Ida Boy-Ed Um ein Weib I. Den Geburtstag des Bürgermeisters feierten Amtsrichter Dr. Fritz Haldenwang und Frau Antoinette mit einem Frühstück. Es war ein Sonntag im September. Die kleine Schar der Gäste saß im vollen Sonnenschein, der durch die Fenster der Veranda hereinkam und alle weinheißen Gesichter etwas zu rücksichtslos beleuchtete. Man hatte gut gegessen und getrunken. Seit Bürgermeister Mandach mit imposanter Majestät und doch auch mit schmunzelndem Wohlwollen hier als Stadtvater wirkte, war in dem engeren Kreis, dem er gleich wie von selbst vorsaß, ein lebemännischer Ton aufgekommen. Wie lange der Bürgermeister sich in dem Amt behaupten würde, darauf war er selbst objektiv neugierig. Im allgemeinen war er nicht gut mit sich umgegangen. Er sagte es selbst, teils aus wirklicher Erkenntnis, teils aus einer gewissen grandiosen Art heraus, die sich lieber selbst scharf kritisiert, als daß sie die scharfe Kritik anderer abwartet. Im Grunde genommen fiel es aber niemandem ein, ihn scharf zu beurteilen. Er trug ja seine eigene Haut zu Markte. Und selbst die alten Freunde, die wohl hier und da einige Schulden für ihn bezahlt hatten, rechneten ihm ihre Großmut nicht an, was doch gewiß bedeutsam war. Erst hatte er ein paar Semester studiert, und von jener Zeit her stammte seine Freundschaft mit Amtsrichter Dr. Haldenwang. Sie waren beide Rhenanen und hatten in Freiburg unvergeßliche Zeiten zusammen durchbummelt. Dann, als Leutnant der Reserve, ging ihm bei einem köstlichen Manöver sein Soldatenherz auf. Es war das reinste Lustspielmanöver gewesen, im Stil des seligen Gustav von Moser. Herrliches Wetter, großartige Quartiere, bezaubernde Schloßfräuleins, Vorgesetzte von gutem Humor. Mandach kapitulierte. Aber als er ein paar Jahre die Einförmigkeit des Rekrutendrillens genossen und seine Finanzen derartig verworren wurden, daß seinen guten Freunden die Haare zu Berge standen – seine eigenen Kopfnerven waren nicht so reizbar –, nahm er seinen Abschied mit dem Titel eines Hauptmanns z.D. Wovon er dann lebte, bis ihm, dank der geradezu leidenschaftlichen Bemühungen seiner Freunde, die Bürgermeisterstelle in Wachow zufiel, war niemandem ganz klar. Aber es wagte auch niemand danach zu fragen, oder gar den Zweifel aufkommen zu lassen, als könne es mit der Lebensführung Mandachs jemals nicht gentlemanlike zugehen. Er trat immer und überall als vollkommener Ehrenmann auf, der er immer gewesen und der er immer bleiben würde, denn er haßte die schlechte Gesellschaft und jede Nachlässigkeit der Form, trotzdem sein Wesen zuweilen etwas laut und voll burschikoser Bonhomie schien. Die Bürgermeisterwürde kleidete seiner großen, wohlbeleibten, blonden Bonvivanterscheinung vorzüglich. Mit seiner raschen Intelligenz hatte er die Geschäfte der kleinen Stadt bald übersehen und in die Hand genommen. Sofort war er der Mittelpunkt der Gesellschaft und der Favorit der öffentlichen Meinung. Sein Freund Haldenwang, der in Wachow als Amtsrichter wirkte, hatte ihn jubelnd aufgenommen, den Anbruch fröhlicherer, belebterer Zeiten im kleinen Nest vorausgesehen und mit seiner klugen Frau Antoinette besprochen, daß sie versuchen wollten, auf schickliche und unscheinbare Weise, Mandach ein bißchen in Ordnung zu halten. Das Sektfrühstück an Mandachs Geburtstag war eine dieser Freundschaftstaten. Denn wenn Haldenwangs ihm nicht mit der Einladung zu solchem Fest zuvorgekommen wären, würde er selbst in seiner Junggesellenwohnung eine Feier veranstaltet haben, die mit seiner Bürgermeistergage in gar keinem Verhältnis gestanden hätte. Nun beschien die unhöfliche Mittagssonne die Tafel in der Veranda und zeigte klar, daß es hier üppig zugegangen war. Es war schon abgedeckt, die Mokkatäßchen standen vor den Herrschaften, eine ganze Auswahl von Schnäpsen bildete, vermöge der Verschiedenartigkeit ihrer Flaschen und Etiketts, eine geradezu malerische Gruppe. Sie war in erreichbarer Nähe vor Mandach aufgebaut, und er verteilte und mischte die Gaben, nach den lautwerdenden Wünschen oder nach seiner umfassenden Erfahrung, teils den Geschmack der anderen erratend, teils ihn bevormundend. Draußen stand ein Garten in blanken gelbroten Herbstfarben. Da war ein Birnbaum, dessen Blätter sahen aus, als seien sie von chromorangefarbenem Email, so glänzend, so fest, so flammend leuchteten sie im Mittagsschein. Da kokettierte eine schimmernde Pappel, eine italienische, mit großer, etwas sperriger Krone, die ließ ihre silberweißen Blätter nervös zittern und zeigte damit an, daß ein feines Lüftchen die Mittagswärme bewegte. Die Syringenbüsche heuchelten noch Sommergrün, aber es war so trügerisch wie der schöne Teint einer Schauspielerin. Kraftlos fiel ab und zu ein grünes Blatt zu Boden und gesellte sich zu all den gelben, roten, weißen Blattflecken, die schon den Gartenweg tigerten. Über diesem bunten Garten, der eine tolle Farbensinfonie war, stand ein Himmel, der auf einem Bilde von jedem Kunstrezensenten schlecht kritisiert worden wäre. So sehr mit gleißender blauer Ölfarbe schien er spiegelglatt angestrichen. Es war aber nicht die Farbenpracht und das warme Leuchten draußen, was sich auf den Gesichtern drinnen widerspiegelte: deren Gluten kamen von innen. Essen, Wein und Reden hatten bei allen gut eingeheizt. Mandach selbst sah man am wenigsten an. Er war eben zu erprobt und abgehärtet. Der Bezirkskommandeur, Major v. Lorenz, der seine gedrungene Erscheinung durch einen grauen Schnauzbart mit gewaltiger »Anleihe« martialischer zu machen gesucht hatte, wenn auch mit dem ihm unbewußt bleibenden Resultat der komischen Wirkung, hatte einen fast bläulichen Teint bekommen. Er ließ sich von Mandach zum fünften Male Hennessy, Angostura und Benediktiner in dem richtigen Verhältnis, das eben nur Mandach kannte, zusammengießen. Gerade begann er schon an dem Leib-, Mund- und Magenthema aller Z.-D.-Offiziere herumzusprechen, nämlich an den Fehlern, die die Heeresverwaltung macht. Sein Adjutant, der weißblonde, magere, lange Oberleutnant Müller, der sich seit vier Jahren vorgenommen hatte, sich unter allen Umständen nächste Woche sehr reich zu verloben, machte Marya Keßler den Hof. Er wurde immer tief, wen er getrunken hatte. Nicht melancholisch, nicht gerührt, nicht vertraulich. Aber sehr tief – sehr, und kam sich dann ungeheuer bedeutend vor. Es hieß, er schaffe sich zuweilen ein Buch ernsterer Art an und lese in trüben Stunden auch darin. Frau Marya Keßler war auch heiß und rot, und litt, weil sie wußte, es stand ihr nicht. Sie, als wohlhabende Witwe zwischen dreißig und vierzig, von der jedermann annahm, daß sie ja doch wieder heiraten werde, fühlte sich hier ein wenig als Königin des Festes. Sie wußte, daß Haldenwangs den Gedanken liebkosten, Bürgermeister Mandach und sie sollten sich finden. Ob Mandach es auch dachte, war ihr noch unklar. Sie dachte nicht daran, wenigstens vorerst noch nicht. Der »Oberst Ollendorf«, so nannte man den Major hinter seinem Rücken, war ihr erklärter Bewunderer und steuerte ziemlich offenkundig auf die Stunde los, wo er mit einem Heiratsantrag herausrücken könnte. Nun machte ihr auch gar noch Oberleutnant Müller den Hof und sprach ebenso bedeutend als verworren mit ihr über »Geschlecht und Charakter«, ein Buch, welches auch sie gelesen und ebensowenig verstanden hatte. Aber sie schwelgten nun beide in Bewunderung und kamen sich modern vor. Frau Marya – sie war standesamtlich als Maria eingetragen – aber auf den Visitenkarten der Witwe machte sich die Marya doch sehr apart – Frau Marya war eine gutgewachsene, fast imposante Erscheinung. Ihr dunkles Haar aber glänzte von pomadisierter Glätte und Wohlfrisiertheit. Sie hatte braune, scharfe, schnelle Augen, die von einem heißen Temperament erzählten. Außer diesen dreien war noch der Rechtsanwalt Dr. Berthold zugegen. Es war ein Mann mit einem sehr auffallenden Kopf. Schmal, wie es war, das Untergesicht ein wenig vorgeschoben, wobei ein dunkler kleiner Schnurrbart diesen Linienübergang gewissermaßen milderte, konnte man dies Haupt unmöglich schön nennen. Die sehr klugen, fast schwarzen Augen, das seltene Lächeln machten es aber bedeutend und vornehm. Er schien immer mehr den Wunsch zu haben, zu hören, als sich selbst mitzuteilen. Und offenbar in der Vertieftheit des Beobachtens hatte er seine Zigarrenasche auf die Unterschale seiner Tasse getan. Frau Antoinette, die blonde, fröhliche Wirtin, die neben ihm saß, schob ihm den Aschenbecher hin. Sie und ihr Mann galten als gemütliche und verständige Leute. Sie waren sich und anderen angenehm, was immerhin auf große Harmonie schließen ließ, zwischen ihren Ansprüchen und den Erfüllungen, die ihnen das Leben bot. Sie fuhren wohl ein wenig auf Gummirädern durchs Dasein und spürten keinerlei harte Stöße von Wegesunebenheiten, reich, gesund, glücklich verheiratet und mit zwei netten Kindern gesegnet wie sie waren. Aber sie betonten alle diese Vorzüge in keiner Weise, sondern zogen daraus nur eine behagliche, unabhängige Stimmung, die auch auf andere Menschen hinüberwirkte. Diese sieben Tischgenossen besprachen nun beim Kaffee und den Schnäpsen, warum sie nicht acht waren, wie es hätte sein sollen. »Dieser Hendrik Hagen ist launenhaft,« stellte Major v. Lorenz fest, »solche Leute sind immer launenhaft.« »Finden Sie?« fragte der Rechtsanwalt Berthold. »Na,« sagte Frau Antoinette, »ich meine, es ist doch ehrlich, daß er schreibt: verzeiht, wenn ich fernbleibe, ich bin nicht für Festfreude gestimmt, als daß er hier düster zwischen uns den mißvergnügten Nobile spielte.« »Eins versteh ich nicht,« begann der Bürgermeister Mandach mit seiner enormen Kommandeurstimme, die mit ihren dunklen Baßschallwellen jeden Raum ausfüllte, wo sie ertönte, »ich versteh nicht, warum diese beiden Männer immer zusammen bewaffnet auf der Szene bleiben.« »Notwendigkeit, mein alter Mandach«, sagte der Amtsrichter. »Keine Abgangsmöglichkeit, weder nach rechts noch nach links. Alle Kulissen verbaut.« »Dann soll'n se lieber auf'nander losschlagen«, entschied der Bürgermeister als Mann der Tat und kippte einen Hennessy. »Dja – wenn's man nich noch 'mal so kommt ...« meinte Amtsrichter Haldenwang achselzuckend, mit sehr bedenklichem Gesicht. »Das wäre doch gräßlich!« rief seine Frau, »Vater und Sohn!« »Stiefvater und Stiefsohn!« verbesserte Frau Marya Keßler mit funkelnden Augen. »Egal, sie haben doch ein und derselben Frau so nahegestanden, der eine als Gatte, der andere als Kind«, sagte Antoinette Haldenwang; »und sie haben sie lieb gehabt!« »Vielleicht eben darum.« »Is ja Unsinn, kommt alles davon, wenn man's Leben schief ansieht – so durch den Winkel eines blaugefärbten Glases. Aber Hendrik Hagen fiel schon im Korps auf. 'n Zug von Pathos im Wesen. Weißt' noch, Fritz. Na, dafür ist er ja Dichter.« »Wie ich höre, hat die Frau auch sehr dumm gehandelt,« sprach Major v. Lorenz, »wie konnte sie überhaupt den Mann heiraten! Eine v. Marschner, geborene Freiin Barnikow! Und wird die Gattin eines Schriftstellers. Das mußte ja schiefe Zustände hervorbringen.« »Aber, erlauben Sie, Herr Major, Hendrik Hagen ist ein sehr berühmter Mann«, sagte der Oberleutnant eifrig. Die Äußerungen seines Vorgesetzten fielen ihm oft auf die Nerven. Er schätzte den Major so wie: »alter Stil, ganz Kommiß«. »Dumm?« fragte der Rechtsanwalt Berthold mit einem feinen, leisen Lächeln, »sie handelte sehr liebevoll. Aber die Handlungen eines liebenden Frauenherzens erweisen sich in ihren Konsequenzen ja oft als schwere Torheiten.« »Ist denn ihr Testament wirklich so verrückt gewesen? Und warum hast du denn nicht einen vernünftigen Ton mit der überspannten Seele geredet?« fragte der Bürgermeister, der natürlich auch schon Duzbruder von Berthold war, obgleich er ihn erst hier in Wachow kennengelernt hatte. »Hab ich, Mandach, hab ich – obgleich ich die Bezeichnung überspannte Seele für Nadine Hagen ablehnen muß.« »Ach, was war sie denn sonst!« sagte der Bürgermeister voll allgemeinen Mitleids mit denen, die das Leben nicht als Pläsier aufzufassen wissen. »Sie war eine mütterliche Seele,« sagte Berthold ernst und fest, »eine von denen, die nicht lieben können, ohne zu dienen, zu opfern, zu erziehen. Die schon als Bräute wie Mütter sind und als Mütter immer glauben, die Brautstimmung könne, könne ja nicht unwiederbringlich hin sein. Und gerade nur so eine Frau konnte einen Hagen wählen.« »Sie paßten gar nicht zusammen«, sprach Frau Marya Keßler halblaut, und es war ein Zug von Hohn in ihrem Gesicht. »Wer möchte das entscheiden. Ich nicht. Und wer kann wissen, wie sich diese Ehe entwickelt hätte, wenn der Sohn des ersten Gatten nicht zwischen diesen beiden Menschen gestanden hätte.« »Wenn man eine Witwe heiratet, muß man sich vorher klarmachen, daß man nicht auf die Vergangenheit eifersüchtig sein darf«, erklärte Frau Marya. Plötzlich fiel ihr ein, daß sie selbst Witwe sei. So setzte sie denn hinzu: »Kinder, ein Kind aus erster Ehe kompliziert ja freilich alles.« Und in der Pause von einer Sekunde, die ganz unwillkürlich sich in das Gespräch schob, als Zeichen, daß jeder etwas dachte, das er nicht sagen konnte, fühlte Marya Keßler triumphierend, daß sie ihrerseits keinem Mann mit einem »Anhängsel« lästig fallen würde. »Na, und das Testament? Man hört so vielerlei ...«, sagte Mandach. »Es ist doch seinerzeit verlesen worden beim Gericht.« »Ich war da!« sagte Marya Keßler mit starker Betonung. »Na, natürlich!« sprach Mandach mit so großer Unbefangenheit, daß sie doch noch röter wurde, als sie schon war. Nun wurde das Testament der verstorbenen Frau Nadine Hagen, verwitweten v. Marschner durchgesprochen. Alle wußten, daß diese Frau ihrem Sohn erster Ehe und ihrem zweiten Gatten das Gut »Rote Heide« vermacht hatte unter der ausdrücklichen Bestimmung, daß sie es nur verkaufen dürften, wenn ein gemeinsames Leben sich nach einigen Jahren als gänzlich unmöglich herausstellen sollte. Aber die Erblasserin habe die heiße Bitte daran geknüpft, daß man sich in Liebe suchen und finden möge, schon aus Pietät gegen sie. Und daß vor dem fünfundzwanzigsten Lebensjahre des Sohnes ein Verkauf von »Rote Heide« unter keinen Umständen stattfinden dürfe. Es schien, sie habe den Sohn bis an die äußerste Grenze seiner Jünglingszeit unter den Einfluß und die Bevormundung des geliebten Mannes stellen wollen. Der einzige, der alle Einzelheiten hätte bestätigen oder richtigstellen können, war Dr. Berthold, und er schwieg nach seiner vorsichtigen Gewohnheit. Frau Antoinette Haldenwang meinte, daß die Hagensche Ehe weniger unruhig verlaufen wäre, wenn er, der Mann, sich fester in der Hand gehabt hätte. »Ja,« sagte Frau Marya Keßler und hob ihr Haupt voll Stolz sehr hoch, »die Männer! Sie haben immer Schuld. Kann man anders, als sie verachten!« Da streckte der Bürgermeister seine weiße, fleischige, schöngepflegte Hand gegen sie aus, die gespreizten Finger mit der rednerischen Geste der ablehnendsten Zweifel hin und her bewegend. »Die Frauen, die die Männer verachten, haben gewöhnlich einen von ihnen zu sehr geliebt«, sagte er. Alle lachten. Auch Frau Marya zwang sich dazu. Obschon ihr Gesicht nun glühte, was gewiß nicht vom Kaffee und der im Räume herrschenden, mit allerlei starken Düften erfüllten Hitze kam. Mandachs Äußerung erschreckte ihren Hochmut. Niemand, niemand sollte ahnen, daß sie sich seit Jahren nach dem Manne sehnte, dessen Lebensverhältnisse hier besprochen wurden. Schon als ihr eigener Gatte noch lebte, wäre sie ja wohl bereit gewesen, ihn und alles zu verlassen, um Hendrik Hagen Trost und Glück zu geben. Nur daß der beides nie bei ihr gesucht hatte ... Daß ihre Sehnsucht sämtlichen Leuten ihres Kreises aber so bekannt war, als habe sie im Wochenblatt gestanden, ahnte sie nicht. Indes hatte Mandach in diesem Augenblicke kaum daran gedacht. Er war auf eines seiner Themata gelenkt worden durch das Gespräch. Er erging sich gern in Aphorismen über Frauen. »Ja, überhaupt die Weiber!« fuhr er, zufrieden mit all seinen Erfahrungen, fort, »erst erwarten sie vom Manne alles mögliche, das nicht seiner Art entspricht, und wenn ihre Erwartungen dann enttäuscht werden, schreien sie Zeter über seine Herzensroheit.« Wenn Mandach bei seiner teuer und fröhlich erkauften Lebensweisheit ankam, war es, um der Illusion minder erfahrener Leute willen, immer an der Zeit, die Tafel aufzuheben. Und Haldenwang gab seiner Frau den entsprechenden kleinen Wink. Es war auch halb fünf geworden und man saß seit zwölf beisammen. Mandach sprach der Hausfrau seinen Dank und seine Anerkennung aus. Er beglückwünschte den alten Freund zu einer Gattin, die solches Menü machen, solche Köchin halten und solche Stimmung herstellen könne. Draußen auf der Straße sagte Frau Marya Keßler: »All das Lob, was Sie da an Antoinette adressierten, war ja Selbstberäucherung: das Menü haben Sie gemacht, die Stimmung kam von Ihnen.« »Bleibt immer noch die Köchin, meine gnädige Frau.« »Es war die Kochfrau Böteführ,« erklärte Marya Keßler lachend, »die alles, was sie kann, bei mir gelernt hat, denn sie war vor ihrer Heirat mit dem Lohndiener Böteführ mehrere Jahre in meinen Diensten.« »Erwecken Sie nicht in einem alten Junggesellen Vorstellungen, die ...«, er brach ab, lachte behaglich, rieb sich die weißen Hände und sah sich nach Berthold um, der mit dem Oberleutnant Müller nachkam. Der Major v. Lorenz bat schon um Erlaubnis, die gnädige Frau nach Haus bringen zu dürfen. »Berthold,« sagte der Bürgermeister, »gehst du mit? Ein kleiner Dauerlauf sollte uns jetzt bekommen, mein' ich.« Berthold nickte. Frau Marya Keßler meinte, daß sie die Herren hätte einladen wollen, bei ihr den Tee zu nehmen. Major v. Lorenz machte einige uralte Redensarten über den angebrochenen Nachmittag. Man stand auf dem grauen, trockenen Bürgerstieg im Sonnenschein des Septembernachmittags herum. Die jungen Linden an der Kante ließen gelbe Blätter herabflattern. In der Nähe spielten Kinder mit Murmeln. Das törichte Herumdebattieren nahm ein Ende, als einer der Murmeln sich weit verirrte und flink und rund Frau Marya gerade zwischen die Füße rollte. Das Kind, dem das dunkelgrüne Kügelchen gehörte, kam ihm nachgelaufen. Da trat Frau Marya einen Schritt zurück und hob zugleich ihren Kleiderrock sehr hoch auf. Es kam eine Fülle seidener, blaßrosa Volants von Spitzenrüschen besäumt zum Vorschein. Die Blicke des Majors verfingen sich in diesem eleganten Gewirr von zarten Farben und Gefältel, und zugleich tauchte eine vage Vorstellung von den Kosten eines solchen Kleidungsstückes in ihm auf. Er sagte, daß er gehorsamst um die Tasse Tee bitte, auch wenn der Herr Bürgermeister und Doktor Berthold ablehnten. In Frau Maryas Augen leuchtete es zufrieden auf; aber sie redete auch sofort dem Oberleutnant Müller zu, diesen Tee mit zu trinken; ihr schien, der Mann mache Miene, sich dem Bürgermeister anzuschließen. Und ein Tete-a-tete mit dem Major wollte sie nicht – noch nicht. So ging man in zwei Gruppen auseinander. Frau Marya mit ihren beiden Kavalieren zog in fürstlicher Haltung die Hauptstraße von Wachow entlang und tat, als wenn sie die neugierigen Gesichter hinter den Fenstern nicht sähe. Sie fühlte sich weit erhaben über all diese Kleinstädter, die nichts zu tun hatten, als die Taten und Mienen ihrer Mitbürger mit Worten nachzuleben. Doktor Berthold aber und der Bürgermeister Mandach gingen zum Tor hinaus. Dies war nur eine sinnbildliche Handlung, denn es gab da, wo die Straßen Wachows sich ins freie Feld zu erstrecken begannen, keinerlei gemütlich drohende alte Mauertürme mehr, und die Neuzeit hatte mit ihrem Radiergummi alle romantisch engen Linien weggewischt. Auch der bereiteste Wille konnte keinen Stimmungszauber entdecken in diesem langweiligen Nebeneinander von zwei oder drei Straßen, die ihrerseits durch gerade oder schräg laufende Gäßchen verbunden waren. Das ganze nüchterne Gebreite von Häusern, Ställen, Speichern scharte sich in länglicher Form um den Mittelpunkt, den die Kirche hergab. Denn sie hatte ja immerhin ihren Turm. Und Türme, auch wenn sie an und für sich unbedeutende und häßliche Bauten sind, haben doch kraft ihrer größeren Höhe immer Chance: sie ragen über ihre Umgebung fort. Dies war auch das einzige Verdienst der Wachower Kirche. Dieser gänzlich reizlose Ort, dem auch der aufopferungsvolle Verschönerungsverein auf keine Weise aufzuhelfen vermochte, lag aber in einer so anmutigen Gegend, als habe die Natur ein häßliches Wesen durch stattliche Mitgift doch begehrenswert machen wollen. Zunächst säumten die Chaussee rechts und links noch die norddeutschen Häuschen ein, in denen Tagelöhner, Gemüsegärtner, kleine Handwerker, unbewußt ihrer reichen Lebensumstände, zwischen Blumen und Büschen hausten und es gesünder und schöner hatten, wie manche Beamtenfamilie in der Großstadt. Mandach stellte Betrachtungen darüber an. Er ärgerte sich. Denn er sah seine eigene Waschfrau da sitzen. Und wie saß sie? Auf grünangestrichener Gartenbank, deren Sitz mit einem gepolsterten Kissen belegt war, im vollen Nachmittagssonnenschein, die Arme verschränkt, wohlig vor sich hindösend, im Rücken die rote Backsteinmauer des schmucken, eigenen, kleinen Hauses, vor sich ein Blumenbeet, darauf noch gelbe Ringelblumen und ein paar Stiefmütterchen um einen Rosenhochstamm blühten. In der anderen Bankecke saß ihr Mann, hatte die Pfeife im Mund, rekelte sich und las in einem bekannten sozialdemokratischen Hetzblatte. Ja, und dies war es, was Mandach empörte. Er dachte an die Fabrikarbeiter in Berlin oder Hamburg, fünf Treppen hoch auf dem Hof. Und er sagte: »Wenn man das hat und so sitzt, wie die Frau und der Mann, abonniert man nicht auf so 'n Blatt.« Er beschloß, dieser Frau, der er von nun an eine blöde und undankbare Gemütsart zusprechen mußte, seine Wäsche zu entziehen. Nachdem auch diese Häuschen aufhörten, wurde es wirklich ein hübscher Weg. Rechts lagerte sich eine Wiesenlandschaft hin, von Buschgruppen und einzelnen alten Baumriesen sehr dekorativ unterbrochen. Links trat bald der Wald an die Chaussee, ein voller, tiefer, majestätischer Wald. Er gehörte schon zu »Rote Heide«. Erst stand er wie eine unübersehbare Armee hoher, dunkler Tannen da, und der Blick, der sich hineinbohrte in die Baumscharen, fand sich bald gehemmt wie durch eine Mauer von rotbraunem Holz. So dicht verschränkten sich die Stämme vor- und hintereinander unter dem schwermütigen, düstern Grün der Nadelwipfel. Dann kam ein Schlag Buchen und Eichen. Das protzte heute in goldrotem Farbengefunkel, und die mächtigen Äste breiteten sich, als seien sie sich ihrer Schönheit und ihres Wertes bewußt. Der Herbstwald prahlte und lachte und war wichtig und kreischend bunt. Auch auf dem Samtteppich der noch grünen Wiesen an der anderen Seite standen die Büsche als goldene Prunkstücke und die Eichen wie Schmuckkunstwerke aus rötlicher Bronze. »Dies ist beinah eine Modellandschaft: der Herbst wie er sein soll«, sagte Berthold; »wie das wohltut, wenn einmal die Natur so in vollen Akkorden ihr Stückchen aufspielt.« »Und ist doch bloß ein Herbstlied.« »Warum den melancholischen Tonfall?« »Ach, Berthold. Das fragst du noch? Ich sag dir, die herbste, verschlammteste Frühlingslandschaft ist den meisten Menschen lieber. Warum? Weil Verheißung drin ist. Morgen könnte ja ein Veilchen blühen. Der bloße Gedanke, daß es könnte, hat was so Berauschendes für die Seelen, daß sie sich suggerieren, der Frühling sei schön. Und ist doch bloß ein dürftiges, klammes, unreifes Pläsier«, sagte Mandach. »Das sagst du so beziehungsvoll«, meinte Berthold mit einer Frage im Ton. »Was heißt beziehungsvoll! Es ist die Erkenntnis eines Mannes, der alt wird.« »Nu nu – alt?!« »Dja, was willst du denn: ich werd' fünfundvierzig.« Das hatte Berthold nicht gedacht. »Haldenwang und Hagen sind doch deine Altersgenossen?« fragte er. »Hendrik Hagen – ja. Haldenwang ist wohl zwei Jahre jünger.« »Was mich betrifft: ich ziehe den Herbst vor.« »Dja. Berthold, du bist auch 'n feiner, kultivierter Kerl. Aber so der brutale Durchschnitt ... na und ehrlich: legst du nicht selbst mehr Gewicht drauf, wenn ein hübsches Mädel sich nach dir umguckt, als wenn eine schöne, kluge, aber schon herbstliche Frau dir das Herz schenkt? Und die Weiberchen? Ist ihnen ein hübscher Laffe, der elegant tanzt, nicht allemal begehrenswerter als unsereiner?« »Das ist ja nun 'n Tragödienstoff, an den du da rührst«, sagte Berthold. »Um Gotteswillen, ja – also rücken wir ab von dem Stoff. Jedes trübselige Gespräch, ja, ein bloßer pessimistischer Gedanke ist nach einem guten und ausdauernden Frühstück unbekömmlich.« »Wollen wir einbiegen?« fragte Berthold und zeigte auf den Weg, der gerade zur Linken in die Prunkhallen des gelbrot überdachten und mit Goldgesprenkel durchwirkten Waldes hineinführte. Mandach nickte. »Beinah hätt ich Lust, nach ›Rote Heide‹ zu gehen; was meinst du?« »Finde, wir können nicht gut, nachdem Hagen abgesagt hat, weil er nicht gestimmt sei ...« »Das scheint uns gerade zu verpflichten, 'mal nach ihm zu sehen.« »Ich weiß nicht recht.« Vorerst in gutem Gleichklang des Schrittes wanderten sie dem Weg nach, den Herbstlaub besäte. Aber es war noch nicht trocken und raschelte noch nicht um die Füße. Als weicher Teppich nahm es vielmehr jedem Tritte den dumpfen Widerhall. Und in der festlichen Stille des Waldes klangen die redenden Männerstimmen sonor. »Erzähl mir doch, was du ohne Indiskretion kannst, von den Schicksalen Hagens. Das alles war so lang vor meiner Zeit und jedermann nimmt es, als sei's frisch, sei die Begebenheit von heute.« »Ist es auch. Du weißt doch: es gibt Lebensläufe, in die das Schicksal so 'was hineinwebt, wie 'n fortlaufenden schwarzen Faden.« »Liegt meist nicht am Schicksal, liegt am, resp. im Menschen«, stellte Mandach fest. »Kann wohl sein. Ich bin nicht indiskret, wenn ich erzähle, was ich weiß. Wenn Hagen selbst sich noch nicht zu dir aussprach, hat es nur an der zufälligen Gelegenheit gefehlt.« »Wie war die Frau? Im Intimen mein' ich.« »Ich sagt' es schon: eine mütterliche Seele. Und zu wahr und zu eindringlich in der Liebe. Keine rechte Gefühlsökonomie,« sagte Berthold, »und solche Frauen haben es schwer.« »Sie machen es aber auch denen schwer, die sie lieben, das kannst du glauben«, versicherte der Bürgermeister eifrig; »aber nu 'mal los. Du kannst ja erzählen. Reden und Vortragen ist dein Metier. Privatim übst du's so rar, daß ich nun 'was Ungewöhnliches erwarte.« Berthold lächelte. »Erwarte nichts. Es gilt hier weder eine Unschuld vor dem Richter zu beweisen, noch die Psychologie eines Totschlags klarzulegen. Epik liegt mir nicht. Du kanntest Nadine Hagen?« »Mensch – ich bin auf der Hochzeit gewesen! Da war diese Nadine ja schon dreiunddreißig und ihr Bengel ja wohl fünfzehn. Schön war die Frau! Donnerwetter. Man konnte ihn wohl verstehen. Und hingegeben war sie an ihn! Das sah man! Warum hätt' sie's auch sonst tun sollen. Der Junge gefiel mir nicht übel. Ein hübscher Bursche von fünfzehn damals. Man merkte auch nichts von Konflikten den Tag. Das will aber nichts sagen. An so 'n Tag ist Hochflut. Auch von Vorsätzen und Glauben an allerhand Möglichkeiten. Gott, wenn ich denke, das ist nun zehn Jahre her. Und tot und hin, schon seit vier Jahren ... War sie denn so zart? Das sah man ihr nicht an auf der Hochzeit.« »Zart? Ich weiß nicht. Seelisch aufgerieben hatte sie sich. Alle Kräfte verbraucht in den täglichen Leiden eines überfeinen Herzens. Da ist dann kein Widerstand, wenn 'was Körperliches kommt. Es war ja bloß 'ne Lungenentzündung. Und sie wendete sich schon zum Guten. Aber für eine Rekonvaleszenz und ein echtes starkes Aufblühen reichte Mut und Wille nicht aus. Kann sein, daß sie manchmal gedacht hat, es sei am besten, sie gehe. Tod ist 'was Starkes. Er überredet oft besser als das Leben. Ich weiß, daß Nadine dachte: Die Trauer um mich wird die vereinen, die sich aus Eifersucht auf mich nicht finden konnten. Na und in dieser fixen Idee, die ja auch in ihrem Testament zum Ausdruck kam, ist sie dann so sachte hingelöscht.« Der Bürgermeister schüttelte mißbilligend den Kopf. »Frauen lieben immer zuviel oder zuwenig,« sagte er, »das ist das ganze Geheimnis aller Eheleiden und aller Herzensgeschichten mit bösem Ausgang.« »Du fängst an zu laufen«, mahnte Berthold. Denn der Bürgermeister in der temperamentvollen Energie seines Wesens vergaß sich immer beim Spazierengehen und verfiel rasch in ein immer schnelleres Tempo. Und nun erzählte Berthold, unwillkürlich sehr langsam gehend und oft stehen bleibend. »Ich kam, einige Wochen nachdem Hagens geheiratet hatten, als Rechtsanwalt hierher. Ich war jung, Anfänger und suchte, wie man in solcher Lebensepoche tut, vor allen Dingen gesellschaftliche Beziehungen anzuknüpfen. Ich machte auf den umliegenden Gütern Besuche und natürlich auch auf Rote Heide. Man sah dort in den ersten beiden Jahren viel Gäste bei sich. Auch ich wurde sehr freundlich aufgenommen. Beiden Gatten muß ich gutes Zutrauen eingeflößt haben, denn bei der ersten Gelegenheit wurde ich ihr Rechtsbeistand. Es handelte sich damals um einen Prozeß mit der Stadt Wachow und um die Ablösung einer alten Gerechtsame. Die Sache ging gut für Hagens aus, und vielleicht um dieses glücklichen Debüts willen, vielleicht weil wir uns mehr und mehr in Freundlichkeit fanden, bin ich ihr Sachwalter geblieben bis auf den heutigen Tag.« »Dann versteh' ich aber nicht, wenn du so standest, daß du der Frau nicht sagtest, ihr Testament sei Unsinn«, sagte der Bürgermeister. »Nimmt man einer Sterbenden die Hoffnung, die ihr den Tod süß macht?« fragte Berthold ernst. »Kinder, Kinder, was für Sachen!« klagte der andere. Es gab eben zuviel Torheit in der Welt und es war ein unnötiges Bemühen, sie vernünftig machen zu wollen. Er für seinen Teil sah bloß noch zu. Das kostete schließlich noch am wenigsten Nervenkraft. »Den ersten beiden Jahren, die für oberflächliche Beobachter wohl ausgesehen haben können, als sei ein Glanz von Glück auf ihnen gelegen, folgten dann stille Zeiten. Es hieß, Hendrik Hagen schaffe nach längerer Pause wieder an einem größeren Werk und bedürfe der Sammlung. Das Ehepaar reiste auch. Dann reiste er allein, blieb aber nie lange fort. Oder sie ging in ein Bad, vollendete aber nie die Kur. Ich sah es wohl: sie flohen sich, weil die Spannung zwischen ihnen unerträglich war. Aber fern voneinander ward ihnen die Sehnsucht noch unerträglicher. Die Frau zumal wollte offenbar lieber in seiner Nähe leiden als fern von ihm in öder Ruhe hinleben.« »Frauenart!« schaltete Mandach bestätigend ein. »Und nun endlich kam jene schwere Erkrankung. Ich wurde gerufen, weil Nadine Hagen ihr Testament machen wolle. Es war ein scharfer Winternachmittag als ich mit dem Notar Zufuß hinausfuhr. Um den Schlitten pfiff der Nordost und das nadelspitze Schneetreiben stach uns die Gesichtshaut, bis sie stramm war. Unsere Pelzmützen waren wie mit Salz bestreut. Es sah aus, als ob sogar der Wald fröre, so kahl standen die Stämme hier an diesem selben Weg. Als wir in Rote Heide ankamen, hieß es warten, denn die Frau habe gerade einen großen Schwächeanfall. Man setzte den Notar Zufuß und mich vor einen mit gastlicher Üppigkeit hergerichteten Vespertisch. Zufuß, der hier nur sein Geschäft hatte, genoß die Erwärmung mit allen Nuancen und fand Behagen an Ofen, Tee, Kognak, Gänseleberbrötchen. Gott, jede Kleinigkeit von dem Nachmittag ist mir unvergeßlich! Ich hatte aber zuviel Unruhe und Teilnahme in mir und lief auf und ab in dem Eßzimmer, von dessen braungetäfeltem Plafond die Lampe herabhing und so friedlich auf den schmausenden Zufuß herabschien, als schliche im Haus keine Tragik herum.« »Weiter«, befahl der Bürgermeister, denn die Pause, die Berthold jetzt machte, war ihm zu lang. Er war immer für das unaufhaltsame Vorwärtsschreiten der Ereignisse, im Leben wie in der Erzählung. »Hagen selbst ersparte mir das tote Warten. Er ließ mich bitten hinaufzukommen. Ich fand ihn in einem Raum, den ich sie manchmal »unser Zimmer« hatte nennen hören, womit es von ihrem und seinem und den Gesellschaftsräumen zärtlich unterschieden werden sollte. Er lag neben ihrem Schlafzimmer, und es mußte den Eindruck machen, als ob hier zwei sehr erfahrene, sehr ästhetische, sehr verliebte Menschen alles herbeigetragen hatten, ihrem innigen Beisammensein einen rechten Rahmen zu geben. Es war so ganz, was man ein »Nest« nennt, ein Dichter und eine liebende Frau hatten es geschaffen, Kunst und Luxus ihnen dazu die Mittel gegeben. Und schließlich mag dieser Raum wohl mehr Tränen, beschwörende Gespräche und dumpfes Hinbrüten gesehen haben, als lachende Küsse. An jenem Abend, in der raffiniert abgestimmten Beleuchtung, die den Raum warm füllte, berührte es mich nun sehr eigen, Hagen gerade da zu finden. Du weißt, er ist eine ungewöhnliche Erscheinung, in Wahrheit auch für Männergeschmack ein stattlicher Mann. Und all diese gleißenden, goldgestickten Stoffe, diese breiten Ruhelager, der ganze phantastische, reiche Prunk des Raumes hatte mir plötzlich etwas Krankes. Hagen drückte mir die Hand. Es war etwas hilflos Verlegenes an ihm. Wie bei einem Menschen, der seiner selbst nicht sicher ist, ob er die von ihm erwarteten Mienen zeigt, ob sie genau so, wie er sie zeigen kann, schicklich sind. Ich habe das oft bei den Familienmitgliedern von Sterbenden beobachtet. Es ist gerade, als ob wir nicht bei unserer Erziehung darauf hingewiesen sind: so und so habt ihr aufzutreten, wenn ihr dem Tod begegnet.« »Nicht allgemein werden«, ermahnte Mandach, der schon wieder anfing, im Eifer des Zuhörens und Nachempfindens, in ein rasches Marschtempo zu fallen. Berthold packte ihn einfach am Arm, um ihn zu zügeln, und fuhr fort: »Hagen sagte mir, seine Frau habe eine Ohnmacht gehabt, der Sanitätsrat Heimgarten sei noch drinnen. Aber wir wollten nun hineingehen, sehen wie es stehe, und ich möge anordnen, was am Bett der Frau herzurichten sei, Tische, Lichter und so weiter, um nach Vorschrift das Diktat ihres Willens entgegenzunehmen. Er sprach es auch aus, daß er diesen Akt für unnötig halte und hoffe, sie werde leben. Daß er überhaupt dagegen sei, die Testamentsidee als eine quälende empfinde und von mir erwarte, ich werde sie der Frau ausreden. Ich sagte ihm, daß ich dazu kein Recht habe; denn wenn er so denke, habe er verhindern müssen, daß ich überhaupt berufen worden sei. Es habe sich nicht verhindern lassen, ihr Wunsch danach sei zu erregt gewesen, Heimgarten habe befohlen, zu willfahren. Dies alles waren Reden, wie sie in solchen Lagen oft gesagt werden. In den Angehörigen mischt sich meist so wunderlich in den Schmerz und die hohe nervöse Aufregung die Spannung auf das, was der Sterbende denn eigentlich als letzten Willen kundgeben wird.« »Wieder 'ne Sentenz«, bemerkte der Bürgermeister kritisch. Denn da er selbst gern welche sprach, liebte er es von anderen nicht. Berthold lächelte in sich hinein. »Also wir traten in das Krankenzimmer. Es war nicht sehr dunkel. Die Leidende liebte das Licht. Sie lag steil gestreckt und lang auf ihren weißen Kissen. Das dunkle Haar bauschte sich um ihre schmale, weiße Stirn. Die dünnen Hände waren auf den blauen Seidendecken wie zwei Gipsabgüsse, so weiß und schwer und starr. Sie sah alt aus, scharf waren die Züge geworden, und der Mann an ihrem Bett, der sich über sie beugte, schien dagegen die stolze, blühende Kraft. Irgendwo im Hintergrund flüsterte der alte Heimgarten mit einer Gestalt, die, mager und knochig, mit einem schwarzen Gewand, einer weißen Schürze und einer weißen Haube ausstaffiert war und feierlich wirkte, wie Stille und Dulden und Sterben. Der schöne, blühende Mann hing mit seiner ganzen Seele an der hinschwindenden Frau. Das sah man. Ich sah den zärtlichen, angstvollen, beschwörenden Blick, den er auf diese geschlossenen Lider heftete. Es war, als wolle er all sein gesundes Leben in sie hinüberwirken lassen. Er liebte sie unaussprechlich. Ich verstand nun seine unfrei verlegene Haltung und seine etwas konventionellen Reden von vorhin. Er fürchtete sich davor, unmännliche Angst zu zeigen, zu jammern – das machte ihn steif und unnatürlich. Die Gewalt seines Blickes traf ihre hindämmernde Seele. Die Lider zuckten. Sie hoben sich. Das ganze Wesen des Mannes war heiße Liebeswerbung. Er lechzte nach dem Blick, dem Wort, das ihm den Inhalt ihrer Gedanken, die doch die Gedanken einer Sterbenden waren, offenbare. Ihre Lippen bewegten sich. Und sie brachten ein Wort hervor – einen Namen ... sie flüsterten ›Andree‹ und das mühsame Auge ging suchend umher.« Berthold machte wieder eine Pause, von der beklemmenden Erinnerung bedrängt. Und auch sein Wandergefährte schwieg. Sie standen beide still. »In diesen Augenblick, in diesen furchtbaren Augenblick drängte sich noch einmal die ganze Tragik ihres Lebens zusammen. Dem Manne flackerte ein rasches, heißes Rot über das Gesicht. Er, der zärtlich, wartend, lauschend über die Schwache geneigt gestanden, erhob sich mit schroffer Gebärde. Jede Miene an ihm, jede Linie war Bitterkeit. Stell' dir das vor: seine ganze Seele hatte in heißer Begierde gezittert, noch einen, vielleicht den letzten Liebesblick, das letzte süße Wort zu empfangen. Und ihm schlägt ein anderer Name ins Gesicht – der des Sohnes. – Vielleicht der des Sohnes! Wenn es nicht der des ersten Gatten war, ... denn der junge Andree ist nach seinem Vater genannt ...« Ein helles Pferdewiehern klang noch von fern, aber doch deutlich erkennbar auf und rollte in runden, glucksenden Schallwellen zwischen den Stämmen hin. Der Bürgermeister horchte flüchtig auf. »Und dann?« fragte er, »dann ...« »Mir kam es so vor, als habe die Frau das Wort, das ihr Mund vielleicht unbewußt sprach, erst recht begriffen, als ihr eigenes Ohr es vernahm. Über das kalkweiße Gesicht huschte eine beängstigende Röte. Die Lider öffneten sich weit. Der Blick war ganz Angst. Und ihrer Angst trotzte die Schwache noch ein zärtliches Lächeln ab und sie sagte ›mein Hendrik‹. Es war furchtbar anzusehen: zu kraftlos schon zum Leben, fand sie doch noch so viel Kraft, ihren Herzenskampf fortzufechten – und in den Waffen richtete sie sich auch noch einmal auf, gab ihren letzten Willen kund und so, mit ihnen ganz und gar umpanzert, ist sie auch hingegangen. Ich glaube, ihr letztes klares Denken war, Mann und Sohn mit der sorgsam abgemessenen Gebärde gleicher Liebe die Hände hinzustrecken.« »Hör' mal, da kommt was,« sagte der Bürgermeister, denn zum zweitenmal und näher klang das Prusten eines Pferdes, »darf man denn im Rote Heider Wald spazieren fahren?« »Eigentlich nicht. Vielleicht ist er's selbst«, meinte Berthold. Voraus machte der Weg eine Biegung. Gleich einem Tunnel von runder Wölbung zwischen den grauen Stämmen und den dichten Mauern des goldrot belaubten Unterholzes bohrte er sich in den Wald und wandte sich nach rechts. Und dort erschienen nun zwei nickende braune Pferdeköpfe und Pferdebeine mit schweren dunklen Hufen daran, die mit widerwilliger Langsamkeit Schritt um Schritt den Boden stampften. Die beiden Männer traten zurück, denn der Weg war gerade wie abgemessen für die Breite eines Wagens. Sie nahmen zwischen zwei Hainbuchenbüschen Aufstellung, deren Gezweig ihnen über das Gesicht wischte und an den Kopf stieß, was der Bürgermeister aber nicht ohne Gegenwehr hinnahm. Darüber sah er nicht gleich, daß dem Wagen ein Reiter folgte, daß der Wagen ein veritabler, wenn auch etwas schwerfälliger Landauer war und daß zwei Damen darin saßen. Berthold erkannte gleich den Wagen sowohl als auch die ältere Dame dann. Das junge Geschöpf neben dieser wußte er aber nicht hinzubringen. »Es ist die alte Frau von Benrath«, sagte er leise – denn er dachte im Moment nicht daran, daß der Bürgermeister sie schon kannte. Daß der Reiter Hendrik Hagen war, brauchte er seinem Freunde Mandach natürlich nicht zu erzählen. Der Bürgermeister war plötzlich ganz Auge. Er sah nicht die alte Dame, die, sehr groß und sehr mager, wichtig und vornehm in ihrer Wagenecke saß. Sie hatte ein merkwürdig kleines Köpfchen auf langem Hals, der unterm Kinn von welken Falten kraus war wie der einer Puterhenne. Aus dem nervösen kleinen Gesicht, dessen zarte Züge von allerfeinsten Runzeln wie plissiert waren, plierten halbgeschlossene Augen; man konnte nicht gleich erkennen, ob das Kurzsichtigkeit war oder komische Vornehmheit oder vielleicht eine Kopfwehangewohnheit. Die alte Dame trug einen Kapotthut. Es war ein kleiner, schwankender Aufbau von Reiherstutzen, Pailletten an einem Drahtbüschel und saß als humoristische Krönung auf der langen, dünnen Gestalt mit dem kleinen Kopf. Nein, das alles sah der Bürgermeister nicht. Er gönnte auch Hendrik Hagen keinen Blick. Der saß in seiner imposanten Wohlgestalt, die immer noch fast jugendliche Schlankheit bewahrte, sehr gut zu Pferde. Und das knappe graue Beinkleid, der gutsitzende Rock verbargen nichts von den vorteilhaften Linien seiner Erscheinung. Hendrik Hagen war dunkelblond gewesen, in seinen Spitzbart und in sein Haar hatten sich aber schon so viel Silberfäden gemischt, daß ein äußerst kleidsames Grau entstanden war, dunkelsilbrigschimmernd wie Chinchillafell. Das lebhafte Auge in dem männlich regelmäßigen Gesicht beschäftigte gleich jeden, der seinem Blick begegnete. Es verriet ein immer bewegliches Innenleben. Nein, der Bürgermeister sah sich keine Männer an; fremde Männer interessierten ihn nicht, und bei denen, die er kannte, war es ihm egal, ob sie sich gerade vorteilhaft oder weniger günstig präsentierten. Er hatte aber einen sicheren und raschen Blick für Frauen – in aller Objektivität versteht sich, denn er konkurrierte nicht mehr, nie und unter keinen Umständen. Und da saß neben der steilen alten Dame ein prachtvolles Wesen. Mandach taxierte diese junge Dame auf achtzehn Jahre. Konnte auch zwanzig sein. »Sie hat den feinen, weißen, schimmernden Hautton, wie man ihn wohl bei den Amerikanerinnen findet und der von Gesundheit und vollkommener Körperpflege viel verrät«, dachte er. Die rostbraunen Haare fielen auf. Alles fiel auf. Die blauen Augen unter den dunklen, schön gebogenen Brauen, die gerade Nase, der rote, wunderschön gezeichnete Mund. »Eine Schönheit, eine veritable Schönheit,« dachte der Bürgermeister, »wie kommt der Glanz in unsere Hütten, respektive auf unsere Kuhweiden?« Nun war der Wagen gerade vor ihnen. Berthold und der Bürgermeister grüßten die ihnen wohlbekannte alte Dame. Und jetzt sah auch Hagen die Freunde. Warum er errötete – er, der fünfundvierzigjährige Hendrik Hagen, ein Mann, der gewohnt war, der Öffentlichkeit sein Innerstes preiszugeben und der demnach gegen alles Erröten abgehärtet sein sollte –, das mochten die Götter wissen. Bürgermeister Mandach dachte aber immerhin: »Ei – ei.« Hendrik Hagen hielt sein Pferd an, das die langsame Gangart hinter dem Wagen schon voll nervösen Unwillens ertragen und nun rebellierte und der festen Faust seines Reiters zu schaffen machte. »Auf dem Wege zu mir?« fragte er. »Auf deinem Wege, aber nicht auf dem Wege zu dir«, scherzte der Bürgermeister; »wir verlaufen die Freuden meines Geburtstags.« »Gratuliere noch! Aber geht doch nach Rote Heide. Ich bitte Sie, Herr Doktor. Feiern wir bei mir ein wenig nach. Ich hole euch noch bequem wieder ein. Ich geleite nur Frau v. Benrath und das gnädige Fräulein bis an die Grenze von Iserndorf und galoppiere zurück. Abgemacht?« »Abgemacht!« sagte der Bürgermeister, »grad' spür' ich den Nachdurst. Es war alles vorzüglich bei Fritz. Schade, daß du fehltest – aber davon nachher ...« Hagen nickte und grüßte und ritt dem Wagen nach, der indes langsam und ein wenig wiegend weitergerollt war. Man sah über die Lederfalten des herabgeschlagenen Wagendachs von hinten noch das kleine getürmte Kapotthütchen mit den zitternden, ragenden Zierraten und tiefer neben ihm einen großen, kühnen, dunkelblauen Hut, den blasse Blumen unter und über seinem breiten, vielfach gebogenen Rand zierten. Nun traten die Formen des Reiters und seines Tieres zwischen das Bild und die Blicke der nachschauenden Männer. »Was sagst du?« fragte der Bürgermeister den Advokaten. »Nichts«, antwortete Doktor Berthold gleichmütig. »Du bist ein Mensch ohne Vorgefühle«, sagte der Bürgermeister unwillig. »Was soll ich wohl für Vorgefühle haben, wenn ich sehe, daß Hendrik Hagen seine Gutsnachbarin eine Wegsstrecke geleitet.« »Er errötete!« sagte Mandach stark. »So–o.« Berthold zuckte nur die Achseln. Mandach nahm ihn am Arm. »Komm,« ermahnte er, »laß uns ausschreiten. Sonst holt Hagen uns noch ein, ehe du mir die Geschichte fertig erzählt hast. Ich sag' dir, sie geht mir an die Nieren. Donnerwetter, was müssen sich die Menschen gequält haben!« »Die Geschichte war ja fertig erzählt«, meinte Berthold. »Du hast nichts von dem Sohne gesagt. Wo war der Sohn denn?« »Er hielt sich zu jener Zeit an einer landwirtschaftlichen Hochschule auf – weiß nicht mehr, Berlin, Hannover oder wo's noch war. Man hatte ihn berufen, weil das Ende seiner Mutter bevorzustehen schien. Er war noch nicht da, er wurde stündlich erwartet.« »Na, aber dann ... was war denn natürlicher, als daß die erwachende Frau nach ihm rief. Eine Mutter! Gott, wenn ich an meine alte Mutter denke! Ich war auch ihr letzter Gedanke ...« Und dem starken, großen Manne klang ein bißchen Weichheit durch die enorme Stimme. »Hast du schon mal gesehen, daß einem Eifersüchtigen etwas natürlich erscheint, was nur von fern in das Gebiet seiner fixen Idee hineinspielt?« fragte Berthold. »Und ich sagte dir ja: er bildete sich ein, die Frau habe vielleicht an ihren ersten Gatten gedacht. Er stöhnte das nachher heraus vor mir. Es waren ja nicht die Stunden, in denen er vor mir noch hätte 'was verstecken mögen. Das war's ja überhaupt: er hing der Vorstellung nach, daß die Frau in dem Sohn immer noch den ersten Mann mitliebe. Der junge Andree gleicht seinem Vater in ungewöhnlicher Weise. Er ist einfach eine Wiederholung. Äußerlich. Ich habe Herrn v. Marschner nicht gekannt. Das Äußerliche bezeugen aber die Bilder.« Nun erlosch der Goldglanz, der durch den prahlerisch bunten Wald hingespielt hatte, und auf einmal war die ganze vergnügliche Farbenorgie nichts mehr wie ein welker Totenschmuck auf dem Sarge des Sommers. Die feierliche Glücksstille, in die die Schönheit getaucht gewesen war, verwandelte sich zu einem ernsten, fast drohenden Schweigen. In der Tiefe, zwischen den Stämmen und dem braunfahlen Buschwerk entstanden seltsame lila Nebel, fein und dünn, als Vorboten der langen, kraftlosen Dämmerung des Nordens. »Die Tage und die Menschen bei uns werden langsam alt«, sagte Berthold gedankenvoll. »Soll man das grausam oder milde finden?« fragte der Bürgermeister und beantwortete es gleich selbst. »Kommt wohl auf Umstände an. Wenn einem noch ein bißchen Nachglanz zuteil wird, mag man's milde empfinden. Wenn nicht, fühlt man wohl zu sehr mit frischem Herzen den Tod der Jugend. Weiß der Deubel, Doktor – seit heut früh, seit mir Fräulein Ponürlich den Kuchen neben die bekränzte Tasse gesetzt hat, komme ich aus den Betrachtungen nich 'raus. Pharus am Meere des Lebens.« Seine Haushälterin, die auch alle gröberen Arbeiten des kleinen Junggesellenheims besorgte und ganz Hingebung für den Bürgermeister war, hieß eigentlich ungemein kleinbürgerlich Minchen Käselau. Aber sie nannte alles, was zierlich, sauber, niedlich war, mit süßer Betonung »ponürlich« und hatte deshalb schon in der ersten Woche ihrer Wirksamkeit den Beinamen von ihrem Herrn bekommen, den sie mit seligem Lächeln, gleich einer zärtlichen Schmeichelei, anhörte. »Man hat so seine Tage«, gab der Doktor zu. »Ich ende noch damit, daß ich Aphorismen herausgebe.« »Na, es würden schon lesbare und nachdenkbare dabei sein.« »Sind auch teuer erkauft... Aber da hätten wir ja das Château ...« Im Abendglanz breitete sich nun, da sie aus dem Walde traten, eine ruhevolle und stolze Landschaft vor ihnen aus. Es war Flachland, und der weite, weite Himmel, der sich über dieses hinspannte, schimmerte in verblassenden Farben, die noch einen letzten Ton von Blau bewahrten, aber wie mit einem metallischen, zarten Grau durchwebt waren – eine unbestimmbare Färbung von schwebender Leichtigkeit. Und hart über dem Horizont, in einer Lücke zwischen Parkbäumen, schwamm ein ungeheures Etwas, formlos, fließend und doch noch erkennbar als das gewaltige Rund der Sonne, das gerade auseinandergehen zu wollen schien. Die Bäume, die diesen Blick auf den schwimmenden Glutball freigaben, rahmten das Stück Himmel mit schwarzen Silhouetten ein. So stand, wie mit einer Schere ausgeschnitten, das Bild des Parkes da. Und wo seine bizarre Zackenlinie, die zu hohen alten Gipfeln stieg und zu niederen Gebüschstreifen sank, wo sie abschloß, erhob sich ein Bau von guten, ruhigen Formen. Er paßte in das Flachland. Es war ein Herrenhaus mit Giebeln und Erkern, weiß, mit schimmernd rotbraunem Ziegeldach, warm und zutraulich. Dieser Park, der als schwarzer Ausschnitt nun vor dem Horizont stand, und dieses friedlich vornehme Haus sahen mit ihrer Front gen Osten. Und da schob sich das Meer hinein in die Küste, in einer breiten, sanft geschwungenen, leisen Bucht. Nur ein von kleinen Dünen durchbuckelter Strand, nur ein Streifen Gelände, mit karger Rasennarbe fast bedeckt, trennte die Einfriedigung des Parks und des vor dem Haus sich hinziehenden Gartens von der blauschwarzen Flut. Über sie hinweg schweifte der Blick ins Grenzenlose. »Ja,« sagte der Bürgermeister neidlos aber doch ein wenig melancholisch, »wer solchen Besitz sein eigen nennt...« »Und wer ihn mit jemandem teilen muß, den er vielleicht haßt...« setzte Berthold hinzu. »Haß ... veritabler Haß zwischen ihnen?« »Ich weiß nicht. Es ist wohl sehr verworren. Vielleicht wissen sie es selbst nicht.« Sie hörten den dumpfen Ton herangaloppierender Hufschläge aus der Erde widerhallen und wandten sich voll Erwartung. Da war auch schon Hendrik Hagen. Er sprang ab, nahm sein Pferd am Zügel und ging mit den beiden Männern, die sich nun links dem Herrenhaus zuwandten, langsam weiter. »Niemals ist mir ein Mensch willkommener gewesen als Sie heut, Berthold. Ich habe Wichtiges mit Ihnen zu sprechen.« »Stör' ich?