Isegrimm. Historischer Roman von Willibald Alexis (W. Häring.) Mit dem Denkmal König Friedrich III. Berlin NO. 43. Druck und Verlag von A. Weichert Neue Königstraße 9. Erstes Kapitel. Die Schwedenschanze. Non semper in medias res. Die Sonne wirft den scharfen Strahl auf die Gipfel der Berge und in die Täler, sie leuchtet so hell auf das Dächermeer der Städte, als auf die bemoosten Hütten der Dörfer. Ueberall schafft sie Bilder, aus was Stoff ihr entgegenkommt, und sie fragt nicht nach Vornehmheit und Schönheit, ob sie die Firnen der Alpen anglüht, oder ihren Abendhauch in den Hagedorn sprenkelt, da auf dem einsamen Rain, wo nur die Mücken wirbelnde Kreise durch die goldene Glut ziehen. Unsere Kunst tut es nicht gleich der großen Gleichmacherin. Was sie sich auch müht, die Wahrheit in den Winkeln und Ecken zu finden, sie sucht doch immer nach dem, was sich auszeichnet, auch unter Lumpen nach den buntesten. Und unsere allergrößte Kunst, die Geschichtsschreibung – denn was wären wir ohne sie? ein Strom, aus dem Luftblasen auftauchen, um wieder darin zu vergehen – auch sie, wenn sie ihr klarstes Licht in die Dinge und ihre Bewegungen senkt, beleuchtet nur das, was sich hervortat. Es ist eitle Arbeit, wenn sie von den Königen und Helden sich abwenden will, um nur das Volk zu schildern; wie tief und tiefer sie in die Schichten und Kreise dringt, sie konterfeit nur die, welche auch da Führer und Fürsten waren. Die Geschichte geht wie ein großes Heer auf der Heerstraße fort, und in das Land daneben schickt sie nur Streifzüge, je wie die Gelegenheit es gibt, zum Auskundschaften und Beutemachen. Ja, wenn die Büsche und Felsen zur Festung werden, wenn Entschlossenheit, Glaube und Mannesmut von den Hauptstädten und Straßen sich in die Schluchten und Winkel retten, dann ändern sich die Verhältnisse, aber nicht das ewige Gesetz; dann kann auch einmal ihre große Straße durch die unwegsamen Hecken der Vendee führen und über die schwindligen Klippenstege der Tiroler Alpen. Die große Heerstraße der Geschichte von Jena bis Tilsit kennen wir, mit ihren Etappen, den großen Niederlagen. Auch Streifzüge macht sie in die Provinzen, aber wo ihr Brennspiegel Licht hinwirft, zeigt sie uns nur den Fall von Festungen, Kapitulationen und Uebergaben. Weiter malt sie nichts, sie fand keine Vendee und kein Tirol. Und hätten wir ein Buschland gehabt von der Elbe bis zur Oder, von dichten, stachlichten Hecken durchschnitten, und drüben Bergschluchten, um Felsblöcke herunterzuwälzen, die Franzosen wären doch ruhig durchmarschiert – damals! Es war nicht die physische Gewalt, es war der panische Schreck des Unerwarteten, Ungeahnten, es war der Zauberschlag der Wirklichkeit, was die verschlafenen und träumenden Seelen niederwarf; da waren sie, enthülst von allen ihren Illusionen, allen den Schirmen und Brillen, die sie um ihr Gesicht getan, von dem niederschießenden grellen Licht geblendet – in einen Starrkrampf verfallen. Der Schrecken mußte lange regieren, der Körper gelähmt bleiben, damit die Seelen wieder erstarkten. Wir können auf der Heerstraße Schritt um Schritt verfolgen, den Uebermut und die Gewalttätigkeit der Sieger, die Not, das Elend, die Torheit und Kleinmütigkeit oder den stummen Grimm der Besiegten. Davon sind hundert Bücher zu lesen, wie es in der Hauptstadt und den großen Städten traurig und jämmerlich aussah; aber dasselbe Elend und dieselbe Not breitete sich auch aus über das Land, und jeder Flecken und jeder Winkel hatte davon zu tragen und zu klagen. Von diesen Klagen nahm die Geschichte nur wenige auf, weil sie meint, es sei nicht nötig, zehnfach zu wiederholen, was an neun Orten ebenso war, wie an dem einen. Es schmerzte aber darum nicht weniger. Ja, in der großen Anklage, die sie uns jetzt tausendfältig in die Ohren schreien, daß das Uebergewicht der großen Städte der zehrende Schaden des platten Landes sei, und daß, um dies gutzumachen, die Weltgeschichte umgekehrt oder neugemacht werden müsse, und das Land und seine Grundherren die Uebermacht wiedergewinnen über die Städte, da führen sie auch an, daß das Land damals weit schwerer die allgemeinen Lasten getragen, und seine Aengste und Schmerzen ganz besondere gewesen, welche der Städter hinter seinen warmen Mauern und unter dem Schutz der Ordnung, welche auch unter der Herrschaft der Feinde bleibt, gar nicht kennen gelernt. Das ist möglich, es hat ein jeder Schmelz sein aristokratisches Recht, daß er sich für den ersten und größten hält, die der anderen im Vergleich damit für klein. Aber wo das Unglück alle ereilt wie eine Wasserflut, da, meine ich, ist es an den einzelnen, nicht zu rechten und zu rechnen, wer mehr verloren hat, sondern daß, wer noch nicht ertrunken ist, dem Ertrinkenden die Hand reicht, um ihn zu retten. Doch kam der Feind nicht wie eine Ueberschwemmung, sondern wie graue Wolken, die langsam, aber sicher eine Gegend überziehen, bis sie in einem Regen sich entladen, so durchdringend und andauernd, daß endlich kein noch so verstecktes Fleckchen undurchweicht ist. Wohl sah das Land auch viele Schreckensauftritte, wenn die ersten Feinde in die Dörfer sprengten, in die Höfe preschten. Krieg ist Krieg, und auf die Namen kommt es nicht an, auch nicht, ob der Sieger nimmt oder sich geben läßt, worauf er Lust hat. Was gut ist, schlecht finden, was man nicht mehr genießen kann, verwüsten, und Gewalttätigkeiten üben, wo man sich Herr glaubt, das gehört nun einmal zur unverwüstlichen Natur des subalternen Menschen. Das bißchen Plündern und Mißhandeln hätte man abgeschüttelt wie ein Unwerter, aber dann die Kolonnen auf Kolonnen, die wie ein Alp ruhten, wie Vampyre aussogen, und hinter ihnen die Marodeure, die nächtlichen Einbrüche, Feuersbrünste, die Lazarette und ihr vergiftender Pesthauch. Doch das übelste der Uebel war das System, das die Fremden mitbrachten, und auf die Verhältnisse, die sie vorfanden, impften. Ihre Kommissäre, Receveure und Direkteure litten weder Abschläge auf die noch gefüllten Kisten, nein, sie stellten Schildwachen davor, noch begünstigten sie die Plünderer, sie trieben sie wohl mit Klingenhieben fort und zwangen sie, was sie aus den Speichern auf die Gasse geworfen, selbst zurückzutragen. Denn was sie retteten, retteten sie für sich, die Besitzer wurden ihre Verwalter. Das war der feuchte Nebelregen, der in alle Poren des Landes drang, das Spinnengewebe der französischen Beamten mit höflichen Redensarten und lächelnden Mienen, aber mit Argusaugen und den Klauen des Luchses. Sie drangen bis ins Herzblut und hatten sich eingewühlt und gefressen, wie die Maden in alle Teile des Leibes. Nicht an einem Aderlaß sollte das Opfer verbluten, nein, sie pflegten und hätschelten es, damit es wieder Kräfte bekäme, und dann zapften sie langsam und sicher Tropfen um Tropfen ab. Das war der Schrecken der Schrecken, weil man es nicht sah, und doch in jeder Fiber fühlte, das systematische Aussaugungssystem, das von der Hauptstadt auslief, bis es mit seinen Schlingen und Fasern das letzte Haus des letzten Dorfes umspannt hielt. Ein grauer Nebelhimmel war es auch, der noch nicht regnen wollte, aber Regen schwitzte, als wir einer Jagdkalesche begegneten, deren sonst wohlgehaltene Pferde nur mühsam das leichte Gefährt durch die aufgewühlten Sandwege zogen. Daß die erscheinende Natur so oft Sympathie hält mit den Dingen und Stimmungen, die uns drücken! Es war einer der Landesteile, wo die ganze Wucht des Unglücks sich noch nicht entladen hatte, aber die Wolken zogen und senkten sich immer tiefer, wie die an dem Novemberhimmel, der die Erde fast zu berühren schien. In der Kalesche saß ein hochgewachsener Mann mittlerer Jahre, dessen mit Zobel besetzte Wildschur den vornehmen Herrn andeutete. Nachlässig zurückgelehnt, nahm er den größten Teil des Sitzes ein, den er mit einem anderen teilen sollte. Der neben ihm war ein junger schmächtiger Mann von blassem Gesicht, aber dunkelglänzenden Augen. Sein schwarzes Haar fiel unter dem Hut in lockenförmiger Kräuselung über beide Seiten herab, in einer Art, wie es damals noch nicht Mode war. Es war überhaupt wenig Modisches an dem jungen Manne; sein dünnes, abgetragenes Oberröckchen deckte nur den schwarzen Leibrock darunter, aber kaum die Knie und die Füße gegen die herabfallende Nässe. Die Pelzdecke, welche man beim Ausfahren wohl zu diesem Zwecke mitgenommen, hatte ein anderer junger Mann über seine Knie gebreitet, was sehr natürlich schien, da er vorn die Pferde lenkte. Aber der junge Mann draußen, sichtlich vornehmer als sein Platz, hatte, was man nennt, mehr auszugeben, nämlich das, was einen Schutz von innen gegen die Einwirkungen von außen gewährt; wie einer, der ein gutes Frühstück zu sich nahm, besser der Kälte trotzt, als der, welcher hungrig in den nassen und kalten Morgen ausreitet. Er gehörte auch weder auf diesen Platz, noch auf diesen Wagen; das Reitpferd, welches der Knecht in Kutscherlivree hinter der Karosse ritt, war augenscheinlich das seine, und er hatte es nur mit dem Kutschersitz und Dienst aus Liebhaberei, oder um der Gesellschaft willen, vertauscht. Man sah, er wußte mit Pferden umzugehen, aber die Pferde kaum mit dem Wege zurechtzukommen, besonders jetzt, wo sie durch eine Niederung sich durcharbeiten mußten. Als auch die Pfeife, vielleicht infolge der nassen Luft, ihm ausgegangen war, hielt er einen Augenblick an, wie er sagte, um die Tiere verschnaufen, andere mochten denken, um sich von dem Kutscher, den er heranwinkte, Feuer geben zu lassen. »Frieren Sie auch nicht, Herr Kandidat?« fragte er zu dem jungen Manne gelegentlich über die Achsel. »Es ist eigentlich warme Luft,« entgegnete der Angeredete, ob doch ein Frösteln über seine Glieder fuhr. »Wir sind ja bald da, Baron,« warf der andere hin. »Auch kann man oben in der Schenke, wo wir ohnedies anhalten müssen, etwas Wärmendes zu sich nehmen.« Der vornehme Mann bedurfte nicht der Wärmung, obgleich er nicht gerade das auszugeben hatte, was der als Baron angeredete. Er schien vielmehr mager, aber die Wildschur hielt, wie jeden Tropfen, jedes Lüftchen von ihm ab. Die Pfeife brannte, aber der Weg ward nicht besser. Es war ein Knüppeldamm, der an einigen Stellen ganz aufzuhören schien. Die Hölzer waren verfault und in den Moorgrund gesunken, die Räder sanken mit einem heftigen Ruck nach und mußten, oft bis an die Achse im Kot, sich Bahn brechen. Hätten nicht hie und da verkrüppelte Weiden gestanden, so hätte man fürchten können, den Weg ganz verloren zu haben. Der Herr in der Wildschur schien diese Besorgnis zuweilen zu teilen, indem er über die Räder auf den Boden unter sich und dann in die Ferne blickte, die, obgleich es noch früher Nachmittag, immer dunklere und unbestimmtere Schattierung annahm. Der Knecht, der, soviel es ging, sich in der Nähe des Wagens hielt, mußte auch die stumme Sprache seines Herrn verstehen. »Herr Hofmarschall brauchen keine Bange nicht zu haben, das ist man hier in dem verfluchten Loch unter der Schwedenschanze so. Weiß der Teufel, wenn's acht Tage im Herbst geregnet hat, dann ist's, als ob die Quierlitz ihr altes Bette sucht, dann quirlt und quikt und sprudelt es von Quellen, an die kein Christenmensch denkt, und ist doch Sommers, wenn's trocken ist, wie 'ne aufgesprungene Brotkruste, die der Bäcker verbacken hat.« Für die Herren im Wagen mochte das kein Trost sein, besonders da derselbe jetzt im hellen Wasser fuhr. Der Baron wollte wieder anhalten. Der Eigentümer ermahnte ihn, getrost dem Knecht zu folgen, der hier aus und ein wisse, und bald hörte auch das Plätschern und Rauschen unter ihnen auf, um wieder dem unangenehmen Stolpern und Holpern Platz zu machen, das erst nach einer ganzen Weile nachließ, als der Erdboden sich hob und den Pferden die schwierigere Arbeit blieb, die Kalesche eine langsam steigende Anhöhe durch tiefen Sand hinaufzuziehen. Der Hofmarschall sah jetzt etwas besorgt auf seine dampfenden Tiere. Der Knecht verstand ihn wieder. »Gar nicht, gnädiger Herr! Da hätten Sie sehen sollen, wie sie beim Vorspann dran mußten, und gar wie die Kanonen im Bruch bei Dammerthin stecken blieben. Alles losgespannt im Nu, die Wagen gelassen, wo sie staken, und vor die Lafetten, und nun, das war ein Peitschen und ein Fluchen, alles französisch, und ricks, racks, raus und durch! Ob ein paar Stränge rissen und ein paar Tiere fielen, darauf kam es nicht an. Unsere sahen aus, daß Gott erbarm, ich hab's dem gnädigen Herrn nicht gesagt, derweil Herr Hofmarschall zur Kreissteuer-Konskription drinnen waren, aber ich habe sie doppelt gefuttert und gestriegelt; denn was gute Rasse ist, hält aus. Dem Herrn Baron sein Fuchs, dieser, hat ja auch nach Daberlow 'nen Pulverwagen ziehen müssen. Da hieß es: Zieh, Schimmel, zieh! Und sieht doch wieder ganz reputierlich aus. Den Franzosen ihre Tiere aber, das sind Schindmähren, mit Respekt zu sagen. Kaninchen sind das, und keine Pferde. Ich kenne sie ja, wenn sie damit in die Oderbrüche kommen!« »Desto schlimmer für uns,« seufzte der Hofmarschall, als er abstieg, um den Pferden Erleichterung zu schaffen, und der Kandidat folgte; der Baron nahm seine Büchse und sprang vom Bock, jetzt eine elegante Jägergestalt, in dem grünen, knappen Ueberzieher mit Metallknöpfen und den glänzend gelben Klappstiefeln. Die Herren waren, ohne selbst zu eilen, dem Wagen vorauf und hatten die Höhe erreicht. Der Baron, der ein verdrießliches Gespräch mit dem andern über die Pferdelieferungen geführt, blieb hier stehen und sah mit einem prüfenden Kennerblick umher. »Ich wünschte, die Rackers, die Franzosen würden auch mal hier durchgeführt, daß sie im Dreck stecken blieben. Wozu ist sonst solcher Morast!« Der Hofmarschall machte unwillkürlich das Gesicht, als wollte er nach dem Wind sehen. »Lassen Sie sich nur von Herrn Mauritz erzählen,« sagte er dann. »Etwas Aehnliches hat sich hier schon in der Vorzeit zugetragen.« Der Kandidat erzählte kurz, aber doch noch vielleicht zu lang für die Aufmerksamkeit seines Zuhörers, daß der Sage nach in diesem Sumpfe der größte Teil eines deutschen Heeres in dem furchtbaren Wendenkriege um den Besitz der Marken den Untergang gefunden. Das Historische schien aber den Baron nicht sehr zu interessieren, auch nicht, daß es vielleicht Otto der Große selbst gewesen, der den Angriff seiner Heere geleitet. Sie standen auf einem jener gewellten Höhenzüge, die sich so oft in den Marken mitten aus dem flachen Bruchland erheben, zuweilen in so regelrechter Form, daß das Auge zweifelhaft wird, ob es mit einem Spiel der Natur oder einer Befestigungskunst zu tun hat, deren rohe Züge durch die Jahrhunderte wieder verwischt sind. Die Kiefern, welche in unregelmäßigem Aufwuchs die Höhe bestanden, konnten indes für den Kenner die Formen eines altslavischen Burgwalls nicht verbergen, hier auf einer der Sandhöhen errichtet, welche das Meer bei seinem Abzuge von diesen Alluvionen zurückließ. Wo der Wall gegen Mitternacht sich deutlich mit dem Hügel zugleich senkte, erhob sich gegenüber eine fortgesetzte Reihe von Hügeln, auf denen unverkennbar Hünengräber standen, das erste, nächstgelegene von beträchtlicher Größe, die Formen der tiefer nach dem Bruchland zu gelegenen hatte der Pflug schon mehr verwischt. Die andern waren zweifelhaft, was der Baron beabsichtigte, als er ins Erdreich des Walles mit dem Ladestocke bohrte, und, mit der Hand nachdrängend, das Herausgezogene ans Licht hielt. »Sie suchen doch nicht nach Schätzen,« sagte der Hofmarschall. »Jene Vorzeit hatte nach unserer Taxe keine, als die unsere Einbildungskraft ihr beimißt.« Der junge Mann zeigte eine Handvoll fetter schwarzer Erde. »Sind das keine Schätze, Herr von Quarbitz? Alle diese Wälle sind von Lehm und der fettesten Dammerde gebacken und gedampft; wie hätten sie sonst durch ein Jahrtausend sich so steil erhalten! Jenen alten Heiden, Ketzern oder Barbaren will ich's verzeihen, die aus dem Moor die Schätze, die sie nicht kannten, auf den Sandhaufen schleppten und damit nichts Besseres anfangen zu können glaubten, als Schanzen zu bauen, die sie doch nicht vor den Eroberern schützten; aber daß wir, die wir uns gegen die Feinde nicht verschanzt haben, sondern ihnen alle unsere Festungen auf den ersten Trompetenstoß übergeben, die Schätze liegen lassen, ist Sünde und Schande. Sehen Sie hier, Hofmarschall« – er fuhr mit dem Hacken etwas tief in den Boden, daß der trockene Sand unter der feuchten Oberlage aufflog – »purer Staub und Kiennadeln! Wenn jene Kerle, die eigentlich Vieh waren, denn sie hatten keine Maschinen und keine Industrie, auf ihren Buckeln den schwarzen Kot da hinaustragen konnten, höchstens mit Ochsengespann, was sind wir denn, die wir Maschinen haben und Ochsen auch, daß wir ihn zusammengeballt liegen lassen, wo wir damit zwanzig Morgen Sandboden düngen könnten.« Der Hofmarschall lächelte. Sein Verwalter hatte auch schon einmal daran gedacht, die Wälle abkarren zu lassen, wenn auch nicht zu Weizenäckern, doch um den Damm durch den Morast höher schütten zu lassen. »Aber mein Herr Vetter in Ilitz wollte davon nichts wissen. Sie erinnern sich vielleicht nicht, daß Querbelitz, was wir jetzt passieren, ein Lehngut ist, was denen von Ilitz und Quilitz zu gemeinsamer Hand gehört.« »So war's ja sein Profit auch!« »Er hält aber, die auf den Profit sehen, nicht für Edelleute,« entgegnete der Hofmarschall mit dem Anflug einer mokanten Miene, deren Spitze auf den jungen Baron gemünzt sein konnte. » Passons là-dessus, mon cher ! Auch paßte es nicht in meines Vetters Kram, wenn ich den Damm fahrbarer machte und wir dadurch leichter zu einander kämen.« Der Baron sah ihn verwundert an. »Sie leben doch nicht in Feindschaft? Sonst würden Sie ihn jetzt nicht besuchen wollen.« »Gewiß nicht, wir vertragen uns, wenigstens ich weiß ihn zu ertragen. Aber ce sont ses idées feudaliques , daß ein guter Edelmann eigentlich wie ein Klausner isoliert leben soll. Je weniger Umgang und je weniger Kommunikationen, um so sicherer steht er für sich, ein Patriarch, ein König oder ein kleiner Gott unter seinen Schafen, Ochsen und Untertanen. Die liebe Familie nicht zu vergessen,« setzte er leiser hinzu. »Da er nun den alten Graben um sein Schloß wieder aufräumen ließ, unbekümmert um den Gestank, der seine Damen in Verzweiflung brachte, so mögen Sie denken, daß er zu einer Regulierung der Quierlitz sich am wenigsten verstehen würde.« »Mein Gott, der Herr von der Quarbitz will sich doch nicht in Ilitz gegen die Franzosen verschanzen!« rief der Baron. »Was er will, werden wir erfahren; ich fürchte aber – nichts Gescheites.« Die Kalesche war längst auf der Höhe, aber der Kutscher brachte aus dem Gehölz die unangenehme Nachricht, daß der kleine Fluß, den wir die Quierlitz nennen hörten, dermaßen reißend geworden, daß vermutlich der Schulze drüben es für geraten gehalten, die Bohlen der Brücke abtragen zu lassen. Das Resultat war, daß Wagen und Pferde an der Stelle nicht hinüber konnten, sondern rechts eine andere Brücke oder Furt suchen mußten, um das Wasser zu passieren. Das verursache einen beschwerlichen Umweg, wo nicht einen gefährlichen, da der Wagen zwischen dem Rande der Hügel und dem Moor sich ihn erst suchen müsse, so versicherte wenigstens der praktische Knecht und schlug vor, daß die Herrschaften zu Fuß hinüber möchten, derweil er mit dem ledigen Wagen sie schon noch an der Querbelitzer Schenke zu treffen hoffe. Der Baron, obgleich vor kurzem erst in der Provinz angesiedelt, wußte doch, daß das Flüßchen jenseits des Kiefernwaldes sich einen tiefen Durchweg durch die Hügel gebahnt, und, wenn es angeschwollen, ein Fußgänger zugleich ein verzweifelter Springer sein müsse, der von einem steilen Ufer zum andern wollte. »Die gnädigen Herren gehen mit Verlaub über den Buttertrab,« entgegnete der Knecht auf den Einwand. Der Hofmarschall gab eine kurze Erklärung des Epithetons, welches der Witz der Bewohner einem Richtsteig beigelegt, den die Bauerfrauen an den Markttagen benutzten. »Es ist etwas beschwerlich, indessen was erträgt man nicht,« setzte er lächelnd hinzu, »wenn das Ziel schön ist.« Der Baron erklärte sich zufrieden: ohne Richtwege im Leben komme man nie zum Ziel, und obgleich der Bauer von Natur ein Hornvieh zum Spekulieren, sei er doch pfiffig genug, wo es am besten krumm rum zu kommen gelte. Der Wind hatte inzwischen in den Kiefern zu spielen angefangen, bald klärte er die obere Luftschicht, daß auch etwas vom Sonnenlicht auf ihre Scheitel fiel. Es war kein schönes, auch kein besseres Wetter, aber doch der Schein davon. Man ging daher leichteren Mutes an die Promenade. »Vergessen nicht, Herr Hofmarschall,« rief der Knecht ihnen nach, als der Wagen schon über die Wurzeln rollte, »bei den Blutsteinen rechts um die Ecke, geradeaus geht's nach Nauwalk.« Die Fußgänger mußten durch den Burgwall, um links auf dem Hügelrande den beschriebenen Fußsteig zu erreichen. Der Boden war glatt von den Kiefernadeln; an schrägen Stellen gleitete man aus. Von den Wipfeln kamen dichte Tropfenschauer, die der Wind oder das Anstoßen gelöst, und Schwärme von Krähen lösten sich auch bei ihrer Annäherung von den Kieferästen und umkreisten mit ihrem unmelodischen Angstruf die Wipfel. Baron und Hofmarschall gerieten trotz aller Hindernisse in lebhafte Unterhaltung. Der Baron fand vieles unrecht und überall etwas auszusetzen. Warum hätte man hier keine Krähenhütte angelegt, dazu wenigstens wäre solche alte Umwallung in der Wüstenei zu nutzen. Er geriet sogar in eine historische Erörterung, warum man das Volk nicht aufkläre, das diese Wälle irrtümlich »Schwedenschanzen« nenne. »Und die Kerls schwören noch darauf und sind stolz, als ob die Schweden, die eine kultivierte, in der Technik erprobte Nation waren, solche plumpe, hohe Wälle für ihre Kanonen aufgeführt hätten. Wo sollten denn die auf der schmalen Spitze stehen! Und als ob sie, denen die Städte des Landes offen standen, sich in irgend einem feuchten Winkel, im Bruch und Moor, zwischen Sumpf und Pfützen, verschanzt haben würden.« »Unseres Volkes Erinnerungen gehen nicht weit zurück,« sagte der Kandidat. »Der dreißigjährige Krieg hat in diesen Gegenden nicht allein physisch so gewütet, daß ganze Dörfer von der Erde verschwanden, er hat auch moralisch die Generationen verdumpft und schwachsinnig gemacht. Geschichte, Sage und Tradition sind dem armen Volke völlig entschwunden. An den Namen Schwede knüpft sich für ihn alles, was über das Gewöhnliche hinausgeht. Der Schwede ist für ihn der Heros und der Barbar, er ist Riese, Hüne, und mitunter sogar der Teufel selbst.« Der Hofmarschall fügte hinzu, daß die Schweden in diesen Gegenden besonders arg gehaust. »Als sie darauf von den Brandenburgern nach dem Tage von Fehrbellin hier eine böse Schlappe erlitten, haben die Bauern mitgeholfen. Mit ihren Dreschflegeln und Mistgabeln drangen sie in ein Karree und haben die Schweden bis auf den letzten Mann niedergedroschen.« Der junge Baron schüttelte den Kopf. »Trauen Sie unsern Bauern den Mut nicht zu?« »Wenn's die oberschlesischen meines Bruders wären, meinethalben! Da ist noch polnisch Blut drin. Wenn der Gutsherr ihnen Branntwein, der Pfaff den Segen gibt und etwa noch das Strumpfband einer Heiligen an ihre Fahne bindet, dann schlagen sie los, worauf es sei, wie Teufel. Womit wollen Sie aber diese hier aus ihrem Phlegma rütteln? Kann ich sie nur dazu bringen, ihre Aecker zu mergeln? Sie sehen, wie meine Felder prosperieren; sie haben Gespann, Zeit, Arme. Gott bewahre. – Ihr Schwerenöter, warum denn nicht? – Sie grinsen und krauen sich hinterm Ohr: Ja, Herr Baron, das mag für den gnädigen Herrn schon gut sein, aber für uns paßt es nicht. – Oder, daß sie ihre Gemeindewiese, die immer mehr versumpft, trocken legen? Mit ein paar Gräben wär's getan. – Wozu das? – Unsere Väter und Großväter haben's nicht getan und haben auch gelebt! – Ich will mich mit ihnen abfinden, ich will, ich mag ihre Hofedienste nicht, bezahlte Arbeit ist besser als Frondienst, ich stelle ihnen die besten Bedingungen. Ja, sie wollen sich bedenken. – Habt Ihr Euch bedacht? Ja, gnädiger Herr! Ich rechne es ihnen wie das Einmaleins vor, daß es ihr eigener Vorteil ist. Habt Ihr's verstanden? – Ja, gnädiger Herr! – Also nun wollt Ihr? – Da drehen sie die Mütze in der Hand und kneifen die Augenwimpern. Ne, gnädiger Herr, wir denken, es ist nun mal schon so, nun mag es auch so bleiben. – Nun, so denk' ich, bleibt hinter Eurem Ofen sitzen, eßt Schlippermilch und Buchweizengrütze bis an den jüngsten Tag, und geht im Sommer im Schafpelz, aber wer Euch hinaustreibt, um selbst für Euer Bestes zu sorgen, der soll noch geboren werden.« »Sie vergessen, Baron, daß der brandenburgische Bauer Friedrichs bester Soldat war.« »Dressiert. Wo ist denn hier im siebenjährigen Kriege nur ein Freikorps zustande gekommen?« »Herr Mauritz scheint anderer Meinung,« sagte der Hofmarschall, vielleicht weil es ihm unbequem war, seine zu äußern, vielleicht weil er keine hatte. Der Kandidat äußerte bescheiden, ein Urteil darüber stehe ihm nicht zu. »Ei, Sie sprechen doch sonst über manches, worüber ich Sie nicht zum Informator nahm,« lautete die Antwort, »und hier hört Sie niemand.« Der junge Mann errötete etwas. »Ich glaube, es ist in der sittlichen wie in der physischen Welt jedem Dinge sein Maß gesetzt. Darüber hinaus wächst kein Baum, und der Geduldigste erträgt nicht mehr, als – Gott ihm auferlegte, daß er ertragen sollte.« Nach einer Pause, die andern schwiegen, setzte er hinzu: »Wenn der märkische Bauer das wieder ertragen sollte, was unter Schweden und Wallensteinern, so glaube ich, ist er noch heut so fähig wie damals, die angeerbte Trägheit abzuschütteln, sich umzukehren, vielleicht aus der Menschenhaut in einen Tiger oder Dämon zu springen. Freilich, aus ihm heraus kommt's nicht. Die Hilfe muß von anderswo sein. Es bedarf des Lichtfunkens, der Trompetenstöße, daß sein Innerstes erbebt und empfänglich werde für die Erkenntnis. Wo dieser Stoß jetzt herschallen soll, weiß ich nicht. Er hat keine Führer, keine väterlichen Freunde, keinen, der mit ihm fühlt, ihn liebt. Die die Aufgabe hätten, ihn aus der Verdumpfung aufzuziehen, betrachten ihn als eine Maschine, ein Werkzeug, er ist ihnen nicht mehr als der Spaten, der ihre Schollen umwirft, ein Lasttier, sie nennen ihn auch ein Hornvieh. Für den Staat ist er nichts als der große Teich, das Gehege, worin er seine Schlingen und Netze auswirft, wenn er Soldaten bedarf. Nummern, Zahlen, zum Statisten, Futter fürs Pulver, ist er bestimmt, ohne andere Bestimmung, als, wenn er abgenutzt ist, fortgeworfen zu werden. Was wundern wir uns, daß er die Schwielenhaut der Trägheit und Gleichgültigkeit immer fester um sich zieht, um sich zu schirmen gegen die Stacheln und Schläge, daß er jene Pfiffigkeit und Schlauheit ausbildet, die auch das Tier mit ihm gemein hat, wenn es seine Peiniger wieder sticht. Was, daß der kleinherzige Egoismus die kleingetretene Seele ausfüllt, wo ein brausendes Hohngelächter ihm antworten würde, wenn er von seiner Menschenwürde sprechen wollte. Was weiß er von Freiheit, Vaterlandsgefühl, von den Ideen, die den Edlen über sich selbst erheben, zu Opfern mutig machen. Der König freilich ist ihm das Bild der Allmacht und Gerechtigkeit auf Erden, aber wie unklar, undeutlich ist dies Bild! Wo sieht er ihn unvermittelt, in belebender, persönlicher Größe? Wohl sah der Bauer einst seinen Friedrich, und er lebt noch in den Hütten, so sah er auch seinen Retter in den ärgsten Nöten, den großen Kurfürsten, da schuf Verzweiflung und Dankbarkeit eine Begeisterung, die –« Die beiden hatten schon lange nicht mehr zugehört, als der ältere den jüngeren hier mit einem: »Apropos, beim großen Kurfürsten« auf die Schulter klopfte. Sie hatten den Ausgang des Kiefergehölzes erreicht, und es war nur noch ein halb entblätterter Elsenbusch, der die Aussicht über die weite Moorgegend vor ihnen verbarg, während sie vom letzten übermoosten Waldknollen eine ziemlich weite über den zurückgelegten Strich hatten. »Dies ist auch das Werk des großen Kurfürsten, Herr von Eppenstein,« sagte der Gutsherr und wies auf einen überwachsenen Erddamm hinter ihnen, welcher an den Hünengräbern quer ins Land schnitt und den man jetzt durch eine Lichtung des Holzes bequem übersehen konnte. »Von daher fluteten vor alters die Sumpfwässer und die Quellen, welche heut das Flüßchen, die Quierlitz, bilden, und ergossen sich ins Torfmoor, durch das wir müssen. Der Bach, der sich in den Hügeln ein Bett beschnitten, war damals nur ein Abfluß, möglicherweise auch nur ein Graben, von den Wenden, um die Mühle zu treiben, ausgetieft.« »Oder um die Festung fertig zu machen,« unterbrach der Baron, der mit raschem Blick die Position erkannt hatte. Die Hügelkette mit dem Burgwall und den Hünengräbern mußten, von dem alten See, dem tiefen Graben und dem Moor umschlossen, eine starke Fortifikation jener Zeit abgegeben haben. »So ganz dumm waren die alten Heiden auch nicht.« »Der große Kurfürst war aber noch klüger,« setzte der Hofmarschall seine Erklärung fort und beschrieb, wie man in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts den Erdwall geschüttet, der die Flut allmählich dämmte und das Wasser in das enge Bette zwischen den Bergen trieb. »Nur schade, die Arbeit ward nicht fertig, der Damm nicht hoch und fest genug. Im Herbst und Frühling brechen die Hochwasser durch und suchen doch wieder ihren alten Weg.« Der Baron lachte etwas höhnisch auf. »Wie alles hier, es ward nicht fertig. Gut gedacht und schlecht ausgeführt. Angefangen und liegen gelassen. Ein großer Ansatz und ein kleiner Sprung. Wissen Sie, was mein Vater sagte? – Ein Dutzend betriebsame Köpfe ins Land und drei Schock Generäle, Kriegsräte und Minister weniger, und er wollte parieren, ob nicht aus der Kurmark ein so propres Ländchen würde, das seine Leute nährte, wie der Magdeburger Boden.« Der alte Edelmann unterfaßte den jungen, indem sie den letzten Abhang in den Elsenbusch hinabstiegen. Das sind Principes, mon cher baron , über die sich viel sagen läßt, dafür und dagegen. Aber, was geht es uns an! Als Freund rate ich Ihnen indessen, zu schweigen, wenn wir bei meinem Vetter sind. Es ist schon nicht gut, das Wort Melioration zu brauchen, und er wittert Unrat, wie der Jagdhund stutzt, wenn es raschelt. Ueber diese verwünschten Sümpfe, diesen Bach, die Quierlitz, ihre Regulierung, die Mühle, ah, mon dieu, wenn ich Ihnen alles erzählen sollte, was uns das Verdruß gemacht, Verredereien, Advokaten, Prozesse auf den Hals geladen. – Mon cher ami, man muß nichts, was schlimm ist, noch schlimmer machen. Man muß die Menschen, ein Land und die Zeit nehmen, wie sie sind, dann kommt man noch am besten fort.« Zweites Kapitel. Die Blutsteine. Wenn die Monotonie einer afrikanischen Wüste den Maler zum Bilde begeistern kann, was nicht auch eine der wüsten Moorgegenden, an denen unsere Küstenländer so reich sind, noch reicher waren. Das Licht macht die Landschaft; die Stimmung, in der wie sie betrachten, drückt ihr den Charakter auf. Der einsame Raubvogel, der über dem buntschillernden Wasserspiegel schwebt, die graue Weide, vom Winde zerrissen, das bleichende Gebein eines Tieres, ein morscher Wegweiser, dessen Arme niedersinken, eine überwachsene Wagenspur, die in Gras und Moos sich verliert, – hauche das rechte Licht darauf und bringe den Sinn dafür mit, so ist das Bild fertig. Aus dem grau dunstenden Horizont schoß ein mattgelber Lichtstrahl auf das Torfmoor. Es lebte, und es war doch kein lebendiges Wesen da, soweit das Auge trug. Auch der Wind bewegte nicht die entblätterten Gesträuche. Grau in grau umspannte Himmel und Erde. Und doch hätte es einen Maler entzücken können, das weite Fernbild einer ersterbenden Natur. Die scharf geschnittenen Torfgräben mit ihren grauen Wasserlinien freilich nicht, sie verwunden das künstlerische Auge. Aber diese Linien, Winkel, liefen nur aus wie Radien und Zacken, welche die Kultur hineingeschnitten in die noch unbewältigte Masse. Das war sie freilich hier nicht, die Väter der Väter hatten schon Torf gegraben, aber das war lange her, und die Natur hatte wieder Besitz genommen von ihrem Eigentum. Die scharf abgestochenen Wände waren eingefallen, das Wasser quellte über. Gestrüpp und Schilf wucherten, und die braungelben Hügel waren überwachsener Auswurf des Spatens. Da verfiel eine Hütte von den alten Torfgräbern, zum Schutz vor der Witterung errichtet; aus ihrem eingesunkenen Dach wuchsen junge Birken auf. Und wenn der schräge, gelbe Strahl alle die aufquellenden Wasserstrahlen traf, wenn er sich drüben am Horizont an den bloßgelegten Hügeln, die ihren rollenden Sand ins Moor schütteten, brach, konnte man sagen, die Gegend blitzte, lebte; es war aber nur das letzte Aufblitzen, hätten andere gesagt, eines Sterbenden, seine Augen starren noch einmal, sie leuchten noch einmal die Gegenstände an, die er nicht mehr sehen soll, und im Körper ist schon der Todesfrost, der ihn niedersinken läßt, ein starrer Klumpen, Erde, um Erde zu werden. Wenn die Wolken sich schlossen, der Strahl versank, schillerten und blitzten auch die Wasser nicht mehr, es ward alles wieder Grau in grau. Als der Baron, der Gesellschaft vorauf, eben aus dem Elsenbusch trat, schoß der rötlichgelbe Wetterstrahl gerade hinter einer scharf abgekanteten Wolke stärker als vorhin nieder. Es war eine Wirkung, wie etwa die alten Maler Jehova andeuten, der aus den Wolken sich den Propheten verkündet. Ein goldbrennender Lichtstreifen fuhr schräg über die Heide, die kleinen Seen und Wassertümpel, die er berührte, gleichsam entzündend. Er konnte einen Wanderer, der in der Wüste dies unerwartet sah, erschrecken. Auch fuhr der Baron zurück, wenigstens zog er den Fuß, der eben über eine Moortiefe nach einer festen Wurzel drüben den Ansatz nahm, wieder sacht an sich, bog sich dann links mit dem Körper und ließ mit angehaltenem Atem den Riemen seiner Flinte von der Schulter gleiten, bis sein Gewehr in seinem Arme lag. Aber sein Auge verfolgte nicht den Sonnenstrahl bis zu den fernen Sandhügeln, sondern haftete auf zwei Steinen, die gegen hundert Schritt von ihm in Mannshöhe sich aus dem Moore erhoben. Sie schienen von tausendjährigen Regenströmen und Wassergüssen abgespült und von der Sonne gebleicht, wie Gebeine der Erde in der braunen Wüste zurückgelassen, aber der Reflex des Sonnenstrahls brach sich rötlich an ihrer Kante. Ehe es hinter ihm ausgesprochen war: »Um des Himmels willen, was tun Sie, Baron!« war der Schuß losgegangen. Er hallte dumpf hin über die lautlose Stille der Heiden »Nur ein paar Krähen, da auf den Steinen,« antwortete der Schütz, die Hand über den Augen, durch den Pulverdampf blickend. Darüber sah er nicht die Wirkung, welche der Schuß ihm ganz zunächst auf den Hofmarschall hervorgebracht. »Das sind ja die Blutsteine. Mein Gott, was mußten Sie das!« Kaum aber waren die Worte heraus, als ein entsetzlicher Angstschrei in unartikulierten Lauten gehört ward. Der Hofmarschall, nicht einer der behenderen, war mit einem Satz auf der Elsenwurzel und der Kandidat ihm nach. »Da ist ein Unglück passiert!« – »Was wird's denn sein?« brummte der Baron, sein Gewehr in Ordnung bringend, »das ist ein altes Weibergeschrei.« Der Baron hatte recht, das Geschrei kam von einer alten Bauerfrau; die Hände vorm Gesicht, schien sie ein angeschossener Vogel, der vor dem aufsuchenden Jäger noch einmal aufflattern und fliehen will, aber er weiß nicht wohin. Hinter den Steinen war helles Wasser. Das arme Weib sank am Ende des einen nieder und wimmerte: »Gottes Gnade und Barmherzigkeit, Herren Franzosen, ich bin ein unschuldiges Weib!« » Elle est blessée !« rief der Hofmarschall, denn Blut tröpfelte allerdings von ihrem Gesicht über ihren Brustlatz. »Ach, mein Gott, die alte Suse, die Botenfrau aus Ilitz!« rief der Kandidat. » Die ist tot,« rief der Baron, eine blutende Krähe am Flügel aufhebend. »Da fließt's ja vom weißen Stein! – Krähenblut, Herr Nachbar, weiter nichts. Mein Schrot geht nicht um die Ecke.« Das Weib wimmerte noch immer: »Gnade, allergnädigste Herren Franzosen, ich bin nur die Botenfrau, ich habe nichts. Mein Mann ist tot, mein Sohn ist auch tot; ich habe nur die armen Würmer zu Hause.« Der Hofmarschall war nähergetreten. Er fragte, ob sie verwundet, – er meine, ob sie blessiert sei, ob es ihr wo weh tue? Es kostete einige Weile, bis die Alte zur Besinnung kam, und einige Rückfälle, bis sie in ihrem Zittern vernünftige Antworten fand. Sie war von der gnädigen Herrschaft von Ilitz mit vielen Besorgungen nach der Stadt geschickt und hatte sich hier nur etwas verpusten wollen. »Lieber Gott, man geht doch auch schon auf die achtzig los, und Botenlaufen ist ein sauer Brot.« Aber sie wollte sehen, ob die jüngste es ihr nachtäte, denn warum, sie kenne den Weg wie eine, aber es seien zu schlimme Zeiten, und wer sich heut niederlegt, der wisse nicht, ob er morgen wieder aufsteht. »Und wie's da knallte, da kam's heruntergeschossen, blutrot und heiß,« und sie hätte gedacht, das Herz wäre ihr gesprungen und der Kopf auch, »denn die Franzosen sind zu grausam, gnädiger Herr.« Der gnädige Herr fragte, ob jetzt Franzosen in Ilitz lägen. Der Schuß hatte nicht ihr Herz getroffen, aber es schien, in die Zunge, und sie gelöst. Franzosen waren jetzund keine da in Ilitz, aber der taube Herr Pastor, der hatte noch Panduren im Quartier gehabt, damals im Siebenjährigen. Die stahlen wie die Kibitze und sprachen, was keine Seele verstand. Aber die Franzosen, das ginge wie ein Sturmwind, raus und rein, und alles wär' ihnen zu schlecht, und wollten immer das Beste haben, und die wüßten, wo alles liegt. Mit dem Pferd in die Stube rein, und nun mit dem Säbel auf den Tisch. Und das würde noch schlimmer werden. Sie schonten das Kind im Mutterleibe nicht. »O, du lieber Gott!« rief sie, von neuem aufwimmernd, und suchte die herausgefallenen Sachen aus der Kiepe, welche in der Verwirrung umgestürzt war. »Wenn sie das gekriegt hätten, ich hätte mich ja mein Lebtag nicht wieder vor der gnädigen Herrschaft sehen lassen dürfen.« Der Kandidat war ihr beim Auflesen behilflich. Beim Hofmarschall schienen die Gegenstände nicht gerade ein Interesse zu erregen, doch betrachtete er einige mit Aufmerksamkeit. »Was sollen denn die wollenen Strümpfe in der Stadt? Ist eine Lieferung fürs Lazarett kommandiert?« »Gott bewahre, gnädiger Herr, so was Feines für das! Die gnädigen Fräuleins haben's selbst gestrickt, ganz heimlich. O, ich habe noch manches sonst. Das ist alles, Sie müssen mich aber ja nicht verraten, für den gnädigen Herrn Kornett Theodor. Ach Gott, das junge Blut!« Die Botenfrau wischte mit der Schürze die Augen. »Daß so feinen und vornehmen Herrschaften auch so was begegnen muß! Splitternackt, ja, barfuß kann man schon sagen, denn die Zehen steckten ihm aus den Stiefeln. Ich sah ihn ja ankommen, und kotig und staubig. Wenn's unsereinem geschieht, nun, da weiß man, das ist so und schadet nichts. Aber so mir nichts dir nichts wiesen ihm der gnädige Herr Major die Tür. Es tat ja not, daß ihm die gnädige Frau einen Bissen in den Mund steckte, sonst wäre er unmächtig geworden, und der gnädige Herr Major wollten's nicht sehen, drum schmissen sie die Tür zu. Und ist seines Bruders Frau Schwester leiblich Kind, und ein so hübscher, junger Mensch!« »Also die Geschichte ist noch nicht aus,« murmelte der Gutsherr. Lauter setzte er hinzu: »Der Kornett ist noch in Nauwalk?« »Und der Major wollen nichts von ihm wissen, noch hören, und schicken ihm keinen Groschen. Ja, wovon soll er denn leben, sagten die gnädige Frau. – Da sagten der gnädige Herr einmal: von der Schande, und spuckten aus. Und die gnädigen Fräulein weinten, denn sie sind ihm alle gut.« »Sie vermuteten in dem alten Weibe wohl nicht einen postillon d'amour ? sagte spöttisch der Hofmarschall zu dem Baron; zur Botenfrau aber: »Welches Fräulein hat Ihr denn die besten Sachen für den jungen Herrn mitgegeben?« Die Frau mußte den Sinn der Frage verstehen, sie schüttelte mit grinsendem Lächeln den Kopf. »O, da ist eine wie die andere; sie sparten ihren letzten Bissen für ihn.« »Da sehen Sie wieder eine Probe der Erziehungsmethode meines Vetters; der junge Mensch hat nicht mehr getan, als wie viele Tausend andere. Es ist wahr, seine Sortie war etwas großsprecherisch und sein Rentree pitoyabel. Welcher Familie ist das nicht passiert! Wer auf vernünftige Ehre hält, kaschiert die Sache. Mein Herr Vetter aber versteht die Ehre anders, er zog an der großen Glocke. Was soll der arme Teufel ohne Gage machen? Vermögen hat er nicht, reiche Verwandte auch nicht. Und läßt ihn in die Stadt laufen, Schulden machen, plaudern, über die Hartherzigkeit seines Onkels klagen. Zwingt er nicht dadurch die weichen Herzchen seiner Töchter, für den armen Vetter Partei zu nehmen!« »Nahmen die Damen schon früher Partei für ihn?« »Wie das so zu gehen pflegt, wenn man einen hübschen vater- und mutterlosen Knaben im Hause aufnimmt, wo ein rauher Vater ist und gutmütige Cousinen. Die Cousinen kajolierten und admirierten ihn; je toller er renommierte, um so mehr vor dem blauen Rocke glaubte der Alte schweigen zu müssen. Es war ja möglich, daß er als zweiter Seidlitz wiederkehrte. Aber als er als ein Ausreißer ankam, nun, Sie hörten ja. Was nun einmal draus werden kann, hat er sich selbst eingerührt.« »Uebrigens ist es mir lieb, daß wir in Ilitz keine Einquartierung finden; der Isegrimm ist vielleicht traktabler,« hatte der Hofmarschall hinzugefügt, als er Anstalt machte, den Weg fortzusetzen. Aber die alte Botenfrau war wieder unruhig geworden, sie suchte noch etwas, die Kiepe ward noch einmal um und um gepackt. »Ach, wenn das verloren ist, bin ich eine verlorene Frau, das Frölen hat's mir auf die Seele gebunden.« »Es wird ja wohl zu ersetzen sein,« meinte der Hofmarschall, als er den Fuß zurückzog, unter dem etwas knickte, ein zerbrochenes Glas. Die Alte brach in Tränen aus, als der Herr es aufgenommen und betrachtete. Was das Frölen ihr auf die Seele gebunden, war zertreten! Ein kleines Medaillon mit Silhouetten; auf der einen Seite ein männlicher, auf der andern ein weiblicher Kopf, über beide ein Glas mit einem Kranz von geflochtenen Haaren. Nicht erst der Fußtritt hatte das Glas zerbrochen, nach dem spiralförmigen Riß des Glases schien es durch ein Schrotkorn vorher gesprengt, welches auch in das Pergament ein Loch gebohrt und damit einen Teil des männlichen Kopfes durchdrungen hatte. Wer das Wunderbare natürlich erklären wollte, hätte sagen können, daß die Alte, ihre Kiepe auf dem Rücken, sich an den Stein gelehnt, und daß von dem Schuß, der die Krähe traf, ein Korn, am Stein abprallend, wie manche matte Kugel noch im Fallen die Verwüstung angerichtet. »Kindereien!« hatte der Hofmarschall gesagt, indem er das zerbrochene Medaillon in die Brusttasche steckte. »Nichts als Kindereien!« hatte er in sehr ernstem Tone wiederholt, als die Alte mit einer Miene die Hand danach ausstreckte, die es nicht auszusprechen wagte, was sie dachte: was soll ich denn nun dem jungen Herrn sagen? »Sie braucht ihm nichts zu sagen, Suse. Ich weiß das alles und werde das Bild wieder ganz machen lassen; denn so zerbrochen kann Sie es ihm doch nicht bringen. Nun mach Sie sich nur auf den Weg, damit Sie in Ilitz zurück ist, ehe es dunkel wird.« »Nichts als Kinderpossen,« hatte der Edelmann wiederholt, als er mit dem Baron langsam weiterging, um bald mit demselben in ein sehr ernsthaftes Gespräch verwickelt zu sein. Ehe der Kandidat ihnen folgte, half er der alten Suse den Korb auf den Rücken nehmen. Es war ein innerem Schrecken, der sich nur durch ein stilles Wimmern und Zittern kundgab: »Was mußte ich auch an den Blutsteinen mich verpusten,« wimmerte sie. »Die sind nun verloren.« »Verloren ist niemand,« sagte der Kandidat, »der nicht Gott verlor.« Er sprach ihr Trostworte zu, daß der die Haare auf ihrem Haupte gezählt, auch mit seinem Auge wache, wo ihr Fuß straucheln könne. Sie nickte dankbar, und beim Abschied ergriff sie seine Hand. »Ach, Herr Kandidat, so einer wie Sie tut da not. Das Wort Gottes ist schon gut, wo es ist und wie es klingt, aber es ist doch anders, wenn's gut klingt. Der Herr Major sind ein gottesfürchtiger Herr, das weiß der liebe Gott, und kennt seine Bibel auswendig, aber 's ist nicht gut, wenn der Pastor und der Edelmann sich nicht ausstehen mögen, und ist nicht gut, wenn in einem Hans der eine da hinaussieht und der andere da. Die Frölen sind engelsgut, und die gnädige Frau ist auch so gnädig, und der gnädige Herr ist ein Mann Gottes, der kein Unrecht tut und kein Unrecht leidet, aber wissen Sie noch, wie Sie in der Predigt sagten: Der Herr fährt auf dem Sturmwind, und seine Stimme ist ein Rollen des Donners, aber er ist auch im Abendwind, der über die Blütenfelder säuselt, und wohl dem Hause, wo seine Stimme klingt wie der Gesang der Vögel, und sein Blick hineinscheint wie die Sonne, die aufgeht am klaren Himmel und untersinkt nach einem heitern Tage; denn das ist das Haus des Friedens, sagten sie, der von ihm kommt. Da sahen alle Bauern nach dem gnädigen Herrn, und der gnädige Herr ließ den Kopf sinken, und nachher tat er einen harten Taler ins Becken. – Von uns Bauersleuten hat jeder die Worte behalten, aber,« sie flüsterte es ihm ins Ohr, als könne der Luftzug es über die Heide tragen – »der gnädige Herr Major muß sie wohl vergessen haben. Darum warten wir alle in Ilitz, daß der Herr Kandidat kommt. Dann schreien Sie es ihm nur wieder von der Kanzel zu.« Einige zwanzig Schritte vorauf waren die beiden Herren im Eifer des Gesprächs stehen geblieben, vielleicht auch weil der Weg nicht mehr ein Nebeneinandergehen erlaubte. »Sie wollen dem Aberglauben das Wort reden!« hatte der Baron vorwurfsvoll ausgerufen. »Wenn ich in Berlin bin, lache ich darüber, wie man über einen ungeschickten Menschen lacht, der sich in der Gesellschaft nicht zu präsentieren weiß. Hier auf dem Lande – ich möchte sagen, die Atmosphäre hat auch ihr Recht. Il faut s'acclimatiser ! Ueberdem, lieber Baron, es ist vielleicht Pflicht der Klugheit, den Samen des Aberglaubens nie ganz aufgehen zu lassen. Womit soll man die Menge gouvernieren! Et enfin , wer weiß, ob er nicht wieder einmal gangbare Ware wird!« »Was aber mein Krähenschuß mit dem auf parole d'honneur davongelaufenen Kornett zu tun haben soll, begreife ich doch nicht.« »Auch ich nicht, aber die Leute glauben es, und darauf kommt es an. Auf diesem Moorgrund haftet nun einmal ein Etwas. Hier war die Wendenschlacht, hier fiel ihr letzter Krole. Oben da sehen Sie sein Grab. Hier spielte auch die Schwedengeschichte. An den Blutsteinen wäre der Schwedenoberst erschlagen, von dem Sie in Ilitz genug hören können. Man spricht aber nicht gern bei den Blutsteinen davon. Die Gegend ist nun einmal in Verruf. Ein paar Schatzgräber sind wirklich im Moore versunken; mehr als ein tüchtiger Mann, der die Torfgräbereien unternommen, ward bankrott, das mischt sich untereinander, und wenn die Geschichte mit der durchschossenen Silhouette bekannt wird, so ist es ein Omen, ein neuer Beleg für den Volksglauben, und wir wissen nicht, was sich weiter daraus entspinnt.« »Sind der Herr Major von der Quarbitz auch abergläubisch?« »Kluge Leute wollen behaupten, daß niemand frei vom Aberglauben sei, am wenigsten die, welche sich für die allergescheitesten halten. Nun will ich das zwar meinem Lehnsvetter nicht nachsagen, aber Sie täten gut, etwas seinen Aberglauben zu studieren. Wer das versteht, kann viel. Aber jetzt Attention, der Weg wird schlecht.« Sie, oder der Knecht, welcher ihnen den Rat gab, ihn einzuschlagen, hatten nicht bedacht, daß ein Strom, welcher im engen Gefälle einer Bergschlucht die Brücke wegreißen konnte, jenseits auch seinen Weg für sich braucht. Es quellte und strömte von allen Seiten, und man hatte für solche Fälle schon ehedem große Steine in gemessener Entfernung voneinander gelegt, um von einem zum andern zu springen. Für den Hofmarschall war es eine saure Arbeit, dem munter vorauf springenden Baron zu folgen. Während jenem die Büchse, die er spielend in der Hand trug, zur Balancierstange ward, fühlte dieser sich durch seine Wildschur geniert. Er ward zu heiß, und an einer Stelle, wo die Strömung so heftig war, daß sie den nächsten Stein fortgerissen hatte, stand er zaudernd vor der breiten Oeffnung und dachte laut: »Man ist doch auch nicht mehr« – »ein Springinsfeld,« dachte er still hinzu, aber der Baron, der, um ihm zu helfen, zurückgesprungen, ergänzte es laut: »ein Butterweib oder eine Botenfrau. Reichen Sie mir nur dreist die Hand, Herr Nachbar.« Das ließ sich indes in dem schleppenden Pelze nicht so leicht bewerkstelligen. Der Edelmann zog die Wildschur vom Leibe und revanchierte sich dabei an dem Nachbar drüben für dessen Laune, indem er versicherte: dies solle ihm künftig eine Warnung sein vor allen Richtsteigen, welche die Spekulation ausfindig gemacht. Aber die Last der Wildschur im Arm machte das Springen noch bedenklicher. Zum Glück war jetzt auch der Kandidat herangekommen. Ob er den Arm danach ausgestreckt oder der Edelmann ihm entgegenkam – genug, der Kandidat hielt den schweren Pelz im Arm, der Hofmarschall sagte: »Ach, Sie sind sehr gefällig!« und sprang, von der Hand des Barons gezogen, auf die andere Seite. Drüben fand er, und der Baron auch, daß er in starker Transpiration sich befinde und durch schnellere Bewegung sich vor einer Erkältung bewahren müsse. »In der Schenke von Querbelitz treffen Sie uns, Herr Mauritz,« waren seine letzten Worte. »Sie kommen uns wohl bald nach.« Der Kandidat Mauritz beeilte sich nicht. »Es muß doch manches hier anders werden!« sprach er und sah ihnen mit einem halb wehmütigen, halb lächelnden Blicke nach. Erst als sie am Ende des Moorpfades in den Büschen der jenseitigen Höhen verschwunden waren, warf er den Pelz über die Schulter und war mit einem Satz auf dem Steine drüben. Die Wasser, die an den Steinen sich brachen und um seine Füße rauschten, schien er mit Vergnügen zu betrachten. Er blieb oft stehen, um ihr Spiel zu verfolgen. »Sein Geist schwebt, wie über den großen Wassern der Schöpfung, auch über diesen kleinen Strudel, und es ist ewige Bewegung. Aber diese spielenden Fluten werden versiegen, die durstige Erde schluckt sie schon im nächsten Sommer ein, und der alte Sumpf haucht wieder die feuchten, schädlichen Dünste aus. Die Wassertank spült nicht mehr den Schlamm der Jahrtausende herunter. . . . Wird seine nächste eine Feuertaufe sein?« Er hatte die Höhe drüben erstiegen; eine kleine Waldkuppe bot noch einen letzten Rückblick auf die Gegend, ehe der Flußpfad nach dem Dorfe sich in dem dichten Kiefernwalde verlor. Die Sonne schoß noch einmal aus der kleinen Wolkenbreche, die sich enger zusammenzog, einen trügerischen Freudenstrahl. Rote Lichter fielen auf das braune Moor, die Blutsteine flammten, und der hohen Kiefernstämme knorrige Aeste, welche die jenseitigen Ufer der Quierlitz überschatteten, die dem Wanderer zu Füßen rauschte, waren von der Glut übergossen, welche unsere Nadelwälder oft so malerisch macht. Der Burgwall ward von den Bäumen versteckt, aber jenseits links ragte das große Königsgrab, vom Lichtglanz übergossen, in den Horizont. Es war ein stiller, feierlicher Anblick. Ein Maler, der das Bild wiedergeben wollte, hätte ein verfehltes Gemälde geliefert; aber ein Maler, der hier sammeln wollte, fand Töne und Tinten, um ein ausdrucksvolles zu schaffen. Tiefe Stille ruhte über der Gegend, nur schwach unterbrochen vom Klappern der Wassermühle, welche der Bach trieb. Das Krähengeschrei war verstummt: nur hoch über dem Krolengrabe kreisten zwei Raubvögel. Der Kandidat schien der Maler, der hier Töne sammelt. Er stand mit untergeschlagenen Armen, den Blick unverwandt auf die Hünengräber gerichtet, als wolle sein Auge in ihre geschlossenen Tiefen dringen. »Was ist von Euch allen übrig als eine dunkle Mär, daß Ihr einst gelebt habt! Alles andere vergessen, Eure Taten, selbst Eure Namen, und über Eure Gräber geht der Pflug. Wo einer Eure Aschenurnen ausgräbt, zerschlägt er sie gleichgültig, er zerstreut den Rest Eurer Gebeine in den Wind, weil Ihr keine Schätze gesammelt, die Wert für uns haben. Wenn so große Reiche und Völker untergehen konnten, welche die Geschichte noch gekannt, spurlos, ohne Erinnerung verschwanden, kann nicht auch an uns die Reihe kommen? Was helfen Heldentaten, große Werke und große Könige einem Volke, wenn seine Stunde abgelaufen ist! Wir hatten auch große Könige, haben Werke verrichtet und Heldentaten geübt, die unser Stolz bis in die Sterne erhebt, und wenn doch auch unsere Stunde gekommen wäre in dem Zeitmeer, für das wir keine Messung haben, wenn die Hand des Ewigen verdammend über uns hinwehte und die Schöpfung dieser gewaltigen Könige bestimmt wäre, in Trümmern und Staub zu sinken, und Männer ständen einst vor unsern Gräbern wie wir vor diesen und fragten gleichgültig, wer waren sie und was haben sie getan? Und unsere Geister schwebten wie Dunstflocken im Nebel, ihr Angstschweiß, weil keiner Antwort gäbe, träufte wie dieser kalte Nebel auf die Haut der Lebendigen! Und wenn die Allmacht, unseres Schmerzes sich erbarmend, ihm doch Laute und Stimmen schenkte, – auch dann verständen die Männer es nicht. Die Stimmen blieben ein toter Schall, Friedrichs Ehre und Fehrbellin ein Klang, wie uns die gleichgültigen Namen jener Wilzenkönige, und sie zerschlügen unsere Urnen, sie streuten unsere Asche und Gebeine in den Wind. denn wir haben keine Schätze gesammelt, die für sie Wert haben!« – Der Wind, der leise pfeifend von Westen gekommen, heulte jetzt durch den Forst. Die Kronen der hohen Kiefern beugten sich knarrend über den Einsamen, und das leuchtende Königsgrab war zum grauen Klumpen verschrumpft. Drittes Kapitel. Der Quilitzer Knecht. Der Weg durch den Wald war eng und dunkel, aber festgetretener Boden. Wo er sich am Ausgang durch jüngeren Kiefernaufwuchs nach der Landstraße schlängelte, ward er lockerer Sand, der bis zum Dorfe fortdauerte. Die Schornsteine rauchten schon gastlich aus der Ferne. Ueberhaupt hatte der Charakter der Gegend sich verändert. So schlecht der Boden sein mochte, war doch alles Kultur. Die Felder gut gehalten und geteilt, die Straße mit einer Allee bepflanzt. Die Laubbäume standen zwar traurig entblättert, aber die Dächer des Dorfes schimmerten wie aus einem großen Boskett rotgoldenen Laubes; das ist der Zauber auch des späteren, finsteren Herbstes auf dem Lande. Die Fruchtbäume der Gehöfte erhalten sich länger in ihrem bunten Kleide als die des Waldes. »Wollen Sie nicht aufsteigen, Herr Mauritz, es geht sich schlecht im Sande!« rief eine wohlbekannte Stimme hinter ihm. In dem weichen Geleise hatte er das Gefährt des Knechtes nicht bemerkt. »Nicht wahr, Sie haben tüchtig springen müssen?« fuhr dieser fort, als der Kandidat im Wagen saß, und wandte sich, während er die Pfeife gemächlich fortrauchte, zur Konversation gelegentlich um. »Ich wußte es schon, und die Füße sind auch wohl naß.« »Und doch konntest Du uns den Weg anraten?« »I nu, dem Herrn Baron von Eppenstein gönnte ich's schon.« »Er geht Dich ja nichts an.« »Was muß er alles besser wissen und hat kaum in die Gegend gerochen.« »So haben die wohl recht, die meinen, weil er nicht vom alten Adel ist, hätten die Bauern keinen rechten Respekt vor ihm?« »Na, da ließe sich manches drüber sagen, Herr Mauritz. Der wird sich noch manchmal wundern tun, daß es hierzulande auch kluge Leute gibt.« »Aber Dein Herr! Den Hofmarschall hast Du auch in den Sumpf geschickt.« Der Knecht verzog etwas schlau den Mund. »Sterben wird er auch nicht davon. Ist ihm für seine Gicht recht gut, das Hopsen.« »Wenn ich ihm aber wiedererzählte, was Du mir eben vertraust!« »Das werden Sie nicht tun, Herr Mauritz. – Ich war ja schon längst hier mit der Kalesche; da im Busch hielt ich. Ist gar nicht so weit, der Weg, als der gnädige Herr glaubt, denn hinter der Sägemühle ist 'ne Furt, die ist zu jeder Zeit passierbar. Also raucht' ich da ruhig meine Pfeife und dachte: wer wird nun zuerst kommen? Da war's der gnädige Herr und der Baron, die spürten auch bald im Sande, daß mein Gefährt noch nicht vorbei war, also warteten sie. Ich dachte, Ihr könnt warten, bis Ihr schwarz werdet, und kitzelte meine Braunen unterm Hals, daß sie nicht wiehern sollten. Aber es ward ihnen zu lang.« »Und warum das? Wenn sie müde waren!« »Ach was, müde! Bei Hofe müssen der Herr Hofmarschall oft zwölf Stunden hinter dem Stuhle stehen und dürfen nicht müde werden. Und mit seinen Storchbeinen kann er besser durch den Sand steigen –« »Als ich, meinst Du?« »Freilich! Sie mußten ihm ja die dicke Wildschur nachschleppen. Er ging im Flips. Also wer konnte sie ihm tragen! Da dachte ich, der Kandidat muß müde sein, und auf den willst Du warten. Und das war richtig. Sehen Sie, unsereins kann auch kalkulieren.« Der Kandidat schwieg. Sollte er ihm danken, ihn schelten? Er fragte den Knecht, was ihn denn so freundlich gegen ihn gestimmt? »Sie sind auch nicht von unserer Art, Herr Mauritz, mit Verlaub, aber Sie sind doch anders als der Baron. Sie wissen auch alles besser. Nu, dafür sind Sie ein Studierter; aber, 's kommt nicht 'raus als wie beim Baron. Der denkt immer dabei: Du dummer Bauerkerl! Sie spielen auch mit den Kindern, und die Bauerweiber, wenn Sie mal gepredigt haben, was heulen die! Ja, die Frauensleute habend Sie alle bei uns im Sack.« »Aber die Männer, ich meine die Bauern?« »Na, davon wollen wir nicht reden, Herr Mauritz; – Sie wohnen bei der Herrschaft, Sie sind aber doch nicht die Herrschaft. Das fühlt unsereins auch 'raus, und darüber ließ sich auch viel sagen, aber das taugt nichts. Und Sie predigen auch schön, das muß Ihnen der Neid lassen; das Herz rührt sich einem im Leibe, wenn Sie nur nicht so grausam katholisch predigen wollten!« Der Kandidat sah verwundert auf. »Ja, ja, ich weiß schon, was Sie meinen, daß Sie ein guter Lutherischer sind; aber wir hierzulande nennen das katholisch predigen und nicht christlich. Immer vom Schlamm der Verderbnis und der Erbsünde und der ewigen Verdammnis. Herr Gott, wenn ein Bursch mal ein Mädel ins Korn zieht, darum geht die Welt auch nicht unter. Aber Sie orgeln und donnern ja, daß einem das Mittagsessen nicht schmeckt. Wir haben unser Christentum auch, Herr Kandidat, und darum will uns das eben nicht schmecken.« Der Kandidat war nicht geneigt, sich in einen theologischen Disput einzulassen; er fragte nur kurz, ob alle Bauern hier so dächten. Der Kutscher schien entweder durch das lange Warten gesprächig gestimmt oder seine Epistel als Bezahlung für seinen Dienst einstreichen zu wollen. »Alle nicht, Herr Mauritz, ich meine, es gibt wohl solche Dörfer, wo sie den Kopf hängen, aber bei uns nicht. Auch nicht in Ilitz, wo Sie hinkommen. Sehen Sie, unser Christentum ist, daß einer gut soll sein und sich anständig aufführen. Er soll nicht immer besoffen in der Schenke liegen und seine Frau nicht prügeln ohne Not und nicht betrügen und keine Schulden machen, die er nicht bezahlen kann. Undankbarkeit ist auch unchristlich, und seine Steuern soll man bezahlen, wenn der König befiehlt, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst. Das ist auch christlich und manches noch, was mir nicht gleich einfällt, und das weiß jeder so gut wie der Küster und der Pastor. Den Herrn Christus lieben wir auch, denn er ist unser Herr und Seligmacher. Das ist unser Christentum, aber mehr soll man nicht draus machen; das ist nicht gut hier, Herr Mauritz, das sage ich Ihnen. Denn unsere Bauern sind pfiffiger, als die Herrschaften denken, und wenn einige Herrschaften mehr aus ihnen machen wollen – nun ja, sie tun's, warum nicht, wenn sie sehen, daß es der Herrschaft ihr Pläsir ist. Sie verdrehen die Augen und schlagen sie runter und sprechen wie die Bibel. Aber passen Sie acht, Herr Mauritz, das werden im Leben keine guten Bauern nicht. Wenn man so viel beten soll, kann man nicht arbeiten, und unser Herrgott hat uns geschaffen, daß wir arbeiten sollen im Schweiße unseres Angesichts. Das ist auch der Boden hier dazu, daß man faullenzen sollte. Der liebe Gott düngt den Sand nicht und wietet nicht den Hederich, wenn man ihn auch noch so sehr bittet. Das ist alles katholischer Aberglaube. Ja, drüben an der Elbe, da gibt's wohl Aecker, wo's von selbst wächst, da mögen sie faullenzen und beten, soviel sie wollen, und meinethalben mögen sie ihr apartes Christentum haben und Fasttage und Erbsünden, so viel sie wollen, aber unser Christentum, das ist das hier, was ich Ihnen sage, und die Herrschaft, die damit nicht zufrieden ist, die zieht sich Heuchler auf und Scheinheilige. Das werden hochmütige Taugenichtse, und die Herrschaft und der König kriegt keine guten Untertanen nicht. Glauben Sie mir, Herr Mauritz, so ist's hier in der Mark jetzo, und so ist's immer gewesen. Ob katholisch oder halbkatholisch, das ist egal. Wir wissen das ja vom dicken Könige her, und vom Zopfschulzen aus Gielsdorf wissen wir auch recht gut. Wir wollen gar nicht katholisch sein, das ist gut brandenburgisch, und so wird's immer sein.« Die Peitsche knallte lustige Wirbel in die Lüfte, aber nur zum Spaß, gegen unsichtbare Geister; die Pferde verstanden es und zogen so langsam wie vorhin durch den Sand. Der Kutscher meinte wohl, bei den Geschäften in der Querbelitzer Schenke habe der Kandidat nichts zu tun. Herr Mauritz schwieg; auch auf des Knechtes Anforderung, da es kühl werde, sich die Wildschur umzuwerfen; er breitete nur die Decke über die Knie. Der Kutscher aber hatte Lust zum Reden. »Ich möchte wohl wissen, Herr Mauritz,« hub er nach einer Pause an, »was Sie jetzt denken. Ich meine, was so ein Studierter immer denken kann, wo unsereins doch platterdings nichts sieht und hört und weiß, an was er denken soll. Die Kirschbäume sind rot, und der Himmel ist grau; sonst ist doch auf Gottes weiter Welt nichts vor uns.« »Denkst Du nie an Dein Vaterland, wenn Du es auch nicht siehst?« fragte der Kandidat. »Ach, Sie meinen die Franzosen und deswegen! Sehen Sie, Herr Mauritz, da, denke ich, tun wir genug, wenn wir dran denken, wenn sie mit dem Quartierzettel vor uns stehen. Dann ist's schlimm genug; drum soll man sich's nicht sonst damit inkommode machen.« »Aber wenn sie nicht vor uns stehen, stehen sie vor anderen unserer Brüder.« »Ich verstehe Sie schon, Herr Mauritz. Aber da heißt die Bauernregel: Kümmere Dich nicht um das, was Dich nicht angeht. Das ist des Königs Sache und nicht die unsere.« »Aber der König ist aus seinem Lande vertrieben. Die Franzosen verfolgen ihn, wir hören eine böse Post um die andere, wie eine Festung um die andere fällt, wie die braven Truppen, die noch bei ihm sind, geschlagen und aufgerieben werden.« »Darauf hören wir Bauern gar nicht mehr; wir wissen, das ist alles erstunken und erlogen von den Franzosen und wer es mit ihnen hält. Unser König bleibt unser König, und das ist uns genug.« »Wenn es nun nicht erlogen wäre! Die Franzosen sind im Lande und bleiben im Lande. Wenn sie immer – immer blieben, und wir unseren König nicht wiedersähen! Liebst Du nicht Deinen König?« »Da müßt' ich ja kein Brandenburger sein! Den König und sein Königliches Haus und was dazu gehört, dafür muß der Prediger beten, und wir beten mit.« »Wenn es nun die Franzosen verbieten?« »Dann beten wir im stillen. Das hört der liebe Gott ebenso.« »Gewiß! Doch wenn es mit dem Beten nicht abgetan wäre? Wenn unser König und seine Sache verloren bliebe, wo wir uns nicht für ihn rühren? Der König kann uns zu Hilfe rufen, unser Gut und Blut fordern.« »Ich bin nicht kantonpflichtig, Herr Mauritz; 's ist so kurios gekommen, die Geschichte ist nur zu lang, aber es ist so.« – »Kantonpflichtig oder nicht, Du junger Bursch, ohne Weib und Kind, würdest nicht aufspringen, wenn Dein König riefe, und nicht die Flinte ergreifen?« »Ja, wenn ich kantonpflichtig wäre, da brauchten sie nicht lange zu pfeifen, und, mein Seel, ich glaube, ich würde kein schlechter Soldat nicht. Aber nun ist's nicht, und das ist auch gut. Allens was Rechtens. Was drüber ist, ist vom Uebel, steht in der Bibel.« »Am Ende wäre es Dir gleichgültig, ob wir gut preußisch bleiben oder französisch würden.« Der Knecht besann sich. »Gleichgültig, Herr Mauritz, eigentlich nun nicht. Die Sackermenter, die Franzosen, kann ich nicht leiden, sie sind so windig und dunstig; aber im Quartier, das haben mir schon viele gesagt, sind andere noch viel schlimmer, als wie die Württemberger, die Bayern, die Nassauer und wie das Krimskrams heißt. Die prügeln und sackermentieren und zerschlagen weit mehr. Aber ich denke so, Feind ist Feind, und wenn sie nicht mehr Feind sind, dann sind sie auch anders. Ich verstehe Sie schon, Herr Mauritz, wenn ich mich auch nicht explizieren kann, was Sie meinen, von wegen der Obrigkeit, die von Gott ist. Schon richtig. Wenn nun aber eine Obrigkeit abgetan ist, dann ist die andere, die kommt, auch wieder von Gott. Und was schiert es uns! Wir müssen Steuer zahlen und wieder zahlen, graben, ackern, dreschen, Boten laufen, Führer sein, schanzen, Vorspann tun, oder die Muskete auf den Rücken nehmen und uns fuchteln lassen oder tot schießen, wie es kommt. Da kalkuliere ich nun manchmal so, das fordert eine Obrigkeit von uns und die andere auch, und was sie dem Ding für Namen gibt, das ist uns egal. Und wer da glaubt, daß es jemals anders wird, der ist ein Narr. Und der, kalkuliere ich nun, wäre eigentlich auch einer, der sich graue Haare wachsen läßt, ob er von der Obrigkeit gefuchtelt wird oder von der. Das beste ist, daß man sich 'ne dicke Haut anschafft, ich meine, wir gemeinen Leute, und das Ohr spitz hält, um zu hören, wo der Wind herkommt. Denn wer pfiffig ist, kommt mit jeder Herrschaft durch.« »Denken viele so wie Du?« »Sie denken gerade nicht so, denn zum Denken hat der Bauer nicht Zeit, aber – na, Herr Mauritz, was denken Sie denn von den Herrschaften und dem faulen Volke in der Stadt? Die schreien schon, wenn der Floh sie sticht, und kommt's so, passen Sie acht, pfiffig sind sie auch, und wird der Napoleon unsere von Gott eingesetzte Obrigkeit, und kann er ausschenken Domherrnpfründen, Kreiskontrolleurstellen und Pour les mérites , ach Herr Je, wie werden sie, Heidi, Juchhei hast du nicht, kannst du nicht – ich will keinen verreden, aber – unsere Herrschaft – na, nu, steigen Sie ab, Herr Kandidat!« »Warum hier?« »Weil ich da umwende. Sie können uns von der Schenke aus sehen.« »Hast Du etwas Böses getan, daß Du mich aufnahmst?« »Ob's vor Gott bös ist, weiß ich nun gerade nicht, aber die Herrschaft könnte es doch so auslegen, daß ich den Informator kutschiert habe und den Herrn Hofmarschall im Dreck laufen ließ.« Als der Knecht die Peitsche schwang, um seine Tiere durch einen gelinden Galopp etwas schwitzend vor die Schenke zu bringen, wandte er sich noch einmal zum Kandidaten um. »Das wollte ich Ihnen noch sagen, Herr Mauritz, was ich gesagt, das paßt nicht auf Ilitz. Der Isegrimm ist ein aparter Herr. Da müssen Sie auch die Augen aufsperren und die Ohren spitzen, wenn Sie mit ihm durchkommen wollen. Ueberhaupt merken Sie sich, die Ilitzer, das ist eine andere Nation, als wir von Quilitz.« Viertes Kapitel. Die Querbelitzer Schenke. Zu welcher die von Querbelitz gehörten, was etwa in der Mitte lag, hatte der kluge Kutscher nicht gesagt. Das Dorf sah nicht anders wie andere in unseren Kur-, Mittel- und Uckermarken und der Priegnitz zu Anfang dieses Jahrhunderts aus. Zwischen den vielen ungeputzten Lehmhäusern trat selten ein mit Steinen ausgemauertes, noch seltener zwischen den bemoosten, wettergeworfenen Schilfdächern ein Ziegeldach hervor. Die Dorfstraße, breit, aber krumm; mit uralten Bäumen bestanden, war bei schlechtem Wetter ein ausgefahrener Hohlweg, besser, ein Sumpf, von dem die Enten, zuweilen die Schweine Besitz nahmen, wenn die jüngste Dorfjugend, Mädchen oder Knaben, barfuß darin plätschernd, die ungebetenen Gäste nicht fortjagten. So viel Häuser, fast so viel Storchnester zählte man auf den Dächern, und so viel Bretterzäune um die Höfe, so viele waren auch schief, von Alter und Wetter halb eingesunken. Und doch sah es heimlich oder häuslich, wie man will, aus, selbst jetzt im Spätherbst, wo die Fliederbüsche nicht die Lehmwände bedeckten und an die Dächer schlugen, noch der Storch auf der Firste klapperte, und weiß und rot als die Farbe proklamierte, die im Dorfe herrschte. Rot waren ja die Ebereschen, rot der wilde Wein, der sich an einer alten Mauer aufrankte, rot und gelb und braun die Birnen- und Aepfel- und Pflaumenbäume, und weiß die Birken, die Gänse und die Laken, die am Zaune trockneten oder wieder naß wurden. Dazu wirbelte der Rauch nicht allein aus allen Schloten, es dampfte auch aus allen Backöfen; denn Fouriere waren dagewesen und hatten Einquartierung angesagt. Kurz, es war lebendig im Dorfe Querbelitz. Ein Wanderer, der den ganzen Tag in Frost und Nässe gewandert, hätte sich gefreut über – das warme Nest. In der niedrigen Schenkstube zumal war es mehr als warm, es dampfte. Der gnädige Herr von Quielitz, obgleich er noch fröstelte und deshalb vom Kaffee aus der großen Bunzlauer Kanne mehr als eine Tasse hinuntergestürzt, ohne schmecken zu wollen, daß er mit Syrup aufgekocht war, mußte vom Schreibsekretär an dem er Rechnungen durchsah, mehrmals aufstehen und an die freie Luft. Es gehörten dazu, die dafür geboren waren, wie der Bär für den Winterschlaf, die Biene für ihren Korb, die Eule für den Kellerbalken, um in solcher Stube auszuhalten. Freilich die größte im Dorf, denn die Schenke oder der Krug war zugleich das Schulzenhaus, ehedem war es das Weichhaus oder Vorhaus von dem Herrenhaus gewesen, das nicht mehr existierte; was alles aber mußte die Stube aufnehmen und sein! Da stand das große zweischläfrige Himmelbett mit den gewürfelten Kattunvorhängen, das jetzt nur den Schulzen allein aufnahm, wenn er sich nicht erbitten ließ, seinen blondgelockten Enkelbuben mit hineinklettern zu lassen. Zunächst in der Ecke noch ein zweischläfrig Bett. Ach, auch das war jetzt einschläfrig, die junge Witwe und Schwiegertochter teilte es aber redlich mit ihren zwei Töchterchen, die aus der kleinen Bettstelle daneben, umschichtig, je nach Gunst und Verdienst, zu ihr hineinschlüpften. Der Säugling aus der Wiege, die zu Köpfen des Bettes stand, konnte freilich noch nicht schlüpfen, die Mutter nahm ihn aber oft aus freien Stücken, oder wenn er durch Geschrei sich meldete, zu sich. Es standen vielleicht noch ein paar Betten da, die ich vergaß, mein Papier aber muß Raum behalten für die Möbel und die Menschen. Die Möbel waren einfach, lange Tische mit Kreuzbeinen, lange Bänke, hohe Schemel, alle rotbraun angestrichen, wo man die Farbe noch sah. So waren es auch die Schränke, die verschlossenen und die offenen, Urelterväter-Besitz, auf den Brettern der offenen prangte der halbe, wo nicht der ganze Hausrat, Krüge, Teller, Schüsseln, Büchsen, von Blech, Holz und schön gemaltem irdenen Geschirr. Es war ein Mann, der sich und sein Haus sehen lassen konnte, der Schulze. Sonst hätte er auch nicht, was manchen wie eine Moquerie bedünken konnte, an die eine Wand einen Schreibsekretär von fein geädertem und poliertem Birkenholz gestellt; oben hatte er ein Dreieck und Säulen und sogar einen Spiegel. Eigentlich brauchte er ihn nicht, denn das, wozu ein Schreibsekretär dienen kann, dafür hätte es wohl ein Schubfach, einen Tisch oder sonst etwas gegeben. Aber der Schulze hatte zeigen wollen, daß er etwas auf sich und seine vornehmen Gäste halte, und ihn selbst in Berlin gekauft und selbst auf seinem Wagen nach Querbelitz gefahren. Als er ankam, war das ganze Dorf auf den Beinen, um den neuen Schatz, der es schmücken solle, zu sehen. Das war aber nicht der einzige Schmuck. Der Schulze hielt auch etwas auf die Kunst. Außer einigen älteren Schildereien, wahrscheinlich Holzschnitten, die man vor dem Rost des Alters, auch Schmutz genannt, nicht mehr erkennen mochte, hingen zwischen den Fenstern zwei größere Porträts Seiner Majestät des Königs und der Königin; zwar auf grobem und etwas gräulichem Papier abgedruckt, dafür aber desto schöner und bunter koloriert. Seine Majestät Friedrich Wilhelm III. als stattlicher junger Mann in der sorgsam zugehäkelten Gardeuniform mit den breiten Rabatten und sauber frisiertem und gepudertem Haar, wobei der Künstler durch geschickte Wendung auch den Zopf, wenn nicht sehen, doch hatte ahnen lassen. Ihre Majestät, die Königin Luise, mit etwas zu roten Backen und abgestumpfter Nase, und in dem griechischen Kleide, dessen antiker Schnitt in den kurzen Aermeln und der schmalen, hohen Taille gesucht ward. Aber wer hätte sie nicht erkannt, wo er das krawattenartig um den Hals geschlungene Tuch sah! Nicht an die Wand genagelt, nein, in Glas und Rahmen, dieser auch aus hellem Birkenholz, hingen diese Bilder frei an der Mauer, und wenn die Fliegen in sechs Jahren sie etwas verdunkelt hatten, so war das gewiß nur geschehen, weil der Schulz es gegen den Respekt hielt, seinem hohen Königspaare die Köpfe zu waschen. In Haus Quilitz hatte man bei der Ankunft der Franzosen alle Bildnisse des Königlichen Hauses auf den Boden gebracht. Der Schulz von Querbelitz ließ sie hängen. Er war ein Patriot. Und in dieser Stube, es war die einzige im Haus, der man den Namen zugestehen konnte, lebte und webte, aß, trank, spann, diskurierte die Familie, die wir in ihren gesamten Gliedern noch nicht einmal kennen gelernt. Wären nicht die Bodenkammern gewesen, so hätte sie auch in der Stube geschlafen, was indessen sich nicht gut tun ließ, denn wie oft ward dem Handwerksburschen, dem Viehhändler, der in Querbelitz nächtete, hier sein Strohlager gestreut. Ja, ging's zum Jahrmarkt nach Nauwalk, so traf sich's wohl, daß alle Bänke und Schemel auf die Tische gestellt werden mußten, und der Fußboden ward eine knisternde Streu. Einen Weg zum Durchgehen ließ man nicht. Stand die Wirtin etwa früher auf als ihre Gäste, ei, so nahm sie's nicht so genau, und stieg über die Träume der Schlummernden. Hier säugte die Mutter ihr Kind, hier brodelte der Topf im großen gemauerten Ofen, hier speisten Familie und Knecht, nachdem sie, stehend und laut, ihr Tischgebet gesprochen; gleichviel ob die Stube voll war, weil der Justitiar Gerichtstag hielt, oder die Gäste ihr saures Dünnbier tranken und aus ihren Pfeifenstummeln einen Qualm ausbliesen, der von der Decke zur Erde schlug und vom Boden wieder zu den Balken stieg. Er fand ja nirgends Platz. Die Stube war, alles in allem, Tanzplatz und Zankplatz, Parlament und Spielhaus; hier wurden die Hochzeiten ausgerichtet, Flüche schallten, und Eichelkönig und Schellenbube knallten, von der markigen Hand des Gewinners auf den Tisch getrumpft. Hier war jeder Herr für sich, wenig um den andern bekümmert; eine große Republik, in der es allen wohl war, nur vielleicht nicht dem übermüden Wanderer, dem sie Sonntags die Streu in die Ecke gebreitet, aber er ward zuweilen aus dem Schlaf geweckt, weil die Tänzerpaare über seine Füße wirbelten. Ei, man muß den Fuß nach der Decke strecken, wenn auch nicht immer eine Decke da ist, und endlich schläft man doch in allen Wirrsalen und Toben. Die Ruhe ist der letzte Sieger in dieser Welt. Ganz so bunt und qualmig sah es heut nicht in der Schenkstube aus, es war weder Gerichtstag, noch Jahrmarkt, noch Hochzeit. Aber eine starke Einquartierung war angesagt und der Schulze noch aus, um Zurichtungen zu treffen. Auch die Gegenwart des gnädigen Herrn war nicht imstande, den Protestierenden und Lamentierenden, besonders den Frauen in ihren Herzensergüssen Zaum und Zügel anzulegen. Einige behaupteten, die Franzosen täten nur aus Malice, als ob sie nicht deutsch verständen; andere wußten, daß sie's eigentlich auch sprächen, aber aus Bosheit so schlecht, daß man sie nicht verstehen könnte. Die Mutter des Schulzen, die Siebzigerin, denn es begegnen sich in der Stube vier aufeinander folgende Generationen, war am lautesten und ungelassensten in ihren Klagen: denselben Kaffee, den der gnädige Herr von Quilitz getrunken, und die Tasse, hatten ihr die Reiterkerle mit den blanken Helmen und den Pferdebüscheln über den Kopf gegossen. Zucker wollten sie, aber nicht Sirup; da hätte man's doch klar gehabt, daß sie deutsch gekonnt. Ein Bauer mit eisgrauem Haar erzählte jedem, wie der Chasseur, der bei ihm einquartiert gewesen, den ganzen Tag auf der Ofenbank gelegen. Die Tochter hatte ihm die Pfeife anzünden und anrauchen müssen, er, der Alte, aber neben ihm auf der Erde hucken und mit dem Finger die Rädchen seiner Sporen umdrehen. Ward er müde, setzte es Fußstöße. »Das dem alten Steffen!« Dem Patriarchen des Dorfes konnte man so begegnen. Die Geschichte dieses brutalen Uebermutes einer nichtigen Seele erregte ein solches Entsetzen, daß man die eigenen Schreckensgeschichten darüber fast vergaß. »Es ist böse Zeit, wir müssen uns in die böse Zeit schicken,« war der einzige Trost des Edelmanns. »Es geht uns allen so, Kinder; es wird ja aber auch einmal besser werden.« »Ach, es wird noch schlimmer!« schallte ihm ein ganzer Chorus entgegen. Die Kontributionen, meinte einer, seien doch noch nicht das Schlimmste. Einen Schulzen hätten sie ja an der Elbe in die Heide geschleppt und geprügelt, damit die Bauernschaft zahlen sollte, was sie verlangten, und der Mann wäre umgekommen, wenn es nicht einem General von den Chasseurs zu rechter Zeit gestochen worden, der den Mann frei gemacht und drei der Marodeure erschießen lassen. Der General hatte die Bauern gescholten, warum sie die schlechten Lumpenkerle nicht aufgegriffen, denen man es auf den ersten Blick ansähe, daß sie nicht die Ehre hätten, französische Truppen zu sein. An den Edelmann ward die schon unter den Dorfbewohnern vielfach verhandelte Frage gestellt, ob sie sich in solchem Falle zusammentun und Widerstand leisten sollten? Der Gutsherr war nicht darum in der Schenke eingesprochen; er wollte nicht ausgeben, wenn es auch nur ein Rat war, sondern einnehmen. Den Rechnungsabschluß hatte er in guter Ordnung gefunden, aber mit noch mehr Zufriedenheit einen Barbestand, für dessen Nichtdasein ein anderer Verwalter in so schlimmer Zeit um einen Grund nicht verlegen gewesen wäre. Der Herr von Quilitz war also eigentlich in zufriedener Stimmung, aber die an ihn gestellte Frage riß ihn sichtlich aus derselben und versetzte ihn in das, was er am meisten vermied, in eine Art Effekt, der sich in einer lebhaften abwehrenden Handbewegung ausdrückte. »Um des Himmels willen, Kinder, keine Uebereilung! Widerstand, wißt Ihr, was das heißt und was daraus werden kann? Wer will denn seine Haut unnötig zu Markte tragen, denn was will der Landmann gegen Soldaten ausrichten? Wie wollt Ihr denn auch unterscheiden, was reguläres Militär ist, und was nicht? Der Herr General, der auf sein schönes Chasseurregiment stolz ist, hat gut reden, aber die Marodeure können ja einem anderen Truppenteil angehören, und Ihr kämt schön an vor dem Kommandeur. Der Himmel hat es nun einmal so gefügt, so müssen wir uns auch fügen. Gebt, was sie fordern, denn sie können's Euch nehmen und noch mehr verderben. Gebt mit guter Miene, aber, wenn Ihr meinen Rat wollt, nicht zu hastig, nicht zu viel mit einem Mal. Kommt Zeit, kommt Rat. Ihr könnt ja sagen, Ihr seid schon geplündert. Es sind ja noble Menschen unter den Feinden, o gewiß. Ihr habt's ja an dem General gesehen. Droht nicht gerade den Soldaten damit, aber haltet Euch immer an die Offiziere, besonders die obern; die allein können uns helfen. Man kann sie warm halten, ihnen gefällig sein, dann werden sie wieder gefällig; denn die Franzosen sind und bleiben eine sehr feine und artige Nation.« Die Trostrede hatte keinen besonderen Trost für die Zuhörer. Der Redner selbst mußte es sich eingestehen. Was sollten die Bauern in einem verlassenen Dorf mit Künsten, zu denen ihnen die Fähigkeit und die Mittel abgingen! Um so erwünschter kam ihnen ein Beistand in der Person der jungen Hausfrau. Eine schmucke Dreißigerin, der das bißchen Schwarz an ihrem Anzug durchaus nichts Trauriges angeheftet hatte. Sie strahlte vom Wirbel bis zur Zeh von einer Gesundheit, die vieles ausschloß, die Melancholie, die Häßlichkeit und die Schönheit. Den Säugling hatte sie in die Wiege gelegt mit einem: »Nun greine Du nicht auch wie die alten Weiber hier,« und das Kind, dessen Stimme draußen noch eben sehr vernehmlich geklungen, blieb mäuschenstill. Der Edelmann war gewiß eine unangetastete Autorität in diesem Kreise, aber es mußte der Konflikt der Umstände sein, daß er vor der Bäuerin zurückzutreten schien. Der Schulz hatte Marthen auch nicht umsonst drüben im Nobiskrug ausgesucht zur Frau für seinen Aeltesten. Fünf Jahre älter war sie als der Bräutigam und hatte als Großmagd im Amte gedient. Der Leiterwagen, der sie am Hochzeitstage nach Querbelitz fuhr, war zwar so schön wie einer mit bunten Bändern und grünen Büschen ausgeschmückt gewesen, und die jungen Burschen, die wie toll vorausritten, waren es auch, und sie hatten geknallt mit der Peitsche, und abends mit den Schlüsselbüchsen und Flinten, aber die hölzernen Kisten auf dem Wagen waren weder groß noch schwer. Alle in Querbelitz und rund um hatten sich über den stolzen Schulzen gewundert. Wie viel er sitzen hatte, wußten sie nicht, aber er hatte es sitzen, das wußten sie, und da war kein reicher Bauer, der nicht seine Tochter gern gegeben hätte. Sie wunderten sich damals; seitdem nicht mehr. Die Marte verstand's, es war etwas anderes in die Wirtschaft gekommen. Ueberall hatte sie ihr Auge und ihre Hand auch. Sonst schlug der Schulze los, jetzt sparte er seinen Arm zum Schreiben. Der Marte ihrer war schwer genug und fehlte nicht, wo es not tat. Gottlieb Köpke hatte sich nicht aufs Altenteil gesetzt, Gott bewahre, er war ja noch nicht alt; aber doch war Einigkeit im Haus. Er hatte sie nie gescholten, aber auch nie gelobt. Es ging schon alles, als wenn es so sein müßte. Da hatten sich die Leute wieder gewundert, warum er die Marte seinem Sohn gegeben und nicht für sich genommen. Er zählte damals knapp fünfzig und war rüstig wie einer; der Marte wär's auch schon recht gewesen, denn ihr Bräutigam war eine Frühgeburt und weiß und schwächlich. Damals hatte er noch keinen Bart, und hatte ihn auch kaum bekommen, als er am Zehrfieber starb. »Just so paßt sich's,« hatte aber Gottlieb Köpke gesagt. »Was der eine nicht hat, bringt der andere zu. Das macht die Ehe.« Wenn er beim Glase warm geworden, sagte er wohl im Vertrauen: »Zur Heirat gehört, daß man kalkuliert. Es teilte sich schon zu sehr, und wären noch Bälger dazu gekommen, hätte sich's noch mehr geteilt. Das tut nicht gut, wenn Gut zu klein wird; sonst hätte ich die Marte schon gemocht.« Nun war Martin gestorben, ehe das jüngste Balg die vier Wände angeschrien, und Marte hatte wie eine rechtschaffene Frau geschrien und dann still geweint. Gerade so lange, als es sich in Querbelitz und Nobiskrug schickt. Aber die Tränen waren längst getrocknet, wie die Blumenkränze auf dem Grabe; und dafür schrie jetzt ein blühender Junge in der Wiege und sog Lebenslust an der Brust der auch wieder blühenden Mutter. Dann hatte sich alles wie von selbst gemacht; die Marte, wenn das Kind gestillt und das Trauerjahr um, oder etwas weniger, sollte wieder heiraten; und das war ebenso natürlich und alle waren darin einig, daß sie wieder ins Haus heiraten müsse, denn die Bälger vom ältesten mußten einen Vater haben. Nur war einige Uneinigkeit darüber, wen? Die Marte hätte schon am liebsten den älteren genommen, der nach dem Vater auch Gottlieb hieß. Er war einundzwanzig, hübsch und stark gewachsen, daß er den vollen Müllersack wie einen Beutel auf den Rücken schwang. Etwas dämlich war er; dafür war dann die Frau. Der Schulze aber war für den Peter, der erst neunzehn Jahr alt war, auch etwas weiß und schwächlich, und nicht viel besser zu werden versprach als der älteste. Denn, sagte er, der Gottlieb mit seinen roten Backen und starken Knochen kriegt überall sein Teil, es hat auch schon Erbtöchter genug auf den Höfen, und wenn wieder Friede wird, fängt er eine eigene Wirtschaft an, und aus unsrer brauchen wir nichts rauszugeben. Für den Peter sei es besser, wenn er im warmen Nest bliebe und die Frau ihm dazu. Darüber, wie gesagt, war einige Uneinigkeit. Der Gottlieb sagte, es sei ihm gar nicht so um die Marte zu tun, als um sein Recht, und daß es in der Reihenfolge bleibe, und wenn der Weißschnabel sie ihm wegschnappen täte, sollte er sich vorsehen, daß er ihm nicht alle Knochen windelweich schlüge. Der Peter meinte, ihm sei's am Ende auch egal, aber aus Haus und Hof lasse er sich nicht jagen, die Mutter selig habe vom Vater das Wort drauf bekommen. Die Marte sagte: es sei ihr auch nicht so viel um die beiden Brotesser zu tun, ging's nach ihnen, so fräßen sie die Wirtschaft auf; aber was von Gott und Rechts wegen sei, müsse bleiben. Der Alte pflegte dann dazwischen zu donnern, daß er Herr im Hause sei, und in einem Hause dürfe nichts geschehen, als was der Herr will, und wen er der Marte zum Mann bestimmt, das sei seine Sache und keines andern. Und in der Kammer oben müsse das eine Bett bald leer werden, das sage er ihnen, weil die Jungen drunten zu groß würden und hinauf müßten. Und wen er dann hinunterriefe ins Ehebette, das sage er ihnen auch, der solle kommen und der andre nicht, oder er werde es ihnen auf den Rücken schreiben, was ein Vater kann. Dabei ließ er es indes noch immer in der Schwebe, welchen Sohn er rufen würde, denn mit der Schwiegertochter mochte er es nicht verderben, und hielt mit dem Hofmarschall dafür, daß mit der Zeit Rat kommt. Im übrigen waren das nur freundschaftliche und artige Dispute, denn die Schulzenfamilie galt für die feinste weit umher, und weil sie alles raus sagten, was sie dachten, verknurrten sie sich auch nicht, und es war Friede im Haus, an dem andere sich ein Exempel nehmen können. Der Hofmarschall hielt es für anständig, wenigstens der Wirtin sein Mitgefühl zu zeigen, da es mit der Tröstung bei den andern nicht gelungen war. Er klopfte ihr auf die Schulter. »Daß Sie Ihren Mann verlieren mußte, und gerade jetzt! In solcher schlimmen Zeit bedarf die Frau einer Stütze.« Frau Marte hielt es für anständig, den Zipfel der Schürze ans Auge zu bringen. Sie beantwortete die Fragen nach seiner letzten Krankheit noch mit weinerlicher Stimme, die aber bald in ihre sehr deutliche und feste überging. »Ach, gnädiger Herr, eigentlich ist's noch ein Glück, denn mein Gottlieb, Gott hab ihn selig, in diese Zeit hätte er sein Lebtag nicht getaugt. Wenn er Säbel blitzen sah, da flimmerte es ihm immer vor den Augen. Und wie gesagt, er war der beste Mensch, und solch einen krieg ich nicht wieder; schreiben tat er, hübscher als der Vater, es ging nur langsam, aber wenn er hätte Quartierzettel ausschreiben sollen, da wäre es ihm wie ein Brummtriesel im Kopfe 'rum gegangen. Er wurde ja mit nichts fertig. Und am Ende hätten sie ihn auch mit der Stange runtergeholt vom Heuboden, wie drüben in Alt-Klücken den Schulzensohn, der hatte sich aus Angst verkrochen vor den Bärenmützen. Nachher hatte er den Spott weg.« Frau Marte konnte schreiben, sie hatte es so weit gebracht, die Quartierzettel selbst auf das Papier zu kritzeln. Das war eine Anspielung auf diese ihre Vollkommenheit, auf die sie stolz war. Sie hatte die ersten Einquartierungen verteilt, und unter den Leuten war die Verwunderung darüber so groß, daß sie im ersten Augenblick vergaßen, wie sie verteilt worden. Denn wer Einquartierung bekommt, hält sich für überlastet und rechnet, wie viel weniger die Nachbarn erhalten. Inzwischen war man zur Besinnung gekommen. Frau Marte hatte sich eben draußen gewehrt, wahrscheinlich mit Gründen und Zunge, schärfer und deutlicher als ihre Schriftzüge, und dann die klagenden Hausmütter der Autorität ihres Schwiegervaters überlassen, und ihren Jungen gesäugt, und war nun parat zu neuem Kampf und Streit in der Stube. »Krieg ist Krieg, wie Gewitter Gewitter ist. Wo's einschlägt, da trifft's. Und mit Heulen wird's nicht anders. Wenn Feuer ist, wo geht's denn davon aus, daß man weg läuft! Drauf mit den Eimern und Leitern! Rettet man nicht die Scheune, doch das Haus; brennt das Dach, so kann man noch im Keller räumen. Aber vor den Franzosen möchten sie in die Erde versinken und ins Wasser springen. Dreist ins Gesicht gesehen, sage ich, das tut bei Tieren und Menschen gut. Wo die Bauersleute Reißaus genommen, da schlagen sie den Boden aus dem Faß; wo der Bauer aber an der Tür steht, mit Flasche und Glas, und sagt: trinket doch, Ihr werdet durstig sein! da haben sie die Tür nicht eingeschlagen. – Ja, wo einer ihnen ein Gesicht machte wie's Leiden Christi, und so 'n brummscher Tölpel, wie Steffens Andres, ihnen den Zettel abnimmt und kein Wort spricht, da setzt's Kolbenstöße. Koch' ihnen gut, dann schmeckt's ihnen gut, und wem's gut schmeckt, der ist gut. Die Franzosen sind auch Menschenkinder und keine Menschenfresser, sie sind auch ihrer Mutter Söhne, als wie Ihr seid, und ihnen fortgerissen, weil sie kantonpflichtig waren, und in die Kanonen werden sie getrieben, und wenn sie nicht totgeschossen sind, wollen sie leben, als wie Eure Söhne leben wollen, und von nichts lebt man nicht.« »Sie plündern uns alle arm und tot,« jammerte ein altes Weib. »Was werden Sie denn bei Dir plündern, alte Ursel?« rief die Witwe. »Deine Lumpen und Deinen Strohsack nehmen sie nicht mit. Wer sich plündern läßt, ist selbst dran schuld. Wer wird denn Silber und gutes Leinen draußen liegen lassen! Und wer wird denn an den Birnbaum eine Fahne stecken und daran schreiben: hier habe ich meinen Geldtopf vergraben! Wenn sie nur die Kühe nicht forttreiben und schlachten, dann ist das Unglück noch nicht so groß. Pferde muß man geben, das geht nun mal nicht anders, aber man kriegt sie schon zurück, wenn man hinterher ist. Ochsen auch. Nun ja, einer wird mal geschlachtet, wenn sie hungrig sind, man kann ja nicht immer leben. Aber die Kühe, das müßt Ihr nicht zulassen, laßt sie die Kasten ausreißen und die Teller zerschlagen; aber nur nicht fortlaufen. Wozu hat Gott den Frauen den Mund gegeben? – Zum Schreien. Wenn Ihr alle schreit aus Leibeskräften, schreit, daß ihnen die Ohren weh tun – hängt Euch da an einen Arm, faßt sie da am Rocke – meinethalben fallt auf die Erde und klammert Euch um die Beine. – So ein Säbelhieb flach und ein Kolbenstoß – i was, der Mensch kann mehr aushalten – und die Bajonette werden sie Euch nicht in den Bauch stoßen – aber je mehr Spektakel, um so besser – das macht sie am Ende konfus. Ihr wißt's ja vom Gerichtshalter, wenn die Weiber ihm die Ohren vollschreien, da paukt er mit der Faust auf den Tisch und droht, sie ins Loch zu schmeißen, aber am Ende wird's ihm zu viel, er wird blaß und läßt fünfe gerade sein. Und die Franzosen sind auch nur Mannspersonen. Und dann habt Euch nicht wie der leibhaftige Satan, wenn einer Euch um die Hüfte faßt. Krieg ist Krieg, und vom Abküssen stirbt man noch nicht. Manche hat 'ne Kuh dadurch gerettet, und ich sage Euch ja, dann ist doch noch nichts verloren, denn Acker und Feld tragen sie nicht fort.« »Das ist ein Weib!« rief eine uns bekannte Stimme, und der Kutscher stampfte das Bierglas auf den Tisch, an dem er gemütlich seine Pfeife rauchte. »Die nimmt's mit dem Satan und den Franzosen auf. Trink, Marte –« er hielt ihr das Glas hin – »die Kehle wird Dir trocken sein, und dann fang von neuem an!« Der Schulze war eingetreten und hatte mit dem Gutsherrn leise besprochen. Ob Marte von neuem angefangen, darüber konnten wenigstens die beiden keine Auskunft geben; denn sie hatten sich schon während der Rede entfernt – vielleicht zur Bewahrung ihrer Autorität. Aber des Schulzen Gesicht war sehr ernsthaft, und der gnädige Herr kaute eine Weile an den Lippen, während sie in dem wüsten Garten an dem schilfichten Teiche auf und ab gingen. Hier sollte das alte Schloß der Querbelitze gestanden haben; im Teich war es versunken, behauptete die Sage. Trümmer sah man nicht, das einzige, was zuweilen aus der Tiefe blickte, waren die Frösche. Wenn die hohen Rüstern jenseits am Damme schon zur Wendenzeit gestanden, konnte es wenigstens nicht so groß gewesen sein, als die, welche daher ihre Abkunft rühmten, es gern glaubten. Und doch, was war nicht Streit um den einen Sumpf, in dem nichts sich widerspiegelte, als die Wolken. Auch der Erb-, Lehn- und Gerichtsschulze Gottlieb Köpke rechnete Jahrhunderte hinauf bis zu den Hunnen oder zu den Schweden; so lange hatten seine Väter hier gesessen, und in der Wirtschaft war nichts anders geworden, es war jetzt wie sonst – meinte er. Das hütete er sich aber wohl vor dem gnädigen Herrn von Quilitz zu meinen; er sparte es auf, bis der Herr von Ilitz, der Mitbesitzer des Gutes, kam. »Köpke,« sagte endlich der Herr von Quilitz. »Er ist ein verständiger Mann. Ob's nun Wallonen sind oder Italiener und Holländer, sie werden kommen, aber wieder abziehen, wie die Wolken da oben. Ein Kluger weiß, wie er das Wetter nutzt; wenn's naß fällt, hängt er nichts an die Trockenleine, er kann ja das Wasser noch zum Waschen brauchen.« Der Schulz, der immer noch respektvoll die Pudelmütze zwischen den Fingern hielt, spitzte die Ohren, um zu horchen, was man denn waschen könne. »Ich meine die Mühle.« Gottlieb Köpke verstand jetzt, was gewaschen werden sollte. Sein Auge schielte zum Gutsherrn auf, aber er schüttelte den Kopf: »Die von Ile Quält ihre Mühle, Die von Quile Haben 'ne Kuh (Q) zu viele.« Der gnädige Herr von Quilitz lächelte gnädig. Es war ein alter Volkswitz. »Wer weiß, wenn es so fortgeht, ob wir überhaupt noch eine Kuh im Stalle behalten! Aber die Mühle, die Mühle, mit der müßte es jetzt anders werden.« »Er tut's nicht.« Der Schulze schüttelte den Kopf. »Es steht einmal geschrieben,« sagte er. »Sie muß Bretter sägen, so lange Holz da ist, und wenn sie zehnmal verfaulen.« »Es könnte doch sein, daß mein Vetter sich jetzt eines Besseren besinnt.« »Und dann will der gnädige Herr von Ilitz auch die Müller nicht aus dem Brot setzen; die Familie sitzt seit dem ersten König.« »Und essen unser Gnadenbrot, seit die Bretter keinen Absatz haben. Zudem war's ja schon vor alters eine Walkmühle.« »Das hört der Herr Major erst gar nicht gern.« »Der Müller könnte übrigens bleiben, wenn man der Mühle eine andere Bestimmung und Konstruktion gibt. Es ist nur sein Eigensinn und das Testament.« Der Schulze spitzte wieder die Ohren. »Was soll sie mahlen? Zum Korn haben wir Windmühlen genug.« »Man kann viele andere Dinge in nächster Zeit brauchen. Der Baron Eppenstein macht mich darauf aufmerksam, daß bald an Oelmühlen Mangel sein wird, wenn der Rapsbau aufkommt, wie er hofft. Doch hat das noch Zeit. Aber die Franzosen sind einmal im Lande, sie werden lange im Lande bleiben. Sie brauchen vielerlei, Schrot – Pulver –« »Den Franzosen das Pulver mahlen?« fragte der Schulze, zum Edelmann schielend. »Was wir nicht, tun andere. An Spekulanten, die sich darum reißen, wird es nicht fehlen, und die Orte, wo für ihn gearbeitet wird, verschont der Feind. Die Franzosen sind jetzt die einzigen, die kaufen können. Wer sagt denn auch, daß wir es tun sollen! Aber ich habe schon manche Nachfrage gehört von Entrepreneuren; was weiß ich, ob zu Pulver oder was sonst! Mir ist ja nur darum zu tun, daß wir die Mühle los werden, und bei Vetter Wolf in Ilitz wird bar Geld auch nicht überflüssig sein. Die Kontributionen werden immer drückender.« Der Schulze mußte ein Mann von mehr Bedeutung sein, als wir aus seiner demütigen Erscheinung, dem Edelmann gegenüber, schließen durften. Dieser zog ihn nicht nur in sein Vertrauen, er gab ihm auch Motive, Erklärungen, das darf ein so viel höher Stehender gegen einen unter ihm Stehenden nur im äußersten Notfall. In der Tat war der Schulze immer die Mittelsperson zwischen den beiden Lehnsvettern gewesen, die, wenn sie zu einander kamen, auch aneinander gerieten. Gottlieb Köpke war nur ein schlichter, gerader Mann von nicht viel Worten, aber die Worte trafen immer das Rechte, und was noch wichtiger, ihn verstand der Ilitzer und Quilitzer, wenn sie sich auch untereinander nie verstanden. Seine Rechnungen waren nicht gerade schön geschrieben, aber allezeit richtig und fertig, und der Saldo lag immer in seiner Lade, bar aufgezählt oder schon verpackt. Nur traf es sich, daß die Ausgaben oft den Einnahmen gleich kamen, und das Päckchen Barbestand war demnach klein. Sie mochten nachrechnen, wie sie wollten, die Herren, es war jeder Punkt richtig. Dann pflegte Gottlieb Köpke zum Quilitzer zu sagen: »Das kommt vom Zusammenbesitz! Der Landwirt muß freier Herr sein, wenn er meliorieren soll. Und wenn man nicht melioriert, wie kann man profitieren!« Zum Ilitzer zuckte er auch die Achseln: »Der Herr von Quilitz meinen's gewiß recht gut, aber Sie wollen zu viel probieren. Bei der Landwirtschaft kommt dabei nichts 'raus. Ich meine noch immer, wie's unsere Väter gehalten haben, das ist am sichersten. Man weiß, was man hat, man weiß nicht, was man kriegt.« Da die Vettern nie einig wurden über eine Aenderung, blieb es jahraus, jahrein, wie es gewesen war, und die Leute meinten, der Schulze Gottlieb Köpke stehe sich dabei am besten, obgleich er sich selbst gegen jedermann verschwor: es sei eine Sünde und Schande, daß es so sei, und das ganze schöne Gut gehe zu Grunde, wenn es nicht in eine Hand komme oder geteilt würde. Das ließ sich nun nicht tun. Wenn die Vettern schon nicht einig werden konnten über die Bewirtschaftung, um wieviel weniger über Tausch und Teilung, auch wenn die Sache ganz in ihrer Hand gelegen hätte. Der Schluß, daß der Schulz ein Mann gewesen, der nur seinen Gutsherrn nach dem Munde geredet, wäre übrigens ein falscher. Nein, er war, wenn es auf gewisse Punkte kam, ein so störrischer, rechthaberischer Bauer, wie nur einer. Mit dem Ilitzer führte er schon seit Jahren einen Prozeß über die Hütung an der Grenze, einen anderen mit dem Quilitzer über einen Torfstich, und mit beiden Herren, als Gesamtbesitzern, einen dritten über die Fischerei in der Quierlitz. Das tut er als Schulze für die Gemeinde, und oft hatte Herr von Quilitz gesagt, er wäre eigentlich ein rebellischer Mensch, der die Gemeinde gegen ihre Gutsherrschaft aufredete, denn die würde sich den Teufel um die paar Stekerlinge und Ikleye scheren, wenn er sie nicht hetzte. Gottlieb Köpke hatte ruhig erwidert: Recht muß doch Recht bleiben, und von Vergleichen hatte er nie etwas gehalten. Der Herr von Ilitz zürnte ihm darum nicht, er meinte, wenn jeder seine Pflicht täte, ohne Ansehn von Stand und Person, so wäre es besser auf der Welt. Jetzt hatte der Schulze wieder den Kopf geschüttelt, aber ehe er den Mund auftat, sagte der Edelmann, indem er einen Schritt näher trat: »Köpke, Er hat ein Einsehen in die Dinge, wie sie sind, und mein Vetter brauchte bisweilen einen Vormund. Ich kann's ertragen, aber ihn ruiniert die Mühle. Das muß jetzt anders werden, und die Gelegenheit kommt nicht wieder. Ich habe einen Pächter. Ehe der mir aus dem Netze geht, muß es richtig gemacht sein. Er handelt für seine Herrschaft, bedenke Er das. Sind wir die Mühle los, wollen wir auch über den Torfstich reden. Ich habe jetzt in Schmachtenhagen eine Wiese angestochen, wo der Torf besser ist, also kommt's mir nicht so viel mehr auf den an, darum wir prozessieren. Versteht Er mich?« Der Schulze fuhr mit der Hand hinter sein Ohr. »Herr Hofmarschall, ich denke, wegen des Torfs da warten wir ab, was das Kammergericht dazu sagt. Das dritte Urteil muß ja nun in drei Wochen 'rauskommen.« »Das zu Seinem Ungunsten ausfallen muß, wie die beiden ersten. Mein Justizkommissar schreibt mir, es ist gar kein Zweifel.« »Nun, dann wissen wir doch, was Recht ist. Aber mit der Mühle, das wissen wir nicht so genau. Herr Hofmarschall, fangen Sie nicht davon in Ilitz an. Die gnädige Frau zittert schon wie Espenlaub, wenn der gnädige Herr mit der Einquartierung parliert. Und nun kommt viel schlimmere. Er kann den Major nicht vergessen, und das Podagra macht ihn noch verdrießlicher. Wenn wir ihm aber mit dem Vorschlag derquere kommen, jetzo gerad, und er riecht Pulver, Pulver für die Franzosen, gnädiger Herr, da geschieht was, und wer auffliegt, das weiß keiner.« Es war eine Wahrheit in den Reden des Schulzen, die dem Edelmann einleuchtete. Er war der Mann, der Vernunft annahm. Es schien ihm nur darauf anzukommen, wie er den Rückzug maskiere, als er kopfschüttelnd seine Blicke auf dem Sumpfspiegel ruhen ließ. »Die neuen Truppen wären also so schlimm?« »Ich will nur die Hälfte glauben, was der Küster aus Marzahne erzählt hat. Und der ganze Zug kommt herüber.« »Wo kein Feind steht?« »Was weiß ich's! Nach der See zu marschieren sie. Gegen wen, was geht's uns an, wenn wir's tragen müssen. Wir werden's schon tragen, aber unser gnädiger Herr Major?« »Mein Vetter ist gewiß ein braver Mann!« sagte der Gutsherr; behielt aber etwas zurück. Der Schulze tat seine Beteuerung hinzu, er schien aber auch etwas zurückzubehalten. »Köpke, weiß Er noch etwas?« fragte der Edelmann, der ihn scharf fixierte. »Gar nichts, Herr, es könnte aber doch noch was Schlimmeres kommen, – ich meine, wenn sie lange im Lande liegen blieben. – Meinen der gnädige Herr, daß wir mal französisch werden müssen?« sprach mit leiser Stimme der Schulze, und wieder mit dem schielenden Blick. »Mein lieber Köpke, man muß sich nicht um alles Kopfzerbrechen machen. Aber Er hat es ja selbst gesagt, ein kluger Mann muß auf alles gefaßt sein.« »Das wird schwer halten, bis unsere Bauersleute Französisch lernen, und hatten einen so guten König, Gott segne ihn.« »Seine Gesinnung ist vortrefflich, Köpke, aber Er muß sie nicht zeigen! Wir sind einmal in Feindes Gewalt.« »Da ist nun Volks, das spricht: wie's Wetter umschlägt, kann's auch im Krieg umschlagen. Wenn unsere nur erst ein paarmal gestanden und Courage gekriegt hätten. Manche Festung hielte sich noch. In Schlesien, sagte der Küster von Marzahne, wäre der Fürst von Pleß, der hetzte die Franzosen mit seinem Freikorps, daß sie oft ihre Suppe stehen lassen müßten.« »Schlesien ist sehr weit.« »Schon recht, aber sie sagen auch, daß sie sich da oben bei Lübeck oder Kolberg, oder wer weiß wo, noch blutig in den Haaren lägen, das wäre da ein Husarenkorps, das wie der Blitz drein führe.« »Possen! Wo die große Armee hinkommt, ist kein Widerstand mehr. Unsere ziehen sich immer weiter zurück.« »Schon recht; was Ernstes ist's auch nicht. Es neckt sich nur; das habe ich weg. Wenn sie nun aber mal bis in unsere Gegend sich neckten!« »Sie werden nicht so toll sein.« »Es sind Tollköpfe drunter.« »Sie richten nichts aus.« »Das ist schon recht, aber anrichten können sie mancherlei. Volks ist allüberall, das sich lieber 'rumtreibt als arbeitet.« »Er wird hierorts seine Pflicht tun, Schulze.« »Gewiß, wenn unsereins nur immer wüßte, was Pflicht ist! Wir sind alle gute Landeskinder und unserem König geschworen mit Gut und Blut, aber – der König ist fort, wir sehen und hören nichts von ihm, und was der eine uns zusticht, das leugnet der andere wieder ab. Der Landrat schreibt uns, wir sollten nach wie vor tun und geben als gute Untertanen und der Obrigkeit gehorsam sein; und der Landrat schreibt nur das nach, was die Regierung ihm vorschreibt, und was die Regierung schreibt, das schreiben der wieder die Franzosen vor, und sind also jetzt die Obrigkeit. Und da ist uns denn auch vorgeschrieben, daß wir uns in keinerlei Verbindung einlassen sollten mit dem Feinde. Wer der Feind ist, steht nicht auf dem Papier, aber daneben steht's: das sind unsere Leute und der König. Und wer's tut, ihnen was zuschickt oder heimlich zusticht, wird am Kragen genommen und auf die nächste Festung geschleppt. Wiedergekommen ist noch keiner. – Und nun posito, gnädiger Herr, ich setzte nun den Fall, es kommt so 'ne Schwadron oder 'n Bataillon, oder was es ist, Preußische mein' ich, rings umher knallt's und schallt's: Vivat der König! die Burschen laufen zu, nämlich unsere Leute, und die Husaren mit den Trompeten und bunten Schabracken und Säbeln und Klunkern preschen durchs Dorf, sie haben gute Beute gemacht, und getrunken wird, da ist ein Jubel und eine Lust. Den Schulzen schleppen sie am Ende am Kragen 'raus, und die Jungen schreien und höhnen: er soll auch jubilieren und alles gut heißen! Ich wüßte wohl, was ich darauf zu antworten hätte, aber da kämen die von Ilitz 'rüber auch mit Trommeln, Flinten, Pfeifen und Heugabeln, alle wollten Soldaten sein, und voran ritte der Herr Major –« »Er wird doch nicht des Teufels sein!« – brach es von den Lippen des Edelmanns, der sie bisher mit sichtlich steigendem Unmut verkniffen und dabei die Augen umherschweifen lassen, ob kein Lauscher in der Nähe sei. Darüber hatte er nicht die Blicke des Mannes bemerkt, der jeden Muskelzug im Gesicht des andern zu beobachten schien. Jetzt fuhr er ruhiger fort: »Ich meine auch nicht den Herrn Major allein, aber er könnte doch nicht zurückbleiben, wenn die anderen Herren aufstünden.« »Wer denn?« »Nun, die Herren von Quiritz und Quaritz, die Ritzengnitze und Kniewitze. Was die Quiritzer für Patrioten sind, weiß ja jedes Kind, wie sie dazumal in Champagner auf den Napoleon seinen Tod tranken. Und die Herren von Wahrnim! Ja, wenn der gnädige Herr auf Kautzenburg seine Bauern aufsitzen ließe –« »Warum nicht gar auch der Wahrnim auf Hintzenacker!« unterbrach ihn der gnädige Herr mit einem höhnischen Lächeln. Seine ganze Physiognomie hatte sich verändert, wie jemand, der in banger Erwartung einer Eröffnung zugehört, die ihn peinlich berühren könnte, durch einen gleichgültigen oder launigen Schluß den Zauber gebrochen fühlt. »Laß Er sich doch nichts aufbinden, Schulze. Die –« er verschluckte die Namen – »die sind froh, wenn sie ruhig sitzen bleiben können. Und der Wahrnim-Kautzenburg sollte seine schöne Herrschaft aufs Spiel setzen um einen Kornettstreich? Nein, mein lieber Schulze, da sei Er unbesorgt. Tue jeder, was seines Amtes ist, und seine Schuldigkeit. Das übrige –« sagte er mit einer Miene, die er nur selten anlegte und nur auf dem Lande – »muß man der Vorsehung überlassen, die hat alles so gefügt, und wird wohl wissen, warum es so am besten ist.« Er schien erheitert und zufrieden ins Haus zurückzukehren; der Schulze war auch zufrieden, er wußte, was er wissen wollte. Fünftes Kapitel. Schemelbeine. Der Kandidat war aus der dampfenden Stube getreten, und der Baron lud ihn, mit einem Schlag auf die Bank, ein, neben ihm Platz zu nehmen. »Sie müssen rauchen lernen, Herr Kandidat. Sie sind ganz blaß drin geworden. Es geht nicht anders auf dem Lande; vor allem ein Pastor.« »Warum gerade der?« »Weil er nichts zu tun hat. Sie gewöhnen sich gar zu leicht das Saufen an, und der Branntwein kann 'nen Geistlichen um sein Brot bringen, wo nicht um mehr.« »Ich habe nie ein Bedürfnis nach – Ihrem Trinken empfunden.« »Das glaube ich Ihnen schon. Aber wenn die Langeweile kommt, muß man doch was tun.« »Ich glaube Beschäftigung in mir selbst zu finden.« »So sagen alle, wenn sie von der Universität kommen. Ich kann Ihnen davon ein schrecklich Beispiel erzählen, bei meinem eigenen Bruder in Oberschlesien. Der hatte einen Hauslehrer für seine Jungen genommen, der hieß Woyte; einer von den Feinen. Ein Schulfuchs, ich glaube, er hatte sich nicht ein einziges Mal gepaukt. Nun, was tat's! Er unterrichtete seinen Stiefel weg, und sie waren mit ihm zufrieden. Mein Bruder ließ ihn auch predigen in seinem Filial. Wenn ihn die Bauern auch nicht verstanden, das schadete nichts; er konnte sich doch die Lunge ausschreien. Der rauchte nicht, aber er war ein guter Schütze. Auf dem Anstand machte er seine Predigten. Mein Bruder ließ ihn alle vierzehn Tage Sonntags nach Tamsel fahren; so hieß das Dorf. In einem Päckchen im Schnupftuch lag der schwarze Rock und die Beffchen, und die Büchse stand daneben; und wenn die Predigt aus war, ging er mit der Büchse zu Fuß zurück. Unterwegs in 'nem Kretscham – so nennen sie dort die Schenke – hatte der Knecht eine Liebschaft; darum futterte er jedesmal da. Dem Woyte war das auch ganz recht, denn da simulierte er noch einmal die Predigt. Aber weil er nicht rauchte, ließ er sich eins einschenken. Das ging nun Sonntag um Sonntag so. Sie trinken da alle, und man merkt's nicht. Mein Woyte merkte auch nicht, wie viel er getrunken, nämlich, wie hoch er beim Wirt in der Kreide stand; denn er ließ es anschreiben. Als der Wirt ihn einmal mahnte, hatte er nicht soviel Geld bei sich und sagte: das nächste Mal. Ja, es gingen viele nächste Male vorüber. Und eines Tages, wie er meint, es ist Zeit, lacht der Knecht, denn der Wirt kommt vom Wägelchen draußen, sein Päckchen unterm Arm und fragt ihn: Werden Sie nun bezahlen, Herr Kandidat? – Ja, das nächste Mal ganz gewiß! – Damit Sie sich dran erinnern, sagte der Wirt, der auch ein feiner Mensch war, werde ich Ihren schwarzen Rock und die Beffchen bis dahin bei mir verschließen. Nun ging ein Bitten los und ein Beteuern, ja, Prostmahlzeit, der Wirt hatte Haare auf den Zähnen; er hatte ihn oft hingezogen, er glaubte ihm nicht mehr aufs Wort. Was wollte er machen! Im gelben Fraus konnte er nicht auf die Kanzel. Die Kerle im Kretscham lachten sich den Hals aus: die Büchse wäre ihm ja geblieben; wenn er kein Prediger, könne er ein Jäger sein vor dem Herrn. Dem armen Menschen stürzte eine Träne aus dem Auge, und blutrot war er, wie er die Tür hinter sich zuschlug. Kaum 'ne Viertelstunde verging, da hörten sie 'nen Schuß. Nun, die Geschichte können Sie sich denken. – Er hatte sich den Stiefel ausgezogen, die Büchse gegen die Erde gesetzt und mit dem großen Zehen abgedrückt. Das war das Ehrgefühl bei ihm, er hätte es nicht ertragen können. Meinem Bruder kostete es ein schmähliches Geld; erst die Gerichtskosten, die Obduktion und dann das Begräbnis. Und die Kinder heulten, daß es ein Jammer war; sie hatten den Woyte sehr lieb gehabt.« Eine leichte Röte war über das Gesicht des Zuhörers geflogen: »Ich weiß nicht, was der Herr Baron mit der Erzählung beabsichtigen.« »Keine Anspielungen auf Sie, denn Sie haben ja noch keine Flinte in die Hand genommen. Ich meine es gut mit Ihnen.« »Es sind hier andere Verhältnisse.« »Da haben Sie auch wieder recht. Wäre der arme Woyte ein Katholischer gewesen, hätte er bei seinen Wasserpolacken trinken mögen, so viel er wollte. Es ist mein Ernst, Herr Mauritz. Der Priester muß mit seinen Bauern sein und darum auch trinken. Wenn er sich für besser hält, was Apartes sein will, ist's um seine Autorität geschehen. Der protestantische Pfarrer weiß mehr und will immer vornehmer sein. Wo soll das herkommen, wenn er sich in der Welt nicht umgesehen hat? Die meisten Pfarrstellen sind räsonnabel schlecht. Mit der Gutsherrschaft soll er sich auch besonders stellen. Ist er ein gehorsamer Diener, ist's mit dem Respekt bei den Bauern aus; besteht er auf seinen Kopf und ist widerbellerisch, dann kommt all der Krakeel, den Sie in Ilitz kennen lernen werden. Sie tun mir leid, Herr Mauritz. Sie werden einen schweren Stand haben.« »Ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme, Herr Baron. Einstweilen bin ich dem Pfarrer Faßbinder nur auf ein Jahr adjungiert, und nur fürs Predigen, nicht für die Seelsorge. Ob der Herr Major mich auch als Informator in sein Haus ziehen will, ist noch unbestimmt und hängt vielleicht von dem Eindruck ab, den ich heut auf ihn machen werde.« »Werden Sie sich das Er gefallen lassen? Das soll ja der erste Stein des Anstoßes mit dem alten Pastor gewesen sein. Der taube Mann, der den Donner nicht mehr hört, hört doch jedesmal das Er 'raus, wenn der Major ihn anredet.« »Herr von der Quarbitz wird mich nicht Er nennen. Wir sind darüber schon einig geworden.« Ein Donnerwetter! entfuhr sehr hörbar des Barons Lippen. »Aber ich sage Ihnen, er kann einmal die Gelehrten, Beamten, eigentlich alle Bürgerliche, nicht leiden; 's ist eben seine Natur.« »Es könnte doch auch an den Gelehrten, Beamten und – Bürgerlichen gelegen haben.« »Wieso meinen Sie das?« »Weil sie sich keine Achtung zu erwerben verstanden.« »Das geht auch so leicht dem Isegrimm gegenüber! Aber 's ist gut, wenn Sie Courage haben. Lassen Sie ihn reden und grunzen. So kommt man am besten durch. Aber nehmen Sie sich nur in acht beim Unterricht. Sollen Sie den Fräuleins auch Lektionen geben?« »Ist das so gefährlich?« »I nun, sie werden Ihnen nicht ins Gesicht lachen. Aber ein Gelehrter, wie Sie, lieber Herr Mauritz, und junge Damen, nehmen Sie mir's nicht übel, das paßt nicht. In Berlin, nun ja, die Aesthetischen greifen nach allem, je toller, je besser; aber hier auf dem Lande, ich kann Ihnen nur als Freund raten, passen Sie gut Achtung. Haben die Blitzmädchen Ihnen erst was Kurioses abgemerkt, da ziehen sie dran wie die Kinder an der Klingel, die ihnen verboten ist. Sie tragen keinen Zopf, aber Sie könnten bald einen hinter sich haben. Losschlagen können Sie doch nicht auf die Fräulein; wenn Sie grob werden, haben Sie's mit Papa und Mama zu tun, und Autorität sollen Sie auch behalten, sonst heißt's, der Lehrer taugt nichts. Und wie viele Edelleute haben denn jetzt Geld und Lust, ihren Kindern Informators zu halten; 's ist schon 'ne schwere Zeit. – Was ist denn aber da drinnen los?« Die Nachrichten des Küsters von Marzahne hatten unter den Weibern nachträglich gewirkt. Die alte Mutter des Schulzen hatte den Edelmann, als er ins Haus trat, beiseite gezogen. Sie hatte etwas auf dem Herzen, aber ein Strom von Tränen machte sich Luft, ehe die zitternden Worte herauskamen: »Muß ich denn das auch noch erleben!« Er besorgte eine neue Ausschüttung des Sirupkaffees, aber die Frau versicherte: Ach, das sei es nicht, es sei zu schrecklich, und sie erzählte eine allerdings brutale Geschichte, die wir unerzählt lassen, obgleich sie in Wirklichkeit sich öfters zugetragen hat. »Das muß man auch an sich erleben,« schloß sie, »und dann wollen sie uns auch noch die Religion nehmen.« Der Herr von Quilitz, ein Mann, dem alles Rohe zuwider, war wirklich von den Details der Brutalität entsetzt und in einem Tone der Entrüstung rief er: »Das ist ja abscheulich! Selbst sich an solchen alten Frauen zu vergreifen!« »Ach, gnädiger Herr, das könnten sie schon haben,« erwiderte die Alte, »wenn sie uns nur die Religion lassen wollten; aber sie wollen uns alle durch die Bank katholisch machen.« Sie über diese Furcht zu beschwichtigen, war nicht Ort und Zeit, denn drinnen war ein Zank ausgebrochen. Der Kutscher aus Quilitz, der mit freundlichen Augen immer die schmucke Wirtin betrachtet, hatte, als es zum Abschied ging, ihre Hüfte umschlungen und wollte, vermutlich zur Probe von ihrem eigenen Rezept, daß man von einem Kuß nicht stirbt, ihr einen auf die roten Backen drücken. Ob Marte mit dieser Probe einverstanden war, da es nicht die Rettung der Kühe galt, bleibt unausgemacht, denn Gottlieb der Zweite hatte ihn im selben Augenblick unterfaßt und mit einem: »Du Quilitzer Lümmel! das untersteh Dich!« beiseite geschleudert. Der Quilitzer Lümmel, der sich dessen nicht versehen, brachte im Taumeln den großen Tisch in Gefahr, daß mehrere Gläser fielen und einige zerbrachen. Aber der Schemel, der mit ihm zu Boden stürzte, ward im selben Augenblick zum Stab, an dem er wieder aufsprang, und zugleich zur Waffe, die er, elastisch aufgeschnellt, in der Luft schwang: »Nu koste mal, wie Querbelitzer Holz schmeckt!« Der Schulzensohn war stärker und stämmiger als der andere, aber ungeschickt. Während er mit beiden Armen und markigem Griff die drohenden Schemelbeine gepackt hielt und man an ein Ringen in der Luft um den Besitz der gefährlichen Waffe dachte, hatte der Kutscher, nervig und behend, den Stuhl plötzlich losgelassen und, den Kopf als Sturmwidder ansetzend, den Bauern an Bein und Hüfte unterfaßt. Es war ein gymnastisches Kunststück, wie er die Füße aus den Holzpantoffeln und den ganzen Kerl in die Lüfte hob. Auf des Kutschers Kopfe schwebend, mit den blau bestrumpften Füßen vorn und dem Kopf nach hinten balancierend, konnte er sich nicht helfen, zumal da seine Hände den Schemel noch immer in der Luft hielten, jetzt freilich nicht in freier, denn er stieß an die Decke. Es war das ungeschickteste, lächerlichste Bild, als der mutwillige Kutscher rief: »Vivat hoch, was gebt Ihr mir für den Kronprinzen von Querbelitz!« Der Kutscher hatte nicht bedacht, was es heißt, den Feind im eigenen Lande angreifen. Durch Ueberraschung siegt man, aber nur, wenn man einen besseren Succurs hat als das erste Staunen und Gelächter der Ueberraschten. Die Querbelitzer und Quilitzer waren von je ab Feinde, nämlich auf Märkten, wie man so bei Kirchweihfesten und Hochzeiten es ist. Der Kutscher vertrat heut allein sein Dorf, was seine Begeisterung steigerte, wenn es nicht schon der Branntwein getan oder der Drang, sich vor den Schönen auszuzeichnen. Er hatte aber auch nicht bedacht. daß es Marias, wenn nicht geliebter, doch gewählter Bräutigam war, den er in so unangenehmer Weise erhöht hatte. Zuerst war die junge Frau auf den Tisch zugefahren, um zu retten, denn Gläser zerbrechen leichter als Schädel. Dann schien sie sich zu besinnen, was noch zu retten sei, und ihre Mundwinkel verzogen sich schon zu dem Gelächter, welches der erste allgemeine Eindruck auf die Versammlung war, als sie sich rasch besonnen, daß die Ehre ihres Zukünftigen auch die des Hauses sei. Sie beeilte sich zwar nicht, den Schwebenden zu erlösen, was ihr nicht schwer geworden wäre, aber des Kutschers volle und freundliche Backen leuchteten zu lockend und verteidigungslos entgegen, da seine Arme als Karyatiden der Beine des Besiegten dienten, und wie Blitze wetterten ihre Hände links und rechts auf die schutzlosen Backen. Jedoch nicht lange. Der Quilitzer Kutscher hatte auch nicht bedacht, daß der Schulzensohn, den er an die Decke drückte, noch einen Bruder hatte, der zwar sein Rival, aber doch immer sein Bruder war, der für die Ehre des Hauses, und außerdem ein Querbelitzer, der für die des Dorfes einstehen mußte. Er war im selben Augenblick aus seinen Pantoffeln und über den Tisch gerutscht und hatte unbemerkt, durch ein leichteres gymnastisches Kunststück als das des Quilitzers diesen derart von seinem Fundament entzückt, daß – man eben nur an der Wirkung merkte, was geschehen war. Diese aber war heftig genug. Es schlug und krachte. Der niederfallende Schemel zerbrach mehrere von den geretteten Gläsern und außerdem wohl noch manches, der schwebende Schulzensohn schoß Kobolds in der Luft und stürzte schwer, glücklicherweise aber nur auf den Körperteil, wo er keine Glieder brechen konnte, zu Boden. Der Kutscher wäre empfindlicher auf seine roten Backen gefallen, und vielleicht wäre es um seine Nase geschehen gewesen, wenn es sich nicht gefügt, daß er nur auf die Knie stürzte. Das aber war kein Zufall, sondern Frau Marte hatte ihn instinktartig, als der Stoß kam, an den Ohren gefaßt, und wenn er auch fallen wollen, er hätte nicht fallen können. Unfehlbar wäre es jetzt zu einer allgemeinen Schlägerei gekommen, bei welcher Kutscher Lamprecht doch vielleicht nicht ganz allein gestanden hätte, denn es regte sich auch Quilitzer Blut in manchen Querbelitzer Adern, dann schlägt auch mancher aus Ehrgefühl, wenn er sieht, daß alle über einen losschlagen, und außerdem war's der herrschaftliche Kutscher. Den konnte man doch nicht zerschlagen lassen, wo die Herrschaft in der Nähe war. Lamprecht selbst aber war in solcher Wut, daß er auf keine Rücksicht geachtet hätte, selbst nicht auf den gnädigen Herrn, der eben eingetreten. Seine Wut ließ sich aber nicht gegen den Tückebold aus, der seinen Sturz veranlaßte, sondern gegen die, welche über seinen Fall zu triumphieren schien. Mit einer raschen Kopfsenkung, als wolle er untertauchen, hatte er seine Ohren von den Harpyengriffen losgemacht, ebenso schnell einen von Gottliebs Pantoffeln ergriffen und war aufgeschnellt. »Warte, Du Querbelitzer Hexe, das will ich Dir eintrichtern!« schrie er, als ein »Halt!« durch die Stube schallte. Es ist anzunehmen, daß ein Teil der Drohung schon in Erfüllung gegangen, als der Arm des Schulzen in den seinen fiel. »Lamprecht, Kerl, ist Er rasend, sieht Er nicht! der gnädige Herr!« Der gnädige Herr wiederholte mit einem drohenden Blick den Namen des Kutschers, die Wirkungen der Blicke sind aber unter Umständen und Zeiten verschieden. Lamprecht zerrte noch an dem Arme und schoß wütende Blicke auf Marte, als er rief: »Herr Hofmarschall, die Querbelitzer haben ausgeschlagen!« »Das lügt Er!« schrien drei bis vier Stimmen, aus denen bald ein Chorus ward. »So ein Quilitzer Lügenmaul! Er hat den Krawall angefangen, er dünkt sich besser –« »Als Ihr,« fiel der Kutscher ein, »zehnmal und nicht einmal. Wenn's nicht um meinen gnädigen Herrn wäre, ich kehrte ja in Euer Nest nicht ein, und in Eurem Bier könntet Ihr die Gurken sauer machen, Ihr seid ja alle durch die Bank –« »Was sind wir?« »Halt Er's Maul, Lamprecht,« unterbrach der Schulze, und der Gutsherr hob sein Rohr, gewiß nicht, um ihn zu schlagen, aber wo die Autorität fehlt, greift der, welcher sie wieder zu haschen sucht, noch immer nach dem rechten Mittel. »Untersteh' Er sich, noch ein Wort –« »Und das sag' ich, und das laß ich mir nicht nehmen,« unterbrach der Kutscher mit einer immer vehementeren Bewegung des freien Armes. »Das sind keine Patrioten nicht hier. Die sind nicht Quielitsch und nicht Ilitsch, die sind gar nichts. Wo sie Ilitsch sein sollen, sagen sie, sie sind Quilitsch, und wo mein Herr von Quilitsch was will, sind sie Ilitsch. Sag' ich doch, wo die Herrschaften nicht sind, da ist kein Untertan. Das ganze Querbelitz taugt den Teufel nichts, und wer nicht reinzutreten braucht in das Kotnest, der ist gut dran. Denn wenn's schön ist, ja, da sind sie oben auf, und wenn's dicke kommt, krauchen sie unter. Die Franzosen sind schon gut hier, die werden sie zwiebeln. Ja, katholisch sollen sie werden, und was sonst ist, das ist ihnen recht. Denn das sind keine Bauern hier nicht, das ist eine Nation!« Es war vieles in der Rede, was zu anderer Zeit das Ohr des Gutsbesitzers nicht unangenehm berührt hätte. Vor den Querbelitzern durfte er es ihnen aber nicht sagen lassen, daß sie eine Nation wären. »Auf der Stelle hinaus, Schlingel! Er ist betrunken. Angespannt! Oder ich lasse ihn ins Loch werfen.« Den Kutscher, der allerdings getrunken hatte, aber der Zorn war stärker als der Branntwein, überkam jene Blässe, die nach einem Rausche oder Zornerguß uns überzieht. Es ist ein Frösteln, was den Menschen oft desperater macht als die Exaltation. Er fuhr mit dem Aermel über das Gesicht und strich die zerzausen Haare zurecht. »Schon gut, gnädiger Herr, ich werde anspannen, wenn die Pferde gefressen haben, denn das Vieh muß auch leben. Ein Schlingel, das ist schon recht; aber betrunken bin ich nicht. Und ins Loch schmeißen lassen, das ist auch nichts mehr. Denn das weiß unsereins auch, damit ist's vorbei. Die Franzosen sind auch nicht umsonst hier. Wir sind auch Menschen, und ein Untertan ist es auch. Und ich bin kein Untertan nicht von Ihnen.« Den Gutsherrn überkam es. Was würde aus der Welt, wenn es den Klügsten nicht bisweilen überwallte, daß er die Klugheit vergißt. »Schmeiß Er ihn ins Loch, Schulze!« Der Knecht wurde immer ruhiger. »Wer soll den gnädigen Herrn Hofmarschall nach Ilitz fahren und retour nach Quilitz, wenn's duster wird, und durchs Moor! So ein Querbelitzer Bauerlümmel? Der weiß bei hellem Tage nicht durch. Mir schon recht, Herr Hofmarschall. Aus dem Loch geh' ich zum Landrat. Zeugen hab' ich. Schwören müssen sie alle. Ausgeschlagen hab' ich nicht, gestohlen auch nicht. Ich habe die Wahrheit gesagt. Das Pfeifen geht nicht mehr wie sonst. Es sind zu viele, die pfeifen tun. Wenn der Herr Landrat französische Gendarmen schickt, die verstehen auch deutsch, wenn man nur nicht mit ihnen spricht und fragen: wie so?« Entweder die Aussicht auf die Nachtfahrt durchs Moor, oder etwas anderes hatte den Herrn von Quilitz zur selben Ruhe wie seinen Kutscher zurückgebracht. »Er ist aus meinem Dienst entlassen.« »Das ist mir schon recht; das ist mir gerade recht; das geniert mich gar nicht; ich wollte mir ohnedem einen besseren suchen. Zu wann, gnädiger Herr, auf der Stelle, oder –« »Zu Weihnachten. Jetzt spann Er an.« Der Knecht trällerte eine Weise zwischen den Zähnen, riß einen Hut vom Riegel, und indem er bei der Wirtin vorüberging, ballte er gegen sie die Faust. »Sei gewiß, Marte, das tränk' ich Dir noch mal ein.« Die Dorfprimaten hielten es für bedenklich, daß der Edelmann sich dem desperaten Menschen anvertraue. Er war anderer Meinung. Wenn einer in der Irritation aus dem Respekt gefahren, kehre er um so schneller dahin zurück, wenn sie vorüber, wie jemand sich um so fester in seinen Pelz hüllt, den er vorhin in augenblicklicher Aufwallung abgeworfen; denn der Frost komme nach. Auf dem langen Wege schien er indes anderer Meinung, nämlich gegen den Baron, der auch jetzt auf dem Bocke saß und kutschierte, während Lamprecht voraus ritt. Der Herr von Quilitz hatte es wieder so gewünscht. Der Baron drückte seine Verwunderung über die Unwissenheit der Leute aus, daß sie im Ernst von den Franzosen befürchten könnten, sie würden sich um ihre Religion kümmern und ihnen einen anderen Glauben aufdringen. »Diese Unwissenheit ist nicht das Schlimmste,« sagte der Gutsherr, »aber daß diese Leute sich auch zu denken unterstehen, was ganz aus ihrer Sphäre bleiben müßte! Aber es ist leider alles schlimm, wohin wir blicken.« Sechstes Kapitel. Isegrimms Haus. Der Novemberhimmel war nicht weniger grau über Haus Ilitz als über dem Querbelitzer Torfmoor; ja die alten Rüstern, die um zwei Seiten standen, das steile Dach fast überragend, machten die Zimmer noch dunkler. War doch auch wenig von Farbe drinnen, was dem trüben Eindruck die Spitze bot. Das Haus war alt, alles war alt darin, bis auf einige frische Gesichter; aber nicht das behagliche Altertum mit barocken Formen, sauberem Schnitzwerk, nicht der Rost, welcher das ehrwürdig macht, dem man ansieht, daß es ernst gelebt und gegolten hat. Die Räume waren groß, aber öde, bewohnt, aber ohne Leben, nicht unreinlich, aber auch nicht so reinlich gehalten, daß man in Ermangelung von anderem Wohlgefälligen sich hätte an der Sauberkeit erfreuen können. Das galt besonders von dem großen Flur, dessen Wände und mächtige Balkendecke weiß gestrichen waren, so weiß, daß man wetten durfte, es sei erst in diesem Jahre geschehen, denn es geschah wirklich jedes Jahr, aber auf der eichenen Diele lagen Strohhalme, Heuspuren und die der Stiefeln, welche durch Stall und Feld gewandert. Von den braungebeizten, wurmstichigen Wandschränken hätte man allerdings die Kalkflecken, die beim Schlemmen darauf gespritzt waren, abwaschen können. Auch die alten Herren und Damen in Reifröcken, Roben, in Puderbeutel und Harnisch, die in dunklen, vom Wurm zerfressenen Rahmen lebensgroß an den Mauern hingen, hatten jeweilig vom Spritzregen des Tüncherpinsels Flecke erhalten; ach, sie waren aber auch ohnedem schon so zerrissen, faserig, die Leinwand bauschte sich unter der abgetrockneten Oelfarbe, daß man einen Flecken mehr oder weniger nicht mehr der Beachtung wert hielt. Waren es doch vielleicht ausrangierte Ahnenglieder, die selbst, wenn nicht Flecken, doch keine Zier der Familie gewesen. Auch die ersten Feinde, die hier eine oberflächliche Nachsuchung nach fremdem Eigentum angestellt, hatten sie respektiert. Nur vom Pallasch eines bayerischen Chevaulegers war einer bös aussehenden alten Dame der schon große Mund noch etwas erweitert. Sie konnte jetzt gut als Schutzwächterin des Hauses gelten, ein Cherub, um einen furchtsamen Bittsteller zurückzuschrecken. Im ganzen hatte aber auch das Haus, im Aeußern wie im Innern, wenig, was Plünderer und Diebe anlockte. Die Zeit war die Räuberin gewesen, nicht sowohl ihr Zahn, als ihre allmächtige Kraft, mit der sie das, was nicht mit ihr fortschreitet, beiseite und in den Winkeln schiebt. Freilich sind's oft nur bunte Lumpen und Flittergold, in die ihr Gefolge sich kleidet, aber sie öffnen die Tore zu den Arenen, Märkten und Palästen, wo der Mann im verschlossenen Kleide der Vergangenheit zurückgestoßen wird. Die von der Quarbitz auf Ilitz mochten seit Generationen nicht für nötig geachtet haben, ihr Ameublement durch mehr als das Allernotwendigste zu renovieren. Doch sah das untere Sprechzimmer, das an den Flur stieß, und wo die Familie ihren gewöhnlichen Aufenthalt hatte, wenigstens voller und wärmer aus als der letztere. Fräulein Minden war, nachdem sie die Stallpantinen vor der Schwelle gelassen, eben eingetreten und warf, als sie den Schlüsselkorb auf den Tisch gestellt, ihr dickes wollenes Umschlagetuch, welches die Figur des hübschen Kindes zu lange entstellt hatte, über die Stuhllehne. »Line, klimperst Du noch immer,« sagte sie, »und 's wird duster wie die Nacht.« Die älteste Tochter versuchte am Klavier eine Phantasie, die nicht herauskam, wie sie wollte. Sie ward heftiger und schlug auf die Tasten, bis man den Sprung einer Saite hörte. »Siehst Du, das kommt davon,« sagte die Eingetretene. »Daß Du mich durch das Klappern mit Deinem Schlüsselkorb aus meiner Illusion gebracht hast.« Linchen ließ ärgerlich den Deckel fallen, indem sie aufstand. »Da wirst Du wieder lange warten können, bis der Stimmer kommt,« setzte die erste hinzu. »Und wirst wieder unglücklich tun.« »Wer sich mit sich selbst beschäftigen kann, ist nie unglücklich,« war Karolinens Replik. »Was habt Ihr denn wieder vor, Kinder?« rief die Mutter und legte die Nasenbrille ab, mit deren Hilfe sie am Fenster eine alte Zeitung gelesen. »Ihr seid doch nun erwachsen, was müßt Ihr Euch noch immer zanken! Ach Gott, ach Gott, es kommt doch eins zum andern. Wo ist denn der Vater, Minchen?« Die hurtige Wirtschafterin, die sich sogleich wieder im Zimmer an andere häusliche Geschäfte gemacht, antwortete, daß er, als die Sonne ein bißchen geschienen, mit Fritz und Wilhelm in den Park gegangen. Die Mutter, eine etwas beleibte Frau von kurzer Gestalt, der man ansah, daß Spazierengehen und unnötige Bewegung nicht zu ihren Leidenschaften gehörten, schüttelte den Kopf. »Und mit seinem Podagra auf dem feuchten Erdreich! Er kann doch auch keine Ruhe kriegen!« Sie erkundigte sich, wann die Botenfrau fortgegangen, worüber Wilhelmine den genauesten Bericht erstattete, aber sie bezweifelte, ob die Suse vorm Zubettegehen zurück sein könne. Der Gegenstand schien die Aufmerksamkeit der Familienmitglieder zu erregen. Auch die jüngste, halb Mädchen, halb Kind, die jetzt durch eine Seitentür hereinkam, nahm daran teil. Auf der Treppe hatte man sie trillern gehört, sie war über drei Stufen mit einem Satz gesprungen, hier ward sie ernst, und mit klugen Augen versicherte sie, die Suse werde vor Nacht zurück sein, sie habe es ihr auf die Seele gebunden. Die Mutter seufzte. »Ach Gott, wenn wir ihn nur 'rumkriegen könnten! Da ist doch auch keine Gutsherrschaft mehr, die jetzt nicht täglich ihre Botenfrau nach der Stadt schickte. Aber nein, auch das will er nicht!« »Vater will ja nichts mehr von der Welt wissen!« sagte Malchen, die jüngste. Die Klavierspielerin gab eine andere Erklärung. »Er schmeißt die Zeitung fort, wenn die Suse sie auf dem Korb legt, aber nachher, wenn wir's nicht sehen, greift er doch zu und liest von den wilden Männern oben bis an den letzten Strich.« Minchen, die zweite, die Wirtschafterin, suchte den kleinen Riß auszugleichen. Vor Jahren sei die Botenfrau wöchentlich nur einmal nach Nauwalk gegangen, seit den letzten Kriegen hätten sie's aber schon dahin gebracht, daß sie die Suse zweimal schicken dürften. »Einmal bringt sie zwei Zeitungen und einmal eine. Und wenn Ihr's nur ordentlich anfangt, kriegen wir auch noch ein drittes Mal 'raus.« »Wenn wir wieder Einquartierung haben, ich meine Offiziere,« sagte die Mutter, »so müssen wir doch frisch Weißbrot haben und Semmel täglich. Wenn er doch das einsähe!« Minchen schüttelte den Kopf; ihr kluger Blick sagte, das wäre zu viel gefordert. Die Mutter mißverstand es. Frische Semmel könne man freilich nicht zum Frühstück haben, da die Botenfrau frühestens um Mittag zurück sein könne, aber das schade noch nicht so viel; wenn man sie nur ordentlich morgens aufbacke und gleich mit frischer Butter schmiere, merkten es von zehnen neune beim warmen Kaffee nicht, nur müsse die Sahne immer dick und gut sein. »Damit kommt ihm nur!« sprach Wilhelmine vernehmlicher ihre Meinung aus. »Um die Einquartierung tut er's am wenigsten.« »Und er meint auch,« fiel Karoline ein, »zweimal wäre schon genug für die alte Suse. Alle Tage hielte sie's gar nicht mehr aus.« »Hat er das gesagt?« rief Wilhelmine vergnügt. »Wenn er sich erst auf Gründe einläßt, dann ist er schon halberwegs.« »Aber er hat recht, daran haben wir nicht gedacht, liebe Kinder. Es wäre für die Suse zu viel.« »Dann sind andere. Die alte Besicke, da will's mit der Arbeit auch nicht mehr recht fort. Nächstes Jahr ist sie reif zum Botenlaufen. Ueberhaupt,« fuhr das verständige Mädchen fort, »wenn man nur Vatern recht behandelt, man kriegt ihn zu weit mehr 'rum, als Ihr denkt. Aber Ihr wollt immer gleich drauf los, und das ist nichts. Alles Stroh sollte in der Wirtschaft bleiben; jetzt drückt er schon ein Auge zu, wenn der Verwalter ein paar Schock in die Stadt fährt. Butter für den Markt, das war ihm auch nicht recht; jetzt verkaufen wir schon den Käse. Hätte es der Pastor nur ordentlich angefangen, so hätte er ihn auch noch Sie genannt. Warum hat's denn der neue Kandidat durchgesetzt? Bloß auf einen Brief. Vater hat ihn uns nicht zum Lesen gegeben, aber der muß es verstanden haben.« Die Jüngste, welche das Gespräch nicht zu interessieren schien, rief am Fenster, wo sie dem Spiel der Wolken zusah: »Ach, seht mal den Mummelack! Wenn die arme Suse den auf den Pelz kriegte!« Den »Mummelack« erklärten einige für eine Schnee-, andere für eine Gewitterwolke. Die gnädige Frau meinte, ob man nicht nach dem Vater schicken solle, als es hinter den Weiden knallte und rollte und eine Kalesche auf den Platz zufuhr, wo früher die Zugbrücke mündete. Aus dem Wagen sprangen die uns schon bekannten Insitzer. »Ein Besuch!« Es kam wie aus einem Munde, halb erschrocken, halb froher Ton. Froh war man, außer über die Unterbrechung, welche ein Besuch in die Monotonie ländlicher Einsamkeit hervorbringt, darüber, daß es keine Einquartierung war. Die scharfen Augen der Frauen hatten sofort durch die trübe Atmosphäre den Lehnsvetter aus Quilitz und den Baron aus Wüstelang erkannt. Erschrocken war man, daß man sich so betreffen ließ. »Minchen, Du hast die Schuh 'runtergetreten.« – »Line, das alte Umschlagetuch 'runter!« – Ja, die Mutter hatte ihre Haube und ihre Locken am Spiegel geordnet, als die drei Töchter wie aus einem Munde entsetzt riefen: »Aber, Mutter, Du hast noch die Schürze um!« Ein Glück, daß an Dienerschaft im Hause kein Ueberfluß schien. Der alte Hans kam sehr langsam durch Hof und Flur, um Pferde, Wagen und Kutscher in Empfang zu nehmen und auf einem ziemlichen Umweg nach den Ställen zu führen, wo der Schloßgraben noch nicht renoviert war. Der Empfang, die ersten gewechselten Redensarten, in nichts vom Gewöhnlichen abweichend, hätten doch einem aufmerksamen Beobachter zur Bemerkung Anlaß gegeben, daß der Mensch, auch wenn er nicht falsch ist, durch die gesellschaftlichen Verhältnisse zur Schauspielerschaft angewiesen wird. Jeder spielt Rollen, ohne es zu wissen. Wir sehen beide Teile, Wirte und Gäste, vorhin im Negligé, jetzt im Gesellschaftskleide, und sie scheinen beide andere Personen geworden, in Haltung, Blick, Bewegungen, im Ton der Sprache, in der Wahl der Ausdrücke. Nur zwei, die gar nicht sprachen, blieben dieselben, der Kandidat und das jüngste Fräulein. Die Elastizität, welche plötzlich in die Ilitzer Damen gefahren, war ja in dem Kinde schon vorhin da. Der Kandidat aber war ein Stock, hätten vielleicht einige gemeint. Er betrachtete die Bilder an der Wand und setzte sich erst, als der Kaffee aufgetragen war und Fräulein Wilhelmine ihn erinnerte, daß der Stuhl für ihn bestimmt sei. Auf dem Lande, wenn man sich lange nicht gesehen hat, braucht man nach Gegenständen nicht zu suchen, am wenigsten in einer Zeit, die zu viel des nachbarlichen und nächstliegenden Interesses bot. Der Hofmarschall war besonders höflich und teilnehmend gegen die Edelfrau. »Also auch diese Katastrophen haben seinen Sinn nicht brechen können!« sagte er mit einem leisen Seufzer, als er, näher dem Fenster, mit der Wirtin Platz genommen. »Ganz im Gegenteil, lieber Cousin. Die Nachrichten aus Berlin haben ihn noch schlimmer gemacht. Die Zeitungen, da ist ein Blatt, der Telegraph, wenn er das in die Hände kriegt, so zerdrückt er's und schmeißt es gegen die Wand. Ach, dann rollen ihm die Augen. Ich habe oft rechte Angst um ihn.« »Es ist doch eine Art von Melancholie. Sollte nicht der Arzt vielleicht eine Badereise künftiges Frühjahr –« »Kommen Sie Quarbitz damit! Die Luft und das Wasser, wo wir geboren, sind für uns gemacht, sagt er, und was er von den Aerzten denkt, wissen Sie ja.« »Es freut mich nur, daß ich nichts von Kollision mit der Einquartierung gehört habe. Davor hatte ich immer eine heimliche Angst.« »Und ich erst, lieber Cousin! Es war ein Glück, daß die meisten nur Passanten waren; darunter wirklich recht hübsche Leute, die ein Einsehen hatten. Aber wie die ersten Bayerschen kamen und so ums Haus ritten und hinauf äugelten, ich kann Ihnen nicht sagen, wie mir's brühsiedend heiß ums Herz fuhr. Die haben Schlimmes im Sinn, sagte ich zu Quarbitz, geben wir doch lieber, was wir haben! Wenn Du meinst, sagte er. Nun denken Sie, stellt er sich da in seiner Pikesche an die Treppenwand und raucht, ein Bein übers andere, seine lange Pfeife, während die Kerle mit dem Fuß unten die Türen einstießen. Wie sie ihn sehen, stutzen sie, denn 's ist doch ein alter Militär, das erkennen sie gleich. – Wollen Sie plündern, Kameraden? fragt er. Genieren Sie sich nicht. Ich weiß auch davon zu erzählen. – Die sakramentieren, er aber ließ sich nicht aus seiner Ruhe bringen und sagt' ihnen: Wozu denn mit dem Fuß die Tür einstoßen; wenn sie verschlossen ist, da hängt der Schlüssel. Da wurden sie wirklich manierlicher, und wir kamen noch so ziemlich davon. Nachher kam auch der Offizier zum Vorschein und tat so, als ob er's nicht gesehen, und polterte zum Schein gegen seine Leute. Aber glauben Sie, daß Quarbitz dazu zu bringen war, daß er eine Flasche mit ihm trank? – Sie können ja allein saufen; ich trinke mit den Kerlen nicht, rief er, daß sie's hörten. Nun dacht ich, gibt es was, aber sie taten auch, als ob sie's nicht verständen. Da sind wir noch mit blauem Auge davongekommen.« Der Hofmarschall freute sich, zu hören, daß der Vetter noch in seiner alten Laune sei. »Nicht alle Gewohnheiten sind gut,« setzte er hinzu, »aber es ist gut, wenn man sich in bösen Zeiten nicht aus den seinen bringen läßt.« Die Edelfrau war anderer Meinung. »Denken Sie doch nur, Cousin, was die französischen Offiziere dazu sagen werden, wenn wir Sonntags im Flur mit den Leuten essen.« »Also auch die Marotte –« »Ist ihm nicht abzukomplimentieren. Es muß draußen gedeckt werden, die Haustür noch sperrangelweit offen, daß alle, die vorübergehen, die Torheit sehen. Ich lasse unter unsere Stühle doppelte Matten legen, aber was hilft's vor dem Zugwind! Den Montag sind wir immer rheumatisch. Und glauben Sie mir, Cousin, den Knechten und Mägden unten auf den Bänken ist auch nicht recht zu Mute. Sie getrauen sich nicht ordentlich in die Schüssel zu greifen, besonders die neu angezogenen; sie halten's für Spott und Moquerie. Und wenn die Suppe angerichtet wird, spielt jedesmal die Komödie mit dem Pastor.« »Der kommt ja nicht mehr, denke ich, ins Schloß.« »Aber sein Couvert muß da liegen. Wolf fragt einen Sonntag wie den anderen: Ist der Herr Pastor noch nicht da? Einer muß antworten: Er läßt sich entschuldigen, er ist unpäßlich. Dann heißt's: Herr Verwalter, dann sind Sie wohl so gut, das Gebet zu sprechen. – Sind wir nicht genug im Gerede!« Die Herzensangst der gnädigen Frau mußte groß sein, daß sie einen Mann, mit dem kaum eine Blutsverwandtschaft und nur eine sehr getrübte konventionelle sie verband, zum Vertrauten ihrer Schmerzen machte. Was ihm die Frau mitteilte, dünkte dem Herrn von Quilitz ein schlimmes Omen. Er wollte seinen Lehnsvetter zu mancherlei stimmen, in der Hoffnung, daß er ihn in seinem starren Sinn gebeugt finde, und es war keine Floskel der Höflichkeit, als er seine teure Cousine versicherte: bei allen seinen Eigenheiten bleibe der Major ein Mann, auf den die ganze Umgebung mit Respekt blicke, der durch sein Beispiel viel wirken, und wenn er mit gutem vorangehe, der Provinz von großem Vorteil sein könne. »Wo nur mein Mann bleibt!« Die ausgeschickten Hofleute hatten ihn nicht finden können; indes war der »Mummelack« vorübergezogen und die Luft wieder etwas heiterer. Man mußte etwas vornehmen und besah den Hof und das Wohnhaus. Die Edelfrau war sehr freundlich gegen den Herrn von Eppenstein, und hoffte, daß sie öfter das Vergnügen haben würden, ihn in Ilitz zu sehen. Auch er war hier ein anderer als unterwegs. Ein knapp anschließender heller Morgenrock vom feinsten englischen Schnitt war unter dem abgeworfenen grünen Surtout zum Vorschein gekommen. Es war auch ein feines Gesicht, dem der kleine Lippenbart wohl stand; er sah jünger aus, und das legere Wesen, mit dem er auf dem Bocke gesessen, hatte einer anmutigen Elastizität in den Bewegungen und der Rede Platz gemacht. Er rühmte die wirtschaftlichen Anordnungen der gnädigsten Frau und fand alles vortrefflich; auch als sie die Ausräumung des Grabens entschuldigen wollte, wußte er dafür ökonomische Gründe. »Ein charmanter junger Mann!« sagte die Edelfrau, als sie am Arm des Gastes die breite Treppe nach dem oberen Stockwerke hinaufstieg. »Und sehr reich,« setzte ihr Begleiter hinzu. »Er muß weit mehr bares Kapital mitgebracht haben, als man glaubt. Schade, daß er gerade zur Kriegszeit sich hier ankaufen mußte. Das wird manche seiner großartigen Projekte verzögern. – Wenn Friede wird, werden wir Gutsbesitzer dafür alle empfinden, was es heißt, flüssiges Geld besitzen. Und überdem ist er ein Patriot.« Das setzte er mit Betonung hinzu, als sie in dem Korridor angelangt waren. Die eichene Treppe, obwohl selbst schon von ehrwürdigem Alter, war doch neuer als das alte steinerne Haus, und dieser lange Korridor, der die vorderen und hinteren Zimmer trennte, klösterlich einfach, auch weiß wie der Flur angestrichen, und ebenfalls ein Ahnensaal der Familie; nur waren die lebensgroßen Porträts geschonter, man sah mehr Harnische und kriegerischen Apparat, obwohl auch hier die meisten Herren und Ritter noch über dem Panzer einen gestickten Sammetrock trugen, oder statt des Helms eine sauber gehaltene Frisur. Weder der Gast noch die Wirtin schienen besondere Schauer beim Vorüberwandeln an den kriegerischen Bildern ihrer Ahnen zu empfinden. Nur bei einem blieb die Edelfrau stehen, indem gerade das Fensterlicht heller drauf fiel. Es war eine Art Schlachtenbild, wenigstens mit Brand, Pulverrauch und Gemetzel im Hintergrunde, Fliehenden, Verfolgten und Toten. Doch war die Hauptfigur sichtlich ein Porträt, eine Kriegergestalt im Kostüm aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Er stützte sich wie erschöpft vom Gemetzel auf sein blutiges Schwert. Das Gesicht war dunkel gehalten wie das ganze Gemälde, und hatte etwas Abschreckendes. Es war zweifelhaft, ob die Edelfrau von diesem Gesichte oder den Kriegsszenen dahinter sich wie erschreckt abwandte und zum Vetter mit Bewegung sprach: »Bringen Sie uns denn gar nichts Tröstliches? Hört man auch bei Ihnen von Friede nichts? Meinen Mann darf ich ja gar nicht fragen.« Der Hofmarschall blickte sich um, es schien, als ob er die stieren Blicke der geharnischten Mannen scheue; dann sagte er leiser, in die Fensternische tretend: »Doch! es weht ein leiser Atemzug von Hoffnung. Man ist in Unterhandlungen, wenigstens über einen Waffenstillstand. Unser guter König will den Frieden, das muß uns alle trösten. Keiner fühlt mehr als er die Leiden seines Volkes. Lucchesini und Zastrow waren nach Berlin geschickt. Sie haben Napoleons Bedingungen nach Preußen mitgenommen. Der König hat die Minister zu einer Konferenz nach Graudenz berufen. Das ist die letzte Nachricht aus Berlin; man erwartete dort täglich das Resultat.« »Gott sei Dank!« rief die Edelfrau. »Jubeln wir nicht zu früh. Um den Monarchen sind noch zu viel eigensinnige Charaktere, die alles dran setzen möchten, was noch zu viel verlieren, wo gar nichts mehr zu gewinnen ist. Diese Ausländer empfinden freilich nicht, was wir Angesessenen leiden, dieser Freiherr von Stein und Hardenberg und so mancher Bramarbas, der noch immer auf Kriegsruhm hofft. Napoleons Bedingungen sind etwas hart, das gebe ich zu. Er fordert die Uebergabe von Glogau, Graudenz, Danzig und die Entfernung der Russen aus Preußen. Aber was uns Festungen helfen, haben wir eben gesehen; und was solche Alliierte, die nur tun, was ihnen gut dünkt, die, ihr Land weit hinter sich, in unserem wie in Feindesland hausen, das werden wir auch bald erfahren, wenn eben nicht einsichtige Ratgeber unserem zu guten König zur Seite stehen.« Die Edelfrau schien, indem sie die Hände faltete, Gott um solche einsichtige Ratgeber zu bitten. Sie bat aber rasch, ihrem Manne nichts davon zu sagen. Der Lehnsvetter drückte ihre Hand: »Es ist überhaupt gut, das für sich zu behalten, liebe Cousine, denn – doch lassen Sie uns von diesem Thema abbrechen. Der Mensch will sich immer mehr Sorge machen, als der Himmel ihm ohnedies aufpackt.« Und es waren allerdings Sorgen anderer Art, die jetzt die gute Hausfrau und Mutter beschäftigten, als beide langsam auf und ab im Korridor gingen, bis sie es für geratener fanden, in das Eckzimmer zu treten. Es war dunkel, und was man nennt heimlich, darin; mit seinen kleinen Fenstern in der dicken Mauer gehörte es zu einem älteren Schloßflügel, an den das geräumige Vordergebäude, wenigstens der obere Fachwerksstock, erst später angebaut war. Die älteste Tochter Karoline hatte das Zimmer nach ihrem Penchant eingerichtet. Der Geschmack war etwas wunderlich, denn man wußte nicht, welche Richtung er eigentlich nahm, aber es war voller und sah wärmer aus als die anderen Gemächer des Hauses. Die gute Frau von Quarbitz hatte während des Gespräches ihr Tuch zuweilen an die Augen gebracht; auf dem Tische lag die zerbrochene Silhouette. »Ach, lieber Cousin, ein Mutterherz ist doch auch ein Mutterherz. Und wie meine Töchter sich verheiraten sollen, das weiß der liebe Himmel. Er hat kein Einsehen. Was kriegen sie denn 'raus, wenn er mal die Augen schließt! Es ist ja alles Lehn; das bißchen Allod, das Vorwerk da, wenn's nicht in der bösen Zeit auch drauf geht, was kommt denn auf jede! Karoline sollte Hofdame werden bei Prinzeß Ferdinand. Er wollte nicht. Ja, warum nicht? Darüber will ich auch lieber nichts gesagt haben. Karoline ist hübsch, ja, ich kann wohl sagen, sie war die schönste bei Mamsell Brüel. Die Gräfin Medem und die Dankelmann waren gar nichts dagegen. In der Pension, wo jede die andere im Schlumper sieht und in Papilloten, da weiß man das. Sie hat Körbe ausgeteilt, ehe die Männer noch die Hand danach ausstreckten. Ich war des Todes erschrocken, wie ich das von Herrn von Quiritz hörte. Sie hielt sich »zu gut für solchen Krautjunker«. Wo kann man sich denn die Männer machen, wie man sie wünscht; man muß sie nehmen, wie man sie findet, sonst bleiben alle sitzen. Und glauben Sie, mein Mann war ganz zufrieden damit. Wolf, sagte ich, wie kannst Du nur so sein, der Quiritz, der Johanniter, ist doch die beste Partie in der ganzen Provinz! Was antwortete er mir? »Der rote Stöpsel kann ja nicht auf dem Pferde sitzen.« Und so ist und bleibt er. Um die Wilhelmine ist mir nicht so bange, die hat 'ne Art, die gefällt jedem, und sie nimmt auch den ersten besten anständigen Mann, der Ernst macht, und die Malchen ist noch ein Kind, sie wird erst siebzehn. Aber Karolinen ist keiner fein und vornehm genug und gelehrt und gebildet. Wozu soll das aufs Land, frag' ich? Da gibt mir auch Quarbitz recht, aber es schmeichelt ihm doch, wenn sie so über die Schulter die Männer ansieht, er sieht sie ja nicht besser an – als wären's Rekruten, und er könnte wählen. Es hat sich auch zu wählen!« »Wer weiß,« sagte der Hofmarschall, indem er die Finger auf dem Tische spielen ließ. »Ich weiß schon, was mein Mann denkt. Die Mädchen haben sechzehn Ahnen, ach Gott, und noch darüber, und das war es auch, warum Herrn von Quiritz' Vater kam, wegen des Stifts, worin der Hugo succediert, und die Familien im Lande soll man suchen, die das so klar wie das Einmaleins im Stammbaum haben, aber –« Sie hielt plötzlich erschrocken inne, sie glaubte ein leichtes Erröten über das Gesicht des Lehnsvetters fliegen zu sehen. Die Quarbitz aus Quilitz erfreuten sich nicht des Rufes, daß sie das so klar im Stammbaum hatten. Aber der Herr von Quarbitz lächelte bald sehr freundlich die Bestürzte an. »Nicht wahr, meine Gnädige, wir beide sind doch der Meinung, daß wir für unsere Nachkommen leben und nicht für unsere Vorfahren. Die Franzosen legen so viel Einquartierung bei denen mit sechzehn, wie bei denen ohne Ahnen. Uebrigens gebe ich Ihnen zu, es war eine Betise, daß sie den jungen Quiritz abgewiesen. Einen Kopf kleiner ist er freilich als mein schönes Mühmchen, und sein Kopf war feuerrot und das Gesicht blatternarbig, auch war er etwas zu rund für einen guten Reiter, das gebe ich auch zu; indes, er war doch immer der Majoratserbe von Vegesack. Mein Pate Hugo hat sich nun getröstet, sein Vater hat ihm eine Gräfin aus Hannover mit gerade sechzehn Ahnen verschrieben. Ich aber tröste mich, daß Sie dieser Sache da – er zeigte auf die Silhouette – keine große Bedeutung beilegen.« Die Mutter seufzte wieder, das Tuch an den Augen: »Der gute Theodor! Leichtsinnig ist er und verspricht mehr, als er halten kann, das ist wahr; aber wir waren dem Jungen alle so gut, und wer stopfte ihm nicht zu, was er konnte, bei seiner Equipage! Lieber Gott, man dachte, wer weiß, was aus ihm wird! Im Kriege ist ein anderes Avancement. Auch mein Mann war ihm gut. Was konnte er dafür, daß sein Regiment gar nicht zum Angriff gekommen ist?« Der andere zuckte die Achseln. »So wenig als für den boshaften Artikel im Telegraphen des Herrn Lange, wonach der Kommandeur in seiner Herzensangst den Befehl des Herzogs von Württemberg mißverstand und statt zur Attacke zur Retraite blasen ließ. Als er redressieren wollte und aus Leibeskräften schrie, versprach er sich, oder die Trompeter hörten falsch und bliesen sich die Lunge aus, daß die Retraite nicht schnell genug gehe. So schrieb, wie gesagt, der Telegraph, und die Wahrheit ist, daß ein paar Schwadronen auf falsches Kommando Kehrt machten und unter dem Gelächter des Feindes in gestrecktem Galopp das Schlachtfeld verließen. Als sie atemlos an der Elbe sich besannen, war es zu spät. Der Kornett Hurlebusch konnte nichts anderes tun, als auf Kommando mitlaufen. Nun wird er auch mit ausgelacht. Das ist nun mal so in der Welt, und dagegen hilft kein Protestieren. Er muß sich trösten mit dem Mitleid schöner Damen. Aber in den jungen Don Juan scheinen ja alle drei verliebt?« Die Mutter hatte auf etwas gehorcht und war aufgestanden, denn dies Gespräch war zu Ende. »Theodor spielte gar zu schön. Wenn er die Reichardtschen Lieder auf dem Klavier vortrug, waren die Mädchen wie bei Oberons Horn. Besonders das schöne Lied von dem Zitronenlande – Malchen zerfloß immer in Tränen – einmal, wie er's gesungen, fiel sie ihm – mein Gott, was ist denn das? Das ist ja Theodor! – Der Junge wird doch nicht –« Sie hatte die Tür aufgerissen, der Gast war ihr gefolgt. Es war ein eigenes Schauspiel. Dicht an der Tür stand die jüngste Tochter in der Stellung einer Lauscherin, halb auf den Zehen, den einen Finger am Mund. Die im Zimmer hatte das Kind nicht behorcht, sie winkte ihnen vielmehr durch ein Augenzücken Stille zu. Auch waren noch andere Horcher im Korridor; Karoline in der Mitte und Wilhelmine mit dem Baron an der Treppenmündung. Volle Töne eines wohlgestimmten Klaviers drangen durch den Fußboden. Es war Mignons Lied nach der Reichhardtschen Komposition, aber es klang voller, rauschender, sehnsüchtiger, der Vortragende hatte eigene Phantasien dem Empfangenen untermischt. »Ach, der Herr Kandidat, den haben wir ganz vergessen,« rief Minchen am anderen Ende des Korridors. – Der Zauber war erklärt. »Ganz wie Theodor,« sagte Karoline in der Mitte. »Nein, das ist etwas anderes!« rief Malchen. »Das ist –« Ihr fehlte wohl ein Gleichnis, auf das sie sich besann, als die Hausglocke heftig anschlug. Hans mußte sie rühren, wenn ein vornehmer Gast eintrat, zuweilen auch, wenn der Hausherr zurückgekehrt war. »Der Herr Major!« rief seine Stimme. Der Zauber war gelöst, vielleicht um einem anderen Platz zu machen. Die Mienen einiger nahmen einen andern Ausdruck an; alle befangener als vorhin, nur vielleicht Malchen nicht, die voran die Treppe hinabsprang, dem Vater entgegen. Siebentes Kapitel. Isegrimm. Der Gutsherr sah nicht so grämlich aus, als man hätte nach den Reden der andern vermuten sollen. Zwar war er in seinen mit Kot bespritzten Stiefeln, die er in polnischer Weise oder als alter Kavallerist über den Pantalons trug, und mit der Regimentsmütze, von der er den Regen abschüttelte, nicht in dem Kostüm, um Gäste zu empfangen, noch schien es ihn zu kümmern, daß er nicht darin war. Aber es zuckte in den grauen Augen eher ein Strahl von Freudigkeit, der zwar einen anderen Grund haben mochte, als den Anblick des unerwarteten Besuches, von demselben aber nicht zurückgedrängt wurde. Die weiblichen Familienmitglieder telegraphierten unter sich die angenehme Wahrnehmung mittelst jener Augensprache, in der alle gleich erfahren schienen. »Was verschafft mir diese Ehre?« sprach er zum Hofmarschall, und von der kurzen militärischen Verneigung fiel auch etwas auf den Kandidaten und auf den Baron. Den letzteren schien er mit einem raschen Blick von Kopf bis Fuß zu messen, um dann flüchtig die Hand des Hofmarschalls zu schütteln. »Wie sich von selbst versteht, sehr willkommen unter allen Umständen.« »Sie wünschten, verehrtester Vetter,« entgegnete der Gast, »vor der Introduktion unseres Herrn Mauritz eine Entrevue mit ihm. Da ich mir denken kann, daß Sie jetzt nur ungern von Ihrem Hause sich entfernen, wollte ich Ihnen den langen Weg ersparen und erlaube mir, Ihnen unsern jungen Freund zu präsentieren. Wir verlieren ihn ungern,« sagte der Herr Hofmarschall und unterfaßte den Arm des Kandidaten, indem er einige kordiale Handschläge drauf tat, »aber wir trösten uns, da wir wissen, daß er hier besser aufgehoben sein wird.« »Sehr obligiert,« entgegnete der Major. »Das wird sich ja alles finden. Aber apropos, Luise, ehe ich es vergesse, schicke Kurellasches Brustpulver in die Schäferei. Die Thomas hat's wieder schlimm auf der Brust. Auch eine Suppe und Fleisch zu morgen. Sie können nicht zukochen. Aber auf der Stelle.« Die gnädige Frau sah ihn und die Gäste an; es war wohl sehr begreiflich, daß sie gern Zeugin des ersten Gespräches geblieben wäre. »Du meinst, lieber Wolf, gleich –« »Auf der Stelle, sage ich. Thomas' Junge wartet draußen.« Nun wußte sie, er war in der Schäferei gewesen, die ziemlich entfernt vom Gute lag, aber von woher er den frohen Blick gebracht, wußte sie darum noch nicht. Vielleicht, tröstete sie sich im Hinausgehen, erfuhr sie es durch die Söhne, die nicht in die Stube durften. Aber auch Wilhelmine ward hinausgeschickt, um das Abendbrot zu besorgen, ehe es zu spät wurde. Der Gast entschuldigte sich mit dem schlechten Wege und der einbrechenden Nacht. »Aber eine Kollation, etwas Kaltes, was die Küche eines geplünderten Mannes hat. Schnell, Minchen, unsere Gäste müssen bald fort.« Der Wirt ging noch einige Male mit denselben vergnügten Blicken auf und ab, und so festen Trittes, daß man sein Podagra nicht merkte. Die Gäste konnten denken, es sei das Vergnügen, sie hier zu sehen; vielleicht dachten sie aber, es sei nur, um sich trocken zu gehen; denn die warme Stube hatte die Spuren des Regens an seinem Rocke noch nicht vertilgt. »Sie sind doch nicht naß geworden, Herr Baron von Eppenstein?« blieb er plötzlich vor diesem stehen. »Wer das Klima nicht kennt, hat den Schnupfen weg, er weiß nicht wie. Das würde mir außerordentlich leid tun.« Der Baron versicherte, er befinde sich vollkommen wohl, obgleich er noch nicht wußte, warum er das versichern mußte. Er erfuhr es aber sogleich, als der Major an seinen Rockzipfel faßte. »Es wäre auch schade um das feine Röckchen gewesen. Englische Ware, nicht wahr? Man nennt es Englisch Leder?« Der Baron bejahte durch eine stumme Neigung. »Sie wollen eine Fabrik anlegen? Ich meine von solchen kurzen Waren? – Ich meine, wenn die Häfen gesperrt sind, die Engländer nichts mehr 'reinbringen dürfen? – Das kann ein gutes Geschäft werden – sorgen Sie nur für Leute, die solches Zeug kaufen. Wir hier werden bald zufrieden sein, wenn wir uns selbst nur was Grobes weben können, damit wir nicht nackt gehen.« »Herr Major belieben zu scherzen; es war nie meine Intention, mit diesem Industriezweig mich zu befassen.« »Excüs! Richtig! Eine Verwechselung. Es vagiert da ein anderer Commis Voyageur aus Hamburg in der Priegnitz und Altmark. Der Kerl will – was geht's mich an, was er will. – Sie wollen Raps bauen. Gut! Versuchen, aus der Rübe Zucker zu quetschen. Meinethalben, wenn Sie mich nur nicht nötigen, ihn in meinem Kaffee zu trinken.« »Fürs nächste ist das nicht meine Absicht. Der Boden –« »Taugt zur Kartoffel, und Sie wollen destillieren. Schnaps trinkt Freund und Feind. Was für jedermann recht ist, darauf spekuliert man am besten. Sie haben recht. Brennen, destillieren Sie Branntwein, bis wir eine Hungersnot haben. Desto besser. Je mehr man hungert, um so mehr trinkt man, um's zu vergessen.« Ehe der Baron die Lippen zu einer Entgegnung geöffnet hatte der Major sich schon zum Kandidaten gewandt. »In der Musik auch bewandert wie in der Bibel?« »Herr Major betrafen mich auf einer Phantasie.« »Phantasien lieb' ich nicht.« »Ich hatte einen taktfesten Lehrer in Berlin.« »Ich kann es sonst nicht leiden, wenn der Prediger auch Küster und Kantor zugleich sein will, aber taktfest ist gut in jeder Sache. Geben wohl auch Unterricht?« Ein Nicken des Herrn von Quilitz bejahte es, und ein ausgesprochenes Lob desselben über die Art, wie der Kandidat in seiner Familie auch den Musikstunden obgelegen, ersparte diesem die Antwort. Die anwesenden Familienmitglieder, den günstigen Augenblick benutzend, rühmten sein ausgezeichnetes Spiel. Malchen war drauf und dran, ein Familiengeheimnis zu verraten, indem sie anhub: »Herr Mauritz spielt wie –« Aber Karoline fiel ein – sie nannte ein paar der ersten damaligen Klavierspieler der Hauptstadt, deren Namen ihrem Vater sehr gleichgültig waren. Sie verriet auch die Entdeckung, welche sich fast von selbst gemacht, daß der Kandidat die gesprungene Saite wieder eingesetzt, das Klavier prächtig gestimmt und sie nun keinen Stimmer mehr brauchten. »Meinethalben mag er spielen wie der alte Fritz seine Flöte, und Geigen machen wie ein Cremoneser,« brummte der Hausherr, der dem Kandidaten längst den Rücken gekehrt, und entkorkte eine Flasche, die er Minchen vom Präsentierteller abgenommen, auf dem sie den kalten Imbiß zu Ehren der Gäste selbst hereingebracht. Die Kollation, das Kurellasche Brustpulver und die Suppe für die kranke Schäferin war mit ungewöhnlicher Schnelligkeit besorgt worden, und doch hatte die Mutter draußen noch ein Examen mit ihren beiden Knaben abgehalten. Aber sie hatten ihr nicht mehr sagen können, als daß der Vater, als sie über den Park heraus im Walde waren, auf der Landstraße einen Reisewagen fahren gesehen. Da wäre er quer feldein über die umgestürzten Aecker geeilt, um den Herrn, der im Wagen saß, anzuhalten. Was beide so eifrig gesprochen, wußten die Knaben nicht, teils weil sie mit ihren kleinen Beinen durch den nassen Lehmboden nicht so schnell dem Vater nach konnten, teils weil sie es auch nicht verstanden. Die Mutter hörte nun zwar aus der Beschreibung heraus, daß der Herr im Wagen ein Obersteuerbeamter gewesen sein müsse, der oft von Berlin des Weges nach der mecklenburgischen Grenze fuhr, aber nicht, was den Vater und den Herrn so ergriffen, daß sie sich die Hände geschüttelt und, als der Wagen schon fortgerollt, noch zugenickt hätten. Der Major schüttelte selten mit einem Bürgerlichen die Hand, noch seltener mit einem Herrn vom grünen Tische, am wenigsten mit den Herren vom Steueramt, welche die Grenze bereisen. Auch der Vetter aus Quilitz war über die Weinflasche verwundert, da der Vetter aus Ilitz nicht allein gelobt, keinen französischen Wein mehr zu trinken, sondern überhaupt in diesen schweren Zeiten keinen auf dem Tische zu haben. »Eben darum,« erwiderte der Major, »soll dieser letzte Rest auf die frohe Nachricht ausgestürzt werden!« Welche frohe Nachricht? stand auf den Blicken. »Auf den fortgesetzten Krieg! Angestoßen, Vetter aus Quilitz. Die Ilitzer und Quilitzer kamen nie zu einem so frohen Ereignis zusammen. Darüber kann, soll, muß man alles vergessen. Ihre Hand, Vetter! Das bedeutet auch Ihr Besuch? Nicht wahr, Sie wußten es – Sie wollten mich nur aushorchen? Hier sind noch keine Spione und Verräter –« »Mein Gott, was wußten Sie, Cousin?« Die gute Frau von Ilitz wurde blaß. »Die Waffenstillstandsverhandlungen sind zerschlagen. Bei der Ministerkonferenz in Graudenz kam nichts 'raus, wie an den grünen Tischen nie was 'raus kommt. Der König berief sie alle noch einmal nach Osterode. Da wurde geschwatzt. Gensau, Kalkreuth, Laurenz, wer weiß, wie alle die – Kerle heißen, plapperten allerhand von Unmöglichkeiten, man dürfe den Bonaparte nicht aufs äußerste erbittern. Aber Freiherr Stein donnerte ihnen in die Leber: solcher Waffenstillstand beraube den König des Vertrauens seiner Nation, wir würden zu Verrätern an Rußland und England. Auch Voß sekundierte; ich hätt's ihm kaum zugetraut. Kurz, verworfen, total verworfen! Der Krieg wird fortgesetzt. Lestocq soll das ostpreußische Korps verstärken. In Schlesien halten sich noch die Festungen. Der Fürst von Pleß soll unterstützt werden. Der Schnee und Regen werden unsere Alliierte, die Franzosen bleiben im Kot stecken. Aber gerät's zum Schlimmsten, auch dann kein Nachgeben: die Königliche Familie geht nach Rußland. – Also angestoßen, Seine Majestät, unser allergnädigster König!« Der Hofmarschall stieß an. Auch sah er nicht mehr verstört aus; er hatte sich vorhin umgesehen und war über die Anwesenden beruhigt. »Unser trefflicher, guter König! Aber was sagt Haugwitz dazu?« »Fortgejagt! Haben ihm 'ne Krankheit, Augenleiden, oder sonst was angelogen. Als ob an dem Kerl noch ein gesunder Fleck wäre. – Auf den Freiherrn Stein! Vetter, wir kennen ihn ja. Der hat Haare auf den Zähnen!« »Ich habe nur die Ehre, ihn ganz flüchtig zu kennen,« sagte der Gast und stieß auch nur flüchtig an. Der Wirt sah sich wieder mit dem vollen Glase flüchtig um: »Heda, Herr Kandidat. Sie wollen wohl nicht anstoßen? Die Kirche trinkt kein Blut.« Herr Mauritz aber stieß sein volles Glas an das des Gutsherrn. »Aus ganzem Herzen und aus voller Seele!« Der Major sah über die Schulter. »Und der Herr Baron aus Wüstelang da?« Auch er stand mit dem Glase. »Ein angefangen Geschäft muß man zu Ende bringen oder sich bankerott erklären, und eine Schüssel rein ausessen, oder es wird schlecht Wetter, sagen die Ammen. Ein Krieg, der mit 'nem Waffenstillstand ausgeht, gibt keinen ordentlichen Frieden. Also der Krieg, Herr Major!« Der Gutsherr sah ihn nicht ungefällig an; er war sehr vergnügt. Nur die Edelfrau konnte nicht Herrin ihrer Gefühle werden. Sie war auf einen Stuhl gesunken, und ihre stillen Tränen machten sich Luft: »Warum muß denn Krieg auf der Welt sein?« Der Herr von Quilitz schien sie in einem Gespräch zu trösten, dessen Worte nicht laut wurden. Der Schluß lautete: »Wenn der Mensch das nur ernstlich will und ein gewisses savoir faire sich angeeignet hat, findet er auch unter Feinden Freunde und im Unglück immer etwas Glückliches. Das muß jetzt unsere ganze Sorge und Arbeit sein, und ich muß um Entschuldigung bitten, wenn ich Ihren Herrn Gemahl deshalb ersuche, mir einige Augenblicke in seinem Zimmer zu schenken.« Die unten geblieben, waren neugierig, was oben verhandelt werde. Des Vaters Zimmer war über dem Saal; das Knacken der Dielen unter seinen Tritten, wie er sich räusperte, die Pfeife ausklopfte, den Lehnstuhl an den Tisch rückte, war für die kluge Familie ein Thermometer, wie die Dinge oben standen. Um deshalb war es ihnen nicht angenehm, als der Baron, vorhin von den Töchtern dazu aufgefordert, sich jetzt an das Klavier setzte und einen neuen Wiener Walzer spielte. Malchen sah verwundert auf, und ihr Blick traf mit dem Kandidaten zusammen. Es war eine Harmonie in ihrem Ausdruck: das paßte hier nicht! Der Spieler ward unterbrochen durch den Eintritt des Dieners. »Der Herr Kandidat möchten zum Herrn Major sich hinauf verfügen.« »Aha, nun wird der ins Gebet genommen,« sagte der Herr von Eppenstein. Die Bangigkeit in der Familie ward dadurch nicht gehoben, daß er sie versicherte, der Kandidat wäre ein guter Mensch, nur ein bißchen eigensinnig. »Wenn er nur meinem Manne nicht so antwortet,« seufzte die Edelfrau. »Bei dem kann ein Wort alles verderben.« Eigentlich war man aber noch neugieriger, warum der Hofmarschall wohl gekommen; denn um den Kandidaten zu präsentieren, hatte er sich nicht auf den Weg gemacht. Davon waren Mutter und Töchter, trotz des sehr verschiedenen Grades ihres psychologischen Scharfblicks, überzeugt. »Wenn Sie mich nicht verraten wollen, meine Gnädigen, so steckt eigentlich nur die Pferdelieferung dahinter.« Die Damen von Ilitz waren davon nicht unterrichtet. Der Baron gab die Erklärung: »Dem Herrn Hofmarschall haben wir's zu verdanken, daß unser Kreis bis jetzt noch so erträglich davongekommen ist. Oder vielmehr, auf dem Papier haben wir unser Teil getragen wie andere, aber wir haben Schindmähren gestellt, von denen man froh sein konnte, daß sie bis in den Stall kamen. Ausrangierte Kavalleriepferde wurden von den französischen Kommissären unter der Hand gekauft und mit eingestellt. Keinen Tag darauf, und die meisten mußten schon totgestochen werden. Umsonst hat man das natürlich nicht; es kostet Trinkgelder an die Trainknechte, die Chasseurs, die Brigadiers, die Inspekteurs. Man kann aber gar nicht hoch genug hinaufgehen, um sicher zu gehen. Der General in Berlin, der die Remonte unter sich hat, ist, sagt man, ein menschenfreundlicher Mann; aber er hat unter der Hand durch den Intendanten in Nauwalk anfragen lassen, wie es denn komme, daß gerade von den Pferden aus unserer Provinz so viele gefallen seien? Ob vielleicht eine Krankheit grassiere? Man solle doch gründliche Mittel dagegen nicht scheuen, auch wenn sie dem Kreise etwas kosteten. – Was das bedeutet, weiß jedes Kind. Ja, seine Pferde retten möchte auch jeder, aber wie zwingt man die Leute, daß sie was freiwillig geben! Der Herr Major sind nun ein Mann, dessen Name im Kreise was gilt. Ist er dabei, dann springen viele nach. Und der Herr Hofmarschall meint, es ist die höchste Zeit, sonst könnte es uns noch viel schlimmer auf den Hals rücken – die Durchzüge von den Wallonen und Italienern sind auch nicht ohne. – Man will uns fühlen lassen, daß wir was tun müssen –« Der Baron ward durch die Rückkehr des Kandidaten unterbrochen. Er trat, verbindlich sich neigend, vor die Mutter: »Gnädige Frau, wenn ich auch Ihre Zustimmung gewinne, so werde ich vom neuen Jahre ab das Glück haben, Ihr Hausgenosse zu sein. Der Herr Major hat die Güte gehabt, mit meinen schwachen Fähigkeiten sich zufrieden zu erklären, und wir kamen überein, daß ich vorläufig auf ein Jahr den Unterricht Ihrer Söhne übernehme. Ich hoffe zum Allmächtigen, daß, wenn mein Erziehungswerk vollendet, bei dem sein Segen das beste tue, ich aus dem Hause unter glücklicheren Konstellationen scheiden möge, als die, leider! sind, unter denen ich es betrete. Seine Hand lastet schwer auf uns, um so fester müssen wir zusammenstehen und einträchtig bleiben im Vertrauen. Er züchtigt, die er liebt, aber er wird die erhöhen, welche sich im Gefühl ihres Unwerts vor ihm in den Staub werfen. Wir haben alle zu bekennen, daß wir gesündigt, schwer gesündigt, und nicht wert sind seiner Gnade. Diese Erkenntnis ist das erste, was not tut, sie muß in unseren Nieren brennen und mit Flammenschrift durch die Nacht, die um uns, vor unserer Seele leuchten. Dann mögen wir hoffen, daß wir wiedergeboren werden, und sein Strahl, der uns durchzückt, möge er dann freie, edle Menschen in einem freien, glücklichen Lande sehen!« Die gehobene Stimmung, in welcher der Kandidat sichtlich eingetreten, und die sich unwillkürlich in dieser predigtartigen Ansprache Luft machte, wirkte verschieden. Die gnädige Frau, die leicht gerührt war, wäre ihm gern um den Hals gefallen, wenn sich das geschickt hätte. Sie weinte mehr als stille Tränen. Malchen stand nachdenklich hinter ihrem Stuhl, ihre Blicke auf den Boden gerichtet. Karoline am Klavier schien weniger von der Rede erbaut, als von dem Klavierspiel, dessen verklungenen Tönen ihr inneres Ohr folgen mochte. Wilhelmine, die von einem Gange zurückkam, hatte nur die letzten Worte gehört und fragte den Baron, was Herr Mauritz damit gemeint? »Gemeint,« antwortete dieser, »hat er wohl eigentlich, daß es ihm mehr auf gute Behandlung, als auf hohes Gehalt ankäme.« Die Aufmerksamkeit war bald von ganz anderen Dingen gefesselt. Oben war es laut und lauter geworden. Die Decke dröhnte von den Schritten des Majors; man hörte seine Stimme, ohne die Worte zu verstehen. Doppelte Tritte – auch der Gast mußte mit ihm um die Wette gehen; – ein heftiger Wortwechsel, der jetzt in fast schreienden Tönen sich kund gab, um wieder in ein Gesurr von Stimmen sich zu verlieren, wie wenn im Disput jeder nur das Atemholen des andern abwartet, um die gesammelte volle Ladung von Gründen loszulassen. Der Major stampfte den Stuhl, den er in Händen hielt, auf den Boden. »Ach, du lieber Himmel, jetzt geht ein Donnerwetter los!« Die Mutter faltete die Hände. »Nein, Mutter,« sagte die jüngste Tochter, welche mit angehaltenem Atem, wie die anderen, den Symptomen gelauscht. »Der Herr von Quilitz widerspricht. – Das ist seine feine Stimme. – Wenn jemand Vatern kein Wort schuldig bleibt, dann gibt es kein schlimmes Ende. – Siehst Du, sie promenieren wieder. – Der Vetter schlägt seine Dose zu.« Minchen, die etwas Gebackenes präsentierte, stimmte der Wahrnehmung ihrer Schwester bei: »Einig sind sie nicht geworden, aber sie gehen viel ruhiger. – Der Herr von Quilitz soll sich nicht echauffieren vor der Abfahrt.« Nur der Baron machte ein eigentümliches Gesicht, indem er die Hände über dem gekreuzten Knie verschlang. »Patsch ist der Ball! Das ist gewiß.« Der Herr von Eppenstein schien die Rolle vergessen zu haben, die er hier spielen mußte, aber nur auf einen Augenblick, als man ihn fragte, was er damit meine, schnellte er wieder in den Gentleman, obgleich seine Mitteilung noch immer im vertraulichen Ton gehalten war. »Sie müssen mich auch wieder nicht verraten, meine Gnädigste. Und Sie auch, Kandidat. Es war der letzte Schuß, wenn die anderen geglückt wären. Ein Ball war proponiert in Nauwalk, den der Landadel geben wollte!« »Ein Ball – jetzt!« es war eine Stimme der Verwunderung. »Meine gnädigsten Fräulein, Sie werden doch nicht davor erschrecken? Ein langer Winter ist vor der Tür, und sehr viel Angenehmes steht uns nicht bevor. Warum sollten wir uns nicht die unangenehmen Grillen forttanzen! Aber nun ohne Spaß, die Sache hat auch ihre ernsten Seiten. Den Winter durch müssen wir nun mal mit den Franzosen leben, da hilft nichts vor. Hilft es uns, wenn wir die Köpfe hängen, grimmige Gesichter schneiden und uns immer als ihre Feinde präsentieren? Mit den Franzosen kommt man am besten aus, wenn man mit ihnen railliert, toujours frères et compagnie . Die Herren Offiziere, die wir zum Ball invitieren, accommodieren sich als Einquartierung weit besser; und was wir an Punsch und Kuchen ausgeben, profitieren wir an Schinken und Eiern in der Wirtschaft. – Sind wir darum etwa nicht Patrioten? Werden wir schlechte Preußen, weil wir mit den Franzosen tanzen? Im Gegenteil, wir zeigen ihnen; daß wir uns noch nicht kaputt fühlen.« Alle schwiegen, während der Baron einige jener verklungenen Walzertöne wieder über die Tasten gleiten ließ. »Die Franzosen dachten einmal anders,« sagte der Kandidat. »Als die jungen Mädchen in Verdun auf dem Ball mit den Preußen getanzt, ließ sie der Konvent zur Guillotine schleppen – als Vaterlandsverräterinnen!« Der Eindruck der Worte war kein wohlgefälliger. Die Damen schauderten; Karoline warf auf den Redner sogar einen bösen Blick. »Und solchen Republikaner oder Jakobiner,« rief der Baron lachend und mit einer Dissonanz seine Finger vom Klavier ziehend, »wollen meine Gnädigen in Ihr Haus nehmen?« Die Stimme des Majors, der am oberen Fenster, rief: »Angespannt! der Herr Hofmarschall will fahren!« unterbrach die peinliche Szene. Bald hörte man beide Herren die Treppe herabkommen. Man erwartete nicht viel Gutes; die Physiognomien der Lehnsvettern täuschten aber. Sie traten, sich höflich bekomplimentierend, ein, und der Herr von Quilitz näherte sich mit der feinsten Freundlichkeit eines Weltmannes der Dame des Hauses: »Nicht wahr, gnädigste Cousine, Sie fürchteten, daß wir uns in die Haare geraten wären? Es war nichts als eine kleine Divergenz der Meinungen. Es ist gut, wenn sie sich zuweilen reiben wie Stahl und Feuerstein. Wir sind beide gute Patrioten und nur über die Mittel uneinig. Jeder muß etwas nachgeben; nur so erhält man den Frieden. Heute haben wir wenigstens Waffenstillstand geschlossen. Ich, das will ich ganz offen gestehen, in der Hoffnung, inzwischen Alliierte zu gewinnen. Und diese Alliierten sind Sie, meine Damen. Ich gehe schon mit einiger Beruhigung fort. Mein Vetter hat mir versprochen, gegen die Franzosen, die ins Haus kommen, das Gastrecht zu üben, das ja auch unsere barbarischen Vorfahren übten. Aber das ist nicht genug. Wenn wir unsere Gesinnung zur Schau tragen, recht geflissentlich, schaden wir nicht den Feinden, sondern uns selbst, unserer Sache, ja der Sache unseres teuersten Königs. Was wir für ihn sparen konnten, bei weiser Haltung, erpreßt man uns bei einer törichten. Und dann, meine gnädigste Cousine, gute Patrioten müssen auch gute Eltern sein. Der Staat ist eine große Gliederung, deren nächster und heiligster Kreis die Familie ist. Ihr Oberhaupt muß zunächst für Gattin und Kinder sorgen. Das brauchte ich meinem lieben Vetter nicht zu sagen; das erhabene Beispiel Seiner Majestät des Königs bestätigt es uns. Er ist vor allem ein guter Familienvater, der seine Teuren in Sicherheit gebracht hat. Ihr Herr Gemahl wollte seine Familie nicht nach Berlin schaffen, ich achte seine Gründe – für damals. Aber jetzt haben sich die Verhältnisse geändert. Wenn der Feind immer mehr Zuzüge durch diese Provinz treibt, wenn die Exzesse sich mehren, und wir nichts – gar nichts tun, uns mit den Behörden zu stellen, wenn wir recht geflissentlich durch ein Ignorieren sie irritieren, dann freilich wird unsere Lage hier auf dem Lande immer bedenklicher. Besonders für zarte Damen, denn den disziplinierten Truppen folgt überall ein rohes, undiszipliniertes Gesindel.« »Was meinen Sie?« fragte die Mutter, denn die lange Rede war allerdings weniger für sie als für ihren Gatten gehalten. Er zuckte die Achseln. »Ich habe dem Herrn Major meine aufrichtige Meinung gesagt. An ihm ist es, sie zu prüfen. Möchten wir nur alle bedenken, daß Klagen nachher nichts helfen, wenn der Schaden da ist.« »Der Wagen des Herrn Hofmarschalls sind vorgefahren,« meldete Hans. »Nicht noch eine Pfeife gefällig?« fragte der Hausherr in einem Tone, der nicht dazu aufforderte. Er hatte schweigend vorhin zugehört, als wäre es so mit dem Gaste vertragen gewesen. Der Gast deutete auf die anbrechende Dunkelheit. Er müsse ohnedies den Umweg jenseits der Querbelitzer Berge nehmen, um nicht das Moor zu passieren. »Da wünsche ich nur, daß Ihnen nichts Unangenehmes passiert,« sagte der Major. Die Hand, welche der Herr von Quilitz ihm hinhielt, mußte er drücken, den Baron verabschiedete er mit einer steifen Kopfneigung, gegen den Kandidaten fiel sie noch leichter aus. Die Damen zogen sich von der Schwelle in den Saal zurück, der Major begleitete die Gäste bis zum Torweg, um nach einer allgemeinen Verbeugung sich zu entfernen. Er litt ja am Podagra; der Herr von Quilitz hatte es ausgesprochen und er die dargebotene Entschuldigung gern entgegengenommen. »Hol' Euch alle der Teufel,« hatte der alte Hans ihn brummen hören, als er die Treppe hinaufstieg. Achtes Kapitel. Eine Rückfahrt. Das war aber noch nicht das Ende des Abschieds. Zu ihrem nicht geringen Erstaunen fanden der Hofmarschall und der Baron das Reitpferd des letzteren mit vor die Kalesche gespannt. Kutscher Lamprecht erklärte, das ginge nicht anders bei dem verteufelten Wege; nachdem der Regen so aufgeweicht, kriegte er den Wagen mit den zwei müden Tieren nicht fort. Das war eigenmächtig gehandelt. Unverschämt! nannte es der Baron. Es half aber nichts. Lamprecht sagte, es sei ihm nicht um den vertrackten Wagen zu tun, auch nicht – das verschluckte er aber – sondern um die Pferde. Wenn ein anderer mit zweien über die Rauhberge und durch die Disteläcker fahren wollte, so könnte der gnädige Herr ja nur kommandieren; für die Tiere aber müßte er stehen, und niemand solle von ihm sagen, daß er sie auf den Schindanger getrieben. Es hätte schon Mittel gehabt, dem Uebelstande abzuhelfen. Der Lehnherr von Ilitz, der oben hinter dem Fenster zusah, hätte einen Ackergaul wohl hergeben können, um den schönen Fuchs, des Barons Lieblingspferd, loszumachen, aber er war still und zeigte sich nicht. Auch hätte der Herr von Quilitz wohl mit dem widerspenstigen Knecht eine andere Sprache reden können, bei der er, wenn es zum Ernst kam, auf den vollen Beistand seines Vetters rechnen durfte. Aber entweder wollte er den Knecht nicht noch mehr aufbringen, oder er hatte eine kleine Schadenfreude am Aerger des Barons: »Liebster Nachbar, immer besser, als daß Ihr Fuchs französische Kanonen ziehen muß.« Damit saß er auf. Ein heftiger Regenschauer, mit Schnee gemischt, kam dem raschen Entschluß zu Hilfe. »Schnell zu mir, Baron, ehe Ihr Sitz naß wird. Meine Wildschur wird uns beide schützen.« Für den Baron schichtete es sich auch ganz gut, sie breiteten ja die Wagendecke noch über sich; aber zum Kandidaten, der neben dem Kutscher auf den Bock stieg, sagte dieser: »Nu, Herr Mauritz, zu waschen brauchen Sie sich morgen nicht.« Es stiebte und peitschte immer heftiger. Als Lamprecht die Peitsche knallen lassen wollte, tönte aber aus dem Fenster oben ein Halt! und des Majors Stimme befahl dem Diener, seine, des Majors Wildschur, hinunterzubringen. »Der junge Mensch verklammt ja da oben.« Herr Mauritz mußte wieder absteigen, denn oben war kein Platz, den Pelz anzuziehen. Als er ihn über die schon durchnäßten Röckchen geschlungen, erklärte aber der Kutscher, was jeder einsah, es sei eine Unmöglichkeit, daß er in dem dicken Dinge neben ihm auf dem schmalen Sitz Platz habe. »Nun, Ihr wärmt Euch beide desto besser,« sagte der Hofmarschall. – »Ich zerdrück' ihm ja die Knochen; es geht absolut nicht,« erwiderte der Knecht, und noch eine dritte Stimme rief diktatorisch: »Das geht absolut nicht!« Trotz des Schnees und Podagras war der Major am Wagen. »Ueberdem kann der junge Mensch krank werden; er ist so was nicht gewohnt,« setzte er der Wiederholung jener Versicherung hinzu. »Ja, aber was machen, Cousin? Es geht doch einmal nicht anders. Vorn aufs Kutschpferd kann er sich nicht setzen.« »Er kann aber hier bleiben.