Der Gouverneur Leonid Andrejew Einzig autorisierte Übersetzung von August Scholz. Das russische Original ist zuerst in Deutschland erschienen. Der Gouverneur I. Fünfzehn Tage waren bereits seit dem Ereignis vergangen, und er dachte immer noch daran – wie wenn die Zeit selbst ihre Macht über Gedächtnis und Dinge verloren hätte oder gänzlich stehen geblieben wäre, gleich einer verdorbenen Uhr. Worauf er auch seine Gedanken lenken mochte, ob es noch so fremd, noch so fernliegend war – schon nach wenigen Minuten stand das verschüchterte Denken wieder vor dem Ereignis und rannte machtlos dagegen an wie gegen eine hohe, starre, schweigsame Gefängnismauer. Und was für seltsame Wege schlug dieses Denken ein: Er erinnert sich zum Beispiel der italienischen Reise, die er einmal gemacht, eine Reise voll Sonnenschein, Jugend und Lieder. Er stellt sich irgend einen italienischen Bettler vor – und sogleich taucht vor ihm die Arbeitermenge auf, die Gewehrsalven, der Pulvergeruch, das Blut. Oder ein Parfümduft steigt ihm in die Nase, und sofort fällt ihm auch sein Taschentuch ein, das gleichfalls parfümiert war, und mit dem er das Zeichen zum Schießen gegeben hatte. In der ersten Zeit waren diese Zusammenhänge noch logisch und wohl begreiflich und darum auch nicht weiter beunruhigend, wenn auch immerhin lästig; bald aber fügte es sich so, daß ihn alles an das Ereignis erinnerte – ganz plötzlich, ganz zur Unzeit, und darum ganz besonders schmerzlich, wie ein Schlag, der hinter einer Ecke hervorgeführt wird. Er lacht auf, und sogleich ist's ihm, als wenn er von der Seite her sein Generalslachen vernehme und plötzlich mit peinigender Deutlichkeit irgend einen der Getöteten erblicke – obschon er damals gar nicht daran dachte zu lachen, und überhaupt niemand lachte. Oder er hört das Zwitschern der Schwalben am Abendhimmel, er sieht einen Stuhl, einen ganz gewöhnlichen Stuhl aus Eichenholz, er streckt die Hand nach dem Brot aus, alles ruft ihm ein und dasselbe unverlöschliche Bild ins Gedächtnis: das Schwenken des weißen Taschentuches, die Schüsse, das Blut. Wie wenn er in einem Zimmer mit tausend Türen lebte, und welche er davon auch zu öffnen versuchte – hinter jeder tritt ihm ein und dasselbe unbewegliche starre Bild entgegen: Das Schwenken des weißen Taschentuchs, die Salven, das Blut. An und für sich war das Faktum sehr einfach, wenn auch traurig: die Arbeiter aus der in der Vorstadt gelegenen Fabrik waren, nachdem sie bereits drei Wochen gestreikt hatten, in ihrer ganzen Masse, etliche tausend Mann stark, samt Frauen, Greisen und Kindern bei ihm mit Forderungen erschienen, die er als Gouverneur nicht erfüllen konnte, und sie hatten sich dabei höchst keck und herausfordernd benommen: hatten geschrieen, die Beamten beleidigt, und eine Frau, die einer Wahnsinnigen glich, hatte ihn selbst mit solcher Gewalt am Ärmel gezogen, daß die Schulternaht geplatzt war. Dann, als die Leute seines Gefolges ihn auf den Balkon führten – er wollte noch immer im guten mit der Menge reden und sie beruhigen – hatten die Arbeiter Steine geworfen, eine Anzahl Scheiben im Gouverneurhause eingeworfen und den Polizeimeister verwundet. Da war er in Zorn geraten und hatte mit dem Tuche gewinkt. Die Menge war so erregt, daß die Salve wiederholt werden mußte, und es viele Tote gab – siebenundvierzig an der Zahl. Darunter neun Frauen und drei Kinder, merkwürdigerweise lauter Mädchen. Die Zahl der Verwundeten war noch größer. Trotz des Abratens seiner Umgebung war er, dem Gefühl einer seltsamen, unbesiegbaren und quälenden Neugier folgend, hingefahren, um die Toten zu sehen, die in dem Feuerwehrschuppen des dritten Polizeireviers niedergelegt waren. Es lag natürlich kein zwingender Grund zum Hinfahren vor; aber wie jemand, der aufs Geratewohl einen jähen, unvorsichtigen Schuß abgegeben hat, empfand auch er das Bedürfnis, die Kugel einzuholen und mit den Händen aufzufangen, und es schien ihm, daß, wenn er selbst nach den Toten sähe, sich irgend etwas zum bessern wenden würde. In dem langen Schuppen war es dunkel und kühl, und die Toten lagen unter einem Streifen grauen Segeltuchs in zwei regelmäßigen Reihen, wie auf irgend einer ungewöhnlichen Ausstellung; man hatte sich wahrscheinlich auf die Ankunft des Gouverneurs vorbereitet und die Toten in bester Ordnung, Schulter an Schulter, mit dem Gesicht nach oben, niedergelegt. Das Segeltuch bedeckte nur den Kopf und den oberen Teil des Rumpfes, die Beine waren, wie zum Zweck der Abzählung, sichtbar geblieben – diese unbeweglichen Beine, von denen die einen in abgetretenen, zerrissenen Stiefeln und Stiefeletten steckten, die andern nackt und schmutzig waren und durch Schmutz und Sonnenbrand seltsam hindurchschimmerten. Die Kinder und Frauen waren für sich mehr abseits plaziert; und auch da fühlte man wieder das Bestreben heraus, das Besichtigen und Abzählen der Leichen möglichst zu erleichtern. Und es war still – gar zu still für eine solche Menge von Menschen, und die Lebenden, die da eintraten, vermochten die Stille nicht zu bannen. Hinter einer dünnen Mauerwand aus Brettern machte sich ein Stallknecht bei seinen Pferden zu schaffen; offenbar wußte er auch nichts davon, daß da hinter der Wand irgend jemand außer den Toten weile, denn er sagte zu seinen Pferden ganz ruhig und gemütlich: »Tprru, Satanskerl! Steh' still, wenn man zu dir redet!« Der Gouverneur warf einen Blick auf die Reihen der Beine, die sich im Dunkel verloren, und sagte in verhaltenem Baß, beinahe flüsternd: »Es sind doch recht viele!« Hinter seinem Rücken trat der Gehilfe des Polizeikommissars hervor, ein sehr junger Mensch mit einem bartlosen, finnigen Gesicht, der sich in Positur stellte und mit lauter Stimme seine Meldung erstattete: »Fünfunddreißig Männer, neun Frauen und drei Kinder, Exzellenz!« Der Gouverneur runzelte unwillig die Stirn, und der Gehilfe des Polizeikommissars verschwand mit einer Wendung wieder hinter seinem Rücken. Er hätte gar zu gern noch die Aufmerksamkeit des Gouverneurs auf den Gang zwischen den Leichen gelenkt, der sorgfältig gepflegt und mit einer leichten Sandschicht bestreut war, aber der Gouverneur bemerkte nichts davon, obschon er aufmerksam zu Boden sah. »Drei Kinder?« »Drei, Exzellenz. Befehlen Exzellenz, das Segeltuch wegzunehmen?« Der Gouverneur schwieg. »Es gibt hier verschiedene Personen, Exzellenz,« fuhr der Gehilfe des Polizeikommissars ehrerbietig, doch mit Nachdruck fort, und indem er das Schweigen für Zustimmung nahm und plötzlich in lautes Flüstern verfiel, kommandierte er: »Iwanow, Sidortschuk, munter, am andern Ende – na, los doch!« Mit leisem Geräusch glitt das schmutziggraue Segeltuch herunter, und nacheinander tauchten, gleich weißen Flecken, die Gesichter hervor, bärtige und alte, junge und bartlose, alle verschieden, doch unter sich vereint durch die grausige Ähnlichkeit, die der Tod verleiht. Wunden und Blut sah man fast gar nicht, sie blieben irgendwo unter den Kleidern verborgen; nur bei einem erschien das von einer Kugel getroffene Auge natürlich schwarz und tiefliegend und vergoß seltsam schwarze Tränen, die in der Dunkelheit wie Teer aussahen. Die Mehrzahl hatte denselben, ganz gleichen, weißen Blick; einige dasselbe ganz gleiche Blinzeln, und einer bedeckte mit der Hand das Gesicht, als wollte er es vor einem grellen Lichtschein schützen; und der Gehilfe des Polizeikommissars sah mit schmerzlichem Ausdruck auf diesen einen Toten, der die Ordnung störte. Der Gouverneur wußte es ganz bestimmt, daß diese hellen Gesichter heut in der Menge gewesen waren, in den ihm zunächst stehenden Reihen; und auf viele von ihnen hatte er ganz bestimmt geschaut, als er mit ihnen sprach – jetzt aber vermochte er niemand zu erkennen. Jenes Neue, Gemeinsame, das ihnen der Tod verliehen hatte, gab ihnen einen ganz besonderen Ausdruck. Sie lagen tot und unbeweglich da, an den Boden geschmiegt, wie Gipsfiguren, von denen die eine Seite flach abgeschnitten ist, damit sie fester stehen, doch an diese Unbeweglichkeit glaubte man nicht, da sie nur vorgespiegelt schien. Sie schwiegen, und auch an dieses Schweigen glaubte man so wenig wie an die Unbeweglichkeit; und es lag etwas so erwartungsvoll Gespanntes in ihnen, daß es sogar peinlich war, in ihrer Gegenwart zu reden. Wenn plötzlich, mit einem Schlage, eine Stadt versteinert würde, samt allen Menschen, die darin gehen und fahren, wenn die Sonne stehen bleiben, das Rauschen des Laubes aufhören und alles erstarren würde – dann hätte diese Stadt wahrscheinlich den gleichen seltsamen Ausdruck unvollendeten Strebens, gespannter Erwartung und rätselhafter Bereitschaft zu irgendetwas. »Ich erlaube mir zu fragen, ob Exzellenz Särge bestellen lassen, oder ob alle in ein Massengrab kommen sollen,« fragte der Gehilfe des Polizeikommissars naiv, mit lauter Stimme; die Wichtigkeit des Ereignisses, der Aufruhr, schienen ihm eine gewisse ehrerbietige Vertraulichkeit zuzulassen. Und er war überdies noch recht jung. »Was für ein Massengrab?« fragte der Gouverneur obenhin. »Man gräbt da so eine große Grube, Exzellenz...« Der Gouverneur wandte sich schroff ab und ging nach dem Ausgang zu; als er in seinen Wagen einstieg, hörte er noch das laute Knarren der verrosteten Angeln – man sperrte die Toten ein. Am nächsten Morgen besuchte er die Verwundeten im städtischen Krankenhause, immer noch von derselben qualvollen Neugier und dem Wunsche beseelt, das, was bereits vollbracht und geschehen war, zu verhindern, es aufzuhalten, es ungeschehen zu machen. Die Toten hatten ihn wenigstens angeschaut, von diesen hier aber ward er nicht eines Blickes gewürdigt; und in dem Trotz, mit dem sie ihre Augen von ihm abwandten, fühlte er die Unabänderlichkeit des Geschehenen. Es war zu Ende – etwas Ungeheures war vollendet, und es hatte keinen Sinn und Zweck, die Arme danach auszustrecken. Und von eben diesem Augenblick an war es, als ob für ihn die Zeit stehen geblieben und jenes Etwas eingetreten wäre, das er nicht zu nennen, noch zu erklären wußte. Es war nicht Reue – denn er fühlte sich im Recht; es war auch nicht Mitleid, jenes weiche und sanfte Gefühl, das die Tränen hervorlockt, und das Herz mit einer weichen, warmen Hülle umgibt. Er konnte an diese Toten, selbst an die Kinder, ganz ruhig denken, wie an Figuren von Papiermaché; sie kamen ihm wie zerbrochene Puppen vor, und er vermochte ihren Schmerz und ihre Leiden nicht nachzufühlen. Aber er vermochte seine Gedanken nicht von ihnen loszureißen, er sah sie beständig ganz deutlich vor sich, diese Figürchen von Papiermaché, diese zerbrochenen Puppen – und darin lag ein furchtbares Rätsel, etwas wie Zauberei, von der die Kinderfrauen erzählen. Für alle Menschen waren seit jenem Ereignis vier – fünf – sieben Tage verflossen, ihm aber kam es vor, als sei noch nicht eine einzige Stunde verflossen, und er weilte immer noch dort, bei jenen Salven, bei dem Schwenken des weißen Taschentuchs, bei der Empfindung, daß da irgendwas geschehe, irgendwas geschehen sei, das nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte. Und er war überzeugt, daß er sich weit schneller beruhigen und vergessen würde, woran zu denken, worüber nachzugrübeln gar keinen Sinn hatte, wenn seine Umgebung ihm weniger Aufmerksamkeit schenkte. Aber aus ihrem Benehmen, aus ihren Blicken und Gesten, ihren ehrerbietig teilnahmsvollen, wie an einen unheilbaren Kranken gerichteten Reden klingt feste Überzeugung heraus, daß er an das Geschehene denkt, mit Notwendigkeit daran denken muß. Der Polizeimeister meldet ihm am nächsten Tage in beruhigendem Tone, daß noch zwei – drei weitere Verwundete genesen und aus dem Krankenhause entlassen worden seien; Maria Petrowna, seine Gattin, untersucht jeden Morgen mit den Lippen seinen Kopf, ob er nicht heiß ist – als wenn er ein Kind wäre, und die Getöteten – unreifes Obst, von dem er zu viel gegessen. Was für Narrenspossen! Und acht Tage nach dem Ereignis stattete der hochwürdige Bischof Misaël selbst ihm einen Besuch ab, und nach den ersten Sätzen schon war es klar, daß auch er sich ganz dieselben Sorgen machte wie all die andern, und daß er gekommen war, um sein christliches Gewissen zu beschwichtigen. Die Arbeiter nannte er Übeltäter, ihn aber einen Friedensstifter, und nicht eine einzige abgeleierte, verbrauchte Bibelstelle zitierte er dabei, da er wohl wußte, daß der Gouverneur kein besonderer Freund priesterlicher Schönrednerei war. Widerwärtig und kläglich zugleich schien ihm dieser Greis, der angesichts seines Gottes ganz zwecklos log. Während der Unterhaltung pflegte der Bischof seinem Partner das Ohr zuzuwenden; und ganz rot vor Zorn – er fühlte es selbst, wie die Hitze ihm in die Augen stieg – spitzte der Gouverneur seine Lippen trompetenartig zu und schmetterte laut in das ihm zugekehrte blutlose, weiche, mit feinem grauen Flaum bedeckte Ohr hinein: »Übeltäter sind sie ja. Aber ich würde jedenfalls, wenn ich an Ew. Eminenz Stelle wäre, eine Seelenmesse für die Verstorbenen lesen.« Der Bischof wandte das Ohr ab, fuhr mit seinen dürren, gänsefußartigen Händen über seinen Leib und antwortete, den Kopf neigend, mit sanfter Stimme: »Jedes Amt hat seine Dornen. Ich, an Ew. Exzellenz Stelle, hätte überhaupt nicht schießen lassen, um nicht hinterher der Geistlichkeit mit Seelenmessen beschwerlich zu fallen, aber was ist da schon zu machen: Übeltäter!« Dann erteilte er ihm wohlwollend seinen Segen, schwebte mit den seidenen Gewändern rauschend dem Ausgang zu und machte dabei den Eindruck, als verneigte er sich vor jedem Gegenstand, an dem er vorüberging, und als ob er jedem Gegenstande seinen Segen erteilte. Im Vorzimmer machte er sich lange und in liebevoller Weise mit seinen tiefen, kahnartigen Galoschen und mit dem Ankleiden zu schaffen, wobei er das Ohr bald nach rechts bald nach links wandte; dem Gouverneur aber, der ihm mit Widerwillen, aus unumgänglicher Höflichkeit, beim Ankleiden half, wiederholte er mit gewinnender Freundlichkeit: »Bitte sich nicht zu bemühen, Exzellenz, bitte sich nicht zu bemühen!« Und auch diese Worte klangen wieder so, als sei der Gouverneur ein unheilbar kranker Mensch, dem jede Anstrengung schaden konnte. An demselben Tage kam der Sohn des Gouverneurs, der in Petersburg als Offizier stand, über den Sonntag auf Urlaub, und obschon er selbst seinem ungewöhnlichen Besuche keine Bedeutung weiter beilegte und in scherzhafter, heiterer Stimmung war, so war doch herauszufühlen, daß ihn dieselbe unbegreifliche Sorge um den Gouverneur hergeführt hatte. Über das Ereignis äußerte er sich nur ganz obenhin, er teilte mit, daß man in Petersburg von Peter Iljitschs Mut und Energie entzückt sei, doch riet er sehr nachdrücklich dazu, daß man eine Kompagnie Kosaken verlangen und überhaupt Vorsichtsmaßregeln treffen solle. »Was für Vorsichtsmaßregeln?« fragte der Gouverneur verwundert, mit düsterer Miene, doch bekam er keine rechte Auskunft. Um so seltsamer waren alle diese Besorgnisse, als in der Stadt von jenem Tage an völlige Ruhe herrschte. Die Arbeiter hatten damals die Arbeit aufgenommen; auch die Bestattung war ruhig vor sich gegangen, obschon der Polizeimeister gewisse Befürchtungen gehegt und die gesamte Polizei in Bereitschaft gehalten hatte; gar nichts deutete darauf hin, daß auch in Zukunft irgend etwas Ähnliches wie der Vorfall vom 17. August sich ereignen könnte. Endlich erhielt er aus Petersburg auf seinen wahrheitsgetreuen Bericht über das Vorgefallene eine hohe und schmeichelhafte Anerkennung – man hätte meinen sollen, daß damit alles erledigt und ins Meer der Vergangenheit gesunken war. Es will aber durchaus nicht in dieses Meer der Vergangenheit sinken. Als hätte es sich der Macht der Zeit und des Todes entzogen, steht es starr und unbeweglich in seinem Hirn – ein unbeerdigter Leichnam verflossener Ereignisse. Beharrlich trägt er ihn Abend für Abend zu Grabe; die Nacht vergeht, der Morgen bricht herein – und immer wieder stellt sich, als Anfang und Ende aller Dinge, zwischen ihn und die Welt das unbeweglich starre, steinerne Bild: das Schwenken des weißen Taschentuches, die Gewehrsalven, das Blut. II. Der Gouverneur hat den Empfang längst beendet, er ist im Begriff, nach seinem Landhause zu fahren und erwartet nur noch den Beamten für besondere Aufträge, Koslow, der für die Frau Gouverneurin noch einige Einkäufe besorgt. Er sitzt in seinem Kabinett vor allerhand Schriftstücken, arbeitet jedoch nicht und sinnt nach. Dann erhebt er sich, steckt die Hände in die Taschen der schwarzen Beinkleider mit den roten Streifen, wirft den grauen Kopf zurück und geht mit großen, festen, soldatischen Schritten im Zimmer auf und ab. Er bleibt am Fenster stehen, spreizt die großen, dicken Finger leicht auseinander und spricht laut und eindringlich: »Aber um was handelt es sich denn eigentlich?« Und er fühlt, daß, so lange er nachsann, er einfach ein Mensch wie jeder andere, einfach Peter Iljitsch war, mit dem ersten Klange seiner Stimme jedoch, mit dieser Geste hatte er sich plötzlich in den Gouverneur, den Generalmajor verwandelt. Ein unangenehmes Gefühl beschleicht ihn, seine Gedanken verwirren sich und gehen irre, und mit einem schroffen, gouverneurmäßigen Zucken des linken Achselstücks entfernt er sich vom Fenster und beginnt wieder das Zimmer zu durchmessen. »So – schreiten – Gouver – neure« – zuckt's ihm im Takt zu den großen, festen Schritten peinlich durchs Hirn, und er setzt sich wieder, jede Bewegung sorgsam meidend, um nicht durch eine unvorsichtige Bewegung von neuem in sich das Gouverneurmäßige hervorzurufen. Er klingelt. »Ist er noch nicht da?« »Zu Befehl: Nein, Ew. Exzellenz!« Und während der Lakai mit ehrerbietiger Verbeugung in sanftem Tone den Titel herausbringt, erinnert er sich plötzlich: »Ach ja, drüben sind ja die Fensterscheiben eingeworfen worden, und ich hab's mir noch gar nicht angesehen. Habe mir's bis jetzt noch nicht angesehen!« »Melde es mir, wenn er da ist, ich werde im Saal sein.« Die Rahmen der hohen Fenster waren nach altmodischer Art in acht Teile geteilt, und das gab ihnen den Charakter eines düsteren Amtsgebäudes, eine Ähnlichkeit mit einem Vormundschaftsgericht oder einer Gefängniskanzlei. In den drei, dem Balkon zunächst gelegenen Fenstern waren neue Scheiben eingesetzt, die jedoch schmutzig waren und die mehligen Spuren von Handflächen und Fingern aufwiesen: offenbar kam es niemandem von der zahlreichen und trägen Dienerschaft in den Sinn, daß man sie säubern, daß man alle Spuren des Vorgefallenen verwischen müsse. Es war die alte Geschichte: Sagt man es ihnen, so tun sie es, sagt man es ihnen nicht – so werden sie nie von selbst einen Finger rühren. »Daß das noch heute sauber gemacht wird! Ich leide diese Unordnung nicht!« »Zu Befehl, Ew. Exzellenz!« Er hatte Lust, auf den Balkon hinauszutreten, doch schien es ihm nicht angebracht, die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich zu ziehen, und so begann er durch das trübe Glas den Platz zu betrachten, auf dem damals die Menge getobt, die Salven gekracht und siebenundvierzig unruhige Menschen sich in stumme Leichen verwandelt hatten. Einer zum andern gereiht, Fuß bei Fuß, Schulter an Schulter – wie bei einer Parade, die man sich von unten her ansieht. Jetzt ist es still da draußen. Dicht vor dem Fenster stand eine Pappel mit losgelöster, zerzauster Rinde, schon herbstlich gefärbt, und dahinter lag der Platz ruhig und schläfrig in der Sonne. Fast gar kein Verkehr herrschte da, und die runden Steinchen lagen so gleichmäßig wie kleine Glasperlen, und da und dort lugte zwischen ihnen grüner Graswuchs hervor, der in den Vertiefungen und Rinnen dichter wurde. Menschenleer, öde, ein wenig naiv war der Platz, aber davon vielleicht, daß er durch die trüben und schmutzigen Scheiben schaute, schien ihm alles langweilig, abgeschmackt, im grämlichen Stumpfsinn hoffnungslosen grauen Elends brütend. Und obschon es noch weit hin war bis zur Nacht, schienen doch alle diese Dinge – die Pappel mit der losgelösten Rinde und die gleichmäßigen Steine, über die niemand fuhr – die Nacht gleichsam zu bitten, daß sie so bald wie möglich komme, ihr überflüssiges Dasein in Dunkel hüllen möchte. »Ist er noch nicht da?« »Zu Befehl: Nein, Ew. Exzellenz!« »Wenn er kommt, führ' ihn hier herein!« Der Saal war offenbar schon während der Amtszeit des früheren Gouverneurs, oder noch früher, tapeziert worden – so schmutzig und verräuchert waren die teuren, gepreßten Tapeten. Und von den in Messing gefaßten Ofenlöchern des mit Tapeten maskierten Ofens zogen sich schwarzgelbe Streifen, wie aus einem triefenden, greisen Munde. Im Winter, wenn Gesellschaft da war, bei abendlicher Beleuchtung bemerkte man das alles nicht, jetzt aber drängte es sich mit seiner schäbigen Eleganz den Blicken förmlich auf und wirkte überaus peinlich. Da hängt zum Beispiel ein Gemälde: irgend eine italienische Mondlandschaft – es hängt schief, und niemand bemerkt es, und es scheint, daß es immer so dagehangen hat, auch bei dem früheren Gouverneur, und auch bei dessen Vorgänger. Auch die Möbel sind teuer, jedoch durchgesessen, abgeschabt, alles überhaupt wie im Zimmer eines teuren Hotels, dessen Besitzer vorzeiten an einem Schlaganfall gestorben ist, und das nun von den liederlichen, ewig miteinander im Streit liegenden Erben bewirtschaftet wird. Und nichts darin war Eigentum des Inhabers; sogar das Album mit den Photographien war fremd, entweder Staatseigentum oder von irgend jemand hier vergessen; statt der Gesichter von Freunden und Verwandten enthielt es Ansichten der Stadt – das Priesterseminar und das Bezirksgericht – dann vier unbekannte Beamte, zwei sitzend und zwei hinter ihnen stehend, – ein verwitterter Bischof – und ein rundes Loch, das bis zum Einbandsdeckel reichte. »Wie scheußlich!« sagte der Gouverneur laut und warf mit dem Ausdruck des Abscheus das Album zur Seite. Er hatte die Bilder darin stehend betrachtet, und indem er sich auf den Absätzen umwandte und dem Achselstück einen Ruck gab, begann er mißgestimmt mit geraden, festen Schritten auf und ab zu gehen. So schreiten – Gouver – neure. So schreiten – Gouver – neure. So schritt in dieser Amtswohnung auch der frühere Gouverneur auf und ab, und auch jener, der vor ihm war, und all die anderen, unbekannten. Sie tauchten irgend woher auf, durchmaßen mit festen und geraden Schritten den Saal, über ihnen hing schief an der Wand die italienische Landschaft, Empfänge, ja sogar Tanzvergnügen fanden statt – und dann verschwanden sie wieder irgendwohin. Vielleicht hatten auch sie auf irgend jemand schießen lassen – etwas Ähnliches wenigstens war unter seinem drittletzten Vorgänger passiert. Über den menschenleeren Platz ging ein Maler, ganz mit Farben bekleckst, mit Eimer und Pinsel – dann war wieder kein Mensch sichtbar. Von der rindenlosen Pappel löste sich plötzlich ein gelbes, durchlöchertes Blatt und schwebte kreisend zur Erde – und sogleich ging's ihm wie ein Wirbel durch den Kopf: das Schwenken des weißen Taschentuchs, die Salven, das Blut. Belanglose Einzelheiten fallen ihm ein: wie er die Vorbereitungen traf, um das Signal mit dem Tuche zu geben. Er zog es beizeiten aus der Tasche, ballte es in einen kleinen, harten Knäuel zusammen, hielt es in der rechten Hand; dann faltete er es vorsichtig auseinander und schwenkte es rasch, jedoch nicht nach oben, sondern nach vorn, als wenn er etwas von sich fortschleuderte. Als wenn er Kugeln schleuderte. Und da eben war es, als ob er etwas überschritte: eine hohe, unsichtbare Schwelle, und als ob eine eiserne Tür unter lautem Knarren der eisernen Angeln hinter ihm zugeschlagen würde und es für ihn keine Umkehr mehr gebe. »Ach, Sie sind's, Lew Andrejewitsch! Endlich! Ich warte schon Gott weiß wie lange!« »Verzeihen Sie, Peter Iljitsch – aber in diesem elenden Neste kann man auch gar nichts bekommen.« »Nun, fahren wir, fahren wir. Ja, hören Sie mal,« der Gouverneur blieb stehen und fuhr, seinem Munde die Form einer Trompete gebend, fort: »Warum ist in allen unseren Amtslokalen nur so viel Schmutz? Nehmen Sie unsere Kanzlei! Oder ich war da neulich im Gendarmerie-Kommando – ja, sagen Sie, was ist das nur? Das ist ja die reine Spelunke, ein Pferdestall! Sitzen da Menschen in sauberen Uniformen, und ringsum klafterhoher Schmutz!« »'s ist kein Geld da!« »Unsinn! Ausrede! Und das da!« – Der Gouverneur wies mit dem ausgestreckten Arm ringsum nach den Wänden – »sehen Sie doch, was ist das? Das ist ja ekelhaft!« »Ja, Peter Iljitsch, wer hindert Sie denn, das nach Ihrem Geschmack ändern zu lassen? Wie oft habe ich das Maria Petrowna schon vorgeschlagen, und Ihre Exzellenz teilt vollkommen meine Meinung ...« Schon im Hinausschreiten warf der Gouverneur kurz angebunden hin: »Es verlohnt nicht...« Der Beamte betrachtete teilnahmsvoll seinen breiten Rücken, den sehnigen Hals, der in Gestalt zweier kleiner Säulen den Schädel stützte, und indem er seiner Stimme einen sorglosen Klang gab, sagte er: »Apropos: Ich habe soeben den ›Zander‹ getroffen, er sagte, daß gestern der letzte Verwundete aus dem Krankenhause entlassen worden ist. Er war am schwersten blessiert, es schien fast gar keine Aussicht vorhanden, daß er davonkommen würde. Eine ganze erstaunliche Lebenskraft hat dieses Volk!