« »Du sollst mitreden. In manchen Dingen bist du klüger als Berthold und ich«, sagte Hendrik Hagen. »Klüger? In der Theorie. In Praxis geht der alte törichte Adam ja doch immer mit einem durch. Na – aber Theorie, das ist ja justament das, was man immer für andere Leute parat hat.« »Was Besonderes?« fragte Berthold eigentlich zerstreut aus seinen Gedanken heraus. Denn er war ganz vertieft in die Vorstellung, daß dieses Heim, das dalag wie ein stolzer Sitz beschaulichen Friedens, seit einem Jahrzehnt der Schauplatz quälendster Seelenkämpfe gewesen war. »Mein Stiefsohn kommt zurück«, sagte Hendrik Hagen. Und nun schwiegen sie alle drei. Denn dies Wort war gewesen, wie eine schwere, bleierne Hand, die sich auf die Lippen legt. II. Der zerfließende in Kupferglut flammende rote Riesenfleck war vom Horizont nun ganz verschluckt worden und der Vorgarten des Rote Heider Herrenhauses lag licht- und schattenlos in seiner gefälligen Anordnung da. Sie lehnte sich ein wenig an den Rokokogeschmack an, und wenn auch die geschorenen Hecken fehlten, so waren doch die langen und runden Blumenbeete voll Symmetrie um den Mittelpunkt eines Springbrunnens geordnet. Es rieselte freilich zur Zeit kein Wasser aus den Mäulern der Fische, die einige Putten an Felsstücke hinanzuschleppen schienen, und die dunkelgrüne Bronzegruppe in ihrem hohen Aufbau ragte stumpf und trocken aus der stillen Wasserfläche, die eine kreisrunde Sandsteineinfassung umschloß. Auf all den Beeten, die von schmalen Buchskanten gegen die kiesbestreuten Wege abgegrenzt wurden, sah man noch bunte Farbenflecke, dünn gesät, oder dicht gedrängt, je nachdem die Blumen ihr letztes Blühen gegen das Heranschleichen des Herbstes zu verteidigen vermochten. In der Front des Hauses, dem Blumengarten zugewandt, sprang eine große Terrasse vor, von einer Sandsteinbalustrade abgeschlossen und durch keinerlei Treppenstufen mit dem Garten verbunden. Der Eingang in das Haus befand sich seitlich, in einem architektonisch besonders kenntlich gemachten kleinen Vorbau. Hier warteten der Bürgermeister und Doktor Berthold auf Hagen, der sich wieder von ihnen getrennt hatte, um sein Pferd hinten herum auf den Wirtschaftshof zu führen. Sie brauchten nicht viel zu warten. Hagen bog schon bald vom Park her in das Haus. Er war plötzlich gesprächig, fast ein wenig aufgeregt. Die Freunde sollten es sich nur gemütlich machen und ihn noch einmal fünf Minuten entschuldigen. Er wolle sein Reitdreß abtun. Er habe gerade ausreiten wollen, weil ihm das Verlangen nach starker, ja nach toller körperlicher Bewegung förmlich in allen Nerven gebrannt habe. Da sei, als er schon sozusagen den Fuß im Steigbügel hatte, Frau v. Benrath angefahren gekommen. Berthold und der Bürgermeister wüßten doch: Pastor Maurer predige einen Sonntag nachmittag in der Kapelle von Iserndorf und den anderen in der von Rote Heide und Frau v. Benrath besuche nicht mehr Maurers Gottesdienst in Breithagen selbst, wo Iserndorf und Rote Heide eingepfarrt seien. Sie könne und könne sich nun einmal mit der Baronin Wulkow-Breithagen nicht sehen, und in der Kirche von Breithagen übertrumpfe eine Dame die andere immer so sehr mit zornig-stolzen Blicken, daß Maurer selbst sich schon dadurch gestört gefühlt habe und seiner alten Freundin v. Benrath darauf anempfahl, sich doch nicht länger den friedlichen Verkehr mit dem lieben Gott so pikant durch den unfriedlichen mit der Baronin Wulkow zu würzen. Und nun wolle Frau v. Benrath einen um den anderen Sonntagnachmittag nach Rote Heide kommen und habe es für schicklich gefunden, gleich heute nach der Predigt bei ihm, als ihrem Gutsnachbarn vorzufahren. Der Grund dieser Höflichkeit sei aber offensichtlich die Begierde nach einer starken Tasse Tee gewesen, denn sie habe Kopfweh gehabt und ihr nervöses Frostgefühl in den Knien, woran sie ja immer leide. Es war eine so lange Erzählung gewesen, so eilig und mit so viel versteckten Entschuldigungen darin, daß der Bürgermeister beinahe wieder »ei – ei« gedacht hätte, besonders auch, weil Hendrik Hagen von der jungen Dame keine Silbe sagte. Aber hier, in diesen Räumen verlor sich jeder verdächtigende Scherzgedanke wie von selbst. Da sah von der Wand ein Frauenbild herab ... Sie befanden sich in Hendrik Hagens Arbeitszimmer. Es lag neben dem großen Salon und ging gleich ihm auf die Terrasse hin. Draußen standen noch die englischen Korbsessel und die kleinen Tische und die Liegestühle. Man hatte noch die ganze Sommerausstaffierung dagelassen, auch die Kübel mit den Araukarien und die Blattpflanzengruppen an der Balustrade. Im Arbeitszimmer herrschte nun starke Dämmerung und verband die Farben und Formen zu einer traulichen Wärme. Der große Schreibtisch stand quer vor dem breiten Fenster. Er war, trotz der Papierstöße und Schreibgeräte, die seine geräumige Platte bedeckten, doch leidlich aufgekramt. Die Glastür, die auf die Terrasse führte, stand weit geöffnet. Kraftvolle Abendfrische kam herein. An den Wänden Bücherreihen ringherum. Die Ausstattung die übliche eines Herrenzimmers. Und über dem Sofa, wie eingelassen zwischen die hervorspringenden Bücherregale, eben das Frauenbild. Eine blasse, dunkeläugige Frau mit einem zu weichen, zu klagenden Ausdruck. Das Lächeln wirkte erzwungen. Die edle Gestalt war im Glanz weißer Seide, echter Spitzen und schöner Juwelen dargestellt. Ein seltsames Bild: zum Prunk gemalt, zärtliches Leid darstellend ... Vielleicht sahen die beiden Männer das auch nur hinein, weil sie zu viel wußten ... Nun kam der Diener, brachte Lampen, zog die Vorhänge zu und wandelte damit die langsam hinsterbende Melancholie der Herbstdämmerung in ein winterliches Behagen. Und dann trat Hagen ein; überraschend fröhlich schien er, geradezu munter. Sie waren auf ernstes Wesen, auf Verstimmung, auf den Ausbruch leidenschaftlicher Sorgen gefaßt gewesen. Anstatt dessen beriet Hendrik Hagen mit dem Bürgermeister, was jetzt getrunken werden solle und was man nachher beim Abendessen trinken könne, er, der Bürgermeister, müsse es wissen und sagen, weil doch das Haldenwangsche Frühstück und die dabei geleisteten Weine weislich mit in Erwägung zu ziehen seien. Mandach schlug eine vornehme Röte vor. Wenn Zum Beispiel noch von dem 89er Haût Brion im Keller sei, so käme der als Geburtstagswein gewiß in Frage, denn er, der Bürgermeister, nähme ohne weiteres an, daß an seinem Wiegenfeste seinem Freunde Hagen keine Sorte zu schade sei. So saßen sie denn bald um den Tisch, auf dem neben der Karaffe die Originalflasche stand. In ihrem dunkelgrünen Glase sah man, wie köstlich der Wein abgesetzt hatte, und die Lübecker Firma auf der Etikette verbürgte die Qualität. Mandach hatte langsam den Wein in die Karaffe gegossen mit dem völligen Bewußtsein von der Wichtigkeit der Handlung, die dem alten Wein die letzte Poesie des Geschmacks geben sollte, weil der Langgelagerte ein paar Augenblicke gleichsam durch Luft fließen mußte, um die rechte Feinheit für die erfahrene Zunge zu bekommen. Sehr tiefsinnig sah Mandach nun auf die leere Rotweinflasche, nahm sie in seine weiße fleischige Hand, als wollte er das gefällige, dunkelgrün schimmernde Säulenrund von Glas liebkosen und fragte mitten hinein in ein Gespräch Bertholds und Hagens über den Pächter von Rote Heide: »Wer war die junge Dame?« Zugleich blitzte sein heller Blick scharf über Hendrik Hagens Gesicht hin. Und sah, wonach er so rasch und kurz aufspähte: Hagen errötete wieder! »Das war Brita Benrath«, sagte er. »Was heißt: Brita Benrath?« wiederholte der Bürgermeister, »das sagst du, wie man sagt: Kaiser Wilhelm. Oder: Theodore Roosevelt. Mir ist der Name Brita Benrath nicht so weltbekannt. Ich bitte ergebenst um Zusammenhang. 'ne Tochter kann das doch nicht sein? Hab' nie was gehört. Wär ja auch nicht möglich. Eher Urenkelin.« »Enkelin der alten Frau v. Benrath«, sprach Berthold, der nach dem Namen sofort völlig orientiert war und aus einer, ihm selbst nicht klaren Empfindung heraus sich gedrängt fühlte, Hagen die Antwort abzunehmen. »Der jüngste Sohn der Benraths war ja der einzige, der groß wurde, nachdem die ersten beiden jung weggestorben. Aber er war ein unruhiger Kopf. So Handwerksburschenblut könnte man beinah sagen. Kein seßhaftes Wesen. Für sowas hat die moderne Zeit gebildeten und bemittelten Leuten sehr was Kleidsames an die Hand gegeben: Forschungsreisen. Benrath hat Amerika und Afrika mehrfach durchzogen. Resultat: ein paar Bücher. Wert: Literatur des überflüssigen. Irgendwie und wo hat er auch mal Zeit gefunden, zu heiraten. Kann sein in Nordamerika. Die Frau ist vor zwei Jahren gestorben. So ist denn nun die Tochter zur Mutter ihres Vaters gekommen? Wissen Sie etwas davon, wo der Vater jetzt lebt? Denn leben muß er wohl noch, sonst hätte man's ja erfahren. Vom Tod erfährt man immer. Vom Leben seltener.« »Ich mochte nicht fragen,« sagte Hagen, »es ist manchmal so heikel, nach Menschen zu fragen, die mehr fern von ihrer Familie leben als bei ihr.« »So im Vorbeifahren schien mir diese Brita Benrath ein schönes Kind zu sein«, bemerkte der Bürgermeister. »Sie ist sehr schön«, sagte Hagen kurz. Der Ton verbot jede weitere Bemerkung, und der Bürgermeister schluckte auch deshalb sofort herunter, was ihm von »Muse« und »vorhandener Vakanz für eine solche« auf den Lippen gewesen war. Aber es entstand wieder eine ganz unerklärliche Pause, bis Berthold fragte: »Also Andree Marschner kommt zurück? um zu bleiben?« War es nun Zufall oder war es in Verbindung mit einem Gedankengang: Hendrik Hagen richtete die Blicke zu dem Bilde empor, das über dem Sofa hing. Vor dem weißen Seidenkleid der gemalten Frau, unterhalb ihrer Knie hob sich jetzt der große, sehr runde, blonde Kopf mit dem rosigen Gesicht des auf dem Sofa breitspurig und behaglich sitzenden Bürgermeisters ab. Und die hohe, orangefarbig umhangene Lampe auf dem Tisch sandte nur ein geringes Licht bis zu dem bleichen lächelnden Leidensgesicht hinauf. »Er kommt. In einigen Tagen. In acht Tagen. Ich weiß es nicht. Ich erhalte noch ein Telegramm. Ob er bleiben will, weiß ich nicht. Ich kenne nichts von seinen Plänen, Neigungen, Wünschen«, sagte Hagen langsam. »Was? Ihr seid außer aller Verbindung gewesen? Habt nicht mal korrespondiert?« rief der Bürgermeister überrascht. So etwas von Sichmeiden, worin ja auch zugleich ein Sichbeherrschen läge, war ihm unfaßlich. Wenn man sich dann haßt, wirft man sich wenigstens öfters mal seinen Haß gegenseitig an den Kopf; das ist auch eine Genugtuung. »Wir haben immer korrespondiert und wir haben uns jedes Jahr längere Zeit gesehen, hier und auf Reisen. Aber wir haben uns niemals voneinander etwas mitgeteilt.« »Die Tatsache, daß er Landwirt wurde und diesen Bildungsgang mit großer Konsequenz verfolgte, schien mir immer darauf zu deuten, daß er Rote Heide selbst zu bewirtschaften denkt,« meinte Berthold, »der Vertrag mit dem jetzigen Pächter läuft ohnehin Ostern ab.« »Vielleicht,« sagte Hagen, »vielleicht wünscht er mir auch seinen Anteil an Rote Heide zu verkaufen und sich anderswo ansässig zu machen. Ich wäre, wie Sie wissen, Berthold, seit zwei Jahren imstande, ihn auszuzahlen. Als ich Nadine heiratete, war ich noch fast arm. Meine Erfolge sind seither gestiegen, sie sind ansehnliche geworden. Und damit bin ich auch zu Vermögen gekommen.« Berthold hatte einen Gedanken, der sein außerordentliches Feingefühl geradezu in Aufruhr brachte. Aber er kleidete ihn in eine sehr vorsichtige Frage. »Wollen Sie eventuell Ihrem Stiefsohn diesen Vorschlag machen?« Über Hagens Gesicht ging rasch ein Ausdruck von Abwehr – wie aus der Aufwallung eines Schmerzes oder eines Stolzes. »Nein,« sagte er, »ich nicht – nicht jetzt. Mir wär's eine Kränkung unserer teuren Toten, wenn ich fast an dem Tage, für den sie solche Möglichkeit gestattet, an den Verkauf von Rote Heide oder an eine glatte Trennung von Andrees und meinen Interessen dächte. Alles in dieser Richtung soll und muß von ihm, dem Sohn, kommen. Aber wenn er es wünschte: ich wäre sehr bereit. Das wollte ich nur sagen. Ich liebe dieses Heim, diese Landschaft über alles. Meine besten Schaffensstunden habe ich hier gehabt. In der feierlichen Stille, an dieser Küste entstanden die Werke, die meinen Namen durch die Welt trugen und mich mit dem Erfolg, den sie hatten, zum unabhängigen Mann machten. Ich kann mir kein Dasein denken, das ich mir dauernd fern von Rote Heide sollte zurechtzimmern können.« Berthold war zufrieden. Er, der in die heißen Wünsche einer Sterbenden hineingesehen, so deutlich, als läge ihre zitternde Seele nackt und körperlich vor seinen Augen, er hätte es als Plumpheit ohnegleichen empfunden, wenn die feindlichen Männer in der ersten Stunde, die sie voneinander losketten konnte, sogleich förmlich auseinander gelaufen wären. Aber er sah eine Schwierigkeit, die Hagen sich gar nicht klar zu machen schien. »Auch Andree liebt Rote Heide über alles«, sprach er leise. »Kann ein junger Mensch so lieben wie ich liebe?« fragte Hendrik Hagen mit einem fast triumphierenden Lächeln, »hat dieser Boden mehr für ihn als die Erinnerungen der Kindheitsfreuden? Ist mir aber nicht jeder Baum ein Freund? Jeder Ausblick eine Offenbarung? Jeder Raum ein Tempel? Ist mir nicht mit jedem Reiz des Hauses und des Gartens eine dichterische Stimmung verknüpft? Spricht mir nicht alles von schöpferischen Stunden? Und von der Liebe einer teuren Toten? Wenn seelische Ansprüche in Dokumente umgesetzt werden könnten, mit deren Beweiskraft man Prozesse zu gewinnen vermag – ach liebster Berthold – selbst Ihre forensischen Künste könnten mir meine heiligen Ansprüche an diesen Erdenfleck vor keinem Richterstuhl der Welt abstreiten.« »Und wie soll dies werden?« fragte der Bürgermeister praktisch dazwischen, nicht ohne nebenbei die Karaffe zum Licht zu heben, um sich zu vergewissern und den Hausherrn sacht darauf aufmerksam zu machen, daß kaum noch ein Glas voll darin sei. Nun geschah das, was Doktor Berthold nicht verstand, niemals für möglich gehalten hätte. Ein geheimnisvolles Lächeln verklärte die Züge des Mannes und gab ihnen den Zauber der Jugend... Tausend Erinnerungen strahlten aus diesem Lächeln. »Vielleicht kann es besser werden und schöner, wie wir je gedacht«, sprach er, ohne den Blicken der anderen Männer zu begegnen. Wie voll Andacht fuhr er fort: »Vielleicht erfüllt sich alles, was Nadine gehofft hat. Auf jene grausame, rätselvolle Weise vielleicht, wie viele Herzenswünsche sich erfüllen. Die ruhige Seele gewährt, was die in heißen Flammen lebende nicht konnte. Man kann der Geliebten schenken, was ihre Liebe begehrte – wenn das eigene Empfinden klar, still, nur noch ein Traumleben ist ... Es gehört zu den tiefsten und feinsten, zu den unerklärlichsten und härtesten Phänomen des Seelenlebens, das wir oft verstehen, wenn das Verständnis zu spät kommt. Und doch muß das Verstehen schon in uns gelegen haben ... Aber vor Leidenschaft kamen wir nicht dazu, es aus unserem Herzen heraufzuholen ... Jetzt versteh' ich Nadine – jetzt – und wenn es auch zu spät ist, ihr selbst das zu zeigen ... ihr letzter Wille kann sich erfüllen. Ich will versuchen, mit ihrem Sohn in Liebe und Frieden zu leben.« »Das heißt,« dachte Berthold atemlos, »das heißt...« Aber er dachte diesen Gedanken nicht zu Ende. Er war ihm fast ungeheuerlich. Der Mann folgte seinem Verlangen, sich zu offenbaren – vielleicht trug ihn auch die Begierde nach Klarheit. Indem er wagte zu sprechen, wagte er auch deutlicher dem eigenen Gemütszustand ins Gesicht zu sehen. Und Empfindungen wurden fester, zeigten erkennbare Linien, wenn er ihre schwankenden, nur halb eingestandenen Unsicherheiten in Worte kleidete. »Kein Mensch, vor allem kein Mann kann jahrelang in immer den gleichen Affekten leben. Man kann sein Dasein nicht in ständigem Pathos hinhalten lassen wie eine starke Rede. Jede Hochflut ebbt ab. Eine Liebe kann nicht über ein Grab hinaus leben ohne jede Nahrung. Erinnerung ist kein Lebensbrot. Das ist allein die Hoffnung. Liebe zu einer Toten hat kein Fleisch und kein Blut. So muß sie sich, wie das Bild der Toten selbst, ins Englische verklären. Sie hört auf Leidenschaft zu sein. Und noch zu leiden um einer Leidenschaft willen, die ausgeatmet hat, das ist gegen die Natur – gegen meine! Wohl gegen die eines jeden Mannes.« Er seufzte schwer auf und es schien, als versuche er sich zu zügeln, als erkenne er, daß er im Begriff war, sich zu weit fortreißen zu lassen. Ja, er besann sich plötzlich auf die Gefahr, die gerade für ihn darin lag, sich als Mensch mitzuteilen: er war als Schriftsteller zu sehr gewöhnt, für jedes Gefühl die schildernden Worte zu finden, jede Empfindung zu analysieren. Er wollte sich nicht selbst zum Objekt machen vor diesen beiden Männern, so sehr er auch den einen verehrte und so sehr »guter Kerl« ihm auch der andere war. So sagte er nur nach kurzer Pause: »Auch Andree hat sich vielleicht zu ähnlichen Erkenntnissen durchgerungen, auch er beweint vielleicht seine Mutter nicht mehr in eifersüchtiger Leidenschaft, sondern in dankbarer Wehmut. Und vielleicht, da er nun ein Mann ist, hat er begriffen, daß seine Mutter mich lieben konnte, ohne ihn zu berauben. Wie ich begriffen habe, daß Nadines Liebe zu mir doch von elementarer Ganzheit war, trotzdem ihr Frauenherz das verklärte Bild des ersten Gatten oft noch deutlich vor sich sah.« Mit dem Spürsinn für seelische Wandlungen und Übergänge, den Berthold in seinem Beruf zu einem fast nie versagenden Instrument ausgebildet hatte, begriff er: Der Mann sehnte sich danach, eine Lebensepoche zum Abschluß zu bringen, weil ihm ahnte, daß sein Schicksal ihn in eine neue hineinzureißen begann. War es möglich, züngelte da scheu das Flämmchen einer neuen Liebe auf? Und konnte eine solche Tatsache, wenn sie erst dem Sohn offenbar ward, diesen wirklich versöhnen, ihm wirklich noch nachträglich die grollende Eifersucht aus dem Herzen nehmen? Würde er nicht vielmehr in die Seele seiner toten Mutter hinein sich beleidigt fühlen? Alle vergangenen Leidenschaften und Kämpfe nur als Komödie empfinden? Bloß um des Umstandes willen, weil der Vorhang über ihnen fallen sollte? Denn Jugend kann kein Ende begreifen: keins des Glücks, keines der Liebe. Ihr werden nur Ewigkeiten. Sie hat noch nicht an sich erfahren, daß auch eine Seele, wie die Natur, ihre Jahreszeiten hat, die sich wiederholen ... Während Berthold so grübelte, sagte Hagen als Abschlußwort: »Seltsam ist es, wenn man so plötzlich erkennt, daß schon Vergangenheit ist, was wir uns noch lange, lange als ein Gegenwärtiges zu halten suchten.« Mandach streckte seine weiße Hand aus und drehte sie mit gespreizten Fingern ein paarmal hin und her, wie es so seine gewohnheitsmäßige, verneinende Geste war. Und aus den Erfahrungen seiner robusteren Seelenkunde heraus, die sich von der grüblerischen Bertholds lebhaft unterschied, sagte er: »Vergangenheit is nich. Jede Stunde kommt mal wieder und präsentiert 'ne Rechnung.« Hagen lachte hell auf. Ganz jäh war er von funkelnder Lebensfreude durchbraust. Und das Bild, das der Bürgermeister brauchte, erweckte sein Vergnügen. »Ja, mein alter Junge, dir hat wohl manche vergangene Stunde ihre Rechnung präsentiert. Drängt sich dir der Vergleich aus einer gerade vorliegenden Situation auf? Bitte, verfüge über mich.« »Erlaube mal – zur Zeit vollkommen rangiert!« sagte der Bürgermeister stolz, setzte aber doch würdig und voll Haltung hinzu: »Das heißt: ich hoffe es.« Denn eine undeutliche Erinnerung schwebte so an ihn heran, als könnten am ersten Oktober vom Weinhändler und vom Zigarrenlieferanten längliche Rechnungen kommen ... Nun, das würde sich finden ... es fand sich immer. »Und nun, lieber Berthold,« sagte Hendrik Hagen aus seiner freudigen Erhobenheit heraus, »brauche ich wohl kaum mehr zu erklären, weshalb mir's eine gute Schickung war, daß ich Sie heut traf. Denn was ich Ihnen ans Herz legen will, bespricht sich besser beim Glas Wein hier in meinem Zimmer, als mit geschäftsmäßigem Eifer in Ihrer Sprechstunde.« »Ich soll auf Andree einwirken«, sprach Berthold. Hagen nickte. »Er konferiert doch immer mit Ihnen. Sie waren sein Vormund, Sie sind Nadinens Testamentsvollstrecker, Sie legen Andree immer Rechnung ab. Er hat Vertrauen zu Ihnen. Vielleicht offenbart er Ihnen früher als mir seine Pläne. Kommen sie den meinen entgegen, werden Sie ihm raten, offen und warm zu mir zu sprechen. Laufen sie den meinen zuwider, werden Sie versuchen, dem jungen Mann die seelischen Ansprüche und Bedürfnisse des älteren Mannes, des schaffenden Mannes verständlicher zu machen.« »Sie können sich auf mich verlassen«, sagte Berthold und sah dem andern so fest und klug in die Augen, und über sein schmales, sich nach unten vorbauendes Gesicht ging ein so weiches Leuchten, daß Hendrik Hagen ihm die Hand über den Tisch hinstreckte. Er fühlte: Der da war sein Freund und ahnte viel von ihm. Nun kam plötzlich eine sehr behagliche Stimmung auf. Sie waren drei gescheite, wortgewandte Männer beisammen, die auch nicht davor zurückschreckten, sich neckend eins auszuteilen. Und die Seele Hendrik Hagens war in der letzten Stunde durch so viel wechselnde Stimmungen hingetragen worden, daß sie nun wie in einem Gefühl übergroßen Lebensreichtums schwelgte. Sie gerieten in eine wahre Knabenfröhlichkeit hinein. Sie vergaßen ihre Taufscheine, der eine seine überreife Stattlichkeit und die kahle Scheibe zwischen seinem Blondhaar und der andere das Dunkelsilber seines Bartes und seines Hauptes. In sich hatten sie allen Glanz der Jugend. Und der zwischen ihnen, der schließlich doch zehn Jahr weniger zählte als der Bürgermeister und der Dichter, wirkte vermöge seiner gleichmäßigeren Art keineswegs jünger als sie, die überschäumende Korpsstudentenerinnerungen nur so umherspritzen ließen und die eigenen Streiche und die anderer genossen, als seien es Streiche von gestern. Der Diener kam und meldete, daß angerichtet sei. Mandach hatte auch schon den prachtvollen, feinnuancierten Appetit, wie er sagte, den man ein paar Stunden nach einem glänzenden Frühstück haben müsse. Es ging durch den Salon in das Speisezimmer, das als dritter und letzter Raum in der Front nach dem Vorgarten zu lag. Im Salon brannte eine etwas kläglich-einsame Lampe, nur um dem Durchgang zu leuchten und die drei Fenster der Glastüren, welche auf die Terrasse führten, waren nicht verhangen. So sah man draußen einen fast aufdringlich hellen Mond am Himmel. »Einen Moment«, bat Hendrik Hagen und öffnete die mittelste der Türen. Sie traten auf die Terrasse und gingen bis an die Balustrade. Vor ihnen, hinaus über dem Garten, dem grünen Geländestreifen mit der kärglichen Rasennarbe und dem weißen Strand, den dünenartigen Sandwellen, breitete sich eine blanke, schwarze, unendliche Fläche, die fern draußen gegen eine Wand von tiefstem Blaustahl stieß. Und hoch oben an dieser Wand glänzte gelbweiß, mit wohlwollendem Lächeln ein Kugelgesicht, die Mondscheibe. Es sah aus, als lächle sie amüsiert herab auf all das Silber, was von ihren Wangen herabgeflossen und ins Meer getropft war. Da funkelte und zitterte es nun, wie ein blanker, unruhiger, geradliniger Bach, der direkt auf dieses Ufer zuströmte. Eine leise Musik erfüllte die Nacht. Ein sanftes Rauschen war es, ein Gemurmel, wie wenn tausend ferne Stimmen im Chor ihr Abendgebet flüstern und die Töne schon vor Müdigkeit zart und verhallend werden. Mit solchen milden Lauten rauschte das Meer dem dunklen Ufer Schlummerlieder zu. Und weil diese Musik war wie alle große Musik, so konnte jedes lauschende Herz hineinhören, was herauszuhören sein Verlangen war ... Hendrik Hagen stand und horchte wie verzaubert. Das zutrauliche Mur-mur der herangleitenden und zerrinnenden Wogen umschmeichelte ihn mit unbestimmten Wohlgefühlen. Es schläferte die Gedanken ein. Es machte das Herz still – so still, wie es sein muß, wenn es auf neue Lebenstöne lauschen soll .... Die friedsame Schönheit des vom Silberband des Mondscheins in zwei riesige, steinkohlenblanke Flächen geteilten, nächtlichen Meeres wirkte auch stark auf den Bürgermeister. Ihm kam eine Idee. Raketenartig, energisch, wie alles bei ihm. Die Finanzen der Stadt Wachow befanden sich, gleich seinen eigenen, in recht bedrängten Umständen. Nur, daß er als Stadtvater den Überblick und die Fürsorge besaß, die er als Privatmann nie gehabt hatte und wahrscheinlich auch nie erwerben würde. Er war immer bedacht, das Wachower Budget in glänzender Ordnung zu halten und dem Gemeindehaushalt neue Mittel zuzuführen. Es war offenkundig, daß er sich gewissermaßen als Freund und Erbschleicher bei der uralten Konsistorialrätin Klinghammer installiert hatte, um ihr ein Testament zugunsten der Stadt Wachow abzuringen, weil doch ihre sehr reichen und ihr persönlich gar nicht bekannten Urgroßneffen und Urgroßnichten den Mammon nicht brauchten. Und nun hatte er wieder eine Idee. »Hör' mal, Berthold,« sprach er mit seinem gewaltigen Grundbaß in die Nacht hinein, »das Gelände hinter Park und Wirtschaftsgebäuden von Rote Heide ist doch Wachowsch?« »Leider Gottes,« sagte Hagen, der von dem Anprall der enormen, dunklen Stimme an sein Ohr sich aus seinen unbestimmten, köstlichen Träumen gerissen fühlte, »wie 'ne lange, schmale Zunge reckt sich da das Wachower Gemeindeland in Rote Heider Besitz hinein. Schon Nadine hat vergebens versucht, es den Wachowern abzuknöpfen. Seither konnte ich ja keinerlei Versuche mehr machen, weil ich nicht Alleinbesitzer von Rote Heide war. Aber ich hoffe, wenn die Lage nun so oder so geklärt wird, daß ich selbst oder mit Andree als Miteigentümer das Angebot erneuern kann. Und da du nun der Bürgermeister bist, wird man ja mit dir ein verständigeres Wort reden können, als mit deinem Vorgänger. Die Wachower können doch Geld brauchen.« Der Bürgermeister machte seine abwehrende Geste, man sah die gespreizten, weißen Finger sich im Mondschein bewegen. »Welche Stadt verkauft ihren Zugang zum Meer,« sagte er großartig, »is nich, mein Lieber. Ich hab' da eben einen Einfall ... hör' mal, Berthold ... wir gründen eine Gesellschaft. Meinetwegen eine mit beschränkter Haftung. Wir bauen da auf das Stück Wachower Küste ein Kurhaus – nich' so'n Familienpensionat, nich' so'n Bad, wo die guten Bürgersleute in den Ferien mit ihren acht bis zwölf Kindern billig leben und Wäsche sparen wollen und wo man für zwei Mark fünfzig von Flundern und Pellkartoffeln und Hering lebt – nee! Was feudales. Genre Heiligendamm. Bloß mit Einsamkeit bei. Einsamkeit ist Mode. Ein Prachthaus, Prachtweine, Prachtküche. Verbindung von Mecklenburg und Paris – ich mein' die Küche! Und hohe Preise. Nobelste Klientel. Automobilverbindung von Bahnhof Wachow nach Wachow les bains gratis. Denn darin sind ja selbst die reichsten Leute manchmal komisch: Der Wagen von der Station ärgert sie. Und Spielplätze für jeden Sport. Und eine Mole, damit Jachtingmenschen herkommen. Na? ...« »Ach,« sagte Berthold, »das klingt wohl. Aber wir haben ja kein Geld zu solcher Gründung in Wachow. Wer soll da was 'reinstecken.« »Daß meine alte Gönnerin, die Konsistorialrätin, fünfzigtausend zeichnet, will ich schon jetzt garantieren. Frau Marya, die wohlhabende Wittib ... hör' mal, Hagen, bei der mußt du werben fürs Unternehmen. Deinem Augenaufschlag widersteht sie nicht.« »Werde mich hüten,« lachte Hendrik Hagen, »ich soll helfen, daß man mir hier hinter meinem Rücken so'n Etablissement herbaut... die Landschaft verschandelt...« »Weißt du was,« sagte eifrig der Bürgermeister, »nimm für fünfzigtausend Mark Aktien. Dann hast du fünfzig Stimmen und kannst einigen Einfluß auf die Gestaltung der Dinge nehmen. Denn durchsehen tu' ich es – –« Er brannte vor Tatkraft. Ja, die Sache mußte werden. Und da nun so das praktische Leben mit Ziffern und Plänen hineingeplatzt war in den Zauber der Mondscheinnacht, verließ man die Terrasse und begab sich zu Tisch. Der Bürgermeister, mit dem Fortissimo seiner Überzeugung und seines Organs, fuhr fort, vor den anderen beiden Männern die Möglichkeit eines solchen Unternehmens darzulegen. Er zog aus seiner inneren Rocktasche ein Blatt Papier, das er, nicht ohne Vorsicht, zwischen allerlei Briefumschlägen und Zetteln heraussuchte – Vorsicht, wegen der etwaigen Rechnungen, die dazwischen sein könnten! – und nun nebst einem Bleistift auf das Tischtuch neben seinem Gedeck niederlegte. Zwischen den sauren und gewürzten kalten Fischspeisen, die es gab, und den nachfolgenden, von Gemüsen begleiteten Steaks notierte er sich immer schon einige Namen von wohlhabenden Mitbürgern. Beim Käse lag dann der Zettel da, wo das Gedeck liegen sollte und der Teller stand nebenbei. Er hielt förmlich über die ganze Umgegend eine finanzielle Heerschau ab, schätzte die Leute im ganzen ein und schloß aus dieser Abschätzung, wieviel sie im Speziellen für die Gründung würden zeichnen können. Berthold, mit der unheimlichen Kenntnis des beschäftigsten Rechtsanwaltes von Wachow, gab knappe Kritiken dazu. Bei dem einen Namen sagte er: »Dankt Gott, wenn er seinen eignen Karren vorwärtsschieben kann, ohne sich festzufahren.« Bei einem andern: »wäre höchstens für ein paar tausend zu haben«. Bei einem dritten: »hm, kann eigentlich nicht ohne Gene, wird sich aber um seines Kredites willen und um der Eitelkeit willen, überall dabei zu sein, über seine Kraft beteiligen«. Und so ging es fort. Nur wenn von Bertholds eigenen Klienten die Rede war, hatte er »gar kein Urteil« und meinte, es käme auf eine Anfrage an, er, der Bürgermeister, solle nur mal mit den Leuten sprechen. Hendrik Hagen hörte mit vielem Vergnügen zu. So ungefähr, wie ein ernsthafter Mann wohl einmal mit Pläsier den Dialogen des Kasperletheaters folgt. Denn er dachte, daß des Bürgermeisters Gedanken nur so herumturnten, mit großen Bewegungen, die aber weiter keinen Zweck hätten, als eben den der Bewegung selbst. Er kannte ihn zu wenig. Gerade, weil sie Jugendbekannte waren, was sogar bei ihm, dem Menschenbeobachter von Beruf, das wahrhafte Kennenlernen verhinderte. Endlich und natürlich kam der Bürgermeister auch auf die Besitzerin von Iserndorf und bestimmte mit Bombentönen: »Die kann dreißigtausend Mark zeichnen.« »Zeichnet keine drei«, sagte Berthold sehr ruhig. »Kann se nich?« Der Rechtsanwalt zuckte die Achseln. »Weiß nicht. Aber das weiß ich: reden kann man nicht mit ihr. Sie ist ein Mensch ohne fortlaufende Linie.« Der Bürgermeister war jetzt zu sehr mit seinen Plänen beschäftigt und darüber entging ihm, daß Hendrik Hagen plötzlich nicht mehr mit vergnüglichem Behagen, sondern mit einer beinahe ängstlichen Aufmerksamkeit zuhörte. Aber Berthold fühlte es. Ihm war, als spüre er, daß sich auf das Wesen des Mannes eine plötzliche Stille gelegt habe. Er vermied jeden Blick, während er bisher ab und an Hagens Beifall oder Meinung mimisch eingeholt hatte. »Dein Plaidoyer in Ehren, mein Sohn,« sprach der gewaltige Baß, »aber alte Damen sind meine Spezialität. Ich werde zu ihr fahren – und du wirst sehen ...« »Gewiß. Sie wird holdselig, entzückt von deinem Plan, schwelgerisch in Bewunderung deiner Initiative, dir fünfzig, hunderttausend zusichern. Und wenn du weg bist, bespricht sie's mit jemand anders, Gott, und wenn's mit ihrer Jungfer ist, und dann wird sie anderen Sinns und schreibt dir ab. Nicht, du? – den Brief läßt du mich lesen? und eh' ich ihn lese, sag' ich dir, wie er abgefaßt ist.« »Nee – wirklich?« fragte der Bürgermeister in jenem tiefen Erstaunen, dessen er fähig war, wenn ihm Dinge aufstießen, die er »verrückt« nannte, weil sie seiner eigenen Art zuwiderliefen. »Wie schwer ist das wohl immer für die Ihrigen gewesen«, sagte Hendrik Hagen halblaut. »Und wie schlimm kann es für das junge Geschöpf sein, das ihr nun anvertraut ist!« meinte der Rechtsanwalt. »Also machen wir einstweilen mehrere Fragezeichen hinter den Namen Benrath-Iserndorf«, sprach der Bürgermeister, in seiner »Finanzierung« des Unternehmens fortfahrend. Und er sprach und sprach und fuhr fort, an die beiden Männer hinzureden. Und endlich, endlich hatte er auch den Triumph, in sie hineinzureden. Es gelang ihm, seinen Plan, der eins, zwei, drei, Hand und Fuß bekam, und dem die Vorteilhaftigkeit aus allen Poren lachte, ihnen so nahe zu bringen, daß Berthold einsah: Die Gemeinde Wachow könne viel Geld dabei verdienen; und daß Hagen einsah: wenn er nichts zu verhindern vermochte, sei es klüger, sich in größerem Maßstabe zu beteiligen, damit er etwas Einfluß habe, um zu plumpe Störungen des Landschaftsbildes und des idyllischen Friedens zu verhindern. Das Gespräch beherrschte den ganzen Abend. Und als ein Triumphator fuhr der Bürgermeister gegen zwölf Uhr in der Nacht mit seinem Freunde Berthold auf Rote Heider Fuhrwerk nach Wachow zurück. Er war zufrieden mit dem Verlauf seines Geburtstags. Zwölf Stunden Festfeier mit allen Chikanen von Keller und Küche. Und zum Schluß eine Gründung, die ein goldenes Zeitalter für Wachow herbeiführen mußte. Munter und in seiner nie erlahmenden Frische saß er aufrecht im Wagen und erbaute von den Überschüssen von »Wachow les bains« eine Kleinkinderschule und ein Altersheim. Er sah auch schon im Oktober die Fundamente des Kurhauses aus dem weißgelben Sande am Strande emporwachsen. Es war ein Bau ungefähr im Geschmack des Herrenhauses von Rote Heide; abgestimmt zur lieblichen Schönheit der mecklenburger Ostseeküste. Natürlich blieb der Winter ungewöhnlich mild, das war er einfach dem Bürgermeister schuldig, und es wurde eine elektrische Anlage hergestellt, damit man Tag und Nacht arbeiten könne. Am fünfzehnten Juni sollte das Haus eröffnet werden. Der Bürgermeister entwarf schon die Annoncen. Auf ihre kluge und packende Fassung kam ja alles, geradezu alles an ... Über ihm, in dem Herbstlaub des Waldes rasselte manchmal ein Windstoß. Das Licht der Wagenlaternen glitt über die gelbroten Büsche am Wegesrand. Sie tauchten aus der Finsternis auf und rückten in sie wieder hinein. Die Pferde trotteten in einem kurzen, schläfrigen Trab, und auf dem Bock die Gestalt des Kutschers, der mit krummem Buckel dasaß, ähnelte einem schwarzen Sack. Neben dem Bürgermeister in der anderen Wagenecke nickte übermüde der »Vorsitzende des Aufsichtsrates der Gesellschaft mit beschränkter Haftung Neu-Wachow« – denn zu diesem hatte der Bürgermeister – vorbehaltlich der Realität künftiger Dinge – seinen lieben Freund Berthold bereits bestimmt. Er selbst, er, der Bürgermeister, er wollte kein Amt und keine Tantieme und gar keinen Vorteil von der Sache. Denn da er kein Geld hatte, um auch nur einen Anteilschein zu zeichnen, würde es einen Beigeschmack haben, wenn man ihn im Aufsichtsrat sitzen sähe. Und so was liebte er nicht. Freunde anpumpen, wenn man im Dalles ist ... gut, ja! Der eine kann wirtschaften und der andere kann es nicht. Gottes Gaben sind verschieden verteilt. Und er, Mandach, war auch jederzeit für seine Freunde da, mit Rat und Tat. Nur natürlich nicht mit Geld, aber bloß weil er keins hatte. Sonst ... Gott, den letzten Heller... »Bloß immer fair!« das war sein Motto. Und so freute er sich in reiner Vaterfreude schon vorweg an dem mächtigen, wirtschaftlichen Aufblühen seines lieben Kindes, der Gemeinde Wachow. III. Nun war das Telegramm da. »Erbitte Freitag mittag zwölf vierundzwanzig Wagen Station Wachow. Beste Grüße. Andree.« Hendrik Hagen las es und steckte es in die innere Brusttasche seines Rockes. »Gut,« dachte er immer nur, »gut – endlich ...« Ihm war unerklärlicherweise, als habe er seit langer Zeit auf diese Heimkehr des Stiefsohns voll Sehnsucht gewartet, als finge mit ihr unter allen Umständen ein neues, reiches Leben an. Das Verlangen, dem jungen Menschen die Arme entgegenzuöffnen, war in den letzten Tagen, seit er gewagt hatte, es vor den Freunden auszusprechen, geradezu übermächtig geworden. Er war so sehr mit dieser Vorstellung beschäftigt und hatte sich mit seinem starken Temperament so sehr in sie hineingelebt, daß ihm, trotz all seiner Reife, gar nicht der Gedanke kam, das Verlangen nach Friede und guter, liebevoller Verträglichkeit könne in Andrees Herzen keinen Widerhall finden. Die Kraft seines Wunsches mußte sich auf den jungen Menschen übertragen, wie von selbst auf ihn hinüberwirken. Sie mußten sich verstehen! Gerade alles, was sie getrennt hatte, ward im gleichen Augenblick, wo es richtig erkannt und bewertet wurde, das Vereinigende. Sie hatten zu sehr geliebt. Sie waren zu sehr geliebt worden. Dies hatte sich nun alles verklärt. Und die heilige Tote selbst, mit dem wunderbar prophetischen Blick, den die Nähe des Endes gibt, mit der vorauseilenden Weisheit eines schon allen Eigenwünschen abgewandten Herzens, sie wußte, daß eine so reine Stunde kommen werde. Ihren letzten Willen, der fast krankhaft geschienen, überweich und doch voll Liebestyrannei – nun begriff man ihn. Ohne dieses Testament, welches den Besitz unverkäuflich noch für sechs Jahre lang beiden, dem Gatten und dem Sohn, gemeinsam vermachte, hätten sie sich in Kälte, in kaum verborgenem Haß gleich und für immer getrennt damals ... Welche Furchtbarkeit wäre solche Trennung gewesen. Erst jetzt begriff Hendrik Hagen es völlig. Denn einen Platz auf dieser Erde gab es ja doch und gab es, solange sie beide lebten, wo sie einander immer wieder begegnen mußten ... An das Grab der teuren Toten hatten sie das gleiche, das unveräußerliche Anrecht ... Dort konnten sich der Mann und der Jüngling nicht ausweichen, ohne die feierlichsten Gedenktage zu entweihen ... Ja, sie hatte das tiefe Wissen der großen Liebe gehabt. Ihre Augen sahen in die Zukunft. Sie sahen, daß, in der ersten Zeit der Gram um ihren Hingang den beiden, die sie geliebt hatten, eine schickliche Haltung aufzwang. Daß dann eine zweite Periode kommen werde, wo der Mann und auch schon der Jüngling aus Selbstachtung teils und teils in scheuer Erinnerung an ihre Wünsche sich voreinander und vor der Welt leidlich beherrschen und ihren Haß verstecken würden. Und endlich verlor das, was man so lange bezwungen und so lange versteckt gehabt, etwas von seiner erschreckend gewaltigen Körperlichkeit. Haß war auch wie ein Lebewesen, das zuletzt den Atem verliert, wenn man es immer wieder niederduckt. Die Eifersucht, die nicht mehr genährt wurde, siechte hin. Sie erschien endlich als etwas Krankes, weil sie noch ein Grab umschlich. Sie starb – wie die, um deretwillen sie ihr finsterloderndes Leben einst erhalten ... Ja, so hatte sich alles entwickelt. Ganz der Art menschlicher Herzen gemäß ... Nadine mit der heiligen, erschütternden Klugheit der Scheidenden hatte es vorausgewußt ... Wie Menschen, deren Blut still ist, klarer die Stimme der Seele hören ... Sie, weil sie lebten, hatten zu lange nur auf das Brausen und Rasen ihres raschen Blutes gelauscht ... Das macht taub für die letzten und feinsten Töne in uns ... Der Mann riß sich endlich mit Gewalt aus allen diesen Gedanken. Es trieb ihn, sich gewissermaßen selbst zu prüfen. Er ging in jenen Raum, welcher einst den zärtlichen Namen »unser Zimmer« gehabt hatte. Es lag, ebenso wie das Schlafzimmer Nadinens, gerade oberhalb seines Arbeitszimmers, und die Fenster gaben den Blick über den schmalen Küstenstreifen und das weite Meer frei. Die völlige Stille über seinem Haupt hatte Hendrik Hagen in dem ersten Jahr nach ihrem Tod oft plötzlich gestört – schärfer, schmerzlicher als ein brutaler Lärm. Er empfand sie als Grausamkeit, als Kälte, als Lähmung, als etwas drohendes. Es war, als schlage ihm eine unsichtbare Hand die Feder aus den Fingern, die dann in Kraftlosigkeit ruhten. Und er hätte sein halbes Leben darum gegeben damals, wenn da oben noch einmal der leichte Schritt hingewandelt wäre ... Das war lange vorbei ... Nun war die feierliche Stille ihm zur Gewohnheit, zum Bedürfnis geworden. »Unser Zimmer« und Nadinens Schlafraum waren geblieben »wie sie waren«. So hieß es immer. Ein Sprachgebrauch – ein paar Worte – weiter war das nichts. Möbel standen, wie sie damals gestanden hatten, es hingen und lagen die gleichen Vorhänge und Teppiche an Fenstern, Türen, auf dem Estrich. Die Nippes hatten ihren Platz behalten und die Bilder nahmen die gleiche Stelle an der Wand ein, wie damals. Aber es war doch alles anders, ganz anders. Der Duft war tot. Die Stimmung war gestorben. Die Poesie war entflohen. Es war wie ein Rahmen ohne Bild. Hendrik Hagen fand hier nie die Nähe seines Weibes, und anstatt daß die Erinnerungen sich durchwärmt hätten in diesen Räumen, wurden sie nur beleidigt. Alles was in ihm lebte, war stärker und deutlicher, wie Möbel und Stoff und Sachen, von stummen, kalten Wänden umspannt. Er kam hierher, gerade heute, um einer anderen Ursache willen ... In den allerersten Tagen nach dem Tode der Frau hatte er in ihrem Schreibtisch das Bild ihres ersten Gatten gefunden. Damals traf ihn das so, daß Zorn und Schmerz in ihm jäh emporsiedeten ... an das Grab der Toten hätte er stürzen mögen ... ihr zuschreien: »Komm' heraus – sag' mir's – hast du heimlich in Liebe und Sehnsucht noch sein Bild geküßt – weil du es so sorgsam versteckt – so heilig bewahrt hast? ...« Heute, seit ganz kurzer Zeit, wußte er: es war so natürlich, daß sie es aufbewahrt hatte. Dies war doch der Vater ihres einzigen Kindes gewesen. Wie konnte sie ihn, trotz der neuen Liebe, jemals vergessen. Oh, er wußte jetzt: man kann mit warmen, treuen Gedanken an ein Grab wallfahren und dennoch in heißem Begehren an neues Glück denken ... Und er selbst, mit seiner sinnlosen Eifersucht, hatte sie ja geradezu gezwungen, das Bild des ersten Gatten zu verstecken, weil er es nicht dulden wollte ... an keinem, nicht an dem bescheidensten Platz in diesem Hause ... Und seit kurzer Zeit betrachtete Hendrik Hagen ab und an dies Bild. Vielleicht sah er sich so in die Züge des Sohnes dieses Mannes hinein ... Wie sie sich glichen. Ja, es war, wie der kluge Berthold einmal gesagt hatte: eine Wiederholung der Erscheinung. Auch eine Wiederholung des Wesens? Hendrik Hagen wußte es nicht. Es war ihm schon in den Tagen der ersten, noch unsicheren, nervös erregenden, aufflammend glückseligen, scheu zweifelnden Annäherung an Nadine unerträglich gewesen, wenn sie ihres verstorbenen Gatten erwähnte. Er hatte sich eingeredet, mit seinem Vorgänger am leichtesten fertig zu werden, wenn er niemals Genaues über seine Wesenseigenschaften erfahre. Er sollte ein Schatten in der Vergangenheit in unbestimmten Linien, kaum noch erkennbar, sein. Mehr nicht. Mit jedem Gespräch über ihn schien er wieder Lebenskraft zu gewinnen, aus der Vergangenheit hereinzukommen in die Gegenwart und sich mit an ihren Tisch zu setzen. Er kannte ihn nicht ... Wie wohl hatte ihm das oft getan. Wie herrisch hatte er über den Toten triumphiert, den er auf geheimnisvoll gespenstische Art zu kränken dachte, weil er sich weigerte ihn kennenzulernen ... Und nun auf einmal, nun begriff er nicht, wie eine solche Torheit – ja kindisch, ja wahnsinnig war sie gewesen – ihn hatte beherrschen können! Belebte er nicht mit seiner Eifersucht förmlich den Toten wieder, nur um den Genuß zu haben, ihm ins Gesicht zu sagen: ich will dich nicht kennen. Er bereute es leidenschaftlich, nichts, oder nichts wahrhaft Aufschlußgebendes von diesem Manne zu wissen. Denn wenn in Zügen und Ausdruck der Sohn dem Vater so glich, tat er's auch vielleicht im Charakter. Und die Kenntnis von dem des Vaters hätte Schlüsse zugelassen auf den des Sohnes ... Auch von dem jungen Andree wußte der Mann so wenig – erschreckend wenig ... Nichts so ganz gewiß, wie die Fähigkeit zu heißer Eifersucht ... »Kraft welcher er hätte mein Sohn sein können«, dachte Hendrik Hagen mit einem wehmütigen Lächeln. Er sah das Bild, das er aus dem Schreibtisch genommen, lange an. Es war eine Kabinettphotographie, etwas bräunlich geworden, etwas sonderbar und unelegant, wie alle alten Photographien. Kleidermode und Barttracht gaben so scharf, aufklingende Noten her. Man versteht so selten alte Bilder. Sie sagen nur so mühsam etwas aus über die Wirkung der dargestellten Persönlichkeit. Ein Scheitel an anderer Stelle, ein Rockkragen von anderer Breite, ein Ärmel von größerer Enge, ein Schoß von abstehenden Falten – das schiebt sich vor das Bild, das eigentliche Bild des Menschen? So hatte Hendrik Hagen gedacht, als ihm vor einiger Zeit das seltsame Verlangen kam, mit dieser Photographie Auge in Auge über die Vergangenheit nachzudenken. Und allmählich hatte er gelernt, nur den dargestellten Menschen zu sehen, nicht mehr seine Garderobe, die wie eine Verkleidung wirkte. Etwa wie bei Schauspielern auf der Bühne, die im historischen Kostüm weniger fremd und drollig erscheinen, als in Röcken von einem Schnitt, der vor fünfundzwanzig Jahren Mode war. Der hier abgebildete Mensch war für ihn allmählich der junge Andree selbst geworden. Von diesem befand sich weiter kein Porträt im Hause, als das kleine Ölbild über dem Schreibtisch der Mutter. Da stand ein Fünfzehnjähriger neben einem schönen Hund in einer Gartenlandschaft, und das kostbare Tier war dem Maler besser geglückt wie der aufgeschossene Junge im blauen Matrosenanzug. Er war gewiß kein schöner Mann, der junge Andree. Gut gewachsen freilich, wenn auch nur wenig über mittelgroß. Es war Frische und Gefälligkeit in seinem Gang und in allen seinen Bewegungen, eine Art angeborene, vornehme Jugendgrazie, daran Hagen selbst zuweilen eine kleine Freude gehabt hatte. Seine Züge waren vielleicht ein wenig ... »Kosakisch ist viel zu viel gesagt«, dachte Hendrik Hagen. Aber doch: sie waren fast ein wenig derbe und keineswegs regelmäßig. Der bräunliche Hautton, das dunkle Haar und die raschen, klugen Augen verschönten das Gesicht. Ein Unbefangener würde vielleicht geurteilt haben: Der junge Marschner macht den Eindruck eines intelligenten, temperamentvollen Menschen ... Alles in allem: ein junger Mann von Durchschnittserscheinung und Durchschnittsqualitäten. So wie es deren tausend und abertausend gibt. Es kam ihm geradezu phantastisch vor, daß er, Hendrik Hagen, auf diesen, möglicherweise recht liebenswürdigen, guterzogenen Jüngling eifersüchtig gewesen war. Er, mit dem weithinhallenden Namen, den man kannte, wo gebildete Menschen deutsche Bücher lasen! Er, der zum lächerlichen Poseur voll geheuchelter Bescheidenheit werden würde, wenn er sich nicht frei eingestand, daß er durch erlesene Fähigkeit hoch über die Menge hinausgehoben war! Er, nach dem sich die Frauen zu oft und mit zu verlangenden Blicken umgesehen hatten, als daß es ihm hätte verborgen bleiben können, wie begehrenswert er ihnen war. Aber freilich – es hatte sich zwischen ihm und Andree auch nicht um jene elementare Eifersucht vom Manne auf den Mann gehandelt. Nicht um solche Eifersucht, in der sich Männer gegeneinander aufbäumen wie wütende Raubtiere, die sich um des Weibes willen zerfleischen ... Die Eifersucht, die furchtbare, die jauchzend morden kann, die war es nicht gewesen und die konnte es auch nie zwischen ihnen geben. Dazu waren ihre Waffen doch zu ungleich ... Welch' sonderbare, fast künstlich gezüchtete Eifersucht damals, die zwischen ihnen ... Nun sah Hendrik Hagen genau, wie sie beschaffen gewesen, erkannte ihre Art, die kranke und schattenhafte. Er hatte in dem Knaben und Jüngling immer nur das Abbild eines Toten gehaßt. Er vermochte den jungen Andree nicht anzusehen, ohne peinlich zu fühlen: ein anderer Mann hatte den Frühling in seines Weibes Seele beherrscht, ihm wurde vielleicht nur das Nachglühen eines Herzens zu teil, dessen hellste Flammenkraft schon verlodert war. Nun wußte er: Das hatte er sich alles selbst geschaffen – es war wie eine finstere Dichtung gewesen. Vorbei – vorbei – – Ein starkes Herz verbrennt nicht seine Kraft in Frühlingsfeuern – es reift nur darin, wird nur darin zum köstlicheren Gefäß geschmiedet, das Gefühle zu umfassen vermag, deren ein unerfahrenes Herz nie fähig wäre ... Seine Sehnsucht nach dem jungen Andree wuchs und wuchs. Ein köstliches Gefühl von geradezu fürstlichem Wohlwollen hob seine Stimmung bis zur Freudigkeit. Ja, er wollte ihm sein wie ein treuer älterer Bruder, wie der reifere Freund. Der Knabe Andree hatte sich einst gesträubt, den Gatten der Mutter »Papa« zu nennen – er hatte keinen anderen Vater gewollt. Und nicht, daß seine Mutter durch den zweiten Mann einen anderen Namen erhielt als der war, den er, ihr einziger Sohn, trug. Lange begnügte Nadine sich damit, daß Andree ihren Gatten »Onkel Hendrik« nannte. Dann kam eine Zeit, wo Andree die Geschmacklosigkeit, die Torheit dieser Anrede wohl einsah. Er fand den mühsamen Ausweg, jede Anrede zu vermeiden. Da er nur in seinen Ferien nach Hause kam und brieflich nur mit seiner Mutter verkehrte, hatte es sich durchführen lassen. Auch nach ihrem Tode vermied er in allen Briefen die direkte Apostrophierung »Lieber Papa«. Dies war einer von den vielen Punkten gewesen, die man in kalter Höflichkeit zwischen sich beschwieg und begrub. Plötzlich schien es Hendrik, als habe der Knabe und Jüngling das richtigere Empfinden gehabt; unklar aber stark hatte der sich von einer Geschmacklosigkeit zurückgehalten gefühlt. Die Vorstellung erheiterte ihn wie ein Lustspielgedanke, daß ein fünfundzwanzigjähriger Mann ihn beständig durch die Anrede »lieber Papa« als Vater würde reklamieren können. Freunde wollten sie sein und sich anreden, wie es der Freundschaft zukam: mit dem Vornamen. Wie dankbar würde Andree es empfinden, wenn er, der Reifere, mit Freimut sich auch über diesen Punkt ausspräche. Der dumpfe Ton des Gong schallte mahnend durchs Haus. Hendrik ließ diesen Gebrauch aus den Tagen, wo hier Familienleben und Geselligkeit geherrscht, auch für seine Einsamkeit fortbestehen. Er wurde dadurch zur pünktlicheren Tageseinteilung angehalten, wenn es auch oft genug vorkam, daß er am Schreibtisch die wiederholte Mahnung an die Speisestunde, die der metallenen Mißton ausrief, ganz überhörte. Heute folgt er rasch dem Ruf. Mit heiterem Behagen saß er allein bei Tisch. Morgen würden sie ihrer zwei beim Mahl sein. Er wollte Befehle geben, daß es sehr festlich hergerichtet werde. Und heute, gleich nach Tisch, wollte er noch ausfahren ... Er redete sich ein, daß er den Besuch, den Frau v. Benrath ihm Sonntag gemacht, noch vor Ablauf der Woche erwidern müsse. Und heut war Donnerstag. Morgen kam Andree, den er dann in den ersten Tagen noch nicht allein lassen oder in die Umgegend auf Besuchsfahrten mitschleppen wollte. Andree würde sich zunächst ganz Rote Heide widmen wollen ... Mehr als zehn Jahre lang, seit seiner Heirat mit Nadine, war er der Gutsnachbar von Frau v. Benrath-Iserndorf gewesen. Aber so häufig hatte man sich sonst in einem vollen Jahre nicht gesehen, wie nun seit vier Wochen. Frau v. Benrath war eigentlich nicht wegen ihrer Gastlichkeit berühmt. Man machte auf Iserndorf alle geselligen Pflichten damit ab, daß man im Herbst zu einer Jagd mit daranschließendem Frühstück einlud und gegen Ostern noch ein Mittagessen gab. So durfte Hendrik Hagen es wohl bemerken und darüber nachdenken, daß sie sich plötzlich seiner Einsamkeit auffallend annahm. Sie hatte ihn einige Male zu Tisch gebeten. Und nun war sie sogar am Sonntag mit ihrer Enkelin bei ihm vorgefahren. Bei ihm, der gewissermaßen als Junggeselle galt und seit Nadinens Tod nur Männer an seinen Tisch lud. Und sie hatte diesen ihren Besuch so umständlich erklärt: mit ihrem Kältegefühl in den Knien, der Bitte um Tee, dem Wunsch, endlich mal das schöne Rote Heide wiederzusehen – alles mit vielbedeutendem Lächeln vorgebracht. Und endlich war die Wahrheit herausgekommen: ihre Enkelin, die liebe Brita, habe sehen wollen, wie der berühmte Mann, dessen Werke sie vergöttere, denn wohne, wo er schaffe. War es die Wahrheit? Das konnte man bei Frau v. Benrath nie wissen. Über Britas Gesicht war ein rasches Rot hingegangen. Aber ihr Ausdruck war nicht zu enträtseln gewesen. Auf den schönen Zügen dieses Mädchens stand keine so leicht lesbare Schrift. Es wandelte nicht viel wechselnder Ausdruck darüber hin. War sie so unbeweglich? Oder hatte sie so früh gelernt, wenig von sich zu verraten? War es wirklich ihr Wunsch gewesen, der die alte Dame bestimmte, ihn jetzt so oft einzuladen? Hendrik Hagen zügelte seine Gedanken, wenn sie wie feurige Renner in diese Frage sich hineinstürzen wollten ... Bald nach seinem einsamen Mittagessen rüstete er sich zur Fahrt. Heut war der Tag sonnenlos und der Himmel von einem ganz gleichmäßigen, feinen, leichten Grau bedeckt, von der Farbe einer schimmernden Perle. So blendete die Luft. Und eine Frische schauerte durch sie hin, wie Angst vor nahender Kälte. Das Meer lag tot. Alle Winde schwiegen. Hinter dem weißen Küstenstriche, der das dunkle Wasser säumte, standen die roten Wälder stumm. Es fehlte der Natur jeder Mut, gegen den nahenden Herbst zu kämpfen und noch Sommerüppigkeiten im Wesen zu zeigen. Hendrik Hagen hatte einen mit sehr leichtem Pelz gefütterten Automobilmantel umgenommen. Die Mütze und die Schutzbrille formten seinen Kopf ins Groteske um. Es war die übliche Vermummung, die kaum erraten ließ, wer darin stecke. So trat er aus dem Haustor, vor dem das Auto wartete. Es war nur ein sogenannter kleiner Wagen, er hatte ihn sich extra bauen lassen und vielerlei Zeichnungen waren zwischen ihm und der Fabrik hin und her gewandert, bis die zusagende Form der Karosserie gefunden worden war. Deshalb hatte er nun auch sein Vergnügen an dem neuen Besitz, weil seine schaffende Erfindungskraft sich ein wenig als Mitarbeiterin fühlen durfte. Er stieg nie ein, ohne vorher noch erst mit dem Chauffeur wohlgefällig allerlei Details des Wagens durchzusprechen: die Form des langgestreckten Rahmens, die glücklichen Verhältnisse des Oberbaues, die Eleganz der weißlackierten Motorhaube. Und er mußte doch dabei in sich hineinlachen, weil er's spürte: es gibt für jedes Alter Spielzeuge. Dieser schneeweiße Minerva-Wagen machte ihm genau denselben Spaß, wie die mechanische Eisenbahn, die man ihm an seinem sechsten Geburtstag aufgebaut hatte. Wie er nun so davonglitt auf dem weißen, flinken Fahrzeug, hinein in den rostroten Wald, in dem das dumpfe, schwere Rollen der Räder wiederhallte, dachte er: »Ja, wenn das nicht wäre, dies Winkelchen ›Kind‹, das in unserem Wesen immer lebendig bleibt und in das wir uns flüchten, wenn wir uns ausruhen wollen ... Das ist es: Das Ausruhende! Darum ist uns das gegeben ... Dies Wichtignehmen von Kindereien ... es ist ja gar nicht wahr, daß ich an all die wirtschaftlichen Fragen und Entwicklungen denke bei dem modernen Ding ... ich spür' bloß mein Pläsier – meine ›Bleisoldaten‹ ...