur meine Frau werden will. Und Sie selbst, Herr Graf, werden in mir einen treu ergebenen Diener finden, der nur bestrebt ist, die Interessen Ihres Hauses wahrzunehmen.« Guercelles überlegte einen Augenblick. Im Grunde fühlte er sich geneigt, Bourgains Bitte zu willfahren, nicht aus Sympathie für den jungen Mann, sondern einfach aus egoistischer Neugier. Er konnte ja keine bessere Gelegenheit finden, in das Seelenleben dieses seltsamen Mädchens einzudringen. Solange sie nur Geschäftliches miteinander zu besprechen hatten, würde sie ihm schwerlich ihr Inneres entschleiern. Übrigens nahm er sich allen Ernstes vor, ihr zu dieser Heirat zuzureden. Das betrachtete er einfach als moralische Pflicht. »Abgemacht, lieber Freund«, sagte er also, »ich werde versuchen, mein möglichstes für Sie zu tun. Aber Sie müssen begreifen, daß ich etwas behutsam vorgehen muß, grade weil Henriette Deraisme von mir abhängig ist. Außerdem halte ich sie für sehr verschlossen und zurückhaltend. Aber ich will ihr gern sagen, wie ich über Sie denke, und daß sie meiner Ansicht nach wohltun würde, Ihren Antrag anzunehmen.« Bourgain erging sich in Dankesbezeugungen, er schien sich seiner Sache jetzt schon ganz sicher zu fühlen. Guercelles stand auf, um seinen Ergüssen ein Ende zu machen, drückte ihm flüchtig die Hand und wiederholte noch einmal: »Also zählen Sie auf mich, ich werde tun, was ich kann.« Den Rest des Vormittags verbrachte er damit, seine Pächter, den Bauunternehmer aus Villemaure und verschiedene Lieferanten zu empfangen. Nachmittags ging er auf die Jagd, diesmal aber ohne Denis mitzunehmen. Er streifte ziellos durch den weiten Park, schoß ein paar Hasen und einige kleine Vögel. Aber der richtige Jagdeifer wollte heute nicht aufkommen. Er hatte heute seinen schlechten Tag, wie er es selbst nannte. Alles stimmte ihn melancholisch, das trübe feuchte Wetter, das fast an einen Herbsttag erinnerte, die kahlen Bäume, der undurchsichtige graue Himmel. Kein Lüftchen regte sich, und die Stille ringsum im Walde wirkte förmlich beklemmend. Das Gewehr über die Schulter gehängt, schlenderte Guercelles langsam weiter, und Pouf trottete resigniert hinter ihm her. Er kannte die Gewohnheiten seines Herrn und wußte, daß es heute gar keinen Zweck hatte, dem Wild nachzuspüren. Und Guercelles grübelte vor sich hin: Gott ja, ich bin jetzt dreiundvierzig Jahre alt. Ich fühle mich ja eigentlich noch ebenso jung und ebenso kräftig wie mit fünfundzwanzig, aber die achtzehn Jahre, die dazwischen liegen, können doch schließlich nicht ganz spurlos an mir vorübergegangen sein. Wenn auch alles in mir gegen den bloßen Gedanken, alt zu werden, protestiert – einmal wird der Moment doch kommen, wo man langsam abzusterben beginnt. Und ihm fiel eine Stelle von Heine ein, im Tambour Legrand, wo der Dichter, nachdem er sich seinen eignen Tod ausgemalt hat, in die Worte ausbricht: Gott sei Dank, ich lebe noch. Noch glüht in meinen Adern der rote Lebenssaft, und die Erde erbebt unter meinen Schritten. »Nein, noch hat das entsetzliche Alter keine Macht über mich«, dachte Guercelles. »Und grade deshalb sollte man sich um so intensiver dem Leben hingeben, es bis auf den letzten Tropfen auskosten.« Und nun schlug seine Stimmung plötzlich um. Guercelles kannte das schon, sein kräftiger Organismus wehrte sich gegen jede Depression, und nach einer derartigen Krisis kam wieder eine Reaktion von erhöhter Energie und heißer Lebenslust. Während er jetzt mit elastischen Schritten zum Schloß zurückkehrte, schwelgte er förmlich im Gefühl seiner ungebrochenen Kraft, und ihm war zumute, als erwarte ihn irgend etwas Schönes, Ungewöhnliches. »Was habe ich denn eigentlich vor? Ach ja – um neun Uhr kommt die kleine Deraisme, mir die Abrechnung vorzulegen.« Er bestärkte sich noch einmal energisch in dem Entschluß, jeder Versuchung auszuweichen, und nahm sich vor, nicht einmal daran zu denken, daß Henriette ein junges, begehrenswertes Weib war. »Sie ist meine Verwalterin, weiter nichts. – Aber ich möchte doch wenigstens versuchen, einen Einblick in ihr inneres Leben zu gewinnen.« Um bei seiner Unterredung mit dem jungen Mädchen nicht gestört oder belauscht zu werden, gab er Befehl, die Bibliothek neben seinem Zimmer zu heizen und einen Tisch mit Papier und Schreibzeug herzurichten. Gleich nach dem Essen ging er hinauf, nachzusehen, ob alles in Ordnung sei. Die Bibliothek war ein großer, länglicher Raum, längs den Wänden standen in langen Reihen alle die feierlichen, dunkel eingebundenen Bücher, die der Marquis de Braux dereinst hier zusammengetragen hatte. Auf dem Mitteltisch brannten zwei Öllampen mit grünen Schirmen und warfen ihren milden Schein auf den olivgrünen Teppich, der ebenso wie die Bücher und Lampen noch von dem seligen Marquis herstammte. Die später hinzugekommenen Sessel und Fenstervorhänge waren in grünem Rips gehalten, und dem Tisch gegenüber stand noch ein verschossener grüner Lederdiwan. Auf diesem Tisch und bei dem Schein derselben Lampen hatte der Diplomat seine damals berühmten Werke niedergeschrieben, von denen Guercelles dieser Tage in der alten Biographie gelesen hatte. Er suchte sich die würdige Gestalt des alten Aristokraten vorzustellen, wie er hier bei dem flackernden Kaminfeuer bei seiner grünen Lampe gesessen haben mochte und Blatt auf Blatt mit seiner zierlichen, pedantischen Schrift bedeckte: »Und gradeso wie er werde auch ich eines Tages aus der Liste der Lebenden ausgelöscht sein«, – dachte der Graf, und bei diesem Gedanken zog sich ihm das Herz zusammen, – »und irgend ein andrer wird hier abends beim Kaminfeuer sitzen. Mein Gott, warum müssen wir alle sterben und vergehen, warum können wir nicht in einem andern Wesen dasselbe Leben fortleben, ebenso wie dies Feuer, das sich seit einer endlosen Reihe von Jahren immer wieder erneuert.« – – – Viktor trat ein und meldete, Mademoiselle Deraisme sei unten. »Gut, laß sie heraufkommen.« Bald darauf trat Henriette ein, in dem schwarzen Mantel und dem langen Creppschleier sah ihr Gesicht noch weißer aus als sonst. Ein Hofjunge folgte ihr mit einem Stoß von Rechnungsbüchern und Papieren. Guercelles begrüßte sie äußerst höflich. Er fühlte sich peinlich berührt in dem Gedanken, daß der Junge ihre ganze Unterredung mit anhören sollte, aber Henriette schickte ihn ohne weiteres fort: »So, danke schön. Morgen holst du alle Sachen hier wieder ab. Und jetzt geh schlafen.« Sie trat heute abend völlig sicher auf. Aber Guercelles war nicht so leicht zu täuschen, er merkte wohl, daß ihre Ruhe gewaltsam erzwungen war. Als der Junge gegangen war, sah sie ihm grade in die Augen, und ihr Blick hatte etwas merkwürdig Starres. »Herr Graf, die Abrechnungen sind alle in Ordnung«, sagte sie dann, »ich bitte nur um Entschuldigung, daß ich erst heute damit komme. Meine Mutter hat Ihnen wohl gesagt, daß ich gestern etwas leidend war.« Guercelles erwiderte, er hoffe, daß sie jetzt wieder ganz hergestellt sei. Inzwischen nahm Henriette Mantel und Schleier ab und legte beides auf einen Stuhl. Schlank und aufrecht stand sie jetzt vor ihm in ihrer schwarzen Seidenbluse, die nur einen schmalen weißen Streifen um den Hals hatte, unter der einfachen Pelzmütze quoll das dichte dunkle Haar hervor. Guercelles wollte einen Sessel für sie heranrücken, aber sie dankte und ließ sich auf einen Stuhl am Ende des Tisches nieder, schlug verschiedene Bücher auf und legte alles zurecht. »Ich möchte Ihnen zuerst die Abrechnungen aus der kurzen Zeit vorlegen, seit ich selbständig die Verwaltung leite«, begann sie, »und Ihnen dann auseinandersetzen, wie ich die Sachlage beim Tode meines Vaters vorgefunden habe.« Sie sagte das mit fast tonloser Stimme, ohne die Augen aufzuschlagen. Guercelles hat sich in den Lehnstuhl des Marquis de Braux gesetzt, er hörte kaum zu, während sie ihm Zahlen und Daten vorlas. Seine Blicke ruhten auf der anmutigen Gestalt, die sich im Schein der Lampe über die Papiere neigte, verfolgten die reine Linie ihres Profils und beobachteten, wie die blauen Augensterne langsam über die Zeilen glitten, wie ihre Lippen sich bei jedem Wort bewegten und der volle jugendliche Busen sich rhythmisch hob und senkte. Er atmete den starken, herben Duft ihres vollen Haars und ihres frischen jungen Körpers, während sie immer weiter las: die Rechnung an Lixandre bezahlt – 68 Francs – einkassiert für fünf Säcke Hafer 90 Francs – »Gott, wie ist sie reizend«, dachte er bei sich, »und zu denken, daß ein Bourgain diesen herrlichen Amazonenkörper in seine Arme schließen, diese Augen und diesen Mund mit seinen Lippen berühren soll!« Und er träumte davon, sie zu beglücken, ihr Leben reich und schön zu gestalten, – er wollte sie ja gar nicht besitzen, aber dann sollte sie wenigstens auch keinem andern gehören. Er hätte sie nur schirmen und beschützen mögen, seine Arme um sie breiten, fühlen, daß sie bei ihm Zuflucht suchte und fand. Henriette rekapitulierte noch einmal die Einnahmen und Ausgaben und schloß mit den Worten. »Darf ich Sie jetzt bitten, Herr Graf, die Rechnungen mit meiner Aufstellung zu vergleichen.« »O, das ist doch wirklich nicht nötig«, meinte Guercelles, »ich verlasse mich darin ganz auf Ihre Angaben.« »Aber ich bitte Sie darum«, sagte Henriette. Ihre Blicke begegneten sich und er sah, wie ihre Züge sich plötzlich veränderten. Er hatte nicht die geringste Lust, sich mit den Rechnungen zu beschäftigen, aber um sie nicht zu quälen, ließ er sich herbei, die Blätter flüchtig durchzusehen und mit den Aufzeichnungen in ihrem kleinen Heft zu vergleichen. »Es stimmt alles ganz genau«, erklärte er dann. Das junge Mädchen hatte den Ellbogen auf den Tisch gestützt und beschattete die Stirn mit der Hand. »Sind Sie müde?« fragte Guercelles, »wenn es Ihnen lieber ist, können wir die Sache ja auf morgen verschieben.« Henriette schüttelte nur den Kopf, dann schlug sie ein andres Heft auf und nahm das zweite Bündel Rechnungen vor. »Ich muß vorausschicken, Herr Graf, daß ich schon, als mein Vater noch lebte, die Gutsangelegenheiten zum großen Teil für ihn besorgte und auch hier und da mit den Rechnungen zu tun hatte. Aber in den eigentlichen Stand der Dinge habe ich keinen Einblick gehabt. Als mein Vater dann – – plötzlich starb, war natürlich das Erste, was ich tat, seine sämtlichen Papiere durchzusehen. – Ich wußte ja, daß er spekulierte, und daß er große Verluste gehabt hatte. Und nun sah ich zu meinem Erstaunen, daß er trotzdem keine Schulden hatte. Er pflegte über seine Ausgaben nicht regelmäßig Buch zu führen, aber er hob alle Rechnungen und Quittungen auf, und ich fand die Belege vor, daß er an verschiedene Agenten in Paris große Summen abgezahlt hatte.« Ihre Stimme, die anfangs etwas geschwankt hatte, wurde immer klarer und fester, aber Guercelles fühlte, wie sie allmählich einen ganz andern Klang bekam – etwa wie die Stimme eines Fieberkranken, der halb im Traum redet, und die schmale wohlgepflegte Hand, die auf einem rotgebundenen Heft ruhte, bebte sichtlich. »Als ich nun feststellen konnte, daß mein Vater keine Schulden hinterlassen hatte«, fuhr das junge Mädchen fort, »wuchs meine Unruhe. Er hatte ja weder mit mir noch mit meiner Mutter über seine Spekulationen gesprochen, aber ich hatte doch manches erraten, und es kamen mir allerhand Gerüchte zu Ohren – kurz, ich lebte schon zwei Jahre lang in beständiger Angst vor einer Katastrophe. Nun war er gestorben, und kein einziger Gläubiger meldete sich, – ich konnte überhaupt kein Defizit entdecken. – Wo aber hatte er das Geld hergenommen, seine Schulden zu decken? – –« Sie machte eine Pause. Ein paar Minuten lang herrschte ein beklommenes Schweigen in dem großen, traulich beleuchteten Raum. Guercelles suchte nach dem richtigen Wort, um zu verhindern, daß sie das aussprach, was jetzt kommen mußte. Aber er fand es nicht, und schon begann Henriette: »Ich dachte mir gleich, daß die Erklärung sich in den Gutsabrechnungen finden müßte. Wären sie in Ordnung gewesen, so hätte ich vielleicht gar nichts entdecken können. Mein Gott, es ist ja so leicht, die Zahlen etwas abzuändern! – Aber mein Vater war seit etwa zwei Jahren so unvorsichtig, außer den offiziellen Rechnungen, die mehr oder weniger stimmten, auch seine Privatnotizen und seine Korrespondenz mit Lieferanten und Käufern aufzuheben. Wenn Sie herkamen, Herr Graf, wartete er immer bis zum letzten Augenblick, die Bilanz aufzustellen, die er Ihnen vorlegte. Und mit Hilfe seiner geheimen Aufzeichnungen wußte er sie dann so zu arrangieren, daß es einigermaßen stimmte. Und da Sie niemals nach den Belegen fragten« – Sie hielt mitten im Satz inne, und Guercelles zuckte die Achseln, als wollte er sagen: »was soll das Alles?« »Sie verlangten keine Belege«, sprach Henriette weiter, »und ich erlaube mir, Ihnen offen zu sagen, Sie haben dadurch sehr viel Unglück angerichtet. Bei Ihrem Scharfblick, Herr Graf, und bei den vielen Leuten, die meinem Vater übel wollten, mußten Sie ja doch erfahren, was vorging. Und durch Ihre Nachlässigkeit haben Sie den Mann – gradezu ermutigt, sein Treiben fortzusetzen. Henriette wurde immer erregter, sie hielt es nicht mehr aus, so ruhig dazusitzen, und sprang auf. Ihre Hand umklammerte krampfhaft die Stuhllehne, den Blick richtete sie starr auf den Boden, und ihre Worte klangen wie Hammerschläge: »Mein Vater betrog Sie – und Sie wußten, daß er Sie betrog – Sie ließen sich von ihm bestehlen – weil es Ihnen nicht der Mühe wert war, sich darum zu kümmern, oder weil Sie als Grandseigneur nur Verachtung gegen die Unredlichkeit Ihrer Leute empfinden. – Ach, Herr Graf – sicher hat dieser unglückliche Mensch schwer gefehlt – aber Sie tragen einen großen Teil der Verantwortung an seinen Vergehen. Sie hätten gleich von Anfang an einschreiten sollen. Sie konnten es ihn ja das erstemal ungestraft hingehen lassen, und er hätte es dann schwerlich noch einmal versucht. 33 000 Francs – um diese ungeheure Summe hat mein Vater Sie während zwei und einem halben Jahr bestohlen. Es wurde ihm vor allem durch die großen Bauarbeiten ermöglicht, die Sie auf den einzelnen Höfen vornehmen ließen und deren Kosten sich auf nahezu 300 000 Francs beliefen. 33 000 Francs – wo eine solche Summe hernehmen, um Sie Ihnen zurückzuerstatten?« – Der Graf machte eine ablehnende Bewegung. – Ja, ja, ich verstehe sehr wohl – Sie verlangen das gar nicht, Sie wollen sie mir schenken. Aber ich will es nicht, ich will nichts mit gestohlenem Geld zu tun haben. O nein – davon kann gar nicht die Rede sein.« Sie konnte nicht weiter sprechen, die Stimme versagte ihr. Guercelles war es sehr unbehaglich zu Mute, er fühlte sich verletzt durch diesen unerwarteten Ausdruck von Feindseligkeiten und sagte kühl: »Mir scheint, Sie regen sich wirklich etwas unnötig auf und, verzeihen Sie, daß ich das sage, es fehlt Ihnen gänzlich an Kaltblütigkeit.« Henriette schüttelte den Kopf, als ob sie dagegen protestieren wollte. »Doch, es ist so. Sie brauchten mir nur Ihre eigne Abrechnung vorzulegen, warum kommen Sie überhaupt auf die früheren zurück. – Ich habe mit ihnen abgerechnet und mich für einverstanden erklärt. – Aber Sie setzten sich hin, forschten in seinen Privatnotizen nach, verglichen und fanden, daß nicht alles stimmte. Daraus schließen Sie, daß Ihr Vater mich betrogen hat. – Was wissen Sie davon? Sind Sie etwa bei unsern Besprechungen dabeigewesen? Sie können doch nicht wissen, ob wir die Sache nicht unter uns ins Reine gebracht haben. Und auf alle Fälle kann ich von Ihnen verlangen, daß Sie alle diese vergangenen Dinge ruhen lassen und sich nur mit der Gegenwart beschäftigen. Ich habe meinen Namen unter die Abrechnungen gesetzt, die Ihr Vater mir vorlegte, und ich gestatte niemand, gegen Dinge zu protestieren, die ich unterschrieben habe.« Henriettens Gesicht verzerrte sich, beinah wie von unterdrücktem Lachen. »Das habe ich mir schon gedacht,« sagte sie, »die Empfindlichkeit des Herrn Grafen de Guercelles empört sich, wenn man ihm sagt: Sie sind bestohlen worden – und es soll Ihnen zurückerstattet werden. Und ich – weil ich arm bin und von gewöhnlicher Herkunft, soll meine Stellung bei Ihnen ruhig behalten und fröhlich in den Tag hinein leben, obgleich Sie und ich wissen, daß mein Vater Sie um 33 000 Francs betrogen hat. Würden Sie das fertig bringen, wenn Sie an meiner Stelle wären? Nein! Aber mich halten Sie für fähig dazu, weil ich nicht wie Sie selbst aus edlem Blut stamme. – Widersprechen Sie mir nicht, Herr Graf, es liegt ja auf der Hand. Darin sind Sie und Ihre Standesgenossen sich alle gleich. Sie haben aus den Revolutionen nichts gelernt, und Sie stoßen uns immer vor den Kopf, selbst wenn Sie nach Ihrer Meinung großmütig gegen uns handeln. Und dann wundern Sie sich, daß das Volk Sie haßt.« Sie setzte sich nieder und trocknete erregt ihre Augen mit dem Taschentuch. »Das ist ja unleidlich,« dachte Guercelles, »merkwürdig, daß die alten Deraismes sich so eine rabiate kleine Revolutionärin ausgeheckt haben! Es ist nur ihr Glück, daß sie wenigstens hübsch ist.« Und Henriette war in diesem Augenblick schöner als je, ihre dunklen Haare waren in Unordnung geraten, die Brust bebte vor unterdrücktem Schluchzen, und jede unwillkürliche Bewegung ihres Körpers offenbarte die Schönheit reiner Linien. Guercelles fand sie in diesem aufgelösten Zustand so reizend, daß er den Ärger über ihre Reden ganz vergaß. Sie nahm sich jetzt gewaltsam zusammen und versuchte ruhiger zu sein: »Ich habe mich gehen lassen,« fuhr sie fort, »und Ihnen eine Menge unnötige Dinge gesagt. Glauben Sie bitte nicht, daß ich Sie verletzen wollte. Ich weiß sehr wohl, Herr Graf, daß Sie gegen mich wie gegen meinen Vater sehr viel Güte bewiesen haben. Und ich bin sicher nicht undankbar dafür, aber ich will lieber Gerechtigkeit als Wohltaten, die für den Empfänger immer etwas Demütigendes haben. – Als Sie zum erstenmal die Unterschleife meines Vaters bemerkten, Herr Graf, – hätten Sie damals ein ernstes Wort mit ihm gesprochen wie mit einem Mann aus Ihren Gesellschaftskreisen, der falsch gespielt hat – das kommt doch vor, nicht wahr? – dann hätten Sie ihn vielleicht davor bewahrt, immer mehr auf die schiefe Ebene zu geraten.« »Das glaube ich kaum,« entfuhr es Guercelles, den der Eigensinn des Mädchens allmählich reizte. »Warum nicht?« »Wenn Sie durchaus wollen, daß ich offen spreche – weil Ihrem Vater der Sinn für seine Verantwortlichkeit und seine Pflichten fehlte – den Sie selbst in so hohem Maße besitzen. Und durch bloßes Reden kann man ihn niemand beibringen.« Aber er bereute seine Worte, kaum daß er sie ausgesprochen hatte. Denn Henriette verbarg ihr Gesicht mit dem Taschentuch und brach in einen Strom von Tränen aus. »Ich bitte Sie, Fräulein Henriette, fassen Sie das, was ich eben sagte, nicht falsch auf. Ich wollte dem Andenken Ihres Vaters nicht zu nahe treten, sondern Ihnen nur sagen, wie hoch ich Ihre Gewissenhaftigkeit einschätze.« Sie nahm das Tuch vom Gesicht und sah ihn an. »Sie haben die Wahrheit gesagt, und die Wahrheit verletzt mich nie. Nur möchte ich Sie bitten, in dieser Sache vollkommen gerecht zu sein. Ich glaube, niemand kannte die schwachen Seiten meines Vaters so gut wie ich. Aber vergessen Sie nicht, daß meine Familie schon durch Generationen hindurch im Dienst der Ihrigen stand, Herr Graf. Und ich möchte Sie fragen – glauben Sie, daß Ihre Vorfahren als Herren und Gebieter der meinigen auch gute Erzieher waren, die sie Treue und Gewissenhaftigkeit lehrten? – Sie wollen mir darauf antworten, daß Sie nichts davon wissen, und daß es Ihnen ganz gleichgültig ist. Aber ich sage Ihnen, Ihre Ahnen haben mehr oder minder mit Bewußtsein dafür gesorgt, daß es um das moralische Niveau ihrer Untergebenen traurig bestellt war. Sie ließen sie fühlen, daß sie einer minderwertigen Klasse angehörten, die nur auf Kosten der Höherstehenden existieren kann und nur geduldet wird, weil man ihrer bedarf, – ebenso wie man sich alle möglichen Haustiere hält.– – – Der kleine Hund Ihrer Tante, der Gräfin Hortense, hatte zum Beispiel die Gewohnheit, Kuchen zu stehlen. Man schalt ihn dafür, aber nur der Form wegen, im Grunde fand man es komisch und amüsierte sich darüber. Und genau so urteilt man in Ihren Kreisen über die Vergehen der Dienstboten und Angestellten. Wie oft habe ich selbst gehört, daß Ihre Verwandten, Ihre Gäste oder auch Sie selbst über jemand, der Ihnen verächtlich schien, äußerten: »er hat eine Bedientenseele.« – Wie die Seele eines Bedienten beschaffen ist, Herr Graf, hängt immer von seinem Herrn ab. So wie die Sachen nun einmal liegen, gebe ich zu, daß diese Menschenklasse ihren besonderen Moralkodex hat, nach dem es für erlaubt gilt, seinen Herrn zu betrügen. Vergessen Sie nicht, daß mein Vater in diesem Milieu aufgewachsen ist. Dann wurde er Verwalter, und von allen Seiten traten die Versuchungen an ihn heran. – In der kurzen Zeit, seit ich die Verwaltung übernommen habe, Herr Graf, hatte ich schon Gelegenheit, zehn zweifelhafte Anerbietungen zurückzuweisen.« Sie hielt einen Augenblick inne und fuhr wieder mit ihrem Taschentuch über die Augen. »Aber wir sitzen ja nicht hier, um uns über soziale Fragen zu unterhalten – unsre Ansichten darüber gehen ja auch viel zu weit auseinander, und wir werden uns in diesem Punkt niemals verstehen. Das einzige, was in Betracht kommt ist die Tatsache, daß mein Vater Sie um 33 000 Francs geschädigt hat. Ich kann sie Ihnen nicht zurückerstatten, denn Sie wissen selbst, daß ich nicht so viel besitze. Als ich die Sache entdeckte, war mein erster Gedanke, Sie um meine Entlassung zu bitten. Aber dann habe ich mir überlegt, daß ich die Angelegenheit vielleicht doch noch ins Reine bringen kann, wenn ich in Ihrem Dienst bleibe. Ich werde es möglich machen, von den 3000 Francs Gehalt, die Sie mir geben, 1500-2000 im Jahr an Sie abzuzahlen. Außerdem werde ich nach besten Kräften versuchen, die Ausgaben für das Gut besser einzuteilen und die Einnahmen zu vermehren, so daß ich Ihnen auch auf diese Weise ersetzen kann, was mein Vater bei Seite geschafft hat. Ich bitte Sie also, Herr Graf, mich in meiner Stellung zu belassen.« Während sie diese letzten Worte sagte, war sie aufgestanden. Ihre Augen brannten wie im Fieber, und Guercelles sah wohl, daß sie am Ende ihrer Kraft angelangt war. So hütete er sich, ihr zu widersprechen, und antwortete nur: »Selbstverständlich – ganz wie Sie wünschen. Aber ich bitte Sie, setzen Sie sich nieder – Sie müssen einen Augenblick ausruhen. – Nehmen Sie diesen Sessel, er ist bequemer.« Er rückte einen der grünen Ripssessel für sie herbei. Henriette war sichtlich so erstaunt über seine Antwort, daß sie schweigend gehorchte. Seine nachsichtige und liebenswürdige Art brachte sie etwas aus der Fassung, aber sie war zu klug, um nichts zu fühlen, daß sie sein Entgegenkommen vor allem ihrer Eigenschaft als Frau und als Angestellte verdankte. Das entwaffnete sie, und zugleich empörte sich ihr Gefühl dagegen. Guercelles sah, wie ihr Ausdruck plötzlich wieder hart wurde, ihre Züge etwas Gespanntes bekamen und die blauen Augen düster vor sich hinstarrten. »Sie ruht nur aus, um gleich wieder einen neuen Angriff zu beginnen,« dachte er, »nein, zum Teufel, meine neue Verwalterin ist nichts weniger als bequem. Wenn es nicht wirklich ein Genuß wäre, sie anzuschauen« – – – Vorhin, als Henriette in Tränen ausbrach, hatte er sich gewaltsam beherrschen müssen. Am liebsten hätte er sie einfach in die Arme genommen und sie mit sanften Liebkosungen und Worten getröstet wie ein Kind. – Seine innere Erregung war heftiger, als er sich selbst eingestehen wollte. Und jetzt reizte es ihn unwiderstehlich, das junge Mädchen dahin zu bringen, daß sie ihm ihr Innerstes offenbarte. Er wollte wissen, ob noch andre Leidenschaften sie ebenso stürmisch bewegten wie Haß und ihr Stolz. Wie die meisten Männer, denen schon manche Frau sich anvertraut hat, war er überzeugt, daß im Grunde nur die Liebe das weibliche Herz bis in die tiefsten Tiefen aufzuwühlen vermöge, und daß alle andern Ausbrüche ihres Temperaments doch immer nur auf diese eine Quelle zurückzuführen seien. Und er wollte wissen, wie es in dieser Beziehung um Henriette stand. Sie war augenscheinlich heute Abend mit der Absicht gekommen, ihn herauszufordern, ihm alle möglichen Dinge ins Gesicht zu schreien, die sie bedrückten, unter denen sie litt. Und das hatte sie ja auch getan, nur hatte er durch sein ruhiges, höfliches Benehmen alle weiteren heftigen Szenen abgeschnitten. Jetzt lag sie erschöpft in ihrem Sessel und drängte ihre Empfindungen gewaltsam in sich zurück. Ließ er sie jetzt gehen, so würde sie kein Wort mehr sagen, aber war sie dann erst allein in ihrem Zimmer, so mußten ihre ermatteten Nerven nachgeben, und sie mußte völlig zusammenbrechen. Und das wollte er nicht, er wollte es selbst mit erleben, wie sie endlich ihre Starrheit fahren ließ und die Spannung in ihr sich löste. So setzte er sich an den Tisch, unterzeichnete die letzte Abrechnung und schlug die Bücher zu, um ihr klar zu machen, daß er die finanziellen Angelegenheiten für endgültig erledigt ansähe. Dann ließ er sich wieder in den Lehnstuhl des Marquis de Braux nieder und fügte in völlig unbefangenem Ton, als ob nicht das mindeste vorgefallen sei: »So, die Geldangelegenheiten sind jetzt erledigt, Fräulein Deraisme, ich möchte jetzt noch über etwas andres mit Ihnen sprechen. Sie haben mich ja selbst daran erinnert, daß es meine Pflicht ist, mich auch in andrer Beziehung um das Leben derer zu bekümmern, die mir ihre Arbeit und ihre Kräfte widmen.« Henriette fühlte die leise Ironie, die in seinen Worten lag, und richtete sich kampfbereit empor. »Ich möchte wissen, ob es wahr ist, daß Sie gesonnen sind, überhaupt nicht zu heiraten?« »Aber – Herr Graf« – »Bitte, antworten Sie mir jetzt nicht, daß meine Frage indiskret sei. Sie würden damit nur sich selbst widersprechen. – Zwischen dem Arbeitgeber und seinen Angestellten besteht entweder gar kein innerer Zusammenhang, abgesehen von den beiderseitigen Interessen, oder sie bilden eine Familie, in welcher der Arbeitgeber eine Art väterlicher Rolle zu spielen hat. Sie selbst stimmen für dieses System und ich ebenfalls. Übrigens handle ich in diesem Fall nicht aus eigner Initiative, sondern man hat mich gebeten, mit Ihnen über diese Angelegenheit zu sprechen. – Sie werden sich vielleicht denken können, was ich meine – es war mein junger Nachbar, Monsieur Michel Bourgain aus Theilly.