« »Zander« nannte man im engeren häuslichen Kreise den Polizeimeister, wegen seiner farblosen Glotzaugen, seiner langen Gestalt und des schmalen Fischrückens. Der Gouverneur antwortete nicht. An der Auffahrt umfing ihn sogleich die herbstliche Frische und die Sonnenwärme – als wenn sie beide gesondert existierten, hier Frische und hier Wärme, und ebenso gesondert, wurden auch beide empfunden. Und der Himmel war so lieblich: zart, fern, von überraschender, köstlicher Bläue. Wie schön mußte es jetzt draußen auf dem Lande sein! Er saß bereits im Wagen und rückte zur Seite, um dem von der linken Seite einsteigenden Beamten Platz zu machen, als an der Auffahrt in gebückter Haltung ein Mensch vorüberging. Während er zum Gruße die Mütze zog, verdeckte er mit dem Ellenbogen sein Gesicht, und der Gouverneur sah nur den mit blondem Kraushaar bedeckten Nacken und den gebräunten jugendlichen Hals, und er bemerkte, daß er vorsichtig und unhörbar einherschritt, als wenn er barfüßig wäre, und daß er sich bückte und in sich selbst verkroch, während sein Rücken zurückzuschauen schien. »Was für ein unangenehmer und sonderbarer Mensch« – dachte der Gouverneur. Dasselbe dachten offenbar die beiden Herren, die sich vor dem Wagen des Gouverneurs hastig in eine Droschke setzten. Mit einer von Übung zeugenden, bei beiden gleichartigen Bewegung sahen sie dem Vorübergehenden ins Gesicht, fanden nichts Verdächtiges und jagten dem Gouverneur voraus. Sie hatten eine fixe Renndroschke mit Gummirädern, die Räder hüpften nur so und der Sitzkasten schwankte, und sie saßen, des rascheren Vorwärtskommens wegen, vorgebeugt und waren bald weit voraus, um den Gouverneur nicht durch den Straßenstaub zu belästigen. »Wer sind die beiden?« fragte er den Beamten, indem er ihn mißtrauisch von der Seite ansah, und dieser antwortete gleichgültig: »Polizeiagenten.« »Weshalb das?« fragte ebenso kurz angebunden der Gouverneur. »Ich weiß es nicht,« antwortete Lew Andrejewitsch ausweichend – »das ist Zanders Sache.« An der Biegung der Dworjanskaja-Straße kokettierte mit seinen in der Sonne blinkenden Lackstiefeln der bartlose Gehilfe des Polizeikommissars – derselbe, der dem Gouverneur die Leichen vorgeführt hatte – und grüßte geckenhaft. Und als der Gouverneur am Polizeirevier vorüberfuhr, kamen aus dem weitgeöffnetem Tor zwei Wachtleute geritten, deren Pferde mit den Hufen dröhnend in den Staub stampften. Ihre Gesichter strahlten vor lauter Dienstbereitschaft, und sie schauten beide unverwandt nach dem Rücken des Gouverneurs. Der Beamte tat, als ob er sie nicht bemerkte, der Gouverneur aber warf dem Beamten einen düsteren Blick zu und versank in tiefes Sinnen, wobei er die weiß behandschuhten Hände über den Knieen faltete. Der Weg nach dem Landhause führte an der Stadtperipherie entlang, durch die Kanatnajagasse, wo teils in halb verfallenen, elenden Hütten, teils in zweistöckigen Ziegelsteinbauten von kasernenartigem Zuschnitt die Fabrikarbeiter mit ihren Familien neben allerhand elendem Stadtvolk wohnten. Der Gouverneur hätte sich gerne vor irgend jemand freundlich verneigt, aber die Straße war menschenleer, wie in der Nacht, und nicht einmal Kinder sah man, ein kleines Bürschchen nur wurde für einen Augenblick hinter einem Zaune im roten Laub eines Vogelbeerbaumes sichtbar, glitt jedoch sogleich wieder hinter den Zaun hinab und versteckte sich dort an einer großen Luke. Im Sommer hatte es in der Kanatnajagasse Hühner gegeben und schmutzige magere Ferkel, die an Pflöcke angebunden waren, jetzt aber gab es die nicht mehr: offenbar war in der dreiwöchigen Hungerzeit alles aufgezehrt worden. Nichts erinnerte zwar unmittelbar an das Ereignis, aber in der öden Leere der Straße, die gegen den Besuch des Gouverneurs so gleichgültig war, lag es wie ein dumpfes, grüblerisches, nach innen gekehrtes Brüten, und in der durchsichtigen Luft schien es wie ein leichter Weihrauchduft zu schweben. »Hören Sie mal!« – schrie der Gouverneur plötzlich auf, indem er den Beamten ans Knie faßte – »dieser Mensch da ...« »Welcher Mensch?« Der Gouverneur antwortete nicht. Er preßte das Knie ganz fest und schaute auf den Beamten mit einem Gesicht, das einem verschlossenen und vernagelten Hause glich, in dem plötzlich alle Türen und Fenster aufgerissen werden. Dann zog er die Brauen zu einer dicken, greisenhaft fleischigen Falte zusammen, wandte sich langsam mit seinem ganzen breiten Rumpfe zurück und spähte aufmerksam auf den Weg hinaus. Die Pferde der Wachtleute stampften mit den Hufen den Weg, und die menschenleere, auf der einen Seite in dunklen Schatten getauchte, auf der andern von grellem Sonnenlicht beschienene Straße war wie in tiefes Brüten versunken. In einen Haufen zusammengedrängt, wie vom Gewitter erschreckte Herden, schmiegten sich die Häuschen mit ihren durchlöcherten Dächern, zerbrochenen Bänken und gleich dem Kinn eines Greises vorspringenden Fenstern, eng aneinander. Dann folgte ein kahler Platz, der Rest eines Zaunes, ein vernagelter Brunnen mit ringsum eingesunkenem Erdreich, dann eine Reihe mächtiger Linden hinter einer hohen, halb niedergerissenen Umzäunung, und ein großes herrschaftliches Haus, das auf irgend eine Weise in diese Einöde verschlagen und längst nicht mehr bewohnt war. Es machte einen recht einfältigen Eindruck, die Läden waren geschlossen, und auf einem von der Länge der Zeit verrosteten eisernen Schilde las man die Worte: »Dieses Haus ist zu verkaufen!« Weiterhin kamen wieder kleine Häuschen, und hintereinander drei kahle, große Ziegelgebäude, ohne Ornamente, mit wenigen tiefliegenden Fenstern. Sie waren noch neu; man sah noch den trockenen Kalk und die nicht ausgefüllten Vertiefungen, in denen die Gerüste geruht hatten – aber sie waren bereits ganz entsetzlich verschmutzt und vernachlässigt. Sie sahen wie Gefängnisse aus, und das Leben in ihnen mußte ebenso traurig, hoffnungslos und abgeschlossen sein wie das Leben im Gefängnis. Da ist die Ausfahrt ins freie Feld und das letzte Häuschen – keine Spur von Baumwuchs ringsum, keine Umzäunung. Es ist ganz nach vorn übergebeugt, Wand sowohl wie Dach, als hätte ihm jemand mit der flachen Hand einen kräftigen Schlag in den Rücken gegeben – und weder in den Fenstern noch in der Umgebung ist auch nur ein Mensch zu sehen. »Den Herbst werden Sie's schwer haben, Peter Iljitsch, mit dem Wagen hier durchzukommen. Hier muß man dann buchstäblich im Kot versinken.« Der Gouverneur sah zur Seite und schwieg. Sein Gesicht schloß sich allmählich. Als ob in dem stummen, vernagelten Hause alle Türen und Fenster, eines nach dem anderen, wieder geschlossen würden. III. Es gab viele muntere Spiele, viel Lachen und Singen – am nächsten Morgen fuhr nämlich Peter Iljitschs Sohn, der Offizier, nach Petersburg zurück, und die Bekannten waren gekommen, um von ihm Abschied zu nehmen. Auf den grünen Waldwiesen und Lichtungen, unter dem goldig-purpurnen Herbstlaub, in der smaragdenen Klarheit lichter Waldweiten waren als ebensolche harmonische und helle Farbenflecke schöne Frauenkleider und Offiziersuniformen zerstreut. Als die blutigrote, fast winterliche Abenddämmerung erloschen war und am Himmel die Sternschnuppen hinflitzten, wurde ein Feuerwerk abgebrannt – Raketen, die knallend zerbarsten, Feuerfontänen und Räder. Stickiger Rauch zog sich unter den alten, ernst dreinschauenden Bäumen hin, und als die roten bengalischen Flammen angezündet wurden, wandelten sich die Gestalten der hin und her eilenden Menschen in gespenstische, zuckend auf und ab huschende Schatten. Polizeimeister »Zander«, der beim Mittagessen gehörig einen auf den Durst genommen hatte, schaute herablassend auf dieses ganze lustige Durcheinander, schwänzelte witzig um die Damen herum und war glücklich. Und als aus dem rauchangefüllten Dunkel, dicht neben ihm, die Stimme des Gouverneurs erklang, hatte er nicht übel Lust, ihn auf die Schulter zu küssen, vorsichtig seine Gouverneurstaille zu umfassen oder sonst etwas in der Art zu tun, was seine Ergebenheit zum Ausdruck gebracht hätte. Statt dessen jedoch legte er seine Hand auf die linke Seite der Uniform, warf die eben erst angerauchte Zigarette ins Gras und sagte: »Ah, Exzellenz, was für eine bezaubernde Festlichkeit!« »Hören sie, Illiador Wassiljewitsch« – fiel der Gouverneur in verhaltenem Baß ihm ins Wort – »warum schicken sie immer diese Agenten da her? Was soll das?« »Böswillige Menschen planen ein Attentat auf Ew. Exzellenz heiliges Leben,« versetzte der »Zander« gefühlvoll, beide Arme an die Uniform legend. »Und auch sonst ist es meine Pflicht...« Das Knattern der platzenden Schwärmer, das Lachen und ängstliche Schreien übertönte seine Worte; dann strömte ein Regen von blauen, grünen und roten Flammen herab, die in dem rauchigen Dunkel die Knöpfe und Achselstücke des Gouverneurs aufblitzen ließen. »Ich weiß warum, Illiador Wassiljewitsch, d. h. ich errate es. Aber ich glaube nicht, daß es ernst zu nehmen ist.« »Sehr ernst sogar, Exzellenz. Die ganze Stadt redet davon – ganz erstaunlich ist's, wie eifrig sie davon redet. Ich hatte schon drei Mann in Haft genommen, doch waren es nicht die Richtigen!« Ein neuer Ausbruch von Schüssen und lustigem Geschrei unterbrach seine Rede, und als der Lärm sich gelegt hatte, war der Gouverneur nicht mehr da. Nach dem Abendbrot fand unter geräuschvoller Fröhlichkeit die Abfahrt statt, wobei der junge Gehilfe des Polizeikommissars den Ordner spielte. Alles, das Feuerwerk, dem er aus dem Gebüsch zugeschaut hatte, und die Equipagen, und die Menschen erschienen ihm außergewöhnlich schön, und seine eigene jugendliche Stimme setzte ihn durch ihre Kraft und ihren Wohlklang in Erstaunen. Der »Zander« war total betrunken, machte Witze, lachte und sang sogar die Anfangsworte der Marseillaise: »Allons, enfants de la patrie, Le jour de gloire est arrivé!« Endlich waren alle abgefahren. »Warum bist du immer so verdrießlich, lieber Papa?« sagte der Offizier und legte mit gönnerhafter Freundlichkeit seine Hand auf Peter Iljitschs Schulter. Der Gouverneur war bei den Seinigen beliebt, und die Frau Gouverneurin fürchtete sich sogar ein wenig vor ihm, doch fand man seit einiger Zeit, daß er stark gealtert sei, und verachtete ihn deshalb ein klein wenig. »Unsinn! Es ist nichts weiter,« antwortete Peter Iljitsch unsicher. Er hätte sich einerseits gern seinem Sohne gegenüber ausgesprochen, andererseits fürchtete er sich vor dieser Aussprache, da ihre Meinungen längst auseinandergingen. Jetzt aber konnte dieser Meinungsunterschied sogar von Nutzen sein. »Die Sache ist die, siehst du,« fuhr er verlegen fort, »daß mich dieser Vorfall mit den Arbeitern etwas beunruhigt.« Er sah dem Sohn offen ins Gesicht; dieser antwortete mit erstauntem Blick, während er die Hand von seiner Schulter nahm. »Aber du hast doch eine Anerkennung aus Petersburg bekommen!« »Allerdings, und ich bin sehr glücklich darüber, indessen ... Aljoscha!« – er blickte mit der schwerfälligen Zärtlichkeit eines ernsten und alten Mannes in die schönen Augen des Sohnes – »die sind doch keine Türken, nicht wahr? Sie sind so gut Russen wie wir, sie heißen Iwan und Peter, wie wir – und ich bin mit ihnen wie mit Türken umgesprungen! Hm? Wie liegt nun die Sache?« »Sie sind Empörer.« »Sie tragen aber Kreuze auf der Brust, Aljoscha, und ich« – er hob den Finger empor – »ich habe auf ihre Kreuze schießen lassen!« »Soviel ich weiß, Papa, hast du auf die Religion nie besonderes Gewicht gelegt. Was haben die Kreuze mit der Sache zu tun? So was ist vielleicht in einem Regimentsbefehl am Platze, oder sonst wo, aber ...« »Gewiß, gewiß,« stimmte der Gouverneur hastig zu – »nicht auf die Kreuze kommt es an. Ich lege auch nur darauf Gewicht, daß es Landsleute sind, verstehst du wohl, Aljoscha: Landsleute! Ja, wenn ich irgend ein August Karlowitsch Schlippe-Detmold wäre – aber nun heiß ich doch Peter, und noch dazu Iljitsch!« Die Stimme des Offiziers klang immer trockener. »Du siehst nicht ganz klar in der Sache, Papa. Was haben hier die Deutschen zu tun? Und schließlich, wenn du willst, haben auch Deutsche auf Deutsche schon geschossen, und Franzosen auf Franzosen usw. Warum sollen nicht Russen auf Russen schießen? Als Vertreter des Staates mußt du begreifen, daß im Staate vor allem Ordnung herrschen muß, und wer sie auch stören mag – das bleibt ganz gleich, wenn ich sie stören sollte, wäre es deine Pflicht, auch auf mich schießen zu lassen, wie auf einen Türken.« »Das stimmt!« sagte der Gouverneur, mit dem Kopfe nickend, und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. »Das stimmt vollkommen.« Und dann blieb er stehen. »Aber die waren vom Hunger getrieben, Aljoscha! Wenn du sie gesehen hättest!« »Auch die Bauern in Sensiwejewo sind aufrührerisch geworden, weil sie Hunger hatten, und das hat dich nicht abgehalten, ihnen die allerschönsten Prügel verabreichen zu lassen.« »Prügel sind etwas anderes, als... Dieser Dummkopf hatte sie alle in eine Reihe legen lassen, wie abgeschossenes Wild, und ich schaute auf ihre Beine und dachte: Diese Beine werden nie wieder gehen... Du willst mich nicht verstehen, Aljoscha. Auch der Henker ist vom Gesichtspunkte der Staatsraison betrachtet eine Notwendigkeit, aber ein Henker zu sein...« »Was redest du da, Vater!« »Ich weiß, ich fühle es: man wird mich töten. Ich fürchte den Tod nicht« – der Gouverneur warf den grauen Kopf in den Nacken und blickte ernst auf den Sohn – »aber ich weiß: man wird mich töten. Ich begriff immer nicht, ich dachte immer: um was handelt es sich denn eigentlich?« – er spreizte die großen, dicken Finger aus und ballte sie dann rasch zur Faust zusammen – »aber nun begreife ich: man wird mich töten. Lache nicht, du bist noch jung, ich habe heut' den Tod gefühlt – hier, im Kopfe. Ja, im Kopfe.« »Papa, ich bitte dich, laß Kosaken kommen, verlange Geld für eine Schutzwache! Man wird dir alles bewilligen. Ich bitte dich als dein Sohn, und ich bitte dich im Namen Rußlands, dem dein Leben notwendig ist.« »Und wer wird mich töten, wenn nicht eben dieses Rußland? Und gegen wen soll ich Kosaken kommen lassen? Gegen Rußland – im Namen Rußlands? Und können Kosaken, Agenten und Wachtleute überhaupt einen Menschen retten, dem der Tod hier an der Stirn geschrieben steht? Du hast heute beim Abendbrot ein wenig getrunken, Aljoscha, aber du bist nüchtern, und du wirst mich verstehen: ich fühle den Tod. Schon dort, in dem Speicher, fühlte ich ihn, doch wußte ich nicht, was es eigentlich war. was ich dir vorhin von Kreuzen und von Russen sagte, war Unsinn – nicht darauf kommt es an. Siehst du dieses Tuch?« Er zog rasch ein Taschentuch aus der Tasche, faltete es auseinander und zeigte es, wie ein Taschenspieler, Alexej Petrowitsch. »Da, sieh her!« Er schwenkte das Tuch rasch nach vorn, daß eine duftige Luftwelle dem unbehaglich dasitzenden Offizier erreichte. »Da! Ihr Modernen, ihr Akademiker, glaubt an gar nichts, ich aber glaube an das alte Gesetz: Blut um Blut! Du wirst sehen!« »So nimm deinen Abschied, verreise irgendwohin!« Er schien diesen Vorschlag erwartet zu haben und war durch ihn gar nicht überrascht. »Nein. Um keinen Preis!« entgegnete er fest. »Du wirst selbst begreifen, daß das gleichbedeutend mit Flucht wäre. Unsinn! Um keinen Preis!« »Verzeih, Papa, aber das scheint mir so ungereimt.« Der Offizier legte den hübschen Kopf an die Schulter und zuckte die Achseln. »Das weiß ich wirklich nicht mehr beim rechten Namen zu nennen. Mama stöhnt, du redest da immer vom Tode – ja, was soll das alles? Schäm dich, Papa. Ich habe dich stets als einen einsichtsvollen, willensstarken Menschen gekannt, und jetzt bist du wie ein Kind, oder wie ein nervöses Weib. Verzeih – aber ich begreife das nicht.« Er selbst war nicht nervös, und auch nicht einem Weibe ähnlich, dieser hübsche, junge Offizier mit den rosigen, glattrasierten Wangen und den ruhigen, selbstbewußten Gesten eines Mannes, der sich nicht nur achtet, sondern sogar verehrt. Wenn er unter Menschen war, kam es ihm immer vor, als wäre er ganz allein und niemand sonst neben ihm; und man mußte schon eine sehr angesehene Persönlichkeit, zum mindesten ein General sein, um von ihm bemerkt zu werden und ihm jenes Gefühl des leisen Zwanges und der Selbsteinschränkung einzuflößen, das die Anwesenheit von Menschen in der Regel hervorruft. Er war ein guter Schwimmer und liebte diesen Sport; und wenn er im Sommer in der Newa in der öffentlichen Schwimmanstalt badete, studierte er seinen Körper so ruhig, aufmerksam und eingehend, als wenn sonst niemand da wäre. Eines Tages erschien in dieser selben Schwimmanstalt ein Chinese, und alle betrachteten ihn mit Neugier, die einen verstohlen, die andern ganz offen und ungeniert; nur er allein würdigte ihn nicht eines Blickes, da er sich selbst für wichtiger und interessanter hielt als den Chinesen. Alles in der Welt war für ihn klar und einfach, alles ging restlos auf, und er wußte, daß mit Kosaken die Sache jedenfalls besser stand als ohne Kosaken. Und aus seinen Vorwürfen klang es wie aufrichtiger Unwille, der nur durch die Höflichkeit und die Scheu, der Eigenliebe des alten Herrn nahe zu treten, gemildert wurde... Was da mit seinem Vater vorging, kam ihm zwar nicht ganz unerwartet, aber es regte ihn doch auf, als etwas Grobes, Barbarisches, Atavistisches. Kreuze, Blut um Blut, Iwan und Peter – wie abgeschmackt war das alles! »Du bist doch ein schlechter Gouverneur, wenn man dich auch belobt hat«, dachte er langsam, während seine schönen Augen dem auf- und abschreitenden Vater folgten. »Was ist also, Papa? Es scheint, du bist mir böse?« »Nein,« antwortete der Gouverneur schlicht. »Ich danke dir für dein Mitgefühl, und du wirst wohl daran tun, die Mutter zu beruhigen. Was mich betrifft, so bin ich vollkommen ruhig und habe dir nur meine Ansicht auseinandergesetzt. Nach deiner Meinung ist's anders – wir werden ja sehen, was daraus wird. Aber geh' jetzt schlafen, es ist Zeit für dich.« »Ich bin noch nicht müde. Wollen wir nicht ein bißchen im Garten spazieren gehn?« »Mir ist's recht.« Das Dunkel umfing sie sogleich, und sie verschwanden einer vor dem andern – nur ihre Stimmen und bisweilen eine flüchtige Berührung störten das Gefühl dieser seltsamen, allumfassenden Einsamkeit. Die Sterne dagegen waren zahlreich und funkelten hell, und alsbald begann Alexej Petrowitsch dort, wo die Bäume weniger dicht standen, an seiner Seite die hohe, wuchtige Silhouette des Vaters zu unterscheiden. Die Finsternis, die Luft und die Sterne hatten in ihm wieder zartere Gefühle gegen diesen dunklen, kaum sichtbaren Menschen geweckt, und er wiederholte seine beruhigenden Erklärungen. »Ja. Ja,« – antwortete kurz Peter Iljitsch, und es war nicht recht klar, ob er zustimmte oder nicht. »Aber wie dunkel es ist!« sagte Alexej Petrowitsch und blieb stehen. Sie schritten tief in die Alleen hinein, wo in der dichten Finsternis schon gar nichts mehr zu unterscheiden war. »Du solltest hier Laternen aufstellen lassen, Papa!« »Wozu Laternen? Sag' doch einmal...« Sie standen beide unbeweglich da. Man vernahm nicht mehr das Geräusch ihrer Schritte, und die allumfassende Einsamkeit herrschte ungeteilt und ohne Schranken. »Nun, also was?« fragte Alexej Petrowitsch ungeduldig. »Sagt dir diese Finsternis irgend etwas?« »Wieder diese Phantasien,« dachte der Offizier und bemerkte in lehrhaftem Tone: »Sie sagt mir, daß du hier nicht allein umhergehen darfst. Hinter jedem Baum kann jemand sitzen und dir auflauern.« »Auflauern! Ja, das sagt sie mir auch, die Finsternis. Stell' dir vor, daß hinter jedem Baum Menschen sitzen – unsichtbare Menschen – und lauern. Es sind ihrer viele – siebenundvierzig, soviel damals getötet wurden – und sie sitzen da, und horchen auf das, was ich rede, und lauern –« Der Offizier hatte ein peinliches Gefühl. Er sah sich rings im Kreise um, sah nichts als Dunkel und tat einen Schritt vorwärts, um weiterzugehen. »Wie überflüssig, sich unnütz aufzuregen!« entfuhr es ihm unwillkürlich. »Nein, erlaube einmal!« Der Offizier fuhr zusammen, als er eine leichte Berührung mit den Fingern fühlte. – »Stelle dir vor, daß sie auch dort, in der Stadt, und überall, wo ich nur weile, auf mich lauern. Ich gehe, und irgend ein Mensch geht gleichfalls und lauert auf mich. Oder ich setze mich in den Wagen, und ein Mensch geht vorüber und grüßt – er lauert auf mich!« Das Dunkel war unheimlich geworden, und die Stimme des unsichtbaren Sprechers klang seltsam und fremd. »Genug, Papa, gehen wir!« sagte der Offizier, während er rasch davonschritt, ohne auf den Vater zu warten. »Siehst du, mein Lieber!« ließ sich Peter Iljitschs Baß in unvermutet scherzhaftem Tone vernehmen. »Und du willst mir nicht glauben! Ich sage dir: da sitzt er, hinter der Stirn!« Als das Licht aus den Fenstern ihnen schimmerte, schien es so fern und unzugänglich, daß der Offizier Lust verspürte, darauf zuzueilen, um es nur ja zu erreichen. Ein gelinder Zweifel an seiner eigenen Tapferkeit wandelte ihn an, und zugleich ein gewisses Gefühl der Achtung vor dem Vater, der sich in der Dunkelheit so frei und leicht bewegte. Aber Furcht und Achtung verschwanden, sobald er erst das vom Schein des Petroleums erhellte Zimmer betreten hatte, und es blieb nur der Ärger über den Vater, der auf die Stimme der Vernunft nicht hört und in greisenhaftem Trotz auf die Kosaken verzichtet.   IV. Den Winter wie im Sommer stand der Gouverneur um sieben Uhr auf, nahm eine kalte Douche, trank Milch und machte darauf bei jedem Wetter einen zweistündigen Spaziergang. Bereits in jungen Jahren hatte er aufgehört zu rauchen, er trank fast nichts und war mit seinen sechsundfünfzig Jahren und seinem grauen Kopfe so gesund und frisch wie ein Jüngling. Seine Zähne waren kräftig, gleichmäßig, mit einem leichten gelben Anflug, wie bei einem alten Pferde, die Augen zwar ein wenig verschwollen, doch voll Glanz, und die große fleischige alte Nase hatte einen roten Eindruck von der Brille. Er trug kein Pincenez, sondern setzte, wenn er las oder schrieb, eine stark vergrößernde goldene Brille auf. Wenn er auf dem Lande war, gab er sich viel mit Gartenarbeiten ab. Blumen oder sonstige Erzeugnisse der rein ästhetischen Gärtnerkunst liebte er nicht, dagegen hatte er sehr gute Warmhäuser und sogar eine Orangerie errichten lassen, in der er Pfirsiche zog. Seit dem Tage jenes Ereignisses hatte er nur ein einziges Mal in die Orangerie hineingeschaut und sich rasch wieder entfernt. – Es lag etwas so Liebes, Anheimelndes und darum besonders Schmerzliches in der warmen, feuchten Luft. Und einen großen Teil des Tages brachte er, wenn er nicht in die Stadt fuhr, in den Alleen des mächtigen, gegen fünfzehn Dessjatinen großen Parkes zu, die er mit geradem, festem Schritt durchmaß. Nachdenken war nicht seine Sache. Zwar flossen ihm viele bisweilen sehr lebhafte und interessante Gedanken zu, doch verflochten sie sich nicht zu einem einzigen, festen und langen Faden, sondern irrten in seinem Kopfe wie Kühe ohne den Hirten umher. Und es kam vor, daß er ganze Stunden lang in tiefes, ernstes Nachdenken versunken daherschritt, ohne ringsum irgend etwas anderes zu sehen oder zu hören, und daß er sich dann nicht zu entsinnen vermochte, worüber er eigentlich nachgedacht hatte. Wohl brachen ab und zu unbestimmte Anzeichen einer tiefen, wichtigen, bisweilen qualvollen, bisweilen freudigen Seelenarbeit aus seinem Innersten hervor; worin diese Arbeit jedoch bestand, vermochte er nicht zu erkennen. Und nur seine wechselnde Stimmung, die bald düster und wider alles feindlich gestimmt, bald heiter, angenehm, sanft, gleichsam Liebkosung heischend war, ließ auf den Charakter dieser rätselhaften, geheimen Arbeit irgendwo in den unzugänglichen Tiefen seines Gehirns schließen. Nach dem Ereignis blieb seine Stimmung, welcher Art auch die klar zutage tretenden Gedanken sein mochten, unverändert trübe, rauh, hoffnungslos; und jedesmal, wenn er aus seinem tiefen Nachsinnen erwachte, hatte er die Empfindung, als hätte er in diesen Stunden eine unendlich lange und unendlich schwarze Nacht durchlebt. In seiner Jugend wäre er einst beinahe in einem raschströmenden, tiefen Fluß ertrunken; und noch lange darauf bewahrte er in seiner Seele das unbestimmte Bild der erstickenden Finsternis, der eigenen Ohnmacht und der gierig schlingenden, gleichsam in sich hineinsaugenden Tiefe. Und was er jetzt empfand, war durchaus dem ähnlich.   Zwei Tage nach der Abfahrt seines Sohnes, an einem sonnigen windstillen Morgen, ging er wieder so in der Allee auf und ab und sann nach. Das in der Nacht gefallene gelbe Laub war bereits von der Allee weggefegt, und von den Besenstrichen hoben sich deutlich die Spuren der großen Füße mit dem hohen Absatz und den breiten, viereckigen Sohlen ab – tiefeingepreßte Spuren, wie wenn zu dem Gewicht des Menschen sich noch das Gewicht seiner Gedanken gesellt und ihn in die Erde hineingedrückt hätte. Ab und zu blieb er stehen, dann ließ sich über seinem Haupte in der Wirrnis der sonnenbeschienenen Zweige das taktmäßige Hämmern des Spechtes vernehmen. Einmal, als er stehen blieb, lief ein Eichhörnchen über die Allee hin – wie ein roter, mit Rädchen versehener Knäuel glitt es von einem Baum auf den andern. »Sie werden mich jedenfalls mit einem Revolver erschießen, es gibt jetzt sehr gute Revolver,« – dachte er. »Bomben verstehen sie in unserm Städtchen nicht zu machen, und Bomben sind überhaupt nur für solche Regierungsmänner, die sich verstecken. Aljoscha zum Beispiel – wenn der mal Gouverneur wird, wird man mit einer Bombe töten,« dachte Peter Iljitsch, und seine linke Schnurrbarthälfte hob sich zu einem leichten ironischen Lächeln, wiewohl die Augen nach wie vor düster und ernst blieben. »Ich werde mich nicht verstecken, nein – genug an dem, was ich schon getan habe!« Er machte Halt und nahm einen Spinnwebfaden von seinem Interimsrocke. »Schade nur, daß niemand von diesen meinen ehrenhaften und tapferen Gedanken erfahren wird. Alles andere wissen sie, das aber bleibt ihnen unbekannt. Wie den ersten besten Schuft werden sie mich totschlagen. Recht schade, aber es ist nichts dagegen zu machen. Ich werde auch nicht davon reden, wozu das Mitleid des Richters erregen? Es ist nicht ehrenhaft, das Mitleid des Richters anzurufen. Sein Amt ist ohnedies schwer – und nun kommen sie noch und winseln ihm etwas vor: ich bin ehrlich, ehrlich!