« Es war halb vier. Man brauchte mit dem leichten Jagdwagen, wenn die Füchse eingespannt waren, anderthalb Stunden vom Herrenhaus Rote Heide bis Schloß Iserndorf. Hendrik Hagen und der Chauffeur waren neugierig, ob sie bei der temperierten Geschwindigkeit, die sie sich zum Gesetz gemacht, in einer halben Stunde hinkämen, denn es war das erstemal, daß für diesen Weg das Automobil genommen ward. Der rote Wald und das eigene Gebiet waren bald verlassen. Landeinwärts ging die Chaussee. Links sah einmal die Kirchturmspitze von Wachow über einer Wellenlinie des Geländes auf, wie ein Neugieriger, der mal ein bißchen über die Mauer guckt. Mit Ebereschen war die Chaussee rechts und links in den üblichen, regelmäßigen Abständen bepflanzt. Alte, kräftige Bäume waren es, aber doch nur ihrer Art nach, ohne die Majestät der Größe und Breite. Lauter kleine Herbststilleben, jede einzelne Krone, im reichen Schmuck ihrer brennend roten Beerenbüschel. Und die Spatzen machten einen Spektakel in ihnen, als könnten sie gar nicht laut genug über die fette Zeit protzen, in der sie nach Spatzenweise nun im Herbst dahinlebten. Eine Weile zogen sich Felder rechts und links von der Chaussee hin. Solide Felder mit schweren, braunen Erdschollen, in denen blaue Tinten aufglänzten. Dort wandelten über eine große Koppel sechs Pflügergespanne ruhevoll ihre Bahnen, an deren Enden sie immer kurz wendeten. Und die von dem flink bei der Hand gewesenen Unkraut schon gründurchwucherten Stoppeln wurden umgeworfen zu dunklen Streifen. Förmlich zusehends für das beobachtende Auge wurde aus dem hellen Stoppelfeld in langen Bahnen ein dunkles Gebreite. Hinter dem einen Pflüger, fast an seinen Hacken, schritt ein schwarzweißgefleckter Jagdhund drein mit gesenktem Kopf, in einer stumpfen, eingebildeten Pflichterfüllung. Dieser Hund interessierte Hendrik Hagen, solange er ihn sah, denn diese verbohrte, melancholische Treue, mit der er so unnützerweise hinter seinem Herrn herzog, erweckte allerlei Ideenverbindungen. Hagen beobachtete alles und Unwichtigkeiten gab es für ihn nicht, weder an Menschen noch in der Natur. Dann lief die Chaussee in einen Wald hinein. Der war aufgeräumt und nüchtern wie eine unbewohnte Stube. Ohne Unterholz standen die hohen Tannen und so regelmäßig, daß man überall eine Linie erkannte: quer, diagonal, längs. Und nachdem diese grüne Ordnung, die dem Holzfäller förmlich entgegenwuchs, durcheilt war, tat sich wieder ein liebliches Bild auf. Durch ein ziemlich stark gewelltes Gelände ging still ein blanker, schmaler Fluß hin, so friedvoll und kindlich zwischen Schilfufern, daß man gleich an Vergißmeinnicht und Krauseminze denken mußte. Und vor ihm, zur Rechten, auf sanft ansteigendem, begrüntem Hügel erhob sich eine Mühle. Eine zutrauliche alte Mühle, dick und warm in ihrer großen Strohdachhaube auf dem wohlbeleibten Backsteinunterbau, und mit enormen Flügeln, davon zwei sich wie Vogelscheuchenarme rechts und links hinausreckten, während einer hinauf in den Himmel wies und der vierte wie lahmgeschossen hinab fast zum Erdboden hing – denn bei der Windstille stand die Mühle. Und hinter den grünen Wiesen, jenseits des Flüßchens, lag, umbuscht vom herbstfarbigen Park, Schloß Iserndorf. Es sah sehr freundlich über Busch und Baum fort. Man erkannte etwas graues Dach und etwas weiße Mauer. Die Wirtschaftsgebäude rot und langgestreckt unter banalen neuen Dächern – es hatte vor zwei Jahren auf Iserndorf gebrannt – drängten sich etwas zu nah an den Herrensitz. Gerade lenkte der Chauffeur auf die Brücke zu, die in kleinem, bescheidenem Bogen, von weißgestrichenem Geländer begrenzt, über den Fluß schlug. Da war es Hendrik Hagen, als stehe neben dem backsteinroten Unterbau der Mühle, deutlich erkennbar vor dem weiten Hintergrund des perlgrauschimmernden Himmels ein lila Farbenfleck. Eben in diesem Moment ließ der Chauffeur ein Warnungssignal ertönen, denn jenseits der Brücke karrte ein krummes altes Weib eine Fuhre Sammelholz heran. Der trompetenartige Schall rollte in rascher Vibration durch die klare, stille Herbstluft. Und zugleich fast bewegte sich der lila Farbenfleck neben der Mühle. Dies machte Hendrik Hagen seiner Sache sicher. Er legte dem Chauffeur die Hand auf den Arm. »Halt, Brasch – bitte ...« Der Wagen stand. »Warten«, befahl Hendrik Hagen und stieg schon aus. Ein kleiner Fußweg wand sich in geschlängeltem Fadenlauf von der Chaussee ab zur Mühle hinauf. Den schlug er ein, sich mit Not zu einigem Maß in Schritt und Vorwärtsbewegung zwingend, denn er fühlte wohl, daß knabenhafte Hast ihm übel angestanden hätte. Und bald sah er: nein, er hatte sich nicht geirrt. Da stand Brita Benrath und schaute nun mit einiger Neugier dem Mann, der offenbar nach der Mühle wollte und den sie keineswegs zu erkennen schien, entgegen. Sie wußte gar nicht, daß Hendrik Hagen seit vierzehn Tagen dies elegante, weiße Automobil besaß. Es war zufällig nicht zur Sprache gekommen. Sein »Spielzeug« war ihm ja nur in den Stunden wichtig, wo er sich gerade damit beschäftigte, er vergaß es völlig in ihrer Gegenwart. Sie erkannte auch den eingemummten Menschen nicht. Er war ihr nur ein Klang aus der »Welt« gewesen, dieser Warnungsruf des Automobils ... deshalb wurde sie aufmerksam – lauschte – sah ... Als der zu ihr heransteigende Mann sehr nahe war, dachte sie endlich: Die Gestalt beinah wie Hendrik Hagen. Und nun nahm er auch gerade seine Schutzbrille ab. Erst bei der fremden Haltung Britas, bei der kühlen Neugier, die in ihrem Gesicht stand, fiel ihm ein, daß er unkenntlich für sie sein mochte. Sie lächelte. Ohne zu erröten. Aber doch sehr freudig. Und als er sie nun begrüßte, während ein paar ganz gewöhnliche Worte hin und her gingen, berauschte sich sein Auge an ihrer Erscheinung. Der Künstler und der Mann entzückten sich in gleicher Weise daran. Hatte sie einen so klugen Geschmack, daß sie Farbe und Schnitt ihrer Kleider so glücklich zu wählen wußte? Oder war auch das ein unbewußtes Treffen des Richtigen, des Schönen? Die fast leuchtende lila Farbe des sehr weichen Stoffes ihres Kleides paßte wunderbar in die rotbunte Herbstlandschaft. Sie hob auch den feinen, weißen Ton ihrer Haut auf das glänzendste hervor. Die dünne Taille umschloß ein Band von der gleichen lila Farbe, es war vorn durch ein fremdartiges Schloß zusammengehalten, irgendein ausländisches Schmuckstück mußte das sein, von goldenen, bizarren Formen mit großen Türkisen besetzt. Und auf ihrem Haar, das rostbraun war wie dunkles Kupfer, saß wieder einer jener kühnen Hüte, die sie zu tragen liebte, breitrandig und vielfach gebogen. »Sie erkannten mich nicht?« »Wie sollte ich? Es ist die tiefste Maskierung, die es gibt.« »Sie machen einen Spaziergang?« »Ja. Nein. Ich bin hierhergegangen, weil man von hier aus etwas weiter sieht – sogar da vorn ein winziges bißchen Meer, freilich nur, wenn man weiß, daß der blaugraue Strich Wasser ist.« »Das klingt, als ob Sie es hier zu eng fänden und sich nach der Weite sehnen.« »Ist es denn nicht eng?« fragte Brita wie überrascht. »Enge oder Weite ist immer nur in uns«, sprach er lächelnd. »Ach – ich ...« sie wußte offenbar nicht, was sie dazu sagen sollte. Daß sie keine schlagfertige, pikante Antwort bei der Hand hatte, entzückte ihn. Er fragte ganz einfach: »Sie langweilen sich bei Ihrer Großmutter?« »Es ist nicht leicht für mich. Das Leben ist so unbestimmt neben ihr«, sprach sie zögernd. »Es sind nur Zwischenaktsstunden, die Sie dort verbringen«, tröstete er. In ihrem blauen Auge blitzte es auf wie von allerlei fröhlichen Ideenverbindungen. »Zwischenakte sollten einem aber durch Musik verkürzt werden«, sagte sie. Und nun war er wieder entzückt, daß sie eine flinke Antwort fand. »Das ist Mode von vorgestern. Jetzt ist der Zwischenakt Sammlung, Stimmungszüchterei, Erwartung, Spannung.« »Ja, wenn ich allein im Parkett des Daseins säße! Aber neben Großmama! Die immer das Opernglas anders einstellen will. Oder lieber ein anderes Stück sehen möchte!« Wie hübsch sie den Vergleich ausspann. Und mit wieviel Zurückhaltung die Note des Überdrusses in der scherzhaften Rede anklang. Sie standen einander gegenüber, ein bißchen zwecklos und verloren in der Landschaft, neben der alten Mühle, die ihren ausgedehnten Mittagsschlaf zu halten schien und vor dem weiten, hellgrauen Hintergrund des Himmels mit seinem das Auge beizenden, verhaltenen und doch stechenden Licht. »Ich habe gehofft,« sprach er herzlich, »daß Ihre Anwesenheit meine verehrte alte Gönnerin gewissermaßen zur größeren Ruhe zwingen möchte, ihre nervöse Unbeständigkeit mildern könnte.« Brita machte eine Handbewegung, die solche Möglichkeit weit, weit fortwies. Und seine Seele war wieder ganz erfüllt von Barmherzigkeit. »Sie wollten Großmama besuchen?« fragte sie. »Ich war auf dem Wege.« »Gehen wir also zusammen. Es lohnt ja so kaum für Sie, noch einmal einzusteigen.« Sie gingen zusammen den sanften Hang hinab. Brita schien plötzlich zerstreut. Er konnte den Grund nicht erkennen. Seine vorsichtige Kritik der alten Frau v. Benrath konnte sie nicht gekränkt haben. Das wußte er; dazu waren ihre eigenen gelegentlichen Äußerungen über die wunderliche Art der Großmutter zu offen gewesen. Sie kamen auf die Chaussee. Da stand noch das weißglänzende Fahrzeug. »Es ist sehr elegant«, sagte Brita anerkennend, aber doch mit einem kleinen, sehnsüchtigen Seufzer. Sie sah das moderne Ding von allerlei Lichtern umspielt: die Mode strahlte es an und die Kostbarkeit umschimmerte es. Hendrik Hagen freute sich, daß sein Spielzeug ihr gefiel. Er fragte, ob sie fahren möge. Sie könne sogar selbst fahren, sagte sie wichtig. Sie habe es in Boston gelernt bei ihrer Freundin Ethel Steven, wo sie einige Monate gewesen sei. Stevens, setzte sie noch hinzu, seien Bostoner Patriziat. Er bot ihr an, sein Auto zu benutzen. Sie könne nur bestimmen. Jede Stunde sei es zu ihrer Verfügung. Nun wurde sie ein wenig rot. Das gehe nicht wohl an. Wenn etwas passiere, der schöne neue Wagen Schaden nähme, käme sie sich zu verantwortlich vor. Aber sie sah ihm mit offenkundiger Sehnsucht nach, wie er nun, ihnen voraus, mit dumpfem, krachendem Gepolter über die kleine Brücke donnerte. Hendrik Hagen besann sich noch ein paar Herzschläge lang, er wagte beinahe nicht, es auszusprechen. Und dann sagte er doch: »So erlauben Sie mir. Sie zuweilen zu einer Fahrt abzuholen ...« Seine Stimme war ganz unklar, als er dies bat. »Ja,« sagte sie voll unbefangener Freudigkeit, »oh, ja! Furchtbar gern. Und wenn Sie wollen, können wir gleich nachher eine kleine Tour machen.« Nachher? Bis man die schickliche Zeit bei der alten Dame gesessen und den Kaffee genommen haben würde, den es gewiß gäbe, bis es dann zum Aufbruch kam, war schon Dämmerung ... Geheimnisvolle, weite Dämmerung, wie ein Halbwachen des Tags unter dem stillen Himmel, im schweigenden Wald ... Und Seite an Seite sollte er hineinfahren mit ihr in diese zarten Tiefen des versinkenden Lichts – die wie Abgründe waren, voll Gefahren ... selige Gefahren ... Sie gingen rasch. Beide von dem Wunsch erfüllt, durch Eile die Stunde – die erst abgemacht werden mußte, zu verkürzen – als könne die eigene Hast die Zeit antreiben, schneller zu fließen. Er fragte sich nicht: kommt diese Freude auf mich zu? Gilt sie der Hoffnung, mit mir ungestört zusammenzusein? Oder ist es das jugendliche Vergnügen an der Sache? Oder vielleicht eine Art Begierde, schöne Erinnerungen aufzufrischen an ein anderes Land, an verlorene Freunde, an größere Daseinsformen? Er fühlte nur eine ganz junge, heiße Sehnsucht wie in schweren Strömen durch seine Adern brausen. Und nun schwiegen sie. Und zwei, die zusammen schweigen, können einander nicht in die Gedanken hineinsehen. Der Mann aber ließ sich widerstandslos verführen, sich an dies Schweigen des Mädchens heranzufühlen, bezaubernde Dinge hineinzugeheimnissen. Es ward ihm zur verheißendsten Beglückung. Ein Zeichen von Befangenheit ward es ihm, von heimlicher Bedrängnis ... vielleicht bebte ihre junge, keusche Seele nun doch vor dem Alleinsein mit ihm zurück ... und ersehnte es zugleich in einer süßen, ängstlichen Begierde ... Er hörte sie seufzen. Es war ein ganz leiser Seufzer, zurückgehalten, scheu und zärtlich ... Er zitterte von ihren Lippen wie leise, unbewußte Sehnsucht... Ja, Brita war sehr in Gedanken. Ob Großmama auch ein anständiges Kleid anhabe – sie trug zu lange zu alte Sachen in der Intimität des Hauses auf – ob Lübbers in Livree sei – sehr wahrscheinlich nicht, denn er wirkte nebenbei auch als Gärtner und hatte im Gemüsegarten oft was zu tun – ob Mamsell auch noch kleine Kuchen in der Blechkiste habe, die nie in sehr reichlichem Vorrat gebacken wurden – und wenn Mamsell erst Plinsen zum Kaffee machen mußte, so dauerte es mehr als eine Stunde und dann konnte nichts mehr aus dem Fahren werden – Mamsell war nicht auf der Höhe ... Ach, überhaupt die ganze Wirtschaft war nicht auf der Höhe ... kümmerlich an allen Ecken und Enden. Brita wußte nur noch nicht, ob so eingerostet, weil die starke Herrscherhand fehlte, oder so stockend im Gang, weil es an Geldmitteln mangelte ... Wer dahinter kommen könnte ... Und sie sehnte sich so nach großen, freien Verhältnissen. Nach einem sicheren Platz in der Welt! Es mußte schon eine starke innere Freiheit geben, wenn man nur wußte, wo man eigentlich hingehörte. Ach und alles haben, was dem Alltag Reiz geben konnte! Darauf kam es doch am meisten an. Feststunden und Tage gab's auch in kleineren Lebensverhältnissen. Die hatte jeder einmal. Aber sich den Alltag vornehm, schön, ganz von Kleinlichkeiten frei gestalten können – ja, das war's, was das leichte Dasein vom mühsamen Dasein unterschied. Ein Seufzer kam ihr aus dem Innersten herauf. Und nun war man angelangt. Und Britas Sorgen hellten sich plötzlich auf. Da stand ja schon ein Wagen vor der Tür! Also war bereits ein anderer Besuch da. Und für ihn mußte sich, der ländlichen Sitte gemäß, schon der ganze Apparat in Bewegung gesetzt haben, dessen Knarren und Versagen Brita so sehr gefürchtet hatte. Nicht allein, weil eine zu langsame Bewirtung, ein ewiges Warten bis Großmama sich ein besseres Kleid anzog, so viel Zeitverlust gebracht hätte, daß die Spazierfahrt in Frage kommen konnte. Nein, nicht nur deswegen. Sie hätte sich auch so ungern vor diesem Manne geschämt. Ihr hatte noch niemals einer so imponiert wie dieser. Seine Erscheinung war wundervoll, fürstlich und schön. Und er war berühmt. Er war auch reich ... Man konnte neidisch werden, wenn man bedachte, wieviel Gaben das Schicksal so einem Einzigen in die Hände legte ... Während tausende, die solche Lebensumstände auch zu genießen wüßten, bang und beengt sich durch die Tage schleichen mußten ... Ja, da stand ein Wagen. Hinter ihm war das Automobil angefahren. Es sah ordentlich großartig aus. Gab fast eine glänzende Staffage ab für das Bild von Schloß und Hof, so, als ob sich hier die Gäste förmlich herandrängten und einander im lebendigen, gastlichen Verkehr auf den Schwellen begegneten. In der Nähe hatte das Herrenhaus von Iserndorf nicht mehr die vornehme Freundlichkeit, mit der es von weitem über die Büsche her und zwischen den Bäumen heraus grüßte. Es war nicht verkommen. Aber es war stückweise repariert. Immer nur gerade da, wo es sehr nötig gewesen sein mochte. Man sah eine große, frisch verputzte Mauerstelle in der Front und erkannte, daß einige Fensterrahmen vor kurzem einen neuen grünen Anstrich erhalten hatten. Inmitten des großen, etwas sandigen Platzes vor dem Herrenhaus gab es einen ovalen Rasen von Klee und Wegebreit durchfilzt. Inmitten des Rasens stand eine niedrige, etwas wüste Koniferengruppe. Aus ihr ragte ein Sandsteinpostament, das in seiner halben Höhe so merkwürdig die Umrißlinien zusammenschloß, als sei da ein enggeschnürter Tailleneinschnitt. Dann verbreiterte es sich wieder rasch, bis zu einer Platte, aus deren Kanten die Zeit schon manchen Brocken gebissen. Obendrauf hielt ein Sandsteinlöwe mit seiner Tatze, die wie ein Fausthandschuh aussah, das schräggestellte Wappenschild der Benraths. Der Löwe hatte ein seltsam schmales Maul, das er gähnend geöffnet hielt und in dem die Sandsteinzähne wie große Bohnen standen. »Das ist Wachower Fuhrwerk«, sagte Hendrik Hagen, der die kleine Viktoriachaise erkannte, die der Wirt vom »Erbgroßherzog« gelegentlich vermietete. Und gerade tat sich das Portal auf. Lübbers öffnete es und stand in dienstlicher Haltung. »Gottlob, er hat Livree an!« dachte Brita erleichtert. Und da erschien groß, breit, blond, rosig, mit Triumphatormiene, wie ein Akteur, der einen glänzenden Abgang gehabt hat, der Bürgermeister. Er sah mit dem ersten Blick das ihm wohlbekannte Automobil und mit dem zweiten das herankommende Paar. »Servus Hagen. Wir haben reussiert. Wie könnten wir auch anders! Bitte mich vorzustellen.« Vor den Stufen, auf dem Sande des Wegs, neben dem Wagen standen sie nun, und Brita hörte, daß dieser gewaltige Mann mit dem dröhnenden Baß der Bürgermeister Mandach und ein guter Freund von Hendrik Hagen sei. Sie reichte ihm die Hand, die im weißen Waschlederhandschuh steckte. Sie lächelte. Dieser Mensch erfreute sie gleich auf den ersten Blick. Er machte ihr Spaß. Sie war ihm auch dankbar, daß er ahnungslos als Pionier für den zweiten Besuch in die Stille und Nachlässigkeit des Hauses hineingebrochen war. »Donnerwetter,« dachte der Bürgermeister fast benommen, »Donnerwetter!« Aber kritisch und erfahren wie er nun mal war, dachte er auch gleich hinterdrein: »Zu sehr große Dame schon für diese Jugend. Pose oder Natur? In beiden Fällen nicht unbedenklich. Und dazu Hendrik Hagen mit seinem Schönheitssinn und seinem Dichtergemüt – na – – –« Aber darin ähnelte er Napoleon: er konnte mehrere Dinge zugleich denken und überblicken. Er sagte also, während er dies dachte: »Die gnädige Frau wird sich mit dreißigtausend Mark an der G.m.b.H. beteiligen.« – Er sprach nie mehr die Worte aus; in diesen wenigen Tagen hatte er die Angelegenheit schon so sehr in geistigen Besitz genommen und durch die ganze Gemeinde hin populär gemacht, daß es immer nur noch hieß: »Die Geembeha!« – »Mit dreißigtausend Mark!« wiederholte Hendrik Hagen erstaunt, »das nenne ich freilich reussiert haben. Nun, es wird eine vorzügliche Kapitalanlage sein.« An Britas Ohren klang so was vorbei: Dreißigtausend Mark – Großmama? – Das konnte sie – das hatte sie so disponibel. »Woran?« fragte sie rasch. »Oh, mein gnädiges Fräulein – Geld, Gründungen – das ist kein Thema für schöne junge Damen.« Brita lachte etwas unfrei. »Warum denn nicht? Für so was fliegt einem in Amerika unwillkürlich etwas Verständnis an.« »Nun, da mag's Ihnen Ihre Großmama erklären, wenn sie will. Sie war begeistert. Wie sollte sie auch nicht. Schade, daß ich nun weiter muß! Der glückliche Hagen kommt und bleibt? Aber das Gemeindewohl ... Ich hoffe, daß ich ein andermal nicht so zwischen Tür und Angel... na adjüs, Hendrik. Ich werde beim Baron Walkow-Breithagen erwartet. Und wenn man da denkt, ich komme unpräzis, weil ich's zu behaglich in Iserndorf fand und mich hier festhalten ließ, ist vorneweg alles verloren ...« Damit stieg er in die Viktoria, so wuchtig, so rasch, daß das leichte Gefährt erbebte. Brita aber ging mit Hendrik Hagen ins Haus. Als sie abgelegt hatten und ins Wohnzimmer kamen, deckte Mamsell dort gerade den Tisch zur Vesper. Brita erriet: Der Kaffee und die Plinsen, die dem Bürgermeister hatten vorgesetzt werden sollen, waren jetzt, zehn Minuten nach seiner Abfahrt fertig. Gut so. »Ach bitte, Mamsell,« sagte sie, »schicken Sie uns doch Kaffee und backen Sie rasch ein paar Plinsen – in Plinsen ist Mamsell groß.« Aber dies Lob rührte Mamsell nicht und verführte sie auch nicht, auf die Komödie einzugehen. Sie knuffte förmlich mit den Tassen und Tellern herum und setzte hart, als beleidige sie solche Unordnung, einen Stuhl zurecht, der etwas schief am Tisch stand. »Is alles fertig«, sagte sie. Ihr Gesicht war verärgert, wie bei jemandem, der nie aus einer Überdrußstimmung herauskommt. Ihr Kleid war grau, aber es hatte etwas Vertragenes, Unfrisches. Auch hatte sie keine Schürze vor. Und gerade der Mangel einer Schürze gab ihr etwas Unangezogenes, so, als habe sie den ganzen, geschlagenen Tag keine Zeit, sich wirklich fertigzumachen. »Wo ist denn Großmama?« »Ich hab' müssen 'n Enspektor rufen, während daß der Bürgermeister sich 'n Pal'tot anzog«, sagte sie unfreundlich. Ja, nun hörte Brita auch Stimmen nebenan: die etwas getragene, auf- und niederorgelnde der Großmama und die kurzen Töne des Inspektors Ludewig, bei denen Brita immer an eine Lokomotive denken mußte, die in Intervallen mit dumpfem Geräusch etwas Dampf aus ihren Eisenkiefern buffen ließ. »Benachrichtigen Sie Großmama. Und Lübbers soll Kaffee bringen ... Bitte, Herr Hagen ... nein, bitte, auf diesen Stuhl... dann brauchen Sie nicht gegen die Wand mit dem frischen Tapetenflicken zu gucken ... Wie finden Sie das überhaupt? ... Ich habe beinah geweint,« erzählte Brita lachend, »aber Großmama läßt die Zimmer nicht neu dekorieren.« ›Das kann man verstehen«, sagte er nachsichtig. Dieses Haus, diese Räume erzählen Ihrer Großmama so viel Geschichten. Bei Büchern, die man liebt, mit denen man sehr vertraut ist, wechselt man ungern den Einband.« Brita war von seiner Antwort sehr befriedigt. Sie fühlte: es war noch am klügsten, alles offen zu erwähnen und zu tun, als nähme man es für rührende Schrullenhaftigkeit. Nun wurde die Tür aufgerissen und voll Hast kam Frau v. Benrath herein. In ihrem blassen Faltengesicht waren die Augen ein wenig bemerkbarer als sonst. Ihr Ausdruck schien wie verklärt von Freude. Groß, schmal und vorgebeugt kam sie auf Hagen zu, der ihr entgegeneilte. Sie streckte ihm beide Hände hin und sagte mit der Betonung jemandes, der von Überraschung und Glück überwältigt ist: »Welche Freude! Willkommen, willkommen, willkommen. Brita ordne an, daß sofort Kaffee kommt, Mamsell soll gleich Plinsen backen.« Hinter der alten Dame, die sich nur steil und stolz zu halten vermochte, wenn sie saß, kam der Inspektor Ludewig mit herein. Er war ein gedrungener Mann mit dem Ausdruck von beständiger Verachtung im runden Gesicht. Um seine ganz vergißmeinnichtblauen, nur kleinen Augen lagen die dicken Lider wie ein heller Fettring. Er hielt eine grünliche Mütze von unbestimmten Formen mit beiden roten Fäusten vor seinem Bauch fest. Seine grau- und schwarzgestreifte Hose war ihm etwas zu kurz. »Denken Sie nur, lieber Freund,« sprach Frau v. Benrath, indem sie Hendrik Hagens Hand zwischen ihren Händen behielt und sie streichelte, »– ich hatte dem Bürgermeister Mandach versprochen, mich an der Gründung zu beteiligen – Sie wissen? ...« Hendrik Hagen nickte lächelnd. »Aber setz' dich doch, Großmama«, mahnte Brita, die es reizte, daß die alte Dame immer noch so zärtlich die Hand des Gastes tätschelte. Was mochte er nun denken! Freilich, er kannte ja Großmama. Wahrscheinlich kannten alle Leute in der Gegend ihre übertriebene Art ... Aber doch: Brita fühlte sich immer ein wenig blamiert. »Ja, setzen wir uns. Ah – da kommt Lübbers mit dem Kaffee. Ludewig, bitte, auch ein Täßchen? Sie erlauben, Herr Hagen, daß Ludewig mit trinkt. Lassen Sie nur, Lübbers, das gnädige Fräulein wird uns bedienen. Nicht wahr, Brita, du würdest eifersüchtig darauf sein, wenn eine andere Hand unsern berühmten Gast bewirtete ... Bitte, Herr Hagen – man muß die Plinsen so heiß als möglich essen ... Gott, Brita, dein Vater konnte als Junge was darin leisten! Acht waren das mindeste. Ja, wer das geahnt hätte, daß bei dem mal so wenig Heimatgefühl ... Bitte, lieber Ludewig, reichen Sie mir die Decke von der Sofalehne – meine Knie sind so kalt ...« Sie saß in der linken Sofaecke und kam unter all ihren hastig hin- und herfahrenden Gedanken und Reden doch endlich dazu, ihre vornehme, steife Haltung sich zu geben. Ludewig reichte ihr von der rechten Sofalehne her, neben der er saß, die gestreifte, braunschwarze Häkeldecke hin, die sie nun mit königlicher Gebärde, als sei's ein Hermelin, über ihre Knie hinbreitete. In der Tat froren ihr gerade in diesem Augenblick die Knie nicht. Aber sie hatte plötzlich bemerkt, daß sie einen großen Fleck, vielleicht von Milch, auf ihrem schwarzen Kleid hatte. Jedenfalls war der Fleck hell und ihr darum ins Auge gefallen. Und er hätte auch von Hendrik Hagen bemerkt werden können. Die große Häkeldecke verbarg alles. »Es freut mich,« sagte Hagen, »daß Sie sich an der Gründung beteiligen wollen.« »Ja, aber denken Sie: Ludewig findet es nicht. Ludewig sagt, ein Landwirt soll sein Geld nicht in Unternehmungen stecken, die ihm fern liegen. Ich muß mich auf meines treuen und bewährten Ludewigs Urteil verlassen«, schloß sie und sah ihren Inspektor geradezu voll Zärtlichkeit und Rührung an. Ganz hingenommen von der, für eine schutzlose Frau so beruhigenden, beglückenden Tatsache, ihre Geschäfte in den ehrlichsten Händen zu wissen. Ludewig hörte die Huldigung mit dem gleichen phlegmatischen Ausdruck von Verachtung an, wie gestern den Vorwurf, daß sie, Frau v. Benrath, bei seiner Art, zu wirtschaften, eben verraten und verkauft sei. Er hätte ja sagen können: »Wo sollten wir woll dreißigtausend Mark hernehmen.« Aber das hatte er schon nebenan gesagt und er wiederholte sich nie und sagte nie etwas Indiskretes vor anderen Leuten. So stieß er nur knurrend heraus: »Is dja Mumpitz.« Wobei es unaufgeklärt blieb, ob er die Beteiligungsidee seiner gnädigen Frau oder die Gründung Neu-Wachow meinte. Ganz flink schloß aber Frau v. Benrath an: »Ich darf mich also einfach nicht beteiligen. Ich darf es nicht, wenn ich Ludewig nicht kränken will! Sein treues, bewährtes Urteil muß mir autoritativ sein. Finden Sie nicht auch, lieber Freund? Und so muß ich zu meinem unaussprechlichen Bedauern Herrn Bürgermeister Mandach wieder abschreiben.« »Er ist noch nicht halbwegs nach Breitenhagen«, dachte Hendrik amüsiert. Berthold hatte also richtig vorausgesagt. Brita fühlte sich auf irgendeine Weise durch dieses Gespräch beunruhigt. So schnell war eine Zahl genannt – so rasch wieder verklungen. Es war, als ob Kinderhände was auf eine Schiefertafel geschrieben hatten, das gleich mit nassem Schwamm wieder weggewischt wurde. So war es ja bei allem, was Großmama sagte und tat. Aber dieser rasche Vorgang ließ in Brita doch einen noch stärkeren Eindruck zurück, als all die vielen ähnlichen, die sie jeden Tag beobachtete. Gewiß könnte Großmama es auch gar nicht, dachte sie entmutigt, sehr entmutigt ... Der Mann sah auf der jungen weißen Stirn die große Nachdenklichkeit. »Armes, holdes Kind«, dachte er. Und heiße Hoffnungen brannten in ihm auf, denen er noch nicht mutig ins Gesicht zu sehen wagte. Wie verstand er, daß sie litt in diesem Dunst von Unklarheit, in dem die alte Frau dahinlebte. Wie mochte sie sich heraussehnen ... Herr Ludewig führte seine volle Tasse bis beinahe zum Munde und pustete kraftvoll, daß die Oberfläche des Kaffees sich schuppte, während zugleich die vergißmeinnichtblauen Augen aufmerksam die Zahl und die Qualität der Plinsen beforschten. Dies Pusten brachte Brita um den Rest ihrer Fassung. Frau v. Benrath fuhr fort, Ludewigs unfehlbaren Scharfblick in allen wirtschaftlichen Dingen zu rühmen. Sie war in diesem Augenblick ernsthaft begeistert von ihm, denn seine kurze Abweisung ihres Vorhabens riß sie ja aus der Situation, in die ihre schnelle Zunge sie hineingebracht. Es geschah ihr so oft, daß sie sich von ihrer eigenen Rede, ihren eigenen Worten in Lagen hineinführen ließ, die ihr schon unbequem waren im gleichen Moment, wo sie sie sich schuf. Außerdem war es doch auch ein schönes Schauspiel für Hagen: die alte Dame, die auf den treuen Diener baut! Und Hagen konnte nur die besten Schlüsse daraus ziehen über den Stand der Wirtschaft. Es mußte dem feinsinnigen Poeten geradezu wohltun, daß es noch so etwas gab. Sie genoß alles: ihre augenblickliche Rolle, den erlesenen Zuschauer. Und hätte sich und jedermann abgestritten, daß es eine Rolle war und daß sie einen Zuschauer empfand. Brita fuhr mit einer Frage in den gesprochenen Überschwang hinein. Mit nur schlecht geheuchelter kindlicher Zutraulichkeit fragte sie: »Großmama, dürfen wir sehr flink trinken, Herr Hagen und ich?« Frau v. Benrath nahm sogleich eine hoheitsvolle Weltdamenhaltung an und sagte voll schmeichelhafter Liebenswürdigkeit: »Warum denn? Mir soll das Glück verkürzt werden, mit dem lieben Freund eine anregende Plauderstunde zu haben? Selten hab ich mich Ihres Erscheinens so gefreut wie gerade heute ... man lechzt ja manchmal förmlich nach geistiger Erquickung. Und gibt es wohl bessere Stimmungen als die, welche eine Dämmerstunde am Kaffeetisch mit sich bringt.« Die gelegentlich so sehr wohlgesetzten papiernen Reden der alten Dame machten Hagen meist mundtot. Er wußte dann nichts zu antworten. Nicht eine Silbe. Aber Brita, die beinah vor Ungeduld hätte weinen können, rief: »Großmama, Herr Hagen hat sein wundervolles neues Automobil da und will mich noch etwas spazierenfahren. Ich darf doch?« »Sie wird nein sagen«, dachte Hendrik Hagen. Denn der bleiche Tag draußen mußte früh sich ins Grau vertieft ... Wenn sie nein sagte! Ihm war, als würde das ein Raub an seinem Leben sein ... Frau v. Benrath lächelte, glücklich, vielsagend, sah Hagen in die Augen, blickte zärtlich auf Brita und sprach dann: »Wie dürfte ich da nein sagen.« Brita sprang sofort auf. Sie wolle sich Hut und Mantel herunterholen, rief sie. Frau v. Benrath, die sonst zu sagen pflegte: Kind, bedien' dich gefälligst selbst, Lübbers und Mamsell können nicht immer für dich laufen, rief nun hinter ihr drein: »Aber Kind, laß doch Lübbers ...« Sie hörte nicht mehr. Da wandte sich die alte Dame lächelnd zu Hendrik Hagen: »Welche Ungeduld Brita hat, wenn es gilt, mit Ihnen zusammen zu sein.« Das traf ihn – wie ein Schreck einen Menschen trifft –, der Atem stockte ihm. Wirklich – wirklich ... Aber er war wieder mundtot. Und Frau v. Benrath fuhr beinahe schelmisch fort: »Eigentlich dürft' ich's nicht erlauben. Ich habe das Vorurteil der altmodischen Leute gegen Automobil. Aber schließlich: wem möchte ich Brita lieber anvertrauen als Ihnen – wem möchte sie selbst sich lieber anvertrauen.« Eine knappe Pause entstand. In ihr hörte man, wie Herr Ludewig den endlich etwas abgekühlten Kaffee schlürfte. »Ich werde Ihnen Fräulein Brita wohlbehalten zurückbringen«, sprach er mit einer sehr steifen Verbeugung. Und Wort wie Verbeugung zwang er sich mühsam ab. In ihm war ein Tumult ... Betäubende Gedanken rasten durch ihn hin – verwirrten ihn ... Gewiß – er hatte es jedesmal gespürt, wenn er mit den Frauen zusammen war: er schien der alten Dame als Bewerber um ihre Enkelin erwünscht. Er hatte sich dagegen gewahrt – er wollte es sich nicht eingestehen ... nicht einmal von so unerhörten Glückseligkeiten träumen, ehe nicht sie selbst, sie, die Eine, Holde, ihm gezeigt ... ihn ahnen ließ ... Was diese Frau sagte und verhieß, war so trügerisch ... Augenblicks geborene Einfälle, die in der nächsten Minute schon keine Wahrheiten mehr sein konnten. Und dennoch – dennoch ... Die Stimmungen und die Ansichten wechselten bei ihr und flossen ineinander ... wie jagendes Gewölk zogen die Gedanken durch ihr Hirn ... und ganz kritiklos gegen ihre eigenen veränderlichen Meinungen, gab sie jederzeit jeder gleich Worte ... Und dieser eine Ton – der klang nun seit einigen Wochen immer wieder an ... der war das Beständige geworden in ihrem Wesen ihm gegenüber ... Dann war es doch vielleicht eine Wahrheit... Und die alte Frau zeigte so deutlich ihre Wünsche, weil sie wußte, daß ein junges Herz sich ihm zugewendet ... Konnte es sein ... So speisten das Lächeln und die Worte der Frau dennoch seine Hoffnungen, die noch so zart, die noch kaum lebensfähig waren, daß sie nach jeder Nahrung lechzten ... Brita kam zurück. Ein dunkler, grünseidener Mantel umhüllte sie ganz, über das schwarze Matrosenhütchen hatte sie kapuzenartig einen grünen Gazeschleier gebunden, aus dem ihr weißes Gesicht mit den brennend roten Lippen wie aus einem Nonnenhabit heraussah. Es gab noch einen wortreichen Abschied mit viel Ermahnungen an Brita und Neckereien und Dankbarkeiten an Hendrik Hagen. Und endlich saßen sie im Wagen. Hagen ließ den Chauffeur fahren und nahm mit Brita die beiden Sitze hinter ihm ein. Am Fenster winkte Frau v. Benrath mit ihren langen, schmalen, welken Händen und lächelte sehr zufrieden. Brita lehnte sich fest an mit geradem Rücken. Auf jedem ihrer Knie lag eine ihrer Hände und in jeder Hand hielt sie einen Handschuh, beinah wie ein steinerner Jupiter kleine Blitzbündel hält, denn die leeren Handschuhfinger fielen wie Streifen auseinander. Der Mann betrachtete voll Zärtlichkeit die schönen weißen Hände. Nun fing sie an, mit ihnen ein wenig auf den Knien zu klopfen. »Ach, lassen Sie uns schnell fahren – rasen – rasen ...« bat sie. »Unter keinen Umständen.« »Es täte mir so wohl. So wohl!« In dem zweiten »So wohl«, langgedehnt, wie es gesprochen ward, lag so viel Klage und Sehnsucht, daß es ihn erschütterte. »Ach ja,« setzte sie dann noch hinzu, »es wäre wie eine Flucht. Und ich möchte manchmal fliehen.« »So unglücklich fühlen Sie sich bei Ihrer Großmama?« Brita sah ihn mit aufflammenden Augen an. »Soll ich lügen? Die zärtliche Enkelin spielen? Ich kenne Großmama erst seit fünf Wochen. Kann man sie so rasch begreifen?« Das weiße Gefährt huschte nun die Chaussee entlang, donnerte mit seinem schweren Gewicht über die kleine Brücke, verfiel wieder mit seinen dicken Gummireifen, die seine Räder umgaben, in sein lautloses Gleiten und glitt hinein in den grünen, kahlen, ordentlichen Tannenwald. Brita machte einmal eine hastig zurückfahrende Kopfbewegung. »Sie haben was ins Auge bekommen? Nehmen Sie doch den Schleier vor«, mahnte er besorgt. »Ist nichts«, sagte sie, ließ aber doch den Teil des Schleiers, den sie noch über den Hut zurückgeschlagen gehabt, nun herab. Er war sehr dicht dieser grüne Schleier, das weiße Gesicht, die leuchtenden Augen und die roten Lippen schimmerten nur unbestimmt hindurch. Und als nun auch Hendrik Hagen sich vermummte, wandelte ihn ein seltsames Gefühl an. Waren sie nicht wie Maskierte? Gab ihnen das nicht allerlei Unbefangenheiten? Mehr Mut? Man konnte sprechen, ohne zu fürchten, daß Blick und Miene mehr verrate als die Worte schon durften. Der Chauffeur hatte was andres zu tun als zu horchen. Hendrik Hagen dachte: ich will versuchen, sie zum Sprechen zu bringen – sie soll mir von sich etwas sagen – so viel als ich nur herauslocken kann ... »Wie kam es,« fragte er, »daß Ihr Vater Sie von sich ließ?« »Ach, was soll Papa wohl mit mir?« »Er macht noch immer Forschungsreisen?« »Schon lange nicht mehr, schon seit einigen Jahren nicht mehr. Ich glaube sein Erbteil war verbraucht. Oder Großmama schickte kein Geld mehr. Papa hat Reisebücher geschrieben. Auch für Zeitungen viel. Ich glaube, er hat auch auf irgendeine Weise durch seine journalistische Tätigkeit Herrn Stevens in Boston einen großen Dienst geleistet. Dort bin ich lange zu Besuch gewesen – als Freundin der Tochter hieß es, wir haben uns auch wirklich befreundet –, ich war da keineswegs als Gesellschafterin oder so. Herr Stevens hatte Papa auch den Posten besorgt, den Papa jetzt bekleidet.« Der Mann freute sich, daß er seine Züge hinter einer Maske wußte. Er hätte kaum sein Erstaunen zu verbergen gewußt. Das klang ja alles ganz, ganz anders als Frau v. Benrath in gelegentlichen Erzählungen hatte durchblicken lassen. »Was ist das denn für ein Amt?« fragte er weiter. Und Brita schien es auch ganz berechtigt zu finden, daß er sich ihre Lebensumstände klarlegen ließ. »So eine Art Inspektorenstellung – Papa muß fast immer unterwegs sein –, zwischen den Fabriken der Firma Stevens \& Browning reist er hin und her, und die liegen verstreut in Pennsylvanien und Ohio. Als Mama noch lebte, wohnte ich mit ihr in Hartford. Und als Mama gestorben war, wußte Papa ja nicht, was er mit mir anfangen sollte. Er dachte gleich an Großmama. Es war gewiß auch das natürlichste. Großmama schrieb, daß sie mich mit offnen Armen erwarte und vor Glück weine, das Kind ihres Sohnes bei sich haben zu dürfen. Sie wollte auch das Reisegeld schicken. Ich glaube, Papa war damals etwas in Schwierigkeiten – alte Sachen. Und Mamas langes Leiden und ihr Tod. Ich packte schon. Da schrieb Großmama, ich solle noch nicht kommen. Und sie fände auch nicht, daß es richtig sei, wenn sie meine Überfahrt bezahle. Das sei Vaterpflicht. Im folgenden Brief wurde ich wieder gerufen. So ging es immer hin und her. Wie Großmama nun mal ist. Ich kam zu Stevens, die Zeit ging hin. Endlich war Papa in der Lage, mir ohne jede Schwierigkeit ein Billet erster Klasse auf einem der großen Lloydschnelldampfer kaufen zu können; bei Stevens konnte ich nicht mehr bleiben, weil Ethel sich verheiratete und Frau Stevens nicht gern mochte, daß ihr Mann sehr lieb und gut zu mir war, wie zu einer Tochter. Und da schrieb Papa einfach an Großmama: Mit dem nächsten Dampfer kommt Brita.« So, nun war es erzählt. Nun wußte er, wie ihre Verhältnisse lagen. Ihr war halb trotzig, halb erleichtert zumute. Großmama sagte ihr jeden Tag, daß dieser Mann offenbar wahnsinnig in sie verliebt sei, daß er ihr eine vielbeneidete Stellung anzubieten vermöge, daß sie unter allen Umständen ja zu sagen habe, wenn er ihr einen Heiratsantrag machen würde. Wenn er sie liebte, würde er über diese wenig angenehmen und wenig rühmlichen Umstände wegsehen. Brita selbst fand sie unaussprechlich kläglich. Sie, ihrerseits, würde es ihm ja kaum verdenken können, wenn ihn das alles abkühlte ... Aber freilich, sie blieb trotz alledem Brita von Benrath, die einzige Enkelin und Erbin der alten Frau v. Benrath-Iserndorf. Und wenn Brita auch manchmal eine merkwürdige Unruhe darüber fühlte, wie es wohl mit dem »Familienvermögen« stehe, dessen Großmama gelegentlich vor Bekannten Erwähnung tat – das Gut, das schöne große Iserndorf, das schon fünf Generationen Benrathscher Besitz gewesen, das blieb doch immer. Und schließlich: in welcher Familie gibt es keine Schwierigkeiten. Brita bereute fast, so ehrlich gesprochen zu haben. Mit einer beinah flüsternden Stimme schloß sie: »Was ich Ihnen eben erzählt habe, braucht ja die Welt nicht alles zu wissen. Ich glaube aber, daß Sie es besonders gut mit mir meinen und deshalb war ich so offen zu Ihnen.« Nun griff er doch nach ihrer Hand, der Linken, die ihm zunächst war, und drückte sie – hastig, heftig. »Sie haben keinen ergebeneren Freund«, sprach er. Ihre Offenheit berauschte ihn. Er kannte sie schon genug, um zu ahnen, daß sie tapfer ihren Hochmut hatte niederkämpfen müssen, um so wahr zu sein. Wie kam ihre Seele ihm entgegen! Tat sie es unbewußt? Mehr wollte er von ihr wissen, immer mehr. Nun fuhren sie im raschen Rollen durch den rotgelben Herbstwald. Der Tag hatte all seine Stunden wie in ergebener Resignation still vertrauert. Jetzt, da er schied, erfaßte ihn noch plötzlich eine unruhvolle Lebendigkeit. Windstöße raschelten oben durch die Baumkronen und streiften eine Unmenge Blätter vom Gezweig. Die rieselten und wirbelten nun spielerisch herab und bewarfen das weiße den von farbigem Laub tunnelartig überwölbten Weg entlang huschende Gefährt und die beiden Vermummten darin mit bunten Flecken. Dann hatte der gespenstische Wagen den Wald durcheilt. Weiter glitt er, wie von einem Zauberatem vorwärts geblasen. Nun bog er um und behielt die Säulenmauer der grauen Stämme, zwischen denen die orangefarbenen Teppiche des Herbstes hingen, zu seiner Rechten. Links aber breitete sich ein Streifen cremeweißen Sandufers, der in sanftem Schwünge die leise sich ins Land hineinschiebende Bucht umschloß. An ihr, im Rücken der Dahinfahrenden, sah die weiße Front des Herrenhauses von Rote Heide hinaus übers Wasser. Und auch auf der Fläche dieser Bucht hatte die melancholische Unbewegtheit eiligem Leben weichen müssen. In weißen Linien kamen die Wellen rasch heran. Eine folgte der andern und drängte sich in ihre nasse Schleppe hinein. Der perlgraue Himmel hatte all seine blendende Kraft verloren, er beizte das Auge nicht mehr, er tat ihm wohl, wie schonend verhängtes Licht tut. Und so zutraulich machte er das Gemüt – die ganze Natur war von einer tröstenden Stimmung erfüllt. All ihre Herbsttrauer schien sich in kraftvollen Frieden verwandelt zu haben. Der Mann fühlte sich dem holden Geschöpf an seiner Seite so nahe. Das Verlangen, sie in seine Arme zu nehmen und ihre roten Lippen zu küssen, die ganze junge, schöne Gestalt an sich zu pressen – diese schwüle Begier nach ihr schwoll ihm in allen Adern. Ihm war, als müßte sein Verlangen auf sie hinüberwirken durch die bloße, feurige Gewalt – auch ohne daß er es verriete ... Als müßte sie gleich ihren Schleier zurückschlagen und ihm ihren Mund anbieten ... Was weiß sie von mir? dachte er, zwischen Mut und Furcht jäh hin- und hergerissen. Oh, doch, sie weiß sehr viel. Sie liebt meine Werke. Ich bin reicher als andere Männer – habe tausend Vorteile vor Ihnen voraus –, wer meine Werke kennt und liebt, ist mir schon nahe, dessen Herz ist schon auf dem Weg zu meinem Herzen ... Er wollte sie etwas fragen. Und zitterte, als könne die Antwort all seine Erfolge auslöschen. Was sind all unsere Kronen, dachte er, die Unsicherheiten einer neuen Liebe nehmen sie uns – machen aus uns Siegern arme bebende Debütanten ... Er begann, fast heiser vor Aufregung: »Ihre Großmama sagte mir, Sie liebten meine Werke. Sie können nicht alle lieben, denn die meisten richten sich an reife Menschen – vielleicht an Männer – obgleich, wie es so in Deutschland ist, wo der Mann im allgemeinen wenig liest – wir sind noch nicht so weit wie in Frankreich und Skandinavien – es wird bei uns noch vielfach zu hart und einseitig für die äußerliche Kultur gearbeitet. – Ich wollte sagen: aus Frauenherzen, obschon ich nicht direkt an sie mich wandte, kam mir doch das stärkste Echo.« Brita hörte und wurde schrecklich verlegen. Wenn doch Großmama die verbindlichen Redensarten lassen wollte ... Nachher wurde man darauf festgenagelt ... Brita wußte von sich: sie war gewiß kein wertvoller Mensch. Sie lebte so in den Tag hin, zwecklos, nicht gut, nicht schlecht. Was sollte man auch mit sich anfangen? Ja, sie war sich sogar bewußt, daß es keineswegs ideal sei, wenn sie sich glühend ein gesichertes Leben wünschte und immer dachte, sie würde den ersten Heiratsantrag annehmen, wenn er ihr genug Vorteile böte. Aber aufrichtig wollte sie doch sein. Sie sah an Großmama, was so alles aus den unbedenklich hinausgesprochenen Komplimenten und Versprechungen entstehen konnte. Und besonders wollte sie den Mann nicht anlügen. Ihr kam es so schrecklich unter seiner Würde vor. Und so rüstete sie sich innerlich auf die Antwort, die sie der zu erwartenden Frage geben mußte. Jetzt kam die Frage. Brita kannte den Mann zu wenig – wohl überhaupt keine Männer so, daß sie die Symptome höchster seelischer Erregungen an ihnen zu erraten oder zu verstehen vermochte. Sie ahnte nicht, wie scheu die Frage kam. Sie sah nicht, wie hinter der Schutzbrille die Augen brannten, nicht, wie die Nasenflügel bebten. »Welches von meinen Büchern lieben Sie am meisten?« »Sie wissen ja, daß Großmama so viel hinspricht – aus liebenswürdiger Gesinnung, um jemandem im Moment was angenehmes anzutun,« sagte Brita und schlug ihren Schleier zurück und sah der Schutzbrille fest in die Gläser – das Menschenauge dahinter erriet sie ja nur an dem feuchten Glanz in der häßlichen Umrandung – »ich habe nur Ihren Roman ›Simson‹ gelesen und den auch nur zufällig und nur bruchstückweise. Herr Stevens brachte mir manchmal eine deutsch-amerikanische Zeitung mit. Die hatte den Roman wohl gestohlen – nicht wahr?« »Ja – gestohlen!« sprach er in jubelheller Freude. All seine klägliche Angst vor dieser jungen Richterin, der sich seine ganze, erfolggekrönte Schriftstellerlaufbahn in Demut hatte unterwerfen wollen, all dies bebende Lampenfieber, das ihm den Männerstolz nahm und seiner Seele jede Sicherheit raubte – es war plötzlich einem Rausch von Entzückungen gewichen. Ihre Aufrichtigkeit war anbetungswürdig! Sie war also nicht nur ein bezauberndes Geschöpf voll unvergleichlicher Jugendanmut und Schönheit. Sie war mehr – war ein Charakter ... Und die Tatsache, daß er ihre Begeisterung, ihr Verständnis für sein Schaffen noch ganz und gar zu erobern hatte, beseeligte ihn. Ihm war, als habe er für sein Liebeswerben nun ungeahnt neue, reiche Waffen bekommen. »Ich darf Ihnen meine Bücher bringen?« fragte er heiß und drängend, als erbitte er eine Gunst von unberechenbaren Folgen. Sie lächelte glücklich. »Ich werde sehr stolz sein, sie vom Autor selbst zu empfangen«, sagte sie mit dem Ausdruck, wie jedes junge Mädchen, jede Frau hierauf geantwortet hätte. Wieder bog der huschende weiße Wagen in den Wald und ließ die Bucht hinter sich, wo mit wichtigem Rauschen noch so viel eilige Wellen ans Ufer mußten, bevor es völlig Abend ward. Und der lauerte schon im Wald und mußte gleich herauskommen mit seinen sachten Schritten und seinen weitausgebreiteten, riesengroßen, grauen Fledermausflügeln ... Sie glitten zu ihm hinein – nun stumm Seite an Seite. Es war, als ob sie sich einem Geheimnis näherten – in ein Schweigen hineindrängen – es war vor ihnen im dunkelnden Wald, es war aber auch zwischen ihnen. Und sie wagten nicht, es aufzuhellen – obgleich sie vor Ungeduld brannten ... Das Mädchen wartete – wenn auch nicht mit zitterndem Herzen, so doch voll nervöser Unruhe. Und von dieser Spannung ganz entmutigt und ermattet, dachte sie zuletzt: »Sollte Großmama sich doch irren?