« Henriette zuckte die Achseln. »Ich weiß, daß Sie ihn zweimal abgewiesen haben, das erstemal unter dem Vorwande, daß Sie noch zu jung wären, und später haben Sie ihm nur geantwortet, daß Sie überhaupt nicht heiraten wollen. Ich habe ihm nun versprochen, Ihnen seine Bitte noch einmal vorzulegen, und ich habe es nur getan, weil ich sehe, daß er ein rechtschaffner Mensch ist und Sie von ganzem Herzen liebt. Außerdem ist er intelligent und hat eine angenehme, gesunde Art, über Menschen und Dinge zu urteilen. Seine Eltern haben versucht, ihn zu einer gewissen spießbürgerlichen Großmannssucht zu erziehen, aber er hat diese Ideen völlig überwunden und hat keinen andern Ehrgeiz, als Ihr Gatte werden zu dürfen. Er würde Sie auch durchaus nicht daran hindern, Ihren Verwaltungsposten weiterhin auszufüllen. Im Gegenteil, er sagte mir, daß er Ihnen dabei mit Rat und Tat zur Seite stehen möchte. – Sie mit Ihren modernen Anschauungen müssen doch ohne weiteres zugeben, daß diese Verbindung gradezu das Ideal einer Ehe wäre. Und ich will Ihnen sagen, daß sie meine vollste Zustimmung finden würde. Bourgain hat mir erklärt, daß er für seine etwaige Mitarbeit an der Verwaltung meines Besitzes keinerlei Gehalt beanspruche, aber ich bin gerne bereit, den Ihren zu verdoppeln, wenn Sie einwilligen.« Henriette wich sichtlich seinem Blick aus und antwortete nur: »Ich will Bourgain nicht heiraten. Daß er Sie um Ihre Vermittlung gebeten hat, macht es mir nur noch unmöglicher. – Ich habe seinen Antrag schon zweimal zurückgewiesen und hoffe, daß er mich jetzt endlich in Ruhe läßt.« Sie bebte vor verhaltenem Zorn, und Guercelles fand einen seltsamen Genuß darin, sie noch mehr zu reizen. »Verzeihen Sie, wenn ich Sie noch einmal bitte, sich die Sache zu überlegen. Es ist mein aufrichtiger Wunsch, Sie glücklich zu sehen.« Das junge Mädchen konnte sich jetzt nicht länger beherrschen. Sie sprang von ihrem Sessel auf und stand hochaufgerichtet vor ihm. »Lassen Sie es genug sein, Herr Graf – ich bitte Sie. – Ob ich glücklich bin oder nicht, ist Ihnen vollständig gleichgültig. O, ich bin nicht so dumm, daß wissen Sie auch ganz genau. Ich durchschaue die Sache vollkommen. – Sie wollen mir eine Lehre geben, weil mein Ton vorhin Ihnen mißfallen hat. Ich nahm mir heraus, Ihre Handlungsweise zu kritisieren, um die Schuld meines Vaters in ein andres Licht zu rücken. Und dafür rächen Sie sich jetzt, in dem Sie mich unter lauter schönen Redensarten wie einen Dienstboten behandeln.« – »Fräulein Henriette« – – – »Ich bin nicht Ihr Dienstbote. Ich verzichte jetzt darauf, meine Stellung bei Ihnen zu behalten. Als ich Sie vorhin darum bat, dachte ich nicht daran, etwas von meiner Freiheit aufzugeben. Was ich für Sie geleistet hatte, wäre mehr wert gewesen als die 3000 Francs, die Sie mir dafür geben wollten. Davon werden Sie sich überzeugen, wenn ich fort bin. Mein Nachfolger wird Sie noch teurer zu stehen kommen als mein Vater. Denn damals war immerhin noch ich da, Ihre Interessen zu verteidigen – mit einem Eifer, den ich für meine eigenen niemals aufgewendet hätte. Wenn ich in Ihrem Dienst bleiben wollte, so geschah das vor allem, um eben die Verfehlungen meines Vaters wieder gut zu machen. Wäre das nicht gewesen – so hätte ich am Tage nach seinem Tode dieses Haus verlassen – ja, dieses Haus, in dem seit Jahrhunderten Ihre Familie meine Angehörigen unterdrückt, ausgebeutet und mit Füßen getreten hat. Ich hasse und verabscheue Ihr Haus, verstehen Sie mich wohl, Herr Graf – ich hasse es. – – – Ich weiß wohl, daß es mir anderswo schwerer fallen und mehr Zeit kosten wird, Ihnen Ihr Eigentum wieder zu ersetzen, aber Sie dürfen ganz ruhig sein, Sie sollen nichts dadurch verlieren.« Sie war so außer Atem und so erschöpft, daß sie einen Augenblick innehielt. Seine etwas ironische Ruhe brachte sie völlig zur Verzweiflung. Guercelles begriff wohl, daß diese zuckenden Lippen nach Worten suchten, die ihn tötlich verletzen sollten. Und nun fuhr sie fort: »Sie sollen Ihr Geld zurückbekommen, Herr Graf. Sie brauchen mich deshalb nicht an einen wohlhabenden Mann zu verheiraten, der Ihnen für die Summe bürgt. Sie sollen es haben, und wenn die Arbeit meiner Hände mich nicht in den Stand setzt, meine Schuld an Sie abzutragen, so werde ich meinen Körper verkaufen. – Ja, Herr Graf, es werden sich schon Männer genug aus Ihren Kreisen finden, die teuer dafür zahlen, mich zu besitzen. Und die werde ich mir wenigstens aussuchen können, anstatt daß Sie mich jetzt für Geld diesem Bourgain an den Hals werfen – für Geld – Sie – grade Sie –« Ihre weiteren Worte verloren sich in sinnlosem Stammeln, die Hände griffen ziellos in die Luft, dann schwankte sie und verlor das Gleichgewicht. Guercelles fing sie in seinen Armen auf, sonst wäre sie hingestürzt. Sie wehrte sich noch einen Augenblick, dann ließ sie sich willenlos von ihm auf den grünen Lederdiwan legen. Als er sich über sie beugte, hob sie den Kopf und schlug die Augen wieder auf. Aber nun war aller Haß aus ihrem Blick geschwunden. In diesem Augenblick wurde Guercelles das Geheimnis dieses Herzens klar, das jetzt dicht an dem seinen schlug, und das junge Mädchen fühlte, daß er es erraten hatte. Sie errötete tief. Guercelles zog sie an seine Brust, aber nun war es Henriette selbst, deren bebende Lippen die seinen suchten. Sie hatte vergessen, daß sie eben noch ihren Feind in ihm gesehen, und in wilder Empörung versucht hatte, ihn zu beschimpfen. Sie selbst gab ihm den ersten Kuß, ihre wie im Fieber glühenden Lippen schienen um Verzeihung zu flehen für alle die schlimmen Worte, die sie eben noch gesprochen hatte. Und aus ihrem Kuß sprach soviel unerfahrene Unschuld und doch soviel stürmisches Verlangen, daß das Herz des erfahrenen Lebemanns heiß erglühte. Er hielt ihren lebenden Körper immer noch umschlungen und warf sich neben ihr auf das Sofa. Aber nun lehnte ihr jungfräulicher Instinkt sich plötzlich auf, und sie flüsterte leise: »Nein, nein – noch nicht.« Diese schwache Abwehr genügte, ihn zur Besinnung zu bringen. Er ließ sie los und kniete an ihrem Lager nieder. Und er erschrak beinahe, daß sie soviel Gewalt über ihn besaß. »Setzen Sie sich dahin, neben mich,« sagte Henriette. Und wieder gehorchte er. Ihm war, als habe sich ihm erst in diesem Augenblick die Liebe offenbart, als sähe er in dieser kleinen Rebellin, die sich ihm plötzlich auf Gnade und Ungnade ergeben hatte, zum erstenmal ein wahrhaft liebendes Weib vor sich. Er hielt eine ihrer schmalen weißen Hände in der seinen und blickte ihr ins Gesicht, dieses eigenartige Gesicht, das sich in diesem Augenblick zu wahrer Schönheit verklärte. Und dann kam ihm der Gedanke: »Warum denn dieser Sturm von Gefühlen in mir? Vielleicht ist es eine Vorahnung, daß dies mein letztes Liebeserlebnis ist. Was ist denn eigentlich Merkwürdiges dabei? Ein Abenteuer ist wie das andere, und im Grunde sind sich doch alle Frauen gleich.« Und doch vermochte diese skeptische Anwandlung alle die stürmenden Gefühle nicht zu dämpfen, die sein Herz erfüllten wie in der ersten Jugend. »Mein Gott, was bin ich für ein elendes, haltloses Geschöpf!« sagte Henriette aus tiefstem Herzen heraus. Er drückte, ohne zu antworten, einen Kuß auf ihre zierliche blasse Hand. Ihre Haare hatten sich halb gelöst, und die Pelzmütze war auf den Boden gerollt. Der Diwan, auf dem sie ruhte, lag halb im Schatten, nur ihr weißes Gesicht mit den dunkel brennenden Augen leuchtete daraus hervor. »Ich bin Ihr Freund,« sagte Guercelles, »haben Sie doch Vertrauen zu mir. – Aber ich bitte Sie, sprechen Sie nie wieder so wie vorhin zu mir!« »Hab ich Sie gekränkt?« »Nein, aber jetzt würde es mir sehr wehe tun.« Sie bot ihm ihrem Mund, als wolle sie ihn um Verzeihung bitten. Es berührte ihn nur flüchtig mit seinen Lippen, denn er traute seiner eignen Selbstbeherrschung nicht ganz. »Sein Sie mir nicht böse,« bat Henriette, »denken Sie daran, was ich durchgemacht habe, seit ich alle diese schrecklichen Dinge entdeckte. – Ich konnte nicht anders, ich mußte irgend jemand mein ganzes Elend, meinen ganzen Groll gegen das Schicksal ins Gesicht schreien. Und vielleicht verlangte es mich auch – – die Schranken zwischen uns beiden niederzuwerfen, um so zu Ihnen sprechen zu können, wie ich es jetzt tue, – aber trotz alledem bin ich ein jämmerliches, feiges Geschöpf,« wiederholte sie in seltsamer Gereiztheit. Dann faßte sie seine Hand, und als ob sie sich erst jetzt über die Situation klar würde, richtete sie sich empor, steckte die Haare auf und schloß den Kragen ihrer Bluse, der halb offen stand. – Die Hände über dem Knie verschlungen, sah sie ihm lange in die Augen. Es lag immer noch ein Schatten von Trotz in ihrem Blick, aber er wurde durch das sanfte Lächeln gemildert, das um ihre Lippen spielte. »Ich sagte Ihnen vorhin, daß ich nur in Ihrem Dienst hatte bleiben wollen, um die Schuld meines Vaters abzutragen,« fuhr sie nun fort. »Aber ich habe nicht ganz die Wahrheit gesagt. Ich wollte nicht einmal mir selbst eingestehen, daß der Gedanke, von hier fortzumüssen, mich zur Verzweiflung brachte.« »Und doch sagten Sie,« meinte Guercelles lächelnd, »daß Sie mein Haus haßten und verabscheuten.« »Ja, und das ist wahr. Wie oft habe ich la Fourchetterie verflucht, weil hier auf diesem Grund und Boden meine Vorfahren ihre subalternen Anschauungen eingesogen haben. Und dieses Gefühl von Schmerz und Haß regt sich von Zeit zu Zeit immer wieder in mir. Dann wieder empfinde ich es stark, wie ich mit allen Fasern meines Herzens an meiner Heimat hänge, und daß etwas in mir zerreißen würde, wenn ich mich von ihr trennen sollte. Wundern Sie sich über diesen Widerspruch? Haben Sie nicht oft ähnliches in sich selbst empfunden. Ach Gott, mein Herz ist überhaupt so voll von Zwiespalt und Widersprüchen. – Meine Empfindungen für Sie sind ebenso verworren, ich weiß sie mir selber nicht recht zu deuten. Eigentlich sind Sie ja gerade der Typus, den ich hasse, – der reiche Mann von hoher Herkunft, der seine Zeit ausschließlich mit Zerstreuungen totschlägt und für das Wohl der Allgemeinheit völlig überflüssig ist. Sie sind ein Lebemann. (Sie sehen, selbst hier in unserm abgelegnen Winkel weiß man ganz gut Bescheid.) Sie haben eine Frau nach der andern besessen, und so sehen Sie naturgemäß in der Frau vor allem das Werkzeug Ihrer Lust. – – Sie können sich denken, daß gerade mir, mit meinen Ansichten, diese Art zu leben, äußerst unsympathisch ist. – Gott, wie oft schon hätte ich Ihnen all den Groll, den ich gegen Sie empfand, ins Gesicht schreien mögen, wenn wir uns hier auf dem Gut begegneten. – O und es macht mich ja so glücklich, wenn ich sehe, daß ich Ihnen damit Schmerz bereite.« Mit entzückendem, jugendlichem Ungestüm fuhr sie in die Höhe, nahm Guercelles Kopf zwischen ihre Hände und preßte ihre Stirn gegen seine. Während sie noch sprach, hatte Guercelles sein eignes Dasein gleichsam wie in einem Spiegel betrachtet, – die ganze Leerheit und Nutzlosigkeit seines Lebens. Es war ein Bild, das er wohl kannte und das ihn mit innerem Unbehagen erfüllte. Aber jetzt fuhr Henriette fort, und ihre Stimme legte sich wie Balsam auf sein wundes Gemüt: »Wenn es Ihnen weh tut, daß ich so spreche, so sehe ich doch, daß ich Ihnen nicht ganz gleichgültig bin. – – Und Sie sollen auch wissen, daß trotz allem Groll meine Gedanken sich unaufhörlich mit Ihnen beschäftigten. Vielleicht war es vor allem das, was mich so feindselig und verzweifelt stimmte. Schon als kleines Mädchen versteckte ich mich hinter den Büschen im Park, um Sie vorbeikommen zu sehen, und nahm jede Gelegenheit wahr, wenn meine Mutter etwas im Schloß auszurichten hatte, – Ihnen vielleicht zu begegnen. Später, als ich erwachsen war, wurde ich mir über die Natur dieser Empfindungen klar, und nun verachtete ich mich selbst. Vielleicht hat der Wunsch, diese törichte Schwäche zu unterdrücken, dazu beigetragen, daß ich so geworden bin – so ganz anders wie mein Vater und meine Mutter.« »Und jetzt?« fragte Guercelles, dabei zog er das junge Mädchen nahe zu sich heran und sprach ganz dicht an ihrem Ohr – »hassen und verachten Sie mich immer noch?« Sie lehnte sich in ihrer unschuldigen Sinnlichkeit so eng an seine Brust, daß es ihn durchschauerte, und Wange an Wange sagte sie leise: »Jetzt, – o vielleicht denke ich im Grunde noch ebenso über Sie. Aber es ist mir eine solche Erleichterung, daß ich Ihnen das alles gesagt habe, und daß wir uns jetzt nicht mehr fremd sind – uns nicht mehr als der Gutsherr und seine Angestellte gegenüberstehen. Das gibt mir ein eigentümliches Gefühl von innerer Ruhe. – Ich mag nicht daran denken, was morgen sein wird, – ich schwöre Ihnen, ich habe noch keine Ahnung, was ich dann tun werde. – Ich fühle mich ja so glücklich, daß ich jetzt hier bei Ihnen bin. – Verzeihen Sie mir, daß ich so feindselig war und Ihnen so kränkende Worte sagte. Selbst in dem Moment, wo ich sie aussprach, hätte ich gern mein Leben für Sie hingegeben. Dazu bin ich auch jetzt noch bereit und werde es immer sein, mag inzwischen geschehen, was da will. Ich weiß sehr wohl, Sie sind es nicht wert, daß eine Frau Sie so liebt, aber das ist mir gleichgültig. – Und halten Sie mich nicht für so töricht, zu glauben, daß Sie mich wirklich lieben. Ich verlange es auch gar nicht von Ihnen. – Nein, bitte, widersprechen Sie mir nicht, das würde mir nur weh tun. Ich fürchte nichts so sehr wie Mitleid.« Sie hatten sich beide erhoben und standen eng aneinandergeschmiegt. Guercelles hielt sie umschlungen und fühlte den jugendlichen Busen dicht an seiner Brust. Sie sah ihm voll in die Augen, der ganze unsagbare Reiz, den ihr jungfräulicher Körper in seiner leidenschaftlichen Sinnlichkeit ausströmte, drang überwältigend auf ihn ein, und er fühlte es tief: Alles, was ich bisher erlebt habe, war nur ein Zerrbild der Liebe und der wahren Wollust. Ihre Lippen vereinigten sich, und dieses Mal preßte er seinen Mund fest auf den ihren. Sie ließ es geschehen, ihr ganzes Wesen drängte sich ihm wonnebebend in seliger Unterwerfung entgegen. Aber dann erfaßte sie plötzlich die Scham, sie löste sich sanft aus seinen Armen, und als er bittend in sie drang, bot sie ihm die Stirn zum Kuß und flüsterte wie vorhin: »Nein, nein – noch nicht.« »So hast du mich doch nicht lieb?« »Ich hab dich lieb – und ich bin so glücklich – aber heute nicht – ich fürchte mich – schone mich noch. Willst du?« Er hielt sie immer noch umfangen. Sein bisheriges Ich, der Lebemann in ihm, dachte: Das ist der entscheidende Augenblick. Lasse ich sie jetzt gehen, so kommt er vielleicht nie wieder.« Er wußte auch, daß sie schließlich doch nachgeben würde, aber er wollte ihren sanften Widerstand nicht brechen. Da fiel Henriettens Blick zufällig auf die alte Wanduhr zwischen den Bücherreihen. »Zwanzig Minuten vor zwölf,« murmelte sie, »meine Mutter wird sich ängstigen. Ich muß gehen.« Er ließ sie los. Vor dem Spiegel über dem Kamin brachte sie ihre verwirrten Haare in Ordnung und setzte die Mütze auf. Dann kam sie wieder auf ihn zu und reichte ihm lachend die Hand. »Also, auf morgen?« Und Guercelles fragte beinahe angstvoll: »Wirst du auch morgen noch dieselbe sein wie heute?« Sie senkte den Kopf: »Ich weiß es nicht.« »Ach,« sagte er, »warum immer warten – immer alles auf morgen verschieben? – Henriette hab Vertrauen zu mir, verlaß mich nicht.« Sie lächelte, daß er so bittend und ungeduldig vor ihr stand: »Liebst du mich denn wirklich?« Er wollte nicht die gewohnte Lüge aussprechen und antwortete nur: »Wenn du willst, so werde ich dich lieben, wie ich noch niemals geliebt habe. – Ach, sag mir doch, daß du nicht immer nein sagen wirst.« Sie standen jetzt an der Tür, und Henriette sagte ernst: »Wenn du mich liebst, will ich dir gehören, – wenn du es dann noch willst.« Es kam ihm vor, als ob ihre Stimme etwas traurig klänge, und er wiederholte: »Wenn ich es dann noch immer will?« »Ja, – das wird von dir abhängen. Aber jetzt wollen wir nicht daran denken,« sagte sie lebhaft, »heute abend will ich nur glücklich sein.« Noch einmal umarmten sie sich, noch einmal fanden sich ihre Lippen in einem langen, langen Kuß. Dann öffnete Guercelles langsam die Tür, im Flur saß Viktor auf einem Sessel und schlief. Wie die Tür aufging, sprang er rasch in die Höhe. »Begleite Fräulein Deraisme in ihre Wohnung hinüber,« sagte der Graf, »ich brauche dich heute abend nicht mehr.« Er ging in die Bibliothek zurück, schloß die Tür hinter sich zu und warf sich auf den Diwan. So lag er noch lange da, das Gesicht mit beiden Händen verdeckt, und seine Phantasie gaukelte ihm betörende Bilder vor. V Die Liebe vermag uns so in ihrem Bann zu halten, alle unsre Gedanken so völlig in Anspruch zu nehmen, daß wir die geringfügigsten Ereignisse, die unsre Wünsche durchkreuzen, als besondere Tücken des Schicksals empfinden. So war an sich gar nichts Außergewöhnliches daran, daß Guercelles Freund, der Erzherzog, wieder einmal auf den Gedanken kam, nach Paris zu fahren, und nach alter Gewohnheit den Grafen erst im letzten Augenblick davon benachrichtigte. Und ebenso selbstverständlich war es, daß die Depesche, die nach Milancey nachgeschickt wurde, sich um einen Tag verspätete. So traf der Bote gerade an dem Morgen nach jener nächtlichen Zusammenkunft zwischen Guercelles und Henriette ein. Guercelles hatte nur eben Zeit, sich anzukleiden und im Auto nach Mur-de-Sologne zu fahren, um den Expreß nach Paris zu erreichen. Dort am Bahnhof schrieb er noch rasch mit Bleistift einen Kartenbrief an Henriette. »Leider muß ich heute nach Paris fahren, um den Erzherzog Peter dort zu treffen. Ich brauche wohl nicht erst zu sagen, daß ich außer mir bin, gerade jetzt fort zu müssen, und daß ich so rasch wie möglich zurückkommen werde. Schreiben Sie mir nach Paris, wenn es auch nur eine Zeile wäre, – und heute noch. Ich würde mich so darüber freuen.« Er warf den Brief selbst in den Kasten, aber in demselben Moment hätte er ihn am liebsten wieder zurückgenommen. Es trieb ihn, Henriette gegenüber offen und ehrlich zu sein, deshalb hatte er ihr den wahren Grund seiner Abreise angegeben. Und jetzt fühlte er plötzlich, daß gerade dieser Grund sie mehr verstimmen müsse, als jeder andre. Aber es war zu spät. Der Zug brauste heran und hielt vor dem Bahnhof – Guercelles mußte einsteigen. Und während er durch die Wälder der Sologne, durch die weiten Ebenen der Beauce dahinfuhr, dachte er: »Nein, das ist sicher – in Liebessachen ist es manchmal gradezu Pflicht, etwas zu lügen.« Er war verstimmt, daß der Zufall ihm so mitspielte, und wünschte den Erzherzog zu allen Teufeln. Aber allmählich fand er Genuß daran, sich seinen Gedanken so in aller Ruhe hingeben zu können, und durchlebte noch einmal alle Einzelheiten dieser seltsamen Nacht. Allmählich regte sich wieder der gewohnte Skeptizismus in ihm, gepaart mit einer leisen Angst. Würde sie je wiederkehren diese wundervolle Stunde, wo er so jugendlich, so stürmisch empfunden hatte, wie seit vielen Jahren nicht. »David und Abisaïg,« dachte er lächelnd. »Sie hat mich wieder jung gemacht. Ja, sie ist wirklich hinreißend. So ganz anders wie alle andern. Ich glaube, mir wird jetzt jede andre Frau langweilig und reizlos vorkommen. Ja, wirklich, ich sehne mich jetzt nur noch nach diesem einfachen Mädchen.« Ihm fiel wieder ein, was sie ihm über sein eignes Leben gesagt hatte. »Mein Gott, ja diese dummen demokratischen Ideen. Die sind ihr einziger Fehler, aber ein sehr schlimmer, denn sie schwört darauf und ist stolz auf ihre unabhängigen Ansichten.« Er rief sich alle Worte wieder zurück, die sie in ihrem Zorn gesagt hatte, es stieg beinahe etwas wie Erbitterung in ihm auf und das Verlangen, ihr zu zeigen, daß er doch der Überlegene war. »Ja, aber was soll schließlich aus der ganzen Sache werden?« Der Gedanke, dies Mädchen, das von ihm abhängig war, zu seiner Geliebten zu machen, widerstrebte ihm. – »Sie würde wohl nichts dagegen haben, bei ihren modernen Anschauungen. Im Gegenteil, sie faßte sicher die freie Liebe als moralisches Ideal auf. Aber wie unschön wäre das alles – sie bei mir in meinem Zimmer und die Mutter ganz in der Nähe. – Gott, von meinen Gutsnachbarn machen es ja wohl die meisten so, aber mir ist es nun einmal unsympathisch.« Und plötzlich fiel ihm ein: »Ob sie am Ende glaubt, ich würde sie heiraten? Nein, dazu ist sie doch zu klug und denkt auch zu vernünftig.« So philosophierte er vor sich hin. Aber dann mit einem Mal kam wieder die tiefe Bewegung über ihn, die er gestern abend empfunden hatte. Er sah sie wieder vor sich, dieses kleine junge Wesen in all seiner unverbrauchten Leidenschaftlichkeit – und fühlte ihre Lippen, die noch nie geküßt hatten, auf seinen brennen. »Ich bin nicht mehr jung, und alles, was ich noch erleben könnte, wiegt nicht auf, was sie mir sein kann. Nein, ich hätte heute morgen abtelegraphieren sollen und bei ihr bleiben.« Aber nun hielt der Zug. Er war in Paris, mußte eilig nach seiner Wohnung fahren, sich umkleiden und den Erzherzog im Hotel Riz aufsuchen. Erst spät in der Nacht kam er wieder heim, denn der Erzherzog war ein Nachtschwärmer, und wenn er nach Paris kam, war sein Hauptvergnügen, sich in den Kabaretts bis drei Uhr früh von den Zigeunerinnen vorspielen und vortanzen zu lassen. Als Guercelles sich endlich losgemacht hatte und seine Wohnung betrat, fand er auf dem Tisch einen Rohrpostbrief von Madame Foucher-Desgarbes. Sie schrieb ihm, sie habe gehört, daß der Erzherzog in Paris wäre, und nähme daher an, daß er auch zurück sei. Auf jeden Fall würde sie morgen vormittag bei ihm vorschauen und ihm guten Morgen sagen. »Ich werde sehr vorsichtig sein,« hieß es am Schluß, »und meinem Mann erzählen, daß ich bei Ihnen vorgefahren bin, um Sie zu Tisch einzuladen. – Aber, ich will Sie unbedingt sehen.« – – – »Dumme Gans,« brummte Guercelles vor sich hin und warf das Billet ins Feuer, »ich lasse ihr sagen, ich wäre nicht zu Hause.« Aber zu Viktor sagte er nur: »Morgen vormittag kommt eine Dame. Sag ihr erst, du wüßtest nicht, ob ich da wäre und sag mir dann Bescheid.« Guercelles fürchtete sich schon im voraus vor dem trostlosen Gefühl von Einsamkeit, das ihn schon so oft in den kritischen Momenten einer neuen Liebschaft befallen hatte. Und wirklich, als den nächsten Morgen die Post kam und keinen Brief von Henriette brachte, geriet er in einen qualvollen Zustand von Nervosität und wußte nicht, was er mit sich anfangen sollte. Dann erschien Viktor und meldete: »Die Dame, von der Herr Graf gesprochen haben, ist da.« Guercelles fühlte sich so erleichtert, daß er sie mit aufrichtiger Freude begrüßte, und er fand an diesem kleinen Morgenerlebnis mehr Genuß, als er für möglich gehalten hätte. Er freute sich förmlich darüber, daß er wieder imstande war, sich selbst und seine reizende kleine Gefährtin zu beobachten, die der Zufall ihm in den Weg geführt hatte. Madame Foucher-Desgardes ahnte nichts davon daß seine Gefühle in Wirklichkeit einer andern galten. Bei jeder Bewegung, die sie machte, bei jedem Wort, daß sie sagte, mußte Guercelles an Henriette denken. Aber es mag wohl häufig vorkommen, daß ein Mann, der viel geliebt hat, in dieser Weise seine Untreue zu einem Hymnus an die Geliebte umdichtet. Während die kleine Frau im Negligé da saß und die vom Frühstück übrig gebliebenen Biskuits aufknabberte, sah Guercelles im Geiste Henriette vor sich und sprach mit ihr: »Ja, du – was weißt du von allen diesen raffinierten Toilettenkünsten – und doch ist alle Eleganz nichts gegen deinen jungen Körper. – Dein Widerspruchsgeist ist kaum zu ertragen, – aber dafür bist du auch stolz und ehrlich. Du weißt nichts von der Liebe, aber gerade in deiner Unerfahrenheit liegt ja tausendmal mehr Reiz, als in den subtilsten Perversitäten.« Gegen ein Uhr wollte er den Erzherzog zum Frühstück abholen. So unterbrach er, als es jetzt zwölf schlug, das Geschwätz seiner kleinen Freundin. »Kind, du mußt mir jetzt erlauben, daß ich in mein Ankleidezimmer gehe und mich fertig mache.« »Aber ich kann noch etwas bleiben?« fragte sie in so schelmischem Ton, daß er lachen mußte. Sie sah aus, als ob sie »die Modellpause« darstellen wollte, wie sie da auf einem kleinen türkischen Tabouret saß, nur in Spitzenhemd und Unterrock, mit ihrem blonden Haar und den blassen vollen Armen. Und sie betrachtete sich denn auch mit einigem Wohlgefallen in dem dreiteiligen Spiegel. »Natürlich kannst du bleiben. – Aber es ist schon zwölf Uhr. Wirst du denn nicht zum Frühstück erwartet?« »Ach, ich habe Zeit genug. Bei uns wird gefrühstückt, wenn ich heimkomme. Außerdem habe ich soviel Biskuits gegessen, daß ich gar keinen Hunger habe.« »Also, wie du willst. Da hast du ein kleines Buch aus dem achtzehnten Jahrhundert, wenn du dich langweilst.« »Danke, du bist wirklich lieb.« Er beugte sich über sie, und sie tauschten einen flüchtigen Kuß. Dann ging Guercelles in das Ankleidezimmer, wo Viktor ihn schon erwartete. Während er seinem Herrn behilflich war, sagte er: »Vorhin war Monsieur Bourgain da.« Und diskret fügte er hinzu: »Ich dachte, Herr Graf hätten wohl keine Zeit.« Guercelles verstand nicht gleich, wen er meinte. Er hatte vollständig vergessen, daß der Schloßherr von Theilly überhaupt existierte. Aber dann fiel ihm alles wieder ein und ihm wurde unbehaglich zumute. »Bourgain aus Theilly?« »Ja, Herr Graf.« »Was wollte er denn von mir?« »Er sagte, er müsse Herrn Grafen unbedingt sprechen.« »Und du hast ihn abgewiesen?« »Ich sagte ihm, er möchte gegen einhalbeins wiederkommen.« »So, das ist recht – das hast du gut gemacht. – Wenn er kommt, führ ihn in mein Arbeitszimmer.« Ein paar Minuten später klingelte es. »Das wird wohl Monsieur Bourgain sein – also ins Arbeitszimmer.« Guercelles band sich gerade die Krawatte. »Ach, er kann gleich hier hereinkommen, dann werde ich ihn eher los.« Er war wirklich gespannt auf diesen unerwarteten Besuch, und obgleich es höchst unwahrscheinlich war, ließ ihn die Vermutung nicht los, Bourgain komme vielleicht in Henriettens Auftrag. Und die kleine kosmopolitische Abenteuerin, die in ein frivoles Büchlein von Crebillon fils vertieft im Zimmer nebenan saß, war vollständig aus seinem Gedächtnis entschwunden. »Ah, guten Tag, lieber Bourgain! Entschuldigen Sie nur, daß ich Sie hier empfange. Aber ich habe leider nur einen Augenblick Zeit. Bitte nehmen Sie Platz und sagen Sie mir, was Sie hierher führt.« Bourgain setzte sich auf ein kleines Kanapee, er wußte nicht recht, was er mit seinem Hut und seinem Stock anfangen sollte, und er war ziemlich verlegen. Aber die Herzlichkeit mit der Guercelles ihn empfing, gab ihm wieder etwas Mut. »Herr Graf,« begann er, »verzeihen Sie vor allem, daß ich so formlos bei Ihnen eingedrungen bin. Aber sehen Sie, ich konnte es nicht mehr aushalten, ich mußte Sie sprechen. Hätte Ihr Diener mich nicht vorgelassen, so hätte ich draußen auf Sie gewartet und Sie gebeten, mir ein paar Minuten Ihrer Zeit zu schenken.« »Ja, was ist denn geschehen?« »Ach, Herr Graf, nichts ist geschehen – das ist ja grade das Unglück. An dem Tage, wo Sie nach Paris fuhren, kam ich gegen elf Uhr aufs Schloß. Ich war ja so gespannt, das Resultat Ihrer Unterredung mit Fräulein Deraisme zu erfahren. – Schön, und da höre ich, daß Sie, Herr Graf, eben mit dem Auto nach Mur-de-Sologne gefahren sind, um den Expreß nach Paris noch zu erreichen. – Sie können sich meine Enttäuschung vorstellen. – Ich überlegte einen Moment: der Herr Graf hat jedenfalls mit der Kleinen über die Sache gesprochen, und was dabei herausgekommen ist, kann ich ebensogut von ihr selbst oder ihrer Mutter erfahren. – Jedenfalls ist es ein hinreichender Grund, bei ihnen vorzusprechen.« »Und dann?