« Es war das erstemal, daß er da an einen Richter dachte, und er wunderte sich, wie er darauf kam, und zwar in einer Form, als ob diese Frage längst entschieden wäre. Als wenn er fest geschlafen und im Schlaf ihm irgend jemand alles Notwendige über den Richter in überzeugender Weise dargelegt hätte; dann war er erwacht, hatte den Traum und die Darlegungen vergessen und nur noch so viel behalten, daß es einen Richter gibt, einen durchaus gesetzlichen, mit umfassenden, drohenden Vollmachten bekleideten Richter. Und jetzt, nach momentanem Erstaunen, nahm er diesen unbekannten Richter ruhig und einfach hin, wie man einem guten alten Bekannten begegnet. »Das kann nun Aljoscha nicht verstehen. Nach seiner Meinung ist alles das im Interesse der Staatsraison notwendig. Was für eine Staatsraison kann aber darin liegen, daß man auf Hungrige schießen läßt? Die Staatsraison verlangt, daß man die Hungrigen sättigt, und nicht, daß man auf sie schießt. Er ist noch jung und unerfahren, er läßt sich leicht hinreißen.« Und plötzlich, bevor er noch diesen selbstgefälligen Gedanken zu Ende gedacht hatte, ward er sich bewußt, daß ja nicht Aljoscha, sondern er selbst hatte schießen lassen. Und es war, als ob die Luft in Glut geriete und ihm den Atem benähme, und er vernahm ein einziges, gewaltiges, ungeheuerlich schreckliches, absurdes: »Zu spät!« Er wußte nicht, ob es nur ein Gedanke war oder ein Gefühl oder ob er es als Wortlaut ausgesprochen hatte; es war laut und von allen Seiten erdröhnt und rasch wie ein Donnerschlag über dem Haupte verklungen. Und dann traten lange Minuten der Verwirrung, hastiger, aufgelöster Flucht und schmerzhaften Aufeinanderprallens der Gedanken ein – und hierauf Todesstille, und beinahe Erholung. Zwischen den Räumen erglänzten im Sonnenlicht die Fenster der Orangerie und das Dreieck der weißen Wand, von der die roten Blätter des wilden Weines sich wie Blutflecken abhoben; und der Gewohnheit nachgebend, schlug der Gouverneur den schmalen Fußpfad zwischen den bereits leeren Warmhäusern ein und betrat die Orangerie. Nur der Arbeiter Egor, ein alter Mann, war anwesend. »Ist der Gärtner nicht da?« »Nein, Ew. Exzellenz. Ist in die Stadt gefahren, nach Pfropfreisern – 's ist heut' Freitag!« »Aha! Geht sonst alles gut?« »Gott sei Dank!« Die Glasfenster waren eben hochgerichtet worden, und die Sonnenstrahlen strömten frei in die Orangerie ein, die dumpfe, schwere Feuchtigkeit aus ihr verdrängend; und man spürte es, wie heiß und stark die Sonne war, wie mild dabei und gut. Der Gouverneur setzte sich, funkelte mit den Lichterchen seiner blanken Knöpfe die Sonne an, öffnete seinen Interimsrock und blickte mit Aufmerksamkeit auf Egor. »Nun, wie geht's uns, Bruder Egor?« Der Alte antwortete auf die freundliche, wenn auch unbestimmte Frage mit einem höflichen Lächeln. Er stand frei da, seine Hände waren von frischer Erde bedeckt, und er rieb sie leicht aneinander. »Sag' mal, Egor, ich hörte da, daß man mich töten will. Wegen der Arbeiter damals, weißt du...« Egor fuhr fort, höflich zu lächeln, hörte jedoch auf, sich die Hände zu reiben, versteckte sie auf dem Rücken und schwieg. »Was meinst du also, Alter – wird man mich töten oder nicht. Kannst du lesen und schreiben? So sag' doch, was du darüber denkst, wir beiden Alten können ja offen drüber reden.« Egor schüttelte den Kopf, wobei das taubengraue, krause Haar ihm über die Stirn fiel, blickte auf den Gouverneur und antwortete: »Wer kann das wissen! 's ist schon möglich, Peter Iljitsch!« »Und wer wird mich töten?« »Na, das Volk. Die Gemeinde, wie man bei uns auf dem Dorfe sagt.« »Und was meint der Gärtner?« »Ich weiß es nicht, Peter Iljitsch, hab' nichts gehört.« Beide seufzten auf. »Es steht also schlecht mit uns, Alter? Setz' dich doch!« Egor achtete nicht auf seine Aufforderung und schwieg. »Und ich dachte, es sei recht so – zu schießen nämlich. Sie werfen Steine, sie schimpfen, fast hätten sie mich getroffen.« »Aus Gram tun sie's. – Neulich wieder auf dem Markte, ein Betrunkener, ein Handwerksgeselle, oder so was, wer mag's wissen – weinte, weinte und nahm dann einen Stein auf und bauz! läßt er 'n durch die Luft fliegen. Aus lauter Gram tat er's, nicht anders.« »Sie werden mich töten, und dann wird's ihnen selbst leid tun« – sagte der Gouverneur nachdenklich, indem er sich das Gesicht seines Sohnes Alexej Petrowitsch vorzustellen suchte. »Leid wird's ihnen schon tun, das ist sicher. Und wie wird's ihnen leid tun: bittere Tränen werden sie weinen.« Ein Strahl der Hoffnung blitzte auf: »Warum töten sie mich denn also? Das ist doch töricht, Alter!« Der Blick des Arbeiters verlor sich rasch ins unermeßlich Weite, umflorte sich mit einem Nebelschleier, verhärtete sich gleichsam. Und für einen Moment erschien er ganz wie aus Stein gemeißelt; die weichen Falten des abgetragenen Baumwollhemds, und das pelzartig weiche Haar, und diese Hände, von Erde beschmutzt und ganz wie lebend – alles das war wie eine Täuschung, von einem ungemein talentvollen Künstler ersonnen, der den harten Stein mit flaumigem, leichtem Gewebe bekleidet hatte. ... »Wer kann das wissen!« antwortete Egor, ohne ihn anzusehen. – »Das Volk scheint's eben zu wünschen. Machen Sie sich keine Gedanken weiter, Exzellenz, was für unnützes Zeug wird nicht zusammengeschwatzt. Sie werden 'ne Zeit lang reden und reden, und dann werden sie von selbst vergessen.« Der Hoffnungsstrahl erlosch. Es war nichts Neues oder besonders Kluges, was Egor da gesagt hatte; es lag jedoch in seinen Worten eine seltsame Überzeugtheit, wie in den Halbträumen, die den Gouverneur auf seinen langen, einsamen Spaziergängen heimsuchten. Die eine Phrase: »Das Volk wünscht es«, brachte klar und deutlich das zum Ausdruck, was Peter Iljitsch fühlte, und war ganz besonders überzeugend, unwiderleglich; aber vielleicht lag diese seltsame Überzeugtheit nicht sowohl in den Worten Egors, sondern in seinem Blick, in dem Gelock seiner taubengrauen Haare, in den breiten, spatenartigen, mit frischer Erde bedeckten Händen. Und die Sonne schien. »Nun, leb' wohl, Egor. Hast du Kinder?« »Bleiben Sie gesund, Peter Iljitsch!« Der Gouverneur knöpfte den Rock fest zu, zog die Schultern empor und holte einen Silberrubel aus der Tasche. »Da, nimm Alter – kauf' dir irgendwas dafür!« Egor hielt ihm die flache, brettartige Hand schräg hin, von der das Geldstück leicht, wie von einem Dache, herunterrollen konnte, und dankte. »Sonderbare Menschen sind das doch,« dachte der Gouverneur, während er auf der von der Sonne in lichte und schattige Streifen zerschnittenen Allee daherschritt und selbst von ihr in helle und dunkle Stücke zerteilt wurde. »Sehr sonderbare Menschen: sie tragen keine Trauringe, und man weiß nie, ob sie verheiratet sind oder nicht. Übrigens, nein, sie tragen doch Ringe: aber silberne. Oder gar zinnerne. Wie seltsam: zinnerne Ringe! Solch ein Mensch heiratet und ist nicht imstande, sich für drei Rubel einen goldenen Ring zu kaufen. Welche Armut! Ich habe nicht hingesehn: die in dem Speicher hatten vermutlich gleichfalls zinnerne Ringe. Zinnerne mit einem ganz feinen Streifen rings herum, jetzt erinnere ich mich.« Immer niedriger und niedriger kreisend, wie ein Habicht über einem Gebüsch, das er aufs Korn genommen, und die Kreise immer verengernd, schwebte der Gedanke in die Tiefe; die Sonne erlosch, die Allee verschwand – ein Specht hämmerte, ein Blatt schwebte herab, entschwand; und er selbst verschwand gleichsam in einem seiner peinvollen, quälenden Halbträume. Ein Arbeiter, sein Gesicht ist jugendlich, schön, doch unter den Augen lagert in allen Vertiefungen und Fältchen schwarzer Metallstaub, der sich eingefressen hat, gleichsam den Schädel vorzeitig markierend; der Mund ist weit und grausig geöffnet – er schreit. Irgend etwas schreit er. Sein Hemd ist auf der Brust zerrissen, und er reißt es noch weiter auf, leicht, ohne Geräusch, wie weiches Papier, und entblößt die Brust. Die Brust ist weiß, und auch der Hals ist bis zur Hälfte weiß, und von da bis zum Gesicht ist er dunkel – wie wenn sein Rumpf dem aller andern Menschen gliche und nur ein anderer Kopf, den man irgendwo hergeholt, aufgesetzt wäre. »Warum zerreißt du das Hemd? Es ist peinlich, deinen Körper anzusehn.« Aber die nackte weiße Brust dringt blindlings auf ihn ein. »Da nimm! da ist sie! Aber gib das Recht! Das Recht gib her!« »Aber woher soll ich es denn nehmen? Wie sonderbar du bist.« Eine Frau spricht. »Die Kinder sind alle gestorben. Die Kinder sind alle gestorben. Die Kinder – die Kinder – die Kinder sind alle gestorben.« »Darum ist es in eurer Gasse so einsam.« »Die Kinder – die Kinder – die Kinder sind alle gestorben. Die Kinder...« »Aber das ist doch unmöglich, daß ein Kind Hungers stirbt! Ein Kind, ein kleiner Mensch, der sich nicht selbst die Tür öffnen kann. Ihr liebt eure Kinder nicht. Wenn mein Kind Hunger litte, würde ich es satt machen. Ja, aber ihr tragt eben zinnerne Ringe.« »Wir tragen eiserne Ringe. Unser Leib ist gefesselt, unsere Seele ist gefesselt. – Wir tragen eiserne Ringe.« Auf der Hintertreppe, im Schatten, säubert das Stubenmädchen Maria Petrownas Kleid; die Fenster der Küche stehen offen, man sieht den Koch in seiner blinkend weißen Jacke. Es riecht nach Spülicht, es ist schmutzig. »Wo bin ich denn da hingeraten!« sagt sich der Gouverneur verwundert. »Das ist ja die Küche. Woran dachte ich eigentlich. Ach ja: ich wollte nach der Uhr sehn, um zu wissen, ob's bald Frühstück gibt. Es ist noch früh, zehn Uhr. Aber es scheint ihnen unangenehm, daß ich hierher gekommen bin. Ich muß fortgehen!« Und lange noch ging er in den Alleen auf und ab und dachte in einem fort nach. Und in der Art, wie er dachte, glich er einem Menschen, der an einer Furt einen breiten, unbekannten Strom überschreitet: jetzt geht ihm das Wasser bis an die Kniee, dann verschwindet er für eine ganze Weile unter der Oberfläche und taucht bleich und atemlos wieder empor. Er dachte an seinen Sohn Alexej Petrowitsch, versuchte an den Dienst, an die Geschäfte zu denken, aber worauf auch sein Denken sich lenkte, stets kehrte es unversehens wieder zu dem Ereignis zurück und begann darin zu wühlen wie in einer unerschöpflichen Erzgrube. Und es war sogar höchst seltsam – woran er auch früher, vor dem Unglück, gedacht haben mochte – alles erschien ihm daneben so überflüssig und nichtssagend, so ganz und gar ungeeignet, sein Denken anzureizen. Das war vor etwa fünf Jahren, im zweiten Jahr seiner Gouverneurschaft, gewesen, daß er die Bauern von Sensiwejewo hatte prügeln lassen. Auch damals hatte er eine Anerkennung vom Minister erhalten, und eben seit jenem Vorfall hatte die rasche und glänzende Karriere von Alexej Petrowitsch begonnen, auf den man damals als auf den Sohn eines sehr energischen und umsichtigen Mannes aufmerksam geworden war. Er erinnerte sich – es war ja schon lange her – nur noch dunkel, daß die Bauern dem Gutsherrn gewaltsam irgend welche Getreidevorräte weggenommen hatten, und er war mit Militär und Polizei gekommen und hatte den Bauern das Getreide wieder abgenommen. Die Sache hatte damals nichts Schreckliches, nichts Bedrohliches an sich, sondern eher etwas Albern-Spaßiges. Die Soldaten schleppten die Kornsäcke weg, und die Bauern legten sich mit der Brust auf diese selben Säcke und wurden mit ihnen zugleich mitgezogen, unter dem Lachen und Scherzen der Polizisten und Soldaten, denen die Sache einen Heidenspaß machte. Dann schrieen sie auf, schlugen wild mit den Armen um sich und rannten wie blind gegen die Zäune, die Wände, die Soldaten an. Ein Bauer, der sich von dem Sacke losgerissen hatte, wühlte schweigend mit den zuckenden Händen im Grase, einen Stein suchend, den er werfen könnte. Auf eine Werst ringsum war nicht ein einziger Stein zu finden, er aber suchte in einem fort, bis auf einen Wink des Kreischefs einer der Polizisten ihn verächtlich gegen den vorgestreckten Hintern stieß, daß er auf alle Viere hinfiel und so, auf allen Vieren, irgendwohin kroch. Und sie alle, diese Bauern sowohl wie all die andern, schienen gleichsam aus Holz gemacht – so schwerfällig, fast knarrend waren sie in ihren Bewegungen; um einen Bauern mit dem Gesicht dahin zu drehen, wohin sich's gehörte, mußten ihn immer zwei Mann drehen. Und wenn er schon richtig stand, wußte er doch noch immer nicht, wohin er sehen sollte, und wenn er sich endlich zurechtgefunden hatte, konnte er sich nicht wieder losreißen, so daß ihn wieder zwei Mann mit Gewalt umdrehen mußten. »Na, Onkel, herunter mit den Hosen! Wirst baden gehen!« »Wie?« fragte der Bauer verdutzt, obschon die Sache ganz klar lag. Eine fremde Hand löste den einzigen Knopf, die Beinkleider fielen herab, und der magere Bauernhintere trat unverschämt ans Licht. Es wurde leicht geschlagen, nur um zu drohen, und die Stimmung war mehr spaßhaft. Beim Abmarsch stimmten die Soldaten ein munteres Lied an, und diejenigen von ihnen, die dem Karren mit den arretierten Bauern näher waren, blinzelten ihnen zu. Es war im Herbst, und die Wolken zogen windig über das schwarze Stoppelfeld. Und sie marschierten alle ab nach der Stadt, dem Lichte zu, das Dorf aber blieb nach wie vor Dorf, unter dem niedrigen Himmel, inmitten der dunklen zerwaschenen lehmigen Felder mit den kurzen, dürftigen Stoppeln. »Die Kinder sind alle gestorben. Die Kinder – die Kinder sind alle gestorben. Die Kinder.« Der Gong rief zum Frühstück. Die durchdringenden, heiteren Töne klangen hell durch den Park. Der Gouverneur wandte sich jäh zurück und blickte scharf nach der Uhr – es fehlten zehn Minuten an zwölf. Er steckte die Uhr ein und blieb stehen. »Schändlich!« rief er laut und zornig, seinen Mund verziehend. »Schändlich! Ich fürchte beinahe, daß ich ein Schurke bin.« Nach dem Frühstück erledigte er in seinem Kabinett die aus der Stadt angelangte Korrespondenz. Mürrisch und zerstreut, mit der Brille blinkernd, sortierte er die Kuverte, legte die einen zur Seite, schnitt die andern mit der Schere auf und überflog oberflächlich ihren Inhalt. Ein Brief in einem schmalen Kuvert aus billigem, dünnem Papier, über und über mit gelben Kopekenmarken beklebt, geriet ihm unter die Hand und wurde, gleich den andern, sorgfältig am Rande aufgeschnitten. Nachdem er das Kuvert zur Seite gelegt hatte, entfaltete er den dünnen von Tinte durchnäßten Briefbogen und las: »Kindermörder!« Immer weißer und weißer wurde sein Gesicht, bis es fast so weiß war wie sein Haar. Und die geweiteten Pupillen lasen durch die dicken, konvexen Brillengläser: »Kindermörder!« Die Buchstaben waren groß, schief und spitz und furchtbar schwarz; sie schwankten gleichsam auf dem rauhen, an Packleinwand erinnernden Papier und sprachen: »Kindermörder!«   V. Schon am ersten Morgen nach dem Niederschießen der Arbeiter wußte beim Erwachen die ganze Stadt, daß der Gouverneur getötet werden wird. Noch sprach es niemand laut aus, aber alle wußten es schon: wie wenn in dieser Nacht, als die Lebenden in unruhigem Schlafe lagen und die Toten alle in derselben wunderbaren Ordnung, Fuß bei Fuß, im Feuerwehrschuppen ruhig hingestreckt waren, eine dunkle Gestalt über die Stadt hingeschwebt wäre und sie ganz mit ihren schwarzen Flügeln überschattet hätte. Und als die Leute von der Ermordung des Gouverneurs sprachen, die einen früher, die andern, Zurückhaltenderen, später, sprachen sie davon wie von einer längst und unwiderruflich von irgend jemand beschlossenen Sache. Und die einen – es waren ihrer sehr viele – sprachen davon ganz gleichgültig, wie von einer Sache, die sie nichts weiter anging, wie von einer Sonnenfinsternis, die nur auf der andern Erdhälfte sichtbar sein und nur die Bewohner dieser Hälfte interessieren wird; die andern, die Minderheit, regten sich auf und stritten darüber, ob der Gouverneur eine so grausame Strafe verdiene, und ob die Ermordung einzelner Personen, mögen sie auch noch so schädlich sein, überhaupt einen Sinn habe, wenn der allgemeine Zustand des Lebens sonst unverändert bleibe. Die Meinungen waren geteilt; aber selbst die heftigsten Debatten wurden nicht allzu hitzig geführt: wie wenn nicht von einem Ereignis die Rede wäre, das erst noch eintreten konnte, sondern von einem bereits vollzogenen Faktum, an dem keine Meinung mehr irgend etwas ändern kann. Und bei den gebildeten Leuten ging die Diskussion infolgedessen sehr bald auf das breite theoretische Gebiet über, und den Gouverneur selbst vergaß man, wie einen Toten. Es zeigte sich in den Debatten, daß der Gouverneur mehr Freunde als Feinde hatte, und sogar viele von denen, die in der Theorie für den politischen Mord eintraten, fanden für ihn Entschuldigungsgründe, und wenn man in der Stadt eine Abstimmung veranstaltet hätte, dann hätte wahrscheinlich die überwiegende Majorität, auf Grund verschiedener theoretischer und praktischer Erwägungen, gegen die Ermordung oder, wie einige es nannten, Hinrichtung gestimmt. Und nur die Frauen, die gewöhnlich so mitleidvoll sind und sich vor Blut fürchteten, legten in diesem Falle eine auffallende Grausamkeit und einen unbezähmbaren Trotz an den Tag: fast alle stimmten sie für den Tod, für den schrecklichsten Tod, und so sehr man sie auch eines Bessern zu belehren suchte und sich mit ihnen herumstritt, sie blieben hartnäckig und sogar mit einem gewissen Stumpfsinn bei ihrer Meinung. Es kam vor, daß eine Frau sich bekehren ließ und zugab, daß die Ermordung überflüssig sei – und am Morgen darauf blieb sie dann wieder, als ob gar nichts wäre, als ob sie ihre Zustimmung von gestern verschlafen hätte, steif und fest dabei, daß die Ermordung notwendig sei. Und überhaupt herrschte eine allgemeine Gedankenverwirrung und eine heillose Spaltung der Meinungen; und wenn ein Unbeteiligter von der Seite her zugehört hätte, was man alles sprach, würde er nie dahinter gekommen sein, ob denn nun wirklich der Gouverneur getötet werden mußte oder nicht. Und er würde ganz erstaunt gefragt haben: »Aber wie kommt ihr denn alle auf die Idee, daß er getötet werden wird? Und wer wird ihn töten?« Und er hätte keine Antwort erhalten; nach einiger Zeit aber hätte er, wie alle andern, gewußt, der Gouverneur wird ermordet werden, und sein Tod ist unabwendbar, und zwar hätte er sein Wissen aus derselben unbekannten Quelle geschöpft wie die andern. Denn alle – Freunde wie Feinde des Gouverneurs, Verteidiger wie Ankläger – alle unterwarfen sich einem und demselben unerschütterlichen Glauben an seinen Tod. Die Gedanken waren verschieden, und die Worte waren verschieden, das Gefühl aber war dasselbe – ein gewaltiges, machtvolles, alldurchdringendes, allüberwindendes Gefühl, das in seiner Stärke und Gleichgültigkeit gegen alle Worte dem Tode selbst ähnlich war. Im Dunkel geboren, und an sich selbst ein Stück unerforschlichen Dunkels, herrschte es zugleich triumphierend und drohend, und die Menschen bemühten sich vergeblich, es mit den kleinen Lichtern ihres Verstandes zu erhellen. Wie wenn das altersgraue, längst entschlafene und in den Augen der Nichtsahnenden beinahe abgestorbene Gesetz, das den Tod mit dem Tode bestraft, seine kalten Augen geöffnet, die getöteten Männer, Frauen und Kinder erblickt und seinen erbarmungslosen Arm über das Haupt desjenigen, der sie getötet hatte, ausgestreckt hätte. Und die Menschen, unbesonnen und unwahr in ihrem Widerstande, fügten sich dem Gebot und wichen zurück vor dem Schuldigen und er wurde für alle Todesarten erreichbar, die es nur in der Welt gibt; und von allen Seiten, aus allen dunklen Winkeln, aus Feld und Wald und Schlucht drangen sie auf ihn ein, taumelnd, humpelnd, stumpf und unterwürfig, nicht einmal gierig. So mochte in den fernen, grauen Zeiten, als noch Propheten auftraten, als es noch weniger Gedanken und Worte gab und jenes grausame Gesetz selbst, das den Tod mit dem Tode vergilt, noch jung war, als noch die Tiere mit dem Menschen Freundschaft hielten und der Blitz ihm die Hand reichte – so mochte in jenen fernen und seltsamen Zeiten der Verbrecher für jegliche Art von Tod erreichbar werden: die Biene stach ihn mit ihrem Stachel, und der Stier stieß ihn mit seinem spitzen Horn, und der Stein harrte der Stunde seines Niederfallens, um sein unbedecktes Haupt zu zerschmettern,und die Krankheit nagte an ihm vor allen Menschen, wie der Schakal am Aase nagt; und alle Pfeile wichen von ihrem Fluge ab, um nur sein schwarzes Herz und seine gesenkten Augen zu treffen; und die Flüsse änderten ihren Lauf, um den Sand unter seinen Füßen fortzuspülen, und der majestätische Ozean selbst warf seine zottigen Wogen ans Land und scheuchte ihn mit seinem Gebrüll in die Wüste. Tausend Tode, tausend Gräber. In ihrem weichen Sande begrub ihn die Wüste, und sie weinte und lachte über ihn im Pfeifen ihres Windes; die schweren Massen der Berge legten sich auf seine Brust und bargen in ihrem tausendjährigen Schweigen das Geheimnis der großen Vergeltung – und die Sonne selbst, die allem Leben gibt, versengte mit sorglosem Lachen sein Hirn und wärmte freundlich die Fliegen in den Höhlen seiner unglücklichen Augen. Lange schon war das her, und jung, wie ein Jüngling, war damals das große Gesetz, das den Tod mit dem Tode vergalt, und selten nur schloß es in Selbstvergessenheit seine kalten Adleraugen. Bald verstummten in der Stadt, von ihrer eigenen Unfruchtbarkeit vergiftet, auch die Gespräche. Man mußte entweder die Ermordung als eine heilige Tatsache annehmen und auf alle Einwände und Argumente gleich den Frauen das eine unerschütterliche: »Man darf doch keine Kinder morden!« vorbringen, oder man war dazu verurteilt, sich rettungslos in Widersprüche zu verwickeln, zu schwanken, sein Denken zu verlieren, es mit dem Denken anderer zu vertauschen, wie bisweilen Betrunkene ihre Mützen vertauschen, und trotz alledem nicht um ein Jota vom Fleck kommen. Das bloße Reden langweilte sie schließlich, und so hörten sie denn auf, zu reden, und an der Oberfläche blieb nichts, was an das Ereignis erinnerte; aber inmitten der eingetretenen Schweigsamkeit und Ruhe wuchs gleich einer Gewitterwolke die große grausige Erwartung. Alle warteten: die gegen das Ereignis und seine seltsamen Konsequenzen gleichgültig waren, die über die bevorstehende Hinrichtung frohlockten, die sich darüber schwer beunruhigten – sie alle, alle warteten auf das Unausbleibliche mit derselben gewaltigen, spannenden und grausigen Erwartung. Wäre der Gouverneur in dieser Zeit an einem Fieber gestorben, oder am Typhus, oder infolge eines Schusses aus einem zufällig losgegangenen Jagdgewehr – niemand würde dies für einen bloßen Zufall gehalten haben, und hinter der zugestandenen Ursache hätte man eine zweite, unsichtbare, nicht zugestandene, aber doch wirkliche Ursache entdeckt. Und in dem Maße, wie die Erwartung wuchs, dachte man mehr und mehr an die Kanatnajastraße. In der Kanatnaja aber war es ruhig und still, wie auch in der Stadt selbst, und die zahlreichen Häscher spähten vergeblich nach Anzeichen eines neuen Aufstandes oder irgend eines verbrecherischen und schrecklichen Anschlags aus. Wie in der Stadt, so stießen sie auch hier auf das Gerücht von der bevorstehenden Ermordung des Gouverneurs, aber die Quelle des Gerüchtes vermochten sie auch hier nicht zu entdecken: alle sagten es, aber auf so unbestimmte, ja sogar alberne Art, daß man daraus gar keine Schlüsse ziehen konnte. Irgend ein starker, ja sogar mächtiger Mann, dem gar nichts fehlgehen könne, werde unbedingt in diesen Tagen den Gouverneur töten – das war alles, was man aus den Gesprächen entnehmen konnte. Der Geheimpolizist Grigorjew konnte eines Sonntags, als er sich Trunkenheit heuchelnd in einer Bierschenke aufhielt, ein solches geheimnisvolles Gespräch belauschen. Zwei Arbeiter, die bereits tüchtig gezecht hatten und fast betrunken waren, saßen bei einer Flasche Bier, neigten über den Tisch hinweg ihre Köpfe zu einander, stießen dabei ungeschickterweise an ihrer Flasche an und unterhielten sich halblaut in geheimnisvoller Weise. »Mit einer Bombe wird man ihn töten,« sagte der eine, der offenbar besser orientiert war. »Nanu! Mit einer Bombe?« meinte der zweite verwundert. »Gewiß, mit einer Bombe, was denn sonst!« versetzte der erste, nahm einen Zug aus seiner Zigarette, blies seinem Kumpan den Rauch direkt in die Augen und fügte ernst und bestimmt hinzu: »In kleine Fetzen wird's ihn zerreißen.« »Am neunten Tage, hieß es, wird's geschehen.« »Nein,« entgegnete der andere mit einem Stirnrunzeln, das den höchsten Grad der Negation ausdrücken sollte, »weshalb am neunten Tage? Das ist Aberglaube, das vom neunten Tage. Einfach früh morgens wird man ihn töten.« »Wann?« Der Arbeiter sperrte sich gleichsam gegen den Saal durch die ausgespreizten Finger ab, neigte sich unter heftigem Schwanken ganz dicht zu seinem Partner vor und sagte in scharfem Flüsterton: »Am nächsten Sonntag über eine Woche.« Beide schwankten hin und her, verschwammen gänzlich einer in den Augen des andern und schwiegen geheimnisvoll. Dann hob der erste geheimnisvoll den Finger empor und drohte: »Verstehst du wohl?« »Die werden ihn schon nicht verfehlen – nein, so sind die nicht.« »Nein,« sagte der andere, die Brauen verfinsternd. »Was heißt da verfehlen. Ist 'n aufgelegtes Spiel, vier Däuser.« »Die ganze Hand voll Trümpfe,« bestätigte der andere. »Verstehst du wohl?« »Na gewiß versteh' ich.« »Wenn du's also verstehst, dann trinken wir noch eins. Hast doch Respekt vor mir, Wanja?« Und lange noch flüsterten sie auf höchst geheimnisvolle Weise, sahen sich gegenseitig an, blinzelten mit den Augen und neigten einander die Köpfe zu, wobei sie an die leergetrunkenen Flaschen anstießen. In derselben Nacht noch wurden sie arretiert, doch fand man nichts Verdächtiges an ihnen, und gleich beim ersten Verhör stellte es sich heraus, daß sie beide nicht das geringste wußten und nur irgend welche Gerüchte wiederholt hatten. »Aber wie kommt es denn, daß du sogar den Tag – den Sonntag – anzugeben weißt?