« Ein Gedanke, der plötzlich durchschlug. In Kürze ward er so verarbeitet, daß man nicht allein beschloß, er solle diese Nacht in Ilitz bleiben, um mit nächster Gelegenheit nach Quilitz zu fahren, sondern man kam überein, daß es gar nicht nötig sei, daß er dahin zurückkehre, vielmehr könne er sofort in Ilitz sein Amt antreten. Der Major schlug es vor, der Hofmarschall akzeptierte es und versprach, morgen seine Effekten ihm nachzuschicken, und weder der Baron noch der Kutscher Lamprecht hatten etwas dagegen einzuwenden. Auch der am wenigsten, welcher gar nicht darum gefragt ward – der Kandidat. Vielleicht dachte er doch, daß er ein Wort dazu geben müsse, als Kutscher Lamprecht wahrscheinlich dachte, es sei genug gesprochen und ein zweiter Abschied vom Ueberfluß. Seine Peitsche knallte, und der Wagen flog davon – bis die immer dickeren Schneewirbel ihn verbargen. Aber es schneite und regnete nicht immer, nur stoßweise, wie der Wind die Wolken trieb. Es fuhr sich zuweilen ganz weich und angenehm in dem tief durchnäßten Sande, wo der Weg zwischen den hochgelegenen Feldern auf keine Wurzeln stieß. Bald war ein lebhaftes Gespräch im Gange, des Kutschers wegen meist in französischer Sprache geführt. »Herr Nachbar scheinen zufrieden mit dem Resultate unseres Besuches,« fing der Baron an. »Mit meinem , lieber Baron, ja. Ich bin meinen Kandidaten auf gute Art los geworden.« »Ich wundere mich, wie Sie in die Trompete stießen.« »Das hatte seine Raison. Er ist in Ilitz nur zum Predigen dem tauben Faßbinder adjungiert und kann in seiner Pfarre nicht wohnen; die Bauern hätten ihn Sonntags aus Quilitz herüberholen müssen, was auch ganz gut anging. Aber mich genierte er schon längst. Hätte ich ihn ohne weiteres gehen lassen, würde das ein unangenehmes Gerede gegeben haben. Auch hatte meine selige Mama, die ihn erziehen lassen, eine Art Versprechen erteilt, daß für ihn gesorgt werden solle, bis er in Amt und Brot sei. Nun, dem Himmel sei Dank, mein guter Vetter in Ilitz hat erkannt, daß er für ihn besser paßt als für mich, und ich bin ihn los.« »Die Erziehung Ihrer Kinder ist aber noch nicht vollendet, und Sie waren mit ihm zufrieden.« »Ja und nein! Die Kinder haben etwas gelernt, das ist richtig. Er ist gelehrt, das heißt, er weiß zu viel, aber unpraktisch, mystisch, mit einem Worte, er ist ein Schwärmer. Gott sei Dank, meine Jungen sind dazu nicht aufgelegt, aber –« »Haben Sie schon einen anderen in petto?« »Nein. Ich will sie jetzt ein bißchen wild lassen! auch wenn sie vom Gelernten ausschwitzen. Wer weiß denn, mein lieber Baron, wohin die Zeit steuert? Unsere Jugenderziehung, ich meine meine, paßt nicht mehr. Manches sind jetzt abgelebte Dinge. Unsere Adelsbegriffe nennt man Vorurteile. Ich sage nicht, daß sie es sind, aber sie gelten dafür. Auch unsere Philosophie hat, man kann es nicht leugnen, so einen Knick wegbekommen. Wer darf Voltaire noch als Autorität zitieren! Mit einer Sentenz aus Wieland konnte man sonst in der Gesellschaft brillieren. Heut liefe man in mancher Société schlimm damit ab. Diese jungen Genies sind hochmütig. Mein junger Vetter Kleist, ich meine Heinrich, der transcendentale Poet, hält sich für besser als sein Ahnherr Ewald. Die Kreise, wo er dafür gilt, sind doch auch zu respektieren. Und nun gar erst in der Politik! Wer kann sagen, was morgen obenauf schwimmt, was sich halten wird. Um deshalb –« »Suchen Sie einen Informator, der ein gutes Wetterglas im Zimmer hat.« »Liebster Baron, es ist überhaupt eine fatale Geschichte mit diesen Hauslehrern. Ich meine nicht, weil es wohl passiert, daß ein Fräulein mit ihnen durchgeht und die Eltern am Ende in die Mariage contre cœur willigen müssen. Das ist eben nicht das größte Unglück. Sonst tat man die Töchter, die überflüssig waren, ins Kloster; warum nicht sie an Prediger verheiraten, was mancher Familie noch vorteilhaft ist, wenn sie das Patronat über eine gute Pfründe hat. Die jungen Theologen haben Tournüre, sprechen fein und süß und ätherisch. Das besticht die jungen Damen. Warum blieben Vater und Brüder Krautjunker, warum eigneten sie sich nicht Tournüre an! Wie gesagt, gerechte Strafe! Und dann kann man ja den jungen Menschen, wenn er pfiffig ist, poussieren. Denken Sie an Wöllner, der eine Itzenplitz kriegte. Aus einem deutschen Theologen kann alles werden, wenn man sie zustutzt: die schlauesten Diplomaten, Staatsmänner, in Rußland sogar Generäle und Feldherren. Also das ist es nicht, was ich meine.« »Die Theologen sind immer die tollsten auf der Universität. Saufen und pauken, und –« »Das stößt sich alles nachher ab. Aber ehe die tollen Hörner abgestoßen sind, bekommen wir Gutsbesitzer diese frisch gebackenen Kandidaten, und diese Halbknaben, die selbst noch nicht erzogen sind, sollen unsere Kinder erziehen! Sie müssen gerade von ihrem Schmutz zehren, ehe sie sich gewaschen haben. Daß diese jungen Menschen nun von den Universitäten die Ideen mitbringen, die gerade en vogue sind, und sie unseren Nachkommen einimpfen, wäre an und für sich nicht übel, wenn nur nicht die Begriffe in der Welt auch wüchsen. Was wächst, formiert und verändert sich. Wenn unsere Jungen ins Leben treten, ist das ihnen vor zehn, zwanzig Jahren Eingepaukte wieder veraltet, und mit ihrem Angelernten kommen sie in die Arrieregarde. Steifen sie sich nun darauf, so werden sie, was man nennt Charaktere, wie mein Vetter in Ilitz. Das heißt blinde Postgäule, die jeder Pfiffikus beiseite schiebt. Man honoriert sie zuweilen, je nachdem der Wind geht, aber sie bringen's nie über einen Nebenposten. Haben sie aber einen Kopf und sehen ein, daß es mit den Ideen nicht geht, so müssen sie von neuem lernen und sich selbst Lehrmeister sein. Das ist zwar das beste, aber ich frage, wozu wäre denn dann die Erziehung? Fortgeworfen Geld und verlorene Mühe.« »Eine Weltweisheit, die für alle Zeiten gilt, wird man nie zustande bringen,« sagte der Baron. »Sehr richtig! Aber, lieber Nachbar, man darf auch nicht alles, was gegolten und heut nichts wert scheint, darum in die Müllkute werfen. Es kann die Zeit kommen, wo es wieder im Kurs steigt. Wer steht mir dafür, daß Voltaire nicht mal wieder zur Geltung kommt! Und dieser mystisch romantische Unsinn, wer bürgt uns, daß er nicht mal zur Herrschaft gelangt. Darum sagte ich vorhin, man muß auch den Aberglauben konservieren, man weiß nicht, ob man ihn nicht braucht.« »Das Leben wird nur verflucht schwer, wenn man sich um all das kümmern soll. Ich meine, man läßt andere für sich denken und braucht seine Gedanken zu was Besserem.« »Das ist praktische Philosophie,« lächelte der Hofmarschall. »Nun aber bitte ich, wie waren Sie mit dem Resultat Ihres Besuches zufrieden?« »Die Mädchen haben mir gefallen.« »Alle drei?« »Die älteste möchte ich nicht. Die ist mir zu schlank.« Der Herr von Quilitz lächelte: »Das Uebel läßt sich doch wohl kurieren.« »Dann riecht sie mir auch etwas ästhetisch und ist hochnäsig. Die gäbe mir auch einen Korb.« »Bist Du so sicher, daß Du von den anderen keinen erhältst?« stand auf dem Gesichte des Hofmarschalls. Laut sagte er: »Dann sind wohl Ihre Blicke auf die zweite gerichtet?« »Ja, die gefällt mir besonders; sie sieht einen so freundlich und klar an mit ihrem hellblauen Auge. Flink auf den Beinen, überall zur Stelle und dabei so ›quabbelig‹. Man möchte sie um den Leib fassen und ihr in die Schulter beißen.« »Ums Himmels willen nicht zu schnell. Sie kennen das Terrain nicht.« »Das kenne ich schon.« »Und die jüngste?« »Ist auch ganz nett. Würde es mit der zweiten nichts, die Malchen nähme ich auch schon.« »Sie ist ja noch ein Kind. Da müßten Sie etwas lange warten.« »Solche Zeiten sind nicht zu Hochzeiten angetan. Ueberdem bin ich erst zweiundzwanzig und denke vorher mich noch ordentlich zu amüsieren. Ich sehe mich nur vorläufig, nach Ihrem Rate, im Lande um, denn Sie haben ganz recht, wer hier aufkommen will, muß in die Familien hineinheiraten.« »Nun, wenn Sie noch ein halb Dutzend Jahre zugeben, werden Sie wohl die Rechte finden; zudem haben Sie ja nur zu wählen.« »Ihren Spott, Herr Hofmarschall, gebe ich Ihnen frei. Ich kenne ganz gut meine Stellung. Ich weiß, was der alte Isegrimm dachte, als ich kam, und was er mir auf den Hals wünschte, als ich ging. Die Minchen, wie gesagt, nähme ich auf der Stelle; ein superbes Mädchen, gerade wie ich eine brauche. Sie versteht das Wirtschaften; bei mir sollte sie es en gros treiben. Gestehe Ihnen, ich bin so verliebt, daß ich einen dummen Streich machen könnte, aber Sie brauchen sich nicht zu fürchten. Da bin ich ausgepicht. – Mein Bruder in Schlesien hat dran zu leiden, er hat eine blutarme Gräfin geheiratet. Leben wie Katze und Hund miteinander; das weiß alle Welt. Beim Abschied sagte mein Bruder: ›Julius, es ist genug, wenn einer in einer Familie einen dummen Streich macht!‹ Meine Schwägerin, die dabei stand, sagte: ›Amen!‹« »Das ist viel von einer Dame.« »O, es ist eine prächtige Frau, und aufrichtig, und ich bin ihr sehr gut; sie ist mir auch sehr gut. Wenn sie nur nicht von den sieben Kindern so spindeldürr wäre, aber Augen noch wie Kohlen. Sie gab mir noch einen Rat mit auf den Weg: ›Wenn Du in eine alte Familie zu heiraten wünschest, so plumpse mit dem Antrage nicht ins Haus,‹ sagte sie.« »Ihr Herr Bruder hat es vermutlich sehr fein angefangen?« »Nein, umgekehrt. ›Deinen Bruder und meine Geschichte mußt Du nicht zum Exempel nehmen,‹ sagte sie. ›Wenn man sich von morgens bis abends die Finger wund nähen muß und doch nur Kartoffeln ißt, ist man nicht difficil. Und wenn er noch unausstehlicher gewesen, damals hätte ich Deinen Bruder doch genommen. Der Exekutor steht doch nicht überall vor der Tür, wie vor meiner Mutter ihrer. Du bist nun hübsch, manierlich und kannst gut sprechen, wenn Du Dir Mühe gibst – und hast Geld. Das sind Gaben, die sehr viel wert sind, aber sie erhalten ihren Wert vor den Leuten erst, wenn man sie nicht fortschleudert wie ein Verschwender, sondern ausprägt und allmählich ausgibt. Je mehr Du zurückhältst, um so mehr steigst Du. Sind heiratbare Töchter im Hause, so versteht sich das von selbst, sie fragen sich: ob ein Mann, der ins Haus kommt, wohl Absichten hat. Und zweitens gehen sie mit sich zu Rate, ob sie ihn nehmen würden oder nicht. Je länger nun der Mann zaudert, je zweifelhafter er es läßt, um so interessanter wird er, das heißt, er steigt im Werte. Da wird abgewogen, da werden Einwendungen gemacht und widerlegt. Alles das, was Du im glücklichsten Falle selbst tun müßtest, geschieht im stillen ganz ohne Dein Zutun, und für Dich. Sie schenken Dir nichts, darauf kannst Du Dich verlassen, sie rechnen alles genau aus, daß Dein Vater erst geadelt worden, und wie Dein Großvater ins Land gekommen ist, aber ebenso, daß Du eine glänzende Equipage halten, einen Jäger und wieviel Diener, daß Du im Winter in der Stadt leben, in die Oper fahren, Diners und Bälle geben kannst. Dann wird verglichen mit der und jener guten Freundin, die es ihnen voraufgetan hat, und denen sie es nun vorauf tun können. Sind sie erst auf dem Punkte, Julius, dann hast Du gewonnen Spiel. Dann werden sie weichmütig: was kann der junge Mann dafür, daß sein Großvater mit Lumpen en gros gehandelt hat? Dann wird auch ein bißchen philosophiert, daß alle Menschen eigentlich gleich sind, und merkt man das erst, so finden sich auch Freundinnen ein, die zu Worte reden. Die eine erzählt dem Fräulein, wie wunderschön Du ausgesehen da und da, wie Du Dich ganz anders präsentiert als der und der, daß alle verwundert gewesen, wie die und die Augen auf Dich geworfen, und wenn das so fort ginge, könntest Du wo hängen bleiben, was recht schade wäre, denn der und der gönnten sie Dich nicht. Und wenn's so weit ist, und Du merkst es nicht, und läßt Dich nicht greifen, denn zuzugreifen brauchst Du dann nicht mehr, dann bist Du ein Stockfisch.‹ So sprach meine Schwägerin, und wenn's auch nicht ihre Worte sind, ist's doch ihre Raison.« »Man muß gestehen, die gnädigste Frau von Eppenstein auf Tunke und Tamsel ist eine Philosophin für die Welt. Ich wünsche nur, daß ihre Maximen auf meinen guten Vetter von Ilitz passen.« »Bester Hofmarschall, das weiß ich auch: Eins schickt sich nicht für alle. Den Don Ranudo Isegrimm muß man anders fassen –« Wie er ihn fassen wollen, hörte man nicht mehr, denn ein Windstoß erfaßte sie, als der Wagen aus einem Kiefernwalde die freie Höhe erreichte, und trieb ein so heftiges Schlackenwetter herauf, daß eine Viertelstunde lang von einer Unterhaltung nicht mehr die Rede war. Sie bargen sich unter Wildschur und Decke, so gut es ging; vor sich nichts als einen weißschimmernden grauen Himmel, der in beständiger Bewegung doch immer derselbe blieb, und die weiße Gestalt des Kutschers. Als endlich der Sturm nachgelassen, die Wolken vertrieben waren, und wie zum Hohn ein paar Sterne aus einem blauen Flecken des Horizontes auf die Wüstenei blickten, fingen sie an, den Schnee, der nicht geschmolzen war, abzuklopfen. Die Lust, das vorige Gespräch fortzusetzen, war vergangen; wenn aber zwei in einem Wagen nebeneinander weder zum Schlafen, noch zum Denken Lust haben, macht es sich von selbst, daß sie doch zum Wort greifen. Der Baron hub an: »Wie kommt es, Herr Nachbar, daß ich den Major nie bei Ihnen in Quilitz sah, während Sie ihn doch gelegentlich besuchen?« Der Nachbar lächelte: »Sollten Sie nie den Spottvers gehört haben: Ihr von Ilitz, Ihr von Ilitz, Solltet nimmermehr nach Quilitz!« Der Baron entsann sich nur undeutlich und bat, wenn kein Familiengeheimnis damit enthüllt werde, um Mitteilung. Es sei doch gut in der graulichen Nacht – – »Durch etwas Lustiges sich ihre Schauer abzuwehren,« fiel der Hofmarschall ein. »Ich bin auch Ihrer Ansicht, die Geschichte ist nur lang, und ich muß von weit ausholen.« »Desto besser, unser Weg ist auch lang und weit.« Neuntes Kapitel. Alte Geschichten. »Sie müssen wissen, daß es mit unserer Verwandtschaft schwach bestellt ist. Es ist, entre nous soit dit , sogar zweifelhaft, ob die von der Quarbitz aus Ilitz mit uns, den simplen Quarbitz von Quilitz, dieselbe Abstammung haben. Indessen war es schon seit Jahrhunderten chose convenue , daß wir uns für Vettern hielten. Heraldiker waren zu jeder Zeit gefällig und geschickt. Einer Familie Deszendenz zu schaffen, wenn es sonst nicht ging, überließen sie anderen, aber sie verschafften Väter und Vorfahren, wo man ihrer bedurfte; warum da nicht auch gemeinschaftliche Namen, da, wie Sie auch wissen, unsere Vorfahren in der ältesten Zeit sich um Geschlechtsnamen nicht besonders kümmerten. Von meinem Vetter mögen Sie sich erzählen lassen, wie wir mit den famosen Querbelitzern zusammenhängen; famos sage ich, weil man nichts von ihnen weiß. Sie sollen ein altes Geschlecht, oder Stamm, eine aparte Rasse von Landflibustiers gewesen sein, eine Republik von Räubern, die die Gegend in Schrecken setzte und sich tributär machte; nach diesen ein letztes Heckenest von Wenden, das sich in den Büschen und Morästen hielt, nach jenen ein erster Satz deutscher Kriegskolonisten, die von hier aus germanisierten, das heißt brandschatzten, brannten und ausmerzten. In Urkunden findet man nichts, als einmal den Ausdruck: castrum Quorbelizza , und einmal: arx illustris Werbelicz , woraus der doppelte Streit entstand, ob es nur ein verschanztes Lager gewesen, ein sogenannter Burgwall, was dann auf die jetzige Schwedenschanze hinwiese, oder eine gemauerte Burg mit Türmen im jetzigen Dorfe Querbelitz. Der Ausdruck arx und illustris und Werbelicz gab denen eine reiche Fundgrube, welche die deutsche Abkunft behaupteten, und da ward denn ein Burg- oder Grenzgraf Werbel daraus, der den Köpfen entsetzlich viel zu denken und den Federn zu schreiben gab; je wie man nichts zu tun hatte. Möglicherweise, lieber Nachbar, haben Sie also die Ehre, neben dem Abkömmling einer alten markgräflichen Familie zu sitzen. »Von der arx illustris ist nun nichts übrig als der Sumpf im Querbelitzer Schulzenhofe. Herr Matthisson könnte darüber ein ganz andere Elegie dichten als von seiner verfallenen Burg; denn wo man gar nichts mehr sieht, sollte ich meinen, hätte der Poet weit mehr Acker und Feld. Glücklicherweise sind nun die Querbelitzer Aecker nicht mit im Sumpf versunken, und mit ihnen fängt eigentlich unsere beglaubigte Geschichte an; denn im Landbuche Kaiser Karls IV. heißt es: die Dorfmark von Querbelitz ist Lehn zu gesamter Hand deren auf Ilitz und Quilitz. Da wird der Name Quarbitz noch nicht genannt. Aber in einer Urkunde von 14 . ., ich erinnere mich nicht, welches Jahr, verleiht Jobst von Mähren an die von Quarbitz, weil sie ihm in einem kalten Winter so und so viel wollene Nachtjacken nach Tangermünde geliefert, das Recht, in der Quierlitz zu krebsen, und da noch auf Bogenschußweite, wo sie in die Ritze fließt, jedoch ohne Netze. Da nun aber die von Quitz und Quitzow ein Recht auf die Fischerei in der Ritze beanspruchten, so erkläre er, daß das Krebsen nicht zum Fischen gehöre, und sollten die von Quarbitz das Recht haben, jeden, der da krebst, zu pfänden, einzuwerfen und vor ihr Gericht zu stellen. Unglücklicherweise ist auf der Urkunde ein Tintenklecks, man liest nur ›die von Quarbitz auf —litz‹. Sehen Sie, wertester Nachbar, auf diesem Klecks beruht eigentlich unsere Verwandtschaft.« »Herr Hofmarschall führen mich allerdings sehr weit zurück.« »Kommen Sie erst zu meinem Vetter; der führt Sie bis an die Sündflut. Uebrigens ist die Sache nicht so lächerlich, als sie scheint; sie hat ihre sehr praktische Seite. Um die Krebse war es unseren Vorfahren nicht zu tun – beiläufig gesagt, waren sie, als man sie überredete, daß man eine Familie sei, aus der Ritze längst verschwunden. Aeltere Lehnbriefe haben beide Familien nicht aufzuweisen, das älteste Dokument über den Gesamtbesitz der Querbelitzer Mark ist eben nur das Landbuch, und bei den vielen Regierungswechsel hätte man unangenehme Fragen über den Besitztitel zur Gesamthand aufwerfen können, wenn uns der Klecks nicht zu einer Familie gestempelt. Das gemeinschaftliche Interesse förderte also damals die Eintracht, obwohl Ursachen genug aufstiegen zur Zwietracht.« »Und die fing an?« »Sie war eigentlich von je an da. Die in ihrem beinernen Haus zu Ilitz rechneten sich zur schloßgesessenen Ritterschaft, während wir Quilitzer nur für sogenannte Zaunkönige galten. Worauf dies Recht und Unrecht beruht, wissen wir eigentlich ebenso wenig. Denn zum Beweis ihrer älteren Ritterbürtigkeit haben die Ilitzer nichts anzuführen, als einen alten Leichenstein in ihrer Kirche, worauf ein geharnischter Ritter mit der Inschrift steht: Wolf Qworbitz bin ik v. Il Gott sy gnadigk mynr Sel. Sie behaupten nun, das sei ein Vorfahr, der schon in den Kriegen um den falschen Woldemar mitgefochten, wovon unsere Quilitzer nichts wissen wollen und sogar meinen, der Stein, die Skulptur und die Mönchsschrift gehören erst dem Anfang des sechzehnten Jahrhunderts an, wogegen allerdings sicherer ist, daß die Ilitzer wirklich unter den Schloßgesessenen am Kremmer Damm mitgefochten haben und dafür tüchtig bluten mußten. Mein Vetter gäbe viel darum, wenn er beweisen könnte, daß die faule Grete vor sein steinernes Haus gefahren worden, aber wir haben ihm immer, auf Urkunden gestützt, dargetan, daß es nicht geschehen, und seine Ahnen nur genötigt wurden, selbst ihre Mauern zu rasieren und die Gräben zu verschütten. Aber die Querbelitz wäre damals wohl von den Hohenzollern als verwirktes Lehn eingezogen worden, wären nicht die Quilitzer, die sich weislich zurückgehalten, Mitbesitzer gewesen. Dieser Umstand warf neuen Zündstoff in die glimmenden Kohlen. »Meine speziellen Vorfahren verdroß es gewaltig, daß die Ilitzer noch immer die Nase hoch trugen, noch immer Schloßgesessene sein wollten, obwohl ihres um einige Köpfe kleiner geworden, und auf unser Quilitzer Lehmhaus mit Mitleid herabsahen.« »Auf Ihr stattliches Palais, Nachbar? Seine großen Fenster leuchteten ja in der Abendsonne, als wär's ein orientalisches Zauberschloß.« »Dazu hat es erst die polnische Gräfin gemacht. Wir waren klüger, als Ihr Herr Bruder, und nahmen zwar auch eine Gräfin, aber eine sehr reiche. Von diesem glücklichen Einfall meines Ureltervaters datiert der Umschwung. Zwar wurden uns durch die Mariage gewisse Stifte verschlossen, denn Madame la Komtesse, obwohl königlichen, war doch sonst vor der Genealogie zweifelhaften Ursprungs; aber die Koffer mit türkischen, ungarischen und venezianischen Dukaten ließen das alles vergessen. Sie träuften einen Goldregen auf unsern trocknen Sand; da entstand das Schloß, von einem italienischen Baumeister gebaut, und in dem Garten, wo kaum Zwiebeln und Aepfel fortkommen, reiften Orangen und Zitronen. Ich gestehe, wenn sie die Dukaten in die englische Bank gepflanzt, so würden auch wir Nachkommen süßere Früchte davon ziehen als die sauren Apfelsinen in der jetzt sehr verkrüppelten Orangerie. Aber darum keinen Stein auf unsere teure Ureltermutter, die mit ihren Mohren, Heiducken und Goldbrokatschleppen am Krönungsfest in Königsberg den ganzen märkischen Adel verdunkelte. Was kamen dagegen unsere Ilitzer Vettern auf, obgleich sie zwei militärische Exzellenzen präsentierten! – Flittergold gegen echtes! Der König war sehr vergnügt, die Huld selbst gegen meine Ureltermutter. Ein schwarzer Adlerorden oder eine Grafenkrone schienen für meinen Ureltervater in der Morgenluft zu schweben. Dieser erste Sieg der Quilitzer war ein vollkommener; ein zweiter Angriff wurde versucht, endete aber leider in einer Niederlage.« »Wie konnte so viel Geld unterliegen?« »Setzen Sie hinzu, und eine solche Schönheit! Sie haben ihr Porträt in meinem Kabinett wohl nicht genauer betrachtet. Das sind Kohlenaugen! Ihre Mutter war eine Italienerin. – Genug, Friedrich I. war entschlossen, nach langem Kampfe, sich eine Staatsmaitresse beizulegen. Es war das einzige, worin Ludwig XIV. nach seiner Meinung noch einen Vorzug hatte. Wer hatte mehr Anwartschaft als meine Ureltermutter, der er in Königsberg so offenkundig seine Gunst bezeugt? Die Familie tat das Ihre, die Beförderung zu bewirken, und man hoffte auch auf die Fürsprache der philosophischen Königin Sophie Charlotte –« »Wetter noch mal!« rief der Baron und starrte seinen Nachbar an. »Lieber Freund, wir sprechen von vor hundert Jahren. Erinnern Sie sich, daß unsere Vorfahren damals eben erst auftauchten aus dem Schlamm und der Roheit des dreißigjährigen Krieges. Die Zivilisation geht ihre eigenen Wege. – Aber unserer schlug damals fehl. Graf Kalb von Wartenberg war ein schlechter Premierminister, aber ein geschickter Intrigant. Er intrigierte für seine Frau. Unsere Familie ward aus dem Felde geschlagen, und die bekannte Allerweltsschönheit, Gräfin Wartenberg, des Königs Maitresse. Die schöne Judith, so hieß meine Ureltermutter, konnte den Affront nicht verwinden; die vielen Gratulationen, die sie schon empfangen, schmerzten nach wie ein brennender Hohn, die Tröstungen ihres Mannes, ihrer Familie, konnten ihren Schmerz nicht mindern. Sie lauerte eines Abends ihrer Feindin, der Wartenberg, auf der Schloßtreppe auf. Nun wollte aber das Unglück, daß noch jemand, am selben Abend, an derselben Stelle, und wahrscheinlich in derselben Absicht, der Gräfin auflauerte. Dies war keine andere, als die Exzellenz, Frau Generalleutnant von der Quarbitz. Sie sahen ihr Bildnis in Ilitz, die Frau mit der Purpurstirn und dem großen Munde. Sie war nichts weniger als eine Rivalin der schönen Judith, und in welchen Relationen sie mit unserer Eltermutter gestanden, weiß ich nicht, gewiß waren sie sich nicht eben hold. Aber gegen die Wartenberg hatte die Exzellenz eine Pike, ohne darum auf ihren Posten aspiriert zu haben. Sie war ein Tugenddrache. Ihre Rancune rührte nur von einem Ellenbogenstoße her, den die Wartenberg ihr bei einem Schokoladenkaffee, und so in Gegenwart der Königin, gegeben hatte, daß sie denselben verschmerzen müssen. Sie war aber, wie der Bart auf ihrer Lippe sagt, nicht die Frau, um es einzustecken, und resolut wie eine. Sie wollte, um es mild auszudrücken, die Kreatur zur Rede stellen. Unglücklicherweise war die Lampe im Korridor im Erlöschen, unglücklicherweise traten beide Frauen zugleich um eine Ecke und – das Resultat hörte man bis im zweiten Zimmer, es störte eine intime Pikettpartie zwischen Seiner Majestät und der Gräfin. Friedrich erblaßte, solche Töne hatten nie das königliche Ohr im königlichen Schlosse verletzt. Auf seinen Wink stürzten die Lakaien mit den Armleuchtern hinaus. König und Gräfin folgten in eigener Person, die Tür ward aufgerissen und –« »Die Bescherung kann man sich denken.« »So schmerzlich es für einen Urenkel ist, kann ich doch nicht über die Wahrheit. Die schöne Judith hatte in der Dunkelheit den Kürzeren gezogen. Nicht allein ihre Haare flatterten, auch ihre Haube, Krausen und was zur Toilette gehörte, waren in einem desolaten Zustande. Auch waren ihre Backen nicht nur purpurrot – denn wohin die Exzellenz schlug, wuchs kein Gras, ihre Kinder und Diener traten dafür als Zeugen auf – sondern auch purpurn von ihrem Blute, die Fingerspitzen der Ilitzerin hatten Eindrücke zurückgelassen, welche auch auf dem Gesichte der Gräfin noch bemerklich gewesen sein sollen, was ich alles historisch getreu berichte, um die nachhaltende Wut meiner Ahnin zu motivieren, die sich übrigens verzweifelt gewehrt haben mußte –« »Und ausgeschlagen!« »Das weiß niemand. Aber in der Hitze des Gefechts waren sie schon ein paar Stufen 'runter gerutscht, und Judith lag so unter der andern, daß sie nicht einmal sogleich aufzustehen vermochte, als das Licht der Kerzen und der Majestät ihr ins Gesicht strahlte.« »Hatten sie sich denn nicht erkannt? Beim Ohrfeigen kommt man sich doch nahe genug.« »Das weiß nur der Himmel! Von beider Lippen ist nie ein Wort der Erklärung geflossen.« »Aber sie mußten sich doch vor dem Könige erklären.« »Halten Sie die Ilitzerin für so dumm, daß sie geknickst und gesprochen haben wird: eigentlich galten meine Ohrfeigen der Frau Gräfin Kalb von Wartenberg, Exzellenz, aber in der Dunkelheit vergriff ich mich! Nein, sie soll sich mit einer gewissen Würde aufgerichtet haben: Strafen mich Ew. Majestät, denn ich habe es verdient, daß ich die geheiligte Schwelle, über welche Dero Füße traten, entweiht, aber ich kann dieses Weib, meine Cousine, nun einmal nicht ausstehen.« »Und Gräfin Judith?« »Hatte eine ähnliche Ausrede.« »Und was glaubte der König?« »Es kommt doch nur darauf an, was man ihn glauben machte. Die Wartenberg, pfiffig wie sie war, ahnte sogleich den Zusammenhang und hielt es fürs Angemessenste, in Ohnmacht zu fallen. Für alle Teile das Beste, weil es fernere Explikationen ausschloß und jedem auf eine Ausrede sich zu präparieren gestattete. Hätte meine Ureltermutter die Frist schnell benutzt und sich mit der Ilitzerin auf ein plausibles Mißverständnis verständigt, so wäre es für beide Teile gut gewesen. Die Wartenberg kam aber schon nach einer Viertelstunde zu sich und zum Fazit, daß die Exzellenz von Ilitz, die nur einen Ellenbogenstoß rächen wollen, weder eine so gefährliche noch eine so unversöhnliche Feindin sei, als die Rivalin von Quilitz, der sie ihre höchste Lebensaussicht geraubt hatte. In einer halben Stunde war sie bei der Exzellenz, die ihre Wunden, ich glaube nur an der Toilette, eben verbunden hatte. Es ward eine so rührende Szene, als die vorige chokant gewesen. Sie drückte ihr die Hand, machte eine Bewegung, als wolle sie ihr zu Füßen stürzen, ließ sich aber vom Gefühl des Dankes so überwallen, daß sie ihr unter einem Tränenstrom um den Hals fiel und sie versicherte: sie sei ihre Lebensretterin.« »Lebensretterin?« »Natürlich, Baron. Die abscheuliche italienische Polin hatte aus Eifersucht, Haß, Neid sie anfallen wollen, wenn sie aus der Tür trete; die Generalin hatte sie auf der Lauer betroffen, sie hatte sich für die Wartenberg geopfert, gekämpft, geblutet, und wenn sie ihr je diesen Dienst vergesse, wolle sie eine schlechte Person sein.« »Sagte die Wartenberg. Aber die Exzellenz –« »Nahm die ihr aufgedrungene Ausrede natürlich ohne Widerrede hin; zeugte so vorm Könige, was auch gewissermaßen die Wahrheit war, und meiner Ureltermutter ward der Hof auf alle Zeiten verboten.« »Und die Ilitzerin?« »Erntete auch ihren Lohn. Als Judith nicht mehr zu fürchten war, ward dem Könige insinuiert, daß die Quarbitze auf Ilitz heimliche Anhänger der Dankelmanns seien – was sie auch in der Tat waren – daß die Exzellenz zwar der Wartenberg einen großen Dienst geleistet, aber nur zufällig. Denn eigentlich hatte sie sich in der Absicht an die Tür geschlichen, um das Gespräch des Königs mit ihr zu belauschen. Der König glaubte alles, was seine Favoritin ihm hinterbrachte, und die Exzellenz ward ebenfalls vom Hofe und in ihr einsames steinernes Haus verwiesen.« »Da muß freilich die Feindschaft der Ilitzer und Quilitzer erst recht begonnen haben.« »Nur um der Ueberzeugung zu weichen, daß für beide Teile dabei nichts herauskomme. Ich meine die Verständigen in den Familien. Man kam zum erstenmal auf den Gedanken, ob dieser ewige Zwist nicht durch eine Heirat kuriert werden könne? Die märkischen Adelsfamilien heiraten doch sonst so gern untereinander; warum war das hier nie versucht! Man versuchte es, wohlverstanden, es waren nur einige wenige im Spiel, und sie operierten heimlich; aber der Griff war nicht glücklich. In unserer Familie war ein rotbäckiges Gänschen, in der Ilitzer so ein – wir wollen ihn nicht gerade Puterich nennen, oder Stockfisch, aber ein gutmütiges Kerlchen, dem sich viel einreden ließ, also auch, daß unsere Amanda sterblich in ihn verliebt sei. Aber Argusaugen bewachten sie – hieß es, und diesmal war es eine Wahrheit. Sie sahen sich wohl auf Landbällen, auf den Märkten, aber ein Rendezvous hatte noch nicht stattgefunden, und Liebesbriefe hatten damals etwas Mißliches, – es war in den ersten Regierungsjahren des großen Königs – weil das Schreiben bei unsern Landfräuleins noch für eine saure Arbeit galt. Wie dem nun sei, eine Entführung ward verabredet. Natürlich von anderen, als der Amanda und dem Amandus; vielleicht hatte einer von Romeo und Julie gehört. Ob da schon Verrat im Spiele war, oder erst nachher hinzutrat, lasse ich ungesagt. Aber der böse Genius wachte, er lebte in der uralten polnischen Großmutter des Fräuleins. Der Dämon der Rachsucht gegen den Enkel ihrer längst verblichenen Feindin spie Feuer und Flamme in der Greisin. Keiner von Ilitz in ihr Haus! Sie hinderte nichts, aber ihre Intrige schmeckte etwas nach kindischem Alter.« »Worin bestand sie?« »Nur in einer kleinen Kopfwäsche, als Don Amandus auf der Leiter zur Amanda steigen sollte; benebst einigen anderen Unannehmlichkeiten von Hecken, Hunden und so weiter. Aber er hat keinen Schaden gelitten.« »Und die Amanda?« »Soll recht herzlich gelacht haben. Nicht aus Bosheit; es war ein gutes Kind, sie hätte sich auch gern entführen lassen, eins oder das andere, wie es befohlen ward.« »Das war das Fatalste.« »Doch nicht so fatal als das Gerede, und was nachher kam. Damals schon spukte der häßliche Vers: Ihr von Ilitz, Ihr von Ilitz, Solltet nimmermehr nach Quilitz! Auch das schien in einem halben Jahrhundert verwunden, und die Familien näherten sich wieder, als es einem Witzbold, noch dazu einem Vetter unserer Familie, dem Referendarius Trütschler, einfiel, den Vorfall in eine spanische Romanze zu übersetzen. Er gehörte zu den romantischen Genies in Berlin, die an unsere Kiefern gar zu gern einen Zopf hängten. Diese märkische Iliade, wie einige sie nannten, ging in Abschrift von Hand zu Hand, bis kein Haus vom Havellande bis zum blauen Ländchen war, wo man sie nicht rezitierte und Zusätze machte.« Der Hofmarschall versuchte aus der Erinnerung einige Verse zu wiederholen. Daß er sie ganz in der Nacht hergesagt, ist nicht anzunehmen, er teilte aber später dem Baron eine Abschrift der letzten Auflage mit, die so lautete:                   Ihr von Ilitz! Ihr von Ilitz! Solltet nimmermehr nach Quilitz; Denn es blühn für die von Ilitz Glück und Rosen nicht in Quilitz.     Das ist, was ein Edelmann     Von der Liebe leiden kann!   Holder Jüngling! sieh, dort glänzt er, Sie, Dein Morgenstern, am Fenster. Fürchte nicht der Nacht Gespenster, Denn schon klirret leis das Fenster.   Auf der Leiter – Sommerschwüle Mondenglanz – Rauscht eine Mühle? Klitsch und Klatsch! – wie träuft es kühle Auf die heißesten Gefühle.     Das ist, was ein Edelmann     Von der Liebe leiden kann!   Mond, Du guter, keuscher, blasser, Lachst Du, auch ein Menschenhasser? Liebe sprengt sonst Rosenwasser – Warum gerade solches Wasser!   Auf der Leiter stehst Du bückwärts – Don Amandus, Du mußt rückwärts! Kein Besinnen, rückwärts, rückwärts, Läßt Du auch zurück ein Stück Herz!   Triefend, blutig und geschunden, Angebissen von den Hunden! Hätte sie noch sie verbunden, Doch sie lacht zu seinen Wunden.     Das ist, was ein Edelmann     Von der Liebe leiden kann!   Weiße Hände kränken nimmer, Aber als die Dummheit dümmer Ist es, gokeln noch im Schimmer Eines Lichts – dann wird's nur schlimmem     Das ist, was ein Edelmann     Von der Liebe leiden kann! *           * *   Eher an der Mühle Flügeln Fassen, eine Windsbraut zügeln Kannst Du, als ob Tal und Hügeln Folgen Famas Riesenflügeln.   Wo verräterisch der grüne Rasen zittert an dem Rhine, Und der Torf im Land Belline Wächst – von Potsdam bis Ruppine;   Wo an Rathenows Gestaden Schiffer rote Steine laden, Und die wendischen Najaden In des Spreewalds Schatten baden;   Wo am Krug die Kärrner futtern, Schwören bei Calvin und Luthern, Muhmen gackern mit den Muttern Und bei Königshorst sie buttern;   Storkow, Beeskow, wo die Knute Endlich wich dem deutschen Mute, Und vom letzten Wendenblute Rot ward Dahme, Notte, Nuthe;   Von der Witteberger Sand-Au Bis zu des Madüe-Sees Strand-Au, Von der Zauche bis zur Randau, Von der Ucker bis nach Spandau;   Wo die Havel nählt zur Elbe, Wo um Teltow reift die gelbe Rübe, überall dieselbe Mähr, – von Oder bis zur Elbe;   Kyritz, Pyritz, Damlack, Lietzen, Friesack, Wilsnack, Beelitz, Wrietzen, Lüderitzen, Köckeritzen, Kikebusch und Treuenbrietzen;   Schievelbein und Hungerpoten, Kalau, Meseritz – die Boten Fliegen – Briefe – Höf' und Koten – Ach, es hören' s auch die Toten!     Das ist, was ein Edelmann     Von der Liebe leiden kann! *           * *   Die auf Sand und die im Torfe, Sydows, Arnims, Mollendorfe, Ziethen, Burgsdorf, Rochows, Korfe, Holtzendorffs und Schlabrendorfe,   Diese fanden's tragisch, lächer- lich die andern. Stechows, Kröcher, Rohr, Pful, Voß, Buch, Eckebrecher: Blut, nicht Wasser ford're, Rächer!   Alles so was muß man philo- sophisch ansehn, das Gefühl o Täuscht uns oft! meint Bülow, Fülow, Thilo, Tippelskirch und Ihlow.   Quitzows, Klützows, Quaste, Kleiste, Piephahn, Schulenburgs und Beuste: Darum nur nicht aus der Leiste, Bald veraltet auch das Neuste.   So etwas von solchem Mädel! Lieber spalten doch den Schädel, Als solch Wasser auf den Schädel! Rief ein Fahnenjunker Wedel.   Muß wie Mine! Drum zu Felde! I warum nicht! So die Helde, Jenas, Jagows, Herterfelde, Hagen, Kaphengst, Winterfelde.   Als die Bismarck es vernommen, Kreideweiß und brustbeklommen, Hat man nur ein Wort vernommen: Mußte so was auch noch kommen!   Heute meine, morgen deine, Sagten Bergs und Finkensteine; Kehre jeder doch alleine Vor der Tür! die Bibersteine.   Alvens-, Erx- und Bardeleben Meinten, was man ändern eben Nicht kann, müsse man im Leben Nehmen, wie es mal gegeben. *           * *   Durch die Dinge, die da dauern Und vergehen, schlich ein Schauern; Schäfer nahmen's wahr und Bauern Der Natur elegisch Trauern.   Grüneberg senkt seine Reben, Pyritz' Weizenäcker beben, Kein Aroma will daneben Mehr Bierradens Tabak geben.   In Wisotzkys heitern Räumen Will das Weißbier nicht mehr schäumen; Kibitze – als wie in Träumen – Legten Ei'r – von hohen Bäumen.   Hart gesotten fand man diese Bei Paretz auf einer Wiese; Saure Gurken wurden süße In Kaput und Güstebiese.   Alle Fürsicht ward zu Schanden, Als sie die in Spandau, Branden- burg und Straußberg in den Banden Ueber Nacht gebessert fanden!   Keiner, obschon auf die Pforten Standen, bricht mehr aus von dorten; Als wär' man in Himmelpforten, Hört man nichts als Bußakkorden. *           * *   Stumm sind Fische, aber wähne Nicht, daß Aal, Blei und Maräne Nicht empfinden! Von Lippehne Weinen sie bis nach Filehne.   Auf dem Schwielow sangen Schwäne Schwanenlieder. Und Spreekähne Hörten Mondnachts-Klagetöne Von des Müggelsees Sirene –   Krebse, rot im Wasser, tauschen Zornerfüllt die Farbe; lauschen Sieht man fromme Zander, rauschen Angstvoll Kaulbars und Karauschen.   Karpfen reiben ab die Schuppe – Schwimmen sah man eine Truppe So zur stillen Dörfergruppe Hundeluft und Wassersuppe.   Stinten sagt man nach: sie lästern, Weil sie stinken. Quirlen gestern Sah ich stumm vor Scham die Schwestern Tief im Bach. Heißt Schweigen lästern?   Und ein Judenmädchen harten Neben Landsberg an der Warthen Kriegt von einem blond gehaarten Christ ein Kind mit schwarzen Barten.   Solche Irrungen erfuhren Immer dann nur die Naturen, Wann der Weltgeist neue Spuren Aufschließt seinen Kreaturen.   Darum, darum, Ihr von Ilitz, Solltet nimmermehr nach Quilitz, Darum wahrt Euch, Ihr von Ilitz, Vor der Spur, die führt nach Quilitz.     Das ist, wie 'nem Edelmann     Lieb' zu Leide wandeln kann. »Charmant!« sagte der Baron. »Der Major in Ilitz fand es nicht charmant. Er hatte ein ernstes Zwiegespräch mit seinem Vetter, und dieser ward davon so überzeugt, daß Prosa für uns nötiger ist als Poesie, daß er nie mehr einen Vers gemacht, auch keinen mehr gelesen haben soll, ja überhaupt kein ander Buch mehr als das Allgemeine Landrecht.« Der Baron hatte darüber nicht bemerkt, daß der Wagen langsamer ging, weil der Kutscher seine ganze Aufmerksamkeit nach einem Punkte links gerichtet. Jetzt zeigte er mit der Peitsche hin: »'s ist richtig, da haben sie wieder die Räucherkerze angesteckt.« Am oberen Himmel rötete sich eine Stelle. Es war nur der Widerschein von etwas, was hinter dem düsteren Dunstgewölk am Horizont dem Auge noch verborgen war. Das Gespräch war verstummt, aller Blicke dahin gerichtet, als ein roter Feuerstrahl, kerzengerade in die Lüfte steigend, den Dunst durchbrach und bald die dunklen Regenwolken mit Purpurschein übergoß. Eine rote Flammensäule spiegelte sich auf den schneebesäeten nächtlichen Feldern. »Feuer!« – »Eine fürchterliche Feuersbrunst!« – »Wo?« – »Wo?« Die im Wagen konnten sich nicht mehr orientieren. Der Kutscher blieb noch stumm auf ihre Fragen; er mußte selbst in der lichtlosen und objektlosen Gegend sich zurechtfinden. Es konnte eines der Güter des Hofmarschalls sein. »Ja, 's ist Dames Mühle,« sagte endlich Lamprecht; der Gutsbesitzer atmete etwas auf. – »Schnell, links Kehrt! dahin!« rief der Baron. Lamprecht schüttelte den Kopf. »Da geht kein Fahrweg hin.« »So forcieren wir einen.« »Um Rad und Gestränge zu brechen! Zu retten ist auch nichts. Eh' wir da sind, ist sie bis auf den Grund 'runter.« – »So, Himmel und Hölle!« rief der Baron, »mir schwant so was, wenn's angesteckt wäre – Mordbrenner!« – »Na, selbst wird er's nicht angesteckt haben, der Müller; er ist nicht versichert.« Neues Schweigen, jeder schien zu horchen. Es war totenstill, kein Wind ging. Da plötzlich schlug ein Feuerwirbel prasselnd in den Himmel, eine entsetzliche Helle verbreitete sich; nach einigen Minuten krachte und dröhnte es durch die Luft. »Die ist eingestürzt.« Der Hofmarschall hatte nach rechts auf ein anderes Gerausch gehört. Es klang wie Waffen, Pferdegetrappel, verworrene Stimmen. »Fort, Kerl, Lamprecht, was die Pferde können, peitsche, peitsche, fort!« Aber der Kutscher peitschte nicht; er hatte auch nach derselben Seite gelauscht. »Die sind's nicht, das sind unsere – das sind Querbelitzer, die kommen – zum Löschen.« Der Wagen war bald umzingelt von Reitern und Fußgängern, die meisten bewaffnet, wie es war; des Schulzen Söhne darunter. »Hätten wir den gnädigen Herrn beinahe auch für solch französisches Affenmaul gehalten.« »Kerle – Kinder, was wollt Ihr?« »Dames Mühle brennt ja – es sind französische – eine Bade. – Aber wir wollen sie schon kriegen, die Mordbrenner; andere sind links rum, die fangen wir ein!« »Um Gottes willen, was tut Ihr!« rief der Edelmann und noch mehr Worte, von denen die Querbelitzer aber nichts mehr hörten. »Adieu, Herr von Quarbitz!« Damit war der Baron, die Büchse ergreifend, mit einem Satz aus dem Wagen. »Behalten Sie mein Pferd im Stall, ich laß es morgens holen.« Der Hofmarschall sah ihn über den Schnee den anderen nachspringend. Er schauderte, es war ihm nicht recht, allein im Wagen nach Querbelitz fahren zu müssen. Zehntes Kapitel. Die erste Nacht in Haus Ilitz. Währenddessen war ein trüber Abend in Haus Ilitz. Sie hätten sich doch freuen sollen; das Engagement des Hauslehrers war ja ein von dem weiblichen Teil der Familie sehnlich gewünschtes Ereignis. Aber auf dem Hausherrn lastete etwas. Am frugalen Abendtisch sprach er kaum mehr als einige zurechtweisende Worte gegen den Kandidaten, wie er das Tischgebet künftig zu verrichten hätte. Verdrießlichkeit ist ansteckend. Auch Herr Mauritz blieb stumm; er hatte ja keine Anforderung zum Reden. Als er das eine der beiden Lichter putzen wollte, welche die Dunkelheit im großen Saale nur noch mehr zeigten, griff er mit der Schere zu tief, es ging aus. »Wenn man in einem guten Hause ist, sollte man doch die Manieren lernen, die dahin gehören,« sagte der Hausherr. Minchen, die sich tüchtig hatte rühren müssen, um die Stube des Informators in der Eile einzurichten, antwortete statt seiner: »Wie soll denn das Herr Mauritz in Quilitz gelernt haben; da brennen sie ja Wachslichte. Ich will Ihnen aber zeigen, wie man, was schlimm ausging, wieder gut anfängt. Sehen Sie, so.« Sie hatte rasch die ausgelöschte Kerze an der brennenden angezündet. Auch das wirkte nicht, der Major verfiel wieder in sein Hinstarren. Als der Käse umhergereicht werden sollte, warf er sein Tuch hin und stand mit einem »Gesegnete Mahlzeit!« auf. Er hatte selbst das Tischgebet vergessen. Das war in letzter Zeit nur einmal passiert, als die Nachricht von der verlorenen Schlacht gekommen. Der Kandidat glaubte einen günstigen Augenblick, als der Hausherr sich an den Ofen stellte, ergreifen zu müssen und befragte ihn, wie er die Lehrstunden eingerichtet wünsche, indem er einige Vorschläge machte. »Das ist meine Sache, und morgen ist auch noch Zeit,« war die Antwort. »Sie werden jetzt müde sein. Schlafen Sie gut aus, Herr Kandidat!« »Die erste Nacht müssen Sie schon vorlieb nehmen, wie Sie es finden,« sagte Minchen. »Wir waren nicht darauf vorbereitet. Aber morgen wollen wir schon Rat schaffen. Wenn die Stube noch nicht warm ist, habe ich Ihnen Vaters Pelz hinlegen lassen.« Der junge Bursch, der erst kürzlich in die ihm nicht passende Livree gesteckt schien, hatte einen Lichtstumpf vom Schanktisch genommen und winkte dem Kandidaten, ihm zu folgen. »Was will Er?« schallte des Gutsherrn Stimme. »Dem Kandidaten 'rauf zeigen, gnädiger Herr!« Ein »Lümmel!« dröhnte ihm ins Ohr, während die schwere Hand des Herrn ihm den Drahtleuchter aus seiner schlug: »Aufgelangt! – Wenn Er den Herrn Kandidaten in sein Zimmer führt, steckt Er zwei Kerzen an und trägt sie ihm vor. An der Tür fragt Er, was der Herr Kandidat zu befehlen hat! Mein Hauslehrer ist Sein Herr, merke Er sich das, oder ich schicke ihn wieder in die Häckselkammer.« »Was ihm nur wieder ist!« Die Frauen hatten mit dem Ausspruch dieser wichtigen Frage gewartet, bis nicht allein die Tritte des Kandidaten, sondern auch die des Majors verklungen waren. Ich sage, mit dem Ausspruch; in ihren Mienen stand sie längst geschrieben. Aber man verstummte. Seine Tritte hallten wieder durch die Decke; eine monotone Musik, die wohl eine Viertelstunde dauerte. – »Und Hans tut den Mund nicht auf; es muß schlimm stehen.« »Gott sei Dank, er zieht die Stiefel aus,« rief die Mutter endlich, wie erlöst. »Ich hatte rechte Angst, daß es noch einmal losbrechen würde. – Es ist gewiß Theodor; er hat davon erfahren.« Die älteste Tochter und die jüngste Tochter teilten die Besorgnis der Mutter. »Wenn man den guten Jungen nur fortschaffen könnte, wo anders hin!« Malchen meinte, der Vetter aus Quilitz sei heut so freundlich gewesen – was sie weiter dachte, verschluckte das Kind. »Der nur gar nicht!« rief Minchen. »Es war auch nicht um Theodor; denn wenn der Vater etwas gemerkt hätte, wäre das Donnerwetter gleich losgegangen. Der Vetter ist allein schuld. Es muß da etwas geschehen sein; denn Vater war wie ausgetauscht. Er widersprach dem Vetter nicht mehr, aber er verbiß etwas. Sonst wäre er auch höflicher gegen Herrn Mauritz gewesen. So ist der Vater nur, wenn er mit sich selbst nicht zufrieden ist.« Das kluge Mädchen sprach es mit so klarem Blicke, daß die Mutter wenigstens beruhigt ward. Aber in dem Augenblicke klopfte es leise, und durch die nur halb aufgemachte Tür drückte sich, barfuß schleichend, die Botenfrau ins Zimmer. Die Alte war durchnäßt, aber sie wollte nicht frieren oder müde sein. Die warme Biersuppe und selbst den Schnaps schlug sie aus, »denn wenn es auch grausam düster gewesen und die Wasser erschrecklich über die Steine gelaufen wären, daß man oft nicht gewußt, wo den Fuß hinsetzen, und der Schnee hätte ihr um die Nase gestiebt, und der Wind die Röcke aufgehoben,« so erschien sie doch in einer eigentümlich freudigen Aufregung und Redseligkeit. Auf die Frage, was ihr denn in der Stadt passiert, löste sich ihre Zunge: »Ach, gnädigste, gestrenge Frau und gnädige Frölen, wer das nicht gesehen hat, der glaubt es nicht. Nein, das muß doch auch jeder sagen, das Nauwalk ist wie das Paradies. Gar nicht wiederzuerkennen! Der Bäcker sagte auch, wenn das so fortginge, da möchten die Herrschaften auf dem Lande sehen, wo sie Semmeln kriegten. So dick steht's vor dem Laden, und bei den Schlächtern auch, und auf der Post ranzen sie einen an, wenn man nach Briefen fragt. Sie wissen nicht, wo ihnen der Kopf steht. Und gar nicht grausam sind die Herren Franzosen. Gott bewahre! Sie gehn so propper und blank durch die Straßen, einer faßt den anderen untern Arm, und lachen und sprechen mit den Bürgermädchen, ganz wie ordinäre Menschen. Einige Bürger sagen auch: Die Offiziere sind gar nicht wie unsere, sie tun höflich mit dem gemeinsten Soldaten, und die Säbel lassen sie nicht so klirren. Die Einquartierung frißt auch, sagen sie, das ist schon wahr, und flucht, und manche prügeln, aber 's ist doch alles mit Manier, nicht wie auf dem Lande; und mancher tut auch 's kleine Kind von der Wirtin wiegen, und mit den Töchtern tanzen sie im Wirtshaus.« Man zäumte durch bestimmte Fragen die Sprechlust der Alten und erfuhr nun, daß das Städtchen weniger durch einquartiertes Militär, als voll sei von dem Fuhrwesen, der Bagage und allem dem, was zu einem großen Heere gehörte, aber ihm nur in gemessener Entfernung nachzieht. Durch die furchtbar aufgewühlten Wege war eine Stockung eingetreten. »Und Herrschaften sind da, so vornehme, die Leute in Nauwalk sagen, sie hätten eher geglaubt, daß der Himmel einfallen könnte, als solche Equipagen und Pferde und Herren mit gestickten Röcken und Troddeln. Und alle Tage ist auf dem Markte Musik, Schlag zwölf Uhr; die spielen auf, keinen Groschen brauchen die Nauwalker zu bezahlen. Das haben sie nie gehört und werden's ihr Lebtag nicht vergessen. Eine schrecklich vornehme Frau Generalin ist auch da, eine seelensgute Frau, aus Amerika oder Batavia, oder wie sie sagten, die reist ihrem liebsten Herrn Gemahl nach, mit einer wunderschönen Tochter, die reiten kann, und zu Pferde, und die ganze Stadt ist immer auf den Beinen, wenn sie ausreitet. Sie wohnen bei Bürgermeisters, und die Töchter haben schon 'mal die Ehre gehabt, zum Tee eingeladen zu werden. Na, die dünken sich was! Denn die Frau Generalin spricht auch Deutsch. Sie ist in Deutschland geboren und sagt: pfui, wer sich seiner Muttersprache schämen wollte, und wir Menschen sind alle Brüder. Und einen großen Ball werden sie geben, im Rathaussaale, zur allgemeinen Versöhnung, sagen sie. Dazu wird der Roland weiß angestrichen werden, und er soll die Laterne halten, wo sie 'rein gehen. Wer ihn ausrichten wird, das weiß man noch nicht; einige sagen die Stadt, andere sagen die Herren Franzosen, andere noch anders; darüber ist noch viel Gerede. Die Wirtin vom Deutschen Haus und der von der Goldenen Gans, die zanken sich, wer's Traktement geben soll, aber sie werden sich schon vertragen. Denn 's ist ja um die Einigkeit und den Frieden willen, sagen sie.« »Aber was bringt Sie von meinem Neveu, dem Kornett?« brachte endlich die Mutter die bange Frage heraus. »O, der ist mal fidel! – Kreuzfidel waren der Herr Kornett.« »Suse, mein Neveu Theodor! Wo hat Sie ihn gesehen?« »Im Ratskeller! Ach, es bleibt doch ein charmanter junger Herr! Ich mußte lange fragen, bis ich ihn fand. Aber da war er auch gleich – ganz anders wie die anderen. Ein bißchen auch – Nu, was schadet das? Junges Blut muß leben.« »Suse, was spricht Sie! Wo war er? Wer waren die anderen?« »Unten in dem Stübchen an der Ecke, sie brannten schon die Lampe, denn da wird's früh dunkel. Und die Röcke hatten sie ausgezogen. Und es rauchte vom Tische. Ich dummes Ding dachte erst, es brannte; aber es war ein großer Napf, und Flaschen standen 'rum. Und sie gossen immer ein und rührten – ich weiß ja, das ist Punsch. Aber sie taten auch Eier drein, und dann gossen sie Flaschen zu, die an die Decke knallten. Anfangs schämte ich mich und wollte fortrennen, aber da riefen sie: Halt die Hexe, und zogen mich am Rock zurück. Es hat mir auch nicht leid getan, denn da half kein Sperren. Ein ganzes Bierglas schenkten sie mir, sehen Sie, gnädiges Fräulein, bis so weit voll, und waren so gut gegen mich. Und wie freuten sie sich, und lachten sich scheckig, daß es mir schmeckte. Es war Ihnen aber auch so süß – Sirup ist gar nichts gegen – und auf der Zunge kritzelt es, und in den Ohren, na, da war's doch, als wenn die Vögel im Frühjahr singen. Aus der Stadt kam ich, als wenn ich tanzte, und darum war mir Schnee und Regen gar nichts, und das Wasser auch nicht, das über die Füße planschte. Mir war's immer, als möcht' ich singen, und meine alten Knochen – so schnell bin ich nie über den Buttertrab gelaufen.« »Wer waren die anderen – Suse, mit wem war Theodor?« »Ach, alles charmante junge Leute – wie der Herr Kornett.« »Ranzonierte Offiziere?« »I freilich so was. – Wenn sie sich schlagen, warum sollen sie sich nicht vertragen, sagten sie. Der junge Herr Leutnant von Wolfskehl läßt die gnädigen Fräuleins auch recht schönstens grüßen! – Ach, mein alter, alter Kopf! hätt' ich das beinah' vergessen. Da muß das Geld mal wieder recht dick sitzen. Auf Ritzengnitz gibt er nächster Tags ein Sautreiben, wenn nur der Ball erst vorbei ist. Die französischen Offiziere, die freuen sich mal drauf.« »Der Herr von Ritzengnitz!« Da war durch einen Namen für die Damen wenigstens ein Rätsel gelöst. Wo der reiche liederliche junge Mensch, waren auch die Mittel zum wüsten Leben. »Die Herren aus dem Ratskeller werden wohl auch beim Balle sein?« fragte Karoline. »Freilich. Der Krieg ist doch aus, sagen sie, und nun wollen sie sehen, wer besser tanzt, und einer faßte den andern um den Leib. Hurrje, was hopste 's da.« »Und Theodor?« »Gott bewahre! Der nicht. Der saß auf dem Schemel, die Beine vor, und lachte so recht still vergnügt.« »Unsere Bestellungen –« »Alles ausgerichtet. Anfangs getraute ich's mir nicht; aber nachher kriegte ich Courage.« »Und Theodor –« »Die Strümpfe zog er sich über die Hände und küßte sie. Und dann hielt er die Arme so gegen die Decke, und ich sollte sagen, er wäre sehr schön warm. – Und dann –« »Nun, was denn noch?« »Ich schäme mich. Er sprang auf und fiel mir um den Hals – nämlich mit den Strümpfen, und all die Küsse, sagten Sie, solle ich seinen herzallerliebsten Cousinen wiedergeben, und immer eins mehr. Nachher, da kam's mir vor, als weinten sie auf dem Stuhle, aber wie ich meine Kiepe wieder auf den Rücken tat, da schnarchten sie. Denn man muß wissen, sagte mir der Ratswirt, sie hatten von frühmorgens an getrunken.« Die Botenfrau war fort; auch die ältesten Töchter waren in die Schlafstube vorausgegangen. Da entlud sich Amaliens stilles Weinen in ein lautes Schluchzen. Die Mutter streichelte ihre seidenen Haare: »'s ist manches nicht so schlimm, wie's aussieht, liebes Kind. Frage Du einen Menschen, der was Ordentliches geworden ist, ob er nicht einmal betrunken gewesen ist? Ja, Dein Onkel, der Obrist, der in Kyritz stand, sagte, dem Offizier traue er nicht, der nicht wenigstens ein paarmal nicht gewußt, wie er zu Bette gekommen. Soldaten müssen schon trinken. Dein Vater sagte auch: wenn ein Kerl nur nicht immer besoffen ist. – Immer betrunken wird Theodor nicht sein. Er ist nur verführt von dem Ritzengnitzer. Wenn das so fortgeht, wird sein schönes Vermögen auch mal zu Ende gehn.« Malchen schüttelte den Kopf. »Es ist nicht das, Mutter –« »Was denn noch, Kind?« »Er tut's aus Verzweiflung. – Wenn einer gar keine Aussicht mehr hat, o, mein Gott, das muß schrecklich sein! Der Vater hat ihm das Herz gebrochen.« Die Mutter verschluckte, was sie erwidern wollte. »Er war gar nicht so. Ihr habt ihn nicht gekannt. Er konnte auch sanft sein, wie eine Taube. Der Lerche hörte er stundenlang zu, und mit einem Veilchen konnte er sich unterhalten, als wär's ein Mensch. 's ist nur die böse Gesellschaft. Wenn andere ihm was vortaten, da mußte er bei sein, und wollte sich vortun.« »Komm zu Bett, Malchen, und verschlaf den Kummer.« Sie drückte ihr weinendes Gesicht in die Brust der Mutter. »Ich muß ihn einmal sehen, Mutter! Ich muß, ich muß – ganz gewiß, wir müssen nach der Stadt; sonst ist er verloren.« Die Mutter wußte keinen Rat; es wird ja schon alles mal besser werden. Malchen schlief in ihrer Stube; beide hatten unruhige Träume. Einmal schrie das Kind auf: »Da rollt der Totenkopf!« Davon erwachte die Mutter. Aber Malchen schlief wieder fest und atmete so ruhig. Da legte sich die Mutter, die aufgesprungen war, auch wieder in ihr Bett, und als sie zu hören glaubte, daß ihr Mann im Nebenzimmer sich die Stiefel anzog, glaubte sie, es sei auch ein Traum, und drehte sich auf die andere Seite. Darüber hörte sie nicht den Lärm, der bald im Dorfe laut ward und auch im Schlosse einiges Türklappen und Unruhe verursachte. Es war auch kein Traum gewesen, daß der Major die Stiefel anzog. Er war hinuntergegangen ins Dorf, es war viel Leben, sie hatten davon gesprochen, die Sturmglocke zu rühren, denn der rote Schein flammte wie Nordlicht. Es waren dann andere Nachrichten gekommen, weit ernsterer Art; aber die Sturmglocke rührten sie nicht, sondern die rüstigsten Männer aus dem Dorf bewaffneten sich, obgleich ein Querbelitzer, der herübergekommen, ihnen sagte: nun habe es für diesmal keine Not mehr, denn die verfluchte Schwefelbande sei eingegangen. »Wenn wir nur ordentliche Einquartierung hätten,« war es einem Bauer entfahren, »dann wären wir doch davor sicher.« Es war so tiefe Trauer und Entsetzen, daß der Major, der selbst bei der Erzählung geschaudert, den Mann nicht schalt. Er ging stumm ins Schloß zurück. Ein Glück für viele, die ruhig schlafen konnten; am Morgen hörte das Geschehene sich ruhiger an. Unter diesen Glücklichen war auch der Kandidat. Man hatte ihn aus dem alten Seitenflügel in ein entferntes Gemach gebettet, dessen Holzgeruch verriet, daß es lange nicht benutzt worden. Die hochaufgeschichteten Aepfelhaufen verbreiteten aber einen gefälligen Duft, die kleinen runden, in Blei gefaßten Fensterscheiben, die tiefen Nischen, der ungeheure schwarze Kachelofen, in dem die Holzkloben knisterten und prasselten, hatten für den Gast etwas Heimliches. Er bedurfte nicht des Pelzes; der Ofen oder sein Jugendfeuer strömten so viel Wärme aus, daß er sich im leichten Rock auf den alten Ledersessel warf und, den Arm auf den Tisch gelehnt, seinen Gedanken Audienz gab. Wie gewaltigen Schwunges, wie weit ins Endlose schweifen die Gedanken eines Jünglings, der noch des süßen Wahnes ist, daß die Angeln und Haken, die Bleigewichte der Gewöhnlichkeit, die uns alle verstricken und niederdrücken, auf seinen freien Geist ohne Einfluß bleiben! Dieser hatte ihr Gewicht schon empfunden, der Silberglanz seiner Jugendträume war vor der Witterung verblichen; der Geist suchte wie der Bergmann die edlen Adern im Innern; da war er Herr, da frei von den Verhältnissen. Aber ein wenig drückten sie ihn doch. Der Empfang, die Szene am Wagen, seine Aufnahme, der erste häusliche Abend, das war ihm freilich alles nichts Unerwartetes – er kannte diese Menschen – aber es drückte doch seine Stimmung, während er sich Mühe gab, durch ein Lächeln Heiterkeit vor sich selbst zu lügen. Endlich schien er zum Resultat gekommen. »Meines Bleibens hier wird nicht länger sein, als es muß. Ein gesunderer Stamm zwar als dort, aber die Wurzeln und die Aeste treiben ins Wilde, Maßlose des Eigendünkels, weil sie kein Korrektiv anerkennen. Mit jenem bin ich eigentlich nicht aneinander geraten, weil seine Formen elastisch waren, und wir hätten uns doch nie verständigt. Mit diesem muß ich es einmal, wenn das Ausweichen zur Sünde wird; er wird mich verstehen, aber eisern bleiben. Dann könnte es Funken setzen, wenn Stahl an Stahl schlägt. – Ebenso mit den Frauen! Auch da unverdorbene Natur; aber diese heimliche Konspiration zwischen Mutter und Töchtern gegen den Vater, ihr zuwinken, ihre Augensprache, ich darf es weder als Lehrer noch als Geistlicher dulden – es ist absolute Unsitte, es frißt in das Heiligtum des Familienfriedens, in die Autorität, die unangetastet bleiben muß, des Vaterrechtes – und –« Das Weitere blieb unausgesprochen in der Brust; sein Gesicht schien sich eher zu erheitern. Die roten Backen der Aepfel glühten so schön im Anhauch der Flammen, auch die vielen staubbedeckten schweinsledernen Quartanten in dem großen wurmstichigen Bücherschrank wurden etwas von der Glut belebt. Dann konnte er wieder sein Auge vom Feuer nicht abwenden. Woher fiel sein Gedanke auf die drei Männer im feurigen Ofen: »Ehe dieser Glaubensmut unser Volk nicht durchdringt, wird es nicht frei werden!« Bald lag er, oder er versank vielmehr in den vielen dicken, vollgestopften Federkissen, welche Wilhelminens Sorgfalt übereinander getürmt, und ein noch dickeres Deckbett senkte sich elastisch auf seine müden Glieder. Bald hörte er auch nicht mehr das Knistern des Strohes unter sich, noch das Rascheln der Mäuse, der klugen Tierchen, die immer merken, wenn der Wächter des Zimmers eingeschlafen ist. Auch das Feuerrufen draußen traf sein Ohr nicht; das Feuer im Ofen prasselte nicht mehr, nur der goldene Kohlenschein glühte noch Decke und Wände an, wenn der Einschlummernde die Wimpern zum letzten Male öffnete. Es war lange nach Mitternacht, als ein starkes Klopfen an der Tür ihn aus einem Traum, es mußte kein unangenehmer gewesen sein, aufschreckte. Auf sein ebenso lautes: Herein! noch halb im Schlafe, ward die Tür ausgestoßen, und der Major trat mit einem Lichte ein. Er ging rasch auf den Tisch zu, um die beiden Kerzen anzuzünden, indem er sagte: »Es ist mir lieb, daß Sie Ihre Tür nicht verschließen. Das zeugt von Mut. – Führen Sie Waffen bei sich?« »Mein ruhiges Gewissen und das Gefühl, daß ich nichts habe, was einem Räuber von Wert sein könnte.« Die Antwort schien dem Major zu gefallen, er sagte nichts darauf. »Stehen Sie jetzt auf, Herr Mauritz, werfen Sie sich Kleidungsstücke über. Hier ist der Pelz. Was wir miteinander zu sprechen haben, muß Mann gegen Mann sein.« Während der Kandidat verwundert dem Geheiß folgte, hatte sich der Hausherr, ihm den Rücken kehrend, auf einen Stuhl gesetzt, entweder mit geistigen Schmerzen oder mit körperlichen kämpfend. Unterdrückte Töne, indem er mit der Hand über das Bein strich, schienen wenigstens auf die letzteren zu deuten. »Ich will Ihnen etwas anvertrauen,« hub er an, nachdem der andere auf seinen Wink ihm gegenüber Platz genommen – »Ihnen, weil ich Ihnen vertraue. Es kommt das selten aus meinem Munde, aber ich glaube, daß die Worte, die Sie von der Kanzel sprechen, auch aus Ihrem Herzen kommen. Es ist eine Art Beichte dabei. Mein Vetter aus Quilitz kam, um mir einen Rat zu geben. Ich wies ihn zurück, weil ich keines Rates zu bedürfen glaubte, weil ich keinen Rat annehme von Menschen, die – genug, ich wies den Rat zurück, aber er war gut. Habe ich daran recht, habe ich unrecht getan? Das will ich von Ihnen wissen.« »Herr Major, ein Dichter hat gesagt: Wer in Rätseln beichtet, wird in Rätseln losgesprochen.« »Soll man einen Rat von denen annehmen, deren Erbärmlichkeit man durchschaut? Das meinte ich. Oder nein: wenn man ihn zurückwies, verträgt es sich mit der Pflicht, ich meine mit dem Gewissen, der Ehre, sich nachher doch anders zu besinnen? Ich meine, das zu tun, was man gesagt hat, man werde es nicht tun. Was sagen Sie als Geistlicher dazu?« »Der Geistliche hat nichts mit der Frage zu tun; es ist eine rein weltliche.« »Die Geistlichen sind aber da, in Gewissenszweifeln uns zu antworten. Sie sind kein Rationalist. Sie lesen die Bibel, wie sie geschrieben ist. Als bibelfester Christ will ich Ihre Antwort: Tu' ich recht oder unrecht?« »Als Diener des geistlichen Wortes halte ich es für sündhaft, beim Konflikt rein weltlicher Pflichten es zu zitieren. Sie kamen auch nicht um deshalb, Herr Major.« »Nun, warum denn, Herr – Kandidat?« »Darf ich das aussprechen?« »Ja, – dreimal ja.« »Sie sind hier, um sich von etwas absolvieren zu lassen, was Sie bereits getan haben.« »Ich habe noch nichts getan.« »Aber beschlossen. Sie sind jetzt willens, dem Rat des Hofmarschalls zu folgen, den Sie doch von sich gewiesen. Sie wollen gerade das ausführen, worauf Sie einen Trumpf gesetzt, daß Sie es nicht tun würden. Das beunruhigt Sie nun, nicht eben so, daß Sie es wieder unterlassen würden, wenn auch Ich Ihnen abriete, sondern Sie verlangen meinen Rat nur zur Beschwichtigung dieser Ihrer Unruhe.« »Das ist sehr keck gesprochen, beinahe als wären Sie ein katholischer Priester.« »Und wäre ich das, Herr Major, hielte ich es doch nicht meines Amtes, eine Salbe auf Skrupel zu drücken, die damit nichts zu tun haben.« »Bei wem soll ich mir denn Rat oder Beschwichtigung, wie Sie's nennen, holen?« »Bei sich selbst, Herr Major. In solchen Konflikten weltlicher Ehrenpflichten mögen und sollen wir uns selbst Rat sein. Dazu gab Gott uns Vernunft, Verstand – Geist. Uebrigens bin ich zu jung und unerfahren.« Der Edelmann schwieg eine Weile. »Umstände verändern die Sache. Der Meinung sind Sie doch auch?« »Wir hängen alle von Umständen ab, wir sind Spreu im Winde vor ihm, der die Stürme los ließ. Was wir feststehen heißen, ist oft nur der Trotz der Kreatur, die Weisheit der Milbe, die den Lauf der Gestirne nach den Pulsen ihres Lymphenblutes berechnen will. Aber er gab auch dem Sklaven die hohe Freiheit vor ihm, zu beschließen und zu tun, was er für Recht hält.« Der Edelmann schien im Nachsinnen nur halb darauf gehört zu haben. »Mein Vetter wollte es mir zur Pflicht machen, die Frauen nach der Stadt zu schaffen. Damals, ich meine gestern, war ich der Meinung, und ich bin der Meinung auch noch, daß der Gutsherr, wenn der König ihn nicht ruft, auf seinem Gute bleiben muß. Er ist der von Gott eingesetzte Herr, um für seine Untertanen, seine Familie zu sorgen, sie zu schützen. Gott hat ihm dazu Kraft gegeben, wenn es ein rechter Herr und Edelmann ist. Wo sind Kinder, Frauen besser geschützt, als unter den Augen des Vaters? Darum, wie – gesagt – aber wer kann für alles stehen! Und diese Nacht –« »Was ist geschehen, gnädiger Herr?« »Dames Mühle ist abgebrannt.« »Das ist ein großer Verlust für die Leute! Uebermütiges Volk, diese Müller, hartherzig, geizig, aber fleißig; sie hatten viel geschafft und waren stolz auf ihren Mammon.« »Ihren Mammon nimmt ihnen niemand mehr. Sie sind tot.« »Mann, Weib und Töchter?« »Nur der Müllerbursch, der sich versteckt gehalten, entsprang.« »Ein Anfall –« »Von niederträchtigem Gesindel, Ausreißern, Trainknechten. Der Brand war nicht beabsichtigt, aber sie hatten die Frauen auf den Tod mißhandelt, den Müller geknebelt, verwundet. Damit es nicht herauskäme, steckten sie die Mühle an. Ein paar von der Bande, toll betrunken, sind mit verbrannt. Die anderen glauben die Querbelitzer gefangen zu haben.« »Die Querbelitzer? –« »Der Müllerbursche lief querfeldein dahin. Sie waren noch alert wegen der erwarteten Einquartierung. Die Fouriere redeten ihnen zu, das wäre nur Gesindel. Sie zogen aus, umzingelten die Mühle. Die Kerle waren alle betrunken. Die unter ihren Prügeln nicht auf dem Platz blieben und ins Feuer geworfen wurden, haben sie gebunden und jetzt schon nach Nauwalk geführt. Wenn der Kommandant ihnen nicht etwa den Strick der Ehrenlegion gibt, wird er sie wohl erschießen lassen. Das ist ziemlich ein und dasselbe. Aber das ist eine Bande, wer steht für die anderen?« Der Kandidat wußte jetzt, was geschehen, auch was geschehen sollte. Es kam nur darauf an, welche Rolle ihm dabei zuerteilt war. Er glaubte im ersten Augenblick, daß, während die Familie nach der Stadt, er bestimmt sei, nach dem Hauswesen zu sehen, und erklärte sich zu allem, was in seinen Kräften, bereit. Der Major schüttelte den Kopf. »Ich darf Ilitz nicht verlassen. Auch sind mir Erkältung und Aufregung wieder ins Bein gefahren. Ich könnte nicht. Sagen Sie aber den Frauen nichts davon; sonst gibt's ein Lamento, und sie kommen nicht fort. Es muß schnell geschehen, wenn's heller Tag ist. Ueberdem passe ich nicht dahin. Ich würde es nur verderben. Sie sind kein Edelmann, Sie können sich also mit der Canaille besser befassen und mit den Sansculotten, den Königsmördern, höflicher umgehen. Verstehen Sie mich, höflich! Die Umstände sind nun einmal so, man muß ihnen mit Höflichkeit und Anstand begegnen, um die Frauen vor ihrer Unartigkeit zu bewahren. – Ich binde es Ihnen auf die Seele, Herr Mauritz, seien Sie aufmerksam, gefällig, gesprächig zu den Schuften. Meinethalben lügen Sie ihnen vor, schimpfen Sie auf den alten Isegrimm, daß er sich nicht in die Zeit schicken will, kaum dahin zu bringen war, seinen Kindern das Vergnügen so liebenswürdiger Gesellschaft zu gewähren. Meine Töchter sind mein Augapfel, Herr Mauritz. – Nun rüsten Sie sich, bei der Frau Rothenmeier im Deutschen Hause werden Sie Quartier finden. Gott stehe uns allen bei; es wird ja nicht immer so bleiben.« Also war der Kandidat dazu bestimmt, die Damen des Hauses nach Nauwalk zu begleiten und als ihr Chaperon daselbst zu bleiben. Es war ein ehrenvoller Auftrag, gegen den nichts einzuwenden war; zum sonntäglichen Gottesdienst mochte er leicht nach Ilitz hinaus. Aber wie war es mit dem Unterricht der Kinder? »Die Jungen bleiben bei mir. Meinen Sie, daß Sie allein erziehen können? Für die Zeit, die kommt, Herr Mauritz, sage ich Ihnen, braucht es nicht viel Vokabeln und Grammatik, nicht Ihre Regeln, die, so neu sie sind, schon wieder fadenscheinig werden. Mit Eurer Humanitätspädagogik zum Henker, die das Unterste zu oberst kehrt, die Menschen schlaff und weichherzig macht; sie ist an all dem Unglück schuld. Wir brauchen wieder Männer, keine Maulhelden, keine Theoretiker, Männer, die auf dem Flecke sind, nicht Schulmeister.« Der junge Mann stand auf. »Dann bin ich gewiß hier nicht auf meinem Fleck.« »Nur nicht empfindlich! – Sie haben mir vorhin etwas ins Gesicht gesagt; da waren Sie auf Ihrem Fleck. Ich ästimiere es. Wir werden uns vertragen, wenn wir uns verstehen lernen. Jetzt bringen Sie die Damen nach Nauwalk. Es ist dabei ein Stück Erziehungsgeschäft. Ich wünschte, Sie wären auch da recht auf Ihrem Flecke.« Es lagerten sich wieder Runzeln auf dem Gesichte des Edelmannes, aber nicht des Zornes, bis er anhub: »Da vegetiert im Städtchen noch der unglückliche Neffe meiner Frau, der Kornett Hurlebusch. Sie haben davon gehört. Es sind viele, die mich darum tadeln. Aber warum sagt's mir keiner ins Gesicht? Die Anklage, die nur hinterm Rücken flüstert, hat die Feigheit zur Mutter, und die Feigheit ist noch im Recht. Hätten alle Väter ihre Söhne, die so zurückkommen, ausgewiesen, alle Häuser sich ihnen verschlossen, dann – wir ständen schon jetzt anders. Daß wir für das Schlechte nicht Zorn, daß wir nur weichherziges Mitleid haben, das ist der zweite giftige Wurm, nächst Eurer Pädagogik. Die Römer ließen ihre Deserteure mit Weinreben totpeitschen; daher hatten sie Römerheere. Wir – genug, freilich, er war nicht schlimmer als andere. Aber in mein Haus soll er nicht mehr, nie, nimmermehr, unter keiner Bedingung.« »Herr Major haben vermutlich einen Auftrag an ihn?« »Ich habe nichts mit ihm zu schaffen. Sie, aus sich selbst, suchen Sie ihn auf – reden Sie wie ein Mann, gießen Sie glühende Worte in die Seele dieses bodenlos eitlen, leichtsinnigen –« »Ich? Kraft welches Berufes? Der junge Gardeoffizier würde die Vorstellung eines Theologen –« »Sie haben recht,« unterbrach ihn der Major, der sichtlich das, was er sagen wollte, noch umging, wie man oft unangenehme Dinge umschreibt, in der Hoffnung, daß der Angeredete das Wort selbst finden werde, das wir auszusprechen scheuen. Aber wenn der Kreis immer enger wird, platzt es endlich heraus, aber unangenehmer und selbst verletzender, als wir wollten. – »Sie sind in ihn vernarrt, die Weiber, Sie wissen's ja. Das schadet noch nichts. Worin sind Weiber nicht vernarrt? Immer in Tand und Nichtiges. Hinter meinem Rücken wird das Spiel getrieben. Sie stecken ihm zu, was sie können, und ich muß die Augen zudrücken, eben weil – weil ich mußte, – weil der Mensch leben muß. Das geht nicht länger, durchaus nicht, und ich will's doch nicht zum Eclat bringen. Darum, sage ich Ihnen, gehen Sie schonend zu Werke.« Der Kandidat verstand ihn wirklich nicht. »Sie sagen, es war nur Kinderspiel, aber es ist mehr. – Die Mutter, auch die Schwestern, verstehen sie nicht. In dem Kinde ist etwas Besonderes. Sie scheint noch mit Puppen zu spielen, aber es geht nichts an ihr vorüber, was ihre Seele nicht auffaßt, und mit einer Lebhaftigkeit, einer Innigkeit, die mich erfreut und erschreckt. Ich fürchte nicht etwa, mein Herr, daß sie sich zu einer Torheit hinreißen läßt. Sie ist die Tochter ihres Vaters, die Enkelin ihrer Ahnen, aber schon das schmerzte mich, wenn sie ernsthafter von einer Empfindung berührt würde, die ihrer unwürdig. Sie ist mein Stolz, sage ich Ihnen, hier im Vertrauen. In diesem kindlichen Gemüte, in diesem tändelnden Wesen lebt ein Adel – genug, darum, Herr Mauritz, gehen Sie mit Schonung zu Werke. Ich will ihre Gefühle so wenig zerrissen, als auf die Straße geschleppt sehen. Handeln Sie mit Klugheit, erfüllen Sie ihren Willen, soweit es geht, aber aus ihrem Herzen muß er gerissen werden, so oder so –« Der Auftrag war so undeutlich als außerordentlich. Der junge fremde Mann ward vom Vater in so zarte Familiengeheimnisse eingeweiht, daß dieser sich kaum auszusprechen getraute, und eine Art Vormundschaft ihm zugewiesen, die nur dem allerhöchsten Vertrauen entspringen konnte, und das, nachdem er ihn heute seine Superiorität und das Drückende seiner Stellung hatte empfinden lassen. »Als Theologe, als Christ, als Geistlicher« – korrigierte sich der Major auf die vom Kandidaten leis angedeutete Frage, wie er dazu komme – »so sollen Sie handeln.« Ueber das Wie? ließ der Major sich indes in Kürze deutlicher aus. Der Kornett sollte aus Nauwalk fort, auch aus der Provinz, aus den preußischen Landen. Nach Schweden, England, Oesterreich, irgend wohin, wo man Soldaten brauche. Das Korps Offiziere, mit dem er gefangen, habe nur das Wort gegeben, nicht in den preußischen und russischen Linien gegen den Kaiser der Franzosen zu dienen. – Aber wie den von allem entblößten Menschen fortschaffen? – Der Major gedachte vom Schulzen in Querbelitz eine Summe aufzunehmen. Der treue Mann werde das Geld wohl für sicherer halten in der Hand seines Edelmanns, als in einem alten Topf unter der Erde. Allein, wenn der Kandidat dem Offizier diese Offerte machte, auch der Leichtgläubigste würde nicht zum Glauben zu bewegen sein, daß ein Kandidat der Theologie einen Offizier zum englischen Dienst equipieren könne. Eine Handschwenkung des Majors, die er mit abgewandtem Gesicht tat, war für Mauritz genügende Vollmacht und ein Zeichen mehr, daß auch ein fester Mann den Umständen nachgibt, wenn es nicht anders geht. Der Major hatte heute viel nachgegeben. Und doch noch nicht genug. Als er den Leuchter schon in der Hand hielt, fiel sein Blick auf ein sehr verdunkeltes Oelgemälde, das rahmlos im Winkel der Tür hing. Man mußte das Auge anstrengen, um ein weibliches Porträt darin zu erkennen. »Wissen Sie von der auch?« fragte er mit gedämpfter Stimme, darauf starrend. »Ich sah sie diese Nacht –« Man konnte wirklich glauben, daß den Hausherrn eine Erscheinung verstört habe. Der einsilbige Mann fühlte das Bedürfnis zur Mitteilung. Er saß wieder auf dem Schemel, das Bein haltend, wie von einem neuen Schmerzanfall durchzuckt. »Das ist ein Ahnenbild, ein Fräulein aus unserem Hause. Es heißt, sie geht um. Was halten Sie davon?« Der Kandidat wich der Frage aus. Indem er das Licht an die Wand hielt, versicherte er, das Kostüm (ein verdunkeltes gelbes Mieder) deute nur auf die Zeit des dreißigjährigen Krieges. »Müssen Gespenster älterer Abkunft sein? Meinethalben. – Aber Sie haben recht gesehen. Während des dreißigjährigen Krieges muß sie geboren sein. – Von meinem Ahnherrn Wolf haben Sie wohl gehört? Man nannte ihn den schwarzen Wolf. Sein Bild hängt im Korridor, es soll mir gleichen.« Der Hauslehrer erinnerte sich. Wolf Gebhard hatte den Ruf eines furchtbaren und strengen Mannes, der ein einsames Leben geführt, ein finsterer Sonderling, dessen Begegnung man scheute. Er hatte eine eigene Passion, erzählten sich die Jäger, den Wilddieben nachzustellen. Er soll eine beträchtliche Zahl eigenhändig erschossen haben. Er kam nie in die Stadt; man sagt, der Hof wäre ihm untersagt gewesen, weil die fromme Kurfürstin Luise von Oranien ihn verabscheut. Und doch hatte er seinem Kurfürsten große Dienste geleistet. Er war es, der nach der Fehrbelliner Schlacht die Bauern in dieser Gegend aufgestürmt und angeführt, dieselben, welche am Querbelitzer Torfmoor ein Bataillon flüchtiger Schweden überfallen und niedergemacht. Die Sage nannte eine unglaubliche Zahl Schweden, die der schwarze Quarbitz mit eigener Hand umgebracht. »Er war der Vater jener Dame. Zur Geschichte gehört aber noch ein dritter. Das war ein schwedischer Obrist vom gelben Regiment. Es ist eine Einquartierungsgeschichte, weiter nichts. Der lag einmal im Haus Ilitz. Nicht in dieser Stube; das war des Fräuleins Stube. Der schwarze Wolf aber trat eines Nachts hinein und fand, daß der Herr Obrist die Stuben verwechselt. Was sich da zugetragen, weiß man nicht. Der Halunke entfloh. Ich sage der Halunke; denn es war kein Wrangel, Torstenson und auch kein Brahe. Er war von der Sorte, wie sie zur Wallensteiner Zeit Hauptleute und Generäle machten – ein Roßtäuscher aus Mecklenburg oder ein Tafeldecker aus Frankfurt. Draußen hat man um die Zeit einen Schuß gehört. Es ward viel geschossen um die Zeit. Andern Tages war Trauer im Schloß, das Fräulein war an einem Blutsturz plötzlich verstorben. An der Kirchhofsmauer ist ihr Grab. Die alten Leute sagten sonst, es lägen zwei darin –« »Der Obrist? –« »Wenn die Raubvögel nicht seine Knochen verstreut haben, modern sie im Torfmoor. An den Blutsteinen, welche Sie wohl kennen – da, wo die letzten Schweden, zusammengekeilt, ihre Haut an die Bauern verkauften. Der schwarze Wolf hieb ihn selbst nieder; nachher ließ er ihm mit den Mistgabeln das Garaus geben. – 's ist eine alte Geschichte, von der man nicht gern spricht. Sie würden sie doch einmal von den Leuten hören.« Mit dem Licht war er schon an der Tür, als er sich umwandte. »Nein, ich erzähle sie nur, damit Sie nicht erschrecken, wenn's Ihnen einmal auf dem Gange begegnet. Ich erzählte sie Ihnen, damit Sie begreifen, wie es einem Vater ums Herz ist, wie er auch einmal schwach werden kann, wenn – ihm das Bild da erscheint.« Elftes Kapitel. Eine Erscheinung im Walde. Ein Blick auf jede Spezialkarte wird dem Leser den Weg veranschaulichen, welchen der Wagen zu machen hatte, auf dem die Ilitzer Herrschaften nach der Kreisstadt fuhren. Die kleine Quierlitz, von der man meint, sie müsse im großen Torfmoor ertrinken, hat doch noch Kraft, die lange Sandhügelreihe, die Kleistower Berge, zu durchbrechen, und jenseits fällt sie in die Ritze. Hier wollte Thurneisser Goldsand fischen; darüber sind die Krebse ausgegangen. Die Ritze schlängelt sich nun durch die feuchten Wiesen, die Langewische und den Wildenbruch, etwa eine halbe Meile. Es ist viel Schilf. Von daher kommen die Kibitzeier nach Berlin. Wo die Ritze in die Gnitze sich ergießt, da liegt, wie jeder weiß, Ritzengnitz. Das Haus war im dreißigjährigen Kriege von Max Piccolomini verbrannt; das jetzige ist erst nach dem siebenjährigen Krieg aufgebaut. Als die Wolfskehle, die bei denen von der Quarbitz auf Ilitz zu Lehn gingen, reich geworden unter der guten Wirtschaft von Marcus Ephraim, den ihr Vater als Gütervormund eingesetzt, schwoll ihnen der Kamm; sie prätendierten, ihre Vorfahren wären Schloßgesessene gewesen und hätten nur zu böser Zeit ihre Güter denen von der Quarbitz zu Lehn übergeben. Aber im Prozeß vorm Kammergericht ward bewiesen, daß sie nie ein Schloß gehabt, nur ein Lehmhaus, mit Stroh drauf. Sie einigten sich drauf aber doch gütlich und fanden die von der Quarbitz mit dreitausendfünfhundert Talern ab für ihre Lehnsrechte. Der Boden im Winkel zwischen Ritze und Gnitze ist pures Gartenland; daher kommen die besten Borstorfer Aepfel. Um so blendender glänzt der Snadberg, die Wolfskehle, mit seinen weißen Spitzen schon in der Ferne aus dem vollen Grün der Gärten. Daß darauf ein Wartturm oder gar eine Burg gestanden, ist eine Fabel der Familie. In der Kehle mögen sie vor alters Wölfe gefangen haben; daher der Name. Jetzt vermutet man, daß unter dem Sattel Braunkohlen lagern. Die Ritzengnitz aber, wie nun der Fluß heißt, ergießt sich immer noch in südlicher Richtung in zwei Seen; zuerst in den kleineren Moltzen und von da in den großen Karutz. Da fließt sie seitwärts nach Abend ab und heißt nun die Beeste. Wie die Beeste bei den Schmöckewitzer Bergen in die Elbe kommt, weiß jedermann. Das Fließwasser, worauf sie das Holz vom Karutzsee nach Nauwalk flößen, ist nicht mehr die Ritzengnitz; es sind pure Wiesenwasser. Im Karutzsee, der einer der größten in der Kurmark, wurden die berühmten Karauschen gefangen. Nach der Volkssage haben die Wenden, als sie beim letzten Aufstande das Kloster Kogel zerstörten. die Nonnen in diesen See geworfen; davon wären die Fische so fett. Auch findet man Bernstein darin, das wären ihre letzten Tränen. Von dem vierhundertjährigen Prozeß zwischen den Quitz, Alvensleben, Schapelow und Kröcher mit dem Fiskus, wie weit jeder fischen dürfe, sage ich nichts. Die Quitz und Schapelow sind darüber ausgestorben. Neunzig Jahre vergingen, ehe die andern sich als Successores legitimierten. Als dann die Kröcher und Alvensleben gewannen, war's mit den Karauschen zu Ende. Sie hatten nach Uebereinkunft einen Administrator in der hohen Binde niedergesetzt; der legte pünktlich alle Jahr Rechnung ab, und sie war immer richtig, aber es hat weder der Fiskus, noch die Alvensleben und die anderen je einen Fisch aus dem Karutz bekommen. Es ging alles auf die Kosten. Wenn einer der edlen Herren die Karauschen kosten wollte, mußte er sich beim Administrator zu Gaste bitten. Von Querbelitz, das in der Mitte zwischen Ilitz und Quilitz liegt, wie der Kopf zwischen den Schultern, geht der geradeste Weg nach Nauwalk über die Wiesen und Fließe bis an den Karutzsee, von wo es nicht mehr weit ist. Auf dem Buttertrab kam selten ein Reiter fort, geschweige denn im Wagen, und in den Wiesen wird es noch schlimmer. Also fuhren sie von Ilitz und Quilitz jeder auf seiner Seite des Bruchlandes; die Ilitzer in der Niederung, die Quilitzer auf der Höhe. Beides sind große Umwege. Und doch fuhr der Herr von der Quarbitz auf Ilitz, wenn er nach Nauwalk wollte, nie auf seiner Seite, sondern wählte den noch größeren Umweg, er fuhr über Querbelitz bis dicht an die Quilitzer Feldmark und schwenkte dann in den Quilitzer Weg ein. Da wurden es an drei Meilen, und auf seiner hatte er nur zwei. Was er vorgab, daß der Weg dort höher, also trockener sei, das war nicht der Grund. Der Ilitzer Knecht fuhr den nächsten Weg. Der Herr sah es ja nicht; und wenn er es gesehen, heut würde er nichts einzuwenden gehabt haben. Nur als sie links die Wolfskehle aus den rotbraunen Obstbäumen vorblitzen sahen, seufzte etwas die gnädige Frau. Es waren Erinnerungen an vergangene Tage. »Mit denen hätten wir auch gute Nachbarschaft halten können! Es waren charmante Leute, die Herren von Wolfskehl,« setzte sie hinzu, »und wer weiß, wird aus dem Leutnant auch noch was Solides.« »Der Vater kann es nicht verschmerzen, daß sie nicht mehr seine Vasallen sind,« sagte die Aelteste, um den Kandidaten von den Verhältnissen zu unterrichten. Die Mutter fuhr fort: »Aber da sollen Sie mir sagen, Herr Mauritz, ob das christlich ist, daß er mit seinem Vater im Sarge noch zankt, weil der, wie er sich ausdrückt, um einen Pappenstiel seine Lehnsrechte aufgegeben hat.« Herr Mauritz hätte auch hierauf erwidern mögen, daß das Christentum mit der Frage wenig zu tun habe. Er umging aber die Antwort, indem er sie in die Frage verwandelte, was das mit dem Ort und der Stelle für Zusammenhang habe? »Wir sind hier aus der Ritzengnitzer Feldmark,« ward ihm erwidert. »Wenn die alten Quarbitze nach Nauwalk fuhren, ward immer ein Bote an den Herrn von Wolfskehl vorausgeschickt, mit der Meldung, daß sie dann und dann passieren würden. Alsdann gestellten sich zur bestimmten Stunde der Hausherr oder seine Söhne, zu Pferde oder zu Fuß, an der Grenze ihres Gebiets, begrüßten als Vasallen ihren Lehnsherrn, erkundigten sich nach seinem Wohlsein, fragten um seine Befehle und invitierten ihn, ihr niedriges Haus mit seiner Gegenwart zu beglücken. Natürlich trat er nie ein, hatte nie etwas zu befehlen, befand sich immer sehr wohl, erkundigte sich auch nach dem Wohlsein der Familie seines lieben Vasallen, grüßte höflich und fuhr ab. Jene rauhe Formel des »Er«, wie der Quarbitzer Senior an die Ritzengnitze schrieb, ward im persönlichen Umgang nicht gebraucht, auch nicht die Versicherung, daß er ihnen immer hold und gewärtig sein wolle.« »Ins Gesicht wagten sie sich die Albernheiten nicht zu sagen,« sprach Minchen. »Der Vater war oft als Knabe mit seinem Vater, der streng darauf hielt, Zeuge dieses Auftritts gewesen, und sein kindischer Stolz hatte sich auf die Zeit gefreut, wann diese Ehre ihm gelten würde. Darum hatte er es nicht verwinden können, daß der Vater dies uralte, heilige Verhältnis in einem Augenblick und um so geringen zeitlichen Gewinn auf immer hingeben konnte.« »Um deswillen fährt der Vater den Weg auch nicht mehr.« Und die Mutter fuhr fort: »Es erinnert ihn zu schmerzlich, sagt er, an die guten alten Zeiten, die täglich mehr und mehr untergehen. Nun bitte ich Sie, Herr Mauritz, wenn das noch zu meiner Zeit gewesen wäre, ich hätte ja nicht gewußt, wo hinsehen. Diese reichen Ritzengnitze, wo die Jäger und Lakaien von Gold und Tressen starren, mit ihrem silbernen Pferdegeschirr, die hielten hier vor unserer alten Landkutsche und machten uns die Honneurs, und sprächen von ihrem niedrigen Hause, und es ist wie ein Palast für Prinzen, und unser räucheriges altes dagegen! Nein, man muß doch auch wissen, was an der Zeit ist und was sich schickt. Und, ich frage Sie, was kann ein vernünftiger Mensch davon haben? Sie lachten uns, wenn wir den Rücken gekehrt, herzlich aus, wie sie schon damals getan; ich weiß es vom Vetter aus Quilitz. Auch bei Hofe haben sie von der köstlichen Komödie erzählt. Ich fühlte und dachte es gleich, wie wir zur Huldigung in Berlin waren. Sie sahen uns so an, und in ihren Blicken las ich, was sie dachten: Ach, das sind die! « Die Wagenräder stolperten jetzt auf Damm und Brücke über den Teil des Flusses, der den Moltzensee und den Karutz verbindet. Jenseits am Karutz sind die Ufer steil. Von dem finstern Kiefernwald, mit dem sie bestanden und der den Ritzengnitzen gehörte, sieht man heute nicht mehr viel. Der Seerosen und die Pechhütte konnten auch in siebenundvierzig Jahren nicht die ganze Jungfernheide aufzehren, aber die Administratoren ließen nach dem Kriege schlagen, ein Jahr immer mehr als das andere; einiges ging auf der Flöße nach Nauwalk, das beste Holz durch die Beeste nach der Elbe, zumal nach dem Hamburger Brande. Auf der Höhe geht die Straße nach der Stadt; sie trifft da auch mit der Quilitzer zusammen, und von manchen Punkten hat man noch jetzt durch die hohen Kieferstämme, die am Rande stehen geblieben, schöne Niederblicke auf den See. Aber von dem jungfräulichen Walddunkel, das so oft die Beeren lesenden Kinder erschreckte und in die lichten Gestelle zurücktrieb, ist nichts mehr zu finden. Die Gestelle schneiden aber noch durch die Schonungen in den See hinab. Der Wagen hatte, mühsam durch den Sand sich hinaufwindend, die Straße oben gewonnen, wo er sanft hinrollte, denn auch ein Regen wie gestern konnte diese Sandwege nicht verderben. Auch war es seit heut morgen klarer geworden, und es blitzte etwas Sonnenlicht in die schwarzen Kiefern. Da glaubten sie ein seltsames Geräusch zu hören, es fuhr durch die Büsche, nicht wie der Wind, sondern wie das wilde Heer. Karoline hatte ein Blaseinstrument schmettern gehört, Wilhelmine bestritt es, die Mutter sah sich ängstlich um: wenn sie hier nur nicht Franzosen begegneten! Das sei wohl möglich, meinte Herr Mauritz, da in Querbelitz Einquartierung angesagt gewesen, die in der Nacht nicht gekommen; von den regulären Truppen habe man aber nichts zu fürchten. »'s ist nur so allein im Walde!« meinte die Mutter, als es im Gestell knisterte und stiebte, wie von einem aufgeschreckten Wilde. Die Pferde scheuten. Eine Erscheinung war's, träumen ließ sie sich in einem arabischen Märchen, aber nicht an einem rauhen Novembertage in einer kurmärkischen Kieferheide. Aus dem Gestell zur Linken schoß eine Reiterin gerad im Augenblick, als die Kutschpferde die Oeffnung passieren wollten. Auf dem fahlgelben, elegant gebauten Renner lag sie mehr, als sie saß, das wunderschöne junge Mädchen. Die Linke hielt leicht den Zügel, die Rechte die Reitpeitsche, den Arm zurückgesteckt, wie ein verfolgter Beduine mit dem Säbel gegen die Verfolger gekehrt. Ihr Kopf berührte fast den ihres Falben, aber ihre schelmisch blitzenden Augen waren, soviel der Schleier zu sehen erlaubte, auf die hinter ihr kamen gerichtet. Wie malerisch wallte dieser Schleier, am kleinen Hute befestigt, in den Lüften zurück; ein grüner Schatten, der seine fliehende Gebieterin zu verlieren fürchtet. Wie phantastisch schwankten auf dem Hute die braunen Farnkrauthalme, welche die Schöne in künstlerischer Laune daran gesteckt. Ueber das herabflutende weiße Untergewand schmiegte sich ein blausammetner Kaftan knapp an die schönen Formen des Oberleibs und zeichnete die Linien der vollen vollkommen schön gebauten Arme. Aber die schwarzen Augen, die aus dem von Freude, Spannung, Schelmerei und List glühenden Gesichte blitzten, waren es, welche den Beschauer, wie der Blick der Schlange den Vogel, gefesselt hielten. Diesen Blick schenkte sie den Insitzerinnen des Wagens, als sie über den Weg gesetzt war, aber, wenn der Ausdruck erlaubt ist, nur die Schlacke fiel ihnen zu; der blitzende, lebendige, schoß über den Wagen fort, nach der wilden Meute, die mit einem Hussa das Gestell heranbrauste. »Mesdames, arrêtez, s'il vous plaît! – Non, non, avancez, mesdames! – Fermez la porte – barricadez le chemin – je vous en prie!« Halten Sie bitte an, meine Damen! – Nein, nein, nicht weiter! – schließen Sie die Thür, verbarrikadieren Sie den Weg, ich bitte Sie. – Ein Wirbelwind von Worten. Die Reiterin wollte das Gestell hinabstürzen. »Herr Gott, da stürzt sie!« schrie Minchen auf. – Sie wäre auch gestürzt, denn wenige Schritte davon senkt sich das Gestell so jählings in den See, daß man im Winter das Holz herabrollen läßt, wenn – ihr Pferd nicht so gut, sie nicht eine so vortreffliche Reiterin gewesen wäre. Im Nu hatte sie das Tier umgeworfen, sie war wieder oben, an dem Kutscher vorbei und sprengte den Weg nach Nauwalk hin. Der Kutscher aus Ilitz, der leider kein Französisch verstand, war ruhig weitergefahren; da die Tür also nicht geschlossen, das Gestell nicht barrikadiert war, fuhr die Meute der Verfolger heraus. Zwar genötigt, einen Umweg um die Kutsche zu machen, brauchten sie doch die Hoffnung nicht aufzugeben, die Reiterin noch einzuholen. Die Reiter hatten keinen Blick für die Kutsche und ihre Insitzerinnen; diese ließen ihre Blicke auf den Vorübersprengenden haften, so lange es möglich. Jene glühten, zwar nicht so schön als die Reiterin, aber ebenso voll Spannung, Erwartung, Erhitzung! Diese saßen stumm und still, eine war ganz blaß geworden, die Mutter nur brach das Stillschweigen, als der Sturm vorüber gesaust: »Mein Gott, was war denn das?« Darauf wußte oder wollte keine eine Antwort geben, aber jede hatte einen oder mehrere aus dem Korps der Verfolger erkannt. Es waren junge Herren aus der Umgegend. Den rotköpfigen Herrn von Quiritz hatten alle gesehen; seine Güter liegen auf der anderen Seite des Karutz. Auch der Leutnant Wolfskehl von Ritzengnitz war darunter. Aber auch französische Offiziere. Es war eine partie de plaisir . Sie lachten und nickten sich zu. – »Herr Gott,« rief die Mutter aus, »wenn ich recht sah, da war auch Theodor bei.« Minchen bezweifelte es, Karoline bestritt es. Der Kandidat wußte es. Malchens Knie, die ihm gegenüber saß, zitterten heftig gegen die seinen; ihr Gesicht verbarg sie mit dem Tuche, sie hatte von der Zugluft zwischen den Seen Zahnschmerzen bekommen. Er schnitt den Streit darüber durch die Bemerkung ab, es scheine Parforcejagd zu sein, vielleicht würden sie an der Pechhütte Auskunft erhalten. Es traf so ein. An der Pechhütte stand der Förster von Ritzengnitz und unterhielt sich lachend mit den Arbeitern. Sie stritten darüber, wer sie einkriegen würde. Eine Jagd sei es nun eigentlich nicht, erklärte er den Damen, aber sein junger Herr habe ein Jagdfrühstück einigen Herren und Damen aus der Nachbarschaft gegeben, und dazu seien auch von den französischen eingeladen worden; auch eine Generalin mit ihrer Nichte, die der Armee nachreisten, deren Namen aber sehr geradebrecht aus seinem Munde hervorkamen. Der der Generalin war ganz unverständlich, der der Nichte konnte wie Komtesse d'Aignillon klingen. Was sie eigentlich spielten, wisse er nicht, aber es wäre wohl eine Art Zeckjagen, die Gräfin wäre eine verteufelte Reiterin und hätte pariert, wenn sie ihr und ihrem Falben nur so und so viel Schritt Vorsprung gäben, sollte keiner sie kriegen; wenn aber einer sie doch kriegte, sollte er einen Kuß haben. »Bis itzo ist sie allen entwischt,« schloß er, »aber endlich läßt sie sich doch kriegen, oder es müßte keine Frauensperson sein. Sie wird auch schon wissen, von welchem sie sich kriegen läßt. Uebrigens werden die gnädigen Herrschaften Ihnen schon noch weiter begegnen; denn wo die Gestelle aus sind, müssen sie retour, und dann geht's ein paarmal kreuz und quer über die Landstraße. Kilian,« rief er zum Kutscher, »halte nur Deine Klepper ordentlich stramm, sonst gehen sie auch durch.« Kilian murmelte einen Fluch durch die Zähne. Welcher Kutscher läßt seine Pferde bespötteln! Aber der Förster hatte recht. Es traf so ein! Die Reiterin oder ihr Falber schien erschöpft, als sie durch rasche Wendung in eine Schonung die Hetze aus den Augen verloren. Sie wollte die Straße trassieren, als durch die Büsche ein Reiter ihr den Weg abschnitt. » Grâce !« rief sie lächelnd und nicht erschreckt. Wie sollte auch der bildhübsche junge Mensch, blond, blauäugig, um seine Lippe keimte kaum der Flaum, ein schönes Mädchen erschrecken, als er nach dem Zügel ihres Pferdes und damit ihre Hand griff. Wie erschöpft hatte sie den Kopf, eine Ueberwundene, sinken lassen, ihre Wangen streiften sich. » C'est pour vous en secret !« flüsterte sie. » Mais pour lui en public !« Kaum waren die Worte gesprochen, als die Schelmin einen derben Schlag mit der Reitgerte auf das Pferd des Siegers tat; es bäumte sich, der Reiter, alles eher als dessen sich versehend, stürzte. Im selben Augenblick stieß eine weibliche Stimme einen zerreißenden Schrei aus, im selben Augenblick flog aber auch die Dame über die Straße. In der Mitte erhob sie sich im Sattel, die Gerte hoch in der Hand. » Trompés, Messieurs, je suis encore libre, trompés !« rief sie und verschwand in den Büschen. Die Hetze ihr nach, aber weit voran in Carriere der Ritzengnitzer. »Du sollst's nicht lange bleiben. Ich habe Dich doch.« Der Schrei kam aus dem Wagen der Ilitzer Herrschaften, die gerade jetzt um die Biegung der Straße fuhren. Ja, es war Theodor, der vom Pferde gestürzt. Aber es war weicher, märkischer Sand; der tut niemand Schaden. »Er klopft ihn sich schon ab,« sagte die Mutter, und wollte ihren Neffen heranrufen. Aber Malchen rief mit ängstlicher Heftigkeit Kilian zu, er möge weiterfahren. »Warum denn?« »Es ist doch gut,« meinte Herr Mauritz, »denn die Reiter könnten wiederkommen.« Kilian war schon von selbst dem Wunsche des Fräuleins nachgekommen. Aber sie trafen auf eine andere Fährlichkeit. Was versammelte die Hunderte von Menschen, was die Bajonnette und klirrenden Reiter auf dem Mühlenanger vor der Stadt? »Herr Gott, sie schießen!« »Das ist aber kein Gefecht,« beruhigte der Kandidat, der emsig hinaussah, die Damen. Der ersten folgte eine zweite, dritte Salve von mehreren Flintenschüssen. Ein dumpfes Murmeln, untermischt mit Geschrei von Weibern und Kindern. Als der Wagen sich langsam näherte, ritt ein Gendarm heran und befahl dem Kutscher, durchzufahren, es schien auf den Wink eines kommandierenden Offiziers, der zu Pferde hielt. »Herr Gott, was gibt es hier?« »Eine Exekution,« antwortete eine wohlbekannte Stimme von der anderen Seite des Wagens. Es war Baron Eppenstein. »Schließen Sie die Augen, meine Damen, es ist da nichts für Sie zu sehen. Die Marodeure von Dames Mühle werden füsiliert. Neun Stück. Die Franzosen wollen exemplarische Mannszucht halten. Es ist ein neuer Kommandierender heut angekommen.« Ja, wer kann die Augen schließen, wenn man ihm sagt: vor Dir geschieht das Entsetzlichste, was Du sehen könntest! Drei mit verbundenen Augen knieten auf dem Sandhügel, drei blutende Körper wurden fortgeschleppt, und drüben im Sand eine tiefe Grube! Sie trugen die Leichen ihrer Kameraden. Malchen war mit einem Aufzücken, das aber kein Schrei wurde, in Ohnmacht gesunken, die Mutter hielt sich die Hände vors Gesicht, konnte es aber nicht lassen, durch die Finger zu sehen. Der Kommandierende ritt ja an den Wagen, eine elegante militärische Gestalt von schönem, ernstem Gesicht. Er fixierte die Damen mit Kennerblicken, indem er sprach: »Beeilen Sie sich, meine Damen. Es ist kein Schauspiel für zarte Frauen. Der Krieg ist ein furchtbarer Richter. Wir tun es für Ihre Ruhe und Sicherheit. Ich bitte inständigst, eilen Sie und verschließen Sie Augen und Ohren.« Minchen zog rasch die Gardine vor das Fenster. »Verzeihen Sie, Herr General, das ist auch nötig, wenn wir's nicht sehen sollen.« Karoline rief: »Aber, Mine, wie ungeschickt wieder, der General, siehst Du ja, wollte noch mit uns sprechen.« Kutscher Kilian hatte aber die Pferde schon angetrieben. Als sie die Scheunenbrücke passierten, knatterte ihnen die nächste Salve nach, die letzte hallte an den Gewölben des alten Turmtores wieder. So war das Entree der Ilitzer Herrschaften in der alten Stadt Nauwalk. Zwölftes Kapitel. Der Ball muß sein. Ganz ein Paradies war Nauwalk nicht; schon um deswillen nicht, weil es immer schneite und regnete. Auch sollen im Paradies lauter Zufriedene wohnen; in Nauwalk gab es auch Unzufriedene. Madame Rothenmeier vom Deutschen Haus und der Wirt von der Goldenen Gans lagen sich noch immer in den Haaren, wer das Traktament beim Ball ausrichten solle. Kamen sie beim Bürgermeister mit ihren Klagen, so klagte er ihnen wieder. Er wußte ja nicht, wo ihm der Kopf stand vor lauter Beschwerden und Drohungen wegen Vieh und Menschen. Mehr Quartiere, bessere Quartiere, mehr Ställe, bessere Ställe, mehr Essen, besseres Essen, besseres Bier, anderen Hafer, trockenes Heu sollte er diesen schaffen; für jene weniger Einquartierung und mehr Zufriedenheit, nämlich der Einquartierten, mit Stroh und Bett, mit Brot und Bier, mit Hafer und Streu. Zwischen der Scylla: mehr für die Einquartierung! und der Charybdis: weniger Einquartierung! schiffte der Unglückliche steuerlos umher. Dort rasselnde Säbel, klirrende Sporentritte, hier das Geheul der Weiber, Verwünschungen auf seinen Kopf, und er sollte noch an einen Ball denken! Aber der Gedanke entging ihm nicht, er verfolgte ihn bis in sein Haus. Hatte sich endlich der geplagte Mann ins Kabinett verschlossen und auf den Sorgenstuhl geworfen, fing unter seinem Fenster die Janitscharenmusik an. Es flötete, schmetterte, dröhnte, klingelte und paukte, trotz des Schnees war der Markt gedrängt voll, sie rissen trotz der Nässe die Fenster auf, und alle waren in der Stadt glücklich, nur ihr Bürgermeister trug doppelt und dreifach ihre Sorgen. Und wenn dann die Melodien auch um seine heiße Stirn ihren Zauber zu spielen anfingen und seine Augen sich senkten, war durch die Tapetentür die Frau Bürgermeisterin eingetreten und stand vor ihm und wischte an dem nassen Auge. »'s ist doch auch um Deiner Töchter willen,« sagte sie. »Ich habe ihnen doch gesagt, daß es wird! Willst Du Deine eigene Frau vor Deinen Kindern blamieren?« Da schwieg er noch und holte aus der Brust einen tiefen Seufzer, der aber über die Lippen wie eine Art Pfiff kam, der bedeuten konnte: »Darum scher' ich mich auch viel!« – Wenn sie aber den anderen Ton anschlug: »Die Frau Generalin hat mich gestern abend wieder gefragt: Na, wie wird's denn mit dem Ball? Und die gnädige Komteß sind heut früh zum Herrn Receveur-General gefahren, und als sie zurückkamen und die Treppe heraufsprangen, sagten sie recht neckisch: Nun, liebe Madame Schulz, der Receveur freut sich, mit Ihnen die erste Polonaise zu tanzen. Ich sage Dir, wir blamieren uns! Wir blamieren uns in den Tod. Das gereicht der Stadt zum Schaden. So was vergessen sie nicht.« Wenn die Frau Bürgermeisterin den Ton anschlug, sprang der Bürgermeister auf, zerknitterte das Aktenstück, das er in der Hand hielt, und warf es auf die Erde: »Die Stadt, die Stadt hat damit nichts zu schaffen; die Stadt hat mehr zu geben als Bälle.« Dann wurde repliziert: der Kämmerer und der Syndikus und die Ratsherren haben ganz laut davon gesprochen, und man mache sich vor sich selbst zum Narren, und warum wären denn die vielen adeligen Herrschaften vom Lande in Nauwalk? Darauf erklärte der Bürgermeister: so könnten die adligen Herrschaften den Ball selbst geben, wenn's ihnen gefällig; den Ratssaal würde der Magistrat ihnen nicht abschlagen. »Und solche Schande will die Stadt auf sich laden?« Der Bürgermeister erwiderte dann, die Stadt tanze nicht. – Da war man zum eigentlichen Punkt des Streites gekommen: wenn der Landadel in Nauwalk einen Ball gab, liebten es die Herrschaften, unter sich zu bleiben; die Bürgertöchter wurden nicht eingeladen. Für einen derartigen Ball führte die Frau Bürgermeisterin nicht das Wort, sondern für einen Reunionsball, einen, wo alle Stände gleich wären – natürlich nur die Honoratioren – einen Ball der Versöhnung und allgemeinen Brüderlichkeit und des Friedens. »Und es wird kein Friede,« trumpfte heut der Bürgermeister. »Die Unterhandlungen haben sich zerschlagen, der Krieg geht fort. Deshalb, daß Du es weißt, halten die Herren es jetzt für unpatriotisch, mit den Franzosen zu tanzen –« »Die Herren sollen ja auch nicht mit ihnen tanzen,« fiel die Bürgermeisterin ein. »Die Komteß Elwire, die fragt den Geier nach, ob's Feinde sind, wenn's gute Tänzer sind. Und was sagte neulich die Frau Generalin, die wir uns alle könnten zum Muster nehmen: wenn die Militärs Krieg führen, so müssen die Zivilisten sich vertragen, und wenn die Männer toll sind, müssen die Frauen sie beim Kopfe kriegen und zur Vernunft bringen. Artigkeit und Galanterie, die muß man auch im Kriege nicht vergessen; denn wir sind nicht bissige Tiere, sondern für die gute Sache; nämlich die Liebe und Freundschaft, die wir den Franzosen zeigen, da streuen wir feurige Kohlen auf ihr Haupt, und sie lassen es unseren Leuten auch wieder entgelten. So muß man rechnen.« Sie ward in ihrer Berechnung durch die Anmeldung eines vornehmen Besuches unterbrochen. Vor dem Herrn Hofmarschall aus Quilitz mußte die Bürgermeisterin sich zurückziehen, was sie unter vielen Knicksen und der Erkundigung nach dem Wohlergehen der werten Familie des gnädigen Herrn tat, ohne zu ahnen, daß der vornehme Besucher in ihrem Interesse kam und es besser durch Gründe, als sie mit der Zunge durchzuführen wußte. Nach einem längeren Diskurs schloß der Hofmarschall: »Alle Verhältnisse sind umgestoßen, mein werter Freund, alle Begriffe haben ihre Prinzipien verloren. Wir stehen vor einer neuen Welt und wissen nicht, was da aufgeschlossen wird. Wo der Kompaß verloren ging, oder besser der Nordpol sich verrückt hat, muß der Schiffer nicht eigensinnig sein. Weiß er, ob der Hafen, nach dem er steuert, nicht schon im Erdbeben unterging? Laviert, laviert, und das lecke Fahrzeug in den ersten Nothafen getrieben!« »Wie würde man nach dem Frieden seitens unserer Regierung dies Festin in der Stadt vermerken.« »Wenn aber unsere Provinz in dem Frieden dem französischen Kaiser abgetreten würde, wie würde die gute Stadt einen recht hübschen Stein im Brette bei der neuen Regierung gewinnen, wenn sie die erste war, die ihr gehuldigt hat.« Der Bürgermeister war erschrocken. Er hoffte, so arg würde es nicht kommen. Das schiene ihm ein Lotteriespiel. Der Herr von Quilitz nickte bedeutsam. »Und ist es denn etwas anderes? Wer nicht einsetzt, gewinnt nicht. Nur setzt ein kluger Mann nicht alles auf eine Nummer.« Der Bürgermeister warf etwas hin vom heißgeliebten Vaterlande und den blutigen Tränen der Patrioten. »Auch ein schöner Begriff!« seufzte der Hofmarschall. »Aber wenn er nun einmal aufhörte! Sie sind ein Philosoph, Herr Bürgermeister.« »Einem Vaterlande muß doch jeder Staatsbürger angehören.« »Ich meine auch nicht, daß wir Zigeuner werden sollen. Aber das Vaterland kann größer werden; es kann die ganze kultivierte Welt umfassen. Wenn nun dieses Genie die Destinée hätte, sie zu erobern, aus Europa einen großen Staat, wenn Sie wollen, ein großes Vaterland zu machen!« Der Seufzer und die abwehrende Handbewegung des Bürgermeisters schien zu sagen: »Wie soll ich geplagter Mann an eine Universalmonarchie denken, wo ich nicht Platz finde für meine Einquartierung.« » Ce ne sont que des fantaisies ! Sie haben recht! – Recht und unrecht, lieber Herr Schulze. Bei Dingen, die uns über den Kopf wachsen, müssen wir uns ans Nächste halten. Zum Exempel, was wird aus den armen Offizieren, die aufs Bettelbrot angewiesen sind? Wovon sollen sie leben, wenn der Staat sie nicht wieder anstellt?« »Das muß und wird Seine Majestät tun. Die für ihn geblutet, kann er nicht dem Elend überlassen.« »Muß und wird! schöne Worte! Wenn er aber nichts hat? Die Hälfte seiner Länder muß er dem Sieger abtreten. Darauf müssen wir uns gefaßt machen, wenn es noch dabei bleibt. Nun frage ich Sie, wird, kann, darf er alle Notleidenden und Brotlosen aus der verlorenen Hälfte in die gerettete nehmen, und darf er sie mit dem füttern, was kaum für die Geretteten ausreicht?« Die Abschweifung vom Thema hatte ihre bestimmte Absicht. Nebenher geschah es, um eine gelegentliche Erkundigung über den Kornett einzuziehen, der seiner Familie so viel Sorge machte. Der Edelmann warf hin, daß der junge Mensch ja bis über die Ohren in eine junge Französin verliebt sein solle, und man spreche sogar, daß er, um sie zu gewinnen, in französische Dienste treten wolle. »Er wird doch nicht seiner Familie die Schande machen!« rief der Bürgermeister. »Wenn man hungert und verliebt ist, fragt man viel nach der Familie!« »Die würdigen Herrschaften von Ilitz! Ich hielte es für ein wahres Unglück.« »Wenn eine reiche Französin den Burschen nehmen will! Liebster, bester Bürgermeister, man muß in Nauwalk nicht antediluvianisch denken. Ich hielt es nur für ein Unglück, wenn sie ihn am Narrenseil führte.« Dies veranlaßte den Bürgermeister, über das anstößige Betragen der jungen Leute, ihr Trinken und Singen im Ratskeller, ihre Cortegen hinter der französischen Gräfin, sich zu beklagen. Wenn er nicht den Stand und die Verwandtschaft der jungen Wüstlinge bedächte, wäre er genötigt, als Sittenwart der Stadt, dagegen einzuschreiten. So etwas muß zur Kalamität der Zeit noch hinzutreten! – »Desperation, was will man von der Desperation!« war der einzige Trost und Rat des Edelmannes, und die einzige Frage: ob die jungen Leute Geld hätten, um ihre Tollheiten zu bezahlen? Auf die Antwort hatte er schon nicht mehr gehört, als er anscheinend zu seinem Thema zurücksprang. »Alles das wird sich ja mit dem Ball ausgleichen und arrangieren lassen. Wie gesagt, liebster Bürgermeister, wir sind ganz d'accord , um den Ball kommen wir nicht herum, und Sie haben wieder ganz recht, es fragt sich nur über das Wie? Ich war ordentlich erschrocken über den Empfang beim Herrn Receveur. Wir glaubten doch genug eingeheizt zu haben und – wie kühl war er!« Der Bürgermeister zuckte seufzend die Achsel. Er hatte ja schon gehört, daß der Receveur hier auf die Pferde des Hofmarschalls geblickt und sich gewundert, woher sich die schönen Exemplare in der Provinz erhalten hätten? »Der Herr Receveur steht nicht allein!« »Aber, mein bester Freund, was ist es mit dem Intendanten? Da glaubte ich doch, hätten wir uns ganz verständigt. Einen Ehrenpokal oder so etwas von Service will er nicht. Gut! das sind die besten, die geradaus sagen, in welcher Münzsorte sie bezahlt sein wollen. Es kam nur noch darauf an, wie viel er fordere. Als ich aber bei meiner Visite als façon de parler ihm für den großen Dienst danken wollte, den sein hohes Gerechtigkeitsgefühl der Gegend erwiesen –« »Der Oberst d'Espignac ließ die Marodeure erschießen,« unterbrach ihn der Bürgermeister. »Das wußte ich so gut wie er; aber warum kam er meiner Intention nicht entgegen! Was pustete er sich auf wie ein Puterhahn, sprach von freundlichen Gesichtern von außen, aber im Innern stecke Verschmitztheit und Betrug. Ich fange vom Ball an, wie ich mich freute, daß dies das Mittel werde, um so manche Vorurteile und Mißverständnisse zu beseitigen, um uns ganz kennen zu lernen. Da fährt er heraus: Das halten Sie wohl für die billigste Weise, uns abzufinden! – Ich gestehe Ihnen, ich war frappiert, aber gut – so wird er doch mit seiner Forderung endlich herausrücken. Ich ergreife seine Hand, beteure, daß uns das nicht in den Sinn kommt, der Ball sei nur eine Ostentation, und nun möge er seine Bedingungen nennen. – Da fährt er auf, sieht mich an, spricht von impertinent und cholant und läuft, allerlei Tolles, Unverständliches sprechend, im Zimmer auf und ab, daß man's im Bureau nebenan hören muß. Poltert dann los, die Kreuz und Quer: der Kaiser sei viel zu gut gegen die Preußen; wir wüßten seine Güte nicht zu schätzen. In Berlin, auf dem Lande, überall konspiriere man noch immer mit der gewesenen Regierung. Ob man denn glaube daß ihre Geduld unerschöpflich sei! Er ließ mich nicht zu Worte kommen. Da erfuhr ich denn auch, daß unser Kornett wirklich davon gesprochen, in französische Dienste zu treten, daß Muhmen und Basen darüber ein Geschrei erhoben, als wenn er zur Hölle fahre. Ob das nicht Insulten wären gegen die große Nation! Aber ginge es nach ihm, würde er füselieren lassen, nicht solche armen Schlucker, die einmal in einem Hause geplündert und geküßt, sondern die Verräter an seinem Kaiser, solche versessene Bürger und Edelleute, die, süße Worte auf den Lippen, im Herzen Gift kochten. – Ich gestehe Ihnen, lieber Schulze, ich verlor die Contenance. Was er wollte, weiß ich – Geld, und viel Geld! Aber warum das auf diese Weise, und noch dazu, wenn man schon den Geldbeutel in der Tasche aufzieht.« Man soll nie die Contenance verlieren, am wenigsten darf es ein vornehmer Mann, der seine Superiorität gegen einen niedriger Gestellten bewahren will. Was das Herz drückt, nicht auf der Zunge behalten können, ist das Patrimonien der Gemütsmenschen, und wird der Köder, womit die Klugen sie fangen. Auf den Lippen des Bürgermeisters schwebte ein Lächeln, das empfindlichste für den Mann, der seine Superiorität zu bewahren ängstlich bestrebt ist, das Lächeln des Besserwissens. »Wenn man es im Bureau hören konnte, so ward vom Herrn Intendanten wahrscheinlich für das Bureau gepoltert.« »Aber ein französisches Bureau ist ja –« »Ein Personal von Dienstboten, die für ihren Chef horchen, sprechen, schreiben und solche Geschenke empfangen, nach denen er ehrenhalber nicht selbst die Hand ausstrecken darf. Aber es können auch Horcher im Bureau sein, Spione für einen höheren Chef. Was der Intendant vor dem Bureau sprach, war wahrscheinlich für den Colonel d'Espignac gesprochen.« »Wer ist der Colonel?« Was der Bürgermeister dem Edelmanne mitteilen konnte, war mehr geeignet, seine Neugier zu reizen und seine Besorgnis zu steigern, als jene zu befriedigen. Seit der Colonel mit seinen Kürassieren eingerückt, waren der Receveur-General und der Intendant nicht mehr die ersten Autoritäten. Wie es zwischen Militär- und Zivilbehörden zu gehen pflegt, die sich nicht gerade subordiniert sind, es war eine unangenehme Rivalität eingetreten, jeder paßte den andern auf den Dienst, und es waren schon viele Mißhelligkeiten zu Tage gekommen. Der Hofmarschall kniff die Lippen. »O weh, der will auch ein Geschenk. Das wird eine teure Geschichte. Aber coute que coute, die Pferde müssen wir retten!« Der Bürgermeister schüttelte den Kopf; es war wieder ein unangenehmes Lächeln des Besserwissens in seinem Blicke. »Wie! Sie glauben nicht, daß er Geschenke nimmt?« »Er soll von Familie sein.« »Alle Franzosen nehmen Geld. Wozu wären sie hier?« Was der Bürgermeister über den Kürassier-Obristen dem Edelmanne mitteilen konnte, schien nicht geneigt, ihn heiterer zu stimmen. Ein stolzer Mann, der sich rar macht, abgezeichneter Kavallerist und militärischer Kommandeur, pünktlich im Dienst, streng gegen alle Exzesse, gelte er doch eben für keinen guten Zeltkameraden, hatten andere Offiziere angedeutet; er wisse sich etwas auf seine Art und sein Wissen, denn er studiere viel. In seinem Zimmer sähe man seltene Bücher; auch schwebe etwas Eigenes, um nicht Geheimnisvolles zu sagen, um seine Person. Möglich, daß dies auch der Grund sei, weshalb man ihn in der Arrieregarde belasse, da seine Verdienste in Italien und den Alpen ihm wohl einen Anspruch gäben, auch in diesem Feldzuge voran zu sein. Seine Höflichkeit und sein verbindliches Wesen atme doch einen andere beleidigenden Stolze und das Bewußtsein: ich bin besser und feiner als Ihr, scheuche selbst die zurück, welche sich selbst für fein und gut hielten. Die Bürger könnten nicht über ihn klagen, ohne sich zu ihm hingezogen zu fühlen. Dagegen sei er chevaleresk gegen die Damen und ein Amateur schöner Pferde. Der Receveur hatte dem Bürgermeister andeuten lassen: wenn der Colonel auf die Pferdelieferung zukomme, so möchten sich die Pferdebesitzer auf ein Skrutinium gefaßt machen, daß ihnen Hören und Sehen verginge. Wider Erwarten sprang der Hofmarschall vergnügt auf und ergriff den Hut. »Vortrefflich! Chevaleresk und Amateur von Damen und Pferden. Da kommen wir noch wohlfeiler fort. Der Ball wird nun eine Notwendigkeit. Keine Widerrede, liebster Schulze! Der Ball für den chevaleresken Franzosen; ein gutes Päckchen in barem Courant für Ihren Receveur, daß er uns das stecken ließ; ein Reitpferd, es muß aber leider ein gutes sein, für den Amateur Colonel; und für einen Bericht unter der Hand an unsere Behörden, der uns außer culpa stellt, lassen Sie mich sorgen.« So scheinbar vergnügt der Hofmarschall ging, war er es doch in der Wirklichkeit so wenig als der Bürgermeister. Er hatte, was in ihm vorging, nicht zu verbergen gewußt, und je unruhiger er ward, um so mehr war von der Politur seiner vornehmen Haltung abgefallen. Unter anderen Umständen hätte der Herr von Quilitz es dem Bürgermeister nicht verziehen, daß ihm gerade vor ihm das passieren mußte. Ein Stolzer vergibt leichter dem, der ihn gekränkt hat, als dem, der Zeuge seiner Schwäche ward. Die Tür öffnete sich, und durch die Ritze rief die Frau Bürgermeisterin: »Aetsch, nun wird doch Ball!« »Du lieber Gott,« rief Herr Schulze in seinem Sorgenstuhl, das Gesicht in die Hände gedrückt, »wofür leben wir denn! In der Schule, auf der Universität, was pfropfen wir uns ein von Begriffen und Ideen! Und wenn einer so glücklich oder so unglücklich ist, mit ans Ruder zu kommen, und man möchte die Ideen aufpacken! – Sorge und Not, Not und Sorge! Und was! Wenn's Vaterland nicht zu retten ging, retten wir doch vielleicht die Pferde. Und darum mit blutendem Herzen bei Pfeifen- und Beckenschallmusik in die Luft gesprungen!« Dreizehntes Kapitel. Zwei Anstands-Visiten. Es schneite immer fort. »Wenn der Schnee nur endlich liegen bliebe!« sagte Minchen, am Fenster der niedrigen Stube mit einer Näharbeit beschäftigt. Die Stube war nicht unfreundlich. Die Frauen von Ilitz hatten sich behaglich eingerichtet; der Seufzer der gnädigen Frau, die sich umschaute, war vielleicht nur das Resultat einer Vergleichung mit den düsteren Mauern ihres alten Steinhauses. Die Mauern im Deutschen Hause waren zwar etwas krumm, der Fußboden schief, denn das ganze Gebäude hatte sich gesenkt, aber wie hell waren die Wände gestrichen, wie sauber Dielen, Türen, Fenster gescheuert; der Ofen so hübsch warm, und das Schneelicht so hell. »Ach Gott, Kinder, schweigt doch von dem Ball, mir ist so bang zu Mute, wenn ich dran denke,« sagte die Mutter. Minchen meinte, es sei auch ganz recht, wenn nichts draus würde. »Wir haben keine Kleider dazu. Wir müßten sie uns aus Ilitz kommen lassen. Und der Vater würde schöne Augen dazu machen.« Das sei nun schon der dritte Tag, daß die Botenfrau nicht gekommen, erwiderte die Mutter. Man wisse ja kein Sterbenswort, wie es zu Hause aussieht. – »Und bis der Schnee nicht fest bleibt,« setzte Minchen hinzu, »kommt keine Botenfrau durch den Luch. 's ist unergründlich, sagt Frau Rothenmeier, draußen.« Malchen, die am Ofen schrieb, wischte ihre Feder aus – sie hatte für die Familie in einem langen Briefe an den Vater die Vorfallenheiten berichtet. »Wie sollen wir's denn zu ihm kommen lassen?« »Schicke doch Deinen Kandidaten hin,« rief Karoline; »wenn Du es ihm aufträgst, läuft er durch Schnee und Sumpf.« Die Mutter verbat sich die Neckereien. Wo so viel Hader und Zwist in der Welt sei, müßte man wenigstens in der Familie Frieden halten. »Und was wären wir hier ohne Herrn Mauritz! Er handelt wirklich wie ein Vormund.« »Und will doch nicht, daß wir bei der Frau Generalin eine Visite machen,« warf Karoline ein. »Alle haben es getan, nur wir noch nicht.« »Weil sie sich langweilen,« trumpfte Minchen. »Wir langweilen uns nicht.« »Aber wir kommen wieder ins Gerede, und daran ist diesmal nicht der Vater schuld, sondern der Herr Kandidat.« »Du hast nicht recht gehört, Linchen,« sagte die Mutter. »Er hat es auch nicht gerade untersagt –« »Nun, das fehlte noch, daß Herr Mauritz uns was verbieten soll!« »Wir sollten nur erst des Vaters Meinung hören, meinte er. Und dann müßten wir doch auch ordentlich vorfahren. Die Kutsche, das ginge schon zur Not, aber wir müßten einen Bedienten nehmen. Und woher die Livree kriegen! Und mit meinem bißchen Französisch –« Minchen erklärte, das tue nun nichts, die Generalin spreche ja, wenn auch nur aus Gefälligkeit, Deutsch. Die Mutter fand den Ausweg, sie wolle noch einmal mit dem Vetter aus Quilitz darüber reden, der Hofmarschall habe ihr anfänglich zugeredet, nachher ihre Bedenken geteilt und denn versprochen, sich näher nach der Sache zu erkundigen. Da öffnete sich die Tür, und das Vollmondsgesicht der Frau Rothenmeier blickte mit einem eigentümlichen Ausdruck von Pfiffigkeit herein. Es war gewiß eine gute Frau, und ihre Botschaft auch eine gute, nur konnte sie vor Ueberanstrengung nicht gleich zu Worte kommen. Ihre Gestalt hätte man mit einem Bierfaß vergleichen können, das von zwei Beinchen getragen wird. So war sie die Treppe heraufgestürzt. Das ganze Faß atmete nach Luft, nachdem sie die Worte ausgestoßen: »Der Herr Hofmarschall werden gleich hier sein.« Wenn diese Meldung schon die Familie elektrisierte, was mehr, als ihre Lunge frei ward: »Und nun raten Sie, wen er mitbringt?« »Den Vater?« rief Minchen. »O, ganz was anders! – Die Frau Generalin –« »Die Genera –!« »Die Frau Generalin von Malcheren in eigener Person!« Der Strickstrumpf der Frau von Ilitz fiel auf die Erde, sie selbst fuhr vom Sofa und ihre beiden Hände in die Haube. »Mein Gott, doch nicht gleich!« Karoline, deren Blicke einem Reiter auf der Straße gefolgt, schlug das Buch zu und rollte die Stickerei zusammen; Amalie warf die Papiere in den Schubkasten und rückte den kleinen Tisch in die Ofenecke, und selbst das fleißige Minchen legte mit einem stillen Seufzer: »Wieder eine Unterbrechung!« ihre Arbeit fort. Es war zu spät. Die Wirtin hatte kaum Zeit, sich hinauszureden, als der Hofmarschall schon, die Generalin am Arm, eingetreten war. » Point d'honneur , point d'honneur!« entgegnete die Eintretende auf die verlegen vorgebrachte Frage der Frau Ilitz, wie sie zu der Ehre komme? » Comment vous portez-vous, ma chère baronne ?« Man schien nur französisch angefangen zu haben, um auf der Stelle ins Deutsche überzugehen. Ehe die Frau Generalin auf dem Sofa Platz genommen, ehe noch die Frau von Ilitz um Entschuldigung gebeten, daß es so hart sei, hatte der Gast die Wirtin embrassiert: »Das müssen Sie mir schon erlauben, meine liebe gnädige Frau von – wie ist doch gleich Ihr werter Name? Das tut nichts zur Sache. Namen sind eine gute Sache, aber ein gutes Gesicht ist besser. Das Ihrige sagt nur gleich, daß der Ruf nicht gelogen hat. Da konnte ich mir denn auch das Vergnügen nicht versagen, – der Herr Hofmarschall wird meine Dreistigkeit entschuldigen.« Der Herr von Quilitz erklärte kurz, daß, als er der Frau Generalin seine Aufwartung machen wollte, er sie schon bereit gefunden, ihren Besuch seiner teuren Schwägerin abzustatten, und die Generalin habe ihm erlaubt, sie begleiten zu dürfen. Er mußte dann auf die Bemerkung: »Vermutlich die liebenswürdigen Fräulein Töchter?« diese vorstellen. Die Fremde war charmée und enchantée , sie hatte immer gesagt, daß auf dem Lande die schönsten Blumen blühen; die beautés in der Stadt hätten nicht die rechte fraîcheur. Die Mutter fühlte, daß sie das Kompliment erwidern müsse; sie tat es mit vieler Feinheit, indem sie sich nach dem Befinden der Komteß, ihrer Nichte, erkundigte, und ihr Bedauern ausdrückte, daß sie den schönen und überraschenden Besuch nicht durch deren Gegenwart verschönert hätte. Ihre Töchter hätten sich schon längst auf die Bekanntschaft der Komteß d'Aiguillon gefreut. »Ach, der Wildfang hat die Migräne. N'en parlons pas , ma chère baronne. Wenn ihr etwas im Oberstübchen sitzt, bringt man sie nicht auf die Beine.« »Mademoiselle la comtesse lebt etwas retirée, « bemerkte der Vetter aus Quilitz. »Man klagt, daß man sie so selten sieht.« »Das sag' ich ja auch. Wozu geht man auf Reisen, als um gute Menschen kennen zu lernen.« »Man will auch bemerken,« fuhr der Hofmarschall mit einem fixierenden Blick fort, »daß, wo die Komteß hinkommt, sie bald wie der Blitz verschwindet.« »Sie hat kein Sitzfleisch, monsieur le maréchal . Nur auf dem Pferde, da hält sie aus. Ach, daß ihre Mutter so früh sterben mußte! Sie ist nun mal ein verzogenes Kind. Und Mucken hat sie im Kopf, aber von englischer Güte. Ihre Großmutter war eine Engländerin. Ich sagte oft zu ihrem seligen Vater: mit der Reitpeitsche erzieht man doch nicht junge Fräuleins. Als Kind schon, mit dem Lockenköpfchen, auf dem Pferde. Und die wildesten gingen ihr nicht schnell genug. Hurra mit der Peitsche! Das Reiten, wie gesagt, hat sie von ihrem Vater, und die englische Güte von ihrer Mutter.« Die Frau von Ilitz fühlte sich zu einem Gegenkompliment gedrungen: die Gräfin werde wohl das beste durch die Erziehung der gütigen Tante abbekommen haben. »Nein, nein! von mir hat sie nichts. Wir beide, meine liebe Frau Baronin, sind aus der guten alten Zeit, das heißt, ich will gar nicht sagen, daß meine gnädige Frau alt wären – Sie sind in den besten Jahren – aber diese jungen Springinsfelds haben andere Gedanken als wir, fragen Sie nur Ihre Fräulein Töchter. Die lachen uns hinterm Rücken aus; wir sind vom alten Register; von uns wollen sie nichts lernen. Haben auch recht. Wir sind ja alle auf der Welt, daß wir vergnügt sein sollen; der eine so, der andere so. Ich will nur froh sein, wenn ich meine Niece bis zur großen Armee –« Sie hielt rasch den Finger an den Mund: »Schelten Sie mich nur, daß ich so ins Plaudern kam, aber unter lieben Menschen geht das Herz mit der Zunge durch.« Die verschiedenen Personen in der Gesellschaft schienen Verschiedenes zu denken. Karoline hatte mit einem verächtlichen Zucken um den Mund der Sprecherin halb den Rücken gewandt. Der Hofmarschall hatte eine Prise genommen, mit einem gewissen Elan, der auszudrücken schien: Nun weiß ich genug! Die Frau von Ilitz hätte gern gefragt, ob die Komteß wirklich mit einem der großen Herren aus der Suite des Kaisers verlobt sei, wie es in der Stadt hieß, aber sie getraute sich nicht. Um die Pause zu unterbrechen, drückte sie ihr Erstaunen aus, wie gut die Frau Generalin sich deutsch auszudrücken wisse. »Frau Baronin sind zu gütig, daß Sie mein Geplapper noch als Deutsch passieren lassen. Meine Mutter war noch eine Deutsche, und mein Großvater war auch einer gewesen, aber ich bin als Kind in Batavia oder Kalkutta geboren, wo sie Sprachen reden, die eigentlich kein Mensch versteht. Gott weiß, was ich für eine reden würde, wäre nicht mein erster Mann von den Wilden gefressen worden. »Ja, ja« – wiederholte sie und brachte ihr Tuch etwas ans Auge, als die der anderen auf ihr hafteten – »es ist so. Als Oberst von den Holländern, in der Schlacht mit giftigen Pfeilen haben ihn die Karaiben tot geschossen und dann gebraten am Spieß und aufgefressen. Es ist kein Stück von seinem unsterblichen Leibe ins Grab gekommen. Sage ich Ihnen, da grauselte mich unter den Türken und Hottentotten – er war ein Mann so gut, und wie ein Kind – und hätte ich als Bettelweib zurück gemußt, da wäre ich nicht geblieben. Da ließ mich der Himmel meinen zweiten Mann finden, der mir rechtschaffen den ersten ersetzt hat; das kann ich wohl sagen. Damals war er noch nicht General, aber es ist ja alles ganz gut gegangen, und er ist avanciert.« »Der Herr General sind schon mit nach Preußen vorgerückt?« »Nein, er kann das Blutvergießen nicht leiden. – Sie sehen mich verwundert an, meine Herrschaften, aber wenn Sie wüßten, was mein lieber Mann für Blut vergossen hat in seiner Jugend! Er war so schrecklich tapfer, daß sie ihn immer zurückhalten mußten, nämlich gegen die Menschenfresser und Wilden. Nun hat er's satt und sagt: Das sind doch Christenmenschen hier und unsere Brüder; wen man heute totschlägt, wer weiß, ob man ihn nicht morgen lieb haben muß. Darum haben sie ihn ins Kommissariat gesetzt. Lieber Himmel, die Strapazen haben ihn auch ein bißchen angegriffen. Und mit was für gemeinem Gesindel muß er sich placken. Da muß er denn schon zuweilen einen über die Lippen nehmen. Aber wenn er hier wäre, die Nauwalker könnten froh sein. Er ist lammfromm und drückt, wo er kann, ein Auge zu. Er sieht mehr auf den guten Willen, was einer geben kann, und zieht den Leuten nicht das letzte Hemde aus. – Der hätte, glauben Sie mir, auch die armen Kerle da nicht totschießen lassen, und dicht am Tore, wo die Herrschaften vorbei passieren mußten. – Apropos, wie befindet sich denn Ihr Fräulein Tochter? Was hat uns allen das leid getan, daß sie vor Schreck krank werden mußte!« »Sie ist ja leidlich wieder hergestellt,« erwiderte die Mutter. Als die gute Frau Generalin ihre Teilnahme der Leidenden selbst beweisen wollte, irrte sie in der Person. Karoline entgegnete kurz: »Ich falle nicht in Ohnmacht, wenn Leute erschossen werden, die ihr Schicksal verdient haben.« »Ach, das ist ein Heroismus! Eine Heroine! Die muß ich an mein Herz schließen.« Als sie Karolinen umarmen wollte, rief die Mutter: »Nein, die hat die beste Gesundheit unter uns.« Malchen hatte sich fast hinter den Ofen gedrückt. Wer ist immer über seine Gefühle Herr und gibt sich Rechenschaft, warum ein Schauer ihn überkommt. Sie fuhr zusammen, als die Generalin ihren Nacken umfassen wollte, und barg an den Kacheln ihr Gesicht; aber die Tränen, die herausbrachen, konnte sie nicht verbergen. »Ach, das arme Kind friert noch. – Ein Fieberfrösteln hat nichts zu sagen. – Nach Regen kommt Sonnenschein. – Ihre Seelen sind nun im Himmel, liebes Fräulein. Denen tut kein Glied mehr weh, und der liebe Gott wird sie trösten. Aber,« setzte sie hinzu, »wer läßt denn am großen Wege Menschen erschießen, wo anständige Damen vorüberfahren! – Das war ein Massacre, sagt der Herr Intendant, und Monsieur der Receveur-General waren außer sich, wie er's gehört hat. Das wären Betisen, hat er gesagt, und wenn's nach ihm gegangen, lebten die armen Kerle noch, denn im Kriege müßte nicht jeder auf seinen Nebenmann sehen, weil er genug zu tun hat, wenn er auf sich sieht. Der neue Colonel will wichtig tun. Das ist ein hoffärtiger und grausamer Mensch, glauben Sie mir, von dem die Stadt und Gegend noch manches leiden kann. Er fährt bei keinem vor, und alle sollen zu ihm kommen. Erlauben Sie mir, meine Herrschaften, Sie vor dem inständigst zu warnen; da müssen Sie sich in acht nehmen –« Da knarrte die Tür, und dasselbe pfiffige Gesicht der Frau Rothenmeier guckte herein. »Meine Herrschaften, meine Herrschaften, der Herr Colonel mit der Frau Hofmarschallin – sie kommen schon die Treppe 'rauf.« Sie waren im Zimmer. Diesmal zuckte kein elektrischer Funke durch die Anwesenden, nur eine allgemeine Verlegenheit. Nur der Hofmarschall war davon frei. Er half auch den anderen. Wahrscheinlich habe der Herr Colonel ihm die Ehre erzeigen wollen, den Besuch, den er, der Hofmarschall, ihm gemacht, zu erwidern, und er sei der Bitte seiner Gattin nachgekommen, sie zu seiner verehrten Cousine zu geleiten. Er erlaube sich daher, den Herrn Colonel d'Espignac der Frau von der Quarbitz vorzustellen. Die Vorstellung der anderen Personen, soweit sie nötig war, folgte. Der französische Offizier war eine ritterliche Gestalt. Seine Züge sprachen von den Strapazen der Feldzüge. Er mochte in der Mitte der Dreißiger sein oder etwas darüber, sein dunkles Auge aber strahlte zuweilen von jugendlichem Glanze. Mehr als seine Züge sprach sein gesetztes Wesen von dem Stande, den er unter seinen Genossen einnahm. Dies hinderte indes nicht, daß er schon während der ersten Komplimente lebhafte Beobachterblicke auf die Anwesenden umherschweifen ließ. Wenn er ein Kenner und Liebhaber von Schönheit war, so hatte er wenigstens keine an seinem Arme hergeführt. Die lange und spitze Gestalt der Frau Hofmarschallin war etwa der Gegensatz zu der der Frau Rothenmeier. Als die lange Rike schon als Mädchen bekannt, führte sie noch als reife Fünfzigerin den Namen. Sie mochte deshalb die Gegend und die Menschen nicht leiden, welche letzteren diese ihre Gesinnung redlich erwiderten. Sie wäre gern immer in Berlin gewesen, und ihre Nachbarn hätten sie gern immer dort gewußt, denn ihre spitzen Reden stachen auch durch harte Haut, und die Salbe, welche ihr Ehegatte darauflegte, heilte nicht immer die Wunde. Von einigen wurde das Paar auch deshalb der Dornstrauch und die weiße Salbe genannt. Was man in Berlin Witz nennt, drang jener Zeit auch in die Provinz. Aber auch in Berlin hielt die lange Rike es selten lange aus. Zwar inkommodierte ihre stachlige Zunge weniger, wo so viele schlicht sind, aber in Berlin wußte man's nicht, daß sie auch die Allodialerbin der Klostergüter Schmachtenhagen und Schwanebük war, die Erbtochter der Queiste, welche jene Güter in der Reformation an sich gebracht. Mit ihr erlosch das vielgenannte Geschlecht, das im siebenjährigen Kriege zweiundsiebzig Kombattanten gestellt hatten die alle fürs Vaterland geblutet hatten, und, was noch merkwürdiger, alle als Kornetts, Fähnriche und Leutnants. Nur einer war Kapitän geworden, als er den Abschied nahm. In Berlin wußte man's nicht, und wenn man's gewußt, es hätte ihr damals nichts geholfen. In der Provinz wußte man's zu schätzen; darum heiratete sie ein Quarbitz aus Quilitz, was für die Queiste als Ehre galt, denn ihr Stammbaum war jenseits der Reformation sehr dunkel, für die Quilitzer aber als eine vorteilhafte Partie, denn was im Verlaufe der Zeit von den Dukatenkoffern der polnischen Gräfin abhanden gekommen, die Lücke füllten die Klostergüter der langen Rike. Aber es bedurfte der wunderbaren Wirkungen eines alles erschütternden Krieges, daß man die Frau Hofmarschallin ans Quilitz im Besuchszimmer der Frau Majorin von Ilitz sah: denn wenn die letztere vor Gott beteuern zu können glaubte, daß sie alle Menschen liebte, so wäre sie doch rot geworden, wenn eine Stimme aus dem Himmel gefragt: Auch die lange Rike? Es schrieb sich so von Jugend her. Deshalb konnte die ehrliche Frau von Ilitz auch nicht einmal die gewöhnlichsten Formeln von ungemeinem Erfreutsein stammeln; ja, sie war erschrockener über den Besuch ihrer Cousine mit der spitzen Zunge, als die gute Generalin über den des Mannes, den ihre breite Zunge eben gelästert hatte. Die Unterhaltung ward jetzt natürlich nur französisch geführt. Der Colonel sprach wenig, die Frau Hofmarschallin zwar perfekt, aber mit einer so unangenehm betonenden Aussprache, daß des Colonels Ohr selbst lieber auf das mangelhafte, aber weiche Französisch der Frau von Ilitz zu hören schien. Die Generalin streute nur einzelne Komplimente für den Obristen ein; ihre Bemühung, freundliche Aufmerksamkeit von seiner Seite zu erwecken, scheiterte aber an seiner gänzlichen Gleichgültigkeit. Die weiße Salbe bewährte sich übrigens; als vollkommener Hofmann wußte der Herr von Quilitz die Konversation, solange sie des Stoffes bedurfte, ebenmäßig hinzuleiten, daß sie eben nichts berührte und doch fortlief. Es war nur eine Anstandsvisite. Man sah schon an der Art, wie der Colonel den Hut faßte, daß sie zu Ende ging, und wunderfroh war die gute Frau von Ilitz, daß die Torszene nicht berührt ward. Bei der Präsentation hatte der Colonel geäußert: »Ich hatte schon die Ehre, die gnädige Frau zu sehen.« Aber der feine Mann hatte rasch abgelenkt, als er ihr Erröten bemerkte. Da mußte die Hofmarschallin die Unterhaltung aus dem Geleise bringen. »Apropos, Herr Colonel haben neulich ein paar Filous füsilieren lassen. Dafür müssen wir Ihnen ja dankbar sein.« »Klagen Sie den Krieg an, Madame.« »I, lassen Sie immer ein paar mehr erschießen. Es schadet nichts.« »Madame sind eine böse Feindin meines Kaisers.« »O, ich gönne Ihnen auch von unseren. Gesindel genug, das in den Schenken liegt und die Gutsbesitzer plagt. Zum Aufräumen, dazu ist der Krieg.« »Aber ich bedaure, wenn er zarte Damen aus ihrer Sphäre versetzt.« »Ich habe starke Nerven; aber es ist wahr, Ihre Töchter, liebe Cousine, kriegten ja wohl Konvulsionen. Sind alle drei in Ohnmacht gefallen? – Warum haben Sie nicht zu mir nach Eau de Cologne geschickt? Na, das Nauwalker Straßenpflaster wird sie schon wieder zu sich gebracht haben.« »Meine Töchter, gnädige Frau –« »Können einen Puff vertragen,« fiel die Gnädige ein. »Sie sehen ja auch schon wieder ganz robust aus. Beim Ball tüchtig geschwenkt, und der Schreck ist 'raus.« Der Colonel hatte den Stuhl gerückt und sich mit einer lauten Frage an den Hofmarschall gewandt. Dieser verstand zwar, was der Frager unter Kerbeließ meinte und bejahte, daß er Besitzer des Dorfes Querbelitz sei, ohne doch den Sinn zu erraten. »Die Bauern Ihres Dorfes haben uns einen Dienst geleistet, indem sie die Marodeure einfingen, aber warnen Sie Ihre Leute vor Konsequenzen. Die Fouriere melden, daß es Zänkereien mit der Einquartierung gibt. Ich gönne den Leuten ihren Stolz, sich selbst geholfen zu haben, das kann aber gefährlich werden – unter Umständen.« »Ich gönne ihnen, daß sie mal tüchtig in die Patsche laufen,« fiel die Frau von Quilitz ein. »Störriger Volk gibt es im ganzen Kreise nicht. Sie haben keinen Respekt vor der Herrschaft, weil mein Mann zu gut ist. Es sind wahre Republikaner.« »Kommt die Torheit auch hier vor!« sagte der Colonel. »Was meinen Sie mit dem Wort: unter Umständen?« fragte der Hofmarschall. Der Colonel war aufgestanden. »Ich habe keinen Grund, ein Geheimnis daraus zu machen. Versprengte Soldaten Ihrer Armee aus Lübeck, andere aus Kolberg, führen jenseits der Oder einen kleinen Krieg gegen unsere Truppen. Ein gewisser Skill oder Skiel, ein Aventurier, kommandiert sie; sie überfallen Transporte und unternehmen auch Anfälle auf schwache Garnisonen. Diese Neckereien schaden nicht viel, aber sie erbittern. Sie können nur gefährlich werden, wo die Bevölkerung unruhig ist. Ich hoffe doch, daß wir hier nichts zu besorgen haben –« »Sie werden sich doch nicht über die Oder wagen!« »Es ist nicht wahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Wenn ich hoffte, daß wir nichts zu besorgen haben, so meinte ich unsere freundlichen Wirte in dieser Provinz. Wir lieben nicht den kleinen Krieg, aber fürchten ihn auch nicht. Wenn er Ernst würde, würden wir ihm einen Ernst zeigen, der ihm schnell ein Ende macht. Dazu bin ich hier.« Sein Degen rasselte dabei an der Seite, wohl unwillkürlich. Die Damen sahen sich erschrocken an. Der Hofmarschall war es mehr als sie, aber er hatte seine weiße Salbe zur Hand. Er protestierte für die Friedfertigkeit und Loyalität der Kreisbewohner und schloß: »Wir lieben unseren König aufs innigste, wir beten für sein Glück, und darum für den Frieden, aber –« »Sie billigen keine Torheit,« unterbrach ihn der Obrist. »Ich nehme Ihr Wort als Pfand; Ihre Bauern werden vernünftig sein und sich dabei gut stehen. Unsere Offiziere werden jeden Exzeß, den unsere Truppen begehen, exemplarisch bestrafen, aber wehe dem, der sich zu Exzessen und Revolten gegen des Kaisers Truppen hinreißen läßt. Geben Monsieur mir auch das Wort, daß Ihre Edelleute hier ihre Schuldigkeit tun werden?« Der Hofmarschall versicherte, daß die Edelleute zu guter Gesinnung und zu klug wären, um einen solchen Wahnsinn zu begünstigen. »Dem Himmel sei Dank,« entgegnete der Franzose; »wir finden hier nur sehr vernünftige Leute. Aber die meisten Landedelleute, sagt man mir, waren Offiziere. Im alten Militär revoltiert oft das Ehrgefühl gegen die Vernunft. Man nennt mir einen Major von Kar – Quar – verzeihen Sie, Ihre Namen sind unserer Sprache zu schwer –« »Ein Mann von der loyalsten Gesinnung und Treue, der nichts tun würde, was ihm nicht sein König ausdrücklich befiehlt; dieser König hat ihn aus dem Dienst entlassen. Uebrigens hat er das Podagra; er ist mein Vetter. Herr Colonel befinden sich im Hause seiner Gemahlin. Meine Cousine wird Herrn Colonel versichern, daß ihr Gemahl niemals Aufrührer werden kann.« Die arme Frau von Ilitz! Wie war alles Blut aus ihrem Gesichte! Wie hatte sie unwillkürlich die Hände gefaltet und wollte sprechen, aber sie brachte keinen Laut heraus. Sie sah schon ihren Mann auf die nächste Festung geschleppt. Der Obrist kam ihr freundlich zu Hilfe. »Mögen andere Nationen nur Männer zur Bürgschaft zulassen, uns genügt die der Damen für ihre Männer. Vermelden Sie, Madame, Ihrem Herrn Gemahl unbekannterweise meinen Respekt. – Ich würde,« setzte er hinzu, »schon um deswillen hier keinem Argwohn Raum geben, weil ich Ihre jungen Offiziere in so kameradschaftlichem Verkehr mit den unseren sehe. Ja, mein Adjutant sagte mir, einer habe sich unter der Hand erkundigen lassen, ob und unter welchen Bedingungen man in der großen Armee preußische Offiziere aufnehmen würde? Das ist in der Tat mehr, als ich erwartet hatte.« Vielleicht war es, um die Stimmung zu prüfen, vielleicht auch ohne Absicht hingeworfen. Er sah eine Wirkung, die er nicht erwartet hatte. Selbst dem Hofmarschall entfuhr es: »Der Junge wird doch nicht verrückt sein!« Sogar die Generalin zuckte zusammen: »Hat sie's so weit getrieben!« Die Disharmonie, die er hervorgerufen, lag nicht in der Absicht des Colonel. »Meine Damen, sollte der junge Mann Sie näher angehen, meine Versicherung daß ich nichts Näheres weiß. Mag es doch auch nur Plaisanterie seiner Kameraden sein. Und bekümmerte Sie sein Entschluß, so beruhige es Sie, daß, wer sich bei uns zum Dienst meldet, noch nicht angenommen ist.« Der Colonel war gegangen. Die Generalin fand auch für nötig, nach Hause zu eilen. »Der stört uns noch hier die Assiette, Mesdames, wenn man sich da nicht vorsieht,« hatte sie beim raschen Abschied gesagt. Der Hofmarschall führte sie hinaus, aber es war eine andere Manier. »Madame,« sagte er an der Treppe, »sprechen ja wohl am besten holländisch?« Sie sah ihn zweifelhaft an: »Quälen Sie sich nicht.« »Weil mein lieber Mann, der doch in holländischen Diensten stand, und wir sind, wie Sie wissen, jetzt französisch –« »Drum werd' ich mir erlauben, Frau Generalin heut nachmittag auf ein Stündchen zu besuchen, wo wir ehrlich holländisch und ehrlich deutsch miteinander reden wollen.« »Es wird mir zur größten Ehre gereichen.« »Und zu Ihrem Vorteil, meine Frau Generalin, wenn wir uns verstehen. Ihre Komtesse Niece –« Sie sah ihn fragend an. »Wird Ihnen doch Ordre parieren, wenn Sie mit ihr auch holländisch sprechen?« »Ach, sie ist zuweilen rabiat. 's ist nicht mit ihr auskommen. Hat sie sich was in den Kopf gesetzt, o Jemine. Ich sage ihr ja, mit dem Kornett, Du bringst uns alle ins Unglück. Das geht hier nicht so, wie – und wozu? Da möchte sie Kobold vor Lachen schießen –« »Das soll der Komtesse d'Aiguillon freistehen, aber erstens, den Kornett muß sie loslassen, zweitens, die Franzosen brauchen keine Werber. Verstehen Sie mich? Hier gibt's Gerichte und Obrigkeiten. – Verstehen Sie mich?« »Ich glaube den Herrn Hofmarschall zu verstehen.« »Und drittens, will es mich bedünken, als hätte ich meine Frau Generalin schon im Leben gesehen. – Still, mäuschenstill wollen wir beide bleiben, das ist so am besten, um Ihre Niece, die Komtesse, nicht zu alterieren. Wenn das liebe Kind etwa Zutritt hätte beim Herrn Intendanten, vielleicht ist sie mit ihm verwandt, und ein Wort einfließen lassen könnte in Dingen, die ich Ihnen lieber holländisch sagen werde, dann, meine Frau Generalin, kann alles nach Ihrem Wunsch, verstehen Sie mich, in der Assiette bleiben. Bis dahin, meine Frau Generalin, habe ich die Ehre, mich Ihnen ganz gehorsamst zu empfehlen.« Er verbeugte sich sehr tief an der Treppe, sie knickste noch tiefer; er hielt dafür, daß die Generalin den Weg nach Hause jetzt ganz gut allein finden werde. Malchen war unbemerkt aus dem Zimmer verschwunden, als die anderen sie suchten. Die Frau von Ilitz war weinend auf das harte Sofa gesunken. »Wenn mein Mann das erfährt!« Die Hofmarschallin adjustierte ihre Toilette vor dem Spiegel. In der Kristalleinfassung, die sie zu vielfach widerspiegelte, mußte ihre gerötete Nase sie unangenehm ansehen. Sie wandte sich verdrießlich ab. »Ja, ja, meine liebe Frau Majorin, das kommt davon, wenn man Töchter mit roten Backen hat, die die Leute hübsch nennen, und nicht vorsichtig ist. Warum hat man den jungen Hurlebusch so verzogen, die Leute haben sich genug darüber aufgehalten. Undank ist der Welt Lohn. Die Malchen ist ja noch ein Kind, und so ernst wird's nicht gewesen sein, ich will's wenigstens hoffen. Hasenscharten und Liebeswunden wachsen mit den Jahren aus! Und bis sie unter die Haube kommt, ist das Gerede auch vergessen. Was die Leute reden, Sie haben recht, das ist Wind, aber 's ist ein unangenehmer Wind, und wer steht denn gern und läßt sich anblasen, wenn er in der warmen Stube sitzen könnte. Das hätten wir können, nehmen Sie mir's nicht übel, wenn Cousinchen Karolinchen den Herrn von Quiritz genommen; da saßen wir so warm, daß der Wind gar nicht zu blasen wagte. So was kommt nicht alle Tage wieder. Aber Cousinchen hatte recht; ästhetisch war er nicht gebildet und stotterte auch etwas. Und man will seinen Mann doch auch in der Gesellschaft präsentieren – nicht wahr, Minchen, der französische Obrist, das wäre ein Mann, der sich präsentieren läßt! Nehmen Sie sich in acht, er warf ganz besondere Blicke auf mein Cousinchen. Oder irrte ich mich, war's auf Sie, Karolinchen?« »Mich dünkt,« sagte Minchen, »er sah immer die gnädige Tante an, oder war's die Generalin?« »Ach, Kinder, wenn nur nicht Krieg wäre und die Franzosen!« jammerte die Frau von Ilitz; »es war alles so hübsch bei uns.« »Und wird schon wieder hübsch werden,« sagte die Hofmarschallin, als ihr Gatte eintrat, um ihr den Arm zu bieten. »Und wenn Sie die Malchen nicht kurieren können, schicken Sie sie zu uns nach Quilitz. Meine Jungen sollen mit ihr tollen, daß sie wieder ein Kind wird.« »Und alles, Mesdames, wird sich schon arrangieren, wenn man nur vorsichtig zu Werke geht,« setzte der Herr von Quilitz hinzu. »Aber beim Ball dürfen Sie nicht fehlen.« Die Luft war frei. Alle fühlten es und atmeten auf. Der Mutter stürzten die Tränen aus den Augen: »Ich weiß nicht, was schlimmer ist. Wenn man noch solche Reden hören muß!« Karoline kehrte sich vom Fenster um: »Warum hören wir sie! Vater sagt, die Queiste sind ein Kammerdienergeschlecht, und keiner verleugnet seinen Ursprung.« Vierzehntes Kapitel. Malchen. Im Erkerstübchen des Deutschen Hauses saß der Kandidat und dachte seiner Lage nach. Wer war er, und was war er hier? – Kaum aus Gnaden, so schien es, in der Ilitzer Familie aufgenommen, weil er seinem vorigen Herrn unbequem geworden, von dem adelsstolzen Major noch eben empfindlich auf seine demütige Stellung zurückgewiesen, war er plötzlich mit einem Auftrage betraut, den ein Familienvater nur dem nächsten, bewährtesten Blutsverwandten und Freunde überträgt. Nicht allein das Herzensverhältnis einer geliebten Tochter sollte der junge Mann überwachen und zu lösen suchen, einwirken auf das Schicksal eines jungen, trotzigen Verwandten, ihn überreden, nötigen, zwingen, eine andere Lebensbahn einzuschlagen, auch zum Ehrenwächter über seine Familie hatte ihn der Major gesetzt. Noch am Morgen hatte er ihm Aufträge gegeben, daß er ihr Benehmen beobachten und regulieren solle, weil – seine gute Frau sich nicht immer in die Verhältnisse zu finden wisse. Kannte er denn diese Verhältnisse, die möglichen Konflikte, in welche man in der schweren Zeit geraten mochte? Und nicht einmal spezielle Anweisungen waren ihm erteilt, es war alles seinem Ermessen, seinem Urteil überlassen. Woher dieses allgemeine Vertrauen? Etwa seiner Kenntnisse, seiner Bildung wegen? – Auf die gab der Major nichts. Um seines Charakters willen? – Den hatte er noch nicht erprüft. Je mehr er darüber nachdachte, kam er zu dem demütigenden Schlusse: es war nicht er, der Mensch, der denkende, gebildete, unterrichtete junge Mann, nicht der Bürger des Staates, es waren nicht seine redlichen Gesinnungen, nicht sein Geist, was ihm das verschafft, sondern allein der zufällige Umstand, daß das Konsistorium ihn vor der Zeit ordinieren lassen, um einen tauben Prediger in seinem Amte zu unterstützen. Er und alles Bessere, was er in sich fühlte, war vor dem Mann gleich Null; nur des Edelmannes Respekt vor dem geistlichen Stand war auch auf ihn übergegangen. Hätte ein Luftzug, ein Bad ihm die Weihe nehmen können, so war er wieder vor ihm – ein Nichts. – Aber lag nicht auch nebenher in der Ausdehnung des ihm geschenkten Vertrauens eine Mißachtung? Der Herr von Quarbitz würde sich sehr bedacht haben, einem im Stande Gleichstehenden so zarte Aufträge anzuvertrauen, ihn so tief in seine Familienverhältnisse blicken zu lassen. Es war der ganze Hochmut des alten Edelmannes, der ihn als nichts, als ein leeres Gefäß betrachtete, in das er ohne Gefahr alles schütten konnte, was ihn bewegte. Er war zu seinem Instrumente geweiht, weil der Edelmann sich nicht einbildete, daß er selbst, auf eigene Hand für sich, Anteil daran nehmen, Empfindung dafür haben könne. So kannte man in den Familien der alten französischen Aristokratie keine Scheu und Rücksicht vor der Dienerschaft, vor ihr sprach, tat, verrichteten die Familienglieder, was sie vor jedem gleichgestellten Fremden Scheu getragen hätten, nur zu erwähnen. Es waren für sie nicht menschlich fühlende Glieder, sie galten nur als ein Gerät des Hauses. Seine Empfindlichkeit machte den Kandidaten doch vielleicht ungerecht. Einem Rationalisten würde der Major nicht viel Vertrauen geschenkt, einem Informator von den Ansichten seines Predigers Faßbinder den Auftrag nicht erteilt haben. »An welchem Schöpfungstage streute der Herr dies Samenkorn aus, das so fruchtbar in der Kreatur, die er zu seinem Ebenbilde bestimmt, gewuchert hat? Diese Herrschbegier, die, allein den Strahl der Sonne trinkend, unter sich nur Gewürm, Zahlen, Sandkörner erblicken möchte? Es kann doch nicht Angewöhnung, es muß Natur sein, wo dasselbe sich zeigt, von der Stube der Werkmeister an, wo der Gesell den Burschen knechtet, der Bursch, ein halb Jahr älter, den Neuling, vom Bauern an, der mit tiefer Verachtung auf die Kolonien und kleinen Leute niederblickt, bis da oben hinauf, wo sie sich die Auserwählten, die allem von Gott Begnadigten wähnen. Wäre es ein Kern der Frucht, die die Schlange angegeifert? – Nein, die Ader ist's, die durch die ganze Welt pulst, die die Menschheit zu großen Taten förderte. Das kann nicht vom Satan sein! Sie alle, die wir Wohltäter unseres Geschlechtes nennen, wollten hinanklimmen zu den schwindelnden Wolkensitzen, zu den starren Felsgipfeln, von wo die Erde so klein erscheint. Sie traf dann der Blitze Strafe für ihre Vermessenheit, uns aber zeigten sie den Weg. Nur der eine nicht, er überhob sich nicht. Er rief die Kindlein zu sich, auch die Zöllner und Schächer, er lehrte, daß der Geringste dem Höchsten gleich vor dem Ewigen, daß ein Kamel eher durch ein Nadelöhr kommt, als ein Reicher ins Himmelreich, der verlorene Sohn dem Vater teurer ist, als der nie strauchelte und irrte, das verlorene Schaf lieber dem Herrn als zehntausend, die immer dem Hirten folgten. Dem, seiner Lehre sollen wir nachfolgen! Und wo blieb sie unter denen, die auf seine Worte schwören? Was haben seine falschen Propheten daraus gedeutelt? Daß wir uns alle fühlen sollen als Nullen; nicht vor ihm, dem Herrn über der Welt, sondern vor den Herren und Herrschaften in der Welt! – Wäre dies das Alpha und das Omega, das Ziel der Ziele, des Kreislaufs Ausgang, daß wir wieder am Eingange ständen?« So etwa hätten des Kandidaten nicht ausgesprochene Worte geklungen, aber die bittere Reflexion schien von ganz anderen Phantasien accompagniert zu werden. Auf seiner Stirn lagerten sich nicht Runzeln düsteren Zweifels, sie war glatt wie von innerer Zufriedenheit. Wer ist nicht zufrieden, wenn ihm etwas nach langer, schwieriger Tätigkeit gelungen, auch wenn das Resultat, betrachtet zum Ganzen, geringfügig ist. Das erhält Parteien aufrecht, die nicht zum Ziele gelangen, daß sie auf dem Wege dahin einzelne Siege erfechten. Unsere geistigen Lebensregungen, sind sie nicht auch wie die Parteien? Wenn auch keiner je das erreicht, worauf er in der Jugend ausging, unterwegs glückt ihm doch hier und dort etwas, oft das Entgegengesetzte von dem, was er gewollt, aber das Gelingen stärkt seine Kraft. Ein Tor ist, wer nach Schätzen gräbt und froh ist, wenn er Regenwürmer findet; wer aber, wenn er im sonnverbrannten Gebirg nach edlen Metallen gräbt, eine frische Quelle findet, die dem Verschmachtenden den Durst stillt, und nicht darüber froh wäre, der wäre kein Mensch. Er war ans Fenster getreten. Ein wunderbares Wetter war es, ein April im Winter. Es hatte zu schneien aufgehört, und aus dem blauen Himmel strahlte die Sonne auf die beschneiten Dächer, Höfe, Straßen; ein schöner, fast ein malerischer Anblick: die alten Baulichkeiten, die gezackten Giebelränder, die Holzgalerien der Hinterhäuser, in scharfen, dunklen Linien abstechend gegen die helle Schneelast, die sie drückte, um doch schon in kristallenen Tropfenfall sich aufzulösen, Perlen von der Sonne beschienen. Wenn sie einige Stunden fortschien, zerstörte sie ihr eignes Schauspiel, denn auf dem Boden trat schon unter den Fußtritten der schwarze Kot hervor. Vom Erkerfenster war eine weite, weiße Fernsicht in die Felder, aber sie ging auch auf die Höfe. Der Kandidat richtete sein scharfes Auge nicht zum erstenmal auf den des Hauses, in welchem der Bürgermeister wohnte. In alter Art lief eine übergekragte Holzgalerie um das Innere desselben. Die Sonne schien gerade hell darauf, als eine elegante, weibliche Gestalt hinter einem Pfeiler eine Kußhand in den Hof hinunter warf; dann trat sie seitwärts zurück, und er sah nur noch, wie sie mit dem Tuche nach einer anderen Richtung wehte. Aus der Seitengasse kam ein junger Mann. Noch einmal blickte er, an die Ecke eines Hauses gelehnt, zurück, dann taumelte er mehr als er ging. Die Mittagssonne schien auch hell auf sein blühendes Gesicht, die Augen schienen es mit der Sonne aufnehmen zu wollen. Die offene Brust spottete des Winters. – »Unglücklicher,« entfuhr es dem Kandidaten, »vielleicht eilst Du jetzt der entsetzlichsten Stunde Deines Lebens entgegen! – Daß die Natur so schöpferisch an Qualen, die sie unserer Schwäche bereitet, und daß die, welche der Seele eine Todesangst auspressen, noch die Schmerzen des Körpers überbieten!« Da klopfte es leise an die Tür, sie öffnete sich ebenso leise, und eine schüchterne Stimme fragte: »Sind Sie allein, Herr Mauritz?« »Fräulein Amalie!« Sie war im Zimmer. Die Tür blieb halb auf. Sie sah ihn ängstlich an und senkte wieder die Augen, halb setzte sie sich, halb sank sie auf einen Stuhl in der Mitte des Zimmers. Der Kandidat schien in Zweifel, ob er die Tür zumachen solle. Sie verstand ihn. »Ich muß, ich muß! – Es geht nicht anders. – Sie werden uns nicht stören, es ist eine große Gesellschaft unten.« »Sie armes Kind!« sagte der Kandidat aus ganzem Herzen. »Ja, so ist's recht. Betrachten Sie mich als ein Kind. Ich bin's auch noch. Aber – aber es will mir das Herz sprengen – nur das nicht!« »Es wird sich doch alles vielleicht noch zum guten fügen, für Sie, für uns alle.« Sie hielt die Hände vors Gesicht, um sich Mut zum Sprechen zu machen. »Sie halten mich vielleicht für recht albern. Sie meinen, ich könnte noch mit der Puppe spielen. Aber wenn man eine Puppe recht lieb hat, weint man um sie, wenn sie zerbricht, als wenn sie ein lebendiger Mensch wäre.« »Die Tränen, Fräulein Malchen, gab uns Gott, den Erwachsenen, wie den Kindern. Wehe denen, die in ihrem Schmerz keine Tränen finden. Wir dürfen uns ausweinen, damit es in uns klar wird. Alsdann sehen wir die Dinge anders an als vorhin. Was uns schön dünkte, kommt uns dann wohl gar häßlich vor, und was uns mißfiel, davon bemerken wir wohl manches, was uns nun gefällt.« Sie schüttelte leise das Köpfchen, als habe der Kandidat nicht getroffen, was sie bewegte. »Um in Ihrem Gleichnis zu bleiben, Fräulein, wenn ein Kind die Puppe fallen läßt und sie zerbricht, so ist damit nicht alles an ihr zerbrochen und vernichtet. Eine sorgsame Mutter nimmt sie wieder auf, sie pflegt die Puppe, wenn man es so nennen will, und unter geschickter Hand wird sie wieder neu, eine andere –« »Wir wollen aus dem Gleichnis fort, lieber Herr Mauritz,« unterbrach ihn Malchen mit einem so klaren Blick, als hätten die Tränen die Wirkung gehabt, von der er eben sprach. »Mein Vater vertraut Ihnen, ich traue niemand mehr als meinem Vater, also vertraue ich auch Ihnen ganz. – Ich liebe Theodor nicht mehr –« Wenn der junge Mann vielleicht selbst damals die Liebe nicht anders kannte als aus dem Ovid, so hatte er doch schon bedeutende Studien über die Liebe durch die vertrauenden oder unwillkürlichen Mitteilungen des Kindes gemacht. Er glaubte ihrer Versicherung nicht. Er sprach es nicht aus, sein Blick sagte es. Und sie verstand den Blick vollkommen. »Neulich im Walde, als ich aufschrie, war ich ein Kind. Wenn ich da gesagt hätte, nun ich liebe ihn nicht mehr, hätten Sie mir nicht glauben dürfen. Es war wie ein giftiger Stich, es war ordentlich wie Haß. Aber ich glaube jetzt, man kann hassen und dabei doch lieb haben. Da hatte ich bald tausend Entschuldigungsgründe für ihn.« »Er ist leichtsinnig, Fräulein, im höchsten Grade leichtsinnig. Die Frauen haben ihn verwöhnt, und die Schule der jungen Offiziere ist eine schlimme für einen jungen Mann ohne feste Grundsätze. Aber wer sich verführen läßt, ist darum noch nicht verdorben. Die bitteren Erfahrungen, die ihm da bevorstehen, die Leiden, Entbehrungen, Täuschungen stählen oft die Seele, daß sie aufschnellt, die Schlacken von sich wirft, und das edle Metall klingt und strahlt –« »Das wünsche ich Theodor von ganzem Herzen,« unterbrach sie ihn mit fester Stimme. »Wenn zu so etwas ein Gebet zum lieben Gott hülfe, so würde ich Sie bitten, Herr Mauritz, mit mir zu beten. O ja, ich wünsche ihm alles Gute, glauben Sie es mir, daß es ihm auch licht werde vor den Augen des Geistes, wie Sie einmal predigten, ich weiß die Worte noch: daß der Strahl der Gnade niederschieße in sein verwüstetes Dasein, daß er fühle, wozu Gott die Kreatur Mensch erschaffen; sie solle den Blick erheben zu seinem Auge, das die Welt erleuchtet und wärmt, zu den Sternen, die er am Firmament gesäet, daß wir auch in der Finsternis an ihn glauben; sie solle nicht kreuchen wie das Tier, sondern aufrecht gehen und aufrecht jedem Mitgeborenen ins Gesicht sehen, nicht auf den Genuß sich stürzen, sondern, den Geber aller guten und vollkommenen Gaben preisend, so genießen, wie es seinem Ebenbilde ziemt. – Ich weiß alles das noch, aber –« »Die Art, wie er sich Ihrer Familie vorstellte, einer Familie, der er alles verdankt –« »Nein, Herr Mauritz, ich meine – ich weiß es nicht – aber mir ist so, als ob auch die Dankbarkeit eine Grenze hat.« »Wie kommen Sie darauf, liebes Kind?« »Ich glaube, ich habe es von Ihnen. Sie müssen schon einmal so etwas von der Kanzel gesagt haben: daß der Mensch auch eine Verpflichtung hat gegen sich selbst, seine eigene Menschenwürde zu erhalten. Es ist nicht jetzt, damals schon dachte ich, wenn sie so alle auf den armen Jungen einstürmten, daß er immer gedenken sollte, was er uns verdankt, und was er wäre, wenn wir das nicht getan – er kam mir manchmal wie ein Gefangener vor, und ich hätte ihn gern frei gemacht. Und als des Königs Offizier unter seinen Kameraden, wie manchen Spott mochte er aushalten müssen!« »Rechtfertigt ihn das? Ist es nur entschuldbar, daß er das Band der Liebe, das Sie alle um ihn geschlungen, so schonungslos zerriß? Jetzt, wo er weiß, daß die ganze Familie hergekommen war, um sich seiner anzunehmen, durfte er da so vor Ihnen erscheinen, wie er getan? Mußten Sie ihn nicht bitten lassen, bis er nur kam!« »Er schämte sich, Herr Mauritz. Als der Vater ihm die Tür wies, ihn ins Elend stieß, verbot, wieder ihm unter die Augen zu treten, bis er seine Ehre wiedergewonnen, hatten wir nicht da schon das Band zerrissen?« »Ich brauche Sie nicht daran zu erinnern, daß Sie, die Mutter, Ihre Schwestern, es ihm zehnfach wieder gutgetan, was der Vater in rascher Aufwallung versehen. Gegen Sie hatte er heilige Pflichten, die, wenn ein edler Sinn in ihm lebte, alle anderen Rücksichten besiegen mußten.« Sie schien nachdenkend. »Alle? – Keiner wollte ihn ja. War Theodor etwa feig gewesen? Liebte er nicht seinen König und sein Land, wäre er nicht gern für sie den Heldentod gestorben? Und nun verspottet, verlacht! Ach, Herr Mauritz, darf man da nicht auch lachen? Das ist das Gelächter der Verzweiflung! Ich begreife es, ich verzeihe ihm, daß er trinkt, lärmt, singt. Ich verzeihe ihm, wie er bei uns auflachte, renommierte, aufs Klavier trommelte. Es zerriß mir das Herz, aber – da hätte ich ihm noch können um den Hals fallen, ihn bitten, rette Dich, lieber Junge, vor Dir selbst. Er wollte sich ja nur vor sich verbergen. Ich dachte daran, was Vater einmal vorlas von einem, der todkrank, melancholisch war, und darum sich in die Harlekinsjacke steckte, und alle, die ihn sahen, zum Todlachen belustigte, damit sie nur nicht sähen, wie das Herz in ihm brach.« »Es ist viel getan und gesprochen worden, ihn zu retten. Wir hofften, so lange er Ausflüchte machte, toll sich gebärdete, uns zum Besten hatte. Wir hofften, wie Sie, liebes Malchen, daß er sich schlimmer vor uns zeigen wolle, als er war, und der Moment kommen würde, wo sein Herz bloß läge. Wir hofften, so lange der Irrsinn dauerte, denn es gibt Naturen, und sie sind nicht die schlechtesten, die wie ein Vulkan toben müssen, – dann zückt wohl ein helles Himmelslicht durch die weiße Flamme, und aus dem zerstörenden Brande wird ein wärmendes Feuer. Theodor war eine solche poetische Natur. – Aber als er ruhiger zuhörte, schwieg und nachdachte, als er uns mit Vernunftgründen antwortete, als er mir den Einwand machte, der Schulze, von dem der Vater die Summe aufnehmen will, um ihn nach England zu schicken, werde sich wohl hüten, das Geld vorzuschießen, weil ihm der Major in jetziger Zeit nicht sicher sei – da gaben auch wir diese Hoffnung auf.« Das Kind hatte seine Stirn auf den Arm gedrückt, damit der Redner das feuchte Auge nicht sähe, aber er hörte, was sie tonlos vor sich sprach: »Da habe ich ihn auch aufgegeben.« Es war eine peinliche Pause. Noch hatte er, noch hatte sie vermieden, den Gegenstand zu nennen, um den das Gespräch sich drehte, und es schien schon zu Ende, als sie aufstand und ihm freundlich die Hand reichte. »Leben Sie wohl, Herr Mauritz. Verzeihen Sie mein Geplapper, und warum ich kam, habe ich Ihnen noch nicht einmal gesagt. Wenn sie ihn liebt, wenn sie ihn glücklich machen kann, will, die schöne Französin – dann will ich auch glücklich sein. Er liebt mich nicht, er hat mich nie geliebt, das weiß ich jetzt. Ich weiß ja nun, daß es eine Krankheit ist, die, wenn sie zum Ausbruch kommt, Raserei wird, daß man nicht mitfühlen, daß man mit dem Befallenen nur Mitleid empfinden kann. Gott bewahre mich vor dieser Raserei.« »Und wenn Theodor nun von ihr geheilt, ganz geheilt würde?« »So würde ich mich herzinnig freuen für meinen alten, lieben Spielgenossen; aber wir können nicht mehr miteinander spielen, wir gehören nicht mehr zu einander. Wer einmal wahnsinnig gewesen, soll Rückfälle bekommen können, und das wäre entsetzlich. Wenn Sie ihn sprächen, wenn er zur Besinnung käme, sagen Sie ihm das von mir. Die Kugel da an den Blutsteinen ging durch unser Bild, wir sind geschieden.« »Kommen Sie darum zu mir, Amalie? – Wenn nun die Kur sehr nahe bevorstände? Morgen, vielleicht heute schon? Es wird eine heftige, schmerzliche sein, mehr darf ich Ihnen davon nicht sagen, die Verhältnisse verbieten es. Aber ich bin gewiß, er wird von seiner Leidenschaft gründlich geheilt werden, wahrscheinlich wird er in seinem Schmerze in eine neue Raserei verfallen, aber die ist vorübergehend, und er wird die Französin dann vielleicht so hassen, verabscheuen, wie er sie jetzt anbetet.« »Die Französin!« rief Malchen mit strahlendem Auge und sich aufrichtend. »O pfui! Was kann das arme, schöne Mädchen dafür! Die Franzosen soll er hassen, sich freimachen von seinem Ehrenwort, seinen Degen sich zurückgeben lassen, und – Sie verstehen mich besser, als ich es aussprechen kann.« Halb verstand er sie. Hier war ein Mißverständnis. »Darum kamen Sie zu mir?« »Darum, lieber Mauritz. Ja, ich liebe ihn noch als meinen lieben Cousin, dem ich von Jugend auf gut war, meinen Schulgenossen, und ward er mir auch ganz gleichgültig, und mag er sein Herz verschenkt haben an eine, an zehn andere, das ist mir nicht gleichgültig, daß er unter den Franzosen gegen seinen König, sein Vaterland dient. Ich kann's auch nicht glauben, was sie unten erzählten; aber sie glauben es, an ihren Mienen sah ich's; das darf, das kann, das wird nicht sein. Meinem Vater bräch's das Herz, unauslöschliche Schande brächte es auf unsere ganze Familie. Liebster, bester Herr Mauritz, sehen Sie mich nicht so zweifelnd an, es ist so, er hat sich erkundigen lassen, wie man da Dienste nimmt. Hindern Sie es, fallen Sie ihm in den Arm, wenn er unterschreiben will, ersinnen, erfinden Sie etwas –« Er hielt ihre Hand und drückte sie in der seinen: »Das also. – Hier mein Wort! Er soll kein Verräter an seinem Vaterlande werden. Mit der französischen Circe wird er auch die Verlockung von sich stoßen. Fräulein, ich bin Bürge dafür. Was dann weiter, da wollen wir beide sorgen.« Unten ward es jetzt laut, die Gesellschaft verließ das Haus. Einen unbeschreiblichen Blick des Dankes warf ihm Malchen zu, legte den Finger an den Mund und verschwand, um, am Geländer horchend, den Augenblick zu erpassen, wo sie unbemerkt hinunterglitt. Fünfzehntes Kapitel. Ein Wetterstrahl im Ratskeller. In der Kellerstube des Rathauses, die wir aus der Beschreibung der Ilitzer Botenfrau kennen, finden wir heute zwei Besucher. Es war noch heller Tag, und das Sonnenlicht drang durch die kleinen Fenster in das Gewölbe, daß man noch nicht nötig gefunden, die Hängelampe anzuzünden. Darum sah es aber weder hell noch gemütlich aus. Auf dem Lederkanapee an der Wand lag der Leutnant Wolfskehl von Ritzengnitz, das blasse Gesicht, wie von einer durchschwärmten Nacht im Arme stützend. Am Tische saß ein Kavalier mit kotbespritzten Stiefeln und stärkte sich von der Erschöpfung eines langen Rittes im schlechten Wetter bei einer Flasche Madeira. Trotz des Johanniterkreuzes, das unter dem Oberrock zum Vorschein kam, war es keine ritterliche Gestalt; sie näherte sich mehr dem Pygmäengeschlecht, das blonde Haar dem brennenden Rot, aber das durch Blatternarben nicht verschönerte Gesicht hatte doch den gewissen vornehmen Ausdruck, der, wenn man ihn verkennen wollte, sich nicht verkennen ließe. Es war der Majoratserbe, Herr von Quiritz. »Sie müssen verteufelt geritten sein, Herr Bruder,« sagte der Liegende. »Es war kaum durchzukommen, auf Ehre, sage ich Ihnen. Am Moltzen waren die Knüppel vom Damm geschwemmt, ich mußte unten am Karutz an der hohen Binde vorbei, und mein Brauner versank bis ans Knie. Aber an der Jungfernheide steht der Sand.« »Vorher waren Sie in Berlin? Von drüben – von der Armee wissen sie nichts, – die Herren von der Regierung meine ich?« »Dürfen nichts wissen, nicht korrespondieren, haben ja den Franzosen eine Art Eid ableisten müssen. Sage Ihnen, die grünen Tische sind in Desperation. An wen sollen sie berichten? Die Franzosen werfen ihre Wische unter den Tisch. – Den alten Isegrimm hätten Sie hören sollen. – Gewissermaßen hat er recht.« »Was denn?« »Daß der König ihnen die Kammern und die ganze Schwerenot zurückließ. Die Administrationsmaschine geht wie am Schnürchen, brauchen nur hineinzupusten. Der Ilitzer nennt es bald Hochverrat, bald Dummheit, und die Schafsköpfe fliegen herum.« »Hätten sie etwa noch die grünen Tische aufpacken sollen auf die paar Bagagewagen! Unrat ist genug nach Preußen mitgenommen.« »Sehr gut! Uebrigens, Herr von Ritzengnitz, hat die Sache zwei Seiten. Schaffen müßten wir, auch wenn keine Kriegs-, Kammer- und Domänenräte geblieben wären.« »Aber sie müßten sich's holen und suchen; jetzt müssen wir's bringen.« »Ich weiß nicht, ob wir besser daran wären. Ein Glücksrad; denn was sie bei dem einen nicht fänden, suchten sie beim anderen doppelt.« »Meinethalben,« gähnte der Leutnant, ohne die Hand vor den Mund zu halten, und reckte sich auf der Bank. »Bisweilen meine ich, wenn der Schnack zu End' wäre, und man könnte ausschlafen.« »Pardon, Herr Nachbar, das denken Sie wohl nur, wenn die Juden Sie kneifen und auf die künftige Ernte nicht mehr Vorschüsse geben wollen.« »Was sagte denn aber der Ilitzer zu Ihrer Nachricht, Quiritz? – Sans conséquence , ich kann's noch nicht recht glauben.« »Ich habe es von sicheren Leuten. Es ist eine Streifschar von dem Freikorps, das der Leutnant Schill kommandiert, über die Oder gesetzt, wo, weiß man nicht, und wohin es sich gewandt, auch nicht. Alle Kommunikation rein abgeschnitten, und die Wege überall wie hier.« »Wetter noch mal!« rief der Leutnant und schwenkte seine Beine auf die Erde, indem seine Hände in die Haare fuhren. Der Puder und die Frisur waren längst mit der Uniform verschwunden. »Wenn sie unsereins hier beträfen, was soll man da tun. – Und was sagte der Ilitzer?« »Er paffte dicke Wolken in die Luft. Kann die Freischaren nicht leiden. Durch ein paar Husaren und Gesindel dürfe das Land nicht in Unordnung gebracht werden. Im Rücken der großen Armee ist's leer, für ein Streifkorps, das wie der Wind hier und dort ist, gerade Platz.« »Und Sie, was sollen wir tun, Quiritz?« Der Angeredete schlürfte nachdenkend an seinem frisch gefüllten Glase. »Das, was die anderen tun, meinte ich. Wir bleiben in der Stadt, unter ihren Augen. Wenn was auf unseren Gütern passiert, sind wir nicht dabei und haben nicht Rechenschaft dafür zu geben. Der Quilitzer ist auch hier. Was der tut, kann man ohne Gefahr nachtun.« Der Leutnant gähnte wieder. »Alles ist eitel auf der Welt. Sagt das nicht König Salomo?« »Es muß mit dem ehemaligen Kornett Wolfskehl von Ritzengnitz weit gekommen sein, wenn er Salomo zitiert. In Berlin wußte man nur, daß er mit der Majestät in Berührung kam, wenn er sich Pillen aus seiner Apotheke holen ließ.« »Pillen und Kugeln, geht beides durch die Gedärme, aber was bleibt? Was ist der Champagner, wenn er im Rinnstein schwimmt? Was Küsse, wenn die Lippen müde sind? Was ist Ehre, was ist preußische Kavallerie, was Friedrichs Taktik, was Vaterland? Was blau, rot, grün, schwarz wenn wir wissen, dahinter wird alles grau?« »Was Teufel, kommt das vom jungen Schwarzrock? Sie sind mir noch Red' und Antwort schuldig. Als ich heut früh bei Ihnen vorritt, sagte Ihr Kerl, Sie hätten sich mit dem Informator schon eine Stunde eingeschlossen. Es ist noch der, der beim Quilitzer war, und jetzt ist er beim Ilitzer?« »Derselbe.« »Ließen ihn sich kommen, um Ihnen Buße zu predigen?« »Nein, er kam von selbst. Variatio delectat , das weiß ich noch von meinem Präzeptor. Nach einer tollen Nacht, wo man's bis auf die Hefe ausgetrunken, warum da nicht eine moralische Lektion als Rekreation! Es erfrischt, macht den Geist klar.« »Possen! Ist er vielleicht auch Arzt?« »Nein, er will mich zu einem machen. Wir wollen beide eine Erziehungsanstalt anlegen für verlorene Söhne. Durch moralische Vorhaltungen und andere Pferdekuren wollen wir sie auf den Weg der Tugend zurückführen, zur Sittlichkeit, zur Selbstbeherrschung, zur Vaterlandsliebe. 's ist 'ne tolle Geschichte, buchstäblich wahr, en passant ein Spaß, sonst ein verteufelter Ernst, und es tut mir nur leid, daß ich Sie nicht ins secret ziehen darf, denn es muß ein tiefes Geheimnis bleiben.« »Noch habe ich Lust, in Ihrer Posse mitzuspielen, wo die Tragödie vor der Tür stehen kann,« sagte der Johanniter und war aufgestanden – »Was ich Ihnen von den Schillschen mitteilte, bleibt auch secret entre nous . – Ihre Parole drauf, Ritzengnitz.« Der Leutnant reichte ihm gleichgültig den Finger mit einem »pourquoi?« »Weil ich nicht weiß, ob sie uns hier nicht zur Pflicht machen könnten, davon Anzeige zu tun. Wenn sie die Husaren für Brigands erklären, und damit ist Napoleon sehr bereit, so sind alle für sie Conspirateurs, die um ihren Aufenthalt wußten, besonders die, beachten Sie das, Wolfskehl, wo man Exekution hinschicken kann.« Ein junger Mensch rannte den Johanniterritter auf der Kellertreppe beinahe um. Der aus dem Dunkeln kam, erkannte den aus dem Lichte Kommenden. »Kornett Hurlebusch!« sprach er, ihm nachsehend. »Was will der hier? Weiß er etwas? Das wäre einer von denen, die alles verderben können.« Aber der Hofmarschall, der über den Markt ging, war dem Herrn von Quiritz jetzt eine wichtigere Person; er eilte ihm nach. Der junge Mensch war in das Eckzimmer gestürzt. »Gut, da bist Du!« rief er beim Anblick des Leutnants, und machte eine Bewegung mit den Armen, als wollte er die Luft an seine offene Brust drücken. Der Sonnenstrahl, der schräg durch das Gewölbe auf sein Gesicht fiel, zeigte einen Ausdruck von Wonne, der sich nicht beschreiben läßt. Die blauen Augen, die Lippen schienen die Sonnenstäubchen wie von den Lüften getragene Ambrosia einschlürfen zu wollen. Dann stürzte er auf den anderen zu, schlang die Arme stürmisch um ihn, preßte die Stirn an seine Brust, um gleich darauf los zu lassen. Er warf sich an den Tisch, das Gesicht auf die Hände, er weinte. »So! – so schilt mich nur kindisch. – Nun habe ich Mut. – Ich sehe Dir gerade ins Aug'. Will nicht zusammenzucken, was Du auch antwortest.« »Da bin ich doch neugierig auf die Frage vorher.« »Liebst Du sie?« »Possen! Ich habe kein Geheimnis vor Dir.« »Hast Du ernste Absichten?« Der Ritzengnitzer sah ihn nur seitwärts an, er war mit dem Stahl und Feuerstein beschäftigt, um die Pfeife auzuzünden. »Hältst Du mich für 'nen Narren?« »Ich danke Dir, Bruder,« sagte der Kornett, die Hand in die Luft ihm entgegenhaltend. – »Brauche Worte, wie Du Lust hast. Schilt, railliere mich, heut ist alles vergeben. Alles ist Musik für mich, das Knarren der Wagenräder, das Schnattern der Marktweiber, das Krähen der Wetterfahnen, alles, Konzert, Harmonie! O, daß nur ein Mensch das fühlen soll! Ich möchte alle Welt umarmen, daß alle Welt es mit mir fühlt.« »Tausend noch mal, da muß ja was Besonderes passiert sein!« »O, ich war ein leichtsinniger Mensch, schlecht, schlecht, das fühle ich jetzt – aber das wird nun anders. – Sie kennt mich, sie weiß alles – sie fragte mich sogar, ob ich es vor Cousine Malchen verantworten könne? – Das habt Ihr geplaudert, ich verzeihe es Euch – ich sei ein Flattergeist, dem man nicht trauen dürfe, sie wolle mir aber doch trauen auf mein blaues Auge –« »Das ist viel von ihr.« »Sie kann es. Ich ward ein anderer, ich fühle mich wie neugeboren. Julius, Julius, meine Brust möchte springen, mein Hirn auch. Ihr braucht nicht zu erschrecken, lauter lustige Figuren tanzten heraus, Blumen und Sterne, Raketen und Engel mit Flügeln im Sonnenschein. Friede nun mit allen Menschen, jeder soll mein Glück kennen, jeder mich ganz wie ich bin. Auch zu Cousine Malchen, auch sie soll alles wissen, bekennen will ich, verzeihen soll sie, das unschuldige Kind, das noch nichts davon weiß, nicht einmal davon geträumt hat, was Seligkeit ist.« »Ich würde Dir doch raten, noch ein bißchen zu warten, bis Du zur Cousine gehst. – Hat sie denn – ich meine, die wir meinen, es Dir erlaubt?« »Alles – o, sie ist ein Engel – zu ihren Füßen mußte ich beichten.« »Das hat sie auch gefordert?« »Nein, es trieb mich, ich mußte, mußte. Ihre weichen Finger spielten in meinen Haaren.« »Sieh mal einer!« »Das war Balsam, so neckisch, so himmlisch gut säuselten ihre Trostworte, wie der Abendwind über ein Nelkenbeet.« »Die Wetterhexe! – Wie ist's denn mit ihrer Amour oder Verlobung – ein Herzog ja wohl, oder Marschall?« »Es war nur der Ehrgeiz ihrer Tante. Sie will nichts mehr von ihm wissen.« »Da tut sie sehr klug dran.« »Sie ist nur aus List ihrer Tante gefolgt. Sie ist enorm reich. Zwei große Herrschaften hat sie an der spanischen Grenze.« »Und in Spanien drüben vermutlich noch mehr Schlösser.« »Wenn sie majorenn wird, ist sie unbeschränkte Gebieterin. Sie kann heiraten, wen sie will. Jetzt läßt sie sich von der Tante, die nur ihre eigennützigen Zwecke hat –« »Das traue ich der Alten zu.« »Zur Armee führen. Sie will Napoleon zu Füßen fallen, daß er sie für volljährig erklärt!« »Theodor! was gilt die Wette! Die ist schon majorenn. Die alte Generalin hat sie betrogen, wahrscheinlich ein Testament untergeschoben. Und das unschuldige Kind, die Komteß, glaubt noch immer der alten Hexe –« »Nein, Julius, die Generalin ist auch ein edles Weib. Sie lebt nur für ihre Nichte –« »Für sie oder von ihr, das ist egal.« »Sie opfert sich für sie auf. Natürlich wünscht sie für sie eine glänzende Partie; aber –« »Wenn einer nicht viel hat, ist sie auch mit wenigem zufrieden. Ich habe solche edlen Frauen gekannt. Zuletzt, sage ich Dir – na, was hat sie denn über Dich beschlossen?« »Vor allem ist es ihr um meine Ehre, meinen guten Namen zu tun.« »Das nenn' ich eine schöne Seele!« »Sie zittert, wie man mir es hier auslegen könnte, wenn ich ohne weiteres in des Kaisers Dienst träte. Nur einem Manne von unbeflecktem Rufe könnte sie ihre Hand reichen.« »Was man nicht hat, schätzt man an anderen. Es ist Raison drin. Kann nicht ein preußischer Kornett auch Herzog von Spanien werden?« »Nein, sie ist glühende Patriotin. Aber mit Ehren soll ich abgehen. Sie will es bei Napoleon auswirken. Der König wird mir einen ehrenvollen Abschied geben, wenn der Kaiser ihm dafür einige gefangene Generäle zurückschickt.« »Nur nicht die Festungskommandanten! Der König machte ein schlechtes Geschäft, ohne Schmeichelei.« »Nur keine Silbenstecherei, Julius, ich kann viel, o, ich bin imstande, alles zu ertragen. Fliegen möchte ich, wie ein Luftballon, Feueräther, aber ein Funke hinein, und er platzt.« »Also bis dahin sollst Du warten! Das wird ja eine lange Geschichte. Gibt sie Dir nichts auf Abschlag?« Theodor riß aus der Brust eine blaue Schleife. »Das! An ihrem Herzen hat sie es getragen.« »Weiter nichts? Ich hätte ihr Strumpfband auch als Schleife binden können.« Der Kornett sprang auf. »Ich ertrage heut viel, Julius, aber – mach mich nicht rasend mit Deinen Raillerien.« »Ich will Dich nur vernünftig machen mit der Wahrheit.« »Kein Wort mehr.« Der Kornett ballte zitternd die Faust. »Nur ein paar – wenn's auch Donnerschläge sind, armer, verträumter Junge – sie sollen Dich wecken. Wenn sie Dir noch keine Nacht geschenkt hat, laß sie fahren. Freilich, sie verschenkt nichts, sie verkauft alles – teuer genug – fünfzig Dukaten.« Blaß, zitternd, atemlos stand der junge Mann wie im Starrkrampf da. Er konnte die Arme nicht rühren, die Lippen nicht bewegen, nur zwei Schweißtropfen der Angst perlten auf seiner Stirn. Sein Auge stierte gläsern auf den anderen. »Hör's nur ganz aus – fünfzig Dukaten! Die Alte wollte noch mehr schneiden. Prost Mahlzeit, sagte ich, nun wissen wir's ja. – Und auf Ehre, es war zu teuer. – Außerdem ist sie die Maitresse vom Payeur-General, ich glaube, auch vom Intendanten. Hast Du noch Intentionen auf die schöne Seele, so –« Das Gewölbe drehte sich um Theodor, er hatte nicht die Hälfte gehört, denn Glocken, Donner, Orgeln, Marktweiber schwirrten einen betäubenden Chor um sein Ohr. Der Starrkrampf war gelöst, das erstickte Wort von vorhin brach heraus, wie das Wasser aus dem geborstenen Eise: »Lügner – Lüg – Schurke!« Es war ein Satz des Tigers. Er hatte ihn an die Brust gepackt, aber der Leutnant hatte den Arm wie zum Kommando gehoben. »Kornett von Hurlebusch!« Das Kommandowort übte instinktartig seine Kraft. »Wenn jetzt ein Rasender, bedenken Sie wenigstens, daß Sie noch Kavalier sind. Andere werden unser Gespräch fortsetzen und wir uns an einem Orte treffen, wo Worte überflüssig sind.« Wolfskehl hatte sich umgewendet und schlug wieder Feuer. Hätte ein Säbel an seiner Seite geklirrt, eine Pistole an den Wänden gehangen, hätte der enge Kellerraum zur Mensur ausgereicht! Mit der Degenspitze in der Brust des anderen das Blut umwühlen, wie er in seiner gewühlt! O, was ist der spitzeste, giftigste Degen gegen solche spitze, giftige Worte! Nicht noch einmal ihm zuschreien dürfen: »Du lügst doch!« An der niedrigen Tür hielt er sich, wie einer Ohnmacht zu widerstehen, mit beiden Armen preßte er die steinernen Pfosten. Die Brust mußte Luft haben. »Es ist unmöglich!« Das Gewölbe gab einen dumpfen Schall zurück; es klang wie »möglich!« An der Treppe begegnete ihm der Baron von Eppenstein. Gleichviel, daß es ein neuer Bekannter war, der nächste war der beste. Er riß ihn in eine Seitenkammer. »Sie müssen!« Der Baron hatte Bedenken, aber »einen Exaltierten muß man gewähren lassen,« sagte er mit einem Handschlag beim Aufstehen. »Nimmermehr,« rief Theodor, »je eher, je kürzer, je näher, so besser. Einer von beiden!« Nach dem etwas längeren Zwiegespräch, welches der Baron darauf mit dem Herrn von Wolfskehl hatte, schloß er: »Da bin ich in eine Affäre geraten und auf einen Posten gestellt, wo ich nicht hingehöre. Sekundanten sollen ruhiges Blut haben und bei der Sache nicht persönlich interessiert sein, ich habe aber kein ruhiges Blut und bin dabei interessiert, denn die Hexe hat es auch mir angetan.« » Qu'importe! « sagte der Herr von Wolfskehl. »Sind Sie's wirklich noch nach dem, was Sie erfuhren, so dependiert es von Ihnen, so gleichgültig zu werden als ich. Zehn Dukaten eingesiegelt und der Alten geschickt, und Sie werden die Erfahrung anderer weiser Leute machen, daß nicht alles Gold ist, was glänzt.« »Herr von Ritzengnitz sind sehr philosophisch gestimmt. – Aber auf Tod und Leben zwei junge Edelleute, und um solche Person! Wenn ich nun nach dem Experiment als Zeuge für Sie aufträte!« »So machen Sie das Wort nicht ungesprochen. Wenn das Philosophie ist, daß man des Lebens herzlich satt wird, wenn man es vollauf gekostet, so ward ich ein Philosoph. Einer muß fallen; er hat recht. Bin ich's, so willkommen, kühle Wintererde; der Frühling, der dich wieder grün kleidet, bringt doch nur das ewige Einerlei. Fällt er , so spare ich ihm die vielen Enttäuschungen, die dem Jungen bevorstehen, bitterer als die, wo ich sein Arzt war. Ja, ich bin sein Wohltäter, er geht aus dieser Welt mitten in einem schönen Rausch. Lassen Sie ihm denselben, aber arrangieren Sie es schnell, heute, morgen.« »Es darf nicht vor dem Ball sein.« »Zum Teufel mit dem Ball! Was schiert uns der!« »Uns wenig; desto mehr den Hofmarschall. Durch die – Gräfin hofft er die neue Pferdelieferung zu hintertreiben. Knallen Ihre Pistolen in der Jungfernheide zu früh, so wird die Sache ruchbar, das heißt, der Ruf der Gräfin platzt heraus, und die Geschichte ist verdorben.« »Er kann doch die Noblesse, seine eigenen Damen nicht mit der Kreatur tanzen lassen!« »Darüber hat er seine eigenen praktischen Ansichten. Es darf hier nichts mehr angerührt werden, was die Assiette störte, bis wir schwarz auf weiß wegen der Pferde in Sicherheit sind.