Edward Lytton Bulwer Eugen Aram »Des Menschen Engel, So gut' als böse, schafft allein sein Handeln, Die, wie sein Schatten, ewig mit ihm wandeln. All' worauf wir angewiesen sind Mit unserem Thun, steht feindlich sich entgegen, Ja wir uns selbst!« John Fletcher. An Sir Walter Scott, Baronet. Verehrter Herr! Ich habe mich lange mit der mir von meinem Ehrgeiz eingegebenen Hoffnung getragen, den reichen und zahllosen Gaben, die auf den Altar Ihres Genius niedergelegt wurden, meinen schwachen Tribut beizufügen. So oft ich der Welt ein neues Buch darbot, weilte ich eine Zeitlang bei der Betrachtung, ob dasselbe würdig sei, mit Ihrem großen Namen geschmückt zu werden, und jedesmal schob ich die Sache hinaus, in Aussicht auf jenen Tag besser begründeten Verdienstes, der nie kam. Nun ich aber bei einem Werke angekommen bin, das die Reihe schließt, welche ich von Anfang an im Auge hatte, ist dies vielleicht die einzige mir noch offenstehende Gelegenheit, Ihnen jene hohe, gerechte, warme Bewunderung auszudrücken, die Sie mir, wie allen meinen Zeitgenossen, eingeflößt haben, und welche ein französischer Schriftsteller so anmutig »die glücklichste Prärogative des Genies« genannt hat. So ergreife ich denn diese Veranlassung, nicht als die beste , sondern um die letzte nicht zu verlieren. Ihr Ruhm als Dichter und als Erzähler hat jene Höhe erreicht, auf welcher das Lob überflüssig wird; aber hier eben scheint mir im Charakter des Schriftstellers em noch höherer Grund zur Verehrung zu liegen, als in dem seiner Schriften. Wer kann das Beispiel zu erreichen hoffen, das Ihr Genius uns giebt? – Wer das Beispiel vergessen, das Ihre Mäßigung uns hinterläßt? Es ist eine große Lehre für alle, die selbstthätig auf die Litteratur einwirken, einen vor sich zu haben, der bei der Gewinnung seines Ruhms den Neid endlich besiegt hat, und wie ohnegleichen so auch ohne Verkleinerer dasteht. Sie haben uns auf einige Zeit verlassen; aber welches Herz wird Ihnen nicht, eben wegen dieser Abwesenheit und der Gründe, welche man für dieselbe angiebt, mit Empfindungen, die das Andenken fast ebensosehr zur Pflicht als zur Lust machen, nach südlicheren Gestaden folgen? Welcher Schotte kann je vergessen, daß Sie sein Vaterland unsterblich gemacht, oder welcher Engländer, daß Sie seiner Sprache eine gleiche Gabe verliehen haben? Was auch die Ehren sein mögen, die Ihrer im Ausland warten, Sie haben die Dankbarkeit, die Verehrung, Sie haben die Herzen zweier Nationen zurückgelassen, um in der Heimat über Ihren Ruhm zu wachen. Sie werden es, hoffe ich, nicht für Anmaßung nehmen, wenn einer, der sich nach jenem hellen, nie sterbenden Licht, das jetzt von Schottlands grauen Hügeln herabströmt, – gleichsam als letzter Lichtkreis, womit Sie den litterarischen Ruhm des Landes gekrönt haben – von erster Kindheit an mit tiefer, nie erkaltender Andacht hinwandte; – Sie werden es, hoffe ich, nicht für Anmaßung nehmen, wenn ein solcher Ihren glorreichen Namen einem vergänglichen Buche vorsetzt, einem Buche, das, wie wertlos an sich selbst es sei, in seinen Augen einigen Wert gewinnt, sobald es auf diese Art zu einer Opfergabe seiner Ehrfurcht für Sie wird. London, den 22, Dezember 1881. Der Verfasser des »Eugen Aram«. Vorrede Beinahe zwei Jahre sind verflossen, teurer Leser, seit ich zuletzt in Paul Clifford , und etwas über vier Jahre, seit ich zuerst im Pelham dich in meiner gegenwärtigen Eigenschaft anredete. Die Erzählung, welche ich dir jetzt vorlege, unterscheidet sich in gleichem Maße vom letzten wie vom ersten dieser Werke, denn unter zwei Übeln ist es vielleicht immer noch besser, deine Erwartungen in einer neuen Art zu täuschen, als dich mit einer alten zu ermüden. Hinsichtlich der Thatsachen, auf welche die Erzählung von Eugen Aram gegründet ist, habe ich mir die gewöhnliche, allgemein gestattete Freiheit poetischer Schriftsteller genommen; es sind hauptsächlich die mehr prosaischen Bestandteile der wirklichen Geschichte, die abgeändert wurden, und für alles, was ich hinzusetzte oder wegließ, kann ich mich auf das Beispiel anerkannter Autoritäten berufen, welche mit noch neueren und dazu weit mehr unter dem Schutz historischer Erinnerung stehenden Charakteren sich größere Freiheiten erlaubt haben. Das Buch ward zum größeren Teil im Anfang dieses Jahres niedergeschrieben, wo das Interesse des Verfassers an seinem Unternehmen durch keine anderen bedeutend auf ihn einwirkenden Gegenstände geteilt wurde, und er Muße genug hatte, nicht nur zu sein: nescio quid meditans nugarum , sondern auch: totus in illis . Ursprünglich ging meine Absicht dahin, die Geschichte Eugen Arams für die Bühne zu bearbeiten. Ich gab diesen Plan wieder auf, nachdem er über die Hälfte vollendet war, der Wunsch aber blieb mir, gegenwärtigem Roman etwas von der Natur der Tragödie, von ihren leichter übertragbaren Eigenschaften, mitzuteilen. Genug davon! nicht nach den Wünschen, nach den Werken des Verfassers wird die Welt über ihn urteilen. Vielleicht magst du denn, lieber Leser – damit schließe ich – in der dumpfen Einförmigkeit unserer öffentlichen Geschäfte und während der jetzigen langen Winterabende, wo wir ums Kaminfeuer uns sammeln, und, vorbereitet auf die Erzählungen des Gevatters, uns mit Genuß der Furcht überlassen und an alte Sagen glauben, nicht mit Widerstreben nach diesen Blättern greifen, als einem mindestens neueren Unterhaltungsstoff, wie die Cholera, oder als einer augenblicklichen Erholung von den ewigen Erörterungen der »Bill«. London, den 22. Dezember 1831. Erstes Buch. Tiresias. Weh, weh! Entsetzlich ist das Wissen, wo es nicht Heil bringt dem Wissenden ... Oedipus. Was ist's? wie mutberaubt erscheinest du? Tiresias. Laß mich nach Haus; am leichtesten wirst du deines, Das mein' ich tragen, wenn du mir gehorchst. Erstes Kapitel. Das Dorf. – Seine Bewohner. – Das alte Herrenhaus und eine englische Familie; deren Geschichte, welche ein geheimnisvolles Ereignis einschließt. Geschützt durch die Gottheit, welche der Gegenstand ihrer Anbetung war, genährt von der Erde, welche sie bauten, und in Frieden mit sich selbst, genossen sie die Süßigkeiten des Lebens, ohne sein Ende zu fürchten, noch zu wünschen. Numa Pompilius. In der Grafschaft ... liegt ein einsames Dörfchen, das ich oft Gelegenheit hatte zu durchwandern, und woraus ich immer nur ungern und nicht ohne ein gewisses Widerstreben schied. Nicht bloß, daß es wirklich der Ort einer Geschichte ist, die mir trotz ihrer Furchtbarkeit von besonderem Interesse erscheint (obwohl dieser Umstand allerdings eine magische Gewalt auf meine Phantasie ausübt): – der Schauplatz selbst ist von der Art, daß er keiner darangeknüpften Sage bedarf, um die Aufmerksamkeit des Reisenden zu fesseln. In keinem Teile der Welt, wohin mich mein Schicksal geführt hat, kenn' ich eine so durchaus liebliche und malerische Landschaft, wie diejenige, welche auf jeder Seite des Dorfes, wovon ich rede, dem Auge sich darbietet. Das Örtchen, dem ich hier den Namen Grünthal geben will, liegt in einer Vertiefung, die sich ungefähr eine halbe Stunde weit, zwischen zwei Ketten sanfter, fruchtbarer Hügel, durch Gärten und fruchtbelastete Obstanlagen hinzieht. Einzeln oder gruppenweise erblickt man da Bauernhäuser, die eine Behaglichkeit, einen ländlichen Luxus verraten, der im allgemeinen lange nicht so oft, als unsere Dichter erwähnen, das Abzeichen des englischen Landvolkes ist. Man hat die Bemerkung gemacht, worin wirklich eine Welt von tüchtigem Menschenverstand, ja von politischer Weisheit steckt, daß, wo man Blumen in einem Bauerngärtchen oder einen Vogelkäfig am Fenster sieht, man versichert sein darf, daß die Bewohner des Hauses besser und verständiger als ihre Nachbarn sind dergleichen bescheidene Andeutungen eines über die nackte Plage des Lebens hinausreichenden Sinns traf man – um uns sofort in eine bereits vergangene Zeit zu versetzen – fast an jeder der anspruchslosen Hütten Grünthals. Hier rankten Jasmin, dort wilde Reben über den Thürpfosten, nicht so durcheinander, daß man hätte annehmen können, sie wären gänzlich sich selbst überlassen gewesen, aber auch nicht so dicht, daß sie den Bewohnern die Luft abhielten, sondern wie zur Durchwürzung von dieser bestimmt. Jedes Häuschen hatte hinter sich eine Strecke Gartenland für die nützlichen und nahrungschaffenden Naturerzeugnisse, während die Mehrzahl sich von der wenig betretenen Landstraße noch durch ein kleines Beet für Wolfsbohnen, spanische Wicken oder die mannigfachen Spielarten der englischen Rose abgrenzte. Auch verdient bemerkt zu werden, daß die Bienen in größern Schwärmen nach Grünthal flogen, als nach irgend einem andern Teil des reichen, wohlbebauten Bezirks. Ein kleiner Anger, von einem Bach durchschnitten, den Bandweiden und gestutzte, wunderlich gestaltete Zwergbäume einfaßten, bot Futter für einige Kühe und das gefährtenlose Pferd des einzigen Kärrners. Das Bächlein selbst war nicht ohne einen gewissen Ruf unter der edeln Anglerzunft, der Brüderschaft, welche unsere Vereine der englischen Barmherzigkeit gegen die Tierwelt zum Trotz in Schutz nehmen; und dieser Ruf zog dem Dorf willkommene zeitweilig wiederkehrende Wanderer zu, durch welche es sein bißchen Kenntnis von der großen Welt geliefert bekam, sowie durch sie die einzige kleine Herberge des Ortes für anständigen Gebrauch geeignet erhalten wurde. Nicht als hätte übrigens Peter Dahltrup, der Eigentümer des »scheckigen Hundes,« sich mit dem Gewinn seiner Gastwirtschaft zufrieden gegeben; vielmehr verband er damit noch die leichten Mühen für eine kleine Pachtung, die er von einem reichen, leutseligen Herrn übernommen hatte, und da er überdies mit der Würde eines Kirchenschreibers bekleidet war, so galt er bei seinen Nachbarn als eine Person von nicht geringen Gaben und bedeutender Würde. Er war ein kleines, trockenes, dünnes Männchen, eher zur stillen Betrachtung als zum Scherz aufgelegt; den Kopf voller Phrasen aus Psalmen und geistlichen Liedern, auf welchen letztern, da sie dem Ohr der Dorfbewohner weniger bekannt klangen, als die erstern, starker Verdacht ruhte, daß, sie sein eigenes Werk seien. Dies gab seinem Gespräch mitunter eine dichterische, halb religiöse Färbung, die eher seiner Würde in der Kirche als seiner Stellung im »scheckigen Hund« entsprach. Gleichwohl schien er auch den Späßen des letztern nicht gram, wenn sie nur feiner und anständiger Natur waren; ja er verschmähte sogar nicht, mit minder zarten und begabten Gästen zum eigenen Wein sich niederzusetzen. In der Mitte des Dorfes stieß man auf ein kürzlich erst geweißtes Haus, an welchem die beschnittene Hecke, sowie das nette, neu ausgebesserte Geländer, welches zu der Wohnung führte, auf eine strenge Ordnungsliebe des Besitzers schließen ließen. Hier wohnte der Stutzer und Hagestolz des Örtchens, allerdings etwas veraltet, aber immer noch Gegenstand großer Aufmerksamkeit und einiger Hoffnung von seiten der betagteren Jungfrauen der Nachbarschaft, sowie einer respektvollen Volkstümlichkeit bei der Gemeinde, was gleichwohl den jüngern Teil der Schwesterschaft nicht verhinderte, sich ein wenig über ihn lustig zu machen. Jakob Bunting, so hieß dieser Ehrenmann, hatte viele Jahre in königlichen Diensten gestanden, worin er es bis zum Rang eines Korporals gebracht und ein kleines Vermögen mühsam zusammengespart hatte, wovon er nun die Miete für sein Häuschen entrichtete und nach seinem Gefallen lebte. Er hatte einen guten Teil der Welt gesehen und die Erfahrung einen verschlagenen Kopf aus ihm gemacht; alle überflüssige Frömmigkeit aber war von ihm zugleich mit seinen Vorurteilen weggewischt worden, und obwohl er öfter als irgend ein anderer mit dem Wirt vom »scheckigen Hund« trank, haderte er doch auch am häufigsten mit ihm und zeigte am wenigsten Nachsicht mit den Psalmenfragmenten des Gastwirts. Jakob war eine hohe, stattliche, kerzengerade Persönlichkeit; der Rock, an dem man die Fäden zählen konnte, auf's sorgfältigste gebürstet; das Haar zu beiden Seiten mit strenger Genauigkeit in zwei harte, standhafte Locken, auf dem Scheitel aber in einen Hahnenkamm gekleistert, wie er das Ding zu nennen pflegte, das eigentlich einem Dachziegel weit ähnlicher sah. Seine Art sich auszudrücken hatte etwas Eigentümliches; gewöhnlich bediente er sich einer schnellen, kurzen, abgebrochenen Weise, die jeden Überfluß an Vor- und Bindewörtern abschneidend und im Sturmschritt auf der Rede Sinn losgehend, einen soldatenhaften und spartanischen Charakter an sich trug; Beweis genug, wie schwer es oft für einen Mann wird, zu vergessen, daß er Korporal gewesen. Gelegentlich freilich – denn wo sonst als in Komödien wäre die Ausdrucksweise der Laune stets die nämliche? – verlor er sich in eine breitere, weniger heidnische Manier, mit des Königs Englisch umzugehen, doch war solches hauptsächlich nur dann bemerkbar, wenn er vom Sprechen ins Predigen geriet, eine Schwelgerei, welcher sich hinzugeben der edle Krieger gar sehr liebte, denn er hatte vieles gesehen und über einiges sich seine Gedanken gemacht. Und da er sich, sonderbar genug für einen Korporal, auf seine Weltkunde mehr als selbst auf seine Kriegskunde zu gute that, so ließ er nicht leicht eine Gelegenheit vorüber, einen geduldigen Hörer mit dem Ergebnis seiner Beobachtungen zu erbauen. Kam man zufällig der Thür des Veteranen nahe, wo er gewöhnlich, falls er nicht mit Nachbar Dahltrup trank, oder seinen Thee mit Gevatter So oder Meister So schlürfte, oder ein paar lernbegierige Jungen im Gebrauch des Säbels unterrichtete, oder Forellen in dem Bache fing, oder, kurz gesagt, nicht mit etwas Anderem beschäftigt war, – wo er, sag ich, nicht selten auf einer rauhen Bank saß und mit halb geschlossenen Augen, gekreuzten Beinen, aber stets unweigerlich gerader Stellung, im Genuß seiner Pfeife schwelgte, – dann schlenderte man aufs Geratewohl vollends über einen hölzernen Steg, unter welchem, klar und bescheiden, das Bächlein hinrann, dessen wir vorhin mit Ehren gedacht haben, und nach einem Gange von wenigen Minuten langte man vor einem mäßig großen, altertümlich geformten Gebäude, dem Herrenhause des Kirchspiels, an. Es stand hart am Fuß des Hügels; dichtes, altes Weiden- und Erlengebüsch im Hintergrund hob die ausnehmende Frische und den grünen Glanz eines Fleckchens Wiese heraus, das unmittelbar vor dem Thor lag. Der Garten wurde auf der einen Seite vom Dorfkirchhof, mit seinen einfachen Grabhügeln und wenigen niedern Denksteinen, begrenzt. Die Kirche war sehr alt, und nur von einer einzigen Stelle aus bekam man mehr als einen Schimmer ihres grauen Turms und dessen zierlich auslaufender Spitze zu sehen, so dick und dunkel schlossen sich Eiben- und Lärchenbäume um das Gebäude her. Dem Thor gegenüber, durch das man in das Schloß gelangte, war die Aussicht nicht umfassend, aber reich an Gehölz und Weidegrund, und durch einen Hügel geschlossen, der, minder grün als seine Nachbarn, Schafherden auf seinem Rücken trug; ganz in der Nähe sah man das dunkelnde, fortrieselnde Bächlein, bis es dem Auge, wenn auch nicht dem Ohr, unter dem Buschwerk entschwand. An dem gebräunten Lattenwerk zu beiden Seiten des Thors waren Spaliere ländlicher Obstarten hinaufgezogen, während Früchte und Blumen, in deren Anpflanzungen grüne und gewundene Baumgänge nicht ohne geschmackvolle Anlage hinliefen, durch ihr kräftiges gesundes Aussehen die Sorgfalt bekundeten, welche man auf sie zu verwenden pflegte. Der Stolz des Gartens war auf einer Seite ein gewaltiger Roßkastanienbaum, der dickste im ganzen Dorfe; auf der andern eine nach außen mit Geißblatt bedeckte, inwendig mit Moos ausgekleidete Laube. Das Haus selbst, ein graues, wunderliches Gebäude aus der Zeit Jakobs I., mit vorspringenden Steingesimsen und einem Giebeldach, hätte in jetziger Zeit kaum ein geeigneter Aufenthalt für den Gutsherrn scheinen dürfen. Fast die ganze Mitte desselben wurde durch die Halle eingenommen, wo die Familie gewöhnlich zu speisen pflegte: außer jener waren vom Baumeister nur noch zwei anständige Zimmer von sehr mäßigem Raum der Bequemlichkeit oder Prunksucht des Besitzers vorbehalten worden. Ein großes Portal sprang vom Hauptgebäude vor, welches ganz mit Epheu überzogen war, wie die Fenster mit Jasmin und Geißblatt; innerhalb des Portals standen Sitze umher, bedeckt mit manchem roh eingeschnittenen Anfangsbuchstaben und dem Datum längst verflossener Tage. Der Herr des Schlößchens hieß Rowland Lester. Seine Vorfahren, ohne ein hohes Alter der Familie in Anspruch zu nehmen, hatten doch schon seit zwei Jahrhunderten die Würde der Squires von Grünthal inne, und Rowland Lester mochte leichtlich der erste des Stammes gewesen sein, der über fünfzig Meilen von dem Hause weggekommen, worin der Reihe nach jeder seiner Ahnen geboren worden, und von dem grünen Kirchhof, worin eines jeden Todestag noch jetzt verzeichnet stand. Der nunmehrige Besitzer war ein Mann von gebildetem Geschmack. Anlagen, die ihrer Natur nach nicht weit übers mittelmäßige hinausgingen, hatte er durch Reisen und Studien gehoben. Er und ein jüngerer Bruder waren früh Herren ihres Schicksals und ihrer verschiedenen Erbteile geworden. Im Jüngern, Gottfried, ließ sich bald ein unstäter, zur Verschwendung neigender Hang bemerken. Kühn, zügellos, ausschweifend, ohne Grundsätze, erschöpfte sein Lebenswandel bald das spärliche Vermögen eines jüngern Sohnes aus dem Hause eines Landedelmanns. Schon früh geriet er in sehr mißliche Umstände, aber nie schienen diese ganz Meister über ihn werden zu können; eine unerwartete Wendung, ein günstiger Zufall hatte sich jedesmal eben im Moment eingestellt, wo man glauben mußte, das Glück sei gänzlich von ihm gewichen. Zu diesen günstigeren Strömungen in der Flut seiner Angelegenheiten gehörte, als er ungefähr vierzig Jahre alt sein mochte, die plötzliche Heirat mit einer jungen Dame, deren äußere Glücksumstände im Verhältnis zu Gottfried Lesters Rang und den mäßigen Ausgaben jener Zeit, ganz zureichend und hübsch genannt werden konnten. Unglücklicherweise jedoch war diese Frau weder von schöner Gestalt noch von sanfter Gemütsart, und nach wenigen Jahren des Streites und Zankes schied eines Morgens der ungetreue Gatte, nachdem er alles, was von dem Vermögen noch übrig war, zusammengerafft, ohne vorherige Anzeige noch Abschied vom ehelichen Herde. Seiner Frau ließ er nichts als sein Haus, seine Schulden und sein einziges Kind, einen Knaben. Von dieser Zeit bis auf die Periode, welche uns jetzt beschäftigt, hatte man über den Entwichenen wenig erfahren, obwohl manche Vermutung aufgestellt. Doch kam man hinsichtlich der ersten Jahre seinem Schicksal soweit auf die Spur, daß sich ergab, er sei einmal in Indien gesehen worden und noch vorher einem Verwandten in England unter einem angenommenen Namen aufgestoßen; Beweis genug, daß seine Beschäftigung, worin sie auch bestehen mochte, schwerlich sehr ehrenhaft sein konnte. In der letzten Zeit dagegen war durchaus nichts mehr über den Herumschwärmer bekannt geworden. Einige hielten ihn für tot; die meisten hatten ihn vergessen. Die, welche in näherem Verhältnis zu ihm standen, vor allen sein Bruder, nährten den geheimen Glauben, daß wo immer Gottfried Lester wieder hervortreten möge, seine Schuhe (um den bezeichnenden sprichwörtlichen Ausdruck zu gebrauchen) gesohlt sein würden, und das gewohnte Glück des Taugenichtses mit der Thatsache zusammenstellend, daß man ihn in Ostindien gesehen habe, hoffte Rowland in seinem Herzen, ja verließ sich mit Zuversicht darauf, der Verlorene werde dereinst noch zurückkehren, beladen mit der Ausbeute des Morgenlandes und eifrigst beflissen, auf seine Verwandten, zur Entschädigung für sein langes Herumstreichen, »Mit reichster Hand barbarisch Gold und Perlen« auszustreuen. Doch wir müssen zu der verlassenen Gattin zurückkehren. In der plötzlich hereingebrochenen Not blieb Mistreß Lester bloß der Ausweg, sich an ihren Schwager um Hilfe zu wenden, von welchem der Flüchtling allerdings nicht geschieden war, ohne ihn bei mehreren Gelegenheiten für ein solches Ansinnen vorbereitet zu haben. Schnell und edelmütig folgte Rowland dem an ihn ergangenen Ruf, nahm Kind und Frau in sein Haus auf, befreite die letztere von der Verfolgung aller gesetzlichen Schuldforderungen, und nach Verkauf alles noch übrig gebliebenen Eigentums überließ er den ganzen Erlös der verlassenen Familie, ohne seine Ausgaben für sie in Anschlag zu bringen, so wenig er selbst auch in Verhältnissen lebte, die für eine solche aufopfernde Selbsthintansetzung geeignet waren. Die Frau bedurfte übrigens der Freistätte an seinem Herd nicht lange; wenige Monate nach Gottfrieds Entweichung starb die Unglückliche an einem schleichenden Fieber, das Entrüstung und Kummer ihr zugezogen. Ihren Sohn der Fürsorge des gütigen Oheims zu empfehlen hatte sie nicht erst nötig. – Und nun müssen wir denn einen Blick auf die häuslichen Verhältnisse des älteren Bruders werfen. In Rowland erschien die wilde Art seines Bruders so weit gemäßigt, daß sie in ihm bloß den Charakter eines aufbrausenden Temperaments und fröhlichen Sinnes annahm. Seine Grundsätze waren ebenso streng, als sein Herz warm, und sein feines, festes Ehrgefühl unzugänglich für jede Versuchung. Keine Stunde konnte man mit ihm zusammen sein, ohne wahrzunehmen, daß er ein Mann sei, der Achtung verdiene, und ebensowenig konnte man eine Woche mit ihm verleben, ohne zu fühlen, daß er ein Mensch sei, den man lieben müsse. Auch er hatte sich vermählt, ungefähr ein Jahr nach seinem Bruder, aber nicht wie dieser um äußerer Glücksgüter willen. Seine Neigung hatte sich auf die vermögenslose Tochter eines Mannes seines Standes aus der Nachbarschaft geworfen. Er warb um sie, erhielt ihre Hand und genoß einige Jahre lang jene höchste Glückseligkeit, welche die Welt zu geben vermag – den Umgang und die Liebe eines Wesens, in welchem man keinen Zug anders wünscht und über welches hinaus man keinen Wunsch hat! Aber was Bosheit nicht verderben kann, wird vom Schicksal selten verschont. Wenige Monate nach der Geburt ihrer zweiten Tochter starb Rowland Lesters junge Frau, und im Hause eines Witwers hatten die Gattin und das Kind seines Bruders Hilfe gesucht. Rowland war ein Mann von vollem, innigem Gefühl. Zerbrach ihn auch jener Schlag nicht, so veränderte er ihn doch. Von Natur sprudelnd und feurig, ward seine Stimmung jetzt nüchtern und ruhig. Er entzog sich den ländlichen Festen und Gesellschaften, die er sonst gesucht, die er belebt hatte, und zum erstenmal in seinem Leben empfand der Trauernde die Heiligkeit einsamer Stille. Wie sein Neffe und seine mutterlosen Töchter mehr heranwuchsen, gaben sie seinem abgeschiedenen Treiben wieder einen Anhaltspunkt und seinen schmerzlichen Betrachtungen einen Trost. Er fand ein reines, nie versagendes Vergnügen darin, die Entfaltung der jungen Gemüter zu beobachten und ihre verschiedenen Neigungen zu leiten; und als ihr Alter sie endlich befähigte, seine Liebe zu erwidern, seine Fürsorge zu schätzen, da begann er von neuem zu fühlen, daß er noch eine heimatliche Stätte habe. Die ältere seiner Töchter, Madeline, hatte zur Zeit, wo unsere Geschichte beginnt, ihr achtzehntes Jahr erreicht. Sie war der Schmuck und der Stolz der ganzen Umgegend. Über die gewöhnliche Größe hinausragend, erschien ihre Gestalt nach reichen, herrlichen Verhältnissen geformt. So durchsichtig rein und zart war ihre Hautfarbe, daß man sie, ohne die frische hochrosige Lippe und den weißen Perlenglanz der Zähne, für ein Zeichen schwächlicher Gesundheit hätte nehmen können. Die tiefblauen Augen hatten einen nachdenkenden, aber heitern Ausdruck; die Stirn, höher und breiter, als bei Frauen die Regel ist, verhieß einen gewissen geistigen Adel und fügte eine, wenn auch ganz in den Grenzen der Weiblichkeit gehaltene, Würde den zarteren Merkmalen ihrer Schönheit bei. Und wirklich entsprach Madelinens eigentümliche Gemütsrichtung der Andeutung ihrer Züge, indem sie außerordentlich sinnig und stets nur auf Hohes gerichtet war. Früh hatte sie eine auffallende Liebe zu den Studien, und nicht nur ein Verlangen nach Wissen, sondern eine Verehrung für die, welche im Besitz desselben waren, bewiesen. Der abgelegene Winkel der Grafschaft, in welchem die Familie wohnte, und die nur selten unterbrochene Abgeschlossenheit, worin Lester, seinen wenigen da und dort zerstreuten Nachbarn gegenüber, sich gewöhnlich hielt, mußte natürlich jedes Glied des kleinen Kreises auf seine eigene Hilfsquellen beschränken. Ein Unfall hatte Madeline vor etwa fünf Jahren für mehrere Wochen, ja Monate im Hause gehalten, und da die alte Halle mit einem ziemlich ansehnlichen Bücherschatz ausgerüstet war, so hatte sie damals jenen Hang zum Lesen und Nachdenken, der sich schon in früheren Jahren vorzeitig ausgesprochen, zur vollen Reife und Ausbildung gebracht. Die weibliche Neigung zum Romanhaften lieh ihren Ansichten den eigentümlichen Anstrich, sie erhob ihren Sinn über das Gemeine, verlieh ihm aber zugleich eine besondere Sanftheit. Ihre um zwei Jahre jüngere Schwester Leonore, oder, um uns fortan des heimischen Ausdrucks zu bedienen, Ellinor, war von ebenso sanftem»aber von weniger schwungvollem Gemüt. Sie blickte zu Madeline wie zu einem Wesen höherer Art empor. Ohne einen Schatten von Mißgunst war sie auf die großartigere, überstrahlende Schönheit der Schwester selbst stolz und ließ sich in Beschäftigung und Neigung von einem Geist leiten, den sie freudig als dem eigenen überlegen anerkannte. Gleichwohl hatte auch Ellinor ihre Ansprüche auf besondere Liebenswürdigkeit – Ansprüche, die von ihrem eigenen Geschlecht vielleicht sogar mit mehr Bereitwilligkeit anerkannt werden mochten, als diejenigen ihrer Schwester. Der Sonnenschein eines frohen, schuldlosen Herzens schimmerte auf ihrem Gesicht und gab ihrem schnell bewegten nußbraunen Auge und ihrem aus tausend Grübchen brechenden Lächeln einen Glanz, dessen Anblick erquickte. Sie war minder hoch gewachsen als Madeline, und obwohl nicht so schmächtig, um die Rundung und Fülle weiblicher Schönheit zu entbehren, erschien ihre Gestalt doch dünner, schwächer und in ihren Verhältnissen minder reich als diejenige der Schwester. Wohl mochte der in ihrer körperlichen Bildung begründete Trieb, sich an fremde Hilfe anzulehnen und nicht auf die eigene Kraft zu vertrauen, auch auf ihr Gemüt einwirken, ihr die Liebe und die Abhängigkeit der Liebe mehr zum Bedürfnis machen, als der gedankenvollen, hochsinnigen Madeline. Die letztere hätte durchs Leben wandeln können, ohne je den einzigen zu finden, dem ihr Herz allein sich zu eigen geben konnte; während vielleicht jedes Dorf einen Helden besaß, den Ellinors Phantasie mit eingebildeten Reizen hätte umkleiden und welchem das Liebebedürfnis ihrer Natur ihre Neigung hätte zuwenden können. Beide besaßen übrigens jene Stärke und Reinheit des Herzens in ausgezeichnetem Grade, wonach sie, vielleicht in gleichem Maße, dem einmal ergriffenen Gegenstande ihrer Wahl, allen Wechseln der Zeit und dem Rande des Grabes zum Trotz, mit unerschütterlicher Treue und Ergebenheit angehangen haben würden. Ihr Vetter Walter, Gottfried Lesters Sohn, stand jetzt im einundzwanzigsten Jahre, sein Wuchs war schlank und stark, und sein Gesicht, wenn nicht regelmäßig schön, anziehend genug, um für ersteres zu gelten. Hochstrebend, kühn, feurig, ungeduldig; eifersüchtig auf die Zuneigung derer, welchen er wohlwollte; dem äußern Schein nach fröhlich, innerlich aber unruhig, die Veränderung liebend, jener trüben selbstquälerischen Stimmung unterworfen, die man bei jungen heftigen Gemütern so oft findet: – so war Walter Lesters Charakter. – Die Güter der Familie Lester erbten in der männlichen Linie und mußten deshalb auf ihn fallen. Gleichwohl gab es Augenblicke, wo er seine verwaiste, einsame Stellung tief fühlte und mit Schmerz daran dachte, daß, während sein Vater vielleicht noch lebe, er mit seinem Liebesbedürfnis, vielleicht gar mit seinem Unterhalt, an die Güte anderer Leute verwiesen sei. Dergleichen Betrachtungen gaben seinem Benehmen bisweilen einen Anstrich von Starrheit und Trotz, der ihm in Wirklichkeit nicht eigen war. Denn was drückte wohl einem Menschen, der seinen Wert empfindet, einen so unliebenswürdigen Schein auf, als das Gefühl von Abhängigkeit? Zweites Kapitel. Ein Wirt, ein Sünder und ein Fremder. »Ach, Don Alfonso, seid Ihr's? Angenehmer Zufall! Das Ungefähr bringt Euch mir da vor die Augen, wo Ihr am wenigsten erwartet wurdet.« Gil Blas. An einem Abend zu Anfang des Sommers saßen Peter Dahltrup und der weiland Korporal unter dem Zeichen des »scheckigen Hundes«, das unbeweglich vom Zweige einer freundlichen Ulme herabhing und leerten einen Becher auf gute Kameradschaft. Der Leser möge sich die beiden Kumpane nach Gestalt und Aussehen sehr verschieden vorstellen: den einen kurz, ausgedörrt, ärmlich, durch die aufgeknöpfte Weste und die Art, wie er, weit zurückgelehnt, sich mit dem Stuhl auf und nieder wiegte, seine Liebe zur Gemächlichkeit andeutend; den andern aufrecht, gravitätisch und so fest auf seinem Sitz, als wäre er angenagelt. Es war ein schöner, stiller, würziger Abend; die Sonne verschwand eben hinter den fernen Bergen; noch hing an den Wolken die Rosenfarbe, die ihr scheidender Strahl ihnen mitgeteilt; da und dort sah man die Bauernhäuschen zwischen den umgebenden Bäumen hervorlugen, oder den Rauch von den mit Moos und Hauswurz übergrünten Dächern in zierlichen Schlangenwindungen hinauf in die klare milde Luft steigen. Ein englisches Bild! Dabei bildeten die beiden Männer, der Hund zu ihren Füßen (denn Peter Dahltrup begünstigte einen schäbigen, steinfarbigen Kläffer, den er einen Dachshund nannte), unter der Thür der kleinen Herberge zwei alte Gevatterinnen in Häubchen und Halstuch, in vertraulichem Geplauder mit der Wirtin auf der Schwelle weilend – zusammen in gleichem Maße eine englische Gruppe, die wenn sie von etwas malerischer Wirkung, doch bekannt und anheimelnd genug war. »Nun wahrlich,« sagte Peter Dahltrup, indem er den braunen Krug dem Korporal zuschob, »so hab' ich's gerne; es gemahnt mich –« »An was?« frug der Korporal. »An die lieblichen Verse in jenem Lied, Herr Bunting: Wie schön ihr kleinen Hügel seid, Ihr Feldlein auch dabei, Ihr Murmelbäch' in stillem Lauf, Ihr Weiden in der Reih'.« Es ist was gar Tröstliches in den heiligen Liedern, Herr Bunting; aber Ihr seid ein Spötter.« »Pah! pah!« sagte der Korporal, den rechten Fuß streckend und sich mit halbgeschlossenen Augen und vorgestrecktem Kinn zurücklehnend, indem er einen ungewöhnlich langen Zug aus der Pfeife that. – »Pah! Pah! rechts um mit 'n Versen! – gut für'n Mädel, das in die Sonntagsschule geht! ausgewachsene Männer schnupfen lieber. – Bin in der Welt gewesen, Meister Dahltrup, in der Welt! verdamm mich Gott!« »Pfui doch, Nachbar, pfui! Was kommt Gutes heraus bei Unheiligkeit, Übelrede und Lästern? Die Flüche sind die Schuld, Die schwer wird ausgeglichen, Zum Rechnungstag sind all' Der Seele angestrichen – Wartet 'n bißchen, Nachbar, wartet, bis ich meine Pfeife angezündet habe.« »Sag Euch was.« entgegnete der Korporal, nachdem er aus der eigenen Pfeife dem Gefährten den freundlichen Funken mitgeteilt – »sag Euch was – dummes Zeug! der kommandierende General ist kein Paradenarr – haben wir uns all' brav gehalten im Feuer, so wird er wegen eines oder ein Paar mitgelaufener Wörtlein 'n Auge zudrücken. Kommt! keine Schnacken! – schweigt mir! Schwerenot! Glaubt Ihr, Gott wolle lieber 'n Kümmerling wie Euch in seinem Regiment, als 'nen Mann wie mich, gutgegliedert, bolzsteif, sechs Fuß 'n Zoll, ohne Schuhe! – still!« Dieser Gedanke des Korporals, wonach er das Himmelreich der Leibgarde des Königs von Preußen verglichen und die Erwählten nur nach dem Zollmaß zugelassen haben wollte, kitzelte des Wirtes Einbildungskraft dergestalt, daß er sich in seinem Stuhl zurücklehnte und in ein langes, trocknes, möglichst lautes Gelächter ausbrach. Dieser Mangel an Ehrerbietung mißfiel aber dem Korporal höchlich. Er blickte das Männchen recht sauer an und sagte in seiner unsanftesten Betonung: »Was – Teufel – für 'n Gakern? – immer Kich! Kich! Kich! Kach! Kach! Kach! He?« »Na! wahrlich, Nachbar,« erwiderte Peter sich fassend, »Ihr müßt einen Mann mitunter lachen lassen.« »Mann!« rief der Korporal. »Mann ist 'n edles Tier. Mann ist eine Muskete, Pulver auf der Zündpfann', geladen, bereit, einem Freund zu Hilf' zu kommen wie 'nen Feind niederzumachen – Ladung nicht nach jeder Meise verpufft! Ihr aber seid keine Muskete, nur 'n Pulverhäuflein! macht viel Lärm, trifft nicht! – nur angerührt, gleich geht Ihr los, puff, paff, ins Gesicht! Schwerenot!« »Nun!« sagte der Wirt, der nicht aus seiner guten Laune zu bringen war, »da wäre Herr Aram, der große Gelehrte im Thal drunten', ein Mann nach Eurem Herzen. Der ist ernsthaft genug, um Euch recht zu sein. Ich glaube, der lacht nicht so leicht.« »Nach meinem Herzen? – Krümmt sich ja wie 'n Fiedelbogen!« »Ja, er sieht beim Gehen immer zu Boden wenn ich nachdenke, mach' ich es ebenso. Aber was für 'n Wunder von einem Menschen! Ich höre, er liest die Psalmen hebräisch. Er ist recht leutselig und weichherzig für einen solchen Gelehrten!« »Sag Euch was! Die Welt gesehen, Meister Dahltrup! Weiß auch das eine und andere. Ein scheuer Hund ist allezeit bissig. Ich will 'nen Mann, der mir oder 'ner Kanone gleich fest ins Gesicht schaut!« »Oder einem Mädchen,« sagte Peter verschmitzt. Der grimme Korporal lächelte. »Da Ihr von Mädel sprecht.« Hub er, seine Pfeife von neuem stopfend, an – »was für 'n Ding Miß Lester ist! Was für Augen! Was für 'ne Nase! Gemacht für 'nen Oberst, bei Gott! ja 'nen Generalmajor!« »Was mich anlangt, so kommt mir Miß Ellinor fast ebenso hübsch vor; nicht so hoch hinaus, aber liebenswürdiger!« »'n nettes Dingelchen!« bemerkte der Korporal zustimmend. »Aber wer zum Teufel kommt da?« Letztere Frage bezog sich auf einen Mann, der langsam von der Straße nach dem Gasthof einbog. Der Fremde war von kräftiger, gedrungener Gestalt, mittlerer Größe. Sein Anzug konnte Ansprüche auf etwas mehr als den niedrigsten Rang machen, aber er war bis zur Durchsichtigkeit abgetragen und von Staub und langem Wandern beschmutzt. Kleine eingesunkene Augen von hellbrauner Farbe und unruhigem, fast trotzigem Ausdruck, eine dicke, platte Nase, hohe Backenknochen, ein breites knöchernes Kinn, von dem das Fleisch zurückwich, ein Stierhals, der auf große Stärke deutete – machten seine eben nicht großen Ansprüche auf freundlichen Empfang aus. Der stattliche Korporal hielt, ohne sich zu rühren, ein wachsames Forscherauge auf den Ankömmling und murmelte Peter zu: »Gast für Euch; saubrer Gast dazu –mein' Seel!« Damit war der Fremde bis zu dem kleinen Tisch gekommen, stand still, faßte den braunen Krug ohne Umstände oder Vorrede und leerte ihn auf einen Zug. Der Korporal stierte ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen an, aber ehe er noch Zeit hatte, seinem Ärger Luft zu machen – denn er war ein etwas langsamer Redner – sagte der Unbekannte, den Mund am Ärmel abwischend, in ziemlich höflichem, entschuldigendem Ton: »Ich bitte um Vergebung, meine Herren; ich hab' einen langen Marsch gemacht und bin sehr ermüdet.« »Hm! Marsch!« sprach der Korporal etwas besänftigt. »Nicht in Seiner Majestät Diensten – he?« »Jetzt nicht,« entgegnete der Reisende; und sofort sich zu Dahltrup wendend: »Sind Sie der Wirt hier?« »Zu dienen!« sagte Peter Dahltrup in der gleichgiltigen Weise eines wohlhabenden Mannes, der nicht viel nach einem halben Penny fragt. »Na! so macht vorwärts! holla!« rief der Reisende, indem er ihn auf den Rücken klopfte. »Bringt mehr Gläser, einen neuen Krug Oktoberbier und was Eure Speisekammer sonst noch vermag. Hört Ihr?« Peter, keineswegs erbaut durch diese barsche Anrede, schaute den staubigen, wegemüden Fußgänger von oben bis unten an, und sich fester auf seinem Stuhl zurechtsetzend sagte er mit einem Blick über die Schulter nach der Hausthür: »Dort steht meine Frau unter der Thür, Freund; sagt der, was Ihr haben wollt.« »Wißt Ihr,« entgegnete der Reisende mit langsamem, abgemessenem Ton, »wißt Ihr, Herr Nußknacker, daß ich mehr als halbe Lust verspüre, Euch für Eure Unverschämtheit den Schädel einzuschlagen. Ihr ein Wirt! – Ihr einen Gasthof halten! wahrlich! – Fort! tummelt Euch, oder« – »Korporal! Korporal!« schrie Peter, hastig von seinem Stuhl aufspringend, als der gebräunte Wanderer ihm drohend nahte. – »Ihr werdet den Landfrieden nicht gebrochen sehen wollen. Nehmt Euch in acht, Freund, nehmt Euch in acht! Ich bin Kirchenschreiber, Kirchenschreiber bin ich, Herr, und werd' Euch des Sakrilegs anklagen!« Buntings hölzerne Züge verzogen sich zu einer Art Grinsen bei seines Freundes Angst. Er schmauchte fort, ohne eine Silbe zu erwidern. Unterdessen benutzte der Fremde Peters hastiges Aufgeben seiner professorenhaften Stellung, faßte den leeren Stuhl, rückte ihn heran, warf sich hinein, legte den Hut auf den Tisch und trocknete sich die Stirn mit der Miene eines Menschen, der entschlossen ist, zu thun, als ob er völlig zu Hause wäre. Peter Dahltrup war gewiß ein Mann von friedfertiger Gemütsart, aber er besaß auch den einem Gastwirt und Kirchenschreiber zukommenden Stolz. Sein Gefühl war ausnehmend verletzt durch solche kavaliermäßige Behandlung. Vollends vor den Augen seiner Ehehälfte – welch ein Beispiel! – Die Hände tief in den Hosentaschen, das Gesicht in grimmige Falten gelegt, trat er mit stolzem Schritt auf den Reisenden zu und begann: »Hör Er, guter Freund! das ist nicht die Art hierzulande, mit den Leuten umzugehen. Weiß Er, daß ich ein Mann bin, dessen Bruder Konstabler ist?« »Ganz schön, mein Wertester!« »Ganz schön. Wertester? In der That? Schön? ich sag' Ihm, daß es nicht schön ist, auf keine Weise; wenn Er für das Bier, das Er getrunken, nicht zahlt und ruhig seines Weges geht, so soll Er mir als ein Landstreicher ins Loch!« Diese, die drohendsten Worte, welche man je von Peter Dahltrup vernommen, wurden mit so viel Feuer gesprochen, daß der Korporal, der bisher geschwiegen – denn er war zu streng an pünktliche Disziplin gewöhnt, als daß er sich unnötigerweise in Händel gemischt hätte – sich billigend umwandte und dem erbosten Peter, so gut es die steife Halsbinde erlauben wollte, zuwinkte, indem er ausrief: »Recht so! Ihr habt 'n Herz, Nachbar, 'n Herz wie's sich fürs zweiundvierzigste Regiment gehört! meiner Treu! – 'n Herz über fünf Fuß zwei Zoll!« Es fehlte nicht an Hohn im Aussehen des Fremden, als er jetzt, Dahltrup anblickend, wiederholte: »Ein Landstreicher? – So! Und was ist denn ein Landstreicher, wenn ich bitten darf?« »Was ein Landstreicher ist?« rief Peter etwas verlegen. »Ja! antwort' Er mir darauf!« »Na! ein Landstreicher ist ein Mensch, der wandert und kein Geld hat!« »Wahrhaftig,« sagte der Fremde lächelnd (wiewohl das Lächeln seine Physiognomie keineswegs verschönerte), »eine vortreffliche Erklärung, die jedoch, wie ich Ihm beweisen will, keine Anwendung auf mich findet.« Damit zog er eine Handvoll Silbermünzen aus dem Schubsack, warf sie auf den Tisch und rief: »Nun kommt, nichts mehr davon! Ihr seht, ich kann zahlen, was ich verlange; Ihr aber denkt jetzt daran, daß ich müd' und hungrig bin.« Nicht sobald hatte Peter das Geld ersehen, als eine urplötzliche Besänftigung sein empörtes Herz beschlich; ja ein gewisses wohlwollendes Mitleid mit der Müdigkeit und dem Hunger des Reisenden trat auf einmal, wie durch Zaubergewalt, an die Stelle der Erbitterung, die noch eben in ihm gebraust hatte. »Müd' und hungrig,« entgegnete er; »warum haben Sie das nicht früher gesagt? Das wäre genug gewesen für Peter Dahltrup. Ich bin, Gott sei Dank! ein Mensch, der was fühlt für seinen Nächsten. Ich hab 'n Herz, wahrhaftig, ich hab 'n Herz. Müd' und hungrig! im Augenblick sollen Sie bedient werden. Mag ich auch was hastig oder dergleichen sein, so bin ich im Innern doch 'n guter Christ. – Fragen Sie nur den Korporal. Und was sagt der Psalmist, Psalm 147? Er schenkt der Erde selbst die Gaben, Dadurch sie die Geschöpfe nährt; Hört das Geschrei der jungen Raben, Und giebt, was ihr Geschrei begehrt.« Mit diesem passenden Citat seine Rührung anfeuernd, entschwand Peter nach dem Hause. Jetzt brach der Korporal das Stillschweigen; der Anblick des Geldes war auf ihn so wenig ohne Wirkung geblieben, als auf den Wirt. »Warmer Tag heut! Ihre Gesundheit! – Ja so! ich vergaß, daß Sie den Krug geleert haben! – Sagten, Sie stünden jetzt nicht in den Diensten Seiner Majestät. Um Vergebung: standen Sie Je darin?« »Jawohl, stand ich drin, vor vielen Jahren.« »Ach! und in welchem Regiment? Ich war im zweiundvierzigsten. Vom zweiundvierzigsten gehört? Oberst hieß Dysart, Hauptmann Trotter, Korporal, zu dienen, Bunting!« »Sehr verbunden für Ihr Zutrauen,« entgegnete trocken der Unbekannte. »Ich wette, Sie haben manches Jahr gedient.« »Gedient? Uff! Das darf ich sagen; – dreiundzwanzig Jahr hart, und nichts dafür! 'n Mann, der sein Vaterland liebt, ist zu 'ner Pension berechtigt – meine ich – aber die Welt lächelt nicht auf die Korporale! – He?« Hier erschien Peter wieder mit einer neuen Ladung von Oktoberbier und der Versicherung, die kalte Küche werde sogleich nachfolgen. »Ich hoffe, Sie und der Herr da werden mir Gesellschaft leisten,« sagte der Reisende, den Krug dem Korporal zuschiebend; und nach wenigen Minuten hatte sich das Trio gegenseitig dermaßen befreundet, daß der Schall ihres Gelächters oft und laut zum Ohr der Hausfrau in der Küche drang. Der Fremde schien jetzt dem Korporal und dem Wirt ein recht munterer, aufgeweckter Gesell zu sein. Gleichwohl nahm er eigentlich keinen bedeutenden selbstthätigen Anteil am Gespräch; er kam der Heiterkeit seiner neuen Bekannten mehr zu Hilfe, als daß er die leitende Rolle dabei übernommen hatte. Herzlich lachte er über Peters Schwänke und des Korporals Erwiderungen, und letzterer hatte es – das gewöhnliche Vorrecht, das er in den Kreisen des Dorfes ausübte, allgemach auch hier auf sich übertragend – noch ehe das Essen auf dem Tisch stand, dahin gebracht, daß er die ganze Unterhaltung allein beherrschte. Das Essen gewährte dem Fremden einen neuen Entschuldigungsgrund für seine Einsilbigkeit. Er aß mit höchst wunderbarem, selbst die übrigen ansteckenden Appetit, sodaß nach wenigen Sekunden Messer und Gabel des Korporals ebenfalls so emsig beschäftigt waren, als blieben ihm zwischen Mahlzeit und Abmarsch nur drei Minuten übrig. »Ein hübsches einsames Örtchen!« Hub endlich der Reisende an, als er sein Mahl beendigt hatte und sich in seinem Stuhl behaglich zurücklehnte – »ein recht hübsches Örtchen. Wem gehört das saubere altertümliche Haus auf dem grünen Platz, mit den Giebelfeldern und den Blumengeländen vorne?« »O! dem Squire,« antwortete Peter »,'n gar braver Herr, Squire Lester!« »Ein reicher Mann für diese Gegend, will mich's bedanken; das beste Haus, das ich auf einige Meilen getroffen!« bemerkte der Unbekannte obenhin. »Reich – ja; er hat Vermögen; er lebt so, daß er immer etwas Geld zurücklegen kann.« »Familie?« »Zwei Töchter und einen Neffen.« »Und der Neffe ruiniert ihn nicht? Glücklicher Oheim! Dem meinigen ward's nicht so gut!« entgegnete der Fremde. »Des Teufels Gesellen, wir Soldaten in unsrer grünen Zeit!« bemerkte bedeutsam der Korporal. »Ne! Squire Walter ist 'n artiger junger Mensch, der Stolz des Onkels!« »So,« erwiderte der Wanderer, »sie sind demnach nicht genötigt, ein großes Hauswesen zu führen und sich durch einen Haufen Dienerschaft ums Geld zu bringen? – Den Krug, Korporal!« »Nein!« sagte Peter, »Squire Lesters Thor steht dem Armen jederzeit offen, aber was das vornehme Wesen betrifft, so überläßt er das dem Lord im großen Schloß.« »Das große Schloß, wo ist das?« »Etwa drei Stunden von hier haben Sie gewiß von Mylord.....gehört?« »Ach, von dem Höfling! freilich! Wer lebt aber sonst noch hier? ich meine die bedeutenderen Personen, außer dem Korporal und Ihnen, Herr ... Aalguk, nannte Sie, glaub' ich, Ihr Freund da?« »Dahltrup, Peter Dahltrup, ist mein Name, Herr! – Nun, der bemerkenswerteste Mann hier, müssen Sie wissen, ist 'n großer Gelehrter, ein wunderbar studierter Mann. Dort drüben können Sie gerade was von dem hohen Dings da – wie soll ich's nennen – ins Aug' fassen, das er oben auf sein Haus gebaut hat, damit er den Sternen näher ist. Gläser hat er sich angeschafft, durch die man, hör ich, die Leute im Mond auf den Köpfen gehen sieht: aber ich kann nicht sagen, daß ich alles glaube, was ich höre.« »Ich bin überzeugt, daß Sie dafür zu viel Verstand besitzen. Aber dieser Gelehrte ist wohl nicht sonderlich reich? viel Wissen schafft den Leuten heutzutage noch keinen Rock – he. Korporal?« »Wie sollt's auch? Wetter! kann's einen lehren, wie er's Vaterland verteidigen soll? Alt-England braucht Soldaten, hol' mich der Henker! Sonst ist der Mann recht ordentlich, das muß ich sagen, höflich, bescheiden –« »Und keineswegs 'n Bettler!« setzte Peter hinzu. »Vergangenen Winter gab er den Armen so viel, als der Squire selbst!« »Wirklich?« sagte der Fremde, »der Bücherwurm ist also reich?« »So, so; weder eins noch das andere. Aber wär er so reich, als Mylord, er könnte in keinem höheren Ansehen stehen. Die vornehmsten Leute im Lande kommen mit Vieren bei ihm vorgefahren, um ihm einen Besuch abzustatten. So wahr uns Gott helfe, kein Name wird in der ganzen Grafschaft mehr genannt, als der von Eugen Aram.« »Was!« schrie der Fremde, mit schneller Veränderung der Gesichtszüge vom Stuhl aufspringend. »Was! Aram! Aram, sagt Ihr? Großer Gott, wie wunderbar!« Peter, nicht wenig betroffen über die jähe Heftigkeit seines Gastes, starrte ihn mit offenem Munde an, und selbst der Korporal zog die Pfeife unwillkürlich von den Lippen. »Wie?« sagte der erstere, »Sie kennen ihn? Sie haben von ihm gehört? He?« Der Fremde antwortete nicht, wie es schien in einen tiefen Traum verloren. Zwischen den Zähnen murmelte er unverständliche Worte. Jetzt trat er, die Hände geballt, zwei Schritte vorwärts; jetzt lächelte er grimmig; dann kehrte er wieder zu seinem Stuhl zurück, warf sich hinein und schwieg immer noch. – Der Kriegsmann und der Kirchenschreiber wechselten Blicke miteinander, und endlich begann der Korporal: »Mord alle Welt! hat der Mann Ihnen die Großmutter gefressen?« Aufgeweckt vielleicht durch eine so passende und zarte Frage, hob der Unbekannte den Kopf von der Brust und sagte mit erzwungener Heiterkeit: »Sie haben mir, ohne es zu wissen, einen großen Dienst erwiesen, mein Freund. Eugen Aram war ein früherer vertrauter Bekannter von mir; seit vielen Jahren haben wir uns nicht gesehen; nimmer hätt' ich mir's einfallen lassen, daß er in dieser Gegend lebe; sein Aufenthalt war mir wirklich unbekannt. Es freut mich im Ernst, so ganz unerwartet auf ihn gestoßen zu sein.« »Wie? Sie kannten seinen Aufenthalt nicht? Hätt' ich doch gedacht, jedermann kenne den! Was! Leute von Universitäten sind expreß hergereist, nur um den Ort zu sehen.« »Sehr möglich,« entgegnete der Fremde; »aber ich bin kein Gelehrter, und was bei den einen Ruhm ist, ist Dunkelheit bei den andern. Überdies bin ich früher nie in diese Weltgegend gekommen!« Peter wollte antworten, als er die kreischende Stimme seiner Frau hinter sich hörte: »Was stehst du nicht auf, alter Faulpelz? wo hast deine Augen? Siehst die jungen Fräulein nicht?« Dahltrups Hut war im Augenblick vom Kopf, der Korporal erhob sich gerade wie eine Muskete; der Fremde wäre sitzen geblieben, wenn nicht Dahltrup einen mahnenden Ruck in seinen Kragen gethan hätte. So stand er denn ebenfalls auf, mit dem Ansatz zu einem Fluch zwischen den Zähnen, der jedoch beim Gewahrwerden der Ursache, die ihm eine Höflichkeit abgezwängt, auf seinen Lippen erstarb. Durch ein Thürchen neben Peters Wohnung war Madeline mit ihrer Schwester eben zu einem Abendspaziergang herausgetreten, und beide waren mit der gutmütigen Zutraulichkeit, welche man an ihnen kannte, einen Augenblick stehengeblieben, um die Wirtin vom »scheckigen Hund« zu begrüßen, die jetzt nach vollbrachter Küchenarbeit strohflechtend an der Thür saß, und von dort auf das Gespräch ihrer Gäste horchte. Die ganze Familie Lester war so beliebt, daß wir zweifeln, ob Mylord selbst, wie – als gab' es nur einen Lord in der Pairie – die stehende Benennung des großen Edelmanns der Grafschaft lautete, dieselben Beweise von Ehrerbietung erhalten haben würde, die man jederzeit auf jene ausschüttete. »Laßt euch nicht stören, gute Leute,« sagte Ellinor, als die Mädchen jetzt auf die lustige Gesellschaft zukamen. Plötzlich aber fiel ihr Auge auf den Fremden, und schnell unterdrückte sie jedes weitere Wort. Es war etwas im ganzen Aussehen dieses Menschen, besonders aber in dem Ausdruck, den sein Gesicht in diesem Augenblick annahm, das beim ersten Anblick jedem Besorgnis und Argwohn eingeflößt haben dürfte. Dabei begegneten die jungen Damen in diesem abgelegenen Orte so selten einem unbekannten Gesicht, daß die Wirkung, welche das Wesen des Fremden auch auf andere hervorbringen mußte, für sie leicht bis zu einem an Furcht grenzenden, peinlichen Grade gesteigert werden, mochte. Der Reisende bemerkte sogleich den Eindruck, welchen er gemacht; er senkte den Kopf, und dasselbe unangenehme Lächeln oder vielmehr Grinsen, dessen wir vorhin erwähnten, verzerrte seine Lippen, während er sich mit erkünstelter Ehrerbietung verbeugte. »Was das für ein Fremder sein mag!« flüsterte Madeline, der Schwester Empfindung, wenn auch in geringerem Grade, teilend, und nach einer Pause sagte sie mit einem flüchtigen Blick auf seinen Anzug: »hoffentlich kein Notleidender!« »Nein, mein Fräulein!« erwiderte der Unbekannte, »wenn Sie unter Not den Bettelstand verstehen. Ich bin vielleicht in jeder Beziehung mehr als ich scheine.« Der Korporal, der Wirt und dessen Frau konnten sämtlich ein Kichern nicht unterdrücken, wie der Reisende über seine wenig einnehmende Erscheinung diesen halben Scherz hinwarf, Madeline aber, ein wenig aus der Fassung gebracht, verbeugte sich hastig und zog ihre Schwester mit fort. »Eine hochmütige Vettel!« sagte der Fremde, nachdem er wieder Platz genommen und dem Paar über den Anger hin nachsah. Im Nu war jeder Mund gegen ihn geöffnet. Es wurde ihm nicht leicht, die Eintracht wiederherzustellen, und so rief er denn, noch ehe es ihm damit vollständig gelungen, nach seiner Zeche, zahlte und erhob sich, um weiterzugehen. »Na!« schloß er und streckte dem Korporal die Hand hin; »wir kommen wohl wieder einmal zusammen und lassen uns Ihre lustigen Geschichten schmecken. Einstweilen aber: wie komme ich zu diesem – diesem – diesem berühmten Gelehrten? Hm?« »Sie sahen, welche Richtung die jungen Damen beim Weggehen einschlugen,« sagte Peter, »dieselbe müssen Sie nehmen. Gehen Sie über den Steg, den Sie rechter Hand finden werden, schreiten am Fuße des Hügels ein starkes Viertelstündlein hin, dann werden Sie mitten auf einer weiten Fläche ein einzelnes graues Haus erblicken mit einem Dings oben darauf, so 'nem Speklatorium wie sie's nennen. Dort wohnt Herr Aram.« »Dank' Ihnen.« »Und 'n recht schöner Spaziergang ist's,« setzte die Wirtin Hinzu, »der schönste hier herum, nach meinem Geschmack, bis Sie am Haus stehen. So meinen's auch die jungen Damen, denn 's ist ihr gewöhnlicher Weg jeden Abend!« »So? dann begegne ich ihnen vielleicht!« »Ja! und wenn's so kommt, so schauen's so christlich drein, als Sie's können,« erwiderte die Frau. Abermals folgte auf Kosten des unerquicklichen Wanderers ein Kichern, unter welchem er von dannen zog. »Wunderlicher Kauz, der!« sagte Peter, der untersetzten Figur nachblickend: »mich wundert, wer er ist: scheint gut erzogen; weiß zu sprechen.« »Was kommt's darauf an?« rief der Korporal, der denn doch eine Art kameradschaftlicher Hinneigung zu dem schroffen Wesen seines neuen Bekannten empfand – »was kommt's drauf an, wer er ist? Dem Vaterland gedient – ist g'nug. – Teufel auch! hat mir's Regiment nicht gesagt, ließ mich immerfort schwatzen und gab selber nichts von sich! 'n alter Soldat, jeder Zoll an ihm!« »Weiß sich Nummer eins zu sichern!« sagte Peter. »Wie er den Krug leerte! und du mein Himmel, was für 'n Appetit!« »Pst!« sagte der Korporal. »Mund gehalten! 'n Mann von Welt, 'n Mann von Welt – so viel ist klar.« Drittes Kapitel. Ein Zwiegespräch und ein Schreck. – Das Haus eines Gelehrten. ... ein Mensch, Gezeichnet von den Händen der Natur Und ausersehn zu einer That der Schmach. Shakespeare, König Johann. Gelehrter ist er, falls man trauen darf Fatimas freigeb'ger Stimme im Gerücht.. Ich selbst war einst ein Grübler, und fürwahr Grad' von derselben Stimmung wie er jetzt. Ben Jonson. Jedermann in seiner Laune. Die beiden Schwestern setzten ihren Spaziergang durch eine Gegend fort, die allerdings verdiente, von ihrer Wahl begünstigt zu werden. Nicht sobald waren sie über den Steg, als das Dorf wie in die Erde versunken zu sein schien, so ruhig, so einsam, so fern von jeder Mahnung an das Leben lag die Landschaft, durch welche sie hingingen. Zur Rechten senkte sich ein grüner stiller Hügel herab, der, ausgenommen den dunkelnden Abendhimmel, jede Fernsicht neben sich abschloß; links, und unmittelbar ihren Pfad entlang, lag zerbrochenes Gestein mit Moos bedeckt oder beschattet von wildem Gesträuch, das bald sich zu kleinen Gebüschen zusammenschloß, bald, sich mit einem Mal von dem üppigen Rasen verlierend, offene Räume ließ, zwischen welchen man lange Strecken Waldland gewahrte, oder auch das plätschernde Büchlein sah, das in seinem steinigen Bette sich in tausend kleine Wasserfälle oder scheinbare Strudel brach. Ja, dermaßen abgeschieden war der Schauplatz und so ohne alle Hindeutung auf Anbau, daß man gar nicht glaubte, menschliche Wohnungen könnten in der Nähe sein; aber gerade dieser Eindruck vollkommener Einsamkeit und Ruhe war nur ein Reiz weiter für den Ort. »Aber ich versichere dich,« sagte Ellinor, in einem begonnenen Gespräch eifrig fortfahrend, »ich versichere dich, ich habe mich nicht getäuscht; ich sah es so deutlich, wie ich dich sehe.« »Wie? in der Brusttasche?« »Ja, als er das Schnupftuch herauszog, sah ich den Lauf der Pistole ganz genau.« »Wirklich; ich denke, wir sollten's dem Vater sagen, sobald wir nach Hause kommen; es kann nichts schaden, wenn wir auf unserer Hut sind, obwohl man in Grünthal gewiß seit zwanzig Jahren nichts von Räuberei gehört hat.« »Aber zu was sonst, als zu einem schlimmen Zweck, kann er in so friedlichen Zeiten und an einem so friedlichen Ort ein Feuergewehr bei sich tragen? Und welch ein Gesicht! Bemerktest du sein scheues und doch wildes Auge, ganz wie dasjenige eines Tieres, das gern auf dich einspringen möchte, aber doch nicht recht den Mut dazu hat.« »Wahrhaftig, Ellinor,« entgegnete Madeline lächelnd, »du bist nicht besonders nachsichtig mit Fremden. Bei alledem mochte der Mann die Pistole, die du gesehen, aus einer ganz natürlichen Vorsicht beigesteckt haben. Bedenke, daß ihm als Fremden gar füglich unbekannt sein konnte, wie sicher diese Gegend in der Regel ist; dabei kommt er vielleicht von London, in dessen Nähe neuerdings häufige Räubereien verübt worden sein sollen. Was sein Aussehen betrifft, so ist dieses freilich unverzeihlich; für solche Häßlichkeit kann es keine Entschuldigung, geben. Hätte der Mann so hübsch dreingesehen, wie Vetter Walter, so wärst du in deinem Schreck über die Pistole vielleicht nicht so ganz erbarmungslos gewesen.« »Unsinn, Madeline!« sagte Ellinor errötend und das Gesicht abwendend. – Es entstand eine augenblickliche Stille, welche sofort die jüngere Schwester wieder brach. »Wir scheinen keine großen Fortschritte im Umgang mit unserem wunderlichen Nachbar zu machen,« sagte sie. »Ich weiß niemand, welchem der Vater mit solcher Zuvorkommenheit begegnet, wie Herrn Aram, und doch siehst du, wie selten er bei uns einspricht; ja, es kommt mir oft vor, er suche uns zu vermeiden. Kein großes Kompliment für unsere Anziehungsgabe, Madeline.« »Ich bedaure diesen Mangel an Geselligkeit um seiner selbst willen,« erwiderte Madeline, »denn er scheint ebenso schwermütig als gedankenvoll zu sein, und führt dabei ein so abgeschiedenes Leben, daß ich immer denke, das Gespräch und die Gesellschaft des Vaters würden, wenn er nur ein wenig entgegenkommen wollte, seine Einsamkeit erträglicher machen.« »Auch scheint er wirklich Vergnügen am Umgang mit dem Vater zu haben,« bemerkte Ellinor, »und wer sollte das auch nicht? Wie sein Gesicht beim Reden sich aufhellt! Es ist eine Freude, darauf achtzugeben. Ich find' ihn wirklich schön, wenn er spricht.« »O, mehr als schön!« rief Madeline begeistert aus. »Mit seiner hohen, bleichen Stirn, und diesen unergründbar tiefen Augen!« Ellinor lächelte und das Erröten war jetzt an Madeline. »Ja,« sagte erstere, »er hat etwas an sich, das ihn unendlich interessant macht: und sein Benehmen, wenn auch bisweilen kalt, ist doch immer so sanft!« »Und ihn sprechen hören,« sagte Madeline. »ist wie Musik. Seine Gedanken, ja seine Worte selbst scheinen so verschieden von der Sprache und den Vorstellungen anderer Menschen. Wie schade, daß er immer so schweigsam ist!« »In seinem düstern Wesen liegt das Besondere, daß es nie Argwohn einflößt,« sagte Ellinor; »ihn hätt' ich unter Umständen bemerken können, wie den unheimlichen Fremden, ohne daß mir's bei ihm angst geworden wäre.« »Der Fremde geht dir noch immer durch den Kopf. Wenn wir ihm nur an dieser Stelle begegneten.« »Da sei der Himmel für!« rief Ellinor, sich hastig umwendend – und siehe! als wäre die Schwester eine Prophetin gewesen, erblickte sie den Menschen, von welchem sie sprachen, in kleiner Entfernung hinter ihnen, mit raschen Schritten auf sie zukommend. Sie stieß einen leisen Schrei der Überraschung und des Grauens aus, und selbst Madeline, die auf diesen Laut sich umwandte, ward im Augenblick von der Angst mitergriffen. Der Ort hatte ein so verlassenes, einsames Aussehen, und die Phantasie beider Mädchen war durch Ellinors Furcht und ihre Vermutungen über die drohende Waffe so aufgeregt worden, daß tausend Schreckbilder von Gewaltthat und Mord zugleich auf ihre Seele einstürmten. Ohne jedoch ihr Entsetzen mit Worten gegeneinander auszudrücken, verdoppelten beide, wie in einer plötzlichen und unwillkürlichen Eingebung, ihren Schritt, immerfort zurückschauend, ob der vermeintliche Räuber nicht näher komme. Auch er, glaubten sie bald zu bemerken, ging schneller, was ihre Besorgnis vermehrte und wirklich größere Berechtigung zu derselben zu geben schien. Endlich, als sie durch eine plötzliche Biegung des Weges den schrecklichen Fremdling aus dem Gesicht verloren hatten, gab ihnen die Furcht nur für einen Entschluß Raum: – in vollem Lauf, so schnell als ihre Gemütsbewegung es immer gestattete, flogen sie dahin. Das nächste und wirklich das einzige Haus in dieser Richtung war dasjenige Arams, beide aber glaubten, wenn sie desselben nur erst ansichtig geworden, seien sie außer Gefahr. Jeden Augenblick sahen sie zurück; noch wurden sie ihren eingebildeten Verfolger nicht gewahr; – jetzt kam auch er wieder zum Vorschein – jetzt – ja jetzt lief auch er! »Schneller, schneller, Madeline, um Gottes willen! er ist hart an uns!« schrie Ellinor. Der Pfad ward wilder, die Bäume wurden dicker und häufiger; bei jedem Gebüsch, um welches sie weiter kamen, sahen sie auch den Fremden näher und näher hinter sich. Endlich eine plötzliche Öffnung – eine ebenso schnelle Veränderung der Landschaft – eine weite Fläche glänzte ihnen entgegen und in der Mitte das einsame Haus des Gelehrten! »Gott sei Dank, wir sind sicher!« rief Madeline. Noch einmal wandte sie sich nach dem Fremden um, darüber stieß jedoch ihr Fuß an einen Stein und sie fiel mit Heftigkeit zu Boden. Sie wollte aufstehen, war aber im ersten Augenblick unfähig, sich von der Stelle zu bewegen. In diesem Zustande sah sie gleichwohl von neuem zurück und bemerkte den Verfolger in geringer Entfernung; aber auch er hielt an, und nachdem er einen Augenblick überlegt zu haben schien, wandte er sich seitwärts und war schnell im Dickicht verschwunden. Mit großer Anstrengung half Ellinor Madeline sofort aufstehen. Ihr Knöchel war gewaltsam verrenkt und sie vermochte den Fuß nicht auf den Boden zu setzen. So zaghaft sie sich aber bei der Erscheinung des Fremden bewiesen, mit so vieler Festigkeit trug sie jetzt ihren Schmerz. »Ich habe wenig Schaden genommen, Ellinor,« sagte sie mit sanftem Lächeln, um ihrer Schwester Mut zu machen, die sie sprachlos vor Schrecken unterstützte; »aber was anfangen? Ich kann auf diesen Fuß nicht treten; wie sollen wir nach Haus kommen?« »Gott sei Dank, wenn du nur nicht stark beschädigt bist!« erwiderte fast schreiend die arme Ellinor; »lehne dich auf mich, stärker, ich bitte dich! Versuch' es nur, bis zum Hause dort zu kommen; da können wir warten, bis Herr Aram unsere Kutsche hat holen lassen!« »Aber was wird er denken? wie wunderlich wird es erscheinen!« sagte Madeline, indem ihre eben noch totenbleiche Wange wieder Farbe bekam. »Haben wir Zeit zu Bedenklichkeiten und Ceremonien?« fragte Ellinor. »Komm, ich bitte dich, komm; wenn du so lange zauderst, kann der Mensch Mut fassen und uns anfallen. – So ist's recht! – Hast du große Schmerzen?« »Es ist mir nicht um den Schmerz,« murmelte Madeline, »aber wenn er dächte, wir drängen uns ihm auf. Er ist so zurückhaltend, so menschenscheu, wahrlich, ich fürchte –« »Aufdrängen?« unterbrach sie Ellinor. »Denkst du so übel von ihm? Glaubst du, er habe, weil er ein Einsiedler ist, die Gefühle der allgemeinen Menschenliebe verloren? – Aber lehne dich mehr auf mich, Beste, du weißt nicht wie stark ich bin.« So abwechselnd ihre Schwester schmälend, liebkosend und ermutigend, führte Ellinor die Leidende weiter, bis sie, wenn auch langsam und mühevoll genug, über den Platz hinübergekommen waren und vor dem Thor des Einsiedlers standen. Von Zeit zu Zeit hatten sie sich umgesehen, aber ihre Furcht kam nicht wieder zum Vorschein. Eben dies nahmen sie für einen genügenden Beweis, daß ihre Besorgnisse nicht unbegründet seien. Madeline hätte noch jetzt gern der Schwester Hand von der Klingel zurückgehalten, die vor dem Thor, halb überdeckt von Epheu, hing; aber Ellinor, ungeduldig, wie sie's wohl werden durfte, über solch' unzeitige Förmlichkeit, widersetzte sich jeder längern Zögerung. So ausnehmend still und einsam war's um das Haus her, daß der plötzliche Glockenton ordentlich etwas Schreckhaftes hatte und mit seinem gellenden Klange wie eine Entweihung der tiefen Ruhe des Ortes erschien – Sie warteten nicht lange; ein Tritt ließ sich vernehmen, das Thor wurde langsam aufgeriegelt und der Gelehrte selbst stand vor ihnen. Es war ein Mann, der etwa seine fünfunddreißig Jahre zählen mochte, aber auf den ersten Blick würde man ihn für bedeutend jünger gehalten haben. Sein Wuchs ging über die gewöhnliche Größe, obwohl eine sanfte, nicht ungefällige Beugung des Nackens mehr als der Schultern der vorteilhaften Höhe einigen Eintrag that. Die Gestalt war dünn und mager, aber wohlgefügt und in schönen Verhältnissen. Die Natur hatte diese Formen ursprünglich nach einem athletischen Maßstab entworfen, aber durch sitzende Lebensweise und geistige Anstrengung schien ihre Gabe etwas Abbruch erlitten zu haben. Seine Wange war bleich und zart, doch deutete sie eher das Durchschimmern des Geistes als Schwäche der Gesundheit an. Das lange, reiche, dunkelbraune Haar lag von Antlitz und Schläfen zurückgestrichen und ließ eine breite, hohe, prächtige Stirn gänzlich frei und offen; diese Stirn zeigte nicht eine einzige Runzel; sie war noch so glatt, als sie fünfzehn Jahre früher gewesen sein mochte. Aus ihrer klaren Wölbung sprach beredt eine ungemeine Ruhe und sozusagen Unergründlichkeit des Denkvermögens und ließ auf einen Mann schließen, der sein Leben mehr unter ernster Betrachtung als unter Gemütsbewegungen hingebracht hatte. Es war ein Gesicht, auf welches ein Physiognomiker gern geblickt hätte, so stark deutete es auf Feinheit wie auf Adel des geistigen Vermögens. So war – wenn Abbildungen als getreue Träger der Wirklichkeit zu nehmen sind – die Persönlichkeit eines Mannes beschaffen, der in Bezug auf vielseitige und tiefgehende Wissenschaft leicht den ersten Rang unter seinen Zeitgenossen einnehmen mochte; dabei ein nur durch sich selbst gebildeter Geist, der sich aber nie erlaubte, auf den wundervollen Schätzen auszuruhen, die er mühsam zusammengerafft hatte. Schweigend und augenscheinlich überrascht stand er jetzt vor den beiden Mädchen. – Und dieser epheuumrankte Thorweg – die stille Gegend – Madelinens auf die Schwester gelehnte, schüchterne Gestalt mit den gesenkten Augen – Ellinors lebhafter Ausdruck, während sie Umstände und Beweggrund ihres Kommens erzählt – endlich der bleiche Bewohner des Hauses selbst, so plötzlich aus einsamem Forschen aufgeschreckt und zum Beschützer der Schönheit gemacht – all das dürfte wohl kein unwürdiger Gegenstand für den Pinsel eines Malers gewesen sein. Nicht sobald hatte Aram aus Ellinors abgerissenem Bericht die allgemeinsten Züge ihres Begegnisses und des Unfalls, welcher Madeline betroffen, vernommen, als sein Gesicht und ganzes Benehmen die lebhafteste, tiefste Teilnahme zu erkennen gaben. Madeline war unaussprechlich gerührt über die gefühlvolle, ehrerbietige Sorglichkeit, womit der einsame Gelehrte – sonst so kalt und verschlossen – ihr jetzt den hilfreichen Arm bot und sie ins Haus führte; über das Mitleid, das er für ihren Schmerz ausdrückte, die Wahrheit der Empfindung, welche sich unzweideutig in seiner Stimme, seinen Augen aussprach. – Und als diese dunklen – und um ihren eigenen Gedanken zu gebrauchen – unergründbar tiefen Augen bewundernd und doch so sanft auf sie gerichtet waren, da fühlte sie ihrem Schmerz zum Trotz einen unnennbar süßen Schauer im Herzen, den sie zuvor noch in niemandes Gegenwart empfunden hatte. Aram rief jetzt die einzige Bedienung, die in seinem ganzen Hause zu finden war, herbei. Sie erschien in Gestalt einer alten Frau, die er aus der ganzen Nachbarschaft als diejenige ausgewählt zu haben schien, welche am besten zu seiner strengen Zurückgezogenheit paßte. Sie war im höchsten Grade taub und im Dorfe wegen ihrer Schweigsamkeit zum Sprichwort geworden. Die arme alte Margrete, längst Witwe, hatte zehn Kinder durch frühzeitigen Tod verloren; aber einst gab es eine Zeit, wo sie sich im nämlichen Grade durch ihre Munterkeit bemerkbar machte, wie jetzt durch ihre Zurückhaltung. Ungeachtet ihrer Harthörigkeit begriff sie den Unfall, der Madeline zugestoßen, schnell; und mit einer Eilfertigkeit, welche zeigte, daß ihr Unglück die natürliche Herzensgüte nicht ertötet hatte, tummelte sie sich, Umschläge und Bandagen für den verletzten Fuß zurecht zu machen. Unterdessen übernahm es Aram, der niemand an seiner Statt hätte schicken können, selbst nach dem Schlosse zu gehen und die alte Familienkutsche, welche wohl seit einem halben Jahre ungebraucht im Schuppen geruht hatte, für die Patientin herbeizuholen. »Nein, Herr Aram,« sagte Madeline errötend; »ich bitte, gehen Sie nicht selbst; bedenken Sie, daß jener Mensch noch immer auf dem Wege herumschleichen kann. Er ist bewaffnet – guter Gott, wenn er Ihnen begegnete!« »Fürchten Sie nichts, mein Fräulein!« erwiderte Aram mit sanftem Lächeln; »auch ich habe, so unbekannt und sicher dieser einsame Ort ist, Waffen, und um Sie zu beruhigen, will ich nicht unterlassen, sie mitzunehmen.« Damit faßte er zwei große Reiterpistolen, die an der Wand hingen, befestigte sie mit einem ledernen Gurt um den Leib, nahm, um minder gefährlichen Wanderern, denen er etwa begegnen möchte, einen so beunruhigenden Anblick zu ersparen, einen langen Mantel, wie man sie damals bei rauher Witterung zu tragen pflegte, als Umhang und wandte sich zur Thür. »Sind sie auch geladen?« fragte Ellinor. Aram antwortete mit einer kurzen Bejahung. Daß ein Mann von so friedfertiger Beschäftigung, der überdies keine die Habgier verlockenden Kostbarkeiten zu besitzen schien, an diesem Ort, wo man nie von einer Frevelthat gehört, solche Vorsicht auch in gewöhnlicher Zeit beobachten sollte, hatte etwas Eigenes, das übrigens den Schwestern damals nicht auffiel. Als die Thür hinter ihm wieder geschlossen war und nun die alte Frau durch warme Bähungen, in deren Bereitung sie sich keineswegs unkundig gezeigt, den Schmerz der Verrenkung mit leichter Hand linderte, sah sich Madeline mit Interesse und Neugier in dem Zimmer um, in welches zu gelangen sie das seltene Glück gehabt hatte. Das Haus hatte einer nicht unangesehenen Familie gehört, deren Vermögen jedoch von späteren Erben durchgebracht worden war. Lange stand es darauf einsam und unbewohnt und als sich Aram in dieser Gegend niederließ, war der Eigentümer froh, der Bürde eines unbenutzten Gebäudes gegen eine bestimmte Miete los zu werden. Die Einsamkeit des Platzes war es hauptsächlich, was jenen anzog, und da seine Büchersammlung, selbst nach dem Maßstab der jetzigen Zeit, für sehr ansehnlich gelten konnte, so brauchte er allerdings einen größeren Raum, als er in einer beschränkteren, seinem Vermögen und seiner sonstigen Lebensweise entsprechenderen Wohnung füglicherweise hätte finden können. Das Zimmer, worin sich die Schwestern befanden, war das größte im Hause und wirklich von ansehnlichen Verhältnissen. Nach vorn zu hatte es ein einziges großes vorspringendes Fenster, ihm gegenüber ein altes, hohes Kamingesims von schwarzem Eichenholz. Der Rest der Wände war vom Boden bis zur Decke mit Büchern besetzt; Bände in allen Sprachen, ja man hätte ohne viele Übertreibung sagen können, über alle Wissenschaften, lagen auf Stühlen, Tischen, dem Boden umher. Neben dem Fenster stand das Schreibpult und ein großer, altmodischer, eichener Stuhl. Einige Papiere mit astronomischen Rechnungen lagen auf dem ersteren; das waren die einzigen Anzeichen eines praktischen Ergebnisses der gepflogenen Studien. Und in der That scheint Aram nicht der Mann gewesen zu sein, der zu weiterer Anwendung des erlangten Wissens sonderlich geneigt war; was er schrieb, stand in sehr geringem Verhältnis zu dem, was er las. So groß und bedeutend war der Ruf, den er erworben, daß das einsame Heiligtum so vieler der Wissenschaft geweihten Stunden selbst für den anziehend gewesen wäre, der höhere Bildung nicht zu schätzen vermochte; auf Madeline aber mußte – wie wir nach der eigentümlichen Richtung ihres Geistes und Gemütes leicht schließen können – das Zimmer einen mächtigen, höchst angenehmen Reiz ausüben. Während sie umhersah, suchte Ellinor die alte Frau ins Gespräch zu ziehen. Sie hätte gern einiges Nähere über das tägliche Leben und Treiben des Einsiedlers von ihr herausgelockt, aber die Taubheit der Dienerin war so hartnäckig und unbezwinglich, daß sie zuletzt verzweifelnd sich genötigt sah, ihren Versuch aufzugeben. »Ich fürchte,« sagte sie endlich, ihrer natürlichen Gutmütigkeit durch Ungeduld soweit entfremdet, daß sie ein leichtes Gähnen nicht unterdrücken wollte, »ich fürchte, die Zeit wird uns lang werden, bis der Vater kommt. Denke, daß die dicken schwarzen Stuten, die ohnehin nicht zu schnell sind, auf dem holperigen Feldwege – denn eine Straße ist da nicht – höchstens kriechen können. Es wird ganz Nacht werden, ehe die Kutsche ankommt.« »Ich bedaure, liebe Ellinor, daß dir meine Ungeschicklichkeit einen so ungemütlichen Abend machen muß,« entgegnete Madeline. »Ach!« rief Ellinor, die Arme um der Schwester Nacken schlingend, »nicht an mich hatte ich gedacht; ja mich freut sogar der Gedanke, daß wir in die Höhle dieses Zauberers gelangt sind und die Werkzeuge seiner Kunst sehen durften. Hoffentlich wird deshalb Herr Aram dem schrecklichen Menschen nicht begegnen müssen.« »Nun,« sagte die kühnere Madeline, »er ist bewaffnet und Mann gegen Mann. Ich achte ihn zu hoch, um hier einer ernstlichen Besorgnis Raum geben zu können!« »Doch sind solche Buchmenschen in der Regel keine Helden!« bemerkte Ellinor lachend. »Schäme dich,« erwiderte Madeline, bis in die Stirn hinauf errötend. »Weißt du nicht mehr wie letzten Sommer Eugen Aram das Kind der Witwe Grenfeld im buchstäblichen Sinne mit eigener Lebensgefahr von dem Stier errettete? Und als voriges Jahr die niederen Gründe bei Fairleigh überschwemmt wurden, wer als Eugen Aram kam Tag für Tag zur Rettung der Menschen, ja sogar um das Eigentum der armen Leute aus den Fluten zu schaffen, herbei, und das zu einer Zeit, wo selbst die mutigsten Dorfbewohner sich nicht aufs Wasser getrauten? – Aber, um Gottes willen, Ellinor, was gieb's? Du wirst blaß, du zitterst?« »Bst!« sagte Ellinor, den Atem anhaltend; damit stand sie, den Finger auf die Lippen gelegt, auf und schlich leise ans Fenster. Sie hatte bemerkt, daß ein Mann vorbeiging, den sie, als sie sofort ans Fenster gekommen, am Thorweg stillstehen sah und in welchem sie den furchtbaren Fremden erkannte. In demselben Augenblick ward die Klingel gezogen und die alte Frau, mit dem gellenden Ton vertraut, erhob sich aus ihrer knieenden Stellung neben der Patientin, um dem Rufe zu folgen. Ellinor sprang hinzu und hielt sie auf; die arme Alte starrte sie verdutzt an, ganz unfähig, die unzusammenhängenden Gebärden und raschen Worte zu verstehen. Nur mit großer Schwierigkeit und nach wiederholten Versuchen machte sie endlich den stumpfen Sinnen des Mütterchens die Ursache ihres Schreckens und die Notwendigkeit, den Fremden nicht ins Haus zu lassen, begreiflich. Inzwischen hatte die Glocke wieder und wieder und endlich zum drittenmal mit einer lange anhaltenden Heftigkeit geklungen, welche auf die Ungeduld des Einlaßsuchenden schließen ließ. Sobald das gute Weib über Ellinors Meinung verständigt war, konnte man sie einer unnatürlichen Schweigsamkeit keineswegs mehr beschuldigen. Die Hände ringend, ergoß sie sich in einen Strom von Wehklagen und Schreckensrufen, welcher Ellinor von der Besorgnis, ihre Ermahnung möchte nicht ordentlich verstanden worden sein, aufs wirksamste befreite. Zufrieden, soviel geleistet zu haben, eilte diese sofort selbst zum Thor und sicherte den Zugang durch Vorschiebung eines zweiten Riegels, kehrte dann, indem ein neuer Gedanke in ihr aufblitzte, zu der Alten zurück und machte ihr, deren Sinn jetzt durch die Furcht geschärft war, mit leichterer Mühe als zuvor begreiflich, wie es durchaus notwendig, auch die Hinterthür auf gleiche Weise zu verwahren. Beide eilten zur Vollziehung dieser Vorsichtsmaßregel fort und Madeline, die Ellinor selbst gebeten hatte, die alte Frau zu begleiten, blieb allein zurück. Mit einem entsetzlichen Angstgefühl, in so hilfloser Lage allein gelassen zu sein, hielt sie den Blick aufs Fenster geheftet. Obwohl ein doppelt verriegeltes Thor von ungewöhnlicher Stärke zwischen ihr und dem Anstürmenden lag, erwartete sie doch in atemloser Furcht, jede Sekunde die Gestalt des Bösewichts ins Zimmer stürzen zu sehen. Während sie so saß und vor sich hinstarrte, bemerkte sie plötzlich mit Grauen, wie der Mann, müde vielleicht, noch länger erfolglos zu läuten, sich dem Fenster näherte und forschend hereinsah. Ihre Augen begegneten sich; sie hatte nicht die Kraft zu schreien. Wird er durchs Fenster brechen? Das war ihr einziger Gedanke, der sie der Sprache und beinahe des Bewußtseins beraubte. Mit einem grimmigen Lächeln der Verachtung betrachtete jener eine Zeitlang das Entsetzen, das sich in ihren Zügen malte, klopfte dann ans Fenster und seine Stimme unterbrach rauh eine Stille, die noch furchtbarer war als die Unterbrechung. »Ho! ho! regt sich da noch was Lebendiges! Ich bitt' um Verzeihung, Fräulein, ist Herr Aram – Eugen Aram zu Haus?« »Nein,« sagte Madeline leise und wiederholte sofort, bemerkend, daß ihre Rede nicht zu ihm gedrungen, die Antwort in lauterem Ton. Der Mann, wie damit zufrieden, machte eine kurze Verbeugung des Kopfes und ging vom Fenster weg. Ellinor kehrte jetzt zurück und mit Schwierigkeit fand Madeline Worte, dieser zu erzählen, was geschehen war.– Man wird sich leicht vorstellen, daß die beiden jungen Damen mit heißer Sehnsucht der Ankunft ihres Vaters entgegensahen. Der Fremde kam gleichwohl nicht mehr zum Vorschein, und nach ungefähr einer Stunde vernahmen sie zu ihrer unaussprechlichen Freude das Gerassel der alten Kutsche, die auf das Haus zupolterte. Das Thor aufzuriegeln ward diesmal nicht gezögert. Viertes Kapitel. Das Selbstgespräch und der Charakter eines Einsamen. – Die Unterbrechung. Daß meine Lamp' um Mitternacht Auf hohem, stillem Turm noch wacht, Wo ich verpasse den Arktur Und Trismegistos, und der Spur Von Platos hohem Geiste folge. Milton. Il penseroso. Als Aram der schönen Madeline in die Kutsche half – als er hinhörte auf die süße Stimme – als er den Ausdruck des Dankes in ihren sanften Augen las – als er den leichten aber warmen Druck ihrer feengleichen Hand fühlte, da ergriff zum erstenmal in seinem einsamen, freudlosen Leben jenes unbestimmte Entzücken seine Brust, das der Vorbote der Liebe ist. Lester reichte ihm die Hand mit einer zutraulichen Herzlichkeit, welcher der Gelehrte nicht zu widerstehen vermochte. »Seien wir nicht Fremde gegen einander, Herr Aram,« sagte er warm, »ich dränge mich nicht viel nach Umgang außerhalb meines eigenen Kreises; aber in Ihrer Gesellschaft würde ich ebensoviel Vergnügen als Belehrung finden. Lassen Sie uns das Eis keck und mit einem Schlage brechen. Kommen Sie morgen zu mir zu Tisch, auf den Abend soll dann Ellinor etwas singen.« Die Entschuldigung erstarb auf Arams Lippen; ein zweiter Blick auf Madeline besiegte, was noch von Zurückhaltung in ihm war; er nahm die Einladung an und bemerkte mit einer ungewohnten Bewegung des Herzens, daß Madelines Auge bei seiner Zusage aufleuchtete. In tiefen Gedanken, die Arme über der Brust gekreuzt, sah er dem Wagen nach, bis die Biegung des Thales ihn seinen Blicken entzogen hatte. Aus seiner Träumerei plötzlich auffahrend, kehrte er sofort ins Haus zurück und stieg, nachdem er das Thor wohl verschlossen und verriegelt, langsamen Schrittes in das höhere Gemach, das er für astronomische Forschungen oben auf seiner einsamen Wohnung hatte anbringen lassen. Es war jetzt dunkel geworden, der Himmel breitete sich um ihn in all der liebenden, hehren Ruhe der Jahreszeit und der Stunde; die Sterne badeten die belebte Atmosphäre in ein feierliches Licht, und über ihm und um ihn War heilige Zeit, so still wie eine Nonne In atemloser Andacht. Er blickte hinaus auf das tiefe Schweigen der Nacht und überließ sich ganz den Betrachtungen, welche es einflößte. »Ihr geheimnisvollen Lichter,« sprach er zu sich selbst, »Welten über Welten – unzählbare – unberechenbare; ihr, die ihr der Ruhe wie dem Wechsel glanzvollen Hohn sprecht, ihr, die ihr ewig fortrollt über unserem kleinen Meer der Sterblichkeit, während wir, Welle um Welle, um unser winziges Leben uns abnutzen und hinabsinken in den schwarzen Abgrund: – können wir auf euch blicken, eure feste Ordnung, euren unveränderlichen Lauf wahrnehmen, ohne zu fühlen, daß wir wirklich die ärmlichsten Spielwerke eines alldurchdringenden, unwiderstehlichen Schicksals sind? Sollen wir jedes Wunderwerk der Schöpfung seine vorgezeichnete Bestimmung erfüllen – nie aus seiner Bahn treten – nie seine Perioden verändern sehen – und uns dann noch einbilden, der oberste Ordner werde die Fluten, die er aus unsichtbarer Quelle sendet, auf unser armseliges Bitten zurückgehen heißen? Sollen wir glauben, unser Gebet könne ein Verhängnis abwenden, das mit dem Faden der Weltereignisse verflochten ist? Ein Pünktchen in unserem Schicksal abgeändert könnte die Bestimmung von Millionen abändern! Soll der Ring aus der Kette gebrochen werden und doch die Kette ganz bleiben? Weg also mit unserem leeren Jammer und unsern blinden Forderungen! Alles muß seinem Ziel entgegengehen, und der wird der weiseste sein, der keinen Schritt zurückblickt. Die Färbung unseres Wesens war vor unserer Geburt, vor unsern Sorgen und unsern Verbrechen bestimmt. Vor Millionen Jahren, als diese altersgraue Erde von andern Wesen bewohnt war, ja ehe noch ihre Atome eine Schicht ihres jetzigen Bodens gebildet hatten, hatte der ewige ansehende Herrscher des Weltalls, sei er Schicksal oder Gott, den Augenblick unserer Geburt und die Grenzen unserer Laufbahn da bereits festgesetzt. Was ist also Verbrechen? Fatum! Was Leben? Unterwerfung!« Das waren die eigentümlichen düstern Gedanken, die jetzt über Arams Seele hereinbrachen und wirklich einen Teil seiner Überzeugung ausmachten. – Er suchte einen schönern Gegenstand der Betrachtung, und Madeline Lester stand vor seinem Innern. – – – Eugen Aram war ein Mann, dessen ganzes Leben nur der Wissenschaft geweiht gewesen zu sein schien. Was man Vergnügungen nennt, hatte für ihn keinen Reiz. Früh Mann geworden, stieß er beim Zurückblick auf seine ganze Jugend auf keine Jugendthorheit. Die Liebe hatte er bisher mit kaltem Auge, obwohl nicht ganz ohne den Wunsch, näher mit ihr bekannt zu werden, betrachtet; Sinnlichkeit hatte ihn nie auch nur zu einem augenblicklichen Vergessen seiner selbst verlockt. Sogar die unschuldigen Erholungen, womit sonst die strengsten Gemüter die gewohnte Arbeit unterbrechen, vermochten ihn nicht den geliebten Forschungen zu entziehen. Das süße monstrai digito , der Triumph, Wahrheit gezeigt zu haben, die Einflüsterungen selbst einer großartigen Eitelkeit waren für sein selbstgenügsames, der Welt fremdes Herz nicht vorhanden. Er gehörte jenen ernsten, hochgesinnten Schwärmern an, die gegenwärtig von der Erde fast verschwunden sind, und welche zu zeichnen bis jetzt noch kein Roman versucht hat; Männer, die im vorigen Jahrhundert nicht ganz selten waren, feurig der Wissenschaft ergeben, aber Gelehrtenruhm verachtend, für nichts lebend, als für die Bildung ihres Geistes. Von Fundgrube zu Fundgrube, von Schatz zu Schatz schritten sie mit siegender Arbeit vor, und hatten sie alles zusammengerafft, so ließen sie der übrigen Welt nichts davon zukommen; man konnte sie die eigentlichen wissenschaftlichen Geizhälse nennen. In Dunkel gehüllt, in irgend einen Winkel verborgen, entfernt von dem lauten Treiben der Menschen, verlebten sie ihr Dasein in unfruchtbarem Ruhm; der geringste Teil dessen, was sie zusammengescharrt, würde die Betriebsamkeit eines neueren Gelehrten in Schrecken setzen, und doch, dürfte selbst der oberflächlichste neuere Gelehrte mehr als jene zum Besten der Menschheit wirken. Unter Orakeln lebend, sprachen sie selbst keines aus. – Bei alledem lag in dieser Unfruchtbarkeit etwas Erhabenes; sie boten ein seltenes und großes Schauspiel, diese Männer, fern vom Gewühl der Leidenschaften, die tief unter ihnen tobten, ganz allein dem Wissen, das uns auf Erden läutert und unsterblich macht, hingegeben, und doch taub und blind für Anreizungen der Eitelkeit, welche solche Forschungen in der Regel begleiten; die blinde Huldigung der Mitmenschen abweisend; in ihrem erhabenen Zweck ihren einzigen Lohn findend; die Weisheit um ihrer selbst willen anbetend und entfernt von dem Gewimmel der Welt stehend, gleich Sternen, die von eigenem Lichte strahlen, aber der Erde, auf welche sie herabblicken, zu fern sind, um auf deren Bewohner den Glanz auszuströmen, der sie durchglüht. Von seiner Jugend bis zum jetzigen Augenblick hatte Aram wenig in Städten gewohnt, wenn auch viele besucht. Gleichwohl konnte man ihm Menschenkenntnis nicht streitig machen. Es scheint eine innere Offenbarung in der Wissenschaft zu liegen, die uns über unser Mitgeschlecht aufklärt. Es giebt Menschen die aus ihrer Abgeschiedenheit plötzlich hervortreten und mit einem Mal Macht in sich finden, in fremde Gemüter einzudringen und die geheimen Triebfedern derjenigen, welche sie vor sich sehen, darzulegen; es ist eine Art von zweitem Gesicht , mit ihnen geboren, nicht erworben. Auch Aram, dessen Beobachtungsgabe durch seine gewohnten tiefen Forschungen im Gebiet unserer höheren Weltordnung an Schärfe noch besonders gewonnen haben mochte, kam aus seiner Einsamkeit nie mit andern zusammen, ohne sich in die breiteren Züge oder vorherrschenden Schwächen ihrer Charaktere sogleich hineinzufinden. Wirklich unterschied er sich hierin von den übrigen Männern seines Faches, denn er war selbst in seiner Versunkenheit gleichsam mechanisch wachsam und aufmerkend. Vieles in seiner Natur würde, hätten frühere Umstände ihm eine andere Richtung gegeben, ihn zu weltlicher Macht und Herrschaft befähigt haben. Eine unwiderstehliche Energie, eine nicht zu brechende Beharrlichkeit, ein tiefer, systematischer und feiner Verstand, ein Geist, fruchtbar an Hilfsquellen, eine beredte Zunge: all dies würde ihm, hätte sein Ehrgeiz diese Bahn gewählt, dasselbe Übergewicht über die äußere Welt errungen haben, die jetzt seine Stellung in der geistigen bezeichnete. Man konnte nicht sagen, daß es Aram an Herzensgüte gefehlt, aber diese war mit einem gewissen Hohn gemischt die Güte schien das Ergebnis seiner Natur, der Hohn schien Folge seiner Forschungen. Er konnte Vögel von seinem Fenster aus füttern; er konnte auf die Seite treten, um einen Wurm, der in seinem Wege lag, nicht zu beschädigen; war einer seines eigenen Geschlechtes in Gefahr, so rettete er ihn mit Hintansetzung seines eigenen Lebens: aber in seinem Herzen verachtete er die Menschen und hielt sie der Veredlung für unfähig. Ungleich den jetzigen Denkern, die sich der tröstenden Hoffnung, eines steten Vorschreitens der Menschheit hingeben, sah er in der düstern Vergangenheit nur eine dunkle Verkünderin der Zukunft. Wie Napoleon über einen verwundeten Krieger auf dem Schlachtfelde weinte, aber ungerührt Tausende einem gewissen Tode entgegenschickte, so würde Aram sich für einen einzelnen Menschen geopfert, aber für sein ganzes Geschlecht auch nur einen augenblicklichen Genuß nicht hingegeben haben. Und dieses Gefühl gegen die Menschen, in welchem sich höchste Verachtung mit gänzlicher Hoffnungslosigkeit paarte, war vielleicht die Ursache, weshalb er thatlos den ungewöhnlichen Reichtum seines Geistes vergeudete und weder vermocht werden konnte, die Welt zu blenden, noch ihr zu dienen. Allgemach jedoch war sein Ruhm über die Grenzen hinausgedrungen, in welche er ihn gern hätte eindämmen mögen. Ein Mann, der durch eigene Anstrengung unter keinen geringen Schwierigkeiten fast alle Sprachen der gesitteten Welt erlernt hatte; der tiefe Mathematiker, der gründliche Altertumsforscher, der scharfe Philolog, dem neben der ernstern Wissenschaft auch die blühendern Gefilde des Wissens, von dem scholastischen Spielwerk der Wappenkunde bis zur zarten Kenntnis der Kräuter und Blumen, nicht fremd waren, konnte zu einer Zeit, wo geistige Vorzüge jeder Art in hohen Ehren standen und ihre Besitzer von den Genossen ihres gelehrten Treibens in eine Art Brüderschaft hineingezogen wurden, auf ein gänzliches Verborgenbleiben nicht rechnen. Auch war Aram, obwohl er in eigener Person wenig oder nichts von sich gab, immer bereit, andern den Nutzen und die Ehre seiner Entdeckungen zu überlassen. Er selbst zündete kein Licht auf dem Altar der Wissenschaft an, aber das duftende Öl in den Lampen seiner dienstbeflisseneren Brüder war oft in bedeutendem Maße seinen Vorräten entlehnt. Fast von jeder litterarischen Gesellschaft Europas gingen Briefe mit Anerkennungen oder Anfragen nach seinem einsamen Aufenthaltsort, und wenig fremde Gelehrte kamen nach England, ohne eine Unterredung mit Aram zu suchen. Er empfing sie mit aller Bescheidenheit und Höflichkeit, die ihm eigen waren, aber man konnte bemerken, daß er dergleichen Unterbrechungen nie gestattete, mehr als bloß vorübergehend zu sein. Er bot keine Gastfreundschaft an und wies jedes Freundschaftsanerbieten ab; der Besuch dauerte seine gemessene Zeit und wurde selten erneuert. Gönnerschaft war ebensowenig nach seinem Geschmack, als Gesellschaft von seinesgleichen. Ein Paar gelegentliche Besuche und Annäherungen von seiten der Großen hatte er eher mit kaltem Stolz, als mit der gewöhnlichen gemessenen Zuvorkommenheit aufgenommen. Der Betrag seines Vermögens war nicht genau bekannt; seine Bedürfnisse waren so gering, daß was für einen andern Armut gewesen wäre, ihm ein genügendes Auskommen sichern mochte. Der einzige sichtbare Beweis, daß er über Geld gebieten konnte, lag in seiner ausgedehnten und vielseitigen Büchersammlung. Er mochte nun seit zwei Jahren in seinem gegenwärtigen Aufenthaltsort wohnen. Trotz seiner Ungeselligkeit war er in der Nachbarschaft allgemein beliebt, ja eben das zurückgezogene Wesen eines so ausgezeichneten Mannes mußte für ihn einnehmen, indem man voraussetzte, es liege demselben eine ängstliche Bescheidenheit zu Grunde: überdies hatte er bei mehrfachen Gelegenheiten eine Wohlthätigkeit und einen Mut bewiesen, welche seiner Abgeschiedenheit jeden Schein von Menschenhaß oder Knickerei benahmen. Mit ehrerbietiger Freundlichkeit trat der Landmann auf die Seite, wenn er vom Feld heimkehrend dem bleichen gedankenvollen Gelehrten mit den gekreuzten Armen und den niedergeschlagenen Augen, Zeugen tiefen Nachsinnens, begegnete; und das Dorfmädchen warf, wenn sie ihm ihren Knix gemacht, einen verstohlenen Blick auf das schöne verdüsterte Gesicht und erzählte ihrem Schatz, der arme Herr müsse offenbar eine unglückliche Liebschaft gehabt haben. So verfloß Arams Leben; vielleicht war die einförmige Gleichtönigkeit desselben weniger des Mitleids bedürftig, als ihm solches geschenkt wurde. Kann doch niemand über den Grad der Glückseligkeit des andern urteilen! Wie der Mond auf den Wellen spielt und für unsern Blick einen langen Strich im Wasser durch besondern Glanz zu bevorzugen scheint, während er die übrige Fläche verhältnismäßig dunkel läßt, gleichwohl aber nicht kargt mit seinem Lichte, – denn wenn auch die Strahlen, die unser Auge nicht treffen, für uns nicht vorhanden zu sein scheinen, so spiegelt doch das Auge des Himmels sich mit gleich parteiloser Liebe in jeder Woge: – ebenso fällt vielleicht die Glückseligkeit mit gleicher Helle und gleicher Kraft auf die ganze Fläche des Lebendigen, obwohl sie unsern beschränkten Blicken nur auf solchen Wellen zu ruhen scheint, von welchen der Strahl in unser Auge zurückschimmert. Von seinen Betrachtungen, welcher Art sie nun sein mochten, ward Aram durch ein starkes Läuten an der Hausthür plötzlich aufgestört. Bereits war elf Uhr vorüber. Wer mochte zu so später Stunde, wo das ganze Dorf in Schlaf begraben lag, Einlaß begehren? Er erinnerte sich, daß Madeline ihm gesagt, der Unbekannte, der ihnen so großen Schrecken eingejagt, habe nach ihm gefragt. Bei diesem Gedanken erbleichte seine Wange plötzlich. Doch wie? jener Fremdling war gewiß ein armer Reisender, der von seiner gewohnten Mildthätigkeit gehört hatte und gekommen war, ihn um seine Hilfe anzusprechen. Auf seinem Wege zu Lesters Hause war ihm derselbe nicht begegnet und die Befürchtungen seiner schönen Besucherinnen hatte er, wie billig, bloß auf Rechnung weiblicher Ängstlichkeit geschrieben. Wer aber mochte jetzt unten sein? Ein gewöhnlicher Bettler würde zu dieser Stunde kein Almosen fordern. Sollte sich vielleicht ein Unglück im Dorfe ereignet haben? – Er blickte aus dem hochgelegenen Gemach hinaus und sah über den zerstreuten Hütten und dem dunklen Laube, das ringsumher lautlos schlief, die Sterne ruhig stehen. Überall Totenstille, aber es schien die Stille der Unschuld und Sicherheit. Wieder ertönte die Glocke und abermals wieder. Es war ihm, als höre er seinen Namen draußen rufen; unentschlossen schritt er ein- bis zweimal im Zimmer auf und ab; dann wurde sein Tritt wieder fest und sein natürlicher Mut kehrte zurück. Noch hatte er die Pistolen umgeschnallt; er sah nach der Ladung und murmelte ein paar unzusammenhängende Worte; dann stieg er die Treppe hinab und riegelte die Thür langsam auf. – Vor dem Thorweg, das volle Mondlicht auf den schroffen Zügen und der stämmigen Gestalt, stand der unheimliche Fremde. Fünftes Kapitel. Ein Mittagessen in der Halle. – Ein Gespräch zwischen zwei zurückgezogenen Menschen, welche in ihrer Zurückgezogenheit verschiedene Zwecke, verfolgen. – Die erste Störung in dem Frieden einer Familie. Kann er nicht gesellig sein? Troilus und Kressida. Subit quippe etiam ipsius inertiae dulcedo, et invisa primo desidia postremo amatur. – Tacitus Wie doch Gewohnheit auf den Menschen wirkt! Hier diesen stillen Wald, die schattige Wüste, Ertrag' ich besser, als Gewirr der Städte. Wintermärchen . Am folgenden Tage fand sich Aram, seinem Versprechen gemäß, bei Lesters ein. Der gute Squire empfing ihn mit warmer Herzlichkeit und Madeline mit einem Erröten und einem Lächeln, das ausdrucksvoller für ihn sein mußte, als ein Dank mit Worten. Sie war noch auf das Sofa gebannt; zu Ehren Arams aber wurde dasselbe in die Halle gerollt, sodaß sie beim Essen zugegen sein konnte. Es war ein gefälliges Zimmer, diese alte Halle. Obwohl es Sommer, brannte doch, mehr um des heitern Anblicks als um der Wärme willen, ein Stoß Holz in dem geräumigen Kamin. Zugleich standen aber die vergitterten Fenster offen und die frische sonnige Luft säuselte herein, noch voll vom Kuß des Geißblatts und Jasmins, die den Rahmen umrankt hielten. Ein paar alte Gemälde waren in das eichene Getäfel eingelassen; da und dort schmückte das Geweih eines mächtigen Hirsches die Wände, mit dem lustigen Zierat die Erinnerung, an lustige That verbindend. Den guten alten Tisch bedeckten Leckerbissen, wie man sie bei einem Landedelmann voraussetzen konnte: eine gesprenkelte Forelle, frisch aus dem Bach geholt und der Braten eines vierjährigen Schöpses, der, seinen eigenen Verdiensten bescheiden entsagend, Gestalt und Zuthaten vom Wildbret angenommen hatte. Was das Backwerk betraf, so war es Ellinor. unter deren Obhut diese Abteilung der Wirtschaft stand, vollkommen würdig, und wenn wir es nicht mit Bestimmtheit behaupten können, so würde uns mindestens die Entdeckung nicht überraschen, daß die treffliche Bereitung ihr mehr als die bloße Oberaufsicht verdankt habe. Das Bier und der Apfelmost mit Rosmarin in der Bowle boten eine unvergleichliche Labe und dem Stachelbeerwein, der Frau Primrose von Wakefield eifersüchtig gemacht haben dürfte, wurde die edlere Glut eines Portweins beigefügt, von welchem in des Squires jüngern Tagen die ganze Grafschaft gesprochen, und der jetzt keinen seiner Vorzüge verloren hatte, als den »ursprünglichen Glanz« seiner Farbe. Indessen wurde, mit Ausnahme des Weins, allen diesen Leckereien von dem enthaltsamen Gast nur wenig Ehre angethan. War dieser in der Regel zurückhaltend, aber selten wirklich verdüstert, so bemerkte man heute eine ungewöhnliche Reizbarkeit und Schwermut an ihm. Es schien etwas auf seiner Seele zu lasten, dem er durch stärkern Genuß des Weins und gelegenheitliche Ausbrüche einer besondern Lebhaftigkeit der Unterhaltung zu entgehen suchte, was ihm denn endlich dem Anschein nach wirklich gelang. Natürlich drehte sich das Gespräch um die merkwürdigen oder schönen Punkte der Umgegend, und hier zeigte sich denn Aram wirklich in eigentümlicher Anmut. Tief empfänglich für die Eindrücke der Natur und genau bekannt mit der Mannigfaltigkeit ihrer Schöpfungen, umkleidete er jeden Hügel und jedes Thal, worauf man zu reden kam, mit dem dichterischen Gewande seiner Auffassung, und gab durch seine Nachweisungen selbst dem Gegenstand des alltäglichen Anblicks einen Reiz und ein Interesse, die seinen Zuhörern bis jetzt fremd geblieben waren. An diesen Bach hatte sich einst eine längst vergessene, jetzt wieder ins Leben gerufene romantische Sage geknüpft; jenes Moor, so unfruchtbar für den gewöhnlichen Beobachter, brachte irgend eine seltene merkwürdige Pflanze hervor, deren Eigenschaften Stoff zu lebendiger Beschreibung gaben; jener alte Erdhügel war anziehend genug für einen Mann, welcher, der Vergangenheit kundig, dessen Ursprung zu erklären und an diese Erklärung tausend Erinnerungen an klassische oder keltische Begebenheiten zu knüpfen wußte. Kein Gegenstand war so geringfügig, so alltäglich, welchen eine wissenschaftliche Bildung, die keine Sphäre unberücksichtigt gelassen, nicht in einem neuen Glanze darzustellen vermocht hätte. Während Aram so sprach, leuchtete sein Gesicht, und seine Stimme, anfangs schüchtern und leise, fesselte das Ohr an ihre ernste überwältigende Musik. Lester selbst, der in seiner langen Abgeschiedenheit den Reiz eines gebildeten Umgangs nicht vergessen, ja selbst eine gewisse Weiterbildung des eigenen Geistes nicht verabsäumt hatte, genoß ein seit Jahren nicht empfundenes Vergnügen. Die heitere Ellinor war ganz bezaubert und Madeline, die stillste von allen, sog jedes Wort ein, nicht wissend, welch süßes Gift sie hinabschlürfe. Nur Walter schien von dem beredten Gast nicht mit fortgerissen zu werden. Fortwährend behielt er ein kaltes, verdrossenes Benehmen bei, und warf sogar hie und da einen Blick des Argwohns auf Aram. Dies trat noch deutlicher hervor, als sich die Damen entfernt hatten. Überrascht und ärgerlich sah Lester seinen Neffen mit bedeutsamer zurechtweisender Miene an, was diesen endlich zu einem gastlicheren Verhalten nötigte. Beim Herannahen der Abendkühle schlug Lester vor, dieselbe im Freien zu genießen, ehe sie sich ins Wohnzimmer zu den Damen begeben würden. Walter entschuldigte sich, und so machten sich denn Gast und Wirt allein auf den Weg. »Ihre Einsamkeit,« sagte Lester lächelnd, »ist viel strenger und weniger unterbrochen als die meinige: finden Sie dieselbe nie lästig?« »Kann der Mensch zu allen Zeiten gleich zufrieden sein?« erwiderte Aram, »kein Strom, so versteckt und tief er sei, gleitet in ewiger Ruhe dahin.« »Sie geben also zu, daß Sie bisweilen einen Wunsch nach einem thätigern, mehr abwechselnden Leben fühlen?« »Nun,« entgegnete Aram, »das ist eigentlich keine zutreffende Auslegung meiner Antwort. Ich mag bisweilen die Alltäglichkeit des Daseins, das taedium vitae fühlen, aber ich weiß sehr wohl, daß die Ursache nicht durch Übergang von der Stille zum Lärm geändert werden kann. Zwecke der Außenwelt können nur durch Aufregung der Leidenschaften verfolgt werden. Leidenschaften sind zugleich unsere Beherrscher und unsere Bethörer; sie treiben uns vorwärts, setzen aber kein Ziel für unsern Lauf. Je weiter wir vorschreiten, desto dunkler und nebelhafter wird das Ende der Bahn. Für einen Mann, der das Leben der Welt, das Leben der Leidenschaften, liebt, ist es unmöglich, je zur Zufriedenheit zu gelangen. Denn das Leben der Leidenschaften schließt eine ewige Sehnsucht in sich, die Zufriedenheit aber besteht eben in der Abwesenheit jeder Sehnsucht. So ist, was man Philosophie nennt, nur ein anderer Name für Gemütsruhe, und alle Weisheit deutet auf einen geistigen Indifferentisinus als das höchste Erdenglück.« »Das mag schon wahr sein,« sagte Lester abwehrend, »aber –« »Was aber?« »Ein Etwas in unserem Herzen – eine geheime Stimme, ein unwillkürliches Gefühl lehnt sich dagegen auf und verweist uns auf Handeln – auf thätiges Handeln, als den wahren Wirkungskreis des Mannes.« Ein leichtes Lächeln zuckte über die Lippe des Gelehrten; doch bemerkte er, einer strengen Widerlegung ausweichend, nur: »Ja, wenn Sie so denken, so liegt die Welt auch Ihnen offen: warum kehren Sie nicht in dieselbe zurück?« »Weil lange Gewohnheit stärker ist, als der Antrieb, der aus vorübergehender Veranlassung entspringt. Überdies hat meine Abgeschiedenheit ihren Wirkungskreis, ihren Gegenstand.« »Jede Abgeschiedenheit von der Welt hat ihn.« »Jede? Schwerlich. Ich freilich finde meinen Gegenstand in meinen Kindern.« »Und ich in meinen Büchern.« »Aber flüstert Ihnen bei diesem Gegenstand die Stimme des Ruhms nie den Wunsch zu, in die Welt zu treten und dort die Huldigungen in Empfang zu nehmen, die Ihrer warten?« »Hören Sie mich,« entgegnete Aram. »Als Knabe kam ich einmal ins Theater. Hamlet wurde aufgeführt, ein Stück voll der edelsten Gedanken – die tiefsinnigste Idee, die je auf die Bühne gebracht wurde. Das Publikum hörte mit Aufmerksamkeit, mit Bewunderung, mit Beifall zu. Als der Vorhang gefallen war, sagte ich zu mir selbst: es muß etwas Großes sein, diese Herrschaft über den Verstand und das Gefühl der Menschen zu gewinnen. Sofort aber erschien ein italienischer Gaukler auf den Brettern, ein Mann von außerordentlicher Körperkraft und Handfertigkeit. Er machte eine Menge Taschenspielerkünste und verzerrte seinen Leib in tausend überraschende, unnatürliche Stellungen. Die Zuschauer gerieten außer sich; hatten sie im Hamlet Vergnügen empfunden, so riß sie bei dem Gaukler Begeisterung hin; hatten sie mit Aufmerksamkeit auf die erhabenen Gedanken gehört, so kamen sie fast von Sinnen über die Seltsamkeit dieser Verrenkungen. Halt, sagte ich, ich komme von meiner vorigen Vorstellung zurück. Was will der Ruhm, über die Gemüter der Menschen zu herrschen, ihrer Bewunderung gebieten zu können, bedeuten, wenn durch bloße körperliche Gewandtheit größerer Enthusiasmus erregt wird, als durch die wundervollsten Ergüsse eines Genies, dem nicht viel zur Göttlichkeit fehlt! – Ich habe den Eindruck dieses Abends nie vergessen.« Lester versuchte die Wahrheit des Beweises zu bestreiten. In diesem Gespräch schritten sie über den Dorfanger hin, als ihnen Korporal Buntings stattliche Gestalt entgegentrat. »Um Vergebung, Herr Sauire,« sagte er mit militärischem Gruß, »um Vergebung, Euer Edeln,« sich gegen Aram verbeugend, »muß aber mit Ihnen sprechen, Herr Sauire, über den Mietzins des Häusels dort. Harte Zeiten – rares Geld – Michaeli vor der Thür – und – « »Ihr wünscht einen kleinen Verzug, Bunting, nicht wahr? Na, na, wir wollen sehen, kommt morgen ins Schloß. Ich weiß, Walter möchte Euch gerne zu Rat ziehen, wie er das Wasser aus dem großen Teich leiten soll, und Ihr müßt uns auch Eure Meinung über unser Neugebrautes sagen.« »Dank, gnädiger Herr, unterthänigen Dank. Hoffe die Forelle, die ich geschickt, hat Ihnen geschmeckt. Um Vergebung, Herr Aram, vielleicht möcht' Ihnen gefallen, hie und da 'n paar Fische anzunehmen? Giebt sehr schöne in diesen Bächen, wie Sie wahrscheinlich wissen; wenn's erlaubt, werd' ich Ihnen morgen durch die alte Frau 'n paar schicken, das heißt, wenn der Himmel 'n Bissel bewölkt ist.« Der Gelehrte dankte dem guten Bunting und wollte weitergehen, aber der Korporal war in seiner gesprächigen Laune. »Um Vergebung, um Vergebung, aber 'n kurios aussehender Kauz war gestern abend da, fragte nach Ihnen, sagte, Sie wären Freund mit ihm, marschierte ab in der Richtung zu Ihnen. Hatte hoffentlich nichts Schlimmes zu bedeuten? Hm?« »Nichts Schlimmes!« erwiderte Aram, das Auge auf den Korporal geheftet, der seine Worte mit einem bedeutsamen Wink geschlossen hatte. So hielt er einen Moment an und setzte dann, wie befriedigt durch die vorgenommene Prüfung, hinzu: »Ja, ja, ich weiß, wen Ihr meint; er war vor mehreren Jahren bekannt mit mir. So, Ihr habt ihn gesehen? Was hat er Euch von mir gesagt?« »Hm! wenig genug, Herr Aram. Schien nur dran zu denken, wie er 'n Appetit stillen wollte; sagte, war' Soldat gewesen.« »Soldat? Hm!« »Hat mir 's Regiment nicht genannt – Kurios! Vielleicht desertiert, Euer Edeln?« »Ich weiß nicht,« erwiderte Aram sich abwendend, »ich weiß wenig, sehr wenig von ihm!« – Er wollte gehen, hielt aber nochmals an und fügte hinzu: »Dieser Mensch kam gestern nacht zu mir und bat um Geld; die späte Stunde beunruhigte mich etwas. Ich gab ihm, was ich missen konnte, und er hat nunmehr seine Reise weiter fortgesetzt.« »Wird also nicht hier herum sein Quartier aufschlagen, Euer Edeln?« fragte neugierig der Korporal. »Nein. Guten Abend.« »Wie? dieser seltsame Fremde, der meine armen Mädchen so in Schrecken gesetzt hat, ist Ihnen wirklich bekannt?« fragte Lester verwundert. »Sagen Sie mir, ist er denn so gar furchtbar, wie er jenen zu sein schien? »Nicht eben,« antwortete Aram mit großer Ruhe, »er war sein lebenlang ein wilder Herumschwärmer, aber – aber eigentlich Böses ist wenig an ihm. Unvorteilhaft genug sieht er freilich aus, um« – hier unterbrach er sich und fuhr mit einem neuen Satz fort: »Auf jeden Fall wird er Ihre Fräulein Töchter nicht mehr erschrecken; er hat seine Reise nach dem Norden fortgesetzt. – Aber nun sind wir zu meinem Heimweg gekommen. Ich wünsche Ihnen guten Abend.« Dieses unvorbereitete Lebewohl machte Lester betreten. »Wie,« fragte er, »Sie werden mich doch jetzt nicht verlassen wollen? die jungen Damen erwarten Ihre Rückkunft noch für ein Stündchen! Was würden Sie von einem solchen Ausreißer denken? Nein, nein, kehren Sie mit mir zurück, lieber Freund, und erlauben Sie mir alsdann, Sie etwas auf Ihrem Wege nach Hause zu begleiten.« »Verzeihen Sie,« erwiderte Aram, »ich muß Sie jetzt verlassen. Was die Damen betrifft,« setzte er mit leichtem Lächeln, halb schwermütig, halb bitter hinzu, »so bin ich nicht der, den sie vermissen werden. – Vergeben Sie mir, wenn ich unhöflich erscheine. Leben Sie wohl.« Lester fühlte sich im ersten Augenblick wirklich etwas beleidigt; aber sich das eigentümliche Wesen des Mannes vergegenwärtigend, begriff er wohl, daß der einzige Weg, auf welchem er Fortdauer eines Umganges hoffen konnte, der ihm so viel Vergnügen gewährt hatte, darin bestehe, dem Gelehrten für den Anfang seine ungeselligen Neigungen lieber nachzusehen, als ihn durch aufdringliche Gastfreundlichkeit scheu zu machen. Ohne also ein Wort weiter zu verlieren, schüttelte er ihm die Hand und beide schieden von einander. Ins kleine Wohnzimmer zurückgekehrt, fand der Sauire seinen Neffen still und mißmutig am Fenster sitzen; Madeline hatte ein Buch ergriffen, und Ellinor war in einer andern Ecke des Gemachs mit einer Miene von Ernst und Nachdenken über ihre Nadel her, die keineswegs ihrer gewohnten heitern Lebhaftigkeit entsprach. Sichtbar schwebte eine Wolke über den dreien; der gute Lester betrachtete sie mit forschendem aber liebevollem Blick. »Und was ist geschehen?« frug er; »gewiß was ganz Besonderes, sonst hätt' ich das lustige Gelächter meiner lieben Ellinor wohl lange vernommen, eh' ich über die Schwelle trat.« Ellinor ward rot, seufzte und fuhr noch emsiger mit der Arbeit fort. Walter öffnete das Fenster und pfiff in übelster Laune eine beliebte Melodie. Lester lächelte und setzte sich zu seinem Neffen. »Na, Walter!« hub er an, »zum erstenmal seit vielleicht zehn Jahren fühle ich mich berechtigt, dir einen Verweis zu geben. Was in aller Welt konnte dich so unfreundlich gegen den Gast deines Oheims machen? Du sahst den armen Gelehrten an, als ob du ihn unter den Büchern von Alexandria wünschtest.« »Wär' er doch mit ihnen verbrannt!« erwiderte Walter in schneidendem Ton. »Er scheint zu seinen sonstigen Vorzügen auch die schwarze Kunst gesellt und meine schönen Cousinen hier so behext zu haben, daß sie an nichts mehr denken als an ihn.« »Mich nicht!« rief Ellinor lebhaft und sah auf. »Nein, dich nicht, das ist wahr; du bist zu gut, zu unparteiisch. Wie schade, daß Madeline dir hierin nicht auch gleicht.« »Lieber Walter!« sagte Madeline, »was willst du denn? was wirfst du mir vor? daß ich aufmerksam auf einen Mann war, den man unmöglich ohne Aufmerksamkeit anhören kann!« »Das ist's eben!« rief Walter leidenschaftlich: »du gestehst es selbst. Um eines fremden, kalten, eiteln, pedantischen Egoisten willen kannst du Ohr und Herz gegen die, welche dich ihr lebenlang gekannt und geliebt haben, verschließen und – und –« »Eitel?« unterbrach ihn Madeline, ohne auf Walters letzte Worte zu hören. »Pedantisch?« wiederholte der Vater. »Ja! eitel sag' ich, pedantisch,« rief Walter, immer mehr in Hitze geratend. »Was sonst als Gefallsucht konnte ihn verleiten, sich die Unterhaltung als ausschließliches Eigentum zuzueignen? Was sonst als Pedanterie konnte ihm all' diese Anekdoten, Anspielungen, Beschreibungen und wie ihr's sonst noch nennen wollt, über jede alte Mauer, jede einfältige Pflanze in der Umgegend abzapfen?« »Ich hatte dich bis jetzt nie einer niedrigen Gesinnung für fähig gehalten,« sagte Lester ernst. »Niedrig?« »Ja! ist es nicht niedrig, eifersüchtig auf überlegene Kenntnisse zu sein, statt sie zu bewundern?'« »Wozu hat er diese Kenntnisse angewandt? Hat er der Menschheit damit genützt? Nennen Sie mir einen Dichter, Geschichtschreiber, Redner, und ich will keinem von Ihnen, selbst Madeline nicht, nachstehen in der Bewunderung für seinen Geist; aber der bloße Büchermensch, der dürre, unfruchtbare Zusammenstoppler des Wissens anderer – nimmermehr! Was soll ich an einer solchen gelehrten Maschine bewundern, als eine übel angewandte Beharrlichkeit? – Und Madeline nennt ihn vollends gar hübsch!« Beim plötzlichen Herabfall vom Rednerton zu diesem Vorwurf brach Lester in ein lautes Gelächter aus; der Neffe aber stand höchst erbittert auf und verließ das Zimmer. »Wer hätte gedacht, daß Walter so albern wäre?« sagte Madeline. »Nun.« bemerkte Ellinor sanft, »es ist bei alledem die Albernheit eines guten Herzens. Es thut ihm weh, daß wir einem andern – ich meine der Unterhaltung mit einem andern – den Vorzug vor ihm zu geben scheinen!« Lester drehte sich auf seinem Stuhl herum und sah beide Schwestern ernsthaft an. »Liebe Ellinor,« sagte er, nachdem sein Blick eine Zeitlang auf ihnen verweilt hatte, »du bist ein gutes Mädchen –komm und küsse mich!« Sechstes Kapitel. Benehmen des Gelehrten, – Eine Sommerscene. – Arams Unterredung mit Walter und darauffolgendes Selbstgespräch. Der sanfte Lenz, des Himmels licht Gefild. Die heitere Furt, die Lüfte still und mild, Die silberschupp'gen Fische auf dem Sand, Durch Fluten schimmernd in dem Sonnenbrand Gawin Douglas. – Ilia subter Caecum vulnus habes, sed lato balteus auro Praetegit. Persius. Mehrere Tage vergingen, ehe die Familie des Squires Mit Aram wieder zusammentraf. Die Alte kam ein- bis zweimal täglich, sich im Namen ihres Herrn zu erkundigen, wie es mit Miß Lesters Fußübel stehe; aber er selbst ließ sich nicht blicken. Dieser Mangel an Teilnahme verletzte Madeline im Innern, so sehr sie auch Walters Mißfallen noch fortwährend dadurch auf sich lud, daß sie die ungünstigen Bemerkungen über den Gelehrten, worin der junge Mann sich gefiel, bestritt und übel aufnahm. Allmählich jedoch, als die folgenden Tage die von Walter mißbilligte Bekanntschaft nicht weiter förderten, ließ er in seinen Angriffen nach und schien sich des Oheims Vorstellungen zu fügen. Lester hatte wirklich eine besondere Zuneigung zu dem Einsiedler gefaßt. Jeder zum Nachdenken geneigte Mensch, der eine Zeitlang allein gelebt hat und nun plötzlich auf jemand stößt, der ihm ohne Anstrengung oder Widerspruch die in der Einsamkeit erwachsenen, bei ihrem Entstehen nur notdürftig zum Bewußtsein gekommenen eigenen Gedanken zur Deutlichkeit bringt, wird diesen neuen Gärungsstoff, dieses geistige Erwachen verstehen, das Lester in der Unterhaltung mit Eugen Aram in sich empfand. Seine einsamen Spaziergänge – denn der Neffe ging den Vergnügungen seines Alters nach – dünkten ihm jetzt leerer als zuvor, und er sehnte sich, einen Umgang zu erneuern, welcher Abwechselung und Farbe in die Eintönigkeit seines Lebens gebracht hatte. Zweimal fragte er bei Aram an, aber der Gelehrte war nicht zu Hause oder ließ sich verleugnen, und eine demselben zugesandte sehr herzliche Einladung ward, obwohl mit vieler Artigkeit, abgelehnt. »Sieh, Walter,« sagte Lester mißmutig, als er das abweisende Billet gelesen – »die Wirkung deiner Unfreundlichkeit. Ich bin überzeugt, Aram – offenbar ein Mann von ebenso fein empfindender als verschlossener Gemütsart – hat die Kälte deines Benehmens gegen ihn bemerkt, und so bin ich durch dich der einzigen Gesellschaft beraubt worden, die mir in diesem Lande der Bauern und Wilden irgendwie Genuß verschaffte.« Walter wollte sich entschuldigen, aber jener wandte sich mit einem Ausdruck von Verdruß, den man in seinem gutmütigen Gesicht sonst höchst selten wahrnahm, ab, und der Neffe, den unschuldigen Urheber der üblen Laune seines Oheims verwünschend, nahm die Angelrute und entfernte sich allein, in keineswegs glücklicher oder heiterer Stimmung. Es ging gegen Abend – eine im Monat Juni besonders liebliche Tageszeit, die von»dem Angler nicht ohne Grund bevorzugt wird. Walter schlenderte durch die reichen, würzigen Fluren und kam bald durch ein abgelegenes Thal, durch welches das Bächlein seinen beschatteten Lauf wand. Längs dem Uferrande stand das Gras hoch und saftig, üppig durchrankt von tausend Kräutern und Blumen – Kindern des fruchtbaren Brachmonds. Hier die epheublättrige Glockenblume und nicht weit davon das Hexenkraut, der wilde Rainfarn, die Rinnenblume und neben den Gesträuchen, welche da und dort über das Wasser hinabhingen, der wilde Schneeball und die weiße Zaunrebe mit den smaragdenen Blättern und wuchernden Blüten das Dickicht überwachsend, wahrend an andern Stellen der Flieder in schneeigen Büschen dem Sommer sein Opfer darbrachte. Die ganze junge Insektenwelt mit ihren glänzenden Flügeln, ihrer blitzenden Bewegung tummelte sich umher; aus dem untern dichten Gehölze schoß die Amsel auf, während höher und höher unsichtbar der erste Kuckuck des Abends seinen anhaltenden weichen Ruf begann. Diese Lust und Fülle des Lebens, die uns die wenigen schönen Tage des englischen Sommers so wert machen, sind der dichterische Zauber im Treiben eines Anglers und verwandeln ihn, genieße er noch so sehr das selige Nichtsthun, in einen Moralisten, obwohl in keinen trübseligen. Besänftigt durch die stille, schwelgerische Schönheit um ihn her. gewann Walters Stimmung eine mildere Farbe und er brach, indem er seine Schnur ins Wasser tauchte und sie die schattigen Höhlungen unter dem Ufer entlang zog, in die alten Verse aus: O Tag, so lind, so leis, so licht Vermählungsfest von Erd' und Himmel etc etc Die Flußgötter waren gleichwohl in keiner günstigen Laune; nachdem er an einer Stelle, an welcher er in der Regel Glück hatte, eine Zeitlang erfolglos verweilt, wandelte er langsam am Rande des Baches hin, mit jedem Tritt aus dem Röhricht jenen frischen, würzigen Duft herauslockend, welcher Baco den Stoff zu einem seiner schönsten Vergleiche gegeben hat. Im Gehen war es ihm, als hörte er unter einem Baume, der über dem Wasser, an einer sehr engen Stelle seines Bettes, hing, eine Stimme; er erkannte sie beim Näherkommen als diejenige Arams. Eine Biegung des Baches brachte ihn hart zu dem Orte hin und er erblickte den Gelehrten, wie er halb ausgestreckt unter dem Baume lag und in abgebrochenen Sätzen vor sich hinmurmelte. Die Worte waren so abgerissen, daß Walter ihrem Faden nicht zu folgen vermochte; aber unwillkürlich blieb er wenige Schritte vor dem Sprechenden stehen. Plötzlich wandte sich dieser um und wurde ihn gewahr. Ein rascher, heftiger Farbenwechsel zuckte über sein Gesicht; seine Wange war bald bleich, bald rot und die Brauen buschten sich über den blitzenden, dunklen Augen mit einem Ausdruck inneren Verdrusses, der durch den Gegensatz mit der gewöhnlichen Ruhe seiner Züge um so abschreckender erschien. Walter wich zurück, aber Aram trat auf ihn zu und starrte ihm ins Gesicht, als ob er im Innersten seiner Seele lesen wollte. »Was, Horcher?« sprach er mit furchtbarem Lächeln. »Sie haben mich belauscht, nicht? Nun. was habe ich gesagt? was habe ich gesagt?« Er hielt an; als nach einer Pause Walter nicht antwortete, stampfte er heftig mit dem Fuß, knirschte mit den Zähnen und wiederholte mit wuterfüllter Stimme: »Knabe, was habe ich gesagt?« »Herr Aram,« erwiderte Walter, »Sie vergessen sich; es ist nicht meine Gewohnheit, den Lauscher zu machen, am wenigsten bei den gelehrten Verzückungen eines Mannes, der nichts zu verheimlichen hat, was ich wissen möchte. Ein Zufall führte mich hierher!« »Wie? – gewiß habe ich laut gesprochen! nicht wahr?« »Allerdings; aber so unzusammenhängend und undeutlich, daß mir Ihre Unvorsichtigkeit nichts half. Ich versichere Sie, daß ich an keinem der gelehrten Entwürfe, die Sie etwa laut werden ließen, ein Plagiat begehen kann.« Aram betrachtete ihn eine Zeitlang und wandte sich dann, tief Atem holend, ab. »Verzeihen Sie,« sagte er, »ich bin ein armer halb verrückter Mensch; zu vieles Studieren hat meine Nerven angegriffen, ich kann nun einmal nicht anders, als mit meinen eigenen Gedanken leben. Verzeihen Sie mir, mein Herr, ich bitte Sie.« Gerührt über diese plötzliche Zerknirschung in Arams Wesen, vergaß Walter nicht bloß seinen augenblicklichen Unmut, sondern selbst den Widerwillen, den er im allgemeinen gegen den Mann in sich trug; er reichte ihm die Hand und versicherte ihn seiner vollkommenen Verzeihung. Aram seufzte tief, als er die Hand des Jünglings drückte, und Walter bemerkte mit Staunen und inniger Bewegung, daß Thränen in seinen Augen standen. »Ach!« rief Aram mit leichtem Kopfschütteln, »wir Büchermenschen führen ein hartes Leben. Für uns ist nicht das strahlende Antlitz des Mittags oder das Lächeln des Weibes da, nicht das frohe Erschließen des Herzens, des Rosses Wiehern und das Schmettern der Trompete, nicht der Stolz, Prunk und äußere Lebensumstände. Unsere Freuden sind kärglich und still' unsere Arbeit ununterbrochen. – Doch nicht das ist's, mein Herr nicht das: – der Körper rächt seine Zurücksetzung; vor der Zeit werden wir alt; wir welken hin; der Jugendsaft trocknet in unsern Adern ein; kein Mark ist in unsern Schritten. Mit blöden Augen sehen wir um uns, unser Atem wird kurz und schwer; Mattigkeit und Husten und stechende Schmerzen kommen des Nachts über uns; es ist ein bitteres, bitteres, freudloses Dasein. Ich wollte, ich hätte es nie angefangen. Und doch sieht die harte Welt scheel auf uns; unsere Nerven sind gebrochen, und man wundert sich, daß wir zänkisch sind; unser Blut stockt, und man fragt, warum wir nicht heiter seien; unser Hirn wird schwindlig und unsicher (wie eben vorhin das meinige), und mit Achselzucken flüstert man dem Nachbar zu, wir seien verrückt. Hätt' ich doch am Pflug gearbeitet und meine Nächte verschlafen und mich des Lebens gefreut und – und wäre nicht, was ich bin.« Bei den letzten Worten senkte er das Haupt und ein paar Thränen schlichen ihm leise die Wangen herab. Walter war in großer Bewegung – er fühlte sich höchst überrascht. Arams gewöhnliches Benehmen deutete nicht im geringsten auf Weichheit des Gemüts; bei jedermann mußte er vielmehr die Vorstellung eines wenn nicht stolzen, so doch kalten Menschen erregen. »Ich hoffe, Sie leiden an keinem körperlichen Schmerz?« fragte Walter mit Teilnahme. »Schmerz hat keine Gewalt über mich,« sagte Aram, seine Fassung langsam wieder gewinnend. »Nicht das bezwingt mich, was ich im Grunde verachte. Junger Mann, ich that Ihnen unrecht, und Sie haben mir verziehen. Wohl, wohl; wir wollen darüber nichts mehr reden; es ist vorbei und vergeben. Ihr Oheim ist gütig gegen mich gewesen, ohne daß ich sein Entgegenkommen erwidert hätte; Sie sollen ihm den Grund sagen. Dreizehn Jahre lang habe ich nur mit mir selbst gelebt, ein wunderliches Wesen und viel in der Welt ungewöhnliche Launen angenommen – ein Beispiel haben Sie soeben gesehen! Urteilen Sie selbst, ob ich für die Milde, die Vertraulichkeit, den leichten Ton geselligen Umgangs tauge; ich tauge nicht dafür, ich fühl' es; ich bin zur Einsamkeit verdammt – sagen Sie das Ihrem Oheim – sagen Sie ihm, er soll mich so fortleben lassen. Ich bin dankbar für seine Güte, ich verstehe seine Beweggründe, aber ich bin nicht ohne Stolz des Gemüts; bloß geduldet zu werden, kann ich nicht ertragen; Nachsicht, die man mir etwa gönnte, hasse ich. Nein, unterbrechen Sie mich nicht, ich bitte Sie. Blicken Sie um sich auf die Natur – betrachten Sie die einzige Gesellschaft, die mich nicht demütigt, – außer den Toten, deren Geister durch die Unsterblichkeit ihrer Schriften mit uns reden. Diese Kräuter zu Ihren Füßen, – ich kenne ihre Geheimnisse – ich beobachte das Getriebe ihres Lebens; die Winde haben mich ihre Sprache gelehrt; die Sterne – ich habe ihre Mysterien belauscht, und ihnen, Geschöpfen und Dienern Gottes, falle ich durch meine Stimmung nicht zur Last; ihnen enthüll' ich meine Gedanken, ihnen erzähl' ich meine Träume ohne Rückhalt und Furcht. Die Menschen aber verwirren mich – von diesen hab' ich, nichts zu lernen – ihnen hab' ich keinen Wunsch zu vertrauen – sie verkümmern mir die ungebundene Freiheit, die mir zur andern Natur geworden ist. Was der Schildkröte ihre Schale, ist für mich die Einsamkeit geworden – mein Schutz, nein, mein Leben selbst!« »Aber bei uns,« sagte Walter, »hätten Sie wenigstens keinen Zwang zu fürchten; Sie können kommen, wann Sie wollen, schweigen oder sprechen, wie es Ihnen gefällt.« Aram lächelte still, ohne unmittelbar darauf zu antworten. »So, Sie haben geangelt!« sagte er nach einer Pause, als wolle er den Faden des Gesprächs ändern. »Pfui! ein trügerischer Zeitvertreib, es befördert die schlimmsten Triebe des Menschen – Grausamkeit und Betrügerei.« »Ich hätte gedacht, ein Freund der Natur würde nachsichtiger gegen eine Belustigung sein, die uns in ihre stillsten Ruheplätze einführt.« »Und kann Sie die Natur nicht allein anlocken, ohne solcher Reizmittel zu bedürfen? Wie? dieser kräuselnde, schlängelnde Bach, mit Blumen bis in seine Wellen hinein – das Wasserveilchen und die Wasserlilie – dieses stille Farnkraut – die Kühle des aufsteigenden Abends – die schweigende Fülle der Schöpfung um Sie her: ist das nicht für sich selbst schon genug Anlockung? – wenn nicht, so gehen Sie – jede Entschuldigung wäre Heuchelei.« »Ich bin an diesen Anblick gewöhnt,« erwiderte Walter; »ich bin der Gedanken, die er mir hervorruft, überdrüssig und sehne mich nach irgend einer Zerstreuung oder Reizung.« »Oho! junger Mann, das Gemüt strebt in Ihrem Alter ruhelos empor; – hüten Sie sich. Vielleicht wünschen Sie die Welt zu sehen, diese einsame Gegend zu verlassen, welche Sie müde sind, länger zu bewundern?« »Es möchte so sein!« erwiderte Walter mit einem leichten Seufzer. »Wenigstens hätt' ich Luft, unsere große Hauptstadt zu sehen und den Gegensatz zu beobachten; ich glaube, ich brächte dann einen Reiz mehr für diese Scenen zurück.« Aram lachte. »Mein Freund,« sagte er, »wenn sich die Menschen einmal ins große Meer irdischer Mühe und Leidenschaft gestürzt haben, streifen sie bald jeden Sinn und jede Erregbarkeit für unschuldige Genüsse ab. Was sonst eine liebliche Zurückgezogenheit war, wird jetzt zur unerträglichsten Einförmigkeit; das große Lotto des gesellschaftlichen Daseins, die fieberischen, verzweifelten Wechselfälle der Ehre und des Reichtums, an die Großstädter ihr Herz hängen, machen jede weniger aufregende Beschäftigung gänzlich schal und leer für sie. Bach und Angel – ha! ha! ha! – das ist kein Zeitvertreib für solche, die mit der Welt gekämpft haben!« »So kann ich mich seiner ohne Bedauern entschlagen!« erwiderte Walter mit der Lebhaftigkeit seiner Jahre. Aram sah ihn ernsthaft an. Das helle Auge, die gesunde Wange, die kräftige Gestalt des jungen Menschen paßten zu seinem Wunsch, sich im Umgang mit seinesgleichen zu messen, ja machten diesen Ehrgeiz so natürlich, daß selbst der einsame Denker ihm seine Teilnahme nicht versagen konnte. »Armer Knabe!« sprach er bekümmert, »wie stolz verläßt das Schiff den Hafen; wie zerschlagen und zerschellt wird es zurückkehren!« Nachdem sie sich verabschiedet, ging Walter langsam nach Hause zurück, mit Mitleid für den wunderbaren Mann erfüllt, den er auf so seltsame Art von seinem Gefühl überwältigt gesehen hatte, und nicht ohne Verwunderung, wie schnell aus seinem eigenen Gemüt der frühere Widerwille gegen denselben verwischt worden; aber selbst in dieses teilnehmende Gefühl schlich sich ein leises Mißfallen an dem Ton von Überlegenheit, welchen Aram. ohne es zu wissen, gegen ihn angenommen hatte, ein Ton, dem, komme er von welcher Seite er wolle, der hochstrebende Geist des Jünglings sich zu unterwerfen keineswegs geneigt war. Gleichzeitig setzte der Gelehrte seinen Weg am Bache hin fort, und wie er so mit langsamem Schritt und nachdenkender Miene vorwärts schlenderte, konnte man sich unmöglich eine Gestalt denken, welche der tiefen Ruhe des Ortes mehr entsprochen hätte. Selbst die Waldvögel schienen durch eine Art von Instinkt zu fühlen, daß in ihm kein Grund zur Furcht liege, und flatterten von dem benachbarten Rasen oder den Zweigen, welche über seinem Pfad hingen, nicht auf. »So,« sprach er zu sich selbst, aber nicht ohne häufige, besorgte Blicke um sich zu werfen und mit so undeutlichem Gemurmel, daß es selbst ein Lauscher nicht hätte verstehen können – »so, ich wurde nicht gehört! Ich muß mich von dieser Gewohnheit heilen; unsere Gedanken sollen sich gleich Nonnen nicht ohne Schleier hinauswagen. – So! dieser Ton wird mich nicht verraten, diese Höhe der Stimme will ich beibehalten, denn aufgeben kann ich meinen einzigen Vertrauten – mich selbst – nicht, und der Gedanke tritt deutlicher hervor, wenn er auch nur so ausgesprochen wird. – Ein hübscher Junge, das! voll vom mutigen Trieb seiner Jahre; ich hatte nie ein so junges Herz. Ich war – doch wozu das? Wer ist für seine Natur verantwortlich? Wer kann sagen: ich beherrschte alle die Umstände, die mich zu dem gemacht haben, was ich bin? Madeline – Himmel! brachte mich in diese Versuchung? Hab' ich dieselbe nicht meine ganze Jugend hindurch von mir abgehalten, wenn auch mein Verstand mich zuweilen verließ und meine Adern springen wollten? Und jetzt, wo das Grün meines Lebens zu vergilben anfängt, jetzt zum erstenmal dieses Gefühl – diese Schwäche; und für wen? Für ein Wesen, für welches ich gelebt – das ich gekannt – unter dessen Augen ich die ganze süße Stufenfolge vom Gefallen zur Liebe, von der Liebe zur Leidenschaft durchgemacht habe? Nein, für ein Mädchen, das ich nur wenig sah, das zwar mein Auge beim ersten Blick, den ich vor zwei Jahren auf sie warf, fesselte, mit der ich aber bis vor wenigen Wochen kaum ein Wort gesprochen habe! Ihre Stimme tönt mir im Ohr, ihr Blick wohnt in meinem Herzen; wenn ich schlafe, steht sie vor mir; wenn ich wache, schreckt mich ihr Bild auf. Seltsam, seltsam! Ist Liebe denn wirklich jene plötzliche Leidenschaft, wie sie von den Dichtern jedes Zeitalters geschildert worden ist und an welche bisher meine Vernunft nicht geglaubt hat? .... Und jetzt, was ist die Frage? Widerstand oder Ergebung. Ihr Vater lädt mich ein, sucht meinen Umgang, und ich halte mich abseits! Wird diese Stärke, diese Ausdauer vorhalten? Soll ich mein Gemüt zu diesem Entschluß ermutigen?« – Hier schwieg Aram plötzlich und fing dann von neuem an: »Es ist wahr, ich sollte mein Los mit keinem andern Menschen verweben. Seit meiner frühesten Erinnerung steh' ich einsam und allein in der Welt; es scheint mir unnatürlich, furchtbar, ein anderes Wesen in meine Einsamkeit zu bringen, meinem Stehen und Gehen einen ewigen Wächter zu setzen; ein Auge auf mein Gesicht zu rufen, wenn ich des Nachts schlafe, und ein Ohr für jedes Wort, das unwillkürlich meinen Lippen entschlüpfen kann. Wenn aber dieser Wächter der Wächter der Liebe ist? – Weg! Liebe dauert nicht immer! Wer auf ein Weib vertraut, vertraut auf das Sinnbild der Veränderlichkeit. Zuneigung kann sich in Haß verwandeln. Zärtlichkeit in Überdruß, Besorgnis in Furcht; und selbst im besten Fall ist das Weib schwach, ist Spielwerk ihrer Launen. Genug, ich will meine Seele stählen – die Zugänge zu meinen Sinnen verschließen – diese noch grünen und sanften Regungen sehnsüchtiger Jugend mit glühendem Eisen ausbrennen und Gefühl und Herz und Mannheit in das Eis des Greisenalters einfrösteln, fesseln und verschrumpfen.