« Einen Antrag geradezu hatte Brita ja auf dieser Fahrt nicht erwartet. Da saß doch vor ihnen der Chauffeur und konnte vielleicht etwas auffangen. Aber man kann auch ohne ein klares Wort deutlich von Wünschen sprechen ... Brita war bereit gewesen, ihnen verheißungsvoll und bejahend zuzulächeln ... Ohne Herzklopfen, aber in angenehmer Gehobenheit ... Welches Mädchen schlüge auch einen Hendrik Hagen aus! Freilich, er war fast sechsundzwanzig Jahre älter als sie. Aber das kam ja oft vor. Und nun hatte er nichts, gar nichts gesagt, an das sie sich halten konnte. Warten ist immer schwer. Und wie schwer erst, wenn man im Trüben so hinlebt und denkt, es soll sich glänzend aufhellen. Der Mann bezwang sich mit rasender Anstrengung. »Es wäre unrecht,« dachte er, »sie kennt mich noch nicht ...« Und sie waren auch nicht allein ... Vor ihnen, krumm, die Hände am Rad, saß der Lenker und ließ den Wagen eilen und um scharfe Kurven biegen und die geraden Wegeslinien entlang sausen; scharf durchschnitten sie die dunkelnde Luft. Und hinter ihnen wölkte übelriechend Rauch und Staub. So glitten sie durch den Abend und der Himmel schien auf sie herabzusinken, denn grau und schwer ward seine Farbe. So kamen sie zurück. Und dann noch ein hastiges Lebewohl – beinah ein gequältes, fast feindliches ... aus der Spannung heraus, in der zwei Menschen einander nicht mehr ertragen, weil sie sich das Höchste und Letzte noch nicht sagen und noch nicht geben dürfen ... IV. Die hohe Stimmung, in der Hendrik Hagen der Ankunft des jungen Andree entgegensah, blieb so beschwingt und von heißem Glanz durchleuchtet, bis zu dem Augenblick, wo der gelassene Zug ein bißchen unsicher und jedenfalls durchaus uneilig auf dem einzigen Gleise, umschimmert vom durchstäubten Sonnenschein, dahergerasselt kam und etwas wackelig am offenen Bahnhof von Wachow anfuhr. Da fühlte der Mann, daß ihm das Herz unsinnig zu klopfen begann. Eine jähe Entmutigung befiehl ihn. Hatte er sich nicht all diese glücklichen, friedlichen Möglichkeiten nur eingeredet? Sich in sie hineingesteigert? Aufgebaut wie eine Novelle, in der ersonnene Helden erfundene Schicksale erlebten? Und dann kam noch etwas herauf aus dem Untergrund seines Wesens – eine tiefe Befangenheit – Scham vielleicht –, weil er wußte, er stand in den Anfängen einer neuen Leidenschaft. Und eine seltsame Empfindung wallte in ihm empor, steigerte sich fast bis zur Erscheinung – so, als käme mit ihrem Sohn auch die Tote und sähe ihn fragend an, in einem unirdischen Erstaunen, aus ihrer Ewigkeit heraus, sich über die Veränderlichkeit, die Endlichkeit menschlicher Leidenschaften wundernd. Er fühlte: wie tief wurzelt in uns allen die primitive Vorstellung von der Unsterblichkeit der Liebe ... Und all dies verflog auch schon. Denn da stieg Andree aus. Er eilte auf ihn zu, und die Männer schlossen einander herzlich die Arme. – Ja, auch der junge Mann den Älteren – dieser feste Druck, dieser gute, ehrliche Blick war nicht geheuchelt – keine Komödie für die Menschen, die gerade auf dem Bahnhof waren und die Begrüßung mit erstaunlicher Unbefangenheit beobachteten. Auch der Amtsrichter Dr. Haldenwang und der Bürgermeister waren anwesend. Sie wollten eben diesen Zug benützen, um nach Rostock zu fahren. Sie dachten dort mit einer Bank »die Geembeha« zu besprechen und Interesse, wenn möglich auch Kapital von eben dieser Bank zu erringen. Der Bürgermeister hatte seinen Freund, den Amtsrichter Dr. Haldenwang, förmlich hypnotisiert mit der »Geembeha«. Es war Hendrik Hagen nicht unlieb, daß sie herankamen, ehe sie einstiegen, womit sie sich ja auch in gar keiner Weise zu beeilen brauchten. Denn wenn der Zug auch nicht geradezu auf sie warten würde, so konnte man sich doch darauf verlassen, daß der Bahnhofsinspektor höflichst herantreten und die Herren auf den bevorstehenden Moment der Abfahrt aufmerksam machen werde. Haldenwang kannte ja den jungen Andree von Marschner seit mehreren Jahren und begrüßte ihn herzlich. Er sagte, daß seine Antoinette und er sich schon auf ihn freuten und daß gerade heute Antoinette in voller Arbeit sei, Einladungen zu schreiben. Das übliche große Zauberfest, das sie gäben, fände diesmal schon Anfang Oktober statt, weil Antoinettens Bruder, Oberleutnant Püllmann, auf Urlaub bei ihnen erwartet werde. Mandach, mit der Miene wohlwollender, doch immerhin autoritativer Würde, ließ sich den Stiefsohn des Freundes vorstellen und sagte, ihm fest die Hand schüttelnd: »Sie kommen in eine bewegte Zeit hinein. In Ihrer engsten Heimat bereitet sich viel vor. Sie werden nicht fernstehen wollen. Hagen, ich erwarte, daß du mir deinen Sohn als Gesellschafter unserer Gründung zuführst.« Hendrik Hagen zuckte lachend die Achseln. »Ich habe keinen Einfluß auf Andree und will auch gar keinen. Er ist selbständig. Pflegt höchstens mit Berthold seine Angelegenheiten zu beraten.« »Dann sind Sie glänzend beraten«, sagte der Bürgermeister anerkennend. Richtig kam nun der Inspektor, zwei Finger an der roten Mütze und ein halb freundschaftliches, halb respektvolles Lächeln im graubärtigen Gesicht und meinte, es werde wohl Zeit, Platz zu nehmen. Und gerade ging auch schon der Schaffner am Zug entlang, knallte die Türen zu und rief: »Ain–s–taigen ...« Nachher im Wagen sagte Hendrik Hagen: »Da kam dir also gleich all der drollige Kleinkram von Wachow entgegen.« »Das gibt ja das gute Gefühl, daß man in der Heimat ist.« »Hast du es auch empfunden«, sprach Hendrik eifrig. »Da liegt einer der Unterschiede zwischen Heimat und Fremde. Daß man ihren Humor versteht und goutiert, wie das Augenzwinkern und die Mätzchen eines altvertrauten Komikers. Während wir in der Fremde nur die Schönheiten, Häßlichkeiten oder Gleichgültigkeiten spüren.« Andree ging darauf ein. Sie sprachen eine Weile an dem Thema herum. Und dabei fühlte der ältere Mann: nun war es sofort, wie es immer zwischen ihnen gewesen: sie versteckten sich voreinander hinter lauter leeren Liebenswürdigkeiten und »unterhielten« sich, wie zwei gut erzogene Tischgenossen, die man bei einem Festessen nebeneinandergesetzt hat. Und gerade das war es ja, was er nicht gewollt hatte. Die offene Herzlichkeit, zu der er sich seelisch gerüstet hatte, mußte in der ersten Minute einsetzen, wenn sie ganz natürlich wirken sollte; sie mußte den andern einfach überfallen. Das war verpaßt. Kam die rechte Minute wieder? Während sie nun auf der Fahrt und in den ersten Stunden daheim sich voll Eifer über die gleichgültigsten Dinge der Welt besprachen und von vollendeter Verbindlichkeit gegeneinander waren, beobachtete Hendrik Hagen den jungen Mann. Wirklich, er sah so aus wie das Bild seines Vaters, mit den Retouchen, die die andere Tracht des Haares und der Kleider gab. Wenig über mittelgroß, wohlgebaut war er und sein Gesicht wohl etwas starkknochig, fast von russischem Typ. Der bräunliche Hautton, die lebhaften dunklen Augen, das hübsche Haar kleideten ihn gut. In all seinen Bewegungen war eine rasche und kraftvolle Energie – die Frische der Jugend nur gerade gebändigt durch die Formen der guten Erziehung. Und unverkennbar: sein Blick war herzlicher, sein Lachen freier geworden. Und ein gewisser, warmer Respekt war manchmal in seinem Wesen. Ja, neue Noten klangen an. Hatten sich auch in ihm Wandlungen vollzogen? Oder war es die unbewußte Äußerung des Freiheitsgefühls? Jene überraschende Empfindung von Güte, die der Eingekerkerte plötzlich in sich für seinen Mitgefangenen entdeckt, im Augenblick, da sie voneinander loskommen? Was es auch war, es gab offenbar in dem Gemüt von Nadinens Sohn heute eine Temperatur, die alles wärmer und traulicher machte. Die hohe Stimmung wuchs allmählich wieder in dem Herzen Hendrik Hagens empor. Als sie abgegessen hatten, befahl er den Kaffee in sein Zimmer. »Nicht wahr – für heut ist dir's doch recht so, daß du bei mir deine Nachtischzigaretten rauchst.« »Aber selbstverständlich.« Mit ganz fröhlichem Eifer, als gelte es, einen besonders lieben Gast zu ehren, trug Hendrik Hagen dann in seinem Zimmer Zigaretten und Feuerzeug zusammen. Die Glastür war nun schon für den Winter vorbereitet und an ihrem unteren Teil mit filzgefütterten Decken geschützt, so daß sie als Fenster wirkte. Vor ihr stand ein Rauchtischchen zwischen drei tiefen Klubstühlen. In einen dieser drückte Hendrik den jungen Andree förmlich hinein. Der Diener, ein hier noch neuer Mensch von total gleichgültigem und unfehlbar sicherem Wesen, trug den Kaffee auf, überblickte prüfend, ob die Herren auch alles nötige zum Rauchen hätten, sah, daß ein Aschebecher fehlte, holte ihn und verließ das Zimmer. Und nun waren sie erst wirklich ganz und ungestört allein. Hendrik sah den jungen Andree fest und gerade an und fand zu seinem Erstaunen, daß ihm ein bedeutungsvoller, freundlich entschlossener Blick begegnete. Es war gerade, als ob sie beide, wie auf ein Stichwort, mit ihren Gedanken aufeinander zu kamen. »Sieh mal, lieber Andree,« begann Hendrik sehr einfach und sehr herzlich, »diesmal kommst du ja anders zurück als sonst. Sonst kamst du als Feriengast. Jetzt ist dein Bildungsgang abgeschlossen, du stehst an der Schwelle der Mannheit.« »Ich mein', ich bin wohl schon ein Mann,« sagte Andree mit Lächeln dazwischen, »ich bin schon über fünfundzwanzig Jahre.« Das verwirrte den anderen einen Augenblick. Gott ja – richtig – man ermißt nie so ganz, wie weit der Nachwuchs ist .... hält die Jugend immer noch für jugendlicher als sie ist – wie sie die Alternden immer schon für älter hält als sie sind ... Wenn man ihn – Hendrik – in jenen Jahren noch nicht für einen Mann genommen hätte ... er stand da schon in schwerem Berufskampf. »Ja,« gab er mit entschuldigendem Lachen zu, »wir, die wir voraus sind, machen uns nie klar, wie ihr Jungen uns rasch einholt ...« »Und ich wollte dir sagen,« fuhr er fort, unfähig, kluge Überleitungen, wohlabgewogene Vorreden zu finden, »ich wollte dir von ganzem Herzen sagen: laß uns versuchen, von vorn anzufangen und Freunde zu sein.« Andree sprang auf – mit dem Ausdruck starker Überraschung im ganzen Wesen. Sein bräunliches Gesicht färbte sich dunkel, so stieg ihm das tiefe Rot ins Gesicht. Und auch Hendrik Hagen erhob sich. Zu seiner eigenen Überraschung, trotz aller Ruhe und Klarheit, die in ihm gewesen als er zu sprechen begann, bebte ihm die Stimme, feuchtete sich ihm das Auge. Zwei kalte, feste Hände umschlossen sehr heftig seine Rechte. Er sah über ein junges Gesicht eine fast feurige Begeisterung leuchten. Sah aus dunklen Augen Blicke sprühen ... Die beiden kalten, festen Hände zogen und führten ihn ... Zu dem Bilde der toten Frau ... Das leuchtete als sanfter, weißer, großer Farbenfleck zwischen den dunkelbunten Mauern der Bücherrücken heraus. Vor dem Tisch standen sie, der mit dem Sofa unter dem Bild seinen Platz hatte. Und Andree sprach in heißer Erregung, halb zum Bild, halb zu dem Mann: »Weißt du ... ihre Liebe hat doch Wunder getan – noch über ihr Grab hinaus! Denke: ich kam mit solchen Gedanken – wie du sie eben sagtest. Ähnliches hatte ich vor, dir zu sagen. Ich wollte dich bitten: verzeih', daß ich einst mit Händen und Füßen um mich schlug. Ich war einfach ein dummer Junge. Versuch's mit mir, ob du mich verständiger findest. Vielleicht ein bißchen reifer. Nicht mehr mit so kindischem Trotz gegen Tempeltüren hämmernd, nur um die Andächtigen drinnen in ihrer heiligen Stimmung zu stören ... kennst du das Bild? weißt du, wo ich's her hab?« Er lachte. Hauptsächlich, weil er fühlte, daß die Rührung ihn überwältigen wollte. »Ja, kommt mir bekannt vor,« sagte Hendrik Hagen fröhlich und zärtlich, »kann eine Metapher von mir sein ... was? Du hast von mir gelesen?« »Hab ich!« rief der andere immer noch außer allem Gleichgewicht. Und es war nicht so einfach, all das auszusprechen, was im ganzen genommen nur als gärender, unklarer Wunsch in ihm stand. »Jawohl, ich hab dich endlich gelesen! Und als ich den Trotz besiegt hatte, war's mit jedem andern vorbei.« »Ich hab als Autor mein Publikum vergrößert«, dachte Hagen blitzschnell. Und ein heißer Schmerz durchfuhr ihn. Dem staunte er nach. War es wirklich erbitternd, daß dem Dichter gelungen war, was der Mensch nicht vermocht hatte? Stand er in seinem Doppelwesen sich oft so selbst im Wege ... Wenn nun sie, die Eine, auch durch sein Werk besiegt und gewonnen ward, durfte er dann als Mann solchem Sieg trauen? Das flog ihm so durch die Gedanken ... aber es ließ sich nicht festhalten und betrachten – jetzt nicht. Er zwang die Unruhe weder. Er wollte für diesen wichtigen Augenblick ganz Sammlung sein. Sanft, fast voll Trauer sagte er: »Du hast dich dem Schriftsteller Hendrik Hagen genähert?« »Oh, nicht so ist das gemeint. Ihm allein? Das kann man doch gar nicht. Das ist wohl bei dir untrennbar und besonders für mich. Aber ich wollt' es dir doch gesagt haben, damit du weißt, wie es so kam. Es zwang mich die Rücksicht auf den Schein, um Mamas willen. So, mußt du wissen: Männer und Frauen, wenn sie hörten, ich hinge mit dir zusammen, du seiest der zweite Mann meiner Mutter gewesen, sprachen mir von dir, wollten von deinem Wesen, deinem Schaffen hören. Ich sah immer mehr ein: es wirkte häßlich, daß ich deine Bücher nicht kannte. Und ich dachte auch: es ist gewiß noch leichter, Gesprächen über seine Bücher standzuhalten, wie von seinen menschlichen Vorzügen zu reden – ich bin ganz offen – zu offen?« unterbrach er sich und faßte den andern am Arm, sah ihm mit ängstlicher Frage ins Gesicht. »Nein,« sagte der ältere Mann, »es ist der Augenblick dazu.« »Und ich glaubte beinah Mamas Bitte zu hören: hab wenigstens den Stolz, deinen Haß zu verbergen, bedenk immer, daß du mit ihm auch zugleich meine Leiden in die Welt posaunst. Und darum fing ich an zu lesen –« Der fast knabenhafte Freimut, mit dem er alles vorbrachte, gewann ihm das Herz, das er sich ja gewinnen wollte. Hendrik Hagen legte ihm beide Hände auf die Schultern, sah ihm tief in die Augen und fragte: »Und dann?« »Ich bin noch nicht sehr erfahren,« sprach Andree, »aber doch ein Mann ... da versteht man viel, wenigstens ahnend, wenn auch noch nicht erkennend. Aus ein paar profanen und sehr oberflächlichen Erlebnissen geht man doch reifer hervor. Große, echte Liebe hab ich noch nicht erlebt. Aber ich kann mir ihre Gewalt und ihre Rechte denken ... das kann ich.« Und nun stockte er, wie in plötzlicher Befangenheit. Seine junge Seele schlich sich nur keusch und scheu an dem vorbei, was jetzt vor ihr stand: an dem Liebesleben seiner Mutter. Er vermied den Blick des Mannes, der der Geliebte seiner Mutter gewesen war. Aber mit eiskalter Hand drückte er die seine. »In deinen Versen, in deinem Roman ›Simson‹ ist eine solche Leidenschaft – solches Aufbäumen gegen den Zwang der Liebe und ein solches jauchzendes Unterliegen. – Ja, ich hab gefühlt: das war groß, echt ... Ich hab begriffen, wie du meine Mutter liebst ... Ich hab die Einsamkeit und Trauer verstanden, in der du nun schon jahrelang dem Andenken dieser Liebe lebst – ich habe geweint, geweint habe ich über die Leidenschaft und die Treue, die du unserer heiligen Toten weihst – ich habe bereut, in neidvollem Unverstand euer Glück einst gestört zu haben ... ich ... ich wollte dir danken ...« Er fiel dem Mann in die Arme. Er umklammerte ihn. Sie standen stumm. Hendrik Hagen schloß die Augen. Sein ganzes Wesen war wie gelähmt. Er fühlte, daß dieses junge, unerfahrene Herz ihm vor allem um – der Treue willen zujauchzte ... Das Leben lächelte ihn voll spitzbübischer Ironie an ... Er war waffenlos dagegen – in diesen Minuten noch ... Ihm blieb nichts zu tun, als die hingebende Umarmung voll Herzlichkeit zu erwidern. Eines wenigstens empfand er deutlich: daß Klugheit und Würde ihm geboten, sich zu verstecken ... noch ... noch ... Die starke Gemütsbewegung, in die Andree geraten war, die glückliche Befreiung, die er nach dieser Aussprache empfand, hoben sein Selbstgefühl. »Ah,« sagte er, nun mit großen Schritten auf und ab gehend, »wie das schön ist! Als Mann zum Mann sprechen! Laß uns morgen zusammen an ihr Grab gehen. Ohne Sentimentalität. Nein, ich bin nicht sentimental. Das mußt du nicht denken. Aber wir standen da so oft förmlich bewaffnet gegeneinander. Das wollen wir auslöschen. Ja, für immer ... Merkwürdig, daß dies alles gerade in dem Moment kommt, da das Testament uns erlaubt, unsere Interessen zu trennen.« Hendrik Hagen dachte wieder: »Und doch hat, als Untergrundströmung, auch das vielleicht viel in Bewegung gebracht ...« Er sah ja alle Zusammenhänge und das Skelett jeder Erscheinung ... »Ich habe schon gedacht,« fuhr Andree in seinem wichtigen Eifer fort, »daß Mama dies vorausahnte. Sie dachte damals: gehen sie gleich auseinander, trennen sie sich als Feinde; müssen sie noch einige Jahre zusammenbleiben, wird mein Junge inzwischen ein Mann, kommt zur Einsicht und dann bedarf es des äußeren Bandes nicht mehr, um sie zusammenzuhalten. Sie werden Freunde sein, auch wenn sie notwendiger- und natürlicherweise ihre äußeren Interessen trennen.« Hagen hatte sich inzwischen ein wenig von der Beklemmung befreit, die sich auf ihn gelegt. Was der junge Mensch da aussprach, hatte er selbst ja auch gedacht ... »Gewiß, so hat Mama gedacht«, bestätigte er. Andree warf sich in einen der tiefen Stühle und griff in die Zigarettenschachtel. »Nicht wahr,« sprach er, »das müssen wir – diese verzwickte Kompagnieschaft des Besitzes aufheben – dabei kommt ja nichts heraus – weder für uns – noch für Rote Heide.« Hagen setzte sich auch. Immer mehr wich der Druck von ihm ... Was für andere Anschauungen von Liebe sollte denn so ein enthusiastisches junges Herz auch haben. Das kennt nur »Ewigkeiten« – es weiß noch nicht, daß solche »Ewigkeiten« nichts anderes sind als Unfruchtbarkeiten des Herzens. Eines mit reicher Triebkraft blüht wieder ... Er würde es lernen müssen ... Vielleicht würde er das Schauspiel anstaunen ... aber er mußte es begreifen, es ehren ... daran reifen ... »Gewiß: es kommt nichts dabei heraus. Und aus dem Umstand, daß unsere teure Tote diesen Zustand nur für fünf Jahre festlegte, sehen wir ja auch, er sollte nicht dauern«, sagte er mit freiem Ausdruck. Sie waren beide von vollkommener Unbefangenheit erfüllt. Keiner von ihnen wäre imstande gewesen, von einer Geldfrage einen Streit herzuleiten. Hendrik Hagen dachte: ich will ihm seinen Anteil an Rote Heide nach der allerhöchsten Taxierung auszahlen oder eintragen lassen, wie er es will. Andree v. Marschner fühlte förmlich strahlend: nun kann ich zeigen, daß all meine Feindseligkeit nicht den mindesten materiellen Hintergrund hatte, daß ich nur mit Mamas Liebe teilen wollte, daß ich an das Vermögen nie dachte. »Sieh mal,« sprach Andree und nahm eine sehr erfahrene Miene an, denn er war nun der Mann, der von seinem Beruf sprechen wollte, von dem sein Zuhörer nicht viel verstand, »ich bin ja Landwirt geworden und hab mich durch all die Stadien der Ausbildung geschlagen – praktisch – theoretisch – als Volontär – als bezahlter Inspektor – aus Passion für den Beruf. Damit ich meine eigene Scholle mal selbst bewirtschaften und auf ihr vorwärtskommen kann. Als meine Eltern heirateten, war Vater Offizier. Mamas Vater starb ja dann bald und Mama erbte und kaufte Rote Heide, mein Papa nahm den Abschied. Aber er verstand nichts von Landwirtschaft. Man versuchte es mit einem Inspektor. Es ging nicht besonders. Da entschloß man sich, dies Herrenhaus zu bauen und in das alte Haus den Pächter zu setzen, der seitdem Rote Heide ausbeutet – – ja ausbeutet ... das glaub ich gewiß. Und ich denke: dem Manne setzen wir nun den Stuhl vor die Tür.« »Will er mein Pächter werden?« dachte Hendrik Hagen, »er sagt doch ›wir‹ – er kann doch nicht wollen ... nicht meinen ...« »Der Kontrakt läuft Ostern ab, er müßte in diesen Tagen erneuert werden«, sagte er. »Ich denke nicht daran!« rief Andree mit Entschiedenheit. Und dies »Ich«, dies klare, entschlossene, jede Stimme des anderen Mannes ausschaltende »Ich« ließ Hendrik Hagen die Farbe wechseln. Andree sah das nicht. Er fuhr auf seinen fertigen Plänen mit fröhlichem Jugendmut und in unfehlbarer Sicherheit weiter hinein in die Zukunft. »Ich war,« sprach er, ganz allein nur mit sich, mit sich und noch einmal mit sich beschäftigt, wie es das kraftvolle Recht seiner Jahre und seiner Gegenwart war, »ich war schon geboren, als wir Rote Heide kauften – ich glaub, zehn Wochen bin ich gewesen – na, es ist mir natürlich immer so, als sei ich hier geboren. – Es liegt mir im Gefühl, vielleicht auch bloß im Wunsch, den ich durch Jahre in mir groß gezogen hab: ich möcht' eine Tradition schaffen. So ein Geschlecht von Marschners, die durch Generationen auf der gleichen Scholle sitzen – der Gedanke spricht mich so an ... Du glaubst nicht wie!« »Und du hast dir Rote Heide als Schauplatz dieser Tradition gedacht?« fragte Hendrik Hagen sehr mühsam. »Aber natürlich.« »Du bist ja – du bist ... du warst doch im ganzen genommen nur selten hier ...« »Aber gerade die besten Zeiten des Lebens – die wichtigsten – in meiner ersten Kindheit! Und in meinen Ferien! Du bist doch ein Dichter und bist auch mal ein Junge gewesen. Muß ich dir sagen, was Ferien auf dem Lande sind! für einen Jungen!« »Und die Erinnerungen an all die Kämpfe – an die, die wir durch unsere Aussprache eben erst, erst heute beendet haben – diese Erinnerungen haben dir Rote Heide nicht verleidet?« »Im Gegenteil. Wenn es mir gelungen war, mir und euch alle Stimmung zu verderben, fand ich in meinen trotzigen Leiden im Park und im Feld und am Strand tausend Wohltäter. Jedes Vogelnest gab mir Trost. Jeder Baum war mein Genosse. Jede Welle verstand meinen Zorn. Und ich denk auch so: man ist nie fertig; wenn ich als Mann mit meinen alten Heftigkeiten zu kämpfen krieg, werden meine einstigen Tröster meine mahnenden Erzieher sein. Meinst du nicht auch ...« »Andree,« sagte der Mann, »dies ist kein Platz für deine Jugend. Meiner Einsamkeit, deren ich für meine Arbeit oft und lange bedarf, war es der schönste Wohnsitz, für dich ist es nicht.« In seinem Gemüt wuchs eine große Angst empor. Er sah: man wollte ihn berauben – ihm war gerade, als griffen schon rohe Hände nach seinem Schreibtisch und würfen ihn hinaus. Und wie ein Geschlagener schlich er nach ... Dagegen wollte er sich wehren ... mit aller Kraft ... Aber vielleicht gelang es noch, diese Wünsche abzulenken. Junge Wünsche ... Flackerfeuer vielleicht. Sehr eifrig, auf alles, aber auch einfach auf alles gerüstet und mit einem Stundenplan fürs Leben in der Tasche, wie um Ostern ein Lehrer ihn für die Schule bereit hat, so erzählte Andree: »Ich werd' natürlich heiraten – weiß noch nicht wen – ich will bloß so erst ins Blaue hinein ... ich möchte mich schrecklich gern verlieben und verloben ... aber mit so einer gewöhnlichen Verliebtheit und so einer landläufigen Verloberei laß ich mich nicht abspeisen vom Schicksal – wär mir zu dilettantisch – so was Großes, Echtes, Ewiges will ich – so wie deine Liebe und Mamas ... aber vielleicht erleben sowas bloß Dichter«, schloß er mit einem bedauernden und sehr anmutigen Seufzer. Aber der andere hat jetzt keinen Blick für diese Anmut und keine Gerechtigkeit für die naive Frische, mit welcher der junge Andree an seine Zukunft heranging. Er fühlte nur eine tätliche Furcht. Er war wie besessen von der starken Einbildung, daß all seine Schaffenskraft an diese Stätte gebunden sei, die für ihn mehr Heiligkeiten hatte, als für jeden anderen Sterblichen die Heimat haben kann ... »Ich fände es gräßlich,« sprach Andree, der in dem Schweigen, das so schwül und drohend ihm entgegenwuchs, gar nichts andres sah als die Erwartung, mehr zu hören, »ich fänd es nun wirklich gräßlich, wenn wir zwei uns über Zahlen bereden wollten. Dafür haben wir ja Berthold. Ich will zu ihm fahren und ihm sagen: so soll's werden, vollziehen Sie die Formalitäten, aber sorgen Sie dafür, daß ich nicht um zehn Pfennig in Vorteil komme.« Einen Augenblick dachte Hendrik Hagen: »Berthold kann ihm meine Wünsche, meinen Willen sagen – ja, meinen Willen – ich bin der Ältere – habe wichtigere Gründe zu wollen ...« Nein, das war feige. Aber ehe er die Wahrheit sagte, versuchte er noch ... »Andree,« begann er, »wär's nicht einfacher, ich zahlte dich aus? Ich kann es ganz und gar, denn ich habe genug selbständiges Vermögen. Das deine liegt fast ganz in deinem Anteil an Rote Heide. Du kannst mich gar nicht auszahlen.« Andree lachte. Er nahm es für ein Anerbieten der Noblesse. »Ich sollte dir dein Geld abnehmen und dich auf Rote Heide sitzen lassen?! Wo du keinen Schimmer von Landwirtschaft hast! Und wo der Pächter, wenn er mit forcierter Düngung den Boden ein paar Jahr ausgesogen hat, dir eines Tags kommen kann und sagen: ich zahl nur noch die halbe Pacht, Rote Heide ist nicht mehr wert ... Nein, nein, nein. Und um so verrückter wär das, weil ich mir ja gar nichts heißer wünsche als hier der Herr zu sein.« Hagen legte schwer die Faust auf das Tischchen und erhob sich – als habe er dieser Gebärde bedurft, um sich zu stützen. »Ist dir nie der Gedanke gekommen, daß ich dieses Haus sehr liebe ...« Er wußte selbst nicht, wie bleich er war, wie gramvoll sein Ausdruck. Andree sah es – endlich! Und begriff es sofort, wie er es begreifen konnte. Er stand vor ihm, zärtlich, ergeben und streichelte ihm den Ärmel. Mit der überlegenen Miene, die jeder Tröster dem Trostbedürftigen gegenüber immer annimmt. »Oh, daran habe ich immer gedacht!« beschwor er, »ich weiß doch: hier warst du mit Mama glücklich, hier lebst du in deinen Erinnerungen mit ihr fort. Muß ich das noch erst sagen: du bist hier immer wie zu Hause – ich hab mir's schon ausgemalt – die Zimmer oben bleiben dein – dein Zimmer, ihr Zimmer, ,euer Zimmer'.« Er wollte zart sein. Er war es – sein bewegtes Herz gab es ihm ein – denn das war erfüllt von Andacht vor der großen Liebe dieses Mannes ... Und doch schlugen seine Worte dem andern ins Gesicht, wie eine Mißhandlung ... Hendrik Hagen fühlte: er mußte sprechen! »Schweres kommt auf uns zu,« sagte er, mit dem verzweifelten Wunsch, nicht hart zu sprechen, »wir haben beschlossen, Freunde zu sein. Wir müssen sogleich erproben, ob wir es können. Auch wenn wir sehen, daß ein Konflikt ... Laß dir nur sagen: ich, ich selbst will Rote Heide behalten. Ich will es keinem lassen – auch dir nicht ...« »Oh...« Weiter brachte der junge Mann in seinem grenzenlosen Erstaunen nichts hervor. Er dachte aber gleich wieder: »Es ist wegen Mama – wegen der Erinnerungen ...« Und das ergriff ihn. Das beängstigte ihn. Er fühlte: langsam muß man ihm klar machen, daß er hier ja unbehindert dem Kultus seiner verlorenen Liebe leben kann, auch wenn ich der Herr bin. Berthold konnte da vermitteln – reden – vorsichtig und klug, wie er es verstand. Aber ein wenig beklommen ward ihm doch. So sehr hart war es gesagt worden – so voll heißer Leidenschaft ... Trotz regte sich in Andree – noch ganz dunkel und unklar ... Trotz mit dem raschen Gedanken: ich habe Anrechte – angeborene – dieser Besitz kommt mir vom Gelde meines Großvaters – hätte meine Mutter nicht wieder geheiratet, könnte ihn mir kein Mensch auf Erden streitig machen – Er kämpfte das nieder. Ganz redlich. Es waren keine vornehmen Gedanken. Besonders nachdem man sich vorhin so ausgesprochen hatte ... »Wir werden uns verständigen,« sagte er und sein Versuch, nicht hart zu sprechen, glückte ihm vollkommen. Er sah und empfand ja auch alles viel einfacher. Schonte Gefühle, die nicht mehr ihr Leben besaßen. Ehrte Tempel, die schon verlassen waren ... In liebenswürdiger Zutraulichkeit fuhr er fort: »Weißt du was: ich möcht' am liebsten gleich mal nach Berthold fahren – wenn du es nicht übel nimmst. Bis zum Abendbrot kann ich ja bequem zurück sein. Ich will mal mit ihm reden. Er hat dich und mich, glaub ich, lieb. Und ist so maßvoll. Wie?« »Ja,« sagte Hendrik Hagen, »fahre nur. Besprich unsere Sache mit ihm. Fahre!« Es war eine unendliche Erleichterung, befreit zu sein, für eine knappe Zeit wieder befreit zu sein von der Gegenwart dieses jungen Mannes, der mit so fürchterlicher Unbefangenheit Gräber öffnete und Tore verschloß ... Draußen ward es Abend. Früh und mit grollender Düsterheit. Das zarte bißchen Herbstsonnenschein, das mittags Andrees Heimkehr beschienen, hatte sich längst von der Gegend zurückgezogen. Schwarzgraues Gewölk wälzte sich mühsam unter dem Himmel hin, einander drängend und die Bahn versperrend, so daß es, anstatt jagend in stolzen Höhen dahinzufliegen, sich kämpfend ineinander verkeilte. Ein scharfer Wind bohrte sich in Stößen durch die Luft und fuhr mit Anprall gegen alles, was ihm entgegen wollte. Aber das war dem jungen Menschen, der in diesen erzürnten Abend hineinkam, gerade recht so. Ihm däuchte, die Bewegung draußen lenke ihn von der in seinem Innern wohltätig ab. Solch Toben beruhigte sich – morgen schien vielleicht wieder die Sonne. Und der rasche, kleine Wagen ward fast stadtwärts vom Wind gejagt, der hinter ihnen her kam, so daß dem Kutscher und dem Herrn die Mantelkragen oftmals über dem Kopf zusammenschlugen. Je weiter Andree sich von dem so merkwürdig bleich und schweigsam gewordenen Mann entfernte, desto getrösteter dachte er: es wird sich ja alles in Frieden ordnen lassen. So wie er im kräftigen Gefühl seiner Rechte und Wünsche den Frieden verstand: daß der andere Teil zur Einsicht kommt ... Hendrik Hagen wanderte unterdes durch die Räume, die wieder sein einsames Reich geworden waren. Die Erregung, die ihn zerquälte, wollte sich nicht niederkämpfen lassen ... Ja, die Ironien des Lebens lächelten ihn wieder spitzbübisch an ... Mit ihrem beleidigenden Lächeln – das dumm und hilflos macht, den der sich ihm ausgesetzt sieht ... Wie sollte sich dies alles lösen? Es konnte sich nicht lösen. Dieses junge Herz, das sich ihm eben noch voll Enthusiasmus geschenkt hatte, würde sich mit Feindseligkeit gegen ihn bewaffnen, sobald es erkannte: er ließ sich dies sein Heim, die Stätte gesegneten Schaffens nicht rauben – von niemandem, unter keinen Umständen ... Und verachten würde ihn dies junge Herz, wenn es erfuhr: er sei erfüllt von süßen Träumen an ein neues Glück. »Seltsam,« dachte der Mann und stand am Fenster und sah hinaus ins Grenzenlose, »seltsam, daß wir auch nicht vom Unverstand verachtet sein wollen ... Seine Verachtung hat keinen Wert – kann keine Dauer haben, weil eines Tags die Erfahrung kommt und sie korrigiert ... einerlei – sie trifft – sie schlägt ... wir lehnen uns doch gegen sie auf ...« »Gut, daß er mit Berthold spricht. Die Besitzfrage muß rasch geklärt werden. Dann erst ... dann ...« Er dachte nicht aus, was dann. Seine Grübeleien lösten sich in drängendes Gefühl. Er mußte »sie« noch sehen – noch diesen Abend – sich aus dem Glück ihres Anblicks jubelnde Zuversicht, Selbstbeherrschung, Großmut holen ... Nun war es fast dunkel. Desto besser. Es schien ihm ein heimlicher Weg ... Auf seinem Schreibtisch lagen die Bücher für sie ... seine Gedichte, sein Roman »Simson«. Er wollte sie ihr bringen ... Nach wenig Minuten huschte ein weißer Wagen gleich einem flinken Ungeheuer mit Glühaugen in den schwarzen Wald hinein, durch dessen Wipfel der Wind mit seinem scharfen, feuchten Atem blies. So schwer und düster stand der Abendhimmel über ihm, daß es war, als wolle das graue Wolkengedränge herabsinken und sich auf die Spitzen der Baumkronen lagern. In rasender Fahrt, wie auf der Flucht glitt der Wagen vorwärts, die geschwungenen Bogenlinien der Straße entlangsausen. Wer spät und sacht noch diese selbe Straße einherwandelte, sprang entsetzt beiseite mit dem Gefühl, als habe eine schreckliche Faust ihn schon fast am Kragen gehabt ... Wer gemächlich und harmlos mit nickendem Pferd und baumelnder Laterne an der Deichsel noch seinen Ackerwagen heimlenkte, hielt entsetzt an und starrte dem als undeutliche Form vorbeisausenden Gefährt nach. Zwei vermummte, gebückte Gestalten hockten darin. Und sie kamen vor ein Haus, in dem irgendwo hinter geschlossenen weißen Gardinen ein schwaches Licht glomm, sonst aber alles in untraulicher, ablehnender Finsternis lag. Hunde, die auf dem nahen Wirtschaftshof angekettet sein mochten, schimpften mit blaffendem Gebell und erzürntem Heulen auf die Ankömmlinge. Die Windstöße pfiffen durch die Luft. Lange stand Hendrik Hagen und klingelte und hoffte, daß die Tür sich öffnen würde. Sie tat es auch. Nur ein paar Hände breit, gerade so weit wie die Sicherheitskette erlaubte, die sich rasselnd drinnen anzog, als der Türflügel sich bewegte. »Das gnädige Fräulein? Nee. Die is in die Stadt. So weit als ich weiß auf'n Damentee bei die Amtsrichterin«, sagte Lübbers mit leidlicher Freundlichkeit. Denn er wußte es schon von Mamsell und aus einigen Andeutungen seiner Herrin: daß der Gutsnachbar jetzt so oft kam, konnte was zu bedeuten haben. »Also dann dies Paket sorgsam aufheben und abgeben«, empfahl Hendrik Hagen. Das Herz schwer von Enttäuschung, stieg er wieder ein. Er hatte es so nötig gehabt, sie zu sehen, nur zu sehen ... Es war eine von jenen Notwendigkeiten, wie sie vielleicht so verzweifelt, so töricht, so tief begründet, so närrisch und so weise nur ein Schaffender empfinden kann – der sich einredet, daß beim Anblick der Geliebten alle Quellen der Kraft frisch aufsprängen, daß im Sonnenschein ihrer Augen allein das Werk reifen kann, das in der Seele keimt. Zugleich aber bedeutete diese schwere Enttäuschung doch auch ein köstliches Jugendglück ... Sein Herz empfand sie genau so mit süßer Trauer, wie dereinst in jungen Tagen junge Liebesleiden ... Wie reich das war. Mit all ihren tausend Qualen kam die Jugend zurück ... Sein Leben blühte wieder – in Not und Wonne wie einst. Nein, reicher, viel reicher – denn er war erfahrener. Größere Feinheiten besaß sein Herz und reichere Schätze barg es in seinen Tiefen. Er konnte der Geliebten königliche Gaben darbringen: das Feuer der Jugend zusammen mit dem Wissen des Gereiften ... Das Glück dieser Empfindungen durchleuchtete plötzlich sein ganzes Wesen so, daß alle Sorgen der letzten Stunden sich vor so viel hellem Licht verkrochen. In sausender Eile fuhr er durch die lärmende Nacht zurück – eine Art köstlicher Befriedigung empfindend durch die bloße, brutale Schnelligkeit, mit der ihn das gleitende Gefährt vorwärts trug ... Um dieselbe Stunde trabte der Fuchs vor dem kleinen Jagdwagen mit der Vergnüglichkeit des zum Stall heimkehrenden Pferdes die Chaussee von Wachow nach Rote Heide entlang. Der alte Busekist, der auf dem erhöhten Kutschersitz saß, war beleidigt und drückte dies durch eine mucksche Haltung aus, ließ es auch dem Fuchs fühlen, indem er ihn ganz unnötig oft mit dem Peitschenschmiß etwas ankitzelte, wovon aber der Fuchs nicht die mindeste Notiz nahm, da er sich im schlanken Trabtempo schon sowieso befand. »He is dja woll hochmödig worrn,« dachte der alte Busekist, der es gewohnt war, daß Andree ihm eine Zigarre schenkte und ihn ein bißchen über den Pächter ausholte. Aber an die Zigarre dachte der junge Herr heut abend nicht und nach dem Pächter fragte er auch nicht. Und da war doch genug zu sprechen über den Kerl! Bloß allein dies mochte Busekist woll wissen, wie es denn nun mit den Pferden würde! Seit der »alle Stinkwagen« angeschafft war, hatte Herr Hagen die ihm zustehenden Pferde nie beansprucht, außer heut zur Bahn. Sollte der Pächter so mir nichts dir nichts den Profit einstecken? Wo er doch schon davon sprach, nun ein Gespann abzuschaffen? Busekist gönnte ihm nicht die Butter aufs Brot. Und sollte bei so'ner himmelschreienden Sache still das Maul halten und zusehen?! Als er mit dem jungen Herrn vom Hof fuhr, hatte er schon ganz befriedigt in sich reingelächelt, so'n gewisses quos ego -Lächeln. Und genoß es vorweg, daß nach dieser Fahrt morgen eine Unterredung zwischen dem jungen Herrn und dem Pächter folgen werde, bei welcher der Kerl wütend denken sollte: das hat mir Busekist angerührt! »Dja woll, mien goode Mann, hev ick, hev ick!« sagte Busekist schon, denn er hatte Phantasie. Aber sie konnte nur wieder begossen nach Hause schleichen. Als schadenfroher Triumphator aufzutreten in der Arena des Wirtschaftshofes, dazu würde Busekist morgen keine Gelegenheit bekommen. Der junge Herr war offenbar nicht zu sprechen. Da saß er auf dem niedrigen Sitz neben Busekist, hatte die Ellbogen auf den auseinandergespreizten Knien, faltete die Hände vor sich hin und saß ein bißchen gebückt, so, als wollte er sich mit der Mütze, die er auf dem Kopf trug, dem Wind entgegenstemmen. Denn der schlug ihnen mit gewaltiger Kraft ins Gesicht. So schweigsam waren sie nach Wachow hineingefahren. So fuhren sie nun auch wieder zurück. Vorhin in Wachow hatte Busekist vorm Hause des Rechtsanwalts Berthold halten müssen. Da stieg der junge Herr ab und befahl mit einer ganz neumodschen Kürze, die Busekist noch besonders übel nahm: Warten! Was dann der Fuchs mit stumpfsinniger Geduld und Busekist mit breiter Würde aushielt. Denn er fühlte sich als Persönlichkeit, wenn er oben auf dem Bock eines Rote Heider Wagens saß, und nahm die Grüße von vorübergehenden Arbeitern und Kleinbürgern gnädig entgegen. Nach einer halben Stunde war der junge Herr wiedergekommen. Mit ihm zugleich erschien Berthold in der Haustür und hinter beiden Bertholds Kompagnon, der Notar Zufuß. Die Gaslaterne, die neben dem Türpfosten aus der Hausmauer vorsprang, beleuchtete die drei ganz komisch. Denn sie tat, als ob sie den Veitstanz hätte, duckte sich, fuhr jäh wieder auf und gab eine sehr wechselnde Beleuchtung her. Busekist hörte natürlich mit spitzen Ohren zu. Er verstand denn auch, daß Doktor Berthold sagte: »Es tut mir leid, daß ich jetzt keine Zeit mehr hatte. Sie hörten, wie dringlich mich die Konsistorialrätin rufen ließ. Ich hoffe, wir sprechen in den nächsten Tagen weiter. Die Fragen sind zu ernst, sie dürfen nicht so rasch entschieden werden.« »Also auf Wiedersehn«, hatte dann der junge Herr geantwortet. So flau, so gedrückt klang es aber. Und saß dann noch in sich versunkener als vorher schon. Busekist hörte auch manchmal einen Seufzer. Dies alles war für seine ausnehmende Neugier eine große Plage. Allmählich war er wie geladen vor Ungeduld. Da kam endlich etwas, das befreiend wirkte. Gerade wollte er von der Chaussee ab und in den Rote Heider Waldweg hineinlenken und freute sich schon, daß man dann ein bißchen Schutz vor dem scharfen Winde haben werde, als er voraus was Ungewöhnliches sah. Durch die Transparenz der Nacht erkannte man ein paar schwarze, dichte, seltsam geformte Dinge. Das sah aus, als hocke da mitten auf der Chaussee ein ungeheurer Klumpen. Und neben ihm balgten sich zwei Männer. Auch glühte da eine Laterne, die aber unmöglich zu einem vernünftigen Wagen gehören konnte, denn sie saß an einer unbegreiflichen Stelle. Dann guckte da noch eine Laterne wie ein gelbes Auge durch die Nacht. Dicht an einem Baumstamm strahlte sie und man sah, daß sie zu einem Rad gehörte, das an den Stamm gelehnt stand. Natürlich machte sich der Wind seinen Spaß mit den Laternen, besonders mit der, die an einem so sonderbaren und unerklärlichen Platz saß. Er wollte sie durchaus totblasen. Aber sie glänzten immer wieder auf. Was waren denn das für Geschichten? »Na nu!« rief Busekist und hielt an. Sein kräftiges »Na nu!« weckte Andree auf. Und der sah gleich, daß die beiden schwarzen Silhouetten, die fast Kopf gegen Kopf, Schulter gegen Schulter sich widereinander zu stemmen schienen, neben dem enormen schwarzen Klumpen, daß die sich nicht balgten, sondern vereint bemühten, einen gestürzten Wagen aufzurichten. Sofort stieg Andree von seinem Sitz herunter. Mit Ach und Krach kletterte Busekist ihm nach, von unbezwinglicher Neugier getrieben und durchdrungen von dem Gefühl, daß er es sich schuldig war, dabei zu sein, wenn vor seiner Nase so was passierte. Er warf dem Fuchs die Zügel über die Kruppe. Und dann ging er hinter Andree her auf die abenteuerliche Gruppe zu. Ja, da lag ein Wagen, wie ein Betrunkener ganz schwer und träge, auf die rechte Seite gekippt. Und seine Laterne auf der linken Seite am Kutscherbock war wie das riesige Auge eines Fisches, der hilflos auf dem Trockenen liegt. Die Pferde standen aneinandergedrängt, still, wie schuldbewußt, als hätten sie das Malheur auf dem Gewissen. Und nun bewegte sich neben ihnen noch eine Gestalt, deren Mantel wehte. »'n Frunksminsch!« dachte Busekist mißfällig, denn eine dumpfe Ahnung von zu leistenden Ritterdiensten stieg in seinem Gemüt auf und zu Haus schnitt seine Alte gewiß schon die Zwiebeln über die Bratkartoffel ... Andree trat erst einmal an die Männer heran. Der eine war der Iserndorfer Kutscher Pölchau, den Andree sogleich an dem schokoladenbraunen Kragenmantel erkannte, noch ehe er das harte Gesicht gesehen, das unter dem Munde mit einem so merkwürdigen rotgelben Bartfetzen abschloß. Der andere stellte sich nachher als der Tischler Fahrenkrug heraus, der auf seinem Rade von einer Arbeitsgelegenheit aus einem Nachbardorf heimkehrend, gerade vorbeigekommen war. Das rechte Hinterrad des Wagens war gebrochen. Die beiden Männer schimpften außerordentlich zwanglos und machten mit mecklenburgischem Nachdruck von dem Reichtum an kräftigen plattdeutschen Worten Gebrauch. »Ach, das nützt ja nichts«, sagte Andree. »Wir werden Ihnen von Rote Heide den Stellmacher mit einem Rad schicken. Wenn Sie den Wagen auch hochbringen ... Sie können ja doch nicht mit ihm weiter. Gut, daß wenigstens niemand drin saß.« Dem er hatte die weibliche Gestalt hinter den Pferden noch gar nicht bemerkt. »Dat Fräulein wär da dje inn«, sagte Pölchau. »Was für'n Fräulein?« fragte Andree erstaunt. »Ich!« rief da eine helle und sehr vergnügte Stimme. Denn Britas Ärger und Langeweile über den Zwischenfall wandelte sich sofort in eine angeregte Stimmung, als sie sah: Da kam ein Mensch, ein Kavalier, der ihr helfen würde. Nun wurde es gleich beinahe ein Abenteuer. »Ich? Wieso – ich? Wer – was?« rief Andree zurück. Um die scheu zusammengedrängten Pferde herum gingen sie aufeinander zu und trafen sich mitten auf dem Fahrweg, in Front der Deichsel. »Darf ich mich vorstellen: Andree v. Marschner,« sagte er und nahm die weiche Mütze ab, die keineswegs auf Höflichkeiten eingerichtet war, sondern mit beiden Händen wieder auf ihren Platz zurückgebracht werden mußte. Und während Andree das tat, schlug ihm der Wind wieder den Mantelkragen um die Ohren, so daß er sich förmlich erst herauswinden mußte. »Ah –« hatte Brita gesagt. Sehr betroffen und sehr interessiert. Denn sie wußte ja natürlich wer das war. Ihre Großmutter hatte ihr oft Hendrik Hagens Lebensumstände dargelegt und zwar so: von der ersten Frau war da ein Sohn, ein fataler, eigensinniger, junger Bengel, mit dem Hagen so gut wie gar keinen Verkehr unterhielt und mit dem er bei seiner Wiederheirat ganz brechen würde, so daß eine junge Frau nicht in die Lage kam, sich als Stiefmutter eines erwachsenen Sohnes zu fühlen; finanziell habe dieser junge Mensch auch nichts von Hagen zu beanspruchen, da er durch sein Muttererbe ein bißchen Vermögen besitze, welches natürlich nicht von fern an den Reichtum Hendrik Hagens heranreiche und vor allen Dingen nicht flüssig sei. Brita hatte sich einen Primanertyp vorgestellt: anspruchsvoll, selbstbewußt, ein Knabengesicht mit Bartanflug und schlechtem Teint. So hatte sie in Wachow in den Michaelisferien ein paar Jünglinge gesehen, die zum Besuch in ihren Familien waren, und meinte nun: so sähen sie immer aus. Bei der Dunkelheit, durch die das kraftlose, flackernde bißchen Laternenlicht nur unsicher drang, konnte Brita nichts Genaues erkennen. Aber sie hörte eine frische, wohllautende Männerstimme, unterschied flotte Bewegungen, fühlte eine große Freiheit des Auftretens heraus. »Und mit wem habe ich denn das Vergnügen?« fragte er. »Ich bin Brita Benrath, die Enkelin der alten Frau v. Benrath-Iserndorf«, sagte sie. Er seinerseits hatte von ihrem Dasein keine Ahnung gehabt. Gar keine. Aber er dachte sofort: »Wie nett ... dann haben wir ja endlich 'n bißchen Jugend in der Nachbarschaft.« »Haben Sie sich was getan beim Umkippen?« fragte er zutraulich. »Nein. Es ging sehr sanft. Es war so ungefähr, als wenn ich in einem großen Korbe säße und vorsichtig aus ihm herausgeschüttet werden sollte.« Sie lachte. »Die kann ja reizend lachen!« dachte er. »Hören Sie mal, gnädiges Fräulein,« sagte er verständig, »die Geschichte ist hier so: Ihr alter Pölchau muß bei dem Wagen als Wache bleiben, mein alter Busekist pilgert nach Rote Heide... »O Gott, mien Bratkantüffeln!« dachte Busekist dazwischen, »wenn mie nich so wat schwant hett! Und bringt mit dem Stellmacher von dort ein provisorisches Rad her, damit Ihr ehrwürdiger Landauer auf seinen eigenen Achsen nach Iserndorf zurückgebracht werden kann. Das kann seine anderthalb Stunden dauern. Sie werden hier nicht so lange herumstehen wollen. Bei dem Sturm. Es wird ja fühlbar schlimmer. Hören Sie mal, wie es in dem Wald kracht und braust ... Unheimlich, nicht? Und Ihre Großmutter wird ja auch ängstlich werden, wenn Sie so lange ausbleiben. Ich schlage also einfach vor: Sie gestatten mir, daß ich Sie heimkutschiere. Mein Jagdwagen sieht so klein und leicht aus, daß Sie vielleicht Angst haben, der Sturm pustet Sie da noch runter. Aber Sie brauchen keine Sorge zu haben. Ich übernehme die Garantie für heile Ankunft in Iserndorf.« Dagegen war nichts zu sagen. Brita dachte auch nicht daran, den Vorschlag abzulehnen. Es war ihr ja unaussprechlich interessant, auf diese Weise Hendrik Hagens Sohn kennenzulernen. Sie war nur ärgerlich auf die Dunkelheit. So jemand mag man sich doch gern sehr genau angucken! Sie war nicht wenig neugierig darauf, wie er aussähe. Denn das fühlte sie schon: Großmamas Porträtentwurf mußte unähnlich sein. Und wer wußte, wie wichtig das mal sein konnte, daß sie sich von vornherein mit Hendrik Hagens Stiefsohn gut stand ... Wenn Großmama schließlich doch recht haben sollte mit ihren gewissen Andeutungen von Hagens Absichten ... »Ich akzeptiere mit Dank«, sagte sie. Andree sprach noch ein paar Worte mit den beiden Kutschern, davon natürlich Pölchau der Gelassenere war, während Busekist sich mürrisch als das Opferlamm des Vorfalls fühlte. Und als Andree dann der jungen Dame nachging, die schon wartend neben dem Rote Heider Jagdwagen stand, dachte er: »Schade, daß es so dunkel ist. Ich möchte wohl sehen, was sie für ein Gesicht hat. Die Gestalt scheint ja wundervoll...« Die ganz einfache, witternde Neugier des jungen Mannes auf ein junges Mädchen erfüllte ihn ... Brita stand neben dem Wagen, gerade bei der Laterne, die von der Seite des Bocks her eine sich auseinanderbreitende Garbe von Lichtstrahlen aus ihrem Glas entließ. Und da dies eine solide Laterne war, neu und vernünftig, trotzte sie allen Zuglüftchen und gab ein stetiges Licht her. In ihm standen die beiden jungen Menschen dann einander gegenüber. Sie zögerten unnötigerweise ein paar Sekunden, ehe sie aufstiegen und verbargen die Verzögerung durch ein paar kurze Worte, die sie noch über die brausende Unruhe in der Luft wechselten. Sie wollten ihre Neugier wenigstens etwas befriedigen und sich betrachten. Das Gesicht des jungen Mannes begann zu strahlen. Und Brita dachte glücklich: »Dies ist ja ein bezauberndes Abenteuer. Endlich erlebt man mal was.« »Bitte ...« sagte er und half ihr aufsteigen. Ihr Fuß mußte ein bißchen herumtasten, um den kleinen Tritt zu finden. Sie trat einmal fehl. Und darüber brachen sie beide in ein jubelndes Gelächter aus. Lachend fuhren sie zusammen in den Sturm hinein. V. Etwas Unglaubliches war geschehen! Wenn man hört, daß die 96jährige Konsistorialrätin Klinghammer gestorben war, würde man ja viel eher sagen müssen: es sei das Natürlichste von der Welt. Aber den Wachowern war es doch wie etwas Unglaubliches! Seit dreißig Jahren hatten alle Menschen sie jeden Tag hinter ihrem Parterrefenster sitzen sehen. Auf der weißlackierten Fensterbank standen zwei Blumentöpfe, in denen sich aber keine Gewächse befanden. Es waren blaue Porzellantöpfe mit einem weißen, goldumrandeten Medaillon darauf und im Felde dieses Medaillons befand sich je ein gemaltes Rosenbukett. Zwischen den beiden leeren himmelblauen Töpfen hatte man immer das graugelbe Vogelgesicht mit dem Falkennäschen und den runden, schwarzen Hutnadelkopfaugen bemerkt, das eine weiße Haube mit einer Tüllrüsche eng und sauber umschloß. Watschelnde Jungens, die sie so gesehen hatten, waren zu imposant ausschreitenden Honoratioren geworden. Bräute, die das Himmelreich in der Tasche hatten, reiften zu behäbigen Großmüttern heran, die sich an gar kein Himmelreich mehr erinnerten und sehr zufrieden in verständigeren Regionen lebten. Jünglinge zogen übers Meer und kamen als à peu près -Krösusse zurück. Immer und immer saß die alte Frau mit dem zähledernen Gesicht und den klugen, blanken Augen darin hinter ihren leeren himmelblauen Blumentöpfen, vor dem schwarzen Hintergrund der Zimmertiefe. Jedermann hatte geglaubt, sie würde hundert werden. Daß Wachow sich um den hundertjährigen Geburtstag einer Mitbürgerin gebracht sah, erschien fast als empfindliche Beeinträchtigung. Es wäre doch immerhin eine kleine Wichtigkeit für jedermanns Gefühl gewesen, so etwas mitzuerleben. Noch mehr Sensation aber als ihr Tod machte ihr Testament. Der Inhalt desselben wurde irgendwie herumgeflüstert. Drei Tage vor ihrem Tod hatte die alte Dame sich abends um sieben Uhr ein bißchen schwach gefühlt und sofort den Rechtsanwalt Dr. Berthold und den Notar Zufuß holen lassen. Da war das Testament gemacht worden. Berthold sprach nicht. Das wußte man. Aber Zufuß hatte so eine Art – so eine konditionelle Form, viel zu sagen, eine Form, auf die man ihn nicht festnageln konnte nachher und in der er dennoch sein Bedürfnis, als der Alleswissende zu imponieren, befriedigen konnte. Vom Notar Zufuß vielleicht stammten die Gerüchte. Aber man konnte es nicht nachweisen. Und die Hauptperson hörte auch nichts davon, man war doch zu delikat, ihm schon zu gratulieren. Wie – wenn es doch bloß Gerede wäre ... Die Hauptperson erfuhr es erst, als am Tage nach der Beerdigung das Testament, wie die Erblasserin es vorgeschrieben hatte, im großen Saal des Amtsgerichts öffentlich verlesen ward. Alle Männer, die in Wachow Liebe für ihre Vaterstadt, Interesse an ihrem Erblühen hatten, fanden sich zum Zuhören ein und somit war der Saal übervoll. Die Spannung war groß. Seit dreiviertel Jahren, seit Mandach hier als Bürgermeister wirkte, hatte man ihn ja oft und oft mit seiner gewaltigen Befehlshaberstimme kommandieren hören: »Die Frau muß ihr Geld der Stadt Wachow vermachen; die Stadt kann es brauchen und die Klinghammerschen Urgroßneffen sind kinderlose Millionäre!