« Sechzehntes Kapitel. Zum Ball oder nicht zum Ball? Der Ball war angesetzt. Der Landadel gab ihn, das heißt, einige der in Nauwalk anwesenden Edelleute hatten patriotisch die Summe zusammengeschossen, dem Point d'honneur der anderen es überlassend, sich auch zu beteiligen. Es war der einzige Weg gewesen, aus dem Gewirr der Meinungen herauszukommen. Wenn man die Häupter einig sieht, wollen es die Glieder auch scheinen. Der Hofmarschall von Quilitz, der Johanniterritter von Quiritz und der Freiherr von Wahrnim-Stintenfang waren diese Häupter, und sie hatten ihr Geld gut angelegt, denn von den übrigen Familien wollte es jetzt eine der anderen zuvortun, ihren Namen zu unterschreiben und den Beitrag zu zahlen. Auch Wahrnim-Hintzenacker und Wahrnim-Kautzenburg; der erstere hatte vorhin laut dagegen deklamiert, der letztere es bedenklich und nicht zeitgemäß gefunden. Sie wurden sogar empfindlich und ließen einfließen, daß man sie zurückgesetzt. Auch im Stadtrat kam es zur Sprache, und Stimmen regten sich, ob man sich denn die Sache von den Rittergutsbesitzern über den Kopf wegnehmen lassen, ob man nicht aktiv daran teilnehmen solle. Der öffentliche Charakter des Festins sei noch nicht zu verkennen, so wenig als die lobenswerte Absicht, eine Harmonie zwischen den Angesessenen und der Bevölkerung mit Einquartierung herzustellen. Wer zöge den nächsten Vorteil, als die Stadt selbst, denn wenn auch die ganze Provinz den angedeuteten allgemeinen mitgenösse, fiele doch die wohlmeinende Gesinnung der Franzosen zuerst auf die Stadt, wo sie gegessen, getrunken und im Quartier gelegen. Außerdem flösse das Geld in die Taschen der gewerbetreibenden Bürger. Wenn sie nur das Maul aufsperren, mitessen, mittrinken und mittanzen wollten, was würde das nachher wieder für Anzüglichkeiten, Raillerien und Anklagen von seiten der Landedelleute geben, und was könne man mit Grund dagegen sagen! Von der anderen Seite ward erwidert, das Stadtgut sei schon verschuldet, die ausgeschriebenen Kontributionen kaum aufzutreiben, derer, die noch kommen würden, nicht zu gedenken, die Bürger von der Einquartierung erdrückt; wie wolle man es vor ihnen verantworten, zu einem Balle entweder neue Schulden zu kontrahieren, oder einen Umlauf bei den Bürgern zu veranstalten! Man tue genug, wenn man den Ratssaal gratis hergebe, dazu die Stadtmusikanten, und an den Roland die Laternen hänge. Demnächst ließ man einfließen: man wisse doch auch nicht, wie die Sache ablaufen, und eine zu große Bereitwilligkeit einst übel vermerkt werden könne. Was habe es Mühe gekostet, der Stadt die kleine Garnison zu verschaffen; wer wolle die Verantwortung auf sich nehmen, daß sie ihr im Frieden wieder entzogen würde? Diese Ansicht siegte mit großer Majorität, jedoch mit dem Amendement, daß der Magistrat seine Stadtmusikanten selbst beköstigen und taxmäßig vergüten wolle. Ein Unteramendement fand allgemeine Zustimmung, daß ins Protokoll zu setzen sei: »es geschehe dies, um sie in der Uebung zu erhalten, weil in dieser schlimmen Zeit nirgends mehr Musik gemacht werde.« Ein Umstand, der im Rate gar nicht berührt wurde, sprach bei dieser Entscheidung mit. Der Entschluß des Ballkomitees war schon bekannt, die Bürgerlichen diesmal nicht auszuschließen, sondern die Einladung auf alle Honoratioren, soweit dies irgend tunlich, auszudehnen. Die Freude in Nauwalk war groß, bei den Frauen hatte der Adel dadurch sehr gewonnen. Welches Saatkorn innerer Zwietracht er in die friedliche Stadt dadurch geworfen, wie üppig es wucherte, wie es lange Jahre Nauwalk in zwei Parteien schied, bis erst das ganze Versöhnungsfest, der Krieg und der Aufruf des Königs an alle Söhne des Vaterlandes 1813, eine Aussöhnung bewirkte – das hatte der Adel damals selbst nicht bedacht. Es war wirklich in wohlmeinender Absicht geschehen, als er dem Magistrat Carte blanche Ein Schriftstück mit der Unterschrift des Königs, das hernach beliebig und wie zum Beispiel unter den Bourbons in Frankreich oft in unredlicher Absicht ausgefüllt werden konnte. gab, alle Honoratioren einzuladen, ohne die Personen zu nennen, ohne die Grenze zu bestimmen. Der Bürgermeister hatte schwere Stunden, Tage. Die Klagen wegen der Einquartierung waren nichts gegen die, welche er von den nicht Eingeladenen hören mußte. Wie er auch mit dem Syndikus und Kämmerer alte Register und Bücher nachschlug, wo stand denn positiv geschrieben, wer ein Honoratiore sei? Es war Usance, und die Usance hatte gewechselt. Das Natürlichste war, das Festkomitee um eine offizielle Auslegung anzugehen. Der Herr von Wahrnim-Stintenfang aber zuckte die Achseln: in einer so delikaten Angelegenheit müsse er die Entscheidung ganz der Weisheit des Magistrats überlassen; übrigens, und dabei drückte er dem Bürgermeister verbindlichst die Hände, ihm sei der Niedrigste gleich dem Höchsten; . . . . sei es denn eine Zeit, um Standesunterschied zu hadern? Sie wären alle hier nur Menschen, Brüder, Bürger! Der Hofmarschall sagte ähnliches; der Herr von Quiritz: er sei zu unbekannt mit den Verhältnissen . . . er war der nächste Nachbar der Stadt. Hätten sie nur ihm allein die Ohren vollgeklagt, aber sie stürmten auch zu seiner Frau. Sie mußte vieles hören, was sie als Frau des regierenden Bürgermeisters nicht mehr hören zu dürfen glaubte. War er denn als Bürgermeister geboren, war sein Vater nicht ein Grobschmied gewesen, und seine Cousinen, die Töchter jenes wohlhabenden Kupferschmiedes, sollten nicht für Honoratioren gelten! Es soll nicht bei Tränen im Zimmer stehengeblieben sein; der Vorwurf ist aber auch hart, daß man aus Hoffart sein eigenes Blut verleugne. Die Frau Bürgermeisterin weinte aber noch insbesondere in ihrer Kammer, und in einem Augenblicke des Affektes mußte ihr Mann das bittere Wort hören: »Hättest Du mir das damals in Halle gesagt!« Irren wir nicht, so wurden die Kupferschmiede nachträglich für Honoratioren erklärt, was indes auch für sie wieder unangenehme Demelés mit ihren Cousins, den beiden Klempnern, hervorbrachte. Dagegen blieben die Magistratspersonen unerbittlich bei ihrer Weigerung, auch andere sehr respektable Schuhmacher und eine Schneiderfamilie anzunehmen, obgleich letztere in Stettin mit einer der ersten Kaufmannsfamilien verschwägert war. Andere, ich verschweige ihren Namen, wählten einen ungleich kürzeren, aber exakteren Weg; sie beklagten sich bei den französischen Behörden. Sie fanden die freundlichste Aufnahme, besonders wenn die Frauen und Töchter freundlich und hübsch waren. Ja, man traute seinen Augen nicht, und es war lange ein Skandal, der Payeur-General erschien auf dem Balle am Arm einer Bierschenkerstochter aus der Vorstadt, die hübsche Gustel genannt. Es ließ sich ihr zwar nichts Böses nachsagen, auch war der Vater ein wohlhabender Mann, aber den Stammgästen setzte sie selbst das Bier auf den Tisch, die Honoratiorinnen nickten ihr nur gnädig mit dem Kopf zu und fragten sie höchstens: Wie geht's denn, Gustel? – Das mußten sie sich gefallen lassen, der Feind war im Lande; aber den Schneidertöchtern gaben es die Honoratiorinnen auf dem Ball zu verstehen, was sie von ihnen dachten. Sie sprachen kein Wort mit ihnen. Wir sind der Geschichte vorausgeeilt. Von den eben berührten inneren Zerwürfnissen in Nauwalk merkten die Fremden nichts. Selbst Frau Rothenmeier im Deutschen Haus und der Wirt von der goldenen Gans hatten sich unter Vermittelung des Magistrats geeinigt. Der eine, glaube ich, besorgte das Flüssige, der andere das Konsistente. Nur in einer Familie war man nicht einig. Die Ilitzer hatten einen Expressen nach Haus geschickt mit der Anfrage, ob der Vater damit einstimme, daß sie den Ball besuchen, und der Bote war nicht zurück. Es war nahe an Mittag. »Und die Sonne scheint wieder seit zehn Uhr,« sagte Minchen am Fenster. »Drüben kommen schon trockene Steine vor.« »In der Heide oben ist's ganz trocken und warm,« bemerkte Karoline. »Baron Eppenstein sagte vorhin, man könne da einen Spazierritt machen.« Frau Rothenmeier blickte zur Tür herein: »Haben Sie nur ein bißchen Geduld, meine Herrschaften. Der Andreas ist links rum gegangen über die Wiesen und die hohe Binde. Da ist's noch grausam naß, aber er hat große Wasserstiefeln an; der kennt den Weg. Und dann nimmt da einer doch auch unterwegs einen über die Lippen. Wer weiß, wo er da sitzen geblieben ist.« »Aber gestern Abend schon fort.« »Wenn ihm nur nicht ein Unglück passiert ist!« sagte die Mutter. »Gnädige Frau, man muß nicht gleich ans Schlimmste denken, und nicht zu viel fragen. Das sagte mein Seliger immer. Wer viel fragt, kriegt viel Antworten. Halten Sie's nicht für ungütig, aber ich hätte gar keinen Boten ausgeschickt. Herr Gott, der gute Herr Major haben da wohl an anderes zu denken, als an 'nen Ball. Vielleicht ist er auf dem Felde und Andrees kann lange suchen. Und wer weiß, als er seine liebe Familie in die Stadt einpackte, was er da gedacht hat. In Nauwalk sind sie mal tanzlustig. Das wissen auch der Herr Major. Lieber Gott, Sie waren auch einmal jung und Leutnant, und man erzählt sich hier manches.« »Er erlaubt's nicht, ich weiß es,« wiederholte die gnädige Frau. »Erlauben nicht, nein, gnädige Frau, wenn ich mich unterstehen darf, das zu sagen. I Gott bewahre, Sie sind nun mal jetzt etwas irritiert, Sie werden Ihrer lieben Familie nicht sagen lassen: in Gottes Namen, tanzt! Das, nein, das kann er nicht. Aber im Herzen denken Sie: meinen Kindern gönnte ich's schon, und wenn ich nicht sagen lasse, so mögen sie tun, was sie wollen. Nachher können Sie schon, wenn es erlaubt ist, etwas brummen, aber was tut das. Vielleicht brummen Sie auch nicht, Sie tun, als wüßten Sie nichts davon. Warum er aber den Andrees nicht zurückschickt, das weiß ich auch.« »Frau Rothenmeier,« sagte Minchen, »wenn Redoute ist, wüßte ich eine gute Maske für Sie – die Schlange aus dem Paradiese.« »Das gnädige Fräulein hat zu gütige Intentionen. Ich und eine Schlange!« »Oder spielen Sie den Apfel auf dem Baume?« »Der fiele von selbst runter, Eva braucht gar nicht danach zu greifen,« sagte Karoline. »Wenigstens unterstehe ich mich zu sagen, meine verehrten Fräulein, in dem Apfel wäre nichts Saures und auch sonst nichts Böses. Ist Tanzen wohl was Sündliches? Eine Motion ist es für den Körper, daß das Blut nicht ins Stocken gerät, gegen die Melancholie und den Menschenhaß ein Radikalmittel, sagte unser Physikus. Daher werden in England so viele verrückt, sagte er, weil sie zu wenig tanzen, oder zu langsam. Fragen Sie den Herrn Kandidaten. In der Bibel steht schon, daß David getanzt hat. O, es haben noch andere große Herrschaften getanzt, und mein kleiner Finger sagt mir, es wird aus dieser niedrigen Stube eine Dame auf dem Balle brillieren und strahlen, und der Kragen, den Fräulein Wilhelminchen dazu näht, da brauche ich meinen Finger nicht zu fragen, der ist nicht für dies schlechte Haus und – halt, da kommt der Andrees die Treppe 'rauf –« Es war zwar nicht der Andrees, aber der Hofmarschall mit seiner Gemahlin. Er hatte einen Boten nach Quilitz geschickt, um noch einzelne Sachen zum Ball holen zu lassen. Da der Bote noch immer nicht zurück war, wollte er sich bei der Cousine erkundigen, ob vielleicht ein Irrtum vorgefallen; es kam wohl, daß die Leute Ilitz und Quilitz verwechselten. Die Herrschaften tauschten nun ihre gegenseitigen Vermutungen und Besorgnisse aus. Der Andrees und der Mangold waren beide Säufer, beide Schwätzer und Feinde. Man statuierte also die Möglichkeit, daß sie sich auf dem Rückwege begegnet, miteinander eingekehrt, getrunken, geschwatzt, gezankt, geprügelt, blutig geschlagen oder eingeschlafen wären. » Il ne faut pas dépendre de ses sujets ,« sagte der Hofmarschall, in sein Spanioldöschen mit dem Finger tapsend, nachdem die Gattin mit dem Ausruf: »Schöne Geschichten!« sich auf einen Stuhl geworfen. »Die nötigen Rubans werden sich ja allenfalls auch hier auftreiben lassen!« »Hören Sie, Cousinchen Karoline!« lächelte die lange Rike. »Etwa im Laden bei der Frau Kämmerer, oder bei der Putzmamsell am Scheunentor?« »Schlimmstenfalls müssen wir denken, daß wir auf dem Lande sind,« entgegnete die Angeredete. »Und, ein Gänseblümchen im Haar, zufrieden sein! Nicht wahr? Ja, das paßt für Sie, liebes Kind, aber –« »Aber bis der Bote nicht zurück ist,« fiel die Mutter ein, »wissen wir ja garnicht, ob Quarbitz will? Und ich bin so gewiß überzeugt, er will nicht –« »Chère cousine, wenn Sie das wissen, warum haben Sie denn überhaupt geschickt?« sagte die Hofmarschallin. »Vorhin konnten Sie tun und lassen, was Sie wollten, nun dependieren Sie von einem betrunkenen Hausknecht.« Der Hofmarschall hatte behaglich Platz genommen. »Meine Liebe, Du willst nicht bemerken, daß chère cousine sehr wohl weiß, was sie tun wird und, wie sie sich selbst sagt, tun muß. Geht sie denn gern auf den Ball? So wenig als Du und ich und wir alle. Es ist ein Opfer, das wir bringen – den Verhältnissen, dem Wohl unserer Mitbürger. So würde es der Major ebenfalls ansehen, wenn er hier wäre. Daß er nicht hier ist, verdenke ich ihm nicht. Er kann sein Naturell nicht überwinden, und das ist respektabel, ganz in seinem Charakter. Sein ganzer Sinn sträubt sich dagegen, daß wir den Franzosen einen Ball geben, er verargt es uns, daß wir es tun, das ist ganz in der Ordnung; aber hältst Du ihn für so wenig klug, daß er öffentlich dagegen Widerspruch tun würde? Wenn er das wollte, würde ihn Wetter, Podagra und sein Dorf nicht abhalten, herzureiten und laut dagegen zu schreien. Das sieht jedes Kind ein. Was wäre es aber anders, als ein solcher Protest, wenn alle Familien erscheinen, und nur seine nicht? Glaubst Du, daß ein Mensch sich einbildete: Frau Majorin hätte das aus eigenem Willen getan, sie würde ihren Kindern die einzige Erholung verweigern, die man hier in der Stadt haben kann, um derentwillen die Gutsbesitzer da sind? Nein, liebe Friederike, es sind nicht eben viel gescheite Leute hier, aber das wüßte jeder: Cousine handelte nur so auf Anweisung ihres Mannes. Sie würde man nicht tadeln, es fiele alle Verantwortlichkeit auf den Major zurück. Ganz allein auf ihn. Und, nimm mir nicht übel, sie ist nicht gering. Wenn die Ilitzer sich von etwas abschließen, was der übrige Adel tut, so hat das was zu bedeuten.« »Ich glaube nicht, daß mein Mann ganz so denkt, lieber Cousin. Das ist viel zu hoch von uns gedacht!« »Bescheidenheit, wo sie hingehört, und Ehre dem Ehre gebührt. Wenn der Major sich etwas in den Kopf gesetzt hat, so geht nichts im Kreistag durch. Die Franzosen wissen das auch sehr gut. Ach, was würden Sie für Einquartierung nach Ilitz bekommen!« »Das wäre ja schrecklich!« » Tu l'as voulu, George Dandin, vous l'avez voulu , würde der Herr Intendant die Achsel zucken.« »Wenn nur der Bote käme!« rief die unglückliche Frau, als Stiefeltritte abermals auf der Treppe hörbar wurden. Es war aber nicht der Bote, sondern der Kandidat. Er hatte auf beiden Wegen ausgesehen, von dem Boten war nichts zu entdecken gewesen. »Tant mieux, so wird unsere gute Cousine als Familienhaupt und gute Mutter rasch den Entschluß fassen, auf den die lieben Töchter sehnsüchtig warten.« »Was sagen Sie nun dazu, Herr Mauritz?« Die Geängstete blickte zum Kandidaten auf. »Was wird unser guter Herr Mauritz sagen können,« nahm der Hofmarschall das Wort, »als daß der Mensch in solchen Dingen tun muß, was die Vernunft gebietet,« und in Kürze, nur mit etwas schärferem Ton faßte er die vorigen Gründe zusammen, diesmal aber an die Frau Majorin gewandt, daß der Kandidat es nebenbei hören konnte, wie vorhin die Majorin es nur nebenbei hören mußte, was er seiner Frau sagte. »Die Theologie hat doch damit nichts zu tun, auch nicht die Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit,« schloß er aufstehend und klopfte mit der Autorität eines Gönners auf die Schulter des Kandidaten und mit der Zuversicht, daß die Sache damit geschlossen sei. Der Kandidat hielt sie nicht für geschlossen. »Die Theologie hat damit allerdings so wenig zu tun, als die Philosophie das Tanzen verbietet, auch will ich nicht in Abrede stellen, daß es Fälle gibt, wo die Vernunft fordert, daß man einen Ball besucht. Ob dieser Fall hier ist, bescheide ich mich des Urteils. Aber da unsere gnädige Frau den Herrn Major zum Schiedsrichter aufrief, so scheint mir die natürliche Folge, daß sie sich selbst ihres Urteils begeben hat. Zuerst zu fragen, und dann zu tun was uns gefällt, wäre eine Inkonsequenz. Das sage ich unbeschadet meiner eigenen Meinung. Keine Antwort halte ich auch für eine.« Eine Hilfe kam dem Hofmarschall und auch der guten Frau von Ilitz, von woher beide sie nicht erwartet. Wilhelmine sah den Kandidaten mit einem ihrer klaren Blicke an, denen man nicht widerstand. »Herr Mauritz, wir wollen aber Ihre Meinung wissen. Was Sie eben sagten, das war nicht gesagt, als daß Sie sich aus der Sache herausziehen wollen. Ihnen hat der Vater aufgetragen, für uns zu denken und zu sorgen, ich meine in solchen Dingen, wo wir nichts davon verstehen, was sich im Umgang mit den Fremden schickt und nicht schickt. Das ist nun nicht ehrlich von Ihnen, wenn Sie's von sich abwickeln wollen und auf andere. Sie sind sonst ehrlich; seien Sie es jetzt auch. Sie sollen also nicht hinterm Berge halten, sondern gerad heraussprechen, was Sie davon denken. – Ich will Ihnen zu Hilfe kommen. – Ich ginge recht gern auf den Ball und tanzte mich mal aus; man hat ja so keine Bewegung in den engen Stuben. Karoline hat noch mehr Lust. Mutter sähe sich die Sache auch recht gern mal an; sie langweilt sich hier. Was Malchen will, weiß ich nicht; das tut aber nichts zur Sache. Ob Sie mit wollen, Herr Mauritz, oder nicht, das tut auch nichts. Denn tanzen werden Sie doch nicht. Sie können also unbesorgt zurückbleiben. Wenn der Onkel aus Quilitz und unsere Tante uns chapronieren, so ist für den Anstand gesorgt und sie übernehmen die Verantwortung. Und damit basta!« »Wenn im Familienrat schon beschlossen ist, so ist meine Ansicht überflüssig.« »Nein, nein, so kommen Sie uns nicht fort, Herr Mauritz. Wir wollen hin. Wir verstehen es aber nicht. Sie verstehen es, und wenn Sie es für unrecht und schlecht halten, dann bleiben wir zu Hause.« »Wir, Wilhelmine!« unterbrach die Aelteste. »Wir andern hätten denn doch auch noch unsere Meinung frei.« » C'est bien drôle ,« sagte die lange Rike. Ihr Gemahl fand es aber gar nicht »drollig«, sondern unbehaglich, mit seinem ehemaligen Hauslehrer eine Verhandlung über das zu haben, was sich schickt und was sich nicht schickt, und das, wo er schon das Siegel der Autorität auf seine Meinung gedrückt. Der Kandidat hatte die Autorität nicht anerkannt. Behaglich war indes auch seine Lage nicht, um so weniger, als er nirgends in den Gesichtern etwas sah, was ihm Beistand versprach. Wo Gegner ringsum, wächst den Mutigen der Mut. »Ich halte es nicht für passend, wenn die gnädige Frau mit ihren Töchtern den Ball besucht.« »Mauritz, was fällt Ihnen ein,« rief die lange Rike. »Die Raison! Wenn der Hofmarschall mich hinführt –« Der Kandidat verbeugte sich. »So wird Ihr Herr Gemahl seine Raison dafür haben. Meine gnädige Frau haben keine jungen Töchter auf den Ball zu führen.« »Zu bewachen, wollen Sie wohl sagen,« fiel der Herr von Quilitz ein. »Ist unsere Chapronage nichts für meine Cousinen? Ist Ihnen die Gesellschaft etwa nicht gut genug, die den Ball arrangiert?« »Die ehrenwerteste, aber wir kennen die geladenen Gäste nicht.« »Ach charmant! Das sind die Grillen meines guten Vetters. Weil Bürgermädchen mittanzen. Wollen wir sie etwa heiraten? Nur Futter zum Tanz für die französischen Offiziere: wir können ganz unter uns bleiben. Zum Menuett engagiere ich selbst meine Cousine Karolinchen, wenn es ihr gefällt. Zum Walzer werden sich schon bessere finden.« Der Kandidat fuhr mit ruhigem Tone fort: »Die Töchter und Frauen aus der Stadt sind unseren Damen bekannt, nicht aber die Damen, welche sich in der französischen Suite befinden. Wir wissen nicht, wer die Frau Generalin ist, die ihrem Gatten nachreist, oder voranreist; ebensowenig kennen wir die Gräfin, ihre Nichte. Die Pflicht der Gastfreundschaft, die Humanität und unsere ganz besondere Lage fordert, das Beste zu denken und anzunehmen. Aber eben diese besondere Lage fordert auch, diesen fremden vornehmen Damen eine besondere Auszeichnung zu gewähren. Wenn die Herren dies auf dem Balle tun, werden sie ihre Gründe dafür haben, sie erfüllen nur die allgemeine Pflicht der Galanterie. Sie vergeben sich nichts, auch dann nicht, wenn später sich ermitteln sollte, daß diese fremden Damen nicht – den Rang beanspruchen dürfen, den man ihnen einräumt. Ich weiß aber nicht, Herr Hofmarschall, ob die Herren sich nicht später Vorwürfe machen könnten, wenn sie auch ihre Frauen und Töchter in eine Gesellschaft gebracht, welche ihrer – nicht angemessen wäre.« Der Kandidat hatte eine unangenehme Seite berührt. Die Frau von Ilitz sah nach dem Ofen, wo Malchen, anscheinend teilnahmslos, stand. Die Mutter dachte nichts Schlimmes von der Komteß, aber diese Freude hatte Schlimmes für die Familie angeregt. Man war übereingekommen, ihrer nicht mehr zu erwähnen. – Der Hofmarschall war einige Schritte auf und ab gegangen, bis er zu einer Resolution gekommen: »Unser guter, lieber Mauritz, ich möchte ihn embrassieren für seine Sentiments. Meinst Du nicht auch, Rikchen, daß er durch den Umgang mit guten Familien profitiert hat? Es paßt nur nicht hierher. – Es hört uns doch niemand? – Meine Freunde, wer sind denn diese französischen Offiziere, diese Obristen, Generale, Marschälle? Nach unseren Begriffen alle aus der Roture. Wer darf denn das aber fragen, wer erkundigt sich nach ihrer Familie, ihrem Stammbaum! Sie sind nun mal die Gesellschaft hier; und, verstehen Sie wohl, die dominierende. Wen sie gelten lassen, muß auch für uns gelten. Sie haben das unter sich abzumachen und nicht wir. Wir haben gar nicht uns darum zu kümmern. Das ist so ungefähr wie an den kleinen Höfen, wo man gern junge Engländer rezipiert. Vom Augenblick an, wo sie sich in einem anständigen Rock und Namen und mit gewissen Manieren präsentieren, sind sie Edelleute, und es ist ganz gleichgültig, ob ihr Vater ein Messerschmied oder Brauer war. Selbst wenn man's erführe, ignoriert man's. Ach, meine Freunde, es wäre mit aller unserer Sozietät schlecht bestellt, wenn man nicht die Kunst des Ignorierens verstünde; nicht immer, aber es gibt Augenblicke, wo sie zur Pflicht wird.« Die Frau von Ilitz hielt die Frau Generalin van Malchern für eine charmante und gütige Dame, und glaubte nicht, daß man ihr etwas Böses nachsagen könne. Die lange Rike hatte einen mokanten Blick mit ihrem Gemahl gewechselt. »Was sagen denn die jungen Damen dazu? Karolinchen, tun Sie doch den Mund auf.« »Wo die Tante aus Quilitz hingeht, da meine ich, können auch wir hingehen. Die französischen Offiziere sind auch nicht so schlimm, als die Leute sie verschreien. Als der Reichsgraf von Waltron 1805 bei uns in Quartier lag, sagte er zu Vatern, es wäre noch immer etwas Chevalereskes unter ihnen, und das Schlachtfeld adle den Mann.« »Und der Reichsgraf von Waltron-Alledeese ist ein kompetenter Richter,« schaltete der Hofmarschall ein. »Geben Sie sich nur drein, Sie sind überstimmt, Herr Mauritz,« sagte die Hofmarschallin. »Herr Jemine, bedenken Sie doch, liebster Mensch, wir tanzen ja nicht für uns, wir tanzen ja nur für die Pferde.« Die Mutter blickte ihn ängstlich erwartend an: »Da doch unser Cousin meint, daß es anständige Damen –« »Ich meine nichts,« unterbrach der Cousin, »als daß es ein anständiger Ball ist. Dieu me préserve , daß ich für alle Tugenden einstehen müßte; nicht einmal in dieser Stadt. Man erzählt ja erbauliche Einquartierungs-Geschichten. Die hübsche Frau Kämmerer soll ihrem Mann einmal die Tür vor der Nase zugeschlagen haben, weil ihr Sergeant Major noch soupierte. Sollten wir sie darum etwa vom Ball exkludieren!« Wilhelmine stand an den Stuhl der Mutter gelehnt. »Nun, Herr Mauritz, Mutter und ich warten. Gehen wir, so muß ich Bolzen bestellen; wir haben viel zu plätten.« »Die kleine Schelmin!« Die lange Rike war aufgestanden. »Als ob Herr Mauritz etwas anderes sagen könnte, als die Familie beschlossen hat. Ich will unten im Vorbeigehen der Frau Rothenmeier sagen, daß sie alle ihre Bolzen ins Feuer tut.« »Wenn die Familie beschlossen hat –« sagte der Kandidat. Minchen fiel ihm ins Wort: »Nein, nein, nein! So kommen Sie nicht fort. Klar und deutlich, was ist Ihre Meinung?« »Sie hat sich nicht geändert, nur bestärkt. Im Geiste Ihres Herrn Vaters, kraft des Vertrauens, das er mir geschenkt, und im besten Sinne für Ihre Familie, ersuche ich Sie und warne Sie: bleiben Sie zu Hause.« » C'est impertinent !« rief die lange Rike. »Mein Gott, was ist denn da zu tun?« fragte die Mutter. »Kinder, sagt doch selbst?« Amalie war vorgetreten: »Liebe Mutter, ich bleibe zu Hause, wenn Du nicht anders bestimmst.« »Ich auch,« – sagte nicht so froh Wilhelmine. »Der Herr Kandidat mag recht haben, und Mutter, Du wirst nun wohl auch bei uns bleiben müssen, denn Vater hat uns einmal den Tyrannen mitgegeben. Aber vergessen werde ich es Ihnen nicht, Herr Mauritz, und nehmen Sie sich in acht, wenn Sie einmal sich auf etwas recht gespitzt haben – die Ostersuppe versalze ich Ihnen.« »Dann bleiben wir zu Hause,« sagte halb fragend, halb beistimmend die Mutter. »Ich nicht,« – fiel Karoline ein – »vorausgesetzt, daß die chère Tante aus Quilitz mich unter ihren Flügeln mitnehmen will, und die Mutter es nicht verbietet. Du wirst doch nicht, liebe Mutter, fordern, daß wir alle dem Herrn Kandidaten gehorsam sind?« »Aber Linchen!« »Ich werde vor dem Vater verantworten, was ich tue. Vater mag sehr gute Absichten gehabt haben, als er Herrn Mauritz in der Eil' der Abfahrt die Vollmacht gab, aber nimmermehr, daß er unsere Familie tyrannisieren soll, denn zum Präzeptor hat er ihn nur für unsere kleinen Brüder, soviel mir bewußt, angenommen. Ich glaube vielmehr, unser guter Vater wird mir dankbar sein, daß wenigstens eine aus der Familie den Mut hat, ihren eigenen Willen zu haben, und entgegen dem des Herrn Kandidaten Mauritz.« »Charmant!« rief die Hofmarschallin und ihr Gatte. »So ist die Familie wenigstens beim Balle repräsentiert.« »Und wie!« rief Minchen, indem sie Karolinen auf die Schulter schlug. »Sie soll meinen Levkojen-Aufsatz haben. Mehr kann eine Schwester nicht tun, der das Herz im Leibe blutet, alles um einen grausamen tyrannischen Kandidaten.« »Wenn nur alles in Frieden abgeht,« sagte die gute Frau von Ilitz. Siebzehntes Kapitel. Die Ouverture zur Ballmusik. Der Ball war wirklich zustande gekommen. Es summte und schwirrte in Nauwalk wie in einem Bienenkorb. Man hörte nichts als Musik der Stadtmusikanten; auch die Franzosen hatten ihre Trompeter geliehen. Vom Augenblick, wo es zu dunkeln anfing, wirbelte, flötete und schmetterte es vom Rathaus, die Luft zitterte, und die Herzen auch. Wie viele waren noch erfreut worden, spät aber doch. Nur sehr wenige zerdrückten am dunkeln Fenster eine Träne, indem sie nach den Hallen des Rathauses schielten, und quälten sich an unlösbaren Rechenexempeln: »Warum denn die – und die – und die – ist sie denn mehr als du?« – Die zwei schweren Kutschen polterten noch immer über das ungleiche Straßenpflaster und setzten ihren vollen Inhalt an städtischen Tänzerinnen aus, um, schnell wieder Kehrt machend, eine neue Ladung einzusammeln. Die Kutscher brummten beim Ein- und Ausladen, daß sie »fix machen« sollten, und dazwischen rollten im Trabe die leichten Kaleschen mit den Damen vom Lande vor. Von den entlassenen Offizieren, die in Nauwalk ein trauriges Domizil hatten, schienen nicht alle zum Ball geladen; oder es hielten sie andere Gründe zurück. Wir finden wenigstens einige im Eckzimmer am Ratskeller. Andere junge Edelleute, die den Ball besucht, kamen ab und zu, um zu plaudern, zu erzählen, zu raillieren oder sich zu restaurieren. Es war gut, daß die guten Bürger und Bürgerinnen nicht alles hören konnten, was hier gesprochen ward. Die Stimmung war aber keine heitere. Baron Eppenstein war unter den Tänzern, die herüber kamen; des Ritzengnitzers bespritzte Stiefel zeugten vom Gegenteil. Beide zischelten sich viel zu. »Sie hätten sich doch überwinden sollen,« sagte der erstere. »Es war für uns manches zum Todlachen. Zum Exempel wie der wohlweise Magistrat an der Treppe die Generalin empfing.« »Pfui Teufel!« »Dem gönne ich's schon. Und die Komtesse! Wie eine Königin! Sie empfing, ließ sich vorstellen; durch ein Kuckgläschen, das an einer Kette um den Hals hing, lorgnierte sie, rechts, links. Eine Zunge hat sie, und auch passabel deutsch, wenn die Bürger ihr Französisch nicht verstanden. Und dann ein Triesel und eine Rakete, sage ich Ihnen, so schossen Witze und Blicke.« »Wer tanzte mit ihr das Menuett?« »Wahrnim-Stintenfang.« »Dem gönn' ich's.« »Ich auch. Sie schwebte aber hin wie eine Prinzessin, die Augen vor sich; keine Heilige kann so muckern. Der alte Kerl ist über die Ohren in sie geschossen. Er fliegt, um ihr die Limonade zu präsentieren, steht hinter ihrem Stuhl wie ein Kammerherr, der jeden Wunsch ablauschen will.« »Was sagt denn der Quilitzer dazu?« »Der lacht sich bucklicht, aber inwendig.« »Ward sie nicht rot und verlegen, als Sie –« »Als ich sie zur Ecossaise aufforderte? Ich wünschte, Sie hätten das mit angesehen. Ja, sie rutschte etwas verlegen und sah zu ihrem Cicisbeo hinauf: ›der Herr ist mir noch nicht vorgestellt, vielleicht –‹ der Herr von Wahrnim-Stintenfang hatten dann die Güte, mich zu präsentieren.« »Das Lu . . er!« brach es unwillkürlich von den Lippen des Leutnants. – »Auch da erinnerte sie sich nicht ihrer jüngsten, süßen Bekanntschaft?« »Sie freute sich, mich kennen zu lernen, bedauerte indes, von dem Menuett zu sehr echauffiert zu sein. Sie wolle lieber die Ecossaise überspringen.« »Und das war alles?« »Sie fragte mich nach meiner Familie.« »Donnerwetter.« »Sie hätte den Namen noch nicht gehört.« »Was meinte sie damit?« »Vermutlich, daß zehn Dukaten zu wenig gewesen; denn sie flüsterte, daß ich es hören konnte: ›wohl aus einer wenig bemittelten? Der arme junge Mensch!‹ Nachher hat sie zum Stintenfänger gemeint, es sei schade, daß die Gesellschaften jetzt so gemischt wären. Den Mann von wahrem altem Adel erkenne man doch auf den ersten Blick! Das schmunzelnde Gesicht des Stintenfängers war nicht mit Geld zu bezahlen.« »Wie benahmen sich die französischen Offiziere gegen sie?« »Bei den Franzosen ist das ja alles egal. Die vornehmeren kamen erst, als ich ging. Aber ein Genie bleibts von Hexe.« »Und um die! « – Der Ritzengnitzer stützte den Kopf in die Hand. »Ach, ich wünschte, ich – weiß nicht was.« »Eure Kugeln sollen nicht treffen,« murmelte der Baron. Der Leutnant hatte das Wort Kugeln gehört. »Warum Kugeln? – Säbel, die Funken sprühen, sind besser, die das Blut durch die Adern treiben; gleichviel gegen wen. Steht nicht in den alten Geschichten, daß Gladiatoren, wenn sie lebenssatt waren, gegeneinander die Klingen zogen, nur um aus dem Elend loszukommen? Wurden wir nicht, im Grunde genommen, auch Gladiatoren? Er treibt uns an die Schlachtbank, daß wir uns totschlagen lassen, Gott weiß wofür. Gegen den Mond oder gegen englischen Kattun! Hat der tolle Junge da unrecht, wen er für eine Allerweltsvettel sein Herzblut lassen, oder von vornherein beim Allerweltsbüttel Dienste nehmen will? Was! wo ist denn noch was! Wenn's in aller Welt zur Schlachtbank wird, ist der am besten, der keine Vorliebe und keine Passionen mehr hat, sein Herz auf die eiserne Faust genagelt. Drauf los, wenn's trifft. Heut das Faß ausgeleert, denn auf morgen sparen, ist Torheit. Wer bürgt uns, daß die Sonne wieder aufgeht!« »Wenn der Kornett das spräche, hätte er recht, Herr von Wolfskehl, Sie aber haben unrecht. Die Sonne geht immer wieder auf, und nach jedem Sturm setzt sich die Temperatur. Dann setzt sich vieles, eins kommt nach dem anderen zum Vorschein, was wir für verloren hielten; ja, viel mehr, als man denkt. Zum Exempel, Ihr schönes Schloß mag zerstört und ein Aschenhaufen werden, Ihre Pferde und Wappendecken, und Ihre Hunde und Obstbäume tot, kurz- und kleingeschlagen, aber Ihre Ritzengnitzer Aecker spült kein Platzregen und weht kein Orkan fort. Das taucht alles wieder auf und noch manches drauf und darum, und sieht gar schön aus, wenn die Sonne drauf blitzt. – Mit der Gleichheit ist's nichts, Herr Nachbar, das weiß die Mücke auch. An einem Mageren saugt sie nicht. 's ist ein verfluchter Unterschied zwischen denen, die was haben, und die nichts haben. – Die letzteren haben ein Recht zur Verzweiflung, wir aber nicht. Wir müssen für unseres einstehen, wie's in der Bibel heißt vom guten Verwalter.« »Wenn uns die Natur zum Verwalter schuf,« entgegnete der Leutnant. »Dazu muß man eine Haut haben wie ein Sack, je dicker, je besser; wenn man aber eine hat wie ein Sieb, und die Juden und Gott weiß was haben die Poren immer größer gebohrt, und das Blut möchte zu allen hinaus – Wetter noch mal, ich kann nicht länger still liegen.« Ein Druck am Arme mahnte ihn aber, still zu sein. »Der Kornett?« flüsterte ihm der Baron ins Ohr. »Schickt sich denn das!« rief halb verwundert, halb zornig ein Militär in Zivil, in dem wir den Sekundanten des Ritzengnitzers vermuten, und war aufgestanden, als der, zu welchem er die Worte richtete, neben ihm auf die Bank mehr gefallen war, als man sagen kann, er habe sich gesetzt. Theodor war lautlos, wie ein von einem langen Marsch, von einem Wettlauf Erschöpfter, in die Stube getaumelt. Er hatte sich nicht umgesehen, wer darin war; er warf sich hin, wo er einen Platz fand. »Was schickt sich noch! – 's ist alles Revolte –« Der Sekundant winkte dem Baron: »Das wäre Ihre Sache, Herr von Eppenstein, dem Kornett Hurlebusch zu bedeuten, vor ausgetragener Sache dürfen Kontrahenten sich nicht begegnen.« »Sie dürfen sich nicht begegnen!« wiederholte mit wildem Gelächter Theodor. »Da liegt's! – Sie haben sich aber begegnet. – Verbietet's ihnen doch! – Die Sterne reiten – die Toten auch; rund herum – könnt Ihr's ändern? – Es ist so, ich hab's selbst gesehen.« Die andern blickten sich an. War er betrunken? fragten ihre Mienen. – »Es wird das Schicklichste sein, daß ich gehe,« sagte der Leutnant, den Hut aufsetzend. Theodor gaffte auf und drückte mit einem Schlag die Hand auf den Tisch: »Geh nicht, Julius! Es gibt keine Ehrengesetze mehr, wo's keine Ehre gibt. – Du hast recht. Was willst Du mehr? Ich will's Dir nachschreien, auf den Markt, in den Ballsaal. – Was willst Du mehr?« »Sorgt für ihn!« flüsterte der andere im Fortgehen. »Bleibe, Julius,« wiederholte Theodor mit weicherer Stimme. »Wir werden uns ja bald nicht mehr sehen. – Der Schuß ging gerad' durchs Herz.« »Er phantasiert! – Man möchte einen Doktor holen.« »Dafür gibt's keinen. – Hört mich doch nur an! – Ihr seht freilich das Blut nicht fließen, es ist verstockt. Aber Deine Kugel soll's wieder offen legen. Du bist der Beleidigte, Du hast den ersten – so wahr Gott über mir lebt, der Schuß trifft gerade hier – zerschmettert am Boden werd' ich's noch rufen: Du hast recht! Was willst Du mehr? – Aber bleib!« Die andern meinten jetzt, es sei gut, daß er bleibe; der Paroxismus werde sich legen, er scheine am Bedürfnis zu würgen, sein Herz auszuschütten. Wolfskehl trat in eine Ecke. Die Natur half sich nach einem heftigen Schluchzen durch eine Flut stiller Tränen, die er in den Armen zu verbergen suchte. »Wo kommen Sie her, Hurlebusch?« fragte der Baron. »Weiß ich's! – Aus der Heide vermutlich.« »Wenn er sich da bis jetzt herumtrieb, ist der Fieberanfall erklärlich,« äußerte der andere Sekundant. »Ich sah ihn heut mittag, als die Sonne warm schien, in den Kiefern.« »Das war kein Fieber – es war wirklich, alles wirklich,« fuhr Theodor auf. »Laß ihn erzählen,« flüsterte einer dem andern zu. »Ja, um Mittag – Mittag war's – das war auch Täuschung, niederträchtige Heuchelei – der Himmel so blau, die Luft so lau – der Winter in die Erde versunken – die Sonne brannte durch den dünnen Rock – die Käfer spielten und schillerten in ihrem Scheine. – Warum scheinen die Fichten grün, wenn die Natur ihr braunes, nacktes Bettlerkleid anlegt! Und so still alles, und das Moos so schwellend und so warm! Es lag sich so wonnig auf dem Kopfkissen. Die alte Kiefer sang Lieder über mir in das blaue Firmament – ich weiß nicht was: Waren's Hochzeitslieder oder alte Träume? – Da kam ein Rabe – nein, es waren drei – drei häßliche Krähen. Die wollten auf die Kiefer sich setzen. Sie schüttelten ihre Aeste – aber die Tiere kreisten immer, immer um den Wipfel – sie witterten ihre Beute. – Nun waren sie fort, und meine Gedanken stiegen durch den blauen Aether immer weiter – weiter – ich weiß nicht wie weit – so leicht hat nie das Herz mir gepulst – da war Friede, Seligkeit – die Erde ein brauner Klumpen.« – »Ob man nicht doch nach dem Arzt schickt?« »Der tanzt drüben.« »Er tanzt auch, nur in anderer Manier. Still, er hört's.« »Aus der Schonung kam ein Häschen. – Es sah mich. Es stutzte und blieb im Geleise stehen. Mit seinen klugen Aeuglein starrte es mich an. Ich hatte ja keine Flinte – und hätte ich eine gehabt, auf das Häslein hätte ich nicht angelegt. Aber – aber Gott sei mir gnädig – daß ich keine Flinte hatte.« »Es wird schlimmer.« »Still doch!« »Da kam sie – Ihr wollt's nicht glauben – hab' ich's denn geglaubt? – Ich biß mir in den Daumen – da noch die Narbe! – Das Häslein stürzte über den Weg. Sie auch. Das Häslein warf mir noch einen Blick zu – sie nicht. Nicht einmal einen letzten, und ich werde sie nie wiedersehen.« »Das ist etwas,« flüsterte der Sekundant. »Die Komteß sah ich um Mittag nach der Heide reiten, auf ihrem Falben.« »Allein?« »Allein, auf ihrem Falben. – Laßt mich nur, jetzt entsinne ich mich – es reiht sich wieder eins ans andere. – Scheltet mich toll, wie Ihr wollt – aber Tollheit ist Wahrheit. Sie flog vorüber, himmelblau und weiß, – wie damals – so konnte sie in den Himmel reiten, darüber hätte ich mich nicht gewundert.« »Eben kam's vernünftiger – und nun wieder« – »Ihr Ungläubigen, sperrt Mund und Ohr und Auge auf, Ihr faßt es doch nicht, wenn Ihr Euch schon darüber wundert. Da, hier auf der Backe verwundete mich der Kies von ihres Falben Huf, damit ich wach würde. Die Tiere haben mehr als Instinkt.« »Nun ja, die Komteß war's, Hurlebusch. Kommen Sie zu sich. Sie ist nicht in den Himmel geritten, sondern in den Busch; der Himmel weiß, zu welchem Rendezvous.« »Nein – sie war überrascht. Das war wieder Wahrheit. So lügt auch die Lüge nicht. Als sie um die Ecke schwenkte, kam's wieder aus der Ecke.« »Und diesmal ein Reiter, natürlich, der auch nicht in den Himmel wollte.« »Ein Offizier – ich muß ihn schon gesehen haben.« »Ein Franzos? Was machen die sich denn für solche Ungelegenheiten. Ein Rendezvous in der Heide. Sie haben's überall bequemer!« »Ihr irrt! – Sie erschraken beide. – Wie sie die Augen aufrissen – die Lippen!« »Zum Küssen auf dem Pferd? – Das ist unbequem. Sie werden wohl nachher runtergestiegen sein.« »Raoul! rief sie. Das war eine Stimme. Est-il possible ? « »Und er?« »Jenny!« »Also alte Bekanntschaften, die sich gelegentlich wiedersahen. Darin sehe ich nun nichts Wunderbares,« sagte der Baron. »War's einer von den neu Eingerückten?« »Ihr Kommandeur.« »Das klingt fast wie ein Wunder. Der Colonel selbst! – Sie verschwanden natürlich im Busch und kamen nicht wieder.« »Sie kamen wieder. Hand in Hand im Karriere durch das Gestell auf und ab.« »Wie! Eine Ecossaise zu Pferde?« »Das waren Augen! Was sie sich mit ihren Blicken erzählten! Sie hätten nichts umher gesehen, jeder sah nur den andern. Ich glaube, die Pferde selbst sprachen mit.« »Nun wird's zum arabischen Märchen.« »Nein, so sah ich nie Schule reiten. Beide a tempo. « »Man sieht, Sie sahen mit eigener Brille, denn was das leiten betrifft, Donner und Wetter, da nehmen's wir noch mit jedem Franzosen auf.« »Und nun plötzlich – einer sah den andern an – sie verstanden sich, lachten – im Nu – er mit den Füßen auf dem Sattel – sie auch – Hand in Hand – den Zügel leicht im Finger – so sausten sie fort.« »Um nicht wiederzukehren?« »Kinder, ich reibe meine Augen, ich hab's gesehen, ich schwör' es Euch zu – er umfaßte ihre Taille – mit einem Sprung hing sie auf seiner Schulter. Das Füßchen in seiner Hand, ihre Linke auf seiner Achsel, das Halstuch mit der andern in die Lüfte schwenkend, la victoire! la victoire! so sausten sie vorüber.« – »Und da erwachten Sie?« »Aus meinem langen Traum. Ist's nicht zum Todlachen? – Ein Traum, ein Traum! Und wenn man nur im Traum leben kann!« Der Kellerwirt war schon einige Sekunden eingetreten, ehe er sich bemerkbar machen konnte. »Meine Herren, hören Sie denn nicht, es ist Lärm draußen – man weiß nicht was, aber es ist etwas los.« Man horchte. Die Ballmusik tönte von oben nach wie vor. »Es ist nichts.« »Meine Herren, es ist gewiß was, vom Tore her kam es. – Da hören Sie, es sprengen ein paar vor – klirrende Säbel – sie steigen ab.« »Die stolpern hinauf!« »Ein Schuß! – Nein – ja – wieder eins, zwei, drei, vier! – Holla, was ist das?« Das Traumbild war versunken. Sie stürzten hinaus; wir aber steigen die Treppe nach dem Ratssaal hinauf, wo inzwischen mancherlei, wenn auch nicht so Wunderbares, vorgegangen ist. Achtzehntes Kapitel Die Ballnacht. Die ältesten Leute in Nauwalk entsannen sich keines solchen Ballfestes, selbst nicht zur Zeit des dicken Königs. Als ein Teil der Stadt abgebrannt und durch die Vorschußgelder aus der Schatulle wieder aufgebaut war, hatte man nämlich eines zu Ehren des Königlichen Gnadenspenders veranstaltet. Die Noblesse aber hatte sich nicht so zahlreich eingefunden als heut. So reichlich war auch niemals Punsch und Bier auf der Galerie der Musikanten geflossen: der Magistrat wollte sich ebenfalls nicht lumpen lassen. Sie bliesen, strichen, pausten aus Leibeskräften. Nur die Talglichter, so viel ihrer auch an die Wände gesteckt waren, wollten in der dicken Atmosphäre nicht hell brennen. Und so schöne Einigkeit herrschte. Drei Stunden war schon getanzt und noch keiner hinausgeworfen. Alles bunt durcheinander, Militär und Zivil, Franzosen und Inländer, Adlige und Bürgerliche. Wenn einmal auf den Fuß getreten, eine Borte abgerissen, ein Tänzer gefallen, zwei wegen einer Dame aneinander geraten waren, es war immer wieder in Güte geschlichtet worden. Der Magistrat hätte das nicht vermocht; es mußten so seine Männer wie der Hofmarschall und der Herr von Wahrnim-Stintenfang sich der Sache annehmen, wie sie taten – von ganzer Seele. Trotz ihrer Jahre, und der Stintenfänger war noch um ein Dutzend älter als der Quilitzer, beschämten sie die Jüngsten. Sie waren überall, vermittelnd, aufmunternd, scherzend. Unter den Bürgermädchen und Frauen war nur eine Stimme: nein, so liebenswürdig hatten sie sich den Hofmarschall nicht gedacht! Mit der Bürgermeisterin hatte er die Polonaise angefangen, jeder etwas Angenehmes gesagt, und in einer Pause seine Gemahlin herumgeführt. Er hatte sie dieser und jener vorgestellt, er »erlaube« sich das! hatte er gesagt. Da könnten sich ihre städtischen jungen »Lümmel« ein Muster dran nehmen; aber bei denen sei Hopfen und Malz verloren. Und auch die lange Rike war freundlich gewesen. Drei Bürgerfrauen hatte sie embrassiert, bei einem jungen Dinge sich erkundigt, wo sie ihre Schärpe gekauft, bei einer anderen, wer ihr das Kleid zugeschnitten. Sie hatte es nicht glauben wollen, daß sie es sich selbst gemacht, und um Erlaubnis gebeten, es sich einmal holen zu lassen, um sich ein Muster davon zu nehmen. Da sah man doch, wie schändlich die lange Rike verleumdet war; was tun aber nicht böse Zungen! Sie war nicht hochmütig, meinten alle, und auch nicht so häßlich, einige; nur die Nase wäre etwas spitz und rötlich. Wenn man den leibhaftigen Hochmut sehen wolle, da wäre das Fräulein von Quarbitz. Die gehe nicht umher, sie dünke sich wohl zu schön und zu vornehm, wie alle Ilitzer. Die hielten wohl den Ball für sich zu ordinär, und darum wären sie gar nicht gekommen. Gut, daß die guten Frauen nicht hörten, was der Quilitzer seiner ins Ohr flüsterte, als er sie auf ihren Stuhl zurückgeführt. »Nun hast Du in den sauren Apfel gebissen, und Du siehst, es ging. Es geht alles, wenn man's nur nicht zu schwer sich vorstellt. Man glaubt nicht, Friederike, wie wohlfeil man fortkommt, wenn man zu rechnen und sich zu menagieren weiß. – Cousinchen sieht aber bös aus. Du mußt sie ein bißchen encouragieren.« »Qu'importe!« entgegnete die lange Rike. »Laß sie doch aussehen, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Est-ce que c'est une folie wenn ich sie als Folie brauche? Mein galanter Mann will doch nicht, daß ich die Folie ihrer Schönheit sein soll!« » Méchante !« entfernte sich hold lächelnd der galante Ehemann. Herr von Wahrnim-Stintenfang überbot an seiner Sitte noch den Quilitzer. Er war nur vielleicht zu fein für viele, und weil er zu lang, gerade und mager, und sein zu spitzes, längliches Gesicht einen nicht wegzuwischenden, aristokratischen Ausdruck hatte, ward seine Höflichkeit von den bürgerlichen Frauen nicht ganz verstanden oder goutiert. Desto zuvorkommender war er gegen die Männer, und wenn er nicht bei der Komteß beschäftigt war, unterhielt er sich auf das verbindlichste mit den französischen Offizieren und Zivilisten. Dem Intendanten und dem Payeur-General sah man an, sie waren aus grobem Stein gehauen, aber im Gespräch mit ihm überkam sie unwillkürlich etwas von seiner Politur. Er sprach ihre Sprache fließend mit einem Pariser Accent; er gab der Unterhaltung einen Elan, der sie selbst mithob. Er sprach philosophisch. Von den Ideen von 1789 mit einem Seufzer: ja, wenn alles das Wahrheit geworden wäre! Und es waren schöne, schöne Ideen darunter. Auch die Klügsten und Edelsten können sich täuschen! Das sei die Unvollkommenheit der menschlichen Natur. Rasch übergehend sprach er von einem Genius, der nur alle Jahrhunderte, und kaum das, geboren wird; den man gewissermaßen als ein Geschenk des ciel protecteur du genre humain betrachten könne. Dann seufzte er noch tiefer: die Wege der Vorsehung seien unerforschlich; und daß so viele Herzen, Glück und Ruhe von Millionen, bluten müßten und zertreten würden auf den Wegen, die sie ihre Herren zu gehen zwingen! Aber – aber – und dabei drückte er verstohlen die Hand – eines bleibe doch das schöne Resultat: daß die Völker sich kennen lernten, sich in der Kultur näherten, edle Gesinnungen austauschten, aus Haß allmählich Neigung, Liebe entspringe, und endlich, wenn alle inne wurden, daß alle eigentlich dasselbe wollten, Glück, Ruhe, Friede mit ihren Nebenmenschen, dann werde aus den blutgetränkten Schlachten und dem herzzerreißenden Kanonendonner das schöne Band der Humanität sich losspinnen, das alle Menschen zu Brüdern macht – zu einem Weltreich, wo wir alle Bürger sind, gleich die höchsten, gleich die niedrigsten. Alsdann bat er um die Erlaubnis, den Bürgermeister und den Syndikus der Komteß vorstellen zu dürfen. Der Intendant und der andere hatten nun eigentlich mit dieser Erlaubnis nichts zu tun, es war der Komteß Sache allein, aber die Bitte schmeichelte. Die Komteß d'Aiguillon empfing mit leutseliger Güte die städtischen Herren; sie erkundigte sich nach ihren Familien und versuchte ihre schwer klingenden deutschen Namen nachzusprechen, wobei natürlich einige possierliche Fehler unterliefen, die sie selbst lächelnd bemerkte. Man müsse schon damit vorlieb nehmen; das sei der Fehler der Pariser Erziehung. Warum stelle man ihnen die Länder du Nord als Länder der Barbaren vor. Der Krieg lehre die Unwahrheit dieser Vorstellung, und wenn sie nach Paris zurückkehre, würde sie die Pariser wissen lassen, daß sie nirgends liebenswürdiger empfangen, angenehmere Gesellschaft gefunden und sich besser amüsiert habe, als in diesem aimable pays de Nauwalk . Nauwalk sei nur eine kleine Provinzialstadt, konnte sich der Bürgermeister nicht enthalten zu bemerken, die im Kriege schwer gelitten habe. » Oh! c'est bien dommage! Das ist ganz gegen des Kaisers Willen. Ich versichere Sie, er will nur Gutes; niemand soll Schaden leiden. Gewiß sind es nur Mißverständnisse, Überschreitungen. O pfui, pfui! Wenn der Kaiser das erfährt, wird er sehr zornig sein. Er ist die Güte selbst. Nicht wahr, meine Herren – sie nannte die Namen der Zivilbeamten – Sie kennen ihn, wenn auch nicht persönlich. O, seine Maximen sind erhaben. Notieren Sie die Beschwerden des guten Bürgermeisters. Ich werde sie mitnehmen, ich werde sie Seiner Majestät mitteilen, und seien Sie versichert, es wird Abhilfe kommen. Meine Herren! Ich kann es meinem Freunde, Herrn von Wahrnim, nicht genug danken, daß er mir das Vergnügen Ihrer Bekanntschaft verschafft hat.« Sie waren entlassen. Der Syndikus war vergnügt. »Wenn es nur was hilft!« Des Bürgermeisters Gesicht schien zu antworten: »Du gute, unschuldige Seele!« Der Quilitzer war anderer Meinung, aber in einer anderen Sache. »Alles geht charmant, wir sind schon 'rum. Die Pferdelieferung ist so gut wie in den Rauch geschrieben.« So sprach er, sich an das Seitentischchen setzend, wo der Majoratsherr von Wahrnim aus Kautzenburg mit dem Majoratserben von Quiritz schon bei einer Flasche Wein saßen. Der Kautzenburger, ein wohlbeleibter Herr mit einem Kahlkopf und verständigem Gesichte, schüttelte ihn. »Mir gefällt eigentlich die Geschichte nicht. Die Pferde, die wir nicht liefern, werden anderen Kreisen abgezwackt.« »Sollen wir für sie auch klug sein?« »Unpatriotisch bleibt es.« »Daß wir die besten Pferde in der Provinz vor dem Dienst gegen unsere Landsleute retten? Fragen Sie den Herrn von Quiritz.« »Ich weiß selbst sehr gut, was meine Zucht wert ist, und was die Pferde in der Provinz,« nahm der Kautzenburger das Wort. »Könnte ich sie über die See, durch die Luft dem Könige nach Preußen schicken, gut, aber in den Ställen helfen sie uns nichts; denn wenn wir auch noch so viele Augen mit Geld zudrücken, es bleiben ihrer immer noch zehnmal soviel wach. Wenn jetzt nicht, so nehmen sie sie uns ein andermal, und wenn es uns gelänge, ich setze den besten Fall, daß wir sie unter der Hand verkauften und hinüberschafften nach Mecklenburg oder über die Elbe, so geraten sie dem Feinde dort in die Hände. Kaufen muß er sie da, allerdings teurer vielleicht, aber mit unserem Gelde. Je weniger wir liefern, um so größer die Kontribution. Der gerade Weg ist auch gegen den Feind oft der richtigste. Uebrigens besorge ich, daß wir auf unserem krummen noch gar nicht am Ziele sind. Diese Canaille von Intendanten, der man den alten Sansculotten ansieht, angestrichen mit ein bißchen Direktorialverschmitztheit und überfirnißt mit einem bonapartistischen Air, ist gewiß ein Filou, der auf Abschlag alles, was man ihm freiwillig gibt, in die Tasche steckt, nachher aber –« »Unfreiwillig alles noch mal fordert,« fiel der Johanniter ein. »Ich traute dem Kerl auch nicht, aber er hat sich vom Payeur-General unter die Decke sehen lassen. Jeder weiß vom anderen, daß er bestochen ist, da muß er vor ihm auf der Hut sein.« »Da ist auch noch der Colonel von den Kürassieren,« sagte der Kautzenburger. »Der sieht mir sehr danach aus, als ob er beiden einen Strich durch die Rechnung machen könnte.« »Wer nicht noch!« sprach der Quiritzer. »Durch die sicherste Rechnung kann eine Hand aus den Wolken einen Strich machen. Wer darauf warten wollte, müßte nie einen Abschluß machen.« »Wo ist denn der Colonel?« Der Quiritzer war etwas unruhig aufgestanden. Dieselbe Frage hatte der Stintenfänger eben an den Intendanten getan und die Antwort erhalten: »Der Herr Colonel von Espignac sind einer von den Hochnäsigen, denen Fortunas Rappen nicht schnell genug gelaufen. Weil er immer nur nach dem Marschallshute blickt, sieht er nicht auf den Weg; aber wenn er mal fällt, werden nicht alle Trauer anlegen. Ich versichere Sie, mein Herr, es kommt eine verfluchte Aristokratie in der Armee auf, um keinen Pfifferling besser als die alte, die wir rasiert haben. Das baronisiert, graft und fürstet sich! – Das hätte Anno 92 passieren sollen!« »Ist der Colonel von Adel?« »Ich kann Ihnen nicht dienen, mein Herr. Er stand bei der italienischen Armee und ist schnell avanciert, wie alle diese Glückspilze. Wir sind ihm zu ordinär. Fortbleiben wird er nicht, aber je später er erscheint, um so größer ist die Aufmerksamkeit. Wahrscheinlich macht er noch seine Toilette und wartet den Moment ab, wo er mit Eclat unter die Erstaunten einbricht.« Der Intendant mußte ein guter Menschenbeobachter sein. Es war ein allgemeiner Aufstand, die Musik schwieg, als der Colonel erschien. Wirklich eine glänzende Erscheinung, ohne daß man sich sogleich Rechenschaft hätte geben können, worin sie bestand; ob in der Toilette, dem kriegerischen Anstand, den edlen Zügen seines Gesichts oder der vornehmen Ruhe, mit der er sich umschaute. Man gruppierte sich um ihn, man ließ sich ihm vorstellen. Seine Antworten waren höflich, aber gemessen und würdig, wie seine Bewegungen. Niemand schien bevorzugt, er selbst zu niemand hingezogen. »Erlauben Sie mir, den Damen mein Kompliment zu machen.« Man glaubte, ihn zuerst zu seiner schönen Landsmännin führen zu müssen. »Ah! ma belle comtesse,« rief er ohne sonderliches Erstaunen. »Pardon, daß ich Ihnen noch nicht meine Aufwartung gemacht. Ich hoffe, die Strapazen der Reise haben Sie nicht angegriffen. Aber ich bitte Sie, mich der femme du maire vorzustellen.« Vor Schreck konnte die Frau Bürgermeisterin kein Wort vorbringen; sonst so geläufiger Zunge! Aber man merkte es nicht; er legte auch ihre stummen Gedanken aus. Unter den Damen vom Lande war nur eine Meinung: erst unter ihnen hatte er sich wie zu Hause bewegt, mit richtigem Takt herausgefühlt, wo Komplimente angebracht waren, wo ein eindringenderes Gespräch: »Wie gütig von Ihnen und wie glücklich, daß Sie das Fräulein von Quarbitz bemuttern müssen,« hatte er zur langen Rike vertraulich gesagt. Auf ihr: » Pourquoi, monsieur le colonel? « war seine Antwort: »Es ist nicht gut, wenn Damen von Familie sich zu lange vom Hofe zurückziehen. Man ist da – verländlicht, ehe man es merkt. Das soll keinen Bezug auf die Damen von Ilitz haben; aber die treffliche Mutter scheint durch den langen Aufenthalt auf ihrem Gute etwas schüchtern geworden, zu schüchtern, um ein solches Juwel von Tochter in der Gesellschaft zu bewachen.« – »Es ist nicht alles Gold, was glänzt,« hatte die lange Rike erwidert. »Aber vieles Gold glänzt auch nicht,« der Colonel repliziert, indem er sein Auge im Saale umschweifen ließ. Dann hatte es sich so gemacht, daß er neben dem Fräulein von Quarbitz einen Stuhl leer fand. Es war ein lebhaftes Gespräch; die Komplimente und Gemeinplätze, mit denen die Unterhaltung unter sich fremd Stehender, der Natur der Dinge nach, anfängt, waren wie Ballast schon in den ersten Minuten über Bord geworfen, er schien in ihrer Familie, sie in seinen Gedankenkreis eingeführt. Wie richtig hatte er aus einigen Worten und Mienen, und bei einem flüchtigen Besuche auf den Charakter ihrer Schwestern geschlossen: »Man muß sich vor einem so scharfen Beobachter fürchten.« »Doch nur, wenn man etwas zu verbergen hat. Das ist der Vorzug Ihres Geschlechtes.« »Man wirft uns doch sonst vor, daß wir gern anders scheinen, als wir sind.« »Reden Sie von meinen Landsmänninnen! Sie wissen nicht, welchen Zauber auf uns das blaue Auge, der offene Blick der deutschen Frauen übt. Sahen Sie schon in einen klaren Bergsee der Alpen? Man sieht den Kiesel auf dem Grund, die Forellen spielen wie Gedanken, die in der stillen Tiefe der Brust noch unentwickelt nach einem Ausdruck suchen.« »Ich bin nie gereist,« fiel sie errötend ein. »Das ist schade. Freilich eine schöne Pflicht der älteren Schwester, die jüngeren Geschwister zu bilden, zu sich heranzuziehen. Aber zu früh die Mutter spielen zu wollen, das kann zum Morde werden an unseren schönsten Jugendgefühlen. – Ach, man ist nur einmal jung, und keine Reflexion bringt uns in das Feenland zurück.« Karoline wollte erwidern, daß sie mit der Erziehung ihrer Geschwister nichts zu tun habe, daß der Vater dazu einen Informator genommen, aber sie fühlte, daß das nicht hergehörte. Sie fragte ihn, ob er weite Reisen gemacht? Er mußte, seinen vorigen Gedanken nachhangend, die Frage überhört haben. »Wir dachten uns die deutschen Frauen mit tiefen, dunklen Augen, eine mystische Erscheinung, wie die Dichter sie geschildert, Seherinnen, die uns in die Zukunft schauen lassen, aber wir vergessen nur zu oft Zukunft und Vergangenheit und uns selbst, wenn wir ihnen zu lange ins Auge sehen. »Sie täuschen sich. Waren Sie in Rom? – Ach, ich bin zerstreut, mein Fräulein. – O, Sie müßten nach Italien. Gerade Sie. Sie würden heute noch dieselbe Bewunderung finden für das blonde Haar, die blauen Augen und die klare Seele, die sich darin spiegelt. Die schönen Italienerinnen selbst erkennen die Vorzüge der Töchter des Nordens willig an. Daher heiraten so viele aus dem hohen italienischen Adel Engländerinnen. Die wilde, kochende Leidenschaft verlangt nach dem Adel wahrer Weiblichkeit, nach dem Frieden der Seele. Ach! – wie wir alle, die das Schicksal unter Stürmen geboren und groß werden ließ!« – »Wie? Ein Soldat, der nach dem Frieden verlangt?« »Wofür kämpfen wir sonst?« »Für den Ruhm.« »Das ist eine Fata Morgana in der Wüste. Je näher wir uns dünken, um so entfernter sind wir. Ein Lottospiel der Hölle; wer die meiste Anwartschaft hat, zieht immer Nieten. Eine gräßliche Lotterie, denn je größer der Gewinn, um so größer die Zahl der Verlierenden. – Nein, mein Fräulein, wer in den Krieg zieht, ohne jedes Ziel im Auge, der stürzt sich in den Strom, nicht um das jenseitige Ufer zu gewinnen, er sucht die Vergessenheit im Grunde, er sucht Rettung vor sich selbst.« Die Geigen, die schon lange präludiert, fielen hier mit schmetternder Lustigkeit zum Walzer ein. Der Colonel sprang auf. »Mein Gott, wohin verirrte ich? Mit meinen trüben Phantasien hielt ich Fräulein von besserer, heiterer Unterhaltung ab.« »Zum Walzer, Herr Colonel,« sprach der Quilitzer hinter ihm. »Sie werden doch einen deutschen Tanz nicht verschmähen. Wählen Sie eine Tänzerin.« Der Herr von Wahrnim-Stintenfang, der zum Walzer nicht mehr accomodiert war, hatte die Komteß in die Nähe der Gruppe geführt. Es schien eine chose convenue , daß der vornehmste Franzose die vornehmste Französin zum Tanz führen müsse. »Das wird ein schönes Paar!« flüsterte man; aber Espignac neigte sich zu Karolinen: »Darf ich um die Seligkeit einer kurzen Minute bitten?« Ihre Hand fiel mit einem leisen Zittern in die seine, während ihre Wimpern die Augen bedeckten. Das war der Augenblick, wo die zwei gespornten Reiter vor dem Rathause abgesessen. Der eine war die Treppe heraufgestürmt, und die Anwesenheit des Kavalleristen mit klirrendem Säbel, den Tschako auf dem Kopf, ließ die leichte Tänzerwelt zurückfahren und die Instrumente verstummen. »Was soll das hier?« rief der Colonel ärgerlich, der Ordonnanz entgegentretend. »Ich hoffe, daß man nicht um Bagatellen das Fest dieser guten Bürger stören wird.« »Mein Colonel, man hörte vor einer Stunde verdächtiges Geräusch in der Heide. Der Wachthabende am Tor schickte sofort eine Patrouille in die Büsche. Sie ist noch nicht zurück. Er fragt, was unter den Umständen zu tun?« »Und das Geräusch?« »Ist verstummt.« »Von der Hauptwache eine Verstärkung nach der Torwache! – Eine doppelte Patrouille zu Pferd in den Wald. – Ortskundige Führer mitgenommen, Laternen. – Das Gesindel, die Marodeure, die man aufgreift, in die Turmwache. – Bis man die verirrte Patrouille auffindet, keine Meldung, keine Störung! Marsch!« Der Tanz begann. Es war bald kein allgemeiner mehr. Die anderen Paare traten zurück; es war die Bewunderung oder Beschämung vor dem einen – »Wie schön er ist!« – » Elle est ravissante !« – »Bravo! – Bravo!« – »Wie zu einander geschaffen.« – »Sie tanzen nicht, sie schweben.« – »Sie macht uns Ehre,« sagte die Hofmarschallin zu ihrem Manne. »Wer hätte das gedacht!« – »Der Tänzer, ma chère, macht die Tänzerin, wie der Offizier die Soldaten.« – »Das kann man nur in Berlin lernen,« sagten einige; andere: »Das lernt sich nicht, das ist geboren.« Sie waren nicht ermattet, nicht erschöpft; nur wie alles Schöne sein Maß in sich selbst findet, verschwebte ihr Wirbeltanz in langsamen Weisen, aber mit derselben Anmut. Ein Sturm des Beifalls, ein lautes Klatschen und Bravo! als der Tänzer die Tänzerin auf ihren Platz führte. Da sprang die Komteß von ihrem Stuhle auf und schwebte, den künstlichen Veilchenkranz von ihrem Haarputz nehmend, wie eine Hebe oder Viktoria durch den geöffneten Raum. Sie ließ sich auf ein Knie vor Karolinen, um dann, auf einem Fuß sich hebend, den Kranz ihr auf den Scheitel zu setzen: » Honneur et hommage à la déesse du jour! « Auch diese Huldigung der Schönheit durch die Schönheit würde von allen beklatscht sein, wäre nicht schon ein großer Teil der Anwesenden an die Fenster gestürzt gewesen, die nach dem Markt hinausgingen. Die Musik, oder vielmehr das disharmonische Toben der angetrunkenen Künstler ließ noch den Lärm nicht hören. » Attention! attention! qu'est ce que c'est que ça! « Mehrere Franzosen geboten Stille. Da schallte vom Markte eine durchdringende Stimme: » Sonnez la trompette, les Prussiens sont là !« Im Augenblick hatte der Colonel das Fenster aufgestoßen, zerbrochene Scheiben klirrten. » Des brigands! aux armes! « Das Knittern und Knattern von Pistolenschüssen, Pulverblitze, galoppierende Reiter, klirrende Säbel antworteten: »Wir sind überfallen« – »zu den Waffen!« – drinnen; draußen: »Hurra, die Preußen sind da!« – »der König von Preußen vivat hoch!« – »Schill! Schill!« – »Lichter an die Fenster!« brüllten andere, »daß wir sehen, wo die Canaillen sitzen!« Die Stadt war überfallen. Es war ein gelungener und, wie es schien, mit Geschick vorbereiteter Ueberfall eines Streifkorps. Die Anführer mußten vollständige Kunde haben, wie es im Orte stand, während sie durch das Auffangen der Landleute, Boten und ausgeschickten Patrouillen den unvorbereiteten Feind in vollkommener Unkenntnis erhalten hatten. Die Torwache war überwältigt, niedergehauen oder gefangen; die Husaren, uniformierte Zuzügler, die in allerhand Kleidung, schlecht bewaffnet, hier Munition und Waffen zu gewinnen hofften, sprengten über den Markt und die anliegenden Gassen. Durch das Scheunentor waren andere gedrungen; die Hauptwache hatte sich schon fliehend und verteidigend nach dem Pritzgarder Tore zurückgezogen. Das Rathaus war abgeschnitten, in der Hand der Sieger. »Ergeben Sie sich, meine Herren!« rief ein jüngerer Offizier den Franzosen zu, welche, näher an der Tür, auf den ersten Lärm hinabgestürzt, mit ihren Degen an der Seite aber wenig geeignet waren, den geschwungenen Säbeln der Kavalleristen Widerstand zu leisten. »Ergeben Sie sich. Widerstand leisten ist unnützes Blutvergießen. Das Blatt hat sich gewandt. Der Kommandierende jenseit der Oder, Schill, ist mit zehntausend Mann über den Fluß gegangen. Die Provinz, entblößt von den französischen Truppen, ist schon unser. Die Stadt umzingelt, die Torwache genommen, Flucht unmöglich; Sie sind unsere Kriegsgefangenen.« Die Verwirrung im Rathaus war groß. Weil jeder dahin rannte, wohin er nicht wollte und sollte, war jeder Ausweg versperrt. » Nous sommes perdus !« rief der Payeur-General, der von einer Tarockpartie mit der Generalin sich zu spät erhoben. Nous sommes trahis !« antwortete der Colonel, welcher seinen Säbel suchte. Vielleicht hatte er sich nur im Ort versehen, wohin er ihn gestellt. »Nicht durch uns,« sagte der Bürgermeister, ohne einer Antwort gewürdigt zu werden. »C'est un malheur,« rief der Quilitzer. » Un désastre imprévu !« accompagnierte der Stintenfänger. » Mais qu'on vengera !« knirschte der Colonel jetzt wieder am Fenster, zu dem die Aufforderung zur Übergabe heraufdrang. Er verstand nicht den leisen Händedruck des Herrn von Wahrnim-Stintenfang, auch nicht seine zugeflüsterten Worte: » Vous vous trahissez vous-même, mon colonel, tout s'arrangera si vous voulez vous cacher! « Den Arm zum Fenster hinaus, schrie er: »Zu den Waffen, Kameraden, es ist Verrat, Betrug – kein Korps – eine kleine Streifschar – Schande, wer sich ergibt! Wir sind stark genug, sie aus der Stadt zu treiben.« Der Colonel, an der Spitze der waffenfähigen Mannschaft, wäre vielleicht stark genug gewesen; aber er war allein im Saal. Die Franzosen am Torweg hatten ihre Degen gezogen, aber was wollten die wenigen ohne Feuerwaffen und – ein Feind von zwei Seiten! Zwar konnten die heftiger werdenden Flintenschüsse am anderen Stadtende ihnen Aussicht auf einen besseren Ausgang eröffnen – am Pritzgarder Tor hatten sich die versprengten, aus den Häusern geretteten Franzosen gesetzt – aber die Hilfe, die von daher kommen konnte, war entfernt, und hinter ihnen waren aus den Kellerräumen des Rathauses Männer herausgestürzt, in deren erhitzten Gesichtern man alles andere lesen konnte, als die Lust und den Willen, ihnen beizustehen. Es waren entlassene Offiziere, krampfhaft würgend zwischen Lust, Entschluß und Pflicht. Der jüngere Husarenoffizier, der gut französisch sprach, wollte noch parlamentieren, als ein älterer mit sonnverbranntem dickem Schnurrbartgesicht mit einem Satz vom Pferde war: »I, dicke durch! Warum nicht gar. Erste Rotte abgesessen, die Karabiner vor! Angelegt . . . .« Den blanken Säbel schwingend, rief er, des Zauderns müde: »Nun nicht länger. Die Degen fort. Ich zähle zwölf, dann kommandiere ich Feuer!« »Meine Herren, das wäre Wahnsinn, aber nicht mehr Mut,« rief ein älterer Offizier unter den entlassenen Preußen. »Ihr Tod, und ohne allen Nutzen für Ihre Sache, ist gewiß. Sie retten sich Ihrem Kaiser, und ein Austausch und Ranzionierung ist leicht.« Es gab freilich noch einen dritten Ausweg, in den Hof und die inneren Räume des Rathauses zurückzuspringen, von wo die Flucht wenigstens einigen gelungen, allen die Möglichkeit eines Widerstandes blieb. Diesen Ausweg aber versperrten eben die erhitzten Gesichter, Dienstleute, Bürger, Frauen. Der preußische Anführer hätte auch wohl deshalb Anstand genommen, seine Drohung auszuführen, die Karabinerkugeln unterscheiden in solchem Falle nicht zwischen Freund und Feind; aber Drohungen muß man nicht auf die Goldwage legen: sie stehen außer der Kritik, wenn sie gewirkt haben. Der wohlbeleibte Kamerad stürmte nun mit einem Dutzend Leute die Treppe hinauf: »Nu oben säubern und uns den Nachtvogel holen, der so lustig aus dem Fenster krähte.« Das war in vieler Beziehung zu spät. Die Gesellschaft hatte sich schon selbst gesäubert; wer entfliehen konnte, war entflohen; mancher wurde indes nachher aus seinem Versteck, vom Boden, unter der Treppe, wieder hervorgeholt. Der Schrecken hatte Gruppen und Bilder hingezaubert, für die es schade, daß kein niederländischer Pinsel zugegen war. Den Frauen und Damen von, in und um Nauwalk muß man aber zu ihrem Ruhme nachsagen, daß keine in Ohnmacht gefallen ist, obgleich sie fast umgerannt wurden. Vielleicht verhinderte gerade die Anstrengung, sich gegen äußere Gewalt aufrecht zu erhalten, den verführerischen Schwindel, sich selbst fallen zu lassen. Den beiden Edelleuten, welche die Hauptpatrone des Festes, war es endlich gelungen, den Colonel aus dem Saale zu reißen. Draußen, im halb erhellten Korridor, hatte er sich aber von der unerbetenen Führerschaft wieder losgemacht, oder im Gewirre machte sich das von selbst. Er suchte einen Ausweg. Er glaubte, eine Hintertreppe erreicht zu haben, die ihn in den Hof führe, aber sie ging in den Keller, und alle Türen waren verschlossen. Hier einen dunklen Versteck zu suchen, war nicht in seiner Absicht; das Schießen am Tore, immer stärker werdend, trieb ihm das Blut durch die Adern; er wäre aus dem Fenster gesprungen, um zu den Braven zu eilen, wenn er eines hätte öffnen können. Er mußte wieder die Treppe hinauf – vielleicht im Korridor. »Werden ihn schon finden!« rief die rauhe Bramarbasstimme vom anderen Ende des Ganges, und die Tür ward aufgestoßen. Im selben Augenblick war aber auch eine Seitentür aufgegangen, einen Schritt von d'Espignac, und sie verbarg ihn noch vor den Augen der Verfolger. Das Fräulein von Quilitz war es, das die Klinke in der Hand hielt. Im nächsten Moment war er hinein. Hatte sie ihm zugeflüstert, gewinkt, hatte er darum gebeten? Das wußten beide nicht. Die Sekunden waren zu kostbar, selbst nur um sich umzublicken; es war ein Gemach, wo jedem Herrn der Eintritt verboten war, das weibliche Ankleidezimmer. Man hörte die Türen der auf den Korridor ausgehenden Stuben eine nach der andern aufschlagen. »Ist eine Seitentür?« fragte der Colonel. »Ich weiß es nicht,« antwortete sie, »aber niemand soll hier eindringen.« Er drückte ihre Finger an seine Lippen: »Ihr Gefangener und Sklave.« Sie hatte die Tür aufgerissen und war hinaus. »Halt!« rief des Bramarbas Stimme, als sie die Tür wieder zuwarf und den Schlüssel umdrehte. »Die Kammer ist noch nicht durchsucht.« »Die Garderobe der Damen!« »Wischiwaschi!« Vielleicht wäre der Bramarbas imstande gewesen, einer Dame den Schlüssel aus der Hand zu winden, wäre nicht der jüngere Offizier im Augenblick herbeigesprungen. »Was tun Sie, Kamerad, das Fräulein von der Quarbitz, die Tochter unseres besten Patrioten, wird keinen Feind des Königs versteckt haben.« »Keinen Feind unseres Königs,« erwiderte sie betonend. Hätten sie nicht mit Jubel und Hallo in dem Augenblicke von der Bodentreppe einen andern Gefangenen geschleppt, den etwas ungeschlacht gebauten Payeur-General, so hätte Karolinens Beteuerung vielleicht so wenig geholfen, als die Einsprache des zweiten Offiziers. Der früher so gefürchtete war aber eine zu lächerliche Gestalt geworden, um über die Lustigkeit nicht anderes zu vergessen. Man hatte ihn nämlich zwischen Mehlsäcken vorgezogen. Er war indes auch ein wichtiger Fang, denn in seiner Todesangst machte er Angaben, denen die Sieger der Nacht die hochbepackten Wagen und Pferde mit französischem Gute verdankten, welche sie am grauenden Morgen mitnahmen. Darüber vergaß man den verschwundenen Colonel, vielleicht auch den Angriff auf das Pritzgarder Tor mit dem nötigen Eifer fortzuführen. Man weiß wenigstens, daß es den dort Gesammelten von der Besatzung später gelang, sich durch das Tor zurückzuziehen, ohne daß sie ernstlich verfolgt wurden, was auch wohl außer der Absicht der Angreifenden lag. Der Colonel führte den Rückzug an; man erzählte sich, ohne es beweisen zu können, daß er in einer Verkleidung sich aus dem Rathause nach dem Tor gerettet. Die Siegeslust des kleinen Trupps braver Soldaten war für die Patrioten in der Stadt mit peinlichen Gefühlen gemischt. Wie manchem pochte vor stürmischer Freude das Herz bei den ersten Schüssen, wie jauchzte es auf, als er die Franzosen vor den ersten blinkenden Säbeln in die Nebengassen stürzen, über Zäune sich schwingen sah. Lachten nicht viele schadenfroh auf, wenn sie sahen, wie die geängsteten Feinde mit zitternden Armen auf die keck vorübersprengenden Husaren zielten und schossen! Wie manchen jungen Mann hätte es gepackt, er hätte die Flinte ergriffen, wenn eine Werbetrommel gerührt worden, des Königs Fahne auf dem Markt aufgepflanzt wäre, wenn Worte des Trostes, der Hoffnung aus beredtem Munde an die Bürger erklungen. Man schleppte nur Wagen, Karren, Pferde herbei, packte, schnallte, zäumte. Sie sahen nur die Präparationen zur Flucht. Und der Ball sollte noch nicht zu Ende sein! Der Quilitzer hatte zu seiner Gattin geflüstert: »Sie lassen noch niemand 'raus,« als der Herr von Wahrnim-Stintenfang mit einer neuen Hiobspost kam: betrunkene Husaren hätten den Payeur-General mit flachen Klingen gefuchtelt, unter dem rohen Witz, sie wollten ihm nur den Mehlstaub ausklopfen. Der Kautzenburger, der sehr ernst geworden, seufzte für sich: »Das kann uns mehr als die Pferde kosten!« Der Herr von Quiritz zog ihn beiseite: »Er ist nicht abzubringen, er nimmt keine Vernunft an.« »Helfen Sie uns, Herr von Wahrnim,« rief der hinzukommende Baron von Eppenstein. »Der Kornett Hurlebusch zieht mit. Er hat schon ein Beutepferd gesattelt. Für seinen Handschlag und sein Ehrenwort hatte er eine Ausrede; er habe es nur gegeben, nicht mehr in die Linie zu treten, dies sei ein Freikorps. Die Raserei macht erfinderisch, – aber was sagen, wenn auch der Ritzengnitzer den Säbel umgeschnallt hat und mitreitet! Er möchte mit dem Tode Billard spielen, wie er's mit dem Leben tat.« »So laßt sie,« sagte der Kautzenburger. »In Momenten, wo alles unter uns wankt, versinken auch oft die festesten Wegweiser, und wo einmal das Blut stärker spricht als alle Gesetze, was haben die der Ehre voraus! Sie wissen, was sie tun, laßt sie sich selbst Richter sein.« Darüber hatten die Herren einen der seltsamsten Auftritte übersehen. Der Husarenoffizier, den wir als Bramarbas eingeführt, um einen Namen zu sparen, oder nicht zu verunglimpfen, schien seine Tat mehr als einen glücklichen Spaß zu betrachten. Er antwortete dem Bürgermeister, der fragte, ob und welche Sicherheitsmaßregel genommen, damit der Coup der treuen Stadt des Königs nicht zum Schaden gereiche: die treue Stadt solle lieber dafür sorgen, daß die treuen Diener des Königs zu essen und zu trinken bekämen. Dafür war indessen schon von selbst gesorgt, denn die Tische wurden gerade für die vorigen Gäste gedeckt, als der Wirbelwind losging, der sie in alle Winkel verscheuchte. Auf sie hatte der Rittmeister auch so wenig acht, als es ihn zu kümmern schien, wer der Wirt beim unterbrochenen Feste sei. Er sah vielmehr auf die Tische, die eben wieder in Ordnung gebracht wurden, und blinzelte dann unter seinen blonden Augenbrauen, eine schlechte Folie zu dem rot aufgedunsenen Gesichte, zu seinem Adjutanten: »Kleist, wie wär's? Nach dem Tanze noch ein Tänzchen!« »Aufgespielt!« schrie er dann zur Galerie, als der junge Offizier erklärte, daß man vor zwei Stunden nicht fort könne, und blickte sich nach einer Tänzerin um. Unter den Damen suchend, fiel sein Auge auf die Komteß, die, in ihrer Angst unter die Bürgerfrauen sich mischend, durch ihre Eleganz um so mehr auffiel: »Gehört die auch hierher?« Als jemand ihm Auskunft gab, klatschte er in die Hände. »»Hurra! dann ist sie ja auch unsere Beute. So was laß ich mir gefallen!« Aber als er auf sie zuschritt, vermutlich um sie zum Walzer aufzufordern, prallte er zurück. Die kleinen graublauen Augen in dem roten Gesicht wurden nicht schöner von dem Ausdruck des Erstaunens: »Blitz und Hagel, hol mich der und jener, oder das ist – das ist die Jenny!« Ob die kleinen graublauen Augen einen Stich bekommen aus dem wirbelnden Raketenfeuer, das sich auch plötzlich in dem schwarzen Auge der Komteß entzündet! – Ob sie ihn auch sogleich erkannt? Es wäre fast zu viel Erinnerungsvermögen in der jungen Dame vorausgesetzt. Zehn – zwölf Jahre lagen rückwärts, und was lag dazwischen! Aber das Brennglas mußte seinen Strahl gerade auf einen sehr bunten, lustigen Punkt der Vergangenheit geworfen haben. Es hatte gezündet, wenige Worte genügten, um ein Bild der Tage, die gewesen, in so flimmerndem Lichte ins Leben zu rufen, daß das Bild, das war, mit seinen hundert Talglichtern verschwand. Immer heller hatte ihr Auge geglänzt, immer schelmischer sich ihre Lippen verzogen, bis unter schallendem Gelächter die feine Gestalt um Kopfeshöhe sich erhob, und auf einer Zehe, zum Erstaunen aller, minutenlang um sich selbst wirbelte. »Eine Tänzerin!« murmelte es. »Sie ist eine Operntänzerin!« Wie viele hatten es längst gedacht; schade nur, keiner hatte es ausgesprochen. Die beiden sprachen sich aus, scharfe Blitzesworte, keinem blieb es dem andern schuldig. Was herausblitzte? Wer hat jetzt Zeit, das zu erzählen! Von einem Rendezvous war die Rede, das gestört worden. Es war vielleicht Verabredung, daß es gestört werden sollte! Der Offizier hatte in einen Schrank wandern müssen – viel zu lange für sein Glück. Er hatte warten müssen – er wartete noch. Im süßesten Tone flüsterte die Zauberin: »Es tat mir wirklich recht leid, und war ein reines Mißverständnis –« »Bloß eine Verwechselung der Personen; das passiert wohl.« »Sie müssen sich schrecklich gelangweilt haben.« »Werde mich in Kolberg zu revanchieren suchen.« »Und daß ich aus Vergessenheit den Schlüssel einstecken mußte.« »Sie nahmen ihn bis Leipzig mit.« »Und in Paris dachte ich daran.« »Und in Paris sind Sie zur Gräfin avanciert? Was erfreut mehr, als wenn man hört, daß die Tugend nach Verdienst belohnt wird.« »Mit gleichem Vergnügen hörte ich, daß der König Sie aus Berlin in die Provinz versetzt, von der Garde du Corps zu den Husaren. Ja wohl wegen eines kleinen Rouge et Noir, bei dem ein junger Russe nackt gerupft ward?« »Was die Zeitungsschreiber lügen! Wenn ich daran glauben wollte, wären Sie mir in den zwölf Jahren einigemal untreu geworden. – Alte Liebe rostet nicht, und aufgeschoben ist noch nicht ausgehoben. Ihr Kerle oben, losgestrichen, was das Zeug hält, die Melodie: Schier dreißig Jahre bist Du alt, Und noch ein paar darüber! Sie hielt ihm verschämt die Hand nach dem Munde; das glückliche Paar wirbelte durch den Saal. Ach, es war alles unheimlich hier. Unheimlich der improvisierte Tanz, unheimlich das improvisierte Abendessen. Die Harmonie war von der Galerie entwichen, die angetrunkenen Musikanten tobten durcheinander; nicht viel anders war die Ordnung an der Tafel, die Gläser und Flaschen klirrten, die Speisen wurden hin und her gerissen. Die Mehrzahl der Gäste hielt sich entfernt. Wäre nur ein anderer Anführer gewesen, der das Glas ergriffen zu einem begeisterten Zuspruch an eine bessere Zukunft! Wenn da unter den Anwesenden Männer waren, die auf eine bessere Zukunft hofften, aus den Trümpfen, Flüchen und Witzen des Bramarbas konnten sie die nicht schöpfen. Es waren die Schaumflocken aus dem Schlamm einer untergegangenen Zeit: Wäre Rüchel nur eine halbe Stunde früher eingetroffen, dann hätte die Schwerenot die Franzosen bei Jena geholt. Hätte der und jener Artilleriekapitän nicht zu früh abprotzen lassen, wäre auch die Schlacht bei Auerstedt nicht verloren gegangen. Fuchtel, Fuchtel hätte gefehlt, die rechten Unteroffiziere, die die Kerle ordentlich zu schütteln wußten. Weibsvolk sei bei der Armee gewesen – er verschwieg wenigstens aus Decenz den Namen der Königin. Der König sei zu gut und die Generäle zu alt gewesen. Wären die rechten Offiziere nicht beiseite geschoben worden, dann – dann wäre es mit den Franzosen aus gewesen. Unter den Zuhörern war einer, der unwillkürlich zusammenschauderte. Der Kandidat hatte sich auf den Wunsch der Mutter durch den Markt gedrängt, damals, als noch Gefahr war, um der von der Familie getrennten Tochter zur Seite zu stehen, sie zu schützen, wenn es ohne Gefahr ging, nach Haus zu führen. Freudeklopfenden Herzens war er ausgegangen, er hatte den Husaren die Hand geschüttelt, etwas Geld und Wäsche ausgeteilt. Ach, da standen schon die Packwagen, alles sprach nur vom Abmarsch. Bei den Reden an der Tafel durchfröstelte ihn eine unaussprechliche Trostlosigkeit. Diese Empfindung schien auch der Bürgermeister zu teilen, als er das Glas erhob und die Gesundheit des Königs ausbrachte. Er sah blaß aus, er versprach sich, und das Glas zitierte in seiner Hand. Endlich das Signal zum Aufbruch. Die Flaschen rollten am Boden, und die Zungen waren gelöst. Man umarmte sich auf Wiedersehen. Wer durfte auf Wiedersehen hoffen! Nur eine schien unverändert. Am Arm des Rittmeisters hüpfte die Komteß aus dem Saal. An der Treppe dankte sie den Magistratspersonen verbindlich für die gütige Attention, sie werde die Aufmerksamkeit nie vergessen. Einige Magistratspersonen verneigten sich. Es ist nichts so unvernünftig, was nicht möglich wäre, behaupten Philosophen. In solchen Augenblicken des Schreckens, der Verwirrung, soll aber die Vernunft auch aus den Versammlungen von Philosophen zuweilen entfliehen. Mond, Fackeln, Laternen beschienen unten eine neue Szene der Verwirrung. In dem Gedränge, Schreien, Singen, Fluchen, Schwören, unter dem Rädergerassel und Pferdewiehern bemerkten viele nicht, daß die zwei Personen, welche seit einer Woche die Glanzpunkte der Stadt gebildet, in einen sehr lebhaften Disput geraten waren. Die Generalin hielt die Komteß am Kleide. » Si ce n'est pas ça, c'est ça !« lachte die Komteß. »Nach Kolberg schleppen lassen!« »Chère tante, mir ist schon längst ein Seebad verordnet.« Die Tante wollte wenigstens mitgenommen sein. Der Bramarbas drängte sie mit dem Ellenbogen zurück: »Das fehlte noch. Eine alte Schachtel mehr auf die vollen Wagen!« Bis dahin hatte die Generalin die Dehors beobachtet. Jetzt brachen alle Schranken, und eine Flut von Verwünschungen lockte die noch nicht zerstreuten Ballgäste zu unerwünschten Enthüllungen. Vergebens suchte der Herr von Stintenfang die Wütende zu beruhigen, vergebens rief die Komteß: »Tantchen, sobald ich an Ort und Stelle bin, schreib' ich Ihnen, Sie können sich darauf verlassen.« »Zum Henker mit Deinem Geschmiere! Was soll denn aus mir werden? Sie hat mich als Tante angenommen.« »Zu Ihrem Manne, rate ich Ihnen, gehen Sie nicht zurück; der prügelt Sie wieder. Gehen Sie wieder nach Berlin, Tantchen. Da finden Sie Nichten, so viel Sie wollen.« »Kreatur, meine Gage! Verköstigung und Gage, ein Quartal bist Du mir noch schuldig.« »Sie haben noch die zehn Dukaten vom Baron, die schenk' ich Ihnen!« »Du mir was schenken! – Meine Herrschaften, wissen Sie, wer sie ist und wo sie her ist?« » L'éducation fait l'homme !« »Sie ist keine Gräfin nicht, meine Herrschaften, sie denkt nicht dran. Ein Apfelweib war ihre Mutter, an der Reetzengasse.« Jenny erhob sich noch einmal unter dem kleinen Verdeck, das vorn am Proviantwagen ausgespannt war; das schmale Bänkchen darunter war der Sitz, auf welchem die französischen Generäle jener Zeit gewöhnlich die Schätze mitnahmen, deren Eroberung ihnen nicht schwer geworden, und die niemand reklamierte. »J'ai régné sur les coeurs, chez vous et dans la France, Par le droit de conquête, et non par la naissance,« [Herrscherin war ich über die Herzen, hier wie in Frankreich, durch Eroberer-Recht, nicht durch das der Geburt.] deklamierte die Schöne mit gehobenem Arm. »Au revoir, Mesdames, Messieurs! Kutscher, fortgefahren!« Die Zauberin war verschwunden. » Mais c'est affreux !« sagte die Hofmarschallin, als sie über den Markt gingen. Die Herrschaften hielten es angemessener, zu Fuß nach Hause zu schleichen. » C'est la guerre !« hatte der Hofmarschall geseufzt. Sie hatten Karolinen an der Tür des Deutschen Hauses abgesetzt. Karoline hatte noch einen Begleiter. Auf dem dunklen Flur ergriff sie des Kandidaten Hand und drückte sie mit Wärme: »Ich werde Ihnen den Dienst nie vergessen.« Oben war eine bewegte Familienszene, man umarmte sich stumm; es waren mehr Tränen als Worte. »Gott sei Dank, wir haben uns nun wieder!« sagte die Mutter. Amalie war am Fenster sitzen geblieben. Sie reichte dem Kandidaten die Hand: »Ich danke Ihnen, Herr Mauritz.« Er lehnte den Dank ab: »Zu dem Entschlusse, der Sie erfreut, habe ich ja nichts getan.« Theodor war mit der Schar, der er sich zugesellt, am Hause vorübergeritten; mit dem Säbel salutierend, hatte er einen letzten, stummen Abschied von seinen Cousinen genommen. Sie hielt die Hand ans Herz: »Ich weiß nicht, ich wünsche noch etwas – ach nein, das ist wohl Sünde, zu wünschen, daß ein Mensch stirbt.« Minchen drückte den Kopf der still Weinenden an ihre Brust: »Warte nur, mein Malchen, es wird alles gut werden. Legen Sie die Hand auf ihren Kopf, Herr Mauritz, und sprechen: Amen! dann glaubt sie es.« »Nicht wahr, Baron Eppenstein ist doch nicht ausgeritten?« fragte sie nachher. Der Kandidat hatte nichts davon gehört. »Aber was ist denn nun das Ende davon?« fragte die Mutter den Kandidaten. »Kein gutes, besorge ich. Der Ueberfall war nur ein Bravourstück. Was sie erbeutet, lohnt nicht der Anstrengung. Sie wollten Schrecken einflößen, haben aber nur irritiert, und wir werden es zu bezahlen haben. Unter den Umständen ist es noch ein Glück, daß der Oberst Espignac entkommen; man würde noch mehr Gewicht auf die Sache legen, das sie nicht hat, nicht verdient.« Ein dankbarer Blick von Karolinen belohnte ihn. Die Stadt war ruhig geworden. Die Lichter im Rathaus bis auf das letzte erloschen. Der Bürgermeister war der letzte, der nach Hause ging. Der Ratsdiener nahm die große Stallaterne vom Roland, um ihm zu leuchten, denn der Mond hatte sich wieder hinter dichten Wolken verkrochen. Der Bürgermeister ging schwer, gesenkten Hauptes; man hätte auf einen stark angetrunkenen Mann schließen können, der nach Hause geleitet ward, und er hatte kaum das Glas geleert das er auf seinen König an die Lippen brachte. An seiner Hausschwelle stieß er an etwas mit dem Fuße. Der Diener hielt die Laterne hin. Es war ein toter Franzos. »Richtig und leibhaftig der Sergeant-Major, der beim Kämmerer – sie sagten schon, der hatte einen Schuß weg. – Hat er sich gerade bis vor Herrn Bürgermeisters Tür schleppen müssen.« Der Bürgermeister sah nach dem grauen, zerrissenen Himmel hinauf. »Eine Leiche auf meiner Schwelle!« »Krieg ist Krieg, Herr Bürgermeister,« sagte der Diener, »es wird auch nicht die letzte Leiche sein.« Neunzehntes Kapitel. Vorm Scheunentor. Vor dem Scheunentor ist bei Nauwalk eine kahle Anhöhe Die Stadt von da sieht alt, aber trostlos aus; neben dem Koloß von Dom und den paar herrlichen Tortürmen von rotem Backstein, woran fünf Jahrhunderte die zierliche Ornamentur nicht zu zerstören vermocht, erscheinen die neueren Wohnhäuser wie nur aus Not und Bedürfnis zusammengeklebt von einem Geschlecht, dem ein böser Zauberer die absolute Nüchternheit angehaucht, wo solche Kunsterinnerungen aus der Vorzeit es täglich an das bessere Dasein seiner Väter mahnen sollten. Die Türme und Tore verraten in ihrer Schnörkelung die Zeit Kaiser Karls IV., der Dom mit seinen gespaltenen Mauern aber den reineren Stil und Kunstsinn aus der Blüte der askanischen Herrschaft. Um die Zeit, als der wilde Heinrich Bülow Wilsnack verbrannte, ward auch Nauwalk eingeäschert; einige meinen, von den Krachten und Köckeritzen, andere von mecklenburgischen Rittern unter Hans Bassewitz. Dazumal stürzte der Glockenturm des Domes ein. Daß man's nicht mehr weiß, ist schlimm, daß man's nicht mehr wissen kann, schlimmer. Der Magistrat hat einmal, als es ihm an Raum fehlte, die alten Papiere an die Krämer verkauft. Auch den alten, geborstenen Dom wollten sie abbrechen lassen. Damals half ihm keiner, er mußte sich selbst helfen. Die Backsteine wollten nicht auseinandergehen, und der Wind schien ein Spottlied durch die Mauerritzen zu pfeifen, als die Arbeiter mit ihren Karsten, Hacken und Beilen abziehen mußten. Jetzt nisten unter den zerklüfteten Gewölben Schwalben, auch die Tauben haben eine Kolonie in dem durchlöcherten Dach gegründet. Auf wie lange, weiß keiner; denn der Konservator der Staatsaltertümer ist schon dreimal in Nauwalk gewesen und hat den günstigsten Bericht über die herrliche Ruine abgestattet. Auch Magistrat und Bürgerschaft wissen jetzt. was für einen Schatz sie besitzen; er trägt nur zur Zeit keine Interessen. Von Restauration ist viel gesprochen. Der Stadt ist bewiesen worden, wie es ihre Ehre und ihr Vorteil zugleich sei, solch ein herrliches Kunstwerk, in der Vorzeit von ihren Vätern gebaut, ihren Kindern wenigstens zu konservieren. Die Stadt hat dies anerkannt, aber eingewandt, daß das Patronatsrecht über die Kirche schon zur Zeit der Luxemburger an verschiedene von der Ritterschaft vertragsweise, viis et modis , übergegangen, daß überdem in der Kirche seit dem fünfzehnten Jahrhundert nur gewisse Adelsgeschlechter ihre Erbgrüfte gehabt, die praesumptio also dafür sei, daß das Eigentum an Grund und Baulichkeiten auf die Ritterschaft übertragen worden; insbesondere, als auch seit der Kirchenbesserung kein protestantischer Pfarrer darin gepredigt; übrigens aber hätten sie kein Geld. – Die Ritterschaft räumte vieles davon ein, namentlich, wie es eine große Ehre sei, wenn es tunlich sei, dieses kolossale Monument einer besseren Zeit in seiner früheren majestätischen Würde herzustellen, gleichsam zur Beschämung für die gegenwärtige Generation, die für die Feier des Gottesdienstes kaum das Notwendigste und Dürftigste hergeben wolle. Sie räumt auch ein, wie das Patronatsrecht vor Zeiten einige Geschlechter wirklich gehabt; da sie es aber durch Jahrhunderte nicht geübt, sei es durch Verjährung erloschen. Was die Erbgrüfte anbelangt, lasse sich zwar nicht in Abrede stellen, daß gewisse Familien deren in der Kirche besessen, soweit aber die erhaltenen Grabsteine nachweisen, seien dies zumeist die erloschenen Familien gewesen, als wie derer von Polenz, Quitze, Quiste, Schapelow, Sparre und Striezow. Wenn eine Verpachtung wirklich aus den Erbgrüften zu erweisen, würde sie daher nur bei deren etwa noch zu ermittelnden Successores omni jure defunctorum zu suchen sein. Wenn nun gleich die Ritterschaft zu jedem auch den größten Opfern für das Vaterland bereit sei, so müsse sie doch in diesem Punkte durchaus an dem Rechtspunkte festhalten, und nicht sowohl ihrer selbst, als ihrer Nachkommen wegen, jede Verpflichtung zu einer Beisteuer bestreiten. Uebrigens aber hätten sie jetzt kein Geld. – Beide, Stadt und Landschaft, einigten sich aber darin, es gemeinschaftlich der Regierung als heiligste Aufgabe darzustellen und es ihr aufs wärmste ans Herz zu legen, daß sie dieses Denkmal ebenso eines wunderbaren Kunstsinnes, als der Glaubenskraft unserer Vorfahren, nicht vollends zur Ruine werden lasse. Es gehöre nicht einem und nicht einigen an, es sei vielmehr das Fideikommiß der Vergangenheit an die Zukunft, daher eine National- und Landessache, dasselbe zu erhalten und zu restituieren, als leuchtendes Exempel und mahnendes Beispiele was Großes und Schönes in der Vorzeit bei geringen Kräften, aber mit vereinigtem Willen zu schaffen möglich gewesen. – Die Regierung erklärte sich ganz damit einverstanden, sie erkannte den hochherzigen, frommen und patriotischem Sinn der Bittsteller belobend an, konnte sich aber mit ihrem Antrage insofern nicht einverstanden erklären, als noch so viele historische Monumente von allgemeinerer Bedeutung auf die nötige Reparatur warten mußten, indem die bisher unternommenen Restaurationen den dafür ausgesetzten Fonds schon weit überstiegen, und wenngleich der Kunstwert des Nauwalker Domes nicht zu bestreiten, derselbe doch immer als ein Provinzialdenkmal nur ein sekundäres Interesse beanspruche. Unmaßgeblich ward den Bittstellern anheimgestellt, ob sie durch eine Kirchenkollekte und Subskription innerhalb der Grenzen ihres Kreises den Reparaturfonds aufzubringen ermöglichen wollten, als in welchem Falle durch eine Immediateingabe vielleicht ein Gnadenzuschuß zu erhoffen sei. Die Kollekte und Subskription haben bis jetzt 37 Taler 22 Silbergroschen 6 Pfennig eingebracht; auf die an den betreffenden Minister abgegebene Immediatvorstellung erfolgte ein huldreicher Bescheid, mit der rühmlichen Anerkennung des patriotischen Bestrebens der Unternehmer, aber mit dem Bedauern, daß es zur Zeit an disponiblen Fonds fehle. Inzwischen hat die Landbaupolizei die Forderung gestellt, daß das Dach der Kirche umgedeckt und die Fenster einstweilen mit Brettern vernagelt würden, der allgemeinen Sicherheit wegen. Der Magistrat, an den diese Forderung zunächst ergangen, hat der Landschaft litem denunziert, diese, ihre Verpflichtung bestreitend, desgleichen gegen den Fiskus getan. Der Prozeß schwebt noch in erster Instanz; es ist also für die Tauben Aussicht vorhanden, daß sie noch lange ungestört unter dem Dache nisten können. Wer heut die Anhöhe am Scheunentor besucht, findet sie nicht mehr kahl. Oben stehen Pappeln, etwa dreißig- bis vierzigjährig, um einen grün gehegten Hügel. Auf dem Hügel steht ein behauener Sandstein mit einer Inschrift. Die Trauerweide, die ihre Zweige darüber neigt, verkümmert aber, weil es ihr in der Höhe an Feuchtigkeit fehlt. Sie ist oft ausgegangen und wird dann wieder gepflanzt. Die Inschrift auf dem Steine hat manche Träne dem Beschauer ins Auge gelockt. Nun sind siebenundvierzig Jahre vergangen, und die Tränen sind getrocknet; die damals weinten, sind größtenteils gestorben, die Begebenheit ist fast vergessen, aber der Stein mahnt, daß wir ihrer gedenken sollen, solange ein Herz für das Vaterland uns im Leibe schlägt. An einem Dezembertage desselben Jahres, in welchem der Vorfall in der Stadt Nauwalk spielt, von dem die vorigen Kapitel erzählten, finden wir auf der Anhöhe einen Mann, dessen Anzug einen reisenden Viehhändler verrät. Hochgezogene, dicke Kniestiefel, an denen Lehm und Kot eine lange Wanderung anzeigen, die lederne Geldkatze um den Leib geschnallt, der abgeriebene gelbbraune Manchesterrock, die Pelzmütze und die wuchtige Peitsche würden den Kundigen sofort den Schweinetreiber vermuten lassen, wenn nicht die mageren Tiere, welche an den Abhängen des Berges nach dürftiger Nahrung wühlten, die Vermutung zur Gewißheit machten. Die Aufsicht über die Tiere schien aber der Mann seinen Knechten zu überlassen, denn er lag oben nachlässig hingestreckt am Boden, den Kopf auf den Arm gestützt, im Anblick der alten Stadt wie versunken. Betrachtete er den grauen Domkoloß, die Zinken und Zacken der Türme, die Stadtmauern, von Feldsteinen zusammengebacken in einer Zeit, die noch weit über den Dombau hinausging, oder schweifte sein Blick über die Gegend auf den Weg, den er vorhatte, ins Land? Zwischen zwei Giebeln schlummerte der Silberspiegel des Karutzsee in die graue, dunstige Atmosphäre. Der dicke Rauch aus den Schloten der Stadt, der sie nicht durchbrechen konnte, lagerte breit über den Dächern, ohne den Schnee ganz darauf fortschmelzen zu können. Es war ein unerfreulicher Anblick, und doch mußte er den Mann so gefesselt haben, daß er nicht bemerkt, wie ein paar seiner Schweine ihm nachgekommen und jetzt in einer lockeren Sandstelle dicht ihm zur Seite mit ihren Rüsseln wühlten. Er hatte auch den Mann nicht bemerkt, der langsam ans der Stadt heraufgestiegen, jetzt mit seinem Stocke heftig nach den Schweinen schlug daß sie grunzend hinunterschossen. »Was schlagt Ihr meine Tiere? Haben sie Euch was getan?« rief der Treiber auffahrend und griff nach der Peitsche. »Wer hat Euch denn erlaubt, hier zu treiben?« entgegnete der andere, ihn scharf fixierend. Es war etwas von einem bürgerlichen Polizeiblick. Der Viehhändler schien nicht so erzürnt, wie wohl bei rohen Menschen seines Schlages in der Art ist, wenn sie sich in ihrem Recht gekränkt glauben; vielmehr erwiderte er ruhig, die Peitsche wieder hinlegend: »Ihr seid vermutlich bei der Stadt – Hier ist ja keine Pflanzung, und treiben, meinte ich, könne man, wo nichts zu verderben ist.« »Nein, Pflanzung ist nicht hier,« sagte der andere; »aber die Toten soll man ruhen lassen. Und wer's auch ist, und wie's auch ist, die Schweine sollen nicht unsere Leichen aufwühlen!« »Leichen?« wiederholte der Händler verwundert. Aber er besann sich. In der Stadt war ja jetzt ein großes Lazarett; der Ratssaal, das ganze Rathaus war mit Spreu und Krankenbetten gefüllt. Wenige Verwundete, desto mehr Kranke an jenem Fieber, das, wie der Schakal dem Löwen, den Heeren folgt, mehr hinwürgend als Stahl, Pulver und Blei. Es rafft Krieger und Bürger, Männer und Frauen, Erwachsene und Kinder fort, und sein Pesthauch dunstet weit entlang die Heerstraßen. In Nauwalk grassierte das Lazarettfieber; um deswillen trieb er die Schweine nicht durch die Stadt. Aber der neue Kirchhof lag ja nach der Jungfernheide zu. »Soll etwa hier noch ein Leichenacker angefangen werden?« fragte er, den Blick auf den erst frisch aufgeworfenen Bodensand werfend. Der Nauwalker Bürger sah ihn groß an. »Das verhüte der liebe Gott! Hier haben sie ja unseren Bürgermeister erschossen.« Der Mann aus der Stadt fuhr mit der Faust über die Stirn; es war ihm etwas ins Auge gekommen. Darüber sah er nicht, wie es im Auge des Viehhändlers aussah. Als er wieder hinblickte, lag er wieder, den Kopf im Ellenbogen, sah vor sich hin auf die Erde und rupfte gleichgültig welkes Gras: »Also hier ist das passiert?« Dem Mann aus der Stadt mißfiel's. Er warf musternde Blicke auf den Händler, auf seine Knechte unten und auf die Tiere. »Wo kommt Ihr denn her, und wohin soll's?« »Von Berlin – nach der Uckermark und Priegnitz, wenn's muß, bis Mecklenburg – wo ich was finde.« »Hab' doch alle Schweinetreiber gekannt, die hier vorbeiziehen; aber muß sagen, Euch hab' ich noch nicht gesehen. Auch Eure Knechte, die haben mir ganz fremde Gesichter. Wie heißt Ihr denn?« »Samuel Gramatzky.« »Ihr treibt wohl das Geschäft noch nicht lange?« »Wieso?« »Weil Ihr so mageres Vieh aufkauft. Wer treibt's denn auch so ab.« »Für die Racker, die Franzosen, ist's fett genug.« »So, so, ist das so gemeint? Doch für die Franzosen in Berlin? Wenn einer nach der Priegnitz und Mecklenburg reist, um Vieh aufzukaufen, und unterwegs handelt er um solche schlechte Schweine, die treibt er doch nicht mit sich, sondern läßt sie stehen und füttern, bis er retour kommt.« »Man fängt mit Kleinem an, kauft, wo's geht; seh' schon jeder, wie er's treibe!« »Aber man kann aufgegriffen werden, und dann heißt es, nun legitimiere Dich.« Der Viehhändler riß aus seiner Brusttasche eine vergriffene Brieftasche und überreichte dem Bürger einen Paß, bei dessen Durchsicht seine Gesichtszüge sich merklich änderten, er machte sogar einmal eine Bewegung, als wolle er seine Mütze ziehen. Sauber legte er das Papier wieder zusammen und überreichte es dem Fremden. »Das ist schon was anderes, Herr Gramatzky, oder wie Ihr werter Name ist. Da steht ja der Herr Gouverneur von Berlin drunter und der Kommandant von Spandau.« »Nicht wahr, damit kommt man schon durch! Die Franzosen hungern; da muß man sich's nun nicht verdrießen lassen und suchen, wo man was findet. Sie zahlen gut, wenn auch nicht von ihrem Gelde. Aus unserem Beutel geht's doch zuletzt. Aber was schadet's? Blechen muß, wer noch blechen kann.« »Nehmt Eure Zunge in acht, Herr Gramatzky. Denn mit Verlaub, – ich dachte, Ihr könntet so ein Spion sein –« »Seh ich wohl wie ein Spion aus?« »I bewahre, nun weiß ich's ja, aber man kann nicht vorsichtig genug sein, denn es gibt ihrer schon, die uns aufs Eis führen wollen, zumal seit der Geschichte mit dem Ueberfall. Herr Gott, die Stadt hat schon genug leiden müssen.« »Wer leidet nicht! 's ist viel von gesprochen, aber wo kann unsereins alles hören. Nicht wahr, der Bürgermeister hat die Garnison an die Preußen verraten?« Der Mann schoß wieder einen schielenden Blick auf den Gerechtfertigten. Mit einem Seufzer stieß er den Stock in die Erde. Seine innere Bewegung siegte über die Furcht. »Nein, das hat Herr Schulze nicht getan. Gott habe ihn selig. Er war ein braver Mann, und er hat's nicht gewollt.« Der Fremde zeigte wieder so viel Teilnahme, daß der Bürger ein Herz gewann und ihm erzählte, was wir wissen; nur daß, wenn zwei auch dasselbe erzählen, es nicht ganz dasselbe bleibt. Das Ende der traurigen Geschichte wissen wir aber noch nicht. »Wäre nur der Herr Colonel damals in der Stadt geblieben, sie meinen, es wäre doch vielleicht nicht so schlimm geworden. Gar streng war er, aber ein nobler Mann, sagen sie, und hatte am Ende ein Einsehens. Aber als der Succurs kam, mußte er den Schillschen nach. Anfangs hieß es, sie wollten den ganzen Magistrat erschießen lassen, und es wäre in Nauwalk hergegangen wie in Bethlehem. An die Einquartierung werden sie denken, so lange ein Stein auf dem andern steht. In den ersten Tagen konnte jeder Soldat fordern, was er Lust hatte. Das war aber nicht das Schlimmste; die Kontribution ist noch nicht aufgebracht, und so lange behalten wir das Lazarett, und alle drei Tage muß jeder Bürger 'raus, um Gräber zu graben. Wie viele haben wir schon aus der Stadt selbst hineingetragen. Und Nauwalk verarmt ganz, denn wer traut sich jetzt 'rein?« »Der Landadel hätte den Ball gegeben, erzählten sie drüben.« »Nu freilich, so war's wohl, aber um den Ball eigentlich ist's auch wohl nicht geschehen. Die Herrschaften waren wie der Wind fortgeblasen, und einen mußten sie haben, wie sie sagen, um ein Exempel zu statuieren. Sollten sie alle die einzeln von ihren Gütern holen und dann untersuchen, wer der Schuldigste war? Das wäre zu weitläufig geworden; die Franzosen lieben, daß es rasch geht. Na, die Herrschaften haben auch pfeifen müssen.« »Wieso?« »Jetzt ist's kein Geheimnis mehr. Gar nicht aus böser Absicht gaben sie den Ball, sondern nur damit sie um die Pferdelieferung 'rum kämen! Wer wollte es ihnen auch verdenken! In unserem Kreis ist die schönste Zucht weit und breit. Das Herz brannte einem, als sie die schönen, jungen Hengste aus den Ställen des Kautzenburgers und des Quilitzers herführten. Den Reitknechten selbst traten die Tränen ins Auge. Solchen Kerls, sagten sie, muß man die Prachttiere geben, die sie nicht ästimieren; in ein paar Wochen haben sie sie zu Schanden geritten.« »Na, wieso war denn das? Mußten sie doch liefern?« »Freilich! Aber das war noch nicht die Lieferung. Die Herrschaften dachten's damit gutzumachen. Sie schickten's als Geschenk, oder wie sie's nannten, den obersten Offizieren und dem Intendanten, der wieder hier war. Die mögen sich in den Bauch gelacht haben. Heut nahmen sie ruhig die Verehrung an, nämlich für sich, und anderen Tages kam die Ordre: daß die Pferdelieferung für den Kaiser und die Armee in so unglaublich nachlässiger Weise erfolgt sei, daß eigentlich die strengste Untersuchung erfolgen müsse, dieweil die meisten der Pferde als ganz untauglich sich erwiesen. Nur in Anbetracht besonderer Rücksichten wolle man diesmal die vorige Lieferung als gar nicht geschehen annehmen, und habe binnen acht Tagen der Kreis die dreihundert diensttauglichen Kavalleriepferde im Kreisort aufs neue zu gestellen, oder – na, das kann man ja denken. Kamen alle an, ehe acht Tage um waren.« »Die schönen Pferde,« seufzte der Viehhändler. »Und die haben den Bürgermeister auch nicht gerettet?« »War schon tot, der gute Herr Schulze. Er hätte sich selbst retten können, aber er wollte nicht!« »Wollte sterben?« »Ja, das hat er auch mal gesagt: wir müssen alle doch einmal sterben. Aber das war ein andermal. Er war nicht die Ursache von dem Ball, das ward auch vor dem Standrecht erwiesen, aber er hat, nämlich als Bürgermeister, die Musikanten bestellt. Und nun hieß es, wer hat ihnen denn befohlen, so laut aufzuspielen, als es sich für einen Ball nicht schickt? Das ist geschehen, damit die Offiziere drinnen das Schießen draußen nicht hören sollten. Das war schon richtig, aber 's war nicht richtig zu kriegen, wer's den Musikanten befohlen hat.« »Einer hatte vermutlich eine Bosheit gegen den armen Bürgermeister.« »Das nun auch nicht gerade.« »Der Payeur soll ja Prügel bekommen haben.« »Die hat er sich bezahlen lassen, und wie! Der hat mal angeschrieben, was ihm die Schillschen bei der Gelegenheit genommen! Das hat alles die Stadt bezahlen müssen. Wenn nicht der General einen Strich gemacht, wäre die Rechnung noch nicht zu Ende. Ueberhaupt der General war noch ein menschenfreundlicher Herr.« »Und doch ließ der ihn erschießen!« »Er mußte ja; es war expresse Ordre aus Berlin. Einer sollte dran glauben zum Exempel für die anderen. Dem Herrn General war's ganz gleich, wer. Er hätte auch gern Herrn Schulz gerettet, denn Frau und Kinder klammerten sich ja um seine Füße, daß es ein Erbarmen war. Drum ließ er ihn vor sich kommen und sagte ihm gerade 'raus, wie es steht: einem müßte er vor den Kopf knallen lassen, wen? sei ihm ganz egal. Nun möchte Herr Schulze die Gefälligkeit haben und ihm einen nennen. Denn Sie, sagte er und faßt ihm an den Knopf, werden doch nicht den Befehl an die Musikanten gegeben haben? Das schickt sich nicht für Ihr Amt, also nur 'raus, wer? – Wen soll ich denn anklagen? fragte Herr Schulze. – Donnerwetter, sagte der General, was kenn' ich Eure Gewürzkrämer-Obrigkeiten! Ist's der Kämmerer oder der Syndikus oder wer sonst? – Die haben über die Musikbande nicht zu kommandieren, sagte Herr Schulze! – Foutre! rief nun der General, wer ist denn hier Kapellmeister? – Nun müssen Sie wissen, keinen Kapellmeister haben wir in Nauwalk nicht, aber den Organisten! Das war ein kleiner, versoffener Kerl. Die Stadt wäre ihn schon längst gern los geworden, man wollte ihn nur nicht verhungern lassen. Er hatte auch beim Ball über den Durst getrunken, und er war's, dem seine Leute nicht genug lärmten. Also hatten's wohl einige dem General gestochen, daß der Bürgermeister auf den aussagen sollte, und Herr Schulze hätte eine Unwahrheit gesagt. Der hatte nicht Kind, nicht Kegel, und was war an ihm verloren? Gar nichts. Vor Angst lag er dazumal schon auf dem Bett, und vorgestern haben sie ihn 'rausgetragen. Ist auch am Nervenfieber gestorben. Also wär' die ganze Not nicht gewesen; aber Herr Schulze trat an den Tisch und sagte: Schreiben Sie ins Protokoll, ich habe den Musikanten den Befehl zum Spielen gegeben, und das ist die Wahrheit. Da stand's denn geschrieben, und da war's aus.« »Alles – alles war da aus!« Es kam wie ein hohler Seufzer aus der Brust des Viehhändlers. »O, es hätte noch schlimmer werden können,« fuhr der Bürger fort. »Der Herr Intendant hatte bei mir – ich bin nämlich ein Seiler von Profession – einen Strick bestellt. Weil er ein Verräter und Spion wäre, hatten sie zuerst in ihrer Rage gedroht, müßte der Kerl gehängt werden, der die Schillschen reingeführt. Gott sei Dank, da fuhr der General drunter. Den fouterte er mal zurecht; ich verstand nicht alles, aber der Intendant ward puterrot, als er von den Sackermentern oder Septembermentern und Zanklotten sprach, und daß die Geschichte mit Laternen und Stricken aus wäre, und einem ehrlichen Kerl tue eine Kugel vor den Kopf keine Schande. Ja, sie sagen, er hat den Bürgermeister, wie er mit ihm allein war, an die Brust gedrückt und gesagt: Sie sterben einen schönen Tod, Herr Schulze, Sie sterben für Ihre Stadt.« »Und das hat niemand sonst gesagt als der französische General?« »Es ist hier keiner gestorben, um den sie so geklagt haben. Sie hätten's noch viel lauter getan, wenn nur nicht die Angst gar zu groß war vor den Franzosen.« »Die Herrschaften vom Lande?« »Die haben Briefe über Briefe geschrieben. Der Quilitzer, der Hofmarschall, einen französischen; er wäre selbst gekommen, wenn er nicht an der Gicht gelegen, sie möchten nur warten, denn sie wollten an den französischen Kaiser eine Bittschrift aufsetzen. Die wollten aber nicht warten, in vierundzwanzig Stunden sollte es abgemacht sein. Einige Herren kamen auch selbst. Der Wahrnim von Kautzenburg, der Quiritzer und der Baron aus Wüstelang haben die Frau Bürgermeisterin getröstet, sie wollten eine Subskription aussetzen, als wie eine Pension für sie und ihre Kinder. Der Kautzenburger ist bei ihm gewesen bis auf die Letzt im Arrest; aber ansehen mit hat er's nicht mögen. Ich sah ihn selbst weinen, wie er vom guten Bürgermeister Abschied nahm. Der Major von der Quarbitz, ich meine den Ilitzer, der ließ sich's nicht nehmen, er ging mit dem Bürgermeister 'raus bis hier, daß er ihn unterstützte, wenn er schwach würde. Aber er wurde nicht schwach; er war nur traurig. Zudem hat auch Herr Schulze im Gefängnis gesagt: was wäre denn das Leben jetzt anders, als ein Acker voll Not und Trübsal, und er stürbe gern, denn er sähe doch nicht wieder den Weizen blühen. Seine Frau hat ihm auch nicht viel Ruhe gelassen, dem guten Herrn Schulze. Sonst ist's schon 'ne propre Frau, aber immer hoch hinaus. Er sollte noch mehr werden als Bürgermeister. Sie ist 'ne Geheimratstochter aus Magdeburg. Sage ich doch, wer sein Brot hat, der soll zufrieden sein. Der Ilitzer, sehen Sie, an dem Stein, wo Sie sitzen, da faßte er ihn noch mal an der Hand, und dann drückte er ihn an die Brust und sagte: ›Du wirst nicht umsonst sterben!‹ Ich hab's selbst gehört. Sie sagen, es ist der erste Bürgerliche, den der Ilitzer umarmt hat. Die Herren Franzosen auch, das muß man ihnen lassen, waren sehr höflich. Maltraitiert, Gott bewahre! Gar nichts als 'nen Malefikanten; als wär's ein anständiger Herr, den sie begleiten täten, so kamen sie im Diskurs mit ihm her. Dann bat ihn ein Kapitän, ob's ihm jetzt gefällig wäre? Da knieten sie nieder, nämlich Herr Schulze, ließen sich die Augen verbinden, und – 's ist alles in guter Ordnung geschehen.« Und doch wischte der Seilermeister wieder am Auge. Es mochte doch nicht alles in Ordnung sein. Der Viehhändler unterhielt sich noch eine Weile mit dem Mann, der so gern sprach und vieles wußte. Ein Handelsmann muß sein Terrain und die Menschen kennen lernen. »Na, das Hängen schadet ihnen nichts im Bilde, aber wenn die Franzosen sie kriegen, dann knallt's auch einmal wie hier. Was den Herrn Kornett von Hurlebusch anbelangt, hat sich auch keiner sehr gewundert; der war schon nicht recht mehr bei Troste. Und was hat er denn zu verlieren! Aber der Ritzengnitzer Herr, nein, da haben sie mal den Kopf geschüttelt.« »Daß er die Parole brach?« »Nu ja, auch. Aber wenn sie ihn nicht kriegen, dann hat das nichts auf sich. Aber so muß einer tun, dem's zu gut geht. Sage ich doch, wenn's dem Esel zu wohl ist, geht er aufs Eis und bricht ein Bein. Hätte nun leben können auf seinen Gütern wie ein Nabob. Konnte ihm kein Mensch was anhaben. Wer Geld hat, braucht sich vor nichts zu fürchten. Nun wirtschaften die Franzosen drauf, und wie!« »Können auch mal wieder verjagt werden.« »Ihr seid ein guter Patriot also?« entgegnete der Seilermeister. »Nehmt Euch in acht, das haben manche in der Stadt gesagt – vorher – nun hüten sie sich wohl, wie's vom gebrannten Kinde heißt. Oben im Gouvernement haben sie uns auf dem Korn, weil sie die Schillschen noch nicht klein kriegen können; es sind hier zu wenig Truppen, und die denken, von unseren stecken mit ihnen unter einer Decke. Ganz unrecht haben sie auch nicht.« »Wirklich, das freut mich, Landsmann.« »Wollt Ihr mich auf die Probe stellen? Ei seht mal, Herr Gramatzky,« sagte der Seilermeister, sich mit einem sehr klugen Blick auf den Stock lehnend. »Mit Verlaub, da müßtet Ihr doch früher aufstehen. Wir lassen den Vorwitz anderen. Ins Herz kann uns keiner sehen, das gehört uns, aber mit unserer Zunge, da hüten wir uns, und wenn die Preußen mal wieder ans Tor klopften, da würde sich keine Maus rühren – nämlich bei uns.« »Aber hinterm Berge wohnen auch noch Leute!« »Haltet Ihr mich für 'nen Bauern, dem man die Künste abfragt? Nein, mein Herr Gramatzky, ich bin ein guter Bürger, zahle meine Steuern, liebe Gott, meinen König und die Obrigkeit, und ums andere kümmere ich mich nicht. Von unruhigen Köpfen kommt keine Ruhe ins Land. Euch aber möchte ich einen guten Rat geben, nicht, wie Ihr Schweine kauft, denn mir kommt vor, Ihr handelt auch noch mit was anderem, und Ihr könntet mal an den unrechten Mann geraten.« Der Viehhändler sah ihn scharf an: »Meint Ihr an den vornehmen General, der hier 'rumreist, um zu inspizieren, wie's aussieht?« »Vor dem werdet Ihr Euch wohl nicht sehr zu fürchten haben, wer solchen Paß hat wie Ihr! Aber 's ist richtig, sie haben Luchsaugen, zumal seit es heißt, oben nach Schwedisch-Pommern zu wär' es nicht richtig. Aber ich meine nur, nehmt Euch vor anderen Leuten in acht, wenn sie erfahren, daß – Ihr Schweine für die Franzosen aufkauft, Ihr könntet sie teurer bezahlen, als Euch lieb ist.« »Also solcher sind doch noch hier? Bei den Bauersleuten oder bei den Edelleuten?« »Nicht wahr, daß ich Euch die Namen nenne? Prost Mahlzeit! aber, das ist kein Geheimnis, das raucht aus allen Schornsteinen und schwitzt aus allen Koben, 's ist wie ein Fieber, das ihnen die Glieder schüttelt, seit unser Bürgermeister erschossen ward. In Berlin mögen sie's nicht so wissen, aber hier, es brennt, sage ich Euch, und ich möchte keinem Franzosen raten, daß er allein vom Wege abgeht. Die groben Bauern könnten ihm eins auf den Kopf versetzen, daß er 's Aufstehen vergißt, wie's schon die Querbelitzer getan, damals in der Mühle. Und wenn ein Schuß aus dem Busch kommt, das Pulver sieht man wohl rauchen, aber nicht, wer geschossen hat. Nichts für ungut, Herr Gramatzky, und eine glückliche Reise!« Der Schweinetreiber blieb noch auf dem Steine, bis der Bürger unten verschwunden war, dann warf er sich auf den lockeren Sand. »Also hier!« Er wühlte hinein, und eine Handvoll drückte er an seine Brust. »Du heilige Erde, getränkt vom Blut des ersten Märtyrers. Allmächtiger oben, der Du Dein Licht am grauen Firmament so lange uns verbirgst, wird er eine lange Reihe anfangen, oder ist es Dein Wille, daß er – der letzte war!« Zwanzigstes Kapitel. Im Schnee. Ein heftiges Schneetreiben hatte auf der Landstraße den leichten Reisewagen überfallen, in dem zwei französische Militärs, tief eingehüllt in ihre Mäntel, saßen. Das en avant, en avant! des einen aus dem Wagen fruchtete auf die Dauer so wenig, als die Flüche und handgreiflichen Mahnungen des auch militärischen Dieners auf dem Bocke. »Boukre Du nur,« dachte oder sprach der vor ihm reitende Postillon. »Was nicht geht, geht nicht.« Im Carriere war es gegangen, obgleich die Landstraße keine Chaussee war; aber die Peitsche vermochte nichts mehr über die vier keuchenden Pferde, als das kalte Naß schon stundenlang auf ihre rauchenden Körper schlug. Der Wind trieb den Schnee über das weite Flachland, und wellenartig schichtete er sich gerade vor ihnen im gehöhlten Wege. Die Pferde versanken schon bis an den Bauch. »Da haben wir die Bescherung!« rief der Schwager und sprang ab. Das eine Vorderpferd war gestürzt. Er riß umsonst, es stand nicht wieder auf. Da keuchte und röchelte es ihm zur Seite; auch sein Handpferd stürzte. Es brauchte keiner Worte noch einer Verständigung durch den Dolmetscher, der der Kammerdiener und Husar war, es war nur ein seltsamer Kontrast in der südfranzösischen Wut des Generals, der noch eben erklärt, er müsse noch heut, koste es, was es wolle, in einem Ort sein, den er nannte, und der Ruhe des Postknechts, mit der er das Gestränge den gestürzten Tieren abnahm. » Mais, que faire donc? « die zwei übrigen Pferde konnten unmöglich den Wagen weiter ziehen, wo die Kräfte von vieren nicht ausgereicht. Mit der Notwendigkeit kämpft auch der siegreichste Held vergebens. Es kommt nur darauf an, wie er sich in die Notwendigkeit schickt, um Held zu bleiben. Der Postillon sollte nach der nächsten Station reiten, um frische Pferde zu besorgen; da man aber weder seiner Eilfertigkeit, noch seinem guten Willen trauen mochte, ward der Kammerdiener auf dem anderen Pferde ihm mitgegeben. Bis zu ihrer Rückkehr mußten, im günstigsten Falle, Stunden vergehen. Es dunkelte schon stark, im halboffenen, ausgespannten Wagen bis dahin auszuhalten, war eine relative Unmöglichkeit. Man sah glücklicherweise Licht schimmern aus einem verfallenen Gehöft, dessen tief herabgehendes, vom Schnee weißgefärbtes Dach es dem Auge verborgen hatte. Der Postillon bestätigte, daß es ein Vorwerk oder eine Ausspanne sei, die von ihrem Besitzer in den Kriegsnöten und Durchmärschen längst verlassen und Wind und Wetter preisgegeben sei. Auf die Frage, warum sie das getan? hatte der Postillon eine Antwort, die der Dolmetscher wohl nicht so keck übersetzte, als der Bursch sie gegeben, der schon auf dem Pferde sich in einer gewissen Sicherheit den Offizieren gegenüber fühlte, welche, trotz ihrer hohen Stiefel, unsicher im Schnee einen Weg suchten: »Weil sie die schwerenötsche Einquartierung nicht mehr aushalten konnten.« Endlich hatten sie, zwischen Hecken und über Gräben steigend, die Hütte erreicht. Während der General einen Blick nach dem Wagen und den Reitern warf, die nur noch wie dunkle Punkte aus dem Schneegewirbel vorschimmerten, spannte der Adjutant unterm Arm die Pistolen und blickte vorsichtig durch das Fenster nach dem Lichtschein. »En avant!« rief der General und stieß die Tür auf. »Wo Feuer brennt, sind doch keine Wölfe!« Nachdem die Eigentümer ausgezogen, mußten noch viele in das Haus eingezogen sein. So viele hatten hier mutwillig zerstört. Kein Fenster war ganz, keine Tür unzerschlagen, selbst die Seitenwände waren niedergerissen. Das spärliche Feuer auf dem Herd hauchte die Verwüstung noch trostloser an. Männer wie die Eingetretenen waren an Schreckensszenen jeder Art gewöhnt. Dem General aber, einer hohen Gestalt, dessen Federhut die Decke fast berührte, sah man an, daß er auch in Palästen zu Hause war. Unter seinen festen, klirrenden Schritten zitterten die morschen Dielen, als auch er mit der Hand am Degen plötzlich inne hielt und seinen Blick in eine dunkle Ecke warf, wo dumpfe Töne vernehmbar wurden. Der Adjutant hatte ebenso schnell einen Kienspan am Feuer entzündet und in die verdächtige Ecke geleuchtet. Er lachte auf: »Gute Aussicht, wenn uns hungert. Verirrte Schweine.« »Und ein Mensch daneben.« »Vieh beim Vieh!« Der Schweinetreiber, der auf zusammengefegtem Müll und Stroh halb lag, halb saß, schien auch wirklich auf die Benennung Anspruch zu machen. Er glotzte, das Brot im Munde, und in der Hand Messer und Käse, die Eintretenden an, ohne aufzustehen oder sich nur im geringsten stören zu lassen. »Wenigstens ein Vieh,« sagte der General, »das aus Instinkt dasselbe tat, was wir aus Vernunft, er hat auch ein Obdach gesucht vor dem Wetter.« »Und für unsere Erleuchtung gesorgt,« setzte scherzhaft der andere hinzu, und versuchte mit einigen Brocken Deutsch eine Art Unterhaltung anzuknüpfen. Der Mensch war aber entweder zu stumpfsinnig oder das Deutsch des Adjutanten zu unverständlich. Er erhielt auf die einfachsten Fragen keine deutliche Antwort. Der General hatte dem gleichgültigen Gegenstande längst den Rücken gewandt und sah bald auf das Feuer, bald auf die Schneeflocken, die durch das Fenster trieben, um zum Teil zur Tür wieder hinauszufliegen. »Was kümmern Sie sich um diese vertierten Geschöpfe, d'Espignac?« »Exzellenz, wir sind in Feindesland.« »Aber nicht in Italien oder Spanien.« »Exzellenz, wenn ich mich nicht täuschte, sah ich schon unter den Bauern trotzige und tückische Gesichter.« »Weil es Leibeigene sind. Sie mußten nachts in die Teiche peitschen, damit die Frösche durch ihr Gequak nicht die gnädige Wöchnerin im Schlaf störten.« »Aha, das!« lachte der Adjutant. »Ich wüßte doch nicht, daß meine Frau Mutter und Großmutter es prätendiert hätten. Im übrigen weiß ich nicht, ob es schlimmer wäre, in lauer Sommernacht am Teich sitzen und mit Ruten ins Wasser schlagen müssen, als in der Julisonne auf dem Weizenfelde Fronarbeit zu tun.« »Wir erscheinen diesem Volke als seine Befreier, wenn es ein Einsehen hat!« Der Adjutant wiederholte mit einem satirischen Blick die letzten Worte: »Wenn Exzellenz dieser Ansicht sind, wundert mich um so mehr die Eile, mit der Sie auf dem kürzesten Wege, der aber, wie die Dinge stehen, der längste werden kann, das Ziel verfolgen.« »Es dependierte von Ihnen, ob Sie mir folgen wollten. Russac war sehr bereit.« Die Worte wurden in so determiniertem Ton gesprochen, daß der Subaltern die Weisung, zu schweigen, verstand. Der General schwieg auch, er amüsierte sich, Holzstücke, an denen noch kein Mangel unter den Trümmern war, in das Feuer zu werfen. Er schien sich mit den hellprasselnden Flammen eine Weile zu unterhalten, bis er wieder das Bedürfnis zum Sprechen empfand. »Fürchten Sie etwa, daß mein helles Feuer eine brandenburgische Guerilla anlockt?« »Ich sah nur im Flammenschein Eurer Exzellenz Heldengestalt. Sonst, glaubte ich, noch keine Probe abgelegt zu haben, daß man mich zu denen zählen könnte, die sich fürchten.« »Was sagte Ihnen der Kommandant in Nauwalk? Mir gab er die Versicherung, der Weg sei jetzt sicher.« »Sicher,« wiederholte der Adjutant lächelnd, indem er aufs Fenster zeigte. »Wenn Sie nicht unter dem Schnee einen Weg finden, darüber prescht jetzt kein Husar.« Es schien wirklich, als ob der Himmel platzte und eine dicke Schneewand in der Luft sich schichte. Der Adjutant mochte einen Ausbruch der Ungeduld erwarten; aber der General sah, fast träumerisch stumm, auf das weiße Gewirbel. Dann warf er sich auf eine Bank am Herde und stützte den Kopf in die Hand. »Wenn er daran scheiterte!« »Woran?« »Woran scheitert die Götterkraft des Menschen? An der Dummheit, am Ungefähr. Napoleon hat an Duroc geschrieben, er habe in Preußen ein fünftes Element und einen neuen Feind kennen gelernt, den Kot. Unsere besten Truppen bleiben wie gelähmt an einem Flecke, sie können oft wochenlang absolut nicht weiter.« »Sein Adler holt das Versäumte nach.« »Das sind Ihre Komplimente, d'Espignac. Ich möchte einmal Ihre Wahrheit hören, wie die Herren von den alten Seigneursfamilien eigentlich über ihn denken. Hier behorcht uns niemand; in mir werden Sie keinen Verräter furchten.« »Mein General, wer sich in der Sonne ausstreckt, um warm zu werden, fragt nicht, woher sie ihren Wärmestoff hat.« »Eigentlich aber knirschen Sie innerlich über die Notwendigkeit, ihm dienen zu müssen. Wenn einmal eine Schlappe ihn trifft, etwas schief geht, freuen Sie sich nicht heimlich darüber?« »Ich gerade nicht, mein General; es mögen ihrer sein –« »Ich weiß es, Sie sind ein Philosoph,« unterbrach der General und stand mit boshafter Bewegung auf. »Uns gerade ist er – O, daß auch diese Titanennatur, ein Meteor, das aus sich heraus, allein aus sich zur Sonne ward, zu einer so strahlenden, wie die Welt sie nie gesehen –« »Einmal untergehen muß, ohne das Sternensystem verrückt zu haben!« fiel der Adjutant ein. »Wir gehen alle einmal unter. Nur ein Narr sorgt darum! Unsere Namen bleiben. Das Firmament ist groß genug, um neue Gestirne aufzunehmen.« »Und der Name Victor kann nie untergehen.« Der General schien dies grobe oder feine Kompliment überhören zu wollen, obgleich sein Gesicht ein wohlgefälliges Lächeln nicht unterdrücken konnte. »Aber daß diese Sonne in einen Sumpf untersinken könnte!« »Kann sein Hauch diesen Schnee schmelzen? Wenn diese glitzernde, weiche, widerstandslose Masse, in der sich die Feuchtigkeit der Atmosphäre verkörpert, hier schon eine so niederdrückende Gestalt annimmt, den Widerstand der Trägheit und Faulheit übend, wie erst weiter im Norden! Mit welchen Waffen ist dagegen zu kämpfen, wenn das ganze Heer eingeschneit ist, wie wir in dieser Spelunke. Aegyptens Staubwirbel, Syriens Sonnenbrand sind dagegen nichts. Das kann ein Widerstand werden, woran des Titanen Kraft erlahmt.« »Es schneit nicht immer, Exzellenz.« »Und schon zwei Stunden!« rief der General, mit dem Fuße stampfend. »Wir müssen Geduld lernen von jenem Kretin. Er hat sich auf seinen Kober zum Schlafe gelegt.« »Ein Kretin ist er nicht,« sagte der General, der wieder am Herde Platz genommen. »Ueberhaupt unterschätzen wir nicht diese Menschen! Ihre Soldaten waren gut, gerade aus diesem Lande. Wenn sie andere Offiziere gehabt –« Der General suchte in der Tasche; der Adjutant fragte, ob er nach dem Wagen zurückspringen und Lektüre bringen solle – oder vielleicht Karten? Der General lächelte: »Ich glaube, Sie wären imstande, auch hier Bank zu legen. Es ist aber zu kalt, um mich von Ihnen ausziehen zu lassen.« Der General überflog ein Papier, das er aus der Brieftasche gezogen, und, es entfaltend, gegen Zugluft, Schnee und Flamme zu hüten schien. »Wenn nur nicht diese barbarischen Namen wären, die wir nicht aussprechen können. Wenn zu rasch gehandelt wird, möchten Verwechselungen entstehen, vor denen man sich zu hüten hat.« »Wie nur Fouché in Paris wissen kann, was unsere gescheitesten Spürhunde hier nicht ausstöbern!« »Fouché weiß alles – was nötig ist zu wissen, und zuweilen hält er es für nötig, daß die, welche es wiesen müßten, nichts davon erfahren. Darum muß seine Schrift und Liste dem Kaiser allein vorgelegt werden; er allein kann da entscheiden.« »Kennt denn Seine Majestät diese Herren von itz und witz und quitz?« »Er wird hineingreifen, und wo er zugreift, hat er recht gegriffen. Das ist das Patrimonium des superieuren Genies.« »Ich fürchte nur, daß wir uns lächerlich machen, wenn wir diese soi-disant Seigneurs einer Konspiration anklagen.« »Wer redet von einer eigentlichen Konspiration! Man hat hier keine Höllenmaschinen zu fürchten, keine Assassinendolche. Die Deutschen sind einmal eine aparte Rasse Menschen, die wir erst studieren müssen. Es scheint ein Volk unpraktischer Träumer, aber indem sie träumen und metaphysisch grübeln, präparieren sie in ihrer Art das Handeln vor. Auf ihren Universitäten lehrt jeder Professor, was er Lust hat, und kein Staatsmann kümmert sich darum, man verachtet es oder macht sich lustig, wie über eine Spielerei der Jugend, die man ihr gönnt, als heiteren Eingang in das saure Leben. Aber ehe eine Generation vergangen, haben diese Ideen unmerklich durchgeschlagen, sie sind ins Fleisch eingedrungen, und was man vorhin als Torheit verspottet, ist nun Regime. Diese in der Regel kümmerlich lebenden Gelehrten und Dichter dünken sich daher in ihrer Dachstube die Könige und Gesetzgeber kommender Zeit.« »Wie's ihnen beliebt. Wir sind Satelliten der Gegenwart; was gehen sie uns an?« »Mehr als wir denken, sagt Bignon, der in Berlin Deutsch lernt; während wir handeln, denken sie uns .« »Desto besser; wenn sie sich in uns hineindenken, werden sie Franzosen.« »Sie denken sich in das hinein, was uns frei, einig, groß und siegreich gemacht hat. Sie studieren unsere liberalen Ideen. Was sagen Sie dazu?« »Daß wir sie quittiert haben.« »Ganz, Marquis d'Espignac?« fragte der General mit Betonung, »wir haben sie nur mit unserer Glorie vergoldet. Ja, mein Herr, die Deutschen fragen sich, wodurch werden wir die große Nation?« »Den Zorn des Kaisers über die deutschen Ideologen konnte ich nie begreifen.« »Ich begreife ihn jetzt. Durch ganz Deutschland läuft diese stille Verschwörung. Man sieht endlich ein, daß die alte Staatswirtschaft in allen ihren Branchen sich überlebt hatte; selbst das preußische Militärwesen, das auch wir einmal für das vorzüglichste hielten, ist vor aller Augen zum Kinderspott geworden. Diese Ueberzeugung, die wie ein Gewitterschlag über sie gekommen, hat auch blitzartig auf die Gemüter gewirkt. Solcher Umschlag war in Deutschland noch nicht da, und wir sind ihre Aerzte, ihre Magnetiseure.« »Meinethalben, aber was tun sie? frage ich.« »Und ich antworte: sie denken! Wer, der in die Historie blickt, Herr von Espignac, wagt zu bestreiten, daß der Gedanke eine furchtbare Waffe ist, die Reiche vernichtet und Nationen verwandelt, aus der Reihe der Lebenden ausgelöscht hat? Auch wir in Frankreich hatten uns überlebt, und ehe wir es inne wurden, stand der Gedanke, groß geworden, geharnischt da, und das blutige Ende brach herein.« »Hier sind keine Harnische und kein Blutdurst.« »Welche Waffen hatten unsere Marseillaiser! Was halfen dem König seine Kanonen, der Mut und die Taktik der Schweizer! Wo ein Volk aufsteht, hat es Waffen. Und wenn Eventualitäten einträten! Es gibt keinen Feind von Fleisch und Blut, den er noch zu fürchten hätte; aber wer sagt uns, daß der Feind in Fleisch und Blut erscheint! Eben diese Wege, dieses Wetter, dieser Schnee, ich gestehe Ihnen, in diesem Dunstlande wachsen mir Gespenster auf. Wenn er da in den Morästen eingeschlossen, sein Heer ertrunken, erfroren, von Krankheiten hingerafft, wenn es vernichtet wäre, wer, mein Herr, bürgt Ihnen, daß das Volk in Deutschland nicht doch aufsteht? Die Emissäre dieses Bündnisses schleichen in allerhand Gestalten durch das Land. Das haben wir ermittelt, aber sie haben keine Kennzeichen. Sie verständigen sich nur durch die Gesinnung. Sie klopfen leise an, horchen aus, ermahnen zur Geduld, aber ermutigen –« »Sie präparieren wirklich einen Coup?« »Nein, nein, ich sage Ihnen ja, das ist nicht deutsche Art. Sie schmieden nicht Waffen, nur die Gesinnung. Unverrückte Treue nennen sie's gegen ihren König, und weil sie dabei alles pünktlich tun, was unser Gouvernement befiehlt, kann man ihnen nicht einmal zu Leibe gehen.« »Und darum müssen Exzellenz zum Kaiser fliegen?« »Hier sehen Sie Fouchés Liste.« Er entfaltete sie und las eine Reihe deutscher Namen, die aber ein deutsches Ohr kaum verstanden hätte, wenn auch wir unter dem Herrn von Ilis oder Ilsse den Herrn von der Quarbitz auf Ilitz enträtseln mögen. »Die Liste ist lang, die Kreuze, Striche, Nullen dabei eigenhändig von Fouché. Das Gouvernement hätte entweder nichts daraus gemacht, ungeschickt untersucht, oder noch ungeschickter hineingegriffen, wie mit dem Bürgermeister dort. Das hat unnütz böses Blut gemacht.« »Sollen alle diese Herren nun auf den Verdacht hin, daß sie möglicherweise in der Zukunft als des Kaisers Feinde auftreten könnten, arretiert werden? Es wäre persisch und türkisch, nicht französisch.« »Mich dünkt, es gibt auch europäische Polizeien, die das und noch mehr möglich machen. Ist die Provinz nicht ohnedem verdächtig? Hat der arme Bürgermeister dort etwa den Ball gegeben? Man weiß jetzt, es waren die Gutsbesitzer vom Lande. Das genügte schon, um einzuschreiten. Dazu kommt, daß sie die Armee um die Pferdelieferung betrügen wollten, der effektive Verlust, den die Freibeuter in der Stadt angerichtet, man muß ihn so groß als möglich schildern, auch die Stimmung unter dem Landvolk; sie helfen sich selbst gegen die Einquartierung. Wer kann diese stupiden Sklaven dazu aufgereizt haben, als ihre Herren! Endlich sind die Schillschen Parteigänger noch immer in der Provinz. Wie könnten sie es sein ohne Unterstützung. Mein Herr, es bedarf ja keiner Advokatenkunst, um einen Bericht zu liefern, daß den Herren im Kriegsrat die Haare zu Berge stehen und der Kaiser über die Nachlässigkeit des Gouvernements, das er zurückließ, in Feuer und Flammen gerät.« Der Adjutant war verstummt; ihm schien ein Licht aufzugehen. Der General aber fuhr fort: »Nichts von Füsilladen! Man weiß unter uns nicht, welche unangenehme Situation die des Buchhändler Palm veranlaßt. Die deutschen Nerven vertragen das nicht; ihre Fürsten liebten es auch nicht, aber an Einsperrung sind sie gewöhnt. Wenn man ein Dutzend aus dieser Liste aufgreift, in Festungen sperrt, ist die Provinz gesichert. Sind Sie nicht auch der Meinung?« »Gewiß, eine angemessene Strafe für das, was sie hätten tun können.« »Nichts von Strafe, nur Präventivhaft.« »Eine etwas lange, wenn die einen in den Pyrenäenfestungen, die anderen in Calais oder in Genua sitzen.« »Nicht länger, als der Friede auf sich warten läßt. So wird es auch zum Unterpfand für diesen, den wir doch alle wünschen müssen.« Es trat eine Pause ein. Ein Blick des Generals schien ihn aber zum Reden aufzufordern. »Sind Euer Exzellenz befeindet – ich meine, nicht ganz zufrieden mit dem Gouvernement, das der Kaiser hier zurückließ?« Der General stutzte einen Augenblick, lächelte aber gleich darauf, indem er die Hand vertraulich auf die Schulter seines Adjutanten legte, der um einen Kopf kleiner war. »Mein lieber d'Espignac, ich habe keine Rivalität mit den Herren, die vom Kaiser entfernt sind, aber die, welche täglich um ihn sind, bilden schon einen militärischen Hof und üben ein Schranzenwesen, wie nur bei den Königen ihrer alten guten Zeit. Ginge es nach ihnen, so käme kein Verdienst mehr auf. Wo hat man den tapferen Brune hingestellt? Da oben an die schwedische Grenze, wo keine Lorbeeren mehr wachsen können. Wie wird Bernadotte behandelt! Wie mancher Tapfere wartet vergebens auf den Marschallshut, weil er nicht das Glück gehabt, unter Napoleons Augen zu reüssieren. Andere Verdienste müssen ungeheuer groß sein, wenn sie nicht durch die Vermittlung seiner Umgebung zu ganz kleinen zusammenschrumpfen. Schlimm, daß es ist, aber es ist, daß man sich schon vordrängen muß, um dem Kaiser den eigenen Wert zu zeigen. Wer die Gelegenheit nicht ergreift, was er wert ist, zur Geltung zu bringen, ist ein Narr. Unter Lügnern kommt der Wahrheitsfreund überall zu kurz.« » Victori gloriam !« Der Adjutant verneigte sich. Im Lächeln verschluckte er das Darum! »Ich ward kein Hellseher in diesem Dunstlande, aber ich sehe ihn sehr klar auf Euer Exzellenz Haupte – den wohlverdienten Marschallshut.« Der General ward durch ein Geräusch draußen an der Antwort gehindert. »Was ist das?« Es arbeitete sich etwas durch den Schnee und stand jetzt in der Gestalt eines hochbepackten Mannes in der Hütte. Der General warf einen mißbilligenden Blick auf den Adjutanten, der den Degen ziehen wollte. »Es ist kein Wolf – auch kein Brigant – wenn ich nicht irre, ein Handelsjude.« Der Hausierer hatte noch nicht den Schnee von seinen Schultern geschüttelt und seine Hucke zu Boden gestellt, als er in schlechtem Französisch seine Freude nicht lebhaft genug ausdrücken konnte, die gnädigste Exzellenz gefunden zu haben. Er wäre beinahe erfroren und verschneit, wenn nicht der Eifer ihn geführt, einen so berühmten und großen Mann, den Stolz der unüberwindlichen Armee, den Liebling seines Kaisers, aufzusuchen. Und wäre es nicht zum Erschrecken, einen solchen Prince und Marschall in solcher Lage und in solchem wüsten Loche zu finden! Es war keine erfreuliche Botschaft, die sich auf ein barsches: »Was soll's?« loswand. Der Hausierer war auf dem Herwege dem Postillon und dem Kammerdiener begegnet. Damals waren sie noch nicht bis an den Karutzsee, und die Wege drüben waren noch weit tiefer verschneit. Er rechnete aus, daß sie noch in dem Augenblick nicht bis zur Stadt sein könnten, und wenn sie auch wirklich dort parate Pferde träfen, diese vier bis sechs Stunden gebrauchten, um von Nauwalk bis hier zu gelangen. Da er sich nun lebhaft die Ungeduld der gnädigsten Herren Generäle vorstellen können, sei er mehr hergestürzt und gesprungen, als gegangen, um sie zu avertieren. – Die Dielen schütterten unter den Fußtritten des Generals. »Und fort muß es, und wär's zu Fuß.« Ein mißtrauischer Blick des Adjutanten maß den Juden. »Nur um uns davon zu avertieren, haben Sie den Weg hierher gemacht?« Der Hausierer versicherte, die Hand auf der Brust, daß er's aus reiner Menschenliebe getan haben würde, daß solchem großen General einen Dienst zu leisten aber sein höchster Stolz sei. »Den Henker für seinen Dienst, ich will Pferde!« hatte der General, mit großen Schritten den kleinen Raum messend, gerufen, während der Adjutant mit dem Juden verhandelte. Das Resultat war, es gab keine nähere Poststation als Nauwalk, aber in einem von der Landstraße abgelegenen Dorfe jenseits des Moores wären reiche Bauern, die tüchtige Pferde besäßen. Das Moor, über welches der Fußweg dahin führt, sei fest gefroren, daher sicher zu passieren, wenn man das Waten durch den Schnee nicht scheue. Der Jude getraue sich, den Weg zu zeigen, im Schneegewirbel wie bei Tage, und etwa in zwei Stunden verspreche er, daß sie es zu Fuß erreicht. Von dort könnte sie auf Schlitten die Landstraße schnell wieder gewinnen. »Zwei Stunden Arbeit besser, als sechs hier warten!« »Es ist ein Mann, des Vertrauens wert,« sagte mit mokanter Miene auf Italienisch der Adjutant, als der General die Frage aussprach: »Was sein Metier?« »Der Menschheit zu dienen.« Ein Schwall von Worten löste sich von den Lippen. Nur der Menschheit zu dienen, er kenne nicht Freund und Feinde wenn es Helfen gilt. Da es ihm nun endlich gelungen, nach unsäglicher Anstrengung, jedoch unterstützt von einigen chemischen Kenntnissen, die er zu besitzen sich schmeichele, weil er in Polen einer Offizin vorgestanden, aber, wie Exzellenz denken können, mit ungeheuren Opfern, denn es sei jetzt alles teuer, aber die Kaufleute und Drogisten hierzulande geradezu unverschämt in ihren Forderungen – da es ihm nun mit diesen Opfern und diesen Kenntnissen gelungen, eine Stiefelwichse herzustellen, von der er ohne Ruhmredigkeit sagen könne, daß sie ihresgleichen suche. Davon wolle er nicht reden, aber wovon er reden müsse, und wenn Exzellenz, mon prince, es nicht glauben wolle, bäte er, an Dero Stiefeln sofort einen Versuch machen zu dürfen, damit son altesse sich davon überzeuge, daß sie auch dem Schnee widerstehe, und da er wisse, wie die große Armee in den unergründlichen Kotwegen an der Weichsel gerade am Fußwerk leiden müsse, und der so höchst nötigen Reinlichkeit entbehre, hoffe er, mit dieser seiner Erfindung nicht allein einem dringend gefühlten Bedürfnisse entgegenzukommen, sondern er könne sich schmeicheln, daß ihr unvertilgbarer Glanz wirklich Sensation mache, vorausgesetzt – denn wie die Welt nun einmal wäre, sei das Beste und Schönste nichts ohne Fürsprache – daß er sich der Empfehlung und Protektion eines hohen Gönners erfreue, der die Großmut und Humanität selbst und zugleich ein Kenner sei. Die Stiefelprobe unterblieb. Der Entschluß war schnell gefaßt, den Wagen im Stich zu lassen, die wertvollsten Effekten mitzunehmen. Wer sollte sie tragen? »Da ist ja das andere Vieh, der Schweinetreiber!« rief der Adjutant. »Er hat starke Schultern.« Aber der Schweinetreiber war nicht mehr da. Wie man auch suchte, rief, er blieb verschwunden. Der Jude entschloß sich, auch zum Dienst der Menschheit, seine Erfindung und seine Schätze im Stich zu lassen; auf seine Hucke ließ er sich laden, was ein Mensch tragen kann. Der Weg war lang, er wurde immer beschwerlicher, er schien auch immer länger zu werden. Wir kennen das Querbelitzer Moor, aber noch nicht in seinem ausgesprochenen Winterkleide, ein bis zwei Fuß lockerer Schnee über den gefrorenen Bülten; kein Schritt sicher, unter der weichen Decke Vertiefungen, Steine, Gräben. »Sind wir auch richtig?« fragte der Blick des Generals, der, an einen großen Feldstein sich lehnend, das trostlose weiße Feld überschaute. Der Hausierer verstand ihn. »Wir haben eine Spur, gnädigste Exzellenz, es muß einer vor uns gegangen sein.« Drei Stunden waren verflossen, und der Tag graute, als sie an die Querbelitzer Höhen gekommen. Man hörte die Turmuhr schlagen. Da sanken am Gebüsch zugleich der General und der Hausierer nieder, dieser von der Last, die er trug, jener von der Wucht der hohen Reiterstiefeln, die ihn trugen. Der Adjutant, der, leichtfüßiger, die Höhe zuerst erstieg, sprach für sich: »Das alles erträgt der Mensch um – einen Marschallshut und Glanzwichse!« Einundzwanzigstes Kapitel. Jede Schlacht fordert Präparationen. Im Kruge zu Querbelitz saß in der Nacht eine kuriose Gesellschaft. Wer hätte den Kutscher Lamprecht in dem Kotneste wiederzufinden erwartet. Wenn die Pfeife ausging, rief er nach Kohle, und wenn die Marte sie brachte, kniff er ihr in den Arm, und Gottlieb und Peter sahen's ruhig an. Es hatte aber seine Bewandtnis. Der große Kienspan flackerte am Ofen, und Marte ließ ihn nicht ausgehen, aber auf den beiden Tischen brannte auch auf jedem ein dünnes Talglicht, das war auch etwas Außerordentliches. Die Marte putzte sie zuweilen. An dem einen Tische saß Lamprecht, und neben ihm zwei Quilitzer, dralle Bursche, denen das Blut ins Gesicht sprang, und an den Ellenbogen waren ihre Kamisole geplatzt. Gegenüber am anderen Tische saßen Gottlieb und Peter und noch ein Querbelitzer, ein stämmiger Kerl, unter dem die Bank knackte, wenn er sich rührte. Sie rauchten und tranken Bier und sahen sich ins Gesicht, als wollten sie sich was absehen. Vielleicht ihre Mützen; der trug ein Tangerreis dran, der gar eine Habichtfeder. Keiner hatte geschimpft und geflucht, der Marte war aber doch bang; man sah's ihr an. Da meinte sie, es sei doch nun Schlafenszeit, ob sie nicht auf den Heuboden kriechen wollten. Wenn sie was miteinander zu sprechen und abzutun hätten, sei morgen auch ein Tag. »Da hat die Marte schon recht,« sagte Lamprecht, »aber es diskuriert sich schon so besser, und zum Schlafengehen, da wird mancher morgen noch Zeit genug haben.« Draußen in der Küche traf die junge Frau den Schulzen. Er schnitzelte an einem neuen Deichselbaum zum Schlitten. »Was sagt Er nu dazu, Schulze? 's ist richtig so.« Der Vater summte etwas zwischen den Zähnen und schnitzelte weiter. Es war noch nicht vorgekommen, daß die Marte ihn um etwas befragt hatte. Sie taten beide immer, was sie für gut hielten, und es hatte noch immer gestimmt. »Sie wollen nicht von sprechen im Dorf; aber wissen tun's alle.« Er schüttelte den Kopf: »'s tut auch so besser.« »Aber was soll draus werden? Wenn sie den Gottlieb zerschlagen reintragen – und den Peter auch. – Der Lamprecht ist auch kein schlechter Kerl nicht; nur so borstig wie die Quilitzer alle. Sonst läßt sich schon mit ihm reden.« »'s ist tiefer Schnee,« war die einzige Entgegnung des Schulzen. »Da fällt sich's weich, das ist schon gut, aber ihre Fäuste sind nicht weich. Wo der Quilitzer Jürgen hinschlägt, wächst kein Gras, und der lahme Hufschmied, unserer, der führt auch 'ne Hand, und hat 'ne Malice speziell gegen den Lamprecht.« »Sie hat wohl keine Malice nicht gegen den Lamprecht?« sagte Gottlieb Köpke mit einem besonderen Blick. »Ach was, wir sind doch alle Christenmenschen, und zu was Besserem da, als uns die Knochen zu zerschlagen!« »Wer weiß! zuguterletzt werden sie uns alle zerschlagen.« Die Marte dachte: wie er nur so sprechen kann. »Er ist doch Schulze nun. Und der Schulz ist die Obrigkeit, und was die Obrigkeit sagt, das muß geschehen. Es könnte doch drein fahren!« Der Schulze hatte die Deichselstange fertig. Er stützte sich drauf: »Das ist schon richtig. Wenn's nur was hülfe!« »Na nu, Schulze?« »Wenn ich nun jetzt drunterführe und ihnen die Schwerenot auf den Pelz jagte, da würden sie mit 'nem Katzenbuckel abziehen und knurren. Das Knurren täte es nicht, aber das böse Blut. Blut läßt sich besprechen, wer's versteht, das ist schon richtig, und Geschwüre auch; aber einmal bricht's doch wieder 'raus, was 'raus soll, und niemand sagt wo und wann, und ob's dann nicht schlimmer ist. Drum ist's besser, man läßt's gehen, wie's nun mal ist. Was los soll, muß doch los; besser, daß man's hinter sich hat, als vor sich.« »Schulze, wie Er nur so reden kann!« »'s ist mit dem jungen Volk nicht anders, als wie mit den großen Herren und Potentaten. Die tollen Hörner müssen sie sich abstoßen. Krieg ist was Schlimmes, sehr was Schlimmes, manchesmal aber doch auch was Gutes, daß es 'rauskommt, was drinnen steckt. Wenn's nicht 'rauskommt, und drinnen rumort es, so wird der Mensch krank, und ein kranker Mensch, das ist ein halber Mensch, und ein halber Mensch ist gar kein Mensch, denn er ist unnütz, weil er nicht arbeiten kann. Das sag' ich Ihr nur, Marte; Sie muß es keinem wiedersagen.« So hatte Gottlieb Köpke nie zur Marte gesprochen; es war ein Zeichen, daß nicht alles richtig war, wenn er sich auf Gründe einließ, und gegen eine Frauensperson. »Und den Kopf werden sie sich auch nicht einschlagen,« setzte er hinzu. »Und wer weiß denn, ob was Ernstes dahinter ist.« Da brach es aus Martens Augen; auch etwas so Ungewöhnliches als Gottliebs Gründe. Sie wußte, es sollte Ernst werden. Die Bursche hatten's verschworen, es sollte, da's so lange verschoben, nun auch losgehen, bis der Schnee rot würde und einer liegen täte. Und wenn's so arg würde, daß das Kriminal mitsprechen müßte, dann wollten die andern sich nicht einstecken lassen, sondern sich auf und davon machen, ja wohin? – Gerad zu den Schillschen. Der Schulz mußte auch darum wissen. Er fuhr nicht auf, er sann nur ein bißchen nach: »Marte, Sie ist eine verständige Person. Für die Jungen wäre das auch nicht das Dümmste. Vor die Kugel müssen sie doch einmal. Kommt der König retour, werden sie enrolliert; bleiben wir französisch, werden sie konskribiert. Wenn Gottlieb Köpkes Söhne gegen des Königs Rock fechten müßten, Marte, das möchte ich doch nicht.« Dagegen hatte sie keine Gründe, es ging über ihren Horizont. »Aber, was meint Er, daß die Leute sagen werden, wenn Er's zuläßt, ich meine nicht das, sondern das; und unter Seinen Augen, und Er ist die Obrigkeit!« Gottlieb Köpke hob den Deichselbaum über die Schulter. »Dummes Geschnatter! Merkt Sie nicht, daß ich mit Ihr gespaßt, als ich tat, ich glaube Ihr, was Sie sich hat aufbinden lassen. Ich fahre nach Nauwalk, wenn der Hahn kräht, der Landrat hat die Schulzen konvoziert, es soll aufgeschrieben werden, wieviel Heuvorrat noch in der Provinz ist.« Sie schüttelte den Kopf. Ihr klarer Blick sagte: Schulze, ich versteh' Ihn heut' nicht. Da legte er im Hinausgehen die Hand ihr auf die Schulter: »Sie braucht's auch nicht zu verstehen. Alle Obrigkeit ist von Gott; und Gott kann alles, aber die Obrigkeit kann nicht alles, und manches Mal, wenn sie Uebel nicht hindern kann, tut sie am besten, sie kehrt den Rücken und sieht's nicht. Denn wenn die Obrigkeit dem Uebel zusieht und nichts tut, so heißt es, sie billigt's, und dadurch wird's ärger, oder sie ist zu schwach, und dann verliert sie den Respekt. Es gibt noch ganz andere Obrigkeiten als uns Schulzen, die's Auge zudrücken müssen. Der liebe Gott mag wissen, warum's so ist, aber's ist so. Davon wird Sie aber zu niemand ein Wort sprechen. Versteht Sie mich, Marte?« Warum mußte denn der Schulze ein Auge zudrücken? In Querbelitz und Quilitz, und auch in Ilitz, wußte es jeder. Seit die Schemel damals in der Schenke geflogen, war wieder das alte Wesen los zwischen ihnen. Wer hatte es denken sollen, wo alle eine große schwere Not und ein böser Feind drückte, daß sie noch Zeit hatten, sich untereinander Possen zu spielen. Aber die Menschheit ist nun mal nicht anders; wo sie der Hafer sticht und wo sie nach Knochen suchen. Da brauste es in Quilitz, als sie hörten, wie der Lamprecht drüben traktiert war. Wäre nicht die Einquartierung gewesen, so wären die Quilitzer schon am nächsten Sonntag zu Dutzenden nach Querbelitz gekommen, zu – Biere? Wie wollten sie es schlecht finden, wie sollte es aus der Diele fließen – und mehr! Das ging nun nicht. Aber der Uebermut der Querbelitzer war ja nicht mehr zum Ausstehen. Wart Ihr auch bei Dames' Mühle? Nein, die lagen im Bette: es sind ja Quilitzer! Das mußten sie hören, wo sie zusammen trafen. Sonderbar, wo sich ein Quilitzer und ein Querbelitzer Wagen auf der Straße begegneten, da verfuhren sie sich, und es gab einen Spektakel, bis sie loskamen. Auf dem Lande nimmt man's nicht so genau; wenn die Wege ausgefahren sind und Morast, treibt man über den Acker daneben. Ein Unglück ist es nicht; aber wenn ein Querbelitzer nur mit einer Radspur über einen Quilitzer Acker fuhr, so waren gleich zehn Bursche da, die ihn pfändeten und die Tiere in den Pfandstall trieben. Die Querbelitzer gaben's ihnen redlich wieder. Und auf dem Markt in Nauwalk ließen sie sich kein gutes Haar, der Magistrat mußte verordnen, daß die einem an dem, und die andern am andern Tore saßen. Weil im Bebbiner Krug ein Quilitzer Weib und ihre Schwester zu viel getrunken, und nicht fort konnten, ritten ein paar Querbelitzer Bursche, die's gesehen, nach Quilitz, und in der Dorfstraße schrieen sie vor jedem Haus: He, Gevatter, raus, spannt an, nach Bebbin, da liegt Euer Weib voll und toll unter dem Tisch. Hieß es nun: mein Weib ist ja zu Haus, so war die Antwort: Dann ist's Eure Schwester oder Eure Tochter! Das gab einen heillosen Lärm und noch mehr Nachreden, spitz wie Kiennadeln: »Der trinkt wie ein Quilitzer Bauernweib,« oder: »Warum kriegen die Quilitzer keine Einquartierung?« »Weil die Weiber den Franzosen die Schnapsflaschen austrinken.« Uebel wäre es einmal des Schulzen Schwiegertochter aus Querbelitz ergangen, als sie nach Nauwalk zu Markt wollte und, weil der Weg draußen zu schlecht, durch Quilitz fuhr. Der Knecht, der die Pferde lenkte, hätte wohl den Uebermut lassen sollen, aber er ließ es nicht und fragte ein Weib, das einen großen Wasserkrug am Brunnen spülte: »Hast Du mehr solche Schnapsflaschen?« Da hagelte es Schimpfworte, es hagelte auch Steine. Von einem fiel der Knecht vom Wagen und mußte nachher ins Stroh gelegt werden. Sie waren drauf und dran, die Marte und ihre Eier und Butter vom Wagen zu reißen, wenn nicht der Lamprecht zugekommen wäre. Er sagte, sie wäre noch nicht die schlimmste von den Querbelitzer Hexen, und alle auf eine los, das schicke sich nur für Querbelitzer, nicht für Quilitzer. Da nahm er selbst die Zügel, er war ein resoluter Mensch, und kutschierte sie aus dem Dorf 'raus. Sie mußte es ihm wohl danken, unterwegs haben sie sich aber noch tüchtig geschimpft. Dazumal wäre es wohl schon zu einem Ernst geworden, wenn die Schillschen nicht drüber gekommen und die Geschichte in Nauwalk und was drauf und drum; denn den Quilitzern muß man's lassen, sie hatten so gutes preußisches Blut wie die Querbelitzer. Gegen die Franzosen redete einer den andern aus, aber wenn sie fort waren, fing der alte Schabernack wieder an. Da meinten auch die vernünftigen Leute, so ginge es nicht mehr, und es wäre schon zum besten, wenn's mal zu 'ner rechtschaffenen Prügelei käme unter dem tollen jungen Blut, damit's ausgetragen würde und man zur Ruhe käme. Als der Schulz in die Stube zurücktrat, hielt er es doch für anständig, in seiner Art den Burschen das zu sagen, was Frau Marte vorhin in ihrer gesagt, nämlich daß es nachtschlafende Zeit sei, und was das für Wirtschaft wäre, sie sollten sich auf den Heuboden scheren, oder das Donnerwetter solle drein schlagen. Er tat's nicht, damit sie's täten. Mancher glaubt poltern zu müssen, nur weil er meint, daß es sich für ihn so schickt. Wenn er zur Tür und mit dem Schlitten zum Hoftor hinaus, war ja das Tun und Lassen an ihnen, er sah es nicht. Aber als er zur Tür hinaus wollte, trat ihm jemand entgegen, der Schnee und Wetter von Pelz und Stiefeln abstampfte. Auf des Schulzen verwundertes »Na nu?« antwortete der Viehhändler, den wir schon kennen, auch mit einem: »Na nu, wie steht's?« und reichte ihm die Hand, in die Gottlieb Köpke doch nicht anders als einschlagen konnte, denn er war der Wirt und jener der Gast, er im Warmen, und der triefte vor Nässe und Kälte. Aber trotz des Handschlages schaute er ihn noch immer verwundert an, denn er hatte ihn nie gesehen. »Das ist ein Hundewetter!« hatte der Viehhändler gesagt, und der Schulz brummte etwas, daß man das in Querbelitz auch schon wisse. Zu Worte ließ er's aber nicht kommen, denn der andere gevatterte ihn mit allerhand Fragen und solchen vertraulichen Reden, wie es sich schickt, wenn einer in eine Schenke tritt. Wer da mürrisch tun will und sich vornehm in die Ecke setzt, als wäre der Krugvater kein Mensch und keine Respektsperson, der darf sich nicht wundern, wenn er die Neige aus dem Fasse bekommt. »Na, nu seh' ich schon, daß Er weit her ist,« sagte Gottlieb Köpke beruhigter, als der Fremde ihn gebeten, ihm aus dem schäumenden Glase zuzutrinken, welches Frau Marte ihm vorgesetzt, auch wohl, weil sein scharfes Auge einen prüfenden Blick auf die Lederkatze geworfen, die nicht unwuchtig dem Händler um dem Leib saß. »Aber wer kommt denn so zu nachtschlafender Zeit ins Haus? Und wie traut sich einer so spät auf die Landstraße – der was zu verlieren hat?« »Wer nicht wagt, gewinnt nicht,« sagte der Schweinetreiber und warf sich auf die Bank zu den Quilitzern, den Ellenbogen auf dem Tisch. »Als mich bedünken will, kommt Ihr mir aber noch nicht bekannt vor,« entgegnete der Schulze, nachdem der Fremde ihm ungefähr das erzählt, was er zum Bürger von Nauwalk gesagt; worauf der Gast erwiderte: das sei wohl möglich, denn ehedem habe er immer über die Altmark getrieben. »Nun will er unsere Schweine aufkaufen!« sagte der Schulze zu den anderen gewendet. »Habt Ihr welche übrig in Quilitz? Wir haben unsere liefern müssen; haben dafür gekriegt, was die Herren Franzosen Bons nennen. Das heißt nach ihrer Sprache gut, wir aber nennen's schlecht. Die Scheine können wir ihm verkaufen, Schweine nicht.« Der Treiber meinte, alles Vieh werden die Franzosen doch nicht gefressen haben, es sammle sich schon was mit der Zeit; ein Tropfen, wenn's regnet, mache noch nicht naß, aber aus vielen werde eine Rinne, aus den Rinnen Bächlein, und so weiter. Und dann fing er an, sich nach den Dorfschaften umher zu erkundigen und den Herrschaften, wo noch etwas sitze, daß der Schulz die Ohren spitzte. »Sieh mal einer, Er ist ja bekannt, als wär' Er hier geboren, oder – als hätte Er's vom Papier abgelesen.« »Das hab' ich auch,« sagte der Fremde ruhig. »Wißt Ihr nicht, daß die Herren Kommissare und Generäle Listen führen, wo alles verzeichnet steht, was im Lande ist von Vieh, Menschen, Vorräten. Die haben Augen und sehen alles. Und wenn einer denkt, ihnen ein x für ein u zu machen, der ist auf Holzwegen.« Sie blinzelten sich an, und der Quilitzer Lamprecht rückte mit dem Ellenbogen vom Fremden ab. Der Treiber tat, als wenn er nichts vermerkt, auch nicht den Blick, den der Schulze mit einem leisen Kopfschütteln ihnen zuwarf. Wenn's ein französischer Aushorcher war, so tat's nicht gut, ihm drohende Mienen zu weisen. »Ist mir nur lieb,« fuhr der Fremde fort, als er das zweite Glas aus Martens Händen nahm, »daß ich das Nest hier nicht leer fand. Drüben in Wusterhausen meinten sie, ich würde lange nach einem Menschengesicht suchen müssen.« Sie glotzten ihn von beiden Tischen an, auch der Schulze und Frau Marte machten große Augen. »Die Leute schwatzen freilich viel dumm Zeug. Aber Ihr Bursche von Querbelitz seid verschrien, von wegen damals und denn manches sonst. Ihr steckt's auch den Parteigängern zu. Das wissen sie.« Der Schulze wollte einreden, der Fremde ließ ihn nicht zu Worte kommen. »Ihr würdet's nicht dulden als Schulze, das weiß ich schon, und die jungen Bursche werden ja auch nicht so toll sein; wer rennt denn wie ein Ochs in sein Verderben! Aber leid täte es mir auch um Euch, wenn sie Euch unter die Muskete steckten, alle wie Ihr da seid. Denn wenn's mal sein muß, warum nicht lieber den Schießprügel für die Preußen? Nicht wahr? Ja, ja, es muß schon jeder sein Bündel tragen, einer so, der andere so, und Ihr seid noch am besten dran, Ihr gemeinen Leute, Euch schießen sie nicht tot, wie den Bürgermeister von Nauwalk, ohne Not nämlich, und Euch werden sie auch nicht über Nacht aus dem Bett reißen und auf den Schub geben, daß Ihr aufwacht, Gott weiß wo, auf 'ner Festung, was weiß ich, wo der Pfeffer wächst. Na, Gott befohlen!« Der Händler wollte seinen Quersack über die Schultern werfen. »Na nu, wohin denn?« »Nach Quilitz – oder nach Schmachtenhagen.« »Da findet Er erst gar kein Schwein mehr.« »Weiß schon, der gnädige Herr hat's mal verstanden! Kein Stück für sich behalten; alles, was nur Beine hatte, zu Schinken und Würsten gemacht, von wegen der Pferde und dem Ball, und alles in die Magazine. Bei den Herren Kommissarien hat er auch einen Stein im Brett. Und hat doch noch dabei sein Schnittchen gemacht; denn solche Bons, der Schulz hat schon recht, Euch Bauerleuten taugen sie nicht viel, aber in den Händen von so vornehmen Herren, die wissen, was sie damit machen sollen. Und solchem Kommissarius kommt's auch nicht darauf an, ob er ein paar Schnitzel einem guten Freunde mehr abschneidet oder weniger.« Der Schulze meinte, von der warmen Wurstsuppe werde der Treiber weder in Quilitz, noch auf den Klostergütern etwas zu löffeln bekommen. »Wer weiß!« rief der Mann mit einem schlauen Blick, den Sack über der Schulter. »Heute wenigstens brauche ich Eure Suppe nicht auszuessen, die Euch morgen oder heute schon eingerührt wird.« Wenn er meinte, mit den Dreiern, die er auf den Tisch warf, die Zeche bezahlt zu haben, war er falsch. Die Marte ließ die Kupferstücke liegen, aber mit unterstemmten Armen vertrat sie ihm an der Schwelle den Weg: »Na nu, was ist's? Hier seift man keinen ein und schickt ihn über die Gasse zum Barbier. Bange machen gilt nicht, und vexieren lassen wir uns auch nicht. Raus mit der Sprache, oder die Bursche verstehen hier eine, daß auch ein Tauber 's hört.« »So ist's recht,« rief Lamprecht. Köpkes Söhne zeigten Lust, auf der Stelle die Sprache zu reden, aber er zwinkerte ihnen zu, noch wär's nicht nötig. Es war auch nicht nötig. »Nun, guter Mann, sage Er uns, was ist das für 'ne Suppe,« fuhr die Marte fort. »Denn wer sie anrichtet, muß sie mitessen; so ist's Sitte in Querbelitz.« Der Treiber ließ sich auch nicht lange nötigen: »Als ob Ihr's nicht auch schon wissen tätet! Seid doch nicht kurios, Ihr Leute. Die Provinz ist ihnen schon längst ein Dorn im Auge. Wundert Ihr Euch nun, daß sie Hetzjagd anstellen wollen? Haben sie's vergessen, daß Ihr sie bei der Pferdelieferung über den Löffel barbieren wolltet?« »Wir nicht,« sagte der Schulze. »Na nu, das wissen wir ja, auf Euch geht's auch nicht gerade los, obgleich Ihr von wegen Dames' Mühle auch kein Brett bei ihnen im Sacke habt. Und ich meine auch, was geht's die Bauern an, wenn sie die Edelleute wegschleppen.« »Die Edelleute!« »Ueberhaupt ist das eine weitläufige Geschichte, wenn unsereins sich mengen will, wo's ihm nicht an die Haut geht. Totschießen werden sie auch nicht alle gleich, wie den Herrn Schulzen in Nauwalk, denn das knallte zu sehr; aber über Nacht reiten die Gendarmen auf deinen Hof, und anderen Tags auf einen anderen, und wenn der Hahn kräht, trottiert der Strohwagen oder die Kalesche schon lustig nach Magdeburg oder Torgau. Ob sie mal wiederkommen, danach habt Ihr doch nicht zu fragen! Wozu überhaupt viel Fragen! Gescheiter wird keiner davon. Den Kragen in die Höh', und die Mütze über die Ohren, vielleicht sehen sie Euch nicht, und wollen Euch nicht sehen, wenn Ihr mucksstill seid. Nehmt Euch nur in acht, fangt keinen Streit an, man weiß nicht – ich sage Euch, man weiß nicht –« Unter den Burschen ging ein Murmeln, wie wenn ein warmer Mittagwind das Eis anhaucht, und es bröckelt und sinkt: »Das ist kein Spion nicht!« »Welche Edelleute, guter Mann, wollen sie denn wegschleppen?« fragte die Marte. »Nu natürlich, die ihnen nicht gefallen tun. Was weiß ich – den Kautzenburger, den Quiritzer, den Ilitzer –« »Unseren gnädigen Herrn?« Der Schulze sah ihm scharf ins Gesicht: »Ihr wißt sehr viel, Landsmann, aber hierzulande fragt man: hast Du Beweise?« »Der Bonaparte fragt das nicht, wenn er einen totschießen läßt. Wißt Ihr, wie's drüben in Schwedisch-Pommern aussieht? Da rüsten sie. In Schlesingen stürmt der Fürst von Pleß. Ueber die Weichsel munkelt's von 'ner Bataille, wo die Russen und die Preußen den Franzosen die Zähne gewiesen haben, daß sie sich verwundert. Wenn er nun hört, der Kaiser, meine ich, daß hier ein paar Husarenschwadronen durchs Land preschen, wegnehmen, wo sie was kriegen, Offiziere und Kuriere wegfangen, junge Leute verführen, wenn die Edelleute dazu schweigen und die Bursche in Querbelitz tolle Lieder singen und Federn an den Hut stecken, meint Ihr, daß der Bonaparte sagen wird: Schafft mir Beweise dafür? Wetter noch mal, wofür wär' er der Bonaparte? Er schlägt drein; und er hat recht, wer wartet, bis er verlieren kann, hat schon verloren. Fordert nichts als 'ne Liste, eine Feder – dick durch – die Namen und die – und dann Adjö! – Aber, ich sage ja, Euch braucht's nicht zu kümmern. Der General, der ihm die Liste bringt, wo alles vornotiert ist, wer weggeschleppt werden soll, kommt hier durch. Muß hier sein mit dem Hahnenschrei; er will Pferde haben und einen Schlitten. Gebt ihm, was er fordert, seid artig und höflich, dann geschieht Euch nichts. Möchte Euch aber doch geraten haben, laßt's nicht merken, was ich Euch gesagt habe, nämlich daß Ihr es wissen tut. Sintemalen, wenn die Husaren mal wieder kämen, dann könnten sie's Euch gedenken, und meinen, warum habt Ihr die Hundsvötter nicht in den Sack gesteckt und uns einen Wink gegeben; wir hätten den Sack schon geholt. Nun, Frau Marte, noch einen über die Lippen! Das ist meine Suppe. Angerichtet hab' ich sie, das ist wahr, aber wer sagt denn, daß Ihr Euch die Lippen dran verbrennen sollt. Laßt sie kalt werden, dann kann sie essen, wer Lust hat.« Bald darauf war ein eigen Treiben im Schulzenhofe. Sie steckten die Köpfe zusammen, zischelten in den Ecken und striegelten die Pferde in den Ställen. Der Viehhändler war schon auf dem Weg nach Schmachtenhagen, als Frau Marte, an die Pfoste gelehnt, dem Schulzen zusah, wie er die Deichsel an den Schlitten hämmerte. Ihre Finger »polkten« gedankenlos an dem morschen Holze, eine Handlung, wofür sie doch sonst ihrem Kleinen manchen Nackenschlag versetzt. »Schulze, 's wird heut bös Wetter geben.« »Glaube auch,« brummte er. »Will Er doch fort?« Er nickte. »Mit dem Schweinetreiber war's nicht richtig,« hob sie nach einer Pause an. »'s ist nirgend richtig,« brummte er fort. »Aber ein französischer Schnüffelhund war's nicht, den riecht man. Meint Er nicht auch, Schulze?« »Ne, französisch war er nicht; das ist schon recht.« Es trat wieder eine Pause ein. Der Schulz hämmerte gegen die Deichsel, Frau Martens Herz hämmerte gegen das blaue Mieder. Man hätte glauben können, es komme ihr eine Träne aus den Augen, wie sie mit den Fingern über die Wimpern strich, aber sie meinte, es war nur der Schlaf, den sie fortwischte. »Schulze, der Quilitzer, der Lamprecht, der Kutscher, ist ein Rumtreiber, ein Taugenichts. Der stiftet noch Unglück an. Glaube Er mir's, wir können noch was erleben! Hat ein gottlos Maul, vor keiner Seele Respekt. Wie hat er dem gnädigen Herrn von Quilitz den Stuhl vor die Türe gesetzt! Er verführt Eure Söhne. Und mit der Prügelei wird's nu auch nichts. Derowegen kann Er zu Hause bleiben.« »Na, denn ist's ja gut,« sagte der Schulze mit einem halben Seufzer. »Ob's gut ist –« da waren die Schleusen, die sie so lange zurückgehalten, gebrochen. Es kostete eine Weile, bis sie unter dem Schluchzen wieder zu sich kam. »Er fährt fort, Schulze, Er läuft davon; mich läßt Er allein zurück. Was soll ich armes Weib tun, wenn der vornehme Prinz oder Graf, oder Feldmarschall kommt?« »Auffressen wird er Sie auch nicht.« »Wenn er Pferde fordert, Fuhrwerk und Schlitten?« »Was da ist, muß Sie geben. Wer Gewalt hat über uns, der ist unsere Obrigkeit, steht in der Bibel.« »Gewalt!« wiederholte sie. »Wenn's nur eine einzelne Person ist, oder zwei, und mit einem Juden kommen sie, sagt der Schweinehändler. Sie sind im Schnee verirrt, und der Gottlieb und Peter können keinen Juden ausstehen, Ihr wißt's ja! Wenn sie nun Händel anfangen; mit den Jungen ist ja kein Auskommen mehr.« »Marte! Sie wird doch keine Händel anfangen!« »Aber Er hat doch Ohren, Schulze, Er hat Augen, Er ist ein verständiger Mensch; der Peter und Gottlieb haben keinen Grips; es klunkert ihnen schon an der Seite, als hinge der Sarras dran. Der Lamprecht hat Grips, das ist wahr, nur zu viel; er ist ein rechter Ausbund von Gottlosigkeit. Mit dem Kerl, ehe er fort war, hat er da noch an der Ecke den Kopf zusammengesteckt. Der hat's nicht auszubaden, der ist bald über alle Berge. Aber, Herr Jesus, der Gottlieb und der Peter sind ja Seine leibhaftigen Söhne. Hat Er denn kein Einsehens, Schulze!« Der Schulze wiegte, wie nicht seine Art war, den Kopf. »Wenn der Bauer Söhne kriegt, die gehören nicht ihm, die gehören dem König; das ist nun mal so. Und der König steckt sie unter die Soldaten; das ist nun auch mal so. Und Soldaten sind da, damit sie totgeschossen werden. Das ist auch mal so gemacht; der liebe Gott mag wissen, warum? 's ist beim einen so, und beim andern wird's auch so sein. Das ist drum nun egal, wer sie totschießt; und wenn sie in der Grube liegen, fragt keiner danach, und im Himmel werden sie wohl auch nicht danach fragen.« Gottlieb Köpke sprach's in einem gar eigenen Ton; den Arm hob er, als wollte er mit dem Aermel an die Augen; aber das schickt sich doch nicht für einen Erb- und Lehn-Schulzen. »Und wir sind alle verloren; sie massakrieren uns alle, und Ihn – und Ihn, Schulze, führen sie 'raus wie den Bürgermeister in Nauwalk!« Sie hätte laut geschrien. Da hielt ihr Gottlieb Köpke die Hand, mit der er an die Augen wollte, vor den Mund: »Still, Marte. Jetzt ist's an Ihr, daß Sie verständig sein muß. Sie ist ein Weib, aber Sie hat Einsehens. Ueber wen das Unglück kommt, das ist von Gott geschickt; aber der liebe Gott will nicht, wenn wir mit dem Bein drin sitzen, daß wir auch den Kopf in die Schlinge stecken. Wenn der Kopf haußen bleibt, wer weiß, ob man auch das Bein frei kriegt. – Wenn der Strom kommt, ist nicht gegen schwimmen, aber mitschwimmen und die Augen immer überm Wasser muß man haben, um zu sehen, ob man eine Wurzel faßt. Sie weiß nichts, Sie hört nichts, Sie tut nur, was die fordern. Ein bißchen Lärm machen kann Sie, und lamentieren. Wenn sie Händel anfangen, dann ist's am besten, Sie ist nicht bei; wenn's lauter wird, ich meine, wenn's Ernst wird, dann muß Sie bei sein, sonst heißt's, Sie steckt mit drin und hat sich nur versteckt. Nein, wenn sie – nun, Sie versteht mich, so was muß man nicht aussprechen – wenn's zum Aergsten käme, wenn die ungeratenen Bursche darauf los sind, dann schreit Sie, was das Zeug hält; greif Sie auch mit zu, nämlich als daß Sie helfen möchte. Ein paar Schläge und Stöße, das tut Ihr ja noch nichts. Und dann merk Sie wohl, daß es immer der Quilitzer ist, der Kutscher, der desperate Kerl, den sein Herr schon fortgejagt hat. Sie hat ganz recht, der hat das große Maul, der hat die Jungen verführt, das sind Dämelacks, die nichts aus und ein wissen. Er hat sie gezwungen. So muß Sie aussagen. Sie versteht mich doch?« Sie hatte ihn verstanden. »Warum muß es denn?« »Soll ich den Rohrstock nehmen und unter die Bursche fahren, daß es alle Welt hört, was die Maus nicht hören darf?« »Ach du mein Heiland, Er steckt auch mit drein, ich merk's, Vater. Warum soll denn der Bauer seine Haut zu Markte tragen, wenn sie den Edelmann in den Sack stecken wollen! Haben wir nicht genug zu fronen und sind geplagt von ihnen! Vor alters war's noch mehr.« »Da hat Sie schon recht, Marte, aber nicht ganz recht. Es heißt schon in den alten Historien, die sie sich erzählen, der Teufel hätte die Edelleute gemacht, und der liebe Gott die Bauern, und es wäre nur in der Verwirrung so verrückt worden, und einmal werde die Zeit kommen, wo sie's wieder in die Richte brächten. Das ist jetzo aber noch nicht. Daher tut's not, daß wir einträchtig sind und beisammenhalten, und der Edelmann gehört dem König wie der Bauersmann und der Bürger. Und wer eins von ihnen wegstiehlt, der stiehlt's dem König, und wer zusieht und nicht hilft, der ist so schlecht wie der Hehler. Wenn die Franzosen uns erst aneinanderhetzen, dann haben sie gewonnen Spiel; wenn wir alle eins sind, dann wird's anders kommen.« Wie es darauf im Schulzenhause zu Querbelitz hergegangen, dahinter ist man nie recht gekommen, weil jeder es anders erzählte, und keiner es recht erzählen mochte. Der Schulze hieß es, sei längst zu Schlitten fort gewesen, nach Nauwalk hin, als der General Victor, der nachdem Marschall ward, dort angekommen und Frühstück, Schlitten und Pferde gefordert und bald in argen Zwist mit den Leuten in der Schenke geraten war. Dem ist aber nicht ganz so, denn sie donnerwetterten und »fouterten« schon in der Schenkstube, als einer noch den Schulzen gesehen, wie er hinter einer Lehmmauer gestanden und durch die Spalte gelauscht. Erst als es gar arg ward, wovon man gar nicht spricht, war er sächtchen an den Hecken fortgegangen und hatte sich auf den Schlitten geworfen, der draußen hinterm Garten schon fertig stand, und war querfeldein, was die Pferde laufen konnten, nach der Kreisstadt gerutscht. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Schulze und Edelmann. »Papa hat gut reden. Was ist denn draußen noch, wie es war? Warum soll's denn bei uns sein, wie es gewesen ist? Alles ist anders geworden. Sonst schien die Sonne, und jetzt ist's finster. Einmal war's heiß, und jetzt ist's kalt. Sollen wir nicht heizen, weil wir's im August nicht vor Hitze aushalten konnten? Sonst, wenn Einquartierung kam, freuten wir uns, und jetzt brummen wir. Sonst war's in der Scheune bis ans Dach gepfropft, und jetzt können die Katzen drin herumjagen. Sonst – sonst – sonst – es hat manches in Haus Ilitz sonst anders ausgesehen wie jetzt.« Mit einem leichten Seufzer schloß Wilhelmine die Rede, welche sie, bei einer Plättarbeit beschäftigt, ihren Geschwistern zu halten schien; die elegische Stimmung mußte aber nicht tief sein, denn der Seufzer ging in eine gefällige Melodie über, die sie zwischen den Zähnen murmelte. Karoline warf über ihre Lektüre einen halb strafenden Blick auf die Schwester: »Wenigstens ist eins noch wie sonst; Mine ist dieselbe geblieben. Vater hat's auch gar nicht so gemeint. Wir sollen uns nur die vorige Gemütsruhe bewahren –« »Aber, Gott sei Dank, Sonntags nicht mehr im Flur essen, und das ist das einzig Gute,« unterbrach die vorige Rednerin. »Wie man nur so sein kann! Der Ernst der Zeit sollte uns doch alle berührt haben.« »Soll ich darum auch lamentieren? Das wäre eine schöne Geschichte. Malchen sitzt wie eine Wachspuppe, die ins Wasser fiel, und die Farbe ist ihr abgegangen, Line schießt Blicke in den Himmel, als wären wir ihr alle zu ordinär, Vater spricht kein Wort, und Herr Mauritz ist auch wie aufs Maul geschlagen; nun brauchten wir noch den tauben Pastor ins Haus zu laden, dann wäre die Litanei fertig.« Die Mutter, im sonntäglichen schwarzen Seidenkleide, ließ das Predigtbuch sinken und nahm die Brille ab: »Laßt doch das sein. Ich muß Karolinen darin recht geben. Und paßt solch ein Gezänk am heiligen Sonntag und während der Kirche?« »In die wir nicht gehen dürfen« – fiel Minchen ein. Das war ein Riß in die Saiten, der alle berührte. Der Vater hatte ihnen den Kirchgang verboten. Nicht weil Truppen im Dorfe lagen, nicht weil es kalt und stürmisch war, es hatte einen andern Grund. Jeder wußte ihn; sie senkten die Köpfe. »Mich soll nur wundern,« hub Minchen nach einer Pause an, »ob er nicht Herrn Mauritz mal selbst den Stuhl vor die Tür setzt.« Die Mutter meinte, es sei nur eine Aufwallung gewesen, er werde sich schon wieder eines andern besinnen. Ihr ward entgegnet, daß der Vater schon seit vierzehn Tagen kein Wort mit dem Kandidaten gewechselt. »Nehmt mir's nicht übel, Kinder, denn Ihr nehmt jetzt alle für Herrn Mauritz Partei, aber es war auch nicht recht von ihm, daß er noch immer zu Herrn Faßbinder gehen muß; er weiß doch, wie Vater mit ihm steht. Und wie hat er ihm geantwortet, als Quarbitz ihm seine Meinung sagte! Schon aus Delikatesse hätte er die Dehors beobachten müssen.« Die Töchter schienen nachzusinnen, ob er das tun müsse. Karolinen hatte gerade seine Antwort gefallen: Wenn die Rationalisten und Neologen zur ewigen Verdammnis führen, hatte er gesagt, wäre es doppelte Christenpflicht, sich ihrer anzunehmen, und, selbst wenn man sie nicht retten könne, mit ihnen in Liebe und Eintracht den kurzen Weg bis an die Pforten der Ewigkeit zu wandeln. Die Mutter meinte, wenn er nur nicht das hinzugesetzt von den vielen Wegen, die zum Himmelreich führen. Dabei hätte er so ausgesehen, als wenn seiner doch der beste wäre, das könne nun der Vater als alter Militär durchaus nicht vertragen, denn beim Kommando müsse man nicht nach rechts und links sehen, wie man Lust hat, sondern wie's befohlen ist. Und wenn man schon seinem Korporal und Hauptmann folgen müsse, aufs Wort und ohne Mucksen, was mehr seinem Könige, und noch mehr dem lieben Gott. Das wäre Quarbitz' Meinung. »Und darin hat er doch eigentlich recht,« schloß die gute Frau von Ilitz. Die Töchter mochten eine jede ihre eigene Meinung haben. Karoline sagte: »Er gnergelt, wo er kann, und wenn Herr Mauritz etwas sagt, so tut er, als wenn es gar nicht gesprochen wäre; das kann gar nicht länger so gehen, es muß was platzen.« Malchen, die bei einer Näharbeit am Fenster bis da geschwiegen, schüttelte den Kopf: »Er läßt ihn nicht fort. Er tut nur so.« »Und damit Ihr's wißt,« sagte Minchen, die das letzte geplättete Stück auf die übrigen legte und mit den Händen glatt schlug, »es ist auch gar nicht Herr Mauritz, was ihm im Kopf umgeht. Nur weil der ihm gerade in den Weg lief, hat er's ausbaden müssen; aber nicht darum. Habt Ihr denn nicht bemerkt, daß es Vatern gereut, daß er uns nach der Stadt geschickt? Er tat's, weil der Vetter aus Quilitz in ihn drang, und das schon wurmte ihn. Dann mußte ja aber in Nauwalk alles das kommen, warum er uns hier fortgeschickt, und hier blieb's mäuschenstill; es ist nichts vorgefallen. Wir hätten ruhig sitzen bleiben können, und es wäre, wenn auch nicht besser, doch nicht so schlimm geworden. Das verdrießt Vatern. Er gesteht's freilich nicht ein, aber er müßte ja nicht er sein, wenn er sich nicht Vorwürfe machte; und unzufrieden ist er nicht mit Herrn Mauritz, sondern mit sich.« Die Familie hatte die schweren Tritte im Flure überhört. Die Tür ging auf, aber der Major, der eintrat, hatte glücklicherweise auch nichts gehört. Er ging, in Gedanken, auf und ab; aber Mutter und Töchter, die immer bei seinem Erscheinen, ich will nicht sagen, schulterten, aber auf dem qui vive-Fuß standen, blinzelten sich eine angenehme Wahrnehmung zu. Die Runzeln auf seiner Stirn waren geglättet, die Sonne arbeitete sich durch Wolken, und er kam aus der Kirche und hatte den Kandidaten gehört. Als er sich von Malchen die Pfeife reichen ließ, streichelte er ihre Stirn, und als sie den Fidibus an den Meerschaumkopf hielt, sagte er, es sei schade, daß sie nicht in der Kirche gewesen. Was sollte das heißen? Vielleicht erwartete er eine Frage, aber es wagte niemand zu fragen. Er hatte die Pfeife noch lange nicht ausgeraucht, als er aufstand und ans Fenster trat: »Wo nur Herr Mauritz bleibt!« »Wo hast Du ihn gesehen, Wolf?« fragte die Mutter, die in den Stürmen, welche den Hausfrieden nicht störten, aber unterbrachen, von der diplomatischen Kunst auch etwas abbekommen, so viel, als gerade für den Hausbedarf nötig war. »Er hat ja gepredigt.« »Ach ja, so! Das hätte ich bald vergessen. Es mag wieder so hoch gewesen sein, daß unsereins es nicht versteht.« »Alle konnten's verstehen!« war die kurze Antwort. »Doch nicht Fritz und Anton. Es ist schon gut, daß Du die Jungen an die Kirche gewöhnst, aber nimm mir's nicht übel, wenn Du es den Mädchen verbietest, weil seine Predigten gefährlich sind, da werden die Junker ja gerade zu verdorben.« Etwas wie ein leiser Fluch flog über des Majors Lippen, der sich aber in die Worte löste: »Wer redet von gefährlich? Das war zur Seele gesprochen, das mußte jedes Herz erschüttern. Man hätte mögen aufspringen –« Die erfreute Mutter war im Begriff, auch aufzuspringen, wenigstens ihre Zunge wollte das Herz nicht verraten, was alle Kunst ihrer Diplomatie wieder verdorben hätte, als Minchen rasch einfiel: »Den Jungen schadet es auch nichts, Mutter, die geben doch nicht acht.« »Sie sollen acht geben, darum geht man in die Kirche,« kappte der Vater. »Das hätte jeder heut hören sollen. Es war, es war« – er stellte die Pfeife wieder fort und schritt im Zimmer auf und ab. »Man muß nur nie verzagen,« flüsterte Minchen der Mutter zu. Der Vater – hatte er es gehört? Nein, es war so leise gesprochen, daß ohne die diplomatische Augensprache der Familie auch die Mutter es nicht verstanden hätte. »Man soll nie verzagen!« repetierte der Vater im Umhergehen. »Das war es. – Ob wir denn immer auf große Zeichen warten müssen, ob uns die kleinen nicht genügen? – Sind wir denn ein Volk Gottes, daß er aus dem feurigen Busche zu uns reden wird! – Wir sind abgefallen in Eitelkeit, Stolz und Hoffahrt. Auch jenes Judenvolk war seiner noch nicht würdig, nur Moses sah ihn in seiner Herrlichkeit; sie mußten auch durch die Wüste geführt werden – vierzig Jahre! Wir – wir wären vielleicht noch keines Moses wert – das war etwas stark gesagt, mein Herr Kandidat! – aber schadet nichts. – Er redet auch zu uns, täglich, stündlich – das war der eigentlich schönste Teil der Rede – er offenbart sich uns durch tausend Zeichen, wenn wir nur Augen dafür haben und Ohren. Auf diese kleinen Zeichen hätten wir zu achten, das seien die Samenkörner, die er ausstreue, um wieder ein Volk sich zu zeugen, in Stahl gerüstet und in Gottesfurcht brennend. Und vorsichtig, sehr geschickt war das auch gesprochen. – Wir wollen heut mittag wieder ein Glas Wein trinken.« Der Kandidat mußte Wunder gesprochen haben. Seit des Bürgermeisters von Nauwalk Tode hatte der Major kein Glas an seine Lippen gebracht. Die Freude strahlte auf den Gesichtern der Familie. »Wo er aber nur bleibt!« wiederholte der Major am Fenster, als der alte Diener eintrat. »Der Herr Kandidat lassen sich entschuldigen, wenn Sie heut nicht zu Tische kommen, der Herr Prediger haben Sie zu Mittag eingeladen.« Die frohen Gesichter wurden lang. Der Major sog auch einen langen Zug aus seiner Pfeife und sagte: »Auch gut.« Es sollte eben heute nicht mehr viel Gutes sein; es kamen Klagen, Nachrichten von allen Seiten, was anders als schlimme, und dazu auch Einquartierung. Man war in Ilitz schon auf alles gefaßt, und darum ließ sich der Major auch seine Pfeife anscheinend wohl schmecken, rückte sich weder vom Stuhl, als die Meldung kam, daß die Sappeurs in Quilitz es arg getrieben, daß sein Vetter aufs Vorwerk geflüchtet, noch als die Einquartierung ihrer Anmeldung auf dem Fuße folgte, wie man aus dem Trompetengeschmetter im Dorfe hörte. Sogar hätte man ein Lächeln auf seinen Lippen bemerken können, als der Bote von dem unangenehmen Gedränge erzählte, in welches der Hofmarschall mit dem bärtigen Bärenmützer geraten sein sollte. Aber als ein Bauernwagen vorfuhr und der Schulze von Querbelitz gemeldet ward, stellte er die Pfeife sogleich weg und wollte in sein Zimmer. Er hatte unter dem Türklappen die Aufregung, welche sich des weiblichen Teils der Familie bemächtigt, nicht bemerkt, so wenig er die Kürassiere eines Blickes würdigte, welche jetzt auf das Herrenhaus zugeritten kamen. »So gebt ihnen zu essen und zu trinken wie den anderen,« antwortete er auf eine nur halb gehörte Bemerkung seiner Frau, wobei unsererseits nur zu bemerken ist, daß er in der Regel, wenn von beiden Verrichtungen bei der Einquartierung die Rede war, sich stärkerer Ausdrücke bediente. »Schmeckt's ihnen, so mög's ihnen bekommen, wie sie's verdienen; schmeißen sie's zum Fenster 'raus, so ist's für die anderen Hunde.« »Aber Wolf, lieber Wolf,« sagte die gnädige Frau, »Du hast mich nicht gehört, es ist ja der Herr Colonel selbst – Herr Gott, da ist er schon ins Tor! – Wie ist doch gleich sein Name?« »Das fehlte auch noch, daß man sich auch um die Namen der Kerle bekümmerte. Das hat ja keinen, nur Regimentsnummern, und ist auch genug.« Auf der Türschwelle mußte er fast mit dem Ellenbogen an den Obersten gestoßen sein, der eintrat; gesehen hatte er ihn aber nicht, denn er gab später dem Colonel sein Wort, und sein Wort war dem Herrn von Ilitz heilig. Oben sehen wir ihn bald darauf auf dem alten, schwarzleinenen Kanapee sitzen, das die gute Frau von Ilitz vor dem Kriege, ach schon vor der Rheincampagne, so gern ihrem Manne abgeschwatzt hätte: so eingesessen war es, halb glänzend und zerrissen der Ueberzug. Aber er wollte nicht; sein Vater hatte drauf gesessen, wenn er die Verwalter und Schulzen empfing. Heute stand der Schulze Gottlieb Köpke ehrerbietig dem Sofa zu Füßen und horchte auf die Worte des gnädigen Herrn. Aber wie gebückt er auch stand, die Mütze vor sich zwischen den Fingern, und der Herr Major fast mit ausgestreckten Beinen, den einen Arm über der Lehne, mit der anderen Hand dann und wann auf seine Knie schlagend, es hatte doch nicht die Art von sonst. Der Major warf häufiger unter seinen weißen Brauen einen fragenden Blick auf den Bauern, als dieser nach den Runzeln auf dem Gesicht seines Herrn. »Gnädiger Herr, es ginge schon, da haben Sie recht, 's geht man nur nicht.« »Was muß Er nicht zurückgelegt haben, Köpke! Seit die Marte bei ihm wirtschaftet, es kann's Ihm jeder nachrechnen. Was hat Er allein noch bei der Lieferung im September für Mastochsen und Schweine in den Säckel gesteckt!« »Lieber Gott! das Leben kostet auch was. Die vielen Bälger! Die Marte muß ich doch wieder verheiraten! Und dann die Advokaten, Herr Obristwachtmeister! Man soll sie nicht mehr schmieren, hat der alte Fritz gesagt. Und so steht's auch in den Büchern, das ist richtig; aber 's ist nicht alles richtig, was gedruckt steht. Wie soll man denn mit 'nem Wagen fahren, den man nicht schmiert? Die Herren an dem grünen Tisch, ja, die sind klug, die wissen alles; aber wo dem Landmann der Schuh drückt, das wissen Sie nicht, und wenn sie es wissen täten, so wollen sie es nicht wissen. Wenn die Kammern und die Regierung uns doch nur ließen, wie wir sind. Besser machen werden sie's nicht. Mit unseren Herren, da verstehen wir uns schon. Und wenn einer mal schlimm ist, i, einer, der weiß, wie's bei uns aussieht, ist immer besser als zehn Herren; die uns nicht kennen. Sag' ich doch immer, unsere Väter haben sich gut dabei gestanden, warum sollen wir's anders wünschen.« Zu anderer Zeit war das eine Melodie, die man nur anzuschlagen brauchte, und der Major fiel von selbst ein. Heute glaubte er zu merken, daß der Schulz damit nur auf etwas anderes ablenken wollte, und indem er ihn scharf ansah, sprach er mit dem Ton eines Mannes, der zu einem Entschluß gekommen, welcher seiner Sinnesart entgegen ist, aber es gibt Momente, wo auch ein starker Mann seine Ueberzeugung bezwingen muß. »Köpke! Er hat neulich wieder meine Kühe pfänden lassen, als sie über den Unterschlag traten. Das hätte Er bleiben lassen können, es schickte sich nicht, es gibt andere Mittel, wie ein Bauer gegen seinen Herrn sein Recht sucht. Aber ich habe es ihm vergeben. Er fühlt nun auch, was es heißt, mit den Rechtsverdrehern zu tun zu haben. Köpke, wir wollen die Sache ruhen lassen, versteht Er mich? Er soll nicht mehr nötig haben, die Advokaten zu schmieren, Er soll Sein Geld zu besseren Dingen anwenden. Wir teilen den Strich, wie Sein Advokat damals vorschlug im Termin. Ich gebe nach. Hat Er mich verstanden?« »Das wäre ja ausverschämt, gnädiger Herr. So soll mich doch der liebe Gott strafen, wenn ich davon Vorteil ziehen wollte, wo es meinem gnädigen Herrn Obristwachtmeister mal schlimm geht.