« »Dann hab ich all meinen Mut zusammengenommen und bei Deraismes angeklopft. Henriette empfing mich selbst, und als sie mich sah, wurde sie so rot, wie ich sie noch nie gesehen habe. Sie wissen doch, daß sie gar nicht schüchtern ist. Mir kam es vor, als ob mein Erscheinen sie so verlegen machte, und ich sagte: gnädiges Fräulein, Sie wissen wohl, weshalb ich komme. Wäre der Herr Graf nicht heute morgen abgefahren, so hätte ich mich an ihn gewendet. – Aber er war gütig, bei Ihnen für mich sprechen zu wollen, und Sie müssen mir verzeihen, daß ich keine Ruhe mehr habe. Sie war zuerst so außer Fassung, daß sie nicht einmal antworten konnte. Ihre Lippen bewegten sich, aber es kam kein Wort heraus. Und Sie können sich denken, was für schöne Hoffnungen sich in mir regten. Sie war ja früher mir gegenüber immer so kühl gewesen. »Also, ich bitte Sie, Fräulein Henriette,« – sagte ich noch einmal – – und nun antwortete sie endlich: ›der Herr Graf hat mit mir geredet – wie er Ihnen versprochen hatte. Aber an meinem Entschluß ist dadurch nichts geändert worden‹ – Mein Gott, Henriette, das ist nicht möglich – Sie bringen mich zur Verzweiflung. – ›Das tut mir unendlich leid, Monsieur Bourgain, aber ich bitte Sie, lassen Sie die Sache ruhen.‹ Damit hat sie mich verabschiedet, und mir schien, sie war ebenso außer Fassung wie ich selbst. – Nicht wahr, Herr Graf, ich hatte daraufhin ruhig nach Hause gehen und mich in mein Schicksal fügen sollen. – Aber was wollen Sie? Wenn das ganze Lebensglück eines Menschen von einem einzigen Ja oder Nein abhängt, findet er sich nicht ohne weiteres damit ab, daß es nun wirklich für immer Nein heißen soll. Ich kehrte also nach Theilly zurück und dachte: bei ihrem Gespräch mit dem Herrn Grafen muß doch irgend etwas vorgefallen sein. Vielleicht hat sie ihm Gründe angegeben, die sie mir nicht sagen will – die ihr peinlich sind, denn warum sollte sie sonst in der bloßen Erinnerung daran so außer sich geraten. – »Mein Gott, Herr Graf, soll ich Ihnen gestehen, was ich mir alles eingebildet habe, – daß sie irgend einen Fehltritt begangen, – vielleicht ein Kind hat. Sie konnte sich nicht entschließen, es mir zu sagen, aber Ihnen hat sie alles eingestanden. Und deshalb will sie mich nicht heiraten. – Nein? Doch nicht? Ach, ich hatte ja nur gewollt, daß es so wäre, – für mich wäre das alles kein Hindernis gewesen. Können Sie mir glauben. – Aber was ist dann der Grund? Geldschwierigkeiten – Schulden? Auch nicht? Ja, aber mein Gott – weshalb denn?« »Nein, lieber Freund, von alledem liegt nichts vor,« erwiderte Guercelles. »Überhaupt nichts, was sich persönlich auf Sie bezieht. Fräulein Deraisme hat eben sehr moderne Anschauungen und ist ein ganz eigenartiges Wesen. Sie fühlt nicht die mindeste Neigung, zu heiraten, das hat sie mir in klaren deutlichen Worten gesagt. Und offen gesagt, ich halte es für besser, wenn Sie den Gedanken endgültig aufgeben.« Während er sprach, beobachtete er den armen Kerl, der ganz zusammengesunken dasaß und etwas tragikomisch wirkte mit seinem vom Gehen erhitzten Gesicht, über das große Tränen rannen. Guercelles empfand weder Mitleid noch Widerwillen, er war ihm beinah dankbar, daß er durch seine naive Erzählung die ganze Szene in der Bibliothek wieder vor ihm heraufbeschworen hatte. Also, Henriette war noch am nächsten Morgen ganz ergriffen gewesen und hatte sich nicht einmal in Gegenwart dieses gleichgültigen Fremden beherrschen können. »Lieber Bourgain,« sagte der Graf nun, »Sie müssen mich entschuldigen, aber –« Bourgain stand auf und dachte nicht einmal daran, sich die Augen zu trocknen. »Ja, ich gehe schon, ich gehe schon, – aber noch eine Bitte, Herr Graf, – es soll auch die letzte sein. Könnten Sie mir nicht irgend einen Auftrag an sie mitgeben – es ist ja ganz einerlei, was. Nur damit ich einen Vorwand habe, sie noch einmal aufzusuchen. Vielleicht gelingt es mir doch noch, sie umzustimmen. Damals wußte ich eben gar nichts zu sagen, aber seitdem ist mir alles mögliche eingefallen.« »Ich kann Ihnen nur wiederholen,« antwortete Guercelles, »daß ich Ihre Sache für völlig aussichtslos halte. Also warum wollen Sie es noch einmal versuchen?« »Herr Graf, ich bitte Sie dringend darum.« »Also gut – warten Sie einen Augenblick.« Die Idee, Henriette durch Bourgain eine Liebesbotschaft zu schicken, amüsierte ihn beinah, so setzte er sich hin und kritzelte rasch ein Paar Zeilen: »Ich denke nur an Dich und lebe nur in dem Gedanken, Dich bald wiederzusehen. Hab mich lieb und schreibe mir ein Wort.« Er meinte es in diesem Augenblick so aufrichtig, daß seine Hand beim Schreiben tatsächlich zitterte. Dann gab er Bourgain den Brief, der Henriettens Adresse trug, und der arme Kerl war ganz außer sich vor Freude. »Sie sind viel zu gut, Herr Graf,« rief er begeistert, wahrend er das Billett in die Tasche steckte. – »Dieser Brief ist ein wahrer Talisman für mich. Wenn ich nur noch einmal Gelegenheit habe, mit ihr zu sprechen – diesmal, werde ich schon wissen, was ich ihr zu sagen habe. – O, Sie sollen schon sehen, Herr Graf. – Weiß Gott, ich kann auch nicht mehr ohne sie leben. Ehe ich ganz auf sie verzichte, stürze ich mich lieber in den See von Theilly.« Guercelles sah ihm mit neugierigem Interesse zu, wie er völlig verwirrt nach Hut und Stock suchte und immer wieder in seiner Tasche nachfühlte, ob der »Talisman« auch sicher geborgen sei. Er war nicht einmal mehr imstande, zusammenhängend zu reden. »Mein Gott,« dachte er, »diese Art von Männern sind bei all ihrer Fähigkeit, zu lieben, doch dazu prädestiniert, von den Frauen nur verachtet oder verraten zu werden. Wirklich besitzen kann man ein Weib nur, wenn man immer kaltblütig bleibt.« Der Schloßherr von Theilly hatte inzwischen endlich seinen Stock und Hut wiedergefunden und stürzte, immer noch Dankesworte stammelnd, gradenwegs auf die Schlafzimmertür zu. Guercelles bemerkte es zu spät, um ihn noch zurückzuhalten, denn schon hatte Bourgain die Tür aufgemacht und blieb wie versteinert stehen, als er Madame Foucher-Desgardes in Korsett und Unterrock vor dem Spiegel stehen sah. – Er war so verblüfft, daß Guercelles selbst zuspringen und die Tür schließen mußte. »Aber ich bitte Sie, Herr Bourgain, was machen Sie da? – hier geht es hinaus.« »O Pardon, Herr Graf. – Ich bitte tausendmal um Entschuldigung. Ich habe wirklich nicht – »Schon gut,« sagte der Graf trocken. – »Also hier, bitte gehen Sie jetzt.« Damit geleitete er den armen Bourgain, der jetzt völlig verblödet war, etwas unsanft an die Tür. »Viktor, begleite den Herrn hinaus.« »Herr Graf, ich bitte Sie noch einmal, entschuldigen Sie. – Und meinen herzlichsten Dank.« »Schon gut, schon gut. Auf Wiedersehen.« Gleich darauf trat Guercelles in das Schlafzimmer, wo die junge Frau sich mit größter Seelenruhe weiter frisierte. »Du mußt wirklich entschuldigen,« sagte er. »Dieser Trottel hat die Türen verwechselt. Er ist einer von meinen Gutsnachbarn, und ich empfing ihn dummerweise in meinem Ankleidezimmer, um schneller fertig zu werden.« »Lieber Freund,« gab sie zurück und warf dabei noch einen prüfenden Blick in den Spiegel, »es hat mir wirklich keinen besonderen Eindruck gemacht.« Guercelles half ihr geschickt den Rock überzuwerfen. »Hast du denn eigentlich gar kein Schamgefühl?« fragte er und lachte. Sie dachte einen Moment nach: »Es kommt darauf an. Vor Dienstboten, Lieferanten und dergleichen – nein, die zählen für mich überhaupt nicht mit. »Aber der Mann ist weder Lieferant noch Dienstbote, sondern mein Gutsnachbar.« Sie zuckte die Achseln: »Ja, weißt du, dann muß ich schon konstatieren, daß ich mich vor diesem Genre von Gutsbesitzern auch nicht geniere.« Es war jetzt höchste Zeit, zu gehen. Guercelles entschuldigte sich, daß er fort müsse, um den Erzherzog nicht zu verfehlen. Er gab der liebenswürdigen kleinen Kurtisane noch einen Kuß und empfahl sich, während sie ihre Toilette in Muße vollendete. VI Die nächsten drei Tage kamen Guercelles fast unerträglich lang vor. Er mußte seinen fürstlichen Freund überall hin begleiten, in Ausstellungen, Gesellschaften, Theater und Klubs, und diese Verpflichtungen, um die manche ihn beneideten, waren ihm noch nie so lästig und drückend vorgekommen. Aber das Schlimmste waren die Morgenstunden, wo er ganz sich selbst überlassen war. Jeden Tag beim Erwachen folterte ihn die Ungeduld, ob nicht endlich ein Brief von Henriette kommen würde, und wenn die Post kam und ihm wieder nichts brachte, vermochte er die Enttäuschung kaum zu ertragen. – Es wäre ihm ja ein leichtes gewesen, sich ähnliche Zerstreuungen zu verschaffen wie am ersten Morgen, aber er war jetzt nicht zu Abenteuern aufgelegt und ging ihnen förmlich aus dem Wege. Dabei fühlte er sich Henriette gegenüber durchaus nicht zur Treue verpflichtet, diese Art von Skrupel kennt kein echter Lebemann. Aber jetzt, wo er über ihre Empfindungen im unklaren war, kam es ihm vor, als ob irgendwelche Beziehungen zu andern Frauen ihm Unglück bringen müßten. Am vierten Tage war seine Ungeduld so gestiegen, daß er Viktor befahl, nicht aus dem Hause zu gehen, und wenn ein Brief aus der Sologne käme, ihm telephonisch in den Klub Nachricht zu geben. Und wirklich, als er kurz nach Tisch mit seinen Freunden im Klub bei der Zigarre saß, wurde er ans Telephon gerufen. Rasch stürzte er hin und Viktor teilte ihm mit, daß ein dicker eingeschriebner Brief angekommen sei. Er habe selbst unterschrieben in der Annahme, daß es dem Herrn Grafen recht sei. Als Guercelles an den Tisch zurückkam, wollte der Erzherzog gerade aufbrechen. Er bat ihn, zu entschuldigen, da er wegen dringender Angelegenheit zu Hause vorsprechen müsse. Zehn Minuten später saß er in seinem Arbeitszimmer, nachdem er die Tür sorgfältig abgeschlossen und befohlen hatte, ihn unter keiner Bedingung zu stören. Und nun brach er das umfangreiche Kuvert auf und entnahm ihm ein blau eingebundenes Heft. Guercelles schlug es auf, ein zarter Veilchenduft entströmte diesen Blättern, die mit einer ihm wohlbekannten festen Handschrift beschrieben waren. Und dieser Mann der vielen Abenteuer, den noch keines seiner Erlebnisse aus der Fassung gebracht hatte, war so ergriffen, daß er die ersten Zeilen kaum zu entziffern vermochte. Und dann las er:   La Fourchetterie, 6. April Halten Sie mein langes Schweigen nicht für Nachlässigkeit und denken Sie nicht, daß ich Sie vergessen hätte. Wenn Sie dies durchlesen – wenn Sie die Geduld haben, es bis zu Ende durchzulesen, so müssen Sie fühlen, daß meine Gedanken unaufhörlich bei Ihnen sind. Und ich glaube, daß wissen Sie auch schon ohne das P., nicht wahr? Sie werden auch verstehen, warum ich die ersten Tage nicht geschrieben habe – und als ich mich dann endlich dazu entschloß – traten unerwartete Dinge dazwischen. Ich habe Wort für Wort und ohne auch nur eine Silbe zu ändern meine täglichen Aufzeichnungen für Sie abgeschrieben. Denn, so gleichförmig mein Leben auch hinfließt, ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, über alles, was ich erlebe, Tagebuch zu führen. Lächeln Sie nicht darüber, – ich habe das Gefühl, als ob mein bescheidenes Dasein dadurch an Halt und Richtung gewänne. So mögen Sie selbst in meinem Herzen und in meinen Gedanken lesen, Sie werden mich dann ebenso gut kennen, wie ich selbst.   2. April, nach Mitternacht Ich muß mich sammeln. Ein wunderbares, seliges und doch furchtbares Erlebnis ist über mich gekommen. Jean weiß jetzt, daß er seit Jahren mein einziger Gedanke war. Ich war so schwach, ihm alles zu sagen – und ich habe ihn geküßt. – – – Jetzt schäme ich mich meiner Schwachheit so sehr, daß ich nicht weiß, wie ich ihm wieder ins Gesicht sehen soll. Und doch bin ich glücklich, unsagbar glücklich. Mein Stolz und meine Energie ist völlig vernichtet, ich habe mich tief gedemütigt und bin glückselig dabei. Ich fühle jetzt endlich, daß ich ein Weib bin wie alle andern, ein Weib aus Fleisch und Blut, und ich bin glücklich, weil ich ihm mehr Stolz und mehr Reinheit zum Opfer bringen konnte als die meisten andern Frauen.   3. April, 7 Uhr morgens Ich dachte, ich würde diese Nacht kein Auge zutun, ich wollte auch gerne wachliegen. Statt dessen habe ich die ganze Nacht tief und traumlos geschlafen. Wieder war es mein Körper, der mit mir machte, was er wollte. Ach, es ist ja so töricht, sich von seinem Körper emanzipieren, ihn beherrschen zu wollen und das geistige Leben für stärker zu halten. Er zeigt uns doch immer wieder, daß er der Herr ist. Ich fühle mich heute ruhiger, aber noch ebenso glücklich. Es ist ein seltsamer Zustand, etwa wie wenn man nach langer Krankheit das Leben um so intensiver empfindet. Und er beherrscht mich so sehr, daß ich kaum imstande bin, zu denken. Am liebsten möchte ich mich in Papas alten Lehnstuhl setzen, die Augen schließen und alles gehen lassen, wie es geht. Zum erstenmal, ja wirklich zum erstenmal begreife ich, daß es eine Wonne ist, auf der Welt zu sein – das bloße Gefühl, zu leben – an einem sonnigen Morgen wie heute, wo die Vögel vor meinem Fenster singen. Aber ich will mich diesem passiven Glücksgefühl nicht widerstandslos hingeben, ich will vor allem nicht, daß er mich am Nachdenken hindert. So hab ich mich – ich möchte beinahe sagen, mit Gewalt – dazu gezwungen, mich an meinen Tisch zu setzen und zu schreiben. Denn für mich ist das immer die beste Art, sich zum Nachdenken zu zwingen. Ich mag nicht nur ein Organismus sein, der sich zufällig gerade wohl befindet. Ja und mein Fall liegt so: Der Graf Guercelles, bei dem ich als Verwalterin angestellt bin, denkt jetzt wahrscheinlich: »Die Kleine ist verliebt in mich.« – Und das ist ihm nicht unangenehm. Er war gestern abend ebenso ergriffen wie ich, aber was beweist das – meine Jugend, meine Unerfahrenheit ist eben ein neuer Reiz für ihn. Ein paar Stunden vorher hat er überhaupt noch nicht an mich gedacht. Er ließ sich von meinem Empfinden, von meiner Leidenschaft mit fortreißen – weiter nichts. Ach Gott, ich habe gar keinen Grund, darauf stolz zu sein. Aber nein, ich darf mich auch nicht so herabsetzen. Das ist ja gar nicht wahr, kann nicht wahr sein. Mag sein, daß er sich anfangs durch mein Gefühl hinreißen ließ, aber dann hat auch er eine Zeitlang alles andre vergessen und nur an mich gedacht, nur mich gefühlt. Als er in diesem zerrissenen Ton sagte: »Ich bitte Sie, sprechen Sie nicht so hart zu mir« – in dem Augenblick hatte ich ganz ihm angehören mögen, ihm soviel Glück geben, wie es in meiner Macht lag. Und ich weiß wohl, daß ich ihm viel geben könnte, mehr wie alle die Frauen, die ihn schon geliebt haben. Mir ist, als hatte ich mein eigentliches Selbst erst jetzt kennen und verstehen lernen. Noch gestern morgen verabscheute ich alles sinnliche Begehren, wenn ein Mann mich mit verlangenden Blicken anschaute, war ich empört und voller Widerwillen. Und erzählte mir eine Frau, daß sie derartige Gefühle für einen Mann hege, so zog ich mich von ihr zurück und verachtete sie. Gestern abend habe auch ich das Verlangen kennen lernen und vor Glück gezittert, daß ein Mann mich begehrte. Aber was soll daraus werden? Es hat ja keinen Sinn, wenn ich mir selbst gegenüber die Wirklichkeit mit poetischem Geschwätz zu vertuschen suche. Zwischen dem Grafen und mir ist es gestern mehr oder weniger in klaren Worten zur Aussprache gekommen, daß wir einander angehören möchten. Aber der Graf de Guercelles wird mich nicht heiraten. – Und die andere Möglichkeit, die einzige, die uns bleibt, erfüllt mich mit solchem Schauder, daß ich kaum den Mut habe, sie hier niederzuschreiben. Mein Gott, ich bin gewiß frei von allen Vorurteilen, und ich würde mir nichts daraus machen, mich über alles wegzusetzen. Aber er ist der Gutsherr und ich seine Angestellte, die Gehalt von ihm bezieht – und zugleich seine Mätresse, – nein, das ist zu demütigend, das würde mich herabziehen. * Ich glaube, ich hätte besser getan, heute morgen nicht zu schreiben, nicht nachzudenken. Vorhin fühlte ich mich so wunschlos glücklich, und jetzt kommt das ganze Leben mir dunkel und feindselig vor. Ach Gott, wieviel besser sind alle die Frauen daran, die sich ohne nachzudenken und ohne Widerstand von ihren Gefühlen treiben lassen.   Abends Etwas ganz Unerwartetes. Der Graf hat plötzlich nach Paris fahren müssen. Ich war in Villemaure, als das Telegramm an ihn kam, und bin erst um zehn Uhr zurück, eine halbe Stunde nachdem er das Schloß verlassen hatte. Ich muß gestehen, als ich es erfuhr, regte sich die Eifersucht in mir. Mein erster Gedanke war: dahinter steckt sicher irgend eine Frau. Und das Herz tat mir weh. Dann hab ich nachgedacht. Nein, der Graf denkt im ganzen viel zu geringschätzig von den Frauen, er würde sich nicht so ohne weiteres hin- und herkommandieren lassen. Und das weiß ich auch, für den Moment beschäftige ich seine Gedanken mehr als irgend eine andere. Wenn ich auch noch so unerfahren bin, über das, was gestern abend zwischen uns war, täusche ich mich nicht. Als ich eben nach Hause gekommen war, wurde mir Michel Bourgain gemeldet. Er wollte meine Mutter oder mich selbst sprechen. Ich zog es vor, ihn selbst zu empfangen, denn meine Mutter hatte allerhand unnötiges Zeug geschwätzt und ihn womöglich in seinem Vorhaben ermutigt. Und ich wollte der Sache ein Ende machen. Das ist denn auch geschehen. Unsere Unterredung hat kaum fünf Minuten gedauert. – Und doch war ich nicht ganz zufrieden mit mir. Daß er den Namen des Grafen in die Sache hineinzog, nahm mir meine Kaltblütigkeit. So war ich nicht ruhig genug und konnte nicht die rechten Worte finden. Vielleicht war ich auch härter gegen Bourgain, als gerade nötig gewesen wäre. Aber dieser Mensch ist mir wirklich ganz gleichgültig, es rührt mich nicht einmal, daß er mich liebt. Ich habe überhaupt keinen Gedanken für ihn übrig. Ob er glücklich ist oder nicht, läßt mich ganz kalt.   4. April, morgens Ein paar Zeilen vom Grafen. Irgend ein Erzherzog, so schreibt er mir, hat ihn nach Paris kommen lassen. Ich bin traurig, ich komme mir so gering vor. – Henriette Deraisme, die Tochter des Verwalters, der seinen Herrn um 33 000 Francs betrogen hat. Ich kann es nicht lassen, ich muß mir das immer wieder vorsagen, und es zerreißt mir das Herz. Und während ich hier sitze und mich elend fühle, ist mein Herr und Gebieter, in dessen Sold ich stehe, in Paris und leistet seinem Erzherzog Gesellschaft. Es war aber lieb und aufmerksam von ihm, mir zu schreiben, wo er doch so in Eile war. Ich hätte ihm doch schreiben sollen, er hat mich noch so dringend darum gebeten. Ich habe es auch versucht, aber es ging nicht. Schon bei der ersten Zeile hab ich es wieder aufgegeben. Wie soll ich ihn anreden? Gerade das bringt mir gleich wieder meine falsche Situation zum Bewußtsein, daß ich nicht weiß, wie ich ihn anreden soll. Wie töricht ist doch all dies Gerede über die Ausgleichung der Standesunterschiede im modernen Leben. Ich habe ja gerade in den Kreisen, in denen ich lebe, soviel darüber sprechen hören und selbst daran geglaubt. Aber, wenn ich ganz ehrlich bin, so muß ich doch zugeben, daß es mit der Rasse etwas auf sich hat. Es macht mir Vergnügen zu denken, ich bin gerade so viel wert wie ein Guercelles. – Aber, wenn Bourgain dasselbe behaupten wollte, würde ich es einfach komisch finden. Nein, heute bin ich schlecht und voll Widerspruch. Ich wollte, er käme nie wieder.   5 Uhr Mein Freund, mein Gebieter, vergib mir, was ich heute morgen gedacht habe. Es ist ja wahr, ich konnte dir nicht schreiben, weil mein Stolz und auch wieder meine Schüchternheit sich dagegen auflehnt. Ich habe Angst, dein Mißfallen zu erregen, und ich will mich auch nicht vor dir demütigen. Aber was ich dir nicht zu gestehen wage, das will ich wenigstens ganz im geheimen diesen Blättern anvertrauen. – Ich bin dein, ich gehöre dir – blind und ohne allen Stolz. Und sollte es auch das Erbe meiner Vater sein, die deine Vorfahren sich dienstbar gemacht haben – das gilt mir gleich. Ich will deine Sklavin sein. – Komm zurück zu mir. Mein Mund wird dir niemals gestehen, daß ich nur dir dienen will – aber komm zurück – ich sehne mich danach, deinen Befehlen zu gehorchen.   5. April, 10 Uhr abends Heute habe ich den ganzen Tag auf meinem Bett gelegen, halbtot vor Migräne, – Jetzt wird mir allmählich etwas klarer im Kopf, und ich fange an, mich zu erinnern, was geschehen ist. Ach ja, – ich weiß schon. Bourgain ist heute vormittag noch einmal zu uns ins Haus gekommen. Ich kam von einem Ausgang zurück und mußte mich umkleiden, weil ich gerade in einen Regenschauer geraten war. Mama hat ihn empfangen. Von meinem Zimmer aus hörte ich, wie sie miteinander plauderten, und das machte mich ungeduldig. Ich beeilte mich also und ging in das Eßzimmer, wo sie saßen. Als ich herein kam, schwieg Bourgain plötzlich verlegen still. Mama kam ihm zu Hilfe. »Monsieur Bourgain ist gekommen, dir einen Brief vom Grafen zu bringen. Er hat ihn gestern in Paris getroffen.« Ich nahm den Brief und las ihn anscheinend gleichgültig durch, aber dabei empfand ich den kindischen Wunsch, mit diesen Zeilen allein zu sein. So verabschiedete ich Bourgain möglichst rasch, ich war so froh, daß sein enttäuschtes Gesicht mich gar nicht weiter rührte. Erst jetzt erinnere ich mich, daß er mir beim Weggehen einen geradezu verzweifelten Blick zuwarf. Dann ging ich in mein Zimmer und gab mich ganz meiner Glückseligkeit hin, ich las den Brief immer wieder durch und küßte ihn viele Male. Schließlich rief Mama mich zum Essen, sie war schon ganz ungeduldig geworden. Ich verwahrte den Brief an meinem Busen und ging hinunter. Aber ich wußte weder, was ich aß, noch hörte ich auf das, was meine Mutter sprach. Zum hundertsten Male warf sie mir vor, daß ich so kühl gegen Bourgain wäre, und kam immer wieder darauf zurück, was für eine gute Partie er für mich sei. »Wenigstens höflich hättest du gegen ihn sein können. Du hast ihn weggeschickt wie einen Landstreicher. Und er hat sich noch die Mühe gegeben, den Brief des Herrn Grafen selbst herzubringen.« »Wie kam es denn eigentlich,« fragte ich so nebenbei, »daß der Graf Bourgain mit dem Brief beauftragt hat?« »Er hatte irgend etwas mit ihm zu besprechen,« sagte meine Mutter, »ich denke mir, es handelt sich vielleicht um den Ankauf von Theilly. Der Graf soll Lust dazu haben, und ich hörte, daß Bourgain verkaufen und ins Ausland gehen will, wenn du ihn nicht heiratest.« Darauf hab ich nichts geantwortet, und Mama schwätzte weiter: »Übrigens hat Bourgain mir nichts darüber gesagt, und ich habe auch nicht gefragt. Das geht mich ja nichts an. Aber er erzählte mir eine Geschichte, über die ich wirklich lachen mußte. Der Graf hat ihn in seinem Ankleidezimmer empfangen, und als Bourgain wieder gehen wollte, hat er sich in der Tür geirrt und ist aus Versehen ins Schlafzimmer geraten. Und da sah er eine schöne blonde Dame, die sich gerade vor dem Spiegel frisierte. Der Graf soll ganz wütend gewesen sein.« Was dann geschah, davon weiß ich nichts mehr. Mama, die mich den ganzen Tag gepflegt hat, erzählte mir, ich hätte einen Augenblick wie versteinert dagesessen. Dann wäre ich aufgestanden und in mein Zimmer gegangen, und dort hätte ich mich aufs Bett geworfen, »gerade als ob ich wieder meine Migräne hätte.« Mir hat auch wirklich der Kopf so weh getan, daß ich nicht fähig war, irgendeinen Gedanken zu fassen. Und der physische Schmerz überwog so sehr, daß ich mein Herzeleid gar nicht fühlte. Jetzt beruhigen sich die Schmerzen allmählich, – ich wollte lieber, sie hörten nicht wieder auf. Wie bin ich mit einemmal hellsichtig geworden! Ja, ich sehe jetzt ganz klar in allem. Daß Guercelles das ist, was man einen Don Juan nennt, wußte ich ja schon früher, und daß die Liebe gewissermaßen der Beruf ist, mit dem er sein müßiges Leben ausfüllt. Ich hielt ihn wohl für fähig, mehrere Liebesgeschichten nebeneinander zu haben, das empörte mich wohl, aber es hinderte nicht, daß er mir unendlich teuer war und schon der Gedanke, ihn nur zu sehen, mich beglückte. Denn es war ja nicht ich, die er betrog. Damals hatte ich mich ganz darein gefunden, ihm mein Leben lang fremd und gleichgültig zu bleiben, und so niedrig das auch sein mag, es war mir lieber, daß er keiner ganz gehörte. Und dann hegte ich den sinnlosen Gedanken: »mir würde er treu sein, denn ich bin mehr wert als alle seine andern Maitressen, und er ist zu sensibel und zu klug, das nicht zu fühlen.« Nun und jetzt habe ich den Beweis: ich gelte für ihn nicht mehr als die gewöhnlichste Provinzkokotte. Ah – es ist gut, wenn ich mir das immer wieder sage, ich muß mich selbst dafür strafen, daß ich in solchen Luftschlössern schwelgte. Das ist nun also der Mann, dem ich angehören wollte, dem ich mein Versprechen gegeben habe. Und wenn er wiederkommt, wird er mir vielleicht sagen: »Du wußtest doch, daß ich nicht anders bin – und trotzdem wolltest du mein sein.