« Siebentes Kapitel. Die Macht der Liebe über den Entschluß des Gelehrten. – Aram wird ein häufiger Gast im Herrenhause. – Ein Spaziergang. – Gespräch mit Witwe Dunkelmann. – Ihre Geschichte. – Armut und deren Wirkungen. Madeline: Und als die Zeit dich öfter zu uns brachte, Hast du nicht da gleich Träumen meiner Seele Geheime holde Wunder der Natur, Die süße Lehre von der grünen Pflanze, Der bienenvollen Blüte angehaucht? Und wenn die Nacht auf diese niedre Erde Ein mildes Schweigen goß, und nun das Herz Des Himmels lag in atemloser Liebe, Entrolltest du mir nicht das Buch der Sterne, Sprachst nicht von Wollen, Winden, zarter Luft, Mir so beseelt, daß endlich ich gedachte, Kein ird'scher Mund, nur höhre Geister könnten Der Göttlichkeiten Wahrheit so enthüllen? Und so – und so – Aram : ... entstiegen wir dem Himmel Und Weisheit zeugte ird'sche Leidenschaft. Aram : ...Weise rühmten Des Landmanns dumpfes Los, und stolzes Wissen Hat niedre Müh beneidet; wenn mit Recht, Dann laß uns diese Bücher hier verbrennen Und niedersitzend tändeln mit der Zeit, Prophet'scher Weisheit hohem Spruche spottend Das schale Jetzt mit finstrer Wolk' vermauernd, Bis Nacht uns zur Natur wird, und das Licht Der Sterne selbst ein Meteor nur, das Den irren Geist der trägen Ruh entrückt. Die jetzt sein Glück ist. – Nehmen diesen Freibrief Von Mühe will auch ich. Aus Eugen Aram, einer handschriftlichen Tragödie. Ein scheußlich Weib, ein Bild des Neids, ohn'gleichen An argem Thun, sich selbst zur Quäl erschaffen, Sich selbst und andern Ursach gleichen Leids, Wer konnte streiten mit dem starten Bann Der diese Welt in ew'gen Wechsel zwingt? Drum geh' nicht weiter, schweife fürder nicht, Nein, lieg hier nieder, denk an deine Ruh'. Spenser. Wenige Menschen konnten sich vielleicht eines so festen und männlichen Sinnes rühmen, wie Aram einen solchen trotz seiner Überspanntheit besaß. Seine fortdauernde Einsamkeit hatte seine natürliche Willensstärke noch vermehrt; denn, jede Quelle des Glückes nur aus sich selbst schöpfend, nur seine Gedanken zu Gefährten – nur seinen Geist, um seine Einsamkeit zu beleben, – mußte er dem Ton seiner Seele notwendig jene strenge, kräftige Spannung mitteilen, welche durch die Gewohnheit, der einzige Bestimmende des eigenen Selbst zu sein, fast immer hervorgerufen wird; und doch dürfte der Leser, falls er zu jung ist, kaum darüber staunen, daß der Entschluß des Gelehrten, gegen die aufkeimende Liebe zu kämpfen aus welchen Beweggründen er auch hervorgegangen fein mochte, wider dessen Willen allmählich dahinschmolz. Es verdient bemerkt zu werden, daß gerade Enthusiasten für Wissenschaft und stilles Nachdenken zu irgend einer Zeit ihres Lebens unter allen Menschen am empfänglichsten für Liebe gewesen sind. Ihre Einsamkeit nährt ihre Leidenschaft, und seiner, wie sie in der Regel von dem lauten, gewaltsameren Treiben der Welt sind, findet die Liebe, wenn sie einmal in ihr Herz gedrungen ist, kein Gegengewicht gegen ihre Regungen und keine Rettung vor ihrem Sturm. Zudem hatte Aram eben das Alter erreicht, wo in der Regel eine Art von Ableitung in den Neigungen des Menschen eintritt. In diesem Alter werden gewöhnlich die, deren Lebensberuf bis jetzt die Liebe gewesen ist, für Ehrgeiz empfänglich; die, welche Sklaven des Genusses waren, erwachen aus ihrem Traum und richten ihre Wünsche auf den Gewinn. Und so lassen denn in demselben Verhältnis auch diejenigen, welche bisher die Fülle der Jugendkraft auf unfruchtbarem Boden vergeudeten, welche dem Ehrgeiz fröhnten – oder auch, wie Aram – ihre Herzen der Weisheit weihten, von ihrem Eifer nach, blicken mit Reue auf die entschwundenen Jahre zurück und fangen im Mannesalter an, sich den flammenden Wonnen, dem süßen Wahnsinn hinzugeben, der nur an der Jugend verzeihlich ist. Kurz, wie in jedem menschlichen Streben eine gewisse Nichtigkeit liegt, und wie alles Erstrebte in sich selbst den Samen des Überdrusses trägt, so giebt es eine Zeit, wo wir von dem Streben nachlassen und des Erstrebten überdrüssig sind. Wir blicken dann um uns nach etwas Neuem – folgen diesem – und sind abermals betrogen. Nur wenige Menschen begleitet während ihres ganzen Lebens derselbe Wunsch. Haben wir die Mitte der Brücke erreicht, die uns Sterblichen gezogen ist, so verlocken uns fast jedesmal andere Gegenstände zum Hinabgang, als diejenigen, welche uns zum Hinaufsteigen anreizten. Glücklich die, welche während der ersten Hälfte ihrer Reise alle Schwächen des irdischen Daseins erschöpft haben! Aber wie verschieden ist die Unreife der vorübergehenden Liebe jenes Alters, worin die Leidenschaft noch keine Dauer und Kraft durch den Gedanken erhalten hat, von der Liebe, welche zum erstenmal in reifen, aber immer noch jugendlichen Jahren gefühlt wird! Wie die Flamme heller brennt, je größern Widerstand sie zu überwinden hat, so ist diese späte Liebe um so glühender, je länger die Zeit dauerte, innerhalb welcher ihre Lockungen abgewiesen wurden: die gründlichen, zusammengefaßten und zur höchsten Stufe der Entwickelung gediehenen Seelenkräfte sind jetzt der unendlichen Zerstreuung, den zahllosen Launen der Jugend nicht mehr ausgesetzt; die Strahlen des Herzens, durch keine Teilung geschwächt, vereinigen sich in einem Brennpunkt. »Liebe hat die Natur eines Brennglases, das, wenn man es fortwährend auf einen Punkt hält, Feuer anzündet, wenn man aber mit der Stelle wechselt, wirkungslos ist.« Briefe von Sir John Suckling. Jener Ernst, jene Einheit des Zwecks, die unsere Unternehmungen im Mannesalter so viel erfolgreicher machen, dem gegenüber, was wir in der Jugend hervorbringen konnten, sprechen sich gleich deutlich und gleich sieghaft aus, mögen sie nun auf äußeren Gewinn oder auf Liebe gerichtet sein. Hierzu jedoch müssen die Gefühle, wie bei Aram, noch ebenso frisch als gereift – sie dürfen nicht durch ein bereits mit ihnen getriebenes Lüsteln zerstückelt sein: Liebe muß als das erste Erzeugnis des Bodens, nicht als kränkelnder Nachwuchs erscheinen. Der Leser wird bemerkt haben, daß die Zeit, worin unsere Erzählung Madeline und Aram das erste Mal zusammenbrachte, nicht das erste Zusammentreffen beider war. Längst hatte Aram mit Bewunderung eine Schönheit wahrgenommen, derengleichen er nie gesehen, und unbestimmte, undeutliche Empfindungen hatten den tiefen Eindruck vorbereitet, den ihr Bild jetzt in ihm erregte. Der Hauptgrund seiner jetzigen steigenden Zuneigung lag jedoch in dem unverkennbaren Wohlwollen, das er bei Madeline selbst für sich vorfand. Eine so zurückgezogene Natur, wie die seinige, hätte vielleicht niemals der Liebe Raum gegeben, falls diese als eine Anmaßung von seiner Seite erschienen wäre. Aber daß eine alle seine Träume überbietende Schönheit, wie Madeline Lester, sich herabließ, eine Zärtlichkeit gegen ihn auszudrücken, die ihm Hoffnung gestattete, war ein Gedanke, der von selbst in sein Herz drang, wenn er ihr Auge unbewußt auf sich ruhen sah und bemerkte, wie ihre Stimme im Sprechen mit ihm sanfter und zitternder wurde. Und dieser Gedanke rief eine unbekannte unwiderstehliche Bewegung in seinem Innern hervor, die durch Einsamkeit und durch das brütende Sinnen der Einsamkeit – ein Sinnen, das umsomehr an Stärke gewinnt, auf je weniger Gegenständen der Betrachtung es ruht – bald zur Liebe zeitigte. Vielleicht würde er gegen diesen Eindruck nicht so sehr angekämpft haben, wie er es wirklich that, hätten nicht eben damals gewisse Empfindungen, welche mit vorangegangenen Ereignissen in Verbindung standen, mächtiger als seit den letzten Jahren auf ihn eingestürmt und so gewissermaßen sein Herz geteilt. Allmählich jedoch sanken diese Gefühle von ihrer Lebhaftigkeit in das gewohnte tiefe, obwohl nicht ganz bedeckende Dunkel zurück, wohin seine mächtige Seele sie früher zur Ruhe gewiesen hatte. Als sie sich dort lagerten, schwebte ihm Madelines Bild ungestörter vor und sein Entschluß, demselben zu widerstehen, ward wankender und schwächer. Das Schicksal schien es darauf abgesehen zu haben, diese beiden Menschen, die einander jetzt schon so sehr anzogen, zusammenzubringen. Nach dem in unserm vorigen Kapitel erwähnten Gespräch zwischen Walter und dem Gelehrten hatte ersterer – wie wir gesehen haben, gegen seinen eigenen Willen gerührt und besänftigt – aus freiem Antrieb (wie früher nur mit Widerstreben) jene Andeutungen des Mißfallens, die er sonst so reichlich über Aram ausgeschüttet, unterdrückt, und Lester, der sich, bei aller eigenen Bereitwilligkeit, durch die feindliche Gesinnung seines Pflegesohnes in der Annäherung zu seinem Nachbar etwas zurückgehalten fühlte, hatte nun kein Bedenken mehr, seine Freundschaft mit einer Beharrlichkeit aufzudrängen, die eine Abweisung beinahe unmöglich machte. Es war Arams unabänderliche Gewohnheit, in jeder Jahreszeit zu gewissen Tagesstunden umherzustreifen, besonders gegen Abend; gelang es ihm daher nicht, sich Eingang in des Gelehrten Haus zu verschaffen, so wurde es Lester somit doch möglich, mit ihm auf seinen häufigen Wanderungen zusammenzutreffen, wobei er immer noch den Schein retten konnte, als geschehe dies ohne Absicht. In seiner großen Herzensgüte wünschte er eifrigst, den einsamen freundlosen Mann aus einer Stimmung und Gewohnheit zu reißen, welche, wie er nicht anders glauben konnte, denselben in immer tieferen Trübsinn versenken mußten. Seit Walter ihm das Nähere über sein Zusammentreffen mit Aram mitgeteilt hatte, war dieser Wunsch noch bedeutend stärker geworden. Es giebt vielleicht kein mächtigeres Gefühl in der Welt, als Mitleid, das sich mit Bewunderung verbindet. Auch ist es, wenn ein Mensch den festen Entschluß hat, einen andern kennen zu lernen, fast unmöglich, ihn daran zu hindern; täglich sehen wir die merkwürdigsten Beispiele, wie Beharrlichkeit von der einen Seite Abneigung von der andern besiegt. So ließ denn auch allmählich Aram in seiner Ungeselligkeit nach; er schien sich einer Freundschaft zu unterwerfen, deren Aufrichtigkeit er anerkennen mußte. Weigerte er sich lange Zeit, bei dem Nachbar einzukehren, so zog er sich doch nicht von seiner Gesellschaft zurück, wenn sie einander begegneten. Dieser Umgang wurde nach und nach inniger, bis endlich der Einsiedler den Bitten nachgab und der Gast des Hauses wurde, wie er der Gefährte des Feldes gewesen. Was nur als vorübergehende Zufälligkeit begonnen hatte, wurde, obwohl nicht ohne mannigfaltige Unterbrechungen, zur Gewohnheit, und endlich verstrichen den Bewohnern des Herrenhauses wenige Abende ohne die Gegenwart des Gelehrten. So wie seine Zurückhaltung nachließ, gesellte sich den Reizen seiner Unterhaltung noch der liebevolle, wohlwollende Ton bei, in welchem sie vorgebracht wurde. Er schien erkenntlich für die Mühe, die man sich gegeben, ihn in einen Kreis zu ziehen, worin er, wie er zuletzt selber anerkennen mußte, ein vorher nie empfundenes Glück genoß; und die, welche ihn bisher seines Geistes wegen bewundert hatten bewunderten ihn jetzt noch mehr wegen seiner Empfänglichkeit für fremde Zuneigung. Nichts an Aram erinnerte an pedantische Schroffheit oder die kleinliche Eitelkeit wissenschaftlicher Rechthaberei. Seine Stimme war sanft und gedämpft und sein Benehmen immer höchst anständig und voll bescheidener Würde. Wohl nahm seine Sprache hie und da einen ruhigen, gleichsam väterlichen Herrscherton an, aber es war nur die Herrschaft, die aus dem innigen Gefühl der Wahrheit dessen, was er sagte, entsprang. Mochte er die moralische Natur des Menschen zergliedern, oder über die Täuschungen der Welt trauern: stets atmete ein ernster, weihevoller Geist aus seinen erhabenen Worten und tiefer Schmerz aus seiner Weisheit. Aber er beleidigte nicht, sondern rührte – demütigte nicht, sondern erhob das untergeordnete Verständnis seiner Zuhörer; und selbst diese Form unbewußter Überlegenheit verschwand, wenn man ihn um Belehrung, um Erläuterung bat. Jene Aufgabe, welche von so wenigen auf gefällige Weise gelöst wird, daß ein scharfsinniger Denker gesagt hat, »jederzeit können wir mit Sicherheit lernen, selbst von unsern Feinden; selten sind wir sicher, selbst wenn wir unsere Freunde belehren« – löste Aram mit einer Milde und Schlichtheit, welche, während sie die Unkunde des Anfragenden berichtigte, noch dessen Eitelkeit entzückte; und so mannigfaltig und ins einzelne gehend waren die Kenntnisse dieses hochgebildeten Mannes, daß es wenige Zweige, selbst des in der Regel sogenannten praktischen Wissens gab, für welche er nicht aus seinem Vorrat irgend etwas Wertvolles und Neues mitzuteilen vermocht hätte. Der Landwirt war erstaunt, wie erfolgreich seine Ratschläge sich erwiesen; der Handwerksmann verdankte ihm manchen Wink, der seine Arbeit abkürzte, während er ihr Ergebnis verbesserte. Damals war das Studium der Botanik keine so allgemeine Lieblingsbeschäftigung junger Damen, wie sie es jetzt geworden ist, so daß Ellinor, entzückt, als sie von einer Wissenschaft vernahm, welche in das lieblichste Erzeugnis der Erde Leben und Geschichte bringt, Aram bat, sie die Grundsätze derselben zu lehren. Da Madeline, wiewohl sie selbst das Gesuch nicht unterstützt hatte, nicht wohl teilnahmlos bei dem Unterricht bleiben konnte, so brachte diese Unterhaltung die beiden – jetzt schon Liebenden – inniger und inniger zusammen. Sie war ein Bindemittel zwischen ihnen nicht nur zu Hause, sondern auch auf ihren Spaziergängen durch die reizende Gegend; liegt doch eine geheimnisvolle Macht in der Natur, die uns beim Anblick ihrer höchsten Lieblichkeit am empfänglichsten für Liebe macht! Und dann, wie oft begegneten sich bei dieser Beschäftigung ihre Hände, ihre Augen; – wie oft trafen sie einander allein im schattigen Wald, oder am sanft hingleitenden Bach! Wie gefährlich war zu allen Zeiten der Zusammenhang von Schüler und Lehrer, wenn beide verschiedenen Geschlechtes sind! Unter wie vielen Vorwänden findet bei einem solchen Zusammenhang das Herz Gelegenheit, sich auszusprechen! Doch überließ sich Aram nicht mit wohlgefälligem Nachgeben dem Rausch seiner wachsenden Zärtlichkeit. Zuweilen war er absichtlich kalt, oder rang augenscheinlich mit der mächtigen Leidenschaft, die seine Vernunft bemeisterte. Nicht ohne schwere Kämpfe, ohne verzweifelten Widerstand bewältigte ihn endlich die Liebe. Wenn indessen dieser Wechsel in seiner Stimmung Madeline bisweilen beleidigte, bisweilen kränkte, so trug er doch weit eher dazu bei, den Zauber, welcher sie an Aram knüpfte, zu verstärken als zu schwächen. Zweifel und Furcht, Laune und Veränderlichkeit, wie sie die Oberfläche der Leidenschaft bewegen, schwellen auch ihre Tiefe! Frauen zumal, deren Liebe so sehr das Geschöpf ihrer Einbildungskraft ist, verlangen an dem Gegenstande ihrer Neigung immer etwas Geheimnisvolles, etwas das ihnen Raum zu Vermutungen läßt. Es ist ein Genuß für sie, sich selbst mit tausend Besorgnissen zu quälen, und je andauernder der Geliebte ihrem Gemüt zu schaffen macht, um so tiefer dringt er in dasselbe ein. Mit ihrer reinen zärtlichen Anhänglichkeit an Aram eine hohe, nie wankende Verehrung verbindend, sah sie in seiner Launenhaftigkeit, in der gelegentlichen Zerstreuung und den Widersprüchen seines Benehmens nur eine Bestätigung dessen, was die eigene Bescheidenheit ihr so oft als Schreckbild vormalte: sie glaubte, er halte sie in solchen Augenblicken – so wie sie selber sich schätzte – seiner Liebe für unwürdig. Dies war der einzige Kampf, der, ihrer Meinung nach, zwischen der Neigung die er augenscheinlich für sie hatte und zwischen den Gefühlen, die ihn bis jetzt noch von einem offenen Bekenntnis abhielten, stattfand. Auf einem Spaziergange, den Lester und die beiden Schwestern eines Abends mit dem Gelehrten durch das kleine Thal machten, welches zum Hause des letztern führte, sahen sie ein altes Weib Brennholz unter den Büschen sammeln, während ein kleines Mädchen ihre Schürze ausgebreitet hielt, um das Reisig aufzunehmen, womit die dürren Arme der Alten sie in reichem Maß füllten. Das Kind zitterte und schien fast zu weinen, während das Weib in einem rauhen, herben Gekrächz Scheltworte und Klagen herknurrte. Der Anblick der letztern hatte etwas Imponierendes und Mißfälliges zugleich; eine dunkle, welke, runzlige Haut zog sich wie Pergament über harte adlerartige Züge hin; die Augen schimmerten schwarz und boshaft durch die Flüssigkeit des Alters; selbst in ihrer gekrümmten Stellung erkannte man noch einen weit über die gewöhnliche Größe hinausragenden Wuchs, obwohl durch Alter und Armut eingeschrumpft und abgemagert. Es war eine Gestalt und ein Gesicht, die beide an die berühmte Beschreibung Otways erinnern konnten, von der wir uns einen Teil bereits, ohne uns dessen bewußt zu werden, angeeignet haben, und deren andern wir hier vollends borgen wollen: Den krummen Schultern hatt' sie umgeworfen Zerfetzte Reste eines alten Vorhangs, Der ihr Geripp vor Kälte schützen sollte, Und trug nichts an sich, das aus einem Stück. Ihr Unterkleid war grob, durchweg geflickt, Schwarz, rot, weiß, gelb, aus viel gefärbten Lumpen, Als spräche es von Elends wirrem Wechsel. »Sieh da,« sagte Lester, »einer von den Dornen unseres Dorfes, die einzige unzufriedene Person.« »Was, Grete Dunkelmann !« rief Ellinor hastig, »ach, kehren wir um; ich mag diesem alten Weibe nicht begegnen; sie hat etwas so Boshaftes und Wildes in der Art, wie sie spricht; und seht, wie sie das arme Mädchen ausschilt, das sie durch Gewalt oder durch eine Lüge dahin gebracht haben muß, ihr zu helfen!« Aram blickte neugierig auf die alte Zauberin. »Armut,« sagte er, »macht oft demütig, aber noch öfter boshaft. Ist es nicht die Dürftigkeit, welche der Natur dieser armen Frau etwas Teuflisches einimpft? Kommt, reden wir sie an, ich halte gern Zwiesprach mit dem Unglück.« »Das ist wohl harte Arbeit?« sagte er in wohlwollendem Ton zu der Alten. Diese sah ihn von der Seite an – die Musik der Stimme, welche sie anredete, klang ihrem Ohr rauh. »Hoho!« antwortete sie. »Ihr vornehmen Leute wißt nicht, was alles dem Armen weh thut, Ihr schwatzt und schwatzt, aber nie kommt's zum Helfen.« »Sagt nicht so, Frau.« entgegnete Lester, »hab' ich Euch nicht noch gestern Brot und Geld geschickt; und wann klopft Ihr je in der Halle an, ohne daß Euch Hilfe zu teil wird?« »Aber 's Brot war trocken wie 'n Stück Holz.« grinste die Hexe, »und 's Geld, wie viel war's? Wird's für 'ne Woche ausreichen? Ja doch! Ihr stellt Euch da was von Euern Hellern und Pfennigen vor, als nähmt' Ihr Euch was Rechts, um's uns zu geben. Hattet Ihr 'ne Schüssel weniger – ja, nur 'ne Kartoffel weniger, als Ihr mir Euer Almosen, wie Ihr's nennen werdet, zusandtet? O Pfui! Aber die Bibel ist der Trost der armen Menschheit.« »Es freut mich, daß Ihr das sagt, Mutter,« antwortete der gutmütige Lester, »und ich vergeb' Euch um dieses Wortes willen alles übrige, was Ihr gesprochen.« Die Alte warf das Reisig, das sie eben in Händen hatte, auf den Boden und blickte mit einem boshaften Ausdruck ihrer schwarzen Augen in das wohlwollende Gesicht des Sprechenden. »Thut Ihr so? Gut, freut mich, daß ich's Euch darin recht mach'. Ja, die Bibel ist 'n mächtiger Trost, denn sie sagt, der Reiche werde nicht ins Himmelreich kommen! Das ist 'n Wort für Euch, worüber das Herz der armen Leute vor Freuden zirpt wie 'ne Grille. Ha! ha! ha! Wenn ich so 's abends vor der Asche sitz' und denk und denk, wie ich Euch 'nmal brennen sehen werd', und Ihr mich um 'n Tropfen Wassers bitten werdet, und ich dann auf meinem goldenen Stuhl mit den Engeln lache – o 's ist 'n Buch für die Armen das!« Die Schwestern schauderten. »Und glaubt Ihr denn, daß Ihr mit Neid, Mißgunst und der ganzen Feindseligkeit Eures Herzens in den Himmel kommen werdet? Schämt Euch! Zieht den Balken aus Eurem eigenen Auge!« »Was soll's Predigen? Ist der Heiland nicht für die Armen kommen? Wer hier unten Lumpen und trocken Brot hat, wird erhöhet werden in der andern Welt; und wenn wir armen Leute mißgünstig sind, wie Ihr's nennt, wer ist schuld daran? Was lehrt Ihr uns? He? Antwortet mir 'nmal. Ihr behaltet alle Lehr' und alle andern schöne Dinge für Euch selbst, und dann schimpft Ihr und droht und bringt uns an den Galgen, weil wir nicht so klug sind als Ihr. O, 's wär' keine Gerechtigkeit im Lamm Gottes, wenn der Himmel nicht für uns wär, und die ewige Höll' mit ihrem Schwefel und Feuer und ihrem Heulen und Zähnklappen und ihrem Durst und ihrer Qual und ihrem Wurm, der nicht stirbt, für Leute wie Ihr.« »Fort, lassen Sie uns fortgehen,« sagte Ellinor, ihren Vater am Arm ziehend. »Und wenn ich nun,« sagte Aram stehenbleibend, »wenn ich nun zu Euch spräche: sagt mir, was Euch abgeht und ich will es Euch geben, würdet Ihr auch mit mir kein Mitleid haben?« »Hm,« erwiderte die Hexe, »Ihr seid der große Gelehrte und 's heißt, Ihr wüßtet, was keiner sonst weiß; so sagt mir doch« – damit näherte sie sich und legte ihre dürren Finger auf Arams Arm – »sagt mir doch, habt Ihr je unter andern schönen Dingen auch gelernt, was Armut ist?« »Ich habe es gelernt, Frau!« sagte Aram mit starker Stimme. »Ihr habt's gelernt? Und saß't Ihr nicht und seufztet und nagtet am eigenen Herzen und verfluchtet die Sonne, die so lustig herabsieht und die geflügelten Dinger, die so froh herumschwirren, und murrtet über die reichen Leute, die nie 'n Gedanken an Euch verschwendeten? Sagt mir das, Euer Edlen, sagt das!« Damit verneigte sich die Alte und äffte eine demütige Bitte nach. »Ich habe auch im Elend nie die Liebe vergessen, welche ich meinen leidenden Mitbrüdern schuldig war; denn, Weib, wir alle leiden, der Reiche wie der Arme, es giebt größere Schmerzen als die des Mangels!« »Meint Ihr so? 'n Trost das! Ja, ich will Euch sagen, vor Euch hab' ich mehr Respekt als vor den andern da; denn Euer Gesicht höhnt mich nicht durch 'n so lustiges Aussehen, wie das von diesen da; und ich hab' gesehen, daß Ihr in der Dämmerung mit niedergeschlagenen Augen und gekreuzten Armen umwandelt, und hab' gesagt: den Mann haß ich nicht so, denn er hat was Dunkles auf 'm Herzen wie ich!« »Leiden sind das Los dieser Erde,« entgegnete Aram ruhig, aber doch vor der Berührung der Alten zurückzuckend. »Urteilen wir mild und handeln wir liebevoll gegen einander. Da – das ist nicht viel Geld, aber es wird Euern Herd wärmen und Euern Tisch, ohne daß Ihr Euch mühen müßt, mit Speise füllen, wenigstens für einige Tage!« »Dank, Euer Edlen! und wie denkt Ihr, daß ich's Geld verwenden werde?« »Wie?« »Vertrinken, vertrinken, vertrinken!« schrie die Hexe mit frechem Ton: »Nichts über's Trinken für 'n Armen, denn dann stellen wir uns vor, was wir gern haben möchten, und« – ihre Stimme zum Flüstern herabsenkend – »dann mein' ich, ich tret' den reichen Leuten mit den Füßen auf 'n Leib, und meine Hände wühlten in ihren Eingeweiden, und hör' sie schreien und – dann ist mir's wohl!« »Geht nach Hause,« sagte Aram, sich abwendend, »und schlagt das Buch des Lebens mit andern Gedanken auf.« Die kleine Gruppe bewegte sich jetzt weiter, und Lester bemerkte zurückblickend, daß die Alte ihnen nachsah, bis eine Biegung des Thales sie ihrem Auge entzog. »Das ist ein seltsames Weib, Aram; kein vorteilhaftes Bild vom Glück des englischen Landmanns!« rief Lester lächelnd. »Doch sagt man,« setzte Madeline hinzu, »sie sei nicht immer ein so boshaftes, feindseliges Geschöpf gewesen wie jetzt.« »Ja?« erwiderte Aram, »und was ist denn ihre Geschichte?« »Ach!« entgegnete Madeline mit leichtem Erröten, sich zur Erzählerin einer Geschichte gemacht zu sehen, »vor einigen vierzig Jahren war diese Frau, die jetzt so häßlich und grauenerregend aussieht, die Schönheit des Dorfes. Sie heiratete einen irländischen Soldaten, dessen Regiment durch Grünthal kam und von da an hörte man nichts mehr von ihr, bis vor ungefähr zehn Jahren, wo sie als das unzufriedene, veränderte Wesen, wie Sie sie jetzt sehen, nach ihrem Geburtsorte zurückkehrte.« »Sie macht kein Geheimnis aus ihrem frühern Leben,« sagte Lester, »im Gegenteil, sie ist glücklich, wenn sie irgend jemand findet, den sie zum Gegenstand ihres scheelsüchtigen Vertrauens machen kann. Sie sah ihren Gatten, der später aus dem Dienst entlassen wurde, einen starken, kräftigen Menschen, einen Riesen unter seinen Landsleuten, Zoll für Zoll aus bloßem Mangel an Nahrung verkümmern und hinwelken und zuletzt buchstäblich Hungers sterben. Beide hatten sich in der Grafschaft niedergelassen, in welcher der Mann geboren worden, und dort war der Nahrungsmangel, der so oft Irlands Geisel ist, zwei Jahre hintereinander besonders hart gewesen. Sie werden bemerkt haben, daß der Alten eine gute Ader roher Beredsamkeit zu Gebot steht, dank vielleicht dem Lande, worin sie so lange gelebt hat, wenigstens erinnert sie an den natürlichen Charakter desselben. Schauder würde Sie im wörtlichen Sinne ergreifen, wenn Sie die Beschreibung von Elend und Mangel hörten, dessen Zeugin sie war, und unter welchem ihr Mann seinen letzten Atem aushauchte. Von ihren vier Nachkommen lebt niemand mehr. Einer starb noch als Kind, eine Woche nach dem Vater; zwei andere Söhne, der eine sechzehn Jahre alt, der andere ein Jahr älter, wurden wegen eines unter erschwerenden Umständen begangenen Raubes hingerichtet; eine Tochter starb im Spital in London. Die Alte wurde eine Landstreicherin, so daß man sie endlich nach ihrem Geburtsorte zurückbrachte, wo sie seitdem wieder wohnt. Dies sind die Unglücksfälle, welche ihr Blut in Galle verwandelt haben, und die Ursachen, welche sie mit so bitterem Haß gegen diejenigen erfüllen, die in ihrem Vermögen ein Schutzmittel vor einem Schicksal wie das ihrige besitzen.« »Ach,« sagte Aram mit leisem aber tiefem Ton, »wann werden diese furchtbaren Ungleichheiten aus der Welt verbannt werden? Wie viel edle Naturen – wie viel strahlende Hoffnungen – wie mancher Geist würdig eines Seraphs – wurden in Staub getreten, oder zum Verbrechen herabgerissen, bloß durch die Macht des physischen Mangels! Was sind die Versuchungen des Reichen gegen diejenigen des Armen? Und doch sehen Sie, wie mild wir gegen die Schuld der einen, wie unbarmherzig gegen diejenige der andern sind! Es ist eine arge Welt; man bekommt Herzweh, wenn man um sich blickt. Das Bewußtsein, wie wenig die Wirksamkeit des einzelnen vermag, um der Masse aufzuhelfen, zermalmt wie mit einem Stein, was da Edles im Ehrgeiz liegen mag; wer sich da noch über die Niedrigkeit des Lebens erheben will, ist nur um so sicherer ein Selbstsüchtiger.« »Vermöchten Gesetzgeber oder Lehrer der Moral, von welchen die Gesetzgeber ihren Unterricht empfangen, wirklich so wenig für das allgemeine Beste?« fragte Lester zweifelnd. »Wie? was können Sie thun als die Verfeinerung befördern, und was ist Verfeinerung anders als Vermehrung der menschlichen Ungleichheiten? Je größer der Reichtum der wenigen, um so erschreckender der Mangel, um so peinlicher das Gefühl der Armut. Die Träume der Philanthropen gehen auf allgemeine Gleichheit; wo aber wäre Gleichheit zu finden, als im Stande der Wilden? Nein; ehemals dachte ich anders, aber jetzt betrachte ich das große Lazaret um uns her ohne Hoffnung. Der Tod ist der einzige Arzt!« »Nicht doch!« entgegnete lebhaft die hochgesinnte Madeline, »nehmen Sie uns nicht das beste Gefühl, den höchsten Wunsch, den wir nähren können. Wie ärmlich wäre das Leben, selbst in dieser schönen Welt mit der warmen Sonne und der frischen Luft um uns her, die schon allein hinreichen, uns froh zu machen, wenn wir nichts zum Glück der andern beitragen könnten!« Aram sah mit sanftem, halb schmerzlichem Lächeln auf die schöne Sprecherin. Wenn wir älter werden, giebt es ein eigentümliches Vergnügen für uns – in einer andern und lieblichern Gestalt Gedanken und Gefühle, die wir einst selbst hatten, verkörpert zu erblicken. Es ist, als sähen wir unsere eigene Jugend in zweiter Erscheinung und kein Wunder, daß wir uns erwärmt fühlen für den Gegenstand, der auf diese Art die lebende Erscheinung alles dessen zu sein scheint, was einst in uns selbst so hell glänzte! Mit diesem Gefühl schaute Aram jetzt auf Madeline. Sie fühlte den Blick und ihr Herz schlug selig empor; aber auf einmal versank sie in ein Stillschweigen, welches sie den übrigen Spaziergang hindurch nicht mehr brach. »Ich behaupte nicht,« sagte Aram nach einer Pause, »daß wir nicht fähig seien, das Glück unserer unmittelbaren Umgebung zu machen. Ich spreche nur von dem, was wir für die große Masse thun können. Es ist ein tötender Gedanke für geistiges Streben, daß der Kreis von Glückseligkeit, den wir schaffen können, mehr durch unsere sittlichen als durch unsere geistigen Eigenschaften gebildet wird. Ein liebevolles Herz, wenn auch nur von einem mittelmäßigen Verstand begleitet, hat immer mehr Wahrscheinlichkeit für sich, das Glück derjenigen, welche ihm nahe stehen, zu schaffen, als die in sich selbst versunkene, von der Welt abgezogene Kraft einer höheren Intelligenz, wie menschenfreundlich auch derjenige sei, dem sie angehört. Aber (bemerkend, daß Lester ihn unterbrechen wolle) verlassen wir diesen Gegenstand und kehren von der Schwäche des Menschen zu der Glorie der Natur, seiner Mutter, zurück.« Und warm wie er immer ward, sobald er auf einen seiner Betrachtung so teuren Gegenstand zu reden kam, sprach Aram jetzt von den Sternen, die eben zu funkeln begannen – von dem großen unbegrenzbaren Felde, welches die Wissenschaft in neuerer Zeit der Einbildungskraft geöffnet – und von den älteren trügerischen aber beredten Theorien, die von Jahrhundert zu Jahrhundert die Vorstellungen früherer Denker zugleich mißleitet und erhoben hatten. Das alles war ein Stoff, auf welchen seine Zuhörer gern horchten und Madeline nicht am wenigsten. Jugend, Schönheit, Pracht – welche Anziehungskraft haben sie für ein weibliches Herz, in Vergleich mit einem beredten Munde? Der Zauber der Zunge ist der gefährlichste unter allen! Achtes Kapitel. Das Vorrecht des Genies – Lesters angenehme Vorstellungen von der Zukunft – Seine Unterredung mit Walter – Eine Entdeckung Alc. Ich bin für Lidian; Der Vorfall wird dem abgeschiedenen Leben Ihn sicherlich entreißen... Lis .. Schon' meines Grames und vernimm, Was ich dir sagen sollte. Beaumont und Fletcher. ›The Lover's Progress‹ Im Laufe der mannigfachen Unterhaltungen zwischen der Familie in Grünthal und ihrem wunderlichen Nachbar zeigte es sich, daß das Wissen desselben keineswegs auf das Studierzimmer eingeschränkt war. Er warf mitunter Bemerkungen hin, die bewiesen, daß er in vielen großen Städten gewesen und mit der Absicht oder mindestens mit der Aufmerksamkeit eines Menschenbeobachters gereist war; aber er liebte nicht, daß man ihn um die Einzelheiten dessen, was er gesehen, oder wo er verweilt, befragte. Eine fortwährende, wenn auch zarte Zurückhaltung stand über seiner Vergangenheit – nicht die Zurückhaltung, welche Zweifel erregt, sondern jene Selbstbeherrschung, welche die Teilnahme des Beobachters vermehrt. Selbst die Anfälle seiner trübsten Laune deuteten mehr auf vorübergehende Reizbarkeit als auf mürrisches Wesen, und sein gewöhnliches Benehmen war ruhig, sanft und sogar anschmiegend. In großer geistiger Überlegenheit liegt ein Zauber, der andere zur innigsten Anhänglichkeit bewegen kann, während ein viel gleichmäßigeres, ja selbst liebenswürdigeres Benehmen geringerer Menschen eine solche oftmals nicht erlangen kann. Das Genie macht sich viele Feinde, aber wahrlich es macht sich auch Freunde – Freunde, die viel vergeben, lange ertragen und wenig fordern – das Wesen des Schülers schmilzt mit dem des Freundes in ihnen zusammen. Im menschlichen Herzen wohnt ein mächtiger Trieb zur Hochachtung, zur Verehrung; in diesem Drange liegt der Urquell der Religion, der Unterthanentreue, sowie der unvergänglichen Huldigung, welche man dahingeschiedenen großen Männern so bereitwillig darbringt. Und wahrlich, es ist eine göttliche Lust, zu bewundern. Bewunderung scheint gewissermaßen unserem Selbst die Eigenschaften zuzuteilen, welche sie in andern verehrt. Wir verwachsen – verwurzeln mit den Naturen, die wir so gern betrachten und ihr Leben wird ein Teil des unsrigen. So scheint beim Tode eines großen Mannes, der unsere Gedanken, unsere Zukunftspläne, unsere Ergebenheit in Anspruch nahm, eine plötzliche Lücke in der Welt zu entstehen; ein Rad im Mechanismus unseres eigenen Wesens scheint auf einmal still zu stehen; ein Teil unseres Selbst und nicht der schlechteste, nach den reinen, hohen, großartigen Gefühlen, die in reichem Maße seinen Inhalt bildeten, stirbt mit ihm! Ja, diese seltene, begeisterte, nie auf gewöhnliche Menschen fallende Liebe ist das besondere Vorrecht der Größe, möge sich diese nun in Weisheit, in Unternehmungsgeist, in Tugend, oder, bis die Welt eine höhere Stufe eingenommen haben wird, sogar in der edleren, kühneren Art des Verbrechens darstellen. Heute kann jene Empfindung ein Sokrates auf sich ziehen – ein Napoleon morgen; ja selbst der in seinem Kreise ausgezeichnete Räuberhauptmann vermag sie so mächtig an sich zu fesseln, als die großartigen Irrungen eines Byron, oder die Erhabenheit des größeren Milton dies zu thun im stande sind. Lester sah mit sichtbarem Wohlgefallen die steigende Neigung zwischen seinem Freunde und seiner Tochter; er betrachtete dieselbe als ein Band, welches jenen dauernd mit dem geselligen, dem häuslichen Leben versöhnen, welches das Glück seines Kindes gründen und ihm selbst in dem Manne, für den er unter allen Bekannten die größte Verehrung und Hochachtung fühlte, einen Verwandten sichern würde. In der ruhigen sanften Sinnesart Arams nahm er gar vieles wahr, was den Frieden des Hauses verbürgte und bekannt mit Madelines eigentümlicher Natur, fühlte er, daß gerade sie die Person sei, welche nicht nur die Eigentümlichkeiten des Gelehrten ertragen konnte, sondern sogar die Quelle derselben verehrte. Kurz, je mehr er sich mit dem Gedanken einer solchen Verbindung befaßte, desto mehr erfreut war er über deren Wahrscheinlichkeit. In solche Bilder verloren, ging der gute Squire eines Tages in seinem Garten spazieren, als er in einiger Entfernung seinen Neffen erblickte und bemerkte, daß Walter, wie er ihn gewahr wurde, statt ihm entgegenzukommen, eben in eine entgegengesetzte Allee einbiegen wollte. Ein wenig ärgerlich darüber und sich zugleich erinnernd, daß Walter in der letzten Zeit sich selbst entfremdet und in seiner sonst hochstrebenden, lebensfrohen Stimmung bedeutend verändert schien, rief Lester den Forteilenden herbei. Langsam und offenbar ungern den Vorsatz, allein zu sein, aufgebend, kam Walter auf ihn zu. »Wie, Walter?« begann der Oheim und nahm ihn beim Arm, »das ist nicht freundlich, daß du mich vermeiden willst. Hast du irgend etwas vor, das Heimlichkeit oder Eile erfordert?« »Wirklich nicht, lieber Onkel,« sagte Walter etwas verlegen, »aber ich glaubte, Sie seien in Gedanken und es würde Ihnen unangenehm sein, gestört zu werden.« »Hm! was das betrifft, so hab' ich keine Gedanken, die ich vor dir verheimlichen möchte, Walter, oder die nicht durch deinen Rat gewinnen könnten.« Der Jüngling drückte des Oheims Hand, antwortete aber nicht. Lester fuhr nach einer Pause fort: »Du siehst, Walter, wie erfreut ich bin, daß du das etwas ungünstige Vorurteil, welches du anfänglich gegen unsern trefflichen Nachbar zu erkennen gabst, ganz überwunden hast. Für mein Teil scheint es mir, er habe eine besondere Zuneigung zu dir: er sucht deine Gesellschaft, und mit mir spricht er in Ausdrücken über dich, welche mir, da sie von einer solchen Seite kommen, zum höchsten Vergnügen gereichen.« Walter nickte mit dem Kopf, aber nicht mit jener selbstgefälligen Eitelkeit, womit ein junger Mensch die Lobeserhebungen anderer in der Regel aufzunehmen pflegt. »Ich gestehe,« hob Lester von neuem an, »daß ich unsere Bekanntschaft mit Aram als eines der glücklichsten Ereignisse meines Lebens, wenigstens,« setzte er mit einem Seufzer hinzu, »meiner spätern Jahre, betrachte. Ohne Zweifel hast auch du bemerkt, welche Vorliebe unsere gute Madeline für ihn an den Tag legt und noch mehr die Zuneigung für sie, welche aus Aram, trotz seiner Zurückhaltung und Selbstbeherrschung, hervorleuchtet. Gewiß hast du das bemerkt, Walter?« »Ich habe es,« sagte Walter mit leiser Stimme, sich abwendend. »Und ohne Zweifel teilst du mein Vergnügen darüber. Wie glücklich trifft es sich nun, daß in Madeline schon zeitig jene Neigung zum Nachdenken, zu den Studien sich aussprach, die, wie ich gern gestehe, mir früherhin einige Besorgnis einflößte. Sie hat dadurch den Wert eines Gemüts, wie dasjenige Arams, schätzen gelernt. Ehemals, mein guter Junge, hoffte ich wohl, daß mit der Zeit dich und sie ein noch engeres Band als das zwischen Bruderskindern vereinigen würde. Doch es wollte sich nicht so fügen, und jetzt bin ich darüber getröstet! Wirklich glaube ich, daß Ellinors Charakter noch eher darauf angelegt sein dürfte, dich glücklich zu machen, falls deine eigene Neigung je diesen Weg einschlagen sollte.« »Sie sind sehr gütig.« sagte Walter mit Bitterkeit. »Ich gestehe, daß ich mich durch Ihre Wahl nicht geschmeichelt fühle; auch begreife ich nicht, warum die unbedeutendere, die weniger glänzende von den beiden Schwestern notwendig die geeignetere für mich sein soll.« »Nun,« erwiderte Lester empfindlich und mit gerechter Aufwallung: »Ich glaube nicht, daß du, zugegeben, Madeline verdiene den Vorzug vor ihrer Schwester, an Ellinors körperlichen oder geistigen Reizen irgend einen Fehl nachweisen könntest. Doch das ist kein Gegenstand, worüber Verwandte miteinander streiten sollten. Ich bin weit entfernt, dich verhindern zu wollen, daß du, wo immer in der Welt es sei, eine Wahl treffest, die deinem Geschmack entspricht. Meine Hoffnung beschränkt sich darauf, daß deine künftige Frau an Herzensgüte und Sanftmut Ellinor gleich sein möge.« »Daß ich, wo immer in der Welt es sei, eine Wahl treffe?« wiederholte Walter. »Ist dieser Winkel hier die Welt?« »Walter, deine Stimme ist vorwurfsvoll! – Verdiene ich das?« Walter schwieg. »Ich habe schon längere Zeit mit Wehmut bemerkt,« fuhr Lester fort, »daß du mir nicht mehr dasselbe Vertrauen schenkst, mir nicht mehr mit derselben Zuneigung entgegenkommst, die du mir sonst zu meiner Freude bewiesen hast. Einen Grund dieses Wechsels anzugeben vermag ich nicht. Laß uns einander nicht, mein Sohn – denn ich darf dich so nennen – laß nicht, indem wie wir älter werden, eine größere Entfernung zwischen uns eintreten. Die Jahre selbst schon scheiden den jüngern Mann von dem ältern durch eine hinlängliche Grenzfurche: wozu diese auf eine Naturnotwendigkeit gegründete Linie noch tiefer ausweiten? Du weißt, daß ich von deiner Kindheit an nie eine pedantische Vormundschaft über dich geübt habe. Es hat mich immer gefreut, zu deinen Vergnügungen beitragen zu können und durch die Offenherzigkeit, womit ich dich über meine eigenen Angelegenheiten zu Rate zog, habe ich dir hinlänglich bewiesen, wie sehr mir die deinigen am Herzen liegen. Sollte irgend ein geheimer Kummer, oder ein geheimer Wunsch auf deiner Seele lasten, sprich ihn aus, Walter – du bist mit dem Freunde allein, der dich auf Erden am wahrhaftesten liebt!« Walter war von dieser Anrede überwältigt; er drückte des guten Oheims Hand an seine Lippen, und es dauerte einige Augenblicke, bis er hinlängliche Fassung zur Antwort gewann. »Sie sind immer, immer alles gegen mich gewesen, was der liebevollste Vater, der zärtliche Freund hätte sein können: – glauben Sie mir, ich bin nicht undankbar. Habe ich mich in der letzten Zeit verändert gezeigt, so lag die Ursache nicht an Ihnen. Lassen Sie mich frei sprechen. Sie selbst fordern mich ja dazu auf. Ich bin jung, habe keine Ruhe im Innern; es drängt mich nach Thaten und Wagnissen hin: ist es nicht ein natürlicher Wunsch, daß ich mich sehne, die Welt zu sehen? – Dies ist die Ursache meiner gegenwärtigen Träumereien; ich habe Ihnen damit alles gesagt: entscheiden Sie.« Lester blickte seinem Neffen ernsthaft ins Gesicht – »So ist es denn,« sagte er, »wie ich aus Bemerkungen, die du in letzter Zeit fallen ließest, vermutet habe. Ich kann deinen Wunsch, dich von uns zu trennen, nicht tadeln; er ist sehr natürlich, und ich darf mich demselben nicht widersetzen. Geh, lieber Walter, wenn du so willst!« Der Jüngling wandte sich mit blitzendem Auge und hochroter Wange gegen ihn. »Wie, Walter?« fragte Lester, den Dank des Neffen unterbrechend, »warum so verwundert? wie konntest du so lange an meiner Liebe zweifeln? Glaubtest du von meiner Seite dir ein Verlangen verweigert zu sehen, das ich in deinem Alter selbst geäußert haben würde? Du hast mir unrecht gethan; du hättest uns beiden eine Welt von Unannehmlichkeiten ersparen können, hättest du mich mit deinem Wunsch gleich bei seinem Entstehen bekannt gemacht. Doch genug davon; ich sehe dort Madeline und Aram kommen, laß uns ihnen entgegengehen; morgen wollen wir uns über Zeit und Art deiner Reise verständigen.« »Verzeihen Sie, lieber Onkel,« rief Walter, der plötzlich stehen geblieben war, während die Glut auf seiner Wange erbleichte, »ich habe mich noch nicht gehörig gesammelt, ich tauge noch für keine andere Gesellschaft, als die Ihrige. Verlangen Sie nicht, daß ich mich jetzt mit der Cousine unterhalte, und –« »Walter!« sagte Lester, indem er gleichfalls stillstand und seinen Neffen groß ansah, »ein schmerzlicher Gedanke steigt in mir auf! Wolle der Himmel, daß ich mich täusche! – Solltest du je für Madeline ein wärmeres Gefühl als für ihre Schwester gehabt haben?« Walter zitterte sichtbar. Thränen drangen in Lesters Augen: – mit Wärme ergriff er seines Neffen Hand. »Gott tröste dich, mein armer Junge!« sagte er mit großer Bewegung; »so was hatte mir nie geträumt.« Walter fühlte jetzt, daß er verstanden war. Dankbar erwiderte er den Händedruck des Oheims, stürzte dann, seine Hand wegziehend, in einen Nebenweg und war fast im nämlichen Augenblick verschwunden. Neuntes Kapitel. Walters Gemütszustand – Ein Angler und ein Weltkundiger – Auffindung eines Begleiters für Walter Dies große Leid die Lieb' mir giebt; Kein Mund spricht aus, wie krank mein Herz! Ich liebe wen, der mich nicht liebt, Will nichts von Trost, nur neuen Schmerz. Das trauernde Mädchen. Gern zög' der Blumenau ich nach, Trost gäbe mir der Silberbach; Ich hätte angelnd oft gelauscht Wie er melodisch niederrauscht. Isaak Walton. Nachdem Walter den Oheim verlassen, stürmte er, kaum wissend, wo er seine Schritte hinsetze, nach seinem Lieblingsplätzchen am Ufer des Baches. Von Kindheit an war dieser Fleck der Zeuge seiner ersten Sorgen, seiner knabenhaften Entwürfe gewesen, und noch jetzt begünstigte die Einsamkeit des Ortes jene Gewohnheit der Knabenjahre. Lange hatte er, ihm selbst unbewußt, eine Neigung zu seiner schönen Cousine genährt, und nicht früher eröffnete sich ihm das Geheimnis seines Herzens, bis er mit qualvoller Eifersucht in das Geheimnis des ihrigen gedrungen war. Der Leser hat ohne Zweifel bereits bemerkt, daß diese Eifersucht es gewesen, was Walters Mißfallen an Aram zuerst hervorrief. Die Art von Befriedigung, die er aus diesem Mißfallen geschöpft, war ihm jetzt entzogen. Die edle Mäßigung im Benehmen des Gelehrten hatte jeden entschuldbaren Grund zu einem Widerwillen weggenommen, und Walter dachte groß genug, um die Vorzüge dieses Mannes anzuerkennen, während ihre Wirkung ihn auf die Folter spannte. Still bis zu diesem Tage hatte er an seinem Herzen genagt, und für seine Verzweiflung keinen Vertrauten und keinen Tröster gefunden. Der einzige Wunsch, den er nährte, war eine fieberhafte, unklare Sehnsucht, den Ort zu verlassen, der an den Sieg seines Nebenbuhlers erinnerte. Alles um ihn her war ihm verhaßt geworden; ein Fluch schien auf das Antlitz seiner Heimat gefallen. – Jetzt empfand er den bittern Trost, daß seine Befreiung vor der Thür sei; in wenigen Tagen kann er der Schmerzen, der Pfeile los sein, welche in Grünthal jeden Augenblick auf ihn einstürmen. Er wird Madelines süße Stimme nicht mehr hören, deren Silberton sich halb verzagt dem Ohr seines Verdrängers zuwendet – nicht mehr wird er unbeachtet zur Seite stehen und sehen, wie ihr Blick schüchtern einen andern sucht, oder wie ihre Wange schnell aufflammt, wenn der Schritt dieses Glücklicheren herannaht. Viele Meilen werden dieses Bild wenigstens seinen Augen entrücken, und sollte es nicht möglich sein, daß er in der Abwesenheit vergessen lernte? – Unter solchen Gedanken kam er am Ufer des kleinen Baches an und wurde aus seinen Träumereien durch den Ruf des eigenen Namens aufgeweckt. Er fuhr zusammen und sah den alten Korporal auf einem Baumstumpf sitzen, emsig beschäftigt, an seine Angelschnur jenes trügliche Gebilde zu befestigen, das Leute vom Handwerk und, so viel wir wissen, die übrige Welt mit ihnen die »blaue Mücke« nennen. »Na! Herr Walter, – an der Arbeit! wie Sie sehen. – Taug' sonst zu nichts mehr. Ist 'ne Muskete ausgeschossen, so kaufen sie Schulbuben – puffen damit nach Spatzen. Geht mir auch so; doch meinethalben! – Nicht umsonst in der Welt gewesen! Müssen uns in alles schicken, mein' ich, he? – Nun sollen's mich 'nmal die schönste Forelle fangen sehen, die Sie diesen Sommer vors Gesicht bekommen haben; sehen's dort unter'm Busch! Pst, Herr, pst!« Damit stimmte der Korporal seine Kriegerseele ganz zur Leitung der blauen Mücke herab; bald schwippte er sie leicht übers Wasser, bald ließ er sie kokettierend auf der Fläche schweben; bald schwamm sie wie eine ihres Wertes unbewußte Schöne unbesorgt mit den Fluten fort; bald that sie wie eine listige Spröde, als hätte sie unterwegs zu verweilen oder sich ins bedeutsame Dunkel unter den Schatten eines Uferabhanges zu verbergen. Aber keiner dieser Anschläge verführte die alte wachsame Forelle, auf deren Erlangung der Korporal sein Herz gesetzt hatte; und was besonders ärgerlich war, der Angler konnte ganz deutlich die dunklen Umrisse seines beabsichtigten Opfers sehen, das auf dem Grunde des Wassers lag, – wie ein auf Anstand haltender Hagestolz noch von fern nach den Reizen äugelt, denen zu entsagen er sich klüglich vorgenommen hat. Der Korporal wartete, bis er sich nicht länger den unangenehmen Umstand verbergen konnte, daß die blaue Mücke ganz unwirksam sei. Sofort zog er die Schnur an und vertauschte die verschmähte Lockung dieses Köders mit der neuen eines Isabellenpferdchens. »Jetzt, Herr,« flüsterte er, den Finger aufhebend und Walter listig zunickend. Leise sank das Isabellenpferdchen auf das Wasser und schnell glitt es vor dem Blick der versteckten Forelle dahin. Diese schien sofort ans ihrer Apathie wirklich zu erwachen und kam, sich auf den Flossen wiegend, vorwärts. Langsam steigt sie gegen die Oberfläche empor – schon kann man alle Flecken ihrer Haut unterscheiden – dem Korporal steht das Herz still – jetzt ist sie in passender Entfernung von dem Pferdchen; unverrückt belugt sie es; sie überlegt, schaukelt hin und her. Das Pferdchen schwimmt scheinbar ganz gleichgiltig weg; diese Gleichgiltigkeit schärft den Appetit der zaudernden Beobachterin; sie schießt vorwärts, sie ist dem Köder gerade gegenüber, sie schnappt danach mit dummer Begierde ... o nein! sie beißt nicht an, sie prallt zurück; noch einmal schaut sie mit Verwunderung und Argwohn nach dem kleinen Verführer, und langsam sinkt sie in das tiefere Wasser hinab; dann, dem verschmähten Bissen plötzlich den Schwanz zukehrend, eilt sie, so schnell sie kann, weg – dorthin – dorthin – und fort ist sie! Nicht doch! dort schnellt sie noch einmal aus dem Wasser auf; Himmel! was für ein schöner Braten! Nach was schnappt sie? – Nach einer wirklichen Fliege – »Daß sie verdammt wär'!« brummte der Korporal. »Ihr hättet sie mit einer Ellritze fangen sollen,« sagte Walter, der bisher stillgeschwiegen hatte. »Ellritz!« wiederholte mürrisch der Korporal, »bitt' um Vergebung. Ellritz! – Zwanzig Jahre lang mit dem Isabellpferdel gefischt und nie hat's mich im Stich gelassen. Ellritz! – Pah! Aber bitt' um Vergebung; wenn Euer Edlen mit 'ner Ellritz fischen wollen, so sind's willkommen.« »Dank, Bunting, Und was für einen Fang habt Ihr heute gemacht?« »O guten, guten,« sagte der Korporal, fuhr aber nach seinem Korb und schloß den Deckel, damit nicht etwa der junge Squire hineinsähe. Kein Mensch hält auch so auf seine Geheimnisse als ein tüchtiger Angler. »Die besten schon vor 'ner Stunden zwei nach Haus geschickt; eine drei Pfund schwer, mein' Seel. Na, ich hab' jetzt genug. Zeit aufzuhören!« Damit fing er an seine Rute auseinander zu schrauben. »Ja, Herr,« fuhr er mit einem halben Seufzer fort, »'n hübsch Wässerchen das, sagen Sie mir nichts! trotz dem Leafluß. Kennen den Lea? – Keinen Morgen-Spaziergang von London. Marie Gibson, mein erster Schatz, wohnte dort an der Brücke – fing 'mal dort so 'ne Forelle. – Hatte schöne Augen – schwarz, rund wie 'ne Kirsche – fünf Fuß acht Zoll ohne Schuh – hätt's Maß gehabt für's Zweiundvierzigste.« »Wer, Bunting?« sagte Walter lächelnd, »die Dame oder die Forelle?« »Oho, was? Lachen über mich, Euer Edlen? Recht so, Herr! Liebe ist 'n dumm Ding! – kenn' die Welt jetzunder – seit zehn Jahren nicht mehr verliebt gewesen. Soll mich wundern, wenn Euer Edlen – nichts für ungut – und Miß Ellinor eben das von sich sagen können.« »Ich und Miß Ellinor! Ihr vergeßt Euch wunderlich, Bunting,« sagte Walter, dem der Ärger das Gesicht rötete. »Um Vergebung, Herr, um Vergebung – 'n alter Soldat – gar lange nicht mehr in die Welt gekommen; schlüpfen mir dann und wann Worte aus 'm Maul – Landstreicher ohne Urlaub.« »Aber wie,« sagte Walter, seine Aufwallung beschwichtigend oder unterdrückend – »warum mich mit Miß Ellinor zusammenbringen? Glaubtet Ihr, daß wir – ineinander verliebt seien?« – »Ja, Herr, wenn ich's so ansah, so hab' ich nicht mehr gesehen als meine Nachbarn auch.« »Hm, so sind Eure Nachbarn sehr einfältig und sehr im Irrtum.« – »Um Vergebung, Herr, noch 'mal. Komm' immer verkehrt. Freilich sagen etliche, 's wär' Miß Madeline, aber ich sagte – »Nein!« sagt' ich – bin 'n Mann von Welt – kann durch 'n Mühlstein sehen – »Fräulein Madeline sieht zu unbekümmert drein, Fräulein Lorchen wird rot, wenn er was sagt.« Scharlach ist der Liebe ihre Regimentsfarbe – war die unsrige beim Zweiundvierzigsten, mit Gelb eingefaßt – Pfeffer- und Salzpantalons dazu! Für mein Teil denk ich – doch ich hab' hier nichts zu denken!« »Nun, was denkt Ihr denn, Herr Bunting? Heraus mit der Sprache!« »Hab' Angst, möchten's übelnehmen – na! ich denk, Herr Aram ..... Euer Edeln verstehen – 'nes Squire Tochter ist 'ne zu gute Partie für so einen!« Walter antwortete nicht, und der geschwätzige Kriegsmann, der des Jünglings Spielgenosse, ja seit Walters Knabenjahren dessen Gefährte gewesen war, so daß er sich an den vertraulichen Ton, worin wir ihn jetzt hören, gewöhnt hatte – fuhr fort, indem aus seiner stoßweisen Weitschweifigkeit gelegentlich so schlaue Beobachtungen hervorblitzten, daß man wohl sah, er sei kein unaufmerksamer Betrachter der kleinen stillen Welt um ihn her. »Frei zu gestehen, Herr Walter, kann diesen Bücherwurm nicht leiden, ebensowenig wie die ganze Art. – Hat was Sonderbares an sich – kann ihm nicht auf 'n Grund sehen – glaub' nicht, daß er so ganz sanft und lämmleinhaft ist, wie er dreinschaut. Sah 'mal 'ne ruhige, stille Pfütze – über'm Meer drüben – guckte hinein – allgemach gewöhnt sich mein Aug' dran – sah etwas Dunkles auf 'm Grund – guckte und guckte – hol' mich der Henker! 'n großer, dicker Alligator! – machte mich gleich davon – kann seitdem keine stille Pfütze mehr leiden – nein, wahrlich!« »Meinetwegen ein Beweis gegen stille Wasser, Bunting, aber nicht gegen stille Leute.« »Weiß nicht, Euer Edlen, lauter Schuhe über einen Leisten! Hab Herrn Aram, so zimperlich er ist, doch mit einmal auffahren, sich die Lippe beißen, blaß werden und die Stirn runzeln sehen – hat 'n garstiges Runzeln, kann ich Ihnen sagen – wenn er glaubt, es ist keiner da. 'n Mann, der in 'ne Leidenschaft mit sich selber kommt, wird mit andern bald in Unfrieden geraten. Offen zu sagen, wär' mir nicht recht, wenn ich ihn diese prächtige, schöne junge Dame heiraten säh' – aber 's Gerede geht davon im Dorf. Ist's nicht wahr, so ist's besser, dem Squire was davon zu stecken – falsches Gerede hat oft Wahrheit ausgeheckt. – Um Vergebung, Euer Edlen, geht mich nichts an – bin aber 'n stiller Mann, der Hie Welt gesehen hat, und denk' drüber, was um mich her vorgeht, und wend' den Bissen 'rum und 'rum – das ist so meine Art, Herr. – Aber werden mir bös', Euer Edeln?« »Keineswegs, ich weiß, Ihr seid ein ehrlicher Mann, Bunting, und unserm Hause zugethan. Auf der andern Seite ist es aber weder klug noch menschenfreundlich, von seinem Nächsten ohne hinreichenden Grund übel zu reden; und wirklich scheint Ihr mir in Eurem Urteil über einen so friedlichen und so allgemein mit so großem Recht geschätzten Mann, wie Herr Aram, etwas vorschnell zu sein.« »Mag alles sein, Herr – mag sein; – schon recht, was Sie sagen; aber ich meine, was ich meine, wird doch nicht anders, und wahrhaftig, etwas geht mir im Kopfe 'rum, wie doch der garstige Landstreicher, der die Damens so in Schreck setzte, und der, sagt mir Fräulein Lorchen, die 's in seiner Tasche sah, Pistolen bei sich trug, als wär' er unter Kannibalen und Hottentotten, und nicht in der friedlichsten Grafschaft, worein 'n Mann je seinen Fuß gesetzt hat – daß so 'n Kerl, sag' ich, mit seiner Freundschaft zu dem Bücherherrn groß thun und 'ne ganze Nacht in seinem Haus zubringen kann. Ja, ja, gleiche Vögel nisten zusammen – was? Herr?« »Kein Mensch kann für das gute Aussehen aller seiner Bekannten verantwortlich gemacht werden, wenn er sich auch genötigt fühlen sollte, ihnen ein Nachtlager bei sich anzubieten.« »Pah!« brummte der Korporal, »die Welt gesehen, Herr, die Welt gesehen – junge Herren immer so gutherzig; 's ist zum Erbarmen, daß je mehr einer sieht, je weniger er traut – kriegt erst Grütze in den Kopf, wenn er tüchtig angelaufen ist – muß einer gar oft zum Narren gehalten worden sein, um nicht zuletzt der Narr im Spiel zu sein.« »Na, Korporal, so werd' ich bald Gelegenheit haben, durch Erfahrung klüger zu werden. Ich verlasse Grünthal in wenigen Tagen und lerne Mißtrauen und Weisheit in der großen Welt.« »Ho! was?« schrie der Korporal, aus der nachdenklichen Stellung auffahrend, in der er bisher dagesessen hatte, »die große Welt? wie? wann? – fortgehen – Wer geht mit Euer Edlen?« »Meine Edeln selbst; ich habe keinen Gefährten, Ihr müßtet denn meine Bedienung abgeben wollen,« sagte Walter scherzend. Aber der Korporal stellte sich mit seiner natürlichen Schlauheit an, als nähme er den Vorschlag für Ernst. »Ich? Euer Edlen sind allzugütig. Aber freilich, obwohl ich's selbst sag', Herr, hätten können 'ne schlechtere Wahl treffen. – Wird mir freilich weh' thun, von dem kleinen stillen Häus'l weg, und von 'm Bach da, wenn auch die Forelle vorhin nicht anbeißen wollte – aber mein' Seel, da sind Sie falsch dran, wenn Sie 'ne Ellritz empfehlen! – und von Dahltrup, obwohl sein Bier nicht so gut ist, als es vergangenes Jahr war, und – und – kurzum, hab' Euer Edlen immer lieb gehabt, – auf den Knieen geschaukelt. – Wissen's noch, wie wir mit'm Säbel exerzierten? Eins, zwei, drei – haust nicht, so gilt's nicht! – Und wenn Euer Edlen wahrhaftig fortgehen, wer eher als Sie braucht 'n Mann, der d' Welt kennt, Ihnen die Kleider zu bürsten, die Schuhe zu wichsen, guten Rat zu geben – 'n Mann 'n Wort, ich selbst geh' mit.« Diese Bereitwilligkeit von seiten des Korporals mißfiel Walter keineswegs. Der Vorschlag, den er anfangs im Scherz gemacht, dünkte ihm nun im Ernst annehmbar, und endlich wurde festgesetzt, daß Bunting den andern Morgen im Schloß anfragen sollte, um dort über Zeit und Ort der Reise das Nähere zu erfahren; nicht zu vergessen, wie der kluge Bunting auf zarte Art andeutete, »die kleinen Übereinkommen über Lohn und Kostgeld, mehr nur der Form wegen, als aus sonst 'nem Grund – hm!« Zehntes Kapitel. Die Liebenden – Zusammentreffen und Streit der Nebenbuhler Zwei solche sah ich, wann der müde Stier Mit offnen Strängen von der Furche kehrt. Komus . Pedro . Jetzt gebt mir meiner Ehre Recht. Rodrigo . Genugthuung will ich Euch geben, Doch mit dem Schwert nicht. Beaumont und Fletcher . Der Pilger. Während obiger Unterredung zwischen Walter und dem Korporal setzten Madeline und Aram, welche Lester bald allein gelassen, ihren Spaziergang über die einsamen Fluren fort. Ihre Liebe war vom Aug' zum Mund übergegangen und fand jetzt Ausdruck in Worten. »Sehen Sie,« sagte er, als der zarte Druck eines Wesens, von welchem er sich voll geliebt fühlte, auf seinem Arm ruhte: »sehen Sie, wie der Spätsommer einen mannigfaltigern sanftern Glanz über die Landschaft bringt; wie eigentümlich rein und licht die Atmosphäre wird. Als ich vor zwei Monaten in der vollen Glut des Juni durch diese Felder wandelte, verhüllte ein grauer Nebel jene Hügel und den fernen Wald vor meinem Auge. In welch strahlender Ruhe breitet sich jetzt der Schauplatz seiner ganzen Ausdehnung nach vor uns aus. So, Madeline, ist der Wechsel, der in mir selbst seit jener Zeit vorging. Damals war, wenn ich über die beschränkte Gegenwart hinaussah, alles düster und undeutlich. Jetzt ist der Nebel verschwunden, – eine weite Zukunft breitet sich vor mir aus, ruhig und strahlend in der Hoffnung, die sie Ihrer Liebe entnimmt!« Wir wollen die Geduld des Lesers, der selten mit besonderem Anteil in ein bloßes Liebesgespräch eingeht, nicht mit der Antwort der errötenden Madeline, oder mit all den süßen Gelöbnissen, den zarten Geständnissen auf die Probe stellen, welche der dichterische Schwung in Arams Seele für das Ohr der in stille Wonne versunkenen Geliebten um so köstlicher machte. »Ein Umstand ist es,« sagte Aram, »der im Augenblick noch einen Schatten auf das Glück wirft, das ich genieße – ohne Zweifel errät ihn meine Madeline. Mich schmerzt es, daß die Seligkeit Ihrer Liebe durch das Unglück eines andern erkauft sein muß, und daß dieser andere der Neffe meines gütigen Freundes ist. Ohne Zweifel haben Sie Walters Trübsinn bemerkt, und die Ursache desselben ist Ihnen bekannt.« »Wirklich, Eugen,« erwiderte Madeline, »es hat mich sehr geschmerzt, meinerseits die Beobachtung zu machen, auf welche Sie hindeuten – denn es würde eine falsche Scham sein, wenn ich leugnen wollte, daß sich jene Bemerkung auch mir aufgedrängt hat. Aber Walter ist jung und voll frischem Lebensmut; auch halte ich ihn nicht für eine Natur, die lange ohne Erwiderung liebt.« »O! welche Folgerung aus der Vernunft,« sagte Aram nachdenklich, »könnte je auf die Liebe angewendet werden? Liebe ist gerade der Widerspruch aller Elemente unserer gewöhnlichen Natur – sie macht den Stolzen demütig – den Lebenslustigen traurig – den Hochfahrenden zahm; unsere festesten Entschlüsse, unsere kühnste Kraft sinkt vor ihr zusammen. Glauben Sie mir, Sie können aus dem Charakter eines Menschen, wie er sich Ihnen bis jetzt gezeigt hat, keinen sichern Schluß auf die Wirkung machen, welche fortan diese Leidenschaft in ihm ausüben wird. Es bekümmert mich, denken zu müssen, daß der Schlag hier einen Jüngling trifft, dessen Herz die Täuschungen der Welt noch nicht abgestumpft haben, dem noch keines von den vielfachen Interessen der Welt einen Ersatz bietet. Durch einen Schlag, der die Liebe ihrer Jugend traf, hat sich das Gemüt der Menschen oft ganz umgewendet, wenn sie sich die Ursache einer solchen Erfahrung nicht gehörig zurechtzulegen wußten, und ihr Lebensglück ging dabei zu Grunde. So wenigstens habe ich gelesen, Madeline, so es an andern wahrgenommen. Was mich selbst betrifft, so wußte ich aus eigener Erfahrung nichts von der Liebe, bis ich Sie kennen lernte. Wer aber kann Sie kennen und nicht dasselbe Gefühl mit jenem teilen, der Sie verloren hat?« »Eugen, Sie überschätzen die Wirkung der Liebe auf den Menschen. Ein wenig Groll und ein wenig Abwesenheit werden meinen Vetter von einer übel angebrachten und übel vergoltenen Neigung bald heilen. Sie wissen nicht, wie leicht es ist, zu vergessen.« »Vergessen!« sagte Aram, plötzlich stehen bleibend, »ja, vergessen – es ist seltsam aber wahr: wir können vergessen! Der Sommer zieht über die nackte Furche hin und Korn schießt daraus auf –; der Rasen vergißt die Blume des vorigen Jahres; das Schlachtfeld vergißt das Blut, das auf seinen Boden verschüttet worden ist; der Himmel vergißt den Sturm, und das Wasser die Mittagssonne, die auf seiner Tiefe geschlafen. Die ganze Natur predigt Vergessenheit. Ein fortschreitendes Vergessen ist eben ihr Gesetz. Und ich – ich – geben Sie mir Ihre Hand, Madeline, – ich, ja! auch ich vergesse!« Während Aram so aufgeregt sprach, verzerrte sich sein Gesicht; aber seine Stimme war leise und kaum hörbar; er schien eher mit sich selbst zu reden, als sich an Madeline zu wenden. Als er jedoch gegen das Ende seiner Worte die sanfte Hand der Geliebten fühlte und, den Blick erhebend, sah, wie ihre angstvollen Augen erschreckt, aber mit der ganzen Fülle des Vertrauens, auf sein Antlitz geheftet waren, nahmen seine Züge wieder die gewöhnliche Heiterkeit an. Mit einem Kuß auf die Hand, die er umfaßt hielt, fuhr er in gesammeltem festem Tone fort: »Vergeben Sie mir, teuerste Madeline. Noch kommen diese eigensinnigen Launen bisweilen über mich. Ich bin so lange gewöhnt gewesen, jedem in meinem Geist aufsteigenden Zug der Gedanken, seien sie auch noch so wild, freien Lauf zu lassen, daß ich mich davon, selbst in Ihrer Nähe, nicht leicht los machen kann. Alle in wissenschaftlichen Strebungen lebenden Menschen – Einsiedler in der Dämmerung ihrer Bücher und Studierstuben – nehmen diese tadelnswürdige Sitte des Lautdenkens an. Wissen Sie doch, daß unsere Zerstreutheit zum allgemeinen sprichwörtlichen Scherz geworden ist. Lachen Sie mich recht darüber aus! Aber halt. Teuerste! – da ist eine seltene Pflanze zu Ihren Füßen; lassen Sie mich sie pflücken. So; sehen Sie ihre Blätter, – diese hängende Silberblüte? Setzen wir uns auf diesen Damm, da will ich Ihnen von den Eigenschaften derselben erzählen. So schön sie ist, enthält sie ein Gift.« Die Stelle, an welcher die Liebenden ruhten, heißt bei den Dorfbewohnern noch auf den heutigen Tag der »Fräulein-Sitz«. Denn Madeline, deren Geschichte in jener Gegend liebevoll erhalten geblieben ist, fand sich später (während einer kurzen Abwesenheit des Geliebten, von welcher später die Rede sein wird) täglich auf diesem Ruhesitz ein, und nachfolgende Ereignisse haben jedem Ort. welcher im Rufe stand, von ihr begünstigt worden zu sein, ein besonderes Interesse aufgeprägt. Nachdem die Blume gehörig untersucht und die Belehrung darüber beendet war, wies Aram, der Vertraute aller Kennzeichen der Jahreszeiten, seiner Begleiterin die tausenderlei charakteristischen Merkmale des Monats nach, die einem weniger beobachtenden Auge entgehen. Die Hände ineinander verschlungen saßen beide da, und er vergaß nicht, eine Anspielung auf seine Liebe jeder seiner Bemerkungen beizufügen oder letztere aus einem Gesichtspunkte herzuleiten, durch den die Huldigung zugleich zum poetischen Bilde erhöht wurde. Er machte sie auf das Wogen der leichten Herbstfäden in der Luft aufmerksam, wie sie bald hoch in die erleuchtete Atmosphäre hinaufsteigen, bald plötzlich Halt machen und unter den Zweigen hinsegeln, sie da und dort mit seidenem Gewebe umhängend, das am nächsten Morgen von tausend Tautropfen glänzen wird. »So« – sagte er sinnig – »führt die Liebe ihre zahllosen Schöpfungen dahin, macht die Luft zu ihrem Wege und ihrem Reich, steigt nach ihrer herrischen Laune bald hoch empor, bald hängt sie ihre Maschen an jeden Zweig und läßt gemeines Gras beim Strahl der Morgensonne in feenhaftem Schimmer glänzen.« Er zeigte ihr, wie auf dem stillen Anger die schon selten gewordene Wiesenhyacinthe sich noch zeigte, oder der geheimnisvolle Ring auf dem weichen Rasen von Oberons und seiner Genossen Versammlung sprach. Dieser Aberglaube gab Arams reichem Gedächtnisse, seiner lebendigen Einbildungskraft freien Spielraum, und Shakespeare – Spenser – Ariost – der Zauber eines jeden Meisters im Feenreich – wurden in das entzückte Ohr der Geliebten gerufen. Gerade durch dieses sinnige Spiel, das einem unruhigeren, mehr auf die praktische Welt gerichteten Gemüt vielleicht lästig geworden wäre, wurde Madelines phantasievolle, gedankenreiche Seele gefesselt; und so ward der, welcher einer andern vielleicht nur ein lebloser grübelnder Büchermensch gedäucht hätte, für sie das Wesen, von welchem ihr eigenstes Herz geträumt hatte– der Beherrscher und Beschwörer ihres Schicksals. Aram kehrte nicht mit Madeline ins Haus zurück; er nahm am Gartenthor von ihr Abschied und schlug den Heimweg ein. Eben hatte er den Anfang des zu seiner Wohnung führenden Thälchens erreicht, als er Walter in geringer Entfernung quer über seinen Pfad hinschreiten sah. Sein von Natur gutmütiges Herz machte ihm Vorwürfe beim Anblick der düstern Versunkenheit, mit welcher der junge Mann einherging, wenn er sich an die hochschwellende Fröhlichkeit erinnerte, die sonst in seinem Benehmen gelegen. Er verdoppelte seinen Schritt und erreichte Walter, ehe seine Gegenwart von diesem bemerkt worden war. »Guten Abend,« sagte er sanft. »Wenn Sie meinen Weg gehen, so gönnen Sie mir das Vergnügen Ihrer Gesellschaft.« »Mein Pfad geht dort hinaus,« entgegnete Walter etwas unwirsch, »ich bedauere, daß es nicht der Ihrige ist.« »In diesem Fall,« sagte Aram, »kann ich meinen Heimweg verschieben und will Ihnen mit Ihrer Erlaubnis meine Gesellschaft für ein paar Minuten aufdrängen.« Walter nickte, ungern einwilligend, mit dem Kopf. Wortlos gingen sie eine Zeitlang nebeneinander her – der eine entschlossen, das Schweigen nicht zu brechen, der andere die Gelegenheit zur Rede erst suchend. »Meinem Geschmack nach,« bemerkte endlich Aram. »ist dies die schönste Stelle in der ganzen Gegend; sehen Sie, wie das scheue Bächlein sich dort unter das Gehölz birgt. Mich deucht, das Wasser sei mit instinktartiger Weisheit begabt, daß es sich also vor der Welt zurückzieht.« »Eher,« erwiderte Walter, »mit der Liebe zur Veränderung, die allenthalben in der Natur vorhanden ist; es sucht die Schatten erst, nachdem es ,an der Menschen ragenden Städten, an des Marktes lautem Gewühl' vorüber ist.« »Ich zolle dem Scharfsinn Ihrer Antwort meinen Beifall,« entgegnete Aram, »aber sehen Sie, wie viel reiner und lieblicher das Gewässer in dieser Einsamkeit erscheint, als wenn es die Mauern rauchender Städte badet, wo es die Spuren von tausend Befleckungen in seinen Schoß aufnehmen und von dem Lärm, dem Brodem und den unheiligen Trübungen des Wohnplatzes der Menschen leiden muß. Jetzt sieht es nur, was erhaben oder was schön in der Natur ist – die Sterne oder die belaubten Ufer. Der Wind, der es kräuselt, ist mit Wohlgerüchen durchschwängert; der Bach, der ihm zuströmt, kommt von den ewigen Bergen herab, oder wird durch die Regen des Himmels gebildet. Glauben Sie mir, es ist das Bild eines Lebens, das vor dem Jagen und mühevollen Drängen der Welt sich in die Einsamkeit birgt: Nicht Schmeichelei, nicht Haß, nicht Neid wohnt dort, Dort schleicht kein Argwohn unterm Stahlgewand, Und, zitternd vor dem kampfgerechten Ort, Fehlt hier der Stolz; kein Zwingherr ist bekannt.« Phineas Fletcher »Ich will mich mit Ihnen in keinen Wettkampf von Gleichnissen oder dichterischen Wendungen einlassen,« sagte Walter mit zuckender Lippe; »genügt mir doch die Überzeugung, daß das Leben zur That auffordert. Bald werde ich die Probe machen, ob meine Ansicht irrig war.« »So wollen Sie uns denn verlassen?« fragte Aram. »Ja, in wenigen Tagen.« »Wirklich? Das höre ich mit Bedauern.« Diese Antwort fiel mit einem Mißton auf die gereizten Nerven des besiegten Nebenbuhlers. »Sie thun mir mehr Ehre an, als ich wünsche, wenn Sie auch noch so geringen Anteil an meinen Plänen oder Schicksalen nehmen!« »Junger Mann,« erwiderte Aram kalt, »ich sehe den ungestümen, gärenden Geist der Jugend nie ohne eine gewisse, vielleicht wohl schmerzliche Teilnahme. Wie gering ist die Wahrscheinlichkeit, daß ihre Hoffnungen erfüllt werden! Genug, wenn nicht ihr hohes Streben zugleich mit ihren glänzenden Erwartungen verloren geht.« Nichts brachte Walter Lesters stolzen, feurigen Sinn mehr auf, als der Ton überlegenen Wissens und höheren Alters, den sein Rival gegen ihn annahm. Mehr und mehr belästigt durch dessen Gegenwart, antwortete er in nicht gerade versöhnlicher Weise: »Ich kann Warnungen und Besorgnisse eines Mannes, der weder mein Verwandter noch mein Freund ist, nur als eine vorsätzliche Beleidigung betrachten.« Aram erwiderte lächelnd: »Hier ist kein Grund zur Empfindlichkeit. Behalten Sie diesen feurigen Geist, dieses hohe Selbstvertrauen bei, bis Sie zu diesem Orte zurückkehren, und mit Freuden will ich anerkennen, daß ich mich in Ihnen getäuscht habe.« »Herr,« sagte Walter errötend, mehr über das Lächeln als über die Worte seines Gegners erbost, »ich verstehe nicht, mit welchem Recht oder aus welchem Grunde Sie sich nicht nur Ermahnungen, sondern sogar Vorwürfe gegen mich herausnehmen. Der Vorzug, welchen Ihnen mein Oheim giebt, räumt Ihnen keine Autorität über mich ein. Zu teilen verlange ich diesen Vorzug nicht.« – Er schwieg einen Augenblick, erwartend, Aram werde ihm leidenschaftlich antworten; als jedoch der Gelehrte mit gewohnter Ruhe seine Schritte fortsetzte, fügte er, erbittert über diese Gleichgiltigkeit, die er, nicht ganz ohne Grund, einem Gefühl der Verachtung zuschrieb, hinzu: »Und da Sie es auf sich genommen haben, mich zu warnen und mir Unfähigkeit zum Widerstand gegen die Befleckung der Welt, wie Sie sich auszudrücken belieben, verkünden, so sage ich Ihnen, daß Sie sich glücklich schätzen dürfen, wenn Sie ein so reines Gewissen, ein so unbeflecktes Gemüt haben, als dasjenige, dessen ich mich rühme, und mit welchem ich, wie ich zu Gott und meinem eigenen Herzen vertraue, zu meinem Geburtsort zurückkehren werde. Nicht der Heilige allein sucht die Einsamkeit, und ein Mensch kann sich von der Welt auch aus andern Gründen, als denen der Philosophie, zurückziehen.« Nunmehr war die Reihe zornig zu werden an Aram. Wirklich war eine solche Bemerkung nicht nur an sich unstatthaft, sondern mußte einen Mann von so friedlichem und schuldlosem Leben, der sogar eine ausnehmende Festigkeit, ja Strenge der Moral bewies, noch mehr zur Entrüstung reizen. Auch zeigte Aram jetzt, daß bei all seiner gewöhnlichen Sanftmut und Duldsamkeit dieses milde Wesen doch keineswegs aus einem Mangel an männlichem Sinne hervorging. Gebietend legte er seine Hand auf die Schulter des jungen Lester und blickte ihm mit finsterem, drohendem Stirnrunzeln ins Gesicht. »Knabe,« sagte er, »wäre Sinn in deinen Worten, so würde ich, hör' mich wohl! die Schmach rächen; – so aber veracht' ich sie. Geh!« Es lag etwas so Großartiges, Erhabenes in Arams Wesen – so majestätisch war die Strenge seiner Zurechtweisung, die Würde seiner Haltung, als er sofort mit ausgestrecktem Arm sich abwandte, daß Walter seine Selbstbeherrschung verlor und gebeugt, tief herabgestimmt von der noch eben so heftigen Erbitterung, wie an den Boden gewurzelt stehen blieb. Erst nachdem Aram einige Schritte langsam gegen seine Wohnung zurückgethan hatte, kam dem jungen Mann seine kühne, hochfahrende Gemütsart wieder zu Hilfe. Vor sich selbst beschämt über die augenblickliche Schwäche, die er gezeigt, und voll Eifer, dieselbe wieder gut zu machen, eilte er der stattlichen Gestalt seines Gegners nach, stellte sich ihm mitten in den Weg und sagte mit einer von streitenden Gefühlen halberstickten Stimme: »Hallt! Sie haben mir eine Veranlassung gegeben, nach der ich mich lange gesehnt hatte. Sie selbst haben den Frieden zwischen uns gebrochen, der bitterer für mich war als Wermut. Sie haben sich erfrecht – ich wiederhole es, erfrecht – eine drohende Sprache gegen mich zu gebrauchen. Ich fordere Sie auf, Ihre Drohung zu erfüllen. Ich sage Ihnen, daß ich die Absicht, daß ich den Plan hatte, daß ich danach dürstete, Sie zu beleidigen: rächen Sie jetzt meine vorsätzliche, meine vorbedachte Beleidigung, wie Sie wollen und können.« Der Gegensatz im Äußern beider Widersacher, wie sie jetzt Stirn gegen Stirn vor einander standen, war höchst bemerkenswert – Walter Lesters elastische, markige Formen, seine funkelnden Augen, seine sonnenverbrannte glühende Wange, seine geballten Hände, sein ganzes Aussehen in der lebendigen Kraft und Hitze, dem ungestümen Mut und feurigen Geist der Jugend; – auf der andern Seite die gebeugte Gestalt des Gelehrten, sich allgemach zu dem majestätischen Maß ihrer ganzen Höhe aufrichtend; die blasse Wange, deren erblichene Farbe weder zu noch abnahm, das große Auge Walter entgegenblickend, leuchtend, fest – und doch wie ruhig! Nichts Schwaches, nichts Unentschlossenes war in dieser Stellung, diesen hoheitsvollen Zügen zu bemerken, und doch war jeder Zorn aus seinem Ausdruck verschwunden. Er schien entschlossen und bereit. »Sie hatten die Absicht mich zu beleidigen!« sagte er; »gut, diese Freimütigkeit ehrt Sie. Aus welchem Grunde jedoch hatten Sie die Absicht? Was wollen Sie damit gewinnen? – einen Mann, dessen Leben Friede ist, wollten Sie zu einer Gewaltthat reizen? Würde in einer solchen mehr Triumph oder mehr Erniedrigung für Sie liegen?– Einem Mann, den Ihr Oheim ehrt und liebt, wollten Sie ohne Ursache eine Schmach zufügen, einen Hinterhalt stellen – wollten ihn, nachdem Sie die Gelegenheit erlauert, herbeigeführt hatten, zur Selbstverteidigung verlocken? – Ist das des Hochsinns würdig, dessen Sie sich gerühmt haben? – ist es eines edeln Zorns, eines vornehmen Hasses würdig? Fort! Sie verleumden sich selbst. Ich erschrecke vor keinem Kampf – wie sollt' ich? ich habe nichts zu fürchten: meine Nerven sind fest – mein Herz gehorcht meinem Willen; vielleicht daß das Leben, das ich führe, meine Kraft vermindert hat, aber immer kommt dieselbe noch der Kraft der meisten Menschen gleich. Der Gebrauch weltlicher Waffen liegt zwar außerhalb meines Berufs und der peinlichste Richter in Ehrensachen würde mich entschuldigen, wenn ich etwas abweise, was weder meiner Stellung noch meinen Lebensgewohnheiten angemessen ist; aber längst habe ich soviel aus Büchern gelernt: »Sei auf alles vorbereitet« So bin ich denn vorbereitet, und wie ich den Entschluß zur Selbstverteidigung, zur Rächung fremder Feindseligkeit in mir hervorrufen kann, so fehlt mir auch die Geschicklichkeit dazu nicht.« Mit diesen Worten zog Aram eine Pistole aus dem Busen und richtete sie langsam auf einen Baum, der einige Schritte vor ihnen stand. »Sehen Sie den kleinen weißen Fleck in der Rinde? Ihr Auge wird eben noch scharf genug sein, um ihn wahrzunehmen! – Wer eine Kugel durch diesen Punkt senden kann, hat nicht nötig, einen Kampf, den er vermeiden will, zu fürchten .« Mechanisch wandte sich Walter gegen den Baum; so erbittert er war, entfuhr ihm kein Laut. Aram schoß und die Kugel schlug mitten durch den Fleck. Sofort steckte er die Pistole wieder in den Busen und sprach: »Früh in meinem Leben hatte ich viele Feinde und unterrichtete mich deshalb in dergleichen Künsten. Aus Gewohnheit trag' ich noch immer die Waffen bei mir, die ich, wie ich hoffe und bete, nie Gelegenheit haben werde zu gebrauchen. Doch auf, unsere Sache zurückzukommen: Ich habe Sie beleidigt, Ihren Haß auf mich gezogen – wodurch? was sind meine Vergehen?« »Fragen Sie nach der Ursache?« sagte Walter zähneknirschend. »Haben Sie nicht meine Lebensaussichten zerknickt – meine Hoffnungen vernichtet – eine Liebe von mir weggezaubert, die mir mehr als die Welt war? Treiben Sie mich nicht mit zermalmtem Geist und freudlosem Herz aus der Heimat? Sind das nicht Gründe zum Haß?« »Hab' ich das gethan?« rief Aram zurückweichend und sichtbar im Innersten bewegt – »Hab' ich Ihnen so großes Leid zugefügt? – Ja, es ist wahr – ich weiß es – ich fühl' es – ich las in Ihrem Herzen und – der Himmel sei Zeuge! – tief schmerzte mich die Wunde, die ich Ihnen mit schuldloser Hand schlage. Doch seien Sie gerecht: fragen Sie sich selbst, ob ich irgend etwas gethan, das Sie in meinem Fall nicht gethan haben würden? Bin ich in meinem Triumph übermütig, hochfahrend in meinem Siege gewesen? Wenn das ist, so hassen, so verachten Sie mich.« Walter wandte sich unentschlossen ab. »Können Sie einen Ersatz darin finden, wenn ich mich selbst darüber anklage, daß ich, ein Mann von verwelktem, einsam gewordenem Herzen, noch die Anmaßung hatte, mich in den Bereich menschlicher Leidenschaft zu stellen; – daß ich mich der Gefahr aussetzte, die besser begründeten, glänzenden Hoffnungen eines andern zu durchkreuzen, oder es wagte, mein Schicksal durch die zarten, heiligenden Bande zu lindern, die nur für frischere, jugendlichere Naturen gemacht sind! – Können Sie einen Ersatz darin finden, daß ich mich darüber anklage und verfluche – daß ich mit Schmerzen, mit Vorwürfen gegen mich selbst meinem Verhängnis nachgab – daß ich noch spät mit zerrissenem Herzen dessen gedenken werde, was ich Sie gegen meinen Willen koste: so dürfen Sie getröstet sein.« »Es ist genug.« sagte Walter; »scheiden wir. Ich verlasse Sie mit mehr Bekümmernis über meine vorige Hitze, als ich eingestehen mag; geben Sie sich damit zufrieden; was mich selbst betrifft, so fordere ich keine Entschuldigung oder...« »Die Sie jedoch in vollem Maß haben sollen,« unterbrach Aram, indem er mit einer ihm sonst ungewohnten Offenheit der Miene auf jenen zutrat. »Ich allein war zu tadeln; ich hätte bedenken sollen, daß Sie der Gekränkte waren – ich hätte Ihrer Rede freien Lauf lassen sollen. Worte sind ja doch nur ein ärmliches Auskunftsmittel für ein gekränktes, brennendes Herz. In Zukunft will ich's so halten; sagen Sie, was Sie wollen, greifen Sie mich an, schmähen Sie mich, bedecken Sie mich mit Vorwürfen, ich will alles ertragen. Ist es mir doch selbst, als waltete eine Zauberei, ein Märchen in dem, was geschehen ist. Wie! ich begünstigt, wo Sie lieben? Ist's möglich? Das könnte den Eitelsten von der Eitelkeit bekehren. Sie, der Junge, Kräftige, Frische, Schöne – und ich, der ich des Lebens Herrlichkeit und Reiz in staubigen Wänden verpaßt habe; ich, der – wahrlich das Schicksal spottet aller Wahrscheinlichkeiten!« Damit schien Aram von einem Anfall jenes Versinkens in sich selbst überwältigt; er hörte auf laut zu sprechen, aber die Lippen bewegten sich fort, und die Augen waren träumerisch an den Boden geheftet. Walter betrachtete ihn eine Weile mit einem Gemisch streitender Empfindungen. Noch einmal war die Rachbegier, war der bittere Grimm der Eifersucht in die Tiefen seiner Seele zurückgesunken, und wider seinen Willen eine gewisse Teilnahme für den wunderlichen Nebenbuhler in seine Brust geschlichen. Aber wird die liebevolle Madeline in einer so geheimnisvollen, launenhaften Natur wirklich Glück, Ruhe finden? wird ihre Wahl sie nie gereuen? Die Frage drängte sich ihm auf. Während er eine Antwort darauf suchte, gewann Aram seine Fassung wieder, wandte sich plötzlich zu ihm und reichte ihm die Hand. Walter nahm sie nicht an; er verbeugte sich mit kalter Höflichkeit. »Ich kann meine Hand nicht ohne mein Herz geben,« sagte er; »eben waren wir Feinde; noch sind wir keine Freunde. Ich weiß, daß ich hierin unvernünftig handle; aber –« »Sei es so,« unterbrach Aram; »ich verstehe Sie. Ich dränge Ihnen mein Wohlwollen nicht weiter auf. Wird einst dieser Schmerz vergessen, diese Wunde geheilt sein, werden Sie einst den, der jetzt Ihr Nebenbuhler ist, näher kennen gelernt haben, so treffen wir uns vielleicht wieder mit andern Gefühlen von Ihrer Seite.« So schieden sie und die einsame Lampe, die in den letzten Wochen zur gehörigen Stunde im Hause des Gelehrten erloschen war, glänzte diese ganze Nacht hindurch aus seinem Fenster. War sie Zeugin friedlicher Forschung oder eines ruhelosen Herzens? Elftes Kapitel. Abendessen der Familie – Die beiden Schwestern in ihrem Schlafzimmer – Ein Mißverständnis mit nachfolgendem Geständnis. – Walters herannahende Abreise und des Korporals Benehmen dabei. – Der Leser wird mit dem Liebling des Korporals bekannt gemacht. – Der Korporal erweist sich als ein gewandter Diplomat. So wuchsen wir Zusammen, einer Doppelkirsche gleich, Zum Schein getrennt, doch in der Trennung eins. Sommernachtstraum Der Korporal hatte seine Maßregeln bei diesem Streich der Feuerwerkerkunst so schlecht nicht genommen. Tristram Shandy Als Walter spät abends nach Hause zurückkehrte, traf er die kleine Familie bereits um das letzte leichte Mahl des Tages versammelt. Ellinor machte ihrem Vetter schweigend neben sich Platz; diese kleine Aufmerksamkeit rührte Walter! »Warum lieb ich sie nicht?« dachte er, und sprach mit ihr in so teilnehmendem Tone, daß ihr Herz in Entzücken erbebte. Während des ganzen Essens war Lester der Nachdenklichste in der Gesellschaft: aber der alte und der junge Mann wechselten Blicke des wiederhergestellten Vertrauens, in welchen von seiten des erstern ein zärtliches Mitleid schimmerte. Nachdem das Tischtuch weggenommen und die Bedienten sich entfernt hatten, übernahm es Lester, den Schwestern die beabsichtigte Abreise ihres Jugendgefährten mitzuteilen. Madeline hörte die Nachricht mit peinlichem Erröten, und nicht ohne sich gewissermaßen Vorwürfe zu machen; denn selbst wo ein Frauenzimmer sich nichts vorzuwerfen hat, bleibt sie bei dergleichen Gelegenheiten nicht ohne ein Gefühl von Gewissensskrupeln über die Schmerzen, deren Gegenstand sie ist. Ellinor aber stand schnell auf und verließ das Zimmer. »Nun denk' ich,« hob Lester an, »wird London der nächste Ort deiner Bestimmung sein. Ich kann dir Briefe an einige meiner alten Freunde dahin mitgeben. Waren einst lustige Bursche. Nimm dich in acht, daß du bei ihnen nicht zu tief ins Glas siehst! Da ist John Courtland, ein Kerl, der einen gut zum Trinken zu verführen weiß. Sieh zu und schreibe mir, wie's dem ehrlichen John geht und wie er von mir spricht. Noch steht er vor mir, als wär' es gestern! ein feuchtes Schelmenaug', volle Wangen, gerade Nase, schwarzes, krauses Haar, Zähne glatt wie Würfel. Zeigte sie oft genug, seine Zähne, der alte John! ha! ha! ha! was der viel gelacht hat! – Dann Peter Hales – jetzt Sir Peter, erbte seines Oheims' Baronetschaft – ein braver, offener Kerl, wie je einer gelebt – wird dich oft genug zum Essen bitten, ja dir Geld anbieten, wenn du welches brauchen solltest: aber hüt' dich immerhin, daß er dich nicht zu leichtsinnigen Streichen verführt. Walter: ›Wer keine Schulden, hat nichts zu dulden.‹ Es wär' für den armen Peter Hales gut gewesen, wenn er dieses Grundsatzes immer eingedenk geblieben. Oft genug hab' ich's erlebt, daß er nach Marshalsea Marshalsea ist das Schuldgefängnis zu Southwark in London, welches unter dem Oberhofmarschallgericht steht. Anmerk. des Übersetzers. kam; aber er hatte auf ein bedeutendes Vermögen durch Erbschaft zu hoffen, obwohl ihn seine Verwandten damals knapp hielten; so wird's ihm denn hoffentlich jetzt gut gehen. Seine Güter liegen in –shire, auf deinem Wege nach London; ist er auf seinem Landsitz, so kannst du Quartier bei ihm nehmen und etwa einen Monat bei ihm zubringen. Ein gar gastfreundlicher Kerl!« Mit diesen kleinen Schilderungen seiner Altersgenossen suchte der gute Squire über die Abendstunde wegzukommen. Gewährten ihm auch selbst die dadurch angeregten Jugenderinnerungen einiges Vergnügen, so war doch sein Hauptzweck, des Neffen Trübsinn etwas aufzuheitern. Nachdem jedoch Madeline abgegangen und die beiden allein waren, rückte er den Stuhl näher an Walter heran und lenkte in einen ernstern sorglichern Ton der Unterhaltung ein. Spät in die Nacht hinein saßen Vormund und Mündel bei einander, und als sich Walter endlich zu Bett legte, war sein Herz tiefer gerührt von der Güte des Oheims als vom eigenen Kummer. Doch wir wollen den Tag nicht beschließen, ohne einen Blick in das gemeinschaftliche Schlafzimmer der beiden Schwestern zu werfen. Die Nacht war heiter und sternhell, Madeline saß am offenen Fenster, das Gesicht auf die Hand gelehnt und hinüberblickend zum einsamen Hause des Geliebten, das man in der Entfernung sehen konnte; ruhig schliefen die Bäume in der Runde; nur ein bleiches Licht schimmerte fort und fort wie ein Stern aus dem großen Fenster. »Er hat nicht Wort gehalten,« sagte Madeline; »ich werde ihn morgen darüber ausschelten. Er versprach mir, sein Licht jedesmal vor dieser Stunde zu löschen.« »Nein,« sagte Ellinor in einem Ton, der etwas schärfer klang, als der natürliche sanfte Laut ihrer Stimme, indem sie sich im Bett aufrichtete und der milde Strahl des Himmels zwischen der halb weggezogenen Gardine voll auf den runden Nacken und das jugendliche Antlitz fiel – »nein, Madeline, bleib' nicht länger dort sitzen, die Luft wird scharf und kalt und schon ist ein Uhr vorbei. Komm, Schwester.« »Ich kann nicht schlafen,« erwiderte Madeline mit einem Seufzer, »wenn ich denke, daß jenes Licht auf eine Arbeit herabglänzt, welche die Farbe der Gesundheit von seiner Wange, ja das Leben aus seinem Herzen stiehlt.« »Du bist ganz überwältigt, bezaubert von diesem Mann,« rief Ellinor unmutig. »Und hab' ich nicht Ursache – alle Ursache dazu?« entgegnete Madeline mit der vollen schönen Begeisterung eines liebenden Mädchens, indem ihre Wange sich rötete und damit die einzige bei ihr mögliche Zugabe von Lieblichkeit erhielt. »Wenn er spricht, ist es nicht wie Musik? – oder vielmehr welche Musik fesselt und rührt das Herz so? Mir dünkt es himmlisch nur ihn anzusehen – den Wechsel in diesen hoheitsvollen Zügen zu betrachten – jeden Blick, jede Bewegung als Nahrung für das Gedächtnis in mich aufzunehmen. Fällt aber dieser Blick auf mich, spricht seine Stimme meinen Namen: ach! Ellinor, dann ist's kein Wunder, daß ich ihn so sehr liebe, Wohl aber daß andere glauben können, auch sie hätten gewußt, was Liebe sei und doch ihn nicht geliebt haben! Und wirklich, ich fühle mit Bestimmtheit, daß was die Welt Liebe nennt, nicht meine Liebe ist. Giebt's noch einen andern Eugen als ihn? Wer als Eugen könnte so geliebt werden, wie ich ihn liebe?« »Wie? gäb' es keinen, der eben so würdig wäre?« sagte Ellinor halb lächelnd. »Wie du fragen kannst!« erwiderte Madeline mit dem Tone wirklicher Verwunderung; »wen könntest du ihm gleichstellen – gleich! ja nur auf den hundertsten Grad der Höhe stellen, welchen Eugen Aram in dieser kleinen Welt einnimmt?« »Das ist Thorheit. Unsinn,« sagte Ellinor unwillig, »gewiß giebt es noch andere, die eben so brav, eben so edel, ebenso gut, und wenn nicht so gelehrt doch geeigneter für die Welt sind.« »Du spottest meiner,« erwiderte Madeline ungläubig. »Wen könntest du mir nennen?« Von den schneeweißen Schläfen bis zum noch weißern Busen herab errötete Ellinor, als sie erwiderte: »Wenn ich nun Walter Lester nennte, könntest du es leugnen?« »Walter,« wiederholte Madeline, »mit Eugen Aram gleichstellen!« »Ja und mehr als gleichstellen,« rief Ellinor beherzt mit warmem, aufgebrachtem Ton. »Und wirklich, Madeline,« fuhr sie nach einer Pause fort, »ich verliere etwas von der Hochachtung, die ich stets gegen dich empfunden habe, und die noch über die schwesterliche Liebe hinausging, wenn ich die rücksichtslose übermäßige Abgötterei mit ansehe, welche du gegen einen Mann an den Tag legst, der, wenn er nicht seine beredte Zunge und seine blumenreichen Worte hätte, weit eher jeden Reizes ermangeln würde, als daß er das Wunder wäre, das du aus ihm machst. Pfui, Madeline, ich erröte für dich, wenn du sprichst; es ist unnatürlich für ein Mädchen so zu lieben.« Madeline erhob sich vom Fenster, aber das zürnende Wort erstarb ihr auf den Lippen, als sie sah, daß Ellinor, die ihre stürmischen Gefühle nicht länger zu beherrschen vermochte, auf das Kopfkissen zurückgesunken war und laut schluchzte. Die Gemütsstimmung der altern Schwester war immer gleichmäßiger, ruhiger gewesen als die der jüngern, welche mit ihrer Lebhaftigkeit etwas von den leidenschaftlichen Launen und der so häufigen Reizbarkeit ihres Geschlechtes verband. Auch trug Madelines Liebe zu ihr jenen Charakter von schonender Duldung, den eine höhere Natur gegen eine geringere oft annimmt und welcher sie auch in diesem Augenblicke nicht verließ. Still schloß sie das Fenster, schlüpfte ins Bett, schlang ihre Arme um der Schwester Nacken und küßte ihre Thränen so liebkosend weg, daß Ellinor nur einen Augenblick sich abzuwenden vermochte und dann den Kuß mit gleicher Zärtlichkeit zurückgab. »Wirklich, Teuerste.« sagte Madeline sanft, »ich begreife nicht, worin ich dir wehe gethan haben mag, und noch weniger, wie Eugen dir ein Leid zugefügt haben soll.« »Er hat mir kein anderes Leid zugefügt,« erwiderte Ellinor, deren Thränen fortflossen, »als daß er mir deine ganze Liebe gestohlen hat. – Aber ich bin ein thörichtes Mädchen – vergieb mir, wie du immer thust; gerade jetzt brauche ich deine Nachsicht besonders, denn ich bin sehr – sehr unglücklich.« »Unglücklich, liebste Nelly und warum?« Ellinor weinte ohne zu antworten. Madeline fuhr fort, auf eine Antwort zu dringen, und endlich schluchzte ihre Schwester hervor: »Ich weiß, daß – daß – Walter nur Augen für dich hat, die seine Liebe verwirft, verachtet: und ich – ich – doch das ist eins, er verläßt uns und an mich – mich Ärmste – wird er nicht denken!« Madeline hatte längst einen halben Verdacht von Ellinors Neigung zu ihrem Vetter gehabt und diese oft damit geneckt; ja, es war vielleicht mitunter dieser Verdacht gewesen, der sie von vornherein ihre Brust gegen den augenscheinlichen Vorzug, stählen ließ, den Walter ihr gab. Ellinor hatte aber bis jetzt noch nie ernstlich zugestanden, wie sehr ihr Herz getroffen war, und Madeline, von der Glut und Begeisterung der eigenen Liebe befangen, hatte seit längerer Zeit weniger Aufmerksamkeit auf die Anzeichen gewandt, die auf die Neigung ihrer Schwester schließen lassen mochten. Sie war daher wenn nicht erstaunt doch bekümmert, als sie jetzt die Ursache des Unmuts vernahm, welchen Ellinor eben kundgegeben hatte, und beurteilte, ja überschätzte vielleicht nach dem Maßstabe ihrer eigenen Liebe die Schmerzen, welche jene zu dulden habe. Durch alle Gründe, welche die fruchtbare Erfindungskraft schwesterlicher Liebe erdenken konnte, suchte sie ihr Trost einzuflößen; sie prophezeite, Walter würde bald zurückkommen, würde seinen knabenhaften Groll vergessen haben und nicht mehr durch eine hoffnungslose Neigung für die eine Schwester blind für die Reize der andern sein. Obwohl Ellinor sie von Zeit zu Zeit bald mit Versicherungen von Walters ewiger Anhänglichkeit an sein jetziges Ideal, bald mit der noch heftiger ausgesprochenen Behauptung unterbrach, daß er gewiß auf dem neuen Schauplatz einen neuen Gegenstand für seine Neigung finden würde, ließ sie doch von Madelines Überredungsmacht ihr Herz allmählich beschleichen und seinen Gram mit Hoffnung erheitern, bis sie endlich, die Thränen noch naß auf der Wange, in der Schwester Arm einschlief. Madeline regte sich nicht von der Stelle, damit die Bewegung die Schlafende nicht aufwecke, aber ihre eigenen Augen schloß kein Schlummer. Immer wieder hob sie den Kopf mit angehaltenem Atem leise empor, um einen Blick auf das einsame Licht in der Ferne zu werfen, und so oft sie hinsah, traf sein Strahl in schwermütiger Beharrlichkeit aufs neue ihr Auge, bis die Dämmerung grau am Himmel heraufschlich, und jener Lichtpunkt, heiliger für sie all die Sterne, mit diesen unter dem volleren Glanze des Tages erlosch. Die nächste Woche ging in Vorbereitungen für Walters Abreise hin. Zu jener Zeit und in jenem entfernten Teile des Landes war es gewöhnlich Sitte der jüngern Reisenden, ihre Ausflüge zu Pferde zu machen, welcher Art auch Walter den Vorzug gab. Der beste Gänger in den Ställen des Squires wurde für seinen Dienst hergerichtet; ein starkes schwarzes Tier mit Ramsnase und langem Schweif aber der Führung des Korporals Bunting zugewiesen. Dem Squire war es sehr recht, daß sein Neffe sich einen solchen Begleiter verschafft hatte; denn der alte Kriegsmann, obwohl wunderlich und eigennützig, hatte immer einige Einsicht und Erfahrung, Eigenschaften, welche Lester keineswegs überflüssig für einen jungen Herrn hielt, dem die gewöhnlichen Betrügereien und der tägliche Verkehr der Welt, die er jetzt betreten sollte, noch neu waren. Was Bunting selbst betrifft, so verbarg er die geheime Freude über die Aussicht auf neue Abwechselung im Leben und ein gutes Kostgeld unter dem kühlen Anschein eines Mannes, der die eigenen Wünsche seiner Anhänglichkeit an andere zum Opfer bringt. Er machte es sich zum besondern Geschäft, dieses Opfer dem Gemüt des Squires in seiner ganzen Ausdehnung einzuprägen. Die kleine Hütte war eben geweißt worden; die Lieblingskatze hatte eben geworfen; sodann wer sollte graben, Samen einsammeln, die Gewächse (Gewächse! der Korporal konnte deren kaum zwölf aufzählen, und neun davon waren Kohlköpfe) vor dem Frost sichern? Überdies war es gerade die Jahreszeit, wo die Gicht den Knochen und Lenden des würdigen Kriegers flüchtige Besuche machte, und immerhin schien es eine bedenkliche Sache, wenn er nun so »im Land 'rum kavalkaten sollte«, zur Zeit, wo er sich gegen den tückischen Feind, das Gliederweh, in die Festung seines Kaminwinkels hätte zurückziehen sollen! Auf all diese Andeutungen und Einflüsterungen horchte der gute Lester ganz ernsthaft, und mit um so größerer Rührung, als sie unabänderlich mit einem Schlag des Korporals auf seinen kräftigen Schenkel und mit dem Schwur endigten, »er habe Herrn Walter so lieb wie Granatenfeuer, und wär's auch noch zwanzigmal mehr, so wollt' er alles gern für den hübschen jungen Herrn thun,« Jedesmal begannen die Augen des Squires bei dieser Beteuerung zu funkeln, neuer Dank floß auf den Veteran für seine uneigennützige Liebe und mit neuen Versprechungen möglichster Entschädigung ward er in Pflicht genommen. Der gottselige Dahltrup empfand ein bißchen Eifersucht über das Vertrauen, das man zu seinem Freunde hegte. Auf dem Rückwege von seinem Pachtgut hielt er bei dem netten Geländer, das zum Wohnsitz des Korporals führte, an und sah etwas sauer zu, wie derselbe in der Abendkühle vor der Thür saß, sein Fischereigerät samt künstlichen Fliegen in verschiedene kleine Papiere verteilte und diese mit Hilfe einer stumpfen Feder, die wenigstens so lange als er selbst in Diensten gestanden hatte, sorgfältig bezeichnete. »Na! Nachbar Bunting,« rief der kleine Wirt, indem er sich über das Geländer lehnte, aber dessen Grenze nicht überschritt: »wann geht's fort? Werdet immerhin was nasses Wetter haben (zum Himmel aufsehend), müßt Euch vorm Reumatissen in acht nehmen, ist kein Spaß in Euerm Alter, eh – hm!« »Meinem Alter! möcht' doch wissen! Was meint Ihr damit? mein Alter! – uff! Schwerenot!« brummte Bunting, von seiner Beschäftigung aufsehend. Peter weidete sich innerlich an dem Aerger des Korporals und fuhr wie entschuldigend fort: »Bitt' sehr um Vergebung, Nachbar; ich meinte nicht, als wärt Ihr zu alt zum Reisen. Machte doch Heinz Whittal, nächsten Michaeli zweiundachtzig auf'm Rücken, verwichenes Jahr noch 'n Ausflug nach Lonnon. Gott ist's, der Schwache gern beschützt, Die Müden trägt, die unterstützt, Die nach dem Grabe wanken.« »Laßt mich ungeschoren!« sagte der Korporal und drehte sich auf seinem Sitz um. »Und was werdet Ihr mit der scheckigen Katze anfangen? In die Satteltaschen stecken? Werdet's doch nicht übers Herz bringen, Euch von ihr zu trennen.« »Was das anlangt,« bemerkte der Korporal mit einem Seufzer, »so macht mich's ordentlich traurig, wenn ich an das stumme Tier denk'.« Damit legte er seine Fischhaken weg und streichelte die Seiten einer ungeheuern Katze, die alsbald mit aufgerichtetem Schweif, gekrümmtem Rücken und vernehmbarem »leni susurro,« zu deutsch »spinnen,« sich an des Korporals Beinen hin und her rieb. »Was lungert Ihr da draußen? Wollt Ihr nicht eintreten, Dahltrup? Könnt doch über's G'länder steigen, baucht mich? He?« »Dank Euch, Nachbar. Bin hier schon recht, das heißt, wenn Ihr mich hören könnt: Eure Taubheit ist nicht so beschwerlich, wie vergangenen Wint–« »Wetter!« fuhr der Korporal mit einer Stimme dazwischen, die den kleinen Wirt kerzengrade aus der sichern Behaglichkeit seiner bisherigen Stellung aufschnellen ließ. Nichts in der Welt brachte den strammen Bunting so in Wut, als Winke über seine zunehmenden Jahre oder abnehmenden Kräfte. In diesem Augenblick jedoch, wo er eben darauf dachte, von Dahltrup einen Vorteil herauszuschlagen, bezwang er klüglicherweise den aufsteigenden Ärger und fügte als der Mann von Welt, welcher zu sein er sich mit Recht rühmte, mit so sanftem Ton wie eine sterbende Eule hinzu: »Was erschreckt Ihr denn? kommt rein; hier ist 'n guter Kerl, der Euch was zu sagen hat. Kommt! U–u–f–f!« Letzterer Ton wurde zu einer langen, unartikulierten Liebkosung ausgedehnt und mit einem Wink der Hand und schmeichelndem Kopfnicken begleitet. Solcher Lockung vermochte der gute Peter nicht zu widerstehen; er kletterte über das Geländer, und setzte sich neben den Korporal auf die Bank. »So recht; 'n ganzer Kerl! für's zweiundvierzigste gemacht!« rief Bunting und klopfte ihn auf den Rücken. »Na! und – u–n–d 'ne schöne Katz', nicht?« »Ach!« brach Peter sehr kurz ab, denn so verträglicher Natur er auch, liebte er doch dieses Tiergeschlecht nicht. Überdies müssen wir dem Leser eröffnen, daß Jakob Buntings Katze im ganzen Dorf mehr gefürchtet als geachtet war. Der Korporal verstand sich meisterlich aufs Abrichten aller Tiere; Goldammern lehrte er mit der Muskete, Hunde mit dem Säbel umgehen; Pferde nach dem Dudelsack tanzen und die Taschen ausleeren. Besonders aber hatte er sich die Langeweile einsamer Stunden damit vertrieben, dem gelehrigen Naturell seiner Katze mehrfache Kunststücke beizubringen. Unter seiner Anweisung hatte sie gelernt zu apportieren; Purzelbäume zu machen wie ein Gaukler; euch auf die Schulter zu springen, wenn ihr am wenigsten daran dachtet; wie toll auf jeden loszufahren, auf welchen der Korporal sie zu hetzen für gut fand; vor allem aber Speisekammern, Schränke und Tische zu bestehlen und die Beute ihrem Herrn zu bringen, der keinen Anstand nahm, dergleichen verirrtes Gut als gesetzlichen Erwerb zu betrachten. So viele Freude übrigens diese kleinen Förderungen des Katzentalents demselben machten, und so viel Ansehen sie seiner Fertigkeit, keimenden Begriffen zum Aufschießen zu verhelfen, gaben, hatten sie gleichwohl, die Wahrheit zu sagen, seinen Liebling zum Sprich- und Stichwort der ganzen Nachbarschaft gemacht. Nie stand eine Katze in so üblem Geruch; dabei wurde der Widerwille, den man auf sie geworfen, durch Schrecken noch ungemein vermehrt; denn das Tier war ausnehmend groß und stark und überdies von so mutiger Natur, daß wenn ihr versuchtet, seinen Eingriffen in euer Eigentum Widerstand zu leisten, es augenblicklich den Buckel krümmte, die Ohren andrückte, das Maul öffnete und euch aufs bündigste zu erkennen gab, daß es ritterlich festhalten wollte, was es räuberisch ergriffen. Mehr als eine Bauersfrau war vor Schrecken über diesen Ausbund von Katze zu früh in die Wochen gekommen, wenn sie etwa bei Tagesanbruch sich nach der Küche begab und dort das Tier auf dem Anrichtetisch – Gott weiß wie es hereingekommen – kauern sah, mit den großen grünen Augen nach ihr herfunkelnd und dem boshaften Hexenausdruck im Gesicht. Wirklich hatten sich auch von Zeit zu Zeit verschiedene Deputationen im Hause des Korporals eingestellt und den Tod, die Verbannung oder mindestens die ewige Einsperrung der Günstlingin gefordert. Aber der stämmige Kriegsmann nahm sie griesgrämig auf und schickte sie mürrisch wieder ab, und fortwährend wuchs die Katze an Größe und Arglist, und wie vom Teufel beschützt entging sie jeglicher Falle und Schlinge, die zu ihrem Verderben gelegt worden. Nie aber vielleicht war größere Bestürzung und Besorgnis im Dörflein, als wie vor etwa drei Wochen verlautet hatte, des Korporals Katze habe sich gelegt und glücklich eine zahlreiche Nachkommenschaft zur Welt gebracht. Von einem ganzen Geschlecht, von einer Unendlichkeit von Korporalskatzen mußte das Dorf unfehlbar überwältigt werden! Überdies mochten, da der Lehrmeister durch Übung mehr Erfahrung gewonnen hatte, die Nachkommen noch zu ganz anderer Höhe sich ausbilden als ihre frevelnde Stammmutter. Die schwache Hoffnung, durch einen vorzeitigen oder endlich auch den natürlichen Tod von ihrem Quälgeist befreit zu werden, schwebte den entsetzten Grünthalern nicht länger vor. Der Tod war eine Naturnotwendigkeit für eine Katze, mochte sie auch noch so viel Leben in sich tragen; nun aber hatte man eine ganze Dynastie von solchen Geschöpfen! Principes mortales, respublica aeteran! Der Korporal jedoch liebte dieses Tier mehr als alles in der Welt und er war ernstlich in Sorge, wie er sie während seiner Abwesenheit in sichere Verwahrung bringen solle. Wohl kannte er den allgemeinen Haß, den sie sich zugezogen, und zitterte vor dessen wahrscheinlichem Erfolg, wenn er nicht mehr da sein würde, um ihr Schirm und Schutz zu gewähren. Zwar hatte ihr der Squire eine Freistätte im Schloß angeboten, aber des Squires Köchin war ihre erbittertste Feindin, und wer kann sich für das friedliche Benehmen seiner Köchin verbürgen? Der Korporal schlug daher mit einem schweren Seufzer das freundliche Anerbieten aus; und nachdem es ihn drei Nächte schlaflos gelassen und er in seinem Kopf den Charakter, das Gewissen und die Fähigkeit all' seiner Nachbarn um und um überlegt hatte, war er zu der Überzeugung gekommen, daß er seine Freundin niemand mit solcher Sicherheit anvertrauen könne, wie dem Peter Dahltrup. Allerdings war Peter, wie schon bemerkt, kein Liebhaber von Katzen, und die Aufgabe ihn zu überreden, daß er gerade der gehässigsten und boshaftesten unter allen Tisch und Wohnung bei sich gewähre, war daher kein leichtes Geschäft. Welche Intrigue aber wäre unmöglich für einen Mann von Welt? Der feinste Diplomat Europas hätte beim Korporal Unterricht nehmen können, als dieser sofort ernstlich zur Ausführung seines Planes schritt. Er nahm das Tier, welches, wie wir zu bemerken vergaßen, er für gut befunden hatte nach sich selbst zu taufen und mit einem Namen, der fast etwas zu lang für eine Katze lautete (aber freilich war dies auch keine gewöhnliche Katze!), nämlich mit Jakobine, zu beehren. Er nahm also besagtermaßen Jakobine auf seinen Schoß, streichelte ihren gefleckten Rücken mit großer Zärtlichkeit und machte Dahltrup aufmerksam, wie ausnehmend sanft das Geschöpf in seinem Benehmen sei. Ja, er gab sich nicht zufrieden, bis Peter selbst sie mit furchtsamer Hand getätschelt und mit Widerwillen sich der Ehre unterworfen hatte, daß diese Hand zur Erwiderung von der Katze geleckt wurde. Glücklicherweise betrug sich Jakobine, die – um ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen! – in der Gegenwart und nach dem Willen ihres Herrn überhaupt sehr sanft war, heute aufs vortrefflichste. »So'n stummes Tier ist gar mächtig dankbar,« äußerte der Korporal. »Ja, wirklich!« erwiderte Peter, und rieb sich die beleckte Hand mit dem Taschentuch ab. »Gerechter Gott!« murmelte er, »was die Welt aufs Verlästern aus ist: Beschwört Verleumdungshauch 'nen Sturm, Er wild gar bald vergehn!« »Sehr gut, sehr wahr; treffende Verse das!« sagte Beifall nickend der Korporal, »und doch kommt der Schaden oft vor'm Heilmittel. – Schwerenot, 's macht 'n Mann herzkrank über seine Nächsten, schamvoll, zur Menschenrasse zu gehören, wenn er sieht, was für Mißgunst dieses Thränenthal überschwemmt!« setzte er mit einem Blick gen Himmel hinzu. Peter starrte ihn mit offenem Munde an. Der verschmitzte Heuchler fuhr nach einer Pause fort: »Da ist Jakobine – weil's 'ne gute Katz', 'ne treue Magd ist, hat sie 's ganze Dorf wider sich. Sagen Lügen über sie, Zeug, daß Ihr glauben könntet, 's wär der leibhafte Teufel. Geb' zu, geb' zu,« bemerkte er mit entschuldigender Aufrichtigkeit, »daß sie was wild und schnackisch ist; weiß wer ihr Freund und wer ihr Feind; hat Sabine Salomon Butter gestohlen. Aber was weiter? Sabine Salomon ist 'ne alte Hex! Sabine Salomon schenkt Euch zum Trotz Bier aus, hat 'n Schank aufgethan – Ihr könnt Sabine Salomon nicht leiden, Peter Dahltrup?« »Wenn das alles wär, was Jakobine gethan hat!« sagte der Wirt grinsend. »Alles! – Was hat sie sonst noch gethan? Na, ja! sie hat John Tomkins Kanarienvogel gefressen; und hat der naseweise Hund von Tomkins nicht gesagt, Ihr könntet nicht besser singen als 'n Rabe?« »Ich habe derhalben nichts gegen das arme Tier einzuwenden,« erwiderte Peter, indem er die Katze aus eigenem Antriebe streichelte. »Katzen sollen Vögel fressen, 's ist 'ne Erlaubnis der Vorsehung. Aber was, Korporal!« – damit zog er die Hand hastig zurück und steckte sie in die Hosentasche – »aber was! hat sie Joe Websters kleinem Jungen die Hand nicht in Fetzen zerkratzt, weil er sie nicht mit einem Knäuel Zwirnfaden fortlaufen lassen wollte?« »Na,« brummte der Korporal, »das hat Jakobine nicht aus ihrem Anlaß gethan; war mein Anlaß. Hatte den Zwirnfaden nötig, bot 'n Penny dafür – das bedenkt!« »Ward aber drei 'n halb Penny geschätzt,« sagte Peter. »Uff! werdet 'm Joe Webster auch nicht alles zahlen was er verlangt. Was hilf's 'nem Mann, die Welt zu kennen, wenn man's nicht versteht, die Verkäufer 'n bissel zum Abschlagen zu bringen? Handeln ist nicht betrügen, hoff' ich?« »Gott bewahr!« erwiderte Peter. »Und 's bissel Bindfaden anlangend, so nahm's Jakobine nur um Euretwillen. Fiel ihr nicht ein, Ihr just würdet Euch gegen sie wenden!« Damit erhob sich der Korporal und ging in sein Haus, von wo er sogleich mit einem kleinen Netz in der Hand zurückkehrte. »Da, Peter, 'n Netz für Euch, Citronen aufzuhängen. Dankt Jakobine dafür, sie hat mir 'n Bindfaden dazu verschafft. Sag' ich 'nmal zu ihr – saß so vor meiner Thür wie heut – Jakobine, sag' ich, Peter Dahltrup ist 'n braver Kerl und hat seine Citronen in 'nem Sack; üble Gewohnheit – werden mulstrig; – will ihm 'n Netz machen. Und Jakobine schnurrte – (streichelt das arme Tier, Peter!) – und so machen wir zusammen 'n Spaziergang, und wie wir zu Joe Websters Haus kommen, zeig' ich ihr den Bindfaden. So kam sie um Euretwillen, Peter, in diese Ungelegenheit – uff!« »Ach!« rief Peter lachend, »arme Mieze! arme Mieze! armes kleines Miezchen!« »Und nun, Peter,« sagte der Korporal und nahm den Freund bei der Hand, »nun will ich Euch 'mal von meiner Freundschaft 'nen Beweis geben – will Euch 'ne große Gefälligkeit erzeigen.« »O!« erwiderte Peter, »mein werter Freund, ich bin Euch höchlich verbunden. Kenn' Euer gutes Herz, aber in der That ich brauch' gar keine ...« »Hol's der Henker!« schrie der Korporal, »bin nicht der Mann, der 'ne Gefälligkeit gegen 'nen Freund hoch anschlägt. Ruhig! sag' Euch was – sag' Euch was: mach' mich Mittwoch mit Tagesanbruch auf 'n Weg, und so lang' ich fort bin, sollt Ihr –« »Was, mein guter Korporal?« »Für Jakobine sorgen!« »Für den Teufel sorgen!« schrie Peter. »Uff! Puff! – was schwatzt Ihr da? Hört mich!« »Mag nicht!« »Sollt doch!« »Will verdammt sein, wenn ich's thu'!« rief Peter keck. Es war der erste Fluch, den man von ihm gehört, seit er Kirchenschreiber war. »Gut! gut!« bemerkte der Korporal, das Kinn aufwerfend, »Jakobine kann für sich selbst sorgen! Jakobine kennt Freund und Feind so gut als ihr Herr! Nie thut sie 'nem Freund 'n Schaden; nie verzeiht sie 'm Feind. Seht Euch vor! meine Katz schimpfen heißt mich schimpfen .... Ja doch, auf Jakobine fluchen, ja!« »Wenn sie mir den Rahm stiehlt!« schrie Peter. »Hat sie Euch je 'mal Rahm gestohlen?« »Nein! aber wenn ...« »Hat sie Euch je 'mal Rahm gestohlen?« »Kann nicht sagen, daß sie das gethan hätt'!« »Oder sonst was vom Eurigen?« »Nicht daß ich wüßt', aber ...« »Bedenkt, daß sie 's noch anders machen könnt'.« »Wenn –« »Wollt Ihr mich hören oder nicht? »Na?« »Ihr wollt mich hören?« »Ja.« »Vernehmt denn, daß ich Euch 'nen Dienst zu erzeigen willens war.« »Hm!« »Aufgepaßt! ich hab' Jakobine alles gelehrt, was sie kann.« »Um so schlimmer!« »Aufgepaßt! Lehrte sie ihre Freunde in Respekt halten – sich nie zu Hause bloßzustellen – im Hause nicht zu stehlen – zu Hause nicht an den Leuten 'nauffahren – zu Hause nicht kratzen – Mäus' und Ratten umzubringen – all', was sie wegkriegt, ihrem Herrn zu überliefern – thun, was er sie heißt – sein Haus wie 'n Kettenhund verteidigen. Dies Geschöpf, wie man's für kein Geld haben kann, wollt' ich Euch leihen – will's jetzunder nicht mehr, hol mich der Teufel!« »Hm!« »Aufgepaßt! Wenn ich geh', hat Jakobine niemand, der sie füttert. Wird sich selber füttern – wird nach jeder Speiskammer, jedem Haus im Dorf gehen – Ihr habt die beste Speiskammer, 's beste Haus – wird am öftersten zu Euch kommen. Probiert's Euer Weib, sie fortzujagen, kratzt sie ihr 's Gesicht aus; kommt Ihr selbst ihr in die Quer', traktiert sie Euch schlimmer als Joe Websters kleinen Jungen. Wollt' Euch davor sicherstellen – will's jetzunder nicht mehr, hol' mich der Teufel!« »Aber, Korporal, wär' dem denn abgeholfen, wenn ich den Teufel ins Haus nähm'?« »Teufel? – Schwatzt nicht so! Sagt' ich Euch nicht, daß der einzige, dem Jakobine nichts z' Leid thut, ihr Herr ist? Wollt' Euch zu ihrem Herrn machen: begreift Ihr, na?« »Ist sehr hart,« sagte Peter murrend, »daß der einzige Weg, mich vor dem Teufelstier zu sichern, ist, es in mein Haus zu nehmen.« »Teufelstier? Solltet Euch was einbilden auf ihr Attaschemang. Giebt Gutes für Böses zurück – hat Euch immer lieb; seht, wie sie sich an Euch reibt – ist eben der Grund, warum ich Euch aus 'm ganzen Dorf auserlesen Hab', daß Ihr für sie sorgen solltet. Aber Ihr thut mit eins Euch selbst 'nen Schaden, und schlagt Euerm Freund 'nen Dienst ab. Auf alle Fäll' wißt Ihr, daß ich den jungen Squire begleit', und wie lange wird's dauern, daß der hier der Herr wird, und ich werd' in Ansehen bei ihm stehen – werdet sehen – werdet sehen. Seht Euch vor, daß kein anderer » scheckiger Hund « aufkommt, – uff! zum Henker!« »Was würd' aber mein Weib sagen, wenn ich die Katze nähm'? Kann ihren Namen nicht nennen hören.« »Laßt mich allein mit Eurem Weib fertig werden. Was sagt sie, wenn ich ihr von Lonnon 'nen hübschen seidnen Rock mitbring', oder 'n nettes Halstuch mit blauem Rand – blau steht ihr; – oder 'n Theekästel – das wär' was für Euch beide, und 's putzte's hintere Gastzimmer heraus. 'n Mahagoni-Theekästel – oben ausgelegt – Anfangsbuchstaben in Silber – J. B. für D. und P. D., – zwei Theebüchsen und 'ne Schachtel zum Zucker in der Mitte. – Ha! ha! Wer mich gern hat, hat meine Katz gern! Wann war Jakob Bunting undankbar? – uff?« »Na! na! Wollt Ihr mit Dorchen drüber reden!« »So willigt Ihr also ein? Dank, mein guter, lieber Peter; meiner Seel', seid 'n ganzer Kerl; wißt wohl, habt am meisten zu sagen in der Gemeind'. Wenn Ihr sie in Schutz nehmt, darf ihr niemand was zuleid thun: wenn Ihr sie schlecht macht, ist alles über sie her. Denn – wie Ihr letzten Sonntag sagtet oder vielmehr sanget – war't trefflich bei Stimme – Hilf', denn allenthalben droht Ihr Verwüstung, Schwert und Tod.« »Hätte nicht geglaubt, daß Ihr ein so gutes Gedächtnis hättet, Korporal,« sagte Peter schmunzelnd – die Katze kauerte sich jetzt in seinem Schoß zusammen –: »Alles betrachtet scheint Jakobine – doch 'n wunderlicher Name! – ziemlich sanft zu sein.« »Sanft wie 'n Lamm, weich wie Butter, mild wie Rahm – und wie sie Euch aufs mausen aus ist!« »Aber ich glaub nicht, daß Dorchen –« »Will Dorchen schon dazu kriegen!« »Gut! wann wollt Ihr vorsprechen?« »Komm' in 'ner halben Stund' und trink 'ne Tass' Thee mit Euch. – Braucht 'n neu Theekästel; was neues, hübsches!« »Ja, ja, möcht' so sein!« sagte Peter aufstehend und die Katze sacht auf den Boden setzend. »Na! wollen schon sehen! wollen sehen! Gott befohlen für jetzt. In 'ner halben Stund' bei Euch.« Allein mit Jakobine gelassen, sah der Korporal das Thier fest an und brach in folgende pathetische Anrede aus: »Jakobine, du weißt wenig davon, welche Müh' ich mir deinetwegen mach' – die Lügen, die ich um deinetwegen sag' – die Gefahr für mein Seelenheil um deinetwillen, du Vieh! Ja! reib' dich nur an mir! Jakobine! Jakobine! bist's einzige Ding in der Welt, das mich 'n Knopf wert achtet. Hab' weder Kind noch Kalb. Bist mein Weib – mein Freund – meine Tochter. Wenn dir was passierte, hätt' ich nicht mehr den Mut, mein Herz an was Anderes zu hängen. Hol' mich der Geier, wenn du nicht so zärtlich wie 'n Schatz und viel umgänglicher als 'n Weib bist! aber die Welt schmäht dich, Jakobine. Was? thust etwa was Schlimmres als die Welt? Hast keine Moral nicht, Jakobine; aber ist denn welche in der Welt? – Nein! – Aber Spitzbüberei ist drin – in dir ist keine Spitzbüberei, Jakobine. Meiner Treu, Jakobine, bist besser als die Welt. Uff! Sorgt für dich, aber sorgst auch für deinen Herrn! liebst mich wie dich selbst. Wenig Katzen können das von sich sagen, Jakobine, und keine Gevatterin, die 'nen Stein nach deinem hübschen gestreiften Fell wirft kann halb so viel sagen. Wollen deine Kleinen nicht vergessen, Jakobine; hast vier – muß für sie gesorgt werden. Sind die Kinder von 'ner Katz' nicht so gut als 'nem Edelmann seine? Hab' dir 'n gutes Haus besorgt, Jakobine – nimm dich zusammen und halt's nicht mit jedem Kater im Ort. Sei mäßig und bleib' im ledigen Stand, bis ich wiederkehr'! Komm Jakobine, wollen's Haus abschließen und nach 'm Quartier sehen, das ich dir gemacht. Hallo!« Nachdem der Korporal seine Anrede beendigt, schloß er die Thür der Hütte ab und schritt, Jakobine zur Seite, mit seiner gewöhnlichen Gravität nach dem »Scheckigen Hund«. Frau Dorothee Dahltrup empfing ihn mit bewölkter Stirn, aber der Mann von Welt wußte, mit wem er's zu thun hatte. Mittwoch morgen ward Jakobine in die Hausrechte des Wirtes eingesetzt, und hart neben ihr miauten ihre vier Jungen, sich behaglich in einem mit Flanell ausgefütterten Korbe dehnend. Leser! es ist Weisheit in diesem Kapitel: nicht jeder versteht eine Katze unterzubringen! Zwölftes Kapitel. Eine seltsame Gewohnheit. – Walters Unterredung mit Madeline. – Ihre edle Denkart. – Walters Verdruß. – Das Abschiedsmahl. – Gespräch zwischen Oheim und Neffen. – Walter allein. – Der Schlaf, ein Segen für die Jugend. Fall. Fort! fort! du darfst nicht sprechen, wo er atmet... Punt. Gut, mein Schicksal ruft, ich will mich entschließen zu gehen. Ben Johnson. Jedermann aus seiner Laune. Am Abend vor der Abreise fand Walter, von einem letzten Spaziergang nach seinen Lieblingsplätzchen zurückkehrend, den Gelehrten, der während seiner Abwesenheit herübergekommen war und nun eben unter der Thür von Madeline und ihrem Vater sich verabschiedete. Nur zweimal hatten sich Aram und Walter seit jener bereits erzählten Unterredung getroffen, und jedesmal hatte Walter es so eingerichtet, daß das Beisammensein geringe Zeit dauerte. In diesen kurzen Gesprächen war Arams Benehmen noch zuvorkommender, Walters noch kälter und fremder als zuvor gewesen. Wie sie nun so unerwartet unter der Thür aufeinander stießen, sagte Aram, ihn mit Ernst anblickend: »Leben Sie Wohl, mein Herr; Sie wollen uns auf einige Zeit verlassen, hör' ich. Der Himmel geleite Sie!« Und mit leiserer Stimme fügte er noch hinzu: »Wollen Sie jetzt beim Scheiden meine Hand annehmen?« Damit reichte er ihm die Hand hin; – es war die Linke. »Lassen Sie's die Rechte sein,« bemerkte lächelnd der ältere Lester; »es bringt mehr Glück!« »Ich dächte nicht«, erwiderte Aram obenhin. Dabei erinnerte sich Walter, daß er ihn die rechte Hand nie irgend jemandem, selbst Madeline nicht, hatte geben sehen. Indessen mochte diese wunderliche Sitte von irgend einer frühen falschen Angewöhnung herrühren und war jedenfalls kaum der Beachtung wert. Wirklich hatte der Jüngling die dargebotene Hand, obwohl ziemlich kalt, bereits berührt, als Lester noch einmal unbefangen auf die Sache zurückkam. »Bewegt Sie,« fragte er heiter, »irgend ein Aberglaube, wie etwa bei den Alten, die rechte Hand für glücklicher als die Linke anzusehen?« »Ja!« erwiderte Aram, »ein Aberglaube. Adieu!« Er ging. Madeline wandelte langsam eine der Gartenalleen hinab, und Walter folgte ihr, nachdem er dem Oheim einige Worte zugeflüstert, dahin nach. In jenem bittern Gefühl, das aus verschmähter Liebe entspringt, ja in der unerträglichen Qual begründeter Eifersucht selbst, liegt etwas, das, sobald nur der erste Schlag vorüber ist, den Charakter härtet, vielleicht sogar erhebt. Die angestrengtere Kraft, die wir zur Bekämpfung einer Leidenschaft aufbieten, der unsere Würde nicht länger nachhängen gestattet, geht nie wieder ganz verloren. Gleich den Verbündeten, die ein Volk zum Widerstand gegen einen auswärtigen Feind in seine Mitte ruft, vertreibt sie diesen nur, um sich selbst darin niederzulassen. Die Seele jedes Menschen, der eine unglückliche Neigung besiegt hat, wird stärker als zuvor, sei's zum Guten, sei's zum Schlimmen; zu beidem ist die Fähigkeit energischer, gesammelter geworden. Die letzten wenigen Wochen hatten mehr für Walters Charakter gethan, als Jahre, unter gewöhnlichen oder unter glücklichen Empfindungen hingebracht, bewirkt haben würden. Aus einem Jüngling war ein Mann geworden, der mit dem Schmerz auch etwas von der Würde gereifterer Erfahrung verband. Nicht als wollten wir sagen, er habe seine Liebe bereits völlig bewältigt; aber er hatte den ersten Schritt dazu gethan. Er hatte beschlossen, sie solle auf jeden Fall überwältigt werden. Als er Madeline eingeholt und diese ihn neben sich bemerkte, war ihre Verwirrung sichtbarer als die seinige. Sie fürchtete ein Bekenntnis und bei seinem Temperament vielleicht irgend einen unüberlegten Schritt. Gleichwohl war sie die erste, die das Gespräch begann, wie dies bei Frauen in solchen Fällen Regel ist. »Ein schöner Abend,« hob sie an, »die untergehende Sonne verspricht dir einen schönen Tag für deine Reise auf morgen.« Walter schritt schweigend weiter. Sein Herz war voll. »Madeline,« sprach er endlich, »liebe Madeline, gieb mir deine Hand. Nein, fürchte nichts; ich weiß, was du denkst, und wohl hast du recht: ich liebte dich und liebe dich noch immer! aber ich weiß, daß dieses Bekenntnis mich zu keiner Hoffnung berechtigen kann, und wenn ich dich um deine Hand bitte, so ist's nur, um dich zu überzeugen, daß von einem Drängen bei mir nicht mehr die Rede ist; wär's noch, so würd' ich nicht wagen, diese Hand zu berühren.« Verwundert und verlegen gab ihm Madeline ihre Rechte; er hielt sie einen Augenblick zitternd umfaßt, drückte sie an seine Lippen, und ließ sie dann los. »Ja, Madeline, teure, geliebte Cousine, ich habe dich aus voller Seele, obwohl schweigend geliebt, lang eh' mein Herz das Geheimnis der Empfindungen, die es durchglühten, zu entschleiern vermochte. Doch das – all' das – wär' jetzt unnütz zu wiederholen. Ich weiß, daß ich auf keine Erwiderung hoffen darf; daß das Herz, dessen Besitz mein ganzes Leben zu einem Traum des Entzückens gemacht haben würde, einem andern gehört. Ich habe dich jetzt nicht gesucht, um darüber zu jammern – dich etwa durch die Erzählung der Qualen, die ich leide, zu belästigen; ich kam bloß, um dir die Abschiedswünsche eines Menschen zu bringen, der, wo er auch sein und was ihm begegnen mag, deiner als des lieblichsten, holdesten aller Erdenwesen immer gedenken wird. Mögest du glücklich sein, selbst mit einem andern!« »O, Walter!« sagte Madeline, zu Thränen gerührt, »wenn ich dich je ermutigt habe, dich je etwas mehr hoffen ließ, als die warme schwesterliche Neigung, die ich zu dir fühle, welche bittern Vorwürfe müßt' ich mir darüber machen.« »Du hast es nie gethan, liebe Madeline; ich brauchte nicht erst eine Aufforderung, um dich zu lieben; es fiel mir nicht ein, erst eine Berechtigung zu suchen, erst zu forschen, ob ich Ursache zur Hoffnung hätte. Jetzt aber, da ich von dir scheide und du selbst sagst, du fühltest die Liebe einer Schwester zu mir – willst du mir jetzt gestatten, zu dir wie ein Bruder zu sprechen?« Madeline reichte ihm die Hand mit zutraulicher Herzlichkeit. »Ja,« sagte sie. »sprich!« »Sollte es dann,« entgegnete Walter und wandte sich mit einem Zartgefühl, das ihm Ehre machte, ab, »sollte es dann zu spät für mich sein, ein Wort der Vorsicht in Bezug auf – Eugen Aram laut werden zu lassen?« »Vorsicht! Du erschreckst mich, Walter; sprich, ist ihm etwas begegnet? Hab' ich ihn doch noch so lange gesehen als du. Droht ihm etwas? Sprich, ich bitte dich! schnell!« »Ich weiß von keiner Gefahr für ihn !« erwiderte Walter, dem die atemlose Angst, mit welcher Madeline gesprochen, zum schmerzlichen Stachel ward; »aber bedenke, liebe Cousine, kann nicht für dich Gefahr durch diesen Mann erwachsen?« »Walter!« »Ich bin von seinem Geist, von seiner Bildung, von seinem Edelmut überzeugt – ja, ich weiß, daß er einen überwältigenden Zauber an sich hat, vermöge dessen er nach seinem Gefallen Zuneigung oder Ehrfurcht für sich einflößt, einen Zauber, welchem selbst ich nicht zu widerstehen vermag. Gleichwohl geben mir sein menschenscheues Gemüt, seine düstere Lebensweise, einige Worte, die ihm unbedacht entfahren sind, bedeutungsvolle Bewegungen, die in ihm aufbrausten, als ich diese oder jene Äußerung ohne irgend eine Absicht hingeworfen hatte, all dies flößt mir – das Wort sei ausgesprochen – Furcht und Mißtrauen ein. Ich kann ihn nicht für das ruhige, fleckenlose Wesen halten, als welches er erscheint. Madeline, ich habe mich mehr als einmal gefragt: ist dieser Verdacht Wirkung der Eifersucht? mess' ich sein Benehmen mit dem gallsüchtigen Auge eines besiegten Nebenbuhlers? und ich bin mit meinem Gewissen darüber ins Reine gekommen, daß mein Urteil nicht durch diese Motive bestimmt wird. – Halt! hör' mich nur noch eine Minute an. Du hast einen hohen, denkenden Geist. Zeige ihn jetzt. Überlege, daß dein ganzes Glück von einem Schritt abhängt! Bedenke, prüfe, vergleiche! Erinnere dich, daß Aram nicht wie die andern, mit denen du bisher umgingst, sein Leben vor deinen Augen zugebracht hat! Von seiner wahren Gemütsbeschaffenheit, von seinen geheimen Eigenschaften kann dir nur wenig bekannt sein; noch weniger von der Richtung, die sein früheres Leben nahm. Das einzige, was ich von dir um deiner selbst willen, um meinetwillen, um deiner Schwester und deines guten Vaters willen bitte, ist, keinen zu raschen Entschluß zu fassen! Liebe ihn, wenn du willst, aber beobachte ihn!« »Bist du fertig?« sagte Madeline, die sich bis jetzt nur mit Mühe beherrscht hatte, »dann höre mich. Bin ich es? Ist es Madeline Lester, von welcher du verlangst, daß sie die Wächterin, die Ausspäherin des Mannes mache, dessen Liebe sie mit Entzücken durchschauert? Ist es nicht genug, daß du dich erniedrigst, auf jeden absichtslosen Blick zu merken – jedes unbedachte Wort in deinem Gedächtnis festzuhalten – finstere Folgerungen aus dem arglosen Vertrauen des Freundes meines Vaters zu ziehen – mit der Böswilligkeit eines Feindes dich an alles zu hängen, was ihm im harmlosen Gespräch entschlüpfen mochte – die Sanftmut selbst zum Zorn zu bringen, damit du den Zorn zum Verbrechen verdrehen könntest! Schande, Schande über dich, über diese Niedrigkeit. Und kannst du glauben, daß ich, der er sein edles Herz anvertraut hat, dieses Pfand nur hingenommen habe, um die Erlauscherin seiner Geheimnisse zu machen? Hinweg!« Ein edles Rot färbte Wangen und Stirn der hochgesinnten Jungfrau, während sie den bittern Vorwurf aussprach; ihre Augen funkelten, ihre Lippe zitterte, ihre ganze Gestalt schien größer geworden zu sein durch die Majestät der zürnenden Liebe. »Grausame, Ungerechte, Undankbare!« rief Walter aus, blaß vor Wut und bebend im Kampf der aufwallenden verwundeten Gefühle; »so antwortest du auf die Warnung uneigennütziger, selbstvergessender Liebe?« »Liebe!« rief Madeline. »gieb mir Geduld, o Gott! – Liebe! Noch vor wenigen Augenblicken fühlte ich mich geehrt durch die Zuneigung, die du, wie du sagtest, für mich empfindest. Jetzt schäm' ich mich, auch nur das kleinste Gefühl in einem Menschen erregt zu haben, der so wenig weiß was Liebe ist! – Liebe! mich dünkt, dieses Wort schließe alles in sich, was groß und edel in der Menschennatur ist – Vertrauen, Hoffnung, Hingebung, Preisgebung jedes Gedankens an uns selbst! Du aber willst es zum Abbild und Inbegriff alles desjenigen machen, was erniedrigt und entwürdigt! – Argwohn –Verdächtelei – Furcht – Selbstsucht in allen ihren Gestalten! Du weißt nichts von Liebe!« »Genug, genug! Sprich nicht weiter, Madeline, nicht Weiter! Wir scheiden nicht, wie ich gehofft hatte; aber sei es so! Wahrlich, du bist umgewandelt, wenn dein Gewissen dich später für diese Ungerechtigkeit nicht anklagt. Lebe wohl und möge es dich niemals, weder um das Herz, das du verstoßen hast, noch um die Freundschaft, an welcher du jetzt einen Verrat begehst, gereuen.« Mit diesen Worten rannte Walter fort, von der Macht seiner Gefühle übermannt. Er stürzte nach dem Hause in ein kleines Gemach neben seinem Schlafzimmer, das bisher bloß zu seinem Gebrauch bestimmt gewesen war. Jetzt standen Koffer und Kistchen darin umher, einige erst halb gepackt, andere bereits mit Stricken gebunden und mit der Adresse überschrieben, an welche sie nach London gesandt werden sollten. Der unvermutete Anblick all dieser stummen Zeichen seiner bevorstehenden Abreise überwältigte seine stürmende Seele. »Soll ich so – so,« rief er laut aus, »zum erstenmal aus dem Hause meiner Kindheit scheiden?« Er warf sich auf einen Stuhl und, das Gesicht mit beiden Händen bedeckt, brach er gänzlich niedergedrückt und überwältigt in einen Strom von Thränen aus. Als diese Erregung vorüber, war ihm, als ob die Liebe zu Madeline ebenfalls verschwunden wäre; eine wunde, bittere Empfindung war alles, was ihr Bild jetzt in ihm erregte. Dieser Gedanke gereichte ihm einigermaßen zum Trost. »Gott sei Dank,« murmelte er, »Gott sei Dank, wenigstens bin ich geheilt!« Der Dank war kaum ausgesprochen, als sich die Thür leise öffnete. Ohne ihn gewahr zu werden, trat Ellinor herein und legte eine Börse, die sie ihm längst zu häkeln versprochen, und die jetzt zum Abschiedsgeschenk bestimmt schien, auf den Tisch. Sie seufzte tief, und er bemerkte, daß ihre Augen wie vom Weinen rot waren. Er regte sich nicht und Ellinor verließ das Zimmer wieder, ohne ihn bemerkt zu haben; er blieb bis zur Dunkelheit in Gedanken über ihr Erscheinen verloren; und eh' er endlich die Treppe hinabstieg, nahm er die kleine Börse, küßte sie und steckte sie sorgfältig in seinen Busen. Bei Tisch setzte er sich diesen Abend an Ellinors Seite, und obwohl er nur wenig sprach, so waren seine letzten Worte doch mehr für sie, als ihr früher je ein Wort gewesen. Beim Gutenachtwünschen flüsterte er, indem er ihr die Wangen küßte: »Gott segne dich, teure, liebe Ellinor, trage Sorge für dich, bis ich wieder zurückkehre, um eines Menschen willen, der dich jetzt mehr als alles auf der Welt liebt.« – Lester war eben aus dem Zimmer gegangen, um einige Briefe für Walter zu schreiben; Madeline, die bisher in sich versunken und still am Fenster gesessen, näherte sich ihm jetzt und bot ihm ihre Hand. »Verzeih' mir, lieber Vetter,« sagte sie mit ihrem sanftesten Ton, »ich fühle, daß ich übereilt und tadelnswert gehandelt habe. Glaub' mir wenigstens, daß ich dankbar, von Herzen dankbar für die Liebe bin, welche dich zu deinen Worten vorhin veranlaßte.« »Nicht so,« entgegnete Walter bitter, »der Rat eines Freundes ist nur eine Niedrigkeit.« »So verzeih mir, ich bitt' dich. Laß uns nicht unfreundlich von einander scheiden. Wann hatten wir je vormals Streit? Ich that dir Unrecht, großes Unrecht, ich will jede Buße thun, die du mir auflegst,« »Wohlan, so folge dem Wink, den ich dir gegeben.« »Alles, nur dies nicht,« sagte Madeline feierlich, indem sie hoch errötete. Walter sprach nichts weiter, er drückte ihre Hand leicht und wandte sich ab. »Ist alles verziehen?« fragte sie mit so einschmeichelnder Stimme, so holdem Lächeln, daß Walter gegen sein Gewissen antwortete: »Ja.