« »Kein Wort davon!« herrschte der Major ihn an. »Hat Er sonst Bedenken?« Der Schulze hatte noch Bedenken, denn er schwieg. »Gnädiger Herr, mit Verlaub,« hob er wieder an, »das war damals. Seitdem das zweite Erkenntnis raus ist, meine ich aber, das paßt nicht mehr, denn von meiner Part ist seitdem mehr bewiesen, der Unterschlag ist gar nicht die Grenze, es ist von alters her der Heidendamm, wie meine Zeugen ausgesagt. Gnädiger Herr, Sie sind ein strenger und gerechter Herr. Sie werden am wenigsten wollen, daß ich gegen mein Recht zu kurz komme.« Das wollte der Major nicht, er wollte etwas ganz anderes, und eine flüchtige Röte des Unmutes zog über sein gefurchtes Gesicht. Er war ja vom geraden Wege abgesprungen. »So mag der liebe Gott dem Jungen helfen!« rief er aufstehend. »Wer weiß, ob es auch hülfe, wenn der Herr Obristwachtmeister ihm das Geld schickten,« hub der Schulze nach einer Weile an. »Was denken die beim Freikorps daran, daß es um ihren Kopf geht, wenn die Franzosen sie mal attrappieren. Wenn nicht zu Pferd, sitzen sie ums Totenkopf- und Kanonenspiel. Sie sagen, der Krieg ist ein Würfeln um Köpfe. Die Verführung ist grausam. Da redet einer den anderen auf. Schickten ihm nun der Herr Major die fünfhundert Taler, und, ich setze, das Geld kommt an, was soll der Herr von Hurlebusch zu seinen Kameraden sagen? Das Geld hab' ich von meinem Onkel gekriegt, damit ich mich salvieren soll nach England oder Schweden? Und uns läßt Du in der Brühe zurück, sagen dann die andern. Will er besser sein als wir? Hat der Schwarzrock ihm zu Gewissen geredet? Denn es sind viele drunter, die auch ihr Ehrenwort gegeben haben, und sie denken nicht dran, daß es ihnen den Hals zuschnüren könnte. Mit Verlaub, gnädiger Herr, Sie schmissen da das schöne Geld fort, und wer weiß, wie es Ihnen angerechnet würde, so die Franzosen es erfahren täten.« Wenn vorhin der Major, so hatte sich jetzt der Schulze dahin reißen lassen, wo er nicht auf seinem Platze war. Einen Willen ehrte der Gutsherr, auch Trotz ließ er in gewissen Fällen gelten, aber Gründe und Belehrung duldete er von keinem Untergebenen. Er brauchte nur des aristokratischen Blickes, den er auf den Schulzen warf, um diesen wissen zu lassen, daß und worin er sich vergangen. Gottlieb Köpke wollte eine Entschuldigung stammeln, ein zweiter Blick gebot ihm Schweigen, ein Wink mit der Hand, daß die Audienz zu Ende sei. Der Schulze blieb dennoch auf der Schwelle stehen. »Sprach Er darum in Ilitz an?« Der Schulze wischte mit der Hand etwas übers Auge. »Es war nicht darum, gnädiger Herr. – Aber jeder ist sich doch der Nächste, und wenn ich dem gnädigen Herrn die fünfhundert Taler gäbe, was bliebe mir für meine Söhne?« »Für Seine Söhne?« fragte der Major und sah mit Verwunderung, daß es wirklich etwas Nasses war, was der Schulz aus dem Auge gewischt. »Wenn Er noch für Seine Marte sagte, aber Seine Söhne –« »'s ist keiner so dämlich, daß es ihm nicht doch mal geschossen kommt. Sie sind weg.« »Wohin?« »Zum Schill.« Der Major war wirklich überrascht; er hätte es von jedem seiner Untertanen eher erwartet, als von Gottlieb Köpkes Söhnen. »Alle beide?« »Beide! Es war schon bislang kein Auskommen mehr. Eigentlich war's doch um die Marte. Sie schimpften sich und prügelten sich, das ist schon wahr; aber sie mochten sie doch alle, und keiner gönnte sie dem andern nicht. Da ist's nun vielleicht so am besten. Länger ging's nicht, nun haben sie was, da können sie drauf losschlagen, alle drei.« »Drei?« »Den Quilitzer, ja, den meine ich, gnädiger Herr, der Tunichtgut, der Lamprecht, der ist mit meinen Jungen durchgegangen. Der ist auch an allem schuld; wo was rappelt, da hat er die Nase drin, ein gottloses Maul, und stiftet alles an – damit will ich ihn nicht verreden, denn, was wahr ist, ist wahr, er ist sonst ein Kerl, der was versteht; gesagt haben sie's auch nicht, indes man merkt doch auch was, um die Marte war's auch da – und, wie gesagt, derowegen ist es schon so am besten; sie hätten sich sonst untereinander tot geschlagen.« Der Major blieb vor dem Schulzen stehen und sah ihn durchdringend an. »Dahinter steckt mehr, Köpke. Wo kommt Er her? Was ist vorgefallen?« Der Schulze mußte erzählen. Man weiß heute noch nicht genau, wie es hergegangen, daß General Victor von brandenburgischen Bauern eingefangen, wie können wir Treue und Genauigkeit von der Erzählung des Schulzen Gottlieb Köpke erwarten. »Der vornehme Herr General trat, das ist schon richtig, mit seiner Suite bei uns ein, als es in Querbelitz nicht Art ist, und einer, der mit knapper Not davonkam, daß er nicht im Schnee versoff, mein' ich, hätte auch sanfter sprechen können. Sackermentieren verschlägt bei unseren Burschen nichts, denn fluchen können sie auch. Und warum brachte der General auch den verfluchten Juden, den Moses Landsberger, mit. Den kennen wir ja von den Jahrmärkten her; er hat auch mal gesessen. Und wenn so einer so flunkern und kommandieren will, das vertragen die Bursche nun partout nicht. Der Kaffee wäre angebrannt gewesen, hat der Halunke geschrien. Das glaube ich nun nicht, gnädiger Herr; wenn die Marte den Kaffee macht, dann ist er gut, und die Pferde konnten doch nicht gleich zur Hand sein, ich hatte ja die besten vor den Schlitten gespannt nach Nauwalk.« »Das hat Er hoffentlich nicht zum Kommandierenden in Nauwalk gesagt.« »Und so muß es denn wohl gekommen sein, gnädiger Herr. Dem vornehmen General brannten die Dielen unterm Fuße, er stampfte auf, daß er fort wollte, und der Jude wollte auch stampfen, und da war noch einer, ein pockennarbiger Offizier, von kleiner Statur, und schrie immer: fix! fix! Es läßt sich auch nicht alles fixen. Als der Adjutant nun die Marte am Arm faßte, daß sie sich nicht darum zu kümmern hätte, es war falsch, denn die Marte wollte nur zur Ordnung sehen, daß es nicht zum Schlimmsten käme; der Adjutant aber meinte, sie wollte mit drauf los, und das ist grundfalsch, ich habe es ihr ausdrücklich gesagt, daß sie das nicht sollte, und sie ist ein verständig Weib.« »Er hat Anweisungen gegeben, wie sie die französischen Offiziere traktieren sollten?« »Gott bewahre, gnädiger Herr! Wie sollte ich, der Schulze, ihnen gesagt haben, daß sie so einen vornehmen General anpackten; ich glaube gar, über den einen haben sie einen Sack geworfen, und den Juden schmissen sie in den Schlitten über sie, als wär's ein Kalb. Wenn der Adjutant nun nicht blank gezogen hätte –« »Und sie haben –« »Quer über die Schneefelder ging's nach der Bobbiner Mühle. Da standen im Versteck Vorposten von den Husaren. Das wußte der niederträchtige Kerl, der Lamprecht. O, jetzt sind sie schon auf dem Wege nach Kolberg.« »Und die Franzosen –« »Die haben das Nachsehen.« »Nirgend Alarm geschlagen?« »Das ist noch ein Glück – denn wie ich höre, ist's ein General, auf den ihr Kaiser viel gibt, er sollte bald Marschall werden.« »Ein Glück! – Köpke! – Weiß Er, was Ihr angerichtet? Der Ueberfall im November, das war ein Possenspiel und kostete dem armen Bürgermeister doch den Kopf. Sie müssen – sie werden – Gott weiß, was – unglückseliger Mensch, Sein Haus, Seine Wirtschaft, Sein Kopf – es geht uns allen an den Hals. – Wie Gott will! –« »Wie Gott will, Amen!« wiederholte der Schulze. »Wenn Er's hindern wollte, Er mußte es können.« »Das ist schon richtig, aber so ich's nun hätte hindern können – ich hätte es doch nicht tun mögen.« Der Major maß ihn wie einen, der anfängt, irre zu reden. Auch über den Vernünftigsten kann der Schuß kommen. Gottlieb Köpke sprach mit leiser Stimme, indem er sich zu ihm beugte: »Gnädiger Herr, der General trug eine Liste mit sich. Wenn er zur großen Armee kam, wurden alle ausgehoben, die darauf standen. Und darauf sollen gestanden haben alle, die es mit dem Lande und dem Könige gut meinen. Auch des Herrn Obristwachtmeisters Name stand drauf. Auch unsern gnädigen Herrn hätten sie aufgehoben, außer Landes geschleppt, auf eine Festung gesetzt: wer weiß, was noch Schlimmeres daraus worden, wenn – wenn nicht geschehen wäre, was nun der liebe Gott mal beschlossen haben muß.« Der Gutsherr wandte dem Schulzen den Rücken. Empfindungen, die man nicht bemeistern kann, zeigt ein Herr ungern seinen Untergebenen, am wenigsten, wenn diese Empfindungen so gemischter Natur sind, daß er sich selbst noch nicht darüber klar ist. Er freute sich des tollen Wagestückes als Patriot, und erschrak als Patriot, Mensch und Familienvater vor den Folgen. Er hatte Grund zu glauben, daß die Nachricht des Schulzen richtig war; war aber die Gefahr um deswillen beseitigt? Und mitten in diese ernsteren Gedanken spielte der widerwärtige, daß er seine Rettung dem tollen Gebaren übermütiger Knechte verdanken solle, das er unter anderen Umständen geahndet hätte. Und ein neuer Seitenweg, in den sein Sinnen verirrte: Wenn er es ihnen geheißen, würden sie gehorcht haben? Würden sie nicht zurückgewichen sein, alle die Rücksichten ihm vorgehalten haben, welche jetzt vor ihm aufstiegen? Nein, er mußte sich gestehen, diese trotzigen Querbelitzer, die das auf eigene Hand getan, um ihn zu retten, würden ihn seinem Schicksal überlassen haben, wenn er es von ihnen als Pflicht gefordert. Von diesen Stimmungen hatte der Schulze nichts bemerk, aber vielleicht geahnt, als der Edelmann ihm wieder sein Gesicht zeigte. »Warum war Er in Nauwalk?« »Dem Landrat und dem Kommandierenden habe ich es rapportiert.« »Daß Er unschuldig ist?« »Daß wir es alle sind, gnädiger Herr! Daß ein Kerl, der schon von seinem Herrn fortgejagt war, der Quilitzer Kutscher, alles angestiftet, daß er die Bursche betrunken gemacht und verführt hat. Als ich's hörte, denn ich war schon unterwegs, kehrt' ich um und wollte die Sturmglocke läuten, da war's zu spät; ich fuhr zu dem Kommando Gendarmen, die in Ritzengnitz einliegen, die hatten aber zu tief in die Keller geguckt und lachten mich aus. Da war's zu spät, als ich nach Nauwalk kam.« »Da schenkte man Seiner Lüge nicht mehr Glauben? – Ist ein Kommando unterwegs? Weiß er von Verhaftsbefehlen? Davon uns zu avertieren, das wäre vor allem Seine Schuldigkeit gewesen.« Der Schulze machte eine pfiffige Miene. »Gnädiger Herr, ich glaube, das Gewitter ist hinter die Berge gegangen. Hätt' ich doch nicht anders erwartet, als die Herren würden über mich ausgießen, daß ich Hören und Sehen vergäße. Aber sie machten kuriose Gesichter.« »Kuriose Gesichter! Was meint Er damit?« »Ich sah wohl, wie sie die Köpfe zusammensteckten und sich ins Fäustchen lachten. Einer trat dann raus und tat, als ob er eine zornige Miene machte: ob ich ihnen einen Fastnachtsschwank aufbinden wollte? sagte er. Ein anderer: es hätte sich wohl irgend ein verlaufener Feldscher oder Barbier mit uns einen Spaß gemacht; der berühmte General Victor werde doch nicht zwei Meilen durch den Schnee stiefeln und in einem Dorf in selbst eigener Person Vorspann requirieren. Da ich nun aber darauf bestand, sie sollten mir ein Zertifikat geben, daß ich die Sache angezeigt, und daß sie's zu Protokoll nehmen sollten, was ich ihnen sagen kam, da merkte ich's an ihren Mienen, daß es ihnen gar nicht gelegen kam. Nachher ging einer im dunkeln Gange an mir vorüber und sprach mir ins Ohr: ich täte besser, daß ich von der Sache schwiege, als so viel Aufhebens machte, das könne mir und andern schlimm bekommen, am besten wär's, wenn kein Hahn danach krähte; denn der Herr Marschall, oder was er ist, würde doch zum wenigsten in die Trompete stoßen, daß es der Kaiser erführe, daß er sich von Bauernlümmeln greifen lassen wie ein Bär, der sich in die Baumritze klemmte; wenn er loskäme, würde er wohlweislich schweigen und es heißen lassen, daß er von einer Streifpartie eingefangen worden; warum ich denn anders aussagen wollte? Ich täte am gescheitesten, ein Stück Geld in die Kommandantur zu schicken, dann sollte die Sache vergessen sein.« »Canaille!« murmelte der Major. »Nachmalen wurde es mir denn auch gestochen, wie so das war. Der Marschall oder General war unter sie gefahren wie der Besen in den Kehricht, weil nichts sei, wie der Kaiser es befohlen. Das Schreibergezücht, wie sie's heißen, das jetzt wieder dort sitzt und ausschreibt für den Kaiser und einstreicht, hatte ihm Katzenbuckel gemacht, hinterher aber Männchen und alles mögliche ihm auf den Hals gewünscht. Denn es soll bei den Franzosen jetzt schon wieder so sein als wie bei uns. Was die hohen Herrschaften befehlen, tun die kleinen nur so lange, als ihnen aufgepaßt wird. Nachher tut jeder, was er Lust hat und ihm Vorteil schafft, nicht seinem Herrn. Sag' ich doch just als es bei uns war, wenn der König ein Edikt gab, daß es uns besser ginge, und die Lasten uns abgenommen würden, die den Bauer drückten. Ja, wenn's an die Herren kam, die's ausführen sollten, und an die Kammern und an die Landräte, und reskribiert ward hin und her, und demonstriert und redemonstriert –« Der Schulze verstummte plötzlich, weil der Gutsherr ihn wieder mit einem Blick betrachtete, der Gottlieb Köpke die Zunge verschloß. Ein Blick war's, der sagte, daß er nichts mehr hören wollte, er lud ihn auch nicht ein, was er doch Sonntags tat, zum Mittagstisch zu bleiben. Er warf sich wie erschöpft aufs Sofa, das auch, erschöpft durch die Jahre und den Gebrauch, knackte: »Es will alles aus seinen Fugen gehen!« Warum mußte auch zum zweiten Male dem Querbelitzer Schulzen die Zunge durchgehen! Und war denn das Gewitter wirklich vorüber? Im Hofe war es laut geworden. Der Colonel rief aus dem Fenster seinem Adjutanten. Dieser kommandierte den aufgestellten Reitern. Ein Unteroffizier trabte mit seiner Rotte durch das Hintertor. Man hörte die Worte: Nach Querbelitz! Die Blicke des Majors und des Schulzen hatten sich wieder getroffen. Dieser trat einen Schritt dem Edelmann näher. »Gnädiger Herr! Dieser Colonel da hält es nicht mit der Schreiberwirtschaft.« Sie verstanden sich. Warum war der Obrist gerade hier mit seinem Kavallerieregiment eingelegt? Warum in diesem Augenblick, wo man wußte, daß er zur Verfolgung des Streifkorps kommandiert war? Diese schwärmten um viele Meilen nördlich. Galt der militärische Besuch dem Edelmann? Der Schulze öffnete die Lippen, aber schwieg. Dennoch verstand ihn der Gutsherr. »Sorg' Er für sich, Köpke, ich werde für mich sorgen. Es taugt nicht, wenn der Bauer für den Edelmann denken will. Merk er sich das. Es taugt überall nicht, wenn der Bauer denkt! er soll arbeiten, seine Schuldigkeit tun, gehorchen. Wir sind da, daß wir für ihn denken, so hat es Gott gefügt, und dabei wird Er sich wohl befinden. Gott mit ihm.« Dreiundzwanzigstes Kapitel. Die Einquartierung. Der Major, als er die Treppe hinabstieg, erwartete nicht anders, als daß der Sergeant, welcher im Flur auf und ab klirrte, ihm seinen Arrest ankündigen solle. Er war auf alles gefaßt. Aber der Soldat ließ ihn ruhig vorüber, er trat sogar in einer Art zurück, als wollte er dem alten Offizier die Honneurs machen. Im Saal war niemand. Er lehnte sich ans Fenster, das nach dem Hofe hinausging. In den Ställen wirtschafteten die Dragoner. »Wie die Kerle mit den Pferden umgehen!« brummte er zwischen den Zähnen. Der alte Diener schlich vorüber und blickte fast scheu zu seinem Herrn hinauf: »'s ist richtig, gnädiger Herr! Die Querbelitzer sind fort.« Er wußte noch mehr; der Herr aber sah in dem Augenblick etwas anderes, weshalb er das Fenster zuschlug. Bald darauf war so ziemlich die ganze Familie im Zimmer versammelt; es war einer jener peinlichen Auftritte, von denen wir schon einen Abschmack haben. Er hatte seine Frau und die Töchter mit dem fremden Offizier durch den Korridor gehen sehen und wollte nicht begreifen, daß es für die Damen eine Notwendigkeit gewesen, dem höflichen und artigen Colonel, der sich ihrer angenommen, eine Aufmerksamkeit zu erweisen. An welche kleinen Dinge rankt sich die Intrige! Von Nauwalk durfte man dem Major nicht sprechen, es erweckte immer unangenehme Erinnerungen und ätzte seine Laune. Aber es galt jetzt, ihn zu bestimmen, daß er den Offizier zum Familientische einlade. Die letzt Einquartierten hatte er auf ihrem Zimmer servieren lassen. Der Einwand, daß das viel mehr koste, war schon früher zurückgewiesen: Man gibt ihnen zu essen, bis wir aufgezehrt sind; dann bleiben sie von selbst fort! Aber Wilhelmine tat eine Frage, bei der sich die Gesichter aufklärten. Der Vater hatte ehedem gern eine Geschichte aus dem Feldzuge in der Champagne erzählt. Er war als Kapitän in ein Dorf eingelagert worden, wo man sich Exzesse gegen preußische Soldaten erlaubt; es sollte eine Art Strafexekution sein, und er selbst war erbittert genug, um die rauheste Seite herauszukehren. Aber die Familie des Gutsherrn hatte ihn so freundlich empfangen, er war sofort an die Tafel gezogen worden, die Töchter waren so liebenswürdig gewesen, die Mutter so sorgsam, der Vater so verständig, die Unterhaltung so unbefangen und angenehm, daß sein Zorn schon beim Dessert verraucht war und seine Exekution in der mildesten Weise vollzogen ward. So muß man vorsichtig sein, pflegte dann der Vater hinzuzusetzen, unter einer Gesellschaft von Schuften findet man auch manchmal einen honetten Mann. Wilhelminens Frage jetzt lautete: »Papa, wie hieß doch das Dorf in der Champagne, wo es Dir so gefallen hat?« Aber die Kriegslist schlug diesmal fehl, weil der Vater die Absicht merkte: »Das waren Franzosen von ehemals, dies aufgetriebene Gesindel von jetzt ist mit ihnen nicht zu vergleichen. Der französische Adel auf dem Lande war überhaupt –« Die diplomatische Kunst verließ wieder die gute Mutter, indem sie einfiel: »O, Du mußt diesen Obristen erst kennen lernen –« »Wenn man die Rasse kennt,« schnitt der Vater ab, »weiß man, was das Tier wert ist.« »Sie sagten in Nau– sie sagten da, man glaube, er sei ein Edelmann aus einer alten Familie.« Der Major lachte höhnisch auf: »Daun wäre er nicht Kommandeur eines Regimentes. Wenn man auch etwas gutes Blut in den Schlamm geknetet hat, damit er hält, so läßt die Canaille es doch nicht aufkommen. Man stößt allerdings in der Armee auf einige aus guten Familie,« setzte er hinzu, »aber was sind sie? Sergeanten, Brigadiers, sie bleiben Subalterne; wer Fortune machen will, muß aus dem Kot gebacken sein. Und wenn sie sich auch noch so spreizen in ihren goldgestickten Flipsen, mit Tressen, Bändern und Federn, schon aus dem Knarren ihrer Stiefel höre ich heraus, wo sie her sind. Es ist nicht Art –« Wilhelmine mußte es noch mehr verderben; sie erinnerte den Vater, daß jene Familie in der Champagne ja auch nicht von Adel gewesen. Er hatte es oft selbst gesagt, wie er sich gewundert, unter diesen Bürgerlichen so vielen Anstand, so feine Sitten zu finden. Und der Besitzer war noch dazu ein Käufer von Nationalgütern, ein fanatischer Anhänger der Revolution; die Söhne, für den Kriegsdienst glühend, zu dem sie nur noch nicht das Alter gehabt, hätten die Marseillaise vor seinem Fenster gesungen, und das alles hatte ihn damals nicht gekränkt. »Papa, wenn nun der Obrist der Sohn wäre von dem Mann in der Champagne? Denke Dir, wenn er herkäme als Gastfreund, damit wir ihm vergelten, was sie Dir damals getan.« Ein sehr ungelegener Einwand für den Major. Dachte er einen Augenblick an ein romanhaftes Eintreffen, als er erklärte, daß er Romane nicht liebe; er hoffe auch, daß seine Töchter von der unnützen Lektüre sich frei gehalten, was bei Karolinen vielleicht nicht der Fall war. Ob der Gedanke ihn ernsthafter beschäftigte, als er auseinandersetzte, daß jene Leute da zu den eifrigsten und strengsten Republikanern gehört. Um Bonaparte und seine Trabanten recht schwarz zu malen, verfiel er in eine Art Lob der damaligen Republikaner, wie jugendlich und frisch, mäßig und bescheiden jene ersten Soldaten gewesen, fortgerissene Söhne anständiger Eltern, während diesen jetzigen Raubgier und Uebermut schon aus den Augen blitze. »Damals, ja damals,« schloß er in einem weicheren Tone. »Es waren andere Zeiten; wer sah alles das Uebel voraus, das kommen würde! In jüngeren Jahren gibt man den Gefühlen zuweilen mehr Rechte, als sie haben sollten; das bereut man im Alter. Was hilft es, das ableugnen! Es ist geschehen! Man trällerte wohl auch das ça ira, nur im Scherz, aus Uebermut, oder auch nicht aus Scherz, weil wir den Oesterreichern übel wollten, weil mancher an eine Allianz mit den Neu-Franzosen dachte. – Es waren nicht die Schlechtesten in der Armee. – Man soll nicht phantasieren, nicht spekulieren – man soll auch nicht dem Gefühl nachgeben.« So schloß er mit sinkender Stimme, ein Zeichen, daß er selbst einem Gefühl nachgegeben. Hätte man ihn jetzt sich selbst überlassen! Aber die Verschworenen waren zu hastig, es war Gefahr im Verzuge, und so verraten wir es denn, Mutter und Tochter hatten den Obristen schon zur Mittagstafel eingeladen. Es mußte alles gewagt sein, dachte Karoline. Sie erzählte, in welcher Achtung der Obrist bei seinen Kameraden gestanden. Ueber seine Bravour sei nur eine Stimme, obwohl seine Mannszucht vielen zu strenge dünke. Dies, und weil er nicht mit jedem umgehe, habe ihm in der Armee Feinde gemacht. Man beneide und hasse ihn, weil er so schnell avanciert, was er allein seiner Tapferkeit in den italienischen Feldzügen verdankt. »Und wenn Sie ihn kennen lernen, Papa,« schloß sie, »so würden auch Sie eingestehen, daß er von einer nobleren Art ist; das wenigstens meinten alle französischen Offiziere, seine Feinde sowohl als seine Freunde.« »Hast Du mit so vielen Offizieren Bekanntschaft gemacht? – Ich kenne keinen einzigen, das aber weiß ich, ohne daß ich die Ehre gehabt, wie Karoline, bei ihrem Kriegsrat mitzusitzen, daß nicht eben viel an ihm sein muß, nämlich als Offizier, was kümmert mich sonst der Kerl; die ihm scheinen zu was zu taugen, schickt sein Kaiser voran. Um hier Fourage einzutreiben und Polizei zu spielen, dazu verwendet man, die sich drücken, Marodeure und Krümper. Mögen auch nobler Art sein, ist nur nicht meine Art.« Es waren nur noch Minuten bis zur Mittagsglocke. Die Frauen sahen sich an. Wer sollte mit dem schweren Geständnis herausrücken? Wilhelmine trat vor: »Ja, Papa, was machen wir da? Er hat sich selbst zu Tisch gemeldet. Wir konnten doch nicht sagen: Gott bewahre, wir essen mit keinem Franzosen aus einer Schüssel. Wir haben geknickst und gesagt, es würde uns eine Ehre und ein Vergnügen sein. Sollen wir nun doch hinaus sagen lassen: nein, Herr Oberst, wir haben uns anders besonnen, es ist uns keine Ehre und kein Vergnügen?« Der Major zerknitterte die alten Zeitungen, die er in der Hand gehalten, zu einem Ballen und warf sie auf die Erde: »Ihr sollt das Vergnügen und die Ehre haben, mit ihm allein zu speisen,« sprang er auf. »Ich melde mich krank – und das ist keine Lüge.« Die Tür flog hinter ihm ins Schloß, daß die Schildereien an der Wand zitterten. Als er oben in der Stube sich auf den Lehnstuhl warf, war er aber nicht allein. Es führte noch eine kleine Wendeltreppe hinauf. Durch diese war Malchen ihm vorauf gesprungen, ohne daß die andern es gemerkt oder geahnt, wie sie überhaupt auf das Kind weniger acht hatten; sonst würden sie seine Unruhe, und daß es nur ab und zu unten im Saale war, bemerkt haben. Aber es war angenommen, daß Malchen wenig tauge, wenn es eine gemeinschaftliche Operation gegen den Vater galt, am wenigsten seit den Vorfällen in Nauwalk. Sie war so still und in sich versessen; einmal, als man sie fragte, warum sie das Spiel verderben wolle? war sie rot geworden und hatte das Wort verschluckt, das über die Lippen wollte. Am weichen Druck der Arme, die sich um seinen Hals schlangen, erkannte der Major sein Lieblingskind, ehe sie noch aus der Brust die Worte preßte: »Tu es doch, lieber Vater, iß mit uns.« Er hatte, ohne aufzufahren, einen Kuß auf ihre Augen gedrückt, dann hielt er das Mädchen vor sich, mit beiden Armen gefaßt, und sah sie ernst an. »Warum, Malchen? Du bist verständig genug, um Dir Rechenschaft zu geben, weshalb Du etwas bittest, was ich eben abschlug.« Sie sah ihn klar an. »Vater, Du mußt es tun, um uns alle, um Dich selbst.« »Kommt das von Dir?« Sie schlug die Augen nieder und errötete etwas; die Antwort kam nicht mit so fester Stimme: »Ja – auch Herr Mauritz hat es gesagt.« »Was hat Herr Mauritz hier zu sagen? Wenn er etwas will, warum kommt er nicht selbst?« »Vater,« entgegnete sie stockend, doch dann mit sicherer Stimme, »Du warst in letzter Zeit nicht so gegen Herrn Mauritz, daß er –« »Wagen sollte, mir seinen Rat zu präsentieren,« unterbrach er. »Lassen wir das ruhen. Aber der Kandidat ist beim Pastor zu Mittag.« »Er kam vorhin durch den Garten gestürzt und wollte mich herausrufen lassen – ich traf ihn, als ich aus der Speisekammer trat. Schon als er aus der Kirche kam, hatte er am Kruge von den schrecklichen Nachrichten gehört –« »In Querbelitz haben sie einen dummen Streich gemacht – einen von den französischen großen Kerlen gepackt, auf den Schlitten geladen. – Tolles Zeug, Köpkes Jungen sind mit ihm durchgegangen. Ich weiß alles – Herr Mauritz hätte Dir die Angst ersparen können, denn Du siehst, ich bin nicht in Angst.« Malchen sah ihn an, wie um zu prüfen, ob es wahr sei. »Herr Mauritz, weil der Frau Pastor Kalbsbraten erst zwei Stunden gebraten, ging aufs Feld, um zu überlegen, was er tun solle. Da kam aus Quilitz des Verwalters Sohn in Carriere geritten.« »Weiß es unser Vetter auch schon! Er ist's am Ende, der mich warnen läßt –« »Ja, lieber Vater, der Verwalterssohn sollte es Dir heimlich stechen, aber nicht merken lassen, von woher es kam, daher war er zufrieden, daß er Herrn Mauritz traf, der es übernahm.« »Und was gibt's?« »Der Vetter aus Quilitz läßt Dir sagen, daß der Colonel zurückmarschiert ist. Er hat expresse Ordre zum Rückmarsch bekommen von der See, wo er war, als er den kleinen Krieg hier mit allen Mitteln unterdrücken soll. Es heiße in der Ordre aus Berlin, er solle ihn an der Wurzel anfassen und mit allen Fasern ausziehen. Er solle nicht viel nachfragen, sondern auf der Stelle arretieren, füsilieren lassen. Er darf auch Höfe und Dörfer, wo die Brigands Zuflucht finden, der Erde gleich machen lassen. Und so rasch wie möglich und ohne viel Aufhebens, damit der Kaiser nichts davon erfährt. Die Sache läge nun ernsthaft, läßt der Vetter Dir sagen. Er weiß von einer Liste, worauf alle Edelleute stehen, die über Nacht aufgehoben werden sollen, er weiß nur nicht, ob der Colonel sie hat. Wenn der aber von dem Streich in Querbelitz erfährt, da bleibe weiter nichts übrig, als entweder auf der Stelle selbst angeben, und die französischen Behörden zur Hilfe auffordern gegen die rebellischen Bauern, oder sich so rasch wie möglich aus dem Staube machen und versteckt halten, bis das Ungewitter vorüber.« »Und mein Vetter hat die erste Rolle gewählt, mir überläßt er die zweite. Nicht wahr?« »Lieber, lieber Vater, Du mußt uns erhalten werden!« »Und den Verräter spielen!« Seine Stirn runzelte; sie hing an seinem Halse und weinte: »Nimmermehr, das kannst Du nicht, Aber Du wirst auch nicht fliehen, nicht Dich verstecken. Nicht wahr? Du bist ja nicht schuldig, Du hast es selbst einen törichten, dummen Streich genannt. Wenn Du jetzt fortgehst und Dich verbirgst, trifft Dich der Verdacht, daß Du darum gewußt hast; sie sagen, daß Du die Hand im Spiele hattest. Das wäre nicht schlimm, vor Gott und Deinem König, aber jetzt wäre es so, die bösen Feinde legten es noch schlimmer aus.« Der Major war aufgestanden; er schien mit einem bösen Gedanken zu kämpfen, indem er die Worte vor sich wiederholte: »Böse Feinde! – Wer sind denn meine bösen Feinde? Es wäre vielleicht manchem jetzt ganz angenehm, wenn ich verschwände und dem Verdacht dadurch erst Kraft gäbe! – Nein, nein, pfui! das sind häßliche Gedanken – Gedanken, die nur der böse Feind eingibt!« Er blieb vor der Tochter stehen und legte die Hand auf ihre Stirn: »War das Deiner? – Ich meine der gute, helle, klare Gedanke, daß Dein Vater jetzt nicht fort darf? Ich habe Dir immer viel Einsicht und über Deine Jahre zugetraut, aber –« er stockte – »Deine Schwestern und Deine Mutter, wenn sie es wüßten, würden mich mit Bitten bestürmen, daß ich fliehen sollte, und sie lieben mich doch gewiß so, wie Du mich liebst. Warum willst Du nun, daß ich mich der Gefahr aussetze?« »Lieber Vater, weil ich Dich kenne, weil ich weiß, daß Du – bist wie Du bist – Du hast nie etwas versteckt, nicht was Du denkst, nicht was Du fühlst – nun wirst Du auch Dich selbst nicht verstecken wollen, wo Du Dich unschuldig fühlst, wo Du unschuldig bist– auch da nicht, wo Gefahr ist. Ich tue es um Dich selbst, Vater. Denn wenn Du jetzt dem Vetter nachgäbest, so würdest Du es Dir nachher nicht vergeben können. Du wärst unglücklich, und Du sollst nicht unglücklich sein.« Der Major hatte Amalie an seine Brust gedrückt; sie fühlte eine Träne auf ihrer Stirn. Er wischte hastig das Auge. »Verrate das niemand, Kind; ich glaubte darüber hinweg zu sein. Aber es war die Freude, daß ich ein Kind habe, das mich versteht. – Ich glaubte auch, daß ich mich nicht recht freuen könne. Du kleine Hexe hast das gemacht. Wollte Gott, daß meine Jungen auch so ausschlügen wie Du! Doch – weg die Gedanken, der liebe Gott geht auch seine eigenen Wege. Eins versprich mir nur– Du hast mich recht erkannt, ich kann keine Unwahrheit ausstehen – sei Du auch nie unwahr, verstecke Dich auch nicht – gegen niemand – am wenigsten gegen mich. Was Dein Herz drückt – Dein Vater sei Dein bester Freund. – Topp! Nicht Tränen, nicht Küsse – die Hand drauf, wie ein deutsches Mädchen.« Nach dem Handschlag senkte Malchen die Augen, sie wollte gehen, aber sie wandte sich zurück: »Vater – wenn ich ganz wahr sein soll – ich habe doch eine Unwahrheit gesagt. Der Gedanke – eigentlich – kam er nicht von mir – Herr Mauritz war es, der es meinte – er sprach es zuerst aus, er glaubte nicht, daß es sich für Dich schicke, noch daß Du es tun würdest. Aber wie er es gesagt hatte, so klar und warm und verständig, da war es mir auch mit einemmal ganz klar, als wenn ich es längst so gedacht haben müßte. Die Gelehrten sind doch recht glücklich, daß sie das alles in Worten sagen können, was wir nur fühlen.« »Was hast Du mit dem Gelehrten zu schaffen! Es kommt auch vor, daß sie etwas sagen, was sie nicht fühlen. Der Kandidat ist kein Gelehrter. Einen Gelehrten hätte ich nicht ins Haus genommen. Aber er hat das Herz auf dem rechten Fleck. Das ist's. – Der Mensch hätte übrigens auch zu Tisch kommen können, und mit uns essen.« Sie legte schmeichlerisch die Hände um seine Backen, und mit der sanftesten Stimme sagte sie: »Aber Du, Vater, issest heut mit uns?« Ein tiefer, krächzender Seufzer war die deutliche Antwort, der nur der Nachsatz folgte: »Aber Ihr müßt die Unterhaltung führen; ich spreche mit dem Kerl kein Wort.« Die Mittagsglocke tönte durch die Gänge. Der Major hatte sich unnötig von Amalien die Treppe hinabführen lassen, wir meinen, er hatte umsonst einen Anfall von Podagra bekommen oder fingiert, um als Kranker an der Tafel zu sitzen. Unten war neue Bestürzung. Der Obrist hatte sich eben entschuldigen lassen, daß er nicht bei Tisch erscheinen werde, da ihn ein dringendes Geschäft auf der Stelle nach dem benachbarten Dorfe Querbelitz rufe. »Dann muß er mit Aufgewärmtem vorlieb nehmen,« sprach der Major, sich rasch hinsetzend, als fürchte er von seiner Frau den Vorschlag, mit dem Essen bis zu seiner Rückkehr zu warten. Der Hausherr schien bei vielem Appetit, während Mutter und Töchter die Bissen kaum herunterwürgten. Wußten sie noch nicht das Schlimme, so stürzte es mit einem Male heraus, als der Diener ängstlich meldete, die Kürassiere hätten die Ausgänge des Schlosses besetzt; es werde niemand ausgelassen. »Ach, Du mein Gott, was soll das?« Die Mutter rief es, Malchen fiel die Gabel aus der Hand, sie sah totenblaß den Vater an. »Was es soll?« sagte dieser. »Sie haben zu kommandieren, wir zu gehorchen. Der Stallknecht meldete, daß sie auch um das Dorf Posten gestellt; auch da werde niemand hinausgelassen. »Ganz wie ihr Plaisier ist,« sagte der Major. »In die Keller dürfen wir doch? Eine Flasche Wein, Hans!« Auf die verwunderten Blicke antwortete er: »Ich bin nun heute einmal vergnügt. Wir wollen anstoßen.« »Wolf, Wolf!« Der guten Frau stürzten die Tränen aus den Augen. »Wir sind alle gefangen!« »Vielleicht!« entgegnete er, »aber gewiß ist, daß auch von ihnen einer es ist, und ein recht infamer, borstiger, aufgeblasener Fuchs; und da soll man nicht lustig sein?« Das war ein langer Sonntagnachmittag. Den Frauen standen immer die Tränen im Auge, der Vater rauchte im Lehnstuhl, als sei ihm so recht wohl. Als Minchen schon den Kaffee hereintrug, bestellte er noch eine zweite Flasche Wein, und als der Kandidat zurückkam, lud er ihn zu sich an das Weintischchen und rief nach einem zweiten Römerglase. Sie sahen ihn immer ängstlicher an. »Meine braven Querbelitzer sollen leben! Angestoßen, Herr Mauritz!« Der Kandidat berührte bescheiden das Glas des Gutsherrn, aber er bemerkte leise, die Sache scheine ihm doch bedenklicher, und es wäre vielleicht besser – »Ihr nicht ins Auge zu sehen? Was! auf der Kanzel reden Sie dem Volk Mut ein, und hier, wo es gilt, ihn zeigen, schlagen Sie sich zu den Frauenzimmern!« »Gilt es schon?« entgegnete der andere. »Wir wissen noch nicht, was kommt, ob wir nicht den Mut für den entscheidenden Augenblick aufsparen müssen.« »Darin ist etwas Wahres, wie es ein Gelehrter auffaßt. Aber der Militär, der nicht in jedem Augenblick adrett, alert, gestiefelt und gespornt ist, ist's auch nicht im Moment der Gefahr. Haben Sie erfahren, wann man den Herrn Colonel zurückerwartet?« »Im Pfarrhaus meinte der Rittmeister: vor Abend.« Der Major ging hinaus, um nach einer Weile, in welcher die vorsorgliche Wirtin den Abendtisch decken ließ, zur großen Verwunderung der anderen in seiner Armeeuniform zurückzukehren. Er trug sie selten; am Halse hing der pour le mérite und das große Komturkreuz eines Stiftes; an der Brust war das Johanniterkreuz. »Lichter, Kinder! Es wird schon dunkel. Man muß sich doch ins Gesicht sehen, wenn man sich kennen lernen will.« Stellte der Mann gerade eine Kerze unter den Stammbaum der Familie, der an der Wand hing! So was versteckt man doch jetzt lieber, als daß man's zur Schau stellt! – dachte die Frau von Ilitz; es laut auszusprechen, war nicht an der Zeit. »Bier!« rief der Major und nahm die Weinflaschen vom Tisch. »Aber Wolf! – Liebster Vater!« »Ich sagte, wir trinken heut abend Bier. Andere Gläser auch, wenn's beliebt!« Es war ein Ton, ein Blick, gegen den kein Widerspruch galt. Karoline zerdrückte eine Träne zur Mutter gewandt, welche doch sonst nicht ihre Vertraute war: »So gegen den einzigen Mann, der es vielleicht mit uns gut meint.« Der einzige Mann war erschienen, nicht unerwartet, da das Pferdegetrampel auf dem Damm seine Ankunft schon verkündet hatte, aber sein Eintritt hatte nichts Besonderes. Er entschuldigte sich leicht gegen die Hausfrau, wenn er durch sein verspätetes Kommen die Hausordnung derangiert haben sollte, aber ein Geschäft, das sich nicht aufschieben lasse, habe ihn dazu gezwungen. »Hat gar nichts zu sagen,« rief als Antwort die Stimme des Majors aus der anderen Ecke des Zimmers, wo er seine Pfeife ausklopfte. »Tun Herr Obrist, als wären Sie zu Hause. Wir lassen uns auch nicht derangieren.« » C'est mon mari ,« sagte die Hausfrau. Der Colonel war charmé, seine Bekanntschaft zu machen; aber in der leichten französischen Weise, daß weder Ernst noch Beleidigung darin lag. Wie ein Polierer die Unebenheiten im Holz ausgleicht, ohne daß man seiner leichten Hand die Anstrengung anmerkt, schien der Offizier die Sprünge schnell vertuscht zu haben, welche den übrigen wie klaffende Risse erschienen, von denen das ganze Gebäude krachend bersten müsse. Die Unterhaltung strich über Wind, Wetter, schlechte Wege. Den schweren Ernst, welcher unverkennbar auf des Offiziers Stirn lag, suchte das lebhafte Spiel der schön geformten Lippen wegzuspielen. Wie aber errötete Caroline, als der Vater aus dem Henkelkruge ein Glas schäumend füllte und es dem Gaste mit den Worten: »Wenn's beliebt?« hinschob. Sie erwartete doch nicht anders, als daß er es ebenso errötend von sich schieben würde. Aber er nahm es mit einer leichten Neigung und brachte es an die Lippen. Dann machte er die Bemerkung: »Es ist nicht die unangenehmste Seite des Krieges, daß die Völker ihre verschiedenen Sitten kennen lernen. Was in Frankreich eine Beleidigung wäre, daß der Wirt dem Gaste einschenkt, ist hier ein Zeichen edlen Vertrauens.« »Und ein edler Gast ist der, welcher das Zeichen so annimmt,« fiel Karoline rasch ein. »In Spanien, auch in Italien, würde ich als Einquartierter mich noch bedenken,« entgegnete der Offizier, »während ich in Deutschland den dargereichten Becher rasch ausstürze. In jedem Hause,« setzte er hinzu, »auch wenn ich der noblen Gesinnung seiner Bewohner nicht versichert wäre.« »Ja, das Giftmischen überlassen wir anderen,« war die schnelle Replik des Majors. »Wir schenken jedermann reinen Wein.« »Oder klares Bier,« versetzte Minchen. Das Schweigen, welches darauf eintrat, unterbrach die Bemerkung des Offiziers etwas unangenehm: »Man soll den Charakter einer Nation in ihren Verbrechergeschichten studieren können. Da fiel es mir auf, daß bei meiner Anwesenheit in der Hauptstadt von furchtbaren Kriminalfällen so viel die Rede war – eine vornehme Dame, die ihren Gatten, ihren Bedienten, ja unschuldige Kinder aus reiner Wollust am Vernichten vergiftet habe. Ebenso erzählt man von einem wahren Monstrum, einem Aventurier, der –« »Um Gottes willen, nichts von den gräßlichen Menschen!« unterbrach die Mutter. »Ich bin auch überzeugt, daß es nur Ausnahmefälle sind. Wo aber finden diese Geschwüre den Stoff, die Nahrung, in einem sonst gesunden Körper!« »In der Lektüre französischer Bücher, mein Herr Colonel, in der Nachäffung französischer Moden und Sitten und – Schminke. Diese Pariser Schminke, die die schlechten Dinge gut malt, ist ein Gift, das seit einem Jahrhundert in seinen pulverisierten Rationen über den Rhein geblasen wird, so fein, daß die ehrlichen Deutschen es nicht merken. Jetzt fangen sie endlich an, da es ihre Haut nicht mehr kitzelt, sondern brennt, und wir müßten eigentlich gewissen Prokureurs sehr obligiert sein, daß sie uns dieses Gift als Pferdekur offerierten.« »Auch wir vielleicht,« sagte der Gast mit Nachdruck und einem ruhigen Blick auf den Wirt, während doch die weiblichen Familienmitglieder ängstlich seine Gesichtszüge bewachten. »Auch wir vielleicht,« wiederholte er mit einem Seufzer, »sollten den fürchterlichen Aerzten Dank schulden, die uns nicht allein von den Giftpülverchen der Voisins und Brinvilliers rein gemacht, sondern, was mehr wert, von denen, welche die Philosophen und Encyklopädisten nur unmerklich ins Blut, in unsere Denkweise, in unser ganzes Sein und Leben gemischt.« Die Tafel war endlich aufgehoben. Mutter und Töchter hatten auf Nadeln gesessen. Wenn der Zunder keinen Funken fing, so lag es nicht an dem, welcher beständig Stahl und Feuerstein aneinander schlug. Sie begriffen den Vater nicht. Was aber bewog den Colonel, mit solcher Kunst den Streichen, auf ihn gerichtet, zu parieren und dem Blitz immer wieder einen neuen Ableiter hinzuhalten? Wilhelmine hatte ihn mit steigender Teilnahme angesehen. Sie bemerkte, daß es wohl dann und wann in ihm aufflackerte, aber ebenso schnell drückte er die aufsteigende Glut zurück. Karoline glühte selbst wie der Ofen, an dem sie stand, und vergebens Aug' und Ohr von dem, was sie sah und hörte, abzuwenden suchte. Und wieder ließ der Major sich die Pfeife reichen. Erst nach einigen tüchtigen Zügen fragte er: »Dem Herrn Colonel darf man wohl keine anbieten? Wenn er Lust hätte, würde er sich eine genommen haben. Das war also schon im alten Frankreich Sitte! Was man noch in seinen alten Tagen lernen muß!« Der Colonel hatte im selben Augenblicke mit höflicher Verneigung die Pfeife ausgeschlagen, welche die gnädige Frau anstandshalber, wenn auch nur par Distanz ihm präsentiert, um den Verstoß des Ehegatten gutzumachen. »Ich konnte mir schon denken, daß unsere Gewohnheiten einem feinen Herrn aus Paris zu grob sind.« »Gewohnheiten sind unser Heiligtum,« hatte er entgegnet, »das uns erst recht teuer wird, wo wir sie vermissen. Uebrigens überschätzt man die französischen Sitten, wenn man gerade in unseren Gewohnheiten ihren Wert sucht. Der Türke, der Perser raucht, ja, der Orientale erscheint erst in seiner Würde, wenn er, vor sich seine Pfeife, auf dem Diwan sitzt. Daß wir auf glattem Boden mit der Sicherheit uns bewegen, wie der Schweizer auf schwindligem Alpensteg, ist eben auch nur eine Angewöhnung. Aber was den Sitten des alten Frankreichs die Herrschaft über die gebildete Welt verschaffte, war, daß wir mit derselben Sicherheit unter fremder Angewöhnung uns bewegten, es war die feine Art, mit der wir uns auch in das uns Widerstrebende fanden, und daß wir unsere Sitte übertrugen; daß wir im Umgang mit Frauen nicht nach Schönheit und Alter fragten, sondern chevaleresk in jeder die Dame, daß wir im Feinde, im Kriegsgefangenen den Kavalier ehrten und selbst die Ungeschliffenheit durch unsere Manier zu übertünchen wußten. Er, der alte Franzose, wußte den Schein seiner Bildung über seine Umgebung zu verbreiten, das machte ihn, was man nennt, liebenswürdig. Denn, die Wahrheit in Ehren, was wäre das Leben ohne den anmutigen Schein, die Illusionen, welche Bildung über seine Risse und Unebenheiten werfen. Leider, leider spreche ich aber von vergangenen Zeiten; diese chevalereske Sitte ist auch bei uns dahin. Man will wahr sein und wird grob. – Sonst hob, jetzt zerstört der Krieg den ritterlichen Charakter.« Er hatte, während er das sprach, mit Aufmerksamkeit auf den Stammbaum gesehen, als interessierten ihn darin einige Schilder und Namen mehr als das, was er sagte: »Ich finde hier eine Marie Gasparde du Rozieres D'Etaing.« »Die Elternmutter meines Mannes, in direkter Linie.« »Sonderbar!« sagte der Gast. »Sie war von der Kolonie.« »Das kann man wohl nicht eigentlich sagen,« entgegnete der Franzos; »sie muß mit den ersten Refugiés ins Brandenburgische gekommen sein. Die du Rozieres sind aus dem Poitou – das Wappen ist nicht ganz richtig. Oder hätte die ausgewanderte Branche nur hier die Helmzier verändert?« – Er setzte hinzu: »In Frankreich ausgestorben, nicht ganz würdig ihrer Ahnen, die noch in den Tagen der Fronde Heldentaten vollbracht.« »Wahrscheinlich als Opfer der Revolution? Mein Mann hat nichts davon gehört.« »Das wäre wenigstens ein glorreiches Ende! Leider starben die letzten männlichen Abkommen als Opfer der Debaucherien unter der Regentschaft. Es würde mich sehr interessieren, zu erfahren, wenn in Preußen sich noch ein Seitenzweig erhalten hätte.« »Darüber wird Wolf Ihnen die beste Auskunft geben.« Der Major war aufgestanden und hatte den Fremden verwundert angeblickt. Dieser aber, wie aus Träumereien erwachend, rief: »Wohin man sich verirren kann! – Meine Damen, ich hoffe, daß Sie in Ihrer Nachtruhe durch keinen Alarm sich stören lassen – es gibt viel blinden Lärm in Kriegszeiten. Monsieur!« wandte er sich rasch zum Hausherrn, »ich würde Sie um zwei Worte in meinem Zimmer bitten.« Er war hinaus, der Major ihm gefolgt. »Er fordert ihn! Er muß ihn fordern!« unterbrach Karoline das peinliche Schweigen. »Nein, er arretiert ihn,« jammerte die Mutter; »so gewiß, er läßt ihn fortschleppen.« »So wollte ich doch!« Wilhelmine ballte weinend ihre kleinen Hände. »Was?« »Daran sind allein die Querbelitzer schuld. O, sie verdienten –« Die Mutter wollte einen Fußfall tun; Wilhelmine schien mehr Lust zu haben, die Bauern aufzurufen. Wenn die Querbelitzer einen Marschall bei den Ohren ergriffen und gefangen fortgeschleppt, aus purem Uebermut, was sollten nicht die Ilitzer tun, um das Leben ihres Herrn zu retten! »Seid Ihr wahnsinnig?« fragte Karolinen »Wir dürfen darin nicht einreden.« Sie fand unerwarteten Beistand bei ihrer jüngsten Schwester, die mit entschiedenem, einem fast gebietenden Tone, den man an dem Kinde noch nicht kannte, gegen beides protestierte: »Vater wird für sich selbst handeln.« Der Meinung war auch der hinzugezogene Kandidat, von dem jede eigentlich verlangte, er solle ihrer Ansicht sein und sie unterstützen. Er unterstützte aber keine: Wen man fordern wolle, mit dem verschließe man sich nicht in ein Zimmer: wenn er den Vater zu arretieren beabsichtigt, würde das plötzlich und unvorbereitet über Nacht geschehen; wenn etwas Ernstliches dem Major drohe, sei aber jeder Widerstand eine Torheit und könne das Schlimmste herbeiführen. Uebrigens sei es im Sinne des Hausherrn gehandelt, wenn man ihn selbst walten lasse, da ihnen bekannt, daß er in solchen Dingen keinen Einspruch, ja, keine Meinung gestatte. »Sage ich doch,« sagte Minchen halb ärgerlich, »Herr Mauritz ist immer Malchens Meinung.« Vierundzwanzigstes Kapitel. d'Espignac. »Ich habe mich bei Ihnen wegen etwas zu rechtfertigen, was dem Bruch des Gastrechts ähnlich sieht. Aber der Krieg hat seine eigenen Gesetze. Sie waren Militär, mein Herr, Sie werden mich verstehen und bei Ihrer Familie wegen der verursachten Angst entschuldigen.« So hatte der Colonel beim Eintritt in die Stube begonnen. Wir vergaßen vorher zu erwähnen, daß dem Colonel die Stube des Kandidaten eingeräumt worden. Auf speziellen Befehl des Hausherrn. Sie galt im Corps de logis als die schlechteste. Der Kandidat war in den sogenannten Rüstsaal auf dem Boden einquartiert. »Der Soldat ist Instrument,« entgegnete ernst der Major. »Er pariert nur Ordre.« »Nicht ganz, wenigstens nicht bei uns. Allein auf meine Anordnung sind die Ausgänge besetzt.« »Ich werde Ihnen nicht entfliehen.« »Ich bin von Ihrem loyalen Charakter überzeugt.« Die Stirn des Edelmannes runzelte sich: »Die Auslegung des Wortes ›loyal‹ kann verschieden sein; ich nehme an, daß es in Ihrem Munde keinen Hohn umschließt, denn ein Militär von Ehre würde sich keine Beleidigung gegen einen alten Offizier erlauben, wenn dieser in der Lage ist, sich nicht verteidigen zu dürfen.« »Es ist nichts Persönliches im Spiel.« »Das hängt nun auch von der Auslegung ab. Sie ritten nach meinem Gute Querbelitz; zugleich erging Ihre Ordre, die uns zu Gefangenen macht. Da ist die Person mit der Sache, dünkt mich, sehr nahe verbunden.« »Ich habe nicht die Ehre, Sie zu verstehen.« »Noch ich die Verpflichtung, mich deutlicher auszudrücken. Uebrigens bin ich bereit, für jede meiner Handlungen Rede zu stehen. Meine Ansichten und Gefühle sind mein Eigentum.« »Hier muß ein Mißverständnis sein.« »Ich habe genug gesagt, wenn ich mein Wort darauf gebe, daß ich erst vor einigen Stunden von dem Vorfall in Querbelitz erfuhr.« »Ach, die Posse da meinen Sie!« »Posse –?« Der Major sah ihn verwundert an. »Eigentlich eine gewöhnliche Einquartierungsgeschichte, die nur für den armen General Victor unangenehmer endete. Die gerechte Strafe, daß er sich wichtig machen wollen, in Dinge mischen, die ihn nichts angingen. Freilich, die Bestimmung aller dieser Pilze, die Halbgötter werden wollen, und es geht ihnen nicht rasch genug. Darum schnell etwas erfunden, was die Augen auf sie lenkt, Ueberfälle, Lebensrettungen, Verschwörungen. Wir kennen sie. Am Hofe Ludwig XV. ist nicht so viel intrigiert worden. Diesem General Victor konnte der Marschallstab ohnehin nicht entgehen. Was mußte er allein, ohne Sauvegarde, durch ein feindliches, aufgeregtes Land, – o, er verdiente eine ernstliche Strafe, und doch könnte er uns leid tun; er ist sonst ein braver Soldat –« »Also wirklich gefangen?« »Um bald wieder ausgetauscht zu werden. Der Kaiser hat preußische Generäle genug zur Verfügung. Aber wer dem Ridicule verfiel, ist verloren. Der Adler, der sich von Knaben an der Leimrute fangen ließ, bleibt der Spott der anderen Vögel, auch wenn er sich ungerupft losriß. – Es wäre freundlich gehandelt, wenn man hier nicht davon spräche.« »Dann erwarte ich Ordre, wovon die Gefangenen sprechen dürfen.« »Ihre Gefangenschaft ist morgen, wenn alles glückt, wie es angelegt ist, schon vorüber. Bis dahin bitte ich Sie, das Recht des Stärkeren gelten zu lassen, und sich ruhig in das Unvermeidliche zu fügen.« »Was kann bis morgen entschieden werden? Ich sehe keinen Grund für diese Privathaft.« »Und ich keinen, was ich vorhabe, zu verschweigen. Das Unwesen des Parteigängerkrieges hier, das immer mehr um sich greift, je lässiger man es angreift, soll ausgerottet werden. Der Abenteurer Schill hat durch mehrere aufeinanderfolgende, glückliche Coups einen Ruf erworben. Der Ruf ist im Kriege gefährlicher als das Verdienst. Bei der alten Organisation Ihrer Armee fand er glücklicherweise nicht die nötige Unterstützung. Statt sich eines Offiziers zu freuen, welcher auf eigene Hand etwas wagt, und diese Hand ist glücklich, hält der alte Gouverneur von Kolberg ihn am Gängelband, weil es nicht in das alte System paßt. Inzwischen ist man in Königsberg auf den kühnen Husaren aufmerksam geworden. Der alte General Lucadou soll abgesetzt werden, und man schickt einen jüngeren Offizier vom Genie, ich glaube, er heißt Gneisenau, an seine Stelle!« Der Major wiegte nachsinnend den Kopf. »Gneisenau! das ist ein Mann, ich kenne ihn.« »Frohlocken Sie nicht zu früh. Man besinnt sich vielleicht wieder anders. Auch dort liebt man jetzt so wenig als früher Männer von Charakter. Wer selbst denkt und selbständig zu handeln weiß, ist an keinem Hofe beliebt. Uebrigens ist Pommern ohne Einfluß auf den Gang des Krieges, und die detachierten Parteigänger, die sich über die Oder geworfen, haben hier gar keinen Anhalt.« »Und doch so viel Ernst gegen sie?« »Weil man auch erfahren, daß ein Major Marwitz, der bei Prenzlow mitgefangen war und sich zur See nach Königsberg geschlichen, dort den König und die Minister anliegt, ein Freikorps werben zu dürfen.« »Den sollte ich auch kennen,« sagte der Wirt. »Der rasende Franzosenhasser hat die tolle Idee, mit dem Streifkorps sich nach Stralsund oder einem mecklenburgischen Hafen überzuschiffen; auf requirierten Bauerwagen sollte er von da nach der Spree, unterwegs wollten sie das Land revoltieren und mit einem Coup Berlin nehmen.« »Sie wissen Wunderdinge.« »Des Kaisers Kundschafter wissen alles. Das Projekt kam nicht zur Ausführung, muß ich Sie abermals enttäuschen, weil man über die Uniformierung des Freikorps und den Rang der Offiziere im Verhältnis zur Linie nicht einig werden konnte. Genug für uns, der Gedanke ist da, wenn auch töricht und unausführbar, aber je romanhafter, wunderbarer, um so mehr muß er Reizendes für den deutschen Charakter haben. Dazu in Schweden ein halb toller König, der nach allem greift, nur nicht nach dem Vernünftigen. General Brune, der das Kommando in diesen Provinzen erhält, will das Terrain gesäubert um reines Feld für den Ernst zu haben, der kommen kann.« Die ernste Sprache des Colonel hatte ernste Gedanken in dem Major erweckt; es war unmöglich, daß er der offenen Weise seines Feindes den groben Sarkasmus noch ferner entgegensetzte. Der alte Militär erwachte und trug einen Augenblick den Sieg davon über den Patrioten. Er konnte den Colonel nicht beneiden. Was lasse sich in solchem Hetzkrieg durch die Büsche tun? »Es kommt doch darauf an, ob man den Krieg als Ziel oder als Mittel betrachtet,« entgegnete d'Espignac. »Es gilt nicht in der Tat, Napoleon wirklich den Rücken zu decken, aber moralisch. Das Lüster seines Namens erfordert, daß worüber er siegreich, ein sengendes Meteor, hinfuhr, auch der Versuch, der Gedanke, gleichsam der Embryo eines Widerstandes ausgebrannt sei. Die Majestät soll, wie die Mittagssonne, alle Nebel verscheucht haben. Des Imperators Handlangern bleibt es dann überlassen, während er vorwärts denkt, hinter ihm zu kehren. Es ist das übrigens nicht meine, es ist die Vorstellung seines Hofstaates, und insofern –« »Bleibt die Hetzjagd für seine Handlanger das, was sie ist.« »Pflicht, mein Herr. Im übrigen, meine ich, kann sich in diesem Falle auch die Strategik zeigen! Alle Straßen und Wege sind noch in dieser Nacht besetzt. Mit einem Schlage ist es morgen geschehen, die Streifkorps sind aufgehoben.« »Wenn's glückt.« »Das Netz ist so gespannt, sage ich Ihnen, daß der Schlag gar nicht mißglücken kann, besonders da wir genaue Renseignements über die Schlupfwinkel der Feinde erhielten.« »Renseignements – von hiesigen –« »Angesessenen Männern, die ihr Ehrenwort dafür eingesetzt.« Als der Oberst den Eindruck seiner Worte bemerkte, fuhr er fort: »Um Mißverständnissen vorzubeugen, nenne ich Ihnen meinen Gewährsmann – ich habe sie aus dem Munde Ihres Vetters, des Herrn von Quarbitz, er ist ja wohl Hofmarschall. Er war selbst bei mir in Nauwalk.« Der Major verstummte; er schütterte zusammen und wandte dem Oberst halb den Rücken: »Ein Quarbitz ein Verräter! Auch das noch!« »Sie würden anders urteilen, wenn Sie ihn mit angehört. Er achtet Sie mehr, als Sie ahnen, und glaubt mit in Ihrem Interesse gehandelt zu haben, indem er nur das tat, was die Pflicht eines redlichen Vaterlandsfreundes ihm gebot.« »Daß er das Schlechte schön zu malen weiß, daran zweifelte ich nicht, daß aber auch ein Kenner die Gefälligkeit hat, es dafür zu erklären –« »Das wundert Sie, und ich könnte antworten: ich urteile als Franzose, dem es Vorteil bringt. Doch nein, ich würde auch als Ihr Landsmann seine Handlungsweise billigen. Was sind, woraus bestehen diese Streifkorps? Aus davongelaufenen, ranzionierten Soldaten, aus Herumtreibern, verlorenen Subjekten, die sich aus Faulheit, Not, aus Lust am wüsten Leben ihnen anschlossen. Haben Ihre Behörden, Ihr König diese eigenmächtige Aushebung autorisiert, nur gebilligt? Selbst der Leutnant Schill hat seine endliche Anerkennung nur seinen Successen zu verdanken. Wäre er unglücklich gewesen, so hätte man ihn vor ein Kriegsgericht gestellt. Es liegt weder im System Ihres Staates, noch im Charakter Ihres Königs. Wer will, soll, wer hat denn nun das Recht, diesen Krieg ohne Ordre und Auftrag gutzuheißen? Oder wollen Sie ihn rechtfertigen, weil er Ihnen Nutzen bringt? Ich besorge, daß Sie da strenger urteilen als ich. Was ist ein Krieg, in Hohlwegen und Verstecken, gegen Fouragewagen und Marketender geführt? Wirft er nur ein Lot in die eiserne Kriegswage, wo nach Zentnern gewogen wird? Wen trifft die Last dieses Krieges? Uns nicht, Sie, die Bewohner der Provinzen, namentlich die großen begüterten Gutsbesitzer. Was die Parteigänger uns fortschleppen, müssen die Kreise zehn-, zwanzigmal ersetzen. Also plündern die Plünderer eigentlich nur ihre eigenen Landsleute. Wie dieser kleine, unnütze Krieg die Heere erbittert, das Friedenswerk immer schwieriger macht, davon schweige ich; aber Sie sehen selbst in Ihrer Kreisstadt seine Früchte. Einige Desperados und ranzionierte Junker haben freilich ihr Mütchen gekühlt und ihr Vergnügen gehabt, auf eine Nacht Generäle zu spielen und Städte zu erobern; aber auf wessen Kosten? Sie haben sich salviert und lachen sich ins Fäustchen, aber der arme Bürgermeister dort hat sich nicht retten können, und er hat für sie bluten, Sie, die Herren Gutsbesitzer, haben bezahlen müssen. Mich dünkt, es war ein etwas teures Vergnügen. – Noch etwas, mein Herr. Ich wollte viel zugeben, wenn Sie mir nur eine Wahrscheinlichkeit eröffnen, daß dieser Guerillaskrieg Ihrem Vaterlande, der Sache Ihres Königs hilft. Ihr König, Ihre Feldherren, Ihre Heere wurden geschlagen, vernichtet, weil eben nur König, Feldherren uns gegenüberstanden. Wäre es ganz Deutschland gewesen, oder nur ganz Preußen, der Sieg wäre dem Imperator nicht so leicht, er wäre wenigstens nicht so entscheidend gewesen. Ihr Reich, Ihre Provinzen liegen wie ein weites Beutefeld vor uns, man hat nichts Zeit zu retten gehabt. Wo erhebt sich denn eine Hand, um etwas davon dem früheren Besitzer zu erhalten? Ihre Kassen, Ihre vollen Magazine, Ihre Verwaltungsinstrumente, alles, alles ließ man uns, nicht vernichtet, nein, in voller Ordnung zum beliebigen Gebrauche zurück. – Wenn im Volke der Sinn bei der Sache gewesen wäre, würde nicht jeder Patriot zugestürzt sein, um zu retten, was an ihm? Kein Feuerbrand flog in die Magazine, kein Eimer Wasser, um das Pulver zu verderben, kein Pfund Blei und Eisen ward versenkt. Nein, man zahlte uns mit zitternden Fingern die Kassenbestände aus und erbat sich nur ängstlich Quittung darüber. Was erwarten Sie von einem solchen Volke? Es ist nur gut zum Gehorchen. Aus Lust dazu gehorcht es, wem es sei. Unsere Intendanzen sind erstaunt, sie haben im eigenen Lande nie solche Folgsamkeit und Pünktlichkeit gefunden. Kann dies Volk sich erheben, selbständig handeln, kann es sich empören, frage ich Sie? Und kann es, wenn es empört wäre, seinem Vaterlande, seinem Könige helfen? Dazu gehören andere Lokalbedingungen, anderes, südliches Blut, andere, glühende Augen, andere Sinnlichkeit. Franzosen, Spanier, Italiener, ja, die können Revolutionen machen, der Deutsche folgt nur gehorsamst den Revolutionen, welche seine Fürsten für ihn unternehmen. Man braucht ihnen nur in ihr ehrliches, schläfriges Gesicht zu sehen, um überzeugt zu sein, daß keine Marseiller Trommel sie aus ihrem Phlegma aufrüttelt. Oder erwarten Sie, daß die paar mißvergnügten Offiziere, beschäftigungslosen Abenteurer, diese desertierten Unteroffiziere und Soldaten, die nur prügeln konnten oder sich prügeln lassen, daß sie das ça ira so ihnen in Mark und Nieren brüllen würden, daß diese Bauern und Bürger aus ihrer Haut springen? Mein Herr Major, Sie sind ein Ehrenmann, aber Ihr Vetter hat mit dem vollen Bewußtsein eines Patrioten gehandelt, daß er, um Blutvergießen zu ersparen, daß er, um seines Vaterlandes willen, ein absolut törichtes, unnützes, verderbliches Beginnen an der Wurzel uns zerstören läßt.« Es war manches in der Rede, was dem Herrn von Ilitz zu Sinne ging. Es war ihm aber ebenso wenig zu Sinn, seine Beistimmung zu geben, als jetzt darüber zu streiten. Die nächste Gefahr für sich und sein Haus schien beseitigt, aber andere Gefahren weckten andere Vorstellungen. Nach einer Pause hub er an: »Warum würdigen Sie mich dieses Vertrauens und sperren mich doch ein?« »Nach den Maßregeln, die ich zu nehmen gezwungen bin, war es nur Herzenspflicht, eine edle Familie über den Grund derselben zu beruhigen.« »Ließen Sie alle Edelhöfe absperren, damit keine Nachricht hinauskommt?« »Sie sind der einzige Edelmann, gegen den ich mich gedrungen fühlte, diese Mitteilung zu machen.« »Doch in der Erwartung, daß ich Ihrer Raison beistimme? Sie trafen es, ja, aus diesem Kriegspielen wird nie etwas Gescheites. Eben deshalb aber sehe ich keinen Grund ab, weshalb Sie gegen mich diese Exzeptionsmaßregel fortsetzen. Es wirft einen sonderbaren Verdachtgrund auf mein Haus, es spricht sich durch und könnte für mich üble Folgen haben; zum Exempel, wenn andere Kommandierende mit nicht so wohlwollenden Gesinnungen an Ihre Stelle träten.« »Mein Herr, ich glaube, dieser Verdacht wird Sie nicht drücken.« »Sei es, aber ich wünschte, vor einer so wichtigen Krisis, von der das Schicksal so vieler Personen abhängen kann, mit meinem Lehnsvetter, dem Hofmarschall, Rücksprache zu nehmen.« Der Colonel sah ihn ernsthaft an. »Wenn Herr von der Quarbitz mir als Kavalier sein Wort geben will, daß er nur und allein mit dem Hofmarschall kommunizieren und jeder anderweiten Mitteilung, mit wem es auch sei, sich enthalten will, so steht Tor und Tür ihm offen.« »Also doch Mißtrauen?« »Ihr Charakter rechtfertigt es.« »Mein Herr –« »Sie können das Parteigängerwesen als Militär verdammen, aber als Patriot müssen Sie für die, welche es treiben, Partei nehmen. Ueberdem hören, wo uns das Vaterland auf dem Spiele zu stehen scheint, die gewöhnlichen Rücksichten und Pflichten in unserem Sinne auf; wir haben nichts Eigenes mehr, also auch nicht mehr unsere Privatehre, wir betrachten uns als Atome des Landes, der Nation, des Staates, dem wir unsere Person gewidmet haben.« »Das Wort eines wahren Edelmannes sollte mehr sein als ein Atom.« »Aber doch immer nur die Partikel eines größeren Ganzen, dem er sich unterzuordnen hat. Es lohnt darüber kein Streit. Ich würde in dem Falle meinem eigenen, gegebenen Worte nicht trauen. Wenn es Frankreich retten gilt, ich glaube, ich bräche mein Wort. Doch das sind Ansichten, da muß jeder nach seinen handeln. Aber auf die Gefahr, Sie zu beleidigen, ich traute es auch Ihnen zu, Herr Major, – wenn ein entscheidender Kampf dort in der Gasse gefochten würde, – Sie sähen die Ihrigen weichen, Sie könnten helfen, – ich traue Ihnen zu, Herr Major, Sie vergäßen die Parole, die Sie uns etwa gegeben, nicht zu fechten, und sprängen aus dem Fenster. Der Ehrentod wäscht das gebrochene Ehrenwort. Um deswillen, – zu Ihrem Besten sperre ich Sie ein, Herr Baron.« Der Major hatte nie geglaubt, daß er mit einem Franzosen eine so lange und friedliche Unterhaltung zu pflegen imstande gewesen wäre. Und doch, schon an der Tür, knüpfte er noch einmal an. Er sprach's nicht mit so fester Stimme; es war ein Kalkul der Klugheit. »Alsdann beurteilen Sie auch wohl jene unglücklichen Offiziere milder, welche zur Parole genötigt wurden?« »Und ihr Wort brachen!« Der Colonel zuckte die Achseln. »Mein Herr, es gibt zwei Richterstühle. Der, auf den der Kaiser Napoleon mich setzte, und einen anderen, auf den meine Geburt mich stellte, auf den mein Herz – der Präsident eines Kriegsgerichts darf auf diese Stimme nicht hören. Er muß richten und sprechen wie Brutus. Auch in Rom, mein Herr, werden Tausende von Herzen für die edlen Jünglinge geschlagen haben, am lautesten das ihres Richters. Diesen Herzschlag erdrücken zu müssen, ist die schwerste, bitterste Pflicht des Militärs. – Genug davon!« Wie es kam, er wußte es nicht, aber der Major fühlte seine Hand vom Colonel gedrückt. Es war der erste Händedruck eines Franzosen. d'Espignac flüsterte ihm zu: »Trösten Sie sich, einem oder dem anderen gelingt es wohl, zu entfliehen. Warum nicht ihrem Freund und Nachbar Wolfskehl?« Der Herr von Ilitz wiederholte verwundert den Namens »Was soll der?« »Ich verhehle Ihnen nicht,« fuhr der Franzose im vorigen Tone fort, »auf ihn gerade ist die Hetzjagd gerichtet. Was kümmern uns die verlaufenen Fähnriche und Leutenants, die Not und Depit treibt. Aber wenn ein angesessener Edelmann von Ansehen und Namen, reich, von Einfluß auf die Population, alle Gesetze der Klugheit so vergißt, da muß ein Exempel statuiert werden, damit er nicht zum Exempel wird.« Mit einer stummen Verbeugung hatte der Kommandierende den Gefangenen entlassen. Doch hielt er ihn noch zurück: »Eine Bitte noch. Daß ja Ihre Damen nicht alarmiert werden; und wenn es nicht zu verhindern, – dann denken Sie, es sind böse Träume, die zu ändern nicht in unserer Macht ist. Wir erwachen wohl einmal selbst wieder zu besseren Zuständen!« »Träume!« sagte verwundert der Gutsherr. »Was hat ein Offizier des französischen Kaisers mit Träumen zu schaffen?« Ein wehmütiger, fast tragischer Zug flog über das interessante Gesicht, als er sich umwandte: »Und ist's kein Traum, daß ich – ich –« seine Hand fuhr mit krampfhafter Heftigkeit an die Brust; mit unterdrückter Stimme sagte er – »hier saß einst der Orden meines Königs, das Kreuz des heiligen Ludwig, und jetzt, jetzt bin ich – leben Sie wohl, vergessen Sie, was ich sagte, es war auch ein Traum.« Der Herr von Ilitz war gewiß kein Träumer, aber so viele Gedanken gaukelten in dieser Nacht als Bilder um seine gefurchte Stirn, daß er die Augen schließen mußte, und dann erst wurden sie so lebhaft, daß er sie wieder aufriß. Wenn das wirklich wurde, was der Colonel ihm vertraut, war das Schicksal des jungen Menschen, seines Neffen, entschieden. Ein wieder eingefangener Offizier war vor keinem Militärgericht zu retten. Er hatte vorhin gedacht, ihn aus dem Lande zu entfernen; auch als der Schulze das kleine Kapital ihm abschlug, hatte er nachgesonnen, wo er anderwärts die Mittel beschaffen möchte, und sogar einen Augenblick an den Baron Eppenstein gedacht, um doch ebenso schnell den Gedanken zu verwerfen. Jetzt rief er sich Theodors Bild in den Sinn, aber was sollte ihn das Schicksal des Tropfens im Meere, des Atomes besonders kümmern, wo die stürmenden Wellen anbrausen gegen alles, was fest gewesen. Doch auch das war es nicht, was ihn zunächst aufregte. Er rekapitulierte sich die Worte des Colonel, was er über die Freischaren gesagt, über eigenmächtige Bewaffnung, Volksaufstände; er quälte sich, ihm unrecht zu geben, und je mehr er sich Mühe gab, so mehr mußte er ihm recht geben. Es schlug in das System ein, was er von je an verfochten. Aber die Vorstellung, daß er einem Franzosen, einem Feinde, recht geben müsse, brachte sein Blut immer wieder in Unruhe. Und dann die andere, daß er zum ersten Male nicht Herr, daß er Gefangener in seinem Hause war. Immerhin! aber er hatte sich ihm gegenüber in einer Art demütigenden Stellung befunden. Der Major vor dem Obristen, das wäre angegangen! Die Disziplin erfordert ärgere Demütigungen. Aber hier hatte ihm eine andere Vornehmheit entgegengeweht, – die Ueberlegenheit eines durchgebildeten Geistes. Nicht sowohl, daß ihm die Menschen, welche auf Geist Anspruch machten, unbequem waren, als daß er das selbst haßte, was man Geist nannte, weil es aus sich Gesetze schöpft, weil es Vorstellungen ins Leben gesetzt, die schon so heftig an dem Althergebrachten gerüttelt. Wie hatte er in Berlin die Aesthetischen und Gelehrten über den Kopf angesehen, um so mehr, je mehr sie in den Gesellschaften gefeiert wurden; wie manchen jüngeren Regierungsbeamten, der zu ihm auf Kommissionen geschickt war, hatte er anlaufen lassen – dem Obersten gegenüber, noch dazu einem jüngeren Manne! hatte sich das nicht gemacht. Wunden, der Autorität zugefügt, schmerzen doppelt. Zwar – wenn d'Espignac der Abkömmling einer alten Familie war, wenn reines Blut in seinen Adern floß, und er nur gezwungen den Siegerfahnen des Eroberers gefolgt war, änderte sich das Verhältnis. Er war der Brutus gegen sich selbst geworden. Von einem solchen Franzosen konnte auch ein deutscher Edelmann Ansichten entgegennehmen. Aber war das die Sprache eines alten französischen Edelmannes? War nicht auch in dem Raisonnement Windiges und Schiefes? Ja, die Zeit und ihre Ideen hatten auch auf ihn Einfluß gewonnen! – Hatte er nicht verteidigen wollen, daß ein Vasall sein persönliches Ehrenwort brechen dürfe, wenn es die Rettung seines Lehnsherren gelte? Wog ein Ritterwort, die unbefleckte Ehre eines Edelmannes nicht schwerer als –? Und dann hatte er auch das natürliche, von Gott eingesetzte Verhältnis von Vasall und Lehnsherr geflissentlich in die modernere Vorstellung eines Kavaliers zu seinem Fürsten, oder von Gott und Vaterland übersetzt! Das war unbedenklich windig und schief, eine Konzession, die kein wahrer Edelmann machen darf! Aber hinwiederum handelte nicht d'Espignac selbst im echten Geist des Ritterordens? Er gehorchte der Pflicht gegen seine Ueberzeugung, er diente in unverbrüchlicher Treue, er opferte sich, sein besseres Selbst, einem aufgedrungenen Lehnsherrn, den er im Herzen verabscheute. Solche Fälle gab es, erinnerte sich jetzt der Major. Dienten nicht viele Edelleute im Heere des Korsen, ein Narbonne, Marmont, Bourmont, die vielen La Tours, selbst ein La Roche Jacquelein! Sie mußten , aber sie dienten in echter Ritterlichkeit. Er griff aus den Folianten und schweinsledernen Bänden, welche die eine Wand seines Zimmers bildeten, einen bestäubten Quartanten heraus. Französische Lilien im alten Holzschnitt schmückten den Titel. Sein Gesicht erheiterte sich bei einem Blatte, auf dem ein groß gemaltes Wappen stand: »Latour d'Espignac! – normannisch – doch vielleicht die Wurzel bretagnisch – ein Latour Gouvion d'Espignac in Urkunden zuerst genannt, aber schon Mundschenk Wilhelms des Eroberers – die Familie muß also älter sein.« Sein Blick schweifte zum Fenster hinaus. »Auf dem Papier! Geduldiges Papier – wenn nur die Wahrheit wie ein unauslöschliches Wasserzeichen sich darauf abdrückte, und wenn – die Schrift da auf den Lumpen immer mit der Wirklichkeit stimmte!« Da fuhr es durch die Nacht, ein roter, prasselnder Strahl, der sich in die Wolken verlor, ein zweiter, ein dritter dicht in der Nähe. Eigentlich war es schon Morgen, die Hähne hatten längst gekräht, aber es war noch tiefe, dunkle Stille auf der Erde und am Horizont, durch den die Signalraketen prasselten. Jetzt erst regte und bewegte es sich. Die Trompeten im Dorf bliesen die Reveille, darauf Pferdegetrappel. Auch im Hofe zogen sie die Pferde aus den Ställen, der Colonel schritt festen Trittes, aber leise über den Korridor die Treppe hinab. Unten hörte man seine Kommandeurstimme, aber auch die gemäßigt, als gelte es die Ruhe im Hause nicht zu stören. Jetzt ritten sie ebenso leise hinten zum Hoftor hinaus. Ein guter Hausherr muß nach den Ställen sehen, wenn die Einquartierung abzieht. Die Franzosen lachten der Polizeivorschriften, sie gingen mit brennenden Pfeifen und Lichtern unter Stroh und Heu. Nach den Ställen zu sah alles dunkel aus, aber aus der offen gelassenen Stubentür des Obersten kam ein Lichtschein. »Wieder recht echt französisch leichtsinnig,« brummte der Major und trat hinein, um die Kerzen zu löschen. Einen Blick umher durfte er sich vorher doch erlauben. Es war große Unordnung. Ein Felleisen lag offen auf der Diele, ein anderes halb umgestürzt auf dem Sofa, Skripturen auf dem Tische. Wo waren die Zeiten, dachte er, wo der französische Offizier und Edelmann von seinen Kammerdienern im Felde so sauber und ordentlich bedient und frisiert ward, wie in seinem Schlosse. Die Schlingel von Burschen, die ihm heute aufwarten, verstehen freilich nichts von der Toilette. Aber wer seine Sachen so zurückläßt, muß doch ans Wiederkommen denken. Der Gutsherr hielt es daher für Pflicht, sich der zurückgelassenen Effekten anzunehmen. Da rutschte ein Etui, worin, dem Klange nach zu urteilen, Metallgeld war, auf die Erde. Er hob es auf, um es zu verschließen. Auf dem Lederdeckel war ein Wappen in Gold eingepreßt. Er betrachtete es am Licht, und es schien ihm dasselbe mit dem im Wappenbuche gefundenen, aber der Deckel war abgegriffen, die Formen verwischt. Als er es in den Mantelsack tat, stieß er auf eine offene Pergamentrolle. Sie schien ihm von selbst in der Hand aufzuspringen. In prächtigstem heraldischen Farbenglanz schaute ihm jenes Wappen entgegen. Er steckte sie in das Felleisen, um es zu verschließen. Da wollte der Zufall, daß sein Auge auf die Skripturen auf dem Tische fiel. Ein Brief, der gestern mit der Feldpost angekommen, durch seine Hände gegangen, lag eröffnet. Die Adresse auf dem Couvert war: A Monsieur le Colonel d'Espignac, Commandeur etc., aber der eigentliche Brief, der halb heraussah, hatte, von seiner Hand geschrieben, noch eine andere Adresse. Diese zu betrachten, war ihm doch erlaubt: »A Monsieur le Marquis Raoul Bien-aimé Gouvion de la Tour d'Espignac.« Die Kerzen mit den lang verkohlten Dochten brannten trübe, dem Gutsherrn aber dünkte die Stube wie mit einem rosigen Schein erhellt. Wer ihn gesehen, hätte den Schein auch vielleicht auf seiner Stirn bemerkt. Da stand in der Ecke neben einem Kavalleriesäbel ein altes Ritterschwert; vielleicht ein Familienerbstück. Und dieser Offizier und treue Diener des modernen Kaisers hatte weder die Beschwerde noch den Spott gefürchtet, es auf den Heerzügen, vielleicht als Amulett, mit sich zu führen. Er konnte sich nicht enthalten, es aufzunehmen, es in der Hand zu wiegen; ja, er riß es aus der Scheide und schwang es in der Luft. Welche Streiche für Tugend, für Recht, für Gott und König, gegen Ketzer, Ungläubige, Verräter, mochte das treue Schwert in der markigen Faust so vieler edler Ahnen geführt, wie manchen Ritterschlag es getan haben. Wie stimmte der dunkle Charakter der alten Stube, die kleinen Fenster mit den runden Scheiben, der schwarze Kachelofen zu dem Bild der alten Zeiten, das vor ihm auftauchte. Darüber hörte er nicht das ferne Knattern von Schüssen, welches auch die Schloßbewohner erweckte, die der Abzug der Garnison nicht schon alarmiert hatte. Sein Blick fiel auf das weibliche Porträt an der Wand, und eine andere Zeit stand vor ihm. Trat sie heraus, das blasse Gesicht aus der nachgedunkelten Leinwand, entsetzte er sich vor ihren verlöschenden Kohlenaugen, vor den krampfhaft zitternden Lippen, war er der schwarze Wolf geworden, der zähnefletschend das Schlachtschwert erhob, um die Schande aus seiner eigenen Familie zu wetzen – als die halboffene Tür knarrend weiter aufging – und die Gestalt eintrat. Er trat zurück und ließ die Klinge sinken: »Was ist das?« Es war nur ein Moment. »Was ist Dir, um Gottes willen, was soll das?« rief die Eintretende, seine Tochter Karoline im Nachtkleide, mit allen Zeichen der Verwirrung und Angst. »Vater, was ist's? – Sie schießen. – O, Du bist krank, verlaß uns nicht, was ist Dir?« »Es ist nichts, Kind – eine Täuschung – wir sind gesund – das bedeutet nichts – hier aber – hier fand ich endlich einen Schatz, einen echten Franzosen – einen wirklichen Edelmann.« Fünfundzwanzigstes Kapitel. Der kleine Krieg. Denselben Raketenstrahl, welcher in Haus Ilitz die Inlieger aufgeschreckt, hatte auch der Kornett Theodor gesehen, und er war vom Schemel, auf dem er schlummernd gesessen, aufgesprungen. Der Säbel, der von seiner Seite auf die Erde klirrte, sagte ihm, daß es kein Traum war. Vielleicht hatte er über ein Billet geträumt, das vor ihm auf dem Tische lag. Es war vom Leutnant Wolfskehl und lautete: »Unser kleines Ehrengericht hat entschieden. Nicht Du, nicht ich dürsten nach Blut, aber sie sagen: einer von uns muß seins lassen; und es sind gute Edelleute. Kerle sonst, die mir – aber unzweifelhafte Edelleute. Wem soll man glauben in einer verfluchten Zeit, wo keine Treue und Glauben ist! Also denen, die da sagen, sie könnten sonst nicht mit uns dienen. Hol sie der – aber sie haben recht. Einer – warst Du es, oder ich? – meinte, ob wir den Schimpf, der auf unserer Uniform sitzt, ich weiß nicht, ob Deiner oder meiner, nicht besser in Franzosenschädeln auswetzten? Umschichtig, wir beide drauf, die Augen zugedrückt, auf die Canaille hieben wir, und meinten uns. Sie schüttelten den Kopf. Einer führte auch an: Unrecht sei es, jetzt das Blut verspritzen, was dem Könige und Lande gehört, Numero eins sei der Feind, Numero zwei der Freund. Es hätte schon was, meinten sie, aber strichen die Bärte: es sei ihnen doch nicht fürgekommen. Bruderherz, sie haben recht; was ist uns denn geblieben, als die Uniform! Ich las einmal in der römischen Geschichte von zwei Gladiatoren, die mit dem Spartakus ihre Hundeketten zerbissen hatten. Auf einen kahlen Fels retiriert, sahen sie rings um sich römische Soldaten. Entweder gefangen, ans Kreuz genagelt oder verhungert, das war ihre schöne Aussicht von dem kahlen Felsen. Da fochten sie als Gladiatoren einen letzten kunstgerechten Kampf und stießen sich beide die Schwerter in den Bauch. Wenn wir nicht schon Gladiatoren sind, so werden wir's, – seine, des Unersättlichen! Ob wir für ihn kopffechten in Spanien, England, oder unsere Gebeine endlich bleichen in der Wüste, Sibirien oder Indien – es handelt sich nur um unsere Knochen. Was retten, als einen schönen vollen Tod! Ich bin satt, dürstet Dich noch? Armer Junge! Der Sperling, der noch einmal aus dem Bache trinkt, noch einmal auf der Firste flattert, der Sonne entgegen, als ob sich der große brennende Feuerklumpen um eine Sperlingsseele kümmerte, ist er unglücklich, wenn das Pustrohr des tölpischen Knaben auf ihn zielt, und im nächsten Moment rollt er, ein blutstäubendes Federklümpchen, das Dach herab. Niemand bemerkt es, die andern Sperlinge, kaum aufgescheucht, flattern und zwitschern so lustig als vorher, die große tote Sonne strahlt gleichgültig auf Aas und Leben, und nicht einmal den Knaben kümmert es, wohin seine Beute fällt, um gelegentlich von Würmern gefressen zu werden, denn er läßt ein neues Kügelchen ins Rohr rollen, um einen neuen Spatz als Ziel zu suchen. Oder ist's darum, daß der Sperling unglücklich wird, weil er weiß, daß der Bengel unten das Pustrohr auf ihn anlegt? Nimm die Moral daraus, die Natur hat uns mit einem Ding beschenkt, was sie Bewußtsein nennt, nur um in unserem Vollkommenheitsgefühl uns zu necken. Wir sind und bleiben Sperlinge, auf die alberne Jungen und hohle Rohre von allen Seiten zielen. Wer fällt, der fällt, wir ändern's nicht; aber Sperlinge, die außerdem Soldaten sind, haben noch die besondere Pflicht, nicht fortzuflattern, wenn sie die Mündung des Rohres sehen. Courage, lieber Junge, aber das ist nicht Courage, der Canaille in die Hirnschädel hauen, man muß, wie die Gladiatoren des Spartakus tun – ohne Augenzwinkern, einer den andern, in den Bauch oder ins Herz, es tut dasselbe – ein Liebesdienst. Denk' an die beiden Fähnriche bei Saalfeld. Die Fahne, die sie nicht retten konnten, banden sie um den Leib und sprangen in den Fluß. Beide ersoffen. Unsterbliche Gloria nennen sie's vielleicht in der Posterität. Wir haben nichts mit der Gloria zu tun; nur fort aus dem Hundeleben! In Leben und Tod Dein.« »Junker! Aufgewacht! – Nun geht's los!« Ein graubärtiger Wachtmeister rüttelte den Jüngling. »Ach, was für ein Traum!« Theodor strich über die Stirn. »Ist nicht zum Träumen Zeit, Junker! – Aufgesessen! – Kommandiert! – Die Feuerzeichen.« »Die Feuerzeichen! Feuer! Feuer! Und es war Frühling.« Unten stand die kleine Schar schon gesattelt, als der Kornett sich aufs Pferd schwingen wollte. Das Pferd bäumte sich; zweimal mußte er absetzen. »Ein böses Zeichen,« murmelte der Müller hinter der Luke; er wollte sich nicht sehen lassen. Seine Weibsleute weinten: »Der hübsche junge Mensch!« Der Müller hinderte den Sohn und Knecht, daß er den Torweg hinter den Reitern schloß. Wenn die Franzosen kämen, müßten sie's so finden, wie es ist: daß sie ja nur gezwungen gewesen, die wilden Gesellen aufzunehmen. »Daß Gott erbarm!« schluchzte die Müllerin. »Und sind so hübscher Leute Kind!« »Es wird noch mancher ins Gras beißen müssen,« sagte der Müller, »und das Gras fragt nicht, ob's hübscher Leute Kinder waren oder gemeiner Leute, und die Erde fragt auch nicht, und ob der Himmel danach fragt, weiß keiner hier, auch nicht der Herr Pastor.« Die Hähne krähten hinter den Reitern, als sie an den Hecken sich fortstahlen. Dann sprengten die Husaren einzeln über das schneebedeckte Feld, um im Schatten des Kiefernholzes sich wieder zu sammeln. Man sah, es galt einen nächtlichen Angriff oder Ueberfall. So hielten sie vereinzelt unter den hohen Bäumen und schauten und horchten über das weiße Brachfeld. Tiefstill war's, als scheuten sie zu atmen. Der Kornett hatte verboten, die Waffen zu rühren; aber er selbst war's, an dessen Seite es klirrte. Hielt er doch die Hand am Säbelgriff, und wie das Herz pochte, hob er sich und glitt wieder in die Scheide. Hinter dem Junker hielt der alte Wachtmeister. Der hatte nicht die Hand am Griff, er saß wie angegossen auf dem Pferde, und schwören hätte man doch mögen, ob er schon den Kopf auch nicht sähe und zähle die Flöckchen, die über dem Schneemeer noch in der Luft stäubten. »Junker,« sprach er leis, »haben heute vorm Ausritt gebetet?« »Was soll's, Krauskopf?« »Kein Mensch weiß, was vor ihm steht.« »Der Tod,« antwortete Theodor. »Dem Soldaten allemal um fünfzig Schritt näher.« »Nicht jedem. Die Leute erschraken, als des Herrn Kornetts Pferd sich bäumte, das nächste Mal warf es Sie beinahe aus dem Sattel. An der Schwelle scharrte es und wieherte, es wollte nicht hinaus. Die Leute –« »Halt's Maul.« »Das Leichenhuhn krähte doch.« Der Junker schauerte und schielte herum: »Hast Du's auch gehört? – Aber sieh – sieh!« Es flog noch einmal ein Funke durch die Schneeluft. Der Wachtmeister schüttelte den Kopf. »Das ist nicht die rechte Stelle – es will mir ohnedem nicht richtig scheinen.« Da kam einer, den sie vermutlich zu Fuß voraufgeschickt, von seiner Kundschaft zurück; er schlich an den dunklen Hecken und Furchen, bis er im Holz aufsprang. Seine Botschaft, in Ilitz sei es still und leer, alles ausgeflogen, machte lange Gesichter. »Verdammt! hat der Colonel Wind bekommen? Es wäre ein so schöner Streich gewesen.« Der alte Wachtmeister antwortete nicht, er horchte und schaute scharf nach rechts. »Wer weiß, sie wären doch stärker gewesen, als wir dachten, und wenn der Herr Rittmeister und der Herr Leutnant von Wolfskehl nicht zeitiger zur Hand waren, als jetzo – wer weiß – und dann, es brummt da was im Winde –« »Was horchst Du?« »Der Wind ist uns konträr, sonst – und dann, Herr Junker, wer weiß, wenn's da im Schloß beim Herrn Obristwachtmeister solche Wurstmacherei gegeben hätte! Der Herr Colonel ist nicht der Mann, der sich gutwillig gibt.« »Oder hätte Wolfskehl schon – allein – Donnerwetter!« Der Unteroffizier schüttelte wieder den Kopf. »Junker, Junker, das wäre schon gut gewesen, als wie Sie und ich gedacht. Wenn es gelang, war es was Großes – das kam vor die andern nach Kolberg und wohl noch weiter, und sie hätten da ein ander Ehrengericht eingesetzt; denn wenn's einem gemeinen Wachtmeister erlaubt ist, so was über Offiziere zu denken, so hätte da kein Blut fließen müssen, wo anderes Blut not tut. Nun ist das nichts – wer weiß, der liebe Gott fügt's manchesmal, wie unsereins es nicht denkt, und ich denke so, zu der Mensur wird es nicht kommen, auf eine oder die andere Art, denn in der Bibel steht's doch und bleibt geschrieben: Du sollst nicht töten; außer was nicht beigeschrieben steht, aber es versteht sich von selbst – Franzosen und ehedem Oesterreicher und so weiter – Halt! – daß Dich, da ist was los!« – Er brauchte nicht vom Pferde springen und sich auf die Erde legen. Der Wind war umgesprungen – es pfiff, knallte, klirrte, als wäre ein Nebel, der die Töne bis da verborgen, von einer Gegend fortgezogen, und mit einem Male klingt, rauscht, braust es auf. »Drauf los!« Der Wachtmeister griff dem Junker in die Zügel: »Halt: das ist mehr – sie haben uns angegriffen. – Blitz und Wetter! – Von daher auch – da auch – das ist eine Hetzjagd, Junker.« »Das Wild soll ihm stehen!« »Erst den Jäger und den Wind gerochen, Junker. Dort in den Hohlweg –« Ueber den Schnee brausten schwarze Punkte, versprengte Reiter. Sie kamen auf die Holzung zu, offenbar um hier Schutz vor ihren Verfolgern zu finden, wenigstens einen augenblicklichen Versteck. »Der Rittmeister selbst – und verwundet!« »Schwerenot Ihr!« rief er mit einem Satz über den Graben, der das Holz von der Ebene trennte. »Was macht Ihr hier? – Hat Euch der Satan noch nicht gepackt?« »Wohin? Kommandieren Sie, Herr Rittmeister, zum Angriffe. Ein paar Dutzend Männer sehen Sie zum Sterben bereit!« »Dummheit! Nichts mehr von Angriff. Den Tod habt Ihr wohlfeiler. Wir sind verloren, umzingelt. Alles aus, alles Verrat! Rette sich, wer kann.« »Und Wolfskehl?« »Wird gefangen, wenn er es nicht schon ist. – Drüben in Querbelitz am Kirchhof. Machen Sie kehrt, Kornett. Vielleicht schlagen wir uns durch, nach Quilitz zu. Da stehen nur Italiener, Infanteristen. – Sporen in die Seite. – Rasch mir nach!« Die Schar der Dutzend, oder ein paar mehr, stand noch stumm, wie an den Boden gefesselt, als die flüchtigen Reiter knisternd durch das Dickicht brachen. Die Führer der Schar hielten ja auf ihren Rossen wie Versteinerte. Da hob sich Theodor im Steigbügel und schaute seine Leute an. Seine Augen funkelten, Stirn und Wangen glühten: »Hört Ihr, sie schießen. Noch verteidigt sich Wolfskehl! Wer einen braven Offizier im Stiche lassen will, dem sage ich Ade! heut und auf ewig. Wer einen braven Kameraden nicht im Stiche lassen will, in seinen Nöten, die Plempe raus, mir nach!« »Wir müssen alle sterben,« hatte der alte Wachtmeister gerufen, als er den Säbel herausriß. Da klirrten in einem Augenblick alle stählernen Scheiden. Zuerst fühlten's die trocknen Aeste, daß hier noch Herzen schlugen, nachher sollten es die Franzosen fühlen. Der erste über den Graben war Theodor. In der Faust die Klinge hoch, hob er sich im Sattel. Da war der Traum verschwunden, wie er vor sich schaute, rückwärts kommandierte. Er war der Feldherr geworden, der Wachtmeister hätte sich 's nicht unterstanden, noch ein Wort einzureden; er hatte es auch nicht Not. Wer beschreibt ein Reitergefecht, abwechselnd in Dorf und Busch, auf Straße und Feld? Wäre es nicht der Schimmel, den wir uns freuen, immer in anderer Stellung wiederzufinden, wer verfolgte in den Kunstsammlungen noch Wouwermans Schlachtengemälde. Was Kraft und Gewandtheit, ein schnelles Aug' und richtiger Blick vermögen, der Mann kann sich da noch zeigen, und doch wird die Rittertat vom Zufall reguliert, vom Staub und Pulverdampf versteckt. Wo berichtet die Geschichte von dem, was ihre Skribenten Schnitzel und Abfall nennen für den Papierkorb! Heldentaten waren hier geschehen, so erzählten nachher die Leute. Verzweifelt hatte sich im Kirchhof der Herr von Wolfskehl gegen die Uebermacht gewehrt; den von ihren Rossen Abgesprungenen war die alte Mauer des Gotteshauses zum Wall geworden, schon von Blut bespritzt, mit Leichen bedeckt, als die Hacken und Beile der feindlichen Handwerkersoldaten das ausführten, was bei Festungen die Aufgabe der Batterie ist. Sie hatten eine Bresche gelegt, und über die niederrollenden Feldsteine waren schon die Bajonette geklettert, die jetzt gegen die Brust des Parteiführers zuckten, als – – Ja, was in der Geschichte unterging, im Dorfe lebt es noch, und sie zeigen Dir den steinernen Pfeiler, der die morsche Kirche hält, wo der Wolfskehl von Ritzengnitz wie ein Löwe stand. Hätten alle Offiziere so getan, sagte ein Französischer, dann wär's bei Jena anders ausgefallen. Fünf hatte er niedergestreckt mit seiner Klinge, da winkte ein Kapitän einem Tirailleur, er möchte ihn auf's Korn nehmen. Nicht, daß er's bös mit ihm gemeint, oder daß der Franzos den wunden Mann gefürchtet, sagt Dir der Küster, der's von seinem Vater hat, sondern den Kapitän jammerte der tapfere Offizier, der so viele Not hätte, um zu sterben; denn das sehe man ihm ja an, er kämpfe wie einer, der, lebenssatt, den Tod sucht. Doch wie der Scharfschütz angelegt, dort hinter der Lehmwand, sauste schon der Säbel, der ihm den Ellenbogen spaltete. Wie ein Wunder, das aus der Luft kommt, war der Kornett Theodor Hurlebusch im Dorf und mitten unter den Feinden. Nachmals, als man die Toten und Verwundeten zählte, kam es heraus, daß ihrer höchstens achtzehn gewesen; den Franzosen aber dünkte es, als wären's Tausende, und so fuhren sie auseinander, zwischen die Häuser und durch die Hecken. Die Preußischen hinter ihnen drein, bis sie vor den knatternden Flinten zurück mußten, und bis die französischen Kürassiere sie in hellen Haufen wieder ins Dorf geführt. Was dann weiter geschehen, da weiß auch der Küster nicht recht Bescheid, denn, obgleich er gedient, hat er doch die Kriegskunst nicht studiert und ist auch kein Geschichtsschreiber. Einmal ist der Theodor, so wird er im Dorf genannt, an der Kirchhofmauer vorübergesprengt, und, den blutigen Säbel schwingend, hat er zum Wolfskehl gerufen: »Das nehmen sie doch vielleicht für Revanche, Bruderherz.« Dann hat's nach vielem Getümmel noch eine Attacke gegeben. Nur noch mit sieben oder achten hinter ihm, die alle bluteten und zerfetzt waren, und ihm selbst war der Hut vom Kopf geschlagen, stürzte sich der Theodor auf die anpreschenden Kürassiere. Daß sie zurückgewichen und in Unordnung geraten, wollten die Franzosen nicht zugeben; aber leugnen konnten sie's doch nicht, ihr Oberster war durch einen Säbelhieb getroffen. Auf dem Pferde wankte er, und hätten ihn nicht zwei gehalten, er wäre gefallen und unter den Hufen zertreten worden. Denn nun ging das tolle Gemetzel los. Theodors Pferd, am Ohr gespalten, war rasend geworden; es schoß durch die dichten Massen und trug seinen Reiter ins Freie, bis es mit einem Todessatz ihn zur Erde schleuderte. Die sieben mit ihm sollen alle unter den Klingen der Kürassiere gefallen sein. Einer aber, der alte Wachtmeister, war schon vorhin aus dem Sattel gestürzt und lag, auf den Tod getroffen, an der Kirchhofsmauer. Als der Ritzengnitzer, der, am Bein verwundet, mit einer Muskete wacker auf den Feind gefeuert, doch nach einem Pferd schrie, und er wollte hinauf, um sich auch zu revanchieren und seine guten Kameraden zu retten, redete ihm der alte Wachtmeister ab: was denn zwei sollten, wo's an einem genug sei, und der Tod hole sich jeden, den er will, der Soldat brauche ihn nicht zu suchen. »Den Kornett retten Sie nicht, den hat sich der Tod schon gesucht, so oder so, als wie mich auch – das wußt' ich gestern schon – drum retten Sie noch den Leutnant dem König.« Das hat der alte Mann vor seinem Tod gesprochen. Gedacht hat er: warum mußte der Leutnant nun davonkommen, und der Kornett dran glauben! Er meinte, es sei mehr zu trauern gewesen um seinen Kornett, als um den Leutnant. Wie gesagt, es steht nicht so im Kirchenbuch geschrieben, noch hat es überhaupt wer aufgeschrieben. Von den Bauern hat's einer dem andern erzählt, und da ist wohl manches dazu gekommen, und noch mehr vergessen worden. Es war auch ein Brand ausgebrochen in einem Kätnerhause, und weil der Wind gegen das Dorf wehte, stürzten die Feinde dorthin, um zu retten, denn die Bauernhäuser lagen voller Verwundeten. Dem Umstande soll der Ritzengnitzer seine Rettung verdankt haben. Er hatte sich doch aufs Pferd heben lassen, um den guten Kameraden rauszuhauen, der ihn herausgehauen. Aber ehe sie das Roß über die eingestürzte Mauer zogen, vergingen ihm die Kräfte. Da lehnte er sich an die Steine und rief den wenigen um ihn ein Valet zu: es möge sich jeder salvieren, wer's könne und noch Lust hätte zu leben. Er wankte durch die Sakristeipforte in die Kirche und wollte dort sterben. Von seinen Leuten, meint der Küster, wäre keiner davongekommen, alle seien niedergehauen, hier und dort; so gut hatten die Franzosen ihre Posten aufgestellt. Der junge Herr von Wolfskehl aber ist in der Kirche nicht gestorben, auch nicht gefangen worden. So viel ist gewiß, denn er hat noch lange nachher gelebt. Wie er aber davongekommen, ist noch heute ein Geheimnis. Die Leute meinen, der Schulze Gottlieb Köpke, der die Gefallenen hinausschaffen ließ, daß sie am Busch in die große Grube geschüttet wurden, welche die Bauern graben müssen, hätte den Leutnant in einem groben Husarenkittel, als einen Toten unter den Leichen mit hinaus gekarrt. Dort hätte er ihn nochmals im Busch in ein Bund Reisig gewickelt und so wieder ins Dorf gefahren. Im Heu versteckt auf dem Boden, wovon niemand gewußt, bis auf ihn und die Marte, hätte die den jungen Herrn verbunden und gepflegt, bis die Luft wieder still ward und ein Loch sich fand, um ihn fortzuschaffen. Der Schulze hat's in Abrede gestellt gegen jedermann, auch als die Franzosen längst aus dem Lande, und auch da noch, als sie bis Paris geschlagen waren. Die Leute glaubten's aber doch. Gottlieb Köpke war ein vorsichtiger Mann, er traute keinem Frieden, und hatte oft geäußert, man wisse nicht, ob die Franzosen nicht doch mal wiederkehren. Wenn aber Freunde in ihn drangen, er solle doch nur mit der Wahrheit rausrücken, das könne ihm, wenn's an die rechte Schmiede käme, am Knopfloch was Buntes eintragen, und drunter etwas Blankes, da machte er ein ganz eigen Gesicht, den Mund weit auf und die Augen groß, daß man ihn hätte für dumm halten sollen, er war der Klügste und Pfiffigste weit um, und sagte: »Darum?« und weiter sagte er nichts. Aber nach dem Frieden hatte er auf den birkenen Schreibsekretär eine große Stutzuhr gestellt, von schwerem, getriebenem Silber, die die Stunden und halbe Stunden schlug. Er hielt viel darauf. Zu den Leuten, die sich über den Reichtum wunderten, sagte er, er hätte sie von einem polnischen Juden um ein Billiges erhandelt und brach dann kurz ab. Andere glaubten sich zu erinnern, daß sie die Uhr vordem in Schloß Ritzengnitz stehen gesehen und meinten, sie wüßten nun, was die Glocke geschlagen, auch wenn sie nicht nach der Uhr sähen. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Der Versucher im Hause. Des Unglücks war doch schon ein hinlänglich Maß über Haus Ilitz in dem Jahre ausgeschüttet; aber es schien doch noch nicht genug. Zu den halb Abgesperrten – denn wer hätte den versprengten Nachrichten von dem, was draußen vorfiel, den Eingang ganz verschlossen – ward gegen Mittag auf einer Bahre der sterbende Colonel d'Espignac gebracht. Er wolle hier sterben, hatte er auf die Frage geantwortet, wohin man ihn tragen solle. Ein Säbelhieb hatte zwischen Nacken und Hals getroffen, so ward er besinnungslos unter seinem Pferde vorgezogen. »Schon recht so,« hatte der Major gerufen. »Er war zu gut unter dem Schofel!« Wie richtig er geurteilt, sollte sich nur zu bald erweisen. Minchen, die zuerst zur Besinnung gekommen, und in der allgemeinen Verwirrung, was nötig war, angeordnet, hatte die arme Mutter vergeblich mit dem Trost aufzurichten gesucht, daß die Anwesenheit des Obersten die beste Sauvegarde für das Haus sei. Unter den ins Dorf zurückkehrenden Truppen schien die Disziplin aufgelöst. Sie quartierten sich ein wie in eine eroberte Stadt. Nichts mehr von der weisen Oekonomie, auf welche die früheren Befehlshaber streng gesehen. Man drang in Keller und Küche, man warf Hafer und Heu auf den Hof. Menschen und Tiere schienen in kannibalischer Vergeudung sich für die Strapazen entschädigen zu wollen. Die Offiziere, mürrische, rohe Menschen von gemeinen Gesichtern, waren taub gegen die Klagen, blind gegen die Exzesse. Auf dem schon gedeckten Mittagstisch für die Familie ließen sie sich anrichten, ohne auf einen Platz für die Mitglieder Rücksicht zu nehmen. Wilhelminen, die es dennoch nicht unterlassen konnte, auf einige Ordnung zu sehen, reichte ein Sergeant-Major die Schüssel, um sie dem Kapitän, der am anderen Ende danach verlangte, zu bringen. Sie tat es, ohne eine Miene zu verziehen. »Schon recht so,« hatte wieder zum Erstaunen der Mutter, die eine Aufwallung erwartete, der Vater gesagt, »es ist ehrenvoller, ihre Dienstboten zu sein, als mit ihnen Brüderschaft zu trinken.« Daß sie mit der Herrschaft im Hause auch kaum ein Wort wechselten, mochte man ihnen vergeben, denn sie hatten unter sich zu viel zu sprechen und die eintretenden Boten und Ordonnanzen anzuhören, aber die vorige Gefangenschaft, die doch nun von selbst gelöst schien, sollte noch strenger werden. Man sperrte die Bewohner ohne viel Umstände auf den einen Flügel des Hauses ab; es hieß, wegen der eingebrachten Gefangenen und anderer verdächtiger Leute. Die Kommunikation mit ihnen sollte unmöglich werden. Dafür kam die Botschaft, daß eine außerordentliche Kommission aus der Kreisstadt eintreffen werde, um die verdrießliche Angelegenheit zu untersuchen und dafür zu sorgen, daß nicht auch Unschuldige bestraft würden. Eine Kommission, bestellt, um nicht die Ungerechtigkeit in Nauwalk zu wiederholen, welche trotz des Druckes der Fremdherrschaft so laut besprochen ward – einige meinten, sie schreie zum Himmel, – war gewiß vom guten, wenn die ernannten Kommissäre nur Vertrauen eingeflößt hätten, aber es waren außer dem Payeur-General französische Schreiberseelen von derselben Farbe, dazu einige benachbarte Gutsbesitzer, die außer dem Bereich ihrer Ställe und Scheunen für nichts Augen und Sinn hatten, und zu allem ja sagten, was ihr Führer sagte. Ueber die Lippen des Majors war nur ein bitteres Lächeln gefahren, als am Nachmittag auch sein Lehnsvetter aus Quilitz einfuhr. »Zu viel Güte,« empfing er ihn, als der Hofmarschall gegen Abend unangemeldet in sein Zimmer trat. »Es könnte Ihnen doch Ungelegenheiten verursachen. Ich hätte es Ihnen vergeben, wenn Sie mich diesmal ganz ignorierten.« Der Lehnsvetter erwiderte durch einen stummen, kräftigen Händedruck. »Wir haben wohl wichtigeres zu sprechen. Wir stehen an dem bittersten Ernst; wo der Mann gegen den Mann aussprechen darf und muß, was er denkt. Es ist heilige Pflicht der Selbsterhaltung, sage ich Ihnen, uns über unsere Lage klar zu machen. Geht das noch eine kurze Weile wie jetzt fort, so sind wir alle ruinierte Leute, ohne daß etwas Besonderes zu geschehen braucht.« »Sie haben auch von der Einquartierung erschrecklich zu leiden,« entgegnete der Gutsherr, ohne daß er in die Wärme des Tones einging, so wenig er sich überwinden können, den Händedruck warm zu erwidern, wie er gegeben ward. »Wie wir alle,« entgegnete der Hofmarschall; »ob etwas mehr, darauf kommt es hier nicht an. Bester Herr Vetter, und nun möge doch jeder Schleier zwischen uns reißen. Alle Menschen können sich nicht venerieren, nicht lieb haben. Sie sind ein Mann, ich bin es auch, keiner würde in Ohnmacht fallen, wenn er wüßte, wie der andere über ihn denkt. Ich wünschte, Sie kennten mich ebenso gut, wie ich über Sie denke, als ich glaube, Ihre Gesinnung über mich zu kennen. Ich weiß, wie Sie meine Versuche in Nauwalk ausgelegt; selbst daß ich jetzt zu dieser Kommission mich ernennen ließ, ist Ihnen ein Greuel. Gut, gut, Ihnen gefällt nichts an mir, aber was verschlägt denn das, wenn ich Sie frage: wollen Sie nicht das einen Augenblick vergessen und Hand in Hand mit mir gehen, wo es nicht unsere, wo es die Wohlfahrt der Tausende unserer Mitbürger gilt?« »Der Herr Vetter kommt also nicht meinet- und nicht seinetwegen, sondern um des allgemeinen Besten? Das kommt mir freilich unerwartet.« »Nein, auch da Wahrheit zwischen uns! Ich kam auch Ihretwegen. Sie sind wegen Ihrer Gesinnung bekannt, gerad' heraus verrufen – warum nicht, es ist ja eine Schmeichelei für Sie! Mit mehr Grund, als den armen Bürgermeister da, konnte man Sie wegen dieser Vorfälle beim Kragen fassen, wenn man Ihnen übel wollte. Das ist nun beseitigt, genug davon; ich rechne so wenig auf Ihren Dank, als ich ihn verdiene. Es hat sich alles glücklich gefügt, und Sie haben selbst das Beste getan, was ich, offenherzig gesagt, kaum von Ihnen erwartet, Sie haben sich diesmal selbst überwunden.« »Lieber Gott, man lernt doch auch mit den Jahren,« sagte der Major und griff nach der Pfeife im Winkel. »Kann ich Ihnen – offerieren?« »Obligiert. Sie setzen den Stürmen jetzt eine stoische Ruhe entgegen. Das ist gut, aber nicht genug. Wo das Schiff im Sinken ist, muß jeder zuspringen.« Der Major hatte tief aufgeseufzt. »Mit wem haben Sie denn konspiriert?« »Mit der Vernunft, oder wie Sie es nennen wollen. Wo niemand ist, der retten will und kann, wird es eines jeden Pflicht. – Von dem Leutnant Schill erwarten Sie's doch nicht?« Der Gutsherr schüttelte den Kopf. »Und noch weniger von Gottlieb Köpkes Söhnen und meinem Schlingel von Kutscher. Das ist es ja eben, Tunichtgute, die nichts zu verlieren haben, wären imstande, uns alle zu ruinieren, wenn wir länger ruhig zusehen. Diese Plane, alles in Unordnung zu stürzen, sage ich Ihnen, das Oberste zu unterst zu kehren, gehen aber weiter. Da hat der Marwitz aus Friedersdorf in Königsberg einen Plan ausgeheckt –« »Woraus nichts wird,« unterbrach der Major. »Es kann aber einmal etwas daraus werden, hitzige Tollköpfe gibt es überall und in jedem Stande. Die gewitterschwüle Luft erweckt Phantasien auch in sonst gesunden Köpfen. Wer nichts zu verlieren hat, ist bereit, alles auf eine Karte zu setzen; die Zahl derer, die das Ihre verloren haben, mehrt sich aber mit jedem Tage.« »Wissen Sie etwas, oder sehen Sie Gespenster?« Der Hofmarschall rückte seinen Stuhl näher, indem er seine Sprache mäßigte. »Positiv weiß ich allerdings noch nichts, aber was man in den Bureaus der Gouvernements sich zuflüstert, scheint Grund zu haben. Es schleichen Emissäre umher, in allerhand Gestalten, die von Tugend und Vaterland sprechen. Man vigiliert auf sie; aber daß ihr ausgestreuter Funke Zunder findet, beweist Ihnen das leidige Beispiel aus unserem Dorfe. Sie werden nicht überall so plump operieren; in den Städten geschieht es feiner; man führt eine gelehrte, ästhetische, philosophische Sprache, um die verwirrten Begriffe noch mehr zu verwirren. Auch bei uns klopft man auf den Busch, wie wir uns wohl in dem und dem Falle verhalten, was wir dann und wann wagen möchten?« »Hat man auch bei Ihnen angeklopft?« »Ich glaube durch meine offen ausgesprochenen Ansichten mir diesen unheimlichen Besuch von der Tür gehalten zu haben. Aber, rein heraus, Vetter, für Sie war ich besorgt, ich bin noch jetzt nicht beruhigt. Sie muß man zu gewinnen suchen, wenn man aufs Landvolk wirken will. Sie wird man versuchen, Ihr prononcierter Charakter lockt dazu. – Sie schweigen, um des Himmels willen, wäre schon jemand hier gewesen?« »Nein.« »Aber wenn der Versucher käme?« »So wird er mich finden als treuen Vasallen des Markgrafen und Kurfürsten von Brandenburg, meines gnädigen Herrn. So wird er, soll er, das hoff' ich zu Gott im Himmel, auf diesem Strich Erde alle Vasallen des durchlauchtigen Hauses finden. Wenn mein König ruft, werde ich bereit stehen, woher und wohin, was auch mir droht.« »Das konnte ich erwarten,« entgegnete nach einem kurzen Verstummen der Hofmarschall, ohne noch den Eindruck ganz verwunden zu haben, den die laut betonten Worte hervorgebracht. – »Ich mußte es erwarten, oder ich hätte mich in Ihrem Charakter geirrt. Wenn der König ruft, das heißt, ausdrücklich befiehlt, so würden Sie dem Befehl gehorchen, wie er auch laute, Sie würden Ihr Glück, das Ihrer Familie, alles in die Flammen werfen, um als gehorsamer Bürger des Staats und Untertan –« »Vasall meines Königs,« korrigierte der Major. »Sie würden auch über das eidliche Gelöbnis, das wir den Behörden ablegen mußten – hinwegsehen. Darüber können die Ansichten verschieden sein; in der Tat, ich bekenne, daß meine – doch darauf kommt es nicht an, über Gewissensskrupel ist in solcher Zeit nicht zu disputieren. – Teuerster Vetter, wie ich Ihren ritterlichen Charakter mir immer konstruiert habe, so würde ich Sie deswegen aus vollem Herzen verteidigen. Aber – die Prämisse ist falsch: der König ruft nicht und wird nicht rufen.« »Woher wissen Sie das?« »Vorläufig habe ich Ihnen die Trauerbotschaft zu melden, daß der König eine große Schlacht verloren hat. Alle Tapferkeit unserer Truppen, der mächtige Beistand der Russen, die Gunst des Terrains, vermochten nicht, den schon halb errungenen Sieg festzuhalten. Die Preußen fochten mit Löwenmut, sie wurden gut geführt. Fehlt noch etwas, um den Glauben an Napoleons Unüberwindlichkeit zu befestigen, so hat es diese Schlacht getan. Ich glaube, der Ort heißt Eylau. Seine Majestät und der Hof sollen über die russische Grenze – sich zurückgezogen haben. – Nun frage ich Sie: Was bleibt uns?« »Der Glaube, daß Preußen nicht untergehen kann« – rief der Major nach einem dumpfen Schweigen, – »der Glaube, daß sein König es nicht verlassen kann, daß sein Herz dort so lebendig für seine Untertanen schlägt, als in ihrer Mitte – die Hoffnung –« Er schwieg – es war zu viel, zu viel auf einmal. »Dies süße Spiel mit der Hoffnung,« sagte der Hofmarschall mit Wehmut. »Und daß sein Herz dort so lebendig für uns schlägt, als in Berlin und Charlottenburg, wer bezweifelt das! Am Nordpol, unter Eisschollen, würde es nur von dem Wunsche glühen und klopfen. Aber – mit einem warmen Herzen erobert man weder, noch verteidigt man Königreiche. Kennen Sie unseren König?« Es mußte etwas auf den Major Bezügliches in der Frage liegen. Er ließ die Blicke sinken. »Er wird im Unglück seine wahren Freunde kennen lernen.« »Täuschen Sie sich nicht. Es kostete schon ungeheure Mühe, um Haugwitz von ihm loszureißen, Lombard hat er auf der Stelle freigegeben, selbst die Königin, die ihn in gerechtem Zorn in Stettin verhaften ließ, dadurch bloßstellend. Das hatte niemand erwartet.« »Weil der Pöbel die Verhaftung impretierte, der Pöbel hat nicht mitzusprechen.« »Welche Aufmunterung aber für die, welche auf Bestrafung der Verräter dringen. Auch haftet Beyme an ihm wie eine Klette; der ungestüme Stein, Rüchel, die Prinzen, alle arbeiten vergebens daran, ihn zu entfernen. Selbst der feine und schlaue Hardenberg ist gescheitert. Mein werter Vetter, Sie sehen mit dem hoffenden und gläubigen Auge eines wahren Patrioten, ich – hege keine Hoffnung mehr, weil ich weiß, wie die Dinge in Königsberg stehen, – gerade so wie es in Berlin aufhörte – dieselbe Unschlüssigkeit, Ungewißheit. Niemand weiß, wer Koch und Kellermeister ist. Ein stiller und ein lauter Hader zwischen den Ministern und dem Kabinettsrate, unter den Ministern selbst; einer möchte den anderen verdrängen, täglich neue Kombinationen. Man will regenerieren, das heißt, man spricht davon; einer hat diese Meinung, der andere jene, der König kann sich nicht entschließen, was er einen alten, treuen Diener nennt, unrecht zu geben, so bleibt es beim alten. Das Militärwesen war verrottet, darüber sind jetzt alle einig, es ist ein allgemeiner Chorus. Sie könnten jetzt an die Umschaffung gehen, denn an Leuten fehlt es nicht, Davongelaufene, Ranzionierte, Freiwillige; Pferde, Munition, Monturen wären zu beschaffen, da England und Rußland helfen, Zeit hatte ihnen Napoleon und der Kot gelassen, den er mehr als unsere Armee fürchtet, aber geschehen ist nichts. Der Herr von Scharnhorst sinnt und planiert, aber Rüchel, der auch nicht fortzuschaffen ist, dominiert und weiß alles besser. Man lebt von der Hand in den Mund, ordnet für heute an und läßt den Zufall für morgen sorgen. Der Zufall war aber noch immer der Freund des Kaisers Napoleon. Er weiß ihn zu benutzen, wir, wenn er sich einmal für uns erklärt, nicht, und in diesem Augenblick schon ist vielleicht das Königreich Preußen, das heißt, was von ihm geblieben, auf russischen Grund und Boden versetzt, und seine Existenz hängt von der Gnade des Zaren ab.« »Und des Herrn, der Himmel und Erde schuf, und – und –« Der Major war in einer Aufregung, die er doch heute von sich fern halten wollte. »Und wenn der König, mein gnädiger Herr,« fuhr er fort, »des Sinnes wirklich entbehren sollte, der sein Geschlecht groß und herrlich gemacht hat auf Erden, wenn er in seiner zu großen Güte mehr auf die Elenden und Schlechten hört, als auf die Redlichen, wenn er nicht wie ein Hohenzoller wagen, sein Alles einsetzen will, um sein Alles zu retten, dann steht ihm doch noch zur Seite eine stille, erhabene Frau, ein Engel an Güte und – man weiß es jetzt – eine Frau, die das Herz am rechten Fleck hat, und einen Blick, der das Niederträchtige und Falsche erkennt. Man fängt an, sie jetzt zu erkennen, und wenn ich auch nichts auf die Gerüchte gebe, die uns von ihrem Mute, ihrem Verstande, ihrem Scharfblick zu Ohren klingen, ich habe jetzt einen anderen Beweis dafür. Umsonst wird Bonaparte die Königin Luise nicht durch seine niederträchtigen Schmarotzer und Tintenkleckser besudeln lassen, denn er tut nichts umsonst. Er muß sie fürchten. Mein Herr Hofmarschall, wenn Bonaparte zu fürchten anfängt, fange ich an, zu hoffen, und wen er fürchtet, auf den setze ich mein Vertrauen.« »Glauben Sie in der Tat, daß Ihro Majestät die Königin den Einfluß hat?« entgegnete der Hofmarschall nach einigem Besinnen. »Ihre Ansicht über die erhabene Frau, wer teilte sie nicht! Aber ich hatte doch manche Gelegenheit, das Verhältnis der erlauchten Gatten zu beobachten, und zweifle dennoch. Ich will zugeben, daß in ihr in den letzten Jahren eine Aenderung eingetreten ist, aber Seine Majestät ist derselbe geblieben, seiner Natur nach wird er immer derselbe sein. Sie ist eine Zauberin, aber keine Königin der Nacht, nur ihre Liebenswürdigkeit schafft Wunder, ihr Haß ist ohnmächtig. Hat sie, seit 1805, wie man sagt, Politikerin, auch nur einen einzigen aus der Haugwitz-Clique zu sprengen verstanden? Selbst den Lombard ließ ihr Gemahl, gleichsam ihr zum Trotz, wieder frei. – Vetter, wir sind unter uns, ja, er ist unser König und voll magnifiker Eigenschaften, solcher, die jeden Privatmann zierten, aber – was brauche ich Sie zu erinnern, wie er einst einen alten Edelmann, den Sie genauer als ich kennen, um einer freimütigen Darstellung willen abfahren ließ, und der Edelmann sprach doch nur für die Ehre und die unzweifelhaften Rechte seiner Standesgenossen –« »Von den liberalen Federfuchsern, denen er seinen Namen hergeben muß, nicht von ihm, kam die Abfertigung.« »Und er ist heut wie je in deren Banden. Er durchschaut, haßt sie vielleicht, wollen Sie mir entgegnen. Ist das nicht schlimmer, daß er sie doch nicht von sich abzustreifen den Mut hat! Sie haben den Mut und die Frechheit, zu bleiben, weil sie wissen, daß er sie nicht lassen kann. Es gibt nun einmal Naturen, die, ihrer eigenen beschränkten Gaben und Kräfte sich bewußt, darum sich freiwillig unter das Urteil anderer gefangen geben. Sie müssen ein Leitseil haben. Daran klammern sie sich so fest, daß alle Aussicht, Umsicht, und damit auch alle Wahl ihnen abgeht. Sie wollen nichts Besseres hören, denn frei werden sie nie, den Instinkt haben sie, und um nicht in neue, vielleicht schlimmere Knechtschaft zu geraten, klammern sie sich nur noch fester an die alte. Diesen Naturen ist es zugleich eigen, daß sie alles Geniale hassen, und genial ist in ihren Augen, was aus dem Geleise weicht, in das sie von Jugend aufgespannt sind. Die Königin muß in der Ekstase, in die sie die Verhältnisse gestoßen, dem Könige als genial erscheinen; statt ihn zu apaisieren, was er gern hätte, was er von der Gattin erwartet, regt sie ihn auf, sie denunziert gegen seine alten Freunde, sie fordert geistige Anstrengungen, Anschauungen, die ihm unbequem sind. Sie will die Königin zeigen, und er will nur die liebende, treue Hausfrau. Er ist heroisch gesinnt im Dulden, aber nicht, in außerordentlichen Verhältnissen über sich selbst zu erheben; und das verlangt sie von ihm, wenn nicht in Worten, dann in stummen Blicken, Seufzern. Darum fürchtet er sie, und das Gerede, daß er sich von seiner Frau leiten lasse; und schon darum wird er nichts von dem, was sie ihm rät, sondern lieber das Gegenteil tun, um nur den Schein zu retten, daß er sich nicht regieren, beherrschen läßt. – Vetter, der König wird nicht rufen . Schade, daß ein so vortrefflicher Mann an einen Platz gestellt wurde, für den er zu viel Tugenden hat und zu wenig Ehrgeiz.« Es mußten eigene Gedanken den Major beschäftigen. Er ließ sonst nie ein Wort gegen seinen Monarchen ungestraft vorübergehen. »Wer weiß« – rief er, nur wie unwillkürlich durchs Fenster auf den abgebrochenen Turm die Blicke gerichtet. – Hatte der Hofmarschall den stillen Prozeß seiner Gedanken verfolgt, als er mit halb lächelnder Miene einfiel: »Allerdings, jener Turm stände wohl noch ungebrochen, wenn seine Vorfahren von den milden Gesinnungen der gegenwärtigen Majestät beherrscht gewesen. Es wäre manches anders! Wir gestellten unsere Ritterpferde und wären steuerfrei; wir wären nicht ruiniert, sondern reich, denn wir besäßen wie viele schöne Güter, die man als verwirkte Lehne uns damals genommen hat – zum Besten des Allgemeinen natürlich, und unsere Vorfahren mußten demütig schweigen. Schade nur, daß das Allgemeine so wenig Erinnerung und Gefühl für die ihm erwiesene Wohltat hat! Wir sprächen auch wohl in den Landtagen mit, und unsere Stimme klänge etwas lauter und vernehmlicher, als die von den grünen Tischen. Sie müßten auf uns hören, während wir jetzt unser Ohr spitzen müssen, um nur alle Wohlmeinenheit zu verstehen, die sie in ihrer Weisheit über uns ausgießen. Der angeborene Adel gälte noch als geborene Räte des Fürsten, und die Gehalte und Pensionen für die hergelaufenen oder gütig aufgenommenen Fremden, aus allerlei Schreibe- und Friseurstuben und, Gott weiß wo sonst her, preßten nicht den Blutschweiß von uns armen Kontribuenten. Für unsere Bauern sorgen wir allein und vielleicht besser, als die Regierung es meint, die uns in ihrer gütigen Fürsorge täglich etwas mehr von unseren Rechten und Pflichten abnimmt, und, wenn alles wiederhergestellt wird, wie es war, noch weit mehr abnehmen wird. Die Lust hat sie dazu. – Wer kann dafür, daß dies eiserne Geschlecht vor vierhundert Jahren aus Franken ins Land kam – wir hatten es nicht gerufen – und an uns schüttelte und rüttelte, bis alles anders ward, als Gott und Natur es gemacht. Nun meinen einige – ich nicht, aber es sind gute Patrioten – warum wir uns denn abhasten, Leib und Seele einsetzen sollten, damit jene korrumpierten Zustände fortdauern und wieder anfangen.« Der Major hatte vorhin mit um so steigender Aufmerksamkeit jetzt zugehört, als er vorhin seinen Gedanken Audienz gegeben. Sein Auge leuchtete auf, wie der Schiffer dem Sirenengesang lauschen mag, aber wie ein kluger Schiffer, der die Klippe kennt, in welche die süßen Töne ihn verlocken wollen. »Herr Hofmarschall, Sie vergessen, daß Sie mit der Vernunft konspiriert haben. Kauft man ein altes Recht durch ein neues Unrecht wieder? Was man uns räuberisch einst genommen, erhalten wir es etwa zurück, wenn wir einem neuen, weit schlimmeren Räuber beistehen, denen ihr Alles und auch das zu entreißen, was sie durch jahrhundertalte Verjährung von uns besitzen? Mit nichten. Ihre Zunge geht mit Ihrer Klugheit durch, oder erwarten Sie von Bonaparte –« »Nicht daß er,« fiel der Vetter ein, »den Quiritzern ihr Lanken und Schöneiche, den Rochows ihr Potsdam, noch Ihnen die Dorgelower Marken wiedergibt, aber der Sieger, der aus der Revolution sich erhob, um sie unter die Füße zu treten, bleibt nicht der Liebhaber ihrer Maximen, wenigstens nicht von denen, die ihm keinen Vorteil bringen. Pikiert er sich nicht, an seinen Hof den alten Adel zurückzurufen! Könnte er in Frankreich auch die Feudalrechte wiederherstellen, ihn würde es nicht kümmern. In Frankreich geht das nun freilich nicht; was indes sollte ihn hier daran hindern, wenn er sich dadurch, ich sage nicht ihre Liebe erkaufte, aber doch den Widerstand eines ehemals mächtigen Standes paralysierte. Wie kajoliert er die Dalbergs –« Es war ein Fehlschuß. Des Majors Auge schoß einen jener Blitze, welchen eine Verwünschung zu folgen pflegte; aber er wollte heut Herr über sich bleiben: »Wer sich kajolieren läßt!« Weiter sagte er nichts, der Hofmarschall harte es aber vollkommen verstanden. Es war also auch jetzt hier noch kein Terrain zu gewinnen. Er protestierte dagegen, daß ein kurmärkischer Edelmann sich durch solche Künste je gewinnen lassen werde. Liege doch Napoleons Hand gerade um deswillen so spezifisch schwer auf Preußen, weil hier die Eroberung so schwer geworden, welche in seinen Kriegen allemal der durch die Waffen vorangehe; das müsse eigentlich das Bewußtsein des wahren Patrioten erheben und stärken. Wenn nun aber die Blicke auf die Zukunft ihn unterstützten! Nicht die Zukunft meine er, die im Schoße der Vorsehung ruhe, über die das rollende Geschoß des Kriegsgottes entscheide; da müsse man in Ergebenheit den Willen der Allmacht erwarten. Aber wenn nur die Zukunft, welche wir uns selbst bereiten, unseren Wünschen und Bedürfnissen entspricht. »Denn, mein werter Vetter,« schloß er, die Tür schon in der Hand, »gerade das, worauf Sie hoffen, ist es, was mich besorgt machen könnte. Siegt die Königin über das Kabinett, so wird der Krieg, darauf können wir gefaßt sein, mit einer neuen Energie fortgeführt. Vielleicht gehen wir alle darüber zu Grunde, wenigstens werden die letzten Kräfte des Landes verzehrt – aber – nun, mein Gott, auch darüber ist es verschieden zu denken erlaubt – am Ende besser, mit Ehren untergehen, als mit Schande bestehen! Aber – durch welche Mittel wird die Kriegspartei siegen! Es klingen wunderbare Nachrichten vom Pregel herüber, mit welcherlei Genies und Feuerköpfen Ihro Majestät verkehrt, welche Pläne, Projekte daselbst ans Licht gefördert werden! Daß sie für den Freiherrn von Stein exzentrisch eingenommen ist, hat nicht so viel auf sich, sie hält ihn allein gegen Seine Majestät, dessen Magen sich immer beschwert fühlt, wenn der Reichsfreiherr zu argumentieren anfängt und mit Poltern aufhört. Stein bleibt ein genialer Kopf, und bei allen seinen Irrtümern immer ein wirklicher Edelmann. Aber was kriecht und schlängelt sich da alles an, in die harmlosen Matinees, die Teeabende Ihrer Majestät! Bürgerliche, Gelehrte, Kaufleute haben Zutritt. Da sollen Prediger und Philosophen das Wort führen, einige sich sogar in das Vertrauen der Fürstin eingeschlichen haben. Man hört Ideen über die Geschichte der Menschheit, als ob es sich um das Menschengeschlecht handelte, wo es nur den letzten Zipfel von Preußen zu retten gilt. Wenn man der Bestimmung des Menschengeschlechts und den letzten Zwecken des Lebens nachhängt und denkt, so weiß man aus Frankreich, wohin das führt; nicht dahin, abzuwägen und zu bedenken, welche unveräußerlichen Rechte jeder Stand, jede Familie, jede Person hat, und daß es des Staates erste Pflicht ist, jedem zu schützen und zu bewahren, was das Seine ist, sondern zu der Ansicht, daß alles veräußerlich ist, alles genommen werden kann – zu des Staates oder der Menschheit Bestem. Und gerade darauf steuern sie los. Die Haare würden Ihnen zu Berge stehen, wenn Sie hörten, was man flüstert, was selbst Stein, was Hardenberg vorgeschlagen! Auflösen möchte man alles, Standes-, Korporations-, Zunftrechte, Stifte, Kommunen, Klöster, um für das Allgemeine etwas zu fischen. Man will uns ins Fleisch, das ist so ein Lieblingsausdruck dieser philosophischen Aerzte, das faule Fleisch will man ausschneiden, damit das Gesunde gerettet werde!« »Zu Opfern müssen wir bereit sein!« »Wer ist das nicht, zu großen Opfern, das versteht sich ja von selbst. Aber zu Opfern darf man uns nicht zwingen, sie müssen freiwillig dargebracht werden.« Der Major hatte mit entschiedenem Tone jene Worte gesprochen, aber als der Hofmarschall seine Theorie von der Opferbereitwilligkeit und deren Grenzen auseinandersetzte, besonders dahin steuernd, daß man von dem keine freiwilligen Gaben mehr fordern dürfe, dem man schon mehr genommen, als er billigerweise geben könne, hatte er längst nicht mehr darauf ein Ohr. Denn er hörte auf etwas anderes, und rief plötzlich: »Da ist ein Unglück geschehen!« Als er die Tür aufriß, stürzte schon die gnädige Frau herein, Minchen folgte, auch der alte Diener. »Nur keine Tränen! Schnell heraus! Was gibt's? – Ist der Colonel gestorben?« – Die Mutter warf sich schluchzend an seinen Hals. »Ach, Wolf« – sie konnte nicht mehr – Minchen wandte sich ab und wischte eine Träne aus dem Auge. Amalie war ihnen langsam gefolgt, leichenblaß, aber sie zitterte nicht. Klaren Blickes sah sie den Vater an: »Theodor ist gefangen.« Minchen umfaßte sie mit schwesterlicher Innigkeit. »Es ist noch nicht alles verloren – er lebt noch – er ist nur leicht verwundet.« »Er lebt nur, um zu sterben,« rief Malchen mit einer gehobenen, so klaren Silberstimme, wie man sie nie aus dem Munde des Kindes gehört. Dann aber, als hätte sie ihre Kraft erschöpft, war sie zusammengesunken; der Glanz ihres Auges war erloschen, die eben noch so belebten, feststrahlenden Züge waren matt, der klare Teint grau, so saß sie auf dem Stuhl, und als sie die Augen wieder öffnete, horchte sie mit fast lächelndem Munde dem zu, was die andern sprachen. Der junge Mensch war vor einer halben Stunde eingebracht worden, mehr wie ein Verbrecher, den Gendarmen auf der Straße ergriffen, als wie ein verwundeter Offizier, den man auf dem Felde gefunden und zum Kriegsgefangenen gemacht. Sein Kopf war mit einem Tuch umwunden, aus dem das Blut träufelte; Dragoner trieben ihn zwischen sich her. Die Mägde im Haus hatten laut beim Anblick geschrien. Sie waren dafür von den Soldaten barsch zurecht gewiesen worden. Man hatte den Kornett mit anderen Gefangenen in den abgebrochenen Turm gesperrt, ein häßlicher Franzos, der die Tür abschloß, hatte zur Großmagd gesagt: der käme auch nicht wieder los! Das etwa erfuhren die Anwesenden durch die von Schluchzen unterbrochenen Reden der Frauen, der Frau von Ilitz und die nicht weniger unruhigen Berichte des alten Hans. Minchen war mit ihre Schwester beschäftigt. Auch der Major war stumm; er sagte nur, wie in sich versunken, halb zum Lehnsvetter gerichtet: »Das ist auch ein Opfer! – Ob wir's freiwillig bringen?« Der Herr von Quilitz hatte wohlfeile Trostesworte für Mutter und Tochter. Er sprach von der Möglichkeit einer Freisprechung, Flucht. Wie wenig er daran selbst glaubte, verriet, daß er sogleich darauf noch mit einem anderen Trost bereit war: »Vielleicht stirbt er auch an seinen Wunden, und dann wird uns die Exekution erspart.« In dem Augenblick öffnete sich die Tür, und ein freudestrahlendes Gesicht blickte herein. So sahen wir auch Karolinen noch nicht. »Er lebt!« rief sie und ließ in ihrer Freude die Tür hinter sich auf. »Wer?« »Der Colonel! Die Wundärzte haben ihn untersucht. Der erste Feldscher war ein Dummkopf. Nur der Blutverlust hatte ihn so entstellt. Es ist eine leichte Wunde, in wenigen Wochen geheilt.« Karoline hatte nicht geahnt, zu welcher Scene sie kam; in ihrer Sorge um den Verwundeten hatte sie von dem, was diesen Auftritt veranlaßt, nichts erfahren. Am plötzlichen Verstummen, wie alle die Augen niederschlugen, konnte sie merken, daß ihre Mitteilung wie eine grelle Disharmonie in die Accorde hier gefahren war. Den Moment hatte der Lehnsvetter benutzt, sich durch die offene Tür zu entfernen. Vorher aber hatte er dem Major zugeflüstert: »Es ist doch möglich, daß der Colonel noch Ihrem Hause von Nutzen wird, halten Sie ihn nur warm.« Siebenundzwanzigstes Kapitel. Scheiden. Man konnte das Kind nicht begreifen. Alle schienen nur von einer Sorge bewegt – um Theodors Schicksal; Amalie schien gar nicht bewegt, sie war ganz ruhig. Aber es war eine gläserne Ruhigkeit in ihren Augen. Sie arbeitete und tat nichts; sie konnte lächeln, weil sie nichts dabei dachte; sie lächelte auch, wenn die andern sich abmühten, etwas zu ersinnen, um den armen Vetter zu retten. Sie denkt nichts dabei, dachten die anderen, sie ist krank; aber sie hörte die Reden und schüttelte wehmütig den Kopf: »Es hilft ja doch zu nichts.« Allerdings war es ein müßiges Sinnen. Sein Schicksal war ausgesprochen; jeder konnte, was kommen müsse, sich sagen, wenn auch die Machthaber mit der Vollstreckung noch zögerten, um keine der Förmlichkeiten zu versäumen, welche man im Kriege zuweilen für nötig findet, um einem mehr das Leben zu nehmen, zuweilen geht man auch rasch darüber weg, und es ist dasselbe. »Der Krieg will seine Opfer, wie Sturm, Wasser und Feuersbrunst. Jede Exekution aber ist ein Blitzableiter; die nicht getroffen werden, mögen Gott danken für die abgewandte Gefahr. Ja, es ist traurig, herzzerreißend, aber es ist nur ein junger, verlorener Mensch, aus dem Gott weiß was geworden wäre, und wenn sie diesen Sündenbock nicht gefunden, wer weiß, wen der Blitz traf! Hätten sie nicht möglicherweise, denn möglich ist alles, sich ein anderes, teures Haupt auswählen mögen? – Wut und Tyrannei sind blind. – Und, Vetter, denken Sie die Verzweiflung Ihrer Familie – unser aller, wenn sie einen Mann mit grauem Haar, einen Mann, von dem ich nichts sagte, als daß er ein wahrer Patriot war, wenn sie auch ihn dahin geschleppt, wohin sie den Bürgermeister führten. Darum, Gott sei gelobt, daß dies nun alles aplaniert ist.« Das sollte der Trost sein, den der Hofmarschall bei seiner Abfahrt für den Major bereit hatte; für Frau von Ilitz hatte er – nur Worte. »Wer weiß denn, wie sich noch alles fügt! Wenn sie ihn füsilieren wollten, warum haben sie es nicht auf der Stelle getan! Wo man eine Strafe aufschiebt, geht man selbst ungern daran, und jeder zufällige Umstand, der die Sache hinzieht, ist uns willkommen, bis – nun, Gott wird alles zum besten fügen!« hatte er mit dem herzlichsten Händedruck beim Abschied gesagt. Die Ungewißheit verschlimmerte die peinliche Lage. Die Franzosen waren stumm. Böse Gesichter scheuchten die Frager, vorgewiesene Kolben die Neugierigen zurück. Es hatte nicht einmal einer mit Bestimmtheit den Junker gesehen, nur Hans und die Großmagd glaubten, ihn erkannt zu haben; aber es war schon dunkel gewesen, sein Gesicht war von Tuch und Blut entstellt. Möglich auch, sie hatten ihn entschlüpfen lassen, warum sonst das Geheimnisvolle? Vielleicht war er auch schon seinen Wunden erlegen? War das ein Trost, wo sich jeder sagen mußte, es ist nicht wahr? – Der Major war den stummen Tränen der Seinen entschlüpft, aber als er in seiner Stube sich niederwarf, schien es, als hätte der zurückgehaltene Schmerz gewirkt, stärker, als er sich zugestehen wollte, er fuhr mit der Hand über seine feuchte Wimper: »Wenn das dem Kinde ans Leben ginge! Das ist der Bursch nicht wert!« Der Kandidat kam über den Korridor gegangen. Der Major stieß die Tür auf und winkte ihn herein. Sie hatten ein längeres Gespräch, es war verwandt dem am ersten Abend. In der erzumschienten Brust war etwas gelöst, und es floß wie ein Strom, der sich sanft über seine Ufer ergießt. Es schien von seiner Seite alles vergessen, was letzthin wieder zwischen sie gekommen war; der Kandidat erinnerte ihn nicht daran. Dennoch waren beide, ehe sie es sich versahen und gegen ihren Willen, wieder in eine Kontroverse geraten. Herr Mauritz sollte, das war des Vaters Wunsch, auf seine Tochter einwirken, ihr Fassung empfehlen, ihren Schmerz stillen, ihren Gedanken eine andere Richtung geben. »Ihre Tochter ist gefaßt, sie ist ruhiger, als ich sie je gekannt, ihren Schmerz aber anzugreifen, dünkt mich ein Eingriff in fremdes Eigentum. Kennen Sie, der Vater, denn ganz diesen jungfräulichen Schmerz? Was weniger ich! Edlen Seelen ist ihr Schmerz ein Schrein, worin sie ihr Bestes tun, er wird die Quelle zu schönen Entschlüssen und erhebenden Taten. Und warum den Gedanken eine andere Richtung geben wollen, wo wir weder ihren Quell genau kennen, noch auf welches Ziel sie selbst hinsteuern. Wir wissen nur, wohin wir wünschen, oder für gut halten, daß sie steuern sollen; wer aber gibt uns die Gewißheit, daß wir damit zum besten lenken!« Der Major fand das gut gesprochen, aber nicht christlich gedacht. Man müsse auf jedes Gemüt durch die Religion einwirken. »Ist die Religion ein Despot, ein Exerziermeister? Und wenn wir von ihren Segnungen erfüllt sind, sind wir um deswillen berechtigt, sie anderen aufzudringen?« »Aber verpflichtet! Es ist die Pflicht des Seelsorgers.« »Das bin ich zurzeit noch nicht; aber wenn ich es wäre,« entgegnete der junge Mann nach einigem Bedenken, »so gäbe es doch Verhältnisse, wo ich zweifelte, ob meine Pflicht zum Recht würde. Macht der Unteroffizier einen Rekruten zum tapfern Soldaten, indem er ihm die Montur aufpreßt und die Exerzitien und Handgriffe beibringt, wie einem alten Veteranen?« »Vielleicht – doch! – Steht der Mensch in Reih und Glied, ist er eben nur ein Glied in der Kette. Es kommt nicht auf ihn an; auf den allein, der die Kette in der Hand hat, auf das Rad, woran sie hängt. Der Offizier macht den guten Soldaten.« »Die Religion aber ist kein Exerzierreglement, sie kennt Höheres, weil sie etwas Höheres ist als die Disziplin. Das Glied in der Kette wird zum freien, selbständigen Wesen vor dem, der es schuf.« »Noch nicht satt von den schönen Freiheitsideen – Herr Theolog?« »Soll ich das größte, heiligste, beseligendste Geschenk, das den Menschen über die Kreatur zu seinem Schöpfer erhebt, denen aufdringen, die sich davor verschließen? Wehe uns, wenn das wieder zum Gesetz würde in dieser Welt der Arglist und Heuchelei. Wie zwing' ich den armen Betörten, der sich gegen den Trost verschließt, der nach der Sonnenglut des Tages die Brust zuknöpft, daß er sie aufreißt, um im linden Wehen des Abendhauches sich des Daseins zu erfreuen? Der Theolog, den Sie anrufen, weiß von dem Gnadenstrahl, der durch die Finsternis der Seele zückt, aber sein weisester und glühendster Priester vermißt sich nicht, daß er vollbringe, was allein des Herrn ist. Glaube, Liebe, Hoffnung, wie ein Quell sprudeln sie aus des Berges Grunde; so kommt auch der süße Trost, die selige Erleuchtung doppelt erfrischend, belebend, wenn er gefunden wird, während der Müde nach anderem sucht, nimmermehr auf ein Kommando.« »Und doch gräbt man Brunnen. – Eure Theologie wird erst gesund werden, wenn sie aufhört, gelehrt zu sein und spitzfindig zu argumentieren.« »Vielleicht erst dann, wenn sie die Lust zum Herrschen und zum Richten aufgibt.« »Aber die Furcht Gottes erwecken, das verträgt sich doch noch mit Eurer mystischen Liebe, Herr Kandidat? Meinen Sie, daß Faßbinder in dem Kinde die religiösen Gefühle nicht recht erweckt hat? Sie ist der Gehorsam selbst gegen den Vater, warum nicht weiter? – Genug, Sie sehen, Malchen verkommt. Ein rechtes Wort von Ihnen zur rechten Zeit, denn – sie horcht ja auf Sie, sie tut alles, was Sie gutheißen. Ist das für Sie kein Fingerzeig, das Mädchen von ihrer törichten Liebe abzulenken?« »Nein, Herr Major.« »Weil Sie eigensinnig sind.« »Weil« – der Kandidat stockte – »weil ich nicht weiß, ob sie wirklich in törichter Liebe an dem jungen Offizier hängt – es wäre ja denkbar, daß sie diese ihre erste Jugendneigung schon überwunden hat – daß nur das allgemeine, das Schicksal ihres Verwandten, vielleicht die Angst um ihren Vater, ihre Familie –« »Sie sind darin verständig, Herr Mauritz, ich meine, daß in einem Hause nur einer Herr sein soll. Seit Sie darin sind, ist zu dem einen, an dem es genug wäre, meine ich, ein zweiter gekommen. Der kommandiert zwar nicht, o, er tritt sehr bescheiden auf, aber man fragt offen oder im stillen nach seiner Meinung, und was er rät, vorschlägt, das geschieht. Ich klage nicht darüber, denn das ist Frauenart, so von je gewesen, und wird so bleiben, daß sie sich Rats und Trost einholen, wo ein rauher Vater und Ehegatte ist, beim sanften Beichtvater, gleichviel, ob er eine Tonsur trägt oder einen melancholisch gestrichenen Scheitel. Verstehen Sie mich, ich klage nicht darüber, ich jage den Beichtvater auch nicht zur Tür hinaus, weil die weibliche Schwäche absolut eines weichen Schwammes bedarf, in den sie ihren Jammer ausdrücken kann, und weil ich nicht weiß, ob, wenn ich den einen fortschickte, nicht ein anderer wiederkäme, der schlimmer ist, aber – von solchem Beichtvater erwarte ich denn auch, daß er seine Stellung und seine Pflichten begreift. Er muß Frieden stiften, dem Hausherrn entgegenkommen und von ihm das abhalten, was ihn stört. Wer hat jetzt Zeit für rote Augen und Familienjammer! Das Vaterland liegt in der Agonie, und der Mann hat abzuwägen, ob mehr Mut dazu gehört, noch zu hoffen, oder die Hoffnung aufzugeben. Also – wenn Sie der Mann sind, den Gottes Geist erleuchtet, so begreifen Sie Ihre Lage, Ihre Pflicht. Ich übergebe Ihnen meine Tochter – wenn – wenn das Schlimmste kommt – und ich sehe kein Mittel, es abzuwenden – dann sprechen Sie ihr Trost ein, den besten, den Sie haben, richten Sie die Geknickte auf. Sie können es, Sie müssen es, ich fordere mein Kind von Ihnen. – Nun, mein Herr! – Noch immer stumm? – Sie zittern ja. – Ei, ei, Sie, so mutig oft, daß Sie auch mir Lehren geben wollen, werden doch aus einem sechzehnjährigen Mädchen machen können, was Sie Lust haben?« Die Unterredung war längst vorüber, aber Herr Mauritz zitterte noch immer. Er war auf seiner Stube. Er entsann sich nicht mehr, was er noch eingewandt, er glaubte, er habe Verwirrtes gesprochen. Der Major hatte die Stirn gerunzelt und mit den Worten geschlossen: » Wem ich Vertrauen gezeigt, von dem erwarte ich, daß er es zu schätzen weiß.« – Er hatte ihm ja schon einmal Vertrauen gezeigt, ein ungewöhnliches, und hatte der Kandidat Dank, auch nur Anerkennung für seine Handlungen in der Stadt geerntet? Woher dies neue Vertrauen, nachdem der Hausherr in der langen Zwischenzeit auch nicht das geringste Zeichen einer Zufriedenheit verraten? Freilich, der Major kannte nur Pflichten bei denen, welche keine Rechte beanspruchen dürfen; aber zitterte der junge Mann vielleicht darum, weil er den Auftrag für eine Versuchung und Falle ansah? Retten konnte er nichts, nichts an dem Unabänderlichen ändern. Vielleicht wollte der rauhe Mann gerade das, um seiner Ohnmacht sich zu freuen und einen Grund zu finden, seiner sich zu entledigen? Da ging die Tür auf; sie mochte nicht ganz verschlossen gewesen sein, und zu dem Zitternden trat eine, die auch zitterte. In Karolinen, was wir nachholen müssen, war auch eine Veränderung vorgegangen; man achtete nur nicht darauf, entweder, weil sie ihre Unruhe besser zu verbergen wußte, oder weil die Besorgnis der Familie sich allein auf die jüngste Schwester gewandt. Was niemand ausspricht, mögen doch vielleicht alle fühlen, und Karoline hatte am allerlebhaftesten gefühlt, welche Dissonanz sie neulich in den Empfindungen der anderen hervorgerufen. Was diese vielleicht schon wieder vergessen hatten, wirkte in ihr eine Unruhe, ein bitteres Gefühl; war es Scham, Reue oder plötzlich erwachte Schwesterliebe? Sie wollte es wieder gut machen, sie überhäufte Malchen mit Zeichen der Teilnahme und Zärtlichkeit, worauf diese doch nur mit starren Blicken geantwortet, und wenn ein wehmütiges Lächeln um ihre Lippen gespielt, schien sie nur zu fragen: Was kümmert Dich denn das, Du denkst ja doch an ganz anderes. So dachte Karoline, denn wer auf Irrwegen geht, ist argwöhnisch. Ihr Gewissen trieb sie auch an, etwas zu tun, aber warum schlug das Herz so lebhaft, als sie über die Mittel sann? Warum war sie so heimlich, errötete, als könne jemand etwas merken? Warum war sie jetzt über den Korridor geschlichen wie eine Verbrecherin, die ertappt zu werden fürchtet? Dies hatte nun wohl seinen Grund, denn als sie kam, hatte sie die Stimme des Kandidaten in der Stube des Vaters gehört. Sie war stehen geblieben und hatte auch den Vater, am Ende hatte sie das ganze Gespräch gehört. Nun durfte sie sich doch nicht verraten, und hatte sich in die Ecke gedrückt, als Herr Mauritz an ihr vorüberging, und jetzt – vielleicht um ihn um Entschuldigung zu bitten, vielleicht – Gott weiß warum, sie selbst wußte es nicht, war sie in seinem Zimmer. Auf seinen verwunderten Blicke, auf sein: »Gnädiges Fräulein!« schien sie erst wieder zu sich gebracht. Doch arbeitete es noch in der Brust, bis sie Worte fand, es waren nicht die, es war nicht das, was sie sagen wollte. »Ich habe Sie behorcht, ich weiß alles,« und sie warf sich auf den Stuhl, ihr Gesicht verbergend. »Wir leben in einer schweren Zeit, mein gnädiges Fräulein, wo das Maß von sonst für die Verhältnisse nicht mehr ausreicht,« hatte er erwidert, und sie mit einer Heftigkeit, die er an ihr nicht kannte, entgegnet: »Ja, so ist es, es wird alles anders werden. Wir haben uns zu lange getäuscht und eingeredet, daß etwas noch sei, was nicht mehr ist, und Sie haben immer hier die Wahrheit gesagt, aber man hörte Sie nicht. Nun hat auch der Vater auf Sie hören müssen, es hat ihm Mühe gekostet, seinen Stolz zu überwinden, aber er hat Sie zu unserm Vormund eingesetzt. – Mein Gott, wir müssen doch jemand haben, zu dem wir aussprechen dürfen, was uns ängstet, der uns versteht, uns deutlich macht, was uns verwirrt, und Rat gibt. Sind wir doch so mit einem Male hineingerissen in ungeheure, wunderbare Verhältnisse, die über unsere Köpfe zusammenschlagen.« – »Starren Sie nicht so verwundert auf mich,« hub sie wieder an, als er noch vergebens nach dem Schlüssel zu dem unerwarteten Auftritt suchte. »Wo alles sich verrückt hat, alles sich verrückt hat, alles anders ward, bin ich auch eine andere geworden. Sind wir hier in Ilitz, bin ich in Berlin für das erzogen, was über uns hereinströmt? Hat uns der Lehrer gelehrt, haben wir's von unsern Eltern, hat der Prediger es uns gesagt, was wir tun, wie wir handeln sollen? Unsere Eltern – was ich rede! – Nun aber sollen Sie uns helfen, der Vater selbst hat Sie dazu eingesetzt, und meine Schwester muß gerettet werden. Sie muß – wir müssen alles daran setzen. Das will ich von Ihnen hören.« Was wollte sie von ihm hören! Sie war doch nicht im Zustande, um nur ruhig anzuhören, was er von ihr sagen konnte: daß man noch immer nicht wisse, ob das Kriegsgericht wirklich zusammengetreten sei, daß zurzeit bei dem besinnungslosen Zustande des verwundeten Obristen kein höherer Offizier im Hause wäre, um zu präsidieren, daß man glaube, sie warteten auf die Ankunft eines solchen, somit noch immer die Möglichkeit einer Aenderung da sei. Sie hatte nur das eine herausgehört: »Er ist nicht mehr besinnungslos! Ich sah es, die Tür stand vorhin offen – er fragte den Chirurgen, wie lange er werde liegen müssen? Der Arzt sagte, das hinge ab von der Ruhe, die er pflege. Er lächelte schmerzlich: »Das sagen Sie einem Soldaten, der sein Leben nur nach den Tagen der Unruhe zählt!« »Ich begreife Sie nicht, Fräulein.« »Was sind in solchen Momenten die Rücksichten! War ich nicht, waren nicht alle dabei, als er auf der Bahre gebracht ward? Sie trugen ihn ungeschickt, er fiel, und der Verband ging ab, sein Blut floß an den Boden, wir alle schrien, sprangen hinzu – faßten mit an – da hier auf meinem Aermel ist noch ein Fleck von seinem Blut.« »Was soll das Ihrer Schwester – was soll das dem Kornett helfen? Besinnen Sie sich, Fräulein.« »Hab' ich das nicht gesagt? – Ach, mein Kopf ist wirr und wüst. – Er hat ein menschlich Herz – Herr Mauritz, Sie hörten ihn nicht, wie ich, nicht dort in der Stadt, nicht hier – er ist edel, bei Gott, er ist ein durchaus adliger Mann, er ist uns Dank schuldig – vielleicht sein Leben, seine Rettung – ach, Sie wissen ja auch darum – ich vergaß es – er vergißt es nicht, er ist ein Ritter im wahren Sinne des Wortes. Vater sieht es nicht, weil er es nicht sehen will – er darf auch jetzt nichts sehen, nicht darum wissen –« »Wohin irren Ihre Gedanken! Wir sind bei Ihrer Schwester, bei Ihrem Vetter. Fräulein Karoline, Amalie ist zu retten, wenn wir Balsam für ihren Schmerz finden; der Vetter ist, fürchte ich, nicht zu retten.« »Wenn ich ihm zu Füßen stürze –« »Wem?« »Nicht doch zu Füßen. Wenn er wacht, das Fieber ihn verlassen, meine Bitte, den Frieden, die Ruhe einer Familie, die er achtet, nicht zu stören – Herr Mauritz, der Colonel kann Theodor retten.« Der Schlüssel zu dem Rätsel schien nun dem Kandidaten in die Hand gegeben, aber doch vielleicht nicht ganz. Sie blickte schüchtern zu ihm auf: »Sie sind nun unser Beichtvater, Vater selbst hat Sie dazu bestellt; was für die eine Tochter, muß doch auch für die andere gelten.« »Ihr Vater –« »Würde den Schritt nicht zugeben,« unterbrach sie. »Nimmermehr. Er würde außer sich geraten.« »Es läßt sich vielleicht vermitteln.« »Keine Vermittlung! Die meines Vaters käme zu spät, oder die Art, wie, tötete die Wirkung. Ich muß allein zu ihm, ich, jetzt, auf der Stelle – Arzt und Wächter haben ihn verlassen. – Es ist eine günstige Stunde. Niemand darf darum wissen. Herr Mauritz, ich weiß, was ich wage, den Zorn meines Vaters – Pflicht gegen Pflicht – das andere kümmert mich nicht. Ich bin entschlossen, aber Sie haben zu entscheiden. Er hat seinen Willen in Ihre Hand gelegt. Jetzt will, fordere ich Ihren Rat, nein, Ihre Zustimmung, Ihren Beistand.« »Wenn Sie zu dem Schritte schon fest entschlossen sind!« »O, seien Sie mir nicht böse, ich wollte Sie nicht aufbringen. Aber mir ist so bang, nicht vor dem Vater, nur vor dem Ungewöhnlichen. Sprechen Sie ein Wort, das wie ein Segen klingt. Ich bin doch nur ein schwaches Mädchen. Was wir in Romanen gelesen, wenn das mit einem Male wirklich wird, wenn die Helden und Gespenster, die uns da erscheinen, nur zur Lust für unsere Phantasie, plötzlich ihre kalte Hand wirklich auf uns legen, wenn die Abgründe vor uns gähnen – Herr Mauritz, Sie müssen uns beistehen; legen Sie Ihre Hand auf mich.« »Sie täten den Schritt, Karoline, auch wenn –« »Sie mich festhalten wollten! Ich risse mich los. Ich muß!« »So sei der Geist, der Sie treibt, ein guter, und sein Geist, der solches Verhängnis über dies Haus zuließ, wende Ihre Schritte zum besten!« Als sie hinaus war, trieb es ihn, ihr nachzueilen, aber er zauderte an der Tür. Schwebten schon die mitternächtlichen Gespenster durch die öden Gänge? Amalie brauchte gerade jetzt seine Hilfe, der Gedanke wollte nicht fort. Er schritt vor ihrer Schlafstube wie eine Schildwache auf und ab, aber es war drinnen still. Von unten kam ein matter Lichtschein. Im großen Saal mußte sich jemand verspätet haben. Er schlich leise hinab und hatte sich nicht getäuscht. Bei der dunkel brennenden Kerze erkannte er Amaliens Figur am Fenster, in der Stellung einer Lauschenden. Beim Geräusch, das sein Eintritt verursachte, wandte sie nur etwas den Kopf um und winkte ihm Stille zu. Dann reichte sie ihm ihre Hand und sprach mit leiser Stimme: »Das ist gut, daß Sie kommen.« »Was geht hier vor?« »Sie haben ihn aus dem Turm dort in den Seitenflügel gebracht –« Mit Verwunderung sah der Kandidat einen matten Lichtschein aus den Fenstern eines Zimmers dringen, das, nur noch zur großen Polterkammer dienend, selten betreten ward. »Woher wissen Sie es, Fräulein? Sollten Sie ein Verhör –« Sie schüttelte den Kopf: »Sie haben ihn gerichtet.« »Fräulein – Amalie – liebes Kind, Sie haben Visionen, Sie müßten durch die Mauern sehen – Ihre Spannung reizt Ihre Nerven und macht Sie krank. Sie sollten dem Wunsch Ihrer Eltern nachgeben und sich zum Schlafen niederlegen.« »Damit ich zu der Nachricht aufwache: Theodor ist tot? Nein, Herr Mauritz, das wenigstens kann mein Vetter und lieber Jugendfreund von mir fordern, daß ich wache, bis – bis er die kleine Spanne Zeit ausgelebt hat.« Der Kandidat hatte wenig, oder eigentlich keine Hoffnung, daß Karolinens Schritt gelingen werde. Dennoch gab er sich Mühe, ihr den Gedanken auszureden. Was halfen ihm die Gründe, mit denen man sich im Schloß zu trösten versucht! Malchen hörte ihn mit der ruhigsten Miene zu und sah ihn dann so hell an, daß er die Augen senken mußte. »Sie glauben selbst nicht dran. Warum geben Sie sich so viel Mühe, mir etwas einzureden, was doch kein Trost sein kann? Denn, wenn ich es auf einen Augenblick glaubte, so würde es ja um so schrecklicher nachher. Da meine ich, ist es am besten, sich das Schreckliche vor Augen zu halten, damit es nicht mehr erschreckt. Wenn ich recht lange ins Dunkle sehe, erkenne ich die Gegenstände und glaube sie ganz deutlich zu sehen, wo andere noch gar nichts sehen als Nacht, und sich fürchten. So ist's mir jetzt; ich fürchte mich gar nicht mehr. Ich sehe Theodor ganz deutlich, wie damals, als er bei uns im Hause war, mit den blonden Locken, mit dem blauen Auge, das einen so unschuldig ansehen konnte – und ich meine auch zu sehen, wie sein Gesicht jetzt immer klarer wird – der spöttische Blick, das wilde Lächeln und dabei der schmerzliche Zug um den Mund, wie er in Nauwalk zu uns kam, sind verschwunden – er wird auch wie ich in die Nacht gesehen haben, und hat gefunden, daß es nicht so dunkel ist, wenn man nur vertraut, daß alles, was geschieht, zum Guten ist. – Nun ist's auch gut, daß Sie hier sind.« »Sie erwarteten mich?« »Ich wußte, daß Sie kommen würden. Es ist mir lieber – es ist mir lieb, daß jemand bei mir ist. – Anfangs hatte ich Sie bitten wollen, bei den Offizieren zu bitten, daß sie mich noch einmal zu ihm ließen. Das hätten sie wohl nicht abgeschlagen; aber es ist so besser. Mein Anblick hätte den Armen auf dem Wege zum Tode wohl noch verwirrt. O, er hat sich nichts vorzuwerfen, aber froh soll er sein, durch nichts gedrückt. Er soll der Muskete ins Auge sehen, wie wenn er auf dem Schlachtfelde stände. Er wäre gewiß ein guter Offizier, vielleicht ein großer General geworden. Nun ruft der liebe Gott ihn früher ab. Er hat ihm gegönnt, daß er mit Ruhm stirbt. Die Feinde sagen, er hätte sie in der Dorfgasse da angegriffen und sich geschlagen wie der beste Reitergeneral; hätten alle unsere Offiziere ihre Schuldigkeit getan wie er, dann stände es anders um den Krieg. Ich weinte vor Freude, als ich es hörte, ich küßte ihm die blutende Stirn in Gedanken. Sagen Sie ihm das –« »Ich!« Amalie ergriff die Hand des Kandidaten und wollte sie in lebhafter Bewegung an die Lippen bringen. »Ja, Sie sollen – Sie tun's mir zuliebe, Sie sollen ihn zum Tode begleiten. – Lassen Sie mir doch die Hand, Herr Mauritz! – Sie sollen es mir versprechen.« Er versprach es durch einen Händedruck. »Möge der Augenblick, wo ich das heilige Versprechen erfülle, wenn überhaupt, noch lange nicht eintreten.« In dem Augenblick ward die Stille draußen durch Töne ebenso unerwartet unterbrochen, als sie auf die beiden einen ganz verschiedenen Eindruck machten. Es war Musik; eine geübte Hand gleitete über einen Flügel, und die Macht der Kunst entlockte ihm Klänge, die das alte Instrument nur mit Widerstreben noch von sich zu geben schien. Der Kandidat erinnerte sich, daß unter anderem Gerümpel auch ein Spinett in dem Saale stand, ein unbenutztes Erbstück, mit Staub und Spinneweben überzogen. Der Spieler jetzt darauf mußte es, wie es ging, gestimmt haben, denn wenn auch unwillig, die Saiten folgten dem Willen des Meisters, wie der Schaum der Welle dem Kiel, der seinen Frieden zerrissen hat, und die schwermütig süßen Töne schwellten über den Hof. So konnte nur Theodor spielen, es konnte nur Theodor sein. Das Lied war eine neue Komposition des Königs von Thule. »Wer so in die Saiten greifen kann, geht nicht zum Tod. Seine Haft wird schon erleichtert, das ist ein Uebergang zur Befreiung.« »Ja, zur Befreiung!« Sie stieß einen Ton aus, der in die Seele schnitt. »Sie lassen ihn noch einmal spielen, – weil er nie mehr spielen soll.« Sie war auf den Stuhl gesunken und bedeckte das Gesicht. Ein unterdrücktes Schluchzen accompagnierte die immer schwermütiger, aber immer schöner und freier tönenden Klänge, bis der Becher ins Meer sank und man das Rauschen der Wellen zu hören glaubte, die über ihn zusammenschlugen. Aber aus der Tiefe wirbelten andere Töne, lustiger, stürmischer, rufend, es wurden Trompetenklänge, Accorde aus dem Reiterliede und dem Dessauer Marsch. »Er will als Soldat sterben!« sprach sie. Der Kandidat hatte auf andere Töne gehorcht. Dumpf, aber vernehmlich klangen sie aus den hinteren Baulichkeiten: schwere Tritte, Gewehrkolben – da blitzte ein Licht – der Schein einer Laterne, Bajonette schimmerten auf – das Klavier war verstummt. »Beten Sie, Malchen –« flüsterte er mit zitternder Stimme – »beten Sie für ihn. Seien Sie stark – ich gehe zu meiner traurigsten Pflicht.« Sie war lautlos aufgesprungen, hatte krampfhaft seine Hand ergriffen, hob sich auf den Zehen und hauchte einen Kuß auf die Lippen des jungen Mannes. »Den von mir – ein Schwesterkuß – der erste, letzte. – Schnell, um Gottes willen schnell.« Sie lag auf ihren Knien. – Es war eine fürchterliche Stille, nur unterbrochen vom unwillkürlichen Zusammenschlagen ihrer Zähne. – Sie konnte ja nicht beten, sie mußte horchen. – Für wen betete sie? – Der kalte Angstschweiß perlte über die Stirn. – Da kam es die Treppe herab – hastige, aber leichte Tritte. »Herr Mauritz! Herr Mauritz!« es war Karolinens Stimme. Sie trat in großer Aufregung, ein Papier in der Hand, ein. »Wo ist der Kandidat? – Er muß zu den Offizieren. – Es wird alles gut werden,« rief sie zur Knienden, als sie diese erblickte. »Stehe auf, Herzens-Malchen, schaff mir nur Deinen Herrn Mauritz – der Obrist, o, er ist, – Gold ist nicht echter – hier ist sein Wille, seine Vorstellung an den Richter. Ich mußte sie aufsetzen – er diktierte – Gott sei Dank, er hatte schon Kraft, sie zu unterzeichnen.« »Gnade! – um Gottes Barmherzigkeit willen.« »Die kann er nicht gewähren, – nur Aufschub; man soll erst das Protokoll einfordern, in welcher Art die Offiziere damals ihr Ehrenwort gegeben – aber jeder Aufschub ist –« Malchen sprang auf und riß ihr das Papier aus der Hand. Sie riß das Fenster auf, sie wollte schreien, da versagte ihr die Stimme. – Es blitzte hell aus dem Obstgarten – gleich darauf ein – zwei – ein vielfacher Knall widerhallte an der geschlossenen Mauer des Hofes. Er schien durch die Eingeweide der Schwestern nachzuhallen. Malchen wankte zurück; sie sank auf die Knie, den Kopf im Stuhl, die Hände krampfhaft gefaltet, mochte sie jetzt wirklich beten. Auch Wilhelmine war nun hinzugekommen. Die Schüsse hatten sie geweckt; in ihr Tuch gehüllt, sah, ahnte und wußte sie, was geschehen. Die Ahnung, in traurigen wie in freudigen Dingen, ist oft eine lebendigere Vermittlerin, sie spricht deutlicher, klarer, tiefer als Worte und Schrift. »Der liebe Gott erbarme sich unser!« Der Kandidat stand auch wieder im Zimmer. Brauchte er die Lippen zu öffnen, ein Wort zu sprechen? Wie verräterisch ist schon der Gang eines Menschen. Man hört das Herzklopfen aus seinen Tritten, wenn ein Bittsteller sich der Schwelle naht, den trotzigen Entschluß, die frohe Botschaft – ach, was mehr die traurige an den langsamen Schritten, wo die Sohle sich nicht vom Boden lösen mag! Es war geschehen, – das, was keiner mehr änderte. Der Geist des Jünglings, dessen Blut noch rauchte, schwebte durch die lautlos Versammelten. Sie senkten die Augenlider, ihre Zunge schien am Gaumen zu kleben, auch war es zu überwältigend gekommen, als daß der Schmerz in stillem Schluchzen oder hellen Tränen sich lösen konnte. Amalie war es, die zuerst die Augen aufschlug und den Mut hatte zu fragen: »Wie starb er?« »Wie ich wünsche, daß Gott in meiner letzten Stunde mich stärke. Nicht trotzig, nicht verzagt; ohne Bitterkeit und ohne Klage. Als wären die Schlacken abgefallen und es strahlte schon aus den Toren der Ewigkeit auf seine Jünglingsstirn das Licht, das keinen Schatten wirft. Die rauhen, rohen Menschen selbst, welche die Laterne auf seine Brust hefteten, fluchten vor Bewunderung.« »Was der arme Theodor wohl zuletzt gesprochen?« »Es war ein kurzes Wort, aber wie ein schöner heller Bach, der, aus dem Felsen sprudelnd, in die See fällt. Ein tiefer Seufzer, ein Aufschnappen, es galt seinem Vaterlande: Es kann ja nicht aus sein für immer; ich fühle es, ich werde wieder leben, rief er, indem er die Halsbinde abriß und die frischen Ströme der Luft einsog; so soll, muß, ja, es wird wieder leben, auch mein Vaterland, wenn die nur besser werden, die nach uns kommen, und mehr lernen als wir. Sie müssen's ja wieder gutmachen, was wir verdorben hatten.« »An sein Vaterland dachte er zuletzt!« »Noch an etwas, was ihm teuer im Leben gewesen, und eine Röte überzog sein blasses Gesicht: ob ihm wohl alle vergeben hätten? Der Tod löscht die Schuld dieser Erde! Als ich ihm eine letzte stille Botschaft vertraute, glänzte sein Auge auf, er stürzte an meine Brust. Was ich ihm überbracht, gab er zurück, mit einer Bitte, die ich nicht versagen konnte und doch nicht erfüllen darf –« Als hätte nun der erstarrte Schmerz sich gelöst, waren die Tränen aus den Augen der Schwestern gestürzt; es war einer der Momente, wo die Rücksichten als wesenlose Schatten gefallen sind und die Pulse schlagen, wie die Mutter Natur sie ihren Kindern gab. Auch die Augen des Kandidaten waren feucht, vermutlich wollte er sie trocknen, als er die Arme hob. Aber es kam anders, die Hand kam nicht mehr an die Augen. Malchen lag an seiner Brust. Ob, um die Botschaft des Toten zurückzuempfangen, ob aus Dank für den Ueberbringer, oder weil sie schwach war, wer sagt es. Aber schwach war sie wirklich, der Kandidat mußte sie mit beiden Armen halten, und die Träne aus seinem Auge fiel auf ihre Stirn. »Gott im Himmel, Herr Mauritz, verlassen Sie mich nicht. Ich weiß nicht, wie mir wäre, wenn Sie nicht hier wären.« An Nervenzufällen litt man vor fünfzig Jahren weniger als jetzt; wenigstens in den Provinzen, von denen hier die Rede ist. Es gab noch keine Schienen und überhaupt noch zu wenig Wege, welche das Land in augenblicklichen Rapport mit allen Fluktuationen der Hauptstadt setzten. Aber vor kamen sie auch damals schon, und es war eine Art Nervenanfall, wie Malchen auf dem Kanapee saß, aufschluchzend und zitternd vor hellem Weinen. »Lassen Sie ihre Hand nicht los,« flüsterte Minchen hinter der Kanapeelehne zum Kandidaten. »Wenn Sie mit den Fingern sanft darüber streichen, wird sie ruhig und lächelt.« – Und sie ward ruhiger und lächelte. Er fragte vieles, und sie antwortete aus ihrer Seele, klar und hell. Sie sprach, was sie nimmermehr, nicht vor dem Kandidaten, nicht vor ihren Schwestern, gesprochen hätte. Sie sprach so viel, daß Herrn Mauritz das Herz schlug; er zauderte zu fragen, und eine unwiderstehliche Macht drängte ihn doch. »Theodor ist glücklich!« sprach sie. »Er wäre glücklicher geworden, wenn er lebte.« Sie schüttelte den Kopf. »Es war ja nicht wahr, ich habe ihn nicht geliebt. Das wußte ich – ganz gewiß.« »Seit wann, Malchen, kam Ihnen die Ueberzeugung?« Sie lächelte. »Das kann ich doch nicht sagen. – Da, als er so wild und träumerisch zu uns kam und in sich fuhr, wenn ich ihn ansah – nein, auch da war es schon nicht mehr – es war schon als –« Er fiel ein: »Als Sie erfuhren, daß er eine andere liebte?« Sie sann nach: »Nein, sie war so schön, das hätte ich ihm vergeben, da konnte ich mich ja gar nicht mit ihm vergleichen, aber ich verglich ihn mit anderen und fragte mich, wie andere wohl an seiner Stelle gehandelt hätten?« »Und doch die Angst und Seelenpein um ihn, die nur die Liebe eingibt.« – »Kann das nicht auch Gewissensangst gewesen sein?« »Der Schmerz um seinen Tod! Verstellung ist das doch nicht?« »Nein, nein, Herr Mauritz, aber – lieber Gott im Himmel, vergib mir, ich habe vielleicht doch nicht so gebetet, als ich sollte, für sein Leben. Ist das Sünde, Herr Mauritz, wenn ich still bei mir dachte: es ist vielleicht doch gut, wenn er stirbt. Darum war er mir schon wie ein Toter. Ich gönnte ihm das ewige Leben, ich freute mich herzinnig, daß er mit Ruhm aus diesem fortging, aber – aber es überfuhr mich kalt der Gedanke, wenn er wieder aufstände, wenn man ihm Pardon gewinkt, wenn er zurückkäme. – O, ich habe nicht seinen Tod gewünscht, wahrhaftig nicht, aber so wie sonst konnte es doch nie mehr werden! Wenn er von mir gefordert hätte, daß ich gegen ihn wie sonst – ach, Herr Gott, ich weiß nicht, ist das eine Sünde?« »Sünde, Du liebe Büßerin, ist die Unwahrheit gegen sich selbst, gegen Gott, gegen andere. Sei wahr, wie in dieser Stunde gegen Dich, gegen ihn – sei es auch gegen die Menschen, wenn sie ein Recht haben, Dich zu fragen, – und der Herr im Himmel wird alles zum besten fügen!« Die Schwestern hatten sich leise der Tür genähert. Hatten sie ein Recht, noch hier Zeugen zu sein, wo die beiden nur den Himmel dazu angerufen? Malchen weinte an seiner Brust, aber es waren andere Tränen; kein Quell mehr, der konvulsivisch aus der Brust sich herausarbeitete, es war ein stiller, süßer Erguß der Seligkeit und des Friedens. Caroline schielte gebückten Kopfes zurück. Es schien sie zu frösteln, sie zog das Tuch um die Ohren. »Ob wir« – Minchen ergänzte die Frage, »den Vater wecken? Ach nein, Line. Laß Vater und Mutter schlafen, die schlimmen Botschaften kommen immer früh genug. Und wer weiß, was dann noch kommt!« Achtundzwanzigstes Kapitel. Ritter und Reiter. Wären alle Wunden so leicht zu heilen gewesen als die des Colonel! Die im Hause Ilitz gingen tiefer. Auf den Gesichtern seiner Bewohner aber merkte man sie nicht. d'Espignacs Befürwortung mußte man es verdanken, daß der Troß der eingelagerten Gäste sich bald verzogen, ja, der Obrist hatte, in Berücksichtigung, daß Dorf Ilitz so viel gelitten, dahin gewirkt, daß es in nächster Zeit von aller Einquartierung verschont blieb. Als er das Bett verlassen konnte, hatte er in einem verbindlichen Billet den Major ersucht, ihn in seiner Kutsche nach Nauwalk fahren zu lassen; er fühle, wie schmerzlich die Anwesenheit eines Mannes sei, an den für die Familie so traurige Erinnerungen sich knüpften. Der Major hatte darauf freiwillig einen Besuch in des Colonels Stube gemacht, wo beide sich bald verständigt. Wäre es auch dem Hausherrn nicht bekannt geworden, daß der Obrist einen Schritt getan, um Theodor zu retten, so hatte er ja keine Schuld und keinen Teil an dem – was der Krieg und seine Gesetze mit sich bringen. Der Militär hatte mit dem Militär freiwillig Hände geschüttelt. Ja noch mehr, er fand jetzt zum erstenmal, daß die alte verräucherte Stube für einen Offizier seines Ranges unpassend sei; er bot ihm einen Tausch mit einer geräumigeren im Hauptgebäude an, der – freieren Aussicht wegen. d'Espignac hatte freundlich gedankt: er liebe gerade solche alten Zimmer. Mit einem Seufzer setzte er hinzu: »Ich ward auch in einem geboren wie dieses, und vielleicht noch etwas älter; leider ist es zerstört. Es blieb kein Stein davon.« Er ging leicht darüber hinweg, zu einem anderen Gegenstand. Der Wirt fragte, ob es in seiner Macht stünde, zu seiner Erheiterung und Unterhaltung etwas zu beschaffen. »Sie gaben mir schon viel,« war die Antwort, indem er auf die Bücher an der Wand wies. Einige lagen aufgeschlagen auf dem Tische. Die theologischen Disputationen aus dem siebzehnten Jahrhundert, Streitschriften zwischen Reformierten und Lutheranern konnten ihn unmöglich interessiert haben, es mußten daher wohl die heraldischen sein, welche seine Aufmerksamkeit so beansprucht, daß er den Major versicherte, er finde für sich sehr viel Belehrendes darin. Als er der Familie, den Arm in der leichten Binde, seinen ersten Besuch abgestattet, und die Hausfrau ihr Bedauern ausgedrückt, daß er in der weiten Fremde die Sorgfalt und Pflege lieber Verwandten werde entbehrt haben, die durch nichts zu ersetzen wäre, hatte er mit seinem Lächeln erwidert: »Ei, gnädige Frau, ich war unter Verwandten.« Die gnädige Frau war erstaunt, aber die Familie und auch der Major gingen darüber hinweg wie über eine leichte Plaisanterie, als er erwähnte, daß zur Zeit der Bluthochzeit die Witwe eines ermordeten du Rozieres mit ihren Kindern bei den Latour d'Espignacs ein Asyl gesucht, und daß man die eine der lieblichen Waisen nicht wieder hinausgelassen. Sie hatte einen Sohn aus der Familie geheiratet. »Freilich, war doch Adam unser aller Vater,« hatte er scherzend das Gespräch geschlossen. Der Colonel genas, er konnte wieder reiten. Wir sehen ihn eines Tages an der Seite seines Wirtes durch die Heide streifen. Er teilte diesem mit, daß er vorhin einen unerwarteten Spezialauftrag erhalten, der, unter andern Verhältnissen ihm schmerzlich, jetzt angenehm käme, ihm daher erlaube, noch länger bei seinen edlen Gastfreunden zu verweilen. »Ich soll nicht zur Armee. Gute Freunde gönnen mir nicht die Aussicht auf Ruhm, indem sie mir hier einen Polizeidienst zugewiesen haben. Ich soll die Strömungen in dieser Provinz beobachten, und da es mir gelungen, die verlorenen Parteigänger zu unterdrücken, hoffe man, daß es mir ebenso gelingen wird, die inneren Bewegungen und Lebenszeichen der Patrioten zu überwachen. Eigentlich ein Spionendienst, aber was ist denn der Ruhm in der Armee! Genug, ich gehorche und hoffe, daß man mir einen leichten ausgesucht hat. Ich behalte mein Quartier in Ihrem Hause, Herr Major, weil ich da am sichersten bin, daß ich nichts zu rapportieren haben werde. Nicht wahr?« Der Herr von Ilitz schlug in die leicht dargereichte Hand. »Sie kennen meine Grundsätze. Sie wissen, wie ich den Schmerz empfunden, aber auch glaube, überwunden zu haben, den unüberlegter Jugendmut meinem Hause bereitet hat.« Sie ritten eine Weile schweigend nebeneinander, der Colonel schien erheitert, er ließ sein Pferd courbettieren; der Major war ernster, fast bewegt gestimmt. »Mein Herr d'Espignac,« hub er nach einer Pause an, »ich liebe nicht, wenn die Empfindungen auf der Zunge schwimmen, aber Sie nötigten mich, aus der Regel zu fallen. Ihr Vertrauen, es ist ein sehr großes, Ihr Benehmen gegen meine Familie beschämt mich, vergessen Sie, daß ich nicht ebenso Ihnen entgegenkam, daß ich vergaß, daß auch in einem Bonaparteschen Offizier der Kavalier nicht untergegangen zu sein braucht, wenn er vorher ein wahrer Edelmann war. Mein Herr, ich bereue selten etwas, diesmal empfinde ich Reue.« Mußte dem Pferde des Colonels etwas in den Weg gekommen sein, oder zwang ein unwillkürlicher Schenkeldruck des Reiters es zu der seltsamen Bewegung, die es in die Lüfte machte, um doch gleich wieder, von seiner kräftigen Hand gelenkt, sich schmiegsam neben dem des Majors zu halten? Aber ein Beobachter, der nicht da war, hätte zugleich einen ganz eigentümlichen, leuchtenden Zug um Mund und Augen des lebhaften Südländers bemerkt, den er sich bei dieser Gelegenheit ebensowenig erklärt haben würde als das Aufschnalzen mit der Zunge. War es Lust, Zorn bei einer aufsteigenden Erinnerung? Jedenfalls war es nur eine momentane Wallung; wie Pferd und Reiter in ihre vorige Haltung, so war auch bald das Gesicht des letzteren in den vorigen melancholischen Ernst gesunken. Vielleicht findet man eine Erklärung für das auffallende Benehmen des Fremden in dem Folgenden, was er mit offenbar bewegter Stimme sprach. »Bereuen Sie nichts, ich verdiente es; nicht jetzt, aber ich habe es verdient. O, mein Herr, Vertrauen gegen Vertrauen! Wenn Reue zur Pflicht gegen uns selbst wird, ist sie an mir; und doch bin ich oft mit mir uneinig, ob wir denn für unsere Handlungen, die wir, vom Zeitstrome fortgerissen, begehen, einstehen müssen, ob da nicht eine unsichtbare Macht über uns waltete, die unser Advokat sein muß vor uns selbst. Was ich bin, ist vor Ihnen kein Geheimnis, obwohl ich es vor meinen Kameraden, Oberen, Soldaten, wenn nicht gerade verberge, doch nicht zu Tage legen darf. Es ist vielleicht auch das unrecht; doch davon ist hier nicht die Rede. Das aber war ich, durch Geburt, das heilige Recht des Blutes, und was ich dazwischen geworden, wer löscht die Erinnerung aus!« – Nach einer Pause, in der er Worte zu sammeln schien, fuhr er mit trockener Kürze fort: »Ich war ein Jakobiner, mein Herr von Ilitz, ein so hitzköpfiger, toller, wie nur einer, auf meinem Kopfe leuchtete die rote Mütze, in den Klubs hielt ich Reden, von Gleichheit, Freiheit, Blut, Priester- und Königshaß sprudelten sie, ich habe die Carmagnole getanzt, die Göttin der Vernunft adoriert. – Nun, Sie haben die Geschichte unseres Wahnsinnes gelesen; der Tropfen hat nur die Farbe des Meeres. Hatten Sie das erwartet, Herr von Ilitz? Ich frage mich oft, wie war das möglich, und habe keine Antwort.« Der Major hatte ihn ruhig, ohne Zeichen der Verwunderung und des Affektes, angehört. »Die Antwort schickten Sie ja voraus. Es gehören festere Grundsätze dazu, als die Pädagogik unseres philosophischen Jahrhunderts der Jugend einimpft, um dem giftigen Strom der revolutionären Grundsätze zu widerstehen; es sind andere, größere, höhere als Sie, Herr Marquis, der Ansteckung erlegen, und gerade diese waren es, welche das Verderben über die Völker gebracht. Sie werden es zu verantworten haben, daß sie das Götzenbild Staat aus dem Altertum in unsere germanische Welt zitierten, wodurch mit den Worten die natürlichen Begriffe verschwanden. Sind wir, ist der Bürger, Bauer, der Tagelöhner, der von der Hand in den Mund lebt, glücklicher, weil man ihnen die hohlen Begriffe Menschenwürde, Gleichheit, Freiheit, Staatsbürgertum und Gott weiß was, eingeimpft hat, statt –« Der Obrist wehrte mit der Hand. »Was diese Schmerzen neu wecken, wo der alte Irrtum noch wie das geile Unkraut wuchert! Wir brauchen uns doch darüber nicht zu verständigen.« »Trösten Sie sich,« fuhr der Major fort, »auch unsere jungen Offiziere sangen Freiheitslieder vor der Rheinkampagne. Ich selbst, ich schäme mich nicht, es einzugestehen, ich pfiff einmal bei einem Weingelage mit! Nur einigen Oesterreichern zum Possen. Ich bereue es wie Sie, wir sind dafür gestraft. Aber ich versichere Sie, von allen unsern Offizieren, welche damals ihre Kehle anstrengten, heute singt keiner mehr das ça ira. Gründlich kuriert wie Sie, Herr Marquis. Denn Sie stürzten sich um deshalb in die Kriegskarriere; das taten viele französische Edelleute, wenn sie nicht emigrierten. Ich vergebe Ihnen sogar Ihren Enthusiasmus für den Kaiser. Wer im Ertrinken ist, fragt nicht, wozu das Brett oder der Strick vorher gedient, er greift zu.« War es aus Courtoisie, oder um seinen Fehler gutzumachen, daß der Herr von Ilitz sich in einer Art Apologie für Napoleon, freilich immer bedingt, erging: »Das bleibt ihm, er hat die andere Canaille totgeschlagen, und er ist von Familie – gegen den Adel der Bonapartes ist nichts einzuwenden.« »Schlagen Sie den so hoch an?« entgegnete der Colonel nach einigem Nachdenken. »Mir erscheint der Adel dieser korsischen Familien nur wie ein Clanadel, weder getragen durch einen historischen Ursprung, noch besiegelt durch Anerkennung.« Der Herr von Ilitz sah ihn etwas verwundert an. »Aber, Marquis, das ist ja der älteste Adel, der, auf ureigener Scholle wurzelnd, sich in die Nebel der Vergangenheit verliert. Was braucht er Briefe, Pergamente, Titel und Abzeichen, wenn jeder ihn kennt. So ist auch der englische Adel –« »Aber nicht der ganze. In meinem Sinn ist der echte Adel, ich meine den, dem wir angehören, ein Kind des Krieges, der glücklichen Eroberer, welche aus ihren Urwäldern und Klippenküsten mit Jugendkraft die abgestorbene Welt zerschlugen und unter sich teilten. Verzeihen Sie, mein normannisches Blut sprudelt zuweilen auf; ich kann es mir nicht anders vorstellen. Jene erobernde Ritterkaste, ihren Herzögen folgend, war die jugendliche Blüte des Volkes. Statt des alten Daseins in der dürftigen Heimat, schufen sie sich da, wo die Sonne heller scheint, eine neue Welt mit dem Zauberstabe Schwert; sie gaben ihre Gesetze, die Gesetze, denen die Welt bis zu der unglückseligen Revolution untertan war. Alles in schöner Gliederung der Stände, wie ein wohlgefügter Harnisch, der als Ganzes eins ist, in seinen Teilen aber dem natürlichen Körperwuchs angepaßt; die Beinschiene paßt nicht auf den Arm, der Helm nicht auf das Knie. Um den Kriegsfürsten scharten sich seine Paladine, in Tapferkeit und edler Sitte stets in edlem Wettkampf. Sie lernten und lehrten das Leben genießen, in steter Abenteuerlust. Es gewinnt erst seinen Wert, wenn wir es wie eine Fahne über die Schanze schleudern, und stürmen, um es wieder zu erobern. Die kühnen Söhne zogen aus, die Väter und alten Gevattern blieben daheim sitzen bei ihrem Hafer und Kohl in alter Gleichheit und Trägheit, bei tausendmal erzählten Sagen und Angewöhnungen. Das junge Geschlecht macht sich seine Sagen selbst durch die Taten; nichts von Trägheit, nichts von Gleichheit; es schuf sich Genüsse, von denen jene Seßhaften nichts wußten, Genüsse für sich, die auch für andere wurden; so wurden sie in ihren Ritterspielen, Minne- und Ritter-Höfen zugleich die Beglücker, Wohltäter des Menschengeschlechts, die Förderer der neuen Kunst und Kultur. Das ist mein Rittertum, mein Adel; ohne einen Kriegsfürsten kein Adel, denn die Glieder sind nichts ohne das Haupt, und wenn Sie meine Ansicht billigen, entschuldigen Sie auch wohl, daß faute de mieux mancher gute Edelmann Napoleons Stern mit einer Art Fanatismus folgt. Ich, wie gesagt; habe es so weit noch nicht gebracht.« Mochte der Major die Ansicht des französischen Edelmannes nicht ganz billigen, und merkte dieser es? Er schien einzulenken. »Soviel ich Ihre Verhältnisse verstehe, müßten Sie mir beistimmen. Was waren die adligen Geschlechter dieses Landes anders als das Heergefolge der deutschen Kaiser und ihrer Markgrafen, ihrer Ritter und Vasallen, die mit ihnen auszogen zur Eroberung der Slavenländer. Die Markgrafen setzten sie auf dem eroberten Boden ein, um ihn zu schützen und zu kultivieren!« »Nicht alle, mein Herr.« »Ich weiß, es blieben auch wendische Familien auf ihrem Eigenen sitzen, die sich zu guter Zeit unterwarfen und mit den Siegern vertrugen; das sind doch aber nicht die wahrhaften, echten Adelsgeschlechter.« »Es ist einer der schwierigsten Punkte, auszumachen –« »Welche Familie deutscher, welche wendischer Abkunft ist,« unterbrach der Franzose. »Ich weiß es. Aber die Ihre ist doch echt germanischen Ursprungs, wenn nämlich die Angaben in jenem Quartanten –« War es dem Colonel darum zu tun gewesen, seinen Wirt auf ein Feld zu locken, wo seine Zunge mit seinen Gedanken und Empfindungen durchging, so hatte er seinen Zweck erreicht. Er fiel dem Gast ins Wort, um von vornherein jeden Verdacht gegen den Verfasser des Quartanten abzuschneiden. »Wenn die Kritiker nur etwas zerstören können, was fest steht! Was ist denn fester als die Tradition, die durch Jahrhunderte geglaubt wird! Ist ein Blatt beschrieben Papier ein besserer Beweis! Ich muß gestehen, daß ich jetzt vor allen Chroniken und Historienbüchern eine Art Mißtrauen bekomme, wenn ich an die Windbeutel denke, die über die Dinge von heut schreiben, ohne eine Sterbenssilbe davon zu verstehen. Jener Skribent aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts ist allerdings eine ehrliche Haut, er schrieb, was die feinen Herren heut nennen würden, ohne Kritik; das heißt, er brachte zu Papier, was er hörte und was damals geglaubt wurde. Mehr hat ein Historiker nicht zu tun; was er von seinem Glauben und Guthaben hinzutut, schenke ich ihm, denn jeder Leser ist im Grunde genommen doch wieder selbst Kritiker und glaubt entweder oder verwirft, was er liest; wozu also der Kohl und Schaum vorher, den man erst fortwerfen muß, um zum Fleisch zu gelangen!« Sie waren auf eine kleine Anhöhe gekommen, nördlich vom Gute, von wo man nach Mittag eine ziemliche Uebersicht der von uns oft beschriebenen Oertlichkeiten hatte. Wenigstens sah man deutlich die grauen Mauern des Hauses Ilitz, von den hohen braunen Rüstern wie von einem Netzwerk umstrickt. Auch ragte der Spitzturm von Querbelitz aus den Höhenzügen vor, welcher das dahinter liegende Moor halb verdeckte, während seine Anfänge und die Hügel, welche die Quierlitz teils durchbrach, teils umwässerte, nach links zum Vorschein kamen. Dorthin mochte man über Moor und Felder am Horizont, wenn ein Sonnenblick darauf fiel, ein großes, leuchtendes Haus entdecken, es war das neue, jetzt aber schon wieder sehr veraltete Herrenhaus von Quilitz. Der Major, der zur Erörterung eines ihm ans Herz gewachsenen Themas nur Luft schöpfen wollte, strengte doch das Auge an, als beschäftige ihn etwas beim Anblick eines Hauses, das sein Fuß nie betreten. Er glaubte eine Bewegung daselbst zu sehen, die er sich nicht erklären konnte, es mußte wohl eine Täuschung sein, als er ruhig anhub: »Sie wurden in der kurzen Zeit bewanderter in unsern Verhältnissen, als es, Gott sei's geklagt, viele unserer Gutsbesitzer sind. Dieser Sandboden war unserer, soweit der Lehnsverband Eigentum gewährt. Was haben wir noch davon! Unsere Lehnsherren wechselten, wir nicht, das hat die Verhältnisse verrückt. Man spöttelt jetzt darüber, daß unsere Väter bei jeder Huldigung ihre Gerechtsame und Privilegien sich gewährleisten ließen, weil man meint, was recht sei, das bleibe es auch gegen jeden Erbfolger. An der Geschichte unserer Adelsgeschlechter könnten die weisen Herren das Gegenteil studieren, wenn diese Theoretiker überhaupt einen Begriff von Recht hätten. Ich rede nicht von dem, was die ersten Hohenzollern uns antaten. Sie kamen als Eroberer, und darüber ist Gras gewachsen. Ich will es nicht ausreißen. Aber was ist seitdem geschehen, wie hat man an unserm Fleisch und Blut gesogen und gezwickt, als wäre der Rittergutsbesitzer nur da, um Fourage für den Unsinn zu liefern, der an den grünen Tischen ausgeheckt wird. Und das wird immer toller. Was nahm man uns unter dem Soldatenkönige Friedrich Wilhelm I. Der große Friedrich regierte, als ob wir nicht da wären, und unser gegenwärtiger, gnädiger, guter Herr, dem Gott wieder Glück und langes Leben schenke, möge er es dazu anwenden, wieder gutzumachen, was seine schlechten Räte schlecht gemacht haben. Aber auch dazu ist keine Aussicht. Was haben wir denn noch, möchte man fragen, nachdem sie uns alles genommen? Unter dem Kurfürsten das Recht, mitzusprechen in den Dingen, die uns angehen. Die Stände, die sich unterstanden, zu meinen, daß Gott ihnen einen Mund gab, um zu reden, und jeder ein Recht, für sein verbrieftes Recht sein Advokat zu sein, schmiß man in das Cachot, man holte sie mit Stricken und Zangen aus der Fremde, um sie aufs Schafott zu schleppen. Ich will aber auch darüber das Gras wuchern lassen, der neuere Begriff Majestät verblendete die Geister, es war eine Wahnkrankheit wie die, welche Ihnen, Herr Marquis, die rote Mütze auf die Stirn drückte. Was soll Kalksteins verspritztes Blut meines in Wallung bringen, wenn seine Söhne und Enkel nicht anstanden, demütigst um Verzeihung zu bitten, daß ihrem Vater ein Unrecht geschehen. Wer zum Dienen und Apportieren Lust hat, was habe ich alter Tor ein Rechte ihn zu hindern, daß er ein Pudel wird! Ach, mein Herr Marquis, man möchte oft an der Menschheit verzweifeln, und die Edelleute sind leider auch nur Menschen. Aber – aber was sind wir, wo nicht einmal ein bissiger Hund sich aufrichtete, als man uns eine Steuerfreiheit nach der andern nahm. Mit meinen Arm und meinem Blut, auf meinem Roß, und mit so und so viel Mannen hatten die Quarbitz auf Ilitz die Verpflichtung, zu ihrem Lehnsherrn zu stehen, wenn er in den Krieg rief, und ich meine, die Verpflichtung war auch ein Recht. Meine Väter nahmen's wenigstens so. Wer gab nun dem Könige, der eigensinnig seine Souveränität auf einem rocher de bronce stabilieren wollte, statt auf den Herzen seiner Vasallen, ein Recht, ohne uns zu fragen, dies Verhältnis zu changieren, und statt unserer Dienste das Ritterpferdegeld zu fordern? Wenn ich nun die achtundvierzig Taler nicht zahlen will, wenn ich mein Blut dafür geben will! Kann ein Monarch mehr fordern? Aber es ist auch damit noch nicht getan, wir werden's erleben, und man wird uns auch das letzte nehmen, wodurch wir dem Könige und dem Vaterlande noch nützen können – unsere Bauern. Immerhin, man mag uns auch unsere Söhne, Töchter, Frauen, uns selbst nehmen. Das wäre am gescheitesten und der kürzeste Prozeß.« Die Galle war dem Herrn von Ilitz durchgegangen. Das kam wohl vor; aber es war vor einem Fremden, einem Feinde! Mochte dieser zuerst den Verstoß fühlen, der seinem Gastfreund, wenn der Impuls vorüber, ein Schamgefühl zu Gesicht treiben mußte? – Er lenkte schnell vom Gegenstande ab. Ob das preußische Land allein von diesen Uebeln gelitten, ob der zerstörende Druck von oben auf die bestehenden Verhältnisse nicht durch das ganze Volk gehe? Was die Regierung der preußischen Könige dem Adel angetan, hätten sie gewissermaßen in ihrer Eigenschaft als Kriegsfürsten wieder gutgemacht. Als berühmte Feldherren und Helden gäben sie dem Adel, den sie in seinen ständischen Rechten niedergedrückt, wieder eine Bevorzugung, die ihn an seine alte Bestimmung erinnert. Es können doch nur Edelleute Offiziere werden? »Wenn man uns das noch läßt! O, es ist deshalb Geschrei. Als ob die Bürgerlichen nicht genug hätten, daß man sie unter Husaren läßt. Die Artillerie steckt ja ohnedem ganz voll.« Dem Franzosen entfuhr ein leichter Seufzer, indem er das Wort Artillerie wiederholte. »Man könnte meinen, diese eine Waffe habe mehr und zerstörender eingewirkt auf die bestehenden Rechtsverhältnisse als Rousseaus, Voltaires und Paynes revolutionäre Ideen. Das Rittertum ging an ihr unter, jüngst auch das Königtum. Auch die Schlösser des märkischen Adels wurden ja wohl durch eines dieser furchtbaren Instrumente niedergelegt, gegen welche Manneskraft nicht ausreicht?« »Es wäre auch ohnedem geschehen. Ihre Kraft war zu stark, nachhaltig. Dazu war das eiserne Geschlecht klug, sie hatten durch Versprechungen die Städte auf ihre Seite zu bringen gewußt, und das Krämervolk half dann redlich schon damals mit auf uns losschlagen. Merkten so wenig als jetzt in ihrer gemeinen, heimtückischen Freude, daß sie mit den Schlägen gegen den Adel sich selbst in den Nacken schlügen. Von welcher ehemaligen Macht sprechen die Mauern, Türme, Rathäuser dieser kleinen Provinzialstädte, und was steckt jetzt dahinter? Kehricht und Armut. Das haben sie davon geerntet, daß sie vom Adel sich lossagten, denn sobald die Hohenzollern mit uns fertig waren, ließen sie's die Bürgerherren entgelten, daß sie einmal in die Notwendigkeit versetzt gewesen, mit Schneidern und Schustern Alliance zu schließen.« »Das geschah auch wohl sonst in der Welt, Herr Baron. Um ihr Mütchen an den Edelleuten zu kühlen, ließen und lassen sie sich von den Fürsten das Netz bis über die Ohren ziehen, und die Schneider und Schuster wurden niemals klug. Scheinen doch andererseits die Städte überhaupt, mit oder ohne Gelehrte, mit destruktiven oder ohne Ideen, zu unseren unversöhnlichsten und schädlichsten Feinden destiniert.« »Die unversöhnlichsten mag sein, die schädlichsten, das wurden wir selbst. Wo hält noch die Ritterschaft zusammen? Wo blieben jene Einigungen aus dem Mittelalter, durch die wir uns stark erhielten? Nicht, weil man uns einigemal gesprengt, auf den Kopf geschlagen, sondern weil uns der Mut darauf verging, darum sind wir unterlegen, Nur, weil wir nachgaben, freiwillig unser geheiligtes Recht fallen ließen, schwoll die Fürstenmacht zu der unnatürlichen Stärke an, die endlich alles Lebendige des ständischen Lebens erdrückte oder mit sich fortriß. Wenn einmal einer wagte, seine Stimme zu erheben, wie gafften sie ihn erschrocken an, sie freuten sich wohl innerlich, daß er den Mut hatte, aber sie selbst hatten ihn nicht, blieben mäuschenstill. Sie warteten ab, ob es gelingen würde, und damit ging alles verloren. Dies Abwarten, Marquis, ist der Rost, der unseren Stahl zerfressen hat. Sie möchten wohl, sie reden schön und frei, aber wenn's zum Handeln kommt, wollen sie erst sehen, wohin sich die Wage neigt. O, diese herzliche Maxime: einer kann doch nicht gegen den Strom schwimmen, man muß nicht aufsässig sein, wenn man sieht, daß alle sich unterwerfen, man verschwendet seine Kräfte ohne Not und schadet seiner Sache, statt ihr zu helfen – – das hat unseren Stand untergraben und verdorben.« »Unseren allein?« lächelte der Obrist. »Wenn der rauschende Strom alles mit sich fortreißt, gehört eine heroische Freiheit dazu, sich gegen ihn zu stemmen. Fordern Sie die von den Menschen?« »Nein, aber vom Ritterstande; ich setze sie beim wahren Ritter voraus, als sein Patrimonium. Er soll sich nicht in den Wirbel stürzen wie der tolle Curtius, so wenig als mit den Windmühlenflügeln kämpfen, wie Don Quichote, allein er soll seiner Ritterpflicht eingedenk sein gegen oben wie gegen unten. Ich stand einmal so gegen meinen König. Es hat mir eine Woche Festung eingetragen, und ich quittierte den Dienst. Hätten nur fünfzig, nur zehn Gutsbesitzer, die über die Verordnung damals lauter schrien als ich, nämlich in ihren vier Wänden, zu mir gestanden, es wäre anders gekommen. Zeter schrien sie freilich, brauchten Ausdrücke gegen die Majestät die ich nicht wiederholen will, schworen alle, mit mir nach Berlin zu ziehen, um am Thron ein Wort zu sprechen, das im Lande widerklingen solle, aber als ich Anstalt machte, kamen nur zwei mit. Die besannen sich aber auch unterwegs, daß einer doch nur das Wort führen und einer so gut als drei sprechen könne.« »Hat man Ihnen nicht auch eingewandt, daß eine solche Protestation in Masse wie eine Konspiration ausgelegt werden könne?« »Nein, das nicht, aber mein Vetter, der Quilitzer, reiste mir nach und beschwor mich, es nicht selbst vorzubringen, sondern unser Anliegen einer Hofdame, oder war's einer Kammerfrau der Königin, zu übergeben. Wenn die es zu gelegener Stunde vorbrächte, könnten wir des Erfolges gewiß sein. Gewiß hatte mein Vetter recht, es ist ja ein kluger Mann; durch seine Kammerkatzen hätte er es durchgesetzt, und ich setzte es nicht durch, sondern kam auf die Festung und um meinen Dienst. Aber wenn heute der Fall wieder wäre, ich würde auch heut keine Kammerfrau und keine Hofdame inkommodieren, sondern mir selbst den Bescheid holen. Wenn alle Edelleute dieses Sinnes wären, Herr Marquis, dann gäbe es heut noch einen Adel. Wir selbst haben uns aufgegeben. Nicht die Schwachherzigen, die sich durch Kammerherrenschlüssel, Pensionen, Bänder, Aemter, Rücksichten abziehen lassen, nicht die Abtrünnigen und Verräter sind der schadhafte Fleck, – den stößt man ab, wo der Körper gesund ist, – aber unser Korpus ist es, der an der Mattherzigkeit siecht, am Unglauben an uns selbst. – Was verspielt ist, dem sollen wir nicht mehr nachlaufen, eine Einigung wie vor dem Kremmer Damm ist nicht mehr möglich, und auch die Sprache des alten Burgsdorf gegen den Kurfürsten wäre nur eine antiquirierte, aber es gäbe noch immer Positionen, wo wir uns halten könnten und einen Teil unserer alten Stellung wiedergewinnen. Das hat keiner auch nur mal versucht. Unter dem vorigen Könige, statt von dem Schand- und Schlammhaufen am Hofe sich zurückzuziehen, in grollender Würde auf ihren Gütern, wenn sie keinen lauten wagten, einen stummen Protest einzulegen, intrigierten sie lieber, um durch eine Maitresse die andere zu verdrängen. Die neue adlige sollte gut tun, was die bürgerliche uns schlimm getan. Welche Hebel wurden da nicht in Bewegung gesetzt, und was war das Resultat? Wind um Wind! Ich dankte dafür. Was haben wir getan, als die Clique Aug' und Ohr des jungen Königs immer enger umstrickte? Sie schwänzelten und girrten um die Lombards, Haugwitz, Lucchesini, wie sie um die Riez und Schulzky, und wie die Menschen hießen, geschwänzelt hatten. Nun, nicht alle, aber schlimm genug, daß es einige taten, und schlimm, daß die anderen zu scheu waren, sie auszustoßen. Was ist eine Kette, kann jedes Glied tun, was es Lust hat, ohne die anderen zu beflecken? Wenn Glieder mit der Canaille Hand schütteln, schweißt der Schmutz durch die anderen. Wir sahen die Früchte, und was taten sie neulich, was tun sie jetzt? 