« sprach ärgerlich der Oberleutnant der Gendarmen, der das Verhör vornahm. »Kann ich nicht wissen,« antwortete der eingeschüchterte Arbeiter, der drei Tage lang nicht geraucht hatte. »Bin betrunken gewesen.« »Man sollte euch alle miteinander –r–r ...« schrie der Oberstleutnant, doch konnte er nichts herausbekommen. Aber auch die Nüchternen waren nicht besser. In den Werkstätten, auf der Straße tauschten sie offen ihre Bemerkungen über den Gouverneur aus, schimpften auf ihn und frohlockten, daß er bald sterben werde. Etwas Positives wußten sie jedoch nicht vorzubringen, und bald hörten sie auch auf zu reden und warteten geduldig. Bisweilen warf einer dem andern bei der Arbeit ein Wort hin: »Gestern ist er wieder vorübergefahren. Ohne Soldaten.« »Kriecht selbst dem Tod in den Rachen.« Und dann arbeiteten sie wieder. Und am nächsten Morgen vernahm man am andern Ende des Arbeitssaales: »Gestern ist er wieder vorübergefahren.« »Laß ihn fahren.« Sie zählten gleichsam jeden Tag seines Lebens, der ihnen zu viel schien. Und schon zweimal war es vorgekommen, daß plötzlich, fast zu gleicher Zeit an allen Enden der Kanatnaja und in der Fabrik, die völlige Gewißheit herrschte, daß der Gouverneur soeben ermordet sei. Wer die Nachricht zuerst mitgebracht hatte, war unmöglich herauszubekommen, aber in Haufen geschart, erzählten sie einander die Einzelheiten des Mordes, nannten die Straße, die Stunde, die Zahl der Mörder, die Waffe. Es fanden sich Leute, die beinahe Augenzeugen gewesen waren, die den Knall der Explosion gehört hatten. Und sie standen alle bleich, entschlossen, ohne Freude oder Schmerz zu äußern – bis nach ein paar Minuten die Kunde kam, daß das Gerücht falsch sei. Und nun gingen sie ebenso ruhig auseinander, ohne Enttäuschung – als ob es sich nicht lohnte, sich wegen einer Angelegenheit aufzuregen, die nur für ein paar Tage, vielleicht gar nur ein paar Stunden oder Minuten aufgeschoben war. Wie in der Stadt, so waren auch in der Kanatnajastraße die Frauen die unerbittlichsten und erbarmungslosesten Richter. Sie urteilten nicht, sie bewiesen nicht, sie warteten einfach – und in ihrer Erwartung legten sie die ganze Glut ihres unerschütterlichen Glaubens, den ganzen Gram ihres unglücklichen Lebens, die ganze Grausamkeit ihres verkommenen, hungrigen, erwürgten Denkens. Sie hatten in ihrem Leben ihren besonderen Feind, den die Männer nicht kannten – den Ofen, den ewig hungrigen, ewig mit seinem offenen Rachen fragenden kleinen Ofen, der schrecklicher war als alle glühenden Öfen der Hölle. Vom Morgen bis in die Nacht hinein, jeden Tag, das ganze Leben hielt er sie in seiner Gewalt; ihre Seele mordend, merzte er in ihrem Kopfe alle Gedanken aus außer jenen, die ihm selbst dienen und ihm selbst nötig sind. Die Männer kannten das nicht. Wenn die Frau am Morgen erwachte und auf den Ofen blickte, dessen Öffnung die eiserne Tür nur schlecht verdeckte, wirkte er auf ihre Phantasie wie ein Gespenst, ließ er sie wie ein Krampf des Ekels und der Furcht, einer stumpfsinnigen, tierischen Furcht erleben. An ihrem Denken beraubt, vermochte die Frau den Feind, der sie beraubt hatte, nicht einmal zu nennen; in ihrer Betäubung brachte sie ihm immer und immer wieder demütig ihre Seele dar, und nur ein schwarzer, tödlicher Gram umhüllte sie mit undurchdringlichem Nebel. Und davon erschienen alle Frauen in der Kanatnajastraße so böse: sie schlugen die Kinder, die sie fast zu Tode prügelten, zankten sich untereinander und mit ihren Männern, und ihr Mund floß über von Vorwürfen, Klagen und Bosheiten. Zur Zeit des furchtbaren dreiwöchigen Hungers, als während einiger Tage kein Feuer im Ofen angemacht wurde, ruhten die Frauen endlich aus – jene seltsame Ruhe des Sterbenden war's, dessen Schmerzen wenige Minuten vor dem Tode aufgehört haben. Das Denken, das sich für einen Augenblick aus dem ehernen Kreise losgerissen hatte, haftete sich mit seiner ganzen Leidenschaft und Kraft an die Vision eines neuen Lebens – als wenn der Kampf nicht um die Lohnerhöhung von monatlich fünf Rubeln, von der die Männer redeten, geführt würde, sondern um eine völlige, freudige Befreiung von allen urewigen Fesseln. Und da sie ihre an Entkräftigung gestorbenen Kinder begruben und sie, von Schmerz, Erschöpfung und Hunger verdüstert, mit blutigen Tränen beweinten, waren die Frauen in diesen schweren Tagen so sanft und freundlich wie nie: sie waren des Glaubens, daß so Entsetzliches nicht ohne Zweck und Absicht über sie gekommen sein könne, daß den großen Leiden die große Belohnung folgen werde. Und als am 17. August auf dem Platze, in den Sonnenstrahlen schimmernd, der Gouverneur zu ihnen hinaustrat, da nahmen sie ihn für den graubärtigen Herrgott selber. Und er sagte: »Ihr müßt die Arbeit aufnehmen. Bevor ihr nicht die Arbeit aufnehmt, kann ich nicht mit euch reden.« Dann: »Ich will sehen, daß ich etwas für euch tun kann. Nehmt die Arbeit auf, und ich werde nach Petersburg schreiben.« Dann: »Eure Arbeitgeber sind keine Ausbeuter, sondern ehrbare Leute, und ich verbiete euch, sie so zu nennen. Und wenn ihr morgen die Arbeit nicht aufnehmt, lasse ich die Fabrik schließen und schicke euch nach euern Heimatsgemeinden.« Dann: »Es ist eure Schuld, daß die Kinder sterben. Nehmt die Arbeit auf!« Dann: »Wenn ihr euch so benehmt und euch nicht zerstreut, lasse ich euch mit Gewalt auseinandertreiben. Nehmt die Arbeit auf!« Dann folgte chaotisches Geschrei, das Weinen von Kindern, – das Knattern von Schüssen – Gedränge – und eine wilde Flucht, bei der der Mensch nicht weiß, wohin er flieht, niederstürzt, wieder flieht, Kinder und Haus verliert. Und dann sogleich wieder, so jäh, als ob kaum ein Augenblick vergangen wäre – der verwünschte Ofen, stupid, unersättlich ewig seinen Rachen öffnend. Und von neuem dasselbe, ganz dasselbe, von dem sie sich für immer losgerissen hatten, und zu dem sie zurückgekehrt waren – für immer. Vielleicht war der Gedanke, daß der Gouverneur getötet werden müsse, sogar in einem weiblichen Kopfe entstanden. Alle die alten Worte, mit denen die Gefühle der Feindschaft des Menschen gegen den Menschen bezeichnet werden, Haß, Zorn, Verachtung, gaben das nicht wieder, was die Frauen empfanden. Es war ein neues Gefühl – das Gefühl der ruhigen, unbedingten Verurteilung; wenn das Beil in der Hand des Henkers fühlen könnte, würde es vielleicht sich selbst ebenso fühlen – dieses kalte, scharfe, blinkende und ruhige Beil. Die Frauen warteten ruhig, ohne einen Augenblick zu schwanken, ohne zu zweifeln, und sie sättigten gleichsam mit ihrer Erwartung die Luft, die alle atmeten, die auch der Gouverneur atmete. Sie waren naiv. Es brauchte nur irgendwo eine Tür laut zugeschlagen werden, es brauchte nur jemand laut mit den Füßen aufstampfend über die Straße zu rennen – gleich liefen sie hinaus, mit bloßem Kopfe, fast schon befriedigt. »Ist er tot?« »Nein, es war nichts weiter. Ssenjka ist nur nach Branntwein gelaufen.« Und so blieb es, bis wieder irgend jemand klopfte oder mit den Füßen aufstampfend auf der schweigsamen, toten, stillen Straße daherlief, wenn der Gouverneur vorüberfuhr, blickten sie gierigen Auges hinter den Vorhängen hervor nach ihm hin – und war der Gouverneur vorbei, so kehrten sie wieder zum Ofen zurück. Es setzte sie nicht in Erstaunen, wenn der Gouverneur, der sonst immer in der Begleitung von Wachtleuten ausfuhr, plötzlich allein, ohne Schutzwache zu fahren begann – wie das Henkerbeil, wenn es fühlen könnte, beim Anblick eines bloßen Nackens nicht in Erstaunen geraten würde. Es war eben ganz in der Ordnung, daß der Nacken bloß war. Aus grauen Fäden flochten sie wahrhaftig eine farbensatte Legende zusammen. Und sie eben, diese grauen Frauen des grauen Lebens, waren es, die jenes uralte Gesetz erweckt hatten, das den Tod mit dem Tode vergilt. Der Schmerz um die Getöteten kam in dumpfer, zurückhaltender Weise zum Ausdruck: er war nur ein Teil des allgemeinen großen Schmerzes und wurde von ihm restlos verschlungen, wie eine salzige Träne vom salzigen Ozean verschlungen wird. An einem Freitag aber, gegen Ende der dritten Woche nach dem Blutbad, brach plötzlich bei Nastaßja Sasonowa, der eine Tochter, die siebenjährige kleine Tanja, getötet worden war, der Wahnsinn aus. Drei Wochen lang hatte sie, wie alle andern, an ihrem Ofen gearbeitet, hatte mit den Nachbarinnen gezankt, auf die beiden ihr noch gebliebenen Kinder losgeschrieen, und plötzlich, als kein Mensch es erwartete, verlor sie den Verstand. Am Morgen schon begannen ihr die Hände zu zittern, und sie zerschlug eine Tasse; dann kam es gleichsam wie ein Übel über sie, und sie begann zu vergessen, was sie tun wollte, lief von einem Gegenstand zum andern und wiederholte sinnlos in einem fort: »O Gott, was ist nur mit mir?« Und endlich schwieg sie ganz, und schweigend, mit unheimlicher Unterwürfigkeit, schlich sie von Ecke zu Ecke, trug denselben Gegenstand von einem Ort zum andern, stellte ihn hin, nahm ihn wieder fort – und war selbst im beginnenden Irrtum nicht imstande, sich vom Ofen loszureißen. Die Kinder waren im Garten, ließen einen Drachen steigen, und als der kleine Petjka nach einem Stück Brot heimkam, steckte seine Mutter wortlos, mit wildem Blick, allerhand Gegenstände in den Ofen: ein Paar Schuhe, eine zerrissene wattierte Jacke, Petjkas Mütze. Anfangs lachte der Knabe, dann aber sah er das Gesicht der Mutter und lief schreiend auf die Straße hinaus. »A – a – ai,« schrie er daherlaufend und setzte die Straße in Alarm. Die Frauen versammelten sich und begannen über sie zu heulen, wie Hunde, die von Kummer und Schrecken befallen sind. Sie aber beschleunigte ihren Gang immer mehr, stieß die nach ihr ausgestreckten Arme zurück, kreiste ruckweise auf dem drei Arschin großen Raume, schnappte nach Luft und murmelte irgend etwas vor sich hin. Nach und nach zerriß sie mit jähen, kurzen Bewegungen ihr Kleid, und der obere Teil ihres Körpers, gelb, mager, mit hängenden, schlenkernden Brüsten, wurde sichtbar. Und dann stieß sie ein schreckliches, langgedehntes Heulen aus, wobei sie ein- und dieselben Worte in endloser Wiederholung auseinanderzog: »Ich ka – ann nicht. Meine Li – ieben – ich ka – a – ann ni – icht!« Und sie lief auf die Straße hinaus, und hinter ihr her all die andern. Und da verwandelte sich die ganze Kanatnaja für einen Augenblick in ein einziges lautes Weibergeheul, und man konnte nicht mehr unterscheiden, wer wahnsinnig war, und wer nicht. Und dann erst verstummte das Geheul, als die Kommis aus den Kaufläden der Fabrik die Wahnsinnige abfingen, ihre Hände und Füße mit Stricken banden und sie mit ein paar Eimer Wasser begossen. Sie lag auf dem Wege, in der frischen Wasserpfütze, mit der nackten Brust dicht an der Erde, die Fäuste der verrenkten, blau angelaufenen Arme starr vorstreckend. Das Gesicht hatte sie zur Seite gewandt, und sie blickte wild, ohne zu blinzeln; die leicht ergrauten nassen Haare klebten am Kopfe fest und machten ihn seltsam klein, und ihr ganzer Körper zuckte von Zeit zu Zeit. Aus der Fabrik kam ihr Mann ganz erschrocken herbeigelaufen, er hatte nicht einmal Zeit gefunden, sich das rußbedeckte Gesicht zu waschen, auch seine Bluse war von Ruß beschmutzt und glänzte von Öl, und ein verbrannter Finger an seiner linken Hand war mit einem ölgetränkten, schmutzigen Läppchen umwickelt. »Nastja!« rief er, sich über sie beugend, finster und streng, »was machst du denn? Na, was ist denn?« Sie schwieg, zuckte und blickte wild vor sich hin, ohne zu blinzeln. Er sah die blutunterlaufenen, purpurroten Arme, die man erbarmungslos mit dem Strick gefesselt hatte, löste den Strick und berührte mit den Fingern die nackte, gelbe Schulter. Schon kam der Polizist mit einer Droschke angefahren. Als die Menge sich verlief, gingen zwei Männer nicht gleich den andern nach der Fabrik, blieben auch nicht in der Kanatnaja zurück, sondern schlugen langsam den Weg nach der Stadt ein. Sie gingen in Nachdenken versunken, immer gleichen Schritt haltend, und schwiegen. Am Ausgang der Kanatnaja nahmen sie Abschied voneinander. »Was für ein Fall!« sagte der eine. »Kommst du mit zu mir?« »Nein,« antwortete der andere kurz und schritt weiter. Er hatte einen jugendlichen, gebräunten Nacken, und unter der Mütze quoll sein blondes Kraushaar hervor.   VI. Im Gouverneurshause erfuhr man von dem bevorstehenden Tode des Gouverneurs nicht früher und nicht später als an anderen Orten und verhielt sich merkwürdig gleichgültig dagegen. Wie wenn die nahe Beziehung zu dem lebenden, gesunden, in voller Kraft stehenden Mann schon der Erkenntnis hinderlich gewesen wäre, was der Tod, sein Tod, ist; er stellte sich gleichsam nur als eine vorübergehende Abwesenheit dar. Gegen Mitte September wurde auf das Drängen des Polizeimeisters, der Maria Petrowna zu überzeugen wußte, daß der Landaufenthalt mit Gefahr verbunden sei, die Übersiedlung nach der Stadt vollzogen, und das Leben nahm seinen gewohnten, seit vielen Jahren nicht unterbrochenen Lauf. Der Beamte Koslow, dem der Schmutz und die banale Ausstattung der Gouverneurswohnung persönlich zuwider war, hatte fast eigenmächtig den Saal und das Gastzimmer neu tapezieren und die Decken frisch anstreichen lassen, wie auch neues Meublement im Stil der Decadence, grün Eiche, bestellt. Er nahm überhaupt die Rechte eines Hausdiktators in Anspruch, und alle waren damit zufrieden: die Dienerschaft sowohl, in die sogleich ein frischerer Zug kam, als auch Maria Petrowna, der alles, was Wirtschaft und Haushaltung betraf, verhaßt war. Trotz seiner Geräumigkeit war das Gouverneurhaus doch recht unbequem eingerichtet; die Toiletten und die Badestube lagen fast neben dem Gastzimmer, und die Speisen mußten die Lakaien aus der Küche durch einen kalten Korridor an den Fenstern des Speisezimmers vorübertragen, und man sah oft, wie sie sich zankten und gegenseitig mit den Ellenbogen stießen. Auch das wollte Koslow alles ändern, doch mußte er seinen Plan auf den nächsten Sommer verschieben. »Er wird zufrieden sein,« sagte er im stillen mit Beziehung auf den Gouverneur, doch stellte er sich dabei merkwürdigerweise nicht Peter Iljitsch, sondern irgend einen andern vor; im Eifer seiner reformatorischen Tätigkeit kam ihm das jedoch gar nicht zum Bewußtsein. Wie früher, so bildete Peter Iljitsch auch jetzt noch den Mittelpunkt des Hauses und des häuslichen Lebens, und die Worte: »Seine Exzellenz haben befohlen«, »Seine Exzellenz wünschen«, »Seine Exzellenz werden darüber böse sein« – blieben nach wie vor im Munde aller; hätte man jedoch statt seiner eine Puppe hingestellt, sie in eine Gouverneursuniform gesteckt und ein paar Worte sprechen lassen, kein Mensch hätte die Unterschiebung gemerkt – so sehr sah alles, was vom Gouverneur ausging, nach inhaltsloser, leerer Form aus. Wenn er einmal im Ernst böse wurde und auf jemanden losschrie und dieser Jemand darüber in Schreck geriet, so war's, als ob alles dies, das Schreien sowohl wie der Schreck, nur simuliert und in Wirklichkeit nichts derart vorhanden wäre. Ja, hätte er in dieser Zeit selbst jemanden getötet, so würde selbst dieser Tod nicht als wirklicher Tod erschienen sein. Für sich selbst noch lebendig, war er für die andern bereits tot, und sie gingen mit dem Toten lässig um und fühlten die Kälte und Öde, die von ihm ausging, ohne doch zu begreifen, was das bedeutet. Der Gedanke tötete den Menschen nach und nach, von einem Tag auf den andern. Indem er seine Kraft aus der Allgemeinheit schöpfte, ward er mächtiger als alle Maschinen, Waffen und Schießpulver; er beraubte den Menschen des Willens und machte sogar den Instinkt der Selbsterhaltung blind, er schuf rings um ihn einen freien Raum für den tödlichen Hieb, wie im Walde der Umkreis des Baumes gesäubert wird, der gefällt werden soll. Der Gedanke tötete ihn. Gebieterisch rief er jene, die den Schlag führen sollten, aus dem Dunkel hervor, erzeugte er sie gleichsam als Schöpfer. Und unbewußt rückten alle ab von dem, der dem Tode geweiht war, beraubten ihn jenes unsichtbaren, doch gewaltigen Schutzes, den das Leben aller Menschen für das Leben des Einzelnen bildet. Nach Eingang des ersten anonymen Briefes, in dem der Gouverneur »Kindermörder« genannt worden war, vergingen ein paar Tage ohne Briefe, dann aber, wie infolge einer stillschweigenden Übereinkunft, regneten sie förmlich auf ihn herab, als fielen sie aus einem zerrissenen Postbeutel heraus, und an jedem Morgen wuchs der Stoß der Kuverts auf dem Schreibtisch des Gouverneurs. Wie die reife Frucht aus dem Mutterleibe hervordrängt, so strebte dieser gebieterische, tödliche Gedanke, der sich bisher nur durch den dumpfen Herzschlag wahrnehmbar gemacht hatte, unwiderstehlich ans Licht und begann sein eigenes, selbständiges Leben zu führen. In verschiedenen Stadtgegenden, aus verschiedenen Postkästen, von verschiedenen Leuten wurden diese in der Masse der andern Briefe zerstreuten Schreiben herausgesucht. Dann wurden sie in einen gleichmäßigen Haufen sortiert und durch einen einzelnen Menschen jenem gebracht, der ihrer aller Ziel war. Auch früher wohl hatte der Gouverneur anonyme Briefe erhalten – selten mit Schmähworten oder unbestimmten Drohungen, meist mit Denunziationen und Beschwerden, und er hatte diese Briefe nie gelesen; jetzt aber wurde es zu einem gebieterischen Zwange für ihn, sie zu lesen, wie er, unter dem gleichen Zwange, stets an das Ereignis und den Tod denken mußte. Und wie bei seiner Denkarbeit, mußte er auch beim Lesen allein und ungestört sein. Selten am Tage, des öfteren hingegen am Abend setzte er sich fest in den Sessel vor dem Schreibtisch mit den ungeordnet herumliegenden Schriftstücken und dem Glas kaltgewordenen Tees, reckte die Schultern, setzte die goldene, stark vergrößernde Brille auf, betrachtete aufmerksam die Kuverts der Briefe und schnitt sie auf. Er hatte nun bereits gelernt, diese Briefe mit einem Blick zu erkennen, denn trotz der Verschiedenheit der Handschriften, des Papiers und der Briefmarken hatten sie doch etwas Gemeinsames, wie die Toten in dem Schuppen; und nicht er allein, sondern auch der Portier, der die Privatkorrespondenz von Peter Iljitsch in Empfang nahm, erkannte sie unfehlbar. Der Gouverneur las jeden Brief aufmerksam, ernst, von Anfang bis zu Ende, und wenn irgend ein Wort undeutlich geschrieben war, betrachtete er es lange, und suchte seinen Sinn zu erraten. Uninteressante Briefe, oder solche, die nichts als unanständige Schimpfereien enthielten, zerriß er; ebenso vernichtete er die Briefe, in denen unbekannte Freunde ihm von der bevorstehenden Ermordung Kunde gaben; alle übrigen aber versah er mit fortlaufenden Nummern und hob sie zu irgend einem ihm unklar vorschwebenden Zwecke auf. Im allgemeinen war der Inhalt der Briefe, bei aller äußerlichen Verschiedenheit in der Sprache und dem Bildungsgrad des Schreibers, von ermüdender Eintönigkeit: die Freunde warnten, die Feinde drohten, und die Sache lief schließlich auf lauter kurze, beweislose »Ja« und »Nein« heraus. An die Worte »Mörder« von der einen und »standhafter Verteidiger der Ordnung« von der andern Seite hatte er sich schon gewöhnt, so oft kehrten sie fast unverändert in den Briefen wieder; und auch daran gewöhnte er sich bis zu einem gewissen Grade, daß alle, Freunde wie Feinde, gleichmäßig an die Unvermeidlichkeit seines Todes glaubten. Und es überlief ihn dabei nur kalt, und er hätte sich wohl erwärmen mögen, aber es gab nichts, das ihn erwärmt hätte; der Tee war kalt – man reichte ihm, Gott weiß, warum, jetzt immer kalten Tee, und auch der hohe ärarische Kachelofen war kalt. Längst schon, gleich nachdem er in dieses Haus eingezogen war, hatte er sich einen Kamin einrichten lassen wollen, aber es kam nicht dazu, und der alte Ofen erwärmte sich sehr schwer, wenn man ihn noch so sehr heizte. Vergeblich rieb er seinen Rücken an den kalten, nur unten ein wenig angewärmten Kacheln, schritt dann zweimal durch das kalte Kabinett, rieb die Hände aneinander und sprach mit seinem prächtigen Kommandobaß: »Ich bin doch ein recht verfrorener Weichling geworden!« Und dann setzte er sich wieder an die Briefe und suchte in ihnen nach etwas höchst Wichtigem, Entscheidendem. »Ew. Exzellenz! Sie sind General, aber auch Generäle sind sterblich. Es gibt Generäle, die eines natürlichen, und andere, die eines gewaltsamen Todes sterben. Sie, Exzellenz, werden eines gewaltsamen Todes sterben. Ich habe die Ehre, zu zeichnen als Ihr ganz ergebenster Diener.« Der Gouverneur lächelte – er konnte damals noch lächeln – und wollte den sehr sorgfältig geschriebenen Brief zerreißen, doch besann er sich eines Besseren, schrieb an den breiten Rand die Nummer: »Nr. 43, 22. September 190...« und legte ihn zur Seite. »Herr Gouverneur, oder in Wirklichkeit Herr türkischer Pascha! Sie sind ein Dieb und gedungener Mörder, und ich könnte vor der ganzen Welt beweisen, daß Sie für die Ermordung der Arbeiter den Aktionären ein hübsches rundes Sümmchen abgeknöpft haben ...« Der Gouverneur wurde purpurrot, knüllte den Brief zusammen, riß die Brille von der rot gewordenen großen Nase und rief laut, als wenn er auf eine Trommel schlüge: »Tölpel!« Dann steckte er die Hände in die Taschen, spreizte die Ellbogen vom Leibe und begann mit zornigen, den Takt markierenden Schritten im Zimmer auf und ab zu gehen. So schreiten – Gouverneure. So schreiten – Gouverneure. Als er sich beruhigt hatte, strich er den Brief wieder glatt, las ihn zu Ende, setzte mit leicht zitternder Hand die Nummer darauf und legte ihn sorgsam beiseite. »Den soll er lesen,« sagte er im stillen, an seinen Sohn denkend. An demselben Abend aber sandte ihm das Schicksal einen andern Brief. Die Unterschrift lautete: »Ein Arbeiter.« Außer dieser Unterschrift jedoch verriet nichts den wenig gebildeten, kläglichen Mann der Muskeltätigkeit, wie sich ihn der Gouverneur unter dem Begriffe »Arbeiter« vorstellte. »In der Fabrik und in der Stadt spricht man davon, daß man Sie bald töten wird. Ich weiß nicht genau, wer es tun wird, aber ich glaube nicht, daß es die Vertreter irgend einer Organisation sein werden, sondern weit eher irgend ein Freiwilliger aus der Bürgerschaft, die über Ihr bestialisches Verfahren gegen die Arbeiter am 17. August empört ist. Ich bekenne offen, daß ich samt einigen meiner Genossen gegen diesen Beschluß bin, nicht etwa, weil ich Mitleid mit Ihnen hätte – haben Sie selbst ja nicht einmal mit Frauen und Kindern Mitleid gehabt – wie ich denn glaube, daß auch sonst niemand in der ganzen Stadt Mitleid mit Ihnen hat, sondern einfach darum, weil ich prinzipiell gegen jeden gewaltsamen Tod bin, wie gegen den Krieg, so auch gegen die Todesstrafe, gegen politische Morde und überhaupt gegen alle Morde. Im Kampfe für ihr Ideal, das in der ›Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit‹ besteht, sollen die Staatsbürger sich solcher Mittel bedienen, die mit diesem Ideal nicht in Widerspruch stehen. Töten aber heißt sich eines Mittels bedienen, wie es bei den Menschen der alten Weltordnung üblich war, deren Devise ›Knechtschaft, Privilegium, Feindseligkeit‹ war. Aus Bösem kann nichts Gutes hervorgehen, und aus dem Kampfe, der mit den Waffen der Gewalt geführt wird, wird niemals der Bessere, sondern immer nur der Schlechtere als Sieger hervorgehen, d. h. derjenige, der grausamer ist, weniger Mitleid empfindet, die menschlich fühlende Persönlichkeit weniger achtet und in seinen Mitteln nicht wählerisch ist, mit einem Wort: der Jesuit. Wenn ein guter Mensch schießt, wird er unbedingt entweder vorbeischießen, oder irgend eine Dummheit begehen, die ihn in die Patsche bringt, weil seine Seele dem entgegen ist, was seine Hand vollbringt. Aus diesem Grunde berichtet auch, nach meiner Ansicht, die uns bekannte Geschichte von so wenigen geglückten politischen Attentaten, weil die Herrschaften, die man töten will, Schurken sind, die sich auf alle Feinheiten verstehen, während die, welche sie töten wollen, Ehrenmänner sind, die bei der Sache hereinfallen. Seien Sie überzeugt, Herr Gouverneur, daß, wenn all die Leute, die auf Ihresgleichen Attentate verüben, Schurken wären, sie sicher solche Schlupfwinkel und Methoden ausfindig machen würden, wie sie ehrenhaften Leuten gar nicht in den Kopf kommen können, und daß Sie längst alle abgemurkst wären. Ich erkenne von meinem Standpunkt aus die Revolution nur als eine Propaganda der Ideen an, in dem Sinne, in dem auch die christlichen Märtyrer Revolutionäre waren, weil nämlich, selbst wenn die Arbeiter einen Sieg erfechten sollten, die Schurken sich doch nur so anstellen würden, als seien sie besiegt, während sie selbst sofort irgend einen neuen Betrug ersinnen und ihre Sieger übers Ohr hauen werden. Siegen muß man mit dem Kopfe, nicht mit den Fäusten, weil nämlich die Schurken, was den Kopf betrifft, schwach sind; darum verstecken sie eben die Bücher vor dem armen Manne und halten ihn im Dunkel der Unwissenheit, weil sie für ihre Existenz fürchten. Wissen Sie, weshalb die Arbeitgeber nicht den achtstündigen Arbeitstag gewähren wollen? Glauben Sie, die Herren wüßten nicht selbst, daß bei achtstündiger Arbeitszeit die Produktivität nicht geringer sein wird als bei elfstündiger? Aber die Sache ist die, daß die Arbeiter bei achtstündiger Arbeit klüger werden als die Arbeitgeber und ihnen die Geschäfte aus der Hand nehmen. Man hält sie eben nur darum allein für klug, weil sie alle dumm gemacht haben, gegen einen wirklich klugen Menschen sind sie keinen Sechser wert. Daß ich hier auf einmal in Erörterungen hineingeraten bin über solche Fragen, das geschieht deshalb, damit Sie nach meinen ersten Worten gegen Ihre Ermordung mich nicht für einen Verräter an der gemeinsamen Sache aller ehrlichen Menschen halten. Ich muß hier noch hinzufügen, daß ich und meine Genossen, die meine Überzeugung teilen, am 17. nicht auf dem Platze waren, weil wir sehr gut wußten, wie das enden wird, und nicht als Narren dastehen wollten, die da glauben, daß von Ihresgleichen Gerechtigkeit zu erwarten ist. Jetzt geben uns natürlich auch die andern Genossen recht und sagen: ›Wenn wir jetzt wieder hingehen, werden wir nicht bitten, sondern gleich losschlagen,‹ nach meiner Ansicht ist das ebenso dumm, weil ich nämlich sage: warum erst hingehen, sie werden bald selbst mit freundlichen Worten und Verbeugungen zu uns kommen, dann werden wir ihnen schon zeigen. Hochgeehrter Herr! Entschuldigen Sie, daß ich die Kühnheit hatte, mich mit meinem Wort als Arbeiter, der sich nur selbst aus Büchern was beigebracht hat, an Sie zu wenden, aber es scheint mir doch sonderbar, daß ein gebildeter Mensch, der kein solcher Schurke ist wie die andern, mit den unglücklichen Arbeitern, die ihm vertrauten, so verfahren konnte, daß er auf sie schießen ließ. Vielleicht werden Sie sich mit Kosaken umgeben, Spione in Dienst nehmen oder irgend wohin verreisen und auf solche Weise Ihr Leben retten, und dann können meine Worte Ihnen Nutzen bringen und Ihnen den rechten Weg weisen, den Interessen des Volkes wahrhaft zu dienen. Bei uns in der Fabrik heißt es, daß Sie von den Arbeitgebern gekauft waren, aber ich glaube das nicht, weil unsere Arbeitgeber nicht so dumm sind, ihr Geld umsonst wegzuwerfen, und außerdem weiß ich, daß Sie nicht bestechlich und auch kein Dieb sind, wie andere Ihrer Kollegen, die Geld für Harfenmädchen und Champagner mit Trüffeln brauchen. Ich möchte sogar behaupten, daß Sie im allgemeinen ein ehrenwerter Mensch sind...