« Die Schwestern verließen das Zimmer. Ich weiß nicht, welche von beiden den letzten Blick erhielt. Jetzt kam Lester mit den Briefen zurück. »Noch habe ich einen Auftrag, mein lieber Junge,« fügte er am Schluß der moralischen Vorschriften und erprobten Regeln hinzu, womit junge Leute das elterliche Haus gewöhnlich verlassen (ob praktisch durch dieses Vermächtnis besser gestellt oder nicht, wollen wir hier nicht entscheiden): – »noch habe ich einen Auftrag, den ich deinem Verstand und deinem Eifer nicht erst anzuempfehlen brauche. Du kennst meinen festen Glauben, daß dein Vater, mein armer Bruder, noch lebt. Ist es nötig, dir erst noch einzuschärfen, daß du alle Mittel und Wege versuchst, eine Spur von seinem Schicksal zu entdecken? Wer weiß« – setzte er lächelnd hinzu – »ob du ihn nicht als einen reichen Nabob findest? Ich gestehe, daß ich nur wenig erstaunt wäre, wenn es sich wirklich so verhielte; auf jeden Fall wirst du jede mögliche Nachforschung anstellen. Auf diesem Papier hab' ich die wenigen nähern Umstände verzeichnet, die ich über ihn zu erfahren im stande war, seit er von uns geschieden ist; die Orte, wo man ihn zuletzt gesehen, die falschen Namen, die er angenommen. Ich bin höchst gespannt, ob deine Bemühungen zu einem weitern Ergebnis führen werden.« »Sie hätten nicht nötig gehabt, lieber Oheim,« antwortete Walter ernst, »mit mir über diesen Gegenstand zu sprechen. Niemand, Sie selbst nicht, kann gefühlt haben, was ich fühlte; kann diese Angst, diese Hoffnung, in gleichem Grade genährt, sich so vielen Vermutungen hingegeben haben. Es ist wahr, ich habe in den letzten Jahren nur wenig mit Ihnen über einen Gegenstand gesprochen, der uns beide so nah' angeht, aber ganze Stunden Hab' ich unter Vorstellungen über das Schicksal meines Vaters und in dem Traum zugebracht, daß mir die stolze Aufgabe vorbehalten sei, diesem Schicksal auf die Spur zu kommen. Ich will nicht sagen, daß dasselbe im jetzigen Augenblick der Hauptgrund ist, warum ich zu reisen wünsche, aber auf der Reise wird es mein Hauptziel sein. Vielleicht find' ich ihn nicht nur reich – was für mich nur ein untergeordneter Wunsch ist – sondern auch ernüchtert und bekehrt von den Irrtümern und dem wilden Treiben seiner frühern Jahre. O! wie dankbar würde er Ihnen für all die Sorgfalt sein, womit Sie an seinem verlassenen Kinde Vaterstelle vertreten haben, und wohl nicht zum mindesten wäre er dafür erkenntlich, daß Sie, sein Benehmen in einem mildern Licht darstellend, mich gelehrt haben, seine Liebe immer noch hoch zu achten und zu suchen!« »Du hast ein gütiges Herz, Walter,« sagte der gute Alte, indem er dem Neffen die Hand drückte, »und das hat mich für das wenige, was ich für dich gethan, mehr als belohnt; es ist besser, Güte in ein braves Herz zu säen, als Korn in ein Feld, denn die Ernte des Herzens dauert ewig.« Mannigfach, scharf und ernst waren die Betrachtungen Walter Lesters in dieser Nacht, Er war daran, das Haus zu verlassen, in welchem er seine Jugend zugebracht, in welchem seine erste Liebe entstanden und erstorben war. Die Welt lag vor ihm, aber etwas Ernsteres als das bloße Vergnügen, etwas Bestimmteres als die bloße Lust seine Kraft zu versuchen, rief ihn hinaus. Die Enthüllung des tiefen Geheimnisses, das seit so vielen Jahren über dem Schicksal seines Vaters geschwebt, mochte vielleicht ihm vorbehalten sein, und mit einem unserer Natur häufig innewohnenden Eigensinn fühlte sich der Sohn in seinem dunkeln Drange eben deshalb lebhafter zu dem Vater hingezogen, weil er sich in nichts mehr seiner zu erinnern vermochte. Die kindliche Liebe hatte sich an Neugier und Phantasie genährt, und so war der treulose Vater auf diesem Wege fast glücklicher in der Gewinnung des Herzens von seinem Sohne gewesen, als wenn er sich dessen Liebe durch jahrelange Zärtlichkeit verdient hätte. Bedrückt und fieberhaft aufgeregt öffnete Walter den Laden seines Zimmers. Der volle Herbstmond stand am Himmel und füllte die Luft wie mit einem milderen, heiligeren Tage. In der Entfernung ließ sein Schimmer die dunkeln Umrisse von Arams Wohnung eben hervortreten, während er unter dem Fenster hell und fest auf dem grünen stillen Kirchhof lag, der an das Haus stieß. Luft und Licht minderten die Beängstigung im Herzen des jungen Mannes, gaben aber dem Entschluß und Wunsch, in denen es schlug, etwas Feierliches. Noch hinausgelehnt, die Augen auf den stillen Schauplatz unter sich geheftet, sprach Walter ein flehendes Gebet aus, daß seinen Händen die Entdeckung des verlorenen Vaters gewährt werden möge. Das Gebet schien den Druck von seiner Brust fortzunehmen; er fühlte sich heiter und erleichtert, warf sich auf sein Bett und versank bald in den festen und gesunden Schlaf der Jugend. Und o! laßt die Jugend dieses beste aller Erdengüter genießen, solange es ihr noch zu Gebot steht, denn einst kommt der Tag für alle, wo »weder der Klang der Laute noch der Vögel« Non avium citharaeque etc. den süßen Schlummer zurückführt, der auf die jugendlichen Wimpern von selbst wie der Tau herabfiel. Es ist eine finstere Zeit im Leben des Menschen, wenn der Schlaf ihn verlaßt: wenn er sich um und um wälzt, und die Gedanken doch nicht schweigen wollen; wenn Tropfen und Essenzen nur Betäubung, nicht Schlaf, herbeizuschmeicheln vermögen; wenn das Flaumkissen zum knotigen Holzblock wird; wenn die Augenlider sich nur mit Gewalt schließen, und Ziehen und Schwere und Schwindel am andern Morgen in den Augen liegen. Sehnsucht, Herzensnot, Liebe sind die Quälerinnen des Jünglings, aber sie sind Geschöpfe der Zeit; die Zeit bringt sie und nimmt sie wieder, und solange die Tage noch nicht gekommen, von welchen geschrieben steht: »Sie werden dir nicht gefallen« – sind die durchwachten Stunden zwar beschwerlich, aber kurz und ihrer wenige. Rückerinnerung, aber, Sorge, Ehrsucht. Geiz: das sind die Dämonen, an welchen ihre Mutter, die Zeit, erlahmt. Die niedrigern Leidenschaften sind das Ergebnis der reifern Jahre, und ihr Grab Wird nur mit unserem eigenen gegraben. Wie die dunkeln Geister in der nordischen Sage, die gegen jeden Ankömmling eines lichtern, heiligern Geschlechts Wache halten, damit er sie nicht in ungehüteter Stunde ergreife und in Fesseln schlage, wachen sie nachts über dem Eingang zu jener tiefen Höhle – dem Herzen des Menschen – und verscheuchen den Engel Schlaf. Zweites Buch. Άμφι δ' ανθρώπων φρεσὶν αμπλακίαι Αναρίθματοι κρέμανται. Του̃το δ' αμάχανον ευρει̃ν, ´Ο τι νυ̃ν, καὶ εν τελευτα̃ φέρτατον ανδρὶ τυχει̃ν Um der Menschen Herz schwebt Zahlloser Wahn. Unmöglich aber ist es zu finden Was jetzt, und am Ende Am besten sei für den Mann. Pindar. Erstes Kapitel. Die Heirat wird angeordnet. – Hoffnungen und Entwürfe Lesters. – Munterkeit des Temperaments eine gute Empfehlung. – Wahrheit und Innigkeit von Arams Liebe. Liebe taugt besser als eine Brille, um alles, was man durch sie betrachtet, größer erscheinen zu lassen Sir Philipp Sidney , Arkadien. Da nunmehr Arams Neigung zu Madeline dem Squire in aller Form mitgeteilt und Madelines Einwilligung mit etwas weniger Förmlichkeit erhalten worden war, blieb nichts mehr zu thun, als die Zeit der Hochzeit festzusetzen. Lester hatte es vermieden, Aram über seine Vermögensumstände zu befragen, der Gelehrte äußerte aber aus freiem Antrieb, daß wenn dieselben auch wirklich kaum das Maß erreichten, das man im allgemeinen ein hinreichendes Auskommen zu nennen pflegt, sie doch einen Mann von seinen geringen Bedürfnissen und seiner zurückgezogenen Lebensweise in stand setzten, auf eine Mitgift gänzlich zu verzichten, besonders in einer so abgelegenen und wohlfeilen Gegend des Landes, und bei einer Gattin, die, wie Madeline, die Zurückgezogenheit ebensosehr als er selbst liebe. Gleichwohl machte sich der gute Lester anheischig, seiner Tochter so viel mitzugeben, daß auch für etwaigen Zuwachs der Familie oder mögliche Ungunst des Schicksals gesorgt wäre. Denn läßt das Glück sein Rad an manchen Orten auch langsamer gehen, so giebt es doch keine Stelle, wo seine Umdrehung ganz aufhört. Es war jetzt Mitte September, und man beschloß, die Vermählung der Liebenden Ende des nächsten Monats zu feiern. Nicht ohne ein schmerzliches Gefühl für seinen Neffen hatte Lester in diesen Vorschlag gewilligt, aber er tröstete sich mit einer langgenährten Hoffnung, daß Walter nämlich nicht nur geheilt von seiner fruchtlosen Neigung zu Madeline, sondern auch in einer Stimmung, welche ihn für die Reize ihrer Schwester empfänglicher machen dürfte, zurückkehren werde. Seit Jahren war eine Heirat zwischen diesen beiden Geschwisterkindern sein Lieblingsplan gewesen. Ellinores lebhafte, heitere Gemütsart, ihre Hinneigung zur Haushaltung, ihr frohes Lachen, ihr einnehmender Mutwille, der sich selbst in ihren Fehlern zeigte, war eigentlich sämtlich mehr nach Lesters innerstem Herzen als die ernstere, höhere Natur der ältern Tochter. Dies mochte hauptsächlich daher rühren, weil jene Charakterzüge ihn mehr an seine verstorbene Frau erinnerten und somit seinem Ideal mehr entsprachen: übrigens neig' ich mich auch der Meinung zu, daß je älter die Menschen werden, sie, mögen sie an sich auch von gesetztem und nüchternem Temperament sein, desto mehr die Heiterkeit und Schnellkraft der Jugend bevorzugen. Oft hab' ich mit Vergnügen wahrgenommen, wie in einem glücklichen, alle Lebensalter umfassenden Familienkreise es gerade das lebhafteste und wildeste Kind ist, woran der Großvater die herzlichste Freude hat. Und schließlich verhält es sich vielleicht mit Menschen wie mit Büchern! Die ernsthaften und gedankenvollen mögen mehr bewundert werden als die leichten und heiteren, aber beliebt sind sie weniger: nicht nur, daß die ersteren in ihrer mehr abstrakten und vertieften Art weniger Personen finden, die im stande sind, ihre Verdienste zu beurteilen, sondern was der großen Mehrzahl menschlicher Wesen als Ziel vorschwebt, ist Vergnügen, und in natürlicher Folge lieben sie diejenigen am meisten, die ihnen das meiste Vergnügen gewähren. Ja, dieser Vorzug nimmt einen so ausgedehnten Platz im gewöhnlichen Leben ein, daß ich glaube, wenn ein aufmerksamer Beobachter ein Verzeichnis aller derjenigen machen wollte, die Legate erhalten haben, oder welchen unerwartet ein Vermögen zufiel, er finden würde, daß auf einen ernsten Charakter, dem ein solches Glück zu teil ward, mindestens zwanzig heitere kommen. – Immerhin möchte man mir endlich einwenden, daß ich die Wirkung für die Ursache nehme! Wenn übrigens – um von unsern spekulativen Forschungen zurückzukehren – Lester die Leidenschaft seines Neffen für Madeline sehr spät wahrgenommen, so hatte er doch längst das Geheimnis von Ellinors Neigung zu jenem durchschaut, und sah nun der endlichen Erfüllung eines liebevoll gepflegten Familienplanes eher mit Zuversicht als mit Zweifeln entgegen. Er gefiel sich in dem Gedanken, daß wenn erst durch diese Doppelheirat der letzte wunde Fleck aus Walters Gemüt verwischt sei, man sich kein enger verbundenes, glücklicheres Haus würde denken können. Auch zeigte Ellinor seit jenen Abschiedsworten des Vetters, weit entfernt, über seine Abwesenheit untröstlich zu sein, vielmehr eine rosigere Wange, einen leichtern Schritt, als seit vielen Monaten der Fall gewesen. Welch eine Welt von Gefühlen, die keine Niedergeschlagenheit aufkommen lassen, liegt im Herzen der Jugend angehäuft! Wie ein Springquell sich aus den Kanälen füllt, die einen andern entleeren, lernen wir Weisheit erst auf Kosten der Hoffnung. – Aus solcher oder ähnlicher Ursache geschah es denn, daß Walters Abwesenheit eine minder traurige Lücke im Familienkreise zurückließ, als man hätte erwarten sollen: dazu nahm die herannahende Hochzeit Madelines und ihres Freundes natürlich die Gedanken eines jeden in bedeutendem Maße in Anspruch und herrschte im gegenseitigen Gespräch vor. Mochte auch Madeline die Verdienste Arams überschätzen: ein Verdienst – das größte in den Augen eines liebenden Weibes, besaß er auf jeden Fall. Nie wurde ein Mädchen brennender, tiefer geliebt als sie, welche die langschlummernde Leidenschaft in seinem Herzen zuerst zum Erwachen gebracht hatte. Mit jedem Tage schien das Feuer seiner Zärtlichkeit zu wachsen. Mit welcher Ängstlichkeit bewachte er jeden ihrer Fußtritte! – Mit welcher Abgötterei hing er an ihren Worten! – Mit welcher lautlosen überwallenden Bewegung blickte er auf die wechselnde Sprache ihrer Wange. Seit Walter sich entfernt, hatte er beinahe seine Wohnung im Herrenhause aufgeschlagen. Früh morgens kam er schon, und selten kehrte er heim, bevor sich die Familie zur Ruhe begab. Und selbst dann, wenn alles im Schweigen lag und sie ihn unter seinem einsamen Dach glaubten, verweilte er noch stundenlang in der Nähe des Hauses, um zu Madelines Fenster hinaufzusehen, als wär' er gebannt an den Ort, der den Zauber ihrer Gegenwart in sich schloß. Madeline entdeckte diese Gewohnheit und schalt sie, aber so zärtlich, daß er nicht davon geheilt ward; von ihrem Fenster aus bemerkte sie noch immer von Zeit zu Zeit, wie seine dunkle Gestalt im Lichte des Herbstmondes unter den Bäumen hinschlich, oder bei den niedern Gräbern auf dem stillen Kirchhof weilte, dem Ruheplatz der Herzen, die einst vielleicht so ungestüm wie das seinige geschlagen hatten. Es konnte nicht fehlen, daß eine solche Liebe von einem so hochbegabten Menschen wie Aram, eine Liebe, die in ihrem Wesen Wahrheit, in ihrem Ausdruck Dichtung war, ein so junges, so romantisches, so enthusiastisches Mädchen, wie Madeline Lester, gänzlich bemeistern und überwältigen mußte. Wie tief und köstlich mußte das Gefühl ihres Glückes sein! In dem reinen Herzen des Weibes, das zum erstenmal liebte, ist die Liebe viel schwärmerischer als in demjenigen eines Mannes, weil kein Fieber des Verlangens sie nebenher durchschauert – solche Liebe ist der einzige Zustand im menschlichen Dasein, welcher Ruhe und höchstes Entzücken zuläßt. Zweites Kapitel. Ein erfreuliches Beispiel von einem Edelmann und Hofmann. – Ein Mann von einigen Schwächen und vielen Vorzügen. Titinius Capito wird sprechen. Er ist ein Mann von einem trefflichen Charakter und gehört zu den Hauptzierden seiner Zeit. Er beschäftigt sich mit Litteratur, liebt Gelehrte u.s.w. Lord Orrerys Plinius. Um jene Zeit hatte der Graf von ..., der erste Edelmann des Bezirks, dessen Landsitz etwa anderthalb Stunden von Grünthal entfernt lag, seine Besitzung, wie er dies in jedem Jahre gewohnt war, wieder auf einige Zeit bezogen. Dieser Mann kommt in der Geschichte jener Tage sehr häufig vor, mehrfache Gründe bestimmen mich jedoch, seinen Namen hier zu verschweigen. Er war ein Hofmann – durchdringend, schlau, von vollendeter Schule; aber edler Gefühle, eines umfassenden Gesichtskreises fähig. Obwohl er in Bezug auf seine Angelegenheiten nur für den Augenblick zu leben schien, so drang sein heller Geist doch weit darüber hinaus. Ihm gebührt das Verdienst, unter allen seinen Zeitgenossen (Lord Chesterfield ausgenommen) der einzige gewesen zu sein, der mit klarer Voraussicht jenen düstern, furchtbaren Sturm verkündete, welcher gegen das Ende des Jahrhunderts über Frankreichs Laster ausbrach, um – ein grauenvoller Rächer wie ein heilsamer Reiniger – Frankreichs Elend hinwegzufegen. Aus dem beschränkten Bereich geräuschvoller Nichtigkeiten, worin zu leben Hofleute verdammt sind, und in welchem er ebensosehr durch den Glanz seines Geistes als die Anmut seines Benehmens hervorstach, umfaßte der scharfe, weitsichtige Blick des Grafen ... vollkommen das außerhalb liegende weite Gebiet, welches Männern seines Standes und seiner Lebensgewohnheiten gewöhnlich verhüllt bleibt. Männer, die jenen kleinen Kern, den man Welt nennt, am besten kennen, sind nichtsdestoweniger oft gänzlich unbekannt mit dem Menschen; es gehörte aber zu den charakteristischen Zügen des Grafen, daß er sich nicht nur über die ganze äußere Erscheinung seines Geschlechtes höchst klar war, sondern auch dessen tieferes, verborgenes Wesen und Wollen durchschaute. Seine hinterlassenen Werke und Briefe, so wenig bändereich sie sind, zeugen von einer vollendeten Kenntnis der menschlichen Natur durch all' ihre Abstufungen. Die Feinheit des Geschmacks erscheint in diesen Schriften noch als das geringere Verdienst im Vergleich mit der Kraft des Verstandes. Vielleicht mochte er die Schlechtigkeit der Menschen besser kennen, als ihre Tugenden, aber er war weit entfernt von einem seichten Unglauben an letztere; er las mit zu hellem Blick in dem Herzen, als daß ihm hätte unbekannt sein sollen, wie dieses ebenso oft durch Liebe als durch Selbstsucht geleitet wird. In seinem frühern Leben hatte man ihm nicht ohne Grund ungeregelte Sitten vorgeworfen, aber selbst in jenem Hang zum Vergnügen war er von Schwäche wie von Roheit gleich entfernt geblieben, weder ein unbesonnener Thor noch ein verhärteter Lüstling gewesen. Doch hatten ihm seine Anmut, sein Rang, sein Reichtum den Sieg allenthalben zu wohlfeil erkauft und so erfuhr er das Schicksal aller Lebemänner: derjenige Teil seiner Weltkenntnis, welcher noch am ehesten Täuschungen unterlag, bezog sich auf das weibliche Geschlecht Er urteilte über die Frauen nach einem Maßstab, der zu sehr von demjenigen abwich, welchen er auf Männer anwandte, und betrachtete Schwächen, welche im Wesen des Menschen überhaupt liegen, als ausschließlich nur dem Weibe zukommend. Von Natur war er ernsthaft und nachdenklich, und obwohl es ihm keineswegs an Witz fehlte, brachte er denselben nur selten in Anwendung. Er war gezwungen, mit oberflächlichen, auf Äußerlichkeit gerichteten Menschen zu leben, ihm selbst aber konnte man leeres Schaugepränge oder Frivolität niemals vorwerfen. Als Diplomat und Staatsmann gehörte er zwar der alten, auf einer falschen Ansicht beruhenden Schule der politischen Ränkeschmiede an; seine Lieblingspolitik blieb indessen, allenthalben die Versöhnung zu versuchen. Trefflich würde er für die jetzige Zeit insofern gepaßt haben, als niemand besser verstanden hätte, eine Nation geschickt an allen Möglichkeiten eines Krieges vorüberzusteuern. Jakob I. konnte nicht stärker für den Frieden eingenommen sein als er; aber die Gewandtheit des Ministers würde diesen Frieden ebenso ehrenvoll gemacht haben, als ihn die Schwäche des Königs schimpflich zu machen nur immer im stande gewesen wäre. Bis auf einen gewissen Grad nicht ohne Ehrgeiz, aber nie zudringlich noch niedrig, gewann er für seine Fähigkeiten nie ganz das ausgedehnte Feld, welches sie wahrscheinlich verdienten. Er liebte ein angenehmes Leben über alles und wußte, daß, wie Thätigkeit die Seele des Wohlbehagens, so Ermüdung das Gift für dasselbe ist. Seiner Zeit erfreute er sich in bedeutendem Maße jener Aufmerksamkeit des Publikums, welche in der Regel in Nachruhm übergeht, allein aus verschiedenen Ursachen (unter welchen seine eigene Mäßigung nicht zuletzt zu rechnen ist) steht gegenwärtig sein Ruf bei weitem nicht so hoch, als das Urteil seiner ausgezeichnetsten Zeitgenossen es erwarten ließ. Für Männer von hohem Range ist es viel schwieriger, bei der Nachwelt glänzenden Ruhm zu genießen, als für Personen von untergeordneteren, sozusagen gesünderen, Lebensverhältnissen. Selbst die Größten unter den ausgezeichneten Menschen patrizischen Standes büßen in den Augen der Nachwelt gerade für diejenigen Eigenschaften – meistens blendende Fehler oder glänzende Excentricitäten – die zu ihrer Zeit die Aufmerksamkeit am stärksten auf sie gezogen hatten. Man vergiebt einem Burns seine Liebeshändel, sein wildes Treiben eher, als einem Bolingbroke oder Byron ähnlicher Anstoß nachgesehen wird. Unser Graf liebte die Gesellschaft wissenschaftlicher Männer; er selbst besaß eine umfassende, vielleicht sogar gründliche Belesenheit. Jedenfalls war seine Bildung tiefer, als man in der Regel dafür hielt, wenn er es auch mit der gewöhnlichen Geläufigkeit eines gewandten Kopfes verstand, eine noch eben erworbene Notiz so hinzuwerfen, daß die Erwähnung als Durchbruch einer ausgebreiteten Gelehrsamkeit erschien. Er war ein Mann, der das Verdienst anderer augenblicklich erkannte und edelsinnig anerkannte. Kein Kenner erschien in seinem Urteil über die Künste glücklicher, oder war in der Wahl der Gegenstände, denen er seine Gönnerschaft zuwandte, gerechter. Kurz, nach all seinen Vorzügen gehörte er zu denjenigen, auf welche eine Aristokratie stolz sein kann, wenn auch das Volk sie vergißt; und wenn kein großer Mann, war er mindestens ein sehr merkwürdiger Lord. Bei der letzten Anwesenheit auf seinen Gütern hatte er nicht vergessen, den ausgezeichneten Gelehrten zu besuchen, der so hellen Glanz auf jene Gegend warf. Arams Benehmen und Gespräch hatten einen großen Eindruck auf ihn gemacht, und mit dem gewohnten Glück, womit der gewandte Weltmann seine Natur denjenigen anzupassen verstand, mit welchen das Ungefähr ihn zusammenführte, war es ihm gelungen, sich seinerseits bei jenem in Gunst zu setzen. Zwar vermochte er den stolzen, menschenscheuen Gelehrten nicht zu einem Besuch, auf dem gräflichen Schloß zu überreden, aber der Lord verschmähte es nicht, jeden, von welchem er Belehrung erhalten konnte, seinerseits selbst aufzusuchen. So war er denn absichtlich zwei bis dreimal mit Aram zusammengetroffen und hatte dessen Zurückhaltung jedesmal zu überwinden gewußt. Mit Vergnügen und noch mehr mit Verwunderung hörte er jetzt, der strenge Einsiedler sei daran, sich mit der schönsten Blume der Grafschaft zu verbinden, und er beschloß die erste Gelegenheit zu benutzen, um im Lesterschen Hause vorzusprechen und dessen Bewohnern Besuch und Glückwunsch abzustatten. Von einem verständigen vornehmen Mann, welcher von Geburt an die seinem Stande zukommende Ehre genossen hat, kann man mit Recht erwarten, daß er derselben gelegentlich überdrüssig sein müsse; daß er oft ein Vergnügen am Umgang gerade mit denjenigen finden werde, welchen er durch solche Herablassung am wenigsten imponiert. Nicht als wollte ich sagen, er werde die Gesellschaft jener gemeinen Emporkömmlinge suchen, welche Ungeschliffenheit für Selbstgefühl halten; – kein Mensch, der sich selbst achtet, wird einem andern Achtung versagen! – aber diese Achtung soll sich auf eine ungezwungene Weise äußern: – nicht jeder Große ist, wie Ludwig XIV., bloß dann zufrieden, wenn er die, welche er anredet, außer Fassung bringt. Eben in der Einfachheit Lesters und seiner Tochter lag daher mitunter der Grund, welcher diese Familie dem Grafen besonders angenehm machte; und die reichern, aber von ihm weniger bevorzugten Squires der Grafschaft, steif in ihrem ungelenken Stolz und emsigst bemüht, ihre noch ungelenkere Ehrerbietung an den Tag zu legen, hörten mit Erstaunen und Ärger von den zahlreichen Besuchen, welche Seine Herrlichkeit während ihres kurzen Aufenthaltes im großen Schloß den Lesters jedesmal abzustatten pflegte, sowie von den fortwährenden Einladungen, welche letztere sogar zu den Festen des vertrauteren Kreises dorthin erhielten. Lord ... liebte die Jagd nicht, und als eines Morgens alle seine Gäste über die Stoppeln des Septembers her waren, bestieg er einen ruhigen Klepper und machte sich heitern Muts auf den Weg zu Lesters Hause. Es war gegen Ende des Monats, und einer der frühesten Herbstnebel hing dünn über der Landschaft. Wie sich der Graf um den Hügel wandte, worauf sein Schloß lag, bot die Gegend, die sich unter ihm ausdehnte, durch die grauen, in wunderlicher Gestalt darüberschwebenden Dünste einen düstern, schwermütigen Anblick. Ein breiterer, weißerer Duft, der sich in der Niederung des Thales hinzog, deutete den Lauf des Baches an, und jenseits desselben, zur Linken, erhob sich undeutlich und geisterhaft die Turmspitze der kleinen Kirche neben Lesters Wohnung. Indem sich das Auge des Reiters eben nach jenem Fleck hinrichtete, brach die Sonne plötzlich durch und enthüllte wie mit einem Zauberschlag das liebliche stille Dörfchen unten – die Bauernhäuser mit ihren freundlichen Gärten und jasminumrankten Thorwegen, den Bach noch halb in Nebel, halb in Licht, während da und dort eine Dunstsäule, wie ein Wagen der Wassergötter, über seinem Spiegel sich erhob und unter dem Lächeln der unerwarteten Sonne in tausend Farben zerfloß. Aber fern zur Rechten, noch dichte Nebel um sich her und kaum den äußern Umrissen nach erkennbar, stand das einsame Haus des Gelehrten, als wollten die dunklern Geister der Luft ihre zertrümmerte Rüstung von Qualm und Schatten dort noch einmal sammeln. Der Graf war nicht besonders empfänglich für landschaftliche Eindrücke, aber unwillkürlich hielt er jetzt sein Pferd an und verweilte ein paar Augenblicke auf der reizenden eigentümlichen Gestaltung, welche die Gegend so plötzlich angenommen hatte. Indem er so vor sich schaute, nahm er feldeinwärts in geringer Entfernung drei bis vier Personen um einen kleinen Hügel her wahr, und glaubte unter ihnen Rowland Lesters angenehme Gestalt zu bemerken. Ein zweiter Blick überzeugte ihn, daß seine Vermutung richtig war, und von der Straße durch eine Heckenöffnung abbiegend, ritt er auf die Gruppe zu. Bald konnte er bemerken, daß der Rest der Gesellschaft aus Lesters Töchtern, dem Verlobten der ältern und noch einem vierten bestand, in welchem er sofort einen berühmten französischen Botaniker erkannte, der vor einiger Zeit in England angekommen war und jetzt einen Streifzug durch die anziehenderen Gegenden der Insel machte. Mit Recht vermutete der Graf, Herr N. werde nicht versäumt haben, sich Arams Beistand in einem Geschäft zu erbitten, worin letzterer als ausgezeichneter Kenner berühmt war, und möge sofort von diesem hieher geführt worden sein, indem hier vielleicht die eine oder andere merkwürdige Pflanze wuchs. Er gab das Pferd an den Reitknecht und gesellte sich den übrigen zu. Drittes Kapitel. Worin sich der Graf und der Gelehrte über ernste, aber angenehme Dinge unterhalten. – Ansicht des Gelehrten über das einzige Erdenglück. Aram ... Wenn zur Weisheit uns Der Hoffnung Schmeichelton den Zugang mehrt, So ist mir, wenn ich wiederkehr' zu diesen (auf seine Bücher zeigend), Des Unglücks einz'gen Freunden, und ich dann Mit ihrer Stimme mächt'gen Zauber sänft'ge Das laute Babel dieser innern Welt – Als müßte meiner Jahre lange Pein Einst Ruh' in einer Klausnerzelle finden, Und, fern der mühsam umgehackten Erde, Ich unterm lichten Aug' geliebter Sterne, In Felsenhöhlen und in Bergesklüften, – Die Flut des Meers, die tondurchhauchten Winde Orakel mir und Brüder! – dieses Leben Hinab den Strom des Wissens gleiten sehen Und seine Wogen mir in stiller Feier Des Himmels und der Erde tausend Farben Ins Auge spiegeln. Aus Eugen Aram , einer handschriftlichen Tragödie. Der Graf setzte den begonnenen Spaziergang mit der Gesellschaft fort, und als sie nach Beendigung ihres Geschäfts heimkehrte, nahm er die herzliche Einladung des Squires zu einigen Erfrischungen im Herrenhause an. Der Zufall fügte, oder wußte es auch wohl der Graf herbeizuführen, daß Aram und er auf dem Wege nach dem Dorfe etwas hinter den übrigen zurückblieben, und ihr Gespräch dadurch für einige Minuten mehr zwischen ihnen allein geführt ward. »Bin ich es, Herr Aram,« sagte lächelnd der Lord, »oder ist es das Schicksal, das Sie zu einem Proselyten gemacht hat? Als wir das letzte Mal verständig und ruhig miteinander sprachen, behaupteten Sie, je enger der Kreis des Daseins gezogen sei, je mehr wir uns auf die reine, bloß von sich selbst abhängige Wirksamkeit des Geistes beschränkten, desto größer sei die Wahrscheinlichkeit unseres Glückes. Sie leugneten, daß Genuß, Ruhmbegier, Herzensneigung uns glücklich machen könnten: die Liebe und ihre Ketten waren aus Ihrem einsamen Utopien verbannt, und Ihrer Versicherung nach zeigte sich die wahre Lebensweisheit nicht in der Ausbildung unserer Gefühle, sondern lediglich in der Ausbildung unserer geistigen Fähigkeiten. Sie wissen, ich brachte eine andere Lehre vor, und mit dem begreiflichen Triumph eines feindlichen Parteiführers vernehm' ich, daß Sie jetzt daran sind, die praktische Anwendung einer Ihrer Dogmen aufzugeben, folglich auch, darf ich wohl hoffen, der Theorie selbst entsagt haben werden?« »Nicht so, mein Lord,« erwiderte Aram mit leichtem Erröten, »meine Schwäche beweist nur, daß meine Lehre schwer, nicht daß sie falsch ist. Noch immer wag' ich's, sie für richtig zu halten. Es wird uns durch unsere Mitmenschen mehr Schmerz als Lust veranlaßt – entfernen Sie alle Mitmenschen von sich, und Sie sind notwendig der Gewinnende. Thätigkeit des Geistes und Ruhe des Gemüts sind die beiden Zustände, die, wenn sie irgendwo vollkommen und vereinigt vorkämen, vollkommene Glückseligkeit gewähren würden. Es wäre eine Vereinigung, die alles in sich enthielte, was wir uns unter dem Himmel vorstellen, oder was wir unter der erhabenen Seligkeit Gottes begreifen!« »Doch so lange Sie noch auf Erden wandeln, werden Sie – glauben Sie mir – in dem Zustand, in welchen Sie jetzt einzutreten gedenken, seliger sein,« bemerkte der Graf. »Wer könnte dieses bezaubernde Gesicht sehen (er wandte das Auge auf Madeline) und nicht fühlen, daß dasselbe ein Pfand unzerstörbaren Glückes sein müsse?« Es lag nicht in Arams Natur, an irgend einer Anspielung, auf sich und am wenigsten an einer auf die Gefühle seines Herzens Gefallen zu finden: ohne zu antworten, wendete er sich ab. Der feinfühlige Graf wurde sich seiner Indiskretion im Augenblick bewußt. »Aber, lassen Sie uns,« fuhr er fort, »persönliche Verhältnisse beiseite sehen – das Mein und Dein hindert eine allgemeinere Beweisführung – und gestehen Sie, daß für die Mehrzahl der Menschen ein größeres Glück in der Liebe liegt, als in jenem erhabenen Zustand leidenschaftslosen Geisteslebens, zu dessen starrer Höhe sie uns hinaufschrauben wollen. Hat nicht Cicero weise gesagt, daß wir ebensowenig unsere Leidenschaften uns allzu sklavisch unterwerfen als dieselben unumschränkt zu unsern Gebietern machen sollen? Neque se minimum erigere, nec subjacere serviliter .« »Cicero liebte das Philosophieren mehr als die Philosophie,« antwortete Aram kalt. »Aber wahrhaftig, Mylord, die Neigungen des Herzens machen uns ebensoviel Schmerz als Lust. Der Zweifel, die Furcht, die Unruhe der Liebe – wahrlich das alles läßt nicht zu, daß die Leidenschaft zum wahren Glück werde. Ein einziger Gedanke scheint mir hinreichend, all ihre Freuden zu verbittern – der Gedanke, daß der geliebte Gegenstand sterben muß. Welch eine Ewigkeit von Angst ruft dieser Gedanke hervor! Der Sturz der Lawine, die uns zerschmettern kann, hängt von einem einzigen Lüftchen ab!« »Sollte das nicht eine überkünstelte Empfindung sein? Stumpft uns doch die Gewohnheit gegen jeden Wechsel, jede Gefahr, die uns stündlich treffen kann, ab. Hängt die Lawine erst einen Tag über Ihnen, so geb' ich Ihren qualvollen Zustand zu; hat dieselbe aber bereits jahrelang über Ihnen gestanden und ist gleichwohl nicht herabgestürzt, so werden Sie vergessen, daß sie überhaupt stürzen kann; Sie werden essen, schlafen, sich der Liebe hingeben, als ob da nichts wäre!« »Ha! mein Lord, Sie haben recht, Sie haben sehr recht,« sagte Aram mit bemerkbarer Veränderung der Züge. Seinen Schritt verdoppelnd, trat er neben Lester und der Faden des einleitenden Gesprächs war abgerissen. – Später, auf einem Spaziergange durch die Gärten, den der Graf, der etwas Gartenkünstler war, selbst vorgeschlagen, ergriff dieser eine Gelegenheit, den Gegenstand von neuem aufzunehmen. »Sie werden mir verzeihen,« bemerkte er, »aber ich kann mich nicht überzeugen, daß der Mensch ohne Gemütsbewegungen glücklicher sein würde, und daß er, um das Leben zu genießen, bloß von sich selbst abhängen müsse.« »Und doch,« erwiderte Aram, »scheint mir solches eine leicht zu beweisende Wahrheit. Lieben wir, so setzen wir unser Glück in andere. Mit dem Augenblick, wo wir dieses Glück in andere setzen, kommt Ungewißheit über uns; Ungewißheit aber verscheucht jedes Glück. Kinder sind eine Quelle der Angst für ihre Eltern; die Geliebte für den Liebenden. Veränderung, Unfall, Tod bedroht uns in jeder Person, der wir uns anschließen. Jede neue Verbindung eröffnet neue Zugänge für den Schmerz, – aber – wollen Sie mir erwidern – auch für die Freude: – zugegeben! Allein ist im menschlichen Leben nicht mehr Schmerz als Freude? Was erhält die Wage im Gleichgewicht? Was bildet die Angel unseres Glückes – was macht uns dieses Leben teuer, worüber wir sonst nur jammern müßten? – Bloß das passive, aber doch anregende Bewußtsein des Lebens selbst – dieser Sonne und Luft des physischen Daseins. Eben dieses Bewußtsein nun wird durch jede Gemütsbewegung getrübt. Können Sie jedoch seiner Ruhe einen Reiz beifügen, welcher sich nie erschöpft – der durch jeden neuen Erwerb erfrischt, nicht gesättigt wird: dann werden Sie Glückseligkeit hervorgebracht haben. Es giebt nur einen Reiz von so göttlicher Art – den der Ausbildung unseres Geistes. Dies meine Lehre! Untersuchen Sie dieselbe, sie hat nirgends einen Riß. – Wenn,« hob Aram nach einer Pause von neuem an, »wenn ein Mensch dem Schicksal nur in seiner eigenen Person, nicht in andern unterworfen ist, so stählt er sein Gemüt bald gegen jegliche Furcht, bereitet es auf jegliches Ereignis vor. Schon eine geringe Lebens-Philosophie befähigt ihn, körperliche Schmerzen oder die allgemeine Gebrechlichkeit des sterblichen Daseins zu ertragen; mit etwas tieferer Philosophie kann er die gewöhnlichen Wechselfälle des Glückes, die Furcht vor der Schande, die letzte Todesnot überwinden. Aber welche Philosophie könnte ihn je vollkommen trösten über den Undank eines Freundes, das Mißraten eines Kindes, den Tod einer Geliebten? Nur wenn sie allein steht, kann die Seele des Mannes zum Schicksal sagen: ich trotze dir.« »Sie sind also der Ansicht,« erwiderte der Graf, indem er dem Gespräch halb zögernd eine neue Wendung gab, »daß bloß in der Ausbildung unseres Wissens der Weg zum wahren Glück beruht? Wie muß aber dann selbst das erfolgreichste Streben ewig getäuscht werden! Erzählt uns nicht Boyle von einem Manne, der sein ganzes Leben an das Studium eines einzigen Minerals verwandt hatte, und endlich gestehen mußte, daß er keine einzige seiner Eigenschaften kenne?« »Wäre der Gegenstand seiner Forschungen er selbst gewesen, und nicht das Mineral, so würde er ein minder unglücklicher Forscher gewesen sein,« sagte Aram lächelnd. »Doch,« fügte er mit ernsterem Tone hinzu, »hängen wir in der That mit schwachem, verkrüppeltem Flügel am großen Himmel der Wahrheit, und oft werden wir auf unserem Wege durch ein furchtbares Gefühl der Unendlichkeit um uns her und des Mißverhältnisses unserer eigenen Kraft erschreckt. Aber im Hauch der reinen, uns widerstrebenden Luft, in dem fortschreitenden Lauf, womit wir die Erde umkreisen, während wir den Sternen näher kommen, liegt eine Wonne, die uns wieder über uns selbst erhöht, und den wahrhaft geistig Strebenden mit allem, selbst dem härtesten, – mit der Überzeugung aussöhnt, wie wenig das, was wir vollbringen, der Größe unseres Strebens je gleichkommt! Wie Sie den Funken auffliegen und bisweilen nicht früher zur Erde fallen sehen, bis er dunkelt und erlöscht, so steigt der helle Geist des Wahrheitsforschers empor, unbekümmert wohin, wenn nur die Richtung nach oben geht, und nicht früher will er zurück zur gemeinen, schweren Scholle, von der er entsprang, bis das Licht, welches ihn aufwärts trug, nicht mehr ist.« Viertes Kapitel. Ein tieferer Blick in das Herz des Gelehrten. – Besuch auf dem gräflichen Schloß. – Die Philosophie auf die Probe gestellt. Gleichviel, ob Glück mir zürnt, mir lacht. Ich frage nicht nach Erdenlust, Ich such' nicht Prunk. ich such' nicht Pracht. Kein Flitterstaat reizt diese Brust. Was ich besitze, ist mir genug; Nach and'rem nie mein Busen schlug. Josua Sylvester . Der Leser möge mir verzeihen, wenn ich seiner Teilnahme an meiner Erzählung bis jetzt auch manches kleine Zwischengespräch aufgebürdet habe, und nun nochmals für kurze Zeit auf seine Nachsicht rechne. Nicht nur die Lebensgeschichte Arams, auch sein Charakter und die Färbung seines Geistes sind es, die ich diesen Blättern aufzuprägen wünschte. Glücklicherweise ist jedoch der Weg, den mein Bericht fortan nehmen wird, von der Art, daß ich zu Erreichung des eben angegebenen Zweckes von der geraden Bahn nicht mehr abzuweichen, ja kaum mich auf derselben aufzuhalten nötig haben werde. Jedermann kennt die erhabene Idee, welche Goethes Faust zu Grunde liegt. Jedermann kennt jenen großartigen Mißmut – jenen Zorn über die Grenzen des menschlichen Wissens – jene Sehnsucht nach dem jenseits liegenden Paradies des Geistes, von welchem uns »der Engel mit dem feurigen Schwert« zurückhält – jenen kühnen und doch bänglichen Seelenzustand – jenes Gefühl des Unterliegens selbst im Siege, welches Goethe personifiziert hat: – eine Gemälde des erhabensten Schmerzes, dessen das Gemüt fähig ist, das uns an die tiefe göttliche Schwermut erinnern könnte, welche jener große Bildhauer in die Gestalt des edelsten Helden des Olymps einfließen ließ, als er die Ruhe des Gottes nach seiner Arbeit auf eine Weise darstellte, wie wenn er mehr von der Geringfügigkeit des Geleisteten durchdrungen als von dessen Größe erhoben wäre! In diesem Bilde, dessen Erhabenheit die nachfolgenden wilden Scenen eben gedachten Schauspiels, so wundervoll sie sind, vielleicht doch nicht völlig aufrecht erhalten dürften, hat Goethe einer ruhigern, mehr praktischen Nachwelt den brennenden, ruhelosen Geist, das fieberhafte Verlangen, nicht sowohl nach einem nützlichen Wissen als nach einem Wissen überhaupt, hinterlassen, welches in der Bildungsgeschichte Deutschlands jene Epoche bezeichnet, in der die Idee des Gedichts gefaßt und ausgeführt wurde. Von jenen bittern Wassern, dem Mara 2. Mos. 15, 23: »Da kamen sie gen Mara, aber sie konnten des Wassers zu Mara nicht trinken, denn es war sehr bitter. Daher hieß man den Ort Mara« (Bitterkeit). D. Übers. unter den Strömen der Weisheit, hatte auch die Seele des Mannes, den wir zum Helden dieses Buches gemacht, mit vollen Zügen getrunken. Wohl mußte ihn ein mehr ruhiger und gehaltener Geist, als der, welcher jenen Schwärmern am Harz und an der Donau zuteil geworden war, vor dem Durst nach den Unmöglichkeiten des Wissens bewahren, welcher nicht nur der Poesie, sondern auch der Philosophie des deutschen Volkes eine so eigentümliche Romantik aufdrückt. Wenn er indessen dem Aberglauben fremd blieb, so blieb er doch gewissen Irrwegen des Gemüts nicht fremd. Er liebte, sich in die dunkeln, über unsere Natur hinausreichenden Rätsel zu vertiefen, welche der menschliche Geist keck aus der Wirklichkeit der Dinge heraufbeschworen hat. – »Ein Totenkleid zu spinnen aus Gedanken, Zum Schutze ihm vor dieses Lebens Licht, Das scheint zu sein und ist doch nicht, Und wenn es ist, nur ist ein bittrer Spott Auf unsers Busens still geglaubten Gott; Den Mißlaut schmähen dieser argen Welt, Die uns in ew'gen Irrgewinden hält; Zergliedernd Plan und Absicht zu durchspähen Von Menschen, die die Sonne nicht mehr sehen; Hinauszublicken nach des Spieles Ende, Wo wir Gevattern gleichen, die, um sichre Wände Der Stürme Kampf vernehmend, seufzen – Doch nicht zittern.« Vieles in ihm war ein Typus oder vielmehr Vorbote jener geistigen Richtung, die sich unter unsern Landsleuten kundgab, als wir Kinder waren, und jetzt unter dem Geräusch der Ereignisse und den alles verschlingenden Kämpfen einer neu erwachten Welt allmählich dahinstirbt. Aber in einer Hinsicht stand er erhaben über dem ganzen Kreise seiner Genossen – in der starren Gleichgiltigkeit gegen äußere Ehren und in der Verachtung des Nachruhms. Wie einige Philosophen das Weltall für einen Traum und nur das Ich für die wahre Wirklichkeit zu halten schienen, so schien er in seinem strengen, gesammelten Vertrauen auf das eigene Gemüt, worin wirklich der Keim zu jeglicher Hilfsquelle lag, deren er zum Dasein bedurfte, den Prunk der Welt für ein Schattengebilde, und das Leben des eigenen Geistes für das einzig wahrhaft Seiende zu nehmen. Im Schinar So hieß die Gegend, worin nach 1. Mos. 11, 2-4, die Stadt und der Turm Babel erbaut wurden, übrigens erst nach der großen Überschwemmung. D. Übers. seines Herzens hatte er eine Stadt und einen Turm gebaut, von wo aus er unverletzt und unerschüttert auf die Überschwemmung hinausblicken konnte, die über die übrige Erde hereinbrach. Nur in einer einzigen Beziehung und, wie wir gesehen, erst nach manchem Kampfe, hatte er den Gefühlen, von welchen die übrige Menschheit bewegt wird, nachgegeben und sich der Übermacht eines fremden Wesens unterworfen. Dies geschah im Widerspruch mit seiner Theorie – aber welche Theorie wäre je der Liebe widerstanden? Indem er jedoch so weit das Feld geräumt, schien er mehr als je gegen ein weiteres Vordringen des Gegners auf seiner Hut zu sein. Er hatte einen »guten Geist« als »Begleiter« zugelassen, aber es war nur geschehen, um mit desto tieferer Inbrunst auf die »Wüste« als seinen »Wohnort« hinzuweisen. – Der Graf legte, wie die meisten praktischen Menschenbeurteiler, jedem einzelnen gern die Beweggründe unter, welche die ganze Masse leiten, und gestand Ausnahmen nur mit Widerstreben und nicht ohne einigen Unglauben zu, oder fühlte sich mindestens, wenn ihm ein Beispiel von Überspanntheit vorkam, gedrängt, dessen besondere Fäden zu entwickeln und es dadurch wieder zur allgemeinen Regel herabzuziehen. Zu seinem geheimen Triumph hatte er jetzt gefunden, daß Aram dem Eindringen einer Leidenschaft in seinen gerühmten Kreis der Gleichgiltigkeit nicht zu widerstehen vermocht, und sich eingebildet, er würde, da der Zauber nun einmal gebrochen, den Gelehrten leicht dazu vermögen, auch noch eine zweite und dritte Leidenschaft in jenen Kreis aufzunehmen. Mit Verwunderung und Verlegenheit sah er bis jetzt sich in dieser Voraussetzung getauscht. Lord ... war vor kurzem ins Ministerium berufen worden, und ließ es sich besonders angelegen sein, sich die Hilfe jedes Talents zu sichern, das er für seinen Dienst anzuwerben vermochte. Es war die Zeit eines sehr lebhaften Parteikampfes, und vereinzelte politische Schriften hatten damals noch eine Wichtigkeit, welche jetzt der periodischen Presse fast als ausschließliches Eigentum zukommt. Von seiten der Opposition hatten Schriftsteller von großem Namen und Talent bedeutend gewirkt, und der Graf wünschte daher natürlich, daß denselben von der Seite, zu welcher er sich geschlagen, ein ebenso glänzender Geistesreichtum entgegengesetzt werden möge. Schon der Name Eugen Arams würde in jenen Tagen, wo die Gelehrsamkeit in so hohem Ansehen stand, kein gewöhnlicher Gewinn für die Partei des Grafen gewesen sein, aber dieser verständige, tiefblickende Mann begriff überdies, daß Arams Talente, seine vielseitige Bildung, sein umfassender Blick, die Schärfe und Leichtigkeit seiner Dialektik und die Kraft und Wärme seiner Beredsamkeit von einem Gewicht werden könnten, welches über das Maß, wozu der bloße, wenn auch noch so berühmte Name eines in der Zurückgezogenheit lebenden Gelehrten berechtigte, weit hinausging. Er handelte daher, wenn er demselben große Aufmerksamkeit bewies und neugierig war, seine Verachtung alles weltlichen Treibens und aller weltlichen Versuchung auf die Probe zu stellen, nicht ohne Gründe des eigenen Interesses. Er glaubte nicht anders, als daß für einen Mann von geringem Vermögen und kleinen äußern Verhältnissen, der, seiner höheren Fähigkeiten sich bewußt, eben daran war, seine Bedürfnisse durch eine Verbindung mit einem zweiten Wesen zu vermehren, und welcher das Alter erreicht hatte, wo Berechnungen des Eigennutzes und Einflüsterungen des Ehrgeizes in der Regel eine größere Macht üben – er glaubte nicht anders, als daß für einen solchen Mann die schlummernde Aussicht auf Erhöhung seiner gesellschaftlichen Stellung, die Hoffnung auf ein bedeutendes Vermögen und der mächtige, glänzende Einfluß, welchen die politische Laufbahn in England demjenigen darbietet, welcher darin Auszeichnung sucht, beinahe unwiderstehlich sein würden. Im Verlauf der folgenden Woche nahm er mehrmals Gelegenheit, sein Gespräch mit Aram zu erneuern, und es geschickt nach der Seite hinzuwenden, die er zu Hervorbringung des gewünschten Eindrucks am geeignetsten hielt. Er fühlte sich in seinem Vorhaben etwas zurückgedrängt, aber keineswegs entmutigt; jedoch beschloß er sein schließliches Anerbieten zu verschieben, bis es unter den günstigsten Umständen gemacht werden könne. Er hatte den Lesters das Versprechen abgenommen, einen Tag in seinem Schlosse zuzubringen, und mit großer Schwierigkeit und nur, indem Madeline sich eifrigst ins Mittel legte, war Aram vermocht worden, sich ihnen anzuschließen. So außerordentlich war die Abneigung des letzteren gegen die Gesellschaft im allgemeinen, und so unabänderlich hatte er seit mehreren Jahren aus irgend einem Grunde, der denn doch erheblicher sein mußte als bloße Blödigkeit des Temperaments, jeder Versuchung dieser Art widerstanden, daß seine Zusage, so natürlich sie jetzt durch die bevorstehende Verheiratung mit einer Dame aus dem beim Grafen sich versammelnden Kreise erschien, ihn gleichwohl mit einer ordentlichen Bangigkeit, einer üblen Ahnung erfüllte. Es war, als sollte er die ihm von irgend einem Gesetz gezogenen Grenzen überschreiten, von dessen Beobachtung die freie Verfügung über sein ganzes Dasein abhing. Ein Zittern hatte ihn befallen, sobald er das Versprechen gegeben; hastig hatte er das Zimmer verlassen und bis zum Eintritt jenes Tages nahmen seine Freunde im Herrenhause eine größere Verdüsterung und Abgeschlossenheit seines Wesens wahr, als sie je früher, selbst in der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft, an ihm gesehen. Als sie endlich aufs Schloß fuhren, bemerkte Madeline mit schmerzlicher Reue über ihr Zureden, daß er kalt und in sich gekehrt neben ihr saß, und daß, als sein Auge einigemal längere Zeit auf ihr ruhte, ein Ausdruck des Vorwurfes und Mißtrauens in demselben lag. Erst beim Eintreten in die große Halle des gräflichen Schlosses, wo eine gewöhnliche Schüchternheit sich am tiefsten herabgedrückt gefühlt haben würde, faßte sich Aram wieder. Der Graf stand, von einer größeren Gruppe umgeben, in der Vertiefung eines Saalfensters, das sich gegen eine geräumige, prachtvolle Terrasse hin öffnete. Er trat den Ankommenden mit jener feinen, Zutrauen erweckenden Zuvorkommenheit, die er gegen alle beobachtete, die niederen Ranges waren als er, entgegen, sagte den Schwestern einige Artigkeiten und hatte mit Lester seinen Spaß; nur gegen Aram zeigte er weniger die Höflichkeit bloßen Wohlwollens, als vielmehr wirklicher Ehrfurcht. Ihn am Arm nehmend und denselben sanft an sich drückend, führte er ihn zu der Gruppe am Fenster. Diese bestand aus Männern, die im öffentlichen Leben die ausgezeichnetsten Stellen einnahmen, unter ihnen (der Graf selbst war durch einen illegitimen Zweig mit dem regierenden Monarchen verwandt) ein Prinz von königlichem Geblüt. Er hatte die Gesellschaft auf den Ankömmling vorbereitet und stellte nun Aram jedem einzelnen mit Gewandtheit und Grazie vor. Dann trat er einige Schritte zurück und beobachtete mit aufmerksamem wiewohl anscheinend gleichgültigem Blick die Wirkung, die ein so unvermutetes Zusammentreffen mit dem Königshause selbst auf den scheuen, vereinsamten Gelehrten hervorbringen würde, dem er geflissentlich imponieren, den er überwältigen wollte. Hier jedoch bewährte sich Arams angeborene Würde, die durch seine Studien, so geringen Bezug auf die Welt diese hatten, notwendig nur vermehrt worden sein konnte, in einer Probe, die, so armselig sie auf dem abstrakten Standpunkte eines Philosophen erscheinen mochte, in den Augen des klugen, weltgeübten Hofmannes keineswegs für unbedeutend galt. Mit gewohnter Bescheidenheit, nicht aber mit der bei dergleichen Anlassen an ihm sonst wohl gewöhnlichen Verblüfftheit und blöden Zurückhaltung nahm Aram die ihm dargebrachten Lobsprüche auf. Ein nicht ungefälliger Stolz gesellte sich zu der Einfachheit seines Wesens; keine Unsicherheit des Benehmens deutete an, daß er durch seine Umgebung irgendwie geblendet oder gedemütigt sei, und der Lord mußte zugestehen, daß ihm zur Vergleichung der Aristokratie des Geistes mit derjenigen der Geburt nie eine günstigere Gelegenheit vorgekommen. Es war einer von jenen sich unaufhörlich wiederholenden Triumphen des Verstandes, die uns mehr erfreuen, als es der einzelne Fall eigentlich verdient; denn im ganzen sind sie viel gewöhnlicher als Hofleute glauben wollen. Gleichwohl überließ Lord ... den Gelehrten nicht lange ohne Unterstützung der eigenen Geistesgegenwart und Gemütsruhe. Hinzutretend, leitete er das Gespräch mit seinem gewöhnlichen Takt auf einen Gegenstand, der jenem zugleich angenehm sein und Gelegenheit geben mußte, sich in einem glänzenden Lichte zu zeigen. Er hatte aus Italien einige der schönsten Meisterwerke des antiken Meißels mitgebracht, die England gegenwärtig besitzt. Sie standen in Nischen um das prächtige Gemach her, worin die Gäste versammelt waren; indem der Graf sie zeigte und ein jedes mit irgend einer schönen Anekdote oder sinnvollen Anspielung aus dem Altertum erläuterte, hoffte er Aram einen zuvor nie erlebten Genuß zu gewähren, in dessen Ausdruck dieser sofort die ganze Anmut und Fülle seiner Geistesbildung niederlegen könnte. Wirklich täuschte er sich keineswegs. Die Wange, die bisher ihre stete Blässe bewahrt hatte, erglühte von Begeisterung, und nach wenigen Augenblicken fand sich niemand in der Gesellschaft, der nicht gefühlt und mit Vergnügen gefühlt hätte, wie erhaben über alle der eine dastand, der nach Geburt und Reichtum ohne Vergleich der geringste war. Der englische Adel, was auch die Fehler seiner Erziehung sein mögen – und allerdings ist die Zahl dieser Fehler Legion! – hat mindestens das Verdienst, für den Besitz klassischer Bildung empfänglich zu sein und sich für den Besitzer leicht eingenommen zu fühlen. Ja, es wäre möglich, daß eben aus diesem Verdienst viele der vorerwähnten Fehler entsprängen: die Aristokratie ist zu bereitwillig, jedes Talent nach dem klassischen Maßstab und jede Theorie nach der Erfahrung der Alten zu beurteilen. Ohne – (einige wenige Beispiele ausgenommen) – sich irgend einer tieferen Bildung rühmen zu können, ist der englische Edelmann bei weitem empfänglicher für den Spiritus Camoenae , als derjenige irgend einer andern Nation. Mit Luft und Leichtigkeit denkt er sich in jene Studien zurück, die, wenn er sie in der Jugend auch mit keinem sonderlichen Fleiß betrieben hat, doch noch mit all den lieblichen Erinnerungen aus der Kinderzeit verflochten sind – mit jenem Preis, den er als Schulknabe gewann; mit jenem Lob, das der Lehrer spendete; mit dem ersten Ehrgeiz und mit dessen ersten Belohnung. Eine glücklich angeführte Stelle, eine zarte Anspielung ist vor seinem Ohr niemals verloren, und die Ehrfurcht, welche er zu Eton vor dem besten Versekünstler in der Schule hatte, giebt fürs ganze Leben seinem Urteil über andere die Färbung, und fügt seiner Bewunderung desjenigen, der klassische Bildung mit der Gewandtheit eines Gelehrten, nicht der Ungelenkheit eines Pedanten anzuwenden versteht, eine gewisse persönliche Zuneigung und Hochachtung bei. Es liegt eine Art anmutiger Begriffsverwirrung in seinem Respekt vor einem solchen Mann; unwillkürlich ist er geneigt, ihn sich als einen Menschen von hoher Geburt – und noch obendrein »als einen ganzen Kerl« – zu denken. So hätte denn Aram auf keinen Gegenstand geraten können, der geeigneter gewesen wäre, das unwillkürliche Interesse derjenigen anzuregen, mit welchen er sich unterhielt, Männern, die von gebildeterem Geist als gewöhnlich, und (durch jene Schärfung des Gefühls für wirkliches Talent, welche infolge langer politischer Kämpfe sich bildet) mehr im stände waren, nicht nur seine Gaben, sondern auch die Leichtigkeit, womit dieselben in Anwendung gebracht wurden, zu würdigen. »Sie haben recht, mein Lord,« sagte Sir – der Einpeitscher der ...schen Partei – indem er den Grafen beiseite nahm, »er würde unschätzbare Flugschriften verfassen.« »Könnten Sie ihn drankriegen, uns einen kurzen Abriß des Standes der Parteien zu schreiben – hell, beredt?« flüsterte ein Kammerherr. Der Lord antwortete mit einem Bonmot und wandte sich zu einer Büste Caracallas. Die Stunden des geselligen Verkehrs waren damals (wenigstens auf dem Lande) noch nicht spät hinausgerückt und der Graf hatte zu den ersten gehört, welche die feinere Sitte Frankreichs einführten, wonach wir der Gesellschaft der Frauen einen Vorzug vor derjenigen unseres eigenen Geschlechts einräumen. So war es denn, als man sich vom Essen erhob, noch zeitig genug, daß der größere Teil der Gäste auf die Terrasse hinausgehen und die ausgedehnte Fernsicht bewundern konnte, über welche der dünne Schleier des Zwielichts jetzt eben hinzuziehen anfing. Nachdem der Graf seinen königlichen Gast glücklich an einen Whisttisch gebracht und sich dadurch die Hände frei gemacht hatte, lud er Aram ein, ihm zu folgen. Noch schlenderte er einige Minuten unter den auf der Terrasse Versammelten umher und stieg dann mit jenem eine breite Treppe hinab, welche sie in einen versteckteren, dunkleren Gang brachte. Auf beiden Seiten hauchten Reihen von Orangenbäumen ihren Wohlgeruch aus, während zur Rechten auf überraschende Art zahlreiche Lücken in das dichte, mehr regelmäßige Laubwerk geschnitten waren, durch welche man bald eine ländliche Statue, bald einen einsamen Tempel, bald einen zierlichen Springbrunnen gewahrte, in dessen Strahlen eben die ersten Sterne zu zittern begannen. Es war einer der prachtvollen, in dem imposanten Geschmack von Versailles angelegten Gärten, die zu verschreien jetzt an der Tagesordnung ist, welche aber so ganz im Geist eines Palastes gedacht sind. Ich gebe zu, daß sie die Natur mit zu verschwenderischem Reiz überfüllen; aber zeigt sich die Schönheit gerade immer am besten im Hauskleide? Und welche heitere Erinnerungen und Anspielungen gesellen sich, Hand in Hand mit dem unmittelbaren Eindruck der Natur, ihrer etwas üppigen Anmut bei! Müssen wir denn just die Malaria Roms atmen, um das Interesse fühlen zu dürfen, das sich an Fontänen und Bildsäulen knüpft? »Es freut mich,« sagte der Graf, »daß Sie meine Büste Ciceros bewundert haben; sie ist einem erst neuester Zeit entdeckten Urbilde entnommen. Welche Größe in der Stirn! welche Kraft im Munde und dem abwärts gesenkten Kopfe! Schon die Vorstellung, die Hülle eines so glänzenden Geistes vor Augen zu haben, gewährt Vergnügen; und gestehen Sie immerhin, mindestens in Bezug auf Cicero, daß Sie beim Lesen der Ergüsse und Bestrebungen seines Gemütes Ihre Unempfindlichkeit gegen den Ruhm dahinschmelzen fühlten, daß Sie mit ihm den Wunsch, für die Zukunft zu leben, – die Sehnsucht nach Unsterblichkeit, geteilt haben?« »War es nicht diese Sehnsucht,« entgegnete Aram, »welche dem Charakter Ciceros seine ärmlichste und unmännlichste Schwäche aufdrückte? Hat sie ihn nicht bei allem Ruhm, den er trotz dieser Schwäche behauptet, zum Sprichwort im Munde jedes Schulknaben gemacht? Hören Sie nicht, sobald Sie sein Genie erwähnen, auch einen Zusatz über seine Eitelkeit?« »Würde er aber ohne diese Eitelkeit, ohne dieses Verlangen nach einem Namen bei der Nachwelt ebenso groß gewesen sein, sein Genie in gleichem Maß ausgebildet haben!« »Sein Genie, mein Lord, würde er wahrscheinlich minder ausgebildet haben, könnte aber in der That dennoch ebenso groß gewesen sein. Oft thut ein Mann durch das, was sein Genie steigert, seinem Geiste Schmach an. Sie halten das für eine Paradoxie? prüfen Sie dieselbe. Wie viele Männer von Genie sind nur gewöhnliche Menschen, sobald der besondere Gegenstand, worin sie glänzen, von ihnen genommen wird. Was beweist dies sonst, als daß, indem sie einen Zweig ihres Geistes ausbildeten, sie die übrigen Zweige vernachlässigten? Ja, sogar Hemmungen der Vernunft haben mitunter die Phantasie entzündet. Lukrez hat sein erhabenes Gedicht unter dem Einflusse des Wahnsinns abgefaßt. Die besonderen Neigungen, die wir bei Verfolgung eines vereinzelten Gegenstandes in uns erschaffen oder ausbilden, schwächen unsere allgemeine Vernunft, und mit einigem Recht möcht' ich wohl die Fähigkeiten des Geistes mit den Kräften des Körpers vergleichen, in welchem z.B. durch ungleiche Stärke der Augen ein Schielen, und durch dieselbe Ungleichheit des Gehörs Mißtönigkeit der Stimme hervorgebracht wird.« »Ich glaube, Sie haben recht,« sagte der Graf, »aber ich gestehe, daß ich dem Cicero seine Eitelkeit mit Freuden nachsehe, wenn sie zur Hervorbringung seiner Reden und Abhandlungen beitrug. Wie sehr auch die Eitelkeit ihn übermeistert, ist er mir darum doch ein größerer Mann, als wenn er die Schwäche bemeistert, dadurch aber seinem Genie den Anreiz genommen hätte.« »Ein größerer Mann in den Augen der Welt, mein Lord, aber schwerlich in der Wirklichkeit. Wenn Homer seine Ilias, nachdem er sie geschrieben, verbrannt hätte, wäre deshalb sein Genie minder groß gewesen? Die Welt würde nichts von ihm erfahren haben, aber würd' er darum ein weniger außerordentlicher Mann gewesen sein? Wir sind gar zu sehr geneigt, Mylord, Größe und Ruhm zu verwechseln.« »Ein Umstand sollte unsere Ehrfurcht vor großen Namen bedeutend vermindern,« setzte Aram nach einer Pause hinzu. »Verirrungen im Leben wie Schwächen des Charakters sind oft die eigentlichen Hebel der Berühmtheit. Ich zweifle, ob Heinrich IV. ohne seine Verirrungen der Abgott seines Volkes geworden wäre. Wie viele Whartons hat die Welt gesehen, die, hätte man sie ihrer Schwächen beraubt, auch ihr Ansehen verloren haben würden! – Das Licht, das diesen angenehmen Eindruck auf Sie macht, fällt nur wegen der Winkel und Unebenheiten des Körpers, von dem es ausströmt, nach einiger Zeit in Ihr Auge. Wäre die Oberfläche des Mondes glatt, so würd' er für uns unsichtbar sein.« »Ich bewundere Ihre Beweisführung,« sagte der Graf, »aber nur mit Widerstreben unterwerf' ich mich Ihren Schlüssen. Sie wollten also Ihre Fähigkeiten vernachlässigen, damit Sie durch dieselben nicht zu Verirrungen verlockt werden?« »Verzeihen Sie, mein Lord: weil ich glaube, alle Fähigkeiten sollten ausgebildet werden, bin ich gegen die ausschließliche Ausbildung einer einzigen, und nur weil ich den ganzen Geist kräftigen möchte, weiche ich von der Meinung derjenigen ab, die da raten, nur dem Genius zu folgen.« »Aber könnte nicht gerade Ihr Genius der Menschheit größeren Nutzen bringen, als die von Ihnen bezweckte allgemeine Ausbildung des Geistes?« »Mylord,« erwiderte Aram mit einer düstern Wolke auf der Stirn, »dieser Beweggrund dürfte Gewicht für diejenigen haben, welche, wenn sie auch über diese oder jene persönliche Wirksamkeit häufig genug sich täuschen mögen, wenigstens glauben, man könne sich wirklich dem Dienst der Menschheit widmen. Aber wahrhaftig, dieses ewige Gerede von »Menschheit« will nichts sagen: jeder von uns hat sein eigenes Glück im Auge, und wir betrachten denjenigen als einen Wahnsinnigen, der den Frieden des eigenen Gemüts um philanthropischer Grillen willen zerstört.« Das war eine Behauptung, welche dem Lord halb gefiel, halb mißfiel: – sie ließ die höchst gefährlichen Überzeugungen durchschimmern, welche Aram nährte. »Gut, gut,« sagte der vornehme Wirt, als nach kurzem Kampf über die Richtigkeit der letzten Bemerkung des Gastes beide wieder auf dem Punkte ankamen, von welchem sie ausgegangen waren; – »lassen Sie uns diese allgemeinen Erörterungen abbrechen, ich habe Ihnen einen besondern Vorschlag zu machen. Wir haben, hoff' ich, genug von einander gesehen, um die Überzeugung zu nähren, daß wir die Grundlage gegenseitiger Achtung mit Sicherheit legen können. Was mich betrifft, so bekenn' ich frei, daß mir nie jemand vorgekommen, der mir eine aufrichtigere Bewunderung eingeflößt hätte. Ich wünschte. Ihre Talente und umfassenden Kenntnisse möchten im ausgedehntesten Kreise bekannt werden. Mögen Sie den Ruhm verachten, so müssen Sie doch Ihren Freunden die Schwäche gestatten, Ihnen Anerkennung, sich selbst einen Triumph zu wünschen. Meine Stellung im gegenwärtigen Ministerium ist Ihnen bekannt; das Amt meines Sekretärs verschafft Ihnen von seiten der Regierung großes Zutrauen, einen gewissen persönlichen Einfluß und eine sehr bedeutende Besoldung. Ich biete es Ihnen an – willigen Sie ein, und Sie werden mich dadurch ehren und verbinden. Sie werden Ihr eigenes Haus oder eine Zimmerreihe in dem meinigen erhalten, die lediglich zu Ihrem Gebrauch dienen soll. Nie soll dieses Heiligtum Ihres Privatlebens irgend einer Störung unterworfen sein. Jede Einrichtung für Sie und Ihre Braut soll getroffen werden, welche das eine oder andere von Ihnen immer wünschen mag. Muße zu ihren eigenen Studien sollen Sie dabei im Überfluß haben, – es sind andere da, die alles ausführen werden, was Ihnen bei Ihrem Amt unbequem sein dürfte. In London werden Sie die ausgezeichnetsten Männer aller Nationen und jeden Berufs um sich sehen. Sollten Sie (was, glauben Sie mir, wohl möglich wäre – es ist ein verführerisches Spiel), sollten Sie Neigung zur politischen Laufbahn gewinnen, so bietet sich Ihnen dazu die glänzendste Gelegenheit dar, und ich sage Ihnen den ausgezeichnetsten Erfolg voraus. – Warten Sie noch einen Augenblick: – Sie sind mir hierfür keinen Dank schuldig. Fühlte ich auch nicht, daß ich bei diesem Vorschlag in meinem eigenen Interesse handelte, so wäre ich schon Hofmann genug, Ihnen eine solche Äußerung nicht zu gestatten.« »Mylord,« erwiderte Aram mit einem Ton, der trotz seiner Ruhe seine innere Bewegung deutlich verriet, »selten wird ein Mann von meiner abgeschlossenen Lebensweise und unscheinbaren Beschäftigung in den Fall kommen, daß seine Philosophie auf eine so strenge Probe gestellt wird. Ich bin Ihnen dankbar, aufs innigste dankbar für ein so glänzendes, so unverdientes Anerbieten. Ich bin Ihnen noch dankbarer, daß mir dasselbe Gelegenheit gab, die Stärke des eigenen Herzens zu prüfen und zu finden, daß ich diese nicht zu hoch angeschlagen hatte. Blicken Sie, Mylord, von hier aus (der Mond war aufgegangen und das Paar auf die Terrasse zurückgekehrt) in das Thal hinab; fern unter jenen Bäumen liegt mein Haus. Vor etwas über zwei Jahren kam ich dorthin, hier den Ruheplatz eines müden, abgequälten Geistes aufzuschlagen. All' meine Wünsche und Hoffnungen sind in jenen Raum zusammengedrängt, und dort möchte ich meinen letzten Atem aushauchen! Mein Lord, nicht für undankbar werden Sie mich halten, daß meine Wahl bereits getroffen ist, und wenigstens werden Sie meinen Beweggrund nicht tadeln, wenn Sie auch von meiner Lebensklugheit sehr gering denken dürften.« »Aber,« erwiderte der Lord, nicht wenig überrascht, »Sie können nicht all die Vorteile vorhersehen, auf die Sie Verzicht leisten wollen. In Ihrem Alter, bei Ihrer Geisteskraft das lebendige Grab einer Einsiedelei wählen – es war weise, ein solches ertragen zu können, nicht aber es vorzuziehen! Nein! nein! überlegen Sie – nehmen Sie sich Zeit. Ich bedarf keines schnellen Entschlusses. Und welche Vorteile hätten Sie endlich in Ihrer Abgeschiedenheit, die Sie nicht in noch höherem Grade bei mir fänden? Stille? ich verbürg' sie Ihnen unter meinem Dach. – Einsamkeit? – Sie sollen sie haben, so oft Sie wollen. Bücher? – was sind die, welche Sie, welche überhaupt irgend ein einzelner Mensch besitzt, gegen die öffentlichen Anstalten, die prachtvollen Sammlungen der Hauptstadt? Was haben Sie sonst noch dort drüben, das sie nicht auch bei mir haben könnten?« »Freiheit!« sagte Aram mit kraftvollem Ton, »Freiheit! das wohlthuende Gefühl der Unabhängigkeit. Könnt' ich die einsamen Sterne und die freie Luft gegen die armen Lichter, den krankhaften Dunstkreis des Weltlebens vertauschen? Könnt' ich meine Seele mit ihrer tausendfachen Schwärmerei und Launenhaftigkeit – ihren Wolken und Schatten – dem Auge des Fremden bloßstellen, oder durch die Bürde einer ewigen Heuchelei vor seinem Blick verhüllen? Nein, mein Lord! ich bin zu alt, um noch in die Schule der Welt zu gehen! Sie sagen mir Einsamkeit, Stille zu. Welchen Reiz würden diese Güter für mich haben, wenn ich fühlte, daß ich sie der Großmut eines andern verdanke? Nur in ihrer Unabhängigkeit liegt das Anziehende der Stille. Sie bieten mir den Kreis, aber nicht mit ihm den Zauber, der ihm seine Weihe giebt. Bücher! Vor Jahren würden diese mich verlockt haben, aber die, deren Weisheit ich bereits eingesogen, haben mich jetzt beinah genug gelehrt und jene zwei, die nie erschöpft werden können – die Natur und das eigene Herz – werden ausreichen für den Rest meines Lebens. Mylord, ich fordere keine Bedenkzeit.« »Und Sie weisen also mein Anerbieten wirklich zurück?« »Weise es zurück mit dem tiefsten Dank!« Der Graf ging im Augenblick unmutig ein paar Schritte weiter; aber es lag nicht in seiner Natur, länger die Herrschaft über sich zu verlieren. »Herr Aram,« sagte er mit offenem Ton und reichte ihm die Hand, »Sie haben, wenn nicht klug, doch edel gewählt, und kann ich Ihnen nicht verzeihen, daß Sie mich eines solchen Gefährten berauben, so dank' ich Ihnen doch für die Lehre, die Sie mir gegeben. Von nun an will ich glauben, daß die Philosophie auch in der Ausübung vorkommen mag, und daß Verachtung des Reichtums und der Ehre nicht bloß ein Bekenntnis des Mißmutes ist. In einem wechselvollen, erfahrungsreichen Leben hab' ich heut' zum erstenmal einen Mann gefunden, der gegen die Verlockungen der Welt wirklich taub ist – und einen Mann von welchen Fähigkeiten! Sollten Sie je Ursache haben, eine Ansicht, die ich her aller Erhabenheit stets noch für irrtümlich halte, zu ändern, so erinnern Sie sich meiner: und zu jeder Zeit und bei jeder Gelegenheit,« setzte er lächelnd hinzu, »wo ein Freund ein notwendiges Übel wird, gedenken Sie unseres Mondscheinspazierganges auf der Schloßterrasse.« Aram erwähnte das eben berichtete Gespräch weder gegen Lester, noch selbst gegen Madeline. Den ganzen folgenden Tag schloß er sich zu Hause ein, und als er wieder bei Lesters erschien, hörte er mit sichtbarem Vergnügen, daß der Graf in. Staatsgeschäften plötzlich nach London berufen worden sei. Es war eine unerklärliche Reizbarkeit in Arams Gemüt;, die ihn unmutig – argwöhnisch gegen jeden machte, der ihn seiner Einsamkeit zu entreißen suchte. »Dem Himmel sei Dank,« dachte er, wie er die Abreise des Grafen vernahm, »wir werden uns in einem Jahr nicht wieder zu Gesicht bekommen.« Er verrechnete sich. – Ein Jahr! – Fünftes Kapitel. Worin die Geschichte zu Walter und dem Korporal zurückkehrt. – Zusammentreffen mit einem Fremden, und wie der Fremde beweist, daß er durchaus kein Fremder ist. Nachdem ich so aus der Stadt auf die Straße nach Penastor gekommen, Herr meines freien Willens und vierzig guter Dukaten, war das erste, was ich vornahm, meinem Maultier den Zügel zu lassen, damit es weitergehe, wie es ihm gefalle. Ich verließ sie im Wirtshaus und setzte meine Reise fort: kaum hatte ich eine halbe Meile zurückgelegt, als mir ein gar stattlicher Reiter begegnete. Gil-Blas. Es war der zweite, sonnig-helle Mittag ihrer Reise herangekommen, als Walter Lester und der tapfere Begleiter, welchen ihm beizugeben dem Schicksal gefallen hatte, langsam in ein Städtchen einritten, wo nach dem stillen Herzensbeschluß des Korporals sein ramsnasiges Pferd gefüttert und er selbst erfrischt werden sollte. Schon war der jüngere der beiden Reisenden an zwei einladenden Gasthäusern mit so gleichgiltiger Miene vorübergezogen, als gehörten weder Futter noch Erfrischung irgendwie zu den notwendigen Bedingungen für die Bewohnbarkeit dieser Welt. Bei jedem der besagten Wirtshäuser hatte das zum Weitergehen genötigte ramsnasige Pferd mit entrüsteter Verwunderung aufgeschnaubt, und der würdige Korporal auf die Demonstration seines vierfüßigen Gefährten mit einem lauten Hm geantwortet. Gleichwohl schien es, Walter habe keine dieser bedeutsamen Ermahnungen vernommen; schon hatten sie die Stadt beinahe hinter sich und ein steiler Hügel, der sich eine ganze Ewigkeit hinaufzuwinden schien, bot sich dem schmerzlichen Blick des Veteranen dar. »Der Jung' ist ganz toll,« brummte Bunting vor sich hin, »muß meine Schuldigkeit thun; ihm 'n Wink geben.« Diesen bemerkenswerten und gewissenhaften Entschluß verfolgend, stauchte er sein Pferd in einen Trott, legte, als er an Walters Seite kam, die Hand an den Hut und begann: »Warm Wetter, Euer Edeln – Pferde abgeritten – weit wie in die Höll' zur nächsten Stadt! 'n Bissel hier anhalten – uff!« »Ha, das ist wahr, Bunting, ich hatte wirklich nicht daran gedacht, wie lange wir schon unterwegs sind. Aber schaut, dort ist ein Schild, das wollen wir uns zu nutze machen.« »Uff! Euer Edeln haben recht; gut fürs Zweiundvierzigste!« sagte der Korporal, indem er wieder zurückblieb. Und nach wenigen Minuten zogen er und sein Tier zu ihrem beiderseitigen Vergnügen durch den Thorweg eines kleinen, aber freundlich aussehenden Gasthofes. Der Wirt, ein Mann mit behaglichem Bauch und rosigen Wangen – kurz ein Wirt, bei dessen Anblick euch das Herz warm wird – trat sogleich herzu, hielt dem jungen Squire den Bügel (denn die Bewegungen des Korporals waren zu würdevoll, um schnell sein zu können) und führte ihn mit einer Verbeugung, einem Lächeln und einer Schwingung der Serviette in eines jener kleinen netten Zimmer mit Geschirrschränken voll Gläser und altem Porzellan, die wir auf abgelegenen Straßen und in weniger londonisierten Bezirken stets noch mit Freude als Beigabe älterer Gasthöfe finden. Der Herr Wirt war ein ehrlicher Kerl und nicht über seinen Stand hinaus. Er schürte das Feuer an, stäubte den Tisch ab, brachte die Speisekarte und eine sieben Tage alte Zeitung herbei und eilte dann hinaus, um das Essen anzuordnen und sich in ein vertrauteres Gespräch mit dem Korporal einzulassen. Schon hatte dieser makellose Held den Stall in Aufruhr gebracht und die beiden Knechte vom Dienst bei den Rossen friedlicherer Leute aufgeschreckt, und sie angewiesen, sein und seines Herrn Pferd im Hofe auf- und abzuführen, damit die Tiere abgekühlt zu Ruhe und Futter kämen. Nunmehr war er in der Küche beschäftigt, wo er bereits die Zügel der Regierung an sich gerissen, den Küchenjungen zum Nachsehen, ob etwa eine Henne ein frisches Ei gelegt, fortgeschickt und die Schmähworte der dürren, schielenden Köchin auf sich geladen hatte. »Sag Ihr was, Jungfer – hat unrecht – ganz unrecht – die Welt gesehen, alter Soldat – weiß besser Eier zu braten als eine in den drei Königreichen – halt' Sie 's Maul – kümmere sich ums eigene Geschäft – wo ist die Bratpfanne? – uff!« So gänzlich fühlte sich der Korporal in seinem Element, während er die andern alle aus dem ihrigen vertrieb, und so behaglich fand er es in dem neuen Quartier, daß er beschloß, das Füttern müsse auf jeden Fall ausgedehnt werden, bis er seinen guten Imbiß mit Verstand verdaut und seine gewöhnliche Pfeife geschmaucht habe, wie sich das gehörte. Demgemäß erschien er – jedoch erst nachdem Walter das Mittagessen eingenommen hatte, denn unser Mann von Welt wußte, daß Herabstimmung unserer Thätigkeit und Erhöhung unserer guten Laune die gewöhnliche Folge dieses Mahles ist – mit ernster Miene vor seinem Herrn. »Thut m'r leid, Euer Edeln – wer hätt's gedacht? – aber so 'n groß Tier taugt nicht zu 'nem langen Marsch,« »Wie, was giebt's, Bunting?« »Nichts, Herr, als daß der Braune so abgemattet ist, daß ich glaub', 's stünd' ihm 's Leben drauf, wenn er vor 'n paar Stunden wieder fort müßte.« »Sehr gut; und wenn ich nun vorschlüge, bis zum Abend hier zu bleiben? Wir sind weit geritten und haben keine große Eile.« »Gewiß nicht – gewiß und wahrhaftig nicht,« schrie der Korporal. »Ach Herr, Sie verstehen's zu befehlen, seh' ich. Nichts über Besonnenheit! Besonnenheit, Herr, ist 'n Juwel. Euer Edeln 's ist mehr als 'n Juwel – 's ist ein Paar Steigbügel!« »Wie das. Bunting?« »'n Paar Steigbügel, Euer Edeln! Steigbügel helfen uns auf, so auch Besonnenheit; helfen uns ab, so auch Besonnenheit. Reiter ohne Steigbügel sehen hübsch aus, reiten kühn, werden bald müd'; Leut' ohne Besonnenheit machen 'nen Lärm in der Welt, ist aber mit 'n aus, eh' man 'ne Hand umkehrt. Steigbügel – doch was sag' ich? Könnt' noch viel sagen, Euer Edeln, Hab' aber 's Schwatzen nicht gern.« »Euer Gleichnis ist, wenn nicht dichterisch doch sinnreich sagte Walter, »aber es hält zuletzt nicht Stich. Wenn einer am Fallen ist, sollte ihn Besonnenheit schützen, aber durch seine Steigbügel wird er oft in den Kot gezogen.« »Um Vergebung; sind falsch dran,« erwiderte der Korporal, keineswegs außer Fassung gebracht. »Sprach von den neu ausgeheckten Steigbügeln, die sich aufthun, wenn wir fallen und uns aus der Klemme lassen.« Zufrieden mit dieser seinen Erwiderung ging der Korporal (der sich aufs Spaßmachen so gut als einer verstand) nunmehr ab, um eine solche Antwort ganz der Bewunderung seines Herrn zu überlassen. – Etwas vor Sonnenuntergang machten sich die beiden Reisenden von neuem auf den Weg. »Hab' die Pistolen geladen, Herr,« sagte der Korporal und zeigte auf die Halftern an Walters Sattel. »Noch sechs Stunden bis zur nächsten Stadt – wird lang Nacht, eh' wir ankommen.« »Ihr thatet sehr wohl, Bunting, obgleich ich nicht glaube, daß wir von Buschkleppern viel zu besorgen haben.« »He! der Wirt spricht just 's Gegenteil, Euer Edeln – viel Räuberei vor kurzem hier herum vorgekommen.« »Nun, wir sind gut beritten und Ihr seid ein Kerl, der Respekt einjagen kann, Bunting.« »O, Euer Edeln,« sagte der Korporal, den Kopf steif abwendend, mit bescheidenem Lächeln, »werd' ganz roth; obwohl abgesehen daß man mir den Soldaten anmerkt, und ich was mehr in der Reife des Lebens steh', nicht viel fehlt, daß Euer Edeln ein ebenso unbequemer Herr wären als ich für jeden, der uns in die Quer kommt.« »Sehr verbunden für das Kompliment!« sagte Walter, seinem Pferde die Sporen gebend. Der Korporal verstand den Wink und blieb hinter ihm zurück. Es war jetzt die schöne Dämmerstunde, wo Liebende besonders zärtlich gestimmt sind. Der junge Reisende schlug das dunkle Auge jeden Augenblick aufwärts und dachte – nicht an Madeline, sondern an ihre Schwester. Der Korporal selbst wurde nachdenklich, und nach wenigen Minuten war seine Seele in Betrachtung des freundlosen Zustandes der verlassenen Jakobine verloren. So zogen sie ernst und still dahin, bis es mehr und mehr Nacht wurde. Beim ersten Sternenlicht gewahrte Walter einen dünnen, magern Herrn, der auf einem kleinen Paßgänger mit gestutzten Ohren und Mähne vor ihm her ritt. Der Mann schien ihm, als er sofort an ihn herankam, den großen Wendepunkt des Lebens bereits hinter sich zu haben, sah aber noch frisch und kräftig drein. Dabei war ein gesetztes und schlichtes vornehmes Wesen an ihm, das unwillkürlich Respekt einflößte. Er faßte Walter, wie dieser sich näherte, scharf ins Auge und den Korporal noch schärfer, schien aber mit dem Überblick zufrieden. »Mein Herr,« hob er, indem er den Hut leicht gegen Walter rückte, mit einer angenehmen, doch etwas scharfen Betonung der Worte an, »es freut mich sehr, einen Mann von Ihrem Aussehen auf meinem Wege zu treffen. Dürft' ich mir die Ehre Ihrer Gesellschaft, so weit Sie reisen, auskitten? Offen zu gestehen, fürchte ich halb und halb auf einige der betriebsamen Herren zu stoßen, die sich in neuester Zeit hier herum etwas bemerklich gemacht haben, und es dürfte für uns alle gut sein, in möglichst starker Begleitung zu reisen.« »Mein Herr,« entgegnete Walter, indem er seinerseits den Sprechenden musterte und mit der Prüfung ebenfalls zufrieden war, »ich reise nach ..., wo ich auf meinem Wege nach der Hauptstadt zu übernachten gedenke; Ihre Gesellschaft wird mir sehr angenehm sein.« Der Korporal stieß ein lautes Hm aus; dem scharfblickenden Weltmann wollte die Zuvorkommenheit des Fremden keineswegs recht gefallen. »Was für 'n Narr doch so 'n Jung ist!« dachte er wenig befriedigt; »doch sieht der Mensch wie 'n ordentlicher Landedelmann aus, und wir sind zwei gegen einen; überdies ist er alt, klein und – uff, buff – mein' wohl, wir sind sicher genug gegen alles, was er thun kann.« Der Fremde hatte ein feines, wohlgesittetes Benehmen; er sprach offen und viel, und sein Gespräch zeigte einen klugen, gebildeten Mann. Er erzählte Walter, daß nicht nur die Straßen von jenen damals noch häufig vorkommenden verwegenen Rittern gefährdet würden (deren Verdiensten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen wir selbst in einem unserer frühern Werke gesegneten Andenkens versucht haben), sondern daß neuerdings sogar mehrere Häuser angegriffen und zwei derselben vollständig ausgeplündert wurden seien. »Was mich betrifft,« fügte er hinzu, »so hab' ich nur wenig Geld bei mir. und meine Uhr hat bloß für mich selbst Wert, weil ich sie schon sehr lange besitze, so daß, wenn die Schurken ihre Räubereien etwas manierlich trieben, ich mir nicht viel daraus machen würde, mit ihnen zusammenzutreffen. Aber es ist ein verzweifeltes Pack, das auch da Gewalt braucht, wo nichts zu bekommen ist. – Haben Sie heute einen weiten Weg gemacht, mein Herr?« »Etwa sechs- bis siebenundzwanzig Meilen,« erwiderte Walter. »Ich gehe nach London, und mag meine Pferde durch eine zu schnelle Reise nicht überanstrengen.« »Sehr recht, sehr gut; auch sind die Pferde jetzt gar nicht mehr, was sie in meiner Jugend waren. Welche Wetten ich damals gewann! Die Pferde liefen Galopp, als ich zwanzig Jahre alt war; sie liefen Trab, als ich fünfunddreißig hinter mir hatte; letzt sind sie nur noch Paßgänger. Wenn es Ihre Geduld auf keine zu harte Probe seht, mein Herr, so lassen Sie uns unsern Gäulen an dem Haus, das dort auf halbem Wege steht, etwas Heu und Wasser geben.« Walter war damit einverstanden. Sie hielten vor einem kleinen Wirtshaus an der Heerstraße, aus welchem der Wirt, sobald er die Stimme von Walters Begleiter vernommen, mit großer Dienstbeflissenheit herauskam. »Ah, Sir Peter!« rief er. »wie geht's Euer Edeln? 'ne schöne Nacht, Sir Peter – hoffe, Sie werden glücklich nach Haus kommen, Sir Peter.« »Glücklich – ha! ich hoff's auch, Jock. Ist in den letzten Nächten alles ruhig geblieben?« »Pst! Herr!« flüsterte der Wirt, indem er mit dem Daumen rückwärts nach dem Hause zu schnellte, »sind zwei garstige Gäste drin, die ich nicht kenne, haben verteufelt gute Pferde und zechen tüchtig. Kann nicht sagen, daß ich was über sie wüßt', denk' aber, Euer Edeln thäten besser, sich gleich wieder aufzumachen.« »Ah, dank' Euch, Jock, dank' Euch. – Brauchst jetzt kein Heu zu fressen,« sagte Sir Peter, indem er das widerstrebende Maul seines Kleppers fortschob: und sich zu Walter kehrend: »Kommen Sie, Herr, halten wir uns nicht auf. Hui! wo ist Ihr Bedienter?« Mit Verdruß bemerkte jetzt Walter, daß der Korporal in die Schenke getreten war; er schaute von außen durchs Fenster, woran das rote Licht des Kaminfeuers hell aufflackerte, und sah, wie der Weltmann ein Glas »Gutes« an die Lippen setzte, während neben dem Herd an einem runden mit Pfeifen, Gläsern u. dgl. bedeckten Tischchen zwei Männer saßen, die den langen Kriegshelden sehr ernstlich aufs Korn nahmen und selbst keineswegs von einnehmendem Äußeren waren. Besonders der eine zeigte, indem eben der volle Schein des Feuers auf sein Gesicht fiel, wunderlich gefurchte und unheimliche Züge. Eben dieser wandte sich, wie Walter sofort wahrnahm, mit einem verzerrten Lächeln an den Korporal, der, seine kleine Kanne niedersetzend, ihn seinerseits mit einem Blick anstarrte, worin Walter das Wiederfinden irgend eines früheren Bekannten ausgedrückt zu sein schien. Diese ganze Beobachtung war übrigens das Werk eines Augenblicks, denn Sir Peter nahm es auf sich, den Wirt nach dem zur Unzeit Zechenden abzuordnen, der alsbald herausschritt. So wie er sich mit gehöriger Gravität aufgesetzt, eilte das Trio in scharfem Trabe fort. Nicht sobald war ihnen die Schenke aus dem Gesicht, als der Korporal die Ramsnase seines Gauls in gleicher Linie mit seines Herrn Pferd brachte. »Uff! Herr!« sagte er mit mehr als gewöhnlicher Kraft des Ausdrucks, »sah ihn!« »Ihn! Wen?« »Den Kerl mit dem Teufelsgesicht, der bei Peter Dahltrup einkehrte und 'n Bekannter von Herrn Aram war – kannt' ihn im Augenblick – ist sicherlich 'n Spitzbub!« »Wie! Kennt Ihr Bedienter einen von den verdächtigen Gesellen, vor welchen uns Jock gewarnt hat?« fragte Sir Peter hoch aufhorchend. »Es scheint so, mein Herr,« sagte Walter, »er hat ihn einmal viele Stunden von hier gesehen; aber ich glaube, er weiß nichts Sicheres, sein Vorurteil zu begründen.« »Uff!« schrie der Korporal, »auf jeden Fall hat er 'n verdammtes Teufelsgesicht!« »Ihr Gefährte ist ein stattlicher Bursche,« sagte Sir Peter, indem er das Kinn mit der eigentümlichen Bewegung kurzer Leute, wenn sie ihre Gestalt über das natürliche Maß ausdehnen wollen, emporwarf. »Er hat was Militärisches an sich; hat er in der Armee gedient? Ich denk' wohl; so einer von den Grenadieren des Königs von Preußen? – Wahrhaftig, ich höre Pferdegetrappel hinter uns.« »Hm!« rief der Korporal, indem er wieder auf die Seite seines Gebieters kam. »Um Vergebung, Euer Edeln – im Zweiundvierzigsten gedient – nichts über 'ne gleiche Linie – Nachzügler werden immer abgeschnitten – möcht' gerad' jetzt kein Nachzügler sein – Feinde hinter uns!« Walter sah sich um und wurde zwei Männer gewahr, die im Galopp auf sie zukamen. »Wir sind ihnen wenigstens an Zahl gewachsen, mein Herr,« sagte er zu seinem neuen Bekannten. »Ich freue mich wie 'n Spitzbube, daß ich Sie getroffen habe,« lautete Sir Peters ziemlich selbstsüchtige Antwort. »Ist der Spitzbube, ist's!« brummte der Korporal, als die beiden Männer sie sofort erreicht hatten und anhielten. Walter erkannte die beiden Gesichter, die er in der Schenke gesehen. »Ihr Diener, meine Herren,« sagte der Häßlichere von den beiden, »Sie reiten schnell.« »Und sind zu allem parat. Wetter – Uff!« rief schallend der Korporal, indem er ohne weitere Umstände eine gewaltige Pistole aus dem Halfter zog. »Das freut mich, Herr,« sagte der Fremde mit den harten Zügen, keineswegs außer Fassung gebracht, »aber ich kann Euch ein Geheimnis sagen!« »Was – Uff?« fragte der Korporal, indem er den Hahn spannte. »Wer Euch was zu leid thun wollte, Freund, betrög' den Galgen!« erwiderte lachend der Fremde und spornte sein Pferd, um aus dem Bereich jeder praktischen Erwiderung zu kommen, mit welcher ihn zu beehren der Korporal etwa Lust fühlen möchte. Aber Bunting war ein kluger Mann und ließ sich nicht vom blinden Zorn hinreißen. »Henker auch!« sagte er und senkte die Pistole, als der zweite Fremde seinem verdächtigen Gefährten nachsprengte. »Sehen Sie, wir sind zu stark für sie!« rief Sir Peter frohen Mutes; »offenbare Räuber! Wie glücklich, daß ich mit Ihnen zusammentreffen mußte.« Eben begann ein Regenschauer zu fallen. Sir Peter ward ernsthaft, hielt plötzlich an, schnallte seinen Mantel auf, der vorn auf seinem Sattel befestigt war – hüllte sich darein – begrub sein Gesicht in den Kragen – zog ein rotes Schnupftuch aus der Tasche und vermummte sein Kinn damit – wandte sich dann zu Walter und fragte: »Was, keinen Mantel, mein Herr? Nicht einmal einen Shawl? Wie bedaure ich, kein zweites Schnupftuch zu haben, um es Ihnen leihen zu können!« »Mann von Welt, uff!« brummte der Korporal, und sein Herz ward warm für den Fremden, den er zuerst für einen Räuber gehalten. »Und jetzt, lieber Herr,« sagte Sir Peter, indem er seinen Klepper auf den Hals klopfte und seinen Mantelkragen noch höher heraufzog, »lassen Sie uns so sachte fortreiten, wir haben keine Ursache zur Eile. Wozu unsere Pferde abtreiben?« »Wirklich, mein Herr!« entgegnete Walter lächelnd, »wiewohl ich große Rücksichten gegen mein Pferd nehme, so hab' ich doch auch einige gegen mich selbst, und ich möchte lieber sobald als möglich aus diesem Regen sein.« »Ach, ja so! Sie haben keinen Mantel, daran dacht' ich nicht. Das ist wahr – das ist wahr, lassen Sie uns ein Träbchen anschlagen; aber nicht zu rasch – nicht zu rasch! Ja, Herr, wie ich vorhin sagte, die Pferde sind jetzt nicht mehr so schnell als ehemals. Die gute Zucht ist von den Franzosen aufgekauft! Ich erinnere mich, daß einmal John Courtland und ich, nachdem wir in meinem Hause gegessen hatten, bis uns der Champagner in den Köpfen tanzte, aufstiegen und zehn Stunden Wegs um eine Wette auf tausend Pfund ritten. Ich verlor sie um eines Messerrückens Breite, verlor sie aber absichtlich. Die Bezahlung würde den Courtland halb ruiniert haben: und er hielt so viel aufs point d'honneur , Herr – so viel aufs point d'honneur , daß er es nicht zugegeben hätte, wenn das Geld von meiner Seite nicht angenommen worden wäre – was blieb mir also übrig, als absichtlich zu verlieren? Sie sehen, ich hatte keine andere Wahl!« »Wie, mein Herr,« rief Walter, erstaunt und gerührt über ein so seltenes Beispiel großmütiger Freundschaft – »wie, mein Herr, nannte Sie nicht der Wirt der kleinen Schenke Sir Peter? Sollte ich vielleicht – da sie so vertraut von Herrn Courtland sprechen – die Ehre haben, Sir Peter Hales vor mir zu sehen?« »Wirklich, das ist mein Name,« erwiderte der andere mit einiger Verwunderung, »gleichwohl ist es das erste Mal, daß ich die Ehre habe, Sie zu sehen –« »Vielleicht ist Ihnen mein Name nicht unbekannt,« sagte Walter; »unter meinen Papieren habe ich einen Brief an Sie von meinem Oheim Rowland Lester.« »Gott steh' mir bei!« rief Sir Peter, »wie, von Rowy? Ach, wie freut mich's, etwas von ihm zu hören. So, Sie sind sein Neffe? Ich bitte, erzählen Sie mir recht viel von ihm. Noch immer ein wilder, lustiger, toller Patron, he? Immer mit dem Degen bei der Hand, ja, ja! oder am Billard, oder scharf bei der Steeplechase? Gab keinen lustigern, besser gelaunten Kerl in der Welt als Rowy Lester.« »Sie vergessen, Sir Peter,« sagte Walter, über eine Beschreibung lachend, die seinem gesetzten, nüchternen Oheim so unähnlich war. »Sie vergessen, daß seit der Zeit, von welcher Sie sprechen, einige Jahre vergangen sind.« »Ach ja, das sind sie.« erwiderte Sir Peter, »und was sagt Ihr Oheim von mir?« »Daß Sie, als er Sie kannte, die Großmut, Offenheit, Gastfreundlichkeit selbst gewesen.« »Hm, hm!« murmelte Sir Peter mit höchst verlegenem Aussehen, eine Verwirrung, die Walter lediglich seiner Bescheidenheit zuschrieb; »ich war damals ein toller Wildfang, noch ganz ein Knabe, ganz ein Knabe. – Aber Gott behüte, es regnet heftig und Sie haben keinen Mantel. Doch sind wir jetzt nahe an der Stadt. Ein treffliches Wirtshaus ist der Herzog von Cumberland; Sie werden dort sehr gute Aufnahme finden.« »Wie, Sir Peter, Sie kennen also diesen Teil des Landes genau?« »Ziemlich genau, ziemlich genau; ich wohne in der That nahe, d. h. nicht sehr fern von der Stadt. – Diese Straße, wenn's Ihnen gefällig ist! Wir trennen uns hier. – Ich habe Sie etwas vom Wege abgebracht – nicht über ein Viertelstündchen oder zwei – in der Besorgnis, die Räuber könnten mich angreifen, wenn ich allein wäre. Vergaß ganz, daß Sie keinen Mantel haben. Das ist Ihre Straße – dies die meinige. – So, so. Rowy Lester ist immer noch wohl und gesund? ohne Zweifel immer noch der herzensgute, wilde Kerl. Empfehlen Sie mich ihm aufs beste, wenn Sie ihm schreiben. Adieu, mein Herr!« Die letzten Worte waren im Stillhalten gesprochen worden, so daß der Korporal sie hörte. Er grinste freundlich, als er vor Sir Peter, der sofort weiter ritt, den Hut zog, und murmelte nach seinem jungen Gebieter zu: »Verständiger Mann das, Herr!« Sechstes Kapitel. Sir Peter in seiner wahren Gestalt. – Ein Weltmann leidet durch einen andern. – Der Vorfall mit dem Zaum führt den Vorfall mit dem Sattel, der Vorfall mit dem Sattel den Vorfall mit der Peitsche, der Vorfall mit der Peitsche dasjenige nach sich, was der Leser erfahren wird, wenn er dieses Kapitel liest. Nihil est aliud magnum, quam multa minuta. Vet. Auet. »Also,« sagte Walter am nächsten Morgen zum Oberkellner, der mit den Zubereitungen zum Frühstück beschäftigt war, »also sagen Sie, Sir Peter Hales wohne nur eine Viertelstunde von der Stadt?« »Kaum eine Viertelstunde, mein Herr – schwarzen oder grünen Thee? – Sie sind gestern Abend am Wege zu seinem Hause vorübergekommen. – Die Eier sind diesen Morgen sehr frisch, mein Herr. – Unser Wirtshaus gehört Sir Peter.« »O was! – Kommt viele Gesellschaft zu Sir Peter?« Der Kellner lächelte. »Sir Peter giebt recht hübsche Mittagessen, Herr, zweimal des Jahrs! Ein gescheiter Herr, Sir Peter! Man sagt, er soll der beste Haushälter in der ganzen Grafschaft sein. – Befehlen Yorkshire-Kuchen? geröstetes Brot? Sogleich, mein Herr!« »So, so,« sagte Walter zu sich selbst, »da hat mir der Oheim eine recht treffende Beschreibung von diesem Herrn gemacht: ›Würde mich zu oft zu Tisch laden! – Mir Geld anbieten, wenn ich in Verlegenheit käme! – Könne einen ganzen Monat in seinem Hause zubringen! – Der gastfreundlichste Kerl von der Welt!‹ – Der Oheim muß geträumt haben.« Walter sollte erst erfahren, daß Leute, welche die größten Verschwender sind, wenn sie nichts als Aussichten haben, häufig die größten Knicker werden, wenn sie einmal den Reiz des wirklichen Besitzes kennen gelernt. Überdies hatte Sir Peter eine reiche schottische Dame geheiratet und war mit elf Kindern gesegnet! Aber hatte sich Sir Peter Hales überhaupt geändert? Sir Peter Hales war in der That noch ganz derselbe Mensch, der er immer gewesen. Ehemals war er selbstsüchtig in seinen wilden Streichen, jetzt war er es im Knausern. Mit sich selbst war er von jeher zufrieden gewesen und hatte andere Leute getadelt, und daß er dies jetzt noch that, rechnete er sich gerade zum Verdienst an. Das Wunderlichste an Sir Peter war jedoch, daß, während er selbst unaufhörlich die Dienste anderer in Anspruch nahm, er sich gewaltig fürchtete, von andern in Anspruch genommen zu werden. Er saß im Parlament und war dafür bekannt, daß er seine Postfreiheit keinem, der nicht zu seiner Familie gehörte, zu gute kommen ließ. Bei alledem war Sir Peter Hales immer noch ein angenehmer Mann; ja, er war beliebter und geschätzter als je. Neigung zum Sparen vergiebt man endlich leicht; wenn aber einer zu freigebig mit seinem Eigentum ist, so können die Leute höchst erbost darüber werden. So etwas ist ein Hohn, den er ihrer eigenen Klugheit anthut. »Welches Recht hat er zu so tollen Streichen? Was für ein Beispiel für unsere Dienerschaft!« Unser knickriger Nachbar dagegen demütigt uns nicht. Wir lieben unsern knickrigen Nachbar; wir fühlen Respekt vor unserem knickrigen Nachbar; wir haben unsern harmlosen Scherz über ihn – aber er ist ein ganz ehrenwerter Mann.« »Ein Brief, Herr, und ein Paket, von Sir Peter Hales,« sagte hereintretend der Kellner. Das Paket war ein großes, eckiges unbehilfliches Pack mit braunem Papier umwunden, einmal gesiegelt und mit der kleinstmöglichen Menge Bindfaden zusammengehalten; es war an Herrn Johann Holwell, Sattlermeister – Straße ++++ adressiert. Der Brief lautete an – Lester Esq. und war in einer sehr netten, geraden italienischen Handschrift also abgefaßt: »Vrehrt. Hr. Hoffe, es sei Ihnen nicht schwer ge wdn den Hr zg von Cumb rld aufzu fdn ; es ist ein vortr flchs Wirts hs . Sehr bedaure, daß Sie so pres rt sd nach Lond n zu gehen, widr gnfls es mir zum größten V rgngn gereicht h bn würde, Sie bei mir zu Tisch zu sehen, und bei Lady Hales einz fhrn . Ein and r Mal hoff ich, wird uns das Glück mehr begünst gn . Da Sie durch das Städt chn ++++, 6 Stund n von hier, auf dem Weg nach Lond n kmm n , so hab n Sie die Gewog nht , Ihrem Be dtn aufz gbn , daß er beil gnds Pak tchn in seine Tasche stecke und an die Adresse über lfre . Es ist ein Zaum, den ich zurück zgbn genötigt bin. Arb tr auf dem Land sd nun einmal solche Pfuschr. Ich hätte mir jedn fls noch die Ehre gen mmn Ihnen meine per sönl Aufw artg zu mach n , aber dr Regen hat mir eine hef tge Erkäl tg zug zgn ; hoffe, es ist Ihnen nicht auch so er gngn , ob whl Sie frei lch weder Mantel noch Shwal h ttn . Meine an glgnstn Em pflgn an Ih rn tref lchn Oheim. Ich bin über zgt , daß er noch ganz der alte lustige Gesell ist, der er immr war. Sagn Sie ihm das. Vrehrtr Hr. Ihr aufrchtgr Peter Grindlescrew Hales. N. S. Vie llcht ist Ihnen schon bekannt, daß der arme J hn Court d , der vertrau tste Freund Ihres Oheims, in ++++, dem Städtchen, wo Ihr Be dntr den Zaum ab zgbn hat, wohnt. Er ist sehr verändert, der arme J hn !« »Verändert! Veränderung scheint bei meines Oheims Freunden Mode zu sein!« dachte Walter, indem er dem Korporal läutete und seiner Obhut das schwerfällige Paket übergab. »Es soll auf Verlangen des Herrn, den wir gestern abend trafen, sechs Stunden weit mitgenommen werden – ein verständiger Mann das, Bunting!« »Uff – wuff – Euer Edeln!« brummte der Korporal, indem er den Zaum griesgrämig in die Rocktasche steckte, wo er ihn sofort den ganzen Weg über belästigte, da er unaufhörlich zwischen seinen Sitz von Leder und seinen – Ehrensitz geriet. Es ist ein Trost für den Unerfahrenen, wenn ein Mann von Welt durch die Schlauheit eines andern seiner Art leidet; wir unterwerfen uns dann williger unserem eigenen Schicksal. Unsere Reisenden machten sich wieder auf und bereits nach wenigen Minuten war der Korporal aus der eben angedeuteten Ursache in den höchsten Unmut geraten. »Sagt mir doch, Bunting,« fragte Walter, indem er den Diener an seine Seite rief, »seid Ihr überzeugt, daß der Mann, den wir gestern in der Schenke trafen, derselbe ist, den Ihr vor einigen Monaten in Grünthal sähet?« »Daß du verdammt wärst!« schrie der Korporal und fuhr mit der Hand nach hinten. »He? – guter Freund! –« »Um Vergebung Euer Edeln – schoß mir so über die Zunge – aber das verfluchte Paket! – Uff – Henker!« »Warum tragt Ihr's nicht in der Hand?« »'S sieht so unbehilflich aus! Daß es verdammt wär! Und wie kann ich 's Paket halten und das Tier da leiten, das zwei Hände braucht? Sein Maul ist so hart wie 'n Ziegelstein – uff!« »Ihr habt mir noch nicht auf meine Frage geantwortet.« »Um Vergebung, Euer Edeln! Ja freilich ist der Kerl der nämliche: so 'ne Fratze vergißt man nicht wieder.« »Seltsam,« sagte Walter nachdenklich, »daß Aram einen Bekannten haben soll, der, wenn nicht, wie wir vermuteten, ein Räuber, wenigstens von sehr rohem Benehmen und abschreckendem Äußern ist. Auch finde ich auffallend, daß Aram immer vermied, auf diese Bekanntschaft zurückzukommen, obwohl er dieselbe selbst zugestanden hat.« Damit warf er sich in einen Trab und der Korporal in eine Reihe Flüche. Um Mittag langten sie in dem von Sir Peter bezeichneten Städtchen an und kamen auf ihrem Wege nach dem Gasthof (denn Walter beschloß hier anzuhalten) an dem Hause des Sattlers vorbei. Es traf sich, daß Meister Holwell zu den erfahrensten in seinem Gewerbe gehörte und daß ein Jagdsattel von neuer Erfindung an seinem Fenster Walters Aufmerksamkeit auf sich zog. Der gewandte Meister überredete den jungen Reisenden abzusteigen und »das bequemste und hübscheste Sättelchen zu betrachten, das je gesehen worden«. Da der Korporal keine Zeit verloren hatte, sich seiner Bürde zu entledigen, schickte ihn Walter mit den Pferden nach dem Gasthaus voraus und nachdem er den Sattel im Umtausch gegen den seinigen erstanden, trat er in den Laden, um nach einer neuen Knebeltrense zu sehen. Eben befand sich ein Bedienter in demselben und handelte um eine Reitpeitsche; der Ladenjunge zeigte ihm unter andern eine große altmodische Gerte mit abgeriebenem silbernen Griff. Reitknechte haben keinen Geschmack an Altertümern und so warf der Diener die Peitsche trotz des silbernen Griffes verächtlich beiseite. Ein Scherzwort, welches er dabei aussprach, zog Walters Aufmerksamkeit auf dieselbe: er nahm sie nachlässig in die Hand und bemerkte mit großer Verwunderung, daß der Helmschmuck seines eigenen Wappens, eine Rohrdommel, an dem Griff angebracht war. Er untersuchte denselben sofort genauer und es fand sich unter dem Helmschmuck ein G. und ein L., die Anfangsbuchstaben zu seines Vaters Namen. »Wie lange haben Sie schon die Peitsche da?« fragte er den Sattler, indem er die Bewegung verbarg, welche dieses Anzeichen von dem verlorenen Vater in ihm erregte. »O, 'ne mächtig lange Zeit, mein Herr.« erwiderte Meister Holwell, »'s ist ein närrisches altes Ding, aber wirklich nicht so übel, wenn das Silber ein wenig aufgeputzt wär' und eine neue Schlinge drangemacht würde. Sie können 'nen guten Handel machen, Herr, wenn Sie Lust dazu haben sollten.« »Können Sie sich erinnern, wie Sie zu derselben gekommen sind?« fragte Walter ernsthaft, »ich sehe an dem Helmschmuck und den Anfangsbuchstaben, daß die Peitsche jemand gehört hat, dem ich gern näher auf die Spur kommen möchte.« »Lassen Sie mich sehen,« sagte der Sattler, indem er sich am rechten Ohrläppchen kraute, »'s ist gar lange her, seit ich sie habe: habe ganz vergessen, wie ich dazu kam.« »Ach, nach der Peitsche fragt der Herr?« sagte des Sattlers Frau, die durch den Anblick des hübschen jungen Reisenden vom hintern Zimmer herbeigezogen worden. »Weißt du nicht mehr, 's ist viele Jahre her, daß einmal 'n Herr, der bei Squire Courtland, als er sich eben erst hier am Orte niedergelassen hatte, auf Besuch war, zu uns kam und die Peitsche bei uns ließ, um ihm 'ne neue Schlinge d'ran zu machen. Aber er muß sie vergessen haben, mein Herr«; (sich an Walter wendend), »denn er ist später nie wiedergekommen und die Leute des Squires sagten, er wär' nach Yorkshire gegangen. So ist die Peitsche immer dageblieben. Ich weiß es noch, mein Herr, weil ich sie beinah' 'n Jahr lang im Wohnzimmer behielt, daß sie gleich bei der Hand sein sollte.« »Ach ich meine, jetzt besinn' ich mich auch,« sagte Meister Holwell, »ich denk, es mag so 'n Jahrer zwölf sein. Glaube, ich kann sie jetzt wohl verkaufen, ohne daß sie der Herr wieder zurückfordert.« »Nicht mehr als zwölf Jahre,« rief Walter ängstlich, denn es war schon siebzehn Jahre her, seit seine Familie die letzte Nachricht von seinem Vater erhalten hatte. »Nun, 's mag ihrer dreizehn sein, Herr, oder so, mehr oder weniger, kann's nicht genau sagen.« »Eher vierzehn!« sagte die Frau, »viel länger kann's aber nicht sein, mein Herr; denn nächsten Christtag sind wir erst fünfzehn Jahre verheiratet! Aber mein Alter da ist 'n zehn Jahre älter als ich.« »Und der Herr, sagen Sie, sei bei Herrn Courtland zu Besuch gewesen.« »Ja, mein Herr, das weiß ich gewiß,« erwiderte die verständige Frau Holwell, »sie sagten, er sei kurz vorher von Innien gekommen.« Walter, der die Hoffnung, hier genauere Auskunft zu erhalten, aufgab, kaufte die Peitsche. Immerhin segnete er jetzt die Weltklugheit des Sir Peter Hales, die ihn auf eine Spur gebracht hatte, der er, so schwach und so fern sie war, nachzugehen beschloß; er erkundigte sich nach Squire Courtlands Wohnung und begab sich sogleich dahin. Siebentes Kapitel. Walter besucht einen andern Freund seines Oheims. – Herrn Courtlands wunderliche Klagen. – Walter erfährt Nachrichten über seinen Vater, die ihn überraschen. – Abänderung seines Reiseplanes. »Behüt mich Gott, habt Ihr je so was gehört; was das für ein wunderlicher Mann ist!« »Was Ihr mir übergeben habt, will ich vollständig ausliefern.« Ben Jonson , Jedermann aus seiner Laune. Das Haus des Herrn Courtland stand in der Vorstadt und war mit einer hohen Mauer umgeben. Ein in diese tief eingesenktes hölzernes Thürchen schien der einzige Eingang. Hier stand Walter still und nachdem er zweimal die Klingel gezogen, öffnete ein Bedienter von ungemein ernsthaftem, pietistischem Aussehen. Auf Walters Anfrage benachrichtigte ihn derselbe, Herr Courtland sei sehr unwohl und nehme nie Besuch an. Walter jedoch zog das Empfehlungsschreiben seines Oheims aus der Brieftasche, ließ es nebst einer halben Krone in des Dieners Hand gleiten und bat, ihn als einen Fremden, der eine besondere Angelegenheit an seinen Herrn habe, zu melden. »Gut, Herr, Sie können eintreten,« sagte nachgiebiger der Lakai, »aber mit meinem Herrn sieht es sehr übel aus, wahrhaftig sehr übel.« »So? Das höre ich mit Bedauern.« »Mag nun wohl zehn Jahre so sein, Herr,« erwiderte der Diener mit ungemeinem Ernst. Damit öffnete er die Thür des Hauses, welches einige Schritte von der Mauer zurück auf einem ganz flachen, dürren Grasplatz stand, wies ihn in ein Zimmer und ließ ihn allein. Was Walter in diesem Gemach sogleich auffiel, war seine ausnehmende Helle. Obwohl nicht groß, hatte es nicht weniger als sieben Fenster. Zwei Wände schienen wirklich nichts als Scheiben zu sein! Auch waren diese Zugänge für den Strahl des Himmels weder mit irgend einer Blende noch einem Vorhang beschattet. »Der helle, laute, unbarmherz'ge Tag« hatte in dem luftigen Zimmer seinen eigentlichen Sitz aufgeschlagen. Bei all diesem Licht machte es gleichwohl auf Walter nichts weniger als einen heitern Eindruck. Die Sonne hatte die Farbe des Getäfels, ursprünglich ein blasses Meergrün, aufgerissen und verschossen; nur weniges Gerät stand da; ein Tisch in der Mitte, ein halbes Dutzend Stühle und ein sehr schmaler türkischer Teppich, welcher nicht den zehnten Teil des reinen, kalten, glatten eichenen Bodens bedeckte, machten die ganze fahrende Habe des Gemaches aus. Was aber die Öde des Ganzen noch besonders vermehrte, war die seltsame, mit Absicht hervorgebrachte Öde außerhalb des Hauses. Von jedem der sieben Fenster aus wurde man nichts als eine dürre grüne Fläche von einiger Ausdehnung gewahr: kein Baum, kein Busch, keine Blume auf dem ganzen Raum, obwohl Walter an einigen abgehauenen Stümpfen in der Gegend des Hauses abnahm, daß der Platz nicht immer so arm an vegetabilischem Leben gewesen sei. Während er sich diese wunderliche Kahlheit noch betrachtete, kam der Diener mit Empfehlungen seines Gebieters und der Nachricht zurück, derselbe werde glücklich sein, einen Verwandten des Herrn Lester zu sehen. Demgemäß folgte Walter dem Bedienten in ein anderes Zimmer, welches ganz dieselbe Eigentümlichkeit darbot wie das erstere, nämlich eine unverhältnismäßige Überzahl von Fenstern, eine Dürftigkeit im Gerät, die nur die allerunentbehrlichsten Bequemlichkeiten zuließ, und eine Aussicht ins Freie, die wirklich den Anschein gab, als stände das Haus mitten in der Ebene von Salisbury. Herr Courtland, ein stämmiger Mann, der immer noch die rosigen Wangen und hübschen Züge, aber nicht mehr den heitern Ausdruck zeigte, welchen ihm Lester zuerteilt hatte, saß in einem großen Sessel, hart am offenen Mittelfenster. Er erhob sich und schüttelte Walter die Hand mit großer Herzlichkeit. »Mein Herr, es freut mich, Sie zu sehen! Wie befindet sich Ihr würdiger Oheim? Ich wünschte nur, er wäre mitgekommen – natürlich speisen Sie mit mir. Thomas, sage der Köchin, daß sie noch eine Zunge und ein junges Huhn zum Rinderbraten nimmt. – Nein – junger Herr, ich nehme keine Entschuldigung an; sitzen Sie, sitzen Sie. Da, etwas näher ans Fenster; finden Sie nicht auch, daß es entsetzlich schwül ist? Kein Lüftchen regt sich. Das Haus ist so eingeengt; finden Sie es nicht auch? Ja, ja ich sehe, Sie können kaum Atem holen.« »Verehrtester Herr, Sie irren; eher scheint es mir etwas kalt zu sein, und in meinem Leben habe ich keine so luftige Wohnung gesehen, wie die Ihrige.« »Dazu möcht' ich sie gerne machen, aber ich komme nicht zum Ziel. Hätten Sie gesehen, was sie war, als ich sie kaufte! Hier ein Garten, lieber Herr; dort ein Buschholz; eine Wildnis, weiß Gott! nach hinten zu, und eine Reihe Kastanienbäume nach vorne! Sie können sich die Folgen denken, lieber Herr; nicht lange war ich hier gewesen, keine zwei Jahre so war meine Gesundheit weg, Herr, weg! Das verdammte vegetabilische Leben hatte sie mir ausgesogen. Die Bäume hielten mir die Luft ab, ich erstickte beinahe, ohne daß ich anfangs auf die wahre Ursache verfiel. Endlich aber, freilich erst nachdem ich fünf volle Jahre elendiglich hingesiecht war, entdeckte ich den Grund meines Übels. Ich war nicht faul, Herr; ich brach den verfluchten Garten um, hieb die Teufels-Kastanienbäume nieder, machte einen Rasenplatz aus der vertrackten Wildnis: aber ich fürchte, es ist zu spät. Zoll um Zoll starb ich ab – bin seit der Zeit fortwährend abgestorben. Die verdorbene Luft hat wirklich meine Konstitution ganz umgeändert.« Hier stieß Herr Courtland einen tiefen Seufzer aus und schüttelte den Kopf mit einem höchst trübseligen Ausdruck. »Wirklich, verehrter Herr,« sagte Walter, »wenn ich Sie so ansehe, sollt' ich nicht glauben, daß Sie von irgend einem Übel zu leiden hätten. Sie scheinen noch dasselbe Bild von Gesundheit, als welches Sie mir mein Oheim aus längst vergangener Zeit her schilderte, wo er mit Ihnen umging.« »Ja, lieber Herr, ja; die Schwerenotsluft hat mir das Blut auf den Backen festgebannt; das Blut stagnirt, Herr. Wollte Gott, ich sah bleicher als ein Schatten aus! – das Blut fließt nicht; ich bin wie ein Teich in eines Bürgers Garten, mit einer Trauerweide in jeder Ecke. Doch Trotz geboten sei all meinen Beschwerden! Sie sehen, bester Herr, ich bin kein Hypochonder, wie mir mein Narr von Doktor weiß machen will: ein Hypochonder schaudert bei jedem kleinen Luftzug, zittert, wenn eine Thür aufgeht und sieht in einem Fenster den offenen Eingang für den Tod. Ich, Herr, kann im Gegenteil nicht Luft genug haben. Scharfer Zug oder Ostwind gilt mir gleich viel, wenn ich nur zu Atem komme. Sieht das wie Hypochondrie aus? Pah! Aber erzählen Sie mir was von Ihrem Oheim, junger Herr; ist er wohl, kräftig, gesund? – atmet er leicht? keine Beklemmungen?« »Er erfreut sich einer trefflichen Gesundheit, mein Herr! Er schmeichelte sich mit der Hoffnung, ich würde ihm gleich gute Nachrichten von Ihnen und einem andern seiner alten Freunde bringen, den ich zufälligerweise gestern sah – Sir Peter Hales.« »Hales, Peter Hales! ein findiges Bürschchen, der! Was sich der gute Lester freuen wird, wenn er hört, das Peterchen sei so zu Verstande gekommen; – nicht länger ein verschwenderischer Landläufer, der sein Geld wegwirft und immer in Schulden steckt, nein, ein respektabler, mannhafter Charakter, ein trefflicher Haushalter, ein thätiges Parlamentsglied, häuslich in seinem Privatleben. – O! ein sehr würdiger Mann, lieber Herr, ein sehr würdiger Mann.« »In der That scheint er sich sehr geändert zu haben, mein Herr,« sagte Walter, der Neuling genug in der Welt war, um über einen solchen Lobspruch in Erstaunen zu geraten, »aber stets noch ein angenehmer Gesellschafter, der gern und gut erzählt. Er sprach mir von seiner Wette um tausend Guineen mit Ihnen.« »Ach, sagen Sie mir nichts von jenen Tagen,« erwiderte Courtland mit gedankenvollem Kopfschütteln, »sie machen mir angst und bange. Ja, Peter darf wohl dran denken, denn er hat mich bis heute nicht bezahlt; that, als ob er das Ganze wie einen Scherz nehme und fluchte darauf, er hätte mir's abgewinnen können, wenn er gewollt. Aber es war wirklich mein Fehler, lieber Herr; Peter hatte damals keine tausend Heller im Vermögen, und als er reich wurde, ward er gesetzt und ich wollte ihn an unsere früheren Tollheiten nicht erinnern. Darf ich Ihnen eine Prise anbieten? – Sie sehen erhitzt aus, Herr, gewiß setzt Ihnen das Zimmer zu, und Sie sind nur zu höflich, um es einzugestehen. Ich bitte, machen Sie die Thür und dann das Fenster auf und stellen Ihren Stuhl mitten zwischen beide hinein. Sie haben keinen Begriff, wie erfrischend der Zug ist.« Walter lehnte das angebotene Abkühlungsmittel höflich ab. Übrigens meinte er nunmehr hinlängliche Fortschritte in der Bekanntschaft mit diesem wunderlichen Nicht-Hypochonder gemacht zu haben, um die Angelegenheit, die ihm am meisten am Herzen lag, vorzubringen, und beeilte sich daher, die Rede auf seinen Vater zu leiten. »Da bin ich, verehrter Herr,« hub er an, »unerwartet auf ein ehemaliges Eigentum meines armen Vaters gestoßen;« damit zeigte er die Peitsche vor. »Ich höre von dem Sattler, von welchem ich diese Gerte gekauft, der Herr, dem sie gehört, sei einmal, vor etwa zwölf oder vierzehn Jahren, bei Ihnen gewesen. Ich weiß nicht, ob Ihnen bekannt ist, daß meine Familie schon bedeutend länger nichts mehr über das Schicksal meines Vaters gehört hat, als seit der Zeit, in welcher Sie ihn gesehen zu haben scheinen, wenn ich anders wirklich hoffen darf, daß er bei Ihnen zu Besuch und der Eigentümer dieser Peitsche gewesen. Jede Nachricht, die Sie mir über ihn mitteilen können, jede Spur, auf welcher wir ihm näher kommen können, würde für uns alle – insbesondere aber für mich – von unschätzbarem Wert sein.« »Ihr Vater?« sagte Courtland. »ach ja! Ihres Oheims Bruder. Was war doch sein Taufname? – Heinrich?« »Gottfried.« »Ach richtig, Gottfried! Was? nichts von ihm gehört? Seine Familie weiß nicht, wo er sich aufhält? Schlimm das, lieber Herr! war freilich immer ein wilder Bursche, bald hier, bald dort, wie der Blitz. Aber es ist richtig, ganz richtig, er war vor mehreren Jahren einen Tag lang hier, als ich dieses Haus noch nicht lange gekauft hatte. Kann Ihnen alles noch aufs Haar erzählen; – aber Sie scheinen angegriffen, – kommen Sie näher ans Fenster – hierher; so ist's recht! Ja, Herr, es ist nun, wie ich sagte, eine gute Zahl Jahre her – vielleicht ihrer vierzehn – so sprech' ich einmal mit dem Wirt »zum grauen Hund« über ein Quantum Heu, das er verkaufen wollte, als ein Herr spornstreichs, wie Ihr Vater immer ritt, in den Hof sprengt, und wie ich ihm aus dem Wege trete, erkenn' ich Gottfried Lester. Ich war zwar nicht näher mit ihm bekannt – ganz und gar nicht; aber ich hatt' ihn ein paarmal bei Ihrem Oheim gesehen, und obwohl er ein wunderlicher Kauz, so sang er doch angenehm und war gar ein unterhaltender Kerl. So redete ich ihn denn an, und bat ihn aus Rücksicht für Ihren Oheim, bei mir zu essen und in meinem neuen Hause zu übernachten. – Ach, ich dachte damals wenig, wie teuer mich dieser verfluchte Kauf zu stehen kommen würde! – Er nahm die Einladung an; denn ich glaube – nichts für ungut, lieber Herr – Herr Gottfried Lester hat überhaupt nicht leicht eine Einladung ausgeschlagen. Wir speisten tête-à-tête – bin ein alter Junggesell, lieber Herr – und er erwies sich als ein recht guter Gesellschafter, obwohl seine Denkart mir lockerer vorkam als je. Gar herrlich war's besonders, ihn die Streiche erzählen zu hören, die er seinen Gläubigern gespielt – was das Schliche waren – was für ein Entwischen! Nach Tische fragte er mich, ob ich je zuweilen mit seinem Bruder Briefe wechselte? Ich sagte ihm: nein, wir wären herzlich gute Freunde, aber hörten nie etwas voneinander; worauf er bemerkte: ›Na! ich werd' ihn in kurzem mit einem Besuch überraschen; sollten Sie indessen unerwartet mit ihm in Berührung kommen, so sagen Sie ihm nicht, daß Sie mich gesehen haben; denn, es Ihnen offen zu gestehen, ich komm' gerade von Ostindien zurück, wo ich mir etwas Vermögen hätte zusammenscharren können, wär' es nicht jedesmal so schnell zerronnen wie gewonnen gewesen. Übrigens wissen Sie, daß ich immer sprichwörtlich für den glücklichsten Kerl in der Welt gegolten.‹ (Und wirklich, lieber Herr, dafür galt Ihr Vater!) – ›So rettete ich denn auch während meines Aufenthalts in Indien einem alten Oberst auf einer Tigerjagd das Leben. Derselbe kehrte bald darauf nach Europa zurück und ließ sich in Yorkshire nieder; und kaum bin ich einen Tag in England angekommen, wohin mich meine schlechte Gesundheit trieb, so hör' ich, mein alter Oberst sei eben gestorben und habe mir ein hübsches Legat nebst seinem Hause in Yorkshire hinterlassen. Ich geh' jetzt dahin, das Anwesen in Gold umzusetzen und mein Geld in Empfang zu nehmen, will dann meinen guten Bruder und meine Hausgötter aufsuchen, und vielleicht, obwohl wenig Wahrscheinlichkeit dazu da ist, für meine übrige Lebenszeit ein gesetzter Mann werden.‹ Ich behaupte nicht, junger Herr, daß dies genau die Worte Ihres Vaters gewesen – man kann so was so viele Jahre lang nicht wörtlich behalten – aber der That nach waren sie's. Am folgenden Tage schied er von mir, und seit dieser Zeit hab' ich nichts mehr von ihm vernommen. Die Wahrheit zu sagen, sah er über die Maßen gelb und sehr herabgekommen aus, und ich stellte mir gleich vor, es könne nicht mehr lange mit ihm dauern. Er schien über seine Jahre alt, und so lebhaft sein Geist, so verfallen war sein Körper, so daß, als mir nie wieder etwas über ihn zu Ohren kam, ich mir nicht anders dachte, als er habe das Zeitliche gesegnet. – Aber guter Himmel, haben Sie denn nie etwas von diesem Legat gehört?« »Nie, kein Wort!« sagte Walter, der mit großem Erstaunen diese Umstände angehört hatte. »Und nach welchem Teil von Yorkshire sagte er, daß seine Reise gehe?« »Davon hat er nichts erwähnt.« »Auch nicht des Obersten Namen?« »Nicht soviel ich mich erinnere; er mag's gethan haben, doch glaub' ich schwerlich. Des aber bin ich sicher, daß die Grafschaft Yorkshire, und daß der Herr, wie er auch geheißen haben mag, ein Oberst war. Halt! da fällt mir noch ein Umstand ein, der mir zur guten Stunde kommt. Indem Ihr Vater, wie ich vorhin sagte, in seiner lustigen Art die Geschichte seiner Abenteuer, die Hetzjagden mit seinen Gläubigern, die verschiedenen Verkappungen und die Menge falscher Namen, die er nach und nach angenommen, erzählte, erwähnte er auch, der Name, den er in Indien geführt und durch welchen er sich, wie er versicherte, einen sehr guten Ruf erworben – sei Clarke gewesen. Er fügte hinzu, daß er auch jetzt noch diesen Namen führe, und sehr erfreut über die Vorteile sei, die ihm eine solche Allerweltsbenennung einbringe, durch die er, wie er im Spaß sagte, ›die Vaterschaft aller seinen eigenen Sünden einem andern Herrn Clarke zuschieben und dagegen sämtliche Verdienste all seiner Namensbrüder sich selbst zueignen könne.‹ Ja, nichts für ungut, aber er war ein listiger Fuchs, Ihr Vater! So sehen Sie denn, daß, wenn er überhaupt nach Yorkshire gekommen ist, er aller Wahrscheinlichkeit nach unter dem Namen Clarke jenes Vermächtnis forderte und in Empfang nahm.« »Sie haben mir mehr gesagt,« rief Walter freudig aus, »als wir seit seinem Verschwinden gehört haben, und gleich morgen mit dem frühesten soll mich mein Pferd rückwärts nach dem Norden zu tragen. Aber Sie bemerkten, ›wenn er überhaupt nach Yorkshire gekommen ist,‹ – was sollte ihn daran gehindert haben?« »Seine Gesundheit,« sagte der Nicht-Hypochonder. »Es sollte mich nicht sehr wundern, wenn – wenn – kurz, Sie werden vielleicht am besten thun, unterwegs auf den Grabsteinen nach dem Namen Clarke zu forschen.« »Sie können mir vielleicht Jahr und Tag näher bezeichnen, mein Herr,« sagte Walter, von seiner Freude ziemlich herabgestimmt. »Hm! will sehen, will sehen, nach Tisch. Da haben wir's, daß ein Allerweltsname auch seine Nachteile hat. Armer Gottfried! – ich darf Wohl sagen, daß es zwischen hier und York fünfzig Grabsteine zum Andenken an fünfzig Clarke giebt. Aber kommen Sie, junger Herr, da läutet man uns zum Essen.« Was immer die Übel sein mochten, die Herrn Curtlands markigen Gliedern durch das vegetabilische Leben der hingeschiedenen Bäume mitgeteilt worden, Mangel an Appetit war nicht darunter begriffen. Sobald ein Mann nicht aus Grundsatz oder aus früherer Gewohnheit , wie dies beides der Fall bei Aram war, enthaltsam ist, macht ihn die Einsamkeit immer zu einem großen Verehrer seines Mittagsessens. Er hat keine anderen Merkzeichen zur Tageseinteilung, und so brütet er denn darüber, genießt es zum voraus in Gedanken, hegt und pflegt die angenehme Vorstellung in seiner Phantasie, und wenn er noch an etwas über den Mittagstisch hinausdenkt, so ist's der – Abendtisch. Wohlbedacht befestigte Herr Courtland die Serviette an seine Weste, ließ alle Fenster öffnen und machte sich an die Arbeit, wie der gute Kanonikus im Gil Blas. Noch immer hatte er genug von seinem früheren Vermögen übrig, um über eine treffliche Küche gebieten zu können, wenigstens so hoch die Trefflichkeit eines weiblichen Küchenvorstandes sich zu erheben vermag. Gehörten auch die meisten seiner Gerichte zu den ganz gewöhnlichen, so ist doch allbekannt, welche Kunst zur Bereitung eines über jede Ausstellung erhabenen Rostbratens eines tadellosen Kochfleisches gehört. Sprecht mir nicht von Köchinnen, die in den höheren Sphären ihres Berufs sich auszeichnen, deren giebt's so viel wie Brombeeren: die gute einfache Köchin ist's, was selten gefunden wird! Eine halbe Schüssel stark gewürzter Suppe, mindestens drei Pfund geschmorter Karpfen, das ganze Unterteil eines Lendenstückes, drei Viertel einer Zunge, die Hälfte eines Huhns, sechs Pfannkuchen und ein Törtchen waren nacheinander hinter dem Gebiß des kranken Mannes verschwunden, »Et cuncta terrarum subacta Praeter atrocem animum Catonis« und noch rief er nach zwei Pfefferbroten und einer Sardelle. Als auch diese verzehrt waren, ließ er den Wein auf ein Tischlein neben das Fenster setzen, erklärend, die Luft dünke ihm schwüler als je. Walter wunderte sich nicht länger über die wunderlichen Beschwerden des Nicht-Hypochonders. – Er lehnte das Nachtlager bei Herrn Courtland, so zuvorkommend sein Wirt auch versicherte, daß keine Vorhänge am Bett und kein Fensterladen im ganzen Hause sei, unter dem Vormund ab, seine Absicht gehe dahin, am nächsten Morgen mit Tagesanbruch abzureisen, daher er keine Störung in die Hausordnung des Kranken bringen wolle. Nur mit Bedauern ließ Courtland, immer noch ein trefflicher, gastfreier, gutmütiger Mann, des Freundes Neffen abziehen. Vorher jedoch verhalf er ihm noch, indem er ein altes Notizbuch nachschlug, zum Datum des Jahres, ja selbst des Monats, in welchem er mit einem Besuch des Herrn Clarke beehrt worden, der, wie sich jetzt ergab, auch seinen Taufnamen Gottfried in einen andern mit D anfangenden, umgetauscht hatte: ob dieser Name jedoch David oder Daniel gewesen, erinnerte sich sein Wirt nicht mehr. Beim Scheiden schüttelte Courtland Walter die Hand und bemerkte: »Unter uns gesagt, lieber Herr, fürcht' ich, Sie machen einen Fleischergang. Ihr Vater liebte zu sehr seinen Spaß, als daß er gern bei der Wahrheit geblieben wäre – entschuldigen Sie, Bester – und so möchten denn auch wohl der Oberst und das Legat bloße Erfindungen gewesen sein – pour passer les temps – Nur ein Grund bestimmte mich damals, der Geschichte wirklichen Glauben beizumessen.« »Welcher Grund?« fragte Walter, hoch errötend über den Ruf, in dem sein Vater so allgemein gekommen. »Entschuldigen Sie, mein junger Freund!« »Nein, mein Herr, ich muß darauf dringen.« »Nun denn, Gottfried Lester sprach mich nicht um Geld an.« Statt den Herrlichkeiten der Hauptstadt zuzueilen, hatte Walter auf diese unbedeutende, zweifelhafte Spur hin den Weg, am nächsten Morgen wirklich nach Norden genommen: und mit unruhigem, aber hoffnungsvollem Gemüt begann der thatendurstige Sohn die Forschungen nach dem Schicksal eines Vaters, welcher der ängstlichen Sorge, die er erregte, so unwürdig erschien. Achtes Kapitel. Walters Betrachtungen. – Kummer und Ärger des Korporals. – Schilderung der näheren Persönlichkeit des Korporals. – Eine Auseinandersetzung mit seinem Herrn. – Der Korporal eröffnet sich dem jungen Reisenden. – Seine Ansichten über Liebe; – über die Welt; – über das Vergnügen und die Achtungswürdigkeit des Betrügens; – über Frauen; – über eine besondere Klasse von Frauen; – über Schriftsteller; – über den Wert von Worten; – über das Fechten; – nebst verschiedenen andern Dingen von gleicher Unterhaltsamkeit und Erbaulichkeit. – Ein unerwartetes Ereignis. Quale per incertam Lunam sub luce maligna Est iter. Virgil. Der Weg, welchen die Reisenden wegen der Veränderung ihres Bestimmungsortes zu machen hatten, führte sie durch einen beträchtlichen Teil der bereits durchzogenen Gegend zurück, und da der Korporal Sorge getragen, daß man in dem Städtchen, wo man zu Mittag speiste, ein paar Stunden verweilte, überfiel sie die Nacht mitten auf dem öden, langen Wege, wo ihnen Sir Peter Hales und die zwei verdächtigen Räubergestalten begegnet waren. Walters Seele war ganz mit seinem neuen Plan erfüllt. Der Leser wird vollkommen begreifen, welch lebhafte Aufregung der Zufall in ihm hervorrufen mußte, der auf eine mögliche Entwirrung des Geheimnisses deutete, das über dem Schicksal seines Vaters hing. Sanguinisch gab er sich jetzt den eifrigen Betrachtungen hin, mit welchen die Phantasie der Jugend einen Lieblingsgedanken hegt und pflegt, bis sich die Hoffnung zur Leidenschaft steigert. Was immer auf diesen wunderlichen umherschwärmenden Vater sich bezog, hatte des Sohnes Brust mit ängstlicher, ja, uns so auszudrücken, nachsichtiger Teilnahme erfüllt. Das Urteil eines jungen Mannes ist immer geneigt, kühnere, unternehmende Charaktere in Schutz zu nehmen, und so gebrach es Walter nicht an stillen Entschuldigungsgründen für das wilde, sorglose Leben seines Vaters. Mitten unter den sichtbaren, ja schreienden Beweisen eines gänzlichen Mangels an Grundsätzen bei letzterem klammerte sich der Sohn mit natürlicher Parteilichkeit und Selbsttäuschung an die wenigen Züge von Herzhaftigkeit und Edelmut, die auf jenen Charakter, wenn sie auch keineswegs völlig mit ihm versöhnten, mindestens einen gewissen Glanz warfen; Züge, welche sich in solchen Menschen als eine häufige, obwohl immer so nutzlose Nebengabe finden, und mit Beginn des höheren Alters in der Regel verschwinden. War es immer Walters Hoffnung gewesen, so war es jetzt zur begeisternden Überzeugung geworden, es sei ihm vorbehalten, den zu entdecken, den er noch stets am Leben vermutete und jetzt gebessert zu finden erwartete. Jener stille Glaube an Gottfried Lesters guten Stern, den alle, die ihn gekannt, zu nähren schienen, wurde vollends von seinem Sohn mit besonderer Bereitwilligkeit und Bestimmtheit angenommen. Er überließ sich den verschiedensten Vermutungen über die Gründe, die seinen Vater bewogen haben mochten, auch nach der Rückkehr nach England nichts über sein Schicksal laut werden zu lassen. Entschlossen und schnell verwarf er dabei jedesmal diejenigen, welche, wenn sie dem wahren Stand der Dinge am nächsten kamen, doch die niederschlagendsten für ihn waren. Bald stellte er sich vor, sein Vater sei bei der Nachricht vom Tode seiner verlassenen Frau vielleicht von innern Vorwürfen, die ihn abgeneigt gemacht, sich der übrigen Familie zu entdecken – sei vielleicht von dem Gefühl ergriffen worden, daß das stärkste Band, das ihn an die Heimat fesselte, zerbrochen sei; bald dachte er, der Wanderer möge in der Aussicht auf jenes Vermächtnis getäuscht worden sein und sofort aus Furcht vor Gläubigern oder weil er die Großmut des Bruders nicht zum zweitenmal in Anspruch nehmen wollte, England abermals schnell verlassen und sich auf irgend eine Unternehmung, ein Geschäft in der Fremde geworfen haben. Auch war es möglich, daß der Vorschlag irgend eines wilden Kameraden einen Mann von so leichtem, veränderunglustigen Blut, selbst nach Empfang des Vermächtnisses, bloß auf die Laune des Augenblicks hin – denn immer war die augenblickliche Laune Führerin seines Lebens gewesen – zu einem Unternehmen auf dem Festlande fortgetrieben hatte; einmal in der Fremde mochte er nach Indien zurückgekehrt und in neuen Verhältnissen die alten Bande an die Heimat vergessen haben. Zudem gehen Briefe aus dem Auslande leicht verloren und es war nicht unwahrscheinlich, daß der Umherschwärmer zu wiederholten Malen geschrieben hatte, sich, als er auf diese Mitteilungen sofort keine Antwort erhielt, einbildete, sein ausschweifendes Leben habe ihn der Zuneigung seiner Frau beraubt, und im Bewußtsein, daß Anerbietungen zu erneuerter Verständigung eine Abweisung verdienten , sich überredete, das verdiente Los sei denselben wirklich zu teil geworden. Diese und hundert ähnliche Mutmaßungen fanden Gunst in den Augen des jungen Reisenden. Die Möglichkeit eines Unglücks oder plötzlichen Todes dagegen schloß er für jetzt beharrlich von der Zahl dieser Wahrscheinlichkeiten aus. Wäre sein Vater unterwegs von einer tödlichen Krankheit ergriffen worden, war es da nicht wahrscheinlich, daß er in der Zerknirschung, welche der herannahende Tod auch in dem verhärtetsten Gemüt hervorruft, dem Bruder geschrieben, sein Kind dessen Fürsorge anempfohlen und ihn von dem Zuwachs seines Vermögens benachrichtigt haben würde? – So fiel es denn Walter nicht ein, seine gegenwärtige Reise durch Nachforschungen unter den Toten, welche ihm der würdige Courtland so wohlbedacht empfohlen hatte, aufzuhalten. Sollte gegen seine Hoffnung das Unternehmen ohne allen Erfolg bleiben, so war es immer noch Zeit, den Weg zurückzumachen und jenen Wink zu benutzen. Aber welcher Mensch von einundzwanzig Jahren nahm je viele Vorsichtsmaßregeln in Bezug auf die dunklere Seite einer Angelegenheit, bei welcher sein Herz interessiert ist? Und als die schwankenden Vermutungen endlich in ein festes Bild übergingen, als die Worte, in welchen Gottfried Lester Herrn Courtland seine künftige Besserung ziemlich unzweideutig angezeigt hatte, ihm stets von neuem vorschwebten – mit welchem Entzücken stellte er sich da das Wiederfinden eines durch Jahre weise, durch Unglück gemäßigt gewordenen Vaters vor, den er nun in eine neue Heimat stiller Tugend und friedlichen Genusses einführen wollte! Er malte sich eine Scene jenes häuslichen Glückes aus, das in unsern Träumen so vollkommen erscheint, weil in unsern Träumen jede Einförmigkeit aus dem Gemälde weggelassen ist. In diesem Phantasiegebilde trat die Gestalt Ellinors, seiner helläugigen zarten Cousine, nicht am wenigsten vor. Seit seinem Wortwechsel mit Madeline war die Liebe, die er einst für so unvertilgbar gehalten, in einen nebelhaften trüben Duft verflossen und in dem Maß, worin Madelines Bild undeutlicher wurde, erglänzte dasjenige ihrer Schwester heller. Oft drückte er, wie er jetzt durch die Stille der dunkelnden Nacht und das milde Sternenlicht dahinritt, das kleine Pfand von Ellinors Zuneigung an sein Herz und wunderte sich, erst in den paar letzten Tagen entdeckt zu haben, daß ihre Augen schöner als diejenigen Madelines und ihr Lächeln rührender sei. Mittlerweile trabte der heldenhafte Korporal, der mit dem veränderten Reiseplan seines Herrn keineswegs zufrieden war, hinterdrein und pfiff die trübseligste Melodie, welche im Bereich seines Gedächtnisses lag. Keine junge Dame hatte je im Vorgenuß der Bälle und Kränzchen größeres Vergnügen über eine Reise nach London empfunden, als die athletische Brust des alten Kriegsknechts, wie er sich nun nur noch eine geringe Tagreise von der Hauptstadt befand. Und keine junge Dame, die in der ersten Blüte ihres Auftretens durch einen unzeitigen Anfall von Gicht oder Sparsamkeit des Papas zurückgerufen wird, fühlte je einen so unheilbaren Kummer, als der niedergeschlagene Korporal. Sein Herr hatte ihn noch nicht einmal mit der Ursache des Rückmarsches bekannt gemacht, und in seinem eigenen Herzen schob er denselben lediglich dem flatterhaften Leichtsinn und der unverzeihlichen Unbeständigkeit zu, welche »all' diese Jungen haben, eh' sie in die Welt geguckt«. Unbedenklich sah er sich als einen höchlichst mißhandelten und mißbrauchten Mann an, richtete sich zu seiner ganzen Höhe auf, als ob der Himmel bei der nächsten Gelegenheit mit dieser Sache bekannt gemacht werden sollte und gab sich, besagtermaßen, dem schwermütigen Trost hin, ein Grablied zu pfeifen, das er dann und wann durch eine langgedehnte Zwischenmusik, halb Seufzer, halb das beliebte »Uff – Buff« im Nasenton, unterbrach. Und hier erinnern wir uns, daß wir den Lesern noch kein genügendes Bild des reisigen Korporals gegeben haben. Vielleicht dürfte sich dazu keine bessere Gelegenheit als die jetzige finden; vielleicht auch, daß sich Korporal Bunting, wie Melrose Abbey, am anziehendsten ausnimmt, wenn er im bleichen Mondlicht gesehen wird. Auf dem Kopfe trug er einen kleinen aufgestülpten Hut, der früher dem Obersten des Zweiundvierzigsten angehörte – die Bilder von Freund Tristrams Onkel mögen der Vorstellung nachhelfen; – einmal hatte der Hauptschmuck mit einer Feder geprangt – die jetzt weg war, aber die goldene Tresse, obwohl abgerieben, und die Kokarde, obwohl zerknickt, hielten noch stand. Unter dieser Beschattung gewann das Profil des Korporals einen besondern Ausdruck von Schlachtentrotz. Denn obwohl er von vorn gut genug aussah, so waren es doch nur Haltung, Länge und Farbe, die ihm dies Aussehen gaben, und seine Seitenansicht war, umgekehrt wie bei Lucians einäugigem Prinzen, keineswegs der vorteilhafteste Standpunkt zur Betrachtung seiner Züge. Seine kleinen, schlauen Augen wurden halb versteckt durch ein Paar dichte, buschige Brauen, die er beim Pfeifen hin und her bewegte, wie ein Pferd die Ohren regt, wenn es scheu werden reichte nicht weit genug, denn obwohl sie von vorn als kein verächtlicher Ausläufer erschien, so sah sie sich doch – worin nun immer die Ursache gelegen haben mag – vom Profil ausnehmend kurz an. Zum Ersatz zeigte die Oberlippe eine Länge, die umsomehr ausfiel; als sie über die Maßen steif war – sie hatte so gut wie ihr Herr gelernt sich aufrecht zu halten und ihrer Ausdehnung keine Linie zu vergeben! Die Unterlippe, beim Pfeifen allein hervorgedrückt, diente noch mehr dazu, die Nase in den Hintergrund zu stellen; und was das Kinn betrifft – sprecht mir immer von einer langen Oberlippe – das Kinn hätte deren noch zwei abgegeben. Solch' ein Kinn, so lang, so breit, so vollwichtig würde, wenn man es auf eine Schüssel gelegt, ohne im mindesten Zweifel zu erregen, für einen Rinderbraten haben gelten können! Noch dicker, als es war, erschien es durch die ausnehmende Festigkeit der steifen, schwarzledernen Halsbinde darunter, welche alles ihr im Wege liegende Fleisch zu einem zweiten Kinn zusammendrängte – dem Abhub vom Braten! Der Hut, der für seinen Träger etwas zu klein und überdies geflissentlich in die Stirn gedrückt war, ließ den halben Hinterkopf unbedeckt. Das Haar, nach damaliger Mode in einen Knoten verschlungen, fiel in gräulich schwarzem Dickicht auf die stämmigen Schultern herab. Als Gewand trug der Veteran ein blaues Wams, ursprünglich ein Frack, aber weil die Schöße einmal, als der Besitzer sich an Peter Dahltrups Kamin wärmte, zur drohendsten Gefahr der Stelle, die sie schützen sollten, Feuer gefangen, waren sie soweit amputiert worden, daß sie bloß den Stumpf eines Schwanzes übrig ließen, der eben kärglich hinreichte, den Teil zu bedecken, welchen weder die Kunst bei zweibeinigen noch die Natur bei vierbeinigen Geschöpfen gern völlig hüllenlos läßt. Und dieser Teil, ach, von welchem Umfang! Hätte ihn Liston gesehen, er würde sein verkleinertes dem Gesicht entgegengesetztes Teil für immer verborgen haben. – Kein Wunder, daß der Korporal durch das gestrige Paket so verdrießlich gemacht wurde, ein so kurzer Rock und ein – –. Doch gehen wir zum Rest des Mannes über! Nicht nur in seinen Schößen war der unselige Frack mangelhaft; der Korporal, der die letzten Jahre über in der heitern Unthätigkeit Grünthals lustig zugelegt hatte, war in Brust- und Bauchweite wunderbar aus dem Kleid hinausgewachsen, knöpfte es aber mit vieler Kunstfertigkeit dennoch ganz zu. So strotzten denn die muskelkräftigen Verhältnisse des Insassen nach allen Richtungen heraus und gaben ihm das komische Ansehen eines riesenhaften Schulknaben. Seine Armgelenke und breiten, sehnigen Hände, die er beide zur Zügelung seines hartmäuligen Tieres gebrauchte, traten besonders bemerkbar hervor, denn der Korporal hatte die Gewohnheit, sobald er auf einen abgelegenen Strich Wegs kam, ein Paar sorgfältig weiß gehaltene Lederhandschuhe – eine wundersame Aufstutzung seiner Erscheinung, wenn er durch eine Stadt ritt – mit Bedacht auszuziehen und klüglich in die Tasche zu stecken. Unsäglich straff lagen die gelben bockledernen Beinkleider an; die Strümpfe bestanden aus grauer Wolle und ein Paar Schnürstiefel, welche bis zum Anfang, einer bergmäßigen Wade gingen, jedes Weiterreichen aber verweigerten, vollendeten seinen Anzug. Stellt euch diese Gestalt mit mühevoller, unveränderlicher Perpendikularität auf einem halbgebauschten Sattel vor, der mit einem gewaltigen Paar vollgestopfter Taschen und mit Halftern geschmückt ist, worin die Läufe von zwei ungeheuern Pistolen sich bergen; das Pferd sein eigensinniges Gebiß vorwärts streckend und den Zügel so straff wie eine Bogensehne anziehend, die Ohren dämisch zurückgelegt, als ob es gleich dem Korporal über die Reise nach Yorkshire trauerte, und den langen, dicken Schweif nicht in einer hübschen, wohlgezogenen Schwingung tragend, sondern schafmäßig baumeln lassend, als wollte es seine hintern Teile mindestens besser bedecken, als sein Herr. Und nunmehr, Leser, ist es nicht unser Fehler, wenn du dir keine Vorstellung von den körperlichen Vollkommenheiten des Korporals und seines Rosses machen kannst! Die Träumereien des sinnenden Bunting wurden durch die Stimme seines Herrn unterbrochen, der ihn näher rief. »Na, na!