1805, als der Degen uns halb aus der Scheide fuhr, da wär's an der Ritterschaft gewesen, ihn ganz rauszureißen. Das durften auch Vasallen, wo sie sahen, daß ihr Lehnsherr eines Vormundes bedarf: das war nicht Felonie, es ist in guter alter Zeit oft geschehen. Da dachten sie an ihre gesegneten Felder, an den lieben Frieden – das ist der Weg zum ewigen Friedhof für die Nationen. Und auch diesmal, was haben wir denn eigentlich getan, um dem Könige Mut einzublasen? Hofkabalen bei dieser und jener Prinzessin, Lieder, Toaste, gewetzte Degen an Türschwellen; hie und da opferte ein Edelmann so und so viel Malter Korn und Stroh auf dem Altar des Vaterlandes. Und das Elend, daß so viele, sonst brave, tüchtige Männer nicht lieber sterben wollten, als im Elend fortleben! O, das hat uns eine Wunde versetzt, die lange, wenn nicht ewig, in Preußen bluten wird. Und was tun wir jetzt?« »Sie fügen sich, wie die anderen Stände, in das Unvermeidliche,« fiel der Obrist ein. »Den anderen Ständen überlaß ich diese Raison, mein Herr Colonel. Ihr Interesse ist ihr Götze. Wir sollen nicht vom Roß unter unseren Lenden uns fortreißen lassen, sondern es gegen seinen Willen dahin treiben, wo unsere Pflicht ruft, denn umsonst ist nicht das Symbol unseres Standes, der Sporn .« Damit schien das Gespräch zu Ende, denn der Herr von Ilitz hatte unvermerkt die Sporen seinem Tier in die Weichen gedrückt. Der Colonel sah ihm befremdet nach, er schlug gerade die Richtung auf Quilitz ein. Erst gestern hatte d'Espignac, vor dem der Major kein Geheimnis mehr zu haben schien, von dem Verhältnis der Lehnsvettern zu einander gehört. – Unten auf der Landstraße fuhren zwei vollbepackte Equipagen vorüber. Vor ihnen sah man drei Leiterwagen, noch höher mit Gerät und Möbelwagen beladen, eben in den Kieferwald einbiegen. In der Kutsche saß die Quilitzer Familie; die lange Rike, die zum Fenster hinaussah, mochte den Vetter auf der Höhe erkennen, sie winkte ihm mit dem Tuche; um miteinander zu sprechen, war die Entfernung zu groß. Der Major hatte stillgehalten und salutierte. Der Colonel dachte an eine Flucht oder Auswanderung, der Major aber sagte: »Sie fahren nach den Klostergütern. Aber mit Sack und Pack, was soll das heißen?« Da kam ein Reiter über das Feld gekreuzt, es war der Baron Eppenstein. Er hatte die Worte gehört. »Wissen Sie's noch nicht? Der Hofmarschall läßt sein Schloß einreißen; darum zieht er mit Kind und Kegel nach Schwanebeck und Schmachtenhagen.« »Plaisanterie, mein Herr Baron, die finde ich hier nicht angebracht!« »Da sehen Sie die Staubwirbel! Wenn es still wird, können Sie die Aexte klingen und die Steine rollen hören.« »Ist er toll geworden?« »Ei, Herr Major, ein so kluger Mann wie Ihr Vetter! Das Haus hat Risse, weiter nichts als Risse, baufällig; der italienische Baumeister hat bekanntlich seinen Eltervater betrogen. Ueber Nacht hat der Hofmarschall einen Knall gehört oder geträumt – da ist ihm die Angst gekommen, es könne ihm über den Kopf einstürzen. Rascher Entschluß, er läßt es bis auf die Sohle abbrechen und verauktionieren.« Das stille Lächeln auf der Lippe des jungen Mannes ward durch ein bitteres auf der des Majors beantwortet. Da wirbelte eine Staubwolke auf, wenige Sekunden darauf krachte es durch die stille Luft. »Wetter noch mal, sind die Blitzkerls ungeschickt!« rief der Baron. »Excüs, Herr von Quarbitz. Die Versteigerung geht auf der Stelle vor sich. Köstliche Pirnaer Sandsteine, für ein Heidengeld damals hergeschafft. Jetzt könnte man sie für ein Spottgeld erstehen, wenn die Tölpel sie nicht ruinieren.« »Der junge Mann ist wohl nicht von Geburt?« bemerkte der Colonel, als der Baron querfeldein nach Quilitz sprengte. »Es gibt Edelleute, die noch besser spekulieren,« brummte der Herr von Ilitz, als schon ein anderer Reiter sich zu ihnen fand. Der Johanniter von Quiritz kam von Quilitz. Es ward ein lebhaftes, ungezwungenes Gespräch, nachdem der Major seinem Nachbar die Versicherung gegeben, der Colonel sei ein Kavalier, vor dem man nicht hinterm Berge zu halten brauche. Was war auch da zu verbergen, wo die Sträuche und Kiefernadeln schon von der Nachricht schwitzten: der Herr von Quilitz läßt sein Schloß abbrechen, weil er die Einquartierung nicht mehr aushalten kann. Einige Male hatte der Herr von Ilitz aufgelacht, aber es war eben nur ein Isegrimmlachen, wo die Lippen nur die Zähne verbargen. »Es ist ja kein Stammschloß, Herr von Quarbitz,« sagte der Johanniter beim Abschiede. »Betrachten Sie's als eine Art Nemesis, daß ein Quilitzer selbst Hand anlegen muß, um das Palais zu vernichten, das Ihnen, ich meine Ihren Vätern, so viel Anstoß erregte, als die Quilitzer Ihrer schloßgesessenen Familie über den Kopf bauen wollten. Nebenbei kann ich mir denken, daß doch auch eine Art Genugtuung für Sie darin liegen muß, wenn nun das fatale Lied: Ihr, von Ilitz, sollt nimmermehr nach Quilitz! von selbst aufhört; Possen freilich, aber wer hört sich gern verspotten.« Der Major und seine Einquartierung ritten eine geraume Weile stumm nebeneinander. Ob der Colonel auch diesmal dem stillen Gedankenwege seines Wirtes folgte? War's die innere Empörung über die Handlungsweise des Lehns-Retters, was seine Stirn kraus zog? Ja, er empfand einen Augenblick die Befriedigung, welche der Herr von Quiritz ausgesprochen. Aber daß dieser Mann es auszusprechen wagte, daß er es mit einer Art Bedauern getan, hinter der die Schadenfreude aufblitzte! Wie unedel, unritterlich, ja wie unpatriotisch, dachte der Major, in solcher Zeit auf diese Privatangelegenheit und mit der Rancune zu sticheln! Alsdann machte er sich freilich selbst den Vorwurf: kannst du jetzt noch Gefühl haben für solche Mückenstiche! Aber wir sind Menschen; wenn wir für die Mückenstiche das Gefühl abhärten, empfinden wir am Ende auch nicht die Spitze eines giftigen Pfeiles, und sagt nicht Alexanders Geschichtsschreiber: ein edel Roß wird schon durch den Scharten der Rute, ein unedles nicht einmal durch den Sporen regiert! »Dieser rote Knirps und meine herrliche Karoline!« knirschte er, noch einmal dem Johanniter nachblickend, dessen kleine Gestalt von seinem hohen Gaul beim Traben etwas zu weit in die Luft geschleudert ward. Dann blickte er zufällig auf seinen Begleiter und fand, daß der schöne Reiter unverzeihlich nachlässig auf dem schönen Pferde mehr hing als saß. Es war ein schleppender Gang. Neben seinem Franzosenhaß im allgemeinen hatte der Major eine spezifische Abneigung gegen die französische Kavallerie; er meinte, sie ritten ebenso unverantwortlich schlecht, als sie ihre Pferde unverantwortlich nachlässig behandelten. Hatte er doch selbst einmal im Stall einem einquartierten Dragoner die Striegelbürste aus der Hand gerissen, um ihm zu zeigen, wie man ein edles Tier behandle. Der Major hielt sich für den besten Reiter, und jetzt war er übler Laune. Ein Gespräch über das Reiten ging unmerklich in eine Lehrstunde über. Wolf von der Quarbitz war ein strenger Exerziermeister gewesen; bei der Pferdebehandlung machte er zwischen Junkern und Kerlen kaum einen Unterschied, er nannte, wer schlecht ritt, einen französischen Krippenreiter. Wie weit er diesmal ging oder in Eifer und Laune sich verging, wissen wir nicht, aber er hatte in dem Colonel, wie es schien, einen eifrigen und den gelehrigsten Zuhörer. Der folgte wie instinktartig paragraphenweis dem Vortrage, als versuche er, ob es sich exekutieren lasse, jetzt in der Haltung des Steigbügels, der Trense, er hob sich im Sattel, er ließ die Vorderbeine und Hinterbeine des Tieres agieren. Mit einem Worte, er machte die Schule zur steigenden Zufriedenheit des Lehrmeisters durch, wie zu seiner großen Verwunderung. »Den Teufel auch, wenn Sie wollen, können Sie ja alles.« »Alles doch wohl nicht,« antwortete lächelnd der Colonel, als sich sein Pferd vor der Brücke über einen Wassergraben zu fürchten schien und bäumte. »Ich will voran,« rief der Major, »dann wird es folgen.« Aber drüben sah er zum Erstaunen, daß der so treffliche Reiter seines Pferdes nicht mehr Herr war. Er hatte den Zaum verloren, er klammerte sich an die Mähne, er umfaßte den Hals. »Donnerwetter! was ist das?« Das Pferd fuhr mit dem hängenden Reiter, der auch den Steigbügel verloren, jetzt rechts, jetzt links, in weiten Kreisen umher; doch wurden sie allmählich immer kleiner, bis er plötzlich am Rande des Grabens ankam. Der Major hörte ein leises Schnalzen, vermutlich ein Zeichen des Reiters für sein Lieblingspferd, und wollte ihm eben zurufen: »Dort ist die Brücke, benutzen Sie den Augenblick!« als das Tier einen Ansatz nahm. »Herr Colonel, die Distance ist zu breit, zu breit ohne Anlauf. Reißen Sie es herum!« Zu spät, das Tier schwebte über den Graben, selbst wie ein weit gespannter Brückenbogen, und seinen Reiter nur wie eine Last, dessen es sich entledigen wollte, tragend. Während er sich der Länge lang liegend auf dem emanzipierten Ungetüm anklammerte, stand es am anderen Ufer. Aber im anderen Augenblick saß auch wieder der Reiter stolz und leicht im Sattel; nur ein Schenkeldruck, und das Roß kehrte, nach seinem Herrn aufwiehernd, zum vorigen Gehorsam zurück. Der Obrist näherte sich seinem Wirt und berührte lächelnd den Hut. »Entschuldigen Sie den unzeitigen Spaß, aber ich mußte Ihnen doch auch meine Schule zeigen, nachdem Sie die Güte gehabt, mir die Ihrige zu erklären.« Der Obrist saß jetzt im Sattel, er ritt, hielt, bewegte sich, als wäre er der eingeschulteste preußische Kavallerist. »Herr, in drei – sind Sie ein spanischer Reiter?« »Ich bin es einmal gewesen. Wie Sie mir den Jakobiner nachgesehen, werden Sie mir auch den Kunstreiter vergeben. Wohin treibt nicht der tolle Uebermut einer reichen Jugend! Halb war es Kränkung wegen eines Verweises, den mir der Stallmeister meines Vaters gegeben, Trotz dazu, daß der Vater den Stallmeister nicht zwang, ihn zurückzunehmen, halb Folge einer Wette mit einem Engländer; ich war meinen betrübten Eltern entschwunden, doch mit Hinterlassung eines Billets, sie sollten ihren Sohn wiedersehen, aber gerechtfertigt. So sahen sie mich denn nach sechs Monaten wieder, freilich mit Entsetzen, aber mit großem Ruhm, als Matador eines cirque Olympique in Besançon. Ich war immer ein guter Reiter gewesen; der mürrische Stallmeister, der nur auf seinen veralteten Ideen ritt, war beschämt, ich wurde vom Volk auf den Händen getragen, die Zeitungen waren meines Ruhmes voll, und meine Eltern vergaben. Natürlich brillierte nur meine Kunst in der Arena und in den Zeitungen, mein wahrer Name war im Schloß meiner Eltern versiegelt zurückgeblieben!« »Hm! hm! hm!« brummte der Herr von Ilitz. »Das sind ja eigene Pläsierlichkeiten.« »Ströme Blutes sind darüber geschwemmt. – Ich hasse die Revolutionen,« fuhr d'Espignac nach einer Pause fort, »aber ein Gutes führen sie mit sich; sie wecken die ursprüngliche Kraft in den Geschlechtern. Durch langen Frieden, Wohlstand, den Hautgout der Zivilisation sind die Nationen erschlafft, wie die Individuen und Familien. Wenn der Adel immer recht die Bedeutung einer Revolution verstanden hätte! Wie manche alte Familie, die siech und entnervt ward auf dem Lotterbette eines langen Friedens und der Gewöhnung, hätte in der Blut- und Feuertaufe sich zu neuem Leben erheben, ihre verwüsteten Kräfte stählen können. Ja, sie müßten es nur verstehen, die Zeit zu ergreifen, statt sich von ihr fortschleifen zu lassen. Waren Sie in Spanien?« »Nein.« »Sie sollten diese Granden sehen. Die Enkel der Cid, der Aguilar und Guzmann, sie sind oft kaum imstande, sich auf ein Pferd zu schwingen. – Die Herren von Quiritz sind wohl eine alte Familie?« Der Major sah ihn verwundert an. Der Colonel lächelte. »Ich habe dafür einen eigenen Blick. Ihr Ursprung muß sehr alt sein und ganz reines Blut. Sie werden, um sich immer stiftsfähig zu erhalten, viel ineinander geheiratet haben, denn es hält jetzt schwer, sechzehn Ahnen aufzutreiben Das bringt dann solche Resultate hervor, die allenfalls nur durch ein Mittel paralysiert werden, eine Lebensweise, die das Blut wieder frisch durch die Adern treibt. Zum wilden Jägerleben ist hier nicht der Ort, aber ich wollte parieren, daß die Quiritz auch den Militärdienst nur gesucht haben, wo es Pflicht und Anstand nötig machte, nicht als Beruf, wie man es anderen Familien ansieht, die geborene Soldaten sind. Wie viele Generäle zählen Sie unter Ihren Vorfahren?« »Neun Generalleutnants, außerdem –« »Seltsam! Auch wir gerade neun, außer den drei Marschällen,« setzte der Colonel mit halb hörbarer Stimme hinzu. Der Herr von Ilitz war wieder erwärmt. Die üblen Eindrücke von dem Schloßabbruch in Quilitz, den beißenden Bemerkungen des Johanniterritters und der Kunstreiterei waren verschwunden; vielleicht hatte der Colonel nur das bezweckt; er hörte nunmehr ohne Unterbrechungen zu, was der Major ihm von der Familie Quiritz und anderen märkischen Familien erzählte, eine Erzählung, die erst ihr Ende erreichte, als sie durch den Torweg in Haus Ilitz einritten. Den Quiritzen gestand er ein hohes Alter zu, auch daß sie vielleicht einst reichsunmittelbar gewesen, wenigstens, daß sie erst zur Zeit, wo die Grafen Lindau zu Ruppin und die Gans Edle zu Putlitz ihre Güter dem Markgrafen Albrecht Achilles freiwillig zu Lehn übertrugen, die Reichsunmittelbarkeit eingebüßt. »Das gäbe ihnen allerdings Ansprüche, welche einige Familien in den Marken machen, wenigstens beweisen könnten,« hatte der Colonel bemerkt. »Allein es ist töricht, wenn man sich damit nicht genügen läßt,« sagte der Major. »Da hat irgend ein entlaufener Mönch und Rektor in Berlin zu Ende des sechzehnten Jahrhunderts eine Schrift abgefaßt, worin er ihnen einen römischen Ursprung anfabelt. Die Quiritze sind nun wohl gescheit genug, die Quiriten nicht in ihren Stammbaum aufgenommen zu haben; aber sie hören es doch recht gern, wenn Poeten in Hochzeitscarmina und dergleichen darauf anspielen. Das finde ich geradezu lächerlich, nein, mehr als das, denn wenn unser Recht festen positiven Grund in der Vorzeit hat, sollen wir nicht in ihren Nebeln noch Wurzeln dafür suchen.« Auf die Frage des Colonels, wann die Familie Quarbitz mit den deutschen Eroberern in die Mark gekommen, mußte der Major die Antwort schuldig bleiben, denn die Reitknechte griffen schon nach den Pferden. Neunundzwanzigstes Kapitel. Wendisch oder germanisch. Der Major war bei der Rückkehr durch eine Nachricht überrascht worden, die ihm nicht willkommen schien. Ein älterer Militärfreund war unerwartet angekommen, um so unerwarteter, als Obrist Heißborn ihm eine Zeitlang als Toter galt. Erst vor kurzem hatte er nur gerüchtweise gehört, daß derselbe bei der Erstürmung Lübecks zwar auf den Tod verwundet worden, aber noch lebe. Vor der völligen Genesung die Rückreise antretend, war er vor einer Stunde krank aus dem Wagen gehoben worden, um auf dem Gute seines Freundes seine Erholung abzuwarten. Oberst Heißborn war einer jener preußischen Hitzköpfe und Bewunderer der alten Disziplin, die, voll unendlicher Verachtung gegen die Neu-Franzosen, damals gemeint hatten, Friedrichs Taktik gegen sie in Anwendung zu bringen, sei unnütz, man müsse die Kerle nur mit Knütteln traktieren. Er hatte vor der Entscheidung einige taktische Verstöße begangen, meinten andere Offiziere, um so verderblicher, als er Stabschef eines der Feldherren und von großem Einfluß war. Er hatte darauf die Besinnung verloren und durch unsinnige Ordres noch mehr Verwirrung in den geschlagenen Heeresteil gebracht, dafür in den letzten Tagen jedoch und namentlich bei Lübeck eine außerordentliche persönliche Bravour bewiesen. Er hatte den Tod gesucht, den er nicht finden sollte. Der Herr von Ilitz war ein Gesinnungsgenosse des Obristen gewesen, in vielem, nicht in allem; er tadelte seine Heftigkeit; sein Ungestüm schade ihrer Sache, auch an Friedrich sei nicht alles vollkommen gewesen. Den Mann sollte er jetzt wiedersehen, in allen seinen Hoffnungen, seinem Sinnen und Trachten zerknickt, einen Riesen von unbändiger Kraft, dem man alle Sehnen und Muskeln durchschnitten, aber das volle Leben ließ. Und der Major wußte nichts, um ihn zu trösten. Sollte er sich an Vorwürfen und Erinnerungen, wie alles hätte besser werden können, gegen ihn erholen? Noch unangenehmer gerade jetzt das Zusammentreffen mit dem fanatisierten Manne, wo er einen ihm lieb gewordenen Gast zu schonen hatte. Heißborn, in Ekstase, kannte keine Rücksichten, sein unruhiger Geist mußte beständig komplottieren, wenn nicht gegen andere, gegen sich selbst. Mit d'Espignac wäre er wie Stahl und Feuerstein aneinander geraten; er hätte seiner Natur nach vielleicht andere Komplotte versucht und – der Major hatte ja eben noch dem französischen Offizier sein Wort gegeben, daß er in seinem Schlosse sicher sein könne, er wache darüber. Um so angenehmer war es ihm, daß der Sprudelkopf sich für heute jeden Besuch verbeten hatte. »Wo er einkehrt, muß er herrschen,« hatte der Vater Minchen zugeflüstert. »Richte Dich danach, ich will nichts wissen, ich will heut einen heiteren, ungestörten Familienabend.« Wo Wilhelmine sorgte, war alles wohlgetan, aber kann der Mächtigste durch sein Gebot auch nur eine heitere Stunde sich schaffen? Von dem Vorfalle in Quilitz sollte nicht gesprochen werden, aber die Nachricht war längst vor der Rückkehr der Reiter eingetroffen, und die Familie schon in Streit darüber, ob jene Radikalkur gegen die Einquartierung vom Hofmarschall oder seiner Frau ausgegangen. Die Mutter wollte doch alles verwetten, daß das ein Einfall der langen Rike sei, die Töchter waren anderer Ansicht. Die Tante in Quilitz hätte ihre Menage zu lieb gehabt, und ein Horreur vor den niedrigen Amtsstuben in Schmachtenhagen: die Spekulation rieche nach dem Onkel, und es würde wohl vorher viel rotgeweinte Augen gesetzt haben. Umsonst verbot der Vater durch Worte und Blicke die Fortsetzung des fatalen Gespräches – schickte sich ein Disput darüber vor den Ohren der Einquartierung, zu welchen Opfern man sich entschließen kann, um sie los zu werden? Aber was half es, die Vermutungen platzten immer unwillkürlich heraus, der Streit hob immer wieder an, und d'Espignac, wie geschickt er sich auch mit anderem beschäftigte, um nichts davon hören zu wollen, mußte doch davon Notiz nehmen. Er ließ etwas fallen von Monomanien, die oft in den Familien erblich seien. Er kenne eine, wo mehrere Glieder aus Angst vor Mörderhänden einen Selbstmord begangen hätten, ja von einem, der, von der fixen Idee verfolgt, daß seine geheimen Feinde sein Schloß anstecken würden, es selbst in Brand gesteckt. »Sie haben recht, es steckt im Blute,« entgegnete der Major, »aber gewiß nicht in dem der Quarbitze. Treibe einer aus den Quisten die Kammerdienergesinnung aus!« Wenn der Colonel es nicht bereits wußte, erfuhr er jetzt, daß diese Familie von einem Lakaien Joachims II. abstammte, welchem der Fürst mit der Hand einer seiner Maitressen die Klostergüter Schwanebück und Schmachtenhagen geschenkt. »Wie viel Generationen sind nun darüber hingegangen, man sollte denken, das Blut müsse sich gereinigt haben, denn sie heirateten in gute Familien, aber wo es hineingespritzt, klebt auch etwas von der alten Bedientenseele. Selbst bei den Ritzengnitzen; sonst ein ritterbürtiges Geschlecht, wenn auch nur Burgmannen; aber mit dem Gelde der Queiste kam auch gleich die Ueberhebung und der Schachergeist.« »Auch hier die Bourgeois gentilhommes ! « lächelte d'Espignac. »Ich meinte, die edle Einfachheit der deutschen Sitten vertrüge sich mit dieser Krankheit nicht.« Sie kamen auf das Gespräch zurück, welches durch den Eintritt ins Haus unterbrochen war. »In den Geschichtsbüchern werden Sie freilich nichts davon finden,« hub der Hausherr an, »weil die Herren Historiker lieber aus ihren kritischen Konjekturen, als aus den Traditionen schöpften. Aber es ist höchst wahrscheinlich, daß das Heergefolge der ersten deutschen Eroberer aus jüngeren Söhnen gerade der vornehmsten deutschen Familien bestand. Die Slaven aus den Landen hinter der Elbe zurückzudrängen, welche ehedem germanisch gewesen, wo Tacitus noch unsere Väter gefunden, galt dem jungen unbändigen Adel an den sächsischen Fürstenhöfen als Ehrensache. Ich sage Fürstenhöfe, aber was waren diese Fürsten anders, als größere und kleinere Dynasten, die sich selbst nur nach harten Kämpfen der fränkischen Kaisermacht unterwarfen. Sie waren Freie, Reichsfreie, die nur sehr allmählich in die Lehnsbande sich fügten. Aus Liebe zu ihrer alten ursprünglichen Freiheit, und da sie die Hoffnung aufgeben mußten, gegen die fränkische Oberherrschaft wieder aufzukommen, drängten sie sich unter die Kreuzfahrer gegen die heidnischen Wenden. Im Osten wollten sie sich Luft machen, wieder freies Eigentum gewinnen, wo sie im Westen es verloren und sich gedrückt fühlten. Dies gelang freilich nicht allen. Der Arm der Askanier war zu kräftig. Aber die Zahl der Reichsunmittelbaren war weit größer, als man annimmt; die Lindau, Ebernburg, die Gänse zu Puttlitz, die Quiritz waren es nicht allein. Und wie der alte widerborstige Sinn in unseren Geschlechtern nicht erloschen war, sie vielmehr jede Gelegenheit benutzten, ihre alten Rechte und Freiheiten wieder geltend zu machen, dafür ist Ihnen die Geschichte der großen Einigung, bei der man mit Unrecht immer nur an die Quitzowe denkt, die Affäre vom Kremmer Damm und der faulen Grete ein Beweis. Wenn Sie nun die ältesten deutschen Dynasten- und Herrschaftsnamen mitten in diese slavischen Distrikte verpflanzt sehen, die Sternberg, Lindau, Frankfurt, spricht das nicht, wie in Kur-, Esth- und Livland, wo Sie dieselbe Erscheinung finden, dafür, daß Deutschland seine edelsten und besten Kräfte in dies Slavenland aus- und absetzte? So weit, mein Herr, gehen meine Beweise. Nun müssen wir es freilich dem Bewußtsein überlassen, von woher jeder seinen eigenen Ursprung leitet und zählt; was jeder wüßte, dafür bedurfte es, so meinten unsere Altvorderen, keiner schriftlichen Aufsetzung.« Die Mutter war beim Strickstrumpf eingeschlummert, Minchen gähnte, und Karoline flüsterte ängstlich zur Schwester: »Ach, nun kommt die Kaisergeschichte. Was muß der Colonel davon denken!« Bis zur Kaisergeschichte kam es indes nicht. »Ich will zugeben,« fuhr der Hausherr fort, »daß die Querbelitze ursprünglich eine wendische Rasse waren. Vielleicht ein Schimpfname; wie oft wird der aber in Parteikriegen zum Ehrennamen! Ich folge der Sage, daß sie eine räuberische Verbrüderung zu Lande gewesen, wie die Yomsburger und andere Wickinger-Gesellschaften zur See; ein Schrecken der Umgegend, in die sie von ihrer Sumpffestung aus Raubzüge unternahmen. Je größer der Schrecken, den sie über die deutsche Grenze verbreiteten, um so mehr Verpflichtung der deutschen Kaiser, einen Pfahl ihnen ins Fleisch zu treiben. Denn man weiß, daß es mit einfacher Besiegung und Unterwerfung bei den Wenden nicht getan war; kaum daß das deutsche Heer den Rücken gekehrt, ihre Sümpfe und Seen wieder aufgetaut waren, so schüttelten sie mit der Taufe den Oberherrn ab. Der Pfahl ins Fleisch war ein deutscher Oberaufseher, Zwingherr, wie Sie wollen, Gau- und Markgraf. Nehmen wir diese natürliche Erklärung an, so lösen sich von selbst alle scheinbaren Widersprüche der Chronisten und Urkunden. Das castrum Quorbeliza dort im Moor war das befestigte Lager der alten Heiden, die arx illustrix Werbeliz aber das Schloß, die Zwingburg des deutschen Vogtes oder Grafen. Der deutsche Herr wird nun das widerborstige Geschlecht ordentlich gezaust und gebändigt haben. Beweis die Geschichte: Die Slaven haben nicht die Germanen, sondern diese jene überwunden, und meine Familie blieb im Besitze der Güter, die ursprünglich beneficia, das ist Lehen des Reiches, waren. Aber bei jahrhundertelang dauernden Kämpfen zwischen Völkern verschiedener Abkunft nimmt eines nur zu leicht die Sitten, den Aberglauben, die Beschäftigung, selbst die Sprache und die Namen des anderen an. Wurden die Nachkömmlinge der Goten im Kampfe mit den Mauren nicht halbe Araber? Sehr möglich nun, daß auch uns das passierte. Indem man Wilde zähmt, wird man selbst etwas wild, und außerdem erbt der Sieger und Eroberer die Rechte der Besiegten. Die Herren identifizierten sich mit ihren Untertanen, sie haben auch wohl ihre Einfälle und Raubzüge fortgesetzt. Wir sind die Querbelitze, vor denen die Chronisten in den Chroniken ein Kreuz schlagen, aber um deshalb bleiben wir, was wir gewesen waren, und am wenigsten sind wir, wie einige Heraldiker behaupten wollen, darum wendischen Ursprungs.« Der Colonel fand diese Auslegung ebenso sinnreich als wahrscheinlich. Das blaue Auge in der Ilitzer Familie spreche gleichwie die blonden Haare des Quilitzer Zweiges für die germanische Abkunft. Der Major verzog die Lippen. Die blonden Haare, meinte er, könnten wohl erst von der polnischen Gräfin kommen. »Unter uns,« sagte er leise, »ich gebe nicht viel auf unsere Blutsverwandtschaft. Die Quilitzer müssen wendischen Blutes sein, entweder eine sitzengebliebene kleine Slavenfamilie, oder unsere Vorfahren waren auch nicht immer Josephe, und die wendischen Mütter von leichtem Blut. Gewisse Väter begünstigten ihre natürlichen Söhne oft über Recht und Gebühr. Uebrigens glaube ich auch nicht, daß die Quilitzer ursprünglich ritterbürtig sind.« d'Espignac fand auch in dieser Konjunktur Wahrscheinliches. Er wußte ein Beispiel aus den Traditionen seiner eigenen Familie aus den Kreuzzügen, und wollte eben die merkwürdige Geschichte eines Usurpators erzählen, als der Major abgerufen ward. Ein Fremder, der sich schon während seiner Abwesenheit gemeldet, wünschte den gnädigen Herrn zu sprechen. Karoline benutzte die Pause, am Stuhl des Colonel vorüberzustreifen. »Nur nichts von den Kreuzzügen! Das ist ein wunder Punkt.« »Warum?« flüsterte er. »Wir haben keine Kreuzritter in unserer Familie.« Sie hätten nicht nötig gehabt, leise zu sprechen. Wo jeder seinen eigenen Gedanken nachhing, gab niemand auf den anderen acht. Waren die so trüb wie die Kerzen, die niemand putzte? Die Mutter merkte nicht, daß ihr Strickzeug ihr entfallen und ihr Kätzchen damit spielte. Wilhelmine schien auch müde, aber als gute Oekonomin benutzte sie immer die heraldischen Diskurse des Vaters, um ihr Ausgabebuch in Ordnung zu bringen. Herr Mauritz hatte, als die Reiter zurückkehrten, in Symphonien am Klavier sich verloren. Er saß jetzt wieder halb davor, den Kopf im Arm, und seine Augen starrten auf die Klaviatur, als wolle er den Tasten eine neue Weise entlocken, die in ihm lebte, und für die er nach einem Ausdruck rang. Malchen war in Trauer, sie war es wenigstens allein, die seit Theodors Tode ihr schwarzes Kleid angelegt. Die Blässe ihres Gesichtes stand dem Kinde wohl, wenn man noch von einem Kinde reden durfte. Sie schien in wenigen Tagen gewachsen, wenn auch nicht mit der Elle, man konnte es an ihrer Haltung, am Ausdruck ihres Gesichtes messen. Wenn der Flammenschein des Ofens, an dem sie nähte, ihr Gesicht anrötete, glaubte man in ihrem Auge einen Spiegel zu entdecken, in dem die Gegenstände sich tief abdrückten. Fiel der Blick auf den Kandidaten, nahm er den Ausdruck der Befriedigung an. Seine Unruhe schien sie nicht zu kümmern; es schwebte sogar zuweilen ein feiner lächelnder Zug um die Lippen. Aber anders war es, wenn sie auf Karolinen und den Obristen blickte. Sie verstand nicht französisch, aber sie ließ oft nachdenkend die Nadel fallen, und ihr Auge haftete mit einem besorgten Ausdruck auf den beiden. Was die miteinander sprachen? Vielleicht von Luft und Wind. Karoline hatte eine Häkelarbeit ergriffen, sie knittete emsig daran; aber wer die Arbeit fortsetzen wollen, hätte Mühe gehabt, die Fäden und Maschen in Ordnung zu bringen. Wenn der Flammenschein sie traf, war man zweifelhaft, ob die flüchtige Glut vom Ofen kam, oder von innen ausströmte. In den südlich dunklen Augen des Militärs widerspiegelnd, verriet sie nichts von dem, was drinnen vorging. Die Unterhaltung schien von ihm geführt, wie es eben nur Franzosen können, glatt und anmutig über schroffe Klippen und brausende Strudel fortschwebend, und wo sie dürre Klippen berührte, wies er auf Fata Morganen in der Ferne. Er hatte bewundernd über den Charakter ihres Vaters gesprochen: aus jedem Fältchen schimmere der Strahl eines echten Edelsteins. Je länger man ihn betrachte, so mehr schwinde die rauhe Hülle. Sie ließ ihre Arbeit sinken und sah ihn forschend an. »Haben Sie vorhin über politische Gegenstände mit ihm gesprochen?« »Nur die, wo eine Einigung war. Wir treffen immer auf dasselbe Ziel.« »Und doch müssen Sie auf etwas gestoßen sein, was ihn unangenehm berührt hat. Ich kenne seine Art.« Er sann nach. »Sollte das Bekenntnis meiner Jugendverirrungen –« »Erhoben Sie Napoleon zu sehr? Zuweilen erträgt er es, aber mitunter –« »Er verteidigt ihn sogar.« »Wenn er von Unberufenen angegriffen wird. Vielleicht wurden Sie ungeduldig bei seinem Stammbaum. Und doch können Sie es als ein Zeichen seines Vertrauens nehmen, wenn er gegen einen Fremden auf das Kapitel kommt. Nehmen Sie es geduldig hin. Widerspruch verträgt er, aber ein ungläubiges Lächeln kann alles verderben.« »Ich bin ja im Lande der Wunder, Mademoiselle, wo die Kritik im Zauberbrunnen des Glaubens versinkt. Ach, wie wohl befindet sie sich darin! Könnte sie immerfort in den kühlen Wellen plätschern, und kein rauher Arm streckte sich nach ihr aus, um sie aus dem lieblichen Helldunkel wieder ans blendende Tageslicht zu reißen, – dahin, was sie Pflicht heißen. O, Ihr Märchen vom Tannhäuser,« seufzte er, »das man mir in Berlin erzählte, ist schön. So ein anderer Rinaldo zu bleiben, auf schwellenden Rasenpolstern unter duftenden Nachtschatten ein besseres Leben zu träumen! – Ich träume hier, glauben Sie es mir, es kostet mir keine Mühe mehr, meine Vernunft gefangen zu geben, ich glaube alles, was man mir erzählt, und möchte noch mehr glauben. Was ist ein glückliches Leben denn anders, als eine Kette von Illusionen, eine Fortsetzung des Traumes der Kinderjahre, daß wir zum Glück geboren seien, den Tugendhaften das Verdienst immer belohnt wird, daß alle Menschen von Herzen gut sind. Wie oft hat meine Vernunft, die bittere Erfahrung so langer Jahre, mir das Gegenteil gepredigt, daß diese Welt ein Schlangenknäuel von Eigennutz, Tücke, Neid, von Bosheit und allen Lastern sei, daß das Verdienst selten oder nie belohnt wird, daß der Schleicher und der Unverschämte es am weitesten bringt, daß der Unschuldige ein Spielball ist in den Händen der Intriganten und Betrüger, und der Zufall die Dinge auf dieser Erde leitet. Heute, meine schöne Freundin, stehe ich wieder wie ein gläubiges Kind da, alle diese Erfahrungen sind untergesunken wie ein böser Traum, ich kann wieder froh sein, hoffen, lächeln, ich habe mich selbst vergessen und will unter diesen reineren, edleren Naturmenschen, die ich kennen gelernt, alles hinnehmen, nennen Sie es Traum, nennen Sie es Offenbarung einer Wahrheit, die ich noch nicht kannte.« Karoline meinte, er schwärme. »Soll ich mich denn nicht verzaubert fühlen? Ich, ein gespornter Soldat des neuen Kriegsgottes, der seinen Siegeswagen, alles zermalmend, über die Welt peitscht, sitze hier in Frieden. Ein teurer Verwandter kam durch mich um. In Korsika hätte jeder einen Dolch für mich, in Italien hätte man mir Gift gekocht, in Spanien längst, wenn ich einsam über die Heide ritt, ein Trabuco aus den Hecken geknallt, und am Morgen hätte vielleicht mein entzügeltes Pferd vorm Tore gescharrt, damit man den verbluteten Leichnam im Hohlweg suche. Hier bin ich wie ein aufgenommener Sohn, wie das Kind einer glücklichen Familie. Ich gehe zur Ruhe, ohne meine Tür zu schließen, ohne das Pistol zu laden, den Degen an mein Bett zu legen. – Ist nicht alles, was ich sehe, höre, Wunder! Da die gute Mutter. Wie der Friede der Gerechtigkeit um ihren Schlummer spielt! Sie weiß nichts vom Krieg, von der Ungerechtigkeit der Welt, von den Lasten der Einquartierung. Da die liebliche Wilhelmine, ein Bild, wie es nur ein deutscher Dichter findet, sie sieht uns nicht, sie kneift nur die Lippen, wenn eine Addition oder Subtraktion nicht stimmen will. Der Kandidat, o, sehen Sie diesen melancholischen Blick des halb geschlossenen Auges, wie er nach Accorden aus einer anderen Welt sucht. Und die sinnige Kleine, wie die Schöne aus einem Märchen; zurückgezogen sitzt sie am Ofen, auf dem niedrigen Schemel, und ich wette, sie sinnt und spinnt, eine gütige Fee, ich weiß nicht was, für uns. Ich fürchte mich fast, wenn sie Blicke auf uns schießt – der Kandidat da braucht sich nicht zu fürchten. – Und soll ich noch weiter mich umschauen in dem altersgrauen Zimmer! Was atmet und wallt in diesem verglimmenden Kerzenduft! Ich scheue mich fast, zu scharf zu sehen, ich fürchte immer, es sei nur ein Traum, und ich erwache beim Hahnenschrei aus meinem Strohlager im Biwak, und die Trompete schmettert zum Aufsitzen. Der Vater wird nun eintreten, dies grau gekräuselte Haar, die gefurchte edle Stirn, der Blick aus dem Auge, dessen helles Blau die Jahre nur verklärt haben, welches Bild aus einer untergesunkenen Vergangenheit! Und soll ich nicht glauben, wenn er von ihr erzählt? Ich soll die nüchterne Vernunft zitieren, um an dem schönen Märchen zu mäkeln, ich soll zweifeln – mein Gott, weshalb, wenn er mich unter die Abkommen eines verklungenen Kaisergeschlechts einführt. Nein, nein, nichts von der nackten, traurigen, dürftigen Wirklichkeit, fort mit der Aehrenlese der Kritik, die nur Stroh und Steine in ihren Rechen fängt, wo eine andere schöne Wahrheit nun um mich blüht.« Die nächste Wahrheit oder Wirklichkeit war aber nicht schön. Der Vater war mit verdrießlichem Gesicht zurückgekehrt. Vielleicht hatte schon die Botschaft des Fremden ihn verstimmt. Aber während er mit ihm gesprochen, war er durch ein Geschrei unterbrochen worden. Der jüngste Sohn heulte im Korridor: »Ich werde es Vatern sagen!« Der Major war mit einem Fluch hinausgestürzt; er konnte Tränen nicht leiden, am wenigsten bei den eigenen Söhnen; wenn aber seine Jungen in ihren Balgereien, statt sich selbst zu helfen, mit dem Lehrer oder Vater drohten, empörte es ihn. Diesmal fuhr indes die schon geschwungene Hand nicht um die Backen des Schreiers, denn sie bluteten. Hinter Ludolf stand der ältere Wolf, das Ritterschwert des Colonel in der Hand. Die kurze Untersuchung hatte ergeben, daß sie, glücklicherweise für sie, mit Erlaubnis der Einquartierung in deren Stube gespielt, dort den alten Degen gezogen, und Wolf den Ludolf bei einigen Kreuzhieben in die Luft an der Stirn getroffen hatte. Die strenge Hand des Vaters war um die Ohren des nicht schreienden Wolf gefahren, und einige Schmerzenslaute hatten eine Verschärfung der Strafe sofort zuwege gebracht. Auch seine Entschuldigung, daß er nur versucht, wie es sich mit einem Ritterschwert haue, lockte nur die Antwort hervor, daß man Ritterschläge erst dann führen dürfe, wenn man selbst den Ritterschlag erhalten. Die gute Mutter schrie auf; sie wollte zu dem armen Jungen springen, Minchen und der Kandidat auch; ein Wort des Majors hielt alle zurück. Es mußte eins der Worte sein, die jeden Widerspruch unmöglich machten. Man gab sich, einigermaßen beruhigt, als der Vater hinzusetzte, es hätte nichts zu bedeuten, die Magd hätte den Jungen verbunden. Dreißigstes Kapitel. Das Schwert des Cid. Aber im Hausherrn war wieder jene Unruhe, welche, wenn sie nicht ein Gewitter verkündete, wie eine schwüle Gewitterluft auf die Familienglieder drückte. Es knisterte dann bei jeder Berührung, und wer ihm begegnete, war einer harten oder bitteren Bemerkung gewiß. Warum denn noch nicht angerichtet sei! mußte Minchen hinnehmen, als die dampfende Schüssel bereits hereingetragen ward; der Kandidat bekam die Frage, auf die eine Antwort gewiß nicht erwartet wurde: ob er die Jungen nicht gelehrt, daß Kinder mit scharfen Waffen nicht spielen dürften? Wenn in einem Hause nichts als Unfug geschähe, bekam die ganze Gesellschaft zu kosten, sei es am Ende das Gescheiteste, wie der Vetter in Quilitz getan, das ganze Haus abreißen zu lassen. Ueber das Essen klagte er nicht; es war zu streng in der Haushaltung untersagt, über die Speisen zu sprechen; aber er aß mit Hast, bis sein Blick auf den Colonel fiel. »Was ist denn das mit Ihrem Schwerte, Herr Colonel? Die Jungen sagen, es wäre der Degen des Cid. Die Stahlarbeit kann nicht so alt sein, wenn es auch die Form ist. Kam das von Ihnen?« »Der kriegt's auch,« zischelte Wilhelmine zu Malchen. »Das Gewitter verzieht sich.« Dem Colonel schien die Frage nicht ganz angenehm, er lächelte: »Es ist eine Familientradition, die Sie nicht interessieren würde; die Geschichte ist auch zu weitläufig. Ich würde als Waffenschmied selbst wegen der Echtheit der Waffe Bedenken tragen, aber –« »Den Jungen haben Sie doch gesagt, es wäre das Schwert des Cid?« »Wer gibt uns ein Recht, an dem zu zweifeln, was so viele Gute, Bessere und Einsichtige vor uns geglaubt haben! Werfen wir nicht dadurch eine Blame auf unsere Vorfahren, und wohin führte das, wenn die Enkel das Privilegium hätten, die Satzungen der Vorfahren umzuwerfen, bloß hin auf doch immer zweifelhafte Prozesse der Wissenschaft, Vernunft, Kritik! Ich lasse diesen Fall hier ganz unentschieden, auch ob einer meiner Vorfahren diesen Stahl aus Spanien mit nach Frankreich gebracht; das Histörchen, wie er mit einem Nachkommen des Campeador zusammengetroffen und das Schwert ihm abgerungen, will ich sogar als eine Erfindung nationaler Eitelkeit preisgeben; aber was durch so viele Generationen als ein Heiligtum, ein Amulett betrachtet ward, hat schon um dieses ihm anhangenden Glaubens willen einen Wert, wär's nun auch nichts weiter als Symbol der wahren Chevalerie. Der Cid war das Prototyp des echten Rittertums. Beim Anblick dieses überkommenen Schwertes, mußte sich nicht jeder aus meiner Familie gemahnt fühlen an die hohen Tugenden, denen er nachzustreben hatte, wenn er es umhing? Mußte er nicht geheimnisvollen Schauer empfinden, sich wie dadurch aufgenommen in den Ritterorden?« Der Colonel mußte die Winke nicht bemerkt haben, welche Karoline ihm zuwarf. Der Major hatte seine Käserinde in kleine Teile zerschnitten und klimperte mit dem Messer auf dem Teller, bis ein »Papperlapapp« über seine Lippen kam. Das seien auch Extravaganzen, vor denen man sich zu hüten habe. Der Ritterorden, wie gewisse Poeten ihn darstellen, sei nie etwas so allgemeines gewesen, als man sich einbilde. Immerhin möge es einen guten Grund gehabt haben, es sei aber ebenso zur Spielerei geworden, und die alten Romandichter und fahrenden Künstler hätten mehr hineingedichtet, als je darin zu finden gewesen. Und wenn das Institut auch in gewisser Zeit in der Normandie und Provence als eine geschlossene Kaste existiert, so hätte es überall verschiedene Couleur angenommen. Das Rittertum in England, Schottland, Wales, ja selbst das in Spanien sei ein himmelweit verschiedenes Ding von dem in Frankreich gewesen. Und wenn man es auch zur schwäbischen Zeit in Franken und da im Süden nach französischen Mustern kultiviert hätte, so sei es doch in der Art nie in den sassischen Landen rezipiert, geschweige denn oben in Dänemark und Schweden. Und es seien da, ohne Schwertschlag und Fahnenwache und die andern Alfanzereien ebenso tüchtige, mannhafte Reiter hervorgegangen, als die, welche sich in ihrem Dünkel sans peur et sans reproche nannten. »Mit Vatern ist heut nicht gut Kirschen essen;« diesen Satz versuchte Wilhelmine dem Colonel auf französisch deutlich zu machen, während der Major noch fortfuhr, die Eigentümlichkeiten und Vorzüge der altgermanischen und sächsischen Gau- und Kriegsverhältnisse zu entwickeln. d'Espignac hatte für seine hübsche Nachbarin nur ein freundliches Lächeln, während er den Auseinandersetzungen des Vaters mit steigender Aufmerksamkeit folgte. »Meinen Sie nicht auch,« sagte er, als der Hausherr schwieg, »daß es für die deutschen Verhältnisse besser gewesen, wenn das Regiment bei den sächsischen Stämmen geblieben wäre?« »Ich meine gar nichts,« brummte Isegrimm und holte den Zahnstocher heraus. Der Gast schien es nicht gehört zu haben, indem er fortfuhr: »Schon um deswillen, weil die fränkischen und schwäbischen Kaiser bei ihrer auswärtigen Politik die innere vernachlässigten. Was hat es Deutschland geholfen, daß die Hohenstaufen nach den italienischen Kronen griffen! Darüber büßten sie die Achtung für die Gerechtsame der heimischen Familien ein, und hätten sie ihr Ziel erreicht, wie sähe es mit der deutschen Freiheit aus?« »Die hat der Henker geholt! So oder so!« »Ich weiß noch einen Grund, auf die Gefahr hin, daß Sie mich noch einen Jakobiner schelten. Die sächsischen Kaiser und Fürsten waren dem Volke näher geblieben, aus dem sie, auf ihren Schilden getragen, sich zu ihrer Würde erhoben. Sie waren ihres Ursprungs eingedenk, während diese Salier und Hohenstaufen aus Byzanz und Rom nur gar zu gern für ihre Stirne den orientalischen Nimbus borgten. Wie interessant sind zum Exempel für mich diese alten Entführungsgeschichten, die, wie auch die kaiserlichen Väter zuerst wüteten und mit Feuer und Schwert verfolgten, doch in der Regel damit endeten, daß sie die schöne blonde Tochter dem freien blonden Manne und Ritter, wenn auch ohne Schlag und Sporn, zum Ehegemahl gaben. Das hat für mich etwas ungemein Rührendes. Wie viele Familien der Freien und Edlen wurden auf diese Weise in die Verwandtschaftskreise der Fürsten gezogen, während auf der andern Seite die jüngeren Söhne gewissermaßen ins Volk wieder über- oder zurückgingen. – Ich meine doch« – sagte der Franzos, als der Wirt ihn fragend ansah – »daß von den niedersächsischen Häusern mehrere ihren Ursprung aus deutschen Fürstengeschlechtern ableiten. Die Kaiser werden doch ihre nächsten Blutsfreunde, die jüngeren Söhne, welche bei der Teilung der Stammgüter knapp ausgingen, vor allem in die eroberten Lande gesetzt haben. Ich begreife nicht, warum man gerade dafür noch Beweise fordert, wie ich in Ihrem Quartanten las. Diese Art Nepotismus war damals ebenso an der Zeit, als natürlich. Solche wichtige Posten, die mit großer Eigenmacht notwendig verbunden sein mußten, durften nur denen anvertraut werden, auf deren Treue man sich verlassen konnte, weil für einen Grenzgrafen die Versuchung zu nahe lag, je wie der Krieg sich neigte, für hüben und drüben Partei zu ergreifen. Hat's doch historisch sich überall so gestellt: die Grenzgrafen waren entweder verbissene Hunde, die man nur loszulassen brauchte, oder es wurden Amphibien, welche klug die Kraft der Gegner abwogen, immer den Schutz des Stärkeren suchend, geduckt den Sturm über sich fortrauschen ließen, um dann die Gelegenheit zu ergreifen, die sich zu ihrem Vorteil bot. Dagegen half nur ein Mittel, nicht tapfere Männer und feste Charaktere, sondern nur Männer aus der Blutsfreundschaft zu Vögten und Grenzgrafen einzusetzen. Charaktere können geknickt werden, gerade die festesten sind der Versuchung am meisten ausgesetzt, weil der Ehrgeiz verräterisch mitspricht, und die Kaiser und Reichsverweser konnten eigentlich nicht anders, wenn sie pflichttreu gegen das Reich handeln wollten, als daß sie ihre Familie, ihre nächsten Angehörigen begünstigten.« Dieser Beweis a priori für etwas, was der Major so gern a posteriori bewies, war ihm neu, er hörte aber zu, und seine Stirn entrunzelte sich allmählich. Er machte Einwendungen, um sie bekämpfen zu lassen. Er ließ sich beweisen, welche bedeutende, wenn auch zweifelhafte Rolle die Grenzgrafen überall gespielt, wo durch Abstammung und Sprache voneinander getrennte Volksstämme sich gegenüberstanden. Auch den Einwand hinsichts der Namen, der ihm im Kampf mit den Heraldikern so oft Kopfzerbrechen verursacht, wußte der Marquis aufzulösen. Geschlechtsnamen hätten sich erst weit später gebildet, die Schößlinge der freien und edlen Herren, die in die neuen Lande gesetzt worden, hätten daher in dieselben keine Familien- und Geschlechtsnamen, sondern nur ihre Taufnamen bringen können. Ja, es sei das vielleicht Politik in jener grauen Zeit gewesen, daß man die Geschlechtsnamen vermieden, um die Anhäufung von Macht und Reichtum in einer und derselben Familie nicht zu offen zu Tage zu legen. Der Neid sei immer wach gewesen. Wodurch sei Heinrich der Löwe gestürzt, als durch den Neid über seine weit zerstreuten, zu großen Besitztümer. Um einen Familienzusammenhang zwischen den einzelnen Dynasten zu ermitteln, sei die Sequenz der Taufnamen ein unschätzbarer Faden, der aus dem Labyrinth führe. Gesetzt, daß zum Beispiel einmal der Name Hohenzollern verschollen sei, würden spätere Historiker noch immer aus dem Wechsel der Namen Friedrich und Friedrich Wilhelm auf den Zusammenhang der Familie schließen dürfen. So sei es von großer Wichtigkeit, die Taufnamen in den Familien der alten Kaisergeschlechter zu verfolgen; wie Konrad und Friedrich die immer wechselnden Namen bei den Hohenstaufen, so seien Otto und Heinrich die bei den Sachsenkaisern gewesen; erst später sei man von der alten Pietät zu der Frivolität übergegangen, den Kindern willkürliche, hübsch klingende Namen beizulegen. Wo man in den Grenzländern nun bei einzelnen Dynasten oder die es vordem gewesen, eine geschlossene Sequenz von Taufnamen finde, gleich denen in der Kaiserfamilie, welche bei der Eroberung des Landes tätig gewesen, da sei für ihn wenigstens der Beweis geführt, daß eine Blutsverwandtschaft stattgefunden. Alle Runzeln waren von der Stirn des Majors verschwunden, sein Auge blitzte auf. »Das ist es ja! Aber öffne einer den Gelehrten das Hirn, so verschrumpft wie das Pergament, wenn sie mit ihren Theorien durch die Wand rennen wollen. In der Familie der Supplinburger führten namentlich die Seitenzweige, soweit Urkunden sprechen, die Namen Lothar, Ludolf und Wolf, in strikter Reihenfolge. Unter Kaiser Lothar, dem Supplinburger, ward diese Provinz definitiv erobert, und solange Quarbitze auf Ilitz und Querbelitz sitzen, führen sie den Taufnamen Lothar, Ludolf und Wolf. Ist das nichts, ist das Zufall? Legten unsere frommen Vorfahren sich Taufnamen an, wie der Komödiant die Schminke? – Herr Marquis, ich sage Ihnen, das ist ein hundemäßiges Elend, daß man auch zur Historie und Heraldik Gelehrte braucht. Wenn wir das selbst arrangieren könnten, wäre es anders.« Die Mutter seufzte beim Namen Lothar; so hatte ihr Erstgeborener geheißen, der beim Baden ertrunken war. »Der gute Lothar weiß nichts von dem, was uns Not und Kummer macht.« Das Wechselgespräch zwischen Wirt und Gast ward immer lebendiger. Da kam denn auch das Familienwappen zur Sprache, das unbegreifliche, mit seinen Vierzacken nach oben gekehrte Instrument, das einige für eine Heugabel, andere für einen vielarmigen Leuchter, noch andere für eine unbekannte wendische Waffe erklärten. Auf einem Siegel unter einer Urkunde Kaiser Lothars glaubte man ein ähnliches Gebilde gefunden zu haben, nur schade, das Wachs war breitgedrückt. Die auf Quilitz hatten im Laufe der Zeit einen prächtigen Leuchter daraus gemacht, während die Ilitzer bei den stumpfen Formen der alten Ueberlieferung verharrt waren, ein Umstand, der frisches Oel in die alte Flamme der Familienzwietracht gegossen hatte. – Ferner kam aufs Tapet die Nürnberger Urkunde, in welcher der Rat beiläufig von der gens clarissima Quorbelizzorum sprach, und den Holzschuhern, an welche sie gerichtet, bei einer Pön von so und so viel Mark auferlegte, mit ihnen Frieden zu halten, ob usum communem rei publicae. Auch der großen Wendenschlacht wurde gedacht im Moor. Daß die Deutschen sie zuerst verloren, nahm der Major für ausgemacht, weil die Wilzen Zeit gehabt, ihrem an den Blutsteinen gefallenen Krole das große Königsgrab aufzutürmen, aber die Sachsen hätten vermutlich in den folgenden Tagen mit erneuter Kraft angegriffen und das Feld behauptet. Daß da ein großer Kriegshauptmann die Ehre der Deutschen gerettet, daß dies ein Vorfahr der Familie gewesen, daß vielleicht ein Ehebund mit einer hinterbliebnen Tochter des letzten Wilzenkönigs stattgefunden, daß daher der Respekt, mit dem man diese Heidengräber durch bald ein Jahrtausend geehrt und geschont, herrühre, wollte er nicht für erwiesen annehmen, aber der Sage müsse man doch auch ihr Recht lassen. Der Colonel schüttelte den Kopf: »Das glaube ich nicht. Verzeihen Sie, daß ich unumwunden meine Meinung ausspreche. Ehen zwischen den Siegern und den Erbtöchtern der überwundenen Völker kommen zwar in der Geschichte vor, jene wollten ihre Herrschaft befestigen, aber der Fall, daß ein germanischer Häuptling eine Slaventochter heiratet, ist doch immer nur Ausnahme. Der Haß, durch die langen, barbarischen Kriege genährt, war so groß wie die Verachtung, welche der Deutsche gegen den Slaven empfand. Selbst in England ereignete es in erster Zeit sich nur selten, daß ein Normann eine Sachsentochter heimführte. Wenn es da wie eine Befleckung des Stammbaums galt, was mehr hier! Und was brauchten denn die Deutschen, nachdem sie die Wenden niedergetreten, ihren Namen so entwürdigt, daß daraus der Name Sklav ward, noch derartige Verbindungen! Was uns erniedrigt, befestigt uns nicht. Der reine germanische Stempel ist auf den Gesichtern aller Ihrer Familienglieder unverkennbar. Auch in den Porträts, die ich gesehen. Ich wollte darauf wetten, hier kommen gar keine Mesalliancen dazwischen. Und welches Kleinod ist reiner und unschätzbarer, als reines Blut!« Darauf war man nicht gewärtig gewesen, der Eindruck war ein verschiedener; Karoline sah den Colonel verwundert an; Wilhelmine, die ihm nie besondere Aufmerksamkeit gezeigt, machte aus ihrer Serviette komische Figuren, um die andern zum Lachen zu bringen. Die Mutter schien peinlich berührt. »Ach, mein Gott, wozu denn das! Die sechzehn Ahnen, das ist doch eigentlich nur eine rechte Qual für den, der sie haben soll, und die anderen auch. Wem nützt es und was wird doch dabei durch die Finger gesehen und betrogen!« »Es kommt nur darauf an, daß man das reine Blut recht versteht,« sagte der Vater seufzend, indem er die Tafel aufhob. »Auf die sechzehn Ahnen der Quiritze zum Exempel geb' ich nicht so viel! Wenn's nur auf Kommenden und Stiftskreuze abgesehen ist, wenn der Sinn nicht adlig, das Streben nicht rein blieb vom Krämergeist, so ist mir das soi-disant reine Blut keinen Pfifferling wert. In dem Sinne verlangt die Satzung ebenbürtige Ehen. Bis man mir aber den Beweis führt, daß in einem Roturier, sei's Kaufmann oder Gelehrter, ein adliger Sinn existieren kann, bleib' ich bei der alten Adelsprobe, und ich glaube, ich werde mein lebelang dabei bleiben müssen.« »Wenn er's nur bei sich behielte und nicht gegen jeden ausspräche!« seufzte die Mutter, die sich auch schon daran gewöhnt, den Colonel als Hausfreund zu betrachten, vor dem es keine Geheimnisse gibt. »Wie oft sind wir dadurch in die Klemme gekommen, denn es gibt doch jetzt so vornehme Bürgerliche und in den höchsten Aemtern. Und unsre seelensgute Königin und der König auch, gehen mit ihnen um, als wären's Menschen wie wir. Das ist ja wider den Respekt, wenn wir gegen das tun, was unsere Monarchen wollen.« »Darum bin ich auch mal auf die Festung geschickt worden,« sagte der Major und strich sich nicht ungefällig ums Kinn. »Trotzdem, daß ich ein so schrecklicher Rebell war, hat mich aber mein gutes Weib doch nicht verlassen. Dafür ist sie auch aus einer Familie mit sechzehn Ahnen, die sich alle ebenso wenig als meine darum kümmerten, wenn sie recht taten, ob es unten oder oben mißfiel. Sie hätte auch keinen Bürgerlichen genommen, wie doch die lange Rike mal drauf und dran war.« »Wolf, wie Du wieder redest!« und die Mutter war doch zufrieden, daß er wieder so redete. Der Colonel sagte, das sei das Kennzeichen eines echten Stammes, daß er verschieden gefärbte Blüten treibe, und jede doch durchdrungen vom selben Saft und Atem; im Grunde genommen, hätten auch alle dieselbe Gesinnung. »Nicht wahr, mein Fräulein?« redete er scherzend Wilhelmine an, die mit einigen zusammengerafften Tellern und Gläsern vorüberstreifen wollte. »Ich bin aus der Art geschlagen,« war ihre Antwort; »ich glaube, wir stammen alle von Adam, und es ist kein Unterschied –« »Nur daß einige weiß wurden, andere schwarz und viele sogar rot,« fiel der Colonel ein und wollte ihr behilflich sein, als die Gläser auf dem Teller schwankten, es fiel aber dabei eines und zerbrach. »Und einige wurden Franzosen und andere Deutsche,« sagte sie schnippisch darauf. »Und die Franzosen sind da, um alles zu zerbrechen und zu zerstören, und die Deutschen, um alles gut zu finden, was sie tun.« »Ich glaube, Wilhelmine stammt vom Aschenbrödel!« rief der Vater, um die Laune der guten Stunde zu erhalten, während Minchen die Glasscherben aufsammelte. »Dann steht gewiß auch schon ein reicher Prinz hinter der Tür, der sie heimführen wird,« lächelte der Colonel. »Ich verbitte mir alle Beleidigungen gegen meine Schwestern,« sprach die Knieende. »Prinzen haben nichts in der Küche zu schaffen. Und ich bin nun einmal für die Küche geboren.« »Ich glaube wahrhaftig, sie spricht die Wahrheit.« Die Laune schien dem Hausherrn doch etwas zu vergehen. Minchen klaubte gar zu emsig auf der Diele. »Eine spanische Prinzessin ist einmal mit einem Koch durchgegangen,« warf Karoline hin, welcher Minchens auffälliges Treiben auch zuwider war; aber Minchen hatte ihren Kopf auf dem rechten Fleck. »Durchgehen werde ich nicht, wenn auch Schwester Linchen mich aus dem Hause wünschen sollte, weil – vielleicht meine Ansichten ihr zu hausbacken sind. Und mit einem Koch am wenigsten; ich liebe nicht den Hautgout.« »Kinder, was ist das wieder zwischen Euch!« Der Wink der besorgten Mutter, welche Minchen auf die runzelnde Stirn des Vaters aufmerksam machen wollte, ging verloren. Welcher Dämon war in das Mädchen gefahren. »Wie ich kleiner war und an unserm Stammbaum die vielen bunten Herzen und Schilde sah, dachte ich immer, wenn das doch Birnen und Aepfel wären, und man könnte sie schütteln. Und das denke ich jetzt eigentlich noch. Um des lieben Himmels willen! was haben wir denn von unseren Ahnen? Weil die einmal gelebt, Gott weiß wann, durfte ich mit dem nicht spielen und mit dem nicht umgehen, und das schickt sich nicht und jenes auch nicht. Was würden die Vorfahren dazu sagen? hieß es. Ach Gott, die lieben Vorfahren kümmern sich darum nicht, und wenn sie da oben oder unten Aug' und Ohr für das haben, was hier passiert, so müssen sie herzlich froh sein, wenn wir sie in Ruhe lassen und gar nicht von ihnen sprechen. Denn wenn wir ihnen nachsagen wollten, was sie getan und nicht getan, nicht wie's auf ihren Leichensteinen steht, sondern was sich die Leute von ihnen erzählen, so müßten sie ja wie die Puter rot werden. Darum braucht man sich auch gar nicht vor Gespenstern zu fürchten, meine ich, wenn es welche gibt, denn wenn die auch noch so kreideweiß wären, ich wollte ihnen Dinge ins Gesicht sagen, daß sie kokliko würden.« Es war nicht Minchens Art; in dem Scherz war ein Ernst, eine Absicht. »Gottloses Mädchen!« rief die Mutter, »begegne nur mal dem schwarzen Wolf.« »Dem! Mama, gerade dem würde ich mal die Wahrheit sagen. Was hast Du schwarzer Unhold ein Recht, uns zu erschrecken? Hast Du im Leben nicht schon genug gespukt und Schlechtes getan, und wer muß Dir denn die Hintertür aufgemacht haben, daß Du Dich unterstehen darfst, aus dem Grabe wiederzukommen und Deine Nachkommen zu erschrecken, die zehntausendmal besser sind als Du? Hättest Du ein vernünftiges Einsehen gehabt, daß die Ehen im Himmel geschlossen werden, wo der liebe Gott und die Engel auch nicht nach der Ahnenprobe fragen, so hättest Du nicht die Hand an Deine eigene Tochter gelegt, drei Menschen wären nicht unglücklich geworden, und Du brauchtest nicht als Geist zu spuken.« »Mine! Was ist in Dich gefahren?« »Nichts als die pure Vernunft, Mama, als die Herren so gelehrt über die alten Scharteken sprachen. Wenn's mal so sein muß, dann geht's eben wie's geht, und man heiratet in die sechzehn Ahnen hinein, wie man aus dem Fenster springt, weil die Treppe brennt. Aber wenn Ihr aus Büchern und Gott weiß woher beweisen wollt, daß es so und gar nicht anders sein kann, dann ist mir immer, als müßte ich auflachen. Wenn's so war, ist's doch nicht mehr so, und am wenigsten jetzt, und wo sieht's denn danach aus, daß es einmal wieder so werden wird!« Die Mutter schien dem Unwetter im voraus parieren zu wollen, das sie auf des Vaters Stirn sich sammeln zu sehen glaubte. »Minchen, Du wolltest doch nicht die ungeratene Tochter spielen und Dich gegen Deiner Eltern Willen verheiraten?« »Ans Heiraten denk' ich gar nicht; wo ist denn jetzt Zeit dazu! Ihr braucht nicht bange zu haben, ich heirate weder, noch laß ich mich entführen, wenn Ihr nicht wollt. Aber verschicken laß ich mich noch weniger als gutkonditionierte Ware, wie die armen Fräulein aus Hannover, wo auf dem Begleitschein steht: unbefleckt mit sechzehn Ahnen, beim Empfange wohl nachzusehen, spätere Reklamationen werden nicht beachtet. Pfui über die Schande, wenn das Fräulein ausgepackt wird, das für den Herrn von Quiritz verschrieben ist; nicht über das arme Mädchen, sondern über die häßlichen Kaufleute, die sie eingepackt haben. Als Adam die Eva nahm, fragte er nicht, wie viel Ahnen sie hätte, denn es gab noch keine Stammbäume, sondern nur den fatalen Apfelbaum; und Eva fragte noch weniger, ob sie dem Adam ihre Hand reichen dürfe. Adam hatte keinen einzigen Ahnen, und war doch gewiß der erste und älteste Edelmann. Heiraten, wie gesagt, das will ich nicht, wenn Ihr's nicht wollt, aber lieb haben, das ist doch eine andere Sache, und da laß ich mir gar nichts ge- und verbieten, daß Ihr es wißt, so wenig, als Vater mich zwingen konnte, daß ich seinen struppigen Tiras lieber haben sollte als den schmucken Waldmann, den er nicht mag, weil er auf eigene Hand jagt. Wenn ich einen einmal lieb haben sollte, das sage ich Euch, so wäre es mir ganz egal, und ich fragte nicht danach, ob er wendisch wäre oder bürgerlich oder türkisch. Aber Ihr braucht auch darum keine Angst zu haben, denn die Männer hierzulande sind wahrhaftig nicht danach, daß man sich in sie verliebt, und die aus der Fremde zu uns kommen, von denen will ich gar nicht reden. Und apropos, sechzehn Ahnen sind noch nicht das Schlimmste; Ahnen sind doch nur Bilder an der Wand; sie tun den Mund nicht auf, und wenn ihre Visage uns ennuyiert, können wir ihnen mit Kohlen einen Schnurrbart anmalen und sie auslachen.« »Was ist denn noch schlimmer?« lachte der Vater. Die Mutter hatte sich versehen. Isegrimm hatte seine Portion Groll für heute ausgegeben. »Papa, Geldsäcke sind noch weit, weit schlimmer, und was Ihr auch sagen und demonstrieren mögt, darauf läuft's am Ende doch raus. Hat nicht dem Baron Eppenstein sein ekliger Bruder, den kein Mensch mag, so häßlich und spitz ist er, und wer mit ihm spricht, kriegt 'nen Hacks weg, hat der nicht die schöne Gräfin gekriegt, die noch weit mehr Vorfahren hatte, als nötig sind, und es ist auch gegangen! Es ist nicht nur gegangen; ihre Cousins sagen, es ist noch ein rechtes Glück, und ihre Cousinen, davon will ich gar nichts sagen. Die schöne Frau von Eppenstein hat auch einen bösen Mund, das ist wahr, und alles, was sie sagt, muß man nicht glauben. Darum glaube ich auch nicht, was sie in Berlin in der Gesellschaft sagte, ihr Mann hätte beide Hände in den Taschen gehabt und gegähnt und dann angefangen: ›Apropos was ich sagen wollte, ich wollte Sie fragen, ob Sie meine Hand wollen?‹ Und da hätte sie auch gegähnt und geantwortet: ›Ist denn das so eilig? Ich weiß ja noch nicht, welche Ihrer kostbaren Hände Sie mir geben wollen.‹ Das ist gewiß nicht wahr, aber das weiß ich, ihre Cousinen, die nicht so schön sind, sondern häßlich, die sprängen auf und antworteten gleich ja, wenn ein Bräutigam käme mit einer halben Million am Beine, und wenn er vor lauter Gähnen gar nicht zur Frage käme, auch immerfort gähnte. Aber, wen das tröstet, dem sage ich: wenn's im Hause brennt, und ich müßte absolut raus, dann spränge ich doch noch lieber unter die Ahnenbilder, als auf die Geldsäcke.« Man war lachend auseinandergegangen; das hatte Minchen beabsichtigt. Unter dem Lachen versteckte sich aber ein anderer Eindruck; das hatte das muntere Mädchen vielleicht auch beabsichtigt. Eine Dissonanz war künstlich versteckt. Der Kandidat glaubte sich allein im Saal zurückgeblieben, als er einige melancholische Töne, wie Wellen, die am Strande sich brechen, über das Klavier laufen ließ. Da fühlte er einen sanften Hauch; Malchen stand vor ihm. Er faßte ihre Hände; so blickten sie sich in einer stummen, aber beredten Sprache an. »Was wollte Wilhelmine damit? Dein Vater war in einer schlimmen Laune; es kostete die ganze glatte Kunst des Obristen, ihn nur zu beschwichtigen. So an seinen eingewurzelten Gefühlen mutwillig zu rütteln, das war eine Herausforderung; es hätte recht zur Unzeit ein Ungewitter ausbrechen können.« »Ach, lieber Herr Mauritz, mir ist, als würden noch recht viele Ungewitter ausbrechen. Da ist es gut, wenn eines so vorüberzog.« »Liebt sie, ich meine, denkt sie wirklich an den Baron Eppenstein?« »Das weiß ich nicht, aber – sie dachte, Albert, an andere.« Der Name schien ihr nur nach einem inneren Kampfe herauszukommen. »An wen sonst konnte sie dabei denken?« »An uns. – Minchen ist besser als wir alle, weit besser, als wir es um sie verdienen. Auch ihr Necken ist niemals bös gemeint; sie will nicht merken lassen, was sie Gutes tut.« »Sie wüßte –« Malchen nickte. »Darum sei nicht bange. Es ist auch so besser, damit es bald alles klar wird, und jeder weiß, was er tun muß, als daß es so lange schwebt. Ich weiß das ja,« setzte sie mit einem Seufzer hinzu, »aus der Geschichte mit meinem armen Vetter. Wie wäre es besser geworden, wenn wir uns alle gefragt hätten, was wir wollten?« Er schwieg, vor sich hinblickend. »Albert, was ist Dir! Wir haben nun schon eine Bundesgenossin. Die gute Wilhelmine! Was sie für sich redete, war für uns gesprochen. Vater würde sagen, sie hat Bresche geschossen, und Du fürchtest Dich nicht vor dem Sturm.« Er war aufgestanden und hielt sie, sanft ihre Schultern umschlingend, an seiner Brust. »Nein, Amalie, den Sturm fürchte ich nicht. Nicht die Zornader des empörten Edelmanns, auch nicht mehr den Vorwurf des gekränkten Vaters, daß ich das Gastrecht brach, meineidig wurde als Lehrer und Geistlicher gegen die heiligste Pflicht, die er mir aufgetragen, daß ich sündhafte Gedanken entzündete in der spiegelreinen Seele seiner Tochter, die ein halbes Kind war. Auf die Sprache werde ich antworten. Ich werde ihm gerade ins Gesicht sehen. Du bist kein Kind mehr. Der Gott, der über der Natur ist, gab ihr seine Gesetze, und der Keim wird Knospe, und die Knospe schießt zur Blüte, gerade wenn er es will. Seine Fügungen sind unerforschlich, und jener Feuerstrahl, der das Leben des armen Jünglings auslöschte, sollte das Licht in Deiner Seele entzünden. So ist es, ich tat nichts hinzu, auch Du nicht; es war sein Wille. Das ist ein Schild, den heb' ich auf, wenn das Ungewitter losbricht, und, ich fühle es, seine Blitze werden abgleiten, ohne mich zu töten und zu verwunden. Ich werde zu ihm sprechen: Du harter Vater liebtest Dein Kind, ja, Du hast es geahnt, weil es Dich durchschauerte, was Gott dem Kinde gegeben, aber pflegen wolltest Du diese Gaben nicht, denn Du wolltest es ziehen nach Deinem Willen, es sollte sich fügen und biegen lassen nach Deinem Maße, aber der Herr hat ihm ein anderes Maß gesetzt; da wehte er mit seiner Hand, es schnellte auf, und die Lilie wuchs auf dem Felde, wie er es wollte, nicht wie Du. Grolle nicht, denn Du grollest gegen ihn. Was der Herr tut, ist wohlgetan.« Sie hatte, den Kopf an seiner Brust, ihm zugehört; jetzt sah sie ihn mit ihren klaren Augen freudig an. »So wirst Du zu ihm sprechen, so hatte ich es erwartet, aber –« »Ich könnte doch stocken, wenn seine Blicke Zorn dunkeln –« »Nein, Albert, das wirst Du nicht, auch wenn er ungerecht würde, wirst Du gegen meinen Vater gerecht sein – aber ich kann die lange Lüge nicht ertragen. Jetzt habe auch ich Mut, aber – wenn – ich weiß nicht, ob ich die Kraft dann behalte.« »Wenn Du sie jetzt nur hättest, und dann nicht mehr, dann, Geliebte, wäre es nicht die rechte Kraft gewesen, nur ein Rausch, eine Exaltation der Gefühle. Prüfe Dich. Lügen wir denn, wenn wir schweigen?« »Ich werde auch dann noch Kraft haben,« sagte sie nach einigem Besinnen. »Gewiß, Albert, ich werde mutig bleiben und schweigen, solange Du es willst. Ja, Liebster, ich will's auch darin Dir beweisen. Ich habe keinen Willen, wenn Du willst; Du wirst auch wissen, warum Du so handelst, und tust es nicht, um mich zu prüfen, ob ich bestehe. Aber Dir ist etwas, was Du mir nicht sagen willst. Hat Dich heut abend etwas verletzt? Was sorgst Du –« »Daß nicht Zeit ist, für uns zu sorgen.« Sie sah ihn verwundert an. »Ich frage mich: haben wir denn ein Recht, jetzt an uns zu denken, ein Recht, die Kraft, die Gott uns lieh, nur für uns zu gebrauchen, wo Tausende und Millionen von uns fordern, daß wir für sie leben, ein Recht, für uns etwas zu wünschen, wo unsere vollen, großen Wünsche allein auf die Rettung des Königs und des Volkes gerichtet sein sollen? Ich brauche Dir nicht zu sagen, daß die Tausende und Millionen nicht so fragen und denken. Aber sollen wir den Millionen nachleben, die in den Tag hineinleben, oder ist es unsere Aufgabe, uns über sie zu erheben, die Selbstsucht zu unterdrücken, zu töten. Ist's nicht die Bestimmung der wahrhaft Edlen, statt dem Troß, der auf der breiten Straße der Gemeinheit fortzieht, zu folgen, sich herauszureißen und wenigstes den Versuch zu machen, ob einer, ob viele uns folgen? Ich habe die Ahnung, daß schwere, große Stürme heraufziehen – das Vaterland muß uns alle rufen, so oder so – und jetzt gerade sollen wir die Kraft des edlen Mannes lähmen mit einer Liebesgeschichte! Wenn der König in Preußen einen letzten Verzweiflungskampf versuchte, wenn er alle seine Treuen aufriefe, zu ihm zu eilen – Dein Vater, er vergäße Krankheit und Alter, er stürzte hin – und wir – ich sollte die Wut, den Fluch auf mich abziehen, die er ganz auf den Feind schleudern soll. Denke die Tränen Deiner Mutter, den Schrecken Deiner Schwestern, wenn der Fußboden unter seinen Tritten bebt, und gar der fremde Mann, der Feind, Zeuge der Auftritte! Mit blutendem Herzen, ein zerrissenes Haus hinter sich, sollte er selbst wie ein Verzweifelnder, Zerrissener, an seine Pflicht gehen? – Pflicht gegen Pflicht, hier Deine Wahrheit retten, dort –« Sie hielt seinen Arm. »Albert, wie kannst Du zweifeln, ich bin ein armes Mädchen, dem Gott verzeihen wird, wenn es an das Vaterland nicht dachte, wo das Herz ihm zu heftig schlug. Es wird nicht brechen, Geliebter. Die Sonne leuchtet ja doch hinter den Wolken. Du hast recht, wir lügen ja nicht, wenn wir schweigen. Wir wollen still, still unser Glück für uns behalten, bis – bis die Sonne scheinen darf.« Sie besiegelten das Gelöbnis Lippe an Lippe. »Aber Du sprachst von Stürmen,« sagte sie beim Scheiden und atmete schwer auf. »Ich fürchte, daß noch ein anderer im Hause heranzieht.« Zwei Namen und ein Wort malten die Gewitterwolke, für die Mauritz kein Auge gehabt. »So seid Ihr Männer, Ihr wollt uns schelten, daß wir Eurem Blick über Meere und Berge nicht folgen, und keinen Sinn haben für die Leiden der Völker, und dann überseht Ihr, was dicht vor Euren Augen geschieht, an dem Liebsten und Nächsten.« Er ward ernst gestimmt. »Laß uns wachen. Ein bitterer Spott! Wir selbst auf der Schwelle, um ihn zu stören, sollen Wacht stehen, daß andere nicht den Frieden des Hauses brechen. Aber es ist unsere Pflicht; jetzt so heilig, als wenn uns der Hausherr zu Wächtern bestellt hätte.« Einunddreißigstes Kapitel. Der Beichtvater. Was war dem Manne! das dachte die gute Frau von Ilitz, als der Major stumm auf dem Kanapee saß. Manches hatte in letzter Zeit in der Schloßordnung sich geändert, aber ihr Mann ging doch immer regelmäßig zu Bette, und wenn ihm was Unliebes widerfahren, brummte er regelmäßig nach. Er hatte heute noch nicht gebrummt; es war schon Mitternacht, und er dachte noch nicht ans Zubettgehen. Als sie abends aus dem Speisesaal gingen und Wilhelmine kam, ihm zur Nacht die Hand zu küssen, hatte er ihr einen leisen Streich über die Backen gegeben: »Schlaf Deine Narrheit aus, Du Schelm!« Er aber war in des Verwalters Stube getreten und darin über eine Stunde geblieben. Er ließ sonst die gemeinen Leute zu sich kommen. Der Fremde den er dort gesprochen, war nur ein Viehhändler, und als der Major herauskam, hatte er laut und ärgerlich zu dem Verwalter gesagt, er wolle sich auf den Handel nicht einlassen, was man ihn noch immer mit solchen Dingen plage; und doch mußte er den Handel nicht ganz abgelehnt haben, denn er hatte angeordnet, daß der Fremde beim Verwalter auf der Stube schlafen solle. Er wolle sich morgen die Sache überschlagen. Jetzt saß der Hausherr bei der gnädigen Frau und sprach kein Wort. Einmal nur hatte er hingeworfen: »Wir bekommen noch mehr Besuch. Gott weiß, wie das werden soll!« Als sie überrechnete, wie man das einrichtete, und dann ausgerufen: »Na, der liebe Gott wird schon helfen, und Minchen wird für alles Rat schaffen!« hatte er gedankenlos nachgesprochen: »Ja, Minchen wird für alles Rat schaffen.« Sie meinte also doch, daß Wilhelmine ihm noch zu Kopf gehe, und fing an, auf ihre Unart zu schelten, aber im selben Atem hatte sie auch Entschuldigungs- und Milderungsgründe. Er wehte mit der Hand. »Sie ist ein Kind, wer weiß, ob wir es nicht alle vor Gott sind.« »Ein Kind ist sie nun eigentlich nicht mehr, Wolf, aber sie spricht schlimmer, als sie denkt. Und ich weiß auch gar nicht, wie sie auf den Gedanken kommt, daß sie gerade einen Bürgerlichen heiraten könnte. Sie meinte wohl auch damit nur einen Mann von Adel, aber nicht so altem als unserer.« »Frau! willst Dir einen Kuppelpelz verdienen?« Der Major sah sie wieder scharf an. »Daraus wird nichts. Uebrigens einen Krämer und Spekulanten nimmt sie nicht! Dafür ist sie doch meine Tochter. Sag das, wenn Du Lust hast, dem Herrn Baron von Eppenstein, Erb- und Gerichtsherrn auf Wüstelang und Schierstädt.« Die Frau von Ilitz fand es angemessen, über die Vorstellung zu lamentieren, daß ihre Tochter einen simplen Bürgerlichen heiraten könne, aber sie fand einen Trost in der Betrachtung, daß sie ja, Gott sei Dank! mit so wenig Bürgerlichen Bekanntschaft hätten. Nach einer Weile hub er in anderem Tone an: »Das kommt wohl, daß auch aus einem gesunden Stamm ein Ast aus der Art schlägt. Gott weiß, warum er es so eingerichtet. Wilhelmine kann nichts dafür. Verdorben ist nichts an ihr, sie war von je so; ich gebe sie auf.« Wie sie ihn erschreckt anblickte. »Wolf!« »Wir ändern's nicht. Eltern können eine Tochter, die mit einer Hasenscharte zur Welt kam, durch Pflege und Erziehung nicht zur Schönheit bilden. Man muß sich darin fügen.« »Daß Gott erbarm', Du willst sie verstoßen?« »Sie fällt nur von uns ab. Wie ich ihr den hausbackenen, bürgerlichen Sinn nicht einimpfte, kann ich ihr auch einen adligen nicht einblasen. Das muß geboren sein. Vielleicht hattest Du einen Lafontaineschen oder Ifflandschen Roman gelesen, als Du ins Kindbett kamst. Sie bleibt mein liebes Kind und unsere gehorsame Tochter, nur meine Aussichten sind zu Wasser. Wollte Gott, es wären die einzigen. Sie mag heiraten, wen sie will. Sie ist vernünftig, klug, sie wird nur einen rechtschaffenen Mann nehmen. Dann soll unser Segen ihr folgen in die fremde Familie. Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit kann auch ein Erbteil sein in Bürgerhäusern. O ja, das kommt vor. Sonst aber sind wir geschieden. Einmal ein glückliches Gesetz der alten Römer: femina finis familiae mit dem Weibe hört die Familie auf. [ Mulier autem familiae suae et caput et finis est , die Frau ist Anfang und Ende ihrer Familie, aus dem Corpus Iuris Civilis.] – mit dem Weibe hört sie auf. Ist sie hinaus, verheiratet, im Kloster oder auf der Straße, so kann sie der Familie keine Schande mehr bringen.« »Jesus Christus, Mann, wie sprichst Du! Und Karoline, Malchen?« »In denen sprüht unser Blut.« Was war dem Manne? Das konnte jetzt auch der Kandidat fragen, als der Major auf seiner Stube saß. Es war nur um eine Stunde später. Hatte er Gespenster gesehen? Warum hatte er den Kandidaten nicht zu sich rufen lassen? Seit jener schweren Nacht das erste Mal, daß er wieder über die Schwelle seines Hauslehrers trat. Das Herz des jungen Mannes hatte beim Eintritt lebhaft geschlagen; jetzt schlug es auch, aber es waren andere, ruhigere Pulse. Und doch war es wieder eine Gewissensfrage gewesen, die der Major ihm vorgelegt. So schloß er: »Der Herr von Stein wird also hier erwartet. Angeblich reist er auf seine Güter im Nassauischen zurück, weil er den preußischen Dienst quittiert hat. Das ist der Paß, wie man durch die französischen Armeen kommt. Hier wird ihn zufällig der Fremde, der als Viehhändler gilt, treffen. Dazu ist gestern auch, wie zufällig, der Obrist von Heißborn hier abgetreten. Was diese Rakete in ihrem Kern verschließt, weiß jeder. Alles das sind, wie gesagt, pure Zufälligkeiten; nur daß mein Haus und Hof davon in die Luft gesprengt wird, wenn das französische Gouvernement es nicht dafür ansähe, sondern für eine Konferenz, um hinter dem Rücken ihrer Armee gegen sie zu konspirieren.« »Und der Major von Quarbitz, wie ich ihn kenne,« sagte der junge Mann, »wird keinen Augenblick anstehen, Haus und Hof, Gut und Blut hinzugeben, wenn das Vaterland es fordert.« »Wenn mein Lehnsherr befiehlt,« korrigierte der Gutsherr. »Wenn ich das schwarz auf weiß habe –« »Verlangen Sie ein Blatt Papier? Gibt es keine festere Schrift, als die mit Feder und Tinte, keine bessere Sicherheit als Siegel und Unterschrift? Darf der König den ihm treuen und teueren Personen, die ihr Leben für ihn wagen wollen, noch in verräterischen Dokumenten die Anweisung auf Kerker und Kugel mitgeben, wo der französischen Polizei nichts geheim bleibt, Napoleons Agenten und Agentinnen Schlüssel zu den geheimsten Läden im Kabinett von St. James besitzen, Abschriften von Staatsschriften, die nur der Schreiber und Empfänger kennt? Waren und sind nicht Winke überall in der Politik wichtiger als offizielle Schreiben; ja, erläßt eine Macht nicht oft drohende Weisungen durch Schrift und Druck, die sie durch eine mündliche Bestellung ins Gegenteil umwandelt? Was unter Trommelschlag verboten, ward heimlich durch eine vertraute Person geboten. Unser König ist unschlüssig; in der entsetzlichen Lage, zu schwer, zu unverdient für sein treues, warmes Herz, wagt er nicht das auszusprechen, ja nur zu denken, was not tut. Wird es da nicht zur Pflicht seiner Freunde, Räte, der ersten Diener, die ihm und dem Lande zu Gott geschworen, für ihn zu denken, sprechen, handeln! Ja, auch handeln, sie müssen oft über die Barre seiner Bedenklichkeiten, seiner Gewissenhaftigkeit wegspringen, damit nur etwas geschieht, er muß fortgerissen werden, sagt man. Wenn er nun Personen absendet, wenn er es wenigstens zuläßt, daß ein Freiherr von Stein umherreist, so ist da nichts Gewöhnliches im Spiel, es ist eine Frage über Sein und Nichtsein. Uns fehlt der Schlüssel, aber fühlt nicht jeder als Preuße, Patriot, in sich die Mission, dem entgegenzukommen, was uns gebracht wird? Wir dürfen diese Zeichen einer anderen Zukunft nicht außer acht lassen, die wie Atome in der Luft schwimmen, und, ehe wir uns versehen, zu einer Masse, zu einem gegliederten Konvolut wachsen, das mit Riesenflügeln uns umspannt. Geht nicht jedem Gewitter ein unheimliches Rauschen vorauf; das Laub des Waldes flüstert, ängstlich flattern die Vögel, die einzeln fallenden, schweren Tropfen mahnen uns, die Schritte zu beflügeln, ein Obdach zu suchen. Wer ahnte, daß ein Mönch in Wittenberg die Verwegenheit haben könne, des Papstes Bulle zu verbrennen, aber die Zeichen der Reformation wehten und rauschten, die Funken knisterten, ehe der leuchtende Feuerbrand aufprasselte, und ward nicht, ehe das heiligste Licht dem armen Menschengeschlecht sich offenbarte, in den Wüsten und Höhlen gepredigt und getauft, und die Stimme des Propheten, die Sterne und die Morgenröte verkündeten das kommende Heil der Welt! So ging's in aller Zeit, und sie sind allezeit Gottes Kinder gewesen, die das Rauschen hörten, das Morgenrot sahen, und seine Vorboten empfingen.« Wenn der Major auf eine Rede schwieg, war es für die, welche ihn kannten, ein Zeichen, daß er auf den Sinn derselben einging. Aber er sprach es nie aus. Nach einer Weile sagte er nur, man müsse vorsichtig zu Werke gehen. Der Kandidat sollte den Fremden sondieren; er wollte morgen den Obristen sprechen. Jenem traute er nicht ganz, diesem zu viel zu, nämlich blinden Eifer und Unbesonnenheit. Plötzlich aber stand er wieder vor dem Kandidaten und sah ihn mit dominierender Schärfe an. »Nun, Herr Theolog, Antwort auf die Gewissensfrage!« Herr Mauritz senkte die Augen. »Wo in einer Kollision der Pflichten es unmöglich wird, beiden zu genügen, nahm man noch immer dafür an, daß der höheren gehorcht werden muß. Wo ein Gesetz Gottes und eines der Menschen sich widersprechen, wird der Christ keinen Zweifel haben, welchem zu folgen; in weltlichen Dingen ist aber das Vaterland das erste. Was Herr Major dem französischen Colonel versprochen, hatte doch nur auf dessen Person und seine Sicherheit Bezug. Sie verbürgten sich nicht dafür, daß in Ihrem Hanse nichts getan, gesprochen, gedacht werden dürfe gegen die Person und Sache des französischen Kaisers und seiner Armee. Wie hätten Sie etwas zusagen können, was außer Ihrer Macht lag. Sie versprachen ihm nur die Sicherheit, die ein Gast von seinem Gastwirt erwarten darf. Mehr nicht; am wenigsten Freunde zu verraten, welche Ihrer loyalen und ritterlichen Gesinnung vertraut, und Sie begingen einen Verrat, gewissermaßen ein Verbrechen an diesen Freunden, an Ihrer Sache, an dem Vaterlande, wenn Sie das, was Ihnen als Depositum überliefert ward, einem Feinde auslieferten. Das ist, wie sich von selbst versteht, unmöglich; aber gesetzt, Ihr Wort hätte auch den Sinn umschlossen, so kann ein Gewissenhafter doch nur das denunzieren, was er gewiß weiß, nicht was er vermutet. So bin ich der Meinung, Sie seien weder als Edelmann und Ritter, noch als Patriot und preußischer Offizier für das, was bis jetzt geschehen, noch für das, was hier verhandelt werden könnte, dem Colonel zur Anzeige verpflichtet, sondern eben nur dafür, daß im Hause nichts geschieht, was sein Leben oder seine Freiheit gefährden könne, und daß sie für ihn wachen, solange er als Ihr Gast Ihre Schwelle nicht wieder verlassen hat. Ein Untertan, ein Vasall Seiner Majestät des Königs, der allezeit seines Rufes gewärtig sein muß, sind Sie, und Sie waren es schon, ehe Sie dem Colonel Ihr Wort eingesetzt.« Ein Zug, den man hätte Bosheit nennen können, breitete sich um die Mundwinkel des Theologen, und ein Blick, ähnlich dem der Schadenfreude, folgte dem Major, als er das Zimmer verließ. Auf Herrn Mauritz' Gesicht wollte dieser Zug als ein ganz fremder bedünken. Es war aber auch nur ein vorübergehender, die vorige Melancholie lagerte sich schnell wieder darauf. Und er hätte doch zufrieden sein können. Der Major hatte ihm nach seiner Rede die Hand gedrückt: er habe gesprochen, wie er es von ihm erwartet, er habe ihn beruhigt über seine Zweifel und gestärkt in seinen Vorsätzen. In schweren Dingen gehe doch nichts über einen geistlichen Trost. Herr Mauritz hatte bitter gelächelt. »Wenn Euch der Geistliche zu Munde redet und um das, was Ihr wünscht, Bibelverse klebt, das nennt Ihr den Trost der Religion. Die Himmelskönigin soll Euch der Cherub sein, der Euer Besitztum vor Räubern schützt, und um der kleinen Opfer willen, welche Ihr der Starken dafür spendet, verlangt Ihr noch Magddienste von ihr. Eure Zweifel soll sie lösen, das heißt, entscheiden wie Ihr wollt, Euer Gewissen soll sie mit Schlummerliedern einlullen, wenn Ihr nicht gar verlangt, daß sie Euch zum bösen Gelüste, zur schlimmen Tat den Mut leihe, der Euch abgeht. Und wenn Euer Tun der Religion selbst Hohn spricht, sollen ihre Diener mit gesalbten Sophismen und Kunststücken das Unrecht in Recht verwandeln in dem Spiegel, den Ihr der Welt zeigt, und wohlgefällig schaut Ihr selbst hinein, an dem Trugbilde Euch zu weiden. – O du Funke, aus des Ewigen Schoße niedergegossen auf die sündige Welt, wie erträgst du gerade diese Wechslerbuden, Gaukler und Taschenspieler vor deinen Tempeln, die das heiligste Licht deiner Offenbarung durch Hohlspiegel dem Volke zeigen, denen zu Gefallen, die in der Macht und der Gewalt sind. Durch die falschen Aufklärer zu einem trostlosen Dämmerschein abgeblaßt, können die falschen Diener die strahlende Kerze der Religion wieder entflammen, oder –? Dieser meint es noch redlich, es werden noch viele kommen, die sich zum Glauben zwingen, ohne zu glauben, aber wenn ihrer mehr und mehr werden, wenn es einst ein einträglicher Dienst würde, das der Welt zu predigen, wozu sie heut spöttisch die Achseln zuckt, wenn die Scharen der Heuchler und Sykophanten –« Er hielt plötzlich inne; die Geister im Zimmer hätten einen leisen Aufschrei aus der Tiefe der Brust gehört. Er war ja selbst eben ein Gaukler, Taschenspieler gewesen. Der Major hatte den Trost der Religion verlangt, und er hatte als Advokat mit Gründen der Weltklugheit ihm zum Munde geredet, er hatte demonstriert, was jener wünschte und er selbst. Vielleicht war es recht, aber war es die Wahrheit, die jener gefordert? Der Kandidat wollte aufspringen. Er war ein schwacher Mensch gewesen, er wollte sich stark zeigen, er wollte zum Major eilen, sich selbst anklagen, als ein Geräusch ihn ans Fenster lockte. Der Colonel ritt fort. Er erteilte Anweisungen, die auf eine längere Abwesenheit deuteten. Nun war seine Eile ja nicht nötig, die Frage war auf andere Art gelöst. Er hätte ja auch nicht gewußt, was er zum Hausherrn reden sollen; ihm war wohl zu Mute, und doch gestand er sich, das war nur ein Zeichen der Schwäche, er war ein Mensch wie der, den er eben gerügt. Zweiunddreißigstes Kapitel. Chaotische Besuche. »Wo in Gegenwart und Vergangenheit sahen Sie eine Herrschergröße seiner gleich! Dieses Auge, das die Schlachtreihen anordnet und durch den Pulverdampf dringt, als läge vor ihm heller Sonnenschein, diese Seele, die Feuer schnaubt, und über sein Apolloantlitz schwebt das Lächeln der Ruhe! Wir, Sie, alle scharren nach dem Körnlein auf dem Dunghaufen, sein Adlerblick mißt die Ernte der Zukunft, dort schichtet, ordnet, teilt er, indes wir wähnen, mit aufgeschütteten Maulwurfshaufen seinen Riesenschritt aufzuhalten. Er ist der Held, nicht der Gegenwart, der Zukunft, das Ideal aller Herrschergröße, der Mann, den die göttliche Vorsehung geweckt und gesandt, in das erschlaffte und abgelebte Europa neues Leben zu hauchen – ja, meine Freunde, sehen Sie mich verwundert an, wie ich vor Ihnen stehe, der Mann mit weißem Haar, mit zerhackten Gliedern, diese Züge, verwittert von so vielen Campagnen, mehr noch von so vielen Täuschungen, der Schmerz schüttelt und rüttelt an dem zerbrochenen Körper, und doch spritzt heißes Jugendblut bis in die Stirnadern und die Fingerspitzen. Aber das ist es nicht. Hier der alte Soldat mit den weißen Gamaschen, den drei gepuderten Locken, daß auch der Mann mit dem pour le mérite am Halse ausgetauscht ist: Tollheit, Undank, Verwirrung, nennen Sie es, wie Sie Lust haben, daß der glühendste Verehrer Friedrichs jetzt Napoleons Lobredner ist. Ich bin nicht ausgetauscht; die Dinge haben sich nur vertauscht. – Ja, ja, Friedrich war groß, der Genius seines Jahrhunderts, aber wenn das Jahrhundert wie ein leckes Schiff in den Wogen der Unendlichkeit versinkt, fliegt der Genius auf und sucht eine neue Verkörperung. Schelten Sie mich blind – immerhin! Ja, auch der Knopf, die Litze, die von ihm kam, war mir ehrwürdig, alles, alles, die Sohle selbst, die der Fuß seines letzten Grenadiers von sich schleuderte, denn wo ich nichts Besseres kannte, hielt ich am Besten fest. Hörten Sie mich nicht einen barbarischen Exerziermeister schelten, weil ich jeden Verstoß gegen seine Vorschrift rügte, weil ich nichts von den Alfanzen, den jungen Genies, die alles korrigieren, wissen wollte! Was helfen neue Lumpen auf ein Kleid, das in Fasern zerrissen, aus dem der Moder duftet! – Jetzt weiß ich es, das Licht ging mir auf, Friedrich hatte eine Mission, er hatte sie erfüllt, was an ihm. Konnte er dafür, daß seine Nachfolger sie nicht begriffen, daß er dem Staube seinen Zoll abstatten mußte, ehe sein Volk seinen Geist erkannt? Konnte er dafür, daß der Weltgeist in Decennien den Marsch von Aeonen zurücklegt, und daß die Mission von heute eine andere ist, als die vor fünfzig Jahren? Er schlummert, und der größere Genius, der von heut, hat an seiner Gruft zu Potsdam ihm die Hand geschüttelt und ihm das Gelöbnis abgelegt, daß er seine erfüllen will, – seine , er, der Mann dieses Jahrhunderts, mit der welthistorischen Aufgabe, eine Universalmonarchie zu gründen. So ist's im Rat des Allweisen beschlossene und die menschliche Ohnmacht ändert daran nichts.« Es war nicht Deklamation, es war ein riesenhafter Schmerz, mit dem der Obrist rang, er schluchzte auf, die Tränen stürzten ihm von den Wimpern; der Schmerz war es, die Wahrheit bekennen zu müssen, daß sein Leben hinter ihm ein verlorenes sei, und er hatte vor sich keines, um es wieder gutzumachen. So übermannt von der Heftigkeit der Gefühle hatte er das Zimmer verlassen. Die Tür, die hinter ihm zuschlug, dröhnte wie ein Wetterschlag aus reinem Himmel denen, die heut am Frühstück in Haus Ilitz saßen. Es war vieles in kurzer Zwischenzeit vorgegangen. Kaum daß an dem frühen Morgen der Colonel das Hans verlassen, war eine Postchaise mit zwei Herren von der Straße nach Pommern ins Tor eingelenkt. In dem bescheidenen Aufzuge, der kotbespritzten Kalesche, hatte man den vornehmen Gast nicht erwartet, für den Wilhelmine bereits das beste Zimmer eingerichtet; noch mehr überraschte der Begleiter, der, in einen militärischen Mantel gehüllt, zuerst heraussprang, um dem andern, sichtlich Kranken zu helfen. »Der Reichsgraf von Waltron-Alledeese! Und von der Armee! Was bedeutet das?« rief der Major. »Daß er auch den Abschied nahm; weiter nichts!« hatte der Reichsgraf hingeworfen, indem er seine ganze Kraft nötig hatte, um den von einem Schwindel Ergriffenen herauszuheben. Der Diener und der Major mußten zuspringen, um ihn zu unterstützen. »Wenn auch diese Männer schwach werden!« hatte der Major beim Eintritt ins Haus gemurmelt. »Denken Sie nur nicht,« war die rasche Antwort des Grafen, »daß die Geschichte da in Königsberg meinen Freund umwarf. Rein physisch! Die Strapaze zur See, und dann bei Stettin gerieten wir Polen in die Hände, die mit den Schillschen Partisanen scharmutzierten. Was wußten die vom Freiherrn von Stein! Und dann Tag und Nacht über Stock und Block. Wir werden einige Tage Ihre Gastfreundschaft beanspruchen müssen.« Es mußte noch mehr vorangegangen sein. In dem Saal, wohin man den Reichsgrafen, nachdem er für den kranken Freund die nötigste Sorge getragen, zum Frühstück führte, stand schon jemand im, wie es schien, lebhaften Gespräch mit dem Kandidaten: dieselbe Person, die wir als Viehhändler kennen gelernt. Er trug diesmal einen bescheidenen bürgerlichen Ueberrock, seine Manieren aber verrieten, daß er in die Gesellschaft gehörte, wenigstens sich darin zu bewegen wußte. Bei der Begrüßung der weiblichen Mitglieder der Familie vor der Tür schien zwischen dem Grafen und ihnen nur eine alte Bekanntschaft erneuert; der Graf trat, am einen Arm die Mutter, am anderen Wilhelminen, unter scherzhaftem Gespräch ein. Wo man bange und was man nennt lange Gesichter an allen zu bemerken glaubte, verriet seines mehr die Heiterkeit eines Weltmannes und Militärs, der, täglich den Wechselfällen der Schlachten und des Glückes ausgesetzt, die Ruhe gefunden hat, welche vor nichts Unerwartetem mehr zurückschrickt. Beim Anblick des Fremden hatte er mit einem: »Ah, Sie schon da! Auch ein alter Bekannter!« ihm leicht die Hand gereicht. »Sie kommen jetzt zu früh, und doch, besorge ich, zu spät. Wir sind außer Aktivität. Man braucht unsere Dienste nicht mehr. Doch davon ein andermal!« hatte er rasch zum Gutsherrn sich umgewendet. »Wie steht es hier? Wie ertrugen Sie die Drangsale der Zeit? Ich hoffe, gut. Ich sehe blühende Gesichter; mein Patchen Wilhelmine hätte ich nicht wiedererkannt. Das letzte Mal schaukelte ich sie noch auf meinen Knien. Das würde sie sich heute verbitten. – Haben Sie Einquartierung? Hatten Sie viel von ihr zu leiden?« Der Ernst auf dem Gesicht des Fremden, sekundiert von dem leuchtenden Blick im Auge des Kandidaten, brachte auch augenblicklich wieder den Ernst in den Zügen des Grafen zum Durchbruch. »Meine Freunde,« hatte er gesagt, »alles zu seiner Zeit. Wir wollen den häuslichen Frieden edler Frauen nicht durch unsere Geschäftsangelegenheiten stören.« Da hatte der Hausherr das Wort ergriffen. »Erlaucht treten in ein Haus, wo, Gott sei gelobt, auch die Frau begreift, was zu des Hauses Ehre not ist. Das Haus ist ein Teil des Landes, und wo das Land trauert, können seine Bewohnerinnen nicht Bänder mit Freudenfarben ins Haar stecken.« »Die armen Frauen!« Unwillkürlich war die Hand des Reichsgrafen über den glatten Scheitel Wilhelminens gefahren. Sie errötete, und er auch etwas. »Ja, so geht es, wenn man sich das Vergangene immer noch als gegenwärtig denkt. Man verfällt in lauter Irrtümer. Nicht wahr, wenn wir diese fatalen Gedanken los werden könnten, um wie viel glücklicher könnten wir sein, Herr von Quarbitz?« »Ich kann mir kein Hineinleben in die Zukunft denken, wenn ich nicht Trost und Kraft in der Vergangenheit suchen kann,« war des Majors Antwort gewesen, worauf der Graf ebenso ruhig erwiderte: »Auch wahr. Es ist Steins täglicher Wahlspruch.« Die Unterhaltung am Kaffeetisch war peinlich gewesen. Das Wichtige, was die Gäste zusammengeführt, sollte und konnte nicht verhandelt werden; gewiß nicht vor der Familie, und doch blitzte es immer unwillkürlich heraus. Es drückte die unausgesprochene Ueberzeugung, daß etwas sich zerschlagen, verfehlt sei, auf die Gemüter. Noch hatte keiner dem andern gesagt, was das sei, und doch fühlten alle, daß es nicht der Verlust einer neuen Schlacht, daß es ein innerer Schade sei, an dem ihr Mut erkrankt war. Die Namen Beyme, Hardenberg, Rüchel, Kabinettsregierung wurden nur genannt, mit hingeworfenen Bemerkungen, es waren mehr Seufzer als Hoffnungsstrahlen. »Wer hatte an solche Verhandlungen gedacht, wer, daß sie auf diese Weise sich zerschlagen sollten!« hatte endlich der Hausherr das Wort ergriffen. Der Fremde schwieg, mit einem ernsten Blick auf den Major. »Muß denn alles zerschlagen sein?« sagte der Graf. »Wie dem auch sei, Erlaucht, wir haben Zeit, uns zu besinnen,« hatte der Major entgegnet, »aber in meinem Hause weilt ein anderer Gast. Eine Pulvermine im Keller und ein Trunkener, der mit einer Fackel darüber tanzt, ist nicht gefährlicher als der Oberst Heißborn, wenn er von Anschlägen gegen die Franzosen hört. Da ist nicht mehr Zeit, zu bestimmen und zu verhandeln, er läßt die Raketen steigen, gleichviel, wohin ihre Funken sprühen. Wir fliegen auf, ehe wir es uns versehen, um deshalb ist es Pflicht, auch die ungeborenen Gedanken vor ihm zu verbergen.« Das etwa war jener Rede vorangegangen, womit unser Kapitel anhebt. Der Oberst Heißborn war – wie eine Bombe, sagte man ehedem, unter die Versammlung gefallen. Und die Bombe war geplatzt; nur hinkt hier das Gleichnis, die Entladung war eine völlig unerwartete. Der Graf, der Major, auch der Fremde schienen den sanguinischen Mann zu kennen. Nach seiner stürmischen Entfernung dauerte das peinliche Schweigen noch eine Weile. »Beim allmächtigen Gott, das ist zu arg,« rief der Major endlich aufspringend. »Und einem solchen Manne war das Schicksal einer preußischen Armee anvertraut. Himmel und Hölle! da könnten arge Gedanken im Hirn entspringen.« »Heißborn ist nur der Mann des Impulses,« entgegnete der Reichsgraf. »So war hier das Schicksal von zwanzigtausend Tapfern einer Wetterfahne anvertraut!« »Nur hier allein, Herr Kamerad? Ist's nicht überall ein Würfelspiel, welchem General ein Fürst das Kommando seiner Armee anvertraut? Habe er sich bis da noch so umsichtig gezeigt, noch so viel Geschick, wer steht denn dafür, daß ihm die Geistesgegenwart im Augenblick der Entscheidung bleibt, daß der Löwenmut ihn nicht im Moment verläßt, weil er eine Spinne erblickt, eine Maus, irgend was, wovor er eine Idiosynkrasie hat? Davon hängt die Bataille ab, und kein König, keine venezianische Zehn, kein Pariser Wohlfahrtsausschuß wägt mit dem Wert auch das Glück des Feldherrn ab, in deren Hände sie ihr Schicksal, das des Staates, der Nation legen. Auch aus der sichersten Vergangenheit sind keine sicheren Schlußfolgerungen zu ziehen. Der Augenblick, Wind und Wetter, die Zeitströmung, Leichdörner, üble Verdauung, alles wirkt auf unsere Stimmung, und unsere Stimmungen bewirken unsere Handlungen, und unsere Handlungen, von solchen Stimmungen bewegt, haben Königreiche gesprengt, zuweilen gerettet. Heißborn ist eine Natur, die keine Widerrede duldet. Wenn der König ihm damals nicht den Rücken gewandt, hätte er ihm den Hut vor die Füße geworfen. So zornig, außer sich war er, daß man 1805 nicht losschlug. Nun hat sich das Blatt gewandt; er nicht. Wenn die Opposition in ihm zu stark wird, schlägt sich der ganze Mensch auf die Seite der Opponenten; merkwürdig ist nur der schnelle Prozeß, und ich meine achtungswert, daß er nicht heuchelt und nicht Vermittlungen und Uebergänge sucht, die seinem Umschlag einen anderen Schein bereiten sollen. Er wäre imstande, es dem Könige selbst ins Gesicht zu sagen: ich verlasse Dich! Nicht diese Fanatiker, die plötzlich sich vor dem neuen Licht auf die Erde werfen, sind Deutschlands Verderben, vielmehr die Vorsichtigen, Berechnenden, die Mantelträger, die mit gekrümmtem Rücken lavieren, bis sie mit einiger Ehrenhaftigkeit in des Feindes Lager hinüberrutschen. Der Schweif hängt sich an die Macht, das ist ein Naturgesetz; darüber grollen, Torheit. Wir sollten uns über Charaktere freuen, die noch selbständig handeln, die noch in unserer morschen Zeit jugendfrisch der Blutwärme gehorchen, ohne Rücksichten, ohne Furcht vor der Blame. Denn daß diese ihn treffen wird, wie es auch ausschlägt, dafür darf der Feuerbrand nicht sorgen.« Der Herr von Ilitz hatte keine Worte für das, was er gehört. Die Hände geballt, die Miene glühend, schritt er auf und ab. »Wenn greises Haar, Narben voll Ehren, wenn ein makelloser alter Name, ein Adel, der an den Kaiserthronen zunächst stand, nicht vor der Schande bewahren, was dann – was schützt uns vor uns selbst!« Der Fremde ergriff zum ersten Male das Wort mit bescheidener Stimme, aber mit einer überlegenen Ruhe, welche auf eine gereifte Lebenserfahrung deutete: »Vor sich selbst ist jeder sein eigener Versucher, sein eigener Ankläger, Verteidiger und Richter. Aber weißes Haar schützt so wenig als uralte Namen vor der Macht des Genius. Dem erliegen alle Potenzen, wie sie sich auch dagegen sträuben. Es ist die Aristokratie, die endlich alle Aristokratien besiegt. Und wehe dem Volke, dem ganzen Menschengeschlecht, wenn dies Naturgesetz aufgehoben wäre. Es wäre das Zeichen des herannahenden Marasmus, wenn die Materie dem Geist einst die Herrschaft aus den Händen ringen könnte. Schütze Gott die Völker und Staaten Europas vor dem Schicksal, dem das alte Asien erlag! – Meine Herren,« fuhr er nach kurzem Innehalten fort, »ich maße mir nicht an, lesen zu wollen, was in der Seele des Obristen Heißborn voranging, denn ich habe nicht die Ehre, ihn zu kennen wie der Herr Reichsgraf, diesmal aber weiß ich, daß Napoleons Genius unmittelbar ihn besiegt hat. Der Kaiser ließ den Gefangenen vor sich führen, und von dem Feuerguß einer dreiviertelstündigen Unterhaltung schmolz seine stolze Seele.« Der Gutsherr lachte höhnisch auf. »Es ist größeren Geistern als seinem so ergangen,« fuhr der Fremde fort. »Möge die Geschichte Verzeihung für sie finden!« »Er wird auch schon wieder zur Besinnung kommen, ehe er zur Geschichte wird,« schaltete der Graf Waltron ein. »Wer sich so schnell bekehren läßt –« »Wird nur durch sich selbst bekehrt,« fuhr der Fremde fort. »Geben Sie ihn auf, meine Herren, seien Sie zufrieden, daß noch keiner ihn ins Vertrauen zog. Der Art Naturen werden nur durch Sättigung geheilt. Alle unsere Gründe, und wenn wir mit Engelszungen redeten, prallten ab. Lassen Sie ihn vor der neuen Sonne anbetend niedersinken, bis ihre Macht sein Blut zum Zerspringen entzündet hat. Dann vielleicht –« Obrist Heißborn stand wieder im Zimmer. »Haben Sie Gericht über mich gehalten?« Seine Blicke flogen umher, ohne irgendwo zu haften; ihr Urteilsspruch, wenn er ihn las, war ihm gleichgültig, es waren ihm das wohl auch ihre Personen. So war er auf einen Stuhl gesunken. »Ich bin wohl schon ein Ausgestoßener! Man würdigt mich keines Wortes. Oder sehe ich bemitleidende Blicke? Ja, meine Freunde, wenn Sie mir noch den Namen erlauben, ich verdiene Mitleid. Wer mit Augen nicht sieht – mit Ohren nicht hört – aber beklagenswerter, welche sie jetzt noch verschließen.« Er atmete schwer auf. »Die preußische Monarchie ist aus! Ich ahne, was Sie hier zusammenführt; doch fürchten Sie keinen Verräter, ich kann Ihre vergeblichen Mühen nur bedauern. Wenn Ameisen den Bau wiederherstellen, den die Spitze eines Menschenfußes in Unordnung brachte, sehen die Fleißigen nicht, daß der Fuß schon wieder gehoben ist, um mit einem Tritt ihren ganzen Hausen zu zerstören. Gott schuf so die Welt; die Ameisen können nicht dafür. Aber den Weisen sollten sie trauen, den Sehern, die in die Zukunft wie in die Vergangenheit blicken. Johannes Müller kannte doch dies Preußen! Er sang der Monarchie schon das Totenlied, wie einer für immer begrabenen Leiche. Ist er der einzige Weise, der im Schacht des Wissens dasselbe Resultat fand? Pietät, wo sie hingehört, Ehrfurcht vor den Gesetzen, um die, wie um diamantene Achsen, das Weltgebäude sich dreht. Lasen Sie das Buch, das der Schwärmer aus Rügen schrieb, Moritz Arndt? Er hat den Geist der Zeit erkannt, dessen Prophet er sein will, aber nur zur Hälfte. Mit einem Auge blind, denn er sieht nicht Napoleons Mission, sieht er hell mit dem andern, was hinter der erträumten Größe der preußischen Monarchie lag. Dunst und Verwesung. Ging sie aus einer Nationalkraft hervor, war nur ein Volk da, sie entgegenzunehmen wie ein Geschenk des Himmels, um sie sich anzueignen? Nichts davon. Ein Genius, den Gott werden ließ im achtzehnten Jahrhundert, schuf Preußen, wie Gott die Welt aus nichts. Er gab der Schöpfung Arme, Füße, Glieder; einen Blutlauf glaubte man, einen Kopf und ein Gesicht auch, das frisch und keck in die Welt schaute; aber das Blut pulste, nur weil er an dem Räderwerk immerfort drehte, das Gesicht war eine geschminkte Maske. Nun die Hand verdorrte, der Atem ausging dem großen Musikanten, stockte das Blut, das Gesicht verschrumpfte. Wo blieb der Arm, das Auge – wo das Herz, Ihr Herren? Lüge ich, phantasiere ich? Mit dem Zauberer war sein Werk zerfallen, und nur weil er ein so großer Zauberer gewesen, daß man vermeinte, er könne nicht gestorben sein, er müsse sich noch im Grabe erheben, führte es noch ein zwanzigjähriges Scheinleben fort. Da zerfiel es in einem Tage in Staub, mehr als Staub. Alles war zerfetzt, aufgelöst, Verwesung in entsetzender Gestalt allüberall. Kein Glaube da und keine Treue, keine Religion und kein Rittertum. Wo war nun die berühmte Treue, unübertreffliche Disziplin geblieben? Ein zerrissenes Netz, in das sich die Fliehenden verstrickten. Alles eine verworrene Flucht ohne Ziel. Der Adel, der voran sterben sollte, nahm voran Reißaus, die geschulten und kontrollierten Beamten sich überstürzend, die vergessenen Kassen dem Feinde auszuliefern, dieser Werteifer der ruhmgekrönten Generäle, wer seine Festung zuerst übergäbe, diese Bürger, die die Bettdecken übers Ohr zogen, damit der erste Blick der einziehenden Franzosen sie nicht träfe, dem zweiten kamen sie entgegen mit der untertänigsten Bitte, es ihnen nicht zu verübeln, daß ihr Souverän sich unterstanden, den Degen zu ziehen. Die Gelehrten und Poeten – sprangen etwa Tyrtäen hervor? Sie stritten über den kategorischen Imperativ und das Ich, über Nibelungen und Homer, als des Feindes Trompete vorm Tor schmetterte. Nichts, gar nichts blieb gesund in diesem Pfuhl. Diese Wunden, Eiterbeulen, Pflaster, jetzt grinsen sie uns an in erschreckender Gestalt, wo das glänzende Leichentuch mit einem Ruck fortgerissen ist, und wer ist so vermessen, mit Pulver, Pillen und Klystieren die Säfte zu heilen, mit der Schneidernadel die klaffenden Wunden nähen zu wollen! Töte, was sterblich ist, aber der Geist des Lebens wandelt nur seine Hülle. Dort ist der Genius, der die Völker wieder gebiert, statt der Staaten einen Staat schafft, der Menschheit eine neue Aera eröffnet. Was kümmert den Geist, der die Welt regiert, wenn Geschlechter, Nationen und Staaten in deren großen Prozessen untergehen, wie Atome zersprengter Weltkörper, bestimmt, zu einem neuen, schöneren sich zusammenzufügen. Verleugnet die Sonne, sie strahlt doch, wie sie sich doch bewegte.« Die Frau von Ilitz hatte mit Schrecken die Bewegungen und das Muskelspiel ihres Gatten verfolgt. Er war blaß aufgestanden. »Herr Freiherr von Heißborn verzeihen die Frage,« hatte er mit der kalten Ruhe gesprochen, welche bisweilen seinen Zornausbrüchen vorausginge »ob wir in Ihnen schon einen Bediensteten des Kaisers der Franzosen erblicken? Für den Fall beugen wir uns als Besiegte unter dem Recht des Siegers. Er kann – in unserm Hause gebieten, also auch sprechen, wie es ihm gut dünkte Der Obrist schien die Spitze nicht zu merken oder nicht merken zu wollen. »Noch bin ich durch Eid und Vasallenpflicht an den König gebunden, der die Wahrheit nicht hören wollte. Darum fühle ich mich der Verpflichtung nicht entbunden, noch jetzt sie ihm zu sagen. Ich will laut sprechen, laut, laut, damit die Sykophanten, die ihn mit süßen Liedern einlullen, daß alles, was er tue, wohlgetan sei, vor Schrecken verstummen. Sagen ihm, wenn er es noch nicht weiß, daß sein Reich aus ist, daß, wenn er als Fürst bestehen will, er nicht allein bestehen kann, daß der Schwache einer Stütze bedarf, und wohl dem, der erkennt, daß er schwach ist und die rechte Stütze findet. Dem österreichischen Kabinett darf Preußen niemals vertrauen, ebenso wenig auf Rußland bauen. Sein einziger Ausweg, die einzige Rettung ist Frankreich. Den Stolz einer Alliance muß er fahren lassen, die ist zu spät. Der König muß sich Napoleon ganz unterordnen. Darin ist keine Ehrenkränkung, Napoleon ist Friedrichs Nachfolger im Geist. In Zivil und Militär muß die Administration, die notorisch nichts getaugt hat, umgeschaffen werden, jedem Regierungskollegium muß ein Franzose als Präsident vorsitzen, an die Spitze jedes Regiments ein französischer General. Ja, meine Herren, reißen Sie nur die Augen auf, es geht nicht anders; wir haben keine Genies, keine Talente, keine Erfahrung mehr, wo die Zeit aus ihren Fugen ging. Der Kronprinz, soll er einst noch zur Regierung kommen, muß aus seiner Umgebung, von seinen Erziehern fort, nach Paris geschickt werden. Dort mag er lernen, wie man eine Krone trägt.« Der Reichsgraf, welcher den Kaffee nicht ohne Pfeife trinken konnte, hatte sie an den Ofen gestellt. »Heißborn, ins Teufels Namen, das wollen Sie Seiner Majestät proponieren?« »Und hört er, sieht er auch jetzt nicht, will ich Feuerbrände schleudern, daß alles, was Augen hat, sehen muß!« Wie Mutter und Tochter sich um den Vater schmiegten. Wilhelmine hing sich ihn an den Arm. Der Kandidat war einen Schritt vorgetreten. Er wandte fast dem Hausherrn den Rücken, um dem Gast ins Gesicht zu blicken. »Gott schuf so die Welt, Herr Obrist, und die Ameisen können nicht dafür, wenn sie den Fuß nicht sehen, der sie zertreten wird. Und wenn sie ihn sähen, sie müßten doch fortarbeiten, denn es ist ihr Beruf. Sie lasen, Herr Obrist, in dem Buche von Arndt die eine Hälfte, wir auch die andere. Ihre lasen wir mit blutendem Herzen: Gott hat es so gefügt, warum haben wir's so verdient! Bei der anderen Hälfte schlägt unser Herz gewaltig und froh; es ruft, was du verschuldet, an dir ist es, es wieder gutzumachen! War's kein Volk, aus dem die Schöpfung unseres Staates hervorging, so ward es eines unter der mächtigen Schöpferhand. Nahmen unsere Väter es nicht an, wie ein Geschenk des Himmels, weil sie's nicht begriffen, so begreifen wir es, so ist's an uns, ehe es uns entrissen wird, uns daran zu klammern als ein Heiligtum. Es gibt auf dieser Erde keines größer als das Vaterland. Es war kein Volk, nun ist's eins. Das Unglück hat es zusammengeschmiedet. Wir haben nun ein Vaterland. Auch für dieses, mein entwürdigtes, werde ich mit Freuden zu sterben wissen; Gottes Beistand ruf' ich an – nein, nicht für mich; unglückseliger Mann, für Sie, daß seiner Engel Hand Sie, am Abgrund taumelnd, festhalte, daß er Ihnen die Augen aufreiße, ehe es zu spät ist, daß auch Sie lernen, wie es keine größere, heiligere Pflicht gibt, als die schon der heidnische Dichter singt: dulce et decorum est pro patria mori !« Aengstlich hatten die Frauen hingeblickt. Hätte der Hauslehrer je sich unterstanden, so dem Vater entgegenzutreten! Vor dem Freiherrn Heißborn hatten sie auch den eisernen Vater respektvoll zurücktreten sehen. Malchen war aufgesprungen; es war ihr in dem Moment, als müsse sie ihn am Arm zurückreißen. Aber es war nur ein Augenblick; dann hatte sie ruhig zugehört, ein stilles Lächeln schwebte über ihre verklärten Züge, als sie auch das zustimmende Lächeln auf dem Gesicht des Reichsgrafen sah. Auch der Obrist hatte ein Lächeln auf den Lippen, als er halb über die Schulter dem unerwarteten Intervenienten ins Gesicht geschaut. Kräht das Insekt auch! schien der Blick zu sagen. Er griff nach seinem Hut. Der Vater hatte dem Kandidaten heftig die Hand gedrückt, fast hatte es geschienen, er wolle ihn an die Brust drücken. Minchen und die Mutter nickten sich zu, das Gewitter war vorüber, der Strahl hatte ja einen Ableiter gefunden, als der Major vor den Gast trat. »Herr Obrist, diese Mauern sind zu alt und baufällig, um zwei Elemente zu fassen, die eins das andere zerstören. Das Gastrecht ist mir heilig. Solange Sie die Gefälligkeit haben, das Haus mit Ihrer Gegenwart zu beehren, soll der Friede darin bleiben; ich werde bis dahin eine nötig gewordene Inspektion auf meinem zweiten Gute vornehmen.« Der Friede blieb im Haus; nur bedeutete der über das Hofpflaster rollende Wagen nicht die Abreise des Majors auf sein Dorf, sondern die des Obristen. Es war auch ohne Gewitter vorübergegangen; der Reichsgraf als schützende Autorität mochte die Entladung der Wolken verhindert haben. Nur der Kandidat und der Fremde waren im Saal zurückgeblieben. »Der napoleonische Colonel scheint Sympathien im Hause zu haben,« sagte der Fremde. »Doch keine, die uns gefährlich werden könnten,« entgegnete der Kandidat. »Sollten Sie die Verhältnisse nicht so gut kennen als ich?« »Der Major traut mir noch nicht. Was Sie ihm sind, davon sprach der Händedruck vorhin.« »Die Macht einer Wallung. Weiter nichts. Er sieht die Sterne am Himmel nicht vor den Sternenkreisen, die abgezirkelt auf seinen Pergamenten stehen.« »Aber er hat Takt. Auf die Pergamente gebe ich nichts, aber ein richtiger Sinn erbt oft in alten Familien fort.« Der Kandidat sah ihn verwundert an. »Erwarten Sie von alter Geburt unsere Rettung?« »Mein Fundament ist sicherer. Dennoch bekenne ich Ihnen, trotz der traurigen Erfahrung, die wir gemacht, klopfe ich vertrauensvoller an, wo das Gefühl der Ehre seit Jahrhunderten, wenn auch nur als überkommene Pflicht, fortlebt, als da, wo es erst geweckt werden soll. Sei der Spiegel auch mit Staub und Spinngewebe überzogen! Holz brennt nur durch lange Reibung; dem verrosteten Stahl vermag ein Schlag wieder Funken zu entlocken.« Ein wehmütiges Lächeln fuhr über die Lippen des Kandidaten. »Sie kennen diese hier nicht.« »Ich kenne sie, mein lieber, jüngster Bundesgenoß, und weiß, was hier verwüstet liegt; verwüstet kann aber doch nur werden, was ehedem gelebt und geblüht hat. Unsere Aufgabe ist es ja, in Sumpf und Brandschutt nach den lebenskräftigen Keimen der Nation zu suchen; wo wir diese auch finden, sie ergriffen, gepflegt!« Nach einer Pause fuhr er fort: »Immerhin ist es ja auch möglich, daß wir selbst an der Demoralisation des Adels schuld sind. Wir gossen zu ätzenden Sport auf ein Institut, dessen Wurzeln ins Altertum zurückgehen, als es noch ein deutsches Volk gab. Sind sie denn anderes Blutes, anderer Abkunft als wir, daß keine Reinigung, Korrektion möglich, daß wir das Kind mit dem Bade verschütten müßten? War, was sie uns zufügten, so unverzeihlich, ihre Hoffart so kränkend, daß man eine Kur des Uebels nur in der Vernichtung fand? Allerdings, drüben über dem Rhein haben sie die Bäume an der Wurzel abgeschlagen und die Wurzelfasern mit Blut ausgespült; ein Gottesgericht, weil sie Blutsauger gewesen. Das war unser Adel nicht. Den Druck des Dünkels, den sie auf uns geübt, rächten wir durch die Pfeile des Witzes. Unsere Komödienschreiber, Roman- und Fabeldichter trafen über das Ziel hinaus. Die Rache ist blind. Wäre es nicht besser gewesen, dem Adelsübermut den Bürgerstolz entgegenzusetzen? Ach, sie hatten auch keinen Bürgerstolz mehr. Statt ihnen ins Auge zu schauen, Männer gegen Männer, wichen sie ihrem übermütigen Blick aus, um, statt sie zu bekämpfen, die Lästigen zu vernichten, indem sie ihre Existenz wegleugneten. Das ist grundfalsch, das rächt sich, wenn nicht jetzt, es wird's später. Ich leugne nicht ihre schweren, großen Sünden, aber richten sollen wir nur, wo wir das Richtmaß auch an unsere eigenen Fehler legen. Jene altersschwachen, brutalen, aufgeblasenen Junkeroffiziere, wer leugnet ihren schweren Teil der Schuld, die an einem Tage Friedrichs Monarchie in Trümmer warf, aber tragen sie die Schuld allein? Wo waren denn die Bürger? Fühlten sie sich vorhin als Glieder des großen Körpers, atmeten ihre Seelen für den Gedanken, der Preußen zu einem Staat erhebt? Zufrieden, wenn andere für sie dachten, handelten, waren sie noch zufriedener in kleinlicher Eifersucht, wenn die Fürsten in die Rechte des Adels griffen. Vielleicht war das notwendig. Aber ihr Jauchzen war das des Egoismus, es galt nicht dem Gemeinwohl, es war die gemeine Lust kleiner Seelen, die keine Größe dulden, welche auf ihre Zwergnatur herabschaut. Vergaßen die erbittertsten Adelsfeinde doch häufig ihren Widerwillen gegen den Stand, wenn ein Gnadenblick der Majestät sie selbst hineinschob. Wenn man sieht, wer sich jetzt zum Ankläger berufen fühlt, wer die Hand erhebt, um den Stein auf das Junkerregiment zu werfen, schämt man sich fast, den Mund mit zu öffnen. Und ist dies der Weg, die Guten, die Treuen, die Erweckten, wo man sie finde, aus allen Schichten des Lebens, von der Wiege am Thron, aus dem Bürgerladen, aus der Hütte, zu sammeln, wenn wir den Bannfluch gegen einen Stand schleudern, der einst berufen war, dem Volk voranzugehen!« »Sie sind doch Aristokrat!« rief der Kandidat »Wenn Sie es so auffassen wollen.« »Ihr Name deutet –« »Nicht auf den Ursprung, den Sie daran knüpfen. Eben weil ich stolz bin auf mein Bürgerblut, blicke ich freier und unbefangener auf den Stolz anderer. – O mein Gott, wissen Sie nicht, liebster Mann, wie viel wohler, freier ich mich in dieser Umgebung fühle als in der Stadt? Dies Krautjunkertum mit seinen Gefühlen, Bestrebungen, Wünschen, die den Begriff eines Staates nicht erfassen können, ihre Ernte sammeln sie nicht zur Saat, nur wie der Hamster zum nächsten Winterbedarf, aus Verehrung ihrer Privilegien kennen sie kein Recht, das über den Besitz hinausgeht, sie können nicht glühen, zittern für Ideen von Menschheitswohl, weil ihr kleines Ich mit dem engsten Umkreis von Vetter- und Fraubasenschaft alle ihre Gedanken einnimmt und beschäftigt – und doch sind es Menschen, die der Natur näher stehen, man fühlt eine Verwandtschaft mit der Erde, die man tritt, und dem Geschlechte, das aus ihr geknetet ward; die Erdluft der umgeworfenen Aecker, die Sonne, der Hauch der Kieferwälder hat ihre Haut gebräunt, sie atmen wieder den Atem dieser rauhen Luft. Sie lieben auch etwas – sich selbst, ihre Kinder, Familie, die Verwandten der Verwandten, sie haben auch Respekt vor etwas, vor ihren Erinnerungen, ihren Namen; es erbt in ihnen etwas fort, wenn nicht die Tugend der Väter, doch ihre Güter und Titel. In dieser Welt, wo niemand mehr liebt, wo alles wankt und zittert, greifen wir nach dem geringsten Festen, um uns selbst zu halten.« »Sie müssen fürchterliche Erfahrungen aus der Hauptstadt mitgebracht haben.« »Schweigen wir heut davon. Auch in den Provinzen klopfte ich oft und vergebens an, aber es war doch nicht die mephitische Luft, die jedes Licht der Hoffnung augenblicklich auslöschte. Ich glaube, so muß den ersten Heidenbekehrern zu Mute gewesen sein. Nicht die Kerker und Scheiterhaufen dämpften ihren Mut, aber wenn sie in Rom, Byzanz den in Ueberbildung verdumpften Seelen, den Geistern, die keiner Begeisterung mehr fähig waren, das Licht des Evangeliums verkünden sollten, und hier nur auf spöttische Mienen, Achselzucken stießen, dort die blasse Furcht vor den bösen Folgen, dann eilten sie aufs Land; unter Hirten und Bauern, unter Sklaven und Räubern, unter den Barbaren fanden sie Herzen und Empfänglichkeit.« »Sie schreiben ein Pasquill.« »Ich werde es vor dem belegen, dem ich meine Botschaft schuldig bin.« »Und der Orden oder Bund, in dessen Auftrag Sie reisen?« »Nennen Sie ihn nicht so, Namen sind gefährlich, wo die Sache, der Begriff selbst noch im Unbestimmten schwimmen. Der Name ist ein Siegel, der dem Unbestimmten eine Bestimmung aufdrückt; er wird ein Zwang, der dem Unfertigen oft eine andere Richtung aufdrängt, als die beabsichtigte war. Es ist ein Bund ohne Zeichen und ohne Mysterien, ohne Namen und ohne Gelöbnis. Zu ihm gehört von selbst jeder Deutsche, der mit Abscheu den Gedanken erträgt, einer fremden Macht unterworfen zu sein, der des Charakters ist, wenn die Zeit kam, als Mann zu handeln. Kein Schwur und kein Handschlag, nur Gleichgesinntheit. Wer unsere Zeit teilt, hat sich selbst aufgenommen, er ist rezipiert. Das weitere, was jetzt geschehen kann, was geschehen muß, erwarten wir von dem Manne zu hören, auf dessen Willen ich hier bin, dessen Ruf ich erwarte.« Dreiunddreißigstes Kapitel. Der unbegreifliche Brief. »Er ist bei uns mit Leib und Seele. Ein Geist wie seiner rastet nie, nur der Körper bedarf der Ruhe,« so sprach der Reichsgraf zu dem eintretenden Major, indem er leise die Tür zum Zimmer des Kranken hinter sich zudrückte. Der Minister hatte zu lebhaft gesprochen. Als der Major um die Erlaubnis bat, den Informator seiner Kinder zur Konferenz mitzubringen, für dessen Gesinnung und Treue er bürgen wolle, hatte der Graf dem Kandidaten schon die Hand gereicht: »Ich kenne Sie durch Herrn Walter. In diesem Herrn stelle ich Ihnen, lieber Major, wenn Sie wollen, das alter ego des Freiherrn vor. Er wird Se. Exzellenz bei uns vertreten.« Man hatte Platz genommen: »Wer konnte das erwarten!« sprach der Major dumpf vor sich hin. »Wenn Sie die Verhältnisse an Ort und Stelle beobachtet, würde es Ihnen kein Rätsel sein,« nahm Graf Waltron das Wort. »Was dringt von Königsberg bis hier! Schon im November hatte man Stein das Ministerium angeboten. Er lehnte es ab. Es war kein Ernst gewesen, man wollte nur einen Namen von Klang ad interim bis die Kabinettsstreitigkeiten ausgeglichen waren; da drang, wer sollte es glauben, gerade Beyme in ihn: ein Mann von Ihrer Charakterstärke, schrieb er, kann unserer Regierung einen totalen Umschwung geben. Ich sehe in Ihnen den von der Vorsehung für uns bestimmten Retter. Kommen Sie bald, wenn nicht alles verloren gehen soll.« – »Daß auch Komödianten die Wahrheit reden können!« murmelte der Major. »Das Merkwürdigere scheint mir, daß sie zuweilen selbst an ihre Rolle glauben. Stein, wie gesagt, nahm nicht an, weil er kein leerer Schatten sein wollte. Darauf folgten, wie Sie wissen, die gemeinsamen Vorstellungen von Hardenberg, Stein und Rüchel. Sie sprachen von der allgemeinen Stimme, welche gebieterisch die Entfernung der Kabinettsräte, das Aufgeben der Kabinettsregierung fordere. Kein Minister des Auswärtigen könne Vertrauen bei den Höfen erwecken, solange sie den Einfluß solcher Vertrauten befürchten müßten, die jeden Augenblick Zutritt zu der geheiligten Person hätten. Was solle denn ein Minister, der am Morgen aus den Akten dem Könige vorträgt, aber nachmittags ist schon der Liebling durch die Hintertür geschlüpft und stellt die Sache anders vor, ohne Akten, gesprächsweise, mit einem Lächeln oder einem langen Gesichte, je nachdem. – Hardenberg besonders trat entschlossener auf, als jemand erwarten konnte, er sprach von einer Zeit, wo wir nicht am Rande des Abgrunds stehen, sondern schon tief darin. Resolut forderte man ein neu zu konstruierendes Ministerium als öffentliche Behörde mit Responsabilität und Anteil an der Ausführung seiner Verordnungen. Stets solle ein Minister beim Könige sein und sie gegenzeichnen. Da ward Friedrich des Großen Beispiel eingewandt. Es war schwer, darauf erwidern, daß wir keinen Friedrich hätten. Aber es ließ sich doch andeuten. Hardenberg ist dazu der Mann.« »Und darauf kam das königliche Schreiben?« »Nicht eigentlich darauf. Es ward noch viel hin und her verhandelt, das heißt, man gab den Dingen andere Namen und alles blieb beim alten.« »Bis?« »Bis der Hof, bei der Annäherung der Franzosen, nach Memel aufbrach. Stein war krank. Er ließ seinen Koffer packen, am nächsten Morgen wollte er fort, da erhielt er den Brief.« »O noch einmal den unglaublichen Inhalt!« sagte der Major. »Ich kann Ihnen nur das wiedergeben, was ich mir schnell notiert. Stein verschloß darauf den Brief und niemand soll ihn wieder zu Gesicht bekommen, bis nach fünfzig Jahren.« Waltron übergab sein Taschenbuch dem Fremden, der daraus las: »Ich hatte ehemals Vorurteile gegen Sie! Zwar hielt ich Sie immer für einen denkenden, talentvollen und großer Konzeption fähigen Mann; ich hielt Sie aber auch zugleich für exzentrisch und genialisch, das heißt mit einem Worte, für einen Mann, der, da er immer nur seine Meinung für die wahre hält, sich nicht zum Geschäftsmann an dem Flecke paßt, wohin ich ihn gestellt. – Aus allem diesen habe ich mit Leidwesen ersehen, daß ich mich leider nicht anfänglich in Ihnen geirrt habe, sondern daß Sie vielmehr als ein widerspenstiger, trotziger und ungehorsamer Staatsdiener anzusehen sind, der, auf sein Genie und seine Talente pochend, weit entfernt, das Beste des Staats vor Augen zu haben, nur durch Kaprizen geleitet, aus Leidenschaft und aus persönlichem Haß und Erbitterung handelt. Dergleichen Staatsbeamte u. s. w.« Eine minutenlange Pause. Die Köpfe waren gesenkt. » Quos deus perdere vult !« stieg es wie ein Seufzer aus der Brust des Kandidaten; er verschluckte ihn wieder. Der Major ging einigemal auf und ab; es schien ihm nicht Luft genug, er riß das Fenster auf und starrte in den grauen, stürmischen Himmel. »Darauf forderte der Freiherr seinen Abschied?« »Am nächsten Morgen; früh am Nachmittage hatte er den Bescheid in zwei Zeilen, aber deutlich, es war nicht daran zu zweifeln.« »Und die anderen!« »O, an Teilnehmern fehlte es nicht; Kondolenzvisiten, Händedrücke, auch Briefe, voller Schmerz und Entrüstung, alle schön stilisiert. – Ich nahm meinen Abschied.« »Und die anderen, Erlaucht?« »Besannen sich. Was hätte es geholfen, wenn sie auch davonliefen! Ein wenig aufsieden, wenn man begangenes Unrecht hört, gehört zur Menschennatur; nachher besinnt man sich und schiebt den Deckel vorsichtig auf den dampfenden Kessel; das erhält uns und eigentlich das ganze Menschengeschlecht. Ich bitte Sie, was sollte aus allen Gemeinwesen werden, wenn jeder, in dem es kocht, dem Staate den Stuhl vor die Tür setzte!« »Kein einziger handelte anders?« »Preußischer Landeskinder Pflicht ist es, mit ihrem Könige zu stehen und zu fallen,« sprach mit Ernst der Reichsgraf. »Was wir anderen getan, ist eine Sache für sich. Wie Herr Niebuhr seinen Abschied nahm und wieder nach Dänemark ging, lassen Sie sich durch den Herrn erzählen.« Der Graf winkte dem Fremden. Der Militär schien die Pfeife nicht so lange ruhen lassen zu können. »Der große Gelehrte,« sagte der Fremde »erblickte in Steins Entlassung eine Kalamität, die den letzten Kredit Preußens erschüttern müsse. In seinem melancholischen Geiste, nur von der Geschichte untergegangener und untergehender Völker genährt, sah er in dem Fall des einen Mannes einen Schlag, der ganze Gebäude bis auf die Wurzel erschüttern und zerreißen müsse. In seiner schwarzen Stimmung schrieb er den Brief, den Seine Exzellenz mir zur Beantwortung übergeben haben.« Er las: » Nur durch die unermüdliche und unerschöpfliche Schlechtigkeit der Menschen, welche dies unglückliche Land ins Verderben gebracht, sind Euer Exzellenz genötigt, Ihren Abschied zu nehmen. – Das ist der härteste Schlag, der uns treffen konnte. Mit nur zu großem Recht rechnete Napoleon auf die Feigheit und halben Maßregeln dieser Leute. – – Mich konnte nur der Gedanke, unter einem Minister wie Sie zu arbeiten, diesem Staate befreunden. Was heißt nun bleiben? Die Gefahr laufen, zu diesen Menschen, die jetzt am Ruder sind, herabzusinken, statt sich zu erheben! Nein, meine politische Existenz in diesem Staate ist geendet. Keine Verlockungen sollen mich fangen. Ich scheide. Mögen Euer Exzellenz aber Ihren Blick über den Nebel des herabgewürdigten Zeitalters auf den letzten Strahlen des scheidenden Lichtes alles Guten und aller Größen ausruhen lassen, und dann ein Angedenken schenken – –« Er schließt mit den Worten, die leider wer nicht unterschreiben muß: »Der ungeheure, unbegreifliche Brief gehört der Geschichte an. Nur durch ein solches Maß der Verblendung läßt sich der Gang der Auflösung begreifen, der dieses Land zum Untergange geführt hat.« »Der Brief ist das ungeheure Dokument einer Geschichte welche die Nachwelt unbegreiflich finden wird,« setzte der Vorleser hinzu, indem er das Taschenbuch dem Grafen zurückreichte. Waltron hatte einige lange Züge aus der Pfeife getan, dann hub er nach einer allgemeinen Pause an: »Ihr Herren, die Ihr Geschichte machen wollt vor der Zeit, wie leicht Ihr Euch selbst täuscht! Wenn die Zeit heran ist, wo man das für wert hält, aufzuschreiben was uns jetzt passiert, wird man alles das ganz begreiflich finden, was uns als Unerhörtes echauffiert hat. Denkt doch nur zum Exempel an unser heiliges römisches Reich! Wie wackelig es auch war, wer dachte vor zwanzig Jahren an die Möglichkeit, daß ein Aventurier mit ein paar Stößen es über den Haufen werfen würde! Mein Vater war, ich war es auch noch, ein Souverän, und er stolzierte auf unserer Quadratmeile so kopfaufrecht, wie ein Soldatenkönig, ja, er musterte seine zwanzig Mann Leibwache mit dem fürchterlichen Ernst wie jener seine langen Leute! Hätten meine Ahnen, mein Vater, es für begreiflich gehalten, wenn einer gesagt, daß sein Deszendent und Thronfolger, als er seinen Abschied als Generalmajor aus der Armee der preußischen Majestät nahm, recht ernsthaft kalkulieren mußte, wie er ohne die Pension, auf die er natürlich verzichtet, leben könne? Ein Prozeß mit Napoleons Kreaturen steht mir bevor, ein ehemaliger Friseur hält in meinem Stammschloß als Kommissär-General Hof. Man hat mir stechen lassen, er wäre nicht unfreundlich gegen mich gesinnt, und wenn ich mich persönlich mit ihm stellte, würde die Auseinandersetzung dessen, was mein Privateigentum ist, mehr zu meiner Zufriedenheit ausfallen. Er wird mich an seine Tafel laden, beim hundertjährigen Steinwein aus meinem Keller wenden wir uns verständigen, ganz freundschaftlich, zusammen den Kaiser Napoleon betrügen, und jeder erträglich vergnügt mit seinem Anteil scheiden. Nicht wahr, das finden Sie unbegreiflich, und es ist nur alltäglich.« »Was soll das, mit Verlaub?« rief der Major. »Nur uns daran mahnen, daß wir Menschen sind, lieber Major, der Zeit und ihren Einflüssen untertan, wie Tiere und Pflanzen. Nur in der Zeitspanne ist ein Unterschied. Die Milbe und der Pilz widerstehen einen – ein paar Tage, der Elefant und die Eiche Jahrhunderte dem Sturm. So ist's mit unseren Institutionen und Reichen. Die Eiche mit verdorrtem Mark und verfaulten Wurzeln halten wir so wenig gegen den brausenden Orkan, als es gelang, das bröcklige Deutsche Reich festzuhalten. Wir sind fortgeblasen und geschwemmt, eine Woge raffte und warf alle zusammen, Reichsfreie, Stifte Städte, Grafen und Fürsten, mit unseren Privilegien und jahrhundertlangen Prozessen. Macht die Akten zu Wetzlar zu Fidibus; sie sind Plunder geworden, und was übrig blieb, wird nur der Antiquar als Raritäten aufheben.« »Alles?« »Nun ja, einige von den glücklichen größeren klammern sich an den Kiel des Siegerschiffes; sie werden ihr Leben fristen durch Napoleons Gnaden. Wir anderen werden Spreu im Winde, Tropfen im Meer. Fügt Euch in die Zeit, es ist schlimme Zeit, und macht sie nicht schlimmer, indem Ihr an die Ansprüche aus der besseren Euch klammert. Aus der Pandorabüchse ist das der letzte ausgeschüttelte Klecks, daß wir die Vorstellungen nicht können fahren lassen. Was ist es anders mit diesem Briefe! Ich finde nichts Wunderbares darin, als daß König Friedrich Wilhelm III. noch heute die Sprache führt, die er vor Auerstedt geführt haben könnte. Seine Vorfahren sprachen gerade auch so zu ihren Untertanen, nur etwas derber klang es, weil sie in einer weniger humanen Zeit geboren wurden. Aber die preußischen Könige alle träumten sich ja in die Schöpfer- und Vaterrolle hinein. Meist, das muß man zugestehen, waren es recht gute Väter; aber auch gute Väter müssen alles besser wissen als ihre Kinder, sie immer beloben und strafen, zurechtweisen und am Gängelband führen. Das ist nun einmal Vätermanie, auch wenn die Kinder erwachsen sind. Darüber nahmen sie dem Adel seine Privilegien, den Ständen ihr Recht, mit- und einzureden, Kirchen und Korporationen ihre Immunitäten. Es ging, weil der Zeitstrom mit ihnen ging. Wenn er aber umschlägt! Was dem einen gelang, gelingt dem andern nicht mehr, leider aber bleibt allen der Kitzel und der Stolz, die Efforts immer zu wiederholen, welche den starken vor ihnen gelangen. Wenn Friedrich einen solchen Brief an einen Beamten geschrieben, wäre der Mann wahrscheinlich vor Schrecken gestorben. Die Zeiten wurden andere, und der Freiherr von Stein, der ernste Mann – unter uns gesagt, ich war bei ihm, als er ihn empfing – zuerst glaubte er es nicht, er riß die Augen auf, strich sich die Stirn, dann –« »Er weinte doch nicht?« »Nein, Herr von Quarbitz, er lachte. Ein konvulsivisches Lachen, aber er hat gelacht, ich hab's gesehen. Und das ist, dünkt mich, das Beste, was der Reichsfreiherr von Stein tun konnte.« Es war ein Riß in der Unterhaltung, es schien auch in den Gemütern, als der Graf Waltron seine Pfeife weggesetzt und ans Fenster getreten war. Er warf eine Bemerkung hin: wenn der kalte Wind so fortdauere, würden die Wege bald fahrbar. Der Hausherr stand am Ofen, den Kopf im Arm gelehnt. »Wir waren doch um anderes zusammengekommen. Ich meinte um sehr ernste Dinge. Meinen Kopf, wenn der König und das Vaterland befiehlt, aber, meine Herren, verzeihen Sie, ich spüre keine Lust, fortgeschleppt und arkebusiert zu werden, um nichts anderes, als daß Mißvergnügte ihren Mißmut in meinem Hause zusammengetragen.« Der Reichsgraf lächelte: »Was hier zutage kam, lieber Quarbitz, hätte Ihre Einquartierung mit anhören können, und Kaiser Napoleon, meine ich, würde zufrieden seine Lippen gestrichen haben.« »Um so schlimmer! Denken Herr Reichsgraf uns zu verlassen?« »Wenn mein Freund so weit hergestellt ist. Unsere Wege werden sich scheiden, Herr von Quarbitz.« »Erlaucht reisen vielleicht dem Obrist Heißborn nach?« »Ich war nie Phantast. Wer nie zu hoch fliegt in seinen Hoffnungen, kann auch nicht so tief stürzen. Er, Sie, Sie alle, meine Herren, haben Pflichten. Das Glied darf sich von seinem Körper nicht freiwillig trennen. Weil ich auf Preußen hoffte, opferte ich ihm freiwillig meine Existenz. Ich kann nicht mehr hoffen, somit ist das Band gelöst, und es ist mir erlaubt, zu versuchen, was ich von meiner Existenz retten kann. Selbst meine Schwester Thusnelda, die Sie ja kennen, das hochherzige Mädchen, schreibt mir: ›Komme zurück, wo du keine Ehre mehr holen kannst. Es war ein Traum; Deutschland ist nicht in Preußen.‹« »Werden Sie es in Oesterreich suchen? Oder in Sachsen? Oder vielleicht in Bayern? Es wird dick und fett unter seiner Gunst.« »Ich bin müde, so müde, daß ich selbst Beleidigungen nicht höre, die über die Lippen quellen, wo doch das Herz nichts davon weiß, ich will ausruhen, versuchen, den Reichsgrafen, die tausendjährigen Erinnerungen meiner Väter, meine eigenen von vierzig und einigen, zu vergessen. Schlafen, sagt ja wohl der dänische Prinz, vielleicht auch träumen! Aber das sollen nur Träume der Zukunft sein.« »Denkt der Freiherr von Stein wie Erlaucht?« »Er geht auf seine nassauischen Güter, weil es ihm im öden Königsberg zu langweilig ist, und man immer, wie er sagt, Dinge hören muß, die wegen ihrer Gemeinheit lächerlich, wegen ihrer Folgen betrübend sind. Er findet die Stellung eines Tagelöhners unpassend, der an der Straßenecke steht, bis er gerufen wird. Deshalb gab er auch Hardenbergs dringender Bitte kein Gehör, noch zu warten, bis die Kabinettspolitik sich geändert, was bald geschehen müsse.« »Er wird warten, bis ein anderer ihn ruft!« sprach der Fremde mit gehobener Stimme, und seine Augen leuchteten. Das gehörte nicht hierher, oder war zu früh gesagt. Es war wieder ein Riß eingetreten. Darum war man ja nicht beisammen. Das fühlte, es wußte es jeder, aber der Riß war zu tief, um ihn im Augenblick zu flicken. Was ist leichter in der großen Politik, als Vorwände zu finden, eine Sache aufzuschieben, zu deren Erledigung wir uns schwachmütig fühlen. Ist das in einem Haushalte schwieriger? Der Arzt war aus der Stadt gekommen, die Botenfrau hatte Zeitungen und Briefe gebracht, der Schulze aus Querbelitz war auch mit einer Meldung da, und das Frühstück wartete im Saal auf die Gäste. Die Zeitungen und Briefe mußten nichts gebracht haben, was der gedrückten Stimmung einen Aufschwung gab. Der Reichsgraf war das erheiternde Element. Es ist in alten Militärs eine eigene Kraft, die Zustände zu verarbeiten, wie eine Kost, die uns andern nicht schmecken will, weil wir an Besseres gewöhnt sind. Sie haben alles durchgekostet, nach dem Triumph des Sieges die schwellenden Tafeln, den schäumenden Becher der Lust, und die verschimmelte Brotrinde in Tagen und Nächten der Angst und Qual. Und in jedem Moment schwebte die Hand des Todes darüber, zum Ernst mahnend; die einen so, die andern so. Nur erweist sich das Leben auch darin aristokratisch. Wer von der Picke auf gedient, schleppt Sorge, Verdruß, Neid mit zu seiner höheren Stellung hinauf. Das ist eine lästige Bagage, und wer stets wachsam sein muß, daß das schwer Errungene, der Verdienst seiner Taten, ihm nicht wieder von der Geburt entrissen wird, kann nicht mit den Dingen spielen. Wer seine Worte immer abwägen, seine Schritte messen muß, damit sie nicht mißdeutet werden, ist selten ein heiterer und liebenswürdiger Gesellschafter. Der Reichsgraf war es. Die Reihe der tausendjährigen Erinnerungen hinter ihm, die er vergessen wollte, mußte doch einen Bodensatz gelassen haben, auf dem sein Fuß sich sicherer fühlte. Da wurden Familienverwandtschaften besprochen. Durch eine Gräfin Wetter vom Strahl, im sechzehnten Jahrhundert, war eine zwischen den Waltron-Alledeese und denen von der Quarbitz ermittelt. Die Ermittelung hatte sich etwa vor achtzehn Jahren gemacht, als der Gutsherr und der Reichsgraf, beide als Kapitäne, bei einem Manöver im Feldlager zusammengekommen, und die Folge war, daß der letztere Gevatterstelle bei Wilhelminen vertreten. Eine große Ehre für die Quarbitz, die, vollkommen anerkannt, auch dann keinen bittern Gefühlen Raum gegeben, als der Reichsgraf im Verlauf der achtzehn Jahre bis zum General-Major, der kurmärkische Edelmann nur bis zum Major avanciert war. Es hatte jeder das Seinige getan, nicht mehr und nicht weniger, und der Major sagte wohl, wenn er recht vertraut gestimmt war, was den Kavalleriedienst anlange, so könne der berühmte Reitergeneral, Graf Waltron, noch bei jedem Leutnant in die Schule gehen, den er, Quarbitz, geschult. Die Frau von Ilitz hatte sich nach der gnädigen Komteß Thusnelda erkundigt, ob sich da noch immer nichts gefunden, und sie sei doch so wunderschön? Sie sah nicht den Wink, den ihr Mann ihr zuwarf; der Reichsgraf hatte ihn bemerk und lächelte: »Was mich betrifft, ich hätte nichts dagegen gehabt. Sie zog es aber vor, dem Prinzen statt der Hand einen Korb zu reichen.« Jetzt fiel es zentnerschwer der guten Frau aufs Herz. Es war ja davon gemunkelt worden, daß ein napoleonischer General und Prinz, von den Reizen der Gräfin Thusnelda geblendet, um sie angehalten. »Freilich, das ging nicht, daran hab' ich auch wirklich gar nicht gedacht,« sagte die Errötende. »Warum ging es nicht, meine Gnädige? Er ist jung, schön, mutig, mit dem Kaiser gewissermaßen verwandt. Eine glänzende Karriere hat er gewiß vor sich.« Karoline, die auch errötete, fiel ein: »Es wird ja allgemein gesagt, daß sein Vater ein Metzger war.« »Ich weiß nicht, ob das meine Schwester verhindert – vielleicht, ja es ist möglich – aber – sie will keinem Franzosen die Hand reichen. Das ist nun ihr Geschmack.« »Und gewiß mit Approbation ihres Bruders.« »Sie ist völlig frei, lieber Major.« »Eine Waltron-Alledeese mit einem Franzosen und von niederer Herkunft?« »Kennen Sie nicht die Sage von unserm Ursprung? Sie wird von vielen Chronisten erzählt. Der erste Waltron, der in Karls des Großen Heere sich zum Hauptmann aufschwang, soll von sehr niederer Abkunft gewesen sein. Nach einem Siege über die Sachsen, wo er durch einen verwegenen Angriff ihr Zentrum brach, zeigte Karl vom selben Tage, wo es geschah, auf die Gegend umher und sagte zu ihm: ›Alle deese Aecker schenk' i die.‹ Davon der Name meiner Familie, – sagt die Heraldik und die Chroniken. – Die Schenkung half ihm aber nicht viel, denn die Sachsen eroberten ein paarmal wieder die Gegend, und die hochmütigen fränkischen Großen zeigten bei den Rückeroberungen wenig Lust, dem Sohn des Mannes, der ihres Königs Hunde fütterte, zu seinem Recht zu verhelfen. Da tat es die Liebe. Die blondgehaarte Tochter eines sächsischen Edlen verliebte sich in den hübschen Franken, und der Zufall wollte, daß die geschenkten Aecker nach Sachsenrecht das Erbteil der Schönen waren, die zum Ueberfluß eine Muhme von Wittekind gewesen sein soll. Auf diese Weise kam mein Ahnherr, der Franke Waltron, in ihren wirklichen Besitz.« »Es ist nie bezweifelt worden,« sagte der Major darauf, »daß in den Adern der Waltron-Alledeese fränkisches Blut rinnt, obgleich ihr Besitztum mitten im westfälischen Kreise liegt.« »In der Tat, ich habe, wenn eine Wunde blutete, nie untersuchen lassen, ob mehr fränkische oder sächsische Ingredienzien herausflossen. Aber meiner Schwester habe ich vorgestellt, daß ihr Ahnherr ja auch ein Franzose war. Zwar geringer noch als eines reichen Metzgers Sohn aus Bordeaux, aber mit den Jahren, wie man in meiner Familie sieht, gleicht sich auch dieser Fehler aus.« »Die Reichsgräfin Thusnelda wird eine ihrer würdige Wahl treffen; davon bin ich überzeugt,« sagte der Hausherr. Der Graf zuckte leicht seufzend die Achseln: »Sie hat leider schon gewählt. Sie will nur einen Sieger über die Franzosen lieben, und ihm nur die Hand reichen, wenn er sie über den Rhein geschlagen hat. Meine liebenswürdige Patin,« setzte er schnell hinzu, »ist keine Phantastin, und ich wette darauf, sie wartet nicht so lange.« Wilhelmine sei ein unverbesserlicher Trotzkopf, scherzte die Mutter, sie traue ihr zu, daß sie ihnen allen zum Possen auch einen Franzosen heiraten könne. Minchen ging darauf ein: das müsse aber auch ein recht ordentlicher Possen sein, zum Beispiel, sollte sich eine ihrer Schwestern in einen verliebt haben, so würde ihr das der größte Spaß sein, ihr den Franzosen wegzukapern. Es waren zu viel ernsthafte Gesichter im Zimmer, als daß der Scherz dauern konnte. Aber das Gespräch wollte von demselben Gegenstande nicht fort. Die ruchbar gewordenen Liaisons der Franzosen in Berlin, die Galanterien des Prinzen Jerome in Breslau gaben reichen Stoff. Die Herren senkten die Blicke; die Damen, welche sich schwach gezeigt, gehörten nur zu oft den höchsten Ständen, den ältesten Familien an. Sie wüßten aber auch von einzelnen Verlöbnissen. »So ist es recht!« rief der Fremde bitter aus. »Ueber dem rauchenden Altar, auf dem das Vaterland geschlachtet, sich zärtlich die Hände reichen, Lamm und Tiger, zum ewigen Bunde!« »Ich sehe darin nichts Unrechtes,« sagte der Reichsgraf, »es ist nur der Weg, den die Weltgeschichte ging, seit es Krieg gab, also seit ihrem Anbeginn. Helena ward nach Troja geraubt, und gab es auch darauf einen Krieg, so ward der Orient doch dadurch mit dem Occident vermählt. Was war der Sabinerraub? Der Anfang der römischen Herrschaft, also der Kultur, welche die Welt erobern sollte. Und wodurch setzten die Barbarenvölker sich auf der römischen Erde fest? Sie heirateten die Töchter der Besiegten. Die feinen und gebildeten Frauen führten bald den Pantoffel über ihre rotbärtigen Barbarenmänner. Und siegte das Christentum nicht am sichersten durch die christlichen Frauen, die ihren heidnischen Eheherren so lange um den Bart gingen, bis sie sich taufen ließen?« In dem Augenblick war der Arzt aus Nauwalk ins Zimmer getreten und hatte in etwas konfuser Art seinen Bericht über den vornehmen Kranken abgestattet. Man sah und hörte es dem Manne an, daß er nie mit Patienten der Art zu tun gehabt und nur durch die Umstände aus der Barbierstube in die Medizin berufen worden. »Unser bester Doktor,« sagte der Major wie entschuldigend, als der Arzt sich unter ungeschickter Verneigung entfernt, »starb am Lazarettfieber, zwei andere mußten den Armeen folgen. Da muß man sich mit solchen Tölpeln behelfen.« » Muß man!« lächelte Graf Waltron. »Ein Mann von seinem Geist, seinem Blick in die Natur und die Dinge, die einen Körper zusammenhalten, muß einem solchen Pfuscher Rede und Antwort stehen, sich gar in seine Anordnungen fügen. Und doch muß es sein, es ist eine Kopulation der Verhältnisse, welcher ein Freiherr Stein sich so wenig entzieht, als wir denen, die auch die Verhältnisse um uns geknüpft.« Der Major war durch den Eintritt des Schulzen aus Querbelitz der Antwort überhoben: »Was ist's denn nun so Eiliges?« Es schien wirklich nicht sehr eilig, was Gottlieb Köpke über die Wiederherstellung des Spritzenhauses vortrug, das beim Gefecht im Dorfe zerstört war. Auch die Kirchenmauer war es. Freilich eine nur von Lehm und Feldsteinen; aber so konnte sie ja nicht bleiben, denn die Schweine waren schon ehedem durch die Spalten auf den Gottesacker gedrungen, daß es eine Scham und Schande war, und da frage sich, ob man die Steine zur neuen nicht beizeiten anfahren lasse? Wer weiß, was im Frühjahr zu tun, und ob die Leute dann überhaupt noch Pferde im Stall hätten. »Laßt doch die Toten ruhen,« hatte der Gutsherr erwidert, und der Schulze darauf sein: »Das ist schon recht, gnädiger Herr!« gesetzt, bei dem »aber«, das immer darauf folgte, hatte er jedoch mit dem Finger übers Auge gewischt, daß der Major aufmerksam ward: »Schulze, ist Ihm etwas passiert? Was will Er?« »Ich wollte nur bei meinem gnädigen Herrn anfragen, wie das mit dem Schulzenamt wird, wenn ich die Augen zutue? Es ist doch immer gut, wenn man's vorher weiß, damit man weiß, was man zu tun hat, denn sie sagen, mit der neuen Obrigkeit wird alles anders werden.« »Denkt Er an den Tod, Köpke? Er ist ja noch rüstig wie einer.« »Das ist schon recht, gnädiger Herr! Aber da mein Martin mir schreibt, daß er nun Husar bleiben will sein lebelang, und ans Retourkommen nicht denkt, und die Marte möchte heiraten, wer Lust hat, und die Marte weint doch auch und liegt mir Tag und Nacht in den Ohren, was nun werden soll –« »Sein Martin, der Bengel aus Semmel und Milchbrei?« »Rein wie ausgetauscht, schon seit er die Schnürjacke mit den Klunkern anhat, ist er ein anderer Mensch geworden, hat mir einer gesagt, der sich drüben von Kolberg durchschlich. Ist braun von Wind und Wetter, und die Knochen wachsen ihm aus der Schulter 'raus; er hat auch Aussicht, daß er einmal Unteroffizier wird. Und jetzt vollends schwört der Junge, Acker und Pflug, das wäre für Faullenzer und Schlafmützen, und er hätte keine Freude und Pläsier mehr auf der Welt, als den Franzosen auf den Dienst zu lauern.« »Seit wann ist er so desperat?« »Der Gottlieb war ihm doch immer so zu Herzen gewachsen. Die Marte hätte er ihm auch nicht gegönnt, und nun er sie haben könnte, denn der Tote streitet sie ihm nicht ab, nun mag er sie auch nicht.« »Der Tote, was sagt Er, Schulz?« Gottlieb Köpke fuhr noch einmal über die Augen: »Mein Gottlieb ist selig dem Herrn entschlafen. Ein Kürassier hat ihm bei Belgrad quer übers Gesicht gehauen; – sein hübsch' Gesicht! Da stürzte er vom Pferde, – aber das hätte es nicht getan. Eine Kugel aus den Büschen ist ihm schon vorhin unter die Achselklappe gefahren; sonst hätte er den Kerl, den Kürassier noch niedergehauen. Denn zuschlagen konnte er. – An der Landstraße haben sie ihn eingescharrt – unter einem roten Akazienbaum; aber seine Seele ist unsterblich. – Zum Landwirt hatte er auch nie getaugt. – Er konnte die Oekonomie nicht begreifen – die Marte mochte ihn eigentlich auch nicht, und was das Schulzenamt anlangt, du lieber Gott! – Das Schreiben wollte ihm erst gar nicht abgehen.« »Der arme Mann!« brach es von den Lippen. Die zerbrochene Sprache des Mannes, der immer sein Ziel fest im Auge hatte, war die deutlichste Notflagge, wie es im Innern gebrochen war. Der Herr wollte ihm die Hand drücken, aber der Bauer suchte hastig in der Tasche nach etwas. »Sein Sohn ist gefallen, – aber der Tod fürs Vaterland ist ehrenvoll. Warum hält Er damit hinterm Berge?« »Es tut doch vielleicht nicht gut, weil er drüben bei den Königlichen war!« hatte sich der Schulz gesammelt. »Aber Gott allein weiß, was gut tun wird. Rabiat sind sie jetzt alle bei uns, es war doch zu viel mit der Einquartierung. Wenn unsereins nur wüßte, wie's mit dem Schulzenamt wird. Ein Husar kann nicht Schulz sein, das weiß Gott im Himmel, und der Marte ihr Aeltester steckt noch kaum in den Hosen, und Obrigkeit muß sein, das steht in der Bibel, und beim Schulzenhof muß sie bleiben, das ist auch so, als wenn's in der Bibel stände.« Gottlieb Köpke war auch ein Mensch. Die Tränen rollten dem Vater von den Backen, um so stärker, als er sie lange zurückgehalten. Er fluchte auf die Franzosen. Einer hatte neulich auf die Marte geschlagen. Er stieß sogar eine Verwünschung aus gegen seinen gnädigen Herrn von Quilitz: »Was sei ein Gutsherr, der sich nicht hören und sehen lassen seit er nichts mehr aus dem Dorfe 'rauskriegt. Die vornehmen Herren hielten's mit den Franzosen. Er schilt uns rebellisch und infiziert. Nun, Gott sei Dank, wenn's so weit ist, weiß unsereiner auch, was ist.« Der Gutsherr machte eine abwehrende Bewegung: er konnte nicht gutheißen, was er gut fand. Der Fremde, Herr Walter, der den Bauer aufmerksam beobachtet, sagte zum Kandidaten: »Kam es schon so weit!« Gottlieb Köpke hatte endlich das, was er gesucht, aus der Tasche geholt, ein Schreiben, das er vor sich hinwarf: »Die Marte haben sie geschlagen, meinen Gottlieb haben sie erschlagen, den Martin aus dem Vaterhaus gejagt. Da sei ein anderer ihr Briefträger; ich nicht.« Es war ein Schreiben von der Armee an den Kolonel d'Espignac, von einem Expressen nach Querbelitz überbracht, wo man den Offizier vermutete. Der Expresse hatte entweder nicht Lust gehabt, weiter zu reiten, oder ein Unfall ihn zurückgehalten, er hatte den Schulzen gepreßt, den Brief nach Ilitz zu überbringen. Der Schulze wußte, daß es ein eiliges und wichtiges Schreiben sei, aber die Wut in ihm kochte immer heftiger auf. Als der Fremde danach griff, schrie er: »Reißen Sie's nur auf und sehen, was drin steckt, Verrat ist's gewiß. Die Marte haben sie geprügelt und ihrem König den Kopf abgeschlagen. Da ist's just recht, wenn man hinter ihre Schliche kommt. Wollten sie nicht den Herrn Major mal auf die Festung schleppen? Nun kann's wieder so sein. Einer ist ein Halunke wie der andere, und der Kolonel ist auch ein Franzose, und die Franzosen sind unsere Feinde, und wenn man einen hinter der Hecke totschlägt und seine Briefschaften nimmt, davon ist man noch kein Räuber und Mörder, sondern ein Patriot.« Die gnädige Frau blickte ängstlich auf den Brief, den der Major unwillkürlich dem Fremden abgenommen und mit Blick und Hand wog, als könne von dem etwas wahr sein, was der Schulz gesagt. »Der Mann hat insofern recht,« flüsterte jener dem Major zu, »es kann ein Recht gegen einen Feind, es kann zur Pflicht gegen das Vaterland werden. Sie müssen die Stellung und den Charakter des Kolonel am besten kennen.« »Er ist ein Edelmann und –« »Und der Brief an ihn gerichtet,« fiel Karoline rasch ein, und hatte ihn aus des Vaters Hand genommen, die zitterte. Auch ließ er das ruhig geschehen, was die Tochter unter anderen Verhältnissen nie gewagt hätte. Karoline fühlte das. Sie hielt ihn dicht ans Auge: »Sehen Sie, Vaters es ist ganz deutlich seine Adresse.« Der Major war nicht ganz in seiner Fassung: »Es war mir etwas vor den Augen – es war mir,« setzte er leise hinzu, «als hätte ich den Brief öffnen müssen.« Das waren Nebelstreifen, der Fremde aber sagte zum Kandidaten, als die anderen sich entfernt: »Die Medizin fängt an zu wirken. Und, Gott sei Dank, an den Teilen unseres Körpers, wo das Blut noch gesund ist.« Vierunddreißigstes Kapiteln Das Vaterland und bürgerlichen Offiziere. Der Riß, welcher vorhin die Konferenz unterbrochen, schien noch nicht ausgeglichen, oder war's ein neuer, der sie heut abend zu Kopfhängern machte! Die Tür zum Krankenzimmer war halb geöffnet. Der Minister war nicht schlimmer geworden, aber eine rheumatische Heiserkeit hatte ihm das Sprachvermögen genommen; er war ein passiver Teilnehmer an der Unterhaltung. Das Licht an seinem Bette – er schien zu lesen – drang durch die Spalte ins Zimmer. Wie viel war schon besprochen! Wo man nicht einig wird, kommt man immer wieder auf die Punkte zurück, von denen man ausging. Den Mann, der von den Leuten Isegrimm gescholten ward, und zuweilen hörte er den Namen nicht ungern, hätte man heut nicht wiedergekannt. So saß er versunken, als sei etwas von dem Stahl, der trotz Jahre und Wunden den verwitterten Körper immer wieder in die Höhe schnellte, geschmolzen. Auch seine Stimme war es: »Und darum die Arbeit eines Lebens! Wie vieler Leben! Wir mühen uns, eingesetzt als Verwalter in das Amt und Lehen, damit wir unsere Ritterdienste tun und für das Ganze Wache stehen, und die uns kommandieren sollen, haben uns vergessen. Doch immerhin! Die Schildwachen mögen verkommen und verloren gehen, wenn das Korps nur gerettet wird! Aber wenn der Feldherr seine Armee, wenn er sich selbst vergißt! – Was dann? Wozu dann uns opfern, Opfer, für die niemand dankt! Warum noch Habe, Gut und Blut dransetzen, Ehre verpfänden, warum Begeisterung für diesen oder jenen, der kein Gefühl dafür hat. Gab uns Gott diese Kraft, den Willen, die Ausdauer, um für Luftblasen zu arbeiten?« Es blieb lange still. Es gäbe vielerlei Luftblasen, warf der Reichsgraf hin: »Und doch setzt der Mensch sein alles dafür ein, wenn er einmal nach ihnen hascht.« »Seltsam!« fuhr er nach einer Pause fort: »Wäre das doch das Ziel des glückseligen Lebens, so schiene Bonaparte ja destiniert, mit seinen Kanonen und Rossen der einen Wahrheit seinen Stempel aufzudrücken, welche unsere Poeten uns tausendfältig in die Ohren sagen: fein zu Hause bleiben, wenn's draußen stürmt, die Augen zu schließen, wenn's blitzt, uns um das nicht zu kümmern, was uns nichts angeht, das Glück des Philemon- und Baukislebens in einer Hütte, in irgend einem Winkel, fern vom Geräusch der Heerstraße. Schade nur, daß diese Paradiesvorstellung der deutschen Sentimentalität unpraktisch war und bleibt. Der Staub der Heerstraße, das Knarren der Räder dringt jetzt bis in die stille Hollunderhütte, und, was noch schlimmer als Staub und Knarren – die Einquartierung auch. Wenn nichts anderes, so ist sie bestimmt, die Deutschen doch zu einem politischen Volk aufzurütteln.« »Wie vieles haben wir in Deutschland durchgeprobt und was hat sich davon als stichhaltig erwiesen!« hub der Fremde an. »Die Idylle der Holunderhütte, das Glück der Beschaulichkeit, der Idealismus und alle Systeme der Philosophen, sie zergingen an der Feuerprobe der Wirklichkeit. Wir sind kein Volk, diese entsetzliche Wahrheit hat uns der französische Tyrann ins Ohr gedonnert; wir sprechen zwar eine Sprache, aber sie klingt in den verschiedenen Stämmen verschieden, dem Ohr fremd, wie es die Sitten, der Glaube, die Gesinnungen sind. Wir sind noch nicht einmal ein Volk, aber wir haben einen Grund und Boden, auf den wir treten, der uns hält, der uns Nahrung gibt, dessen Berge und Täler mit ihrer Luft und ihrem grünen Kleide unserer Natur zusagen, wir haben ein Vaterland und an das müssen wir halten. Es ist die Klippe, die uns Schiffbrüchigen aus dem tobenden Meere auftaucht. Steht sie auch da, nackt, trostlos, ein zerklüfteter Felsen, vom Wetterstrahlen und Regengüssen zerrissen und abgespült, klammert Euch daran, es ist das einzig Feste. Was das Vaterland ist, weiß der Bauer und der Bettler, der Weise und der König, das Kind lernt es, wenn es noch lallt, der Sterbende betet dafür und sinkt in seinen Schoß, um zum neuen anderen Vaterlande überzugehen. Es ist der Weg zu dem. Lang oder kurz bis dahin, es ist der einzige, auf dem wir nicht fehlgehen. Das Vaterland geht nicht unter in den Wellen, mögen sie noch so toben; aber wer es verlor, weil die Wogen in ihm die Liebe, die Erinnerung, die zarten Bande der Kindheit verlöschten, wer sich stark glaubt, davon losgerissen, ein neues zu entdecken, das ubi bene ibi patria. – wehe dem! – Heißborn rennt seinem Schicksal entgegen! Wer auch in dem Kampfe siege, ich sage Ihnen voraus, der Unglückliche, der sein Vaterland verraten, bleibt verdammt.« »Bravo!« rief Graf Waltron. »Auch Sie!« der Major sah ihn verwundert an. »Wer verwundet vom Kampfplatz zurücktritt, um sich verbinden zu lassen, verläßt darum nicht das Heer. Er wartet nur ab, bis er geheilt ist.« »Schön, schön!« rief der Major. »Aber wo faß ich das Vaterland? Nackt und glatt meinethalben, aber ich muß auf dem Felsen stehen können. Gebt mir nur eine Handhabe, daß ich zugreifen kann. Wo pulst das Herz, wo ist eine Hand von Knochen, Knorpel, Fleisch, Blut und Haut, die ich fassen, drücken mag, um zu prüfen, wieviel Widerstandskraft sie hat, und wenn ich einen Blutschlag fühle, will ich ihm von meinem mitteilen. Ich glaube an die magnetische Sympathie, unter den Schlechten und unter den Guten. Aber wo gar nichts ist, gar nichts blieb, Herz, Blut, Knochen, Fleisch in eine schwammichte Muskelmasse sich zersetzte, wo kann ich hinfassen, um zu retten! – Gut – sei's – sie ließen den Freiherrn fallen, gaben ihm einen Fußtritt – sie brauchen jetzt keinen Staatsmann – das will ich gelten lassen. Sie brauchen nur einen Soldaten, der ihnen Soldaten machte – Da ist einer, ein ganzer Ehrenmann – Wie wird Scharnhorst behandelt! Erlaucht erzählten es ja selbst. Wie ein Bettler, der um einen Bissen für sich bittet, muß er anklopfen, wenn er für die Armee etwas anderes, Neues will. Dient es nicht in den Kram, gefällt das Epaulett, der Knopf, der Federbusch nicht, wird er abgewiesen.« »Ich sagte Ihnen aber auch, lieber Quarbitz, Scharnhorst läßt sich nicht abweisen. Er kommt wieder. Findet er auch am nächsten Tage ein mürrisch Gesicht, versucht er's nach einer Woche, nach vierzehn Tagen, und ist dann seiner Sache gewiß; der König willigt ein, denn er denkt was dem gescheiten Mann so ernst am Herzen liegt, daß er meine Ungnade nicht scheut, muß doch richtig und gut sein.« »Das Gute muß also den Schleicherweg der Schmarotzer und Schweifwedler gehen. Da sprechen Sie es aus, den Wurmstich, den Erbschaden, an dem die Monarchie zugrunde ging. – Wer waren seine, wer der Fürsten natürliche Räte, Richter, Generale? Die dazu geboren, oder die hergelaufenen Franzosen, Juden, Pilze, Glücksritter, Intrigants und Phantasten? Was sie an uns verbrochen, damals, ihre Glorie verdeckt es, aber weil sie es nicht wieder gutgemacht, als es Zeit war, das rächt sich jetzt. Wozu stand der kurmärkische Adel um den Thron der Hohenzollern, eine Mauer mit Gut und Blut? Damit ein liederlicher schlesischer Edelmann, ein florentinischer Ränkemacher, eines hergelaufenen Perückenmachers Sohn aus Paris das Mark des Landes zum Vergeuden aussaugten? Scham und Schande, daß es war, aber es mußte sein, daß wir um bürgerliche und adelige Maitressen kabalierten. Um nicht zu ertrinken, stößt der Schiffbrüchige auch den Busenfreund vom Brett. Beyme war doch wenigstens ein ausgezeichneter Richter, rühmten sie. Nun habt Ihr die Bescherung, daß man die von den Bänken fortdrängte; die dazu geboren waren, Kammergerichtsräte zu sein. O ja, Gelehrte, superkluge Gelehrte waren die Cocceji, Klein, Suarez, römische, griechische, persische, was Ihr wollt. Nach der Gelehrsamkeit der ganzen Welt, schmeckt denn auch ihr verdammtes Landrecht, nur nicht nach dem, was der Kurmark, Priegnitz, Altmark, Neumark, Pommern, was dem Kern des Reiches not tut. So hat sich diese Begriffspuissanze, diese schale Gleichmacherei in unser Sein und Wesen eingefressen, daß da gar nichts mehr gutzumachen ist. Sie haben systematisch seit Jahrhunderten an der Niederdrückung des Adels gearbeitet, nun müssen sie fortarbeiten, oder es ist um sie selbst geschehen. Wie Friedrich im Kassubenlande nach barfüßigen Junkern Hetzjagden anstellte, um sie zu Offizieren zu pressen, so unsere Regenten nach Talenten im Auslande. Die Kassuben nutzten wenigstens dem großen Könige, sie ließen sich für ihn totschießen, unsere eingefangenen Talente waren nur Schmeißfliegen, sie verdrängen und erdrücken das eingeborene Verdienst und Recht. Auf Hardenberg hoffen sie jetzt, er soll's besser machen. Geben Sie Achtung, was dieser leichtsinnige Hannoveraner weiter hecken wird.« Die Blicke der Anwesenden richteten sich unwillkürlich nach dem Krankenzimmer; sie sprachen: »Auch Ihr Gast ist ein Ausländer!« Der Major verstand es: »Und diesen einzigen, den sie aus der Fremde aufgefischt, verstieß er, den einzigen, der sich von dem Gesurr und Gesumme des niederträchtigen, glattzüngigen Geschmeißes nicht irren ließ, der geradeaus ging, gerade redete, von alten Rechten einen Begriff hatte und sie achtete, weil er selbst von altem Rechte war. Er weiß, was der Geburt und dem Stande zukommt und rührt nicht Pfützenschlamm und Quellwasser zusammen. Den, meine Herren, glauben Sie mir, haben nicht die Beyme und Nagler, nicht die Lucchesini, nicht die Haugwitz und Lombardsche Lumpenschleppe gestürzt, diese – Kerle fallen in Ohnmacht vor dem Zornblick eines wahren Reichsfreiherrn. Das ist er selbst, sein Eigensinn. Ihr aller Erbfehler, sie konnten und können keine Männer, Meinungen, keine Charaktere, neben sich keinen Widerspruch vertragen. Sie wollen die Weltweisheit mit Löffeln geschluckt haben, und, was noch schlimmer, die Gottesgelahrtheit zuweilen auch. Darum hätschelten sie zu aller Zeit die ausstaffierten Lumpen, die sich um sie hängten. Solange sie noch stark waren, merkte man das nicht; die Lumpen zottelten und flatterten hinter ihren eisernen Herren her wie Fahnen an der Stange, mit Sternen und Bändern übersäet für den Pöbel, von ihnen selbst herzlich verachtet. Nun sie nicht mehr stark sind, geht es nicht mehr, sie wurden von den Lumpen betrogen und gezogen hin und her, in stinkende Sümpfe und philosophische Luftschlösser, bis wir das Gebräu haben, wo alles verloren ist, weil alles zerfahren ist. Keiner weiß mehr, wo die Tete und wo die Queue ist, der Wille, der retten könnte, der Geist sich in Kleinigkeiten verliert, wo man dem Feinde um den Bart geht und dem Freunde hinterrücks einen Fußtritt versetzt. Meine Herren, ich sage es mit blutendem Herzen, aber so ist es. Das göttliche Strafgericht ist über sie gekommen. Dasselbe Medium, wie sie ihren Staat anfingen, mußte ihn stürzen. Sie fingen damit an, die Korporationsrechte zu zerklopfen, das Uhr- und Räderwerk eines Staates, seine elastische Kraft, die Stände, zu zertreten, sie achteten keine geborenen Rechte mehr vor dem Vollbewußtsein ihrer Mission. Es war eine falsche Mission. Eine Weile ging es, bis es sich gerächt hat. Ein Körper lebt nicht vom Kopfe, er bedarf der Glieder, das Herzblut muß durch alle Adern pulsen, und wenn man die Knochen von einander löst und zerklopft hat, was hilft aller Geist, der Surrogate dafür schafft. Ein Schlag auf den Kopf und der Körper stürzt. Die den Staat hätten retten können, die Korporationen, Stände, der Adel, sie sind dahin. Der Staat ist in drei Wagen mit Regierungsakten nach Königsberg gefahren. Packt das Papier aus, zerstreut es in alle Winde und seht, was es gegen den Feind vermag und tut!« »Sie geben Preußen ganz auf?« sagte Waltron. »Wenn Kaiser Alexander –« »Es rettete, ist es nicht mehr das Reich der Hohenzollern – eine russische Dependenz, ein Kurland, eine Krim oder ein Georgien.« »Welche Ehre, Herr Major, erweisen Sie dem einen Manne, der mich beauftragt, für ihn das Wort zu führen,« nahm Herr Walter das Wort. »Ich glaube in seinem Sinn zu handeln, wenn ich diese Ehre zurückweise. Mit seiner ganzen Kraft widmete sich der Freiherr dem Staate, in welchem er den jüngsten und stärksten Trieb sah aus der alten deutschen Wurzel, dem Staate, der das zusammenfallende Reich erhalten, und wo das nicht möglich, aus dem ein neuer Stamm aufschießen könne. So betrachtete er mit Liebe und Hoffnung, aber auch schon mit dem Schmerz, den Sie angedeutet, Preußen. Aber es kam ihm nicht in den Sinn, sich, seine Person, mit diesem Lande zu identifizieren. Er kam mit der Hoffnung, daß die Schäden sich heilen ließen; man hörte ihn nicht oder nur halb. Er sieht sich bitter getäuscht; das ist der Schmerz, mit dem er ringt. Er ward verstoßen; das erträgt er mit der großen Seele aller großen Männer, die über ihrer Zeit und den Menschen standen, die sie nicht begriffen und sich darum nicht helfen lassen wollten. Nichts von Haß, nichts mehr von Zorn. Wie soll man Schwachen zürnen, die das Gute wollten! nur erfuhren sie nie, wo es lag. Als Christ konnte er ihnen vergeben und sprechen: sie wissen nicht, was sie tun. Als Patriot gibt er Preußen so wenig auf, als sein größeres deutsches Vaterland. Dies heißgeliebte Deutschland hält er noch heute nicht für so verwittert und verfault, daß es unter den Stürmen zersplittern und zergehen müsse, wie ein Byzanz und Polen; er hält die Stürme und die Ströme Blutes für von Gott gesendet, daß der Meltau auf den Saaten vergehe, nur die Fäulnis im Fleische soll ausgeschnitten werden und in der wieder rein gewordenen Luft das Fremde und Angewehte verwehen. Vom wahren deutschen, freien Geiste hofft er, er ist sogar des festen Glaubens, daß er wieder seine Schwingen entfalten und, in Treue und Liebe das Unvergängliche im Erworbenen festhaltend, vorwärts streben wird, nach den unentdeckten Gütern, die im Schoße der Unendlichkeit für das sterbliche Geschlecht noch verborgen sind. Unter Verfolgung, Ketten und Hohn hat der deutsche Geist zweimal Roms Fesseln abgestreift und Güter der Freiheit errungen, um die ihn das Menschengeschlecht beneiden muß, wenn es gerecht wäre. Der deutsche Geist ist erniedrigt, beschmutzt, aber wie der Schwan taucht er den Hals in die reinigende Flut und ist wieder rein und schön. Man hat uns, wir haben uns entwürdigt, aber zum Helotengeschlecht ist der deutsche Nacken zu starr. – Mein Herr Major, Sie können dem Freiherrn von Stein keinen größeren Schmerz antun, als indem Sie sagen, mit dem einen Mann sei alles verloren.« »Ei, so jung noch!« rief der Hausherr. »Luft – reine Luft! – o mein Gott, schafft sie mir in dem allgemeinen Pesthauch der Verwesung. – Kandidat, nicht wahr, das war Wasser auf Ihre Mühle? Hier ist freies Kolloquium. O, sprechen Sie, sekundieren Sie doch den Herrn durch eine Predigt.« »Aus der Verwesung keimt Leben,« sprach der Angeredete. »Das ist das Naturgesetz. Als Christ kenne ich und bekenne mehr. Die Heilsgeburt des ewigen Geistes hat die Pforten der Hölle gesprengt und den Tod überwunden. Tod, wo sind nun deine Schrecken? ruft der Gläubige. Was für den einzelnen Sterblichen errungen war, soll es seiner Gesamtheit, den Völkern nicht zugute kommen? Sind sie um ihrer Sünden willen verdammt in Ewigkeit, kann für sie nie ein Strahl der Gnade leuchten, kein Tag von Damaskus für sie aufgehen? Der entnervte Jüngling findet in Heilbädern seine Gesundheit wieder, gibt es für Nationen keine? Der verlorene Sohn ward ein Wiedergeborener. Ist für Völkerschaften allein kein Fest der Wiedergeburt denkbar? Sie rollen mir die Tafeln der Geschichte auf und zeigen auf die Grabsteine der untergegangenen Nationen – eine lange Reihe tönender Namen – ich kann den Deutschen noch nicht darauf finden. Ich sehe einen Strahl zücken, ich sehe nach der entsetzlichen Nacht einen Morgen leuchten; Gewitterwolken, die furchtbar sich entladen, ein Blutmeer sehe ich, eine Bluttaufe, aber aus dieser ein verjüngtes, wiedergeborenes Volk aufstehen. – Das ist Glaubenssache, mein Glaube, ich kann ihn niemand aufdringen. Aber mein Gefühl hat ein Recht, von Ihnen, von allen geteilt zu werden, die nach Gerechtigkeit trachten. Man hat uns da verlassen, sagen Sie, verstoßen, wo wir Hilfe, Rat, Führung, Trost erwarteten. Sie haben sich selbst aufgegeben, auf die wir unser alles gesetzt, sagen Sie. Ich maße mir nicht an, darüber zu urteilen, ich weiß es nicht, ob es so ist. Aber wohlan, wenn sie uns aufgeben, haben wir darum ein Recht, sie aufzugeben? Wäre im Vater die Liebe für den verlorenen Sohn erloschen gewesen, durfte der Sohn ihn auch ausstreichen aus seiner Liebe und Erinnerung? Nein, dies heilige Naturband der Dankbarkeit könnte durch keine noch so großen Fehltritte zerrissen werden. So, meine ich, sind wir an unser Königshaus nicht gefesselt, aber gebunden. Wie sie dies Land aus Sumpf und Wildnis, uns aus Barbarei und Verwilderung, aus Druck und Abhängigkeit gehoben zu einem gesitteten, glücklichen Dasein, zum edelsten Austausch der Gedanken und geistigen Strebens, zum Bewußtsein eines Nationallebens, zu dem Stolze, daß der Name Preußen wie ein Klang der Memnonssäule durch die Nacht des verrosteten Daseins anderer Völker hallte, ein Morgenstrahl, der Freiheit verkündet an der Hand der Sitte und Ordnung, eine Humanität, wo das Geschöpf sich nicht in Dünkel vom Schöpfer losreißt – das – das brauche ich Ihnen nicht zu sagen, es muß mit leuchtender Schrift in Ihren Herzen stehen. – Weil seit dem Tage, wo der große Friedrich sein Heldenauge, dies weisheitstrahlende, schloß, es anders ward in jenen Regionen, haben wir darum ein Recht, anders zu werden? Weil Nachteulen um das Morgenrot flattern, weil der Rost der alten Tradition sich um die Memnonssäule lagerte, daß der Klang des Lichtes nur gebrochene Töne gibt, sollen auch unsere Sinne sich darum trüben, daß wir das Licht nur umflort erblicken? Wenn nichts anderes, die Pflicht der Dankbarkeit ruft uns, wo wir sie schwach werden sehen, stark zu bleiben, wo sie vor der Mission zurückschrecken, welche die Vorsehung ihnen gesetzt, diese Mission aufzugreifen, die Kronen an der sie haftet, wenn sie wankt, zu erfassen und halten – für sie, für uns.« »Wer!« rief der Major. »Das Volk, das sie ins Leben, das sie aus der Roheit des Daseins zum Bewußtsein riefen, das Volk, das mit ihnen aus den Schatten der Finsternis und des Aberglaubens zum Lichte aufstieg, das mit ihnen bei Fehrbellin, bei Prag und Leuthen über Berge von Leiden zur Selbständigkeit klomm; das Volk, mit dem sie arbeiteten, die Sümpfe zu trocknen, den Flugsand zu befestigen, die Wüsten in Gärten zu verwandeln; das Volk, von dessen Schultern sie die Lasten entmenschenden Druckes lösten, den Stempel des Zugtieres, den die Barbarei der Jahrhunderte auf das Menschenantlitz, das Gottes Abbild sein soll, geheftet; das Volk, das mit ihnen den Ausgestoßenen aus der Fremde und den Gehetzten um ihres Glaubens willen ein gastlich Asyl bot; das Volk, das den Jubelhymnus anhob, der durch Europa widerhallte, als vom Thron der Urteilsspruch, ein leuchtender Blitz, zückte: es solle auch dem Geringsten das Recht geschehen wie dem Höchsten; das Volk, das sie liebte und vergötterte, weil sie es wieder liebten und ihm vertrauten; das Volk, das durch Jahrhunderte eins war mit seinen Fürsten. Wenn schon das Band, das Hunger und Not, Tod und Gefahr, Blut und Siegesfreude zwischen Zeltkameraden geschlungen, bis in den Tod dauert, wo darf dieses Band, das Jahrhunderte gewebt, darum zerrissen sein, weil der eine schwach ward, und der andere darf sich nicht rühmen, daß er stark blieb! Nein, auch wir waren es nicht, wir waren hohl und ausgeblasen auf unsere guten Werke, während der Nerv zur Tat, zum kräftigen Denken selbst, längst erschlafft war; die Sünden, die der geistigen Trägheit folgten, zehrten an unseren Säften, und, noch als die Gerichtstrompete dröhnte, blähten wir uns in unserem Dünkel. Wir, wir haben nicht das Recht, ihnen ihre Zaghaftigkeit und Schwäche vorzuwerfen, wir nicht, daß sie mit Augen nicht sahen, mit Ohren nicht hörten, denn auch wir waren blind und taub. Ist's Zeit, die größere oder geringere Schuld abzuwägen? Wenn's brennt, treibt man nicht die voran zum Löschen, welche durch Nachlässigkeit schuld am Feuer waren; wer zuerst kommt, ergreift den Wassereimer. Darin muß der edle Kampf sein zwischen Volk und Fürsten, wer am ersten sich aufrafft aus Erstarrung und Verzweiflung, wer zuerst wieder hofft, wer auf Mittel sinnt, und wem es glückt, den Weg zur Rettung zu finden.« Militärs pflegen nicht gern Predigten anzuhören: das konnte man auch zuerst auf dem Gesicht des Reichsgrafen lesen. Dann ward er aufmerksamer und hatte die Pfeife fortgestellt; jetzt war er leise aufgestanden und drückte dem Kandidaten stumm die Hand. Herr Walter hatte mit einer Aufmerksamkeit, die sich nicht verriet, zugehört. Er drückte den jungen Mann an die Brust: »Und Sie werden ebenso brav handeln. Glück uns zu diesem Bundesbruder!« Der Major am Ofen sitzend, den Blick ins Feuer gerichtet, das er dann und wann mit der Zange schürte, hatte unmerklich dem Redner den Rücken zugewandt. Daß aber auch er aufmerksam gewesen, bewies der Eifer, mit dem er die Feuerbrände zerhackte. »Eigentlich kann ich die Kerle nicht ausstehen, die einem das Herz aus dem Leibe reden, denn sie haben in der Regel keines in ihrem. Aber – Sie, Mauritz, weiß der Teufel, ich glaube, Sie haben mein Auge naß geredet.« Wenn sein Auge naß war, ward es doch bald wieder trocken. Jetzt saß er mit den anderen, eng zusammengerückt, um das Tischchen, auf dem Karten und Papier lagen, und es mußte wieder sehr viel besprochen sein, denn die Lichter waren tief niedergebrannt. Eine ernste Stunde war vergangen. »Es hätte der langen Verhandlung nicht bedurft, meine Herren!« sagte der Hausherr aufstehend. »Zu Konspirationen bin ich nicht der Mann, Bündlerei und Geheimtuerei mag ich nicht; auch nicht für die Tugend, auch nicht für das, was man Staat zu nennen beliebt. Was Sie da vorbrachten, daß die Gerechten durch Wort und Blick von selbst sich verstehen, mag richtig sein, es hätte indes auch nicht des Wortes und Blickes bedurft, wären wir nicht aus aller natürlichen Ordnung der Dinge herausgefahren.« »Was verstehen Sie darunter?« fragte der Reichsgraf. »Wo jeder der Pflichten und Rechte seines Standes sich bewußt ist, in dem Lande brauchte es gar keine Kommunikation, das ist meine Meinung, auch nicht, daß der feine Herr aus der Spandauer Straße als Viehhändler umherreist; aber was verdorben, ist jetzt nicht zu ändern. Schweigen wir davon. Ich billige, daß Sie sich zunächst an den Adel, die Rittergutsbesitzer wenden. Deren Pflicht und Beruf ist es, auf ihre Untertanen einzuwirken. Daß wir nicht mehr können, falle auf die zurück, die uns die Macht genommen, mehr zu tun. Das sage ich ohne Zorn, glauben Sie es mir. Unseres jungen Predigers Wort ist mir zum Herzen gedrungen. Was sie an uns verbrochen, wer wollte es jetzt rächen! Ich danke Ihnen und denen, die in mich das Vertrauen gesetzt, persönlich. Rechnen Sie auf mich. Ich stehe zu Ihnen, wenn es gilt, und bin gewärtig, in jedem Augenblicke, wo man mich ruft. Möchten alle denken wie ich.« Man schüttelte über dem Tisch die Hände: »Alle für einen, einer für alle,« rief Walter. »Es ist kein Unterschied in Stand, Glaube, Geburt unter denen, welche Preußens Ehre und Deutschlands Wiedergeburt wollen. Der gemeinsame Haß gegen die Fremdherrschaft besiegelt das Bündnis.« »Das Phrasenmachen überlassen wir doch anderen, und wenn die Zeit dazu kommt,« sagte der Major; »hier gilt es nur, sich unter uns verständigen. – Die Idee Seiner Exzellenz ist neu, ich könnte sagen, verwegen, ich könnte sie Nachäfferei schelten. Die Konskription ist ein Kind der französischen Revolution. Aber ich füge mich auch darin. Wo man alle Bande, die Gott gemacht, zerrissen hat, ist es unabweisbare Notwendigkeit, daß man ein neues knüpft. Das Gesindel, das immer auseinanderläuft, muß gebunden werden. Wenn Ihr aber alle ins Feld rufen wollt, die Waffen tragen können, wo wollt Ihr denn die Offiziere herkriegen? Alle Kadettenhäuser reichen nicht aus.« »Der Krieg ist die beste Schule für Offiziere.« »Wenn man aber keine Kadetten hat, um zu lernen?« »Schultern für die Epauletts und Hüften für die Degenkoppel finden sich, wenn es not tut, überall.« Der Major sah den Fremden wieder scharf an: »Da haben wir also die Bescherung! Besessenheit durch Verrücktheit, Satan durch Beelzebub! Ich dacht' es mir.« Der Major geriet nicht in den Zorn, wie der Kandidat erwartet zu haben schien, er drückte vielleicht in den Pfeifenkopf, den er stopfte, den Zorn mit hinein. Der Reichsgraf blickte schlau lächelnd auf seinen Meerschaum, dem es an Luft zu fehlen schien. »Meine Herren und Freunde,« hub der Major an. »Ich lasse mich wahrhaftig nicht von Vorurteilen plagen, am wenigsten jetzt. Aber es geht nicht. Bürgerliche Offiziere! Warum macht man nicht Schrauben von Holz? Für Spielsachen und Drechslerarbeit mögen sie taugen. Wenn man aber mit rohem Holz zu tun hat, mit Klötzen, Bohlen, Balken, muß Schraube und Anker von Eisen sein, vom besten geschmiedeten Stahl. Eisen macht man nicht, man holt es aus den Bergen. Krieg ist unsere Zukunft – eine lange Zukunft – leugnen wir uns das nicht ab! Der Krieg muß eine Ordnung, Gesetze haben, sonst verwildern wir zur Bestie. Das erkennt selbst Bonaparte an. Teile er aber noch so viel Marschallsstäbe aus, und betroddele und betressiere seine militärischen Würdenträger, er macht keinen einzigen Ritter draus. Das Rittertum muß geboren sein; und ohne Rittertum kein nobler Krieg. Was waren Attilas, Tamerlans Kriegsheere? – Bestienhorden, Heuschreckenschwärme. Erdrücken, ersticken konnten sie ein ritterliches Heer, aber nicht schlagen, nicht ordnungsmäßig es überwinden. Wenden Sie mir nicht Winkelrieds Tat ein. Diese Schweizer Hirten waren freie, grundgesessene Mannen, sie saßen auf Erbgut seit Jahrhunderten; nur der Ritterschlag fehlte ihnen zum Adel, aber er saß im Blute. Daher drang die Keule durch die Mauer der glänzenden Stahlpanzer. Das sitzt auch unseren Kerlen im Blute, den Soldaten, ich meine, der Respekt. Was hat einer, der von der Picke auf gedient, zu tun, um sich Respekt zu verschaffen! Tapfer kann jeder sein, er kann es, sage ich, wenn er sich Mühe gibt, aber wie viele muß er sich geben; er muß es immerfort beweisen. Bei einem geborenen Offizier erwartet man's von selbst, er kann sehr viel leichter auftreten. Wär' mal wirklich einer feig, er könnte sich nicht halten. Aber erst gar die Subordination! Laßt einen Bürgerlichen die Fuchtelklinge applizieren, was für Gesichter schneiden die Kerle. Sie fragen sich verdutzt, wie kommt denn der dazu? Von einem Junker nehmen sie's hin, als verstände es sich von selbst. – Meine Herren, ich habe rationell gesprochen. Was ist aber alle Vernunft gegen das Gefühl des Rechts! So war es in der preußischen Armee, als sie ein Muster war in Europa, so muß es wieder werden, wenn sie wieder ein Muster sein soll. Der eingeborene Adel gibt den Stamm des Offizierkorps. Wie leicht ist da die Erziehung, es liegt schon in den Gliedern, in den Gelenken, wo die Eltern bis zu den Großeltern Kapitäns, Obristen, Generale gewesen. Dazu aus fremden Familien hier und da einer einrangiert; das gibt frisches Blut, die Offiziersfamilien amalgamieren sich bald, und das gibt den esprit de corps . Endlich bleiben ja den Bürgersöhnen die Artillerie und die Husarenregimenter, und ich begreife nicht, was sie mehr haben wollen. Das kann auch gar nicht Exzellenz Steins Meinung sein. Zu Franzosen will er uns nicht machen, und den dreißigjährigen Krieg auch nicht zurückbeschwören. Da allerdings konnten Gevatter Schneider und Handschuhmacher Generale werden; und was für Generale! Die sich ihre Wunden bezahlen ließen, noch anders als die französischen Kanaillen; aber ich wüßte nicht, daß etwas sonderlich Remarkables aus ihnen sich hervorgetan. Die militärischen Kapazitäten waren alle von alter Familie: die Mannsfeld, Tilly, Wallenstein, die Gustav Adolf, Torstenson, Horn, Piccolomini, Bernhard von Weimar, Pappenheim.« Wer sprach von den drei Zuhörern den Namen Derlinger aus, vielleicht alle drei zugleich, als des Kranken Kammerdiener ein aufgeschlagenes Buch dem Fremden überbrachte. Seine Exzellenz ließ bitten, die angezeichnete Stelle vorzulesen. Es war Humes Geschichte von England, die Stelle lauteten »Bürger und Landedelleute, die nie den Pflug verlassen, wurden die besten Offiziere, und es fügte sich, daß die tüchtigsten und allerfähigsten Generale auf seiten des Parlaments in die Höhe schossen. Auf der königlichen Seite drückten die Hofleute und der hohe Adel das Wachstum des Genius unter den subalternen Offizieren nieder, und jedermann dort, wie es unter regelmäßig hergerichteter Regierung zu sein pflegt, blieb auf die Stellung beschränkt, wo die Geburt ihn hingestellt.« »Mich dünkt, man hat Hume niemals revolutionärer Grundsätze beschuldigt,« sagte Walter. »Sorgen ohne Not, Streit um des Kaisers Bart,« sprach der Reichsgraf, dem Major zum Abschied die Hand reichend. »Unsere Plane und Projekte sind eine Aussicht in ein unbekanntes Land. Wer weiß, wer das sieht, wessen Augen geschlossen sind, wenn – wenn – drum gönnen Sie, lieber Freund, einem Bürgerlichen auch ein Portepee. Es wächst sich das mit der Zeit alles aus. Mein Ahnherr war ein Hundejunge.« Der Gutsherr, in Gedanken versenkt, mochte nicht ganz gefolgt sein: »Es wächst sich schon alles aus,« wiederholte er. »Nur in die schwere Kavallerie keine Bürgerliche! Bei der Infanterie – davon, daß die Garde unbefleckt bleiben muß, braucht nicht gesorgt zu werden – da möchte hie und da eine Ausnahme zu machen sein. Auch meinethalben bei den Kosaken und Ulanen, wenn wir diese Pickenreiter in die Linie aufnehmen sollten, es sind nur Husaren anderer Art, und wegen der Lanzen an das Rittertum zu denken, wie einige, ist lächerlich, rein lächerlich. Die Picke ist die Waffe der Nomadenhorden, bei denen es kein Adel gibt. Wie gesagt, wenn man denn den Herren Idealisten nachgeben muß, nur nicht in die schwere Kavallerie, nicht in Kürassiere und Dragoner.« Fünfunddreißigstes Kapitel. Die Brücke in die Zukunft. Es war die Stunde vor der Abreise. Man wollte nur einen heftigen Schlackenregen vorübergehen lassen, den der Sturm heranpeitschte. Der Minister saß, im Pelz gehüllt; die Vertrauten zum letzten Gespräch um ihn. Nur der Major war nicht zugegen. Hatte man ihn entfernt? Graf Waltron sagte: »Es ist, wir können es uns nicht leugnen, eine traurige Tatsache, daß die eifrigsten Freunde der alten Mißbräuche auch die kräftigsten Stützen der fremden Herrschaft, ja die niedrigsten Schmeichler des Mannes wurden, der allenthalben Gewalt für Recht geltend macht.« »Wundert Sie das?« entgegnete der Fremde. »Die servilen Seelen, die nur unter einer Gewaltherrschaft frei atmen, sind ja als Unkraut zu allen Zeiten und in allen Ländern ausgestreut, aber ein Uebel, das wir kennen, läßt sich überwinden.« »Wenn aber nicht mehr!« fuhr der Minister aus seinem Sinnen auf. »Wenn das Unkraut die Saat schon überwuchert hätte.« »Dann freilich ist es um ein Volk geschehen. An der Ausgelassenheit in der Freiheit sind einige, am Servilismus die meisten untergegangen. Wenn jener ein blutiger, schmerzlicher, ist er doch ein rascher Tod nach einer akuten Krankheit; dieser ist eine schleichende, wir merken unsere Auflösung nicht. Aber vergessen wir das nicht, nicht der Despotismus, nur der Servilismus hat die Nationen gemordet. Wie oft ward ein Despot wider Willen der Retter der Freiheit, wie oft erschien er als Gottgesandter, als seine Geißel, um die Verdumpfenden zum Gefühl ihres Menschenwertes aufzupeitschen. Erst wenn ihr Sinn so stumpf, ihre Haut so schwielig ward, daß sie die Schläge nicht mehr empfinden, wenn sie, niedergestreckt zu seinen Füßen kein größer Glück kennen, als diese Schläge auf andere abgleiten zu lassen, wenn sie aus heilloser Angst zu Angebern werden und gar in diesem Gehorsam noch Tugend sehen, dann ist ein Volk verloren.« »So wird der Deutsche nicht verloren gehen!« brach es von den Lippen des Kandidaten. »Meinen Sie?« stand in den Blicken des Ministers und des Grafen, während der Fremde die Augen sinken ließ. »Es gibt, Wehe uns und Schmach ihnen! auch gewisse Priester des Herrn, die sich zu Schergen der Gewalt hergeben. Aber nur Asiens Religionen machten den Knechtssinn zur Tugend; darum verlor das große Asien die Herrschaft und das kleine Europa ward Herrin der Welt. Denn das Christentum, das den Menschen frei will, fühlte sich nie wohl dort, wo es geboren, es wanderte aus in den frischen Weltteil, zu den frischen Völkern, und das Gotteslicht, das schon unseren Vätern durch ihre dunklen Urwälder geleuchtet, ward durch Christus nicht schwächer. Nein, heller, gewaltiger bricht es trotz seiner unkundigen und böswilligen Ausleger durch die Dünste und wird die Nebel verscheuchen!« Das »Amen«, das der Minister auf die Rede des Kandidaten setzte, schien aus einer beklommenen Brust zu kommen. »Gottes Licht in Ehren,« fiel der Reichsgraf ein, »zunächst hoffe ich auf die Einquartierung. Das ist die beste Geißel Gottes, das adstringierendste Zehrfieber, das kräftigste Vomitiv, um unsere guten Bürger wachzurütteln.