« Ja, das ist wahr, ich wußte es, aber ich hatte es mir doch nicht ganz klar gemacht. Weil es mich jetzt persönlich berührt, ist alles anders geworden. Ich kann nicht mehr so an ihn denken wie vorher. Was ich von seinem Leben wußte, erfüllte mich auch damals mit Abscheu, aber es kam mir vor, als ob es mit seiner Persönlichkeit nichts zu tun hätte und er dennoch meiner Liebe würdig sei. Von jetzt an fließt seine Art zu leben und seine Persönlichkeit für mich in eins zusammen. Ich fühle wieder den alten Widerwillen gegen alle sinnliche Liebe, aber nicht mehr so allgemein und unbestimmt, sondern auf einen einzelnen Menschen konzentriert – auf den, der mir selbst zum erstenmal ein solches Verlangen einflößte. Ich bin ganz gebrochen. Mein Herz ist leer und verödet und mein Körper wie zerschlagen. Aber ich fange an, nicht mehr so darunter zu leiden. Mir ist, als wäre ich einer Gefahr entronnen. – Hätte ich dies erst »nachher« erfahren, so hätte ich mir aus Scham das Leben genommen. Nun habe ich es vorher erfahren, und so berühren diese häßlichen Dinge mich wenigstens nicht persönlich. Es ist kaum mehr Schmerz, was ich empfinde, sondern mehr eine Art Betäubung. VII Guercelles hatte zu Ende gelesen. – Eine halbe Stunde später saß er in seinem Automobil und fuhr in rasendem Tempo über Versailles und Rambouillet die Straße nach Orleans entlang. Er lenkte sein Fahrzeug selbst, und alle seine Gedanken konzentrierten sich darauf, die Richtung einzuhalten, Hindernissen auszuweichen und auf die verschiedenen Geräusche zu achten, die für ein geübtes Ohr den Pulsschlag und den Atem der Maschine bedeuten. Als er in den Wagen gestiegen war, wußte er überhaupt noch nicht, wohin er wollte – er war nur aufs Geratewohl aus der Stadt herausgefahren. In Versailles stand es bei ihm noch nicht fest, ob er weiter als bis Rambouillet kommen würde, aber dann schlug er unwillkürlich den Weg nach Orleans ein. Und nun erst wurde ihm klar, wohin diese dunkle unwiderstehliche Gewalt ihn trieb, der er sich manchmal in bewegten Stunden willenlos überließ. – Er wollte nach La Fourchetterie, und jetzt fühlte er auch, daß er nicht mehr umkehren würde. Wenn es keinen Zwischenfall gab, mußte er gegen sechs Uhr das Schloß erreichen – und Henriette wiedersehen. Und was sollte er ihr sagen? Nein, nur daran jetzt nicht denken. Wenn sie selbst vor ihm stand, würde er schon die rechten Worte finden, sich ihr Herz zurückerobern. Noch nie war er einer Frau nachgejagt, wenn er wußte, daß sie ihn nicht wollte, aber auch noch nie hatte er es geduldet, daß eine ihn floh, wenn er sich von ihr geliebt wußte. Henriette liebte ihn, und sie mußte sich besiegen lassen. Nur mußte er wieder bei ihr sein, sie überraschen. Dieser Widerstand, auf den er nicht gerechnet hatte und den er selbst durch jenen dummen Zwischenfall verschuldet, steigerte seine Sehnsucht bis zur Leidenschaft. Und die rasende Fahrt, die alle Kräfte in Anspruch nahm, half ihm den Sturm seiner Gefühle ertragen. Häuser und Bäume, Dörfer und Städtchen sausten an ihm vorbei, immer mehr steigerte er sich in jene wahnsinnige Anspannung hinein, wo Mensch und Maschine ein zusammengehöriges Ganze bilden, wie ein gewaltiger Zentaur aus Eisen und Fleisch, aus Blut und Feuer. Kurz vor der Stelle, wo der Weg nach Theilly abbog, sauste er an einem roten Wägelchen vorbei in dem er das Gefährt des Doktor Moutier aus Neung erkannte. »Haben Herr Graf gesehen, daß der Doktor uns ein Zeichen gab, anzuhalten,« fragte der Chauffeur neben ihm. Guercelles raste weiter, ohne zu antworten. Bei der angespannten Aufmerksamkeit, mit der er die Strecke übersah, hatte er wohl gesehen, daß der Doktor ihm winkte. – Aber er dachte keinen Augenblick daran, sein Tempo zu mäßigen, sein Wille war ausschließlich auf eines gerichtet: so rasch wie möglich am Ziel zu sein. Schon hatte er den Park erreicht und bog in den Privatweg ein. Da war der Gemüsegarten – die Gärtnerwohnung, und nun hielt er vor dem Häuschen des Verwalters, das zwischen dem Schloß und dem Stallgebäuden lag. Die Abendsonne vergoldete das Glyciniengerank, das den kleinen zweistöckigen Pavillon umgab. Staubbedeckt wie er war, sprang Guercelles rasch die vier Stufen empor und ging durch den Flur in das Eßzimmer. Ohne anzuklopfen trat er ein. Gewöhnlich pflegte Henriettens Mutter hier zu sitzen und an ihren Spitzen zu arbeiten. Aber heute war niemand da. Guercelles sah sich in dem einfachen Raum mit seinen hellen Tapeten und den schlichten Nußbaummöbeln um. Am Fenster stand der Sessel und der Arbeitskorb der alten Deraisme und auf dem Tisch ein großer Strauß blühender Hagedornzweige. Dann rief er laut: »Madame Deraisme!« Statt ihrer erschien Henriette. Sie war zum Ausgehen angekleidet, ihr Gesicht war verstört und verweint, aber vollkommen ruhig, nur als sie den Grafen sah, ging ein Zittern durch ihren Körper. Dann beherrschte sie sich sofort, während Guercelles plötzlich erbleichte. Er wußte wohl in der Seele der Frauen zu lesen, und er fühlte gleich vom ersten Augenblick an, daß Henriette sich innerlich von ihm gelöst hatte. Die furchtbare Angst, sie für immer zu verlieren, und der leidenschaftliche Wunsch, ihre Liebe wieder zu erringen, trieb ihm alles Blut zum Herzen. Aber er ahnte, daß sie den leisesten Versuch, seine Rechte geltend zu machen, mit Empörung zurückweisen würde, und so sagte er nur: »Wollen Sie mich anhören, Henriette?« »Ja,« erwiderte sie, kam aber nicht einen Schritt näher, und dieses sichtliche Mißtrauen schmerzte den Grafen aufs tiefste. – »Ich bin froh, daß Sie gekommen sind, ich hatte es halb und halb erwartet und mich verlangt nach einer Aussprache zwischen uns. Meine Aufzeichnungen, die Sie wohl gelesen haben, waren halb im Fieber niedergeschrieben, jetzt bin ich wieder ruhig geworden und sehe klarer über meine Empfindungen. – Aber ich war jetzt gerade im Begriff auszugehen – ich bin sehr erschüttert – wissen Sie warum?« »Aber« – »O es handelt sich nicht um uns beiden. Heute morgen ist etwas Schreckliches passiert. Der arme Bourgain hat versucht, sich das Leben zu nehmen – er hat sich heute morgen in den See gestürzt. – Zufällig kam Ihr Förster gerade dazu und hat ihn wieder herausgezogen. Man hat ihn dann nach Hause gebracht – er lebt noch, aber er hat vierzig Grad Fieber, und man befürchtet eine Gehirnentzündung. – Ich fühle mich nicht frei von Schuld an diesem traurigen Ereignis. Meine Mutter ist schon in Theilly, und ich wollte ihr nachkommen, zu hören, wie es steht.« Während sie sprach, kam es Guercelles immer klarer zum Bewußtsein, daß zwischen ihm und Henriette alles rettungslos vorbei sei. Bourgains Erlebnisse ließen ihn völlig kalt, aber er sah darin nur wieder eine neue Bosheit des Schicksals, das ihn von ihr losreißen wollte. »Ich bin auf der Herfahrt dem Wagen des Doktors Montier begegnet,« sagte er, »augenscheinlich fuhr er nach Theilly. Vielleicht entscheidet sich Bourgains Schicksal gerade in diesem Moment. Weder Sie noch ich können irgend etwas dazu tun. – Ein Mann, dem Sie nicht die geringsten Hoffnungen gemacht haben, begeht einen romantischen Selbstmordversuch, um Ihr Herz zu erweichen. – Auf Sie fällt dabei nicht die geringste Verantwortung zurück. – Henriette, ich bitte Sie, hören Sie mich an. Wir sind jetzt ganz ungestört. Ich habe, als ich Ihren Brief empfing, alles stehen und liegen lassen und bin im wahnsinnigsten Tempo zweihundert Kilometer gefahren, nur um Sie sprechen zu können. Schlagen Sie es mir jetzt nicht ab.« Henriette dachte nach. »Es ist wahr, ich kann ihm jetzt doch nichts nützen, und Sie haben recht, wir müssen uns aussprechen. Also setzen Sie sich, bitte.« Ohne einen Augenblick ihre Ruhe zu verlieren ließ sie sich nieder. Und wieder fühlte Jean de Guercelles das Bedürfnis, ihr die volle Wahrheit zu sagen, von allen den kleinen Listen abzusehen, die er sonst im Verkehr mit Frauen anzuwenden pflegte. Er fühlte vielleicht, daß Henriette gegenüber Aufrichtigkeit die beste Diplomatie war, denn ihre traurigen blauen Augen blickten ihn an, als durchschauten sie ihn bis auf den Grund seiner Seele. »Ich bin gekommen, Ihre Verzeihung zu erbitten,« begann er, »für das, was ich getan habe, können Sie nicht mehr Verachtung empfinden, als ich selbst. Ich habe von jeher ein schlimmes Leben geführt, und es ist nicht leicht, plötzlich damit zu brechen. Sie allein können mir helfen – verlassen Sie mich nicht, Henriette. Wenn Sie jetzt von mir gehen, ist es um mich geschehen, ich werde die wahre Liebe nie kennen lernen und bis zum Ende meines Lebens meine Zeit und meine Kräfte mit leeren Nichtigkeiten vergeuden.« Was er jetzt sagte, kam ihm wirklich von Herzen, und es war nicht das erstemal, daß er so empfand. Wie oft war er schon aus Paris geflohen, weil sein eignes Dasein ihn anwiderte. Nur war dieses Gefühl in ihm jetzt stärker als je zuvor, und er hatte sich noch nie so intensiv danach gesehnt, ein neues, reines Leben zu beginnen. Henriette sah ihm prüfend in die Augen, ohne ein Wort zu sagen. »Henriette, Sie glauben mir nicht?« »Doch,« sagte sie, »ich glaube Ihnen. Aber – darf ich offen reden?« »Ich bitte Sie, ja!« »Also – den Abscheu, den Sie jetzt vor Ihrem bisherigen Leben empfinden, ist nur eine Form Ihres Verlangens nach mir. – Sagen Sie nicht nein, ich weiß es. – O, Sie sind jetzt vollkommen ehrlich. – Ich brauche Sie ja nur anzusehen. Sie mit all Ihrer eisernen Selbstbeherrschung, Sie zittern jetzt vor Bewegung, Ihre innere Erregung verrät sich. Ich glaube wohl, daß Sie mir heute sogar mit Erleichterung alle Ihre sonstigen Abenteuer opfern würden. – Aber ich wäre für Sie doch nur wieder ein neues Abenteuer, das vielleicht für den Moment etwas mehr Reiz bietet, eben weil es etwas ganz andres ist. Es würde nicht lange dauern, bis es Sie wieder nach Abwechslung verlangte – das haben Sie ja jetzt schon bewiesen. – Sagen Sie mir selbst, ob ich mich täusche?« Guercelles sah sie an, während sie sprach, und wieder überkam ihn das heiße Verlangen, alles zu vergessen und sie an sich zu reißen – noch einmal zu fühlen, wie sie sich bebend an ihn schmiegte, und ihr alle Wonnen der Liebe zu schenken. Dann antwortete er: »Was Sie sagen, ist ja richtig – ein Mann, der nie Treue gehalten hat, ist unzuverlässig. Und doch kommt auch das Gegenteil vor. Die größten Wüstlinge haben sich geändert, wenn sie die richtige Frau fanden. Das eine wenigstens kann ich mit Sicherheit behaupten, ich habe noch nie daran gedacht, einer Frau treu zu sein, noch nie den Wunsch empfunden – einer allein zu gehören – bis ich Sie kennen lernte. Henriette, ich beschwöre Sie, haben Sie doch etwas Mut – etwas Glauben an mich. – Sie haben mir gesagt, daß Sie schon seit Ihrer Kindheit an mich dachten, mich liebten. Und ich, als ich jetzt vor vier Tagen nach Paris fuhr, war ich leidenschaftlich für Sie entflammt, aber vielleicht war es nur der Zauber Ihrer Jugend und Ihrer Reize, der mich berauscht hatte. – Denn ich war trotzdem imstande, mich mit einer Frau einzulassen, die mir zufällig in den Weg kam, für die ich nicht das mindeste Gefühl empfinde. Aber, daß Sie es erfahren mußten und sich deshalb von mir zurückziehen wollen – das vermag ich nicht zu ertragen. Es hat mir gezeigt, wie sehr ich Sie liebe, und daß ich nicht von Ihnen lassen kann. Henriette, Sie müssen fühlen, daß ich die Wahrheit rede. Glauben Sie mir – stoßen Sie mich nicht von sich. Mein Gott, wir würden ja so glücklich miteinander sein. Sie haben mich lieb, so lassen Sie sich denn von mir lieben. Es ist das einzige, was wirklichen Wert hat im Leben. – Sie sind ja so ehrlich, so tapfer und so gerecht – und nun wollen Sie mich aus verletzter Eitelkeit von sich stoßen. Oder fürchten Sie, an meiner Seite zu viel zu leiden?« Er stand auf und wollte sie in seine Arme ziehen, aber Henriette wich unwillkürlich zurück. »Ja, Sie verstehen es Frauen zu betören,« sagte sie leise, »Ihre Worte rühren mich und machen mich traurig. Ich weiß auch, daß Sie die Wahrheit reden. Aber wie oft mögen Sie schon so gedacht und gesprochen haben. – – Tue ich Ihnen weh?« »Sehr weh.« »Verzeihen Sie mir,« und sie faßte seine Hand, »ich bin ja selbst so namenlos traurig. Wäre doch lieber alles zwischen uns beim alten geblieben, Sie der Herr und ich die Dienerin, weiter nichts. Darauf können Sie mir antworten, es war nicht Ihre Schuld, daß es anders geworden ist. Und das ist ja wahr. Ich mache mir die schwersten Vorwürfe. Hätte ich nicht die Torheit begangen, Ihnen meine armselige Liebe zu gestehen, so wäre alles noch wie früher. Denn Sie hätten doch nie versucht, mir näher zu treten, nicht wahr?« »Ich bewunderte Sie und fühlte mich zu Ihnen hingezogen. Aber ich hätte es Sie nie fühlen lassen.« »So trifft also mich die ganze Schuld. – Wie habe ich es nur wagen können? Es kommt mir jetzt so völlig unglaubhaft vor. Mein Gott, ich war ja so außer mir nach dem Gespräch über meinen Vater, – und daß Sie mir diese Heirat vorschlugen. – Aber das ändert alles nichts daran, ich fühle, daß ich die Verantwortung nicht von mir werfen kann. Als ich damals an jenem Abend wieder allein war, – da war ich fest entschlossen, Ihnen anzugehören – ohne alle Bedingungen. Glauben Sie bitte nicht, daß ich dachte, Sie würden mich heiraten. Dazu bin ich mir doch zu klar über die sozialen Notwendigkeiten des Lebens. Ich hätte mich Ihnen völlig ausgeliefert, im Vertrauen auf Ihre Rechtschaffenheit. Sie hätten mein Leben gestalten können, wie Sie es für gut fanden.« »Henriette!« und Guercelles zog ihre Hand an die Lippen. »Aber können Sie sich vorstellen,« sprach sie weiter, es kam mir nicht einen Augenblick in den Sinn, daß ich dann für Sie nicht die einzige sein sollte. Und ich glaubte doch genug vom Leben und von der Liebe zu wissen. Verstehen Sie, wie ich es meine? Ich fürchtete die Gesellschaft, Ihre Standesvorurteile, Ihre Erzherzöge und was weiß ich noch. Aber nicht die andern Frauen. – Und das war Torheit. In Ihrem Alter kann man seine Lebensweise und sein Temperament nicht plötzlich ändern, wenn man bis dahin nur seinen Launen gelebt hat. Jener kleine Zwischenfall hat mich wieder zur Vernunft gebracht. Versuchen Sie nicht, mir etwas andres einzureden, aus sich selbst können Sie machen, was Sie wollen, aber nicht aus mir. Lieber Freund, seien Sie aufrichtig – keine Frau auf der Welt vermag Sie dauernd zu fesseln – dafür ist es zu spät. Was Sie an einer Frau reizen kann, ist nur das Unbekannte, – daß Sie sie noch nicht besessen haben. Und den Reiz, den ich heute noch für Sie habe, den wird Ihnen morgen eine andere bieten – er besteht nur darin, daß ich Ihnen noch nicht angehört habe.« Sie saßen Hand in Hand und sahen sich lange in die Augen. Eine seltsame, verklärte Zärtlichkeit sprach aus Henriettens Blick, Guercelles fühlte wohl, daß noch nie eine Frau ihn so angesehen hatte. Ihre Worte stimmten ihn traurig, aber er lehnte sich nicht gegen das auf, was sie sagte. Eine innere Stimme sagte ihm: »ob es nicht doch das höchste Glück wäre, ein treues Herz, wie das dieses Mädchens, ganz für sich allein zu besitzen – das höchste Glück und die tiefste Wollust, nur diesem einen Wesen zu gehören. Aber er wußte auch, daß sie recht hatte und daß er dieses Glück niemals kennen würde. Noch einmal versuchte er sie zu überreden, und diesmal appellierte er nicht mehr an ihre Sinne, sondern an ihren Opfermut, der ja bei vielen Frauen alles andre überwiegt. »Und selbst, wenn ich mich nicht mit einem Schlage ändern könnte. Sie wissen sehr wohl, wie stark Ihr Einfluß auf mich sein würde. Vielleicht würden Sie an meiner Seite manches zu tragen haben, aber ich bin nicht mehr jung, und jeder Tag, der mir das Alter näher bringt, würde mich Ihrer würdiger machen.« Henriette lächelte und entzog ihm ihre Hand: »Warum wollen Sie mich in Versuchung führen? Jetzt sind Sie nicht mehr aufrichtig gegen mich. Sie wissen selbst sehr wohl, daß Sie immer noch jung sind und noch viele Herzen brechen werden, wenn ich schon das erste graue Haar bekomme. Nein, ich würde zu sehr darunter leiden – ich würde denselben Weg gehen, den der arme Bourgain gegangen ist, denn mir liegt nicht viel am Leben. Und wenn Sie sehen, daß ich leide, wäre meine Gegenwart eine beständige Qual und ein beständiger Vorwurf für Sie. Nein, ich will nicht weiter davon sprechen, ich hasse alle diese hochtrabenden Redensarten. Ich habe Ihnen nur die Wahrheit gesagt, und Sie müssen selbst zugeben, daß es so ist.« Und nach einer kurzen Pause fügte sie sehr ernst hinzu: »Aber, wenn Sie darauf bestehen, so will ich mein Wort halten und Ihnen angehören.« Guercelles konnte sich vor Erstaunen kaum fassen. »Sie wollen – –« »Ja! Ich habe mir alles überlegt. Es ist nicht Ihre Schuld, daß ich nicht einfach Ihre Angestellte geblieben bin, Sie selbst hätten nicht den ersten Schritt getan. Das gehört ja mit zu Ihren seltsamen Begriffen von Ehre. Und es war auch nicht Ihre Schuld, daß ich mir in meiner Dummheit einbildete, Ihre Anschauungen über Sittlichkeit zu reformieren. Erinnern Sie sich nicht, daß ich Ihnen damals in der Bibliothek sagte: »Wenn Sie es dann noch wollen, will ich die Ihre sein. – Und das sage ich Ihnen auch jetzt noch. Nur hoffe ich, Sie werden es jetzt selbst nicht wollen. Halt, »und sie erhob abwehrend die Hände,« lassen Sie mich aussprechen. Ich bitte Sie, schonen Sie mich, geben Sie mir mein Wort zurück. Nicht nur, weil ich darunter leiden würde. Ich kann auch den Gedanken nicht ertragen, daß unsre Liebe – die echte Liebe, die an jenem Abend unser Empfinden einte, und die Erinnerung an diese Stunde entweiht würde, wo ich in Ihren Armen lag und so unaussprechlich glücklich war. Ich werde nie wieder einen Mann lieben, das schwöre ich Ihnen. Selbst, wenn ich heiraten sollte – es ist jetzt nicht mehr ausgeschlossen – so wird mein Mann nie das von mir haben, was ich Ihnen geben konnte – die ganze Leidenschaft meiner Jugend. Und daß Sie mich geschont haben, muß Ihr sittliches Bewußtsein auf ein höheres Niveau emporheben – sein Sie mir nicht böse, daß ich das so offen ausspreche. Ich habe nun einmal das Gefühl, daß Ihr Leben in dieser Beziehung etwas Unschönes hat, das mir im Tiefsten widerstrebt. Wenn Sie dieses eine Mal Ihr Verlangen bezähmen, so ist das vielleicht der erste Schritt dazu, jenes neue reinere Leben zu beginnen, zu dem ich Ihnen verhelfen sollte. Und vielleicht gelingt mir das auf diese Weise besser, als wenn ich, wie so viele andere, Ihre Geliebte geworden wäre. Es ist auch etwas Egoismus dabei, ich glaube, daß Sie anders an mich zurückdenken werden wie an alle Frauen, die Sie sonst gekannt haben. Mehr will ich Ihnen nicht sagen. Und ich weiß im Voraus, wie Sie mir antworten werden.« Sie stand auf, trat nahe an ihn heran und sah ihm in die Augen. Er sagte kein Wort und machte keine Bewegung, aber sie sah, daß er sich gewaltsam bezwang, die Tränen zurückzuhalten. Das erschütterte sie tief. Fast mütterlich nahm sie seinen Kopf zwischen beide Hände und küßte ihn auf die Stirn. »Es ist besser so,« sagte sie leise, – »besser für uns beide. Und sein Sie mir nicht böse.« Als sie sich wieder emporrichtete, begegnete sie seinem Blick. Und nun wußte sie, daß er verzichtete. »Ich danke Ihnen,« sagte sie. »Toren sind wir,« sagte der Graf leise, »die schöne Wirklichkeit opfern wir für eine Chimäre hin. Das einzige wirklich Wertvolle im Leben ist, sich zu lieben, einander anzugehören und darüber alles andere zu vergessen. Mag nachher kommen, was da will, man hat doch wenigstens diesen einen Augenblick gelebt. Alles andere ist kein Leben.« Henriette schüttelte den Kopf. »Wollen Sie Michel Bourgain heiraten?« fragte er dann. »Wenn er am Leben bleibt, halte ich es für meine Pflicht. Aber ich will gegen ihn ebenso offen sein wie gegen Sie. Daß ich Sie liebe, wird er nie erfahren, das ist unser Geheimnis, das nur uns beiden gehört. Ich werde ihm nur sagen, daß ich ihn nicht liebe, dann mag er selbst entscheiden.« Guercelles biß sich auf die Lippen. Ein wildes Gefühl von Eifersucht wallte in ihm auf. »Der wird sichs wohl nicht lange überlegen,« sagte er, »und diesem Menschen sollen Sie gehören!« Und noch einmal versuchte er, sie leidenschaftlich in seine Arme zu reißen. Henriette machte sich sanft von ihm los. »Jean – du hast es mir versprochen.« »Mein Gott,« schrie er verzweifelt auf, »du fühlst nichts, nichts mehr für mich.« Und ernst erwiderte sie: »Das ist wohl wahr. Ich kann nichts mehr empfinden. Mich hat dieser Schlag zu hart getroffen, irgend etwas in mir ist seitdem tot. Und doch liebe ich dich immer noch. Wir wollen uns jetzt Lebewohl sagen und nie wieder von alledem sprechen, was zwischen uns vorgefallen ist.« Bewegt schloß sie ihn in ihre Arme, und er barg sich hilfesuchend wie ein Kind an ihrer Brust. Und während sie ihn voll trauriger Zärtlichkeit an die Brust drückte, fühlte er, daß sie die Wahrheit gesagt hatte – ihre Sinne schwiegen, aber aus ihren Augen rannen schwere Tränen nieder und benetzten sein Gesicht. Lange schwiegen sie beide, dann richtete Henriette sich langsam empor und fragte beinah schüchtern: »Wollen wir jetzt zusammen nach Theilly gehen und sehen, wie es um den armen Menschen steht?« VIII Ein halbes Jahr nach diesen Ereignissen kehrte Graf Jean de Guercelles von seiner Reise nach Indien zurück, die er in Begleitung des Erzherzogs unternommen hatte. Und nun begann wieder das gewohnte Leben, er nahm wie immer regen Anteil am gesellschaftlichen Leben, an allen sportlichen Betätigungen und was sonst noch zum Dasein eines Pariser Lebemanns gehört. Nach wie vor gehörte er zu denen, deren Namen bei jeder Gelegenheit mit Bewunderung und mit Neid genannt werden. Und keiner von den vielen, die sein Tun und Treiben aus Sympathie oder aus Übelwollen verfolgten, hätte auch nur die leiseste Spur von Ermüdung oder von Alterwerden an ihm feststellen können. Wenn trotzdem eine Veränderung mit ihm vorgegangen war, wußte er nur selbst darum. Aber er wußte es sehr wohl, denn er übte strenge Selbstkritik. Nach dem Erlebnis mit Henriette, das ein so jähes Ende fand, empfand der Graf, wie das nun einmal in seiner Natur lag, das Bedürfnis nach irgend einer Reaktion, Es war eins seiner Lieblingstheorien, daß jedes Leid eine schwache Seite habe, von der aus man mit ihm fertig werden könne. Und bei dem, was ihn jetzt betroffen hatte, war sie leicht herauszufinden. »Meine Nerven sind herunter, und deshalb bin ich auch so mitgenommen, als ob es sich wirklich um etwas Ernstes handelte. Es kann sich aber gar nicht um etwas Ernstes handeln. Es ist einfach ausgeschlossen, daß dieses Mädchen meine Gefühle dauernd beherrschen sollte – ich habe sie früher überhaupt kaum beachtet, – unsre Beziehungen haben kaum fünf Tage gedauert, – ich habe sie nicht einmal besessen, und jetzt geht sie hin und heiratet einen verbauerten kleinen Gutsbesitzer. Und es ist unmöglich, daß ich dauernd darunter leide, vielleicht war es sogar besser, daß nichts daraus wurde. Ein derartiges Verhältnis wäre in mancher Beziehung sehr peinlich gewesen und ist ja auch immer gegen meine Grundsätze gewesen. – Sie ist eigensinnig und romantisch, die kleine Deraisme, und wahrscheinlich hätte es mit einem Drama geendet. Nun, und schließlich hing es doch eigentlich von mir ab, sie hätte sich mir ergeben, wenn ich durchaus gewollt hätte. Ich bin zu anständig gewesen, um es dahin zu bringen. Wenn es überhaupt ein gut und böse gibt, so habe ich eigentlich gut gehandelt. Und aus alle dem geht hervor, daß ich bei diesem Erlebnis nichts zu bereuen habe, wenn ich später einmal daran zurückdenke. Aber ich will nicht mehr daran zurückdenken, es kann und darf keine so große Rolle in meinem Leben spielen. Mein Gott, die Tage gehen ja so rasch dahin, und wer weiß, wie bald ich die ganze Geschichte vergessen habe. Da gilt es eben weiterleben!« Und Guercelles stürzte sich dann auch wieder in das volle Leben hinein. Er war froh, daß sich grade die Gelegenheit bot, mit seinem erlauchten Freunde große Reisen zu machen, aufregende Jagdabenteuer zu erleben. Und nach Paris zurückgekehrt, gab er sich außer seinen früheren Beschäftigungen noch mancher neuen hin. Verschiedene politische Ereignisse, die gerade in diese Zeit fielen, boten im Gelegenheit dazu. Und doch mußte er feststellen, daß selbst jetzt, nachdem sechs erlebnisreiche Monate dazwischen lagen, Henriette Deraisme immer noch nicht aus seinem Gedächtnis entschwunden war. Nur das Eine hatte er richtig daraus empfunden, er litt nicht mehr darunter, daß sie für ihn verloren war. Es kam ihm nicht einmal in den Sinn, sie wiedersehen zu wollen. Übrigens wußte er ja auch daß sie jetzt verheiratet war und schon Mutterfreuden entgegensah. Nein, die jetzige Henriette, die nach wie vor treulich seinen Besitz verwaltete und ihm regelmäßig ihre Abrechnungen zuschickte, konnte sein Verlangen nicht mehr entflammen. Bald nachdem er die erste Enttäuschung überwunden, hatte er eingesehen, daß sie recht hatte. Das flüchtige Erlebnis, das sich zwischen ihm und ihr abspielte, hatte sich tiefer in seine Erinnerung eingeprägt, als wenn sie ihm wirklich angehört hätte. Im Gegensatz zu den meisten anderen Frauen hatte Henriette ihm ihre Seele ohne jede Hülle hingegeben, während sie ihren Leib eifersüchtig vor ihm behütete. So kam es auch, daß er nicht mit jenem leisen Schatten von Verachtung an sie zurückdachte wie an manche andere. Ja, er dachte oft an sie zurück und ohne alle Bitterkeit, sogar eher mit einer gewissen Zärtlichkeit. Und er fühlte wohl, daß seit damals etwas in ihm anders geworden war. Er führte genau dasselbe Leben wie früher, aber was er tat oder erlebte, geschah nicht mehr mit der heiteren, unbefangenen Selbstverständlichkeit von ehedem. Und warum? Er suchte nach dem Grunde, beobachtete sich selbst, wie ein Kranker, der sich nicht entschließen kann, zum Arzt zu gehen, und ängstlich auf jeden Pulsschlag und jeden Herzton achtet. Und so wurde ihm schließlich klar, daß es Melancholie und Zweifel an sich selbst war, was ihn manchmal so bedrückte. Melancholie, ja, die entsprang vor allem aus der Angst vor dem Altwerden – diesem unheilbaren Übel, dem alle – Männer wie Frauen – unterliegen, wenn sie ihren Lebensinhalt nur in der Liebe gesucht und gefunden haben. Und Guercelles wußte ganz genau, von welchem Moment an er zum erstenmal diese quälende Angst empfunden hatte. – Damals als er bei der letzten Unterredung mit Henriette fühlte, daß ihre Sinne ihm gegenüber schwiegen. Vergebens suchte er sich zu beweisen, daß ihre Kälte nur aus verletztem Stolz entsprang, daß überhaupt bei ihr das geistige Leben das sinnliche überwog, er kam doch immer wieder auf den Gedanken zurück: wäre ich zehn oder fünfzehn Jahre jünger gewesen, so hätte sie mir nicht widerstanden. – Sie liebte mich, aber was sie an mir liebte, war der Nimbus, mit dem mein Name meine Lebensstellung und mein Ruf als Herzensbrecher mich umgibt, – nicht meine Persönlichkeit selbst. Es war eben eine intellektuelle Liebe, über die man leichter Herr wird als über den stürmischen Naturtrieb, der zwei Menschen zueinander hinreißt, und dem man nicht widersteht. Sollte das daran liegen, daß ich diese Art Gefühle nicht mehr hervorzurufen vermag? Guercelles dachte an alle seine früheren Erlebnisse mit Frauen, seit er die ersten Jugendjahre hinter sich hatte. Er fand, daß sie alle eine gewisse Ähnlichkeit miteinander hatten, es war meist eine Art von Übereinkommen gewesen, das mit starkem, instinktivem Empfinden wenig zu tun hatte. Ging er noch weiter zurück, bis in die Zeit, wo er als junger Attaché im Ausland lebte, so erinnerte er sich wieder an manches romantische Abenteuer, an manche stürmische Leidenschaft. Da war eine Frau gewesen, die im Rufe strengster Tugend stand, und eines Tages hatte sie ihm einen Brief voll glühender Geständnisse geschrieben. Und dann ein junges Mädchen aus der ersten Gesellschaft, das einen Selbstmordversuch machte, weil er trotz ihrer Avancen nicht daran dachte, sie zu heiraten. Ja, dazumal hatte er wirklich das Gefühl gehabt, daß eine unwiderstehliche Kraft von ihm ausginge, die ganz spontan auf die anderen einwirkte. So waren die Jahre hingegangen, und er blieb der vielgenannte Herzensbrecher, dessen Glück bei den Frauen fast sprichwörtlich wurde. Nur mußte er sich selbst zugeben, daß alle diese Liebschaften eben meist auf einem gegenseitigen Arrangement beruhten und sich deshalb auch ebenso schmerzlos lösen ließen, wie sie zustande gekommen waren. »In alledem liegt eigentlich für mich nichts besonders Schmeichelhaftes,« sann er weiter, »kaum mehr, als wenn es sich dabei um ein direktes finanzielles Abkommen handelte. In irgend einer Weise habe ich mich schließlich doch für das, was man mir gewährte, revanchiert, sei es durch gesellschaftliche Vorteile oder irgendwelche andre Annehmlichkeiten. Und jetzt, so wie ich heute darüber empfinde, hatte es nur noch Wert für mich, von einer Frau geliebt zu werden, die nicht ahnt, wer ich bin, die nicht einmal meinen Namen weiß. Wenn ich jetzt so weiterlebe wie bisher – Gott ja, die nötige Zerstreuung wird mir ja dabei nicht fehlen. Aber seit meiner Begegnung mit Henriette finde ich nichts mehr, was die innere Leere in mir auszufüllen vermöchte. Es macht mir keine Freude, mehr Frauen, wie z. B. die kleine Lucie näher kennen zu lernen, gerade so wie es mich nicht mehr reizt, in Europa herumzureisen. Ich kenne das alles ja im Voraus und weiß ganz genau, was mich erwartet. Ehe ich mit Henriette in Berührung kam, habe ich das nie empfunden. – Nun, soviel ist ja klar, früher oder später wäre es doch gekommen. Was ich mit ihr erlebte, hat nur eben dazu gedient, die Sache zu beschleunigen. Aber jetzt frage ich mich manchmal: bin ich nicht doch vielleicht den falschen Weg gegangen? Nicht etwa vom moralischen Gesichtspunkt aus – denn in diesen Dingen wird der wohl nie ganz klar festzustellen sein – sondern nur in bezug auf das, was die Frauen uns an Glück und an Freude bieten können. Da ist zum Beispiel dieser Michel Bourgain – ein Mensch ohne alle Kultur und ohne alles Raffinement. Aber er ist immer geradenwegs auf sein Ziel losgegangen wie eine Motte auf das Licht, und hätte er es nicht erreicht, so wäre er heute nicht mehr am Leben. Aber eben durch dieses blinde Drauflosgehen hat er es erreicht, hat Henriette gewissermaßen gezwungen, ihn zu heiraten. Jetzt gehört sie ihm. Sie liebt ihn nicht, und das weiß er auch, aber sie ist doch seine Frau geworden und bleibt ihm treu. Und sein Gefühlsleben ist nicht so verfeinert, daß er darunter leidet. Er hat eben nur diese eine Frau wollen und wäre lieber in den Tod gegangen, als auf ihren Besitz zu verzichten. Und jetzt besitzt er sie und ist zufrieden. Und es liegt auf der Hand, daß diesem Menschen, der in jeder Beziehung unter mir steht, ein höheres Maß von Genuß zu teil geworden ist als mir.