« murmelte er, »der Junker kann nicht erwarten, daß ich ihm so dicht auf 'n Fersen sein soll, als ob wir nach Lonnon 'nein trabten, was freilich jetzunder wohl sein könnt', wenn er kein so verdammter Windbeutel gewesen wär' – uff!« »Bunting, sag' ich, hört Ihr mich?« »Ja. Euer Edeln, ja; habe des Teufels Not mit der Faulheit dieser verdammten Mähre.« »Faulheit! dacht' ich doch, das Pferd sei eher das Gegenteil, Bunting; ich glaubte, es brauche mehr den Zaum als den Sporn.« »Uff! Euer Edeln, 's ist langsam, wenn's nicht sollte und schnell wenn's nicht sollte; wechselt seine Laune aus bloßem Eigensinn oder bloßem Trotz; 'n Guck-in-die-Welt, Euer Edeln, da steckt's! Was ganz anderes, wenn's gut zugeritten wär'. Giebt viele gleich ihm!« »Ihr macht wohl gar Anspielungen, Herr Bunting,« sagte Walter, über die augenscheinliche Übellaune seines Dieners lachend. »Uff! Ne, wahrlich! – Darf mir's nicht – 'n armer Kerl wie ich – 'raus nehmen, Anzielungen zu machen – wenn ich nicht wen vor mir hab', der noch ärmer ist.« »Wie, Bunting. Ihr wollt doch nicht sagen, daß Ihr ungroßmütig genug wäret, einem Mann etwas Unangenehmes zu sagen, weil er ärmer als Ihr ist? – Pfui!« »Wuff, Euer Edeln, ist nicht das eben der Grund, warum ich 'm was zu verschnupfen geben möcht'? 'nem Bessern als ich werd' ich nichts zu verschnupfen geben; das wär' 'ne schlechte Erziehung, Euer Edeln – keine Manneszucht.« »Aber unserem großen Kommandanten sind wir schuldig, alle Menschen zu lieben,« sagte Walter. »Uff! Herr, 'ne gar gute Lehr' – giebt keine bessre – zeigt aber, daß man die Welt nicht kennt, Herr, die Welt nicht!« »Bunting, Eure Grundsätze liegen ganz außer dem Wege des Seelenheils. Wißt Ihr, guter Freund, daß es die Bibel ist, über welche Ihr eben diese Worte gesprochen habt.« »Uff, Herr, aber die Bibel war so halt an jüdische Kreaturen gerichtet! Immerhin ist's 'n gar herrlich Buch für 'n Armen; hält 'n in Ordnung, befördert Mannszucht – keines besser.« »Schweigt! Ich rief Euch her, Bunting, weil ich Euch, mein' ich, einmal sagen gehört, Ihr wäret in York gewesen. Wißt Ihr, durch welche Städte wir auf unserem Wege dahin kommen?« »Ich nicht, Euer Edeln; 's ist 'n meineidig langer Weg. – Was wird der Squire denken – vor 'm Thor von Lonnon vollends! Hätte den ganzen Weg erfahren können mit allen Wirtshäusern, wären's nur zuerst nach Lonnon gangen. Aber junge Herren find immer oben 'naus – kein Vertrauen nicht auf die Alten, die 'ne Erfahrung von der Welt haben. Weiß, was ich weiß.« Und von neuem fing der Korporal an zu pfeifen. »Na, na! Bunting, Ihr scheint sehr mißvergnügt mit der Umänderung meines Reiseplanes. Setzt Euch das Reiten zu, oder verlangtet Ihr so sehr nach der Stadt?« »Uff, Herr, dacht' nur, was 's beste für Euer Edeln wär' – schickt sich nicht für mich, daß mir was gefalle oder nicht gefalle. Aber die Pferde, die armen Kreaturen, brauchen für 'n paar Tage Ruh'. So 'n stumm Tier kann nicht immer fortgehen, tripp trapp, tripp trapp, wie Euer Edlen und ich – wuff!« »Das ist sehr richtig, Bunting, und ich habe deswegen schon daran gedacht. Euch mit den Pferden wieder nach Hause zu schicken und Post zu nehmen.« »Eh,« brummte der Korporal und machte die Augen weit auf, »hoff, Euer Edeln sprechen nicht im Ernst?« »Nun, wenn Ihr fortfahrt, so ernst drein zu sehen, so muß ich auch ernst werden: Ihr versteht mich, Bunting?« »Uff, und ist das alles, Euer Edeln?« schrie der Korporal, indem sein Gesicht sich aufhellte, »werde morgen lustig genug drein schauen, wenn man sich erst mal an den Wechsel der Straße gewöhnt hat. Aber Sie sehen, Herr, 's nahm mich wunder. Sagt' ich zu mir selbst, sag' ich, 's ist kurios für dich, Jakob Bunting, meiner Seel! dahin zu trotten, dorthin zu trotten, ohne zu wissen warum, oder weswegen, als ob du noch Gemeiner im Zweiundvierzigsten warst und nicht 'n verabschiedeter Korp'ral. Sehen wohl, Euer Edlen, war an der Ambitiong gegriffen; ist aber jetzt alles vorbei – sperr mich nur gegen solche, die geringer sind als ich – bin alt genug, um die Welt zu kennen.« »Nun, Bunting, wenn Ihr den Grund erfahrt, weshalb ich meinen Reiseplan abgeändert habe, so werdet Ihr vollkommen einverstanden sein, daß ich recht daran that. Mit einem Wort, es ist Euch bekannt, daß mein Vater seit langer Zeit vermißt wird; ich hab' eine Spur gefunden, durch welche ich ihn aufzufinden hoffe. Dies der Grund meiner Reise nach Yorkshire.« »Uff,« sagte der Korporal, »und 'n sehr guter Grund. Sind 'n vortrefflicher Sohn, Herr; – und so vor 'm Thor von Lonnon.« »Das London muß Euch ganz behext haben; glaubt Ihr, die Straßen seien dort, seit Ihr zum letztenmal dagewesen, von Gold geworden?« »Ach ja, Herr; hör', sollen sich mächtig verbessert haben.« »Pah! Ihr sagt immer, Ihr kenntet die Welt, Bunting, und doch begehrt Ihr mit der ganzen Unerfahrenheit eines Knaben sie kennen zu lernen. Seht, sogar ich könnte Euch zum Beispiel dienen.« »Gerade weil ich die Welt kenn',« erwiderte der Korporal höchst ärgerlich, »möcht' ich wieder in sie zurück. Hab' wohl von Narren gehört, die nie 'n Mädel geküßt hatten, hab' aber nie von einem gehört, der mal 'n Mädel geküßt hatte und sich nicht noch mal dran gewünscht hätte.« »Ah, Bruder Liederlich, ist's dieser Wunsch, der Euch so hitzig nach London treibt?« »Hat schon schlimmere Wünsche gegeben, als diesen,« bemerkte der Korporal gravitätisch. »Vielleicht denkt Ihr eine von den Londoner Schönheiten zu heiraten! so eine reiche Erbin etwa?« »Muß sagen,« erwiderte der Korporal sehr pathetisch, »daß mich so eine von 'n paar tausend Pfund dran kriegen könnt', heißt das, wenn sie jung, hübsch, gutmütig war', und sich desperat in mich verliebte – 's nötigste von allem!« »Nun, Ihr macht da bescheidene Forderungen.« »Hm, je älter einer wird, desto mehr lernt er seinen Wert schätzen; gab mich jetzt nicht um 'n Preis wie mit einundzwanzig Jahren!« »Nach diesem Anschlag würdet Ihr mit Siebzigen unbezahlbar sein,« sagte Walter. »Aber sprecht, Bunting, seid Ihr je verliebt gewesen – wirklich und ehrlich verliebt?« »G'wiß, Euer Edeln, bis über d' Ohren: war aber, eh' ich's Schwimmen gelernt hatte. Mit der Lieb' ist's gerade wie mit 'm Baden. Anfangs sinken wir rasch auf 'n Grund; aber wenn wir da nicht versaufen, so fassen wir Mut, werden ruhig, rudern langsam 'raus und machen ein viel pläsierlicher Ding draus, als vorher. Will Ihnen sagen, Herr, was ich von der Lieb' halte; unter uns gesagt, Herr, ist's kein so fürnehm Ding im Leben, als Jungen und Mädels draus machen wollen. Wenn's noch fürs Mittagessen wär', so lieh ich's gelten, denn ohne das kann man nicht leben; aber schauen's, Herr, Lieb' ist 'ne pure Einbildung. Kann sie nicht essen, kann sie nicht trinken, und was das übrige angeht – hol's der Henker!« »Bunting. Ihr seid ein Vieh!« sagte Walter entflammt, denn wenn der Korporal vorhin für seinen Seitenhieb auf die Religion nur mit leichtem Tadel weggekommen, so müssen wir zu unserem Bedauern melden, daß ein Angriff auf die Heiligkeit der Liebe dem einundzwanzigjährigen Theologen ein durchaus nicht zu duldender Frevel erschien. Der Korporal verbeugte sich und schwieg. Es trat eine Stille von mehreren Minuten ein. »Und was,« begann Walter von neuem, denn, aufgeregt wie er einmal war, kehrte er zu der eigentümlichen Weltklugheit des Korporals immerhin nicht ungern zurück; »und was, zieht Euch denn so sehr in der großen Welt an, die Ihr so gern abermals betreten möchtet?« »Uff!« entgegnete der Korporal, »'s ist was Lustiges, mit offenen Augen um sich zu sehen. Hier 'n Spitzbub', dort 'n Spitzbub' – hält einen hübsch wach! – 's Leben in Lonnon und 's Leben in 'nem Dorf: just der Unterschied wie zwischen nem gesunden Spaziergang und 'nem Hindämmern in 'nem Armstuhl, meiner Seel'!« »Wie! ist es ein Vergnügen, Spitzbuben um sich zu haben?« »Ganz gewiß,« gab ihm der Korporal trocken zurück; »was thut so wohl, als wenn man all' seine Findigkeit und Schlauheit aufgeboten fühlt – daß sie die Spitzen 'rausstreckt wie 'n Stachelschwein? Nichts macht, daß 'n Mann so leicht auftritt, sich so stolz fühlt, ihm so frei um die Brust wird, als wenn er weiß, daß er seinen ganzen Witz bei der Hand hat, daß er jedem gewachsen ist, und der Teufel selbst ihm nichts abgewinnen kann. Uff! Das nenn' ich den rechten Gebrauch von einer unsterblichen Seele – Schwernot!« Walter lachte. »Und zu wissen, daß man wahrscheinlich betrogen wird, ist also die angenehmste Art, seine Zeit in der Stadt zuzubringen, Bunting?« »Uff! und dazu auch selbst zu betrügen!« erwiderte der Korporal, »denn sehen Sie, Herr, 's giebt zwei Wege im Leben: betrügen und betrogen werden, 's ist anfangs 'n Pläsier, für 'ne kurze Zeit betrogen zu werden, wie's den Junkern geht, und wie's Ihnen auch gehen wird, Euer Edeln; aber solch' 'n Pläsier dauert nicht lang; – das andere dauert 's ganze Leben fort. Darf sagen, Euer Edeln haben wohl oft gehört, wie reiche Herren zu ihren Söhnen sagen: ›Du mußt, deines eigenen Bestens halber, was zu thun kriegen, mein Junge, 'nen Stand wählen, magst du auch noch so reich sein.‹ – Sehr wohl, Euer Edeln, und was ist damit gemeint? 's ist gemeint, der Junge muß statt nichts zu thun und betrogen zu werden, thätig sein und betrügen – uff!« »Muß denn ein Mann, der einen Stand erwählt, notwendig betrügen?« »Buff! können Euer Edeln noch fragen? Betrügt nicht der Avkat? betrügt nicht der Doktor? betrügt nicht der Pfarr mehr als einer und das ist der Grund, weshalb sie sich soviel für ihren Beruf intressieren – Schwernot!« »Aber der Soldat? Ihr sagt nichts von dem.« »Ach, der Soldat,« entgegnete mit Würde der Korporal, »der gemeine Soldat, der arme Teufel, wird bloß betrogen; bringt er's aber bis zum Korp'ral oder zum Feldwebel, so kriegt er auch andre dran und betrügt. Uff! ist nichts für 'n Gemeinen, zu betrügen – war' gegen die Subord'nazion, behüte!« »So betrügt denn wohl der General am allermeisten?« »Will's meinen. Euer Edeln: spricht zur Welt von Ruhm und Ehr' und Liebe zum Vaterland und dergleichen – uff! eben die rechte Art!« »Ihr seid ein scharfer Kritikus, Freund Bunting. Und was haltet Ihr denn von den Frauen – sind die so schlimm wie die Männer?« »Frauen – uff! wenn sie verheiratet sind – ja! aber von all den Kreaturen stell' ich die unterhaltensten am höchsten – mein' Seel! Die kennen die Welt! – Man wird ordentlich schaloux auf die Spitzbübinnen, sie schlagen die verheirateten Weiber weit aus 'm Feld! Uff! und Euer Edeln sollten mal sehen, wie sie um einen Mann herumwedeln und schmeicheln, und thun, als ob sie von Butter wären und machen ihm weiß, sie liebten ihn wie ihren Augapfel und ruinieren ihn bei all' dem doch. Sei einer noch so geizig, sie küssen Geld von ihm raus und sitzen in ihrem Atlas da, wenn die Frau, das dumme Tier, in baumwollenem Zeug daherbrummt. O, 's sind Weiterdinger, und machen mit dem Teufel selbst, was sie wollen, wenn sie mal zu ihm kommen, denn gerade die alten Herren werden von ihnen am besten dran gekriegt. Und dann« – fuhr der Korporal fort, der immer wortreicher wurde, denn seine Lust am Sprechen wuchs während ihrer Befriedigung – »dann giebt 's noch 'nen andern Schlag von wunderlichem Volk, den Sie in Lonnon sehen werden, Herr, heißt das, wenn Sie mit ihm zu thun kriegen – hangen alle zusammen wie 'ne Reih' Dachziegel. Sah ganze Rotten davon, als ich beim Oberst war – Oberst Dysart, kennen ihn ja, uff?« »Und was sind das für Leute?« »Kuriose, Euer Edeln; was man so Autors nennt,« »Autoren! Was, alle Welt, hattet Ihr oder der Oberst mit Autoren zu thun?« »Uff! Der Oberst war 'n gar feiner Herr, was die Gelehrten 'nen Mä-zähn-er nennen, schrieb selbst kleine Verse, Scharraden, kennen's ja, Euer Edeln. Einmal macht er 'ne Komedi – halt, weil er mit 'ner Komediantin lebte.« »Ein trefflicher Grund wahrhaftig, um mit Shakespeare in die Schranken zu treten! und fand das Stück Beifall?« »Denk wohl, Euer Edeln, denn der Oberst war 'n Meister mit der Schere.« »Schere! Feder, wollt Ihr sagen?« »Nein! Das ist's, womit geschickte Autors Komedi machen: 'n 'Lord und 'n Oberst, Mä-zähn-er, nehmen allzeit die Schere.« »Wie das?« »Nun, des Obersten Liebste – hatte 'nen Haufen Komedien und sie strich da 'nen Auftritt – dort 'nen Spaß – hier 'ne Zeile, dort was Empfindsames an – und der Oberst saß daneben mit 'nem großen Buch weiß Papier – schnitt's heraus und klebt's ins Buch. Uff, der Oberst machte der Stadt großes Pläsier.« »So; und er sah also viele Autoren bei sich; gefielen die Euch nicht?« »Hm, sind so verdammt hinter 'nander her, zanken, zucken, zerren, schnappen, schreien, kratzen. Kein Brauch für 'nen Mann von Welt: 'n Mann von Welt hadert nie. Dann bilden sich auch diese Kreaturen ein, man vergesse, daß ihr Vater 'n Pfarr gewesen, denken immer mehr an ihre Familie als an ihr Geschreibsel und kriegen sie in der Not kein Geld, so blähen sie 's Fell auf und schreien: nicht behandelt wie 'n Mann von Stand, bei Gott! Bei all' dem haben sie was Freundliches an sich, wenn man sie zu nehmen versteht – uff, ist aber Katzenfreundschaft, heut die Pfote, morgen die Klaue. Und dann heiraten sie immer jung, die armen Teufel, und haben 'n Haus voll Kinder und leben vom Ruhm und Vermögen, die sie einst bekommen werden. Bei meinem Augapfel! unter allen lebendigen Seelen verlassen die sich am meisten auf Hoffnung!« »Was Ihr doch für ein Beobachter seid, Bunting! Wer hätte je geglaubt, daß Ihr so verschiedene Arten von Menschen durchschaut hättet!« »Uff. Euer Edeln, als ich in Diensten beim Obersten stand, hatt' ich nichts zu thun, als den Damen Billetchens zu bringen und die Augen offen z' halten. War immer 'n bedachtsamer Mann.« »Sonderbar, daß Ihr bei all' Euren Fähigkeiten nicht besser für Euch selbst gesorgt habt.« »War nicht mein Fehler,« erwiderte hastig der Korporal; »doch so geht's; thu' einer, was er will – 's ist doch nicht immer der Gescheiteste, der sein Glück macht. Bin aber noch jung, Euer Edeln.« Walter sah den Korporal an und lachte laut auf; der Korporal war darüber ausnehmend gekränkt. »Uff, vielleicht denken's, Herr, daß, weil ich nicht so jung wie Sie bin, ich gar nicht mehr jung wär'; aber was wollen 'n Vierzig, oder 'n Fünfzig, oder 'n Fünfundfünfzig im öffentlichen Leben sagen? Vor diesem Alter hört man von wenig Männern sprechen. Der Herbst zeitigt; der Frühling keimt, uff! – Schwernot!« »Sehr wahr und sehr poetisch; ich sehe, Ihr habt nicht umsonst unter Autoren gelebt.« »Ich weiß 'n wenig zu sprechen, Euer Edeln,« sagte der Korporal steif, als ständ' er vor dem Oberst. »Das ist augenscheinlich.« »Denn, um 'n Mann von Welt zu sein, muß man alle In und alle Aus des Sprechens los haben; 's sind Worte, Herr. was 'nes andern Mannes Gaul auf Ihren Weg bringt. Uff! muß 'n gescheiter Mann gewesen sein, der die Sprache erfand. Soll mich wundern, wer's gewesen ist – vielleicht Moses, Euer Edeln.« »Kümmert Euch nicht darum, wer's gewesen ist,« sagte Walter gravitätisch, »sondern braucht die Gabe mit Verstand.« »Hm,« brummte der Korporal –; »ja, Euer Edeln,« setzte er nach einer Pause hinzu, »'s ist 'n Wunder, was 'n Mann die andern hinter's Licht führen kann, wenn er 'n gutes Mundwerk hat. Braucht er 'ne Liebste, so überredet er sie; – braucht er Ihren Beutel, so redet er 'n Ihnen aus der Tasche; – braucht er 'n Amt, so redet er sich 'nein. – Was macht der Pfarr? Worte – der Avkat? Worte – der Parlamentsmann? Worte! – Worte – können 'n Land ruinieren, im Unterhaus; – Worte retten Seelen, auf der Kanzel; – Worte bringen sogar die Autors, die armen Teufel, in jedermanns Mund – uff! Herr, sorgen Sie gut für Worte , so werden die Dinge für sich selber sorgen – Schwernot!« »Eure Betrachtungen setzen mich in Erstaunen, Bunting.« sagte Walter mit Lächeln. »Aber es wird immer dunkler, hoffentlich wird uns kein Unfall begegnen.« »'s ist da 'n garstig Stück Weg!« sagte der Korporal umherblickend. »Die Pistolen?« »Geladen und Pulver auf der Pfanne, Euer Edeln.« »Schließlich, Bunting, wär' ein kleines Scharmützel so übel nicht, he? – Besonders für einen alten Soldaten wie Ihr.« »Uff. buff! ist kein lustig Ding ums Fechten, wenigstens ohne Löhnung; ist hier nicht wie bei der Lieb' und dem Essen, Euer Edeln, die um so besser schmecken, wenn sie, wie man's nennt, gratis gegeben werden.« »Doch erinnere ich mich, Bunting, daß Ihr von dem Vergnügen spracht, nicht um Löhnung, sondern für König und Vaterland zu fechten!« »Uff, war, als ich den armen Teufeln in Grünthal was vormachen wollte, Euer Edeln; nehm' mir aber nicht die Freiheit, meinem Herrn 'nen Bären aufbinden zu wollen!« So fuhren sie fort, sich den Weg zu verkürzen, bis Walter wieder in seine Träume versank, während welcher der Korporal, dem, der Anblick der Gegend, wo sie sich nunmehr befanden, immer stärker zu mißfallen begann, noch hart an der Seite seines Herrn verblieb. Der Weg war holperig und wandte sich jetzt die lange Anhöhe hinab, deren Anblick zu Ende des Städtchens dem mannhaften Herzen des Korporals vorgestern so große Besorgnisse eingejagt hatte, wo man nur seinetwegen das Mittagessen versäumt hätte. Das Paar war jetzt kaum noch eine kleine halbe Stunde von dem Städtchen entfernt, die ganze Straße von besagtem Hügel eingenommen, und diese selbst schien im Gegensatz zu den sanften Abhängen heutiger Zeit gerade am steilsten Teil durchgeführt zu sein. Lose Steine und tiefe Einschnitte vermehrten die Schwierigkeit des Hinabkommens, und in langsamem Schritt und mit angezogenem Zügel setzten unsere beiden Reisenden ihren Weg fort. Links von der Straße zog sich eine dichte, hohe Hecke hin: rechts senkte sich eine wilde, dürre, unfruchtbare Hecke hinab, über welche man die Turmspitzen und Schornsteine der Stadt, wo der Korporal schon in Gedanken beim Abendessen saß, undeutlich heraufschimmern sah. Plötzlich jedoch wurde dieser edle Ritter durch ein sehr unsanftes Straucheln seines hartmäuligen ramsnasigen Pferdes wieder an seine nächste Umgebung erinnert. Um ein Haar wäre das Tier gestürzt und der Korporal um ein Haar unten gelegen. »Verdammt,« sagte er, indem er langsam seine senkrechte Haltung wiedergewann. »Und der Weg nach Lonnon war so eben wie 'ne Kegelbahn!« Ehe dieser Schmerzensruf ganz aus seinem Munde, fuhr von der Hecke her eine Kugel pfeifend an ihm vorüber. Sie war seinem Ohr so nahe gekommen, daß ohne das glückliche Straucheln Jakob Bunting dem Gras des Feldes geglichen haben würde, das sich einen Augenblick prangend erhebt und im nächsten gemäht daliegt! Scheu geworden durch den Knall, setzte der Gaul in gewaltigen Sprüngen die Anhöhe hinab und brachte den Korporal eine Strecke vor seinem Herrn voraus, ehe es ihm möglich war, den hitzigen Renner zum Stillstand zu bringen. Walter dagegen, sein besser geschultes Pferd zusammennehmend, sah sich nach dem Feinde um, und sein Umblicken war nicht vergebens. Mit gleichzeitigem Gebrüll stürzten drei Männer von der Hecke hervor. Walter schoß, aber fehlte: ehe er die zweite Pistole fassen konnte, war sein Zügel ergriffen und ein gewaltiger Streich mit dem Bleibeschlag eines aus beiden Händen geführten Knittels warf ihn zu Boden. Drittes Buch. Ορ. Λύπη μαλιστά γ' η διαφθείρουσά με. Μ. Δεινὴ γὰρ η θεός, αλλ' όμως ιάσιμος. Ορ. Μανίαι τε, – . . . . . . . . . . . . Μ. Φαντασμάτων δὲ τάδε νοσει̃ς ποίων ύπο: . . . . . . . . . . . . ΟΡΕΣΤ. 398 – 407. O. Gram ist es, was am meisten mich verzehrt. M. Ja, furchtbar ist die Göttin, doch sie bringt dir Heil ... O. Und Wahnsinn ... M. Von welcherlei Gesichten krankest du? Euripides im Orestes. Erstes Kapitel. Betrug und Gewaltthat dringen sogar bis nach Grünthal – Peters Neuigkeiten. – Spaziergang der Liebenden. – Wiederholung eines Besuchs. Woher kommst du, was willst du? Kortolan. Als einst Aram und Madeline auf ihrem gewöhnlichen Abend-Spaziergange durch das Dorf kamen, stürzte aus dem »scheckigen Hund« Peter Dahltrup mit höchst gewichtiger, von Furcht ein wenig verzogener Miene auf die Liebenden zu. »O, Herr, Herr – (Fräulein, Ihr Diener!) – haben Sie die Neuigkeit gehört? Zwei Häuser in Checkington (ein Städtchen, etwas über eine Stunde von Grünthal entfernt) wurden vorige Nacht gewaltsam erbrochen, – ausgeplündert, Euer Edeln, ausgeplündert. Squire Tobson wurde an sein Bett angebunden, sein Schreibtisch ausgeleert, er selbst erhielt schlimme Kontusionen am Kopf; und das Dienstmädchen – ihre Schwester hat bei mir gedient, war 'n sehr gutes Kind – wurde in den – den – den – bitt' um Verzeihung, Fräulein – wurde in den Speiseschrank eingesperrt. Aus dem andern Haus nahmen sie alles Silberzeug fort. Waren nicht weniger als vier Männer, alle vermummt, Euer Edeln, und mit Pistolen bewaffnet. Wenn sie hierher kämen! So was war bis jetzt unerhört bei uns. Aber Herr – aber Fräulein – seien Sie deshalb nicht bange, denn ich sage mit dem Psalmisten: Die Hefen soll der Sünder trinken, Die er mit grimm hinunterschlingt, – Denn ich heb' meine Stimm' und schlage Ihn in die Flucht, dieweil sie singt.« Auf eine wirksamere Art könntet Ihr sie wirklich nicht aus dem Felde treiben, Peter,« sagte Madeline lächelnd. »Aber sprecht einmal mit meinem Vater; ich weiß, wir haben im Hause ein ganzes Magazin alter Musketons und Flinten, die können jetzt ihre Dienste thun. Ihr freilich seid im Falle eines Angriffs ohnehin vorbereitet. Habt Ihr nicht die verrufene Katze des Korporals, Jakobine? Die nimmt's sicherlich mit fünfzig Räubern auf.« »Ja, Fräulein, nach dem Sprichwort: ›Mit einem Diebe fängt man andere.‹ möcht' sie's wohl thun; aber im Ernst, 's ist mit der Sache nicht zu spaßen. So 'n Räubervolk gedeiht wie 'n grüner Lorbeerbaum, wenigstens für 'ne Zeitlang, und wir armen Lämmer haben 'n schlimmes Spiel, bis sie niedergehauen sind und wie Gras verdorren. Ihr Haus aber, Herr Aram, liegt ganz besonders einsam; keiner ihrer Nachbarn kann Ihnen zu Hilfe kommen. Thäten's nicht besser, Herr, Ihr Quartier für jetzt beim Squire zu nehmen?« Madeline drückte Arams Arm an sich und sah ihm besorgt ins Gesicht. »Nein, mein Freund,« sagte er zu Dahltrup, »Räuber würden wenig Gewinn in meinem Hause machen, sie müßten denn wissenschaftlichen Beschäftigungen ergeben sein. Es wäre was Neues, Peter, eine Diebesbande ein Teleskop, oder ein paar Globen, oder ein staubiges großes Foliobuch fortnehmen zu sehen.« »Ja, Euer Edeln, sie können aber gerade um so zornwütiger sein, wenn sie sich in ihren Erwartungen getäuscht sehen.« »Gut, gut, Peter, wir wollen sehen,« erwiderte Aram ungeduldig, »später treffen wir Euch vielleicht wieder in der Halle. Guten Abend für jetzt.« »Teuerster Eugen, ums Himmels willen«, sagte Madeline mit Thränen in den Augen, als sie ihre Schritte von Peter dem stillen Thal, an dessen Ende die Wohnung des Gelehrten lag, zuwandten, – jetzt mehr als je Madelines Lieblings-Spaziergang – »ums Himmels willen, zieh' ins Schloß herüber, bis man sich dieser Bösewichte versichert hat. Bedenk', wie offen dein Haus für einen Angriff liegt; gewiß ist jetzt keine Notwendigkeit da, dort zu bleiben.« Arams ruhige Stirn verfinsterte sich für einen Augenblick. »Was, Geliebteste,« sagte er, »könntest du von der thörichten Furcht dieses Schwätzers beunruhigt werden? Bis jetzt wissen wir noch gar nicht, ob die unwahrscheinliche Geschichte irgendeinen Grund hat. Auf jeden Fall ist sie offenbar übertrieben. Wohl möglich, daß ein Einbruch in den Hühnerhof, wo ein hungriger Fuchs der wirkliche Räuber war, das einzig Wahre an dieser schrecklichen Mär sein mag. Nein, Liebe, sieh' mich nicht so vorwurfsvoll an; es wird immer noch Zeit genug für uns sein, unsere Vorsichtsmaßregeln dann zu nehmen, wenn wir dem Grunde dieses beunruhigenden Gerüchts näher auf die Spur gekommen sind; bis dahin schelte mich nicht, wenn mich in deiner Gegenwart keine Furcht beschleichen kann. O Madeline, teure, teure Madeline, wüßtest du, träumtest du, wie anders mein Leben geworden ist, seit ich dich kenne! Früher, ich will es offen gestehen, lagen finstere, unheimliche Beängstigungen oft schwer auf meinem Herzen, ja, ich lebte mehr unter düsterem Gewölk als unter der Sonne. Jetzt aber bin ich ein Kind geworden und kann nur Hoffnung um mich sehen; mein Leben war Winter – deine Liebe hat es zum Lenz aufgehaucht.« »Und doch, Eugen, doch –« »Was doch, meine Madeline?« »Immer noch giebt es Augenblicke, wo ich keine Macht über deine Gedanken habe; Augenblicke, wo du dich plötzlich von mir abwendest; wo du in dich selbst hinein Empfindungen flüsterst, woran ich keinen Anteil habe, und welche das Bewußtsein aus deinen Augen, die Farbe von deinen Lippen zu rauben scheinen.« »Wie,« rief Aram hastig, »so genau beobachtest du mich?« »Kann dich das wunder nehmen?« erwiderte Madeline mit inniger Zärtlichkeit in der Stimme. »Das mußt du nicht, das mußt du nicht,« antwortete der Geliebte beinahe zornig, »ich kann eine zu genaue und unvermutete Beobachtung nicht ertragen. Bedenk', wie lange ich Einsiedler an eine strenge Unabhängigkeit meiner Gedanken gewöhnt war, die keinen Wächter zuläßt und niemandem Rede stehen darf. Überlaß es der Zeit und deiner Liebe, ihr unabwendbares Ziel zu erreichen. Fordere nicht jetzt schon zu viel von mir und merke dir, ich bitt' dich: so oft gegen meinen Willen eine der Launen, von welchen du eben sprachst, mein Gemüt verfinstert, gieb nicht darauf acht, hör' nicht darauf – verlaß mich! Einsamkeit ist das einzige Heilmittel dagegen! Versprich mir das, Liebe – versprich.« »Das ist eine harte Forderung. Eugen, und ich meine, ich werde dir die Gedanken wohl nicht so gänzlich als ausschließliches Eigentum zugestehen,« erwiderte Madeline scherzend, doch mit halbem Ernst. »Madeline,« sagte Aram mit feierlichem Ton, »es ist dies eine Forderung, von welcher meine Liebe selbst abhängt. Aus der Tiefe meiner Seele flehe ich dich an, mir diese Bitte zu gewähren, buchstäblich zu gewähren.« »Wie? Das ist,« – fing Madeline an. Da traf ihr Auge auf einen tiefen, dunkeln, unerklärlichen Blick des wunderbaren Geliebten; sie ward von einer plötzlichen Furcht, von welchem sie sich keine Rechenschaft zu geben vermochte, überfallen und nur mit leiser, unterwürfiger Stimme setzte sie, hinzu: »Ich verspreche dir zu gehorchen.« Als ob eine Last von seinem Herzen genommen wäre, heiterte sich Aram auf einmal zur glücklichsten Stimmung auf. Er ergoß sich in einen Strom dankbaren Vertrauens, flammender Liebe, der aus den Gedanken der errötenden, entzückten Madeline die augenblickliche Angst, den schnell über sie gekommenen Schauder bald wieder wegschwemmte, womit jenes Anstarren ihre Seele unwillkürlich überwältigt hatte. Und wie sie nun durch den einsamsten Teil des waldigen Thales hinwandelten, er den Arm um ihren Leib geschlungen hielt und seine leise, aber silbertönige Stimme jedem Atemzug, welchen die Aufhorchende that, einen Zauber mitteilte, hatte sie vielleicht das Glück der Gegenwart nie so ganz und ungetrübt gefühlt, nie eine so gläubige Überzeugung von ihrer künftigen Seligkeit gehabt, als jetzt. Auch Aram selbst verweilte mit größerer Lebhaftigkeit und mehr ins einzelne eingehend als gewöhnlich auf den Hoffnungen ihrer gemeinschaftlichen Zukunft und der Ruhe und des Friedens, welchen die Einsamkeit in ihr Leben träufeln würde. »Werden wir,« sagte er, »nicht mit stolzem Triumph aus unserer Abgeschiedenheit auf die wechselnden Leidenschaften, das leere Streben der fernen Welt blicken? Wir haben kein kleinliches Ziel, keine eitle Lockung, welche die Einheit unserer Neigung zerreißen könnte; wir müssen einander alles selbst sein; denn was sonst könnte an diesem Orte unsere Gedanken einnehmen, unsere Gefühle beschäftigen?« »Hast Du, holde Schönheit, eine Wahl getroffen, welche die Welt bei deiner Jugend und Anmut sonderbar finden dürfte, so hast du mindestens einen Mann gewählt, der keinen andern Abgott als dich haben kann. Die Dichter sagen dir, und mit Recht, Einsamkeit sei der eigentliche Ort für die Liebe; aber wie wenig Liebende giebt es, welchen die Einsamkeit nicht zur Last wird! Sie stürzen sich in die Stille mit Seelen, die für die ernsten Freuden, die gleichmäßige Ruhe der Abgeschiedenheit nicht vorbereitet sind; bald werden sie einander überdrüssig, weil die Zurückgezogenheit selber, zu welcher sie entflohen sind, sie übersättigt und erdrückt. Mir aber ist jene Freiheit, welche niedere Gemüter Dunkelheit nennen, die wahre Nahrung des Lebens. Nicht als Fremdling, sondern als Priester trete ich in die Tempel der Natur; nichts kann mir die stillen erhabenen Altäre je verleiden, denen ich meine Jugend geopfert habe. Und jetzt, was Natur, was Wissenschaft mir einst waren – nein, nein, mehr, unendlich mehr als diese bist du mir! O Madeline, ich glaube, es giebt nichts unter dem Himmel, das dem Gefühl gleichkäme, welches uns von allem scheidet, was die große Menschenherde bewegt und durchströmt und herabwürdigt; das uns in stand setzt, auch die Zukunft unseres Lebens nach unserem Willen zu bestimmen, weil es jede Abhängigkeit von andern aufhebt, und uns, während die übrigen Erdenbewohner blind und bewußtlos von der Hand des Verhängnisses vorwärts getrieben werden, zu alleinigen Herren unseres Schicksals macht, und durch die Vergangenheit, die wir geleitet haben, uns befähigt, die Verkünder unserer Zukunft zu werden!« In diesem Augenblick stieß Madeline einen schwachen Schrei aus und klammerte sich zitternd an Arams Arm. Verwundert und aus seiner Begeisterung gerissen, sah er auf, und als er die Ursache ihres Schreckens gewahr wurde, schien auch er wie von plötzlichem Entsetzen an den Boden gebannt. Nur wenige Schritte von ihnen, zwischen dem hohen, üppigen Farnkraut, das zu beiden Seiten ihres Pfades wuchs, stand regungslos, das Paar mit spöttischem Lächeln betrachtend, der unheimliche Fremde, mit welchem das zweite Kapitel unseres ersten Buches den Leser bekannt gemacht hat. Einige Sekunden schien Aram vom tiefsten Grauen überwältigt. Seine Wange wurde totenbleich und Madeline fühlte, wie sein Herz mit lauter, furchtbarer Gewalt an die Brust schlug, an welche sie sich anklammerte. Aber er war nicht die Natur, die von irgend einem irdischen Grausen lange bezwungen werden konnte. Leise hieß er Madeline weitergehen, und langsam und mit seinem gewöhnlichen festen aber sanften Tritt setzte er seinen Weg fort. »Guten Abend, Eugen Aram,« sagte der Fremdling und lüftete bei diesen Worten ein wenig den Hut vor Madeline. »Ich danke dir,« erwiderte der Gelehrte mit ruhiger Stimme, »verlangst du etwas von mir?« »Hm, ja, wenn's dir gefällig wär'.« »Verzeihe, teure Madeline,« sagte Aram sanft, und machte sich von ihr los, »nur für einen Augenblick!« Er trat auf den Fremden zu, und Madeline konnte bloß bemerken, daß Arams Stirn, als er jenen anredete, sich furchte, und daß sein ganzes Benehmen heftig und aufgeregt erschien, aber sie vermochte weder die Worte des einen noch des andern zu verstehen; auch dauerte das Gespräch nicht über eine Minute. Der Fremde nickte, wandte sich ab und verschwand schnell unter dem Gebüsch. Aram trat wieder an die Seite der Geliebten. »Wer,« rief sie heftig, »ist dieser furchtbare Mann? Was ist sein Geschäft? Was sein Name?« »Er ist ein Mann, mit dem ich vor etwa vierzehn Fahren in genauer Bekanntschaft stand,« erwiderte Aram kalt und mit Fassung. »Mein Leben war damals nicht so ganz einsam und wir wurden oft zusammengeführt. Seit der Zeit ist er in unglückliche Umstände gekommen, ließ sich wieder anwerben – er war in seinen jüngern Jahren Soldat gewesen und abgedankt worden – trat in ein Geschäft und machte bankerott; kurz, es trafen ihn jene Wechselfälle, die vom Leben eines jeden, der in die Welt getrieben wird, unzertrennlich sind. Als er vor einigen Monaten durch diese Gegend kam, hörte er zufälligerweise, daß ich in der Nachbarschaft wohne, und suchte mich natürlich auf. So arm ich bin, konnt' ich ihm einige Unterstützung bieten. Jetzt führt ihn sein Weg wieder zurück, und er sucht mich abermals auf, ja, ich glaube wohl, daß ich ihm auf's neue werde aushelfen müssen.« »Und ist das wirklich alles?« sagte Madeline, freier aufatmend; »ach der arme Mann, wenn er dein Freund ist, so kann er keine schlimme Absichten haben – ich habe ihm unrecht gethan. Und er braucht Geld? Ich kann ihm einiges geben – hier, Eugen,« und in ihrer lieblichen Herzenseinfalt legte das Mädchen ihre Börse in Arams Hand. »Nein, Teuerste,« rief er zurückfahrend; » deines Beitrags bedürfen wir nicht, ich kann den Menschen für den Augenblick hinreichend versehen. Aber laß uns heimkehren, es wird kühl.« »Und warum verließ er uns, Eugen?« »Weil ich ihn bat, mich in einer Stunde in meinem Hause aufzusuchen.« »In einer Stunde? so wirst du heute nicht mit uns zu Nacht essen?« »Nein, heute nicht, Geliebteste!« Das Gespräch stockte hier. Umsonst suchte es Madeline wieder anzuknüpfen; Aram, wenn auch ohne Zurückfallen in sein träumerisches Vertieftsein, antwortete ihr doch nur einsilbig. Sie langten beim Herrenhause an, wo der Gelehrte sich für heute am Gartenthor von ihr verabschiedete und auf seine Wohnung zurückeilte. Madeline sah seiner Gestalt nach, bis sie unter dem dunkelnden Schatten verschwand und trat dann mit unhörbarem Schritt in das Haus. Eine namenlose schaudernde Ahnung kroch ihr ans Herz; sie hätte niedersitzen und weinen können, ohne eine Ursache zu wissen. Zweites Kapitel. Unterredung Arams mit dem Fremden. Die Geister, die ich lief, verlassen mich, Der Zauber, den ich lernte, spottet mein. Manfred. Unterdessen schritt Aram rasch durchs Dorf und erst, als er das einsame Thälchen gewonnen, ließ er in seiner Eile etwas nach. Schon war aus dem Abend Nacht geworden. Durch den dürren, düstern Wald schlich der Herbstwind mit leisem, aber überall vernehmbaren Ächzen. Dem Lauf des Baches entlang verhüllte ein dumpfer, gespensterhafter Nebel die Luft, der Himmel aber war ruhig und nur von wenigen Wolken unterbrochen, die in langen, weißen, geistermäßigen Streifen über die stillen Sterne hinzogen. Hier und da schoß eine Fledermaus schnell vorüber und berührte beinahe den Gelehrten, der tief sinnend einherschritt. Die kurzohrige Eule, die, ehe noch der Monat um wenige Tage vorgeschritten war, in dieser Gegend nicht mehr sichtbar sein sollte, erhob sich schwerfällig aus den Bäumen, gleich dem Gedanken an einen verübten Frevel, der aus seinem Schatten hervortritt. Es war eine von den halb düstern, halb sternhellen Nächten, die den Eintritt des Herbstes bezeichnen. Die Natur schien unstät und zum Wechsel geneigt; in der Atmosphäre waren jene Anzeichen, welche den Kundigsten in Zweifel lassen, ob sich der nächste Morgen unter Sturm oder Sonnenschein erheben werde. Es ist um diese Zeit, als ob der Einfluß des Himmels den Anstrich seines geheimnisvollen Unbestandes dem tierischen Leben mitteilte. Die Vögel verlassen ihre Sommerwohnungen; eine unerklärliche Unruhe geht durch die ganze vernunftlose Schöpfung; selbst Menschen haben sich in dieser haltungslosen Jahreszeit mehr als in andern von der Einwirkung und den Einflüsterungen dunkler Seelenkräfte beunruhigt geglaubt. Und jedes Geschöpf, das im Strom des allgemeinen Lebens schwimmt, fühlt auf der nachkräuselnden Oberfläche den mächtigen, großartigen Wechsel, der in der Tiefe vorgeht. Aram hatte das Thal beinahe durchwandert und an der Grenze des Flachlandes, das sich vor ihm aufthat, ward eben seine Wohnung sichtbar, als der Fremde unter den Bäumen rechter Hand hervortrat und Plötzlich vor dem Gelehrten stand. »Ich hab' hier auf dich gepatzt, Aram,« sagte er, »statt dich zu der bestimmten Zeit in deinem Hause aufzusuchen; denn gewisse besondere Gründe machen rätlich, daß ich mich so viel als möglich unter den Eulen aufhalte und es war daher, wenn nicht behaglicher, doch sicherer hier unterm Farnkraut zu liegen, als mir im Dorf drüben gütlich zu thun.« »Und was,« sagte Aram, »bringt dich wieder hierher? Sagtest du nicht, als du mich vor einigen Monaten besuchtest, du wollest dich in einem entlegenen Teil des Landes bei einem Verwandten niederlassen?« »So war auch meine Absicht, aber das Schicksal, wie du sagen würdest, oder der Teufel, wie ich sage, bestimmte es anders. Ich hatte dich nicht lange verlassen, als ich mit einigen alten Freunden zusammentraf, kecken, zuverlässigen Burschen, tapfern Freibeutern auf Straße und Feld. Soll ich mich des Geständnisses schämen, daß ich ihre Gesellschaft, eine Gesellschaft, die mir schon längst nicht unbekannt war, dem dumpfen, einsamen Leben vorzog, das ich in der Wartung meines alten bettlägerigen Vetters in Wales geführt haben würde, der bei alledem noch seine zwanzig Jahre hinsiechen kann und mir am Ende kaum so viel hinterläßt, um das Unglück einer Woche am Spieltisch zu decken? Mit einem Wort: ich gesellte mich meinen wackern Freunden bei und traute mich ihrer Führung an. Seit der Zeit sind wir im Lande herumgekreuzt, haben's uns lustig schmecken lassen, die Furchtsamen erschreckt, die Widerspenstigen zum Schweigen gebracht und sind mit Hilfe deines Schicksals oder meines Teufels nun hierher geraten, um unsern Mut in der Gegend spielen zu lassen, welche mein gelehrter Freund Eugen Aram durch seinen Aufenthalt ehrt.« »Spaße nicht mit mir, Hausman,« sagte Aram ernst; »verstehe ich dich doch kaum. Willst du mir andeuten, daß du und die frevelhaften Gefährten, denen du dich, wie du sagst, angeschlossen, jetzt auf Raub in dieser Gegend liegen?« »So ist's! vielleicht hörtest du bereits von unsrer Ritterthat in voriger Nacht, etwa zwei Stunden von hier?« »Ha! rührt dieser Schurkenstreich von euch her?« »Schurkenstreich?« wiederholte Hausman im Ton tückischer Empfindlichkeit. »Geht, geht, Meister Aram, dergleichen Worte dürfen zwischen uns beiden, Freunden von so altem Datum und auf einem Fuß, wie wir stehen, nicht gewechselt werden.« »Sprich nicht vom Geschehenen,« erwiderte Aram mit bleicher Lippe, »und gieb denen, welche das Verhängnis einst gegen den Willen der Natur in einer augenblicklichen Vereinigung seinen dunkeln Strom hinabtrieb, nicht den Namen von Freunden. Freunde sind wir nicht; aber so lange wir leben, verknüpft uns ein Band, das stärker ist als Freundschaft.« »Du sprichst Wahrheit und Weisheit,« sagte Hausman grinsend; »mir für meinen Teil ist es gleichgiltig, ob du uns Freunde oder Feinde nennst.« »Feinde, Feinde!« rief Aram hastig aus. »das nicht! Bietet das Leben keine Mittelstufe in seinen Verbindungen dar? Nein! keine Feinde; wir dürfen nicht Feinde sein.« »Es wäre eine Thorheit; wenigstens im jetzigen Augenblick,« bemerkte Hausman obenhin. »Sieh, Hausman,« fuhr Aram fort, den Gefährten vom Wege ins Dickicht ziehend, und seine Stimme klang leiser und mehr in die Brust hinein: »sieh, ich kann nicht leben, wenn deine Gegenwart mein Leben umnachtet. Ist nicht die Welt weit genug für uns beide? Warum einander nachjagen? Welchen Vorteil kannst du von mir haben? Können die Gedanken, welche mein Anblick in dir erweckt, heller, friedlicher sein, als diejenigen, welche mich überfallen, wenn ich in dein Antlitz schaue? Schauert nicht um uns beide Gespensterhauch und Leichenduft? Warum uns absichtlich eine Qual aufladen, die so leicht zu vermeiden ist? Verlaß mich – verlaß diese Gegend. Die ganze Erde breitet sich vor dir aus – erwähle dir wo anders Beschäftigung und Wohnplatz, aber vergifte mir diesen kleinen Fleck nicht.« »Ich wünsche nicht dich zu beunruhigen, Eugen Aram, aber ich muß leben und um leben zu können, muß ich meinen Gefährten gehorchen; verließ' ich sie, so müßt' ich verhungern. Nicht lange mehr werden sie in diesem Bezirk verweilen; etwa eine Woche, höchstens vierzehn Tage; dann werden sie, wie das Faultier, wenn die Blätter abgefressen sind, den Baum verlassen. Mit einem Wort, sobald wir mit der Gegend fertig, sind wir auf und davon!« »Hausman! Hausman!« rief Aram leidenschaftlich mit finsterem Stirnrunzeln, daß die Brauen das Auge beinahe bedeckten – was aber vom Augapfel noch sichtbar blieb, glühte in brennendem Feuer – »ich bitte jetzt, aber ich kann drohen – hüte dich! – still! sag ich;« (damit stampfte er, bemerkend, daß Hausman ihn unterbrechen wollte, wild mit dem Fuß auf den Boden); »hör' mich zu Ende. – Sag mir nicht, daß du hier noch weilen wollest – sprich nicht von Tagen, Wochen – während welcher jeder Stundenschlag wie eine Totenglocke in mein Ohr tönen würde! Laß dir nicht von einem Aufenthalt unter diesen ruhigen Schatten träumen, nicht von einer That des Schreckens oder der Gewalt. – Die Diener des Gesetzes sind gegen dich aufgeboten, von allen Seiten umgiebt dich die Wahrscheinlichkeit der Ergreifung und eines schmachvollen Todes.« »Und eines vollen Geständnisses meiner früheren Sünden,« unterbrach ihn Hausman mit wildem Gelächter. »Feind! Teufel!« rief Aram, indem er seinen Gefährten bei der Kehle faßte und mit solcher Gewalt schüttelte, daß Hausman, obwohl ein Mensch von großer Muskelkraft, nur ohnmächtigen Widerstand entgegenzusetzen vermochte. »Laß noch ein solches Wort über die Lippen kommen, wag es, mich mit der Rache eines Wesens, wie du bist, zu bedrohen und bei dem Gott über uns, du liegst tot zu meinen Füßen!« »Laß meine Kehle los oder du wirst zum Mörder,« keuchte Hausman schwer hervor, noch schwarz im Gesicht. Da öffnete Aram hastig die krampfhaft geschlossene Hand und wandte sich rasch von ihm ab, unverständliche Worte vor sich hinmurmelnd. Aber bald kehrte er zu Hausman zurück, dessen Züge vor Wut oder Furcht noch zitterten und im vollsten Wiederbesitz seiner Selbstbeherrschung betrachtete er ihn mit übereinandergeschlagenen Armen und seinem gewöhnlichen leidenschaftslosen, tiefen Ausdruck. Konnte Hausman ihm nicht keck ins Auge sehen, so bebte doch auch er nicht vor demselben zurück; so standen beide in geringer Entfernung voneinander da, beide schweigend, aber in diesem Schweigen lag etwas Gräßlicheres, als wenn sie gesprochen hätten. »Hausman,« sagte endlich Aram mit ruhiger, aber hohler Stimme, »vielleicht hab' ich Unrecht gethan, aber es lebt kein Mensch auf Erden, als du, der mein Blut so in Aufruhr bringen konnte und selbst du nicht leicht. Wisse aber, daß, wenn du drohst, nicht diese Drohung meinen Geist überwältigt oder erschüttert, sondern was den Lauf des Blutes in meinen Adern hemmt, ist, daß du glauben könntest, deine Drohung habe wirklich eine solche Macht über mich, oder daß du – daß irgend ein Mensch – sich den Gedanken anmaßen soll, er vermöge durch Hindeutung auf irgend eine Gefahr Eugen Arams Seele zu demütigen, seinen Willen zu beugen. Jetzt bin ich ruhig; sage was du willst, jetzt kann mich nichts mehr aufbringen.« »Ich bin fertig,« erwiderte Hausman kalt, »ich hab' nichts zu sagen; lebe wohl!« Damit schritt er unter den Bäumen fort. »Halt!« rief Aram mit einiger Bewegung, »halt, nicht so dürfen wir scheiden. Sieh, Hausman, du sagtest du müßtest verhungern, wenn du deine jetzigen Genossen verließest. Das soll nicht sein: verlaß sie noch diese Nacht – diesen Augenblick; scheide aus der Gegend, und das Wenige, das mir gehört, soll dein sein.« »Was deine Habe betrifft,« sagte Hausman trocken, »so fürchte ich, sie wiegt die Vorteile nicht auf, die ich durch Trennung von meinen Gefährten in den Wind schlagen würde. Ich hoffe gegen dreihundert Pfund zu fischen, ehe ich diesen Strich verlasse.« »Gegen dreihundert Pfund!« wiederholte Aram zurücktretend, »das ginge allerdings über mein Vermögen. Ich sagte dir, als wir das letztemal beisammen waren, daß ich meinen kleinen Reichtum nur in Rentenzahlungen beziehe.« »Ich erinnere mich dessen. Ich fordere kein Geld von dir, Eugen Aram; diese Hände können mich erhalten,« erwiderte Hausman mit grimmigem Lächeln. »Ich sagte dir die Summe, die ich im ganzen zu gewinnen hoffe, auf einmal, um dir einen Beweis zu geben, daß du dein mitleidiges Herz nicht darüber zu beunruhigen brauchst, wie mir aus der Not zu helfen sei. Wohl wußt' ich, daß die Summe, die ich nannte, dir nicht zu Gebot stehe, sie müßte denn ein Teil der Mitgift deiner Braut sein. Pfui, Aram! Geheimnisse vor deinem alten Freund? Du siehst, ich weiß die Neuigkeiten der Gegend herauszufinden, ohne dich zum Vertrauten zu haben.« Von neuem zog ein Sturm über Arams Stirn hin und seine Lippe zitterte: aber mit bewundernswürdiger Selbstbeherrschung besiegte er die Erregung und antwortete in mildem Tone: »Ich weiß nicht. Hausman, ob ich irgend eine Mitgift erhalte; sollte es der Fall sein, so bin ich bereit, eine Anordnung zu treffen, wodurch ich dich vermögen könnte, mich nicht weiter zu belästigen. Aber noch wird einige Zeit bis zu meiner Heirat vergehen; verlaß jetzt diese Gegend, und in einem Monat wollen wir uns wieder treffen. Was dann zu meiner Verfügung stehen wird, sollst du unumwunden erfahren.« »Es kann nicht sein,« entgegnete Hausman, »ich verlasse diesen Bezirk nicht, ohne eine sichere Summe in meinen Händen, nicht bloß in der Hoffnung, mitzunehmen. Doch warum mir in den Weg treten? Ich suche meine Schätze nicht in deinen Koffern. Warum diese Angst, wenn ich dieselbe Luft mit dir atme.« »Nicht das ist's!« antwortete Aram mit tiefer, geisterhafter Stimme, »aber wenn du in meiner Nähe bist, so ist es mir, als ob ich mit einem Toten wandelte: ich banne ein Gespenst, wenn ich mich von deiner Gegenwart befreie. Doch das ist's nicht, wovon ich jetzt spreche. Du bist deiner eigenen Aussage zufolge in verbrecherische nächtliche Unternehmungen verwickelt, in welchen du (und der Strom des Zufalls fließt diesem Ziel immerhin zu) von der Hand der Gerechtigkeit ergriffen werden kannst.« »Oho,« sagte Hausman trotzig, »hast du mich doch noch eben beinahe erdrosselt, weil ich gesagt, du fürchtetest so etwas und dessen mögliche Folgen! – So darf Wahrheit in einem Augenblick sich ungestraft äußern, im nächsten nur mit Lebensgefahr! – Das sind wohl eure Spitzfindigkeiten, ihr weisen Gelehrten. Eure Aristotelesse. eure Zenos, eure Platos, eure Epikurs lehren euch merkwürdige Unterscheidungen, wahrhaftig!« »Still!« sagte Aram. »Sind wir zu jeder Zeit ganz wir selbst? Bemeistern uns die Leidenschaften nie? Ja, du hast mich bis zur Raserei erzürnt; sieh aber, jetzt bin ich ruhig; wir haben ein Gespräch auf Leben und Tod zu führen; laß uns dasselbe mit gesammeltem, vorbereitetem Sinne eröffnen. – Wie, Hausman, willst du deinen eigenen Untergang wie den meinigen, daß du auf einer Bahn beharrst, die notwendig mit einem schändlichen Tod endigen muß?« »Was kann ich anderes thun? Arbeiten mag ich nicht, und wie du in einer einsamen Wildnis von einer Rinde Brot leben, kann ich nicht. Auch hat mein Name nicht, wie der deinige, feinen Leumund durch das Lob ehrlicher Leute; mein Ruf ist bekannt; Leute, die früher mit mir umgingen, vermeiden mich; die Gesellschaft bietet mir kein anderes Auskunftsmittel – denn nur mit mir allein leben kann ich nicht – als mich Menschen meines Schlags beizugesellen, welche die Welt ausgestoßen hat. Ich kann mein Brot nur auf den Wegen erwerben, die vom Gesetz gebrandmarkt und mit Schlingen und Gefahr umgeben sind. Was wolltest du mir vorschlagen?« »Ist es nicht besser,« sagte Aram, »Frieden und Ruhe bei einem kleinen, aber sichern Einkommen zu genießen, als so von der Hand in den Mund zu leben, zwischen Reichtum und Hunger Hin und her zu schwanken und schlafend und wachend den Strick um den Hals zu fühlen? Suche deinen Verwandten auf, du selber sagtest mir, dein Ruf sei in jener Gegend nicht gebrandmarkt; lebe dort, lerne die Behaglichkeit stiller Tage kennen, und ich verspreche dir, daß, wenn es immer in meiner Macht steht, deine Lage deinen Bedürfnissen angemessen zu machen, eine solche dir, so lange du das Leben eines ehrlichen Mannes führst, ungeschmälert zu teil werden soll. Ist das nicht besser, Hausman, als eine kurze, schlaflose Laufbahn voll Schrecken?« »Aram,« erwiderte Hausman, »bist du wirklich ruhig genug, um mich anhören zu können? Ich warne dich; vergißt du dich noch einmal und legst Hand an mich –« »Keine Drohung, keine Drohung,« unterbrach Aram, »sprich. – Alles an mir ist jetzt kalt und still wie Eis. Sprich ohne Bedenken.« »Sei es so; wir lieben einander nicht, du hast Verachtung gegen mich zur Schau gestellt – und ich – ich – kurzum – ich bin kein Stein oder Stock, der nicht fühlt. Du hast mich verhöhnt – hast dich an mir vergriffen – hast nicht einmal so viel Anstand gegen mich erheuchelt, als dir die Klugheit hätte eingeben sollen – und forderst doch jetzt von mir Benehmen, Mitgefühl, Duldung, Zugeständnisse eines Freundes. Du willst, daß ich diese Gegenden, wo, so weit ich urteilen kann, ein sicherer Gewinn meiner wartet, verlasse, bloß um deine Brust von ihrer selbstsüchtigen Furcht zu befreien. Um deiner selbst willen erbebst du vor den Gefahren, die mir bevorstehen; dein eigenes Schicksal siehst du vorgezeichnet, falls ich ergriffen würde. Du forderst von mir – nein, du forderst nicht, du möchtest mir befehlen, möchtest mir zuherrschen, daß ich Willen und Wunsch opfere zur Linderung deiner Angst und zur Vermehrung deiner Sicherheit. Höre mich, Eugen Aram: du hast mich wie ein gemeines Werkzeug behandelt: – so sollst du mich jetzt auch nicht als einen Freund leiten. Ich weiche nicht aus deiner Nachbarschaft, bis mein Zweck erfüllt ist – ich freue, ich labe mich an deinen Qualen. Ich werde mich an dem Schrecken, womit du jedes neue Unternehmen, jedes neue Wagstück, jeden neuen Triumph von mir und meinen wackern Gefährten vernehmen wirst. So bin ich gerächt für die Schmach, die du mir angethan hast.« Obwohl die unterdrückte Wut in jedem Gliede Arams zitterte, blieb seine Stimme doch ruhig und auf seiner Lippe schwebte sogar ein Lächeln, als er erwiderte: »Darauf war ich vorbereitet, Hausman; kein Wort von dir, das mich überrascht oder erschreckt. Du hassest mich; das ist natürlich; Menschen in einem Zusammenhang wie wir blicken selten mit einem freundlichen oder mitleidigen Auge aufeinander. Aber Hausman, ich kenne dich! – Du bist ein Mensch von zügellosem Temperament, doch die Liebe zum Gewinn ist bei dir doch noch starker als die Heftigkeit deines Temperaments. Wenn nicht, so haben, wir einander nichts weiter zu sagen. Geh – und thu' dein Ärgstes.« »Wahr, höchst gelehrter Herr; ich kann den Tiger da drin, selbst in seiner tödlichsten Wut, mit einer goldenen Kette fesseln.« »Gut denn, Hausman, es ist nicht dein Vorteil, mich zu verraten – mein Untergang führt den deinigen nach sich.« »Ich geb' es zu; wenn ich aber ergriffen und wegen Raubes gehenkt werde?« »So hättest du nicht länger einen Zweck, für meine Sicherheit besorgt zu sein: das begreif' ich vollkommen. Aber mein eigener Vorteil flößt mir den Wunsch ein, dich der Gefahr einer Ergreifung entzogen zu sehen, während dein Vorteil will, daß du einem mit Fährlichkeiten verbundenen Gewinn entsagest, wenn du den gleichen Gewinn in einer sichern Lage machen kannst. Sagen wir, was wir wollen, gehen wir soweit wir wollen – auf diesen Punkt müssen wir endlich zurückkommen.« »Nichts kann klarer sein, und wärst du ein reicher Mann, Eugen Aram, oder könntest du die Mitgift deiner Braut (ohne Zweifel eine respektable Summe) vorher bekommen, so könnte die Übereinkunft auf einen Schlag getroffen werden.« Aram schnappte nach Luft, that, wie gewöhnlich, wenn er in Aufregung geriet, ein paar Schritte vorwärts, wobei er schnell und unverständlich etwas vor sich hinflüsterte, und kehrte dann zurück. »Wär' dies auch möglich, so würd' es nur eine kurze Abhilfe sein. Ich könnte dir nicht trauen: du würdest die Summe bald verthan haben, und ich mich von neuem auf dem Punkt finden, auf welchen du mich jetzt gebracht Haft, ohne dann die Mittel in meiner Gewalt zu haben, mich wieder loszukaufen. Nein, nein! Muß der Schlag treffen, so ist es gleich ob heute als morgen.« »Wie du willst,« sagte Hausman, »aber« – in diesem Augenblick tönte ein langes, gellendes Pfeifen aus dem Thal herauf, wie von dem Bach her. Jener brach plötzlich ab: – »das Zeichen ist von meinen Kameraden; ich muß fort. Horch, noch einmal! leb' wohl, Aram.« »Leb' wohl, wenn es so sein muß,« entgegnete Aram mit starrer Ergebung; »aber morgen – solltest du irgend ein Mittel wissen, welches mich für die Zukunft mehr als ein bloßes Versprechen gegen Belästigungen von deiner Seite sicherstellte, so wäre ich – doch wie das?« »Für morgen,« sagte Hausman, »kann ich nicht für mich stehen. Nicht jederzeit darf ich meine Kameraden verlassen; ein begreiflicher Argwohn macht, daß sie längere Abwesenheit ihrer Freunde nie gern sehen. Aber halt – übermorgen abend, in der Nacht zum Sonntag, höchst tugendhafter Aram, kann ich noch einmal mit dir sprechen, aber nicht hier – etwa zwei Stunden von hier. Du kennst den Fuß der Teufelsklippe am Wasserfall; der Ort ist in jeder Hinsicht ruhig und versteckt genug für unsere Besprechung; und ich will dir ein Geheimnis sagen, das ich niemand sonst anvertrauen möchte – (horch, schon wieder!) – er ist hart bei unserem gegenwärtigen Schlupfwinkel. Triff mich dort! – Freilich wär's angenehmer, uns unter Dach zu verständigen – aber gerade jetzt möcht' ich mich in keines ehrlichen Mannes Haus in der Nachbarschaft wagen. Adieu! Sonntag, eine Stunde vor Mitternacht.« Der Räuber, denn das war er damals, winkte mit der Hand Abschied zu, und eilte in der Richtung weg, von welcher das Pfeifen herzukommen schien. Aram blickte ihm nach, aber es war keine Sehkraft in diesem Blick, und mehrere Minuten blieb er wie eingewurzelt an der Stelle, als wär' alles Leben aus ihm gewichen. »Sonntag nacht?« – sagte er endlich, sich langsam vorwärts bewegend – »und ich muß mein Dasein in Furcht und Unruhe bis dahin fortspinnen – bis dahin! und welches Mittel kann ich dann aufbieten? Es ist klar, daß ich mich auf sein Versprechen nicht verlassen darf, selbst wenn ich ein solches von ihm erlange; aber ich hab' nicht einmal, womit ich dieses Versprechen erkaufen könnte. Doch Mut, Mut, mein Herz; und du, mein geschäftiges Gehirn, streng' dich an! Noch nie habt ihr mich bis jetzt verlassen.« Drittes Kapitel. Neuer Schrecken im Dorf. – Lesters Besuch bei Aram. – Ein Zug zartsinniger Liebe in dem Gelehrten. – Madeline. – Ihre Zuversichtlichkeit. – Gespräch zwischen Lester und Aram. – Die Leute, durch welche dasselbe unterbrochen wird. Nicht eigne Furcht, nicht der prophet'sche Schauer Der Welt, die von der Dinge Zukunft träumt, Kann je bewält'gen meiner Liebe Dauer. Shakespeares Sonette . Empfehlt mich ihrer Lieb'; und ich sei stolz, Daß die Gelegenheit sich fand, um Darlehn An Geld sie anzusprechen: mein Ersuchen Fünfzig Talente. Timon von Athen . Am Nächsten Morgen war das ganze Dorf auf den Beinen, von Schrecken und Bestürzung geschäftig bewegt. Ein anderer noch verwegenerer Raub war in der Nähe vorgefallen, man hatte die Polizei des Landstädtchens aufgeboten, und diese spürte jetzt den Frevlern durch dick und dünn nach. Aram wurde schon früh durch die dienstbeflissene Ängstlichkeit einiger Nachbarn gestört, und noch einige Stunden vor Mittag fand sich Lester selbst ein, mit dem Gelehrten eine Beratung zu halten. Aram war allein in dem großen, düstern Gemach, wie gewöhnlich von seinen Büchern umgeben, aber nicht, wie sonst, mit ihrem Inhalt beschäftigt. Das Gesicht in die Hand gestützt, auf ein trübes Feuer starrend, das an dem feuchten Brennholz schwerfällig hinaufkroch, saß er lautlos, in tiefen Gedanken, am Kamin. »Gewiß, bester Freund,« begann Lester, indem er die Bücher von einem Stuhl wegräumte und denselben neben den Gelehrten rückte – »haben Sie schon die Neuigkeiten gehört und in einer so ruhigen Gegend wie die unsrige scheinen dergleichen Frevelthaten wirklich um so gefährlicher, je weniger man darauf gefaßt war. Wir müssen eine Wache im Dorfe aufstellen, und Sie müssen diese schutzlose Einsiedelei verlassen und zu uns herüberkommen; nicht um Ihretwillen – aber bedenken Sie, daß Sie eine Sicherheit mehr für Madeline sein werden. Verschließen Sie Ihre Wohnung hier, schicken Sie Ihre arme alte Haushälterin zu ihren Freunden ins Dorf und folgen Sie mir gleich in die Halle.« Aram bewegte sich unruhig auf dem Stuhle. »Ich empfinde Ihre Güte,« sagte er nach einer Pause, »aber ich kann sie nicht annehmen – Madeline« – bei diesem Namen hielt er inne und setzte dann mit veränderter Stimme hinzu: »Nein, ich will mich zu den Wächtern gesellen, Lester, will für Madelines – will für Ihre Sicherheit sorgen; aber unter einem fremden Dache schlafen kann ich nicht. Ich bin abergläubisch, Lester – abergläubisch. Ich hab' ein Gelübde gethan, vielleicht ein thörichtes, aber ich darf es nicht brechen. Mein Gelübde verpflichtet mich, nie, es müßte denn die unerläßlichste und dringendste Notwendigkeit eintreten, eine Nacht an einem andern Ort als in meinem eigenen Hause zuzubringen.« »Aber diese Notwendigkeit ist da.« »Meine Überzeugung sagt nein.« erwiderte Aram lächelnd. »Ruhig, mein teurer Freund! menschliche Schwächen können wir nun einmal nicht überwältigen, oder ankämpfen gegen das, was ein Mensch sich zur Gewissenssache gemacht hat.« Vergebens suchte Lester Arams Entschluß in dieser Beziehung zu erschüttern; er fand ihn unbeweglich und gab endlich seine Bemühungen, von ihrer Nutzlosigkeit überzeugt, auf. »Nun,« sagte er, »auf alle Fälle haben wir eine Wache aufgestellt und können Ihnen zwei Mann zur Verteidigung abgeben. Diese sollen sich in der Nachbarschaft Ihrer Wohnung halten, wenn Sie auf Ihrem Vorsatz beharren. Das wird wenigstens einigermaßen zur Beruhigung der armen Madeline beitragen.« »Sei es so,« erwiderte Aram, »und ist denn die liebe Madeline selbst so in Sorgen?« Trotz all' der peinlichen Schreckgestalten, die sich in seiner Brust jagten und trotz der Gefahren, die, nur ihm bekannt, ihn umlagerten, bewies doch jetzt das Gesicht des Gelehrten, seine rege Aufmerksamkeit auf jedes Wort, das Lester über seine Tochter aussprach, welch' lebendigen Anteil er an dem kleinsten Umstand nahm, der sich auf Madeline bezog, und wie leicht der Gedanke an ihre unschuldige und friedvolle Persönlichkeit ihn von seinem eigenen Selbst abziehen konnte. »Dieses Zimmer,« bemerkte Lester sich umsehend, »wird, wie ich meine, ganz nach Madelines Herzen sein; aber werden Sie ihre Gegenwart jederzeit hier ertragen können? Studierende lieben oft selbst die leiseste Unterbrechung nicht.« »Ich habe nie vergessen, daß zu Madelines Behaglichkeit ein heiterer Aufenthalt, als dieser hier, erforderlich ist,« entgegnete Aram mit schmerzlicher Miene. »Folgen Sie mir, Lester, ich gedachte ihr damit eine kleine Überraschung zu machen. Aber nur der Himmel weiß, ob ich sie je dort einführen werde.« »Wie? Könnte selbst ein so zukunftkundiges Gemüt, wie das Ihrige, hieran noch irgend einen Zweifel entdecken?« »Wir sind wie die Wanderer in der Wüste, welchen man weislich andeutet, ihren eigenen Sinnen zu mißtrauen: was denselben wie ein wirkliches Wasser vorkommt, ist oft nur ein lügnerischer Dunst, der sie ins Verderben locken würde.« Mit diesen Worten war er ans Ende des Zimmers gekommen und öffnete eine Thür, durch welche ein kleines, mit jenem in Verbindung stehendes Gemach sichtbar wurde, das er mit augenscheinlicher Sorgfalt und nicht ohne Anmut eingerichtet hatte. Jede Art von Gerät, das nach Madelines Sinn sein mochte, hatte er aus der benachbarten Stadt herbeischaffen lassen. Einige von den leichtern, mehr unterhaltenden Werken aus seiner Büchersammlung standen auf Borden gereiht und darüber Vasen zu Blumen. Das Fenster ging nach einem kleinen, unlängst zu einem Gärtchen umgebrochenen Gelände, das jetzt eben mit vielfachen Wegen durchzogen und reichlich mit Staudengewächsen bepflanzt worden war. Es lag ein solcher Gegensatz in diesem Gemach zu dem anstoßenden Zimmer, es sprach sich in seiner Ausschmückung, seiner ganzen Anordnung etwas so Helles, Heiteres, ja Lustiges aus, daß Lester einen Ruf der freudigsten Überraschung ausstieß. Und wirklich schien es ihm rührend, daß dieser strenge, in Gedanken vertiefte Gelehrte, der den gewöhnlichen Verhältnissen des Lebens so wenig Beachtung schenkte, diese feine, zarte Aufmerksamkeit gezeigt hatte. Bei einem andern wäre so etwas nichts gewesen, aber an Aram war es ein Zug, der unwillkürlich Thränen in die Augen des guten Lester brachte. Aram bemerkte sie, trat schnell von ihm weg ans Fenster und seufzte tief. Dies entging dem Freunde nicht; nachdem derselbe sich über die Annehmlichkeiten des kleinen Zimmers noch weiter ausgelassen, fuhr er fort: »Es scheint Sie etwas zu drücken, Eugen: sollte Sie vielleicht noch etwas Anderes in Unruhe setzen als diese Schreckensnachricht, die freilich allein hinreicht, die Nerven des Kühnsten von uns zu erschüttern?« »Nein,« sagte Aram, »ich habe diese Nacht nicht geschlafen, mir ist nicht ganz wohl und mit meiner Gesundheit leidet mein Geist; aber gehen wir zu Madeline, ihr Anblick wird mich wieder beleben.« Sie wanderten sofort hinüber nach dem Herrenhause und stießen unterwegs auf eine Schar der jüngern Helden des Dorfes, die sich freiwillig zu einer Streifwache eingefunden, und an deren Spitze sich Peter Dahltrup in einem Anfall von kriegerischer Begeisterung gestellt hatte. Obwohl es heller Tag und somit wenig Ursache da war, an eine unmittelbare Gefahr zu denken, trug der würdige Gastwirt gleichwohl eine Muskete mit gespanntem Hahn auf der Schulter und sah sich bei jedem Schritt um, als bärge jeder Strauch, ja jeder Grashalm einen Räuber, der im Augenblick, wo er nicht auf seiner Hut wäre, auf ihn einstürmen würde. Neben ihm trabte die gefürchtete Jakobine, welche die ursprüngliche Anhänglichkeit an den Korporal auf ihren neuen Herrn übertragen hatte, lauernd einher, den Schweif steil emporgerichtet und die Ohren hin und her bewegend, mit einem unvergleichlichen Ausdruck wachsamer Klugheit. Der vorsichtige Peter zügelte bisweilen ihren Mut, wenn sie etwas ihren Schritt beschleunigen und den Marsch durch Sprünge, die sich besser für fröhlichere Zeiten schickten, beleben wollte. »Halt, halt, Jakobine, halt, halt! Sachte, Jungfer, sachte; du weißt wenig von der Gefahr, die vielleicht auf dich wartet. Kommt, gute Kerls, kommt nach dem »scheckigen Hund«; will ein Fäßchen eigens um euretwillen anstechen, und wir wollen den Defensigungsplan für die Nacht entwerfen. Jakobine, Hierher, sag' ich, hierher! Daß nicht, wie einen Löwen man Dich reißt in Stücke klein. Und niemand ist, der hilft dir dann Und kommt dich zu befrei'n. Holla, wer da? O! bitt' Euer Edeln um Verzeihung! Ihr Diener, Herr Aram!« »Was patrouilliert Ihr jetzt schon?« fragte der Squire, »Ihr werdet Eure Mannschaft ermüden, eh' Ihr sie nötig habt; spart ihren Mut für die Nacht auf.« »O, Euer Edeln, war nur auf Rekruten aus, wir kehren jetzt schon wieder heim, um das Ding 'n Bissel in Beratung zu ziehen. Ach! welch' leidiger Jammer, daß der Korporal nicht hier ist: der wär' ein starker Turm für die Gerechten gewesen. Einstweilen ihn' ich so mein Bestes, seine Stelle auszufüllen. – Jakobine, Kind, sei ruhig! – Könnte nicht sagen, daß ich auf den Musketendienst eingexerziert wär', Euer Edeln, denk' aber wie Sepp Schreihals, der Methodist, wir können 's Ding so aus 'm Stegreif machen.« »Ein mutiges Herz, Peter, ist die beste Vorbereitung,« sagte der Squire. »Und,« fuhr Peter schnell fort, »was sagt der Hochwürdige Herr Sternhold im fünfundvierzigsten Psalm, fünfter Vers? Zeuch hin in frommer Eil, In Milde, Wahrheit, Recht, Und deine Hand wird dich Bald lehren stark Gefecht.« Peter sprach diesen Vers, besonders die letzte Zeile, mit grimmigem Stirnrunzeln und einem Schwenken der Muskete, welche die Herzen seiner kleinen Armee wundervoll ermutigte: Mit allgemeinem Gebrumm, dem Wahrzeichen ihrer Begeisterung, marschierte die kriegerische Schar nach dem »scheckigen Hund«. Lester und seine Gefährte sahen Madeline und Ellinor am Fenster der Halle; Madeline war die erste, die leichten Schrittes herbeisprang, die Rückkehrenden zu begrüßen. Selbst das Gesicht des Gelehrten heiterte sich auf beim Anblick des strahlenden Auges, der geöffneten Lippen, der gehobenen Gestalt, über welche sich, sobald sie ihn gewahr wurde, eine reine, unschuldige Freude ergossen hatte. In Madelines Natur lag, wenn ich mich dieses Ausdruckes bedienen darf, eine besondere Zuversichtlichkeit. Gedankenvoll und ernst wie sie war, neigte sie doch immer den hellern Ansichten des Lebens zu. Nie sah sie der Zukunft bang entgegen – ein liebliches Hoffnungsgefühl schlief in ihrem Herzen; – sie gehörte zu den Menschen, welche sich mit hohem, unbedingtem Glauben der Führung eines Jeden, den sie lieben, und den Wechselfällen des irdischen Daseins hingeben. Eine holde Sorglosigkeit gehörte zu ihren schönsten Charakterzügen. In Gemütern, die nicht leicht verzagen, liegt etwas so Unselbstisches; man sieht, daß solche Personen nicht mit ihrer eigenen Existenz beschäftigt sind; sie vergällen sich die Ruhe des Lebens nicht mit dem Egoismus der Sorge, der Berechnung, des Vorbedenkens. Werden sie je ängstlich, so geschieht es um eines andern willen; aber auf das Herz dieses andern, wie unerschütterlich ist ihr Vertrauen! Diese Gemütsbeschaffenheit Madelines war es, die der Seele ihres wunderlichen Geliebten ewiges Entzücken und ewige Qual bereitete. Wie sie jetzt freudig an seinem Arme hing, ihren Jubel darüber aussprach, ihn wohlbehalten zu sehen, und für den Augenblick vergaß, daß überhaupt Grund zur Besorgnis dagewesen, war seine Brust mit Grausen und öder Verzweiflung erfüllt. »Wie,« dachte er, »wenn das arme ahnungslose Kind träumen könnte, daß ich in diesem Augenblick von Gefahren umgeben bin, aus denen ich keinen rettenden Ausweg ersehe? Steh' es an, so lang' es will, endlich, scheint es, muß der Schlag kommen. Wie, wenn sie denken könnte, wie furchtbar nahe diese Frevelthaten mich berühren; wie aller Wahrscheinlichkeit nach, falls ihre Urheber entdeckt werden, einer darunter ist, der mich mit in ihr Verderben ziehen wird; wie ich gefesselt und geblendet in die Hände eines andern gegeben bin, eines Mannes, dessen Herz gegen Mitleid gestählt ist, und welcher nur durch eine Drohung abgehalten wird, mich zu vernichten – eine Drohung, die ein auf ihn selbst fallender Streich unwirksam machen würde. Großer Gott! wohin ich mich wende, seh' ich Verzweiflung! Und sie, – sie klammert sich an mich, und wenn sie mich ansieht, glaubt sie, die ganze Welt sei mit Hoffnung erfüllt!« Während solche Gedanken seinen Geist verdüsterten, zog ihn Madeline in die abgelegeneren Gänge des Gartens, ihm einige Blumen zu zeigen, die sie dorthin verpflanzt. – – Und bei der Rückkehr in die Halle, etwa nach einer Stunde, war Aram durch Blicke und Worte der Geliebten so besänftigt, daß, wenn er seine Lage auch nicht vergessen, er sich wenigstens soweit beruhigt hatte, um mit festem Auge die Möglichkeit eines Entkommens zu erwägen. Das Mittagessen ging so heiter wie gewöhnlich vorüber, und nachdem man den Gelehrten und seinen Wirt bei ihrem mäßigen Trunk allein gelassen, schlug ersterer einen Spaziergang vor, ehe der Abend hereinbräche. Lester sagte bereitwillig zu, und unverweilt schlenderte das Paar aufs Feld hinaus. Bald bemerkte der Squire, daß etwas auf Arams Seele lastete, wovon er sich mit augenscheinlicher Verlegenheit zu befreien suchte. Endlich sagte dieser unerwartet schnell: »Mein teurer Freund, ich bin ein ungeschickter Bittsteller, lassen Sie mich daher so rasch als möglich über mein Gesuch hinwegkommen. Sie sagte mir einst, Sie beabsichtigen Madeline eine Aussteuer mitzugeben; einer Aussteuer wollte und könnte ich mich mit Vergnügen entschlagen, aber sollten Sie vielleicht jetzt in der Lage sein, mir einen Teil jener Summe als Darlehn zukommen zu lassen, – sollten Sie etwa dreihundert Pfund vorrätig haben, um mir damit auszuhelfen –« »Sagen Sie nichts weiter, Eugen, nichts weiter,« unterbrach der Squire, – »Sie können doppelt so viel erhalten. Ich hätte bedenken sollen, daß die Einrichtungen für Ihre bevorstehende Heirat Sie in einige Verlegenheit setzen dürften. Noch morgen können Sie sechshundert Pfund von mir haben.« Arams Augen leuchteten auf. »Das ist zu viel, zu viel, mein großmütiger Freund,« sagte er, »die Hälfte reicht hin; aber – aber eine alte Schuld drängt mich sehr, und morgen, oder vielmehr Montag früh, ist die zur Zahlung bestimmte Frist abgelaufen.« »Betrachten Sie das als abgemacht,« entgegnete Lester, indem er die Hand auf Arams Arm legte; und fuhr sodann, sich leicht auf ihn lehnend, fort: »und da wir einmal an diesem Gegenstand sind, lassen Sie mich aussprechen, was ich Ihnen und meiner lieben Madeline mitzugeben beabsichtige; es ist nur wenig, aber meine Besitzungen, die an sich nicht von großem Wert sind, fallen nach der Strenge des Gesetzes an Walter: die Mitgift ist die Hälfte meiner Ersparnisse seit einer Reihe von Jahren.« Der Squire nannte eine Summe, die, so gering sie unsern Lesern erscheinen dürfte, in jenen Tagen als eine nicht unansehnliche Ausstattung für die Tochter eines kleinen Landedelmanns galt und wirklich ein großmütiges Opfer von seiten eines Vaters war, dessen ganzes Jahreseinkommen sich kaum auf siebenhundert Pfund belief. Sie betrug das doppelte des jetzigen Darlehns, welches demnach einen Teil derselben ausmachte. Die gleiche Hälfte blieb für Ellinor zurückgelegt. »Und Ihnen die Wahrheit zu sagen,« bemerkte der Squire, »müssen Sie mir für den Rest eine kleine Frist gestatten; denn da ich mir's vor einigen Monaten noch nicht einfallen ließ, daß ich das Geld sobald nötig haben würde, legte ich achtzehnhundert Pfund bei dem Ankauf von Winclose Hof an, wovon ich sechshundert, gerade soviel, als Sie noch trifft, gegen Ende des Jahres bezahlen kann; die andern zwölfhundert, Ellinors Anteil, bleiben auf dem Pachthof als Hypothek stehen. Und, unter uns, ich hoffe in Bezug auf das liebe Kind keine sonderliche Eile zur Ablösung nötig zu haben. Kommt Walter zurück, so, glaub' ich, kann diese Angelegenheit in einer Art und auf einem Wege ins reine gebracht werden, womit die höchsten Wünsche meines Herzens in Erfüllung gingen. Ich bin überzeugt, daß Ellinor ganz für ihn paßt, und ich denke, er wird, wenn er nicht etwa auf seinen Reisen sein Herz verliert, die nämliche Entdeckung bald nach seiner Rückkehr machen. Ich habe im Sinn, ihm gleich nach Ihrer Heirat zu schreiben und das Versprechen abzunehmen, uns jedenfalls auf Weihnachten wieder zu besuchen. – Lieber Eugen, was werden wir dann glücklich zusammen sein! Und seien Sie darauf gefaßt, daß wir einmal unser Quartier bei Ihnen aufschlagen und Ihre Gastfreundschaft und Madelines Geschick für die Haushaltung auf die Probe stellen.« So fuhr der gute Squire noch einige Minuten in der Wärme seines Herzens fort, indem er sich über die Aussichten auf die frohen Abende am Kamin des weiteren verbreitete und den Gelehrten mit seinen einsiedlerischen Gewohnheiten aufzog, die ihm fortan, wie er verkündete, nicht länger ungestraft hingehen sollten. »Aber es fängt an dunkel zu werden,« sagte er, von dem Gegenstand, der ihn hingerissen, wieder zu sich kommend; »jetzt werden Peter und unsere Patrouille sich in der Halle einfinden. Ich hieß sie auf den Abend anfragen, um ihnen ihre verschiedenen Dienste und Posten anzuweisen; – kehren wir zurück. In der That, Aram, kann ich Sie versichern, daß ich für mein eigen Teil die triftigsten Gründe habe, mich gegen jeden Angriff vorzusehen; denn außer dem alten Familien-Silbergeschirr, das freilich nicht bedeutend ist, liegen – Sie kennen den Schreibtisch im Gesellschaftszimmer links von der Halle – ja in diesem Schreibtisch liegen dreihundert Guineen, die ich bis jetzt in ** noch nicht sicher unterbringen konnte und daher gerade jetzt an Sie abgeben kann. So wär' es denn freilich kein kleiner Unfall, wenn ich beraubt würde.« »Pst!« flüsterte Aram, indem er stillstand, »war mir's doch, als hört' ich Tritte auf der andern Seite der Hecke.« Der Squire horchte auf, vernahm aber nichts; indessen waren die Sinne seines Gefährten ausgezeichnet scharf, besonders das Gehör. »Zuverlässig ist jemand da; ja, da seh' ich Fußtritte von ihrer zwei,« raunte er Lester zu. »Lassen Sie uns durch die Lücke dort unten auf die andere Seite der Hecke hinüber.« Beide beeilten ihren Schritt, und als sie jenseits angekommen, wurden sie wirklich zwei Männer in Fuhrmannskitteln gewahr, die nach dem Dorfe zuschlenderten. »Es sind zudem Fremde, keine Grünthaler,« bemerkte der Squire nicht ohne Argwohn. »Hui, denken Sie wohl, die könnten gehört haben, wovon die Rede war?« »Waren es Leute, die sich ein Geschäft daraus machen, auf andere zu horchen, dann ja; aber nicht, wenn es ehrliche Leute sind,« erwiderte Aram mit jenem Scharfsinn, in welchem er oft Bemerkungen hinwarf, von denen man kaum begriff, wie sie mit seinen stillen, abstrakten Studien, die den praktischen Sinn in der Regel ertöten, Hand in Hand gehen konnten. – Lester und er hatten jetzt die beiden Fremden eingeholt, die übrigens nur gewöhnliche Bauernburschen zu sein schienen, und ihre Hüte mit der gewohnten Unterwürfigkeit ihres Standes abzogen. »Heda, Leute,« rief der Squire, indem er seine Amtsmiene annahm – denn selbst der mildeste Squire in der Christenheit kann ein Sultansgesicht ziehen, wenn er sich daran erinnert, daß er Friedensrichter ist; »heda, was macht ihr da! um diese Tageszeit? Ich fürchte, ihr seid auf nichts Gutes aus.« »Bitten um Verzeihung, Euer Edeln,« erwiderte der ältere Bursche in der eigentümlichen Mundart jener Gegend, »wir kommen von Gladmoor und gehen auf Arbeit zu Squire Nixon in Mowhall, auf nächsten Montag, und weil ich 'n Bruder hab', der auf den Wiesen vor'n Squire wohnt, so wollen wir dort schlafen und 'n Sonntag bei ihm bleiben, Euer Edeln.« »Hm, hm, wie heißt Ihr?« »Joseph Wood, Euer Edeln, und der da ist Hutchings Wilhelm.« »Gut! so geht eure Straße weiter,« sagte der Squire, »und treibt keinen Unfug: es sollt' mich nicht wundern, wenn ihr unterwegs einen von Nixons Hasen wegfinget.« »I! das wäre! Euer Edeln.« »Geht, geht!« sagte der Squire, und die Leute gingen ihres Weges. »Sie scheinen denn doch ehrliche Bursche,« bemerkte Lester. »Es hätte mir besser gefallen,« erwiderte Aram, »wenn derjenige, welcher das Wort führte, weniger Einzelheiten angegeben hätte; auch bemerkten Sie wohl, daß es ihm daran gelegen schien, seinen Begleiter nicht zum Sprechen kommen zu lassen; das ist etwas verdächtig.« »Soll ich sie zurückrufen?« fragte der Squire. »Hm, es ist kaum der Mühe wert,« entgegnete Aram; »vielleicht bin ich allzu behutsam. Und in der That, wenn ich sie jetzt wieder betrachte, so scheinen sie mir das wirklich zu sein, wofür sie sich ausgeben. Nein, es ist unnötig, die armen Leute noch weiter zu belästigen. Es liegt etwas Demütigendes für den menschlichen Stolz in dem Leben eines Landmannes, Lester. Es schneidet ins Herz, wenn man an den Ton denkt, den wir uns oft unwillkürlich gegen Bauern erlauben. Wir sehen in ihnen die Menschheit in ihrem ungeschmückten Zustande, uns ist es ein trauriger Gedanke um das Bewußtsein, daß wir diesen Zustand verachten, daß alles, was wir an unserer Gattung schätzen, nur ein Gebilde der Kunst ist – ein guter Anzug, eine glänzende Equipage, oder meinetwegen ein gebildeter Verstand; die reine nackte Natur sehen wir gleichgiltig an, oder treten sie höhnend nieder. Armer Sohn der Mühe! von der grauen Morgendämmerung bis zum Untergang der Sonne ist sein Leben nur eine lange Arbeit! – Keine Idee entwickelt – kein Gedanke zum Bewußtsein gebracht, als soviel eben hinreicht, ihn zum Werkzeug der andern – zum Sklaven des harten Bodens zu machen! Und dann bemerken Sie, wie sauer wir zu seinen spärlichen Feiertagen sehen, wie wir seine Lust mit Gesetzen umzäunen und seine Fröhlichkeit zum Verbrechen stempeln. Die ganze heitere Welt, worin wir uns bewegen und vergnügen, machen wir für ihn zu einem Ort voller Fallstricke und Gefahren. Weicht er nur einen Augenblick von seiner Arbeit – wie viele Versuchungen drängen in diesem Augenblick auf ihn ein! Und doch haben wir kein Erbarmen mit seinen Verirrungen; Kerker, Deportation, Galgen – das sind unsere einzigen Lehrbücher, die einzige Art, wie wir Beschwerde führen. – Ha! pfui über die Ungleichheiten der Welt! Sie verkrüppeln das Herz, verblenden den Sinn, schrumpfen die tausend Fäden zwischen Mensch und Mensch zu den zwei niedrigsten irdischen Banden – Knechtsinn und Hochmut – ein. Ich glaube, die Teufel lachen laut auf, wenn sie uns dem Landmann beteuern hören, seine Seele sei so erhaben und ewig wie die unsrige, und gleichwohl in der zermalmenden Plage seines Lebens nicht ein Funke dieser Seele zu Tage kommen kann; – wenn dieselbe eingekerkert in ihren lumpigen Erdenklos von der Wiege bis zum Grabe fortschläft, ohne daß ein Traum sie aus ihrer Totenruhe erweckt.« »Und doch, Aram,« sagte Lester, »haben auch die Fürsten des Wissens ihre Leiden. Steigern Sie die Seele so hoch Sie wollen, Sie können sie nicht über den Schmerz erheben. Besser vielleicht, sie schlafen zu lassen, wenn ihr Blick beim Erwachen nur auf eine Welt voll Qualen fällt.« »Sie haben recht, Sie haben recht,« entgegnete Aram, sein Herz bezwingend, ich gestattete einer thörichten Empfindelei, mich über die nüchternen Grenzen des Alltagsverstandes hinauszutragen.« Viertes Kapitel. Kriegerische Vorbereitungen – Der Befehlshaber und seine Mannschaft – Aram wird überredet, die Nacht im Herrenhause zuzubringen. Fallstaff. Heiß meinen Lieutenant Peto am Ende der Stadt auf mich warten ... Ich hob nur solche Butterbemmen aus, mit Herzen im Leib, nicht größer als Stecknadelköpfe. Heinrich IV. Kaum waren sie im Herrenhause angekommen, als ein Regen, womit das Gewölk schon den ganzen Tag gedroht hatte, in Strömen zu fallen begann, und – um den kraftvollen Ausdruck des römischen Dichters zu gebrauchen – die Nacht schwarz und jach auf das Angesicht der Erde herabstürzte. Die aufgestellte Wache bestand keineswegs aus jenen kecken, versuchten Kriegern, welche sich um Regen und Dunkelheit nicht kümmern. Mit großem Mißbehagen malten sich die Burschen die Beschaffenheit der Nacht aus, in welcher ihr Feldzug beginnen sollte. Der heldenhafte Peter, der den eigenen Mut durch wiederholte Zuflucht zu einem Fläschchen aufrecht erhalten, welches bei sich zu führen er bei keiner bewegteren und thatenreichen Lebenslage verfehlte, suchte, obwohl nur mit teilweisem Erfolg, das Feuer seiner Schar von neuem zu beleben. Auf einem großen Armstuhl im Bedientenzimmer des Schlosses, Jakobine auf dem Schoß, die getreue Muskete, deren Hahn zu nicht kleinem Schreck des weiblichen Gesindes den ganzen Tag nicht in Ruhe gebracht worden, immer noch in der rechten Hand, während der Kolben sich auf den Flur stützte – erging sich der wackere Gastwirt in martialischen Anreden, reichlich durchspickt mit Plagiaten aus den ehrwürdigen Übertragungen der Herren Sternhold und Hopkins, sowie mit Psalmen-Versionen von zweifelhafterem Ursprung. Und als er um zehn Uhr, der ihm angesetzten Stunde, seine Kriegsmacht, bestehend aus sechs Bauernburschen mit unglaublich dicken Knütteln, drei Flinten, einer Pistole, einem Säbel und einer Stallgabel (eine Waffe, die wahrscheinlich mit größerer Wirksamkeit zu brauchen war, als alle übrigen zusammen) – als er sie, sagen wir, um zehn Uhr ins Zimmer, wo sie vor dem prüfenden Auge des Squire Musterung zu bestehen hatten, hinaufführte, Jakobine an der Spitze der Vorhut, konnte man sich kein vollendeteres Bild eines Helden im kleinen denken, als den Wirt zum »scheckigen Hund«. Sein Hut war mit einem blauen Schnupftuch tief in die Stirn hineingebunden; über einem ledernen Koller trug er ein »um eine Welt zu weites« Wams von hellbraunem Wollenzeug; den manchesternen Beinkleidern begegneten halbwegs am Schenkel herauf ein Paar Reiterstiefeln, ehedem im Gebrauch des Korporals und nun seit einiger Zeit von Peter Dahltrup erstanden, um sich ihrer zu bedienen, wenn er dem Squire, für welchen er gelegentlich das Amt eines Wildhüters versah, Schnepfen schoß. Um sein Handgelenk hing an einem Stückchen schwarzen Bandes der Konstablerstock. Wacker schulterte er die Muskete und hielt seine Figur so aufrecht, als würde ihm die geringste Abweichung von ihrer Perpendikularität das Leben kosten. Gewiß kann man sich einen Begriff von der Umwälzung machen, die im Dorfe stattgefunden, wenn man einen so friedlichen Menschen, wie Peter Dahltrup, zum Oberbefehlshaber umgewandelt sieht. Der Rest des Regiments hing unbeholfen hinter ihm, indem jeder so nahe als möglich an die Thür und so weitab als möglich von den Damen zu kommen suchte. Peter jedoch, der sich in den Kopf gesetzt, ein Held dürfe nur geradaus sehen, ließ sich nicht so weit herab, einen Blick nach hinten zu werfen, der ihm die Unregelmäßigkeit der Linie hätte offenbaren können. Sicher in sich selbst stand er mit wildem Blick vornan und faßte den Squire fest ins Auge, bereit, dessen Lobsprüche zu empfangen. Madeline und Aram saßen bei einander an einer Ecke des Kamins; Ellinor lehnte sich über den Stuhl der erstern, das Lachen, das sie den Ohren zu entziehen bemüht war, in dem schelmischen Gesicht und den strahlenden Augen verratend, während der Squire die Pfeife aus dem Munde nahm, sich auf dem Lehnsessel herumdrehte, und der kleinen Schar und ihrem großen Anführer wohlgefällig zunickte. »Alles fertig, Euer Edeln,« begann Peter mit einer Stimme, die seinem Körper gar nicht anzugehören schien, so dick und voll kam sie heraus. »Alles Feuer und Eifer!« »Ja. Ihr allein seid eine Armee, Peter,« sagte Ellinor mit angenommenem Ernst; »Euer Anblick allein könnte ein ganzes Heer von Räubern in die Flucht schlagen. Wer hätte gedacht, daß Ihr Euch eine so kriegerische Haltung anschaffen könntet? Der Korporal selbst stand nie so kerzengerade!« »Hab' meine gegenwärtige Postur den ganzen Tag probiert,« entgegnete Peter stolz, »und ich glaub', ich kann jetzt sagen, wie Herr Sternhold sagt oder singt, im sechsundzwanzigsten Psalm, zwölften Vers: Mein Fuß steht fest für alle Proben Und seine Stärke nimmer bricht, Drum will ich meinen Schöpfer loben In alles Volkes Angesicht! Jakobine, ordentlich. Kind! Meine nicht, Euer Edeln, daß uns der Korp'ral so sehr fehlt, wie ich mir zuerst einbildete, denn wir alle kommen recht gut ohne ihn zurecht.« »In der That, Ihr seid ein höchst würdiger Stellvertreter, Peter. Na, Lorchen, gieb mir meinen Hut und Mantel; ich will euch auf eure Posten bringen; werdet freilich eine garstige Nacht haben.« »Ganz gewiß, Euer Edeln,« schrie die ganze Armee, hier zum erstenmal das Schweigen brechend. »Stille – Ordnung – Mannszucht,« sagte Peter gebieterisch. Marsch!« Aber statt durch die Halle zu marschieren , trottelten die Rekruten einer nach dem andern daher, wie eine Herde Gänse, die etwa Jakobine in Bewegung gesetzt hätte, und mit einem Kratzfuß vor den Damen schoben, schlichen, drängten und drückten sie sich zur Thür hinaus. »Ob wir jetzt nicht gut bewacht sind, Madeline,« fragte Ellinor, »wir können, glaube ich, so sicher schlafen gehen, als gäb's in der ganzen Welt keinen Räuber.« »Nun,« sagte Madeline, »hoffen wir, daß sie mehr leisten, als der Schein verspricht, obwohl ich nicht glauben kann, daß wir ihre Hilfe wirklich nötig haben werden. Könnte man sich doch fast ebenso gut einen Tiger in unserer Gartenlaube denken, als einen Räuber in Grünthal. Aber lieber, lieber Eugen, geh jetzt nicht aus – geh diese Nacht nicht mehr: Walters Zimmer ist für dich bereit; und wär's auch nur um den Weg durch das Thal bei solchem Wetter, so würde es grausam sein, jetzt von uns wegzugehen. Laß dich erbitten; gewiß, du kannst, du darfst mir diesen Wunsch nicht versagen.« Aram berief sich auf sein Gelübde, aber er wurde überstimmt; Madeline erwies sich in Umgehung desselben als eine ausgesuchte Kasuistin. Seine Einwürfe wurden einer nach dem andern entkräftet; und wie hätte er auch, wenn er in diese Augen blickte, auf einem Entschluß beharren können, dessen Bruch die Geliebte wünschte! Die Macht, welche sie über ihn besaß, schien gerade so groß zu sein, als die Unbeugsamkeit, die er jedem andern entgegensetzte. Die Glasfläche, welche der Diamant leicht durchschneidet, erweist sich ungefügig für jedes minder edle Werkzeug; sie zu zertrümmern ist nicht schwer, aber nur eine Substanz kann in sie eindringen. Im vorliegenden Falle hatte indes Aram einen geheimen, sehr triftigen Beweggrund, auf Madelines Wünsche nicht einzugehen: – blieb er diese Nacht im Schloß, wie mochte er für die folgende eine gleiche Nachgiebigkeit von sich abwenden? Und doch sollte in der nächsten Nacht seine Zusammenkunft mit Hausman stattfinden. Gleichwohl war dieser Grund nicht stark genug, ihn zum Widerstand gegen Madelines sanfte Bitten zu vermögen; er überließ es der Zeit, ihm einen Vorwand zu liefern, und so ward denn Lester bei seiner Zurückkunft von Madeline mit triumphierendem Gesicht benachrichtigt, Aram willige ein, für heute der Gast des Hauses zu bleiben. »Da vermagst du in der That mehr als ich,« sagte Lester, den Regen vom Hut schüttelnd, während Ellinors zarte Finger seinen Mantel lösten. »Wirklich sollte man jedoch kaum denken, daß unser Freund durch seine Einwilligung ein großes Opfer bringt, wenn man erfahren hat, was draußen für ein Wetter ist. Es thäte mir von Herzen leid um unsere armen Wächter, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß in zwei Stunden jeder von ihnen still nach Hause geschlüpft sein wird; Peter selbst, sobald er mit seinem Fläschchen fertig ist, dürfte wohl der erste sein, der das Beispiel giebt. Indessen habe ich immerhin zwei Mann neben unser Haus gestellt, und die übrigen in abgemessenen Entfernungen das Dorf entlang.« »Glaubst du wirklich, die Leute werden nach Hause gehen, lieber Vater?« fragte Ellinor ein wenig erschreckt; »wahrhaftig, sie wären noch schlimmer, als wofür ich sie genommen, wenn sie sich vom Regen ins Bett treiben ließen. Ich dachte wohl, sie würden keiner Pistole standhalten, aber daß das Wasser des Himmels, wenn es noch so stark herabströmt, ihr Feuer löschen könnte, bildete ich mir nicht ein.« »Laß dich das nicht anfechten, Mädchen.« sagte Lester, indem er sie mit heiterer Laune unter das Kinn faßte, »wir selbst sind jetzt stark genug, ihnen Widerstand zu leisten. Du siehst, Madeline ist so mutig geworden wie eine Löwin. – Kommt, Kinder, kommt, wir wollen zu Nacht essen; kommt, rührt das Feuer auf. Und Lorchen, wo sind meine Pantoffeln?« Und so lassen wir über dem kleinen Familiengemälde, indem das Kaminfeuer von neuem lustig in dem glatten Getäfel wiederscheint, indem das Nachtessen aufgetragen wird, der Squire seinen eichenen Stuhl an den Tisch rückt, Ellinor ihm den Negus zurechtmacht und Aram und Madeline, obwohl sie schon dreimal zu Tisch gerufen worden sind und dreimal auf den Ruf geantwortet haben, noch immer in der Ecke am Kamin stehen – so lassen wir über alle den Vorhang fallen, und haben, ehe wir unser Kapitel schließen, nur noch zu bemerken, daß, als Lester den Gelehrten in sein Zimmer führte, er ihm eine auf dreihundert Pfund lautende Anweisung, zahlbar in dem Landstädtchen, in die Hand drückte. »Das übrige,« raunte er ihm zu, »liegt drunten am bezeichneten Ort und ist bis morgen in meinem geheimen Schiebfach besser aufgehoben.« Damit eilte der gute Squire, den Finger auf die Lippen gelegt, schnell hinweg, um jedem Dank zu entgehen, zu dessen Ausdruck, so tief er ihn fühlen mochte, Aram wirklich kein sonderliches Geschick besaß. Fünftes Kapitel. Nie Schwestern allein. – Liebesgeschwätz. – Ein Schreck – und ein Ereignis. Julia. Zu solcher Höh' wuchs meiner Liebe Schatz, Daß ich die Hälfte nicht vermag zu zählen. Romeo und Julie. Eros. Ha, ein Mann in Waffen; Ja, mit gezognem Schwert! Die Falsche . Die beiden Schwestern hatten die Gewohnheit, in ihrem Schlafzimmer noch zu einem Gespräch beisammen zu sitzen, das oft wohl stundenlang dauerte, ehe sie zu Bett gingen. Wirklich war dies die Zeit, wo sie sich ihre kleinen Geständnisse machten, über ihre gegenseitigen Hoffnungen, ihre Pläne für die Zukunft sich verbreiteten, wie denn diese immer den Hauptteil in den Gedanken und Unterredungen der Jugend ausmachen. Ich weiß nichts Lieblicheres in der Welt, als solche Mitteilungen zwischen zwei Wesen, die einander keine andere Heimlichkeit zu offenbaren haben, als was frisch aus der Quelle einer schuldlosen Seele entspringt – die reinen, schönen Geheimnisse einer unbefleckten Natur, die zu belauschen dem Herzen so wohl thut. Im Gefühl, wie dürr uns selbst die Welt gemacht hat, dünkt es uns dann wie ein Wunder, daß so viel vom tauigen Schimmer des Lebens in den Winkeln und Thälern zurückgeblieben ist, welche vor der Berührung der Sonne und der Menschheit sich bis jetzt noch jungfräulich bewahrt haben. Die Schwestern waren diesen Abend noch außergewöhnlich munter. Madeline saß am kleinen helllodernden Kamin in ihrem Nachtgewand, und Ellinor, die stolzer auf die Schönheit der Schwester als auf die eigene war, knüpfte die glänzenden Haare auf, die in üppiger Fülle über Madelines Nacken und Schultern fielen. »Gewiß gab es nie ein so schönes Haar!« sagte Ellinor bewundernd: »und laß sehen – ja – von Donnerstag über vierzehn Tage ordne ich's dir vielleicht zum letztenmal; – he da?« »Schmeichle dir nicht, so nahe am Ende deines beschwerlichen Amtes zu sein,« erwiderte Madeline mit ihrem lieblichen Lächeln, das in neuerer Zeit viel holder und häufiger geworden als zuvor, und Lester zu der Bemerkung veranlaßt hatte, Madeline scheine jetzt wirklich die leichtlebigere, frohere von den beiden. »Du wirst oft zu uns kommen und wochenlang bei uns bleiben, wenigstens bis – bis du ein doppeltes Recht hast, hier die Hausfrau zu machen. O! o! mein armes Haar – reiß mich doch nicht so!« »So sei ruhig!,« sagte Ellinor, halb lachend und ganz errötend. »Glaube mir, ich habe nicht selbst geliebt, ohne die Zeichen der Liebe kennen zu lernen, und ich wage die Prophezeiung, daß du innerhalb eines halben Jahres zu mir kommen wirst, um mich zu Rat zu ziehen, ob du dich entschließen sollst – denn es läßt sich freilich gar manches dafür und dawider sagen – ob du dich entschließen sollst, deine eigene Neigung, zum Opfer zu bringen und Walter Lester zu heiraten; – ach Gnade, Gnade! reiß nicht so, Lorchen – « »Wenn du still sein willst.« »Ich will, ich will, aber du hast angefangen.« Als Ellinor nunmehr ihre Arbeit beendet hatte, küßte sie die Stirn der Schwester, und seufzte tief. »Glücklicher Walter!« sagte Madeline. »Nicht um Walter seufzte ich, sondern um deinetwillen.« »Um meinetwillen? Unmöglich! Ich kann mir nichts in meinem künftigen Leben denken, das dich einen Seufzer kosten sollte. Ach daß ich dieser Seligkeit nur mehr wert wäre.« »Nun denn,« sagte Ellinor, »so hab' ich für mich selbst geseufzt; – ich seufzte, daß wir uns so bald trennen werden, und daß die Fortdauer unseres Umgangs dann nicht mehr von deiner Liebe, sondern von dem Willen eines andern abhängen wird.« »Was, Ellinor, und kannst du glauben, Eugen – mein Eugen, werde dich nicht eben so warm willkommen heißen, als mich selbst? Ach, du verkennst ihn; du hast freilich noch nicht erfahren, welch ein zärtliches Herz unter all diesem Trübsinn, dieser Zurückhaltung verborgen liegt.« »Ich fühle wohl,« sagte Ellinor warm, »daß ein Mensch, den du liebst, unmöglich anders als höchst gut und edel sein kann; doch wenn diese Zurückhaltung mit den Jahren zunehmen sollte, wie das wenigstens möglich ist: – wenn unsere Gesellschaft ihm wieder unangenehm werden sollte, wie sie es schon einmal war, könnte ich dich da nicht verlieren?« »Kann doch seine Zurückhaltung nicht zunehmen! Bemerkst du nicht, wie sehr sie sich schon jetzt vermindert hat? Nein, sei versichert, daß ich sie wegzaubern will.« »Aber was ist Ursache des Trübsinns, der selbst jetzt noch von Zeit zu Zeit augenscheinlich auf ihm lastet? Hat er sie dir nie aufgedeckt?« »Lediglich die frühzeitige, nun schon so lange bei ihm dauernde Gewöhnung an Einsamkeit und wissenschaftliche Beschäftigung,« erwiderte Madeline. »Und soll ich dir's gestehen, ich wünsche diesen Zug kaum aus ihm weg; seine Zärtlichkeit selbst scheint mit seiner Schwermut verwachsen zu sein. Ist sie doch wie eine traurige, aber sanfte Musik, welche Thränen in die Augen lockt, Thränen!, die wir um die Welt gegen keine fröhlichere Weise vertauschen möchten.« »Ja, ich muß gestehen,« sagte Ellinor mit einigem Zögern, »daß ich mich über deine Bezauberung nicht mehr wundere; ich kann dich jetzt nicht mehr wie ehedem schelten; es ist wirklich etwas in seiner Stimme, seinem Blick, das unwiderstehlich ins Herz dringt, und es giebt Zeiten, wo mir sein Gesicht, wenigstens was Auge und Stirn anbelangt, schöner, ausdrucksvoller erscheint, als irgend eines, das ich sah. Für dich mag es zudem besser sein, daß dein Geliebter nicht mehr in der ersten Jugendblüte steht. Für deine Natur scheint ebensosehr die Verehrung als die Liebe Bedürfnis zu sein; ich habe beim Gebet oft bemerkt, daß du besonders von solchen Stellen hingerissen und über dich selbst hinausgetragen zu werden schienest, die vor andern zur Erhebung zu Gott, zum Gefühl eines höheren Wesens rufen.« »Ja, meine' Liebe,« rief Madeline mit Wärme aus, »ich gestehe, das Eugen von allen Menschen, die mir nicht nur im Leben vorgekommen, sondern von welchen meine Träume, meine Phantasie je ein Bild entwarfen, derjenige ist, den ich am meisten zu lieben und hochzuschätzen fähig bin. Sein Schatz von Wissen, aber mehr noch als dieser die erhabene Stimmung seines Gemüts bringt mir das Höchste und Beste in meiner eigenen Natur zum Bewußtsein. Ich fühle mich erhoben, wenn ich auf ihn höre; – und doch, wie sanft ist er bei diesem Adel seiner Seele! Ach daß er sich herablassen kann, mich zu lieben und mich so zu lieben! Es ist, als trete ein Stern aus seinem Kreise!« »Horch, ein Uhr,« rief Ellinor, als der tiefe Ton der Glocke die erste Morgenstunde verkündete. »Himmel, wie der Sturm immer lauter wird und was für schwere Tropfen er ans Fenster jagt! Unsere armen Wächter draußen! aber sei versichert, daß der Vater recht hat und jetzt alle geborgen zu Haus sind. Auch zweifle ich wirklich, ob selbst Räuber bei solchem Wetter draußen herumstreifen!« »Ich habe gehört,« sagte Madeline, »Räuber wählten in der Regel gerade solche dunklen, stürmischen Nächte zu ihren Unternehmungen, aber ich gestehe, daß ich keine sonderliche Angst fühle und er ist ja im Hause. Rück' näher ans Feuer, Ellinor; ist es nicht eine Lust, auf seine heitere Flamme zu sehen, während draußen der Sturm heult! Sie ist wie meines Eugens Seele, leuchtend und einsam in dem Lärm und der Finsternis dieser ruhelosen Welt!« »Da sprach er selbst,« entgegnete Ellinor lächelnd, indem ihr hier zum erstenmal auffiel, wie liebende Frauen stets den Ton des Geliebten nachahmen. Madeline fühlte es ebenfalls und auch sie lächelte. »Bst!« flüsterte plötzlich Ellinor, »hörst du nicht unten ein leises Geräusch, als ob etwas kratzte? Hui, jetzt läßt dir der Wind den Laut nicht zukommen; aber horch, horch! – der Sturm läßt etwas nach – da ist es schon wieder!« »Ja, ich hör' es,« sagte Madeline erblassend, »es scheint im kleinen Wohnzimmer; immerfort ein scharfes, aber ganz leises Geräusch. Gerechter Gott! es scheint am Fenster unten.« »Es ist wie eine Feile,« raunte ihr Ellinor zu, »vielleicht –« »Du hast recht,« sagte Madeline und sprang auf, »es ist eine Feile an den Eisenstäben, die der Vater gestern vor dem Fenster angebracht hat. Komm mit, wir wollen Lärm machen.« »Nein, nein, um Gottes willen, sei nicht so verwegen.« rief Ellinor, alle Geistesgegenwart verlierend, »horch, der Ton hört auf, es ist ein lauteres Geräusch unten – und Fußtritte! Wir wollen die Thür verschließen.« Aber Madeline war von jener schönen, hohen Gemütsart, die sich beim Herannahen der Gefahr starker fühlt. Sie suchte die Schwester so gut sie konnte zu beruhigen, bis sie fand, daß ihre Bemühungen gänzlich umsonst waren; gleichwohl ergriff sie das Licht mit fester Hand, öffnete die Thür und eilte, von Ellinor, die sich fest an sie klammerte, gefolgt, über den obern Flur nach ihres Vaters Zimmer, das auf der entgegengesetzten Seite der Treppe lag. Arams Gemach war am äußersten Ende des Hauses. Bevor sie jedoch Lesters Thür noch erreichte, wurde der Lärm unten laut und deutlich – Handgemenge – Stimmen – Flüche – und jetzt der Knall einer Pistole! – Im nächsten Augenblick war das ganze Haus auf den Beinen. Lester in seinem Schlafrock, einen Degen in der Hand, die langen grauen Haare nach hinten flatternd, war der erste, der zum Vorschein kam; die Dienerschaft, alt und jung, männlichen und weiblichen Geschlechts, drängte sich zugleich von allen Seiten herbei; und in gesammeltem Zuge, Lester einige Schritte voran, seine Töchter zunächst nach ihm, stürzten sie nach dem Zimmer, woher der Lärm gekommen, und wo es jetzt plötzlich wieder still geworden. Das Fenster war, augenscheinlich, mit Gewalt, geöffnet, ein Werkzeug nach Art eines Keils, das in dem Schreibtisch stak, worin sich Lesters Geld befand, schien dort gelassen worden zu sein, als hätte man den, welcher es gebrauchen wollte, noch vor Ausführung seiner Absicht verscheucht; der einzige lebendige Zeuge, Aram, stand völlig angekleidet, mitten in der Stube, eine Pistole in der linken, einen Degen in der rechten Hand; ein entzweigehauener Knüttel lag zu seinen Füßen und wenige Schritte von ihm, gegen das Fenster zu, deuteten noch warme Blutstropfen an, daß die Pistole nicht vergebens abgeschossen worden. »Sind Sie es, edler Freund, dem ich unsere Rettung zu danken habe?« rief Lester mit großer Bewegung. »Du, Eugen?« wiederholte Madeline und sank an seine Brust. »Aber den Dank nachher« fuhr Lester fort, »laßt uns ihnen nach – der Schurke ist vielleicht von Ihrer Kugel geblieben?« »Ha!« flüsterte Aram, der bisher für alles, was um ihn her vorging, bewußtlos gewesen zu sein schien, so starr war sein Auge, so blaß seine Wange, so regungslos seine Stellung – »ha! meinen Sie? – Denken Sie. ich hätte ihn getötet? – Nein, es kann nicht sein – die Kugel tötete nicht; ich sah ihn taumeln, aber er raffte sich wieder auf – nicht wie einer, der eine tötliche Wunde erhält! – Ha! ha! – Da ist Blut, sagen Sie, das ist wahr; aber was mehr? – Nicht gleich die erste Wunde tötet; man muß noch einmal treffen. – Pah! pah! was ist ein wenig Blut!« Während er so leise vor sich hin sprach, waren Lester und die rüstigeren von der Dienerschaft schon durchs Fenster gesprungen; aber die Nacht war so ausnehmend dunkel, daß sie keinen Schritt weit vor sich sahen. Lester, der deshalb nach wenigen Minuten zurückkehrte, bemerkte, wie Arams dunkles Auge mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Angst ihm entgegenstarrte. »Sie haben keinen gefunden?« fragte er, »keinen Sterbenden? – Ha! gut – gut – gut! Beide müssen entkommen sein die Nacht muß sie wohl retten!« »Glauben Sie, der Schurke sei gefährlich verwundet?« »Nein – ich hoffe nicht; er schien im stande zu – aber halt – o Gott! – halt! – Ihr Fuß tritt in Blut – Blut durch mich vergossen – weg, weg!« Lester trat mit einem plötzlichen Schauder auf die Seite, als er wahrnahm, daß seine Füße den alten geglätteten Eichenboden wirklich mit Blut beschmierten. Indem er vorwärts schritt, strauchelte er gegen eine Blendlaterne, worin das Licht noch immer brannte. Die Räuber hatten sie bei ihrer Flucht zurückgelassen. »Ja,« sagte Aram, indem sein Blick auf dieselbe fiel, »bei diesem – ihrem eigenen Licht sah ich sie – sah ihre Gesichter – und – und –« (in ein lautes, wildes Gelächter ausbrechend) beide waren Fremde.« »Ja, das dacht' ich mir wohl,« erwiderte Lester, indem er das Instrument aus dem Schreibtisch losrüttelte; »ich wußte wohl, daß es keine Leute aus Grünthal sein konnten. Wer glauben Sie wohl, daß sie gewesen? Aber – guter Gott! Madeline – was giebt's? zu Hilfe! – Aram, sie ist vor Ihnen ohnmächtig niedergesunken.« Wirklich war es merkwürdig, daß Aram, so ganz in sich selbst verloren dagestanden, daß ihm nicht nur Madelines Hereinkommen entging, sondern er sogar nicht bemerkt hatte, wie sie sich an seine Brust warf. Überwältigt von ihren Empfindungen war sie von dieser ersten Ruhestätte auf den Boden gesunken und lag ohnmächtig da, was in der allgemeinen Verwirrung Lester jetzt zuerst bemerkte. Bei diesem Ruf, beim Schall von Madelines Namen, strömte das Blut von Arams Herzen, wo es sich kalt und fast gerinnend gesammelt hatte, wieder zurück und, mit einem Mal wieder gänzlich zu sich selbst gekommen, kniete er nieder, schlang seine Arme um sie, legte ihren Kopf an seine Brust und rief sie mit den zärtlichsten, rührendsten Ausdrücken. Sobald ein schwaches Rot ihre Wangen wieder färbte und ihre Lippen sich bewegten, drückte er einen langen Kuß auf diese Wangen, diese Lippen, und räumte sofort seinen Platz Ellinor ein. Errötend zog diese das Kleid über den schönen Busen der Schwester, von welchem es sich etwas verschoben hatte, und bat sofort jedermann außer den weiblichen Hausgenossen, sich zu entfernen, bis Madeline wieder zu sich gekommen sei. Begierig, den nähern Bericht seines Gastes anzuhören, nahm daher Lester den Gelehrten mit in sein eigenes Zimmer, wo dieser ihm die einzelnen Umstände erzählte. In dem Argwohn – der denn auch der Hauptgrund gewesen, womit er sich bei sich selbst über seine Nachgiebigkeit gegen Madelines Bitten entschuldigt hatte – in dem Argwohn, daß die Leute, welche Lester und ihm auf dem Abendspaziergang begegnet waren, denn doch etwas Anderes, als was sie schienen, sein dürften, und in der Besorgnis, sie möchten Lesters Mitteilung an ihn, hinsichtlich der Geldsumme in seinem Hause und des Ortes, wo dieselbe lag, gehört haben, war er angekleidet geblieben und hatte die Zimmerthür offen gelassen, um sogleich auf jedes Geräusch aufmerksam zu werden. Sein feiner Gehörsinn, dessen wir schon oben gedacht, hätte ihm auch wirklich das Geräusch der Feile in den Eisenstangen, trotz der weiten Entfernung seines Gemachs von jener Stelle, noch früher bemerkbar gemacht, als selbst Ellinor, und mit dem Degen in der Hand, den man in seinem Zimmer gelassen (die Pistole gehörte ihm selbst), war er in den untern Raum hinabgestiegen. »Wie,« rief Lester, »ohne Licht?« »Ich bin an die Dunkelheit gewöhnt,« sagte Aram; »am Rande eines Abgrunds könnte ich in der finstersten Nacht ohne einen Fehltritt hingehen, wenn ich nur ein einziges Mal des Weges gekommen wäre. Indessen gelangte ich doch erst in das Zimmer, als das Fenster bereits erbrochen, und beim Licht der Blendlaterne, die einer von ihnen trug, erblickte ich zwei Männer am Schreibtisch – das übrige können Sie sich vorstellen. Mein Sieg war leicht, denn von einem Streich Ihres guten Pallasch flog der Knüttel, den der eine nach mir schwangt entzwei, und meine Pistole befreite mich von dem andern – damit endet meine Geschichte.« Lester überhäufte ihn mit Dank und Lobpreisungen, aber Aram, der denselben gern entgehen wollte, eilte fort, um nach Madeline zu sehen. Oben auf der Treppe traf er sie auf Ellinors Arm gelehnt; und immer noch blaß. Sie gab ihm die Hand, die er einen Augenblick leidenschaftlich an seine Lippen drückte, aber schon im nächsten mit Entsetzen und Schauder in seinen Mienen fahren ließ. Mit der hastig hingeworfenen Bemerkung, daß er sie nicht von einer Ruhe abhalten wolle, die so sehr Bedürfnis für sie sein müsse, wandte er sich von ihr und stieg die Treppe hinab. Dort standen einige von der Dienerschaft um den Ort, wo er die Räuber angegriffen hatte, her; er trat in das Zimmer und fuhr beim Anblick des Blutes von neuem zusammen. »Wasser her,« rief er gebieterisch, »wollt ihr das Blut gerinnen und in die Bretter hineinfaulen lassen, daß es Aug' und Herz mit seinem scheußlichen, unverwischbaren Fleck erschreckt? – Wasser! sag' ich, Wasser!« Sie eilten ihm zu gehorchen. Als Lester ins Zimmer kam, damit die entstandene Öffnung mit Hilfe von Brettern und dergleichen wieder verschlossen würde, sah er, wie der Gelehrte sich über die Mägde, welche ihre Arbeit mit einigem Widerwillen vollzogen, herbeugte und sie mit erhobener, rauher Stimme über die Eile ausschalt, womit sie, wie er ihnen vorwarf, das Geschäft nur obenhin abmachen wollten. Sechstes Kapitel. Aram allein auf den Bergen. – Sein Selbstgespräch und sein Entschluß. – Auftritt zwischen ihm und Madeline. – Luce non grata fruor Trepidante semper corde, non mortis metu Sed – Senec. Octavia. Act. I. Die beiden männlichen Bedienten des Hauses blieben die übrige Nacht hindurch auf; aber schon war der Morgen weit über die gewöhnliche Aufstehenszeit in Grünthals frischen Schatten vorgeschritten, als Madeline und Ellinor endlich sichtbar wurden. Selbst Lester verließ sein Bett eine Stunde später als sonst; wie er jedoch an Arams Thür pochte, fand er den Gelehrten bereits ausgegangen, während man deutlich sah, daß sein Lager die ganze Nacht über nicht berührt worden. Der Squire stieg in den Garten hinab, wo Peter Dahltrup und eine Abteilung der Wache zu ihm stieß, die, wie der gesunde Menschenverstand und Lester im voraus verkündigt hatten, wirklich zu sehr früher Stunde heimgeschlichen waren. Sie zogen sich jetzt ihre Unmännlichkeit sehr ernstlich zu Gemüt, suchten dieselbe so gut als möglich mit ihrer bisher gehabten Überzeugung, daß in Grünthal nie ein Mensch beraubt werden könne, wegzureden, und versprachen mit aufrichtiger Reue, sie wollten für die Zukunft trefflich Wache stehen. Peter besonders war ganz auf den Kopf gefallen und konnte nur ein unzusammenhängendes Gemurmel zu seiner Verteidigung vorbringen, wovon sich der Squire ungeduldig abwandte, als er lauter als das übrige die Worte vernahm: »siebenundsiebzigsten Psalm, siebzehnten Vers: Aus dem Gewölle dick und schwarz Fiel Regen eimerweis.« Wir übergeben den Squire den erbaulichen Betrachtungen des frommen Gastwirts, und folgen den Schritten Arams, der mit der frühen Morgendämmerung das Zimmer, in dem er die Nacht schlaflos zugebracht, verlassen hatte, und obwohl das Gewölk noch immer in nebeligem, schwerem Geriesel herabsank, fortwanderte, ohne sich zu kümmern, wo ihn der Weg hinführe. Im Augenblick, von dem wir sprechen, stürmte er mit unverminderter Eile, obwohl ohne Zweck und Ziel, bereits über den Bergrücken, der die lieblichen grünen Thaler abschloß, innerhalb welcher sein Haus lag. »Ja,« sprach er, indem er zuletzt plötzlich stehen blieb, den Entschluß der Verzweiflung auf seinen Zügen; »ja, so soll es beschlossen sein. Fühle ich nach dieser Zusammenkunft, daß ich Hausman ein ewiges Stillschweigen nicht abnötigen kann, so will ich Madeline rasch entsagen. Sie hat mich edel und vertrauensvoll geliebt – ich will ihr Leben nicht an einen Menschen knüpfen, der zu irgend einer Stunde von ihr gerufen werden kann, um furchtbare Rechenschaft abzulegen. Auch Lesters graue Haare sollen nicht aus Kummer über meine Schande in ein entehrtes vorzeitiges Grab sinken. Und darf ich nach dem Gewaltstreich der vorigen Nacht, nach einer so verwegenen Gewaltthat, nur noch einen Tag lang auf Sicherheit rechnen? Obwohl Hausman nicht dabei war, obwohl ich kaum glauben kann, daß er von dem Unternehmen gewußt, wenigstens nicht, daß er dazu angetrieben habe, so gehörten sie doch gewiß zu seiner Bande. Wäre einer von ihnen ergriffen worden, so hätte dies leicht zu Hausmans eigener Festnehmung führen können, und ist er einmal festgenommen, was hab' ich alles zu befürchten! Nein, Madeline! Nein, solange dieses Schwert über mir hängt, sollst du nicht von mir dazu erniedrigt werden, die Schrecken meines Schicksals zu teilen.« Sobald Aram zu diesem Entschluß gekommen, der bei allem Edelmut vielleicht doch nicht mehr als billig war, verbannte er auf einmal mit jener Kraft der Selbsterhebung, die mächtigen Gemütern zu Gebot steht, all die schwachen und schwankenden Gedanken, die seinen Willen hätten erschüttern können. Er schien leichter zu atmen und die gespenstische Blässe seiner Stirn verlor wenigstens die tiefen Falten, welche noch einen Augenblick zuvor ihre gewohnte Ruhe zur Wildheit des Wahnsinns verzerrt hatten. Er verfolgte seinen planlosen Weg jetzt mit festeren Schritten. »Welch eine Nacht,« hob er an, indem er wieder in das leise Murmeln verfiel, worin er Zwiesprach mit sich selber zu halten pflegte. »Wäre Hausman einer von den Räubern gewesen, so hätte mich ein Schuß für immer, und ohne Verbrechen, befreien können! Bis das Licht auf ihre Gesichter fiel, glaubte ich wirklich, der kleinere von beiden gleiche ihm. – Ha! hinab, verlockender Gedanke, hinab mit dir!« rief er, mit dem Fuß stampfend, laut aus; sofort aber durch die eigene Heftigkeit zu sich selbst gebracht, warf er einen argwöhnischen, hastigen Blick rund um sich, obwohl er in diesem Moment auf dem höchsten Gipfel des Höhenzuges stand, wo selbst der einsame Hirt nie, es müßte denn ein kühnerer Weitgänger aus seiner Herde sich hierher verlaufen haben, den Tau von dem rauhen aber würzigen Boden streifte. »Ja,« sagte er mit leiserer Stimme, und wieder in die düstern Tiefen seiner Träumereien versinkend, »es ist ein verlockender, ein wundervoll verlockender Gedanke! Und wie ein Blitz durchfuhr mich's, als diese Hand an seiner Kehle war – ein festeres Zusammenfassen, ein Augenblick länger und Eugen Aram hätte keinen Feind mehr, keinen Zeugen gegen sich in der Welt gehabt. Ha! Sind die Toten denn keine Feinde, sind die Toten keine Zeugen?« Hier ward er ganz still, aber das wilde Spiel seiner Gebärden dauerte fort und seine Augen liefen mit blutstrotzendem, unruhigem Funkeln umher. »Genug,« sagte er endlich ruhig, in der Weise eines Menschen, dem ein Stein, vom Herzen gewälzt ist, »genug! So will ich mich nicht besudeln, wenn mir noch irgend ein anderer Weg zur Selbsterhaltung übrig bleibt. Und warum verzweifeln? Der Plan den ich mir ausgedacht, scheint gut angelegt, weise, in jeder Beziehung befriedigend. Betracht' ich ihn noch einmal: – Verfallen im Augenblick, wo er England betritt – nicht ausgefolgt, bis er dasselbe verlassen hat – ratenweise zu solchem Betrag, bezahlt, daß es ihn vor Verbrechen schützt und ihm die Möglichkeit benimmt, mir mehr abzupressen: all dies lautet gut; ist es aber schließlich nicht ausführbar, wohlan, dann lebe wohl, Madeline! dann ist es an mir, dieses Land auf ewig zu verlassen. Treffe mich, was da will – der Tod in seiner schmählichsten Gestalt – wenn nur der Streich nicht auf ihre Brust fällt. Sollte sich's jedoch fügen,« fuhr er fort, und sein Gesicht leuchtete auf, »sollte sich's fügen, wie es immer noch möglich ist, daß ich diesen Höllenhund anketten kann, ja, so will ich auch dann, sobald Madeline mein ist, diese Gegend fliehen; ich will einen noch dunkleren, entlegeneren Winkel der Erde aufsuchen; ich will einen andern Namen annehmen – ich Thor! warum hab' ich das nicht früher gethan? Doch was liegt schließlich daran? Was da oben geschrieben ist, bleibt geschrieben. Wer kann mit der unsichtbaren Riesenhand kämpfen, von welcher die Welt selbst in Bewegung gesetzt wurde und nach deren Vorausbestimmung wir die dunkle Gabe des Lebens und des Todes empfangen?« Erst gegen Abend fand sich Aram völlig erschöpft und abgemattet wieder in der Umgegend von Lesters Hause. Die Sonne war erst vor ihrem Untergang durch das Gewölk gebrochen, schimmerte jetzt aus dem umglühten Westen über die triefenden Hecken und warf einen kurzen, aber zauberhaften Glanz auf die üppige Landschaft umher – auf die bunten Wälder, in die tausend Farben des Herbstes gekleidet; die zerstreuten friedlichen Hütten, mit den langen, aufwärts schlängelnden Rauchsäulen; die grauen, ehrwürdigen Mauern des Herrenhauses mit der Kirche daneben und der zierlichen Turmspitze, die, in den blauen Himmel hineinragend, als das rührendste und feierlichste Bild des Glaubens erscheint, dem sie geweiht ist! Es war Sonntag Abend, und Aram konnte von seinem Standorte aus unterscheiden, wie die Landleute da und dort in langsamen Zügen die grüne Dorfgasse gegen das Gotteshaus herauf kamen. Und die tiefe Glocke, die zur letzten Feier des Tages rief, schwang ihre Stimme weithin über den sonnigen, stillen Schauplatz. Aber nicht die untergehende Sonne, noch die herbstliche Landschaft, noch der Klang des frommen Geläutes war es, was Arams Schritt jetzt anhielt. In geringer Entfernung von ihm, über ein Pförtchen gelehnt und dem Anschein nach wartend, bis das Aufhören des Geläutes die Zeit zum Eintritt in die heilige Stätte anzeigen würde, bemerkte er die Gestalt von Madeline Lester. Ihr Kopf war in diesem Augenblick von ihm abgewandt, als sähe sie nach Ellinor und dem Vater, die auf dem Kirchhof unter einer kleinen Gruppe ihrer Nachbarn standen. Noch war er halb unentschlossen, ob er ihre Gegenwart vermeiden solle, als sie sich plötzlich umwandte und bei seinem Anblick einen Freudenschrei ausstieß. Jetzt war es zu spät zum Ausweichen, und so nahte er denn, jene Gewalt über seine Züge zu Hilfe rufend, die im gewöhnlichen Zustand wenige Menschen in höherem Grade als er besaßen, der schönen Geliebten mit ebenso heiterem, wenn auch nicht ebenso strahlendem Lächeln, wie das, welches um ihren eigenen Mund schwebte. Sie aber hatte das Thürchen bereits geöffnet und kam ihm auf halbem Wege entgegen. »Ha, Herumschwärmer,« rief sie, »den ganzen Tag über abwesend, ohne vorher anzufragen oder lebewohl zu sagen! Wann soll ich jetzt noch glauben, daß du mich wirklich liebst?« »Aber,« fuhr sie fort, indem sie auf sein Gesicht schaute, das in der nunmehrigen Abgespanntheit die wilden Bewegungen andeutete, die noch eben in seinem Innern getobt hatten, »aber Himmel! Geliebter, wie blaß du aussiehst; du bist ermüdet, gieb mir deine Hand, Eugen – sie ist trocken und dürr. Komm ins Haus; – du mußt der Ruhe und Erfrischung bedürfen!« »Ich bin besser hier, meine Madeline – Luft und Sonne beleben mich wieder. Laß uns dort an dem Geländer niedersitzen. Doch du wolltest in die Kirche? Das Geläut ist zu Ende« »Ich fürchte, ich könnte jetzt dem Gottesdienst wenig Aufmerksamkeit widmen,« erwiderte Madeline, »du müßtest dich denn wohl genug fühlen, mit mir in die Kirche zu gehen.« »In die Kirche!« rief Aram mit halbem Schauder, »nein; meine Gedanken sind jetzt nicht fürs Gebet gestimmt.« »Dann gieb deine Gedanken mir, und ich will dagegen für dich beten, ehe ich mich zur Ruhe lege.« Mit diesen Worten schlang sie, mit der gewohnten unschuldigen Natürlichkeit ihres Benehmens, den Arm um den seinigen und beide gingen zu dem von Aram bezeichneten Geländer. Es war ein kleines ländliches Pfahlwerk mit herabhängenden Kastanienbäumen auf jeder Seite. Noch auf den heutigen Tag steht es, und es gereichte mir zu nicht geringem Vergnügen, Walter Lesters und Madelines Anfangsbuchstaben nebst dem Jahresdatum, wahrscheinlich von der Hand des erstern, in halbverwischten Zügen in das Holz eingegraben, zu finden. Hier ruhten sie jetzt. Alles um sie her war still und einsam; die Gruppen der Landleute hatten sich nach der Kirche begeben, und nichts Lebendiges, als die Rinder, die auf dem entfernten Anger grasten, oder etwa eine Drossel, die aus dem nahen Gebüsch emporfuhr, war sichtbar. Der Wind hatte sich gänzlich gelegt, und obwohl ein herbstliches Frösteln durch die Luft wehte, brachte es der ermatteten Stirn und dem fieberhaften Blut des Gelehrten nur eine angenehme Kühlung; – Madeline – sie fühlte nichts als seine Gegenwart! Es war so recht, was wir uns unter einem Sonntagabend denken – eine unbeschreibliche Heiterkeit und Ruhe, die eben von dem schwermütigen Anstrich des scheidenden Jahres einen besonders feierlichen, aber ebenso milden Ausdruck annahm. Es giebt Momente, oft in den dunkelsten und sturmvollsten Abschnitten unseres Lebens, wo uns, wir wissen nicht warum, Erinnerungen aus unserer frühesten Kindheit plötzlich außer uns selbst setzen. Etwas berührt die elektrische Kette, und siehe da: ein Heer von fernen süßen Erinnerungen beschleicht uns. Das Rad steht still, das Ruder ist gehemmt; der Mühe und Arbeit der Gegenwart plötzlich entrissen, werden wir neugeboren und leben von neuem. Wie jene Geheimschrift ihre dem Anschein nach auf ewig erloschenen Buchstaben wieder hervortreten läßt, wenn man darauf haucht, so kann das Gedächtnis Bilder, die jahrelang unsichtbar geblieben sind, wieder ins Leben rufen; aber während wir noch darauf schauen, weicht der Hauch von der Oberfläche, und was noch eben so lebendig war, ist im nächsten Augenblick abermals zum leeren Blatt geworden! »Sonderbar,« hob Aram an, »so oft ich an diesem Fleck saß und hinaussah auf die Landschaft, kam mir doch früher nie eine Ähnlichkeit mit dem Schauplatz meiner Kinderjahre in den Sinn, die mir jetzt auf einmal in ihr zu liegen scheint. Ja, dort in jener Hütte mit den Maulbeerbäumen vorn und dem Obstgarten, der sich nach hinten zu ausdehnt, bis seine Grenze, so wie wir jetzt stehen, ins Gehölz überzugehen scheint, könnte ich mir vorstellen, das Haus meines Vaters vor mir zu haben. Die Baumgruppe dort zur Rechten könnte mich unschwer zum Glauben verführen, als schaute ich auf das kleine Dickicht, in welchem ich, von der ersten Leidenschaft der Lernbegierde ergriffen, die langen Sommertage hindurch über dem dreimal durchlesenen Buch zu liegen pflegte; – ein Knabe – ein nachdenklicher Knabe; und doch wie glücklich! Welche Welten schienen sich mir auf jeder Seite meiner Bücher zu öffnen! Wie unerschöpflich hielt ich die Schätze und Hoffnungen des Lebens! Reizend dünkte mir damals auf den Gipfeln der Berge der Weg zum Wissen; ich ahnte nichts von all dem, was die grübelnde, einsame Leidenschaft, die ich nährte, über mich verhängen würde. Dort in den Schluchten des Thales, auf den Höhen der Hügel, am duftigen Bette des Baches, begann ich schon dem Kraut und der Blume ihre Geschichte abzugewinnen; nichts sah ich, dessen Geheimnis ich nicht zu enthüllen wünschte. Alles, was die Erde hervorbrachte, diente mir zu einem Wunsch – und wo hätte sich etwas Niedriges oder Unreines mit diesem Wunsch verbunden? Der kleinliche Geiz, die gemeine Ehrsucht, die entwürdigende Liebe, ja selbst die Glut, der Zorn, der Leichtsinn, die Launenhaftigkeit, die andern Menschen gewöhnlich sind, reizten sie, entlockten sie meine Natur jener steilen einsamen Warte? Ich lebte bloß, um meinen Geist zu nähren; Wissen war mein Durst, mein Traum, meine Nahrung, die einzige Quelle, der einzige Träger meines Lebens. Aber hab' ich nicht Wind gesät und Sturm geerntet? Der Glanz meiner Jugend ist dahin, mein Blut fiebert, meine Gestalt ist gebeugt, mein Herz von Sorgen zernagt, meine Nerven schlaff wie ein losgespannter Bogen: und was bei all dem ist mein Gewinn? O Gott! Was ist mein Gewinn?« »Eugen, lieber, teurer Eugen!« lispelte Madeline besänftigend, mit ihren Thränen ringend, »ist nicht dein Gewinn groß? Ist es kein Triumph, daß du, noch so jung, in Bezug auf den Erfolg all deiner Bestrebungen fast ohnegleichen in der Welt dastehst?« »Und was,« rief Aram, sie heftig unterbrechend, aus, »was ist diese Welt, die wir durchforschen, als ein ungeheures Beinhaus? Frage nach dem Ursprung selbst des Lieblichsten – es ist Verwesung! Wenn wir die Natur plündern und Weisheit zusammenscharren, sind wir nicht wie die Hexen der Vorzeit, die Arzneien aus dem gährenden Grab aussuchten und Zaubermittel aus verfaulten Totengebeinen zogen? Aus Moder ist jedes Ding um uns her erzeugt, aus Moder wird es befruchtet und zu Moder kehrt es endlich zurück. Moder ist der Mutterschoß und das Grab der Natur und die Schönheit, auf die wir blicken, an der wir hangen – die Wolke, der Baum, die lebenwimmelnden Gewässer – sie alle sind ein einziges ungeheures Bild des Todes! Aber nicht immer schien es mir so, und selbst jetzt spreche ich mit erhitztem Blut und schwindelndem Gehirn. Komm, Madeline, gehen wir auf etwas Anderes über.« Und mit einem Mal aus seiner Sprache, ja sofort vielleicht auch aus seiner Stimmung das bisherige Dunkel soweit abschüttelnd, daß nur ebensoviel zurückblieb, um die Süßigkeit der Erinnerung in zarte Schatten zu hüllen, nicht um sie zu verbittern, erzählte jetzt Aram mit jener Lebendigkeit der Darstellung, die, so wenig wir in der unsrigen ihrer Wirkung gleichkommen können, ein bezeichnendes Merkmal seiner Gesprächsweise war, und allen seinen Äußerungen gewissermaßen ein dichterisches Interesse aufdrückte – erzählte er von jenen Erinnerungen an die Kindheit, die wir aus dem Mund eines jeden, den wir lieben, so gern vernehmen. Während seiner Erzählung wurden die Lichter, welche die tiefere Dämmerung nötig gemacht, in der Kirche sichtbar, strömten weit durch das hohe Bogenfenster und erleuchteten die dunkeln Föhren, welche die Gräber umher beschatteten. Eben in diesem Augenblick griff die Orgel (ein Geschenk eines reichen Pfarrherrn und der Stolz der ganzen Umgegend) mit ihrem hohen feierlichen Ton in die Stille ein. Im Klange dieser plötzlichen Musik lag etwas so Verwandtes mit der heiligen Ruhe des Schauplatzes, etwas, das so sehr zu den Saiten stimmte, die jetzt in Arams Seele zitterten, daß es ihn mit unwiderstehlicher Gewalt befiel. Er brach schnell ab, » als ob ein Engel spräche !« Keiner, der je gesündigt oder je getrauert hat, kann in einem unerwarteten Augenblick diesen Ton hören, der so eigentümlich zum Ausdruck frommer, überirdischer Empfindungen paßt, ohne daß ein Gefühl der Demut, der Erhebung oder der Furcht ihn anwandelt. Er aber – er war wieder zum Knaben geworden! – Wieder stand er in der Kirche seines Geburtsdorfes; sein Vater in seinem Silberhaar neben ihm! Hier seine Mutter, wie sie ihm den Vers des Gesanges zeigt; hier das halb schelmische, halb andächtige Gesichtchen seiner kleinen Schwester (sie starb jung!); – hier das aufwärts geschlagene Auge und die stillen Züge des Predigers, der seinen Geist zuerst zur Wißbegier erhoben und ihm die erste Nahrung gegeben hatte: – alles, alles lebte, ging, atmete wieder vor ihm, alles wie damals, als er jung und schuldlos und im Frieden mit sich war, – als Hoffnung und Zukunft noch ein Wort schienen. Tiefer und tiefer beugte er das Haupt; die Härte, die Verstellung des Stolzes, das Gefühl von Gefahr und von Grausen, die, wie sie das Gemüt des entschlossenen vorbedachten Mannes bewegten, es auch stets gespannt erhielten, verließen ihn auf einmal. Madeline fühlte seine Thränen schnell und heiß auf ihre Hand fallen und einen Augenblick darauf legte er, hingerissen von der Linderung dieser Zähren für ein bedrücktes Herz, welches schauderhafte und furchtbare Geheimnisse nicht enthüllen konnte, und für ein Gehirn, das durch eine lange, äußerste Anstrengung all seiner Kräfte erschöpft war, sein Haupt an diese treue Brust und weinte laut. Siebentes Kapitel. Arams geheime Reise. – Ein Auftritt, welcher der handelnden Personen würdig ist. – Arams Gewandtheit und Macht zu überreden oder sich zu verstellen. – Deren Ergebnis. – Eine furchtbare Nacht. – Arams einsamer Heimritt. – Wem er unterwegs begegnet und was er sieht. Macbeth. Jetzt scheint auf einer Hälfte dieser Welt Erstorben die Natur. Donalbain. Die Trennung unsers Schicksals Wird größere Sicherheit uns beiden geben. Alter Mann. Furchtbare Stunden, schauervolle Dinge. Macbeth. »Und Sie müssen wirklich nach ++++, um Ihren ungestümen Gläubiger noch diesen Abend zufrieden zu stellen? Der Sonntag ist keine gute Zeit für ein solches Geschäft, doch da Sie ihn mit einer Anweisung bezahlen, hat es nicht viel zu bedeuten, und ich kann Ihre Ungeduld, sich dieser Bürde entledigt zu fühlen, wohl begreifen. Aber es ist schon spät, und muß es einmal sein, so thäten Sie besser, möglichst bald aufzubrechen.