« »Daß es noch ein größeres Uebel gibt!« seufzte der Fremde, »größer als die Trägheit der Seele, größer als die ins Blut geimpfte Furcht, größer als das gemeine Interesse und die Feigheit zum Denken und zum Handeln! Und dies Uebel lernte ich kennen. Ueberall, auch unter den Besseren, fand ich den Glauben an Bestechung. Entsetzlicher Zustand, wo nur die Annahme von Verbrechen uns die eigene Schlechtigkeit und Erbärmlichkeit erklären kann! Und so ist es, wo ich anklopfte, statt sich an die eigene Brust zu schlagen und den sündigen Fleck zu suchen, klaubten sie am Tun und Nichttun anderer, warfen den Reinen mit dem Befleckten, die Leichtsinnigen, freilich die unermeßlich Leichtsinnigen, mit den Sündern zusammen. Nichts blieb unbesprochen, unangetastet, unbezweifelt, was bis da der Gegenstand scheuer Verehrung gewesen. O dieser Wirrwarr der Verzweifelnden, der nach Spänen Haschenden im allgemeinen Schiffbruch! Als wäre das Publikum aus einer Zauberoper plötzlich hinter die Koulissen geführt und sähe nun mit einem Mal in den Wasserfällen, Sonnenaufgängen, Donnerwettern, die es entzückt, die Kolophoniumröhren, Stricke, Bretter, Leinwandfetzen, und wütend über die Täuschung, möchte es alles kurz und klein schlagen. Warum ließet Ihr Euch täuschen, warum hattet ihr nicht die Augen auf! möchte man ihnen zurufen, wenn – wenn es nicht etwas anderes war, als ein Theaterspuk.« – »Sie reden von Berlin,« unterbrach ihn der Minister. »Sie schulden mir noch den näheren Bericht über die Stimmung der Massen dort. Es ist noch Zeit; das Wetter will sich noch nicht klären.« »Ich war doch auch in Wien,« fuhr der Fremde fort. »Auch da alles zerbrochen, aber so doch nicht, nicht die blaßgraue Apathie, welche keinen Sonnenstrahl der Freude, nicht einmal eines recht ordentlichen Hasses, durchdringen läßt. Man tadelt die, welche die trostlose Stimmung aufgedeckt, die jenes trostlose Wort: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht, hervorrief. Ich versichere Sie, es war in Wirklichkeit noch schlimmer. Freilich riefen nicht alle Bürger, als Napoleon einzog: Vive l'Empereur ! aber einige stießen den Schrei aus. Wäre es aus Begeisterung gewesen – immerhin. Wäre es aus Angst gewesen – auch das will ich entschuldigen Aber es war aus einer Dröhnung, zusammengesetzt aus Gedankenlosigkeit, Furcht, Gewohnheit, Höflichkeit, bei einem Spektakel doch etwas zu schreien, was es auch sei, Aus der innersten Verdumpfung eines politischen Daseins konnte solcher Ruf nur hervorgehen, nur aus solcher Nichtigkeit des geistigen Lebens. Ich werfe darum keinen Stein auf die preußische Nation: nein, das konnte eben nur in Berlin geschehen. Und auch dort gewiß brannte der Schrei wie glühendes Eisen, gebohrt in edle Herzen; aber einige konnten so schreien, und ich fragte mich: warum? Weil im Körper das Bewußtsein nicht war, das auch in die letzten Glieder dringen sollte. Warum ist's im englischen, im französischen Volke; warum selbst bei den Russen? Man erzählte mir Unglaubliches von der Verwirrung und Angst, als man die angesehenen Bürger zusammenrief, um nur die ersten Anordnungen wegen der Einquartierung und Kontribution zu treffen. Man forderte keinen politischen Akt, nur was in jeder bürgerlichen Gemeinschaft nötig ist, eine billige Verteilung der Leistungen und Lasten. Sie sollten sie selbst unter sich vornehmen; zu ihrem nächsten, eigenen Besten geschah es. Die kreideweißen Gesichter konnten nur Worte stammeln, einige duckten sich unter die Bänke und flohen in einem unbewachten Augenblick, ihre Hütte im Stich lassend.« »Das wundert Sie, Lieber?« sagte Stein. »Man hat sie nur gelehrt, gute Untertanen sein. Wie sollten sie gelernt haben, gute Bürger sein?« Graf Waltron meinte, und dann sei die große Bevölkerung der Hauptstadt doch nur ein Spülicht und Kehricht aus allen Provinzen und Ländern, und sogar aus Franzosen, Polen, Salzburgern, Juden, Italienern. »Ehe so etwas sich setzt, das kostet Zeit. Wird das doch schon in einer Armee schwer, was mehr in einer Populace, die von der Disziplin nichts weiß.« »Und doch ist eine da, Erlaucht, die entsetzliche Disziplin der Schafherden, der Leithammel vorn und der Hund hinten.« »Die Berliner Leithammel kennt man,« lächelte der Reichsgraf, »wer ist denn aber der Hund?« »Die Angst, hinter den andern zurückzubleiben, nicht zeitig genug zu tun, was die Masse vornimmt.« »Wenn die Herde nur folgt, Leithämmel kann man ihr stellen.« »Wenn aber die Masse in ihren Ueberzeugungen umschlägt, je wie ihre Wortführer den Takt angeben! Wo ist da Verlaß! Doch nein, ich habe unrecht, von Ueberzeugung kann da nicht die Rede sein, wo gar kein Glaube ist. In ihrer heillosesten Angst um ihre dürftige Existenz klammern sich diese Kleinbürger an die nächste Autorität, die ihnen verspricht, daß sie Seife sieden, backen, verkaufen, Wechsel schreiben, schlafen können wie vorher. Sie waren gute Patrioten, als der König einer war, heut klammern sie sich an Napoleons Füße und seiner Gewalthaber, weil sie keine Straßenaufläufe dulden, die Diebe hängen lassen, einige Lieferungen mit gestohlenem Gelde bezahlen und einige Einquartierungsexzesse bestrafen. Sie würden sich an jeden klammern, auch den Bel zu Babel anbeten, wenn er ihnen nur Ruhe verspricht, auf Wochen, Tage, Stunden! Daß sie es tun, auch das wollte ich ihnen vergeben, sie können nicht für ihre Schwäche; aber sie wissen nicht ihre Sünde, sie halten sich noch für gute Patrioten, sie meinen allen Ernstes, ihr König müsse sie dereinst noch belohnen und beloben, daß sie sich um nichts bekümmert, was draußen vorgeht und ebenso gedankenlos als dem Herrn, den Gott eingesetzt, dem gehorcht, den der Teufel ans Ruder eskamotierte. Da stehen wir mutlos beim Gedanken, an ein solches Volk zu appellieren. Mit welchen entsetzten Augen sah man mich an, wo ich von dem Recht des Bürgerstandes, von einer Bürgerpflicht sprach, auch ohne Befehl zu handeln. Viele hielten mich für den leibhaften Verführer, der umschleicht, um ihre Söhne ins Verderben zu locken. Was verdiene ein solcher Kerl, der ruhige Bürger der Gefahr aussetzt, vors Kriegsgericht gestellt und erschossen zu werden? Sie schlugen ein Kreuz vor mir. Einmal war ein tugendhafter Bürger drauf und dran, mich den französischen Behörden anzugeben.« Ein tiefer Seufzer des Ministers unterbrach den Redner, aber er schwieg. »Wo ich diesen Sinn erblickte, Exzellenz, da kam mir das andere, was man Berlins Bürgern schon laut vorwirft, wie Bagatell vor. Wenn ein Weib sich in eine hübsche Einquartierung verliebt, das sind Sünden des Bluts, wenn die jungen reichen Kaufleute sich zu der Elite drängen, die Adjutantendienste beim Gouverneur verrichtet, wenn sie in ihren neuen, flimmernden Uniformen in seiner Antichambre sich spreizen und stutzerhaft hinter ihm durch die Straßen reiten, wenn jetzt auch der Posamentier und Haarkräusler in die langschößige Nationalgarden-Uniform kriecht und mit Zufriedenheit vorm Spiegel sieht, was Napoleons Kommandowort aus einem Berliner Spießbürger machen konnte, das mag ich belächeln. Was sind diese Sünden der allgemeinen menschlichen Eitelkeit gegen den Wurmfraß, welcher allen Sinn für die heiligsten Güter der Menschheit aufgezehrt hat, die Geister unempfänglich gemacht für das, was mehr ist als Brot und Fleisch.« Ein Schweigen folgte dem trüben Berichte. Der Geist des Ministers schien einer andern Gedankenfolge nachgegeben zu haben. »Nun begreife ich, warum Sie unserm Major das Wort redeten, und sogar seine Schrullen entschuldigten,« sagte Waltron. »Diesem konservativen Bürgertum gegenüber erscheint mir dies verrostete Junkertum allerdings noch wie ein lebendiges Wesen, dem ich mich in der höchsten Not an die Brust werfen konnte.« »Sie geben uns nur ein Pasquill,« sagte der Minister. »Es wird doch eine Seele in der Stadt auch an den Staat denken. – Sie lächeln?« Der Fremde lächelte in der Tat. Er griff unwillkürlich nach der Brusttasche, ließ aber die Hand wieder sinken. »Ich will Sie mit dem Skriptum in dieser ernsthaften Stunde nicht behelligen. Das scheint mir ein Pasquill, wenn ein Giftmischer einen Plan zur Rettung der preußischen Monarchie entwirft. Der berüchtigte Legationsrat von Wandel, der, auch im Gefängnis, alles weiß, muß von meiner Anwesenheit gehört haben; ich erhielt durch einen Vermittler das Hirngespinst seiner Kerkermuße.« »Der Inhalt?« »Geistvolles Geschwätz.« »Und die Intention?« »Sich weiß und unschuldig zu brennen. Wer nur an die Rettung des Staates denkt, wo es ihm selbst am Kopf und Kragen geht, muß sich doch unschuldig fühlen. Vielleicht auch nur eine Nebenbeschäftigung, um sich von der erschöpfenden Anstrengung seiner Verteidigung zu erholen, meinte sein Richter. Denn er verteidigt sich wie ein Leonidas gegen die Uebermacht der Beweise.« Der Minister machte eine auffahrende Bewegung, wie wenn sonst eine Vorstellung seinen Zorn erregte: »O, mein Gott, von allen Ihren Symptomen, Walter, woran man den Krankheitszustand einer Nation erkennt, ist dies das Schlimmste, wenn nur die Schurken Energie zeigen. Wenn nur sie ihr alles einsetzen, um ihr elendes kurzes Dasein zwischen Galgen und Kerker zu fristen, und das Volk für sein edles Jahrhunderte altes Leben nichts, gar nichts einsetzen will! Man nannte diesen Wandel ein Ungeheuer, wie es auf der Welt nicht dagewesen, ich meine, er ist nur der Repräsentant – doch ich will nicht auch ein Pasquill schreiben. – Bringen Sie denn gar keine Hoffnung gerade aus Berlin? Ist denn auch kein Zunder in der Stadt?« »Der Zunder ist da, mein edler Gönner. Wenn der Funke einschlägt, bin ich der Zuversicht, wird's der elektrische Schlag, der auch die faulen und toten Glieder weckt.« »Da bin ich doch kurios,« sagte Graf Waltron, »wo es steckt? Nachdem Sie auch das Bürgertum so geschildert –« »Allein in dem gebildeten Mittelstande.« »Der macht nirgends eine Revolution.« »Wo die Staaten im alten Organismus aus ihren ständischen Gliederungen erwuchsen. In Preußen ist es vielleicht anders, das wie Minerva geharnischt aus dem Scheitel seines Erzeugers ins Volksleben trat. Der Wille und die Idee haben uns geboren; wenn der Wille schwach ward, die Idee lebt fort. Es ist ein stiller, aber ein gewaltiger, ein unwiderstehlicher Prozeß, der von innen heraus schafft, ein Eroberer, dem nichts widersteht, der siegen muß, wenn die Zeit gekommen.« »Wenn Sie das doch ins Prosaische übersetzen wollten, damit unsereins es auch versteht!« Der Minister bedurfte nicht der Uebersetzung. Er beugte sich aufmerksam über, während der Fremde fortfuhr: »Nachdem der erste Schreck vorüber, wird man erst inne, was man verloren, wie man gesündigt, daß gerade die, welche das geringste Maß der Schuld trifft, ihren Teil auf dem Gewissen am drückendsten fühlen, während die großen und schweren Sünder die Schuld so gern auf andere wälzen! Aus diesen stillen, bescheidenen Kreisen, deren Herzen jetzt bluten, die sie ausreißen möchten, um sie am Altar des Vaterlandes zu opfern, drang vorhin kaum eine Stimme unmittelbar bis zum Thron; sie schienen gewöhnt, von daher alles zu empfangen, obgleich sie nur das Gute und Schöne hinnahmen, aber in Wahrheit kam wie viel Wahres und Gutes von ihnen, und stieg, drang unbemerkt aber siegreich in die höheren Regionen! War nicht schon Friedrich in den letzten Lebensjahren gewissermaßen von seinem Volke überflügelt? Er saß fast einsam mit seinen französischen Dichtern und Philosophen unter der deutschen Poesie und Literatur, die vom Volke jubelnd in die Lüfte getragen ward. So stieg die deutsche Philosophie, aus den bescheidenen Hörsälen in Königsberg, Halle, Jena, allmählich bis in die Regionen, von denen wir die Gesetze empfangen. Was hat der Jude Mendelssohn auf unser geistiges Leben gewirkt! Kamen die sittlichen Begriffe, die, ein neuer Glorienschein, Friedrich Wilhelms und Luisens Thron umstrahlen, von oben her, oder stiegen sie vom Volke auf, aus dem sittlichen Bewußtsein der Edeln in der Nation? Diese Kreise, Exzellenz, bilden schon seit mehr als einer Generation einen Bund, dessen Glieder voneinander nichts wissen, sie befehden sich auch – das sind Schulkriege – aber sie sind einig im Ziel. Einmal irrten sie, als sie beim Ausbruch der französischen Revolution dort die Tempel der wahren Menschheit geöffnet sahen. Ihres Irrtums längst inne, daß sie einen Brandschein für das Morgenrot gehalten, wurden ihre Empfindungen, Wünsche, die Energie ihres Gedankens wieder national. Das ist die Aristokratie des Geistes, und ich sehe von ihr voraus, daß sie in Deutschland, Preußen, die nächste Zukunft beherrschen wird.« »Also doch eine Aristokratie, Herr Theoretiker!« rief der Minister. »Der Bessere muß den Schlechteren beherrschen. Wo die Geborenen es versäumt, fällt die Aufgabe denen anheim, die dazu aufgewachsen sind. Fichte schreibt Briefe an die deutsche Nation von wunderbarer Wärme und Kraft des Gedankens, wie des Ausdrucks. Sie müssen Eindruck machen.« »Auf das Bürgertum, das sie uns porträtiert?« »Auch dies muß fortgerissen werden. Der Stein, der ins Wasser fällt, schießt viele ringelnde Kreise.« »Aber der letzte kommt sehr schwach ans Ufer.« »Wird der Grimm zum Fanatismus, sind die Nachzügler die sichtbarsten. Der Funke hat schon gezündet, es glimmt in der Asche, aber es muß lange glimmen, es muß eine Glut werden, die das gesamte Deutschland innerlich durchwärmt, wir müssen sie hüten und anblasen, nur vorsichtig, daß sie nicht zur Flamme ausschlägt, ehe der Tag kam.« »Spricht der Herr nicht wie ein Feldherr, der schon ein schlagfertiges Heer hinter sich hat,« sagte der Graf. »Wer sind Ihre Rekruten?« »Es sind Schriftgelehrte, es sind Künstler, Beamte, die unter Schweiß und Aktenstaub, unter der Untertänigkeit des Dienstes einen Sinn für Gott und Menschenrecht sich bewahrten. Der Druck liegt auf der Presse, auf den Kanzeln, aber die Prediger, Schriftsteller, Zeitungsschreiber gehören dem stillen Bunde an. Wenige, die, wie jener Telegraphenschreiber, der Jude Lange, sich dem Feinde verkauften. Das ist wohl zu beachten; unter allen deutschen und preußischen Schriftstellern und Dichtern ist kaum einer, der sich durch Geld und Schmeichelei zu einem Liede, nur einem Wort für den Usurpator gewinnen ließ. Palm starb den Märtyrertod und schwieg. Und wahrhaftig, die deutschen Fürsten hatten wenig vorher getan, ihre Liebe und Verehrung sich zu erwerben. Frankreichs Ludwige hatten die ihren mit Gold und Gunst erkauft, und wurden von ihnen verraten. Deutschlands Fürsten hatten nur mit mitleidigem Lächeln auf die halbe Pariaklasse, ihre Sänger und Schriftsteller herabgesehen, kaum denen ein Almosen zugeworfen, die aus voller Brust ihr Lob anstimmten. Was treibt nun diese verstoßene, in die Dachstube verwiesene Zunft an, noch jetzt die eingeborenen Fürsten anzusingen und Lieder für ein undankbares Vaterland anzustimmen, wo der Eroberer ihnen ein anderes weist, was den Schriftsteller mit Reichtum und Ehren sättigt, überschüttet, wo er unter den ersten wandelt? Ein Jude beschimpft sein Vaterland, sagte ich, aber nur einer; unter den Juden Berlins, den angesehensten und reichsten, ist ein herrlicher Sinn für König und Vaterland. Kaufleute, fühlen sie doch, was sie diesem Lande, diesem Königshause zu verdanken haben. Halb rechtlos, stellen sie sich voran in die Reihe der ganz Verpflichteten. Die von der französischen Kolonie bereuen schon den ersten entschuldbaren Enthusiasmus für den Sieger von Marengo und den Mann, der dem reformierten Kultus in Frankreich wieder seine blutgedüngten Rechte zurückgab; sie würden heut nur einen Ruf kennen: für das Vaterland, das seit einem Jahrhundert aus Humanität für sie tat, was der Korse aus Politik und Laune an einem Tage! Dies sind meine Soldaten der Zukunft, Erlaucht. Der Militär wird über sie lächeln, die Achseln zucken, vielleicht nennt er sie eine Falstaffschar, und in der Tat sind auch Schauspieler darunter, – Komödianten, die aber an Eifer und Wahrheit die beschämen, welche nur sich selbst zu spielen haben. – Wartet die Zeit ab, wo sie's zeigen werden.« »Sie meinen Iffland,« unterbrach ihn Stein. »Er ist ein wahrer, unerschrockener Patriot. Wir erfuhren davon in Königsberg. Borowsky sagte mir auch von dem Theologen Schleiermacher, ein junger Mann, der, von strahlendem Geiste, mit Fichte die geistige Schlaffheit zu stählen suche. So wie Arndt, der hat sich schon bewährt; man sprach auch von einem phantastischen jungen Lehrer Jahn, der die Körper der Jugend wieder stark recken will. Schade, daß, als ich in Berlin, niemand mich auf sie aufmerksam gemacht und auf so manchen andern. Im Hause des berühmten Arztes Heim soll ein Kreis edler junger Männer und Frauen sich versammeln, voll Frische des Gedankens und der Zuversicht. – Auch in Königsberg lernte ich viele edle, kühne Geister kennen, o Sie werden sie auch kennen lernen. Ein ganz anderer Schlag Menschen, wenn die einst an die Spitze der Aemter treten! In Revolutionen tritt das Erz aus der Schlacke. Aber ich zweifle nicht, daß auch in den anderen Provinzen Kreise sein werden von lebendigen Menschen, denen die Ruhe nicht das Höchste ist, aber –« »Die Masse wird vom Geist bewegt,« unterbrach der Fremde mit Lebhaftigkeit; »solange dies Naturgesetz nicht wankt, vertraue ich, daß, wenn das geistige Fluidum zum Strom geworden, auch die Käsekrämer und Galanteriehändler elektrisch durchschüttert werden. Mit seinen Massen hat er uns erdrückt; mit den Massen ihm entgegen! auf die Massen gilt es wirken! Exzellenz nehmen es als schlimmes Symbol, daß nur in die Schurken die Energie gefahren; so ich umgekehrt als gutes, wenn der Funke des Hasses, das Fieber der Verzweiflung auch in die Leichtsinnigen schlug. Als Bundesgenoß sei jeder willkommen, dem der Ernst der Zeit ins Mark fuhr, auch wenn der sittliche Ernst mich von ihm zurückstößt. Einigkeit in dem einen, das übrige kümmere uns nicht. Die Sache braucht auch Handlanger. Wählt man die aus den besten? Der Haß hat auch einen Kotzebue begeistert; soll ich den Mann ausschließen, der auf das Volk so mächtig wirkt, indem er es so gewaltig kitzelt? Er wie der kleine Merkel hassen sich untereinander; aber sie hassen zusammen Napoleon; die Brüder Schlegel, sie verachten und bespötteln jene Skribenten, aber sie verabscheuen zusammen die französische Herrschaft. Stolz auf mein Bürgerblut, habe ich jenen Dünkel der Junkeroffiziere gehaßt, ich konnte einen Augenblick mich über ihre Demütigung freuen, das ist überwunden, es gilt ein anderes, höheres Ziel, für alle gilt es, alte Vorurteile, sich selbst überwinden, es gilt, das ganze – ganze Volk als Bundesgenossen in die Arme schließen, alle für einen, – das ist die Aufgabe unserer Zukunft.« »Welcher fernen!« murmelte der Reichsgraf, den Mantel zuknöpfend – »wenn überhaupt –« Der Minister war auch aufgestanden: »Wenn überhaupt! – Ach, Graf, wenn die Hoffnung nicht mehr hochgewölbte Brücken aus der großen Vergangenheit bauen darf hinüber in eine andere Zukunft, was ist dann das Leben! Ist das nicht die Unterscheidung der edlen Natur von der gemeinen, daß sie über die Gegenwart sich erhebt! Sollen wir aus ihren Giftnebeln allein schlürfen, dann lebe wohl, Völkerleben! Am Servilismus ging die Mehrzahl der Völker unter, nicht an Despotismus , sagte unser Freund; er hat recht. Der niederträchtige Knechtssinn hat die meisten Nationen entwürdigt, vernichtet, aber es kam noch eine andere Krankheit hinzu – die Altersmüdigkeit. Die romanischen Nationen gingen uns vorauf, ich traue dem aufblitzenden Leben Frankreichs nicht die Lungenkraft zu, die man fürchtet. Auch sie wird nach der Ueberspannung auslöschen, aber – ob wir die frische Jugendkraft wiedergewinnen!« »In den germanischen Nationen haucht Gottes Geist!« rief der Kandidat. »Erhalten Sie sich diesen Glauben, junger Mann,« sagte der Minister mit einem ernst wehmütigen Blick auf ihn. »Wir brauchen Glauben, viel Glauben – starke Hoffnung. Nur Liebe brauchen wir diesmal nicht.« Der Wagen war im Hofe vorgefahren; man hörte die Stimme des Hausherrn, der dem Kutscher genaue Anweisungen gab. Waltron lobte seine Vorsicht, er sei ein Kernmann. »Schade, es sind nicht alle wie er.« »Und wenn sie's wären, was helfen sie uns!« »Unbequem sind sie,« entgegnete der Graf, »das gebe ich zu, wie der preußische Exerzierstock; aber wo alle Rücken geschmeidig werden, erfreut uns zuweilen ein gerader, wenn auch mit Borsten. Und so ein Dutzend märkische und pommersche Regimenter, meine ich, Exzellenz, als Knochen zu dem Körper, den unsers Freundes Masse bilden soll –« »Einverstanden,« unterbrach der Minister, »und sie die Korporale, Rittmeister, meinethalben auch Festungskommandanten, nur nicht Feldherren. Nicht Feldherren und nicht Staatsmänner. Regieren dürfen diese kurmärkischen Junker nicht wollen. Nur nicht am Regiment, Graf, es wäre dieses Staates, es wäre ihr eigenes Unglück.« »Warum?« »Weil die Natur es so gefügt hat. Ob's vom wendischen Blut kommt oder vom Kiefernadelgeruch, wer sagt's? Sie können nicht dafür, daß sie sich mit den Ideen nicht vertragen können, und der Staat auch nicht, daß er Ideen braucht, um nicht in Dumpfheit und Roheit zu versinken.« »Und manche haben so schöne Stammbäume.« »Was hilft dem Lande ein Adel ohne aristokratische Gesinnung! Eisen, das sich zu Stahl nicht schmieden läßt, paßt für den Pflug, nicht zum Degen. Was haben sie versäumt, was hätten sie sein können, wenn sie ihrer Zeit, ihrer Gedanken sich bemächtigt! Wie anders könnten sie dastehen, an der Spitze der Zivilisation, des geistigen Lebens dieses Staates. Versäumt ist versäumt. Hardenberg wird seine Not mit ihnen haben; er hat sie schon. Uebrigens, es sind gute Leute und nicht so schlimm, als sie sich manchmal den Schein geben möchten. Man muß nur zuweilen gut pommersch mit ihnen reden. Hardenberg kann leider nicht pommersch.« Die Abschiedsstunde war gekommen. »Täuschen wir uns nicht, meine Freunde,« hub der Minister nach einer Pause an, »wir gehen einer ernsten Zukunft entgegen, und wir wagen viel. Der Versuch, das Volk zu elektrisieren, ist ein Wagestück. Schlägt es fehl, das sei! Gelingt es, geht unsere Geschichte einer neuen Aera entgegen, und niemand sieht das Ende voraus.« »Sie haben Graf Münsters Brief noch nicht beantwortet?« fragte leise der Reichsgraf. »Meine Antwort ist fest,« sprach Stein mit ebenso fester Stimme. »Auf ständischer Gliederung beruht das deutsche Wesen, das deutsche Rechtsweg, die deutsche Freiheit, die ich will. Ohne Adel keine Nation, und ich will stehen und fallen mit meinen Standesgenossen. Aber wenn es die Wahl gälte, diese Erbgüter aufzugeben und in die tötende Nivellierung der Mongolen und Chinesen zu versinken, mit einem Worte, wenn wir Levellers und Jakobiner werden müßten, um deutsch zu bleiben, so opfere ich auch meinen Stand. Zuerst das Vaterland, das Volk, zuerst bin ich ein Deutscher, dann erst ein Edelmann .« Sechsundddreißigstes Kapitel. Eine deutsche Konversation. »Der einzige Mann, der uns retten konnte!« der Major wiederholte wie gedankenlos die Worte, den Kopf an die Scheiben gedrückt. Die Frau von Ilitz trocknete ihr Gesicht, die Tränen stürzten aber immer wieder vor: Was der Herr Reichsgraf nur damit meinte!« »Er kommt nicht wieder. Nach Preußen kann er nie zurück.« »Die Einquartierung, die würde uns retten,« schluchzte die gnädige Frau. »Unsere ist noch nicht wieder zurück.« »So ihn vor den Kopf stoßen! – Da wundere man sich, wenn die Köpfe irr und wirr werden.« Der Gnädigen schoß ein Gedanke durch den ihren, ob man den vornehmen Gästen auch die rechte Ehre erwiesen. Der Freiherr schien so gar nicht zufrieden; aber der Reichsgraf war immer munter gewesen. Wie hatte er mit seiner Pate, dem Minchen gescherzt. Ob man denn auch nicht vergessen, ihre respektvolle Empfehlung der Komteß Thusnelde zu bestellen? – Und ein Herr wie der Minister und Freiherr von Stein, wenn sie nicht zufällig die Augen drauf geworfen, wie war seine Wäsche bestellt, und die Strümpfe – im Winter! Ja, wer keine weibliche Pflege hat! – bei Soldaten macht es sich schon – aber bei solchem Manne! – Als er in die Kalesche stieg, hatte er sich nicht noch einmal zu ihr umgedreht; – hatte er es vielleicht gemerkt, daß sie ihres Mannes wollene Strümpfe mit seinen vertauscht? – Er mußte es ja merken; sie waren ganz neu. – Er hatte es gewiß übelgenommen. »Wo war denn der Fremde – Herr Walter!« – fuhr es dem Major durch den Kopf, aber laut: »Wo steckt er denn jetzt?« Beim Abschied mußte viel Verwirrung gewesen sein. »Wo war denn Karoline?« riefen beide Ehegatten zugleich. »Sie stürzte ja mit einem Male nach der Hintertreppe,« rief Minchen; »was war denn das?« »Welche Hintertreppe?« »Am Turm.« Das war des Verwalters Stube. Der Verwalter war längst fortgeschickt; wenigstens war er nie in seiner Stube, seit der Fremde zu ihm logiert worden. Warum war der Fremde nicht beim Abschied zugegen gewesen? »Sie haben es oben im Zimmer abgetan,« sagte der Major. »So schickte es sich, aber es hätte sich doch wohl geschickt –« Es schickte sich vielleicht nicht, daß Malchen und der Kandidat in dem Moment sich einen bedeutungsvollen Blick zuwarfen. Das junge Mädchen zischelte sogar im Vorbeigehen ihm etwas ins Ohr. Nicht davon war der Major in seiner Rede unterbrochen worden, er hatte aus dem Fenster etwas gesehen und gehört, was ihn frappierte: »Was ist das – unser Gast – der Kolonel – zu Fuß – sie führen sein Pferd. – Er scheint in Aufregung. – Er teilt Befehle aus – Was ist das?« Man hörte durch die Luft diese Befehle sehr deutlich und vernehmlich. – Alle Ausgänge sollten besetzt und auf jedermann vigiliert werden. Die Mutter rief: »Ach, mein Gott, schon wieder! Was soll aus uns werden!« »Stein ist gerettet, wenn es ihm gilt!« sprach der Major und ging mit Fassung dem Kolonel entgegen, der mit einigen Offizieren eintrat. »Daß ich zum zweiten Male als böser Genius über Ihre Schwelle treten muß!« sagte der Franzos und wandte sich sogleich zu seinen Begleitern, indem er wie erschöpft auf den Stuhl sich warf. »Zu großer Pflichteifer tut nie gut, meine Herren, ich wollte rascher hier sein als Sie. Ich warne Sie, sich auf die Aussage dieser Bauern zu verlassen, selbst wenn Sie einen Boten mitnehmen. Diese Leute haben entweder keinen Begriff von der Länge eines Weges und den Terrainschwierigkeiten, oder sie geben Ihnen aus Tücke falsche Weisungen.« Seine Stiefel und Kleider waren durchnäßt, beschmutzt und zerrissen, wie jeder jetzt bemerken konnte. »Mein Gott, welchen Weg schlugen Herr Kolonel ein?« fragte die Mutter. »Man wies mir über das Moor einen Fußweg, wo ich um eine halbe Stunde früher einträfe, auch ein Pferd könne allenfalls passieren. Gerechter Himmel, welch ein Weg!« »Doch nicht den Buttertrab?« »So glaube ich, nannte man ihn. Das Tier versank bei jedem Tritt; ich mußte absteigen, meine Leute konnten es kaum herausreißen. Der Ritt war lebensgefährlich,« setzte er hinzu, doch wieder mehr zu den Offizieren, als zu der Wirtin gewandt. Er mußte ja den Weg kennen! dachte Herr Mauritz, als der Major das Wort rasch ergriffen hatte: »Wenn Herr Kolonel noch den Freiherrn von Stein, gewesenen Minister Sr. Majestät meines Königs, hier zu treffen hofften, so bedauere ich, daß Sie doch zu spät kamen. Es sind schon mehrere Stunden, daß er abgereist ist; ehe Sie ihn einholten, dürfte er die Grenze passiert haben. Den Freiherrn von Stein, dessen Dienste man am Hofe des Herrn und Königs nicht mehr gebrauchen zu können wähnt, und der sich auf seine Güter ins Nassauische zurückbegibt, hatte ich die Ehre meinen Freund nennen zu dürfen. Ein Krankheitsanfall, veranlaßt durch die Schrecken einer plötzlichen Reise in diesem Jahreszeit und mitten durch die Szenen des Kriegstheaters, nötigten ihn, einige Ruhetage bei mir abzuhalten. Sie würden einen deutschen Mann in ihm kennen gelernt haben, den auch der Feind ehren muß.« »Woran ich nicht zweifle,« sagte der Kolonel. »Aber er war nicht allein!« »Mit Sr. Erlaucht, dem Reichsgrafen, Generalmajor von Waltron-Alledeese, der gleichfalls die Dienste Sr. Majestät des Königs quittiert hat.« »Der seine treuesten Diener fahren läßt, wenn ihre Ansichten von denen seiner Favoriten differieren. Wir wissen es, Herr von Quarbitz, und mein Kaiser, wenn er eine Hilfe bedürfte, fände sie am besten bei seinen Feinden. Aber es war noch jemand mit den beiden Herren,« sprach der Kolonel schnell und stand auf – »oder vielmehr sie trafen sich in Ihrem Hause.« Wer in den Kreisen der Politik tätig ist, sollte doch das Erröten überwunden haben, das nur zu oft zu Verrätern macht an uns selbst und unsere Sache! Ist es nicht Pflicht eines gewissenhaften Dieners, das Gewissen auszubrennen, das seinen Herrn verraten kann! – Es läßt sich nur nicht immer ausbrennen. Wer verbietet dem Laube zu zittern, dem Meere, daß es nicht den Ufersand küsse, der Sonne, daß sie durch das Astloch keine Strahlen schieße, spitze Pfeile und Lichtsäulen in den Raum, der dunkel bleiben soll; wer hämmert und lötet um die Menschenbrust das dreifache Erz, so fest, daß auch kein Lichtstrahl aus der unsichtbaren Welt eindringe, kein warmer, ursprünglicher Lebensatem sich losringe, Kunde zu geben von dem, was in uns noch nicht erstarrt ist? Der Major und seine Familie mußten in der Schule noch zurück sein. Er errötete zwar nicht, aber er senkte die Augen; es war ein Augenblick, wo er den Blick des Fremden nicht ertragen konnte. Und doch war eher ein feines Lächeln in diesem Blicke, als Zorn und Argwohn, als er so sprach: »Mit derselben Offenheit, mein Herr, mit der Sie mir entgegenkamen, vertraue ich Ihnen, was kein Geheimnis ist. Der Herr von Stein ist ein Genie und mit dem Genie führt mein Kaiser nicht Krieg. Es ist sogar Ordre eingegangen, den Freiherrn ungehindert und mit allen Ehren passieren zu lassen; Napoleon weiß, unter welchen Umständen er seinen Abschied erhielt. Daß dieser Feuerkopf Pläne gegen seine Herrschaft brütet, kann ihm nie den Anlaß geben zu einer ungerechten und schwachen Tat. Aber weiter darf er natürlich in der Nachsicht nicht gehen und etwa das Auge gegen die zudrücken, welche sich an einen Geist anschmeicheln, und denselben in ihre verbrecherischen Pläne zu verwickeln suchen. Die Konspirateure lauern schon von allen Seiten auf den Freiherrn und – wir wissen es bestimmt – einer war hier bei Ihnen.« »Mein Herr Kolonel, bei der Ehre eines alten Soldaten kann ich versichern, daß der Reichsgraf Waltron –« »Ein alter deutscher Degenknopf ist,« unterbrach ihn der Kolonel, »der keine Verschwörung anzettelt, nicht für das Deutsche Reich, und noch weniger für die Souveränität seiner Duodez-Reichsgrafschaft. – Auch für die Ideen Ihrer Schwärmer würde er nicht vom Whisttisch und seiner Pfeife aufstehen,« setzte er lächelnd hinzu. »Aber die Verschwörung lauert aller Orten,« fuhr er fort, und ging während des Folgenden im Zimmer auf und ab. Der ernste Ton schien wieder mehr an seine Suite, als an die Familie gerichtet: »Eine unsinnige Verbindung von Professoren, Künstlern, Schriftstellern, ehemaligen Staatsbeamten, Edelleuten, die sich bis da nie um den Staat gekümmert, hat sich in den Kopf gesetzt, das ganze Deutschland gegen uns zu revolutionieren. Wahnsinnige, unpraktische Köpfe! Was kümmert diese Leute das Vaterland! Sie fänden überall eines, wo es ihnen besser ginge, als in dem, was für sie verloren ging. Für sie? Es hatte sich nie um sie gekümmert, es duldete sie nur. Wie die deutschen Fürsten von je die deutschen Weisen ansahen, weiß jedes Kind, sie brauchten sie zu Hofnarren; aber wie wurden sie auch vom großen Publikum, von der reichen Bürgerschaft über die Achseln angeblickt! Schlimmer noch! Man schrie es für eine Kalamität aus, wenn die Söhne begüterter, ehrbarer Familien mit den sogenannten Genies Umgang hatten. Was ging nun diese Genies, diese in sich selbst und ihrer Wissenschaft vergnügten Gelehrten das Deutschland an, das ihre Ideen nur dazu für gut hielt, sie im Theater zu bespötteln. Sie haben Gall und Mesmer zu Zielscheiben für den Pöbelwitz gemacht, in Frankreich hat man ihnen Tempel erbaut. Was in aller Welt kümmert diese Ideologen das zertrümmerte alte Deutschland! Schwärmer, Mystiker, lieben sie das Wunderbare, verlangen Begeisterung zu allem Tun. Das konnten sie alles, und besser, im Lager des Kaisers finden. Was ist wunderbarer, was begeisternder als seine Taten und sein Glück, von den Pyramiden bis Marengo und Austerlitz. Und wenn sein Atem eine Weltherrschaft trägt, ist das keine Idee, würdiger einen deutschen Philosophen zu entflammen, als die Wiederherstellung der zehn Kreise des ehemaligen heiligen römischen Reiches? Ihr großer Dichter singt von dem Poeten, der bei der Teilung der Welt leer ausging, der neue Zeus kann andere teilen, und den Männern des Geistes wird ein besserer Teil werden, als ein Freitisch an der Göttertafel. Wodurch haben sie bewährt, daß sie handeln können? welche Tollheit daher, eine Mission aufzunehmen, vor der sie erbebend zusammenstürzen müßten, wenn sie zur Wirklichkeit würde. Wie bestanden die größten unter ihnen vor dem Blicke unseres Kaisers, vor der eindringenden Suada seines Mundes! Er ließ Goethe vor sich erscheinen und in einer einstündigen Unterhaltung mußte der Dichter die Gewalt des mächtigen Kritikers erkennen, der so sicher ist auf dem Gebiet der Aesthetik als auf dem Schlachtfelde. So verstummte Ihr Wieland vor dem feinen Dialektiker, so ward Ihr Historiker Johannes Müller überwunden, gefangen, gewonnen von dem Genius, vor dem die Geschichte nicht wie eine tote Tafel von Begebenheiten, sondern daliegt wie ein lebendiges Bild, in das seine Hand, es erschütternd, korrigierend, mächtig eingreift, allen Gedanken, aller Tatkraft ein neues Ziel steckend. Wenn diese Größen vor ihm verschrumpften und zusammenbrachen, was wollen die armseligen Verschwörer, die nicht einmal wissen, wie man Verschwörungen macht. Sie sollen ihren eigenen Kopf festhalten, daß er nicht in Gefahr gerät, ihnen von den Schultern zu fallen. Ist unser Heros dereinst zu fallen bestimmt, müssen Giganten aus der Erde wachsen; in einem Spinnegewebe, das blasse Stubengelehrte, Dichter, Philologen und Philosophen ihm spannen, wird ein Napoleon nicht gefangen.« »Weshalb diese glänzende Tirade?« dachte der Kandidat, der dem Redner aufmerksam gefolgt war. Es stimmte vieles darin nicht zu d'Espignacs früheren Aeußerungen; sie klang so überlegt, wie auf einen Effekt berechnet. Wem galt sie? Den beiden Adjutanten, welche der Kolonel besonders im Auge hatte, oder dem Wirt, dem der Redner dadurch seinen Argwohn oder sein Vertrauen zeigen wollte? – Karoline, die vorhin Vermißte, war wieder im Zimmer. In ihren Blicken glaubte er den Schlüssel zu finden; sie atmete wie aus einer schweren Beängstigung auf, als der Vater die Lippen öffnete. Ein Blick des Dankes zückte durch die Luft zum Kolonel. – Die Tirade hatte den Zweck, dem Major Zeit zum Besinnen zu lassen. »Ihre Anklage, Herr Kolonel, lautet auf eine angezettelte Verschwörung, Sie bezichtigen als Täter Professoren, Künstler, Schriftsteller. Diese Klasse von Menschen treibt ihr Wesen in den Residenzen und großen Städten; in das schlichte Haus eines Landedelmannes verirrt sie sich nicht, weil sie keine Sympathien findet. Was das Anzetteln von Verschwörungen betrifft, so glaube ich, daß, wenn nicht mein Wort, mein Name und mein Rock Ihnen bürgt, daß Sie nicht im Hause eines Konspirateurs sind.« »So gewiß, als ich Ihnen nicht zu versichern brauche, daß, wenn ich nach dem gefährlichen Menschen in Ihrem Hause suchen lasse, ich darum nicht den Verdacht hege, daß er sich mit Ihrem Wissen darin versteckt hat.« »Gefährlicher Mensch! – bei uns versteckt!« riefen Minchen und die Mutter. »Eine Haussuchung muß Sie nicht erschrecken meine Damen; sobald er ergriffen, wird er nach Magdeburg abgeführt!« Der Kandidat hatte ein Lächeln auf Karolinens Gesicht gesehen, den Blick, mit welchem der Kolonel antwortete, konnte er nicht sehen, aber er wußte, daß die Gefahr vorüber war. Er bemerkte gegen den Kommandeur, daß, wenn sein Verdacht den fremden Mann treffe, welcher unter dem Namen Walter sich bei den Gästen präsentiert, dieser im selben Augenblick mit dem Grafen und dem Freiherrn das Haus verlassen habe. »Das wird uns nicht hindern,« wandte sich d'Espignac zu den Adjutanten, »bis in die Keller zu suchen. Ein Fanatiker kennt keine Rücksichten; auch nicht die, welche er einem edlen Hause schuldig ist, das ihn gastlich aufnahm.« – Er neigte sich verbindlich gegen den Wirt. »Ich kann mir denken, wie lästig diese Herumläufer den Gutsbesitzern werden. Soll man sie abweisen, die den Schild des Patriotismus vor sich tragen, und mit dem Auftrage von dem und jenem vornehmen Manne sich wichtig machen? Es scheint unloyal und unmenschlich, sie anzugeben, und doch, bei der Gereiztheit des Kaisers und der Willfährigkeit seiner Diener, ist auf ihre Zuflüsterungen zu horchen, ebenso gefährlich. Dieser Konflikt der Pflichten in solchen Kreisen wird gerade dem Ehrenmanne –« »Keine zu schwierige Aufgabe, wenn er seine wahren Pflichten kennt,« unterbrach Isegrimm und schien mit der Fassung auch seine Würde wiedergewonnen zu haben. »Was mir als kurmärkischen Edelmann und treuem Diener meines königlichen Herrn zu tun obliegt, da würden mich in keiner Krisis ein Konflikt der Pflichten zurückhalten. Ein Kavalier und Militär von Ehre wird die Grenzen dieser Pflichten selbst ermessen. Was aber das Individuum anbetrifft, das man als Herumläufer bezeichnet, so versichere ich dem Herrn d'Espignac auf mein Ehrenwort, daß ich weder ihn kannte, noch von wem er eine Mission zu haben behauptet. Ich hielt ihn für einen Phantasten, das Geschwätz der Phantasten ist mir unverständlich. Was ich aus dessen Munde erfuhr, so glaube ich Ihnen die Versicherung geben zu können, Ihr Kaiser kann ruhig sein, wenn er nicht einen Angriff vom Monde aus fürchtet.« Auch der Kolonel war beruhigt, man sah es seinen Mienen an, als er zu den jungen Offizieren sich wandte: »Kameraden, was ich Ihnen von einem deutschen Edelmann sagte: Ein Mann ein Wort seine Losung. Ich wußte es vorauf, aber Gehorsam ist des Soldaten Pflicht. Lassen Sie sich nun deshalb von der Ihrigen nicht abhalten. Aber arretieren Sie keine falschen. Sie haben die Renseignements.« Man fand den Mann nicht, nach dem man suchte. »Hat er denn solche Bedeutung?« – »Für mich gar keine mehr,« war die Antwort des Kolonel, »seit ich die Besorgnis los bin, daß er für Sie von Bedeutung war. Von wem anders als Fouché kommt wieder die ganze Angabe! Aus Paris meldete er nach Preußen an Napoleon die Entlassung des Herrn von Stein, die Art, wie sie geschah, die Konsternation, welche sich der Patrioten bemächtigt. Da wird auch Ihr Name genannt, Herr Major; ich weiß nicht, ob mit Recht oder Unrecht. In Königsberg und Memel machten die Patrioten Versuche, den entlassenen Minister festzuhalten. In Deutschland will man ihn auffangen, um ihn zum Knotenpunkt zu machen, an den sich die losen Verbindungen knüpfen sollen. Fouché rät ab, gegen den Entlassenen persönlich einzuschreiten Es sei besser, ihn in scheinbarer Freiheit zu lassen als lebendige Eule auf dem Krähenherd, um zu sehen, welche Raben ihm zuflattern. Diese soll man einfangen, den jungen Mann vor allen. Er ist der Sohn und einzige Erbe eines sehr reichen Kaufmanns in Berlin, Walter van Asten. Er hatte mancherlei Schicksale, eine Braut ward ihm treulos, er zerfiel mit dem Vater, konnte zu keiner Anstellung kommen, anfänglich als Bürgerlicher, dann aus dieser und jener Ursache, endlich ward er Steins Sekretär, und mit dessen Fall ist ihm jede Aussicht auf den Staatsdienst wieder versperrt. Der große Fouché! Auch die Liebesgeschichten sind ihm nicht zu gering, und er zieht den Schluß, daß ein Mensch, der mit solchen Erfahrungen und Kränkungen hinter sich für seine Ideen operiert, inkorrigibel und gefährlich ist. Napoleon belächelt die Ideologen, er verspottet sie, aber es ist ein giftiger Spott. So spottet man nur, wenn man fürchtet.« Das waren seine Worte, als die Offiziere die Tafel verlassen. Es war ein ganz verschiedener Ton, man konnte sagen, er betrachte sich jetzt als ein Glied der Familie, während sein Auftreten vorhin wie abgemessen für die militärische Umgebung war. Er erschien dem Kandidaten wie ein Mann, der eine schwere Last von sich abgewälzt. Sollte das allein darum sein, weil der Fremde nicht gefunden worden? Denn daß es des Kolonel Veranstaltung gewesen, daß er eine Warnung, wahrscheinlich an Karolinen, vorausgeschickt, daß er absichtlich den beschwerlichen Moorweg eingeschlagen, um, Hast vorschützend, verspätet anzukommen, darüber war man nicht in Zweifel. Seit langer Zeit war es ein heiterer Abendtisch; man konnte wieder scherzen. d'Espignac nahm auch nicht mehr Rücksicht, als die jüngeren Offiziere zurückgekehrt; er sprach freimütig über Napoleon, er kritisierte seine Schlachten, sein administratives Talent, er sprach von dem Kreislauf aller Dinge, wie auch dieser Genius, der neue Meteorgleise durch die europäische Nacht gezogen, allgemach in die alten Bahnen zurücklenke: »Ehe wir es uns versehen, wird die Kaiserkrone, aus den Brillantspitzen des Morgenrotes und den Tauperlen eines neuen Völkerglückes geschmiedet, vom edlen oder unedlen Rost der alten Kronen umdämmert scheinen.« Die Beweise wurden ihm nicht schwer. Als er, in der Lebhaftigkeit der Rede, an dem Punkt kam, daß der Kaiser schon die neuen Dienste derer vergesse, die mit ihm jung gewesen und auf ihren Degenspitzen mit ihrem Herzblut ihn gehoben, um die zweifelhaften Verdienste der Sprößlinge alter Familien zu belohnen, brach er plötzlich ab: »Er ist auch ein Mensch. Der gemeine Neid, daß jüngere Talente ihn überflügeln, mag ebensoviel daran schuld sein –« »Als was?« fuhr der Hausherr dazwischen. »Daß der Heros an sich selbst verzweifelt. Aus dem Nichts schuf er seine Welt. Da zittert er, mitten im Schaffen, ob sie auch geschmückt genug aussehe, und pflückt und bricht Edelsteine aus den Trümmern der alten. Sie soll gefällig auch denen erscheinen, deren Augen nun einmal an den alten Flimmer gewöhnt sind. Er hat sich selbst damit aufgegeben. Ein Prometheus, dem das Himmelslicht ausging, darf seine Fackel nicht wieder am Kohlenbrand der Hütten anzünden wollen.« Man erwiderte nichts. Im Keller des Majors mußte sich doch wohl noch ein Fach mit Flaschen gefunden haben, in den Gläsern funkelte der Wein. Der Kolonel, sonst mäßig wie ein Franzos der alten Schule, hatte seine Flasche geleert und hob sein Glas zur Wirtin gewandt: »Auf deutsche Weise, edle Frau! die Lippen des Glases zu fröhlichem Klange. Sie versagen dem Feinde nicht den Wunsch, daß er nicht lange Ihr Feind bleibe. Lassen Sie uns anstoßen auf den Frieden. In einem Ihrer Freimaurerlieder, hörte ich einmal den Wunsch: Alle guten Menschen sollen leben! – So meine ich einen Frieden zwischen allen, die das Gute wollen.« »O, mein Gott, wenn das doch möglich wäre!« »Möglich gnädige Frau! Wenn alle guten Menschen nur ernstlich wollten, wären alle bösen nicht imstande, ihnen den Frieden zu verkümmern. Das wäre der wahre, echte Tugendbund.« Der Hausherr starrte auf: »Haben Sie in Deutschland auch deutsch träumen gelernt?« »Mich dünkt, das ist ein Traum, uralt wie das Paradies.« »Aus dem wir ausgestoßen wurden, seit wir die Engelsflügelnatur abgelegt und Menschen wurden mit Haut, Knochen und Haaren auf den Zähnen.« »Doch steuern alle unsere Wünsche zurück – nach einem Zustande der Vollkommenheit. Alle die großen Genien, Propheten, Philosophen und Gottsöhne oder Welteroberer hatten das Ziel, die Menschen aus Ketten zu erlösen, und frei, glücklich zu machen. Sie griffen nur fehl über ihr Ziel hinaus und scheiterten.« »An der Schwäche, die des Menschen Erbteil,« unterbrach der Wirt. »Die Philosophen und Gottsöhne lassen wir doch ruhen, was soll Saul unter den Propheten; von denen, die sich mit dem Regieren abgeben, sind aber die die schlimmsten mit den Menschheitsbeglückungstheorien. Wer befiehlt's Euch? Wer sticht's Euch denn, was die Menschen glücklich macht? Wer gibt Euch die Erlaubnis, sie glücklich zu machen, wenn sie nicht glücklich sein wollen nach Eurer Fasson? Gerecht sein und jedem das Seine lassen, das ist Eure Aufgabe; das glücklich werden Sache der Kreatur, und wie sie's anstellen soll, versteht jede besser, auch mein Ochsenjunge, als Regierungsräte, Minister und Könige.« »Damit rauben Sie der Menschennatur alles, was sie aus dem Staube aufreißt. Diese Genien, die mehr wollten, als sie konnten, haben unsere Geschichte gemacht. Sie rissen uns aus der Verdumpfung und Versumpfung, aus der Verknöcherung und Erstarrung. Schmolzen auch ihre Flügel an der Sonne, scheiterte auch ihr Schiff und sie ließen uns an Rissen und nackten Klippen zurück, lernten wir nicht dadurch uns selbst zurecht finden, entdeckte nicht das Menschengeschlecht auf diesen Klippenstegen, von Wolken und Blitzen umzuckt, die Quellen, aus denen die Ströme kommen, welche sein Land wässern, Masten tragen, Länder und Völker durch Handel, Sitte und Kenntnisse verbinden? Alexander eroberte den Oriente nicht für sich, für die europäische Menschheit; auf den Pfaden, die Hannibal über die Schneepiks der Alpen mit dem Karst schlug, fanden die Römer die Straße, auf der sie in die eroberte Barbarenwelt ihre Kultur trugen.« »Wären sie immer drüben geblieben!« »Und wir in Finsternis und Barbarei! Nein, so hätten wir die Schneemauern erstürmt, nach der Sonne drüben verlangend. nach der, welche den Orangen und dem Wein ihre Glut einhaucht, und nach der Sonne, welche Licht über die säulengetragenen Marmorhäuser gießt, und der Seele Schwingen leiht, daß Poesie und Kunst aus den Lorbeerhainen zum Aether aufsteigen. Nicht wie jene Teutonen und Cimbern hätten wir uns genügen lassen, auf unsern Schilden über die Eisberge in die lachenden Ebenen hinabzurutschen, den süßen Wein zu schlürfen und süßere Küsse von schönen Lippen. Licht und Süßigkeit des Lebens sind inniger, tiefer, dauernder. Was zeitigt die Sonne? Was gießt helleres Licht als der Gedanke, was mehr Süßigkeit, als der Glaube in die düstere, schmachtende Seele? Wie, wenn es das höchste wäre, daß jeder nur um das sich kümmere, was sein ist, was seiner Väter war, seiner Nachbarn ist, festzuhalten an uralten Rechten und Gewohnheiten; – die Welt, die Gott zum Paradiese bestimmt, wäre eine andere, von Gewohnheiten stockichte, verschlammte Wüstenei. Wenn die Ideen keine Macht, kein Recht hätten, wo wäre das Rittertum, jener erhabene Orden, von der Idee getragen, daß der Ritter durch die Welt irrt, die Sitte zu schützen, für die Unschuld zu kämpfen, dem Unrecht und der Unterdrückung den Handschuh hinzuwerfen. Was ist erhabener als der Gedanke, daß der starke Mann in willenloser Demut sich dem Dienst der schwachen Frau hingibt, daß er der einen, deren Farbe er trägt, folgt, sie bewacht, hütet, das Leben für sie läßt, die ihm keine Gunst dafür, in schweigender Hoheit nicht einmal Liebe zollt! Und das war keine Idee, die Licht in die dumpfe Dämmerwelt der mittelalterlichen Barbarei schoß, die Begeisterung für das Land, wo der Heiland geboren? Es war ein süßer, seliger Taumel, die Menschheit vergaß auf einen Augenblick sich und ihr Weh, sie kannte keinen anderen Beruf, kein ander Glück, keinen anderen Gedanken, als das Kreuz an der Brust, die wilden Heiden vom Grabe des Erlösers zu vertreiben. Erobert, verloren, wieder erobert und verloren war Palästina, aber war nicht aufs neue der europäischen Menschheit das gewonnen, was Alexander einst für sie erobert? Die Tore des Orients erschlossen sich, feinere Sitten, süßere Lebensgewohnheiten brachten die Ritter zurück in ihre Stammburgen und Eichenwälder; der Handel vollendete die Eroberung des Schwertes. Und wer wagt zu bestreiten, daß ein neues Heil aus der verlorenen Irrfahrt erwuchs! Die Völker und Stämme des durch Ströme, Gebirge, Wälder, Sitten, Sprache getrennten Europas hatten sich kennen gelernt in dem großen Argonautenzuge, dem neuen Griechenkriege um die fabelhafte Helena, es war der große Kongreß der Christen des Abendlandes, aus dem die neue Gestaltung, ein gegenseitiger Verkehr, eine neue Weltanschauung hervorging. Das, mein Herr, ging hervor aus einer Idee, und solange eine Geschichte als Wegweiser dient, die verhüllte Sage ihre Hand ausstreckt in das Land der Mythe, zeigt sie uns die Heroen und Geister, welche die alte Welt zu ihrem Heil verrückten, von einer Idee inflammiert, und diese Idee war – Menschenglück zu fördern.« Wer aus den Blicken, mit denen sie den Redner verfolgt, ihre Gedanken gelesen hätte! Eine glühte; ein Glück, daß keiner Karoline beobachtete, wie ihre schwimmenden, dunklen Augen an seinen Lippen hingen, wie ihr Busen im Akkord mit seinen schwellenden Worten sich hob. Nur einmal brach es wie ein Seufzer der Angst heraus bei Erwähnung der Kreuzfahrer. – Malchen hatte die Augen auf dem Kandidaten. Was ging in dessen Seele vor? Wie unbeweglich auch er, hinstarrend auf den Redner, als wöge er seine Worte auf einer Wagschale ab. Jetzt senkte er die Augen nachdenkend dem eben Gesagten, um dann einen fragenden Blick auf ihn zu schießen, und die Frage lautete: Wer spricht aus Dir? Wie kommst du dazu, auszusprechen, was ich gedacht? Die Mutter war schläfrig, aber seine Stimme klang so schön, so sonor, wie Abendglockengeläut; manches Mal war es doch wie ein Prediger. Sie faltete die Hände unterm Tischtuch. Minchen hatte nicht sowohl Sinn für das, was der Kolonel sprach, als wie es auf den Vater wirken müsse. Denn, wenn sie den Gedanken auch nicht folgte, wußte sie doch, daß es Gedanken waren, denen des Vaters schnurstracks entgegen. Sie fürchtete jeden Augenblick einen Zornesausbruch, wie er mit dem Messer auf dem Teller still hämmerte und die Lippen verkniff. Sonst trillerte er nie ein Lied, heut kam es ihr vor, als wär' es eine Melodie, wie er den Atem anzog. Aber nun warf er die Serviette auf den Tisch, und mit einem »Gesegnete Mahlzeit, wenn's beliebt, Herr Kolonel,« war er aufgestanden. Das war ein Riß. War es ein zweiter, als er die Pfeife ergriff und nach einigen Zügen, welche die Stube mit mehr Qualm füllten, als gerade nötig war, die Einquartierung wieder anredete: »Die Menschheit beglücken wollen, habe ich nie gelernt, denn als ich ein Knabe, war's noch nicht Mode: aber mein Vater schlug barbarisch zu, wenn ich log. Seitdem ist's mir so in meinen schlichten Sinn gekommen, daß man wahr sein muß, um vor den Menschen, vor Gott und vor sich zu bestehen. Die Menschheitsbeglücker haben immer einen Dunst um sich hinterlassen; in Dunstwolken sieht alles größer aus, als es ist. Ihr Gefolge, ihre Anhänger und ihre Schulen haben sich wohl gehütet, den abzuklären, im Gegenteil, es ist ihr Interesse, wenn er recht dick um ihre Götzen bleibt, da können ihre Poeten und Skribenten aus dem, was undeutlich ist, machen und hineinlegen, was ihnen gefällt. Darum habe ich vor vielem von dem, was die Menschen, die beglückt sein wollen, venerieren, keinen Respekt, sondern nur vor den Menschen, die wahr sind. Man kann lügen vor Gott; darüber mag der liebe Gott und die Theologen entscheiden. Man kann lügen vor der Welt; darüber wird die Welt richten. Man kann auch vor sich selbst lügen, und dann wird man der miserabelste Kerl, auch wenn sie uns mit dem allerdicksten goldenen Heiligenschein in den Menschheits-Beglückungstempel stellen. – Nicht wahr, Herr Mauritz, die Wahrheit über alles, denn Sie sind ein Mann der Wahrheit und darum mein Freund.« Mit wie verschiedenen Augen sahen zwei Schwestern auf den Redner, als er den, mit welchem er gesprochen, stehen ließ, und, den Kandidaten unterfassend, weiterging. Karoline hatte die Befriedigung, daß der Kolonel heiter wie vorhin blieb. Er unterhielt sich mit Wilhelminen und der Mutter, als wäre ihm nichts begegnet. Ihre Befriedigung war eine doppelte, als der Vater, gleichwie seine Aufwallung bereuend, ihn nach einer Weile, vertraulich am Arm fassend, nach dem Ofen zog. »Napoleon verfolgt die Ideologen, weil er sie fürchtet, das ist Ihre Meinung?« »Ein Despot muß die Intelligenz fürchten.« »Kann sie Armeen aus dem Boden stampfen? Kann sie nur ein Bataillon formieren?« »Sie kann mehr,« lächelte d'Espignac. »Wenn der Fanatismus in rohen Barbarenhaufen eine alte Welt umstürzte, was sollte er nicht können, wenn er in die Intelligenz fährt!« »Glauben Herr Marquis de la Tour d'Espignac allen Ernstes, daß Professoren, Barbiere, Schauspieler, Pastoren, Zeitungsschreiber und Poeten können, woran ein Erzherzog Karl, ein Braunschweig und Kalkreuth scheiterten?« »Ich glaube alles.« »Und Napoleon?« »Ist – den Dämonen verfallen. – Das Kind der Revolution ward sich selbst untreu. Seit er an seine Mission glaubt, muß er auch an die anderer glauben. Wer einmal in die Zauberkreise trat, ist vom Wirbel erfaßt. Aus dem frei erwählten Führer eines freien Volkes ward er ein Gottgesandter, er ließ sich salben und zu dem Nimbus der Majestät, der um seine Stirn spielt, mit der Lust des stillen Wahnsinns aufblinzelnd, ist sein heißester Wunsch jetzt, daß alle daran glauben. So hat der Heros der Tatkraft alle seine Trophäen am Altar der Tradition geopfert, er hat sich selbst verloren, indem er unter den Füßen die Staffel wegstieß, auf der er zu seiner Größe stieg.« Mit einem sarkastischen Lächeln sagte der Major: »Wie kam der Marquis d'Espignac über Nacht zu dem Glauben?« »Ueber Nacht – Sie haben recht. Ich glaube an Wunder, seit ich in Deutschland bin. Die Bäume rauschen anders hier, die Luft weht anders. Auf dem Boden des Wunderbaren wandelnd, ward auch ich ein anderer. Ich glaube ein ursprüngliches Vaterland, das wie eine dunkle Ahnung aus der Vorwelt um meine Träume schwebte, wiedergefunden zu haben. Sein Glaube ward meiner: beim Gift wächst das Gegengift, und jedes Uebel trägt seine Heilkraft in sich selbst. Das Meteor Napoleon ward auf den Ideen der Zeit zur Sternenhöhe getragen, die Ideen der Zeit werden es wieder in den Abgrund stürzen. Das ist so gewiß, mein edler Freund, als – ach, was ist denn gewiß auf dieser Erde –« Es war ein eigener Schluß dieses heiteren Abends. Man ging still auseinander. Jeder, sein Licht in der Hand, schien an den Gedanken schwer zu tragen, die er in seine Schlafstube mitnahm. »Wer ist er? Was will er? – Ein Genius, ein Dämon? Ein ursprünglicher oder ein Lügengeist? Mit dieser Klaviatur der Gedanken, wo jeder, wenn er anschlägt, seine eigenen wiederfindet, und so melodisch wie –« Mit diesen Gedanken war der Kandidat auf sein Bett gesunken, als melodische Töne eines Klaviers längs den Mauern sich fortrangen. Siebenunddreißigstes Kapitel. Nachtgespenster. Die Klaviertöne kamen aus Karolinens Zimmer. Seit der Einquartierung war das Instrument hinaufgewandert. Sie hatte wohl nicht beachtet, daß die Tür hinter ihr wieder aufgesprungen war; Türen und Fenster schlossen nicht mehr gut in Haus Ilitz. Sonst hätte Herr Mauritz oben nicht das: »Kennst du das Land« so deutlich gehört. Das alte Klavier stöhnte, daß es die schwellenden Töne, so stürmisch, so tief bewegt, wie sie aus der Brust kamen, wiedergeben sollte! Und plötzlich hielt die Spielerin inne, ein nicht gelöster Ton verhallte als Dissonanz. Sie lehnte die Wange über die ausgespannte Hand; der Schatten ihrer Locken spielte auf den Tasten. Bald aber spielte etwas anderes darauf, die Tasten gaben wieder Töne, das Lied fortsetzend, und ein warmem Hauch berührte ihre Schläfen. Was kümmerte die stürmische Nacht nun die beiden, was störte das Wetter, das gegen die Mauern und Fenster peitschte, ihr stilles Geflüster? Sie lasen an den Blicken ab, was einer dem anderen sagte. Und wieviel hatte jeder zu sagen, als lägen nicht Tage, als lägen Monate, Jahre zwischen ihrer Trennung. »Und bist Du jetzt frei?« Sie sah ihm bang ins Gesicht. »Ich ward es.« Welche Ketten hatte er zerrissen: War es ein Liebesband, was sie gefürchtet? Er lächelte und schüttelte den Kopf, mit Küssen auf ihre Hände, ihn an ihrer Brust verbergend, mit ihren Locken spielend. Sie fragte, ob es sich für den stolzesten Ritter des stolzesten Kriegesfürsten schicke, den verliebten Schäfer zu spielen? »Wer im Leben nicht einmal wenigstens wahnsinnig war, kann der sagen, daß er gelebt hat! O gönne mir den holden Wahnsinn in diesem Zauberlande, mit seinen dunkeln Wäldern und treuen Herzen. Was sind die Goldorangen, die Auen, Lüfte, gegen die blauen Augen eines deutschen Mädchens!« »Wie oft hast Du das zu den schönen Italienerinnen gesagt! Ach und erst zu Deinen Französinnen!« »Was sündigen nicht die Lippen, wo das Herz nichts davon weiß! O dies Land, das Herz Europas, mit seinen Frauen, die unsere Galanterien zurückweisen, die den Mut haben, treu und tugendhaft zu sein, auch wenn sie Neigung fühlen, die aber, wenn sie lieben, für den geliebten Mann Vater und Mutter verlassen, Märtyrerinnen der Liebe und Treue!« Sie hatte ihn scharf angesehen und erschrak, als das Wort heraus war: »Bist du auch wahr? – Du redest nicht wie deine Landsleute?« Er erschrak nicht, er erwiderte den Blick ebenso fest: »Wahr, wie ich frei bin! Das ist's ja eben. Ich bin kein Franzos mehr. Wie in der Trunkenheit, so ist im Wahnsinn eine Wahrheit. Es löst sich nur, was im Innern schlummerte, es treten Bilder, Wissen, Bewußtsein heraus, wie jenen Jüngern, die ein Strahl durchzückte, ihre Gaben, ihre Sprachen, die sie nicht kannten.« »Werde mir nur kein Prophet, Raoul! Ich will die Zukunft nicht wissen, ich bin ja selig. Es kam zu wunderbar, zu mächtig, Geliebter. Dich, den ich hassen sollte, beim ersten Erblicken dort am Tor fühlte ich, daß ich dich nicht hassen könne! Ich wollte es lernen; das heißt, mit einem Schleier dem Winde entgegengehen und probieren, ob er nicht weht. Dann das andere –« »Wie du mich aus der Gefangenschaft rettetest, damit ich auf immer ein Gefangener würde.« »O still, Raoul, ich bitte dich, mein Kopf ist schwindlig, ich ward ja auch schon eine andere. Was mußtest du meinen Kopf verwirren; was hauchtest du den Duft aus den Blumen der reichen, üppigen Länder in die Blumen der Heide? Fort aus dem Wunderkreise, sprich, wie du zu den anderen sprichst. Ich fürchte mich sonst, daß es doch nur ein Traum ist – das Erwachen wäre schrecklich. – O keine Rätsel mehr, wie wardst du so frei?« »Die Ketten, die ich brach, hatte ich selbst um mich geschlungen. Der Ehrgeiz ist nur gerechtfertigt, hat ein Dichter gesagt, wenn es um Kronen gilt. Nach einer Krone habe ich doch nicht getrachtet!« »Wie schön sie auf deiner schönen, ernsten Stirn leuchten würde.« Er blickte sehr ernst vor sich hin, und sein schwimmendes Auge leuchtete. »Sind ihre Träger glücklich? Die, auf deren Häuptern die ererbten schwanken? O sieh, wie sie im Sturm mit beiden Händen danach greifen, wie sie dem Winde ungeschickte Komplimente machen, damit er nicht zu barbarisch mit ihnen umspringt! Wär's nicht zu tragisch, es wäre zum Lachen. Oder sind sie glücklicher, deren Kronen noch von der Politur des Juweliers glänzen? Ach, wer in ihre Schlafstuben blickte, wie sie, erschöpft von der Anstrengung, anders zu scheinen, als sie sind, sich in eine Rolle hineinzulügen, zu der sie nicht geboren, auf das Ruhebett sich werfen, und die gemeine Natur pustet und krächzt heraus gegen den Kammerdiener. Er – selbst nahm Privatstunde bei einem Talma! Aber nun erst die Brüder, Vettern, Lieblinge, die er zu Königen backen ließ, aber der Teig wollte nicht in die Form. Ja, wäre es auf den Schlachtfeldern abgetan – da ist jeder Tapfere König – aber die neuen müssen doch Antichambres haben, und weißt du, wer mehr zittert, wenn die Türflügel aufgerissen werden: die auf die Audienz warten, oder der sie erteilt? Es geht sich schwer mit Reiterstiefeln auf den polierten Dielen; wer da fällt, ist verloren, und die feine Nase des geborenen Hofmannes riecht den Kasernengeruch durch alle Ambradüfte.« »Auf den Schlachtfeldern ist jeder Tapfere ein König,« wiederholte sie seine Worte. Er schüttelte den Kopf: »Wenn die Sonne gerade auf den Fleck scheint, wo er kämpft. Wenn es da dunkel ist, mag er wie ein Herkules gestritten haben, seine Heldentaten werden eingerollt in die Masse des Geschehenen. Der Obergeneral freut sich, je weniger er zu berichten, die Geschichte, an die wir so gern appellieren, je weniger Namen sie zu nennen hat. Man kann ein Gott der Schlachten gewesen sein, man wird nicht genannt, man ist vergessen, wenn der Kommandierende einen anderen begünstigen will, vielleicht sogar, wenn eine Ordonnanz unseren Namen verwechselt hat. Was geschieht, ist ein großes Lottospiel; der den Treffer zieht, heißt ein Genius. Welcher Name oben aufschwimmt, eingetragen in die Bulletins, in den Zeitungen durch die Welt schwimmend, bis er zum Stern oder Meteor wird, das die Geschichte für die Nachwelt verzeichnet, das ist alles, alles ein reiner – reiner Zufall.« »Aber das Bewußtsein des Edlen!« rief sie mit funkelndem Auge. »Da leuchtet der Stern mit unerlöschlichem Glanze.« Ein seltsam Muskelspiel, über sein Gesicht fahrend, kräuselte sich auf den Lippen: »Das ist ein echt deutscher Gedanke. Da leuchtet er freilich so intensiv, daß niemand das Licht sieht.« – »Du hast mir nie erzählt von deinen Kriegstaten,« untere brach sie eine Pause. »Du bist mehr, als du scheinst, du hast viel getan, du verdientest – weiß ich was? für mich das Höchste – aber Du wardst verkannt – sonst wärst Du –« »Was wäre ich dann? – Einige Goldstickereien und Troddeln hingen mehr an meinem Rock.« »Du hast Feinde, Neider, die Deinen Ruhm verdunkelten, Du bist zu großmütig, ihren Namen zu nennen.« »Ich kenne meine Feinde, und wenn ich ihnen begegnete –« Ein leichter Fluch verrauchte über seine zusammengebissenen Lippen: »Pah, was ist's! Davoust kann mich nicht leiden; ich ihn auch nicht. Er ist eine ordinäre Natur, ein Rechenmeister – Blutsauger nennen sie ihn. Er verträgt um sich edlere Naturen nicht, das hat er mit dem großen Kaiser gemein, darum vertragen sich beide zuweilen. Schon vor dem Frieden von Campo Formio ward ich – o Torheit, darüber noch ein Wort verlieren. An Napoleons Seite in Berlin einziehend, erhielt ich einige Gnadenblicke; Murat wollte mich nach Polen schicken – dort mir eine glänzende Laufbahn öffnen. – Meine Equipage war bestellt, ich sollte unter dem polnischen Adel mit dem Lüster eines kaiserlichen Generals und alten Edelmannes auftreten. Da stockte es plötzlich. – Napoleon wollte den Adel meiner Familie nicht anerkennen. Misere über Misere. Man schickte mich hier hin unter General Brunes Korps. Brune ist als alter Republikaner dem Kaiser unliebsam. Herrliche Gelegenheit, entfernt vom Schauspiel der großen Taten, vergessen zu werden, herrliche Stelle, den Aufpasser und Denunzianten zu spielen und den Ruhm und Ruf des Ehrenmannen und Ritters aufs Spiel zu setzen. Ich wandte mich an Bernadotte; vorhin in der Stadt erhielt ich seine Antwort – er zuckt die Achseln, auf dem Papier, er kämpft selbst mit Napoleons Neid, kann daher nichts tun –« »Vielleicht« – Karoline war aufgesprungen. »Was ich vergaß! Ein Expresser brachte einen Brief an Dich. Ich habe eine Ahnung, daß er wichtige Nachrichten enthält.« Mit einem verächtlichen Zucken der Lippen hatte d'Espignac die Aufschrift gelesen und den Brief in seinen Hut geworfen: »Der soll uns nicht eine Sekunde dieser seligen Stunde trüben.« »Vielleicht enthält er doch frohe Botschaft? – Ist er von einem Freunde?« Mit einem wehmütigen Blicke antwortete der Kolonel: »Von einem Freunde, wie es Tausende gibt. In dieser Welt des Egoismus denkt jeder nur an sich. Wer einem anderen vor den Mächtigen das Wort redet, tut es nur, um einem dritten damit zu schaden, einen, den er noch mehr fürchtet und haßt, entfernt zu halten.« »Einen kenne ich,« entgegnete Karoline, »der davon eine Ausnahme machen würde.« »Nenne mich nicht, ich gehöre nicht mehr in jene Kreise. Nur Eid und Pflicht hält mich noch; nur die dünne Wurzelfaser ist noch nicht zerrissen, die mein Herz mit dem unglücklichen Boden verbindet, wo ich geboren ward.« »Was willst du tun?« »Was Ritterehre mir gebietet. Aushalten in schweigendem Gehorsam. Ich bin kein Mann, um Verschwörungen anzustiften, die politischen Parteien, die ins Heer übergingen, sind mir fremd. Sobald der Krieg vorüber, reiße ich diesen Rock vom Leibe, lege diesen Degen nieder, den Rock, den Degen, die mich oft mit Schamröte übergossen.« »Den Dienst deines Kaisers aufgeben? – Wohin?« »Irgendwo auf der Erde wird doch ein Fleck sei, wo das Waffengeräusch nicht hindringt, irgendwo ein Geschlecht mit natürlicher Empfindung, in dessen Sein und Wesen die Modenamen und Worte, die Parteien nicht eingedrungen sind, irgendwo ein stiller Winkel, wo man vergißt, daß der Sohn meiner Väter –« Der Wind, schon lange draußen wütend, mußte durch eine aufgerissene Dachluke den Eingang ins Haus ertrotzt haben; er heulte im Bodenraum, Türen und Fenster klappten und die Kerze auf dem Tisch flackte. Die beiden waren aufgesprungen und ihre erschreckten Blicke suchten nach der Stubentür. Es rüttelte daran, als wolle ein polternder Störenfried den Eingang ertrotzen. Seine Stirn erheiterte sich zuerst und sein Auge begegnete dem der Geliebten mit dem Blick der Zuversicht: »Auf Ueberfälle muß ein Soldat gefaßt sein!« »Wir müssen scheiden,« flüsterte sie. »Um uns nie mehr zu trennen.« Wie war das Erz in der stolzen Soldatennatur geschmolzen, wie weich war seine Sprache: »Und ich sollte, meinst Du kein stilles Eiland uns bereiten können! Sieh, wie Du hier gewaltet hast, ein Armide, die in der Wüstenei des alten Steinhauses diese Oase kunstreich bildete. Wie Du die nackten rauhen Wände bekleidet hast, die Ecken, die das Auge verwunden, sinnreich versteckt! Die bunte Decke verbirgt den wurmstichigen Tisch, der Teppich die berstenden Dielen. Diese dunklen traulichen Ecken, das schwellende Polster – was wäre das Leben mit seinen Rissen und Ecken, wenn wir die Kunst nie erlernten, durch bunte Decken, durch Farbe, Licht und Schein ein freundlicheres Ansehen darüber zu breiten. Ich will bei dir in die Lehre gehen.« Sie machte sich sanft aus seinen Armen los und sah ihn feierlich an: »Raoul – Du und ein Leben in der Fliederhütte! Nein, nein, ich will, darf, ich kann nicht deine Mörderin sein.« »Wenn ich nun ermordet sein will! Du so stark, Mädchen, hältst Du mich für so schwach? Du würdest den Fluch des Vaters, den Tränen der Mutter trotzen, Dich verbannen von allem, was Dir teuer und mir folgen, wo nichts Dich begleitet als meine Liebe, und ich, der Mann, sollte nicht der Kraft fähig sein, mir eine neue Heimat zu erschaffen! – Karoline,« sprach er feierlich, die Hand an der Brust, »ich bewies schon mehr, was ich kann – Nichts davon, die Erinnerung sei begraben, mein Vaterland ist es, meine Ahnen schlummern in ihren Grüften. Da wecke sie niemand, niemand! Ich lebe nur für die Zukunft. O wie hell strahlt sie auf und licht!« Sie hatten nicht gemerkt, wie die Kerze herabgeglüht war, so ernsthaft hatte sie diese Zukunft besprochen. Die Abneigung des Vaters war ja nicht gegen seine Person gerichtet, sie galt seinem Rocke, seinem Dienste, seinem Ursprunge. Wenn er den Rock auszog, den Dienst verließ, wenn er ein neues Vaterland erwählte! Wie viele Franzosen hatten sich niedergelassen, seit alter und neuer Zeit; sie waren Deutsche geworden. Und wenn er doch nicht den Vorstellungen der Liebe, der Vernunft nachgäbe – sie hatte ihm mit bedeutsamem Blick die Hand gereicht. Die Welt ist weit, und schöne Fluren finden sich überall, Täler zu Hütten für die Liebe. Nicht – in deinem Frankreich selbst? hatte sie vielleicht geflüstert. Er hatte den Kopf geschüttelt. Seiner Väter Schlösser waren ja zerbrochen, ihr Land zerteilt, im friedlichen Besitz vieler, sein Name fast verschollen. Laßt ihr Recht der Gegenwart, dem Winde, was ihm gehört. Auch Schätze hatte er aus den zerstörten Schlössern nicht mitgenommen; aber der Krieg trug den Kommandierenden der Franzosen Früchte, Beute unter anderm Namen. Der Kolonel hatte erworben, um mit Decken und Teppichen auch eine Hütte auszuschmücken Und wenn er ein neues Vaterland gewonnen, wer gebot dann, daß er nur in der Hütte seinen Flieder ziehen, seinen Kohl bauen solle. Er war voll Kraft, Jugend, Kenntnissen, Geist, um auch dereinst dem neuen Vaterlande dienen zu können. Die Zukunft, als die Stunde der Trennung schlug, lag nicht mehr wie ein ferner Dämmerschein vor ihnen; aus den Nebeln hatte sich ein Lichtbild entwickelt, immer deutlicher, mit geschlängelten Wegen und großen Straßen, mit lachenden Feldern, blühenden Lauben und Gärten. Aber das Auge entdeckte auch schon feste Mauern, erleuchtete Fenster, rauchende Schornsteine – Die böse Stunde der Trennung! Daß der Windstoß in die schönen Bilder fahren sollte, ehe sie fest waren! »O wäre die Stunde schon gekommen!« hauchte sein Kuß auf ihre Lippen. Ihr Herzschlag antwortete mit einem bangen Seufzer: »O könnte ich sie heranzaubern –« flüsterte wieder sein heißer Kuß. »Bald, – verlaß mich, Raoul – o ich bitte Dich –«Da heulte ein Windstoß durch den Korridor, einer der schrillenden, schneidenden Töne, wo das Herz unwillkürlich erbebt. Der Kolonel horchte auf: »Waren das nicht Tritte?« – Sie war blaß geworden. »Um Gottes willen, – wenn es wäre –«d'Espignac glaubte nicht an Gespenster, das sagte sein Lächeln; aber wer konnte so lange im Schlosse sein, ohne die Geschichte vom schwarzen Wolf und dem gelben Fräulein zu kennen. »Wenn es die wären, heut wollt ich es mit ihnen aufnehmen!« Warum mußte er so militärisch rasch die Tür aufstoßen? Wer Geister fürchtet, schlägt ein Kreuz, und wer heimlich von der Geliebten schleichen will, huscht auf den Zehen über die Schwelle. Warum hatte der Wind die düstre Lampe auf dem Korridor nicht ausgelöscht? Warum drängten beide zugleich hinaus, ihr Kopf dicht an seinem? Warum kreuzten sich doch ihre Blicke? Warum ihrer nach links, seiner nach rechts? – Der unterdrückte Schrei kam aus ihrem Munde; aber eiskalt war sein Arm, als er sie zurückriß. Der Wind, der die Tür wieder zuschlug, löschte die Kerze. »Es war nichts,« hauchte er der Besinnungslosen zu, »der Schein der flackernden Lampe täuschte die Augen. Die kalten Bewohner der Grüfte haben kein Recht, wo Liebe regiert; sie wagen nicht umzugehen, wo warme Herzen aneinander schlagen.« Ob es Augentäuschung gewesen? Das Gespenst, das er gesehen, war wenigstens nicht der schwarze Wolf, es war der Kandidat Mauritz, der von der Treppe herunterglitt. Der Geist, den der Kolonel gesehen, war auch nicht das gelbe Fräulein, sondern Malchen, die, in ihre Nachtkleider gehüllt, starr wie vor Entsetzen unter der Lampe stehen blieb. So starr und wie gelähmt, daß sie selbst nicht fliehen, sich nicht umwenden konnte, als sie des Kandidaten ansichtig war. Sie gewann erst Kraft, die Augen zu senken, als der Kandidat ihre Hand ergriffen. Sie lispelte: »Allmächtiger Gott, was war das? – Ach, Albert, was müssen wir tun?« »Schweigen!« sprach er. »Deine unglückliche Schwester vergaß heut abend das Gebet des Herrn: Führe uns nicht in Versuchung. Malchen vergiß es, dränge es aus dem Sinn; dann aber laß uns beten – vielleicht haucht sein Engel uns einen Rat ein, nach dem Du und ich vergebens suchen.« Achtunddreißigstes Kapitel. Der Krieg ist nicht Zeit zu Hochzeiten. Wenn es am folgenden Tage in Haus Ilitz ein Türklappen gab und geschäftige Gesichter sich verdrießlich begegneten, hatte das einen andern Grund als die Gespenstererscheinungen der Nacht. Eine große Jagdgesellschaft, Edelleute, Oekonomen und Amtmänner aus der Nachbarschaft, wollten ein Revier abjagen, das in die Ilitzer Aecker grenzte. Die Ilitzer Herren pflegten wohl teil daran zu nehmen, aber Wolf von der Quarbitz war kein Jäger vor dem Herrn. »Ist auch jetzt Zeit zu Jagdvergnügung?« – »Aber es schickt sich doch, daß wir die Herren einladen, es ist nur Anstands wegen,« hatte die Frau von Ilitz gemeint, und schon mit Wilhelmine überschlagen. was noch in Küche und Speisekammer aufzutreiben sei. Isegrimm hatte gefragt: »was ist Anstand?« – Als sie es erklärt: »wenigstens ein Frühstück, wenn die Jäger auf die Grenze gekommen, so ist's von alters her gehalten,« hatte er geantwortet: »dann mag's auch so bleiben.« Deshalb hatte er aber nicht die Tür hinter sich zugeschlagen und darum hingen nicht die Gesichter, sondern es war eine neue Kontribution ausgeschrieben für Ilitz, und schon um die vorige zu berichtigen, hatte er von einem Nachbar gegen einen Wechsel Geld aufgenommen. Der Nachbar war sonst ein sicherer Mann, aber er hatte auch Geld gebraucht, den Wechsel abgegeben und dieser war jetzt in Händen, wo keine Prolongation oder nur unter unerschwinglichen Bedingungen zu erlangen war. »Das haben wir davon, daß Du so bist!« hatte die gute Frau von Ilitz am Morgen, ihre Tränen zerdrückend, geseufzt. »Der Quiritzer ist doch auch ein stolzer Herr, aber er hat sich mit ihnen gestellt. Warum mußt Du nur so sein!« – »Weil Gott mich so gemacht hat!« hatte Isegrimm erwidert. – Der Querbelitzer Schulz war auch gekommen oder gerufen worden. Trost und Rat hatte er nicht mitgebracht, so wenig als Geld. Warum fing er, kaum einen Fuß über die Schwelle, mit einer Litanei an? Die letzte Einquartierung hatte freundlich getan und den Bauern beim Dreschen und Graben geholfen. Nun sie abgegangen, war die Bescherung an den Tag gekommen: Dem und dem und dem war der Topf mit ihren Sparpfennigen ausgegraben – fort und heidi! O, es war ein Elend im Dorf. Der Gutsherr hatte ihn nicht weiter reden lassen: »Köpke, sind Seine Töpfe auch fort? – Er gräbt nicht nach. Er ist zu klug, um andere auf die Spur kommen zu lassen, wo Sein Geld steckt.« – »Du lieber Gott,« hatte der Schulz entgegnet, »wenn's so fortgeht, wird bald keiner wissen, wie Geld aussieht. – Der gnädige Herr von Quilitz hat's am Ende noch am gescheitesten getan. In den Mauerstaub legen sie keine Einquartierung.« »Wer ist denn noch gescheiter als mein kluger Vetter von Quilitz? Denn dahinter lauert noch was,« hatte Wolf ihn angestiert. Köpke schüttelte den Kopf und mit einem schielenden Blicke: »Gnädiger Herr, das ist nichts für Sie, und für unsereins auch nicht. Aber erzählen tun sie doch aus dem dreißigjährigen her, die Bauern, wenn's zu arg ward, hätten sie ihre Häuser selbst angesteckt, und dann zogen sie mit Vieh, Weib und Kind in die Wälder, oder wo's Höhlen gibt. Ich mag's keinem nachsagen, aber manchermann hat's gesagt: i, so täte man ja gescheiter, an sein Haus Feuer legen und nachher sagen die Franzosen haben's getan. Die Feuerkasse zahlt's doch wieder, sagen sie, und im dreißigjährigen gab's noch keine. Aber das ist, meine ich, wohl schlecht gesagt!« – »Köpke,« hatte Isegrimm kurz erwidert, »darum betet Er alle Abend: führe uns nicht in Versuchung! – Aber Geld muß ich haben!« Die gnädige Frau war zugegen gewesen, als nach einer Pause der Schulze so leise vor sich hinsprach: »Der Benjamin Schlochauer ist noch in Nauwalk!« Da war's, wie wenn Oel ins Feuer gegossen wird. Der Isegrimm sprach kein Wort, er ging nur auf und ab mit seinen großen Schritten und verzehrte still für sich, was ihm das Blut an die Stirn trieb. Die gnädige Frau zwinkerte dem Schulzen zu; es mochte heißen: er gibt schon nach. Der Schulze, der jetzt demütig an der Tür stand, sagte wieder leise, aber etwas lauter war es doch: »Der Schlochauer ist auch noch nicht von den Schlimmsten. Er hat doch ein Einsehen, und wo er nur sicher ist, läßt er auch ein Prozent fallen. – Ja, von solchen, wie vom Ritzengnitzer, da nimmt er –« »Seinen Judenteil,« rief der Major. »Aber – was hat Er noch hier zu schaffen, Köpke! Mach' Er, daß Er fortkommt, Seine Töpfe könnten Ihm fortlaufen. Den Schlochauer, das sag' ich Ihm, unterstehe Er sich nicht, ihn rufen zu lassen, bis ich nach ihm schicke. – Bis Nachmittag oder bis morgen –« Der Schulze ging, von einem Blick der gnädigen Frau begleitet: »Wolf, es ist nun mal so, wir ändern nichts. Ein Jude hat auch manchmal ein christlich Gemüt. Wenn er auch viel fordert, mancher christliche Kaufmann fordert noch mehr. Dem Ritzengnitzer, auch dem Quiritzer, hat er auf seine Seligkeit geschworen, gäbe er's nicht ohne Unterpfand, aber Dir auf Dein bloßes Wort –« »Ein Ehrenwort einem Juden – ein Quarbitz einem Juden verpfändet! – Nicht einmal als Leutnant – solange wir denken können –« Es ist auch noch nie ein Napoleon gewesen! dachte oder sagte die gute Frau von Ilitz. Und in solcher Stimmung sollte ein Frühstück arrangiert werden! Wenn nicht Minchen gewesen wäre, die treppauf, treppab, überall und nirgends war. Was sah Karoline blaß aus! Sie hatte entsetzliche Kopfschmerzen. Der Vater, in Gedanken verloren, legte die Hand ihr auf die Stirn: »Du wirst mir nie Kummer machen.« Er sah nicht, daß die Berührung sie schmerzen mußte, sie ward rot – er sah auf die Knaben. Sie waren Herrn Mauritz fortgelaufen, sie wollten frei haben, weil Gäste kamen und Kuchen gebacken würde. Mit einer unwilligen Bewegung wandte er sich ab, die bedeuten mochte: der Kandidat solle seine Autorität brauchen! Aber auch Malchen sah so blaß aus. – Die alte Suse war über Nacht gestorben! Wer sollte nun aus Nauwalk die Zeitungen holen? Darüber kümmere sich das Kind, meinte die Mutter. »Auch die alte Suse tot!« murmelte der Vater, und der Lärm im Dorf, der die Ankunft der Jagdgesellen verbündete, war ebensowenig angetan, seine Stimmung zu bessern, als die Meldung, daß auch sein Vetter, der Hofmarschall, und mit ihm der Baron Eppenstein eintreffen werde. »Aber wo ist denn der Marquis!« rief er aus, als verlange ihn nach der Gegenwart des Feindes zum Trost für die unerwünschten Freunde. Man hatte den Kolonel schon früh am Morgan ausreiten gesehen. »Auch die alte Suse tot!« wiederholte Isegrimm, und sah in dem Augenblick gar nicht wie ein Isegrimm aus, indem er mit den verschlungenen Fingern vor sich Kreise wirbelte. »Die wird nun nicht mehr im Traum auffahren, vor Schreck, daß sie zu spät aufwachen könnte. Sie kann zum ersten Mal ruhig ausschlafen, bis der sie erweckt, der uns alle wecken wird. Wer auch ruhig schlafen könnte!« Dazu ward allerdings jetzt nicht die Zeit. Die Jagdgesellschaft verursachte bald einen Lärm, der bis in die entferntesten Winkel drang, und das dauerte schon Stunden. Im Gange begegnete der Major dem Kandidaten: »Auch Sie so blaß!« Herr Mauritz meinte, das viele Rauchen sei ihm wohl auf die Brust gefallen. »Es ist nur der schlechte Tabak,« erwiderte mit ungewöhnlicher Milde der Gutsherr. »Daß muß man sich schon auf dem Lande gefallen lassen, Schlechtes mit Gutem gemischt! Wer ändert's! Wenn der Edelmann mit den Amtleuten und Oekonomen umgehen muß, verbauert er. In der Stadt freilich ist's anders –« Verwundert sah der Kandidat auf den Mann, der ihm noch dazu vertraulich den Arm in den seinen legte, um so die Treppe hinaufzusteigen. In ganz anderem Tone hatte er ihm vorhin aufgetragen, die Gesellschaft zu unterhalten. Sie unterhielt sich ja selbst mit ungeheuerlichen Jagdgeschichten, mit Schimpfen auf ihre Bauern und auf die Beamten, mit Spott und Anekdoten über Pastoren, von denen doch einer dabei war und sich nur zu verteidigen wußte wie der Nichtraucher unter Rauchern, wenn er die Pfeife selbst in den Mund nimmt. Konnte der Kandidat diese Gesellschaft unterhalten! War ihm nicht, als er den Mund geöffnet, einer mit einem rohen Witz ins Wort gefallen, und ein wiehernder Chorus hatte dem Intervenienten beigestimmt! Wollte der Major das gutmachen, oder fürchtete er von dem Gespräch unten eine Wendung, die gefährlich werden konnte? Die Jäger politisierten, das heißt, sie schimpften auf die Franzosen. Grund war überall dazu, aber sie griffen ihn auf, wo es dem Major nicht gefiel. Konnte nicht der Kolonel jeden Augenblick eintreten! Malchen kam ihnen entgegen, eine Träne im Auge. Sie blieb auf der Treppe stehen und erfaßte unbefangen des Kandidaten Hand: »Lieber Mauritz, lassen Sie sich von niemand einreden. Handeln Sie und sprechen, wie es Ihnen ums Herz ist, und was Sie für recht halten.« Der Vater hatte nichts dazu gesagt; oben auf dem Korridor blieb er aber auch stehen und legte ihm die Hand auf die Schulter: »Lieber Herr Mauritz handeln Sie nur, wie Malchen Ihnen sagte. Sie hat den richtigen Takt – Karoline hat ihn auch. Es gibt aber Edelleute, wo man sich schämen muß, daß sie es sind. Das sage ich Ihnen auch. Wahre Karikaturen ihres Standes. Sie verstehen nicht zu stehen und nicht zu gehen, und doch voll Dünkel. Alle Weisheit haben sie mit Löffeln gefressen, parlieren, dozieren wie ein ästhetischer Jude, nur eins wissen sie nicht, sich selbst zu präsentieren, am wenigsten zu repräsentieren. Man schämt sich in der Seele; ich kenne Bürgerliche, die beides besser verstehen.« Der Kandidat dachte, vielleicht gelte die Philippika den Jagdgenossen; es war aber nicht so. »Es ist freilich schlimm, wenn Edelleute auf dem Wollmarkt und in den Weinstuben ihre Etuden machen, in jedem Gefäß muß aber ein Bodensatz sein. Aber – wer uns nicht achtet und nicht liebt, und es uns doch nachtun will, wer unser edel Metall gering schätzt und sich doch mit dem Schaum davon plattiert, daß es aussehen soll wie Gold und Silber – Ich habe so meine eigenen Ansichten über Minchen, das ist wahr, aber dazu ist sie mir doch zu gut. Wie gesagt, sie soll ihren freien Willen haben; ist sie toll und versessen, nun dann in Gottes Namen! Aber – in ihre Hand ist's gelegt, und sie soll ihre Vernunft brauchen. Nur nicht aus Rücksicht für ihren Vater. Solche romantische Faseleien statuier' ich nicht. Nichts von Sentimentalität und Aufopferungsgedanken! Glaubt sie glücklich zu werden, gut! Sie mag rechnen und spekulieren – für sich. Wir bleiben, was wir sind, und mir noch zwei Töchter, die sich und ihre Familie nicht vergessen werden. Zur Hochzeit komme ich nicht, das mögen Sie ihr sagen; sie soll mir's verzeihen. Ich kann den Menschen nun einmal nicht ausstehen, und wär's auch nur darum, daß er mir mein Kind abkaufen will. Und was ist's denn am Ende geholfen – Jude um Jude!« Aus der Verlegenheit, darauf zu antworten, und der unangenehmen Notwendigkeit, vorher zu fragen, was er eigentlich solle, ward der Kandidat durch den Hofmarschall und die gnädige Frau von Ilitz gerissen, die aus einer Tür gerade auf ihn zukamen. Der Hofmarschall drückte mit beiden seine Hand, wie innig erfreut, einen alten Bekannten wiederzufinden: »Mein lieber, lieber Mauritz, unter welchen Umständen dies Wiedersehen! Nun, da preise ich uns glücklich, in Ihrer Hand liegt das nächste Schicksal dieser ehrenwerten Familie. Wie Sie alles zum guten führen werden, darüber bin ich keinen Augenblick in Sorge. Ich sagte immer, Sie sind ein Sonntagskind: Jeder schenkt Ihnen sein Vertrauen und alles glückt Ihnen.« Die gute Frau von Ilitz, hätte sich's nur geschickt, sie wäre dem Kandidaten um den Hals gefallen; sie klopfte ihm nur auf den Arm: »Nun gehen Sie 'rein zu ihr. Bedenken Sie, was davon abhängt, unser ganzes zeitliches Glück. Lieber Gott. ein Mensch ist er doch wie wir alle, und sein Bruder hat eine Gräfin, und von ihrer Familie sind sie in den ersten Posten am Kaiserlichen Hofe, und immer so nett und schmuck, wie aus dem Ei gepellt. Und hat Seine Erlaucht, der Herr Reichsgraf uns nicht gesagt, was sein erster Vorfahr war, und wer sagt es ihm ins Gesicht! So was verwächst sich ja mit den Jahren.« »Was denn?« konnte man auf des Kandidaten Gesicht lesen. »Sie wird's Ihnen ja alles sagen. Minchen ist nicht auf den Kopf gefallen. Aber Sie sind uns ins Haus gefallen, als ob der liebe Gott Sie geschickt hätte. Weiß der Himmel, lieber Herr Mauritz, wie Sie's gemacht, daß Sie ihn 'rum gekriegt, aber beinahe könnten Sie ihn ja um den Finger wickeln. Darum fürchten Sie sich auch nicht, wenn sie ja sagt. Er hat ja das Kind schon verloren gegeben, und auf Ihren Rat giebt sie was, wenn sie's auch nicht merken läßt. Und daß Sie's wissen, aber verraten Sie es ihr ja nicht, sie hat expreß gesagt, sie will erst mit Herrn Mauritz sprechen.« Damit war er mehr in die Stube geschoben als gegangen – er wußte ja noch kaum wohin? Die Tür schlug hinter ihm zu und drinnen war er allein – mit Wilhelminen. Sie saß, mit den Armen ihre Knie umfaßt haltend, den Kopf gesenkt. Wenn es die Stellung einer Nachdenkenden, so war es wenigstens nicht die einer Verzweifelnden, denn sie wippte mit ihrem niedlichen Füßchen in die Luft. Aber es war eine Art Schmerzenslaut, den sie ausstieß, als sie, mit den Rücken beider Hände über die Augen streichend, beim Geräusch des Türzuschlagens sich langsam erhob: »Ach, das ist recht fatal, wenn man nicht weiß, was man tun soll.« Der Kandidat stand vor ihr mit einem fragenden Blicke. »Muß ich von vorn anfangen?« Er zuckte die Achseln, »Dann muß ich es Ihnen ja haarklein erzählen, und das ist auch fatal.« Den Anfang von dem, was sie haarklein, wenigstens mit der unbefangensten Art und Deutlichkeit erzählte, wissen unsere Leser. Der Baron Eppenstein hatte nie deutlich seine Absicht ausgesprochen, aber weder ihr noch der Familie war es einen Augenblick unklar geblieben, daß er seine Augen auf sie gerichtet. Der Vater hatte ebenso unverhohlen seine Abneigung gegen den Bewerber ausgedrückt. Er war der Familie nicht näher gekommen, er hatte sich auch nicht mehr zurückgezogen. Heute hatte der Vetter aus Quilitz ganz unerwartet dem Vater erklärt daß der Baron bereit sei, ihn durch ein bares Darlehen aus der Verlegenheit zu ziehen, in der er sich befand. Ja, er bot es geradezu dem Ehrenmanne an, den er unmöglich in solcher Kalamität untergehen sehen könne, und es war so bedeutend, daß es den Major auch aus mehr als jener Verlegenheit retten konnte. Die Bedeutung der Gabe war klar. Ward sie angenommen, so gab er seine Geneigtheit zu erkennen, auf des Barons Anträge zu hören. Daß ihr Vater im ersten Auflodern verschworen, er wolle sich lieber, wie in der Komödie der Kaufmann von Venedig, dem Juden mit Fleisch und Blut verschreiben, als darauf eingehen, verstand sich bei seinem Charakter von selbst. Aber die Mutter und der Kousin waren vor dem Zorn nicht zurückgewichen, der Kousin hatte die Verschreibung an den Juden in einem Lichte darzustellen gewußt, daß der Major nachdenklich ward, die Mutter ihn erinnert, daß er Wilhelmine ja doch als Familienglied aufgegeben. Endlich hatte man in diesen ernsten Familienberatungen, die oben abwechselnd gepflogen wurden, während die Gesellschaft der Jäger die Verhandelnden oft hinunter rief, auch die, welche es am nächsten anging, selbst hinzugezogen. »Und welche Stimme gab Wilhelmine ab?« »Daß Vater nicht gleich losfahren dürfe. Ein solcher Antrag ist doch nicht mir nichts dir nichts von der Hand zu weisen. Das will ernstlich überlegt sein.« »Dann scheint es mir nicht, daß Ihre Stimme in die Wagschale zu Gunsten des Barons fällt.« »Wenn ich nicht mehr bedächte, so verdiente er etwas dafür. So den Augenblick zu wählen, wo wir in der Not sind! Ist das nicht, als ob er mich kaufen will wie eine Ware; er hat nur die Zeit abgewartet, wenn sie am wohlfeilsten ist. Nun weiß ich doch auch, wieviel ich wert bin. Tausend Taler hat er geboten, und wenn Vater nicht gleich losschlägt, legt er wohl noch fünfhundert zu.« »Sie zürnen ihm also?« »Ja. Und es ist eine große Undelikatesse von ihm, daß er in Person mitkommt. Als erwarte er, daß ich gleich 'runterspringen, ihm um den Hals fallen und danken solle: Du lieber, großmütiger Mensch, daß Du meinen Vater gerettet hast; da hast Du mich, wie ich bin und stehe, und wenn ich Dir das je vergessen könnte, sollst Du mich ein undankbares Geschöpf nennen. Weil er hübsch ist, und reich und unabhängig, meint er, er brauchte nur die Finger auszustrecken. Wenn er ein Mann von Takt wäre, hätte er doch zu Hause abgewartet, welche Antwort ihm der Hofmarschall zurückbrächte. Aber so sind alle diese eitlen, geckenhaften jungen Herren jetzt.« »Er hat falsch gerechnet, wenn er auf Ihre Fürsprache hoffte. Sie entschuldigen und vergeben es ihm nicht.« »Ach, man muß wohl mehr vergeben. Und wenn man nie entschuldigen wollte, was nicht gut ist, wie käme man mit den Menschen aus! Sie sind einmal wie sie sind, und wir müssen unter ihnen leben. Ich kenne ihn. Was kann er für seine Natur! Er braucht, um hier fortzukommen, eine Frau aus den angesessenen Familien, und für seine Wirtschaft eine, die das Wirtschaften versteht. Nun bin ich außerdem so leidlich hübsch, daß er mich präsentieren kann; also was will er mehr! Die Rechnung ist richtig, es ist dagegen nichts zu sagen, und –« »Und wenn Wilhelmine die Gegenrechnung entwirft, wird er bestehen?« »Er ist sonst ein guter Mensch. Es gibt viel schlimmere, und sie brauchen nur die Hände auszustrecken, und kriegen Frauen, bessere als ich.« »Er mag ein guter Mensch sein, aber schon nach dem, was Sie selbst sagten, ist er roh –« »Besser roh als fein. Darin habe ich Vaters Geschmack. Solches glattes, lispelndes Herrchen aus der Stadt, oder so einen Brillenmann, der mit gelehrten Redensarten um sich wirft, möchte ich nicht.« »Sie haben seine Tugenden und Fehler auf eine Wagschale gelegt, also schweige ich.« »Nein, Sie sollen reden, lieber Herr Mauritz, darum bat ich Sie zu mir. Was Sie denken, von ihm halten, nur nicht die Geschichte von den Ahnen und der Reinheit des Blutes; das ist für mich dumm Zeug. Wer Ahnen lieber hat als lebendige Menschen, der mag sie heiraten, wie der Herr von Quiritz. Wenn ich heirate, will ich einen Mann, der – ja, wie soll ich das sagen? Er soll mir gefallen um meiner selbst willen; um all die Anhängsel und Rücksichten, und was er um sich hat und mitbringt, darum würde ich mich nicht so viel kümmern.« »Alle Rücksichten wollen Sie fortwerfen? Und doch meint man, daß die meisten Ehen von Rücksichten bedingt wurden. Ist das nicht auch eine, wenn zwei sich – was man nennt nicht lieb hatten, aber sich allmählich schätzen lernten um ihrer guten Eigenschaften willen, und dann reichten sie sich die Hand und wurden glücklich? Wo ist die Grenze zwischen Mitgift, Eigenschaft und Natur? Wie armselig stünde es um unser Leben, unser Dasein, wollten wir alle Rücksichten beiseite werfen, nur auf unsern Wert, unsere natürlichen Gaben uns einschränken, berufen. In eine Welt voll Verhältnisse geschleudert, müssen wir uns an sie halten, um in dem Strudel und Wirbel der Dinge zu bestehen. Die Notwendigkeit wie Religion gebieten, daß der Mensch sich an den Menschen hält, er soll ihn lieben und seinen Schwächen nachsehen, um im Bunde mit ihm das auszurichten, was der einzelne nicht kann.« Sie sah ihn forschend an: »Ist das eine Predigt, die zum Schluß heißt: ich soll ja sagen und den Baron nehmen, wie er ist?« »Sie könnte auch einen andern Schluß haben, Fräulein Wilhelmine! Sie sollten Ihre gegenseitigen Eigenschaften, Verbindungen, Rücksichten prüfen, ob sie zu dem gesegneten Bunde führen oder nicht? – Eine Reihe Ahnen braucht man nicht zum Glück des Lebens, aber nach der Meinung der Welt haftet von den Eigenschaften der Väter immer etwas an den Kindern. Des Barons Großvater, daß er mit Lumpen handelte werf' ich ihm nicht vor, aber er soll auch ein Wucherer gewesen sein. Der Vater, sein Sohn, wird als ein eitler, hochmütiger Mensch geschildert; daß er sich adeln ließ, dann aus Adelsstolz die Verbindung mit seinen anderen Verwandten abbrach, machte ihn in Schlesien zum Gegenstand des Spottes. Sein ältester Sohn, unseres Barons Bruder, ist ein blasierter, hochnäsiger Mann, der klüger als alle Welt sein will, absprechend, immer voll Sottisen, seine Leute und Untertanen werden chikaniert; und seine Heirat mit der Gräfin hat die Achtung für ihn nicht vermehrt, da man weiß, wie sie leben. Man sagt: das kommt davon, daß er aus purem Hochmut, ohne Herz und Liebe, über seinen Stand heiratete; die Ehen sollen etwas Heiligeres sein als Spekulationen, und zur gerechten Strafe schlug seine so übel aus. Seine Familie hat dadurch nicht an Ansehen gewonnen, denn die vornehmeren Verwandten seiner Frau zogen sich von ihm zurück, und die Mesalliance der armen Gräfin hat auch ihren Charakter weder gehoben, noch gebessert. Sie blickt mit täglicher Verachtung auf den Mann, der ihrer nicht würdig war, aber ihr verbittertes Gemüt hat sie vielleicht jetzt an innerem Werte näher gebracht. Ist das keine Rücksicht, welche Ihrem Vater ernste Bedenken gegen die Heirat eingeben kann? Und wenn nichts von den Untugenden der anderen Familienglieder dem Baron anhaften sollte, ist es für den Mann von dem unbefleckten Charakter eine erfreuliche Aussicht, in solche Familie hineinzuheiraten? Da begreife ich, ich ehre seinen Adelsstolz, wenn er auf die lange Reihe makelloser Vorfahren zurückblickt und vor der Verbindung einen Schauder empfindet.« Minchen sann einen Augenblick nach, dann antwortete sie mit der vorigen Ruhe: »Mein Vater soll ja nicht hineinheiraten; ich nur. Die Frauen scheiden aus der Familie, wenn sie heiraten, hat er oft gesagt. Da ist also für den Stammbaum nichts verloren, wenn ich auch verloren ginge. Und das mag alles seine Richtigkeit haben mit seinen Verwandten, was gehen mich aber die Verwandten an, die wollen mich nicht heiraten, sondern er. Und dann, wenn der Großvater ein Wucherer war, der Vater nur ein Geizhals, der älteste Sohn aber gar nur ein verdrießlicher, überkluger Lebemensch, so sehen Sie ja ganz deutlich, daß die Familie immer besser wird. Der Baron ist weder ein Wucherer, noch ein Geizhals, noch ein verdrießlicher, überkluger Lebemensch, sondern ein lebenslustiger junger Stutzer, ich glaube, nicht so gar überklug, ein Geizhals auch nicht, das wissen alle, und noch weniger ein Wucherer, denn er will Vatern eine große Summe ohne Zinsen leihen. Sie sehen also welche Fortschritte zum Guten da sind, und um die Familie noch besser zu machen, heiratet man mich hinein.« »Sie sind heiter gestimmt.« »Und Sie böse auf den Baron, Herr Mauritz. Wer hätte das von Ihnen erwartet! Sie gönnen ihm nicht einmal eine gute Frau, die ihn noch ein Bißchen zustutzt. Da Sie einmal so mechant sind, immer 'raus, was Sie noch Uebles von ihm wissen. Ein Bißchen mehr oder weniger tut es nicht.« »Ich hasse ihn nicht, wiewohl –« »Sie ihn nicht leiden können.« »Ich gönnte ihm eine gute Frau, die ihn auf den Pfad der Sitte und Tugend führte, denn man hört Klage über seinen Lebenslauf – die Bauernmädchen in seinem Dorfe –« »Ach, Herr Mauritz,« unterbrach ihn Minchen, »wenn Sie darauf hören wollten, würden die Fräulein bei uns alle alte Jungfern. Nein, da die Ohren zugehalten und die Augen auch. Und wenn nur die Frau nachher vernünftig ist, bringt sie den Mann auch bald zur Vernunft. Und da Sie nur Schlechtes von ihm wissen, will ich Ihnen auch das Gute sagen. Er ist wahr. Was nicht gut an ihm ist, das verbirgt er so wenig, als daß sein Großvater ein Lumpenhändler war. Er ist auch klug, nämlich gerade so klug, als hier auf dem Lande nötig ist, damit man ihn nicht für dumm hält. Wäre er gar so eingebildet auf seine Vorzüge, als Sie ihn machen wollen, dann hätte er nicht so lange gewartet, bis er sich einen Korb geholt, oder die Pflaumen darin. Er ist gut und großmütig, wenn's ihm nicht zu viel kostet. Als die alte Suse neulich den Fall tat, woran sie doch sterben mußte, hat er sie nach Haus fahren lassen und ihr noch drei Taler geschenkt. Er hat das Herz auf dem rechten Fleck nämlich, was Vater Kourage nennt, und viele meinen, seine Courage wäre auch auf dem rechten Flecke, nämlich, sie ginge Schritt für Schritt mit der Klugheit. Wie der Ritzengnitzer und der arme Theodor ist er nicht blind ins Feuer gesprungen, aber er hat auch das Herz als Patriot auf dem rechten Flecke, und – würde Feuer geben, meinen sie, auf die Franzosen, gerade wenn's Zeit ist.« Der Kandidat neigte sich etwas: »Und zu diesen guten Eigenschaften hinzugerechnet, daß er ein hübscher, junger Mann ist, reich, unabhängig, und seine Gattin zu einer reichen, unabhängigen, glücklichen Frau machen kann – so ist ja über die Antwort auf seine Frage beschlossen. Er wird vergnügt zur frohen Jagd von hier abziehen. – Weshalb ließen Sie mich rufen, Fräulein Wilhelmine?« »Weil – weil mir wahrhaftig nicht so zu Mute war, als wollte ich Sie zum besten haben. Sind Sie bös! – Aber ich habe Sie doch wohl zum besten gehabt! Sie haben mich nicht ordentlich aufs Gewissen gefragt. Da hätte ich anders geantwortet. Lieber, lieber Herr Mauritz, ich bin Ihnen gut, ich traue Ihnen so von Herzen, sprechen Sie auch einmal so zu meinem Herzen.« »Sie würden keine unüberwindliche Abneigung empfinden, dem Baron, wie er da ist, Ihre Hand zu reichen, wenn – etwa die beiderseitigen Eltern es beschlossen hätten?« »Nein, dann nicht; es muß ja doch einmal geheiratet sein.« – »Und wenn Sie wüßten, daß Ihr Vater durch Ihr Jawort aus einer empfindlichen Verlegenheit gerettet würde, daß er sehnlich darauf wartet, daß er es von Herzen wünschte, aber aus Liebe zu seinem Kinde den Wunsch nicht auszusprechen wagt, dann würden Sie von Herzen gern das Jawort geben?« »Ja – dann – aber es ist nicht so – Vater wünscht es im Herzen eigentlich gar nicht.« »Da Sie die Ueberzeugung haben: es muß einmal geheiratet sein, so haben Sie gewiß auch schon einmal im Traume, oder zwischen Schlafen und Wachen, sich ein Bild entworfen, wie Ihr Zukünftiger aussehen müßte. – Ihr Augenniederschlag sagt ja. – Sah er so aus wie der Baron?« »Nein!« »Warum nicht?« »Ja, Herr Mauritz, das ist zu viel. Das weiß ich nicht zu sagen. Ja – warten Sie – er dürfte nicht immer so mit der Bürste in die Haare fahren, sich nicht so oft in die Krawatte werfen und Blicke in den Spiegel tun; nicht so mit der Reitpeitsche gegen die blanken Stiefel spielen, damit man seine weißen, schönen Hände sähe, und nicht so viel Ringe darauf tragen.« »Das sind Merkmale, wie er nicht sein soll, nun möchte ich doch auch wissen, wie er positiv aussehen müßte. Zum Beispiel wie ich?« Sie errötete und lächelte: »Vielleicht – nein, nicht ganz so. Ja, wären Sie eine Mandel Jahre älter, Herr Mauritz – so ein ernstes Gericht haben Sie schon, aber nein, doch nicht, das ist so ein Ernst, vor dem man beinahe zurückschreckt. Das gehört auf die Kanzel, aber nicht in die Wohnstube oder gar in die Speisekammer, wenn mal ein gestrenger Ehemann hineinguckt, wie es auch wohl vorkommt. Nein, da lob' ich mir den alten Herrn von Wahrnim-Kautzenburg, mit seinem vollen, runden Gesicht und der kahlen Glatze. Zu dem hätte ich gleich Zutrauen. Oder der Reichsgraf Waltron. Mit dem, meinem lieben Paten, weiß man gleich, wie man dran ist, man kann froh sein und betrübt sein, es verschlägt ihm nichts; er ist immer derselbe. Nein, nein, nein, ein Ehemann muß nicht zu jung sein, und nicht zu lustig und nicht zu ernsthaft. Mit den jungen Leuten ist's nichts, da bekommen wir nicht Respekt, und ohne Respekt ist keine Ehe gut.« Er faßte ihre beiden Hände und blickte ihr treu ins Gesicht: »Und nun haben Sie entschieden und ich sage Amen! Wo das Herz nicht der Wegweiser ist, müssen die Rücksichten den Weg zeigen. Der Baron ist noch zu jung und es muß ihm auch noch sonst manches zuwachsen, was ihm abgeht. Das können wir ihm sagen lassen – durch die Blume, denn bös machen wollen Sie ihn nichts Und im Krieg ist böse Zeit zum Heiraten. Dem Vater aus seiner Not, da wird Gott wohl noch einen anderen Retter senden.« Wie es gekommen, weiß ich nicht, sie war ihm um den Hals gefallen: »Gott lohn's Ihnen, Herr Mauritz, daß Sie mir einen so guten Rat gegeben. Er wird's Ihnen auch lohnen,« setzte sie schelmisch hinzu. »Sie müssen nur den Mut nicht verlieren. Wissen Sie was? Nehmen Sie sich den Baron zum Muster. Aber nur halb. Der wollte warten, bis eine gute Gelegenheit kam, er wartete auch, aber nicht lange genug, und die Gelegenheit, da griff er falsch zu. Sie werden nicht dem Vater für seine Tochter tausend Taler bieten, Sie werden nicht – ach, was weiß ich, Sie wissen ja alles besser. Der Vater kann bös werden, furchtbar bös, aber – ach, das wissen Sie ja am besten, wie man sich seine Achtung erzwingt, und dann war Ihr Großvater ja auch kein Lumpenhändler und Ihr Vater hat sich nicht baronisieren lassen. Und dann, kommt Zeit, kommt Rat, und – ja, Sie haben recht – im Krieg ist keine Zeit zu Hochzeiten.« Neununddreißigstes Kapitel. Das Ahnenbild stürzt. Ueber das, was an jenem Tage im Hause vorgefallen, gab es nachher verschiedene Gerüchte. Es war so vieles, was man inbezug auf Zeit und Personen untereinander mischte, daß es auch für Bekannte schwer hielt, sich zurechtzufinden. Man hätte sich wohl verständigen können, aber es schien denen, die es näher anging, am besten, daß man es unterließ, und es trat demnächst so vieles Wichtigere und Schwere in die schwere Zeit, daß man darüber das Geringfügigere billig auf sich beruhen ließ. Der Hofmarschall war noch am hellen Tage abgereist; sie sagten, aus Verdruß über die Antwort, die er auf seinen wohlgemeinten Vermittelungsvorschlag erhalten. Er habe ausgesehen wie einer, der nun das Haus aufgibt, das auf seine Warnungen nicht mehr hören will, und er eilt fort, um unter den Ruinen nicht mit begraben zu werden. Andere sagen, die Art, wie der Baron Eppenstein die unangenehme Nachricht aufgenommen, habe den feinen Mann verletzt; noch andere, er habe die Gespräche der Jagdgenossen nicht mehr anhören mögen, besonders da sie, aller Warnung zum Trotz, auch dann nicht aufhörten, als der Kolonel schon zurückgekehrt war. Einige bringen seine plötzliche Abreise mit dem Fall des Bildes im Flur in Verbindung. Das Rahmenstück nämlich, die Exzellenz Eltermutter mit dem aufgerissenen Munde, hatte sich, wie viele gesehen, an der Wand eine Weile bewegt und den Mund noch weiter aufgerissen, als wolle sie schreien, dann war es krachend zu Boden gestürzt, einen ungeheuren Staubwirbel um sich aufrührend. Der Rahmen war zersplittert, die Leinwand, als man sie aufheben wollte, zerfiel in Plunder. Richtiger bringt man diesen Vorfall mit der Rückkehr des Kolonel in Verbindung. Als er vom Pferde sprang, sah man ihm eine ungewöhnliche Aufregung an. Einige sagen, er habe schon gezittert, und das keuchende und in Schweiß gebadete Pferd verriet einen anstrengenden Ritt. Beim Eintritt in die Halle blieb er stehen, den Blick auf das Bild gewandt, als erschrecke er vor etwas. Da habe es sich deutlich bewegt mit den erwähnten Grimassen, und als es stürzte, ward d'Espignac blaß und wankte. Er mußte sich an die Türpfoste halten und sank auf einen Schemel, der dort für die Dienstleute stand. Nachher erklärte sein Reitknecht, er sei wie ein Rasender durch Heide und Wald gesprengt, und wenn er seinen Herrn befragt, warum das? habe er zur Antwort bekommen, ihn friere. Da habe er wohl gedacht, daß ein Fieber ihn schütteln müsse: denn es war doch laue Luft. Wilhelmine, die in der Nähe war, hatte rasch ein Glas kaltes Wasser gebracht, und hatte es ihm entweder an die Lippen gehalten oder die Stirn damit benetzt. Da hatte er sie angestarrt und von einem Gespenst gesprochen, das ihn nicht verlassen wolle. Der alte Hans schwor, der Offizier sei ganz sinnverwirrt gewesen, denn deutlich habe er das Fräulein Minchen Karoline! genannt. Sinnverwirrt aber mochten noch andere in der Halle sein. Man hatte den Jägern einen starken Punsch brauen lassen, den sie selbst aus den eigenen mitgebrachten Vorräten noch stärker gemacht, da sie in der Nacht aufbrechen wollten, um mit dem Morgengrauen ein anderes Jagdrevier abzutreiben. Man wollte den Schlaf versingen und vertrinken; in beidem aber versah man sich. Man wollte lustige Jagdlieder singen und geriet in Reiter- und Kriegslieder, solche die damals als Symbol des Franzosenhasses galten. Im Trinken ließ man den König, die Prinzen und die preußischen Generale leben, und wenn ein Glas hie und da über die Köpfe geworfen und zerbrochen ward, galt die dumpfe Verwünschung dabei dem Bonaparte oder seinen Soldaten. Ein Glück, daß die Adjutanten des Kolonel das Haus schon früher verlassen und er selbst jetzt es in einem Zustande betreten, wo er darauf nicht acht haben konnte. Wut und Mut waren aber nicht allein das Produkt des feurigen Getränkes, sondern Erzählungen von brutalen Einquartierungsgeschichten und kannibalischen Grausamkeiten, die französische Soldaten verübt, hatten sie aufgestachelt. Durch jetzt erst heimkehrende Verwundete und Ranzionierte aus Lübeck waren die schrecklichsten Nachrichten von dem Gemetzel, den Mißhandlungen, der Plünderung und Grausamkeit in Land gekommen, welche die Franzosen in der unglücklichen Stadt an preußischen Soldaten und einzelnen Einwohnern bei der Erstürmung begangen. Es war genug, um das ruhigste Blut in Wallung zu bringen, was mehr schon vom Trunk erhitztes. Ein Oekonom verschwor sich, wenn sie den General Viktor, den die Bauern eingefangen, nicht dafür hängen ließen, so wären ja unsere Generale kein Schuß Pulver wert. Ein anderer rief: »Wißt Ihr nicht, sie haben ihn ja schon wieder losgegeben.« – »Er ist los,« nickten sie sich zu, »so machen sie's bei uns.« »Und dafür, daß er sich hat kriegen lassen, hat ihn Napoleon zum Marschall gebacken.« Der dies rief, trommelte dabei die Melodie: Freude schöner Götterfunke! mit dem Glase auf dem Tisch. Es war Baron Eppenstein. »Sie haben nicht die Kourage, einen Franzosen einzusperren; Bonaparte könnte es übelnehmen!« Sein Nachbar, der Johanniter von Quiritz, der sich etwas unbehaglich in der Gesellschaft zu fühlen schien, stieß ihn vergebens an den Ellbogen: »Bedenken Sie doch, der General Blücher ist dafür ausgetauscht.« Der Baron aus Wüstelang war heute nicht im Zustande, um zu bedenken. Hatte er sich vorhin schon auf der Jagd zu sehr erhitzt, hatte er zu stark dem Glase zugesprochen, während sein Bevollmächtigter für ihn agierte? Er hatte die Botschaft, welche der Hofmarschall ihm zugeflüstert, mit einer mehr als gleichgültigen Miene entgegengenommen. Er trällere ein altes Liedchen, was den Sinn hatte: Ist's die eine nicht, so ist's die andere! Er schenkte seinem Nachbar, dem jagdlustigen Pastor, das Glas über den Rand voll und raunte ihm ins Ohr: »Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Wovon sollten denn die Schwarzröcke leben, wenn's nicht Kindtaufen und Hochzeiten gäbe! Pereant die Franzosen! Nicht wahr, die glauben's ohne Pfaffen abmachen zu können.« Das war nicht eigentlich des Barons Art; es gibt aber eine Art, die zuweilen ausschlagen muß, um in der kannibalischen Roheit die wüste Schlacke auszutreiben, damit wieder Brust und Stirn rein werden. Er war mit sich selbst unzufrieden. War der Antrag doch auch nicht sein freier Entschluß gewesen; er hatte nur dem Drängen des Hofmarschalls nachgegeben. Das Schamgefühl über eine Schwäche wirkt deprimierender als die Reue über ein Vergehen. Er hatte sich's ja schon voraus sagen können, schon bei der Ankunft, bei der ersten Begrüßung, daß die Dinge sich hier nicht verändert. Minchen war ihm wie immer unbefangen, gleichgültig, der Vater starr und kühl entgegengetreten. Er fühlte, es war nicht Zeit. Er hatte auch dem Quilitzer einen Wink geben wollen, daß er es jetzt unterlassen möge: aber der böse Gedanke, daß ja doch, was hinter seinem Rücken geschah, zu seinem Glück ausschlagen könne, hatte ihn den rechten Augenblick versäumen lassen. Je tiefer er den Stachel empfand, um so mehr wollte er den Schmerz bravieren. Daher die Antwort, die er dem Hofmarschall erteilte. Daher wollte er in aller Unbefangenheit und Lustigkeit des Jägers unter die Familie treten. Das war gerade geschehen, als der Kolonel zurückkehrte. Er hatte aus vollem Halse gelacht, als das Bild sich bewegte, er hatte noch gelacht, als es stürzte, aber er lachte nicht mehr, als Wilhelmine dem französischen Offizier zu Hilfe sprang. Hatte der Wein im Kopf ihm mehr gezeigt, als wirklich war? Von da ab hatte er unter den Zechenden stumm, in sich versunken gesessen, den Kopf auf den Händen. Bald aber war er aufgefahren und hatte von der neuen Bowle hastig ein paar Gläser hinuntergestürzt und mit rauher, erhitzter Stimme in die wilden, unharmonisch gesungenen Chöre eingestimmt. Der Herr von Quilitz hatte sich vor der Zeit aus dieser Jagdgesellschaft fortgestohlen und war durch die Hinterpforte nach Hause geritten. Die Frau von Ilitz erinnerte sich nachher, daß er beim Abschied zu ihr gesagt: »Ich habe eine Ahnung, daß hier nichts Gutes 'rauskommt. Sie erhitzen sich immer mehr. Suchen Sie, daß Sie die Herren auf gute Art bald los werden.« – Der Major, dem sie's wieder erzählt, hatte entgegnet: »Es ist nie was Gutes, wenn der Mensch zum Tier wird; da der Mensch aber halb Tier ist, muß man ihn sich gebaren lassen. Immer besser noch, wenn die Bestie sich als das gibt, was sie ist, als wenn sie den Engel spielen will.« Die gute Frau hatte Angst vor dem Baron; wenn er es ihnen nur nicht nachtrüge! Er habe gar so wilde Blicke geschossen und beim Abzuge seine Flinte an sich gedrückt, wie ein liebes Kind. – Der Major hatte aufgelacht: »Glaubst Du, daß er mich, Dich oder gar Menschen erschießen will? Ein Mensch, der spekuliert, hat aufgehört zu fühlen und empfinden wie die andere Kreatur, die Gott gemacht hat.« Als die Jäger um Mitternacht das Haus verließen, hatten die Damen sich längst zurückgezogen. Man konnte wirklich sagen – die wilde Jagd zog aus. Die Fackeln, die ihnen den Weg zum Walde beleuchten sollten, wurden gegen die Bäume geschlagen, daß die Funken das Laub der entblätterten Aeste zu bilden schienen. Noch als sie verloschen, brüllte aus der Nacht ihr Gesang zurück, oder ein wildes Jauchzen, das dann und wann in ein Kreischen und den Versuch überging, die Stimme dieses oder jenes Tieres nachzuahmen. »Wenn sie's auch nicht jagen, werden sie's doch verjagen,« brummte der alte Hans, als er die Flügel des Hoftores verschließen wollte. Der Leibdiener des Kolonel aber forderte ihm den Schlüssel ab, da sein Herr noch in dieser Nacht eine Stafette absenden dürfte. Als der Kandidat, der am Tor gestanden, dies dem Major mit einiger Besorgnis hinterbrachte, schüttelte der Hausherr den Kopf: »Sie sollten den Charakter schon aus dem Auftreten eines Menschen erkennen. Sie haben doch sonst eine so gute Beobachtungsgabe. Vom Kolonel haben wir nichts zu besorgen. Der Kandidat wünschte, daß der Major in seinem Gast sich nicht getäuscht habe. »Er ist Franzos, und gewisse unaustilgbare Schwächen habe ich auch an ihm bemerkt, aber er ist vom Blute jener ausgestorbenen Chevaliers sans peur et sans reproche . Und das schützt mehr als Siegel, Brief und Schwur vor gemeiner Gesinnung und Verrat.« Herr Mauritz erfuhr bei dieser Gelegenheit. daß auf dem Gesicht des Barons, so hübsch es von Natur sei, so viel der Eigentümer dazu getan, es elegant und kavaliermäßig auszubilden, schon das ganze Sein und das Wesen des Emporkömmlings, ohne eigene Schuld, ausgeprägt liege. Der Kandidat hatte dem Hausherrn aber noch etwas anderes mitzuteilen. Sie waren in Isegrimms Stube getreten, wo dieser sagte: »Mein lieber Mauritz, ich halte am Spruch, wenn die Not am größten, ist die Hilfe am nächsten.« Nachdem Herr Mauritz sich umgeblickt, und auch die Tür nach dem Korridor vorsichtig geöffnet, ob draußen kein Lauscherohr sei, sagte er: »Und sie ist schon da, wenn der Major von der Quarbitz sie ergreifen will. Ich halte es nicht für nötig, über etwas, was für jedermann sonst ein Geheimnis bleiben muß, Ihnen das Versprechen der Verschwiegenheit abzufordern.« Der kurzgefaßte Inhalt seiner Mitteilung war: der unter dem Namen Walter hier eingeführte Fremde, der Sohn des reichen Kaufmanns und Bankiers van Asten in Berlin, hatte eine nicht unbedeutende Summe in des Kandidaten Hände niedergelegt, weil er bei seinen Streifzügen, welche im letzten Augenblick eine Flucht geworden, sie nicht mit sich schleppen konnte, und er dieses Haus, namentlich aber jetzt unter dem Schutze des französischen Kommandeurs, für den sichersten Aufbewahrungsort hielt. Ob die Summe aus Walters eigenen Mitteln herrührte, ob sie eine zusammengeschossene Kasse der in Verbindung getretenen Vaterlandsfreunde war, wußte Mauritz nicht, aber das Geld war bestimmt, ein Stock zu sein für den Notfall, sei es nun einer Bewaffnung von Soldaten, einer Rettung von Patrioten, königlichen Effekten, einer Befreiung Gefangener, oder für ein Erkaufen von wichtigen Nachrichten, denn die französischen Employés waren zu erkaufen. Der Deponent hatte den Depositar ermächtigt, in ihm dringend erscheinenden Fällen ohne weitere Nachfrage nach eigenem Ermessen zu handeln und das Kapital anzugreifen. Lag hier nicht die Rettung eines Patrioten vor? Der Major war nur in augenblicklicher Verlegenheit, aber vielleicht benutzten seine Feinde oder andere, die seinen Einfluß fürchteten, dieselbe, um ihn anzugreifen, unschädlich zu machen. Es war unbezweifelt, daß, wenn der Major auf Ilitz sich für eine Sache erkläre, mit dem ganzen Nachdruck seines Namens und Ansehens, ein Teil wenigstens der Provinz ihm folgen würde. Es galt also die Rettung eines Mannes, dessen Ansehen für den Staat, die gute Sache, die Patrioten, erhalten werden mußte. Mauritz deutete auf das immer lebhafter werdende Gerücht hin, daß eine Erhebung, ein Versuch, das Volk in den alten Provinzen für den König in die Waffen zu rufen, bevorstände. Für diesen Moment, wenn er eintrete, wenn der König rufe, müsse der Mann in Tätigkeit und in seinem Berufe erhalten bleiben, von dessen deutschem Wort und Willen so viel abhänge. Er glaube sich vollkommen berechtigt, dem Major aus dieser Kasse beizuspringen. Der Major hatte aufmerksam zugehört; seine Stirn legte sich in Falten. Doch fuhr er nicht auf, als er nach einigem Schweigen den Kopf schüttelte: »Wußte ich doch nicht, welche wichtige Person ich die Ehre hatte, in meinem Hause zu herbergen, den geheimen Tresorier einer geheimen Gesellschaft – wohl mit einem Blankett versehen, um Mitglieder aufzunehmen! – Nicht für ungut,« rief er herzlicher und reichte dem Kandidaten die Hand. »Ich liebe nicht das Walten unsichtbarer Mächte und Verbindungen, lieber Mauritz. Als ich noch in Romanen blätterte, da las es sich recht hübsch graulich am warmen Ofen. In Natura, ich meine in der deutschen Wirklichkeit, haben sie auch gespukt. Leider! Und leider haben auch sonst treffliche Menschen sich verführen lassen, dem Wesen ihre Hand zu bieten. Es ist nie etwas gescheites 'rausgekommen, weder aus Freimauerei, noch Illuminaten, Rosenkreuzern und wie sie geheißen, vielmehr nur Verwirrung und dummes Zeug.« »Werfen Sie, Herr Major, dies nicht mit jenen zusammen. Es ist hier von nichts Mystischem, keiner Geheimniskrämerei, nicht von Symbolen und Glaubensartikeln die Rede; es sind Männer, wie Sie, wie ich, die nur das Rechte und Gute wollen.« »Das glauben alle zu wollen.« »Die Namen der edelsten Männer –« »Sind für mich keine Bürgschaft. Auf das Schild wird Gott gemalt und seine Heiligen; wie der Teufel nachher hineinrutscht und präsidiert, ist seine Sache. Wissen Sie, was sein bestes Reitpferd ist? Die Ideen derer, die sich berufen glauben, die Welt besser zu machen, so oder so. Hat einer sich erst auf eine Idee eingeritten, so sitzt der Verführer schon mit ihm im Steigbügel. Das ist der Hochmut der Kreatur, daß sie aus ihrer subjektiven Erkenntnis die Zukunft, Welt, Menschen, Verhältnisse regeln will, als wäre die Schöpfung nichts und sie der Schöpfer. Diese auch – ich sehe das schon voraus – konstruieren sich ein Thema, die Vaterlandsrettung, wie das Menschen am Tintenfaß und den grünen Tischen können – schnurgerade Prinzipien, weg über alle Obstakel, über natürliche Grenzen, Berge und Flüsse. Was tut's? Das Papier ist geduldig, die Prinzipien Götzen, die keinen Widerspruch vertragen. Viel Philosophie, ein wenig Mystik, aufflackernde Begeisterung, und nun drauf los. Da wird denn von diesen Herren Gelehrten und ihrem Zutrab weidlich auf uns Menschen von nüchternem Verstande geschimpft, die wir meinen, wenn man auch nach den Sternen seinen Weg sucht, bleibe man doch mit den Füßen auf der Erde, und die erste Regel ist, vorzusehen, daß man nicht über Stock und Block stolpert.« »Wenn Herr Major den Mann näher kennten, würden Sie vielleicht anders urteilen. Mit einer Wunde im Herzen, die sein Glück und seine Hoffnungen getötet, hat er, an Erfahrungen und Mitteln reich, unabhängig, mit allen Aussichten auf ein glänzendes Dasein, seines einem Gedanken geopfert. Für sich erstrebt er nicht mehr, sein ganzes Ich ist aufgegangen im Vaterlande.« »Desto schlimmer! Die Fanatiker für einen Glauben sind gerade die Gefährlichsten. Zum Henker, wer gab ihnen ein Recht, aufzugeben, was Gott ihnen gab! Wer so leichtsinnig ist, seine eigenen Ansprüche und Rechte fortzuwerfen, ist in der Stimmung, mit derselben Großmut auch über die anderer zu schalten. Ich liebe diese Verschwender so wenig als die Spekulanten. Jeder steht auf seinem Posten wie eine Schildwacht. Der ist vorgeschrieben, bis wohin sie ausschreiten, vigilieren, wen sie anrufen, wen anhalten soll. Das ist eine schlechte Schildwacht, die darüber hinausguckt und anruft. Der Könige Dienstvorschrift geht schon weit genug, vielleicht zu weit, wenn aber simple Bürger und Untertanen sich vermessen wollen, ebenso weit und noch weiter hinaus zu observieren, so . . . Gerade Ihrem Freunde, diesem klugen, feinen, abgeblaßten, halb Schulfuchs, halb Diplomaten, sah ich auf der Stelle den Ideenjäger an. Wenn diese Sippschaft ans Regiment käme, würden sie uns ins Fleisch schneiden, denn was ist zu teuer für eine Idee. Nehmen Sie sich vor ihm in acht. Diese Kerle gehen mit allem durch, was ihnen nicht in den Kram taugt.« »Er ließ zurück, was sein war.« »Wer weiß, aus welcher königlichen Kasse er es ge— wir wollen zu seiner Ehre hoffen, daß er es saldiert hat.« »Er schätzt Ihren ritterlichen Charakter. Von solchen Charakteren erwartet er die Rettung Preußens.« »Was hilft der Charakter, wenn der ganze Mensch an Arm und Bein gebunden ist. Schöne Redensarten von Aufruf, Aufstand, Bewaffnung des Volks! Ja, zur Zeit des großen Kurfürsten, zur ersten noch, bis das Volk ihm geholfen, den Schweden aus dem Lande schlagen, da konnten wir was tun. Mein Ahnherr hat's bewiesen. Was ist denn jetzt ein Landedelmann! Soll er mit dem Kuhhorn, mit der Nachtwächterpfeife seine Bauern rufen? Würden sie ihm folgen? Unser Einfluß ist aus; man hat uns die Sehnen zerschnitten. Nun helft Euch selbst.« »Und der Major von der Quarbitz wäre doch der erste –« »Der ein Narr wäre und satteln ließe! Vielleicht, es ist auch viel Narrenblut in jedem Menschen.« »Sie weisen mein Anerbieten zurück?« »Wir wollen's bis morgen beschlafen. – Ich wollte lieber –« Der Kandidat sah ihn fragend au. »Lieber gehe ich den Kolonel an. Wenn ich Ihr, ich meine sein Geld nähme, müßte ich bis über die Ohren rot werden. Von dem – das wäre doch nur – es wäre doch etwas anderes. Gute Nacht, Herr Mauritz – was sehen Sie mich so an?« »Ich hätte vieles auf dem Herzen – Lassen wir die Nacht vorübergehen.« »Haben Sie mir – Sie meine ich, persönlich, mir etwas zu sagen, vielleicht etwas zu erbitten? Heraus damit. Ihnen zürne ich nicht; ich erzeigte Ihnen heut gern einen Gefallen. Sie sind ein braver Mensch. Ich erkenne jeden Tag mehr Ihren Wert. Schade, daß Sie nicht – Ach was! die Zunge muß nicht mit dem Herzen durchgehen. Wir wollenes beschlafen – auch das – Ihre Geschichte da; vielleicht überlege ich es mir anders.« Vierzigstes Kapitel. Ein verhängnisvoller Brief. Das war etwa um Mitternacht geschehen, und der Kandidat trat aus der Stube des Majors. Was er ihm hätte sagen können, und zaudernd verschloß er es wieder, war nicht, was der Major erwarten konnte, aber sein Herz klopfte doch in der Erwartung? Was ist denn nicht im Reiche der Möglichkeiten, an was glaubt nicht das bange Herz, wenn es hofft, und um welche Stunde ist man mehr aufgelegt, auch das Unglaubliche zu glauben, das Unsichtbare zu sehen, als wenn nach einem schwer bewegten Tage unsere aufgeregten Nerven das Spielen und Wehen der Geisterwelt um Brust und Schläfe zu fühlen wähnen. Der hallende Korridor war dunkel, die rötlich brennende Lampe im Erlöschen – da rauschte es längs der Wand und der Kandidat blieb eingewurzelt an der Mauer. Das war, als die Dorfuhr Mitternacht schlug; wir haben von dieser Nacht noch, was in früheren Stunden geschehen, nachzuholen. Der Kolonel hatte sich sogleich nach jenem Vorfall in sein Zimmer zurückgezogen. Die Erklärung, daß eine alte Wunde bei der Witterungsveränderung ihm Schmerzen verursachte, welche ihn oft in einen Zustand des Nichtbewußtseins versetzten, entschuldigte ihn beim Wirt und der Gesellschaft. Man ließ ihm die ungestörte Ruhe, die sein Diener in solchen Fällen für wünschenswert erklärt hatte. Still ging es im Zimmer her, aber ruhig nicht. Er, der angeblich Kranke, war die Unruhe, wenn er auf dem Sofa lag, das Gesicht mit den Händen bedeckend, wenn er plötzlich aufsprang und mit verschränkten Armen minutenlang zum Fenster hinausstarrte, als verfolgte er einen bestimmten Gegenstand, wo doch ein schärferes Auge als seines nichts im Dunkel erkannt hätte. Dann warf er sich an den Schreibtisch und schrieb Briefe. Er überlas, zerriß und verbrannte sie an der Kerze, um wieder neue anzufangen. Das alles geschah, während der Reitknecht und ein anderer Militär, welcher die Rolle eines Kammerdieners spielte, die Felleisen sorgfältig, aber in aller Stille, packten. Der Kammerdiener empfahl dem andern Vorsicht, daß er kein Geräusch mache. Er konnte sie sich selbst empfehlen, denn er gab mehr acht auf die Bewegungen und Mienen seines Herrn, als auf seine Arbeit. Es war einer von den Dienstboten, denen man ansieht daß lange Dienste sie zu Vertrauten oder doch zu Mitwissern der Geheimnisse ihrer Herrschaften gemacht haben. »Diesmal war's Ernst,« flüsterte er dem andern in's Ohr. – »Reisen wir?« fragte der Reitknecht. Der Kammerdiener blieb einen Augenblick die Antwort schuldig, während er schlau nach dem Schreibtisch ausschaute: »Bis jetzt noch, aber ich stehe nicht dafür, daß Contreordre kommt.« Wieder war ein Brief zerrissen und die Papierstreifen wandelten in die Flammen. Es war natürlich, daß der Kolonel sich verschrieben hatte, denn jetzt dröhnte der Lärm der abziehenden Jagdgesellschaft durch das Haus. Wie sie jauchzten, jodelten, sich anschrien! Er war aufgesprungen und winkte den Kammerdiener heran. »Benutzen Sie den günstigen Augenblick.« Warum flüsterte er ihm ins Ohr die weitere Anweisung: wie er das Gepäck unbemerkt in den Stall schaffen, die Pferde heimlich satteln lassen, zu welcher Stunde er in der Nacht das Tor aufschließen, auf welchem Wege er reiten, was er antworten solle, wenn man ihn frage; wenn er es mit lauter Stimme auf dem Gange draußen gerufen, wer hätte es jetzt im Schlosse gehört! Und doch preßte er die Lippen und senkte die Augenlider. »Herr Kolonel wollen – nicht mitreiten?« fragte der Diener – »Vielleicht – ich schlage auch wohl einen anderen Weg ein – ich habe hier noch viel zu besorgen.« – »Wer soll ihn denn verfolgen!« dachte der Kammerdiener als er mit dem Knecht die Mantelsäcke hinaustrug. Der Kolonel war allein, er war schon lange allein; es war still geworden, so still, daß er den Holzwurm im Bücherschranke hörte. Es war auch dunkel, die Kohlen im Ofen verglimmt, die Kerzen verdüstert durch die verglommenen, überhangenden Dochte. Er schauerte zusammen, es mußte Licht werden, er putzte die Kerzen. Es war ihm noch nicht hell genug; er nahm noch einen Armleuchter vom Brett und zündete ihn an. Da blitzte etwas Weißes am Boden in der Nähe der Tür – ein Billett. War es durch die Ritze geworfen, von der Decke gefallen, hatte es eine Geisterhand hingeworfen? – Gleichviel – der Inhalt wirkte, als hätte die Geisterhand ihm einen Schlag aufs Herz getan. Nur daß ein Südfranzos wärmeres Blut hat als jene nordischen Herren und Kämpfer, denen das Herz schon auf dem Pferde zusammenbricht, wenn die Elfenhand auf nächtlichem Ritt nur einen Schlag darauf tut. d'Espignac las noch einmal die feinen Züge des Billetts, wohlriechend und doch die Schriftzuge von Tränen verwischt: »Mein Gatte vor Gott und seinen ewigen Sternen, die unser Gelübde hörten und unsern Bund besiegelten.« – Er versuchte, sich in eine reflektierende Stimmung zu versetzen, die Arzenei, um den Alpdruck des Gefühls, die Bisse des Gewissens niederzudrücken. »Könnten diese deutschen Frauen nicht die glücklichsten Wesen der Schöpfung sein! Sie geben so viel und fordern so wenig. Zufrieden mit der geringsten Dosis Realität, schweben sie in Seligkeit, wenn man es nur versteht, das Wolkenbild, ihr Ideal, mit sanftem Hauche leis anzuschwellen, mit sanften Farben es immer gefärbt zu erhalten, daß es vor ihren Augen zwar unerreichbar, aber doch schön hinschwebt – es mag dann schweben, bis es verschwebt. Die echten denken ja nicht an ihr Recht, es aus den Wolken zu reißen, es an die Brust zu drücken, oder mutwillig in der Hand zu zerdrücken. Sie wissen ja nichts von der Seligkeit der Caprice, der Tyrannei, des flüchtigen Eigentums. Sie – Sie gibt mich ja preis dem Kriege. Sie schwärmt für die Entsagung und Aufopferung. In edler Märtyrerlust leidet sie, daß ich meiner Ehre, meiner Pflicht genüge; selbst läßt sie sich mit dem Schatten genügen meiner ewigen Liebe, Treue, Sehnsucht, die durch den Pulverdampf über Länder, Berge und Flüsse unverändert, ungeschwächt zu ihr dringt! – Warum denn nicht dies Glück ihr belassen! Kann man denn nicht den Schein von der Realität ablösen? Kann ich denn nicht für sie ihr Gatte vor Gott bleiben; die Millionen Sterne ihre Zeugen, sind stumm, sie plaudern nicht, was sie sehen und hören. Wo ist ein Zauberer, ein deutscher Nekromant, ich will ihn mit Gold bezahlen, der dies Experiment noch einmal im neunzehnten Jahrhundert ausführt! Wir sind ja weiter in der Chemie als in jenen rohen Jahrhunderten, wir lösen, trennen haarscharf die Materie, warum denn nicht die Materie und den Geist – für Visionäre! Sie behält mein Bild – im Herzen, und ich bin frei in der Wirklichkeit.« Aber er mußte sich doch nicht ganz frei fühlen. Warum zweifelte er an der Kunst, die ihn sein Leben hindurch begleitet? Warum erschrak er jetzt vor der Nachricht, die ihn sonst nur Lust gewähren konnte. Sie glaubte ihn ernstlich erkrankt, sie sprach im Billett ihre Angst aus, daß er in der Nacht noch kränker werden könne, sie müsse ihn sehen, sie bat – er möge die Tür nicht verschließen: sie wolle ihn pflegen, sie müsse seinen Atem fühlen, seine Wünsche hören. Und doch wußte sie schon, daß er abreisen werde, daß er morgen das Schloß verlassen müsse, zur Armee, in den Krieg, wo die ehernen Würfel fallen, wie eine Macht sie schleudert, eine kalte, unerbittliche, die nicht auf die bangen Herzschläge der Liebe hört. Heut am Morgen hatte er ihr die Nachricht gebracht; es war der Inhalt des Briefes gewesene den er in seiner Seligkeit gestern fortgeschleudert. Er rief ihn zu seiner Pflicht, zur Ehre, vielleicht in den Tod, und Karoline war ihm in die Arme gesunken und hatte gerufen: Geh, Geliebter, Du bleibst ja doch bei mir – ewig, ewig! Darauf hatte die Luft im Schloß ihn wie Blei gedrückt, er war auf seinen besten Renner gesprungen, sich Ruhe zu erreiten. Das Pferd hatte er zuschanden geritten, die Ruhe nicht gefunden. Das war ihm nie begegnet, und er hatte reiche Erfahrungen. Hatte ihn der Zauber, der im deutschen Lande waltet verstrickt? Um sich Kraft zu schaffen, griff er wieder nach dem Briefe. Den Brief selbst hatte er Karolinen nicht zum Lesen gegeben. Sein Inhalt lautete: »Freund Raoul! Viktoria! Der Himmel hat sich aufgeklärt. Nicht weil Viktor ausgewechselt ist. Auch er kann uns nicht mehr schaden. Die Sonne brach auf einer anderen Stelle unerwartet durch. Der Kaiser ward über Davousts Cunctatorrolle ungeduldig. Davoust, verdrießlich, eigensinnig, pedantisch, war in der Laune, zu widersprechen, Napoleon war in der Laune sich nicht widersprechen zu lassen. Es kam zum Bruch, Davoust ward ungnädig in sein Hauptquartier geschickt; ostensibler Anlaß, irgend ein Geschenk, das er sich in einer polnischen Provinz offerieren lassen. Der Kaiser wußte längst darum und hatte gelacht, jetzt donnerte er und nannte es eine Erpressung. Daß Murat und unsere Freunde die Gunst des Umstandes genützt, brauche ich es Dir zu schreiben? Wir halben schnell eine lange Sündenrechnung des Herzogs von Eckmühl aufgesetzt, fast zu lang, als daß der Kaiser Zeit und Lust hätte, sie durchzulesen. Ist auch nicht nötig. Voran aber die Namen der verdienten, talentvollen Offiziere, die er aus Mißgunst und kleinlichem Neid von der Sonne entfernt, in deren Strahl sie nur atmen können. In die Arriergarde, an Küstenwachen, wo englische Schmuggler landen könnten, in entfernte Winkel Polens, um ungewaschene Bären zu exerzieren, hat er Männer gestellt, die, vornan, unter des Kaisers Fittichen zu Feldherren sich bilden könnten, wohlgeeignet, des Herzogs Heldenruhm zu verdunkeln. Vergieb uns, Deinen Namen nannten wir nicht obenan; er steht erst als der fünfte. Napoleon wittert überall Koterien und Kabale. Also ward umschichtig ein Offizier genannt, der notorisch nicht zu unseren Freunden gehört, mit einem unserer Intimen. Schadet nichts, wenn ein Bock mit den Lämmern durchschlüpft. – Nummer vier kam ***, mit dem Bemerken: ›verdient und nicht belohnt für seine glänzende Reiterattacke vor Ulm,‹ dann fünf, Du mit der Beischrift: ›auch verdient durch den Kolonnenaufmarsch seiner Reiter vor Piacenza!‹ – Da hättest Du des Imperators Augen sollen funkeln sehen. Er warf das Papier auf den Tisch: ›Das ist eine Verwechselung! Das ist mehr als Verwechselung! Das ist Intrige! Der Kolonel d'Espignac vielleicht kein Freund der Herren? Er hat die Reiterattacke bei Ulm ausgeführt, er allein, *** blieb hinter dem Berge, er kam zu spät, er hatte gut nachsetzen, wo die Bataillone schon geworfen waren. Was vor meinen Augen geschehen, bitte ich, mir wenigstens nicht anders darzustellen, als es ist. Mich betrügt man nicht! Verstanden?‹ – Es kostete einige Mühe, magst Du denken, Contenance zu behalten. Einer sah den anderen offiziell an. O ja, wir erinnerten uns Deiner – Duhamel streute ein sehr kühles Lob ein. Das wärmte und erhitzte erst recht das korsische Blut. Der kleine Korporal wetterte umher, statt des Briefhalters ergriff er die Streusandbüchse und warf sie auf den Tisch. Uns fiel der Sand nicht in die Augen: *** wäre wohl unser Intimus, wir sollten uns in acht nehmen, Leute ohne Verdienst mit dem anderer bekleiden zu wollen. Er wolle nur Wahrheit. Wo Du stecktest? Wir nannten es eine sehr ehrenvolle Mission, denn was könne ehrenvoller sein, als eine Sauvegarde hinter den Rockschößen der Majestät zu bilden. Da knisterte es wie Pelotonfeuer: Schöne ehrenvolle Mission, in abgelegenen Provinzen den Gendarmen spielen, Mehlsäcke und Hornvieh einzählen, auf Fouchés Ordres in den Spelunken und Dornhecken nach Verschwörern umspüren müssen, die nicht da wären! Er brauche keine Sauvegarde hinter sich, nicht in diesem Lande. Seine Hacken wären genug, um sie in Angst und Schrecken zu setzen. Lieber Raoul, der Heros war in dem Augenblicke nicht, was er geworden und immer sein möchte, sondern die Natur, die Du und ich kennst. Wir wurden gerüttelt und in Ungnaden abgewiesen, Du aber – wirst gerufen. Während diese Deine Berufung den gewöhnlichen Weg durch die Bureaus geht, fliegt mein Expresser, Dich zu avertieren. Benutze den Augenblick; der Bruch kann wieder geheilt werden, und die Wolken können wieder die Sonne verdunkeln, die dem Kaiser nicht heller vor Austerlitz strahlte, als Dir jetzt. – Wir gehen großen Entscheidungen entgegen. Zwinge Dich und höre ein Bißchen Politik; sie hat für Dich einen praktischen Zipfel. Der Staat Preußen ist rettungslos verloren, der Mann in der Uniform, ohne Truppen, ohne Freunde, ohne Ratgeber, und man sagt, sonderbarerweise, auch ohne Furcht und – Angst aus Fatalismus, Stumpfsinn oder Religiosität, uns gleich viel – will mit Zopf und Gamaschen in die Gruft fahren. Die sogenannten Vaterlandsfreunde, Phantasten, Philosophen und intrigierende Charaktere in Königsberg, mühen sich umsonst ab, ihn zu einem Entschluß zu bringen, bei dessen Exekution vielleicht ein paar Nähte der Uniform platzen. Die Königin, in die ein Funke diabolischen Feuers gefahren, bemüht sich, an der Spitze der Illumination ein Licht anzuzünden; umsonst. Seit der Freiherr Stein entlassen ist, geben auch die fanatischen Patrioten die Hoffnung auf, den Staat aus seinem Starrkrampf und seiner Agonie aufzurütteln; die Häupter der alten Adelspartei und der Gutsbesitzer predigen geradezu, mit wenigen Ausnahmen, Unterwerfung unter den Unwiderstehlichen, Frieden um jeden Preis, um unter Napoleons Schutz die Privilegien zu retten, die ihr eingeborener König ihnen nicht retten konnte oder wollte. Dazu – kein Trost aus Rußland. Wenn auch Kaiser Alexander noch immer den galanten, großmütigen Freund und Nachbar spielen möchte, lassen es seine Generale nicht zu; Bennigsen intrigiert gegen Preußen, und unmöglich ist ein Bündnis zwischen Frankreich und Rußland nicht mehr. Kurz, Preußen ist rettungslos unterwühlt, und sobald sein letzter Bundesgenosse, der Kot, fester wird, daß wir darüber können, erhält es den Gnadenstoß. Unsere haben nur einen Wunsch, daß es so lange sich erhalten möge, um mit seinen letzten Kräften noch eine Schlacht zu bestehen. Fällt es unter unserem Halali, so zerstückelt unser Korporal die blutende Leiche, daß jeder aus seiner Meute einen guten Schinken bekommt. Er wird äußerst großmütig sein, weil er äußerst erbittert ist. Das Reich der Ideologen soll aufhören, die Provinzen werden als Herzogtümer, Fürstentümer, Grafschaften oder kleine Königreiche in die Taschen seiner Marschälle, Generale und Mignons regnen. Frage Dich selbst, wen der Korporal lieber begünstigt, die alten Korporale von europäischem Ruhme, die ihn noch sahen die Kanone putzen, auch innerlich grunzen, weil sie sich für ebenso groß halten, oder die jungen Kolonels von seiner Mache? Raoul, angesichts dieses packe ein, warte nicht die Ordre ab, mit unterlegten Pferden stürze her. Wenn etwa ein Studium, eine Jagd, eine Liebschaft Dich fesselt, reiße Dich los, fort mit Deinen fatalen Liebhabereien, laß auch Deine Weisheit zu Hause, daß sie nicht zur Unzeit vor dem Imperator herausplatzt. Darin wird er ganz legitim, er liebt nur die Beschränkten. Denn, bedenke es, eine Rolle ist Dir vielleicht zugeteilt auf dem Welttheater, die Du Dir nicht hast träumen lassen, eine tragische Heldenrolle, Schluß eine Krönung! Wenn eine Herzogskrone auf Deiner Stirn glänzte, Du Liebling des Apollo, vielleicht findet sich auch eine junge Herzogin aus napoleonischem Blute. Hat er gleich seine Schwester vergeben, sind doch auch Kousinen da, und Du – sieh' in den Spiegel. Komm, sieh' und siege.« – Er hatte schon gesiegt, als er vor dem Spiegel stand. Wie elastisch schnellte seine ritterliche Heldengestalt vor ihm im Glase. Wo in der ganzen Armee –! Brauchte er den Vergleich selbst mit Murat zu scheuen? Das Blut pulste jugendlich von der Zeh bis zum Wirbel – als die Fingerspitzen den Degen berührten, schien er aus der Scheide springen zu wollen. Unwillkürlich fuhren beide Hände nach den Schläfen. Sah er im Spiegel auch schon einen Schein darum? »Leben was bist du kurz, Ruhm, was bist du lang! Wenn die Hände, die sich wund geschlagen im stürmischen Applaus für den größten Schauspieler, längst Moder und Erde geworden, lebt des Helden Name, auch sein Bild, und wäre es nur ein blasser Schatten. Gelebt zu haben auch nur wie Sesostris, Odin, Fingal, ein Leben ist's doch für die einzige Ewigkeit unterm Monde. Und wem sie winkt – der soll sie hingeben für die Spanne Zeit eines nachtigallumsungenen Philemon- und Baukis-Lebens, für die Süßigkeit eines Anfangs, auf den eine lange, graue Monotonie, ein jähes, schmuckloses Ende folgt! Der Flieder duftet um die Hütte, um wie schnell! zu welken und wieder zu blühen nach dem langen Winter. so wie voriges Jahr und immer wieder. Und knicken eine Blume, wenn sie auch schöner duftete als in Persiens Rosengärten, was ist's? Ihre Bestimmung, die Erfüllung ihres Daseins, ihr Glück! Daß wir sie brechen, an die Brust der Geliebten stecken, der Tau des Augenblicks, die Träne der Seligkeit und Wonne, die daran perlt, nicht daß sie verblüht, Samen trägt, den die rauhe Hand des Gärtners abstreift und in Kästen verschließt. – »Ich bin frei, ich bin gesundet!« rief er laut in die Stille des Zimmers. Von seiner lebhaften Bewegung geriet der lose hängende Spiegel in Bewegung. Das Bild des gelben Fräuleins an der Wand schien darin ihm zuzunicken: Schritt sie selbst leise heran? Er fühlte ein Wehen hinter sich. Rasch hatte er sich umgewandt, und sie stand vor ihm – nein, sie wollte ihm zu Füßen sinken und fiel an seine Brust. »Du bist frei, Du bist gesundet!« mehr konnte die Ohnmächtige nicht sprechen. Sollte er Karolinen sanft auf das Ruhebett sinken lassen und, die Gunst des Augenblicks nutzend, entfliehen? Er war ja schon frei gewesen, es war schon vorher sein Entschluß; der Abschiedsbrief an sie, an den Vater war geschrieben, alle Präparationen waren getroffen. Er hatte sie schon verlassen, ohne sie wiedergesehen zu haben, als das Billett ihm in die Hände fiel. Nur einen Kuß auf die blassen Lippen, süß klingende Worte: Auf Wiedersehen! ihr ins Ohr gehaucht, und dann mit leisem Tritt zur Tür hinaus. Vielleicht schwebte dann wieder ein Lächeln um die Lippen der Bewußtlosen, er hatte einen lieblichen Traum erweckt – das letzte Andenken für die Verlassene. Raoul d'Espignac hatte den Wert der Illusionen schätzen gelernt. Er mußte zu lebhaft, zu lange seine warmen auf ihre kalten Lippen gedrückt haben. Sie schlug ihre glänzenden Augen auf und sah ihn durchdringend, aber zärtlich an: »Raoul, ja Du bist frei. Ziehe hin, Du gehörst dem Schlachtengott – so sah ich Dich heut morgen, als endlich der Schlaf meine müden Lider schloß. O wie herrlich Du warst! Du stürzest, blutetest; ich schrie: helft! laßt mich zu ihm! Sie hoben Dich aus dem Getümmel, und dann – aus der Wolke Pulverdampf, wie Du Dich von neuem erhobst, selbst ein Gott. Hinbraustest Du – ich lag knieend auf einem dunklen Punkt der Erde und betete für Dich. Da fiel Dein schönes Auge, das den Feind niederschmetterte, auf mich, es strahlte Dankbarkeit und Liebe: Du nicktest mir zu, Du reichtest mir den Arm. Ich weiß nicht, wie mir geschah, ich rollte hin an Deiner Seite, und alle neigten sich vor uns, und Friede war's und alles gut –« »Prophetin!« lispelte er. »Schließe wieder die Augen.« »Dann willst Du verschwinden. Das sind Deine heimlichen Gedanken Böser! Warum mich täuschen, ich bin ja Dein ander Ich. O gehe fort, Du sollst, Du mußt fort, aber nicht heimlich von mir. Ich begleite Dich ja, Du weißt es, auf allen Stegen und Wegen bin ich nun bei Dir. Beim Kaiser auch. Auch wenn Du sein Marschall, wenn er Dich zum Fürsten erhebt, eine Prinzessin zur Gattin Dir gibt, ich bin ja doch Dein treues Weib; Du mußt es aber niemand sagen, denn ich, sei gewiß, ich werde Dich nie verraten.« Es fröstelte ihn. Sie schlang ihren Arm um seinem Hals: »Du mußt Dich nicht fürchten, Raoul. Ich dachte es wohl, als das Bild der bösen alten Frau stürzte. Sie scheucht niemand mehr fort. Ihr Wächteramt für unser Haus ist nun aus. Nun ziehen bessere Geister ein.« »Bessere Geister!« atmete er. »Nun fort, fort, mein Gemahl! Aufs Pferd, aufs Pferd! Ins Feld, in die Freiheit gezogen!« aber sie ließ die Arme nicht los. »O Raoul, ein klein Bißchen nur mußt Du mich lieb behalten; Deine große, reiche Liebe gehört der Welt,« seufzte sie unter seinen Küssen, »die verlange ich ja nicht. – Nur das Bild von Dir gönne mir. Kein Maler malt es, wie es in mir lebt. Das drück' ich an mein Herz, wenn Du fort – o, es wird Dir keinen Schmerz verursachen und mir – mir – Was weiß ich's – was sagen's Worte, was Du mir wardst – ich ging verloren, um in Dir aufzugehen –« Beim ersten Hahnenschrei war Raoul noch im Bann des Schlosses. Einundvierzigstes Kapitel. Die Katastrophe. Der Kandidat hatte das gelbe Fräulein gesehen. Ihre Erscheinung bedeutete nie etwas Gutes. Wer sie gesehen, verschwieg es gern, wenn sich, was unsere Nerven in Aufruhr bringt, verschweigen läßt. Einige strengten sich auch an, es vor sich selbst abzuleugnen und für eine Sinnentäuschung zu erklären, weil ihre Philosophie ihnen den Glauben daran verbot. Die Philosophie des Kandidaten verbot dies nicht; er glaube, wenn auch nicht an Gespenster, die aus den Grüften aufsteigen, um uns zu schrecken und zu mahnen, doch an Fluida, Stimmen, welche Verbindung zwischen den Wesen aus der unsichtbaren Welt mit denen der sichtbaren unterhalten. Er glaubte, daß unsere Gedanken, unsere Wünsche, die unreinen wie die geläuterten, von Einfluß seien auf die Geisterwelt, ein magnetischer Hauch, der Anziehungskraft übt auf jene körperlosen Wesen. Als er aus des Majors Zimmer trat, gaukelte ein liebliches Bild, ein verführerischer Wunsch um seine erhitzte Stirn. Die Güte des Majors, sein Händedruck, der warme Ton seiner Sprache, das verschluckte Wort hatten den Wunsch plötzlich in nie dagewesener Lebendigkeit hervorgerufen. Mit einem Male war der gute Vorsatz, seine Neigung zu bekämpfen, bis er ein Recht erworben. damit vorzutreten, bis das heiligste Ziel seiner Wünsche erreicht, das Vaterland gerettet sei, fortgeworfen. Ergreife den Augenblick, er kommt nicht wieder! rief verführerisch eine Stimme, und er wollte umkehren, Amaliens Vater alles gestehen, was sein Herz bewegte. Da rauschte es im dunklen Gange, das gelbe Fräulein schwebte drüben an der Mauer vorüber. Einige Augenblicke stand er wie festgewurzelt. Er wandte den Kopf; sie war verschwunden. Als er bang atmend sein Zimmer erreicht, warf er sich zum Gebete auf die Knie. Es war das seltsamste Gebet: es hatte keinen Zusammenhang. Anfang und Ende widersprachen sich. Der Schauer der Geisterwelt hatte ihn gestraft für den Bruch seines Gelöbnisses. Während er aber die Hände rang zum Bekenntnis seiner Reue darüber, irrlichtelierten ihm die Gedanken: ob der Ewige eine Verirrung so strafe? Ob denn die Gedankensünde so groß gewesen, daß der Allmächtige eine so unmittelbare Warnung und Rüge aussenden könne? Ob diese Furcht nicht wieder Sünde sei, die Geburt des aufgeregten Blutes? – Das Gebet ging in eine Kritik über. Jetzt glaubte er sich sagen zu können, daß er sich getäuscht habe; dann entsann er sich wieder so deutlich der einzelnen Merkmale. Ein Angstschweiß träufelte ihm von der Stirn, und der Schluß des Gebetes war: der ewige Geist des Lichtes möge die Verirrung seines Geistes in die Schächte der Finsternis und des Aberglaubens verzeihen, das pochende Bekenntnis, daß der Schöpfer aller Gaben uns Verstand und Vernunft nicht umsonst gegeben, sondern damit wie sie auch in den Dingen anstrengen, wo wir so gern geneigt sind, Winken und Eingebungen zu folgen, weil es so viel bequemer ist als das Forschen, Prüfen, Urteilen. Wenn der Kandidat darin beruhigt aufstand, so war er doch sonst nichts weniger als ruhig; denn die Kritik, welche er angerufen, hatte ihm ein anderes Resultat geliefert, was auf seine Seele drückte. Eine Geistererscheinung war es nicht, was er eben gesehen, aber ebensowenig eine Sinnentäuschung. Er hatte das vom Schleier umhüllte Gesicht der Erscheinung nicht beobachtet, aber ihren stolzen Gang; es setzte nur eine im Schloß so die Zehenspitzen, es wiegte sich nur eine so in den Hüften. Als er am Zimmer des ältesten Fräuleins vorübergewankt, hatte ein leises Knarren sein Ohr getroffen; damals hatte er darauf nicht acht, jetzt entsann er sich, daß ein matter Lichtschein aus der nur angelehnten Tür gedrungen war. Der matte Lichtschein führte seine Sinne zu dem hellen Schein zurück, der aus der Stube der Einquartierung vorquoll. Als er sich an der Ecke des Korridors nach der Erscheinung umgeblickt, die verschwunden war, hatte er diesen nicht mehr gesehen; die Tür mußte inzwischen geschlossen sein. Das waren nicht mehr Vermutungen, es waren bestimmte Inzichten, die Schlüsse auf Schlüsse erlaubten, forderten, und er stand vor einer Gewißheit. Wenn ein Gespeist uns die Sinne benahm, und wir kommen zu uns und entdecken, daß bewaffnete Diebe hinter der Tapete rauschen, wechseln nur die Schauer. Was tun? – Schweigen, handeln! zu schweigen war gewiß das Klügste. Er hatte auch Rechtfertigungsgründe dafür. Welche Pflicht, welchen Auftrag, welchen Beruf hatte er, zu handeln? Jeder Schritt konnte das Uebel vergrößern, den Schaden unheilbar machen. Konnte er's übers Gewissen bringen, den Frieden der Familie als Angeber zu stören! Ja, wenn er zum Major zurückging mit der traurigen Botschaft, das Aufbrausen des tiefgekränkten Vaters würde er, und wenn der erste Zorn sich gegen ihn entlud, zu ertragen gewußt haben, aber auch den Verdacht, der auf seine Absicht zurückfiel? Er verriet die eine Tochter, um die andere für sich zu gewinnen. Hätte die Welt anders geurteilt? Aber auf der andern Seite – war er nicht jetzt schon als Teil der Familie betrachtet? Hatte nicht der Vater, nicht jedes Mitglied ihn mit Aufträgen geehrt, die das vollste Vertrauen voraussetzten? Hin war jene Zeit, wo der stolze Edelmann ihn nur als Instrument brauchte. Wie tief hatte er ihn in seine Verhältnisse blicken lassen, wie oft seinen Rat gehört: Wenn er auch hochmütig lächelte, ihn anfuhr, das war eben nur seine Manier, Mauritz wußte, daß darunter ein wohlwollendes Herz für ihn schlug. Daß, wenn der taube Faßbinder stürbe oder emeritiert würde, ihm die Pfarre zugeteilt werden solle, war wie eine Sache besprochen, die sich von selbst versteht. Wie hatten alle ihre Freude ausgedrückt, daß sie dann zusammenblieben. Die gnädige Frau hatte gesagt: »Dann können wir auch wieder ins Pfarrhaus zum Besuch gehen;« und der Major schmunzelnd hinzugesetzt: »Und Mutter wird auch nicht die magersten Martinsgänse aussuchen, wenn wir den Dezem schicken.« – »Ja, das kommt auf die Frau Pfarrerin an,« hatte die gute Frau von Ilitz erwidert. »Die sind manchmal ganz besonderer Art, und die fettesten Gänse sind nicht fett genug. Na, mit der künftigen Frau Pfarrerin hoffe ich, daß wir auskommen werden.« – War da nicht ein besonderer Blick auf Malchen gefallen? Genau hatte er nicht gesehen, aber Malchen war errötet. So innig verwachsen mit ihnen in allen Beziehungen, die das Leben bilden und adeln, und er sollte in einer Angelegenheit, von der Wohl und Wehe, der künftige Friede der Familie abhing, den stummen Mitwisser von etwas abgeben, das diesen Frieden vernichtete! War das nicht Verrat? Wenn es herauskam, mit welchen Augen sollte er den Vater, die Mutter wieder ansehen? Er hätte sich noch einen Vorwurf machen können. Erfuhr er denn jetzt erst das Mysterium? Hatte er nicht schon seit längerer Zeit es geahnt, war nicht in der vergangenen Nacht ein Blitzstrahl vor ihm niedergeschossen? Aber gerade in diesem Umstande fand er Rechtfertigung für sich. Damals war es seine Pflicht, zu beobachten, er durfte nicht eher sprechen, ehe er nicht wußte. Seit gestern nacht war er vor den anderen Dingen, die ihn in Anspruch nahmen, nicht zu Atem gekommen. Hatte er nicht eine zweite Tochter des Hauses gerettet? Das war im ehrenvollen Auftrage aller Familienglieder geschehen, von allen war es dankbar anerkannt worden. Sollte er dieses Fest stören, in diese Freude als Rabe hineinschreien: »Aber freut Euch nicht zu sehr, dafür ist Euch die andere Tochter verloren gegangen!« Unmöglich. Ja, wenn ihn noch einer gefragt hätte? Sollte er den beschäftigten Vater, die Mutter in den Winkel ziehen, dem von der Wechselschuld, den Kontributionssorgen gedrückten Major gerade an diesem Tage, unter dem Lärm ausgelassener Gäste, einen Stachel ins Herz drücken? Der einzige Mann, den er hätte aufsuchen, dem er die moralische Pistole auf die Brust halten können, war den Tag über verschwunden. Karoline war krank. Es war alles Handeln unmöglich gewesen. So sprach sein innerer Advokat, und setzte hinzu, wo es Pflicht gewesen, vorher alles aufzubieten, um zu verhindern, werde ein Einschreiten nachher zur Torheit, zum Vergehen. Und noch ein anderer Gedanke schmeichelte sich als Vermittler um seine Stirn: Der Major stand in letzter Zeit mit dem Kolonel auf dem besten Fuße. War es nicht denkbar, daß er, um der Persönlichkeit des Mannes willen, sein Vorurteil gegen seine Nation und seinen Rock aufgegeben, daß er heimlicher Mitwisser des Mysteriums war, daß dieses einen anderen, geheiligteren Charakter trug, als der Schein war? Dem widersprach auch die Heimlichkeit nicht. Der Major von der Quarbitz durfte, konnte das nicht öffentlich gutheißen, wozu das Vaterherz ja sagte. Sollte, durfte der Kandidat den Schleier zerreißen, der einen geheimen Ehebund verhüllte, und wie konnte er es je gutmachen, wenn er den väterlichen Freund der Welt und sich selbst bloßstellte? Es mußten Advokatengründe gewesen sein, sie ließen ihn nicht schlafen, und im Halbschlaf quälte er sich, sie zu widerlegen oder zu verstärken. Er war der angeklagte Kolonel, er beteuerte seine Unschuld, man wollte ihm nicht glauben. Man wollte ihn aus dem Hause reißen, stoßen; er wollte nicht fort, weil er nicht konnte, seine Sohlen klebten fest am Boden. Er riß seine Brust auf und rief ihnen zu, sie sollten darauf zielen. Wer denn? – gewiß die wilde Jagd, die im Hause war. Oder nein, sie zog aus mit Fackeln und Hunden, mit Jodeln und Geschrei. Aber ihr Lärmen über seinem Kopf zerriß auch den leichten Traumschleier. Es waren Katzen oder Marder, die sich auf dem Boden jagten. Da krähte der erste Hahn, und er sprang aus dem Bette, um sich zurechtzufinden. Der Hahn krähte noch immer, und er fand, daß er sich in der Zerstreuung und Aufregung nur halb entkleidet niedergelegt hatte. – Es war nicht still im Hause, aber es war wie ein Geräusch, das sich hütete, laut zu werden. Im Korridor der Widerhall von Tritten, die nicht gehört sein wollten, im Hofe ein Geflüster. Eine Angst trieb ihn, zu hören, zu sehen. Er warf sich das erste Kleidungsstück um, das ihm in die Hände fiel. Er stülpte einen Hut auf, den ersten, den er vom Brette griff. Es konnte Gefahr, es konnten Diebe sein, er riß deshalb einen der alten Degen, die an der Wand hingen, herab. Die Bodentreppe war er hinunter, ohne daß er etwas wahrgenommen. Das Geflüster kam deutlich aus den Ställen. Er schlich über den Korridor, um von der Hintertreppe an dem rasierten Turm in den Hof hinabzusteigen. Dort war das Tor; einst vielleicht die Pforte zu Ausfällen, jetzt weiter gemacht, das eigentliche Tor für Tiere und Gefährte. Vom Fenster aus schien es geöffnet. Mit angehaltenem Atem schlich der Nachtwandler den langen Weg. Mit dem Morgengrauen hatte der Wind wieder angefangen; durch den Korridor fegend, schlug er die schlecht schließenden Türen gegen ihre Pfosten. Karolinens Türe schien ihm noch offen zu stehen, als er von der Treppe herabkam; der Wind mußte sie zugeworfen haben, als er vorüberging, es kam kein Lichtschein heraus. Plötzlich blitzte sein Schwert hellrot vor ihm auf, um ebenso schnell in dem Dunkel, das alle Gegenwände verhüllte, zu verschwinden. Es war das letzte Aufflackern der Lampe gewesen, die ein Windstoß vollends verlöscht hatte. Beim Weiterschreiten wollte es ihn bedünken, als ob ein warmer Hauch aus der Stube des Majors kam; auch ein Ton. Es konnte ein Stöhnen sein, aber auch ein Schnarchen. Der Major hatte die Gewohnheit, zuweilen die Tür seines Schlafzimmers aufzustoßen, wenn ihm die Luft zu drückend wurde. Jetzt war er neben dem Stalle auf einem Treppenabsatz. Es war ein altes Gemäuer, vielleicht die am Turm gelegene Wachtstube, spätere Besitzer hatten hier eine Brauerei angelegt, deren Bottiche und Röhren, seit einem Jahrhundert unbenutzt und auch zu Ruinen geworden, den Aufenthalt auch bei Tage unheimlich machten. Für den Kandidaten knüpfte sich daran noch eine andere schmerzliche Erinnerung. In einer tiefen Blende war die Turmtür angebracht, durch welche er vor nicht langer Zeit einen Gefangenen besucht, er war mit ihm hier herausgetreten, als Theodor seinen letzten Gang antrat! Daran zu denken, war nicht der Augenblick. Er hörte im Stalle behutsam Pferde hinausführen; man schien ihnen die Hufe umwickelt zu haben. Er konnte in dem Moment nichts anderes denken, als an Diebe, und ging mit sich zu Rate, ob er Lärm machen und in den Hof springen solle. Da hörte er andere Tritte hastig die Treppe herabkommen. Es galt Vorsicht, wo ihrer mehrere und Gefahr war, er allein, in ihre Mitte zu geraten; es galt mit Augen sehen, wo er bis da nur nach dem Gehör Schlüsse gezogen. Leise stellte er sich als Schildwacht in die Blende. Im Mantel verhüllt, kam hastig und doch zögernd eine hohe Gestalt die Treppe herab. Der Bau hatte eine große Rundöffnung, die nach dem Hofe ging, der Blende gerade gegenüber, die so viel Licht, Sterne oder Mondenlicht, vielleicht schon Tagesgrauen, hereinließ, um die Kontur des Mannes zu erkennen. Es war der Kolonel. An der Oeffnung blieb er stehen und schaute nach den oberen Räumen zurück. Wer las die Gedanken, wer schrieb sie auf, die in ihm kreisten, während er sich, wie von Frost geschüttelt, in seinen Mantel hüllte! Adieu, adieu! klang es wie eine süße Romanzenweise aus einer sentimentalen Oper, der noch ein anderer Schluß folgen könnte, als er, den Arm plötzlich ausstreckend, wie gekräftigt durch einen Entschluß und in einem veränderten Ton laut hinaufrief: » Adieu pour jamais, jamais !« Er wollte mit rascher Wendung die letzten Stufen hinab, als eine unsichtbare Hand seine Schulter schon berührt hatte und eine Stimme aus dem Grabe ihm fragend zurief: »pour jamais!« Aus dem Grabe? – Wo konnte sie anders her sein? Da stand der Geist des Hauses, der schwarze Wolf, die Reiherfeder auf dem Hut, das Schwert in der Hand – und die Hand aus dem Grabe hatte ihn berührt. » Le spectre! « Mehr hatte d'Espignac nicht gesprochen. Die Kehle war ihm vertrocknet. Mit zwei Sätzen war er die Stufen hinab. Die Hähne krähten. Er schnappte nach der kalten Morgenluft. Im nächsten Momente saß er auf seinem Pferde, im folgenden war er zum Tore hinausgesprengt. Sein Kammerdiener erzählte nachher unter den Leuten, sein Herr habe, als er auf den Hof stürzte, ein Kreuz vor der Brust geschlagen. Man wollte es ihm nicht glauben. Wie sollte der Kammerdiener es in der Dunkelheit gesehen haben! Wie schickte es sich für einen Kavallerieoffizier des französischen Kaisers! Wie aber kam es? Nicht daß der Kandidat, der seine Hand auf die Schulter des Kolonel gelegt, diesem als der Hausgeist erschien? Bei d'Espignacs Aufregung hätte er ihn, er hätte jedes lebendige Wesen, das ihm entgegentrat, für ein Gespenst gehalten, auch wenn der Erwachte nicht schlaftrunken den alten Waffenrock umgeworfen, nicht den breitkrempigen Hut mit der staubzerfressenen Feder auf den Kopf gesetzt hätte. Aber wie kam es, daß Mauritz aus der Blende gesprungen, die Hand nach dem Flüchtling ausgestreckt, daß er seine Worte wiederholt? Wollte er ihn festhalten, warnen, strafen? Er wußte es so wenig, als er sich Rechenschaft geben konnte, warum er ihn doch nicht festhielt, warum er ihm nicht nachsprang, sondern wie in einem Starrkrampf an dem dunklen Orte stehen blieb, bis das letzte Getrappel der davoneilenden Reiter in seinem Ohr verklang, bis ein anderes durchdringendes Geräusch Ohr und Herz traf? Es war alles Impuls, Traum, dämonisch. – Wie kam es, daß auch der Major so unruhig in der Nacht schlief? Lag es in der Luft, die einen Alp auf alle Schloßbewohner niedersenkte? Wirklich hatte er schon nach Mitternacht die Tür aufgestoßen, er glaubte zu ersticken. Angekleidet hatte er sich halb im Traum, um draußen freie Luft zu schöpfen. Der frische Windzug hatte ihn erweckt und wieder aufs Bett zurückgetrieben, wo er bald fester einschlief. Aber es gibt einen festen Schlaf, der unsere Kräfte aufreibt – der Alp, der vampyrisch saugt und tausend Bilden, eines erschreckender als das andere, erschreckend auf uns senkte Er zaubert sie nicht aus dem fernen Morgenrot, sie kommen nicht geflogen auf dem Regenbogen, er knüpft seine Phantasmagorien wie ein geschickter Künstler an die wirklichen nächstliegenden Ereignisse. Es war der Bankerott über ihn ausgebrochen, die Gerichtsexekutoren hatten die eine Tür besetzt, die Landstände, die Ritterschaft, drangen von der anderen ein und forderten die Zinsen der Pfandbriefe. Da näherte sich der Baron Eppenstein und wollte ihm ein Beutel Geld in die Hand stecken. Er geriet in Wut und brannte vor Lust, ihn am Hals zu packen; aber er fühlte sich gefesselt auf ein Torturbrett, Arm und Beine, Leib und Seele. Sie zuckten mitleidig die Achseln, sie wandten ihm den Rücken: »Dem ist nicht mehr zu helfen!« Aber in der äußersten Angst folterte er selbst die Seele und sann auf Hilfe. Da saß in einem Winkel weinend die schöne Karoline, mit aufgelöstem Haar, die nackten Arme nach jemand ausgestreckt, den er nicht gleich erkannte; aber die Nebel lösten sich und das Bild ward deutlich, es ward der Reichsgraf Waltron. Er stand auf seinen Degen gelehnt und sagte nicht ja und nicht nein. Karoline bat ihn so sehr, sie sank nieder und umfaßte seine Knie. Nun hatte der Reichsgraf wieder seine Pfeife im Munde und sprach: »Wenn's denn nicht anders geht, so will ich Dich heiraten.« – Und nun war sie verheiratet und fuhr stolz geputzt in einem wappenbedeckten Wagen, zwei Jäger hinten und ein Vorreiter. Sie neigte sich freundlich zum Vater heraus und' lud ihn mit einer Handbewegung ein, auch einzusteigen. Aber er konnte und wollte nicht, er war ja gefesselt. Oder fürchtete er sich vor dem Militärfederbusch, der ihr zur Seite saß, und er konnte ihn nicht erkennen? Ueber die Anstrengung, ihn zu erkennen, erwachte er, wenn das Erwachen genannt werden kann, wo wir die Gedanken des Traums im Wachen fortsetzen, um wieder ins Träumen zu verfallen. Der Traum war ein angenehmer. Karoline und der Reichsgraf ein Paar. Warum war das nicht möglich? Der Reichsgraf war ein alter Junggeselle, aber er hatte niemals eine Abneigung gegen das Heiraten ausgesprochen Er galt nur für einen Mann, der die Bequemlichkeit liebte, und die Zeiten waren nicht zum Heiraten angetan gewesen. Er war freundlich gegen alle, er schien sich wie zu Hause zu fühlen, namentlich aber glaubte der Gutsherr sich zu entsinnen, daß er gegen die schöne Karoline besonders aufmerksam gewesen. Ein Reichsgraf Waltron-Alledeese ins Haus derer von der Quarbitz! Unmöglich war ja in diesen Zeiten nichts. Sein Herz hob sich. Hätte er nur im Wachen den Gedanken weiter denken können, aber seine Augen fielen wieder zu. Der Reichsgraf und seine Tochter saßen im Wagen, aber es ging über Stock und Block, er wollte hinein, es ging nicht mehr. Er faßte an, sie zogen ihn mit. Er wollte loslassen, aber statt dessen packte er immer fester; er schrie um Hilfe. Wachend hatte der Major nie um Hilfe gerufen. Dieselbe Not und dieselben Personen, die, um ihn zu befreien, zusprangen, der Baron Eppenstein, Benjamin Schlochauer. »Die verfluchten Juden!« rief er, als er jetzt den Kolonel erkannte. Ja, nach dessen Hand griff er, er hatte sie schon gefaßt, da war sie von Gummielastikum; er hielt noch, und der Mann war schon meilenweit vom Sturmwind fortgezogen. Da tippte eine andere Hand auf seine: »Erwache, nimm Dich zusammen, Wolf! Reiße Dich los, Dir steht etwas Schreckliches bevor. Ich bin's.« Er wußte ja, daß er träumte er konnte sich aber nicht losreißen, er mochte auch nicht das gelbe Fräulein ansehen. Aber sie ging nicht, sie tippte immer stärker, daß er sie ansehen sollte. Wie er das Auge aufschlug, wies sie nach der Tür; dann sank sie zusammen, als er aufsprang – Nebelflecke in die Dielen. Aber er sah – mit aufgerissenen Augen sah er es – das rotflammende Schwert, die geknickte Feder auf dem breitkrämpigen Hute – das war nicht mehr Traum, Täuschung der Sinne – der schwarze Wolf! stöhnte er zusammen, und indem er die Augen krampfhaft fest zusammendrückte, schien ein Licht durch seine Seele zu zünden, ein Licht, das eiskalt auf das heiße, träge Blut, auf die brennenden Gehirnsnerven fiel. Er suchte – nicht nach einem Kleid, nach einer Waffe. Und doch zauderte er noch, als der elfenbeinerne Griff des Jagdmessers von seiner Hand gepreßt ward, daß er stöhnen müssen, wenn Leben drin gewesen. Dann riß er noch das Fenster auf, um Luft zu kosten. Da führten sie die Pferde aus dem Stall, die Stimme des Flüchtlings ließ durch die Nacht das: Adieu pour jamais! erschallen. – Er war die halbe Treppe hinab, als er innehielt. Verfolgen! Wen denn? Untersuchen! – Was denn? – Die Tür des Kolonels hatte, halb angelehnt, offen gestanden. Warum entsann er sich das jetzt erst? Ein Lichtschein war herausgequollen. Warum haben wir oft erst jemand erkannt, wenn wir zehn Schritt davon? Damals wollte er uns grüßen und wir starrten ihn an, den alten guten Bekannten, als eine fremd gewordene Erinnerung. Jetzt schoß das Blut dem Major zu Kopf. Die Stirnader schwoll zum Springen; so schnell als das Blut war er die Treppe hinauf. Mit dem Fuß hatte er die Tür aufgestoßen, und da dröhnte durch das alte Gebäude der herzzerreißende Schrei, welcher den Kandidaten unten in der Brauerei aus seinem Starrkrampf erweckte. Ein Schrei, nicht ein Ton, wie wenn Luft oder Wasser durch eine verrostete, lang verstopfte Röhre sich bricht, ein Heulen, Sausen, Pfeifen. Ein Stampfen auf den Dielen, wie unregelmäßige Schläge einer Walkmühle, und dann erst ein Wimmern und Schreien, das ins Herz schnitt. Man sprach nachher ungern davon und nur heimlich. Niemand wollte eine Wissenschaft haben, aber es ist zu glauben, daß nicht ein Ohr im Hause gewesen, das nicht den Lärm gehört. Er mußte sie an den Haaren vom Lager gerissen, am Boden geschleift haben. Sie blutete etwas. Ihre langen Flechten noch um seine Hand geschlungen und, wie erschöpft von dem Entsetzlichen selbst niedergesunken, saß er halb über sie gebeugt; seine Lippen bebten, seine Zähne klappten. Wie sollte sie, was sein Mund wie ein Uhrwerk ihr zurief: »Bete, bete!« Im Schmerz umkrallt von den Griffen eines Rasenden, der das blanke Messer auf uns hält, der uns nicht hört, nicht sieht, wird das Gebet ein mechanisches Geplapper. Er vernahm nicht ihr Wimmern, er schien selbst zu weinen, als er die Stahlspitze auf ihre nackte Schulter setzte: »Um des barmherzigen Gottes willen, bereue, bete, bereue, mein Kind, daß Du nicht reuelos zur Hölle fährst.« Da schien sie sich selbst aufzugeben, und, wie die letzte Flamme des ersterbenden Feuers, schrie sie, zu ihm wild aufschauend: »Er ist mein Gatte vor Gott und den Sternen.« Die Hand, die den Stoß auf die Tochter zückte, ward aufgefangen. Ein kräftiger Arm hatte ihn unterfaßt, im selben Momente drückte und entwand ihm rasch der Kandidat das Messer. Es war mehr als zweifelhaft, ob der Stahl ihr Herz getroffen hätte; die Wut war durch Karolinens Worte allerdings neu aufgeregt, aber der erste Paroxysmus hatte die Kraft verzehrt, das Messer hätte in der zitternden Hand geirrt und würde nur eine Wunde beigebracht haben, aber wer berechnete ihre Wirkung! »Unseliger, es ist Ihre Tochter! Gott gab Ihnen das Kind –« »Zur Metze!« stöhnte der Major. Es war ein fürchterliches Röcheln, ein Lachkrampf, der durch die schaumbedeckten Lippen sich Luft machte. »Fliehen Sie, schnell – er ist noch rasend. Die Kräfte eines Rasenden sind unberechenbar.« Karoline floh nicht. Halb saß, halb lag sie, ihm die Knie umschlingend, den Kopf gesenkt, wie ein Wesen, das über die Hoffnung, auch über die Verzweiflung und die Rücksicht hinaus ist. Nur das Haar, welches aus der geöffneten Hand sich losgemacht, bedeckte ihre entblößten Schultern. »Ich bin sein Weib vor Gott!« Sekunden, es wurden Minuten eines fürchterlichen Schweigens. Die Augen des Vaters rollten umher. Jetzt fixierten sie den Kandidaten, und die Erinnerungen schienen, wie Lichter in einem Brennspiegel, sich zu sammeln. Den Degen und Federhut hatte er abgeworfen, aber der alte Rock hing noch um seinen Leib. »Sie – ich kenne Sie. – Treiben Sie Maskenspiel, wo – Gott im Himmel, es soll sich niemand in das Trauerspiel zwischen Vater und Tochter drängen, niemand! hinaus!« Er wollte aufspringen; mit dem Aufwand aller Kraft umfaßte, halb bittend, halb mit drohenden Blicken, der junge Mann den älteren: »Gott sandte mich her, um einen Mord zu hindern! Preis ihm und Ehre, daß er mich gesandt. Nun weiche ich niemand, bis der Mörder entwaffnet ist.« Der Major war trotz seiner Jahre, Wunden und Krankheit ein Mann von nicht gewöhnlicher Stärke; sie mußte auch physisch durch die vorgängige Szene erschöpft sein. Er saß zurückgelehnt im Stuhle; nur ein heiseres Gelächter rieselte über die Lippen. Es gibt Naturen, die, gereizt, wie ein Vulkan den lang aufgespeicherten und zurückgedrängten Stoff des Zorns mit einem Male ausspeien. Je schreckensvoller die Explosion, so schneller tritt darauf Ruhe ein, sie werden mild und weich, und in ihrem Tun und Sein spricht sich fast die Reue über das Geschehene aus. Andere überkommt es auch, aber Schmerz und Wut sind zu groß, sie können, mögen nicht alles aussprechen, und schon wähnt man, daß mit ihrer Kraft ihr Wille gebrochen, wenn sie beschwichtigenden Worten zu horchen scheinen, bis ein hingeworfenes, oder die eingetretene Ruhe selbst, wie stilles, inneres Feuer in ihnen brennt, um wieder aufzulodern. Das sind Charaktere, die wie Stahl sich biegen lassen, um unversehens nur starrer aufzuschnellen. Schmerz und Wut waren im Major zu groß gewesen, um beide in Worten auszugießen, er hatte, halb wie ein Kind, halb wie ein Barbar getobt. Ausgetobt hatte seine Wut nicht; nur überkam ihn vielleicht schon ein Schamgefühl, eine Reue über die Art, wie, und es ist bei Charakteren, wie seiner, daß sie vor Wiederholungen eine angeborene Scheu tragen. Er war ein Rasender gewesen, in seinem Zorn, er ward darauf kühl, eiskalt, er übergab seinen ätzenden Schmerz dem bitteren Verstande als sichersten Advokaten. Noch war er aber im zweiten Stadium, als der Kandidat Worte und Gründe aus Himmel und Erde griff, um dem Vater das Gebot: Du sollst nicht töten! ins Herz zu brennen. Es war keine Predigt, es war der lebendige Abdruck einer Stimmung, die ihn selbst beben machte. Er faßte zum Schluß die Hand des Majors: »Sie werden Gott danken, inbrünstig still in Ihrer angstgepeitschten Seele, daß er es so gefügt, daß er das Gräßliche abwandte, eine Blutschuld, die nicht abzuwaschen geht, das Kainszeichen, den Fluch, daß Sie Ihr Kind ermordet.« Der Major schien vorhin in völliger Apathie kaum gefaßt zu haben, was der andere sprach, er sprach selbst wie irre. »Der Reichsgraf nimmt sie nun nicht – ein so guter Mann – der Kinder Liebe ist der Eltern Segen.« Die letzten Worte des Kandidaten hatten ihn erweckt. Er stand auf. Er machte sein Knie los von Karolinens Händen: »O fürchten Sie nichts. Ich bin kein Mörder. Das schickt sich ja nicht für unsere philanthropische Zeit. Die Kainszeichen sind aus der Mode – aber die Flecken bürsten wir aus unsern Kleidern. Wir wollen rein scheinen; darauf kommt es allein au. Weiter nichts. – interessieren Sie sich für das Fräulein?« – »Herr von Quarbitz, Sie sind ihr Vater. Dies Band löst nichts, nicht Blut, nicht Schande.« »Ich hatt's vergessen, Herr, vergessen. In – Namen! heben Sie sie auf. Ohne Umstände. Schnell, schnell mit ihr zu ihrem Buhlen. Noch holen Sie ihn ein. Er nimmt sie zu sich aufs Pferd – eine Entführung. Das ist ja romantisch. Was will sie mehr! Ich will nichts Romantisches in meinem Hause.« Karoline saß bewegungslos in ihrer Stellung. Auch wie ein Uhrwerk stammelte sie das vorige: »Er ist mein Gatte vor Gott und den Sternen.« »Sie hören's. Diese Dame hat die Sterne zu Brautjungfern gebeten: sie ist mir zu vornehm; sie gehört nicht in mein schlichtes Haus.« »Werfen Sie sich auf Ihre Knie, beten Sie inbrünstig, Herr von Quarbitz. Gott wird einen Strahl in Ihre Seele senken, einen Strahl seines ewigen Lichtes.« »Damit die Schande meines Hauses noch schwärzer, scheußlicher aussieht! Ich will nichts mehr sehen, ich sah genug. – Ich zähle bis zwölf – eine halbe Stunde – bis die Sonne mein Dach anscheint. Packen Sie des Fräuleins nötigste Sachen – Sie sehen, ich bin ruhig, ganz ruhige – Fort. Wenn Sie mit wollen, desto besser. Ich will nichts sehen, niemand begegnen der meine Schande sah, mich an sie mahnt. Es ist mein Ernst, Herr, es ist mein fürchterlicher Ernst.« »Es ist nicht Ihr Ernst. Das Fräulein in diesem Zustande kann das Haus nicht verlassen. Der Ernst Ihrer Leidenschaft ist es, nicht der des Christen, des vernünftigen Mannes. Der Christ läßt der Reue und Buße  –« »Reue!« rief der Vater mit fieberhaft geschütteltem Arme zur Knieenden halb umgewandt. »Hören Sie doch. Sie lügt in die Sterne.« – Sie strich das niedergefallene Haar aus dem Gesicht: »Ich bereue, daß ich meinem Vater Kummer gemacht, ich bereue, daß ich sein weißes Haar gekränkt, daß ich Sorge und Angst in meine Familie bringe; ich habe gefehlt, daß meine Ehe anfing vor dem Glockengeläut der Kirche, vor des Priesters Segen, aber meine Ehe bereue ich nicht. Ich bin glückselig, er liebt mich, der edelste, herrlichste Mann; ich fühle mich geehrt, daß er mich gewählt, ich wäre glückselig, ich wäre hochgeehrt, auch wenn die Glocken niemals läuteten, er war mein Gatte, darum ist er, wird er mein Gatte bleiben, auch wenn nie des Priesters Segen darüber kommt. So wie ich ihn von ganzer Seele liebe, wünsche ich ihm von ganzer Seele Glück und langes Leben, und wenn Ihr Messer mich durchbohrt hätte, mein Vater, so wäre Ihre Tochter in Seligkeit dahingefahren.« »Hören Sie, Mann Gottes! – Des Vaters Segen baut den Kindern Häuser. Für diese ist kein Haus unter den Sternen. Haben Sie für die Christin noch ein Wort?« »Sie wollen Ihre Tochter verstoßen?« »Sie ist verstoßen.« »Aus Ihrem Herzen; darüber sind Sie allein Richter. Sie werden vielleicht später anders richten. Sie wollen sie aus Ihrem Hause weisen?« »Sie ist's. Wenn Sie, wenn wer sie noch hier sieht, ich sehe sie nicht.« »Gut, so drücken Sie Ihr Auge zu, bis wir Mittel finden, die Unglückliche ohne öffentliches Aufsehen zu entfernen, in irgend ein Asyl, wo sie mit Gott und sich über ihr Tun sich rechtfertigt.« »Paziszieren mit der Schande! Wo in der Welt Schande und Lüge herrschen, muß der wahre Edelmann doch sein Haus rein erhalten. Wo ist denn sonst ein Fleck auf Gottes Erde, wo man mit Anstand und Ehre sein Haupt hinlegt?« »Gewiß!« sprach mit bewegter Stimme der Kandidat. Daß der Major nicht im Affekt, daß er in sich zusammenzitternd, das Schluchzen kaum bekämpfend, die letzten Worte sprach, schien ihm die erste Taubenbotschaft des gebrochenen Sinnes. Er zitierte das gelbe Fräulein, er ließ den schwarzen Wolf erscheinen. »Der hat gehandelt, wie er es seinem Hause und seinen Ahnen zu schulden glaubte. Wer hat es ihm gedankt! Daß er noch vor seinem Tode geäußert haben soll: was er in raschem Blut getan, würde er bei kaltem wieder tun, rief einen solchen Schauder selbst in der rohen Generation jener Tage hervor, daß man ihm keine Ruhe im Grabe gegönnt. Darum lassen sie ihn rastlos umirren. Er wollte nur die Schande seines Hauses vertilgt, und das Blut aus der Brust der schönen Sünderin quoll heraus aus der Nacht an den Tag, es klebt noch heut an den Steinen dieses Hauses, kein Schwamm wäscht es ab. Das wollen Sie nicht, die Schande soll nur in die Erde sinken und das Haus morgen so rein scheinen wie heute. Wer zündet dann die Fackel an, wer stürmt in die Hausglocke, wenn er den Flecken über Nacht abwaschen will!« »Ueber Nacht, über Nacht!« wiederholte gedankenlos der Major, mit dem Gesicht sich auf die Arme lehnend. »Wenn's ein Traum wäre, und ich erwachte!« »Der Paroxysmus geht vorüber,« stand auf dem Gesicht des Kandidaten, das sich erheiterte. »Gott hat's geschickt! Ob's nun Sünde ist zu wünschen, daß in Traum und Nebel verginge, was von ihm kam!« »Er redet mit sich, benutzen Sie den günstigen Augenblick,« flüsterte Mauritz Karolinen zu. »Auf, auf, verschwinden Sie in Ihr Zimmer, bis – Er sieht nicht, er hört Sie nicht, er hört Sie nicht –« setzte er hinzu, als auch sie nicht sah und hörte. Er wollte sie am Arm fassen. Sie stieß ihn fort mit einem wilden Blick; es war nichts von Dankbarkeit darin. War es Entsetzen, Haß, Verachtung? *           * * Es war um einige Stunden später. Das graue Tageslicht dämmerte durch die Scheiben. Es beschien nichts Erfreulicheres. Im Hofe ward ein Pferd gesattelt. Sonst war es noch still im Hause. Fast schien es eine künstlich gemachte Stille als scheue jeder Schläfer den Kopf aus der Decke zu stecken, um nicht zu sehen, was die Nacht gebracht. Der Major stand gestiefelt und gespornt reisefertig im Zimmer; über die Armeeuniform zog er den Mantel. Allerhand Papiere lagen umher. »Verbrennen Sie die Lügen.« Der Kandidat hielt den einen eröffneten Brief zaudernd in der Hand: »Dieser Abschiedsbrief an das Fräulein könnte ein Beweisstück abgeben. Ich bin nicht Jurist, aber die Worte umschließen ein Eheversprechen.« Höhnisch lächelnd entriß ihm der Gutsherr das Papier, zerknillte es, trat es mit Füßen: »Wenn es zum Prozeß zwischen mir und ihm kommt, sind die meine Advokaten.« Er wog die beiden wuchtigen Reiterpistolen, die ihn auf dem Ritt begleiten sollten. »Da werde ich nicht erschrecken, Kandidat, vor keiner Vision, und kein Helfer in der Not soll sie mir aus der Hand reißen.« Mit einem Händedruck war er zur Tür, aber er kehrte noch einmal um. »Vor einer Reise, die so lang werden kann – doch noch ein Wort mit dem Beichtvater. – Ich bin ein Sünder, weil ich ein Mensch bin, aber, vor meinem Herrn, in einem stand ich aufrecht. Stolz konnte ich sagen: in meinem ganzen Leben ist kein Fältchen, worin eine Unwahrheit sich verbarg. Nun werd' ich die Augen niederschlagen müssen.« »Hat denn die Welt ein Recht zu wissen, was Sie ihr nicht sagen?« »Das genügt mir nicht. Das sind Sophismen. Was ich ihr nicht sage, verberge ich ihr auch, und indem ich es verberge, vollziehe ich eine Täuschung. Alles das, wozu ich mich von Ihnen überreden ließ – nein, wozu ich mich selbst überredete, ist ein Komplott, eine Veranstaltung, daß, was wir wissen und tun, vor den Leuten anders erscheine. Der alte Wolf Quarbitz spielt Komödie!« »Der Vater für sein Kind. Im Konflikt der Pflichten gehorchen Sie der, welche Ihrem Herzen die heiligste ist. Das wird auch vor dem höchsten Richter als Entschuldigung gelten.« »Wenn ich aber mein Recht, wenn ich vor ihm gerechtfertigt dastehen will!« »So kann die Richterstimme rufen: Kreatur, wo ist Dein Recht vor Deinem Schöpfer! Waren Sie im Recht, als Sie nach seinem Richteramt griffen? Sie standen aufrecht vor dem Herrn und sprechen stolz: mein Leben ist Wahrheit. Der Herr kann lächeln: Geschöpf, was bist Du vor mir! Der Wurm, der im Wassertropfen dem Auge des Trinkers verschwindet. Du siehst den Schimmer vom Schimmer, und sprichst von Wahrheit! Wie nun, wenn dieser Stolz gerade Ihre Sünde vor ihm wäre? War es Gott oder der Versucher, der zu Ihnen trat und Sie lehrte, vor ihm zu sprechen: darin bin ich ohne Fehl! Wie nun, wenn Sie da fielen – und seine Strafe ist über Sie gekommen.« »Wie der Herr will!« murmelte der Major, die Hände faltend. Es war doch schon geschieden, und wie viel schien noch nicht entschieden. »Und die Unglückliche?« fragte Mauritz, die letzten Papiere in den Ofen werfend. »Mag in ihrer Täuschung bleiben,« rief der Major. »Nichts ihr von dem Briefe, nicht von dem pour jamais! Sie ist mein Kind, Gott wird ihr gnädig sein. Die Lüge will ich vor ihm vertreten, auch wenn – die Kugel des Buben mich vor seinen Thron ruft.« Auf dem Flur, ehe er sich aufs Pferd schwang, schloß er den Kandidaten an seine Brust: »Sie hatten den Mut, die Wahrheit zu sprechen; mehr noch, Sie hatten den Mut, recht zu handeln. Gott lohn' es Ihnen, daß ich kein Kindesmörder bin.« – Von der Familie hatte der Major nicht Abschied genommen, als der Torflügel sich schloß. Er war verreist. Seine Freunde zuckten bedauernd die Achseln: daß der edle, unglückliche Mann um einer Wechselschuld willen Haus und Hof verlassen mußte. Aber es werde sich inzwischen alles zu seiner Ehre reparieren lassen. Zweiundvierzigstes Kapitel. Ein Doppelgänger. Wir begleiten den unglücklichen Vater nicht auf seiner Irrfahrt. Eine solche war sein mehrtägiger Ritt. Zwar hatte er noch am selben Morgen d'Espignacs Bagagepferde eingeholt, nicht aber ihn selbst, und der Kammerdiener gab ihm eine falsche Richtung an, wo er den Kolonel, der sich von ihnen getrennt, um noch persönlich einen Seitenabstecher zu machen, treffen werde. Es war in jener Zeit bei den Kreuz- und Quermärschen der Truppen, dem Hin- und Herreiten der Kuriere, Kommissäre und Rekonvaleszenten, die ihre Truppenteile suchten, schwer, eine Spur zu verfolgen. Mochte doch dem Major noch ein anderer Umstand hinderlich sein; er überließ sich vielmehr einer gewissen Fatalität, um nicht zu ängstlich im Suchen zu erscheinen. In seinem Sinne war seit jener Nacht eine Aenderung vorgegangen, wenn man es so nennen darf. Er war weicher gestimmt. Er hatte sich die ritterlichen Eigenschaften, die wahrhaft adligen Gesinnungen des Marquis ins Gedächtnis zurückgerufen. Nach Karolinens Aussagen hatte er die ernsthaftesten Absichten gehabt; nach dem an den Vater hinterlassenen Billett war er durch einen dringenden Ruf seines Kaisers zur schnellen, weil Intrigen im Spiele waren, zur heimlichen Abreise veranlaßt. Zwischen den glatten französischen Worten schien ein wirklicher Schmerz vorzublitzen, er sprach vom Wiedersehen, von einer Reparation. Es war also noch, wenn keine Rechtfertigung, eine Sühne möglich. Es konnte, was die Welt nannte, wieder gutgemacht werden. Das waren seine weichen Stimmungen abends, wenn der Trotz des Tages geschmolzen, wenn die schweigenden Wälder, die aufgrünenden Fluren, die ersten Vögel von ihrem Frieden und ihrer Ruhe in die Seele träufelten. Aber am Morgen, wenn der Alp einen kalten Angstschweiß auf seiner Stirn hinterlassen, wenn er aufsprang in den unfreundlichen Gaststuben, wenn er die Klagen, Zänkereien hörte, wenn er die Verwüstungen, Greuel sah, welche die feindlichen Durchmärsche überall hinterlassen, dann schoß der Strahl des Trotzes in Seele und Leib. Der ist mal borstig! sprachen die Wirtsleute, wenn er abritt. Bekannte mied er wie Pestkranke, aber Kranke begegneten ihm auf jedem Schritt, Lazarette, Leichenbegängnisse, Verwundete – überall geöffnete Kirchhöfe. Warum ritt er auf den großen Straßen! Diese von ihren Eigentümern verlassenen, wüsten Häuser, verödeten Gehöfte, ohne Zäune, Türen und Viehstand! Ueberall Exekutoren, Plakate und keine Gegenstände zum Abpfänden, Bettler, Männer, Frauen, Kinder, Liederlichkeit und Verworfenheit. Alles hatten die Franzosen angerichtet. Was mußte er hören, was der und jener General sich schenken lassen, um Exzesse zu bestrafen. Verkaufte Gerechtigkeit! Er fragte nach den Namen der Generale. Man nannte ihm auch solche, die unverkennbar nach altem Adel klangen. Die Korruption vergiftet selbst das Blut! – Blut! nur Blut konnte hier heilen. Endlich hatte er d'Espignacs Spur gefunden. Zwei Employés hatten in einem Wirtshaus den Namen genannt: sie begleiteten ihn mit Schimpfworten. Die Reden, die fielen, waren nicht geeignet, Isegrimms Blut zu beruhigen. Die Fremden hatten ihre Börsen an ihn verloren. Er hatte Bank gelegt. Er hielt überall Bank, wo er – Leute fand, die sich rupfen lassen wollten. Sie stritten, ob er das corriger la fortune übe? Der eine glaubte es, der andere nicht. »Er ist ein Edelmann vom alten Regime,« sagte der erstere, »die unterstehen sich wieder alles: verführen, betrügen, die Väter und Brüder, die Rechenschaft fordern, totschießen und die Gimpel, die klagen, auslachen. Einem von altem Adel sieht der Kaiser alles nach.« Der Major hatte nicht nötig, »die beiden erbärmlichen Gimpel« mit einer Frage zu beehren. Aus ihrem Gespräch erfuhr er, daß d'Espignac als Adjutant des Marschalls *** in dessen Hauptquartier stehe. Der Marschall achte ihn nicht eben, aber habe ihn nötig, seiner Kenntnisse, besonders seiner mathematischen, wegen; so dürfe man ihn gewissermaßen dessen rechte Hand nennen. Deshalb könne man ihm leider nicht zu Leibe gehen. Isegrimm rief sich zu, als er wieder zu Pferde saß: »Ich will's doch, und werde es.