« – – – Sicher ist es eins der ergreifendsten Dramen, die das Leben uns vorführen kann, wenn ein Mensch in reiferen Jahren plötzlich zu zweifeln beginnt, ob er nicht sein ganzes Leben auf falschen Voraussetzungen aufgebaut hat. Und Jean de Guercelles wäre sicher zu hochmütig gewesen, sich selbst einzugestehen: ja, mein Leben war ein verfehltes. Aber er war doch so weit gekommen, sich zu fragen: habe ich mich nicht irreführen lassen, mich getäuscht in mir selbst und den anderen, – für Liebe und für Wollust gehalten, was nicht Liebe und nicht Wollust war? Und wer weiß, ob die junge Frau, die nur einmal so flüchtig in sein Leben eingegriffen hatte, – ob sie nicht manchmal in einsamen Stunden sich ähnliche Fragen vorlegte. Vielleicht mochte auch in ihr der bange Zweifel aufsteigen, ob das Opfer, das sie ihrem Stolz gebracht hatte, nicht doch allzugroß war. Ostersamstag Aus dem Tagebuch eines Pariser Geistlichen Seit die Kirche vom Staat getrennt ist, will mir scheinen, als ob man uns Geistliche mit Vorliebe auf die Bühne bringt. Jeden Augenblick kommt eins von meinen Beichtkindern zu mir und fragt: Herr Abbé, darf ich in das und das Stück gehen? – Sie wissen, es kommt so ein guter Priester darin vor. – Ich schicke sie einfach weiter mitsamt ihrem guten Priester. In Anbetracht meines geistlichen Standes gehe ich ja selbst nie ins Theater, und es kommt mir wirklich nicht zu, den dramatischen Kritiker zu spielen. So pflege ich ihnen zu antworten: »Fragen Sie irgend einen vernünftigen Herrn aus Ihrem Bekanntenkreise, der in diesen Dingen kompetenter ist als ich.« Und dann machen sie ein verzweifeltes Gesicht und sagen: »Ach, Herr Abbé, wir kennen wirklich keine vernünftigen Herren.« Die armen kleinen Dinger! Offen gesagt, ich glaube nicht recht daran, daß die Priester so oft in dramatische Konflikte verwickelt sind, wie die Herrn Schriftsteller behaupten. Zwischen uns und unserer Zeit ist gleichsam eine Mauer aufgerichtet, an der die Wogen des Lebens sich brechen. Was bis zu uns hereindringt, ist nur das geängstete Menschenherz, das unruhige Gewissen. Das kommt zu uns und enthüllt uns alle seine Tiefen, aber das Leben der Welt, die es sonst umgibt, läßt es draußen, jenseits der Mauer. Es ist etwas ganz anderes, wenn zwei Laien einander ihr Herz ausschütten, mögen sie auch noch so aufrichtig dabei sein, wie wenn der Laie sich dem Priester anvertraut. Wenn ich eine solche Beichte anhöre, kommt es mir immer vor, als spräche eine Seele zu mir, die sich von ihrem Körper losgelöst hat und ihn wie etwas Fremdes behandelt, beinah wie ihren Feind, – ihn anklagt, schmäht, ja manchmal geradezu Haß gegen ihn empfindet. * Gerade heute, am Samstag vor Ostern, muß ich daran denken. Ich sitze allein in meinem Zimmer und warte auf jemand, der seit drei Jahren regelmäßig an diesem Tage zu mir kommt. Aber diesmal scheint er sich stark zu verspäten, es hat eben schon neun Uhr geschlagen. Als er mich zum erstenmal aufsuchte, war ich noch nicht Pfarrer in dieser reichen vornehmen Gemeinde, sondern an einer bescheidenen Vorstadtkirche in der Nähe des Pasteurschen Instituts. Meine damaligen Pfarrkinder fragten mich nicht um Rat, ob sie in irgendein Theaterstück gehen dürften, sie sprachen mir nur von der Misere ihres Lebens, vom Kampf um das tägliche Brot. Und was man Liebe nennt, war auch immer irgendwie damit verknüpft. Sie pflegten nicht in so süßen Tönen davon zu sprechen, wie meine jetzigen Schutzbefohlenen. Ja, das sind nun drei Jahre her. Ich las nach dem Abendessen in der »semaine religieuse« und nickte beinah darüber ein, denn ich hatte den ganzen Tag im Beichtstuhl gesessen und war sehr erschöpft. Da wurde an meine Tür geklopft und mein kleiner Diener führte einen Herrn herein. Es war schon so dämmerig, daß ich sein Gesicht nicht genau sehen konnte, aber er schien mir etwa fünfzig Jahre alt zu sein. Nicht gerade elegant, aber sehr gut angezogen. Er war sichtlich verlegen, selbst als der Junge uns allein gelassen hatte, wurde es ihm schwer, mit der Sprache herauszurücken. »Herr Abbé – – ich habe Sie gewiß gestört. – Wirklich – wenn ich Sie störe, will ich lieber wieder gehen.« Ich versicherte ihm, daß es nicht der Fall sei. »Ich werde die Lampe anzünden,« sagte ich dann, »man sieht ja fast gar nichts mehr.« Aber er faßte rasch meine Hand, als ich nach den Streichhölzern langte. »Nein, nein, bitte nicht. – Nur kein Licht – ich möchte lieber – so mit Ihnen sprechen – im Dunkeln.« Dann rückte er seinen Stuhl zu mir heran und begann fast atemlos zu reden: »Herr Abbé, ich muß Ihnen gleich vorher sagen – ich bin kein gläubiger Christ – nein, ich bin sogar absoluter Freidenker und Atheist, kurz, ich stehe im größtmöglichen Gegensatz zu allem, was überhaupt Religion heißt. Ich gebe natürlich zu, daß es wirklich religiöse Menschen gibt, und betrachte sie als eine Art Phänomen, gegen das ich nichts einzuwenden habe. Nach meiner Ansicht ist das Temperamentsache. Aber ich selbst bin einfach eine irreligiöse Bestie – –« Ich wollte ihm widersprechen, aber er ließ es nicht zu. »Wenn Sie mich unterbrechen, kann ich nicht weitersprechen – bitte, hören Sie mich ruhig an. – Ich bin jetzt fünfundvierzig Jahre alt und Professor der Chemie an einem der ersten Institute, also was man einen Gelehrten nennt. Mein Name ist auch ziemlich bekannt. – Vor acht Jahren habe ich geheiratet, meine Frau war Studentin der Medizin, nicht gerade schön, aber ein ausgezeichneter Charakter. Sie war damals dreiundzwanzig, hatte beide Eltern frühzeitig verloren und brachte es fertig, sich und ihre kleine Schwester durch Stundengeben durchzubringen. Als wir heirateten, nahmen wir die Kleine natürlich zu uns ins Haus. Meine Frau hat mich sehr glücklich gemacht, sie teilt alles mit mir, sogar meine Arbeit. Überhaupt ein vollkommenes Wesen – in den acht Jahren unserer Ehe sind nie die geringsten Mißhelligkeiten zwischen uns entstanden.« Er hielt inne. Es war jetzt ganz dunkel geworden. So verflossen einige Minuten. Ich fühlte, daß er nichts mehr sagen würde, wenn ich ihm nicht zu Hilfe kam. »Sie armer Mensch, ich ahne, was jetzt kommt,« sagte ich leise, »acht Jahre sind seitdem vergangen. – das Kind, das Sie zu sich nahmen, ist jetzt herangereift« – – Er sprang auf und wich einen Schritt zurück. »Wie ist das möglich?« rief er, »wie haben Sie das erraten? Ich selbst habe Monate und Monate gebraucht, bis ich es begriff. – Und Sie können sich denken, daß niemand etwas davon ahnt – vor allem das junge Mädchen selbst nicht. Lieber würde ich meinem Leben selbst ein Ende machen. – Aber ich leide ganz wahnsinnig darunter. Stellen Sie sich mein Leben zwischen diesen beiden Frauen vor – da ist die eine, die ich nicht mehr liebe, die ich im tiefsten Sinne des Wortes vielleicht nie geliebt habe, und die andere – mein Gott, sie hat Gefühle in mir erweckt, von denen ich bisher nichts ahnte, und die mich zugrunde richten, mir nicht einen Augenblick mehr Ruhe lassen. Ich habe ja alles versucht, darüber Herr zu werden, ich habe gearbeitet wie ein Galeerensträfling, meinen Körper durch angestrengte Übungen zu ermatten versucht – es hat mir alles nichts geholfen. Und das Schlimmste ist, daß dieses sechzehnjährige Kind in seiner Unschuld – – mich wiederliebt – ich weiß es, fühle es.« »Sie armer Mensch,« sagte ich noch einmal. »Es gibt Momente,« fuhr er fort, »wo ich mir sage, es ist sinnlos, dagegen anzukämpfen – ich glaube ja doch an nichts – ich weiß, daß die ganze Moral nur eine Erfindung des menschlichen Egoismus ist und nicht mehr Wert hat als irgend ein Zolltarif. Das sagt mir meine Vernunft, aber alle diese albernen Moralprinzipien sind uns eben in Fleisch und Blut übergegangen. Sie machen sich doch immer wieder geltend und überschreien die Stimme der Vernunft. Dann sage ich mir wieder: du bist ein erbärmlicher Mensch – ein Schuft. Und ich kann sie nicht zum Schweigen bringen.« »Mein Sohn,« sagte ich jetzt, »sind Sie hierhergekommen in Gott Trost und Rat zu suchen.« »Nein,« erwiderte er, »ich habe Ihnen ja gesagt, daß ich nicht an Gott glaube. Ich bin hierhergekommen, einem menschlichen Wesen mein ganzes Elend zu klagen. Und ich habe mir gesagt, daß ihr Priester seit Jahrhunderten unzähligen Menschen Trost geboten und sie auf den Weg der Moral gewiesen habt. Das ist eine unleugbare, wissenschaftliche Tatsache. In meiner Verzweiflung bin ich zu Ihnen gekommen, weil ich nicht mehr wußte, wohin ich mich wenden sollte. Es ist Ihr Beruf, die Leidenden zu trösten und wunde Herzen zu heilen. Trösten Sie mich – helfen Sie mir.« Und nun begann ich zu sprechen. Mein Gott, was sollte ich diesem seltsamen Büßer sagen? Unser Beruf bringt es ja mit sich, daß wir uns nur um die Seele unsrer Klienten kümmern, nicht um ihre gesellschaftliche Stellung oder äußeren Verdienste. Sicher war dieser Professor viel intelligenter und gelehrter als ich und hatte sich mehr mit dem beschäftigt, was man Psychologie nennt. Aber ich sprach zu ihm, wie ich zu meinen sonstigen Beichtkindern zu reden gewohnt bin. Wenn jemand dem Ertrinken nahe ist, denkt man ja auch nicht darüber nach, ob es ein Bettler oder ein vornehmer Herr ist, ehe man ihm zu Hilfe eilt. Als ich zu Ende war, zündete ich die Lampe an, und diesmal ließ er es ruhig geschehen. Ich sah eine lange hagere Gestalt vor mir, das intelligente Gesicht hatte einen gequälten Ausdruck, und das Haar war völlig ergraut. Er stand jetzt auf und sah mich mit seinen dunklen Augen an: »Sie haben mir nicht geholfen,« sagte er vorwurfsvoll, »ich fühle mich noch eben so elend wie vorher.« »Das können Sie noch nicht wissen,« gab ich zur Antwort. »Gehen Sie mit Gott. Vielleicht ist alles noch nicht so schlimm, wie Sie denken. Und kommen Sie wieder zu mir.« »Nein, Sie wissen mir ja doch nicht zu helfen.« Er war trotzig wie ein Kind. Ich legte ihm meine Hand auf die Schulter: »Versprechen Sie mir, daß Sie spätestens in einem Jahr wieder zu mir kommen. Wenn ich Sie dann nicht wiedersehe, nehme ich an, daß Sie unterlegen sind. Aber ich habe das feste Vertrauen, daß Sie siegen.« Er ging, ohne etwas Bestimmtes zu versprechen. Und ein Jahr später, am Abend des Ostersamstags saß er wieder bei mir in meinem Zimmer. Er machte diesmal einen etwas veränderten Eindruck, sein ganzes Auftreten war jugendlicher und entschlossner. Und er sagte mir dann auch, daß er den Entschluß gefaßt habe, der Versuchung nicht länger zu widerstehen. »Ich habe jetzt endlich die letzten Überbleibsel dieser kläglichen Moral in meinem Innern ausgerottet,« sagte er. »Ich liebe das Mädchen, und ich will mit ihr durchgehen.« »Wann soll das geschehen?« fragte ich. Er wurde etwas verwirrt. »Nun, ich denke bald – in einigen Wochen.« »Nein, Sie werden nicht fortgehen,« sagte ich und sah ihm fest in die Augen, »warum wollen Sie sich selbst belügen – Sie sind im Grunde ein anständiger Mensch. – Und heute in einem Jahr werden wir uns hier wiedersehen.« Er überschüttete mich mit grausamem Spott und stieß die furchtbarsten Lästerungen aus. Dann ging er fort, ohne mir auch nur die Hand zu reichen. Wieder verging ein Jahr, und der Ostersamstag war gekommen, als mein seltsamer Klient um die gewohnte Stunde erschien. Diesmal war er ruhig, daß ich mich wunderte. »Sie ist sehr krank gewesen,« erzählte er mir – »es war eine schwere Lungenentzündung. Wir hielten sie schon für verloren. Gott, was für Nächte haben wir zusammen durchgemacht, meine Frau und ich. – Aber jetzt geht es ihr besser, sie muß nur noch sehr geschont werden.« Ich danke Gott im stillen, daß er dem jungen Mädchen zur rechten Zeit diese Krankheit gesandt hatte. Der Professor erwähnte seinen schändlichen Plan mit keinem Worte mehr. Schließlich fragte ich selbst: »Und wie steht es jetzt mit Ihnen?« »Für den Moment bin ich ganz abgestumpft,« sagte er, »aber doch fühle ich, daß ich noch nicht genesen bin. Ich habe eine entsetzliche Angst, daß der Kampf wieder beginnt, sobald sie ganz genesen ist.« Als gute Freunde schieden wir voneinander, und er versprach, wiederzukommen. Ich zweifle nicht daran, daß er sein Wort halten wird. Aber inzwischen bin ich aus meinem bescheidenen Kirchlein hierher versetzt worden, an diese vornehme Gemeinde. – Ob er mich hier auffinden wird? Ich glaube, es hat eben an der Haustür geläutet. Das kann nur er sein. Er war es denn auch. Ich hätte ihn kaum wiedererkannt – ein alter, gebrochener Mann stand vor mir. Und mein erster Gedanke, den ich auch aussprach, war: »Ist sie gestorben?« Er schüttelte den Kopf, dann sank er müde in einen Sessel und blieb eine Zeitlang schweigend sitzen. »Nein,« sagte er endlich. »Sie ist nicht tot. Sie lebt und ist schöner als je. Vor kurzem hat sie einen jungen Arzt aus Argentinien geheiratet, der bei mir im Laboratorium arbeitete und« – – Tränen erstickten seine Stimme, und unter heftigem Schluchzen brachte er hervor: »Jetzt ist er mit ihr in seine Heimat zurückgekehrt.« Ich ergriff seine zitternde Hand und sagte: »Mein Sohn, ich glaube, Sie haben diese Heirat zustande gebracht.« »Ja,« sagte er leise, »das hab ich getan. – Sie hat mir gestanden, daß sie mich liebte. – Sie wird mit ihrem Mann nicht glücklich sein, und ich bin ein gebrochener Mensch.« »Und alles das ist Ihr Werk.« Ich dachte, er würde mich mit Vorwürfen überhäufen wie das letzte Mal. Aber er hatte die Wahrheit gesagt: er war völlig gebrochen. Und nun legte er die Stirn auf meine Hände und weinte lange. Wir sprachen kein Wort mehr, bis er aufstand, zu gehen, und sich nervös die Augen trocknete. »Leben Sie wohl,« war alles, was er sagte. Aber an der Schwelle blieb er noch einmal stehen und stammelte: »Wenn Sie nichts dagegen haben, komme ich nächstes Jahr wieder.« »Kommen Sie morgen.« »Nein, morgen nicht, aber bald.« Ich wußte sehr wohl, daß er nie wiederkommen würde. Der Andere Vor ungefähr zwei Jahren hatte ich einen heftigen Anfall von Rheumatismus und sah mich genötigt, meine Praxis einem Kollegen zu übergeben und nach Saint-Amand ins Moorbad zu gehen. Obgleich ich schon öfters Patienten hingeschickt hatte, lernte ich die Anstalt bei dieser Gelegenheit zum erstenmal persönlich kennen. Es war ein riesiges, modern eingerichtetes Gebäude mit einem schönen Park, und der leitende Arzt hielt auf militärische Disziplin unter seinem Personal und seinen Patienten. Gleich am ersten Tage begann ich mit meiner Kur. Jeden Morgen mußte ich bis an den Hals in das schlammgefüllte Bassin steigen und dreißig bis vierzig Minuten möglichst ruhig darin liegen bleiben. Dann bekam ich eine warme Dusche und ein Reinigungsbad, um meinen Körper von dem schwarzen Zeug zu befreien, worauf man noch eine Stunde ruhen mußte. Damit war die Behandlung zu Ende, und für den Rest des Tages war ich mein eigner Herr. In der Hochsaison, gegen Ende Juli, wimmelt das gemeinsame Bassin zur Badezeit von Kranken. Jeder bekommt eine Art Halseisen um die Schultern gelegt, damit man an seinem Platz bleibt, aber trotzdem kommt man öfters in unfreiwillige Berührung mit seinen Nachbarn. Als ich meine Kur durchmachte, war es erst Juni, und wir waren höchstens zwölf Leidensgenossen, die gemeinsam badeten. Wir dachten denn auch gar nicht daran, uns auszuweichen, sondern suchten im Gegenteil uns die Zeit mit Plaudern gegenseitig zu verkürzen. Für den Zuschauer war es jedenfalls ein komisches Schauspiel, es sah aus wie eine Zusammenkunft von zwölf Geköpften, die sich miteinander unterhielten. Unter den verschiedenen Kranken interessierte mich vor allem ein kleiner Junge von etwa fünf Jahren. Seine Glieder waren durch den Rheumatismus so verkrümmt, das er nicht gehen konnte, und seine Mutter pflegte ihn im Park spazieren zu fahren. Der arme Kleine lag dann ganz in sich zusammengesunken in seinem Wagen, und seine Augen glitten unruhig über die Landschaft hin. Die Mutter selbst sah sehr zart aus und war recht anmutig mit ihrem bleichen Gesicht und den blauen Augen, aber in ihren Zügen, über die von Zeit zu Zeit ein nervöses Zucken ging, spiegelte sich dieselbe Unruhe wie in denen des Kindes. Sie nannte sich Madame Delesdain, und der Kleine hieß Paul. Unsre Zimmer lagen nebeneinander, und nach der Abreise einiger anderer Badegäste wurden wir auch bei Tisch Nachbarn. So schlossen wir allmählich Freundschaft. Ich erfuhr, daß sie in Neuilly wohnten, daß der Kleine zu Hause unterrichtet wurde, da er ja nicht in die Schule gehen konnte, – daß er von Geburt an krank gewesen sei, das Übel sich aber während der letzten zwei Jahre stetig verschlimmert habe. Von ihrem Mann sprach sie nie, ebenso wie Paul seinen Vater nicht erwähnte. Übrigens war er geistig sehr zurückgeblieben. Ich fragte natürlich auch nicht weiter, ich sah nur, daß Madame Delesdain einen Ehering trug, und fand es sehr sympathisch, daß sie in dieser Weise die Form wahrte. Aber eines Morgens beim Frühstück stellte sie mir einen imposanten, bärtigen Herrn von etwa vierzig Jahren vor: »Mein Mann,« sagte sie etwas unsicher und errötete, als hätte sie eine Lüge gesagt. Der Mann war ein ganz gleichgültiger Spießbürger, der mit großem Ernst über die langweiligsten Tagesereignisse redete. Aber von diesem Tage an begann Madame Delesdain mich zu interessieren. Wenn sie mit ihrem Mann zusammen war, machte sie den Eindruck einer schuldbeladenen Sünderin. Man hätte denken können, ihr Gatte habe sie erst gestern in flagranti ertappt, sie schwer beschimpft und ihr dann verziehen. Sie konnte weder essen noch sprechen und sah nichts von dem, was um sie herum vorging. Als Delesdain sie einmal bei ihrem Namen – Blanche – nannte, fuhr sie förmlich zusammen und rang nach Atem. Und ein paarmal fiel es mir auf, daß sie ihn ganz starr ansah, als stände ein Gespenst vor ihr. Zum Essen kam sie nicht herunter. Ich erkundigte mich und erfuhr, Madame Delesdain habe Migräne, und sie hätten sich auf ihrem Zimmer servieren lassen. An dem Abend sah ich sie nicht mehr, aber mitten in der Nacht klopfte ihr Mann bei mir an. »Herr Doktor,« sagte er, »meine Frau hat einen schlimmen Nervenanfall. Würden Sie so freundlich sein, mir etwas Hilfe zu leisten und sie zu beruhigen.« Die junge Frau lag in Krämpfen, als ich herüberkam. Sie wand sich hin und her, wühlte den Kopf tief in die Kissen hinein und ließ ein langgezogenes Stöhnen vernehmen. Ich glaubte zu wiederholten Malen ein abwehrendes Nein, nein, herauszuhören. Vergebens wendete ich alle Mittel an, die in solchen Fällen zu helfen pflegen, Äther, Morphium, Kompressen, – alles war umsonst. Schließlich fiel es mir auf, daß sie den Anblick ihres Gatten sichtlich vermied, und ich dachte an meine Beobachtungen von heute vormittag. So wendete ich mich an den Mann: »Wahrscheinlich hat heute zwischen Ihnen und Ihrer Frau eine Unterredung stattgefunden, die sie heftig erregt hat. Ich glaube deshalb, sie wird sich eher beruhigen lassen, wenn Sie nicht dabei sind. Wollen Sie mich ein paar Minuten mit ihr allein lassen.« Ganz traurig antwortete er: »Es ist nicht das mindeste zwischen uns vorgefallen. Ich mache meiner Frau nie im Leben eine Szene. Aber Sie haben recht, es ist besser, wenn ich hinausgehe. Jedesmal, wenn wir uns nach längerer Trennung wiedersehen, bekommt sie diese Anfälle, und ich ahne nicht, wie das kommt.« »Und im gewöhnlichen Leben, wenn sie zu Hause ist?« »Dann werden die Anfälle immer seltener und hören zuletzt ganz auf.« »Haben Sie Ärzte darüber befragt?« »Ja – aber sie konnten es sich nicht erklären.« Sobald ich mit der Kranken allein war, sagte ich ihr kurz: »Er ist fort.« Das wirkte wie ein Zauberwort. Sie beruhigte sich sofort, richtete sich auf und fuhr mit der Hand über die Stirn, die ganz in Schweiß gebadet war. »Kommt er wieder?« »Nein, er ist abgereist.« Mit einem Seufzer legte sie sich wieder in die Kissen zurück und schloß die Augen. Ihre Atemzüge wurden regelmäßiger, und nach zehn Minuten schlief sie fest und ruhig. Ihr Puls war völlig normal. Ich suchte ihren Mann auf und fragte ihn, wann er abzureisen gedenke. »Morgen abend.« »Reisen Sie lieber in aller Früh ab, ohne Ihre Frau noch einmal zu sehen. Sie können sie ruhig in meiner Obhut zurücklassen, der Fall interessiert mich, und ich werde sie behandeln, bis der kleine Paul mit seiner Kur fertig ist. Was sollten wir jetzt machen, wenn Ihre Frau wirklich krank würde, es wäre doch sehr schlimm, wenn der Kleine seine Behandlung unterbrechen müßte.« Er gab mir recht und sprach mir seinen herzlichsten Dank aus. Am nächsten Morgen um neun Uhr fuhr er denn auch nach Paris zurück. Ich hielt mein Wort und beschäftigte mich aufs eingehendste mit dem Zustand der jungen Frau, solange wir noch zusammen in Saint-Amand waren. Soviel war mir schon lange klar, und ich habe es in meiner Praxis oft genug bestätigt gefunden: wenn eine Frau an nervösen Zuständen leidet, steckt fast immer eine unglückliche Liebesgeschichte oder irgend eine Störung des Geschlechtslebens dahinter. Und solange sie sich dem Arzt nicht rückhaltlos anvertraut, nützt alle Behandlung nichts. Unsre Kunst soll also vor allem darin bestehen, diesen Dingen auf den Grund zu kommen. Bei Madame Delesdain hielt dies schon schwer. Erst zwei Tage vor der Abreise gelang es mir, sie zum Sprechen zu bewegen, und zwar nur durch die Drohung, daß ich mich später in Paris nicht mehr um sie kümmern würde, wenn sie mir ihr Geheimnis nicht anvertraute. Und nun erzählte sie mir folgendes: Ich habe mit zweiundzwanzig Jahren geheiratet, und ich liebte meinen Mann. Unsere Eltern waren befreundet, und wir waren schon seit frühester Kindheit Spielgefährten gewesen, und naturgemäß verwandelte sich unsre Kameradschaft im Lauf der Jahre in Liebe. Wie gesagt, wir hatten uns sehr lieb. Mein Mann war eine elegante Erscheinung, gut gewachsen, schlank und blond. Durch sein angenehmes Äußere fand er viel Anklang bei den Frauen. Ich gebe zu, daß ich manchmal etwas eifersüchtig war, aber da er mir nie Anlaß gab, an seiner Treue zu zweifeln, war ich an seiner Seite wirklich vollkommen glücklich. Ich war ihm Gattin und Geliebte zugleich, und zwei volle Jahre vergingen, ohne daß unser Liebesglück durch den leisesten Schatten getrübt wurde. Nur eine Hoffnung blieb uns anfangs unerfüllt, wir hatten keine Kinder. Wir zogen verschiedene Arzte zu Rate, aber sie konnten nichts Anormales in meiner Konstitution entdecken. So rieten sie uns, abzuwarten und die Hoffnung nicht fahren zu lassen. Und sie behielten recht, denn im dritten Jahr unsrer Ehe fühlte ich mich Mutter. Wir machten damals eine Reise ins bayrische Hochland. Mein Mann mietete in der Nahe des Starnberger Sees eine kleine Villa, in der wir die ersten Monate meiner Schwangerschaft verlebten. Im Herbst kehrten wir nach Paris zurück, und da meine Mutter mich gerne in ihrer Nähe haben wollte, zogen wir nach Neuilly. Mein Mann und ich hatten wie von jeher ein gemeinsames Bett, und auf dem Kamin brannte immer eine Nachtlampe. Ich war das von meiner Kindheit her so gewöhnt, im Dunkeln fürchtete ich mich und litt leicht an Halluzinationen. Eines Nachts wachte ich nun plötzlich aus – es war am 9. November, das weiß ich noch ganz genau – und hatte das Gefühl, als ob irgend etwas anders wäre wie sonst. Die Nachtlampe erfüllte das Zimmer mit ihrem spärlichen Licht, es war also immerhin hell genug, die nächstliegenden Gegenstände deutlich zu sehen. Ich wendete mich um, nach der Seite, wo mein Mann lag, und nun sah ich etwas, was mich mit namenlosem Schrecken erfüllte. Ich konnte nicht einmal aufschreien, der Schreck schnürte mir die Kehle zu. Da lag ein Mann neben mir und schlief – aber es war nicht mein Mann , sondern ein Fremder – ein breitschulteriger, brünetter Mensch mit bärtigem Gesicht. – Sie haben ihn ja gesehen, es war Delesdain. Ich muß dann lange Zeit bewußtlos gewesen sein. Als ich wieder zu mir kam, war es Tag. Das merkwürdige Erlebnis der Nacht fiel mir wieder ein, und aus Angst, daß die schreckliche Vision noch einmal wiederkehren könne, blieb ich regungslos liegen und starrte die Wand an. »Jetzt muß gleich das Mädchen mit dem Tee kommen,« dachte ich, »dann kann ich mich ohne Angst umsehen. Francine trat denn auch wie gewöhnlich um einhalb neun Uhr ins Zimmer, stellte ihr Tablett auf den Tisch und zog die Vorhänge in die Höhe. Jetzt erst wagte ich, mich umzuwenden, und diesmal stieß ich einen furchtbaren Schrei aus. Der andere, der bärtige, brünette Fremde lag wirklich noch neben mir. Aber was mich am meisten entsetzte, war, daß Francine ihn ganz ruhig da liegen sah, ihn zu kennen schien und sich gar nicht über seine Anwesenheit wunderte. Was dann geschah, daran vermag ich mich nicht mehr genau zu erinnern. Wie im Traum sah ich, daß meine Mutter und meine Schwiegereltern um mich waren und auch dieser fremde Mann, den sie zu meinem Entsetzen alle für meinen Gatten zu halten schienen. Das muß mehrere Tage und Nächte gedauert haben. Und allmählich ging etwas Seltsames in mir vor, während ich immer noch in einer Art Halbschlaf dalag und nicht recht wußte, ob ich wache oder träume. – Ich begann an mir selbst irre zu werden. Mir wurde klar, daß wir uns nicht auf unser eignes Gedächtnis und auf die Wahrnehmungen unserer Sinne verlassen können, und ergab mich in die Tatsache, von der die andern alle einmütig überzeugt waren. Ein paar Tage später kam ich vorzeitig nieder, mein kleiner Paul kam, wie Sie wissen, schwächlich und halbverkrüppelt zur Welt. Ich wurde wieder gesund, – wenn man das Gesundwerden nennen kann, – ich konnte wieder gehen, sprechen und Nahrung zu mir nehmen. Aber ich gewann es nicht über mich, irgend jemand von meiner Umgebung den entsetzlichen Zweifel einzugestehen, daß dieser Mensch, der von jetzt an mein Leben teilte, nicht mein Mann war. Ich wußte, daß alle mich für verrückt halten