« Der Gouverneur legte den Brief vorsichtig auf den Tisch, nahm triumphierend die beschlagene Brille von der Nase, putzte sie feierlich und langsam mit dem Zipfel seines Taschentuches und sagte mit Achtung und Stolz: »Ich danke Ihnen, junger Mann!« Er durchschritt ohne Hast das Zimmer, und indem er sich gegen den kalten Ofen wandte, fügte er gewichtig hinzu: »Mein Leben könnt ihr nehmen, es gehört euch, aber meine Ehre...« Er sprach den Satz nicht zu Ende, und indem er den Kopf in den Nacken warf, kehrte er, ein wenig komisch in seiner Wichtigtuerei, an den Schreibtisch zurück. »... Ich möchte sogar behaupten, daß Sie im allgemeinen ein ehrenwerter Mensch sind – im allgemeinen ein ehrenwerter Mensch – im allgemeinen ein ehrenwerter Mensch – und von selbst keinem Huhn etwas zu leide tun würden, wenn man es Ihnen nicht befiehlt. Aber wie können Sie, ein ehrenwerter Mensch, solchen Befehlen nachkommen? – Das ist für mich die Frage! Hochgeehrter Herr! Das Volk ist kein Huhn. Das Volk ist etwas Heiliges, und wenn Sie begreifen würden, was das Volk mit seinen Leiden ist, würden sie auf denselben Platz hinausgehen, sich demütig bis zur Erde neigen und um Verzeihung bitten. Bedenken Sie mal: von Geschlecht zu Geschlecht, von Generation zu Generation, seit jenen Zeiten der ersten Sklaven, die nach dem Geheiß ihres tyrannischen Fürsten die Pyramiden bauten, führen wir unsere Existenz, und wie es unter Ihnen erbliche Adelige, d. h. Unterdrücker, gibt, so gibt es unter uns erbliche Arbeiter, erbliche Sklaven. Und bedenken Sie weiter, daß man uns in all den Jahrtausenden nur geschlagen und unterdrückt hat, und soweit ich auch in die Vergangenheit meiner Ahnen zurückschaue, ich sehe dort nichts als Tränen, Verzweiflung und Roheit. Und alles das hat sich auf die Seele gelegt, und alles das wurde aufbewahrt als das einzige Kapital, wurde vom Vater auf den Sohn, von der Mutter auf die Tochter vererbt, und versuchen Sie doch nur einmal, die Seele eines wirklichen Arbeiters oder Bauern zu öffnen – das ist ja das wahre Entsetzen! Bevor wir noch geboren sind, haben wir schon tausendfältiges Unrecht erlitten, und wenn mir hervorkriechen, ins Leben, geraten wir gleich in eine Art Höhle und trinken nichts als Kränkung, und essen Kränkung und kleiden uns in Kränkung. Man erzählt sich, Sie hätten vor drei Jahren irgendwo Bauern prügeln lassen – begreifen Sie, was Sie da getan haben? Sie meinen, Sie hätten nur ihren Hintern entblößt – nein, Sie haben ihre seit Jahrtausenden geknechtete Seele entblößt, Sie haben die verstorbenen und die zukünftigen, noch nicht geborenen Menschen mit Ruten geschlagen. Und wenn Sie auch ein General und eine Exzellenz sind, so will ich's Ihnen doch ganz grob heraussagen: Sie sind nicht würdig, Ihre Lippen auf einen Bauernhintern wie auf ein Heiligtum zu drücken, um wieviel weniger ihn mit Ruten zu schlagen. Und wie die Arbeiter zu Ihnen kommen – wer meinen Sie wohl, ist da zu Ihnen gekommen? Die wieder auferstandenen Sklaven waren es, die die Pyramiden gebaut haben, sie kamen mit ihren tausendjährigen Schwielen und Tränen, um um Liebe, um Rat, um Hilfe zu betteln, kamen zu Ihnen als einem gebildeten und humanen Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts, und wie sind Sie mit Ihnen verfahren? Ach, Sie... Ihr Vorfahr war vielleicht Aufseher über diese Sklaven und schlug sie mit der Peitsche und vererbte Ihnen diesen törichten Haß gegen die Arbeiterklasse. Hochgeehrter Herr! Das Volk erwacht! Vorläufig wirft es sich erst noch im Schlafe hin und her, und schon krachen die Stützen an Ihrem Hause – aber warten Sie nur, bis es ganz erwacht ist! Diese meine Worte sind Ihnen neu, denken Sie nur darüber nach! Im übrigen bitte ich um Verzeihung, daß ich Sie belästigt habe, und im Namen der »Brüderlichkeit« wünsche ich, daß man Sie nicht töten möchte.« »Man wird mich töten!« dachte der Gouverneur, während er den Brief zusammenfaltete. Für einen Augenblick tauchte der Arbeiter Egor mit seinen stahlgrauen Locken in seiner Erinnerung auf, um sogleich wieder in dem formlosen und gleich der Nacht grenzenlosen Etwas zu verschwinden. Nichts von Gedanken war in ihm, kein Widerspruch, keine Zustimmung. Er stand an dem kalten Ofen – auf dem Tische brannte die Lampe hinter dem grünseidenen Schirm – irgendwo spielte seine Tochter Sisi Klavier – der Mops der Frau Gouverneurin, den offenbar jemand neckte, stieß ein Bellen aus – die Lampe brannte. Die Lampe brannte. VII. In den folgenden Tagen blieben die Briefe zunächst aus. Wie auf Verabredung hörten alle Zusendungen plötzlich auf, und das eingetretene Schweigen hatte etwas Ungewohntes und Beängstigendes. Aus dem jähen Eintritt dieses Schweigens fühlte man heraus, daß es noch nicht zu Ende war, daß da noch in der Stille irgend etwas seinen Fortgang nahm, wie wenn der Gedanke in eine neue Phase eingetreten wäre und geheimnisvoll irgend etwas schaffe. Und rasch gingen die Tage dahin, wie Schwingungen ungeheurer Fittiche: ein Aufschwung – ein Tag, ein Abschwung – eine Nacht. Zweimal wurde zu ungewohnter Stunde der Polizeimeister »Zander« von der Frau Gouverneurin empfangen. Während er im Vorzimmer dem Portier seinen Arm hinstreckte, damit er ihm den Paletot abnähme, schalt er ihn abgewandt, in energischem Flüsterton aus wie einen seiner Polizisten oder einen Droschkenkutscher. Und als er den Paletot bereits abgelegt hatte, und den frischen Handschuh anzog, neigte er den geleckten Kopf zu dem weichen Backenbart des Portiers vor, fletschte die stockigen, von Tabak durchräucherten Zähne und hielt ihm die halb im Handschuh steckende Hand mit den baumelnden flachen Handschuhfingern dicht vor die Nase. Dasselbe tat er, wenn auch in geringerem Maßstabe, mit dem Lakaien. Dann nahm er die Haltung eines Mannes von Welt an und stieg die Treppe zum oberen Stockwerke empor. Er hätte es früher nie gewagt, die Dienerschaft des Gouverneurs zu schelten, jetzt aber lagen die Dinge so, daß er es konnte, ja sogar tun mußte. Gestern abend war dicht an der Auffahrt zum Gouverneurhause ein von den Geheimagenten aufgespürter, höchst verdächtiger Mensch arretiert worden: frühmorgens war er dem Gouverneur auf seinem gewohnten Spaziergang von weitem gefolgt, und dann hatte er sich den ganzen Tag in der Nähe des Hauses umhergeschlichen, hatte in die Fenster des Erdgeschosses hineingeschaut, sich hinter den Bäumen versteckt und sich überhaupt höchst verdächtig benommen. Bei der Verhaftung fand man weder Waffen noch irgend welche verdächtigen Gegenstände oder Papiere bei ihm, und man rekognoszierte ihn als den Kleinbürger Ipatikow, Kürschner von Profession; seine Aussagen waren jedoch unklar und verlogen, er versicherte, daß er nur einmal am Hause vorübergegangen sei, und schien offenbar irgend etwas zu verheimlichen. Bei einer Haussuchung in seiner Werkstatt fand man nichts außer den üblichen Pelzabfällen, einen angefangenen Pelzpaletot für einen Gymnasiasten und anderes Handwerkszubehör; Hauswirtschaft fand man bei ihm nicht vor; keine Waffen, keine Schriftstücke – gleichwohl erschien der Fall in hohem Maße dunkel und unaufgeklärt. Und niemand von der Dienerschaft des Gouverneurs, weder der Portier noch sonst jemand, hatte das verdächtige Subjekt bemerkt, obschon es wenigstens ein Dutzendmal am Paradeeingang vorübergegangen war; und in der Nacht hatte einer der Agenten, um eine Probe zu machen, an der Tür gerüttelt, und es zeigte sich, daß sie unverschlossen war, so daß er bis zur Portierloge gelangen, dort zum Zeichen seiner Anwesenheit einen Strich in die Wand kratzen und sich unbemerkt wieder entfernen konnte. Den Umstand, daß die Tür unverschlossen war, suchte der Portier mit Vergeßlichkeit zu entschuldigen, in einer Zeit jedoch, da alle ein Verbrechen erwarteten, war eine solche Bummelei unverzeihlich. »Ich bin in einer unmöglichen Lage, Exzellenz,« klagte »Zander« der Frau Gouverneurin, indem er den weißen Handschuh an seine parfümierte Brust legte. »Seine Exzellenz wollen von einer Schutzwache durchaus nichts wissen und gestatten nicht einmal, darüber zu reden; die Agenten – verzeihen Sie den Ausdruck – sind ganz auf den Hund gekommen vom ewigen Hergehen hinter Sr. Exzellenz, und schließlich ist alles zwecklos, da der erste beste Hallunke aus seinem Winkel hervor oder selbst über den Zaun hinweg Se. Exzellenz mit einem Steine treffen kann. Wenn, Gott verhüte es, irgend was passiert, dann wird es heißen: der Polizeimeister ist schuld, der Polizeimeister hat nicht acht gegeben, was kann ich denn aber tun gegen Seiner Exzellenz heiligen Willen? Versetzen sich Exzellenz 'mal in meine Lage – es ist geradezu – verzeihen sie den Ausdruck – um den Abschied zu nehmen, Exzellenz!« Es stellte sich heraus, daß »Zander« bereits seinen Plan fix und fertig hatte: Der Gouverneur sollte aus Gesundheitsrücksichten zwei oder drei Monate Urlaub nehmen und in irgend ein ausländisches Bad fahren; in der Stadt war äußerlich alles ruhig, in Petersburg war man dem Gouverneur wohl gewogen und würde ihm kaum irgendwelche Schwierigkeiten machen. »Sonst kann ich für nichts garantieren, Exzellenz,« schloß der Polizeimeister gefühlvoll. »Die menschliche Kraft hat ihre Grenzen, Exzellenz, und ich sage es in aller Offenheit: ich kann für nichts garantieren. Sind erst zwei, drei Monate vergangen, dann ist alles wunderschön vergessen, und dann – willkommen bei uns, Exzellenz. Dann wird gerade die italienische Oper herkommen: wir werden sie besuchen, und seine Exzellenz können wieder nach Herzenslust spazieren gehen.« »Was reden Sie da von der Oper!« sagte die Gouverneurin, doch ging sie auf den Vorschlag des Polizeimeisters ein, da sie selbst sehr beunruhigt war. Unten nahm sich der Polizeimeister noch einmal den Portier vor, diesmal jedoch ganz laut und ungeniert: »Ich will dich lehren! Ich will dir deinen Backenbart stutzen, du Fettschnauze! Läßt sich 'nen Backenbart wachsen wie 'n Geheimrat, der Hundskerl, und denkt, er braucht die Tür nicht zuzuschließen! Du sollst mir tanzen! Du ...« An diesem Abend bat Maria Petrowna ihren Gatten, mit ihr und den Kindern ins Ausland zu reisen. »Ich bitte dich, Pierre,« sagte sie mit ihrer müden Stimme und bedeckte dabei ihre Augen mit ihren langen braunen Wimpern, während die gelbe, gepuderte Haut auf den Wangen wie bei einem Wachtelhund herabhing. »Du weißt, daß meine Nieren nicht gesund sind – ich muß unbedingt nach Karlsbad.« »Aber kannst du nicht mit den Kindern hinfahren, ohne mich?« »Ach nein, Pierre, was redest du da! Ich werde mich so beunruhigen, wenn du nicht da bist. Ich bitte dich!« Sie sagte nicht, worüber sie sich beunruhigen würde – ihr Wunsch war auch ohnedies verständlich. Zu ihrer Überraschung ging Peter Iljitsch bereitwillig auf den Reiseplan ein, obwohl es für ihn, ganz abgesehen von den besonderen Umständen, schon genügt hätte, daß sie die Bitte aussprach, um seinen Widerspruch und einen Streit hervorzurufen. So war es nämlich bei ihnen üblich. »Das wird man doch nicht als Feigheit deuten können, nein!« dachte der Gouverneur. »Ich bin ja nicht selbst auf diese Reise verfallen, und vielleicht tut ihr wirklich eine Kur not, sie sieht ganz gelb aus, wie eine Zitrone. Sie haben immer noch Zeit genug, mich zu töten, und wenn sie nichts unternehmen, dann bin ich eben im Recht, und nicht sie. Und dann nehme ich meinen Abschied und gehe für immer fort – und richte mir eine schöne Orangerie ein.« Während ihm jedoch diese Gedanken durch den Kopf gingen, glaubte er weder an die Auslandsreise noch an die Orangerie – nur darum hatte er vielleicht so rasch eingewilligt, zu reisen. Und nachdem er eingewilligt hatte, vergaß er die Angelegenheit gleich wieder, als wenn sie nicht ihn, sondern irgend einen ersten besten anginge, zögerte unbegreiflich lange mit der Einreichung des Urlaubsgesuches, bestimmte den Tag, wann er es aufsetzen würde, und erinnerte sich der Sache erst zwei Tage nach dem festgesetzten Termin. Und wieder setzte er einen Tag fest, und wieder vergaß er ihn beharrlich. Auch die Gouverneurin, die schon der gefaßte Beschluß beruhigte, drängte ihn nur wenig – sie hatte sich diesmal mit ihrer Herbsttoilette verspätet und brauchte Zeit, um mit ihren Schneiderinnen fertig zu werden. Auch Sisi war noch nicht fertig. In der schweigsamen Einsamkeit, die den Gouverneur seit dem plötzlichen Aufhören der Briefsendungen umfing, fühlte er etwas Unvollendetes – wie einen Hinweis auf eine leise Stimme, die irgendwo in der Ferne erklang. So fühlt man in einem leeren Zimmer, wenn hinter der Wand gesprochen wird und man die Stimmen nicht hört. Und als nun wieder ein Brief ankam – ein letzter, verspäteter Brief – da nahm er ihn entgegen, als wenn er nur auf ihn gewartet hätte, und wunderte sich nur, daß er in einem schmalen, zartgetönten Kuvert steckte, auf dessen Rückseite ein Vergißmeinnicht abgebildet war. Und er kam nicht am Tage wie die andern Briefe, die abends oder nachts in den Briefkasten gesteckt waren, sondern mit der Abendpost, er war also erst vor kurzem, erst vor ein paar Stunden aufgegeben worden. Der kleine Briefbogen hatte gleichfalls einen zarten Farbenton und zeigte oben ein blaues Vergißmeinnicht; die Schrift war deutlich und sorgfältig. Die Zeilen waren jedoch am Ende häufig nach unten abgebogen, wie wenn die Briefschreiberin mit der Trennung der Silben nicht recht Bescheid wüßte und es vorzöge, die Wörter mit kleinen, niedergleitenden Buchstäbchen auszuschreiben. Bisweilen begann sie schon lange vor der Trennung, in der Voraussicht, daß die Worte nicht Platz haben werden, die Zeile nach unten zu biegen, daß sie aussah, wie ein kleiner Schneeberg, von dem sich die Kinder auf ihrem Schlitten, die Kleinsten voran, in langer Reihe niedergleiten lassen. Unterschrieben war der Brief: »Eine Gymnasiastin.« »Gestern träumte ich von Ihrem Begräbnis, und ich beschloß, Ihnen zu schreiben, obschon das nicht recht und eine Beleidigung der unglücklichen Arbeiter und kleinen Mädchen ist, die Sie getötet haben. Aber auch Sie sind ein unglücklicher Mensch, der Mitleid verdient, und darum schreibe ich Ihnen diesen Brief. Ich träumte, daß Sie nicht in einem schwarzen Sarge begraben wurden, wie sonst Greise und überhaupt ältere Leute, sondern in einem weißen, wie man sie für junge Mädchen nimmt, und es waren Polizisten, die Ihren Sarg trugen, auf der Moskauerstraße, doch trugen sie ihn nicht mit den Händen, sondern auf den Köpfen. Und hinter dem Sarge gingen auch nur Polizisten, und Verwandte von Ihnen waren nicht dabei, und überhaupt war niemand vom Publikum da, und selbst die Fenster und Pförtchen der Häuser, an denen Sie vorübergetragen wurden, waren alle mit Läden verschlossen, wie in der Nacht. Mir wurde so ängstlich zu Mute, daß ich erwachte und nachzudenken begann, und davon will ich Ihnen eben schreiben. Ich dachte: wahrscheinlich haben Sie wirklich keinen Menschen, der Sie beweinen könnte, wenn Sie sterben. Die Menschen, welche Sie umgeben, sind gefühllose Egoisten und denken nur an sich, und wenn man Sie tötet, werden sie, glaube ich, sogar froh sein, da sie selbst von dem Gouverneurposten träumen. Ihre Gattin kenne ich nicht, doch glaube ich nicht, daß in diesen von Eitelkeit und Genußsucht vergifteteten Gesellschaftskreisen feinfühlige und gute Frauen zu finden sind. Von den ehrenwerten Leuten wird niemand Sie zu Grabe geleiten, da alle über Ihr Verhalten gegenüber den Arbeitern empört sind, und von einem Herrn habe ich sogar erfahren, daß man Sie aus dem Club ausschließen wollte und nur vor der Regierung Angst hatte. Seelenmessen haben gar keinen Wert, da unser Bischof, wie Sie selber wissen, bereitwillig auch für einen Hund eine Seelenmesse lesen würde, wenn er nur gut dafür bezahlt wird. Und wie ich bedachte, daß Sie selbst das alles jedenfalls sehr gut wissen, auch ohne daß ich es Ihnen schreibe, da taten Sie mir sehr leid, als wenn ich Sie persönlich kennen würde. Gesehen habe ich Sie nur zweimal: einmal auf der Moskauerstraße, aber das ist schon lange her, und ein zweites Mal bei unserem Schulakt, als Sie mit dem Bischof angefahren kamen, aber Sie werden sich natürlich meiner nicht mehr besinnen. Und ich schwöre, daß ich für Sie beten und um Sie weinen werde, als wäre ich Ihre Tochter, weil Sie mir sehr, sehr leid tun. P. S. Bitte, verbrennen Sie diesen Brief. Sie tun mir sehr, sehr leid.« Er gewann die kleine Gymnasiastin lieb. Spät am Abend, kurz vor dem Schlafengehen, durchschritt er den dunklen Saal und trat auf den Balkon hinaus – denselben Balkon, von dem aus er das Zeichen mit dem weißen Taschentuch gegeben hatte. Schon hatte das trübe, naßkalte Herbstwetter eingesetzt, und die Nacht war finster vom dichten, herbstlichen Dunkel; und in der Schwere dieses Dunkels fühlte man, wie fern die Sonne war, wie lange sie schon weg war, und wie spät sie erst wiederkommen würde. Weithin zur Linken, an der Auffahrt, brannten zwei helle Laternen mit Reflektoren; und ihr weißes Licht drang in die Finsternis vor, verscheuchte sie jedoch nicht: da stand sie immer noch, ruhig, dicht und wuchtig. Die Stadt schlief wahrscheinlich schon, da man neben den wenigen Laternen in den Straßen nicht ein einziges erhelltes Fenster sah und auch kein Wagengerassel vernahm. Unter einer der Laternen schimmerte etwas undeutlich – wahrscheinlich eine Pfütze. Das Gymnasium ist längst geschlossen, und sie hat vermutlich längst ihre Schulaufgaben gemacht und schläft nun irgendwo in diesem schwarzen, von Schweigen erfüllten Raume. Von dorther schickten sie ihm die Briefe und die Drohungen, von dorther wird der Tod zu ihm kommen ... aber dort ist auch dieses kleine Mädchen, das nun schläft, und das um ihn weinen wird. Wie ruhig ist es, wie dunkel – wie still. VIII. Zwei Wochen vor dem Tode des Gouverneurs wurde eine in Leinwand eingenähte Postsendung, deren Wert auf drei Rubel angegeben war, im Gouverneurshause abgeliefert. Als man sie öffnete, kam eine Höllenmaschine zum Vorschein – ein mit Pulver geladenes Geschoß, das so konstruiert war, daß es beim Öffnen der Sendung explodieren sollte. Es war jedoch schlecht konstruiert von der unerfahrenen Hand irgend eines Dilettanten, der nur von der Existenz ähnlicher Dinge gehört hatte, und konnte überhaupt auf keine Weise explodieren. Und in dieser Naivität der Zurüstung lag etwas stumpfsinnig Grausames und Furchteinflößendes, wie wenn der blinde Tod seine Fühler ausstreckte und im Dunkel damit herumtastete. Der Polizeimeister schlug Alarm und die Frau Gouverneurin bestand darauf, daß Peter Iljitsch sich noch am selben Tage in Petersburg krank melde; sie fuhr auch selbst zu ihrer Schneiderin und schrieb ihrem Sohn außerdem einen französischen Brief voll entsetzlicher Dinge. Mit dem Gouverneur aber ging um diese Zeit eine höchst sonderbare und radikale Wandlung vor, die an Stelle des Menschen, den alle kannten und an den alle gewöhnt waren, ein völlig neues Bild setzte. Niemand konnte mit Bestimmtheit sagen, wann das eigentlich geschehen war: ob an jenem Tage oder etwas früher, oder etwas später, und er schien auch im Grunde genommen der Alte, aber sein Gesicht und sein Mienenspiel bekam mit einem Male einen Ausdruck der Aufrichtigkeit, daß es schien, als sei es ein ganz neues Gesicht. Es lächelte dort, wo es früher ruhig geblieben war, es verfinsterte sich, wo es früher gelächelt hatte, es war gleichgültig und gelangweilt, wo es früher Teilnahme und Aufmerksamkeit gezeigt hatte. Und ebenso unheimlich aufrichtig wurde er in seinen Gefühlen und der Art, sie auszudrücken: er schwieg, wenn er Lust hatte zu schweigen, ging fort, wenn er fortgehen wollte, kehrte in der Unterhaltung den Leuten ruhig den Rücken, wenn sie ihm langweilig schienen. Und diejenigen, die seit vielen Jahren seiner Liebe und Zuneigung sicher zu sein glaubten, die alle seine Gefühle und Stimmungen kannten, sahen sich plötzlich von ihm vernachlässigt, ganz zur Seite geschoben und kannten sich in seinen Gefühlen und Stimmungen nicht mehr aus. All die Verbeugungen, Händedrücke, freundlichen Blicke und liebenswürdig lächelnden Mienen waren plötzlich verschwunden, die gelegentlichen Höflichkeitsfloskeln – »wenn ich bitten darf, mein Lieber« – »Sie werden mich sehr verbinden, Verehrter« – alles das, woran man bei ihm gewöhnt war, blieb aus seiner Rede ganz und gar fort, und die Leute waren verblüfft durch die seltsame, ja sogar beängstigende Neuheit dessen, was nun ans Licht trat. So mögen die Tiere, die gewohnt sind, die Kleidung des Menschen für den Menschen selbst zu nehmen, beim Anblick des nackten Menschen verblüfft sein. Nur höflich zu sein hatte er aufgehört, und sogleich war das Band zerrissen, das ihn seit vielen Jahren mit seiner Gattin, seinen Kindern, seiner Umgebung verknüpfte – wie wenn es einzig auf freundlichen Mienen und Komplimenten beruht hätte und zugleich mit den Handküssen verschwunden wäre. Er verurteilte sie nicht, fand keinen Haß gegen sie, hatte nicht einmal irgend etwas Neues, Abstoßendes an ihnen bemerkt – sie fielen einfach aus seiner Seele heraus, wie faulige Zähne aus dem Munde herausfallen, wie die Haare ausfallen, wie eine abgestorbene Haut abgestreift wird: schmerzlos, ohne Gefühl, in aller Ruhe. Verlassen und einsam stand er da, als er den Schleier der Höflichkeit und Gewohnheit abgeworfen hatte, und er fühlte es nicht einmal – als wenn die Einsamkeit stets, in all den Tagen seines langen und bewegten Lebens, sein natürlicher Zustand gewesen wäre, immer so unberührbar wie das Leben selber. Am Morgen vergaß er zu grüßen, am Abend gute Nacht zu sagen, und wenn die Gattin ihm die Hand, und seine Tochter Sisi ihre glatte Stirn hinhielt, wußte er nicht, was er mit der Hand und der glatten Stirn anfangen sollte. Wenn Gäste zum Frühstück kamen, der Vize-Gouverneur mit seiner Gattin oder Koslow, erhob er sich nicht, um sie zu grüßen, machte kein erfreutes Gesicht, sondern fuhr eilig fort zu essen. Und wenn er sich satt gegessen hatte, bat er nicht erst Maria Petrowna um die Erlaubnis, aufstehen zu dürfen, sondern stand einfach auf und ging hinaus. »Wohin gehst du denn, Pierre? Bleib doch bei uns, wir langweilen uns. Es gibt auch gleich Kaffee.« Er antwortete ruhig: »Nein, ich geh' lieber in mein Zimmer. Kaffee trink ich nicht.« Und das Unhöfliche der Antwort verschwand hinter ihrer Aufrichtigkeit und Schlichtheit. Er mochte Sisis neue Kleider nicht sehen, begrüßte die Gäste nicht, die ins Haus kamen, überließ es der Frau Gouverneurin, nach Vorwänden für sein Fernbleiben zu suchen, hörte ganz und gar auf, sich mit den Gästen zu befassen und weigerte sich, Berichte ohne Darlegung der Motive anzunehmen. Bittsteller jedoch empfing er einmal in der Woche, und er hörte jeden aufmerksam an, mit einem Interesse, das sogar ein wenig unhöflich erschien, da er den Bittsteller von den Füßen bis zum Kopfe musterte. »Sind Sie überzeugt, daß es so besser sein wird?« fragte er, nachdem er ihn angehört hatte. Und sobald er dann die verwunderte und zugleich bestätigende Antwort erhalten hatte, versprach er die Bitte zu erfüllen. Wahrscheinlich dachte er in diesen Stunden nicht an die Grenzen seiner Macht, oder er hatte eine übertriebene Vorstellung davon, jedenfalls entschied er öfters Angelegenheiten, die gar nicht zu seinem Ressort gehörten; der neue Gouverneur hatte dann in der Folge viel Scherereien mit der so entstandenen Verwirrung, um so mehr, als viele Angelegenheiten von ganz unerlaubt verwickeltem Charakter waren. Um im übrigen die schlechte Stimmung ihres Gatten ein wenig zu verscheuchen, kam Maria Petrowna öfters in sein Kabinett, probierte mit der Hand, ob sein Kopf nicht heiß sei, und begann vom Ausland zu reden. Aber er schaffte sie sich sehr einfach und wenig höflich vom Halse. »Nun, schon gut, geh' nur. Ich möchte allein bleiben. Du hast ja deine eignen Zimmer, ich störe dich dort auch nicht!« »Wie hast du dich verändert, Pierre!« »Unsinn, Unsinn!« sprach er mit seinem lauten Kommandobaß und lehnte sich dabei mit dem Rücken gegen den kalten, schlechtgeheizten Ofen. »Geh, geh und bring deinen Mops zum Schweigen, man hört nichts weiter als sein Gebell im ganzen Hause.