« Konnte er doch sagen, daß das Glück ihm besonders gelächelt. In preußischer Armeeuniform, mit Seitengewehr und Pistolen und ohne Paß, war er unangehalten, kaum befragt, in einer Strecke von so vielen, vielen Meilen, durch so viele, verschiedenartige französische Marschkolonnen und Garnisonen bis an den Ort gekommen, wo der Marschall sein Hauptquartier hielt. Ein anderes Glück; er wurde vorgelassen und der Marschall hatte ihn angehört. Der Befehlshaber hatte von einem preußischen Kavallerieoffizier, der sich in einer »äußerst dringenden Angelegenheit« bei ihm melden lassen, alles andere eher erwartet, als was der Major in militärischer Kürze vortrug: er sei in seiner Familienehre von einem seiner Offiziere gekränkt; worin diese Kränkung bestehe, bitte er für sich behalten zu dürfen; er fordere den Marschall bei seiner Offiziersehre auf, ihm den Beleidiger zu stellen; bei dem Gespräch, das er mit demselben zu wechseln, dürfte kein Zeuge zugegen sein, auch nicht der hohe Vorgesetzte des Offiziers selbst, mit dem er die Ehre habe, zu reden, ja, er bitte um verschlossene Türen. Wenn das Gespräch den Ausgang nehme, den er erwarte, erwarte er auch von dem militärischen Ehrensinn des Generals, daß dem Austrage der Sache, auf den er bestehen müsse, nicht allein keine Hindernisse in den Weg gelegt würden, sondern daß man ihm, der ohne Freund, Begleiter angekommen, kameradschaftlich einen Sekundanten bestelle, dann ein sicher Geleit gewähre, wenn er als Sieger davongehe, ein einfach Soldatenbegräbnis, wenn er falle. Der Marschall mußte bei guter Laune sein. Ein Titel zu allen diesen Ansprüchen fehlte, aber die ritterliche Haltung des Majors imponierte wie seine Forderung: »Das erwarten Sie alles von mir?« »Von Eurer Exzellenz.« »Wenn aber der Offizier, den Sie noch nicht die Güte hatten zu nennen, keine Lust zu dem Zwiegespräch empfindet?« »Dann erwarte ich, daß Eure Exzellenz ihm die Lust beibringen werden.« »Die Forderung klingt seltsam. Die Anklagepunkte verschweigen Sie, und der Ankläger – ist unser Feind. Das sind Sie doch, Herr von – ich kann Ihren Namen nicht aussprechen.« »Mir Leib und Seele, Exzellenz, und eben um deswillen fordere ich, daß Sie als Feind dem Feinde die Gerechtigkeit gewähren, ohne die der Militärstand zum Assassinen, zum Schlächterhandwerk herabsinkt. Ich übergab mich Ihnen ohne vorherige Anfrage und Bürgschaft. Sie nahmen mich so an, nach dem Codex der Ehre sind Sie dafür zur Revanche mir verpflichtet.« »Eine seltsame Konklusion. Wir überlassen jedem Militär, sein eigener Richter in Ehrenangelegenheiten zu sein, und viele meinen, daß ihr Blut und Leben zuerst dem Kaiser, dann erst ihren Privatangelegenheiten gehört.« »Der Marquis d'Espignac wird der Ansicht sein, daß die Ehre ein Separatgut des Edelmannes ist.« »d'Espignac« rief der Marschall verwundert. »In welche Dinge hat sich unser Philosoph eingelassen! Unmöglich!« »Mit dem Kolonel d'Espignac habe ich zu reden und bin des Vertrauens, daß er auf meinen Anruf als Kavalier antworten wird,« »Kolonel! Ei, auch das wissen Sie schon! Das Patent kam erst vor wenigen Stunden aus dem kaiserlichen Hauptquartier. Kaum möglich!« »Daß er seine Charge vor mir antizipierte, ändert in meinen Relationen zu ihm nichts.« Der Marschall blickte zweifelhaft und lächelnd auf den Fremden: »Die von Ihnen erbetene Garantie verspreche ich. Daß Sie gerade unseren d'Espignac rufen lassen, bedaure ich – für ihn. Sie unterbrechen den Herrn Marquis in einer sehr interessanten Whistpartie.« Der Major mußte lange warten. Und doch hatte er deutlich durch die Tür gehört, wie der Marschall seinen Auftrag im Durchgehen durch die Stube der Spieler ausgerichtet. Was d'Espignac seinem Oberen geantwortet, konnte er nicht hören. Antwort genug: er konnte minutenlang – es war eine Viertelstunde! – fortspielen. Die Trümpfe, ein Schnalzen der Lippen, halb artikulierte Verwünschungen, der Klang hingeworfener Geldstücke, in der atemlosen Stube war alles hörbar, nur nicht, was ein Vater, dessen Herz verblutet, erwarten sollte. Endlich rückte ein Stuhl, ein kurzes Zwiegespräch, ein Gemurmel und die Tür ging auf. d'Espignac trat ein. »Monsieur! Der Herr doch, der mich in einem Ehrenpunkt sprechen wollte? Verzeihung, wenn ich Sie warten ließ. Wer trennt sich leicht von der Pikdame, wenn Fortuna uns aus vollen Backen zulacht. Sie lächelt nicht immer. – Jetzt stehe ich ganz zu Ihren Diensten,« fuhr er fort, als der Major sprachlos einen Schritt zurückfuhr. »Sie ließen mich als Kavalier rufen. Wie 's Ihnen beliebt. Was wünschen Sie?« Der Major hatte noch nicht die Sprache gefunden; so wurzelten seine Blicke auf der unerwarteten Erscheinung. Das war nicht der hochgewachsene, stolz schöne Offizier, der, obgleich Napoleons Soldat, wie oft hatte er es sich wider Willen gestehen müssen, ihn an das Ideal wahrer Ritterlichkeit erinnerte. Ein Mann von untersetzter Statur, aber von einem Ebenmaß, welches die zu kurzen Maße, welche die Natur ihm angelegt, wenn er sich in die Brust warf, vergessen machen konnte. Schön war er nicht, aber ein lebhaftes, durchdringend blickendes graues Auge belebte zuweilen in eigentümlicher Art das blatternarbige Gesicht, auf dem mehr die Stürme des Lebens als die der Zeit ihre Spuren zurückgelassen hatten. In der Hand wehte er mit dem Taschentuch, was als Friedenszeichen hätte gelten können, da er auch ohne Degen an der Seite erschien, wenn er nicht das Tuch nur gebraucht, um die Folgen des vorangegangenen Echauffements von seiner blassen Stirn zu wischen. Uniform und Weste waren aufgeknöpft. An Napoleons Offiziere die Forderung der Adrettität der preußischen aus Friedrichs Schule zu legen, hatte der Major verlernt, obgleich sein Kolonel ihn auch daran gemahnt; an diesem war aber etwas, was der Major an seinen Offizieren geradezu als »Malpropreté« gerügt hätte. Als erster Gedanke schoß ihm zu Kopf: »Der Kerl kann ja nicht zu Pferde sitzen.« Und doch kam er ihm im zweiten Augenblick bekannt vor. Es war nur eine Täuschung oder ein zufälliges Zusammentreffen; er dachte an den berühmten Schauspieler, den er in der Rolle des Riccaut de la Marliniere in Berlin gesehen. »Mein Herr, hier ist eine Verwechselung. Sie sind –?« »Immer ich selbst, der Marquis de la Tour d'Espignac, da Sie mich als Kavalier rufen ließen.« »Doch eine Verwechselung! Ich suchte den Marquis Gouvion de la Tour d'Espignac.« »Der bin ich auch. Die ganze Branche der de la Tour d'Espignac seit den Tagen der Fronde führt den Vornamen Gouvion, die andere ließ sich zur Unterscheidung Armand taufen.« »Dennoch ging ich falsch,« sagte der Major mit Betonung, »ich suche den Marquis Bienaimé Gouvion.« »Eben das sind meine Vornamen,« lächelte der Marquis. – »So hat ein Spiel des Zufalls gewollt, daß ein Verwandter in der Taufe Ihre Namen erhielt, – obgleich ich wirklich nichts Verwandtes zwischen ihnen finde,« setzte er für sich hinzu. »Mein Herr, ich bin, soviel ich weiß, der Letzte meiner Branche. Qu'importe, ich will es aber auf Ehre nicht beschwören. Ich schätze es für ein besonderes Glück, wenn eine Verwechslung mir die Ehre Ihrer Bekanntschaft verschaffte, und noch dazu in einer Ehrenfache, muß aber bitten, daß Sie mir dieselbe ein andermal auf längere Zeit schenken, da ich diesmal, wie Sie sehen, etwas pressiert bin. Ein Remplaçant ist nicht der Spieler selbst, und überdies muß meiner auf die Wacht.« Der Major neigte sich stumm: »Ich bedaure, wenn ich dem Marquis d'Espignac nur einen Augenblick seiner kostbaren Zeit geraubt habe. In meinem Vaterlande würde einem alten Edelmanne der Boden unter den Sohlen brennen, wenn er hört, daß ein –« er wollte Schurke sagen, er korrigierte es in – »ein anderer unter seinem Namen –« er wollte sagen, Schandtaten verübet, er korrigierte es und wiederholte: »wenn er hört, daß ein anderer unter seinem Namen sich in das Herz einer arglosen Familie schleicht, die auf diesen Namen vertraute, und entflieht, nachdem er ihr Frieden und Ruhe gestohlen.« »Ah, das ist etwas anderes,« rief der Marquis. »Ich empfehle mich Ihnen, mein Herr,« fuhr der Major fort, »und werde für mich allein den Schurken suchen, da mein Herr Marquis und Kolonel unmöglich Ihre Whistpartie im Stich lassen können, um mir Renseignements zu verschaffen.« »Warten Sie, mein Herr, wenn die Sache so ernsthaft ist – Verwandte habe ich wirklich nicht. Wem könnte es denn einfallen, meine Rolle spielen zu wollen, da mich zuweilen bedünken will, daß nichts Beneidenswertes daran ist! – Civil, oder ist er Militär?« »Ich hoffe doch, daß er wenigstens das ist! Kolonel und Kommandeur des *** Kürassierregiments.« Die Augen des Marquis blitzten schelmisch auf: » Ah, le fils du confiseur !« Es war ein eigentümliches Mienenspiel, Verwunderung und Enttäuschung. Die Hand hatte eine Bewegung nach der Stirn gemacht, als wollte er sich züchtigen für eine Gedankensünde, dann brach ein kurzes Gelächter aus, das er doch ebenso schnell unterdrückte und sich zum Ernst zwang: »Ah, das ist etwas anderes. Beruhigen Sie sich. Es ist alles in der Ordnung.« »Sie kennen den Mann, den Sie –« der Major verstummte. »Von Jugend auf, mein Herr. Er wird zehn Jahre jünger sein, als ich, ich kann aber dem Herrn Kolonel das Zeugnis geben, wenn er sich auch nicht darauf berufen wird, daß er immer das war, was wir Franzosen und Soldaten un bon garçon nennen.« »Er ist nicht aus Ihrer Familie, – nicht Marquis! – Nicht einmal von Adel!« Der Marquis zuckte mit Schelmenaugen die Achseln: »Ich kann wirklich nicht dafür.« Isegrimm knirschte, der Degen in seiner Linken zitterte, als spüre er Lust, gegen den Mann aus der Scheide zu fahren, der keinen an seiner Seite hatte. »Genug, wer ist er?« rief er. »Er ist, der er ist! Auf mein Ehrenwort! Einer der bravsten Kavallerieoffiziere Seiner Majestät des Kaisers. Daß er nicht immer gewesen ist, was er ist, kann ihm um so weniger zum Vorwurf gereichen, als er alles, was er ist, durch sich geworden ist.« »Sein Vater –?« »War auch ein sehr braver Mann; ich kann es aus eigener Erfahrung sagen. – Herr d'Espignac kreditierte uns Offizieren von der Garnison ohne Murren und Zweifel an unserem Wort – der beste Konditor in Lyon. Sein Sohn –« »Weiter, weiter, mein Herr!« »Ein hübscher, fähiger Knabe. Wir prophezeiten ihm alle ein Sort. Ich sehe ihn noch, den Spitzbuben, wie er mit der weißen Mütze und Schürze die Kaffeetassen graziös umhertrug. Raoul! rief es links, Raoul! rechts, er flog wie ein Ganymed oder Triesel und wußte jedem Gast etwas Pikantes zu sagen, jedem seine Eigenheit abzulauschen. Hinterm Rücken kopierte der Schelm uns alle und machte sich über uns lustig.« »Auch das noch!« »Als er aufs Theater ging, empfing die ganze Garnison ihren Liebling mit einem stürmischen Beifall.« »Komödiant!« »Und was für einer! Ich bin noch heut der Meinung, daß er ein vortrefflicher Akteur geworden wäre, wenn er nur nicht den Tick gehabt, immer in tragischen Rollen aufzutreten, und wir machten in unserem mutwilligen Applaus aus den Tragödien Lustspiele. Da kam die Katastrophe mit dem Cid.« »Den hat er auch gespielt?« »Als siebzehnjähriger Bursch! Die Direktion ließ es natürlich nur zu, weil das Haus brechen mußte. Es brach denn auch und zu dreifachen Preisen. Wer in Lyon wollte sich das Götterschauspiel versagen, den kleinen Konditorjungen Raoul als Don Rodrigo wüten zu sehen! Eine deliziöse Erinnerung. Nie ist in einer Tragödie so gelacht und so geschrieen worden. Endlich ward's ihm zu arg. Ich sehe ihn noch, wie der arme Junge, die dicken Tränen im Auge, an die Lampen trat. Das Schwert funkelte in seiner Rechten, er schwang es, als wollte er uns alle als Mohren in die Pfanne hauen. Das waren Verwünschungen, die er gegen die Lyoneser Barbaren aussprach, und unter einem unermeßlichen Chorus von Bravos, Evvivas, Händeklatschen und Pochen flog er in die Coulissen, um nicht wiederzukehren.« »Die Sache wird ja immer interessanter!« sagte der Major, der sich auf einen Stuhl niedergelassen. »Er war aus Lyon verschwunden,« fuhr der Marquis fort, »und ich war wirklich um meinen kleinen Kousin bekümmert.« Ein boshafter Blick schoß unter den gesenkten Brauen des Herrn von Ilitz zum Marquis auf: »Es ist doch hübsch von Ihnen, daß Sie ihn als Verwandten gelten ließen.« »Kameradschaftlicher Scherz! Er hieß von früh an mon petit Cousin . Wer wollte auch so grausam sein, die Möglichkeit auszuschließen, daß vom Blute meiner Ahnen ein Tropfen seitwärts in die Kuchenbäckerfamilie d'Espignac gespritzt war. Daß er aber auch die freundliche Rücksicht gehabt, sich mit meinen anderen Vornamen, Bienaimé und Gouvion taufen zu lassen überrascht mich.« »Mich überrascht nichts mehr.« »Frappiert war ich doch, als ich ihn in drei Jahren schon in Besançon als perfekten Kunstreiter wiedersah« »Das wissen wir auch.« »Die Damen trugen ihn auf den Händen. Er hatte in Spanien vortreffliche Studien gemacht.« »Und vermutlich den Degen des Cid mitgebracht.« »Pardon, ich glaube, es war der aus Lyon.« »Und dann –« »Er wollte in Kompagnie mit einem jungen Manne, einem gewissen Franconi, eine große Arena für equilibristische Kunststücke entrieren; die Sache zerschlug sich indes mit der Revolution –« »Ich weiß genug,« sagte der Major aufstehend, »ich danke Ihnen, mein Herr Marquis, für Ihre Renseignements.« »Erzeigen Sie mir das Vergnügen, Sie in das Bureau des Generalstabs begleiten zu dürfen. Dort finden Sie die sichersten Nachrichten, wo Sie meinen Kousin treffen.« »Mein Reisezweck ist erfüllt. Mich verlangt nach keiner weiteren Zusammenkunft und Bekanntschaft, weder mit dem Kunstreiter d'Espignac – noch seiner noblen Familie.« »Sie sind erbittert, mein Herr! Mein Kousin stürzte sich allerdings in die Revolution, aber er ließ –« »Vielleicht wie Collot d'Herbois, auch den Lyonesern Kartätschen pfeifen, weil sie ihn ausgepfiffen!« »Er war nie ein politischer Charakter, wenigstens damals nicht, er war ganz Soldat, berühmt sogar eine Zeitlang durch seine brillanten Reiterattacken. Wie das so zu gehen pflegt, dann kamen andere, jüngere, und er in die Arrieregarde. Wer seine Fortune machen will, muß von sich sprechen lassen, es ist aber nicht gut, wenn zuviel gesprochen wird. Der Neid sitzt uns gleich auf dem Nacken.« »Ich bewundere Ihre Philosophie und habe die Ehre, mich zu empfehlen.« »Hätten Sie mir nichts mehr zu sagen, mein Herr von –?« »Eine Frage. Das Haus der Latour d'Espignac wird schon unter den Kapetingern genannt. Mein Herr Marquis, ich will nicht bezweifeln, daß auf dem Stammbaum auch Ihre Väter verzeichnet sind. Wie – Herr! – um Gottes willen – regt sich denn kein Funken adliges Feuer mehr im altfranzösischen Blute, siedet es nicht auf zu unauslöschlichem Zorn, wenn ein hergelaufener Abenteurer – einer, der – wenn er nicht allein Ihren Namen, auch Ihr Wappen, Ihre Ahnen Ihnen stahl, wenn er auch mit diesem angelogenen, gestohlenen Namen – Dinge verübt, die auf die Ehre Ihrer Familie zurückfallen?« Das Blut des Marquis siedete nicht auf, er lächelte: »Wenn wir auf der Retirade ein lästiges Kleidungsstück fortwerfen und mein Kamerad mit stärkeren Schultern nimmt es auf, so nennen wir das nicht Diebstahl.« »Bodenloser Leichtsinn!« stand unausgesprochen auf den Lippen des Majors: »Ich gratuliere Ihnen zu einer Philosophie, die gegen nichts mehr protestiert.« »Es wäre doch möglich – ich kann mir wenigstens Fälle denken. – Aber wenn auch deshalb kein Arrangement zwischen uns stattgefunden hätte –« »Ein Arrangement! Immer besser,« dachte der preußische Edelmann. »Auch dann wäre ich ja ein Tor, wenn ich eine solche mir angetragene Verwandtschaft fortstieße. Wären wir noch in der Republik, da wäre er längst General, vielleicht kommandierender, möglicherweise –« »Eben beliebten Sie zu sagen, daß er gar keine politischen Grundsätze hat.« »Desto bessere Anwartschaft hat er zum Avancement. Das, dünkt mich, trifft auf jede Regierungsform zu. Wer keine Meinungen und Grundsätze in der Politik hat, stößt gegen keinen an. Oder wäre es bei Ihnen in Preußen anders? Was tut es! Auch unter dem Kaiser wird ihm seine Fortune nicht immer verkümmert bleiben. Er hat Feinde, die zieht der Ehrgeiz an, wie die Sonne das Wasser. Feinde ziehen wieder die Feinde der Feinde als Freunde an. Das gleicht sich alles aus. Es sind mathematische Gesetze. Man hat ihn jüngst als Ideologen anzuschwärzen gewußt. Sie wissen, daß dem Kaiser das immer den Appetit verdirbt. Nun ja, warum überkam ihn die Manie, sich in die Bücher zu werfen, sich vornehm, rar zu machen, bezaubert zu sein von deutscher Vorzeit und Mystik. Er studiert sich in alles hinein, was er einmal angreift. Ich könnte Ihnen merkwürdige Beispiele davon erzählen: hier nur eins. Der Kaiser, der alles gern selbst verstehen möchte, was zu Frankreichs Prosperität gereichen könnte, bekam einmal die Manie nach einer technischen Erfindung. Es sollte absolut eine künstliche Kratzbürste, welche die Kardendistel bei der Tuchbereitung entbehrlich mache, hergestellt werden, weil die Phantasie ihn quälte, daß einmal ein Mißwachs in den Disteln eintreten und die Armee kein Tuch haben könnte. Die Erfindung ließ sich nicht machen, aber Napoleon, wie große Männer zuweilen sind, war einige Wochen durch entêtiert, nur und nur davon zu sprechen. Mein Kousin, der zur Tafel geladen war und die Krankheit des Kaisers kannte, blätterte in der Nacht vorher ein paar Bücher durch über die Tuchschererei und die Kardendistel, zwei Dinge, von denen er bis dahin kein Wort wußte und keinen Begriff hatte. Andern Tages an der Tafel sprach er mit solcher Gelehrsamkeit und Umsicht über beide Gegenstände, konjekturierte aus dem einen ins andere und stellte Systeme auf, daß nicht allein der Verfasser des einen Buches, der auch zur Tafel gezogen war, vor Erstaunen verstummte, sondern Napoleon zog meinen Kousin nachher noch apart in sein Kabinett und beide unterhielten sich zwei Stunden lang gründlich über einen Gegenstand, von dem vermutlich keiner von beiden etwas verstand. Dem armen Raoul hätte es schlimm ergehen können, denn der Kaiser hatte nicht übel Lust, ihn zum Präfekten oder General-Dirigenten über alle Kardendistelfelder und Tuchfabriken in Frankreich zu ernennen. Glücklicherweise dauerte die Phantasie nicht lange, und er entschlüpfte wieder zur Kavallerie. Wir wußten das schon von ihm zu Lyon. Summa, es ist zu bedauern, daß er nicht Komödiant blieb. Das französische Theater hat vielleicht einen zweiten Talma verloren.« Der Major war im Gehen. Der Marquis hatte ihn begleitet, aber mit einem ernsthafteren Gesicht hielt er ihn an der Tür fest. »Mein Herr, den ich nicht die Ehre habe zu kennen, ich ließ mich zu Expektorationen verleiten, die ein Philosoph wenigstens für die Welt verschwiegen haben sollte. Ich hoffe, daß ich einen Mann von Ehre vor mir sehe, also auch auf Ihre Verschwiegenheit rechnen kann, wenn ich Sie darum, wie hiermit geschieht, ernsthaft ersuche.« Der Major schwieg zu dem unerwarteten Antrage. »Doch Sie haben vielleicht selbst den triftigsten Grund zur Erfüllung der Bitte, die ich eben die Ehre hatte auszusprechen.« Der Major ward rot. Er trat einen Schritt zurück, als der Marquis die Hand ihm entgegenhielt. »Wenn ich schweige, ist es aus freiem Willen. Um den Konditorjungen doch kein Ehrenwort und kein Handschlag.« Der Marquis verzog sein ernsthaftes Gesicht zu keinem mokanten Zuge; es ward eher noch ernsthafter. »Wie Ihnen beliebt. Nicht jeder Garçon einer Kaffeestube bringt es in Revolutionen bis zum Regimentskommandeur, und nicht jeder vertieft sich in eine Manie, die ihm nichts nützt. Meine Philosophie wenigstens faßt es nicht, warum ein Mann, aus dem Holze geschnitten, aus dem Napoleon Marschälle macht, Herzöge, Fürsten, vielleicht auch Könige, warum er, vergilbte Pergamente und alte heraldische Bücher studierend, sich in etwas hineinlügt, was nicht mehr gilt und – ist. Vergessen Sie nicht, er will nicht andere täuschen, er arbeitet mit aller Seelenkraft dahin, sich selbst zu täuschen Man hat mir gesagt, dies sich selbst Vergessen und Aufgehen in fremden Wesen sei in der deutschen Natur; ich glaubte, mein Herr, Sie, als Deutscher, sollten das schätzen. Auch gibt es andere unter uns, ich könnte alte Edelleute nennen, welche die Lage des Kolonel rührend finden, bei soviel Verdiensten und solchem Ruhm durch den lächerlichen Schatten seiner Jugend bei jedem Schritte sich gehemmt zu fühlen. Vernünftige sagen, es ist eben nur eine Luftblase, aber jede Blase zerstört die harmonische Fläche eines Spiegels, warum nicht die Harmonie eines Lebens, wenn ein Mensch mit krankhafter Nervosität seinen ganzen Wunsch drauf gesetzt hat, daß gerade diese Blase verschwinden soll. Diese Vernünftigen unter uns begreifen daher Raoul d'Espignacs stillen Wahnsinn, sich in eine Existenz, in eine Gewesenheit hineinzulegen, um im Reich seiner Phantasie die Erinnerung an eine unangenehme Wirklichkeit zu verdunkeln, wo nicht zu vergessen. Sie meinen auch, das sei der Sporn zu den schönen und großen Taten, und um den Zweck dürfe man über die Mittel wegsehen. Ich, mein Herr, gehöre nicht zu diesen Vernünftigen, denn ich bin weder vom Ehrgeiz gestachelt, noch begreife ich, warum ein Schatzgräber seine Seele dem Teufel verschreibt, wenn er doch weiß, daß der Schatz, den er heben will, aus Goldstücken besteht, deren Gepräge keine Gültigkeit und deren Metall keinen Wert mehr hat. Ich erinnere Sie nur daran, daß der Kolonel d'Espignac von einem Metall ist, das unter jedem Gepräge seinen Wert behalten wird, daß er nach mathematischer Berechnung im Kurswert steigen muß, und daß es für mich von üblen Folgen wäre, wenn er von unserm Gespräch erführe. Ihnen, mein Herr, überlasse ich nachzudenken, ohne in Ihre Geheimnisse eindringen zu wollen, ob es nicht auch für Sie geratener wäre, was ich Ihnen mitgeteilt, vor anderen und vor sich selbst zu vergessen.« Dreiundvierzigstes Kapitel. Eine dunkle Tat. Es ist eine dunkle Geschichte, und noch heute, wo kaum einer von ihnen leben wird, die daran beteiligt waren, erzählt man sich's nicht anders als mit bedenklichen Blicken und stillem Flüstern. Gedruckt war nie etwas darüber, nie auch eine Anklage laut; es war Grundes genug, warum von keiner Seite an die große Glocke geschlagen ward. Aber in der Provinz, wo es geschehen, ist es vom Vater auf Sohn gekommen, und – sie glauben's. Es ist mancher Franzos heimlich erschlagen und hinter den Hecken verscharrt worden, von dem die Polizei nie etwas gewußt, noch wissen wollte, und unsere Kriminaljustiz ließ sich noch weniger davon träumen. Damals schon; mehr noch büßten so ihr Leben nach dem russischen Feldzug. Der alte trostreiche Spruch: nichts so fein gesponnen, 's kommt doch ans Licht der Sonnen, paßt nicht auf Kriegszeiten. Da wird freilich nicht gesponnen; ist's einmal losgegangen, und Gesetz und Ordnung schweben auf der Spitze des Schwertes, dann reißen auch Fäden und Bande, die uns so fein und künstlich und fest schienen. Aber es war eben nur Schein, und der sittliche Mensch mag zur Bestie werden, wenn Schmerz und Rache in den verbitterten Gemütern kochen; und wenn er den Mordpfeil absendet auf den Gehaßten und Gefürchteten, redet er sich hinein in die Selbstverteidigung des Tell. Aber nachher überkommt uns die Scham, und wir suchen's zu vergessen. Das ist die Rückkehr zum Guten, wenn auch nicht das Gute selbst, daß wir's vor der Geschichte verschweigen und uns reiner und besser lügen, als wir waren. So mag sie immerhin, die große Geschichte, die große Weltrichterin sein, aber wie vieles, was ihre weißen Tafeln beflecken könnte, blieb draußen in der Luft schweben. Das lebt aber doch oft noch eine Weile, oft noch länger fort, manchmal ewig, wie man's nennen will, als Sage, Anekdote, Spottvers, Volkslied. Und da fangen es denn die auf, welche später Geschichte machen, und ich laß es ungesagt, welche Geschichte richtiger ist, die, welche die Mitlebenden und ihre Kinder aus den Aktenstücken zusammenstellten, oder die, welche Spätere aus der Atmosphäre griffen und ihren Strömungen, den Traditionen; die hier Licht hinsetzen, wo die vor ihnen Schatten sahen, und da Schatten, wo die andern Licht gesehen. Es läßt sich eben nichts darüber bestimmen; es kommt aufs Auge an, wie scharf es sah und wie's gefärbt war. In der Provinz, wie gesagt, erzählt man das noch heute. Es war eine Jagdpartie im Walde, meist junge Edelleute, Oekonomen, auch Pastoren darunter. Sie hatten den Flaschen stark zugesprochen. Aber sie waren auch trunken von Grimm über den Uebermut, die Verwüstungen, die Erpressungen der Franzosen. Es hatte ihre Nächsten betroffen. Einzelne, die aus Lübeck zurückgekehrt, hatten vorhin Schauderdinge erzählt, wovon das ruhigste Blut in Wallung gerät. Möglich auch, daß sie gerade deshalb in den Wald gezogen, um den Grimm austoben zu lassen an dem unschuldigen Wilde. Da hätte einer gerufen: so wollte ich doch – Die anderen lachten ihn aus: Wollen kann jeder! Er hätte sich geschüttelt: Ich will's Euch zeigen! – Da hätten sie ihn noch lauter verlacht, dieweil er nach der Flinte griff. Wohin? – Den ersten Franzosen, den ich treffe, niederschießen! – »Du unterscheidest ja nicht mehr eine Bachstelze von einem Rehbock.«– Ein Junker rief: Eine Bachstelze und ein Franzos, was ist da auch für ein Unterschied! Die anderen hatten geprustet: Der hätte's getroffen! Da lehnte jener sich an einen Baum und spannte den Hahn: Daß Ihr's seht! – Wir sehen's! riefen sie und nannten seinen Namen mit einem Spottnamen dazu, den wohl jeder unter lustigen Gesellen führt, und wiesen auf ihn mit den Fingern; denn wenn er sich nicht an die Kiefer gelehnt, meinten sie, er hätte nicht gerade stehen können. – Nun schieß nur zu – dreist ins Weiße – oder ins Blaue – das ist egal. Du triffst doch, Du bist ja ein Sonntagskind. Nun wär' es in einem Walde gewesen, wo er sich lichtet gegen ein Moor, und plötzlich knallte es aus dem Rohr – nämlich des Jägers – und gleich darauf hätte es auch geschrieen wie aus den Lüften, wenn der Schuß eine wilde Gans trifft. Ueber das Moor ging keine Straße, nicht einmal ein Landweg, nur ein Fußpfad, den die Landleute allein kennen, und wer hätte gedacht, daß ein Fremder, ein französischer von der Armee ihn einschlagen sollen. Daher hatten die wilden Jagdgesellen zuerst wieder aufgeschäumt vor Lachen, denn sie dachten, der Trunkene feuere ins Blaue. Aber der Schrei machte sie stutzig; es war kein Vogel in der Luft, es war eine Menschenstimme. – Sie sprangen zu, und – es war ein französischer Offizier. Nun gehen die Erzählungen auseinander. Die einen sagen, er wäre geritten gekommen. Der Schuß hätte ihn auf dem Sattel getroffen und das Pferd, scheu oder auch verwundet, wäre durchgegangen und hätte ihn in den Sumpf geworfen, wo er ertrank. Das könne schon um deswillen nicht sein, sagen andere, da über das Moor, zumal um jene Zeit, für keinen Reiter durchzukommen war. Vielmehr hätte der Offizier sein Pferd auf der Landstraße führen lassen, und er selbst sei, man meinte um einer Liebesaventure willen, den gefährlichen Fußweg allein gegangen. Diese wollten wissen er sei wie voll Uebermut auf einen der großen Steine gestiegen, die dort aus dem Moor vorragen, da habe er, mit gekreuzten Armen, wie eine Zielscheibe gestanden, daß es ein schlechter Schütz gewesen sein müsse, der ihn auf hundert Schritt nicht ins Herz treffen sollen. Er stürzte, nicht vom Sattel, sondern vom Steinblocke. Da habe er sich an die Kante des Steins noch einmal angeklammert und wild umgeschaut, und erst um Hilfe, dann um Rache geschrieen. Aber die ihn allein hören mögen, waren seine Mörder, und über seinem Kopfe krächzten die Raben und Krähen, so sei er unter fürchterlichen Verwünschungen, da ihm die Kraft ausging, vom Stein geglitten und ins Wasser gesunken. Auf das Geschrei stürzten die Jäger alle zu, aber was sie gesehen, hätte keiner dem anderen gesagt. Denn über sie wär's gekommen, als wie ein heißer Wirbelwind dort in Afrika, der dem Menschen die Besinnung raubt. Die Jagd war auseinander, wie Spreu im Winde. Wo zwei sich nachher trafen, senkten sie die Köpfe und sahen sich scheu an. Jeder hatte zu Haus eine andere Ausrede, warum er sich von der Jagd verirrt, und die meisten wollten schon am Abend vorher heimgeritten sein. Dann verlautete wohl auch, daß die Herren sich später heimlich das Wort gegeben: der solle ein Schuft heißen, welcher verrate, wer an dem Morgen noch einen Schuß getan. Es war in einer jämmerlichen Dorfschenke irgendwo an einer Seitenstraße, wo die Bauern überm Tisch die Köpfe zusammensteckten und sich eine Geschichte zuflüsterten. Es war die, welche wir eben erzählt; nicht ganz so, denn wo erzählen zwei dasselbe in einer Art! Der Wirt beschwichtigte den einen, der fragend auf einen Schläfer hinübergeblickt, welcher im Winkel, auf Stroh gebettet, von einem alten Militärmantel überdeckt lag. Der sei übermüdet vorhin angekommen und fast vom Pferd gefallen; was sei Gefahr da, daß ein alter preußischer Offizier, der wohl selbst Gründe hat, auf Seitenwegen sich den Augen der Franzosen zu entziehen, den Angeber machte. »Ihr könnt Euch drauf verlassen,« sagte nun der Fragende, »ich hab's von sicheren Leuten: es ist an dem Gerede was, und mehr als man denkt. Aber wer will sich die Haut verbrennen, und wer soll's ihm bezahlen, daß er sich in was mengt, was ihn nichts angeht! Wer der Franzos ist, das weiß man schon, aber wer den Schuß getan, da können sie lange fragen, und kriegen keine Antwort nicht. Der General hat eine Liebschaft gehabt mit einem adligen Fräulein, oder war's eine Gräfin? Ihr Vater aber, ein alter Haudegen, hat's partout nicht gewollt. Sie hat sich ihm zu Füßen geworfen, nämlich das Fräulein, und um Gottes Barmherzigkeit willen gebeten, daß er's nur ja zugäbe. Da hat er sie bei den Zöpfen ergriffen und im Zimmer 'rumgeschleppt; sie aber hat immer geschrieen: Er ist mein Gemahl vor Gott und vor den Sternen. Nun wenn er das ist, hat er zu ihr gesagt, so will ich Sie zu Gott schicken und den Sternen, da mögen Sie Ihren liebsten Ehegemahl erwarten; mein Haus hier unten ist zu ordinär für so vornehme Hochzeitsgäste. Und wie er ihr nun die Pistole vor den Kopf setzt und sie totschießt, geht die Tür auf und der General tritt ein in voller Uniform und sagt: Mein Herr, diese Ihre Tochter hat die Wahrheit gesagt, sie ist meine Gemahlin vor Gott und den Sternen. Weil sie nicht mehr Ihre Tochter war, sondern mein Weib, so hatten Sie kein Recht, die Frau eines französischen Generals totzuschießen, und das soll Ihnen teuer zu stehen kommen. Denn nun reise ich ab auf der Stelle, um Sie beim Kaiser Napoleon zu verklagen. Nehmen Sie sich in acht, Sie sind jetzt kriminalisch und das wird Ihnen an den Kopf gehen. – Gesagt, getan, das Pferd steht schon im Hofe gesattelt, und der General reitet also ab. Aber der alte Edelmann ist ebenso fix auf den Beinen, und ehe die Sonne aufgeht, ist er schon aus dem Schloß und über alle Berge. Seine Freunde sagen zwar, das hätte er nur getan, um einem Wechselarrest zu entgehen, aber man weiß ja, was das heißt. Und darauf haben sie den General anderen Tags an den Blutsteinen in seinem Blute tot gefunden, und wer ihn da aufs Korn genommen hat und die Kugel ihm ins Genick gejagt, das sage ich nicht, und will's niemand geraten haben. Denn es weiß niemand, wo einer Freunde und Verwandte hat, und man könnte auch 'nen Schlag ins Genick bekommen. So aber ist's.« Ein zweiter aber sagte: so wäre es nicht, denn er wüßte es auch von noch weit sicherern Leuten. Eine Tochter sei zwar totgeschossen worden, aber vor sehr langen Zeiten. Diese jetzige hätte der Vater in einen Turm eingesperrt, um sie zu zwingen, daß sie aussagen sollte, sie wäre nicht heimlich verheiratet mit dem Franzosen, weil er ihn nicht gemocht. Die Tochter aber hätte es, so laut sie konnte, 'rausgeschrien, sie wolle es vor Gott und vor den Sternen bekennen, daß er ihr heimlich angetrauter Ehegemahl sei. Das hätte denn der General gehört und wäre vor den Vater getreten und hatte ihn gefragt: wie er das meine, und ob er es rechtfertigen könne, und wenn er ihm seine Frau nicht auf der Stelle losgebe, da werde er zum Kaiser Napoleon reiten und ihn verklagen. Da habe der Vater geantwortet: ob sie das nicht miteinander ausmachen könnten? worauf der Franzos erwidert: Wenn Sie so meinen, warum nicht? – Darauf sind beide fortgeritten, mit Pistolen im Sack, und ganz heimlich. Den Franzosen fand man am folgenden Tag, das Gehirn zerschmettert, an den Blutsteinen, der Vater aber ist fort und verschwunden gewesen, man weiß noch heute nicht wo, und es ist schon über eine Woche. Man meint, er hätte sich's zu Herzen genommen, daß er seiner Tochter ihren liebsten Ehemann umgebracht. Noch eine dritte Meinung kam zum Vorschein, die des Wirtes, der sich, nach seinen Mienen zu schließen, für einen sehr umsichtigen und klugen Mann hielt, weshalb er bei den Erzählungen der andern etwas vornehm spöttisch den Mund verzogen: »Es hat schon seine Richtigkeit mit der Geschichte, Landsleute, nur ist es anders, als Ihr erzählt. Mit den Blutsteinen verhält es sich so, das ist richtig. Die kenn' ich ja, die liegen im Querbelitzer Moor, und da passiert nie was Gutes, davon sich viel sagen ließe, aber wozu? Daß der französische General da erschossen ist, das ist auch richtig, es war der von den Kürassieren, den Ihr gesehen haben müßt. Er war ja hier überall, als die Jagd losging auf die Schillschen. Gott weiß, wer ihn erschossen haben mag, aber der alte Major von Quarbitz, Gott bewahre, der ist zwar ein kurioser Heiliger, und bissig und brummig, aber sonst, meinen sie doch, wär' er nicht so bös, daß er einen Menschen mir nichts dir nichts wegblasen ließe, auch keinen Feind nicht. Nein, er soll ein christlich Gemüt haben und nie die Kirche versäumen, wenn er auch seinen Pastor kujoniert. Ich kenne ihn, wie gesagt, nicht von Person. Aber wenn das mit seiner Tochter Richtigkeit hat, dann möchte sich's einer wohl vorstellen tun, warum er auf und davon ist. Aus Desperation! – Der Oberst oder General war sonst ein ganz reputierlicher Herr und ein sehr vornehmer Mann. Was konnte er dafür, daß er unter den Franzosen geboren ist! Und dann hat ein Vater doch auch ein Herz, wenn er eine Tochter hat, die er lieb hat, und er kann sie standesmäßig unterbringen. Lieber Gott, die Vornehmen und die Fürsten verheiraten ja ihre Töchter Gott weiß wohin, wenn sie sie nur standesmäßig los werden. Ich sage nun nicht, daß der Ilitzer es gewesen ist, der den Obristen geschossen hat – Obrist war er nur, was die Franzosen Kolonel nennen – auch nicht, daß ein anderer es getan, weil er's ihm auftrug; aber, sage ich, Landsleute, was muß es ihm zu Kopf geschossen sein, daß es so ist: hat er's getan, nämlich im Duell, und nun kriegt er die Besinnung, daß es doch besser gewesen, wenn er ihm die Tochter gab, als daß er ein Mörder ist! Und wenn's auch so nicht, tot ist er nun mal, und seine Tochter ohne Mann; ein Herz für ihre Kinder haben vornehme Herrschaften doch auch, und wie muß es solchem Herrn im Leibe wurmen, wenn's auch nur heißt, er weiß darum, daß sie den Obristen umgebracht, und wer weiß, wer weiß, ob da nicht doch mehr dahintersteckt.« Der Müller schüttelte den Kopf. »Das ist man alles einerlei, und sein Vorfahr, der schwarze Wolf, hat sich auch nicht so viel daraus gemacht, daß er sein leibhaftig Kind umgebracht. Wir wissen's noch von unserm Urgroßvater. Solche Herrschaften, Gevatter, was sie Blut und Ehre nennen, da haben sie ganz andere Raisons. Wenn unsereins sein Mädel oder sein Weib tüchtig durchwalkt, daß sie's fürs nächste Mal vergißt, so müssen sie gleich ans Blut, so oder so, das heißt bei ihnen Satisfaktion. Meinethalben, aber die Sache ist die Polizei und die Gendarmen und dann die Kriegsgerichte; da fordern sie andere Satisfaktion. Und der Leichnam, haben sie den nicht gefunden?« Das wußte keiner zu sagen. Der Wirt aber war anderer Meinung. Im Kriege, und manchmal auch im Frieden, hätten sie auch ihre besondere Raison im Judizieren: »Manches Mal reißen sie die Augen weit auf, und manches Mal drücken sie sie ganz klein zu. Was hatte man nicht gedacht nach der Geschichte vom Nauwalker Bürgermeister, wenn so was wieder passierte, und wie klein machten sie sie, als der Marschall in Querbelitz gefangen ward! Wir verstehen das nicht immer, aber Gründe haben sie immer. Nun ist die Geschichte schon über acht Tage alt. Herr, Du mein Gott, wenn sie in die große Trommel schlagen wollen, da hätten uns die Ohren gesummt, aber da's mäuschenstill ist, so könnt Ihr annehmen, sie wollen keinen Lärm machen. Das ist nun meine Meinung.« Es war noch einer dagewesen, der auch eine Meinung hatte. Im Winkel auf dem Stroh lag der Gutsherr von Ilitz; er hatte auch nicht mehr geschlafen, wie todmüde er auch nachts in das Haus gekommen. Müde kann wohl einer sein, der tags und nachts reitet auf einer Spur, und sein Geschäft ist, wie des Tell – der Mord. Der Major war, von tausend Gedanken gequält, aus dem Hauptquartier fortgeritten. Was wollte er und was wollte er nicht? Ein Ehrengericht aufsuchen, das ihm sagen sollte, was er zu tun habe. Wo sollte er ein solches Gericht finden! Wer ein Gericht sucht, das ihm sagen soll, was seine Ehre ist, der, meinte er dann, habe sich selbst schon insolvent erklärt an der Ehre. Da war das schwarze Blut in ihm aufgestiegen – das Blut des schwarzen Wolf, er reiste und ritt, um, wo er ihn träfe, den – niederzuschießen, den seine Ehre ihm verbot, vor Gottes Gericht zu fordern. War's doch auch ein Gottesgericht, redete er sich Mut ein; wenn Gott nicht wollte, so traf ihn nicht seine Kugel, so ward er vorher ergriffen und vor ein ander Gericht geschleppt. Oder, wenn er im Entschluß schwankte, suchte er einen anderen Rechtfertigungsgrund: da ihm der ehrlose Betrüger wie ein Aal entschlüpfe, gebe es ja kein ander Mittel, als der Schlange auf den Kopf treten, wo er sie finde. Der Instinkt treibt oft auch die richtige Spur, aber die fürchterliche Last eines Mordgedankens drückt Seele und Leib nieder. Er hätte's nicht vierundzwanzig Stunden ausgehalten. – Als er sich auf die Streu geworfen, hatte er Gott gebeten, daß er ihn bald seine Beute finden lassen – Statt der Träume sandte ihm Gott – wir hörten's. Der erste Hahn hatte noch nicht gekräht, da sehen wir ihn im Freien, in der Schenkstube drückte es ihn; er konnte in dem Qualm sein Herz auch vor seinem Schöpfer nicht ausschütten. Er wankte an den Lehmwänden und Hecken hin und her, bis er, er wußte nicht wie, auf dem Kirchhof war. Da sank er vor einem aufgeschütteten Grabe auf seine Knie und betete zum ersten Male laut. Er dankte inbrünstig Gott, daß er kein Meuchelmörder geworden, daß er einen anderen gerufen, der ihm die fürchterliche Last abgenommen. Froh ward er aber auch da noch nicht. Vielen antwortet Gott auf ihr Gebet, und der Major hatte es oft in seinem Leben erfahren. Aber hier war's ihm, als ob Gott stille blieb. Er lobte ihn nicht und er tadelte ihn nicht. In den Glocken der Kirche spielte der Morgenwind. Wer die Sprache verstanden hätte! Du sollst nicht töten! Das verstand er; es war ein eigen Nachgesumme. Wer sollte denn in der Grube schlafen, in die seine Augen starrten? Ein Bauer oder ein Bauernweib mehr oder weniger, was kümmerte es ihn? Es änderte in der Welt so wenig, als ob eine Fliege mehr oder weniger unter der Klatsche von der Wand fällt. Und doch fragte er sich's immer wieder. Da sah er, als er aufschaute, ein erstes Schneeglöckchen. Der Totengräber hatte es halb verschüttet. Wie konnte der Mann das tun! Er häufelte mit der Hand den Sand weg, daß die Blume sich wieder aufrichtete. Es blühten ringsum mehrere. Es mußte ein windgeschützter Abhang sein, das Gras sproßte schon lustig zwischen den dürren Hecken, und auch der Krokus brach durch die welke Laubdecke. Das Summen in den Glocken hatte aufgehört; aber eine unsichtbare Hand strich leise über die Orgel: »Sie werden auferstehen!« hatte der Major unwillkürlich gesprochen, als der Küster mit dem Schlüsselbund die Freitreppe herabstieg. Auf des Majors Frage: »Für wen ist das Grab?« antwortete der Mann: »Für wen wird's sein, als für den tauben Hufschmied. Das hat er nun davon. Sein Mädel hätte noch zehn für einen gekriegt, und wenn's auch ein Franzosenkind wird. Du lieber Gott, dann müßten viele keine Männer kriegen. Das war recht eine pure Unvernunft von dem alten Esel. Gott straf' mich, das war er. Und kriminalistisch hätten sie's gemacht, denn ein Zoll nur ging's an der Schläfe vorbei. Und mit solchem Hammer auszuschlagen! Aber das war ja nicht das erste Mal; seines Vaters Stiefbruder hat er ja lahm geschlagen. Dazumal kam er mit schwerem Gelde fort, daß es nur vertuscht ward. Ja, das Heulen nachher, das kam zu spät. Da kriegt' er, wie sie in ihrem Blute lag, das schlimme Zeug. Nun lagen sie beide. Das Mädel hat sich nun wieder so weit erholt, aber er fiel aus der Sucht ins Nervenfieber. Was hilft kalt Wasser, und wenn's Eis ist, wo einer so obstinat ist. Reue war's, sagen sie. Ja, Du lieber Gott, was ist Reue, wenn's einer nicht wieder gutmachen kann! Sag' ich doch, das Mädchen kriegt noch zehn für einen, und da ist alles gut; aber solchen boßigen Kerl, dem's immer ins Hirn schießt, daß es ihm um die Augen rot ist, wie in der Schmiede, den müßten sie nicht frei 'rumlaufen lassen. Anschmieden müßten sie ihn, das wär' für die Menschheit, damit er keinen Schaden tut.« Wenn einer, der sich schon verloren gab, aus einem brennenden Haus getragen oder aus einem Schiffbruch gezogen wird, auf seine Knie stürzt, um Gott für seine Rettung zu danken, denkt er noch nicht daran, daß er seine Habe hinter sich ließ. Wenn aber das nackte Leben vor ihm ihn anstarrt, kommt es wohl, daß er in der Verzweiflung über seinen Verlust seine Rettung verwünscht. Kein Mörder war der Major, aber die Gedanken an das nackte Leben, dem er entgegenritt, schlugen an ihn, im hellen Morgenwind, wie nasse Kleider um den Schiffbrüchigen klatschen. – Eine verlorene Tochter, gar auch ein verlorener Ruf! – Karoline wollte er nie wiedersehen; das war beschlossen. Mochte sie irgend in einem Winkel ihr Leben fristen, er wollte nie mehr von ihr, nicht einmal ihren Namen genannt hören. Er wollte gar nicht grausam sein; Mutter, Schwestern, Verwandte würden sich schon ihrer annehmen; denn gegen Schwächen und Fehler nachsichtig zu sein, ist ja das Charakteristikum der Zeit. Aber auch sein Ruf war angegriffen. Was warf man ihm denn vor? Daß er das getan, was er in seinen Gedanken tun wollen. Das glaubte er ertragen zu können. Einmal wünschte er sich dies Martyrium; er sagte es sich wenigstens. Was gibt es denn besseres für den ehrenfesten Mann, als von dieser Welt gehaßt, gescheut und mißkannt zu werden, in der nur die Niederträchtigen, die Speichellecker, Augendiener, Schmarotzer, vor dem, was gilt und glänzt, in Ehren und Achtung stehen! War doch sein Ahn, der schwarze Wolf, auch vielleicht ein solcher Ehrenmann gewesen. Er war sich selbst genug. Aber Familie, Haus, Freunde, dachten die auch so? Ach, es mußte in Ilitz einsam werden! Wie, mit welcher Scheu würden sie ihn anblicken! Die alle hatten Mitleid, Billigung, vielleicht schon eine Rechtfertigung für Karoline zurechtgelegt. Rechtfertigung! – hatten nicht auch jene Dorfpolitiker schon eine für seine Tochter gefunden! Sie halten von einer heimlichen Ehe gesprochen. Wie war das alles im kurzen Raum einer Woche aus den Mauern geschwitzt? Und warum zu Gunsten gerade der Sünderin entstellt? – Weil die Sündhaften überall an der Sünde Gefallen haben, wie die Maler die Ehebrecherin so gern malen, nicht um des Gerichts willen, sondern weil ein hübsches Weib die Sinne kitzelt! – Aber warum sollte gerade er dies Gewebe zerreißen. Es war ohne sein Zutun, hinter seinem Rücken zu seinen Gunsten gewebt. Wer hieß es ihm? Wo stand, daß es seine Pflicht sei? Ist's nicht vielmehr die des Vaters, die Schande der Seinen zu verdecken, wie er kann, und hier kamen sie ihm auf halbem Wege entgegen. Wenn er hinritt in Windstille, und, wo der Schnee geschmolzen, die Wintersaat weithin grünte, wenn die Sonne leichte Streiflichter auf die Felder warf und die ersten Vögel ihre Stimme erhoben, dann hauchte es auch mild um seine Brust. Er wünschte, es wäre so – er könnte es so machen – er brauchte nicht zu lügen, nur zu schweigen. Ja, ja, es ward sein Wille. Aber – der, auf den es ankam, der allein auf das Gerücht das Siegel drücken, erklären konnte, sie ist mein ehelich Weib, seine Stimme war erloschen, sein Blut hingeflossen – es war zu spät. Als Trauergestalt über seinem Grabe – eine Lüge! Wenn nun die Geisterhand drohend herausfuhr, wenn sein Schatten durch Nebel und Gesträuch hinglitt und schrillend im Winde rief? Ihr lügt! Das waren die Gedanken, wenn er durch den winterlichen Wald ritt, der Wind in den blattlosen Aesten rauschte und die letzten Klumpen Schnee von den mächtigen Kiefernästen warf. Dann dünkte er sich der Ritter, der mit eingelegter Lanze auch gegen Gespenster anreitet, und er empfand den Mut, ja er knirschte vor Lust, auch auf das blutige Antlitz des Kolonel anzurennen. Die Stimmung dauerte aber nicht lange. Wo der erste Sonnenschein die grünen Halme küßt, läßt ein Schauer der Wehmut und Sehnsucht böse Gedanken nicht herrschen. Die Frühjahrslüfte kosen und schmeicheln auch um die wunde Brust, und wenn wir an Sterben und Untergang denken, denken wir auch an Auferstehung und neues Leben. Hatte denn der fremde Mann etwas Unerhörtes, Ungeheures begangen? Als Soldat, als Franzos auf Eroberungen hingewiesen, hatte er die Gunst des Augenblicks benutzt, die Rose gepflückt, ohne den Gärtner zu fragen. Nun hatte er gebüßt; so frech, kühn der Raub, so schnell, furchtbar war die Strafe gefolgt. Wenn er es nur bereuen, wieder gutmachen gewollt! – Eine wunderbare Natur! Bei soviel Gaben, um andere zu täuschen, welche Diskretion in den Mitteln! Welcher eigentümliche Hang, sich eine vornehme Geburt anzulügen! Wenigstens war keine Spekulation darin, denn das gab ihm, wie die Dinge standen, keine Aussicht auf Vorteil, Avancement. Begünstigte auch Napoleon aus Eitelkeit und Berechnung wieder den alten Adel, der seine Schleppe küßte, so gab das doch nur im Hofstaat Anwartschaft auf Beförderung; im Felde mußte der Kaiser auf den Geist, die Stimmung seiner Armee Rücksicht nehmen. Es mußte also eine angeborene Lieblingsneigung des Mannes sein. Und woher die Kraft, daß er sein ganzes Leben an das Studium der Täuschung gesetzt, daß er mit so vielem Verstand ebenso in ihre Antiquitäten, als in ihre neue so wenig beneidenswerte Stellung sich hineinstudiert hatte? Wo waren seine Vorbilder in der plebejen Armee, woher hatte der Zuckerbäckerjunge seine Anschauung geschöpft, daß er nie einen falschen Schritt tat, nie ein unrechtes Wort sprach, daß er immer in seiner Rolle blieb? Das lernt sich aus Büchern nicht: es kommt aus dem Blut. Hatte der depravierte Marquis doch vielleicht recht, und ein Tropfen des wahren Blutes in dem falschen Stamme so wunderbar rein und kräftig sich erhalten, während der volle Strom in dem echten Stamme in Fäulnis und Eiterung übergegangen war? – Aber – vor ihm eine ganze Generation weiße Schürzen, weiße Mützen, Eierschaum und Zuckerguß! Wie konnte das adelige Blut durch solche Kanäle sich rein erhalten haben! Nimmermehr! – Aber die Erscheinung war darum nicht minder wunderbar. Wie gern hätte er ihn gefragt, wie er das ermöglicht? Ihn überschlich der Wunsch, daß der Kolonel nicht gestorben wäre; zuweilen noch ein anderer: – daß statt seiner er selbst in Mörderhände gefallen. Ein rascher Tod hob ihn über welche Zweifel, welche trostlosen Aussichten! – Wie sollte er Karolinen begegnen, wie ihren Schwestern, der Mutter! Unter welcher Form jene verstoßen, ohne daß er die eigene Schande vor aller Welt ausschrie! Je näher er der Heimat kam, so langsamer ritt er. Es war nun weit über Wochenfrist. Was konnte inzwischen zu Hause geschehen sein! Neue Plündererhaufen, Brand, Verwüstung, Krankheiten! War er doch überall auf ihre Fußstapfen gestoßen. Der graue Spitzturm vom Querbelitz tauchte aus den grünen Saatfeldern auf, als ein Reiter aus dem Busche vorkommend seinen Namen rief und die Mütze schon in der Entfernung ehrerbietig lüftete. Es war der Schulze Gottlieb Köpke, der, wie er zu tun pflegte, seine Felder umritt. »Das Korn steht gut, meinen nicht auch Herr Obristwachtmeister? besser als vorig Jahr. Nur der Weizen ist ein Bißchen zurück.« Es war dem Major lieb, daß der Schulze nicht von der Sache anfing. Aber war es doch seine schlaue Bauernart, daß er zuerst nur ihren Zipfel anfaßte. »Also Er meint, es steht gut? – Ich war zu lang aus.« »Das war auch gut, gnädiger Herr, denn es hätte sich doch für unseren Herrn Major nicht geschickt, von wegen des Wechsels mit dem Notar zu verhandeln. Ein dritter kann das schon besser, und der Herr Kandidat hat denn auch die Sache in Richtigkeit gebracht. Dieweil der Notar den Protest aufnehmen wollte, kaufte der Benjamin Schlochauer den Wechsel dem Präsentanten ab, und dieweil das geschah, hatte der Herr Kandidat Rat geschafft, und es ging alles wie am Schnürchen, ohne daß einer was Uebles gedacht hätte. Au contraire alle fanden es ganz recht, daß der Herr Major derweilen verreist waren, und es hat sich alles geschickt und ist in der Ordnung.« »Was hat sich geschickt? Was ist in Ordnung?« fuhr Isegrimm bang nach einigem Schweigen auf. »Ach, Herr Major meinen von wegen des Franzosen – ich meine den Kürassieroberst. – Manches sieht auch schlimmer aus als es ist.« »Schlimm ist schlimm, Köpke.« »Ja, schon recht. Und daß es gerade an den Blutsteinen geschehen mußte! Zuweilen ist's aber auch gut, daß Krieg ist; denn was im Krieg geschieht, ist nicht wie wenn's im Frieden geschieht.« Der Gutsherr sah ihn fragend an. »Nun, ich meine nur, wenn das passiert wäre zu so gewöhnlicher Zeit, dann wäre die Justiz und die Polizei drauf und los. Und da's auf unserem Grund und Boden ist, und mein gnädiger Herr der Gerichtsherr, was hätte das für Kriminalkosten gemacht! Was für Papier wär' verschmiert worden, und jeder Mensch eine Meile in der Runde hätte als Zeuge aussagen und schwören müssen, was er weiß und nicht weiß. Gott sei Dank. davon ist nichts gewesen. Das muß man den Franzosen lassen, darin sind sie vernünftig; entweder wollen sie einem zu Leibe gehen, und dann tun sie's ohne Papier, und es hilft auch nichts gegen, oder sie wollen's nicht, und dann machen sie kein Geschrei und brauchen auch keinen Papierschnitzel.« »Sie wollen nicht gehen? Wem denn?« »Wer weiß das!« »Aber man hat doch eine Meinung.« »Nun freilich. Sie meinen, er hätte einen Feind, der hätte ihm aufgelauert. Der Kolonel hat viele Feinde in der Armee, die ihm sein Glück nicht gönnen.« »In der Armee? Das glaubt man?« »Wenn man's auch nicht glaubt, so tut man, als ob man's glaubte.« »Und man spricht das aus?« »Gott bewahre. Nein, man sagt, es wäre verfluchte Kanaille gewesen, Raubgesindel, solche Marodeure, als wie damals bei Dames Mühle, die nicht nach Freund und Feind fragen.« »Beraubt ward er auch?« »Er hat's ausgesagt. Wer weiß denn was er bei sich hatte! Und weil die Jagd dann in die Nähe kam, hätte das Gesindel Reißaus genommen.« Der Major schwieg wieder, aber das pochende Herz ließ es ihn nicht länger; da trennte sich der Weg, er mußte rechts nach Ilitz. »Was Er weiß, spreche Er's aus – gerade aus, Köpke. – Wer ist's, wer hat's so gemacht?« Der Schulze sah ihn mit dem Blick der Verständigung an: »Gnädiger Herr, wo die Franzosen was finden wollen, da legen sie was hinein, aber wo sie nichts finden wollen, da suchen sie auch nicht. Einige meinen wohl, es wäre aus Furcht, weil's drüben in Ostpreußen oder sonst wo nicht richtig stände, und sie möchten hier nicht den Staub aufgerührt, ich aber vermeine, es ist nur der Herr Kolonel, der kein Aufhebens machen will. Es ist doch um so mancherlei besser, daß nicht davon gesprochen wird.« »Der Kolonel! Wer fand ihn, wer sprach ihn in seinen letzten Augenblicken?« »Das weiß nun keiner eigentlich. Wie sie ihn fanden, da konnte er gar nicht sprechen, hier unter der Brusthöhle, durch die Rippen war ihm die Kugel gegangen. Er stöhnte nur noch, und lag über den großen Stein. Sie trugen ihn vorsichtig auf einer Trage, die sie von Tannenzweigen geschnitten, übers Moor nach Querbelitz, und dann trugen ihn andere nach Ilitz.« »Nach Ilitz? – Starb er da? – Liegt er auf unserem Kirchhof begraben?« »Nein, gnädiger Herr, im Schloß, in der Stube, wo er als Einquartierung lag.« »Tot?« »Gott bewahre! – Der Feldscher sagt aber, da wär' doch sichtlich Gottes Wunder bei. Zwischen den Rippen ist ihm die Kugel durchgegangen, und hinten wieder 'raus, und absolut gar nichts verletzt, wie er sagt, von edlen Teilen. Den Schuß müßte ein Engel geleitet haben.« »Und er – der Mensch – der Franzos?« »Sprach in seinem Wundfieber auch von nichts als von himmlischen Engeln. Na, das kann man sich wohl denken, wer so gepflegt wird! Die Fräuleins treppauf und treppab. Die Mägde dürfen kein Stück Holz hinwerfen; ich möchte sagen, man durfte im Schloß nicht niesen. Das erkennen sie denn auch an, ich meine die Franzosen. Und darum wird auch nicht untersucht werden. – Der französische Doktor, der mit Kurierpferden aus Berlin geholt ward, hat erklärt, in vier Wochen könnte der Herr Kolonel zur Armee. Wir freuten uns aus ganzer Seele für unseren Herrn Major. Da war doch auch keiner, der sich nicht dachte, wie muß darum der gute gnädige Herr froh sein, denn das schlug mit einem Male das abscheuliche Gerede nieder.« – Der Herr von Ilitz atmete auf, aber er brachte die Frage: »Welches Gerede?« nicht über die Lippen. »Das Gerede kam auch nur von schlechten Leuten draußen, die uns nicht kennen. Windelweich hätten unsere in Ilitz und in Querbelitz, ach auch die in Quilitz, jeden geschlagen, der sich unterstanden zu sagen, daß unser Herr mit im Spiel wär'. Nein, da waren wir sicher, und wenn Herr Obristwachtmeister auch ingrimmig wären wie der schwarze Wolf, das hätten Sie nicht übers Herz gebracht. Und schon darum nicht –« »Warum nicht?« Die Frage war heraus wie ein Schuß. »Das untersteht sich unsereins doch nicht auszusprechen. Aber was ganz andere Leute gesagt haben, warum soll's unsereins nicht glauben? Bei uns Bauersleuten ist's was anderes, das ist schon richtig. Wenn ein Mädel, ich meine 'ne Tochter von einem Hof sich verplempert hat mit 'nem Knecht, dann prügelt der Vater sie rechtschaffen durch. Heulen und Zähneklappen gibt's freilich, aber dann ist alles wieder so gut wie vorhin. Den Hof stiehlt keiner fort, und wer auf seinem sitzt, läßt sich denn gern solchen Lümmel aus 'ner Büdnerhütte einschieben, der nichts hat als sein Hemde auf dem Leibe und 'nen Quersack überm Rücken? Da geht das nicht, das Reinheiraten. Aber bei vornehmen Herrschaften, hat man schon immer gehört, gibt es Rücksichten, was unsereins nicht versteht, und vor allem, wenn so ein vornehmer Herr aus der Fremde ins Haus kommt. Und sehr vornehm ist der Herr Kolonel, das wissen wir auch, und ganz was anderes als die anderen französischen Offiziere. Bei denen passiert es auch wohl, daß sie mal einen silbernen Löffel einstecken. Nein, der Herr Kolonel d'Espignac ist aus einem großen Hause: sonst hätte sich ja das gnädige Fräulein auch nicht heimlich mit ihm trauen lassen.« »Köpke, erzählen das die Leute?« »Wie das so geht, die wissen alles. Ein katholischer Priester von den Italienern hat sie getraut. Das ist nachts geschehen im verfallenen Dom in Nauwalk, und die Sterne haben durch die Dachspalten als Zeugen zugesehen. Geheim mußte es so sein von wegen des Kolonel, weil er keine Heiratserlaubnis von seinem Kaiser hatte. Nun, wie es beinahe doch 'rausgekommen, da wären der gnädige Herr über Hals und Kopf nach dem Hauptquartier geritten, daß Sie Fürsprache einlegten und nachwiesen, wie die jungen Herrschaften, wenn alles zusammengeschlagen würde, ihr reglementsmäßiges Auskommen hätten.« »So erzählen die Leuten« »Ja, gnädiger Herr! und deshalb glauben sie, daß der Herr Major so schnell fortritt.« »Und Er auch?« »Ich glaube als ein rechtschaffener Untertan alles, was zu meinem Herrn seiner Ehre ist, und zum Wohlergehen seines gnädigen Hauses,« sprach der Schulz mit sicherer Stimme und eigener Betonung der Worte. Der Herr von Ilitz war schon abgeschwenkt, als er sich noch einmal im Sattel umwandte: »Was Er und die Leute, das glauben sie auch in Ilitz?« »Ich glaube wohl. Der Herr Kandidat hat erst neulich darüber gepredigt: Was Gott zusammengefügt, das soll der Mensch nicht trennen, und was er schlecht angefangen, das bringe Gott oft zum guten Ende.« Als der Major fortgeritten, sah der Schulz ihm noch eine Weile nach und nickte bedächtig mit dem Kopf: »Schwer wird's ihm, aber er muß. Ist ihm schon recht. Nachgeben müssen wir alle, wie hoch oder niedrig wir stehen, und wer 's jung nicht gelernt, dem tut der Nacken weh, wenn sie ihn im Alter ducken.« Vierundvierzigstes Kapitel. Ein politisches Geheimnis. Der Nacken war ihm »geduckt«, dem eisernen Manne. Hatten nicht alle für ihn gelogen, und davon lebte er, der Mann der Wahrheit! Aber es war nicht rostiges Eisen, es war Stahl, darum wollte er sich immer wieder heben und aufschnellen. War es schon ehedem nicht gut gewesen, mit Isegrimm umzugehen, jetzt wußten wenige, wie sie mit ihm dran waren; in dem Augenblick schien er weich, daß man ihn um den Finger wickeln mochte, und dann fuhr und schoß er auf, als hätte der Blitz in ein Pulverfaß geschlagen. Es liegen Tage, Wochen, vielleicht Monate dazwischen, seit wir ihn heimkehren sahen ins Haus seiner Väter, und der Frühling hatte die winterliche Erde mit Knospen, Blättern und Blüten bekleidet, die nur für ihn nicht zu duften und zu blühen schienen. Im Hause aber war vieles anders geworden. Der verwundete Kolonel war genesen und längst zur Armee nach Ostpreußen abgereist. Karoline, die älteste Tochter, war auch fort; sie lebte in Berlin bei einer verwandten Familie, »um sich im Französischen zu perfektionieren.« Alle wußten, sie war die im stillen verlobte Braut des Kolonel Marquis d'Espignac. Einige sagten, sie wäre auch schon in der Stille mit ihm kopuliert worden, der Vater aber wollte nichts davon gesprochen wissen, bis Friede sei. Er haßte die Franzosen nach wie vor, aber es gäbe doch Ausnahmen, hatte er einmal hingeworfen; der Liebe seines Kindes habe er nicht widerstehen können. Das erzählte man den vertrauteren Besuchern; und hinzufügte man, der Herr von der Quarbitz habe darin gleichsam ein Zeichen des Himmels erblickt, daß beide Familien schon früher, wenn der Stammbaum richtig sage, durch ein Ehebündnis in Verbindung getreten waren. Aber jedesmal, wenn das Gespräch darauf kam, verließ der Major das Zimmer. Und doch hatte er nicht verboten darüber zu sprechen. Karoline von der Quarbitz war wirklich durch einen katholischen Priester mit Raoul d'Espignac, Kolonel und Kommandeur in der Armee des Kaisers der Franzosen, heimlich getraut worden. Gerade gegen diese Vertrauten ließ man es fallen; aber wann die Kopulation stattgefunden, ob nach Raouls Genesung oder schon weit früher, das ließ man im Ungewissen. Ebensowenig wußte man, ob der Major zugegen gewesen. Behaupteten doch einige, er hätte seine Tochter erst wiedergesehen, als sie nach Berlin fuhr. Da hätte er das Fenster heimlich geöffnet und der Abfahrenden einen Blick nachgeworfen, und dann wären ihm die Tränen aus den Augen gestürzt: »Das kann ein Vater um sein Kind.« Ausgemacht ist, daß er nie mehr Aug' in Aug' mit dem Kolonel sich begegnete. Und doch wandte d'Espignac jedes Mittel an, ihn zu versöhnen; er hatte aber eines, wo es dem Major Mühe kostete, der Versuchung zu widerstehen. Er brauchte nur sein Pferd zu besteigen und im Hofe Schule zu reiten. Von oben blinzelte dann der Major durch die Fenstergardine und sprach in sich: »'s ist wahr, daran ist reines Vollblut!« Aber als es zum Scheiden kam – Karoline und d'Espignac waren allein unten im Saal – schickte der Vater durch Hans einen Degen herab: der Herr Kolonel möge das kostbare Familienerbstück nicht vergessen! – Da entfärbte sich Raoul d'Espignac und etwas Nasses perlte über seine Wimpern: »Das ist bitter, mehr als bitter. Der Vater ist unversöhnlich.« Als sie ihn fragen wollte, was es sei, schien er über ihren Scheitel die Frage fortstreichen zu wollen. »Die Deutschen sind und bleiben rigorose Bären! Wir trennen doch die schlimme Vergangenheit mit einem scharfen Schnitt von der besseren Gegenwart, und wenn ein Mann, ein Weib, die gesündigt, es wieder gutmachen wollen, nehmen wir sie gern und froh wieder unter uns auf: sie aber, die mit der Ewigkeit vor sich immer zu tun haben, wollen auch die Schuld hinter sich zu einer ewigen erheben.« Karoline soll erwidert haben: sie kenne kein Vaterland hinter sich; ihres sei das, wo die Liebe sie hinführe, die nur sei ewig. Wie dem nun sei, es war aber auch sonst noch viel Heimliches in Haus Ilitz. Man sah den Vater seit letzt mit fremden Männern in den dunkelsten Stellen des Parkes auf und ab gehen; bisweilen, wenn die Nacht einbrach, verschloß er sich mit ihnen in seiner oder des Verwalters Stube. Dann bestieg er auch öfter das Pferd, als er zu tun pflegte, und trotzdem, daß das Podagra ihn wieder heftiger plagte, machte er weite Ritte in die Nachbarschaft, von denen er erst spät heimkehrte. Es seien Geschäfte wegen Kauf und Ankauf von Vieh, sagte er, aber weil er dabei sie nicht ansah, glaubte es die gute Frau von Ilitz nicht. Sie glaubte es noch weniger, weil Minchen eines Abends wieder den Fremden mit ihm in der Verwalterstube gesehen zu haben meinte, welcher zuerst als Viehhändler bei ihnen eingesprochen hatte. Die Frauen aber hatten darauf weniger acht, als es zu anderer Zeit geschehen wäre. Sie hatten auch ihre Geheimnisse, und es war ein stiller Bund, wenn man nicht sagen will eine stille Verschwörung gegen den Vater. Wenn Frühling ist, welcher Tyrann, welcher Polizeimann, mit welchen Knebeln verschließen sie die Knospen! Was reif ist, bricht heraus. In Haus Ilitz war längst das süße Geheimnis herausgebrochen. Die Mägde im Stall flüsterten es nicht mehr, sie sprachen laut davon und lächelten, die gnädige Frau lächelte auch stillvergnügt, wenn sie den Kandidaten und Malchen in stillem Gespräch durch den Garten gehen sahen, und Minchen schwebte um sie bald wie ein neckischer Geist, der sie erschreckte, bald wie ein guter Schutzgeist, der den Mantel ausbreitet gegen den Sturmwind und Neugierige zurückschreckt. Heraus war es, aber – was wird er dazu sagen? – »einen kleinen Sturm wird es geben, auch wohl einen recht heftigen, und dann wird er noch nachpusten, bis Windstille eintritt,« meinte Minchen. Alle meinten: Hat er einmal nachgegeben, so gibt er auch ein zweites Mal nach. Es gab aber noch eine zweite Frage: ob der Vater es schon gemerkt und nur so tue, als ob er nichts wissen und merken wolle? Oder – ob er allein mit Blindheit geschlagen war? Darüber ward viel disputiert; nur die, welche es zunächst anging, waren die ruhigsten, Malchen und Herr Mauritz. Sie sprachen doch wenig miteinander, aber es schien, als verständigten sie sich in großen wie in kleinen Dingen schon durch Blicke; solche Eintracht war in Sinn und Gedanken. Merkwürdiger und schwieriger sei, hatte wohl Minchen gemeint: sie verbargen nichts, und verrieten doch auch nichts denen, die es nicht wissen wollten oder sollten. Ein Sturm war beschlossen, oder sie hofften vielmehr durch eine geschickt geleitete Belagerung um den Sturm zu kommen, nämlich, daß die Festung sich ergeben werde, ehe die Leitern angelegt würden. Minchen und die Mutter mochten da noch manches Aparte haben, was Malchen nur halb, der Kandidat gar nicht wissen sollte. Malchen hoffte; sie war vergnügt wie die Lerchen, die in die Lüfte wirbelten, der Kandidat verriet den heiteren Ernst, der auf alles, also auch auf den Sturm gefaßt ist. »Ist das nun recht vor Gott, daß man froh ist, wenn man weiß, daß andere um uns her traurig sind!« fragte Malchen, als sie vom Kandidaten in der Fliederallee überrascht ward. Vielleicht war es auch keine Ueberraschung. »Gott gab's den Blumen, daß sie duften und blühen sollten, jede in ihrer Art und zu ihrer Zeit, unbekümmert darum, daß, wenn die Rose blüht, das Veilchen schon verwelkt ist, und wenn die Lilie ihre Pracht entfaltet, die Rose den Kopf hängt.« »Das Veilchen war nicht die Schwester der Rose,« sagte Malchen. »Und wenn nun auch die stolze Lilie den Kopf hängen läßt –« Des Kandidaten Antwort galt ihren Gedanken, nicht ihren Worten: »Karoline ist glücklich. Es ist nicht unser Glück, aber gönnen wir doch der Verstoßenen ihres. Ist es kurz, genießt sie's dafür mit vollen Zügen.« »Damit sprichst Du's aus, Albert, sie wird unglücklich. Der Mann ist unwahr. Er konnte mir nie ins Auge sehen.« »Wer berechnet die Ewigkeit der Gefühle! Aber dahin blicke ich ruhiger. Er ist Franzos. In denen kommen die Umschläge wie heftige Gewitter; plötzlich zerstören sie den Frieden der Seele, ebenso schnell reinigen sie die verderbte Luft. Der Sieg des Augenblicks entscheidet oft über ein Leben. Er ward ein anderer auf seinem Schmerzenslager, unter ihrer liebevollen Pflege. Mein Auge hat mich da nicht getäuscht; es war eine gewaltsame Umwandlung.« »Und wenn er dann wieder ein anderer wird!« »Ist Dir nicht gesagt, daß die Lilien auf dem Felde blühen, ohne daß ein Mensch darum sorgte – Und auch da sorge ich nicht,« setzte er nach einer Pause hinzu. »Ein fürchterlicher Ehrgeiz spornt den Mann, und Karoline, die sich von uns losgesagt, kann –« Er hielt wieder inne. »Ich glaube, daß sie zu einander gehören. Da sind Triebe, Leidenschaften, die auf unserem kalten, mageren Boden nicht gedeihen, und Gott schütze uns vor der Saat. Auch Karoline ward eine andere.« Das Gespräch schien eine Weile ohne Worte fortgesetzt zu werden. Sie dachte dem Gesagten nach: »Du hast recht, der Stolz ist es, der Karolinen von uns reißt und trennt. Ich merkte das schon, als Du zu uns kamst. Da lernte sie etwas anderes kennen, was höher, feiner war als unser Wesen. Sie mußte es anerkennen und konnte es doch nicht ertragen, da Du, wie sie meinte, unter ihr standest. Daher ward sie gegen Dich manchmal ungezogen und auffahrend. Ich danke es ihr, denn nun ward ich erst recht aufmerksam darauf. Da kam der Kolonel. – Sie gehörte nicht mehr in unser Haus. Aber wenn sie auch in ihrem neuen einmal einsam und verlassen stände, arm an Freuden und Trost!« »Sie hat einen Trost dann, um den ich sie nicht beneide, ein Glück, das viele mit ihr teilen, sie wird von dem vergangenen Glücke zehren. Es ist nicht der schlechteste Rausch, den die Vorsehung unserer Schwachheit gönnte.« »Aber sie ist die Tochter ihres Vaters. Sie wird nie klagen, nie mitteilen, was sie drückt, nie zu uns zurückkehren – aus Stolz! Für uns ist sie verloren.« »Sie gehorcht dem Wort des Herrn, sie folgt dem Manne und ist eins mit ihm in Freude und Trübsal. Du wirst mich auch nicht verlassen, Geliebte, nicht aus Stolz und nicht aus Reue, wenn Du auch einmal bereuen solltest –« Sie hielt ihm den Mund zu: »Auch scherzen sollst Du nicht so böse. Ich habe Dir noch nicht bewiesen, was ich für Dich kann, und Du hast mir den höchsten Beweis Deines Vertrauens geschenkt: was keiner Frau Ohr hören sollte, wie der Vater befohlen, hast Du mir mitgeteilt –« Sie hielt plötzlich inne und zog den Freund tiefer hinter den Fliederbusch. Im Hauptgang des Parks näherte sich der Major. Er war den ganzen Tag ausgefahren gewesen und unerwartet früh zurückgekehrt. Den Wagen mußte er draußen abgegeben haben, um schneller oder kühler durch den Garten das Haus zu erreichen. Erhitzt, in sichtlicher Aufregung schritt er an ihnen vorüber und war verschwunden, ohne sie bemerkt zu haben. »O weh!« rief Malchen. »Herr Gott, seine Zornader die ist schrecklich.« Auch der Kandidat hatte sie gesehen. Sie bat ihn, jetzt nicht zu gehen. »Du kennst den großen Sturm, der heraufzieht, soll ich da vor einem kleinen bangen, weil er mich treffen mag?« »Aber nicht mutwillig ihm begegnen. Hast Du nur mich gelehrt, wie wir uns fügen sollen in Gottes Willen, und auf seine Winke achten, durch welche er so oft die Guten aufgespart hat, wenn sein Sturm vernichtend über die Völker rauscht.« »Wenn er nur nicht losbräche!« sprach er in die Wolken blickend. Er hatte ihr mitgeteilt, was kein nicht Eingeweihter wissen sollte. Es war gegen das Abkommen mit dem Major und seinem Bundesfreunde Asten. Er hatte es getan, weil er ihren Geist reif hielt, ihre Seele stark genug, weil er meinte, daß in so erschütternden Katastrophen auch das zarte Weib mit dem Manne für das Vaterland fühlen und leben müsse, um stark zu werden, mit ihm das Schlimmste zu ertragen – hatte er sich gesagt – wir sind erfinderisch, wenn wir uns selbst belügen. Vor sich im Beichtstuhl würde er bekannt haben: es sei ein schwacher Augenblick gewesen, wo es ihn überkommen, nichts auf der Seele zu behalten, was die Geliebte nicht mit ihm trüge. Aber er hatte nur in allgemeinen Umrissen das Geheimnis ihr mitgeteilt. Sie war stark geworden und doch ein Weib, ihre Neugier war durch jenen Ausruf gereizt, und sie forderte jetzt die ganze Wahrheit. die ganze Erwartung: »Ich muß doch wissen, ob Eure Hoffnung so schwach ist, daß ein Lüftchen sie fortträgt.« »Stark und schwach. Sie sind endlich in Königsberg zum Entschluß gekommen, aus sich herauszugehen. Sie haben erkannt, daß gegen den außerordentlichen Geist Außerordentliches gewagt sein muß. Man hat seit Monaten Truppen, so viel man in Preußen erübrigen konnte, zur See nach Rügen gesandt. Der tapfere Reitergeneral Blücher hat das Kommando, tüchtige Offiziere stehen den einzelnen Truppenteilen vor, der Major von der Marwitz, ein resoluter Militär, hat eine Freischar geworben, und um Kolberg herum rechnet man auf erneute Kraftanstrengungen des kühnen und glücklichen Schill. Auch in Schweden ist der König endlich zum Kriege entschlossen und bereit, und täglich erwartet man eine englische Flotte, die durch den Sund nach Stralsund zusegelt, um Munition und Mannschaft zu bringen. Vereint wird man dann am entscheidenden Tage über die Grenze rücken. Bis jetzt sind alle Kombinationen glücklich. Wenn Bonaparte darum weiß, hat er es nicht beachtet, er verachtet uns, weil er uns Kühnheit und Glück nicht zutraut. Pommern, die Marken sind fast von Truppen entblößt. Sein General Brune, den er als Wächter hingestellt, kann mit seinen Brigaden nicht alle Wege nach der Hauptstadt verlegen, und wenn, so sind wir stärker als er. In forzierten Märschen, mit Wagen und Pferden, so viel man auftreibt; geht es auf Berlin los, und man kann es erreichen, wenn Brune geschlagen wird, ehe die französischen Korps aus Sachsen und Schlesien herbeigezogen sind. Ist der Feind so in seinem Rücken attackiert, von seinen Alliierten und von Frankreich abgeschnitten, dann wird auch, so hoffen wir, eine Stimme in dem anderen Deutschland sich erheben, und mehr als Worte, das Volk wird zu der Tat aufstehen, während die Unseren am Pregel und Niemen mit erneutem Mut seine Waffen fesseln, seine Wut brechen.« Amaliens Gesicht strahlte: »Du jauchzest nicht, Du bist so ernst bei der Botschaft, die Dein Herz erheben muß. Sorgst Du um mich, um uns, weil der Sturm über unser Haus weht und es umwerfen kann? Die Schrecknisse, die einem Orte drohen, wo feindliche Heere sich begegnen, kenne ich ja schon. Ich bin nicht zur Heldin geboren, aber ich will Deiner und meines Vaters würdig sein.« Er schüttelte den Kopf: »Das liegt in Gottes Hand; wer vom Sturm geknickt wird, wer ihn übersteht, ist sein Wille.« »So besorgst Du, daß es doch verraten ward, oder daß unsere nicht stark genug sind?« »Wenn Blücher, Schweden und Engländer Brune werfen und Berlin erreichen, ist's ein glücklicher Handstreich, der unsere Lage bessern mag, aber nichts Entscheidendes in die große Wagschale wirft. Wir danken der fremden Hilfe im besten Falle das Beste, nicht uns selbst. Und das allein gilt es. Wenn nicht Pommern, die Marken, wenn das Volk nicht aufsteht, bleibt es ein so vereinzelter, verlorener, als jener in unserer unglücklichen Kreisstadt. Das ist die große Frage, die über uns schwebt, die mich bang stimmt: werden sie den Ruf an ihr Heiligstes verstehen, werden sie sich erheben aus ihrer Trägheit und Gleichgültigkeit, wird der heilige Zorn zur allmächtigen Flamme auflodern, werden sie fühlen, daß es jetzt oder nie gilt, ob sie ein Volk bleiben oder ausgelöscht werden aus der Reihe der Lebendigen? Das, Geliebte, entscheidet sich jetzt, die Glocken werden läuten, die Flammensäulen aufsteigen, die Trommeln wirbeln, die Herolde rufen. Kommen sie nicht, kommen sie sparsam, blickt einer nach dem andern, was er tun wird – dann – weg die trüben Gedanken!« »Du Albert –« »Ich,« sprach er aufstehend und die Brust schlug so heftig, daß sie die Worte erstickte. »Du wirst dem Rufe des Vaterlandes folgen.« »Dienen ihm, um Dich zu verdienen. So sind wir alle egoistisch; ich glaubte, es sei eine reine, heilige Flamme in mir, absichtslos und rücksichtslos, und aus dem freien Vaterlande, dem Ziele vor mir, strahlt mir ein Punkt entgegen und es ist mein eigen Glück. Ich will Dich nicht aus Gnaden geschenkt haben, ich will Dich erwerben.« Fünfundvierzigstes Kapitel. Ihr von Ilitz, Ihr von Ilitz, Solltet nimmermehr nach Quilitz! Warum war Isegrimm nach Quilitz gefahren? Wenn er auch das fatale Lied nie hören mochte, hatte er doch sein lebelang den geheimnisvollen Worten wie einer Warnungsstimme gehorcht. Aber er hatte sie diesmal rationalistisch ausgelegt und sich gesagt: es ist nicht gut, wenn einer von den Ilitzern aus freien Stücken und um seiner selbst willen nach Quilitz geht, es ist jedoch etwas anderes, sich zu anderen als persönlichen Zwecken, nämlich für das Allgemeinwohl, für das Vaterland, dahin begeben. Isegrimm war zum Advokaten und zum Jesuiten verdorben, er hatte von der buchstäblichen Auslegung nur Verdruß. – Nach Quilitz sagte ich; Schloß Quilitz war freilich bis auf ein Drittel abgetragen und versteigert, aber man nannte es immer noch »nach Quilitz«, ob man nun nach einem Vorwerk, oder nach Schmachtenhagen und Schwanebück ritt. Es war in den Amt und alten Klosterstuben nirgend behaglich. Soll es doch das auch, als das italienische Schloß noch stand, in seinen weiten Räumen nicht gewesen sein, wo der Zugwind durch Tür und Fenster blies, und doch kein Ofen zog; weil der Baumeister nicht an Schlote und Röhren für sie gedacht hatte. Es war oft mehr Rauch im Zimmer als Möbel. Wer dafür von der Pracht der Tapeten sich einen Begriff machen wollte, der konnte noch jetzt die Fetzen im Schutt umherliegen sehen. Viele waren nach Quilitz gekommen, die Gutes gewollt; schade nur, sie brachten es nicht, sie wollten es holen – Trost, Rat, Mut, den Uebeln zu widerstehen. Schon die Form, die Jagdpartie, war manchem bedenklich erschienen. Es gab da eine sehr unangenehme Erinnerung aus jüngster Zeit, und der geringste Unfall konnte zu üblen Deutungen Anlaß geben. Einige hatten gesagt, das kam davon, daß man Pastoren mitgenommen, Schwarzröcke verderben immer das Spiel; andere hatten dafür, damit es nicht gestört werde, französische Employés eingeladen. Der Wald war weit, in den Stuben waren viele Ecken, dies hinderte also nicht die Diskussion, wenn nur mehr dagewesen wären, die Rat und Tat brachten als Worte und Klagen. Was hilft es dem, den der Schuh drückt, zu hören, wo den anderen der Stiefel preßt. Zu Opfern waren alle bereit. Da war keiner, der es nicht beteuerte: um der allgemeinen Not abzuhelfen, sei kein Opfer zu groß. Wenn man aber den einzelnen fragte, was er geben wolle, meinte jeder, er für sein Teil habe schon genug gegeben, er erwartete eine Ausgleichung von den Gaben der anderen. Und dann müsse man doch auch die Zeitverhältnisse berücksichtigen, man wisse ja nicht, was man noch werde zu leisten und zu tun haben. Es war Kunde hergedrungen von der Konvention in Bartenstein, wo Rußland und Preußen sich zu gegenseitiger Ausdauer und Unterstützung verpflichtet. Ja, man habe dort weitaussehende Pläne entworfen von einer allgemeinen Konföderation aller noch unabhängigen Staaten gegen den Welteroberer. – Das war eine verspätete Nachricht. Der Hofmarschall wußte schon von der Kabale im russischen Heere, es verlautete, daß Bennigsen die Armee hinter den Niemen geführt, um den Kaiser Alexander zum Frieden zu nötigen. Es ging schon wie eine dumpfe Dröhnung um, daß infolge jenes Rückzugs Danzig, ja eine neue Schlacht verloren sei. Der Johanniter von Quiritz kam später hinzu und wußte noch mehr: daß Rußland bereits mit Napoleon in Unterhandlungen stehe, denen Preußen als Opfer fallen werde. Napoleon habe Alexander zu überzeugen gewußt, daß, um Frieden und Glück in Europa herzustellen, nur zwei Mächte darüber herrschen dürften, im Osten sei dies Rußlands Aufgabe, im Westen Frankreichs, das Band ihrer natürlichen Verbindung sei ihr gemeinsames Interesse gegen das meerbeherrschende England, den wahren Despoten des Gewerbefleißes und des Handels in der ganzen Welt. Um diese Einigung bündig zu machen, sei eine Teilung der europäischen Türkei projektiert, und Napoleon wolle Rußland die Einverleibung Finnlands und der baltischen Küste zubilligen, so weit, als es ihm dienlich scheine, um die Britten vom Festlande auszuschließen. Man sah nur gesenkte Köpfe in den gesonderten Gruppen. »Opfer, meine Herren, so viel man von uns fordert, so viel wir geben können,« sprach der Hofmarschall. »Darüber ist, ich hoffe doch, unter uns keine Frage. Aber die Frage ist wohl: wem opfern und zu welchem Zwecke? Kommt unser voriger Landesherr zurück, nun mein Gott, wer wird da nicht gern sein Alles dem heißgeliebten Könige zu Füßen legen! Aber jetzt, auf die eine oder andere Art es zu tun, heißt gegen ihn und gegen uns zugleich operieren. Gesetzt den günstigsten Fall, es käme ihm etwas davon zu, das wäre ja nur ein Tropfen auf einen heißen Stein. Tausend gegen eins, was wir tun und geben, erreicht ihn nicht und verstärkt die Macht und Mittel seiner Feinde. Sieht denn nicht der Unverstand selbst ein, daß alle die Efforts, irgendwo in einem Winkel des Landes für ihn zu werben, Freischaren zu equipieren, kleine Festungen zu halten, das Volk aufzuregen, gar, ganz und gar nichts gewirkt haben, als unsere Lage verzweifelter, uns immer ärmer zu machen. Jetzt ist alles verloren, es ist kein Retter da! was wir tun, ist in ein bodenloses Faß geworfen. Was wir für uns erhalten, das bedenke man wohl, ist für den König gerettet, wenn er durch ein Wunder zurückkehren sollte. Ich möchte sagen, so paradox es klingt, wir opfern uns für ihn, wenn wir uns selbst erhalten.« »Wenn er aber nicht zurückkehrt?« »Wenn wir französisch bleiben?« – »Wenn wir russisch werden sollten?« »Auch an das Schrecklichste muß man denken, wo wir in lauter Schrecken leben, ich spreche es mit Zittern aus, aber ich muß es aussprechen,« fuhr der Redner fort. »Auch dann, meine Herren, ist es Pflicht gegen das Land, gegen den neuen Herrscher, uns zu erhalten. Ist es mehr unser Interesse, oder der Tausende im Lande, armer und reicher, großer und kleiner Leute, welche sie besitzen, wenn die Zinsen der Pfandbriefe richtig bezahlt werden? Wovon prosperieren die Städte, wodurch kommt wohlfeiles Getreide auf die Märkte? Nicht durch die Bauern. Die produzieren gelten viel mehr, als sie verzehren. Nein, durch die Ernten der großen, besser kultivierten Rittergüter. Wir machen den Bürgern das Leben wohlfeil, und ihre Kaufleute jeder Art empfinden es zuerst und am meisten, wenn wir einen guten Markt gehabt. Es muß jedes Sinnes, jeder Obrigkeit erste Sorge sein, daß der große Grundbesitz gesichert und geschützt wird, denn er ist der Damm gegen die Fluten, denen der kleine Besitz nicht widersteht, und die Schatzkammer, aus der man in der Zeit der Not schöpft, wenn die anderen Quellen versiegt sind.« Seine Gründe waren damit noch nicht versiegt, aber die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer. Die jüngste Mitteilung hatte niederdrückend gewirkt, weil sie so ganz unerwartet kam. Aus einem letzten Freunde, an dessen Busen man sich vertrauensvoll warf, sollte unerwartet ein Feind geworden, Preußen durch einen Judaskuß verraten sein! Französisch zu werden, waren viele gefaßt, an Rußland verkauft zu sein, schien in den Köpfen einen Aufstand zu wirken. »Die Politik fordert ihre Opfer, und die diplomatischen Rücksichten, meine Herren und Freunde, reichen über unseren Horizont hinaus,« sagte der Hofmarschall. »Das darf uns, als vernünftige Menschen, also eigentlich noch gar nicht kümmern. Um so törichter aber, wo alle von uns fordern, wir wissen noch gar nicht was, noch freiwillig Opfer bringen wollen! Seine Majestät der Kaiser ist übrigens, wie aller Welt bekannt, einer der liebenswürdigsten und ritterlichsten Fürsten, unter dem zu dienen jeder Kavalier sich zur besonderen Ehre anrechnet.« Russisch werden! die Vorstellung summte doch gar zu störend durch die Köpfe. Knute! polnische Wirtschaft! Bestechung! Sibirien! Es waren nur hingeworfene Worte, ausgestoßene Laute, die Tonnen im Hafen, welche Strömung und Untiefen anzeigen. »So oder so, meine Herren,« sagte der Johanniter, mit einigen seitwärts gehend, »am Ende ist es egal. Einem großen Reiche angehören, ist immer ein Glück für den einzelnen; es ist wohl auch der bewußte oder unbewußte Trieb und Wunsch der Völker und der Menschen von je gewesen; denn wäre dieser Trieb den Welteroberern nicht entgegengekommen, hätte es schwerlich so viele Universalmonarchien oder glückliche Ansätze dazu gegeben. Fragen Sie sich nur: was verlieren wir und was gewinnen wir? Wir namentlich – ich meine, wenn es Ernst wird! Die Fluten, die über den Wall schlagen, kommen von vielen Seiten, und wenn wir über die eine weg sind, können sie plötzlich von der anderen einbrechen. Ich bin gewiß ein Patriot wie einer unter uns, aber wo werden wir mehr bluten müssen: wenn wir wieder preußisch werden, oder einer großen Weltmonarchie einverleibt? Französisch, nun ja, es käme viel Schererei über uns, doch aber mehr nominell als reell. Setzen wir uns weg über ihre Maires, Adjoins, ihre Präfektenwirtschaft, so läßt sich am Ende mit einem einzelnen Präfekten weit vernünftiger reden, als mit unseren Kammer-, Kriegs- und Regierungsräten, die, wenn sie was Dummes tun, hinter ihr Kollegium retirieren. Mit dem disputiere ein Edelmann, der sich in seinem Rechte gekränkt fühlt! Man soll es gleich mit der Majestät zu tun gehabt haben, und kriegt wohl noch, statt seines Rechtes einen fiskalischen Prozeß auf den Hals! Ein französischer Präfekt, wenn auch ein noch so aufgeblasener Kerl, ist ein Mensch und empfänglich. Ueberdem wird es Napoleon wahrhaftig mehr darum zu tun sein, sich mit denen im neuen Lande gut zu stellen, welche was zu bedeuten haben, als mit den Theorien, die ihm den Weg zum Throne bahnten. Den Krimskrams wirft er weg mit einigen Redensarten, denn seinen Vorteil versteht er, und wenn wir ihn verstehen, bleibt für uns auch unter einer französischen Monarchie alles beim alten.« »Aber was ist ein deutscher Edelmann im russischen Kaisertum?« »Ich gebe Ihnen alles zu, was Sie damit sagen wollen,« nahm der Hofmarschall, der hinzugetreten, das Wort; »aber mit der Zeit gewöhnt man sich an alles. Im Anfange würde man uns streicheln und auf Händen tragen; ein neu erworbenes Land muß kajoliert werden, wie der Herr von Quiritz richtig gesagt hat. Wir dürfen uns aber nicht täuschen, daß das lange dauert. Aus den Flaumfedern würden die eisernen Krallen bald zum Vorschein kommen, und ein Recht und ein Privilegium nach dem andern uns genommen werden. Gewiß. Aber das Fazit wäre falsch, daß wir darum weniger hätten als vorher. Es wäre nur ein Tausch; was man uns hier nähme, dafür legt man auf der anderen Seite zu. Ich will nichts davon gesagt haben, welche Karriere, welche glänzenden Aemter in Zivil und Militär sich unserem Adel am kaiserlichen Hofe öffnen. Aber müssen wir uns hierhin tiefer bücken, können wir dorthin ganz anders, mit geradem Nacken stehen. Diese ewigen Prozesse mit unseren störrischen Bauern, glauben Sie, meine Herren, daß sie fortdauern würden? Fährt auch einmal ein grimmiger Visitator in unseren Hof, so kann man mit ihm reden. Verständigt man sich nicht sogleich, so gibt er an, welche Sprache man reden soll. Verstehen unsere Räte und Beamten diese Sprache? Das dampft ja alles voll Weisheit, und wer nicht am grünen Tische gesessen hat, ist für sie kein Mensch. Der Kostenpunkt kommt auch nicht in Betracht, denn rechne doch jeder nur zusammen, was ein legaliter alljährlich zahlen muß, damit die Maschine in Rotation bleibt. Räder muß man überall schmieren, das ist ein populär Wort, aber eine Maxime, die so alt ist wie die Welt. Was streiten über die Art! die ist doch die beste, wo die Räder am schnellsten und geräuschlosesten in Gang gebracht werden und wo die Schmiere am wohlfeilsten ist. Aber da sage ich ohne alle Nutzanwendung. Wir wollen das Beste hoffen, aber das Schlimmste ist nicht so schlimm wie es aussieht.« Die Rede fand nur stummen Anklang. Eine Stimme ward laut: »Es ist dieselbe Schmiere; zahlen müssen wir da und dort. Und der Gutsbesitzer zu allererst; denn Grund und Boden kann nicht fortlaufen und sich verstecken.« »Nur mit dem Unterschied, meine Herren,« fiel der Quiritzer ein, »was ich aber nur ganz unter uns gesagt haben will: das meiste werden wir zahlen, wenn wir preußisch bleiben. Ich sage nichts von den Kontributionen an die Franzosen, die unerschwinglich sein werden, aber weit größer werden die Opfer sein, die man von uns fordern muß, um die leeren Kassen zu füllen, das Verbrannte und Zerstörte wieder aufzubauen, den Glanz des Thrones, unser Militär, unsere Zivilverwaltung herzustellen. Wenn wir also rechnen wollten, wäre das Fazit: besser französisch und russisch, als preußisch. Davon kann natürlich unter Patrioten nicht die Rede sein, aber auf etwas anderes mache ich Sie aufmerksam. Wie wird man herstellen? Was man in Königsberg für Projekte macht, welche Männer sich um Ihre Majestäten drängen, davon haben Sie alle gehört. Man will radikal, von unten auf, bessern, herstellen, wie sie's nennen. Wer schützt uns da, daß es nicht ein Umstürzen wird! Auf uns Gutsbesitzer wird der ganze Druck fallen; wenn man, um die Löcher im Staat zu flicken und zu stopfen, uns nur nicht ein gutes Stück und ein gutes Recht ums andere nimmt. Was davon zu uns herüberklingt, meine Herren, ich fürchte, daß wir in den philosophischen Staatsmännern ärgere Feinde bekommen, als die Franzosen es sind, die Russen es dem Adel werden können. Der liebe Himmel schütze uns davor, aber das ist meine Ueberzeugung, so schlimm es auch sonst sei, hüben und drüben, der kaiserliche Adel im Abend und der im Morgen würde seine Flügel besser über den Adel und die großen Grundbesitzer ausbreiten als unserer, wenn Philosophen und Theoretiker darauf reiten.« Es mußte viel im Major von der Quarbitz geknickt sein, daß er zu solchen Reden schwieg. Baron Wahrnim-Kautzenburg holte ihn mühsam ein, als er mit stolzen Schritten sich entfernte. Der freundliche Mann erschrak, als er nach seiner Hand griff, und die kalt zusammengepreßte kaum in der seinen sich löste. »Nicht zu schnell geurteilt, lieber Major. Ihre Zunge ist schlimmer als Ihr Herz.« »Verteidige einer den Adel, wenn man das von Edelleuten hören muß!« »Sollen die Edelleute nicht auch Menschen sein? Das sind Disputationen; wenn die Tat losgelassen wird, wollen wir weiter sehen. Der Tell war auch nicht vom Rütlibunde, und doch der erste, der den Pfeil abschoß.« »Das Vaterland muß doch das erste sein.« »Zugegeben.« »Und der Edelmann der Erstberufene, Wort und Arm für seine Verteidigung zu erheben.« »Gut, wenn er es ist; aber nach dem, was wir erlebt, müssen wir schon zufrieden sein, wenn er nur der zweite ist.« Der Ilitzer sah ihn scharf an: »Ernst oder Scherz?« »Mein werter Freund, was bürden Sie dem Edelmann Pflichten auf, wo wir Stimmen hören, die uns beweisen wollen, daß diese Pflichten allüberall eine Illusion, eine Täuschung über das sind, was unser Beruf sei. Die Deutschen seien einmal kein politisches Volk; wenn sie noch jetzt nach politischer Größe strebten, sei es eine Torheit. Man beweist uns, der Kulturberuf und die politische Bedeutung eines Volkes seien nicht identisch, ein Stamm könne vielmehr große Schöpfungsaufgaben erfüllen, ohne um deshalb zu geschichtlicher Macht und Ansehen emporzuwachsen. Gerade weil in unserem Volke jede Meinung für berechtigt gehalten wird, weil wir bestimmt schienen, die geistige Freiheit in der Weltgeschichte zur höchsten Geltung zu bringen, könnten wir niemals zu einer politischen Macht erwachsen. Weil wir mehrmals die Geschicke Europas in unserer Hand gehabt; um sie schnell immer wieder an andere Stämme abzutreten, was eigentlich die Geschichte und das Schicksal des deutschen Volkes, sei dies ein sicheres Zeichen, ein Wink der Vorsehung, daß wir uns selbst bescheiden sollten, Kunst und Wissenschaft pflegen, die Weisheit in alten Büchern studieren, unseren Boden pflegen und meliorieren, und was darüber hinaus, dem lieben Gott überlassen und den Potentaten und Kriegsherren, die Gewalt über uns bekommen. Ich versichere Sie, es sind nicht die Schlechtesten, die das Lied anstimmen, weise Staatsmänner, hoch in Ehren und Ansehen, Edelleute darunter vom reinsten Blute.« Ein leises Zittern konnte man am Major bemerken, die Zornader schwoll aber nicht. Er hatte gelernt, sich bekämpfen: »Ich hörte diese Sirenenstimmen! Sie haben auch mich einmal gelockt, aber ich merkte das Schlangengezisch beizeiten. Gott sei gepriesen! Auf uns waren sie berechnet. Mit dem Köder der Wahrheit an der Angel wollten sie 's fangen: Wer mache denn Politik, zu wessen Gunsten werde sie gemacht, als für die Müßigen, Gelehrten, Ehrgeizigen, Spekulanten. Die leben nur in den Städten, in den Kaffeehäusern und Theatern, an den Universitäten und an den Höfen. Was uns das angehe, was uns das fromme, welche Staatsmänner am Ruder, welche Partei die Aemter schlucke, ob wir uns immer und immerfort von diesen Faiseurs des Zeitvertreibes am Gängelbande führen lassen wollten. Das Land müsse willenlos alles mitmachen, dulden, leiden, was jene erfinden, ohne an ihren Vorzügen und Vorteilen zu partizipieren. Ob wir uns immer von den geistreichen Herren narren lassen wollen? Es war Wahrheit drin, ja; aber wenn man auf eine Wahrheit wie ein Stier losrennt, fällt man in des Teufels Stricke. Hat das Landvolk nicht auch Politik gemacht, als die Schweden uns brandschatzten, haben Bauern und Edelleute nicht miteinander losgedroschen auf die Mordbrenner nach dem Tage von Fehrbellin, und aus den Städten kam nicht die Ordre. Es war nicht Mode dort. Wenn Sie noch weiter gehen und sagen: was kümmert uns das Regiment, ob's die oder die Farbe trägt, wenn wir Steuern zahlen, dem oder dem Fürsten? Herr, das ist des Satans Stimme, der den Menschen trennen will vom Lande, aus dem, für das er geboren. Eure philanthropische Allerweltweisheit zum Geier! ich kann nicht in den Lüften fliegen, ich muß Boden unter mir, ein Vaterland haben, und der Preuße, der da spricht, wir leben in einem und unter einem Volke, das nur einen Kulturberuf hat, keine Bedeutung, keine Aufgabe für die Welt, den klage ich an des Hochverrats und der Blasphemie gegen die großen Toten, den Kurfürsten Friedrich Wilhelm, gegen unseren großen, einzigen Friedrich. Haben wir nicht gesündigt? Sind wir nicht auch als Christen verpflichtet, das Böse mit Gutem zu überwinden, auszuradieren als reuige Sünder das Blatt von Basel aus der Tafel der Geschichte, als Männer, Ritter gutzumachen, was wir gefehlt bei Jena und Auerstedt! Solange das Kind den Namen des alten Fritz lallt, solange sein Bild an den Wänden hängt, ist der ein schlechter Preuße, ein Verräter an seiner Geschichte und seinem Volke und seinem Königshause, der da sagt: Preußen hat keinen Beruf, in der Welt mitzusprechen, und tut genug, wenn es fein und artig mitläuft, wohin die anderen rennen oder kriechen. Nein, nimmermehr! Ja, auf uns, auf dem Bauer, den Rittern lastet's, was die Glatten von den Schultern sich abschütteln. Das ist wahr, aber wie die Erde den Druck und die Schmerzen zuletzt und zumeist fühlt, und doch nicht zürnt, und doch in jedem Frühling wie am Schöpfungstage grünt, und aus ihrem Schoß den Segen spendet, darum ist's an uns, es ihr nachzutun. Die Erde, eine Scholle Kot, kennt ihre Pflicht; wir atmen, leben, fühlen, und sollen sie nicht kennen?« Der Kautzenburger hatte ihm freundlich ernst zugehört »Werden Sie konstant bleiben?« »Herr! – hier ist doch nicht Zeit zum Scherzen.« »Gewiß nicht. Aber in Königsberg sind inzwischen Dinge vorgegangen. Hardenberg hat gesiegt. Es hat heftige Szenen gegeben. Voß, Schröter und die anderen sind aus dem Felde geschlagen. Voß hat seinen Abschied genommen und reist über Kopenhagen nach Havelberg; Zastrow, verstimmt, schlug ein Kommando aus und hat seine Entlassung erhalten. Hardenberg, im vollen Besitz der königlichen Gunst, durch den ausgewechselten Blücher unterstützt, arbeitet mit Schön, Altenstein, Niebuhr, Stägemann an unserer Regeneration. Sie sind voller Freude. Wenn Preußen ein Staat bleibt, wissen Sie, was diese Regeneration sagen will? Was Hardenberg erforderlich findet zu einer zweckmäßigen Verwaltung sind Steins Pläne, aber der biegsame, weiche Mann wird noch weitergehen als der eiserne Freiherr. Von welcher Elastizität ist der Satz: daß Preußens Gedeihen erfordere, alle in ihm liegenden geistigen und Naturkräfte hervorzurufen. Ihnen und mir gefällt es, wenn es heißt: man müsse die Fesseln brechen, wodurch die Bureaukratie den Aufschwung menschlicher Tätigkeit hindert, die Anhänglichkeit an den Mechanismus erdrücken; aber werden sie nicht noch andere Fesseln brechen wollen, einen andern Mechanismus zu erdrücken trachten, der uns ein Organismus dünkt? Die Nation soll gewöhnt werden, ihre eigenen Geschäfte zu verwalten, aus dem Zustande ihrer Kindheit herauszutreten. Man töte, indem man den Eigentümer von der Teilnahme an der Verwaltung entfernt, den Gemeingeist und den Geist der Monarchie. Wo Eigentümern Stellen unentgeltlich übertragen würden, seien Staatsausgaben unendlich geringer, als wo ein Heer besoldeter Beamten sie versieht. Aber was bedeute die Ersparnis gegen die Erweckung des Gemeingeistes! Man spricht von der Vortrefflichkeit der Stände, daß die Städte neue Ordnungen erhalten müssen, die jeden Kontribunenten zur Teilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten berechtigten. Man spricht noch mehr von der Berufung aller Stände zu zahlreicheren Versammlungen, die beim Wohl des Staates mitsprechen sollten, sobald der Sinn für das Gemeinwohl in den anderen Schichten und Kreisen erst wach geworden. Das klingt alles sehr schön, aber Sie, Major, wissen wie ich, was dahinter steckt. Wenn ich aus Erbarmen für den armen Vogel meines Nachbars Bauer aufmache, schenke ich dem Vogel allerdings die Freiheit, aber mein Nachbar verliert seine Nachtigall. Man wird ins Fleisch schneiden, und das ist unseres, und wer hat nicht sein Fleisch lieb! Die Klöster rettet nichts, auch unsere Stifte wenden dran glauben müssen; was von unserer Steuerfreiheit uns geblieben, geht in den Wind. Auch die Portepees werden kein Privilegium für unsere Kadetten bleiben. Ob man uns unsere Bauern läßt, ob wir mit ihnen teilen müssen, ob sie uns noch werden Dienste tun, oder wir vor ihnen den Hut abziehen müssen, ob wir Patrone bleiben, Gerichtsherren, das ist alles nun in Frage gestellt. Es ginge nicht anders, um uns zu retten, sagen sie. Viele werden's nicht glauben, und andere kalkulieren – nun, Sie haben den Kalkul gehört. Die Herren haben recht, Kaiser Napoleon wird sich den Geier kümmern um philantropische Ideen und unsere Bauern, und Kaiser Alexander würde uns in Rechten und Besitztum schützen. Werden Sie sprechen wie vorhin, wenn man uns die Schröpfköpfe anlegt und das Messer zum Einschneiden wetzt?« »Ich werde sprechen, Herr von Wahrnim, wenn es dazu Zeit ist. Jetzt kenne ich nur meine Pflicht zu tun, was not ist und die Ehre fordert.« Ein kräftiger Händedruck des Kautzenburgers antwortete ihm: »So hatte ich's von Ihnen erwartet. So lauten die Stimmen unserer Besten: wolle der Himmel, daß sie ausdauern im guten Entschluß auch in anderer Zeit! So schrieb mir eben Graf Arnim: ›Im Augenblick der Gefahr soll nichts, keine Rücksicht mich abhalten, zur Rettung des Staates, dessen geborenes Glied ich bin. Wo es mein Gefühl empört, diesen Staat, seine alte Ehre und seine Unabhängigkeit verlieren zu sehen, fühle ich doppelt, wie gerade mein Stand berufen ist, sein Alles einzusetzen. ‹ Ich könnte Ihnen viele Briefe der Art zeigen, ich weiß noch vieles, was uns den Mut erheben mag. Darum vergessen Sie, was Sie dort hörten. Gerade diese, die so klug sich in die Resignation hineinräsonnierten, sind, was gilt die Wette, wenn die Trompete schmettert, die ersten auf dem Pferde. Das Räsonnieren, auch gegen die eigene Natur, ist märkische Natur.« »An der Tapferkeit meiner Landsleute habe ich nie gezweifelt. Aber der Boden brennt.« »Weshalb konvozierte man sie da zum Konseil! Das war nichts. Laßt die Flammen 'rausschlagen, dann glaube ich wieder an alles. Autorität und einiger Succeß, Fahnen und Kommandeurs, und das Land steht auf. Ich war nie Militär, aber ich sehe schon die Bursche ihre Kittel und Knittel wegwerfen und nach Flinten und Patronentaschen greifen. Mein neuer Nachbar, der Baron Eppenstein, ein prächtiger Mensch, ich hätte es ihm nicht zugetraut, er hat ganz im stillen seine jungen Burschen, statt zu arbeiten in der Fabrik, exerzieren lassen. Er stellt ein paar Dutzend. Das Beispiel hat schon gut gewirkt; andere tun's ihm nach. – Die waffenfähige Mannschaft, die Brune kommandiert, ist weit geringer, als wir glaubten. – Wie gesagt, ein ernster Succeß und –« »Und inzwischen können sie Frieden geschlossen haben. Nach diesen Nachrichten –« »Nicht so lange Hardenberg da ist! Er trainiert die Sache in Erwartung der Katastrophe hier. Wissen Sie, was Napoleon von ihm gesagt? Lieber vierzig Jahre länger Krieg führen, als mit dem Mann unterhandeln. Aber ich habe noch einen Balsamtropfen, der die Runzeln von Ihrer Stirn glätten soll. Endlich fühlen sie, daß sie eines Retters bedürfen. Hardenberg hat es durchgesetzt, Stein wird zurückberufen.« »Wie – und kommt nicht – kann nicht kommen nach der Kränkung!« »Auch Wallenstein ließ sich erbitten. Hardenberg, Blücher, Prinzeß Radziwill haben an ihn geschrieben. Wenn er solchen Bitten nicht nachgiebt! Wenn eine edle Prinzessin zu ihm ruft: sie hoffe auf seine Großmut; nicht das Glück der Feinde, Mutlosigkeit vielmehr und Schwäche haben Preußen unterjocht. Sie segnet ihren gefallenen Bruder, daß er die Schmach nicht mehr erlebt, sie fleht ihn an bei dem edlen Schatten, daß der edelste Mann das Vergangene vergesse, daß er nicht an sich denke, daß er durch seinen großen Sinn die kleinen Geister beschäme. Glauben Sie, daß Stein widersteht?« »Er soll krank sein.« »Solche Sprache ist Arzenei. Stein ist auch ein Mensch. Halten Sie ihn für unzugänglich der schönen Eitelkeit, der Retter des Vaterlandes zu werden? Reißt ihn die Pflicht nicht aus dem Bett, tut es nicht der Rittersinn, einer edlen Fürstin zu gehorchen, so tun's Graf Finkensteins Worte. Durch meine Hand ging der Brief an ihn: ›Sie allein werden imstande sein, das Ungeziefer der Selbstsüchtigen, der Verräter, und, was ebenso schlecht ist, der Dummköpfe auszurotten, welche den Staat bis auf die Grundlage uutergraben haben.‹ Es wäre kein Mensch, wäre nicht Stein, wenn er nicht durch den Gedanken genese: jetzt oder nie!« »Bis er antwortet, seine Bedingungen einschickt, bis sie angenommen werden –« »Kann vieles geschehen, es kann alles vorbei sein. Dann, mein Freund, bleibt uns der Trost, der einzige, meine ich, der edle Männer in großen Mißgeschicken mit Fassung und Ruhe auch auf den rauchenden Ruinen ihres Vaterlandes sitzen läßt: das Bewußtsein, wir haben getan und nichts unterlassen, was in unserer Kraft war. Aber eine andere Kraft war über uns, mit der zu ringen Vermessenheit ist. Ist's da beschlossen, daß Preußen aufhören soll ein Staat, die Deutschen eine Nation zu sein, welche unter den Völkern der Erde das Gesicht aufrecht tragen darf, dann – es wäre zu früh, dünkt mich – aber dann wird die Vorsehung uns auch in den dunklen Wegen so viel Licht zuwerfen, daß der Einzelmensch mit Ehren bis zur Gruft wandelt. Sie weiß, warum sie uns nicht in luftigen Höhen, im Sonnenschein des Himmels, wie andere, glücklichere Völker schreiten ließ.« Sechsundvierzigstes Kapitel. Ein Gewitterschlag. Als der Major nach dem Vorwerk ging, wo Wagen und Pferde standen, war die Zornader schon leis angerötet, geschwollen war sie noch nicht. Im Busch dazwischen traf er auf jemand, der ihn erwartete, und auch Isegrimm schien des Mannes gewärtig, in dem wir, obgleich er weder die Quilitzer Livree, noch Säbel und Klunkermütze trug, einen alten Bekannten, den Kutscher Lamprecht, entdecken. Nur etwas brauner sah er aus, kecker trug er den Kopf auf den Schultern und schlauer blickte er dem gnädigen Herrn ins Gesicht, ob er sich doch sorgfältig im Schatten der Büsche hielt, denn beide hatten Heimliches miteinander. Was sie sprachen, was kommt es heute noch darauf an! Lamprecht war von Kolberg heimgekehrt, um sich umzusehen, wie es zu Hause ausschaute; er schaute noch nach etwas mehr aus, im Auftrage des Majors. Aber schon die Art, wie der Knecht zum Herrn sprach, schien diesen zu verstimmen; das Was der Meldung mochte ihm auch nicht ganz zu Sinne sein. »So viel nur da, auf die zu rechnen ist!« – »Es hat jeder seinen Buckel lieb, das muß man auch bedenken, gnädiger Herr!« – Isegrimm trat mit dem Fuß heftig auf, und da schon schwellte etwas die Ader, als er erwiderte: »Sollen denn die Gutsherrschaften die faulen Kerle aus dem Nest treiben!« – Lamprecht hatte darauf mit den Augen gezwinkert: »Das werden die Gutsherrschaften schon bleiben lassen, gnädiger Herr, denn wo's an Hals und Kragen geht, tut's dem Edelmann just so weh, als den Bauersleuten. Und befehlen, das ist nun man gar nichts, wo der Bauer nur zu pfeifen braucht, hui! und alles ist heidi! – Nein, so müssen wir's nicht anfangen, Herr Obristwachtmeister. Tout au contraire, sagt der Franzos. Wer nicht freiwillig aus dem Bette springt, dem ziehen wir die Decke nicht fort, er könnte sich erkälten. Nachher, wenn wir alle warm sind, dann wird's ihnen auch in den Federn zu heiß. Das kennen wir ja von der Schule. Die Tollsten vorauf, die Zahmen kommen schon nach. Wie soll man den Lümmeln Begeisterung beibringen, wie sie das nennen! Der Rock tut's nicht, und auf Namen kommt's auch nicht an, aber bei den Menschen ist's just wie beim Vieh. Wenn die Schafe erst ins Laufen kommen, mag keines zurückbleiben. Das lassen Sie mich nur machen, da bin ich gut für.« Sonst waren die Herrschaften dafür gut; es bedurfte nur ihres Wortes, ihres Blickes, und der Bauer fragte nicht; warum bedurfte er nun einer Mittelsperson, warum mußte er seinen Auftrag, sein Geheimnis einem Knecht anvertrauen, der es ihn fühlen ließ, welchen Wert dieser Auftrag, das in seine Hand gelegte Geheimnis, für ihn hatte? Isegrimm fürchtete nicht, daß der Kutscher zum Verräter werden könne, aber seine Dreistigkeit, Klugheit, der übermütige Ton verstimmten ihn und bahnten den Weg zu andern peinlichen Gedanken, welche seine Stirn nur roter färbten. Hätte er ihn können auf der Stelle fortjagen! Aber, er hatte keinen andern, so geschickt, pfiffig und verständig mit den Leuten umzugehen. – Das war Gottlieb Köpke wohl auch, aber nicht in der Art. Und wie taub, wie begriffschwer war er in der letzten Zeit gewesen. Wie hatte er sich hinter dem Ohr gekraut, die alte Bauernregel aufgetischt: Was Dich nicht angeht, da laß Du den Fürwitz! Hatte er nicht auch einfließen lassen, gerad' wie die Herren im Forst: »er für sein Teil habe nun genug Opfer dem Vaterlande gebracht, ein Sohn erschossen und einer Soldat, und ohne Kantonpflicht! Nun wäre es wohl eigentlich am Vaterland, daß ihm das gutgeschrieben würde!« Als der Ilitzer in sein Gefährt steigen wollte, mußte ihn die gnädige Frau von Quilitz am Fenster erblicken; – er vermied so gern jede Begegnung mit der langen Rike. Aber sie riß den Flügel auf. »Fortkutschieren, Kousin, und ohne Abschied! Ei, das lob ich mir. Wir sind wohl schon zu vornehm, um unsern Verwandten ein freundlich Wort zu gönnen?« Er murmelte, daß der freundliche Blick einer Dame der beste Geleitschein beim Abschied sei. »Dann riet' ich Ihnen, sagen Sie Ihren Jungen, daß sie keine Gesichter schneiden sollen. Neulich, als ich durch Ilitz fuhr, bläkte der Wolf mir vom Taubenschlag die Zunge nach.« Isegrimm blieb trotz der roten Ader, und trotzdem, daß es die lange Rike war, ein Kavalier. Er meinte, seine Söhne hätten wohl nur ihr Bedauern ausgedrückt, daß die gnädige Tante nur durchs Dorf gefahren und nicht im Schlosse eingekehrt sei. »Einkehren? Das werde ich mich doch nicht unterstehen. Die Kousinchen tragen jetzt wohl alle den Kopf zu hoch. Lieber Gott, es kann nicht jede einen französischen Marquis wegschnappen. Unsere Töchter, wer welche hat, müssen zufrieden sein mit der Hausmannskost: bleibe im Lande und nähr' Dich redlich. Nichts für ungut, Kousin.« »Gnädigste Frau –« jetzt schwoll die Ader. »Doch nicht boßig, Kousin? Sie sind ja ein verständiger Mann. 's ist manche mit 'nem Franzosen durchgegangen und nicht unter die Haube gekommen. Sie können noch von Glück sagen. – Apropos, nehmen Sie sich aber nur in acht mit dem Malchen, daß es Ihnen da nicht auch passiert. Sie munkeln schon viel. Stille Wasser sind tief. Wenn die Ihnen mal mit Herrn Mauritz durchginge! Na, das werden Sie alles besser wissen, als wir. Aber – ein Kandidat ist kein Marquis. Nichts für ungut, Gott befohlen, Cousin.« Das Fenster schlug zu, und die Kalesche rollte ab. Es rollte um ihn wie dumpfer Donner, Gewitterluft, Gewitterwolken, die sich drehen und ballen und nicht entladen können. War er denn ganz blind gewesen? Ein Blitz zuckte am fernen Himmel, einer um den andern zuckte vor seinem inneren Gesicht. Er drückte die geballten Hände an die Stirn – die Lichtbilder wollten nicht fort, eines klarer als das andere. Die Luft war schwül, erstickend schwül, und doch rann ein kalter Schweiß über seine Glieder. Die Pferde, wie der Kutscher sie auch peitschte, um dem drohenden Gewitter vorzukommen, wollten, so schien es ihm, nicht von der Stelle. Er sah ja nichts, er sah immer dasselbe; er wollte den Knecht zur Eile antreiben, aber die Stimme versagte ihm. Wenn ein Organ zu heftig angestrengt wird, versagen die andern ihre Dienste. »Wolf! Um Gottes willen, was ist Dir?« rief die Hausfrau auf der Treppe. Er hielt sich atemlos am Pfosten. »Der Wagen geht zu schnell, es dreht sich alles.« »Er redet irr – er ist blutrot. – Ein Glas Wasser – Kinder, Kinder, kommt, alle, dem Vater ist nicht wohl.« »Alle« – rief er stöhnend – »alle sollen dabei sein – nun soll nichts geheim bleiben.« Ich weiß nicht, ob alle aus dem Hause ihm gefolgt waren, gewiß mehr, als es wünschenswert war, um Zeuge von dem zu sein, was vorging. Die Tür wenigstens stand während des Auftrittes offen. Vor Schreck und Teilnahme hatte keiner daran gedacht, sie zu schließen. Er hatte Amalien erkannt, er hatte sie heftig an sich gezogen, ihren Kopf mit dem Arm umfassend, drückte er jetzt Küsse auf ihre Stirn, jetzt blickte er sie ängstlich drohend und fragend an: »Du bist mein liebstes Kind, Du warst es immer, wenn ich's Dir auch nicht gesagt, Du mußt es gefühlt haben, Du wirst, Du kannst mich nicht verlassen, Du wirst Deinen Vater nicht verraten haben. Sieh' mir ins Aug' – das ist mein Blick. Ich lüge nicht; Du kannst auch nicht lügen. Beruhige mich, sprich, sage, daß Du mich nie belogen hast. Du lügst auch jetzt nicht, mein Kind.« Die ganze Schwere der Ahnung drückte auf das Mädchens ob sie doch mit den anderen gern an einen plötzlichen Krankheitsfall gedacht hätte: »Vater, lieber Vater, ich habe Dir immer die Wahrheit gesagt, wenn Du fragtest –« »Wenn ich fragte? Mädchen, nicht jesuitisch geantwortet. Einem Vater, der Dich liebt wie ich, dessen Kleinod Du bist, sagt eine gute Tochter nicht die Wahrheit, sie ist gegen ihn Wahrheit. – Jene, jene – mein Kopf ist so heiß – sie hat auch die Wahrheit gesagt, als ich sie fragte, ich mußte sie schrecklich fragen. O, allmächtiger Gott, gib, daß ich diese nicht auch so fragen muß!« Die Mutter und Wilhelmine sahen sich bedenklich an. »Die Hitze hat ihn benommen – vielleicht ein Sonnenstich!« Nur Malchen schien plötzlich zur vollen Klarheit gekommen. Sie richtete sich auf: »Vater, Du willst die ganze Wahrheit. Nun ja, so ist es besser. – Warum sprachen wir's nicht längst aus, was nie Dir, nie jemand auf der Welt verborgen zu sein brauchte. Ich liebe den Mann, den Du mir zum Lehrer, zu meinem Rater und Vormund bestellt, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte. Ich liebe ihn so fest und unverbrüchlich, als ich Dich geliebt und lieben werde, auch wenn Du Deinen Zorn über mich schüttest. Ich kann nicht anders, Vater, denn wie Du mir das Leben schenktest, hat er mir auch ein Leben geschenkt, das ich noch nicht kannte. Was ich ward, bin ich durch ihn. Der himmlische Vater verzeihe mir, wenn ich sündige, aber es ist auch mit dem ganzen vollen Bewußtsein, und wäre es noch nicht, ich müßte wieder so sündigen, denn ich kann nicht anders, und wenn's Dir und mir das Herz bricht. Das ist die Wahrheit, die Du willst, lieber Vater, und nun steh' ich vor Deinem Gericht und habe alles gesagt.« Er fuhr mit der zitternden Hand gegen die Brust, mit der andern über die Stirn: »Du – ja Du hast alles gesagt – ein Stich, aber die Sonne stach nicht; das war ein anderer. Wo sind die anderen? Du, mein Kind, hast gesündigt, weil Du nicht anders konntest, ich war schuld daran, Du hast recht, Dich reiß' ich nicht auch bei den Haaren, mein Haar ist schon grau genug. Du hast bekannt, Du warst verführt, beschwatzt, behext, bezaubert, Du bist ein Kind, ich werde gütig gegen Dich sein. Aber wo sind die anderen – die anderen Sünder?« Er hatte krampfhaft die Stuhllehne gefaßt, an der er sich zu halten schien, und die doch der erste Leiter seines Zornes war: so hämmerte der Stuhl gegen die Diele, während die, gegen welche sein Zorn anscheinend gerichtet war, Mutter und Wilhelmine in einer Stellung vor ihm standen, die allerdings ein volles Schuldbewußtsein auszudrücken schien. »Wolf! – lieber Mann, um des lieben Gottes willen, wenn Du alles wüßtest –« »Was hinter meinem Rücken geschah! –« »Vater, hörst Du's nicht donnern? – Wenn Gott zürnt, soll der Mensch nicht zürnen,« rief Wilhelmine. »So schlage es ein, wo die Natur sich gegen sich selbst empört. Gerechter Gott, wodurch hab' ich's verdient, daß Weib und Kind gegen mich revoltieren, daß sie die Schande vertuschen. Kupplerinnen in meinem ehrbaren Hause! Pfui – Wo ist er?« Trotz des Lichtes vor seinem inneren Gesicht mußte ein Flor um seine Augen sein, dichter als die schwüle, dunkle Luft, die durch Tür und Fenster ins Zimmer gedrungen, denn er, der Schuldige, stand ja schon vor ihm. »Hier bin ich, den Sie suchen,« sprach er, als ein Blitz das Gemach bis in die dunkelsten Winkel erhellte. »Du!« schrie der Gutsherr auf. »Schleichender Bube, wagst mir noch ins Auge zu sehen?« »Es ist meine heilige Pflicht.« »Pflicht und heilig in Deinem Munde! Halt' Er die verfluchte Lästerzunge. Vertrauen Ihm geschenkt wie keinem, mein Herz in Seines gelegt wie in einen Heiligenschrein, und so lohnst Du's Natter, Heuchler, wie auf Gottes Erdboden kein zweiter? Dieb, mein Kind gab ich Dir ohne Arg, so vertrauensvoll, als wärst Du ich selbst, meine Gedanken – Lauscher, der sich in meine Geheimnisse schlich unter der Maske der Teilnahme, um für sich spekulieren zu können auf seine Mitwissenschaft –« »Er rast – er ist krank – ein hitziges Fieber schüttele ihn,« riefen die weiblichen Stimmen. »Krank ja, Er hat mich vergeben. Daß Er vor mir steht, ein Wachsgesicht von Scham und Schande! Himmel und Hölle – kein Wort, keinen Laut, oder – mir aus den Augen – sie haben recht, ich bin im Fieber – ich will meine Hand nicht an Ihm beflecken.« »Ich gehe nicht, Herr von der Quarbitz, bis Sie mich gehört haben.« »Schweigen Sie um Gottes willen still!« beschworen ihn die Frauen, »er weiß nicht, was er tut.« »Er geht nicht. – So muß ich Ihm die Tür zeigen.« »Herr Gott im Himmel, ich habe ein Recht, in diesem Haus gehört zu werden.« »Ein Recht! – einen Stock! Dem Biersiedlersohn sein Recht auf den Rücken zu schreiben. – Einen Stock!« Mutter und Wilhelmine hingen an Schulter und Arm, Malchen war ihm zu Füßen gestürzt und umklammerte seine Knie: »Fliehe, Albert, um Gottes willen fliehe! Er ist nicht bei Sinnen!« rief sie, zum Kandidaten zurückgewandt. »Wir halten ihn nicht mehr, fliehen Sie,« baten die anderen. Ob Albert Mauritz dem Wunsch der Frauen nachgekommen wäre, wissen wir nicht. Auch erspart uns das, was folgte, zu erzählen, wie der Major die Frauen, die ihn gefaßt hielten, von sich stieß – es entsann sich niemand nachher der Umstände, noch möchte er sich ihrer entsinnen. Denn ein grelles blaues Licht überdeckte in dem Augenblick Wände, Boden, die angstzerbissenen Gesichter der Anwesenden, daß eines vor dem anderen erschrecken machte. Im selben Moment sauste, zischte krachte und rasselte es nieder. – Es hatte eingeschlagen. Das Zimmer war im nächsten Augenblick leer. Nur der Major lag auf den Stuhl gesunken, den er vorhin mit Riesenkraft gehoben. Es war aber nicht Kraft gewesen, sondern der äußerste Nervenreiz eines Fieberkranken. Wie die schwülste Luft in dem furchtbaren Wetterschlage sich entlud, schien es auch der Atem seines Paroxysmus. Er war ein geknickter, gebrochener Mann, den der Arm eines Kindes hätte umwerfen können. Als er die Augen wieder aufschlug, sah er durch das Fenster des Korridors die rote Lohe in lichten Strahlen aus dem Hinterdache aufschlagen und prasseln. Er schloß die Augen nieder und sein Gesicht lächelte: »Es ist schon so am besten, wenn alles verbrennt, verbrennt auch mit uns unsere Schande.« Das waren noch Traumphantasien. Aber es war nicht sein inneres Gesicht, es war nahe, nächste Wirklichkeit; der Brandgeruch, das Geschrei von hundert Stimmen mußte ihn wecken und das Fieber wegscheuchen. Er raffte sich auf, er wankte die Treppe hinunter, er hielt sich wieder an den Pfosten und abermals übergoß ihn ein kalter Schweiß: »Warum war's kein Traum! Warum neckt uns die Natur,« seufzte er, »nachdem sie ihr volles Maß des Unglücks über uns ausschüttete mit den kleinen Uebeln, die uns erst zum Bewußtsein unserer großen Schmerzen bringen!« Es hätte ein großes Unglück werden können, wenn die Hilfe nicht zur Hand war und der Krieg nicht im voraus geholfen hätte. Ja, der Krieg; denn hätten die Böden voll Heu und Stroh gelegen, wäre es ein Brand geworden, den die Wasserkräfte nicht löschen konnten, und der Wind stand gegen das Wohngebäude. Aber der Wetterstrahl war ins Dach gefahren über der alten Brauerei, wo trockenes Holz die Menge lag und die Hintertreppe zum Tore führte. Die Treppe brannte schon, und aus dem Taubenschlage über dem abgebrochenen Turm erhob eine Knabenstimme ein Zetergeschrei. Wolf war auf dem Taubenschlage, die Mutter, die Schwestern im Hofe – ein herzzereißendes Gewimmer: »Helft! Um Gottes willen rettet den Jungen.« – »Leitern!« schrien die einen. Der Verwalter schrie: »Er kann 'runter springen, Stroh aus dem Stall, Heu dahin! Das Leben kostet es nicht.« – Das Heu mußte man eilig wieder fortschaffen, es hätte sich sonst entzündet, so lange zauderte der Knabe, da einige ihm zuriefen: Springe! Andere: Um Gottes willen, springe nicht! Da hatten sie endlich eine Leiter geholt, zwei Arme legten sie an, und Herr Mauritz kletterte hinauf. Die Flammen beleuchteten ihn nicht nur, sie schlugen schon, vom Wind getrieben, seitwärts gegen die Sprossen. Atemlose Stille herrschte, nur von einzelnen Seufzertönen unterbrochen: »Sie ist zu kurz!« Aber der Kandidat hielt sich mit den Knien an der letzten Staffel, mit den Armen umfaßte er ein vorspringend Rahmenstück des Taubenschlages: »Es wird schon gehen!« rief er hinab. »Wolf. Wolf, mein Junge, Mut – setz Dich – sacht, vorsichtig – mir den Arm – ich halte Dich!« – »Wird es gehen!« dachten oder sprachen die andern. – »Er stürzt über, ehe er auf der Leiter Fuß faßt – in der Angst klammert er sich an Herrn Mauritz und reißt den mit 'runter. – Die Leiter wackelt!« Der Knabe wollte und wollte wieder nicht, als Mauritz, mit sichtlicher Lebensgefahr, ihn zu umfassen, eine Anstrengung machte. Ein allgemeiner Schrei! Er war nicht stark genug, ihn in der unsicheren Lage zu halten. Da griff ein anderer starker Arm nach ihm. Von hinten tauchte eine kräftige Jünglingsgestalt auf, in Hemdsärmeln, mit bloßem Kopf. Baron Eppenstein faßte den Knaben beim Schopf und riß ihn zurück. Zufällig an dem Nachmittage durchs Dorf sprengend, war er, als er des Feuers ansichtig ward, vom Pferde gesprungen, hatte mit den ersten besten Leuten die Dorfspritze losgemacht und war in dem Augenblick vor dem Hoftor, als das Jammergeschrei vom Taubenschlag durch die Lüfte schallte. Schnell orientiert, erteilte er die nötigen Befehle, sprang in und durch den schlammichten Graben, ließ die Leiter von außen anlegen und war auf dem Dache, das bis jetzt nur von der anderen Seite brannte. So war er, an der Firste bis zum Taubenschlage kletternd, denen im Hofe wie ein Wunder, ein Retter in der Not erschienen. Sein kräftiger Arm riß den Knaben mit sich. Schwieriger war der Rückweg, aber er gelang. Erst auf der Leiter verließ ihn die Kraft. Vielleicht wäre er mit ihm gestürzt, da ließ er den noch immer schreienden Knaben in den weichen Kot des Grabens fallen: »Das wäre auch noch nicht das größte Unglück!« soll er dabei gemurmelt haben. Ein Unglück war es allerdings, Wolf kam mit dem Leben davon, aber daß er sein Leben durch etwas hinkte, schrieb man daher. In der nächsten Minute, als die Rettung im Hofe bekannt war, erschien der Baron wieder auf dem Dache und schrie: »Nun zur Hauptsache!« Bald darauf hielt er den Spritzenmund in der Hand, und die Wasserstrahlen fuhren zischend um die Flammen. Sein Eifer, seine Umsicht steckte an. Vom Taubenschlage aus, den er zu seinem Zwecke etwas planiert, das heißt demoliert hatte, dirigierte er die Rettungsanstalten mit solcher Umsicht und Entschiedenheit, daß alle ihm willig gehorchten, und ehe eine halbe Stunde verging, war wenigstens alle Gefahr vor einem weiteren Umsichgreifen der Flammen vorüber. Das übrige konnte er den Hofleuten und Dorfinsassen überlassen. Ein allgemeiner Jubel, ein Bravorufen hatte ihm für seine edle Tat gelohnt, als er zum zweiten Mal auf dem Dache erschien. Der Zuschauerkreis hatte sich inzwischen vermehrt. Man bemerkte in der Hoftür eine elegante junge Dame in Reisekleidern, welche die lebhafteste Aufmerksamkeit mit ebenso lebhafter Bewunderung für die Rettungstat zeigte, während die Familie und die Umstehenden sie selbst mit besonderem Respekt behandelten. Der Reisewagen, in welchem sie angekommen, hatte natürlich nicht in dem brennenden Schlosse, sondern in der Schenke ein Unterkommen gesucht, daher auch wohl ihr Eintritt so geräuschlos geschehen war. Aber das blasse Gesicht des ernsten Mannes, der sich am Fenster zeigte, gehörte offenbar zu ihrer Reisegesellschaft, denn die schlanke Dame wandte sich mit ihren Bemerkungen in der Regel zu ihm: »Ach Exzellenz!« hatte sie vorhin ihm zugerufen, »wenn alle so, mit gleichem Opfermut, an unsere Hauptsache gingen, dann wäre unser Vaterland gerettet!« – »Ich fordere doch etwas mehr,« hatte er seufzend entgegnet, »als auf Kommando die Löscheimer schwenken. Die exakte Bürgerpflicht löscht unsern Brand nicht.« Wer hätte ihn nicht erkannt im Schloß! Der Mann mit dem blassen Gesicht war der Freiherr von Stein, die schlanke, schöne Dame die Reichsgräfin Thusnelde von Waltron-Alledeese. Als die gute Frau von Ilitz mit einem tiefen Knicks die gnädigste Komteß ersuchte, ob es ihr nun nicht gefällig, in den Saal zu treten und eine Erfrischung einzunehmen, da sie von der Reise erschöpft sein werde, machte die Gräfin, deren Blicke überall waren, sie darauf aufmerksam, daß sie ja dem Retter ihres Sohnes noch nicht gedankt habe. Wie rot ward da die gute Frau von Ilitz. Der Retter hatte sich eben mit einem geschickten Schwunge auf der Leiter herabgelassen, auf welcher der Kandidat, ohne gerettet zu haben, und nicht so sicher, herabgestiegen war. Er klopfte sich gerade die Hände ab und zog den Reitrock an, den ihm sein Jockey entgegenhielt, als die Edelfrau ihren Dank und ihre Bitte stammelte, ob er nicht ins Haus treten und in dem dankbaren Familienkreise ein Butterbrot einnehmen wolle? Der Baron verbeugte sich und entschuldigte mit kurzen, verbindlichen Worten, daß seine Toilette ihm das Erscheinen in einem so feinen und auserwählten Kreise verbiete. Mit dem Anstande, der an den Ritter im Löwenzwinger erinnern konnte, hatte er sich gegen die Damen verneigt und war, ehe die etwas »verdutzte« Frau von Ilitz ein Wort von den Lippen brachte, verschwunden. Allerdings konnte der schwarze Wolf nicht schwärzer ausgesehen haben, als er von Rauch, Kohle, Dampf, aber – aber dachte die Frau von Ilitz, und ward noch röter als vorhin. Die Gräfin Thusnelde hatte bemerkt, daß noch eine Dame errötet war, aber ganz anders als ihre Mutter, und mit einer eigentümlichen Muskelzuckung die Augen niedergeschlagen hatte. Es war Wilhelmine. Das Feuer war gelöscht, der Schaden verhältnismäßig nicht beträchtlich. Wo aber so viel Störendes, Erdrückendes, ja Zerreißendes vorausgegangen, hätte man eine trübere Stimmung am Abendtisch erwarten sollen. Saßen doch daran zwei Kranke, die kaum am Genuß teilnahmen. Aber auch im Major schien der Gedanke die Krankheit schon überwunden zu haben. »Liebe Komteß, ersparen Sie mir das,« sagte der Freiherr, als er die Gräfin mit dem Glase sich erheben sah. »Sie haben so viel für mich bereits getan; ohne Ihre liebevolle Pflege auf dem weiten Wege wäre ich noch nicht hier. Nichts Phantastisches! Wozu Exaltation! Sie beschämt uns, wo noch die Taten fehlen.« »Erlauben Sie mir doch, dies Glas klingen zu lassen auf die Hoffnung! – Die Taten fehlen noch, sagte Ihnen, meine Freunde, Deutschlands glühendster Freund. Ich sehe schon eine geschehene Tat, so groß und herrlich, wie die Geschichte sie nur im Altertume kennt. O nichts vom Altertum! Hat nicht Coriolan die mörderischen Waffen gegen Rom geschwungen, weil die Römer ihn persönlich beleidigt? Themistokles wollte nicht gegen das undankbare Athen kämpfen, aber er hatte auch nicht den Mut, die kleinere Pflicht der Dankbarkeit zu verletzen, um der heiligen größeren gegen das Vaterland zu genügen. Er entschlüpfte dem Widerstreit der Pflichten durch Selbstvernichtung. Was wußte das heidnische Altertum von christlichen Ritterpflichten! Ich sehe in unseren schlechten, verderbten Zeiten einen Mann, der nicht undankbarer, schmählicher gekränkt werden konnte von denen, welchen er sein Alles geopfert hat. Verstoßen, beschimpft, in seiner großen Seele unverstanden, – wenn er ein Mensch wäre, mit Leidenschaften und Gefühlen wie wir, welche Bitten, Versprechungen, welcher Ruf aus Engelsmunde hätte ihn bewogen, zurückzukehren! Die Nachwelt, die Geschichte würde ihn ehren und preisen, auch wenn er den Kleinmütigen, die in äußerster Not nach ihm schreien, geantwortet: helft Euch selbst, Ihr wollt ja nicht geholfen sein! Nein, er grollte nicht, er war nur tiefbetrübt. Er hatte sich, sein persönliches Leiden, die Kränkung selbst vergessen im Schmerzgefühl über die Wunden, an denen das Vaterland blutet. Da haben sie's erkannt, daß einer nur es retten kann, die dringende Not hat ihnen endlich den Wert des Mannes gezeigt, den sie schnöde von sich stießen. Wie dem grollenden Peliden wagen sie nur schüchtern sich ihm zu nahen. Das Schreiben seines Königs geht begleitet von zahlreichen Zuschriften ihm Befreundeter ab. Die Freunde sollen ihn weich stimmen, sie sollen ihn nur bestimmen, daß er nicht sofort das Erbieten von der Hand weist. Sie erklären ihm, daß, wie die Dinge stehen, der König auf alle und jede Bedingung eingehen werde, die er stellen wolle – denn er muß: er hat keinen, keinen anderen, den er rufen kann, wenn dieser ablehnt. Nur dieser allein kann Ordnung bringen in die grenzenlose Verwirrung. Auf dem Krankenlager empfängt er den Brief. Die Zeilen flimmern vor seinen Augen, seine Hand zittert, er kann nicht schreiben. Er ruft die treue Gattin, er bittet sie, die Feder zu ergreifen: Schreibe an den König: . . . Sire! Ich komme, ich komme auf der Stelle, Ihre Aufträge zu empfangen. – Du bist krank, ruft die Erschreckte, Du kannst nicht, der Arzt verbietet es. – Aber das Vaterland befiehlt, ruft er. Ich werde gesund werden. Der Brief fliegt vorauf; andern Tags ersteht er aus dem Bette, der moralische Entschluß hat ihn gesund gemacht! Aber Sie fragen, welche Bedingungen hat er gestellt? Hat er wie Wallenstein ein Heer gefordert, das nur ihm gehorchen soll? Die Absetzung der Räte und Minister, auf die er stets gedrungen? Welche Sicherheit, daß die Gunst des Fürsten, der ihn schon einmal so verließ, nicht wieder wanke, daß er nicht schon, während der Kranke die hundert Meilen zurücklegt, andern Sinnes wird? Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß er auf diese Sicherheit bestehen müsse. Meine Freunde, der Mann, ein wahrer, deutscher Edelmann, ein wahrer Ritter, ein wahrer Christ, hat einfach ja gesagt, er hat nichts gefordert, nichts bedungen. Wer nur bedingungsweise sein Vaterland retten will, der ist nicht wert, sein Retter zu werden. Das sprach er und stieg in den Wagen. – O, mein Gott, und das wäre keine Tat, eine, nach der wir umsonst in allen Geschichtsbüchern blättern! – Den Mann zu nennen, ihn selbst leben zu lassen, verbietet er mir; es schickt sich nicht für Frauen, eine Gesundheit auf Staatsmänner auszubringen, aber ich erhebe mein Glas auf eine Frau. Lassen Sie es klingen: – Deutschlands Hoffnung!« Auf des Freiherrn Gesicht hatte sich zuerst Mißvergnügen gezeigt, es ging im Verlauf der Rede in feierlichen Ernst über. Er senkte den Kopf und schüttelte ihn, als die Gläser klangen, mit wehmütigem Lächeln: »Als ob da ein Bedenken hätte sein können, wo der ernste Willen vorhanden war, welchen unsere Rednerin in ihrer Ekstase an dem unbekannten Manne so verschwenderisch preist. Fragt doch kein Schwimmer einen Ertrinkenden, ob er für ihn die Rettung bezahlen will, wenn er ihm die Hand reicht. Von ganzer Seele und ganzem Gemüte trinke ich auf das Wohl der Frau, aber, meine Freunde, sie trägt, wie Fortuna, schillernde Kleider. Traue niemand der Farbe, die ihn entzückt, daß sie morgen dieselbe bleibt. Die Arbeit ist hochernst, eine langwierige; wahren wir uns vor zu raschem Glauben, zu kühner Hoffnung, vor den Flügeln der Phantasie, welche die Morgenröte haschen will. Und halten wir an der einen Wahrheit fest, welche unsere blühende Rednerin hervorhob; bei dem Werke muß alles Persönliche verschwunden sein; es gilt, uns überwinden, alte Vorurteile zu unterdrücken, Beleidigungen vergessen, und Freund ist uns der, der mit uns wirkt, kämpft, auch wenn er vordem Feind war. Dem Vaterlande gegenüber nur ein Feind, nur ein Freund!« War es zufällig, daß er das halbgefüllte Glas dem Major zum Anstoßen hinhielt? Es war spät geworden, man ging auseinander, der Ruhe bedürftig, vor allem der Freiherr: »Ei sieh,« sprach er, am Kandidaten vorüberstreifend, »der junge Mann, der neulich so voller Gottvertrauen unsere Sache umschlingen wollte. Festgeblieben in der Zeit, wo so viele, und darunter Gute, von der Hoffnung abfielen?« »Ich hoffe, glaube und – liebe heut wie damals,« rief mit Wärme der Kandidat, die Hand auf der Brust. »Und kein Umstand, keine Rücksicht, kein Wechsel, nicht Vorteil, Haß und Liebe sollen mich wankend machen.« Siebenundvierzigstes Kapitel. Ein ernstes Zwiegespräch. Malchen hatte geglaubt, den Vater noch im Bett zu überraschen, er saß aber schon in seinem Sorgenstuhle. Im Spiegel hatte er ihr leises Eintreten bemerkt und reichte ihr rückwärts mit tonlos gesprochenen Worten: »Komm nur dreist, ich bin nicht mehr bös,« die Hand. Sie kniete am Stuhl nieder und drückte seine Hand an die Lippen. Er sah sie noch nicht an, als er weitersprach: »Ich hab's mir überdacht. Du kannst nicht dafür: der – Mensch vielleicht auch nicht in dem Maße, als ich gestern meinte. Wer konnte in so schwerer Zeit an alles denken, wer an alle Winkel im Haus, wo alles draußen und drinnen im Argen liegt. Ich will's als ein albernes Kinderspiel betrachten, woran ich mit schuld war. Hörst Du? Auch er – mag nicht so schuldig sein. Ihr gehorchtet Gefühlen, die niemand beachtete, regulierte – wie konntet Ihr wissen, wohin die Ehre die Gefühle leiten muß.« »Vater!« »Ich meine nichts, was Dich kränken kann; Du bist ein gutes Kind, gewissermaßen ist er auch ein guter Mensch. Daß man auch für einen Erzieher einen Erzieher braucht, hatte ich eben nicht bedacht, oder doch nicht Zeit gehabt, daran zu denken. Er hat dich getröstet im Schmerz Deiner ersten kindischen Liebe, da wird Deine Zuneigung entschuldbarer. Du siehst, ich habe als guter Vater alles, was für Dich spricht, zusammengesucht. Auch das böse Beispiel, was Deine Schwester gab, konnte nicht ohne Einfluß sein.« »Nein, Vater!« unterbrach sie ihn mit fester, klarer Stimme. »Da war ich Albert schon so gut, als ich ihm jetzt bin. Da erschrak ich vielmehr, ob ich nicht auch im Unrecht wäre; ich betete inbrünstig zum lieben Gott –« »Und der liebe Gott hat Dir gesagt, daß Du ihn nur ruhig fortlieben solltest. Das kenne ich. Der Mensch läßt den lieben Gott immer das sagen, was er wünscht. Du wardst nun vernünftiger und wirst mich vernünftig anhören. Ich betrachte es als einen Fortschritt in der Erkenntnis, daß Du gestern offen und ehrlich gestanden hast. Hättest Du's früher getan, es wäre noch besser, wir wären schon heute viel weiter in Ruhe und Du in Frieden. – Hast Du noch etwas auf dem Herzen, Malchen?« »Nein, lieber Vater. Wie ich am ersten Tage, wo es mir klar ward, für ihn fühlte, so fühle ich auch heute.« »Das ist mir lieb. Nun will ich Dir auch von meinen Gefühlen sagen. Meine, sie gehören nicht mir, sie sind die des Stammhalters, des Seniors meiner Familie. Es ist nicht mein Eigentum, worüber ich schalten und walten kann, wie mir beliebt. Ich muß Rechenschaft dafür stehen, wie der Verwalter über ein anvertrautes Gut, denen vor mir und denen nach mir. Was ich hier sage, ist nur zu Dir gesprochen. Nimm es als ein Zeichen meines Vertrauens, der Achtung, die ich für Dich hege, trotz Deiner Verirrung. Aber stehe auf, Malchen, es schickt sich nicht für die Tochter Deines Vaters, vor ihm zu knien, wenn er Dich zu Rate zieht.« Sie war aufgestanden. Er schien mit wehmütiger Lust in ihren seelenvollen Zügen zu lesen: »Ich gönnte ihn Dir gern, 's ist manches Gute an ihm, was die Tochter eines Bürgers glücklich machen könnte. Es geht nun einmal nicht. Mein Kind, ich verberge es mir zum wenigsten, wie es mit unseren Adelsgeschlechtern steht. Wir sind selbst daran schuld, daß unser Ansehen geschwunden ist. Wo der Kaufmannsgeist, das Interesse sich in die Vorstellungen und Bestrebungen einschleicht, hilft es nichts, auch wenn wir alle unsere Rechte festhielten und selbst die verlorenen wiedergewönnen. Keine fremde Hand, kein Gott aus den Wolken erhebt uns aus dem Schlamm der allgemeinen Nüchternheit und Gemeinheit, wenn unser Sinn in dem Sumpfe schwimmen bleibt. Es gilt, diesen unsern Sinn wieder zu stählen und zu adeln. Das ist die Aufgabe des wahren Aristokraten, edel und groß zu denken, und diese Gesinnung auf seine Kinder und Nachkommen zu impfen. Liebes Kind, ich bin – ich bin kein glücklicher Vaters Womit hab' ich's verschuldet, daß ich umsonst nach diesem Sinne in meiner Familie umsuche! Meine Knaben – Du kennst ihre Anlagen, ihren Sinn. Vergebens suche ich mich zu trösten, daß sie mit den Jahren sich anders entwickeln werden. Ein edler Keim zeigt sich schon in den ersten Knospen. Es kann manches gebessert werden, aber die Natur, jene Natur! Jene – nun ja, die hat meinen Sinn, die ist nun ihre eigenen Wege gegangen, wir kommen nicht mehr zusammen. – Still, das ist ein abgehauener Zweig, er versprach so schöne Blüten! – Wilhelmine ist das bravste Mädchen von der Welt, jedes Elternpaar könnte sich glücklich schätzen zu einer solchen Tochter. Zu uns gehört sie nicht; ein Spiel der Natur – wer begreift es – daß kein Funken adligen Bluter durch ihre Adern glüht. Ich liebe sie wie Dich, wie ich jene liebte; sie kann nicht dafür, aber sie ist und bleibt nur die Tochter Deines Vaters, Deiner Mutter, nicht unseres Hauses. So bleibst Du allein unser wahres Kind, Du allein hast den adligen Sinn bewahrt, schon in der Wiege zeigte er sich, und mit stiller Freude sah ich ihn sich entfalten. Da könnte ich Dir viel von erzählen, wie ich ihn beobachtet habe, ganz still, ganz von fern, und jeder Zug Deines Wesens, Seele und Körper, entsprach meiner Erwartung. Die erste Neigung des Kindes zu Theodor, heut will ich Dir gestehen, sie freute mich, nicht um des Zieles willen, sondern wie Du innig, aufopfernd, schön geliebt hast. Auch wie Du seinen Tod ertrugst, ich sah den ganzen Adel Deiner Seele darin, den Sieg der Vernunft und Besonnenheit. Und selbst wie Du dem jungen Menschen Dein Herz geschenkt, wie nicht Eitelkeit, Leidenschaft, Sinnenglut dabei vorwaltete, wie Du in ihm seine Vaterlandsliebe, seine guten Maximen, seine sittliche Aufführung geehrt und geliebt hast, zeigt mir, daß ein anderes Metall, daß vom Eisenstoff in Deinem Blute ist. – Du solltest mir verloren gehen, Du mich verlassen, mein einziges Kind! Nein, nimmermehr! Ich habe etwas von meinen Vätern überkommen, das soll wenigstens einem meiner Kinder fortleben für die nach mir kommen. Du wirst mich nicht dastehen lassen wie einen welken Stamm, der auf die Axt wartet, und dann, wenn sie auch die Wurzeln ausgruben, ist er verschwunden.« Das hatte Malchen nicht erwartet. Auf bittere Vorwürfe, auf heftige Zornesworte war sie gefaßt, nicht auf Bitten, die sie nur halb verstand. Die Tränen stürzten ihr aus den Augen, als sie den Vater umschlang. »Will ich Dich denn verlassen, werde ich denn Deiner unwert, wenn ich einem würdigen Manne meine Hand reiche?« Auch er hatte auf seine Worte eine andere Antwort erwartet; auf Gründe hatte er sich nie gegen seine Kinder eingelassen, noch weniger auf Gründe, die mit einer Bitte an ihr Herz schlossen. Sein Wille genügte und er erwartete Gehorsam. Aber er zürnte auch jetzt nicht, er ließ sie sprechen, wie es ihr aus dem Herzen kam, zuerst schüchtern, dann ein reicher, voller Strom, Worte, Lob des Geliebten, wie die Liebe es eben nur diktiert. Aber die Wirkung war eine andere. War er vorhin weich, so stählte ihn die weiche, süße Sprache, und er stand wieder vor ihr, der eiserne Mann, den sie erweckt hatte, als er ruhig entgegnete: »Habe ich das je abgestritten, daß er ein braver Mann ist? Es gibt viele noch bravere, und denen ich doch nicht meine Tochter zum Weibe gäbe. Ein Komödienstück spielen wir nicht, wo der polternde Vater endlich seine Tochter um irgend eine gute Tat dem Liebenden in die Arme schleudert, damit das gerührte Publikum klatscht. Ich erwartete schon, daß Du die Affäre da auf der Leiter in Rechnung bringen würdest. Es zeigt Deinen richtigen Sinn, daß Du es nicht tatest. Und hätte er wirklich den Knaben gerettet, so hätte er nur wie ein mutiger und geschickter Mann gehandelt, und ich weiß von ihm, was mehr Mut bewies und ihm mehr Ehre brächte. Das ist nun aber nichts; was hast Du sonst zu sagen?« »Vater – lieber Vater –« die Sprache versagte ihr, die Tränen in ihrem blassen Gesicht wurden von dem schneidenden Blick zurückgedrängt. »Daß Du ihn unaussprechlich liebst und unaussprechlich unglücklich würdest, nicht wahr? – Ich glaube Dir das eine und das andere ohne Beweise. Wohl verstanden, weil Du es sagst, glaube ich es, ob ich schon sonst meine, daß, was sie von der Macht der Liebe faseln, mehr Illusion als Wahrheit ist. Der Mensch kann, wenn nicht alles, viel, um solche Affekte zu dämmen, ohne daß darum das Herz bricht. Ja, mein Kind, Du wirst unglücklich sein. Vielleicht überwindest Du die Erinnerung Dein Leben hindurch nicht ganz. Auch das will ich zugeben. Nun denn, eine solche Erinnerung bringt den Menschen auch noch nicht um; im Gegenteil, sie läutert und adelt ihn, sie warnt ihn vor Irrwegen und führt ihn zum Rechten. Dir will ich noch ein Bekenntnis ablegen, das kein Mensch auf der Welt ahnt. Die Tochter eines französischen Gutsbesitzers in Champagne hat Dein Vater geliebt, geliebt wie – doch das gehört nicht her. Ich bin nicht davon gestorben, nicht verkümmert, nicht schlechter geworden, als die Natur mich gemacht. Ich habe es überwunden; längst schon als die Trompeten bliesen und ich ihr das Lebewohl auf Nimmerwiedersehen zurief, war es überwunden. Und die Erinnerung ist mir ein rosiger Streif, der zuweilen über einen grauen Himmel zückt. Mein Kind, wir leben nicht, um glücklich zu sein, sondern um recht zu handeln.« »Hat die Französin Dich auch – so geliebt?« »Ich glaube – ja, sie hat .« »Was ward aus der Verlassenen?« »Sie hat einen anderen geheiratet und wird sich getröstet haben.« Das arme Kind, es glaubte sich stark, als es eintrat, die Flügel der Hoffnung hoben sich bei des Vaters weicher Sprache. Es war ein Schmetterling, den der erste Sonnenschein verlockt, und nun kommt Schnee und Frost; und er sinkt zusammen mit erstarrten Flügeln: »Ich würde nie Trost finden, lieber Vater.« »Das würde mir leid tun. Wer siebzehn Jahre alt ist, hat ein langes Leben vor sich.« Sie warf einen letzten, bang fragenden Blick auf ihn. »Ein langes Leben ohne alle Hoffnung?« »Das Hoffen hängt von Dir ab, Malchen. Mehr noch Deine Zukunft. Meinen Willen kennst Du; Du weißt auch, daß weder Gründe noch Bitten ihn erschüttern. Das übrige ist an Dir.« »An mir?« »Habe ich Deine Schwester eingesperrt unter Schloß und Riegel? Sie geht mit ihrem Franzosen fort, wohin sie will. Werde ich Wilhelminen hindern? Meine Kinder haben volle Freiheit, ihre Eltern, ihr Vaterhaus, ihre Namen, ihre Ehre zu verlassen. Ich bin kein Despot.« »Du legst mir stärkere Fesseln an, Vater, als Schloß und Riegel, Fesseln, die ich nicht – ich kann sie niemals sprengen. Ich bin zu schwach.« »Sagst Du's! – Malchen, mein liebes einziges Kind! – Bist Du zu dem Entschluß gekommen, dann wird Dir auch wieder die Hoffnung aufblühen. Gott belohnt die gehorsamen Kinder.« Er wollte sie ans Herz drücken, sie war einen Schritt zurückgeschnellt: »Gehorsam, Vater, weil ich nichts gegen Deinen Willen tun werde. Dies Wort gebe ich Dir; ich werde Dir keinen Kummer machen, ich werde keinem die Hand reichen, von dem Du sagst, daß er Deinem Hause und Namen keine Ehre bringt. Aber mehr fordere nicht, weiter geht auch der Kindesgehorsam nicht. Denn Du willst ja, daß Deine Kinder einen eigenen Willen haben. Den habe ich nun. Albert hat mein Wort, meine Treue, meine Seele. Ich will und werde mein Wort nicht brechen, ich kann meine Seele nicht zerreißen. Ich hab's gelobt an dem Tage, als der arme Theodor seine Seele aushauchte; ich brauchte es nicht zu geloben, denn es ist ein Eid, den ich nicht brechen kann, auch wenn ich ihn nie geschworen. Treue bis ins Grab! Sie sagen, das ist Illusion, eine Selbsttäuschung, oder wie sie's nennen. Mir ist, als werde ich noch recht lange leben, um es beweisen zu können, daß es kein Wahn ist. Der liebe Gott wird mir Kraft geben.« »Und wenn Mauritz das Wort Dir zurückgibt? – Wenn er eine andere heiratet?« Auch das kam ihr unerwartet; sie blickte erschreckt, fast verwildert auf, bis ihre Züge sich aufklärten und fast in einem Lächeln sich lösten: »Wie kann er mir zurückgeben, was mir gehört! Die Treue und die Liebe ist mein. Du kannst ihm drohen und ihn bitten. – Nein, das wirst Du nicht; Du kannst ihm nicht etwas Falsches sagen, um ihn zu täuschen; mein Vater kann niemand täuschen, am wenigsten, um für sich Vorteil daraus zu ziehen.« »Nein, das kann er nicht. – Guten Morgen, Malchen, wir sprachen uns nun aus, jeder weiß, was er vom anderen zu erwarten hat. Das ist gut. Hätte ich nicht schon die beste Meinung von Dir, ich würde sie jetzt gewonnen haben. Du wirst auch von mir nicht schlechter denken. – Ist der Abschied von ihm schon vorüber?« Sie schien ihn nicht zu verstehen. »Nun, an roten Augen konnt' ich's nicht merken, denn die Tränen wirst Du überwunden haben. Wohin ging der Herr Kandidat?« »Er wartet im Korridor, um mit Dir zu sprechen.« »Das ist mir lieb zu hören, denn ich habe auch noch mit ihm zu sprechen. Ruf' ihn herein und sorge, wenn der Freiherr schon auf ist, daß Minchen das Frühstück bereit hält. Erinnere sie daran, er liebt die englische Sitte, geröstete Semmeln mit frischer Butter zum Kaffee.« Der Kandidat war eingetreten. Der Hausherr ging ihm in seiner aufgerichteten Würde halb entgegen, aber es war eher ein milder als harter Ton in seiner Anrede: »Es freut mich, daß Sie noch hier sind, Herr Kandidat. Ich hätte mich sonst in der Angelegenheit schriftlich an Sie wenden müssen, und es ist unter Männern so besser. Ich habe mich gestern gegen Sie – übereilt; ich will es geradezu aussprechen – vergangen habe ich mich, indem ich mich zu einer Drohung hinreißen ließ, die Ihren Rock, Ihre Stellung in der Kirche verletzt. Es tut mir aufrichtig leid, und darin, daß Sie so freundlich sind, mich noch persönlich vor ihrer Abreise aufzusuchen, sehe ich ein Zeichen, daß Sie mir nicht nachtragen wollen.« »Nur meinen Rock?« sagte der Kandidat. »Nicht den Menschen, nicht die Menschenwürde, die ein edler Mann in jedem Rocke zu achten hat, nicht den Hausgenossen, den Mann, der an Sitte, Bildung, Gesinnung Ihnen nicht nachsteht, dem Sie Ihr Vertrauen geschenkt, und der glaubt, es verdient zu haben?« »Ich könnte darauf sagen: Sie hätten dies Vertrauen nicht erwidert. Davon will ich nicht sprechen. Das betrachte ich als eine erledigte Sache, die wir ruhen lassen wollen. Es ist besser, Herr Mauritz, daß wir beide davon schweigen. So erwidere ich Ihnen denn, ich achte und liebe Sie als Mensch, Charakter; auch als Hausfreund hatte ich Ihren Wert erkannt, und um deswillen tut es mir leid, daß ich mich zu einer unwürdigen Drohung hinreißen ließ. Mehr kann ich nicht sagen, mehr werden Sie auch in Ihrer Stellung – ich meine nicht zu mir, in Ihrem Stande – nicht fordern wollen. – Was Sie etwa an Achtungsbezeugung vor den Leuten, was Sie sonst wünschen, um Ihr Fortkommen zu befördern und in meinen Kräften steht, dazu sollen Sie mich, wie einen wahren Freund, bereitwillig finden. Da Sie noch hier sind, hoffe ich, Sie werden auch noch an unserem Frühstück teilnehmen. Ich wünsche für Sie und mich, daß der Freiherr und die Gräfin uns in bestem Einvernehmen scheiden sieht.« »Ich reise nicht fort, Herr Major!« »Was soll das heißen?« »Wenn Sie unser Verhältnis brechen wollen, so bedenken Sie, daß nicht Sie, sondern das Konsistorium mich hierhergestellt. Ihnen brauche ich doch nicht zu sagen, daß ein guter Soldat seinen Posten nur auf Befehl seiner Obern verläßt.« Daran hatte der Major nicht gedacht. Er durchschritt, nachsinnend, einigemal die Stube: »Auch das wird sich arrangieren lassen bei gegenseitiger Bereitwilligkeit. Daran zweifle ich nicht von Ihrer Seite. Aber freilich, Zeit vergeht darüber. In der Pfarre können Sie nicht wohnen, aber der Schulz hat eine Erkerstube. Wir wollen sie einrichten.« »Unter welchem Vorwande soll ich dahin ziehen? – Vergessen Sie, daß andere Bande uns aneinanderknüpfen? daß jeden Tag, heute schon, die Feuerzeichen am Himmel lodern können, daß die innigste Einigkeit unter allen Verbündeten not tut, daß wir unsere Worte, Blicke ablauschen müssen.« »Herr! zwingen Sie mich nicht zu einer neuen Beleidigung,« fuhr der Major auf. »Ich ward gestern abend durch den Freiherrn überwunden; um des allgemeinen willen opferte ich meine persönlichen Gefühle. Lassen Sie mich nicht denken – nein, es ist unmöglich.« »Daß ich die Sache meines Vaterlandes verlassen könnte, um mich an Ihnen zu rächen? Nein, Herr Major, ich traue Ihnen nicht zu, daß Sie einen solchen Verrat mir zutrauen. Aber ich bin gewissermaßen Ihr Adjutant, es kommt so viel auf augenblickliche Mitteilungen an; ich muß, wenn der Aufstand losbricht, um Ihre Person, ich muß im Schlosse sein. – Wie würde man meine Abwesenheit deuten? Doch lassen wir auch dies beiseite. – Wie deutet man es überall, wenn Sie mich plötzlich ausstoßen, aus Ihrem Hause, Familienkreise, und doch in der innigsten persönlichen Berührung mit mir bleiben? – Haben Sie nicht Wache zu stehen für die Ehre, den guten Leumund Ihrer Tochter? – Wenn ich nach jenem Auftritt ruhig, wie vorhin, in Ihrem Hause bleibe, wird das Gerede bald verstummen, man wird es für eine Aufwallung, ein Mißverständnis erklären. Als der Kolonel plötzlich verschwand, Karoline plötzlich abreiste, hat man es anders gedeutet. – Ich bitte nicht für mich, daß Sie mich in Ihrem Hause dulden, ich ginge jetzt, mit Schmerz, aber gern fort, der Aufenthalt unter diesen Verhältnissen kann für mich eine Folter werden, aber ich bin es Ihnen, ich bin es Amalien schuldig, daß ich bleibe. Ich erwarte Ihre Entscheidung.« »Sie trauen mir, sich, uns allen, sehr viel zu,« sagte der Hausherr nach einer Pause. »Der Rat ist klug, aber gefährlich. – Nicht für Malchen. Sie ist ihres Vaters wahres, echtes Kind. Ich wollte sie mit Ihnen allein nach Berlin schicken, wenn wieder Gefahr hier wäre. Aber – Sie nehmen über sich mehr, als ich übernähme. Woher kommt dieser Mut?« »Diesmal, Herr von Quarbitz, aus meinem Stolz! – Den Mann, der mich so gekränkt, so tief verwundet hat, könnte ich, wäre ich nicht Christ und Geistlicher, vor die Gesetze, welche die Welt die Ehre nennt, gerufen haben. Das ist überwunden. Aber nun und nimmermehr könnte ich ihn nun beschleichen, betrügen, bestehlen, um mich an ihm zu rächen. Zwischen meinen Wünschen und mir liegt nun ein eisernes Schwert. Das bleibt heilig ruhend wo es liegt, wenn es kein anderer aufhebt. Meine Hand greift nicht danach; darauf haben Sie mein Wort.« Der Major ließ das Auge eine Weile auf dem Boden ruhen: »Das könnte mir genügen, aber so wollen wir heute nicht auseinandergehen. Beleidigt habe ich Sie, ja, und es war im Affekt, den ein Mann nicht aufkommen lassen soll; die Art war unrecht, aber das Recht auf meiner Seite. Erkennen Sie dies Recht des tiefverletzten Vaters reuevoll an, dann wird sich alles freundlicher ausgleichen.« »Die Reue fordere ich von Ihnen.« »Das ist arg! – Schießt Ihnen das Blut zu Kopf, Mauritz? Ich habe gefehlt, daß ich das zuließ, was ich nicht für möglich hielt.« »Sie haben gespielt mit Menschenherzen und Menschenglück, auf unverantwortliche Weise. Nicht zu ließen Sie es, Sie forderten, Sie munterten dazu auf. Was! hielten Sie das Herz Ihrer Tochter von Stein, mich aus Eisen geschmiedet, als Sie, nicht ein- – zwei-, dreimal mich mit Aufträgen betrauten, die ein Vater, wenn einem anderen, nur einem Manne erteilt, den er auch für mehr wert hält, als sein Knecht und Verwalter zu sein? In ihr Herz sollte ich blicken, ihre Neigungen lenken, ihre Schmerzen stillen, ihre Hoffnung erwecken, zum Vormund bestellten Sie mich, einen jungen Mann, über Ihre Familie, über Erwachsene und Lebenserfahrene. Wem solche Macht über Frauen in die Hand gegeben ward, den müssen sie entweder hassen oder lieben; gleichgültig kann er ihnen nicht bleiben. Die eine lernte mich hassen, die andere lieben. Das wollten Sie nicht, nein, gewiß nicht. Auch nicht, was einer wohl hätte denken mögen – ich selbst dachte einmal daran – mich in Versuchung führen, damit ich strauchelte, damit Sie sich über mich lustig machen oder mich fortweisen konnten. Nein, Sie waren so sicher, als wenn Sie Ihre Uhr aufziehen, daß sie nicht schneller rennt als die Zeit, daß sie nicht länger geht, als die Kette ums Rad sich windet. Ihr Instrument war ich, weiter nichts. Daß dies Instrument von dem Leim ist, dem der Allmächtige Atem, Seele, Willen und Freiheit eingehaucht, daß ich fühlen, denken, handeln könnte auch für mich, kam Ihnen nicht in den Sinn. Es war nicht Vorsatz, nicht Leichtsinn, nicht Mangel an Klugheit, Herr Major, Sie hielten, wie Sie es sagten, für unmöglich, was natürlich war, weil Ihr Stolz, nein, Ihr Hochmut, die Schranken zwischen dem Sohne eines Dorfmusikanten und einem alten Edelmanne für eine ewige, von Gott aus Diamant erbaute, unübersteigliche Mauer ansah.« – »Ihre Predigt nun zu Ende?« »Nein, wenn Sie mich weiter hören wollen.« »Dem Beleidigten gestehe ich sein Recht zu.« »Was ich sprach, wird an Ihrem Ohr verhallen. Sie können das Unrecht nicht bereuen, weil Ihr Hochmut für Menschenwürde und das Recht der Kreaturen, die aufrecht zum Himmel schauen, die Gott zu seinem Ebenbilde erschuf, keinen Maßstab hat. Mich glaubten Sie ein Recht zu haben zu gebrauchen, je wie Sie Lust hatten, weil ich in Ihrem Dienst, weil ich ja bezahlt ward. Aber zu Ihrem Kinde standen Sie anders. Nicht frage ich, wer Ihnen ein Recht gab, ein so vermessenes Spiel mit ihr zu spielen; nein, den klugen, umsichtigen, welterfahrenen Mann frage ich, ob in den Träumen seiner Nächte, in den bangen Stunden seines Wachens ihn niemals die Ahnung beschlich, daß ein Funke in diese klare Seele fallen dürfe, der, still wachsend, zum Brande ausschlüge? Sie sahen einen solchen Brand, er drohte Ihr Haus zu vernichten. Und doch hielten Sie es noch für unmöglich, daß eines Dorfmusikanten Sohn dieselben Gefühle erwecken könne wie ein französischer Reiteroffizier. Kalten Blutes sehen Sie das Herz einer edlen Tochter bluten, Sie nehmen ohne Zaudern, ohne Gewissensbisse das Opfer entgegen, was sie Ihnen in stummer Pflicht hinlegt am Opfersteine Ihres Wahnes. Sie, ein Christ, ein gläubiger Bekenner der Religion, deren erstes Gebot Liebe heißt, stehen wie ein stoischer Heide an dem Blutaltar; wie jener Römer könnten Sie den Stahl in das Herz der einzigen, geliebten Tochter bohren, um sie vor der Befleckung zu bewahren, die ehrenhafte Gattin eines Mannes zu werden, der nicht zu Ihrem Stande gehört. Und hören Sie denn kein dämonisches Gelächter über sich, fühlen nicht den Atemhauch des Geistes der Finsternis? Die Tochter, welche dem wilden Rufe ihrer Leidenschaft folgte, – die ward glücklich, Ihre tugendhafte Tochter –« »Kann, wenn sie will, so glücklich werden wie die andere,« unterbrach der Vater. »Sie ist frei. Das geht über die Rechte des Beleidigten hinaus, mein Herr Kandidat. Sie greifen mich auf einem Felde an, das mir gehört. Um meine Tochter, sei Ihnen beiläufig gesagt, bin ich unbesorgt, das Blut ihrer Ahnen fließt nicht nur in ihren Adern, seine Eisenteile haben auch ihren Sinn und Verstand geklärt. Wie sie den Verlust ihres Kousins überstanden, wird sie auch die Affektion zu Ihnen überwinden. Und es ist mir jetzt sogar lieb, daß Sie im Hause bleiben. Wenn man sich täglich sieht –« »Da ist Ihr definitiver Beschluß?« »Wir bleiben doch nun gute Freunde. Auch unser Verhältnis wird klarer, besser werden. Sie müssen mir zugestehen, daß ich Ihnen das äußerste Maß in der Verteidigung zuließ. Sie führten Ihre Waffen geschickt, ich ehre Sie darum. Meine Zusage in betreff der Pfarre bleibt Ihnen, wenn Faßbinder einmal, so oder so, abgeht. Unser gesellschaftliches Verhältnis kann sich da ganz hübsch gestalten, vorausgesetzt, daß Sie eine Ihrer würdige Frau nahmen, woran ich nicht zweifle. – Ich hätte vielleicht auch nichts dagegen, wenn Minchen Sie in Affektion nähme; besser einen Geistlichen, als einen neugebackenen Edelmann – besser Sie, als den Branntweindestillateur mit den Klappstiefeln. Guten Morgen. Zum Kaffee sehen wir uns wieder.« Er hatte die Wendung gemacht, welche den Abschied bedeutete, und stopfte die Pfeife, als er den Fortgehenden noch auf ein Wort zurückrief: »Nicht wahr, ich bin ein barbarischer, grausamer, engherziger, adelsstolzer Mann. In Ihnen kocht's noch. Die Predigt war Ihnen nicht lang genug; möchten mich in der Kirche abkanzeln als einen hartherzigen Vater, der das Glück seiner Tochter einem Vorurteil opfert. – Was würden Sie an meiner Stelle tun? Nicht wahr, Freiheit und Gleichheit proklamieren, nicht wie die drüben, sondern in Christenliebe. In mystischer Seelensympathie soll alles durcheinanderschwimmen, Krethi und Plethi. Die Prinzen und Könige möchten sich Schankwirtstöchter nehmen, wenn sie ihnen gefallen, und Reichsgräfinnen sich in Tischlergesellen verlieben und an der Hobelbank waschen. Das gäbe dann ein so schönes mongolisch-chinesisches Mischmasch, wo Namen gar nicht nötig sind, Nummern reichen aus, und der Mandarinenbambus bringt die Schichtung hinein.« »Ich erkenne die Stände, ich erkenne auch das Naturgesetz, das Gleiches zu Gleichem zieht.« »Aber für sich wollen Sie eine Exzeption? Sie, Gelehrter, wozu haben Sie Bücher studiert? So war Gottes Ordnung, wenn Sie Ihre Geschichte nicht ausgeschwitzt haben. Unten der Bauer, seitwärts der Bürger, darüber der Edelmann, und über allen der Fürst. Das ist die Säule, welche die Ordnung in der Welt trägt. Rüttle einer daran, und wir haben die Bescherung, die wir in Frankreich sahen. Jeder hat sein Recht, sein besonderes, selbständiges, und jeder Griff da hinein, uns besser zu machen, ist ein Mißgriff; jeder Angriff gegen ein altes Recht ein Unrecht, und wenn er's bekleistert noch so sehr mit guten Zwecken und Vorsätzen. Der Weg zur Hölle, wissen Sie, ist mit lauter guten Vorsätzen gepflastert; die Schlimmsten aber sind die, welche andere glücklich machen und die Glückseligkeit auf dieser Erde einführen wollen, die einmal ein Jammertal ist, was Sie als lutherischer Theologe besser wissen müssen als ich. Für sein Glück mag jeder selbst sorgen, wenn er Zeit dazu hat; denn ich meine, er hat genug zu tun, wenn er nur seine Pflichten erfüllt und seine Rechte sich erhält; was er andern von dem, was er zu viel hat, abgibt, ist seine Sache und er hat niemand danach zu fragen, es sind Almosen, und die Linke soll nicht wissen, was die Rechte tut. Am wenigsten ist einer dazu berufen, für das Glück aller zu sorgen; dies den Erdball meliorieren und das Menschengeschlecht in Pausch und Bogen korrigieren, kultivieren wollen, ist geradezu eine Mission des Satans; der allmächtige Gott hat die Welt gemacht, wie sie ist, und als sie fertig war, sah er sich um und fand, daß alles gut war. Diese Revolutionen kamen, Gott sei's geklagt, zuerst von den Thronen herab, weil die drauf saßen, sich zu nahe dem Himmel dünkten, indem sie vergessen hatten, daß sie aus dem Volk, ich meine aus dem Adel, hinaufgestiegen waren. Wollen sie sich noch nicht daran erinnern lassen, auch jetzt nicht, nachdem die Philanthropen und andere häßliche und kleine Affen es ihnen nachgemacht und den Brei und Sumpf zugerichtet, darin alles Feste, Edle und Gute untersinkt, nun so komme es über sie, daß sie im Schlamme mit versinken, und wenn nicht Gottes Zornrute sie spaltet, die Erde ein Ball voll dicken Schimmels wird. – Das gibt uns aber kein Recht, daß wir nicht, jeder was an ihm, seine Schuldigkeit tun, um diese Säule, die Gottes Ordnung auf Erden ist, zu erhalten. Und wer da nur einen kleinen Finger nachgiebt, gibt auch die Hand, und bald ist er mit Leib und Seele hinübergezogen. Das ist die ständische Gliederung, daß zusammenhalten soll, was Gott zusammen schuf, daß wir nicht Brücken bauen, wo er die Erde durch Meer und Berge zerriß und die Felsen geklüftet hat. Jeder Stand muß auf sich halten und seine Ehre für sich haben, wenn sie auch den anderen eine Torheit dünkt, und den Philosophen und Philanthropen voran. Das ist auch eine Ehre. Ich, wohlan, mein Herr, will an dieser Säule nicht rütteln, zum wenigsten aus Sentimentalität, und läge sie auch in Trümmern, will ich auch auf denen stehen, bis sie mich drunter begraben. Kennen Sie Festeres, Theolog?« »Den Geist Gottes, der über den Wassern schwebte, als er die Welt schuf, den Geist Gottes, der noch heut über die Schöpfung weht wie am ersten Tage. Dieser Geist ist Bewegung, rauschend wie das Wasser, sprühend wie das Feuer, ewig neu schaffend, wie die Erde in jedem Frühjahr ihre Scholle neu aufwirft und neu sich kleidet. Gottes Odem weht, atmet in dem, den er sich zum Ebenbilde schuf, den er nicht an die Scholle kettete, wie Strauch und Baum, den er frei aussetzte in seine Welt, nicht wie das Tier, dem Triebe zu folgen, sondern dem Lichte seiner Vernunft. Was ist denn auf der Erde wie es war, und wer hat es anders gemacht; wer hat Brücken über die Meere geschlagen, wer Wüsteneien in Gärten verwandelt, wer den Nordpol mit dem Südpol verbunden, als der Mensch! Sein Treiben ist rastlos, und jeder Schritt, jeder Gedanke, ob er sich zu den Sternen schwingt, oder in die Tiefen der Erde dringt, ist eine Bewegung, die Altes zerstört, um Neues zu bauen. Was ist fester als der Wandel? Wandel und Fortbewegung ist sein Gesetz in der Körper- und Geisterwelt, und der große Prozeß seiner Offenbarung auf dieser Erde heißt Geschichte. Da rauscht er hin in Strömungen, die keines Menschen Weisheit berechnet, zeitlos, maßlos. Die Nationen gehen wie Inseln im Strome unter, um neuen Platz zu machen, und in einem Atemzuge der Ewigkeit – was kümmert es ihn, daß wir sie Jahrhunderte nennen – sind die verschwunden, spurlos, von deren Namen der Erdkreis bebte. Wer setzt der Geschichte Schranken und Ziel? wer spricht: bis hierher und nicht weiter! Wer vermißt sich zu sagen: das war unrecht, das recht – vor Ihm, der die Unschuldigen zertreten werden ließ und die Schuldigen triumphieren! Wo mißt der Maulwurf die Höhe eines Kirchturms: und wir mit den Maulwurfsaugen sollen messen, wie hoch die Alpen sich türmen, die Sterne kreisen dürfen über den Zenith? Wer bestimmt: hier dringt der Geist zu tief, hier schreitet er zu weit aus in das Unerlaubte! Der das Pulver erfand, das die Burgen niederwarf und das Faustrecht vernichtete, und der den zuckenden Blitz am Draht auffing und in die Erde senkte, wer wagt noch zu sagen, daß sie Frevler waren, wie jener Titane, den die Heidenwelt an den Fels am Meere schmiedete, weil er das Feuer vom Himmel stahl? – Und Ihr kleinen Menschen wollt aus der großen Geschichte, die Gott Tausende von Jahren zündend, weckend, belebend um den Erdball rauschen ließ, einen Zeitraum von ein paar hundert Jahren herausgreifen, Mittelalter genannt, und bestimmen, was damals war und galt, das müsse gelten und sein in Ewigkeit, da allein habe Gott sich in der Geschichte offenbart, da allein habe er die Säulen seiner Ordnung gesetzt, die gelten soll in Ewigkeit, und wer daran rüttelt, ist Rebell gegen ihn! Das ist die Weisheit der Auster, die aus ihrer Schale dem Universum Gesetze geben will, daß alles sein soll draußen so eng und, dumpf, als in ihrem Hause. Und auf dieser Austernweisheit beruht Euer Stolz, weil Ihr den Schöpfer nur seht in dem kleinen Kreise, den Euer Auge mißt. Wehe, wenn der Euch die Augen aufreißt, daß Ihr ihn rauschen seht in seiner Majestät. Was sind Eure kleinen verbrieften Rechte vor ihm, hundertjährige und seien es tausendjährige, vor dessen Atem Kronen und Throne wie Spreu im Winde fliegen! Seien sie wertvoll gewesen für ihre Zeit mögen sie fortleben, wenn Lebenskraft in ihnen ist, Eure zünftigen und ständischen Rechte; aber sie sind kein Grundstein und kein Eckstein der Säule seiner Ordnung, denn diese Säule ist unsichtbar. Ewig ist nur Gott; ob die Geschichte ewig ist, weiß nur Er; Eure Satzungen aber, vor denen Ihr auf den Knien liegt, sind es nicht. Nur der Widerschein von einem Gewesenen, werden sie zu Götzen, auf die das Auge seines Zorns fallen muß, wenn Ihr im verstockten Aberglauben über die Anbetung der Bilder das Urbild vergeßt. – Darum, Herr Major, auch ich achte diese Satzungen, wo sie den Menschengeist nicht fesseln, aber von ihm zur Freiheit bestimmt –« »Hat jeder Mensch das Recht sie umzuschmeißen, der die hohe Intuition hat, daß sie nichts taugen! Das gefällt mir; grad heraus! Probieren wir's. Draußen stehen die Hungrigen, drinnen die sich sattgegessen haben, so meinen Sie. Darauf läuft's hinaus, das andere sind Redensarten. Das Rechenexempel ist nun, wer mehr Kourage hat, die Satten oder die Hungrigen? Der Hungrige springt und klettert lustiger, das geb' ich Ihnen zu; merken Sie sich aber das, Herr Mauritz, die Satten haben mehr Ausdauer, sie können's abwarten. – Nun hätten wir ja wohl nichts mehr zu besprechen. Einer kennt den andern und wir bleiben ehrliche Feinde. Nota bene: solange Sie in meinem Hause sind, Waffenstillstand! Wenn Sie einen Sturm versuchen wollen, oder ich einen Ausfall für nötig finde, vorher gegenseitige Aufkündigung. Ihre Hand darauf!« Der Kandidat reichte sie: »Das Schwert bleibt zwischen uns liegen. Wer länger ausdauert, Herr Major, ob Ihre Hungrigen, ob Ihre Satten, das ist die große Frage, die doch noch nicht entschieden ist. Wann wird sie je entschieden werden? Ich – mein festes Wort, ich lasse meine Ansprüche ruhen, bis Sie freiwillig erklären, – ich habe ein Recht erworben.« Achtundvierzigstes Kapitel. Friede und Resignation. Die Gesellschaft war beim Frühstück in Gruppen geteilt. Die beiden Genesenden, oder sie waren schon genesen, saßen am Fenster Der Freiherr namentlich sah heiterer aus, als wir ihn kennen. »Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben,« sagte er, als die Gräfin Thusnelde in dem schönen Tage gern ein Omen für die nächste Zukunft erblickt hätte. »Wie wunderschön sie ist!« bemerkte der Wirt zu seinem Gaste. »Nur zu exzentrisch,« erwiderte der Freiherr. »Für unsere Sache hätte ich gewünscht, daß lieber ihr Bruder Ew. Exzellenz Beispiel gefolgt wäre. Graf Waltron hätte sich auch entschließen, vergeben sollen, und wieder Dienste nehmen.« »Er ist zu sehr beschäftigt mit den französischen Kommissären, seine Vermögensangelegenheiten zu regulieren. Ich fürchte, er wird einen schlechten Abschluß machen. Bei beschränkten Mitteln wird er schwer zu einer standesgemäßen Heirat sich entschließen, und damit erlischt wieder eines der wahrhaft edlen Geschlechter Deutschlands. – Ihn kümmert es indes mehr, daß für seine Schwester, die wie geboren scheint, die Mutter eines neuen Heldengeschlechts zu werden, alle Aussicht auf eine Heirat verloren ist. Er opferte ihr gern alles, was ihm bleibt.« »Ist es mit dem Gelübde der Komteß so ernst gemeint?« »Wenn sie es nicht schon geleistet, würde sie es jeden Tag wieder leisten. Ach, bis die Franzosen über den Rhein gejagt! Sie zählt vierundzwanzig Sommer würden die Dichter sagen; wie viel Winter wird sie noch zählen bis dann! –« »Ich erinnere mich, daß ein junger Leutnant Fouqué ein toll exzentrisches Gedicht auf sie schrieb – er besingt sie als das Ideal einer deutschen Jungfrau!« Der Freiherr hatte nur halb darauf gehört: »Sie will auch nach Memel, aus Fürsorge für mich, aus Liebe für die Königin, aus Begeisterung für die Sache. Aber was sie sonst will, da besorge ich, daß meine Frau recht hat! Wo wir Männer schon den Verstand zusammenhalten müssen, wie in dem Wirrwarr das Einfachste, Nächste zu finden, was suchen da die Frauen! Ihr Kopf ist voll Ideen, liebenswürdig, phantastisch, patriotisch, wunderlich, aber unpraktisch – von geheimen Bündnissen, Frauenvereinen durch alle Gauen Deutschlands, voll Entsagung, Opfern, Haß und Liebe. Sie sollen die Verwundeten pflegen, den Lazaretten vorstehen, die Küchen der Armen besorgen – es spukt sogar der Gedanke, daß die Frauen auch gegen den Feind sich wappnen und ausrücken könnten.« »Vor der Tollheit bewahre uns der Himmel!« rief der Major. »Wie vor vielen anderen, die immer die Ausgeburt außerordentlicher Zeiten sind. Wir bedürfen des Exzentrischen, mein Freund, gewiß! wie sollte sonst die tote Masse lebendig gerüttelt werden! Zuweilen bangt mich aber doch vor den unreifen Gedanken und Ideen, die aus den Schleusen mit herausbrechen werden. Sie werden dann wuchern in deutscher Weise zum Krassen, Widerwärtigen, die Theorie wird sich des praktisch Errungenen bemächtigen und es so zum Gipfelpunkt treiben, bis Vernunft, Unsinn, Wohltat, Plage, der Verdruß daran wieder Rück- und Umschläge bereitet, und man am Ende das Kind mit dem Bade verschüttet.« Der Freiherr mochte fühlen, daß er sich übereilt hatte und der Major am wenigsten der Mann war, um ihn zum Vertrauten dieser seiner fernhintreffenden Befürchtungen zu machen. Er mochte mit sich selbst schon um deswillen unzufrieden sein, daß er an einem mit guten Aussichten beginnenden Tage diesen trüben Raum gegeben; er erhob sich daher mit der Bemerkung, daß die Damen auf ihr Aparte-Gespräch zürnen würden. Die gute Frau von Ilitz versicherte nachher, er sei der liebenswürdigste Gesellschafter gewesen. Auch hatte er, was sie immer gefürchtet, auf die Vertauschung der Strümpfe nicht einmal angespielt. An Liebenswürdigkeit wetteiferte mit ihm die Reichsgräfin, nur daß sie es insofern noch geschickter machte, als sie mit weiblicher Neugierde und weiblichem Verstande in der kurzen Zeit bereits in die Familienverhältnisse, vielleicht auch in einige Geheimnisse eingedrungen war, daher hier über gefährliche Klippen hinwegspielen, dort durch angenehme Anspielungen die Gemüter wohltätig berühren konnte. Was half es aber! die Zeit lag zu schwer auf allen, die Stunde war auch zu kostbar, als daß man nicht aus dem Spiele immer bald wieder auf den Ernst, der sie zusammengeführt, zurückgekommen wäre. Der Freiherr und der Major standen bald wieder in einer Ecke und besprachen das große, erwartete Ereignis, dem jener zwar die ernsteste Teilnahme schenkte, doch aber oft die Achseln zuckte: »Es kommt zu unvorbereitet; das Volk ist noch nicht reif, sich selbst Hilfe zu schaffen, und wenn es im günstigsten Falle gelingt, fehlt der Nachdruck. Es kann aufblitzen und verpaffen und wir sind dann noch schlimmer daran. Preußen ist einmal daran gewöhnt, daß alle Organisation von oben ausgeht, deshalb ist meine Meinung, daß erst am Hofe, im Kabinett, in den Bureaus der Gedanke siegen muß, um von da wärmend ins Volk zu dringen. In jenem glücklichen Fall wird man es als eine militärische Operation betrachten, bei der auch Landleute, Bürger, Zivilisten mitgeholfen haben. Das hilft dem kranken Staate nicht zur Gesundheit, wie man ein chronisches Uebel nicht durch einen einzigen akuten Angriff heilte Es fordert eine lange allmähliche Behandlung, einen Moses, der sein Volk durch die Wüste führt.« »Vierzig Jahr, das wäre eine lange Frist,« unterbrach der Major. »Sonst wäre die Wüste da, und den Moses sehe ich wohl auch.« Der Freiherr achtete nicht auf das skeptische Kompliment: »Von innen heraus muß die Kur sein, sie muß Herz und Nieren erschüttern; dann allein kann der Arzt wirken.« »Was fesselt unsere Kleine dort am Fenster?« sprach die Gräfin. »Sie hört mich nicht und ihr Blick ist unverwandt auf einen Punkt gerichtete Malchen hatte sich plötzlich umgewandt, ihr Gesicht glühte: »Er kommt – er hat –!« Die Tür ward aufgerissen, der Kandidat stürzte herein, in einer Aufregung, die der des jungen Mädchens wenigstens gleich war. Er wollte auf den Major zueilen, sein Blick fiel aber wie gestört und fragend auf die Damen und schien zu sprechen: »Darf ich?« »Freudiges?« rief der Hausherr. »Ihr Blick sagt es. Dann 'raus; was heut Geheimnis, wissen morgen alle.« »Die englische Flotte – Lord Cathcart – in vollen Segeln um Rügen – Blücher – die Schweden – morgen überschreiten sie die Peene – morgen stehen sie auf preußischen Grund und Boden – Brune, seine schwachen Truppen konzentrierend, kann nicht alle Wege verlegen. – In drei Tagen können wir die preußischen Fahnen wehen sehen, die preußische Trommel wird wirbeln. – Es lebe der König! – Sie wird nicht umsonst wirbeln.« Sie mußte schon durch die Luft des Zimmers wirbeln, sie blitzte in den Augen, sie rauschte draußen in den Rüsterästen; die Sonne selbst schien vor banger Freude in ihrem Laufe zu zittern. Es war eine kurze, aber tiefe Pause. Wer Malchens Gesicht, wer den Hauch beobachtet hätte, der sie auf ihren Füßen erhob! So hatte Mauritz nie ihre Augen glänzen sehen. Eine Sekunde nur, und sie wäre dem Ueberbringer der Botschaft an den Hals geflogen, aber der Gedanke überflügelt auch die Sekunde; selbst der Gedanke, der den bleiernen Ballast der Rücksicht auf seinen Flügeln trägt. Ihr Blick fiel auf den Vater, der im Impuls des Moments um die Hüften griff, als schnallte er den Säbel fest. Sie drückte rasch die Hand dem zitternden Jüngling und stürzte sich an des Vaters Brust. Woher der Kandidat die Kunde hatte! Was kümmert es uns, ob ein fliegender Bote sie dem Adjutanten des Majors gebracht, ob, wie andere glaubten, von den Mitwissenden eine Art Telegraphie an den Kirchtürmen angebracht war. Genug, es war keiner, der zweifelte. Auch der Freiherr nicht, auch sein Gesicht belebte sich bei dem frohen Gedanken. Aber der nächste war an seine Pflicht. Er durfte nun keinen Augenblick länger weilen, um auf den Nebenwegen, auf die seine Reise berechnet war, den Ostseestrand zu erreichen, von wo er nach Preußen überschiffen wollte. »Es tut mir nur leid. daß ich die Briefe aus Berlin nicht fand, die ich gewiß erwartete. Auch wollte mein ehemaliger Sekretär, van Asten, mich hier treffen.« Die Post aus Berlin war überhaupt seit einigen Tagen ausgeblieben; es hieß, weil es an Pferden mangele. »Es mußte der Freiherr von Stein sein, dem ich meine Pferde gebe,« sagte der Major, »denn wahrhaftig, wir werden sie nötiger hier brauchen als für Reisende!« Darauf folgten andere, auch sehr ernste Gedanken. Der Freiherr studierte die Karte, während man schon das Anspannen auf dem Hofe hörte, und schüttelte den Kopf. Wenn der Angriff aus Schwedisch-Pommern Erfolg hatte, wenn Brune geworfen und umgangen wurde, wenn die in und um die Hauptstadt stehenden Truppen den Preußen entgegenrückten, mußte das Kriegstheater sich hier entwickeln. Es konnte nicht ohne dringende Gefahren abgehen. Das konnte der Staatsmann, ohne Militär zu sein, divinieren, und hielt es für Pflicht, darauf aufmerksam zu machen. Die Frage war wieder, ob es nicht Pflicht sei, die Damen zu entfernen? Das war ein Dämpfer in die allgemeine Freude, die sich selbst der Mutter bemächtigt hatte. Jede Dröhnung ist ansteckend, und die nicht Denkenden sind ihr zunächst unterworfen. Jetzt war es anders. Die Schrecken von Brand, Plünderung, Gemetzel malten sich auf dem Gesicht der Guten. »Wenn Wolf nur mit uns ginge,« meinte sie. – »Wir haben so vieles überstanden und Gott war uns gnädig,« sagte Malchen, »warum sollen wir uns diesmal – von Vatern trennen.« Es war sonst nicht des stillen Kindes Art, ungefragt ihre Meinung abzugeben. Die Gräfin Thusnelde ergriff das Wort: »Wenn ich mir nicht das Wort gegeben, unsern edlen Freund und Retter, der der Pflege besonders bei der angreifenden Seefahrt bedarf, nicht aus dem Auge zu lassen, bis er an seinem Bestimmungsorte angelangt, würde es mir ein Vergnügen sein, hier zu bleiben. Was Schöneres, Edleres, Natürlicheres gibt es, als daß deutsche Frauen in der Nähe ihrer kämpfenden Männer, Väter, Brüder sind, ihre Entbehrungen zu teilen, ihre Schmerzen zu lindern, ihre Wunden zu verbinden, ihren Mut zu verdoppeln, wenn sie wissen, daß sie um ihr Teuerstes kämpfen. So standen die Frauen der Cimbern und Teutonen in der Wagenburg hinter der Schlacht, mutig sich den Tod gebend, als alles verloren war. So muß es wieder kommen, wenn wir siegen sollen; die Streiter für die heilige Sache müssen nicht für die Sache, das Prinzip allein, sie müssen wissen, daß sie für ihr Liebstes, ihr Teuerstes, ihr Alles hinter sich kämpfen. Erst wenn wir eine Kriegsschar, von diesem Bewußtsein erfüllt, ins Feld führen, werden wir überwinden.« Der Freiherr bemerkte: »Das ist sehr schön gesagt und empfunden, meine liebe Komteß, aber der Fall ist hier noch nicht. Von Ueberwinden ist noch nicht die Rede, nur von einem Koup, der, wenn er gelingt, von glücklichen Folgen sein kann. Wir können uns auch in keine Wagenburg hinter einem großen deutschen Heere verschanzen, sondern wir erwarten nur ein kleines preußisches Streifkorps, alliiert mit Schweden und Engländern, deren Bestimmung ist, den Feind zu überrumpeln, rasch zu werfen und auf die Hauptstadt loszumarschieren. Wenn es gut geht, steht das Landvolk auf und wir bekommen viel Zuzügler, dabei aber eine Verwirrung, wo für Damen gar kein Platz ist, und, erlauben Sie es mir zu sagen, sie würden die Verwirrung nur vergrößern.« Die Mutter und Minchen waren derselben Meinung; die letztere äußerte gar: wer sie denn beschützen solle, wenn die Männer in der Schlacht wären, als eine neue Stimme sich erhob: »Dafür, hoffe ich, werden wir gut sein.« Der Baron Eppenstein war unbemerkt eingetreten. In seinem knapp anschließenden grünen Jagdrock, einen Hirschfänger umgeschnallt und einen Stutzen in der Hand, konnte er schon wie gerüstet zum Kriegsausbruch erscheinen, wenngleich die Kleidung sich auch offiziell als nur zur Jagdpartie angelegt rechtfertigen ließ. »Die Damen,« sprach er, »werden nichts zu besorgen haben. Wenn hier die Stimmung wie in meinem Dörfchen ist, werden die Franzosen es schwerlich auf das Aeußerste ankommen lassen, sondern, ich wette darauf, Exzesse und Gefecht vermeidend, sich durchzuschlängeln suchen, um ihre Festungen oder ein Hauptkorps zu gewinnen. Herr Kommandeur,« sprach er, sich zum Major gravitätisch wendend, »ich melde Ihnen, vorausgesetzt, daß Sie die Würde, die Ihnen zukommt, nicht ablehnen, daß auf meinen Gütern allein zweihundert und etliche Burschen den Tag nicht abwarten können, wo es losgeht. So ein vierzig davon werden sich auch zu Pferde ganz gut ausnehmen.« »Zweihundert, das ist eine hübsche Zahl,« sagte Isegrimm, der bis dahin geschwiegen. »Wir wollen ja sehen, ob sie im Feuer aushalten werden. – Ihr nicht,« wandte er sich zu den Frauen. »Euch schicke ich heut noch nach Berlin. Herr Mauritz wird die Gefälligkeit haben, Euch zu begleiten und dort am besten herausfühlen, ob Ihr sicher seid, oder wohin Ihr Euch wenden sollt. Den alten Hans könnt Ihr bei Euch behalten: er taugt hier auch nichts.« Es war in dem Ton gesprochen, der keine Widerrede duldete. Der Ton galt vielleicht nur dem Baron, er traf den Kandidaten. »Ich glaubte, Herr Major, daß Sie mich zu andern Aufträgen hier behalten würden, auf die ich vorbereitet, die dringender wären.« »Um sich auszuzeichnen, ist freilich keine Gelegenheit auf einer Fluchtreise; indes meinte ich, es schickte sich mehr für einen Theologen – kein Blut zu vergießen. Blutdürstige Menschen, lieber Mauritz, sind hier genug, die ihre Bravour zeigen möchten, gleichviel vor wem. Ich liebe nicht das Bravourzeigen, vor Frauen oder Männern gleichviel, und mich gewinnt man damit nicht. Im übrigen steht es ja bei Ihnen, was Sie vorziehen –« Aus allen Zweifeln riß den Kandidaten der Eintritt einer neuen Person. Das Posthorn hätte man vorher schon schmettern hören können. Blaß und erschöpft trat Walter von Asten ein. Er war die Nacht durch gefahren, wie man nachher erfuhr; eine Nachtfahrt und die Strapazen einer noch so beschwerlichen Reise hätten indes den kräftigen Mann nicht so mitnehmen können; es war ein moralischer Schmerz, mit dem er rang. Kaum hatte er die Anwesenden begrüßt: »So wissen Sie's noch nicht?« »Was?« In einem heisern Ton, zwischen Weinen und Gelächter brach das Wort über die Lippen: »Friede!« Eine lange Pause: »Was für ein Friede?« »Den Sie erwarten können nach einem Krieg ohne Sieg und Ruhm, den Sie erwarten können, wo Napoleon ihn diktiert und Rußland uns verlassen hat, ein Friede, der –« Der Bote schien von einem Schwindel befallen; die Gräfin schob ihm einen Sessel hin. Die Arme auf der Stuhllehne, und den Kopf im Arm, mochte er ausruhen oder die Erinnerungen sammeln. »Das Schlimmste ist besser als Ungewißheit,« sagte Thusnelde. »Es wirft uns nicht um. Ermannen Sie sich und sprechen.« »Berlin war gestern abend, als ich ausfuhr illuminiert – auf Befehl – auch ein Tedeum war befohlen – o, die Lichter brannten hell – und auch witzig! Ein kleiner Tischler hatte einen Sarg illuminiert. Daran stand geschrieben: ›Hier ist der wahre bekannte und unbekannte Friede‹ – In dem Sarg, meine Herren, lag viel – alle, alle unsere Hoffnungen.« »Aber der Inhalt des Friedens? – wo ward er abgeschlossen?« »In Tilsit – Preußen halbiert. Die Elbe künftig die Grenze – alle die schönen, treuen, reichen Lande drüben französisch. – Auch die treuen Westfälinger französisch, ihr geliebtes Magdeburg, trotz der Bitten der Königin, verloren. Die Altmark von den Marken abgerissen. Unsere Festungen bleiben besetzt, im Herzen des Staates Franzosen, Blutsauger, Spione, Polizei, bis die unerschwingliche Kontribution bezahlt ist – zermalmt, vernichtet.« *           * * Es war ein tiefer Riß; wer beschreibt die Wehlaute noch, die aus seinen Klüftungen hervorklangen, wer malt auf den verschiedenen Gesichtern den verschiedenen Ausdruck. Ein grauer Nebel lag auf dem Zimmer, ob doch die Sonne draußen lustig wie vorher im Blätterwerk der Ulmen spielte, und die Vögel noch lustiger, mutwilliger zu zwitschern schienen. Isegrimm war der erste, der wie eine lebendige Gestalt aus einem Nebelbilde sich entwickelte. Er hatte seine Pfeife gestopft und räusperte sich, als er zum Freiherrn sich wandte: »Meine Pferde kriegen Sie nun heute nicht, Exzellenz; ich muß Bohnenstroh fahren. Ob Sie einen Tag früher oder später nach Königsberg kommen, das ist egal. Exzellenz ist heut mittag unser Gast, Minchen, sieh Dich vor, daß Du Deiner Küche Ehre machst.« Der Freiherr war mit eben empfangenen Briefen beschäftigt, der Major trat zu den andern Herren: »Bedaure, daß Sie Ihre Kourage unnötigerweise aufgeboten haben. Wir brauchen hier keine mehr; das Vaterland würde Ihnen vermutlich danken, wenn eins da wäre. Müssen nun schon sehen, wie sie sich anderweitig losschlagen. Jeder sorgt für sich, das ist Geschäftssache. Ich empfehle mich Ihnen ganz gehorsamst.« Die Worte und die tiefere Verbeugung, als Isegrimm sie gewöhnlich machte, konnten dem Förster des Barons nicht gelten, auch nicht dem Kandidaten, der ja im Hause blieb, es ist also zu vermuten, daß sie nur an den Baron Eppenstein gerichtet waren, der sie auch als solche empfing. Er wollte die Lippen öffnen, aber schwieg. Mit ritterlichem Anstand verneigte er sich gegen die Damen, vornehm gegen den Hausherrn und mit einer leichten Schwenkung schritt er rasch zur Tür hinaus. »Das ist abscheulich!« sagte die Gräfin, als sie die Röte auf Minchens Gesicht bemerkte. »Ein so hübscher junger Mann, und so ritterliche Gesinnungen!« Die Briefe hatte van Asten überbracht. Er stand mit dem Freiherrn in einem Gespräch begriffen, als Isegrimm an ihn herantrat. Zu Tisch war er mitgeladen, als der Vertraute des vornehmen Gastes, aber an den Mienen, wie der Hausherr ihn ansah, versprachen die Damen sich nicht eben Gutes; denn wenn der Major als brummender Bär umging, pflegte er die Tatzen auf jeden zu legen, dem er begegnete. Es ging indes diesmal gnädiger ab. »Ich freue mich, Sie nun auch einmal zu sehen wie Gott Sie geschaffen hat. Denn ehrlich gesagt, bis jetzt wußte ich nicht, in welcher Haut Sie steckten. Komödie spielen mag schon nötig sein, da's so viele Komödianten gibt, auf dem Theater und noch mehr draußen, aber meine Männer sind das sonst nicht, die darin ein Pläsier suchen.« »Was jedem Vergnügen macht, pflege ich ihm selbst zu überlassen,« hatte Asten erwidert, »und begebe mich des Urteils in Dingen, wo es mir nicht zusteht; in denen, die das allgemeine Wohl angehen, höre ich aber nur auf die Stimme der Pflicht und meine Obern.« »Das ist wenigstens deutlich gesprochen,« sagte Isegrimm. »Wenn Sie aber künftig das Geschäft fortsetzen sollten, das Kolportieren, mein' ich, von Briefen und Nachrichten, so rat' ich Ihnen, nicht so deutlich zu sprechen, Sie könnten an den Unrechten geraten.« Die Frau von Ilitz hatte auch Briefe erhalten. Sie erbrach den einen: »Von Karolinen! – Das ist doch ihre Hand – Wolf, sieh einmal, was soll denn die Unterschrift bedeuten?« Die gute Mutter hatte vermutlich die Brille nicht zur Hand, oder das Lesen von Geschriebenem ging ihr nicht recht ab. Isegrimm ergriff den Brief: »Karoline, Komtesse de Heilsberg, das ist ja ganz deutlich. Was geht's mich an! Bei den Franzosen kann jeder Namen schmieden, stehlen, borgen, wie es ihm Pläsier macht.