würden. – Denn sie schienen ihn alle zu kennen, und was das allerschrecklichste war, er sprach von unseren gemeinsamen Erinnerungen, als ob er wirklich alles mit mir zusammen erlebt hätte. Allmählich fand ich mich denn auch darein, daß er mein Mann sein sollte, und hielt ihn selbst dafür, wie die andern alle. Ja; und so lebe ich denn seit fünf Jahren mit Delesdain zusammen. Wir verstehen uns sehr gut, ich habe mich an ihn gewöhnt und leide nicht mehr darunter. Nur, wenn ich von ihm getrennt bin, taucht das Bild meines ersten Mannes wieder vor mir auf. Und wenn ich Delesdain wiedersehe, kommt dieser Anfall über mich, den Sie ja miterlebt haben. Übrigens weiß kein Mensch auf der Welt um mein Geheimnis. Ich habe es mit mir herumgetragen wie eine Krankheit, die man nicht eingestehen möchte. Und es reut mich beinah, daß ich es Ihnen anvertraut habe. * Zwei Tage nach diesem Geständnis kehrte Madame Delesdain mit ihrem Kind nach Neuilly zurück. Wir hatten ausgemacht, daß sie mich nach meiner Rückkehr in Paris aufsuchen sollte, und ich wollte sie dann in gründliche Behandlung nehmen. Ich sah in ihrem Fall eine seltsame Monomanie, hielt sie aber nicht für unheilbar. Zu meinem großen Erstaunen ließ sie dann nichts mehr von sich hören. Als etwa vierzehn Tage vergangen waren, schrieb ich, erhielt aber keine Antwort. Ein halbes Jahr später, als ich die ganze Sache schon fast vergessen hatte, hörte ich, Monsieur Delesdain habe sich selbst das Leben genommen. Seine Witwe hat sich bald darauf wieder verheiratet, und man hat mir erzählt, daß sie sich körperlich und geistig sehr wohl befände. Die Gürtelschnalle Es ist noch eine alte Angewohnheit aus meiner Pensionszeit bei der guten Madame Rochette, daß ich am Weihnachtsabend mein Tagebuch wieder hervorhole und mich ein Weilchen mit mir selbst unterhalte. Nach meinem Gefühl ist das Jahr mit Weihnachten zu Ende, und das neue fängt erst am dritten Januar wieder an. In der Zwischenzeit kommt es mir vor, als stünde ich am Bahnhof und wartete auf den Zug. Die Leute kommen und gehen sind mit Paketen beladen und haben es alle sehr eilig. In dieser Zeit lebt man überhaupt nicht, man hat alle möglichen Dinge rasch noch zu erledigen und andere vorzubereiten. Es ist so eine Art Inventuraufnahme, und die Zeit steht still, bis sie vorüber ist. Schon als Backfisch hatte ich einen gewissen Sinn für methodisches Vorgehen und pflegte alles, was ich zu tun vorhatte, auf diesen Zeitpunkt zu verschieben. Keine Macht der Erde hätte mich vermocht vor dem 26. Dezember einen Brief zu schreiben oder irgend eine Arbeit anzufangen. Und am 25. reservierte ich mir den ganzen Nachmittag, um darüber nachzudenken, wie ich das vergangene Jahr verbracht hatte, um mein Gewissen zu prüfen und zu überlegen, was ich im kommenden Jahr vornehmen wollte. Gott, war ich damals, so zwischen dreizehn und sechzehn Jahren – ein komisches Gemisch von Mystizismus und praktischem Sinn. Bei aller Schwärmerei war ich immer darauf bedacht, mir das Leben möglichst angenehm zu gestalten, und hatte eine förmliche Ordnungsmanie. Meine Hefte mußten immer sauber aussehen, Kleider und Wäsche tadellos gehalten werden. Als ich dann älter wurde, verflüchtigte sich der Mystizismus immer mehr. Die Schwärmerei gewöhnt man sich wirklich mit der Zeit ab, wenn auch ein gewisser Hang zur Sentimentalität zurückbleibt. Die Ordnungsmanie dagegen hat sich immer mehr gesteigert, je größer das Gebiet wurde, in dem ich zu schalten hatte. Jetzt bin ich sechs Jahre verheiratet, und ich kann wirklich ohne Übertreibung behaupten, daß in meinem Hause alles am Schnürchen geht. Vielleicht liegt es auch zum Teil daran, daß mein Mann geradezu unglaublich gedankenlos, zerstreut, vergeßlich und leider auch einigermaßen phantastisch veranlagt ist. Der Leser möchte daraufhin am Ende glauben, ich hätte einen Künstler geheiratet? Ach nein – wenn Ferdinand Schriftsteller oder Schauspieler wäre, hätte ich noch eher Aussicht, daß er sich in einen sparsamen, ordnungsliebenden Normalmenschen verwandelte. Das soll ja neuerdings unter den Künstlern Mode sein, hab ich gehört. Aber er ist Rechtsanwalt – und er ist nicht etwa Spezialist für Sensationsprozesse oder pikante Scheidungsgeschichten, sondern für Geschäftsangelegenheiten – äußerst komplizierte und für jeden Nichteingeweihten völlig unverstandene Geldgeschäfte und dergleichen. Aber in diesen Dingen bewegt er sich wie ein Weißfisch in der Seine, vergißt nichts, verwechselt nichts – kurz, er ist einzig in seiner Art, und man reißt sich um ihn. Allerdings hat er zwei Sekretäre, und ich glaube, sie bringen ihre ganze Jugendzeit damit zu, seinen Papieren nachzujagen, denn was seine Privatkorrespondenz betrifft, für die er keinen Sekretär hat – o armer Ferdinand. Überall treiben sich seine Briefe herum, auf Stühlen und Kaminsims, in Büchern und abgelegten Kleidungsstücken. Ich habe wahrhaftig gar keine Neigung zum Spionieren, aber ich habe mir wohl oder übel angewöhnen müssen, alles abzusuchen, damit seine Privatkorrespondenz nicht fortwährend den Dienstboten in die Hände fällt. Nein, gar keine Neigung zum Spionieren. – Ich bin viel zu vernünftig, mir selbst unnötigerweise Schmerzen zu bereiten. Schon seit drei Jahren weiß ich mich mit allem abzufinden, womit eine junge Frau sich abfinden muß. Mein Mann ist herzensgut, er liebt mich zärtlich, es läßt sich reizend mit ihm leben – er hat nur einen Fehler, er ist sehr hübsch und hat viel Glück bei Frauen. Er kann auch ohne das nicht leben. Die ersten drei Jahre unserer Ehe hat er sich ja die größte Mühe gegeben, diese Neigung zu bekämpfen. Dann, während ich mein erstes Baby stillte, ließ er sich zum erstenmal gehen und fing ein kleines Techtelmechtel mit einer hübschen Ausländerin an, die ich unvorsichtigerweise selbst zum Verkehr herangezogen hatte. – Als sie glücklich wieder in Amerika war, hatte ich zwei Jahre lang Ruhe. Es gab nur einen unbedeutenden Flirt mit einer kleinen Schauspielerin. Wieder war es meine eigne Schuld, ich hatte eine Aufführung bei uns im Hause veranstaltet. Aber im letzten Jahr ist die Sache weit schlimmer geworden, und ich habe manche schwere Stunde durchgemacht. Denkt euch nur, bei irgend einem Prozeß um Terrains und Häuser hat Ferdinand eine junge Witwe als Klientin – sie ist wirklich reizend, ich hab sie selbst gesehen, und die beiden haben nach Kräften miteinander kokettiert. Und nun stellt euch vor, daß ich die ganze Sache wider Willen bis ins kleinste Detail verfolgen mußte, und zwar nur, weil mein teurer Gatte so unerhört zerstreut und unordentlich ist. Petits bleus , an ihn Billetts, an sie: meine süße kleine Lucile, – Gegenstände, die auf Rendez-vous hindeuten, wie zum Beispiel einen Schildpattkamm in seiner Tasche und so weiter. Und alles das muß ich zusammensuchen und beiseite schaffen. Meinetwegen will ich alles über mich ergehen lassen, wenn nur sonst niemand darum weiß. Und wenn ich nicht auf diese Weise immer alles schon wüßte, so würde ich es einen schönen Tages von Ferdinand selber erfahren. Er gehört zu den Männern, die »beichten«. Wenn ein Abenteuer zu Ende ist, »kehrt er zu mir zurück« und erzählt mir alles. Und seine Offenherzigkeit ist manchmal eine Qual für mich. Aber, wenn »sie« es mit anhörten, müßte ich mich wirklich gerächt fühlen. Er spricht darüber wie ein Spieler, den man ausgeplündert hat, von der Spielhölle, und immer ist er es, der die Geschichte zuerst müde wird. So kommt denn auch immer bald der Moment, wo diese Teilung seines Herzens ihn anwidert. Und dann macht er Schluß, er behauptet ja selbst, daß er ganz außerstande wäre, sich zu verstellen. Und er hat mir sogar erzählt, wie er das zu machen pflegt. Er schickt der betreffenden Dame – je nachdem – einen Scheck oder ein Schmuckstück und schreibt folgendes Billett dazu: »Mein liebes Kind, ich habe leider das Gefühl, daß unsre Liebe dir nichts mehr bietet und du dich nach einer Veränderung sehnst. Glaube mir, der Abschied fällt mir unendlich schwer, aber ich habe zu viel Achtung vor deinem Charakter usw. usw.« Das scheint denn auch tatsächlich zu wirken, und die betreffende Dame hält sich nicht für die verlassene Ariadne, sondern für eine unbeständige Helena. »Und das dulden Sie?« höre ich fragen. O ja, ich dulde es, wenn ich auch bitter darunter leide. Mein Mann hat nun einmal diese schwache Seite, und ich wüßte wirklich nicht, wie ich ihn daran hindern sollte. Ebensowenig, wie man einen Spieler hindern kann, immer wieder zu spielen. Oder soll ich mich etwa von ihm scheiden lassen? Gut, – schön – aber erst dann, wenn ich mich danach sehne, den Rest meines Lebens in trostloser Einsamkeit zu verbringen. Einstweilen ziehe ich es noch vor, nur hier und da eine traurige Stunde zu haben, wenn ich auf meinen lieben Treulosen warte – und er kommt ja doch immer wieder zu mir zurück. Ach nein, wenn man sechs Jahre lang zusammen glücklich gewesen ist und seinen Mann immer noch lieb hat, ich glaube, es gibt keine Frau, die da nicht hier und da ein Auge zudrücken würde. Also, gestern war Weihnachtsabend. Mein Mann, der trotz seines phantastischen Gemüts sehr auf gute alte Traditionen hält, hat den Abend mit mir zusammen gefeiert. Und wir machen uns dann den Spaß, uns dann gegenseitig allerhand kleine Geschenke im Kamin zu verstecken. – Deutet das nicht geradezu auf eine musterhafte Ehe hin? Nun, und was habe ich diesmal im Kamin meines Zimmers gefunden? Ein Etui mit einer wundervollen Gürtelschnalle und dabei ein Briefchen, das also lautete: »Meine süße kleine Lucile, ich habe leider das Gefühl, daß unsere Liebe dir nichts mehr bietet, und daß du dich nach einer Veränderung sehnst. Glaube mir, es fällt mir unendlich schwer,– –« Nun, Ihr könnt euch denken, daß ich im ersten Augenblick ganz starr war – einen Moment hab ich wirklich geglaubt, mein Mann wolle mir mitteilen, daß er mit mir zu brechen gedächte. Aber der Name Lucile beruhigte mich wieder – ich heiße nämlich Helene. – Zweifellos galt dieser Abschiedsbrief unsrer reizenden Klientin. Nur hatte mein zerstreuter Gatte die Weihnachtsgabe für seine legitime Frau und die für – – die andere miteinander verwechselt, und das Briefchen war mir zugefallen. Soll ich euch sagen, was ich getan habe? Ich steckte es einfach in ein Kuvert und schrieb die Adresse der rechtmäßigen Empfängerin darauf – die mir – leider – bekannt ist. Das Mädchen hat den Brief gleich einstecken müssen, so daß sie ihn morgen auf ihrem Frühstückstisch finden wird. * Als wir dann zusammen bei unserm Festmahl saßen, fragte mein Mann: »Nun, Liebling, wie hat dir mein Geschenk gefallen?« »Mehr als ich dir sagen kann,« antwortete ich. »Seit wir verheiratet sind, habe ich mich über kein Weihnachtsgeschenk so gefreut wie über dieses.« Ich hatte die Schnalle schon an meinem Gürtel. Ferdinand betrachtete sie mit sichtlichem Wohlgefallen. »Sie ist wirklich sehr hübsch,« sagte er »und sie steht dir glänzend.« Sicher hatte er schon längst vergessen, für wen von uns beiden er sie bestimmt hatte. – Oder – und das halte ich beinah für wahrscheinlicher – er hat uns beiden die gleiche geschenkt. Schlafwagen Wir saßen zusammen und plauderten über das Schamgefühl, wie man eben unter Männern über solche Dinge redet. Die meisten wollten es überhaupt ableugnen, selbst bei Frauen. Einer meinte, nur eine häßliche Frau könne es erfunden haben, ein andrer, es sei nur Sache der Erziehung. Das tugendhafteste kleine Mädchen vom Lande – wenn es statt dessen in der Rue Caulaincourt zur Welt gekommen wäre, würde es gerade so vergnügt im Moulin Rouge Cancan tanzen wie die andern. – Was die Männer betrifft, so waren alle sich darüber einig, daß das Schamgefühl ihnen völlig fremd sei, wenigstens in bezug auf sich selbst. Welcher Mann würde sich auch nur einen Augenblick genieren, in Adamskostüm die Champs-Elysées entlang zu spazieren – vorausgesetzt, daß es keine Polizei gäbe. Ein junger Gelehrter aus unserm Kreise zog eine geistreiche Parallele zwischen dem Ehrgefühl des Mannes und dem Schamgefühl bei Frauen. Er meinte, jede dieser Empfindungen sei eben nur dem einen Geschlecht eigentümlich und für das andere überflüssig und unverständlich. Aber unser Freund Berthold erklärte sich damit nicht einverstanden. Er sei nicht prüder als die andern, und wir wüßten alle, daß er gar kein Duckmäuser sei, wenn es darauf ankomme. Aber trotzdem wäre ihm das Schamgefühl durchaus nicht fremd. Er versuchte es zu definieren, uns klar zu machen, wie er es meinte. Aber wir konnten uns nicht darüber einigen und schlugen ihm vor, er solle es uns durch irgend ein Beispiel erläutern. Und da erzählte er uns dann folgende Geschichte. Es ist noch gar nicht lange her – damals als ich nach den Septemberjagden aus dem Süden zurückkam. In Bordeaux wechselte ich den Zug und nahm den Nacht-Expreß, der von Spanien kommt. Ich hatte mir schon im Voraus einen Platz im Schlafwagen bestellt – oder vielmehr zwei Plätze, denn ich wollte allein sein und hatte eine ganze Kabine gemietet. Das ist zum Beispiel auch ein Punkt, in dem ich schamhaft empfinde, ein entkleideter Mann ist mir etwas Schreckliches. Und ehe ich mich neben einem dicken, schwitzenden Kerl, der womöglich auch noch schnarcht, schlafen lege, fahre ich lieber einhundert Kilometer im Gepäckwagen. Da nun diese Frage glücklich gelöst war, sah ich mit egoistischem Behagen zu, wie die übrigen Reisenden den Schlafwagen belagerten, die fünf oder sechs verfügbaren Plätze waren im Nu vergriffen, und wer keinen mehr erwischt hatte, mußte sich grollend zurückziehen. Ich ging auf dem Perron auf und ab und wartete auf die Abfahrt des Zuges. Da kam der Schaffner des Schlafwagens auf mich zu, in Begleitung einer Dame. Sie war groß, schlank und recht hübsch, – besonders fiel mir das üppige, kastanienbraune Haar auf. Die Dame blieb in einiger Entfernung stehen, sah mich prüfend an, und ich hörte, wie sie zu dem Schaffner sagte: das ist der Herr, sprechen Sie mit ihm. Der Mann trat an mich heran und sagte: »Entschuldigen Sie, mein Herr, die Dame reist allein und hat kein Bett mehr bekommen. Sie läßt Sie ersuchen, ob Sie ihr nicht Ihren Platz abtreten wollen.« Ich gab zur Antwort, es täte mir unendlich leid, aber ich könne darauf nicht eingehen. Er teilte ihr meine Antwort mit, und nun kam sie selbst auf mich zu. »Ich glaube, der Schaffner hat sich nicht ganz deutlich ausgedrückt,« erklärte sie mir ohne alle Verlegenheit – »ich hörte, daß Sie zwei Plätze für sich allein genommen haben, und da wollte ich Sie bitten, mir einen davon zu überlassen.« Dabei sah sie mir gerade ins Gesicht, und ihr Blick berührte mich eigentümlich. Übrigens sprach sie mit etwas englischem Akzent, und ich taxierte sie auf jenen merkwürdigen Typ von kosmopolitischen jungen Damen, die allein in der Welt herumfahren und von denen man nie recht weiß, wie es um ihre Tugend bestellt ist. So dachte ich denn: »das wird wohl eine schlaflose Nacht geben und womöglich ein kostspieliges Vergnügen sein.« Aber so einen günstigen Zufall weist man doch nicht von der Hand – nicht wahr? »O, dann ist es natürlich etwas anderes,« erwiderte ich –, »es wird mir ein Vergnügen sein.« – Ich konnte nicht umhin, zu lächeln, aber sie schnitt mir einfach das Wort ab und sagte in ernstem Ton: »Selbstverständlich rechne ich auf Ihren Takt und Ihre Diskretion. Ich werde zuerst in die Kabine gehen und mich ins Bett legen, sobald der Zug im Fahren ist. Ich bitte Sie, mir erst zu folgen, wenn alle Mitreisenden sich niedergelegt haben. Entschuldigen Sie, daß ich Sie so in Anspruch nehme, und haben Sie besten Dank.« Dann reichte sie mir die Hand und nannte mir ihren Namen: Miß Ethel Dawson aus Paris. Und ich stellte mich ebenfalls vor: Berthold Dartiguelongue aus Paris. Worauf sie mir kameradschaftlich zulächelte und verschwand. »Nun, das könnte man immerhin ein Abenteuer nennen,« dachte ich, als sich der Zug in Bewegung gesetzt hatte und ich im Korridor auf und ab schritt. Eine Tür nach der andern schloß sich, und die Lampen wurden ausgelöscht. Als niemand mehr zu sehen war, trat ich in meine Kabine. Mir war zu Mute wie einem Bräutigam, nur der vielsagende Blick und das Grinsen des Schaffners störten mich etwas. Miß Ethel hatte das untere Bett genommen, und lag schon in tiefem, ruhigem Schlaf. Sie sah jetzt viel jünger aus als vorher, in ihrem Nachthemd aus lila Batist, das am Halse geschlossen war. Ihre Kleider lagen sorgfältig zusammengelegt am Fußende des Bettes, das Korsett hatte sie in einen Unterrock eingewickelt. Das Ganze hatte etwas so Amüsantes und Nettes. Ich empfand wirklich nur das keusche Verlangen, sie auf die Stirn zu küssen ohne sie zu wecken. Und ich muß gestehen, der Gedanke, mich dicht neben ihrem Bett auszuziehen, war mir entsetzlich peinlich. Wenn sie nun plötzlich aufwachte und sähe mich in Unterhosen oder im Nachthemd dastehen. »War das nun Schamgefühl oder nicht?« »Umgekehrt – das Gefühl, daß Miß Ethel sich schämen würde,« bemerkte jemand aus der Gesellschaft. »Nun, das kommt doch auf eins heraus. Allzu subtil wollen wir denn doch nicht werden. Soviel steht jedenfalls fest: ich kletterte völlig angezogen in mein Bett hinauf, kleidete mich dort mit größter Vorsicht aus und gab mir alle Mühe, auch nur das leiseste Geräusch zu vermeiden, damit sie nicht aufwachte. Übrigens war ich ziemlich schlechter Laune und wünschte alle Abenteuer zum Teufel. Am nächsten Morgen gegen sechs Uhr weckte mich ein leises Rascheln unter mir, Miß Ethel erhob sich. Das wäre nun doch eigentlich der Moment gewesen, wo ich mich ein bißchen für meine Gefälligkeit hätte belohnen dürfen, nicht wahr? Aber wollt Ihr mir glauben, daß ich tatsächlich nicht den Mut hatte. Ich verkroch mich in meine Ecke, ohne auch nur einen Augenblick hinzuschielen, ja, ich hatte förmlich Angst davor, sie im Negligé zu sehen. Mir war ganz beklommen und nervös zumut, und ich atmete erst auf, als sie die Kabine verlassen hatte. Dann stand ich rasch auf und zog mich an. Eine Viertelstunde später saßen wir gemütlich in unserer Kabine, die Betten waren weggeräumt, und es sah jetzt wieder aus wie ein gewöhnliches Coupé. Miß Ethel plauderte in aller Seelenruhe mit mir, sprach über Bordeaux und Paris, über das Wetter und über Reisen. Es war das richtige, unbedeutende Geschwätz eines jungen Mädchens, aber ganz nett anzuhören. Dann kamen wir in Paris an. Ein rotblonder Jüngling erwartete sie am Bahnhof und schloß sie zärtlich in die Arme. Nachdem er sie auf beide Wangen geküßt hatte, wendete sie sich nach mir um und stellte uns vor. »Mein Verlobter, Monsieur Clarke – Monsieur Dartiguelongue.« – Der Herr war so liebenswürdig, seine Kabine mit mir zu teilen. Der rotblonde Jüngling schüttelte mir die Hand. Ich war so baff, daß ich wirklich nichts zu sagen wußte. Die beiden zogen dann Arm in Arm ab, und ich habe sie nie wiedergesehen.« »Nun, was meinen Sie zu dem Fall, Herr Professor?« Und der junge Gelehrte antwortete ganz ernsthaft: »Nach meiner Ansicht waren Sie in jener Nacht sehr müde, und Müdigkeit mag bei einem Mann vielleicht eine besondere Form von Schamhaftigkeit darstellen.« Die Kur Gestern abend hatte ich bei einer Gesellschaft Madame de Sénanges als Tischnachbarin. Nach Pariser Begriffen ist Madame de Sénanges noch eine junge Frau, daß heißt, ihr Alter mag sich so um fünfunddreißig herum bewegen, man weiß es nicht genau. In diesem Punkt ist man in Paris bekanntlich sehr höflich. Und sie vermag ihr Geheimnis besser zu wahren als manche andere, sie ist schlank und graziös, ihr Gesicht zeigt nicht das leiseste Fältchen, und ihre Haare sind von einem Dunkelblond, das nicht leicht ergraut. Zudem versteht sie sich ausgezeichnet auf alle die Künste, mit deren Hilfe die Pariserinnen das Alter fast bis zu ihrem Tode abzuwehren wissen. Sie ist immer tadellos gekleidet und frisiert und weiß jede Eigenart ihres Typs durch ihre Toilette zur Geltung zu bringen. Seit zwei Jahren war ich ihr nicht mehr in der Gesellschaft begegnet. Dazumal hatte man sie überall getroffen, sie gehörte zu den Pariser Damen, die so viel mitmachen, daß man glauben könnte, sie tauchten zu gleicher Zeit an den verschiedensten Orten auf. Tagsüber sah man sie bei den Rennen, in den Ausstellungen, bei allen möglichen Raouts und Tees und abends in Premieren, bei Diners und andern Festlichkeiten. Und dieses aufreibende Dasein hielt das zarte Persönchen etwa zwölf Jahre lang aus, ohne daß man ihr jemals etwas von Ermüdung anmerkte. Nur war sie in der letzten Zeit noch schlanker geworden. Und dann plötzlich war Madame de Sénanges von der Bühne des gesellschaftlichen Lebens verschwunden. Man merkte es anfangs nicht einmal, und die Zeitungsberichte nannten noch eine Zeitlang ihren Namen weiter, wenn von offiziellen Festlichkeiten die Rede war. Am Neujahrsabend hatte sie Paris verlassen, und es hieß, sie sei mit ihrem Mann nach dem Süden gegangen. Genaueres wußte niemand darüber. Der Mann kam vier Wochen später allein zurück. Übrigens ist er ein ganz netter Mensch mit tadellosem Benehmen und gilt für einen ziemlichen Lebemann. Als man sich nach seiner Frau erkundigte, sagte er nur: »Sie ist etwas angegriffen, und der Arzt hat ihr geraten, noch einige Zeit im Süden zu bleiben.« So verging der Winter, dann das Frühjahr, und man gewöhnte sich allmählich daran, Sénanges ohne seine Frau zu sehen. Man fragte nur selten mehr nach ihr, da er etwas ausweichend zu antworten pflegte. Und mit der Zeit geriet die reizende kleine Frau mit dem dunkelblonden Haar völlig in Vergessenheit. In Paris werden ja Menschen wie Dinge so rasch vergessen, wenn man sie nicht täglich vor Augen hat. Selbst die Reporter pflegten ihren Namen nicht mehr gewohnheitsmäßig mitzunennen, wenn sie über die Veranstaltungen der großen Welt berichteten. Als ich mich nun gestern neben ihr an der mit Rosen und Azaleen geschmückten Tafel niederließ, war denn auch das erste, was ich sagte: »Es ist wirklich schon eine Ewigkeit her, gnädige Frau, seit ich zuletzt das Vergnügen hatte, Sie zu sehen.« Sie antwortete nicht gleich, sondern sah mich mit einem Blick an, den ich an ihr noch nicht kannte, viel ernster als früher und dabei leicht ironisch. Dann sagte sie: »Geben Sie nur ruhig zu, daß Sie sich eben erst wieder an mich erinnerten, weil Sie mich zufällig hier trafen. – Nein, keine Redensarten – ich finde es ja ganz selbstverständlich, daß man Leute vergißt, die man nicht mehr sieht. In Paris hat man an so viel andre Dinge zu denken.« »Ich kann Ihnen aber versichern, gnädige Frau, daß Paris sich sehr bald wieder mit Ihnen beschäftigen wird, um so mehr, als Sie noch schöner und jünger zurückgekehrt sind, wie Sie uns verlassen haben.« Darauf sagte sie nur: »Ja, es geht mir auch viel besser.« Ihr Nachbar zur Rechten richtete jetzt das Wort an sie, und sie plauderte eine Zeitlang mit ihm, während ich mich ebenfalls der Dame, die links von mir saß, widmete. Sobald ich Gelegenheit fand, unser Gespräch wieder anzuknüpfen, fragte ich: »Waren Sie denn leidend, gnädige Frau?« »Ja, sogar sehr krank.« »Neurasthenie?« »O nein, die Sache war viel ernster. Ich fühlte mich anfangs nur etwas matt und magerte sehr ab. Man behandelt mich aufs Geratewohl, bis man schließlich darauf kam, daß ich in Tuberkulose machte, wie unsre modernen Ärzte sagen. Dann wurde ich schleunigst nach Malvezin bei Lausanne ins Sanatorium geschickt. Und da bin ich anderthalb Jahre geblieben.« »Aber es hat Ihnen geholfen?« »Ja, ich bin jetzt vollkommen wiederhergestellt.« »Und wir werden Sie hoffentlich wieder bei allen Festlichkeiten zu sehen bekommen?« »O nein.« Das kam entschieden so von Herzen, daß ich wohl fühlte, es war ihr Ernst. »Müssen Sie sich denn noch sehr schonen?« »O kaum, das würde mich nicht hindern, wieder so zu leben, wie ich es früher tat. Aber glauben Sie mir, ich habe gar keine Lust mehr dazu.« Auf der andern Seite des Tisches wurde jetzt so laut gelacht, daß wir nicht weitersprechen konnten. Einer von den Gästen, übrigens ein geistreicher Mensch erzählte eine skandalöse Anekdote. Ganz Paris kannte die Namen der Beteiligten, und er gab sich auch gar keine Mühe, sie zu verheimlichen. Als er geendet hatte und das Gelächter, sich wieder legte, fuhr Madame de Sénanges fort: »Sehen Sie, lieber Freund, man braucht nur eine solche Anekdote zu erzählen, wie jetzt eben, so fühle ich schon, daß ich nicht mehr ›auf der Höhe‹ bin, wie man zu sagen pflegt. Nicht, daß ich inzwischen prüde geworden wäre. Aber ich interessiere mich absolut nicht mehr für all dies überflüssige, künstliche Getu, das früher meinen Lebensinhalt bildete; und seit ich wieder hier bin und das alles wieder mit ansehe und anhöre, konstatiere ich fortwährend, daß ich ganz anders geworden bin. Ich komme mir in dieser Umgebung vor wie eine Fremde, wie ein Eindringling.« Die Tafel wurde aufgehoben, ich bot Madame de Sénanges den Arm und führte sie in den Salon. Statt den Herren in das Rauchzimmer zu folgen, bat ich sie um Erlaubnis, mich noch etwas mit ihr unterhalten zu dürfen. Sie lächelte. »Sie amüsieren sich wohl über das, was ich Ihnen vorhin gesagt habe. Und wahrscheinlich denken Sie: Aha, das ungewohnte Pariser Treiben macht die kleine Frau nervös, nachdem sie so lange in der Stille gelebt hat, Und nun bildet sie sich ein, ihr Innenleben wäre ein andres geworden, aber ich möchte wetten, in sechs Wochen treibt sie es wieder ebenso toll wie in früheren Zeiten. – Gestehen Sie nur, daß ich Ihre Gedanken erraten habe.« Ich mußte ebenfalls lächeln, während ich erwiderte: »Nein, ich habe mich in Gedanken jedenfalls anders ausgedrückt.« »Aber gedacht haben Sie es doch. Und Sie sind wirklich im Irrtum. – Ich werde nie wieder so werden, wie ich damals war. Und ich möchte gerne, daß Sie mich verstehen. – – Stellen Sie sich nur einmal vor, wie ich damals abreiste. Am Abend vorher hatte ich mich ganz ruhig schlafen gelegt, ich fühlte mich etwas angegriffen wie immer, aber ich dachte gar nicht daran, daß mir etwas Ernstes fehlen könnte. Beim Aufwachen spürte ich etwas im Halse, ich hustete, um es loszuwerden, und fühlte plötzlich einen salzigen Geschmack im Munde – es war Blut. Natürlich großer Schrecken, – es wurde sofort nach dem Arzt telephoniert. Er untersuchte mich und verlangte, ich solle sofort nach Malvezin fahren. Von dem Moment an war mein bisheriges Leben plötzlich wie ausgelöscht. Sie können sich denken, daß ich nicht einmal mehr Zeit hatte, alle möglichen Verabredungen rückgängig zu machen. Ich mußte dabeisitzen, wahrend meine Koffer eingepackt wurden, und am Abend um neun Uhr fuhr ich mit meinem Mann ab. Den nächsten Morgen um zehn war ich schon im Sanatorium, hoch oben in den Bergen, bei strahlendem Sonnenschein und zwölf Grad Kälte. Tags darauf fuhr mein Mann wieder ab. In den anderthalb Jahren hat er mich viermal besucht und blieb jedesmal nur einen Tag. Diese plötzliche Veränderung, die neue Umgebung und die völlig ungewohnte Lebensweise, alles das stimmte mich natürlich nachdenklich. Aber was meine Stimmung am meisten beeinflußte, war der Gedanke an den Tod. Haben Sie nur keine Angst, daß ich mich in schönen Redensarten ergehen will. O Gott, nein! Aber stellen Sie sich nur vor, wie der Gedanke, sterben zu müssen, auf das Gemüt einer kleinen Pariserin wirkt, die immer nur an das Leben gedacht hat – und an was für ein Leben! Und von jenem furchtbaren Morgen an mußte ich nun fortwährend an die dunkle enge Grube denken, die uns alle einmal aufnehmen wird – früher oder später. – Zum erstenmal war diese Vision vor mir aufgestiegen, als ich am Abend der Abreise mein Zimmer verließ. Einige meiner Bekannten hatten mir Blumen geschickt, und unwillkürlich kam mir der Gedanke: ›ob ich dieses Zimmer wohl jemals wiedersehe? – vielleicht sind diese Blumen die letzten, deren Duft ich einatme.