« Von seinen früheren Gewohnheiten hatte Peter Iljitsch nur das Kartenspiel beibehalten; er spielte zweimal in der Woche »Whist« mit niedrigen Einsätzen und er spielte mit sichtlichem Vergnügen, ernst und sachgemäß, und wenn sein Partner einen Fehler beging, stieg er ihm gehörig aufs Dach. »Wo haben Sie denn Ihre Gedanken, mein Herr? ich habe doch Schel–len ausgespielt!« schmetterte er laut, wobei er das Wort Schellen so aussprach, als wenn er eine Schelle ertönen ließe; und Maria Petrowna hörte im Gastzimmer die Worte ihres Mannes, lächelte und schüttelte mit müder Nachsicht den Kopf. Ihre gelben Wangen hingen herab, wie bei einem Wachtelhund, der Puder stob von ihren Backen und die braunen, großen, kugelförmigen Lider senkten sich wie eiserne Rolläden in einem Magazin und hoben sich wieder. Ihr wie den andern schien es in diesem Augenblick ausgeschlossen, daß jemand den Entschluß fassen könnte, einen Menschen zu töten, der so Karten spielt. Und die ganzen zwei Wochen bis zu seinem Tode wartete er. Wahrscheinlich waren in seinem Kopf auch noch andere Gedanken – an das Alltägliche, an das Gewohnte, an das Vergangene. Die üblichen alten Gedanken eines Menschen, dessen Muskeln und Hirn längst verknöchert waren; wahrscheinlich dachte er an die Arbeiter und an jenen traurigen, entsetzlichen Tag – aber alle diese Gedanken blieben unklar und oberflächlich, verflogen rasch und verschwanden im Augenblick wieder, wie die leichte Kräuselung auf dem Flusse, die ein Windhauch erzeugt. Und von neuem, und zu jeder Zeit stand ruhig, gleich dem schwarzen Wasser der Tiefe, die bodenlose, schweigende Erwartung da. Es schien, als ob mit den Gedanken wie mit den Menschen ihn nur die Höflichkeit und die Gewohnheit verbände, und wenn diese entschwanden, waren auch die Gedanken entschwunden. Und er war in seinem Kopfe ebenso einsam wie in seinem Hause. Er wartete. Wie immer stand er um sieben Uhr auf, nahm eine eiskalte Douche, trank Milch und unternahm bereits um acht Uhr seinen gewohnten Spaziergang; und jedesmal, wenn er die Schwelle seines Hauses überschritt, erwartete er, daß er sie nicht wieder überschreiten würde, daß der zweistündige Spaziergang sich in einen endlosen Fall ins Unbekannte verwandeln würde. Mit seinem rotgefütterten Generalmantel angetan, hochgewachsen, breitschulterig, soldatisch, den grauen Kopf ein wenig zurückwerfend, wandelte er zwei Stunden lang wie ein majestätisches Gespenst durch die Stadt, an den vom Regen geschwärzten hölzernen Häuschen, den endlosen Zäunen und leeren Plätzen entlang, vorüber an den Magazinen und Läden mit vor Kälte zitternden, sich tief verneigenden Kommis. Ob die abgeblendete Oktobersonne schien oder der grämliche feine Dauerregen niedersickerte, er tauchte unfehlbar in den Straßen auf – ein majestätisches und zugleich trauriges, mit gemessenen und harten Schritten einherschreitendes Gespenst, ein Toter, der im Parademarsch sein Grab suchte. Geradeaus schritt er durch Kot und Pfützen, in denen das rote Futter seines offenen Paletots sich spiegelte, geradeaus durchschritt er die Straßen, ohne die militärisch grüßenden Polizisten oder die Equipagen, die er in ihrer Fahrt aufhielt, zu bemerken; – und hätte man so von oben aus der Vogelperspektive seinen täglichen Weg der Erwartung aufgenommen, man hätte eine ganz absonderliche Kombination von kurzen, geraden Linien bekommen, die quer durcheinander fuhren und sich zu einem stachligen, schmerzlich in die Augen stechenden Knäuel verwirrten. Er warf nur selten einen Blick zur Seite und sah niemals zurück; aber auch vor sich sah er, ganz in die abgrundtiefe, schwarze Erwartung versunken, kaum irgend etwas – viele Grüße ließ er unbeantwortet, und viele erschrockene Augen begegneten seinem gleitenden Blick, der nichts sah, der so gerade war wie seine Schritte, und ließen ihn gleichsam durch sich hindurchgehen. Und als er bereits ermordet und längst begraben war – und der neue Gouverneur, ein junger, höflicher Mensch, von Kosaken umringt rasch und vergnügt in seiner Equipage durch die Stadt fuhr, erinnerten sich noch viele dieses durch zwei volle Wochen umherspukenden, von dem uralten Gesetz heraufbeschworenen Gespenstes: des grauhaarigen Mannes im Generalspaletot, der geradeaus durch den Kot schritt, des zurückgeworfenen Kopfes, des nichts sehenden Blickes und des roten Seidenfutters, das sich grell in den schweigsamen Pfützen spiegelte. Das Gedränge der Hauptstraßen mit seiner aufdringlichen Neugier war ihm lästig, und er verlor sich lieber in den schmutzigen, stillen Seitengassen mit ihren dreifenstrigen, kleinen Häuschen, ihren Zäunen und schmalen hölzernen, glitschigen Seitengängen, die die Stelle des Trottoirs vertraten. In allen diesen Tagen hatte er beständig den einen Wunsch: einmal der Kanatnaja einen Besuch abzustatten, sie vorwärts und rückwärts ganz zu durchschreiten, aber er konnte sich nicht entschließen, es auszuführen: es schien ihm zu peinlich, zu schrecklich, schrecklicher als der Tod. Und er empfand ein unbestimmtes Erstaunen darüber, wie er früher, im September, so ohne weiteres furchtlos durch diese Gasse fahren und sogar den Wunsch hegen konnte, dort jemandem zu begegnen, um ihn zu grüßen. Eine Straße jedoch besuchte er jeden Tag, und zwar durchschritt er sie ohne die sonstige Hast, wie ein gutmütiger, etwas sonderbarer alter General, der ruhig spazieren geht. Diese Straße führte nach dem Mädchengymnasium, und an jedem Morgen, in der neunten Stunde, wimmelte es hier von kleinen Gymnasiastinnen; und er grüßte die Mädchen zuerst, höchst ehrerbietig und ernst, sogar die kleinsten unter ihnen, die ganz kurze, braune Kleidchen, dünne Beinchen und mächtige Bücherranzen hatten, und sie erwiderten seinen Gruß verlegen. Seine kurzsichtigen Augen vermochten die Gesichter nicht zu unterscheiden, sie erschienen ihm alle, die der kleinen Mädchen sowohl wie die der großen, schlanken Backfische als rosige Blütenblätter mit Mützchen. War die letzte vorübergegangen, so lächelte er still mit der linken Schnurrbarthälfte und schaute pfiffig drein – und bei der nächsten Straßenbiegung verwandelte er sich wieder in den Toten, der im Parademarsch sein Grab suchte. In den ersten Tagen folgten ihm auf den geheimen Befehl des Polizeimeisters in einiger Entfernung zwei Agenten, die er nicht bemerkte, da er nie zurücksah. Anfangs folgten sie ihm gewissenhaft auf seinen launenhaften Kreuz- und Quergängen, bald jedoch wurden sie der Sache müde: es schien ihnen töricht, hinter einem Menschen herzulaufen, der in höchst unverständiger Weise sich an den gefährlichsten Orten umhertreibt. Sie blieben denn auch ab und zu vor bekannten Läden stehen, schwatzten mit den Polizisten, kehrten auch ein Viertelstündchen in einer Schenke ein, und es kam vor, daß sie den Gouverneur für ganze Stunden aus dem Auge verloren. »Ist ja alles egal, 's ist eben nicht zu machen,« meinte zu seiner Rechtfertigung der eine, der mit seinem rasierten, ehrbar dreinschauenden Gesichte einem Konsistorialbeamten glich und im übrigen ein höchst nüchterner Mensch war; er kaute hastig an einer heißen Pastete und hob, obschon er sie noch nicht heruntergeschluckt hatte, mit der linken Hand schon den Metalldeckel von dem Kasten ab, um sich eine neue herauszulangen. »Wenn ein Mensch auf die alten Tage verrückt wird und selber auf den Spieß losrennt – was ist da mit ihm zu machen, sagen Sie, bitte?« »'s ist eben nur der Form wegen,« meinte der Buffetier. »Und ›Zander?‹« fragte der andere, ein schnurrbärtiger, finsterer Mensch, der einem durch Trunksucht heruntergekommenen Gutsbesitzer glich, in Wirklichkeit jedoch ein kleiner Falschspieler war, der Pech gehabt hatte. Mürrisch, mit gierigem, an einen fressenden Hund erinnernden Schlingen verschluckte er eine Wurst, einen Hering, kurz, alles, was ihm unter die Hand kam, und während er anscheinend recht langsam aß, schlang er in Wirklichkeit sehr rasch und viel. Auch Branntwein trank er, doch war er niemals betrunken, wie er auch nie satt war. »Was denn – Zander? Der weiß doch ganz genau, daß wir keine Engel vom Himmel sind.« »Wie 'n Pferd bei 'ner Feuersbrunst – ganz genau so ist er: man will es aus'm Stalle ziehn, und es sträubt sich. Mag's dreist verbrennen – aber weggehn wird's nicht,« sagte der Buffetier. »Nein, Engel sind wir nicht,« wiederholte der Erste mit einem Seufzer. Sie hatten in der Tat mit Engeln nichts gemein, diese beiden armseligen Burschen, und nicht ihren Händen kam es zu, den Berg aufzuhalten, der auf den Menschen herabfiel. Nach Hause zurückkehrend und die Schwelle überschreitend, fühlte der Gouverneur doch keine Freude darüber und dachte auch gar nicht daran, daß er nun noch einen Tag leben blieb; er nahm das ohne Nachdenken hin; als wenn er sogar die Bedeutung seiner Wanderung vergessen hätte, und er harrte des nächsten Tages mit derselben machtvollen, dunklen Erwartung. Und die leeren, untätigen Tage vergingen furchtbar rasch, die Zeit aber schritt nicht vorwärts: wie wenn der Mechanismus, der die neuen Tage herausstößt, verdorben wäre und statt des folgenden Tages immer wieder denselben alten herausgäbe. Auch der Kalender auf dem Schreibtisch, den er stets selbst zu stellen pflegte – gewöhnlich des Abends, als wenn er den kommenden Tag riefe – auch der blieb auf irgend einem alten längst vergangenen Tage stehen; und wenn er bisweilen auf diese starre, schwarze Ziffer blickte, ohne selbst zu erraten, was sie bedeute, fühlte er ein Brennen in der Brust, eine Art leichter Übelkeit, und wandte rasch die Augen ab. »Unsinn!« sagte er ärgerlich; wenn er jetzt allein war, brachte er häufig laut einzelne, durch keinen bestimmten Gedanken verbundene Worte hervor, und ganz besonders häufig gebrauchte er die Worte: »Unsinn!« und »Schmachvoll!« Den Tod fürchtete er nicht und stellte sich ihn ganz äußerlich vor: man wird auf ihn schießen, und er wird hinfallen; dann folgt das Begräbnis, die Musik, die Orden, die man hinter ihm herträgt, und so weiter. Tapfer wollte er ihm entgegentreten. Er dachte auch gar nicht daran, ob jenseits des Grabes ein zweites Leben und ein Gericht sein wird oder nicht; für ihn war alles hier zu Ende. Und er aß tüchtig, mit dem gewohnten Appetit, und schlief fest und traumlos. Einmal jedoch in der Nacht – es war drei Tage vor seiner Ermordung – mußte er wohl irgend einen schweren Traum gehabt haben, denn er erwachte von seinem eigenen dumpfen, heiseren Stöhnen. Und als er diese seine eigene, ungewohnte und schaurige Stimme vernahm, und dem Dunkel vor den Augen begegnete, fühlte er den Schauer und die Erschöpfung des Todes. Er zog die Decke über den Kopf, rollte sich, indem er die knochigen Kniee ans Gesicht zog, in ein verknotetes Bündel zusammen, und als ob er in einem Augenblick den ganzen Weg rückwärts vom Alter zur Kindheit geschritten wäre, begann er leise und bitter zu weinen und das feuchte, verschwiegene, weiche Kissen zu bitten: »Erbarmt euch meiner! Kommt doch zu mir, irgend jemand, wer's auch sei! Erbarmt euch meiner! O – o – o!« Aber ihm blieb doch der große, alte Leib und die laute, grobe Stimme, und bald fühlte er durch die Tränen hindurch sich selbst wieder ganz, und seine ganze sonderbare Haltung, und er schwieg. Und lange lag er schweigend, immer in derselben Pose, und starrte unter der Decke mit weit geöffneten Augen in das Dunkel. Und am Morgen zog er wieder seinen Generalsmantel an; und noch zwei Tage spiegelte sich das schimmernde rote Futter in den Pfützen, hastete das majestätische Gespenst durch die Straßen – der Tote, der im Parademarsch sein Grab suchte. Die Sache ging sehr einfach und rasch vor sich – wie wenn ein Bild in einem Guckkasten vorübergezogen wäre. An einer Straßenkreuzung, am Ausgang auf einen schmutzigen, kleinen Platz, auf dem an jedem Freitag ein Heumarkt abgehalten wurde, hielt eine unentschlossene Stimme den Gouverneur auf: »Exzellenz!« »Ja?« Er blieb stehen und wandte den Kopf um: Quer über die Straße, von einem einsamen Zaun her, mit den Füßen im Kot ausgleitend, kamen hastig zwei Menschen auf ihn zu, einer in hohen Stiefeln, der andere in Halbschuhen, ohne Galoschen mit aufgeschlagenen Beinkleidern. Von den durchnäßten Füßen fror es diesen wahrscheinlich, denn sein Gesicht war grünlich-bleich, und das blonde Haar löste sich gleichsam von der Haut ab. In der linken Hand hielt er ein zusammengefaltetes Papier, und die rechte hatte er tief in die Tasche gesteckt. Und sogleich ward alles offenbar: ihm, daß der Tod gekommen war, und ihnen – daß er darum wußte. »Entschuldigen Sie!« sagte der eine, und über sein Gesicht ging ein rasches Zucken. »Eine Bittschrift? Um was handelt es sich?« fragte ebenso überflüssig, doch gewissermaßen verpflichtet, das Spiel mitzumachen, der Gouverneur. Doch streckte er seine Hand nicht nach der Bittschrift aus. Jener hielt in der linken Hand immer noch das Blatt Papier, das niemanden täuschen konnte, und ohne es dem Gouverneur zu übergeben, zerrte er mit der rechten, vor Anstrengung die Brauen runzelnd, an dem im Taschenfutter verwickelten Revolver. Der Gouverneur sah sich rasch von der Seite her um: der schmutzige, öde Platz mit den in den Kot getretenen Heuhalmen, der einsame Zaun – einerlei, es war zu spät. Er stieß einen Seufzer – einen kurzen, aber schaurig tiefen Seufzer aus und richtete sich auf – ohne Furcht, doch auch ohne Herausforderung; doch lag da irgendwo, vielleicht in den feinen Fältchen der großen, alten, fleischigen Nase, eine kaum merkbare, stille, ergebene Bitte um Schonung und eine Spur von Gram! Aber er selbst wußte nicht darum, und auch die beiden Menschen sahen es nicht. Er fand seinen Tod durch drei rasch aufeinander folgende Schüsse, die in ein einziges zusammenhängendes, lautes Knattern verschmolzen. Drei Minuten später eilte ein Polizist herbei, ihm folgten die Geheimagenten und das Volk – wie wenn sie alle irgendwo in der Nähe, hinter einer Ecke, das Ende erwartet hätten. Und der Leichnam wurde bedeckt. Nach weiteren zehn Minuten kam bereits der Lazarettwagen mit dem roten Kreuz an – und in der ganzen Stadt flogen gleich geschleuderten Steinen die Fragen und Antworten durch die Luft: »Ist er getötet?« »Auf dem Fleck.« »Wer war's? Hat man sie gefaßt?« »Nein, sie sind entkommen. Unbekannt, wer. Drei Mann.« Und den ganzen Tag sprachen sie erregt von der Ermordung, die einen tadelnd, die andern gutheißend und frohlockend. Aus allen Reden aber, welcher Art sie auch sein mochten, fühlte man daz leise Zittern einer großen Furcht heraus: etwas Gewaltiges, Alleszermalmendes schwebte gleich einem Cyklon über dem Leben, und hinter all seinen nichtigen Kleinigkeiten, seinen Samowaren, Betten und Weizenkuchen trat aus dem Nebel das drohende Bild des Gesetzes der Rache hervor. Die kleine Gymnasiastin weinte. So war's Skizze aus der Zeit der großen Revolution Das russische Original ist zuerst in Deutschland erschienen. I. Mitten auf einem Platze stand ein riesiger, schwarzer Turm mit dicken Festungsmauern und wenigen Fenstern, wie Schießscharten. Raubritter hatten ihn erbaut, aber die Zeit war über sie hinweggegangen, und der Turm diente nun teils als Gefängnis für gefährliche und schwere Verbrecher, teils zu Wohnräumen. Alle hundert Jahre wurden neue Teile angebaut, man schloß sie dicht an die dicke Umfassungsmauer. Allmählich entstand so ein ganzes Städtchen, das am Felsen klebte und einen unregelmäßigen Wald von Schornsteinen, Türmchen und scharfen Dächern bildete. Wenn im Westen der grünliche Himmel erglänzte, und in den Fenster hie und da, bald oben, bald unten, Lichter aufsprühten, nahmen die schwarzen Mauermassen wunderliche, phantastische Umrisse an, und es schien, als breite sich unten, zu ihren Füßen, nicht die gewöhnliche Straße aus, sondern das Meer, die grenzenlose salzige Flut. Und man wurde dann an alte Zeiten, an längst Vergessenes und Vergangenes gemahnt. Auf dem Turme befand sich eine riesengroße alte, von weitem sichtbare Uhr, deren kunstvolles Werk ein ganzes Stockwerk einnahm. Sie wurde von einem Manne betreut, der einäugig war und darum sehr bequem durch die Lupe sehen konnte. Aus diesem Grunde war er Uhrmacher geworden und hatte lange an kleinen Uhren gearbeitet, bevor man ihm die große übertragen. Bei diesem Dienste fühlte er sich wohl und oft betrat er, ohne Notwendigkeit, bei Tage und bei Nacht, das Zimmer, wo die Zahnräder und Hebel sich langsam bewegten, und der Riesenpendel mit breitem gleichmäßigen Schwung die Luft durchschnitt. Wenn der Pendel die Höhe seines Schwunges erreichte, sagte der Alte: »So war's!« Er fiel herab, stieg zu neuer Höhe empor und der Einäugige sagte dazu: »So war's – so wird's, so war's – so wird's.« Mit diesen Worten gab der Uhrmacher den eintönigen, geheimnisvollen Schlag des Pendels wieder. Durch den Umgang mit der großen Uhr war er ein Philosoph geworden, wie man damals zu sagen pflegte. Über die alte Stadt, wo der Turm stand, und über das ganze Land ragte ein Mann empor, ein rätselhafter Gebieter über Land und Stadt. Die geheimnisvolle Macht dieses Einzigen über Millionen war ebenso alt, wie die Stadt selbst. Er wurde König genannt und trug den Beinamen: der Zwanzigste, nach der Zahl seiner gleichnamigen Vorgänger, aber das erklärte gar nichts. Ebensowenig, wie der Ursprung der Stadt, war auch der Ursprung dieser seltsamen Macht irgend jemand bekannt; soweit das menschliche Gedächtnis reichte, zeichnete sich in der Vergangenheit stets dieses rätselhafte Bild Eines, der über Millionen gebot, ab. Dahinter stand die stumme Vergangenheit, in die das menschliche Gedächtnis nicht mehr hinabreichte. Aber auch sie öffnete manchmal den Mund und spie einen Stein aus, eine kleine mit irgendwelchen Zeichen beschriebene Scherbe, einen Brocken von einer Säule, einen Ziegelstein aus einer zerstörten Mauer, und schon diese Zeichen erzählten von Einem, der über Millionen gebot. Titel, Namen und Beinamen wechselten, aber das Bild blieb unverändert, unsterblich. Der König kam zur Welt und starb wie andere Menschen, auch in seinem Äußeren, das allen gegenwärtig war, war er ein Mensch. Machte man sich aber das grenzenlose Gebiet der Macht und Herrschaft klar, über das er verfügte, so konnte man eher annehmen, er sei ein Gott, um so mehr, als man auch Gott sich stets menschenähnlich vorstellte, ohne daß dadurch übrigens dessen besonderes unbegreifliches Dasein in Frage gestellt wurde. Der Zwanzigste war König. Das bedeutete, er konnte einen Menschen glücklich und unglücklich machen; er konnte ihn des Vermögens, der Gesundheit, der Freiheit, selbst des Lebens berauben; auf ein Wort von ihm gingen Zehntausende von Menschen in den Krieg, um zu töten oder zu sterben; in seinem Namen wurde Recht und Unrecht, Gutes und Böses, Grausamkeit und Barmherzigkeit geübt. Seine Gesetze waren nicht weniger gebieterisch als die Gebote Gottes; er unterschied sich in seiner Macht aber doch von Gott, denn er konnte seine Gesetze beständig ändern, während Gott seine Gebote niemals ändert. Fern oder nahe stand er stets über dem Leben; wenn der Mensch zur Welt kam, fand er zugleich mit der Natur, mit Städten und Büchern stets den König vor; wenn er starb, verließ er die Natur, Städte, Bücher und auch den König. Die mündliche und schriftliche Geschichte des Landes bot Beispiele großmütiger, gerechter und guter Könige; und obgleich es auf Erden stets Menschen gab, die besser waren als sie, so schien es immerhin begreiflich, weshalb diese herrschten, häufiger aber geschah es, daß der König der schlechteste auf Erden war, grausam, ungerecht, aller Tugenden bar und sogar verrückt, – aber auch dann blieb er der rätselhafte Einzige, der über Millionen gebot, und seine Macht wuchs zugleich mit seinen Verbrechen. Alle haßten und verfluchten ihn, er aber befahl über die Hassenden und Fluchenden; – und diese wilde Macht wurde zum Rätsel, und zu der Furcht des Menschen vor dem Menschen kam das mystische Grauen vor dem Unbekannten hinzu. Daher konnte es geschehen, daß Weisheit, Tugend und Menschlichkeit der Könige Macht schwächten und strittig machten, während Tyrannei, Wahnsinn und Bosheit sie festigten. Daher kam es auch, daß der allermächtigste dieser rätselhaften Gebieter keinen Einfluß hatte auf die Schaffenskraft und das Gute, während der schwächste von ihnen in Zerstörungswut und Bosheit den Teufel und alle höllischen Mächte übertraf. Das Leben vermochte er nicht zu geben, – den Tod jedoch gab er unaufhörlich, – dieser rätselhafte Spender des Wahnwitzes, des Todes und des Bösen; und um so höher erhob sich der Thron, je mehr menschliches Gebein für sein Fundament niedergelegt wurde. Auch in andern Nachbarländern saßen Herrscher auf dem Thron, und auch ihre Macht verlor sich in der Unendlichkeit der Zeiten. Es gab Jahre und Jahrhunderte, da in einem der Reiche der geheimnisvolle Herrscher verschwand; aber noch niemals war es vorgekommen, daß die ganze Erde von ihnen frei war. Wieder verstrichen Jahrhunderte, und von neuem erstand, man wußte nicht woher, im Reiche ein Thron, und wieder saß darauf ein rätselhaftes, in der Vereinigung von Kraftlosigkeit und unsterblicher Macht unbegreifliches Wesen. Mit seiner Rätselhaftigkeit bezauberte es die Menschen: zu allen Zeiten gab es unter ihnen solche, – und ihre Zahl war groß, – die es mehr liebten, als sich selber, mehr, als ihre Frauen und Kinder, und die demütig, ohne zu murren und zu klagen, von ihm und in seinem Namen, wie aus den Händen Gottes, den grausamsten und schmachvollsten Tod empfingen. Der Zwanzigste und seine Vorgänger zeigten sich selten dem Volke und wurden nur von wenigen gesehen; aber sie liebten es alle, das Volk mit ihren Bildern zu beschenken, die sie auf Münzen prägen, in Stein hauen, unzählige Male auf Leinwand abdrucken und überall durch künstlerische Erfindungen verschönern und vervollkommnen ließen. Man konnte keinen Schritt machen, ohne ihr Gesicht zu sehen, – stets dasselbe simple und rätselhafte Antlitz, das sich durch seine Häufigkeit gewaltsam in das Gedächtnis eindrängte, die Einbildung überwältigte und eine Art von Allgegenwart erwarb, zu der erwähnten Unsterblichkeit des Einen. Und Menschen, die sich ihres Großvaters nur schwach erinnerten und ihren Urgroßvater gar nicht kannten, waren mit dem Antlitz des Gebieters, der vor 100, 200, 1000 Jahren geherrscht hatte, genau vertraut. Und wie gewöhnlich das Gesicht des Einen, der über Millionen gebot, auch immer sein mochte, stets ruhte auf ihm das Siegel des Geheimnisses und des schrecklichen Rätsels. So wie das Antlitz eines Verstorbenen rätselhaft und bedeutsam erscheint, denn aus seinen gewohnten, bekannten Zügen blickt der geheimnisvolle und mächtige Tod selber hervor. So hoch stand über dem Leben der König. Menschen starben, ganze Geschlechter verschwanden von der Erde, er aber änderte nur den Namen, wie die Schlange ihre Haut: nach dem Elften kam der Zwölfte, dann der Fünfzehnte, dann wieder der Erste, der Fünfte, der Zweite, und in diesen kalten Ziffern ertönte dieselbe Notwendigkeit, wie in den Bewegungen des Pendels, der die Minuten anzeigte. »So war's – so wird's.«   II. Und es geschah, daß in dem großen Reiche, dessen Gebieter der Zwanzigste war, Revolution ausbrach, – ein Aufstand von Millionen, ebenso rätselhaft, wie die rätselhafte Macht des Einen. Etwas Seltsames geschah mit den festen Banden, die den König und das Volk vereinten; sie begannen sich lautlos, unmerklich geheimnisvoll zu lösen, – wie in einem Körper, aus dem das Leben gewichen war und in welchem nun neue, bisher irgend verborgene Kräfte ihre Arbeit beginnen. Es blieb der Thron, das Schloß, derselbe Zwanzigste – aber die Macht war unmerklich gestorben. Niemand kannte die Stunde ihres Todes, und alle glaubten, sie wäre nur krank. Das Volk verlernte zu gehorchen, weiter nichts, – und plötzlich erwuchs aus vereinzeltem, geringem, unauffälligem Widerstand eine riesige, unbesiegbare Bewegung. Und sobald das Volk aufgehört hatte zu gehorchen, öffneten sich mit einem Male alle seine schon Jahrhunderte alten Wunden, und es fühlte voller Zorn den Hunger, die Ungerechtigkeit und die Bedrückung. Und man schrie das neue Gefühl hinaus und forderte Gerechtigkeit. Und plötzlich bäumte sich das Volk gleich einem riesengroßen, zerzausten Tier, um sich an seinem Bändiger für all die Jahre der Demütigung und der Marter in einer freien Minute des Zornes zu rächen. Ebenso wie die Millionen keine Vereinbarung getroffen hatten, sich zu unterwerfen, so verabredeten sie auch nichts, um sich zu erheben; mit einemmal ergoß sich von überall her der Aufstand gegen das Schloß. Über sich und ihr Tun selber staunend, den zurückgelegten Weg vergessend, drängten die Menschen immer näher an den Thron heran; – schon betasteten sie mit den Händen seine Schnitzereien und Vergoldungen, schon blickten sie in das königliche Schlafgemach und versuchten, auf den königlichen Stühlen zu sitzen. Der König verneigte sich, die Königin lächelte, und viele aus dem Volke weinten gerührt, als sie den Zwanzigsten in solcher Nähe sahen; die Frauen glätteten mit vorsichtigen Fingern den Sammet des Mantels und die Seide des königlichen Gewandes; die Männer spielten in gutmütiger Derbheit mit dem königlichen Kind. Der König verneigte sich, die bleiche Königin lächelte, und aus dem Nebengemach drang über die Schwelle der abgeschlossenen Tür ein schwarzer Streifen, die Blutspur eines Höflings, der sich erstochen hatte: er konnte nicht ertragen, daß schmutzige Finger den Mantel des Königs berühren, und tötete sich. Und auseinandergehend schrien sie: »Es lebe der Zwanzigste!« Hie und da runzelte einer wohl die Stirn, aber die Stimmung war eine so fröhliche, daß auch er seinen Groll vergaß und lachend, wie im Karneval, wenn man einen bunten Possenreißer zum König krönt, zu brüllen begann: »Es lebe der Zwanzigste!