« Und nun – und nun? War das Gerede wahr? Gleich nach der Verlesung des Testaments, die Punkt ein Uhr endete, begaben sich der Amtsrichter Dr. Haldenwang, Dr. Berthold und der Bürgermeister in die Haldenwangsche Wohnung. Denn Frau Antoinette hatte die Herren zur Aalsuppe eingeladen. Der angenehme, süßsäuerliche Kräuterduft der Aalsuppe durchschwebte alle Räume der Wohnung. Seiner durchdringenden Würze konnte man durch keine Lüftung entgegenwirken und wollte es auch nicht. Sogar Mandach sagte: Aalsuppe ist das einzige Gericht, das man vorher riechen darf. Es war noch nicht so weit. In wenig Minuten. Die Herren möchten sich gedulden, sie seien so pünktlich nicht erwartet worden, sagte Frau Antoinette. Im großen Eßzimmer stand der gedeckte Tisch in der Mitte. Am Fenster saß Frau Antoinette. Zwischen ihren Knien hielt sie ihr sechsjähriges Töchterlein und band in deren weißblondem Haar die blaßblaue Schleife etwas anders und kleidsamer zurecht. Berthold, die Hände hinterm Rücken, lehnte in der Nähe an der geschlossenen, weißlackierten Tür, die ins andere Zimmer führte. Der Bürgermeister lief mit gerungenen Händen in großer Erregung hin und her. Seine Baßstimme füllte mit dunklen, runden Schallwellen den ganzen Raum. Er rief immerfort: »Es wäre nicht fair, nicht fair, nicht fair!« Der Amtsrichter Dr. Haldenwang lief auch mit gerungenen Händen umher und sagte immerfort dagegen: »Nimm doch Vernunft an. Nimm doch Vernunft an. Nimm doch Vernunft an.« »Vernunft, mein Bester?!« sagte die enorme Baßstimme, »es handelt sich um die Ehre!« »Man kann vor lauter Ehre als Don Quixote handeln.« »Will ich, will ich lieber, als nicht fair handeln.« »Ach, Quatsch...« Das Wort fiel als Bombe in die Erregung und zersprengte sie. Es folgte die Stille, wie nach einer großen Explosion. Das hatte Amtsrichter Dr. Fritz Haldenwang gesagt? Er, für den in jeglicher Hinsicht, in allen moralischen wie materiellen Fragen, die das Leben nur irgendwie aufwerfen konnte, sein Freund, der Bürgermeister, eine Autorität war? Er erschrak ja selbst nicht wenig. »Na – verzeih!« sagte er aber flink und schlug dem Freund schallend auf die breiten Schultern. Aber der lachte schon. Er wußte ja, wie's gemeint war. »Quatsch – das sagst du woll so. Mensch, stell' dir mal vor: Erbschleicher! Nee – da mag ich nicht mit 'rumlaufen, mit so 'ner Etikette auf'n Buckel«, sprach er mit seinen sonorsten Tönen. »Aber das ist ja eben der Unsinn. Das bist du ja gar nicht. Die Stadt hat doch dreimalhunderttausend für lauter gemeinnützige und wohltätige Stiftungen geerbt und dir hat die alte Dame, weil sie dich gern mochte, weil du ihr die letzten dreiviertel Jahre ihres Lebens manche Stunde verkürzt hast, weil sie deine Selbstlosigkeit erkannte, hunderttausend vermacht. Aller Ohren haben die schmeichelhafte Begründung gehört. Dieses Erbe abzulehnen wäre der reinste Unverstand.« Der Bürgermeister wanderte mit seinen wuchtigen Schritten auf und ab, so daß die kleine Toni, sicher zwischen den Knien ihrer Mutter stehend, sich sehr davon unterhalten fühlte, indem sie zusah. »Wenn die Frau nur nicht so genaue Bestimmungen dazu gesetzt hätte! Dann wär ja alles gut. Aber lehne ich ab, kommt's nicht mal Wachow zugute. Und den Millionären da in Berlin gönn ich's auch nicht. Das Schreckliche ist, ich kann ja nicht verfügen! Nicht mal verfügen kann ich. Sonst gäb ich die ganzen Hunderttausend als zinsfreies und unkündbares Darlehn der Geembeha! Aber nein, sie müssen in Konsols fest liegenbleiben, ich soll nur die Zinsen haben!« Er blieb vor dem Doktor Berthold stehen, stach mit seinem fleischigen weißen Zeigefinger in die Luft in der direkten Richtung auf Bertholds Brust und sagte mit den grollendsten Tiefen, in die eine Menschenstimme nur irgend hinab konnte: »Das war des Tells Geschoß!« In Bertholds Augen war ein behagliches Leuchten und über sein schmales, sich nach unten vorbauendes Gesicht ging ein zufriedenes Lächeln. Aber er zuckte die Achseln, als sei er vollkommen unschuldig. »Jawoll,« sprach der Bürgermeister bestimmt, »du hast das der alten Frau eingegeben.« »Wenn er's hat, tat er sehr recht«, sagte der Amtsrichter. »Nun hast du doch lebenslänglich die Zinsen. Und mir scheint, du kannst sie brauchen.« Ob er sie brauchen konnte! Da waren vorgestern, am ersten Oktober, mit einer geradezu beleidigenden Pünktlichkeit die überraschendsten Rechnungen eingelaufen. Sachen, an die man wahrhaftig nicht mehr von fern gedacht ... Aber schließlich ... wenn man mehr hatte, brauchte man wieder mehr und zuletzt war es doch dasselbe... »Und ich bleibe dabei: es ist nicht fair, anzunehmen. Immer wird mir's sein, als hätte ich die Gemeinde bestohlen...« Da sagte Frau Antoinette vom Fenster her, indem sie ihr Töchterchen von sich schob und zugleich aufstand: »Nehmen Sie nur an. Und setzen Sie sogleich ein Testament auf, worin Sie das Geld Ihrerseits der Stadt Wachow vermachen.« Die Treffsicherheit dieses Ausspruches machte den Amtsrichter und den Bürgermeister ein paar Augenblicke mundtot. Dies schlug dann in Begeisterung um, die mit einigen Flaschen des famosen Listrac gefeiert werden mußte, den der Amtsrichter gerade erst von seinem Lübecker Weinhändler bekommen hatte. Die Aalsuppe war glänzend geraten, der Prager Schinken, den es dazu gab, schmeichelte sich förmlich der Zunge ein. Der Bürgermeister erwog eine Trauerbinde um den linken Unterarm, was Haldenwang nur für Offiziere mit offizieller Trauer zulässig fand, während Zivilisten bei so konventionellen Gelegenheiten den Flor um den Oberarm trügen. Der Ankauf eines neuen Zylinders erübrigte sich: der Bürgermeister hatte immer einen glänzenden im Gange, da er nie einen Amtsweg ohne solchen tat. Und so ging die Erbschaft seinem Gemüte doch noch angenehm ein. Er spürte zu seiner Freude schon am nächsten Tag, daß kein Wachower sie ihm mißgönnte. Er nahm auch auf der Straße ziemlich jedermann am Rockknopf und erzählte, daß er seinerseits das Geld wieder der Stadt hinterlasse. Berthold setze schon den Entwurf zu dem Testament auf. Es war jedem einzelnen Wachower eigentlich zumute, als habe er persönlich geerbt. Ein goldenes Zeitalter schien anzubrechen. Und das Begräbnis der alten Konsistorialrätin Klinghammer war beinahe ein Freudenfest in Schwarz. Bald danach fand die große Gesellschaft statt, die Amtsrichter Haldenwangs im Saale des »Erbgroßherzogs« gaben. Glücklicherweise lag der alte, bemooste und grobporige Grabstein, der in unleserlichen Buchstaben die strengen Tugenden des vor fünfzig Jahren verstorbenen Konsistorialrates rühmte, schon wieder acht Tage an seinem Platz, von dem man ihn genommen, um die Gebeine der Konsistorialrätin einzubetten. Ja, acht Tage lang lag er schon wieder da und der Steinmetz war dabei, ihn nun mal zu reinigen und die milden Tugenden der Konsistorialrätin mit seinem Kliogriffel hineinzubohren. Bereits bei jener vorzüglichen Aalsuppe hatte Frau Antoinette, die an dem Mittag von den drei Herren als völlig autoritative Persönlichkeit anerkannt und geehrt wurde, dies festgestellt: der Bürgermeister konnte acht Tage nach der Beerdigung seiner Erblasserin durchaus, ohne Anstoß zu erregen, das Fest mitmachen; man legte eben in solchen Fällen für einen Tag die Trauer ab. Frau Antoinette war sehr gespannt gewesen, ob Hendrik Hagen zusage. Mit ihm war kein bequemes Verkehren. Wenn man auf das sicherste gehofft hatte, mit dieser glänzenden Männererscheinung anderen Eingeladenen zu imponieren, sagte er noch in der letzten Minute ab. Aber diesmal wollte er kommen und hatte auch dem Amtsrichter bei einer zufälligen Begegnung versprochen, daß keine Absage in letzter Stunde eintreffen werde. Nun ging Frau Antoinette im Speisesaal des »Erbgroßherzogs« hinter den Stuhlreihen der großen Hufeisentafel entlang und indem sie sich über jede Stuhllehne vorwärts bückte, legte sie die Tischkarten auf die Sektgläser. Ihr Mann ging nebenher, immer fürsorglich achtgebend, daß er nicht in die hellblaue Seidenschleppe seiner Frau träte. Übrigens hielt er den entfalteten Plan in den Händen, auf welchem die Tafel und die Namen der Tischgenossen säuberlich gezeichnet standen. Er las laut vor, welche Karte nun zu legen sei. Zwei Gaskronen hingen über der Tafel vom Plafond herab, aus dem Mittelpunkt dicker Stuckarabesken kommend. An jeder brannte vorerst nur träumerisch und sparsam eine Flamme, das Glas, Porzellan und Silber sowie den reichen gelben Chrysanthemumschmuck karg beleuchtend. Der Saal war erst kürzlich renoviert worden, und zwar in einem mißverstandenen Jugendstil. Da rankten sich auf grünlicher Wand fast farblose Alpenveilchen hin, deren mehrere Meter lange Stengel an verschlungene Schiffstaue erinnerten. Zwischen ihnen turnten magere Nymphen offenbar nach den Prinzipien von »Mein System«. Der Wirt war sehr stolz auf die Malerei und hatte in Zeitungsannoncen extra dem p.t. Publikum seinen »prachtvoll nach modernstem Stil renovierten Saal« zu Privatfestlichkeiten angeboten. Ein Streckchen hinter Frau Antoinette her schritt ihr Bruder, der bei ihr zum Besuch weilende Oberleutnant Püllmann, im dunklen Waffenrock mit dem reich in Silber bestickten Kragen seines Gardepionierbataillons. Er war blond wie seine Schwester und sah wie sie zufrieden und hell in die Welt. Mit dem sogenannten »Kasinogriff« rieb und schob er während seines inspizierenden Ganges die Hände aneinander. Er las die ausgelegten Namen, um im voraus ein bißchen orientiert zu sein. »Und welche holde Schöne soll die Ehre von mir haben?« fragte er. »Du kriegst Fräulein Brita v. Benrath. Da mach' dich man 'ran. Die erbt mal Iserndorf«, riet Frau Antoinette. »Ih – wo ...« sagte der Amtsrichter. Die Frau sah überrascht ihren Mann an. »Wieso denn nicht?« »Ich meine: erst erbt's doch ihr Vater«, sagte der Amtsrichter und nahm jene Miene an, welche seine Frau die »undurchdringliche« nannte und die sie deshalb stets sofort völlig durchschaute. »Da stimmt was nicht!« sagte sie deshalb mit Gewißheit. »Ach, was sollte wohl nicht stimmen«, meinte er ärgerlich. »Is se denn hübsch?« fragte der Oberleutnant, um zur Sache zu kommen. »Schön!« stellte Frau Antoinette ganz einfach fest. »Amerikanerin«, sagte ihr Mann. Sie korrigierte das. »Kann man nicht so geradezu behaupten. Der Vater ist doch Deutscher. Und die Mutter war es auch. Daß Brita so'n bißchen was angeflogen ist von der großzügigeren Lebensweise, das ist natürlich. Besonders seit dem Tod der Mutter hat sie offenbar in einem sehr großen Haushalt gelebt und sich entsprechende Bedürfnisse angewöhnt.« »Na,« sagte der Oberleutnant, »zu sowas gehört dann viel Geld, Millionenmitgift! Sonst kosten se mehr als se mitbringen.« »Sehr richtig,« stimmte der Amtsrichter bei, »und von diesem Standpunkt aus rate ich dir, dich nicht in Brita v. Benrath zu verlieben.« Jetzt erschien der Wirt, Herr Brügge. Er war im Frack mit weißer Krawatte, wie ein Gast. Er machte auch, trotz der Gastgeber, die doch Haldenwangs waren, den ganzen Abend immer nebenher die Honneurs seines Hauses, plauderte kordial mit allen, sah stets nach dem rechten und machte somit das ganze Fest mit, nur daß er nicht gerade an der Tafel seinen Platz hatte. Aber das waren die Wachower so gewöhnt. Herr Brügge war klein und breit, hatte O-Beine und einen prachtvollen blonden Schnurrbart, auch trug er immer weiße Westen, zwischen deren oberstem und zweitem Knopf er seinen Daumen zu haben pflegte, wenn er mit jemandem plauderte. Er berichtete, daß in den Garderobezimmern, wozu für heute die Klubstuben des Kegelvereins »Gut Holz« eingerichtet waren, sich schon Gäste befänden. Darauf begaben sich Haldenwangs mit ihrem Oberleutnant in den anstoßenden Raum, der durch einige Sofas und Fauteuils, die um weißgedeckte Restaurationstische standen, etwas salonähnliches hatte – wenigstens nach Herrn Brügges Meinung. Es stand dort auch eine lebensgroße »Flora«; ihr frisch übertünchtes Gips hob sich blendend aus der Gruppe grüner Blattpflanzen. Sie hatte eine verschlossene Büchse im nackten rechten Arm, hielt den Finger der Linken an die Lippen und lächelte beinahe geheimnisvoll. Ganz vorsichtig hatte Dr. Berthold, Brügges Rechtsanwalt, mal angedeutet, daß es eine Pandora sei. Aber da sagte Herr Brügge, den Namen kenne kein Mensch, auch er habe nie was von 'ner Pandora gehört, während »Flora« was populäres habe und immer passe. Sowohl bei Kaisersgeburtstag als auch beim Essen des Landwirtschaftlichen Vereins und bei allen Privatfestlichkeiten. Die Räume füllten sich schnell. Haldenwang und Frau waren vergnügte Leute und von geselliger Natur. Das wirkte den Gästen förmlich entgegen wie angenehme Ofenwärme tut, wenn man aus der Kälte kommt, und alle fühlten sich auf der Stelle behaglich. Frau Marya Keßler hatte sich zu diesem Fest ein neues Kleid in Berlin gekauft und war extra darum hingereist, was nicht unbekannt in Wachow bleiben konnte. Man staunte die gelbseidene, beflitterte Pracht der Robe an und schloß aus diesem Aufwand allgemein, daß die Witwe sich noch heute wieder verloben werde. Sie hatte Haldenwangs so wiederholt, so dringend gebeten, ihr doch Hendrik Hagen als Tischgenossen zuzuerteilen, daß man ihr diesen Wunsch wohl erfüllen mußte. An ihrer anderen Seite sollte der Bürgermeister sitzen, ihr gegenüber der Bezirkskommandeur v. Lorenz. Das brachte sie, bevor sie den Saal betrat, noch rasch in Erfahrung durch eine kurze Flüsterfrage an Herrn Brügge. Sie war zufrieden. Die Aussichten waren gut. Oh – sie wollte »ihm« schon zeigen ... Wirklich: Hendrik Hagen hielt Wort. Bei seinem und Andrees Eintritt huschte eine kurze Stille durch den Raum. Immer wirkte das Erscheinen der besonderen Persönlichkeit; es war aber auch die Neugier im Spiel, denn man erzählte sich, daß Hagen jetzt mit seinem Stiefsohn ein Herz und eine Seele sein solle. Und die Leute wollten ihnen nun gleich von den Gesichtern ablesen, ob es wohl wahr sein könne. Wirklich: Der junge Mann wenigstens sah wie die sorglose Lebensfreude selbst aus. Auch Hendrik Hagen gab sich in einfacher Heiterkeit. Das Programm des Festes war so gedacht: Nachdem der Tee genommen sein würde, sollte ein und eine halbe Stunde getanzt werden. Dann wollte man soupieren. Und nachher wieder tanzen, solange die Musiker noch blasen und die Füße noch schleifen mochten – je länger, desto besser. Denn Haldenwangs sahen immer einen Erfolg darin, wenn die Gäste bis zum Morgengrauen bei ihnen blieben. Frau Marya Keßler ertrug es mit Gelassenheit, daß Hendrik Hagen sie nur sehr flüchtig begrüßte. Sie wußte ja: heute entging er ihr nicht. Und inzwischen handelte sie schon ihrem Plan gemäß: sie kokettierte und lachte bald mit dem Major v. Lorenz, bald mit dem Bürgermeister. Der »Oberst Ollendorf« fühlte sich in die lebhafteste Unruhe versetzt, strich nervös seinen grauen Schnauzbart und trug seine kurze Gestalt noch martialischer als sonst. Das gelbe Kleid blendete ihn wieder ungemein und er dachte, schon reif zu Entschlüssen: sie muß doch viel Geld haben. Den Bürgermeister störte es einfach, daß sie alle paar Minuten sich in die Gespräche drängte, die er bald mit diesem, bald mit jenem führte. Immer über die Geembeha, versteht sich. Es wurde allgemein beklagt, daß die Testamentsbestimmungen der Konsistorialrätin es unmöglich machten, jene dreimalhunderttausend Mark ganz oder doch teilweise in die Geembeha zu stecken. Man sah Bertholds Einfluß darin. Und da er als unerhört klug galt, schien es zu bezeugen, daß er kein Vertrauen zur Geembeha habe. Nun konnte der Bürgermeister sich nur Mühe geben, mit seiner Überredungskunst die flau werdende Begeisterung wieder anzufachen. Und er gab sich Mühe. Jetzt sprach er auf Herrn Hermann Fedder ein, den er aus dem Gewühl herausbuchsiert und so festgestellt hatte, daß Fedder schon fast mit seinem Frackrücken den frischen Gips der Flora abwischte. Hermann Fedder und sein Bruder, der Doktor Georg Fedder, fühlten sich unbedingt als erste Leute von Wachow, sahen auf eine Familientradition zurück und konnten es nicht ertragen, wenn sie nicht ihre Hände hatten in allem, was geschah. Dabei munkelte man, daß ihr Vermögen sehr zusammengeschrumpft sei und ihnen keineswegs mehr dieses gewaltsame Mittun und an der Spitze marschieren bei allen Dingen gestatte. Ihn hatte Doktor Berthold im Sinne gehabt, als er aussprach, daß manche sich beteiligen würden aus Eitelkeit und um ihres Kredites willen. Herr Hermann Fedder hatte eine seltsam schlaffe Haltung, so, als fehle ihm das rechte Knochengerüst. Er bemühte sich immer, den Bauch einzuziehen, um eleganter zu erscheinen, und schob dabei die Schultern unwillkürlich immer nach vorn. Über sein fleischige Nase hin und die beiden länglichen, vollen Wangen zog sich als Sattel ein rötlicher trockner Ausschlag. Nun stand er da und hielt den Klapphut so schlapp in der herabhängenden Rechten, daß es aussah, als wolle er ihn sachte fallen lassen. Als der Bürgermeister eine Weile in ihn hineingesprochen hatte, entsann er – der Bürgermeister – sich wohl der Bertholdschen Andeutungen und schloß: »Also: zustande kommt die Sache unter allen Umständen. Ich kann Ihnen morgen, wenn's Ihnen Spaß macht, in meinem Bureau die Namen und gezeichneten Summen vorlegen. Sie werden staunen. Wenn Sie fernstehen wollen – Ihre Angelegenheit, mein lieber Fedder! Es geht ja auch mal ohne die Fedders in Wachow. Vielleicht geniert es Sie auch gerade – man hat ja nicht immer sein Kapital so disponibel.« Da fuhr wieder Frau Marya Keßler dazwischen mit allerlei scherzhaften Fragen und Reden. Und sie nahm Aufstellung neben den Herren – denn gerade von diesem Platz aus konnte sie Hendrik Hagen sehr gut im Auge behalten. Hoch hielt sie ihr reichfrisiertes Haupt, in dessen vielen, spiegelblanken und glatten Haarpuffen und Schlingen heute ein gelbes Rosengesteck saß. Hinter dem linken Ohr war es befestigt und hing in Knospen und Blättern an feinen, geschmeidigen Stengeln noch frei bis auf die Schultern hinab. Und ihre scharfen Blicke wachten ... Da sah sie und sie allein etwas Auffallendes. Über das schöne Männerantlitz, das unter den dunkelgrauen Haaren so jung und so vornehm aussah, das noch eben unbefangen gelächelt hatte zu dem, was Antoinette Haldenwang herausplauderte – über dieses Gesicht flog ein Erröten ... Die Frau sah auch, daß der Blick des Mannes an der Tür hing ... Und da war gerade die alte Frau v. Benrath eingetreten. Mit ihr diese Brita – von der Frau Marya Keßler nicht begriff, einfach nicht begriff, wie man sie schön finden konnte. Sollte er um dieser willen erröten? ... Aufpassen, dachte sie mit heißem Herzen, aufpassen! Die alte Frau v. Benrath hatte ein schwarzseidenes Kleid von vergangener Mode an und erschien noch länger und dünner als sonst. Ihre Augen waren kaum zu erkennen, so eng hatte sie die Lider zusammengeschlossen, und wie immer, wenn sie nicht gerade fest mit dem Rücken angelehnt saß, hielt sie den sehr kleinen Kopf mit der tausendfach zerknitterten Gesichtshaut sehr vorgeneigt. »Sie hat was von 'ner gebeugten Straßenlaterne«, sagte der Bürgermeister drastisch. Er grollte ihr, er fühlte sich von ihr als Narr behandelt, weil sie ihm dreißigtausend voll Enthusiasmus versprochen hatte, um sie noch selbigen Tags zurückzuziehen. So 'n nobler Kerl er immer sein wollte – das konnte er doch nicht ganz überwinden. »Straßenlaterne? Nee – mehr Kängeruh«, sagte Frau Marya Keßler; »und elend! Wie aus 'm Sarg raus.« »Ja, miserabel. Wie von Nervosität aufgerieben«, meinte der Bürgermeister. »Aber die Enkelin sieht pompös aus«, sprach Fedder bewundernd. »Finden Sie das ?« fragte Frau Marya Keßler gedehnt und in ihr betontes »das« so viel abfällige Kritik legend, daß Fedder, der allen Leuten nach dem Munde sprach, gleich hinzusetzte: »Nur ein bißchen auffallend.« Freilich fiel Brita Benrath auf. Sie strahlte von Vorfreude, von Neugier, von dem Bewußtsein, ein wundervolles Kleid anzuhaben. Daß Ethel Stevens es ihr mit all den andern geschenkt hatte, als sie – Ethel – zu ihrer Aussteuer alles neu bekam, wußte hier ja kein Mensch. Und Brita hatte es nicht einmal zu modernisieren brauchen. Was eine Amerikanerin von vollkommener Eleganz den einen Winter sich angeschafft hatte, war im folgenden selbst in einer europäischen Hauptstadt noch von der neuesten Mode. In Wachow aber schien es fast extravagant. Der Amtsrichter kam auf die Benrathschen Damen zu und begrüßte die Großmutter. Auch Hendrik Hagen stand schon vor ihnen. Sein Künstlerauge berauschte sich an der Erscheinung des schlanken Geschöpfes mit dem schmucklosen, kupferbraunen Haar. Und wie leicht und fein diese dünnen, dünnen Stoffe und Spitzen über das blasse, bläuliche Seidenkleid hinflossen. Wie köstlich die Schultern geformt waren und wie die weiße Haut leuchtete ... Brita wurde rot – sehr rot. Er sah es mit Herzklopfen. Glühende Freude erfüllte ihn. Sie sah an ihm vorbei. Vielleicht scheu ... Als wage sie nicht, seinem Blick zu begegnen. Vielleicht weil jeder Blick hin und her sein konnte wie eine Flamme ... Denn sie wußte ja nun von ihm ... viel ... alles ... Sie hatte ihn gelesen. War ihm nahegekommen – hatte in seine Seele geschaut ... Sie wußte welcher Liebeskraft er fähig war ... Sie erbebte vor ihm ... Oh, süße Furcht des Weibes vor der Gewalt einer Leidenschaft. Er sprach. Er wunderte sich, daß er imstande war, ganz im Zusammenhang und äußerlich beherrscht mit ihr zu sprechen. »Wir haben uns so lange nicht gesehen.« »Ja, es tut mir leid – ich war zufällig immer nicht zu Hause...« »Ich hätte mich vorher anmelden sollen. Dreimal kam ich mit dem Automobil. Immer wenn das Wetter erträglich war und ich hoffen konnte, Sie würden fahren wollen. Leider nur dreimal – Sturm und Regen verboten an den anderen Tagen selbst den Versuch.« Hier fuhr die alte Dame hastig herum. Sie hatte, mit Haldenwang sprechend, genau zugehört. »Brita war immer todunglücklich – todunglücklich, lieber Freund, wenn sie Sie verfehlt hatte ... ich war nicht wohl in den letzten Tagen, sonst hätt' ich schon wieder einmal gewagt, auf einen Löffel Suppe zu bitten ... meine Brita wurde mir schon zu traurig, weil wir den lieben Gast entbehren mußten ... verabredet euch nur heut ... das Wetter scheint ja besser zu werden ...« In diesem Augenblick erklangen vom Tanzsaal her lebhafte Töne in merkwürdiger Klangmischung. Ein Waldhorn blies und zwei Geigen fiedelten hinein in Walzertakte, die der Klavierspieler Schmeckebier mit robust zuhauenden Händen aus den Tasten holte. Man spürte: dieser Mann machte sich mit einer entschlossenen Munterkeit an die Arbeit. Und in eben diesem Augenblick fuhr ein seltsamer Schreck – oder doch ein Staunen durch Hendrik Hagens Brust ... Eine Lächerlichkeit ... Etwas ganz Äußerliches, Albernes ... Mit keinem Gedanken hatte er sich vorher klargemacht, daß hier getanzt werden würde... Er hatte nur immer gedacht: ich werde sie wiedersehen, endlich und ganz gewiß. Sehen im vollen Glanz ihrer jungen Schönheit. Und nun dachte er blitzschnell: ich kann doch nicht mit ihr tanzen!? Er war nie ein Tänzer gewesen. Immer hatte er sich ziemlich fern von allem banalen Gesellschaftstreiben gehalten. Verschlug ihn der Zufall einmal auf Bälle, sah er zu – freute sich an der Grazie, lachte über Plumpheit, bemerkte allerlei kleine Einzelbilder in dem ewigen, endlosen Wandelpanorama, das den umfassenden Titel führt »Menschen untereinander«, und fühlte sich durch die eine oder andere Beobachtung doch für das Zeitopfer entschädigt. Für einen Künstler, der sieht, gibt es keine leeren Stunden. Erwartete Brita, daß er mit ihr tanze? Würde es sie kränken, enttäuschen, wenn er es nicht tat? Er hatte ein starkes Empfinden davon, daß es seiner Persönlichkeit nicht anstehen würde, zu tanzen ... Hendrik Hagen, der walzt ... sein Geschmack lehnte sich dagegen auf... Und er beantwortete all diese in blitzrascher Schnelligkeit durch seinen Kopf wirbelnden Gedanken auch schon, kaum daß sie entstanden, mit einem festen »Nein!« Aber irgendeine undeutliche Schmerzempfindung, eine Unruhe befiehl ihn. »Ich tanze nicht, mein gnädigstes Fräulein,« sagte er mit einem etwas erzwungenen Lächeln, »wenn Sie erlauben, will ich Ihnen andere Tänzer...« Aber da kamen schon Andree und der Oberleutnant Püllmann, der sich von seinem Kameraden, dem Bezirksadjutanten Oberleutnant Müller vorstellen ließ. Denn Müller hatte schon einmal die Ehre gehabt. – Und zugleich war alle Scheu, alle Befangenheit von Britas Wesen wie fortgeweht. »Guten Tag,« sagte sie vergnügt, »guten Tag.« Und reichte Andree schlankweg die Hand ... Und war sehr lebhaft mit den beiden Offizieren. Den hohen, grauhaarigen Mann an ihrer Seite schien sie nicht mehr zu sehen. Er trat zurück. Das war ja ganz natürlich so von ihr – ganz klug sogar... Aber der Ton, in dem sie »guten Tag« gesagt, hallte doch in ihm nach. Wie ein starker Freudenklang war er gewesen... Er hat dem »Tänzer« gegolten, sagte er sich; sie als Fremde mochte eine rührende kleine Mädchenangst gehabt haben, ob sie auch genug tanzen werde. Er wußte, daß Andree und sie sich auf eine fast romantische Weise kennengelernt hatten. Andree selbst, der an jenem Abend so unerwartet spät heimkam, erzählte den Grund dieser Verspätung. Und so unbefangen fröhlich sprach er von diesem Erlebnis, wie von jedem andern. Alles, was geschah, schien ihm Vergnügen zu machen, weil alles zum Leben gehörte und das Leben für ihn offenbar eine lustige Angelegenheit geworden war. Hendrik erinnerte sich nicht, daß der Sohn seiner Frau früher ein so heiteres Wesen gezeigt habe. Aber damals stand ja auch so viel zwischen ihnen. Und vielleicht hatte er ihn nie so genau beobachtet. Er lernte ihn jetzt überhaupt erst kennen. Und schätzte ihn als einen jungen Menschen von harmloser Frische ein, von gesundem Verstand und angenehmen Umgangsformen. Er erinnerte sich, daß er bei jener Erzählung mit einer warmen, heimlichen Freude zugehört hatte. Wie jemand, der ein köstliches Wissen hat und es nur noch nicht verraten will ... Wie gut, daß Andree und »sie« sich so ohne Zwang, durch freundlich waltenden Zufall kennengelernt und offenbar einander »sehr nett« gefunden hatten. Es däuchte Hendrik Hagen, als ob bei jener Erzählung das Wort »sehr nett« gefallen sei... Und es gibt Worte, ganz abgeschlissene, ganz gewöhnliche Worte, die einen Vorfall färben können; im voraus alle seine Folgen zu beleuchten vermögen ... Zwei Menschen, die sich »sehr nett« finden, werden sich auch in aller Pläsierlichkeit beim Tanz zusammen vertragen ... Es entzückte den Mann geradezu, daß Andres von Brita gesagt hatte, sie sei »sehr nett.« Immerfort wiederholte er sich das. Mit einem merkwürdigen, geistesarmen Vergnügen klammerte er sich an dieses Urteil. Wie köstliche Musik hallte es in seinen Ohren nach. Es erfüllte ihn so ganz, daß er mit einem Lächeln voll Wohlgefallen dem Paar nachsah, das anderen Paaren in den Tanzsaal folgte. Sie waren gleich groß, ganz gleich – man hätte, ja wohl von seiner Scheitelhöhe zu der ihren ein Lineal legen können, es wäre wagerecht geblieben. Das gab ihnen für das beobachtende Auge des Mannes etwas Geschwisterliches ... Wie wenn es eine Vorbedeutung wäre ... Vor seiner Seele erstanden Zukunftsbilder – undeutlich noch, wie eine Ferne, die im durchsonnten Frühnebel sich mehr ahnen als erkennen läßt. Aber gerade das, daß sie sich unter durchleuchtetem Schleier noch verbirgt, gibt ihr starke, seltsame Kräfte – eine freudige, spannungsvolle Ungeduld wirkt aus ihr hinüber zu dem, der ihr entgegenstrebt ... Hendrik Hagen schloß einen Moment die Augen. Nur um zu genießen, was durch ihn hindämmerte. Nur um sich von diesen lauten und eifrigen Menschen zu scheiden, die sich ins Vergnügen hineinsteigerten ... »Spielst du mit Lorenz und Georg Fedder Whist?« fragte der Amtsrichter, indem er den in seine Träume Versunkenen am Arm packte, denn er hatte es eilig. Er rannte zwischen seinen Gästen hin und her, um alle nach ihren Wünschen unterzubringen. »Nein, danke. Ich sehe beim Tanzen zu.« Der Amtsrichter stürzte weiter, mit seinen vier Kartenkönigen in der Hand, um nun einen davon dem Doktor Georg Fedder anzubieten. Der besprach sich gerade sehr eifrig und geheim mit seinem Bruder Hermann. Die Fedders taten nichts ohne einander und Georg war die Intelligenz in diesem Verband der Interessen. Jetzt hatten sie sich gerade klargemacht, daß sie ganz in die zweite Reihe gedrängt werden würden, wenn sie sich nicht an »Neu-Wachow G.m.b.H.« beteiligten. Georg hatte auch gewußt, wie Geld flüssig zu machen sei, wobei zugleich beide Brüder doch die Hoffnung hegten, daß die Geschichte noch scheitern würde. Sie haßten Berthold und gönnten ihm nicht, daß er, wie wahrscheinlich, im Aufsichtsrat später der führende Geist werden würde, denn Berthold, der fremd Zugezogene, hatte schon seit vielen Jahren den eingesessenen Georg Fedder mit Praxis überholt. Georg Fedder nahm eine Karte, und der Amtsrichter eilte weiter. Hendrik Hagen stand einsam. Er empfand es nicht. Vielleicht traute sich keiner recht an ihn heran. Man hatte so wenig Interessen mit ihm gemeinsam, eigentlich gar keine. Die älteren Herren fanden sich zu Skat- und Whistpartien zusammen, besprachen Geschäfte – mehr noch und eifriger als etwa Politik – oder Lokalfragen, oder die Geembeha. Um die weißgedeckten Tische saßen die älteren Damen und ertrugen höflich lächelnd und plaudernd ihr Los, das sie nach kleinbürgerlicher deutscher Sitte eigentlich vom Vergnügen ausschloß. Hendrik Hagen überflog das alles mit einem Blick und hatte einen Moment das Gefühl, als sei er auf einen Schützenfestball verschlagen. Sein Geschmack als Künstler, sein Bedürfnis nach vornehmen Lebensformen lehnte sich gegen dies alles auf. Eine leise hochmütige Ungeduld machte ihn nervös. Wie alle diese Menschen strahlten im Behagen an ihrer eigenen Plattheit – wie sicher sie sich fühlten in ihren engen, nachlässigen Manieren ... Oder wie feierlich steif sie wurden, wenn sie versuchten, einen anderen Ton anzuschlagen.« Und doch waren es alles Menschen von guter Erziehung, aus angesehenen Familien. Wie kam das? Woran lag das? Die Kleinstadt war es nicht. Auch nicht dieser Wirtshausraum. Hendrik hatte das Ähnliche beobachtet in Gesellschaften der Hauptstädte Deutschlands – er hatte gesehen, daß in prachtvollen, künstlerisch geschmückten Räumen derselbe Ton der Unfreiheit oder der Nachlässigkeit erklang. Er wußte auch, woran es lag. Oft dachte er: wir sind wie Leute, die, zu Vermögen gekommen, sich nun zunächst erst mal schöne Kleider und feine Sachen anschaffen. Unsere Möbel, unsere Tafeln, unsere Röcke fangen an aristokratisch zu werden ... aber eben nur sie ... Und seine empfindliche Seele sehnte sich nach Schönheiten, Vornehmheiten, Freiheiten... Eine Geselligkeit ersehnte er, in fürstlichen Formen. Aber erfüllt mit einem freien, geistigen Gehalt. Mit einem Lächeln so funkelnd wie Brillanten. Er liebte es, sich zwischen wissenden, klugen, wortgewandten Menschen zu bewegen, die den Mut hatten, über alles zu sprechen, weil sie durch vollkommenste Erfahrung wieder eben so unbefangen geworden waren, wie Kinderseelen ohne jede Erfahrung. Er liebte schöne Frauen und elegante Männererscheinungen in Kleidern, die dem Auge Wohltat wurden ... Und er sah Menschen im »Staat« ... In dieser Umwelt gab es nur einen Anblick, sie erträglich zu machen... Brita. Er trat in die Tür zum Tanzsaal. Da überraschte ihn zunächst ein Schauspiel ... Er hatte keine Ahnung davon gehabt, daß der Bürgermeister ein leidenschaftlicher Tänzer sei, trotz der fünfundvierzig Jahre und trotz der Körperfülle. Denn wenn diese auch ziemlich gleichmäßig auf die ganze Gestalt verteilt war, auf zweihundertzwanzig bis -dreißig Pfund war der Bürgermeister immerhin zu schätzen. Rot war sein Gesicht unter dem blonden Haar und er legte sich ein wenig hintenüber. Aber trotzdem: er tanzte elegant, sehr leicht und mit sicherer Führung. Man sah Frau Antoinetten das Vergnügen an, mit ihm zu walzen. Und nun sah er auch die Eine, um deretwillen er diese Stunden ertrug: Sie tanzte noch oder schon wieder mit Andree. Es war sehr reizvoll, ihnen zuzusehen. Die Harmonie in ihren Bewegungen war überraschend. Es konnte scheinen, als hätten sie von ihren frühesten Kindertagen an nichts getan, als sich zusammen eingetanzt. Und ordentlich ernst und eifrig sahen sie dabei aus. Als würde ihre Ehre Schaden leiden, wenn sie diese Aufgabe nicht glänzend lösten. Hendrik Hagen sah ihnen zu ... Und wiederum beobachteten ihn ein paar Damen, die mit Teetassen oder Fächern in den Händen um einen der Tische saßen und mit Raubtierhunger nach Gesprächsstoffen ausspähten. »Ich weiß nicht,« sagte Frau Doktor Georg Fedder, nachdem sie Hagen durch ihren goldgefaßten Kneifer beobachtet hatte und ihr rosigblondes Mopsgesicht nun der Nachbarin zuwandte, »ich weiß nicht – er ist doch fast Altersgenosse von meinem Mann. Aber er wirkt viel jünger.« »Macht die Gestalt!« sprach die Baronin Meinshagen, die straff mit mageren Schultern dasaß und deren Mann auch nicht voll war, »schlanke Menschen wirken immer jünger.« Sie wußten nicht, daß die Jugendlichkeit in Hendrik Hagens Erscheinung von seinen Augen kam. Sie sahen es nicht, daß er die jungen, ganz jungen Augen des Dichters oder des Liebenden hatte. Was wußten sie davon ... »Wie muß ihn das langweilen,« flüsterte die Doktorin Fedder; »so zuzugucken ... Gott, und er lächelt sogar ...« Ja, er lächelte. In einer ersten Aufwallung, voll Unbefangenheit noch, freute Hendrik Hagen sich an den so wichtig, so in die Aufgabe vertieften, tanzenden jungen Menschen... Er sah Brita – vor allem sie ... ihr Tänzer war nur eine Nebenperson!... Das feine, dünne Kleid schmiegte sich beim Tanz so eng um die schöne, junge Gestalt – es flatterte in so zarten, weichen Falten – der Oberkörper mit den weißen, herrlichen Schultern bewegte sich so maßvoll – und doch – es war etwas Drängendes, Hingebendes in dieser Bewegung,.. Wenn er sie so halten dürfte! Und ihm war, als würde ihm der eigene Körper schwer von dem Verlangen, das ihn durchrann ... Zugleich aber erwachte in ihm ein merkwürdiges Gefühl ... ganz beklemmend ... so wie eine plötzliche Atemlosigkeit war es nur ... kein deutlicher Gedanke ... Gedanken sind ja wie stumme Worte... nein, Worte waren es noch nicht... nur ein Druck, der beengte... wie Kurzluftigkeit beengt ... Mit ein paar Bombenakkorden schloß nun der Walzer. Die Paare schwirrten und rannten durcheinander. Frau Marya Keßler am Arm des Oberleutnants Müller, der umsichtsvoll erst einmal seine Pflicht gegen die gastfreie Dame erfüllt hatte, kam hochatmend heran.. Sie stellte sich neben Hendrik Hagen auf. Er bemerkte es nicht. Er sah nach Brita aus – vor Begierde brennend, wenigstens in den Pausen mit ihr zusammen zu sein. Aber Brita wurde gerade von ihrer Großmutter festgehalten. Und was für ein gequältes Gesicht sie machte, als sie nun zuhörte und antwortete... Ja, Brita dachte: es ist schrecklich! Denn die Großmama zischelte ihr zu: »Warum warst du vorhin so unfreundlich gegen Hagen?« »War ich nicht.« »Doch. Fast stumm.« »Gott, was soll ich noch viel sagen? Wenn du ihm immer so viel...« »Vorlügst!« hatte sie sagen wollen. Und erschrak doch darüber. »Es ist meines Vaters Mutter«, dachte sie mit einem guten Vorsatz. Und außerdem dauerte die Großmama sie. Die alte Frau schlief fast gar nicht mehr. Brita freilich merkte es nicht, aber sie hatte gerade noch heute gehört, daß Mamsell zu Herrn Ludewig sagte, Großmama sei die halbe Nacht umhergewandert, worauf Herr Ludewig fast roh antwortete, das sei ja kein Wunder. Immer hatte Großmama Kopfweh und ihre Knie froren so sehr. Deshalb wollte Brita verträglich sein. Sie hatte auch eine Entschuldigung zur Hand, die sie nicht zu erfinden brauchte. »Ach,« sagte sie, »ich war nur verlegen. Ich fürchtete, er würde mich nach seinen Büchern fragen und wie sie mir gefallen hätten. Und ich bin ja noch gar nicht zum Lesen gekommen.« »Ich weiß nicht, was ich von dir denken soll,« sagte Frau v. Benrath heftig, doch leise, »du wirst es morgen nachholen. Und kommt er heut drauf, gestehst du es unter keinen Umständen. Es würde ihn kränken, er nähme es für eine Abweisung.« »Lügen tu' ich nicht«, sagte Brita trotzig. »Lügen – ach was!« Und dann: »Es ist meine Pflicht, seine Absichten und Hoffnungen zu nähren,« flüsterte die alte Dame, während sie zugleich tat, als biege sie an dem Ausschnitt von Britas Kleid eine Schleife zurecht. »Ach, er hat ja gar keine!« sagte Brita wegwerfend. Es kam ihr so bequem vor, wenigstens in diesem Augenblick, nicht an seine Liebe zu denken, zu glauben. »Das wäre entsetzlich! Du mußt reich heiraten.« Jetzt schlidderte der Oberleutnant Püllmann heran. »Zur Quadrille, gnädiges Fräulein – zur Quadrille.« »Aber ein nettes vis-à-vis !« befahl Brita gleich. »Herr v. Marschner mit dem einen Fräulein Fedder...« »Famos!« sagte Brita. Frau v. Benrath, lang, vorgeneigt und mit halb geschlossenen Augen kehrte in den Salon zurück. Dort stand unterdessen, auch hart unter der gipsenen »Flora«, Andree Marschner und unterhielt sich mit Berthold. »Wir gehen noch immer um die Frage herum.« »Das kann aber doch nicht dauern,« sagte Doktor Berthold, »wie kann man Unklarheiten ertragen.« »Ich sonst auch nicht. Aber seh'n Sie mal, lieber Herr Doktor: zum erstenmal seit zehn, elf Jahren bin ich in guter Laune und herzlicher Art mit ihm zusammen. Ich mein' beinah: es war nicht so unklug, man lernte sich noch immer ein bißchen besser und näher kennen. Dabei kann ja das Vertrauen nur wachsen. Und wenn wir dann endlich auf die schwere Sache zurückkommen müssen, wird man sie liebevoller, offner bereden können.« Berthold lächelte dem jungen, von Herzlichkeit und Wichtigkeit leuchtenden Gesicht zu. Ein famoser Junge, dachte er wohlgefällig, und das Knabenhafte steht ihm gut. »Als Sie damals bei mir waren – wir mußten das Gespräch ja leider abbrechen, weil die alte Konsistorialrätin mich rufen ließ – da sagten Sie doch: Sie wollten noch am gleichen Abend mit Ihrem Stiefvater die Frage weiter besprechen.« »Wollt ich auch erst. Aber dann, auf der Rückfahrt – ich hatte damals ja noch den Umweg über Iserndorf zu machen und viel Zeit, mir die Geschichte durch den Kopf gehen zu lassen, dann kamen mir mit einemmal die besseren Gedanken. Ich find sie wenigstens besser, 'n bißchen Egoismus kann ja dabei sein. Ich fühl mich himmlisch wohl, so wieder in der Heimat. Ich hatte ja gar nicht mehr gewußt, wie schön es hier ist. Das will ich erst genießen.« Er sagte es so voll Begeisterung, daß vor Berthold unwillkürlich das Bild erschien, wie es die Natur gestern und heute gerade geboten: brausende Stürme fegten schwarzgraues Regengewölk einher, so schwer von Feuchtigkeit war es, daß es sich in aller Schnelligkeit immer entlud und prasselnde Güsse auf die verschlammende Erde niedersausen ließ. Der kahle Wald zitterte und bebte im Sturm, wie ein Wesen, das man entkleidet hat. Auf der Landstraße waren die Wagenfurchen zu Wasserstreifen geworden. So früh, so brutal hatte sich der Herbst auf die Landschaft gestürzt... Aber wenn Andree das so schön fand, daß er sich diese Freuden nicht einmal von einer so wichtigen Angelegenheit stören lassen mochte... »Und dann denke ich auch,« fuhr Andree fort, »daß sich manchmal von heut auf morgen viel ereignen kann ... Wer weiß, durch welche äußeren Umstände er noch zur Erkenntnis kommen wird, daß es am natürlichsten ist: mir bleibt Rote Heide. Er soll ja sein Heimatrecht behalten! Wie würd' ich ihn vom Grab meiner Mutter vertreiben! Ich liebe ihn jetzt, weil er sie so liebt ... bis über den Tod ... Gott, ich find es wunderbar ... aber ich versteh es !... o ja, ich versteh es ...« Seine Augen leuchteten. Berthold, dem niemand angesehen haben würde, was er dachte, sprach langsam: »Ich glaube, es ist nicht allein das Andenken an Ihre Mutter ... Er glaubt nirgendwo bessere Sammlung zum Schaffen zu haben ... Ich habe Ihnen vorgestellt, daß Ihnen das, gerade das auch Rücksichten ...« »Nein – hören Sie mal,« sagte Andree lebhaft, »da irren Sie nun. Ich weiß es bestimmt, es ist wegen Mama. Das mit der 'Sammlung zum Schaffen' ist bloß Einbildung nicht von Ihnen, aber von ihm, wenn er's so gesagt hat. Es gibt allerwärts Tinte und Papier. Aber lassen wir das heut. Oh – die Musik fängt an ... Noch flink eine Frage: ist die alte Frau v. Benrath sehr wohlhabend?« Berthold war nicht ihr Rechtsbeistand. Sie und ihr Ludewig, den Berthold für einen dunklen Ehrenmann hielt, wendeten sich immer an einen gewissen Mandatar Käselau, den Bruder von »Fräulein Ponürlich«, der von Gefühlen überströmenden Haushälterin des Bürgermeisters Minchen Käselau: dieser Mandatar hatte keinen glänzenden Ruf. Berthold durfte also ruhig sagen, was er dachte, um so mehr, als er zu einem Klienten sprach, dessen Interessen er seit vielen Jahren wahrzunehmen gehabt. Und Berthold sah etwas ganz Einfaches: einen jungen Mann, der im Begriff stand, sich in ein schönes Mädchen zu verlieben und nebenher ganz praktisch gleich erwog, daß die Partie in jeder Hinsicht passen werde; vielleicht dachte er schon, daß Rote Heide und Iserndorf in eine, in seine Hand kommen könnten. Aber zugleich sah Berthold auch noch ein Bild: einen fürstlichen, grauhaarigen Mann, der unter rotem Herbstlaub durch den Wald ritt, hinter einem Wagen, darin ein Mädchen saß mit weißem Gesicht und kühngebogenem blauen Hut auf kupferfarbenem Haar ... Leise und sehr langsam, als könne jedes seiner Worte mal vor Gericht kommen, sprach er: »Ich fürchte, Iserndorf sitzt bis an die Bodenfenster voll Hypotheken ... wenn's nicht gar bis an den Schornsteinrand ist ... Wer weiß, wie alles aussieht, wenn die Alte mal die Augen schließt ...« Er hätte viel mehr sagen können, z.B., daß er im Auftrage eines Hypothekengläubigers, unter Klageandrohung, die am ersten Oktober fällig gewesenen und nicht bezahlten Zinsen hatte fordern müssen und daß sie trotzdem noch nicht gezahlt worden waren. Aber das wäre indiskret gewesen. »Oh«, sagte Andree... Mit einem kurzen Bedauern. Aber seine junge Männlichkeit mußte aus der ungünstigen Auskunft irgendeinen Gewinn ziehen ... Seine Augen strahlten. Er sah aus, wie jemand, der einen beruhigenden, beglückenden Gedanken hat ... der sich als Tröster, als Retter fühlt ... Er wollte noch etwas sagen oder fragen. Aber da kam Püllmann und rief verzweifelt: »Wo bleiben Sie denn!« Mit dem Akzent eines Mannes, der einfach alles bedroht sieht. Und Andree mußte eilen, um sich Fräulein Georgine Fedder zu holen, weil die Quadrille wartete. Wieder stand Hendrik Hagen und sah nun zu, wie die Quadrille sich abwickelte. Aber anders sah er ... Die Musik mißhandelte sein Ohr. Es wurde grotesk, mit welcher präzisen Genauigkeit all diese Menschen ihre Schritte, Verbeugungen, Handreichungen ausführten. Es war eine Farce, wie sie dabei einander zulachten. Es war eine Ungeheuerlichkeit, daß sie, die Eine, ihr Wesen verwandelte in diesem kindischen Tun ... Das war nicht mehr die Brita, die ein wenig die Allüren der verwöhnten Weltdame zeigte, die mit schwer lastenden Traurigkeiten und Verstimmungen kämpfte, die es zu tapferen Aufrichtigkeiten zu drängen schien – nicht das Geschöpf, das sich selbst noch ein Rätsel, sich nach jemandem sehnte, der sie befreite – von eigenen Unklarheiten befreite und denen ihrer engen Umwelt. Sie war voll Fröhlichkeit ganz und gar dem Augenblick hingegeben ... Und welchem wichtigen Augenblick ... Oder fügte sie sich einem Zwang – dem törichten, gesellschaftlichen Zwang, der auch die Feinsten, Erlesensten zum Gewöhnlichen herabzwingt? Hatte er nicht selbst schon heute verbindlich zu den Überflüssigkeiten der Rede, zu den Albernheiten des Tuns gelächelt? Würde sie nicht fühlen, daß seine Blicke an ihr hingen? Oder war sie klug, schamhaft, stolz... wollte nicht, daß diese Platten in das Süße, Hohe hineinsehen sollten, das sich zwischen ihnen entspann ... Waren ihr vielleicht, während sie so lächelnd im Rhythmus gleitend schritt, die Rhythmen seiner Verse im Ohr? ... Nun war auch dieser Tanz aus. Und da geschah es, daß im Gewühl der jungen Menschen Andree und »sie« an seinem Arm an dem Mann vorbei kamen, der wartend, zusehend gestanden hatte. Sein lächelnder Blick begegnete sich mit dem Blick des jungen Mannes. Brita sah schön und fröhlich und unbefangen aus. Sie hatte eine köstliche Stimmung wiedergefunden, eine, die sie für immer verloren geglaubt. So einfach und freundlich schien das Leben wieder, wie es einst neben ihrer Mutter gewesen. Sie atmete förmlich auf, wie nach den Anstrengungen einer Rolle. Im Hause der Stevens hatte sie sich immer betont, aus allen Ecken und Winkeln ihres Wesens ein bißchen Hochmut, ein bißchen Blasiertheit, ein bißchen Vornehmheit zusammengeholt, nur damit all diese reichen Menschen sähen, sie wäre auch was! Und im Hause der Großmutter, wo es keine festen Worte und keine sicheren Linien gab, hatte sie unbewußt die erkünstelte Großartigkeit festgehalten. Nun, an Andrees Arm ging man einher, als sei das alles nie gewesen. Das Paar blieb wie unwillkürlich vor Hendrik Hagen einen Moment stehen. Und da sagte Andree aus seinem überströmenden Vergnügen am Leben heraus, während Brita zustimmend lächelte: »Wie unterhältst du dich? Für dich ist es gewiß ein bißchen langweilig, nicht? Aber wir amüsieren uns – nicht wahr, gnädiges Fräulein? Du glaubst nicht, Papa – himmlisch.«! Und sie zogen weiter.... Papa! Vor ihren Ohren ... Mit Absicht? Oder nur so hingetragen! von einem allgemeinen Wohlwollen mit der ganzen Menschheit, von der glückseligen Stimmung aus, in der er sich offenbar befand? Gab ihm der neue liebevolle Verkehrston, der zwischen ihnen herrschte, endlich dies Wort ein? Kam es ihm unwillkürlich? Vielleicht unbewußt auf die Lippen? Hagen erinnerte sich plötzlich all der Kämpfe von einst! Ein leidendes, heißes Frauenherz hatte sie gefochten und war vor dem Knabentrotz unterlegen, der dies Wort verweigert hatte. Er selbst hatte sie geführt um jener Frau willen und auch in eigner Begier, endlich diesen jungen, haßerfüllten Widerstand zu brechen. Umsonst. Wenn je einmal, bei seltenen und erzwungenen Gelegenheiten, der Knabe oder Jüngling den Namen »Vater« über die Lippen gebracht, war es eine Unwahrheit gewesen... Und nun dieses frische, zutrauliche »Papa« – wie aus uralter Gewöhnung heraus ... Und nun dieses lächerliche, kränkende, herabsetzende »Papa« – wie eine Verhöhnung aller holden Träume – nun, da er es nicht mehr forderte, sich dagegen auflehnte, diesen jungen Menschen nicht als »Sohn«, sondern als Freund empfinden wollte ... Und vor ihren Ohren! Als schleudere man ihm eine Beleidigung ins Gesicht, die: Du bist alt! Er war nicht alt – nein, nein, nein ... Mit schweren Schritten, von plötzlicher Ermattung befallen, ging er fort – schritt gedankenlos durch die Räume und kam in das Spielzimmer. Dort setzte er sich in einer stumpfen, wartenden Duldergelassenheit als Zuschauer an den Tisch, wo ein unfriedfertiger und debattenreicher Whist den Doktor Fedder mit Baron Meinshagen und dem Amtsrichter vereinte. Die hagere Don Quixote-Gestalt des Barons neigte sich mit steifgehaltenem Oberkörper oft über den Tisch vor, wenn er, jedoch ohne die allergeringste Gestikulation, die Richtigkeit eines Ausspiels noch nachträglich mit scharfen Stakkatoworten beweisen wollte. Doktor Fedder hielt sich mit allen zehn Fingern an der Spieltischkante, legte sich gegen die Stuhllehne zurück, lachte mit breiten, roten Lippen zwischen einem grauen Bart unter seiner Stumpfnase und schrie: »Wie kann man – wie kann man!« Der Amtsrichter sah dann nervös himmelan. Welcher Himmel hier ein weißgetünchter Plafond war. von dem eine Gaslampe mit grünem Kontorschirm herunterhing. Dieser Schirm war aber an der einen Seite von der Hitze des Gasglühlichtes schon ganz angebräunt. – Er sah alles und nahm es in sein Hirn auf – das photographierte gleichsam die Szene, um sie als kleines Bildchen eines Tages bei irgendeiner Arbeit zu verwenden. Und zugleich dachte er immerfort: »Hat sie dies ›Papa‹ bemerkt ... hat es Eindruck auf sie gemacht? Einen lächerlichen? ...« Vor Nervosität ward ihm die Stirn feucht. So schlich die Zeit. Endlich ging man zu Tisch. Er sah, zwischen Frau Marya Keßler und der alten Frau v. Benrath sitzend, nach Brita aus ... Da drüben ... wie eine Prinzeß zwischen Provinzehrenjungfrauen ... Neben ihr Püllmann ... das war gut so, sehr gut. Püllmann war ein angenehmer Mensch ... Aber nun bog Herr v. Lorenz, dessen Gestalt bisher Britas Nachbar zur Rechten verdeckte, sich ein wenig zur Seite. Und Hendrik Hagen sah, daß Andree neben Brita saß ... Sie ließ Püllmann sitzen und er Fräulein Fedder. Sie lachten zusammen ... Neben ihm die gehässige Frau, durch die Kraft ihrer eifersüchtigen und hoffnungslosen Begier nach dem Manne, fühlte, daß sein Wesen schwer war von geheimen, angstvollen Furchtsamkeit. Ihr ungestalter Trieb zu ihm gab ihr Feinheiten des Erratenes ... Aber sie machte sie der gröberen Art ihres Wesens dienstbar. »Ihr Stiefsohn ist ein reizender Mensch geworden«, sagte sie. »Ja, ich freue mich an ihm.« »Auch daran, daß er schon so intim mit der Benrath ist?« »Intim? Sie sehen sich heut zum zweitenmal.« »Ach was? Und Frau Doktor Fedder hat sie vorgestern, als sie mit ihrem Mann das Terrain für Neu-Wachow besah, am Strand zusammen gesehen – da haben sie gepütschert und gelacht.« »Gepütschert?« fragte sein Mund. »Na, das nennt man doch so: flache Steine flach werfen, daß sie zwei-, dreimal das Wasser berühren, ehe sie sinken.