‹ Nachher, unter dem Einfluß des regelmäßigen Lebens im Sanatorium wurde ich etwas ruhiger, und doch war es unmöglich, sich der trüben Gedanken zu erwehren. Stellen Sie sich vor, daß Woche für Woche einer oder der andre von den Patienten, der im gleichen Zustand wie man selbst hergekommen war, von denselben Sorgen und Hoffnungen erfüllt – plötzlich verschwunden ist. Mein Gott, da kommt man schließlich dazu, über den Wert und über die Vergänglichkeit des Daseins nachzudenken.« »Sie haben sich damals wohl sehr unglücklich gefühlt?« fragte ich. »Die erste Zeit ja, – dann wich die Traurigkeit allmählich von mir, und mir war nur sehr ernst zumute. Die Nervosität, die mich in Paris so gequält hatte, ließ nach, und ein Gefühl von tiefer Ruhe kam über mich. – Ich tat, was ich konnte, wieder gesund zu werden, aber ich hätte mich auch in mein Schicksal ergeben, wenn es anders gekommen wäre. Und aus dem Gefühl meines eignen Elends heraus lernte ich Mitleid mit den andern empfinden. Wissen Sie, was mich am meisten wunderte? Daß ich mich so gar nicht nach meinem Pariser Leben zurück sehnte. Im Gegenteil, wenn ich daran zurück dachte, kam es mir so entsetzlich schal und nichtig vor. Mir wurde klar, daß diese Art zu leben, wie ich es früher getan hatte, ein ungeheurer Irrtum ist. Wir suchen ja nur uns durch fortwährende Zerstreuungen zu betäuben, uns selbst zu entfliehen, wir wollen nicht fühlen, daß wir leben. Und dort oben in meinen Schneebergen fühlte ich zum erstenmal, daß ich lebte, ich lernte das bloße Dasein an sich als Genuß empfinden – ohne alle Surrogate der Zivilisation. Bis dahin hatte ich überhaupt nicht gewußt, was inneres Gleichgewicht ist. Daß ich es nun endlich gefunden habe, rechne ich mir natürlich nicht zum Verdienst an, die Umwandlung hat sich ganz von selbst in mir vollzogen. Mein Herz und mein Empfinden ist allmählich gesund geworden, gerade wie meine Lunge – unter dem Einfluß eines regelmäßigen Lebens in Ruhe und Einsamkeit.« »Und Sie glauben, daß dieses innere Gleichgewicht hier in Paris nicht wieder ins Schwanken geraten wird?« »O nein, das wird es nicht. Ich wundere mich ja selbst darüber, denn ich hatte wirklich etwas Angst, ich möchte hier wieder in die alte Bahn hineingeraten. Und das wäre sehr schlimm gewesen, nachdem ich eingesehen habe, daß es die falsche für mich ist. Es hat nicht lange gedauert, bis ich mich darüber völlig beruhigen konnte. – Mir ist, als sei ein Schleier von meinen Augen genommen. Es ist mir ganz unmöglich, diese Art Leben, wie mein Mann es führt, wieder mit ihm zu teilen. Er möchte ja gerne, daß ich es täte, und um ihn nicht zu kränken, werde ich ja auch hier und da mit ihm in Gesellschaft gehen. – Aber mir ist dabei zu Mute, wie einem faulen Beamten in seinen Bureaustunden – er wird tun was er kann, sich möglichst bald wieder drücken zu können. – Sie sehen ja selbst, ich habe sogar den richtigen Gesellschaftston ganz verlernt, und ich fürchte, ich werde nicht immer liebenswürdige Zuhörer finden wie Sie.« – Aber jetzt kam der Herr des Hauses auf uns zu und sagte: »Schau, schau – mir scheint dieser Flirt hat jetzt wirklich lange genug gedauert.« Das Tandem »Zweifellos ist der Sport für gesunde Menschen von großem Wert,« sagte Doktor Garnier. »Ich glaube sogar aus eigner Erfahrung, daß er unter Umständen einem Kranken das Leben retten kann. Mir ist da vor einiger Zeit ein ganz merkwürdiger Fall vorgekommen.« »Aha, eine Anekdote,« meinte einer von den Zuhörern und goß sich ein Glas Kognak ein. »Nun ja, Sie können es auch eine Anekdote nennen,« antwortete der Doktor jovial. »Vor vier Jahren, um die Weihnachtszeit, besuchte ich meinen Freund und Kollegen William Scott drüben in England. Er wohnte in einer kleinen Stadt, nicht weit von London und hatte sich dort eine gute Praxis erworben. Übrigens war er Witwer, und von seinen fünf Töchtern waren schon zwei an der Schwindsucht gestorben, die ja dort drüben jenseits des Kanals so zahlreiche Opfer fordert. Die beiden jüngsten waren Zwillingsschwestern, zwei blühende Kinder von neun Jahren, die älteste mochte etwa neunzehn zählen, und auch sie zeigte schon charakteristische Symptome der schrecklichen Krankheit. Die schönen blauen Augen waren allzu groß und hatten einen verdächtigen Schimmer, und ihre blühende Farben vermochten den Blick des Arztes nicht zu täuschen. Ada Scott war mit einem jungen Ingenieur verlobt, ob und wann er sich mit seinem Beruf beschäftigte, ist mir nie klar geworden, denn er war ein rabiater Sportsmann und brachte anscheinend sein halbes Leben damit zu, mit seiner Braut Tandem zu fahren. Was meinen alten Freund William Scott betrifft, so ließ er sich weder durch Trauerfälle noch durch Verlobungen aus seinem heitern Gleichgewicht bringen. Er war immer noch der alte, fröhliche Kumpan, wenn er mit seiner Pfeife im Munde und seinem Whisky mit Soda vor sich dasaß und Erinnerungen aus unsrer gemeinsamen Studienzeit auffrischte. Habt Ihr jemals ein englisches Christmas mit erlebt? Ihr macht Euch gar keinen Begriff von dem heitern Wohlleben, das da in allen Familien herrscht und die Bezeichnung ›merry old England‹ vollständig berechtigt erscheinen läßt. Sicher würde diese Woche in Sankt-Craydon zu meinen fröhlichsten Erinnerungen gehören, wenn nicht am letzten Tage oder vielmehr in der letzten Nacht noch ein Zwischenfall eingetreten wäre, der mich melancholisch stimmte.« »Umschwung,« verbesserte derselbe Herr, der unsern Doktor schon einmal unterbrochen hatte. Aber man zischte ihn nieder, und der Erzähler fuhr fort: »In der Nacht vor meiner Abreise, saß ich noch spät in meinem Zimmer, rauchte eine Zigarette und las den Daily Telegraph. Da wurde leise an meine Tür geklopft, und noch ehe ich Herein rufen konnte, trat Ada Scott in einem hellblauen Peignair herein. Ich war im ersten Moment etwas verblüfft, und die seltsamsten Vermutungen durchkreuzten mein Gehirn. Aber Ada klärte mich rasch über den Zweck ihres Besuches auf: »Herr Doktor,« sagte sie, »entschuldigen Sie, daß ich noch so spät störe. Aber Sie sagten einmal, daß Sie immer noch eine Stunde vor dem Schlafengehen zu lesen pflegten, so war ich sicher, Sie noch nicht im Bett zu treffen. Übrigens wollte ich Sie nur um einen ärztlichen Rat bitten.« Ich bat sie, Platz zu nehmen, und ich kann nicht leugnen, daß ich eine leise Enttäuschung empfand. »Sie wissen ja, daß ich mit John Hewett verlobt bin,« begann sie, »und daß er ein junger, schöner kräftiger Mensch ist. Sein größtes Vergnügen ist, mit mir Tandem zu fahren oder zu rudern. – Und ich fürchte, ich leide an derselben Krankheit wie meine verstorbenen Schwestern. In den letzten Jahren ihres Lebens wurde ihnen jeder Sport verboten, sie durften weder Rad fahren noch rudern, mußten überhaupt alle körperlichen Übungen aufgeben. Wenn es mir ebenso ginge, würde ich meine Verlobung mit John sofort auflösen, denn was soll er mit einer Frau, die sich nicht rühren kann. Er wäre totunglücklich mit ihr. – Und da ich Papa nichts davon sagen mochte, wende ich mich an Sie. Wollen Sie so freundlich sein, mich zu untersuchen?« Was sollte ich tun? Ich konnte nicht anders, als ihre Bitte erfüllen. Die heitre Seelenruhe, mit der sie die Untersuchung über sich ergehen ließ, war etwas deprimierend für mich. Denn ich sah wohl, daß ein alter Doktor von fünfundvierzig Jahren als Mann für sie gar nicht in Betracht kam. »Nun?« fragte sie, als ich mit der Untersuchung fertig war. Ich schwieg. »Sagen Sie mir bitte die Wahrheit. Ich bin verloren, nicht wahr?« Dabei sah sie mich mit ihren großen lichten Augen so fragend an, daß ich meine Bewegung nicht beherrschen konnte. »Es ist immer noch Hoffnung,« sagte ich leise, »die eine Lunge ist noch fast intakt. Sie müssen sich schonen.« »Also, wenn ich mich schone,« fragte sie, ohne mit der Wimper zu zucken – »bin ich dann sicher davor, nicht so jung sterben zu müssen, wie meine Schwestern? Warum antworten Sie nicht? Nicht wahr, Sie können mir nicht garantieren, daß ich am Leben bleibe, selbst wenn ich das Tandemfahren und das Rudern aufgebe?« Ich sah, daß es keinen Sinn hatte, sie zu täuschen, so schüttelte ich nur den Kopf. Ada dachte eine Zeitlang nach, dann fragte sie weiter: »Wenn ich nun John heirate und weiter mit ihm Sport treibe – riskiere ich dann, daß es sehr schnell zu Ende geht?« »Sie riskieren alles. – Etwas Bestimmtes kann ich Ihnen natürlich nicht sagen.« Sie stand immer noch nachdenklich da. Dann reichte sie mir ihre schmale blasse Hand: »Ich danke Ihnen – und sagen Sie bitte niemand etwas davon.« Einen Augenblick darauf war die zarte Gestalt verschwunden, ich hatte nicht einmal Zeit gefunden, noch irgend etwas zu sagen. * Als ich am nächsten Morgen am Bahnhof stand und auf meinen Zug wartete, erschien das Brautpaar auf seinem Tandem, mir Adieu zu sagen. John schüttelte mir die Hand, daß mir alle Knochen weh taten. Er war ein stämmiger Bursche und so jung, daß er beinah wie ein Riesenkind aussah. Ada zog mich einen Augenblick beiseite und sagte mit gedämpfter Stimme: »Mein Entschluß steht fest. Ich heirate John und fahre ruhig weiter Tandem mit ihm. Geht es dann rasch zu Ende, so bleibt es dem armen John wenigstens erspart, eine kranke Frau zu haben, die immer im Hause hockt.« Inzwischen war mein Zug gekommen. William Scott umarmte mich, und Adas schlanke durchsichtige Finger ruhten noch einen Augenblick in meiner Hand. Alle wünschten mir glückliche Reise, und dann stieg ich ein. »Ich kann mir schon denken, wie die Sache weiter ging,« warf jener unverbesserliche Störenfried dazwischen. »Als Sie das junge Paar wiedersahen, war John schwindsüchtig geworden, und Ada platzte vor Gesundheit, aber sie fuhren natürlich immer noch Tandem?« »O nein,« lachte Garnier, »so romantisch wie Sie meinen, war die Lösung nicht, aber immerhin recht merkwürdig. Daß ich in South-Croydon war, ist jetzt vier Jahre her. Und jedes Jahr um die Weihnachtszeit bekam ich eine Christmas-Card aus irgend einer andern Gegend von England. Das Bild stellte unweigerlich ein junges Paar auf dem Tandem dar, und darunter stand in Adas zierlicher Handschrift: » Merry Christmas! – I am always goingit. « Das heißt: »Fröhliche Weihnachten, es geht immer noch.« Gestern nun, am 24. Dezember, blieb die Karte zum erstenmal aus. Und ich muß sagen, mir wurde ganz beklommen zumute. Ich sah ihre unnatürlich blühenden Wangen und ihre fieberhaft glänzenden Augen vor mir und dachte: arme Kleine, nun hat sie wohl doch ihre letzte Fahrt gemacht. Aber dann um fünf Uhr – raten Sie, wer da in meiner Sprechstunde erschien? Miß Hewett in eigner Person und natürlich wie immer in Radfahrkostüm. Mein Erstaunen schien sie sehr zu amüsieren. »John kommt gleich nach,« sagte sie, »wir sind mit unserm Tandem gekommen, alle Leute haben uns nachgesehen – ist das Radfahren in Paris schon so aus der Mode?« Und ohne meine Antwort abzuwarten, fragte sie: »Nun, was sagen Sie zu mir?« Und ich erwiderte offen: »Es ist unglaublich.« Daß sie vor »Gesundheit platzte«, konnte man ja gerade nicht behaupten, aber ihr Zustand hatte sich anscheinend nicht verschlimmert. Auf ihren Wunsch untersuchte ich sie. Die Lunge war nicht ausgeheilt, aber das Übel hatte auch keine Fortschritte gemacht. »Sehen Sie, Herr Doktor, ich glaube, ich bin so glücklich, daß es mich am Leben erhält. Ich will bei John bleiben und mit ihm leben, wie er es nun einmal gerne hat, und ich bin immer so in Bewegung, daß die Krankheit mich nicht zu fassen kriegt.« Dann erschien auch John. Er war trotz allem Sport dicker geworden und hatte ein rotes Gesicht bekommen. Ich fand ihn geradezu häßlich. Aber seine Frau sah ihn ganz verliebt an und erzählte mir, daß sie schon drei Kinder hätte. Wir plauderten noch eine Weile, dann wünschten sie mir fröhliche Festtage und empfahlen sich. Ich sah ihnen noch aus dem Fenster nach, wie sie zur Erheiterung der Passanten ihr Tandem bestiegen und davonfuhren. Man sah, daß Ada ihr Pedal gut in der Gewalt hatte. Ich habe diesen merkwürdigen Fall in meine Aufzeichnungen eingetragen. – Man sieht doch daraus, daß der Wille zum Leben und die Autosuggestion viel vermag, vor allem bei einer liebenden Frau. »Und daß man sich nicht unbedingt auf die Diagnosen der Ärzte verlassen darf,« sagte der Störenfried mit tonloser Stimme. Der 21. Dezember In einem Separatzimmer des Restaurants Voisin fand eines jener auserlesenen kleinen Herrendiners statt, die für den Pariser einer gewissen Gesellschaftsschicht geradezu eine Lebensbedingung sind. Die hier zusammen kamen, waren alles Männer, die irgend eine hervorragende Rolle im öffentlichen Leben spielten und tagsüber durch ihre Tätigkeit stark in Anspruch genommen waren. Sie bildeten einen fest in sich abgeschlossenen Freundeskreis, zu dem kein Fremder zugelassen wurde, und der sich in bestimmten Zwischenräumen hier zu versammeln pflegte, um nach des Tages Last und Hitze ein paar Stunden in gemütlichem Geplauder zu verbringen. An diesem Abend nun waren die meisten ausgeblieben. Bei dem rauhen Frühlingswetter herrschte in ganz Paris die Influenza, – einige passionierte Jäger waren hinausgefahren, den letzten Bekassinen nachzustellen, und so kam es, daß von den üblichen zwölf Gästen nur fünf erschienen waren, nämlich der Bildhauer Maigret, der Doktor Tavernier, Graf Billois, der in Nanterre eine Automobilfabrik leitete – ferner der Komponist Herbelin und der Notar Viger-Boucart. Das Essen war vorzüglich gewesen, und sie saßen jetzt in bester Stimmung beim Kaffee und rauchten gute Zigarren. Herbelin war der einzige, der Zigaretten vorzog, er rauchte eine nach der andern und warf sie weg, ehe sie halb zu Ende war. Die Likörflaschen blieben fast unberührt stehen, denn alle diese Männer, die schon in reiferem Alter standen und angestrengt arbeiteten, scheuten den Alkohol ein wenig. Herbelin und Tavernier machten ihre Glossen über die kleinen Skandalgeschichten der letzten Woche, Maigret erzählte eine komische Ateliergeschichte. Dann kam man auf die Frauen zu sprechen. Herbelin, der sehr glücklich verheiratet war, rühmte den Typus der guten Hausfrau, die dem arbeitenden Mann hilfreich zur Seite steht. Maigret hatte ein Modell geheiratet, er und Graf Billois, über dessen Ehe allerhand dunkle Gerüchte gingen, gaben ihm recht, betonten aber, wie schwer es sei, die richtige Lebensgefährtin zu finden. »Und wie denken Sie darüber, Viger?« fragte Billois. Der Notar, der mit seinem glatt rasierten Gesicht fast wie ein Geistlicher aussah, brummt vor sich hin: »Ich bin Junggesell.« »Das wissen wir,« meinte Tavernier, »aber eigentlich ist es unerhört. Du, mit deinem Namen und deiner Stellung. Aber du hast dir wahrscheinlich in Anbetracht deiner schönen Klientinnen deine Freiheit wahren wollen.« »Schöne Klientinnen! Gott soll mich vor ihnen bewahren,« rief Viger mit so aufrichtigem Entsetzen, daß alle in schallendes Gelächter ausbrachen. »Das kam von Herzen,« sagte Maigret – »ich glaube wahrhaftig, er ist ein Weiberfeind.« »Nun, damals im Quartier Latin, als wir in der Pension Laveur verkehrten, habe ich dich von einer andern Seite kennen lernen,« meinte Herbelin. Viger-Boucarts Gesicht hatte wieder seinen gewohnten Ausdruck angenommen, und er antwortete nur: »Das ist vorbei.« Und als die andern ihn fragend anblickten, fügte er hinzu: »Ja, ich habe mit diesen Dingen abgeschlossen. Als junger Mensch hielt ich es, wie alle andern, natürlich für den würdigsten Zeitvertreib, ja beinah für meine Pflicht, den Weibern nachzulaufen. Ich war der Ansicht, daß Arbeit und Galanterie sich sehr wohl vereinigen ließen, aber ein unglücklicher Zufall hat mir eine harte Lektion erteilt. Seitdem bin ich davon zurückgekommen. Da habt Ihr meine ganze Geschichte!« »Aber nein,« widersprach der Komponist, »das ist doch nicht deine ganze Geschichte, sondern nur die Moral, die du daraus gezogen hast. Komm, erzähl sie uns. Tavernier und ich haben bisher die Kosten der Unterhaltung bestritten, ihr andern habt nur dagesessen und geraucht. Also, raffe dich auf, Notar, und gib uns deine Geschichte zum besten.« Die andern baten ebenfalls, und schließlich ging der Notar darauf ein und begann seine Erzählung: »Als ich neunundzwanzig Jahre alt war, arbeitete ich in der Kanzlei meines Onkels Boucart, dessen Praxis ich später übernehmen sollte. Er hatte damals einen alten Sekretär, den er nur aus Humanität beibehielt, in Wirklichkeit lag eigentlich die ganze Arbeitslast auf mir, und ich war sozusagen die rechte Hand meines Onkels. Nun, ich war damals sehr fleißig, mein Beruf machte mir Freude, und so kam es, daß die Klienten sich mit Vorliebe an mich wandten. Ihr könnt euch ja denken, daß ich mit größerem Feuer drauflos ging als mein Onkel, der noch zur alten Schule gehörte und eine etwas langsame, feierliche Art hatte. Außerdem war ich damals wirklich ein hübscher Kerl – Herbelin kann es euch bezeugen.« »Du könntest immer noch ganz gut aussehen,« unterbrach ihn Herbelin, »wenn du dich nicht herrichtetest wie ein Geistlicher. Warum hast du dir deinen schönen blonden Bart abschneiden lassen, der dir so gut stand.« »Erstens wäre er wahrscheinlich nicht ewig blond geblieben,« antwortete der Erzähler, »und zweitens hatte ich meine Gründe, ihn zu opfern, wie ihr noch erfahren werdet. Herbelin war nicht der einzige, auf den mein blonder Bart Eindruck machte. Schon auf der Universität verdankte ich ihm einige entzückende kleine Abenteuer, und meine Klientinnen betrachteten ihn ebenfalls mit Wohlgefallen. – Es wird oft behauptet, daß die Weiber einem Mann nachlaufen, weil er geistreich oder talentvoll ist, weil er in der Gesellschaft eine Rolle spielt oder wohlhabend ist. Ich halte das für grundfalsch. Meine persönlichen Beobachtungen und meine Erfahrungen als Rechtsanwalt haben mich gerade das Gegenteil gelehrt: sie laufen instinktiv nur den hübschen Kerlen nach. Nur sind diese meistens so dumm, daß sie ihre Chancen nicht ausnutzen, und dadurch gleicht sich die Sache wieder zugunsten der andern aus. Mit dreißig Jahren nun, darin werdet Ihr mir beistimmen, fühlt man eine solche Lebenskraft und Lebenslust in sich, daß man alles zugleich sein möchte: reich, geliebt, einflußreich und so weiter. So kam es mir ganz selbstverständlich vor, daß mein Beruf, alle diese verschiedenen Gelüste befriedigen sollte. Und mein Onkel Boucart, der bei all seiner anscheinenden Schläfrigkeit einen hervorragenden Scharfblick besaß, wurde es nicht müde, mir immer wieder Moralpredigten zu halten. »Nur nicht mit den Klientinnen poussieren,« war seine ständige Mahnung. Manchmal drückte er sich auch energischer und weniger galant aus: »der Architekt darf nicht mit seinen Maurern Schnaps trinken.« Aber ich dachte bei mir: der gute Onkel ist eben ein vorsintflutlicher Anwalt. Und ich trank erst recht mit meinen Maurern Schnaps – und zwar nach Herzenslust – denn ich war fest überzeugt, daß ich mir das ruhig leisten könne, ohne den Kopf zu verlieren. Schließlich trat der gute Onkel Boucart mir seine Praxis für 600 000 Francs ab. Ich zahlte ihm einstweilen nur die Hälfte, die schon mein ganzes Vermögen verschlang. Den Rest sollte ich ihm in den nächsten zehn Jahren von meinem Einkommen amortisieren. So hatte ich also mit meinen dreißig Jahren eine der bekanntesten Anwaltskanzleien inne, und die Sache ging großartig – ich hatte entschieden mehr Geschäftsgenie als mein Onkel. Nur war jetzt niemand mehr da, mich zu überwachen und im Zaume zu halten – und ich amüsierte mich besser als je zuvor. So hatte ich eine Klientin, eine reizende Amerikanerin – ich will sie bequemlichkeitshalber Mrs. Smith nennen. Sie war viel in Europa gereist und hatte einen italienischen Fürst geheiratet. Das junge Paar ließ sich dann in Paris nieder, wo auch der alte Fürst wohnte. Aber schon nach anderthalb Jahren kam sie dahinter, daß ihr Mann sie hinterging, ließ sich scheiden und nannte sich wieder Mrs. Smith. Der Mann hatte sich bei der Sache so schmachvoll benommen, daß selbst der alte Fürst für seine Schwiegertochter Partei ergriff. Er dachte sogar daran, seinen Sohn aufs Pflichtteil zu setzen und ihr den Rest seines Vermögens zu vermachen. Es war ein etwas schwieriger Fall, denn es war vorauszusehen, daß der benachteiligte Erbe sie der Erbschleicherei bezichtigen und mit den übelsten Beschuldigungen ins Feld rücken würde. So nahm Mrs. Smith ihre Zuflucht zu mir, ich sollte ihr raten, wie das Testament abzufassen sei und wie sie jetzt die Beziehungen zu ihrem Schwiegervater gestalten sollte, um sich nicht in ein falsches Licht zu setzen. Sie suchte mich oft in meinem Bureau auf, wie ich bald bemerkte, öfter, als unbedingt notwendig gewesen wäre. Kurz, es entspann sich ein Flirt zwischen uns. Sie war übrigens recht hübsch, die kleine Mrs. Smith, und nicht uninteressant, ein merkwürdiges Gemisch von Temperament und Sinn fürs Praktische. Sie war sehr darauf bedacht, ihre berechtigten Interessen wahrzunehmen, hätte es aber nie über sich gebracht, um des Geldes willen irgend eine unfaire Handlung zu begehen. Dabei war ihr Lebenswandel zweifellos völlig einwandfrei, Liebe und Ehe waren für sie ein untrennbarer Begriff. Wenn man sich liebte, so heiratete man sich auch, davon ließ sie sich durchaus nicht abbringen. Und nachdem das einmal festgestellt war, hatte sie weiter nichts dagegen, auf freundschaftlichem Fuß mit mir zu verkehren. Als geschiedene Frau konnte sie sich ja immerhin eine gewisse Bewegungsfreiheit erlauben. Und ich dachte mir: Warum soll ich sie eigentlich nicht heiraten? Sie ist einfach reizend, und sie hat Vermögen, aber wiederum nicht so viel, daß es aussieht, als ob ich mich verkaufte. Außerdem hat sie mich entschieden ganz gern. – Na, wir werden ja sehen.« »Und das nennst du Liebe, du Aktenmensch!« schrie Maigret. »Unterbrich mich nicht,« antwortete Viger, »ich wollte gerade hinzufügen, daß trotz all dieser nüchternen Erwägungen die Reize meiner Klientin mich eigentlich völlig gefangen hielten. Mehr als ich mir selbst eingestehen wollte. Diese kleine Frau hatte eine Art mir zu sagen, sie hätte mich gern, und mir dann doch nicht die harmloseste Annäherung zu gestatten, daß mir manchmal heiß und kalt wurde. Kaum ein Nachmittag verging, ohne daß sie auf meinem Bureau erschien, und ihr Parfüm – Iris und Iicky – wich nicht mehr aus meinen Räumen. Machte ich irgend einen Scherz, der ihr zu gewagt erschien, so strafte sie mich dadurch, daß sie den nächsten Tag wegblieb. Und ich war schwach genug, ihr dann flehende Briefe zu schreiben.« »So, das gefällt mir schon besser«, meinte Herbelin, »du scheinst doch in deiner Jugend so etwas wie ein Herz gehabt zu haben.« »Nenn es meinetwegen Herz,« sagte der Notar trocken. – »Und dieses sogenannte Herz sollte bald noch heftiger schlagen. An einem Dezemberabend war ich mit Mrs. Smith in einer Gesellschaft – denn sie schleppte mich jetzt überall mit hin. – Als ich sie an ihren Wagen brachte, sagte sie mit einem Blick, dem selbst Onkel Boucart nicht widerstanden hätte: ›Hören Sie, in einigen Tagen ist die Premiere der »Renaissance« – Sie wissen doch das Stück von diesem jungen Dichter, der so talentvoll sein soll. – Ich möchte es auf jeden Fall sehen – nehmen Sie eine Loge, dann gehen wir zusammen hin und soupieren nachher irgendwo – nur wir zwei. Sagen Sie nichts, bitte – und lassen Sie meine Hand los. Erkundigen Sie sich, an welchem Tag das Stück gegeben wird, und lassen Sie mich die Logennummer wissen. Ich komme bis dahin nicht mehr auf Ihr Bureau, und Sie dürfen mich auch nicht besuchen. Ich will Ruhe haben, um über allerhand nachzudenken.‹ Damit ließ sie mich stehen und stieg in ihr Coupé, das rasch davon rollte. Ich ging heim und war glückselig wie ein verliebter Gymnasiast. Wenn ich jetzt, nach zwanzig Jahren daran zurückdenke, bin ich mir ganz klar darüber, was sie beabsichtigte. Sie wollte ganz einfach einen Abend mit mir allein sein, um mir liebenswürdig und dezent mitzuteilen, daß sie nichts dagegen hätte, meine Frau zu werden. Wir wußten ja beide ganz gut, wie es um uns stand, hatten uns aber nie darüber ausgesprochen. – – Ich muß allerdings gestehen, daß ich an jenem Abend nicht unbedingt ernste Heiratsgedanken im Kopfe hatte. – ›Einen ganzen Abend mit ihr allein,‹ sagte ich mir – ›nun, wir werden ja sehen!‹ Gleich am nächsten Morgen studierte ich die Zeitungen, um das Datum der Aufführung festzustellen. Aber es war noch nicht endgültig festgesetzt. Voller Ungeduld schrieb ich an die Direktion, bestellte eine Loge und ersuchte, mir Mitteilung zu machen, sobald der Tag bestimmt sei. Wie sie vorhergesagt hatte, ließ Mrs. Smith sich in der Zwischenzeit nicht bei mir blicken. Statt dessen kam am übernächsten Tage ein Billett von ihrem Schwiegervater. Sein Herzleiden hatte sich plötzlich in bedenklicher Weise verschlimmert, und daraufhin wollte er jetzt schleunigst das beabsichtigte Testament aufsetzen. Da er zu Bett lag und nicht lange schreiben konnte, bat er mich, gleich heute Nachmittag mit den üblichen Zeugen zu ihm zu kommen. Seiner Schwiegertochter möchte ich nichts davon sagen, um sie nicht zu beunruhigen. Etwas vor vier Uhr verließ ich in Begleitung der erforderlichen vier Zeugen mein Bureau, mich zu dem alten Fürsten zu begeben, als der Portier mir einen Rohrpostbrief überreichte. Es war das Logenbillett für die »Renaissance«. Meine Begleiter haben sich gewiß gewundert, denn ich wurde rot und meine Hände zitterten, als ich das Billett sah. Das Datum der Aufführung stand darauf – am 21. Dezember. Heute war der 19. Also noch zweimal vierundzwanzig Stunden. Dann stiegen wir in eine Droschke, und ich hatte alle Mühe, mein Gesicht für die bevorstehende Amtshandlung in ernste Falten zu legen. Der alte Fürst machte einen bedenklichen Eindruck, sein Gesicht war wachsbleich und die Hände angeschwollen. Ich wollte ihm ein Paar tröstende Worte sagen, aber er lenkte gleich ab: ›Wir wollen uns beeilen, Sie sind ja über meine Absichten unterrichtet. Den Pflichtteil ausgenommen, will ich alles meiner Schwiegertochter hinterlassen. Setzen Sie es bitte so auf, daß das Testament nicht angefochten werden kann.‹ Ich hatte das Schriftstück schon im voraus aufgesetzt und las es ihm vor. Er war einverstanden, und nun übertrug ich es auf Stempelpapier. Ich fühlte mich sehr glücklich bei dieser Arbeit, denn es handelte sich ja um meine teure Klientin. ›Am 21. werde ich wohl mein Berufsgeheimnis verletzen,‹ dachte ich im stillen, »und ihr erzählen, daß das Testament gemacht ist. Ja, am 21. – in zwei Tagen.