« »Wahr,« entgegnete Aram auf die eben vernommene Bemerkung Lesters, während beide miteinander vor der Hausthür standen. »Aber halten Sie sich auch hinlänglich gesichert gegen etwaige Erneuerung eines Überfalls?« »Wenn sie kein ganzes Regiment bringen, gewiß! Ich habe einen Teil unserer Wache auf einen Posten gestellt, wo sie kaum wirkungslos sein kann, nämlich in das Haus, statt außerhalb desselben, und ich selbst werde ihnen den größern Teil der Nacht hindurch Gesellschaft leisten. Morgen will ich dann alles, was ich von Wert besitze, nach ++++ (dem Grafschaftsstädtchen) schaffen, samt den unglücklichen Guineen, die Sie mir nicht abnehmen wollen.« »Die Anweisung, welche Sie mir zu geben die Güte hatten, reicht vollkommen zu meinem Zweck hin,« erwiderte Aram. »Und ist man also den Tag über auf keine weitere Spur über die Urheber der Räubereien gelangt?« »Auf keine. Morgen werden die Behörden in ++++ zusammenkommen und sich über die zu ergreifenden Maßregeln verständigen. Es ist unmöglich, daß wir die Schurken nicht innerhalb weniger Tage entdecken, vorausgesetzt sie bleiben in dieser Gegend. Ich hoffe zum Himmel, Sie werden ihnen diesen Abend nicht begegnen.« »Ich mache mich wohlbewaffnet auf den Weg,« antwortete Aram, »und das Pferd, welches Sie mir leihen, ist rasch und kräftig. Somit Adieu für jetzt: ich werde wahrscheinlich diese Nacht nicht mehr nach Grünthal zurückkehren, oder wenn ich komme, wird es zu so später Stunde sein, daß ich dann meine eigene Wohnung aufsuchen werde, ohne Sie in Ihrer Ruhe zu stören.« »Nein, nein, es ist besser, Sie bleiben in dem Städtchen und kommen erst morgen zurück.« Um jeder Möglichkeit einer Vermutung über seinen wirklichen Bestimmungsort aus dem Wege zu gehen, ritt Aram absichtlich nach dem erwähnten Städtchen, wo sein vorgeblicher Gläubiger ihn erwartete. Er stieg in einem Wirtshause ab, ging von da fort, als ob er jemand in der Stadt aufsuchte, kam zurück, saß wieder auf und gelangte sofort auf einem bedeutenden Umwege in die Nähe der Gegend, wo er Hausman treffen sollte. Dort bog er in einen langen, dichten Wald ein, band sein Pferd an einen Baum, sah nach der Ladung der Pistolen, die er unter seinem Reitermantel trug, und schritt dann zu Fuß nach dem bezeichneten Orte weiter. Die Nacht war still und nicht ganz finster, denn obwohl die Wolken dick, waren sie doch zerstreut und ließen manchen Stern durch die dunstige Luft schimmern. Auch der Mond stand am Himmel, aber im letzten Viertel, und bleich und trübe sah sein Antlitz herab, wie er von Wolke zu Wolke wanderte. Es lag im notwendigen Gange unserer bisherigen Erzählung, mehr Arams äußere Erscheinung in seinen schwächeren Augenblicken wiederzugeben, als eine genaue Schilderung, seines Charakters zu liefern, wie wir es wohl gewünscht hätten: sobald er indes einer Gefahr wirklich gegenüberstand, war seine ganze Seele in Waffen, um derselben würdig entgegenzutreten: Mut, Scharfsinn, selbst List erwachten zum Kampf, und der Geist, den er sein Leben lang mit solchem Ernst gepflegt hatte, vergalt ihm in jeder Not mit vollendeter Gewandtheit und unerschütterlicher Kraft. Die Teufelsklippe, wie sie vom Volk genannt wurde, war ein Ort, an den sich manche schauerliche Sagen knüpften, die dem dunkeln Faden unserer Erzählung vielleicht nicht ganz unpassend verwebt würden, falls uns – angenommen, wir teilten die Ansicht einiger unserer Berufsgenossen, die da zu glauben scheinen, ein Roman habe wie ein Bündel Holz um so größeren Wert, je mehr er einzelnes Reisig enthält – der rasche Gang unserer Erzählung solche Einschaltungen gestattete. Derselbe Bach, welcher den Fluren von Grünthal einen so sanften Reiz aufdrückte, nahm hier einen andern Charakter an. Breit, dunkel und jach wirbelte er durch ein von rauhen, steilen Ufern überhängenes Bett hin. Auf der entgegengesetzten Seite von Arams Weg erhob sich ein beinahe senkrechter Berg, bedeckt mit riesenhaften Tannen und Föhren, die einen deutschen Wanderer an die dunkelsten Schluchten des Harzes hätten erinnern können und wirklich kein unwürdiger Aufenthalt für den wilden Jäger oder für Samiel schienen. Über diesem Forst schimmerte jetzt der Mond mit dem bleichen, schwachen Licht, das wir bereits erwähnt haben, und senkte dadurch das regungslose düstere Nadelholz in nur noch tiefere Schatten. Unter allen Kindern des Waldes gewährt die Föhre vielleicht den trübsten, ödesten Anblick. Ihre langen Zweige ohne Blatt noch Blüte, ihre tote, düstere, ewig gleiche Farbe, die kein Winter zu verwittern, kein Lenz ins Leben zu rufen scheint, haben, ich weiß nicht was, von einem geheimnisvollen, unnatürlichen Leben an sich. Breitet sich um jedes Gehölz jener horror umbrarum aus, der im tiefen Schweigen der Nacht an feierlichen Schauern noch bedeutend gewinnt, so ist dies ganz besonders der Fall bei jenem trüben Immergrün. Vielleicht daß dieser Eindruck durch den unfruchtbaren, dürren Boden noch vermehrt wird, auf welchem dasselbe, wenn es in größeren Massen beisammen ist, in der Regel vorkommt; und eben die Beharrlichkeit, die Ausdauer, mit der es sein wunderbares, wechselloses Dasein aus den unerquicklichsten Wüsten, dem widerspenstigsten Boden zieht, verstärken, ohne daß wir uns dessen bewußt werden, seine unwillkommene Wirkung auf das Gemüt. Hier aber erhob das unten hinschäumende Gewässer noch die Wildheit des wuchernden Waldgrüns und teilte durch seine schwarzen, hie und da vom Sternenlicht erhellten Fluten, und durch das tiefe Brausen seines zürnenden Laufes dem Ganzen eine noch rauhere, wildere Großartigkeit mit. Einen schmalen Pfad verfolgend, der durch das hohe nasse Gras beinahe am äußersten Rande des Baches hinführte – denn mit der ganzen Gegend war sein Fußtritt so vertraut wie mit einem Garten – erkannte Aram an dem vermehrten und betäubenden Geräusch des Wassers, daß er nahe an der bezeichneten Stelle sein müsse, und wirklich enthüllte das flimmernde ungewisse Licht gleich darauf die nebelhafte Gestalt eines riesigen Felsens, der sich jäh aus der Mitte des Baches erhob, und in seiner rauhen Nacktheit, seinen gewaltigen Verhältnissen im Dunkel der Nacht einem ungeheuren, mißgestalteten Wassergeschöpf glich, das plötzlich aus der zürnenden unheimlichen Tiefe emporsteigt. Dies war die weit berüchtigte Klippe, die ihren übeln, unheilkündenden Namen einer alten Sage entlehnte. Indem sich der Bach hier mit einem breiten, plötzlichen Schwung umbog, zeigte er dem Wanderer in geringer Entfernung, geisterhaft und undeutlich durch die Finsternis, den mächtigen Wasserfall, dessen Brüllen ihm zur Führung gedient hatte. Nur ein einziger Streifen des gewaltigen Flutensturzes schimmerte im Sternenlicht und gespenstisch glitzerte dieser lange Strich gebrochenen Lichtes über dem zerklüfteten Gestein und dem düstern Grün fort, das beide Seiten des Falles in das vollkommenste, jedes Strahls entbehrende Dunkel hüllte. Nichts konnte die Einsamkeit, die furchtbare Majestät dieses Ortes übertreffen. Das Gebrüll des Wassers ersetzte dem Ohr, was die Nacht dem Auge entzog. Unaufhörlich und ewig donnerte es hinab in den Schlund, schoß dann aus dem schaurigen Becken wieder hervor, daß es dem Anschein nach einen zweiten Fall bildete, und brauste weiter, bis ihm die düstere steile Klippe entgegentrat, gegen deren Fuß es mit erneuertem Toben anprallte und den schaumigen, zornigen Gischt bis zur Hälfte der grauen Höhe hinaufwarf. An dieser ernsten, grausenhaften Stelle, wohl geeignet für eine Unterredung der Art, wie sie zwischen Aram und Hausman allein möglich war, welche, was immer das Geheimnis sein mochte, das diese beiden Menschen so seltsam verknüpfte, notwendigerweise gleichfalls den Charakter von etwas Äußerstem, Gesetzlosem an sich zu tragen und Gefahr zum Hauptgegenstand zu haben schien, während sie dem Tode selbst ihre Färbung entnahm: – an dieser Stelle hielt Aram still und sah sich mit einem an Finsternis gewöhnten Auge nach seinem Gefährten um. Er wartete nicht lange; aus den tiefen Schatten, welche den Raum unmittelbar um den Gießbach her umlagerten, trat Hausman hervor und gesellte sich zu dem Gelehrten. Der betäubende Lärm des Katarakts an dem Orte, wo sie zunächst zusammentrafen, machte jeden Versuch zu einem Gespräch unmöglich. So gingen sie denn dem Laufe des Flusses entlang. eine Stätte zu gewinnen, die weniger im Bereich des verschlingenden Getöses jenes Bergriesen war, der mit seinen gesammelten Wassern wie ein Feind auf das Thal niederstürzte. Es war bemerkenswert, daß, wie sie vorwärts schritten, Aram mit argloser, ruhiger Haltung auftrat, während Hausman den Weg nicht etwa durch Vorangehen zeigte, sondern denselben nur mit der Hand andeutete, und indem er sich etwas hinter Aram hielt, dessen Bewegungen mit wachsamem, lauerndem Auge beobachtete. Der Gelehrte, der diesen Weisungen zufolge vom Pfade abgewichen war, blieb an einer Stelle, wo das verwachsene Gebüsch jedes weitere Vordringen unmöglich zu machen schien, stehen und sagte, das Stillschweigen hier zum erstenmal brechend: »Wir können nicht weiter; soll dies der Ort unserer Unterredung sein?« »Nein,« entgegnete Hausman, »es ist besser, vollends durchs Gebüsch zu dringen. Ich kenne den Weg, mag aber nicht vorangehen.« »Und warum nicht?« »Die Spuren deines Griffes sind noch an meiner Kehle,« bemerkte Hausman bedeutungsvoll; »du weißt so gut als ich, daß es nicht immer taugt, einen Freund hinter sich zu haben.« »So laß uns hier bleiben,« antwortete Aram ruhig, indem die Dunkelheit jede Veränderung seiner Züge verhüllte, welche der Verdacht seines Gefährten vielleicht hervorgerufen haben mochte. »Doch wär' es viel besser,« sagte Hausman unschlüssig, »wenn wir in die Höhle dort unten gelangen könnten.« »Die Höhle!« rief Aram und fuhr zusammen, als klänge ihm der Laut dieses Wortes fürchterlich. »Ja doch, ja; aber nicht St. Robertshöhle,« erwiderte Hausman, und das Grinsen seiner Zähne schimmerte durchs Dunkel der Nacht. »Aber komm, gieb mir deine Hand, und ich will's wagen, dich durch das Dickicht zu führen. – Das ist deine linke Hand!« sprach er mit schneidendem bittern Argwohn in der Stimme; »gieb mir die rechte.« »Wie du willst,« sagte Aram mit gedämpftem aber verständnisvollem Ton, der tief aus seinem Herzen zu kommen schien und denjenigen, an welchen er gerichtet war, einen Augenblick bis ins Gebein durchschauderte; »wie du willst; aber seit vierzehn Jahren habe ich diese Rechte keinem lebendigen Menschen als Pfand des Vertrauens gegeben; du allein verdienst eine solche Aufmerksamkeit – hier!« Hausman zauderte, ehe er die dargebotene Hand faßte. »Pfui!« rief er endlich, wie über sich selbst ergrimmt, »was! Schatten sollen mir Angst machen! Komm (die Hand ergreifend), so recht – so, so; jetzt sind wir im Dickicht – tritt fest auf – hier her! – Halt!« fuhr er schwer atmend fort, als ob ein neuer Verdacht ihn packte, »halt! Jetzt können wir nicht einmal einen Schimmer von unsern Gesichtern sehen; aber in dieser Hand, meine Rechte ist frei, hab' ich ein Messer, das mir schon früher Dienste gethan hat, und spür' ich Ursache zur Vermutung, daß du falsches Spiel gegen mich vorhast, so begrabe ich die Klinge in deinem Herzen; verstehst du mich?« »Thor!« erwiderte Aram verächtlich, »tot würde ich dich mehr fürchten als lebendig.« Hausman gab keine Antwort, sondern kroch jetzt wieder dem Pfad im Gesträuch nach, den er augenscheinlich wohl kannte, während jeder, der sich nicht zuvor mit der Richtung bekannt gemacht, selbst bei Tage hier keinen Weg auffinden konnte, so dick standen die Bäume und so künstlich waren ihre Zweige in einem Zustand gelassen worden, der den Durchgang verdeckte. Einige Minuten waren sie schon vorgeschritten und endlich auf einen zerrissenen, ziemlich steilen Abhang gekommen. Diese ganze Zeit hindurch schlug der Puls in der von Hausman umfaßten Hand mit so festem, gleichem Takt wie in der ruhigsten Stimmung einer wissenschaftlichen Arbeit, obwohl Aram sich bewußt sein mußte, daß ein Ausgleiten des Fußes, eine Verwicklung im Dornengebüsch das Messer in seine Brust senken konnte, falls ein solcher Zufall die leicht zu erweckende Besorgnis seines gewissenlosen Begleiters hervorrief. Aber nicht unter dieser Gestalt konnte der Tod Arams Nerven erschüttern, und während seine ganze Seele gegen eine Gefahr sich waffnete, empfand er die andere, die einer weniger gesammelten, weniger kräftigen Natur ebenso nahe und wahrscheinlich hätte scheinen dürfen, kaum. Hausman hielt jetzt an, bog dann die Zweige abermals auseinander, trat noch einige Schritte vorwärts, und mit Recht schloß Aram aus einer gewissen Dumpfheit und Bedrücktheit der Luft, daß sie nunmehr in der Höhle wären, von welcher sein Gefährte vorhin gesprochen. »Jetzt sind wir angekommen.« sagte Hausman; »aber wart, ich will Licht schlagen, ich liebe die Finsternis nicht, selbst andern Gefährten gegenüber, als dem, mit dem ich mich zu unterhalten jetzt die Ehre habe.« In wenigen Augenblicken war Licht da, das auf einen Vorsprung in der Höhle gesetzt wurde. Indes ließ der schwache düstere Strahl, den Fleck, auf welchem sie unmittelbar standen, ausgenommen, alles in einer Dunkelheit, die nicht viel weniger dicht war, als die vorhergegangene. »Bei Gott, es ist kalt,« sagte Hausman schaudernd, »aber du siehst, ich habe Vorsorge getroffen für die Bequemlichkeit eines Freundes.« Mit diesen Worten näherte er sich einem Haufen dürren Holzes und Laubes, der in einem Winkel der Höhle aufgetürmt lag, hielt das Licht an den leicht entzündlichen Stoff und prasselnd stieg das Feuer auf, tausend Funken von sich sprühend und allgemach von den Rauchwolken, die es anfangs einhüllten, sich befreiend. Jetzt war es zu einer rötlichen, hellen Flamme emporgewachsen, und der warme Glanz spielte malerisch an den grauen Wänden der Höhle, die von bröcklicher Bildung und ziemlich klein war und warf ihr rotes Licht über die Gestalten der beiden Männer. Hausman stand hart neben dem Feuer und hielt die Hände darüber ausgebreitet; eine Art von trotzigem Wohlbehagen schlich sich über das widerwärtige, Unheil drohende Gesicht, als er den tierischen Genuß der Wärme empfand. Um den Leib trug er einen breiten ledernen Gurt, der ein Paar große Reiterpistolen und das Messer oder vielmehr den Dolch, mit welchem er Aram gedroht hatte, enthielt – ein zweischneidiges Instrument von beinahe einem Fuß Länge. Dazu diese breite, kräftige Gestalt, diese harten, verwitterten Züge und ein gewisser frecher, herausfordernder Ausdruck, den seine ganze Gestalt und Haltung in unbeschreiblicher Weise zur Schau trug, konnte man sich unmöglich einen geeigneteren Bewohner für diese schaurige Höhle, unmöglich jemand denken, der friedlichen Menschen wie Eugen Aram gerechtere Besorgnisse hatte erwecken dürfen. Der Gelehrte stand in kleiner Entfernung von ihm, wartend, bis der Gefährte gänzlich bereit für die Unterredung sein würde und lehnte sich, das bleiche edle Antlitz in seine gewöhnliche, in solchem Augenblick aber fast übernatürliche Ruhe versunken, mit gekreuzten Armen gegen die rauhe Wand. Das Licht schien auf sein dunkles Gewand, von welchem der zierliche Reitermantel, wie man sie damals trug, halb zurückgeschlagen war und die Pistolen im Gurt samt dem Degen sehen ließ, eine Waffe, die zu jener Zeit zwar von allen, welche einen höheren Rang in Anspruch nahmen als die niederen und gewerbtreibenden Stände, getragen, von Aram aber, sofern sie nur eine Auszeichnung andeutete, in der Regel weggelassen wurde und, nur jetzt zur Verteidigung mitgenommen worden war. Nichts konnte ergreifender sein, als der Gegensatz zwischen den brutalen Formen seines Begleiters und der zarten, fein gebildeten Schönheit des Gelehrten, mit jenem Ausdruck von trauerndem Tiefsinn und klarem Bewußtsein der Überlegenheit und dem schlanken aber gleichwohl nervigen Ebenmaß seiner Gestalt. »Hausman,« sagte Aram vortretend, als sein Gefährte das Gesicht endlich von der Flamme ab- und auf ihn zuwandte, »bevor wir auf den Hauptgegenstand unserer Unterredung kommen, sage mir, warst du Teilnehmer an dem Angriff, der vorige Nacht auf Lesters Haus gemacht wurde?« »Beim höllischen Feind, nein!« erwiderte Hausman, »und nicht früher als diesen Morgen hab' ich von der Sache Kunde erhalten; sie ward erst wenige Stunden vor der Ausführung aus dem Stegreif entworfen, und die beiden Narren allein hatten damit zu thun. Der Hergang ist der: ich und der größere Teil unserer kleinen Bande waren mehrere Stunden von dort im westlichen Teil der Grafschaft an der Arbeit, zwei – unsere allgemeinen – Kundschafter kamen aus eigenem Antrieb in eure Nähe, um sich etwas umzusehen. Lesters Haus hatten sie sich bei Tage gemerkt und durch unverdächtiges Nachfragen im Dorf – beide waren als Fuhrleute verkleidet und die Sache überhaupt, wie ich aus früherer Erfahrung selbst bezeugen kann, sehr leicht – hatten sie verschiedene Umstände herausgebracht, aus welchen sie schlossen, das Haus möchte wohl genug enthalten, um die Mühe eines Einbruchs zu lohnen. Auf einem Gange über die benachbarten Felder hatten sie überdies gehört, wie der gute Herr des Hauses zu einem seiner Nachbarn von einer bedeutenden Summe sprach, die er liegen habe, ja wie er diesem sogar den Ort beschrieb, wo sich dieselbe befände. Dies bestimmte sie; sie besorgten (wie darauf der Alte auch wirklich hingedeutet hatte), die Summe möchte den andern Tag fortgeschafft werden. Über das Haus hatten sie sich hinreichend unterrichtet, um den gegebenen Fingerzeig benutzen zu können. So entschlossen sie sich also allein, denn es war zu spät, uns um unsere Hilfe anzugehen, in das Zimmer einzubrechen, worin das Geld lag, nahmen sich jedoch, weil in dem erschreckten Dörfchen alles zur Wachsamkeit aufgeregt worden und im Hause selbst Leute wohnten, die einen tüchtigen Widerstand leisten konnten, vor, einen weitern Raub zu versuchen. Sie rechneten auf die Heftigkeit des Sturmes und die Dunkelheit der Nacht als hinlängliche Schutzmittel, um weder gesehen noch gehört zu werden; sie irrten sich – das Haus kam in Alarm, sie waren nicht sobald in dem unglücklichen Zimmer, als –« »Gut, ich weiß das übrige. Wurde der eine von ihnen gefährlich verwundet?« »O, wird aufkommen, wird aufkommen: unsere Leute sind keine jungen Hühnchen. Ich gesteh' jedoch, daß ich deinen Verdacht, ich könnte Teil an dem Angriff gehabt haben, natürlich finde; aber wenn ich dich auch, wie ich früher gesagt, nicht liebe, möcht' ich doch unser Verhältnis nicht so verderben, wie eine Gewaltthat im Hause deines Schwiegervaters dies begreiflicherweise thun würde – wenigstens nicht so lange die Thür zu einem freundschaftlichen Vergleich zwischen uns noch offen ist.« »Ich bin damit zufrieden,« sagte Aram, »und kann nun mit minderem Argwohn gegen dich unterhandeln. Ich sage dir, Hausman, daß die Bedingungen nicht mehr in deiner Gewalt stehen; du mußt diese Gegend des Landes verlassen und zwar sogleich, oder du bist unvermeidlich verloren. Die ganze Bevölkerung ist in Aufruhr und bereits hat man nach den Wachsamsten unter der londoner Polizei gesandt. Das Leben ist dir so süß wie uns allen, und ich kann mir nicht vorstellen, daß du wahnsinnig genug seiest, dich – nicht etwa in die Gefahr – sondern in die Gewißheit zu stürzen, dieses Leben zu verlieren. Du kannst deshalb die Drohung deiner Gegenwart nicht länger über meinem Haupt schweben lassen. Überdies, wärst du je fähig, so etwas zu thun, so bleibt mir selbst, was du vergessen zu haben scheinst, immer die Gewalt, mich von solcher Last zu befreien. Bin ich an jene Thäler gekettet? Kann ich sie nicht jeden Augenblick wo ich will verlassen? Kann ich nicht einen Schlupfwinkel suchen, der nicht nur deine Bemühungen zu meiner Entdeckung, sondern selbst diejenigen des Gesetzes vereiteln dürfte? Wahr ist, daß meine bevorstehende Heirat ein Gewicht an meine Flügel hängt; aber du weißt, daß unter allen Menschen ich vielleicht am wenigsten zum Sklaven einer Leidenschaft gemacht bin. Und welche Bande wären stark genug, die Schritte dessen aufzuhalten, der vor einem furchtbaren Tode flieht? Sind das Spitzfindigkeiten, Hausman? Ist nicht die Vernunft auf meiner Seite?« »Was du sagst, ist richtig genug,« erwiderte Hausman mit einigem Zögern, »ich kann es nicht leugnen. Aber ich weiß, daß du mich nicht an diesem Ort und zu dieser Stunde aufgesucht hast, um meine Forderungen abzuweisen. Nur der Wunsch zu einem Vergleich kann dich hierhergeführt haben.« »Du hast recht,« entgegnete Aram, indem er seine bewunderungswürdige Kaltblütigkeit beibehielt und in der tiefangelegten, schlauen Verstellung fortfuhr, durch welche er die hündische Habgier, den Spürsinn des Eigennutzes, gegen welche er anzukämpfen hatte, zu überwinden suchte. »Es ist keinem von uns beiden leicht, den andern zu hintergehen. Wir sind Menschen, deren Einsicht ein Leben voll Gefahr nach allen Seiten hin geschärft hat; ich spreche offen gegen dich, weil Verstellung hier nichts helfen würde: Obwohl ich aus deinem Bereich fliehen – obwohl ich meine jetzige Heimat und die mir bestimmte Braut verlassen kann, möcht' ich doch, ich gesteh' es, gern freie Wahl behalten, auf demjenigen Lebenspfad und Schauplatz zu verharren, den ich mir nun einmal ausersehen habe – möcht' ich doch gern von jeder möglichen Besorgnis in Bezug auf dich frei sein. Es giebt nur zwei Wege, auf welchen ich diese Sicherheit erlangen kann: der erste ist durch deinen Tod; – nein, erschrick nicht, leg' die Hand nicht an deine Pistole; jetzt hast du keine Ursache mich zu fürchten. Hätt' ich dieses Auskunftsmittel erwählen wollen, so hätt' ich meine Absicht schon längst ins Werk setzen können. Als du vor einigen Monaten unter meinem Dache schliefst – ja schliefst – was hätte mich da hindern können, dir während des Schlafs den Dolch ins Herz zu stoßen? Vor zwei Abenden, als mein Blut kochte und Wut über mich gekommen war – was hätte mich abhalten können, die Hand, deren Spuren du jetzt noch trägst, fester zusammenzuziehen und dich erstickt zu meinen Füßen zu legen? Ja, selbst jetzt, obwohl du dein Auge auf jeder meiner Bewegungen, deine Hand auf deiner Waffe hast, möchte ein Kampf gegen einen verzweifelten und entschlossenen Mann, der schließlich lieber im Kampfe mit dir, als durch die späte Erfüllung deiner Drohungen zu Grunde gehen wollte, nicht zu deinem Besten ausfallen. Deine Kugel könnte fehlen – (ich sehe, daß deine Hand eben jetzt zittert) – die meinige bringt, sobald sie es will, gewissen Tod. Nein, Hausman, so wenig dein Auge den dunklen Schlund messen kann, in dessen Schoß jener Wasserfall seine Fluten hinabstürzt, so unmöglich ist es für deinen Verstand, die Tiefen meines Gemütes und meiner Beweggründe zu durchschauen. Ein Mord an dir, wenn auch in Verteidigung meiner selbst begangen, würde ein Gewicht auf meine Seele legen, unter welchem sie ewig versänke. Durch deinen Tod würde ich nur neue Wahrscheinlichkeiten einer Entdeckung vor mir sehen. Die Schrecken, die der Mord bringt, können nicht abgekauft, durch keine Drohung zur Ruhe gebracht werden; von einer Gefahr geriete ich nur in die andere und des Gesetzes furchtbare Rache würde mich in der letztem Gefahr sicherer erreichen als in der erstern. Sei also ruhig über diesen Punkt! Vor meiner Hand bist du, du müßtest sie denn selbst in tollem Wahnsinn gegen dich nötigen, vollkommen geborgen. – Kommen wir also auf die zweite Art, wie sich Sicherheit für mich erlangen läßt. Diese liegt etwa nicht darin, daß du für den Augenblick von meiner Verfolgung nachlässest oder dich bloß aus dieser Gegend entfernst. Das ganze Land mußt du verlassen – niemals wieder darfst du in dasselbe zurückkehren – deine Wohnstätte muß auf fremdem Boden aufgeschlagen, dein Grab in fremder Erde gegraben werden. Bist du dazu bereit? Wenn nicht, so kann ich nichts weiter sagen und werfe mich von neuem widerstandslos in die Arme des Schicksals.« »Du forderst,« erwiderte Hausman, dessen Besorgnis durch Arams Rede sich gelegt hatte, wiewohl im nämlichen Augenblicke seine zügellose, wilde Natur durch die Ruhe des höheren Geistes, der sie gegenüberstand, unwillkürlich überwältigt und bemeistert worden war: – »du forderst,« sprach er, »keine geringe Gunst von einem Menschen, wenn du verlangst, daß er seine Heimat auf ewig verlasse; aber ich bin nicht der Träumer, dem ein Ort lieber Ware als der andere. Vielleicht würde ich ein fremdes Land, als das sicherere und freiere von alten Erinnerungen, sogar vorziehen, wenn ich dort leben könnte, wie es einem Mann angemessen ist, der des Lebens Güter liebt. Zeige mir Vorteile, die ich durch eine Verbannung gewinne und ich sage Englands bleichen Küsten für immer lebewohl!« »Deine Forderung ist gerecht,« entgegnete Aram, »höre mich also an: Ich bin bereit, meine ganze kleine Habe, lediglich mit Vorbehalt desjenigen, was zur Erhaltung des nackten Lebens unentbehrlich ist, zu Geld zu machen, ja, ich bin sogar erbötig, all das, was ich möglicherweise von andern erwarten kann, in ein Jahrgeld für dich umzusetzen. Aber merke dir, es wird aus meinen Händen gegeben, so daß dir fürder keine Gewalt über mich zusteht, die hierüber festgesetzten Bedingungen umzuändern. Die Einrichtung soll so getroffen werden, daß die Zahlung in dem Augenblick beginnt, wo du ein fremdes Land betrittst, und ganz und für immer aufhört im Augenblick, wo du deinen Fuß auf irgend einen Teil des englischen Bodens setzest, oder auch im Augenblick meines Todes. Auf diese Art erlang' ich die Gewißheit, daß fortan keine Hoffnung auf mich dich verleiten kann, dieses Einkommen aufs Spiel zu sehen, denn da ich mein ganzes Vermögen daran gebe, kann dir der Gedanke nicht kommen, mir mehr abpressen zu wollen und ebenso gewiß werd' ich sein, daß du mein Leben nicht in Gefahr bringst, denn mein Tod würde dein Vermögen zertrümmern. So werden wir getrennt und sicher voneinander leben; du wirst alle Ursache haben, meine Erhaltung zu wünschen und ich werde keinen Grund haben, bei der deinigen zu schaudern. Nur einen Weg gäbe es dann noch, der mir Besorgnisse erregen könnte, nämlich daß du dir in deiner Sterbestunde die fruchtlose Rachelust beikommen lassen könntest, gegen mich zu zeugen. Dieser Möglichkeit muß ich mich indes geduldig unterwerfen: du, wenn auch älter, bist stärker und fester gebaut als ich – dein Leben wird das meinige wahrscheinlich überdauern; und sollte es selbst anders sein, warum sollten wir einander ins Verderben stoßen? Auf meinem Totenbett dein Geheimnis zu bewahren, will ich feierlich beschwören: warum solltest du nicht deinerseits, ich will nicht sagen schwören, aber wenigstens den Entschluß fassen, das meinige zu bewahren? Wir können einander nicht lieben: aber warum einander mit vergeblichem, teuflischem Rachegeist hassen? Nein, Hausman, wie auch die Umstände dein Herz verdunkelt oder verhärtet haben mögen, es hat ein Gefühl für Menschlichkeit. – Du wirst mir fortan ein sicheres, behagliches Leben verdanken – wirst fühlen, daß ich mir alles bis zum Darben entzog, um dir damit eine Gemächlichkeit zu erkaufen, die ich dir mit Freuden überlasse – wirst dich erinnern, daß ich mich, statt der Opfer, die ich mir durch diese Wahl auflege, begnügt haben könnte, deine Drohungen durch einen Angriff auf ein Leben zu vereiteln, das du zu einem Fallstrick und einer Folter für das meinige zu machen bemüht warst. Daran wirst du denken und mir die strenge, düstere Einsamkeit, in der ich ein Vergessen des Vorgefallenen suche, wirst mir den einzigen Trost nicht verbittern, durch den ich meinen Pfad in ein ruhiges Grab aufzuheitern ringe. Nein, Hausman, nein: verwünsche, hasse, bedrohe mich, wie du willst – bei alledem fühle ich, daß ich nicht Ursache haben werde, einen bloßen Mutwillen deines Rachegefühls zu fürchten.« Diese Worte, unterstützt durch einen Ton der Stimme und einen Ausdruck des Gesichts, die ihnen vielleicht ihre größte Wirkung verliehen, packten selbst Hausmans verhärtete Seele wie durch plötzlichen Überfall. Es ergriff ihn eine Rührung, die er nimmermehr durch einen Menschen für möglich gehalten haben würde, der ihn bis jetzt durch die demütigende Weise, womit er ihn seine geringere Natur fühlen ließ, fortwährend erbittert hatte. Er reichte Aram die Hand. »Bei – –,« rief er mit einem Fluch aus, den wir dem Leser ersparen, »du hast recht! du hast mich so widerstandslos in deinen Händen gemacht wie ein Kind. Ich nehme dein Erbieten an – schlug' ich's aus, so blieb ich zu dem Lebenswandel genötigt, den ich jetzt führe. Aber siehst du, ich kenne den Betrag des Jahrgeldes, das du mir aussetzen kannst, nicht; gleichwohl verlange ich nicht mehr, als zur Befriedigung von Bedürfnissen hinreicht, die, wenn sie auch nicht so gering wie die deinigen, mindestens nicht sehr übertrieben oder sehr verfeinert sind. Was das übrige betrifft, falls du noch etwas darüber hinaus haben solltest, so behalte das in Gottes Namen für dich selbst und sei versichert, daß, was mich anbelangt, du künftig nicht mehr belästigt werden wirst.« »Nein, Hausman,« sagte Aram mit halbem Lächeln, »du sollst alles haben, was ich zuerst angab, d. h. ehrlich und vollständig alles, was nicht zu den unentbehrlichsten Erfordernissen der Natur gehört. Die besten Entschlüsse des Menschen sind schwach; wüßtest du, daß ich noch etwas übrig habe, so könnte dich ein eingebildetes Bedürfnis, eine augenblickliche Ausschweifung verführen, es von mir zu verlangen. Wenden wir die Möglichkeit solcher Verführung von uns! Aber schmeichle dir nicht mit der Hoffnung, daß das Jahrgeld fürstlich sein werde. Mein eigenes Einkommen ist nur gering und die Hälfte des Heiratsgutes, das ich von meinem künftigen Schwiegervater erwarte, ist alles, was ich für jetzt erhalten kann. Dieses ganze Heiratsgut ist keine bedeutende Summe. Indessen wenn es für dich nicht hinreicht, so muß ich anderwärts fordern oder borgen.« »Nun, das ist immer ein angenehmerer Weg, Geschäfte abzumachen,« sagte Hausman, »als mit Drohen und Zürnen, und so will ich dir denn genau die Summe angeben, bei deren jährlicher Beziehung ich leben könnte, ohne über den Wegweiser des Gesetzes hinaus mich nach mehr umzusehen – die Summe, bei welcher ich England mit freudigem Herzen entsagen und den ›ehrlichen‹ Mann anfangen könnte. Von diesem Betrag aber, verstehst du, müßte die Hälfte auf meine kleine Tochter ausgestellt werden.« »Was, hast du ein Kind?« fragte Aram lebhaft, sehr erfreut, ein weiteres Pfand für seine eigene Sicherheit zu entdecken. »Ja. ein kleines Mädchen, mein einziges, acht Jahre alt. Sie lebt bei der Großmutter, denn sie ist mutterlos und das Kind darf nicht ohne alles Geld bleiben, wenn ich vor der Zeit abberufen werden sollte. In etwa zwölf Jahren – denn 's arme Hannchen verspricht hübsch zu werden – kann sie durch eine Heirat meiner Fürsorge enthoben sein, aber ihre Kindheit darf der Möglichkeit des Bettels oder der Schande nicht ausgesetzt bleiben.« »Gewiß nicht, gewiß nicht! – Wer will jetzt noch behaupten, daß in dem Menschen je alles Gefühl ersterbe?« – rief Aram. »Die Hälfte des Fahrgeldes soll für sie ausgesetzt werden, falls sie dich überlebt, aber unter denselben Bedingungen, so daß die Zahlung mit meinem Tode oder im Augenblick, wo du nach England zurückkehrst, aufhört. Und nun nenn' mir die Summe, mit welcher du dich zufrieden geben willst.« »Nun,« sagte Hausman, indem er murmelnd an den Fingern herzählte, »zwanzig – fünfzig – Wein und Dirnen wohlfeil in der Fremde – hm! hundert zum Leben und halb so viel, um mich lustig zu machen! Na, Aram, hundertundfünfzig Guineen jährlich englisches Geld werden für ein Leben im Ausland hinreichen – du siehst, ich bin leicht zufriedengestellt.« »Sei es so,« sagte Aram, »ich verpflichte mich, dir so viel auf dem einen oder andern Wege zu verschaffen. Zu diesem Zweck reis' ich morgen nach London; ich werde keinen Augenblick verlieren, um die nötigen Einrichtungen, unserer Abrede gemäß, zu treffen. Inzwischen aber mußt du dich verbindlich machen, diese Gegend zu verlassen und womöglich deine Kameraden vermögen, dasselbe zu thun – obwohl du deiner eigenen Sicherheit wegen nicht zaudern wirst, dich in kürzester Zeit von ihnen zu trennen.« »Jetzt, da wir auf gutem Fuß miteinander stehen,« antwortete Hausman, »trag' ich kein Bedenken, dir durch Angabe folgender Umstände Freude zu machen: Meine Kameraden selbst beabsichtigen, die Gegend vor dem morgenden Tage zu verlassen, ja die Hälfte ist schon fort; mit Tagesanbruch werd' auch ich bereits einige Stunden von hier weg sein und mich von ihnen allen getrennt haben. – Treffen wir beide uns in London, wenn das Geschäft in Ordnung ist, und sehen wir uns dort zum letztenmal auf Erden.« »Wo wirst du zu erfragen sein?« »In Lambeth ist ein schmales Gäßchen, das nach der Themse führt, es beißt Beveril Lane; das letzte Haus rechter Hand ist meine gewöhnliche Unterkunft; eine sichere Wohnstätte zu jeder Zeit und für jedermann.« »So will ich dich da aufsuchen. Und nun, Hausman, gehab dich wohl! So wie du deines Wortes gegen mich gedenkst, so möge deines Kindes Leben glücklich verfließen.« »Eugen Aram,« hob Hausman noch einmal an, »es ist etwas in dir, wogegen sich der grimmige Teufel in meiner Brust vergebens aufzulehnen versucht. Ich habe gelesen, der Tiger könne durch das menschliche Auge in Furcht gehalten werden – du nötigst mich durch einen ebenso unerklärlichen Zauber zur Unterwürfigkeit. Du bist ein sonderbarer Mensch und es scheint mir ein Rätsel, wie wir je in diese Verbindung miteinander kommen konnten, oder wie – doch wir wollen das Vergangene nicht wieder ins Leben rufen; es ist ein garstiger Anblick und das Feuer ist eben ausgegangen. Solche Geschichten taugen nicht fürs Dunkel. Aber auf die Sache zurückzukommen: jetzt kannst du, wäre es auch nur um meines Kindes willen, auf mich rechnen; zudem ist eine solche Anordnung besser, als wenn ich eine größere Summe in die Hand bekäme, zu deren schneller Vergeudung mir die Versuchung vielleicht nicht fehlte, so daß, während ich mich nach mehr umsähe, mein Hals sich in einen Strick verfangen könnte, und das arme Hannchen von Almosen leben müßte. Aber komm, es ist hier beinahe wieder Nacht geworden, und ohne Zweifel möchtest du jetzt gern fort. Halt, ich will dich zurückführen und auf den rechten Weg bringen, damit du nicht auf meine Freunde stößt.« »Ist diese Höhle einer von ihren Schlupfwinkeln?« fragte Aram. »Bisweilen; aber heute schlafen sie auf der andern Seite der Teufelsklippe. Nichts besser für ein langes Leben als ein häufiger Wechsel der Wohnung – he?« »Und sie sehen deine Abwesenheit ohne Bedenken?« »Ja, wenn sie nur selten und unter der Ausrede von Familiengeschäften vorkommt. – Nun deine Hand, wie vorhin. Jesus! Wie es regnet – und Wetterleuchten dazu – ich könnte mit weniger Herzklopfen auf eine entblößte Klinge sehen, als auf diese rothen, zackigen, blendenden Blitze – horch! es donnert.« Wirklich hatte die Nacht plötzlich ein anderes Ansehen gewonnen; in Strömen goß der Regen herab, mit noch größerer Heftigkeit als nachts zuvor, während der Donner, wie beide durch das Gebüsch hinaufklimmten, gerade über ihren Scheiteln rollte. Jeden Augenblick brach ein Strahl aus der gespaltenen Kluft der wie eine feste Masse über ihnen hängenden Finsternis, erleuchtete den ganzen Himmel mit bleicher, grauenhafter Flamme, und zeigte den zwei Männern ihre Gesichter, die in der fahlen Helle tot und gespenstartig erschienen. Hausman war sichtbar von der Angst ergriffen, die zuweilen selbst die trotzigen Bösewichter unter der Übermacht jener furchtbaren Zeichen des Himmels erfaßt, welche die Kraft und den Zorn des Menschen zum Nichts zu erniedrigen scheinen. Seine Zähne klapperten und er murmelte nur abgebrochene Worte über die Gefahr nahe an Bäumen hinzugehen, wenn der Blitz ein so zackiges Aussehen habe. Bei jeder solchen Äußerung verdoppelte er den Schritt und unterbrach sich bisweilen mit einem Ausruf, der halb Fluch halb Gebet war, oder mit einem Glückwunsch an sich selbst, daß der Regen wenigstens die Gefahr vermindere. Bald waren sie durch das Dickicht und nach wenigen Minuten standen sie wieder an den Ufern des Waldbaches, unfern dem Wasserfall, der jetzt mit verstärktem Gebrüll herabstürzte. Nichts auf Erden mochte vielleicht die schaurige Erhabenheit dessen überbieten, was sie nunmehr sahen: – Jeden Augenblick verwandelte der immer häufiger kommende Blitz die schwarzen Gewässer in brennendes Feuer, oder schlängelte sich in bläulichen Bogengewinden um die gewaltige auf kurze Augenblicke sichtbar werdende Klippe; dann wieder warf er, indem der Donner oben fortrollte, seine vergebliche Wut auf den herabströmenden Wasserfall und den zerrissenen Schoß des Schlundes, der unten brauste. Und noch erschreckender und drohender, als was das Auge erblickte, war das Getöse in der Luft: – das Schwanken, Ächzen und Krachen der Tannen auf dem Berge, die wilde Gewalt, womit der Regen auf den sprudelnden Bach niederplatschte, das fortwährende Gebrüll des Wasserfalles, von Zeit zu Zeit durch die noch grauenhaftere Stimme beantwortet, die oben aus den Wolken brach. Sie hielten an, als sie noch weit genug von dem Wasserfall entfernt waren, um einander verstehen zu können. »Mein Weg,« sagte Aram, als der Blitz einen Augenblick über der Stelle weilte und die dunkle Gestalt des Gelehrten mit der ruhig erhobenen Hand und den bleichen aber furchtlosen und gefaßten Zügen im eigentlichen Sinn in ein fahles Leichentuch zu hüllen schien – »mein Weg geht dort hinaus; in einer Woche treffen wir uns wieder.« »Beim höllischen Feind,« sagte Hausman schaudernd, »um keine hundert Pfund möchte ich allein über das Moor hinreiten über welches dich der Weg führt. Es steht dort ein Galgen an der Straße, an welchem ein Vatermörder in Ketten aufgehängt ist. Bitt' den Himmel, daß diese Nacht kein Vorzeichen für den Vertrag sein möge, den wir jetzt abgeschlossen haben.« »Ein festes Herz, Hausman,« erwiderte Aram, indem er in seinen Pfad einbog, »ist sein eigenes Vorzeichen.« Bald gelangte der Gelehrte an den Ort, an welchem er sein Pferd gelassen. Das Tier hatte keinen Versuch gemacht, die Zügel zu zerreißen, zitterte aber an allen Gliedern, und bezeugte durch ein kurzes schnelles Wiehern die Freude, mit welcher es seinen Herrn kommen und sich fortan nicht länger allein sah. Aram saß auf und eilte noch einmal der großen Landstraße zu. Kaum fühlte er den Regen, obwohl der tobende Wind ihn gerade auf seinen Weg zutrieb; kaum bemerkte er den Blitz, obwohl dieser seine Pfeile oft nach ihm selbst zu schnellen schien: sein Herz war vertieft in das Gelingen seines Anschlages. »Mag der Sturm da draußen heulen,« dachte er, »der Sturm im Innern hat jetzt wenigstens Ruhe. Mitten unter dem Wind und Regen kann ich freier atmen, als ich's am heitersten Sommertage vermocht. Durch den Zauber eines tieferen Geistes und einer gewandteren Zunge hab' ich diesen drohenden Feind besiegt; zum Schweigen gebracht hab' ich diesen verhärteten Ausspürer meiner Seele und dem Himmel sei Dank, auch er hat seine menschlichen Regungen, und an diesen Regungen halt' ich ihn! Ich eile jetzt nach London – bringe dieses Jahrgeld in Ordnung – sorge, daß das Gesetz jeden Faden des Vertrages straff anzieht und wenn alles geschehen und dieser gefährliche Mensch in seine Verbannung abgegangen ist, kehr' ich zu Madeline zurück und weih' ihr ein Leben, das nicht länger dem Zufall und der Stunde knechtisch angehört. Aber ich habe Vorsicht gelernt. So sicher mich meine Klugheit gegen künftige Besorgnisse vor Hausman gestellt haben mag, will ich mich doch seiner Macht gänzlich entziehen. Dennoch will ich meinen früheren Plan ausführen, will einen neuen Namen annehmen und einen neuen Schlupfwinkel suchen. Madeline darf die wahre Ursache nicht erfahren, aber dieses Gehirn ist an Vorwänden nicht arm.« Indem er hier seinen Mantel dichter um sich zog, spürte er auf der Brust die Börse, welche die von Lester erhaltene Anweisung enthielt. »Ha!« sagte er, »diese wird jetzt das Ihrige dazu beitragen, nicht augenblicklichen Aufschub, sondern das Jahrgeld für ewiges Stillschweigen einzulösen. Leichter als ich es erwartet, bin ich durch diese Feuerprobe gekommen. – Seine Abwesenheit ist so notwendig, daß wenn der Dämon in ihm auch schwerer zu beschwichtigen gewesen wäre, ich dieselbe um jeden Preis hätte erkaufen müssen. Mut, Eugen Aram! dein Geist, für welchen du gelebt und für welchen du deine Seele aufs Spiel gesetzt hast – wenn Seele und Geist voneinander verschieden sind – dein Geist kann dich noch durch manche Gefahr tragen. Nimmermehr wird es dir, solange du nicht von seiner Höhe herabsinkst, an Verteidigung fehlen.« – »Wie freudig,« murmelte er nach einer augenblicklichen Pause, »wie freudig will ich, um sicher zu sein und ruhigen Herzens die Luft, worin Madeline weilt, atmen zu können, mich alles dessen, was nicht zum unentbehrlichen Bedürfnis gehört, entschlagen. Und – so bedürftig wie früher kann ich jetzt nicht mehr werden. Wer die Quellen jedes Wissens kennt, aus welchem Reichtum hervorgeht, der gebietet über den Reichtum selbst.« Von Zeit zu Zeit in diese Selbstgespräche ausbrechend, fuhr Aram fort, gegen den Sturm anzureiten, bis er die Hälfte seines Weges zurückgelegt hatte und auf ein langes, bleiches Moor gekommen war, das den Anfang zu dem schönen Landstrich bildete, in welchem die Fluren von Grünthal gebettet lagen. Stärker und stärker kam der Regen, und obwohl die Gewitterwolken nunmehr hinter ihm waren, folgten sie in ihrem schwarzen Zuge doch noch drohend dem Pfade des einsamen Reiters. Jetzt aber vernahm er nahenden Hufschlag; er lenkte sein Roß auf die eine Seite der Straße und bei der Helle, die ein breiter Blitzstrahl in diesem Augenblick um ihn her warf, wurde er vier Reiter gewahr, die im gestreckten Galopp dahergesprengt kamen. Sie waren bewaffnet und sprachen laut miteinander – ihre Flüche hallten vernehmbar und mißtönig durch die feierlichen, zürnenden Stimmen der Nacht. Wie sie an dem Gelehrten vorüberjagten, hatte er die Hand an der Pistole, denn in einem der viere erkannte er den Mann, der unverwundet aus Lesters Hause entkommen war. Er und seine Gefährten gehörten also augenscheinlich zu Hausmans verwegener Bande. Auch sie, wiewohl sie an Aram in zu schnellem Lauf vorbeikamen, um ihre Pferde plötzlich anhalten zu können, hatten den einsamen Wanderer bemerkt, warfen jetzt die Tiere herum und riefen ihm ein Halt zu. Der Blitz war vorüber und die Dunkelheit entzog die Räuber und ihr beabsichtigtes Opfer gegenseitig den Blicken. Aber Aram hatte keinen Moment verloren; rasch flog sein Pferd über das Moor hin, und als er beim nächsten Blitzstrahl zurücksah, ward er gewahr, daß die Frevler, die sich selbst um einer Beute willen den Schrecken der Nacht nicht aussetzen mochten, ihm nur wenige Schritte gefolgt waren und dann wieder umgewandt hatten. Noch immer jagte er vorwärts und war jetzt bald über das Moor hinüber; hinten rollte der Donner schwächer und schwächer und nur in längern Zwischenräumen zuckte das Leuchten des Gewitters, als es nach einer ungewöhnlich langen Pause die ganze Gegend plötzlich in eine weniger blendende aber fahlere Helle setzte, als bisher der Fall gewesen. Das Pferd, das bis jetzt ohne scheu zu werden oder einen Fehltritt zu thun, fortgerannt war, fuhr in jähem Schrecken zurück und der Reiter, nach der Ursache aufschauend, erblickte das Hochgericht, wovon Hausman gesprochen, unmittelbar vor sich. Der gespenstische Leichnam bewegte sich hin und her, indem der Wind durch das dürre, ausgetrocknete Gebein klapperte; und wie im Hohn starrte das furchtbare Grinsen des Schädels auf Aram herunter. Viertes Buch Η Κύπρισ ου πάνδημος· ιλασχεο τὴν θεὸν ειπὼν Ουρανιάν – ΠΡΑΞΙΝΟΗ. Θάρσει Ζωπυρίων, γλυκερὸν τέκος, ου λέγω απφυ̃ν. ΓΟΡΓΩ. Αισθάνεται τὸ βρέφος, ναὶ τὰν πότνιαν.         ΘΕΟΚΡ. Nicht fürs Volk ist die Cypris; versöhne sie, nenne die Göttin Himmlische. – Praxinoe . Munter, Zophyrion, liebliches Kind, ich meine Papa nicht. Gorgo . Wahrlich, der Knabe versteht's bei der Heiligen! Theokrit . Erstes Kapitel. Worin wir zu Walter zurückkehren. – Seine Schuld der Dankbarkeit an Herrn Pertinax Grabfüller. – Des Korporals Rat und des Korporals Sieg. Sei ein Arzt noch so vortrefflich, immer wird Leute geben, die ihn durchhecheln. Gil Blas . Wir verließen Walter in einer Lage von so bedenklicher Natur; daß es von wenig Menschenliebe zeugen würde, wollten wir unsere Rückkehr zu ihm noch länger hinausschieben. Der Streich, der ihn niedergestreckt hatte, beraubte ihn einen Augenblick des Bewußtseins; allein er besaß eine Konstitution von nicht gewöhnlicher Kraft und Ausdauer, und die drohende Gefahr, in welcher er sich befand, trug selbst dazu bei, ihn schnell aus der momentanen Besinnungslosigkeit zurückzurufen. Wieder zu sich kommend, fühlte er, daß die Räuber ihn gegen die Hecke zu schleppten und schnell durchzuckte ihn der Gedanke, ihre Absicht gehe auf Mord. Diese Vorstellung gab ihm neue Kraft; er nahm seine ganze Stärke zusammen, riß sich plötzlich aus den Händen eines der Räuber, der ihn beim Kragen gepackt, los und hatte sich bereits auf die Kniee und sofort auf die Füße erhoben, als ein zweiter Schlag ihn aufs neue seiner Sinne beraubte. Als ihm ein dämmerndes, wirres Bewußtsein zurückkehrte, bemerkte er, daß die Freibeuter ihn hinter die Hecke getragen hatten und nun eben daran waren, ihn mit vielem Bedacht auszuplündern. Eben wollte er den nutzlosen, gefährlichen Kampf erneuern, als einer von den Burschen sagte: »Ich glaube, er regt sich; ich hätte doch besser gethan, ihm den Hals abzuschneiden.« »Pah, nein!« erwiderte eine andere Stimme, »umbringen nicht, so lang's noch ein ander Mittel giebt; glaub' mir, 's ist ein garstig Ding, wenn man nachher dran denkt. Überdies wozu hilft's? Eine Räuberei ist hier bald vergessen, aber ein Mord bringt die ganze Gegend in Aufruhr.« »Verdammt, Bruder! 's Ding ist schon geschehen, er ist so tot wie ein Thürnagel.« »Tot?« wiederholte der andere mit bebender Stimme; »nein, nein!« Damit beugte sich der Räuber nieder und legte die Hand auf Walters Herz. Der unglückliche Reisende fühlte wie seine Muskeln sich bei Berührung dieser Hand krampfhaft zusammenzogen, enthielt sich aber klüglich jeden Rucks oder Aufschreis. Wie er übrigens so mit trüben halbgeschlossenen Augen die dunkeln verschwimmenden Umrisse des Gesichtes auffaßte, welches so dicht über ihn sich beugte, daß er den Atem seiner Lippen fühlte, war ihm als habe er dasselbe bereits gesehen, und nachdem der Mann nun aufstand und das bleiche Licht des Himmels einen etwas deutlichem Überblick seiner Züge gestattete, wurde diese Vermutung noch verstärkt, obwohl nicht bis zur Gewißheit erhoben. Bald jedoch verlor Walter wieder die Kraft zur Beobachtung seiner Plünderer: abermals schwindelte sein Gehirn, die dunkeln Bäume, die trotzigen Menschengestalten schwammen schattengleich vor seinem starren Auge und noch einmal versank er in gänzliche Besinnungslosigkeit. Unterdessen hatte der tapfere Korporal, sobald er den Fall seines Herrn wahrgenommen, an dem Ort, wohin ihn sein Pferd wider seinen Willen getragen, plötzlich Halt gemacht und in der schnellem Schlußfolge, daß drei Männer am besten in einer gewissen Entfernung anzugreifen seien, beide Pistolen abgefeuert. Darauf war er, ohne abzuwarten, ob sein Schuß eine Wirkung hervorgebracht (was in der That nicht der Fall war), den jähen Abhang so schnell heruntergaloppiert, als wäre es die letzte Station »nach Lonnon« gewesen. »Mein armer junger Herr,« murmelte er, »aber sollt's zum Ärgsten kommen, so ist doch der größte Teil vom Geld in meinen Satteltaschen und so, ihr Herren Diebe, seid ihr geprellt – uff!« In kurzer Zeit hatte er die Stadt erreicht und die Herumschlenderer vor dem Wirtshaus in Alarm gebracht. Ein Posse comitatus So nennt man die bewaffnete bürgerliche Macht einer Grafschaft. D. Übers. war schnell gebildet und eine Schar Helden, mit Waffen gespickt, als ging's, gegen sämtliche Räuber zwischen Hounslow und den Apenninen, den Korporal, der zuvor seine Pistolen wohlbedächtig wieder geladen hatte, an der Spitze, zog aus, »dem armen Herrn zu Hilfe, der schon umgebracht sei«. Sie waren nicht weit gekommen, als sie Walters Pferd trafen, das glücklich den Räubern entkommen war und sich's jetzt an einem Fleckchen Gras neben der Landstraße wohl sein ließ. »Das Vieh sorgt selbst für sein Nachtessen,« brummte der Korporal, indem er an den eigenen Abendimbiß dachte, und bat einen von der Begleitung, einen Versuch zum Einfangen des Tieres zu machen, welches sich jedoch gegen jedes derartige Ansinnen abgeneigt gezeigt haben würde, wäre nicht ein langes Erkennungswiehern des ramsnasigen Korporalgauls dem Ohre des Herumtreibers bekannt vorgekommen und hätte denselben an die Seite des Reiters gerufen, der, während die beiden Rosse ihre Grüße wechselten, des Ankömmlings Zügel ergriff. Als sie an den Ort gelangten, von wo aus die Räuber ihren Angriff gemacht, war alles still und ruhig und kein Walter zu sehen. Der Korporal stieg behutsam ab und spürte mit solcher Emsigkeit umher, als ob er eine Stecknadel suchte; aber der Wirt des Gasthofes, in welchem die Reisenden zwei Tage zuvor gespeist hatten, traf auf einmal die rechte Fährte. Blutstropfen auf dem weißen Kalkboden leiteten ihn nach der Hecke, und nachdem er durch eine kleine, eben erst gemachte Lücke geschlüpft, entdeckte er den noch atmenden Körper des jungen Mannes. Walter wurde mit großer Sorgfalt nach dem Gasthof gebracht. Ein Wundarzt stand schon in Bereitschaft; denn Pertinax Grabfüller war auf die Kunde, daß ohne sein Wissen ein Herr ermordet worden, aus seinem Hause gestürzt und hatte sich auf die Straße gestellt, damit der arme Mensch mindestens nicht ohne seinen Beistand begraben werden möge. So groß war sein Eifer, sich über ihn herzumachen, daß er den unglücklichen Walter kaum ins Haus bringen ließ, als er auch schon mit seinen Instrumenten herausfuhr und sich mit dem Behagen eines Kunstfreundes ans Werk machte. Obwohl der Chirurgus erklärte, daß sich der Patient in der größtmöglichen Gefahr befinde, hatte doch auch der scharfblickende Korporal, der sich mehr berechtigt glaubte, etwas von Wunden zu verstehen, als irgend ein Mann von friedlichem Beruf, so zerstörend die Ausübung desselben immer sein mochte, – der Korporal hatte, sagen wir, die Verletzungen seines Herrn bereits selbst in Augenschein genommen, ehe er zum lange verschobenen Genuß des Abendessens hinabstieg und versicherte jetzt im Vertrauen dem Wirt und der übrigen guten Gesellschaft in der Küche, »die Schläge auf den Kopf wollten nicht mehr sagen als Mückenstiche und sein Herr würd' in längstens 'ner Woche wieder so gesund sein als je.« Und wirklich fühlte sich der Kranke, als er am nächsten Morgen aus der Betäubung mehr als aus dem Schlaf, der ihn befallen, aufwachte, zum Verwundern besser, als er nach der Versicherung des Wundarztes, der seine Sonde herauszog, möglicherweise sein konnte. Mit Hilfe des Herrn Pertinax Grabfüller wurde Walter mehrere Tage lang in dem Städtchen hingehalten, und es ist nicht ganz unwahrscheinlich, daß er ohne die Gewandtheit des Korporals noch heute daselbst sein würde, freilich nicht in der behaglichen Behausung des altmodischen Gasthofs, sondern in den kältern Gemächern eines gewissen grünen Ortes, an welchem, trotz seiner landschaftlichen Reize, nur wenige Menschen gern ihre dauernde Wohnstätte nehmen. Glücklicherweise jedoch fand eines Abends der Korporal, der, die Wahrheit zu sagen, große Sorgfalt in der Pflege seines Herrn bewies – denn ausgenommen seine Selbstsucht, die vielleicht von seiner Weltkenntnis herrührte, war Jakob Bunting im ganzen ein gutmütiger Mann und hatte seinen Gebieter so gern als irgend sonst was, immer mit Ausnahme von Jakobine und von Kostgeld – eines Abends sagen wir, fand der Korporal, als er in Walters Zimmer trat, diesen mit einer sehr trübsinnigen, niedergeschlagenen Miene aufrecht im Bette sitzen. »Na, Herr, was sagt der Doktor,« fragte der Korporal, indem er die Vorhänge auf die Seite schob. »Ach, Bunting, ich glaub', mit mir ist's aus!« »Behüt uns der Herrgott, Herr, gewiß spaßen's da?« »Spaßen? Ach, guter Freund! Reicht mir einmal das Arzneiglas dort.« »Das garstige Zeug!« rief der Korporal, indem er das Gesicht schief zog; »ja, Herr, hätt' ich Sie in der Mache gehabt – wären schon halbwegs nach Yorkshire. 'n Mensch ist 'n Wurm, und wenn ein Doktor ihn auf die Angel steckt, so angelt er mit dem Köder sicherlich nach dem Teufel – uff!« »Was, glaubt Ihr wirklich, der verdammte Kerl, der Grabfüller, macht es so mit mir?« »Wird er so dumm sein, drei Arzneigläser des Tages, 4 Schilling 6 Pfennig, item ditto, ditto, aufzugeben?« rief der Korporal, wie verwundert über die Frage. »Aber spüren's nicht, daß Sie jeden Tag besser werden? Spüren's nicht, daß all das Zeug Ihnen wieder Leben macht?« »Nein, wahrhaftig, ich befand mich am ersten Tage viel besser als jetzt, ich mache nur Fortschritte zum Schlimmern. Ach, Bunting, wär' Peter Dahltrup da, so könnte er mir jetzt zu einer angemessenen Grabschrift verhelfen; so aber wird sie wohl sehr kurz gefaßt werden. Grabfüller wird das ganze Geschäft übernehmen und mit auf seine Rechnung setzen: – item 9 Mixturen – item 1 Grabschrift.« »Daß Gott erbarm', Euer Edeln,« sagte der Korporal und zog ein kleines rotgetüpfeltes Schnupftuch heraus, »wie können's so 'n Spaß machen? – 's ist ganz beweglich,« »Ich wollte, wir selbst wären in Bewegung!« seufzte der Kranke. »Und das könnten wir sein,« schrie der Korporal, »das könnten wir sein, wenn Sie 'n Bissel Mut fassen wollten. Lassen mich Euer Edeln mal nach Ihrem Kopf schauen, ich weiß besser als einer von den Kerlen, was 'ne Konfusion ist.« Mit erhaltener Erlaubnis nahm sofort der Korporal die Bänder ab, womit der Doktor sein dem Pluto bestimmtes Opfer umwunden, und nachdem er die Wunden etwa eine Minute lang betrachtet hatte, streckte er die Unterlippe mit einem verächtlichen »pschuff, uff!« hervor. »Und wie lange,« fragte er, »sagt Herr Grabfüller, daß Sie ihm noch unter 'n Händen sein werden – uff?« »Er macht mir Hoffnung, daß ich in etwa drei Wochen eine recht sanfte Bewegung in der frischen Luft machen dürfe; – ja doch! ein Sarg bewegt sich immer recht sanft.« – Der Korporal fuhr zusammen und brach in einen langgezogenen Pfiff aus. Dann grinste er von einem Ohr zum andern, schnippte mit den Fingern und sagte: »'n Mann von Welt, Herr – Mann von Welt, jeder Zoll an 'm!« »Er scheint beschlossen zu haben, daß ich ein Mann von der andern Welt werden soll,« erwiderte Walter. »Sag' Ihnen was, Herr – Nehmen's meinen Rat an – Euer Edeln wissen, ich bin kein Narr; – werfen's das Gebändel da weg; lassen's mich 'n Fetzen Pflaster auflegen – schmeißen's die Arzneikolben zum Teufel – lassen's morgen die Pferde vorführen, und wenn Sie 'ne halbe Stund' in der Luft gewesen, werden Sie sich selbst nicht mehr kennen.« »Bunting! die Pferde morgen vor? – Wahrhaftig, ich glaube, ich bin nicht im stande, nur einen Gang durchs Zimmer zu machen.« »Kommt nur aufs Probieren an, Euer Edeln.« »Ach, ich bin sehr schwach, sehr schwach. – Meinen Schlafrock und Pantoffeln! – Euern Arm, Bunting! – Was? auf meine Ehre, ich trete ganz kräftig auf! he? Das hätt' ich nicht gedacht! Laßt mich einmal los – na, da komm' ich sogar ohne Eure Hilfe fort!« »Gehen so gut, als Sie's je gethan.« »Nun ich einmal außer dem Bett bin, denk' ich mich nicht so bald wieder hineinzulegen.« »Möcht's auch nicht, wenn ich Euer Edeln wär'.« »Und nach so viel Bewegung glaub' ich wirklich eine Art Appetit zu empfinden.« »So nach einem Beefsteak?« »Nichts käm' mir gelegener.« »'n Schoppen Wein?« »Hm, das wär' wohl zu viel – he?« »Bewahre!« »Nun, so geht, guter Bunting; geht und tummelt Euch – halt, der verfluchte Kerl...« »'n gutes Zeichen, wenn einer flucht,« unterbrach ihn der Korporal; »haben eben in fünf Minuten zweimal geflucht – famoses Zeichen!« »Wollt Ihr mich hören! Der verfluchte Kerl, der Grabfüller, wird in einer Stunde wiederkommen, um mir zur Ader zu lassen. Stellt Euch auf den Posten – laßt ihn nicht herein – zahlt ihm seine Rechnung – Ihr habt das Geld. Und hört, seid nicht grob gegen den Schurken.« »Grob, Euer Edeln! Ich nicht – im Zweiundvierzigsten gestanden – weiß, was Mannszucht heißt – nur grob gegen Gemeine!« Nachdem der Korporal zugesehen, wie sein Herr dem vorgesetzten Braten alle Ehre angethan – nachdem er dessen Zimmer geordnet, ihm Lichter gebracht, ein Buch für ihn geborgt und ihn für den Augenblick ungemein wohl aufgelegt und ganz bereit für die morgige Flucht verlassen hatte – zündete er seine Pfeife an, stellte sich unter die Thür des Wirtshauses und wartete auf Herrn Pertinax Grabfüller. Bald kam der Doctor, ein kleines, dünnes Männchen, geschäftig auf der Straße daher und wollte eben mit einem vertraulichen »Guten Abend« am Korporal vorbei, als dieser Edle, die Pfeife aus dem Munde nehmend, ehrerbietig anhob: »Um Vergebung, mein Herr – hab' mit Ihnen zu sprechen; haben's nur einen Augenblick die Güte. Will Euer Edeln mit mir ins Hinterzimmer?« »Hui! ein anderer Patient,« dachte der Doktor, »so ein Soldat ist unvorsichtig – kriegt oft was ab! – Ja, Freund, ich bin zu Euern Diensten.« Der Korporal führte den Mann der Mixturen nach dem Hinterzimmer, räusperte sich dreimal und sah verlegen aus, als wüßt' er nicht wie anfangen. Der Doktor machte sich's zum Geschäft, dem Schüchternen Mut einzureden. »Nun, mein guter Freund,« sagte er, indem er mit dem Rockärmel etwas Staub wegwischte, der sich auf seine Beinkleider gesetzt hatte: »Ihr wollt mich also über etwas zu Rate ziehen?« »Ja, Euer Edeln, das will ich; aber – weiß nicht recht, wie ich's anfangen soll; – 'nem Fremden –« »Pah! – Ein Arzt ist nie ein Fremder, ich bin der Freund eines jeden, der meine Hilfe in Anspruch nimmt.« »Und ich brauch' Euer Edeln Hilfe bei 'nem recht üblen Ding.« »Recht, recht; sprecht nur. Schon ein altes Übel?« »O nein, erst seit wir hier sind, Herr.« »Ach, weiter nichts? Nun?« »Euer Edeln sind so gütig, daß ich weiter kein Bedenken haben will, Ihnen alles zu sagen. Sehen, wie wir ausgeplündert worden sind – wenigstens der Herr. – Ich hatt' 'n paar Bagatellchen in meinen Taschen – aber wir armen Bedienten sind ja nie reich. Sie scheinen so gutmütig – so aufmerksam für den Herrn – obwohl Sie wissen müssen, wie's gar keinen Vorteil nicht für Sie haben kann, einem ausgeplünderten Mann zu Diensten zu sein – daß ich nicht länger hinter dem Zaun halt' und mich untersteh', Sie zu bitten, uns fünf Guineen zu leihen, denn soviel hatten wir eben nötig, um die Rechnung hier zu bezahlen – hol's der Henker!« »Mensch!« sagte der Doktor aufstehend, »ich verstehe Euch nicht, aber merkt Euch, daß ich mich nicht um meine Zeit und mein Eigentum betrügen lasse. Ich werde darauf beharren, daß man mir meine Rechnung augenblicklich bezahlt, ehe ich nur eine Hand weiter an Eures Herrn Wunde lege.« »Uff!« sagte der Korporal, froh, daß der Doktor so schnell in die Falle gegangen, »werden gewiß nicht so scharf sein – würden uns ohne 'n Deut lassen, um den Wirt zu bezahlen.« »Unsinn! – Wenn Euer Herr ein Mann von Stande ist, so kann er um Geld nach Hause schreiben.« »Ach, Herr, haben schon recht, so zu sprechen; – aber unter uns und dem Bettpfosten gesagt – der junge Herr ist verzürnt mit 'm alten Herrn – der alte Herr wollt' ihm keinen Pfennig geben – derohalben verlaß ich mich darauf, weil Euer Edeln 'n Freund von jedermann sind, der Ihre Hilfe in Anspruch nimmt – gar 'n schön Wort, Herr! – Sie werden uns 'n paar Guineen nicht abschlagen; – und Ihre Rechnung anlangend – nun –« »Herr, Ihr seid ein unverschämter Landstreicher,« schrie der Doktor, so rot wie eine Flasche Rossoli aus dem Zimmer stürzend, »ich sag Euch, daß ich meine Rechnung vorlege und meine Bezahlung innerhalb zehn Minuten erwarte.« Er wartete auf keine Antwort, stürmte nach Haus, kratzte seine Rechnung nieder und flog mit einer Eile zurück, als ob der Kranke sich schon einen Monat länger unter seiner Obhut und folglich am Rande jener glücklichern Welt befände, in welcher, weil ihre Bewohner unsterblich sind, Ärzte, als gänzlich unnütz, natürlich nie zugelassen werden. Der Korporal empfing ihn wie das erstemal. »Hier,« rief der Doktor atemlos und dann beide Arme in die Seiten stemmend: »bringt das Euerm Herrn und sagt ihm, er möge mich sogleich bezahlen.« »Uff, daraus wird nichts.« »Ihr wollt nicht?« »Nein, denn ich selbst will Sie bezahlen. Wo ist Ihr Wisch – he?« Und mit großer Gemütsruhe zog der Korporal eine wohlgefüllte Börse heraus und tilgte die Rechnung. Der Doktor war wie vom Donner gerührt, so daß er das Geld einsteckte, ohne eine Wort vorbringen zu können. Indessen tröstete er sich mit dem Gedanken, Walter, den er zu einer tüchtigen Hypochondrie herabgebracht, werde ihn gewiß am nächsten Morgen holen lassen. – Ach, über die Hoffnungen der Sterblichen! – am nächsten Morgen war Walter wieder auf der Reise. Zweites Kapitel. Neue Spuren von Gottfried Lesters Schicksal. – Walter und der Korporal begeben sich auf eine neue Expedition. – Der Korporal zeigt sich besonders scharfsinnig hinsichtlich des alten Themas von der Welt. – Seine Ansichten von den Menschen, die Ansprüche auf Kenntnis in dieser Beziehung machen. – Über die Vorteile, die ein Bedienter genießt. – Über die Kunst, sein Glück in der Liebe zu machen. – Über Tugend und Temperament. – Über die wünschenswerten Eigenschaften an einer Geliebten etc – Eine Landschaft. Diese feine Redeweise belebt das Gespräch bei uns ruhigen andern ungemein. Der Zuschauer Nr. 3. Walter fand bei seinen Nachforschungen, daß es in einer so ausgedehnten Grafschaft wie Yorkshire nichts Leichtes sei, auch nur über die einleitenden Punkte Kunde zu erhalten, nämlich über den letzten Aufenthaltsort und den Namen jenes Obersten aus Indien, dessen Vermächtnis in Anspruch und Empfang zu nehmen sein Vater aus dem Hause des ehrwürdigen Courtland abgereist war. Aber sobald er die Untersuchung der Sorgfalt eines betriebsamen, verständigen Rechtsgelehrten übergeben hatte, schien sich die Sache wie durch ein Wunder aufklären zu wollen, und in kurzer Zeit war Walter benachrichtigt, ein Oberst Elmore, der in Indien gewesen, sei im Jahre 17.. gestorben; aus dem letzten Willen desselben erhelle, daß er einem Daniel Clarke die Summe von tausend Pfund und das Haus, worin er vor seinem Tode gewohnt, hinterlassen habe, welches letztes Besitztum, da es eigentlich nur in einer hochangeschlagenen Nutznießung des Gebäudes bestanden, in dem Testament zu geringem Wert geschätzt werde, und in der Vorstadt von Knaresborough liege. Auch stellte sich heraus, daß etwa zwanzig Stunden von York der einzige noch lebende Testamentsvollstrecker, ein entfernter Verwandter des verstorbenen Obersten, Herr Jonas Elmore, wohne, der denn Walter aller Wahrscheinlichkeit nach besser als irgend jemand die Umstände angeben könnte, über welche derselbe eine nähere Auskunft so sehr wünschte. Walter schlug dem Rechtsgelehrten augenblicklich vor, ihn zu diesem Herrn zu begleiten; zufälligerweise jedoch konnte der Advokat für die nächsten drei oder vier Tage von seinen Geschäften in York nicht abkommen, und der junge Mann, voll Begier, auf der erlangten Spur weiter fortzugehen, und keineswegs geneigt, sich mit magern Nachweisungen aus Briefen abspeisen zu lassen, während eine mündliche Unterredung in seiner Macht stand, entschloß sich somit ohne Verzug, allein zu Jonas Elmore aufzubrechen. Und so sehen wir denn unsern edeln Korporal und seinen Herrn abermals in den Bügeln und am Beginn einer neuen Reise. Der Korporal, immer ein Freund von etwas Neuem, war ungemein wohlgelaunt. »Schauen's, Herr,« sagte er zu seinem Gebieter, indem er mit großer Zärtlichkeit den Nacken seines Gauls klopfte, »schauen's, Herr, wie munter die Geschöpfe sind: wie gut hat ihnen die lange Ruh' in York gethan. Ach, Euer Edeln, was das 'ne hübsche Stadt ist! Doch,« fügte er mit einer Miene großer Überlegenheit hinzu, »giebt's Ihnen keinen Begriff nicht von Lonnon – meiner Treu, keinen!« »Na, Bunting, vielleicht sind wir, ehe ein Monat vergeht, in London.« »Und bevor wir dahin kommen, Euer Edeln – nichts für ungut – möcht' Ihnen aber 'nen Rat geben; 's ist 'n kitzlich Nest, das Lonnon, und obwohl 's Ihnen keineswegs an Schönie fehlt, Herr, so sind's doch jung und ich bin –« »Alt, das ist wahr, Bunting,« setzte Walter ganz ernst hinzu. »Uff! Henker! alt, Herr, alt? – 'n Mann in der Blüte des Lebens – Haare kohlschwarz (abzurechnen 'n paar graue, die ich seit den Zwanzigen gehabt – Sorgen und Kriegsdienste, Herr!) – aufrechtes Gestell – feste Zähne – keinen Schaden in der Welt nicht, abzurechnen die Refmatissen: – ist nicht alt, Herr – in keiner Art – buff!« »Ganz recht, Bunting; hab' ich gesagt alt, so meinte ich damit erfahren . Ich versichere Euch, daß ich für Euern Rat sehr erkenntlich sein werde. Stellt Euch, wie wir da eben den Hügel sachte hinaufreiten, vor, Ihr finget jetzt Eure erste Lektion an. London ist ein ergiebiges Feld. Was Ihr alles darüber mitzuteilen habt, kann nicht so bald erschöpft sein.« »Das darf ich wohl sagen,« entgegnete der Korporal, ausnehmend geschmeichelt über die erhaltene Erlaubnis »und all', was mein armer Witz auftischen kann, steht zu Euer Edeln Dienst. – Hm hm! – Müssen wissen, unter Lonnon versteh' ich die Welt und unter der Welt Lonnon – kennen Sie's eine, so kennen's auch's andere. Aber die da thun, als ob sie's wunder wie kennten, sehen dem Ding gar nicht auf den Grund. Um Vergebung, aber ich denk', hoffährtige Leut', die immer mit hoffährtigen Leuten leben und sich Männer von Welt nennen, wissen oft nicht mehr als 'n Heide und leben in vornehmer Finsternis.« »Die wahre Kenntnis der Welt,« sagte Walter, »kommt also nur den Unteroffizieren vom Zweiundvierzigsten zu – he, Bunting?« »Was das anlangt, Herr, so ist's nicht so 'ne oder so 'ne Kondition, die einem zu was hilft; 's ist 'n angeborenes Schönie, das Talent, Obacht zu geben und durch Obachtnehmen gescheit zu werden. Gabelt einer wohl 'n Krümlein da, 'n Krümlein dort auf, hat er aber nicht 'ne gute Verdauung, Herrgott, was hilft 'm der schönste Wirtshaustisch? – 'n Gesunder gedeiht bei 'ner Kartoffel, 'n Kranker sieht übel aus bei Lendenbraten. – Euer Edeln wissen, daß ich, wie schon gemeldet, als Leibdiener beim Oberst Dysard stand. War 'n Neffe von 'nem Lord, 'n gar lustiger Herr, und verstand's mit 'en Damens; kannte niemand besser die Welt. So hatt' ich denn Gelegenheit, unter der besten Gesellschaft zu lernen; zudem auf Kosten Seiner Edeln – uff! Nach meiner Meinung, Herr, giebt's keinen Ort, von wo 'n Mann die Dinge besser übersieht, als von dem Bissel Fußteppich hinterm Stuhl seines Herrn aus. Der Herr ißt und schwatzt, und flucht und spaßt, und spielt Karten, und macht 'n Galanten, und sucht zu betrügen und wird betrogen, und sein Kerl steht hinter ihm mit offenen Augen und Ohren – uff!« »Ja, ich sehe, um die wahre Diplomatie zu lernen, sollte einer eigentlich Lakai werden,« sagte Walter belustigt. »Weiß nicht, was Plomatie ist, Herr, aber weiß, daß so 'n Dienst für manchen jungen Herrn besser war' als alle Kollegs; würden nicht so viele Nasen gedreht, wenn der Lord so bisweilen den Johann ablösen könnt'. Ja, Herr, was ich in meinen Ärmel hineinlachte, wenn ich sah, wie mein Herr, der für 'n Schlausten am Hofe galt, so vor meinen Augen jeden Tag in die Patsche geriet. Da war 'ne Dame, der er, wie er glaubte, hart zugesetzt, daß er sie von ihrem Manne wegkriegte, und hatt' Ihnen Herzenspläsier über jeden Blick aus ihren braunen Augen – daß sie der Teufel hol'! – und 'ne Sorg', daß es der Mann nicht merken sollt' – 'n Dickthun mit seiner Dischkretion hier und seinem Sieg dort – und war doch, behüt' uns der Herr, alles zum voraus abgekartelt zwischen Mann und Weib, und dieweil der Oberst über 'n Hahnrei lachte, lachte der Hahnrei über 'n Übertölpelten. Denn sehen's, Herr, der Oberst war 'n reicher Mann, und das Edelgestein, das er der Dame kaufte, kam halb in ihres Gemahls Tasche – he! he! – das ist der Weg der Welt. Herr, – das ist der Weg der Welt!« »Auf mein Wort, Ihr entwerft da ein sehr übles Bild von der Welt; Ihr tragt die Farben dick auf, und immer mehr bemerk' ich, daß, wenn Ihr jemanden einen Spitzbubenstreich begehen seht, Ihr, statt ihn einen Schurken zu nennen, Eure großen Zähne zeigt und lustig ruft: ein Mann von Welt, ein Mann von Welt!« »Ganz gewiß, Euer Edeln; ist auch der rechte Name. Nur Gelbschnäbel kommen in 'ne Leidenschaft und brauchen harte Worte. Da sehen's schon, Herr, daß wir vor allem andern eins in der Welt lernen – 's Brot mit Butter streichen. Sich auf andere Leute verstehen, heißt nur verstehen, welche Seite des Brotes gebuttert ist. Kurzum, Herr, je g'scheiter wir werden, umsomehr sorgen wir für uns selbst. Giebt welche, die's Ziel verfehlen und dieweil sie für sich selbst sorgen wollen, ihren Hals in 'n Strick verfangen – buff! sind keine Schurken – sind nur so Möchte-gern-Leute von Welt. Andere sind umsichtiger (denn wie ich neulich sagte, Herr, Besonnenheit ist 'n Paar Steigbügel) diese sind die wahren Leute von Welt!« »Ich hätte gedacht,« bemerkte Walter, »Weltkenntnis sei diejenige Kenntnis, die uns vor dem Betrogenwerden sichert, aber uns nicht zum Betrug befähigt.« »Uff!« sagte der Korporal mit jenem Lächeln, womit ein alter Philosoph einen schön klingenden Irrtum von den Lippen eines jungen Schülers niederwirft, der sich schmeichelt, etwas Wunderherrliches vorgebracht zu haben. – »Uff! sagt' ich neulich nicht, Euer Edeln sollten 'mal auf die Professionen achtgeben? Was war 'n Avkat, wenn er's nicht verständ', 'nen Zeugen zu betrügen und die Geschwornen hinters Licht zu führen? Er weiß, daß er lügt – weshalb lügt er? aus Liebe zu seinen Spesen, oder zu seinem Ruf, der 'm Spesen einbringt. Uff! heißt das nicht andere betrügen? 'n Doktor überdies, Herr Grabfüller zum Beispiel –« »Sprecht nichts von Doktoren; ich geb' sie ohne ein Wort Eurer Satire preis.« »Die verdammten Windbeutel! Sagen's nicht, einer sei wohl, wenn's ihm übel, und übel, wenn's ihm wohl ist? – thun's nicht, als wüßten's, was sie nicht wissen?– schneiden 'ne ernsthafte Fratze auf jeden Auswurf, als ob die Gelehrsamkeit in 'nem ... stäke? und all das ums Geld ihrer Nächsten, oder um ihrer Reputation willen, die Geld macht – uff! Kurz. Herr – schauen's wohin Sie wollen, 's ist unmöglich, so viel Betrug zugelassen, gepriesen, ankouraschiert zu sehen, und sich viel über'n Betrüger zu erzürnen, der's nur nicht am rechten Fleck angefangen hat! Seh' ich aber, daß 'n Mann seine Butter bedächtig aufs Brot streicht – 's Messer fest – die Butter dick, und hungrige Kerle schauen zu und lecken sich's Maul – Mütter lassen ihre Rangen still stehn – ›sieh, Kind – Respekt vor dem Mann! – wie dick sein Brot gestrichen ist! – nimm deine Mütze vor'm ab!‹ – seh' ich so was, so wird mir's Herz warm; das ist der wahre Mann von Welt! – uff!« »Nun, Bunting,« rief Walter lachend, »bei all Eurer Milde gegen die armen Schelme, die bei andern Leuten Spitzbuben heißen, und all Euerm Rühmen von den Herren, die am klügsten auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind, werdet Ihr doch wohl die Möglichkeit der Tugend annehmen, und Euer Herz wird beim Anblick eines Mannes von Wert so warm werden, als beim Anblick eines Mannes von Welt?« »Wissen's, Euer Edeln,« entgegnete der Korporal, »was die Tugend anlangt, so liegt sie zu 'nem Teil im Temperment; was aber Kenntnis der Welt betrifft, so erwirbt sich die jeder erst selbst« »Da Eure Ansicht von den Weibern beinahe dieselbe wie die von den Männern ist, so wundert's mich wirklich nichts Bunting, daß Ihr bis jetzt immer noch unverheiratet geblieben seid.« »Uff! Euer Edeln verstehen mich falsch! – Bin kein Miß-an-drob nicht. Männer sind weder 's eine noch 's andere – weder gut noch schlimm, 'n gescheiter Mensch hat nichts von 'nen zu riskieren, und 'n dummer nichts zu gewinnen – buff! Was Weibsbilder anlangt, Euer Edeln, so liegt die Tugend, wie schon gesagt, zu 'nem Teil im Temperment. Werd' nicht fragen was 'nes Mädels Verstand ist, noch was sie für 'ne Verziehung erhalten – sondern sehen, was sie für Gewohnheiten hat; ist alles – Gewohnheiten und Temperment all' eins – spielt eins dem andern in die Hand.« »Und welche Anzeichen, Bunting, würdet Ihr bei einer Dame am meisten schätzen?« »Für's erste, Herr, dürft 'n Weib, das ich heiraten wollt', wenn 's allein ist, keine Maulaffen feil haben! müßt sich selber Amüsemang machen können, müßt' leicht zu amüsieren sein. Das ist 'n großes Zeichen von 'nem unschuldigen Gemüt, wenn sie mit 'nem Strohhalm zu kitzeln ist. Zudem, wenn sie sich was zu schaffen macht, wird sie nicht trübselig. Für's zweite würd' ich mein Aug' drauf richten, ob sie viel auf 'nen Ort hält, Euer Edeln – ob sie ungern den Platz wechselt – das ist 'n sicher Zeichen, daß sie nicht leicht überdrüssig wird, sondern wenn sie jetzt ihren Mann aus Liebhaberei gern hat, sie 'n allmählich aus Gewöhnung gern kriegt. Für's dritte, Euer Edeln, dürft' sie keine Averschion gegen den Putz haben; – wenn sie dahin einschlägt, so zeigt sie, daß sie 'ne Lust zu gefallen hat. Leute, denen nicht dran liegt zu gefallen, ist nie recht zu trauen. Viertens muß sie's ertragen können, daß mitunter was nicht nach ihrem Kopf geht; würd' mich vorher wohl versichern, ob sie 'n Widerspruch leiden kann, ohne zu maulen oder zu belfern; denn wenn sie dann, Euer Edeln wissen schon, was haben will, das Geld kostet, so braucht man's ihr nicht zu geben – uff! Fünftens darf sie's nicht zu sehr mit der Rel'gion haben. Euer Edeln! so 'ne P'etistenjungfer hält sich immer für was Apartes gegen uns Männer – versteht unsere Sprache und Wege nicht, Euer Edeln; verlangt nicht nur, daß wir glauben, sondern sogar daß wir zittern sollen – Henker auch!« »Ich bin mit Eurer Schilderung im ganzen gar nicht übel zufrieden,« sagte Walter, »und wenn ich mich einmal nach einer Frau umsehe, will ich Euch um einen Fingerzeig bitten.« »Euer Edeln können ihn auf der Stell' haben – Miß Ellinor ist ganz was für Sie taugt.« Walter wandte den Kopf ab und sagte mit einer Miene gewaltiger Entrüstung, der Korporal sollte kein Narr' sein. Aber Bunting, der hier seiner Sache nicht völlig gewiß war. jedoch wußte, daß Madeline jedenfalls an Aram verheiratet werden würde, und es daher für sehr unnütz hielt, irgend ein Wort zu ihrer Verherrlichung zu verlieren, dachte, es verlohne sich immerhin, ein paar Lobschüsse aufs Geratewohl in die Luft zu thun und fuhr daher fort: »Uff, Euer Edeln. Hab' nicht dazu meine Augen im Kopf, daß ich nicht g'scheit wär'. Miß Ellinor und Euer Edeln sind freilich nur Bruderskinder, aber viel eher wie Bruder und Schwester, als sonst was. Wie dem auch sei, sie ist was Rares, und wer sie kriegt, hat 'n Gesicht an ihr, daß ihm die Welt noch mal so lustig scheint. Wenn man sie morgens früh zuerst vor die Augen bekommt, ist's so gut wie die Sonn' im Juli – uff! Aber, wie ich sagte, Euer Edeln, was die Weibsbilder im ganzen –« »Genug davon, Bunting. Nehmen wir an, Ihr wäret so glücklich gewesen, eine nach Euerm Geschmack zu finden – wie würdet Ihr um sie werben? Natürlich hat auch die Bewerbung ihre Geheimnisse, die Ihr einem Menschen nicht vorenthalten werdet, der, wie ich, so sehr des Beistandes der Kunst bedarf – weit mehr als Ihr, der von der Natur in so hohem Maß begünstigt wurde.« »Die Natur anlangend,« entgegnete der Korporal mit ziemlicher Bescheidenheit, da er die Wahrheit des ihm eben gemachten Komplimentes nie in Zweifel gezogen hätte – »so ist 'n Mann deshalb, weil er sechs Fuß ohne Schuhe mißt, dem Herzen einer Dame noch nicht näher. Herr, ich will Ihnen gestehen, obwohl die Sache gegen meinen und Ihren Vorteil spricht, daß ich glaub', 's macht einer bei den Damens um seiner Schönheit willen um kein Haar mehr Glück! Das alles ist recht gut bei 'n Bereitwilligen, Euer Edeln – die man auf 'n ersten Blick hat; aber die bessere Sorte schert sich den Henker um die Schönheit! Was, Herr, wenn wir oft die Männer sehen, die am meisten Glück beim Weibsvolk machen – was für ärmliche kleine Vogelscheuchen das sind! Der eine 'n Zwerg – 'n anderer hat krumme Kniee – 'n dritter schielt – und 'n vierten könnt' man als 'n Affen sehen lassen! Gar nicht Ihre zarten, schmeichelhaftigen, hinsterbenden Jungen, die anfangs so verführerisch scheinen; passen wohl zu Liebhabern, sind aber dann beständig Zurückgewiesene. Auch, Euer Edeln, verlangt die Kunst, bei 'n Damens sein Glück zu machen, gar nicht all' das Taubengeschnäbel und Scherwenzeln, die Schnörkel, Maximen und Schlagwörter, die der Oberst, mein alter Herr und die vornehmen Leute, wie bekannt, die Kunst zu lieben nennen – buff! Die ganze Wissenschaft, Herr, besteht in den zwei Regeln: ›Fordre bald und fordre oft.‹« »Das wär' eben nicht sonderlich schwer, Bunting.« »Nicht für unsereinen, der Grütz hat, Herr; aber da ist immer noch was in der Art, 'ne Forderung zu machen – man kann nie zu viel Feuer haben – kann nie zu viel schmeicheln – und vor allem darf einer sich nie 'ne abschlägige Antwort gefallen lassen. Damit, Herr – wenn's meinem Rat folgen – können's allen Ehmännern in Lonnon den Frieden aufkünden – Henker – wuff!« »Mein Oheim weiß gar nicht, was für einen preiswürdigen Vormund er mir in Euch gegeben hat, Bunting,« rief Walter lachend. »Jetzt aber, da die Straße so gut ist, laßt uns von derselben profitieren,« Da sie am Morgen erst spät ausgeritten waren und der Korporal einen erneuten Überfall aus einer Hecke befürchtete, beschloß er, gegen Abend sollte eines der Pferde plötzlich einen hinkenden Fuß bekommen (was er durch geschicktes Einschieben eines Steines zwischen Huf und Eisen bewerkstelligte), ein Übel, das augenblickliche Abhilfe und Ruhe für die ganze Nacht erforderte. Und so zogen denn unsere Reisenden erst mit Beginn des folgenden Mittags in das Dorf ein, worin Herr Jonas Elmore wohnte. Es war ein milder, ruhiger Tag, obwohl bereits zu Ende des Oktobers, denn der Leser wird erwägen, daß die Zeit, solange Walter unter Obhut des Herrn Pertinax Grabfüller gelegen, sowie im Verlauf seiner darauf folgenden Reise und Nachforschung nicht stillgestanden hatte. Die Sonne schien hell auf einen breiten Strich grünen, mit Ginster bedeckten Heidelandes, über welches die Hütten und Pächterhäuser des Dörfleins zerstreut waren. Auf der entgegengesetzten Seite, bemerkte Walter, wie er den sanften Hügel zu dem abgelegenen Örtchen herabgeritten kam, eine große Wiesenfläche, durch frische, umschattete Weiher mehrfach unterbrochen und gegen einen reichen Waldgürtel hinausgeschoben, der damals eben in all dem traurigen Pomp prunkte, womit das »königliche Jahr« sein Verscheiden zu verhüllen sucht. Auf diesen Wiesen sah man Gruppen von Vieh, das ruhig graste oder halb versteckt in den stillen, umwachsenen Weihern stand. Weiter ab, gegen das Gehölz zu, ging ein einsamer Waidmann nachlässig dahin, umgeben von einem Halbdutzend Hühnerhunden. Es war noch eben nahe genug, das gellende, hohe Gebelfer eines jüngern Gliedes der Meute, das gegen bessere Zucht und Ordnung von den übrigen sich getrennt hatte und bereits in den Wald hineinrannte, zu vernehmen, durch die Entfernung zu einem frischen, luftigen Schall gesänftigt, der die Heiterkeit der Scene nicht störte, sondern belebte. »Schließlich hatte der Gelehrte doch recht,« sagte Walter laut für sich hin – »nichts geht über das Landleben: O Seligkeit in süßer Stille Schoß! Dort lebst du sicher, lebst du sündenlos.« »Sind das Verse aus den Psalmen, Herr?« fragte der Korporal, der hart hinter ihm war. »Nein, Bunting; aber sie wurden von einem verfaßt, der, wenn ich mich recht erinnere, die Psalmen in Verse brachte. Denham. Ich hoffe, sie haben Eure Billigung?« »Nein, wahrhaftig, Herr – doch da sie nicht in den Psalmen stehen, so hat unsereiner gar nicht 'n Recht an sie zu denken.« »Nun, warum gefallen sie Euch denn nicht, Herr Kritikus?« »Was hat man von 'r Sicherheit, wenn man sündenlos ist, und sie sich doch nicht zunutz macht? – buff! Verschließt keiner seine Thür umsonst, Euer Edeln!« »Ihr sollt mir Eure wohlmeinende Lehre in dieser Hinsicht ein andermal weitläufiger auseinandersetzen: für jetzt ruft jenen Schäfer an und fragt nach dem Wege zu Herrn Elmore.« Der Korporal gehorchte und erfuhr, daß eine Baumgruppe am Ende der Trift das Dickicht sei, das Herrn Elmores Haus umgebe. Ein kleiner Galopp über die Heide hin brachte sie vor ein weißes Gatter, und nachdem sie dasselbe passiert, stand ein bequemes backsteinernes Gebäude von mäßigem Umfange vor ihnen. Drittes Kapitel. Ein Gelehrter, aber von anderem Guß als derjenige in Grünthal. – Neue Nachweisungen über Gottfried Lester. – Wiederantritt der Reise. Ingenium sibi, quod vacuas desumpsit Athenas Et studiis annos septem dedit, insenuitque Libris – Horat. ... Volat ambiguis Mobilis alia, Hora. Seneca. Auf die Frage nach Herrn Elmore wurde Walter in eine hübsche Bibliothek gewiesen, wo sich ein ansehnlicher Schatz Bücher von jener guten großväterlichen Form und Haltbarkeit darstellte, die gegenwärtig täglich mehr aus der Welt verschwindet, oder sich wenigstens in Antiquarläden und öffentliche Sammlungen verkriecht. Die Zeit wird kommen, wo die modernen Überreste eines Folio ebenso großes Staunen der Gelehrten hervorrufen werden als die Gebeine eines Mammuts. Denn die Sündflut der Schriftsteller hat eine neue Kleinoctav-Welt zum Vorschein gebracht, und in der nächsten Geschlechtsfolge werden wir, dank den Leihbibliotheken, nur noch zwischen Duodez und Diamant schweben. Ja, wir sehen eine Zeit voraus, wo man eine recht hübsche Büchersammlung in der Westentasche mitnehmen und eine ganze Bibliothek der britischen Klassiker zierlich in einer leidlich großen Tabaksdose wird aufstellen können. Nach wenigen Minuten trat Herr Elmore herein; ein kurzer, wohlgebauter Mann, etwa in den Fünfzigern. Gegen die herrschende Mode trug er keine Perücke und war sehr kahl, ausgenommen die Seiten des Kopfes und ein kleines rundes Haarinselchen auf dem Scheitel. Dieser Mangel wurde jedoch durch eine Verschwendung von Puder dem Auge weniger sichtbar. Er war mit auffallender Sorgfalt und Genauigkeit gekleidet; ein kaffeefarbiger Frack prangte mit einer ansehnlichen Fülle von Goldtressen: die Beinkleider bestanden aus pflaumfarbigem Atlas; die lachsfarbigen, zierlich hinaufgezogenen Strümpfe zeigten eine sehr schöne Wade und ein Paar Stahlschnallen auf den hochhackigen, nach vornzu viereckigen Schuhen waren so schön poliert, daß ihr Glanz beinahe mit dem Schimmer von Brillanten wetteifern konnte. Herr Jonas Elmore war ein Weltmann, ein witziger Kopf und ein Gelehrter der alten Schule. Er strömte über von Scherzworten, Citaten, Kernsprüchen und sinnreichen Anekdoten, kurz seine klassische Gelehrsamkeit – außer den Klassikern wußte er wenig genug – war elegant, obwohl langweilig; pedantisch, obwohl gründlich. Diesem Herrn überreichte Walter ein Empfehlungsschreiben, das er von einem angesehenen Geistlichen in York erhalten hatte. Elmore empfing es mit tiefer Verbeugung. »Aha, von meinem Freund Doktor Hebraist!« rief er, mit einem Blick auf das Siegel; »ein sehr würdiger Mann und gediegener Gelehrter. Aus seiner Empfehlung schließ' ich zum voraus, mein Herr, daß Sie selbst die literas humaniores kultiviert haben. Bitte, nehmen sie Platz; ich sehe, Sie greifen nach einem Buch, ein treffliches Zeichen; es läßt mich sogleich einen Blick in Ihren Charakter werfen. Aber da sind Sie auf leichten Stoff geraten, mein Herr – einer von den griechischen Romanen, glaub' ich; – Sie müssen über meine Studien nicht nach einem solchen Specimen urteilen.« »Nichtsdestoweniger, mein Herr, scheint es meinem ungeübten Auge kein leichtes Griechisch.« »Geht an, mein Herr: barbarisch aber unterhaltend – lesen Sie nur weiter. Der Triumph des Paulus Ämilius ist nicht übel erzählt. Ich gestehe, daß Romane meiner Ansicht nach zu etwas weit Größerem, Wertvollerem gemacht werden könnten, als bis jetzt geschehen ist. Ohne Zweifel erinnern Sie sich an den Ausspruch des Aristoteles über Maler und Skulptoren, daß sie die Tugend auf eine wirksamere und eindringlichere Weise lehren, als die Philosophen durch ihre trockenen Vorschriften, und daß jene zur Bekehrung der Lasterhaften geeigneter sind, als die besten Doktrinen der Moral ohne eine solche Hilfe. Wie weit mehr noch, mein Herr, ist nun ein guter Romandichter im stande, eine Wirkung der Art hervorzubringen, als der beste Bildhauer oder Maler in der Welt! Jedermann kann durch einen schönen Roman entzückt werden, nur wenige durch ein gutes Gemälde. Docti rationem artis intelligunt, indocti voluptatem . Ein glücklicher Gedanke von Quinctilian das, mein Herr, nicht wahr? Aber Gott steh' mir bei, ich vergesse den Brief meines werten Freundes Doktor Hebraist. Die Reize Ihrer Konversation reißen mich hin; und wirklich hab' ich selten das Glück, einen so wohl informierten Mann zu treffen wie Sie. Ich gestehe, mein Herr, ich gestehe, daß ich den Geschmack meiner Knabenjahre stets noch bewahre: die Musen wiegten meine Kindheit, jetzt legen sie mir das Polster meines Schemels zurecht – Quem tu, Melpomene, etc. – Sie leiden noch nicht an der Gicht, dira podogra ? Bei dieser Gelegenheit: wie befindet sich der würdige Doktor seit seinem letzten Anfall? – Da sehen Sie, immer noch hat mich Ihre angenehme Unterhaltung nicht dazu kommen lassen, seinen Brief zu lesen – doch ich bedarf ja keiner Introduktion mehr für Sie; Apoll hat Sie bei mir eingeführt, und so will ich das Schreiben des Doktors erst nach Tisch vornehmen; denn wie Seneca...« »Ich bitte tausendmal um Vergebung, mein Herr,« rief Walter, der zu fürchten begann, er werde gar nie zur eigentlichen Sache kommen, so weit schien sie bereits hinter die Batterie von Gelehrsamkeit aus dem Gesicht gedrängt – »aber sie werden aus Doktor Hebraists Brief ersehen, daß ich mir nur wegen eines höchst dringenden Geschäfts die Freiheit genommen, die gelehrte Muße Herrn Jonas Elmores zu unterbrechen.« »Geschäfts!« erwiderte Herr Elmore, indem er seine Brille herauszog und wohlbedächtig auf die Nase setzte. » His mane edictum, post prandia Callirhoën etc. Geschäfte am Morgen, Damen nach Tisch. Nun, mein Herr, so werd' ich Ihnen in dem einen Punkt willfahren, und Sie müssen mir's in dem andern: ich will den Brief öffnen, Sie aber bleiben mir zu Tisch und ich stell' Sie Mistreß Elmore vor. – Was halten Sie von der neuern Art die Briefe zu falten? ich – doch ich sehe, Sie sind ungeduldig.« Hier erbrach Herr Elmore endlich das Siegel und las zu Walters großer Freude den Inhalt ruhig durch. »Ah recht! recht!« sagte er, das Schreiben wieder zusammenlegend und in seine Brieftasche schiebend: »Mein Freund Doktor Hebraist sagt, Sie wünschten zu erfahren, ob Herr Clarke das Legat meines armen Vetters, Oberst Elmore, je erhalten habe, und wenn dies der Fall, würde jede Nachricht, die ich über Herrn Clarke selbst mitteilen könnte, oder jede Spur, die zu seiner Entdeckung leiten dürfte, von höchstem Interesse für Sie sein. Ich sehe aus meines Freundes Brief, daß dies das Wesentliche Ihres Geschäfts bei mir ist, caput negotii , obwohl derselbe gleich Timanthes, dem Maler, noch mehr zu verstehen giebt, als er mit Worten ausdrückt, intelligitur plusquam pingitur , wie es bei Plinius heißt.« »Mein Herr,« entgegnete Walter und rückte seinen Stuhl neben Elmore, indem die peinliche Ungeduld, die er ausstand, sich unwillkürlich in seinen Zügen ausdrückte, »das ist wirklich das Wesentliche meines Geschäfts bei Ihnen und jeder Wink, den Sie mir geben können, gilt mir, so wichtig ist mir die Sache, für eine –« »Doch nicht für eine große Gefälligkeit? – wahrhaftig keine große!« »Ja wahrhaftig, für einen ungemein großen Dienst.« »Ich hoffe nicht, mein Herr, denn Tacitus, dieser gründliche Leser des menschlichen Herzens, sagt: ›Beneficia eo usque lacta sunt, etc. – leicht zu vergeltende Wohlthaten bringen Zuneigung hervor – Wohlthaten, die nicht vergolten werden können, erzeugen Haß.‹ Doch lassen wir jetzt das Geplauder.« Damit legte Herr Elmore das Gesicht in die gehörigen Falten und tauschte – was er nach Willkür thun konnte, wobei man sich nur auf keine zu lange Dauer des Umtausches gefaßt machen durfte – den Pedanten gegen den Geschäftsmann um: »Herr Clarke hat sein Legat erhalten; ebenso wurde auf seinen Wunsch das Nutzungsrecht des Hauses in Knaresborough verkauft, was ihm die Summe von siebenhundertundfünfzig Pfund eintrug, durch welchen Zuschlag zu der ihm vermachten Summe von tausend Pfund diese sich denn auf tausend siebenhundertundfünfzig Pfund belief. Es traf sich, daß mein Vetter auch einige Juwelen von bedeutendem Wert besaß; diese hinterließ er mir. Bei mir, mein Herr, einem Freunde der Wissenschaft und Verehrer der Musen, fanden dergleichen Kindereien weder Gefallen noch Anwendung; ich zog barbarisches Gold barbarischen Perlen vor, und da ich wußte, daß Clarke in Indien gewesen, woher diese Edelsteine kamen, zeigte ich sie ihm und zog ihn als einen Kenner in dergleichen Gegenständen über die beste Art eines Verkaufes zu Rate. Er erbot sich, sie mir selbst abzukaufen, in der Überzeugung, in London damit eine gute Spekulation machen zu können. So wurden wir denn einig; ich schlug den großem Teil um etwas mehr als tausend Pfund an ihn los. Der Handel gefiel ihm, so daß er noch einmal kam und auch die noch übrigen Juwelen von mir entlehnte, um nach näherer, in seinem eigenen Hause vorgenommener Besichtigung zu überlegen, ob er sie ebenfalls kaufen solle. Nun, mein Herr, kommt aber der bemerkenswerte Teil der Geschichte, denn drei Tage, nachdem dies geschehen, verschwanden Herr Clarke und mit ihm meine Diamanten auf eine ziemlich seltsame und unerwartete Weise. Mitten in der Nacht hatte er seine Wohnung in Knaresborough verlassen und kehrte nie wieder zurück; weder von ihm noch von meinen Juwelen hat man je ein Wort gehört!« »Guter Gott!« rief Walter in großer Bewegung, »was nahm man denn als die Ursache seines Verschwindens an?« »Die konnte man nie mit Bestimmtheit erfahren,« entgegnete Elmore. »Es verursachte damals großes Erstaunen und gar mancherlei Vermutungen. Gedruckte Anzeigen und Privatbriefe liefen durch das ganze Land, aber umsonst. Herr Clarke war allerdings ein Mann von excentrischem Wesen, von einem raschen Temperament und an ein unstätes Leben gewöhnt; gleichwohl ist es kaum zu glauben, daß er sein Vaterland auf diese plötzliche Art bloß wegen einer Grille oder aus ehrenvollem geheimen Beweggrunde verlassen haben sollte. Thatsache ist, daß er im Städtchen einige Schulden hatte und daß meine Juwelen in seinem Besitz waren, und da (verzeihen Sie diese Bemerkung, der Sie Anteil an ihm nehmen), da niemand in der Gegend seine Familienverbindungen kannte und er in keinem sonderlich vorteilhaften Rufe stand – (ob wegen seines Benehmens oder der Art, wie er sich auszudrücken pflegte, oder auf ein unbestimmtes allgemeines Gerücht hin, kann ich nicht sagen) – so hielt man es für keineswegs unwahrscheinlich, daß er sich auf diese hastige Weise mit seinem Eigentum aus dem Staub gemacht, um sich die Ungelegenheit zu ersparen, seine Rechnungen in Ordnung zu bringen, was durch eine mehr in die Augen fallende und kündbare Abreise notwendig geworden sein dürfte. Ein Mensch, namens Hausman, mit welchem er bekannt war (ein Bewohner von Knaresborough), erklärte, Clarke habe eine ziemlich ansehnliche Summe von ihm entlehnt, und trug kein Bedenken, öffentlich zu behaupten, daß es unverhohlene Absicht des Vermißten gewesen, ihm das Geld nicht wieder zu erstatten. Einige noch schwärzere, aber durchaus mit keinem Grund belegte Vermutungen waren ebenfalls im Umlauf, und da wirklich die angestrengteste Untersuchung – die genaueste Nachforschung ohne allen Erfolg angestellt wurde, so erhielt sich die Meinung, Clarke möchte beraubt, und ermordet worden sein, einige Zeitlang mit ziemlicher Lebhaftigkeit. Da sich jedoch sein Leichnam nirgends vorfand und gegen niemand ein bestimmter Verdacht sich erhob, verschwanden diese Konjekturen wieder allmählich und weil er in jener Gegend gänzlich fremd war, konnte selbst der Umstand seines plötzlichen Verschwindens die Aufmerksamkeit des Publikums nicht lange in Anspruch nehmen, denn die alte Frau Base findet sogar in den abgelegensten Winkeln der Welt tausend Gegenstände zum Beschwatzen und Zeitverbringen. Und damit, mein Herr, glaub' ich, wissen Sie so viel von den näheren Umständen dieser Sache, als irgend jemand aus diesem Teile des Landes Ihnen anzugeben im stände sein möchte.« Wir können uns die verschiedenen Empfindungen vorstellen, welche eine so unzulängliche Nachricht in dem abenteuernden Sohne des verlorenen Wanderers hervorbringen mußte. Er fuhr fort, fernere Vermutungen hervorzulocken, weitere Anfragen über eine ihm so geheimnisvoll erscheinende Geschichte zu machen, aber ohne Erfolg: er hatte bloß die Kränkung, zu entdecken, der schlaue Jonas sei in seinem Innern vollkommen überzeugt, daß die dauernde Abwesenheit Clarkes auf Rechnung sehr unehrenvoller Gründe komme. »Und,« setzte Elmore hinzu, »meine Meinung bestätigt eine Entdeckung, die ich später durch einen Kaufmann in York machte; ihm zufolge, der meines Vetters Juwelen früher gesehen hatte, waren diejenigen, welche ich den Händen Herrn Clarkes anvertraut, von größerem Wert als ich geglaubt, weshalb es diesem letzteren denn wahrscheinlich der Mühe wert dünkte, mit denselben so still als möglich davonzugehen. Er brach zu Fuß auf und ließ sein Pferd, einen armseligen Klepper, zurück, woran ich und die anderen Gläubiger uns abfinden konnten. I, pedes, quo te rapiunt et aurae! « »Himmel,« dachte Walter, indem er kraftlos und mit gedrücktem Herzen in seinen Lehnstuhl zurücksank, »welch einen Vater, wenn die Ansichten all seiner Bekannten richtig sind, such' ich mit solchem Eifer aufzufinden!« Der gutmütige Elmore, die unwillkommene, ja schmerzliche Wirkung gewahrend, welche sein Bericht auf seinen jungen Gast hervorgebracht, bemühte sich jetzt, dieselbe zu beseitigen oder wenigstens zu mindern. Er wandte das Gespräch wieder den Klassikern zu, die für ihn die Leihe jeglichen Grams waren, und vergaß bald, daß es je einen Clarke gegeben, indem er sich über die zu wenig anerkannten Vorzüge des Properz ausließ, seiner Meinung nach der zarteste aller elegischen Dichter, bloß weil er der gelehrteste war. Glücklicherweise schützte dieser Zug des Gesprächs bei aller Unannehmlichkeit für Walter denselben doch vor der Notwendigkeit, antworten zu müssen, und ließ ihn in ruhigem Genuß seiner düstern ruhelosen Betrachtungen. Endlich rückte die Essenszeit heran; Elmore fuhr auf und führte Walter nach dem Gesellschaftszimmer, um den hübschen Fremden der placens uxor – der angenehmen Hausfrau – vorzustellen, über deren Lob er sich, während sie beide durch den Flur gingen, mit einer erstaunenswürdigen Geläufigkeit der Rede ausbreitete. Der Gegenstand dieser Anpreisungen war eine lange, magere Dame in einem gelben, bis zum Kinn hinaufreichenden Kleide, die zu den Reizen eines roten, durch Puder übel verhehlten Haars und zu der Würde einer wunderbar großen Nase ein geringes Schielen der Augen fügte. »Nichts, mein Herr.« sagte Elmore, »glauben Sie mir, nichts geht über eheliches Glück. Julie, meine Gute ich hoffe, die Hühnchen werden nicht zu gar gekocht sein?« »Wahrhaftig, bester Elmore, das kann ich nicht sagen, ich habe sie nicht zubereitet.« »Mein Herr,« wandte sich Elmore wieder an seinen Gast, »ich weiß nicht, ob Sie mit mir darin übereinstimmen, daß eine leichte Neigung zur Gourmandise für Vervollständigung eines wahrhaft klassischen Geistes unentbehrlich ist. Es finden sich über die Gaumenbefriedigung so viele schöne Beziehungen in den alten Poeten – so viele zarte Anspielungen in der Geschichte und in einzelnen Anekdoten, daß wenn ein Mann hierin keine entsprechende Sympathie mit den illustern Epikuräern des Altertums empfindet, er unfähig zum Genuß der schönsten Stellen ist, daß – kommen Sie, mein Herr, das Essen steht aus dem Tisch: Nutrimus lautis mollissima corpora mensis.« Als sie über den Flur nach dem Speisezimmer schritten, kam eine junge Dame, die Elmore schnell als seine einzige Tochter vorstellte, aus den obern Gemächern herab, wohin sie sich augenscheinlich zurückgezogen hatte, um sich zur Eroberung des Fremden zu schmücken. Wirklich war etwas in Miß Elmore, das Walter an Ellinore erinnerte, und, betroffen über die Ähnlichkeit, fühlte er an dem unwillkürlichen plötzlichen Seufzer, wozu dieselbe Veranlassung gab, welch tiefen Boden das Bild seines Mühmchens letzter Zeit in seinem Herzen gewonnen habe. Nichts irgend Bemerkenswertes kam während des Essens bis zur Erscheinung des zweiten Ganges vor, wo denn Elmore mit einer Miene von Zufriedenheit, welche Abstumpfung der ersten Schärfe des Appetites andeutete, sich zurücklehnte und bemerkte: »Mein Herr, immer halt' ich den zweiten Gang für den würdigern und vernünftigern Teil einer Mahlzeit: Quod nunc ratio est, impetus ante fuit. « »Ach, Elmore!« rief die Name des Hauses mit einem Blick auf ein Paar sehr einladende Tauben, »ich kann nicht aussprechen, wie sehr mich ein Mißgriff des Gärtners betrübt! Du erinnerst dich meiner armen Lieblingstauben, die sich so sehr zu einander hielten – sie wollten sich mit den übrigen niemals einlassen – eine ganz unzertrennliche Freundschaft, Herr Lester! – ja, die wurden durch ein Versehen als ein Paar gemeine Tauben abgeschlachtet. Ach, um die Welt könnt' ich keinen Bissen davon anrühren.« »Meine Liebe,« entgegnete Elmore, indem er die Gabel senkte, mit großer Feierlichkeit, »höre nur, welch schöner Trost dir in Valerius Maximus dargeboten wird: – ›Ubi idem et maximus et honestissimus amor est, aliquando praestat morte jungi quam vita distrahi‹ ; was verdolmetscht bedeutet, daß wo immer, wie im Fall deiner Tauben, eine ganz erhabene und aufrichtige Neigung existiert, es mitunter besser ist, im Tode vereinigt als im Leben getrennt zu werden. – Gieb mir die Hälfte von der fetteren, liebe Julie.« »Mein Herr,« fuhr Elmore fort, als die Damen aufgestanden waren, »ich kann Ihnen nicht sagen, wie angenehm es mir ist, mit einem vom Geist der Klassiker so tief durchdrungenen Mann zusammenzutreffen. So erinnere ich mich noch, wie ich vor längeren Jahren, während meiner Besuche bei meinem seitdem verstorbenen armen Vetter in Knaresborough, das Glück hatte, mehrfache herrliche Gespräche über Humaniora mit einem sehr hoffnungsvollen jungen Manne, der sich damals in Knaresborough aufhielt – Eugen Aram – zu führen; Konversationen, deren Erlangung ebenso schwierig war als die Erinnerung an dieselben entzückend ist, denn Herr Aram hielt sich ungemein von den Menschen zurück.« »Aram!« wiederholte Walter. »Wie, Sie kennen ihn? – und wo lebt er jetzt?« »In – – ganz nahe beim Gute meines Oheims. Er ist allerdings ein merkwürdiger Mann.« »Ja, er versprach in der That ein solcher zu werden. Zu der vorerwähnten Zeit war er arm bis zum Mangel an den unentbehrlichsten Bedürfnissen, und ebenso stolz als arm; aber in Erstaunen setzen mußte die eiserne Energie, womit er seine Ausbildung verfolgte. Nie sah ich einen Jüngling – freilich war er, seinem Wesen nach damals keiner mehr – welcher der Wissenschaft so um ihrer selbst willen hingegeben war. Doctrinae pretium triste magister habet. Ist mir doch, als sähe ich ihn noch, wie er sich von den Wohnorten der Menschen wegstahl, Mit stillem Schritt und Träumergang durch die ruhigen Fluren oder in den Wald, von wo er vor Anbruch der Nacht sicherlich nicht zurückkam. Ach, er war ein wunderliches, einsiedlerisches Geschöpf, aber voll Genie, und zu den glänzendsten Erwartungen berechtigend. Ich habe seitdem viel von seinem Ruf als Gelehrter gehört, konnte aber seinen Aufenthalt oder seine jetzigen Lebensverhältnisse nie erfahren. Ist er verheiratet?« »Noch nicht, soviel ich weiß; aber so gänzlich arm, wie Sie ihn aus jener Zeit her beschrieben, ist er jetzt nicht mehr, obwohl noch keineswegs reich.« »Ach ja, ich erinnere mich, daß er kurz vor seinem Weggange aus Knaresborough ein Vermächtnis von einer Verwandten erhielt. – Seine Gesundheit war damals sehr zart; ist er mit zunehmenden Jahren kräftiger geworden?« »Er klagt nicht über schlechte Gesundheit. Sagen Sie mir doch, war sein Lebenswandel schon damals so streng und tadellos, wie der, den er jetzt führt?« »Nichts konnte fleckenloser sein, als damals sein Charakter erschien. Die Leidenschaften der Jugend – (war ich doch ein wilder Bursche in seinem Alter!) – schienen sich an den nicht zu wagen, Quem casto erudiit docta Minerva sinu . Wundert mich, daß er unverheiratet ist. Wir Gelehrten, mein Herr, verlieben uns in Phantasiegebilde und bilden uns ein, das erste beste Weib, das uns in den Weg kommt... auf die Gesundheit der Damen, mein Herr!« – Walter entschloß sich, nach Knaresborough zu reisen und brach am nächsten Tage dahin auf. Immer hielt er es noch für möglich, durch genaue persönliche Nachforschung die Spur weiter zu verfolgen, die in Elmores Bericht dem Anschein nach so plötzlich abbrach. Das Ziel, welchem er nachstrebte, hatte vielleicht im Zusammenhang mit der Zurückweisung seiner ersten Liebe, seinem von Natur feurigen, elastischen Gemüt eine ernste und feierliche Stimmung aufgeprägt. Sein Charakter hatte durch die jüngst vergangenen Vorfälle Festigkeit und Würde angenommen, und alles, was sonst sanguinische Hoffnung in ihm gewesen, hatte sich zur Nachdenklichkeit vertieft. Wie er jetzt, an einem düstern, umwölkten Tage, seine Reise auf einem farblosen, trübseligen Wege fortsetzte, war seine Seele mit jener dunkeln Ahnung, jenem Schatten eines kommenden Ereignisses erfüllt, welche der Aberglaube für Boten besonders tragischer Entdeckungen, auffallend furchtbarer Vorkommenheiten des Lebens hält. Er fühlte sich gestählt und vorbereitet für eine grauenhafte Lösung des Knotens, – für eine Reise, auf welche die Hand der Vorsehung selbst seine Schritte zu lenken schien, und sah auf das Leichentuch, welches die Zeit über alles wirft, was über den Augenblick der Gegenwart hinausliegt, mit derselben gesammelten, schmerzlichen Fassung, womit wir in einer Tragödie das Aufziehen des Vorhangs vor dem letzten, die Katastrophe enthaltenden Akt erwarten, zu deren Anschauung es uns bei allem Schauder hinzieht. Indessen haben wir in der Verfolgung von Walter Lesters Begegnissen dem Gange der Ereignisse in Grünthal bedeutend vorgegriffen und kehren jetzt dorthin zurück. Viertes Kapitel. Arams Abreise. – Madeline. – Übertreibung der Empfindung ist der Liebe natürlich. – Madelines Brief. – Walters Brief. – Der Spaziergang. – Zwei sehr verschiedene Personen in demselben Dorfe. – Die komische Seite des Lebens und seine dunkeln Gewalten finden sich überall nebeneinander. Ihr Sinn so rein wie Hauch des keuschen Morgens, Wenn aus dem Arm der kalten Nacht er schleicht, Nahm das Gewand von Worten. Fluch bei Verleumdung , von Sir I. Suckling. – Urticae proxima saepe rosa est. Ovid . »So verlassen Sie uns denn heute wirklich, Eugen?« fragte der Sauire. »Allerdings,« erwiderte Aram, »mein Gläubiger (dem, Dank Ihnen, dieser Name jetzt nicht mehr zukommt) sagt mir, meine Verwandte sei so gefährlich krank, daß, wenn ich irgend wünsche, sie noch lebend zu sehen, ich keine Stunde zu verlieren habe. Sie ist das letzte Glied meiner Familie in der Welt.« »So kann ich denn nichts weiter sagen,« erwiderte der Squire achselzuckend. »Wann hoffen Sie zurück zu sein?« »Mindestens vor dem für die Hochzeit angesetzten Tage,« antwortete Aram mit ernstem, schwermütigem Lächeln. »Gut; glauben Sie Zeit finden zu können, in dem Hause anzufragen, worin mein Neffe sein Quartier nehmen wollte – ich selbst wohnte ehemals dort, ich will Ihnen die Adresse geben – und sich da erkundigen, ob man von Walter etwas gehört hat? Ich gestehe, daß ich seinetwegen ziemlich beunruhigt bin. Seit dem kurzen, eilig hingeworfenen Briefe, den ich Ihnen vorgelesen, habe ich nichts mehr von ihm vernommen.« »Verlassen Sie sich darauf, daß, wenn er in London ist, ich ihn aufsuchen und Ihnen überhaupt alles getreulich mitteilen werde, was zur Entfernung Ihrer Besorgnisse beitragen kann.« »Ich zweifle nicht daran, Eugen; übertrifft doch kein Herz das Ihrige an Güte. Sie werden nicht abreisen, ohne vorher die weitere Summe von mir zu erhalten, auf die Sie Anspruch haben, da Sie der Ansicht sind, dieselbe dürfte Ihnen in London nützlich werden, falls sich Gelegenheit darbieten sollte, Ihr Jahrgeld auf eine höhere Rente anzulegen. Und jetzt will ich Sie nicht länger abhalten, Abschied von Madeline zu nehmen.« Der nicht unwahrscheinlichen Geschichte, die Aram von der Krankheit und dem herannahenden Tode seiner allein noch am Leben befindlichen Verwandten erfunden, wurde von den einfachen Menschen, denen er sie erzählte, aller Glauben beigemessen, und Madeline selbst hielt ihre Thränen zurück, um nicht um ihretwillen eine unvermeidlich scheinende Entfernung noch mehr zu trüben. Aram brach also noch an diesem Tage – dem Tage nach der Nacht, die Zeugin seines schlimmen Besuchs in der Teufelsklippe gewesen – nach London auf. Gerade an diesem Punkte meiner Geschichte halte ich nicht ungern einen Augenblick an; – ein Moment der Stille zwischen dem immer dichter gewordenen Gewölk und dem bald ausbrechenden Sturm, beut sich uns, wie um frischen Atem zu schöpfen, dar. Auch ist diese Zwischenzeit nicht ohne einen vorübergehenden Schimmer von Ruhe und wohlthätigem Sonnenschein. Es war Madelines erste Trennung von dem Geliebten seit ihrem gegenseitigen Angelöbnis; und diese erste Abwesenheit, wenn so viele Hoffnungen darauf lächeln wie hier, mag wohl einer der rührendsten Abschnitte in der Liebe eines Weibes sein. Wunderbar ist es, wie viele vorher unbeachtete Gegenstände ihr nun plötzlich teuer werden. Sie fühlt jetzt, welche heiligende Macht in der bloßen Gegenwart des Geliebten lag; der Ort, den er berührt, das Buch, in welchem er gelesen hat, sind ein Teil seines Selbst geworden – sind nicht länger unbeseelt – haben einen Geist, ein Sein, eine Stimme. Zudem weiß das Herz, das durch die Entdeckung so vieler neuen Schätze und die Eröffnung einer so holden Welt der Erinnerung angelächelt wird, noch nichts von dem Überfluß – dem Gefühl von Leerheit und Öde, jenen wahren Schmerzen der Trennung, aber nicht der hoffenden, sondern der zurückblickenden. »Du bist heiter, liebe Madeline,« sagte Ellinor. »obwohl du dies während seiner Entfernung nicht für möglich hieltest.« »Die Entdeckung, wie sehr ich ihn liebe,« erwiderte Madeline, »beschäftigt mich.« Wir thun unrecht, wenn wir eine gewisse Übertreibung im Gefühl der Liebenden tadeln. Wahre Leidenschaft muß sich notwendig durch ihre eigene Glut zu einer Höhe erheben, die bloß demjenigen übertrieben scheint, der sie nicht zu fühlen vermag. Die erhabene Sprache eines Helden ist ein Teil seines Charakters; ohne diese Fülle der Ideen würde er kein Held geworden sein. Mit der Liebe verhält es sich wie mit dem Heldentum: was gewöhnliche Gemüter in den Empfindungen natürlich nennen, bloß weil es alltäglich ist, ist bloß für sehr zahme Herzen natürlich. Das ist eine sehr arme, ja eine sehr gemeine Liebe, bei welcher die Phantasie nicht zuvörderst in Anspruch genommen wird, und jener Franzose, der die Neigung seiner Geliebten deshalb tadelte, weil sie so sehr mit Bildern der Phantasie durchflochten sei, haderte mit dem Körper um der Seele willen, die ihn begeistert und hält. Indessen behaupten wir nicht, Madeline sei von der Zuversicht in ihre Liebe so durchdrungen gewesen, daß sie durchaus kein Zweifel, keine Besorgnis beschlichen hätte. Wenn sie der düstern, trüben Stimmung gedachte, die den Geliebten so oft befiel – seiner seltsamen, geheimnisvollen Selbstgespräche – des Kummers, der zuweilen, wie an jenem Sonntag Abend, als er an ihrer Brust weinte, plötzlich und ohne sichtbaren Grund über seine so leidenschaftslose, feste Natur zu kommen schien, wenn sie all' diese Zeichen eines noch jetzt nicht ruhig gewordenen Herzens sich zurückrief, so war es ihr nicht möglich, ein gewisses unbestimmtes, grauenvolles Vorgefühl von sich zu weisen. Auch schrieb sie diese umwölkte, eigentümliche Gemütsbeschaffenheit nicht, wie sie sich gegen Ellinor die Miene gab, bloß einem einsamen, an unbelauschtes Sinnen gewöhnten Leben zu, sondern leitete sie von einem frühern Schmerz, der vielleicht mit den Neigungen seines Herzens in Verbindung stehen mochte, ab, und zweifelte nicht, daß sie dereinst noch dieses Geheimnis erfahren werde. Den Gedanken an eine Schuld, an Reue über eine begangene Sünde, würde ein so höchst tadelloses Leben, eine so ausgesprochene Neigung zum Guten in allen praktischen Verhältnissen, und eine solche Begeisterung für die Schönheit des Guten – ein so gebildeter Geist, ein so sanftes Temperament und ein so leicht zu rührendes Herz: – all das würde, selbst bei mehr zum Argwohn geneigten Naturen als Madeline, eine solche Vermutung nicht haben aufkommen lassen. Und so ließ sie sich denn mit heiterer Ergebung, obwohl nicht ohne eine Beimischung von Besorgnis, einer Zukunft entgegentragen, die sie, komme Wolke, komme Sonnenschein, wenigstens mit dem Freund zu teilen die Hoffnung hatte. Indem ich die verschiedenen Papiere überblicke, aus denen ich meine Erzählung entnommen habe, finde ich einen Brief Madelines an Aram aus dieser Zeit. Die Buchstaben, in der zarten, italienischen Handschrift gehalten, die man in jenen Tagen bevorzugte, sind verblichen und an einer Stelle ganz verwischt; indessen scheint mir dieser Erguß das Echte und Wahrhafte in der reizenden Poesie des Herzens so sehr in sich zu tragen, daß ich ihn, ohne ein Wort hinzufügen oder abzuändern, dem Leser vorlegen will. »Dank dir, teuerster Eugen! – So habe ich denn den ersten Brief erhalten, den du mir je geschrieben hast. Ich kann dir nicht sagen, wie wunderbar er mir vorkam und wie sehr mich sein Anblick ergriff, mehr glaube ich, als wenn du selbst zurückgekommen wärest. Als jedoch die erste Wonne des Lesens vorüber war, fühlte ich, daß er mich nicht so glücklich gemacht habe, als er eigentlich hätte sollen – als ich's zu sein meiner ersten Empfindung nach wirklich glaubte. Du scheinst traurig und gedrückt; eine Wolke, für die ich keinen Namen habe, scheint mir über deinem ganzen Briefe zu hangen. Er greift mir ans Herz – ich weiß selbst nicht warum – und meine Thränen fließen sogar, während ich die Versicherung deiner unveränderten, unveränderbaren Liebe lese – so wenig auch deine Madeline – das thörichte Mädchen – nur einen Augenblick Zweifel in diese Versicherungen setzt. Oft habe ich von dem Mißtrauen und der Eifersucht, welche die Liebe begleiten sollen, gelesen und gehört, aber ich denke, eine solche Liebe müsse ein gemeines, niedriges Gefühl sein. Mir scheint eine Religion in der Liebe zu liegen, und der Glaube ist ihre wahre Grundlage. – Du sagst, mein Geliebter, das Gewühl und Geräusch der großen Stadt belästige und ermüde dich sogar noch mehr, als du erwartet. Du sagst, diese harten Gesichter, worein Geschäfte, Sorgen, Geiz und Ehrsucht ihre Züge graben, stießen dich zurück; – du wändest dich von ihnen ab – du hülltest dich in einen stillen Abscheu gegen die, welche du sähest, und riefest dir die Abwesenden – riefest dir deine Madeline vor die Seele! Könnte doch deine Madeline bei dir sein! Es scheint mir, – vielleicht daß du bei diesen Worten lächelst – ich allein könne dich verstehen – ich allein könne in deinem Herzen und deinen Gefühlen lesen – und ach! geliebter Eugen, könnte ich auch genug von deiner Vergangenheit lesen, um alles zu verstehen, was einen so anhaltenden Schatten auf ein so edles Herz, eine so ruhige, tiefe Natur wirft! Du lächelst wenn ich dich deswegen frage – aber zuweilen seufzest du auch – und dieses Seufzen ist mir lieber, macht mich ruhiger als das Lächeln ... Von Walter haben wir nichts mehr vernommen und der Vater ist zuweilen in ernsthaften Sorgen um ihn, wozu dem Bericht noch das seinige beiträgt. Es ist wirklich auffallend, daß er in London noch nicht angekommen und du auf keine Spur von ihm gelangen kannst. Offenbar sucht er noch immer seinen verlorenen Vater und folgt einer dunkeln, unsichern Fährte. Der arme Walter! Gott steh' ihm bei! Ich glaube, daß ihm das seltsame Schicksal des Vermißten und die mancherlei Vermutungen über denselben mehr zu schaffen machten, als er es Wort hatte. Ellinor fand in seinem Zimmer, wo wir neulich etwas für den Vater suchten, ein Papier, das mit all den verschiedenen Gerüchten oder Erkundigungen über den Oheim, die von Zeit zu Zeit zu uns gelangten, vollgekritzelt war. Dazwischen standen einige Bemerkungen von Walter selbst, die mich wunderbar ergriffen. Es scheint von früher Kindheit an der einzige Wunsch des Vetters gewesen zu sein, das Los, das seinen Vater traf, zu enthüllen. Vielleicht ist die Entdeckung bereits gemacht; – vielleicht ist mein lang' vermißter Oheim bei unserer Hochzeit zugegen. Du fragst mich, Eugen, ob ich meine botanischen Wanderungen noch fortsetze. Zuweilen; aber die Blume hat jetzt keinen Duft – das Kraut kein Geheimnis, das mich anlockt; die Sternkunde, die du mich zu lehren eben angefangen hast, gefällt mir besser; – die Blumen entzücken mich in deiner Gegenwart, die Sterne aber erzählen mir von dir, wenn du abwesend bist. Vielleicht wäre es nicht so, wenn ich ein weniger erhabenes Wesen als dich liebte. Jedermann, selbst der Vater, selbst Ellinor lächeln, wenn sie sehen, wie unablässig ich an dich denke – wie du mir so ganz alles in allem geworden bist. Sagen könnte ich dir das nicht, schreiben aber wohl: ist es nicht seltsam, daß ein Brief aufrichtiger sein kann als die Zunge? Auch dein eigener Brief scheint mir bei allem Trübsinn liebevoller, inniger und mehr von dir selbst erfüllt, als es deine gesprochenen Worte bei allem Zauber deiner Sprache und dem ganzen milden Silberton deiner Stimme sind. Gestern machte ich einen Spaziergang zu deinem Hause; die Läden waren geschlossen – ein wunderlicher Anstrich von Erstorbenheit und Schwermut war darum her. Erinnerst du dich des Abends, an welchem ich dieses Haus zum erstenmal betrat? Denkst du daran – oder vielmehr, giebt es eine Stunde, in welcher diese Erinnerung dir nicht gegenwärtig wäre? Was mich betrifft, so lebe ich in der Vergangenheit – und die Gegenwart ist's, in welcher ich kein Leben habe, weil du nicht darin bist. Ich ging in das Gärtchen, das du mit eigenen Händen für mich angepflanzt und mit Blumen gefüllt hast. Ellinor war bei mir und sah, daß meine Lippen sich bewegten. Sie fragte mich, was ich mit mir selber spräche. Ich wollte es ihr nicht sagen – ich betete für dich, mein teurer, geliebter Eugen. Ich betete für das Glück deiner künftigen Jahre – betete, daß ich im stande sein möge, deine Liebe zu belohnen. Wenn ich irgend etwas recht stark fühle, bin ich am meisten geneigt zum Gebet. Kummer, Freude, Zärtlichkeit, jede Bewegung meines Innern hebt mein Herz zu Gott empor. Und was für ein köstlicher Erguß des Herzens ist das Gebet! Wenn ich bei dir bin und fühle, daß du mich liebst, würde meine Seligkeit zum Schmerz werden, wenn kein Gott wäre, dem ich für dieses Übermaß danken könnte. Können die, welche nicht an Gott glauben, lieben? – Haben sie tiefe Empfindungen? – Können sie wahrhaft – hingegeben fühlen? Warum antwortest du mir, wenn ich so zu dir spreche, immer mit jenem kalten, trüben Lächeln? Willst du die Religion zu einem bloßen Geschöpf unserer Denkkraft machen – ebenso gut könntest du auch die Liebe dazu machen! – Was ist die eine wie die andere, wenn du sie nicht aus dem Gefühl entspringen lässest? Wann – wann – wann wirst du zurückkehren? Ich glaube, ich liebe dich jetzt mehr als jemals, ich glaube, ich hab' jetzt mehr Mut, dir das zu sagen. So vieles hab' ich dir zu sagen – so viel Ereignisse dir zu erzählen. Denn was wäre nicht ein Ereignis für uns ? Der geringste Zufall, der dem einen von uns begegnet – das bloße Verblühen einer Blume, die du einmal in der Hand gehabt, ist eine ganze Geschichte für mich. Adieu! Gott segne dich – Gott belohne dich – Gott ziehe dein Herz zu sich, teurer, teurer Eugen. Mögest du jeden Tag mehr und mehr erfahren, wie unsäglich du geliebt wirst von deiner Madeline. « Das Schreiben, dessen Lester als von Walter eingegangen oben erwähnte, war am Tage, wo letzterer aus den Händen des Herrn Pertinar Grabfüller errettet wurde, abgefaßt: eher nur ein kurzes Billet als ein Brief, folgenden Inhalts: »Mein teurer Oheim! Es hat mich ein Unfall getroffen, der mich zwang, das Bett zu hüten; – ein Zusammenstoß mit den Rittern der Heerstraße: – nichts von Bedeutung (seien Sie also ganz unbesorgt!), obwohl der Doktor es gern dazu gemacht hätte. Ich bin jetzt eben daran, meine Reise wieder fortzusetzen, aber nicht nach London – sondern gerade umgekehrt nach dem Norden. Teils durch Nachweisungen Ihres alten Freundes, des Herrn Courtland, teils durch Zufall bin ich auf eine Spur geraten, die mich, wie ich hoffe, dem Schicksal meines Vaters näher bringen wird. Eben reise ich ab, um diese Hoffnung zu verwirklichen. Gern möchte ich mehr sagen, aber in der Besorgnis, meine Erwartungen könnten nicht in Erfüllung gehen, will ich mich nicht bei Umständen aufhalten, die in letzterem Falle Ihnen nur einen Verdruß erregen müßten, der so groß wäre als der meinige. Nur das mögen Sie für jetzt wissen, daß das sprichwörtliche Glück meines Vaters ihm auch noch nach der Zeit beigestanden zu haben scheint, in welche Ihre letzten Nachrichten von seinem Schicksal fallen: ein Vermächtnis, obwohl kein großes, erwartete ihn bei seiner Rückkehr aus Indien nach England. Aber da werde ich bereits geschwätzig – ich muß abbrechen, um Ihnen das Vergnügen (möge es ein solches werden!) einer vollen Überraschung zu verschaffen! Gott segne Sie, mein teurer Oheim! Mit Mut und Hoffnung schreibe ich. Meine herzlichsten Grüße an alles zu Hause. Walter Lester. N.S. Sagen Sie Ellinor, daß das, was mir bei dem vorerwähnten Unfall den meisten Schmerz machte, ist, daß man mir ihre Börse geraubt hat. Will sie mir eine andere stricken? Unterwegs begegnete ich auch Sir Peter Hales. Der offene, gastfreundliche Kerl, wie Sie sagten! Es läßt sich eine lange Geschichte davon erzählen.« Dieser Brief, der die ganze Neugier unsers kleinen Kreises in Anspruch nahm, machte, daß man jeden Posttag mit gespannter Erwartung weiterem Aufschluß entgegensah. Aber dieser Aufschluß kam nicht, und so mußte man sich denn mit der augenscheinlichen Heiterkeit, in welcher Walter geschrieben hatte, und mit der wahrscheinlichen Voraussetzung trösten, daß er weitere Nachweisungen so lange aufschiebe, bis er sie vollständig und befriedigend geben könne. – »Ritter der Heerstraße,« bemerkte eines Tages Lester; »soll mich doch wundern, ob sie zu derselben Bande gehörten, die uns neulich einen Besuch machte. Der arme Junge sagt aber nicht, ob sie ihm noch Geld gelassen: doch freilich, wenn es in seinem Beutel öde aussähe, müßte er seinem Vater wenig gleichen – (und auch seinem Oheim, was das betrifft) – falls er vergäße, sich über diesen Punkt des weiteren zu verbreiten, so kurz er sich auch über alles Übrige ausdrückt.« »Wahrscheinlich,« sagte Ellinor, »hatte der Korporal die Hauptsumme in seinen wohlgefüllten Satteltaschen, und nur die Börse, die Walter selbst auf dem Leibe trug, wurde entwendet; und da er nichts über den Korporal erwähnt, so ist es wahrscheinlich, daß dieser vortreffliche Herr den Räubern glücklich entkam.« »Eine scharfsinnige Vermutung, Lorchen; aber sag' mir doch, warum mochte wohl Walter die Börse so sorgfältig bei sich tragen? Na, du wirst rot; willst du ihm eine andere stricken?« »Ach, Papa, adieu, ich geh' und pflücke Ihnen einen Blumenstrauß.« Aber Ellinor wurde von einem plötzlichen Anfall von Fleiß ergriffen und das Stricken wurde ihr, aus was immer für einem Grunde, lieber als je. Die Umgegend war jetzt ruhig und in Frieden. Man vernahm nichts mehr von den nächtlichen Plünderern, welche die grünen Thäler des Dörfchens gefährdet hatten; das Ganze erschien wie eine plötzliche Seuche von Trug und Frevel, die zu sehr von der Natur des befallenen Ortes abwich, um etwas mehr thun zu können als zu schrecken und – zu verschwinden. Das traditur dies die , der heitere Lauf des Tages, der ruhig, in die Fußtapfen des vorhergegangenen eintritt, kehrte wieder zurück, und der erlebte Aufruhr diente nur noch in der Erinnerung als verlockender Gegenstand für die Unterhaltung der Gevatterinnen im Dorfe, und im Herrenhause als ein Stoff, um Eugen Arams Mut zu preisen. »Es ist heut ein lieblicher Tag,« sagte Lester zu seinen Töchtern, als sie eines Tages am Fenster saßen, »kommt, Mädchen, holt eure Hüte und laßt uns einen Spaziergang durchs Dorf machen.« »Und dem Postboten entgegengehen,« sagte Ellinor schäkernd. »Freilich,« erwiderte Madeline in derselben Weise, aber leise, damit es Lester nicht höre: »denn wer weiß, ob wir nicht einen Brief von Walter bekommen.« Wie lieblich lautet eine solche Neckerei auf jungfräulichen Lippen. Nein, nein, nichts auf Erden ist so hold, wie die Vertraulichkeit zweier glücklichen Schwestern, die keine Geheimnisse zu enthüllen haben als die einer schuldlosen Liebe! Auf ihrem Wege durchs Dorf begegneten sie Peter Dahltrup, der langsam auf einem großen Esel nach Hause ritt; denn dieser trug ihn und seine Körbe in einer ruhigern und behaglichern Gangart auf den benachbarten Markt, als solches durch die härteren Bewegungen des Pferdegeschlechts erzielt worden wäre. »Ein hübscher Tag, Peter; was Neues auf dem Markt?« fragte Lester. »Korn hoch – Heu teuer, Euer Edeln,« entgegnete der Kirchenschreiber. »Ja, ich denk' wohl, rechte Zeit, um das unsrige zu verkaufen, Peter; – müssen das nächsten Sonnabend besorgen. – Sagt mir doch, habt Ihr was von dem Korporal gehört seit seiner Abreise?« »Ich nicht, Euer Edeln; obwohl ich meine, er hätt' uns ›ne Zeil‹ zukommen lassen können, wär's auch nur, um mir für meine Sorge für seine Katze zu danken, aber Wenn einer da zieht in die Fremde hinaus, Gedenkt er an die nicht, die blieben zu Haus.« »Ein verständiger Vers, Peter; Euer eigenes Werk, ich wette.« »Meines? Gott segne Euer Edeln. Hab' kein Schönie nicht, aber hab' 'n Gedächtnis, und wenn schöne Verse aus so 'ner Dichtung mir in Kopf kommen, so bleiben sie dort, und bleiben, bis sie von meiner Zunge losfahren wie der Stöpsel von 'ner Flasche Ingwerbier. Ich liebe die Poesie, Herr, absonderlich die heilige.« »Das wissen wir – das wissen wir.« »Denn in der liegt so was,« fuhr der Kirchenschreiber fort, »das eines Menschen Herz wie 'ne Kleiderbürste fegt, und den Staub und Schmutz wegkehrt und alles ins rechte G'leis bringt; und ich meine, das sei's eben, was ein Kirchenschreiber zu erlernen hat, Euer Edeln.« »Nichts eher als das; Ihr sprecht wie ein Orakel.« »Ja, da ist der Korp'ral, gnädiger Herr, ein honetter Mann, der sich für mächtig klug hält – hat aber keine Seele für Verse. Behüt' uns der Herr, was er für 'n Gesicht macht, wenn ich ihm 'n geistlich Lied oder so was vorsage. Das ist sehr unrecht, Euer Edeln – ist, was die Heiden thaten, Wie Sie wohl wissen, gnädiger Herr: Und ich sprech' von dem Heiligsten Zu ihrer argen Rotte; Was thun sie? – Meine Harfe wird Vor ihnen nur zum Spotte. Das ist nicht, was ich hübsch nenne, Miß Ellinorr.« »Gewiß nicht, Peter; ich wundere mich, daß Ihr bei Euerm Talent zu Versen Euch nie das Vergnügen einer kleinen Satire gegen einen so verkehrten Geschmack macht.« »Satire! Was ist das? Ach. weiß schon, was sie bei den Wahlen schreiben. Nun, Miß, könnte sein« – hier hielt Peter mit einem bedeutsamen Wink an – »freilich ist der Korp'ral 'n leidenschaftlicher Mensch, wie Sie wissen; aber ich könnt' ihm auch 'n solchen Stachel einjagen ... na! wollen sehen, wollen sehen. – Wissen Euer Edeln« – hier änderte Peter seine Miene zu einer imponierenden Wichtigkeit um, als habe er eine höchst scharfsinnige Vermutung mitzuteilen – »ich denk', 's ist vornehmlich aus einer Räson, weshalb mir der Korp'ral nicht geschrieben hat.« »Und welche ist das, Peter?« »Euer Edeln, weil er sich über sein Schreibwesen schämt; schätz' wohl, er hat's im Buchstabieren nicht weit gebracht – (weil's doch hier niemand sonst hört!). Euer Edeln wissen, der Korp'ral hat's Parlieren weg – schwatzt dem Satan 'n Ohr weg! aber vor der Feder scheut er – nicht hinter jedwedem, der 'ne lange Zung' hat, steckt derhalben auch 'ne gute Schul'! Heißt da eben in der Zeitung, die ich auf 'm Markt las (denn reg'lär einmal in der Woch' les' ich die Zeitung), gar viele von den großen Sprechern im Parlamentshaus seien arme Tröpfe, wenn sie an die Feder kommen, und das ist meiner Konjunktur nach auch der Fall beim Korp'ral. Mein' wohl, können nicht alle die langen Worte buchstabieren, die sie veranwenden. Für mein Teil glaub' ich, es läuft viel menschlich Blendwerk bei so 'ner Parlamentsred' mit unter, denn ich weiß, was 'ne laute Stimm' und 'n frech Gesicht ausrichten kann, selbst beim Kuhkaufen, Euer Edeln, und ich sorg', 's Land wird in dieser Materi schlimm angeschmiert; denn wenn einer nicht deutlich schreiben kann, was er zu sagen vorhat, so glaub' ich, er weiß auch nicht, was er will, wenn er sich ans Sprechen macht!« Diese Rede – eine vollständige moralische Vorlesung, ohne Zweifel durch den eben gemachten Besuch auf dem Markt eingegeben – denn welche Art von Weisheit fände ihren Quell nicht in dem Umgang mit andern Menschen? – ließ unser guter Gastgeber mit besonderer Feierlichkeit von Stapel und stieß zum Schluß seinem Esel tüchtig in die Rippen. »Auf mein Wort, Peter,« erwiderte Lester mit Lachen. »Ihr seid ein ganzer Salomon geworden, und statt Kirchenschreiber solltet Ihr mindestens Friedensrichter sein. Jedenfalls scheint Ihr mir mehr die Art eines Lehrers als eines Kriegers zu haben.« »Es ziemt sich nicht für 'nen Kirchenschreiber, zu viel Verständnis von den Waffen des Fleisches zu haben,« entgegnete Peter mit gottseligem Ton und wandte das Gesicht ab, um eine kleine Schamröte über die unglückliche Erinnerung an seine Waffenthaten zu verbergen. »Aber schauen's, Herr, selbst was das anlangt, haben wir all die Räuber fortgescheucht. Was hätten wir mehr thun können?« »Ja, da habt Ihr recht, Peter: und für jetzt guten Tag. »Eure Frau ist hoffentlich wohl? und Jakobine – heißt die Katze nicht so? – gesund und in Gnaden bei jedermann?« »Hm – hm! – ja, ja! die Katz' ist 'ne gute Katz'; aber sie stiehlt Sabine Trumans Rahm, denn reg'lär jede Nacht geht sie auf Butter aus.« »Ah. davon müßt Ihr sie heilen,« sagte Lester lächelnd; »hoffentlich ist das ihr schlimmster Fehler.« »Na! Ihr Gärtner sagt,« bemerkte Peter mit einigem Zaudern, »sie ging den Fasanen im Unterholz nach.« »Was Henker!« rief der Squire, »daraus wird nichts; da wird sie aufs Fell geschossen. Peter, aufs Fell geschossen! Meine Fasanen! unsere langgesparten Bissen! und der armen Sabine Truman ihren Rahm dazu! Das ist ja der leibhafte Teufel. Richtet Euch danach, Peter; hör' ich je wieder eine Klage der Art, so ist's um Jakobine geschehen. – Was lachst du, Lorchen?« »Was Peter doch für ein pfiffiger Mann ist; nicht jeder hätte meines Vaters Mitleid für Sabine Trumans Rahm so schnell rege machen können!« »Pah!« rief der Squire, »ein Fasan ist eine ernste Sache, Kleine: aber Ihr Weiber versteht so was nicht.