« Das hörten seine Ohren aber nicht. Ein flaues, fades Gefühl überkam ihn. Wie eine Leere, die Schwindel erzeugte, war das, mitten hinter seiner Stirn. Vor seinen Augen war alles grau und unsicher – eine große Wolke wallte auf ihn zu. Und jäh blitzte in ihrem Kern etwas auf ... wie der ganze, zusammengepreßte Inhalt eines Lebens ... ein Vorgang, wie er ihn sonst mit seligem Schrecken in sich erfuhr, wenn er nach bedrängendem Hinsinnen, das ihn ängstigte und ruhelos machte, plötzlich ein neues Werk vor sich sah ... in blitzschnellem Erfassen ... in der Ganzheit aller Konflikte ... so, als sei es schon vollendet, stehe plastisch da, im gleichen Moment, wo sein Geist die Idee gebar. Nur, daß jetzt der Kern dieser grauen, furchtbaren Unsicherheit, die wie eine Wolke gegen ihn heranzog, das Entsetzen war... Mit einer ungeheuren Anstrengung seiner ganzen Manneskraft bezwang er sich. Denn er fühlte die grausame Neugier, die ihn beforschte ... Er wollte sie täuschen ... Er lachte auf: »Sieh mal an – solch junges Volk ...« Und dann horchte er auf den harten raschen Schlag des eigenen Herzens – zugleich spürte er eine vollkommene Erschlaffung seines ganzen Wesens, wie nach einer Schöpferanstrengung. Er hatte das Gefühl, als würde dieser elende Zustand nie enden – als sei er hier angekettet, um ihn auszuhalten – ewig... Da fuhr er zusammen ... Ein seltsamer, widriger Laut schreckte ihn ... Und er sah, wie die tafelnden und ihrem flachen Wohlgefallen hingegebenen Menschen emporfuhren ... Neben ihm saß die alte Frau v. Benrath. Und ihr Herr war Hermann Fedder. Wortreich, wie immer, sprach sie zu ihm. Schmeichlerisch, denn seltsam stand neben ihrem Hochmut das Verlangen, allen Menschen Liebkosendes zu sagen. Und bei diesem kamen noch Gründe hinzu ... Sie sprachen auch, wie alle Menschen hier an diesem Abend, über die »Geembeha«. Und Frau v. Benrath sagte, daß sie sich unter allen Umständen beteiligen würde, aber ihr fehle das Vertrauen, weil Hermann Fedder nicht an der Spitze stehe ... Und Hermann Fedder verbreitete sich über die geringen Aussichten, die nach seiner Meinung das Unternehmen habe. Aber trotzdem – seine Stellung fordere es – man bringe der Vaterstadt Opfer. So redeten sie und wußten voneinander, daß alles schöne Redensarten seien. Denn Frau v. Benrath hatte als letztes Geld zwanzigtausend Mark von Hermann Fedder auf Iserndorf, und zwar nicht als Hypothek, was ja ins Grundbuch hätte eingetragen werden müssen. Und das wäre beiden zu öffentlich gewesen. Denn Herr Hermann Fedder bekam zehn Prozent, und die sehr knifflich abgefaßte Schuldverschreibung hatte den Mandatar Käselau zum Autor ... Und endlich, so mitten zwischen einigen kritischen Bemerkungen über die Gänseleber in Madeiraaspik, sagte Hermann Fedder, daß es ihm leid täte, allein er wolle und möge im Moment anderes Kapital nicht disponibel machen ... und kurz: er werde wohl am fünfzehnten Oktober die zwanzigtausend Mark zum fünfzehnten Januar kündigen müssen ... wobei er annähme, daß es seiner verehrten Gönnerin nicht die mindesten Schwierigkeiten ... Sie lächelte mit ganz zugekniffenen Augen. Trotzdem ein rasender Nervenschmerz ihr vom Genick her über den Schädel zuckte, so daß sie unwillkürlich den Kopf ein wenig duckte. Nein, nicht die allermindesten Schwierigkeiten entstanden aus dieser Kündigung. Im Gegenteil, sie war ihr sehr lieb. Sie hatte schon zu ihrem treuen und bewährten Ludewig gesagt, daß sie die in momentaner Verlegenheit aufgenommene Anleihe gern wieder abstieße. Das war Herrn Hermann Fedder also denn sehr lieb. Und er schenkte ihr Rotwein ein, weil sie so sehr fror. Es kam von den ewigen Kopfschmerzen. Sie wollte auch deswegen im Januar mit Brita nach Italien. Die Kosten konnten ja keine Rolle spielen ... Und sie redete und redete ... und ein ganz feines Singen und Klingen war in ihrem Kopf. Es wurde immer stärker ... Und so weit weg von ihrem Körper waren ihre Arme und Beine ... wie Eisklumpen waren sie, die nicht zu ihr gehörten ... Und sie sprach und sprach ... fast zärtlich ... wie durchtränkt von Wohlwollen für alle Menschen ... Und auf einmal stockte ihre hinrieselnde Stimme und der offene Mund blieb stehen ... ein gurgelnder Laut kam... Die Augen, die immer halb zugekniffenen, stierten groß ... Sie fiel platt und plump, wie ein Holzscheit vornüber... Und alle fuhren empor und schrien auf ... Denn sie hatten die Faust des Todes gesehen, die einen von ihnen beim Genick nahm. VI. Das Schicksal hielt ein bißchen den Atem an. Es stand, auf seine Keule gestützt, am Wege und wartete, wie es seine Gewohnheit war, erst einmal, bis der Leichenzug vorüber sei. Dann stürzte es sich auf das Haus und schlug die Tür ein. Und die war ganz morsch und leistete keinen Widerstand. – Noch am Tage der Beerdigung der alten Frau v. Benrath fuhr Hendrik Hagen bei Doktor Berthold vor. Dieser hatte der alten Dame sehr fern gestanden und keine Veranlassung gehabt, ihr die letzte Ehre zu erweisen. Er hatte immer nur geschäftlich und immer nur in den peinlichsten Angelegenheiten mit ihr und ihrem Verwalter Ludewig zu tun gehabt. Noch wenige Tage vor dem Tode der Herrin von Iserndorf mußte er sie im Auftrage eines Klienten unter Klageandrohung ermahnen, fällige und noch nicht bezahlte Zinsen umgehend ihm überweisen zu wollen. So würde ihn dieser Todesfall nicht mehr und nicht minder interessiert haben wie jeder andere auch, der irgendwelche vermögensrechtliche Folgen zu haben versprach und den Anwälten der Stadt deshalb zu tun geben konnte. Aber seine Gedanken suchten immer wieder die beiden Herren von Rote Heide... Er hatte keinen von ihnen gesehen seit dem Haldenwangschen Fest vor vier Tagen. Das nahm nach der kurzen Störung seinen Fortgang. Man hatte die alte Dame in ein möglichst abgelegenes Zimmer gebracht, wohin Brita, als die Enkelin, Frau Antoinette Haldenwang als Wirtin und der bequeme, kurzluftige Heimgarten als Arzt ihr folgten. Es war ein groteskes Bild gewesen: Herr Brügge mit den O-Beinen und der weißen Weste auf seiner breiten Brust zu Häupten, der Lohndiener Vogel mit dem glatten Pastorengesicht und den sehr engen Frackärmeln zu Füßen der steifen, langen Gestalt. Und beide, Herr Brügge mit seinem weichen, großen Schnurrbart und Vogel mit seinen bartlosen vollen Wangen, waren rot vor Anstrengung, als sie den bleiernen Körper forttrugen. Alle Gäste standen verstört umher. Man wußte nicht, ob man sofort davongehen oder ob man weiteressen solle. Überraschend schnell war aber Frau Antoinette zurückgekehrt und berichtete, daß Frau v. Benrath allerdings einen Schlaganfall gehabt habe, Heimgarten meine aber, sie könne sich sehr gut und sehr rasch davon erholen. Sie färbte Heimgartens Ausspruch stark auf, machte aus einem blassen, unsicheren Schimmer, den der Sanitätsrat wahrscheinlich nur aus seiner gutmütigen Angewohnheit heraus aufleuchten ließ, ein kräftiges Hoffnungsgrün. Aber das verdachte ihr auch am andern Tag kein Mensch, als es bekannt wurde, daß Frau v. Benrath, ohne ihr Bewußtsein wiedererlangt zu haben, auf dem Wege nach Hause gestorben sei. Jedermann erkannte an, daß Haldenwangs nun doch einmal die großen Kosten gehabt hatten... Auch gab es solche Feste nur selten in Wachow ... Und die alte Frau stand keinem Menschen besonders nahe, war auch nicht beliebt gewesen ... Kurz und gut, es war sehr vernünftig gewesen, das Vergnügen nicht zu stören. Und nach einer halben Stunde, während welcher es noch wie ein Druck auf allen lag, wo eine unbestimmte Warnung oder gar Drohung in der Luft zu schweben schien, wurde man beinah noch vergnügter als vorher. Wie in einer Sinfonie nach dem feierlichen Satz das rauschende Presto kommt. Es beruhigte auch alle gemütvollen Seelen, daß Fräulein Brita v. Benrath ja nicht allein so in die Nacht hinaus mußte. Da war erstens Heimgarten, der mitfuhr. Und dann die beiden Herren von Rote Heide. Hendrik Hagen war als Nachbar und der einzige Mensch, der öfters auf Iserndorf verkehrt hatte, auch der nächste dazu. Er nahm gewissermaßen der ganzen Gesellschaft die Menschlichkeitspflicht ab und auf sich. Dafür war man ihm unbewußt dankbar. Daß auch der Stiefsohn sich ihm anschloß, fanden besonders die jungen Damen überflüssig. Aber man hatte es ja den ganzen Abend hindurch bemerkt: Diese Brita kokettierte mit ihm und schien Erfolg damit zu haben. Frau Antoinette fand am andern Morgen punkt acht Uhr beim Erwachen all ihre hilfsbereite, verständige Gutherzigkeit wieder und fuhr ohne jede Rücksicht auf ihre todmüden Glieder sofort hinaus nach Iserndorf. Sie lebte, ohne es sich klarzumachen, nach dem Jesaiaschen Wort: »Jedes zu seiner Zeit.« Von ihr wußte Berthold auch, daß Hendrik Hagen gewissermaßen als Beschützer von Brita Benrath aufträte und die nötigen Anordnungen getroffen habe; als käme ihm und keinem andern dies zu. Mit viel Mitleid und großer Lebendigkeit hatte Frau Antoinette auch von dem nächtlichen Zug erzählt, beklagend, daß ihr das Fest nicht möglich gemacht habe, dabei der armen Brita zur Seite zu sein. Voran die Break des Herrn Brügge. Mit einer im »Erbgroßherzog« sonst nicht bekannten Schnelligkeit war sie angespannt worden, denn es lag Herrn Brügge alles daran, die »Kranke« rasch aus dem Haus zu schaffen. Den ebenso unwahrscheinlich schnell herbeigebrachten Krankenkorb hatte man hineingeschoben, und Sanitätsrat Heimgarten nebst Frau Oldendag, der Krankenwärterin, setzten sich dazu. Die Wachstuchgardinen der Break, die bei Landpartien die Insassen vor Regen schützten, waren zugezogen und festgeknöpft worden. Heimgarten saß in seinem Pelz, der ihm jede Bewegung mühsam machte, dick und warm und stöhnte sehr laut. Frau Oldendag, ihm gegenüber, im grau- und schwarzgestreiften Abendmantel, den jeder Wachower seit vielen Jahren kannte, hielt eine Stallaterne auf dem Schoß, die Strahlenbündel nach drei Seiten hin hinausließ. Und mit eben dieser Laterne leuchtete Heimgarten ab und zu unter das Kopfdach des Krankenkorbes. Und einmal sah man, daß der lange Körper unter der grauen Wolldecke noch länger ward. Da leuchtete Heimgarten wieder hinab und sagte: »Nichts mehr zu wollen ...« Frau Oldendag, von der Antoinette dies alles wußte, hatte gesagt, so leicht vergäße sie die Fahrt nicht. Es wäre auch schaurig gewesen, wie der Regen immer gegen das Wachstuch geprasselt habe ... Hinterdrein – Gott, hatte Frau Oldendag gesagt, es sei schon wie so'n Vorgeschmack auf den Leichenzug gewesen – fuhren zwei Landauer, der alte kümmerliche von Iserndorf, leer und von Pölchau kutschiert, der mit seinem harten Gesicht und dem rotgelben Bartfetzen am Kinn ganz gefühllos ausgesehen habe. Dann das Rote Heider Fuhrwerk. Busekist auf dem Bock, und das war ein Mann, mit dem man noch ein Wort sprechen konnte, und von ihm erfuhr Frau Oldendag denn auch, was sie der Frau Amtsrichter – aber natürlich nur ihr – wiedererzählte: daß die Enkelin der alten Dame im Wagen nicht einmal geweint habe. – Und als Antoinette Haldenwang sich wunderte, daß die Frau, die doch gar nicht apoplektisch ausgesehen, einen Schlag bekommen habe, belehrte Frau Oldendag mit ihrer ganzen wissenschaftlichen Autorität die Laienansicht. Sie erklärte: »Nerfenslag, meine beste Frau Amtsrichter, Nerfenslag ...« Ebenso hatte Frau Oldendag erzählt, daß Herr Hagen sie abgelohnt habe, der doch in gar keiner Weise dazu verpflichtet sei, sich Kosten zu machen. Aber das Fräulein und der Verwalter und die Mamsell hätten ja wohl alle den Kopf verloren gehabt. Und als sie schüchtern Herrn Hagen, den sie von der Krankheit seiner Seligen her kenne, gefragt habe, von wem sie sich ihr Geld fordern solle, hätte er gleich in die Tasche gelangt – na und zu kurz käme bei dem Mann keiner. – Dies alles wußte Berthold und deshalb wunderte er sich nicht, als er am Schluß seiner Nachmittagssprechstunde noch Hendrik Hagen bei sich sah. Er war sehr bleich. Der Ausdruck seines Blickes zeigte gesteigerte Lebhaftigkeit. »Sie müssen mir beistehen,« sagte er gleich, »und zwar auf eine etwas mittelbare Art – indem Sie mich instandsetzen, selbst zu handeln ...« »Da bin ich aber neugierig,« meinte Berthold mit seinem freundlich-klugen Lächeln und schob den großen, grünbezogenen Lehnstuhl zurecht, in welchem er die Klienten plazierte, von denen er einen langen Vortrag erwartete. Dieser Großvaterstuhl stand hinter dem mit Papieren beladenen Diplomatentisch. Auf seinem Schreibtischsessel davor saß dann Berthold selbst, faltete mit aufgestützten Ellbogen die Hände unterm Kinn und sah sein Gegenüber fast ohne Wimpernzucken an. In der Zimmerecke, einem breitgedrückten, vierkantigen Pilaster nicht unähnlich, stand ein weißer Kachelofen, der eine starke und sehr trockene Wärme in den Raum versandte. Auch schmeckte die Luft nach Zigarettenrauch; noch lag ein weißes, dünnes Stäbchen auf dem Rand einer Aschenschale und ein feines Rauchsäulchen stieg daran empor. Über dem Tisch, doch so hoch, daß sie die Köpfe der Sitzenden nicht überschnitten, brannten zwei Gasflammen, und eine dritte Lampe stand zu Bertholds Linken auf der Schreibtischplatte. In dieser splendiden Helligkeit konnte Berthold so scharf beobachten, wie er es liebte. Aber er wußte, jetzt saß ihm ein Mann gegenüber, der auch ein Beobachter von Berufs wegen war. Und vor dem auch er keinen wechselnden Ausdruck, keine Miene verstecken konnte. Das wußten sie voneinander und das gab ihrem Verkehr oft ungewöhnliche Offenheiten und Zuverlässigkeiten. »Sie sollen mir alles erzählen, was Sie von den Verhältnissen der alten Frau v. Benrath wissen. Ich will erfahren, wie es mit Iserndorf steht und auch, was man hier davon denkt.« »Da ich mir sage, daß Sie fragen, weil Sie sich vielleicht dieser Verhältnisse annehmen wollen oder sollen, muß ich Ihnen, als Ihr Rechtsbeistand, raten, Ihre Hände davonzulassen. Wenn man ›Hände‹ sagt, meint man immer ›Geld‹«, schloß er lächelnd. »Also ganz schlecht?« »Reif zum Bankrott wird der Nachlaß wohl sein, fürchte ich.« »Haben Sie dafür Beweise? Sie waren nicht der Anwalt der Alten. Oder ist es Gerede?« Hagen fragte in einer leidenschaftlichen Schnelligkeit. Sein Ton war entschlossen, seltsam sachgemäß, fast schroff. Als wolle er nur schnell und um jeden Preis zur Wahrheit kommen. »Das Gerede ist merkwürdig schwankend. Welche glauben, daß die Alte nur geizig und wunderlich war, nur keinen Überblick hatte. Es zeigt sich was Drolliges: ein immer Wahrhaftiger kann einmal eine Lüge riskieren, man wird ihm doch glauben. Die Alte log immer, zwecklos oft, triebhaft wahrscheinlich, oft, um ihrer schlechten und unklaren Geschäfte willen. Und weil sie so viel log, glaubte man ihr auch nicht, wenn sie klagte, sie könne nicht zahlen, oder ihr Ludewig betrüge sie. Diese Ansicht war besonders in Kreisen von Handwerkern und Geschäftsleuten kleineren Zuschnitts verbreitet, und es ist unglaublich, wie reichlich, wie lange man ihr Kredit gab. Ich weiß bestimmt, daß bei Maurer und Maler, bei Zimmermann und Krämer, bei Maschinenhandlung und beim Manufakturwarenhändler seit Jahr und Tag Schulden gemacht wurden. Ich habe die Langmütigkeit dieser Leute oft angestaunt. Etwas mag der Respekt vorm alteingesessenen Adel mitspielen. Auch daß sie nicht verschwendete, gab Vertrauen. Daß sie nur die notwendigen Reparaturen machen ließ, diese aber immer mit aufpochender Eile forderte, erweckte die Meinung, sie könne die großartigsten Neubauten sich leisten, tue es nicht aus Altersgeiz. Viele behaupten auch heute, wo ihr Tod alle Gespräche über sie aufs Tapet bringt, man werde, wo nicht ungeahnte Reichtümer, so doch viel Geld finden.« »Und Sie,« stellte Hagen fest, »Sie teilen diese Ansicht nicht.« Der Rechtsanwalt sann einen Augenblick vor sich hin. »Man erlebt die wundersamsten Dinge,« sagte er, »Handlungsweisen von einer Unbegreiflichkeit, einem Mangel an Logik, daß die psychologische Darstellungskunst auch des feinsten Dichters daran scheitern müßte, wollte er etwa dergleichen seinen Lesern glaubhaft machen. Ich habe da zum Beispiel einen sehr reichen, hochangesehenen Mann unter meinen Klienten, der nie seine Steuern bezahlt; sie müssen immer erst durch den Gerichtsvollzieher eingetrieben werden. Warum? Der Mann hat sich ausgerechnet, daß er durch die Zinsen immer noch ein paar Pfennige mehr verdient, als die Kosten der Eintreibung ausmachen. Ich könnte Ihnen Bände voll von Kuriositäten erzählen. Aber das habe ich noch nie erlebt, daß jemand aus Wunderlichkeit oder Geiz oder Mangel an Überblick seine Besitzung mit Hypotheken überlüde und mit der Zinszahlung dann fast bei jedem Termin im Rückstand bliebe. Dem Staat gegenüber, wenn er sein Geld will, pocht manche Schrullenhaftigkeit auf, privaten Schuldnern gegenüber aber nicht. Wer da versagt, versagt aus Not. Ich habe für den Kornhändler Lange, der hunderttausend Mark an dritter Stelle auf Iserndorf stehen hat, gerade vor ein paar Tagen wegen der nicht bezahlten Oktoberzinsen gemahnt und werde am fünfzehnten das gerichtliche Verfahren einleiten müssen. Eine auswärtige Fabrik landwirtschaftlicher Maschinen hat mich beauftragt, Frau v. Benrath auf Zahlung einer Schuld von dreitausend Mark zu verklagen. Nun bin ich aber nicht der einzige Anwalt am Ort. Kann sein, daß Fedder auch noch dies und das contra Benrath-Iserndorf hat. Kann auch sein, daß auswärts allerlei Klagesachen gegen die Frau im Gange find. Darüber könnte ja allein der Verwalter Ludewig einen Überblick geben. Gewiß weiß ich nur noch, daß über die letzte Hypothek hinaus auf Iserndorf noch zwanzigtausend Mark stehen, die Hermann Fedder gegen eine Schuldverschreibung für fast wucherische Zinsen hergab. Ein etwas dunkles Geschäft, das der Mandatar Käselau vermittelt hat.« Nun sah er auf und sah Hendrik Hagen gerade an. Er fand, daß dessen Blick mit geradezu leidenschaftlicher Spannung an ihm hing. Er breitete seine Hände aus, als wolle er zeigen: nun seien sie leer, und schloß: »Mehr habe ich Ihnen nicht zu erzählen.« »Es war genug, um die trostlosesten Schlüsse zu ziehen. Und nun will ich noch etwas hören: Wie kann ich helfen?« Auf diese Frage, um sie unbefangen vorzubringen, hatte er sich den ganzen Weg vorbereitet. Seine Stimme blieb auch fest, sein Blick frei. Aber er konnte sein rasches Blut nicht so bändigen – es stieg ihm ins Gesicht, daß ein flackerndes Rot darüber huschte. Und er fühlte es. Er hatte das ebenso rasche Verlangen, den Eindruck, den das auf den scharfen Beobachter machen mußte, zu verwischen. Er setzte hinzu: »Das junge Mädchen dauert mich. Es wäre unritterlich, ja unmenschlich, ihr nicht beizustehen.« Berthold lächelte sehr liebenswürdig. »Ich würde den gleichen Wunsch haben. Es ist das natürliche Gefühl des Mannes. Allein das Gesetz läßt keinen Platz für humane Ritter. Sie haben keinerlei Mandat, zu helfen. Fräulein v. Benrath kann allen Forderungen, die heranstürmen werden, nur das eine entgegensetzen: wartet, bis der Erbe kommt.« »Mandat! Mein Mitleid gibt mir genug Mandate. Und dafür sind Sie Advokat, mir zu sagen ...« Berthold streckte seine Hand hoch über dem Tisch gegen den Mann aus. Der war ihm zu erregt. Er wußte, daß leidenschaftliche Leute fast immer ihre Gedanken auf einen Punkt konzentrieren, der gerade für die geschäftliche Seite der Sache ganz nebensächlich ist. Deshalb wünschte er, daß Hagen sich lieber fragen ließe, anstatt selbständig zu sprechen. »Erlauben Sie mal,« sagte er, »kommt der Vater?« »Ich habe telegraphiert. Auf Fräulein v. Benraths Angabe an einen Mister Stevens in Boston, bei dem Benrath angestellt ist.« »Antwort?« »Von Stevens, daß Benrath, sobald er erreichbar sei, benachrichtigt werden solle.« »Man ist immer erreichbar in einem kultivierten Land.« »Brita meint, Stevens habe so geantwortet, weil ihm im Moment eine Abreise seines Angestellten aus geschäftlichen Gründen nicht passen möge.« »Amerikanisch! Ist ein Testament da?« »Ludewig meint nein.« »Dann erbt also der Sohn. Er braucht die Erbschaft nicht anzutreten. Vielleicht ist er Amerikaner genug geworden, es nicht zu tun.« »Das würde Brita zu schwer treffen. Ich weiß von ihr, daß ihr Vater zwar auskömmlich aber nicht reichlich verdient. Sie glaubt sich durch Iserndorf gesichert. Das fühl ich wohl heraus.« »Armes Kind ... sie kann sich nur nach einer Stellung als Stütze umsehen ... wozu sie aber wahrscheinlich nicht eine einzige Fähigkeit besitzt.« »Nun das ...« Hagen nahm sich zusammen. Er hätte es heraussagen mögen mit tiefen, inbrünstigen Worten, daß er ja da sei, er mit seiner unermeßlichen Liebe, um sie auf Händen zu tragen und vor aller Not und Dienstbarkeit zu schützen. »Ich wiederhole meine Frage: wie kann ich helfen?« »Ich wiederhole meine Antwort: gar nicht! Denn Sie werden doch nicht für Ihr gutes Geld die letzten Schulden übernehmen und die ausstehenden Forderungen begleichen wollen!« meinte Berthold lächelnd. Aber in ihm war doch eine heimliche, große Neugier auf die Antwort, die kommen würde. Nicht ohne Absicht hatte er in so verneinender, abratender Form den Weg angedeutet, den Hagen gehen konnte. »Warum soll ich es nicht wollen?« sprach Hendrik Hagen. »Sie sanieren dadurch nichts. Iserndorf respektive der Erbe wechselt nur den Schuldner.« »Was in diesem Fall wohl alles bedeutete ...« »Hm – ja. Allein, wenn es dann doch zur Subhastation kommt, sähen Sie sich vielleicht in die Lage gedrängt, um Ihr Geld nicht zu verlieren, Iserndorf zu übernehmen.« »Das wäre das Ärgste nicht.« Berthold hatte einen Einfall. »Vielleicht haben wir hier eine Lösung der zwischen Ihnen und Ihrem Stiefsohn schwebenden Frage,« sagte er lebhaft, »kommt es so – und es ist fast gewiß, es muß so kommen –, dann setzen Sie Andree als Pächter auf Iserndorf ein ... mein Gott ja ... wenn Sie denn durchaus den Benraths helfen wollen: kaufen Sie Iserndorf. Sie werdens etwas zu teuer bezahlen. Aber die Benraths, Vater und Tochter, sehen die Ehre ihres Namens gerettet und alles ordnet sich rasch und glatt. Dem jungen Marschner wird sein Wunsch erfüllt, bodenständig in der Gegend zu werden, die er nun einmal als seine Heimat empfindet; Sie bleiben auf Ihrem geliebten Rote Heide. Unser Freund Bürgermeister würde sagen: und jeder Friedensengel weint Freudentränen ...« Hendrik Hagen saß stumm. Er wußte gar nicht, daß seine Finger sich nervös und andauernd mit einem blauen Aktendeckel beschäftigten, der auf dem Tisch, seinen Händen erreichbar, lag. Er öffnete ihn, er schloß ihn und strich dann fest darüber. Er starrte auf die schwarzen Buchstaben, die seinen Inhalt verkündeten. Er schlug ihn wieder auf und besah die mit Maschinenschrift bedeckten Blätter, die darin lagen. Nein, dachte er mit einer verzweifelten Gegenwehr, nein, nie – nie –. Er verlor es ganz aus seiner Vorstellung, daß niemand und nichts ihn zwänge – daß eine leichte Handbewegung, ein kurzes Wort Bertholds Idee ganz abwehren könne. Ihm war, als dränge man ihm eine Gefahr auf ... die drohenden, ungreifbaren, schleichenden und doch so fürchterlich fühlbaren Leiden kamen wieder heran ... Nein, nicht diesen jungen Mann, mit dem sie gelacht hatte, an dessen Arm sie so von Lebensfreude strahlte ... nein, nicht ihn in der Nähe haben ... immer zittern müssen jeden Tag, jede Stunde, ob Zufall oder Absicht sie zusammenbringe ... Er wollte kämpfen. Mit ihrem Herzen – sie erringen – sie sollte, sie mußte, sie würde sich ihm schenken ... Aber mit diesem jungen Menschen um sie kämpfen – – Nein ... Er fühlte, als würde ihn das entwürdigen – als sei das kein Gegner ... als zerre das seine große, reife, wissende Leidenschaft hinab ... Er sah die aufkeimende Liebe des andern – ja, er sah sie ... In mancher Stimmung, gerade in den letzten Tagen, wo Brita sich mit jeder Frage, jedem Blick, jeder Klage an ihn selbst, nur an ihn gewendet, sah er dieser aufkeimenden Liebe mit großmütiger Rührung zu ... Wer sollte Brita nicht lieben! Es war so begreiflich, daß der junge Andree sich von ihren Zaubern begeistert fühlte ... Aber das mußte enden ... Andree mußte fort. Die Lage mußte geklärt werden ... wenigstens zwischen ihnen, den Männern ... der jüngere Mann durfte mit Brita nicht mehr zusammenkommen ... Und nun wollte Berthold ihn zu einer fast wahnwitzigen Handlungsweise nötigen? Er sollte sich diesen jungen Mann zum Zeugen seines Glücks hinsetzen – bis aus dem Zeugen vielleicht ein Zerstörer würde. Der Rechtsanwalt wartete schweigend. Er sah über das Gesicht des andern den Ausdruck hoher Erregung hinziehen – sah seine Stirn sich falten, als ertrüge er schwere Qualen –, die Nasenflügel bebten dem blassen Mann ... Und endlich fuhr er aus seiner langen, langen Versunkenheit auf... Er hatte eine dumpfe Empfindung davon, daß er lange so gesessen haben mochte. Ihm war, als habe er sich verdächtig gemacht. Niemand sollte ihn erraten – niemand. Er hatte ein fast krankhaftes Verlangen, sich zu verbergen ... Eine merkwürdige, schwere Stummheit lag auf seiner Leidenschaft ... als schreite sie in einem Panzer einher, verberge ihr flammendes Gesicht hinter eisernem, verschlossenem Helm ... Ja, kämpfen wollte er, ehern gewappnet war er – aber niemand sollte den Streiter erkennen, bevor der Sieg sein war ... Er stand auf, warf den Aktendeckel hin, bemühte sich fest und frei zu sprechen ... »Verzeihen Sie mein langes Schweigen. Ihre Anregungen wollen erwogen sein. Ich denke nicht, daß es Andree behagen würde, als Pächter auf Iserndorf zu sitzen. Lassen wir keinerlei Möglichkeit dazu aufkommen. Unter keinen Umständen. Sprechen Sie bitte mit dem Verwalter Ludewig. Der Mann hat doch jetzt kein Interesse mehr daran, vor Ihnen die Verhältnisse zu verschleiern, wenn er hört, daß Sie für mich diese Feddersche Schuldverschreibung, vielleicht außerdem die letzte Hypothek aufkaufen und die laufenden Schulden übernehmen sollen. Sie werden die Güte haben, mir nach der Unterredung mit diesem Mann detaillierte Angaben und Zahlen vorzulegen. Wir werden dann sehen ... Die Hauptsache ist, daß alles sehr rasch geordnet wird, daß Fräulein von Benrath vor jeder peinlichen Erfahrung bewahrt bleibt. Ich werde mich später mit Herrn v. Benrath schon verständigen, und ich hoffe, daß ich ihm ein willkommenerer Gläubiger bin als all diese Handwerker, Lieferanten und Herr Hermann Fedder.« Berthold verbeugte sich zustimmend und viel förmlicher, als ihre freundschaftlichen Beziehungen es natürlich erscheinen ließen. Das kam, er war doch ein wenig benommen von der Großartigkeit der Anordnungen und von dem, was sie verrieten ... Er wußte: Hendrik Hagen hielt, wie fast alle großen Künstler tun, auf bürgerliche Ordnung in seinen Finanzen. Er hatte keine phantastischen Begriffe, weder vom eigenen Geld noch dem anderer. Seine Bedürfnisse waren die des vornehmen und sehr ästhetischen Menschen, und diesen Bedürfnissen gemäß gestaltete er seine alltäglichen Lebensformen. Eine unsinnige Verschwendung hatte man niemals und auf keinem Gebiet bei ihm gesehen. Wie hätte der Mann nicht erraten sollen, aus welchen Gefühlen diese großmütigen Entschlüsse emporwuchsen ... Aber er wünschte es dem andern zu ersparen, sich durchschaut zu sehen ... Und dieser andere, weil er bedacht war, sich unbefangen zu zeigen, wurde auch steif und feierlich. So schieden sie, fast wie zwei Männer, zwischen denen es eine erkaltende Verstimmung gegeben hat, die mit großer Höflichkeit zugedeckt werden soll. Und doch waren sie innerlich sehr stark und sehr herzlich miteinander beschäftigt. Denn Berthold sah es: die Liebesleidenschaft dieses Mannes stieg nicht in ruhig brennender Flamme zu unbewölktem Himmel empor. Er war in Sorgen um ihn, er bemitleidete ihn – ob er nun das Glück errang oder nicht errang. Und er fühlte, einen Mann, der liebt, soll man beneiden können ... Hendrik Hagens Automobil sauste in den grauen, nassen Herbstabend hinein. Das Bild der Landschaft war von schwerer Traurigkeit. Mit schwarzer Tusche und tiefbrauner Sepia schien es auf eine zinnerne Platte gemalt, und es sah aus, als habe eine böswillige Hand nachmals einen Riesennapf voll Wasser darüber ausgegossen. Nun tropften die düstern Farbentöne ineinander und die Linien verschwammen. Der Mann, den solche lastende Nässe in der Luft und auf der mißhandelten Erde sonst peinlich leiden ließ, als sei es eine seiner eigenen Seele angetane Häßlichkeit, bemerkte heute kaum die Not der Natur. Er dachte mit guten und erleichterten Empfindungen an Berthold zurück, wie man eben an einen klugen Helfer denkt. Die Gewißheit, daß nun zu Britas Wohlfahrt gehandelt werden würde, gewährte ihm genau soviel Befriedigung, wie dem Eiligen das Gefühl, daß seine Pferde laufen, was sie können. Das Ziel ist noch weit, aber einerlei: man ist doch unterwegs. Jede neue Liebe gibt dem Manne ein wenig Narrheit, ein wenig Torheit aus seinen unreifen Tagen zurück. Und wie ein junger Tor, der stolz ist und darauf brennt, Ritterlichkeit zeigen zu können, war der Mann den Verhältnissen fast dankbar. Wären sie nicht so verworren, so bedrohlich – wie hätte er Gelegenheit finden können, Brita zu schützen? Er dachte nicht, daß er sich ihre Liebe erkaufen wolle. Er dachte nicht, daß die Dankbarkeit sie bezwingen solle. Er genoß nur ein ganz einfaches, aber sehr starkes Gefühl der Erhobenheit. Man konnte nicht mehr einen Drachen töten, um die Geliebte zu befreien. Man konnte nicht mehr mit der Lanze Gegner in den Sand werfen, der Geliebten zu Ehren. Das Bedürfnis, dreinzuschlagen für sie – diese merkwürdig primitive Begier, Pulsschlag in Faustschlag umzusetzen –, die mußte wohl dem Manne aller Zeiten eingeboren sein ... Es war dasselbe, was er empfand, ganz dasselbe... Nur die Waffen waren so viel häßlicher, prosaischer ... Aber dagegen lehnten sich seine Gedanken plötzlich auf. Ja, die Waffen hießen: Geld. Aber es war sein Geld! Heißer Stolz überkam ihn. Sein Geld! Nicht in gewissenlosen Berechnungen, schlauem Wagemut erworben, nicht bequem übernommen aus vollen Truhen reicher Erblasser – Der Erfolg, der seine Kunst gekrönt, hatte es ihm gegeben – mit seiner Nervenkraft, mit seinem Herzblut hatte er es erarbeitet ... mit den geheimen Leiden, mit der Ruhelosigkeit, der Angst, den Zweifeln, der zitternden Not des Schaffenden war es bezahlt ... Er hatte nicht zum erstenmal eine Empfindung von Ehrfurcht vor diesem, seinem Gelde. Vielleicht war diese Empfindung den Gefühlen verwandt, mit denen in alten Zeiten der Sänger sich die goldene Kette um den Hals hing, die Fürstengunst ihm geschenkt ... Nur, daß jene Gnadenketten aus dem Empfänger im letzten und tiefsten Sinne doch einen Sklaven machten ... Er aber, er war ein freier Mann ... Und alles, was er in ehrlichem Künstlermühen sich erworben, seinen Namen und sein Vermögen, konnte er nun der Geliebten zu Füßen legen. Sein ganzer Lebensweg bis hierher schien nachträglich ein anderes Ziel zu bekommen – oder vielmehr: er erkannte erst jetzt, worauf er zugegangen war, ohne es zu ahnen ... All sein Dasein war nur Vorbildung gewesen, um sein Herz zu reifen für diese Liebe. Alle Bitterkeiten vergangener Leidenschaften verwandelten ihr Gesicht, mit dem sie ihn aus seinen Erinnerungen heraus angeschaut. Sie hatten keine höhnische Grimasse mehr. Weise sahen sie aus, wie kluge Lehrer, die tiefe Gründe haben, so zu sprechen. Sie hatten ihn nur lehren wollen, die neue Liebe zart vor Schmerzen zu bewahren. All sein Wissen von der Menschenseele war ihm nur angeboren und durch seinen Beruf nur so meisterlich und tief ausgebildet worden, damit er diese eine junge, unfertige Seele mit verstehender Geduld leiten könne. Nur deshalb war es ihm vergönnt gewesen, seinen Namen durch alle Länder an Menschenohren vorbei und an vielen Stätten in Menschenherzen hineinzutragen, damit er der Geliebten ein stolzes Geschenk in ihm machen könne. Und mit der dämonischen Undankbarkeit, mit der neue Liebe ein Herz vergiften kann, schien ihm sogar alles Glück mit der Toten, das ihn einst berauscht, alle Leiden, die er voll heißer Not um ihretwillen getragen, nur wie eine Vorschule ... Vor wenig Tagen noch hatte er mit frommer Andacht an ihrem Grabe gestanden. Das reine, wehmütige Gedenken an sie war wie der seine Nebelduft gewesen, durch den die Strahlen der aufgehenden Sonne wirken und der die neue Morgenfrühe nicht trübt, der sie nur verschönt... Seitdem aber waren seine Empfindungen erkrankt ... an der Furcht ... sie fieberten ... sie hatten alle Selbstsüchte ihrer Krankheit ... Ihr Tod allein schützte die Frau vielleicht davor, daß die Liebe zu ihr in des Mannes Erinnerung noch tiefer sank ... vielleicht von einer Vorschule zu einem Irrtum – Denn in der Besessenheit einer neuen Liebe gönnt ein Mann der lebenden Geliebten von vorgestern vielleicht nicht einmal das Gedächtnis daran, daß sie von ihm geliebt worden ist... Zu all den andern Frauen, die er einmal mit Wort und Blick angeschwärmt, hätte er gehen mögen – ihnen sagen: das war alles Irrtum – unbewußtes Studium. – Jeden zärtlichen Gedanken, den er einst gehabt, hätte er zurücknehmen mögen ... er wünschte die Frauen demütigen zu dürfen, die einmal in dem Wahn gelebt, ihm Herrin zu sein. Alles, alles nur für die neue, die letzte, die wahre Königin... Alles ihr ... das Leben, das Schaffen ... jeder Tag und jeder Traum der Nacht ... Er kam in sein Haus zurück. Und im Augenblick, wo er es betrat, befiel ihn eine andere Nervosität. War Andree da? Welche Qual, mit ihm zusammen am Tisch zu sitzen. War er nicht da? Welche Qual, zu denken, daß er bei Brita sein könne. Er fragte gleich sehr hastig nach. Ja, der junge Herr sei anwesend. Sie sahen sich bei Tisch. Sie boten zusammen ein kleines Genrebildchen des Behagens in der Umwelt reichlicher Lebenszustände, wie sie bei der Abendmahlzeit saßen und das stetige Licht, das über der kleinen Tafel schwebte, hell und freundlich weiße und blanke und gläserne Dinge beglänzte und rings im Zimmer allerlei schwere und dunkle Gegenstände sanft und zurückhaltend noch gerade so viel beleuchtete, daß erkennbare eichenbraune Formen von dunkelroten Wänden herauskamen. Andree war sehr erregt. Auf seine rasche, ein wenig an der Oberfläche hinbrausende Art. Und er war es über Angelegenheiten, über die der ältere Mann nicht sprechen wollte! Was half es ihm. Er konnte nicht abwehren, ohne sich zu verraten. Und in die zitternde Furcht vor diesem Gespräch mischte sich zugleich eine Gier, zu hören ... Andree war auf Iserndorf gewesen. Aber er hatte Brita nicht zu sehen bekommen. Sie sei leidend, hatte Mamsell gesagt. Da war Andree in die Verwalterstube gegangen. Er hatte versucht, diesen Ludewig auszuforschen. Ludewig habe gesagt, über die Angelegenheiten von Iserndorf sei er nur dem neuen Herrn und Erben Auskunft schuldig. »Was konnte er denn anders antworten«, sagte Hendrik Hagen und dachte trotzdem voll Zuversicht an Bertholds Mission. »Gewiß, gewiß. Aber weißt du, Papa – ich stellte ihm vor, daß wir, du und ich, doch im Moment fast die einzigen Menschen seien, die Fräulein Brita habe, und daß später, wenn Britas Vater käme, dieser es nur billigen würde, daß er, Ludewig, sich vertrauensvoll zu uns gestellt. Und ich wollte ja auch nur wissen, was an all dem Gerede sei, das in der Gegend jetzt über Iserndorf läuft.« »Papa« – dachte Hendrik Hagen, »er bleibt dabei – es ist ihm natürlich geworden – im Augenblick, wo es mir unnatürlich ward – weil er liebt, liebt er alle Menschen – auch mich...« Andree kam nun in seinem Bericht zur Hauptsache, die er voll Eifer und Wichtigkeit vortrug. Der andere Mann knüllte langsam mit der Faust seine Serviette zusammen ... und die geballte Hand, mit der er das Mundtuch gepackt hielt, ließ er schwer auf dem Tisch ruhen ... Er fühlte, wie Andree ihn erwartungsvoll ansah, vielleicht um Schreck oder Mitleid in seinem Blick zu finden. Aber er hielt den Blick versteckt unter gesenkten Lidern. Er hörte. »Also denke dir: ich kriegte den Ludewig so weit, daß er mir andeutete, wenn Herr v. Benrath aus Amerika nicht einen ziemlich prallen Beutel voll Geld mitbringe, gäbe es wohl einen Zusammenbruch, wie die Gegend ihn seit vielen Jahren nicht erlebt habe. Er sagt auch, die alte Frau sei an der Sorge eingegangen. Sie habe es kommen sehen, daß ihr Gebäude von Unwahrheiten nun umfallen werde. Es sei ihre große Kunst gewesen, durch sparsame Lebensgewohnheiten Vertrauen zu erwecken. Was sagst du? Was sagst du?« »Daß Herr v. Benrath diesen prallen Beutel voll Geld nicht mitbringen kann, weil er ihn nicht hat«, sprach Hagen. »Glaubst du? Ich mochte Brita nie so fragen nach ihres Vaters Verhältnissen.« »Sie hat mir einmal davon gesprochen.« »Du scheinst nicht ‹b›sehr‹/b› überrascht von meiner Mitteilung, Papa?« »Mir ist die traurige Lage von Iserndorf, in den Umrissen wenigstens, schon ziemlich bekannt.« »O mein Gott,« sagte Andree, »das ist ja furchtbar – das kann man ja gar nicht ausdenken ... Wenn man da eingreifen könnte ... wer so gewissermaßen den Pferden in die Zügel fallen dürfte ... wenn's auch egal ist, ob Brita Geld hat oder nicht, man möchte ihr das ersparen... es wird ihr ja eine schreckliche Demütigung sein ... sie ist so stolz... und sie ahnt nichts. Sie hat keinen Schimmer, sag ich dir ... sie meint, ihre Großmama sei nur wunderlich und geizig gewesen ... ach ja, wenn man ihr das ersparen könnte...« Er versank in Nachdenken und starrte in den Brotkorb, der neben seinem Gedeck stand und in dem die vom strohblond bis zum bronzebraun schattierten Semmeln warmfarbig schimmerten. Der andere Mann, der noch die Faust schwer auf der zusammengeknüllten Serviette hielt, wartete. Er war überzeugt, daß dieser junge rasche Kopf allerlei Pläne bedenke. Wie er Brita erretten könne ... mit großen Rettertaten... aus Himmel und Hölle Hilfstruppen heranholen ... alles hingeben für sie – auch den letzten eigenen Heller ... Ja, all diese Ritter- und Schützergedanken, die ihm selbst das Herz heiß machten ... Er wartete und ihm ward die Stirn dabei feucht. Er fühlte, er würde irgend etwas unerhört Falsches tun ... vielleicht dem andern ins Gesicht rufen: Das Vorrecht, zu helfen, ist mein – denn ich liebe sie ... wer bist du, daß du wagst, sie auch zu lieben ... Eine peinigende Furcht vor der Torheit, die er gleich begehen könne, müsse, quälte ihn. Er beobachtete sich, er kontrollierte sich und fühlte doch ... er könne sich nicht halten ... Da hob Andree das Haupt und sah ihn treuherzig an. Die offene Liebenswürdigkeit seines Ausdrucks war ein bißchen von Bedauern, fast von Kummer gedämpft. Aber doch nicht so sehr, daß nicht die unzerstörbare Zuversicht, die er immer und in allen Fragen hatte, noch deutlich erkennbar gewesen wäre. Er seufzte. Abschließend – das war zu hören. Es gibt Seufzer, die wie Punkte sind. »Ja,« sprach er, »man wird eben die Ankunft des Herrn v. Benrath abwarten müssen. Ich bin ja auch in keiner Weise in der Lage, da Geld hineinzugehen. Wie sollte ich erstens die Form finden, in der sich das jetzt, auf der Stelle, machen ließe. Und hauptsächlich: ich darf meine für die Übernahme von Rote Heide ja ohnehin knappe Kapitalkraft nicht schwächen. Und die Sache ist doch wichtiger als ein etwaiger Zusammenbruch auf Iserndorf.« Die feindselige Spannung, in welcher der ältere Mann gewartet hatte, löste sich ... Erstaunen, ein grenzenloses Erstaunen, etwas gefärbt von Hohn, von Mitleid, von Triumph, erfüllte ihn ... Hoch aufgerichtet saß er und aus seinen Augen sprühte die Überlegenheit ... Andree dachte nicht an Opfer. Andree rechnete, bürgerlich, vernünftig ... So wohltemperiert war die Liebe dieses jungen Mannes ... So rasch war seine Empörung, seine Angst, vor der praktischen Erwägung verflammt ... »Ja,« schloß der weise und beinah hausväterlich, »das ist wichtiger ... man muß an die Zukunft denken ... sich nicht von rührseligen Aufwallungen bestimmen lassen ...« »Ich denke aber doch darüber nach,« sprach Hendrik Hagen, indem er stark und laut jedes Wort betonte, »wie man Fräulein v. Benrath peinliche Stunden ersparen könnte. Ich habe bereits mit Berthold gesprochen. Die Lage ist sehr trübe und wird sich vielleicht nicht vor Brita verhehlen lassen, ehe ihr Vater kommt. Ich habe mich bereit erklärt, einzuspringen, auf die Gefahr hin, Iserndorf später übernehmen zu müssen.« Andree sprang so hastig auf, daß sein Stuhl hinter ihm umfiel. »Papa,« schrie er, »Papa!« In der glückseligen Begeisterung, die ihn jäh erfaßt hatte, konnte er gar nichts anderes hervorbringen. Am liebsten wäre er ihm ja um den Hals gefallen. Aber Hendrik Hagen saß so steif und unbeweglich da ... Und Andree fühlte sich durch dies unbestimmbare Etwas in des anderen Mannes Wesen wieder plötzlich eingeschüchtert ... wie es manchmal geschah ... Dann war ihm, als könne man mit diesem nicht so kurzer Hand umspringen wie mit anderen Menschen ... als gäbe es Entfernungen, die Respekt forderten ... vor denen man scheu inne zu halten habe ... Und deshalb stand Andree mit seiner Begeisterung ein wenig verzagt neben dem Mann und streichelte ihm nur den Rockstoff auf der Schulter und sagte: »Das ist großartig von dir, Papa. Großartig ... fein ... famos ... Ja, du ... ach Gott, und wenn du wüßtest ...« Die Begierde, sein junges Hoffen und Lieben herauszujubeln, stieg ihm bis in den Hals hinauf ... Das spürte der andere. Die helle Glückseligkeit, die im Herzen des jungen Mannes brannte, durchleuchtete ihn förmlich – wirkte um sich, wie jedes Licht –, glänzte den andern an. »Nur kein Geständnis ... nur kein Vertrauen«, dachte der verzweifelt. Er fühlte: Das Wissen war zu ertragen, das Wort nicht ... es würde all seiner eigenen Liebesnot die Keuschheit rauben ... Seine eisige Haltung, durch die er alles abzuwehren wußte, zwang den jungen Menschen, niederzukämpfen, was so gewaltsam empor und heraus wollte. Aber die Freudigkeit war so groß. Die Zukunftsbilder zogen zu schön und bunt und freundlich vor Andrees Auge vorüber. Fast ohne daß er's eigentlich wollte, plauderte sein Mund davon. Lebhaft ging er im Zimmer hin und her. Bald verschwamm seine Gestalt mit der unklar und sanft beleuchteten Zimmertiefe fast zu eins, bald durcheilte sie energisch und in all ihrer frischen Beweglichkeit die helle Lichtzone in der Tischnähe. »Es wäre nicht das Schlimmste, wenn du Iserndorf kauftest. Es ist abgewirtschaftet – gewiß – ja! Der Ludewig ist ein Schuft. Ich glaub's allemal, wenn man's auch vor andern Leuten solange nicht aussprechen darf, bis es erwiesen ist. Er und Mamsell wollen heiraten und übernehmen am ersten Februar eine eigene Pachtung irgendwo in Westpreußen. Das sei schon mit der seligen Gnädigen so abgesprochen gewesen, daß sie am ersten Januar beide gehen wollten. Na, daß sie dazu in der Lage sind, das ist doch symptomatisch? Nicht? Er hat Iserndorf ausgesogen. Aber bei verständiger Wirtschaft bekämst du es in ein paar Jahren wieder hoch. Du müßtest dir einen tüchtigen Inspektor nehmen. Ich würde ihn wohl kontrollieren. Denk nicht, Papa, daß ich arrogant bin – aber in meinem Beruf kann ich was – das sag ich ruhig. – Gott, es kann ja reizend werden! Du baust das Herrenhaus Iserndorf aus – so kannst du nicht da hinein – mit deinem Geschmack – – nun, du wirst schon ein bezauberndes Künstlerheim daraus machen – die landschaftliche Lage ist charmant – und dann: die beiden Güter in unserm Besitz – wie imposant – viel Grundbesitz in der Familie find ich das Feudalste, was es gibt.« Und mit naivem Lachen schloß er, »und wenn du mal hundert Jahr alt bist, vermachst du meinen Kindern Iserndorf. Ach, es kann ja entzückend werden – Du als verehrter Familienvater da – und wir hier auf Rote Heide, und besuchen dich oft ...« »Wir?« fragte der Mann. Er wollte es nicht fragen. Nein, er wollte nicht .. Aber es war zu stark ... er mußte ... Da blieb Andree stehen, irgendwo hinten in der Zimmertiefe, wo im warmen Halbdunkel alle eichenbraunen Formen vor der roten Wand nur noch schwach heraustraten. Er lachte. Verlegen und doch voll heißer Freude. »Wir ... ja, nicht? Wie das klingt? So verheiratet ... und hab noch nicht mal 'ne Braut. Aber wer weiß ... Und ich sagte dir's schon am ersten Tag: ich will heiraten und auf Rote Heide mal so'n staatsbürgerlich angesehener Patriarch werden ...« Die Worte verklangen in Lachen – verlegen und doch voll heißer Freude ... Da erhob sich auch Hagen – Er konnte nicht mehr gegen sich selber an. Er haßte in diesem Augenblick den jungen Menschen: seine Frische, sein gerades, gesundes Empfinden, seine Jünglingsanmut, seine Hoffnungen – alles, alles – vielleicht in ihm auch die Frau, die er einst geliebt –, ja, er haßte ihn ... Seine ganze Seele war von grausam zerstörerischen Gelüsten erfüllt ... Der andere sollte nicht in so heißer Freude lachen, während er selbst so litt, so über alles Maß litt von Furcht ... von den Ungewißheiten, die neben seiner Liebe herschlichen ... »Du irrst dich. Wenn ich auch Iserndorf kaufen sollte ... ich bleibe hier. Ich denke nicht daran, dir Rote Heide abzutreten...« Nun war es gesagt – dies eine! hinter dem sich das andere so sicher verstecken ließ ... Mit klaren, herrischen Blicken sah er zu dem jungen Menschen hinüber. Der stand verstummt, wie vor den Kopf geschlagen. »Papa,« versuchte er endlich leise, »Papa ...« Er war wütend über sich selbst. In der Schwelgerei des Zukunftsgenusses hatte er sich hinreißen lassen, von Rote Heide als seinem alleinigen Besitz zu sprechen, vielleicht auch verführt durch den Wahn, daß Hagen sich nach Iserndorf zurückziehen könne oder wolle .. Zu früh, dachte er nun wie geschlagen, zu früh war das! Er hatte es doch hinausschieben wollen, bis ... Ja, nun gestand er es sich: bis er um Brita geworben. Er bildete sich ein, der Mann, der so tief und treu liebte, würde Sympathie für die Liebe anderer treuer Herzen haben. Vielleicht hätte er dann, in der Rührung über das Glück und als Totenopfer für die geliebte Frau, ihrem Sohn ohne Kampf und Streit das Gut gelassen. Zu früh, zu früh ... Aber in den Zorn gegen sich selbst mischte sich auch schnell aufsteigender Zorn gegen die selbstsüchtige Streitbarkeit des andern ... Seine Mutter hatte der ihm genommen ... seine besten Knabenjahre waren ihm durch diesen Mann verdorben ... die Hälfte seines Erbes verlor er an ihn ... nun sollte er sich auch noch die Heimat durch ihn rauben lassen? ‹b›Nein, nein, nein ...‹/b› »Das kann nicht dein letztes Wort sein,« sprach er heftig, »es wäre zu ungerecht.« »Warum ungerecht? Meine besten Schaffensstunden habe ich hier gehabt.« »Es gibt überall Tinte und Papier.« Die Torheit dieses Wortes traf den Dichter wie ein Schlag. Seine Augen brannten vor Zorn. »Was weißt du davon!« sagte er fast verächtlich. »Was weißt du – wie heilig mir darum diese Scholle geworden ist.« »Darum! Darum? Es ist also nicht das Grab meiner Mutter ...« »Nein.« Sie standen sich nahe gegenüber – ein paar Herzschläge lang stumm – das Übermaß der Empörung, die sie gegeneinander empfanden, bändigte sie förmlich – sie war zu mächtig, sie konnten sie nicht rasch genug als handliche Waffe verwerten. Dies kalte, harte »Nein« hatte den einen getroffen wie die unerhörteste Verletzung eines Heiligtums ... Und den andern sättigte es, daß er es herausgeschleudert hatte – wie ein heimliches und doch triumphierendes Geständnis ... All die kleinen freundlichen Ranken von guten Empfindungen, die in der letzten Zeit emporgeschossen waren und sich von einem zum andern schlangen – sie welkten in diesem einzigen Augenblick wieder hin. »Wenn es denn nicht das Grab meiner Mutter ist, das dir diesen Besitz wertvoll macht,« sprach Andree laut und böse, »so fällt für mich jeder Grund, jede Pietät fort. Mein Beruf ist mir so wichtig, wie dir der deine. Und ich habe auch den Wunsch, ihn gerade hier auszuüben.« Hagen sah voll feindseligen Hochmuts auf ihn herab. »Die Sache ist von elementarer Einfachheit, mein Lieber: ich würde dir Verkaufsbedingungen stellen, die du nicht erfüllen könntest. Ich hingegen kann dich noch gleich, auf der Stelle ganz ausbezahlen – ein Scheck ... eine Unterschrift ...« »So – auch wenn du Geld in Iserndorf steckst?« fragte Andree auftrumpfend. Hagen biß sich auf die Lippen. Er erschrak. Es war ersichtlich ... Sein Gesicht färbte sich rot – fast beängstigend. In rasender Schnelligkeit huschten allerlei Berechnungen und Erwägungen durch seinen Kopf. Noch war es unübersehbar, wie hoch die Opfer werden konnten, die er bringen mußte, um der Geliebten Demütigungen zu ersparen. Wie, wenn sie so groß wurden, daß er seine finanzielle Freiheit verlor? Der feindliche Stiefsohn war nur mit dem Machtmittel der sofortigen, vollen Auszahlung zu besiegen und zu – entfernen. Und fort mußte er, fort ... Es ging ja gar nicht mehr um Rote Heide – und um die seligen Stunden ungestörten Schaffens ... Es ging um selige Stunden ungestörten Liebesglücks ... Fort mußte Andree – fort. Er durfte weder als Pächter auf Iserndorf noch als Eigentümer von Rote Heide an der Grenze des Paradieses wohnen ... Es war besser, alles brach zusammen um Brita. Der Hafen wartete ja schon ihrer – seine Arme brauchten sich nur zu öffnen – er durfte nur sagen: komm, hier bist du geborgen ... Aber das, genau das war es wahrscheinlich, was der junge Mann vorhin gedacht, als er so vernünftig und hausväterlich, so bürgerlich und so nüchtern sprach ... Dagegen kehrte sich sein ganzes Wesen ... Die Vernunft schien Plattheit, nur weil der andere Mann so empfand – das Kluge wurde Härte, weil der andere klug gedacht. Und Brita sollte weinen? Leiden? Unmeßbar rasch war dies alles gesehen, gefühlt .... Und doch spürte Andree das Zögern der Antwort, und noch ehe sie kam, rief er triumphierend: »Siehst du – du kannst es nicht.« Da sagte Hagen mit etwas gemachter Großartigkeit: »Es wird sich finden. Auch wenn ich Geld in Iserndorf stecke, bleibe ich dir finanziell überlegen.« »Eine traurige Überlegenheit!! Wenn die dein ganzes Recht ist«, rief Andree heftig. Er schritt zur Tür, faßte den Klopfer und bereit, fortzugehen, sprach er noch zurück: »Vielleicht findet das Gericht, daß mir ein besseres zusteht ...« Und damit ging er hinaus und schlug die Tür zu ... Und wie sie so hart und laut ins Schloß fiel, war es ihm wie ein Nachhall und eine Bekräftigung des bösen und feindseligen Wortes – das Wert hat zwischen Männern wie eine Kriegserklärung zwischen Völkern ... Hendrik Hagen stand und sah auf die Tür, die so heftig ins Schloß gezogen worden war. »Gericht!« dachte er, »Gericht!