« »Warum lächelst du, Herbelin?« »Na, weißt du, das bringt doch nur ein Notar fertig, bei der Abfassung eines Testaments noch frivole Nebengedanken im Kopf zu haben. Aber erzähl weiter, wir zappeln vor Ungeduld.« Als ich damit fertig war, las ich dem Fürsten und den vier Zeugen das Schriftstück vor. Niemand hatte etwas einzuwenden, der Fürst unterzeichnete, und dann verließen wir das Haus. »Ich kann mir jetzt beinah denken, wie die Geschichte endigt,« sagte Graf Billois. »Dann behalt deine Entdeckung für dich und verdirb mir meinen Effekt nicht. – Also – der Fürst hatte in weiser Voraussicht gehandelt, denn am folgenden Tag um drei Uhr früh verschied er. Ich fand die Todesanzeige in der Abendzeitung, die ich vor dem Einschlafen noch im Bett zu lesen pflegte. Ich lag ganz ruhig da, und hatte gerade die Anzeige gelesen, da ließ ich plötzlich das Blatt fallen und fuhr in die Höhe. Denn in demselben Augenblick sah ich ganz deutlich die letzten Zeilen des Testaments vor mir, das ich gestern abend niedergeschrieben hatte, und da stand es schwarz auf weiß: »Im Jahre achtzehnhundertvierundachtzig, am einundzwanzigsten Dezember.« – Versteht Ihr – am 21. Dezember. Ich sah diese vier Worte vor mir, als hätte ich sie gerade hingeschrieben. Am 21. Dezember – das war das Datum der Aufführung – das war morgen. Und der Fürst war heute gestorben, am 20. – Das Testament war ungültig.« »Aber ich bitte dich,« rief Herbelin, »das hatte sich doch beweisen lassen.« »Ja, du hast eine Ahnung. Nein, mein Lieber, bleib du bei deinem B-moll und schlag dir solche Gedanken aus dem Kopf. Wenn ich mich wirklich im Datum geirrt hatte, so konnte man beweisen, daß ich mich geirrt hatte, weiter nichts. Und natürlich war ich als Notar für meinen Irrtum verantwortlich. Die Jurisprudenz hält sich eben an jede Formalität, und es wäre nicht der erste Fall gewesen! Hatte ich ein falsches Datum geschrieben, so mußte ich für die Summe von 400 000 Francs haften, die laut dem Testament Mrs. Smith zufallen sollten. Und ich besaß nicht einen Heller, da ich meinem Onkel noch 300 000 schuldig war. In dieser denkwürdigen Nacht habe ich an allen Gliedern gezittert wie ein Fieberkranker, ich war nicht einmal imstande, aus dem Bett zu springen. – Vergebens suchte ich mich zu beruhigen, indem ich mir sagte: es ist ja nicht möglich – ich habe das Testament dem Fürsten und den Zeugen vorgelesen – es hätte ihnen doch auffallen müssen, wenn ich wirklich 21. Dezember statt 19. Dezember geschrieben hatte. – Dann dachte ich wieder an ähnliche Vorkommnisse, von denen ich gehört hatte, gerade bei Testamenten war es schon dagewesen, daß irgendein Irrtum untergelaufen war, und niemand hatte darauf geachtet. Es schlug halb eins, als es mir endlich gelang, aufzustehen und in meine Beinkleider zu schlüpfen. Mein Bureau lag in demselben Hause, nur einen Stock tiefer. So ging ich mit einem Leuchter in der Hand hinunter und schlich mich wie ein Dieb in mein Privatzimmer. – Ja, da war das Testament, rasch überflog ich die letzten Zeilen – und da stand wahrhaftig: am 21. Dezember. Das Testament war ungültig. Ich muß mir selbst das Zeugnis ausstellen, daß ich es ruhig wieder zu den Akten legte, die Akten in den Schrank schloß und ruhig in mein Zimmer zurückkehrte. Daß die Sache wirklich stimmte, setzte mich nicht weiter in Erstaunen. Den eigentlichen Schrecken hatte ich ja schon durchgemacht, als ich beim Lesen der Anzeige durch eine Art von Telepathie meinen Irrtum entdeckte. Jetzt hatte ich meine Kaltblütigkeit wiedergefunden. Aber ich will euch nicht weismachen, daß ich in dieser Nacht geschlafen oder sie mit angenehmen Gedanken verbracht hätte. Ihr würdet es mir auch nicht glauben. Ich faßte alle Lösungen ins Auge, die überhaupt in Frage kommen konnten – inklusive den Revolver. – Ja, es war eine verfluchte Nacht. Mir wird noch heute kalt, wenn ich daran denke. – Billois, gib mir doch den Kümmel herüber.« Während Viger sich ein Gläschen einschenkte und es austrank, erwogen seine Zuhörer die Frage, was er hätte tun können. »Ich hätte alles im Stich gelassen,« meinte Maigret, »das Bureau, das Testament und die Amerikanerin dazu, hätte mich in einen Nachtzug gesetzt und wäre über die Grenze. – Das Gewissen hätte mir dabei wirklich nicht geschlagen.« »Aber wovon hätte er im Ausland leben sollen – etwa von seinem schönen blonden Bart?« fragte Billois. »Nein, es wäre am einfachsten gewesen, zu der Amerikanerin hinzugehen und ihr alles zu sagen. – Schließlich war sie doch eigentlich an allem schuld – und sie war noch dazu in ihn verliebt. Sie hätte ihm schon verziehen.« Alle erklärten das einstimmig für die beste Lösung des Problems. »Und doch war es die einzige, die ich auch nicht einen Moment erwog,« nahm Viger seine Geschichte wieder auf. »Seht ihr – jeder von euch vertritt die Moral seines Milieus und seines Berufes. Und ich betrachtete die Sache eben damals schon von dem moralischen Standpunkt aus, den man als Jurist vertreten muß. Durch meine Schuld war jemand geschädigt worden. Ob es eine Frau war, die mir gerne verziehen hätte, oder nicht, das kam nicht in Betracht, sie war und blieb eben doch meine Klientin. Und durch meine Schuld hätte sie 400 000 Francs eingebüßt, denn höchstwahrscheinlich hatte ihr Exgatte das Testament angefochten und den Prozeß gewonnen. Ich traf im stillen meine Vorbereitungen um, wenn es nötig sein sollte, diskret vom Erdboden zu verschwinden. Aber vorher wollte ich noch die einzige Möglichkeit, die es für mich gab, versuchen, um die Summe aufzutreiben.« »Onkel Boucart?« fragte Maigret. »Ja, Onkel Boucart. Er war nach Neuilly gezogen und hatte dort eine entzückende Wohnung, voll von wertvollen Antiquitäten. Denn er war ein passionierter Sammler, Als ich ihn morgens um neun Uhr aufsuchte, war er gerade damit beschäftigt, ein Miniaturbildchen aus dem siebzehnten Jahrhundert durch die Lupe zu betrachten. Ich wartete, bis er seine Lupe weglegte, und erzählte ihm kurz und bündig die ganze Geschichte, angefangen von meinem Flirt mit Mrs. Smith, bis zu der verhängnisvollen Verabredung im Theater und der unseligen Datumsverwechslung. Mein Onkel unterbrach mich nicht ein einziges Mal, aber ich sah ihm an, daß meine Erzählung ihn tief erregte. – »Ich bin verloren,« dachte ich bei mir, »er wird mich zum Teufel schicken, mich verleugnen, enterben und sich von mir lossagen«. – Aber trotzdem vollendete ich meine Beichte. – Und nun kam er auf mich zu, reichte mir seine welke Greisenhand und sah mir mit demselben Blick in die Augen, mit dem er vorhin die Miniatur betrachtet hatte. »Mein armer Junge, du hast wohl daran gedacht zum Revolver zu greifen?« »Das habe ich allerdings getan, Onkel.« »Ich hab es ja gleich gewußt, sonst hättest du wohl nicht in diesem Ton gesprochen.« Dann ließ er meine Hand los und setzte sich nieder: ›Natürlich mußt du zuerst versuchen, Mrs. Smith zu bewegen, daß sie keine Ansprüche gegen dich geltend macht. Selbst, wenn sie ihre Erbschaft einbüßt, was höchstwahrscheinlich ist.‹ ›Mein, lieber Onkel – Mrs. Smith muß ihr Geld bekommen – oder – – ‹ Onkel Boucart ließ mich nicht aussprechen – er nahm meinen Kopf zwischen seine Hände und küßte mich: ›Schweig, dummer Junge – du weißt sehr gut, daß ich dich nicht in der Klemme sitzen lasse. Du bist ein echter Boucart. Wärst du zu der Erbärmlichkeit imstande, deine Klientin darum zu bitten – so hättest du mich nie wiedergesehen. Wenn dieses Teufelsweib auch eigentlich verdient hätte, sein Vermögen zu verlieren. – Man gibt sich nicht Rendezvous mit seinem Rechtsanwalt – man soupiert nicht unter vier Augen mit ihm – verwirrt sein Gedächtnis nicht mit Theateraufführungen, so daß er nachher die Daten verwechselt. Da siehst du nun, mein Junge, was dabei herauskommt, wenn der Architekt mit seinen Maurern kneipt. – Siehst du, ich hab mich als Anwalt mein Leben lang nicht darum gekümmert, ob meine Klientinnen braune oder blaue Augen hatten. Selbst meine selige Frau hatte ich darnach erzogen, daß sie sich aller überflüssigen Höflichkeiten gegen meine Klienten enthielt.‹ Ich sah die gute alte Tante Boucart vor mir, wie sie in ihrem schwarzen Seidenkleid und mit einer Tüllhaube auf dem Kopf im Hause herumhuschte und sich unaufhörlich mit ihren Dienstboten, mit den Schreibern und Praktikanten herumzankte. Und ich mußte unwillkürlich lächeln. »Ja, lach nur, lach nur,« brummte der Onkel. »Deine Amerikanerin wird dich allein vierhundert schöne, braune Lappen kosten. – Denn du kannst dir wohl denken, wenn du sie mir jetzt wegnimmst, nimmst du sie in Wirklichkeit dir selbst weg.« Viger-Boucart hielt inne und trank noch ein Glas Kümmel. »Kam es wirklich denn zum Prozeß?« fragte Maigret. »Nein. – Mein Onkel setzte sich mit dem Sohn des alten Fürsten in Verbindung und brachte einen Vergleich zustande. Der Exgatte ging darauf ein, weil er möglichst rasch zu seinem Gelde kommen wollte, denn der Prozeß hätte vielleicht Jahre gedauert. So erkannte er das Testament an, wenn ihm sofort eine Summe von 250 000 Francs ausbezahlt würde.« »Und wie verlief der Abend in der Renaissance?« »Er kam überhaupt nicht zustande, mein Lieber. Ich kann mir denken, daß ich dadurch in Eurer Meinung bedeutend sinke – aber ich hatte das Datum, den unglückseligen 21. Dezember – vollständig vergessen. Den ganzen Tag über war ich durch die Besprechung mit meinem Onkel und durch meine eignen Konsultationen in Anspruch genommen, kam erst nach Mitternacht nach Hause, legte mich zu Bett und schlief wie ein Toter. Am nächsten Morgen, als ich aufwachte, fiel mir ein, was ich versäumt hatte. Ihr mögt darüber denken, wie ihr wollt, ich kann nur sagen, daß es mich ziemlich kalt ließ.« »Und Mrs. Smith?« »Ich hab sie nur noch einmal wiedergesehen. Sie war damit einverstanden, daß mein Onkel die geschäftliche Seite der Angelegenheit in die Hand nahm. Als alles geregelt war und sie die Erbschaft angetreten hatte, beschloß sie, in ihre Heimat zurückzukehren. Zwei Tage vor ihrer Abreise erschien sie noch einmal auf meinem Bureau. Sie schien durchaus nicht bewegt, und ich konstatierte mit Genugtuung, daß ich ebenfalls ganz ruhig war. Dann erklärte sie mir, daß sie ihre Papiere, die noch bei meinen Akten lagen, wiederhaben möchte, da sie nach Neuyork fahren wolle. Beim Abschied sagte ich nur: ›Ich bitte vielmals um Entschuldigung, gnädige Frau, aber es war mir damals – am 21. Dezember unmöglich, Ihnen Gesellschaft zu leisten.‹ ›O, das war ja ganz selbstverständlich,‹ erwiderte sie, ›deshalb bin ich Ihnen gar nicht böse gewesen.‹ ›Weshalb waren Sie mir denn böse?‹ fragte ich erstaunt. Sie hatte schon die Hand am Türgriff und zögerte einen Augenblick. Dann sagte sie mit einem Anflug von Verlegenheit: »Ich hätte Sie in geschäftlichen Dingen für zuverlässiger gehalten.« Damit verließ sie mein Bureau. – Und ich begriff, daß diese praktische kleine Person mich ein wenig verachtete, weil ich damals aus Verliebtheit einen Augenblick meine ›self control‹ verloren hatte. Ich war in ihren Augen eben nur ›ein oberflächlicher Franzose.‹ Das war eine harte Lektion für mich. Ich muß gestehen, sie wirkte mehr auf mich als alle Vorhaltungen meines Onkels und alle Schrecken, die ich in jener schlimmen Nacht durchgemacht hatte. Ich habe von da an endgültig darauf verzichtet, mit meinen Klientinnen in persönliche Beziehungen zu treten. Nun jetzt bin ich ja über das gefährliche Alter hinaus, aber damals brauchte ich nur das berühmte Logenbillett wieder anzusehen, das ich treulich aufbewahrte – dann war ich gegen alle Versuchungen gefeit. Ich sah Mrs. Smith wieder vor mir und fühlte den letzten verächtlichen Blick, der mich aus ihren grauen Augen traf. Und ich war fest entschlossen, so zu handeln, daß nie wieder ein Klient – oder eine Klientin das Recht haben sollte, mir solche Blicke zuzuwerfen. Mein kleiner Nachbar   20. Dezember 19 .. Ich bin nun wirklich bald eine alte Jungfer und fange an resigniert zu werden. Aber ich werde mir trotz all meiner Philosophie immer klarer darüber, daß manches im Leben nicht gerade tadellos eingerichtet ist – ich selbst habe es wenigstens nicht allzugut auf dieser Welt. Vor allem ist es kalt – mein Zimmernachbar behauptet, acht Grad unter Null. – Er ist ein Bursch von sechsundzwanzig Jahren, besucht die Bergbauschule, stammt aus der Gascogne und spricht infolgedessen einen schrecklichen Dialekt. Eben habe ich in die Zeitung geschaut und da steht: im Interesse des Eissports ist es sehr zu begrüßen, daß die niedrige Temperatur wahrscheinlich noch lange anhalten wird. Aber das Blatt denkt nicht daran, seinen Lesern mitzuteilen, wie diese Ankündigung auf das Gemüt einer armen Lehrerin wirkt. Ich fühle mich versucht, der Redaktion zu schreiben, daß vierzehn Tage Frost für mich eine tägliche Mehrausgabe von 50 Centimes – macht in Summa 7 Francs 50 Centimes – bedeuten. Und dafür hätte ich mir gerade einen neuen Winterhut kaufen können. Wenn ich ihn selbst garniere, kommt er mich gerade auf so viel zu stehen. Ja, es ist kalt, und ich habe Ferien – unfreiwillige Ferien. Merkwürdig, die Engländer zeigen heuer gar keine Neigung, die Sprache Voltaires zu lernen, während jeder Franzose schon mit fünf Jahren englisch spricht, vorausgesetzt, daß er eine Gouvernante gehabt hat. Mein Gott, und ich kann ja doch nichts weiter als englisch und französisch sprechen und ein bißchen Klavier spielen. Wie sollte ich auch? Man hat es mir nicht an der Wiege gesungen, daß ich als Lehrerin endigen würde. Aber meine Eltern haben dann ihr Vermögen verloren. – In Romanen interessiert das heutzutage keinen Menschen mehr, aber im Leben spielt es trotzdem eine Rolle, kann ich euch sagen. Meine einzige Geldquelle ist momentan eine Dame aus Montevideo. Sie ist sehr hübsch, aber ihr Wissensdrang läßt sehr zu wünschen übrig. Zudem hat sie mir gleich gesagt, ihr läge gar nichts daran, geläufig französisch zu sprechen. Besondern Wert legt sie auf einzelne Sätze, die ich ihr dann einpauken muß, zum Beispiel: »Sie haben schöne blaue Augen und einen schönen blonden Bart« oder: »vergessen Sie nicht, daß ich eine große Rechnung bei der Schneiderin habe.« – Und dann: »nur nicht morgens früh.« Das scheint ihr ganz besonders wichtig zu sein. Ich will lieber nicht erst darüber nachdenken, zu was für Gesprächen sie diese Sätze braucht. Das geht mich ja, Gott sei Dank, nichts an. Ich muß nur sehen, daß ich den »propri« und den »restan« zahlen kann, wie Jean Ducasse sagt. – Da kommt er gerade heim, mein kleiner Zimmernachbar. Der arme Kerl, er hat sich neulich stark erkältet und hustet, daß es kaum zum Anhören ist. Und dann schlägt er sich auf die Brust und sagt: »Hören Sie, meine Lunge ist schon ganz kaputt. Wenn ich einer von Ihren Parisern wäre, hätten sie mich schon längst begraben.« In dieser Art faßt er überhaupt alle Ereignisse des Lebens auf, einerlei ob sie ihm Gutes oder Schlimmes bringen – wenn er sie nur dazu benutzen kann, die Gascogne und seine eigne Person zu verherrlichen. Je ärger es draußen friert, desto mehr triumphiert er: »Pfui, ist das ein abscheuliches Klima – bei uns läuft man heute sicher in Hemdsärmeln.« Dabei behauptet er, die Kälte wäre ihm ganz egal. Wenn man ihn noch ein bißchen aufhetzte, würde er sofort den Rock ausziehen und in Hemdsärmeln herumlaufen, nur um zu zeigen, wie unempfindlich er gegen jede Temperatur ist. In seinem Zimmer wird nie geheizt, dazu ist er viel zu faul. Er kommt mit seinen Büchern zu mir und setzt sich neben den Ofen. Aber jeden Augenblick legt er sie wieder weg und erzählt mir alle möglichen Geschichten aus seiner Schule. Dabei macht er die verschiedenen Stimmen nach, als ob er Theater spielte. In seinen Erzählungen kommt jeden Augenblick ein Professor vor, der durch einen Schüler blamiert wird. Der Professor wechselt, aber der Schüler ist immer Jean Ducasse. Aber er ist doch ein lieber Kerl, lustig, amüsant und hat wirklich ein hübsches Gesicht mit seinen Zügen. – Übrigens wird er sicher gleich bei mir anklopfen. Ich will mich nur rasch etwas frisieren und eine andre Bluse anziehen. Wenn ich auch eine alte Lehrerin bin, mag ich doch nicht so aussehen, daß die Kinder sich vor mir fürchten.   22. Dezember Nein, alles geht schief. Nun hab ich auch noch die Dame aus Montevideo verloren. Seit gestern ist sie verschwunden. Ich war in ihrer Wohnung in der Rue Boccadar, und der Hausmeister erzählte mir, ein »Offizier von der Ehrenlegion« habe sie entführt. Übrigens hat sie alle ihr Schulden gewissenhaft bezahlt – nur die Lehrerin hat sie vergessen – 18 Francs war sie mir schuldig. Ich werde sie schmerzlich entbehren. Ich wollte so gerne eine schöne Krawatte für meinen kleinen Nachbar kaufen, als Weihnachtsgeschenk. Er versteht es gar nicht sich anzuziehen. Jean Ducasse macht viel Spektakel wie immer, hustet, schreit und erzählt Anekdoten. Heute morgen, ehe er zur Schule ging, machte er meine Tür auf, ohne anzuklopfen – er wird wirklich allmählich etwas zu familiär – und rief triumphierend herein: »Hallo – das Schwein ist noch um zwei Grad heruntergegangen.« Das Schwein war natürlich der Thermometer. Sollte man es glauben, dieser kleine Hanswurst, der mir andauernd die Cour macht – ich lache ihn natürlich immer aus – hat alles mögliche probiert, um mir die Adresse der Dame aus Montevideo herauszulocken. Jetzt will ich sie ihm gerne geben, er mag dann in der Rue Boccadar sein Glück versuchen. Wir treiben allen möglichen Schabernack miteinander – wie zwei Kinder. Er ist ja auch wirklich ein Kind – aber ich?   23. Dezember Jean Ducasse und ich haben uns dieser Tage viel über Weihnachten gezankt. Für mich ist es das schönste und bedeutungsreichste Fest im ganzen Jahr – für ihn spielt es gar keine Rolle. Er hat in seiner Kindheit nie am heiligen Abend seine Schuhe in den Kamin gestellt. Nein, so ein Gascogner hat gar keinen Sinn für die Poesie unsrer nordischen Weihnachtsfeier. Ich wollte ihn gerne dazu bringen, seine Schuhe in den Kamin zu stellen, weil ich ihm die Krawatte hineintun wollte. Es ist mir nämlich doch gelungen, eine zu kaufen (ich bin doch alt genug, um mich in sein Zimmer zu schleichen, wenn er schläft). Aber er wollte durchaus nicht diesen dummen Aberglauben mitmachen. Nun, seine Verachtung für allen Aberglauben hindert ihn aber durchaus nicht, seiner Phantasie immer wieder die Zügel schießen zu lassen. Gerade heute erzählte er mir eine ganz unwahrscheinliche Geschichte. Er hätte eine sehr reiche Tante, und die wäre jetzt gestorben – und er würde sie zweifellos beerben. Die Tante soll ein Vermögen von mindestens 40 000 Francs in bar und dazu noch Grundbesitz besessen haben. Er, Jean Ducasse, wolle daraufhin sein Studium fahren lassen, das Diplom sei ja doch nur Quatsch. – Statt dessen wollte er ein paar Jahre auf Reisen gehen und dann in seine Heimat zurückkehren, um den Grundbesitz der seligen Tante zu übernehmen. Natürlich würden die Ländereien zehnfachen Ertrag bringen, da ihnen seine wissenschaftlichen Kenntnisse zugute kämen. Und alle diese phantastischen Pläne trug er mir mit dem größten Ernst vor. »Wenn ich dann von meinen Reisen zurückkomme, schöne Hortense, hole ich Sie hier in der Rue Gît-le-Cœur ab, und Sie werden meine Frau.« Dann wollte er mir einen Kuß auf die Wange geben, erwischte aber nur einen Haarknoten und machte sich rasch aus dem Staube. Sonst hätte er eine tüchtige Ohrfeige bekommen. Was für ein Strick! Aber man kann ihm wirklich nicht böse sein. Um mich zu versöhnen, hat er mir versprochen, mit mir in die Mitternachtsmesse zu gehen, und nachher wollen wir in irgendeinem Restaurant unser Weihnachtsmahl feiern.   25. Dezember Ja, ja, Mitternachtsmesse und Weihnachtsmahl! – Seit vorgestern haben sich große Dinge zugetragen. Am Ende hat Jean mir mit seinen Phantastereien den Kopf verdreht und ich habe alles nur geträumt? – Aber nein, alles um mich herum sieht aus wie die Wirklichkeit selbst. Jean sitzt neben dem Ofen und studiert mit feierlicher Miene irgendein wissenschaftliches Werk. – Nein, ich träume nicht – und ich bin sehr glücklich. Also – damals, am 23. Dezember, kam Jean sehr spät nach Hause. Ich schlief noch nicht, und ich hörte ihn ganz fürchterlich husten. »Der arme Junge hat sich gewiß erkältet,« dachte ich. So stand ich denn wieder auf, zog meinen Schlafrock an und horchte an seiner Tür. Er hustete jetzt nicht mehr, aber ich glaubte ihn stöhnen zu hören. Und das beängstigte mich so, daß ich alle Bedenken zum Teufel schickte und anklopfte. Ich bekam keine Antwort, und da er seine Tür nie abschließt, ging ich einfach zu ihm hinein. Da lag er und sein Kopf glühte vor Fieber; als er mich hörte, fing er sofort an wieder laut zu stöhnen. »Ach, liebe Hortense, es ist aus mit mir. Ich glaube, ich habe eine Lungenentzündung, ich kann kaum mehr atmen. – Dies verdammte Paris hat mir den Rest gegeben. – Gott, ist das traurig, so jung und fern von seiner Heimat zu sterben. – Lassen Sie mir doch einen Doktor holen, Hortense.« Während er sein trauriges Schicksal bejammerte, fühlte ich ihm den Puls und beobachtete ihn etwas genauer. Ich überzeugte mich, daß mein guter Jean Ducasse wahrscheinlich nur einen tüchtigen Bronchialkatarrh hatte. Ich habe einiges Talent zur Krankenpflegerin, so ließ ich denn keinen Doktor holen, verordnete ihm Antipyrin und Chinin und ließ ihn tüchtig schwitzen. Dann suchte ich ihn zu beruhigen, und gegen vier Uhr morgens schlief er denn auch glücklich ein. Den ganzen nächsten Tag wich ich nicht von seinem Lager. Der arme kleine Jean – er war wie ein krankes Kind, klagte und jammerte fortwährend. Am Abend hatte er wieder Fieber, aber nicht so stark wie gestern. Als er endlich schlief, konnte ich mich auch nicht mehr aufrecht erhalten. Seit sechsunddreißig Stunden hatte ich kein Auge zugetan. So schlummerte ich ein – als ich wieder aufwachte, saß Jean aufrecht in seinem Bett und sah mich an. Er machte wieder sein gewohntes, vergnügtes Gesicht und war nur etwas blasser als sonst. Ich wurde ganz verlegen, weil ich in seiner Gegenwart geschlafen hatte. »Na, Sie haben ein tüchtiges Schläfchen gemacht, armes Ding,« sagte er. »Aber ich möchte jetzt aufstehen, ich habe lange genug im Bett gelegen. – Und ich habe Hunger.« Ich riet ihm, noch liegen zu bleiben. Unter der Bedingung, daß wir unser Weihnachtsmahl an seinem Bett feiern wollten, ging er denn auch darauf ein. Als ich hinausging, unser bescheidenes Mahl herzurichten, rief er mir nach: »Vergessen Sie nicht, die Schuhe in den Kamin zu stellen.« Und dann soupierten wir ganz gemütlich an seinem Bett. Jean war wieder ganz der Alte – und doch etwas anders – ich weiß nicht, war es die Nachwirkung des Fiebers oder des Antipyrins – aber er benahm sich so ausgelassen, daß ich ihm dreimal drohen mußte, ich würde das Zimmer verlassen. Aber dann fing er wieder an jämmerlich zu husten, und ich dumme Gans blieb wieder da. Erst gegen ein Uhr nachts zog ich mich in mein Zimmer zurück und schlief gleich ein. Als ich aufwachte, war es heller Tag, und jemand klopfte laut an die Tür. »Wer ist da?« »Ich – Jean.« »Geht es Ihnen wieder schlechter?« »O, nein – aber ich habe einen Brief vom Notar bekommen – wegen meiner armen Tante. Kann ich nicht herein?« »Warten Sie, ich komme gleich zu Ihnen herüber.« Fünf Minuten später kam ich in sein Zimmer. Mein kleiner Nachbar saß ganz ruhig auf seinem Stuhl und hatte den Brief des Notars in der Hand. Er sah gar nicht aus, wie man sich einen lachenden Erben vorstellt, und ich fragte rasch: »Hat die Tante Ihnen doch nichts vermacht, Jean?« »Ja, doch – aber sie hat leider doch keine 40 000 Francs gehabt, obgleich sie es immer behauptete. Und sie hat lauter Hypotheken auf ihrem Grundbesitz.« Dann gab er mir den Brief. Der Notar fragte an, ob er die Erbschaft antreten wolle. Wenn alle Schulden getilgt würden, blieben noch 2000 bis 3000 Francs übrig. – Das wunderte mich gar nicht weiter, ich war nur erstaunt, daß die Geschichte mit der Erbschaft und der Tante wirklich wahr gewesen war. »Nun ja – aber 3000 Francs sind immerhin besser als nichts, Jean. Sie wollen die Erbschaft doch wohl antreten, wie?« »Selbstverständlich,« sagte er. »Aber meine große Reise fällt ins Wasser. Ehe ich mich verheirate, hätte ich mich gern ein bißchen in der Welt umgesehen – zum Beispiel in Monte Carlo – Aix – Ostende usw. Aber dabei kann man nichts machen, wir müssen dann eben gleich heiraten.« »Was meinen Sie damit?« »Das ich von diesem Leben genug habe. Meine Gesundheit geht ja dabei drauf. – Deshalb will ich lieber das Ende vorausnehmen. Also abgemacht, Hortense, wir heiraten uns.« Ich fühlte, daß ich ganz blaß wurde und alles vor meinen Augen verschwamm. »Sie müssen über solche Dinge keine schlechten Witze machen, Jean.« Aber er faßte mich an beiden Händen. »Witze? Ich denke gar nicht an Witze, Hortense, Sie sind die beste Frau, die ich überhaupt kenne, und ich habe Sie lieb. Himmelherrgott – letzte Nacht – wenn ich nicht Angst gehabt hatte, wieder krank zu werden – – « »Aber Jean!« »Und Sie haben mich so gut gepflegt. Ich fühle mich glücklich, wenn ich mit Ihnen zusammen bin. Und ich werde so zahm sein wie ein Kanarienvogel, der aus der Hand frißt. Seien Sie lieb und sagen Sie nicht nein.« »Aber es ist ja Unsinn – ich bin vier Jahre älter als Sie.« »Dreieinhalb. Und Sie sehen aus wie einundzwanzig. Bei uns zu Hause gibt es eine Masse Ehepaare, wo der Mann jünger ist als die Frau. Da ist ein gewisser Piot – – nein, der ist es nicht – Rouillès heißt er – dessen Frau ist zehn Jahre älter als er. Und dann ein gewisser Carbal, der ist mindestens fünfundzwanzig Jahre jünger. Und Lagatère – – – « Er hätte nie wieder aufgehört; so unterbrach ich seinen Redestrom: »Es wäre nicht richtig von mir. – Sie können eine gute Partie machen, wenn Sie mit Ihrem Studium fertig sind. Nein, ich will auf keinen Fall.« »Gut – wie Sie wollen. Aber, wenn Sie mich verlassen, werde ich wieder krank, und dann ist es Ihre Schuld.« Und er fing wieder an herzbrechend zu husten. So habe ich denn schließlich ja gesagt. Natürlich ist es eine große Torheit von mir. Da ich niemand mehr habe, der mir Moral predigt, muß ich es selber tun. – Der Junge wird mir doch sicher nicht treu bleiben, wird mich totunglücklich machen. – Aber wenn er mich wirklich lieb hat? Ich hatte ihn ja schon lange lieb, ich wollte es mir nur nicht eingestehen. Und ich will schließlich auch einmal glücklich sein und geliebt werden. Manche andre Mädchen in meiner Lebenslage geraten auf die schiefe Bahn. – Eigentlich ist es bei mir ganz dasselbe, nur in einer andern Form – mit Standesamt und Kirche. * Eben sieht Jean von seinem dicken Buch auf. »Wenn ich nun meine Schuhe in den Kamin gestellt hätte,« sagt er halb schelmisch, halb melancholisch – »glaubst du, ich hätte am Ende doch heute morgen die 40 000 Francs meiner Tante darin gefunden?« »Aber sicher. Das ist die Strafe für deinen Unglauben.« »Und du – was hast du denn in deinen gefunden?« Ich stand auf und nahm meinen großen Jungen in die Arme. Dann flüsterte ich ihm ins Ohr: »Dich.«