« Sie lachten. Aber am Abend verdüsterten sich die Gesichter wieder, und Argwohn blickte aus den Augen: Wie war es möglich, dem zu glauben, der bereits seit tausend Jahren mit teuflischer List sein leichtgläubiges und gutes Volk betrog? Im Schloß ist es dunkel; von den Riesenfenstern leuchtet ein falscher Glanz, es sieht unheimlich aus, als ob dort etwas ausgeheckt würde. Dort ist Hexerei am Werk. Dort wird die Finsternis beschworen und man ruft Henker für das Haupt des Volkes aus ihr hervor; dort wischt man sich sorgfältig den Mund nach den Verräterküssen und man wäscht das Kind, das das Volk durch seine Berührung beschmutzt hat. Möglich auch, daß niemand dort ist. Vielleicht ist in den riesigen schwarzen Sälen nur der Leichnam des Höflings, – und Leere und Einsamkeit – sie sind alle verschwunden. Man schreie, man rufe ihn heraus – wenn sich dort ein Lebendiger aufhält! »Es lebe der Zwanzigste!« Der bleiche, unruhige Abendhimmel blickt herab auf die bleichen, emporgerichteten Gesichter; die Wolken eilen, sich übereinanderschiebend, erschrocken davon, und falsch, rätselhaft, in totem Glanz leuchten die Riesenfenster. »Es lebe der Zwanzigste!« Der bestürzte Posten taumelt inmitten der Menge ratlos umher, er hat sein Gewehr verloren und lächelt; wie im Fieber ächzt das Schloß des eisernen Tores, an den hohen, eisernen Gitterstäben sind wunderliche schwarze Früchte gewachsen, krampfhaft zusammengezogene Leiber und vorgestreckte Arme; bleich der Himmel, schwarz unten die Erde. Vorüberfliegende Wolken blicken nach unten. Geschrei. Jemand hat eine Fackel angezündet, die Fenster des Schlosses stehen in Dunst und in blutigem Schein, und scheinen der Masse näher zu kommen. An den Wänden ist etwas hinaufgekrochen und entschwindet aufs Dach. Das Schloß schweigt. Das Gitter ist ganz mit Menschen umwachsen, plötzlich verschwindet es – der Raum wird frei – das Volk bewegt sich. »Es lebe der Zwanzigste!« Hinter den Fenstern huschen bleiche Lichter vorbei. Ein häßliches Gesicht drückt sich an die Scheibe und verschwindet. Es wird alles hell. Die Lichter mehren sich, bewegen sich vorwärts und zurück – eine Prozession, ein seltsamer Tanz. Dann drängen sich die Lichter zusammen, verneigen sich, und auf den Balkon tritt der König und die Königin, hinter ihnen ist Licht, aber ihre Gesichter sind dunkel, vielleicht sind sie es gar nicht einmal. »Licht! Zwanzigster! Licht! Man sieht dich nicht!« Brennende Fackeln zu beiden Seiten, und von dem rauchigen Hintergrund heben sich im purpurroten Licht schwankende Gesichter ab. Rufe hinten in den Reihen: »Das sind sie nicht! Der König ist geflüchtet!« Aber die Näherstehenden schreien bereits in der Freude beruhigten Schreckens: »Es lebe der Zwanzigste!« Die purpurroten Gesichter bewegen sich langsam nach oben und nach unten, bald von grellem Licht beleuchtet, bald im Schatten zerfließend; sie verneigen sich vor dem Volke. Es verneigt sich in ihnen der Neunzehnte, der Vierte, der Zweite, es verneigen sich im purpurroten Dunste jene rätselhaften Wesen mit der unbegreiflichen, fast göttlichen Macht, und hinter ihnen, verdämmernd in den Tiefen der purpurrotschwelenden Vergangenheit, Morde, Hinrichtungen, Herrlichkeit und Schrecken. Er soll sprechen, eine menschliche Stimme soll ertönen! Wenn er schweigt, dann ist er so schaurig anzusehn, wie ein aus der Unterwelt beschworener Teufel. »Sprich, Zwanzigster! Sprich!« Eine seltsame, zum Schweigen auffordernde Handbewegung – eine wunderliche, gebieterische Bewegung, – so alt wie die Macht selber; und eine leise, unbekannte Stimme, die alte, seltsame Worte in die Menge wirft: »Ich freue mich, mein gutes Volk zu sehen!« »Weiter nichts? – Ist denn das wenig? – Er freut sich! Der Zwanzigste freut sich! Sei uns nicht böse, Zwanzigster! Wir lieben dich, Zwanzigster, liebe auch du uns. Wenn du uns nicht lieben wirst, werden wir wieder in dein Zimmer kommen, wo du arbeitest, in den Speisesaal, wo du ißt, in das Schlafgemach, wo du schläfst, und werden dich zwingen, uns zu lieben!« »Es lebe der Zwanzigste! Es lebe der König! Es lebe der Herr!« »Sklaven!« Wer rief »Sklaven!«? Die Fackeln erlöschen, sie gehen fort. Die bleichen Lichter bewegen sich nach rückwärts, die Fenster werden dunkel, fast unsichtbar, bespritzt mit Blut. In der Menge wird jemand gesucht. Im Nebel eilen die Wolken dahin. Ist er hier gewesen, oder war es nur ein Gespenst? Man hätte ihn anfassen, seine Kleidung, sein Gesicht mit den Händen betasten müssen, wenn er auch vor Schreck oder Schmerz aufgeschrien hätte. Schweigend gehen sie auseinander. Einzelne Rufe verlieren sich in dem unruhigen Geräusch der Schritte, sie gehen voll dunkler Erinnerungen, Ahnungen und Schrecken. Über der Stadt schweben die ganze Nacht hindurch grausige Träume.   III. Er hatte bereits versucht zu fliehen. Die Einen bezauberte er, andere schläferte er ein und war nahe daran, seine teuflische Freiheit wiederzuerlangen, als ein treuer Sohn des Vaterlandes ihn in der Verkleidung eines schmutzigen Knechtes erkannte. Er traute seinem Gedächtnis nicht und blickte erst auf eine Münze mit dem Bildnis. Die Glocken läuteten Sturm, und aus den Häusern stürzten erschrockene, bleiche Menschen heraus: Er ist's! Nun befindet er sich im Turm, in dem großen, schwarzen Turm mit den dicken Wänden und den kleinen Fenstern; dort wird er von treuen, der Bestechung, der Schmeichelei und der Bezauberung unzugänglichen Söhnen des Volkes bewacht. Damit es den Wächtern nicht unheimlich wird, trinken sie und lachen und blasen ihm den Rauch aus ihren Pfeifen gerade ins Gesicht, wenn er im Gefängnis mit seiner Familie den gewohnten Spaziergang antritt. Damit er die Vorübergehenden nicht bezaubert, haben sie die Fenster unten mit dicken Brettern vernagelt und den oberen Teil des Turmes, wo er manchmal seinen Spaziergang unternimmt, umzäunt, so daß nur die wandelnden, umherschauenden Wolken ihm ins Antlitz blicken. Aber er ist stärker. Er verwandelt das freie Lachen in knechtische Tränen; durch die dicken Mauern sät er Untreue und Verrat, die als schwarze Blumen im Volke aufgehen und das goldene Gewand der Freiheit fleckig machen, wie das Fell eines wilden Tieres. Überall Verräter und Feinde! An den Grenzen versammeln sich ebenso mächtige und geheimnisvolle Gebieter, die von ihren Thronen hinuntergekrochen sind und Horden wilder, betörter Menschen herbeiführen, Muttermörder, die hierher kommen, ihre Mutter, die Freiheit zu töten. In den Häusern, auf den Straßen, in den rätselhaften Fernen der Wälder und der Dörfer, in den stolzen Prachtsälen der Versammlung des Volkes – überall zischt und gleitet der schwarze Schatten des Verrats hinein. Wehe dem Volke! Verraten haben es, die zuerst das Banner des Aufstandes erhoben; und schon hat man die verfluchte Asche ihrer Leiber aus den betrogenen Gräbern geschleudert, schon hat ihr schwarzes Blut die Erde getränkt. Wehe dem Volke! Jene haben es verraten, denen es seine Seele hingab; Verrat übten die Auserwählten mit den ehrlichen Gesichtern, den unbestechlichen strengen Reden und den mit fremdem Gold angefüllten Taschen. Die Stadt war bereits durchsucht. Es war befohlen, daß alle Leute um 12 Uhr mittags in ihren Wohnungen sein sollten, und als nun zur angegebenen Stunde die Glocken zu läuten begannen, rollten die unheilvollen Klänge dumpf über die leeren, lautlosen Straßen. Seit die Stadt bestand, hatte niemals eine solche Stille in ihr geherrscht. Menschenleer ist es an den Springbrunnen, alle Läden geschlossen, von einem Ende der Straße bis zum andern sieht man nicht einen Menschen, nicht einen Wagen. An den schweigenden Mauern schleichen erschreckt und verwundert die Katzen vorbei, sie wissen nicht, ist es Tag oder Nacht; so still ist es, daß man das samtweiche Geräusch ihrer dahineilenden Pfötchen zu vernehmen wähnt. Einzelne Glockenschläge streichen die Straße entlang, gleich unsichtbaren, schwarzen Besen und kehren gleichsam die Stadt aus. Auch die Katzen verkriechen sich erschreckt. Menschenleere. Stille. Plötzlich erscheinen in allen Straßen kleine Gruppen bewaffneter Menschen. Sie unterhalten sich laut und stampfen ungezwungen mit den Füßen. Obgleich ihre Zahl nicht groß, machen sie mehr Lärm, als die ganze Stadt, wenn hunderttausend Menschen und Wagen sich in ihr bewegen. Jedes Haus, der Reihe nach, schlingt sie ein und wirft sie wieder aus, und mit ihnen zugleich einen oder zwei vor Wut bleiche oder vor Zorn gerötete Menschen. Die Hände verächtlich in den Taschen, gehen diese einher, an diesen seltsamen Tagen fürchtet niemand den Tod, nicht einmal die Verräter – und sie verschwinden in der schwarzen Tiefe der Gefängnisse. Zehntausend Verräter fanden die treuen Söhne des Volkes; zehntausend Staatsverräter, die sie in die Gefängnisse warfen. Jetzt ist es zugleich beruhigend und schauerlich auf die Gefängnisse zu sehen, angefüllt sind sie von oben bis unten mit allem Verrat. Kaum können ihn die Mauern fassen und wollen fast zusammenstürzen. An diesem Abend herrschte Jubel in der Stadt. Wieder wurden die Häuser leer, wieder füllten sich die Straßen, und die schwarze, unendliche Menge wirbelte in wunderlichem betörenden Tanze mit heftigen, ungezügelten Bewegungen. sie tanzten von einem Ende der Stadt bis zum anderen. An den Laternen erglänzten, wie die schäumende Brandung an Felsen, besonders hochspringende Wogen: ineinandergreifende Arme, vom Lachen erhitzte Gesichter, weitaufgesperrte Augen – alles in wildem Kreise, ununterbrochen wechselnd und verschwindend; weithin wogte eine undurchdringlich schwarze Masse, bald verschmolzen – bald getrennt, bald wie ein Wasserstrudel wirbelnd, bald wie ein Fluß vorwärts eilend. An einer der Laternen baumelte ein Erhängter, ein Verräter, dem es nicht gelungen war, das Gefängnis zu erreichen. Seine ausgestreckten Beine, die sehnsüchtig nach der Erde strebten, wurden von den Köpfen der Tanzenden berührt, und es schien, als tanze er selber, als sei er der Tanzmeister, der die Tänze anordne. Dann gingen sie zu dem schwarzen Turm und schrieen mit emporgehobenen Häupten in die dicken Mauern hinein: »Tod dem Zwanzigsten, Tod!« In den Fenstern leuchteten rote Lichter: treue Söhne des Volkes bewachten den Tyrannen. Und beruhigt und sicher, daß er sich hier befand und nicht fliehen konnte, schrie die Menge zum Scherz, oder um ihm Angst zu machen: »Tod dem Zwanzigsten, Tod!« Und sie gingen davon und machten anderen Platz, die von neuem schrieen. Und wieder schwebten während der Nacht grausige Träume über der Stadt, und in ihrem Innern brannten die schwarzen Türme und die von Verrat und Verbrechen gefüllten Gefängnisse, gleich verschlungenem, nicht aus dem Körper entferntem Gift. Die Verräter wurden bereits getötet. Man schärfte Säbel, Beile und Sensen. Dicke Holzscheite und schwere Steine wurden gesammelt, und zweimal vierundzwanzig Stunden arbeitete man in den Gefängnissen, bis alle vor Müdigkeit zusammenbrachen. Sie schliefen schließlich dort, und wo es gerade kam, aßen und tranken sie. Die Erde nahm das fette Blut nicht mehr auf, so daß Stroh aufgeschüttet werden mußte, aber auch dieses ward bald naß und in eine braune Düngerschicht verwandelt. Siebentausend waren erschlagen. Siebentausend Verräter waren in die Erde gegangen, um die Stadt zu reinigen und der jungen Freiheit das Leben zu geben. Wieder gingen sie zum Zwanzigsten und zeigten ihm die abgehauenen Häupter und die aus der Brust gerissenen Herzen. Und er sah sie an. In der Versammlung des Volkes jedoch herrschte Bestürzung und Schrecken: man suchte denjenigen, der den Befehl zum Töten gegeben hatte und fand ihn nicht. Und dennoch muß jemand den Befehl erteilt haben. Warst du es nicht? Oder du? Aber, wer würde es je wagen, zu befehlen, wo die Versammlung einzig und allein die Macht dazu hat? Manche glaubten etwas zu wissen. »Mörder!« »Nein, wir bedauern nur das Vaterland, während ihr die Verräter bedauert!« Und es wird nicht Ruhe, und der Verrat wächst und mehrt sich und drängt bis ans Herz des Volkes, soviel Leid war erduldet, soviel Blut war vergossen, und alles vergeblich! Der geheimnisvolle Gebieter fuhr fort, durch die dicken Mauern Verrat und Zauber zu säen. Wehe der Freiheit! Aus dem Westen kamen schreckliche Nachrichten von furchtbarer Zwietracht, von Schlachten, von Spaltungen des törichten Volkes, das sich bewaffnet gegen die Mutter Freiheit erhob. Vom Süden zog es drohend heran, vom Norden und Osten drangen die von ihrem Thron heruntergekrochenen Gebieter mit ihren wilden Horden vor. Woher die Winde auch wehen mochten, stets waren sie mit der Luft von Feinden und Verrätern getränkt, woher die Wolken auch ziehen mochten, von Nord oder von Süd, von Ost oder von West, stets brachten sie den Klang von Drohungen und Zorn mit; er widerhallte freudig in den Ohren derer im Turm, den Ohren der Bürger erschien er aber wie Totengeläut. Wehe dem Volke! Wehe der Freiheit! Der Mond leuchtete grell glänzend, wie über Trümmern; die Sonne tauchte jeden Abend in Nebel unter und wurde von schwarzen, langsam dahinziehenden Wolken von unförmiger, ungeheuerlicher, wunderlicher Gestalt verdunkelt. Sie umstürmten und umdrängten den Sonnenball, und so stürzten beide, Sonne und Wolken zugleich, wie eine einzige purpurfarbige Masse den Horizont hinab. Auf kurze Zeit gelang es der Sonne, aus den Wolken hervorzutauchen, aber welch ein düsteres, schauriges Licht war das! Flüchtig und scheu schmiegte es sich an die Gipfel der Bäume, der Häuser und der Kirchen, schaute mit großen, grellen, schreckhaften Augen drein, wurde dunkel, schmolz hin und erlosch. Die Wolke wälzte sich gleich einem zerzausten Gebirgskamm in den fernen Ozean hinab und riß die Sonne mit sich fort. Wehe dem Volk! Wehe der Freiheit! Unterdessen ging der einäugige Uhrmacher, der so gut durch die Lupe sehen konnte, zwischen den Rädern und Rädchen, zwischen Hebeln und Seilen umher, und den Kopf nach der Seite gewandt, betrachtete er den Schwung des Riesenpendels. »So war's – so wird's, so war's – so wird's!« Einmal, als er noch jung war, geriet die Uhr in Unordnung und ging zwei Tage lang nicht. Das war so fürchterlich, es schien, als ob die ganze Zeit mit ihrer unendlichen Masse plötzlich irgendwohin fallen wollte. Als aber die Uhr wieder in Ordnung gebracht war, wurde es wieder gut: jetzt fließt die Zeit durch die Finger, tropfenweise fällt sie herab, teilt sich in kleine Stückchen und lockert sich zollweise. Die große, kupferne Mondscheibe erglänzt matt auf dem Pendel und huscht als gelber Fleck vor dem zusammengekniffenen Auge vorbei. Draußen auf dem Gesims girrt irgendwo eine Taube. »So war's – so wird's, so war's – so wird's!«   IV. Schon war die tausendjährige Monarchie gestürzt. Eine Namensabstimmung war nicht mehr nötig: alle, die in der Versammlung des Volkes waren, erhoben sich wie ein Mann und standen da, als wären sie aus der Erde gewachsen. Auch der kranke Abgeordnete, der im Sessel hereingebracht wurde, auch er erhob sich, von seinen Freunden gestützt, streckte er seine alten, gelähmten Beine und richtete sich auf, gleich einem dürren Stamm, der von zwei jungen Bäumchen gehalten wird. »Die Republik ist einstimmig angenommen!« ruft jemand mit klingender Stimme, deren Jubel zu verbergen er sich vergeblich bemüht. Aber alle bleiben stehen; es vergeht eine Minute, eine zweite; schon erhebt sich draußen auf dem Platz, den das harrende Volk dicht füllt, jauchzendes Getöse, – hier innen aber Schweigen und Stille, wie in der Kirche, und strenge, feierlich ernste Menschen, in der Gebärde stolzer Ehrfurcht erstarrt. Vor wem stehen sie? Ein König ist nicht mehr; auch Gott ist nicht mehr, dieser König und Tyrann des Himmels! – auch er ist schon längst von seinem himmlischen Throne gestoßen. Vor der Freiheit stehen sie! Der alte Abgeordnete, dessen greises Haupt seit vielen Jahren in der Schwäche des Alters zittert, hält es jetzt jung und stolz; sicher, mit einer leichten Bewegung der Hand, hat er seine Freunde beiseite gestoßen, steht allein – die Freiheit hat ein Wunder gewirkt! Längst hatten diese mitten in Sturm, Aufruhr und Blut lebenden Menschen vergessen zu weinen, jetzt aber weinen sie. Die stolzen Adleraugen, die ruhig, ohne zu zucken, in die blutige Sonne der Revolution geblickt haben, ertragen nicht den weichen Glanz der Freiheit und weinen. Schweigen im Saale. Vor den Fenstern Getöse. An Kraft und Ausdehnung wachsend, wird es dumpf, gleichmäßig und mächtig, wie das Getöse des unbegrenzten Ozeans. Jetzt sind alle diese Menschen frei. Frei der Sterbende, frei das Kind im Mutterleibe, frei der Lebende. Gestürzt ist die geheimnisvolle Macht des Einen, der Jahrtausende hindurch Millionen in Fesseln hielt, zusammengebrochen sind die schwarzen Balken des Gefängnisses – und heller Himmel über den Häuptern. »Freiheit!« flüstert jemand leise und zärtlich wie den Namen der Geliebten. »Freiheit!« ruft ein anderer, in unermessener Freude keuchend, außer sich, ganz Schwung und Begeisterung. »Freiheit!« klirrt das Eisen. »Freiheit!« singen die Saiten. »Freiheit!« dröhnt der vielstimmige Ozean. Er ist gestorben, der alte Abgeordnete; sein Herz hat die grenzenlose Freude nicht ausgehalten und blieb stehen, und sein letzter Schlag war die Freiheit. Glücklichster aller Menschen! In die geheimnisvolle Stätte des Todes nimmt er mit den unendlichen Traum von der jungen Freiheit. Man befürchtete Ausschreitungen in der Stadt, aber es geschah nichts dergleichen. Der Atem der Freiheit hatte die Menschen veredelt, sie wurden sanft, zart und keusch wie Mädchen im Bekunden ihrer Freude, sie tanzten nicht einmal. Sie sangen kaum. Sie blickten sich nur an und liebkosten einander, vorsichtig die Hände verschlingend: so angenehm war es, einen freien Menschen zu liebkosen und in seine Augen zu blicken. Niemand wurde gehängt. Es fand sich ein Verrückter, der in der Menge laut schrie: »Es lebe der Zwanzigste!« Er drehte den Schnurrbart und bereitete sich zu kurzem Kampf und langsamem Sterben in den tödlichen Umarmungen des ergrimmten Volkes vor. Schon runzelte mancher die Stirn, aber die andern, die meisten, staunten nur, sammelten sich neugierig um den Mann, der den Ruf ausgestoßen hatte, und starrten ihn an, wie Schaulustige im Hafen einen aus Brasilien eingeführten Affen begucken mögen. Und sie ließen ihn frei. An den Zwanzigsten erinnerten sie sich erst in später Nacht. Eine Gruppe von Bürgern, die sich von diesem großen Tage durchaus nicht trennen konnte und beschlossen hatte, bis zur Morgendämmerung zu schwärmen, gedachte zufällig des Zwanzigsten und begab sich zum Turm. Der schwarze Umriß verschmolz fast mit dem Himmel, und in dem Augenblick, als die Bürger herbeikamen, verschlang er einen Stern. Ein kleines, helles Sternlein kam ganz dicht heran, blitzte auf und verschwand im dunklen Raum. Ein wenig unter der Erde schimmerten im warmen Licht zwei kleine Gucklöcher: dort waren die Wächter. Es hatte eben zwei Uhr geschlagen. »Weiß er's, oder weiß er's nicht?« sagte einer der Herbeigekommenen, das schwarze Ungeheuer forschend betrachtend und es zu enträtseln suchend. Von der Mauer löste sich eine dunkle Silhouette, und eine schlaffe, müde Stimme antwortete: »Er schläft, Bürger.« »Wer sind Sie, Bürger? Sie haben uns erschreckt, Sie gehen leise wie eine Katze.« Von verschiedenen Seiten nahten noch mehrere dunkle Schattengestalten und blieben schweigend vor der kleinen Ansammlung stehen. »Warum antworten Sie nicht?« »Sind Sie ein Gespenst? So verduften sie schleunigst! Die Versammlung hat die Gespenster abgeschafft.« Ebenso schlaff antwortete der Unbekannte: »Wir bewachen den Tyrannen.« »Hat euch die Kommune ernannt?« »Nein, wir selber. Wir sind hier sechsunddreißig Mann. Es waren unserer siebenunddreißig, doch starb einer, wir bewachen den Tyrannen. Seit zwei Monaten, oder vielleicht schon länger, leben wir vor diesen Mauern. Wir sind müde!« »Die Nation dankt euch. Wißt ihr, was heute geschehen ist?« »Ja, wir haben etwas gehört. Wir bewachen den Tyrannen.« »Daß wir jetzt Republik haben – Freiheit?« »Ja, wir bewachen den Tyrannen, wir sind müde!« »Laßt euch umarmen, Brüder.« Die kühlen Lippen berührten schlaff die heißen Münder. »Wir sind müde. Er ist so hinterlistig und gefährlich. Tag und Nacht blicken wir in alle Fenster und Türen. Ich schaue jetzt, seht ihr, hier in dieses Fenster. Ihr werdet ihn jetzt nicht finden. Freiheit? sagt ihr also. Das ist gut. Aber wir müssen auf unsere Posten gehn. Seid ruhig, Bürger! Er schläft. Wir bekommen alle halbe Stunden Nachricht. Er schläft.« Die Schattengestalten schwankten, zogen sich zurück und verschwanden, als hätten die Mauern sie verschluckt. Der schwarze Turm erschien noch höher, und von der linken Zinne zog sich eine ungeheure Wolke zur Stadt hin. Es schien, als wachse der Turm, als strecke er seine Arme aus. Aus dem tiefen Dunkel der Wand loderte plötzlich eine Flamme auf und erlosch; – war es ein Zeichen? Die Wolke zog sich über die Stadt und wurde gelb vom Schein der Lichter; ein feiner Regen begann herabzurieseln. Es war unheimlich still. Schläft er wirklich?   V. Noch einige Tage vergingen in der neuen und lieblichen Empfindung der Freiheit, dann breiteten sich wieder überall die dunkeln Fäden des Argwohns und der Furcht aus, wie schwarze Adern im weißen Marmor. Mit verdächtiger Ruhe empfing der Tyrann die Nachricht von seiner Absetzung ... Wie kann ein Mensch, der seiner Herrschaft beraubt wird, ruhig bleiben, wenn er nicht etwas Schreckliches ersonnen hat? Wie kann ein Volk ruhig sein, wenn in seiner Mitte ein geheimnisvolles, mit verderblicher Zauberkraft begabtes Wesen lebt? Gestürzt, hört er nicht auf fürchterlich zu sein; gefangen wirkt er frei hinaus durch seine teuflische Macht, die mit der Entfernung wächst. Wie die Erde, dunkel in der Nähe, als heller Stern erstrahlt in die blauen Tiefen des Weltraumes. Aber auch in der Nähe weint man über sein Leid. Man sah eine Frau der Königin die Hand küssen, man sah einen Wächter sich eine Träne aus dem Auge wischen, man hörte einen Redner – Mitleid predigen. Als wäre er nicht selbst jetzt noch glücklicher, als Tausende von Menschen, die niemals Licht gesehn und die man ihm immer und immer wieder als Opfer darbringt. Wer bürgt dafür, daß das Land nicht schon morgen zum früheren Wahnsinn zurückkehren, auf den Knieen hinkriechen, ihn um Verzeihung bitten und den mit soviel Mühe und Leid zerstörten Thron wieder aufrichten wird? Ergrimmt und erschreckt vernimmt das millionenköpfige Volk die Reden in der Versammlung. Seltsame, neue, furchterregende Reden. Sie sprechen von seiner Unantastbarkeit – davon, daß er unantastbar; daß man ihn nicht richten dürfe, wie man alle richtet; nicht strafen dürfe, wie man alle straft; daß man ihn nicht töten dürfe, weil er ein König ist. Es gibt also noch Könige! Und das sagen sie, die in einem Atem dem Volke und der Freiheit ihre Liebe beteuern, das sagen Menschen von erprobter Redlichkeit, Feinde des Tyrannen, Söhne des Volkes, aus seinem Schoße hervorgegangen, des Volkes, das die grausame, gotteslästerliche Macht der Könige zermarterte. Unselige Blindheit! Schon neigt sich die Mehrheit auf die Seite des Gestürzten. Als wäre die gelbe, vom Turme daherziehende Wolke in die heiligen Räume der Volksvernunft eingedrungen, als beschatte sie die hellen Augen, als erwürge sie die junge Freiheit – eine junge Braut in weißen Blumen, die den Tod findet beim hochzeitlichen Fest. Angst und Verzweiflung schleichen in die Herzen, viele Hände fassen krampfhaft nach Waffen: es ist besser mit Brutus zu sterben, als mit Oktavian zu leben. Es ertönen ihre letzten zornigen Rufe: »Ihr wollt, daß im Lande nur ein Mensch sei, und 35 Millionen Vieh!