« Bei dem Mißlaut dieses Wortes hatte er eine nervöse, widrige Empfindung – wie von einer plumpen Störung ... Ihm war, als werde ihm Erniedrigung, Entweihung angedroht ... Leidenschaften, die vor Gericht geschleppt werden – sind das noch Leidenschaften? dachte er. Sind es nicht vielmehr groteske Nachspiele ... Haß, der sich in Gehässigkeit abgewandelt hat ... Haß mordet vielleicht. Gehässigkeit geht zum Richter. Aber er fühlte auch schon: Dem jungen Mann war es eben nur ein wohlfeiles Zorneswort gewesen ... das allgemeine, klärende, schlichtende Vorstellungen umschloß. Dieser dachte noch nicht in die Tiefen hinein und sah noch nicht die letzten und wahren Gesichter aller Erscheinungen ... Und gerade das, was Andree als äußerste Feindseligkeit herausgeschleudert, entwaffnete rasch den reifen Mann. Es zeigte ihm so deutlich die Jugend des andern. Seine Unfertigkeit – seinen Knabentrotz, den noch immer nicht besiegten. Es gab ihm ein Gefühl lächelnder Überlegenheit zurück. Er besann sich, fragte sich: hatte Andree schon jemals irgendein bedeutendes oder nur bemerkenswertes Wort gesprochen, das von selbständigen Gedanken schwer war? Jemals irgendeine Handlung begangen, die nach der guten oder bösen Seite sein Wesen auffallend gemacht? Und mußte man nicht, um von Brita geliebt zu werden, durch Wort oder Tat oder beides hoch aus der Menge ragen? Immer strahlender ward sein Ausdruck. Der rasche Streit mit dem jungen Menschen ward ihm ein Zwischenspiel – fast ein befreiendes – –, denn nun war das eine wenigstens gesagt! Andree konnte nicht mehr glauben, daß er, der Mann in der Vollkraft seiner Jahre und seines Schaffens, noch immer in unfruchtbarer Trauer an jenem Grabe weine ... Eine Wahrheit war also ausgesprochen – ja, das war gut ... Und all die äußerlichen Fragen, dieser ganze Zank um den Besitz – das alles löste sich, ward beendet, wenn erst die ganze Wahrheit gesagt werden konnte .... Andree selbst würde nicht mehr bleiben wollen, wenn er die von ihm Angeschwärmte als Gattin seines Stiefvaters sehen sollte ... Hendrik Hagen dachte sich hinein in das junge Herz ... und ein warmes, gutes Dichtermitleid wallte in ihm auf. Ja, dies junge Herz würde ein wenig leiden – so wie man in jenen Jahren leidet: eben nur ein wenig! Ob es auch erst scheint, als sei es tödliche Verzweiflung ... wie rasch ebben ihre Hochfluten ab – ach, wie erstaunlich rasch. Andree würde zwei Tage an Selbstmord denken – vielleicht. Und nach acht Tagen an eine andere ... Und wie sie dem Manne für seinen Werdegang notwendig sind, diese prachtvollen, heißen, rasch verlodernden Gluten. Aber Liebe sind sie nicht – nein, sie haben nur das große Gebaren von ihr – nur ihre Mienen ... nicht ihr Wesen... Der Mann dachte zurück ... er flog mit seinen Gedanken noch einmal durch all die Sturmgänge seines Herzens ... Ihre Geschichte konnte, wer wissend war, in seinen Werken nachlesen. Jeder Liebeswahn hatte sich ihm gewandelt und war ein Gedicht, eine Novelle geworden, schimmerte wie irisierendes Licht durch die Konflikte seiner Romane ... Und auf einmal befiel ihn ein Staunen ... seine Liebe zu Brita war stumm ... sie ging neben seinem Künstlertum her ... durchdrang es nicht ... war wie eine Welt für sich in seinem Innern ... Mächtiger, größer als sein Schöpferdrang war sie ... so groß, daß er nichts von ihr aussagen konnte ... daß seine Kunst sogar vor ihrer Helligkeit zurückbebte und vor ihr schwieg ... Und doch beflügelte die neue Liebe seine Schaffensfreudigkeit. Alle Erscheinungen des Lebens drängten sich noch näher an ihn heran als sonst. Er konnte sich ihres Reichtums kaum erwehren. Und in jeder, jeder schien wie ein goldener Kern die Verheißung eines neuen Werkes zu liegen. Niemals hatte er in so beschwingter Stimmung durch seine Feder sprechen können. Er konnte durch diese neue Liebe sprechen, aber er konnte nicht von ihr sprechen ... Was war das? Von allem, allem hatte er sprechen können – alles Leben, das eigene und das andere war ihm nur Material gewesen ... Und die bloße Vorstellung, daß er Britas Erscheinung und Wesen schildern könne, verursachte ihm ein brennendes Gefühl seltsamster Angst ... so, als denke er an frevelhafte Unkeuschheiten ... so, als würde er damit zum Verderber der eigenen Liebe ... Vielleicht sprach sein Künstlerinstinkt, der spürte: was ihm Kunst geworden war, hatte aufgehört, sein Eigenleben zu sein ... Und die Geliebte sollte sein eigen werden und bleiben – in ihm, in seiner Brust nur sollte diese Liebe leben, nicht in seinen Büchern ... Und in diesen Selbstbeobachtungen, die sich ihm so jäh aufdrängten, begriff er erst ganz: Er liebte, wie er noch nie geliebt. Und dies war seine letzte Liebe – nach ihr kam der Tod ... Eine rasende Erregung kam über ihn ... Und das unbezähmbare Verlangen, sie in Einsamkeit zu verstecken. Das Licht war ein Zeuge, die Wände eine Gesellschaft, das Haus eine laute Welt... Hinaus – hinaus ... Brausender Sturm preßte sich gegen ihn, als er ins Freie kam. Wie gegen den Druck eines riesigen, flachen, unsichtbaren Gegenstandes mußte er sich stemmen. Und schwer von Feuchtigkeit war die Luft. Eine harte, unbarmherzige Schwärze erfüllte sie, die jeden Schritt unsicher und jedes Auge ohnmächtig machte. Und durch diese drückende Dunkelheit tobte ein Heulen und Rauschen ohne Ende. Vorgeneigten Hauptes kämpfte er sich hinein in diese brausende, schwarze, unerbittliche Finsternis. Bis er empfand, daß unter seinen Füßen der weiche Sand ausglitt und bis er hörte, daß das Donnern der strandwärtsrollenden Wogen ihm näher und stärker erklang, als das Dahinfahren des Sturmes durch die Luft. Wie wohl tat ihm dieser brutale, lichtlose Kampf der Nacht ... Ihm war, als gäbe es gar keine Sonne auf der Welt, außer dem einen Gedanken: ich sehe morgen die Geliebte ... Und um dieser Gewißheit willen ließ sich ein Leben tragen – und sei's selbst hart und laut und drohend, wie diese Nacht. VII. Brita sah hinaus. Sie hatte es in der Nacht zuweilen gehört, wie der Sturm und die mit ihm einherprasselnden Regengüsse die Erde mißhandelten. Mit dem selbstischen Behagen des Halbwachen, der vom warmen Bett aus das Unwetter nur gerade als Folie des eigenen angenehmen Zustandes empfindet, hatte sie ihren Kopf dann tiefer hineingemuschelt ins weiche Kissen und war immer rasch wieder eingeschlafen. Nun, heut morgen kam es ihr erst nachträglich ganz zum Bewußtsein: es war eine böse Sturmnacht gewesen. Man sah es auch dem Park an, auf den hinaus Britas Fenster gingen. Dort, über dem Mittelweg, der den Park in zwei Hälften teilte, lag ein gewaltiger Ast. Und doch faßten diesen Weg Rabatten mit Buschrosen ein, hinter denen breite, jetzt ganz vom Regen durchweichte Rasenstreifen kamen. Und erst hinter ihnen erhoben sich aus dichten, halb verwilderten Gebüschen Baumgreise mit mächtigen und altersmürben Wipfeln. So starke Arme hatte also der Sturm gehabt, daß er mit ihnen bis hinüber zum Mittelweg den großen Ast getragen. Nun lag er da wie ein verschobenes und verbogenes Skelett, das auf den Rücken gefallen ist, und streckte die kahlen hölzernen Knochenarme mit den eckigen Ellenbogen jämmerlich empor. Was an letzten Blättern etwa noch Busch und Baum durchsprenkelt gehabt, war herabgefegt über Nacht. Nur an dem dichten Hainbuchengestrüpp, das sich wie eine kleine Mauer vor der Gebüschpartie hinterm rechten Rasenstreifen hinzog, saßen die rostbraunen Blätter dicht und kraus zusammengewelkt. Ein sehr blasser Himmel schwebte hoch und in seinen Farben über dem häßlichen Bild. Er hatte etwas kraftloses, als sei er nach ungeheuersten Anstrengungen zu erschöpft, um zu leuchten. Unter seinem dünnen Blau zog noch weißes Gewölk hin, in seltsam zergehenden, auseinanderfließenden Formen. Zuweilen deckte es die Sonne. Dann stand die Welt in feuchtem Schatten und schien voll von Kümmernissen und Tränen. War die Sonne frei, ging ein mildes, resigniertes Licht über all die Spuren, die die wütende Nacht hinterlassen, und diese abgekühlten Sonnenstrahlen erheiterten die Natur nicht. Brita seufzte. Halb über das, was ihr Blick vom Fenster her an wehmutsvollen Bildern umschloß. Halb über ihre Gegenwart. Die stand in so viel Unklarheiten und Unsicherheiten. Und das war der Zustand, den Brita, ihrer Art nach, von jeher am wenigsten ertragen hatte. »Nein,« dachte sie, indem sie hinaussah, aber eigentlich in sich hineinsah, »ich kann nicht warten. Das hab ich nie können. Warten ist mir gräßlich. In der Ungewißheit: kommt was Gutes oder was Schlechtes, nähm ich lieber das Schlechte, bloß damit ich eine Gewißheit hätte.« Jetzt mußte sie auf so viel warten – eigentlich auf die ganze Zukunft. Das hatte sie vorher ja auch schon getan. Aber Großmamas Tod hatte es so deutlich gemacht – das war doch ein Abschnitt ... »Wenn wenigstens Nachrichten von Papa kämen – oder er selbst«, dachte Brita. Bis gestern nachmittag war noch Leben im Haus gewesen. Dies merkwürdig feierliche, unfreie, posierte Leben, das um den Tod herumsteht. Man war gekommen, viele, viele Menschen, und hatte Besuche gemacht, Hände in schwarzen Handschuhen hatten sich ihr entgegengestreckt. Das Rollen von Wagenrädern klang als dumpfe Erschütterung im Hause wieder. Kränze kamen und ihr Grün und Weiß peinigte die Nerven und ihr Geruch war aufdringlich und fatal. Man mußte aufschreiben, ordnen, danken, fragen. Die Buchhaltung der Trauerkonvention mit Gewissenhaftigkeit führen ... Und immer waren die beiden Männer da – zugleich – oder jeder für sich. – Hendrik Hagen ging durch das Haus, fast wie ein Herr und Schützer. Und wenn sie gerade dachte, sie könne all den Trost, der ihrer Kummerlosigkeit mit so lächerlich funebren Mienen dargebracht ward, nun gar nicht mehr mit anhören, sah sie Andrees Blicke auf sich gerichtet ... Und darin stand ein Trost, der nicht dem unbeweinten Tod der alten Frau galt. Brita wußte selbst nicht warum, aber diese Blicke taten ihr sehr wohl. Sie mußte dann immer denken: diese lästigen Stunden nehmen ein Ende ... man wird ja auch mal wieder lachen dürfen ... braucht sich nicht mehr anstaunen zu lassen, daß man nicht weint ... Wie hätte ich weinen sollen, dachte Brita, ich kannte sie so wenig und verstand sie gar nicht. Ich wußte nicht, warum sie so viel log und sprach – hin und her, schwarz von weiß und weiß von schwarz –, sie war wohl nervenkrank ... gewiß, das war sie. Nun fiel Brita ein, daß sie ja doch geweint habe. Und indem sie sich dessen erinnerte, feuchteten sich wieder ihre Augen. Sie hatte den Tag noch einmal erlebt, wo ihre Mutter begraben worden war – das machte sie weinen – weinen. –- Und all die versteckten Demütigungen, die sie in der schiefen Stellung im Stevenschen Hause erlebt, fielen ihr, so zusammenhanglos sie mit Großmama waren, doch an ihrem Grabe ein und machten sie weinen – weinen. –- Ja, über das ganze Leben mußte sie weinen. Wenn sie es recht besah, hatte es ihr noch nicht viel Schönes gebracht. Es wurde wirklich Zeit, daß das Glück kam ... Früher hatte Brita nicht empfunden, daß ihr etwas fehle, daß ihrer Eltern Dasein sich im engen Kreis, um den sich Sorgenschranken zogen, abspielte. Sie war einfach, heiter und zärtlich neben ihrer Mutter einhergegangen. Aber in diesem großen, glänzenden Haus der Stevens – da begriff sie, was man alles von seinem Leben haben könne, wenn man Stellung und Geld besitzt. Und weil sie nicht recht Demütigungen ertragen konnte, fing sie bei den Stevens an, sich zu betonen – nahm ein wenig das Gebaren der Aristokratin zwischen Parvenüs an. Und das ließen ihr die Stevens nicht nur hingehen, sondern Brita spürte wohl, daß sie ihnen ein menschliches Paradestück für den Salon war und daß der altadelige Name, den sie trug, immer recht laut und oft, genannt und erklärt wurde – was natürlich nicht verhinderte, daß in andern Stimmungen und Zusammenhängen die Stevens in ihrer Gegenwart ganz unbefangen über arme Leute mit Hochmutsansprüchen spöttelten. Und hier wiederum, nur damit keiner denke, sie sei ein armes Mädchen, das bei der Großmutter einen Unterschlupf gefunden, hier trat sie als glänzende, weltsichere Amerikanerin auf – in den geschenkten Kleidern von Ethel Stevens. Wie dumm und wie unverständlich, dachte Brita, daß man etwas tun kann, das man nachher selbst nicht begreift. Vor einiger Zeit auf dem Damentee bei Frau Amtsrichter Haldenwang hatte Brita zugehört, wie zwei junge Mädchen sich neckten, und die eine sagte der andern, die ein bißchen wichtig getan: ›Mach dich man nicht so.‹ Brita hörte diesen Ausdruck zum erstenmal. Aber sie verstand sofort, was er bezeichnen wollte. Und sie wußte nun, sie hatte sich auch »gemacht«. Wozu? Wie lächerlich eigentlich. Und besonders wie unbequem. Wahrscheinlich hatte ich die dunkle Empfindung davon, daß ich gar nichts, gar nichts vorstellte. Deshalb wollte ich gern, daß man mich für Wunder was nähme, sagte sie sich. Ihr war seit kurzer Zeit wieder so einfach und so fröhlich zumute, wie damals, als ihre Mutter dafür sorgte, daß jeder Tag vom Morgen bis zum Abend Inhalt hatte. Sehr klug wußte die Mutter das anzufangen, und Brita begriff erst später, daß oft Unterricht gewesen war, was ihr Unterhaltung bedeutet hatte. Dann auf einmal stand Brita ohne Führung und ohne Pflichten da und wußte nicht recht, wohin mit sich. Sie hatte einmal irgendwo gelesen, daß innerlich unsichere Menschen äußerlich leicht etwas Posiertes annehmen. Wahrscheinlich war das ihr Fall gewesen. Wodurch ihr aber diese gute Unbefangenheit zurückgekommen war, wußte sie sich nicht zu erklären. Aber zugleich war sie auch von einer so merkwürdigen und ganz unbestimmten Ungeduld erfaßt worden. Ihr war, als warte sie. Es mußte irgend etwas geschehen. Und nun war etwas geschehen. Großmama war gestorben. Aber das hatte die große, drängende, unklare Ungeduld doch nicht beruhigen können ... Immerhin ... Brita dachte: Gott, es ist ja wohl eigentlich pietätlos ... aber so natürlich ... Und sie malte sich aus, was nun werden würde. Papa gab natürlich drüben alles auf und kam für immer in die Heimat zurück. Er würde Iserndorf bewirtschaften, als Herr auf dem Grund und Boden sitzen, der schon viele Generationen den Benraths gehört hatte. Brita verstand sehr genau, amerikanische und deutsche Verhältnisse voneinanderzuhalten. Sie wußte, das Vermögen, welches Iserndorf etwa darstelle, wäre in Amerika nichts. Hier aber, als adelige Besitzer auf uraltem Gut, hier gehörte man trotzdem zur ersten Gesellschaft. Ihr Papa würde es also gewiß nicht verkaufen. Es würde vielleicht Mühe kosten, Ordnung in die Wirtschaft zu bringen, aber das war ja auch wieder interessant und lohnend. Manchmal war Brita ein bißchen beunruhigt gewesen, wenn sie das seltsame Gebaren der Großmutter beobachtete und die Notdürftigkeit aller Anschaffungen und Reparaturen. Aber Großmama war alt, wunderlich, nervös, zerfahren, sagte sie sich. Und seit gestern nachmittag, seit dem imposanten Begräbnis, war in Brita jede leise Unruhe erloschen. Halb Wachow und die ganze Umgegend war dabeigewesen. Im melancholischen Trott war Wagen hinter Wagen von Iserndorf nach Breitenhagen gefahren. Wie ein schwarzer, mißgestalteter, vielgliedriger Heerwurm wand sich der Zug durch die verwaschne, braune, trübe Landschaft und kam nach einer erschrecklich langsam verfließenden Stunde auf dem Dorfkirchhof an, wo hart an der Kirchenmauer das Erbbegräbnis der Benraths seinen dunklen, übelriechenden Mund aufgetan hatte. Daneben stand dann der Pastor Maurer, die Hände klammernd um das vor der Brust erhobene Gebetbuch gefaltet. Seiner Rede hörte Brita genau zu. Dieser Rede, die einfach eine Hymne gewesen war. Und wie viele von den Männern und Frauen, die die offene Gruft in der Haltung schicklicher Wehmut umstanden, sagten Brita nachher noch ein knappes aber ehrendes Wort über die Tote. Brita hatte erst ein einziges Mal einer Beerdigung beigewohnt: vor mehr als zwei Jahren der ihrer Mutter. Und da folgten wenig Menschen dem Sarge, und was diese wenigen sagten an begeistertem Lob, an herzlichen Trauerworten, schien noch zu gering, blieb noch hinter der Wahrheit zurück ... Und daraus machte Brita in ihrer halben Klugheit, in ihrer fragmentarischen Welt- und Menschenkenntnis ihre Schlüsse: so ehrte man nur große Herzen oder große Vermögen, oder große Stellungen. Am Grabe ihrer Mutter war das große, gütige Herz geehrt worden. Mit ihren Herzenseigenschaften aber hatte die wunderliche, unklare alte Frau gewiß niemandem wohlgetan ... Und von einer großen Stellung hatte Brita auch nichts gehört, denn dazu gehörte nach ihrer Meinung ein ganz anderer Apparat. Und so schloß sie ganz einfach: »Also...« Dies »also« war köstlich beruhigend, gab ein ganz überraschendes Selbstgefühl. Ein bißchen Vermögen haben, auf sicherem Platz stehen, das war doch eine schöne Sache. Wieder dachte sie an ihre arme Mutter, die es so mühsam gehabt hatte. Wenn sie es doch hätte erleben dürfen, auf Iserndorf als Herrin zu sitzen! Wie hätte Brita es ihr gegönnt – wie innig, wie sehr ... Unter diesen Gedanken zog sie sich an. Ganz ohne Eile, obschon es sehr spät war. Sie hatte nach den aufregenden Tagen das Bedürfnis, ohne Ordnung mit den Stunden zu verfahren, ganz nach ihrem Gefallen. Mamsell hatte jetzt kein Recht mehr, ein mucksches Gesicht dazu zu machen. Sie, Brita, sie war die alleinige Herrin, bis ihr Vater eintraf. Sie fühlte sich dadurch gehoben ... Auch vor den beiden Männern ... Und als sie fertig angekleidet war, ging sie noch immer nicht zum Frühstück hinunter, sondern kramte in ihren Sachen herum. Es hieß heraussuchen, was man etwa für die Trauer verwenden könne. Brita hatte sich erst einmal ein schwarzes Crêpe de Chine-Kleid zurecht gemacht, das eigentlich für Gesellschaften bestimmt und mit ziegelrotem Gürtel geputzt gewesen war. Es ging ja nicht gut an, alle Tage vom Morgen bis zum Abend in dieser feinfaltigen, spitzenbesetzten Pracht einherzugehen. Brita fand eine schwarzseidene Bluse. Aber sie war weißgesteppt. Sie erwog als schwere, sehr wichtige Frage, ob sie einer Wachower Schneiderin die Anfertigung eines Trauerkleides von Wolle oder Tuch anvertrauen könne, oder ob sie an eine Berliner Firma schreiben solle. Frau Antoinette Haldenwang, obgleich diese selbst immer ein bißchen zu kräftig und kleinbürgerlich aufgeputzt war, konnte vielleicht raten ... Ja, Brita wollte nach Berlin schreiben. Endlich ging sie treppab. Die verschossenen und zerschlissenen Läufer, die als schmaler, grauroter Streif inmitten der breiten, alterstrockenen Treppenstufen gelegen, hatte man gerade vor drei Wochen fortnehmen müssen, weil sie zu schlecht gewesen waren. Kahl ging nun die Treppe hinab zwischen dem dunkel übermalten Geländer von seltsam gemusterten Holzstäben. Jeder Schritt hallte hart auf den Stufen. Es soll ein neuer Läufer angeschafft werden, beschloß Brita. Überhaupt mußte das Treppenhaus neu dekoriert werden. Es war abscheulich. Es hätte in einem Gefängnis stehen können. So grauweiß getüncht die Wände ... Und unten im Flur diese Stühle, die wohl alt, aber trotzdem häßlich waren. Brita sah sich im Hinuntergehen das Holzgeländer auf den Stil hin an. Offenbar Louisseize, dachte sie. Und daran mußte man sich dann halten bei der Neudekoration von Treppenhaus und Flur. In der ersten Zeit ihres Aufenthaltes hier hatte Brita sich oft über die kärgliche Einrichtung des Herrenhauses gewundert. Ihr Papa hatte ihr doch von so schönem, altem Familienhausrat erzählt, der die Räume auf Iserndorf fülle. Sie fragte danach. Und dann antwortete Großmama heftig, daß hier niemals andere Sachen gewesen seien als diese, daß ihres Papas Erinnerungen ihn täuschen müßten. Aber neulich auf dem so jäh unterbrochenen Fest hatte diese unangenehme Frau Marya Keßler mit einem eigenartigen Lächeln gefragt, ob ihre Großmama schon die Zeichnungen von Van de Velde habe. Auf Britas verwunderte Gegenfrage »Zeichnungen? Wovon?« sagte die Frau, daß Frau v. Benrath doch alle ihre alten Eichenmöbel an einen Berliner Antiquitätenhändler verkauft habe, weil sie sich modern einzurichten wünsche. Brita hatte sich vorgenommen, die Großmama darüber zur Rede zu stellen, wenigstens in der Form vorwurfsvollster Fragen. Dazu war es ja nicht mehr gekommen. Man mußte es eben hinnehmen als eine der vielen Sonderbarkeiten der alten Dame, die ihre überreizten Nerven nicht mehr zu kontrollieren vermochte. Aber ihrem Papa würde es gewiß sehr leid tun, die alten Erbstücke nicht mehr vorzufinden. Vielleicht waren sie wieder zurückzukaufen ... Man mußte sehen ... Sie kam ins Wohnzimmer. Gerade schien die blasse Sonne hinein mit dem kümmerlichen bißchen Lächeln, das sie aufzubringen vermochte. Und gerade traf ein Strahlenbündel den leuchtend sauberen Tapetenflicken, der sich von der Wand abhob, auf die Zeit, Staub, Rauch so viel unklare Töne abgelagert hatten. Das ging natürlich nicht länger so. Hier mußte alles neu und sauber werden. Papa würden wohl ein bißchen die Haare zu Berge stehen vor all dem vielen, was eben sein mußte ! Brita dachte ganz verständig: es braucht ja nicht kostbar, nicht elegant zu sein. Nur ordentlich, sauber, dem Auge wohltätiger. Und sie nahm sich vor, sich im Hause und in der Wirtschaft um alles zu kümmern. Das würde sich wohl lernen lassen. Brita hatte aus den Gesprächen der anderen hiesigen Damen entnommen, daß alle sich um ihr Hauswesen kümmerten. Die Stevenschen Damen hatten es natürlich nicht getan. Ihre Mutter konnte es nicht, weil sie Geld verdienen half: sie war vor ihrer Heirat deutsche Lehrerin gewesen und gab auch als Frau viele Stunden in Schulen und hielt einen Kursus für junge Kaufleute. Der Gedanke, sich zur Hausfrau auszubilden, erheiterte sie ungemein. Es war für den Augenblick nur ein Spielzeug- und Sportgedanke. Lübbers brachte Tee und Eier. »Lübbers,« sagte sie etwas streng, »ich wünsche nicht, daß Sie in dieser alten Jacke servieren. Livree, bitte, immer Livree.« Er antwortete gar nichts. Brita begann mit Behagen zu frühstücken, obgleich sie einmal nebenher dachte: »Der Tee ist doch zu schlecht.« Ihre Gedanken kehrten zu der »Hausfrau« zurück. Sie fragte sich, ob sie es wohl verstehen werde, ihrem Vater ein gemütliches Heim zu schaffen. Sie wußte von sich, daß sie einen geradezu künstlerischen Geschmack habe. Aber sie hatte doch eine ungefähre Ahnung, daß der allein nicht die genügenden Hilfsmittel gäbe. »Hausfrau« – das war natürlich etwas sehr kompliziertes. Man mußte Menschen befehlen und Dingen sich unterordnen können. Man mußte eine unglaubliche Menge von scheinbar lächerlichen Kleinigkeiten wissen und doch das Ganze nur im Auge haben. Man mußte ein glänzendes Gedächtnis haben und doch jede unangenehme Störung rasch vergessen können. Man mußte die Gewissenhaftigkeit haben, zu sparen und Takt, an der rechten Stelle Geld auszugeben. Es war entsetzlich, was man alles mußte. Brita hatte mit ihrer Intelligenz an dem negativen Beispiel, das die haltlose alte Frau gab, Studien gemacht. Aber dies nun in Wirklichkeit selbst zu leisten – es durchzuführen, nicht nur im ersten Anlauf und in dem Spaß, den jede neue Beschäftigung macht – das war's – da lag die Schwierigkeit – das konnte die Last werden ... Wenn man einen Mann lieb hat, kann man das, fühlte Brita plötzlich. Und darüber erschrak sie. Das war so in ihr emporgewallt – überraschte sie selbst. Sie träumte vor sich hin – sah dem Sonnenstrahlenbündel zu, das mit der abscheulichen alten Wand spielte. Sie dachte an Hendrik Hagen, von dem Großmutter immer gesagt ... Und sie hatte so die Idee: der hielte seine Frau wie eine Fürstin ... der wollte, der brauchte keine »Hausfrau« ... eine Göttin vielleicht, für seine Dichterträume ... Immer »Göttin« spielen mußte aber mindestens ebenso anstrengend und verstimmend sein, wie es gewesen war, sich als was Apartes zu betonen. Wenn Großmama recht gehabt, hatte sie ihm doch offenbar gerade in der Rolle der Weltdame gefallen. Oder hatte er vielleicht unter ihrem Gebaren ihre Unklarheit erkannt? Wenn man das wüßte! »Was für ein Unsinn«, dachte Brita und verspottete sich selbst. Es war nur eine fixe Idee von Großmama gewesen. Ganz gewiß! Hendrik Hagen wollte ihr wohl als ein ergebener Freund. Mehr nicht. Brita war stolz darauf, daß ein so auserlesener Mann sich freundschaftlich um sie bemühte. Sie wollte nun auch endlich seine Gedichte lesen. Oder lieber erst den Roman »Simson«. Sie mochte eigentlich nicht gerne Gedichte lesen. Sie hatte immer das Gefühl, als sei das ein unnützer Klingklang, der sie gar nichts angehe. Sie hatte ein so schlechtes Gewissen, weil sie immer noch nicht dazu gekommen war, und fürchtete sich vor dem ersten Alleinsein mit ihm, weil doch das Gespräch darauf kommen konnte ... Gestern nachmittag ließ sie sich deshalb einfach verleugnen, ließ sagen, sie habe Kopfweh, als Lübbers ihr den Herrn von Rote Heide meldete. Als sie nachher, hinter der Gardine versteckt, gesehen, daß es nicht Hendrik Hagen, sondern Andree von Marschner gewesen, ärgerte sie sich. Es war ihr gerade wie eine Strafe für ihre kleine Lüge gewesen. Mit Andree hätte man doch nach all den feierlichen und schauerlichen Tagen wieder einmal heiter sein können ... Sie stand auf. Mitten hinein in all diese hin und her treibenden Gedanken, die zu verfolgen so wunderlich unterhaltsam war, drängte sich wieder die unklare, fast quälende Ungeduld ... Brita fühlte wieder, daß sie nicht warten könne und bildete sich ein, sie warte auf ihren Vater. Sie ging im Zimmer hin und her, sehr unruhevoll. Wenn Papa noch lange, lange nicht kommt, dachte sie, kann es einfach schrecklich werden. Ihr Blick fiel auf den Tapetenflicken. Das lenkte ihre Ungeduld auf Äußerliches. Ihr kam die Idee: man muß die Bilder umhängen, damit der Flicken zugedeckt wird. An jener Wand hing im hochgeschwungenen Halbkranz eine Zahl von kleinen Silhouetten. Die schwarzen Köpfchen auf weißem Grund waren von blauem Passepartout umgeben, die ein dunkles Rähmchen abschloß. Dieser Halbkranz zog sich zu Häupten eines ovalen Ölbildes in Goldrahmen hin. Das Gemälde zeigte in etwa Drittellebensgröße und stark nachgedunkelten Farben einen Benrath, der Lützower Jäger gewesen war und deshalb aussah wie Theodor Körner. Es hatte, wie immer die Bilder aus vergangenen Zeiten, für den Blick der Nachfahren etwas Typisches. Wenn man den Halbkranz der Silhouetten etwas weiter von dem Ölbild abrückte und verstreuter anordnete, würde eines von diesen putzigen kleinen Täfelchen mit den schwarzen Köpfchen mitten auf den Fleck, ein anderes gerade auf die rechte Ecke oben, ein drittes auf die linke Ecke unten vom Fleck kommen. Dann würde er nicht mehr so sichtbar sein. Brita stieg auf einen Stuhl, um die Sache erst einmal zu probieren, indem sie eine der Silhouetten vom Nagel nahm und vor den Fleck hielt. Aber dies war nun wirklich zum Verzweifeln. Der reine Tapetenhintergrund ließ erst erkennen, daß das Weiß, auf dem die schwarzen Profilköpfe klebten, sehr altersgelb und verstaubt war. Brita stand ein bißchen mutlos auf dem Stuhl, das kleine blau-weiß-schwarze Bildchen in der herabhängenden Rechten. Ihr kam dies symptomatisch vor: so würde es im ganzen Hause gehen: alles was in der Idee Veränderung zum Bessern schien, zeigte in der Ausführung, daß es nur eine Veränderung innerhalb des Schlechten war. Es würde und konnte nicht anders werden: Papa mußte das ganze Haus auf einmal neu zurechtmachen lassen. Vielleicht hatte er inzwischen ein wenig geschäftliches Glück gehabt und brachte ein paar tausend Dollars mit. Damit konnte man hierzulande viel anfangen. Oder in Großmamas Nachlaß fanden sich versteckte Gelder. Brita hatte noch neulich in einer Zeitung sowas dergleichen gelesen: Eine alte Frau, die vor Geiz fast gehungert und gefroren hatte, hinterließ in Bettkissen und Wäschekasten eine Menge von Tausendmarkscheinen, die von den Erben fast übersehen worden wären. Bei Großmamas Wunderlichkeiten konnte man auch auf dergleichen gefaßt sein. So stand Brita auf dem Stuhl, ließ sich von ihren Wünschchen zu allerlei phantastischen Vorstellungen tragen und spürte dabei, wie das bißchen blasse Sonne ihr doch recht angenehm den Rücken wärmte. Nun öffnete sich die Tür mit dem unerträglichen, langausgezogenen, piepsenden Ton, mit dem die seit undenklichen Zeiten nicht geölten Angeln immer geschwätzig meldeten, daß jemand hereinkam. Es war wieder Lübbers. Brita dachte, er wolle das Frühstücksgeschirr herausholen, denn Mamsell mochte schon tüchtig in der Küche herumschimpfen über die verschobene Ordnung der Vormittagsstunden. Von ihrem hohen Stand herab befahl sie: »Bringen Sie mir mal rasch einen Hammer und ein paar Nägel; ich will doch mal versuchen ...« »Hier ist jemand, der das gnädige Fräulein in Geschäften sprechen muß«, sagte Lübbers und hielt die Tür am Klopfer fest und schlug sie ganz zurück, als solle eine Rotte Infanterie hereinmarschieren. »Geschäft ... das ist doch des Verwalters ...« Aber da sah Brita schon, daß zwei Männer hereinkamen. Der eine davon war Ludewig. Und der andere hatte ein bärtiges Allerweltsgesicht, ernst, höflich von Ausdruck. Und er hatte eine Uniform an, die Brita nicht kannte. Aber sie kannte sich überhaupt in diesem Lande der Uniformen noch nicht zwischen den verschiedenen Knöpfen und Rockaufschlägen und Litzen aus und hatte nur neulich auf dem Haldenwangschen Ball unter zahlreichen Scherzen sich belehren lassen, worin die Unterschiede zwischen der Uniform des Infanterieoberleutnants Müller und der des Gardepionieroberleutnants Püllmann bestanden. Auch wußte sie, wie die Briefträger aussahen. Sie stieg vom Stuhl und dachte etwas neugierig: wer ist denn das? Daß dies weder ein Kamerad von Püllmann noch von Müller noch ein Briefträger war, sah sie wohl. Ludewig mit seinem verschwollenen, verächtlichen Gesicht, in dem die hellblauen Augen stechend zwischen den weißen, fettgerundeten Lidern plierten, kam mit seinem breitbeinigen Gang auf Brita zu. Aber nicht, um eigentlich sie anzureden, sondern gewissermaßen, um sie dem fremden Mann zu zeigen. »Dies ist Fräulein v. Benrath«, sagte er. Der bärtige Mann kam auch näher, während Lübbers zögernd und unbescheiden zusehend sich kaum entschließen zu können schien, das Zimmer zu verlassen. Erst auf eine Bewegung Ludewigs hin, der ausholte, wie jemand, der eine Ohrfeige geben will, machte Lübbers sich davon. »Sie sind Fräulein v. Benrath?« fragte der bärtige Mann, indem er aus der Brustinnenseite seines Rockes ein sehr großes und stark angefülltes Taschenbuch holte. Der schwarze Lederband war zur größeren Sicherung seines Inhalts noch mit einem breiten braunen Gummiband umgürtet. Brita, durch die Formlosigkeit des ihr sehr widerwärtigen Ludewig geärgert, sagte hochmütig: »Jawohl, ich bin die Enkelin der verstorbenen gnädigen Frau. Sie wünschen von mir?« Und sie nahm wieder ihre großartige Weltdamenhaltung an. »Geld wünscht Herr Voß. Wenn Voß kommt, will er immer Geld«, sagte Ludewig mit seinem wegwerfendsten Ausdruck und lächelte den Mann an, als habe er diesen durch einen Witz aufgemuntert. Herr Voß streifte das Gummiband von dem Lederumschlag; es schnellte ab und versank aus seiner Angespanntheit in zusammengekrümmte Schlotterigkeit. So hing es vom Rücken der Tasche herab, aus der Herr Voß nun ein Papier nahm. »Geld?« sagte Brita, »aber das ist doch Ihre Sache, Herr Ludewig.« Zugleich dachte sie aber schon allerlei: weil ihr Papa, der Erbe und Herr, noch nicht zur Stelle war, mußte sie vielleicht formelle Dinge erledigen – unterschreiben –, vielleicht erlosch Ludewigs Vollmacht von selbst mit dem Tod derjenigen, die sie ihm gegeben. Nun hatte Herr Voß das Papier entfaltet und warf noch einen Blick hinein. »Für die Getreidehandlung Engelmann \& Wilde zu Rostock, vertreten durch die Rechtsanwälte und Notare Hüne, Klaußen und Meyerhoff daselbst, habe ich die Summe von zehntausendvierhundertdreiundsiebenzig Mark auch fünfunddreißig Pfennig einzukassieren und im Nichtzahlungsfalle Arrest auf Mobilar und Inventar zu legen«, sprach er und sah Brita aufmerksam und sehr ernsthaft an. Brita lächelte. Ein wenig verlegen. Und gab sich eine noch viel vornehmere Haltung. Denn sie begriff: hier war von geschäftlichen Dingen die Rede, die sie nicht verstand, und es war gewiß nicht klug, zu zeigen, daß man nicht verstehe ... »Ja mein Gott,« sagte sie möglichst freundlich, »ich kann nur wiederholen: alle geschäftlichen Angelegenheiten gehören in das Departement des Herrn Verwalters. Und hat er nicht das Recht, nach Großmamas Tod, sie zu erledigen, muß eben alles liegen bleiben, bis mein Papa kommt.« »Das hier kann nicht liegen bleiben,« sprach Ludewig kurz, »das haben wir seit zehn Wochen gewußt, daß, wenn wir heute nicht zahlen ...« »So bezahlen Sie den Mann,« sagte Brita und glaubte, daß Ludewig doch wohl ihrer Erlaubnis und Zeugenschaft für solche Auszahlung bedürfe. Herr Voß wartete still. »Bezahlen – bezahlen!« wiederholte Ludewig und zuckte die breiten, fetten Schultern, »wenn wir das könnten, hätten wir uns nicht erst verklagen lassen brauchen.« »Sie können – Sie können – das nicht bezahlen? ...« fragte Brita sehr langsam; »ist es denn keine Wirtschaftsangelegenheit ...« »Woll. Für Saatkorn – seit drei Jahren aufgesummt – unsern eigenen Roggen haben wir ja immer schon auf'm Halm verschachern müssen ...« »Vielleicht,« sagte Herr Voß höflich und milde, »wählen das Fräulein den Ausweg, aus Ihrer eigenen Tasche zu zahlen und sich dann später mit dem Erben von Iserndorf, der ja Ihr Herr Vater ist, auseinanderzusetzen.« »Ich – ich –« Brita wurde doch sehr ängstlich. Großmama mußte sehr viel Unordnungen angerichtet haben. Aber wozu war denn dieser abscheuliche, dieser plumpe Herr Ludewig da, der immer aussah, als wolle er gerade angewidert ausspucken. Brita empfand in diesem Augenblick einen großen erbitterten Zorn auf ihn. »Ja, mein Gott, woher soll ich so viel Geld ...« »Zehntausendvierhundertdreiundsiebenzig Mark auch fünfunddreißig Pfennig«, sagte Herr Voß so sachlich, als fülle er etwa schreibend einen Scheck aus. Brita ahnte nicht, daß manche Kreise in Wachow sie ihrer Kleider und ihrer Haltung wegen für eine reiche junge Dame hielten, daß schon für ganz naive Gemüter allein das Wort Amerika hinter ihr wie eine Gloriole stand. Herr Voß war natürlich kein naives Gemüt. Er hörte immer nur mit Unglauben vom Reichtum sprechen. Aber er hatte es für alle Fälle angebracht gefunden, dem Fräulein diesen Ausweg zu zeigen ... »Das Fräulein sind also nicht in der Lage, zu zahlen?« fragte er. »Nein – wie sollte ich. Das muß alles bleiben, bis mein Vater kommt,« sprach sie, »der wird natürlich alles ordnen. Meine arme Großmama war alt und nervös. Und wie es scheint, sind ihre Geschäfte nicht in guten Händen gewesen,« schloß sie mit einem zornigen Blick auf Herrn Ludewig, den dieser aber gar nicht bemerkte. Denn Herr Ludewig sah zu, wie die Sonnenstrahlen fast ruckweise von der Wand und vom Estrich hinwegloschen. Es war, als trüge eine Hand alle Helligkeit aus dem Zimmer. Und nun war es ganz wie in eine große Stille und Achtlosigkeit versunken. Der bärtige Mann besann sich ein wenig. Sonst, wenn er in seinem Amt vornehm gekleideten Menschen gegenüberstand, reizte ihn die Eleganz und gab ihm ein Gefühl richterlicher Überlegenheit. Er kam sich dann so ein bißchen wie ein Cherub vor, der mit flammendem Schwert die Menschen aus dem Paradies vertrieb, in welchem sie wegen ihrer Sündhaftigkeit nicht mehr das Recht hatten, zu wohnen. Aber für dies schöne Fräulein hatte er ein, wenn auch gemäßigtes, Bedauern. »Wenn Sie also nicht zahlen können,« sagte er, »muß ich, so leid es mir tut, Arrest auf Mobilar und Inventar legen.« » Was wollen Sie?« fragte Brita erstaunt und mit plötzlich erwachender großer Unruhe. »Ich muß alles versiegeln.« »Was für eine Idee! Sie bilden sich doch nicht ein, daß ich so etwas zugeben werde.« Ludewig lachte kurz und plump auf, bezwang sich aber sofort und sagte: »Gnädiges Fräulein haben nichts zuzugeben oder zu verbieten. Herr Voß ist der Gerichtsvollzieher.« »Der ... der ...« Herr Voß zuckte die Achseln, so, als wolle er ausdrücken, daß er niemals als Ursache, sondern immer nur als Folge des Unterganges komme – er also total unschuldig an der Geschichte sei. Und dann fing er an, am Tisch, nachdem er die Zuckerdose und die Kachel mit der Teekanne darauf etwas beiseite geschoben, aus seinem dicken großen Taschenbuch, das er aufgeschlagen hinlegte, allerlei sonderbare kleine Papieretiketts herauszukramen ... »Ach,« sagte Brita voll leidenschaftlicher Ungeduld, »das ist doch Unsinn. Sie hören doch: wenn Papa kommt, wird er alles bezahlen.« Herr Voß war es gewohnt, daß Frauen, ja sogar Männer, in solcher Lage die allerüberflüssigsten Reden an ihn richteten. So, als brauche man ihm bloß gut zuzusprechen, um den Vollzug des Gerichts aufzuhalten. Als könne er mit freundschaftlichem Händedruck die Geschichte beenden und sagen: »na, gelegentlich zahlen Sie wohl« – oder »wenn's Ihnen denn heute noch nicht paßt ...« Diese Überschätzung seiner Person rührte ihn nicht weiter, verursachte ihm aber auch keine Ungeduld mehr. Er war so daran gewöhnt, daß er schweigend darüber hinweg ging. Aber als Brita sah, daß er fortfuhr, die kleinen Papierstreifen zurechtzulegen und sich benahm, als sei er taub und sei allein im Zimmer, ging sie herrisch auf ihn zu. Sie legte ganz einfach ihre Hand auf seine Papiere und sagte mit sprühenden Blicken und einer vor Zorn bebenden Stimme: »So hören Sie doch. Ich weiß nicht, was Sie hier eigentlich wollen. Diese Leute sollen warten. Sie werden ihr Geld bekommen. Ich werde nicht erlauben, daß Sie unsere Sachen anrühren.« Gerade hatte das Sonnenlicht wieder die Laune, klar hereinzuzielen. Und es beleuchtete Britas erregtes und doch auch ängstliches Gesicht. Ja, mit ihrem Zorn suchte sie ihre Angst zu übertrumpfen. Herr Voß sah auf und sah sie sehr aufmerksam an. »Fräulein«, sagte Ludewig warnend. Aber Brita war unaussprechlich empört. Ihr Stolz flammte förmlich. So etwas mußte sie ertragen. Und dank der dunklen Wirtschaft dieses Menschen. Die arme Großmama hatte gewiß nichts hiervon geahnt. »Das habe ich Ihnen zu danken«, rief sie ihm zu. »Schaffen Sie diesen Mann fort, sage ich Ihnen.« »Man bloß kein'n Widerstand gegen Staatsgewalt«, riet Herr Ludewig, indem er die Linke in die Hosentasche steckte und mit der Rechten eine abwinkende Bewegung in den Sonnenstrom hinein machte, neben dem er im Schatten stand. Seine dicke rötliche Hand brachte alle Stäubchen im Strahlenbündel ins Wirbeln. »Die Sache is nämlich die ,« fuhr er fort, »was Engelmann \& Wilde sind, die haben wahrhaftig Geduld genug gehabt und gemahnt und gemahnt, eh daß sie klagten. Na, und als das Urteil erging, hieß es natürlich: vollstreckbar in zehn Wochen. Und wenn man dann nich zahlt, kommt eben der Gerichtsvollzieher. Das müssen Fräulein dja doch woll verstehen ...« »Es ist auch nur Form«, sagte Herr Voß und ging mit einem jener kleinen Papierzettelchen auf das gerade im Sonnenschein so solid und kostbar nachgedunkelt glänzende Ölbild des Lützower Jägers zu, der wie Theodor Körner aussah. Denn »alte Bilder« gehörten zu den Sachen, die immerhin etwas wert sein konnten . »Wenn Herr v. Benrath in den nächsten Tagen kommen und zahlen sollte, wird die Pfändung sofort aufgehoben.« »So warten Sie doch auf ihn«, sprach Brita fast unhörbar. Ihr Mund war ihr ganz trocken ... Sie zitterte am ganzen Körper ... Eine furchtbare Angst kam ihr ... »Das kann Herr Voß nicht.« »Depeschieren Sie an diese Firma!« flehte Brita. Herr Voß klebte dem Lützower Jäger ein weißes, mit schwarzen Buchstabenzeichen bedrohlich bedrucktes Scheinchen auf die Rückseite der alten, bräunlichen Leinwand. »Geht nicht. Muß nu seinen Gang haben,« sagte Ludewig, »ich will bloß hoffen, daß Herr v. Benrath wirklich kommt – am fünfzehnten haben wir sonst wieder die Ehre von Herrn Voß ... mir schwant so was ... der Kornhändler Lange ... na, das kommt ja, wie's kommt. Wissen Sie was, Herr Voß: ich bin doch höllisch neugierig, ob der Sohn die bankerotte Erbschaft ...« Er unterbrach sich. Er hörte ein dumpfes, sausendes, rollendes Geräusch und trat ans Fenster und sah das weiße Fahrzeug heranjagen, das er kannte, und sah darin außer dem Chauffeur zwei Männer und hatte eine ärgerliche Empfindung. Brita aber hörte nichts. Das eine Wort, das hier gesprochen war, hallte in ihr nach ... betäubend – jeden anderen Schall unterdrückend ... sie dachte ihm nach. Und konnte doch eigentlich nicht denken. Sie fühlte es nur. Fühlte, daß es Zerstörung, Demütigung, Armut, Elend, Schrecken bedeutete. Daß es nicht wahr sein dürfe . Und daß es doch ganz gewiß wahr sei! Furchtbar wahr ... Mit der übermenschlichen Schnelligkeit, in der ein Hirn in Entsetzensaugenblicken denkt, erhellte sich ihr alles, was sie hier erfahren und gesehen ... Und jedes Erlebnis und jede Beobachtung jagte an ihr vorüber und rief ihr vorbeirasend das Wort »Bankerott« zu ... Bankerott ... Sie dachte an ihren Vater ... Er würde kommen ... anstatt der Heimat, die er einst verlassen, weil das Wesen der Mutter ihm nur aus der Ferne ertragbar dünkte, anstatt der Heimat fand er Schmach ... anstatt versöhnender Wehmut an einem Grab, nur neue Bitterkeiten ... oh, käme er nicht ... nein – er durfte nicht kommen ... um hier die Leiden eines Bettlers zu erfahren ... Nein – nicht kommen ... nein... Sie wollte fliehen – zu ihm – wieder über den Ozean – schnell – noch heute – wäre sie doch nie hierhergekommen. – Flucht schien das einzige – dies elende Haus und allen Schimpf hinter sich lassen ... Aber Flucht – die Reise über den Ozean – kostete Geld ... woher Geld nehmen... Jeder Gedanke war ein Entsetzen ... Die ganze Stube kreiste um Brita – trichterförmig, wie ein Strudel, der alles hinabzieht ... Sie sah sich um, mit ängstlichem Erstaunen – sie begriff nicht, warum die Fenster und die Wände zum Karussel geworden waren. Und quer durch den kreisenden Raum ging der Mann ... mit einem der kleinen Scheine auf den großen Lehnstuhl am Fenster zu ... Der stand im Sonnenschein, der ihn umstäubte, und ließ sich den behäbig gepolsterten, kleinbürgerlich solid mit schwarz gemustertem Damast bezogenen Bauch wärmen und streckte seine Ohrlehnen vor, wie ein schmunzelnder Großpapa, der auffordert, sich nur recht warm an ihn anzuschmiegen. Und wieder machte Brita eine Bewegung, als wolle sie dem Manne in die Arme fallen, sein grausames Geschäft aufhalten ... denn ihr war, als müsse sie doch die alte Frau schützen, die da immer gesessen habe ... als sei der Stuhl ein Lebewesen ... als sei er die Tote selbst... Aber sie fiel hinein in diesen tiefen, großen, alten Stuhl, der die Schwankende in sich aufnahm und seine Arm- und Ohrlehnen über sie hinaus vorstreckte ... Halb ohnmächtig vor Entsetzen ... unfähig, noch zu denken ... wehrlos irgendeiner nicht ganz begriffenen aber furchtbaren Schmach verfallen, schluchzte Brita auf und versteckte ihr Gesicht an einer der großväterlich beruhigenden Ohrlehnen ... Da hörte sie eine Stimme ... und ihr Gesicht preßte sich noch fester gegen den Damast ... und die Scham machte ihr jäh den ganzen Körper still und kalt und legte sich wie eine Eisenhand auf ihre Brust, daß das Schluchzen verstummte ... Hendrik Hagens Stimme war das. So traf er sie ... so ... Und sah dieses ganze jämmerliche Elend und erfuhr diese schreckliche Wahrheit ... Sie wagte nicht, sich zu rühren ... »Wir kommen im rechten Moment«, sagte eine fremde Stimme. Und dann die seine: »Nein, leider eine halbe Stunde zu spät ...« Und gleich danach fühlte sie, daß eine Hand ihre Linke umfaßte, mit deren Fingern sie die eine Armlehne umklammert hielt ... Eine Hand, kalt vielleicht, wie ihre eigene – zitternd vielleicht, wie ihre eigene – und doch mit kraftvoll tröstlicher Festigkeit. Sie fühlte auch die Nähe eines Menschen, daß sich jemand zu ihr herabbeugte ... »Gnädiges Fräulein ... liebes Fräulein Brita ... beruhigen Sie sich,« sagte seine Stimme, »es wird alles gut werden.« Da sprach die fremde Stimme wieder. »Meine Herren, gehen wir doch in die Verwalterstube ... ich bitte darum ...« Brita rührte sich nicht. »Liebes Fräulein Brita ...« Und die kalte, zitternde Hand streichelte ihre Linke ... bittend, tröstend ... Die Männerstimmen sprachen weiter, halblaut, fast murmelnd ... das drang an Britas Ohr ... wie man im Halbschlaf die Töne des Lebens noch wahrnimmt und sich doch vom Leben ausgeschaltet fühlt ... Sie war nicht ohnmächtig ... sie wußte, wer über sie geneigt stand ... Sie wußte, wessen Hand so bittend, so tröstend die ihre streichelte ... Aber sie war ganz still ... so, als habe sie keine Kraft, ihr Wesen aus dieser merkwürdigen Erschöpfung aufzuraffen. Sie vernahm auch einige Worte aus der Folge der Reden und Gegenreden, die wie ein murmelndes Flüßchen an ihrem Ohr vorbeirannen: sofortige Erledigung – Scheck – Übernahme dieser und anderer Forderungen – spätere Verständigung mit Herrn v. Benrath – aber doch hier nicht weiter sprechen. – Und dann Schritte – zugleich der lang ausgezogene, quietschende Ton der ungeölten Türangeln. Und dann eine vollkommene Stille ... Obgleich nichts sich rührte, obgleich nicht einmal ein Atemzug laut ward, obgleich Brita die Lider geschlossen und die Stirn fest gegen den schwarzen Damast gedrückt hielt, fühlte sie dennoch: Der Mann stand wartend vor ihr. Ihr Wesen ward wacher. Die Erschöpfung schwand. Eine tödliche Verlegenheit, die Gefährtin der Scham, bändigte sie aber noch ... sie wußte nicht, wie sie den Mut finden sollte, ihr Gesicht zu zeigen, den Blick zu ihm zu erheben ... Ihr war, als harre ihrer die entsetzlichste Demütigung ihres Lebens ... Das Mitleid, das sie in seinem Gesicht finden würde, war es ja nicht ... nein, das erniedrigte sie nicht ... aber wenn Großmama recht gehabt hatte ... wenn er wirklich werbend an sie gedacht ... was mochte nun wohl in ihm vorgehen ... vielleicht dankte er Gott, daß er sich noch zurückgehalten gehabt ... daß dieses widerwärtige, finanzielle, herabziehende Elend ihn nichts angehe ... daß er nicht das Mitglied einer bankerotten Familie geworden war ... daß der Zusammenbruch gekommen sei, ehe er gesprochen habe ... Brita wußte ja gar nicht, ob sie seine Werbung fürchtete oder wünschte ... sie hatte sich nur viel damit beschäftigt. Die alte Frau ließ ihre Gedanken nicht darüber zur Ruhe kommen, immerfort trug sie ihnen mit eifrigen Reden frischen Stoff zu. Brita dachte an seine Absichten – die Großmama bei ihm voraussetzte – in der Prinzessinnenart junger Mädchen: manchmal in der neugierigsten Spannung, manchmal in dem Hochmutsgefühl, als habe sie mit ihrer Person ein Königreich zu verschenken ... Und all diese Gedanken schienen sie nun spöttisch anzulachen ... Nein – nein – sie hatte nicht den Mut, ihn anzusehen ... Und doch fühlte sie, daß sie ihn nicht länger so still warten lassen könne, daß sie einmal, einmal seinem Blick wieder begegnen müsse ... Da geschah ihr etwas Eigentümliches: an der Polsterlehne spürte sie plötzlich denselben Geruch, der unfrisch und greisenhaft die Kleider der alten Frau umdünstet hatte. Und mit einer Gebärde des Schauderns fuhr sie empor – ein Frostgefühl bebte durch ihre Glieder ... Und gerade in diesem Augenblick siegte im launischen Spiel von Schatten und Licht, das die Lufträume unruhig erfüllte, wieder der Schatten. Brita sah den Mann an, der vor ihr stand – sehr bleich war er ... Sie verstand nicht, was aus seinen Augen strahlte ... sie empfand nur, daß es Güte war, Wärme ... etwas Erhebendes und Wohltätiges ... Und mit dem raschen Gefühl des Weibes spürte sie vor allem: in seiner Haltung war nichts, gar nichts Demütigendes. So steht man vor einer Fürstin ... wartend, ergeben ... Sie erhob sich. Mit ihren beiden Händen strich sie sich das Haar von den Schläfen zurück und tupfte mit ihrem zusammengeballten Taschentuch gegen die heißen Augen. Sie gab sich viel Mühe, nicht wieder in Tränen auszubrechen. »Ich versteh das alles nicht«, sagte sie mit jenem Ausdruck, den ein Mensch annimmt, wenn er nur zu gut versteht. Sie schüttelte trostlos den Kopf. Ihre Trostlosigkeit war seiner Liebe wie ein Geschenk. Er nahm zärtlich und beruhigend ihre Rechte zwischen seine Hände. Er sah ihr tief in die Augen, die mit klagendem, fragendem Ausdruck zu ihm emporgeschlagen waren. »Ich hoffe,« sagte er, »Sie werden so etwas nicht noch einmal zu erleben haben.« »Ist es wahr, daß Großmamas Nachlaß bankerott ist?« fragte sie leise. »Mein Freund und Rechtsbeistand Berthold ist mit mir gekommen. Ich hoffe, wir werden Mittel und Wege finden, den Lauf der Dinge aufzuhalten, bis Ihr Vater kommt und seine Entscheidungen trifft.« »Er soll nicht kommen!« rief Brita leidenschaftlich, »er hat genug Sorgen in seinem Leben gehabt. Oh, wie ein Proletarier hat er seit Jahren arbeiten müssen ... und immer haben wir heimlich gedacht ... später einmal, ja, dann würde es anders – dann würde er wie ein Herr arbeiten – hier, auf seinem Besitz ... Und nun ... mein Gott – Papa darf nicht seine Stellung aufgeben – das wäre ja Wahnsinn ... sie ist bescheiden, aber er kann doch davon leben ... allein sehr gut ... und ich ... ach, das ist einerlei ... das darf nicht sein: Papa darf nicht kommen.« Sie hatte ihre Hand seinen beruhigenden zärtlichen Händen entzogen. Sie faltete die ihren und preßte sie gegen den Mund und stand wie vernichtet. »Man wird ihm depeschieren,« sagte Hagen, »die Lage muß ihm angedeutet werden. Da er nun einmal der Erbe ist, muß er so oder so die Entscheidungen treffen und all diese zahllosen Formalitäten erfüllen ...« Mit einer wahren Verzweiflung rief sie: »Und ich soll so lange warten ... immerfort zittern ... immer, daß wieder so ein Mensch kommt.« Sie sank wieder in den alten, riesengroßen Stuhl und faltete die Hände in ihrem Schoß. Und so tief neigte sie das Haupt zu den gefalteten Händen herab, daß es schien, als beuge sich ihr Nacken unter einer schweren Last. Er trat zu ihr heran. »Liebe Brita,« sprach er, »bin ich nicht da? Wollen Sie mir nicht erlauben. Sie zu schützen – für Sie einzutreten –, zu ordnen, was sich vorderhand ordnen läßt ...