« Sie waren jetzt allmählich durchs Dorf ins Feld hinausgekommen und schlenderten langsam Durch Ulmenreihn auf Hügelgrün, als sie plötzlich unter einem verkrüppelten Baumstumpf die unheimliche Gestalt der Grete Dunkelmann erblickten. Sie saß, die Ellbogen auf die Kniee, das Kinn auf die Hände gestützt da und sah zum klaren Herbsthimmel hinauf. Bei Annäherung der Gesellschaft rührte sie sich nicht und gab weder durch Zeichen noch Blick zu erkennen, daß sie dieselbe irgend bemerkt habe. Man trifft bei Landedelleuten, besonders wenn sie nicht eben vom höchsten Range sind, häufig eine gutmütige Gesprächigkeit. Da sie jedermann in ihrer unmittelbaren Umgebung kennen und jedermann auf sie sieht, so nehmen sie leicht die Gewohnheit an, jeden, der ihnen in den Weg kommt, anzureden – eine Gewohnheit, deren Verletzung ihnen ebenso unangenehm ist, als es umgekehrt dem armen Rousseau unangenehm war, wenn ihn die Äpfelfrau nach seinen Befinden fragte. So konnte denn der gute alte Squire bei einem so unerwarteten Zusammentreffen selbst an Grete nicht vorbei, ohne sie zu grüßen. »Ganz allein, Mutter! Laßt Euch das schöne Wetter behagen; das ist recht. Wie geht's Euch?« Die Alte wandte ihre dunkeln, wässerigen Augen, ohne ein Glied zu rühren oder ihre Stellung zu verändern. »Geht jetzt auf 'n Winter los, nichts Leichtes für 'nen Armen, daß es ihm wohl geh' in so 'ner Jahreszeit. Woher sollen wir's Brennholz kriegen und Kleider und nur 'n trocken Brot, verflucht sei's! und 'n Tropfen Gutes, die Kälte abzuhalten? Ach, gar schön von Euch, zu fragen, wie's uns geht, wenn die Tage kürzer werden und die Luft schärfer.« »Nun, Mutter, soll ich Euch von ++++ einen warmen Mantel kommen lassen?« fragte Madeline. »Oho, dank Euch, Fräuleinchen – dank Euch recht, will's an Euerm Hochzeitstag tragen; heißt ja, Ihr heirat' den gelahrten Mann da drüben. Wünsch' Glück, Fräulein, wünsch' Glück.« Die Alte grinste bei diesem Segenswunsch, der sich auf ihren Lippen wie das Gebet des Herrn im Munde einer Zauberin ausnahm, welche die Andacht zum Frevel, das Heilige zum Fluch umwandelt. »Seid recht gefallsam, Fräuleinchen,« fuhr sie fort, indem. sie Madelines hohe blühende Gestalt von Kopf bis zu Fuß betrachtete, »recht gefallsam – aber ich war mal ebenso hübsch, wie Ihr, und bleibt Ihr am Leben – merkt's Euch – so schön und sauber Ihr jetzt dasteht, so verrunzelt und garstig und armselig werdet Ihr werden! Ha! ha! Hab' meine Freude an solchen Gedanken, wenn ich junges Volk seh'. Aber vielleicht mögt Ihr nicht alt werden – denn 's ist zum Erbarmen, könntet 'ne Witib und kinderlos und 'n verlassen Weib sein wie ich, wenn Ihr's bis in die Sechzig bringt; wär' das nicht hübsch? ha! ha! hättet dann wohl 'ne Freud' am schönen Wetter und an den schönen Worten der Leute, he?« »Geht, Frau,« sagte Lester mit einer Wolke auf seinem gütigen Gesicht, »das heißt undankbar gegen mich und unschicklich gegen Miß Lester sprechen; das ist nicht der Weg –« »Oho!« fuhr die Alte dazwischen, »um Vergebung, Herr, wenn ich angestoßen hab' – um Vergebung, Fräuleinchen, 's ist so die Art von mir armen alten Seele. Ihr meint's gut mit mir, und ich möcht' nicht unrespektierlich sein, da Ihr mir 'n hübschen Mantel schaffen wollt: von was für 'ner Farb' soll er sein?« »Nun, welche Farbe würd' Euch am besten gefallen, Grete – rot?« »Rot! – Nein! – Wär' wie 'ne Zigeunervettel! Zudem haben sie alle rote Mäntel im Dorf drüben. Nein; 'n hübsches Dunkelgrau – oder 'n freudiges, lustiges Schwarz, dann will ich an Eurer Hochzeit in der Trauerfarb' tanzen, Fräuleinchen: das wird Euch gefallen. Aber was habt Ihr mit 'm lustigen Bräutigam angefangen, Fräulein? Der ist fort, hör' ich. Werdet 'n glücklich Leben mit 'nem Herrn, wie er, führen. Hab' ihn noch nicht 'n einzig Mal lachen sehen. Warum dingt Ihr mich nicht als Eure Magd – wär' ich nicht recht am Platz bei Euch? Wollt' auf der Schwelle stehen und Euch jeden Tag 'n guten Morgen geben. O! 's thut mir gar wohl, denen, die jünger und froher als ich sind, 'nen Glückwunsch zu sagen – 'n Segen von Margret Dunkelmann – hui! – was kann man sich Schönres wünschen! –« »Nun guten Tag, Mutter,« sagte Lester weggehend. »Haltet 'n wenig, haltet 'n wenig, Herr – habt Ihr was nach Herrn Arams Haus sagen zu lassen, Fräulein? Seine alte Haushälterin ist meine Gevatterin. – Waren jung zusammen – und die Bursche wußten nicht, welche die Hübschere war. Da kommen wir nun oft zu einander und sprechen von 'n alten Zeiten. Geh' jetzt eben 'nüber. Och! Hoff, werd' zur Hochzeit geladen werden. Was für 'n hübscher Monat zur Hochzeit, der November – November ist mein Leibmonat, ist so kalt – bitter kalt dann. Na! guten Tag – guten Tag. – Ja,« fuhr die Alte fort, als Lester und die Schwestern sich nicht aufhalten ließen, »Ihr geht da alle hin und wirft keines 'nen Blick zurück. Ihr verachtet 'n Armen in Euerm Herzen. Aber der Tag für die Armen wird auch kommen. Och, ich wollt', Ihr wär't tot – tot – tot, und ich tanzte in meinem hübschen schwarzen Mantel auf Euren Gräbern; – denn sind nicht all die Meinigen tot – kalt – kalt – verfault? und ein einziger guter reicher Mensch hätt' alle retten können.« So murmelnd sah das jammervolle Geschöpf dem Vater und den Töchtern auf ihrem Wege nach, bis ihr dämmerndes Gesicht sie nicht länger festzuhalten vermochte. Dann stand sie, sich fester in ihre Lumpen hüllend, auf, und schlug die entgegengesetzte Richtung, nach Arams Hause ein. »Ich hoffe, die Hexe wird nicht zu oft in deine neue Wohnung kommen, Madeline,« sagte die jüngere Schwester; »das wär' wie ein kalter Nebel in der Luft.« »Könnten wir sie aus der Gemeinde wegschaffen,« rief Lester, »so wär' das ein glücklicher Tag fürs Dorf. Aber so seltsam es scheint, sie übt eine solche Macht über alle aus, daß keine Hochzeit oder Taufe im Dorfe gefeiert wird, wobei sie nicht zugegen ist, – Man fürchtet ihren Haß und ihre böse Zunge so sehr, daß man sie noch demütig um ihre Teilnahme bei solchen Festen bittet.« »Auch scheint die Hexe zu wissen,« erwiderte Ellinor, »daß ihre schlimmen Eigenschaften eine gute Schutzwehr sind und ihr mehr Ehrerbietung schaffen, als dies selbst ein liebenswürdiges Benehmen vermöchte. Ich glaube, sie sagt nicht leicht etwas ohne Absicht.« »Ich weiß nicht, wie es kommt,« bemerkte Madeline nachdenklich, »aber die Worte und der Anblick dieses Weibes haben sich wie ein Schleier um mein Herz geworfen.« »Es wäre wunderbar, Kind, wenn sie es nicht gethan hätten,« sagte Lester tröstend und leitete das Gespräch auf andere Gegenstände. Als sie am Schluß ihres Spazierganges wieder ins Dorf eintraten, begegneten sie dem willkommensten Besuch in einem abgelegenen Orte, dem Postboten – einem langen, dünnen, wegen der Schnelligkeit seines Laufes berühmten Fußwanderer, der mit freundlichem Gesicht, watschelndem Gang und mit Lesters Posttasche über der Schulter auf sie zukam. Unsere kleine Gesellschaft beeilte ihre Schritte. – Ein Brief – an Madeline – Arams Handschrift! seliges Erröten – wonnevolles Lächeln! Ach! um keine sichtbare Zusammenkunft weht das Entzücken, das ein Brief wahrend der kurzen Trennungen einer ersten Liebe einzuhauchen vermag. »Und keinen für mich,« sagte Lester mißmutig, und Ellinors Hand hing schwerer an seinem Arm und ihr Schritt bewegte sich langsamer. »Das ist sehr seltsam von Walter; doch macht es mich eher ärgerlich als besorgt.« »Gewiß,« bemerkte Ellinor nach einer Pause, »ist das nicht seine Schuld. Vielleicht ist ihm etwas begegnet. Guter Gott! wenn er aufs neue angefallen worden wäre! – diese entsetzlichen Straßenräuber!« »Nun,« sagte Lester, »die wahrscheinlichste Voraussetzung, bleibt zuletzt immer, daß er nicht schreiben will, bis seine Erwartungen in Erfüllung gegangen sind, oder sich als nichtig erwiesen haben. Es ist dies in der That ganz natürlich und ich selbst würde an seiner Stelle so handeln.« »Natürlich!« rief Ellinor, die jetzt angriff, wo sie vorhin verteidigt hatte – »natürlich? uns keine Zeile zukommen zu lassen, die uns nur sagte, daß er wohl und gesund! – natürlich? ich könnte nicht so zurückhaltend sein.« »Ja, Kind, Ihr Weibsleute seid immer gewaltige Schreiberinnen; mit uns ist es nicht so, besonders wenn wir auf Reisen sind. Da heißt's immer: ›Aber morgen muß ich schreiben – aber ich muß schreiben, wenn dies und das in Ordnung ist – ich muß schreiben, wenn ich dort und dort ankommen;‹ – und einstweilen geht die Zeit vorüber, bis wir uns endlich schämen, die Feder noch in die Hand zu nehmen. Ich hörte einmal einen großen Mann behaupten, Männer müßten, um gute Briefsteller zu sein, etwas Weibliches an sich haben; und wirklich, ich glaube, die Behauptung ist im allgemeinen ziemlich richtig.« »Es sollte mich wundern, wenn Madeline ebenso dächte?« sagte Ellinor mit einem eifersüchtigen Blick auf die in Wonne verlorene Schwester, die, den Inhalt ihres Briefes verschlingend, langsam hinterdrein ging. »Er kommt in kürzester Zeit, lieber Vater, vielleicht ist er schon morgen hier!« rief plötzlich Madeline; »denk einmal, Ellinor! Ach und er schreibt in ganz froher Stimmung!« Damit klatschte das gute Mädchen vor Entzücken in die Hände, und die Röte wogte ihr heiter über Wangen und Nacken. »Willkommene Nachricht!« erwiderte Lester, »wird er doch am Ende gar noch lustiger werden als Ellinor.« »Das könnte leicht sein,« seufzte Ellinor im stillen, schlich hinter den beiden ins Haus und suchte ihr eigenes Zimmer auf. Fünftes Kapitel. Eine neue eigentümliche Betrachtung. – Die Straßen von London. – Die Bibliothek eines Großen. – Eine Unterredung zwischen dem Gelehrten und einem Bekannten Lesters. – Deren Ergebnis. Hier ist ein Staatsmann. Rollo. Frag' nach deinem Zweck. Lat. Was ging mich näher an als dies? Rollo, ein Trauerspiel. Es war an einem Abend zu Ende des Herbstes im Jahre 1758; eine öffentliche Feierlichkeit hatte stattgefunden und die Menge, die sich in Folge derselben angehäuft, verlief sich allmählich erst jetzt, als die Straßen dunkler wurden. Durch diese Menge ging, wie gewöhnlich in sich selbst verloren – mit ihr, aber nicht ein Teil von ihr – Eugen Aram seinen einsamen Weg. Welch unberechenbares Feld von düstern, furchtbaren Betrachtungen öffnet sich jedem, der, nicht mit dem eigenen Herzen beschäftigt, und mit einem an scharfe Beobachtung seiner Mitmenschen gewöhnten Auge durch die Straßen einer großen Stadt wandelt! Was für eine Welt von dunkeln und verworrenen Geheimnissen im Busen eines jeden, der vorübereilt! Goethe hat irgendwo gesagt, jeder von uns, der Beste wie der Schlimmste, berge in sich irgend etwas – eine Empfindung, eine Erinnerung, durch deren Bekanntwerden er sich unsern Haß zuziehen würde. Die Behauptung ist ohne Zweifel übertrieben; aber gleichwohl, welche dunkle, gewaltige Tiefe in diesem Gedanken! – welch neuen Blick eröffnet er in die Herzen des großen Haufens! – welch eigentümliches Interesse kann er für den niedrigsten, unscheinbarsten Menschen einflößen, der im großen Marktgewühl des Lebens an uns vorüberstreift! Eine der besten Unterhaltungen auf der Welt liegt darin, bei Nacht durch die langen erleuchteten Straßen der ungeheuern Hauptstadt, solange die Menge sich noch in denselben umhertreibt, allein hinzuwandern, Da scheint sich mir, mehr noch als selbst in der Stille der Wälder und Fluren, ein Quell zu endloser, mannigfacher Betrachtung zu erschließen – Μάτερ εμὰ, τὸ τεὸν, χρύσασπι Θήβα, Πρα̃γμα καὶ ασχολίασ υπέρτερον Θήσομαι                               Pind. Isth. I. i. Meine Mutter, goldumschildete Thebe, Mehr als ein lautes Getreibe Ist mir dein Thun. Pindar.                               Anmerk. des Übers. In Arams Aussehen lag jenes Etwas, das fast unwiderstehlich eine gewisse Aufmerksamkeit gebot. Der Ernst seiner Züge; die Blässe, die auf seine geistige Natur deutete; das lange zurückfallende Haar; der eigentümliche fremdartige Anstrich seiner ganzen Gestalt, verbunden mit einer gewissen Milde des Ausdrucks und jener erhabenen Versunkenheit in sich selbst, die den Menschen andeutet, der über seinem eigenen Herzen brütet – die eigenen Träume erwägt und auslegt: – all das fesselte von Zeit zu Zeit die Vorübergehenden beim zweiten Blick und gab ihnen, so einfach die Kleidung, so anspruchslos das Benehmen des Fremden war, unwillkürlich den Eindruck, daß dieser zweite, lange und teilnehmende Blick aller Wahrscheinlichkeit nach jene Neugier befriedige, womit wir unsere Augen so gern auf einem merkwürdigen Manne ruhen lassen. Endlich verließ Aram die volkreicheren Straßen und blieb nach kurzer Zeit vor einem der fürstlichsten Häuser in London stehen. Es war von einem geräumigen Hof umgeben; über der Einfahrt sah man das Wappen des Eigentümers, samt der Grafenkrone und den Schildhaltern in Stein ausgehauen. »Ist Lord +++++ zu Hause?« fragte Aram, als der barsche Thürhüter an der Pforte erschien. »Der gnädige Herr ist bei Tisch,« erwiderte der Portier und wollte, indem er diese Antwort für vollkommen ausreichend hielt, das Thor vor dem unzeitigen Besuch eben wieder schließen. »Es freut mich, daß er zu Hause ist,« entgegnete Aram, der gleich hinter dem Diener eintrat und mit einer ruhigen, unbewußt gebietenden Miene durch den Hof nach dem Hauptgebäude zuschritt. Unter der Hausthür, zu welcher man auf einer breiten steinernen Treppe emporstieg, stand, zur Erholung die dumpfige Abendluft einatmend, der Kammerdiener des vornehmen Besitzers – des einzigen Vornehmen, den wir in unsere Geschichte eingeführt und folglich desselben, den wir dem Leser im früheren Abschnitt dieses Werkes vorgestellt haben. – Fein gebildet, klug und scharfblickend wußte Lord +++++ wohl, wie oft die Großen, besonders im öffentlichen Leben, sich durch die Ungeschliffenheit ihrer Leute verhaßt machen, weshalb die seinigen, besonders aber diejenigen, welche zu seiner persönlichen Bedienung gehörten, zur vollkommensten Höflichkeit und Rücksichtnahme gegen den niedrigsten Fremden wie gegen den höchsten Gast eingeschult waren. Auch war dies, so unbedeutend es an sich scheinen mag, ebensowohl ein Beweis von sittlicher Bildung als von Klugheit. Wenige erwägen, welche Qual armen Menschen, die ihren Wert gleichwohl fühlen, durch eine solche Maßregel erspart wird. So antwortete denn der Kammerdiener auf die an ihn gerichtete Frage mit Höflichkeit. Er erinnerte sich an Arams Namen und Ruf, und da der Graf den Umgang mit Gelehrten liebte, und ihnen im allgemeinen den Zugang leicht gestattete, führte er den Ankömmling sogleich nach der Bibliothek, sagte ihm, Seine Herrlichkeit hätte den Speisesaal, wo eben eine große Gesellschaft zur Tafel sei, noch nicht verlassen, und versicherte, der Graf sollte von seinem Besuch unterrichtet werden, sobald man sich vom Tische erhoben habe. Lord +++++ war noch immer im Amt. Verschiedene Portefeuilles lagen auf dem Boden umher, unzählige Papiere waren über den ungeheuern Lesetisch ausgebreitet; da und dort zeigte sich aber auch ein Buch von anziehenderem Charakter, als diejenigen, welche bloß dem Geschäft angehörten und ein noch kürzlich eingelegtes Zeichen, eine noch frisch mit Bleistift beigeschriebene Bemerkung zeigten häufig die Liebe, womit Männer von gebildetem Geist, auch wenn sie in Staatsämtern stehen, in den augenblicklichen Zwischenräumen ihres dürren, mühevollen Lebens zu dieser minder drückenden Beschäftigung zurückkehren, bei welcher sie in der That vielleicht den größten Genuß finden. Eines von diesen Büchern, einen Band von Schaftesbury, nahm Aram sorgfältig auf; es öffnete sich von selbst bei jener schönen, tief empfundenen Stelle, die vielleicht den begründetsten Spott enthält, den der geistreiche und anmutige Denker ausgesprochen hat: »Der eigentliche Faktionsgeist scheint in den meisten Fällen nichts anderes als der Mißbrauch oder die Verirrung jener geselligen Liebe und allgemeinen Zuneigung, welche dem Menschen natürlich ist – denn das Gegenteil der Geselligkeit ist Selbstsucht, und von allen Charakteren ist der vollendete Selbstsüchtling am wenigsten geneigt, Partei zu nehmen. Männer solchen Schlages sind insofern die wahren Repräsentanten der Mäßigung. Sie sind vor ihrem Temperament sicher und zu gut Herren ihrer selbst, als daß sie Gefahr liefen, sich in irgend etwas mit Wärme einzulassen, oder an irgend einer Partei oder Faktion tiefen Anteil zu nehmen.« Am Rande der Seite stand folgende Bemerkung von der Hand Lord +++++: »Ein warmes Herz treibt einen Mann in Parteien – Philosophie hält ihn davon entfernt. Der Kaiser Julian sagt in seinem Briefe an Themistius: ›Solltest du nur drei oder vier Philosophen bilden, so würdest du wesentlicher zum Glück der Menschheit beitragen, als viele Könige zusammengenommen.‹ Gleichwohl zweifle ich, ob, wenn alle Menschen Philosophen wären, trotz der hierdurch herbeigeführten größeren Verbreitung der Tugend, noch ebenso viele Beispiele von außerordentlicher Tugend vorkämen. Mächtige Leidenschaften allein bringen solche glänzenden Ausnahmen hervor.« Noch war der Gelehrte mit dieser Note beschäftigt, als der Graf ins Zimmer trat. Da die Thür, durch welche er kam, jenem im Rücken lag und der Eintretende einen sehr leisen Gang hatte, wurde er von dem Gelehrten nicht bemerkt, bis er neben ihm stand und, über dessen Schulter wegsehend, sagte: »Sie werden die Wahrheit meiner Bemerkung bestreiten, nicht wahr? Völlige Ruhe ist das Element, in das Sie alle Tugenden setzen möchten.« »Nicht alle, Mylord,« erwiderte Aram, indem er aufstand; damit schüttelte ihm der Graf die Hand und drückte sein Vergnügen aus, ihn wiederzusehen. Obwohl der scharfsinnige Minister nicht so bald den Namen des Gelehrten gehört hatte, als er im Herzen überzeugt war, Aram suche ihn nur auf, um eine Erneuerung der früher zurückgewiesenen Vorschläge zu betreiben, beschloß er doch, seinem Gast die Eröffnung der Sache selbst zu überlassen und schien als feiner Weltmann den Besuch als etwas sich von selbst Verstehendes zu betrachten, das ohne andern Zweck gemacht worden, als die Wiederanknüpfung einer beiden Teilen angenehmen Bekanntschaft. »Ich besorge, Mylord,« sagte Aram, »Sie sind in Anspruch genommen. Ich kann meine Aufwartung morgen machen, wenn« – »Wahrhaftig,« unterbrach ihn der Graf und rückte einen Stuhl an den Tisch, »ich bin von nichts in Anspruch genommen, das mir das Vergnügen Ihrer Gesellschaft zu entziehen brauchte. Allerdings haben einige Freunde bei mir gespeist, da sie aber jetzt in Gesellschaft von Lady +++++ sind, so werden Sie mich nicht sonderlich vermissen; überdies wird eine gelegentliche Abwesenheit uns glücklichen Staatsmännern leicht verziehen, die wir die Ehre haben, von ganz England um unser prachtvolles Elend beneidet zu werden.« »Es freut mich, daß Sie selbst soviel zugeben, mein Lord,« entgegnete Aram lächelnd; »ich selbst könnte nicht mehr gesagt haben. Der Staatsdienst schafft sich seine Günstlinge nur, um Undankbare zu machen; – seine höchsten Ehren hat er auf Lord +++++ ausgestreut und man sehe, wie derselbe von solcher Gunstbezeugung spricht!« »Nun,« erwiderte der Graf, »ich habe mutwillig gesprochen und meine Zurechtweisung erhalten. Ich fühle keinen Grund, über die Laufbahn, die ich erwählt, zu klagen. Der Ehrgeiz bereitet uns, wie jede andere Leidenschaft, hie und da unglückliche Augenblicke, aber er gewährt uns auch ein sehr anregendes Leben. In seinem Verlauf werden die kleineren Übel der Welt nicht gefühlt; kleine Widerwärtigkeiten, kleine Plackereien reichen nicht zu uns herauf. Gleich Nachtwandlern sind wir in einen mächtigen Traum vertieft, und wissen selbst von den Hindernissen auf unserm Wege, von den Gefahren, die uns umgeben, nichts; mit einem Wort, wir haben kein Privatleben . Alles was bloß das Haus angeht, die Angst, die Einbußen, welche andern Menschen so viel zu schaffen machen, wodurch das Glück anderer Menschen verwelkt, werden von uns nicht gefühlt: wir gehören ganz dem Staat an – so daß, wenn wir manches stillere Glück entbehren, wir auch mancher Sorge entgehen.« Er brach für einen Moment ab. Nachdem er sofort den Gegenstand des Gesprächs geändert, sich nach den Lesters erkundigt und einige allgemeine Bemerkungen über die Familie hingeworfen hatte, machte er absichtlich eine Pause. Aram brach sie: »Mylord,« hob er mit leichter Verlegenheit an, die nicht ohne eine gewisse Anmut war, »ich fürchte. Sie haben im Laufe Ihres politischen Lebens oft bemerken müssen, daß der, welcher heute etwas verspricht, morgen an die Erfüllung seiner Zusage erinnert wird. Niemand, der irgend etwas zu geben hat, kann je ungestraft versprechen. Vor einiger Zeit machten Sie mir Vorschläge, die eine mehr erregbare Natur, als die meinige, aus dem Geleise gebracht haben würden und deren Abweisung mir einigen Anspruch auf den Namen eines Philosophen geben dürfte. Ich komme jetzt nicht, eine Erneuerung dieser Anträge zu fordern. Noch jetzt ist das Staatsleben, ist das Jagen der Menschen meinen Bestrebungen so zuwider als je. Aber ich komme offen und freimütig meine Zuflucht zu jener Großmut zu nehmen, die mir damals eine so reiche Gabe bot. Gewisse Umstände haben mir das kleine Einkommen entzogen, das zu meinen Bedürfnissen hinreichte; ich verlange bloß die Möglichkeit, meine ruhige, glanzlose wissenschaftliche Laufbahn fortzusetzen. – Sie, mein Lord, können mir diese Möglichkeit verschaffen; es ist nicht gegen die Gewohnheit der Regierung, Gelehrten ein kleines Jahrgeld auszuwerfen; – der Einfluß Eurer Herrlichkeit dürfte diese Vergünstigung für mich erreichen. Indessen muß ich beifügen daß ich nichts zur Erwiderung bieten kann! Politische Parteiungen – Faktionsinteressen – sind auf ewig für mich tot; und selbst die Studien, zu welchen mich meine Neigung hinzieht, bringen der Menschheit nur geringen Nutzen – ich weiß das, und wollt' es wär' anders! – Einst hoffte ich, es. würde anders sein, aber« – hier wandte sich Aram mit tötlicher Blässe auf dem Gesicht ab und holte tief Atem; doch bezwang er seine Bewegung und fuhr fort: »Ich habe also keine große Ansprüche an eine solche Mildthätigkeit, als eben diejenigen, die jeder vermögenslose Bearbeiter abstrakter Wissenschaften vorbringen kann. Für ein Land ist es gut. wenn dergleichen Felder des Wissens angebaut werden; sie sind nicht von einer Natur, die ihren Inhabern Gewinn bringt; nicht von einer Natur, die, wie leichtere Litteratur, der freundlichen Gunst des Publikums anheimgestellt werden kann! – sie bedürfen vielleicht mehr, als irgend ein anderer Zweig der Geistesbildung des Schutzes der Regierung; und obwohl diese in mir wohl eine bescheidene Wahl trifft, so würde damit doch wenigstens das Princip aufrecht erhalten werden und mein Beispiel den Vorgang für nachfolgende bessere Bewerber bilden. – Ich habe alles gesagt, Mylord!« Nichts vielleicht wirkt stärker auf einen Mann, der Gefühl für die Jünger der Wissenschaft hat, als Ansprüche um Unterstützung von seiten eines Menschen, der dieselben mit Recht vorbringen kann und mit Würde vorbringt. Wenn der zum Almosenempfänger aus Gewohnheit herabgesunkene Gelehrte, in seinen Kunstgriffen halb Bettler, halb Schwindler; welcher sich's gefallen läßt, daß man ihm die Thür weist; welcher mit seiner Schmach prahlt; wenn ein solcher das niedrigste, jämmerlichste Ding in der Welt ist und uns durch seinen Anblick herzkrank macht; – was rührt, was überwältigt auf der andern Seite so sehr, als die erste und einzige Bitte eines Mannes, dessen Geist die Würde unseres ganzen Geschlechts erhöht, und welcher diese Bitte bei aller Bescheidenheit mit einem gewissen Stolz vorbringt, weil er, wenn er eine Gunst für sich selbst fordert, nur die Möglichkeit verlangt, die Welt zu erleuchten? »Sagen Sie nichts weiter, mein Herr,« erwiderte der Graf mit tiefer Bewegung, aus welcher noch seine gewöhnliche Grazie hervorblickte. »Die Sache ist abgemacht, betrachten Sie dieselbe durchaus in diesem Licht. Nennen Sie nur die Summe des Jahrgeldes, welche Sie wünschen.« Mit einigem Zögern nannte Aram eine so mäßige, so unbedeutende Summe, daß der Minister, gewöhnt an die Gesuche jüngerer Söhne und vornehmer Witwen – an die hungrige Gier verdienstloser Bittsteller, welche Geburt als das einzig begründete Anrecht auf Forderungen ans Publikum betrachten – über den Gegensatz im eigentlichen Sinne zusammenschrak. »Mehr als dies,« fügte Aram hinzu, »verlange ich nicht und würde es, falls man mir's anböte, zurückweisen. Wir haben einiges Recht, von den Verwaltern des Staatsvermögens Fristung unseres Daseins zu beanspruchen – nicht aber Überfluß.« »Wollte der Himmel,« entgegnete lächelnd der Graf, »alle Supplikanten glichen Ihnen! dann würden die Pensionslisten keine Entrüstung hervorbringen und kein Minister dürfte erröten, wenn er die Gerechtigkeit seiner Gunstbezeugungen zu verteidigen hat. Aber sind Sie noch immer entschieden, eine mehr ins Staatsleben einschlagende Laufbahn mit all ihren verdienten Vorteilen und rechtmäßigen Ehren abzulehnen? Das Anerbieten, das ich Ihnen unlängst machte, erneuere ich, mit erhöhtem Wunsch von meiner Seite.« » Despicam dites ,« erwiderte Aram, »und Dank Ihnen, kann ich nunmehr hinzusetzen: despiciamque famem .« Sechstes Kapitel. Die Themse bei Nacht. – Ein Gedanke. – Der Gelehrte sucht den Räuber wieder auf. – Ein menschliches Gefühl selbst in der verdorbensten Seele. Klem. Unsre letzte Zusammenkunft! Stat. Sei's des Himmels Wille! Klemanthes . Nachdem sich Aram von dem Lord verabschiedet, wandte er sich mit leichterem und rascherem Schritt nach einem minder glänzenden Teile der Hauptstadt. Nach seiner Ankunft in London hatte er gefunden, daß er, um Hausman das zugesagte Jahrgeld zu sichern, selbst auf die kleine Summe verzichten müsse, die er gehofft hatte, zurückzubehalten. Daher sein Besuch und seine Bitte bei Lord +++++. Jetzt nahm er seinen Weg nach dem Ort, den ihm Hausman zur Zusammenkunft bestimmt hatte. Dem peinlichen Leser mögen diese an sich so unbedeutenden Einzelheiten einer Geldangelegenheit einige Ungeduld erregen und nicht ganz würdig erscheinen; allein wir schreiben einen Roman aus dem wirklichen Leben, und unser Publikum muß daher neben dem mehr Dichterischen auch das Alltägliche hinnehmen – die Enge der gewöhnlichen Welt neben ihren erhabenern Schmerzen und größern Freveln. Wer kennt sonst die ganze furchtbare Wahrheit eines moralischen Gemäldes, das uns eine ursprünglich hohe Natur, eine Seele, die einst nur der Durst nach Wahrheit beseelte, durch eine Reihe Zwischenereignisse zu den Kunstgriffen und Lügen eines gemeinen Heuchlers herabgewürdigt zeigt? Es war jetzt ganz Nacht geworden, und die Dunkelheit ward nur durch die düstern Lampen, die eine lange Perspektive in den Straßen zogen und durch ein paar dämmernde Sterne erhellt, welche aus dem Schleier des Rauchnebels über der großen Stadt hervorbrachen. Aram hatte nunmehr eine der Themsebrücken erreicht und, nie unempfindlich für malerische Reize, stand er dort einen Augenblick still und sah dem dunkeln Strom entlang, der unter ihm brauste. O Gott! wie viele wilde, stürmische Herzen sind an diesem Ort ebenfalls zur Ruhe gekommen, in einem furchtbaren Moment des Gedankens – der Berechnung – des Entschlusses – im letzten Moment ihres Lebens! Schaut nachts dem Laufe des prächtigen Stromes zu, wie hoheitsvoll er das Getreibe derer, die an seinen Ufern wohnen, zu verspotten scheint; – unverändert – unveränderlich; – alles um ihn her schneller Tod oder unruhiges Leben: er aber lächelt zu den bleichen Sternen auf und rollt dahin unter tiefen Melodien. Neben ihm der Senat, stolz auf seine feierlichen Wortkünstler, und dort die Abtei voll Leichensteinen, wo einige Handvoll von den hitzigsten Kämpfern als höchste Ehre – Vergessenheit und ein Grab finden mögen! Nichts ruft einer Großstadt die Lehre des Erdenlebens gewaltiger zu, als der Fluß, der ihre Mauern bespült. In dem Anblick, der den Gelehrten noch festhielt, lag etwas, was seiner unerforschlichen, geheimnisvollen Brust ähnliche Betrachtungen wie die eben ausgesprochenen einflößte. Eine wie von höherem Willen eingegebene Niedergeschlagenheit beschlich ihn; eine warnende Stimme tönte an sein Ohr; erwacht war in ihm der furchtbare Genius und gerade im Augenblick, wo sein Sieg vollständig, seine Sicherheit verbürgt zu sein schien, empfand er dieselbe nur als Des Stromes Glätte, eh' er niederstürzt. Der Nebel dunkelte und trübte die wenigen Lichter, die an beiden Seiten hin zerstreut waren. Eine tiefe, düstere Ruhe lag brütend umher – Die Häuser selber schienen leis zu schlafen Und still lag jetzt des Reiches mächtig Herz. Aus seinem kurzen, finstern Traum auffahrend, setzte Aram seinen Weg endlich fort und gelangte, indem er einige der schmäleren Straßen auf dem jenseitigen Ufer verfolgte, zuletzt in diejenige, worin er Hausman zu suchen hatte. Es war ein enges dunkles Gäßchen, das in jeder Beziehung das Aussehen einer verdächtigen, in üblem Rufe stehenden Örtlichkeit darbot. Ein paar Bierschenken vom niedrigsten Range unterbrachen die dunkle Stille; – aus ihnen allein kam ein Schein von Lichtern, der neben der einzigen, am Eingang in dem Winkel brennenden Straßenlaterne einige Helle verbreitete. Ausbrüche von trunkenem Gelächter und sittenlosem Jubel erschallten jeden Augenblick aus diesen niedrigen Tummelplätzen des Vergnügens. Indem Aram an einem derselben vorüberging, strömte ein Schwarm der gemeinsten Auswürflinge und Dirnen lärmend aus der Thür und versperrte ihm plötzlich den Weg. Durch dieses ekelhafte Gedränge, dem Aussehen und Geruch der abstoßendsten Art des Lasters qualmend anhing, mußte der hochgesinnte ruhige Gelehrte seinen Weg bahnen! Die Dunkelheit, der eilige Schritt, das gebeugte Haupt erleichterte ihm das Entkommen von diesem heillosen Gesindel, und er stand jetzt vor der Thür eines kleinen, schmalen Häuschens. Ein gewaltiger Klopfer zierte die Pforte, die von ungewöhnlicher Stärke zu sein schien und dick mit großen Nägeln beschlagen war. Zweimal klopfte er, bevor er eine Antwort auf seine Aufforderung erhielt; nunmehr aber rief eine Stimme von innen: »Wer ist da? was wollt Ihr?« »Ich suche einen Namens Hausman.« Keine Antwort – es verstrichen mehrere Sekunden. Auf's neue klopfte der Gelehrte, und gleich darauf vernahm er die Stimme Hausmans selbst, der ausrief: »Wer ist da? – Seph, der Eisenfresser?« »Richard Hausman, ich bin es,« erwiderte Aram mit gedämpftem Ton, indem er eine natürliche Anwandlung von Abscheu und Grauen unterdrückte. Hausman stieß einen schnellen Schrei aus, und sogleich wurde die Thür aufgeriegelt. Inwendig war alles ganz finster, und Aram fühlte mit einer schaudernden Empfindung, wie die Hand des ihm auf so seltsame Weise verbundenen Gefährten die seinige ergriff. »Ha! bist du's! – Komm herein, komm herein! – Ich will dich führen. Nimm dich in acht – halt dich an die Wand rechts – jetzt steh still. So – so« – (die Thür eines Zimmers öffnend, worin ein einziges Licht, beinahe auf die Tülle herabgebrannt, die bisher durch nichts unterbrochene Finsternis erhellte). »Da sind wir! Da sind wir! Nun, wie geht's?« Damit suchte Hausman geschäftig und mit einer Art wohlwollender Gastfreundlichkeit die Honneurs des Hauses zu machen. Er zog zwei rauhe hölzerne Stühle, die bei einer kurz vorher stattgefundenen Belustigung umgeworfen worden zu sein schienen und mitten auf dem ungewaschenen, teppichlosen Fußboden in einer Stellung lagen, welche derjenigen, wozu sie ihr Verfertiger bestimmt hatte, geradezu entgegengesetzt war; – er zog diese Stühle an einen mit Trinkhörnern, halbgeleerten Flaschen und einem Pack Karten durcheinander bedeckten Tisch. Zotenhafte Zerrbilder von der großen derben Art, die damals im Schwange war, schmückten die Wände, und auf einem andern Tische lagen nachlässig hingeworfen ein Paar gewaltige Reiterpistolen, ein ungeheurer Klapphut, ein falscher Schnurrbart, ein Schminktopf und eine Reitgerte. All das überschaute der Gelehrte schnell – seine Lippe bebte einen Augenblick – aus Scham oder Ekel über sich selbst – dann warf er sich auf den Stuhl, den Hausman für ihn hingesetzt und sagte: »Ich bin gekommen, um meinen Anteil an der Übereinkunft zu erfüllen.« »Du bist sehr willkommen,« erwiderte Hausman im Tone jener rauhen, aber doch leichtfertigen Scherzhaftigkeit, welche noch stärker als die unversteckte Brutalität seines früheren Wesens gegen Arams Haltung und Benehmen abstach. »Hier,« sagte Aram, indem er ihm ein Papier gab, »hier wirst du finden, daß dir die erwähnte Summe in der Minute deiner Abreise aus England zugesichert ist. Wann wird das geschehen? laß mich um Eile bitten,« »Deiner Bitte soll willfahrt werden. Ehe der morgende Tag anbricht, bin ich unterwegs,« Arams Gesicht leuchtete. »Da ist meine Hand darauf,« sagte Hausman ernsthaft. »Du kannst jetzt versichert sein, daß du dein Lebenlang frei von mir bleiben wirst. Geh' heim – heirate – freue dich deines Daseins, wie ich's gethan habe. In vier Tagen, wenn der Wind gut ist, bin ich in Frankreich.« »Mein Geschäft ist zu Ende, ich will dir glauben,« sprach Aram mit Offenheit und stand auf. »Du darfst es,« antwortete Hausman. »Halt – ich will dir zum Thore leuchten. Tod und Teufel, wie die verdammte Kerze flackert.« Nach diesem kurzen Gespräch führte Hausman den Gelehrten mit dem in schnellem Wechsel bald aufleuchtenden, bald fast verlöschenden Licht durch den dunkeln Gang zurück. Als sich Aram von der Pforte abwandte, breitete er die Arme heftig aus und rief mit der Stimme eines, von dessen Herzen eine Last gewälzt ist: »Jetzt, jetzt zu Madeline. Endlich atme ich frei.« Hausman kehrte inzwischen nachdenklich zurück und trat murmelnd in sein Zimmer: »Ja, ja, auch mein Geschäft ist hier zu Ende! Geld und Sicherheit in der Fremde. – Was dieses Gewissen doch für 'n Popanz ist! – vierzehn Jahre sind vorüber – und sieh'! nichts entdeckt, nichts bekannt! Und nun wartet meiner ein bequemes Auskommen für den Rest meiner Tage – eben als Folge der That; – auch mein Kind – mein Hannchen – soll nicht Mangel leiden – soll keine Bettlerin oder Hure werden.« In solchen Gedanken warf sich Hausman behaglich auf den Stuhl, und der letzte Flackerschein der erlöschenden Kerze auf seinen gefurchten Zügen umspielte jenes wohlbehagliche Lächeln, womit sanguinische Menschen einer befriedigenden Zukunft entgegenblicken. Noch war er nicht lange allein gewesen, als sich die Thür öffnete und ein Weib mit einem Licht in der Hand hereintrat. Sie war augenscheinlich betrunken und näherte sich Hausman mit wankendem, unsicherem Schritt. »Was giebt's, Liese? Einen Rausch wie gewöhnlich; mach' dich ins Bett, du Heufisch, fort!« »Still, Kerl, still; sprich nicht so zu Leuten, die besser sind als du,« sagte das Weib und sank auf einen Stuhl. So ekelerregend diese Lage war, konnte sie doch die seltene, wenn auch etwas gemeine Schönheit des Gesichts und der Gestalt der Berauschten nicht verbergen. Selbst Hausman, dem das Herz durch die lachende Aussicht, der er sich in seinem Selbstgespräch hingegeben hatte, aufgegangen war, blieb nicht unempfindlich gegen den körperlichen Reiz, und sagte, indem er den Stuhl näher heranrückte, in einem weniger barschen Tone als gewöhnlich: »Geh, Liese, geh, du mußt dich von dieser verdammten Gewohnheit kurieren; vielleicht daß ich am Ende noch gar eine Dame aus dir mache. Wie, wenn ich dich einen Abstecher mit mir nach Frankreich thun ließe, alte Dirne? Und ließ dich dein hübsches Gesicht – denn teufelmäßig hübsch bist du, so wahr ich lebe – in so eine französische Flitterware stecken, wie ihr Weibsvolk es gern habt? Wie, wenn ich das thät'? Wolltest du ein gutes Mädel sein?« »Ich glaub' wohl, Richard, ich glaub' wohl,« erwiderte das Weib, indem sie, halb von der Schmeichelei, halb von dem Vorschlag gekitzelt, eine Reihe Zähne, so weiß wie Elfenbein, sehen ließ. »Du bist ein guter Kerl, Richard, das bist du!« »Pah!« sagte Hausman, dessen hartes, schlaues Gemüt nicht leicht durch eine Liebkosung zu fangen war, »aber was für ein Papier hast du da im Busen, Liesel? Wette, einen Liebesbrief?« »Ach, etwas an dich; kam diesen Morgen an und ich hab' bis jetzt vergessen, es dir zu geben!« »Ha! 'n Brief an mich?« fragte Hausman, indem er, das Papier faßte, »Hm! das Postzeichen von Knaresborough – und gar das Gekritzel meiner Schwiegermutter! Was mag der alte Drache wollen?« Er erbrach den Brief, überlief hastig den Inhalt und fuhr zusammen: »Barmherzigkeit, Barmherzigkeit,« schrie er, »mein Kind ist krank, es stirbt. Ich werd's nicht mehr sehen – das einzige in der Welt, was mich liebt, das mich nicht als einen Schurken zurückstößt!« »Nun, nun, Richard,« sagte das Weib und klammerte sich an ihn, »nimm das nicht so schwer. Wer hat dich so lieb wie ich? – Was ist's um so einen kleinen Balg?« »Fluch über dich, du Hexe!« rief Hausman aus, indem er sie in rohem Zorn zu Boden schleuderte, »du mich lieben! Pah! mein Kind – mein kleines Hannchen – mein hübsches Hannchen – mein munteres Hannchen – mein unschuldiges Hannchen – gleich will ich zu ihr – gleich – was Geld, was Auskommen? – wenn – wenn –« Und der Vater, bei aller Verworfenheit von diesem letzten erlösenden Gefühl seiner zügellosen Natur ins Innerste getroffen, schlug mit geballter Faust an die Brust und stürzte aus dem Zimmer – aus dem Hause. Siebentes Kapitel. Madeline und ihre Hoffnungen, – Bild eines milden Herbstes. – Eine Landschaft. – Eine Wiederkehr. 's ist spät und kalt – das Feuer frisch! Heran! und näher mit dem Tisch; Sei fröhlich, trink von altem Wein, Das wird vorm Frost dir Stärkung sein! Willkomm, Willkommen geh's herum! Beaumont und Fletcher. Wie wenn der große Dichter Auf seiner Flucht von des Kocytus Pfuhle, Wo Finsternis ihn lang in Banden hielt, Durch Dunkel und durch Dämmerung getragen Vom Chaos sang und von der ew'gen Nacht – wie wenn beim Wiederanblick des heiligen Lichts, »des erstgeborenen Kindes des Himmels«, das Gefühl der Frische und des Glanzes über ihn hereinbricht und aufflammt ins feierliche Entzücken eines beschwörenden Gesanges, so erhebt sich das Gemüt, wenn es die Nebel und Sünden des Lebens, »das Dunkel und die Dämmerung« betrachtet hat, zu einer reinen, lichten Versöhnung unserer Natur – zu einem Wesen »vor des Himmels Thor,« »vom milden Reich der stillen, heitern Luft.« – Nie gab es eine schönere, sanftere Natur als Madeline Lester, nie eine Natur, die mehr geneigt war, zu leben, »hoch überm Qualm und Lärm des trüben Fleckes, den Menschen Erde nennen« – zu verkehren mit den hohen, keuschen Schöpfungen ihrer eigenen Gedanken, – eine Welt aus Empfindungen zu machen, welche dieser niedern Welt unbekannt sind – ein Paradies, in das Sünde, Argwohn, Furcht noch nicht gedrungen sind, – wo Gott kein Übel wahrnehmen, die Engel keine Veränderung vorempfinden würden. Arams Rückkehr wurde jetzt täglich, ja stündlich erwartet. Nichts störte die sanfte, wenn auch gedankenvolle Heiterkeit, womit seine Verlobte der Zukunft entgegensah. Tiefer noch als selbst seine mündlichen Bekenntnisse trugen seine schriftlichen Mitteilungen das Zeugnis der Liebe in sich. Diese Briefe hatten nicht sowohl eine stürmische Freude als ein volles, mildes Licht der Seligkeit über ihr Herz verbreitet. Alles, selbst die Natur, schien ihren Hoffnungen freundlich zuzulächeln. Seit Menschengedenken hatte der Herbst kein so liebliches Gewand getragen. Die würzige, erfrischende Wärme, welche diese Jahreszeit bisweilen auszeichnet, war immer noch nicht jenen fröstelnden Winden oder trüben Nebeln gewichen, die uns so traurig von dem Wechsel sprechen, der über die schöne Welt dahergeschlichen kommt. Die Sommergäste unter den Vögeln weilten noch in ganzen Scharen, und zeigten keine Neigung zur Abreise, ja ihr Gesang, vor allem der Gesang der Feldlerche – die den alten englischen Dichtern war, was die Nachtigall den morgenländischen – schien sogar munterer zu werden, je mehr die Sonne ihr Tagewerk abkürzte; – selbst der Maulbeerbaum und das reiche Geäste der Roßkastanie behielten etwas von ihrem Grün zurück, und die tausendfältige Pracht des Waldes um Grünthal her schimmerte fort und fort in dem goldenen Farbenspiel, welches das Verscheiden der Natur verkündet und verschönert. Immer noch hatte man keine Nachrichten von Walter, und dies war der einzige Quell der Besorgnis, welcher das häusliche Glück im Herrenhause einigermaßen trübte. Aber der Squire erinnerte immer wieder daran, daß er selbst in seiner Jugend ein nachlässiger Briefsteller gewesen, und die Sorge, die er empfand, sprach sich eher wie Ärger über Walters Leichtsinn als wie Befürchtung eines Unfalls aus, der jenem zugestoßen sein könnte. Es gab Augenblicke, wo Ellinor still trauerte und sich grämte, aber nicht weniger als selbst den Vetter liebte sie die Schwester, und die Aussicht auf das Glück Madelines entzog ihrem Blick gewissermaßen die eigene Zukunft. Eines Abends saßen die Schwestern bei ihrer Arbeit am Fenster des kleinen Wohnzimmers und plauderten über verschiedene Dinge, an welchen die große Welt, so seltsam es scheinen mag, durchaus keinen Teil hatte. Sie sprachen in leisem Ton, denn Lester schien neben dem Kamin, in welchem eben ein Holzfeuer angezündet worden, in einen Nachmittagsschlummer geraten zu sein. Die Sonne neigte sich zum Untergang und die ganze Landschaft lag in Licht gebadet vor ihnen, bis eine oben vorüberziehende Wolke den Himmel gerade über ihnen trübte und sofort einer von jenen schönen Sonnenregen, die eher ein Merkmal des Lenzes als des Herbstes sind, zu fallen begann. Der Schauer war ziemlich stark und strömte mit angenehmem, erfrischendem Geräusch durch die im vollen Abendlicht stehenden Zweige herab, indessen hielt er nicht lange an; ein herrlicher Regenbogen erschien und die Stimmen der Vögel, die noch eine Minute vorher stumm gewesen waren, brachen in einen allgemeinen Chor, das Abschiedslied des scheidenden Tages, aus. Schnell und anmutig fielen die glänzenden Tropfen von den Bäumen und über dem ganzen Schauplatz atmete ein unaussprechlicher Ausdruck der Heiterkeit, – »Des Abends Duft und Wohllaut.« – »Wie schön!« sagte Ellinor und ließ von der Arbeit nach. »Ach, sieh' das Eichhörnchen! ist's das, welches wir im Hause aufzogen? Es kommt ganz nahe ans Fenster, das arme Närrchen! Halt, ich will ihm ein wenig Brot holen.« »Still!« rief Madeline, plötzlich erblassend, und erhob sich halb vom Stuhl. »Hörst du nicht Schritte draußen?« »Nur das Träufeln von den Zweigen,« erwiderte Ellinor. »Nein, nein – er ist's – er ist's!« rief Madeline, indem das Blut mit Macht in ihre Wangen zurückschoß. »Ich kenne seinen Schritt.« Und so war's! – Ums Haus biegend, bis er dem Fenster gegenüberstand, erblickten die Schwestern Eugen Aram. Regendiamanten glänzten in den Locken seines langen Haares; seine Wangen waren von der körperlichen Bewegung oder wahrscheinlicher durch die Freude der Wiederkehr gerötet; ein Lächeln, hinter dem kein Schatten, keine Trübung lag, spielte über den Zügen, welche durch die darauffallenden Strahlen der untergehenden Sonne noch einen unechten Schein von Heiterkeit erhielten. »Meine Madeline, meine Geliebte, meine Madeline!« brach es von seinen Lippen. »Du bist zurück – Dank Gott! – Dank Gott! gesund – wohl?« »Und glücklich!« fügte Aram mit tiefer Bedeutung in der Stimme hinzu. »Heda! Heda!« rief der Squire auffahrend, »was giebt's? Gott, behüt', Eugen! – und ganz naß wie's scheint! Lorchen, lauf und mach' die Thür auf; – mehr Holz ans Feuer! – die Fasanen zum Nachtessen! – und halt, Mädchen, halt – da ist der Kellerschlüssel – den Einundzwanziger Portowein – du kennst ihn. Ah! ah! will's Gott, soll sich Eugen Aram über seinen Willkommen in Grünthal nicht beklagen!« Achtes Kapitel. Liebe. Ihre göttliche Natur. – Unterredung zwischen Aram und Madeline. – Der Fatalist vergißt das Fatum. Die Hoffnung ist für Liebende ein Stab; Nimm den mit auf den Weg, schütz' dich durch ihn Vor der Verzweiflung. Die beiden Veroneser . Giebt es etwas durchaus Liebliches im menschlichen Herzen, so ist es seine Zärtlichkeit! Alles, wodurch die Hoffnung erhaben, die Furcht edel wird, gehört der Fähigkeit zu lieben an. Für mein Teil wundere ich mich beim Überblick der tausend Glaubensbekenntnisse und Sekten der Menschen nicht, daß so viele Verkünder neuer Religionen ihre Gotteslehre – so viele Förderer des Sittengesetzes ihr System – von der Liebe hergeleitet haben. Auf diesem Wege entstandene Irrtümer haben etwas in sich, das uns entzückt, selbst während wir über die Lehre lächeln oder das System vernachlässigen. Welch ein Meisterstück würde die menschliche Natur – welch eine göttliche Führerin die menschliche Vernunft sein, wäre Liebe wirklich die Grundlage der einen, und der begeisternde Hauch für die andere! Welch eine Welt verborgener Wahrheiten öffnete jener Weise des Altertums unserer Forschung, wenn er sagt: Das, was das Herz rührt, sei der eigentlichste Bestandteil des Erhabenen. Aristides, der Maler, fertigte ein Gemälde, worauf ein Kind an seiner auf den Tod verwundeten Mutter saugt, während diese in den letzten Zügen noch bemüht ist, den Säugling von dem Schaden abzuhalten, den er sich zuziehen könnte, falls er das mit der Milch vermischte Blut tränke. Intelligitur sentire mater et timere, ne e mortuo lacte sanguinem lambat Wie viele Empfindungen, die uns dauernd weiser und besser gemacht haben könnten, haben wir mit diesem Gemälde verloren. Einen besonders rührenden und tiefen Anstrich gewinnt die Liebe, wenn wir sie in einem abgelegenen einsamen Winkel der Welt finden; wenn sie nicht mit der Leichfertigkeit des Tages und den kleinlichen Empfindungen vermischt ist, welche fast notwendig zu den Bestandteilen eines in Großstädten hingebrachten Lebens gehören: unwillkürlich müssen wir uns dann vorstellen, sie sei eine tiefere, umfassendere Erregung des Gemüts. Vielleicht, daß unsere Vorstellung nicht immer richtig ist. Hätte einer aus jener Reihe der Engel, welchen die Kenntnis der Zukunft oder der göttliche Blick in die Verborgenheit des Menschenherzens versagt ist, seine Schwingen über dem lieblichen Thale angehalten, das den Hauptschauplatz für unsere Geschichte bildet, so hätte ihm kein Schauspiel geeigneter für diesen anmutigen Ort, oder in seiner Zärtlichkeit erhabener über das wilde, kurze Leben der gewöhnlichen Leidenschaft dünken können, als die Liebe zwischen Madeline und ihrem Verlobten. So für einander erschaffen schienen ihr Naturen, in so sanften Farben und doch so treu wurde die feierliche, dem Alltäglichen abgewandte Stimmung des einen von dem reinern, aber beinahe ebenso gedankenvollen Sinn des andern widergespiegelt! Der Strom ihrer Gefühle floß in demselben Bett und vereinigte sich in einem gemeinschaftlichen Quell. Was noch dunkel und unruhevoll in Arams Brust sein mochte, wurde zurückgedrängt. Seit seiner Rückkehr war sein Gemüt heiterer und ruhiger, und er schien mehr geeignet, die Zärtlichkeit von Madelines Liebe nach ihrem ganzen Wesen zu würdigen und zu erwidern. Es giebt Sterne, die, mit bloßem Auge gesehen, ein einziger zu sein scheinen, in der Wirklichkeit aber zwei getrennte Lichtkörper sind, die sich umeinander drehen und wechselweise ein in der Sonderung vereintes Dasein eins vom andern schöpfen. Solche Sterne schienen ein Vorbild unseres Paares zu sein. Hatte irgend etwas zur Vervollständigung von Madelines Glück noch gemangelt, so half nunmehr der in Arams Benehmen vorgegangene Wechsel dem Mangel gänzlich ab. Das plötzliche Aufschrecken, die unerwarteten Veränderungen in Stimmung und Miene, die ihm früher eigen gewesen, waren jetzt kaum oder gar nicht mehr bemerklich. Mit Vertrauen schien er sich den Aussichten auf die Zukunft hinzugeben und die gespenstischen Erinnerungen an die Vergangenheit verschworen zu haben. Er ging und sah und lächelte wie andere Menschen; er war empfänglich für das, was zunächst um ihn vorging, und nicht länger in Betrachtung eines fremden, von ihm verschiedenen Wesens in seinem Innern verloren. Einige zerstreute Bruchstücke seiner Dichtungen rühren aus dieser Zeit her. Sie sind meistens an Madeline gerichtet. Zwischen den Beteuerungen der Liebe macht sich bald ein wildes, überwallendes, bald ein tiefes und gesammeltes Gefühl seines Glückes bemerkbar. Man trifft mitunter sehr schöne Stellen in diesen Bruchstücken, wie sie denn überhaupt ein echteres Gepräge des Herzens tragen, – natürlicher und wahrer sind als die Poesie, welche jener Zeit vorzugsweise angehört. So verfloß Tag um Tag bis zum Vorabend der Hochzeit. Aram hielt es für ein Gebot der Klugheit, Lester zu sagen, er habe seine Rente verkauft und sei bei dem Grafen um das Jahrgehalt eingekommen, welches ihm dieser, wie wir bereits wissen, zugesagt hatte. In Bezug auf seine angebliche Verwandte ließ er die Krankheit, von welcher er gesprochen, sich allmählich wieder legen. Gab ihm doch die herannahende Feierlichkeit eine anmutige Entschuldigung, das Gespräch von jedem Gegenstand abzulenken, der nicht Madeline oder jene Feier betraf! Es war am Abend vor der Vermählung; Aram und Madeline wandelten das Thal entlang, das zum Hause des ersteren führte. »Wie glücklich,« sagte Madeline, »daß unser künftiger Wohnort dem Vater so nahe ist. Ich kann dir nicht ausdrücken, mit welchem Entzücken er dem freundlichen Kreise entgegensieht, den wir bilden werden. Wirklich, ich glaube, er hätte kaum in unsere Verbindung gewilligt, wenn diese uns von ihm schiede.« Aram stand still und pflückte eine Blume. »Gewiß, gewiß, Madeline! Gleichwohl, wie mehr als wahrscheinlich ist es im Laufe der mannigfachen Veränderungen des Lebens, daß wir von ihm getrennt werden – daß wir diesen Ort verlassen müssen.« »Es ist möglich, ohne Zweifel, aber nicht wahrscheinlich; oder sollte es dies sein, Eugen?« »Würde es dich unheilbar betrüben, Geliebteste, wenn es so wäre?« erwiderte Aram ausweichend. »Unheilbar? was könnte mich unheilbar betrüben als ein Unfall, der dich träfe?« »Sollten also Umstände eintreten, die uns veranlaßten, diesen Teil des Landes gegen einen noch entlegeneren zu tauschen, so könntest du dich dem Wechsel mit Freudigkeit unterziehen?« »Ich würde um den Vater – ich würde um Ellinor weinen, aber –« »Aber was?« »Ich würde mich mit dem Gedanken trösten, daß du mir noch mehr wärest als je vorher.« »Geliebte, Einzige!« »Aber was sprichst du so; bloß um mich auf die Probe zu stellen? Ach, das ist unnötig.« »Nein, meine Madeline, ich setze keinen Zweifel in die Wärme deiner Zärtlichkeit. Als du einen Mann wähltest wie mich, wußte ich gleich, wie blind, wie hingebend diese Liebe sein müsse. Was in der Regel den Zugang zum Herzen eines Weibes bahnt, gewann dich nicht. Weder Witz noch Frohsinn, noch Jugend noch Schönheit fandest du in mir. Was dich in mir angezogen haben mag und mächtig genug gewesen sein muß, über die Abwesenheit dieser gewöhnlichen Reize hinwegsehen zu lassen, wird auch dauernd genug sein, allen gewöhnlichen Veränderungen zu widerstehen. Aber höre mich, Madeline. Frage mich jetzt nicht um das Warum, aber ich fürchte, eine gewisse Fügung des Schicksals wird uns nötigen, diesen Ort sehr bald nach unserer Hochzeit zu verlassen.« »Wie sich da der arme Vater getauscht haben würde!« sagte Madeline seufzend. »Erwähne unter keiner Bedingung unseres Gesprächs gegen ihn oder gegen Ellinor: ›es ist genug an dem Übel für den Tag, wo es trifft‹.« Madeline wunderte sich, aber sagte nichts weiter: eine Pause von einigen Minuten trat ein. »Erinnerst du dich,« bemerkte Madeline, »daß es hier an dieser Stelle war, wo wir den seltsamen Mann trafen, der einst zu deinen Bekannten gehört hatte?« »War es? – war es hier?« »Was ist aus ihm geworden?« »Er ist außer Lands, hoff' ich,« erwiderte Aram ruhig. »Ja, laß mich nachrechnen, bereits muß er in Frankreich sein. Teuerste, laß uns ein Weilchen auf diesem trockenen Mooshügel ausruhen.« Damit schlang Aram den Arm um ihren Leib, und mit leuchtendem Gesicht, als ob irgend ein Gedanke seine Zufriedenheit vermehrt hätte, ergoß er sich aufs neue in jene Versicherungen der Liebe, in jene Bilder der Zukunft, wie sie am Vorabend eines Tages natürlich waren, der so hohes Glück verhieß. Ruhig und glänzend schien der Himmel ihres Schicksals, und Aram ahnte nicht, daß die einzige kleine Wolke der Besorgnis, die an demselben stand und die nur er allein in weiter Ferne sah, ohne daraus auf einen Sturm zu schließen, gleichwohl den Blitz eines Verhängnisses in sich trug, das er bloß hinausgeschoben, nicht – beseitigt hatte. Neuntes Kapitel. Walter und der Korporal auf der Landstraße. – Der Abend wird dunkler. – Die Zigeunerzelte. – Begebenheit mit dem Reiter. – Der Korporal aus dem Sattel gehoben. – Ankunft in Knaresborough. Gewandert ist er lange, als er sieht Ein rötlich Flämmchen, das durch Bäume glüht. – Sir Gawaine fragte schnell Wohin der Weg zum stolzen Corduel? Der Ritter vom Schwert. »Na! Bunting, wir sind nicht weit von unserem Nachtquartier,« sagte Walter, indem er auf einen Meilenstein neben der Straße zeigte. »'s arme Vieh wird froh sein, wenn wir dort sind,« erwiderte der Korporal und wischte sich die Stirn. »Welches Vieh, Bunting?« »Uff – jetzt werden Euer Edeln scharf! Freut mich, Sie so guten Humors zu sehen.« Walter seufzte tief; keine Freude war in diesem Augenblick in seinem Herzen. »Um Vergebung. Herr.« sagte der Korporal nach einigem Stillschweigen, »wenn ich so frei sein darf: haben Euer Edeln Vermeldung, wie's in Grünthal steht?« »Nein, Bunting, ich habe seit unserer Abreise mit meinem Onkel keinen Briefwechsel geführt. Einmal hab' ich ihm geschrieben, vor unserem Aufbruch nach Yorkshire, aber ich konnt' ihm keinen Ort angeben, wohin er mir die Antwort hätte schicken können. In der That war ich bei meinen Nachforschungen so von Hoffnung erfüllt, so oft begegnete mir ein Fingerzeig auf dieser Spur, die, wie ich jetzt fürchte, verloren ist, daß ich das Schreiben beharrlich vermied, bis ich die sichere Nachricht würde mitteilen können, auf deren Erlangung ich mit Bestimmtheit gerechnet hatte. Sollten wir übrigens in Knaresborough auch zu keinem Erfolg gelangen, so werd' ich gleichwohl von da aus einen ausführlichen Bericht über unsere bisherige Unternehmungen absenden.« »Hoff', werden dabei auch vermerken lassen, daß ich mich zu Euer Edeln Satisfaktion benommen hab'.« »Verlaßt Euch drauf.« »Dank Ihnen, Herr, dank unterthänig. Möcht' nicht, daß der Squire mich für undankbar hielte! – Uff! – und vielleicht könnt' ich noch größere Ursach' zur Erkenntlichkeit haben, wenn der Squire, segne ihn Gott! in Berücksichtigung von Euer Edeln gütigen Verwendung mir das Häusel zinsfrei überließ.« »Ein Mann von Welt, Bunting, ein Mann von Welt!« »Bin Euer Edeln sehr verbunden!« sagte der Korporal, die Hand an den Hut legend. – »Soll mich doch wundern,« hob er nach kurzer Pause wieder an, »soll mich wundern, wie's 'm armen Nachbar Dahltrup geht. War vergangnes Jahr leidend; möcht' wissen wie's mit 'm Peter steht – ist 'ne gute Haut.« Etwas erstaunt über diese plötzliche Nächstenliebe von seiten des Korporals – denn selten drückte Bunting Teilnahme für irgend jemand aus – erwiderte Walter: »Wenn ich schreibe, Bunting, will ich nicht vergessen, mich nach Peter Dahltrups Befinden zu erkundigen; – giebt Euch Euer mitleidiges Herz noch sonst irgend eine Botschaft an ihn ein?« »Nur nach Jakobine zu fragen, dem armen Ding; sie könnte selbst in Unangelegenheiten kommen, wenn der kleine Peter krank würd', und sie dann vergäße – uff. – Und daß ich hoffte, Peter werd's Häusel bisweilen auslüften... doch dafür wird wohl der Squire sorgen, segn' ihn Gott, und auch für's Kartoffelland.« »Darauf könnt' Ihr Euch verlassen, Bunting,« sagte Walter, und versank in stille Träume, aus denen ihn jedoch der Korporal bald wieder aufweckte. »Denk' mir wohl, Fräulein Madeline wird jetzt schon verheiratet sein, Euer Edeln? Geb' der Himmel, daß sie mit 'm gelehrten Mann glücklich wird.« Walters Herz schlug bei dieser unvermuteten Bemerkung einen Augenblick schneller, aber es that ihm wohl, zu bemerken, daß die Zeit, wo der Vorstellung von Madelines Vermählung schmerzliche Empfindungen sich beigesellten, gänzlich in ihm vorüber war. Indessen führte ihn diese Betrachtung auf eine neue Reihe von Gedanken, und ohne dem Korporal zu antworten, versank er in noch tieferes Sinnen als zuvor. Der schlaue Bunting sah, daß der Augenblick zu einer Erneuerung des Gesprächs nicht günstig sei; er blieb daher mit seinem Pferd wieder zurück, nahm aus seiner Tabaksdose einen Mundvoll zum Kauen, und unterhielt sich bald ebenso gut als sein Herr. In dieser Weise waren sie ungefähr eine halbe Stunde fortgeritten und bereits dunkelte der Abend tiefer, als eine, auf einen grünen Rasenplatz sich öffnende Lücke in der Straßenhecke ihnen eine Zigeunerwirtschaft zu Gesicht brachte. Der Anblick erschien so überraschend und malerisch, daß er den jungen Reisenden aus seiner Versunkenheit aufweckte, sodaß er, während sein müdes Pferd langsam, den Zügel auf dem Nacken, dahinschritt, mit ernstem Auge auf das wandernde Lager neben seinem Wege hinsah. Der Mond war eben über einem dunkeln Gebüsch im Rücken der Reisenden aufgegangen und warf ein breites, tiefes Dämmerlicht über den Rasen hin, ohne der lebhaften Wirkung der Feuer Abbruch zu thun, welche im schwärzern Hintergrunde der Trift glühten und Funken sprühten, während man die dunkeln Gestalten der Zigeuner undeutlich um die Flamme herumkauern sah. Ein Schauspiel dieser Art gehört wohl zu den überraschendsten, die Alt-Englands grüne Heiden darbieten. – Mich zieht es immer unwiderstehlich an, teils durch seine eigenen Reize, teils durch diejenigen, welche sich in der Vorstellung damit verbinden. Auf einem einsamen Ausflug, den ich, noch ganz Knabe, durch einige Teile von England und Schottland machte, bekam ich manches von diesem wilden Volke zu sehen, obwohl vielleicht nicht soviel als der geistreiche Georg Hanger, auf dessen Denkwürdigkeiten der Leser hinsichtlich einiger sehr unterhaltenden Abschnitte aus dem Zigeunerleben verwiesen sein möge. – Indem Walter das Auge noch auf das Lager gelichtet hielt, war er seinerseits dem Blick eines alten Weibes nicht entgangen. Hastig kam sie auf ihn zugerannt und bat um Erlaubnis, ihm wahrsagen zu dürfen und ihre Hand mit Silber in Berührung zu bekommen. Sehr wenige Menschen unter dreißig Jahren schlagen je ein Anerbieten solcher Art mit aufrichtigem Herzen ab. Niemand glaubt an diese Verkündigungen, aber jedermann hört sie gern. So willigte denn auch Walter, nachdem er den Vorschlag zweimal halb zurückgewiesen, beim drittenmal ein, hielt sein Pferd an und reichte seine Hand der alten Dame hin. Mittlerweile war ein Bube aus der Bande, der das Weib begleitet hatte, zum Lager zurück nach einem Lichte gerannt, und hielt nun hinter der Schulter der Alten einen Kienbrand empor, der sein rotes, unheimliches Licht auf die Gruppe warf. Der Leser darf nicht glauben, daß wir jetzt seine Leichtgläubigkeit zu Hilfe rufen werden, um die Teilnahme für unsere Geschichte irgendwie zu schärfen. Die Alte war eine gewöhnliche Zigeunerin und sagte Walter dasselbe Schicksal voraus, das sie jedermann verkündete, der ihr einen Schilling für die Prophezeiung bezahlte: – eine reiche Erbin mit blauen Augen – sieben Kinder – Ungelegenheiten gegen das dreiundvierzigste Jahr hin, die glücklicherweise bald vorüber sein werden – ein gesundes, hohes Alter und einen leichten Tod. Obwohl Walter den Ausspruch ohne sonderliche Ehrfurcht anhörte, konnte er sich doch der Frage nicht enthalten: »ob die Reise, auf welcher er im Augenblick begriffen sei, zu einem Ziele führen werde.« »'s ist 'ne böse Nacht,« sagte das alte Weib, indem sie das wilde Gesicht mit dem greisen Haar geheimnisvoll aufwärts wandte – »'s ist 'ne üble Nacht, für die so suchen und für die so fragen. Er – geht um.« »Er – Wer?« »Gleichviel! – mögt zum Ziel kommen; junger Herr, und doch wünschen, daß es nicht so gegangen war'. Den Mond von dieser Seite her und der Wind von jener, verkünden, daß Ihr Eure Wünsche erreichen und finden werdet, daß sie ein Kreuz für Euch sind.« Der Korporal hatte dieser Verkündigung sehr aufmerksam zugehört und wollte der Wahrsagerin sofort eben die eigene Hand hinstrecken, als von einem Nebenwege zur Rechten Hufschlag ertönte und gleich darauf ein Reiter in vollem Trabe auf sie zukam. »Hört mal, alte Hexe, oder Sie, meine Herren, ist dies die Straße nach Knaresborough?« Die Zigeunerin wandte sich und schaute dem Reiter ins Gesicht, auf welches der rote Glanz des Kienbrandes den vollen Widerschein warf. »Nach Knaresborough, Richard, du Teufelswaghals? und was will denn der Zugvogel im alten Nest? Willkommen in Yorkshire, Richard, mein Rabensohn.« »Ha!« rief der Reiter, indem er die Hand über die Augen hielt, als er den Blick der Zigeunerin erwiderte: »Bist du's, Liese Airlie – dein Willkomm ist wie Eulengeschrei und führt auf die falsche Bahn. Aber ich kann mich nicht aufhalten. Hier geht's also nach Knaresborough?« »So gerad wie 'nes sterbenden Mannes Fluch in die Hölle,« erwiderte die Alte in jener bilderreichen Redeweise, die von ihrem ganzen Volke bevorzugt wird, ja aus welcher dessen eigene Sprache in der That beinahe ganz besteht. Der Reiter antwortete nicht, sondern trabte fort. »Wer ist das?« fragte Walter ernsthaft, während das alte Weib ihren schwarzgelben Hals dem Wanderer nachstreckte. »'n alter Freund, Herr,« erwiderte die Ägypterin trocken. »Hab' ihn seit vierzehn Jahren nicht gesehen, aber Liese Airlie thut das nicht, daß sie 'nen Freund oder Feind vergißt. Ja, Herr, soll ich Euer Edeln wahrsagen?« (damit hatte sie sich zum Korporal gewandt, der, die Hand am Halfter, aufrecht im Sattel saß), »die Haarfarbe der Dame – und –« »Halt's Maul, du Teufelsrippe,« fuhr der Korporal stürmisch dazwischen, als sei die ganze Flut seiner Gedanken, die der Wahrsagerin noch eben so günstig war, mit Gewalt zurückgeworfen worden. »Gefällt's Euer Edeln, 's wird spät; wär' besser für uns, wir trabten vorwärts.« »Ihr habt recht,« sagte Walter. Damit spornte er sein abgetriebenes Pferd, nickte der Zigeunerin ein Lebewohl zu, und war bald aus dem Gesicht der Lagernden. »Herr,« sagte der Korporal, indem er seinem Gebieter an die Seite geritten kam, »das ist 'n Mann, den ich schon gesehen hab'. Kannte sein Teufelsgesicht im Augenblick wieder; – ist derselbe, der in Grünthal nach Herrn Aram fragte, und den wir später in der Nacht trafen, als wir auf Sir Peter Dingsda stießen.« »Bunting.« sagte Walter mit leiser Stimme, »auch ich hab' mich bemüht, mir zurückzurufen, wo ich das Gesicht dieses Menschen schon gesehen; denn auch ich bin überzeugt, daß es mir schon irgendwo vorkam. Beinahe zur Gewißheit steigt in mir der üble Verdacht, daß in der Stunde, als ich dasselbe zum letztenmal sah, mein Leben in Gefahr schwebte. Mit einem Wort, ich glaube, daß dieses Gesicht sich in der Nacht über mich beugte, als ich unter der Hecke lag und der Ermordung kaum entging. Gleichwohl war's, wie ich meine, noch der Gutherzigste unter den Schurken, der einzige, der seinen Kameraden den Rat gab, mir nicht den Garaus zu machen.« Der Korporal schauderte. »Möchten's doch nachsehen,« sagte er nach einem augenblicklichen Stillschweigen, »ob Ihre Pistolen Pulver auf der Pfann' haben; – so – so! 's wär' nicht unmöglich, daß der Kerl hier 'rum seine Handwerksgesellen hätte, und uns 'nen Hinterhalt zu legen gedenkt. Auch die alte Ziegeunerin, was für 'n G'sicht sie hatte! Verlassen Sie sich drauf, die zwei stecken unter einer Decke – uff! – Wetter – wuff!« Damit ließ der Korporal sein bedeutsamstes Grunzen hören. »In der That das ist nicht unwahrscheinlich, Bunting, und da wir jetzt nicht mehr weit von Knaresborough entfernt sind, werden wir gescheit thun, so schnell als es die Pferde aushalten, weiterzureiten. Kommt an meine Seite.« »Mein Seel' – will Euer Edeln decken,« sagte der Korporal, indem er auf diejenige Seite ritt, wo die Hecke am dünnsten und folglich ein Hinterhalt am wenigsten wahrscheinlich war. »'s ist mir mehr um Euer Edeln, als um mich selbst z' thun; was für 'n Vieh wär ich auch sonst! – uff!« Herr und Diener waren eine kleine Strecke Wegs fortgetrabt, als sie bemerkten, daß sich auf der Wiese neben der Straße etwas Dunkles hinbewege. Dem Korporal stand das Haar zu Berge; er stieß einen Fluch aus, der bei ihm stets für ein Gebet galt. Auch Walter fühlte den Atem etwas schwerer werden, als er die Bewegungen des nur undeutlich erkennbaren Gegenstandes betrachtete. Gleich darauf wurde derselbe jedoch zu einem Reiter, der sehr langsam auf dem Grase dahintrabte, und als sie nun näher kamen, erkannten sie den vorhin gesehenen Mann, welcher, nach der Eile zu schließen, mit der er sie verlassen, bereits viel weiter hätte voraus sein müssen. Der Reiter wandte sich, als er sie hinter sich hörte. »Sagen Sie mir doch, meine Herren,« rief er ihnen im Tone großer, augenscheinlicher Beängstigung zu, »wie weit ist es nach Knaresborough?« »Antworten's ihm nicht, Euer Edeln,« flüsterte der Korporal. »Wahrscheinlich,« erwiderte Walter, ohne auf diesen Wink zu achten, »kennen Sie die Straße besser, als wir selbst. Indessen kann es nicht viel über eine Stunde sein.« »Dank Ihnen, mein Herr – bin schon sehr lange nicht mehr in diesen Gegenden gewesen. Vormals wußte ich mich wohl zurechtzufinden, da haben sie aber neue Straßen und wunderliche Gehege gemacht, so daß ich mich jetzt an gar keinen bekannten Gegenstand halten kann. Verflucht sei diese Bestie, verflucht sag' ich!«, wiederholte der Reisende und biß im Tone des heftigsten Ärgers die Backenzähne zusammen: »niemals war mir die Eile noch so sehr vonnöten, und doch ist das Tier so lahm geworden wie ein Holzblock. So geht's, wenn man rascher fort will als andere Leute. – Herr, sind Sie ein Vater?« Diese plötzliche Frage mit scharfer, gespannter Stimme vorgebracht, fiel Walter etwas unheimlich auf. Er antwortete kurz mit »Nein,« und wollte eben sein Pferd zu neuem Laufe anspornen, als der Reiter noch einmal das Wort nahm, wobei in seinem Tone und in seiner Weise etwas war, das wirklich Aufmerksamkeit erregte. »Und ich bin im Zweifel, ob ich ein Kind habe oder nicht. – Bei Gott! da kann's einem bitter ans Herz nagen! – Vielleicht komm' ich nach Knaresborough, um meine einzige Tochter tot zu finden, Herr! – tot!« Trotz Walters Argwohn gegen den Redenden konnte er sich bei dem sichtbaren Kummer, womit diese Worte ausgesprochen wurden, einer Aufwallung von Mitleid nicht enthalten. »Hoffentlich wird das nicht der Fall sein,« sagte er unwillkürlich. »Dank Ihnen, Herr,« erwiderte jener, indem er einen vergeblichen Versuch zur Antreibung seines Gaules machte, der unter der Anstrengung beinahe zu Boden stürzte. »Ich bin spornstreichs vierzehn Stunden durch's Land geritten; denn eine Post gab es in dem verfluchten Orte, wo ich diese Bestie mietete, nicht. Dies war die einzige Kreatur, die ich um Geld und gute Worte bekommen konnte, und jetzt weiß nur der Teufel, wie wichtig jeder Augenblick sein mag – Während ich da spreche, thut vielleicht mein Kind den letzten Atemzug!« – Damit schlug der Mann in Verzweiflung und Wut dem Pferde mit geballter Faust in die Seiten. »Nichts als Spitzbüberei.« flüsterte der Korporal. »Herr,« rief der Reiter jetzt mit lauter Stimme, »ich hätte nicht zu fragen gebraucht, ob Sie Vater sind, denn wären Sie's, so hätten Sie längst Mitleid mit mir gehabt und mir Ihr eigenes Pferd geliehen.« »Der unverschämte Schurke,« murmelte der Korporal. »Herr,« erwiderte Walter, »man glaubt nicht alles, was jeder Fremde sagt.« »Glauben! – schon recht, schon recht, gleichviel!« entgegnete störrisch der Reiter. »Es gab eine Zeit, Herr, wo ich mit Gewalt gefordert haben würde, um was ich jetzt bitte; aber das Herz ist mir gebrochen. Reiten Sie zu, Herr, reiten Sie zu – und verdammt sei –« »Wenn,« unterbrach ihn Walter unschlüssig – »wenn ich Ihrer Versicherung glauben könnte: – aber nein! Merken Sie sich, Herr, ich habe Gründe – schlimme Gründe zu dem Verdacht, daß Sie mir mit Ihrem Vorgeben bloß eine Falle stellen wollen.« »Ha!« sagte der Reifende nachdenklich, »sind wir nicht schon früher zusammengetroffen?« »Ich glaube so.« »Und Sie haben Ursache gehabt, sich über mich zu beklagen? Es mag sein – es mag sein; aber stünd' das Grab vor mir und würf' mich eine einzige Lüge hinunter, so schwör' ich feierlich, daß ich jetzt bloß die nackte Wahrheit sage.« »Es wäre thöricht, ihm zu trauen, Bunting?« wandte sich Walter zu seinem Diener. »Thöricht? – 'ne Pure Tollheit – Wetter!« »Wenn Sie der Mann sind, wofür ich Sie halte,« nahm Walter wieder das Wort, »so erhoben Sie einst Ihre Stimme gegen die Ermordung eines Reisenden, obwohl Sie denselben plündern halfen; – dieser Reisende war ich. Ich will der Liebesthat gedenken und die Gewaltthat vergessen, – will nicht glauben, daß Sie Ihre Geschichte als eine Falle für mich erfunden haben. Nehmen Sie mein Pferd, Herr, ich will Ihnen trauen.« Hausman – denn er war es – sprang augenblicklich aus dem Sattel. »Ich flehe nicht zu Gott, Sie zu segnen: ein Segen aus meinem Munde wäre schlimmer als ein Fluch. Aber Sie werden das nicht bereuen; Sie werden das nicht bereuen!« Hausman sprach diese wenigen Worte mit sichtbarer Rührung, die bei der offenbaren Roheit und verhärteten Gemeinheit seiner Natur um so ergreifender war. Im zweiten Moment hatte er Walters Pferd bestiegen. Er wandte sich und fragte, wohin er das Pferd in Knaresborough schicken solle? Walter wies ihn nach dem ersten Gasthofe; Hausman gab ein Abschiedszeichen mit der Hand, stieß dem Tier die Sporen in die Seiten und war ihnen, trotz dessen Ermüdung, in einem Nu aus den Augen. »Na, wenn ich je so was g'sehen hab',« brummte der Korporal. »lirum larum la la la, lirum larum la la la! – Uff – wuff – Wetter!« – »Meine Gutherzigkeit gefällt Euch nicht, Bunting?« »O Herr, jetzt ist's einerlei, jetzt schneiden sie uns die Kehlen ab – weiter gar nichts.« »Was, Ihr glaubt also der Geschichte nicht?« »Ich? Wie Euer Edeln fragen können! Ich bin kein Narr.« »Bunting!« »Herr.« »Ihr vergeßt Euch.« »Uff!« »Ihr meint also, ich hätte ihm das Pferd nicht leihen sollen?« »Ne! G'wiß nicht.« »Bei solchen Gelegenheiten soll also jeder nur an sich selbst denken? Klugheit vor Edelmut?« »Nicht anders, Herr.« »So steigt also ab; – ich brauch' dann mein Pferd selbst. Ihr könnt Euch mit dem lahmen fortschleppen.« »Uff, Herr, uff?« »Schurke, steig' ab, sag' ich!« rief Walter ergrimmt. Der Korporal gehörte zu den Leuten, welche ihre Herren gern meistern mögen; dazu erboste seine Selbstsucht den jungen Mann ebensosehr als sein anmaßlicher Ton größerer Einsicht. Der Korporal zögerte. Er hielt einen Hinterhalt für etwas, das gar nicht ausbleiben konnte, und wog die Gefahr, ein lahmes Pferd zu reiten, gegen das Mißfallen seines Herrn ab. Walter geriet beim Anblick dieser Bedenklichkeiten in so heftige Wut, daß er auf den Diener losstürzte, ihn beim Kragen faßte, und so schwer er war, zu Boden schleuderte, da derselbe auf einen solchen Angriff sich gar nicht gefaßt gemacht hatte. Ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, bestieg Walter das gesunde Pferd, warf den Zügel des lahmen über einen Zweig und überließ es dem Korporal, ihm nach Gefallen nachzufolgen. Es giebt vielleicht keinen unleidlichern Gemütszustand, als unsere Empfindung, wenn wir erst eine großmütige Handlung begangen zu haben glauben und dann besorgen, es sei bloß eine thörichte gewesen. »Gewiß,« sagte Walter zu sich selbst, »gewiß ist der Mann ein Schurke; gleichwohl war seine Rührung aufrichtig. Gewiß war er einer von denjenigen, die mich beraubten; gleichwohl war er auch der einzige, der sich für mein Leben verwandte. Hätt' ich wohl einem Bösewicht zu neuer Kraft verholfen, wär' ihm zu einer Gewaltthat gegen mich selbst beigestanden? Es ist sehr glaublich! Doch auf der andern Seite, wenn seine Geschichte wahr ist – wenn sein Kind wirklich auf den Tod liegt und er nun durch meine Hilfe noch zu einer letzten Unterredung mit demselben käme! Ja, ja, darauf will ich hoffen!« Hier wurde er von dem Korporal eingeholt, der, so erbost er war, es für klüglich hielt, seinen Zorn bis auf andere Gelegenheit zu unterdrücken und sich durch die Gesellschaft, womit er seinen Herrn beehrte, einen Verteidiger in der nächsten Nähe zu verschaffen, falls sich seine Befürchtungen als begründet ergeben sollten. Aber einmal im Leben betrog ihn seine Weltkenntnis: kein lebendes Wesen rührte sich auf dem einsamen Wege; allgemach schimmerten ihnen die Lichter der Stadt entgegen und bei der Ankunft im Gasthof fand Walter, daß sein Pferd schon hergeschickt war und sich, mit Staub und Schaum bedeckt, bereits unter den schützenden Händen des Hausknechts befand. Zehntes Kapitel. Walters Betrachtungen. – Der Wirt. – Ein sanfter Charakter und ein heiteres Greisenalter. – Der Garten und was derselbe lehrt. – Ein Gespräch, worin neue Winke zu der gewünschten Entdeckung gegeben werden. – Der Geistliche. – Besuch an einem Orte von großem Interesse für den Reisenden. Von Blumen wand am Tag ich einen Strauß, Hier schlürf' ich jetzt des Duftes Neige aus, Und bind' mein Leben dann in dieses Band. Georg Heibert . – es naht die Zeit heran, Die uns mit Sicherheit wird offenbaren, Was – Shakespeare . Macbeth. Am nächsten Morgen stand Walter früh auf und traf, als er sich sofort in den Hof des Gasthauses verfügt hatte, den Wirt, der eine Hacke in der Hand, eben in ein Pförtchen trat, das nach dem Garten führte. Er behielt das Thürchen für den Gast offen. »Ein schöner Morgen, Herr; gefällt's Ihnen vielleicht, einen Blick in den Garten zu thun?« fragte er mit einladender Freundlichkeit. Walter nahm das Erbieten an und fand einen großen, wohlausgestatteten Garten, der mit vieler Regelmäßigkeit und einigem Geschmack angelegt war. Der Wirt blieb bei einem Beet stehen, das seine besondere Sorgfalt in Anspruch nahm, und Walter ging in einsamen Betrachtungen weiter. Der Morgen war heiter und klar, aber eine scharfe, durchdringende Frostluft gesellte sich der Frische bei, und unwillkürlich beeilte Walter seinen Schritt, als er mit gesenkten Augen und tief in die Stirn gedrücktem Hut die geraden Wege auf und nieder ging, welche den Garten durchschnitten. So hatte er also den Ort erreicht, an welchem die letzte Spur von seinem Vater auf so Ungewisse, seltsame Weise zu verschwinden schien! Konnte durch die Nachforschungen, die er beabsichtigte, hier kein weiterer Faden entdeckt werden, so mußte in diesem Städtchen sein Suchen und Hoffen ein Ende nehmen. Aber das junge Herz des Reisenden schwoll von neuen Erwartungen. Beim Zurückblick auf die Ereignisse der letzten wenigen Wochen glaubte er den Finger des Schicksals zu erkennen, der ihn von Schritt zu Schritt leitend nun an dem Orte still hielt, zu dem er geführt hatte. In welchem wunderbaren Zusammenhang hatte die Reihenfolge der Umstände gestanden, die scheinbar ganz geringfügige – ganz unähnliche Dinge verknüpfend, sich zu einer fortlaufenden Kette von Beweisen ausdehnte! Der unbedeutende Zufall, der ihn in den Laden des Sattlers treten ließ; das Ungefähr, das ihm seines Vaters Peitsche vor die Augen gebracht; der Bericht Courtlands, der ihn in diesen entfernten Teil des Landes gewiesen hatte, und endlich die Erzählung Elmores, die ihn nach dem Ort leitete, an welchem alle Nachforschungen für jetzt stillzustehen schienen! Sollte er bloß hierher geführt worden sein, um abermals die seltsame Geschichte des plötzlichen, neckischen Verschwindens zu vernehmen? – um eine steile Mauer, eine ungefüge, unübersteigliche Schranke für einen Lauf zu finden, der bis hierher so stetig weitergeführt hatte? War er das Spielzeug des Schicksals, nicht sein Wertzeug gewesen? Nein, ihn erfüllte ein ernster, tiefer Glaube, daß eine Entdeckung, zu welcher unter allen Menschen er durch die unveräußerlichen Ansprüche des Bluts und der Geburt am meisten berechtigt war, ihm vorbehalten sei, und daß dieser hohe Traum, dieses still genährte Ziel seiner Kindheit jetzt verwirklicht und erreicht werden solle. Zudem konnte ihm nicht entgehen, daß auf dem Wege zu seinem hohen Unternehmen sein Charakter einen gediegenen, gedankenvollen Ernst angenommen hatte, welcher mehr dem Wesen eines solchen Vorhabens angemessen war, als er seiner früheren Gemütsbeschaffenheit entsprach. Dieses Bewußtsein schwellte seine Brust mit tiefer, zuverlässiger Hoffnung. Wenn das Schicksal seine Diener unter den Menschen auswählt, so schafft sein dunkler, geheimnisvoller Geist in ihnen; es formt ihre Herzen, erhöht ihre Kraft, bildet sie zu der Rolle, die es ihnen angewiesen, und macht das sterbliche Werkzeug würdig für den erhabenen Zweck. So seinen tiefen Betrachtungen im Innern geschäftig hingegeben, blieb der junge Reisende endlich vor dem Wirt stehen, der immer noch bei seinem heiteren Geschäft war, und hie und da durch die Arbeit und die frische Morgenluft aufgeregt, in einzelne Verse alter ländlicher Lieder ausbrach. Der Gegensatz zwischen ihm selbst und diesem »mühlosen Waller durch die grüne Erde« machte einen tiefen Eindruck auf ihn. Auch paßte die Miene des Alten wirklich mehr zu seiner gegenwärtigen Beschäftigung, als zu seinem eigentlichen Beruf. Er mochte seine dreiundsechzig Jahre zählen, aber ein fröhliches, frisches Greisenalter schien ihre Folge. Die Wange war fest und rot, nicht von nächtlichen Gelagen, sondern als muntere Zeugin der Morgenluft, die sie täglich begrüßte. Die Gestalt war kräftig, nicht fleischig; das lange graue, fast auf die Schultern hinabreichende Haar, die klaren blauen Augen und ein angenehmer Schwung des Mundes, der auf fortwährende Heiterkeit des Gemüts deutete, gaben zusammen ein Bild, auf welchem selbst ein minder empfänglicher Beobachter längere Zeit verweilt haben dürfte. Und in der That genoß der gute Mann einen gewissen Ruf wegen seines freundlichen Aussehens und frohsinnigen Benehmens. Ein junger Künstler in der Nachbarschaft hatte sogar ein Bild von ihm entworfen; ja dieses war durch Stiche vervielfältigt worden, die, immerhin ein wenig roh und unähnlich, keinen unbeachteten oder staubigen Winkel im ersten Bilderladen des Städtchens einnahmen. Dabei widersprach der Charakter des Wirtes seinem Äußern keineswegs. Er hatte genug vom Leben gesehen, um zur Einsicht zu gelangen, und hatte es richtig genug beurteilt, um wohlwollend zu bleiben. Hinausgeschritten war er über jene Linie, die für alle Gesetzbücher der Menschen so richtig in dem bewundernswürdigen Blatte gezogen ist, das der körnigen Weise englischer Darstellung zuerst Feinheit des Geschmacks beigesellte. »Wir haben gerade Religion genug,« heißt es irgendwo im »Zuschauer,« »damit wir einander hassen, aber nicht genug, damit wir einander lieben.« Unser guter Gasthalter, Friede sei seiner Asche! war an dieser Grenze nie stehen geblieben. Dieser Wirt auf dem Lande hätte Goldsmith ein Gegenbild zu seinem Landpfarrer liefern können. Sein Haus war ebenso gastlich gegen den Armen – sein Herz, mehr durch Natur als durch Erfahrung weise, ebenso wohlwollend gegen Irrende, und in seiner warmen Einfalt ebenso offen für Notleidende. Friede sei mit dir +++++! Unser Großvater war dein Gönner – doch brauchtest du keinen Gönner. Auf der Stufe, die du einnahmst, bleibt das Verdienst selten ohne Lohn. Auf ein Haus, wie das deinige, braucht man die Leute nicht erst aufmerksam zu machen. Wer braucht einen dritten, um ihn über die Wertschätzung eines liebevollen Gemüts und eines guten Tisches erst aufzuklären? Wie Walter so stand, den alten, über die duftige frische Erde gebeugten Mann betrachtete und sofort mit einem weitern Blick den ruhigen Garten übersah, dessen Grenzen sich auf beiden Seiten in dickes Immergrün verloren, ward sein Herz von jener lieblichen, unser Selbst erhebenden Stille beschlichen, die uns eine ländliche Scene ( rura et silentium ) in der Regel zuhaucht, wenn wir zu ihrem klaren Bewußtsein vom wirren Traum dunkler, unruhiger Gedanken erwachen. Ein paar alte Verse, die ihn sein Oheim, ein Liebhaber der sanften, kunstlosen Sittenlehre bei den frühern englischen Volkssängern, in seinen Kinderjahren gelehrt, stiegen auf anmutige Weise in seiner Erinnerung auf: Hier malt sich, wie in seltnem Bilderbuch, Von Gottes heil'gem Willen mancher Spruch. Das Tausendschön lehrt zarte Liebeshuld, Kamillen auszuharren in Geduld, Die Raute Haß vor Lasters gift'ger Schuld, Das Geißblatt fest an Freundestreue halten, Der Winterkohl in Hoffnung nie erkalten. Henry Peacham. Der Alte hielt, als die nachdenkliche Gestalt seines Gastes ihren Schatten über ihn hinwarf, in der Arbeit inne, und sagte: »Eine liebliche Zeit, Herr, für einen Gärtner.« »Ja, meinen Sie? – Sie müssen jetzt die Blumen und Früchte des Sommers missen.« »Schon recht, Herr – aber wir zahlen jetzt dem Garten das Gute zurück, das er uns gegeben hat. Es ist, als sorgten wir in seinen alten Tagen für einen Freund, der in seiner Jugend gütig gegen uns gewesen ist.« Walter lächelte über die eigentümliche Liebenswürdigkeit des Gedankens. »'s ist was gar Einnehmendes um einen Garten, Herr! – jeden Tag giebt er uns was zu thun und so, mein ich, müss' ein Mensch es haben, wenn er ein glücklich Leben führen will.« »Das ist wahr,« entgegnete Walter: und der Wirt, der in seiner Art ein Physiognomiker war, wurde durch die Aufmerksamkeit und die freundlichen Züge des Fremden zum Fortfahren ermutigt. »Und dann, Herr, werden wir bei dergleichen Geschäften nie in unsern Aussichten getäuscht. Der Boden ist nicht undankbar, wie, heißt es, die Menschen sind – obwohl ich sie, beiläufig gesagt, selten so gefunden habe. Was wir säen, ernten wir. Ich hab' ein altes Buch im kleinen Wohnzimmer liegen, Herr, durchweg übers Fischen und voll so viel schöner, erbaulicher Gedanken über Landleben und stille Betrachtung und dergleichen, daß man so großen Nutzen draus zieht wie aus einer Predigt. Aber meinem Dafürhalten nach lassen sich alle diese Gedanken noch mehr aufs Leben eines Gärtners als eines Fischers anwenden.« »Es ist allerdings ein weniger grausamer Beruf,« antwortete Walter. »Ja, Herr; und dann hat einer an dem Schönen, das er selbst macht, an den Blumen, die er mit eigener Hand pflanzt, größere Freude, als an aller Pracht, die unserem eigenen Thun nichts verdankt; wenigstens scheint es mir so. Immer bin ich für den Zufall dankbar gewesen, der mich aufs Gartenwesen brachte.« »Und worin bestand der?« »Ja, Herr, da, müssen's wissen, lebte vor mehreren Jahren ein Herr in unserem Städtchen, der war Ihnen bei all seiner Jugend ein großer Gelehrter und erstaunlich auf Pflanzen und Blumen und so weiter aus. Ich hörte den Pfarrer sagen, er verstände von solchen unschuldigen Dingen mehr, als irgend ein anderer in der Grafschaft. Damals war ich noch nicht in so guten Umständen wie jetzt. Ich hielt ein kleines Wirtshaus in der Vorstadt, und da ich früher Wildhüter bei Lord – – gewesen, so pflegte ich mir durch Begleitung von Herrschaften aufs Fischen oder Schnepfenschießen einen kleinen Nebengewinn zu verschaffen. So ging ich einst mit einem fremden Herrn aus London fischen. An einem stillen, abgelegenen Ort, etwas über eine Stunde von hier, blieb der plötzlich stehen und pflückte ein paar Kräuter, die mir was ganz Gewöhnliches dünkten, die aber seiner Versicherung nach höchst merkwürdig und selten waren. Hörte nachher, er sei ein großer Herbalist, wie man's, glaub' ich, nennt; aber ein kläglicher Fischer war er. Na, Herr, da fiel mir am andern Morgen unser großer Gelehrter und Botanikus, Herr Aram, ein, und ich dachte, es würd' ihm wohl Freude machen, diese Gräserchen auch kennen zu lernen. Lief also zu ihm und bat ihn, ihm den Ort zeigen zu dürfen. So gingen wir denn hin und wahrhaftig, Herr, von allen Menschen, die ich je gesehen, schlich sich Ihnen keiner so ins Herz, wie dieser Eugen Aram. Er war damals ausnehmend arm, klagte aber niemals und war viel zu stolz, als daß irgend jemand gewagt hatte, ihm Hilfe anzubieten. Dabei lebte er ganz allein und ging in der Regel jedermann auf seinen Spaziergängen aus dem Wege: aber es war etwas so Einnehmendes und Geduldiges in seinen Manieren und seiner Stimme und seinem bleichen, sanften Gesicht, worauf, so jung er war, denn er zählte kaum ein oder zweiundzwanzig Jahre, Trauer und Schwermut standen, daß es Ihnen gleich ans Herz ging, wenn Sie ihn sahen oder mit ihm sprachen. – Na, Herr, wir machten uns nach dem Ort auf den Weg, und er schien sehr erfreut über die grünen Dinger, die ich ihm da zeigte, und da ich allezeit von mitteilsamem Temperament – ein rechter Gevatter sagen meine Nachbarn! gewesen, so bracht' ich ihn durch meine Fragen mitunter zum Lächeln. Er schien Gefallen an mir zu finden und schwatzte aus dem Heimweg mit mir von Blumen und Gärtnerei und so fort; und gewiß, es war besser als ein Buch, wenn man ihn so anhörte. Und wenn wir darauf einander wieder in den Weg kamen, wich er mir nicht aus wie den andern, sondern ließ mich stillstehen und mit ihm plaudern. Da frug ich ihn auch um Rat wegen einer kleinen Pacht, die ich eingehen wollte, und er sagte mir allerhand unbekannte, gar merkwürdige Dinge, die ich nachher als ganz wahr erfand und die mir ein Stück Geld eintrugen. Absonderlich aber sprachen wir viel über Gärtnerei, denn ich hörte ihn gar gern über dergleichen Sachen reden und so, Herr, machte mir alles einen tiefen Eindruck, was er sagte, und ich hatte keine Ruhe, bis ich mich selbst auf die Gärtnerei geworfen, und seit der Zeit hat mir's jeden Tag meines Lebens immer mehr und mehr gefallen. In der That, Herr, ich meine, so ein unschuldiges Geschäft mache ein Menschenherz besser und liebevoller gegen seine Mitkreaturen, und immer hab' ich größere Freude am Bibellesen, besonders am neuen Testament, wenn ich den Tag im Garten zugebracht. Ja, möcht' wohl wissen, was aus dem armen Herrn geworden ist.« »Ich kann Ihr Herz über ihn beruhigen, guter Mann; Herr Aram lebt in – – –, hat sein behagliches Auskommen und ist allgemein beliebt, obwohl er seine alte Zurückgezogenheit noch immer beibehält.« »Was Sie sagen! in langer Zeit hat mich nichts so gefreut!« »Sagen Sie mir doch,« begann Walter nach einer kleinen Pause von neuem, »erinnern Sie sich des Umstandes, daß ein gewisser Herr Clarke in dieser Stadt erschien und sie dann wieder auf eine sehr unerwartete und geheimnisvolle Art verließ?« »Ob ich dran denke? Ja freilich, Herr! Machte einen großen Lärm in Knaresbro' – war ziemlicher Verdacht, daß es dabei nicht richtig hergegangen. Was mich betrifft, so hatt' auch ich meine Gedanken darüber, aber was weiter.« Damit begann der Alte sein Ausjäten wieder mit großem Eifer. »Mein Freund,« sagte Walter, seine Empfindung bemeisternd, »Sie würden mir einen größern Dienst erweisen, als ich sagen, kann, wenn Sie mir irgend eine Nachweisung, eine Vermutung über diesen – diesen Herrn Clarke geben könnten. Bloß um Erkundigungen über sein Schicksal einzuziehen, bin ich hierher gekommen: mit einem Wort, er ist – oder war – ein naher Verwandter von mir.« Der Alte sah mitleidig in Walters Gesicht. »Gern,« erwiderte er langsam, »will ich Ihnen alles mitteilen, was ich weiß, aber das ist sehr wenig oder vielmehr nichts. Doch wollen wir den Weg da hinaufgehen, Herr? man hört uns dort weniger. Haben Sie einen gewissen Richard Hausman nennen hören?« »Hausman! ja. Er war ein Bekannter meines armen ... ich will sagen ein Bekannter Clarkes. Er sagte, Clarke sei sein Schuldner gewesen, als er die Stadt so plötzlich verließ.« Der Alte schüttelte geheimnisvoll den Kopf und sah sich ringsum. »Will Ihnen sagen,« flüsterte er, die Hand auf Walters Arm legend, diesem ins Ohr, »ich will niemand ungerechterweise anklagen, aber ich möchte wohl glauben, Hausman habe den Clarke ermordet.« »Großer Gott!« murmelte Walter und klammerte sich an einen Pfosten, um nicht umzufallen. »Weiter! – achten Sie nicht auf meine Bewegung – achten Sie nicht; – um des Erbarmers willen, sprechen Sie weiter!« »Aber ich weiß nichts Zuverlässiges – nichts Zuverlässiges, glauben Sie mir,« sagte der Alte, erschrocken über den Eindruck, den seine Worte gemacht; »vielleicht ist's nicht so schlimm, als ich denke, und meine Gründe sind nicht sehr stark; doch Sie sollen dieselben hören. – Herr Clarke kam, wie Ihnen bekannt, in unser Städtchen, um ein Legat in Empfang zu nehmen – Sie kennen die nähern Umstände?« Walter nickte die Bejahung ungeduldig zu. »Gut; obwohl er von schwacher Gesundheit schien, war er doch ein lebenslustiger, sorgloser Mensch, dem die Gesellschaft eines jeden recht war, der still saß und Geschichten erzählte und die Nächte vertrank; nicht just ein einfältiger, aber ein schwacher Mann. Nun war unter allen Müßiggängern im Städtchen Richard Hausman am meisten zu einem solchen Lebenswandel geneigt. Er hatte als Soldat gedient – hatte ein gutes Stück von der Welt gesehen – war ein kühner, gesprächiger, sorgloser Kerl – von durchaus leichtfertigem Wesen. Ging manches Gerede über ihn, obwohl man von keinem Gerücht ganz genau wußte, wie man damit dran sei. Kurzum, man hatte ihn in Verdacht, er habe sein Glück gelegentlich auf der Landstraße versucht und ein Fremder, der einmal in meinem kleinen Wirtshaus einkehrte, versicherte mir insgeheim, wenn er's auch nicht gerade beschwören könne, so sei er doch überzeugt, daß er vor einem Jahr auf der Landstraße nach London von Hausman angehalten worden. Bei alledem fehlte es diesem, da er einige angesehene Verwandte in der Stadt hatte – wozu, beiläufig gesagt, auch Herr Aram gehörte – da er ein gar guter Gesellschafter – ein guter Schütze – ein kecker Reiter – ein ausgezeichneter Sänger und sehr lustig und guten Humors war, gar nicht an Umgang und am ersten Abend, wo er und Herr Clarke zusammenkamen, wurden sie gewaltig vertraut miteinander, ja es schien beinahe, als hätten sie einander schon früher gekannt. In der Nacht, worin Herr Clarke verschwand, war ich mit ein paar Herren über Land gewesen und da es gegen Abend stark geschneit hatte, langte ich erst nach Mitternacht wieder in Knaresbro' an. Als ich durch die Stadt hinging, bemerkte ich zwei Männer in eifrigem Gespräch. Der eine war, das weiß ich gewiß, Clarke; der andere hatte sich in einen großen Mantel gehüllt und den Kapuzenkragen über den Kopf gezogen. Aber der Nachtwächter hatte den nämlichen Mann vorher allein getroffen und hatte beim Abziehen der Kappe bemerkt, daß es Hausman war. Kein anderer Mensch wurde nach dieser Stunde mit Clarke zusammengesehen.« »Aber wurde Hausman nicht verhört?« »Obenhin; er sagte aus, er sei jenen Abend bei Eugen Aram gewesen, habe, als er aus Arams Haus wegging, Clarke getroffen und sei, verwundert, was dieser, ein gebrechlicher Mensch, noch so spät draußen zu thun habe, ein Stück Weges mit ihm gegangen, um dahinter zu kommen. Clarke aber habe verwirrt geschienen, sei zurückhaltend und auf seiner Hut gewesen, habe ihm endlich mit einemmal gute Nacht gewünscht und sei in eine andere Straße eingebogen. Er, Hausman, sei versichert, Clarke habe diesen Abend noch die Stadt verlassen, um seinen Gläubigern zu entgehen und sich mit einigen Edelsteinen, die er von Herrn Elmore geborgt, davon zu machen.« »Aber Aram? war dieser verdächtige, ja nichtswürdige Mensch, der Hausman, ein Vertrauter Arams?« »Keineswegs; aber da sie entfernte Verwandte und Hausman überdies ein zuthulicher, aufdringlicher Bursche war, so konnte ihn Aram vielleicht nicht immer los werden. Wirklich bezeugte Aram, daß Hausman jenen Abend bei ihm zugebracht.« »Und auf Aram selbst fiel kein Verdacht?« Der Wirt fuhr verwundert herum »Du mein Himmel, nein! Ebenso gut könnte man das Lamm in Verdacht ziehen, es habe den Wolf gefressen!« Aber so dachte Walter Lester nicht. Die wilden Worte, die dem Gelehrten hie und da entfuhren – sein scheues Wesen – sein häufiges Erschrecken, seine Selbstgespräche, wodurch, wie man gesehen, schon von Anfang an in Walter der Argwohn einer früher begangenen Schuld erweckt worden, »die des Gemüts gesunden Schlaf gemordet habe« – all das brach mit zehnfacher Gewalt über sein Gedächtnis herein. »Aber kam denn sonst nichts zur Sprache? Ist Ihr ganzer Grund zum Verdacht – bloß der Umstand, daß Hausman der letzte war, den man mit Clarke zusammensah?« »Bedenken Sie Hausmaus zügellosen, verwegenen Sinn. Clarke hatte augenscheinlich seine Juwelen und sein Geld bei sich, denn sie wurden in seinem Hause nicht gefunden. Welche Versuchung für einen Menschen, der mehr als verdächtig war, sich in seinem Leben mitunter schon aufs Rauben gelegt zu haben! Hausman verließ bald nachher die Gegend und ist seitdem nie wieder in unsere Stadt zurückgekehrt, obwohl seine Tochter hier bei ihrer Großmutter lebt und ihn bisweilen in London besucht!« »Und Aram – auch er verließ Knaresborough bald nach dieser geheimnisvollen Begebenheit!« »Ja! eine alte Tante in York, die ihm während ihres Lebens nie eine Unterstützung zukommen ließ, starb etwa einen Monat nachher und vermachte ihm ein Legat. Als er dasselbe erhielt, begab er sich natürlich nach London – der beste Ort für einen so geschickten Gelehrten.« »Ha! sind Sie auch gewiß, daß diese Tante starb? daß ihm das Vermächtnis zufiel? Konnte das nicht ein bloßes Geschichtchen sein, um das Ausgeben von Geld, das auf einem ganz anderen Wege gewonnen wurde, zu beschönigen?« Der Wirt blickte Walter fast zornig an. »Man sieht wohl,« sagte er, »daß Sie Eugen Aram so gut wie gar nicht kennen, sonst würden Sie nicht so von ihm sprechen. Aber ich kann Ihren Zweifeln über diesen Gegenstand abhelfen. Ich kannte die alte Dame wohl, und meine Frau war eben in York, als sie starb. Überdies weiß beinahe jedermann hier von dem Testament, denn es war auf eine ziemlich seltsame Weise abgefaßt.« Walter schwieg unentschlossen. »Wollten Sie mich vielleicht nach dem Hause führen,« fragte er endlich, »wo Herr Clarke wohnte und wohl auch nach den andern Orten, an welchen die Klugheit gebieten dürfte, Nachforschungen anzustellen?« »Mit größtem Vergnügen,« erwiderte der Wirt; »aber vorher müssen Sie der Hausfrau Butter und Eier versuchen. Es ist Zeit zum Frühstück.« Wir können uns vorstellen, daß Walters einfaches Mahl bald vorüber war. Ungeduldig seine Erkundigungen zu beginnen, stieg er von seinem einsamen Gemach in das kleine Hinterzimmer hinter der Schranke herab, worin er vorigen Abend Wirt und Wirtin beim Nachtessen getroffen. Es war ein gar heimliches, kleines, getäfeltes Stübchen. Angelruten standen säuberlich gegen die Wand gereiht, die überdies durch ein Bild des Wirtes selbst, durch zwei alte niederländische Frucht- und Jagdstücke, durch eine lange, seltsam gestaltete Vogelflinte und, dem Kamin gegenüber, durch Haupt und Geweih eines stattlichen Hirsches geschmückt war. Auf dem Fenstersims lagen Isaak Waltons Fischerbuch, wovon der Alte, vorhin gesprochen; die Familienbibel mit ihrem grünfriesenen Überzug und zahlreichen, aus den ehrwürdigen Blättern hervorsehenden Lesezeichen: und wie in einem Nestchen neben ihr, an den schönen Spruch erinnernd, »lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht,« mehrere Büchlein lustigen Einbands und wunderbarlichen Inhalts von Feen und Riesen, welche den entzückten Knaben an den Kamin bannen und die Quelle goldener Stunden für des alten Mannes Enkelchen in ihren Erholungen vom kleinen Geschäft des Lernens waren Wo dort die Hausfrau sitzt In Augenlust versenkt, Ihr hold Gewühl beschaut, Und stumm das Rädchen lenkt. Shenstones Schulmeisterin. Der Wirt war noch über ein großes braunes Brot und einen gebackenen Hecht her und die Wirtin, eine stille, heitere, alte Frau, stärkte abwechselnd bald sich selbst, bald eine gestreifte Katze an einer Schüssel mit gebratenem Fleisch. Während der Alte sich beeilte, zum Abschluß seines Frühstücks zu kommen, vernahm man ein leises Klopfen an der Thür und gleich darauf steckte ein ältlicher, in Schwarz gekleideter Mann den Kopf ins Zimmer, wollte jedoch beim Anblick des Fremden sich wieder zurückziehen. Aber beide Wirtsleute fuhren geschäftig auf und baten Herrn Summers, wie sie ihn nannten, einzutreten. Freundlich gab der schwarze Herr der Einladung Folge, und die Frau bemerkte gegen Walter: »Unser Stadtpfarrer, und obwohl ich's ihm ins Gesicht sage, giebt's doch niemand, der, wenn's auf christlichen Wandel ankommt, eher Bischof werden sollte.« »Still! meine gute Frau,« sagte Herr Summers, indem er sich lachend gegen Walter verbeugte. »Sie sehen, mein Herr, daß es kein geringer Vorteil für einen ehrenvollen Ruf in Knaresbro' ist, das Wort unserer Frau Wirtin für sich zu haben. Aber wirklich,« sich mit einer Miene ernsten Ausdrucks zur Hausfrau wendend, »ich habe jetzt wenig Luft zum Scherzen. Sie kennen das arme Hannchen Hausman – das sanfte, stille, blauäugige Geschöpf; heut früh mit Tagesanbruch ist sie gestorben! Ihr Vater ist, um sie zu sehen, aus London gekommen. Sie verschied in seinen Armen und er soll, wie ich höre, dem Wahnsinn nahe sein!« Wirt und Wirtin bezeugten ihr Mitleid. »Das arme kleine Mädchen!« sagte letztere; »sie hatte ein hartes Los und fühlte es, so jung sie war. Ohne Fürsorge einer Mutter – und solch einen Vater! Doch liebte er sie wirklich sehr.« »Der Grund, warum ich bei Ihnen einspreche,« wandte sich der Geistliche von neuem gegen den Wirt, »ist dieser: Sie haben Hausman früher gekannt; mich hat er immer vermieden und, ich denk' wohl, verspottet. Jetzt ist er im Elend und all das ist vergessen. Wollten Sie wohl zu ihm gehen und ihn fragen, ob ich durch irgend etwas seinen Schmerz lindern kann? Er ist vielleicht arm; ich kann das Begräbnis des armen Kindes bezahlen. Ich hatte sie gar lieb, sie war das beste Mädchen in meiner Frau Schule.« »Zu ihm gehen will ich allerdings,« sagte der Wirt mit einigem Zögern. Sofort nahm er den Geistlichen bei Seite und flüsterte ihm das Walter gegebene Versprechen, sowie die jetzige Absicht seines Gastes und dessen Wunsch nach weiterer Aufklärung zu, wobei er nicht vergaß, seinen Argwohn über die Schuld des Mannes anzudeuten, zu dessen Bemitleidung er sich jetzt eben veranlaßt sah. Der Geistliche überlegte ein Weilchen, näherte sich dann Walter und bot seine Dienste an der Stelle des würdigen Gastgebers auf so offene, herzliche Weise an, daß der junge Mann kein Bedenken trug, auf das Erbieten einzugehen. »So machen wir uns denn auf den Weg,« sagte der Pfarrverweser – denn nur Verweser war er – welchem Walters Sehnsucht nach schnellem Aufbruch nicht entging. »Zuerst wollen wir in das Haus, wo Clarke wohnte; ich kenn' es wohl.« Beide begannen ihre Wanderung. Summers war kein oberflächlicher Altertumsforscher und suchte die fieberhafte Ungeduld seines Gefährten einstweilen abzulenken, indem er die Reize hervorhob, welche die alte merkwürdige Stadt, wohin ihn sein Geschäft geführt, darbiete. »Gleich merkwürdig in Bezug auf Geschichte wie auf mündliche Sage,« begann der Pfarrer. »Sehen Sie dort« (indem er auf die düster emporragenden Trümmer des zerstörten Schlosses wies, die durch eine Straßenlücke sichtbar wurden); »Sie würden jetzt in einiger Verlegenheit sein, die Richtigkeit der Beschreibung anzuerkennen, welche der alte Leland von diesem einst stolzen und glänzenden Bollwerk des Nordens macht, woran er elf bis zwölf Türme auf der Schloßmauer und überdies einen sehr schönen im zweiten Hofraum aufzählt. In diesem Schloß hielten sich die vier ritterlichen Mörder des stolzen Becket (des Wolfey jener Tage) ein ganzes Jahr, der schwachen Rechtspflege der damaligen Zeit zum Hohn, auf. Auch der unglückliche Richard der Zweite – der Stuart unter den Plantagenets – verbrachte hier einen Teil seiner bittern Gefangenschaft. Und nach der Schlacht von Marston-Moor wehten hier die Banner der Königlichen gegen Lilburnes Söldner. Damals wurde der Ort auch noch, wie Ihnen vielleicht bekannt ist, durch ein rührendes Beispiel kindlicher Liebe bemerkenswert. Die Stadt litt hart durch Mangel an Lebensmitteln; ein Jüngling, dessen Vater zur Besatzung gehörte, stieg allnächtlich in den tiefen, trockenen Graben hinab, kletterte am Glacis hinauf und steckte Nahrungsmittel durch ein Loch in der Mauer, hinter welchem der Vater stand und sie in Empfang nahm. Endlich ward er entdeckt, und die Soldaten feuerten nach ihm. Er wurde gefangen und verurteilt, angesichts der Belagerten aufgehenkt zu werden, um Schrecken unter denen zu verbreiten, die vielleicht ebenfalls geneigt sein möchten, der Besatzung zu Hilfe zu kommen. Glücklicherweise ward jedoch diese Unthat dem Andenken Lilburnes und des republikanischen Heeres erspart. Mit großer Schwierigkeit erhielt eine gewisse Dame Aufschub für den Verurteilten und nach Eroberung des Platzes und Abzug der Truppen wurde der kühne Sohn in Freiheit gesetzt.« »Ein geeigneter Gegenstand für Dichter Ihrer Gegend,« sagte Walter, auf welchen Geschichten dieser Art, bei der Natur seines eigenen Unternehmens; besonderen Eindruck machten. »Ja; aber wir können uns nur weniger Sänger rühmen, seit der junge Aram uns verlassen hat. – Die Burg – einst der Sitz von Pierce Gaveston – von Hubert III. – von Johann von Gaunt – ward damals geschleift und zerstört. Aus ihren starken Überresten wurden viele Häuser, an welchen wir vorbeikommen werden, erbaut. Wunderlich ist es, beiläufig gesagt, daß sie zweimal von Männern, Namens Lilburn oder Lilleburn erobert ward; einmal unter Eduard II., das andere Mal, wie ich bereits berichtet habe. Bei der Betrachtung geschichtlicher Urkunden müssen wir wirklich oft staunen, wie mitunter gewisse Namen bedeutungsvoll für gewisse Orte gewesen sind, was mich, beiläufig gesagt, daran erinnert, daß unsere Gegend sich rühmt. Geburtsland der englischen Sibylle, der ehrwürdigen Mutter Shipton, zu sein. Der wilde Fels, an dessen Fuß sie geboren sein soll, ist einer solchen Sage in der That würdig.« »Sie erwähnten vorhin Eugen Aram,« erwiderte Walter, der dem Ritt auf des Pfarrers Steckenpferd nicht mit sonderlicher Geduld zusah, »kannten Sie ihn näher?« »Nein! Das duldete er von niemand! Er war ein merkwürdiger junger Mann. Ich hatte ein Auge auf ihn von seiner Kindheit an, lange eh' er nach Knaresbro' kam, bis ich ihn, als er vor vierzehn Jahren unsere Stadt verließ, aus dem Gesicht verlor. – Eigen, in sich gekehrt, einsam von Jugend auf! Aber zu welch' vollendeter Geistesbildung hatte er's gebracht! Nie kam mir jemand vor, welchen die Natur mit soviel Nachdruck zur Größe bestimmt hatte. So ausgezeichnet war sein Erfolg in allem, was er unternahm, daß ich mich wundere, weshalb sein Name nicht schon weit allgemeiner Aufmerksamkeit im Auslande erregt hat. Ich bewahre einige zerstreute Dichtungen, die er noch als Knabe verfaßte. Sein armer, längst verstorbener Vater gab sie mir. Sie sind voll dunkler, unklarer Vorahnung seines künftigen Ruhms. Indessen wird dieses Vorgefühl vor seinem Tode – er ist noch jung – wohl immer noch in Erfüllung gehen. Also auch Sie lernten ihn kennen?« »Ja! ich habe seine Bekanntschaft gemacht. – Halt – darf ich eine Frage, eine furchtbare Frage an Sie richten? Haftete je in Ihrer Seele oder in der Seele von irgend jemand ein Verdacht, daß Aram bei dem geheimnisvollen Verschwinden meines – bei dem Verschwinden Clarkes beteiligt gewesen? Seine Bekanntschaft mit dem wirklich beargwöhnten Hausman; Hausmans Besuch bei Aram in jener Nacht; Arams frühere, wie ich höre bis zum höchsten Grad gehende Armut; seine nachherige Wohlhabenheit, die sich freilich vielleicht auf befriedigende Weise erklären lassen könnte ; sein Fortgehen von dieser Stadt gleich nach dem eben erwähnten Verschwinden Clarkes: – dies allein würde noch keinen begründeten Verdacht in mir erwecken, aber ich habe den Mann in Augenblicken gesehen, wo er in Träumerei und Selbstvergessenheit versunken war; habe plötzliche, auffahrende, zornige Empfindlichkeit über jedes unbeabsichtigte Berühren einer Vergangenheit bemerkt, die keineswegs so friedlich oder schuldlos sein dürfte, als sein späterer Wandel. Über seinem Herzen scheint mir irgend eine düstere Erinnerung geheimnisvoll zu schweben, die ich mich nicht enthalten kann für eine schuldvolle anzusehen.« Walter hatte schnell und mit großer, obwohl halb unterdrückter Aufregung gesprochen. Dabei entflammte ihn die Wahrnehmung noch mehr, daß Summers während seiner Rede die Farbe wechselte und mit peinlicher, unbehaglicher Aufmerksamkeit zuhörte. »Vernehmen Sie denn,« sagte der Pfarrer nach kurzer Pause mit gedämpftem Ton, »vernehmen Sie denn: Aram ward wirklich verhört ; – ich war dabei gegenwärtig – obwohl wegen seines Rufes und der Achtung, die man allgemein für ihn fühlte, das Verhör bei geschlossenen Thüren und im geheimen vorgenommen wurde. Er war, verstehen Sie wohl, nicht des Mordes an dem unglücklichen Clarke verdächtigt, wie denn ein Verdacht auf Mord überhaupt erst entstand, als alle Mittel, eine Spur von Clarke zu bekommen, sich völlig fruchtlos erwiesen hatten; aber er war beargwohnt, mit Hausman im Besitz eines Teils der Juwelen zu sein, mit welchen Clarke bekanntermaßen die Stadt verlassen hatte. Indessen konnte dieser Verdacht einer Beraubung nicht einmal gegen Hausman erwiesen werden, und Aram ward von der Anschuldigung aufs vollständigste freigesprochen. Gleichwohl blieb im Gemüt mehrerer Personen, die dem Verhör beigewohnt, ein Zweifel zurück, der einen so stolzen, empfindlichen Menschen natürlich tief verletzen mußte. Dies war, meiner Ansicht nach, der wahre Grund, warum er Knaresborough unmittelbar nach jenem Verhör verließ. Einige von uns, die Anteil an ihm nahmen und von seiner Schuldlosigkeit überzeugt waren, bewogen damals die übrigen zur Verheimlichung der stattgefundenen gerichtlichen Untersuchung und wirklich wurde bis auf den heutigen Tag, wo die ganze Sache fast vergessen ist, im allgemeinen nichts davon bekannt. Was übrigens die sofort eingetretene Verbesserung seiner Vermögensumstände betrifft, so unterliegt es keinem Zweifel, daß seine Tante ihm ein Legat vermachte, welches diesen Umstand hinreichend zu erklären vermag.« Walter senkte den Kopf und sein Verdacht begann unsicher zu werden, als der Pfarrer von neuem anhob: »Indessen fordert meine Pflicht, Ihnen, der bei Clarkes Schicksal so tief beteiligt zu sein scheint, zu sagen, daß mir seitdem Gerüchte zu Ohren gekommen sind, als habe die Frau, in deren Haus Aram wohnte, hie und da undeutliche Worte fallen lassen – Winke, daß sie etwas sagen könnte, – daß sie mehr wisse, als die Leute wohl glaubten; – ja einmal soll sie sogar geäußert haben, Eugen Arams Leben hänge von ihr ab.« »Gott der Barmherzigkeit! und schlief denn die Untersuchung bei Worten, die ihre Aufmerksamkeit im höchsten Grade hätten in Anspruch nehmen sollen?« »Nicht ganz – als dieselben zu mir gelangten, begab ich mich in das Haus, fand aber die Frau, deren Charakter und Lebensart gemein und unzuverlässig sind, in ihrem Benehmen kurz angebunden und trotzig, und nach fruchtlosen Versuchen, etwas Näheres über diese Äußerungen herauszubringen, verließ ich sie mit der festen Überzeugung, daß sie sich bloß das Vergnügen einer grundlosen Prahlerei gemacht habe, und daß das leere Geschwätz einer wüsten Klätscherin gegen einen Menschen von Arams tadellosem Charakter und strengen Sitten kein Zeugnis abgeben könnte. Da Sie jedoch die Sache von neuem angeregt haben, wollen wir dem Weibe einen Besuch machen, eh Sie aus unsern Mauern scheiden. Auch möcht' es wohl angebracht sein, den Hausman einer nochmaligen Untersuchung zu unterwerfen, bevor wir ihn ziehen lassen.« »Dank! Dank! – Kein Faden von diesem dunkeln Knäuel soll mir entschlüpfen!« »Und jetzt,« bemerkte der Pfarrer, indem er auf ein anständiges Haus zeigte, »sind wir zu Clarkes ehemaliger Wohnung gekommen!« Ein alter Mann von ehrwürdigem Aussehen öffnete die Thür und bewillkommnete den Geistlichen und seinen Begleiter mit einer Miene herzlicher Hochachtung, in welcher sich die wohlverdiente Popularität des erstern zeigte. »Wir kommen,« hob der Pfarrer an, »Ihnen einige Fragen in Bezug auf Daniel Clarke vorzulegen, dessen Sie sich als Ihres Mieters erinnern. Dieser Herr ist ein Verwandter von ihm und bei seinem Schicksal in hohem Grade beteiligt.« »Wie, mein Herr,« rief der Alte, »und auch Sie sein Verwandter, haben von Herrn Warte nichts mehr gehört, seit er unsere Stadt verlassen hat? Seltsam! Just die Stube, worin Sie jetzt stehen, wurde von Herrn Clarke bewohnt und daneben (eine Thür öffnend) war sein Schlafzimmer.« Nicht ohne mächtige Bewegung fand sich Walter so auf einmal im Gemach des verlorenen Vaters. Welch schmerzlichen, welch düstern und doch welch heiligen Anstrich gewann im Augenblick alles um ihn her! Die altmodischen schweren Stühle – die braunen getäfelten Wände – der kleine Schenktisch, in den Winkel rechts neben dem Kamin zurückgeschoben und mit Stücken von indischem Porzellan und langen Spitzgläsern besetzt – die schmalen, tief in die Mauer eingesenkten Fenster, die eine trübe Aussicht auf einen düstern, schwermütigen Garten hinter dem Hause gewährten – ja der Boden selbst, den er trat – der Tisch, an welchen er sich lehnte – der öde, feuerlose Kamin ihm gegenüber – alles bekam in seinem Auge einen vertrauten Sinn und flüsterte ihm alte bekannte Worte ins Ohr. Und als er das zweite Gemach betrat, wie stiegen da diese seltsamen, halb traurigen, aber doch nicht unangenehmen Empfindungen fast bis zur Überwältigung auf. Da stand das Bett, worauf sein Vater geruht hatte, noch die Nacht vor – was? vielleicht vor seiner Ermordung! Das Bett, wahrscheinlich ein Überbleibsel aus der Burg, von der Zeit her, als deren altertümliches Gerät zum öffentlichen Verkauf kam, war mit verblichenen Teppichen behangen, und über dem dunkeln, glänzenden Himmel prangten schwere, katafalkartige Zierraten. Alte Kommoden von grobgeschnitztem Eichenholz; ein vergilbter Spiegel in lackiertem Rahmen; ein gewaltiger Armsessel, wie man sie zu Zeiten der Königin Elisabeth hatte, und mit demselben Stoff bekleidet wie das Bett, machten jenen unheimlichen, gräberhaften Eindruck auf das Gemüt, der durch die Trümmer einer modernden, vergessenen Vergangenheit so häufig hervorgebracht wird. »Es sieht unfreundlich aus, Herr,« bemerkte der Eigentümer, »aber seit Jahren haben wir keinen regelmäßigen Mieter gehabt; alles ist noch gerade wie zur Zeit, als Herr Clarke hier wohnte. Der freilich, behüt' uns der liebe Gott! machte die finstern Stuben lustig genug. War ein munterer Herr. Er und seine Freunde, sonderlich Herr Hausman, ließen die Wände wiederhallen, wenn sie über ihren Bechern waren!« »Es möchte wohl besser für Herrn Clarke gewesen sein,« erwiderte der Pfarrer, »hätte er sich seine Gefährten mit größerer Sorgfalt ausgesucht. Hausman war kein zuverlässiger, vielleicht nicht einmal ein ganz gefahrloser Gesellschafter.« »Das ging mich damals nichts an,« entgegnete der Zimmervermieter. »Jetzt wär's was Anderes, seit ich verheiratet bin!« Der Pfarrer lächelte. »Vielleicht spielten Sie selbst eine Rolle bei diesen Gelagen, Herr Moore?« »Nun ja, Herr Clarke nötigte mich, gelegentlich ein Glas mitzutrinken.« »Dann müssen Sie auch wohl die Gespräche mit angehört haben, die zwischen Hausman und jenem geführt wurden? Ließ Herr Clarke bei dergleichen Unterredungen je seine Absicht merken, die Stadt wirklich so schnell zu verlassen? Und falls dies der Fall war, wohin wollte er, seiner Aussage nach, gehen?« »O! zunächst nach London. Oft hört' ich ihn sagen, daß er sich nach London begeben und dann einen Abstecher zu Verwandten in einen entfernten Teil des Landes machen wolle. Ich erinnere mich, daß er einen kleinen Jungen meines Bruders liebkoste. Euer Ehrwürden kennen den Jakob, jetzt kein kleiner Junge mehr, beinah' so groß wie der Herr da. ›Ach,‹ sagte Herr Clarke und seufzte ordentlich dazu, ›ach, ich hab' zu Haus einen Knaben ungefähr von diesem Alter – wann werd' ich ihn wiedersehen?‹« »Ja wohl, wann!« dachte Walter und wandte das Gesicht bei einer Erzählung ab, die ihn natürlich sehr aufregen mußte. »Und wußten Sie, daß Clarke in der Nacht, in der er Sie verließ, nicht zu Hause war?« »Nein! er begab sich zur gewöhnlichen – ziemlich späten – Stunde auf sein Zimmer und am nächsten Morgen fand ich sein Bett unberührt und ihn selbst fort – fort mit all seinen Juwelen, seinem Gelde und was er sonst an Wert hatte; schweres Gepäck führte er nicht mit sich. Er war ein verschmitzter Herr, das Rechnungzahlen kam ihm immer sehr unbequem. An verschiedenen Stellen im Städtchen hatte er starke Schulden, so kurze Zeit er auch hier gewesen. Überall machte er Bestellungen und nichts zahlte er.« Walter seufzte. Dies war also seines Vaters Charakter. Zum Teil mochte ein solches Benehmen von schlimmen Grundsätzen herrühren, die über die ursprünglichen Gefühle seiner Natur, das Übergewicht erhalten hatten; zum Teil aber auch Folge eines sorglosen, gern auf den kommenden Tag verschiebenden Sinnes sein, der öfter, als wirkliche Schlechtigkeit, um den Vorteil eines guten Namens bringt. »So würden Sie denn,« hob der Pfarrer wieder an, »nach Ihrem eigenen Urteil und nach der Kenntnis, die Sie von ihm hatten, annehmen, daß Clarkes Verschwinden vorbedacht und daß, obwohl man seitdem nichts mehr von ihm gehört hat, keines von den unheimlichen Gerüchten begründet war, die eine Zeitlang über ihn umliefen?« »Ich gesteh' Euer Ehrwürden, und bitte diesen Herrn, der, wie Sie sagen, ein Verwandter von Clarke ist, um Verzeihung – ich gestehe, daß ich keinen Grund sehe, anders zu denken?« »Besuchte auch Herr Aram, Eugen Aram, zuweilen den Clarke? Sahen Sie die beiden je bei einander?« »Niemals in meinem Hause. Doch denk' ich mir, durch Hausman wird Herr Aram dem Clarke vorgestellt worden sein, und beide dürften sich zwei- bis dreimal gesehen und miteinander gesprochen haben, öfter schwerlich, denn es waren Menschen von gar verschiedenem Sinn, Herr.« Walter, der seine Selbstbeherrschung wiedergewonnen hatte, mischte sich nunmehr ebenfalls in das Gespräch und suchte durch die genauesten Erkundigungen, die sein Scharfsinn ihm einzugeben vermochte, weiteres Licht über den geheimnisvollen Gegenstand zu erhalten, an welchem sein Herz so tiefen Anteil nahm. Indessen war nichts von irgendwelcher Wichtigkeit aus dem guten Hausbesitzer herauszubringen. Augenscheinlich nährte er die Überzeugung, Clarkes Verschwinden finde in Clarkes Ehrlosigkeit eine genügende Erklärung, und so beachtete er jede andere Vermutung fast gar nicht. Auch gaben ihm Hausmans und Clarkes Zusammenkünfte, so weit er sich derselben erinnerte, durchaus nichts an die Hand, was der Erzählung wert gewesen wäre. Etwas enttäuscht und in gedämpfter Stimmung setzte Walter, begleitet von dem Pfarrer, seine Wanderung fort. Elftes Kapitel. Trauer eines verwilderten Menschen. – Das Zimmer einer früh Verstorbenen. – Ein einfaches aber wichtiges Geständnis. – Das Geheimnis der Erde. – Die Höhle. – Die Anklage. »Es taugt nicht alles; ich vermute was Von argen Ränken.« Verruchte That dringt auf zum Menschenauge, Drückt auch die ganze Erde auf sie nieder. Hamlet. Indem sie durch die Straße hingingen, bemerkten sie einige Personen vor der Thür eines gewöhnlichen Hauses, dessen Läden zum Teil verschlossen waren. »Es ist,« sagte der Pfarrer, »das Gebäude, worin Hausmans Tochter starb. Armes, armes Kind! Doch warum um die Jugend trauern? Besser, daß das lichte Wölkchen mit dem Morgenhauch in den Himmel verschwimme, als daß es sich durch den mühevollen Tag durcharbeitet, um zum finstern Gewölk zu verdichten und in Sturm zu enden!« »Ach Herr!« sagte ein alter, auf seinen Stock gelehnter Mann, indem er den Hut ehrerbietig vor dem Pfarrer abzog, »drinnen ist der Vater und jammert bitterlich. Er treibt alles aus dem Zimmer und sitzt ächzend am Bett, als ob ihm der Verstand ausgehen wollte. Möchten Euer Ehrwürden nicht ein wenig zu ihm hineintreten?« Der Pfarrer sah Walter fragend an. »Vielleicht.« sagte letzterer, »ist es besser, wenn Sie allein hineingehen. Ich will hier außen warten.« Während der Pfarrer noch zögerte, hörten sie eine Stimme im Gange und gleich darauf erschien Hausman am entfernten Ende desselben, wo er mit heftigen Gebärden einige Frauen vor sich hertrieb. »Ich sag' euch, ihr Höllengezücht,« kreischte seine rauhe, jetzt besonders hoch angespannte Stimme, »ihr habt sie sterben lassen. Warum habt ihr nicht nach London um Ärzte geschickt? Bin ich nicht reich genug, meines Kindes Leben um jeden Preis zu erkaufen? Beim lebendigen Gott! Euren ganzen Leib wollt' ich in Gold verwandelt haben, wenn ihr mir sie gerettet hättet. Aber sie ist tot! Und ich – aus meinen Augen! – aus meinem Wege!« Und mit geballten Fäusten, gerunzelter Stirn und unbedecktem Kopf stürzte Hausman vor die Thür und Walter erkannte den Reisenden aus der vorigen Nacht. Dieser blieb beim Anblick des kleinen Menschentrupps plötzlich stehen und sah alle mit einem bösartigen, grimmigen Blick von der Seite an: »Recht brav – 's ist recht brav, Nachbarn!« rief er endlich mit wildem Gelächter. »Das heiß' ich gutherzig! Ihr seid gekommen, um Richard Hausman zu seiner Wiederkehr Glück zu wünschen, nicht wahr? Gut, gut! Nicht um seinen Jammer zu begaffen: behüt' der Herr! Nein! Ihr habt keine müßige Neugier – kein gaffender, spürender, schwatzender Teufel sitzt in euch, der euch triebe die Köpfe zusammenzustecken und Maulaffen feilzuhaben und zu plappern, wenn arme Menschen ins Elend kommen. Das alles ist pures Mitleid; und Hausman, der gute, sanfte, friedliche, ehrliche Hausman – ihr fühlt für ihn, ich weiß es! Hört ihr: packt euch – weg! – fort! lauft! – oder – ha ha! Da laufen sie – da laufen sie!« Damit lachte er von neuem wild auf, indem die Nachbarn entsetzt auseinanderstoben und bloß Walter und den Geistlichen bei dem kinderlosen Mann zurückließen. »Trösten Sie sich, Hausman!« sagte Summers besänftigend. »Sie haben einen schweren Schlag erlitten. Ich kannte Ihr Kind wohl. Sie haben es vielleicht von mir sprechen hören. Gehen Sie mit uns hinein und versuchen Sie, welch himmlischer Trost im Gebet liegt.« »Gebet! Pah! Ich bin Richard Hausman!« »Giebt es irgend einen Menschen, für welchen das Gebet keinen Wert hätte?« »Fort, Gleisner, fort! Mein hübsches Hannchen! – und sie legte ihre Hand auf meine Brust – und sah mir ins Gesicht – und so – starb sie!« »Kommen Sie,« sagte der Pfarrer und faßte Hausmans Arm, »kommen Sie« – Ehe er weiter fortfahren konnte, stieß ihn Hausman rauh auf die Seite und stürzte in sich hinein murmelnd die Straße hinab. Aber nach einigen Schritten kehrte er zurück, näherte sich dem Pfarrer und sprach in gefaßterem Ton: »Ich bitte Sie, Herr, da Sie ein Geistlicher sind (ich entsinne mich jetzt Ihres Gesichtes und erinnere mich, daß Hannchen mir gesagt, Sie seien gütig gegen sie gewesen) – ich bitte, gehen Sie hinein und sprechen ein paar Worte über der Leiche: aber halt: – bringen Sie meinen Namen nicht dazwischen; – Sie verstehen. Ich will nicht, daß Gott daran denkt, daß es einen Menschen giebt wie der, welcher jetzt mit Ihnen spricht. Holla!« (den Frauen zurufend): »Meinen Hut und Stock. Tralala! Trala! Warum sollen wir über so was thun, als ob wir von Sinnen kämen? Ein schöner Tag heut, Herr; werden einen späten Winter haben. Verdammt sei die Vettel, wie langsam sie ist. Ich hab' den Hut ja unten liegen lassen. Aber wenn ein Toter im Haus' ist, kommt gleich alles untereinander. Finden Sie das nicht auch?« Hier brachte eines von den Weibern, blaß, zitternd und weinend, dem Elenden seinen Hut. Er setzte ihn bedächtig auf, verbeugte sich mit einem gräßlichen, krampfhaften Versuch zu lächeln, ging langsam fort und verschwand. »Was für seltsame Verlarvungen der Schmerz wählt.« sagte der Pfarrer. »Es ist ein schauderhaftes Schauspiel, wenn er einem Mann dieses Schlages die Empfindungen des Herzens also abtrotzt! Aber verzeihen Sie, mein junger Freund, lassen Sie mich hier einen Augenblick verweilen.« »Ich will mit Ihnen hineingehen,« sagte Walter. – Die beiden Männer traten in das Haus und nach wenigen Sekunden standen sie in dem Totenzimmer. Das Gesicht der Verstorbenen hatte noch nicht die geringste Veränderung erlitten. Ihre kindlichen Züge waren still und heiter, und wäre der freundliche Mund nicht so gleichmäßig geblieben, so hätte man glauben mögen, sie bewege die Lippen zum Lächeln. So fein, schön und sanft war der Ausdruck dieses Antlitzes, daß man kaum begreifen konnte, wie ein solches Reis von solchem Stamme entsprossen sei, und nicht länger schien es ein Wunder, daß ein so junges, unschuldiges, liebenswürdiges und so früh verblichenes Wesen jene wilde, dunkle Natur gerührt hatte, die jedem andern sanften Gefühl den Zugang verwehrte. Der Pfarrer trocknete die Augen und bereitete sich mit zitternder, aber ernster Stimme, das Gebet für die Tote zu sprechen; und Walter, dessen Herz für weiche, liebevolle Empfindungen geöffnet war, kniete neben dem Bett nieder und fühlte, daß seine eigenen Augen naß wurden, als er die Hoffnung des Christen und die heilige Bitte nachsprach. Dieser Vorgang hatte in seiner Feierlichkeit noch etwas Eindringenderes und Ergreifenderes als das bloß äußere Pathos. Der Mensch, welcher jetzt neben Hausmaus totem Kinde kniete, war der Sohn des Mannes, als dessen Mörder Hausman vom Gerücht bezeichnet worden. – Der Kinderlose und der Vaterlose! Fand hier keine Wiedervergeltung statt? Als die Zeremonie vorüber und der Pfarrer nebst Walter sich den unzusammenhängenden Segenswünschen und Wehklagen der Frauen des Hauses entzogen hatte, machten sich erstere, nur mit Mühe gegen den Eindruck ankämpfend, welchen der Auftritt in ihrem Gemüt zurückgelassen, von neuem an ihr Geschäft. »Es ist jetzt der Augenblick nicht,« sagte Walter nachdenklich, »um Hausman zur Untersuchung zu ziehen. Gleichwohl darf dies nicht vergessen werden.« Der Pfarrer schwieg eine zeitlang und entgegnete dann als Antwort auf Walters Bemerkung, daß die beabsichtigte Unterredung mit Arams ehemaliger Hauswirtin wohl einiges Licht auf den Gegenstand ihrer Nachforschungen werfen dürfte. So begaben sie sich denn nach einem andern Theil der Stadt, und langten bald vor einem vereinzelten Gebäude von verödetem Aussehen an. das schon in seinem Äußern etwas Ungewöhnliches, Trübes, ja Unheimliches zu tragen schien. Ich weiß nicht, worin es liegen mag, aber gewisse Häuser zeigen in ihrer äußeren Erscheinung einen Ausdruck, der geheimnisvoll aufs Herz fällt – sie reden eine schwere, beängstigende Sprache, die uns dunkel an die Seele greift. Wir sagen uns dann: irgend eine Geschichte muß an diesen Mauern kleben; irgend eine düstere Sage muß mit diesen stummen Steinen verkettet sein! Und im Hinschauen fühlen wir Grauen und Neugier zugleich uns überschleichen. Von solcher Gestalt war das Haus, auf welches der junge Wanderer jetzt blickte. Die Bauart entsprach einer frühern Zeit, wie man dies in alten Städten nicht selten findet. Giebelspitzen sprangen über das Dach empor; kleine, dumpfe, vergitterte Fenster senkten sich tief in die graue, verblichene Mauer, das Zaunwerk war zum großen Teil zerbrochen und angefressen und üppiges Unkraut schoß in dem vernachlässigten Garten auf, durch welchen sie dem Eingange zuschritten. Die Thür stand offen. Sie traten ein und fanden eine alte Frau gemeinen Aussehens neben dem Kamin, die mit jenem leeren Stieren in die Luft sah, welches Ruhe und Erholung des ungebildeten Armen so oft bezeichnet. Walter fühlte sich beim Anblick der einsamen Bewohnerin des einsamen Hauses durch einen unwillkürlichen Schauder zurückgestoßen. »Heda, Herr!« rief sie mit schnarrender Stimme, »was giebt's? Oh! Herr Pfarrer, sind Sie's? Willkommen, Herr! Wollte, ich könnt' Ihnen 'n Gläschen von was anbieten, aber die Flasche ist zu End'; – hi, hi!« Damit wies sie mit widrigem Grinsen auf eine leere Flasche in einer Mauerwölbung des Kamins. »Weiß nicht, wie's kommt, nie hab' ich Lust zum Essen; aber so 'n Gläschen, das thut einem wohl!« »Ihr wohnt schon lange in diesem Hause?« fragte der Pfarrer. »Schon lange – einige dreißig Jahre und mehr.« »Erinnert Ihr Euch an Euern Mieter, Herrn Aram?« »O freilich – ja.« »Ein trefflicher Mann!« »Hm!« »Ein wahres Wunder von einem Mann!« »O – hm! er! – hm! Das ist, wie man's so nimmt.« »Wie? Ihr scheint nicht so von ihm zu denken wie die ganze übrige Welt?« »Ich weiß, was ich weiß.« »Ach ja, ich entsinne mich; da habt Ihr, glaub' ich, so ein Ammenmärchen über ihn; aber Ihr konntet Euch niemals recht darüber ausweisen. Ihr erfandet es wohl nur, weil Ihr gern als gescheite Frau erscheinen möchtet; he?« Die Alte schüttelte den Kopf und erwiderte, die Hände kreuzweis auf die Kniee gestützt, mit besonderem Nachdruck, aber mit leiser, flüsternder Stimme: »Ich könnt' ihn an den Galgen bringen!« »Oho!« »Sag' Ihnen, ich könnt's.« »Nun, so laßt uns Euer Märchen hören!« »Nein, nein! ich hab's noch niemandem anvertraut und möcht's auch nicht umsonst. Was wollen Sie mir geben? Machen Sie, daß es der Mühe wert ist.« »Sagt uns alles ehrlich, unentstellt und ganz, und Ihr sollt fünf Guineen in Gold haben. Seht da, Frau.« Durch diese Zusage aufgeregt, blickte die Alte fester um sich, als bisher der Fall gewesen, und murmelte, indem sie mit ihrem Stuhle hin und her rückte, in sich hinein: »Ei, ei! warum nicht? brauch' mich jetzt nicht zu fürchten? – beide fort; – können jetzt das alte arme Geschöpf nicht umbringen wie die Schurken mir mal drohten. Fünf goldne Guineen – fünf, sagen Sie, Herr – fünf?« »Ja, und vielleicht daß unsere Freigebigkeit hierbei nicht stehenbleibt.« Immer noch zögerte die Alte und immer noch murmelte sie in sich hinein; nach einigen weitern Vorbemerkungen und etwas weiterem Zuspruch von seiten des Pfarrers, was wir beides dem Leser ersparen, kam sie endlich zu folgendem Bericht: »Es war am 7. Februar 44, ja 44, gegen sechs Uhr abends, denn ich wusch eben in der Küche, als Herr Aram rief und mich im obern Zimmer einheizen hieß, was ich that; drauf ging er aus. Mehrere Stunden nachher, es mochte so zwei Uhr morgens sein, lag ich wachend im Bett, denn ich hatte Zahnweh zum Erbarmen, und da hört' ich drunten einen Lärm und 'n paar Stimmen. Darüber erschrak ich jämmerlich und stand auf und sah Herrn Hausman und Herrn Clarke die Stiegen heraufkommen in Herrn Arams Stube, und Herr Aram kam hinterdrein. Sie schlossen sich ein und blieben wohl 'ne Stunde da. Nun konnt' ich mir nicht denken, was einen so scheuen und zurückhaltenden Herrn, wie Herrn Aram, bewegen konnte, zu so 'ner Stunde diese wilden Brausköpfe zu sich zu nehmen, und dacht', und dacht' hin und her, bis ich hörte, daß sie die Thür aufschlossen. Da horcht' ich durch mein Schlüsselloch, und Herr Clarke sagte: »Es wird bald hell, wir müssen fort.« Aber mit dem Schlaf war's bei mir aus, und ich stand vor fünf Uhr auf. Etwa um diese Stunde kamen Herr Aram und Herr Hausman zurück und stierten mich beide an, als wär's ihnen gar nicht recht, daß ich schon aus den Federn sei; und Herr Aram ging auf sein Zimmer, aber Herr Hausman wandte sich noch mal um und sah mich so schwarz an wie die Nacht. Der Herr erbarme sich meiner, noch seh' ich ihn vor mir! und ich fürchtete mich recht in die Seel' hinein und horchte am Schlüsselloch, und hörte wie Hausman sagte: ›Wenn das Weib hereinkommt, wird sie ausschwatzen.‹ ›Was kann sie ausschwatzen,‹ sagte Herr Aram, ›das arme, einfältige Ding weiß von nichts.‹ Drauf sagte Hausman wieder, sagt' er: ›Wenn sie auch nur angiebt, daß ich hier gewesen, so ist das schon genug. Aber‹ – und fluchte gotteslästerlich – ›wir wollen uns 'ne Gelegenheit aussehen, sie niederzuschießen.‹« »Darüber erschrak ich so, daß ich wieder auf meine Stube schlich und mich nicht regte, bis sie wieder aus dem Haus waren, und dann –« »Um welche Stunde war das?« »Gegen sieben Uhr. Aber Sie bringen mich raus! wo blieb ich stehen? – Ja, da ging ich in Herrn Arams Zimmer, und sah, daß sie 'n Feuer angemacht hatten und daß alle Asche unterm Rost weggenommen war. Da schaut' ich nach 'm Auskehricht hinterm Haus, und fand dort die Asche richtig, und drunter etliche Fetzen Tuch und Linnen, die zu 'nem Anzug zu gehören schienen, und auch 'n Schnupftuch, das ich gar oft bei Hausmann gesehen (denn 's war 'n absonderliches Schnupftuch, ganz bunt gewürfelt) und in dem Schnupftuch war ein Blutfleck, so groß wie 'n Schilling. Und hernacher sah ich Hausman und zeigte ihm 's Schnupftuch und sagte: ›Was ist aus Clarke geworden?