« Van Asten hatte vorhin von den letzten traurigen Ereignissen des Feldzuges mitgeteilt, was ihm davon bekannt war. Der Name Heilsberg rief seine Aufmerksamkeit jetzt an: »Ich habe Ihnen wohl nicht bemerkt, daß an dieser für uns so unglücklichen Schlacht der Kolonel d'Espignac einen viel besprochenen Anteil hat. Einer Schwenkung mit seinen Kürassieren, die ihm nicht befohlen war, aber unerwartet günstig für die Franzosen ausschlug verdankt Napoleon den letzten entscheidenden Ausgang. Er ward auf dem Schlachtfelde zum General ernannt und es verlautete daß der Kaiser ihn zum Grafen von Heilsberg ernannt habe.« Karoline korrespondierte nur mit der Mutter; eine Stelle in diesem Briefe war aber wohl nur für den Vater bestimmt. Mit schwerem Herzen meldete sie etwas, was sie gern unberührt ließe. Man möge aber nur in der Seele ihres Gatten lesen, wie es seinem edlen Geiste noch schwerer geworden, es über sich zu gewinnen. Es habe jedoch gegolten nicht allein die Gunst des Kaisers sondern das Vertrauen aller seiner Kameraden verscherzen, wenn er es ausschlug. »So mußte ein Marquis Latour d'Espignac den stolzen Nacken beugen und das Diplom eines Kaiserlich Napoleonischen Grafen hinnehmen! Wir sind nun gegraft vor der Welt; vor unseren Ahnen in den Grüften, auch vor denen, die nach uns kommen, bleiben wir was wir waren. Mögen jene uns die Schwäche vergeben, eine Stufe herabzusteigen unter uns selbst, es ist einmal die Zeit der Resignation; vor unsern Nachkommen, hoffen mein Gemahl und ich, werden wir nicht um Verzeihung zu bitten haben, wir werden, wenn wir gefehlt, es wieder gutgemacht haben.« »Also Komteß Heilsberg!« murmelte Isegrimm für sich, als der Diener zur Tafel rief. »Es ist immer gut, wenn man für ein Ding einen Namen hat.« Bei Tisch war der Freiherr sehr einsilbig. Nach dem Essen hatte er neue Briefe empfangen, die beantwortet werden mußten; van Asten und die Gräfin halfen ihm, auch der Major ward herbeigezogen, doch nur gelegentlich. So nahte die Stunde des Abschieds des Freiherrn. – Bei so bewandten Umständen hatte Gräfin Thusnelde ihren Entschluß geändert, wohl nicht ohne sein Zureden, und nicht ohne daß es ihm willkommen war: »Was soll ich noch an dem Hofe, der den Mut verloren hat, sich selbst zu helfen,« hatte sie erklärt. »Wir brauchen Mut und vielen Mut,« sprach er, mit Bezug auf Isegrimms Worte vorhin, »und Sie hatten recht, zu Ihren Freunden zu sagen, daß sie ihn sparen sollten. Es werden Zeiten kommen, wo sie ihn besser losschlagen können. Weiß Gott, woher mich das, was Sie, meine Freunde, mit Recht so tief betrübt, anders stimmt! Es war noch nicht an der Zeit, es wäre ein unnützes Blutvergießen geworden. Ich steige mit neuem Vertrauen, mit frischem Mute in den Wagen – zu der großen Arbeit, die vielleicht meine Kräfte übersteigt, das fühle ich; aber wehe dem, der darum eine Aufgabe nicht übernimmt, zu der er berufen ist. Ich bin kein Moses, Preußen ist aber noch keine Wüste, und was in der Vorzeit einen Prozeß von vierzig Jahren forderte, dazu brauchen wir in unserer wohl eine kürzere Frist. Aber auf Jahre müssen wir uns gefaßt machen, jahrelange Resignation, jahrelanges Dulden, bis der Geist erstarkt, die geschwundenen Kräfte wieder gewachsen sind. Statt an das Volk Gottes, was hier nicht paßt, erinnern wir uns lieber an das Beispiel der Westgoten, der christlichen Germanen, die mehr gegen den gemeinsamen Feind als wir verloren hatten, die auf den äußersten Zipfel ihrer Insel zurückgedrängt waren. Und blicken wir nicht sowohl auf die Kreuzfahrer, die aus allen Nationen ihnen Hilfe bringend zuströmten – die hätten es nicht gemacht – als auf die germanische Ausdauer den Glaubensmut dieser Asturier, Kastilianer, Arragonesen. Damit, Schritt für Schritt, eroberten sie ihr ganzes, großes Vaterland zurück. – Nur vor allem und zuerst Ausdauer im Mut, im Vertrauen, Glaube – auch an uns selbst! Nicht wie mein trefflicher Freund Niebuhr, der nun einmal nicht dafür kann, daß er alles schwarz ansieht, mir eben schreibt: ›Wie schmerzvoll auch der Anblick, wie gigantisch das Unternehmen, wie dunkel die Zukunft, das wird Sie in Ihrem Beruf zu retten nicht abschrecken. Aber die bleibende Lähmung, die schwerlich auch nur aus ihrem jetzigen Besitz zu verdrängende Mittelmäßigkeit und Schlechtigkeit, die Torheit der Hoffnung, daß auf die Nacht der Unfähigkeit und Gemeinheit ein besserer Tag folgen müsse, das muß Widerwillen erzeugen; zur Gigantenarbeit sind sie befähigt, aber nicht zu der des Sisyphus.‹ – Auch das, meine Freunde, soll, es wird mich nicht abschrecken. Den Widerwillen will ich bekämpfen, gegen den Stein des Sisyphus meine Schultern stemmen; und ich werde Männer finden, die mit mir sehen, hören, fühlen, denken, die mit mir tragen, reden, handeln. Schon hat das Unglück seine beste Frucht getragen, es hat Geister geweckt und beschworen aus ihrem Todesschlafe. Wir werden uns mutig die Hände reichen im Kampf gegen die Lähmung, Erschlaffung gegen das verjährte Unrecht. Gerade in dem fernen, durch Sandsteppen und träge Flüsse vom Herzen Deutschlands getrennten Ostpreußen fand ich schon viele solcher Männer von echtdeutschem Sinn, spröde Naturen, zäh, aber voll Mark, Schärfe und Ausdauer, Männer, die nicht allein von Opfern, die sie bringen wollen, sprechen, sondern sie in den Opferstock des Vaterlandes werfen, auch ohne es zu sagen. Da, dort an der einsamen Bernsteinküste hat sich ein Rest des deutschen Eichenwaldes erhalten, auf den Deutschland stolz sein kann. Es freut mich, Herr von Quarbitz, daß es gerade deutsche Edelleute vom ältesten Namen sind. Möge die Geschichte dereinst die aus ihr so lange verschwundenen wieder mit Stolz aufzeichnen.« »Exzellenz werden einen schweren Stand haben, wenn Sie alles Unkraut ausrotten wollen,« sprach der Wirt, beim Zusammenpacken der vielen Briefschaften hilfreiche Hand leistend. »Um so mehr, da es immer wieder aufschießt, und selbst da, wo wir es zum wenigsten erwartet,« entgegnete Stein mit einem halben Lächeln, indem seine Hand einen der zuletzt empfangenen Briefe aufnahm. »Da lesen Sie, was Domherr Graf Spiegel mir über ›das physische Höllenfeuer der wieder auftauchenden Pfaffheit‹ schreibt. Wer hätte daran gedacht! Das fehlte noch, um uns völlig zu zerreißen und zu zersplittern, der alte Kampf zwischen Katholiken und Protestanten, um unser Grab zu graben unter dem Hohngelächter der andern Nationen. ›In der Zerrüttung des preußischen Staates liegt das Grab seiner Wirksamkeit für echte Menschenbildung und intellektuelle Kultur,‹ schließt er, so spornt man uns von allen Seiten, und unsere Aufgabe wird immer schwieriger, größer und heiliger.« »Auch hier werden Gebete und Wünsche Ihre Arbeit begleiten.« » Werden sie's?« sagte der Freiherr betonend, indem er zum Abschied die Hand des Wirtes drückte. »Auch wenn wir Opfer nicht nur entgegennehmen, wenn wir sie fordern – fordern müssen, darauf bestehen? Möchte es sein, möchte ich mich täuschen, aber Abrahams Glaube, als Jehovah von seinem Fleische forderte, ich fürchte, daß solcher Glaube noch nicht im ganzen Israel ist. Von ihren Fleischtöpfen werden sie seufzend geben, aber werden sie nicht schreien, wenn unser Messer auch an ihr Fleisch greift! Gott besser's, es geht nicht anders.« *           * * Der Wagen war längst auf einer Hauptstraße, die nach dem fernen Osten sich schlängelte, als auch die Gräfin Thusnelde Abschied nahm. Die hohe schöne Gestalt hielt die beiden Schwestern umschlungen; wie eine Juno oder Minerva jüngere Liebesgöttinnen hätte ein antiker Dichter sagen mögen, aber es war nichts Antikes, weder in der Physiognomie der Minerva noch in den Grazien. »Es ist die Zeit der Resignation, meine Freundinnen, auch wir sind auf sie angewiesen. Und wenn wir verzweifeln möchten in der langen Nebelzeit, blicken wir nur nach den drei Sternen am grauen Firmament: Glaube, Liebe Hoffnung! Sie werden immer heller leuchten, je mehr wir unser inneres Auge anstrengen, sie leuchten bis ins Grab. Wir leben nicht für uns, für das Vaterland. Und das kann nicht sterben.« Bald darauf finden wir die Gräfin und Herrn van Asten, beide in Reisekleidern sich begegnend; ein anderer Wagen stand im Hofe angespannt: »Was Sie mir von Frau von Bovillard mitgeteilt,« sagte die Gräfin, »hat mich erfreut. So haben wir also dort eine Bundesgenossin, auf die wir uns ganz verlassen können. Wenn nur der Einfluß der liebenswürdigen Frau auf Ihre Majestät die Königin unerschüttert bleibt!« Walter zuckte die Achseln: »Wer kann das verbürgen! Die Luftströmungen an einem Hofe berechnet niemand.« »So denn nach Berlin mein Freund!« sprach die Komteß mit einem tiefen Seufzer. »Ich schaudere ordentlich vor dem Gedanken, diese frivole, glaubenlose Stadt zum erstenmal mit Augen zu sehen, und selbst, wenn Sie den wahren Pulsschlag heraus gefühlt haben, und von dort unser Heil geboren werden sollte, wenn nicht die Verzweiflung über die Einquartierung, sondern die Macht der Ideen, dort gezeugt, genährt, Deutschland endlich befreien sollte, gerade diese Vorstellung bleibt für mich rebutant. Dieses tote Machwerk eines undeutschen Königs, der, ohne Glaube, Liebe, Hoffnung, nur Geist und Verstand war, diese Häusermasse im Sande, die, wie die Lianen in der Wüste, allen Saft aus Luft und Boden saugt, ohne selbst ein Baum zu werden, der Schatten wirft, diese eitle, dünkelvolle, sarkastische Bevölkerung, mit dem Sinn nur auf Erwerb und Vergnügen gerichtet, eine Stadt ohne gotische Münster aber mit heidnischen Tempeln: statt des erhabenen Glockengeläutes, das den Sinn zur Ahnung erhebt, mit Janitscharenmusik und Leierkasten; eine Nation, die auf ihre Geschichte stolz und ohne Monumente, selbst ohne Bildsäulen ihrer historischen Größen, und dafür in ihrem bestäubten Tiergarten karikierte griechische Götzenbilder! Das Volk nennt sie mit Recht seine Puppen. Wo, frage ich, kann da eine religiöse Erhebung, ein geistiger deutscher Aufschwung möglich sein, wo kein Adel, nicht in der Geburt, nicht in der Gesinnung, wo nur der frivole Witz herrscht! Ich folge Ihnen, weil Sie mich dazu auffordern, aber Sie wissen nicht, was es mich kostet.« »Resignation,« entgegnete Asten, »auf die wir alle angewiesen sind, Ausdauer, Glaube, Liebe und – Hoffnung. Uebrigens, gnädigste Gräfin, sieht manches in der Nähe anders aus, als wir es uns in der Ferne vorstellen.« »Aber schickt sich denn das, Wolf, daß die Komteß mit dem Herrn Asten, oder wie er heißt, allein reist; er ist doch ein weit jüngerer Mann als Seine Exzellenz der Herr Minister?« So fragte die gute Frau von Ilitz ihren Mann, als sie aus dem Fenster dem fortrollenden Wagen nachsahen. »Er ist ja Kommissarius vom Tugendbunde,« erwiderte Isegrimm und klopfte seine lange Pfeife an der Mauer ab. »Resignation und Ausdauer!« seufzte er nach einer Weilen »Ja, ja, wir werden sie brauchen,« und ging auf sein Zimmer. Er war gewohnt, allabendlich den Kandidaten rufen zu lassen, mit dem er dann ein Stündchen plauderte oder disputierte. Er wollte eben an der Glocke ziehen, als er die Hand wieder sinken ließ: »Das geht nun auch nicht mehr,« seufzte er. »Man muß sich resignieren.« Neunundvierzigstes Kapitel. Nach sechs Jahren. Unsere Geschichte ist hiermit eigentlich zu ihrem Schluß gebracht; fast alle darin aufgetretenen Personen sind auf eine lange Erwartung oder Entsagung angewiesen, und wer uns mit Aufmerksamkeit gefolgt ist, wird an keinen Gott und Helfer aus den Wolken denken, der das Hangen und Bangen abkürzt und aus Rührung die Unglücklichen plötzlich glücklich macht. Isegrimm konnte nicht aus seinem Charakter fallen; er wird weder Karolinen ihren Fehltritt vergeben, noch an den Baron Eppenstein ein höfliches Billett geschrieben haben, mit der Bitte, ob er nicht wieder sein Schloß besuchen wolle, noch wird ihm endlich der Liebesjammer zwischen Albert Mauritz und Amalien so wehmütig überschlichen haben, daß er eines Tages die Tochter ihm in die Arme geworfen und gesprochen hätte: Da habt Ihr Euch! Letzteres schon um deswillen nicht, weil man im Hause überhaupt nichts von Liebesjammer merkte. Albert und Malchen lebten vielmehr wie Geschwister nebeneinander, und man hatte von ganz anderen Dingen zu sprechen als von Liebe. Die großen Ereignisse der Jahre und Tage führten aber den Kandidaten und den Major notgedrungen wieder zu einander, und aus der halben Stunde abends wurden oft mehrstündige Gespräche. Das ist die Geschichte der kommenden Zeit, und wenn uns Gott die Kraft läßt, ihre lebensvollen Züge wieder zu einem Bilde zu verkörpern, das wir einen historischen Roman nennen, so würden wir auch wohl diese Personen als Mithandelnde wieder darin antreffen. Aber das ist eine weite Hinaussicht, und unsere Leser wollen schneller ihr Schicksal kennen lernen. Man hat es uns wenigstens bei dem Bilde, welches diesem voranging, gesagt; von allen Seiten ergingen Fragen, was aus den Leuten geworden wäre, die wir auf der Bühne oder hinter den Koulissen stehen zu lassen genötigt waren, als der Vorhang des großen historischen Dramas fiel. Es ist nun wohl gegen unsere Art, aus dem Rahmen des Bildes herauszuspringen und dem Beschauer das zu erklären, was darin vorgeht, noch mehr, nachher in einem Hohlspiegel ihm alle die Verhandlungen vorzumalen, welche die vorgestellten Gegenstände und Personen in der Zukunft zu bestehen haben. Denn es gilt uns als Aufgabe, daß ein Bild sich selbst erklären muß, und daß in einem geschichtlichen die Personen nicht los- und herausgerissen werden mögen, da sie, wenn die Arbeit ihrem Zweck entspricht, nicht eingesetzte Stifte oder eingelegte Figuren sind, sondern die natürlichen Produkte, die Pflanzen des Bodens, aus dem sie hervorwachsen. Indessen ist, wie gesagt, die Aussicht auf das nächste Gemälde eine so weitaussehende – ein historischer Roman fordert und zehrt viele Kräfte, es ist immer ein Stück Leben des Autors, und der Leser, der darüber hinblättert, verschlingt in Tagen – die Arbeit, die Sorgen und Aengsten von Jahren – und der Wunsch ist so natürlich, daß auch wir diesmal eine Ausnahme von der Regel zu machen uns gedrungen fühlen. Unser Bild, unser Roman ist, wie gesagt, mit dem vorigen Kapitel geschlossen, und vor der Kritik, die jeder Autor sich selbst macht, wüßte er wenig hinzuzusetzen, was ein Leser mit einiger Aufmerksamkeit und Phantasie nach den gegebenen Andeutungen nicht selbst divinieren möchte. Aber fortgelebt haben alle auftretenden Personen, handelnd oder getrieben, jeder seines Schicksals eigener Schmied, mit mehr oder minderen Zufälligkeiten, die dies Leben schmückten oder befleckten, und für die, welche von einem Roman nur Zerstreuung und Erhebung wollen, nicht aber die Mühe anwenden, selbst weiter zu denken, schreiben wir hier in Kürze nach englischer Weise aus den Regesten der Personen, welche ihnen lieb oder unlieb geworden, einiges nieder. *           * * Aus der Geschichte der Befreiungskriege sind die hitzigen Gefechte des Spätsommers 1813 auf den Kriblowitzer Höhen bekannt, infolge deren die Franzosen auch in der Provinz, wo unsere Geschichte spielt, wieder über die Elbe getrieben wurden. Es war nach dem Waffenstillstand, und die Gefechte sind ebenso denkwürdig, der glänzenden Reiterattacken wegen, die in der Kriegsgeschichte Epoche machten, als weil hier die neu gebildete Landwehr nicht allein ihre Feuerprobe ablegte, sondern sich mit unsterblichem Ruhm bedeckte. Der allgemeinen Geschichte ist freilich ein anderer Umstand nicht bekannt, der jene Gefechte für uns noch merkwürdiger macht; es waren nämlich fast alle die Persönlichkeiten, welche in der unseren auftreten, dabei beteiligt. Daß der Graf von Heilsberg als Generalleutnant die französische Kavallerie kommandierte, und ihm gegenüber der Reichsgraf Waltron-Alledeese die Reiterei der Alliierten, ist zu notorisch, um es zu erwähnen. Das Kavalleriegefecht mit den merkwürdigen Evolutionen, wodurch einer den andern überraschte, wie aber der Geworfene immer schnell eine ebenso überraschende neue Attacke wieder formierte, und wie diese weniger blutigen als genialen Gefechte einen ganzen Tag beanspruchten, bis erst in der Nacht der geworfene, aber nicht besiegte d'Espignac den Rückzug über die Elbe antrat, hat den Ruhm beider Führer zu einem unsterblichen in der Kriegskunde erhoben, wenn auch das nur Anekdote sein mag, daß man jeden der beiden vom andern sagen läßt: er habe in ihm einen Meister in den Kavallerieattacken kennen gelernt. Dem Reitergefecht ging aber der Tag voran, wo die Bebbiner Hügel durch die märkische Landwehr erstürmt wurden, und es ist auch wohl bekannt, daß der Obristleutnant von der Quarbitz daran den tätigten Anteil nahm. Er führte die Bataillone, bei einer plötzlichen Erkrankung des kommandierenden Generals, gegen die feindlichen Batterien und trieb sie aus Position auf Position durch die Heiden und Kieferwälder, bis sie mit Nachtanbruch an der Beeste eine unangreifbare Stellung einnahmen, und andern Tags durch d'Espignacs Kavallerie den Succurs bekamen. Merkwürdig schon, daß hier ein brandenburgischer Edelmann in die eigentümliche an das Mittelalter erinnernde Situation geriet, daß er unmittelbar für Haus und Hof kämpfen mußte, denn die französischen Paßkugeln schlugen schon in das Herrenhaus von Ilitz als er zum Bajonettangriff gegen die Franzosen kommandierte. Merkwürdiger noch, daß gerade der Herr von Quarbitz, der enragierte Kavallerist, durch Zutreffen von Umständen, welche hier zu erwähnen zu weitläufig würde, an der Spitze von Infanterie agieren mußte. Und noch merkwürdiger, daß dies gerade die Landwehr war, gegen deren Errichtung er sich bei Anfang des Krieges auf das entschiedenste und in seiner heftigen Art ausgesprochen hatte. Er war mehrmals in Berlin gewesen und hatte vergebens vorgestellt, daß mit solchen Bauernlümmeln und zusammengerafftem Gesindel aus den Städten, denen man noch dazu das Recht gewährt, ihre Offiziere selbst zu wählen, nun und nimmermehr etwas anzufangen sei. Nur die strengste Disziplin in alter Art könne aus ihnen etwas erziehen. Wenn man sie so ins Feld schicke, noch dazu halb mit Picken bewaffnet, würden sie, ja sie müßten auf den ersten Schuß davonlaufen. Mit einer Art Ingrimm hatte er sich an ihre Spitze gestellt und ihre Hurras mit einer Rede beantwortet, deren Sinn einige so auslegten: Nun, mein liebes Futter fürs Pulver, mach' dich parat zum Krepieren oder Laufen. Aber sie liefen nicht auf den ersten, auch nicht auf den zweiten Schuß, auch nicht als die folgenden in ihren Reihen lichteten. Ihre zornfunkelnden Blicke forderten vielmehr, daß er sie zum Sturmangriff führe. »Nun denn in drei Teufels Namen drauf los!« soll er beim Kommando gerufen haben, was er aber selbst entschieden in Abrede stellte. Und dann machte es sich, einige behaupteten, ganz wie von selbst, denn der gewiegte Militär habe beim Anfang des Gefechtes auf seinem Pferd wie ein vom Starrkrampf Ergriffener gesessen, als traue er seinen eigenen Augen nicht in dem, was er sehe. Als seine Kerle aber die erste Kanone genommen und eine Kompagnie Franzosen, durch einen Kiefernbusch mit dem Bajonett getrieben, in heller Flucht auf ihr Gros zurannte, da sei er plötzlich wie erwacht und habe nun kommandiert, daß es eine Freude gewesen, ihm zuzusehen und die Freude ihm auch aus dem Gesicht gelacht. Wie das Gefecht sich weiter entwickelt, geht uns nichts an, wir wissen alle, daß mehr gestochen als geschossen wurde, daß die guten Landwehrmänner aber in ihrem Eifer auch das Stechen für zu langsam hielten und lieber das Gewehr umdrehten, und mit den Kolben auf die kleinen Franzosen losschlugen. Als die Adjutanten den Kommandeur darauf hinwiesen, soll er geantwortet haben: »Laßt sie nur, wenn's ihnen so bequemer ist. Ihre Vorfahren haben auch mit Keulen auf die Schweden gedroschen.« Die erste Kanone war aber nicht ohne einen herben Verlust genommen. Die Kompagnie, meist Querbelitzer und Ilitzer, hatte ihren Hauptmann verloren. Er hatte sie durch Wort und Blick angefeuert, er war beim Sturm voran gewesen, er hatte, kann man sagen, die Kanone selbst genommen, und nun lag er, durch einen tückischen Flintenschuß aus dem Kiefernbusch in die Seite getroffen, gerad über der Kanone, besinnungslos, den Degen aber noch fest in der Hand. Es war der Kandidat Albert Mauritz. Zum Offizier von seinen Kameraden gewählt, hatte er sich schon in den Vorgefechten so ausgezeichnet, daß er beim Wiederausbruch des Feldzuges zum Hauptmann ernannt worden, um mit einer glücklichen Tat seine kriegerische Laufbahn zu schließen. Als das Treffen nach der ersten gewonnenen Schanze sich in ein Tirailleurgefecht zeitweilig auflöste, hatte der Kommandierende Zeit, heranzureiten. Isegrimm sprang vom Pferde und drückte ihm die kalte Hand: »Er war mir mehr als Freund . . . Ich gönne Dir die ewige Seligkeit!« –»I, der kann auch hier wohl noch selig werden, wenn der rechte Schneider ihn zurechtflickt,« rief ein Feldwebel, in dem wir den Quilitzer Kutscher Lamprecht erkennen, und der eben Kiefernäste abgehauen hatte, aus denen sie eine Bahre zurichteten. »Was soll's?« fragte Isegrimm. – »Nach Ilitz, der Pflasterkasten wartet ja schon. Die zuerst kommen, da giebt so ein Gregorius sich noch die meiste Mühe.« – »Und Er, Lamprecht –« fragte der Kommandeur. – »Bringe ihn selbst hin. Werde doch unsern besten Offizier nicht den ungeschickten Lümmeln überlassen; die schüttelten ihn ja, daß er unterwegs schon dran glauben muß.« – Rüstige Leute läßt ein Kommandierender ungern aus dem Gefecht, um Verwundete aus der Schlacht zu tragen; es mußte aber hier wohl eine besondere Bewandtnis haben. Isegrimm ritt schweigend fort. War doch der Ilitzer Kutscher der erste auf der Schanze gewesen und hatte zwei Kanoniere niedergehauen. Aus Feigheit tat er's nicht. Das dachte Isegrimm, lauter sprach er für sich, als er in die Schlacht zurückkehrte: »Das arme Malchen!« Auch der Obristleutnant von der Quarbitz ward im Gefecht an den Bebbiner Höhen verwundet. Weil's nur ein Streifschuß am Arm, achtete er es wenig, kommandierte nur und blieb im Feuer. Als die Abendnebel kamen und er fieberte, drangen aber die Offiziere in ihn, daß er nach Ilitz zurückreise und sich verbinden und pflegen lasse, ehe es schlimmer würde. Er müsse sich dem König und dem Vaterland retten. Es war so angetan, daß er selbst wohl glaubte, das Weitere werde auch ohne ihn gehen. Wie er beim Vorüberreiten an den Reihen der Landwehrmänner den alten Hut lüftete – zum Tschako hatte er sich noch nicht bequemen mögen – verwunderten sich die Soldaten. Das hatten sie nie von ihm gesehen und für möglich gehalten. Im Hause sehen wir ihn mit verbundenem Arm im Sorgenstuhl neben dem Lager, auf das sie den schwerverwundeten Hauptmann gebettet hatten. Auf die Aerzte hörte er nie viel, er nannte sie Quacksalber; darum war ihm auch der Ausspruch des Wundarztes, der vom Kranken nach dem Verbande gesagt: bei seiner gesunden Konstitution sei eine Erholung wohl möglich, kein Trost. Er beobachtete ihn selbst sehr aufmerksam, ohne auf die Bitten von Frau und Kindern zu hören, daß er sich nicht noch mehr aufregen, sondern die eigene Wunde schonen und sich niederlegen solle. Er hieß sie schweigen und zu Bette gehen, der Kranke dürfe nicht durch Geplärr gestört werden. Um Mitternacht stellte sich das Wundfieber heftiger ein. Isegrimm war sehr aufmerksam, er beugte sich über ihn und schien jeden Atemzug zu belauschen. Auch schien ihm lieb, daß Malchen im Winkel des Zimmers geblieben, er winkte sie zu Handleistungen heran. Als der Verwundete mit rollenden Augen sich wild warf, schüttelte er den Kopf und drückte sanft die Hand des Kindes. Dann aber ward es besser, das Fieber ließ nach, er atmete und schien zu schlafen. Da streichelte Isegrimm sanft das Haar über Malchens Schläfen. Nachher als der Kranke die Augen aufschlug und zu fragen schien, wo bin ich, zog er die Tochter aus ihrem Rückhalt ans Bett, sie mußte sich auf den Stuhl daneben setzen und er legte sanft beider Hände ineinander: »Stille« flüsterte er, »nun wird er sich schon erholen,« wandte rasch ihnen den Rücken und ging hinaus. Daß er seine Wunde vernachlässigt, zog ihm aber selbst ein Fieber zu, daß er am folgenden Tag nicht, wie er gewollt, zu seinen Leuten hinausreiten konnte, um so verdrießlicher, als er von dem Succurs vernahm, den die Franzosen durch Kavallerie von jenseits der Elbe erhielten, und daß der Kampf noch immer nicht ausgetragen sei, sondern mit jeder Stunde sich erneue. Besorgt war er nicht sowohl um den Ausgang, als verdrießlich, indem er, durch die Rapporte, die mehrmals am Tage ihm gebracht wurden, immer vom Stande der Dinge au fait gesetzt war, und als Kavallerieoffizier manche Bewegungen nicht billigen konnte. Er verschwor sich mehrmals, wäre er an des Reichsgrafen Stelle, hätte er die Franzosen längst in die Elbe gejagt. Was ihm vielleicht noch verdrießlicher war, aber er äußerte es nur gegen die Karte, wenn er sich auf sie überbeugte, er mußte dem französischen Anführer in seinen Evolutionen zustimmen, oder wie er in sich brummte: »Der Kunstreiter kennt sein Terrain und weiß seine Truppen besser zu brauchen.« Wie dem nun sei, der Reichsgraf Waltron-Alledeese hatte zuletzt den Feind auf seine Art über die Elbe geworfen, und es galt als eine glänzende Waffentat für die Alliierten. In einer Hütte am Ufer des Flusses schrieb er die Depeschen, die einen nach dem Hauptquartier der Monarchen, die andern an den Obristleutnant von der Quarbitz, mit Weisungen, wohin er seinen Landwehrbataillonen folgen und welche Stellung einnehmen solle. Zwei Ordonnanzen warteten vor der Tür, um die Ueberbringer der Depeschen zu sein. Man hatte die, welche sich unter den Freiwilligen am tapfersten und geschicktesten gezeigt, dazu auserwählt. Der eine war der Baron Eppenstein; Schrammen an der Stirn, die ihn nicht entstellten, und ein Verband an der linken Hand, waren sprechende Zeugen seiner Bravour. Der Graf schien zweifelhaft, wem er den wichtigsten Brief, den ins Hauptquartier, sicherlich auch den lohnendsten für den Ueberbringer, anvertrauen solle, als er den Baron heranwinkte. »Sie, Baron Eppenstein, haben bei gleicher Bravour den Lohn wohl am meisten verdient. Wer zehn Kavalleristen auf eigene Kosten ausgerüstet und beritten gemacht, hat ein Recht, seinem König vorgestellt zu werden. Also rasch auf den Sattel und nach Schlesien!« Da griff ein weiblicher Arm dem Grafen über die Schulter; es war Gräfin Thusnelde, von der es nicht unbekannt war, daß sie durch nichts sich abhalten lassen, ihrem Bruder ins Feld zu folgen, wenn sie auch nicht, wie das Gerücht sagte, als Amazone, mit dem Schleppsäbel an der Seite, in Stiefeln und Sporen neben ihm geritten und mit eingehauen. Sie hielt sich nur immer in der Nähe und sorgte nur für die Verwundeten. Aber, wenn es gewesen, eine Amazone war es auch, die sich sehen ließ, denn die dreißig Sommer als Winter hatten nichts von ihrer Anmut fort gefurcht, sie glühte in der Schönheit der Siegesfreude selbst wie eine Siegesgöttin: »Lieber Bruder,« sagte sie zum General, »wenn Du dem Baron einen Liebesdienst erweisen willst, meine ich, Du sendest lieber ihn mit der frohen Botschaft nach Ilitz.« Der Reichsgraf sah lächelnd die Bestätigung aus dem Gesicht des jungen Kriegers. »So reiten Sie denn, lieber Graf . . . ins Hauptquartier und holen sich den verdienten Dank. Ihrem Kameraden ist es mehr um ein frohes Gesicht zu tun.« Während er dem Baron noch Privataufträge an seinen Freund erteilte, bemühte sich die Gräfin mit weiblichem Eifer um die Toilette des jungen Mannes. »Ein Soldat, liebes Kind, kann doch nicht besser erscheinen, als wenn Staub und Schweiß von seinen Taten sprechen,« meinte Waltron. »Ja, vor Deinem Major Isegrimm,« antwortete Thusnelde, »aber wie er vor Damen aussehen muß, die auch an seinem Rapport ein Wohlgefallen haben sollen, das verstehen wir besser,« und knüpfte ihm die Krawatte fester. Es war ein anmutiges Bild, der schöne junge Mann in aufrecht militärischer Haltung, wie es der Ordonnanz vor dem Kommandeur geziemte, und das schöne Mädchen, das mit ihren feinen weißen Fingern um sein gebräuntes Gesicht hantierte und Kragen und Locken zurechtstrich: »Nun sind Sie zur Eroberung adjustiert. Glückauf, junger Ritter, und dies zum Pfand Ihres Sieges!« sprach sie und hauchte einen Kuß auf seine Stirn. Wie ein Trunkener, um den die Dinge sich drehen, trat der junge Mann aus der Tür und schwang sich aufs Pferd. Auch auf dem ganzen Ritt sah er und hörte auch nichts, als das Klirren seines Säbels. Leider sollte er den Herrn von der Quarbitz nicht in einem ähnlichen Siegesrausche antreffen. Der Verdruß des Kavallerieoffiziers war noch nicht verwunden, auch als schon früh am Morgen nach der zweiten Nacht Nachrichten vom Ausgang des Gefechtes zu ihm gedrungen waren. Auch daß Hauptmann Mauritz sich zusehends besserte, die stille Ruhe und Zufriedenheit auf Malchens Gesicht, die helle Freude auf dem der Mutter und Wilhelminens, stimmten ihn nicht um, da noch ein anderer Umstand heute morgen hinzugekommen war. Den Quilitzer, wie man den Kutscher Lamprecht, den jetzigen Unteroffizier und designierten Feldwebel hierorts noch immer nannte, wollte er zu seinem Bataillon zurückschicken, wie sich das wohl von selbst verstand; aber er war vom Schulzen Gottlieb Köpke begleitet erschienen und hatte dagegen remonstriert. Oder es war vielmehr der Schulze, der dem gnädigen Herrn erklärte: Da nun einmal sein Sohn Gottlieb (der Zweite) damals bei Belgrad für Gott, König und Vaterland zusammengehauen worden, und sein anderer Sohn, Peter, bei den Husaren partout bleiben wolle und auch schon Unteroffizier sei, und er alt werde, und die Wirtschaft doch ein Paar tüchtige Arme haben müsse, und, was mehr, das Schulzenamt einen Vorsteher, der sich Respekt zu schaffen wisse, und da die Marta, die schon sonst gut wäre, doch auch wieder einen Mann haben müsse, und nun nicht länger warten könne und wolle, so wollte er ihr nun den Lamprecht geben, der solle in die Wirtschaft, wo's wahrhaftig not tue und noch mehr im Schulzenamt, darum möge er ihn freilassen. »Den – Lamprecht!« hatte der gnädige Herr gerufen, der in dem Augenblick den Kommandeur vergaß. »Den Kerl der –« »Schon recht, gnädiger Herr,« hatte der Schulze erwidert, »er taugt nichts, nämlich mit einem Wort, er ist ein Quilitzer, daß man's oft selbst mit ihm nicht aushält. Aber sonst ist er schon gut. Und bei meinen Querbelitzern, Gott sei's geklagt, seit sie Soldat spielen, da ist ja auch kein Aushalten mehr. Die Autorität geht verloren, wenn's nicht einer ist, der ihnen den Daumen auf den Nacken drückt. Das Schulzenamt, gnädiger Herr, das ist die Hauptsache; wenn's keine Schulzen mehr gibt, die Ordnung halten, dann gibt's auch keine Bauern mehr; das Schulzenamt, das ist von Gott. – Ein gottloses Maul hat der Schlingel, das ist wahr, aber er kann auch schreiben, und pfiffig ist er, das muß ein Schulze zuweilen auch sein; und grob ist er, das tut auch not, und er und die Marta, wenn sie sich auch untereinander prügeln, von andern lassen sie sich nichts gefallen, darauf können sich der gnädige Herr verlassen. Und die Marta will ihn und er will sie. Kinder werden sie wohl nicht mehr kriegen, sie ist bald vierzig, und wenn, nun lieber Gott, Brot ist auch noch im Schulzenhofe, und wer weiß, wie viel Bauerssöhne noch totgeschossen werden; da braucht der König neue. – Und aufschieben geht auch nicht. Das Faullenzen im Kriege tut Bauerssöhnen nicht gut; sie wollen nicht arbeiten nachher. Jetzt taugt der Quilitzer noch halbwege: wenn er aber aus dem Kriege retour kommt, nach einem halben oder einem ganzen Jahr, was weiß ich's, dann ist er gar ein Tunichtgut.« Der Kommandeur der Landwehr würde wohl kaum diesen Gründen nachgegeben haben, wenn der Schulz nicht ein Zertifikat des Landrats und ein Attest des Bataillonschefs mit überreicht hätte, wonach er gegen Lamprechts Entlassung für den Fall nichts einzuwenden hatte, daß Lamprechts Gutsherr die Unentbehrlichkeit des Unteroffiziers in Hof und Ort bestätige. Lamprecht war wohl schon entlassen, als Isegrimm ihn anredete: »Und Er, Kerl, mit Knochen wie ein Ochs, Er, der schon weiß, wie's im Kriege zugeht, und wie ein rechtschaffener Soldat losschlagen muß, Er will gern aus dem Dienst für König und Vaterland, um in ein Weiberbett zu kriechen?« »Gern, gnädiger Herr, daß ich nun gerade nicht wüßte, denn sterben müssen wir schon mal, und eins ist soviel wie's andere, aber man verpaßt doch auch nicht gern die Gelegenheit. Und dann meine ich, als wie daß jeder Mensch das Seine tun muß, oder was die gnädigen Herren nennen, Opfer bringen. Ich kalkuliere nun, daß ich schon mein Opfer gebracht habe, und freiwillig, dazumal beim Schill und so weiter jetzt. Und aus unserm Schulzenhof haben sie's auch; das weiß jedes Kind. Und aus Querbelitz auch. Also meine ich, wir haben nun genug getan, und nun können andere dran kommen. Man muß es den andern doch auch lassen, daß sie für König und Vaterland sich opfern. Da will ich schon für stehen, wenn ich erst Schulze bin, ich will sie aus den Betten treiben, wo sich einer verkriechen tut. Darauf können sich der gnädige Herr verlassen.« Der gnädige Herr mußte ihm sehr ungnädig den Rücken gekehrt haben, denn Lamprecht machte an der Tür Kehrt und schulterte plötzlich vor dem Kommandeur: »Herr Obristleutnant halten zu Gnaden. Wenn's Ihnen nicht recht ist, mir ist's auch egal, Frau oder Krieg. Wollen Sie mich wieder zum Soldaten haben, mag sich die Marta und der Schulz einen anderen ins Bett und ins Amt suchen.« »Kehrt! Marsch!« kommandierte Isegrimm. »Ins Teufels Namen laß Er sich lieber heut als morgen trauen.« Da war gerade Baron Eppenstein in den Hof geritten gekommen. Es war ein Hallo im ganzen Haus. Sie wußten vom glücklichen Ausgang der Gefechte, sie hatten in der Ordonnanz den jungen Edelmann schon von fern erkannt. Die gnädige Frau, die Töchter und was im Hause war, war mit ihm die Treppe heraufgekommen, die frohe Botschaft mit anzuhören. Sich zu begrüßen als alte Bekannte und zu freundlichem Gespräch, dazu war freilich noch nicht Zeit, die Ordonnanz blieb Soldat und erst wenn seine Meldung getan und die Depeschen abgeliefert, würde der Kommandierende das Kommandowort: »Rührt Euch!« geben. Dann konnte er doch nicht anders, dachten Mutter und Töchter, als ihn zum Mittagstisch invitieren. Ein wie anderer Herr war in den sechs Jahren der Baron von Wüstelang geworden! Acht- oder neunundzwanzig Jahr war er jetzt, etwas gebräunt, fester und stolzer um sich blickend, aber hübsch noch immer. Und was hatte er nach dem Frieden mit seiner Branntweinbrennerei und dann mit seiner Tuchfabrik für Geschäfte gemacht! Drei bis vier Güter in der schlimmen Zeit zugekauft, und der Vetter aus Quilitz hatte beim letzten Besuch gemeint, man könne ihn gut und gern auf eine halbe Million schätzen. Zehn Kavalleristen von Kopf bis zu Fuß gerüstet hatte er gestellt und er sich dazu als elften. Das mußte doch des Vaters Sinn umändern – so dachte vielleicht Minchen, die, etwas verlegen und gerötet, den jungen Krieger nur von fern betrachtete. Aber der Obristleutnant nahm den Rapport mit so scharf musternden Blicken entgegen, daß die Ordonnanz sich einige Male versprach. Dann hatte er etwas an der Montur auszusetzen, und als er die Depeschen in die Hand nahm, brummte er zwischen den Zähnen: »Gottes Wunder, das war ein Exerzitium, ich meinte, die Franzosen hätten Euch alle in die Schwemme treiben müssen!« Er hatte nicht kommandiert: Rührt Euch! als er mit den Depeschen ins Nebenzimmer trat, aber in der gnädigen Frau rührte sich alles. Sie hatte, militärische Rangordnung und Disziplin vergessend, den Herrn Baron ersucht, daß er doch Platz nehme, und er möchte entschuldigen, wenn er noch alles so in Unordnung fände, aber wegen der Verwundeten hätten sie nicht waschen und nicht einmal die Gardinen abnehmen können; sie hatte auch schon den Mund aufgetan, um ihre Hoffnung auszusprechen, daß er heut mittag mit ihnen vorlieb nehmen werde auf ein Gericht Gerngesehen, als Isegrimm die Tür halb aufriß und herausrief: »Frau! Schnell der Ordonnanz einen Schnaps und eine Schmalzstulle! Sie muß auf der Stelle retourreiten, wenn ich den Brief zugemacht.« *           * * Die Ordonnanz ist auf der Stelle retourgeritten. Sie hat den Schnaps nicht getrunken und die Schmalzstulle nicht gegessen. Sie machte, als der Obristleutnant ihr die Depesche übergeben, auf den Hacken Kehrt, und ohne einen Laut, einen Blick seitwärts, schritt sie zur Tür hinaus, die Treppe hinunter, schwang sich aufs Pferd und ist nie wieder nach Haus Ilitz zurückgekehrt. Nach der lauten Freude am Morgen ward es jetzt sehr still, fast traurig. Teilnehmende Seelen fehlten nicht. Auch Malchen, deren kleines Herz so wonnevoll unter dem Mieder schlug, vergoß eine stille Träne, den Arm um Wilhelminens Hals. »Es wird noch alles gut werden; es ist ja auch mit mir so wunderbar gut geworden,« hauchte sie ihr ins Ohr. Minchen antwortete: »Das ist nun alles vorbei; er sah mich ja nicht mal an.« Noch am selben Morgen erhielten sie einen vornehmen Besuch: die Reichsgräfin Waltron kam angefahren, um für das kleine in Ilitz aufgeschlagene Lazarett zu sorgen: »Gott sei gelobt!« sagte sie zum Hausherrn, der meinte, es sei hier nicht Raumes genug, »dessen wird es hier nicht bedürfen; der Krieg geht über die Elbe und dort im großen Deutschland wird die Entscheidungsschlacht geschlagen werden.« Wie liebreich sie war, wie eine strahlende Morgenröte, die nach einer langen stürmischen Nacht eine Gegend anleuchtet. Auch Isegrimm lächelte wieder; er hatte, um einer solchen Schwester willen, dem Reichsgrafen im Herzen die Vorwürfe schon abgebeten, die er dem Reitergeneral gemacht. Thusnelde tippte mit ihrem sanften Finger auf seine Stirn und versicherte, sie wolle auch die letzte Runzel daraus fortstreicheln. Diese Zuversicht hatte sie auch Wilhelminen einzuflößen versucht: »Wir gehen einer großen Zukunft entgegen, wo alles neu, schön und herrlich wird. Der Adler der deutschen Nation wird wie ein Phönix seine Flügel im Morgenrot über die ganze Welt entfalten, geehrt und geachtet: Deutsch zu sein, wird so viel gelten als rein, makellos, treu und edel. Das allgemeine Glück wird aus dem Herzen in alle Adern zurückträufeln, die allgemeine Befriedigung und Seligkeit wird auch in der Brust jedes einzelnen schwellen. Wir hatten entsagt und hatten überwunden, nun kommt die Belohnung. Auch Ihnen, süße Wilhelmine, meine deutsche Jungfrau! den bräutlichen Myrtenkranz sehe ich schon in den Wolken schweben, er senkt sich herab auf Ihre reine Stirn, denn reine Liebe adelt alles, sie muß siegen und überwindet jeden Widerstand.« »Nur nicht Liebe, liebe Reichsgräfin,« entgegnete Minchen. »Das ist nichts, das weiß ich jetzt. Heiraten, das ist möglich, aber nur nicht lieben. Linchen ist dadurch unglücklich geworden; wenn sie auch vornehm und reich ist, so ist sie beim Feinde, für uns ist sie verloren, der Vater sieht sie nicht wieder. Malchen, die wird allerdings im nächsten Jahre Frau Pastorin, aber sechs Jahre hat sie sich quälen müssen. Und ich, wer weiß, ich wäre auch schon zufrieden und glücklich, wenn nicht doch so ein Bißchen in mir für den Baron gesprochen hätte. Gott sei Dank, der ist nun ausgerissen, denn einmal ansehen hätte er mich können, als er fortritt, das darf auch eine Ordonnanz, aber er war nur grimmig. Nun gut, nun bin ich's auch. Nein. das nicht, aber ganz gleichgültig, ich versichere Sie, total gleichgültig, Und merk' ich noch so was von einer Empfindung, so rick racks 'raus, wie ich an meiner Moosrose tue, wenn ein Grashälmchen im Torf aufschießen will. Da hab' ich Augen für. Sie müssen's auch schon in der Erde merken, denn es untersteht sich keines mehr, vorzugucken. So werde ich ganz glücklich und ruhig werden, und dann mag der Himmel über mich beschließen, was er will.« »Was kann der Himmel über Dich beschließen als Gutes, wenn er sich in Deinem hellblauen Auge widerspiegelt?« »Das soll mir nun ganz egal sein, ob ich eine alte Jungfer werde oder nicht. Wenn man's vierundzwanzig Jahre ausgehalten hat, dann hält man's auch noch ein paar oder ein paar Dutzend länger aus und ist gewiß weniger inkommodiert. Wenn ich aber doch einen Mann bekommen soll, dann lieber einen Lahmen, Blinden oder Alten, den ich pflegen kann, als einen jungen, den ich noch lieben soll und muß.« Es zuckte ein eigentümlicher Strahl in Thnsneldens Augen, wie wenn ein blitzartiger Gedanke sie durchfuhr: »Ach, das wäre charmant!« rief sie und schloß Minchen in ihre Arme. Fünfzigstes Kapitel. Von Hochgezieten. Es war wieder beinahe ein Jahr verstrichen, als an einem schönen Frühlingsmorgen Haus und Dorf Ilitz so rein gescheuert und geschmückt aussahen, daß man sie kaum wieder erkannte. Ueberall Kränze und Guirlanden von Tannenreisern, Treibhaus- und ersten Feldblumen, festlich geputzte Bauern und Bäuerinnen, die Dienerschaft des Herrenhauses in neuen Livreen. Der Gutsherr, General von der Quarbitz, der mit Ehren und vielen Orden aus dem Feldzuge zurückgekehrt war, feierte die Hochzeit seiner jüngsten Tochter mit dem nach dem Tode des alten Faßbinder zum Ortsprediger installierten Hauptmann a. D. Albert Mauritz, Ritter des Eisernen Kreuzes. Wer malt die Glücklichen alle. Wir beschreiben sie nicht; nicht die, welche nach ihrem strahlenden Gesicht, ihrem hüpfenden Gange fast die allerglücklichste schien, Wilhelmine; nicht die Mutter, welche die Freudentränen kaum stillen konnte; auch Malchen selbst nicht, die am frühen Morgen schon in den Fichtenwald gegangen, um in der Einsamkeit, im Rauschen der hohen Kiefernstämme, angeglüht von den ersten Sonnenstrahlen, im ersten Zwitschern der Vögel, ihren Gefühlen zu leben, dem Schöpfer für ihr Glück zu danken. Wir blieben beim General, der eben zwei verspätete Briefe erhalten, denn mit den Posten wollte es nach den Wirren des Krieges noch nicht recht in Gang kommen. Der eine war vom General der Kavallerie Reichsgrafen Waltron, der andere von Quarbitz' Tochter, Karolinen. Waltron gratulierte aus Wien von ganzem Herzen zu der ihm gemeldeten Verlobung. Ein braver Mensch, schrieb er in seiner Art, bleibe doch der beste Edelmann; das fühle man erst recht, wenn man mit so vielen besternten und betitelten Intriganten und Halunken zu tun habe, die jeder, Gott weiß was für die Menschheit und das Wohl aller Länder, Klassen, Stände, im Munde führten, eigentlich aber nur an sich dächten und wie sie den anderen einen fetten Bissen fortschnappten. Alles habe den Mund voll von Restitution, Heiligkeit der Rechte und von Legitimität, in der Tat sei es aber ein Faustrecht unter feineren Formen, und der Stärkere siege über den Schwächeren in den Protokollen wie auf dem Schlachtfeld. Nur daß die Intrigen dieses Naturgesetz etwas verrückten, und der Fuchs zuweilen Bär und Wolf übervorteile. Für die kleineren deutschen Fürsten sei wenig, für die Reichsritterschaft gar nichts zu hoffen. Da er durch Konnexionen sein Recht nicht wieder gewinnen wolle, gebe er alle Hoffnung auf, und wenn er nicht an seine Schwester dächte und für sie Splitter wenigstens zu retten hoffte, würde er augenblicklich dem Kongreß den Rücken drehen und nach Amerika auswandern. Karolinens Brief war an die Mutter adressiert, der Vater korrespondierte nicht mit ihr; seinem Inhalte nach war er aber nur an ihn gerichtet. Der erste Teil bestätigte, was man in Ilitz schon wußte. Der Generalleutnant d'Espignac war nach der Konvention von Paris einer der ersten gewesen, der seinem angeborenen König huldigte, und Karoline konnte nicht begeisterte Worte genug finden, das Entzücken ihres Gemahls, ihrer Freunde, Verwandten, aller, aller Gutgesinnten zu malen, als sie die Trikolore von den Fahnen herabgerissen. Im Augenblick, wo sie die Lilien daran heften wollen, sei Raoul so von Rührung übermannt worden, daß er unwillkürlich auf die Knie gesunken und dies heilige Pfand der Treue und des wahren Königtums inbrünstig an seine Lippen gedrückt und geküßt habe. »Da stürzten alle Offiziere seines Regiments mit ihm auf die Knie und drängten sich auch, die heiligen Lilien zu küssen. Es war ein unaussprechlich rührender Moment. Die Schauer der Ahnung überkamen uns, der böse, giftige Zauber, der Frankreich, die Welt so lange umspannt, ist wie mit einem Schlag gebrochen und spurlos in die Erde versunken. Der herrliche, erhabene Monarch Ludwig XVIII., ich habe ihn gesehen; o könnte ich Ihnen, teure Eltern, die Wonneschauer dieses Momentes, die Ihre Tochter empfand, beschreiben. Da stand es in der Brust geschrieben, da atmete es die Luft selbst. Das ist ein wahrer König! Und so denkt jetzt ganz Frankreich. Wie wenig kannten wir es bei uns. Wo er den Fuß zuerst auf französischen Boden gesetzt, wird man in Erz einen Abguß dieses beglückenden Fußtrittes machen, ein Monument, ein Palladium, zu dem noch die Kindeskinder unserer spätesten Nachkommen anbetend pilgern werden.« »Wollen's abwarten,« sagte Isegrimm und wollte den Brief beiseite werfen, als er in der Nachschrift verschiedene dick unterstrichene Stellen fand. »Was ist denn das?« »Teure Mutter, was Minchen mir schrieb, dürfte ich es doch nur als Plaisanterie meiner mutwilligen Schwester betrachten! Als ich den Anfang ihres Berichts dem Marquis vorlas, ward er blaß und seine Stirn runzelte. Ich brach plötzlich ab und zwang mich zum Lachen: ob er es denn für Ernst halte! – Leider las ich weiter, und es war Ernst. Teure Eltern – Verzeihung, daß ich auch Sie, mein Vater, dabei anrede, aber mein Herz läßt mir keine Ruh – ist es denn wahr, ist es unabänderlich? – Wie es den Marquis affiziert hat, ersehe ich daraus, daß er eben unruhig durchs Zimmer ging mit den Worten: ›der General, Dein edler Vater, kann nun und nimmermehr seine Einwilligung gegeben haben; sie müßte erschlichen sein!‹ Sie sehen, er glaubt es noch nicht. Ist es nicht schon schrecklich genug. daß die nächsten Blutsfreunde als Feinde ein Jahr hindurch sich gegenüber stehen mußten, daß wir zitterten bei jedem Schuß, den wir getan, daß er drüben ein teures Haupt treffe, und auch Sie haben so gezittert. Und nun – ich weiß, ich habe kein Recht, Sie auf die Gefühle meines Gatten aufmerksam zu machen. Was gilt es Ihnen, daß sein edler Stolz jetzt, nachdem alle Nebel gesunken, starr, mächtig, riesengroß möchte ich sagen, aber immer edel, mit dem wiederhergestellten Königtum sich hebt, was, daß eine solche Verwandtschaft, die drohende Schwägerschaft mit dem Sohne eines Bierfiedlers den Enkel seiner Ahnen von edler Scham beben macht! – Ich habe kein Recht, etwas von Ihnen zu erbitten; mein Gemahl, wenn er es hätte, würde nicht bitten, aber die lange Reihe unserer Ahnen, hat sie keine Stimme? wie gesagt, meinen Mann muß es empfindlich kränken, gerade jetzt, wo wir die Schlacken der Revolution von uns abwerfen, wo alles edle Metall in seiner Reinheit und seinem Gehalt wieder zur Geltung kommt, noch empfindlicher. Er sagt, das heiße den Riß, der uns trennt, wo er kaum vernarbte, von neuem aufreißen. Und daß es gerade dieser Herr Mauritz sein muß, dem ich nie getraut habe, denn er war immer vorlaut und indiskret. Er mußte immer von Vatern zurechtgewiesen werden, und wenn Vater ihn behandelt, wie er es verdiente, hätte er ihn längst aus dem Hause gejagt, und was wäre er denn jetzt! Malchen muß geradezu blind sein, und dann ist es für meinen Mann auch rebutant – als guter Katholik kann er nicht anders denken – daß sein Vater seine Tochter einem Geistlichen zur Frau geben kann; denn wenn mit der Revolution einmal gebrochen und zum Abschluß gekommen ist, meint er –« »Daß wir alle wieder katholisch werden müssen,« rief Isegrimm abbrechend. »So ist's recht,« und warf den Brief halb zerknillt auf den Tisch, nicht ohne daß er zuvor noch einen Blick auf die Unterschrift geworfen. Sie lautete: »Karoline, Marquise de la Tour d'Espignac, Gräfin von Heilsberg« – »So ist's auch recht, Gräfin Heilsberg,« rief er. »Gut spekuliert! Die Revolution haben wir nie anerkannt, aber den kleinen Profit aus ihr nehmen wir in die Restauration mit Vergnügen mit.« Ein unvermeidlicher Gast war unter den übrigen vorgefahren und eingetreten – der Hofmarschall aus Quilitz. Hätte er sich doch auch wegen Unpäßlichkeit entschuldigen lassen, wie die lange Rike getan, dachte Isegrimm. Sie hatten sich lange nicht gesehen, der Gutsherr fürchtete nicht, aber erwartete Vorstellungen, wenigstens Bedenken, ähnlich denen seiner Tochter Karoline. – Ganz das Gegenteil. Der Quilitzer, ein Mann jetzt in hohem Ansehen, mit den ersten Orden geschmückt um seiner Verdienste willen bei der Rettung des Vaterlandes, war ihm mit einem herzlichen Händedruck entgegengekommen, dann war er ihm um den Hals gefallen. Er küßte ihm beide Backen und sah ihn lange mit Rührung an. So hatte er es erwartet, er hatte im stillen sich längst die Frage gestellt, und – jede so beantwortet wie der General es durch die Tat getan: »Ein Edelmann muß seinen Stand ehren und seine Grundsätze festhalten, aber – noble Gesinnungen, die sich in der Feuerschmiede der Zeit so bewährt haben, fürs Vaterland vergossenes Blut, verleihen auch denen einen nicht auszulöschenden Adel, welchen die Geburt ihnen versagt hat. Dies anzuerkennen scheint mir gerade die Aufgabe des wahren Edelmannes. Und dann noch keine Regel ohne Ausnahme! Wie die Dinge stehen, wird diese Anerkennung gerade von Ihnen, Kousin, der Sache ein ganz besonderes Relief geben. Sie sind der erste Edelmann und Gutsbesitzer der Provinz, der seine Tochter mit der Kirche verheiratet. Erlauben sie es mir so zu nennen. Es ist auch ein Akt der Klugheit. Sie werden mich nicht in Verdacht haben, daß ich dabei an eine Spekulation, eine Art Simonie denke; denn die Pfarre ist doch wahrhaftig nicht so ausgestattet, daß man darum ein Fräulein aus der Familie Quarbitz opferte, und wenn Sie eine flüchtige Aeußerung meiner guten Friederike darüber gehört hätten, so sind Sie Mannes genug, um zu wissen, wie man solche Frauenreden aufnimmt. Aber, bester Freund, wir erkennen in der Handlung Ihre weiter hinausblickende Klugheit. Der Orkan hat sich gelegt, aber die Stürme sind darum noch nicht vorüber, am wenigsten die giftigen Lüfte, die an den ehrwürdigen Rudera der Vergangenheit zehren. Die Religion muß wieder zu Ehren kommen. Darüber – wenn wir noch nicht einig wären, so müßten wir's werden. Die Ideen, die wir zum Heil selbst heraufbeschworen, wallen und wogen noch, niemand sagt voraus, wo sie einmal übertreten werden. Wir müssen dagegen etwas Festes, einen Wall haben, an dem sie sich brechen. Das ist die Autorität, und welche Autorität ist älter als die der Kirche. Wie es uns auch sauer ankommt, wir müssen uns daran gewöhnen, die Prediger zu ehren, um ihnen Autorität unter unseren Leuten zu verschaffen. Ein wahres Glück für Sie, Kousin, daß der alte Faßbinder starb. Diese fortgesetzten Differenzen zwischen Geistlichen und Gutsherren konnten da manches lockern, was fest bleiben muß. Nun und man kann wirklich sagen, Sie tun jetzt das Ihre, um, wenn Sie etwas verschuldet, was ich damit nicht gesagt haben will, es wieder gutzumachen.« »So, so, also das Ihre Ansicht von heut!« hatte der Ilitzer entgegnet. »Nicht gerade von heut. Wäre Baron Eppenstein schon vom Rhein zurück, könnte er Ihnen bestätigen, daß sie es schon ehedem war. Man darf es nur nicht jedem unter uns sagen. Als man das Volk aufrief, hat man nicht umsonst zwei Hebel gebraucht, die liberalen Ideen und die Religiosität. Mit denen gilt es nun, geschickt manipulieren, um mit der einen die andere im Zaume zu halten, wenn sie zu hastige Sprünge macht. Und ich meine, für die nächste Folgezeit haben Sie richtig gewählt. Man will den geistlichen Stand wieder zu Ehren bringen, und ich könnte Ihnen da manches im Vertrauen sagen. Wie gesagt, wenn unser lieber Baron Eppenstein zurück wäre, würde er Ihnen bezeugen können, wie ich gerade über die Ehen zwischen den Edelfräulein und den Hauslehrern mich aussprach.« »Ich würde ihm das Zeugnis erlassen,« sagte Isegrimm. »Wer weiß,« lächelte der Quilitzer. »Er ward so gut ein anderer, wie unser Kapitän und Ritter Herr Mauritz ein anderer geworden ist, als der arme, schüchterne Kandidat, der mit seinem Wetterfähnchen demütig bei meinem Vetter um Einlaß klopfte. Baron Eppenstein war schon zum Rittmeister avanziert, als er das Glück hatte, der erste zu sein, der ein Pikett Franzosen über den Niederrhein jagte. Es war freilich keine Herkulesarbeit, aber es ward zum Evenement. In Frankreich hat er sich bei Laon unter Blüchers Augen ausgezeichnet, und sein glücklicher Koup auf dem Montmartre lebt noch in den Zeitungen. Ich sollte doch meinen, auch Sie würden den Major heut anders empfangen, als Sie damals die Ordonnanz entließen. Er könnte im Militär eine große Fortune machen, wenn er es nicht vorzöge, ein Herr und Vater auf seinen Gütern zu sein, die sich schon zu einer Herrschaft arrondiert haben.« »Einen Schnaps ihm anzubieten, würde ich mich freilich nicht mehr unterstehen, da er selbst so viel Branntwein macht, um das Königreich Preußen damit zu versehen,« war des Generals Antwort, der andere Gäste zu empfangen hatte; sonst schien das Zucken um den Mund anzudeuten, daß er sie noch spitziger zu geben wohl geneigt war. » Incorrigible ! trotz der Mesalliancen!« sagte der Quilitzer, zu dem neben ihm stehenden Johanniterherrn von Quiritz, welcher selbst an einer Mesallianze zu laborieren schien, wenn man ihn mit der junonischen, baumhohen Dame zusammenmaß, die neben oder über ihm stand, und seine verschriebene und angetraute Gattin war. Unter den geladenen Nachbarn konnte man einen vermissen, den Herrn von Wolfskehl auf Ritzengnitz. Er hatte nach dem Frieden eine Vorfahrvisite gemacht und bei der Gelegenheit, wenn auch vorerst nur unter der Blume, um Wilhelminens Hand angehalten. Er hatte schon früher angefangen ein solider, und fing jetzt an ein rangierter Mann zu werden; man konnte es schon an seinem Haupthaar sehen, daß er die Mittel zusammenzuhalten verstand. »Man setzt sich über manches jetzt hinweg,« hatte der Vater nach einer langen Beratung mit der Mutter und Minchen gesagt. »Daß sie unsere Vasallen waren, darüber sehe ich weg. Wenn Du also nichts auszusetzen hast, wir haben nichts auszusetzen.« – »Wenn Sie es also wünschen, liebe Eltern,« hatte Minchen in gedehntem Ton erwidert, »so hätte ich auch nichts einzuwenden.« – »Dann wären wir also einig und zufrieden,« hatte der Vater darauf gesagt. »Ja, einig,« hatte Minchen erwidert; »i ja, zufrieden auch; warum denn nicht, wenn's sein muß!« – »Warum muß es denn sein?« Wer das gefragt, weiß man nicht mehr; aber die Beratung fing dann von neuem an und das letzte Resultat derselben war, daß der Herr von Wolfskehl heut nicht zur Hochzeit gebeten war – aus Delikatesse. Der festliche Zug war schon in der Kirche, als ein Reisewagen vor dem Hause hielt und ein staubbedeckter Gast heraussprang, um ihm nachzueilen. Sein Erscheinen unterbrach fast die feierliche Handlung, aber es war eine Unterbrechung, welche die Freude nur erhöhte, denn er schien selbst voller Freude – der Reichsgraf Waltron. »Warum ich kam, und gar mit Kurierstiefeln, daß ich selbst ein Hochzeitsgeschenk für meines Patchens Schwester mitzubringen vergaß?« – sagte der Graf am anderen Tage im traulichen Familienkreise des Pfarrhauses, wo die neue Frau Pastorin die anmutige Wirtin machte. »Kinder, es geschah, um reine Luft zu atmen, um einmal wieder unter wahren und glücklichen Menschen zu sein. Himmel und Hölle! wer die Ambra duftende Schwefelluft da wochenlang einschlürfen mußte, wer das Treiben mit ansah, das rouge et noir , das Kämmerchen-Vermieten der Diplomaten, wie die großen Staatsmänner sich hinter Kammerdiener stecken mußten, welche Rolle den Fürsten zugeteilt war, eine, welche die Frauen spielten – wer da noch sagen kann, wir haben den bösen Geist aus Deutschland vertrieben und in Elba eingesperrt, der muß eine freche Stirn haben! Ein Glück, daß meine arme Schwester Thusnelde nicht auch dort war, sie hätte die Flügel ihrer Begeisterung für das wiedergeborene, unteilbare, heilige, christliche Deutsche Reich selbst zerknickt, und sich vom ersten, besten Felsen wie eine andere Sappho ins Wasser gestürzt.« »Für Preußen sieht es schlimm aus,« sagte Isegrimm. »Warum hat man Hardenberg hingeschickt? Stein würde anders gesprochen haben.« »Einen Gott würde man nicht verstanden haben in der babylonischen Sprachverwirrung des Egoismus. Wenn das das Fundament werden soll für den Rechtszustand der Jahrhunderte, die kommen, so graut mich vor der Zukunft, die wir, die unsere Kinder erleben werden. Im westfälischen Frieden zog man doch eine rote Schnur durch Städte und Länder und sagte, was diesseits des bestimmten Jahres und Tages fällt, bleibt katholisch, was jenseits protestantisch. Ein kurioses, aber es war doch ein Prinzip, was jeder mit der Hand fassen konnte. Aber dieses Prinzip, was sie jetzt aufstellen, das Prinzip der Legitimität, begreif' es einer – ich rufe den weisen König Salomo, die sieben Weisen Griechenlands, die Weisen Aegyptens, Indiens und die Kirchenväter der Christenheit zu Zeugen – erklärt mir's! Legitim, ursprüngliches Eigentum oder geheiligter Besitz soll alles sein, die Hydra der Revolution mit Füßen getreten, soll herausgeben, was sie geschluckt. Warum bleibt Lothringen, Elsaß, Straßburg in den Händen der Franzosen? Warum behalten die deutschen Fürsten die Königskronen und Länder, die ihnen Napoleon schenkte, und ich und der und die sind ihre legitimen Besitzer? Warum ward der älteste Staat Europas, die Republik Venedig, die Königreiche verschenkte, in ihren Lagunen eingestampft? Warum das fast ebenso alte, meerbeherrschende Genua, die treue Alliierte der deutschen Kaiser, an einen fremden Fürsten verschenkt, während man das winzige Uhrmacherstädtchen Genf zum unabhängigen Staat erhebt? Warum ward Frankfurt, Bremen eine freie Stadt, während man Nürnberg vergaß? O, meine Freunde, der Verstand schwindelt vor den tausend Warum, die man sich da fragen kann! Wenn sie's Rücksichten nennten, Macht der Umstände oder tel est notre plaisir , ich ließe es mir gefallen, wir sind ja zu schwach, um es zu ändern, aber warum nennt man's Recht, ein Name, der zu dem Dinge paßt, wie die Faust aufs Ohr. Mir war da wie unter übertünchten Gräbern. Warum macht man nicht lieber eine Lotterie und zog die Namen der Fürsten, Herren und Städte heraus, die bleiben sollten, was sie gewesen: die anderen in den Sack gestellt und angebunden. Das wäre doch wenigstens eine Art gewesen, uns zu mediatisieren. Und wenn ich den Spinnenfaden aus ihrem Leibe tausendmal um den Erdball zöge, aus der Legitimität könnte ich's nicht begreifen.« Es war ein ernstes Gespräch, das die Frauen nicht interessieren konnte; der junge Ehemann, den es interessieren durfte, schwieg – vielleicht aus Rücksicht gegen den Vater. »Und retteten Erlaucht gar nichts aus dem Schiffbruch?« fragte Isegrimm. »Damit stimmt Ihre frohe Aeußerung von gestern nicht.« »Ich bin froh, weil ich nichts mehr bin als frei – aber leider bin ich doch jetzt wieder etwas.« »Man nimmt Rücksichten und wirft den Schiffbrüchigen zum Trost oder Ersatz einige von den Splittern des geborgenen Wrackes zu. Sie sollen nicht zu sehr schreien.« Der Reichsgraf nickte lächelnd: »Bis zur letzten Woche klopfte ich an alle Türen umsonst. Im Namen der Legitimität mußte mir überall der Portier hinaussagen: ich hätte von Gott und Rechts wegen nichts zu fordern, da ich mich ja mit Napoleons Kommissarien vertragen. Etwas ist daran, und ich überlegte schon, bei welchem der reichsfreiherrlichen Juden ich wohl am billigsten eine Anleihe aufnähme, um meine Privatgüter wieder übernehmen zu können, da ward ich gerufen, ich sage nicht zu wem, und mir ward eröffnet« – »Was?« »Daß in Anbetracht von dem und jenem und in Rücksicht auf dies und das, mir dreihunderttausend Taler Entschädigungsgelder, angewiesen auf den und den Erlös, zugebilligt werden.« »Das ist doch etwas für eine verlorene Souveränität!« »Ei, und noch weit mehr! Aus ganz besonderer Rücksicht werde mir noch zugestanden wären – aber ganz ausgemacht sei es noch nicht, und ich möge deshalb noch nichts verlauten lassen – das Recht, eine Leibwache von zwölf Mann uniformierter Haustruppen zu halten. Ursprünglich sollten mir nur zehn Mann zugestanden werden; aber es wäre wieder eine ganz besondere Rücksicht, wenn mir noch die zwei Mann zugelegt würden. Meine Freunde, was mir in meinem Herzensdrang entschlüpft ist, da kann ich auf Ihre Diskretion rechnen.« »Erlaucht haben diese Großmut wahrscheinlich mit vielen Prozenten an den Makler bezahlen müssen, ich sage nicht von den zwölf Mann, aber von den dreihunderttausend Talern?« »Mit gar nichts, wenn Sie wollen. Es kam ganz unverhofft. Vielleicht erinnern Sie sich einer Freundin meines seligen Vaters, die in ihren letzten Jahren viel Gewalt über ihn hatte. Wir Kinder vertrugen uns eben nicht besonders mit ihr, und ich muß gestehen, daß ich ihr manchen Schabernack spielte. Von Geburt war es eine Lyoneser Putzmacherin, jetzt ist sie Baronin Valmont, eine wohlkonditionierte Vierzigerin, glänzend in ihrer Erscheinung, witzig und lebhaft im Umgange, eine Freundin Metternichs, und spielt, wenn sie bei Laune, gern die gütige Protektorin. Verdient um sie habe ich es wirklich nicht, aber Fortuna ist ein Weib, und einzig und allein der Kaprize der Baroneß Valmont, sich der legitimen Kinder ihres verstorbenen Freundes anzunehmen, verdankt der letzte Waltron-Alledeese nicht allein eine Leibwache, sondern auch die Möglichkeit, die Existenz eines tausendjährigen Besitztums seiner Vorfahren seinen Nachkommen zu erhalten.« »Erlaucht werden nun eine standesmäßige Heirat schließen, um Ihren Stamm fortzupflanzen?« sagte der General nach einer langen Pause. »Daß ich siebenundvierzigjähriger Krüppel ein Esel wäre, und eine Deszendenz in die Welt setzte mit Ansprüchen, die sich nicht realisieren lassen. Entweder nähmen sie meinen künftigen Jungen noch mehr, oder sie würden unglücklich aus Sehnsucht nach dem, was nun und nimmermehr für sie zu erringen ist. Nein, ich will niemand unglücklich machen. Entweder sterbe ich und mit mir verdorrt der alte Eichenstamm, was eigentlich das Vernünftigste wäre, denn tausend Jahr ist doch ein respektables Alter, und ein längeres Leben fordern, wäre unverschämt; oder – finde ich irgendwo ein gutes Mädchen oder Weib, die keine Ansprüche macht und mich Krüppel bis ins Grab begleiten will, dann frage ich auch nicht, ob sie aus einem Kaiserhause stammt oder aus einer Köhlerhütte.« Es war wohl schon vieles vorangegangen, daß diese Worte einen so merkwürdigen Eindruck machten, und es ging darauf noch vieles vor, was zu erzählen ein ganzes Kapitel beanspruchte, und gar ein Anfangskapitel zu einem neuen Roman. Unserer, wie gesagt, ist schon geschlossen, und so sagen wir nur das, was vorging, ganz still vor sich ging. Wie ein schwarzer Geist zuweilen durch ein Haus geht, und niemand sagt, daß er ihn gesehen hat, so mag auch ein lichter durch seine Räume wandeln, und man merkt es nur an den Blitzen in den Augen, an dem Zucken in den Mundwinkeln, die verraten, daß die Zunge gern sprechen möchte – sie wagte es nur nicht. Der Reichsgraf hatte eine lange Abendpromenade mit der zweiten Tochter des Generals gemacht; fast zwei Stunden hatte sie gedauert, und er hatte die Pfeife, die er allerdings auf Wilhelminens Wunsch mitgenommen, die ihm aber schon nach den ersten fünf Minuten ausgegangen war, nicht wieder angezündet. Das war beim Reichsgrafen Waltron beinahe eine Irrung der Natur. Als sie zurückkehrten, wußte man nicht, wer von beiden froher aussah. Und dann kam eine Erklärung, die alle froh machte, so froh, daß auch da die Worte fehlten, es auszudrücken. Familie und Bekannte erinnern sich nicht, Wolf Quarbitz je in solcher Laune gesehen zu haben. An dem Abend war er gar nicht Isegrimm mehr. Aus dem Schloßkeller wurden Körbe mit Wein herübergetragen, daß die Frau Pastorin mit ihrer Mutter bedenkliche Blicke wechselte, ob sich denn das auch für ein Pfarrhaus schicke? »Ach was, heut schickt sich alles!« sagte der Vater, und wir sagen es nur ganz in der Stille, daß er um Mitternacht, auf der einen Seite vom Reichsgrafen, auf der anderen von der guten Frau von Ilitz geführt, ins Herrenhaus zurückging. Vorn leuchtete der alte Hans, hinter ihnen ging Minchen. Und alle drei Schritt blieb er stehen und umarmte bald links und bald rechts, einmal sogar einen alten Rüsterbaum, und zu jedem sagte er, er wäre sehr vergnügt. Noch als er ins Bett steigen wollte, schien er auch mit dem ein Zwiegespräch halten zu wollen, denn er paukte mit der Hand auf die Kopfkissen: » Eine wenigstens, und gerade die, von der ich's am wenigsten erwartet hatte.« Was noch merkwürdiger scheinen kann, ist, daß Minchen von alledem gar nichts gemerkt hat. Sie ging still vor sich hin und lächelte, daß man auch Arges hätte denken mögen, aber sie hatte nur ein Glas Champagner getrunken. Daß der General am nächsten Morgen nicht ganz so froh war, daß er den Hochzeitskuchen zurückschob und selbst die fette Sahne, die er so liebte, nicht in den Kaffee goß, sondern ihn schwarz herunterschlürfte, konnte man als die Folge eines gewöhnlichen Naturprozesses erklären, es hatte aber noch einen anderen Grund. »Schade, daß die Komteß, Ihre Schwester, gestern nicht hier war,« hatte er zum Reichsgrafen bei der ersten Morgenbegrüßung gesagt, und Waltron mit einer komischen Miene geantwortet: »Sie wird am Rheine zu tun haben.« Bald darauf waren Briefe gekommen, ein langer an den Reichsgrafen, ein Kouvert mit einer Karte darin an den General. Auf der Karte stand: Als Verlobte empfehlen sich: Thusnelda, Reichsgräfin von Waltron-Alledeese, Philipp Emanuel, Baron von Eppenstein       auf Wüstelang, Tschirstedt u. s. w. Die beiden Herren pafften aus ihren langen Pfeifen während der langen Stille, die im Zimmer herrschte. Nur die Frauen lächelten sich vergnügt zu; auf des Reichsgrafen Gesicht konnte man nicht sehen, welche Stimmung vorherrschte, es war nur ein schelmischer Ausdruck. »Na, was sagen Sie denn dazu, Erlaucht Schwiegersohn?« hub endlich der General an. »Sie mußte doch ihr Wort halten; dafür ist sie meine Schwester. Der Baron war ja der erste, der die Franzosen über den Rhein gejagt hat.« Isegrimm wollte heut der Kaffee nicht schmecken; er meinte, Minchen hätte ihn anbrennen lassen. Das komme davon, wenn man verliebte Köchinnen hätte! Einundfünfzigstes Kapitel. Gräfin Heilsberg. Hätte Wolf von der Quarbitz an jenem Tage seine Augen geschlossen, so wäre ihm vieles Schmerzliche erspart worden. Die schönen Sonntage in unser aller Leben sind ja nur die unregelmäßig eingesprenkelten Sonn- und Feiertage in die vielen grauen, regnerischen und stürmischen, die uns von der Wiege bis ins Grab begleiten. Nicht daß nicht noch manches Mal die Sonne hellrot in ihm aufging und abends erquickend und labend sein gerunzeltes Gesicht anglühte, aber sein Leben war sehr lang – unnatürlich lang, werden viele sagen; aber das ist falsch, gegen die Natur ist es nicht. Davon zeugten neulich die vielen neunzigjährigen Greise, die noch Friedrich, den lebendigen, gesehen, sie hatten sogar unter ihm gefochten, und wir fanden sie wieder an seiner ehernen Denksäule. Dazu half auch vielleicht seine Natur. Wer einmal einen Zopf gehabt, hat ihn darum nicht immer. Er war ein mäßiger Mann. Wer aber seinen Grimm und Zorn nicht verschlucken muß, sondern ihn auswirft, wo und gegen wen es sei, der erhält seine Konstitution. Loben und anempfehlen wollen wir's nicht; aber es ist so. Isegrimm hatte viel verwunden, und sogar sein Podagra mit den Franzosen über den Rhein gejagt. Noch als Achtziger saß er zu Pferd und konnte seine Portion Wind und Regen aushalten, besser wie ein jüngerer. Ihn selbst betraf nicht mehr viel, denn sein tätiges Leben war geschlossen – mit vollen Ehren, und nachdem er nach dem zweiten Feldzug zurückgekehrt, trachtete er nicht nach denen, die wohl andere seinesgleichen suchten; er war so wenig ehrgeizig als er dem Interesse nachging. Er ließ es an sich kommen, nur wenn es an ihn kam, sprang er von der Bärenhaut, auf der sie meinten: der Alte träume, wovon wir noch einiges zu berichten haben. Aber er lebte doch für seine Kinder, und da erlebte er, wenn man es in die Wagschale tut, so viel Trauriges als Frohes. Gott hatte es einmal so gefügt; er knurrte wohl, aber er murrte nicht. Gegen seine älteste Tochter blieb er Isegrimm. Da halfen weder die Bitten seiner anderen Kinder, noch die kluge Vorstellung des Reichsgrafen, noch die christlichen seines Schwiegersohnes Mauritz. Er sagte: »Ich habe ihr ja nicht geflucht.« Wenn der Prediger entgegnete: »Aber des Vaters Segen baut den Kindern Häuser,« fiel er rasch ein: »Sie hat ja Häuser so viel sie will in Paris, was will sie noch vom Vater!« So mochte es allerdings scheinen; denn sie führte ein glänzendes reiches Leben. Ihr Gatte, der in den hundert Tagen nach Gent gegangen, war natürlich mit neuen Ehren und Auszeichnungen nach Frankreich zurückgekehrt. Beiläufig nur sei erwähnt, daß nach den Siegen von Waterloo und Belle-Alliance der General von der Quarbitz mit dem königlich französischen General der Kavallerie d'Espignac, Grafen von Heilsberg, auf dem Marsch nach Paris einmal an einem bestimmten Ort zusammentreffen sollte. Es galt eine gemeinschaftliche Operation im dynastischen Interesse. d'Espignac erwartete schon an der Spitze seiner Offiziere den preußischen General; Quarbitz aber kam nicht, er hatte sich vom Feldmarschall Blücher erbeten, daß ein anderer für ihn eintrat, ob es doch eine leichte und glückliche Expedition galt, welche dem preußischen Offizier Orden, Titel und eine große Pension vom französischen Könige einbringen mußte und eintrug. d'Espignac ward nachmals Pair von Frankreich, er saß mit zu Gericht über Ney, er gehörte zu den Vertrauten am Hofe und ward für die Ungunst, mit der ihn die liberale Partei überschüttete, durch die Gunst des Königs und durch große Dotationen reichlich entschädigt. Noch mehr, sagte man, entschädigte er sich selbst. Durch seine Stellung – kurze Zeit war er auch einmal Kriegsminister – mit den kommenden Ereignissen der Politik vertraut, benutzte er seine Wissenschaft an der Börse und machte sehr glückliche Geschäfte, was nur sein Ansehen vermehrte und ihm viele Freunde verschaffte, die auch von seiner Wissenschaft profitieren wollten, ohne daß er dabei verlor. Keine große industrielle Unternehmung, wo man ihm nicht Aktien übertrug; und er förderte sie, auch mit seinem Vermögen, wo er den Erfolg voraus wußte. So wuchs er an Achtung und Ansehen auch bei der Gegenpartei, welche in ihm einen Mann erkannte, der die Zeit begriff. Dabei konnte seine Aufführung in kirchlicher Beziehung als ein Muster für alle Napoleonischen Generale gelten. Er versäumte des Morgens nur wenn er krank war die Messe, und trug bei großen Prozessionen selbst die Kerze. Karolinens Briefe, welche nicht genug diesen frommen Sinn ihres Mannes melden konnte, und dabei versicherte, man solle nicht denken, daß dies ein plötzlicher Umschlag, eine Augendienerei gegen den Hof sei – denn, was sie über alle Maßen erfreue, sei, daß sie an ihrem Raoul diese Richtung ja schon in Deutschland wahrgenommen, daß er mitten im Lärm der Waffen seinen beschaulichen, auf die religiöse Mystik gewandten Sinn zu Tage gelegt, was sie schon da mit Erstaunen und Bewunderung erfüllt – diese Briefe, sage ich, verfehlten zu Hause jeden Eindruck. Denn zwischen den Zeilen las man immer den stummen Seufzer: Ach, wenn Ihr, meine Lieben, auch so fromm wäret! und einmal entschlüpfte ihr sogar der Ausdruck: »meine arme verlorene Schwester,« womit natürlich nur die Predigersfrau gemeint sein konnte. Dem Vater suchte man solche Stellen zu verbergen; er merkte es aber doch und erwartete nicht anders, als daß in einem nächsten Briefe die Notifikation Karolinens Uebertritt zur alleinseligmachenden Kirche erfolgen werde. Der Anfang eines Briefes in den zwanziger Jahren schien auch darauf zu deuten. Ein sehr frohes Ereignis hätte sie mit tiefbewegtem Gemüte zu melden – »Ach Gott, wenn sie noch ein Kind kriegte!« rief die alte Mutter, die Hände faltend. – »Die kriegt keine Kinder, das hat Gott so gefügt,« sprach Isegrimm. Es war auch nicht das; aber es war ihrem Gatten gelungen, mit einem anderen Mitgliede der Familie d' Espignac, aus der älteren Linie, der, kinderlos, unverheiratet, dem Spiel ergeben und einem wüsten Leben, ohne Religion, freigeisterisch, der Familie keine Ehre bringe und sich sogar nicht scheue, öffentlich mit Bonapartisten umzugehen, und der gesetzlich dennoch als Senior derselben gelten müsse, ein Abkommen zu treffen, wonach derselbe für eine Aversionalsumme von fünfmalhunderttausend Francs seine sämtlichen Ansprüche auf die Namen, Titel, Rechtsforderungen, Liegenschaften, Gerechtsame ihrem Gatten abtrat. Durch Verwendung der Prinzen und des gütigsten Königs sei dies Abkommen, gegen das bei den Gerichten sich Zweifel erhoben, sanktioniert und in den Registern der Pairskammer, und wo es sonst zur ewigen Gültigkeit nötig wäre, einregistriert worden. »Sie werden, teure Eltern,« schrieb sie, »die Handlung meines Gemahls vielleicht leichtsinnig schelten, eine so enorme Summe für ein Nichts hinzuwerfen, denn was sind diese Titel, Rechtsforderungen, Güter anders als Illusionen; aber bedenken Sie, daß es Raoul galt, die Ehre seines Hauses, den guten Namen seiner Ahnen zu erhalten. Dafür wäre ihm kein Opfer zu groß, und die Aufführung des Herrn Kolonel d'Espignac ist wirklich rebutant. Er hält im Palais Royal Bank. Wenn ich ihm das auch als Passion oder Mittel zum Nahrungserwerb verzeihen könnte, so doch nicht, daß er nicht wenigstens die Scham hat, seinen Namen zu vertauschen. Aber er gefällt sich darin, ihm sind Ausdrücke entschlüpft über unsere geheiligte Königsfamilie, die mich in innerster Seele schaudern machen, und neulich bei einer Exekution hat man seine alten Uniformshüte mit der dreifarbigen Kokarde gefunden. Ich bitte Sie, liebe Eltern, das ist doch etwas zu viel der Langmut der von Gott eingesetzten Obrigkeit zugemutet. Eine wahre Fügung Gottes, daß dieser desolate Mensch neulich, durch einen Verlust im Spiel zur Desperation gebracht, selbst den Antrag wieder vorbringen mußte. Es war ein pures Geschenk meines Mannes, aber der oben wird ihn dafür belohnen, und Gott sei Dank, die Ausgabe derangiert uns noch nicht. Wir haben nach seiner unerforschlichen Fügung keine Kinder, und für den kleinen Guido, das Kind der Schwäche meines geliebten Gatten, wird Gott und Se. Majestät der König sorgen, wenn es ihm einmal fehlen sollte. Er soll der Trost unseres Alters werden, wenn es uns gelingt, ihn zu adoptieren. Mein Mann hat ihn sonst für den geistlichen Stand bestimmt, und ich stimme ihm ganz darin bei. Daß der Obrist d'Espignac nicht mehr den Namen führen darf, den er verunehrt hat, versteht sich wohl von selbst. Denken Sie sich, teure Eltern, auch dafür fordert er aber noch fünfzigtausend Francs separat. So schlecht sind die Menschen, welche von Jugend auf den Irrlehren der Philosophie gefolgt sind, und Menschenweisheit für höher achten, als Gottes Wort. Mein armer Mann wird auch das zahlen müssen.« »Und kein schlechtes Geschäft dabei machen,« lachte Isegrimm auf und verließ das Zimmer, um nichts mehr zu hören. Man wußte nicht, was es zu bedeuten habe, bis anderen Tages Mauritz mit der Zeitung kam. Das Entschädigungsgesetz für die Emigrierten war durchgegangen; die Summe, welche die Familie d'Espignac für ihre in der Normandie konfiszierten Güter zu fordern hatte, war größer, als man glaubte, und bald bestätigte ein froher Brief Karolinens, daß durch eine neue wunderbare Fügung Gottes ein Gesetz erschienen sei, infolgedessen der Marquis, ihr Gatte, für alle seine der Ehre des Hauses gebrachten Opfer vollauf entschädigt werde. Wenn auch nicht die Stammgüter und Schlösser seiner Ahnen selbst, werde ihm doch ein großer Teil ihres Wertes durch jenes Gesetz zugebilligt. »Der Herr Marquis haben gut spekuliert,« sagte Isegrimm. »Vielleicht, als er in der Kirche schlief, ist ihm im Traum das Gesetz erschienen.« Einige Jahre vergingen, ohne daß Karoline weder besonders Erfreuliches, noch Ungünstiges zu berichten hatte. Der Reichtum ihres Mannes bei den Vorzügen und dem Alter seines Adels machten, seine Verdienste und Treue nebenher betrachtet, es dem Hofe fast zur Pflicht, an eine neue Auszeichnung für ihn zu denken – meinte und schrieb Karoline. Man wußte nur noch nicht, ob man ihm einen Marschallstab erteilen, oder ihn in den Prinzenstand erheben werde – in seinen lachendsten Morgenträumen schwebte ihm wohl die Würde eines Konnetables von Frankreich vor, was Karoline nur sehr schonend andeutete, da sie es vielleicht als Schwäche gelten ließ – als – die Julirevolution einbrach. Da erst kam, nach einer langen Pause, ein Brief der Tochter aus Wiesbaden. Den Eingang, ihre Klagen über das unaussprechlich traurige Ereignis, den Sieg des revolutionären Prinzips, des Satans über Gottes Weltordnung, übergehen wir. Sie schrieb das Unglück dem Unglauben, der Lauigkeit zu, womit man die Ketzer und Liberalen verfolgt, daß man den Reformierten die Rechte gelassen, welche Napoleon ihnen gegeben in dem von Gott selbst für den Katholizismus bestimmten, heiligen Frankreich. Warum habe die Krone, von ängstlichen Dienern schlecht beraten, gegen die Koryphäen des Liberalismus nicht nur Schonung beobachtet, sondern sogar mit ihnen unterhandelt! – Ach aber, habe sie ein Recht, jemand deshalb anzuklagen, sie, die große Sünderin gegen den heiligen Geist, die aus sträflicher Schwäche bis ehegestern den Schritt verzögert, der sie zur Versöhnung mit ihrem Gott, zur ewigen Seligkeit allein führen könne? Ein katholischer würdiger Priester, der Herr Baron – der und der – habe sie, nicht bekehrt, aber indem er ihr Bekenntnis empfangen, seine Gebete mit den ihrigen vereinigt, um die schwere Hand des strafenden Gottes für ihre lange Saumseligkeit und Feigheit abzuwenden. »Geliebte Eltern,« schrieb sie, »ich werde unter den Heiligen und Engeln Fürbitter finden! geschah es doch nur aus kindlichem Liebe, aus Furcht vor dem Gedanken, von Euch auf Ewigkeit getrennt zu sein. Aber der Herr Baron, der würdige Erzpriester des Herrn, legte seine Hand auf meinen Scheitel und sprach: Solche Demut, solche Liebe, solche Ergebung ist allmächtig, der Herr wird seine Engel auch hinübersenden in die rauhen Föhrenwälder und Sandsteppen der brandenburgischen Ketzer. Dort werden die letzten Schlachten mit dem Satan auf Erden ausgefochten werden, furchtbar blutige, aber die Palme des Siegers winkt schon und die Abtrünnigen werden gerettet in den Schoß der heiligen Mutterkirche zurückkehren. – Diese Voraussicht tröstet mich in meiner Bangigkeit und meinen Schmerzen. Eure Tochter, geliebte Eltern, wird die erste sein, die Euch demütig harrend an der Pforte der Seligkeit empfängt, die unaussprechlich Geliebten, Geretteten. –« »Na nu ist's genug.« unterbrach Isegrimm und stampfte so mit dem Fuß auf, daß das alte Podagra sich empfindlich meldete. An dem Tage durfte nicht mehr von der Angelegenheit gesprochen werden. Am Abend hatte er sich beruhigt und wollte wissen, was, wie er sich ausdrückte, aus ihren Leibern würde; mit ihrer Seele hätte er nichts mehr zu schaffen. Im Briefe hieß es: »Daß mein Gatte sich nun und nimmermehr mit der Quasilegitimität des Herrn von Orleans stellen kann, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Das Blut seiner Ahnen gerinnt schon bei der Vorstellung. Wir sind Emigrierte, wir bleiben Emigrierte, bis zu dem wohl nicht fernen Augenblick, wo die Lilien, getragen von den Waffen des gesamten Europas, wieder ihren siegreichem Einzug in dem heiligen Frankreich halten werden.« Isegrimm machte aufstehend den allen unverständlichen Ausruf: »Hat ein spanischer Reiter auch mal einen falschen Satz getan!« weiter sagte er nichts. Um eine Aufklärung durfte man ihn nicht bitten. Jahrelang erfuhr man nichts von der französischen Schwester. Isegrimm hatte verboten, auf den Brief zu antworten. Da erschien ein Zeitungsartikel mit einer traurigen Nachricht: »Vom Rheine: »Ein bekannter Kroupier von Benezat, unter dem Namen Vatel bekannt, erschoß sich vor einigen Tagen. Der Fall an und für sich würde kein Aufsehen gemacht haben, da er ein desolater Mensch war, welcher schon mehrmals ein großes ihm zugefallenes Vermögen verspielt hatte. Er war ein Napoleonischer Obrist gewesen, und man wußte auch, daß er aus guter Familie war. Die katholische Geistlichkeit, in Anbetracht des Selbstmordes, seines Lebenswandels und der gotteslästerlichen Aeußerungen, die er sich offen und ungescheut gegen jeden erlaubte, versagte dem Körper die Ruhe in geweihter Erde. Er ward hinter der Kirchhofsmauer verscharrt. Da er ohne allen Anhang und Freunde war, würde sich auch hier kaum eine opponierende Stimme erhoben haben, wenn man nicht aus seinen Papieren ersehen, daß er ein Sprößling der alten normannischen Familie d'Espignac gewesen. Dies mußte um so mehr überraschen, als der gegenwärtige Senior der Familie, der Ex-Pair Marquis de la Tour d'Espignac Graf Heilsberg, sich mit seiner Gemahlin in Wiesbaden als Emigrierter häuslich niedergelassen. Ueber die Tugenden dieses Ehepaars ein Wort zu sagen, heißt ein Wort verlieren. Sie sind weit umher als Muster adliger Sitte, christlicher Frömmigkeit und wahrer Wohltätigkeit bekannt. Die Frau Marquise gilt als ein Engel unter den Armen. Es war vielleicht unrecht, wenigstens ist es zu bedauern, daß man dem Marquis die Entdeckung aus den Papieren des Selbstmörders kommunizierte. Er war alteriert, ritt auf der Stelle nach Homburg. Nachdem er die Papiere durchgesehen, ging er nach dem Kirchhof. Dort angekommen, fiel er am Sandhügel auf die Knie und betete inbrünstig, bis die Kräfte ihn verließen. Man mußte ihn aufheben, und schon im Fieber ward er nach Wiesbaden zurückgefahren. Dort fiel er in ein hitziges Nervenfieber, welches leider schon gestern, trotz der anstrengenden und liebevollen Sorgfalt seiner Gemahlin, seinem Leben ein Ende machte. Die Legitimisten verlieren an ihm einen ihrer reinsten und edelgesinntesten Stammhalter. Die Trauer ist allgemein. Was seine Gattin an ihm verliert, weiß niemand. Man muß aber befürchten, daß der Schmerz diesen Engel von Wiesbaden forttreibt, was unter den Armen und Frommen ebenso als ein unersetzlicher Verlust betrachtet würde, als es der Schluß der feinen, mit allem Geschmack, Reichtum und Geist ausgestatteten Soireen des gräflichen Hauses ist. Uebrigens muß bemerkt werden, daß man daran zweifelt, ob der Spieler Valet wirklich aus dem Blute der d'Espignac stammt, einer Familie, welche leider mit dem Marquis ausstirbt. Man spricht wenigstens die Vermutung aus, daß er die Papiere, um sich bei Gelegenheit ein Lüster zu geben, einem anderen entwendet haben könnte. Die Frau Marquise äußert sich darüber nicht, aber ihr verächtlicher Blick spricht deutlicher als Worte. Um so betrübender, wenn der echte und letzte Nachkomme eines Heldenstammes durch eine solche Täuschung ums Leben gekommen wäre.« Ein Jahr später ging aus französischen in deutsche Zeitungen folgende Notiz über: »Aus der Normandie: Ein eigentümliches Schauspiel hatte die Bevölkerung von *** dieser Tage. Hier lag bekanntlich das Stammschloß der Familie Latour d'Espignac. Es ward in der Revolution zerstört, später bis auf die Fundamente abgetragen; die Ländereien, parzelliert, sind in den Händen vieler Besitzer. Man weiß, daß die Witwe des Grafen von Heilsberg schon vor einem Jahr die Aecker kaufte, auf welchen ein Teil des Schlosses und die Erbgruft gestanden. Die Fundamente der letzteren fand man noch vor, und sie hat auf denselben in gotischem Stil ein Erbbegräbnis ausrichten lassen, welches, eines Mausoleums würdig, in der Normandie seinesgleichen sucht. Nachdem dasselbe durch den Herrn Erzbischof und die gesamte Geistlichkeit der Diözese eingeweiht worden, kam am Freitag der Leichenkondukt mit den sterblichen Resten des selig entschlafenen Großwürdenträgers, Generals der Kavallerie, Marquis Raoul Bienaimé Gouvion de la Tour d'Espignac, Grafen von Heilsberg, aus Deutschland hier an. Mit liberalem Sinn hatte die Regierung alles getan, der Feierlichkeit jedes Hindernis aus dem Wege zu räumen; die gesamte Geistlichkeit und die Legitimisten aus der ganzen Provinz hatten sich freiwillig eingefunden, um der Grabsetzung eines Mannes beizuwohnen, welcher als der unerschütterliche Pfeiler der Grundsätze in seinem Leben dastand, denen sie huldigen. Die Glocken der Parochie läuteten, Blumen schmückten Gruft und Kapelle, kein Auge blieb trocken, am wenigsten dann, wenn es auf eine mit schwarzem Flor vom Kopf bis zur Zeh verhüllte Gestalt fiel, welche unbekümmert um Geläut, Gesang und die Teilnehmenden, durch drei Stunden mit gefalteten Händen unbeweglich über der Gruft kniete und betete. Durch den Schleier sah man, daß ihre Züge noch von großer Schönheit waren. Als sie sich endlich erhob und mit majestätischer Monotonie durch die Anwesenden nach der Equipage schritt, mußte man auch den elastischen Körperbau der Marquise bewundern, die doch schon in den Vierzigern ist. Unter dem Familienwappen, das zwei Ritter mit gesenkten Fackeln zu bewachen scheinen, stehen die einfachen Worte: ›Hier ruht der letzte d'Espignac.‹ Die Marquise hat in der Kapelle eine ewige Lampe gestiftet, und täglich wird für alle Zeiten eine Seelenmesse gelesen. Die ansehnliche Fundation dafür ist mit vollkommener Sicherheit auf benachbarte Güter eingetragen.« Noch im selben Jahre erfuhr man in Ilitz durch einen Brief der Reichsgräfin Waltron weiteres über Karoline. Sie hatte die erstere durch einen Besuch überrascht, welcher der guten Wilhelmine anfänglich eine große Freude gemacht, aber anders ausschlug, denn sie schrieb: »Gott sei Dank, daß sie fort ist, und ich wieder frei atmen kann. Wenn das Sünde ist, daß ich meine Schwester fortwünsche, so möge der liebe Gott mir verzeihen; aber meine Kinder und mein Mann stehen mir doch näher, und habe ich nicht auch Schwester, Bruder und Gott sei Dank auch noch Vater und Mutter, die ich von ganzer Seele lieb habe, so wie mein einfältiger Verstand mir sagt, daß es recht ist. – Gesund ist sie und stark auch; in ihrer Jugend sah sie nie so wohl aus. Ihr mögt's Euch denken, wenn ich Euch sage, sie stieg zu Fuß den steilen Burgweg hinauf, in einem grauen seidenen Mantel und breitkrempigen Strohhut. Als sie mich erblickte, stürzte sie mir in die Arme, und ihr Schwesterherz wußte nicht Worte genug, ihre Freude auszudrücken. Sie spielte mit mir wie ein Kind und wollte dann vor mir auf die Knie sinken, wie sie sagte aus Freude, weil sie noch eine gerettete Schwester vor sich sähe. Als ich meinte, daß sie, an allen Luxus der Pariser Paläste gewöhnt, in unserem alten, winklichten Bergschlosse keinen Platz finden werde, wo es ihr gefiele, erwiderte sie: sie komme ja als arme Pilgerin, die nichts suche als Heil, und sie wäre mit einem Strohlager im Stalle zufrieden, wenn sie mir nur täglich ins liebe Auge sehen könne. Ich solle überhaupt gar nicht merken, daß sie im Schlosse wäre, so wolle sie sich ungesehen machen; das sei ihre Passion, seit sie ihr Alles in ihrem Raoul verloren. Da brach sie in einen Tränenstrom aus und konnte von meiner Brust nicht fort. Sie tat mir wirklich leid. Sonst aber machte es sich bald anders. Als arme Pilgerin war sie auch nicht gekommen, wenn sie auch schon die letzte Meile zu Fuß gegangen; denn zwei elegante, hochbepackte Reisewagen mit ihrem Sekrettär, Kammermädchen und Bedienten und dem fatalen Guido kamen nach, und die wären wahrhaftig nicht mit einem Strohlager im Stall zufrieden gewesen. Ich bedauerte. daß mein Mann abwesend sei; sie war darüber froh, nun könne sie mich ganz genießen, das einzige liebe Glied, das ihr aus ihrem Vaterhause übrig geblieben. Mit mir hoffe sie sich doch zu verständigen. Da schenkte ich ihr denn klaren Wein ein: daß der gute Vater seine Gesinnung gegen sie nicht ändern wolle, tue mir, wie nur jemand sonst, herzlich leid; aber die Gesinnungen der andern, über die könne sie nicht klagen. Und ich wisse sehr wohl, was an mir gut sei, das sei alles fürs Haus, wenn sie aber einen Austausch ihrer höheren und feineren ästhetischen Empfindungen wünsche, warum sie sich da nicht an Malchen wende, die von je an dafür Sinn gehabt und jetzt eine ausgebildete Frau sei. Da sah ich zum ersten Male das vornehme ungläubige Lächeln, das den inneren Hochmut verriet, was sie mir in den vierzehn Tagen ganz unausstehlich gemacht hat: eine Kluft, die nie auszufüllen, trenne sie auf ewig von Amalien und – seufzend sagte sie's, auch von Euch andern, Ihr alle wäret verloren, und sie könne nichts für Euch tun, als beten. Also auf die Bekehrung war's abgesehen. Da erlaubte ich mir denn zu fragen, warum es auf mich abgesehen sei, und warum ich in ihren Augen nicht auch verloren wäre, da ich heut so wenig als damals von Mystik oder Romantik, oder Sehnsucht nach dem Unendlichen, oder Supernaturalismus, oder wie die Dinge heißen, in mir etwas empfände? Und mein Mann, der sei der eifrigste Protestant von der Welt. Sie lächelte wie vorhin und sagte, im reinen und alten Blute stecke eine Glaubenskraft, die, wie der Magnet immer nach Norden ziehe, unwillkürlich immer wieder nach Rom hinlenken müsse. Wenn auch vom alten Adel und den Fürsten viele der Reformation aus Unverstand und verschiedenen Gründen gehuldigt, werde sich doch das bald ändern, wie es sich schon in verschiedenen Familien geändert, und wenn auch das Volk noch hie und da eine Weile in den Irrtümern der Ketzerei verharre, werde über kurz oder lang der gesamte wahre Adel wieder zur wahren, zur alleinigen Kirche schwören. Ich dankte meinem Gott, daß mein Mann nicht da war. Und da gingen denn bald die Bekehrungsversuche an, die ich mir schon gefallen lassen mußte, da es einmal so war, und ich nicht das Zeug habe, sie zu bekehren. Sie war mein Gast und meine Schwester. Aber ich kann Euch versichern, so verdrießlich es mir war, es hat mir nichts geschadet. »Aber sonst ging denn manches vor, und in meinem lieben Schlosse sah es aus beinah, wie wenn bei uns eine Schwadron Einquartierung eine Woche gelegen hätte. Einfach war Karoline und machte gar keine Prätensionen. Ja, so sagte sie, und wenn man sie von fern sah, da konnte keine Bürgersfrau unten im Städtchen einfacher gekleidet gehen. Aber wenn man's von nahe sah, waren's die kostbarsten Stoffe, und wie oft wechselte sie, um auch in der und der Kouleur einfach zu scheinen, und wie lange dauerte die Toilette, bis die Kammermädchen die Einfachheit hergestellt hatten. Ich sah sie oft mit verweinten Augen 'rauskommen. Bei Tisch mochte sie länger beten, als essen; alles war zu viel, zu prächtig, aber zum Frühstück und Vesper ließ sie sich Rebhühner und Schnepfen in die Stube bringen, und auch wohl manchmal ein kleines Fläschchen süßen Wein und Champagner. Prätensionen machte sie gar nicht, sie wollte auf einer Strohmatratze schlafen, aber die Mädchen konnten ihr doch nie das Bett so zurechtmachen, wie sie es wollte. Sie sagte, sie bediene sich allein, aber wir mußten doch eine Klingel in ihrer Stube anbringen, und das Klingeln ging Tag und Nacht. Am Tage war ihr dies und jenes nicht recht, und wenn sie nachts nicht schlafen konnte, mußte jemand bei ihr sein und vorlesen, und Gott weiß was. Ihr Bad mußte ihr ins Zimmer gebracht wenden, ob wir doch am Quell eine hübsche Badestube haben, und dazu mußte ich im Städtchen eine neue Wanne machen lassen, und das Heraufschleppen des Wassers vom Quell, drei Treppen hoch, was kostete das Mühe; und bald war's ihr doch zu heiß, und bald zu kalt. – Sie war die Ruhe selbst, sagte sie, und wer sie morgens mit dem gescheitelten Haar und dem glatten, bis über dem Hals zugeknöpften grauen Kleide sah, glaubte es auch, aber dann ging die Unruhe los, kein Plätzchen war ihr recht, was ihr noch eben gefallen hatte; da war's ihr zu zugigt. da schien zu sehr die Sonne, da hatte sie keine Aussicht, und da sah sie auf einmal zu viel. Ach, liebe Mutter und Vater, ich fürchte, die arme Karoline hat nirgends Ruhe. »In ihrem Umherstöbern nach Altertümern im Schlosse, die wohl da sind, aber ich wüßte darunter nichts Sehenswertes, und Waltron meint das auch, entdeckte sie die ehemalige Schloßkapelle, die seit wer weiß wie lange Vorratskammer ist, denn wir gehen Sonntags unten in die Kirche. Nun erklärte sie sich ihre Unruhe, wenn sie an der Stelle vorübergegangen wäre, und entdeckte darin Gott weiß was für künstliche Herrlichkeiten. Das war ein Gerede und Gespreche und Geplage, und das Ende vom Liede war, ich mußte ausräumen lassen, rein machen, anstreichen, mit Teppichen beschlagen, daß sie eine Kapelle hätte, wo sie ihre häusliche Andacht verrichten könnte. Und damit nicht genug. Sie hätte doch unten im Städtchen in der katholischen Kirche die Messe hören können, wie unser Inspektor, oder der gute alte Priester wäre auch, wenn wir ihn gebeten, heraufgekommen; aber es war ihr chokant, daß die katholische Kirche dicht neben der evangelischen stand, und der gute Priester war ihr auch nicht recht, weil er mit dem lutherischen so leidlichen Frieden hält, also mußten wir alle Tage zwei Meilen weit einen Kaplan vorm Frühstück herfahren lassen, der die Messe las. – Ihr könnt denken, was das für Umstände machte, und überhaupt, – wir haben doch Leute genug, und sie hatte noch mehr unnütze Brotesser mitgebracht, aber oft fehlte es so an Händen, weil sie überall bedient sein mußte. Wenn sie zur Messe ging, mußten ihr zwei Bediente das Gebetbuch nachtragen. »Und dann wegen der Kinder ging es absolut nicht mehr. Sie predigte immer gegen das viele Lernen. Kinder sind pfiffig und merken sich so was. Aber ihr Guido, das ist ein rechter Taugenichts und Lüderjan; der hätte mir meinen Jungen geradezu verdorben. Siebenzehn Jahre ist er schon alt, und wie sie ihn verhätschelt! Ihm darf kein rauhes Wort gesagt werden, und die Kammerdiener haben rechte Not mit ihm. Lieber Gott, ich will nichts dagegen gesagt haben, wenn sie das für recht und christlich hält, solch ein Kind ihres Mannes wie ihr eigenes aufzuerziehen; ich täte es vielleicht auch, denn was tut man nicht um einen Mann, den man so lieb gehabt hat. Aber von ihren Leuten hörte ich ja, daß noch viele solcher Kinder herumlaufen, darunter noch ganz junge, und um die kümmert sie sich nicht, und er, der Marquis, hat sich auch nicht um sie gekümmert. Ist das christlich, daß sie Gänsemägde werden, oder Bediente und Kellner und kein Mensch sorgt weiter für sie, und den einen, weil er ihr Liebling ist, den verhätschelt sie, daß gewiß auch nichts aus ihm wird. – Ach liebe Eltern, wie gern hätte ich Euch Besseres von der armen Karoline geschrieben – aber sie ist nicht mehr von unserer Art; es ist was anderes in sie gefahren und wir verstehen uns nicht mehr, und es ist recht gut, daß sie fort ist, ehe Waltron zurückkehrte. Sie will nach Loretto gehen, oder nach Jerusalem oder Wien. Sie weiß es selbst nicht und tut alles, was ihr in den Sinn kommt.« Das waren die letzten Familiennachrichten, welche man von der verlorenen Tochter erhielt. Was Mauritz und Isegrimm später über sie hörten – denn verschollen war sie keineswegs, sie machte im Gegenteil viel von sich sprechen, und ihr Name tauchte oft in den Zeitungen auf – war von der Art, daß sie nur einen Teil davon ihren Frauen und Töchtern mitteilten. Die Marquise, welche sich aber fortan lieber Gräfin Heilsberg nennen ließ, wegen des an diesen Namen geknüpften Omens, hat verschiedene Reisen im Orient gemacht. Sie hat den Libanon, auch einen Teil des Berges Sinai bestiegen. In der Umgegend von Jerusalem war sie wie zu Hause. Ruhe hat sie aber auch da nicht gefunden. Einen einigermaßen dauernden Wohnsitz nahm sie nur in Wien, wo sie mit der Herzogin von Köthen und anderen hochgestellten Damen im innigsten Verkehr lebte. Sie war eine der frequentesten Kirchengängerinnen und hat manchem jungen Geistlichen, der später ein Licht in der Kirche ward, zu seinem Ruf verholfen. Auch steuerte sie zu allen kirchlich frommen Unternehmungen und Kongregationen bei, was alles doch nicht hinderte, daß sie auch in den höheren Gesellschaften als noch immer eine der schönsten Frauen glänzte und einen großen Kreis von Verehrern um sich hatte. Zu bekehren war ihr Lieblingsgeschäft. Außerdem schriftstellerte sie, und in kleinen Kreisen teilte sie auch den entzückten Zuhörern Bruchstücke aus ihrem Buche Loretto und Bethlehem mit. Zum Druck hat sie es nie gegeben. Einige meinen, weil ihre Freunde ihr davon abgeraten, wahrscheinlicher ist, weil sie es rebutant fand, daß es gewöhnlichen Schriftstellern, auch den gemeinsten Zeitungsschreibern, vergönnt sei, kritisch über alles, und sogar darüber herzufallen, wenn hochgestellte und illustre Frauen das Publikum würdigen, demselben ihre religiösen Empfindungen und Erlebnisse mitzuteilen. Sie meinte, es müsse gegen solchen empörenden Unfug ein Gesetz erlassen werden; aber wie ernste Rücksprache sie auch deshalb mit Ministern und fürstlichen Personen gepflogen, sie konnte es unbegreiflicherweise nicht durchsetzen. Deshalb wartet das Manuskript noch jetzt auf den Druck, und jüngste Schicksale anderer akkreditierter Damen hatten sie noch mehr in ihrem Entschluß bestärkt. Es ist bekannt, und sie hat es jedem gesagt, daß sie in ein Kloster gehen, auch daß sie eins stiften wollte, wozu die bereitesten Mittel schon dalägen. An Verhandlungen darüber hat es auch nicht gefehlt, ihre Freundinnen haben sie immer noch davon zurückgehalten; nicht weil sie den Entschluß mißbilligten, sondern weil dazu immer noch Zeit sei, und sie nach einer dornenvollen Jugend, einer beispiellos tugendhaften Ehe und musterhaft ihrem Gatten bewahrten Treue noch gar nicht wisse, was sie zu bereuen und büßen habe. Man erinnerte an Prießnitz, damals als glänzendes Gestirn aufleuchtend, welcher solche Patienten, sogar wie beleidigt über ihr Kommen, zurückwies, die nach seiner Meinung noch nicht reif für die Wasserkur waren, und sie weniger als Heilmittel für eine vollendete Krankheit, denn als Präservativ gegen eine heranschleichende gebrauchen wollten. Die Freundinnen meinten, ob es nicht mit dem Heil durch Kasteiungen derselbe Fall sei. Mit je volleren Zügen man kurz vorher die Lust der Welt geschlürft, um so überraschender, reinigender, vollkommener sei alsdann der Uebergang zum beschaulichen Leben. Ihre Beichtväter, sehr gefällige Geistliche, stimmten dem bei und beruhigten ihr Gewissen durch Auferlegung solcher Kasteiungen, die für schöne Sünderinnen nicht zu schwer zu ertragen sind. So kam es denn, daß sie den Profeß von Jahr zu Jahr aufschob und selbst den Moment versäumte, als sie ihr Gelübde am Sterbebette des armen Guido, der infolge eines ausschweifenden Lebens kläglich starb, erneut hatte. Sie schob es so lange auf, bis es zu spät war. Sie starb am Schreck über die aufschlagenden Flammen des Märzfeuers, glücklicherweise jedoch nicht ohne vorher ihr Testament gemacht zu haben, indem ihr letzter Beichtvater, ein feuriger, junger Jesuit, ihr assistierte. Auf diese Weise ist ihr großes Vermögen wenigstens nach ihrem Tode zu den Zwecken gerettet worden, zu denen sie es in ihrem Leben bestimmt hatte. So viel verlautet, ist es an die Propaganda nach Lyon gegangen. Zweiundfünfzigstes Kapitel. Querl. Was Isegrimms andere Kinder anbelangt, haben wir weniger darüber zu berichten, um deshalb auch weniger, was dem alten Manne ans Herz ging. Die gute Wilhelmine führte ein glückliches Leben und eine glückliche Ehe. Wirtschaften konnte sie auf ihrem alten Bergschloß und von da herunter, daß es eine Lust war. Solche Besuche, wie der der Gräfin Heilsberg, der das Unterste zu oberst, und die immer Gleichmütige aus sich selbst herausbrachte, wiederholen sich glücklicherweise nicht. Wir können aber nicht verschweigen, daß mancher Freund des Mittelalters sie selbst dessen anklagte, was sie von ihrer Schwester gelitten. Nämlich in ihrem Sinn für Nützlichkeit und Ordnung ward manches Loch zugemauert, und in manche Mauer ein Loch gebrochen, wodurch der feudalistische Charakter des Schlosses Schaden litt, meinten die Antiquare. In solchen Dingen war sie nicht zugänglich, und da ihr Mann sich darum nicht kümmerte, ist allerdings der malerische Charakter der Alledeese-Burg etwas entstellt worden. Ihr Mann, der sich als Bräutigam einen Krüppel nannte, sah noch nach zwanzig Jahren recht rüstig aus, zu Pferde und zu Fuß, und ihre Ehe war mit Kindern gesegnet. Man kam gar nicht aus dem Taufen heraus. Zur Zeit sind noch zwölf lebendige Kinder da, so daß das Geschlecht der Waltron-Alledeese die Anwartschaft hat, noch lange zu bestehen. Jeder könnte daher von den zwölf Mann akkordierter Leibwache einen für sich haben, – wenn es sich nur nicht auch in dem anderen zu sehr teilte. Bei Wilhelminens bester Wirtschaft ließ sich das nicht ändern, denn sie war wohl eine gute Oekonomin, aber kein spekulativer Kopf, und der Graf war es noch weniger. Bei der Märzrevolution hatten sie wenig oder nichts gelitten, denn sie waren nicht nur die besten Gutsherrschaften in der Gegend gewesen, sondern hatten durch ihr Beispiel und gute Schullehrer dafür gesorgt, daß ihre Untertanen schon früh vernünftige Ansichten von den weltlichen Verhältnissen erhielten. Bei seiner Achtung und seinem Einfluß meinte man aber, der Reichsgraf habe auch im allgemeinen segensreicher eingreifend wirken können, die Tumultuanten und Aufrührer bekehren und darauf hinweisen, was ihr und zugleich der Vorteil des Gemeinwesens sei. Dazu fehlte ihm aber der Antrieb; er war zu bequem. Ganz anderer Natur war sein ältester Sohn, und dies war der einzige aus der Branche, welcher dem Großvater in Ilitz einigen Kummer machte. Er hatte schon früh seinen eigenen Sinn und schlug aus der Art. Den Adel hielt er für ein untergegangenes Institut; aber wer diesen Wald allmählich unterminiert und die Lebenswurzeln ihm abgehauen, sei nicht sowohl das Volk, als die Fürsten. Darum neigte er schon früh zu republikanischen Gesinnungen; als die Bewegungen heranrückten, hielt er sich zur demokratischen Partei und ward theoretisch ein Sozialist. Zum Deputierten nach Frankfurt erwählt, zeigte er sich als ein grimmiger Feind der Liberalen; er saß auf der äußersten Linken und stimmte bei der Kaiserwahl wie der Fürst von Waldenburg-Zeil: er sei kein Kurfürst. Beim Einbruch der Reaktion wanderte er nach Amerika aus, nachdem er schon früher seinen Ansprüchen als Majoratsherr zugunsten seines nächstfolgenden Bruders entsagt. Dort hat er eine sozialistische Phalange zu gründen versucht. Das Unternehmen schlug gerade fehl, als die Goldlager in Kalifornien entdeckt wurden. Etwas bettelhaft soll er dorthin gewandert sein, aber in Zeit von einigen Jahren eine unglaubliche Masse Goldes zusammengeklaubt haben, wobei ihm seine riesenhafte Körperkonstitution und seine Mäßigkeit geholfen haben; er konnte wochenlang von Wurzeln und Wasser leben. Nach den letzten Nachrichten, die ich aber als unverbürgte Gerüchte auf sich beruhen lasse, war er im Begriff, mit seinen unermeßlichen Reichtümern ein Heer von Abenteurern auszurüsten, und wollte sich mit ihnen ein unabhängiges Reich zwischen Kalifornien und Texas irgendwo erobern und gründen, worin er seine Ideen zur Ausführung brächte. Alles dies mag ins Reich der witzigen Fabelei gehören, ebenso wie, daß er Lola Montez heiraten und sie zur Königin seines neuen Reiches erheben, oder daß, was auch erzählt wird, er mit seinen Schätzen nach Deutschland zurückkehren wolle, um alle Liegenschaften in der Reichsgrafschaft seiner Väter anzukaufen und dann zu probieren, was ein so großer, freier Grundbesitzer dem Bundestage gegenüber ausstellen könne. Dafür sind seine Brüder und Schwestern alle in der Art geblieben; es ist nichts, gar nichts Besonderes von ihnen zu melden. Die Brüder traten allen Protesten der mediatisierten ehemaligen Reichsunmittelbaren gegen die Frankfurter Beschlüsse und die vereinbarten Verfassungen bei, sie haben ihre Haustruppen jüngst wieder hergestellt, mit einem Waffenrock uniformiert und mit einem Helm bekleidet. Die Töchter heirateten und heiraten noch, alle standesgemäß. Brauche ich es ausdrücklich zu sagen, daß Isegrimms jüngste Tochter ihm keinen Kummer machte, daß sie mit ihrem Albert eine glückliche Ehe führte? Sie war eine Natur, die ihre Empfindungen und ihr Glück in sich verschloß. Nur bei seltenen Gelegenheiten brach es heraus, und dann war sie es, die ihren Mann in seinen Zweifeln und Sorgen aufrichtete. Einigemal kamen ihr selbst Gewissenszweifel, ob es denn recht sei, daß sie ihn auf dem Lande, in der fernen Provinz als schlichten Dorfpfarrer zurückhalte, ihn, der bei seinem Wissen und seiner geistigen Tätigkeit zu ganz anderem Wirken berufen sei. Denn die Wege dafür eröffneten sich ihm mehr als einmal, und sie glaubte, daß nur eben sie und die Anhänglichkeit an ihre Familie das Band gewesen, was ihn an Ilitz gefesselt. Auch Mauritz hatte dann und wann in trüben Stunden ähnliche Gedanken, aber es brauchte nur eines einsamen Spaziergangs im Walde, um, sein geliebtes Weib an die Brust drückend, sie zu versichern, daß er vollkommen beruhigt und zufrieden sei. Ein Mann, dem Gott nicht übergewöhnliche Kräfte geschenkt, müsse mit einer großen Lebensarbeit sich genügen lassen, auf die sein ganzes Sein und Trachten sich gerichtet, für die er seine Gaben verwenden müsse. Das sei für ihn die Rettung seines Vaterlandes aus dem französischen Joch gewesen. Die sei nun so geglückt, daß er darin Gottes unmittelbares Wirken erkannt. Diesen Glauben möchte er sich nicht erschüttern lassen, er habe nicht Kraft genug, um mit neuem Glauben zu einem neuen Werke sich zu richten. Nun müsse er sich aber doch gestehen, daß diese Rettung nicht so ausgefallen sei, wie er als Deutscher wünschen müsse, als Preuße es dürfe. Hier auf dem Lande merke man es nicht, es gäbe mindestens weniger Gelegenheit; in einer großen Stadt, mitten unter dem Wirken und Treiben des großen Lebens, würde er täglich auf die unerfüllten, getäuschten Hoffnungen, auf die Ungerechtigkeiten hingestoßen werden und in Zweifel und Versuchungen geraten, die er nicht lösen, denen er vielleicht nicht widerstehen werde. Wohin die Versuchungen führen, wisse niemand; möglicherweise könnten sie sein ganzes Lebensglück, seinen Glauben umwerfen, ohne daß er auch in der Jugendkraft sei wie damals, als er sein höchstes irdisches Glück durch Standhaftigkeit sich erobert, um zu etwas Festem durchzudringen. Und deshalb sei es wohl so am besten von Gott gefügt, daß er in Stille und Frieden einer schönen glücklichen Einsamkeit mit Zufriedenheit zurückblicke auf den Sturm der Vergangenheit, nicht berufen, in den Stürmen, die kommen, mitgetrieben zu werden und zu treiben. Solcher Gelegenheiten, sein Schicksal zu verbessern und ihn in eine ansehnlichere Lage zu fördern, boten sich, wie gesagt, mehrere dar. Man muß es dem Herrn von Quilitz lassen, daß, wenn auch sein Rat und seine Hilfe dem Ilitzer meist ungelegen kam, er doch in seinem Eifer nicht nachließ, ihm und seiner Familie mit Rat und Tat beizuspringen, wenn es ihm nichts kostete. Der Hofmarschall war ein angesehener Mann geworden, dessen Verdienst um den Staat man wohl erkannt hatte. Er war später Oberpräsident, ja es war einmal davon die Rede, daß er Minister werden sollte; aber er starb früher. Noch ehe er Oberpräsident geworden, machte er seinem Vetter den Vorschlag, seinen Schwiegersohn nobilitieren zu lassen. Das lasse sich jetzt sehr leicht bewirken, da Mauritz Offizier gewesen und den Orden der Treue und Tapferkeit an der Brust trage; ja, es bedürfe hierin kaum seines, des Quilitzers, Einfluß, da man sehr geneigt sei, den Stand der Geistlichen mit dem Adel zu verbinden. Wie andere Staaten schon darin voraufgegangen wären, an gewisse hohe geistliche Stellen den persönlichen Adel zu knüpfen, werde man auch bei uns Herren »von« auf der Kanzel sehr gern sehen. Dies schlug Isegrimm, ohne einmal seinen Schwiegersohn zu befragen, rundweg ab, obgleich auch sein anderer Schwiegersohn, der Reichsgraf, sich dafür interessierte. Einen Tochtermann hätte er schon, schrieb der frohe Mann, der, wenn er tausend Jahre zurückrechne, bei einem kaiserlichen Hundejungen angefangen; nun wäre es doch hübsch, wenn sein anderer Tochtermann mit einem Bierfiedlerssohn einen neuen tausendjährigen Adelsstamm anfange. Isegrimm erklärte: er könne nichts Nobilitiertes leiden; wenn etwas nicht nobel sei, möge es lieber bleiben wie es ist, als daß man es mit einem anderen Schein plattiere. Ebensowenig drang der Quilitzer mit anderen Vorschlägen durch, Mauritz in Zivilstellungen zu bringen, die sich mit seinem geistlichen Beruf vertrügen und ihm wenigstens einen Geheimeratscharakter verschafften. Geheimeräte liebte Isegrimm so wenig als neugebackene Edelleute. Als er ihm aber eine sehr ehrenvolle und einträgliche geistliche Stelle in der Hauptstadt offerieren zu können glaubte, sagte der Ilitzer kurzweg: »Das ist Herrn Mauritz' Sache; ich bin nicht sein Vormund.« Der Schwiegersohn lehnte sie höflich aus den uns bekannten Gründen ab. – Dagegen gerieten Schwiegersohn und Vater doch noch einmal in die peinliche Verlegenheit, dem Oberpräsidenten für seine Verwendung Dank zu schulden. Mauritz hatte sich gegen die Agende erklärt, Schritt für Schritt in dem Kampf dagegen, war er in die Richtung und die Opposition der Altlutheraner, vielleicht gegen seinen ersten Willen, hineingedrängt. Es kam zu Gewaltmaßregeln, und Mauritz, der nicht zurückgehen wollte, zum Entschluß, mit Weib und Kind und einem Teil der Gemeinde nach Australien auszuwandern. Dem alten Isegrimm, der die Schritte seines Schwiegersohns billigte, hätte die Trennung das Herz gebrochen. Da trat der Quilitzer vermittelnd ein, und seiner Vorstellung bei Hofe gelang es, die starren Ecken weich zu machen, daß es sich noch so fügte. An seinen Söhnen erlebte Isegrimm keine Freude. Ludolff, der einige Lebhaftigkeit, aber auch viel Leichtsinn gezeigt, geriet als Portepeefähnrich in der Residenz in schlechte Gesellschaft. Er zerrüttete seinen Körper und Geist beim »Sekt« trinken, weil unter seinen Kameraden der Satz galt, Champagner sei kein Wein. An seinem Ruin, glaubte der Vater, habe einen großen Anteil ein heimlicher Besuch, den Ludolff seiner Schwester in Wien abgestattet. Sie habe ihn die Süßigkeit des Lebens in vollem Maße kosten lassen, um ihn dann leichter in ihr Bekehrungsnetz einzusaugen. So betrachtete Isegrimm es noch als ein Glück, daß der körperlich sieche Jüngling zugleich so geistig siech zurückkam, daß nur der Irrenarzt sich noch an seine Bekehrung machte. Er starb früh in seiner Behandlung. Wolf, der Aelteste, hatte noch weniger den Sinn des Vaters geerbt; dessen war Isegrimm von früh auf sich bewußt, es war oft mit ein Grund seiner verdrießlichen Laune. Doch nur in den nächstfolgenden Jahren. Er hinkte etwas seit dem Fall oder Wurf in den Graben und hatte gar keine Lust zum Soldatenstande. Aber der Gedanke, daß man einem von der Quarbitz keinen Mut zutrauen könne, machte den Vater gegen ihn unerbittlich hart. Er mußte in die Kavallerie eintreten; aber er konnte sein Offizierexamen nicht machen. Da erst mußte Isegrimm nachgeben und zwang sich und den Sohn, daß er Jura studiere. Fleißig war Wolf, aber es fehlte etwas, er konnte auch da nicht durch die Examina. Es gab traurige Gesichter in Ilitz, stille und unterdrückte Tränen, gerötete Stirnen. Und Wolf war sonst ein so guter Junge. Es blieb nichts übrig, er mußte die Landwirtschaft erlernen, und nun zeigte sich bald, daß er auf seiner Stelle war. Pünktlich, reinlich, mit Augen für alles Kleine, brachte er schon als Lehrling eine Ordnung in die Wirtschaft, wie sie vorher nicht da war. Die Marktpreise kannte er von Jahr zu Jahr auswendig und lernte auch, welche Frucht jeder Boden am besten trage, ja er spekulierte, und meist richtig, welche Aussaat nach den Konjunkturen des Jahres am meisten lohnen werde. Im übrigen tröstete der Vetter aus Quilitz: »Wenn Sie ihm das Gut übergeben, Cousin, so soll er bald Landrat werden, und auf diesem Wege können wir ihn, ohne alle Examina, allmählich in die höheren und höchsten Staatsämter einschieben. Dafür lassen Sie mich nur sorgen.« Diese Zeit kam wohl, aber sie war noch lange nicht da. Sollen wir die Leser noch aufhalten mit dem Verdruß und den Schmerzen des alten Isegrimm unter der Hardenbergschen Regierung! Bei Tisch mußte man den Ausdruck »Fleisch schneiden« umgehen, er dachte dabei immer an die Kultur und andere Verordnungen, welche den großen Grundbesitzern, wie es schon damals und später noch mehr hieß, ins Fleisch schnitten. Er las die Zeitungen nicht mehr, wie damals, als die französische Zensur darauf lastete; zuweilen sagte er, es sei jetzt noch schlimmer. Billard zu spielen, was er der körperlichen Bewegung halber letzthin pflegte, unterließ er, weil er nun mal die grünen Tische nicht ausstehen konnte. Hätte er nur Trost und Teilnahme unter seinen Nächsten gefunden! aber was half ihm, daß der Johanniter von Quiritz und einige andere noch mehr tobten und spuckten als er, und den Staatskanzler mit Namen belegten, die ich hier nicht niederschreiben darf; was half ihm, sage ich, wenn sein liebster Freund und täglicher Gesellschafter, sein Schwiegersohn Mauritz, darin nur eine Gerechtigkeit und Mahnung Gottes sah, Saat des Friedens, ausgestreut, um künftigen Stürmen und Revolutionen die Spitze abzubrechen! Wenn sein anderer Schwiegersohn, der Reichsgraf, in heiteren Briefen ihn damit trösten zu wollen schien, daß wer die Zeit versäumt zu freiwilligen Opfern, sich nicht wundern dürfe, wenn man sie nun mit Gewalt einziehe; daß wie an die Reichsfreien das Messer gelegt worden und niemand aufgeschrien habe, daß man staune, daß es nun auch an die nicht Reichsfreien gelegt werde; daß aber was sie im Westen überstanden und sich nun ganz leidlich wohl befunden, auch an die im Osten komme; sie würden es wohl auch ohne Schaden an Leib und Seele verwinden. Wenn selbst sein beschränkter Sohn Wolf in der Stille kalkulierte, daß die Freigebung der Bauern und ihre Einsetzung als Eigentümer dem Gute im Grunde nur zum Vorteil gereiche, und daß er recht froh sein werde, wenn die Hofedienste erst abgelöst werden, da bezahlte Arbeiter mehr schafften als gezwungene. Noch hoffte Isegrimm, daß seine Bauern, die fest am Alten hingen und ihren treuen Sinn erst neulich unverhohlen ausgesprochen hatten, das altpatriarchalische Band nicht zerreißen lassen würden. Getäuschte Erwartung: der alte Gottlieb Köpke trat eines Morgens mit seinem Schwiegersohn und Substituten Lamprecht ein, um ihm, nachdem eine lange Devotionsadresse vorausgegangen, anzukündigen, wie die Querbelitzer Bauernschaft beschlossen habe, auf die Ablösung mit der Dienstherrschaft anzutragen, und es wäre schon eingereicht, und wie leid es ihnen auch täte, so wäre es doch so schon besser. Die Ilitzer würden wohl nachfolgen. »Immer zu, die Welt geht einmal aus ihren Fugen!« weiter hatte Isegrimm nichts gesagt. Er ahnte nicht, daß er seinen Grimm noch für anderes sparen müsse. Der Quilitzer, der noch selbigen Tags hingekommen, hatte immer ein Lächeln auf dem Gesicht: »Nur Geduld, Kousin, unsere Zeit wird auch kommen, mir sagt's mein kleiner Finger, und dann wollen wir nicht allein das Kapital, sondern Zins vom Zins zurückfordern.« Selbst hat er sich schon in der Stille mit seinen Quilitzern und auf den Klostergütern abgefunden, und zwar noch vor den Edikten, also ehe die Bauern davon wußten, und man erzählte nachher, er habe dabei ein gutes Geschäft gemacht. Isegrimm erwiderte: »Wie lange habe ich denn noch Zeit zu warten!« Auch etwas Kränkendes sollte ihn betreffen. Wär's früher gekommen, es hätte ihn noch tiefer verwundet, jetzt las er den Artikel schon mit der Philosophie oder der Apathie des Alters. Den jüngeren Söhnen des Reichsgrafen Waltron war es um gewisser Successionen und Stifter willen darum zu tun, den Stammbaum ihrer Mutter bis in das graue Altertum zu perlustrieren. Die Kaiserabkunft der Quarbitze ließ sich nicht beweisen, auch nicht die von dem reichsunmittelbaren Dynastengeschlecht. Man hatte zu laut und zu schnell in die Trompete geblasen, was einigen Spott und einige Schadenfreude bei anderen Familien hervorrief. Da erschien in einem Berliner Blatte eine antiquarisch-historische Abhandlung, sehr gründlich und sehr wohlmeinend, im Grunde genommen war sie ein Pasquill. Wer sie nicht lesen will, denn sie ist sehr gelehrt, mag sie überschlagen; der Geschichte tut's keinen Eintrag: »Mit Recht, sagt Meibom, daß die Wappen der sicherste Führer sind, um Altertum und Herkunft adliger Familien zu entziffern. Welche edle Einfachheit, nur symbolische Andeutungen, in den Wappenschildern der wirklich alten Geschlechter, die keiner Briefe, Anerkennung bedurften, die nur das gaben, was sie waren, wohingegen der spätere, verliehene, der Briefadel, nicht kostbare, ungeheuerliche Embleme genug in sein Wappen aufnehmen konnte, nicht um den Forscher auf den Ursprung hinzuführen, sondern um ihn irre zu führen und die Wahrheit zu verdunkeln. Auch bei den märkischen Familien greift diese Wahrnehmung Platz; so unter andern auch bei der edlen Familie von der Quarbitz, über deren Herkunft und Abstammung neuerdings so vielfach gestritten ist, und so abenteuerliche Dinge zu Tage gekommen sind. Das Instrument im Schilde wird von Unkundigen oder poetisierenden Dilettanten bald für einen Armleuchter, bald für eine unbekannte wendische Waffe abgesehen; warum nicht lieber für einen Besen? Freilich, der Lackierer, der es auf den Wagenschlag malt, und die zarte Hand, die es in Tapisseriearbeit auf ein Kissen flickt, mag daraus machen, was er will, aber dem scharfen Auge des Heraldikers kann der wahre Gegenstand nicht entgehen, wenn er es genau ansieht, wie es auf dem Wappen der ehrenwerten Branche derer Ilitz sich in antiker Einfalt, ungeschmückt und unverschönert, erhalten hat. Es ist ein Stiel, um dessen oberes Ende vier bis fünf kurz abgeschnittene Aeste aufrecht im Kranze umherstehen. Dies ist nun, man muß nur nicht die Gelehrten fragen, sondern die erste, beste Köchin, nichts anderes als ein Querl, niedersächsisch Quirl, im Oberdeutschen Zwirbel, polnisch Matewka, russisch Motówka; das ist ein in jeder Küche bekanntes Instrument, ein abgeschältes Holz mit kurzabgeschnittenen Aesten (man bereitet es aus den obersten Wipfeln der jungen Fichtenbäume) vermittelst dessen man flüssige Körper, als Eier, Milch, Chokolade, durch Umdrehen des Stiels zwischen den Händen in Bewegung setzt. Daraus den Schluß zu ziehen, daß der Ahnherr der Familie ein Koch gewesen, wäre der Frivolität würdig, mit der unsere gelehrte Kritik die heiligsten Erinnerungen des Altertums mit Sottisen abfindet. Der Familienname selbst, wenn auch im Laufe der Jahrhunderte verstümmelt, in Verbindung mit dem Wappenbilde, führt uns auf die rechte Spur, die uns kaum mehr vom Ziele abirren läßt, wenn wir die nächstgelegenen Orts- und andere Namen, als das Dorf Querbelitz, das Flüßchen Quierlitz, das castrum Quorbelizza, die arx Werbelicz damit zusammenhalten. So stoßen wir auf eine Gegend, ein Geschlecht, wo alles vom Namen Querl träuft und strotzt. Dieses Instrument muß also für die Landschaft, für die Bewohner eine Bedeutung, eine Wichtigkeit gehabt haben; gewiß nicht der Küche wegen, weil die Kochkunst in jener Zeit und dieser Gegend keine besondere Rolle spielte. So wenig als das Geschlecht der Holzschuher in Nürnberg daher einen Namen hatte, weil seine Vorfahren Holzschuhe trugen, sondern weil sie dieselben verfertigen ließen und en gros damit handelten. Wir sind daher hingestoßen auf ein großartiges Gewerbe, welches die Gegend betrieb, welches sie nährte, welches das Wichtigste war, womit ihre Gedanken sich beschäftigten. »Jener Landstrich war arm an allem, aber reich an Holz. Unsere Romantik möchte die jungen Fichtenstämme gern insgesamt zu Speeren schlagen lassen, die armen Bewohner aber waren klüger, sie verarbeiteten und schnitzten sie zu solchen Gegenständen, welche im Tauschhandel Wert hatten. Man denke nicht an Querl allein, aber die Poesie, die in allen Naturvölkern herrscht, nimmt die pars pro toto . Es war hier ein Völkchen stiller, friedlicher Holzschnitzer, eingeborener Wenden, die von dem einen Instrument. welches sie besonders geschickt und vielfach anfertigten, allmählich den Namen erhielten. Sie waren Querlschnitzer, was uns den Namen Querbelitzer fast buchstäblich wiedergiebt. Aber von Quirlen allein konnten sie nicht leben, sie machten auch Kochlöffel, Pfeifen, Klappern, Knarren (worin beinahe der Name Quarbitz aufgeht), kurz Kinderspielzeug und leichte Holzware, die in Deutschland so sehr gesucht wurde. Es waren sehr rührige Geschäftsleute und zugleich auf ihren Vorteil sehr erpichte Kaufleute. Sie ›querlten und quirlten‹ auf ihren Märkten umher, wie auch im Englischen to twirl noch immer ein schnelles Umdrehen, eine Laschheit in allen Bewegungen des Lebens bedeutet. Hierin möchte sich die Wildheit, oder vielmehr Unstetigkeit der gefürchteten Querbelitzer auflösen. Sonst wüßten wir wirklich nicht , wenn wir die Chronisten durchlesen, worin sie bestanden haben sollte. – Die wendischen Querlschnitzer trugen ihre Ware nach Deutschland. Natürlich, im Wendenlande, wo man nur am Spieß briet und Fische sott, bedurfte man ihrer nicht. Dies aber kam dem Kaufmannsgenie der Nürnberger ungelegen, es war die Ware, mit welcher sie vorzugsweise in Deutschland handelten, wo sie die Preise machten. Die niedrigen Preise der armen, einfältigen Wenden konnten die ihren niederdrücken. Was war natürlicher, als daß die Nürnberger Kaufmannschaft ihr Auge nach dem fernen Winkel im Wendenlande richtete und echt großkaufmännisch die Sache zu ihrem Vorteil angriff. Nicht von den Kaisern ein Verbot gegen den Import der wendischen Holzware impretierend, bemächtigten sie sich vielmehr des Importes selbst. Das heißt, sie schickten ihre Agenten über die Elbe in das Querlschnitzerland und errichteten daselbst, wir sagen nicht eine Kolonie, aber eine Faktorei, welche sich alsbald des ganzen Handels bemächtigte. Wer durch die Weltgeschichte die der Kolonien, welche zivilisierte Handelsvölker zu den Barbarenvölkern aussandten, verfolgt, weiß, wie diese Operation überall dieselbe war, und wie leicht Kulturvölker merkantilisch die mit den Künsten der Handelsindustrie unbekannten Naturvölker ausbeuten. So gründeten die Phocäer Marseille, nicht, wie die alten Schriftsteller sich pompös ausdrücken, um die Kultur ins Land der Barbaren zu verpflanzen, sondern um gegen die Luxusartikel und Spielereien der griechischen Industrie die ungleich wertvolleren Rohprodukte des gallischen Bodens einzutauschen. Solcher Handel warf ungeheure Prozente ab, und die deutschen Faktoreien im Slavenlande, deren sehr viele waren, um so mehr, als so geschickte Kaufleute wie die Nürnberger und Augsburger sich wohl hüteten, durch militärischen Embarras die armen Wenden zu erschrecken, oder gar, wie die griechischen Kolonisten, militärisch erobern wollten. Die Nürnberger fanden vollkommen ihre Rechnung dabei; Holz und Arbeitslohn waren in Franken und auch in den Alpen verhältnismäßig weit teurer als in dem armen Wendenlande, so daß die Nürnberger Krämer, inklusive die Kosten der Faktorei und des Transportes, noch immer gute Geschäfte machten. Aber die Nürnberger Holzspiel- und Schnitzwaren hatten einmal Kredit im römischen Reiche, und sie durften es nicht wissen lassen, daß sie dieselben aus dem barbarischen Slavenlande an den baltischen Küsten bezogen. Daher der Nebel und schreckensvolle Nimbus, den sie um jene Striche zu verbreiten wußten; daher die Hindeutung der Chronisten auf die furchtbaren Querbelitzen, die zu wahren Menschenfressern an Raubsucht, Wut und Grausamkeit wurden. »Werfen wir aber einen Blick, wie es wirklich da aussah an der plätschernden und wirbelnden Quierlitz, um das dampfende Querbelitzer Moor. Da sehen wir sie im Hause und draußen ›herumquerlen und quirlen und wirbeln, knarren, und quarren‹, jung und alt, Weib und Kind. Da sitzen die Knaben oben auf den Fichtenbäumen und kappen die dürren Zweige ab, die Männer fällen, sägen und schneiden ganze Bäume, die Weiber tragen die Stücke fort, sie werden verteilt, jeder und jede erhält ihr Stück Arbeit nach der erprobten Tüchtigkeit; sie schaben, schnitzen, kerben, bohren, fügen ineinander, der Kochlöffel, der Querle, der Maultrommeln. Die kleinsten Kinder, nackt vorm Hause auf den Kiennadeln liegend, werden schon angelernt, Kerbe in die Pfeifen zu schnitzen, mit Ruß die Enden und Glieder zu schwärzen. Die Kleinsten, die das noch nicht können, quirlen wenigstens stillvergnügt mit den Querlen im Sande, und die gute Mutter schaut zufrieden lächelnd dem Tätigkeitstriebe ihres jüngsten Lieblinges zu. Und mitten durch stehen und gehen die deutschen Handlungsdiener, Anweisungen erteilend, die fertig gewordene Ware einsammelnd. Es ist ein Bild einer alles in ihren Kreis hineinziehenden Industrie; eine Stille der Tätigkeit, nur unterbrochen durch das Klopfen, Spalten, Sägen, das Zählen und Schelten der Aufseher, das Klappern der Wassermühle; denn schon früh haben die Kaufleute, mit ihrem Auge überall auf Profit, den raschen Fall der rauschenden Quierlitz benutzt, sie muß Räder treiben. Ob schon damals Holz gesägt wurde, müssen wir bezweifeln, eine Walkmühle hatten sie aber schon früh angelegt. Wohin mit den vielen Sägespänen und Holzschnitzeln, die auch die Nürnberger Industrie nicht zu bewältigen vermochte? Sie häuften sich natürlich zu kleinen Bergen. Ob dadurch die großen Hünen- und Königsgräber entstanden, überlassen wir der Konjektur jedes Lesers. Wir sagten vorhin Häuser, es waren aber nur Laubhütten, höchstens Balkenhäuser; darin verkrochen sich die fleißigen Arbeiter nach des Tages Mühe und Not. Sie lagen in einer Umfriedung auf einer Höhe, hinter steilen Erdwällen, und die Waldteufel summten und brummten schauerlich durch die Nacht, um Räuber und Wölfe abzuschrecken. Da haben wir das gefürchtete castrum Quorbelizza ; eine große Werkstätte, eine Fabrik, wenn man will, der Marktplatz der wendischen Holzschnitzer. – Was aber war die vielgerühmte arx illustris Werbelicz ? Nichts anderes als die nahe daran gelegene Faktorei der Nürnberger, ihre große Kaufmannshalle, ihr Speicher, wo sie die unfertigen Kochlöffel, Querle, Querpfeifen, Knarren aufhäuften, bis sie auf Karren verpackt wurden. Daß die Nürnberger Ladenschwengels und Kommis darin etwas die großen Herren spielten, und, was man nennt, ›sich dicke taten‹, wer verwundert sich darüber; sie waren ja weit vom Haus und entfernt von ihren Prinzipalen. Sie mögen auch die armen wendischen Fabrikarbeiter barsch behandelt und übers Ohr gehauen haben; das kommt bei allen Satelliten, auch den kaufmännischen vor. Daher denn die Verordnung des Nürnberger Magistrats an die Holzschuher, daß sie ob usum communem rei publicae Friede halten sollten mit der gens Quorbelizzorum . Es war eine allgemeine Nürnberger Angelegenheit, Staatspolitik, daß man die Leute dort nicht zu sehr drücke, um den Holzhandel im Gange zu erhalten, wobei übrigens der Ausdruck: gens clarissima Quorbelizzorum zweifelhaft ist. Die Mäuse haben nämlich die zwei ersten Buchstaben des Wortes angenagt, und man liest mit ebenso vielem, wo nicht mehr Recht: gens avarissima . Natürlich, man quälte sich gegenseitig, die deutschen Ladenschwengel und Markthelfer waren hoffärtig und drückten, die wendischen Arbeiter aufsässig, tückisch und betrogen, wo sie konnten. »So erklärt sich denn auch der mysteriöse deutsche Gaugraf Werbel oder Wirbel, der unglücklicherweise nie in den Urkunden vorkommt, im Volksmunde hat sich aber noch die Benennung ›Querlfürst‹ oder ›Querlfritze‹ erhalten. Daß diese deutschen Kommis und Handlungsdiener der Firma Holzschuher et Kompagnie im Verlaufe der Zeit sich mit den Wenden vermischten, jedenfalls nach den vielen Kriegen und der schwierigen, oft unterbrochenen Kommunikation mit Nürnberg sich unabhängig machten, d. h. auf eigene Hand handelten, unterliegt keinem Zweifel. Die besten Geschäfte mußten sie aber mit der Walkmühle machen, wovon das Geschenk von Kamisolen und Nachtmützen an Markgraf Jobst in Tangermünde spricht. Daß sie damals durch ihren Landbesitz zu einem gewissen Einfluß gelangt waren, mehr aber noch durch ihre kommerziellen Verbindungen, mag man annehmen, aber für ritterbürtig galten sie noch nicht, denn in der Verleihungsurkunde wird keiner von ihnen ein miles (Ritter), sondern nur vir honestus genannt. Noch später kommt sogar der Ausdruck mercator (Krämer) vor. Mittlerweile mögen sie indessen in die Einigung vor dem Kremmerdamm, in die Adelspartei gewissermaßen ›hineingewirbelt‹ sein, die Männer von materiellem Ansehen brauchte. Ob die Hand der Hohenzollern nachmalen zu schwer auf ihnen gelegen, lassen wir anstehen. Jedenfalls bezweifeln wir mit denselben Gründen, daß sie ihr steinern Haus deshalb abrasieren müssen, als die Visite der faulen Grete vor demselben, die schon längst ins Reich der Fabeln verwiesen ist, da sich in Stendal eine Kaufurkunde erhalten hatte, wonach die Quarbitze dreißig Jahre später dem Kurfürsten eine Anzahl wollener Decken zu seinem Winterfeldzuge gegen das aufständische Berlin geliefert haben. Wahrscheinlich war der geharnischte Mann, Wolf Quarbitz, in der Kirchenmauer zu Ilitz, der erste als Ritter anerkannte Mann in der Familie, welcher nach anderen Urkunden unter Joachim I. gute Gendarmendienste bei Ausrottung der Raubritter geleistet hat. Der Adelsbrief fehlt, ein solches steinernes Bild sollte ihn aber oft ersetzen, und es bleibt jedenfalls auffällig, daß es das einzige Bild der Art in der Familie ist. Wir haben also auch in der Mark das erfreuliche Vorkommnis, daß eines ihrer ruhmvollsten Adelsgeschlechter, wie die Fugger und Mediceer, aus dem Handwerker- und Kaufmannsstande hervorgegangen ist.« Dreiundfünfzigstes Kapitel. Schluß. Drei Tage ärgerte sich Isegrimm über den Aufsatz, am vierten lachte er und sagte, »es ist alles eitel!« und wie er seinen Sohn Wolf sah, wie er die eingefahrenen Garben Stück für Stück nachzählte, fuhr sogar ein bitteres Lächeln ihm über die Lippen: »Am Ende hatte der Farzeur doch recht, und wir sind vom Kaufmannsblut!« Drauf schickte er Wolf zu seinem Schwager: er solle sich nicht weiter, wie er ihm aufgetragen, nach dem Verfasser erkundigen: »Das macht nur unnötig böses Blut, und steckt der Branntweinbrenner dahinter, wird er darum nicht schlimmer, als er ist.« Die Abneigung gegen den Baron hat er nie verwinden können; die Heirat mit der Reichsgräfin hat ihn im Gegenteil noch mehr erbittert, und obgleich die Ehe recht leidlich sein sollte, und die Kinder ihm von seinem Sohn einmal zugeführt wurden, mußte er den allerliebsten Kleinen wohl die Hand reichen, nachher sagte er aber: »I ja, für Judenkinder sind sie hübsch genug.« Daß sein Sohn Wolf wegen der Schafzucht und anderer ökonomischer Angelegenheiten mit dem Baron verkehrte, ja sogar eine gewisse Freundschaft zwischen ihnen obwaltete, konnte er nicht hindern, aber er ergab sich darin, wie er sich in vieles ergab. Er war allmählich der Patriarch der Provinz geworden, man reiste nach Ilitz, um den merkwürdigen alten Mann zu sehen, der seine Körper- und Geisteskräfte sich so wunderbar erhalten. Wie vieles wußte er, für wie viele Dinge aus alter Zeit war er das lebendige Register. Isegrimm war er noch immer, wunderlich und voll Schrullen, und konnte auffahren und Zornblicke schleudern, welche die wenigsten ertrugen; aber im ganzen war er doch milder, wie einer, der bald von dieser Welt Abschied nehmen muß, sich daher nicht mehr so sehr darum kümmert, wenn es anders wird, als er es denkt und für recht hält. – So brachte ihm denn auch die Märzrevolution, die er noch erleben sollte, nicht wie man sagt aus Rand und Band, wie seine Nachbarn, und am wenigsten dachte er ans Einpacken und Fliehen, was bei dem Neunziger, der sich meist auf einem Rollstuhl umherfahren ließ, denn auch seine Schwierigkeiten gehabt hätte. Er änderte nichts in seinen Lebensgewohnheiten; schlief, aß, trank so ruhig und mit solchem Appetit wie immer, und lächelte zuweilen über die Schreckensnachrichten, welche seinen Sohn und die anderen erblassen machten und aller Besinnung beraubten. Daher mag es auch gekommen sein, daß sich unter den Bauern die Meinung verbreitete; der alte Ilitzer sei mit den Dingen, die man forderte, einverstanden, und er hätte alles schon längst gegeben und gewährt, wenn's die anderen zugelassen. Die Sturmpetition, welche besonders von den Querbelitzern ausging, war daher zumeist gegen den jungen Baron gerichtet, der dazumal schon ein Fünfziger war und Weib und Kinder, und darunter hübsch herangewachsene hatte, es übrigens am wenigsten gegen die Bauern verdiente, da er ein guter Mann war, jedem das Seine gönnte und niemand chikanierte. Was sie alles forderten an unentgeltlicher Ablösung, Rechten und so weiter, weiß ich nicht, aber ein heller Haufe aus den Dörfern stürmte in der Nacht gegen Haus Ilitz, um den jungen Baron in die Schenke zu schleppen, wo er gerichtlich das und das versprechen und dem und dem entsagen sollte. Zu ihrer Verwunderung fanden sie die Hintertür fest verrammelt, aber vorn das Tor zur Halle weit aufstehend, und helles Licht schien ihnen entgegen. Da saß der alte Isegrimm in seinem Rollstuhl, vor ihm ein Tisch, worauf zwei Doppelbüchsen, und nebenher lagen noch, so weit sie sehen konnten, Pistolen. An den Wänden brannten Kerzen, wie wenn er die Leute beim Erntefest tanzen ließ. Sonst sah man niemand in der Halle bis auf den Diener, der ihm immer den Rollstuhl schieben mußte. Seinen Sohn und die Familie hatte Isegrimm, wie man nachher erfuhr, in die oberen Zimmer eingeschlossen. Sie sollten nicht Konfusion machen, wo er es klar machen wolle. Auf sein »Halt!«, als sie der Schwelle sich näherten, stutzten die Bauern und turkelten zurück. Dann rief der Alte aber wieder halt! und setzte hinzu: »Was wollt Ihr denn, liebe Leute, Ihr steht ja im Dustern, daß ich Euch nicht sehen kann. Drum tut das Maul auf, sonst halt' ich Euch für solche Kanaillen, wie sie in die anderen Häuser gedrungen sind und Unfug angerichtet bei den Gutsherrschaften.« Sie murmelten untereinander, und einer wollte den anderen vorschieben. »Wirds bald?« Der Alte knackte am Hahn. Da rief der Schulze Lamprecht aus Querbelitz: »Halten zu Gnaden, Exzellenz, wir wollten nur mit dem jungen Herrn Baron ein Wort reden.« – »Mit dem Jungen habt Ihr nichts zu reden,« war die Antwort; »der hat auch nichts zu reden. Ich bin hier der Herr! Was wollt Ihr?« Nach einer langen Pause antwortete des Quilitzers Stimme, wie Lamprecht noch immer genannt ward, und er guckte jetzt selbst mit gezogener Mütze halb vor: »Halten wie gesagt zu Gnaden, gnädigster Herr, wir wollen nur, was sie sagen, daß uns zukommt, und was recht und billig ist.« »Das habt Ihr ohnedem,« rief Isegrimm, »und darum braucht Ihr nicht zu nachtschlafender Zeit Lärm zu machen, Ihr verfluchten Lümmel, und schert Euch zu Bett und zu Euren Frauen.« Als da doch ein Murmeln durch die Tumultanten ging, hob der Alte die Kolben der Gewehre und ließ sie auf den Tisch fallen: »Wer noch ein Wort muckst, da antworte ich mit diesen. Und wer dann noch lebt und meinen Jungen sprechen will, muß über meinen Leichnam. Versteht Ihr mich? – Kehrt!« rief er mit einer Stimme, wie sie nur vor dem Regiment gehört ward. »Marsch! Wenn ich bis zwölf gezählt, und es steht noch Unrat da, blitz' ich los. Treffe es, wen's trifft.« Mancher ward von den anderen umgeworfen, als sie zu stürmisch dem Kommando gehorchten und in die Nacht sich verloren, um sich in der Schenke diesmal nicht wiederzufinden. Nur der Schulze Lamprecht und nachher noch einige kehrten um, aber nicht aus freien Stücken. sondern weil Isegrimm sie rief. Lamprecht sollte ihn hinaufrollen, wozu an der Seite der alten Treppe eine besondere Vorrichtung mittelst einer Laufbrücke gemacht war. Johann, dessen Geschäft es sonst war, zitterte wie ein Espenlaub; und dafür schalt Isegrimm noch den Schulzen: »Er sieht's doch, und hätte von selbst beispringen können. Oder will Er, daß ich um Ihn und Sein dumm' Zeug die Nacht durch hier sitzen bleiben soll? Aber wenn Ihr denken sollt, Ihr Bauerlümmel, dann denkt Ihr gerade nicht; und wenn Ihr nicht denken sollt, dann denkt Ihr. Die anderen Schlingel können meine Gewehre 'rauftragen; aber vorsichtig, alle scharf geladen.« – Oben entließ sie der General noch mit einem derben militärischen Fluch und der Mahnung, sich vor aller Stänkerei zu hüten. Unten sollten sie Johann helfen, die Lichter auslöschen, und das alte »kräplichte« Tor zumachen. Schulze Lamprecht soll spät in der Nacht, »wie ein begossener Hund« in sein Haus geschlichen sein, ob doch andere meinen, daß er eigentlich der Anstifter gewesen. Als er aber ins Bett kriechen wollte, sagt Fama, hätte die Marte noch ein Wort mit ihm gesprochen, wovon er am Morgen ein blaues Auge hatte. Er sagte, er wäre im Traum aus dem Bett gefallen. Die Marte hatte sehr konservative Gesinnungen. Bald ward auch das Dorf Querbelitz sehr konservativ, nämlich, weil die Bauern des Geschwätzes und Umtreibens der kleinen Leute und Tagelöhner überdrüssig waren und meinten, die könnten ihnen alles verderben und das wieder nehmen, was sie schon im Sack hatten. Die Säcke der Bauern in Querbelitz waren sehr groß geworden, wie auch in anderen Dörfern, und die Bauern sind die einzigen geblieben, denen man ließ, was sie eingesackt. – Doch war Isegrimm, was man nennt, dadurch montiert worden. Während er vorhin wochenlang hinträumte, kindisch faselnd – zum Beispiel wiederholte er oft, wenn man die Besorgnis vor Brandstiftungen in den Edelhöfen aussprach, die Worte: »I dann wird der Herr Baron von Eppenstein schon löschen« – schien der Spiegel seiner Seele von einem Jugendanhauch aufzustrahlen. Er sprach klare, verständige Gedanken aus, er verfolgte ein Gespräch in seine Verzweigungen, ohne vom Hauptthema abzugehen. Es trieb ihn zur Tätigkeit, und da seine Kräfte es nicht erlaubten, trieb er seinen Sohn, der gar nicht dazu geneigt war, sondern meinte, da die Dinge nun einmal so gekommen, müsse man sie schon gehen lassen und zufrieden sein, wenn man was behalte. Ganz in der Stille sagte Wolf sogar, es bliebe ja noch immer genug, um es auszuhalten; darum liebte er nicht, daß viel Redens gemacht würde. Isegrimm ließ ihn gewähren, aber durch seinen Schwiegersohn Mauritz unterstützte er mit ansehnlichen Summen den Verein zur Wahrung der Interessen der Grundbesitzer und beteiligte sich auch mit bedeutenden Opfern bei der Kreuzzeitung. Daß er durch Mauritz dies tat, wird unsere Leser verwundern, die da meinen, daß die Geistesrichtung desselben eine andere sei. Sie war es gewiß, aber auch der freieste Mensch ist untertan den Verhältnissen, und unwillkürlich läßt er sich durch Sympathien und Antipathien in Parteirichtungen reißen, die seinen ursprünglichen Grundsätzen entgegen sind. Nicht daß Mauritz, weil er eine Tochter aus der Familie derer von der Quarbitz geheiratet, seine Begriffe von Freiheit, Menschenrecht und Menschenwürde eingebüßt, denn der Geist des Mannes war in die Frau übergegangen, und es schien, daß, was in ihm welkte und alterte, gerade bei Amalien in Jugendfrische fortlebte, die edlen humanen Gesinnungen, verklärt durch die edle Weiblichkeit. Aber er, oft an seiner Wunde kränkelnd, kam nicht mehr in weitere Lebenskreise, nicht in Berührung und Konflikte mit den Ideen der neuen Zeit und deren Trägern. Er verbauerte nicht in seiner Landeinsamkeit, aber hinter ihm lag als abgeschlossenes Ganze die große Zeit der Befreiungskriege, eine große Tat, ein Geschichtsabschnitt, an die er seine ganze Kraft gesetzt, in die sein ganzes Denkvermögen aufgegangen, die er mit liebender Bewunderung als ein Werk, wo Gott unmittelbar eingewirkt, betrachtete. Im Vergleich damit erschienen ihm alle späteren Bestrebungen als untergeordnet, kleinlich, einseitig. Es kam ja nichts von allem zur Erfüllung, meinte er, und die Verhältnisse, die handelnden Personen standen ihm zu fern. Daß die letzte Erfüllung auch jenem großen Werke gefehlt, daß es nur damit geendet, die alten zerrissenen Verhältnisse der Welt leidlich wieder zu flicken, verbarg er sich geflissentlich. Seine Streitigkeiten über die Agende hatten ihn auch etwas verbittert; er war vielleicht mit sich selbst unzufrieden, daß er sich zu tief in die altlutherische Strömung forttreiben lassen, und konnte nun nicht zurück. Vollends aber waren die Wogen der letzten Revolution ihm über den Kopf geschlagen, und der tüchtige, geistesfreie Mann war, wie so viele bis dahin gleich freie Menschen, einmal fast untergesunken in der Gespensterfurcht vor dem Chaos. Er sah überall Vernichtung alles Edlen, Schönen und Großen, alles Historischen und Religiösen, weil das atheistische Geschrei einige Monate durch wie die Möwe über den Meereswellen in der trüben Luft schwamm und sein Ohr verwundete. »Ist denn Guizot ein Prophet, und war Niebuhr eine Säule, an die jene große Zeit sich rankte? Und würde Dein großer Stein, wenn er noch lebte, an der Welt verzweifeln? Wenn er auch poltern und toben machte gegen den Unverstand, so meine ich doch, wenn er so war, wie Du ihn begeistert oft geschildert, er würde nie sein eigen Werk verleugnen und noch weniger sich an die lehnen, welche es verwünschen, um nur nicht selbst unterzugehen.« So suchte seine Frau ihn aufzurichten. Er dankte ihr, verfiel aber doch immer wieder in sein düsteres Hinbrüten. Ganz im Gegenteil der alte Isegrimm. Er sah wohl die Wogen, aber hielt sie nur für aufspritzenden Kot, die Furcht vor dem Chaos kümmerte ihn ganz und gar nicht, weil er des Glaubens war, daß sich das alles bald wieder setzen und geben werde und das Fundament, die alte Weltordnung, gar nicht erschüttert werden könne; wenn's die Titanen nicht vermocht, was weniger solche Jungens und Lumpenkerle. Ja zuweilen entfiel ihm die Aeußerung, man müsse auch nicht zuviel dagegen tun, weil das die Aufregung unterhalte. Das waren aber nur, wie gesagt, gelegentliche Blitze seines Geizes, der dann bald wieder in die kindlich gemütliche Apathie verdank. Mit seinem Schwiegersohn Prediger geriet er aber doch zuweilen in theologische Dispute und verteidigte den Paulinischen Satz von den vielen Wegen zum Himmelreich gegen den Mann, der sich jetzt wie ein Ertrinkender an das hingeworfene Rettungsseil, an das Dogma, klammerte. »Ja, ja,« sagte der Alte einmal. »Hätte er lieber schwimmen gelernt. Aber das kommt von der Mystik.« Mit einer merkwürdigen Ruhe sah er dagegen dem stillen Treiben und Wirtschaften seines Sohnes Wolf zu. Er war der erste auf, um der letzte zu sein, der zur Ruhe ging. Er fehlte nicht beim Pflug, nicht bei der Aussaat, und nach der Ernte blieb er auf Scheune und Boden, bis das letzte Korn eingebracht war; man hätte sagen können, er zählte die Körner. Wüste Raine, Sumpfwiesen und steinigte Höhen, wo seit Menschengedenken nie ein Pflug gegangen, wurden fruchtbare Aecker. Die Schafzüchterei beschäftigte ihn ganz besonders, und wenn er vom Wollmarkt zurück kam, brachte er so volle Geldkatzen mit, daß schon mehrere Schuldposten aus der Kriegszeit im Hypothekenbuche gelöscht waren. Das Wirkschaftsinventar war in der prächtigsten Ordnung, und darüber vergab ihm der Vater gern, daß er die Landratstelle zweimal ausgeschlagen. Er hätte es ihm auch ohnedem vergeben. Aber adlig war nach Isegrimms Begriffen an seinem Treiben nichts. Er war ein guter Kaufmann geworden, was er auch bei der Auseinandersetzung mit seinen Lehnsvettern in Quilitz über die Querbelitzer Mark bewiesen hatte. Man sagte sogar, er habe die Quilitzer dabei etwas übers Ohr gehauen. »Die Welt läßt sich einmal nicht ändern,« meinte der Alte in seiner weichen Stimmung. »Sie sagen, wir haben als Raubritter angefangen, so müssen wir als Vergeltung auch mal in die Haut von Kaufleuten kriechen, um zu probieren, wie sich's darin steckt; an Raubrittern wird's nicht fehlen.« – Ein andermal, wenn er seinen Sohn unter den veredelten Schafen sah, wie er sie zählte, jedes befühlte und ins Gesicht ihm guckte, sagte er zu seinem Schwiegersohn: »Kriegt der Wolf nicht wahrhaftig selbst ein Schafsgesicht? Das kommt vom Umgang.« Wolf ward zum Deputierten gewählt. Er saß in der zweiten Kammer unter der großen Partei, deren Redner bei jeder großen Frage auf die Tribüne sprangen und, sich emphatisch auf die Brust schlagend, riefen: sie wollen lieber sterben, als nur ein Titelchen von der beschworenen Verfassung und dem heiligen errungenen Rechte fahren lassen; nachher aber sagten sie, es gäbe Rücksichten, die man nicht aus dem Auge lassen dürfe, Friede und Ordnung seien zu hohe Güter, und das Recht, wenn auch scheinbar angegriffen, lebe unaustilgbar in der Brust des Edlen; und am Ende stimmten sie für alle die Vorschläge, welche Titelchen und Titelchen, eines nach dem anderen, dieser beschworenen Verfassung umstießen, einige meinten gar diese Verfassung selbst. Wolf ward durch einen Expressen nach Hause gerufen, sein Vater sei krank. Es war eine eigene Krankheit, ähnlich der, als Isegrimm sich im Rollstuhl in die Halle fahren ließ und die Tumultuanten zurechtwies. Im Rollstuhl saß er auch jetzt, auf dem Tisch vor ihm lagen aber nicht geladene Gewehre, sondern nur seine Faust, als er den Sohn anrief: »Du dummer Junge, hab' ich Dich darum nach Berlin geschickt, daß Du Deiner Familie Schande machen sollst?« Wolf glaubte, der Vater zürne, weil er nie den Mund aufgetan. »Das war noch das Gescheiteste, was Du tun konntest. Aber wo sitzest Du denn? Da, wo Du hingehörst? Wo Deine Standesgenossen sitzen? Wo sie wissen, was sie wollen? – Auf die Rechte, hatte ich erwartet, daß Du Dich setzen würdest, wie sich's von Dir versteht, meinethalben noch einen Stuhl hinter ihnen, denn wo erklärter Krieg ist, muß man erklärter Soldat sein. Aber Junge, weißt Du denn, unter welche Leute Du geraten bist?« Wolf meinte, der Vater kenne sie wohl nicht persönlich, sie wären alle honette, anständige Männer, die König und Vaterland liebten, sehr verständig sprächen, und vor allem Friede und Ordnung wollten. Das wolle er, das wolle sein Vater ja auch. »Junge,« rief der Vater, eigentlich brauchte er noch einen viel stärkeren Ausdruck, aus dem Schafstall, den er ihm an den Kopf warf, »hast Du denn nicht mal so viel Grips, um zu merken, daß die verwünschten Parlamenter da sind, damit die Leute anders sprechen lernen, als sie denken? Hat Dir's denn nicht der Floh gestochen, unter was für Menschen Du gesessen hast? Was sie wollen: Anstellungen, bessere Anstellungen, Zulage; der will eine Präsidentenstelle, der aus der Provinz in die Residenz versetzt sein; der Geld geliehen auf sein Gut. Spekulanten alle auf Avanzement und Profit!« »Nicht alle, lieber Vater,« wagte der Sohn zu unterbrechen. »Dann wissen sie nicht, was sie wollen. Das sind gerade die Allerschlimmsten. Liberale sind's! hörst Du's? Unter verkappten Liberalen hast Du gesessen, die, weil sie merkten, daß es damit jetzt nicht geht, herumlavieren, wittern und schnuppern, wo der Wind herkommt – Kerle, die uns heute die Rockschöße küssen möchten, wenn's mit Anstand geht, und morgen, wenn wir das Fahrwasser verlören, wären sie die ersten hinter uns auf der Jagd, als wie sie jetzt für uns treiben und klappern. Kerle voll lauter weißer Humanitätssalbe und ohne Gesinnung. Hättest Du Dich lieber unter die erklärten Liberalen gesetzt, die Einfaltspinsel und Mondscheinträumer, die die Sonne ein bißchen blasser und den Mond ein bißchen röter anstreichen wollen, damit sie mehr gleich aussehen, oder noch besser, unter die Demokraten. Ja, lieber ein roter Halsabschneider, als ein politischer Hampelmann. Da weiß man doch, was man hat und was man ist.« Wolf wagte noch einmal für die Rechtlichkeit und den Patriotismus seiner Partei zu protestieren; er nannte besonders die Namen zweier Führer, deren Rechtlichkeit und Wohlmeinendheit auch ihre Feinde müßten gelten lassen. Er kam aber übel an. »Gestohlen haben sie freilich nicht und kleine Kinder fressen sie auch nicht, und zu einer Whistpartie kannst Du Dich mit ihnen ohne Angst hinsetzen, da schlagen sie nicht Volten Aber daß der alte Quarbitz seinen Sohn schicken mußte, daß er auch Katzendienste verrichte; als ob dazu in Berlin nicht genug Rumtreiber wären! Ja, ja, daß ich Dir den Kopf öffnen muß, Du Kind, schon mit grauem Haar dran. Unsere Katzen sind sie, und mit ihren Pfoten wollen Unsere die Kastanien aus dem Feuer holen, weiter nichts. Man streichelt ihnen ein Bißchen um den Bart; wenn man die Kastanien hat, gibt man ihnen einen Tritt vor den Hintern. Das verdienen sie auch, warum halten sie auch so schamlose Humanitätsreden! Wenn ich sie lese, ist nur, als müßte ich Milchkaffee trinken, mit kleingerührtem Kuchen drin. Wir wollen Unseres wieder haben, was man uns genommen, dazu haben Dich unsere Freunde in die Kammer geschickt, zu weiter nichts. Und das Ding, was sie Revolution nennen, das war ein charmantes Ding; denn nun kriegen wir noch weit mehr wieder, auch was im Kehricht liegt, was man uns vor Olims Zeiten genommen hat, auch das! Weiter wollen wir nichts. Und weil man das nicht sogleich jedem ins Gesicht sagen kann, weil's auch andern Leuten den Magen verdorben hätte, brauchte man die Kerle. Zu weiter nichts. Wenn's eine Festung stürmen gilt, treibt man das Gesindel vor, das die Gräben füllen soll; wenn sie voll sind, klettern die auf die Wälle, die sich zu gut halten, um im Graben zu liegen. Hast Du Lust dazu, hältst Du Dich für gut genug, ein Fußschemel zu sein, daß andere auf Dich steigen – dann erklär' ich Dich nicht für meinen Sohn. – Ach Gott! ach Gott! aber 's ist alles doch eitel.« Wolf mußte sein Mandat niederlegen, und tat es im Grunde recht gern. Recht gern war er zwar in Berlin, der sechs Fuß hohe, gespornte Mann mit dem blonden Haar, dem roten Lippen- und Kinnbart und den hellblauen Augen, die so gutmütig und schelmisch aus dem sonnengebräunten Gesicht in die Welt sahen und zu sprechen schienen: »Ist ja doch allens man Quackelei!« Er war auch gern Deputierter, aber lieber in den Austerkellern, als in der Kammer, wo er das Licht vermutlich nicht recht vertragen konnte, denn oft sah man ihn die Wimpern zudrücken, um, ungestört durch die äußeren Eindrücke, den Rednern zu folgen. Dagegen erhob er jedesmal, wenn nach dem Schluß gerufen wurde, sehr laut seine sonore Stimme. In den Austerkellern, wenn der Chablis und Champagner ihn lustig machte, verlangte er nicht nach dem Schluß, ja, er soll oft Meinungen da geäußert haben, die seine Standesgenossen erschreckt hätten, wenn sie in der Stimmung gewesen wären, sich erschrecken zu lassen. Einmal soll er gesagt haben, man solle es doch nicht gar zu toll treiben, denn man wisse nicht, was mal kommen könne. Dieser Meinung soll auch der alte Isegrimm in seinen letzten Jahren gewesen sein. Er schüttelte oft den Kopf, wenn sie ihm seine teuer erkaufte Kreuzzeitung vorlasen oder Kammerreden aus einer der wohlfeileren Morgenzeitungen: »Sie werden noch alles verderben. Man soll an sich selbst denken, aber doch nicht an sich allein.« Es tut uns leid, daß wir noch einige recht tiefe Kümmernisse berichten müssen, die ihn in diesem seinem Alter trafen. Einige nahm er schwer, andere leicht. Wenn seine Nachbarn in der ersten schlimmen Zeit verzweifelnd die Köpfe zusammensteckten und, was wohl vorkam, meinten: jeder Wechsel des Regiments, und würden sie eine Republik oder russisch, wäre besser als die Pöbelherrschaft, denn was käme es auf Namen an, wenn man nur unter eine Herrschaft käme, die den Besitz schützt, da schwoll ihm noch auf dem Rollstuhl die alte Zornader, und er warf um sich Schimpfworte, wie: »Bastardbrut!« Wenn der Edelmann kein Vaterland mehr anerkenne, dann möge ihm sein Stammbaum gestohlen werden, denn ein Adel sei keinen Pfifferling wert, wo Verrat, gemeiner Sinn und reines Interesse dahinter stecke. Den Quilitzer, der so etwas damals wieder geäußert, wolle er gar nicht mehr sehen – da wäre ihm noch der Baron Eppenstein lieber. Das war das Schwerste, was Isegrimm sagen konnte. – Wie seufzte er, daß der alte Wahrnimer Kautzenburg gestorben: solche wahre Edelleute werden immer seltener. Als einige Zeit später, in einer auch schweren Zeit, wo es sich darum handelte, ob Preußen seine erworbenen Rechte im zerstückten Deutschland geltend zu machen der alten Kraft wäre, ein Offizier – es war leider einer der Vettern aus Quilitz – in einer großen Versammlung zu denen, welche diese Kraftanstrengung forderten, sagte: »Meine Herren, was muten Sie Preußen zu? Eine Aufgabe, der es nicht mehr gewachsen ist!« – als das der alte Isegrimm hörte, ballte sich seine Faust, und aus den greisen Wimpern drückte er eine Träne. Worte, um seinen Schmerz auszudrücken, fand der alte preußische Militär nicht mehr, aber nach einer Stunde sagte er – sonst hatte er bald vergessen, was eben geschehen –: »Es muß doch recht schlimm in der Welt aussehen. Haben Sie denn dem nicht die Epauletts von der Schulter gerissen?« Dann setzte er hinzu: »Der arme alte Fritz da oben! Was muß der in der Welt gesündigt haben, wenn der liebe Gott ihn das hören läßt!« Dann aber vergaß er es. Mit seinem Sohn Wolf, wie wir wissen, stand er ganz leidlich. Nicht so mit dessen Sohn, der auch Wolf getauft war; zur Unterscheidung nannte man ihn den jüngsten Wolf. Verstand hatte er, und lernte viel und leicht, sonst aber war nichts an dem Semmelgesicht – wie Isegrim ihn nannte; es war eine Frühgeburt – was ihm Freude machte, obgleich das junge Herrchen den Kopf schon früh sehr aufrecht trug. Er wäre hoffärtig, ehrgeizig und naseweis, sagte er, aber kein Edelmann. Er studierte Jura, und dachte schon als Referendar an den Minister. Die Verwandten, meinte er, würden schon schieben. Da kam die Märzrevolution. Damals, nämlich an dem Tage nachher, soll er die größte dreifarbige Kokarde am Hute getragen haben, und man sagt von Reden, die er an den Pappelbäumen und sonst wo gehalten, die ich ihm nicht nachsagen will. Er war's nicht, es war die Dröhnung in ihm – die heillose Angst, sagte Isegrimm, der's gesehen, wie er, als die Bauern ins Schloß drangen, sich im Keller verkrochen. Wie durch ein Wunder hatte der junge Herr nach ein paar Jahren schon alles das vollkommen vergessen. Ein Talent, ein fixer Redner, von der vortrefflichsten Gesinnung, war er bald angestellt worden, und stöberte auf und verfolgte als öffentlicher Ankläger mit einem Eifer, der fast seine Gesundheit angriff, verlorene, verkommene und versteckte Demokraten, die froh waren, daß sie sich selbst vergessen hatten. Seine Anklagereden donnerten und blitzten von Patriotismus und Verehrung und Liebe für Thron und Altar, und Abscheu vor allen Revolutionären; wenn er's nur nannte, pflegte er immer zu zittern. Konnte er nichts zum Denunzieren und Anklagen finden, blätterte er den Wust alter Zeitungen nach, um hochverräterische Aeußerungen, Majestäts- und andere Beleidigungen zu finden, wobei er immer so glücklich blätterte, daß er seine eigenen Reden nicht fand. Kurz, er war ein Exemplar einer dienstbeflissenen Beamtenseele; nur konnte er sich seinen Lohn dafür, der ihm sonst nicht entgangen sein wird, nicht im väterlichen Hause holen. Sein Vater, der junge Wolf, sagte: »Junge, schäme Dich, und wenn's nichts weiter ist, Du machst Dir ja alle honetten Leute zu Feinden;« der Großvater aber behandelte ihn mit einer souveränen Verachtung. Er nannte ihn nur die »Käsemade«, und bei Tisch mußte er unten am äußersten Ende sitzen. Einmal hatten ein paar Schneidergesellen einem kommunistischem Weber aus dem Gefängnis zur Flucht verholfen. Der Weber war längst über See, die Schneidergesellen hoffte er aber noch zu attrappieren. Nun traf es sich, daß die armen zitternden Menschen in Haus Ilitz den alten Isegrimm um Gottes Erbarmen fußfällig gebeten, daß er sie rette, und Isegrimm war gerade in der Laune, daß er meinte, König und Vaterland liefen nicht Gefahr, wenn die armen Schlucker auch nicht ergriffen würden. Er hatte sie mit seinem eigenen Sohn gerad über die Grenze fahren lassen, was der junge Wolf auch recht gern getan, als der jüngste Wolf mit Gendarmen, oder was sonst auf ihrer Spur, vorfuhr. Wie der Großvater den Enkel eine Weile hingehalten, und ob er's überhaupt der Mühe wert hielt, mit ihm Komödie zu spielen, weiß ich nicht, dann aber sagt er's ihm gerad heraus, was er getan: »Nu, Du Hans Gelbschnabel, kannst Du ein Brutus werden. Der fehlte uns gerade noch. Präpariere Dich zu einer wunderschönen Rede, daß den Zuschauern die Tränen von den Backen laufen. Du kannst Deinen Vater und Deinen Großvater anklagen; alles aus Patriotismus. Das ist heroisch und macht viel Gerede. Nicht wahr? Und einen Orden kriegst Du vielleicht auch noch dazu.« Von einer Anklage ist nichts bekannt geworden: dagegen erinnert sich wohl noch mancher des seltsamen Gerüchtes, daß der alte Isegrimm in seinen letzten Tagen ein Demokrat geworden. Etwas ist daran, aber es hat mit jenem Vorfall nichts gemein. Es verhält sich so. In Isegrimms letzten Tagen wechselte Lichtvolles mit Kindischem. Er sah einmal wieder heiter in die Zukunft, denn sagte er, wenn auch vieles noch zu wünschen, so wäre doch die Kavallerie nun purifiziert, und unter den Dragonern und Kürassieren gäbe es keine bürgerlichen Offiziere mehr. Dagegen wäre es nun auch billig, daß man den Bürgerlichen dafür lasse, was ihnen zukommt, nämlich die Artillerie, und es sei nicht recht billig, daß letzthin so viele Adlige dahin avanziert seien, und expreß gegen das königliche Wort in Königsberg und bei der Huldigung: daß jeder Stand das Seine behalten solle. Die Artillerie sei nun einmal für den Bürgerstand, und was recht gewesen, müsse recht bleiben. So harmlos der Alte es gesagt, solches Entsetzen verursachte es ein paar alten adligen Damen, die es mitangehört, in der Erwartung, aus dem Munde des Patriarchen nur Gott, König und Vaterland Wohlgefälliges zu vernehmen. Sie hatten Kinder oder Enkel in der gedachten Waffe. Sie verbreiteten die unglaublich klingende Nachricht in der Stadt, der alte Isegrimm ist demokratisch geworden. Als sie aus der Stadt wieder aufs Land kam, hieß es schon: er ist rot, dunkelrot. Als sie auch in die höchsten Kreise drang, äußerte eine hohe Person: man müsse so etwas der Schwäche des Alters zu gut halten. Anders faßte es ein General auf, der durch seinen kirchlichen Sinn sich vor vielen auszeichnete. Er sah darin keinen Verstoß der Zunge, nichts Zufälliges, sondern ein Moment von der allerernstesten Bedeutung. Der ehrwürdige, christliche und loyale General von der Quarbitz könne das gar nicht gesagt haben, das sei der Teufel selbst, der aus seinem Munde gesprochen. Gerade bei der hohen Bedeutung, welche die Artillerie gegenwärtig im Kriege habe, bei der unleugbaren Tatsache, daß sie in den Händen Ehrgeiziger bei den Revolutionen eine fürchterliche Rolle gespielt, und endlich bei dem gleichfalls nicht abzustreitenden Faktum, daß sie eine Waffe sei, die in der Bibel noch nicht vorkommt, und wo man leider notgedrungen die Wissenschaft und Kunst, in welcher der Teufel ohnedies sitzt, zu ihrer Handhabung und Vervollkommnung zu Hilfe rufen müsse, sei es augenfällig und bedürfe keines Beweises, daß der Teufel, welcher alle Revolutionen macht, sein besonderes Augenmerk auf die Artillerie habe. Da nun im Bürgerstande, unbeschadet der ehrenwerten Ausnahmen, mehr revolutionäre Elemente lägen als im Adel, so sei es ganz natürlich des Teufels Dichten und Trachten, diese Waffe ganz in die Hände des Bürgerstandes zu spielen. Satan, der wie ein brüllender Löwe durch die Straßen der Hauptstadt zieht, sei es dort nicht mehr um Eroberungen zu tun, wo er schon, trotz der Sabbatsfeier, Kirchenräten und Kirchentagen so viele Altäre, Burgen und offene und geheime Alliierte habe, aber auf das Land, wo Treue, Gehorsam und Gottesfurcht noch zu Hause sei, richte er seine Blicke, um sich Verbündete und Knechte zu schaffen. Da reine Charaktere, ja einen durchaus ritterlichen zu verführen, sei ihm wichtiger, als anderswo hundert Lumpenseelen, die ihm ohnedies zufielen. Was dürfe man sich also wundern, wenn er, bei seiner unberechenbaren und unbegreiflichen Macht, seine Netze gerade auf den reinsten und ritterlichsten Charakter geworfen, und er, dem kein Mittel zu schlecht, die Schwäche des Alters benutze, und den Patriarchen Worte vorstoßen lasse, die so kindlich unschädlich klängen, wenn sie nicht einen so infernalischen Hauch verbreiteten und von so diabolischer Tragweite wären. Der Patriarch sollte gerettet, oder vielmehr der Satan ausgetrieben werden. Mit diesem Vorsatz fuhr der General mit Kurierpferden nach Ilitz. Es kam noch ein anderes Motiv dazu. In der bewußten Provinz war politisch kaum mehr etwas zu bessern; überall waren Preußenvereine und Arme des Treubundes, wobei sich besonders die Querbelitzer auszeichneten, voran ihr Schulze Lamprecht. Einen Weinreisenden, der einmal einen vielbesprochenen Wahlkatechismus in der Schenke gelesen, ganz still für sich, hatten sie auf der Stelle gefaßt und mit gebundenen Händen nach Nauwalk transportiert. Wenn der Bürgermeister ihn freiließ und die Justiz ihn freisprach, war's nicht ihre Schuld. Dagegen sah's mit dem kirchlichen Sinn in der Provinz nicht so aus, wie man's in Berlin wünschte, und gerade die Querbelitzer waren's, die immer vom Katholischmachen sprachen. Namentlich wollten sie absolut nichts von der persönlichen Existenz des Teufels wissen und zitierten den alten Fritz, was er dazu sagen würde. Dieser Starrsinn in einer sonst so vortrefflich gesinnten Bevölkerung erschien um so bedenklicher, als gerade damals auch in Berlin ein Geistlicher, weil er den persönlichen Teufel leugnete, so großen und gerechten Anstoß erregte. Vergebens war eine vornehme Dame, aus der Gegend gebürtig, die in ihrer Jugend viel von den Anfechtungen des Teufels zu erleiden gehabt, dafür jetzt sehr rechtgläubig, aber noch immer munter, umhergereist und hatte die Bauern zu bekehren gesucht, daß sie wieder an den Teufel glauben sollten. Sie hatten sich immer in den Kopf gekratzt und gemeint: »Der alte Fritz müsse es doch besser gewußt haben.« Hier galt es, jemand in sein altes Recht wieder herzustellen, sein Dasein zu retten, und wenn es auch der Teufel war. Darum lohnte sich also wohl, meinte der General, auch eine Reise mit Kurierpferden. Aber es waren keine zehn Minuten verstrichen, seit er zu Isegrimm ins Zimmer getreten, als er schon die Treppe schneller wieder herabkam, als er hinaufgestiegen, und, in die Kalesche springend, zu seinem Begleiter sagte: »Das ist ja ein sackgrober Kerl.« Weiter sagte er nichts, und hat auch nachher nichts mehr gesagt. Die Diener haben nur etwas Tisch- und Stuhlrücken gehört, was der Alte, wenn er polterte, noch sehr gut konnte, und als der Besuch aus der Tür stürzte, den Wunsch Isegrimms: er möge sich zu dem scheren, den auszutreiben er hergekommen! – Die Sache blieb nicht ohne Folgen. Bei der Rundreise einer hohen Person durch die Provinz war auch ein Besuch bei dem Patriarchen angesetzt. Dieser Besuch unterblieb. Trotz aller dieser Widerwärtigkeiten sah Isegrimm mit Trost und Heiterkeit seiner Auflösung entgegen. Lebte er doch in einer glücklichen Familie. Sein Sohn Wolf störte ihn nicht, die anderen Kinder desselben waren gut geartet; den positiven Trost gewährte ihm aber die Predigerfamilie. Da ward er nicht allein geliebt, er ward auch verstanden. Mauritz' beide Söhne waren es, in denen er sein Blut fortleben sah, es war in den jungen Leuten eine geistige Verwandtschaft mit dem Großvater, derselbe kernige Sinn, wenn auch in anderer Richtung. Was aus ihnen geworden oder wird, wo ist dazu hier der Ort, es zu erzählen. In den letzten Tagen schien den Alten noch etwas zu drücken. Sein Beichtvater und Freund mochte es zuerst als eine seiner Altersphantasien ansehen, bis er inne ward, daß er bei klarem Verstande war. Es quäle ihn ein Bekenntnis, eine Schuld, sagte er, ehe er in die Ewigkeit hinübergehe. Aus einzelnen Andeutungen glaubte Mauritz zu schließen, daß er die Härte bereue, die er anfänglich gegen ihn und seine Liebe bewiesen. Isegrimm drückte stillschweigend Mauritz' Hand: »Ich hätte früher nachgeben sollen, da es schon bei mir beschlossen war. Ich fürchtete mich nur vor mir selbst und wartete auf eine Gelegenheit. Da mußte ich sechs Jahre warten, aber Du – Ihr – aber Ihr habt mir das vergeben. Das ist ja alles gut geworden und besser, als ich dachte.« Mauritz benutzte die Gelegenheit, ihn an die verstorbene Karoline zu erinnern. Ob er sich da etwas zuschulden kommen lassen, daß er ihr nicht vollständig vergeben? »Sie ging in ihr – Leben hinein ohne des Vaters Segen.« Der Alte schien die Worte zu wiegen, schüttelte den Kopf: »Soll man die Sünde segnen? – Und doch, da liegt's. Mein Leben sollte eine ganze Wahrheit sein, darauf war ich stolz und – ich habe mein Leben lang an einer großen Lüge geschleppt.« Jetzt zum ersten Male bekannte er, was er im Feldlager des Marschalls von dem wahren Marquis d'Espignac vernommen. »Ich schwieg und log aus Liebe zu meinem Kinde, und die ist nun wohl verdammt!« »Sie wird dieselbe Fürsprecherin vor dem Throne der Ewigkeit finden,« sagte Mauritz – »ihre unendliche Liebe zu dem Manne, dem sie ihr Alles opferte; und wenn sie nachher verirrte, vielleicht Entschuldigung, weil dies einzige Licht, dem sie folgte, ihr unterging.« »Kann der Gott der Wahrheit die Lüge vergeben?« »Die er zuließ; denn er schleuderte keinen Blitzstrahl in jene Gruft in der Normandie. Nennen wir das Häßliche mit einem sanfteren Namen – Illusion. Wie viele Illusionen ließ er auf dieser irdischen Welt zu, wie viele herrschten nach seinem unerforschlichen Ratschluß durch Jahre und Jahrhunderte, wie viele mögen noch herrschen bis dahin, was wir Ewigkeit nennen, und der Gott der Wahrheit ließ und läßt sie zu, vielleicht als Mittel, um uns zu erziehen, oft nur dann den Schleier lüftend, um zu unserer Demütigung hineinblicken zu lassen, wie weit wir noch entfernt sind von der Wahrheit, auf die wir stolz sind und uns brüsten, und die nur bei ihm ist.« Bei Isegrimms Begräbnis fehlte es nicht an Teilnehmern von weit her und einer würdigen Pracht. Die Familie war aber getäuscht, wenn sie auch von oben her Zeichen dieser Teilnahme erwartet hatte. Das ist das Tragische bei denen, welche ihres dem öffentlichen Leben gewidmet, daß die Gesinnungen und Verdienste einer langen Laufbahn, auch einer, die beinahe ein Jahrhundert fleckenlos gedauert, durch einen kleinsten Fleck, es braucht kein Verbrechen, kein Fehltritt zu sein, nur ein Verstoß, wie ausgelöscht erscheinen. Die gütigsten Gesinnungen zeigten sich auch hier, den Toten zu ehren; aber es ward eingewandt: nach dem letzthin Vorgefallenen schicke es sich doch nicht, denn der General habe weder widerrufen noch bereut, und wenn auch Gott in seiner Allmacht und unerschöpflichen Gnade ihm seinen Irrtum in Bezug auf die Artillerie, selbst ohne Reue, vergeben dürfte, so sei dies doch anders mit einer weltlichen Autorität, die Pflichten und Rücksichten habe auf das von Gott ihr verliehene Amt. Jetzt ihn ehren, wie das Herz es wünsche, heiße seinen Irrtum sanktionieren, und könne zu Konsequenzen und Auslegungen führen, deren Tragweite niemand zu berechnen vermöge. So ist es denn gekommen, daß es über seinem Grabe noch immer wie ein leiser Nebelschleier schwebte. Man sagte nicht gerade: er ist als Demokrat gestorben; aber wenn einer fragt: wie war es denn bei seinem Tode? zuckt wohl ein anderer die Achseln und sucht Beschönigungsgründe; das ist aber schlimmer, als wenn er geradezu sagte: er war ein Demokrat. Ein Beamter von der besten Gesinnung, der nach Berlin reiste, seine Karriere noch zu beschleunigen, wollte unterwegs das Grab des Mannes besuchen, der ihm als eine Säule ritterlicher Loyalität gepriesen war, um mit dem Veilchenstrauß einer solchen elegischen Erinnerung an der Brust eine gemütliche Entree zu machen. Als er aber von den letzten Vorfällen hörte, und daß keine Equipage dem Sarge gefolgt sei, kehrte er auf der Stelle um und setzte sich rasch in den Wagen; vor der Schenke sagte er laut: es sei ein Mißverständnis gewesen, er habe einen anderen Quarbitz gemeint. Was vielleicht noch schlimmer, in mehreren höheren Kreisen hat man das geringfügige, zum Grunde liegende Faktum längst vergessen, man erinnert sich nur, daß etwas vorgefallen ist, was damals mißfällig bemerkt worden. Man erinnert sich auch wohl, daß man seinerzeit von einer Hinneigung zu demokratischen Grundsätzen gesprochen. So etwas zu untersuchen, ist weder Anlaß noch Zeit, und so bleibt der Fleck, weil er nicht gefaßt werden kann, noch heute schweben. Zu einer sehr konfidentiellen Mission sollte schleunigst ein Diplomat fortgeschickt werden. Ein Quarbitz war an der Reihe, und es war auch sonst gegen seine Befähigung nichts zu sagen, wenn nicht eine Stimme, als das Diplom schon ausgefüllt werden sollte, rief: »Ist da nicht einmal in der Familie etwas passiert!« Eben das glaubten alle zu wissen, aber keiner wußte im Augenblick was. Im Augenblick aber mußte entschieden werden, und man ging vom Träger des Namens Quarbitz zu dem eines anderen über, der heut für die glücklich beendete Mission hohe Orden trägt. Fortuna hat keine Gesetze. Viel mag indessen die Leichenrede beigetragen haben, die der auch hochbetagte Prediger Mauritz hielt, und die alle Zuhörer in Verwunderung und Erstaunen setzte. Es schien wieder in dem ängstlich gewordenen Mann, der noch vor kurzem überall Gespenster und aus allen Ritzen den bösen Feind seine Krallen strecken sah, um Gottes schöne Weltordnung anzunagen, ein Schimmer jenes Lichtes plötzlich aufzuflackern, welches ihn einst erleuchtet hatte. Er sprach, als wenn es erst im Augenblick ihn überkam, wo er auf den Kirchhof trat, wie ein schönes Werk, das Gott auf Erden werden ließ, durch eine Reihe großer Fürsten und erleuchteter und mutiger Geister, durch den treuen Sinn eines einfachen, guten Volkes, jetzt wieder zerklüfteter und zerrissener scheine denn je, durch die Bestrebungen derer, die es auf seine Urbestandteile zurückführen möchten. Wie man die auch benenne, wie man auch mit ihnen schön tue, es liege doch nur zum Grunde die Selbstsucht der Kreatur, die am Besitz hafte und, weil sie nichts von dem wolle fahren lassen, was sie einmal besessen, sich noch ihrer Tugendhaftigkeit rühme und das Rechtssinn taufe, was vor dem Schöpfer Selbstliebe und Egoismus sei. Warum habe denn Gott jene großen Geister ins Leben gerufen, welche die Einheit schufen, die man Staat nennt, welche gewaltsam hineingerissen in die bestehenden Rechte der einzelnen und der Völker, wenn die ewige Weisheit gemeint, das Ziel sei zu erreichen, sobald nur jeder tue, was recht sei, gebe, wozu er verpflichtet, opfere, was er Lust habe! Sei das nicht auch Empörung gegen Gottes Wollen, der hinrausche durch die Geschichte, daß wir ihn in dem großen Buche nicht lesen wollen. Und weil alles so Empörung sei, habe er die Welt strafen wollen dadurch, daß er falsche Propheten in Stahl und Feuer ausrüste, aber keine wahrhaft freien und großen Geister mehr aussende, um die Welt zu retten und zu erlösen aus den Ketten des Egoismus: »Nirgend, nirgend!« rief er, »erstand einer, wo wir sagen können: in ihm ist Gott; nicht in den tobenden Völkern, nicht unter den verbitterten Fürsten, nicht unter den Reichen und Großen der Länder. Sie alle dachten, die, als sie den Sturm aufriefen, die, als sie ihn beschworen, nur an sich, an ihr Haus und ihre Nächsten, es war das Interesse, was sie zu Löwen erhob und Geierflügel an ihre Schultern band. Wenn jene alles auf einen großen Haufen warfen, Perlen und Edelsteine unter Vogelfutter und Scherben, die rechtlicht und emsig gesammelten Vorräte einer treuen und sparsamen Vorzeit, nur um zu teilen, wenn sie das tausendjährige, noch gesunde Pfahlwerk ausrissen, auf dem die Häuser unserer Vorfahren standen, um es als Brennholz für einen Winter zu zerklopfen, so prassen und so scharren diese wie bankerotte Kaufleute, die täglich wieder einen neuen Bankerott befürchten und nur die Augen der Menge blenden möchten, um derweil beiseite zu schaffen. Sie denken nur an ihre Not, nicht an die Not und das Bedürfnis aller, der Menschheit. Noch weniger an das Licht, das er über uns ausgoß, und es ist sein höchstes Geschenk und wir sind als seine Verwalter bestellt. Wie verwalteten wir es? Daß wir es unter den Scheffel setzen, weil es einige Kurzsichtige blenden, weil es in der Zugluft unsere Scheunen und Vorratskammern anzünden könnte. Darauf sind ihre Gedanken gerichtet, darauf geht ihr Sinnen und Trachten, auf die Scheunen und Schatzkammern. Und in dieser Welt des Egoismus, wo die Materie über alles ihre bleiernen Flügel breitet, von unten bis oben mit scheinheiligen Namen getauft, gehätschelt und geliebkost von den Gewaltigen, wie soll der Herr da eine Seele wecken, die als Prophet und Richter seinen Geist ausströmt! Sie würden seine Sprache nicht verstehen. Aber was ist unsere Zukunft ohne die großen Männer, die seinen Geist hauchen, ohne die Gerechtigkeit, die nichts mit Rechten und Gerechtsamen zu tun hat? – Ein Körper, aus dem das Salz verflüchtigt, die Quellen vertrocknet und das Wasser versiegt, aufzugehen in Fäulnis, in Staub zu zerfallen.« Dann wandte er sich nach einer Pause, die von seiner innersten Erschütterung sprach, zu den großen Geistern, Männern und Geschlechtern vor uns, die, Gott im Auge, nur für ihre Nachkommen gedacht und gewirkt, die Bäume gepflanzt, deren Früchte wir essen, unter deren Schatten wir ruhen: »Solcher Gerechten einen begraben wir heute, der bessere Zeiten gesehen und in die schlechten seinen guten Sinn herübernahm. Wer ist Richter über die Toten, wer übernimmt am Grabe eines teuren Geschiedenen, seine Irrtümer zu zählen? Der Herr, der uns sein Licht gab, färbte unsere Augen verschieden, daß wir seinen Glanz verschieden sehen. War sein Gesichtskreis klein und gemessen, der Strahl seines Auges gebrochen, wo er in die Ferne hinausschaute, wie voller und klarer Gesundheit war er Herr in dem Hause, das seine Kraft bemaß! Nein, er diente nicht den falschen Propheten, die als erstes Gebot das Mein und Dein setzen, und statt des heiligen Geistes das heilige Besitztum anbeten. Oft zückte in dem Greise der Unwille auf, wenn er sie auf den falschen Wegen betraf, und hätte Gott ihm Jugendkraft bewahrt, er würde, ein anderer Moses, die Tafeln, die sie schänden, ihnen vor die Füße geschleudert haben. Er war rein von Eigennutz, rein von der Sünde, daß er den Götzendienst von seinen Altären zu einem Gottesdienst vor dem Herrn gestempelt, vor dem Besitz und Eigentum Staub sind; er haucht und sie vergehen. »Es ist alles Staub vor ihm, bestimmt, zu vergehen, wenn es Zeit ist; aber eines ist das Festeste, es dauert am längsten, es ist der Baum, dessen Wipfel bis an die Schatten der Ewigkeit rauschen – das Vaterland. Dem war er ein Vasall, ein Leibeigener und Höriger, es gab keinen getreueren; und wie dort, wies er auch hier die falschen Propheten von sich, die sprechen: was ist es und was tut es? Es ist auch nur ein Hauch und Schall, der vergehen wird, und anderes bleibt, und bei dem bleiben wir. Das ist das Ungeziefer, das aus einem Hause zieht, wenn der Einsturz droht, das ungetreue Gesinde, das den sterbenden Herrn verläßt, der keinen Lohn mehr spenden kann. Nein, er blieb beim Vaterlande, wie das Blatt am Baume, sonst verwelkt es – und wenn es ihm grollte, er opferte ihm doch sein Herzblut, sein Alles – das war er – mir war er mehr – mir –« Mit Aengstlichkeit hatten die Zuhörer die schwankende Stimme bemerkt; wie seine Glieder schwankten, konnten sie unter dem Talar nicht sehen. Die Leichenrede ward nicht geschlossen, Mauritz sank seinen Söhnen in die Arme, und am folgenden Tage war er dem Toten, der ihm mehr war, gefolgt. Die Aerzte sagen, er wäre an seiner alten Wunde gestorben, die in jedem Frühjahr seine Lunge und Nerven angriff. Andere sagten, an der Rührung. Die Predigerwitwe, noch immer, konnte man sagen, eine anmutige Matrone von freundlichen und klaren Zügen, hielt am Begräbnismorgen ihre beiden Söhne umschlungen. Schmerz und Trauer hatten ihren Blick nicht umflort, ihre Augen kaum gerötet: »Danket mit mir Gott; Euer Vater ist gestorben, wie er gelebt hat. Nur hatte sich ein trüber Flor um sein helles Auge gespannt. Es war nur die Krankheit der Zeit, an welcher so mancher sonst Starke und Gute erlag. Sein klarer Geist ist nicht erlegen. Der Herr war über ihm in seinem Tode und sprach aus ihm mit Sehermunde. Aber seine Rede war nicht zu Ende; er war ein Christ, also hätte er nicht mit Verzweiflung über die Zeit geschlossen. Als Christ hat er uns oft gepredigt, daß auch für Völker eine Wiedergeburt ist wie aus den Ketten der Sklaverei und der Sünde, auch aus denen der Selbstsucht und der Materie. Darum, meine Kinder, gehet mutig wie er in die traurige Zeit vor Euch, ach, eine doppelt traurige für Jünglinge, wo der stolze Gedanke, die edle Begeisterung für Ideen, die Eure Väter über sich selbst und das Alltagsleben erhoben, angefeindet, ja verrufen sind. Die armen Jünglinge, woran soll ihr Geist sich halten, um nicht im Stumpfsinn, in leerer Eitelkeit und Sinnenlust zu versumpfen! Ihr nein, Ihr habt Eures Vaters Beispiel vor Augen, Ihr werdet nicht verzweifeln unter dem Knechtssinn und der Scheinheiligkeit, Ihr werdet Euch nicht überwinden lassen von der bösen Zeit, sondern sie überwinden mit Gutem, wenn Ihr frei, stark und wahr bleibt.« Unsere Geschichte ist hiermit zu Ende; weiter hinausgeführt wird sie kein billiger Leser fordern. Einige aber unseres vorangehenden Gemäldes: »Ruhe ist die erste Bürgerpflicht«, die auf dieses Bild des Zertretenwerdens eines erwarteten, welches die vollständige Erhebung und Wiedergeburt des Vaterlandes darstelle, werden sich getäuscht finden. Der historische Maler läßt nicht auf die Knechtschaft in Aegypten die Eroberung Palästinas folgen; seine nächste Aufgabe ist die Wanderung durch die Wüste. Andere, namentlich Stimmen aus Preußen, haben dem Autor vorgeworfen, warum er überhaupt jenes Gemälde der Sünde und des Zertretenwerdens ans Licht gestellt, und nicht das erfreuliche der Wiedergeburt? Als Historiker verstehe ich die Frage nicht. Wer das Volk Gottes besingen will, wie es Kanaan erobert, aber wie es in Aegypten um seiner Sünde willen Ziegel gestrichen, geschlagen und getreten ward, um üble Eindrücke zu vermeiden, verschweigen, den würde man töricht schelten. Noch andere werfen dem Autor vor, wie er das erste Gemälde hingestellt, die zu brennenden Farben, daß er nicht mehr verschleiert, anderes verschwiegen, nicht das Gute gegen das Schlechte hervorgehoben – nun müsse das zweite Gemälde das erste wieder gutmachen. Wenn nun aber die Geschichte die geschehenen Dinge noch schwärzer malt als die Dichtung! Die brennenden Farben gehörten einer Zeit an, von der ein Staatsmann sagt, ihr Charakteristikum sei, daß das Unrecht alles Schamgefühl verloren habe, und wo man eine weiße Schminke hatte, die auch die brennendste Schamröte versteckt. Wo aber nur das Schlechte hervortrat , wie konnte das Gute da in den Vordergrund gestellt werden, das unzweifelhaft da war, nur sahen es wenige, weil es sich machtlos versteckt hielt. Damals! Endlich hat die Scheu vor dem Dargestellten unter der Maske ästhetischer Kritik von einer Sitte und Sittlichkeit in der Kunst gesprochen, deren Rechte der Autor vollkommen gelten läßt, aber nur da, wo sie hingehören. Die Gesetze des älteren Romans passen nicht für den historischen der Neuzeit. Verwerfe man, wenn man will, die Gattung; aber wo das Sonnenlicht des Tages, die stürmische Nacht, der brennende Schmerz noch blutender Wunden, die Leiden und Freuden eines Volkes, dem Maler, der ihm angehört, die Farben und Tinten eingeben zum Gemälde, was so ein Teil wird seiner selbst, da reichen die Vorschriften nicht aus, nach denen ein Tom Jones und Wilhelm Meister gebildet ward, auch nicht die, welche ein Walter Scott sich kunstreich selbst geschaffen, um mit elegischer Ruhe die Zustände eines gewesenen Volkslebens zu schildern. Ende .