« Ja, das wollen sie. Sie schweigen und schlagen die Augen nieder; sie sind des Kampfes und des Strebens müde – und in ihrer Erschöpfung, in ihrem Recken und Gähnen, in ihren farblosen, aber magisch wirkenden, kühlen Reden tauchen bereits wieder die Umrisse des Thrones auf. Einzelne Ausrufe, trübe Reden, und das blinde Schweigen des einmütigen Verrats! Es stirbt die Freiheit, die mit weißen Blumen geschmückte Braut, die den Tod findet beim hochzeitlichen Fest. Aber horch! Man hört etwas, sie kommen! Es ist, als erschalle der dröhnende Wirbel von hundert gigantischen Trommeln. Tram, tram, tram. – Es kommen die Vorstädte! Tram, tram, tram. – Sie kommen, die Freiheit zu stützen! Ram, ram, ram. – Wehe den Abtrünnigen! Tram, tram, tram. – Wehe den Verrätern! Das Volk bittet um die Erlaubnis, an der Versammlung vorbeizugehn. Ist es möglich, eine stürzende Lawine aufzuhalten? Wer würde es wagen, dem Erdbeben zu gebieten: bis hierher ist die Erde dein, weiter aber rühre nicht! Jäh werden die Türen aufgerissen: da sind sie – die Vorstädte! Beschmutzte Gesichter. Entblößte Brüste. Ein phantastisches Gewirr von bunten Lappen an Stelle der Kleider. Der Jubel stürmischer, unaufhaltsamer Erregung. Unheilverkündende Formung der Unordnung; marschierendes Chaos. Tram, tram, tram! Glühend flammende Augen. Lanzen, Sensen, Heugabeln, Zaunpfähle. Männer, Frauen und Kinder. Tram, tram, tram! Hoch die Vertreter des Volkes! Es lebe die Freiheit! Tod den Verrätern! Die Abgeordneten lächeln verlegen, schauen verdrießlich drein, grüßen höflich. Der Kopf schwindelt einem bei diesem bunten, endlosen Zug, der einem reißenden, durch eine Enge stürzenden Strom gleicht. Alle Gesichter werden einander ähnlich; alle Schreie fließen in einem einzigen, eintönigen Getöse zusammen; das Stampfen der Füße ähnelt dem Niederprasseln schwerer Regentropfen aufs Dach – einschläfernd, willenlähmend, betäubend. Gigantische Tropfen auf gigantischen Dächern. Tram, tram, tram! 5ie gehen eine Stunde, eine zweite, eine dritte. Offenbar muß die Nacht schon hereingebrochen sein. Purpurrote Lichter qualmen. Die beiden Öffnungen – die eine, durch welche das Volk hereinströmt, und die andere, durch welche es verschwindet – sind schwarz, wie zwei glühende Rachen: dazwischen ein dunkles, vom Kupfer und Eisen metallisch schimmerndes Band. Vor den ermüdeten Augen erscheinen Halluzinationen: endlose Riemen, dann wieder ein ungeheurer, gedunsener, behaarter Wurm. Den oberhalb der Eingänge Sitzenden scheint es, als befänden sie sich auf einer Brücke und begännen zu schwimmen. Dazwischen das klare und außergewöhnlich lebhafte Bewußtsein: Das ist das Volk! Und Stolz und Kraftgefühl und die Begierde nach der großen, noch nie gesehenen Freiheit. Ein freies Volk – welches Glück! Tram, tram, tram! Schon acht Stunden gehen sie, und noch immer kein Ende. Von beiden Seiten – wo das Volk hereinströmt und wo es verschwindet – dröhnt das Revolutionslied. Worte sind nicht zu hören, deutlich werden nur: der Rhythmus, das Fallen und Steigen der Töne, die plötzliche Stille und die stürmischen Ausbrüche. Zu den Waffen, Bürger! Sammelt euch zu Bataillonen! Gehn wir – gehn wir! Sie gehen. Eine Abstimmung ist nicht nötig. Die Freiheit ist noch einmal gerettet. VI. Der große Tag des Gerichtes über den König brach an, die geheimnisvolle Macht, die so alt wie die Welt, muß Antwort geben dem Volke, das sie Jahrtausende geknechtet, der Welt, die sie als triumphierender Wahnsinn geschändet. Der Narrenschelle und des goldenen Thrones beraubt, beraubt der klingenden Titel, und aller seltsamen Symbole der Macht entblößt, wird sie vor dem Volke erscheinen und eine klare Antwort geben: weshalb sie eine Macht gewesen, was ihr die Kraft und das Recht verliehen, in der Person eines Einzelnen über Millionen zu gebieten, ungestraft Böses zu schaffen, Gewalt zu üben, Freiheit zu rauben, Tod und Wunder zu wirken? Der Zwanzigste ist im voraus vom Gewissen des ganzen Volkes gerichtet: Schonung gibt's für ihn nicht und kann es nicht geben, doch soll er vor der Hinrichtung seine geheimnisvolle Seele auftun, soll die Menge bekannt machen nicht mit seinen Taten – diese sind allen bekannt – sondern mit dem Denken und Fühlen der Könige. Der mythische Drache, der Mädchen verschlang und das Land in Schrecken hielt, lag gefesselt, auf den Markt der Stadt geschleppt, und bald soll die Menge seinen schuppenbedeckten Rücken, seine gespaltene Zunge, seinen grausamen, feuerspeienden Rachen sehen. Eine unbestimmte Besorgnis rührte sich. Schon seit der Nacht bewegten sich durch die stillen Straßen Militärmassen nach allen Richtungen, die freien Plätze, die Straßenkreuzungen überflutend; auf dem ganzen Wege des Königs einen Wald von Bajonetten, eine Mauer düsterer, feierlich strenger Gesichter bildend. Über den schwarzen Silhouetten der Gebäude und Kirchen, den spitzen, eckigen; wunderlich unbestimmten, leuchtete schwach im Dämmer der Nacht ein gelblicher, mit Wolken bedeckter Himmel, der kalte Himmel der Städte, so alt wie die mit Ruß und Rost bedeckten Häuser. Es war wie ein Kupferstich in einem der dunklen Säle eines alten Ritterschlosses. Die Stadt schlief in dunkler Erwartung des großen und furchtbaren Tages; durch die Straßen aber zogen, langsam, mit gedämpften Schritten, geordnete Massen von in Soldaten umgewandelten Bürgen; wälzten sich mit grellem Dröhnen, den Lauf zur Erde gerichtet, Kanonen, und an jeder erglänzte rötlich das Flämmchen der Lunte. Man kommandierte abgerissen, als scheute man sich, die zu wecken, deren Schlaf leise und unruhig. Ob sie für den König fürchteten, für seine Sicherheit, oder ihn selber – wußte niemand, nur das wußten alle, daß man sich bereit halten und alle dem Volke innewohnenden Kräfte anrufen und sammeln müßte. Lange wollte es nicht Tag werden. Zusammengeballte Wolken, gelb, zerzaust, hingen steil über den Kirchen, und nur in dem Augenblick, als der König den Turm verließ, glänzte die Sonne in einem blauen Riß auf. Eine glückliche Vorbedeutung für das Volk, eine drohende Warnung dem Tyrannen! Man führte ihn so: durch eine schmale, von dicht gedrängten Reihen von Soldaten gebildete Gasse marschierten bewaffnete Kolonnen: eine, zwei, zehn – man konnte sie nicht zählen; dann, kaum sich bewegend, eng umschlossen von Gewehren, Säbeln und Bajonetten, Schritt für Schritt, eine schwarze Kutsche. Und wieder Kanonen und Kolonnen. Und auf dem ganzen meilenweiten Weg, vor der Kutsche und hinter ihr und ringsherum – lautlose Stille. An einer Stelle des Platzes ertönte der unsichere Ruf mehrerer Stimmen: »Tod dem Zwanzigsten!«, aber von der Menge nicht aufgefangen, verstummte er wieder. Wie bei der Eberjagd nur kleine Hunde kläffen, während die, welche zugreifen sollen, den Haß und die Kraft sammeln und schweigen. In der Versammlung verhaltener Lärm und Gespräche, schon mehrere Stunden erwarten sie bereits den so langsam herankriechenden Tyrannen und gehen erregt in den Korridoren umher, wechseln jeden Augenblick die Plätze, lachen ohne Grund und reden fieberisch. Aber viele sitzen regungslos, wie in Stein gehauen, und Steinen gleichen auch ihre Gesichter; junge Gesichter, aber mit alten, tiefen, wie mit Beilen hineingehauenen Furchen und zerzaustem Haar; die Augen liegen bei den einen unheimlich tief im Schädel, bei anderen treten sie starr, weit aufgerissen, als wären sie der Wimpern beraubt, aus der Stirn heraus, gleich Fackeln in den schwarzen Nischen von Kerkermauern. Es gibt in der Welt nichts Grausiges, was diese Augen nicht ohne Zucken sehen könnten; es gibt nichts Grausames, Trauriges, gespenstisch Grauenhaftes, wovor diese im Schmelzofen der Revolution stahlhart gewordenen Gemüter erzitterten. Die zuerst diese große Bewegung begonnen haben, sind längst gestorben, in der Welt verstreut und vergessen: vergessen auch ihre Gedanken, ihre Hoffnungen und Träume. Der verklungene Donner ihrer Reden erscheint jetzt dünn, dem Geräusch einer Kinderklapper ähnlich; die große Freiheit, von der sie träumten, erscheint wie ein Kinderbettchen mit einem dünnen Vorhang gegen die Fliegen und gegen das grelle Tageslicht. Kleine, seltsame Menschen, Zwerge, die einen Berg untergraben. Aber diese, aufgewachsen im Sturm und lebend im Sturm, geliebte Kinder der Schreckenstage, – der blutigen Häupter, die man wie Kürbisse auf Lanzenspitzen getragen; der übervollen Herzen, deren Blut in gewaltigen, titanischen Reden ausgeströmt; – Reden, wo jedes Wort schärfer als ein Dolch und jeder Gedanke vernichtender als Pulver und Blei. Diese haben, nur den Willen des Volkes kennend, das Gespenst der geheimnisvollen Macht beschworen, und nun werden sie kühl und sachlich, wie gelehrte Anatomen, wie Richter und Henker den blauen Phosphorschimmer, der die Dummen und Abergläubigen schreckt, untersuchen, die Glieder auseinandernehmen, das schwarze Gift der Tyrannei finden und vernichten. Siehe! vor den Mauern legt sich der Lärm und die Stille wird tief und schwarz, wie der nächtliche Himmel. Horch! donnernd nähern sich die Kanonen, verstummen. Am Eingang entsteht eine leichte Bewegung. Alle setzen sich – sie müssen den Tyrannen sitzend empfangen. Man bemüht sich, gleichgültig zu erscheinen. Schwerfällige Schritte der im Gebäude sich verteilenden Soldaten, leises Rasseln der Gewehre, hinter den Wänden verhallt das Getöse der Kanonen. Mit eisernem Ring, die Mündungen nach außen gerichtet, gegen die ganze Welt, nach Ost und West, nach Nord und Süd, umfassen sie das Gebäude. Etwas Winziges ist eingetreten. Von den obersten, entfernten Bänken sieht es aus wie ein kleines, rundes Männchen mit raschen, aber unsichern Bewegungen; in der Nähe ist es ein dickleibiger Mann von mittlerem Wuchs mit einer großen, von der Kälte geröteten Nase, faltiger Haut an den Wangen, mit kleinen, matten Äuglein – ein Gemisch von Gutmütigkeit, Jämmerlichkeit und Dummheit. Er dreht den Kopf hin und her, weiß nicht, ob man ihn grüßt oder nicht, und verneigt sich leise; unentschlossen steht er da, mit auseinandergespreizten Beinen und weiß nicht, soll er sich setzen oder nicht. Alle schweigen, aber hinter ihm steht ein Stuhl, offenbar für ihn, und er setzt sich darauf, zuerst zaghaft, dann beherzter, – endlich in großartiger Haltung. Er scheint den Schnupfen zu haben, hastig zieht er sein Taschentuch und schnäuzt sich mit sichtbarem Behagen, in mehreren Zügen, jedesmal von schmetternden Trompetentönen der Nase begleitet. Er setzt sich wieder zurecht, steckt das Taschentuch ein und erstarrt in Großartigkeit. Er ist bereit. Das war der Zwanzigste!   VII. Einen König hatte man erwartet, und ein Narr war gekommen. Einen Drachen hatte man erwartet, und gekommen war ein verschnupfter Spießbürger mit einem Taschentuch. Es war lächerlich und seltsam und ein wenig peinlich. Ob nicht eine Unterschiebung geschehen war? »Ich bin's, der König!« sagte der Zwanzigste. Ja, er ist es! Wie lächerlich! So sieht ein König aus! Man lächelt, zuckt die Achseln, verbeißt das Lachen und winkt sich gegenseitig höhnisch lächelnd von einem Ende des Saales zum andern zu, als wolle man fragen: »Ist er nicht schön?« Die Abgeordneten sind ernst, sehr ernst, sogar bleich; wahrscheinlich drückt sie die Verantwortlichkeit. Aber das Volk freut sich im stillen. Wie ist es ihnen nur gelungen, in die Versammlung einzudringen? Es muß einfach wie Wasser durch die hohen Fenster, durch Spalten und Ritzen eingesickert sein, vielleicht durchs Schlüsselloch; Hunderte von zerlumpten, bunt und phantastisch gekleideten, aber überaus freundlichen und höflichen Unbekannten. Sie umdrängen die Abgeordneten und fragen: »Stören wir nicht, Bürger?« Sie sind sehr sittsam. In dunklen Gruppen nisten sie wie Vögel auf dem Fenstersims, das Licht verstellend und mit den Händen etwas hinaustelegraphierend. Augenscheinlich etwas Lustiges. Aber die Abgeordneten sind ernst, sehr ernst, sogar bleich. Sie richten ihre vortretenden Augen wie Fernrohre auf den Zwanzigsten, betrachten ihn lange und seltsam und wenden sich mit verdüsterten Stirnen ab. Manche von ihnen halten die Augen geschlossen, es erfüllt sie sichtbar mit Ekel, auf den Tyrannen zu schauen. »Abgeordneter! Bürger!« flüstert mit komischem Entsetzen einer der sittsamen Unbekannten, »Sehen sie, wie die Augen des Tyrannen glühen!« Ohne die niedergeschlagenen Lider zu heben: »Ja.« »Wie hat er sich mit unserem Blute vollgetrunken!« »Sie sind nicht gesprächig, Bürger.« Schweigen. Unten murmelt der Zwanzigste irgend etwas. Er begreift nicht, wessen man ihn anklagen kann, er hat sein Volk immer geliebt, und das Volk hat ihn geliebt. Und auch jetzt liebt er es, allen Schimpf nicht achtend. Und wenn man glaubt, daß dem Volke mit einer Republik besser gedient ist, so soll Republik sein, er hat nichts dagegen. »Warum hast du denn aber die anderen Tyrannen gerufen?« »Ich rief sie nicht, sie kamen von selbst.« Eine lügenhafte Antwort, man fand versteckte Dokumente, er aber leugnet, in grober und dummer Weise, wie der erste beste, des Betrugs beschuldigte Spitzbube. Er fühlt sich sogar beleidigt, da er wirklich stets nur an das Volk gedacht hat. Es ist nicht wahr, daß er grausam ist, er hat stets begnadigt, wo es möglich war. Es ist nicht wahr, daß er das Reich zugrunde gerichtet habe, denn er hat nicht mehr für sich ausgegeben wie irgend ein wohlhabender Bürger. Er war niemals ausschweifend, noch verschwenderisch. Er liebt die griechischen und lateinischen Klassiker und das Tischlerhandwerk, die Möbel in seinem Arbeitszimmer sind von ihm selbst gearbeitet. Das ist richtig, wenn man ihn genau betrachtet, so sieht er wirklich wie ein bescheidener Spießbürger aus; solche Dickwänste mit großen Trompeten-Nasen kann man an Feiertagen in Mengen am Ufer des Flusses erblicken, wie sie stundenlang Fische angeln. Unbedeutende, lächerliche Menschen mit großen Nasen. Aber er war doch König! Wie kommt das? Dann kann doch jeder König sein! Dann kann ja selbst ein Gorilla unbeschränkter Gebieter über Menschen werden? Auch ihm würden sie einen vergoldeten Thron errichten und göttliche Ehren erweisen, auch er würde den Menschen Gesetze geben – ein Gorilla mit zottigem Leib, aus den Wäldern hervorgekrochen. Der kurze Herbsttag geht zur Neige, und das Volk beginnt seine Ungeduld kundzugeben: warum so viel Umstände mit dem Tyrannen? Ist es nicht am Ende ein neuer Verrat? In einem halbdunklen Zimmer, wo tiefe Stille herrscht, begegnen einander zwei Abgeordnete, die die Versammlung verlassen haben. Die sehen einander an, erkennen sich und gehen schweigend nebeneinander, aus irgend einem Grunde eine Berührung vermeidend. Sie gehen auf und ab. »Wo ist denn der Tyrann?« ruft plötzlich der eine, indem er den andern an der Schulter packt. »Sage mir, wo ist der Tyrann?« »Ich weiß es nicht, ich schäme mich, dorthin zu gehen!« »Gräßlicher Gedanke! Ist denn diese Nichtigkeit die Tyrannei? Sind denn wirklich Nichtige – Tyrannen?« »Ich weiß es nicht, ich schäme mich.« In dem kleinen Stübchen war es still, aber von allen Seiten, von der Versammlung, vom Platz, wo das Volk sich drängte, erhob sich gleichmäßiges, lautes Geräusch. Möglicherweise sprach jeder Einzelne leise, aber die Stimmen ergaben zusammen ein elementares Dröhnen, das dem Rauschen des fernen Ozeans glich. An den Wänden flackerten rote Streifen und Flecke. Offenbar hatte man unten Fackeln angezündet. In der Nähe hörte man schwerfällige Schritte und leises Waffengeklirr, – die Wachen lösten sich ab. Wen bewachten sie? Etwa ihn? »Man muß ihn aus dem Lande hinauswerfen!« »Nein, das wird das Volk nicht zugeben, er muß getötet werden!« »Das wird doch aber ein neuer Verrat sein!« An den Wänden huschen purpurrote Lichtstreifen, kriechen und jagen wirre, düstere Gestalten; es ist, als zögen in trübem Traum die blutigen Tage der Vergangenheit und der Gegenwart endlos vorüber. Der Lärm auf dem Platze schwillt an; schon vernimmt man einzelne Rufe. »Zum erstenmal im Leben hatte ich heute Angst!« »Und Verzweiflung und Scham!« »Ja, Verzweiflung. Gib mir die Hand, Bruder. Wie kalt sie ist!... Hier vor dem Angesicht der unbekannten Gefahr, im Augenblick der großen Schmach wollen wir schwören, daß wir die unglückselige Freiheit nicht verraten werden. Wir werden zugrunde gehen, das fühlte ich heute, aber sterbend werden wir rufen: »Freiheit, Freiheit, Brüder!« So laut werden wir es hinausschreien, daß die ganze Welt der Sklaven vor Entsetzen erbeben wird ... Bruder, drücke meine Hand fester!« Wieder war es still, die purpurroten Flecke flackerten an den Wänden, und die wirren und stummen Schatten bewegten sich irgendwohin, draußen aber tobte es immer wütender, wie aus unermeßlichen Tiefen. Als hätte sich ein Orkan erhoben – von Nord und Süd, von Ost und West, die zitternde Menge in die Lüfte reißend. Abgerissene Lieder, Geheul, und aus dem Chaos der Töne in ungeheuren, schwarzen, zackigen Linien das eine Wort: »Tod, Tod dem Tyrannen!« Sie standen und lauschten und dachten. Die Zeit verrann, und sie standen noch immer regungslos, inmitten der rasenden Feuer- und Rauch-Schatten, und es erschien, als ob sie so seit tausend Jahren daständen. Tausend durchsichtige Jahre umgaben sie mit großem, fürchterlichem Ewigkeitsschweigen, die Schatten rasten, das Geschrei erhob sich und fiel, und stieg strudelnd wieder zu den Fenstern hinauf. Minutenlang konnte man den rätselhaften und beklemmenden Rhythmus der Welle und das Gepolter der abstürzenden Brandung deutlich vernehmen: »Tod! ... Tod dem Tyrannen!« »Komm, wir wollen hingehn!« »Ja, gehn wir! Dummkopf, der ich bin! Ich glaubte, der heutige Tag wird den Kampf mit der Tyrannei beendigen.« »Ach, der beginnt erst. Gehn wir nur!« Dunkle Gänge, steinerne Treppenstufen, lautlose, kühle Säle, so dumpf wie Kellerräume ... Da plötzlich erglänzt Licht, eine Glut, wie aus einem Hochofen, schlägt den Kommenden entgegen, an ihre Ohren dringt lautes, zusammengeballtes Sprechen, als ob hundert Papageien durcheinander schrieen; jeder immer für sich. Eine geöffnete niedrige Tür – und zu ihren Füßen eine riesige, in Halbdunkel getauchte, dunstige, mit Köpfen bunt besetzte Höhle; rote, in der schwülen Luft fast erstickende Lichtzünglein. Irgendwo wird gesprochen, Händeklatschen; ein Redner muß eben zu Ende sein. Ganz unten in der Höhle ist zwischen zwei tropfenden Lichtern die Gestalt des Zwanzigsten zu sehn. Er wischt sich die Stirn mit dem Tuch, beugt sich tief über den Tisch und murmelt irgend etwas Unverständliches: – er hält seine erste Verteidigungsrede. Wie heiß ihm ist! Nun ja, Zwanzigster! Du bist doch König! Erhebe deine Stimme, adle Beil und Henker! Nein, er murmelt etwas, – der Dummkopf, der tragisch-ernste!   VIII. Viele konnten von den Dächern herab die Hinrichtung des Königs mit ansehn; aber auch auf den Dächern war nicht Raum genug für alle, und so war es manchen nicht vergönnt, zu sehen, wie Könige hingerichtet werden. Aber die hohen, engen Häuser, mit schwarzem, flatterndem Haar, an Stelle der Dächer, schienen lebendig zu werden; und die geöffneten Fenster glichen schwarzen, funkelnden Augen. Hinter den Häusern ragten stumpfe und spitze Glockentürme zum Himmel empor, wie sonst, aber wenn man genauer hinsah, so bemerkte man, daß manche Querbalken allzu schwarz, fast beweglich waren: da stand auch Volk. Von dort aus war zwar nichts zu sehn, trotzdem schauten sie. Von den Dächern aus erschien das Schafott so klein wie ein Kinderspielzeug – etwa wie ein umgestürzter Kinderkarren mit zerbrochenen Handgriffen. Die einzelnen Menschen um das Schafott herum, – die einzigen auf dem Platz noch für sich sichtbaren, – da alles übrige zu einer unzertrennlichen, gedrängten, einem merkwürdigen, schwarzen Gazeschleier gleichenden Masse verschmolz, – diese einzelnen Menschen erinnerten in lächerlicher Weise an Ameisen, die sich auf die Hinterbeinchen setzen. Alles schien eben, sie aber kletterten langsam und mühevoll unsichtbare Stufen empor und bewegten sich hin und her. Und seltsam erschien es, daß dicht daneben auf dem Dache Menschen mit großen Köpfen, Mündern und Nasen standen. Die Trommel wurde gerührt. Ein kleiner, geschlossener Wagen bewegte sich zum Schafott; lange Zeit konnte man nichts unterscheiden. Dann trennte sich ein Häuflein und stieg ganz langsam die unsichtbaren Stufen hinauf. Es löste sich in einzelne Teile, fiel auseinander, – nur ein Figürchen blieb in der Mitte. Die Trommel wurde gerührt. Die Herzen erstarrten. Jäh und heiser brach der Trommelwirbel ab und verstummte. Das Figürchen erhob ein Händchen, ließ es sinken, erhob es wieder. Jedenfalls spricht er, aber es ist nichts zu hören. Was spricht er? Es dröhnen die Trommeln, sie zerreißen die Atmosphäre in Milliarden vibrierender Teilchen, und machen es unmöglich zu sehen. Auf dem Schafott bewegt sich etwas. Das kleine Figürchen ist verschwunden. Es wird hingerichtet. Die Trommeln krachen und brechen wieder heiser und jäh ab. Stille. Auf dem Platz, den soeben noch der Zwanzigste einnahm, steht ein anderes Figürchen mit ausgestreckter Hand. In der Hand hält es etwas ganz Winziges, das auf einer Seite hell, auf der anderen dunkel ist, – wie ein mit zwei Farben bemalter Stecknadelkopf. Das war eben der Kopf des Königs. Endlich... ... Unter höhnischem Geheul der Menge, sie zurückstoßend, hat man den Sarg mit dem Rumpf und dem Kopf des Königs entführt; sie fürchteten, die Wut des Volkes würde selbst die Überreste des Königs nicht schonen. Denn das Volk war schrecklich. In eingewurzelter Sklavenfurcht glaubte es noch immer nicht daran, daß so etwas geschehen konnte, daß der unantastbare, unerreichbare, mächtige Gebieter sein Haupt unter des Henkers Beil gelegt hat. Angstvoll und blind drängt es nach dem Schafott: die Augen können ja trügen, das Gehör täuscht ... Man muß das Schafott betasten, den Geruch des königlichen Blutes einatmen, die Hände bis zum Ellenbogen darin eintauchen. Sie schlagen sich, einige fallen nieder, kreischen, etwas Weiches, wie ein zusammengerollter Fetzen, wälzt sich hindernd unter den Füßen. Ein Erdrückter, ein zweiter, mehrere... Am Trümmerhaufen angelangt, der vom Schafott zurückgeblieben ist, brechen sie mit zitternden Händen kleine Stückchen ab, reißen sie los, die Nägel brechend, ergreifen gierig und blind ganze Balken und sinken wenige Schritte davon unter ihrer Last zusammen. Die Menge schließt sich über den Köpfen der Zusammengebrochenen, die Balken tauchen wie lebendig empor, schwimmen mit, versinken wieder, nur ein schartiges Ende zeigend, verschwinden schließlich. Sie finden eine noch nicht ausgetrocknete Pfütze Blut, sie tauchen ihre Tücher und ihre Kleider darein. Manche benetzen ihre Lippen mit dem Blut und machen auf der Stirn seltsame Zeichen; mit dem Blute des Königs salben sie das neue Reich der Freiheit. Wilde Freude berauscht sie. Ohne Gesang, ohne Worte drehen sie sich atemlos im Tanze; sie rennen ziellos hin und her, die blutbefleckten Fetzen zum Himmel erhebend und zerstreuen sich in der Stadt, mit sich führend Lärm und Geschrei und unaufhaltsames, seltsames Lachen. Sie versuchen zu singen, doch ist ihnen das Lied zu langsam, zu ruhig sein Fluß und zu rhythmisch, und aufs neue gehn sie über zu Lachen und Geschrei. Sie eilen fort, um der Versammlung für die Befreiung des Vaterlandes vom Tyrannen zu danken. Unterwegs lassen sie sich hinreißen, einen Verräter zu verfolgen, der da ruft: »Der König ist tot! Es lebe der König! Es lebe der Einundzwanzigste!« Sie rennen weiter – Einer ist gehängt. Viele, die den König im geheimen weiter liebten, vermochten den Gedanken nicht zu ertragen, daß er hingerichtet sei, und verloren den Verstand. Viele, sogar Feiglinge, töteten sich. Bis zum letzten Augenblick hatten sie etwas Unvorhergesehenes erwartet, auf irgend eine Rettung für ihn gehofft, und an den Erfolg ihrer Gebete geglaubt. Als aber die Hinrichtung erfolgte, fielen sie in Verzweiflung und erstachen sich mit Messern, die einen still und stumpf, andere mit grimmiger Gotteslästerung. Es gab auch solche, die in wilder Sehnsucht nach dem Martyrium auf die Straße hinausliefen, der sich daherwälzenden Volkslawine entgegenstürzten und wie rasend schrieen: »Es lebe der Einundzwanzigste!« Und die gingen zugrunde... Der Tag ging zur Neige; Nacht zog über die Stadt, eine finstere, gerechte Nacht, blind für alle Unterscheidung. In der Stadt brannten noch viele Lichter, der Fluß unter der Brücke war jedoch schwarz, wie flüssiger Ruß; nur dort an der Biegung, wo hinter dem breiten, stumpfen Turm der bleiche, kühle Sonnenuntergang vollendet war, glänzten die Wasser matt, wie die kühlen Reflexe von poliertem Metall. Zwei Gestalten standen auf der Brücke und, auf den Rand gestützt, blickten sie in die rätselhafte, dunkle Tiefe. »Glaubst du, daß mit dem heutigen Tage die Freiheit eingezogen ist?« fragte der eine; er fragte leise, während in der Stadt noch die Lichter brannten, und der Fluß unter der Brücke schwarz schillerte. »Sieh, dort schwimmt eine Leiche,« sagte der andere; er sagte es leise, weil die Leiche ganz nahe war und mit ihrem bläulichen Antlitz emporblickte. »Es schwimmen ihrer jetzt viele auf dem Flusse. Sie schwimmen dem Meer zu«... »Ich glaube nicht an ihre Freiheit. Sie freuen sich allzusehr über den Tod des Jämmerlings.« Aus der Stadt, wo noch Lichter brannten, zog ein Getöse von Stimmen, Lachen und Gesang herüber. Dort war es noch lustig. »Die Macht muß getötet werden,« sagte der erste. »Man muß die Sklaven töten, eine Macht gibt es nicht, – es gibt nur Knechte!« Wieder taucht eine Leiche auf, noch eine, immer mehr. Wie groß ist ihre Zahl! Von wo schwimmen sie alle hervor? So plötzlich treiben sie alle unter der Brücke. »Sie lieben doch alle die Freiheit?« »Nein, sie fürchten nur die Peitsche! Wenn sie erst lernen, die Freiheit zu lieben, werden sie auch frei werden...« »Geh'n wir fort. Mir wird übel beim Anblick der Leichen.« Sie wendeten sich und gingen. Und plötzlich, während in der Stadt noch die Lichter brannten, und der Fluß so schwarz war, wie aufgelöster Ruß, erblickten sie im Westen etwas Schweres und Trübes, geboren aus der Finsternis und dem Licht. Wo der Fluß sich in den schwarzen Ufern verlor und tiefe Dunkelheiten webten, als ob sie lebendig wären, stieg etwas Ungeheures, Gestaltloses, Blindes empor. Es erhob sich und stand unbeweglich, und obgleich es keine Augen hatte, sah es; gestaltlos schien es Hände nach der Stadt zu strecken; obgleich es tot war, lebte und atmete es. Es war grauenhaft. »Das ist Nebel über dem Flusse,« sagte der eine. »Nein, das ist eine Wolke,« sagte der andere. Es war Nebel und Wolke. »Es scheint zu sehen!« Es sah. »Es scheint zu hören!« Es hörte. »Es kommt hierher!« Nein, es stand regungslos – ungeheuer, gestaltlos, blind. Auf seltsamen Wülsten glühte der rote Widerschein der Lichter der Stadt auf, während unten der schwarze Fluß sich in den schwarzen Ufern verlor, und Dunkelheiten webten, als ob sie lebendig wären. Schwankend trieben Leichname heran und verschwanden im Dunkel; andere tauchten lautlos auf, schwankten, verschwanden, – unzählige stille Leichen, mit Träumen, ebenso schwarz und kalt wie das Wasser, das sie trug. Aber in dem hohen Turm, woraus man des Morgens den König geführt, schlief unter dem Pendel der einäugige Uhrmacher in tiefem Schlaf. An diesem Tage war er zufrieden gewesen über die Ruhe im Turm, er sang sogar, – der Einäugige sang! – und wandelte frohgemut zwischen den Rädern und den Hebeln einher, bis es finster wurde. Er berührte die Seile, setzte sich auf die Treppe, baumelte mit den Füßen und murmelte vor sich hin: den Pendel sah er dabei nicht an, denn er tat so, als sei er ihm böse. Dann blickte er jedoch verstohlen von der Seite zu ihm hin und begann zu lachen. Erfreut antwortete ihm der Pendel und lachte ebenfalls. Er schwang hin und her, grinste mit seinem kupfernen Gesicht und flüsterte: »So war's – so wird's, so war's – so wird's.« »Nun, nun!« spornte ihn der Einäugige an, vor Lachen sich schüttelnd. »So war's – so wird's.« Als es finster wurde, legte sich der Einäugige zur Ruhe und schlief fest ein; aber der Pendel schlief nicht, er bewegte sich die ganze Nacht hindurch über seinem Kopf und wehte ihm seltsame Träume zu.