‹ und er runzelte die Stirn und schaute mich an und rief: ›Hört, ich versteh nicht, was Ihr damit meint, aber so gewiß der Teufel auf Seelen lauert, schieß ich Euch vor den Kopf, wenn Ihr noch ein einziges Wort über Clarke oder mich, oder Herrn Aram über Eure verdammte Zunge laßt. Seht Euch also vor!‹ »Da kam ich ganz außer mir und zitterte an jedem Glied und zwei ganze Jahre nachher (lange nachdem Hausman und Aram fort waren) war ich nicht imstande, auch nur die Lippen aufzuthun über die Geschichte. Und vor seiner Abreise sah mich Herr Aram bisweilen an, nicht so grimmwütig wie der Schurke Hausman, aber als wollt' er im Grund meines Herzens lesen. O, es war, als hätte man einen Berg von mir gewälzt, als er und Hausman die Stadt verließen, denn so wahr die Sonne scheint, ich glaub', nach dem, was ich eben gesagt, daß die beiden den Clarke in jener Februarnacht ermordet haben. Und jetzt, Herr Pfarrer, ist mir's leichter, als mir's in langer Zeit nicht war, und wenn ich früher nichts gesagt hab', so war's, weil ich an Hausmans Stirnrunzeln und an seine grausigen Worte dachte; aber so etwas schlüpfte mir dann und wann doch über die Zunge. denn es ist etwas Hartes, Herr, 'ne Heimlichkeit der Art auf 'm Herzen haben und dabei still zu bleiben, und gewiß und wahrhaftig ich war, nachdem ich's mal wußte, nicht derselbe Mensch wie vorher, denn ich wollt' mir die Gedanken auf alle Art aus 'm Kopf schlagen, und das ist der Grund, Herr, warum ich's gute Renommee verlor, das ich sonst hatte.« Dies – etwas abgekürzt um die »Sagt' er« und »Sagt' ich,« um die Versetzungen und Wiederholungen – war die Geschichte, die Walter mit verhaltenem Atem anhörte. – Aber die Ereignisse drängen, die Fäden, die durch das Labyrinth führen, find nahe daran zusammenzulaufen. »Jetzt sollten wir keinen Augenblick verlieren,« hob der Pfarrer an, als sie das Haus verließen. »Begeben wir uns gleich zu einem sehr tüchtigen Friedensrichter, bei welchem ich Sie einführen kann, und der eine kleine Strecke vor der Stadt wohnt.« »Wie Sie wollen,« sagte Walter mit veränderter, hohler Stimme; »ich bin wie einer, der auf einem hohen Berge steht, von wo aus er den ganzen Schauplatz, den er zu durchwandern hat, vor sich ausgebreitet sieht, aber durch die erstiegene Höhe schwindlig und wirr ist. Ich weiß – ich fühle – daß ich am Rande furchtbarer, gräßlicher Entdeckungen stehe; – bitten Sie Gott ... aber achten Sie nicht auf meinen Zustand, mein Herr – achten Sie nicht auf mich – kommen Sie – kommen Sie!« Es ging bereits gegen Abend; als sie sich in einiger Entfernung von der Stadt befanden, warf die Sonne ihre letzten Strahlen auf eine Gruppe Menschen, die sich hastig um einen Ort her zusammenzudrängen schienen, der in der Nachbarschaft von Knaresborough unter dem Namen »Distelhügel« wohl bekannt ist. »Gehen wir dem Gedränge aus dem Wege,« sagte der Pfarrer; »übrigens wundere ich mich, was die Ursache davon sein mag.« Indem er noch sprach, eilten zwei Bauern an ihm vorüber dem Menschenhaufen zu. »Was hat der Auflauf dort zu bedeuten?« fragte der Pfarrer. »Kann nicht genau Auskunft geben, Euer Edeln, aber sie sagen, Jost Kinnings habe dort beim Steingraben für den Kalkofen eine große hölzerne Kiste aufgeschaufelt.« Ein Schrei aus der Gruppe unterbrach die Antwort des Landmanns; – ein plötzlicher allgemeiner Schrei, aber kein Schrei der Freude; etwas Entsetzliches, Grauenhaftes schien in dem Laut sich anzudeuten. Walter sah den Pfarrer an; – es war. als zöge ein innerer Antrieb – ein plötzlicher Instinkt – beide unwillkürlich nach dem Ort, von wo sie den Ruf vernommen hatten; sie beeilten ihre Schritte – sie brachen sich Bahn durch das Gedränge. Eine hohe, gewaltsam aufgebrochene Kiste stand vor ihnen. Ihr Inhalt lag herausgeworfen auf dem Rasen: – ein verblichenes, moderndes Gerippe! Mehrere Knochen waren von dem Körper abgerissen. Ein allgemeines Durcheinanderreden der Zuschauer – Fragen – Vermuten – Besorgen – Verwundern lief wirr in der Runde. »Ja,« sagte ein alter Mann mit grauen Haaren, auf seine Hacke gelehnt, »'s ist jetzt vierzehn Jahre, seit der jüdische Krämer verschwand; – das sind wahrscheinlich seine Gebeine – es hieß damals, er sei totgeschlagen worden.« »Nein,« kreischte ein Weib, indem sie ein Kind zurückriß, welches, allein von keinem Grauen erfaßt, die unheimlichen Überreste eben anrühren wollte– »nein, von dem Hausierer hat man nachher wieder gehört! Ich sag' euch, verlaßt euch drauf, das sind die Gebeine von Clarke – Daniel Clarke – nach welchem in unserer Kinderzeit hier herum so viel Suchens war!« »Recht, Frau, recht! Es ist Clarkes Gerippe,« war der allgemeine Aufschrei. Walter drängte sich hervor, beugte sich über die Gebeine und winkte mit der Hand, als wollte er dieselben vor weiterer Entweihung schützen. Seine unvermutete Erscheinung – seine hohe Gestalt – seine wilden Gebärden – das Grauen – die Blässe – der Schmerz auf seinem Gesicht machten einen mächtigen Eindruck auf alle Anwesenden. Er blieb sprachlos und ein plötzliches Stillschweigen folgte auf den Lärm. »Und was macht ihr Narren hier?« rief auf einmal eine Stimme. Die Zuschauer wandten sich – ein neuer Ankömmling hatte sich dem Haufen beigesellt; – es war Richard Hausman. Der lose an ihm hängende, unordentliche Anzug – die geröteten Wangen und rollenden Augen – deuteten auf die Trostquelle, zu welcher er gegen den Kummer seines Hauses Zuflucht genommen. »Was macht ihr hier?« rief er, indem er vorwärts taumelte. »Ha! Menschengebeine! Von wem glaubt ihr wohl, sind sie?« »Von Clarke!« rief die Frau, welche diese Vermutung zuerst aufgebracht hatte. – »Ja, wir glauben, es sind Daniel Clarkes Gebeine, der vor vielen Jahren verschwunden ist!« schrieen mehrere durcheinander. »Clarkes?« wiederholte Hausman, indem er sich niederbeugte und einen Schenkelknochen ergriff, der etwas entfernt von den übrigen lag; »Clarkes? – Ha! ha! es sind so wenig Clarkes Gebeine, als die meinigen!« »Seht!« rief Walter mit einer über Hügel und Ebene hinschallenden Stimme und packte vorspringend Hausman mit übernatürlicher Gewalt: »Seht den Mörder!« Als hätte das rächende Wort des Himmels gesprochen, zuckte eine schaudernde blitzschnelle Überzeugung durch die Menge. Die ältern Zuschauer erinnerten sich auf einmal der Person Hausmans und des Verdachts, der sich an seinen Namen geknüpft hatte. »Greift ihn, greift ihn!« brach es plötzlich aus zwanzig Kehlen hervor. »Hausman ist der Mörder.« »Mörder?« stammelte Hausman, unter Walters eisernen Händen zitternd – »Mörder von wem? Ich sag' Euch, das sind nicht Clarkes Gebeine!« »Und wo sind denn Clarkes Gebeine?« rief Walter. Bleich – verwirrt – vom Gewissen geschlagen – halb vom Rausch, halb von Angst betäubt, warf Hausman einen geisterhaften Blick um sich her, und vor dem Auge eines jeden zurückfahrend, in dem Auge eines jeden seine Verdammung lesend, keuchte er hervor: – »Sucht in der St. Robertshöhle, in der Windung neben dem Eingänge.« »Fort!« ertönte sogleich Walters tiefe Stimme – »fort! – Nach der Höhle – nach der Höhle!« An den Ufern des Nidflusses, dessen Gewässer zu den überhängenden Felsen und Bäumen ewig hinaufmurmeln, ist eine tiefe, schaurige, in das Gestein eingesenkte Grotte, der Sage nach einst die Wohnung eines jener einsamen Schwärmer früherer Zeiten, die ihre öden Siedeleien in den rauhesten Winkeln der Erde aufschlugen und dem Vater der lieblichen Welt nur traurige Gedanken und bittere Büßungen zum freudlosen Opfer brachten. Zu diesem verlassenen Orte, der nach dem Namen seines einst berühmten Bewohners St. Robertshöhle heißt, eilte jetzt die Menge, indem ihre Zahl Schritt um Schritt anwuchs. Der alte Mann, der Entdecker der unbekannten Überreste, die man zusammengelesen hatte und im Zuge mit forttrug, ging voran. Hausman, zwischen zwei starken, rüstigen Männern, kam unmittelbar nach ihm, und Walter, die Augen fest auf den Bösewicht geheftet, folgte ihm nach. Der Pfarrer hatte die Vorsicht gehabt, im voraus nach Fackeln zu schicken; denn schon dunkelte der Winterabend um sie her, und das Licht der Fackelträger, die sie an der Höhle erwarteten, warf seinen rötlichen, fahlen Schimmer in den Eingang der Kluft. Eine von den Leuchten ergriff sofort Walter selbst, und er war's, der den ersten Schritt in die düstere Grotte that. An diesem Ort und in diesem Augenblick wich Hausman, der, wie es geschienen, auf dem kurzen Wege eine Art verstockter Selbstbeherrschung gewonnen hatte, plötzlich zurück und dicke Tropfen der Angst und Todesqual fielen von seiner Stirn. Mit Gewalt wurde er in die Höhle hineingeschleppt; der Raum füllte sich sofort und die gegen die düstern Wände flackernden Fackeln beschienen Gesichter, welche von einer gemeinsamen Empfindung, wie von einer schnell ansteckenden Krankheit, tief und schaudernd durchdrungen, auch einen gemeinsamen Ausdruck darboten. Selbst für die wildeste Phantasie war es nicht möglich, einen Schauplatz zu denken, der dem unheimlichem Begräbnisorte eines ermordeten Menschen mehr entsprochen hätte. Aller Augen wandten sich jetzt auf Hausman. Nachdem er' zweimal vergeblich zu sprechen versucht – denn die Worte starben in seinem Munde undeutlich und erstickt dahin – trat er einige Schritte vor und wies auf einen Fleck, auf welchen augenblicklich das gesammelte Licht aller Fackeln fiel. Ein unbeschreibbares allgemeines Gemurmel – und dann eine atemlose Stille folgte. An dem Fleck, welchen Hausman angezeigt, lagen – den Kopf nach der rechten Seite gewandt – die Überreste eines menschlichen Körpers. »Können Sie schwören,« fragte der Geistliche feierlich, indem er sich zu Hausman wandte, »daß dies die Gebeine Clarkes sind?« »Vor Gott kann ich es beschwören!« erwiderte Hausman, der endlich wieder eine Stimme fand. »Mein Vater!« tönte es von Walters Lippen, indem er auf die Kniee sank; und dieser Ausruf vollendete das Entsetzen und Grauen, das in der Brust aller Anwesenden vorherrschte. Das Gefühl der Gefahr, in die er sich gebracht, durchfuhr Hausman; Verzweiflung und angespannte Kraft gaben ihm nicht nur einigermaßen seine natürliche Verhärtung, sondern auch seine natürliche Schlauheit zurück, so daß er seine Empfindungen zu bemeistern vermochte. Mit einer Selbstbeherrschung, der er auch später mächtig blieb und dadurch einen Vorteil gewann, an welchen er im Augenblick nicht dachte, rief er laut: »Aber ich habe die That nicht gethan; ich bin nicht der Mörder.« »Sprechen Sie! – Wen klagen Sie an?« sagte der Pfarrer. Schwer atmend und die Zähne, wie bei einem gewaltsamen Entschluß, übereinander beißend, erwiderte Hausman: »Der Mörder ist Eugen Aram.« »Aram!« rief Walter und sprang auf: »O Gott, deine Hand hat mich hierher geführt!« – Mit einem Mal schwanden ihm die Sinne, und als hätte eine Kugel sein Herz durchbohrt, stürzte er neben den Überresten seines Vater nieder, den er auf so geheimnisvolle Art entdeckt hatte. Fünftes Buch Οι̃ αυτω̃ κακὰ τεύχει ανὴρ άλλω κακὰ τεύχων, Η δὲ κακὴ βουλὴ τω̃ βουλεύσαντι κακίστη ΗΣΙΟΔ Böses bereitet sich selbst, wer dem andern Böses bereitet Auch ist schädlicher Rat am schädlichsten dem, der ihn anriet. Hesiod. Erstes Kapitel. Grünthal. – Der Hochzeitsmorgen. – Altes Weibergeschwätz. – Die Braut an ihrem Putztische. – Die Ankunft. »Jam veniet virgo, jam dicetur Hymenaeus, Hymen, o Hymenaee, Hymen ades, O Hymenaee.« Catull. – Carm. Nupt. Der Morgen war gekommen, an welchem Eugen Aram Madeline Lester angetraut werden sollte. Das Haus des Gelehrten stand in Bereitschaft für die Ankunft der Braut, und obwohl es noch ziemlich früh, tummelten sich zwei alte Frauen in den untern Gemächern umher. Sie waren von seiner Dienerschaft – (jetzt nicht mehr eine einzige Magd: denn man hatte, der Vermehrung der Arbeit wegen, welche die veränderten Umstände in Arams Wohnung herbeigeführt, ein fröhliches junges Mädchen von achtzehn Jahren aus Lesters Haus herüberversetzt) – eingeladen worden, ihr in Einrichtung dessen, was schon eingerichtet war, beizustehen, und beschäftigten sich nun eben, alles, nach ihrem Ausdruck, schicklich zu machen. »So 'ne Blum' sieht doch wie 'n ärmlich Ding aus,« brummte ein altes Weib, in welchem unsere Leser Grete Dunkelmann erkennen werden, indem sie ein Gefäß mit ausländischen Blüten auf den Tisch setzte. »Sehen nicht halb so lustig aus, als was unter freiem Himmel wächst.« »Still, Grete!« erwiderte die andere Alte. »Meinem Sinn nach sind sie viel hübscher und vornehmer, und so sagte auch Fräulein Lorchen, als sie sie gestern abend pflückte und mich damit 'rüberschickte. Sie sagen, es gebe kein Grashälmchen, das der Herr nicht kenne. Er muß ein guter Mann sein, daß er alles so lieb hat, was auf 'm Feld wächst.« »Ho,« rief Grete, »als Sepp Wrench gehenkt wurde, weil er den Waldschützen des Lords erschossen hatte, und mit 'nem Strauß in der Hand auf's Schaffot stieg, sagte er mit 'ner jämmerlichen Stimme, ›warum,‹ sagte er, ›geben sie mir nicht 'ne Nelke? Ich liebte diese Art Blumen immer und trug sie, als ich Liese Lukasens Bräutigam war, und möcht' nun mit einer in der Hand sterben.‹ So kann einer Blumen lieb haben und doch nur 'n Galgenschwengel sein.« »Na, Grete, sprich nicht solches Zeug; kannst nie ruhen? Was für 'n Geschwätz für 'nen Hochzeitsmorgen!« »Wischewasche!« erwiderte die boshafte Hexe: »mancher Segen führt 'n Fluch in den Armen, wie der neue Mond den alten wiederbringt. Das wird dir keine glückliche Heirat geben, sag' ich dir.« »Und warum sagst du's?« »Hast du je gesehen, daß 'n Mensch mit so 'nem Gesicht 'n glücklicher Ehemann wurde? Nein, nein; kannst dir's lustige Lachen der Kinder in so 'nem Haus denken, oder 'n Kleines auf Vaters Schoß, oder das glückliche stille Lächeln auf 'm freundlichen Gesicht der Mutter in 'n paar Jahren? Nein, Madlene, der Teufel hat dem Mann seine schwarze Klaue auf die Stirn gedrückt!« »Bst! bst! Grete; wenn er's hörte!« sagte die andere Gevatterin, die sich, da jetzt alles gethan war, was es noch zu thun gab, ans Fenster gesetzt hatte, wahrend die unheilkündende Alte über Arams eichenen Stuhl gelehnt von dort aus ihre sibyllinischen Sprüche ergehen ließ. »Bewahre,« entgegnete diese, »ich sah ihn schon vor 'ner Stund' ausgehen, als die Sonn' eben heraufkam, und sagte, als ich ihn in das Gehölz dort streifen sah und das dürre Laub unter seinen Füßen vom Morgennebel naß war, und sein Hut ihm in der Stirn saß, und seine Lippen so gingen – ich sagte, der Mann, sagt' ich, der 'n Herz froh macht, geht an seinem Hochzeitstage nicht so 'rum. Aber ich weiß, was ich weiß und denk' an das, was ich verwichene Nacht sah.« »Was sahst du verwichene Nacht?« fragte die Zuhörerin mit zitternder Stimme, denn Mutter Grete war eine unerschöpfliche Erzählerin von Geister- und Hexen-Geschichten, und eine unheimliche Scheu vor ihren dunkeln Zigeunerzügen und boshaften Worten hatte sich nach und nach über das ganze Dorf verbreitet. »Na, ich saß da mit der tauben Alten und wir tranken auf die Gesundheit des Mannes und derer, die sein Weib werden soll, und es war fast zwölf Uhr, eh mir's einfiel, daß es Zeit zum Heimgehen sei. So warf ich denn meinen Mantel um – der Mond stand am Himmel – und ich ging durchs Holz und Fairlegh-Feld hinauf, und sang's Liedel, wie man den Sepp Wrench gehenkt, denn der Wein hatte mich lustig gemacht; da sah ich auf einmal was Schwarzes kriechen und kriechen, immer schneller hinter mir her übers Feld, und dann grad' aufs Dorf zu. Ich stand still und fürchtete mich nicht im geringsten, obschon ich auf 'n ersten Anblick glaubte, 's sei nichts Lebendiges. Und da kommt's schneller und schneller, und da seh' ich, daß es nicht ein Ding war, sondern viele, viele Dinger, und machten's ganze Feld vor mir dunkel. Und was glaubst du, daß es war? 'n ganzes Rudel grauer Ratten, tausend und abertausend, und vom Haus hier kamen sie her. Denn solch' 'ne Hexenware weiß zum voraus, daß 'n Unglück auf 'nem Ort sitzt. Und so stand ich daneben an 'nem Baum und lachte, als ich die Teufelstiere so an mir vorbeiziehen sah, trapp, trapp, und hatten gar keine Furcht vor mir; aber 'n Paar sahen mich seitwärts mit ihren glitzerigen Augen an und zeigten ihre weißen Zähne, als ob sie spotteten und zu mir sagten: ha! ha! Grete, das Haus, aus dem wir ausziehen, ist 'n fallendes Haus, denn der Teufel will das Seinige haben.« In einigen Gegenden Englands und namentlich in derjenigen, worin unsere Geschichte spielt, gilt der Auszug dieser ekelhaften Tiere aus einer gewohnten Behausung dem Aberglauben für das schlimmste aller Vorzeichen. Der Naturtrieb, wonach sie jede unsichere Wohnstätte verlassen sollen, verkündet, nimmt man an, durch einen solchen Auszug zugleich der Person des Hausbesitzers selbst Unglück. Während die Ohren der aufhorchenden Freundin noch von dieser Geschichte klangen, ging die dunkle Gestalt des Gelehrten am Fenster vorüber. Die Alte fuhr auf und erschien, als Aram sofort ins Zimmer trat, in voller Geschäftigkeit für die Vorbereitungen des Festes. »Einen glücklichen Tag, Euer Edeln, einen glücklichen guten Morgen,« riefen beide Weiber in einem Atem, aber der Segenswunsch der boshafteren wurde in so rauhem Gekreisch ausgestoßen, daß Aram wie erschrocken über den Laut sich umwandte; noch weniger zufrieden mit dem wohlbekannten Anblick der Person, von welcher er herkam, winkte er ungeduldig mit der Hand und bedeutete sie hinauszugehen. »Hui, hui!« murmelte Mutter Grete, »so mit dem Armen sprechen! Aber die Ratten lügen nicht, die Teufelsdinger!« Aram warf sich in seinen Stuhl und saß mehrere Augenblicke in ein Nachdenken versunken, das auf keine trübe Stimmung zu deuten schien. Nachdem er dann einigemal im Zimmer auf und abgegangen war, blieb er dem Kamin gegenüber stehen, über welchem seine Gewehre hingen, die er stets geladen und schußbereit hielt. »Hm,« sagte er halblaut, »ihr seid nur müßige Diener gewesen und jetzt ist sehr wenig Wahrscheinlichkeit da, daß ihr mir die Mühe zahlt, die ich auf euch verwandt habe.« Damit zuckte ein leichtes Lächeln über seine Züge; er wandte sich ab und stieg die Treppe zu jenem hohen Gemach hinauf, in welchem er so oft die Sterne überwacht hatte – Der Himmel Seelen und die Herrn des Lebens In ihren weiten Reichen. Ehe wir ihm in diesen hohen stillen Aufenthalt folgen, wollen wir den Leser nach Lesters Hause bringen, wo bereits alles voll Heiterkeit und stiller, doch inniger Freude ist. Noch fehlten etwa drei Stunden zu der für die Vermählung festgesetzten Zeit. Da es noch so früh war, erwartete man Aram im Herrenhause nicht eher als etwa eine Stunde vor der Feier. Gleichwohl klangen die Glocken bereits hell und fröhlich, und bei der geringen Entfernung der Kirche vom Hause kam der Laut, der so unnennbar süßen Aufruhr im Ohr einer Braut erregt, mit geschäftiger Fröhlichkeit herüber wie die kräftige Stimme eines altbekannten Freundes, der es bei seinem Gruß mehr auf Herzlichkeit als auf zarte Formen anlegt. Vor ihrem Spiegel stand die schöne, jungfräuliche, strahlende Madeline; Ellinor ordnete mit zuckenden Händen das üppige Haar der Schwester und sprach mit einer Stimme zwischen Lachen und Weinen ihre Hoffnungen, ihre Wünsche, ihre Segenssprüche aus. Das kleine Fenster stand offen und die Luft wehte ziemlich fröstelnd auf den Busen der Braut. »Das ist ein unfreundlicher Morgen, liebes Lorchen,« sagte sie schaudernd, »der Winter scheint endlich anfangen zu wollen.« »Halt, ich will das Fenster schließen; die Sonne kämpft noch mit dem Gewölk, aber ich bin überzeugt, es wird sich allmählich aufhellen. Du wirst uns nicht – wirst uns nicht – das Wort muß heraus – vor Abend verlassen.« »Weine nicht!« sagte Madeline, selbst halb weinend. Und sich niedersetzend, zog sie Ellinor an sich, und die beiden Schwestern, die seit ihrer Geburt nie getrennt gewesen, wechselten Thränen, die, so natürlich sie auch, schwerlich bloß Thränen des Schmerzes waren. »Und was für frohe Abende wir in der Christzeit haben werden,« sagte Madeline, der Schwester Hände in den ihrigen haltend. »Du weißt, du wohnst dann bei uns; Eugen hat bereits angeordnet, daß man das hübsche alte Zimmer, nördlich im Hause, für dich herrichtet. Und dann werden der gute Vater und der gute Walter, der bis dahin längst zurück sein muß, zu uns herüber auf Besuch kommen und meine Haushaltung loben und dergleichen. Und dann nach Tisch setzen wir uns ums Feuer; ich neben Eugen und auf meiner andern Seite der Vater, unser Gast, mit seinen langen, grauen Haaren und seinem lieben, sanften Gesicht, eine Thräne der Rührung im Auge – du kennst seinen Blick, wenn ihm was das Herz bewegt. – Und etwas entfernt auf der andern Seite des Kamins wirft du und – und Walter sitzen; – ich meine für den werden wir wohl Platz machen müssen. Und Eugen, der dann der munterste von euch allen sein wird, soll uns mit seiner milden klaren Stimme vorlesen, oder von Vögeln, Blumen und wunderbaren Dingen in fremden Ländern erzählen. Und nach dem Nachtessen begleiten wir den Vater und Walter halbwegs nach Hause durch das schöne Thal, das selbst im Winter noch schön ist, und zählen die Sterne und nehmen neuen Unterricht in der Astronomie und hören Geschichten von den Astrologen und Alchymisten und ihren schönen Träumen. Ah, es soll eine glückliche Weihnachtszeit sein! Und dann wenn der Frühling kommt und jeden Tag frische Blumen hervorsprießen, werd' ich hinübergerufen werden, dir bei deinem Putz zu helfen, wie du mir beim meinigen geholfen Haft, und mit dir in die Kirche zu gehen, freilich nicht als deine Brautjungfer. Ach, wen werden, wir zu diesem Dienst nehmen?« »Still doch!« sagte Ellinor, durch ihre Thränen lächelnd. Während die Schwestern noch so miteinander sprachen und Madeline in unschuldiger Herzensgüte die begreifliche Niedergeschlagenheit der geliebten Schwester zu heben suchte, vernahm man in der Ferne Wagengerassel. Näher kam es heran und näher; – jetzt schwieg das Geräusch wie vor dem Eingangsthor; – dann wieder begann es schnell und schneller; und so rasch die Postillone die Peitsche schwingen, die Pferde laufen konnten, jagten unterm gaffenden Zusammenlaufen der Gruppen auf dem Kirchplatz und dem immer noch fortdauernden fröhlichen Geläut der Glocken zwei Kutschen an Madelines Zimmer vorüber und hielten vor dem Portal des Hauses. Verwundert waren die Schwestern ans Fenster geeilt. »Es ist – es ist – guter Gott! es ist Walter,« rief Ellinor; »aber wie bleich er aussieht!« »Und wer sind diese fremden Männer bei ihm?« stammelte Madeline in Angst, ohne zu wissen warum. Zweites Kapitel. Der Gelehrte allein in seinem Zimmer. – Die Unterbrechung. – Getreue Liebe. Necquicquam thalamo graves Hastas – – Vitabis, strepitumque, et celerem sequi Ajacem. Horat. Od. XV. lib. L Allein in seinem Lieblingszimmer, um ihn her die Werkzeuge der Wissenschaft, einige Schriften über astronomische Forschungen, einige andere von minder erhabenem aber noch abstrakterem Inhalt wie gewöhnlich auf den Tischen zerstreut – gab sich Eugen Aram den Betrachtungen hin, die, wie er glaubte, seine Gedanken zum letztenmal in Anspruch nahmen vor jenem großen Lebenswechsel, der ihm die Einsamkeit durch eine Gefährtin verschönern sollte. »Ja,« sprach er, das Gemach mit gekreuzten Armen durchschreitend, »ja, alles ist sicher! Er wird nicht zurückkehren; zeugenlos schläft jetzt der Tote. Ich kann das arbeitende Haupt an den Busen legen, der mich liebt und darf nachts nicht auffahren und glauben, der sanfte Arm um meinem Nacken sei der Griff des Henkers. Zurück jetzt in dich selbst für ewig, mein geschäftiges Herz! Laß dein Geheimnis nicht aus deiner dunkeln Tiefe empor! Ein Siegel ist auf das Grab gelegt; fortan ruhe das Gespenst! – Ja, ich muß meine Stirn glätten und meine Lippen schweigen lehren und lächeln und sprechen wie andere Menschen. Ich hab' einen Wächter in mein Haus aufgenommen, einen zärtlichen, treuen, besorgten; – aber immer einen Wächter. Lebt wohl, ihr unbewachten Stunden! – ihr seelenerleichterden Worte – du dunkle und gebrochene, aber doch so liebe Zwiesprache mit dem eigenen Selbst – lebt wohl! Und komm, du Schleier! Geschmeidig, dicht und unveränderlich umhülle mich, du ewiger Fluch vollendeter Verstellung, daß unter dir, wie unter der Nacht, die gequälte Welt meines Busens regungslos schlafe und was nur Verheimlichung ist, Ruhe scheine!« Er hatte diese Gedanken laut gesprochen und blickte jetzt stumm hinaus auf das weitgedehnte Gelände unter ihm. Ein dicker, fröstelnder, unerquicklicher Nebel lag verdüsternd über der Erde. Kein Laub regte sich an den herbstlichen Bäumen, aber mit traurigem Geriesel fiel der feuchte Duft langsam aufs bewegungslose Gras. Die Morgensonne war in ihrem Umriß sichtbar, aber kein Glanz strahlte von ihr aus; ein wässeriger, trüber Dunstring umgürtete ihre schwermütige Scheibe. Fern am Eingang in das Thal blickte das wilde Farnkraut rot und welk herüber. Der erste Schritt des tödlichen Winters war bereits verkündet durch jene wilde, schweigende Verödung, die Wiege der Winde und Stürme. Aber mitten durch den unerfreulichen Schauplatz wogte der entfernte Ruf der heitern Hochzeitsglocke wie der gute Geist der Wildnis. Mehr, indem er auf diesen Ruf horchte, als weil er die Gegend überschaute, war der Gelehrte in Schweigen gesunken. »Meine Hochzeitsglocke!« sprach er endlich. »Konnt' ich noch vor zwei kurzen Jahren von so was träumen! Meine Hochzeitsglocke! mit welchem Entzücken pflegte mir meine arme Mutter, als sie zuerst auf ihren jungen Schüler stolz zu sein lernte, diesen Tag zu verkünden; wie schmolz ihr diese Feier mit der Ehre und dem Reichtum zusammen, die ihr Sohn dereinst gewinnen würde. Ach! giebt es keine Wissenschaft die Sterne der Zukunft zu zählen und ihre schwarzen Verfinsterungen voraus zu verkünden? Aber stille! stille! stille! Ich bin jetzt glücklich; ich will es, soll es sein! Erinnerung, ich biete dir Trotz!« Er sprach die letzten Worte mit tiefer, kräftiger Stimme und trat, als das freudige Geläut von neuem deutlich in sein Ohr drang, vom Fenster. »Meine Hochzeitsglocke! Madeline! wie unendlich lieb' ich dich, wie unaussprechlich teuer bist du mir! Was hast du besiegt! wie viel Gründe zu meinen Entschließungen, welch ungeheures Heer, das über meiner Vergangenheit lagert, hast du in holder, zarter Reinheit überwunden! Aber nimmer, nimmer soll es mich gereuen!« Und mehrere Minuten lang war Liebe der einzige Gedanke in seinem einsamen Selbstgespräch. Doch kaum ihm selbst bewußt hatte ein keineswegs für solch' bräutlichen Tag geeignet scheinender Geist Besitz von seiner Brust genommen; unklar und treibend, einwachsend in den dunkeln, schwankenden Schatten eines herannahenden Wechsels, ließ derselbe irgend einer helleren, heiterern Empfindung nicht länger die Oberhand. »Und woher?« sprach er, als dieser Geist mehr und mehr Gewalt über ihn gewann, und er vor den Fernröhren seiner geliebten Wissenschaft stehen blieb, »und woher dieser Schauer, dieses Erstarren mitten in der Hoffnung? Kann der bloße Hauch der Jahreszeit, die Schwere oder Leichtigkeit des Dunstkreises, kann das äußerliche Grollen oder Lächeln der rohen Masse, die wir Natur nennen, so auf uns einwirken? Pfui über unser eitles Wissen, unsere leere Kenntnis, unsere ärmlichen Forschungen, wenn uns die elende Scholle, die alltägliche Luft also aus unserem einzigen großen Herrschergebiet – aus uns selbst – herauszuschrecken vermag! Großer Gott! sind wir Geschöpfe deiner Gnade oder deiner Verachtung? In diese enge Welt geworfen – Finsternis und Gewölk um uns her – kein festes Gesetz für den Menschen – Glauben, Sittengebote unter jedem Himmelsstrich wechselnd und, wie Gras, Erzeugnis des bloßen Bodens – mühen wir uns ab, Schatten zu verjagen, tappen umher, schlagen den einzigen Lichtfunken aus dem Herzen, aus unserer unermüdlichen scharfen Arbeit hervor, – zu was? Damit wir sehen, wie ewig getäuscht wir sind! Geschöpfe des Zufalls, Werkzeuge der Umstände, blindes Gerät des höhnenden Schicksals; – der Geist, die Vernunft selbst unterwürfige Sklaven der Wünsche, der Schwächen des Fleisches. Sklaven durch Wolken umhüllt, durch den Qualm fauler Sümpfe verdumpft; – durch die Ausdünstung eines Moders von der Kraft zur Schwäche, vom Verstand zum Wahnwitz, zum stierenden Blödsinn, oder zur tobenden Raserei herabgestürzt! – Eine Erkältung, ein Fieber, und Cäsar zittert! Die Götter der Welt, die Töter oder Erleuchter von Millionen, armes Spielwerk desselben wuchernden Gärungsstoffes, der den Schwamm hervorbringt oder den Wurm ausbrütet! Wie wenig wert ist's, in diesem Leben weise zu sein! Seltsam, seltsam, wie mir das Herz sinkt. – Doch um so besser ist die Vorbedeutung, um so besser! In Gefahr sank es nie.« In diese Betrachtungen vertieft, hatte Aram nicht bemerkt, daß das Geläut schon vor einigen Minuten plötzlich abgebrochen worden; aber jetzt, da er nach unregelmäßigem Hinschreiten durchs Zimmer wieder stehen blieb, fiel ihm die Stille auf. Hinausschauend, strengte er sein Ohr an, um die Töne wieder zu vernehmen, als er sah, daß eine kleine Menschengruppe, unter welcher er die aufrechte, stattliche Gestalt Rowland Lesters bemerkte, sich dem Hause näherte. »Wie!« dachte er, »suchen die mich? Ist's schon so spät? Hab' ich den Säumigen gemacht? Nein, noch fehlt beinahe eine Stunde bis zur Zeit, wo sie mich erwarteten. So ist's wohl eine Freundlichkeit, eine Aufmerksamkeit von meinem guten Schwiegerpapa; ich muß ihm dafür danken. – Was! meine Hand zittert, wie schwach sind diese armseligen Nerven; ich muß ruhen und meine Gedanken wieder zusammennehmen.« Und sei's die Neuheit und Wichtigkeit des Ereignisses, dessen Feier ihm bevorstand, oder ein weniger erklärbares Vorgefühl, das, wie er sich einreden wollte, Wirkung der schwermütigen plötzlichen Veränderung in der Atmosphäre war, – wirklich machte sich eine Verwirrung, ein Schwanken, eine Angst, die gegen Arams sonst so ruhige, feste Selbstbeherrschung sehr abstach, auf eine peinliche Weise in seinem ganzen Wesen fühlbar. Er sank auf seinen Stuhl nieder und suchte sich zu sammeln, ein Bestreben, worin er's eben zum gewünschten Ziele gebracht, als sich ein lautes Klopfen am äußeren Thore hören ließ; es schlug auf und mehrere Stimmen ertönten. Bleich, atemlos, mit bebenden Lippen sprang Aram empor. »Großer Gott!« rief er, die Hände ringend. »Mörder – hieß das Wort, das ich unten schreien hörte? – Zudem war es Walter Lesters Stimme! Ist er zurückgekehrt? – Kann er erfahren haben ....?« Zur Thür stürzen, gegen dieselbe eine lange, schwere eiserne Stange stemmen, die einem Angriff von nicht geringer Kraft widerstehen mochte, war das erste, was er vornahm. So in stand gesetzt, Zeit zur Überlegung zu gewinnen, durchflog sein reger, aufgeschreckter Geist das ganze Feld der Rettungsmittel und Vermutungen. »Mörder – haltet mich nicht,« rief Walter von neuem von unten herauf; » meine Hand soll den Mörder ergreifen.« So gab es denn nichts mehr zu vermuten; Gefahr und Tod waren im Anlauf gegen ihn: entfliehen – wie? – wohin? Die Höhe des Zimmers ließ den Gedanken an einen Sprung aus dem Fenster nicht zu! Durch das Thor? – Schon hörte er laute Schritte die Treppe heraufstürmen. – Krampfhaft packten seine Hände die Gegend seiner Brust, wo er gewöhnlich die Pistolen zu tragen pflegte; – er hatte sie im untern Zimmer gelassen! Dies war für seinen entschlossenen, tapfern Geist der bitterste Gedanke von allen. Er warf einen einzigen Augenblitz durchs Zimmer – keine Waffe irgend einer Art war zur Hand. Sein Gehirn schwankte einen Moment, sein Atem keuchte, eine tödliche Schwäche kam über sein Herz und dann triumphierte der Geist über alles. Er hob sich zu seiner ganzen Höhe empor, faltete die Arme entschlossen über der Brust und murmelte: »Der Ankläger kommt, – noch bleibt mir übrig, die Beschuldigung zurückzuweisen.« – Er stand bereit, dem ärgsten entgegenzutreten, von der Hoffnung, den Streichen desselben zu entgehen, noch nicht verlassen. Wie sich das Wasser über dem Gegenstand schließt, der es geteilt hat, waren all diese Gedanken, diese Befürchtungen, dieser Entschluß nur das Werk, die Bewegung und die nachfolgende Ruhe eines Augenblicks gewesen; dieser Augenblick war vorüber. »Aufgemacht!« rief Walter Lesters Stimme, indem er wild gegen die Thür pochte. »Nicht so ungestüm, Knabe,« sagte Lester, die Hand auf des Neffen Schulter legend, »deine Aussage bedarf noch des Beweises – ich glaube ihr nicht: behandle ihn so lange als einen Unschuldigen, ich bitte, ich befehle es dir, bis du bewiesen hast, daß er schuldig ist.« »Weg, Oheim!« rief der tobende Walter. »Er ist meines Vaters Mörder. Gott hat die Vergeltung in meine Hände gelegt.« Diese mit leiserem Ton als bisher gesprochenen Worte drangen nur undeutlich durch die massive Thür zu Arams Gehör. »Auf, oder wir brechen mit Gewalt ein!« schrie Walter von neuem, und Aram, jetzt zum erstenmal seine Stimme erhebend, erwiderte mit klarer, volltönender Stimme, so daß, hätte ein Engel gesprochen, er Rowland Lesters Herz nicht mächtiger von der Schuldlosigkeit des Gelehrten überzeugt haben würde. »Wer klopft so heftig? – Was soll diese Gewaltsamkeit? Ich öffne meine Thür meinen Freunden. Ist es ein Freund der Einlaß begehrt?« »Ich begehre ihn,« entgegnete Rowland Lester mit bebender, unsicherer Stimme. »Ein furchtbares Mißverständniß scheint obzuwalten; treten Sie heraus, Eugen; mit einem einzigen Wort können Sie sich rechtfertigen.« »Sind Sie es, Rowland Lester? Das ist genug. Ich war über meinen Büchern und hatte mich gegen überlästigen Zutritt gesichert – treten Sie ein!« Die Stange wurde weggenommen, die Thür flog auf und selbst Walter Lester – selbst die Gerichtsdiener, die ihn begleiteten – wichen einen Augenblick zurück, als sie die stolze Stirn, die ganze hoheitsvolle Gegenwart, die so unveränderlich ruhigen Züge Eugen Arams vor sich sahen. »Was wollen Sie, meine Herren?« fragte er unerschüttert, mit festem Ton, obwohl er in den Gerichtsdienern Gesichter aus seiner frühern Zeit und aus jener fernen Stadt erkannte, in der all seine Besorgnisse vor der Vergangenheit aufgehäuft lagen. Beim Ton seiner Stimme zerschmolz der Zauber, der für einige Sekunden die Schritte des rächenden Sohnes gehemmt hatte. »Greift ihn!« rief er den Gerichtsdienern zu; »da ist euer Gefangener.« »Halt!« entgegnete Aram zurückweichend: »auf wessen Vollmacht geschieht diese Gewaltthat? – Weshalb werd' ich festgenommen?« »Hier!« schrie Walter mit knirschenden Zähnen, »hier unsere Ermächtigung! Du bist des Mordes angeklagt! Kennst du den Namen von Richard Hausman? Besinne dich – denke nach – oder den Namen von Daniel Clarke?« Langsam schlug Aram seine Augen von dem Verhaftsbefehl auf, und man konnte sehen, daß sein Gesicht wirklich etwas bleicher als gewöhnlich war: aber sein Blick wurde nicht matter, seine Nerven zitterten nicht. Langsam wandte er den Kopf gegen Walter und senkte ihn nach einer kurzen Prüfung noch einmal auf das Papier. »Der Name Hausman ist mir nicht unbekannt,« sagte er ruhig, aber mit Kraft. »Und kennst du Daniel Clarke?« »Was sollen diese Fragen?« rief Aram, die Geduld verlierend und heftig auf den Boden stampfend, »soll ein freier schuldloser Mann so auf das Verlangen, oder eher auf den gewaltsamen Angriff jedes gesetzlosen Knaben hin befragt werden? Bringt mich vor eine Obrigkeit, der ich schuldig bin Rede zu stehen– für dich, Knabe, ist meine Antwort Verachtung.« »Hohe Worte sollen dich nicht retten, Mörder,« schrie Walter, sich vom Oheim, der ihn vergeblich zurückzuhalten suchte, losreißend, und faßte Arams Schulter mit seiner kräftigen Faust. Gräßlich war der Blick, der jetzt aus dem Auge des Gelehrten auf seinen Angreifer schoß, und so furchtbar arbeiteten und wechselten seine Züge unter den Stürmen in seinem Innern, daß selbst Walter ein seltsamer Schauder durch den Leib rieselte. »Meine Herren,« sagte endlich Aram, seine Bewegung bemeisternd und einen Teil der Würde, die sein gewöhnliches Benehmen kennzeichnete, wieder gewinnend, indem er sich gegen die Gerichtsdiener wandte: – »Ich fordere Sie auf, Ihre Pflicht zu thun; ist dies eine rechtmäßige Vollmacht, so bin ich Ihr Gefangener, aber nicht der Gefangene dieses Menschen. Ich verlange Ihren Schutz gegen ihn!« Walter hatte bereits den Arm losgelassen und sagte mit gedämpfter Stimme: »Meine Heftigkeit mißleitete mich; Gewaltthat ist meiner heiligen Sache unwürdig. Gott und die Obrigkeit – nicht diese Hände sind meine Rächer.« » Ihre Rächer!« sagte Aram, »was für dunkle Worte sind das? Der Verhaftsbefehl klagt mich des Mordes an einem Daniel Clarke an; welche Gemeinschaft haben Sie mit demselben?« »Höre mich, Mensch!« sagte Walter, die Augen auf Arams Gesicht geheftet, »der Name Daniel Clarke war ein angenommener, der wirkliche Name war Gottfried Lester. Dieser ermordete Lester war mein Vater und der Bruder des Mannes, dessen Tochter du, wär' ich nicht heute gekommen, Weib genannt haben würdest.« Aram fühlte, indem letztere Worte ausgesprochen wurden daß alle Blicke im Zimmer auf ihn gerichtet waren, und vielleicht befähigte ihn eben dieses Bewußtsein, durch kein äußeres Zeichen zu verraten, was während der schrecklichen Prüfung dieses Momentes in ihm vorgehen mußte. »Das ist eine gräßliche Geschichte, wenn sie wahr ist,« sagte er; »gräßlich für mich, der so nahe mit diesem Hause verbunden ist. Aber bis jetzt ring' ich noch mit Schatten.« »Was! Zeugt Ihr Gewissen noch nicht gegen Sie?« rief Walter, stutzig gemacht durch die Ruhe des Gefangenen. Hier aber trat Lester, der nicht länger an sich halten konnte, dazwischen; er drängte den Neffen zur Seite, stürzte auf Aram zu und fiel ihm weinend um den Hals. »Ich klage dich nicht an, Eugen – mein Sohn – mein Sohn – ich fühl' – ich weiß, du bist unschuldig an diesem ungeheuern Frevel; irgend eine furchtbare Täuschung blendet dem armen Knaben da die Augen. Du – du, der aus dem Wege gehen würde, um einen Wurm nicht zu zertreten!« Und der arme alte Mann, von seinen Gefühlen überwältigt, konnte im buchstäblichen Sinne kein Wort weiter hervorbringen. Aram blickte mit einer Miene des Mitleids auf Lester, sprach ihm mit liebevoller Rede Trost zu und versicherte ihm, alles würde sich aufklären. Sanft löste er sich aus seiner Umarmung und in dem sehnlichen Wunsche, einem solchen Auftritte ein Ende zu machen, winkte er den Gerichtsdienern still zum Aufbruch. Ergriffen von der Ruhe und Würde seines Benehmens, und dadurch vom Gedanken seiner Schuldlosigkeit lebhaft durchdrungen, behandelten ihn diese Leute mit ausgezeichneter Ehrerbietung. Sie gingen nicht einmal neben ihm, sondern ließen ihn hinten nachfolgen. Indem man die Treppe hinabstieg, wandte sich Aram mit bitterem Ausdruck des Vorwurfs an Walter: »Und so mußte Ihr Haß gegen mich so weit gehen, junger Mann; kann nur mein Tod Sie zufriedenstellen?« »Ist der Wunsch der Vergeltung an meines Vaters Mörder nur ein Verlangen des Hasses?« erwiderte Walter, obwohl ihn sein Herz beinahe im Zweifel lassen wollte über die Gründe, auf welche sein Verdacht sich stützte. Aram lächelte wie halb aus Verachtung, halb aus Unglauben, schüttelte sanft den Kopf und ging ohne fernere Worte weiter. Die drei alten Frauen, die in horchender Verwunderung am Fuße der Treppe stehen geblieben waren, wichen, als die Männer herabkamen, zurück. Die eine, die so lange Arams Dienerin gewesen, befand sich wegen ihrer Taubheit immer noch im Dunkeln und Ungewissen über die Ursachen seiner Verhaftung; aus eben diesem Grunde aber war ihr Schrecken um so größer und tiefgehender. Unter dem Gemurmel einer unverständlichen Verwünschung drängte sie die Gerichtsdiener ungeduldig weg, warf sich zu den Füßen ihres Herrn, dessen ruhiges Wesen und immer gleiche Freundlichkeit ihn ihrem demutsvollen getreuen Herzen teuer gemacht hatte, und rief: »Was wollen sie thun, unterstehen sie sich, Sie zu mißhandeln? O Herr, Gott segne Sie! Gott schütze Sie, nie werd' ich Sie wiedersehen, der mein einziger Freund war, der jedes Menschen Freund war, nie wieder!« Aram riß sich von ihr los und sagte mit bebender Stimme zu Rowland Lester: »Wenn ihre Befürchtungen wahr sein sollten – wenn – wenn ich wirklich nicht mehr hierher zurückkehre, so sorgen Sie, daß sie in ihrem Alter nicht hungern darf – nicht Mangel leidet.« Lester konnte vor Schluchzen nicht sprechen, aber die Bitte blieb ihm im Herzen. Aram wandte das stolze Haupt auf die Seite, um seine Rührung zu verbergen, und sah die Thür des Zimmers offen, das zu Madelines Empfang so festlich geschmückt war. Die Blumen lächelten ihm von ihren Gestellen herab zu. »Vorwärts, Ihr Herren!« sprach er schnell. So schied Eugen Aram von seiner Schwelle! »Hoho!« brummte die alte Hexe, deren Voraussagungen an diesem Morgen nun in Erfüllung zu gehen schienen: »hoho! 'n andermal werdet ihr der Grete glauben! Die Vorsehung hält die Worte alter Leute in Ehren. Nicht umsonst haben mich die Ratten verwichene Nacht angegrinst. Aber kommt herein; wir wollen uns mit 'nem Glas Wein wärmen. Hihi! jetzt werden die starken Getränke alle uns zufallen; der Herr ist barmherzig gegen die Armen!« Indem die kleine Gruppe sich durch das Thal hinbewegte, die Gerichtsdiener voraus, Aram und Lester nebeneinander, Walter etwas hinterdrein, die Hand auf der Pistole, das Auge auf dem Gefangenen, – suchte Lester diesen und sich selbst dadurch zu ermutigen, daß er den Wahnsinn einer solchen Anschuldigung und die Gewißheit unverweilter Lossprechung von seiten des Friedensrichters hervorhob, an welchen sie gewiesen waren, eines Beamten, der in gleichem Maße für den verständigsten wie für den gerechtesten in der Grafschaft galt. – Aram unterbrach ihn etwas jach: »Mein Freund, für jetzt genug hiervon. Aber Madeline – was ist ihr bis jetzt bekannt?« »Nichts. Natürlich hielten wir –« »Sehr wohl – sehr wohl: Sie haben weise gehandelt. Wozu braucht sie jetzt etwas zu erfahren? Sagen Sie, eine Verhaftung um Schulden willen – ein Mißverständnis – eine Abwesenheit von höchstens einem Tage oder etwa – Sie verstehen mich.« »Ja. Wollen Sie sie nicht vor Ihrer Abreise selbst sehen, Eugen, und ihr das mündlich sagen?« »Ich – o Gott! – ich! für welchen dieser Tag – nein, nein: retten Sie mich, ich beschwöre Sie, vor der Qual eines solchen Kontrastes – vor einer ebenso traurigen als nutzlosen Unterredung. Nein, wir dürfen nicht zusammenkommen! Aber wohin gehen wir jetzt? Doch nicht durch all die thörichten Dorfschwätzer? – nicht durch den Haufen, der bereits angeregt ist zu gaffen, zu stieren, seine Vermutungen anzustellen über den – « »Nein,« unterbrach ihn Lester, »die Wagen erwarten uns dort unten im Thal. Ich vergaß nicht, hierfür zu sorgen – denn der unbesonnene Knabe hinter uns scheint seine Natur verändert zu haben. Ich liebte – Gott, wie sehr ich meinen Bruder liebte! Aber ehe ich durch einen Verdacht derart der gesunden Vernunft Hohn spräche, möcht' ich lieber, daß jede Nachforschung über sein Schicksal auf ewig in Schlaf versänke.« »Ihr Neffe,« entgegnete Aram, »ist mir immer übelgesinnt gewesen; aber verlieren wir keine Worte über ihn; denken wir einzig an Madeline. Wollen Sie gleich zu ihr hinüber, ihr irgend ein Märchen vorerzählen, um ihre Besorgnisse einzuschläfern, und uns dann eilig nachfolgen? Bis zu Ihrer Rückkehr bin ich unter Feinden allein.« Lester wollte eben antworten, als sie bei einer Biegung des Weges, die ihnen die Wagen zu Gesicht brachte, zwei weißgekleidete Gestalten auf sich zueilen sahen. Ehe sich noch Aram auf die Überraschung hatte vorbereiten können, war Madeline bleich, zitternd und atemlos an seine Brust gesunken. »Ich konnte sie nicht zurückhalten,« sagte Ellinor entschuldigend zum Vater. »Zurück! und warum? bin ich nicht an der Stelle, wo ich hingehöre?« rief Madeline, das Antlitz von Arams Brust emporhebend. Indem ihre Augen sofort in der Gruppe umherliefen und dann auf Arams Gesicht stehen blieben, das jetzt nicht mehr ruhig, sondern voll Weh – Sturm – fehlgeschlagener Liebe – voraus empfundener Verzweiflung war, fuhr sie auf, wich in einer Angst, die ihr die Worte erstickte, langsam zurück, versuchte dreimal zu sprechen und vermochte es dreimal nicht. »Aber was – was ist – was bedeutet dies?« rief Ellinor. »Was weinen Sie, Vater? Weshalb wendet Eugen das Gesicht ab? Sie antworten nicht. Sprechen Sie um Gottes Willen! Diese Fremden – wer sind sie? und du, Walter, du – warum bist du so blaß? Was runzelst du so die Stirn und schlägst die Arme übereinander? Du –du wirst mir sagen, was dieses schreckliche Schweigen – was dieser Anblick zu bedeuten hat! Sprich, Vetter – lieber Vetter, sprich!« »Sprich!« rief Madeline. die endlich Stimme fand, mit dem scharfen, gespannten Ton des wilden Schreckens, in welchem kein Laut ihres natürlichen Wohlklangs zu erkennen war. Das einzige Wort tönte eher wie ein Angstschrei als wie eine Bitte, und so schneidend drang es durch die Herzen aller Anwesenden, daß selbst die Gerichtsdiener, trotz der Härte, zu welcher sie ihr Beruf gewöhnt hatte, empfanden, wie sie in diesem Augenblick lieber dem Tod hätten ins Angesicht schauen als einer solchen Aufforderung Folge leisten mögen. Eine totenstille, lange, furchtbare Pause! – Endlich brach Aram dieselbe. »Madeline Lester,« sprach er, »zeige dich würdig der Stunde der Prüfung. Ermutige dich; erhebe dein Herz, sei gefaßt! Du bist die Verlobte eines Mannes, dessen Seele vor den zornigen Worten der Menschen nie erbebte. Daran gedenke und fürchte dich nicht!« »Ich will keine Furcht zeigen – ich will nicht, Eugen! Sprich nur, sprich!« »Du hast mich geliebt, da man Gutes von mir sagte; vertraue jetzt auf mich, da man Übles von mir sagt. Man klagt mich eines Verbrechens an – eines grauenhaften Verbrechens. Zuerst wollt' ich dir die wahre Anschuldigung nicht sagen; verzeih' mir, ich that dir unrecht, jetzt sollst du alles erfahren! Ich bin eines Verbrechens angeklagt, sag' ich. Welches Verbrechens, fragst du. Ach, ich selbst weiß es kaum, so unbestimmt ist die Beschuldigung – so wutentbrannt der Ankläger. Fasse dich, Madeline, es ist das Verbrechen des – Mordes!« Madeline, deren Geist durch den hohen ernsten Ton, worin Aram ihr zugesprochen, sich erhoben hatte, ließ, obwohl eine leichenhafte Blässe sie überlief – obwohl der Boden rund um sie her schwamm, den Schrei nicht aufkommen, der sich auf ihre Lippen drängte, als diese fürchterlichen Worte ihre Seele durchbohrten. »Du! – Ein Mord – du! Und wer wagt's, dich anzuklagen?« »Sieh' ihn hier – dein Vetter!« Ellinor hörte es, wandte sich, heftete die Augen auf Walters finstere Stirn und regungslose Stellung, und stürzte bewußtlos zu Boden. Nicht so Madeline. Wie es eine Erschöpfung giebt, welche den Schlummer abwehrt, nicht dazu einlädt, so ist, wenn das Gemüt gänzlich auf der Folter liegt, der Angst ihr gewöhnliches Sänftigungsmittel nicht gestattet. Zu scharf sind die Sinne angespannt, als daß sie zu einem glücklichen Vergessen des eigenen Selbst zusammenbrechen könnten; die furchtbare Beseelung durch eine solche Todesqual hält die Kräfte aufrecht, während sie dieselben untergräbt. Madeline schritt an dem leblosen Körper der Schwester vorüber, ohne einen Blick auf denselben fallen zulassen, ging mit festem Schritt auf Walter zu und faßte ihn beim Arm. Auf ihn das sanfte, klare Auge geheftet, das jetzt von einem forschenden, unnatürlichen Glanz leuchtete und in seine Seele dringen zu wollen schien, sprach sie: »Walter! hör' ich recht? – wach' ich? – du bist's, der Eugen Aram anklagt? – Den Verlobten Gatten deiner Madeline – Madelines, die du einst liebtest! Wessen anklagst – eines Frevels, der nur durch den Tod bestraft werden kann. Hinweg! – Das kannst du nichts ich weiß, du kannst es nicht. Sag', daß ich mich irre – daß ich wahnsinnig bin, wenn du willst. Komm', Walter, erlöse mich; mach', daß mir nicht die Luft, die du atmest, zum Abscheu wird!« »Will niemand Erbarmen mit mir haben?« rief Walter mit zerrissenem Herzen und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Nicht dieses hatte er im heißen Feuer des Rachegefühls in Anschlag gebracht; er hatte nur an Gerechtigkeit für einen Vater – Bestrafung eines Bösewichts – Befreiung eines leichtgläubigen Mädchens gedacht. Das Wehe – das Grausen, das er nunmehr daran war, über alle diejenigen hereinbrechen zu lassen, die er am meisten liebte – dies hatte sich ihm bis zum jetzigen Augenblick nicht mit gehöriger Kraft dargestellt. »Erbarmen – du sprichst von Erbarmen. Wußte ich doch, daß es nicht wahr sein konnte, was ich von dir höre!« entgegnete Madeline und suchte des Vetters Hand von seinem Gesicht wegzuziehen. »Dir konnte es nicht einfallen, Eugen zu mißhandeln – und – und gerade am heutigen Tage. Sag', wir hätten uns geirrt, oder du habest dich geirrt, und wir wollen dir vergeben und dich noch jetzt segnen!« Aram hatte kein Wort zu diesem Auftritt gesprochen. Er hielt die Augen auf die beiden Bruderskinder geheftet – es war nicht ohne Interesse für ihn zu beobachten, welche Wirkung Madelines rührende Reden auf seinen Ankläger hervorbringen würden. Unterdessen fuhr jene fort: – »Sprich zu mir. Walter – lieber Walter, sprich zu mir! Bist du's, der unsere Hoffnungen zerknicken, unsere Freuden zertreten, der Furcht und Entsetzen in ein Haus bringen will, worin noch eben nur Friede und Sonnenschein waren – in dein eigenes Haus – das Haus deiner Kindheit? Was hast du gethan, was hast du gewagt zu thun? – ihn anzuklagen – wessen? des Mordes! Sprich, sprich – des Mordes, ha, ha! – des Mordes! Nein, nicht so! – Du würdest nicht gewagt haben hierher zu kommen – du würdest mich nicht deine Hand fassen lassen – du würdest uns, deinen Oheim, uns, die mehr als deine Schwestern sind, nicht ins Gesicht schauen können, wenn du in deinem Herzen diese Lüge – diese schwarze – gräßliche Lüge nährtest!« Walter zog seine Hände zurück und sagte, den Kopf abwendend: »Möge er seine Unschuld beweisen, bitte Gott, daß er's kann! – Ich bin nicht sein Ankläger, Madeline. Die Gebeine meines toten Vaters klagen ihn an! – Außer diesen sind nur der Himmel und die offenbarende Erde Zeugen gegen ihn!« »Dein Vater!« rief Madeline zurücktaumelnd. – »Mein verlorner Oheim! Ha! jetzt weiß ich, was für ein nichtiger Traum uns alle in Angst gesetzt hat! Kanntest du meinen Oheim, Eugen? – Hast du Gottfried Lester je gesehen?« »Nie, wie ich glaube, so wahr mir Gott helfe!« erwiderte Aram, die Hand aufs Herz legend: »aber das hilft jetzt zu nichts!« – Wie zur Besinnung kommend, fühlte er, daß seine Sache über Walters Hände hinausgeschritten und eine Berufung an diesen nunmehr fruchtlos war. »Verlaß uns jetzt, teuerste Madeline; meine Braut, mein Weib! – Ich gehe, diese Anschuldigung zu entkräften – vielleicht kehr' ich noch heute abend zurück; verzögere meine Freisprechung nicht, obwohl ein bloßer Argwohn – ein kindischer Argwohn auf mir ruht. Kommt, ihr Herren.« »O Eugen, Eugen,« rief Madeline und warf sich vor ihm auf die Knie – »befiehl mir nicht, dich jetzt zu verlassen – jetzt in der Stunde des Schreckens: – ich werde es nicht thun. Nein, sieh mich nicht so an! Ich schwöre, ich werd' es nicht thun! Vater, teurer Vater, komm und sprich für mich – sage du, daß ich euch begleiten soll! Ich fordere nichts weiter. Fürchte nichts für meine Nerven – die Zaghaftigkeit ist fort. Ich will dir keine Schande machen, – ich will nicht das Weib spielen! – ich weiß, was sich für die gehört, die ihn liebt! – versuche es mit mir; nur den Versuch wage!. Du mein Vater, du schüttelst den Kopf: – aber du, Eugen – du hast nicht das Herz, mir so was abzuschlagen? Denk' – denk, daß, wenn ich hier bleibe und die Minuten bis zu deiner Wiederkehr zählen müßte, der Verstand mich verlassen würde. Was verlang' ich? – Nur mit dir zu gehen, die erste zu sein, die über deinen Triumph frohlockt. Wäre dies zwei Stunden später geschehen, so hättest du mir kein Nein zurufen können – so hätt' ich diese Begleitung als ein Recht in Anspruch genommen, die ich jetzt als ein Zeichen des Erbarmens fordere. Du gewährst mir – du gewährst mir, ich seh' es.« »O Gott!« rief Aram, sich hoch emporrichtend, drückte sie an seine Brust und küßte ihr Antlitz wild, aber mit kalten, bebenden Lippen – »das ist fürwahr eine bittere Stunde, laß mich nicht unter ihr erliegen. Ja, Madeline, frage deinen Vater, ob er einwilligt; – ich begrüße deine kräftigende Gegenwart als diejenige eines Engels. Ich will nicht der sein, der dich von meiner Seite gedrängt.« »Sie haben recht, Eugen,« sagte Lester, der die immer noch ohnmächtige Ellinor in seinen Armen hielt. »Nehmen wir sie mit uns; es ist nur die einem jeden schuldige Liebe und Barmherzigkeit.« Madeline stieß einen Freudenschrei aus – (Freude selbst in einem solchen Augenblick!) – und klammerte sich fest an Eugens Arm, als wolle sie ein Pfand nehmen, daß sie wirklich nicht von ihm geschieden werde. Unterdessen hatten sich einige von Lesters Dienerschaft, die ihren jungen Gebieterinnen aus der Entfernung nachgefolgt waren, auf dem Platz eingefunden. Ihrer Sorge übergab Lester die kaum atmende Ellinor, wandte sich dann mit strengem Ausdruck zu Walter und sagte: »Komm, Mensch; deine Übereilung hat für jetzt genug Übles gethan; komm jetzt und sieh wie schnell dein Argwohn zu Schanden werden wird.« »Gerechtigkeit und Blut um Blut!« entgegnete Walter fest; – aber es war ihm als sei sein Herz gebrochen. Die Thränen seines ehrwürdigen Oheims; – der Blick des Entsetzens, womit sich Madeline von ihm gewandt; – Ellinor in Ohnmacht und er nicht wagend, sich ihr zu nähern – dies war sein Werk! – Er drückte sich den Hut über die Augen und warf sich allein in einen Wagen. Lester, Madeline und Aram folgten in dem andern Gefährt und die beiden Gerichtsboten begnügten sich, auf dem Kutschbock Platz zu nehmen, überzeugt, der Gefangene werde keinen Versuch zur Flucht machen. Drittes Kapitel. Der Friedensrichter. – Die Abreise. – Gleichmut des Korporals beim Unglück anderer. – Das Verhör. – Dessen Ergebnis. – Aram wird ins Gefängnis abgeführt. – Die Geschmeidigkeit der menschlichen Natur. – Ein Besuch des Grafen. – Walters Entschluß. – Madeline. Führt mich zum Kerker, der mir angewiesen. Maß für Maß . In Sir +++s Wohnort wartete ihrer eine schmerzliche Enttäuschung, auf welche sie eine vorgängige Verständigung mit den Gerichtsboten vorbereitet haben würde. Der Friedensrichter hatte nämlich den ihm von Yorkshire zugeschickten Verhaftsbefehl bloß indossiert und nach einer sehr kurzen Unterredung, worin er sein Bedauern über diese Sache, seine vollkommene Überzeugung, daß die Beschuldigung sich als falsch erweisen müsse und ein paar sonstige Gemeinplätze der Höflichkeit anbrachte, deutete er Aram an, daß diese Angelegenheit nicht in sein Gebiet falle, die Gerichtsdiener vielmehr nach Yorkshire gewiesen seien und die Untersuchung vor Herrn Thornton, einem Friedensrichter jener Grafschaft, vorgenommen werden müsse. »Alles was ich thun kann,« bemerkte der Beamte, »hab' ich bereits gethan, aber es ist mir erwünscht, eine Gelegenheit zu finden, wodurch ich Sie selbst hiervon in Kenntnis setzen kann. Ich habe meinem Amtsbruder aufs ausführlichste über den ausgezeichneten Ruf berichtet, in welchem Sie stehen und die ganze Art, die Reinheit Ihres Lebenswandels schon als genügende Widerlegung einer so ungeheuerlichen Anschuldigung aufgeführt.« Zum erstenmal kam eine sichtbare Verlegenheit über die festen Nerven des Gefangenen. Mit großem Mißfallen schien er die Aussicht auf die lange, furchtbare, zu solchem Zweck bevorstehende Reise zu betrachten. Vielleicht reichte schon die Vorstellung, im Verdacht eines peinlichen Verbrechens nach jener Gegend des Landes zurückzukehren, worin er einen Teil seiner Jugend zugebracht, hin, ihn zu beunruhigen und niederzuschlagen. – Diese ganze Zeit über schien seine arme Madeline von einem über ihre Natur hinausreichenden Geiste beseelt. Sie wollte sich nicht von seiner Seite trennen – sie hielt seine Hand in ihren Händen – sie lispelte ihm Trost und Mut im Augenblick zu, wo ihr das eigene Herz am tiefsten gesunken war. Der Richter vergoß Thränen beim Anblick eines so jungen, so reizenden Wesens, das sich unter so furchtbaren Verhältnissen mit einer Kraft benahm, die nach seiner Jugend und seinem zarten Äußern so wenig erwartet werden durfte. Aram sprach nur wenig; er bedeckte das Gesicht einige Sekunden mit der Rechten, als wollte er eine vorübergehende Bewegung, eine plötzliche Schwäche verbergen. Als er die Hand sinken ließ, war jede Spur von Farbe auf seinen Zügen erstorben. Sie waren blaß, als käme er aus dem Grabe; aber sie waren gefaßt und ruhig. »Es ist ein qualvoller Zustand, mein Herr,« sprach er mit schwachem Lächeln, »so viele Stunden – so viele Tage – ein so langer Aufschub das Gute zu erfahren oder sich auf das Ärgste vorzubereiten. Aber sei es so! Ich dank' Ihnen, mein Herr – ich dank' euch allen, Lester, Madeline, für eure Liebe; ihr beiden müßt mich jetzt verlassen, ein Schandfleck haftet auf meinem Namen; – ein in gerichtlichen Verdacht gezogener Mensch ist kein Gegenstand für Liebe oder Freundschaft! Lebt wohl!« »Wir gehen mit dir,« sagte Madeline fest, mit leiser Stimme. Arams Auge funkelte, aber er winkte ihr ungeduldig mit der Hand hinweg. »Wir gehen mit Ihnen, mein Freund!« wiederholte Lester. Und so ward es – um uns nicht zu lange bei einem qualvollen Auftritt zu verweilen – endlich wirklich beschlossen. Lester und seine beiden Töchter folgten Aram noch diesen Abend zu dem dunkeln, verhängnisvollen Ziel, nach welchem er gewiesen war. Umsonst faßte Walter des Oheims Hände und flüsterte ihm zu: »Ums Himmels willen, seien Sie nicht vorschnell in Ihrer Freundschaft! Noch wissen Sie nicht alles. Ich sage Ihnen, es kann kein Zweifel über seine Schuld obwalten! Bedenken Sie, es ist ein Bruder, um den Sie trauern! Wollen Sie seinen Mörder begünstigen?« Lester wurde unwillkürlich von dem Ernst ergriffen, womit sein Neffe gesprochen; aber mit den Worten schwand auch ihr Eindruck dahin. So stark und tief war der Zauber, den Eugen Aram über die Herzen ausübte, die nur ein einzigesmal in den näheren Kreis seiner Anziehung gekommen waren, daß, wäre die Anklage auf Mord gegen Lester selbst erhoben worden, dieser sie mit keiner innigern Überzeugung von der Schuldlosigkeit des Angeklagten hätte zurückweisen können. Immerhin trug indes die tiefe Wahrhaftigkeit, die sich in Walters Benehmen aussprach, dazu bei, des Oheims Unwillen gegen, ihn einigermaßen zu besänftigen. »Nein, nein, Knabe!« antwortete er, die Hand wegziehend, »Rowland Lester ist nicht der Mann, der einen Freund in den Tagen der Finsternis und in der Stunde der Gefahr verläßt! Schweig, sag ich! – Mein Bruder, sagst du, mein armer Bruder sei ermordet worden. Ich werde sorgen, daß ihm Vergeltung geschieht: aber Aram – pfui, pfui! das ist ein Name, der die lauteste Anklage Lügen strafen würde.. Geh. Walter, geh! Ich tadle dich nicht! – Du kannst recht handeln: – ein ermordeter Vater ist ein furchtbares, grimmerfüllendes Andenken für einen Sohn! Was Wunder, daß dieser Gedanke dein Urteil ablenkt? Aber geh! Eugen war für mich beides, ein Führer und ein Segen; ein Vater an Weisheit, ein Sohn an Liebe. Ich kann auf das Gesicht seines? Anklägers nicht ohne innere Qual blicken. Geh! Wir werden uns wiedersehen. Geh!« »Genug, Oheim!« rief Walter, halb im Zorn, halb im, Kummer. »Die Zeit sei die Richterin zwischen uns allen.« Mit diesen Worten schied er und ging zu Fuß nach einem Bauernhause, halbwegs zwischen Grünthal und der Wohnung des Friedensrichters, wo er, bevor sie sich nach ersterem Ort begeben, den Korporal klüglich zurückgelassen hatte, indem et diesem Menschen keineswegs so viel Zartgefühl zutraute, um nicht über eine so peinliche und verworrene Angelegenheit Getratsch und Ärgernis im Dorfe zu verbreiten. Mag die Welt erbeben wie sie will, es giebt gewisse Gemüter, die von den Wechseln derselben nie ergriffen werden. Nichts giebt einem Gemälde des Jammers einen so traurigen Ausdruck als das Bild eines Menschen, der mit gleichgiltigem Blick im Hintergrunde sitzt. Hogarth kannte dieses Geheimnis wohl. Man betrachte seine Scenen am Sterbebett: – Armut und Laster zum Grauen herausgehoben – und in einem Winkel die Ärzte, die sich um die Bezahlung raufen! – oder das Kind, das mit dem Sarge spielt! – oder die Wärterin, die noch wegstiehlt, was das harte Schicksal, das doch nicht so hart ist als die Menschen, dagelassen hat. Der tiefe tragische Humor, der unsere Einbildungskraft und unser Herz im unsterblichen Roman des Cervantes in gleicher Weise (denn welch schwermütige Betrachtung liegt dahinter, wo uns eine einzige ritterliche Narrheit über alles, was zart, tapfer weise und großmütig ist, ein Gelächter abzwingt!), thut uns mit nichts so weh, als wenn in der letzten Scene der arme»Ritter tot vor uns liegt – seine Abenteuer sind für immer vorüber – für immer verstummt seine beredten Diskurse – wenn wir dann, sag ich, erfahren, daß trotz allem Kummer den kleine Sancho noch so gut wie vorher aß und trank. So etwas zeigt uns zwar die wirkliche Welt, aber es ist nicht der schönste Teil derselben. Was für eine Tiefe liegt im echten Humor! gewiß ist, daß als Walter noch voll von den streitenden Empfindungen, deren Zeuge er gewesen – abgemüht, gequält, aber auch erhoben durch sein Gefühl, vor der Thür des Bauernhauses still hielt und hier den Korporal behaglich unter dem Vordach sitzen sah – sein vile modicum Sabini vor sich – die Pfeife im Mund und einen wohlgemuten Ausdruck der Befriedigung über Züge verbreitet, die List und Selbstsucht zu ihrem Wohnsitz bestimmt hatten; – gewiß ist, daß bei diesem Anblick Walter einen heftigeren Widerwillen – ein tieferes Bewußtsein seiner Trauer – einen vollendeteren Ekel gegen dieses gequälte Dasein aus der Welt und gegen die buntscheckigen Masken, die in derselben, herumwandeln, empfand, als all die erschütternden Auftritte, die er eben mit angesehen, in ihm erregt hatten. »Na, Herr,« fragte der Korporal langsam aufstehend, »wie ging's ab? Schämte sich der Kerl nicht in den Boden 'nein? Haben ihn doch hoffentlich glücklich erwischt?« »Still,« entgegnete Walter ernst, »bereitet Euch zur Abreise. Der Wagen wird sogleich da sein; noch heut' kehren wir nach Yorkshire zurück; fragt mich jetzt nicht weiter.« »Ah– recht – uff!« sagte der Korporal. Ein langes Schweigen folgte: Walter ging die Straße vor dem Hause auf und ab. Die Chaise kam an, das Gepäck würde hineingebracht, Walters Fuß stand auf den Wagentritt; doch bevor der Korporal den rumpelnden Außensitz bestieg, räusperte sich dieser unschätzbare Knecht dreimal. »Und hatten's, Zeit, Herr, an 'n armen Jakob zu denken, und nach 'm Häusel zu sehen, und 'n Wort an Ihren Onkel fallen zu lassen von wegen 's Bissel Kartoffelland?« Wir gehen über den der That nach kurzen, den Schmerzen nach langen Zeitraum weg, der bis zur Ankunft des Gefangenen und seiner Gefährten in Knaresborough verstrich. Arams Benehmen während desselben war nicht nur ruhig, sondern sogar heiter. Die stoischen Lehren, denen er durch sein ganzes Leben nachgestrebt, wurden von ihm während dieses prüfungsvollen Zwischenaktes auf eine bemerkenswerte Weise in Anwendung gebracht. Er war es jetzt, der den Mut der Geliebten und des Freundes zu erheben suchte; und obwohl er nicht länger gegen sie behauptete, seiner Lossprechung mit Zuversicht entgegenzusehen, – obwohl er ihnen wieder und wieder die düstere Thatsache vor die Seele rief, wie es erstens höchst unwahrscheinlich sei, daß man ohne starke Annahme für seine Schuld eine solche Maßregel gegen ihn ergriffen haben würde, und zweitens, wie es beinahe ebenso unwahrscheinlich, daß er nach einer so langen Zeit imstande sein werde, Zeugen zu stellen, oder sich solcher Umstände zu entsinnen, die jene Annahme augenblicklich zu widerlegen vermöchten: – so hielt er doch noch an der Hoffnung fest, seine Unschuld endlich zu erweisen; mit mehr Nachdruck aber noch an der Unerschütterlichkeit seines eigenen Gemüts, ohne Beben selbst das härteste Schicksal ertragen zu können. »Blicken Sie nicht,« sprach er zu Lester, »blicken Sie nicht auf die Prüfungen des Lebens bloß mit den Augen der Welt. Bedenken Sie, welch ärmlicher, winziger Ausschnitt im unendlichen Kreise der Ewigkeit das irdische Dasein im besten Fall ist. Sein Kummer und seine Schande sind bloße Augenblicke. Selbst in meinen glanzvollsten und jugendlichsten Stunden habe ich mein Herz in die Betrachtung einer höheren Zukunft versenkt – Die Seele lächelt, sicher ew'gen Daseins, Des blanken Dolchs und trotzet seiner Spitze. Selbst wenn ich den Tod des Missethäters sterbe, liegt es nicht in der Macht des Schicksals, uns für lange Zeit zu trennen. Nur ein Schmerz und wir sind aufs neue für ewig vereinigt; für ewig unter den Schatten jener fernen Gefilde, wo die Bösen nicht länger belästigen und die Müden zur Ruhe kommen. Wär's nicht um der geliebten Madeline willen, so würd' ich der Welt schon längst übersatt sein. Wie diese ist, so wird das schnellste, selbst durch gewaltsame und ungerechte Schickung herbeigeführte Scheiden von einem Pfad, den unten Schlingen, oben Stürme umgeben, nur um so beneidenswerter für jede Seele sein, welche ihr Los auf dieser Erde als den geringsten Teil des ihr zugewiesenen Schicksals betrachtet.« In Gesprächen wie diese, welche durch seine natürliche Beredsamkeit noch besonders feierlich und eindrucksvoll wurden, suchte Aram seine Freunde auf das Schlimmste vorzubereiten und vielleicht sich selbst zu täuschen oder zu stählen. Jedesmal wenn er sich so äußerte, brachen Lester und Ellinor mit stürmischer Widerlegung auf ihn ein; Madeline aber, wie in eine tiefere, schmerzlichere Anschauung der Zukunft eingeweiht, hörte ihm mit thränenloser und atemloser Spannung zu. Sie sah auf ihn mit einem Auge, das die Gedanken, welche er aussprach, teilte, obwohl es nicht – wenigstens wollte sie sich das einreden – in dem Herzen las, aus welchem dieselben kamen. Um mit den Worten jenes schönen Dichters zu sprechen, für dessen innere Wahrheit, so voll unausgesprochener Zartheit – so durchdrungen vom glänzenden Adel der Liebe – uns der Sinn endlich langsam erwacht ist: Ihr Mund war stumm und kaum noch schlug ihr Herz, Ihr Aug' nur sprach: für uns kein Trennungsschmerz! Hoffnung mag fallen, deine Freunde fliehen, Ich kann wohl sterben, doch nicht von dir ziehen. Byron im Lara. Die von Bulwer leicht abgeänderte Stelle lautet eigentlich: Sein Mund war stumm und kaum noch schlug sein Herz, Sein Aug' nur sprach: für uns kein Trennungsschmerz. Dein Heer mag fallen, deine Freunde fliehen, Ich kann wohl sterben, doch nicht von dir ziehen.                                           Der Übersetzer. Sie langten um die Mittagsstunde im Hause des Herrn Thornton an, wo Aram sogleich verhört wurde. Obwohl er die meisten Einzelheiten in Hausmans Angabe, namentlich den Mord selbst, dessen er beschuldigt war, leugnete, ward gleichwohl seine Einkerkerung ausgesprochen und er noch an demselben Tage von den Gerichtsdienern (Barker und Moor, die ihn in Grünthal verhaftet hatten) nach dem Schloß von York gebracht, um hier seinen Prozeß vor dem Schwurgericht zu erwarten. Das Aufsehen, das dieser außerordentliche Fall im ganzen Lande erregte, war ohnegleichen. Nicht bloß in Yorkshire und der Grafschaft, wo der Gefangene zuletzt sich aufgehalten hatte und persönlich bekannt war, sondern selbst in der Hauptstadt und unter Menschen jeden Standes in England scheint die Sache dieselbe gemischte Empfindung von Erstaunen, Schauder und Unglauben erregt zu haben; eine Empfindung, der nichts Ähnliches aus irgend einer peinlichen Verhandlung unserer Tage an die Seite gestellt werden kann. Das eigentümliche Wesen des Angeklagten – sein Geist – seine Bildung – die Sittlichkeit seines Lebens – die Teilnahme, welche sich in der gelehrten Welt seit Jahren an seinen Namen geknüpft – seine bevorstehende Vermählung – die lange Zeit, die seit Begehung des Verbrechens verflossen war – die seltsame, unerwartete Art, die wilde, von der Sage geheiligte Stelle, an welcher das Gerippe des Vermißten gefunden wurde – die unvollständigen Gerüchte – die dunkeln, verdächtigen Zeugenaussagen: – all das vereinigte sich, um daraus eine Geschichte voll so wunderbarer Nebenumstände, mit so endlosem Spielraum für Vermutungen zu gestalten, daß wir nicht staunen dürfen, wenn wir dieselbe in der Folge nicht nur einen Platz unter den Ereignissen des Tages, sondern selbst unter den wichtigsten und bleibendsten Begebenheiten jener Periode einnehmen sehen. Vor Walters Abreise von Knaresborough und unmittelbar nach der Entdeckung in der St. Robertshöhle ward über die so geheimnisvoll und so plötzlich ans Licht gezogenen Gebeine Totenschau gehalten. Auf das Zeugnis der alten Frau, in deren Hause Aram gewohnt und auf dasjenige Hausmans, welche Aussagen noch durch einige Nebenumstände von minderem Gewicht unterstützt wurden, hatte man den Verhaftsbefehl erlassen, auf welchen hin Aram festgenommen worden war. Bei den meisten Personen waltete eine innige, entrüstete Überzeugung von Arams Schuldlosigkeit vor und noch bis auf den heutigen Tag hat sich in der Grafschaft, wo er zuletzt wohnte, diese Ansicht erhalten. Fest wie sein Glaube an das Evangelium herrschte diese Überzeugung in der Seele des würdigen Lester und auf jede erdenkliche Art suchte er seinem Freunde die Einkerkerung zu versüßen und aufzuheitern. Im Gefängnis kam jedoch über das Gemüt dieses letzteren eine Veränderung; – allerdings erst nach seinem Verhör, erst nachdem er sich mit sämtlichen Umständen bekannt gemacht, welche die Identität von Clarkes Person mit Gottfried Lester nachwiesen, eine Angabe, die er sich bis jetzt als völlig unglaubhaft eingeredet hatte. Es kam ein Wechsel über ihn, den er in Madelines oder ihres Vaters Gegenwart trotz aller Anstrengung nicht gänzlich zu verbergen vermochte und welchem er sich in der Einsamkeit mit düsterer Grübelei hingab, ein Wechsel, der ihn von der stolzen Höhe der Philosophie stürzte, von welcher aus er früher auf die Gefahr und das Schlimme unter ihm herabgesehen hatte. Bisweilen starrte er Lester mit seltsamem, verglastem Auge und unhörbarem Gemurmel an, als bemerkte er die Gegenwart des alten Mannes nicht; zu andern Zeiten wich er vor seiner dargebotenen Hand scheu zurück und fuhr, wenn Lester ihn seiner unveränderten, unveränderlichen Hochachtung versicherte, plötzlich zusammen. Bisweilen saß er schweigend und blickte mit wechsellosem, steinernem Gesicht auf Madeline, wenn sie ihm ihre Tröstungen in jenem erhabenen Ton einzusprechen suchte, der von ihm selbst gewichen war. Hatte sie dann geendet, so konnte er wohl, statt auf ihre Rede zu antworten, abgerissen ausrufen: »Ja, im schlimmsten Fall liebst du mich also – liebst mich mehr als irgend einen Menschen auf Erden – sage das, Madeline, sage es noch einmal!« Und Madelines bebende Lippen gehorchten der Aufforderung. »Ja,« mochte er dann wohl von neuem anfangen, »diesen Menschen, dessen Ermordung sie mir Schuld geben, diesen – deinen Oheim – ihn hast du nie mehr gesehen, seit du ein Kind warst, ein völliges Kind; ihn konntest du nicht lieben! Was war er für dich? – und doch ist's furchtbar, daran zu denken – furchtbar, furchtbar!« Und damit schwand seine Stimme wieder, aber die Lippen bewegten sich krampfhaft und die Augen schienen einen Sinn auszudrücken, vor welchem die Worte zurückschauderten. Diese Veränderungen in seinem Wesen, welche seinem festen, entschlossenen Charakter so wenig entsprachen, setzten sowohl Madeline als ihren Vater in Erstaunen und Kümmernis. Mitunter kamen sie auf den Gedanken, sein Verstand sei durch seine äußere Lage aus den Fugen gewichen, oder der gräßliche Verdacht, den Oheim seines angelobten Weibes ermordet zu haben, bewirke, daß er auf sie selbst mit geheimem Grauen blicke; – bewirke, daß sie in seinem Gemüt durch eine wenn auch unrichtige, doch nicht unnatürliche Vermengung der Vorstellungen mit den Ursachen seines peinlichen, ungewissen Zustandes zusammensänken. Mit der Mehrheit des Publikums hielten diese beiden zärtlichen Freunde Hausman für den einzigen und wahren Mörder und nahmen an, seine Anschuldigung Arams sei bloß der letzte Versuch eines Bösewichts, die Strafe von sich abzuwälzen, indem er das Verbrechen einem andern zuschiebe. Natürlich suchten sie deshalb das Gespräch häufig auf Hausman und auf die Verhältnisse zu lenken, die ihn mit Aram bekannt gemacht. Aber in diesem Punkte schien der Gefangene krankhaft reizbar und abgeneigt, sich in eine umständliche Besprechung einzulassen. Gleichwohl warf seine Erzählung selbst in dieser oberflächlichen Weise vieles Licht auf gewisse Dinge, die früher Madelines und Lesters Besorgnis und Wißbegierde erregt hatten. »Hausman,« sprach er mit großer bitterer Heftigkeit, »ist in jeder Beziehung der Sünde anheimgefallen und läßt jede Berechnung gewöhnlicher Schlechtigkeit weit hinter sich. Durch unsere Verwandtschaft waren wir Bekannte, kamen aber selten zusammen und unterhielten uns noch seltener längere Zeit miteinander. Nach unserer Trennung und meinem Fortgehen von Knaresbro' sahen wir uns viele Jahre nicht. Endlich suchte er mich in Grünthal auf. Er war arm und bat um Unterstützung; ich gab ihm alles, was ich vermochte. Er kam noch einmal, ja mehr als einmal, und da er mich, wie billig, abgeneigt fand, seinen Erpressungen nachzugeben, heckte er den Anschlag aus, den er jetzt ins Werk gesetzt hat; – er drohte mir – Ihr hört mich, Ihr versteht mich – er drohte mir mit dieser Anschuldigung des Mordes an Daniel Clarke, unter welchem Namen mir der Verstorbene allein bekannt war. Die Drohung und die mir wohl bewußte Bösartigkeit des Menschen setzten mich in unnennbare Unruhe. Was war ich? Ein Wesen, das außer der Welt lebte, – das ihre Wege nicht kannte, – das bloß Ruhe wünschte! Hausmans Andeutung scheuchte mich umher – machte mich fast wahnsinnig. Ihr Neffe hat Ihnen, wie Sie sagen, von abgerissenen Worten, plötzlich hervorgebrochenen Aufregungen erzählt, die er bei mir bis zu einem Grade wahrgenommen, der zum Verdacht berechtige; jetzt kennen Sie die Ursache! War sie nicht hinreichend? Mein Leben, nein, noch mehr, meine Ehre, meine Vermählung, Madelines Seelenfriede; alles hing von der ungewissen Rache oder List eines Bösewichts wie Hausman ab! Dieser Gedanke war Tag und Nacht über mir; ihm zu entgehen entschloß ich mich zu einem Opfer. Sie mögen mich vielleicht tadeln; ich war schwach, aber, wie ich damals glaubte, nicht unweise. Ihm zu entgehen, sag' ich, entschloß ich mich, jenen Menschen durch Anbietung von Geld zur Räumung des Landes zu vermögen. Ich verkaufte mein Weniges, um ihm diese Verpflichtung abzunötigen. Dies waren die stärksten Bande, wodurch ich ihn binden konnte. Ja, ich liebte Madeline so uneigennützig, so wahrhaftig, daß ich nicht zur Heirat schreiten wollte, so lange diese Gefahr noch über mich hereinbrechen konnte. Ich glaubte, Hausman verlasse England noch vor meinem Hochzeitstage. Es war nicht so, das Schicksal hatte es anders beschlossen. Wie es scheint, kam Hausman nach Knaresbro', um sein Kind zu sehen; durch eine unerwartete Verkettung der Ereignisse fiel Verdacht auf ihn, vielleicht mit Recht; sich zu retten hat er mich geopfert. Seine Angabe ist nicht ohne Schein von Glaubwürdigkeit; vielleicht daß der Ankläger siegt. Du aber, Madeline, kannst dir jetzt vieles zurechtlegen, was dich früher verwirrt haben mag. Laß mich zurückdenken – ja, ja – ich ließ geheimnisvolle Worte fallen; – nicht wahr? nicht wahr? – ich gestand, daß ich von Gefahren umgeben sei, – gestand, daß ein schauderhaftes, wildes Geheimnis schwer auf meiner Brust liege – ja, einmal auf einem Spaziergange mit dir am Abend vor – vor dem verhängnisvollen Tage, sagte ich, wir müßten uns gefaßt halten, einen noch abgelegenern Aufenthalt, eine noch tiefere Einsamkeit aufzusuchen; denn ungeachtet meiner Vorsichtsmaßregeln, ungeachtet ich der Meinung war, Hausman habe sogar das Land selbst verlassen, wollte sich mir bisweilen eine fieberhafte, ruhelose Ahnung aufdrängen. All das kannst du dir jetzt zurechtlegen, nicht wahr, Madeline? Sprich, sprich!« »Alles, mein Geliebter, alles! Was blickst du auf mich mit diesem forschenden Auge, dieser gefurchten Stirn?« »That ich so? nein, nein, für dich furcht sich meine Stirn nicht. Aber still, ich bin nicht, was ich während dieser Prüfung sein sollte.« Wirklich klärte vorstehende Angabe Arams Madeline über vieles auf, was bis jetzt unerklärt geblieben war, – über die Erscheinung Hausmans in Grünthal; – über das Gespräch zwischen ihm und Aram am Abend, wo sie mit letzterem spazieren ging und ihn über seinen unheimlichen Besuch ausfragte; – über die häufige Geistesabwesenheit und die hingemurmelten Winke ihres Geliebten; – endlich, wie er selbst angeführt, über seine in die letzte Zeit fallende Andeutung der Möglichkeit, Grünthal verlassen zu müssen. Und entsprach es auch mehr Arams weltscheuer Sinnesart als dem ihn charakterisierenden Selbstgefühl, so war's keineswegs unwahrscheinlich, daß er, unter seinen damaligen Verhältnissen, selbst einem Lügner eine nicht eben unglaubhaft erfundene Anklage abzukaufen gesucht, eine Anklage, die sogar einen Menschen, der weit mehr als der grübelnde, zurückgezogene Gelehrte zum Kampf mit den harten, rauhen Wirklichkeiten des Lebens paßte, in Schauder und Verwirrung hätte bannen können. Mochte dem sein wie ihm wollte, Lester beklagte das Geschehene, ohne den Vorgang, der überdies nicht bekannt geworden war, noch wahrscheinlich bekannt wurde, zu tadeln, und schrieb die Abneigung des Gefangenen, sich tiefer in die Sache einzulassen, dem natürlichen Widerwillen eines so stolzen Mannes zu, über seine eigene Schwäche zu berichten, und sich weiter über die Art zu verbreiten, auf welche er trotz dieser Schwäche der List eines andern unterlegen war. Er teilte diese Angabe Walter mit und sie trug das Ihrige dazu bei, die unruhigen, gemischten Empfindungen, womit letzterer der herannahenden Gerichtsverhandlung entgegensah, noch ungewisser und dumpfer zu machen. In manchen Augenblicken wollte der junge Mann beinahe bedauern, daß Aram nicht einer Untersuchung entgangen sei, die, wenn er schuldig befunden wurde, das Glück der Lesterschen Familie auf ewig zerstören mußte, andererseits aber, trotz einem in diesem Sinn abgefaßten Richterspruch, in Walters Seele immer noch ein Gefühl von der Schuldlosigkeit des Gefangenen und das unbehagliche Bewußtsein zurücklassen konnte, durch seine Nachforschungen ein so grauenhaftes Schicksal über den Unschuldigen verhängt zu haben. Walter blieb ebenfalls in Yorkshire zurück. Doch besuchte er seine Angehörigen wenig und eigentlich niemanden als Lester. Es stand nicht zu erwarten, daß Madeline ihn sehen wollte, und nur ein einziges Mal bekam er die thränenvollen Augen Ellinors zu Gesicht, die bei seinem Eintritt das Zimmer verließ; Liebe und Mitleid strahlten in diesen Augen, aber auch etwas von einem Vorwurf. Langsam und öde ging die Zeit hin. Ein Mann, namens Terry, ward mit in den Verdacht verwickelt und wirklich gefänglich eingezogen; als Folge hiervon ergab sich jedoch, daß der Staatsanwalt die Zeugen nicht bis zu der üblichen Zeit herbeischaffen konnte, und so wurde die Verhandlung auf die nächsten Assisen hinausgeschoben. Da jener Mann übrigens nie vor Gericht gestellt worden ist und weiterhin nicht mehr vorkommt, so haben wir über ihn in unserer Erzählung nichts erwähnt, bis er jetzt auf besagte Weise das Werkzeug des Aufschubs in Eugen Arams Schicksal ward. – Das Jahr verging; Winter, Frühling waren vorüber und Glanz und Herrlichkeit des Sommers breiteten sich über die glückliche Erde aus. Die gewöhnliche Ruhe seines Benehmens war dem Gefangenen in gewissem Maße zurückgekehrt; er hatte die vorerwähnten Anfälle von Trübsinn, die seine liebevollen Besucher so tief bekümmerten, überwunden und schien sich nunmehr für jene furchtbare Abwägung von Leben und Tod, die er in kurzem zu bestehen hatte, vorzubereiten und aufzuraffen. Aber er, der stille Priester der Natur, der – »jedes kleine Kraut Auf kahlem Berg, im dicht verschlungenen Wald Beim Namen nannte;« er konnte selbst durch die Gitter und Riegel eines Gefängnisses die sanfte Sommerluft, »die Zauberkraft des milden, blauen Himmels,« nicht fühlen; er konnte das Laub nicht knospen und zum dunkleren Grün heranreifen sehen; konnte nicht den Sang der vielstimmigen Vögel hören; nicht auf den Tanz des Regens lauschen, der mit seinem Fall die Schönheit hervorlockt; konnte nicht bei Nacht durch sein hohes, enges Fenster die Sterne oben und den freundlichen Mond sehen, der sein Licht gleich der Verzeihung Gottes selbst in das Kerkerdunkel und die Stätten der Trostlosigkeit sendet, wo Sterblichkeit mit Verzweiflung kämpft; nicht konnte er diese mildern Kundgebungen der Natur, so verkümmert sie auch zu ihm gelangten, erhaschen, ohne nach seiner alten vollen Gemeinschaft mit ihrem Walten und ihrer Gegenwart mit krankem Herzen zu schmachten. Bisweilen war alles um ihn her vergessen: die rauhe Zelle, die freudlose Einsamkeit, das bevorstehende Gericht, die ahnende Furcht, die verdunkelte Hoffnung, selbst das Gespenst einer ruhelosen, qualvollen Erinnerung – alles war versunken und sein Geist draußen, und sein Schritt wieder auf den Gipfeln der Berge. Bei unserer Würdigung der Leiden des Lebens ziehen wir die wundervolle Geschmeidigkeit unserer sittlichen Natur, die unvorhergesehene, überraschende Leichtigkeit, womit das Menschengemüt sich jedem Wechsel der Umstände anbequemt und sich aus den härtesten und scheinbar unerträglichsten Bedingungen des Schicksals einen Gegenstand der Beschäftigung, ja selbst eine Freude schafft, nie in gehörige Erwägung. Jener Mann, der eine Spinne in seinem Kerker beobachtete, mag seine Beobachtungen mit so viel Anteil vorgenommen haben, als wäre er in den heißesten, hochfliegendsten Bestrebungen seines früheren Lebens begriffen gewesen. Er ist ein Vorbild seiner Brüder; wir alle würden unter gleichen Umständen irgend eine ähnliche Beschäftigung aufgefunden haben. Irgend ein Mensch überschaue sein vergangenes Leben; er rufe sich nicht Augenblicke , nicht Stunden der Qual zurück, denn für diese giebt die Gewöhnung ihren segenvollen Zauber nicht her; aber er hebe einen längern Abschnitt körperlicher oder geistiger Leiden heraus: sieht er nur schnell auf diese Zeit zurück, so mag sie zuerst, ich gebe es zu, durchaus unglücklich erscheinen, – eine Reihe von Tagen, die alle mit dem schwarzen Stein bezeichnet sind – Gewölk ohne einen Stern; – aber blickt er genauer hin, so war es nicht so während der Dauer seiner Schmerzen. Tausend Kleinigkeiten, die ihm im Gewühl des Lebens unbeachtet und spurlos vorüber gegangen wären, hatten sich damals seiner Aufmerksamkeit entgegengedrängt, waren Gegenstände der Teilnahme oder der Zerstreuung für ihn geworden. Die traurige Gegenwart, sobald er sich einmal an dieselbe gewöhnt, war ihm ebenso gut weggeschwunden, als wäre sie lautere Glückseligkeit gewesen; sein Gemüt hatte nicht auf den dumpfen Zwischenräumen, sondern auf den Schrittsteinen verweilt, die es schöpferisch zwischen jeden Zeitraum setzte, und infolge jener Ideenwelt, die das geheime Herz des Menschen ewig begleitet, hatte er damals ebenso wenig in seiner unmittelbaren Umgebung gelebt, als in der hoffnungsreichsten Zeit einer Jugend, oder in der entwürfevollsten seiner Reife. So wunderbar erweisen sich die zwei Beherrscherinnen und Gleichmacherinnen des Menschengeschlechts, Hoffnung und Gewohnheit, in Ausgleichung aller Zustände und aller Zeiten in der wechselnden Lebensflut, daß der Begriff einer ewigen Verdammnis zugleich denjenigen einer vollkommenen Umänderung der Natur der Seele, ihrem menschlichen Zustand gegenüber, in sich schließt. Keine Anstrengung der Einbildungskraft, wenn sie auch durch noch so große Leiden der Erinnerung unterstützt wird, kann eine Qual ersinnen, welche die Gewohnheit nicht endlich abzustumpfen vermöchte und aus welcher der fessellose, unkörperliche Geist nie, mindestens zu augenblicklicher Vergessenheit, sollte entlockt werden können. Unter den sehr wenigen Personen, welche Zutritt zu Arams Einsamkeit erhielten, war Lord +++++. Dieser hatte während eines einem benachbarten Verwandten abgestatteten Besuchs mit gespannter, schmerzvoller Begierde die dargebotene Gelegenheit ergriffen, noch einmal einen Mann zu sehen, dessen Charakter sich ihm so oft als Gegenstand seiner Berechnung, und seines Erstaunens aufgedrängt hatte. – Er kam, nicht sein Mitleid, sondern seine Hochachtung auszusprechen: Dienste konnte in solchem Augenblick kein Mensch leisten. – Indessen gab er, was in seiner Macht stand – einen Rat – indem, er Aram den besten Anwalt für seine Sache und die beste Art einer vorläufigen Nachforschung über noch unaufgeklärte Einzelheiten bezeichnete. Er war erstaunt, den Gefangenen über so wichtige Punkte gleichartig zu finden. Derselbe, schien es beinahe, war schon damals entschlossen, sein eigener Anwalts zu sein und selbst seine Sache zu führen. Der Erfolg zeigte, daß er sich nicht umsonst auf die Macht der eigenen Beredsamkeit und des eigenen Scharfsinns verlassen hatte, obwohl in Bezug auf deren Ergebnis sein Vertrauen getäuscht wurde. Was das übrige anbetraf, so sprach er mit Ungeduld und dem kalten Spott eines Mannes, dem großes Unrecht geschah. »Um das leere Geschwätz der Welt,« sagte er, »kümmere ich mich nicht; mögen sie mich verdammen oder lossprechen, wie sie wollen: – wohl möchte ich, daß mein Leben gerettet würde, und hoff' es; wenn aber nicht, so kann ich dem Tode ins Angesicht schauen. Ich habe lange genug zwischen diesen Wänden auf ihn geblickt, um mit seinen Schrecken vertraut zu werden. Aber genug von mir; sagen Sie mir etwas von der Welt draußen, mein Lord; ich bin hierauf endlich begierig geworden. Ich sehe mich gegenwärtig verdammt, so sehr von mir selbst zu zehren, daß ich von dieser Speise übersättigt bin.« Nur mit großer Schwierigkeit brachte der Graf den Gelehrten noch einmal auf sich selbst zurück; aber Aram sprach, als er der Forderung nicht länger ausweichen konnte, mit so viel Einschränkung und Rückhalt und mit einem so augenscheinlichen Mißmut über den Gedanken, ausgehorcht und geprüft zu werden, daß sein Besuch sich zuletzt genötigt sah, den Gegenstand fallen zu lassen; und da er nicht Luft hatte, ja wirklich nicht fähig war, in solchem Augenblick über gleichgültigere Dinge zu sprechen, so endigte die letzte Unterredung, die er in seinem Leben mit Aram hatte, viel jäher als er sich vorgesetzt. Indessen war seine Ansicht über den Gefangenen nicht im mindesten erschüttert wurden. Ich habe einen Brief von ihm an einen ausgezeichneten Mann jener Tage gesehen, worin er das eben angeführte Gespräch mitteilt und mit den Worten schließt: – »Kurz, es ist so viel wahrhafte Würde in diesem Mann, daß dieselbe durch widrige Umstände noch zehnfach vermehrt wird. An seiner Schuldlosigkeit habe ich nicht den entferntesten Zweifel; besteht er aber darauf, sein eigener Anwalt z»sein, so»zittere ich für den Erfolg. – Sie wissen, wie in einem solchen Fall Übung noch weit mehr wert ist als der ausgezeichnetste Geist. Aber, werden Sie sagen, bei peinlichen Untersuchungen ist der Richter der Anwalt der Gefangenen; – Gott gebe, daß diese Eigenschaft des Richters hier erfolgreich sein möge! Ich wiederhole: würde Aram auch durch fünfhundert Schwurgerichte verdammt, ich könnte ihn doch nicht für schuldig halten. Nein, die innerste Natur aller menschlichen Wahrscheinlichkeit streitet dagegen.« Nachher sah der Graf Walter und unterhielt sich mit ihm. Er wurde vom Benehmen des jungen Lester sehr ergriffen und ein tiefes Mitgefühl für eine so quälende und unglückliche Lage drängte sich ihm auf. »Was immer das Ergebnis der gerichtlichen Verhandlung sein mag,« sagte Walter, »so werd' ich das Land verlassen, sobald sie vorüber ist. Wird der Gefangene verurteilt, so ist kein Herd für mich im Hause meines Oheims: wird er nicht verurteilt, so dürfte mein Verdacht stets noch zurückbleiben und unser gegenseitiger Anblick für den Angeklagten und für mich ein gleiches Gift sein. Eine freiwillige Verbannung und ein Leben, das mich vergessen lehrt, sind alles, was ich begehre. – Ich finde jetzt an mir selbst,« fügte er mit leichtem Lächeln hinzu, »wie tief Shakespeare im Geheimnis unseres Verhaltens gelesen hat. Wir erfahren, daß Hamlet von Natur voll Feuer und Thatenliebe war. Eine dunkle Entdeckung erdrückt seinen Geist, erschlafft sein Herz und macht ihm das Wesen der Welt für immer schal. Jetzt versteh' ich diesen Wechsel. Er zeigt sich im geringsten Menschen, welchen ein ähnliches Schicksal betrifft – ja in mir selbst.« »Ja,« erwiderte der Graf, »ich erinnere mich Ihrer wirklich als eines raschen, aufbrausenden, starrköpfigen Jünglings, Kaum erkenn' ich Sie in Ihrer jetzigen Erscheinung wieder. Die Federkraft ist aus Ihrem Schritt gewichen; – eine Furche scheint sich auf immer in Ihrer Stirn festgesetzt zu haben. Diese Wolken des Lebens sind wirklich kein Sommerdunst der die Aussicht einen Augenblick verdüstert und im nächsten wieder verschwunden ist. Aber, mein junger Freund, hoffen wir das Beste. Ich glaube fest an Arams Schuldlosigkeit – fest! – inniger als ich's ausdrücken kann. Der wirkliche Verbrecher wird durch die gerichtliche Untersuchung ans Licht gezogen werden Jede Bitterkeit zwischen Ihnen und Aram muß bei seiner Lossprechung aufhören. Sie werden sich's angelegen sein lassen, das Unrecht eines von Ihrer Seite allerdings natürlichen Verdachtes gegen ihn wieder gut zu machen, und er scheint der Mensch nicht zu sein, der einen Groll lange zurückbehält. Alles wird gut gehen, glauben Sie mir.« »Gott füg' es so,« sagte Walter mit einem tiefen Seufzer. »Im schlimmsten Fall aber,« fuhr der Graf fort, indem er ihm scheidend die Hand drückte, »wenn Sie auf Ihrem Entschluß, das Land zu verlassen, beharren sollten, so schreiben Sie mir; ich kann Ihnen dazu eine ehrenvolle und verlockende Gelegenheit verschaffen. – Leben Sie wohl!« Während die Zeit sich so dem verhängnisvollen Tage näherte griff sie mit tiefer Zerstörung in die reine Brust Madelines ein. Die Unglückliche hatte sich, wie wir gesehen, eine geraume Weile gegen den plötzlichen Schlag aufrecht gehalten, der ihre jungen Hoffnungen zertrümmerte und sie durch eine so schreckliche Kluft von Arams Seite trennte. Als aber Woche um Woche, Monat um Monat dahinrollten und der Geliebte immer noch im Kerker lag, und die schreckliche Möglichkeit seiner Schmach und seines Todes immer noch über ihr hing, begann ihr Mut allmählich nachzulassen, ihr Herz zu sinken. Unter allen Lagen, in die das Herz kommen kann, ist Ungewißheit diejenige, welche den Körper am tiefsten, krebsartigsten annagt. Ein einziger kleiner Monat solcher Ungewißheit, wobei es sich um den Tod handelt, reicht, wie mir von einem Augenzeugen in einem sehr lesenswerten, kürzlich erschienenen Werk Wakefields Werk über die Todesstrafe. erfahren, hin, nie mehr zu glättende Linien und Furchen im Gesicht eines fünfundzwanzigjährigen Angeklagten zu ziehen; reicht hin, das braune Haar mit grauem zu mischen, das graue zum weißen zu bleichen. Und diese Ungewißheit – eine Ungewißheit von solcher Art hatte Madeline länger als volle acht Monate zu tragen! Gegen Ende des zweiten Monats wurde die Wirkung auf ihre Gesundheit sichtbar. Ihre Farbe, von Natur zart wie der leichte Anhauch der blaßroten Muschel oder der jüngsten Rose, erbleichte zur Weiße des Marmors, die im Verlaufe der Zeit abermals in jenes unnatürliche, schwindsüchtige Rot überging, welches, wenn es einmal da ist, seine Stelle in der Regel nur gegen die Farben des Grabes vertauscht. Ihr Fleisch schrumpfte aus seinen gerundeten, edeln Verhältnissen zusammen. Tiefe Höhlen zogen sich um die Augen, die übrigens an Lieblichkeit nur zunahmen, je mehr der Strahl der Heiterkeit aus ihnen entwich. Der segensreiche Schlaf sank auf ihr Gehirn nicht mit seinen gewohnten heilenden Wogen nieder. Unruhige Träume, die gegen Morgen der langen ermüdenden Nachtwache folgten, griffen ihre Konstitution fast noch mehr an als der Kummer des Tages. In diesen Träumen war ein furchtbares Bild immer vor ihr: – ein Volkshaufe – ein Blutgerüst – und das blasse hoheitsvolle Gesicht des Geliebten, verfinstert durch unaussprechliche Qualen des Stolzes und Grames. Bisher hatten sie und Ellinor stets dasselbe Bett geteilt; jetzt wollte Madeline dies nicht länger zugeben. Umsonst weinte und bat die Schwester. »Nein,« sagte jene mit hohler Stimme, »bei Nacht seh' ich ihn. Meine Seele ist allein bei der seinigen; aber – aber« – und sie brach in einen Strom der schmerzlichsten Thränen aus – »der entsetzlichste Gedanke ist mir, daß ich meine Träume nicht bemeistern kann. Bisweilen fahr' ich zusammen und wache auf und finde, daß ich ihn im Schlaf für schuldig hielt: ja gar. barmherziger Gott! daß seine Lippen die Schuld bekannt haben! Soll irgend ein lebendes Wesen – soll irgend jemand außer Gott, der nicht die Worte, sondern die Herzen ansieht, diese giftige Unwahrheit – diesen gespenstischen Hohn des lügnerischen Schlafes anhören? Nein, ich muß allein sein! Die Sterne selbst dürfen nicht hören, was mir im Wahnsinn der Träume abgezwungen wird.« Doch nicht umsonst, nicht vor ihr ausgeschlossen, wirkte jener schmiegsame, tröstende Geist, von welchem ich vorhin gesprochen habe. Wie Aram wieder den Halt seiner Selbstbeherrschung gewann, verbreitete sich auch über Madelines Gemüt eine ruhige, friedliche Stille. Diese hohe, den Sternen verwandte Natur konnte die erhabenen Tröstungen fassen, die uns aus dem tiefsten Abgrund dieser Welt zur Betrachtung alles dessen erheben, womit sehnsuchtsvolle Gesichte der Menschen eine andere Welt geschmückt haben. Stundenlang konnte sie stumm und in sich versunken dasitzen, bis diese Betrachtungen die Färbung eines lieblichen Wahnsinns annahmen. – »Komm, liebe Madeline,« mochte etwa Ellinor sagen, »komm du hast dich genug deinen Gedanken hingegeben; der arme Vater will dich sehen.« »Bst!« antwortete dann wohl Madeline, »bst! Ich ging mit Eugen durch den Himmel, und ach! da droben sind grüne Wälder und murmelnde Bäche wie hier auf der Erde und man sieht die Sterne ganz nahe, und ich kann dir nicht sagen wie glücklich ihr Lächeln diejenigen macht, die sie anschauen. Und Eugen fährt dort nie zusammen, und faltet die Stirne nicht, und tritt nicht auf die Seite, und sieht mich mit keinem fremden, eisigen Blick an, sondern sein Gesicht ist so ruhig und strahlend wie ein Engelsgesicht; – und seine Stimme – durch alle die Musik, die dort Tag und Nacht ertönt, dringt sie sanfter als der sanfteste Flötenton durch. Und endlich sind wir auch vermählt, Ellinor. Wir wurden einander im Himmel angetraut und alle Engel kamen zum Hochzeitsfest. Ich bin jetzt so glücklich, daß wir nicht früher heirateten! Was weinst du, Ellinor? Ach, wir im Himmel weinen nie! Aber wir wollen alle wieder dorthin – wir alle, Hand in Hand.« Dieses rührende Irrreden erschreckte Vater und Schwester, als könnte es schließlich zu wirklichem Verlust des Verstandes führen; aber vielleicht ohne Ursache. Nie hielt es längere Zeit an, und nie kam es vor, als wenn sie ungewöhnlich lange in sich versunken gewesen. Ihr selbst ersetzte es wahrscheinlich, was andern der Schlaf bringt – Abspannung und Erfrischung – Flucht aus dem Bewußtsein des Lebens. Und wirklich konnte man jederzeit wahrnehmen, daß sie nach solchen harmlosen Verirrungen des Gemütes in ihren Gedanken gesammelter, ausharrender und für den Augenblick sogar leiblich stärker schien, als zuvor. Gleichwohl siechte und schwand ihr Körper augenscheinlich dahin und ihre Lebenskräfte nahmen jede Woche fühlbarer ab. So oft Aram sie sah, erschrak er über die Veränderung. In der Todesqual des Grames küßte er ihr Wange, Lippen Schläfen und wunderte sich, daß nur ihm es versagt war, zu weinen. War sie indessen wieder fort und er von neuem allein, so konnte er sich des Gedankens nicht enthalten, daß der Tod wahrscheinlich das segenbringendste der Erdengüter für sie sein würde. Er hoffte keineswegs unbedingt auf Lossprechung und selbst im Fall einer solchen flüsterte eine Stimme in seinem Herzen von unübersteiglichen Schranken vor ihrer Verbindung, von Schranken, die noch nicht bestanden hatten, als diese Verbindung zuerst beabsichtigt wurde. »Ja. mag sie sterben,« konnte er sagen, »mag sie sterben; sie wenigstens ist des Himmels gewiß!« Aber menschliche Schwäche klammerte sich an ihn, und trotz dieser scheinbaren Entschlossenheit während der Abwesenheit der Geliebten trauerte er nicht minder, war sein Herz nicht weniger durchbohrt, wenn er sie wiedersah und einen neuen Zug von der Hand des Todes ihrer Gestalt eingegraben fand. Nein: über jede Schwachheit können wir den Sieg erringen, nur nicht über die Schwäche der Liebe. Vielleicht liebten diese beiden Menschen einander in jener schreckenvollen, grauenhaften Zwischenzeit reiner, stärker, schwärmerischer, als in irgend einem früheren Abschnitt ihrer ereignisvollen Geschichte. Dem härtesten Stein wie dem sanftesten Rasen drängt das grüne Moos sein Geflecht auf und erhält auf ihm sein unzerstörbares Leben! Viertes Kapitel. Der Abend vor der gerichtlichen Verhandlung – Die Bruderskinder – Die Veränderung an Madeline – Die Familie von Grünthal kommt noch einmal unter demselben Dache zusammen. Das Wesen jedes' Leids hat zwanzig Schatten, Denn Aug' des Kummers, überglast von Thränen, Zerteilt ein Ding in viele Gegenstände. Hoffnung, diese Schmeichlerin, Schmarotzerin, Rückhalterin des Todes, Der sanft des Lebens Bande lösen möchte, Das Hoffnung hinhält in der höchsten Not. Richard II. Es war am Abend vor dem Gerichtstage. Lester und seine Töchter wohnten in einem abgelegenen einsamen Hause in einer Vorstadt von York. Dorthin machte sich jetzt Walter von dem etwas über eine Stunde entlegenen Dorfe, das er zu seinem eigenen Aufenthalt gewählt hatte, durch die reifenden Kornfelder auf den Weg. Der letzte und üppigste Sommermonat hatte begonnen, aber noch war die Ernte nicht angefangen, und hoch und golden standen die Ähren zwischen dem dunklen Grün der Hecken und die lustigen Wälder eingebettet. Der Abend war heiter und still; in der Entfernung erhoben sich die Turmspitzen und Schornsteine der Stadt, aber kein Laut vom geschäftigen Gewühl der Menschen drang, ins Ohr. Nichts vielleicht giebt ein so vollkommenes Bild der Stille als der Anblick von Orten, »wo das Geräusch wohnt,« während man selbst dessen fernes Murmeln nicht zu hören vermag. Das Schweigen einer Stadt macht einen viel größeren Eindruck! als dasjenige der Natur, denn die Seele vergleicht augenblicklich den jetzigen Frieden mit dem gewohnten Lärm. Der Erntemond stieg langsam über einer Gruppe düsterer Föhren empor und strahlte seinen unbeschreiblichen Zauber in die ruhende leuchtende Nacht aus. Indem Walter gemächlich dahinwandelte, wurde das Stillschweigen durch die Stimmen eines Trupps heimkehrender Landleute in fröhlicher Weise unterbrochen, und als er einen Augenblick an der Verzäunung verweilte, von welcher aus er zuerst in der Ferne Lesters Wohnung wahrnehmen konnte, sah er um die grüne Hecke herum ein ländliches Paar, den Burschen und sein Mädchen, biegen, die nur zu solchen Stunden zusammenkonnten, und welchen daher solche Stunden besonders teuer waren. Es war wirklich ein Bild vom reinen wahrhaft idyllischen Charakter. Ringsumher lag jener an die dichterischen und biblischen Beschreibungen des Schäferlebens erinnernde Schein von Ruhe und Glückseligkeit, der in einem neuen und fruchtbaren Lande vielleicht noch seine Verwirklichkeit finden mag. Von diesem Bilde, von diesen Gedanken kehrte sich der junge Wanderer mit einem Seufzer gegen das einsame Haus, in welchem diese Nacht nur die angstvollsten Empfindungen erwecken, dieser Mond nur die gequältesten Herzen bescheinen konnte. Terra salutiferas herbas, eademque nocentes Nutrit et urticae proxima saepe rosa est. Er ging jetzt rasch vorwärts, als trieben ihn seine eigenen Betrachtungen an. Den Weg, der nach der Vorderseite des Hauses führte, vermeidend, gelangte er an ein nach hinten zu gelegenes Gärtchen. Indem er ein Gatter öffnete, das zu einem engen, beschatteten Wege führte, über welchem die Linden und Nußbäume eine Art fortlaufenden natürlichen Bogengang bildeten, fiel der Mond, der in gebrochenen Zwischenräumen durch die Zweige drang, auf die Gestalt von Ellinor Lester. »Das ist sehr gütig, das sieht meiner süßen Cousine ähnlich!« rief Walter hinzutretend. »Ich kann nicht sagen, wie mich die Besorgnis quälte, du möchtest nicht mit mir zusammentreffen.« »Wirklich, Walter,« erwiderte Ellinor, »es kostete mich einige Mühe, dein Briefchen zu verbergen, das mir in Madelines Gegenwart übergeben wurde, und noch mehr, mich unbemerkt von ihr herauszuschleichen, denn wie du dir leicht vorstellen kannst, war sie diesen ganzen qualvollen Tag über ungewöhnlich unruhig. Ach, Walter, wollte Gott, du hättest uns nie verlassen!« »Sag' lieber,« entgegnete Walter, »wäre dieser unselige Mann, gegen welchen die Asche meines Vaters noch immer laut zu schreien scheint, nie in unser friedliches, glückliches Thal gekommen; dann würdest du mir nie darüber Vorwürfe gemacht haben, daß ich die Gerechtigkeit gegen einen des Mordes bezichtigten Menschen aufrief; dann hätt' ich mir nicht den Tod wünschen dürfen, weil ich durch diese Gerechtigkeit solchen Jammer und solches Grauen über diejenigen gebracht habe, die ich am meisten liebe!« »Wie! Walter, du glaubst immer noch – du bist immer noch überzeugt, Eugen Aram sei der wirkliche Verbrecher?« »Laß es den morgenden Tag ans Licht bringen,« erwiderte Walter. »Aber die arme, arme Madeline! Wie erträgt sie diese lange Ungewißheit? Du weißt, ich habe sie seit vielen Monaten nicht gesehen,« »O Walter,« rief Ellinor bitterlich weinend, »du würdest sie nicht mehr kennen, so schrecklich ist sie verändert. Ich fürchte« – (hier erstickten die Seufzer ihre Stimme, sodaß sie kaum hörbar blieb)– »sie wird nur noch wenige Wochen auf dieser Welt sein!« »Großer Gott! steht es so?« schrie Walter, in einem Grade erschüttert, daß der Baum, gegen welchen er sich lehnte, ihn kaum vor dem Niederstürzen schützte, indem tausend Erinnerungen an seine erste Liebe auf sein Herz einstürmten. »Und die Vorsehung wählte in der ganzen weiten Welt mich aus, um diesen Schlag zu führen!« Trotz ihres eigenen Kummers wurde Ellinor durch die heftige Bewegung ihres Vetters tief ergriffen; und die beiden jungen Menschen, Liebende, obwohl in diesem Augenblick Liebe diejenige Empfindung war, die sich in ihrer Brust am wenigsten fühlbar machte, tauschten ihre Gefühle aus und suchten einander mindestens gegenseitig zu trösten und zu erheben. »Es kann immer noch besser gehen, als wir fürchten,« sagte Ellinor besänftigend. »Vielleicht wird Eugen schuldlos erfunden und in diesem Jubel vergessen wir wohl alles Vergangene.« Walter schüttelte ungläubig den Kopf. »Dein Herz, Ellinor, war immer gütig gegen mich. Du bist jetzt die einzige, von der mir Gerechtigkeit widerfahren, die sehen kann, wie gänzlich schuldlos ich an all diesem Elend bin, welches durch das Verbrechen eines andern veranlaßt wird. Aber der Oheim – auch ihn hab' ich seit geraumer Zeit nicht gesehen: ist er wohl?« »Ja, Walter, ja,« entgegnete Ellinor, liebevoll verbergend, wie sehr die kräftige Natur ihres Vaters durch seinen Gemütszustand herabgekommen war, »Und ich, siehst du wohl,« fügte sie mit einem schwachen Versuch zum Lächeln hinzu, »ich bin an Gesundheit wenigstens noch dieselbe, wie damals, als wir, voriges Jahr um diese Zeit, alle glücklich und voll Hoffnung waren.« Walter sah fest auf das Antlitz, das einst so üppig in der reichen Farbe und dem fröhlich mutwilligen Ausdruck des Lebens und der Jugend geprangt hatte, und jetzt bleich, herabgekommen und von den Spuren fortwährender Thränen zerrüttet war. Krampfhaft drückte er die Hand ans Herz und wandte sich ab. – »Aber kann ich den Oheim nicht sehen?« fragte er nach einer Pause. »Er ist nicht zu Haus; er ist aufs Schloß gegangen,« erwiderte Ellinor. »So werd' ich ihn denn auf seinem Heimwege treffen,« entgegnete Walter. »Aber Ellinor, hoffentlich ist nichts Wahres an dem Gerücht, das ich da und dort in der Stadt hörte, als beabsichtige Madeline morgen bei der gerichtlichen Verhandlung zugegen zu sein?« »Wirklich befürcht' ich. daß sie das will. Der Vater und ich suchten es ihr beide mit aller Gewalt auszureden; aber umsonst. Du weißt wie entschlossen sie bei aller Sanftheit ist, sobald ihr Sinn sich einmal auf irgend einen Gegenstand gesetzt hat.« »Sollte aber der Spruch gegen den Gefangenen ausfallen – bedenk' wie entsetzlich dieser Schlag bei ihrem Gesundheitszustand sie treffen würde! – Ja, auch die Freude über die Lossprechung könnte anderseits ebenso gefährlich werden. – Ums Himmels willen gebt es nicht zu!« »Was sollen wir thun. Walter?« erwiderte Ellinor, die Hände ringend. »Wir können da nicht helfen. Der Vater verbot mir endlich, ihrem Wunsch entgegenzuarbeiten. Widerspruch, sagt der Arzt selbst, könne hier so gefährlich werden als Gewährung. Und der Vater fügte mit fester, ruhiger Stimme, deren Ton mir noch jetzt ins Herz schneidet, hinzu: Sei ruhig, Ellinor; muß der Unschuldige sterben, so ist's um so besser, je schneller sie wieder mit ihm vereinigt wird: ich möchte dann alles, was mich bindet, jenseits des Grabes wissen!« »Ist's doch, als habe dieser seltsame Mensch euch alle vollständig bezaubert!« rief Walter bitter. Ellinor antwortete nicht: bei ihr hatte der Zauber nie denselben Grad erreicht wie bei ihren Angehörigen. »Ellinor!« sagte Walter, der einige Augenblicke mit dem hastigen Schritt eines mit sich selbst streitenden Menschen auf und ab gegangen war und nun plötzlich still stehen blieb, indem er die Hand auf den Arm der Cousine legte: – »Ellinor! ich bin entschlossen. Ich muß, um der Ruhe meiner Seele willen, ich muß Madeline diesen Abend noch sprechen und ihre Verzeihung für all das gewinnen, was die Vorsehung durch mich als willenloses Werkzeug über sie gebracht hat. Vielleicht daß mein künftiger Lebensfriede von dieser einzigen Unterredung abhängt. Was, wenn Aram verurteilt würde – und – kurz, es ist keine Frage – ich muß sie sehen.« »Ich fürchte, sie wird davon nichts hören wollen,« erwiderte Ellinor erschreckt. »Wirklich, du kannst nicht; – du kennst ihren Gemütszustand nicht.« »Ellinor!« rief Walter störrisch, »ich bin entschlossen.« Damit näherte er sich dem Hause. »Nun denn,« sagte Ellinor. deren Nerven durch die Vorgänge, durch den Kummer der letzten Monate sehr angegriffen waren, »wenn's sein muß, so warte wenigstens, bis ich zuvor bei ihr gewesen, sie befragt oder vorbereitet habe.« »Wie du willst, geliebtes, holdes Cousinchen; ich kenne deine Klugheit und deine Liebe. Ja, geh' hinein und verschaff' mir diese Unterredung; ich bin überzeugt du kannst und willst es.« »Verlaß dich nicht zu sehr darauf, Walter. Ich kann dir nur versprechen, mein Möglichstes zu versuchen,« erwiderte Ellinor und errötete über seinen Handkuß. Sie eilte den Weg hinauf und verschwand im Hause. Walter ging eine Zeitlang in der Allee auf und nieder, wo Ellinor ihn zurückgelassen hatte; endlich ward er ungeduldig, und trat aus den überhängenden Bäumen hervor. Das Haus stand unmittelbar vor ihm. Das Mondlicht schien voll auf die Fensterscheiben und schlief in stiller Dämmerung über dem grünen Rasen davor. Er trat noch näher hinzu und sah durch eines der Fenster, bei einem einzigen Licht im Zimmer, Ellinor sich über ein Bett hinbeugen; auf demselben lag eine Gestalt; mehr sein Herz als sein Auge sagte ihm, es sei seine einst angebetete Madeline. Er stand still, sein Atem wurde schwer; – er gedachte an ihre gemeinsame Heimat – an das alte Herrenhaus – an das kleine Wohnzimmer mit dem Geißblatt am Fenster – an die glückliche, frohe Gruppe darin, in welcher er einst der Fröhlichste und nicht am wenigsten geliebte gewesen war. Und jetzt dieses fremde – dieses öde Haus; – er selbst allen fremd geworden, die ihm einst angehörten und deren Herzen nun zerknickt waren; – diese Nacht schwanger mit welchem Morgen! Fast stöhnte er laut auf und zog sich noch einmal in den Schatten der Bäume zurück. Nach wenigen Minuten öffnete sich die Thür rechter Hand an dem Gebäude und Ellinor kam schnellen Schrittes heraus. »Komm herein, lieber Walter,« sagte sie, »Madeline hat in deinen Besuch gewilligt – ja als ich ihr sagte, du seiest angekommen und wünschest eine Unterredung mit ihr, bedachte sie sich kaum einen Augenblick und hieß mich dich sogleich hereinrufen.« »Gott segne sie!« sagte der arme Walter. Er fuhr mit der Hand über die Augen und folgte Ellinor nach der Thür. »Du wirst sie sehr verändert finden!« flüsterte Ellinor, als sie den Hausflur erreicht hatten, »sei gefaßt!« Walter antwortete bloß durch eine ausdrucksvolle Gebärde und Ellinor führte ihn in ein Zimmer, das durch eine Glasthür, wie man sie in altertümlichen Gebäuden von Landstädten häufig findet, mit dem Gemach in Verbindung stand, worin er vorhin Madeline gesehen. Mit lautlosem Tritt und beinahe den Atem anhaltend, folgte er seiner schönen Führerin durch dieses zweite Zimmer und stand jetzt vor dem Bett, auf welchem Madeline immer noch lag. Sie streckte ihm ihre Hand entgegen – er drückte sie an die Lippen, ohne daß er gewagt hätte, ihr ins Gesicht zu schauen. Nach einer kurzen Pause sagte sie: »So, du wolltest mich sehen, Walter? Das ist eine angstvolle Nacht für uns alle!« »Für alle .« wiederholte Walter mit Nachdruck, »und für mich nicht am wenigsten!« »Wir haben manchen traurigen Tag gehabt, seit wir das letzte Mal beisammen waren,« hob Madeline wieder an. Und eine neue verlegene Pause folgte. »Madeline – teuerste Madeline!« rief endlich Walter und stürzte auf die Knie: »du, die ich schon als Knabe so tief, so leidenschaftlich liebte; – du, die mir noch – die mir so lang ich lebe immer so unaussprechlich teuer sein wird – sprich nur ein Wort zu mir an diesem ungewissen, furchtbaren Wendepunkte unseres Schicksals – sprich nur ein einzig Wort – sage, du fühlest, du seiest dir bewußt, daß mich im Verlauf dieser gräßlichen Ereignisse kein Vorwurf treffe – daß ich nicht mit Willen diesen Jammer über unser Haus gebracht habe – geschweige über ein Herz, das vor dem geringsten Leiden zu bewahren ich mein eigenes Herzblut mit Freuden hingegeben haben würde. Oder willst du mir diese Gerechtigkeit nicht widerfahren lassen, so sage wenigstens, daß du mir verzeihest!« »Ich verzeihe dir, Walter! Ich laß dir Gerechtigkeit widerfahren, mein Vetter,« erwiderte Madeline kraftvoll und erhob sich auf ihrem Arm. »Längst hab' ich gefühlt, wie unvernünftig es war, irgend einen Vorwurf auf dich fallen zu lassen – auf dich, das bloße passive Werkzeug des Schicksals. Hab' ich vermieden, dich zu sehen, so geschah es nicht aus einem Gefühl der Bitterkeit, sondern nur eine Schwäche hielt mich ab. Gott segne und erhalte dich, mein teurer Vetter! Ich weiß, daß dein eigenes Herz so stark geblutet hat wie die unsrigen; und noch heut bat ich den Vater, wenn wir uns nicht mehr sehen sollten, dir einen freundlichen Gruß als letztes Andenken von mir zu bringen. Weine nicht. Walter! Es ist etwas Furchtbares, Männer weinen zu sehen! Nur ein einziges Mal sah ich ihn weinen – schon vor langer, langer Zeit! In der Stunde des Schreckens und der Gefahr hat er keine Thränen. Doch es ist keine Frage, dies ist eine schlimme Welt, Walter, und ich bin ihrer müde. Bist du's nicht auch? Was siehst du mich so an, Ellinor? Ich bin nicht wahnsinnig! Hat sie dir gesagt, ich wäre wahnsinnig, Walter? Glaub' ihr nicht! Sieh mich an, ich bin ruhig und gefaßt! Aber morgen ist – – o Gott! o Gott! – Wenn – wenn!« – – Madeline bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und wurde plötzlich still; doch nur für kurze Zeit. Als sie die Augen wieder aufschlug, begegneten sie Walters Blick, wie er durch jene blendenden, herzerstarrenden Thränen hindurch, die bloß dem Männerschmerz abgerungen werden, das Antlitz betrachtete, von dessen früherem Selbst nichts mehr übrig war als der göttliche, überirdische Ausdruck, der ihrer Schönheit immer eigen gewesen. »Ja, Walter, ich welke schnell dahin – so schnell, daß keine Macht des Geschickes mehr dazwischentreten kann! Gott sei Dank, der die Lüfte dem geschorenen Lamm lau macht, wenn das Ärgste geschieht, können wir nicht lange getrennt sein. Ehe der zweite Sonntag vorüber ist, kann ich mit ihm im Paradiese sein! Welchen Grund hätten wir dann noch zur Trauer?« Ellinor schlang ihre Arme unter heftigem Schluchzen um der Schwester Nacken. – »Ja, darüber werden wir traurig sein, daß du nicht bei uns bist, Ellinor; aber auch du wirst der Welt bald müde werden: es ist ein trauriger Ort – ein sündiger Ort – sie ist voller Fallstricke und Gruben. In unserem Pfad für heute liegt unser Verderben für morgen! du wirst das bald finden, Ellinor! Und du und der Vater und Walter werden alle zu uns kommen. – Horch! die Glocke schlägt! Morgen abend um diese Zeit, welcher Jubel! – oder für mich wenigstens« (ihre Stimme zu einem Lispeln herabdämpfend, das ihre Zuhörer bis ins Gebein durchschauerte). »welcher Friede!« Glücklicherweise für alle daran Teilnehmenden ward dieser schmerzliche Auftritt hier unterbrochen. Mit dem schweren Schritt, zu welchem sein sonst so elastischer, kräftiger Gang herabgekommen war, trat Lester ins Zimmer. »Ha, Walter!« rief er, unentschlossen über die Gruppe hinblickend; aber Madeline war bereits von ihrem Lager aufgesprungen. »Sie haben ihn gesehen! – Sie haben ihn gesehen! Wie geht es ihm – welche Miene hat er? Doch das weiß ich ja! ich weiß, sein tapferes Herz kann nicht sinken. Was für eine Botschaft sendet er mir? Und – und – sagen Sie mir alles, mein Vater, schnell, schnell!« »Teures unglückliches Kind! – und unglücklicher alter Mann!« flüsterte Lester, sie in die Arme schließend. »Von ihm sollten wir Mut und Stärke borgen, Madeline. Ein Held am Vorabend einer Schlacht könnte nicht fester – ja heiterer sein. Er lächelte oft – sein altes Lächeln, und ließ Thränen und Angst nur aus. Von dir, Madeline, sprachen wir hauptsächlich; kaum ließ er mich über irgend etwas anderes ein Wort vorbringen. O was für ein liebevolles Herz! – was für ein edler Geist! Und ein Zufall erdrückt vielleicht morgen beide. Aber Gott sei gerecht, laß den rächenden Blitz auf den wahren Verbrecher fallen und verdirb den Unschuldigen nicht!« » Amen ,« sagte Madeline aus tiefer Brust. »Amen,« wiederholte Walter und legte die Hand aufs Herz. »Laßt uns beten,« rief Lester von plötzlichem innern Antrieb ergriffen, und fiel auf die Knie. Die ganze Gruppe folgte seinem Beispiel und Lester sprach mit bebender, inbrünstiger Stimme ein vom Moment eingegebenes Gebet, daß die Gerechtigkeit nur den treffen möge, der es verdiene. Nie sah der Mond, der das niedere Gemach wie mit Geistergegenwart füllte, ein heißeres Flehen, oder tiefer hingerissene, andächtigere Zuhörer. Voll strömten seine heiligen Strahlen auf die jetzt schneeweiß gewordenen Locken und das gen Himmel gerichtete Antlitz Lesters, dessen ehrwürdige Gestalt durch den Gegensatz zu der dunkeln sonnenverbrannten Wange, den kraftvollen Zügen, dem ritterlichen, ernsten Haupt des jungen Mannes neben ihm, noch mehr hervorgehoben wurde. Abwärts im Schatten flossen Ellinors Rabenlocken über ihre gefalteten Hände; nichts von ihrem Gesicht war zu sehen, nur der anmutige Nacken und die schwer atmende Brust traten aus dem Dunkel hervor. Und in totengleiche, feierliche Ruhe versenkt, die geöffneten Lippen unhörbar bewegend, starr die Augen in die leere Luft gerichtet, die verblichenen durchsichtigen Hände über dem Busen gekreuzt, hob sich in sanftem, mildem Licht die verwelkte aber engelgleiche Gestalt derjenigen , welcher der Himmel bereits seinen ewigen Lohn für die Leiden der Erde entgegenhielt! Fünftes Kapitel. Das Gericht Gefaßt auf jedes Schicksal. Rede Eugen Arams. Ein Gedanke kommt oft über uns mitten im Laufe unserer Vergnügungen oder dem unruhigen Aufruhr ehrsüchtiger Bestrebungen; ein Gedanke gleich einer Wolke, daß um uns und über uns Tod – Schande – Frevel – Verzweiflung geschäftig seien. Ich habe irgendwo von einem bezauberten Lande gelesen, dessen Bewohner durch herrliche Garten und prächtige Paläste wandelten, und Musik hörten und fröhlich unter einander waren, während neben und in dem Lande tiefe Höhlen, Aufenthaltsorte von Gnomen und bösen Geistern, lagen. Oft stieg ihr Stöhnen und Lachen und der Ton ihrer geheimnisvollen Arbeit oder ihres gespenstischen Jubels aus dem Boden herauf und vermischte sich furchtbar seltsam mit der sommerlichen Festlichkeit und dem lärmenden Getreibe da droben. Dies ist ein Bild des Menschenlebens! So düster dergleichen Betrachtungen über die wirren Disharmonien der Welt erscheinen, sind sie gleichwohl heilsam. »Sie hüllen unser Denken Bei Festgelagen in ein Leichentuch;« Young und selten werden wir trüber gestimmt, ohne zugleich weiser zu werden! Sonnig, still und klar brach der 3. August 1759 an; es war der Morgen der Gerichtsverhandlung. Als sich Ellinor in der Schwester Zimmer schlich, fand sie Madeline vor dem Spiegel, mit sichtbarer Sorgfalt die reichen Locken ordnend. »Ich wollte,« sprach sie, »Du hättest dich mir zuliebe wie zu einem Festtag geschmückt. Sieh, ich will das Kleid anziehen worin ich ihm angetraut werden sollte.« Ellinor schauderte. Was ist grauenhafter, als ein Zeichen der Freude bei einer bittern, unbarmherzigen Wirklichkeit zu erblicken? »Ja,« fuhr Madeline mit einem Lächeln voll unaussprechlicher Milde fort, »ein wenig Nachdenken wird dir selbst zeigen, daß dieser Tag nicht als Tag der Trauer betrachtet werden darf. Nur die Ungewißheit war's, was unsere Herzen so ausdörrte. Wird er losgesprochen, wie wir alle glauben und hoffen, so ist ja eine äußerliche Schaustellung unseres Jubels ganz am rechten Platz! Wird er's nicht, nun so werd' ich ihm in Hochzeitskleidern vorangehen in unser Hochzeitsland. Ach,« fuhr sie nach kurzem Stillschweigen fort, und ihr Ausdruck in Stimme und Miene ward ernster, gesammelter und tiefer: – »ach, erinnerst du dich noch wie Eugen uns einst erzählte, daß wenn wir mittags auf den Grund einer tiefen Grube hinabstiegen, wir die Sterne sehen würden, die oben auf der Erde nicht sichtbar sind? Eine Bemerkung, die schon bei Aristoteles vorkommt. Buffon führt dieselbe mit seinem gewohnten Talent der Darstellung, wie ich glaube im ersten Band seines großen Werkes, an. Ebenso sehen wir erst aus der Tiefe des Jammers – zerknickt, elend, versengt, sterbend – daß die segensvollen Erscheinungen und Zeichen des Himmels für unser Auge aufgehen. Und ich weiß – ich hab' gesehen – ich fühle hier« – die Hand ans Herz drückend – »daß meine Bahn vollendet ist. Nur noch wenige Sandkörner sind übrig in dem Stundenglas. Lassen wir sie mutig verrinnen. Da, Ellinor, sieh diese armen verwelkten Rosenblätter; Eugen gab sie mir am Tage vor – vor demjenigen, der zu unserer Hochzeit bestimmt war. Ich will sie heute tragen, wie ich sie am Hochzeitstage getragen haben würde. Als er die arme Blume pflückte, wie frisch war sie da; ich küßte den Tau von ihr weg: sieh sie jetzt! Aber komm, komm; das sind Kleinigkeiten; wir dürfen uns nicht verspäten. Hilf mir, Lorchen, hilf mir; komm, tummle dich, schnell, schnell! O, nimm's nicht nur so obenhin; ich sag' dir, ich will mich heute sorgfältig kleiden.« Das Gewand hing, als sie angekleidet war, lose und in weiten Falten über der zusammengeschrumpften Gestalt: wie sie aber jetzt aufgerichtet dastand und ihr Bild im Spiegel mit einem Lächeln betrachtete, das Ellinor schmerzlicher in die Seele ging, als Thränen, hatte sich ihre Schönheit vielleicht nie in ergreifendern, erhabenern Zügen ausgesprochen; – sie glich wirklich einer Braut, aber nicht irdisch konnte man sich ihr Hochzeitsfest denken. In diesem Augenblick vernahm man unentschlossene zitternde Tritte vor der Thür: Lester klopfte und fragte draußen, ob sie bereit wären. »Kommen Sie herein, Vater,« rief Madeline mit ruhiger, ja heiterer Stimme. Und der alte Mann trat herein. Er warf einen schweigenden Blick auf Madelines weißes Gewand, und dann auf sein eigenes, das tiefe Trauer war. Kein Buch hätte gesagt, was dieser Blick, und kein Wort von einem der drei schwächte seinen Sinn. »Ja, Vater.« sprach Madeline, die Stille brechend, »wir sind fertig. Ist der Wagen vor?« »Er hält vor dem Hause, mein Kind.« »So komm denn, Ellinor, komm!« – und auf der Schwester Arm gestützt, trat Madeline gegen die Thür. An die Schwelle gekommen, blieb sie noch einmal stehen und sah im Zimmer umher. »Fehlt dir noch was?« fragte Ellinor. »Ich habe nur allem hier lebewohl gesagt,« erwiderte Madeline mit sanfter, rührender Stimme. »Und nun, ehe wir das Haus verlassen, Vater, Schwester, ein Wort mit euch. Ihr seid immer voll, voll Liebe gegen mich gewesen, und am meisten in dieser bittern Prüfung, wo ich eure Geduld so schwer in Anspruch genommen haben muß; – denn ich weiß, alles ist hier nicht richtig« (an die Stirn greifend) – »ich kann jetzt nicht gehen, ohne euch zu danken. Ellinor, meine teuerste Freundin, – meine geliebte Schwester – meine Gespielin in guten Stunden – meine Trösterin im Gram – meine Wärterin in der Krankheit: – seit wir kleine Kinder waren, haben wir zusammen geplaudert, zusammen gelacht und geweint; keinen Gedanken hielten wir vor einander verborgen, aber nie stießen wir auf einen, den wir vor Gott hätten verheimlichen müssen. Jetzt sollen wir von einander scheiden. Halt mich nicht zurück, es muß so geschehen, ich weiß es. Aber nach kurzer Zeit wirst du wieder glücklich sein; nicht mehr so ganz lebensfroh wie du sonst warst, das ist nicht mehr möglich, aber immer noch glücklich! –Du bist für die Liebe und die Häuslichkeit gemacht, und für die Bande, die wie du einst glaubtest, mich umschlingen sollten. Gebe Gott, daß ich für uns beide gelitten habe, und daß, wenn wir wieder zusammenkommen, du mir sagst, du seiest glücklich gewesen hienieden!« »Aber Sie, Vater,« fuhr Madeline fort, indem sie sich vom Nacken der weinenden Schwester losriß und vor Lester auf die Knie sank, der sich in krampfhafter Qual an die Wand lehnte und das Gesicht mit den Händen bedeckte; »aber Sie – was kann ich Ihnen sagen? – Sie, der nie – selbst in meiner frühesten Kindheit nie – ein einziges hartes Wort zu mir gesprochen hat; – der die ganze Gewalt eines Vaters in die Liebe eines Vaters versenkte, – wie kann ich alles, was ich für Sie fühle – alle die überfließenden, schmerzlich süßen Erinnerungen meines Dankes, die auf mich eindrängen, mir den Atem nehmen, wie kann ich sie ausdrücken? – Die Zeit wird kommen, wo Ellinor und Ellinors Kinder Ihnen alles sein müssen; – wo von Ihrer armen Madeline nichts übrig sein wird als ein Andenken. Jene aber werden über Sie wachen und Sie pflegen und Ihre grauen Haare vor Kummer schützen, wie ich's auch mir vom Schicksal bestimmt glaubte.« »Mein Kind! Mein Kind! Du brichst mein Herz!« stammelte endlich der zitternde Greis hervor, der bisher vergebens zu sprechen versucht hatte. »Geben Sie mir Ihren Segen, teurer Vater,« sagte Madeline, selbst von ihren Empfindungen überwältigt. »Legen Sie mir die Hand aufs Haupt und segnen Sie mich – und sagen Sie, daß, wenn ich Ihnen je unbewußt einen augenblicklichen Kummer verursacht habe, – dieser mir vergeben ist!« »Vergeben!« wiederholte Lester, die Tochter mit schwachen, zitternden Armen aufhebend, und seine Thränen fielen dicht auf ihre Wangen; – »nie fühlte ich so wie jetzt, welch ein Engel in meinem Hause war! – Aber tröste dich, ermutige dich. Wie, wenn der Himmel sein lohnendes Erbarmen auf diesen Tag aufgespart hätte und Eugen noch vor Abend frei, losgesprochen, siegreich unter uns stände?« Ha!« entgegnete Madeline, wie durch diesen Gedanken plötzlich zu neuem Leben aufblühend: – – »ha! eilen wir, Ihre Worte bald wahr zu finden. Ja! ja! – Wenn's so ginge – wenn so. Und,« – fügte sie mit hohler Stimme, die Begeisterung wieder zurückdrängend, hinzu: – »wären meine Träume nicht, so könnt' ich wirklich glauben, es werde so gehen. – Aber – kommt – ich bin fertig!« Langsam fuhr der Wagen durch die Menge, welche das Gerücht von der bevorstehenden Gerichtsverhandlung auf den Straßen angesammelt hatte; aber die Vorhänge waren herabgelassen, und Vater und Tochter retteten sich vor der härtesten aller Qualen, dem neugierigen Angaffen von Menschen, denen unser Jammer fremd ist. Im Saal waren Plätze für sie freigehalten worden. Als sie aus dem Wagen stiegen und den verhängnisvollen Ort betraten, zog Lesters ehrwürdiges Haupt neben den zitternden, verschleierten Gestalten, die sich an ihn klammerten, aller Augen auf sich. Mühsam gelangten sie zu ihren Sitzen. Bald wandte eine neue Aufregung im Saal die Blicke wieder von ihnen. Ein Gesumme, ein Gemurmel, eine Bewegung und dann eine ängstliche Stille! Hausman wurde zuerst wegen der früher gegen ihn erhobenen Anschuldigung vorgefordert, losgesprochen und als Zeuge gegen Aram zugelassen, der sofort hereingeführt ward. Der Gefangene stand vor den Schranken! Madeline rang nach Luft und klammerte sich mit einer konvulsivischen Bewegung an den Arm ihrer Schwester. Aber unmittelbar darauf gewann sie mit einem langen Seufzer ihre Selbstbeherrschung wieder und saß still und ruhig, das Auge auf Arams Gesicht geheftet; und wirklich war dieses Gesicht wohl geeignet, ihren Mut aufrecht zu halten, und sie bei aller Angst, aller Schärfe des gefolterten Mitgefühls mit einer Art triumphierenden Stolzes zu erfüllen. Wohl sprach sich etwas von dem was er gelitten in den Zügen des Angeklagten aus; die Linien um den Mund her, worin Bekümmernis des Gemüts ihre Furchen am tiefsten zu ziehen pflegt, waren ausgeprägt und tief; graue Haare schimmerten hie und da aus dem üppigen Reichtum der dunkelbraunen Locken hervor, und wie er vor seiner Einkerkerung bedeutend jünger geschienen, als er war, so hatte die Zeit nunmehr die frühere Säumnis ausgeglichen, und es konnte scheinen, er zähle mehr Jahre als wirklich über sein Haupt hingegangen. Aber der ausgezeichnete Glanz Und die Schönheit seines Auges erschienen, wie immer, ungetrübt; und immer noch zeigte die breite Stirn ihre faltenlose Wölbung und den ergreifenden Ausdruck von Ruhe und Hoheit. Stolz, gesammelt, heiter und unverwirrt blickte er um sich auf die Menge, den Schauplatz, den Richter. Sogar denen, welche Hn schuldig glaubten, nötigte eine unwillkürliche, unwiderstehliche Ehrfurcht, wie sie moralische Festigkeit stets auf das Gemüt ausübt, zu ihrer Überraschung Teilnahme am Schicksal des Gefangenen, ja selbst eine geheime Hoffnung seiner Freisprechung ab. Hausman ward aufgerufen. Niemand könnte sein Gesicht ohne ein gewisses Mißtrauen, ohne innerlichen Schauder betrachten. Schon häufig hat man die Bemerkung gemacht, daß in der Physiognomie blutdürstiger Menschen ein tierischer Ausdruck auffallend hervortritt. Nicht selten ähneln sich der Mörder und der Lüstling in ihrem körperlichen Bau. Der Stierhals – die dicken Lippen – die zurücktretende Stirn – das wilde, unruhige Auge, das, wie einige sagen, an den Büffel erinnert, im Moment ehe er gefährlich wird – sind die äußerlichen Zeichen des tierischen Wesens, das ungezähmt, unerleuchtet, ungemildert nur den unmittelbaren Trieben seiner Natur folgt, was nun die Leidenschaft (Wollust oder Rache) sein mag, nach welcher dieselben ihren Zug nehmen. Dieser Ausdruck von Tierheit, der Beleg eines entsprechenden Charakters; war besonders ausgemeißelt, wenn wir uns dieses Wortes bedienen dürfen, in Hausmans gefurchten, rauhen Zügen, die in diesem Augenblick durch ein Gemisch von Verstocktheit und Verzagtheit noch hervortretender wurden. Die Gewißheit, daß sein eigenes Leben gerettet sei, konnte nicht verhindern, daß er sich nicht Vorwürfe über den an dem Gefährten begangenen Verrat machte – eine Art von dunklem Ehrgefühl, das sich in Bösewichtern noch am ehesten ausspricht, wenn jede andere Empfindung von Rechtlichkeit sie verlassen hat. Mit leiser, gedrückter und mitunter zitternder Stimme gab Hausman an, »er sei in der Nacht vom 7. auf den 8. Februar 1744, etwas vor elf Uhr, in Arams Haus gekommen; – habe sich mit ihm über verschiedene Gegenstände unterhalten, – sei etwa eine Stunde dort geblieben; – sei etwa drei Stunden nachher in Gesellschaft Clarkes wieder an Arams Hause vorbeigekommen, wo Aram vor der Thür gestanden, als ob er eben heimkehrte; – Aram habe sie beide eingeladen hereinzukommen; – sie hätten es gethan; – als Clarke, dessen Absicht dahin gegangen, die Stadt vor Tagesanbruch zu verlassen, um, wie ihnen bekannt gewesen, sich mit gewissen Kostbarkeiten, in deren Besitz er sich gesetzt, aus dem Staube zu machen, im Begriff war, das Haus zu verlassen, habe Aram vorgeschlagen, ihn vor die Stadt hinaus zu begleiten! – Er (Aram) und Hausman seien nun mit Clarke weggegangen; als sie aufs freie Feld in die Gegend von der St. Robertshöhle gekommen, seien Aram und Clarke über die Hecke gestiegen und in die Höhle hineingegangen, und als sie auf etwa zwölf bis achtzehn Fuß darin gewesen, habe er wahrgenommen, daß sie miteinander in Streit gerieten; – habe bemerkt, wie Aram den Clarke mehrmals geschlagen, worauf Clarke niedergestürzt sei, und er ihn nicht wieder habe aufstehen sehen; – er habe nicht bemerkt, daß Aram irgend ein Instrument bei sich gehabt, und wisse auch nicht, daß er ein solches überhaupt mitgeführt; – er habe sich sofort ohne Einmischung oder Lärm entfernt und sei heimgekehrt; – am folgenden Morgen sei er in Arams Wohnung gegangen und habe gefragt, was er vorige Nacht mit Clarke gehabt und was er mit ihm angefangen? Aram habe auf diese Frage nicht geantwortet, ihm aber, falls er etwas davon ausplaudern werde, daß er diese Nacht mit Clarke zusammen gewesen, gedroht und beteuert, er werde sich entweder in eigener Person oder durch einen dritten schwer an ihm rächen, wenn er irgend etwas über die Sache erwähne.« – Dies war das Wesentliche von Hausmans Aussage. Darauf wurde ein gewisser Beckwith vorgerufen. Dieser gab an, man habe infolge eines unbestimmten Gerüchts, als sei Aram an der Betrügerei Clarkes beteiligt gewesen, in dem Garten des ersteren Nachforschungen vorgenommen; wirklich seien daselbst einige Fetzen von einer Kleidung und auch einige Stücke Batist gefunden worden, die er kurz zuvor an Clarke verkauft habe. Der dritte Zeuge war der Nachtwächter Thomas Barnet. Dieser sagte aus, er habe vor Mitternacht (es möge etwas nach elf Uhr gewesen sein) einen Mann aus Arams Haus kommen sehen, der einen weißen Mantel um und die Mantellappe über den Kopf gezogen gehabt, und, wie es ihm geschienen, ihm gern ausgewichen wäre; auf dies hin sei er auf ihn zugegangen, habe ihm die Kappe seines großen Mantels abgezogen und sich sofort überzeugt, daß es Richard Hausman war. Er habe sich begnügt, ihm eine gute Nacht zu wünschen. Die Gerichtsdiener, welche den Verhaftsbefehl gegen Aram in Vollzug gesetzt hatten, legten nun ihr Zeugnis über seine Festnehmung ab. Sie führten einige Worte an, welche dem Gefangenen vor seiner Ankunft in Knaresborough entfallen waren. Diese wurden jedoch als gänzlich unwichtig befunden. Nach diesem Verhör folgte eine kurze Pause. Dann ging ein Schauder, jenes Zurückprallen und Zittern, welches die Menschen bei der Ausstellung von Totenresten überkommt, durch den Saal; denn der nächste Zeuge war stumm – es war der Schädel des Verstorbenen! Auf dessen linker Seite befand sich ein Bruch, der seiner Natur nach, wie es schien, nur durch den Schlag eines stumpfen Instruments hervorgebracht sein konnte. Das entsprechende Stück war hineingeschlagen und konnte nur von innen heraus wieder an seine Stelle gesetzt werden. Der Wundarzt Locock, der den Schädel vorzeigte, gab seine Meinung dahin ab, daß eine solche Beschädigung nicht durch natürliche Verwesung entstehen könne, und daß es ebensowenig ein Bruch aus erst neuerer Zeit sei, etwa durch das Werkzeug entstanden, womit das Gerippe vielleicht aufgegraben worden, sondern daß die Fraktur schon vor vielen Jahren erfolgt sein müsse. Dies machte den wesentlichen Teil der gegen Aram abgelegten Zeugnisse aus. Die unbedeutendern Punkte haben wir weggelassen: ebenso diejenigen, welche, wie die Aussage von Arams Hauswirtin, nur eine Wiederholung dessen gewesen sein würden, was der Leser bereits weiß. Somit war das Zeugenverhör geschlossen und es erging nunmehr an den Gefangenen jene erschütternde, angstvolle Frage: was er zu seinen Gunsten anzuführen habe? Bis jetzt hatte Aram weder Stellung noch Miene geändert; – sein dunkles durchdringendes Auge hatte sich jedesmal einen Moment auf den gegen ihn vortretenden Zeugen geheftet und sich dann auf den Boden gesenkt. Jetzt aber flog ein schwaches, hektisches Rot über seine Wangen; er schien sich zu fassen und zur Verteidigung zusammenzunehmen. Sein Blick durchlief den Gerichtssaal, als wollte er sehen, was für ein Eindruck gegen ihn hervorgebracht worden und ruhte dann auf den greisen Locken Rowland Lesters, der, das Gesicht mit den Händen bedeckt, auf den Boden starrte. An diese ehrwürdige Gestalt lehnte sich das stille Marmorangesicht Madelines. Selbst in weiter Entfernung konnte Aram bemerken, mit welcher Gewalt sie ihre gespannten Gefühle niederkämpfte. Als ihre Auge aber das seinige traf, das selbst in solchem Moment unaussprechliche Liebe, Mitleid und Schmerz um ihretwillen in sich trug, brach ein wildes, krampfhaftes Lächeln der Ermutigung, des vorempfundenen Triumphs die Ruhe ihrer bleichen Züge. Schnell starb es wieder hinweg; aber die Lippen blieben geöffnet mit jenem Ausdruck, welchen die großen Meister des Altertums, der Natur getreu, dem Hoffnungskampf wie dem Stillstand des Schreckens geben. »Mein Lord,« begann Aram jene noch jetzt vorhandene merkwürdige Verteidigung, die noch immer als völlig unerreicht im Mund eines Menschen dasteht, der seine eigene und solch eine Sache führt: – »mein Lord, ich weiß nicht, ob es ein Recht ist, oder ob es durch Nachsicht Eurer Herrlichkeit geschieht, daß man mir, dem Unfähigen und Ununterrichteten in öffentlicher Sprechweise, vor diesen Schranken und in diesem Augenblick die Freiheit gestattet, die eigene Verteidigung zu versuchen. Denn da so viele Augen, eine so zahlreiche, beängstigende Menge mit Aufmerksamkeit, mit mir unbekannten Erwartungen an mir hängt, so kämpfe ich, mein Lord, nicht mit einer Schuld, wohl aber mit Befangenheit. Früher nie Zeuge einer Gerichtsverhandlung, völlig unbekannt mit dem Gesetz, dem Gerichtsgebrauch und dem ganzen richterlichen Verfahren, dürfte ich so wenig geeignet sein, mich in gehöriger Art auszudrücken, daß man wohl mit Grund annehmen kann, es übertreffe schon meine Hoffnung, wenn ich zur Sprache nur überhaupt fähig bin. Ich habe, mein Lord, die Anklage verlesen hören, worin mir das höchste menschliche Verbrechen zur Last gelegt wird. So wollen Sie mir denn Nachsicht widerfahren lassen, wenn, ich, einzeln und ungewandt, ohne Hilfe eines Freundes, ohne Beistand eines Anwaltes, eine Art logischer Beweisführung zu meiner Verteidigung versuche. Was ich zu sagen habe, wird nur kurz, und diese Kürze das beste daran sein. Mein Lord, der Inhalt meines Lebens widerspricht dieser Anschuldigung. Wer kann auf das, was aus meinen frühern Jahren bekannt ist, zurückblicken und mich eines einzigen Lasters – eines einzigen Vergehens bezichtigen? Nein! nie entwarf ich Anschläge auf Betrug –, sann nie auf Gewaltthat – griff nie das Eigentum oder die Person von irgend jemand an. Meine Tage verflossen in ehrlicher Arbeit, meine Nächte in angestrengten Studien. Dieses mir selbst erteilte Lob ist nicht anmaßend – ist nicht unbillig. Welcher Mensch stürzte je aus einem nüchternen Lehen, aus einer Folgereihe geordneten Denkens und Handelns, worin sich auch keine einzige Abweichung von einem geregelten, Maß haltenden Benehmen nachweisen läßt, kopfüber und auf einmal in die Tiefe des Verbrechens hinab? Die Menschen werden nicht in einem einzigen Nu verderbt. Nur gradweise wird man schlecht. Wir weichen vom Rechten nicht plötzlich, sondern Schritt für Schritt ab. Widerspricht mein Leben im allgemeinen jener Anschuldigung, so widerspricht ihr mein Gesundheitszustand, besonders in jenen Tagen, noch mehr. Kurz vorher war ich ans Bett gefesselt gewesen, hatte eine lange, heftige Krankheit zu bestehen gehabt. Nur langsam und teilweise wich die Verstimmung meiner Nerven wieder von mir. Weit entfernt, daß ich zur Zeit, in welcher mir jene That zur Last gelegt wird, gesund gewesen wäre, hab' ich mich bis auf den heutigen Tag noch nicht völlig erholt. Konnte ein Mensch unter solchen Verhältnissen eine Gewaltthat gegen einen andern ausüben? Konnte ich's, der Schwache, Kränkliche, dem der Reiz, der ihn zu solchem Schritt hätte anlocken können, die Fähigkeit ihn zu unternehmen, die Waffe ihn durchzusetzen, abging; dem Interesse, Kraft, Beweggründe, Mittel dazu fehlten? Mein Lord, Clarke verschwand. Ganz recht; ist dies aber ein Beweis seines Todes? Die Unsicherheit aller Schlußfolgerungen solcher Art und aus solch einem Umstand liegt zu sehr auf der Hand, als daß es noch der Anführung von Beispielen bedürfte. Ein Beispiel liegt vor Ihnen; dies Schloß selbst beut es dar. Im Juni 1757 entfloh William Thompson an hellem Tage und doppelt geschlossen, trotz der sorgfältigsten Überwachung, aus diesem Gebäude. Ungeachtet der unmittelbar nachher aufgebotenen Nachforschung, ungeachtet aller öffentlichen Anzeichen, alles Suchens, hat man seitdem nie wieder etwas von ihm gehört noch gesehen. Entkam dieser Mensch, ohne gesehen zu werden, durch all diese Hindernisse, um wie viel leichter mußte solches für Clarke sein, welchem keine Hemmnisse entgegenstanden! Und was würde man gleichwohl von einem gerichtlichen Einschreiten gegen denjenigen denken, der zuletzt mit Thompson gesehen worden wäre? Diese Gebeine wurden aufgefunden! Wo? Läßt sich, wenn man nicht gerade den Kirchhof selbst nehmen will, irgend ein Ort denken, wo man sich mit soviel Zuversicht darauf verlassen kann, menschliche Gebeine zu finden als eine Einsiedelei? In frühern Zeiten war die Einsiedelei nicht nur Ort frommer Abgeschiedenheit, sondern auch Begräbnisplatz. Kaum oder nie hat man von einem der jetzt bekannten Eremitensitze gehört, der nicht solche Menschenreste, bald teilweise, bald ganz, enthielte oder enthalten hätte! Sei es mir erlaubt, Eure Herrlichkeit zu erinnern, daß hier die Stätte einsamer Heiligkeit war: daß der Eremit, der Anachoret nach ihrem Tode hier dieselbe Ruhe für ihre Gebeine hofften, die ihre Seele während des Lebens daselbst genossen hatte. Lassen Sie mich einen Blick auf einige wenige unter den vielen Beispielen werfen, wonach diese Siedeleien zu Ruhestätten der Verstorbenen dienten; mich einige wenige von den vielen Höhlen anführen, die gleichen Ursprung wie die St. Roberts Höhle hatten, und worin ebenfalls Menschengebeine gefunden wurden.« – Hier zählte der Gefangene mit bemerkenswertem Glück mehrere Orte her, wo unter ähnlichen Umständen und an Stellen, welche der in Frage stehenden entsprachen, Gebeine aufgefunden worden waren. Man sehe seine im Druck erschienene Verteidigung. Der Leser, der sich jenes obersten gesetzlichen Grundsatzes erinnern wird, wonach niemand eines Mordes wegen verdammt werden kann, so lange der Leichnam des Gemordeten nicht nachgewiesen ist. wird damit sogleich fühlen, wie wichtig eben berührter Punkt zur Verteidigung des Angeklagten Iwar. Nachdem derselbe die Reihe der angeführten Beispiele mit zwei Fallen beschlossen hatte, in welchen Gerippe in der Umgegend von Knaresborough selbst gefunden worden, rief er aus: »Hat man etwa die Auffindung dieser Gebeine vergessen oder absichtlich verhehlt, damit der in Frage stehende Fund um so außerordentlicher erscheine? Außerordentlich – und doch welch ein alltägliches Ereignis! Jeder Ort birgt dergleichen Überreste. In Feldern, Hügeln, auf den Seiten der Landstraßen – auf Triften – auf Gemeindeweiden findet man häufig Gebeine, ohne daß dies irgendwie verdächtig erscheint! Zudem bedenke man noch, daß vielleicht kein Beispiel vorkommt, wonach mehr als ein Gerippe in einer Einsiedelei gefunden worden wäre. Auch hier findet sich nur ein einziges, ganz angemessen der Beschaffenheit jedes in Britannien bekannten Einsiedlersitzes. Hätte man zwei Gerippe entdeckt, dann erst hätte der Fall verdächtig und ungewöhnlich erscheinen dürfen! Was! haben wir die Schwierigkeiten vergessen, die schon vorgekommen sind, um selbst die Identität lebender Personen zu erweisen, wie im Fall Perkin Warbecks und Lambert Symnells und wollen nun gar Gebeinen eine Persönlichkeit zuschreiben – Gebeinen, die so gut dem einen als dem andern Geschlecht zukommen können? Woher wißt ihr, daß dieses gerade das Gerippe eines Mannes ist? Ja. wurde nicht ein anderes Skelett durch Feldarbeiter entdeckt und mit derselben Zuversichtlichkeit für dasjenige von Clarke ausgeschrien wie das später aufgefundene? Mylord. Mylord – sollen Lebende für all die Knochen verantwortlich gemacht werden, welche die Erde barg und ein Zufall an den Tag brachte? Ärztlich ist erklärt worden, der vorgewiesene Schädel sei eingeschlagen. Wer aber kann mit Gewißheit sagen, ob dies Ursache oder Folge des Todes war? Als im Mai 1732 die Überreste von Wilhelm, Lord Erzbischof dieser Grafschaft, mit Erlaubnis der Regierung in der Hauptkirche aufgegraben wurden, fand man einen ganz ähnlichen Bruch der Schädelplatten vor. Und doch starb jener durch keine Gewaltthat: starb nicht infolge eines Schlages, der den Knochen zerbrochen haben könnte. Erinnern wir uns, nie viele Möglichkeiten sich für den Bruch an dem vorgezeigten Schädel nachweisen lassen! Als die Klöster aufgehoben wurden, griff die Wut der Zeit die Toten wie die Lebenden an. Die Spürer nach eingebildeten Schätzen brachen Särge, Gruben, Gräber und Gewölbe auf, zerstörten Denkmäler, zertrümmerten Reliquienkästen, so daß endlich sogar das Parlament aufgerufen wurde, diesen Entweihungen ein Ziel zu setzen. Sollen die Plünderungen, die Greuel jener Tage in den unsrigen gezüchtigt werden? In Knaresborough endlich wurde, noch über all dies, die Burg hart belagert; jeder Fleck in der Umgegend war Schauplatz eines Ausfalls, eines Gefechts, einer Flucht, einer Verfolgung. Wo die Erschlagenen fielen, da wurden sie auch beerdigt. Welcher Ort würde im Kriege nicht zum Grab? Wie viele Gebeine müssen in der Nachbarschaft dieser einst belagerten Burg noch verborgen liegen und werden in Zukunft aufgefunden werden! Wollten Sie also unter so vielen wahrscheinlichen Umständen gerade den unwahrscheinlichsten herauswälzen? Können Sie einem Lebenden aufbürden, was der Fanatismus in seiner Wut vollbracht haben mag: was vielleicht die Natur weggeräumt hat und Frömmigkeit begrub, oder was endlich der Krieg für sich allein zerstört, allein auf die Seite geworfen haben mag? Und jetzt blicken Sie auf die vor Gericht Angegebenen Nebenumstände – wie schwach, wie unhaltbar! Fast acht' ich's unter meiner Würde, auf dieselben hinzudeuten ; bei denselben zu verweilen will ich mich nicht herablassen. Das Zeugnis eines einzigen, in eigener Person angeschuldigten Menschen! Ist hier keine Möglichkeit, daß dieser Mensch, um sein eigenes Leben zu retten, gegen das meinige sich verschwört? – keine Möglichkeit, daß, wenn ein Mord wirklich begangen wurde, er denselben begangen hat? daß sein Gewissen ihn in seinem ersten Ausruf verriet? daß ihm sofort Arglist eingab, eine Schuld auf mich zu wälzen, um welche zu wissen er gegen seinen Willen eingestanden hatte? Er erklärt, er habe mich auf Clarke zuschlagen, habe diesen fallen sehen; und doch stößt er darüber keinen Schrei, keinen Tadel aus; er ruft nicht um Hilfe, sondern geht ruhig nach Hause. Er erklärt, er wisse nicht, was aus dem Körper geworden und gab doch früher an, wo der Körper liege. Er erklärt, er sei geradeswegs und allein heimgekehrt, während die Frau, bei welcher ich wohnte, angiebt, Hausman und ich seien miteinander in Gesellschaft zurückgekommen. Was für ein Zeugnis ist dies und von wem geht es aus? – Fragen Sie sich selbst. Was die übrigen gegen mich abgegebenen Aussagen betrifft, was wollen sie sagen? Der Nachtwächter steht, daß Hausman meine Wohnung im Dunkeln verläßt. Was ist glaublicher als so etwas? Aber was hat auch weniger mit der wirklichen oder angenommenen Ermordung Clarkes zu thun? In meinem Garten findet man einige Kleiderfetzen. Aber wie kann erwiesen werden, daß dieselben Clarke angehörten? Wer kann darauf schwören, wer kann etwas so ganz Ungewisses beweisen? und selbst wenn sie dort gefunden wurden, selbst wenn sie Clarke angehörten: geht daraus hervor, daß sie von mir dort verscharrt wurden? Wie wahrscheinlich ist es vielmehr, daß der wirkliche Verbrecher eher jeden andern Ort als gerade den vor seinem eigenen Hause gewählt haben dürfte, um im Dunkel der Nacht die Spuren seines Verbrechens zu verbergen! Wie unwirksam ist ein solches Zeugnis! Und wie dürftig, wie schwankend bleibt stets der stärkste Beweis, der bloß aus Nebenumständen abgeleitet wird! Möge er bis zur Wahrscheinlichkeit, bis zur höchsten Wahrscheinlichkeit steigen, so bleibt er doch immer bloß Wahrscheinlichkeit . Erinnern sie sich des von Dr. Howell berichteten Falls der beiden Harrisons: beide wurden hingerichtet infolge eines aus Nebenumständen abgeleiteten Beweises über das Verschwinden eines Mannes, der, wie Clarke, Schulden machte, Geld borgte und heimlich davonging. Dieser Mann kehrte mehrere Jahre nach der Hinrichtung zurück. Wozu Sie an Jacques du Moulin unter der Regierung Karls II erinnern? – Wozu an den unglücklichen Coleman, der des Verbrechens überwiesen, nachher aber unschuldig befunden wurde und dessen Kinder Hungers starben, weil die Welt den Vater für schuldig gehalten hatte? Wozu soll ich noch den Meineid Smiths anführen, der als königlicher Zeuge Dieser eigentümliche Ausdruck bezeichnet in der englischen Rechtssprache denjenigen, welcher in einer gerichtlichen Verhandlung gegen seine Mitschuldigen zeugt. Der Übersetzer. zugelassen, sich selbst dadurch in Sicherheit brachte, daß er Fainloth und Loveday des Mordes an Dunn anklagte? Der erste wurde hingerichtet, der zweite war eben daran, dasselbe Schicksal zu erleiden, als die Lüge Smiths sich unwidersprechlich erwies. Und nun, mein Lord, nachdem ich zu zeigen gesucht, daß diese ganze Anklage jedem Teil meines Lebens widerspricht: daß sie sich mit meinem damaligen Gesundheitszustand nicht verträgt; daß kein vernünftiger Beweis für den Tod eines Menschen aus seinem Verschwinden hergeleitet werden kann daß Einsiedeleien jederzeit die Orte waren, wo die Gebeine des Einsiedlers beigesetzt wurden; daß die Beweise hierfür mit Urkunden belegt sind; daß die Umwälzung im Kirchenglauben oder Vorfälle des Krieges den Leichnam verstümmelt oder begraben haben können, daß der stärkste aus Nebenumständen hergeleitete Beweis oft beklagenswert trügerisch, in meinem Fall aber dieser Beweis, weit entfernt stark zu sein, vielmehr schwach, unzusammenhängend, widersprechend ist: was bleibt übrig? Eine Schlußfolgerung, der vielleicht mit ebensoviel gutem Grund als mit Sehnsucht entgegengeharrt wird. Ich wenigstens vertraue mich nach einer beinahe jahrlangen Einkerkerung, gefaßt auf jedes Schicksal, der Redlichkeit, der Gerechtigkeit, der Humanität Eurer Herrlichkeit und der Ihrigen, meine Landsleute, Herren Geschworene.« Der Gefangene schwieg und peinliche, erstickende Empfindungen des Mitleids, des Erbarmens, des Bedauerns, der Bewunderung, die alle zusammen in eine ängstliche Hoffnung auf seine Lossprechung verschmolzen, machten sich im vollgedrängten Saale fühlbar. Nur in zwei Menschen blieb ein unbefriedigtes Gefühl zurück – ein Gefühl, daß der Angeklagte das nicht vollständig geleistet habe, was sie von ihm hätten fordern mögen. Der eine war Lester: – er hatte eine wärmere, mehr aus dem Herzen kommende, wenn auch vielleicht weniger scharfsinnige und kunstvolle Verteidigung erwartet. Er hatte erwartet, Aram würde weit länger auf der Unwahrscheinlichkeit und den Widersprüchen in Hausmans Aussage verweilen und vor allem, er werde über all das genügenden Aufschluß geben, was hinsichtlich seiner Bekanntschaft mit Clarke (wie wir den Verstorbenen immer noch nennen wollen) fortwährend unerklärt blieb, sowie über die Behauptung, daß er in der verhängnisvollen Nacht, worin letzterer verschwand, mit demselben ausgegangen sei. Bei jedem Wort in der Verteidigungsrede des Gefangenen hatte er fast atemlos geharrt, als müsse der nächste Satz den Anfang einer Erläuterung oder Widerlegung enthalten; und als Aram endlich schwieg, blieb eine Angst, eine Niedergeschlagenheit, ein Gefühl getäuschter Hoffnung unbestimmt in seinem Gemüt zurück. Gleichwohl war Aram der unmittelbaren Zeugenaussage mit so hellem, hoheitsvollem Geist entgegengetreten, daß sein Stillschweigen über jenen Punkt nur Folge einer Verachtung sein mochte, die seinem ruhigen, stolzen Charakter wesentlich entsprach. – Die andere der beiden vorerwähnten Personen, jemand, der in Arams Verteidigung nicht in demselben Grade die Glaubhaftigkeit finden konnte, in welchem er sie ihres Scharfsinns wegen bewunderte, war ein Mensch, der bei der Entscheidung über das Schicksal des Gefangenen bei weitem mehr zu sagen hatte: – es war der Richter. Aber Madeline – großer Gott! Wie hoffnungsvoll ist das Herz eines Weibes, wenn es sich um die Unschuld, um das Schicksal des Geliebten handelt! – Eine strahlende Röte ergoß sich über das vorher so bleiche Gesicht, und mit einem Ausdruck des Jubels, mit schimmerndem Auge, mit stolzer Stirn wandte sie sich zu Ellinor. drückte ihr schweigend die Hand und heftete dann noch einmal ihre ganze Seele in lautloser Spannung auf den furchtbaren Gang des Gerichts. Jetzt begann der Richter. – Es ist höchlich zu bedauern, daß wir keine umständliche und ins Einzelne gehende Denkschrift über diese Verhandlung haben, als eben nur die Verteidigung des Gefangenen. Das Resumé des Richters ward damals für beinahe ebenso merkwürdig angesehen als die Rede des Angeklagten. Mit besonderer Sorgfalt und sehr ausführlich legte er den Thatbestand der Aussagen vor den Geschworenen dar. Er bemerkte, wie das Zeugnis der übrigen Vorgeforderten Hausmans Angabe bestätige, und machte, indem er demnächst auf die Widersprüche des letzteren überging, begreiflich, wie naturgemäß, wie unvermeidlich dergleichen Widersprüche bei einem Menschen seien, der nicht nur gegen einen andern Zeugnis abzulegen, sondern zugleich zu sorgen habe, daß er selbst keiner Schuld überwiesen werde. Es könne kein Zweifel obwalten, daß Hausman selbst in das Verbrechen verflochten sei, und alles Unwahrscheinliche, wie, daß er nach Vollzug der That keinen Lärm gemacht u. s. w., u. s. w., werde dadurch sehr natürlich, und vertrage sich gar wohl mit den übrigen Teilen seiner Aussage. Dann verbreitete er sich über die Verteidigung des Gefangenen, der, als verachte er jede andere Stütze als den eigenen Geist und die eigene Unschuld, ebensowenig einen Zeugen als einen Anwalt für sich in Anspruch genommen hatte. Eben durch das Lob, das er Arams Beredsamkeit und Kunst zollte, hob er endlich die Wirkung derselben auf, indem er die Geschworenen vor dem Eindruck warnte, welchen Beredsamkeit und Kunst einer einfachen Thatsache gegenüber hervorrufen, und den Satz ausstellte, daß Aram gleichwohl nichts ausgeführt habe, was die eigentliche Anschuldigung entkräfte. Oft habe ich von Männern, die gerichtlichen Verhandlungen häufig beiwohnen, gehört, wie nichts wunderbarer sei, als der plötzliche Wechsel, den die schließliche Zusammenstellung des Richters im Gemüt der Geschworenen hervorzubringen vermag: und im gegenwärtigen Fall wirkte das Resumé allerdings wie ein Zauber. Die Gebieter über Leben und Tod des Gefangenen sahen sich, als der Richter schwieg, mit jenem verhängnisvollen Blick gemeinsamen Verständnisses, gemeinsamer Zustimmung an. Sie fanden den Gefangenen schuldig. Der Richter setzte die schwarze Mütze auf. Aram vernahm sein Urteil mit vollkommener Fassung. Ehe er von den Schranken schied, richtete er sich zu seiner ganzen Höhe auf und warf mit jener erschütternden, fast erhabenen Unbeweglichkeit des Ausdrucks, die unter allen Menschen ihm allein eigen war – einen langen Blick im Saal umher, der durch ein leichtes Lächeln noch ausdrucksvoller wurde, ein Lächeln, das mehr sagte, als die beredtesten Worte. – Es war keine erzwungene, krampfhafte Anstrengung, mit welcher sich Entsetzen oder Schmerz vergebens zu maskieren suchen; kein Spielen mit sich selbst, das eine theatralische Verachtung der andern durch eine über kleinliche Bitterkeit gleichsam erhabene Majestät darstellen möchte; – eher mannhafte Unterwerfung unter das Schicksal als ein Trotz gegen das Urteil anderer. Eher ein Einhüllen in die Unabhängigkeit eines ruhigen, als in die Verachtung eines verzweifelten Herzens. Sechstes Kapitel. Der Tod. – Das Gefängnis. – Eine Unterredung. – Ihr Erfolg. Legt sie in den Grund, Und ihrer schönen, unbefleckten Hülle Entsprießen Veilchen. In meiner Brust war eine Art von Kampf, Der mich nicht schlafen ließ. – Hamlet. »Geduldet euch noch eine kurze Weile mit mir,« sagte Madeline. »Bald wird mir wohl, ganz wohl sein!« Ellinor schob das Wagenfenster hinab, um frische Luft einzulassen, und hieß bei dieser Gelegenheit den Kutscher schneller fahren. Die Veränderung in Madelines Stimme hatte sie erschreckt. »Wie edel war sein Blick! Ihr saht ihn lächeln,« fuhr Madeline, mit sich selbst redend, fort. »Und doch wollen sie ihn ermorden. Laßt sehen, auf diesen Tag in nächster Woche, ja noch vor diesem Tage werden wir beisammen sein.« »Schneller, um Gottes willen, Ellinor, heiß ihn schneller fahren!« rief Lester, als er die an seine Brust gelehnte Gestalt schwerer und schwerer werden fühlte. Rasch flog der Wagen. Ihr Haus ward sichtbar, das einsame, freudlose Haus, nicht die süße Heimat in Grünthal mit dem Epheu um das Vordach und der stillen Kirche dahinter. Die Sonne sank langsam hinunter und Ellinor ließ den Fenstervorhang nieder, um der Schwester Auge vor der Glut zu schützen. Madeline empfand die Freundlichkeit und lächelte. Ellinor trocknete die Augen und suchte wieder zu lächeln. Die Kutsche hielt und Madeline ward herausgehoben. Von Vater und Schwester gehalten, blieb sie einige Sekunden unter der Thür stehen. Sie sah auf die goldene Sonne und die stille Erde und die kleinen Mückchen, die im Abendstrahl tanzten – alles war zur Ruhe eingewiegt und voll von der Friedensstille einer ländlichen Umgebung. »Nein, nein,« flüsterte sie, indem sie des Vaters Hand ergriff. »Was ist das? es ist nicht seine Hand. O nein, nein! ich bin nicht bei ihm. – Vater,« fügte sie mit lauterer, tiefer Stimme hinzu, indem sie sich von seiner Brust erhob, »geben Sie mir dies Päckchen mit ins Grab; es sind seine Briefe. Erbrechen Sie das Siegel nicht, und – und sagen Sie ihm, daß ich nie gewußt, wie unendlich ich – ich ihn liebe – bis die ganze – Welt – ihn verlassen hatte!« Ein schwacher Schmerzensschrei entfuhr ihr und sie stürzte plötzlich zu Boden. Einige Stunden lebte sie noch, gab aber weder Worte noch Zeichen mehr von sich und nur ihr Atem ließ merken, daß sie nicht bereits verschieden sei. Endlich starb auch dieser – unmerklich – dahin. Am folgenden Abend erhielt Walter Zutritt in Arams Kerker. Am Morgen hatte der Gefangene Lester gesehen, hatte Madelines Tod vernommen. Keine Thräne war ihm entfallen; er hatte, nach dem erschütternden Ausdruck der heiligen Schrift, »sein Gesicht gegen die Mauer gewandt«. Niemand sah seine Rührung; gleichwohl fühlte Lester bei dieser bittern Unterredung, daß seine Tochter innig betrauert wurde. Aram erhob die Augen bei Walters Eintritt nicht, und der junge Mann mußte sich dicht vor ihn stellen, ehe er bemerkt wurde. Jetzt sah jener auf und beide blickten sich eine Weile schweigend an, bis endlich Walter mit hohler Stimme sagte: »Eugen Aram!« »Nun!« »Madeline Lester ist nicht mehr.« »Ich hab' es gehört. Ich bin damit ausgesöhnt. Besser jetzt als später.« »Aram!« rief Walter jetzt mit zitternder Stimme und leidenschaftlich die Hände ringend, »ich bitte, ich beschwöre Sie in dieser furchtbaren Stunde, wenn es in Ihrer Macht steht, eine Last von meinem Herzen zu wälzen, die es in den Staub hinabdrückt, die, wenn sie bleibt, mich für mein ganzes Leben zu einem gedrückten, jammervollen Menschen machen muß – ich beschwöre Sie im Namen der Menschlichkeit, bei Ihren Hoffnungen auf den Himmel, diese Last von mir zu nehmen! Unwiderruflich ist die Zeit vorbei, wo Leugnen oder Geständnisse von Ihrer Seite Ihr Schicksal abändern können; Ihre Tage sind gezählt; keine Hoffnung auf Rettung; ich beschwöre Sie: sind Sie wirklich zu Ausübung des Verbrechens – ich frage nicht, wie oder warum – verleitet worden, unter dessen Anschuldigung Sie sterben, so sagen Sie mir, raunen Sie mir nur ein Wort des Geständnisses zu, und ich, das einzige Kind des Ermordeten, will Ihnen aus dem Grunde meiner Seele vergeben.« Er hielt an, unfähig, weiter fortzufahren. Auf Arams Stirn zuckte es; er wandte sich ab, er gab keine Antwort. Sein Haupt sank auf seine Brust und seine Augen waren unbeweglich auf den Boden geheftet. »Erwägen Sie,« fuhr Walter, seine Fassung wieder gewinnend, fort, »erwägen Sie! ich war das stumme Werkzeug, durch das Sie in dieses furchtbare Schicksal geführt, durch das meines eigenen Hauses Glück zerstört – durch das – durch das dem Wesen das Herz gebrochen ward, das ich schon als Knabe anbetete. Sind Sie schuldlos – welch gräßliche Erinnerung bleibt mir! Seien Sie barmherzig, Aram, barmherzig! Ward diese That durch Ihre Hand vollbracht, so sagen Sie mir nur ein Wort, um die furchtbare Ungewißheit zu verbannen, die mein ganzes Wesen zerreißt. Was ist für Sie jetzt die Erde, die Menschheit, die allgemeine Meinung? Gott allein kann Sie richten. Gottes Auge liest in Ihrem Herzen, während ich spreche; haben Sie die Schuld wirklich auf sich geladen, so bedenken Sie, wie weit geringer Ihre Sünde in der ernsten Stunde auf Ihnen lasten wird, wo die Ewigkeit sich Ihnen öffnet, wenn Sie durch Bekämpfung eines störrischen Herzens ein menschliches Wesen von einem Zweifel befreien, welcher der Fluch, das Grauen seines ganzen Daseins werden müßte. Aram, Aram, wenn des Vaters Tod durch Sie kam, soll dem Sohne sein Leben ebenfalls durch Sie zur Bürde werden?« »Was wollen Sie von mir? reden Sie!« sagte Aram, ohne das Gesicht von der Brust aufzuheben. »Vieles in Ihrer Natur widerspricht einem solchen Verbrechen. – Sie sind weise, ruhig, gegen die Bedürftigen wohlthätig. Rache, Leidenschaft – vielleicht die scharfen Krallen des Hungers mögen Sie zu irgend einem Schritt getrieben haben; aber ganz verhärtet ist Ihre Seele nicht; ja so weit glaub' ich mein Vertrauen zu Ihnen ausdehnen zu dürfen, daß wenn Sie in diesem grauenvollen Augenblick – wo Madelines Hülle kaum erkaltet ist, wo Schmerz Ihre Brust durchwühlt und erweicht, wo der Sohn des Ermordeten vor Ihnen steht – wenn Sie in diesem Augenblick die Hand aufs Herz legen und sagen können: »bei Gott und so wahr ich selig werden will, ich bin unschuldig an dieser That«, – ich gehen, Ihnen glauben und so gut ich's vermag, den Gedanken ertragen will, daß ich einer der willenlosen Helfershelfer gewesen bin, um einen schuldlosen Menschen zu schrecklichem Tode zu verdammen! einen Menschen, der, wenn er hieran schuldlos, in allem übrigen vollends die Güte, die Vollkommenheit selbst war! Können Sie aber diesen Eid in der dunkeln Entscheidungsstunde nicht ablegen – dann, o dann seien Sie gerecht – seien Sie großmütig selbst bei Ihrer Schuld und lassen Sie mich nicht durchs ganze Leben von einem gespenstischen Zweifel ruhelos gejagt werden! Sprechen Sie, o sprechen Sie!« Wohl können wir uns vorstellen, wie zermalmend ein solcher Zweifel in der Brust eines von Natur kühnen, feurigen Menschen gewesen sein muß, wenn er den eigenen Sohn des Ermordeten bis zum Vergessen seines Grimms und Rachegefühls, ja bis zur demütigen Bitte brachte! Aber Walter hatte Arams Verteidigung mit angehört und seine Miene genau beobachtet; keinen Blick hatte er während der Gerichtssitzung von ihm verwandt, und wie einen eiskalten Stachel durch sein Herz hatte er gefühlt, daß sein eigenes Urteil nicht im stande war, den über den Beklagten gefällten Spruch mit auszusprechen! Wie gräßlich muß daher sein Gemütszustand gewesen sein, als er nach Lesters Hause zurückkehrend ein Haus des Todes fand; – den reinen, schönen Geist entflohen; – den Vater um sein Kind jammernd, unzugänglich jedem Trost – und Ellinor!... Nein! ein Anblick wie dieser, Gedanken wie diese, zerknicken den Stolz in eines Mannes Brust. »Walter Lester!« sagte Aram nach einer Pause, das Haupt mit Würde erhebend, obwohl in den Zügen nur ein Ausdruck – Weh, unsägliches Weh – lag, »Walter Lester! ich glaubte, ich würde aus der Welt scheiden, ohne meine Geschichte jemand erzählt zu haben; aber nicht umsonst haben Sie sich an mich gewandt! Ich reiße die Selbstsucht aus meinem Herzen! – ich entsage dem letzten stolzen Traum, in den ich mich gegen die Qualen um mich her hüllte. Sie sollen alles erfahren und hiernach urteilen. Aber kaum kann mein Mund diese Geschichte gegen Sie aussprechen: der Sohn kann das nicht ruhig mit anhören, was ich, wenn ich mich selbst nicht ungerecht, nicht über Gebühr verdammen will, von dem Toten sagen muß! Doch die Zeit,« fuhr er flüsternd fort, mit den Augen ins Leere starrend, »die Zeit drängt ja nicht allzusehr; so möge denn die Hand, nicht die Zunge sprechen: – ja; der Tag der Hinrichtung ist – ja, ja – noch zwei Tage bis dahin. – Morgen? nein! junger Mann,« sagte er plötzlich, sich zu Walter wendend, »übermorgen, um sieben Uhr abends, am Abend vor meinem letzten Morgen – kommen Sie zu mir. Dann will ich Ihren Händen ein Papier übergeben, welches die ganze Geschichte meines Verhältnisses zu Ihrem Vater enthält. Auf das Wort eines Mannes am Rande einer andern Welt! kein Umstand, welcher von Wert für Sie ist, soll darin übergangen sein! Aber lesen Sie's erst, wenn ich nicht mehr bin; und wenn Sie's gelesen, vertrauen Sie die Geschichte niemand an, bis Lesters graue Haare das Grab deckt. Darauf schwören Sie! ein solcher Eid ist vielleicht schwer zu halten, aber –« »So wahr mein Erlöser lebt, ich will beide Bedingungen beschwören!« rief Walter mit feierlicher Inbrunst. »Aber jetzt sagen Sie mir endlich –« »Fragen Sie mich nicht mehr!« unterbrach ihn Aram. »Die Zeit ist nahe, wo Sie alles erfahren werden! Erwarten Sie diese Zeit und verlassen Sie mich! Ja, verlassen Sie mich jetzt – sogleich – verlassen Sie mich!« Länger bei Stellen zu verweilen, welche Schmerz erregen, ohne uns etwas Neues mitzuteilen, ist schon keine Aufgabe der dramatischen Kunst und dürfte ebensowenig Aufgabe jenes Darstellungsgebietes sein, das noch edler scheint als das Drama – denn es erfordert eine noch mehr ins einzelne gehende Sorgfalt – gefällt sich in noch vollendeterer Beschreibung – sucht die Beweggründe zu einer That noch mit mehr Anschaulichkeit zu erklären – schlägt noch verschiedenere Saiten in der Menschenbrust an; – jenes Gebiet, dem wir uns mit unzureichenden, schwachen Kräften für eine so hohe, obwohl so wenig gewürdigte Aufgabe widmen, und wenn wir insofern vermessen handeln, mindestens vom vollen Gefühl ihrer Erhabenheit durchdrungen sind! Ohne einen Blick in die Totenkammer, – ohne einen Blick in Lesters gebrochenes Herz – in die zwiefache Todespein seines überlebenden Kindes – die Todespein, die im eigenen Schmerz die andern noch zu trösten sucht – in Walters durcheinanderstürmende Empfindungen, worin ein schlafloses Verlangen, das Schreckliche in seinem ganzen Umfange kennen zu lernen, als beherrschend und bleibend hervortritt – in den einsamen Kerker und das einsame Herz des Verurteilten – ohne einen Blick hierauf gehen wir sogleich zu dem Abend über, wo Aram Walter Lester wieder und zum letztenmal sah. »Sie stellen sich pünktlich ein,« sprach jener mit leiser, klarer Stimme. »Ich habe meine Zusage nicht vergessen. Die Erfüllung dieses Versprechens war ein Sieg über mich selbst, den kein Mensch in seiner ganzen Tiefe zu fühlen vermag, aber ich war Ihnen denselben schuldig. Ich habe meine Schuld abgetragen. Genug! – Ich habe mehr gethan, als ich anfangs willens war. Ich habe meine Erzählung, wenn auch hie und da nur oberflächlich, über mein ganzes Leben ausgedehnt. Diese Weitschweifigkeit war ich vielleicht mir selbst schuldig. Gedenken Sie Ihres Versprechens: dieses Siegel wird nicht erbrochen, bis kein Puls mehr in der Hand schlägt, die Ihnen jetzt die Papiere übergiebt!« Walter erneuerte seinen Schwur, worauf Aram nach kurzem Stillschweigen mit veränderter sanfter Stimme fortfuhr: »Seien Sie liebevoll gegen Lester; mildern, trösten Sie seinen Gram: – geben Sie ihm selbst andeutungsweise keine andere Ansicht über mich, als die, welche er jetzt hat. Ich fordere das mehr um seinet- als um meinetwillen! Ehrwürdiger, gütiger alter Mann! Selten hat sich ein Menschenherz für mich erwärmt. Wie tief hab' ich den wenigen, die mich geliebt, diese Liebe zurückgegeben! Aber solche Worte gehören nicht zwischen Sie und mich. Leben Sie wohl! Doch bevor wir scheiden, sprechen Sie eins aus: Was ich immer in den Geständnissen, die ich Ihnen hiermit übergebe, enthüllt habe, was mein Unrecht gewesen sein mag, oder – um die minder lastende Unbill mit einzuschließen – welche Sprache ich dort zu meiner Rechtfertigung gegen – gegen Ihren Vater geführt haben mag: – sagen Sie, daß Sie mir dafür die Verzeihung gewähren, die ein Mensch dem andern gewähren kann.« »Aus vollem tiefen Herzen,« erwiderte Walter. »An dem Tage, der Sie in jene Welt ruft, die morgen auf mich wartet,« entgegnete Aram mit tiefer Stimme, »sei diese Vergebung Ihnen selbst gewährt. Leben Sie wohl. In jenem unbekannten Wechsel des Daseins, der über unser Leben hinausreicht, mögen vielleicht – wer weiß es? – unsere Seelen von Stufe zu Stufe, von Welt zu Welt vorschreitend, in fernen Zeiten wieder zusammentreffen – ein dämmerndes, trübes Gedächtnis an diese Stunde als Band zwischen uns! Leben Sie wohl – leben Sie wohl!« Wir achten es dem Interesse des Lesers für angemessen (wie es denn wirklich dem unmittelbaren Gange der Geschichte, wenn auch nicht der einzelnen Begebenheiten, mehr entspricht), ihm das in Walters Hände gegebene Geständnis sogleich vorzulegen, ohne die Zeit abzuwarten, worin jener das Siegel von einem Berichte brach, der nicht nur von Thaten Rechenschaft giebt, sondern auch von wilden, verwirrenden Gedanken, – von wunderbaren, dunkeln Gefühlen; – von einer lichtverwandten Seele, die von ihrer stolzen Sonnenbahn zu so wirren und unheiligen Gefilden der Nacht und des Chaos herabsank! Was mich betrifft, so wollte ich die Teilnahme des Lesers nicht von den alltäglichen Quellen herleiten, welche eine solche Erzählung dargeboten hätte. Fast von Anfang an habe ich ihn in Arams Geheimnis eindringen lassen, ich habe ihn auf eine Schuld vorbereitet , welche von andern Erzählern dieser Geschichte vielleicht nur benutzt worden sein dürfte, um ihn zu überraschen . Siebentes Kapitel. Das Geständnis. – Das Schicksal In langen Winternächten sitz am Feuer Bei guten alten Leuten, laß sie dir Geschichten von bedrängten Zeiten sagen, Vorlängst begegnet? und eh' gute Nacht Tu bietest, ihren Jammer zu erwidern, Erzähl' du meinen klagenswerten Fall. – Richard II. Ich bin in Ramshill, einem kleinen Dorfe in Netherdale, geboren. Meine Vorfahren hatten ursprünglich einigen Rang: sie waren früher Herren des Fleckens Aram am südlichen Ufer des Tees. Aber die Zeit hatte diese Ansprüche auf Ansehen herabgebracht, so hoch sie immerhin von den Erben eines alten Namens und leerer, wenn auch stolzer Erinnerungen in Ehren gehalten wurden. Mein Vater lebte auf einem kleinen Pachthofe und besaß besonders im Gartenbau große Geschicklichkeit, ein Geschmack, der von ihm auf mich übergegangen ist. Ich mochte ungefähr dreizehn Jahre alt sein, als die tiefe, mächtige Leidenschaft, welche der Dämon meines Lebens wurde, sich zuerst erkennbar in mir regte. Von der Wiege an hatte ich Hang zur Einsamkeit und war zu träumerischer Betrachtung geneigt; Charakterzüge, welche die Liebe verkündeten, die mich jetzt ergriff – die Liebe zum Wissen. Gelegenheit oder Zufall wandte meine Aufmerksamkeit zuerst den abstrakteren Fächern zu; meine ganze Seele wurde von jenem edeln Studium ergriffen, das die beste Grundlage zu jeder Wahrheitsforschung bildet. Der Erfolg, den ich darin erlangte, leitete meine Bestrebungen dann bald auch auf blühendere Bahnen. Geschichte und Dichtkunst – die Beherrscherin der Vergangenheit und die Zauberin, die uns ins Reich der Träume versetzt, traten an die Stelle, die Linien und Zahlen eingenommen hatten. Mehr und mehr ward mein Wesen einsam und fremd gegen die Menschen; in immer lieblicherer, immer zauberhafterer Gestalt erschien mir das Wissen, und mit jedem Tage wuchs die Leidenschaft, in Besitz desselben zu gelangen. Ich verbreite mich nicht – bin jetzt nicht dazu gestimmt – über das mich zu verbreiten, was ich ohne Hilfe und mit einer Mühe, die ebenso süß als anstrengend war, mir zu eigen machte. Aus einem noch vorhandenen Briefe Eugen Arams ersieht man, daß sein Verfahren, sich die gelehrten Sprachen anzueignen, darin bestand, eine bestimmte Zeit bei je fünf Linien zu verweilen und über keine Stelle wegzugehen, bis er sich überzeugt hielt, daß er ihren Sinn gefaßt habe. Die Welt, die Schöpfung, was da lebte und webte, wurde für mich ein Gegenstand, der mich einem glühend verfolgten und, wie mir vorkam, erhabenen Ziel zuführte. Die niedrigern Freuden des Lebens, die Reize seiner gewöhnlichern Fessel, ließ ich unversucht und ungefühlt an mir vorüber. Wie Sie von Menschen im Morgenlande lesen, die tagelang unbeweglich, mit zum Himmel gerichteten Blicke dastehen, so hatte mein Gemüt, in Betrachtung von Dingen über seinen irdischen Bereich verloren, kein Auge für das, was zunächst um mich vorging. Meine Eltern starben und ich war eine Waise. Ich hatte keine Heimat und kein Vermögen, aber wo immer das Feld eine Blume, der Himmel einen Stern bot, da war Stoff für mein Denken, da war Nahrung für meine Wonne. Monate wanderte ich einsam umher, blieb selten anders als unter freiem Himmel über Nacht, und ging den Menschen, als demjenigen Teil von Gottes Geschöpfen, von welchen ich am wenigsten lernen konnte, aus dem Wege. Ich kam nach Knaresborough: die Schönheit der Gegend, die Gelegenheit, mich aus einer mir dort zugänglichen Bibliothek mit Büchern zu versehen, bewogen mich, hier meinen Sitz aufzuschlagen. Mit den neuen Schätzen öffneten sich mir neue Wünsche; die Begierde nach dem Ruhme, mein Mitgeschlecht aufzuklären, ergriff mich, durchdrang mich, ließ mir keine Ruhe. Anfangs hatte ich das Wissen bloß um seiner selbst willen geliebt: jetzt sah ich in der Ferne einen Gegenstand, der noch größer war als das Wissen. Wozu, fragte ich mich, diese Mühen? Weshalb nähre ich eine Lampe, die an verlassener Stelle nur sich selbst verzehrt? Weshalb häufe ich Reichtümer auf, ohne zu fragen, wem sie zu gute kommen sollen? Ich war ruhelos und unzufrieden. Was konnte ich thun? Ich hatte keine Freunde; ich trat als ein Fremdling vor meine Mitbrüder, die eherne Mauer meiner Armut schloß mich von jeder Verwendung meiner Anlagen aus. Ich sah meine Wünsche gehemmt gerade wo ihnen das erhabenste Ziel vorschwebte. Alles was stolz, emporstrebend, glühend in meiner Natur war, schrumpfte erstarrend zusammen. Die Kenntnisse, deren Erwerbung in meinem engen Bereich lag, hatte ich erschöpft. Wo sollte ich, hilf- und geldlos, mit meinem aufgeregten, nicht gefüllten Durst etwas Neues hernehmen? Indem ich meine Fähigkeiten zu den niedrigsten Arbeiten herabwürdigte, schützten sie mich nur eben vor dem Hungertode: – sollte das mein Los für immer sein? Und während ich so meine Seele zermalmte, um die armseligsten Bedürfnisse des Körpers zu befriedigen – wie viel goldene Stunden, wie viele Gelegenheiten zu ruhmvoller Erhebung, wie viel Zugänge zu neuen Himmeln der Wissenschaft, wie viele Möglichkeiten, die Menschheit aufzuklären, gingen auf immer verloren! Zuweilen wenn die Knaben, denen ich die ersten, unbeachteten Anfangsgründe künftiger Geistesbildung beibrachte, sich um mich sammelten; wenn sie mir mit ihren lachenden Augen ins Gesicht schauten; mir – denn alle liebten mich – ihre kleinen Freuden und Leiden mitteilten, wünschte ich, ich möchte zur Kindheit zurückkehren können, wie einer von ihnen werden, und in diesen Himmel von innerer Ruhe eindringen, der mir versagt war. Öfter aber noch blickte ich eher mit heißergrimmter als mit trauernder Seele auf mein Los; und sah ich drüber hinaus, was entdeckte ich da von Hoffnung? Graben konnte ich; aber sollte alles, was in mir dürstete und aufquoll, vertrocknen und ersticken, bloß damit ich meinen Lebensunterhalt gewänne? Sollte ich knechtisch zur Scholle zurückkehren und vergessen, daß es ein Wissen in der Welt gab? Sollte ich meinen Geist morden, um meinen Körper zu erhalten? Betteln konnt' ich nicht. Wo lebte je der wirkliche Gelehrte, der echte Diener und Priester der Wissenschaft, der nicht mit einem erhabenen Gefühle von der Würde seines Berufes erfüllt war? Sollte ich die Wunde meines Stolzes aufdecken, von meinem Herzen die Hülle abziehen und reiche Dummköpfe anflehen, einen Schulmeister nicht sterben zu lassen? Pah! – Wer selbst durch die schmählichste Armut je so weit herabgewürdigt ward, kann wohl der Marktschreier, aber nie der wahre Jünger der Wissenschaft sein! Stehlen. rauben – ärgeres noch – all das könnten ich oder meine Berufsgenossen thun: – betteln? nimmermehr! Was that ich also? Ich verwandte den niedrigsten Teil meiner Kenntnisse dazu, mir die unumgänglichen Mittel zum Leben zu verschaffen, und der höchste – jenes Wissen das in der Erde Tiefen drang und die Sterne des Himmels zählte – nun der blieb, außer für den Besitzer, wertlos für jedermann. Um diese Zeit traf ich in Knaresborough mit einem entfernten Verwandten, Richard Hausman, zusammen. Wir begegneten uns bisweilen auf unsern Spaziergängen, denn er suchte meinen Umgang und ich konnte ihn nicht immer vermeiden. Wie ich, war er zur Armut geboren, aber immer stand ihm so viel zu Gebot, als in seinen Verhältnissen für Reichtum gelten mochte. Dies wußte ich mir nicht zu erklären und bei unsern gelegentlichen Zusammenkünften sprachen wir bisweilen hierüber. »Du bist arm mit all deinen Kenntnissen,« sagte er, »ich weiß nichts, aber nie bin ich arm. Wie kommt das? Die Welt ist meine Schatzkammer. – Ich lebe auf Rechnung meiner Mitmenschen. – Die Gesellschaft ist meine Feindin. – Die Gesetze verurteilen mich zum Hungertod; aber Selbsterhaltung ist ein Trieb, der heiliger ist als die Gesellschaft und gebieterischer als die Gesetze.« Die unverhohlene, kecke Art, womit er sich ausdrückte, machte Eindruck auf mich, während ich mich zugleich dadurch zurückgestoßen fühlte. Ich betrachtete ihn als ein Studium und stritt mit ihm, um ihn kennen zu lernen. Er war Soldat gewesen – hatte den größten Teil Europas gesehen – besaß einen guten, scharfen Verstand;– er war ein Bösewicht – aber ein kühner – gewandter – und damals nicht gänzlich verstockter Bösewicht. Seine Reden erweckten dunkle, wirre Betrachtungen in mir. Was war das für ein gesellschaftlicher Zustand, worin ich lebte? – lag er nicht im Kampf mit seinen eigenen Elementen? Geistesbildung war mein ewiger Traum und diesen Traum hätte ich verwirklichen mögen nicht durch leidende Geduld, sondern durch mutige That. Abtrotzen mögen hätt' ich die Mittel zur Weisheit und Größe von dieser Gesellschaft, der ich nichts zu danken hatte. War's nicht besser und edler, dies, selbst auf Gefahr meines Lebens, zu thun, als mich in ein Loch zu legen und zu sterben wie ein Hund? War's nicht besser, – besser für die Menschheit selbst – daß ich, eh ich ein solches Los über mich kommen ließ – eine kühne Frevelthat beging, um durch diese Frevelthat mir die Macht zum Guten zu erkaufen? Ich stellte mir diese Frage. Es ist eine furchtbare Frage, sie öffnet ein Labyrinth von Schlußfolgerungen, worin sich die Seele auf ewig verlieren kann. Eines Tages suchte mich Hausman in Begleitung eines Fremden auf, der eben, aus Ihnen schon bekannten Gründen, sich in unserm Städtchen aufhielt. Sein – angeblicher – Name war Clarke. – Mann, ich komme jetzt dazu, offen über diesen Fremden, über seinen Charakter und sein Schicksal zu sprechen, Und doch – doch bist du sein Sohn! – Gern möcht' ich die Farben mildern, aber ich sage die Wahrheit über mich selbst und darf daher, wenn mein eigenes Bild nicht schwärzer erscheinen soll, als ich verdiene, die Wahrheit auch nicht übertünchen, wenn ich von andern rede. Hausman traf mich und stellte mir seinen Gefährten vor. Vom ersten Anblick an schlich ein Widerwillen gegen diesen Fremden durch meine Seele, was wirklich nicht unschwer zu erklären war. Sein Benehmen erschien rücksichtslos, ja wohl unverschämt. Auf seinem Gesicht drückten sich die Linien und Züge von tausend Lastern ab; in Stirn und Aug' las man die Geschichte eines niederträchtigen, obwohl sorglosen Lebens. Sein Gespräch stieß mich über alle Beschreibung zurück. Er äußerte die gemeinsten Empfindungen und weidete sich an denselben als Ergebnissen eines überlegenen Verstandes. Unumwunden bekannte er sich als einen Schurken aus Grundsatz und von der niedrigsten Stufe. Überlisten, betrügen, sich aus der Schlinge ziehen. Ränke schmieden, schmeicheln, lügen – waren Künste, zu welchen er sich mit so nackter, kalter Roheit bekannte, daß man fühlte, er sei in der langen Gewohnheit seiner Entwürdigung unempfindlich gegen alles geworden, was nicht selbst entwürdigt war. Hausman schien einen Reiz auf ihn auszuüben, der ihm jedes Geheimnis entlockte und so erzählte uns denn Clarke viele Anekdoten aus seinem Schurkenleben und den Fährlichkeiten, worein ihn dasselbe gebracht und schloß mit den Worten: »Gleichwohl sehen Sie mich jetzt beinahe reich und in aller Behaglichkeit. Von jeher war ich der glücklichste Mensch: geht mir's heut schlimm, so wendet sich's morgen zum Guten. Ich gestehe, daß das Schlimme auf meine eigene Rechnung kommt und die Vorsehung mir das Gute zusendet.« Zufälligerweise trafen wir noch einigemal zusammen und sein Gespräch nahm stets denselben Lauf – sein Glück und seine Schurkereien. Einen andern Gegenstand, einen andern Ruhm kannte er nicht. Regte dies die Tiefen meiner Seele nicht zu düstern Betrachtungen auf? War es kein Fingerzeig an die Menschen, ihr Glück selbst in die Hand zu nehmen, wenn das Schicksal seine Gunst an dieses niedere Gewürm vergeudete, das selbst zum Laster nur durch Schmutzgassen und unsaubere Nebenwege vordringen konnte? Verlohnte sich's tugendhaft zu sein und zuzuschauen, während die Schlechtigkeit am Fest des Lebens schwelgte? Dieser Mensch war von den niedrigsten Leidenschaften, den gemeinsten Begierden erfüllt: er befriedigte sie und das Schicksal lächelte zu seinen Wagnissen. Ich, der von meinem Herzen die ärmlichen Verlockungen der Sinne ausgeschlossen – der nur ruhmvolle Gedanken, erhabene Wünsche genährt hatte – ich beraubte mich ihrer Früchte, zitternd, ohne Hoffnung, ohne Lohn, in die Schnürbrust menschlicher Gesetze gebannt, – die Kraft zur Tugend selbst verlierend, weil ich nicht ins Verbrechen hinüberstreifen wollte. Finster und schnell überfielen mich diese Gedanken; aber sie führten zu keinem Ergebnis. Über sie hinaus sah ich noch nichts. Ich ließ den Grimm an meinem Herzen nagen und behielt äußerlich dasselbe ruhige, freundliche Benehmen bei das in gleichem Verhältnis mit der Zunahme meiner geistigen Kräfte sich in mir ausgebildet hatte. Ja während ich mit dem Geschick haderte, hörte ich nicht auf die Menschen zu lieben. Eifersüchtig sehnte ich mich – nach was? nach der Möglichkeit, der Menschheit Dienste zu leisten. Von Kindheit an war ich gutmütig und liebevoll gegen alles um mich her gewesen; selbst das geringste Tier würde mich unter einem ganzen Haufen als seinen Beschützer erwählt haben, Alle authentischen Anekdoten über Aram bewähren seine natürliche Sanftheit gegen jedes Geschöpf. Ein Geistlicher (Herr Hinton) sagt, er habe ihn oft beobachtet, wie er beim Auf- und Abgehen in seinem Garten sich bückte, um eine Schnecke, einen Wurm aus dem Wege zu räumen, damit er nicht zertreten würde. Herr Hinton stellt die scharfsinnige Vermuthung auf, Aram habe sein Verbrechen durch das Erbarmen, das er für jedes Tier, selbst das Insekt, gezeigt, wieder gutmachen wollen. In der That beweisen jedoch mehrere Anekdoten, daß er schon vor Begehung jenes Verbrechens gleich mitleidig war. So seltsam widerspricht sich das menschliche Herz. und doch war ich verdammt ... Aber ich will meiner Erzählung nicht vorgreifen. Wenn ich nachts von langen, einsamen Wanderungen heimkehrte, kam ich oft an dem Hause vorbei, worin Clarke wohnte. Zuweilen taumelte er dann vor seiner Thür umher und verunglimpfte alle Vorübergehenden; gleichwohl wurde ihr Zorn durch Ekel jedesmal zum Stillschweigen gebracht. »Und dieses scheußliche, sich im Staube wälzende Geschöpf,« sagte ich innerlich, »vergeudet in niedrigen Ausschweifungen, verpraßt in Freveln gegen die Gesellschaft das, womit ich meine Seele zu einer brennenden Lampe machen könnte, die ihren Strahl über die Welt verbreiten sollte.« Es lag etwas in der Verworfenheit dieses Menschen, was mich weit mehr anwiderte als Hausmaus verbrecherische Sinnesart. Letzterer hatte nicht den Vorteil einer Erziehung genossen; er ließ sich nicht zu den Armseligkeiten der Sünde herab; er war ein erklärter, roher, trotziger Bösewicht, dessen Denkweise seinen Lastern noch gewissermaßen etwas Achtungswertes aufdrückte. Bei Clarke aber bemerkte man die Spuren günstigerer Verhältnisse, besserer Erziehung; in ihm sprach sich nicht sowohl derbe Roheit als das zerstörende Krebsgeschwür einer durchweg gemeinen Seele aus. War Geld in Hausmaus Tasche, so lag ihm an demselben sehr wenig, und bereitwillig hätte er eine Schuld bezahlt, einem Freunde aus der Not geholfen; nicht so der andere. Wäre diesem der Reichtum in Fluten zugeströmt, so würde er dennoch dem Gläubiger heimlich entlaufen sein, den Freund betrogen haben; es lag eine jammervolle, entwürdigende Schwäche in seiner Natur, die ihm die niedrigste Gemeinheit im Licht eines überlegenen Scharfsinns erscheinen ließ. Zudem war sein Geist nicht nur entadelt, sondern durch seine Lebensart auch zerrüttet. Eine seltsame, wahnsinnige Verkehrtheit, wonach er sich über seine eigene Nichtswürdigkeit lustig machte, lief durch sein Wesen hin. Hausman war jung: er konnte sich wieder bessern. Clarke aber hatte graue Haare und blöde Augen; war der Konstitution, wenn nicht den Jahren nach, alt; alles an ihm hoffnungslos und eingewurzelt; der Aussatz ihm zur andern Natur geworden. Jetzt hat die Zeit Hausman zu dem gemacht, was Clarke damals war. Als ich einmal über die Straße ging, begegnete ich, obwohl es hoher Mittag, Clarke im Zustand völliger Betrunkenheit, wie er einen Haufen Menschen, die sich um ihn gesammelt, anredete. Ich suchte mich auf der entgegengesetzten Seite der Straße durchzuschlagen, er aber wollte das nicht zugeben; er, dessen Berührung, dessen Anblick schon mich halb krank machte, wälzte sich mir in den Weg und ließ sich beikommen, mich zu verspotten, zu beschimpfen, ja zu bedrohen. Aber als er näher kam, fuhr er vor dem bloßen Blick meines Auges zusammen und ich ging fort, ohne mich weiter nach ihm umzusehen. Die mir angethane Schmach verletzte mich im Innersten: er hatte auf meine Armut gestichelt; Armut zu verhöhnen war einer seiner Lieblingsspäße. Tief hatte er mich verwundet: aber Wut, Rachbegierde – nein! diese Leidenschaften hatte ich noch nie gegen irgend jemand gefühlt. Auch jetzt erhoben sie sich um solcher Ursache willen noch nicht in mir; aber ich war in meinen eigenen Augen erniedrigt; der Stich ging mir durch die Seele. Armut! Ein solcher Mensch sollte mich verhöhnen! Um eines bißchen gelben Staubes willen sollte er sich über mich erhaben wähnen! Ich ging aus der Stadt und verweilte an den zerrissenen, buchtigen Ufern des Flusses. Es war ein dämmeriger Wintertag; schwarz und düster rollte das Gewässer dahin und trostlos rauschte das dürre Laub unter meinen Füßen. Wer will behaupten, die äußere Natur habe keine Wirkung auf unser Gemüt? Alles um mich her schien feindlich auf mein Los zu blicken. Im Angesicht des Himmels und der Erde las ich Bestätigung des Fluchs, welchen der Mensch über die Armut ausgesprochen hat. Ich lehnte mich an einen Baum, der über das Wasser herhing, und ließ in bitterem Schweigen meinen Gedanken ihren Lauf. – Ich hörte meinen Namen aussprechen – fühlte eine Hand an meinem Arm, wandte mich um – und Hausman stand neben mir. »Was, moralisieren?« sagte er mit seinem rohen Lächeln. Ich antwortete nicht. »Sieh,« sprach er, aufs Wasser deutend, »wie der Fisch dort auf seine Beute lauert, auf eine Beute aus seinem eigenen Geschlecht. Was, du hast im Buch der Natur gelesen, ist's nicht allenthalben so? – Wer nicht thut wie die übrigen,« fing er von neuem an, »erfüllt nicht die Bestimmung seines Daseins: er will weiser sein, als seinesgleichen, und ist nur der Narr seiner eigenen Plage. Ist's nicht so? Ich bin ein einfacher Mensch und möchte was lernen.« Noch immer gab ich keine Antwort. »Du schweigst,« sprach er, »bist du mir böse?« »Nein!« »Nun denn,« fuhr er fort, »mag's auch seltsam scheinen! bei aller Verschiedenheit unserer Sinnesart sind mir in diesem Augenblick in gleicher Lage. In der weiten Welt hab' ich keine Guinee, und du bist vielleicht ebenso bedürftig. Aber merke den Unterschied: ich, der Unwissende, werde, ehe drei Tage vorüber sind, wieder einen vollen Beutel haben: du, der Weise, wirst immer gleich arm bleiben. Komm, wirf deine Weisheit weg und thue wie ich.« »Was?« »Nimm vom Überfluß anderer, was deine Notdurft erfordert. Mein Pferd, meine Pistole, eine fertige Hand, ein festes Herz sind für mich, was Geldkisten für die übrige Welt. Entdeckung und Tod sind Möglichkeiten, die dabei mit unterlaufen – ich geb' es zu: aber ist diese Möglichkeit nicht immer noch besser als manche Gewißheit?« Ich wandte das Gesicht ab. In der Stille meines Zimmers, in der Verborgenheit meines Herzens hatte ich dieselben Gedanken gehabt, die der Räuber jetzt aussprach. Es kämpfte in mir. »Willst du Gefahr und Beute teilen?« hob Hausman mit leiser Stimme wieder an. Ich sah ihm ins Auge. »Sprich,« sagt' ich, »erkläre, was du vorhast.« Hausmans Blicke leuchteten auf. »Höre mich,« sprach er, »Clarke ist im Begriff, neben dem ihm legal zugefallenen Mammon sich noch mehr anzueignen. Er hat sein Vermächtnis in Edelsteine umgesetzt; andere Edelsteine hat er unter falschen Vorwänden geborgt; diese will er sich ebenfalls zueignen und die Stadt bei finsterer Nacht verlassen. Er hat mir seine Absicht anvertraut und mich um meinen Beistand gebeten. Ich und er sind nämlich, um es zu gestehen, alte Freunde. Wir haben schon früher Gefahren und Beute geteilt: so hat er sich denn jetzt wieder an mich gewandt, ihm bei seiner Flucht behilflich zu sein. Merkst du nun, wo's hinaus soll? Machen wir ihm seine Bürde leichter! Ich biete dir die Hälfte an. Teile das Wagnis und seine Früchte.« Ich fuhr auf, ging weg, drückte die Hände gegen mein Herz; ich hätte die Stimme, die in mir flüsterte, zum Stillschweigen bringen mögen. Hausman bemerkte den Kampf; er folgte mir nach, nannte den Betrag des Wertes, dessen Erbeutung er vorschlug. Was er mir als meinen Anteil bezeichnete, setzte mich in stand, alle meine Wünsche zu erfüllen! – Das Mittel zur Befriedigung der einzigen Leidenschaft meiner Seele, des Durstes nach Kenntnissen – die Macht zu stiller, glücklicher Unabhängigkeit – alles war in meine Hand gelegt. – Keine Wiederholung des Betrugs; keine Fortsetzung der Sünde; eine einzige Handlung reichte hin! Tief atmete ich auf, aber ich bannte den Sturm nicht, der meine Brust ergriffen hatte. Schaudernd schloß ich die Augen, aber immer wieder stieg jenes Bild vor mir auf. »Gieb mir deine Hand,« sagte Hausman. Obwohl es nach dem bisherigen Abschnitt von Arams Geständnis scheinen dürfte, Hausman habe auf nichts weiteres als auf die Beraubung Clarkes hingedeutet, so erhellt doch aus dem folgenden, daß er über das noch schändlichere Verbrechen wenigstens einen Wink fallen gelassen hatte. »Nein, nein,« rief ich und eilte von ihm weg. »Ich muß warten, – ich muß überlegen; – ich verwerf' es nicht, aber auch entschließen kann ich mich jetzt noch nicht.« Hausman drängte, aber ich beharrte bei meinem Bescheid; er wollte sich aufs Drohen legen, aber meine Natur war mächtiger als die seinige und überwältigte ihn. Es ward verabredet, er solle mich abends aufsuchen und meinen Entschluß vernehmen; –die folgende Nacht war diejenige, in welcher die That geschehen sollte. Wir schieden. – – – Als umgewandelter Mensch langte ich in meiner Wohnung an. Das Verhängnis hatte sein Netz um mich gewoben; – ein neuer Umstand zog jetzt das Gewebe dichter zusammen. Auf meinen Spaziergängen hatt' ich oft ein armes Mädchen bemerkt, das ihre Familie durch Geschicklichkeit im Spitzenklöppeln ernährte – ein stilles, sanftes Wesen, ein Bild der Geduld. Vor wenigen Tagen war sie von Clarke, unter dem Vorwand ihr Spitzen abzukaufen, ins Haus gelockt worden (als eben alle übrigen Bewohner sich wegbegeben hatten) und ihr dort von jenem die brutalste Gewalt geschehen. Die ausnehmende Dürftigkeit der Eltern hatte es dem Verbrecher nicht schwer gemacht, diese Leute zum Stillschweigen zu bereden, aber etwas von der Geschichte war gleichwohl unter die Menge gekommen. Das arme Mädchen wurde Gegenstand jenes Geschwätzes und jener Verlästerungssucht, die gerade bei den niedern Volksklassen ebenso roh im Ausdruck als schadenfroh in der Gesinnung ist, und in einem Anfall von Scham und Verzweiflung hatte sich das unglückliche Geschöpf jetzt eben das Leben genommen. Dieses schauerliche Ereignis entlockte den Eltern den wahren Hergang. Die Unthat samt ihrer Folge kam mir in derselben Stunde zu Ohren, wo meine Seele unentschlossen schwankte. Können Sie sich wundern, daß, sie dadurch auf einmal, und zu furchtbarem Entschluß, bestimmt wurde? Was war dieser Elende? Im Laster ergraut – der Zeit durch seinen Lebenswandel vorgreifend – nach einem entehrten Grab schwankend – alles was er auf seinem Weg. berührte, besudelnd – mit greisen Haaren und schmutzigen Lüsten, welche Fäulnis, nicht Glut des Herzens andeuteten, ein fressender Schaden, ein Fluch für die Welt! Was war meine That? – Befreiung der Erde von einem ebenso niederträchtigen als giftigen Geschöpf. War dies Verbrechen oder Gerechtigkeit? In mir selbst fühlte ich den Willen – den Geist, der ein Segen für die ganze Menschheit werden konnte. Mir fehlten die Mittel, den Willen zur Ausübung zu bringen, dem Geiste Flügel zu geben. Eine einzige That verschaffte mir diese Mittel. Wäre das Opfer dieser That ein leidlich rechtlicher Mensch gewesen, der mit ruhigem Schritt die enge Bahn zwischen Bösem und Gutem hinging, manchem etwas zu Lieb und niemand etwas zu Leid that; – so hätt es immer noch eine Frage sein können, ob die Menschheit durch mein Thun nicht mehr gewinne als verliere. Hier aber war einer, dessen Schritt nie an einer guten Handlung hinstreifte – dessen Herz für kein edles Gefühl schlug –, ein Schandfleck, eine Pestbeule der Schöpfung; – nichts als der Tod konnte dieses Geschwür wegwaschen und die Welt reinigen. Der Krieger empfängt seinen Sold, und mordet, und schläft ruhig, und die Menschen rufen ihm Beifall zu. Sie erwidern: er tötet nicht um Geld, sondern um des Ruhmes willen. Zugegeben – obwohl es ein Trugschluß ist. Aber war denn hier nicht Ruhm zu gewinnen in einem noch herrlichern Felde als demjenigen der Schlachten? War kein Ruhm zu gewinnen in jenem Wissen, das uns erhält, nicht zerstört? Wollte ich meinen Schlag nicht eben für diesen Ruhm, für die Mittel, ihn zu gewinnen, führen? Ja, nehmen Sie an, der Krieger töte aus Vaterlandsliebe, einem noch höheren Gefühl, als die Liebe zum Ruhm: – überbot der Grund, der mich antrieb, nicht sogar die Vaterlandsliebe? Umschloß er nicht einen weiteren Kreis? Konnte die Welt seiner wohlthätigen Wirksamkeit eine Grenze setzen? Gab es einen Winkel auf der Erde, gab es einen Abschnitt in der Zeit, den eine brennende Seele, befreit von den Sorgen des Leibes, an die sie jetzt sklavisch gekettet war, und ganz der Wissenschaft hingegeben, nicht durchdringen, beleben, erhellen konnte? – Dies waren die Fragen, die ich mir stellte: – Nur die Zeit hat Antwort darauf erteilt. Hausman kam, gemäß unserer düstern Verabredung. Schweigend gab ich ihm die Hand. Wir verstanden einander. Wir sprachen nichts weiter über die That selbst, sondern über die Art, wie sie gethan werden sollte. Der vorerwähnte traurige Vorfall machte es Clarke noch wünschenswerter die Stadt bald zu verlassen. Er war mit Hausman übereingekommen, sich schon in gegenwärtiger Nacht, nicht erst in der folgenden, wie anfänglich seine Absicht gewesen, heimlich zu entfernen. Die Juwelen und sein sonstiges Eigentum waren in ein kleines Päckchen zusammengepackt. Nach der Abrede wollte er seine Wohnung um Mitternacht oder später verlassen, und Hausman hatte sich anheischig gemacht, etwa eine halbe Stunde von der Stadt ein Gefährt in Bereitschaft zu halten. Für diesen Dienst hatte Clarke eine Belohnung versprochen, womit jener zufrieden schien. Wir beschlossen, daß ich Hausman und Clarke an einer gewissen Stelle des Weges, den sie von der Stadt aus zu nehmen hatten, treffen sollte, und dort –-! Hausman schien zuerst besorgt, ich möchte den Mut verlieren und in meinem Vorsatz schwankend werden. Dies ist nie der Fall bei Menschen von tiefer, kraftvoller Sinnesart. Den Entschluß zu fassen, war der schwierige Schritt – einmal entschlossen warf ich keinen Blick mehr hinter mich. Hausman trennte sich für jetzt von mir. Ich hatte keine Ruhe in meinem Zimmer. Ich ging fort und durchwanderte die Stadt. Tiefer und tiefer sank die Nacht herab – eins ums andere sah ich die Lichter in jedem Hause erlöschen, bis es endlich ganz still wurde. Schweigen und Schlaf hatten ihre Herrschaft über dem Reich der Menschen aufgeschlagen. Diese Stille – diese Ruhe – dieses Feiern von Sorg' und Müh' – wie tief gruben sie sich in mein Herz! Nie schien mir's, habe die Natur eine so furchtbare Pause gemacht. Es war mir, als wären nur ich und mein beabsichtigtes Opfer noch allein auf der Welt. Dabei hatte ich mich gegen jeden Anfall von Beängstigung in einen erhabenen, unnatürlichen Wahnsinn hineingearbeitet. Ich betrachtete die That, die ich vollführen wollte, als ein großes, feierliches Opfer für die Wissenschaft, deren Priester ich war. Das Schweigen umher atmete für mich eine ernste, erhabene Heiligkeit – die Stille nicht des Kirchhofs, sondern des Altars. Stunde um Stunde hörte ich die Glocke schlagen, aber ich schwankte weder noch ward ich ungeduldig. Mein Gemüt lag still versenkt in meinem Vorsatze. Der Mond ging auf, aber mit bleichem, krankhaftem Antlitz. Ringsum lag der Winter über der Erde: der Schnee, der gegen Abend gefallen, bedeckte den Boden hoch, und der Frost schien die ganze Natur in dieselbe Todesruhe zu bannen, die meine Seele ergriffen hatte. Um Mitternacht, eben bevor Clarke seine Wohnung verlassen würde, sollte Hausman zu mir kommen: aber es waren beinahe zwei Stunden über diese Zeit verflossen, als er endlich anlangte. Ich ging vor meiner Hausthür auf und ab und bemerkte, daß er nicht allein, sondern in Gesellschaft Clarkes war. »Ha!« rief er, »das trifft sich gut: ich sehe du gehst gerade nach Haus. Ja, ich besinne mich, du hattest etwas vor der Stadt zu thun, und kehrst jetzt wohl eben zurück? Willst du Herrn Clarke und mich für einen Augenblick bei dir aufnehmen? – denn, die Wahrheit zu sagen.« setzte er mit leiserer Stimme hinzu, »der Nachtwächter geht umher, und der darf uns nicht sehen! Ich habe Clarke schon gesagt, daß er dir trauen kann –, sind wir doch Verwandte!« Clarke, der in Bezug auf den Charakter seines Begleiters zum Verwundern arglos und unbesorgt war – aber wen das Schicksal vernichten will, den blendet es zuvor – that an mich in ahnungslosem Ton die nämliche Bitte, unter Andeutung der nämlichen Ursache. Nur ungern öffnete ich und ließ sie ein. Wir stiegen in mein Zimmer hinauf. Ohne eine Spur von Gewissen sprach Clarke über den Betrug, den er beabsichtigte, und mit einer Herzlosigkeit, daß mir das Blut in den Adern kochte, von dem armen Opfer, dem seine viehischen Lüste den Untergang bereitet hatten. All das waren eiserne Bande um meinen Entschluß. Sie blieben beinahe eine Stunde bei mir, denn der Nachtwächter hielt sich geraume Zeit in dem Viertel auf! – endlich ersuchte mich Hausman sie eine Strecke Weges vor die Stadt hinauszubegleiten. Clarke unterstützte seinerseits die Bitte. Wir gingen; das übrige – was brauch' ich es zu wiederholen? Hausman log vor dem Gericht. Meine Hand schlug – aber nicht den Todesstreich. Doch habe ich von dieser Stunde an meine Rechte nie mehr als Pfand der Liebe oder Freundschaft dargereicht; – jenes Andenken klebte ihr als Fluch an. Wir teilten unsere Beute. Die meinige begrub ich für den Augenblick. Hausman stand in Verkehr mit einem Zigeunerweib, durch dessen Hilfe er seinen Anteil auf einmal nach London schaffte. Und nun merken Sie auf, wie ohnmächtig wir uns im ewigen Gewebe des Schicksals abmühen! Drei Tage nach jener That starb eine Verwandte von mir, die sich im Leben nicht um mich gekümmert hatte, und vermachte mir ein großes Vermögen! – ein großes Vermögen wenigstens für mich! – ein größeres, als die Summe, um derentwillen ich..........! Die Nachricht traf mich wie ein Donnerschlag. Hätte ich nur drei kurze Tage gewartet! Großer Gott! als man mir's ankündigte – da glaubte ich die Teufel den Narren verlachen zu hören, der sich der Weisheit gerühmt hatte! Sagt mir nichts mehr von unserem freien Willen – wir sind bloß Werkzeuge einer unentrinnbaren ewigen Notwendigkeit – vorausbestimmt für unser Schicksal – an ein Rad gebunden, das uns fortrollt, bis es zu dem Punkte gelangt, wo wir zerquetscht werden sollen! Hätte ich nur drei Tage gewartet, nur drei kurze Tage! wäre mir nur ein Traum gekommen, hätte mir nur mein Herz zugerufen: du hast lange geduldet, harre noch aus! Bis hierher hat man Aram selbst, ohne Kommentar oder Unterbrechung eine Geschichte erzählen lassen. Die Kette von Folgerungen, das metaphysische Labyrinth seiner Verteidigung und der Beweggründe, die er um seine Thal Herzog, mußten billigerweise in ihrer ganzen Länge gegeben werden, um ein klares Licht auf seinen Charakter zu werfen – und vielleicht das Gehässige seines Verbrechens einigermaßen zu mildern. Keine moralische Betrachtung dürfte größern Eindruck machen, als die, welche uns zeigt, wie sich der Mensch in seine eigenen Trugschlüsse verfangen kann. Sie ist, unter dem rechten Gesichtspunkt gesehen, mehr wert, als Bande von Predigten. – Jetzt aber muß ich einen Augenblick innehalten und den Leser zu bemerken bitten, daß gerade der Umstand, welcher Aram in seinen verwirrenden Ansichten von einer Vorausbestimmung bestärkte, eher jene göttliche Tugend – die Grundlage aller christlichen wie heidnischen Tugenden – die Tugend, welche Epiktet zur klaren Anschauung brachte und Christus heiligte – den Heldenmut im wahren Sinn des Wortes einschärfen sollte. Der Leser wird finden, daß die Antwort auf die Folgerungen, die den Geist Arams wahrscheinlich überredeten und zum Verbrechen verblendeten, in der Umänderung seiner Empfindungen liegt, welche dem Verbrechen nachfolgte. Ich muß um Entschuldigung für diese Unterbrechung bitten – sie schien mir hier am rechten Ort zu sein, obwohl, sobald wir die Moral als Wissenschaft lehren wollen, wir das Moralisieren als Methode vermeiden sollten. Nein, dafür, für die Schuld und ihre Buße, für ein zerstörtes Leben und einen schmachvollen Tod – mit all meinem Durst für das Gute, meinen Träumen künftigen Ruhms – dazu war ich geboren, dazu war ich bezeichnet von meinem ersten Schlaf in der Wiege an! Clarkes Verschwinden verursachte natürlich großes Aufsehen; denen, welche er betrogen, mußte begreiflicherweise an seinem Auffinden liegen. Ein unbestimmtes Gerede, daß er möchte vielleicht ermordet worden sein, verbreitete sich. Infolge des Zusammentreffens einiger Umstände wurden Hausman und ich verhört, ohne daß übrigens ein wirklicher Verdacht vor oder nach der Untersuchung an mir haften geblieben wäre. Das Verfahren endete ohne jeden Erfolg. Hausman verriet sich nicht, und ich, der von Kindheit an meine Leidenschaften bemeistert hatte, konnte auch meine Nerven bemeistern, welche die Spielpuppen der Leidenschaften sind. Aber im Gesicht der Frau, bei der ich wohnte, las ich, daß ich beargwöhnt sei. Hausman sagte mir, sie habe ihre Vermutung offen gegen ihn ausgesprochen; ja er ging mit Anschlagen gegen ihr Leben um, von denen er jedoch, nachdem er die Stadt verlassen hatte, was bald darauf geschah, natürlicherweise abstand. Ich blieb nicht lange nach ihm zurück; ich grub meine Diamanten aus, verbarg sie auf meinem Leibe und machte mich zu Fuß nach Schottland auf, wo ich meine Beute in Geld verwandelte. Jetzt hatte ich keinen Mangel mehr zu leiden; – hatte ich aber auch Ruhe? Noch nicht. Es trieb mich hinaus, durch die Welt zu wandern – Kains Fluch fällt auf Kains Kinder. Ich reiste eine beträchtliche Zeit, sah Menschen und Städte und öffnete ein neues Buch über mein Geschlecht. Sonderbar! vor der That war ich im Gange der Welt wie ein Kind, und ein Kind hätte mich bei all meinem Wissen betrügen können. Sobald die That vollbracht war, ging mir ein Licht auf; – auf meinen Augen schien ein Zauber zu ruhen, der sie befähigte, in das Herz der Menschen einzudringen! Ja, es war ein Zauber, ein neuer Zauber – es war der Argwohn ! – Ich übte mich jetzt im Gebrauch der Waffen – sie waren meine einzigen Gefährten. Friedlich, wie ich der Welt erschien, fühlte ich, daß auf ewig das in meinem Innern wohne, womit die Welt Krieg führt. Ich hintergehe Sie nicht. Was die Menschen Reue nennen, empfand ich nicht! Einmal zur Überzeugung gelangt, daß ich ein Wesen von der Erde geschafft, das ihre Bewohner verletzte und besudelte: daß ich bei Zertretung eines nichtswürdigen Lebens, mit welchem ich nicht eine Tugend – nicht eine Empfindung – nicht einen Gedanken, der andern zum besten dienen konnte, zertreten hatte, einem ruhmwürdigen Zweck zugestrebt; – einmal zu solcher Überzeugung gelangt, war ich nicht schwach genug, leere Reue über eine That zu empfinden, die ich in meinem Fall für kein Verbrechen gelten ließ. Reue fühlte ich nicht, wohl aber Bedauern. Den Gedanken, daß, wenn ich drei Tage gewartet, ich mir nicht eine Schuld, aber die Möglichkeit der Schande erspart haben würde; – die Möglichkeit, zu Hausmaus Genossen herabzusinken; – das Gefühl, daß den Menschen Macht gegeben sei, Gewalt gegen mich anzuwenden; – daß ich nicht länger außer dem Bereich menschlicher Bosheit oder menschlicher Neugier stehe – daß ich ein Sklave meines eigenen Geheimnisses sei – daß ich fürder nicht Herr, mein Herz nach Gefallen zu zeigen oder zu verbergen – daß ich zu jeder Stunde, im Besitz von Ehren, in den Armen der Liebe gepackt und als Mörder ausgeschrien werden konnte – daß mein Leben, mein Ruf vom Hauch des Zufalls abhingen – daß im Augenblick, wo mir's am wenigsten ahnte, die Erde ihren Toten zurückgeben, das Hochgericht sein Opfer fordern konnte: könnt' ich dies fühlen, all dies – ohne die Vergangenheit zu einem Gespenst für mich zu machen? – zu einem Gespenst, das an meiner Seite ging – sich mit mir zu Bett legte – aus meinen Büchern sich erhob – zwischen mich und die Sterne des Himmels schlich – sich unter die Blumen stahl und ihren süßen Duft vergiftete – das mir ins Ohr flüsterte: »Arbeite Thor und sei weise; der Vorzug der Weisheit ist, daß sie uns dem Bereich der Schicksalsgöttin entrückt, du aber bist ihr Schoßkind!« – Ja, ich stellte endlich meine Wanderzüge ein, umgab mich mit Büchern, und noch einmal ward, wie es früher gewesen, das Wissen mein Durst, aber nicht, wie früher, mein Glück. Ich beschäftigte meine Gedanken, legte neue Vorratskammern in meinem Geist an – blickte um mich und fand wenige, deren Schätze den meinigen gleich kamen; aber wo – bei dieser noch so heißen Leidenschaft für die Weisheit – wo war jenes einst noch glühendere Verlangen, das mich in eine so dunkle Kluft zwischen Jugend und Mannesalter – zwischen dem vergangenen und meinem gegenwärtigen Leben hineingetäuscht hatte – das Verlangen, mein Wissen zum besten der Menschheit anzuwenden? – Fort – tot, begraben auf ewig in meiner Brust, mit all den tausend Träumen, die vor ihm dahingewelkt waren! Sobald die That gethan war, schien die Menschheit plötzlich meine Feindin geworden zu sein. Ich betrachtete sie mit andern Augen. Mir war bewußt, daß ich das Geheimnis in mir trage, dessen Bekanntwerden mir ihren Haß, ihren Abscheu zuziehen würde – selbst wenn ich mein künftiges Leben zu einer ununterbrochenen Reihe und Wohlthaten für sie und ihre Nachkommen bestimmte! War dieser Gedanke nicht genug, meine Glut zu ersticken – die Thatkraft zum Nichtsthun einzufrösteln? Je größeres ich leisten – je glänzendere Ehren ich gewinnen – je höhere Dienste ich der Welt leisten mochte, um so schrecklicher und grauenhafter wurde ja endlich mein Fall! Ich hätte nur das Gerüst aufgebaut, von welchem ich dereinst herabgestürzt werden sollte! Durch solche Gedanken beherrscht, faßte ich die menschlichen Dinge von einem gegen mein ehemaliges Streben sehr abstechenden Gesichtspunkt auf: – im Augenblick, wo der Mensch fühlt, daß ein Gegenstand seinen Zauber für ihn verloren hat, tröstet er sich durch Vernünfteln über seinen Verlust. »Wie,« sagte ich, »wozu mir schmeicheln, daß ich der Menschheit dienen, daß ich sie aufklären könne ? Sind wir gewiß, daß ein individuelles Wissen dies jemals gethan hat? Sind wir wirklich weiter gekommen, weil Newton gelebt, sind wir glücklicher, weil Bacon gedacht hat?« Diese verdüsterte erkältende Art der Betrachtung sagte meiner damaligen Gemütsstimmung mehr zu, als die warme, sehnsüchtige Begeisterung, die ich früher genährt. Bloß auf die Außenwelt gerichteter Ehrgeiz war von meinen Knabenjahren an von mir verachtet worden. Der wahre Wert von Krone und Scepter – die bange Unruhe der Herrschgewalt – die Demütigungen der Eitelkeit – hatten sich vor meinem Auge nie verbergen können. Was mich erhoben, war die Begierde nach geistigem, Ruhm. Auch diesen betrachtete ich jetzt als ein Trugbild. Nur um meine eigene Seele darin zu baden, strebte ich fürder nach dem Feuer des Prometheus; aber ich fühlte kein Verlangen mehr das mitzuteilen, was unter Umständen, deren Leitung nicht in meiner Gewalt stand, die Menschen ebenso gut verderben als aufhellen, ebenso leicht ihr Fluch als ihr Segen werden konnte. Aber immer noch liebte ich die Wissenschaft – liebe sie noch und würde, könnt' ich ewig leben, sie ewig lieben! Sie ist eine Gefährtin – eine Trösterin – ein Lebenszweck – eine Lethe, Doch nicht weiter hiervon! – Dahin auf ewig war für mich die strahlende Ruhmbegierde, welche die Geistesbildung zum Mittel, nicht zum Zweck macht. Wie gegen die gewöhnliche Annahme behauptet wird, die Biene sammle den Honig ohne Vorgefühl des Winters und arbeite ohne anderes Ziel als die Arbeit selbst, so häufte ich Jahr für Jahr alles auf, was die Erde meinem Fleiß darbot und fragte nicht wozu. Ich hatte mich in eine Welt des Entsetzens gestürzt, um einen Traum zu genießen. Siehe! das Bild war entschwunden, aber ich konnte nicht mehr zurück. Ruhe ward jetzt für mich das einzige Kalon Das Schöne, Gute (Griechisch) D. Übers. – der einzige Reiz für mein Dasein. Ich verliebte mich in die Lehre jener alten Mystiker, welche die Glückseligkeit lediglich in eine in vollkommenem Gleichgewicht erhaltene Freiheit von Leidenschaften setzten. Wo aber, als in gänzlicher Abgeschiedenheit, war solche Freiheit zu genießen? Jetzt begriff ich, daß in altern Zeiten Menschen, welche das Andenken an irgend eine quälende Schuld verzehrte, in die Wüste flohen und Einsiedler wurden. Stille und Einsamkeit sind die einzigen Besänftigerinnen einer verdüsterten Erinnerung. – Leichte Bekümmernis rettet sich ins Menschengetümmel – durchbohrende Gedanken müssen sich selbst zur Ruhe kämpfen. Manches Jahr war vergangen, an manchem Orte hatte ich meine Wohnstätte aufgeschlagen. Alles Stürmische, wenn auch nicht alles Ruhelose, war endlich aus meinem Bewußtsein geschwunden. Die Zeit hatte mich in ein Gefühl von Sicherheit eingelullt. Ich atmete freier, stahl mich zuweilen ganz aus der Vergangenheit weg. Seit meinem Abgang von Knaresborough hatte es der Zufall mehrmals gefügt, daß ich meinen Brüdern nützlich werden konnte – nicht durch mein Wissen, sondern durch Mildthätigkeit oder Mut – durch Handlungen, deren Andenken mir wohl that. War das große Ziel, eine Welt zu erleuchten, dahin – war auf das Streben, meine Wohlthaten in einem so umfassenden Sinn auszuteilen, Gleichgiltigkeit, Hoffnungslosigkeit gefolgt – stets hing doch der Mensch, das Bild der Menschheit, noch an meinem Herzen; – stets war ich noch so geneigt zum Mitleid mit ihm – ebenso bereit zu seiner Verteidigung – ebenso froh, ihm Freude zu machen, wenn die Schickungen des Lebens mir irgend eine Gelegenheit dazu boten und vor allem verschloß sich meine Hand niemals der Armut. Denn ach! welch grimmiger Teufel schleicht in des Menschen Seele, der den Hunger vor seiner Thür sieht. Nur eine That des Erbarmens und wie viel schwarze Entwürfe, die in einer solchen Seele aufsteigen wollen, kannst du auf ewig zermalmen! Überzeuge den, der die Welt für seine Feindin halt, daß er mindestens einen Freund hat und du reißest einen Dolch aus seiner Hand! Ich kam nach einem schönen, abgeschiedenen Teil des Landes; Walter Lester, ich kam nach Grünthal! – die reizende Gegend – die geräuschlose, tiefe Zurückgezogenheit des Ortes fesselten mich schnell. »In diesen Thälern,« sprach ich, »will ich den Rest meines Lebens verbringen; unter diesen stillen Gräbern soll auch das meinige gegraben werden, und mein Geheimnis soll mit mir sterben!« Ich mietete das einsame Haus, das ich bewohnte, als Sie mich kennen lernten – dorthin schaffte ich meine Bücher und Instrumente. Ich bildete mir neue Entwürfe im großen Reich des Wissens, und eine tiefe Ruhe, die beinahe zur Zufriedenheit stieg, sank wie ein süßer Schlummer auf meine Seele! In solchem Gemütszustände, dem freiesten von Erinnerungen, und von der angstvollen Sehnsucht, die Zukunft zu durchschauen, in welchem ich mich seit zwölf Jahren befunden, sah ich Madeline Lester zum erstenmal. Schon jenes erstemal schien mir ein plötzliches Himmelslicht aufzudämmern. Ihr Gesicht – seine stille – heitere – rührende Schönheit strahlte mich wie eine überirdische Erscheinung an. Mein Herz erglühte bei diesem Anblick – mein Puls schien von seiner gleichmäßigen Ruhe zu erwachen. Ich war noch einmal jung geworden. Jung! Wieder hatte ich die Jugend, die Frische, die Wärme – nicht nur des Körpers, sondern auch der Seele. Aber kaum daß ich Ihre Muhme damals sah, oder mit ihr sprach – kaum daß ich sie kannte: – noch liebte ich sie nicht, und nur selten begegneten wir uns. Geschah es, so fühlte ich mich den ganzen übrigen Tag hindurch von einem heiligen Geist umschwebt; – eine unruhige aber entzückende Regung durchschauerte mich; – ein Sturm aus Süden rührte die dunkeln Fluten meines Gemütes auf, aber er ging vorüber und alles ward wieder ruhig. Nicht ganz zwei Jahre nach der Zeit, wo wir uns zum erstenmal gesehen, brachte uns ein Zufall in innigere Verbindung. Ich übergehe das übrige. Wir liebten uns! Doch welche Kämpfe hatte ich zu bestehen, während diese Liebe bei mir wuchs! Wie widernatürlich schien es mir, daß ich – ich einer Leidenschaft unterließen sollte, die mich mit meinen Mitmenschen verband; und je mehr ich Madeline liebte, desto Peinigender war meine Besorgnis wegen der Zukunft! Was beinahe in Schlummer gesunken gewesen, erwachte von neuem zu furchtbarem Leben. Der Boden, der die Vergangenheit bedeckte, konnte sich spalten, der Tote erwachen, diese gespenstische Kluft mich auf ewig von ihr trennen! Welch ein Los wälzte ich überdies vielleicht auf diese Brust, die angefangen hatte sich mir mit solchem Vertrauen hinzugeben! Oft – oft beschloß ich zu fliehen – sie zu verlassen – die Wüste in einem entlegenen Teil der Welt zu suchen und mich nie wieder in ein Empfinden hineinlocken zu lassen! Aber wie der Vogel ins Netz flattert, wie der Hase auf der Flucht nach seinen eigenen Verfolgern umwendet, kämpfte ich nur kraftlosen Kampf mit einem unwiderstehlichen Verhängnis. Bemerken Sie, wie seltsam oft das Zusammentreffen des Schicksals ist, – des Schicksals, das uns warnt, aber zugleich die Macht nimmt, diesen Warnungen Folge zu leisten, – des nutzlosen Propheten, – des hinterlistigen Feindes! Am nämlichen Abend, der mich mit Madeline Lester näher bekannt machte, entdeckte Hausman, den Anschläge auf Trug und Gewalt in diese Gegend geführt hatten, meinen Aufenthalt und kam zu mir! Stellen Sie sich meine Empfindungen vor, als ich im Schweigen der Nacht meine einsame Wohnung auf sein Klingeln öffnete und nach so vielen Jahren – den Mitmörder beim Licht des Mondes wiedersah, das einst Zeuge jenes nie vergeßbaren Bundes zwischen uns gewesen! Zeit und fortgesetzte Verbrechen hatten seine Natur verändert, verhärtet, erniedrigt. Der Gewalt, der Willkür dieser Natur sah ich mich plötzlich hingegeben. Er brachte jene Nacht unter meinem Dache zu. Er war arm. Ich gab ihm, was in meinen Händen war. Er versprach, diesen Teil Englands zu verlassen – mich nie wieder aufzusuchen. Am folgenden Tage fand ich vor meinen eigenen Gedanken keine Ruhe; die Umwälzung war zu plötzlich, zu voll von stürmischen, wilden, quälenden Empfindungen. Zu kurzer Ruhe floh ich nach dem Hause, wohin mich Madelines Vater geladen. Aber umsonst suchte ich durch Wein, Gespräch, durch Menschenstimmen, durch Menschengüte dem Geist zu entfliehen, der aus seinem alten Grabe gestiegen war. Bald kehrte ich zu meinen Gedanken zurück. Ich beschloß, mich noch einmal in die Einsamkeit meines Herzens zu hüllen. Doch will ich nicht wiederholen, was ich in meiner Erzählung bereits, etwas vor der richtigen Zeit, gesagt habe. Ich beschloß – ich kämpfte umsonst. Das Schicksal halte bestimmt, daß Madelines süßes Leben unter dem Giftbaum des meinigen verwelken sollte. Noch einmal suchte Hausman mich auf und jetzt begann das, was bei einem Verbrechen so demütigend ist: seine niedrigen Berechnungen, seine armselige Rechtfertigung, seine elende List, seine gemeine Heuchelei. Diese machten meine grimmigste Pein aus! Den rohen, verächtlichen Schurken mußte ich beseitigen, überlisten, zum Schweigen bringen. Es ist hier nicht der Ort zu wiederholen, wie ich diese Aufgabe löste! ich überwies ihm beinahe meine ganze Habe unter der Bedingung, daß er England für immer verlasse. Erst wenn diese Bedingung erfüllt, wenn der Tag, an welchem er England verlassen haben mußte, vorüber wäre, konnte ich mich entschließen, Madelines Schicksal unwiderruflich mit dem meinigen zu verknüpfen. Thor, der ich war; als hätte das Gesetz uns noch fester verbinden können, als es die Liebe bereits gethan! Wie oft werden, wenn eine Seele sündigt, ihre erhabensten Empfindungen durch ihre niedrigsten bestraft. Wie bitter und erniedrigend war es für mich Abgeschiedenen, auf ewig von den Schwingen überirdischer Betrachtung dahin Getragenen – so plötzlich von der Hoheit des Gedankens herabgerufen zu werden, um nach Pfunden und Hellern um das Dasein zu feilschen und das mit einem Menschen wie Hausman! Das ist der Fluch, welcher durch Zermalmung unseres Stolzes dem Trauerspiel des Lebens erst seine rechte Tiefe giebt! Doch ich kehre zu dem oben Gesagten zurück. Ich war daran Madeline zu heiraten: – noch einmal war ich arm geworden, – aber diesmal starrte mir der Mangel nicht so grimmig entgegen; ich hatte von jemand, den Sie kennen, das Versprechen eines Jahrgeldes erhalten. Um das, was ich einmal meinem Nebenmenschen mit Gewalt abgezwungen, bat ich jetzt; aber nicht im Geist des Bettlers, sondern des Berechtigten, und in diesem Sinn ward es mir auch zugestanden, Und nun war ich wirklich glücklich: Hausman glaubte ich auf ewig aus meinem Wege entfernt: Madeline sollte in wenigen Tagen die Meinige sein! Ich gab mich der Liebe hin; blind und getäuscht wandelte ich fort und erwachte am Rande des Abgrundes, in den ich jetzt stürzen soll. Sie wissen das Übrige. Aber oh! was glich meinem Grauen! es war kein ganz wertloses, vereinzeltes Wesen in der Schöpfung, das ich aus dem großen Lebensganzen ausgestrichen: den Bruder desjenigen hatte ich gemordet, dessen Kind meine Verlobte war. Geheimnisvolle Vehme! – dunkles, nie ruhendes Schicksal! Wo ich mich am fernsten von ihm glaubte, packte mich seine gewaltige Hand. Merke dir, junger Mann, darin spricht sich eine Idee des Sittengesetzes aus, wie sie dich wenige Prediger lehren können! Merk dir! weit seltener verletzt der Mensch das Gesetz in Bezug auf seine besondere Persönlichkeit, als in Bezug auf die Allgemeinheit. Hinsichtlich der letzteren täuschen wir uns mit Trugschlüssen, die Wahrheiten zu sein scheinen. Hinsichtlich meines eigenen Ichs ward mir die Annahme leicht, daß kein Verbrechen vor mir begangen worden. Ich hatte einen der Welt schädlichen Mann aus dem Wege geschafft: mit dem Geld, das er zum Schaden der Gesellschaft anwandte, gewann ich die Mittel vielen Gutes zu thun: nach ihren Folgen in Bezug auf mich allein konnte meine Thai wirklich als ein Gewinn der Menschheit gelten: – ihre Folgen in Bezug auf das ganze hatte ich bis jetzt übersehen und nun brachen sie plötzlich über mich herein. Die Schuppen fielen mir von den Augen und ich erkannte mich als das was ich war! All meine Berechnungen lagen mit einmal zu Boden geschmettert; – denn was war all das Gute, das ich mir vorgenommen zu thun, das Gute das ich gethan, – in Vergleich mit den Qualen, die ich jetzt über Ihr Haus ausschüttete? War Ihr Vater mein einziges Opfer? Madeline – Hab' ich nicht auch sie gemordet? Lester – Hab' ich nicht auch am Sand in seiner Urne gerüttelt? Selbst Sie – Hab' ich nicht die Blüte und Fülle ihrer Jugend geknickt? Wie unberechenbar – wie unermeßbar – wie unabsehbar sind die Folgen eines Verbrechens. selbst wenn wir, sie alle auf einer Wage abgewogen zu haben glauben!, auf welcher das Gewicht eines Haares merkbar zu sein scheint! Ja; vorher hatte ich keine Reue gefühlt. Nun fühlte ich sie. Ich hatte kein Verbrechen anerkannt und jetzt schien Verbrechen das innerste Wesen meiner Seele zu sein! Das Los des Ödipus, das den Alten das fürchterlichste aller Menschengeschicke dünkte. war das meinige. Verbrechen – Entdeckung – unheilbare Verzweiflung! – Höre in mir die Stimme eines Menschen, der am Rand einer Welt steht, in deren Schauer die Vernunft nicht einzudringen vermag – höre mich: wenn dein Herz dich zu einem Abweichen von der Bahn verführen will, die den übrigen Menschen vorgezeichnet ist und dir zuflüstert: »Das mag für andere ein Verbrechen sein, ist es aber nicht für dich« – so zittere; halte fest, fest am Pfad, den zu verlassen es dich anlockt. Gedenk' an mich! Bei dieser Gemütsstimmung war ich jedoch noch genötigt, den Heuchler zu machen. Hätte ich allein in der Welt gestanden – wären Madeline und Lester mir nicht gewesen, was sie mir waren – so hatte ich meine That und deren Beweggründe bekennen – hätte zu den Herzen der Menschen sprechen – hatte die düstere Geschichte der Folgerungen und Lockungen, durch welche wir das klare Bewußtsein verlieren und zu Werkzeugen des Erzfeindes werden, erzählen mögen! Aber so lange ihre Augen auf mich gerichtet waren, so lange ihr Leben, ihre Herzen an meiner Lossprechung hingen, kämpfte ich weniger um meinet- als um ihretwillen gegen die Wahrheit. Um ihretwillen waffnete ich meine Seele; ich war ein Bösewicht und um ihretwillen ward ich zum kühnen, schlauen, gewandten Bösewicht! Meine Verteidigung erreichte ihren Zweck: Madeline starb, ohne ein Mißtrauen in die Schuldlosigkeit dessen zu setzen, den sie liebte. Lester wird, falls Sie mir die Wahrheit sagen, im gleichen Glauben sterben. Und wirklich, da die Künste der Heuchelei nun einmal ihren Anfang genommen, würde es um der Konsequenz willen meinem Stolz geschmeichelt haben, die Welt in gleichem Irrtum, oder wenigstens im Zweifel zu lassen. Um Ihretwillen verwinde ich diesen Wunsch, die letzte Schwäche des stolzen Mannes. Und damit ist meine Erzählung zu Ende. Über das, was in diesem Augenblick in meinem Herzen vorgeht, hebe ich den Schleier nicht auf. Ob unter demselben Verzweiflung, oder Hoffnung, oder grimmiger Sturm, oder stille, verhängnisvolle Ruhe sei, ist gleichgiltig. Meine letzten Stunden sollen mein Leben nicht Lügen strafen, am Rande des Todes will ich nicht den Feigling spielen und beben vor dem unbekannten Jenseits. Der Durst, der Traum, die Leidenschaft meiner Jugend lebt noch und glüht, die erhabenen, mit Nacht bedeckten Geheimnisse kennen zu lernen, die dem Erdenleben versagt sind. Vielleicht darf ich hoffen, der große unsichtbare Geist, dessen Ausfluß in mir ich, wenn auch irrend und fruchtlos, genährt und verehrt habe, werde in seinem gefallenen Geschöpf mehr einen durch Abwege der Vernunft Mißleiteten als einen Sklaven der Sünde sehen. Die Führerin, die mir der Himmel gab, betrog mich und ich war verloren; aber nicht wissentlich bin ich von Frevel in Frevel gestürzt. Gegen eine Schuld kann ich einiges Gute und viele Leiden in die Wagschale legen. Dunkel und fern von dem mir bestimmt gewesenen Ziele darf ich vielleicht das strahlende Antlitz derjenigen in ihrer glorreichen Heimat sehen, die mich lieben lehrte und die selbst in jener Heimat nicht ganz selig sein würde, wenn sie nicht das Licht ihrer göttlichen Verzeihung auf mich ausströmte. Genug! ehe Sie dieses Siegel erbrechen, gehört mein Los den Menschen und der Erde nicht mehr. Die heiße Sehnsucht, die ich in mir empfunden – die glänzenden Traumbilder, die ich genährt – das erhabene Streben, das mich so oft über Sinne und Staub emportrug, sagen mir, daß ich, sei's zum Guten oder Bösen, Bestandteil von etwas Unsterblichem und Geschöpf eines Gottes bin! Wie die alten Weisen das Gesicht in ihr Gewand hüllten und sich gelassen zum Sterben niedersetzten, so hülle ich mich gefaßt und ergeben in eine bis zum letzten Augenblick feste Seele und lasse mir selbst die Art, diese Seele hinüberzusenden, von keiner Menschenrache aufdrängen. Die Bahn meines Lebens ward von meiner eigenen Hand vorgezeichnet, von meiner eigenen Hand soll die Art und der Augenblick meines Todes kommen! August 1759. Eugen Aram.« Als man am Tage nach dem Abend, an welchem Aram vorstehendes Geständnis an Walter Lester gegeben hatte, – am Tage der Hinrichtung, in den Kerker des Verurteilten kam, fand man ihn auf seinem Bette liegen. Man trat hinzu, ihm die Ketten abzunehmen, aber er rührte sich nicht und antwortete ebensowenig dem an ihn ergangenen Rufe. Auf den Versuch, ihn emporzurichten, stammelte er endlich ein paar Worte mit schwacher Stimme. Man bemerkte, daß er mit Blut bedeckt war. Er hatte sich die Adern an zwei Stellen des Armes mit einem scharfen, schon seit einiger Zeit von ihm hierzu bereit gehaltenen Wertzeug geöffnet. Ein Wundarzt wurde sogleich herbeigerufen und der Gefangene durch die gewöhnlichen Mittel wieder einigermaßen zu sich selbst gebracht. Entschlossen, dem Gesetz sein Opfer nicht zu entziehen, trug man ihn, obwohl er gegen alles um ihn her bewußtlos schien, nach der verhängnisvollen Stätte. Als er an diesem furchtbaren Orte ankam, schien ihm die Besinnung plötzlich zurückzukehren. Hastig schaute er in der Menge umher, die murmelnd unten durcheinander wogte und ein schwaches Rot überflog seine Wange. Er sah ungeduldig nach oben und atmete schwer und krampfhaft. Jetzt waren die grauenhaften Vorbereitungen getroffen, aber der Gefangene wich einen Augenblick zurück – war es menschliche Angst? Er winkte dem Geistlichen. als wollte er ihm eine letzte Bitte ins Ohr flüstern. Der Geistliche neigte sein Haupt zu ihm; – eine schauderhafte Pause von einer Minute. – Aram schien nach Worten zu ringen; auf einmal zog er den Kopf weg und ein strahlendes Lächeln des Triumphs zuckte über sein ganzes Gesicht. Mit diesem Lächeln entfloh der stolze Geist und des Gesetzes letzte Unwürdigkeit ward an einem leblosen Leichnam vollzogen. Ich kann von der Hauptperson dieser Erzählung nicht scheiden, ohne dem Leser – falls er nicht meiner Empfehlung bereits zuvorgekommen ist – Hoods schönes, ergreifendes Gedicht »Eugen Aram« zur Anschaffung zu empfehlen. Vielleicht hätte Herr Hood (wenigstens ist dies – wie zu bemerken mir vergönnt sein möge – der Eindruck, welchen das Werk auf mich selbst hervorbrachte) ein der Wirklichkeit getreueres Bild entworfen, wenn er bei dem stoisch düstern Charakter dieses Mannes bald mehr das Bemühen dargestellt hätte, seine Schuld wegzuklügeln, bald derselben kühn ins Auge zu schauen, statt sich so gänzlich der Reue hinzugeben; aber keinerlei Auffassung hätte kräftiger, edler ausgeführt werden können: die mens divinior atmet in jeder Zeile. Achtes und letztes Kapitel. Des Wanderers Wiederkehr. – Noch einmal ein Blick in das Dörflein, – Seine Bewohner. – Der bewußte Bach. – Das verlassene Herrenhaus. – Der Kirchhof. – Der Wanderer macht sich von neuem auf den Weg. – Das Landstädtchen. – Zusammenkunft zweier Liebenden nach langer Abwesenheit und vielem Kummer. – Schluß. Der kronberaubte Baum strebt wieder himmelwärts; Aus nacktem Kraut kann Frucht und Blüte sprießen. Von Gram genesen kann das ärmste Herz, Aufs dürrste Land ein Regen niederfließen, In Wechseln geht die Zeit und ändert ihren Lauf Von Bös zu Gut. – Robert Southwell, der Jesuit. Zuweilen bricht gegen das Ende eines trüben Tages die bisher nur durch einen Schleier sichtbar gewesene Sonne jählings hervor und lächelt weit über die Landschaft hin; dann kommen dem Beschauer, der, während das düstere Gewölk den Gesichtskreis umhüllte, nur an die Hauptzüge der Umgegend – einen grauen Berg, eine Turmspitze, einen Waldrücken – sich halten konnte, die minder hervortretenden, aber nicht minder lieblichen Einzelheiten umher zu Gesicht. Vielleicht, daß über ihnen die Sonne mit vollerer, glücklicher aufs Auge wirkenden Glut untergeht als über der übrigen Natur und so lassen sie denn im Gemüt zum Schluß einen freundlichen Eindruck zurück und trösten über die düstere Trübung, welche der Scheideblick des von ihnen aufgefangenen und zurückgeworfenen Lichtes noch zu rechter Zeit zerteilt. Ebenso in unserer Erzählung; nicht bis zum Ende geht sie unter Wolken und Trauer fort. Gegen den Schluß bricht ein kleiner Strahl hervor; durch ihn werden Personen, denen bis jetzt nur ein geringer Teil des Interesses zugewandt war, das höhere und dunklere Gestalten in Anspruch nahmen, ins Licht gestellt und lächeln vom Gemüt dessen, der bis jetzt mit uns beobachtet und geharrt hat, – wir wollen nicht sagen den ganzen Schmerz hinweg, der in seinem Gedächtnis noch fortzittert, – aber doch etwas von seinem trüben Dunkel. Es war einige Jahre nach der Zeit, in welche die von uns zuletzt berichtete Begebenheit fällt, an einem schönen, warmen Mittag des wonnigen Monats Mai, als ein Reiter gemächlich durch das lange, weit zerstreute Dörflein Grünthal hinzog. Obwohl noch in der Blüte der Jugend (denn immerhin mochten ihm noch zwei Jahre bis zu den Dreißigen abgehen), hatte er doch die sichere, gehaltene Miene eines Mannes, der nicht wenig von der Welt gesehen. Das feste aber ruhige Auge, die sonnverbrannten aber schönen Züge, welchen körperliche oder geistige Anstrengung oder Kummer die Rundung der frühern Umrisse genommen, und die Wange etwas gesenkt, die einzelnen Linien etwas stärker hervorgehoben hatten, trugen einen ernsten und in diesem Moment schwermütigen, sanften Ausdruck. Wie jetzt sein Pferd langsam durch die umgrünte Gasse hinschritt, wo jede Lücke neue Aussichten in das fruchtbare Thal, den sprudelnden Bach, die Obstgärten voll duftender Frühlingsblüten bot, da verlor sein Blick die gewohnte ruhige Haltung, und sprach aus, wie geschäftig die Erinnerung in ihm war. Die Tracht des Reiters hatte einen fremden Schnitt und erschien in einer Zeit, wo noch das Kleid den Beruf andeutete, militärisch genug, um aus demselben abnehmen zu können, welchem Stande sein Besitzer lange angehört haben mußte. Auch stand dieser Anzug sehr gut zu dem kurzen schwarzen Schnurrbart, der breiten Brust und der bedeutenden Länge des jungen Reisenden, welche letztere beiden Empfehlungen am Hofe des großen Friedrich von Preußen, in dessen Dienst er die Waffen getragen, keineswegs übersehen wurden. Er hatte seine Laufbahn in der Schlacht begonnen, welche mit jener Niederlage des kühnen Daun endete, wo das Glück dieses tapfern Feldherrn vor dem Stern des größten unter den neuern Königen endlich erblaßte. Der Friede von 1763 ließ Preußen im ruhigen Genuß des erworbenen Ruhms, und der junge Engländer benutzte die ihm dadurch gewordene Gelegenheit, das übrige Europa als Reisender, nicht als Verwüster, zu durchwandern. Das anregende, bunte Wanderleben gefiel ihm, und noch wußte er nicht mit Bestimmtheit, ob die Rückkehr nach England von langer oder kurzer Dauer sein würde. Keine acht Tage waren seit seiner Ankunft verstrichen, und alsbald war er nach diesem Teil seines Geburtslandes geeilt. Er hielt das Pferd an, als er an dem bekannten Schilde vorüberkam, das noch immer vor Peter Dahltrups Thür schwebte. Dort saß unter dem Schatten des breiten, nun eben im zartesten Grün aufsprossenden Baums ein Fußreisender, der sich an der Kühlung und Ruhe labte, welche ein solches Dach darbot. Unser Reiter warf einen Blick durch die offene Thür, hinter welcher weibliche Gestalten im Durcheinander des Haushaltungsgeschäftes bald sichtbar wurden, bald verschwanden, und eben jetzt sah er Peter selbst gemächlich herausschreiten, um mit dem Fremden unter seinem Baum zu plaudern. Und Peter Dahltrup war noch immer der Alte; nur schien er noch dünner und kürzer als sonst geworden zu sein, als ob die Zeit seine schmächtige Figur nicht sowohl mit einem Schlage brechen, als nach und nach durch den Gebrauch abnutzen wollte. Der Reiter schaute ihn einen Augenblick an, wandte jedoch, sobald Peter seinerseits ebenfalls aufmerksam auf ihn wurde, den Kopf ab, setzte sein Pferd in kurzen Galopp und war bald dem scheckigen »Hund« aus dem Gesicht. Er kam nunmehr zu dem netten weißen Häuschen des Korporals und hier stand, über das Pfahlwerk gelehnt, eine Krücke unter einem Arm, die geliebte Pfeife in einem Winkel des verschmitzten Mundes, der alte Kriegsmann selbst. Auf dem Geländer kauerte in halbem Schlummer, die Ohren zurückgelegt, die Augen geschlossen, eine große braune Katze. Arme Jakobine, nicht du warft es! Der Tod schont weder Könige noch Katzen: aber deine Tugenden lebten in deiner Enkelin und deine Enkelin wurde (wie denn das Alter ein Schoßkind braucht) von dem würdigen Korporal sogar noch mehr geliebt, als du selbst. Lange möge dein Stamm blühen; heutigen Tages mindestens ist er noch nicht erloschen! Selten verhängt die Natur Unfruchtbarkeit über das Katzengeschlecht; es ist ganz besonders für die Liebe und die sanften Sorgen der Liebe gemacht und ein Katzenstammbaum überlebt den Stammbaum von Kaisern. Auf den Ton des Hufschlages wandte der Alte den Kopf und sah dem Reiter lange und ernsthaft nach, der, sein Roß wieder in Schritt setzend, gemächlich dahinzog. »Bei Sankt Georg,« murmelte der Korporal, »n hübscher Mann; fast meine Größe – uff!« Ein Lächeln, aber nur ein ganz schwaches Lächeln, spielte um die Lippe des Reiters, als er sich die Gestalt des wackern Bunting, betrachtete. »Er faßt mich scharf ins Auge,« dachte er, »und doch erkennt er mich nicht. Ich muß mich sehr verändert haben. Übrigens ist es gut, wenn ich unerkannt bleibe, unbemerkt und allein möchte ich jetzt kommen und wieder scheiden.« Der Reiter versank in Gedanken, die bald vom Gemurmel des sonnigen Baches unterbrochen wurden, welcher, der Natur glückliches und verzogenes Kind, über jedes kleines Hindernis in seinem Laufe zürnte. Dieses Murmeln schlug an das Ohr des Reisenden wie eine Stimme aus der Kindheit. Wie bekannt war es ihm, wie teuer! Keine Musik, keine Heimatmelodie rief je ein solches Heer von Erinnerungen auf, als dieser einfache, ruhelose, ewig gleiche Ton! Ewig gleich! während alles andere sich geändert hatte. – Bäume waren hoch aufgeschossen oder abgestorben; – einige Häuser waren zerfallen; – neue, unbekannte waren an ihre Stelle getreten; – an den Reisenden selbst, – an alle diejenigen, welche jener Ton in sein Herz zurückrief – hatte die Zeit ihre Hand gelegt: aber mit der nämlichen freudigen Bewegung, mit der alten vergnügten Stimme hüpfte der kleine Bach noch immer seinen Weg fort. Nach Jahrhunderten noch möge sein Lauf so froh, sein Gemurmel so wonnig sein! Glückliche Wesen, diese verborgenen, wechsellosen Bäche! – sie erfüllen uns mit einer Liebe, als ob sie lebende Geschöpfe wären! – Und in einem grünen, abgelegenen Winkel der Welt ist einer, den ich selbst nicht sehen kann, ohne mich bis zu Thränen zu vergessen – Thränen, die ich mir nicht um eines Königs Lösegeld abkaufen ließe; Thränen, die kein anderer Anblick, kein anderer Ton ihrer Quelle entlocken könnte; Thränen so warm, so voll süßer Wehmut; Thränen, die mich auf viele Tage zu einem besseren, liebevolleren Menschen machen! Der Reisende setzte seinen Weg nach kurzem Stillstand fort und befand sich bald vor dem alten Herrenhause. Unkraut war im Garten aufgewachsen, die bemooste Umpfählung an mehreren Orten zerbrochen, das Gebäude selbst verschlossen und auf die tief verhängten Fenster schien die Sonne, ohne Zugang in das verödete Innere zu finden. Über dem alten gastlichen Thor hing eine Tafel, mit der Anzeige, daß das Haus zu verkaufen sei, indem sie zugleich den Neugierigen oder Kauflustigen an den Gerichtsnotar des nächsten Städtchens verwies. Der Reisende seufzte tief und sprach leise vor sich hin, bog dann in den Weg ein, auf welchem man nach dem Hinterthor gelangte, stieg im Hofe ab, führte sein Pferd in einen leeren Stall und ging durch die kahlen Vorgebäude, oft in traurigem von jedem neuen Gegenstand angeregten Selbstgespräche stehen bleibend. Eine alte, ihm unbekannte Frau war die einzige Bewohnerin des Hauses, die ihn in der Voraussetzung, er käme zu kaufen oder wenigstens zu besichtigen, überall umherführte, ihm jede gute Seite an dem Besitztum hervorhob und über seinen verödeten Zustand wehklagte. Unser Reisende hörte sie kaum; – als er aber in ein Gemach kam, das er ganz zuletzt betreten wollte (es war das kleine Wohnzimmer, wo die einst glückliche Familie so oft beisammen saß), sank er auf einen Stuhl, der ehedem Lesters Ehrensitz gewesen, bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und blieb regungslos ein paar Minuten in dieser Stellung, Die Alte sah ihn verwundert an. – »Vielleicht kannten Sie die Familie, mein Herr? sie war sehr beliebt.« Der Reisende antwortete nicht; aber als er endlich aufstand, flüsterte er vor sich hin: »Nein, der Versuch ist umsonst gemacht! nimmer, nimmer könnt' ich wieder hier leben – es muß so sein – das Haus meiner Väter muß in eines Fremden Hände übergehen.« Mit diesem Gedanken eilte er aus dem Gebäude nach dem Garten und trat durch ein Thürchen, das, halb geöffnet in den zerbrochenen Angeln hängend, zu dem grünen stillen Heiligtum der Toten führte. Derselbe rührende Ausdruck von tiefer, ungestörter Ruhe, der einen Dorfkirchhof heiligt, – und denjenigen, von welchem wir sprechen, mehr als die meisten andern – schwebte auch jetzt noch über der Stätte wie vor Jahren, wo sein junges Gemüt dort zu einem Ernst gestimmt wurde, dem noch kein – Schmerz beigemischt war. Er ging an den rauhen Erdhügeln, welche die entschlafenen Armen deckten, vorüber und blieb bei einem etwas anspruchsvollern, obwohl immer noch sehr bescheidenen Grabmal stehen: noch war es von Regen und Jahreswechsel nicht entfärbt und hell und scharf im Vergleich mit seinem Nachbar erschien die kurze Inschrift: Rowland Lester, obiit 1760, aet, 64. Selig sind die da trauern, denn sie sollen getröstet werden. An diesem Grabe verweilte der Reisende eine Zeitlang in ungestörter Betrachtung und als er wegging, war das gebräunte Rot auf seiner Wange erstorben, seine Augen waren trübe, und der Stolz, der sich im Schritt eines jungen Mannes, in der Haltung eines Kriegers ausspricht, war aus seinem Gange verschwunden. Als er wieder aufsah, traf sein Auge in der Ferne, eingebettet in das sanfte Maigrün, ein einsames, graues Gebäude, von dessen Schornstein kein Rauch aufstieg – eben so traurig, unwirtlich und verödet wie dasjenige, neben welchem er stand – als ob der Fluch, der auf die Bewohner beider Häuser gefallen, noch über ihren Dächern schwebte. Einen einzigen schnellen Blick warf der Reisende auf die einsame, entlegene Stätte, fuhr dann auf und eilte schnell hinweg. In den Stall zurückgekommen, fand er den alten Korporal, wie er sein Pferd von Kopf zu Fuß mit großer Sorgfalt und Genauigkeit prüfte. »Auch 'n guten Huf, hm!« sagte Bunting, indem er einen Vorderfuß des Thieres wieder losließ: damit wandte er sich um und wurde mit einiger Verlegenheit den Eigentümer des Rosses gewahr, das er einer so umständlichen Untersuchung unterworfen. »Oh – uff! sah nach 'm Tier, ob's kein Eisen verloren. Dacht, Euer Edeln brauchten vielleicht 'nen verständigen Menschen, um Ihnen das Hauswesen da zu zeigen, wenn Sie etwa 'n Kauf machen wollten. Nur 'n altes Weib da; darf wohl sagen Euer Edeln können alte Weiber nicht leiden – uff!« »Der Besitzer befindet sich nicht selbst hier?« fragte der Reiter. »Nein, übers Meer, Herr; 'n hübscher junger Mann, aber rasch; und – und –. Aber behüt' mich Gott! wahrlich – nein, kann nicht sein – und doch, wenn Sie sich so umwenden – er ist's, 's ist mein junger Herr!« Mit diesen Worten hinkte der Alte, dem das Herz doch auch warm werden konnte, auf den Reisenden zu, faßte seine Hand und küßte sie. »Ach Herr! Sie nach solchen Geschichten wiedersehen! Aber 's ist jetzunder alles vergessen und vorüber – uff! Armes Fräulein Ellinor, was wird die 'ne Freud haben, Euer Edeln wieder zu sehen! Ach, was die anders geworden ist; gewiß und wahrhaftig!« »Anders geworden; ja, das bezweifle ich nicht. Aber wie, leidet ihre Gesundheit?« »Nein; was das anlangt, Euer Edeln, ist sie immer noch frisch genug,« erwiderte der Korporal mit den Lippen schmatzend, »sah sie vorletzte Woche, als ich nach ++++ ging, denn Sie werden wohl wissen, daß sie dort ganz allein wohnt, in 'm kleinen Häusel, mit 'nem grünen Gitter davor und 'nem messingnen Klopfer an der Thür, mit 'ner schönen Aussicht auf die – – Hügel nach vorne? Na, da sah ich sie und sieht noch mächtig hübsch aus, obwohl was dünner als sonst; aber bei all dem hat sie gewaltig schanschirt.« »Wie? zum Schlimmen?« »Zum Schlimmen, ja,« antwortete der Korporal und nahm eine trübselige, wichtige Miene an. »Hat's jetzt mit der Rel'gion, Herr, denken's – uff – Schwerenot – wuff!« »Ist das alles?« fragte Walter erleichtert mit stillem Lächeln. »Und sie lebt ganz allein?« »Ganz, die arme junge Dam', als hätt' sie 'n Kopf drauf g'setzt, 'n alte Jungfer zu werden; hat, wie ich gewiß vernommen, Squire Knyvett von Grange ausgeschlagen – vielleicht weil sie auf Euer Edeln wartet!« »Führt das Pferd heraus, Bunting; aber halt! Ihr habt ja da eine Krücke? weshalb? hoffentlich kein Unglück?« »Nichts als Refmatismus – packt jetztunder die jüngsten: kam nie wieder ganz zurecht seit ich mit Euer Edeln auf Reisen gewest, – uff! – und kam doch nicht nach Lonnon. Werd' aber nächstes Jahr besser bei Kräften sein, mein ich –!« »Hoffentlich, Bunting; und Miß Lester lebt allein, sagt Ihr?« »Ja! und – so sehr sie's auch mit der Rel'gion hat – die Armen tragen sie fast auf den Händen. Thut mächtig viel Gutes; gab mir 'ne halbe Guinee, Euer Edeln; 'ne ex'llente junge Dam', so mitleidig!« »Dank Euch! kann die Gurten schon selbst schnallen! – So! Da, Bunting, habt Ihr was für alte Kameradschaft.« »Dank Euer Edeln; sind allzugütig, waren's immer – buff! Hoff', Euer Edeln werden jetzunder wieder bei uns wohnen; da wird erst wieder 's alte Leben angehen!« »Nein, Bunting, ich fürchte, daraus wird nichts,« sagte Walter, indem er sein Roß durch das Hofthor spornte. »Guten Tag.« »Uff!« schrie der Korporal, atemlos hinter ihm herhinkend »wenn ich in Wahrheit Euer Edeln nicht wiedersehen soll, was mich gar sehr erbarmen würd', will Euer Edeln ans Versprechen wegen dem Kartoffelacker denken? Herr Bailey, der Verwalter, Gott straf ihn, hat's ganz vergessen – uff!« »Immer noch der alte Bunting! Nun beruhigt Euch, es soll geschehen!« »Der Herr segne Euer Edeln gutes Herz, dank Ihnen; und –, und« – die Hand an den Zügel legend – »Euer Edeln sagten, 's Häusel soll zinsfrei werden. Sehen, Euer Edeln,« bemerkte der Korporal, indem er sich mit gravitätischem Schmunzeln emporrichtete, »könnte vielleicht einen oder den andern Tag heiraten und 'n Haus voll Kinder kriegen und der Pachtzins möcht' mir dann nicht leicht werden – uff!« »Laßt den Zügel los, Bunting, – Euer Haus soll zinsfrei sein.« »Und – Euer Edeln – und –« Aber Walter trabte bereits frisch dahin und die übrigen Gesuche des Korporals erstarben verhallend in der Luft. »Immer 'n gut Tagwerk,« murmelte Jakob, als er nach Hause hinkte. »Wie grün er immer noch ist! Lernt nie die Welt kennen – uff!« Zwei Stunden lang ließ Walter im scharfen Trabe nicht nach und als es endlich am Abhang einer steilen Anhöhe geschah, lag ein Landstädtchen vor ihm. Hell schien die Sonne auf den einzigen Turm und die lange säuberliche Mittelstraße mit den guten großväterlichen Gärten hinten und den zerstreuten einzelnen, aus Blüten und Maigrün hervorguckenden Gartenhäuschen. Er ritt in den Hof des besten Gasthauses und fragte, indem er das Pferd abgab, mit einem Ton, der seiner Meinung nach ganz gleichgiltig klang, nach Miß Lesters Wohnung. »John,« rief die Wirtin (einen Wirt gab es nicht) einem Knaben von etwa zehn Jahren zu – »lauf hin und zeige dem Herrn das Haus des guten Fräuleins und – halt – Seine Edeln entschuldigen dich schon für 'nen Augenblick – hol' erst den Strauß, den du ihr heut früh gepflückt hast; sie hat die Blumen gern. Ach! Herr, eine vortreffliche junge Dame, Miß Lester,« fuhr die Wirtin fort, während der Knabe den Strauß herbeiholte, »so wohlthätig, so gütig, so mild gegen alle. Man sagt, Unglück mache die Leute weich, aber sie muß immer gut gewesen sein. Und so religiös, Herr, bei dieser Jugend! Na, Gott segne sie! Das ist jedermanns Wunsch. Mein Junge, der John, Herr – wird erst nächsten August elf Jahre – 'n gescheiter Jung', nennt sie nur 's gute Fräulein, sodaß wir alle ihr jetzt diesen Namen geben. So, John, das ist recht. Bleiben zum Mittagessen da, Herr? Ein Hühnchen abthun?« Miß Lesters Wohnung stand ganz am Ende der Stadt. Es war das Haus, worin ihr Vater seine letzten Tage zugebracht. Hier blieb sie mit dem kleinen, ihr nach dessen Tode zugefallenen Jahrgeld. Der damals auswärts befindliche Walter hatte sie, die hierin von keinem falschen Ehrgefühl geleitet ward, vermocht, diese Summe durch einen kleinen Zuschuß vermehren zu dürfen. – Es war ein vereinzeltes kleines Gebäude, das etwas von der Straße zurückstand. Walter verweilte ein paar Augenblicke in stiller Betrachtung an der Gartenthür, bevor er seinem jungen Führer nachfolgte, der den zum Hause leitenden Kiesweg leicht hinaufhüpfte, die Klingel zog und fragte, ob Miß Lester da sei. Walter wurde einige Augenblicke im kleinen Besuchszimmer allein gelassen: er bedurfte derselben wirklich, um in der Flut der auf ihn einstürmenden Erinnerungen zu einiger Fassung zu gelangen. Und war es – ja, es war Ellinor, die endlich vor ihm stand! Verändert hatte sie sich wirklich: das zarte Mädchen war zur vollen Frauengestalt aufgeblüht; verändert hatte sie sich: der Schritt hatte für immer die Elasticität verloren, mit der die Hoffnung ihn einst gehoben; das lebhafte braune Auge war sanft und still geworden; die strahlende Frische hatte einer schwächern, obwohl nicht minder lieblichen Färbung Platz gemacht. Doch um im Gedicht zu wiederholen, was in Prosa nur eine ärmliche Verkörperung findet: »So sah'n sie sich – es war manch Jahr vorbei – Vom Sturm war angehaucht der junge Mai, Und mildere Rosen schmückten ihre Wangen, Die weiße hielt die rote jetzt umfangen; Und leicht wie sie noch durch die Fluren schritt, War's doch nicht mehr der freud'ge Zephyrtritt; Nicht mehr von Liebesfülle überwallt, Erfüllt ein stetes Lächeln die Gestalt.« Aus dem Bildnis , einem Gedicht des Verfassers: »O Virgo, quam te memorem!« »Ellinor!« sagte Walter kummervoll. »Gott sei Dank! daß wir uns endlich wiedersehen.« »Diese Stimme – dieses Gesicht – Vetter – mein lieber, lieber Walter!« Jede Zurückhaltung – jede Überlegung ging in der Wonne dieses Augenblicks unter, Ellinor lehnte den Kopf auf seine Schulter und merkte kaum den Kuß, den er auf ihre Lippen drückte. »Und so lange in der Fremde!« lispelte sie vorwurfsvoll. »Sagtest du mir nicht, der Schlag, der unser Haus getroffen, habe alle Gedanken an Liebe aus dir verbannt – habe uns für immer getrennt? Und was, Ellinor, war mir England, war mir die Heimat ohne dich?« »Ach!« rief sie, sich sammelnd, und tiefe Blässe folgte dem Erröten der Freude auf ihrer Wange, »erinnere nicht an die Vergangenheit; – Jahre hindurch, lange, öde, trostlose Jahre hab' ich ihren traurigen Mahnungen zu entgehen gesucht.« »Du sprichst weise, geliebteste Ellinor, laß uns einander in diesem Bestreben beistehen. Wir sind allein in der Welt – laß uns unser Los vereinigen. Nie im Wechsel aller Schauplätze, aller Empfindungen – in der Nachtwache unter dem Sternenhimmel des Lagers – im Schimmer der Fürstenhöfe – in Italiens sonnigen Hainen – in den tiefen Wäldern des Harzes – nie hab' ich dich vergessen, süße, teure Cousine. Unauflöslich verwuchs dein Bild mit allen meinen Vorstellungen von Heimat, Glück, von ruhiger freundlicher Zukunft. Endlich kehr' ich zurück und seh' dich und finde dich verändert, aber o! wie lieblich ist diese Veränderung! Ach, laß uns nicht wieder von einander gehen! Ein Tröster, ein Führer, ein Linderer, Vater, Bruder, Gatte – all das, flüstert mir mein Herz zu, könnt' ich dir sein!« Ellinor wandte das Gesicht ab, aber ihr Herz war voll. Die einsamen Jahre, die über sie hingegangen, seit sie sich zum letztenmal gesehen, standen vor ihr auf. Das einzige Bild eines Lebenden, das sich während dieser Jahre den Träumen von den Abgeschiedenen beigesellt hatte, war das Bild dessen, der jetzt zu ihren Füßen kniete; – ihr einziger Freund – ihr einziger Verwandter – ihre erste – ihre letzte Liebe! In der ganzen Welt war er's allein, mit dem sie zur Vergangenheit zurückkehren, an welchem ihre wundgerissene aber immer noch unbesiegte Zärtlichkeit ausruhen konnte. Und Walter erkannte an diesem Erröten – diesem Seufzer – dieser Thräne, daß seiner gedacht – daß er geliebt wurde – daß Ellinor endlich ihm angehöre. »Aber bevor Sie schließen,« sagte mein Freund, welchem ich die Blätter vorlegte, worin ich meine Erzählung mit diesen Worten beendigt hatte, »müssen Sie uns, es ist ein guter alter Brauch, von dem kein rechtgläubiger Autor abweichen darf, etwas vom Schicksal der übrigen Personen mitteilen, mit welchen Sie uns bekannt gemacht. – Der nichtswürdige Hausman? »Sie haben recht. – Nach dem unerforschlichen Lauf der irdischen Dinge war der bösere Mensch entkommen, während der edle, vom Fall längst Erhobene unterging. Aber obwohl Hausman eines natürlichen Todes in seinem Bett starb, wie ehrliche Leute, können wir kaum glauben, daß sein Dasein selbst nicht Strafe genug gewesen. Er lebte in strenger Abgeschiedenheit, – der Abgeschiedenheit der Armut, und erhielt sich mit Flachshecheln. Mehrmals wurden vom Volk Versuche gegen sein Leben gemacht, denn er war Gegenstand der allgemeinen Verwünschung und des Grausens; und noch zehn Jahre nachher, als er endlich starb, mußte sein Körper heimlich bei Nacht begraben werden, denn der Haß der Welt überlebte ihn!« »Und der Korporal? Heiratete er noch in seinen alten Tagen?« »Die Geschichte erzählt von einem Jakob Bunting, dessen um verschiedene Jahre jüngere Frau ihm gewisse verdrießliche Possen mit dem jungen Pfarrvikar der Gemeinde spielte. Besagter Jakob wußte davon nichts, wurde aber den Nachbarn zum Gelächter, wenn er sich rühmte, daß er Seiner Ehrwürden das Geflügel über den Marktpreis anhänge und auf diese Art manchen hübschen Pfennig in die Tasche bekomme: – ,denn Lisel, mein Schätzel, bin 'n Mann von Welt – uff!« »Recht so! Verdientes Schicksal für den alten Gesellen! – Aber Peter Dahltrup?« »Von Peter Dahltrup ist uns nichts bekannt, als daß wir im Kirchhof von Grünthal einen kleinen Grabstein mit einer Denkschrift auf ihn gesehen haben, welcher folgende fromme Poesie beigefügt war: Wir blühen, sagt die heil'ge Schrift, Ein' Stund', dann mäht man unsre Trift: War Gras noch gestern, frisch und neu, Doch Tod hat mich gemacht zu Heu.« Wörtlich. »Und sein Namensvetter, Sir Peter Grindlescrew Hales?« »Führte in Ehren und Achtung ein langes Leben, ward aber in alten Tagen von häuslichem Unglück betroffen. Sein ältester Sohn heiratete eine Dienstmagd und seine jüngste Tochter –« »Lief mit dem Reitknecht davon?« »Nicht doch! – mit einem jungen Verschwender – dem Ebenbild dessen, was Peter in seiner Jugend gewesen. Sohn und Tochter wurden enterbt und Sir Peter starb in den Armen seiner acht übrigen Kinder, wovon sieben es ihm niemals vergaben, daß sie nicht das achte, d.h. der Haupterbe waren.« »Und sein Altersgenosse, John Courtland, der Nichthypochonder?« »Starb am Schlagfluß, als er eben über die hounslower Heide fuhr.« »Aber Lord +++++?« »Erreichte ein hohes Alter; seine letzten Tage brachte er, wegen zunehmender Gebrechlichkeit, fern von der großen Welt zu; jedermann hatte Mitleid mit ihm. – Es war seine glücklichste Zeit!« »Grete Dunkelman?« »Ward tot im Bett gefunden in Folge übergroßer Anstrengung, wie man glaubte, als sie sich tags zuvor beim Leichenbegängnis eines jungen Mädchens lustig gemacht hatte.« »Gut! – hm – und Walter und seine Cousine heirateten einander also wirklich; und kehrten sie nie ins alte Herrenhaus zurück?« »Nein: eine Erinnerung, mit welcher sich bloß das Gefühl der Trauer verbindet, wird mit den Jahren süß und heilig die Stätte, um die sie schwebt; nicht so ein Andenken, woran sich etwas Furchtbares, Grauenhaftes, ja gewissermaßen Schimpfliches knüpft. Walter verkaufte die Besitzung, wenn auch allerdings nicht ohne Schmerz. Nach seiner Verheiratung mit Ellinor kehrte er einige Zeit auf den Kontinent zurück, schlug aber endlich in England seinen Wohnsitz auf, führte ein thätiges Leben und hinterließ seinen Nachkommen einen Namen, den sie noch jetzt ehren, seinem Vaterlande das Gedächtnis mehrfacher Dienste, das nicht leicht untergehen wird.« »Aber eine furchtbare, düstere Erinnerung wich nicht aus seinem Gemüt und übte den stärksten Einfluß auf die Handlungen und Entschlüsse seines Lebens. Bei jedem unerwarteten Ereignis, bei jeder Versuchung stieg vor seinen Augen das Geschick dessen auf, der so hoch begabt, so edel in vielen, so auf Größe angelegt in allen Beziehungen, durch ein einziges – aus seinem eigensten Selbst hervorgegangenes, aber vom Moment des Vollzugs an neben diesem Selbst wie eine unbegreifliche Lüge erscheinendes Verbrechen zerknickt wurde; durch ein Verbrechen, das die Ausgeburt einer irre gewordenen Vernunft war, die es dabei nur auf das Recht und Wahre abgesehen hatte. Und dieses Schicksal, das ihn einen Blick in die dunklern Tiefen des Menschengeschlechts thun ließ, wo das moralische Verständnis uns erst recht aufgeht, gab ihm die zwiefache Lehre der Vorsicht gegen sich selbst, der Nachsicht gegen sich selbst, der Nachsicht mit andern. Er wußte von nun an, daß selbst der Verbrecher nicht ganz bös ist; daß der Engel aus uns nicht leicht völlig vertrieben werden kann; der Engel überlebt die Sünde, ja viele Sünden und läßt uns oft in Erstaunen über das Gute, das noch dem Herzen des verhärtesten Übelthäters anhaftet. Und mit mehr als wiedererwachter Zärtlichkeit hing Ellinor an dem einen, dessen Los nun auch das ihrige umfaßte. Walter war das letzte Band, das ihr auf Erden geblieben und in ihm lernte sie Tag für Tag verschwenderischer den Reichtum ihres Herzens sich bethätigen. Unglück und Leiden hatten den Charakter beider veredelt und sie, die in ihrem Vetter so lang alles gesehen, was sie lieben konnte, erblickte nunmehr in dem Gatten einen noch stärkern und dauernden Zauber – erblickte in ihm alles, was sie zu verehren, zu bewundern fähig war. Eine religiöse Inbrunst, der sie sich nach den Unfällen ihres Hauses mit einer Art Schwelgerei hingegeben, hielt bei ihr bis ans Ende an; aber – gesänftigt durch menschliche Bande und ein persönliches Verhältnis irdischer Pflicht und Neigung – war diese Inbrunst gesichert vor der übertriebenen Glut oder der übertriebenen Strenge, worein sie sonst aller Wahrscheinlichkeit nach ausgeartet haben würde. Was zurück blieb, gesellte ihren heitersten Gedanken etwas Ernstes, den glücklichsten Augenblicken der Gegenwart ein feierliches Bedenken der ungewissen Zukunft zu; aber es drückte ihre Natur nicht herab, es erhob sie und kam mehr in zarten als düstern Farben zum Vorschein. Süß war ihr beim Gedanken an Madeline und ihren Vater, sich zu gleicher Zeit an den Himmel um Trost wenden zu dürfen, wo beider Thränen, wie sie glaubte, getrocknet, ihre einstigen Leiden nur ein geschwundener Traum waren! Wirklich giebt es eine Zeit im Leben, wo dergleichen Betrachtungen unsere hauptsächliche wenn auch schwermütige Lust ausmachen. Sobald wir älter werden und bald eine Hoffnung, bald ein Freund von unserem Pfad verschwindet, drängt sich uns der Gedanke an Unsterblichkeit mit Macht auf! und wie die Ameise Korn um Korn zum Speicher ihrer künftigen Erhaltung aufhäuft, lernen wir unsere Hoffnungen Stückchen um Stückchen mit uns forttragen und unsere Wünsche wie eine Ernte einheimsen. Unser Paar war also glücklich. Glücklich, denn sie liebten einander mit ganzer Seele, und wer so liebt, den, meine ich bisweilen, können die Übel des Lebens, körperliche Leiden und höchster Grad der Armut ausgenommen, nur mit ohnmächtiger Tücke treffen. – Ja sie waren glücklich trotz der Vergangenheit und bei allem was die Zukunft bringen mochte.« »So bin ich zufrieden,« sagte mein Freund – »und Ihre Geschichte ist wohl durchgeführt!« Und jetzt, Leser, lebewohl! Hast du, indem du mit mir zu dieser unserer Scheidestätte wandeltest, dem Gefährten gestattet, deine Teilnahme zu gewinnen, jetzt etwas aus der Tiefe deiner Überzeugung hervorzuholen, jetzt dein Herz zu rühren, deiner Hoffnung ein Ziel zu geben, deine Angst zu wecken, vielleicht selbst bis zum Quell deiner Thränen vorzudringen – dann besteht ein Band zwischen dir und mir, das nicht leicht zerrissen werden kann! Und vernimmst du, daß ungerechte Mißgunst dem geraden Urteil Eintrag thut, so wirst du mit Erstaunen bemerken wie der, welcher sich, sei's auch nur als Erzähler, in deiner Seele mit Empfindungen verbunden hat, die nicht jeden Tag erregt werden, in deinem Mitgefühl die Verteidigung oder in deiner Milde die Nachsicht – eines Freundes finden wird!