« Sie sah empor zu ihm ... in einem zitternden Erstaunen ... hoffend ... doch mit Herzklopfen ... Sie hatte allerlei rasche, kluge Gedanken und war doch in einer erregenden Gefühlsverwirrung. Er wollte »ordnen« – also Geld opfern – Geld –, ach, Brita kannte das böse Wort und seine Tragweite nur zu genau ... Das wollte er? Das hieß? ... Und was hieß es, wenn sie annahm? Sie sah immer wie hypnotisiert in diese leuchtenden Männeraugen – Und kostete zugleich all die entsetzlichen Demütigungen der letzten Stunde von neuem durch ... das wollte er ihr ersparen ... das? Und der Gedanke an Großmut, an freigebig hinströmendes Geld hatte etwas Berauschendes ... Eine heiße Dankbarkeit wallte in ihr auf, nahm ihr alle Fassung ... sie dachte auch, tausend Erinnerungen in einem Bild zusammenerlebend, an die harten Jahre ihres Vaters, an allen Gram, den er leiden würde ... Und ihre Gedanken wurden hinabgezogen in dies brausende Erlösungsgefühl. »Ja,« sagte sie, »ja ...« Ihre Stirn lehnte sich gegen seinen Arm ... sie weinte ... Sie hatte ja niemanden als ihn in diesen Augenblicken. So namenlos verlassen war sie vorhin gewesen – allem Schrecken preisgegeben ... Und unbewußt war das weibliche Bedürfnis stark in ihr, den Trost zu fühlen , ihn mit beiden Händen zu erfassen, körperlich ... nach Frauenart den Schutz zu berühren, um an ihn glauben, ihn wirksam empfinden zu können ... Sie konnte nicht anders ... Und als sie es getan, kam gleich eine dumpfe Empfindung über sie, daß er nun sagen werde: ich liebe dich! Wenn er sie überhaupt liebte – ja, dann würde er sie jetzt, jetzt in seine Arme nehmen ... in ergebener Erwartung saß sie so ... ohne Furcht, ohne Seligkeit ... ganz müde und zerquält ... Er sah herab auf das kupferbraune Haar und auf den weißen, weißen Nacken, über dem dies schimmernde Haar in so seinem Ansatz begann ... er sah die Linien der sitzenden Gestalt, die sich so vertrauensvoll ihm entgegenneigte ... er fühlte die Stirn, die sich an seinen Arm gelehnt ... Er schloß die Augen ... Er bezwang sich, dies junge, schöne Geschöpf nicht emporzuziehen an sein Herz. Die Lippen brannten ihm trocken vor Begierde danach, diesen weißen Nacken zu küssen ... Nein, nicht jetzt, nicht in diesem Augenblick ... Sein Stolz half ihm, sein Verlangen niederzuringen ... Sie sollte sich ihm nicht in einem Augenblick der Dankbarkeit geben ... Das konnte ihr und ihm eines Tages die Erinnerung verwirren ... Und noch eins half ihm seine heißen Manneswünsche zu bezwingen. Der Glaube, daß er geliebt sei – doch er ! Er fühlte eine rührende, eine vertrauende, eine ganz elementare Hingebung in ihrem Wesen ... sie lehnte sich an ihn, weil er ihr der Nächste, der Einzige auf Erden war ... Brita weinte sich aus ... Und die dumpfe Erwartung in ihr ward allmählich still – ihr Gemüt erhellte sich ... sie wußte gar nicht, wie ihr geschah, aber eine unendliche Erleichterung breitete sich langsam in ihr aus; wie ein Sonnenaufgang war es gerade ... Er schwieg immerfort ... wie das wohltat, es war so schonend ... man war wie gerettet neben ihm ... Ruhe, köstliche Ruhe kam durch ihn zurück ... Eine große, freudige, kindliche Begeisterung für den fürstlichen Mann wallte in ihr auf ... Sie hob das Gesicht. Sie lächelte. Ganz glücklich und ganz unbefangen. »Ja,« sagte sie, »so einen Mann wie Sie gibt es nur einmal auf der Welt. Aber nicht wahr, nun setzen Sie mir auch alles ganz verständig auseinander und wir besprechen, was ich an Papa kabeln soll.« – Eine halbe Stunde später gingen Hendrik Hagen und der Rechtsanwalt Berthold zu Fuß über den Iserndorfer Hof, auf den Weg zu, der vom Gut zur nahe vorbeiziehenden Chaussee führte. Hagen hatte den Chauffeur angewiesen, etwas vorauszufahren und an dem Punkt zu warten, wo der Weg mit der Landstraße zusammenstieß. Die beiden Männer mußten noch rasch einiges besprechen, ehe sie sich trennten. Hagen fühlte ein starkes Verlangen nach körperlicher Bewegung. Er liebte es, zu wandern, wenn seine Seele in Aufruhr war. Die Natur sprach deutlicher zu ihm, wenn er einsam durch sie hinging. Er konnte rascher, leichter, klarer denken und sich freier selbst betrachten. Berthold mußte aber sogleich in die Stadt zurück und sollte das Auto benutzen. Der Anwalt legte dem andern Mann allerlei dar. Der sah in die Gegend hinaus, während sie langsam vorwärts gingen. Voraus, links auf dem Hügel, drehten sich die vier großen dunklen Flügel der alten Mühle und jagten rauschend herum im Winde, während die Strohhaube des Mühlendachs bald im Sonnenschein wie graugrüne Bronze leuchtete, bald von fliegenden Schatten düster überhuscht war. Hendrik Hagen dachte an den Tag, wo er neben dem roten Backsteinunterbau der Mühle Britas Gestalt im leuchtenden Lilakleid vor dem weiten Hintergrund des Himmels gesehen ... zugleich hörte er Bertholds nüchternem Vortrag zu: Zahlen, Zahlen, Zahlen, Termine, Termine, Zinsen, Hypotheken ... Und er sagte, daß ihm alles recht sei, wie Berthold es einrichte. Nur daß vor allen Dingen »der da« von Iserndorf ferngehalten werde. Ein paar Schritte vor ihnen ging nämlich der Gerichtsvollzieher Voß, der sein Wägelchen im Dorf hinterm Mühlenhügel eingestellt hatte und es nun dort wieder besteigen wollte. Jetzt kamen ein paar Braune und bogen von der Chaussee her in den Weg ein und sie zogen eine Kutsche hinter sich her. Das unelegante, solide Gefährt kannten die beiden Männer gleich: es war Herrn Brügges, des Wirtes vom »Erbgroßherzog«, Landauer. Voß, im Vorbeischreiten, grüßte in den Wagen hinein. »O weh,« sagte Berthold, »vielleicht noch ein Kondolenzbesuch ...« Und da streckte sich schon eine Schulter und ein Kopf aus dem rechten Wagenfenster. »Halt!« schrie dann eine Frauenstimme, »halt!« Die Wagentür wurde von innen geöffnet, und Frau Marya Keßler stieg aus, ganz in Trauerpracht, rot vor Genugtuung über die Begegnung. »Meine Herren,« sagte sie, dem einen die Linke, dem andern die Rechte zu gleicher Zeit hinstreckend, »welches Glück, daß ich Sie treffe. Ich sah eben schon das Auto ... da dachte ich mir gleich ... Gott, aber das war ja Voß !? Sagen Sie bloß das eine, lieber Berthold: steht es so auf Iserndorf? Ja, kann man da denn überhaupt noch Besuch machen ...? Ich wollte nämlich kondolieren. Das schieb ich immer bis nach der Beerdigung 'raus. Ich geh nie in ein Haus, wo 'ne Leiche ist. Aber wissen Sie – wenn man da nun doch nicht mehr verkehren kann – in einem Haus, wo Voß was zu tun hat! – O Gott, nein, dann kehr ich lieber um.« Ihr ganzes Wesen war wie ein Instrument, das plötzlich aufrauscht in den kräftigsten Klangfarben des Triumphes. Alle Überlegenheiten, die die eine Hälfte der Menschheit allezeit über die andere fühlt, faßten sich für sie in diesem Moment in dem Siegergedanken zusammen: ich bin reich und sie ist arm! »Meine gnädigste Frau,« sprach Berthold, während aus seinen dunklen Augen ein besonderes Licht aufblitzte und über sein schmales, nach unten vorgebautes Gesicht ein kluges Lächeln ging, »ich darf Sie beruhigen: sollten Sie die Ehre haben, von Fräulein v. Benrath empfangen zu werden, so sitzen Sie dort auf ungepfändeten Stühlen!« Frau Keßler wehrte mit ihrer in schwarzem Leder glänzenden Hand seinen Worten ab: »Dumm machen laß ich mich ja nun nich!« sagte sie heiter; »zu bloßen Landpartien hat Voß keine Zeit. Es hat sich also einer gefunden, der erst mal eingesprungen ist ...« Sie fühlte die zornigen Blicke des heißbegehrten Mannes förmlich auf ihrem Gesicht brennen. Sie wußte seit jenem Ballabend: es war doch hoffnungslos ... Nun kostete sie die Wonne, ihn zu schlagen – zu peitschen – mit Worten – ja, treffen wollte sie... Und zerstören wollte sie... »Glauben Sie?« fragte Berthold mit wahrhaft kindlicher Unschuld, »ich glaube vielmehr, daß die alte Dame nur zu nervös war, um noch rechte Ordnung in ihren Verhältnissen zu halten, daß diese selbst aber sich als ganz gut herausstellen werden und daß Fräulein v. Benrath sehr beruhigt der Zukunft entgegensehen kann.« Sie lachte amüsiert. »Das glaub ich nun selbst,« sprach sie, »das Mädchen wird den ersten besten wohlhabenden Mann nehmen, der um sie anhält. Schön ist sie – irgendein Tor wird sich schon finden, der damit zufrieden ist, sie elegant anziehen zu dürfen ... Warum auch nicht ... ich verdächt ihr das nicht ... Das Leben ist mal so ... Na, wenn Sie also meinen. Berthold ...« Der, für den dies gesagt war, hörte ... Und trotz des spöttischen Lächelns, das er versuchte, fühlte er, daß sein Herz rascher klopfte. Er kannte den Unwert der Reden dieser Frau. Und dennoch ... sie flogen nicht vorbei an ihm wie Kehricht im Winde ... Sie waren wie Saatkörner, die haften, wo das Erdreich nur allzu bereit für sie ist ... Sie setzte nun den Fuß wieder auf den Wagentritt. Sie wandte ihr Haupt, auf dessen glattem Haarbau heute ein grandioser schwarzer Hut saß, noch Hendrik Hagen zu, indem sie schon die Umrahmung der Wagentür erfaßte. »Sie waren wieder mal enorm schweigsam, lieber Hagen,« sagte sie, »aber bei so 'nem Mann nimmt man's für Bedeutenheit ... Weiter!« befahl sie dann dem Kutscher. »Nehmen Sie es lieber für Erstaunen, meine gnädige Frau«, sprach Hendrik Hagen. Sie saß schon und beugte sich noch einmal vor. »Erstaunen? Bitte, worüber?« »Über Ihre beneidenswert praktische Lebensauffassung.« »Ja, die hab ich, gottlob«, sagte sie förmlich gesättigt von Zufriedenheit über die Solvenz ihrer Zunge und ihres Geldbeutels. Und dann rief sie ungeduldig: »Fahren Sie doch zu – – also adieu, meine Herren – adieu ...« Die beiden Männer sahen wortlos dem Wagen nach, dessen schwarze und etwas schwankende dicke Form, die von hinten fast einer zerdrückten Kugel glich, zwischen den merkwürdig hohen Rädern hing. Die Radreifen, die sich nur gemächlich fortdrehten, waren bekrustet von Straßenschmutz. VIII. Der Bürgermeister Mandach fühlte sich von einem fast napoleonischen Bewußtsein getragen. Er ging noch imposanter einher als sonst. Und sein Eckermann, sein Las Casas, der Amtsrichter Dr. Fritz Haldenwang, fragte, ob er nun recht behalten habe oder nicht? Denn er, als er damals unter der Hand die Wahl Mandachs dringend befürwortete, obschon sich noch sechsunddreißig andere Persönlichkeiten von gutem Anschein für die Bürgermeisterstellung gemeldet gehabt, er wußte gleich: so'n ganzer Kerl wie Mandach konnte einfach nicht noch mal unter den Bewerbern sein. Es gab ja kein Gebiet, über das Mandach nicht raschen und genauen Überblick gehabt. Es konnte keine volkswirtschaftliche Frage aufgeworfen werden, in der Mandach nicht die praktische Lösung gewußt hätte. Er war der geborene Herrscher. Wenn die Verhältnisse ihn in das Licht gebracht hätten, wohin er eigentlich gehörte – er wäre vielleicht schon Minister. Alles wußte er, konnte er, faßte er praktisch an – mit der bekannten Ausnahme natürlich seiner eigenen Finanzen. Und nun war es ihm gelungen, mit einer noch nicht dagewesenen Raschheit die »Geembeha« zu konstituieren und die Sache derart zu beschleunigen, daß schon vier Wochen nachdem der erste Gedanke aufgetaucht war, die Erdarbeiten begannen. Ein glücklicher Zufall hatte gewollt, daß ein geeigneter Plan zum Hotelbau fix und fertig vorlag. An der pommerschen Küste trug sich eine kleine Stadt mit dem Gedanken an ein ähnliches Unternehmen. Dort brütete man aber schon seit Jahresfrist darauf herum, weil eben kein Mandach da war. Jene Stadt hatte erst mit großen Kosten eine Konkurrenz ausgeschrieben und sich dann doch nicht entschlossen, den prämiierten Plan des Architekten Trieloff zu erwerben, weil einer der Stadtväter dem eigenen, baubeflissenen Sohn den Auftrag zuzuwenden wünschte. Ansehen der Person kannte Mandach natürlich nicht. Auch in Wachow gab es »Baumeister«, die sich für die Berufenen hielten. Es waren biedere Maurer- und Zimmermeister, die sich etwa einen Zeichner hielten, oder deren Söhne kurze Zeit ein Polytechnikum besucht hatten. Mit donnernder Kraft hielt der Bürgermeister eine Rede über die schädlichen Folgen jeglicher Protektionswirtschaft, so daß die Stadtverordnetenversammlung nicht anders konnte, als sich von dieser Rede begeistert fühlen. Und alle braven Bürger gingen nachher mit katonischen Gefühlen, als bessere Männer, erhobenen Bewußtseins heim und wiederholten abends an ihren Stammtischen als ihre eigene, reinliche Überzeugung, was ihnen der Bürgermeister des Morgens gesagt. Der Trieloffsche Plan paßte für den landschaftlichen Hintergrund, für die Terrainverhältnisse, in der Größe und mit dem Kostenanschlag, als sei er von vornherein einfach für Neu-Wachow und kein anderes Fleckchen auf dem weiten Erdenrund erdacht. Mandach, der sich vergleichend und kritisierend auf dem Laufenden hielt über die wichtigsten Vorkommnisse in der Verwaltung kleinerer norddeutscher Städte, speziell solcher, die ähnliche geographische und wirtschaftliche Verhältnisse wie Wachow hatten, wußte auch von dem Architekten Trieloff und seinem prämiierten, aber nicht zur Ausführung gekommenen Plan. Er hatte schon an den Mann geschrieben, ehe die letzte entscheidende Versammlung über die Gründung der Geembeha stattfand. In eben dieser Versammlung lag dann auch schon der Plan aus und Trieloff war selbst zur Stelle, ihn noch zu erläutern. Trieloff war jung, er war unverheiratet und er war ein stattlicher dunkler Mensch. Man hatte ihn schon vor der Versammlung einen Tag in Mandachs Gesellschaft über die Straße gehen und im »Erbgroßherzog« sitzen sehen. Eine in ihren unbewußten Ursachen nicht ganz aufklärbare günstige Strömung für diesen Architekten war schon vor der entscheidenden Versammlung bemerkbar. Sogar eine der Fedderschen Damen sagte: »Gott, das wäre ja reizend, wenn wir Herrn Trieloff herbekämen, wo wir so wenig junge Leute in der Gesellschaft haben.« Und Fanny Röder, des Holzhändlers Tochter und Erbin, fragte ihre Freundin Erna: »Hast du schon den Architekten gesehen? Das ist ja ein entzückender Mensch, er sieht aus wie ein Italiener.« Sie hatte zwar noch nie einen gesehen, und Trieloff sah auch nicht so aus, aber Erna sagte fast andächtig: »Ach –« und man ahnte schon undeutlich allerlei Sensationen durch ihn. Und als er an jenem Versammlungsmorgen an Mandachs Seite zum Rathaus ging, sagten die Leute, die hinter den Fenstern saßen oder in den Türen standen: »Guck mal, das ist der Architekt, der das Strandhotel baut.« So war es eigentlich schon in der Vorstellung der Stadt ausgemacht, ehe die Entscheidung fiel. Und doch hing die ganze Geembeha bis zur letzten Stunde wie über einem Abgrund – sie konnte noch zerschmettert hinabsausen, wenn nicht eine starke Hand sie hielt und auf den sicheren Weg brachte. Immer fehlten noch fünfzigtausend Mark an den sechsmalhunderttausend, die aufgebracht werden sollten. Die Berechnung war so: eine Viertelmillion der Rohbau, hunderttausend Mark für Dekoration und einige gärtnerische Anlagen, siebzigtausend für Möbel, Geschirre und Leinen, dreißigtausend für einen Weg an den Strand und Badekarren, Hundertfünfzigtausend mußten als Reserve bleiben. Mandach hatte wohl unzählige Male erklärt: mit weniger könne man es nicht anfangen, dann sei's Klöterkram. Sähe man nach zwei Jahren die erwartete Prosperität, sollte Kapital und Bau um das Doppelte vergrößert werden. »Sachte und vorsichtig,« sagte er, »aber nicht zu beengt.« Da entschloß sich Frau Marya Keßler, zu den dreißigtausend Mark Anteilscheinen, die sie schon gezeichnet hatte, weitere fünfzig Anteile à tausend Mark zu nehmen, und sicherte damit das Zustandekommen der Geembeha. Es hatte sich an dem Skatabend gemacht, zu welchem sie den Major v. Lorenz, den Bürgermeister Mandach und den Oberleutnant Müller eingeladen. Sie zeichnete an diesem Abend den Bürgermeister derart aus, daß »Oberst Ollendorf« seinen grauen Schnurrbart, der durch die »Anleihe« martialischer wirken sollte, voll äußerster Unruhe alle Augenblicke strich. Sein Avancement zum Oberstleutnant war in einem Vierteljahr ungefähr fällig und damit auch sicher die Umwandlung des z.D. in ein völliges a. D. Er fühlte immer gewisser: er mußte den entscheidenden Schritt tun, solange er noch den bunten Rock trug. Man wird von den Weibern höher bewertet... dachte er. Und er trug einen Brief im Ärmelaufschlag, den er beim Abschied heimlich in Marya Keßlers Hand gleiten zu lassen dachte. Der Brief erklärte ihr in höchst bewährten Sprachwendungen mit dem Feuer eines jungen Leutnants seine völlig selbstlose und ganz glühende Liebe. Es war unmöglich, diesen Brief ihr zuzustecken, wenn sie den ganzen Abend nur Blicke und Lächeln für den Bürgermeister hatte. Sich lächerlich zu machen, dazu war er ja nicht der Mann, fühlte der Major... Frau Marya Keßler zeichnete wirklich den Bürgermeister aus, obschon sie hinsichtlich seiner noch zu gar nichts entschlossen war. Es bereitete ihr aber eine gewisse seelische Genugtuung, überhaupt einen Mann auszuzeichnen, ihm fast den Hof zu machen, nachdem der eine sich so »undankbar« benommen hatte. Und des Bürgermeisters Manneswert war ja durch die Erbschaft, die er gemacht, sehr gestiegen. Nicht als ob seine dreitausendfünfhundert Mark Mehreinnahmen hierbei unmittelbar in Betracht kämen. Frau Marya war reich genug, das nur als »etwas mehr Taschengeld« ansehen zu können. Aber er war nun nicht länger der Mann, von dem Zungen sagen konnten, er habe heiraten müssen , um sich hinter den Ofen der Sorglosigkeit zu setzen. Und da Frau Marya selbst eine böse Zunge hatte, fürchtete sie immer sehr die andern. Sie empfand unbewußt, wie Gehässigkeit funkeln und dem lieben Nächsten den Blick blenden kann. Sie spielte mit dem Gedanken, wie »Er« sich denn doch wundern würde, wenn sie einen andern heiratete. Sie schloß von sich auf die Männer und dachte: seine Eitelkeit fühlt sich ja doch tödlich verwundet ... Sie bildete sich ein, daß es ihm schmeicheln würde, wenn sie trostlos, sehnend, unglücklich liebend fortfahre, ihn von fern anzubeten und auf jedes Glück zu verzichten. Sie hatte keine Ahnung davon, daß ein Mann sich nicht einmal ausschließlich mit dem Gedanken beschäftigt an die Frau, die er liebt, daß aber eine Frau, die er nicht liebt, gar nicht für ihn da ist. – An diesen Skatabenden, zu denen Frau Marya Keßler meist alle vierzehn Tage lud, ergab man sich in den ersten beiden Stunden, von sechs bis acht, mit strengem Eifer dem Spiel. Sie selbst spielte mit großer Feinheit der Berechnungen, mit raschem Entschluß und untrüglichem Gedächtnis. So war sie den Männern ein ebenbürtiger Gegner. Um acht Uhr aber wurde zu Abend gegessen. Und das Souper hatte immer den Charakter eines kleinen Festmahls. An diesem wichtigen Skatabend nun war die Speisenfolge vortrefflich und jede Schüssel ein Meisterwerk. Die Weine ließen sich vom Essen keine Konkurrenz machen. Niemand konnte nachher sagen, was eigentlich schöner gewesen. So war denn die Stimmung der Tafelnden recht harmonisch, wenn es auch den Major angesichts der köstlichen Sauce mousseline zu den gedünsteten Hamburger Seezungen mit wachsender Wehmut erfüllte, wie zärtlich Frau Marya den Bürgermeister anlachte. Dieser selbst bemerkte hiervon nichts, oder es berührte ihn als etwas Selbstverständliches. Der Major wurde nicht ganz klug daraus. Jedenfalls daß Mandach in seiner ganzen breiten, überlegenen Jovialität da und ließ es sich schmecken, als sei er zu Hause bei sich und werde vom in Gefühlen und Demut vergehenden »Fräulein Ponürlich« bedient. Frau Marya erkundigte sich, ob man schon etwas von den Verhältnissen auf Iserndorf gehört habe. Und mit mitleidigen Seufzern gedachte sie des Tags, wo ihr der Gerichtsvollzieher Voß begegnet sei. Über den Eindruck könne sie gar nicht weg. Es habe ihr zu und zu leid getan. Das arme Fräulein v. Benrath! Und so allein wie das Mädchen sei. Fast unpassend allein. Sie, Frau Marya, sei nicht der Meinung, daß eine Frau immer eine Ehrenwache brauche. Hier deklamierte der Bürgermeister mit seinem großen Baß dazwischen: »Schützt sie ein Wächter mehr als ihre Tugend?« Aber, um allein auf dem Lande zu leben und Herrenbesuche zu empfangen, dazu sei Brita Benrath doch noch zu jung. Freilich, sie sei amerikanisch erzogen und an freie Sitten gewöhnt. Die Herren hatten natürlich allerlei gehört: Der Vater, Herr Erwin v. Benrath, sei nun endlich unterwegs; Krankheit habe ihn aufgehalten; man sagte, er trüge sich mit dem Gedanken, Iserndorf wenn irgend möglich zu halten. Frau Marya sagte mit einer Entschiedenheit, als habe sie alle Bücher dort eingesehen, daß das unmöglich sein werde; es sei zu verschuldet. »Hagen ist eingesprungen. Er ist nun der Gläubiger, der Iserndorf sozusagen in der Tasche hat. Na – und das sagt ja woll alles«, stellte der Bürgermeister so laut fest, als seien alle Anwesenden harthörig. »Daß Hagen die Benraths nicht zum Bankerott treibt, ist gewiß,« meinte der Major, »aber die können doch unmöglich die Gnade eines Mannes annehmen, der sein Geld mit Schriftstellerei verdient hat und noch verdient! Ich hab mal in 'nem freisinnigen Blatt von ihm 'n Gedicht gelesen! Und Benraths sind bester, alter, mecklenburgscher Adel. Fast so alt wie wir Lorenz«, schloß er mit einem dumm schmunzelnden Gesicht, befriedigt davon, daß er einmal das Alter seiner Familie hatte erwähnen können. »Hendrik Hagen hat vorigen Winter, als er in Berlin war, beim Reichskanzler gespeist«, sprach der literarisch angehauchte Oberleutnant Müller etwas gereizt. »Aber nicht beim Kriegsminister«, sagte Lorenz und blickte ihn bedeutend und mit Kommandeurallüren an. »Wer kann wissen,« meinte der Bürgermeister, »ob Benrath nicht mit 'n Beutel voll Dollar ankommt.« »Hoffen wir es,« seufzte Frau Marya, »denn ich muß unserm lieben Major recht geben.« Es wurde nun ein junger, getrüffelter Puter aufgetragen und alle sahen die goldig-bräunlich schattierte, hochgewölbte Brust mit erwartendem Vergnügen an. Ein äußerst wohlriechender Dampf stieg von der Schüssel auf, so daß das Mädchen im gestärkten, knatternden rosa Kattunkleid, die Schüssel sorgsam vor sich hertragend, einer Priesterin nicht unähnlich schien, die rauchende Opfergaben herbeibringt. Der Bürgermeister erbot sich, wie immer in so appetitlichen Fällen, zu tranchieren. Mit seinen weißen, fleischigen Händen handhabte er elegant Messer und Gabel, und Frau Marya sah mit viel Wohlgefallen in die weite, etwas zurückgeschobene Manschette seines blendenden Oberhemdes hinein, wo ein auffallend weißer, haarloser Männerarm ziemlich weit hinauf sichtbar ward. »Der Wert von Iserndorf könnte auch durch die Geembeha steigen«, meinte der Oberleutnant Müller. »Es wird ja nicht bei dem Strandhotel bleiben. Ich sehe eine Kolonie voraus.« »Käme nicht Iserndorf zugut. Bloß Rote Heide. Iserndorf liegt zu weit ab. Meine gnädigste Gönnerin – der Puter scheint ideal – Na, und Ihre angenehme Phantasie in Ehren, lieber Müller – schönere Gesichte könnte sie ja gar nicht haben –, aber erstmal sind wir ja leider Gottes immer noch bloß dichte vor. Noch nich da! Und dann: was macht Hagen sich aus dem Mehrwert von Rote Heide! Der will bloß seine idyllische Ruhe. Oder doch ein unverdorbenes Landschaftsbild. Er hat zehn Anteilscheine gezeichnet – ja – aber nur, weil er mich sonst nicht los wurde und weil ich ihn damals – in jener glorreichen Stunde, als mir der Einfall kam, gleich breit schlug. – Ich denk mir, man munkelt ja, daß er viel in Iserndorf 'reingegeben hat und im Moment wohl nicht mehr will, weil er sich doch auch die Ellbogen freihalten muß für die Auseinandersetzung mit dem Stiefsohn ... Und dabei ist mein Freund Hagen noch ruchlos genug, mir gerade ins Gesicht zu hoffen, daß er die Zehntausend nicht rauszurücken braucht. Nicht wegen der Zehntausend – Pappenstiel für ihn – nee, ihm graust vor den möglichen Störungen. Er sieht sich schon von der Badekolonie überlaufen und wittert gefühlvolle Fräuleins mit Autographensammlungen und dichtende Männlein mit Manuskripten im Gewande.« Frau Marya schwieg dazu. Aber der Major v. Lorenz fragte: »Ist es schon entschieden, ob der Vater oder der Sohn das Gut kauft?« »Ih, die sollen ja wieder wie die Todfeinde sein ...«, sagte Müller. »So–o–o?« fragte der Bürgermeister langgedehnt. Es klang beinah wie ein dumpfer Trommelschlag. Es war ihm auch bekannt. Leider. Aber dergleichen »wußte« er im Gespräch mit Fernstehenden nie. »Wegen des Gutes?« fragte Frau Marya und sah den Bürgermeister durchbohrend an. Der zuckte nur die mächtigen Schultern. »Warum denn sonst? Man hört, jeder wolle es haben. Der eine verschwört sich, nur dort dichterisch schaffen zu können. Der andere meint, er könne bloß da seinen Kohl bauen. Und Kompagnons wollen sie partout nicht bleiben. Ich meine aber, hier müßte der junge Marschner zurückstehen. Hagens Interessen gehen vor. So ein Mann bedeutet mit seinem Schaffen ein Kulturelement«, schloß der Oberleutnant. Sein Major warf ihm einen Blick zu, der so gut wie ein blauer Brief gewesen wäre, wenn Lorenz nur die allermindesten Beziehungen zum Militärkabinett gehabt hätte. Er begnügte sich, das Wort »Kulturelement« mit wegwerfenden Ausdruck zu wiederholen. Ja, solchen Anschauungen konnte man heutzutage im Offizierkorps begegnen! Aber war es ein Wunder – bei dem Vordringen des bürgerlichen Elements? Lorenz nahm sich vor, morgen mit Müller unter vier Augen »väterlich« zu sprechen, als »älterer Kamerad« ... als Vorgesetzter ... als Patriot ... kurz: ihm in seine Anschauungen mal von allen Seiten hineinzuleuchten. »Wo die Moneten sind, ist die Macht,« stellte der Bürgermeister fest, der in seinem Herzen auch der Parteigänger seines Jugendfreundes Hagen war, »und Hendrik Hagen wird woll obsiegen und auf Rote Heide bleiben. Wenn nicht eben Neu-Wachow ihn vertreibt. Aber, so unendlich leid mir's war, wenn unsere Geembeha ihn verjagte ... das Wohl der Gemeinde, ihre Blüte, geht vor. In solchen Dingen gibt es keine Rücksichten auf die Person. Da gilt bloß die Sache.« »Was würden Sie sagen, lieber Freund, wenn ich meine Beteiligung erhöhte? Von dreißigtausend auf achtzigtausend?« »Daß Sie ein Engel sind! Eine Wohltäterin der Gegend! Daß damit Neu-Wachow gesichert ist! Daß wir Sie deswegen auf der Stelle mit einem Glase Sekt feiern müssen, das uns, wie ich aus den Gläsern sehe, sowieso zugedacht war.« Nun nahm die Stimmung einen Aufschwung vom bloß Harmonischen zum Übermütigen. »Ja,« dachte die Frau und stieß auf ihr Wohl mit ihren Gästen an, »wer die Moneten hat, hat die Macht.« Sie haßte »ihn«. Und wenn eine glatte Einteilung zwischen himmlischer und irdischer Liebe möglich ist, so war in der Verliebtheit der Frau auch nicht eine Spur von Himmlischkeit gewesen. Und ihre ungestillte Begier hatte sich, wie immer die nur sinnliche Liebe tut, in kräftigen handelsbereiten Haß verkehrt. Sie genoß den Ärger, den er haben würde, wenn er hörte, daß ihr Entschluß nun die Geembeha, die ihm sein Idyll verleiden mußte, gesichert. Und außerdem war sie auch überzeugt, daß ihr Geld sich trefflich verzinsen werde. Ja, in ganz begeisterten Augenblicken sprach Mandach von 20 Prozent und Amortisation. In der Sektstimmung ging man nun daran, einen Namen zu finden für dies Hotel, welches schon, ehe der Grundstein gelegt war, des Bürgermeisters Stolz und Glück bildete. Miramare, Seeblick, Strandheim, Sommerhaus, Dünenhotel, Bellevue, Bellavista ... Man schrieb auf – verwarf – ließ Klanggruppen aufmarschieren – horchte Vokalen nach ... Und endlich fand man, daß es doch am besten sei, einfach zu sagen »Strandhaus Neu-Wachow«. Es prägte sich dann den Menschen, die die Annoncen lasen, auch gleich der Ortsname Wachow, als der dazu gehörigen Eisenbahnstation, ein. Als man sich an diesem Abend trennte, kam Major v. Lorenz wirklich nicht dazu, seinen Erklärungsbrief Frau Marya noch in die Hand zu spielen. Teils hatte er ja die ganzen Stunden, so schön und gemütlich sie sonst wieder gewesen waren, unter dem Eindruck gestanden, daß sie doch den Bürgermeister offenkundig bevorzuge oder gar schon heimlich mit ihm einig sei. Teils kam es, weil er im letzten Moment, erheitert vom Sekt wie man war, nicht daran dachte. Als der Brief ihm dann auf der Straße wieder einfiel, fiel ihm auch zugleich wieder ein, daß er neben einem Rivalen einherstapfte. Ein großer Kummer, Wehmut, die sich bis zur Rührung über alles unaufhörliche Pech seines Lebens steigerte, befiel ihn, und da es ihm ohnehin immer unbequem war, mit seinen kurzen Beinen martialisch Schritt neben dem imposanten Gang des Bürgermeisters zu halten, trennte er sich von ihm an der nächsten Straßenecke. Der Bürgermeister schob seinen Arm in den des Oberleutnants. Sie wohnten nebeneinander, und da besonders Müller eine höchst angenehme Bettschwere fühlte, wollten sie direkt nach Hause gehen. »Der arme Major.« »Wieso?« fragte Mandach. »Na, ich hab' ihn doch stark im Verdacht, daß er sich definitiv an Frau Keßler 'ranschlängeln will. Und da muß er doch heute Lunte gerochen haben.« » Was hat er gerochen?« »Na, das mußte ja 'n Blinder sehen, daß unsere schöne Frau Wirtin sich mit Ihnen besser versteht, als mit der gesamten anderen nichtbürgermeisterlichen Männerwelt«, neckte Müller und preßte Mandachs Arm vielsagend an sich. Aber der Bürgermeister stand ein bißchen still, und mit einem ungespielten Erstaunen sagte er: »Ach nee? ...« »Sie war doch äußerst holdselig mit Ihnen.« »Mit mir !« Er hatte wirklich nichts Besonderes gemerkt. Im ganzen erinnerte er sich wohl, daß Haldenwangs mal gesagt hatten, Frau Marya sei 'ne Frau für ihn. Aber in all den Geschäften der letzten Wochen hatte er es total vergessen. Nun lachte er auf und die Schallwellen des dröhnenden Lachens rollten zwischen den stummen, schlafenden Häusern die einsame Straße entlang. »Müller, Freund, Mensch – wenn Sie wüßten, wie pudelwohl ich mich in meiner Junggesellenhaut fühl'.« Sie gingen vier Schritt weiter. »Aber Sie legen doch sehr viel Wert auf die materielle Seite des Daseins und Frau Keßler lebt vorzüglich.« Der Bürgermeister stand wieder still. »Ich gebe zu: man ißt da glänzend. Die Saucen waren ersten Ranges. Sie waren mit Innigkeit gekocht. Aber das ist ja die Köchin. Und so 'ne Köchin heiratet mal oder erzürnt sich mal und kündigt. Dann sitzt man da mit der Frau.« Wenn Frau Keßler mit der Köchin wechseln muß, hat sie mir erzählt, läßt sie die neue Küchenfee vorher ein Vierteljahr bei Frau Brügge noch letzte Feinheiten lernen.« Der Bürgermeister machte seine gewohnte abwehrende Handbewegung, indem er die wagerecht weit ausgestreckten gespreizten Finger in der Luft schüttelte. »Auch Frau Brügge ist ein sterblicher Mensch. Nee, nee, mein Lieber. Wir machen es der jungfräulichen Königin nach. Liebe – ja! Ehe – nein! übrigens: sind Sie dienstlich beauftragt, meine Absichten zur Kenntnis des Bezirkskommandos zu bringen? Sollen Sie ausbaldowern, wie es um meine zarten Gefühle für Frau Marya bestellt ist?« Müller bog sich vor Lachen über diesen Einfall. Der Alte und ihn ins Vertrauen ziehen! Sich bloß so was vorzustellen! Ihn, den simplen Oberleutnant Müller! Der Alte! Der sich für einen besseren Strategen als Moltke und für einen feineren Diplomaten als Bismarck hielt. »Na,« sagte der Bürgermeister, »da ich nicht so bedeutend bin, will ich Ihnen mein Vertrauen schenken: die Frau ist nicht ohne – aber ich kann keine Pomade riechen! Gute Nacht.« – In seiner Wohnung machte er dann noch große Beleuchtung, setzte sich hin und schrieb sofort an den Architekten Trieloff, daß er samt seinem Plan und dem Kostenanschlag sich auf die Bahn setzen und herkommen solle. Ferner schrieb er an sämtliche Persönlichkeiten, die sich durch vorläufige Zeichnungen verpflichtet hatten, und lud sie zu einer Versammlung am Dienstag im Rathaussaal ein, wer verhindert sei, möge sich durch Doktor Berthold erklären oder vertreten lassen. So saß er, frisch, als sei es zehn Uhr morgens nach köstlicher Nachtruhe, bis gegen vier in der Frühe, und der Nachtwächter Bobs, der einmal vorbeikam, sah die hellen Fenster mit Ehrfurcht an. – So war die Geembeha zustande gekommen und den Tag, an dem die Erdarbeiten begannen – sie bestanden bei den ungemein günstigen Bodenverhältnissen ganz einfach darin, daß der Baugrund für die Kellerräume nach den Maßen des Planes ausgegraben wurde – den Tag fuhr und wanderte »ganz Wachow« hinaus. Es war ein ganz unwahrscheinlicher Tag, wenn man daran dachte, daß es Ende Oktober sei. Der Herbst tat, als habe er niemals mit düsteren, regenschweren Stürmen diese Erde mißhandelt, vielmehr immer auf sie herabgelächelt wie ein sehr erfahrener Mann, der weiß, daß man mit friedlicher Gelassenheit am weitesten im Leben kommt. Sonnenschein erwärmte die windstille Luft und machte im Walde aus dem Bodenbelag von rostbraunen, durchnäßten Blättern einen kupferfarbenen Teppich in reich getönten Nuancen. Den cremefarbenen Strand sprenkelte er mit lauter flimmernden Pünktchen, als seien anstatt Kiesatome Brillantsplitter in den Sand gemengt. Und das Meerwasser durchleuchtete er, daß es aussah, als läge da eine ungeheure blaue Glasplatte, über die hin ein bißchen schaumiges Eiweiß gallertartig sich bewegte. Die Hoffnungen und die Sonne belebten die norddeutschen Menschen mit einer spärlichen, zögernden Beweglichkeit. Und die Stimmung unter den am Strand Umherstehenden war beinah fröhlich. Viele machten den ganz kurzen Umweg am Rote Heider Herrenhaus vorbei. Manche nahmen sich die Freiheit, durch dessen Vorgarten oder über den Wirtschaftshof hinterm Haus zu gehen. Da der Sinn der Leute für Architektur plötzlich wachgeworden war und jedermann von »Stil« sprach, es überdies bekannt war, daß das Strandhotel in ähnlicher Bauart wie das Herrenhaus Rote Heide aufgeführt werden würde, standen die Menschen ungeniert still, sahen an der Front empor, besprachen den Eindruck, den sie machte, und benahmen sich, als sei es ihr einfachstes Recht, hier mit breitem Bürgersinn laute und autoritative Reden zu führen. Daß hinter jenen Fenstern ein Mann saß, der der Ruhe bedurfte, fiel ihnen nicht von fern ein. Nachdem der Bürgermeister mit dem Architekten Trieloff den ersten Spatenstichen zugesehen und für die Grundsteinlegung eine Art Feierlichkeit besprochen, schlug ihm sein Freundesgewissen. Und er ging von dem Terrain Neu-Wachow in östlicher Richtung auf Rote Heide zu. Da war erst das kleine Dorf zu durchschreiten, das aus einem Dutzend von Tagelöhnerhäusern und kleinen Bauernstellen bestand, die sich um eine Kapelle scharten, darin Pastor Maurer aus Breitenhagen alle vierzehn Tage Sonntags nachmittags predigte. Sie war eigentlich nur ein magazinartiges Backsteingebäude, das auf seinem Spitzgiebel ein verrostetes Eisenkreuz zeigte und an seinen Längswänden gotische Fenster mit trüben, bleigefaßten, unendlich vielgeteilten Scheiben hatte. Dann kam der Park, der nicht sehr groß war und in den hinein sich rückwärts und seitlich vom Herrenhaus gleich einer Halbinsel die Wirtschaftsgebäude und Höfe hineinschoben, deren Mittelpunkt das alte Herrschaftshaus bildete, das nun vom Pächter bewohnt wurde. Der Bürgermeister betrat den Hauseingang in dem turmartigen Anbau. Er ließ sich melden und wurde sofort angenommen. Daß man ihn überhaupt meldete, bedrückte ihn als schlechtes Zeichen ein wenig. Denn es war die vormittägliche Arbeitszeit, in welcher Hagen sich sonst nie stören ließ. Laut wie immer, in einem drolligen Gemisch von Betrübtheit und glänzender Laune trat er in Hagens Arbeitszimmer. Hendrik Hagen war offenbar in einer Wanderung durchs Zimmer hin und her begriffen gewesen. Denn er stand so wie einer, der gerade seinen Schritt anhält, und sah dem Bürgermeister fragend, verstimmt entgegen. »Gott, mein alter Junge – ich versteh' die erzürnte Königsmiene! Du hast ein Recht, sie aufzusetzen. Aber denk' doch bloß nicht, daß der Plebs dir alle Tage durch deinen Vorgarten defiliert. Neugier nutzt sich so fabelhaft rasch ab. Ich rat dir zu einem Plakat: Verbotener Eingang, wer es dennoch tut, zahlt 'n Taler. Na, du kennst ja den Schnack. Ich mach dir hiermit einen Kondolenzbesuch. Nimm es bitte zu Protokoll. Er ist aber auch zugleich ein Gratulationsbesuch. Denn ich seh' voraus, daß Rote Heide sich im Wert verdoppelt. Du bist ja ein belesener Mann. Laß dich an das Dichterwort mahnen: »Denk an das Ganze, denk nicht an dein Teil, Es blüht von selbst, hat erst das Ganze Heil.« »Ich denke an ein anderes,« sagte Hendrik Hagen, »es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt. Aus Tell, wie du weißt.« »Glaub' mir doch: die Wachower werden es bald satt haben, den weiten Weg herauszulaufen, um das Strandhotel wachsen zu sehen.« »So? Ich höre aber von Berthold, daß ein Automobilomnibus den Verkehr zwischen dem Strandhotel und der Stadt vermitteln soll«, sprach Hagen. »Er ist bereits bestellt! Rasche Verbindung mit der Bahnstation, mit der Post muß sein. Klar – was? Und dann: Ich denke doch, Sommerabends wird die Lebewelt von Wachow gern hinausfahren, um auf der Terrasse vom Strandhotel zu soupieren. Du hast wohl gehört: Brügge wird Pächter. Damit ist alles gesagt.« »Und die Leute werden, mangels anderer Sehenswürdigkeiten, eine Promenade durch meinen Park und Garten als zu dem Vergnügungsprogramm von Neu-Wachow gehörend ansehen.« »Ein großer Mann gehört nicht sich, er gehört seinem Volk. Es wird sich freilich an deinem Anblick laben wollen ... Du klingelst?« »Nicht nach dem Hausknecht, wie dein Gewissen zu befürchten scheint und wozu ich nach deiner letzten Äußerung immerhin einiges Recht hätte. – Bringen Sie eine Flasche Portwein und einige belegte Brötchen«, befahl er dem Diener Bruhn, der mit seinem glatten Kopf und seinem gleichgültigen Gesicht, das so sonderbar der militärisch gehorsamen Haltung widersprach, sehr rasch in der Tür erschien. »Dies ist das erste vernünftige Wort, was ich heute von dir höre«, sagte der Bürgermeister und ließ sich breit in Hagens Schreibtischstuhl nieder. Hagen lehnte sich in seiner Nähe an die Schreibtischkante. Seine Stimmung schien sich etwas aufzuhellen. Wenigstens lächelte er. »Dein Zitat da vorhin – wo stammt das her? Hättest du gesagt: denk an Goethes Worte, so wüßt' ich ja, daß es eine von deinen berühmten Improvisationen war, die du mit ›Goethe‹ etikettierst.« »Also doch erkannt! Und ich dachte, ›Dichterwort‹ sei so allgemein und unkontrollierbar, daß es dich verblüffen würde. Gib zu, daß ich dir vis-á-vis Vater Goethe noch nie was unterschoben hab'. Du siehst, ich bin nicht allen Schamgefühls bar. Sonst – na, bei dem Autoritätsdusel, an dem der halbgebildete Deutsche doch nu mal krankt, sonst stärkt man immer seine Position durch ein Zitat. Man hat nicht immer das passende zur Hand. Man reimt sich eins. Bei Prosa sag' ich ›Bismarck‹, bei Reimen ›Goethe‹. Ich schwöre dir zu: noch nie hat mich einer gefragt und ertappt. Kommt auch vielleicht daher, weil die tiefen Aussprüche, die ich tue, den Leuten immer so vorkommen müssen, als hätten sie sie schon mal wo gehört.« Hagen mußte lachen. »Na, siehst du woll ... da ist ja deine gute Laune wieder. Als ich reinkam, dacht' ich, ich sollte vergiftet werden.« »Nun, du bist doch der Anstifter dieser unerträglichen Störung. Ich habe mich seit Jahren zu sehr daran gewöhnt, bei vollkommener Einsamkeit zu arbeiten; das bloße Bewußtsein davon, daß sie jeden Augenblick gefährdet werden kann, daß dort drüben am Strand jetzt menschliche Gestalten auftauchen können, ist ein starkes Hemmnis für mich – verleidet mir meinen Schreibtisch.« Der Bürgermeister stand auf und nahm den Freund beim Rockknopf. »Hör mal du,« sagte er eindringlich, »daß mir's leid tut, weißt du von selbst. Aber wenn's denn schon so ist: es erleichtert vielleicht die Lösung des Streites zwischen dir und dem jungen Marschner. Laß ihm Rote Heide. Mensch – wenn ich du wäre! Ich hätte längst 'ne Villa am Gardasee und eine Wohnung in Paris. Der Übergang stört dich vielleicht – das kann ich nicht beurteilen – aber erst mal da eingelebt, muß das doch herrlich sein. Und du hast deinen Frieden und deine Freiheit und lädst mich alle Jahre für vierzehn Tage ein, aber nicht an den Gardasee, sondern nach Paris.« Auf diese letzte Wendung zwang Hagen sich ein Lächeln ab, doch antwortete er nicht. »Steh'n wir so, daß ich was Offenes fragen darf?« »Aber selbstverständlich.« »Ist es wahr, daß ihr wieder wie Todfeinde seid?« »Wer sagt das?« »Die Welt.« Hagen machte eine angewiderte Gebärde. »Ich kümmere mich nicht um sie, sie soll sich nicht um mich kümmern.« »Tut sie aber. Kümmert sich um Herrn Hinz' Tun und Herrn Kunz' Lassen. Und um so 'ne Menschen, wie du und deine Geistesverwandten, kümmert sie sich extra. Sie meint, weil sie euer Werk kaufen oder für Entree sehen kann und in ihrer glückseligen Dummheit verreißen oder verhimmeln darf, kriegt sie's extra zu – wie Bonbon beim Krämer –, daß sie auch euer privates Leben unaufhörlich beachten und bekritteln kann. Das brauch' ich dir doch nicht erst zu sagen!« »Aber du störst meine Einsamkeiten, da du es mir wieder zum Bewußtsein bringst«, rief Hagen mit einem so leidvollen Ausdruck, daß der andere erschrak. »Ja, ich weiß es – aber dagegen wehr' ich mich – wehr' mich mit der feigen Vogel Straußpolitik – sie ist die einzig mögliche gegen die Unverschämtheit der Welt.« »Das wollt' ich ja nu nich: dich nervös machen,« sagte der Bürgermeister von Herzen, wobei seine Stimme sich zum dumpfen Trauerbaß wandelte, »sei nur nicht bös mit mir.« Hagen nahm sich zusammen. Sie schwiegen ein paar Minuten. Der Diener brachte Wein und den Imbiß. Dann, als Mandach sagte, »ich bin so frei« und sich einschenkte, hob Hendrik Hagen an: »Laß uns nicht weiter von dem Thema sprechen. Ja, es ist wahr, zwischen Andree und mir ist eine abermalige Kälte entstanden. Wegen Rote Heide. Das sagt sich so glatt. Es ist aber nicht so glatt lösbar. Du bist doch ein erfahrener Mensch. Muß ich dir sagen, daß nichts allein steht, daß alles verknüpft ist mit irgendwelchen Nebenerscheinungen? Durch eure gräßliche Geembeha ist mir in der Tat der Besitz von Rote Heide weniger wichtig geworden. Ich kann mich aber in diesem Augenblick noch nicht entscheiden. Die Sache muß noch in der Schwebe bleiben. Vielleicht nur noch kurze Zeit. Dies sage ich dir im strengsten Vertrauen.« »Damit du meine Fragen los wirst. Aber immerhin: Ehrenwort!« Der Bürgermeister sann nicht über die Andeutungen nach. Er hatte aus Teilnahme, nicht aus Indiskretion gefragt und fühlte: da waren Grenzen, über die das Vertrauen des Freundes nicht hinaus wollte. Gut. Respekt vor den Angelegenheiten anderer. Bloß keine plumpe Neugier. Und von diesen anständigen Gedanken geleitet, wechselte er das Gespräch und berührte ahnungslos die geheimsten Zusammenhänge ... »Sag' mal,« fragte er, indem er sich ein Brötchen mit Chesterkäse vom Teller nahm und zwischen den Fingern in Mundhöhe festhielt, »ich hör' von Berthold, daß Herr v. Benrath aus Amerika kommt und hofft Iserndorf zu halten. Wird er nur können, wenn er 'n gutes Stück Geld mitbringt.« »Das wird man abwarten müssen«, sagte Hendrik Hagen. Er mußte ja antworten – irgend etwas –, der andere sollte nicht ahnen, woran er rührte. Denn so stand für Hendrik Hagens Gefühl die Sache: mußte er Iserndorf übernehmen oder Brita und ihrem Vater beistehen, daß sie es halten könnten, so mußte er auch auf Rote Heide der alleinige Herr bleiben ... damit für den jungen Rivalen kein Platz in ihrer Nähe sei ... »Siehst du das Fräulein woll mal?« »Ich sehe sie zuweilen.« »Haldenwangs haben ihr Gastfreundschaft angeboten, damit sie nicht so allein auf Iserndorf säße, bis ihr Vater kommen kann. Sie hat's abgelehnt.« »Davon hörte ich,« sprach Hagen etwas gemessen, »ich verstand es. Fräulein v. Benrath kennt Antoinette Haldenwang schließlich doch nur oberflächlich. Es wäre rasch für beide Teile sehr zwangvoll geworden.« »Ich finde auch nichts dabei«, sagte er, mit der Bemerkung unwillkürlich verratend, daß andere was dabei fänden. Und fuhr fort: »Du weißt wohl schon, wie dankbar man dir für dein Einspringen ist. Besonders auf den Gütern. Baron Meinsberg sagte mir: Herr Hagen hat uns allen einen Dienst geleistet; es ist uns das traurige Schauspiel erspart geblieben, ein altes Rittergut mit all seinen doch ursprünglich dem Erbadel zugedachten Rechten in Konkurs und in Gott weiß was für Hände kommen zu sehen – womit er zunächst die von Hermann Fedder meinte –, denn der hat wohl so kalkuliert: »werden mir meine 20 000 ausgezahlt: bon. Nicht, nun dann bring' ich Iserndorf zur Subhastation und laß es mir zuschlagen.« Für sage und schreibe zwanzigtausend Em! Wär' grotesk gewesen – was? Ganz Feddersch! Er soll schon 'n Hintermann gehabt haben, der ihm Iserndorf mit einer hübschen Avance wieder abgekauft hätte ... einen reichen Kerl von üblem Ruf, der durch das mecklenburgsche Rittergut in die Ritter- und Landschaft kommen und Kirchenpatron und somit ›angesehen‹ werden wollte, weshalb es ihm nicht darauf ankam, Iserndorf über den Wert zu bezahlen.« Und nun biß er endlich in das Chesterbrötchen. Hendrik Hagen fragte: »So bekannt ist es geworden? ...« »Na natürlich. Wie – das kann wieder kein Mensch sagen. Berthold war undurchdringlich. Vielleicht hat der Ludewig gemunkelt. Oder Voß hat kombiniert. Oder Frau Keßler, die dich und Berthold und Voß fast zusammen traf. Alle Welt weiß, daß es dein Geld ist, was Berthold rollen läßt. Aber Mensch – darüber nun blaß vor Ärger zu werden ist doch kein Grund – das ehrt dich doch. Ich sagt's doch schon: man ist dir dankbar. Adel und Bürgerschaft p. p. So'n Konkurs ist für die ganze Gegend immer was Scheußliches. Na und das hübsche Kind da – Brita Benrath – die beweihräuchert dich wohl nun, wie bloß weibliche Dankbarkeit 'n deus ex machina beweihräuchern kann? Es ist unglaublich, mit was für Inbrunst und Enthusiasmus sich so die Weiber in Dankbarkeit 'reinlegen können.« Hendrik Hagen nahm die Portweinflasche und goß dem Freunde noch mal ein. Stark zitterte dabei seine Hand. Aber sein Gesicht lachte. Ja, er lachte laut. »Trink doch«, sagte er. Und ging dann eilig im Zimmer hin und her. »Mensch, du hast so was Nervöses, daß du andere mit nervös machst.« »Ich? Keine Spur.« Er stand in Fensternähe still. »Sieh mal,« sagte er, »wie breit und richterlich draußen der Schlächtermeister Minden neben seiner Frau steht. Sein dicker, brauner Düffelpaletot ist nicht zugeknöpft und weit zurückgeschlagen. Die lederfarbene Weste mit dem gelben Schlänglein, der goldenen Uhrkette quer darüber wirkt so zahlungsfähig. Die unaussprechlich vielen Posamenten auf dem neuen Wintermantel der dicken Frau erwecken eine Ideenverbindung mit Sparkassenbüchern, vielem Kaffeekuchen und nie gestörtem Appetit. Bemerkst du, wie Minden mit der Spitze seines Stockes in der Luft herumdeutet? Ohne Zweifel erklärt er seiner Frau, die etwas dumm und sehr andächtig zuhört, die Fassade meines Hauses. Und da, soviel ich weiß, meine Wirtschafterin bei Minden kauft, bin ich sicher: Herr Minden ist mit der Fassade einverstanden.« »Die Möglichkeit zu dieser entzückenden Beobachtung verdankst du einzig mir,« sagte der Bürgermeister, »und diese Feststellung gewährt mir einen glänzenden Abgang. Lebewohl.« »Du gehst schon?« Hagen fürchtete sein Bleiben. Noch mehr aber sein Gehen. »Muß. Überbürdet, mein alter Junge. Mehr als je. Und du kommst heut abend 'rein zum Festessen anläßlich des Arbeitsbeginns auf Neu-Wachow?« »Schon ein Festessen? Nein, ich kann nicht.« Der Bürgermeister machte eine entschuldigende Geste. »Festessen ist die natürlichste Konsequenz. Na, also, wenn du heut nicht kannst, dann bei dem großen Diner am Tag der Grundsteinlegung.« »Auch nicht.« »Wer sich der Einsamkeit ergibt, ist bald allein – dies ist aber nun wirklich von Goethe. Also leb' wohl.« Nun war Hendrik Hagen wieder allein. Und die für ihn furchtbaren Worte, die der Freund ahnungslos über ihre Gewalt so hingesprochen, sie hallten nach – wuchsen, gewannen an Beredsamkeit, höhnten grausam, je mehr ihnen der Mann nachgrübelte. Also seine Tat stand auf dem Markte und alle männlichen und weiblichen Weiber, diese ganze zungeneifrige, widrige Menge, die man »die Welt« nennt, redete daran herum – besah sie, forschte ihren Gründen nach... Alle hohen Seligkeiten, die ihm die letzten Herbstwochen zum Frühling voll Glanz und süßer Unruhe gemacht, sanken in sich zusammen. Er hatte in der Wonne des Wartens dahingelebt – in dem Gefühl, sein Wort könne es enden, wann sein Herz wolle. Er hatte die Zartheiten des Zögerns genossen – in dem seligen Wahn, die Geliebte werde es ihm danken. Ihr Gemüt sollte sich von den peinlichen Erschütterungen erst erholen. Auch forderte ihre Einsamkeit Rücksichten. – Es erschien würdiger, um sie zu werben, wenn ihr Vater erst neben ihr stände ... Vielleicht war auch ein wenig uneingestandene Furcht in diesem Warten gewesen ... Vielleicht klangen die häßlichen Worte jener Frau in ihm nach ... Und nun begriff er: durch seine Rettertat hatte er sich Hemmnisse geschaffen. Die Welt würde sagen: Das war ein durchsichtiger Handel. Er fühlte, er mußte weiter warten. Um Britas willen, um seiner selbst willen. Der Adel ihres künftigen Bündnisses sollte von niemandem angezweifelt werden ... Er war ein Mann, der einem Weibe viel zu geben hatte. Das durfte er sich voll Stolz sagen. Diese blöde Welt, die nicht die unaussprechlichen Empfindlichkeiten und Tiefen und Kräfte seines erfahrenen Herzens erkennen konnte, sie sollte nicht wähnen, ein Weib habe es hingenommen als ihr Eigentum ohne heilige Liebe ... Und Brita – das stolze, holde, redliche Geschöpf, – nein, von ihr sollte niemand denken, sie handle rechnend – oder sie handle aus Dankbarkeit ... Die entsetzliche Angst kam ihm, wallte siedend in ihm auf – verbannte ihm jeden frohen Glauben, jede berauschende Hoffnung, daß es doch nur Dankbarkeit sei, die ihn aus ihren Augen anblicke. Wie hatte der robuste, aber so kluge, klare Mann doch von dieser ihrer Dankbarkeit gesprochen? Als von einer Inbrunst, einem Enthusiasmus, der weiblicher Art gegeben sei ... Den Lohn hatte er ja nicht gewollt, den nicht ... Doch aber Lohn ... Den elementar einfachen und doch den allerhöchsten, an den jeder Mann uneingestanden denkt, wenn er für die Geliebte dreinschlägt, wenn er für sie handelt, im beglückenden, kraftvollen Mannesstolz, durch Taten um Liebe werben zu dürfen ... Wann fühlt denn ein Mann erhebender die Männlichkeit seiner Liebe, als wenn er sie nicht nur mit Worten ausdrücken darf. Und je tiefer er sich hineinlebte in die Furcht, daß Brita nur Dankbarkeit, nicht Liebe für ihn empfinden könnte, je mehr war er gequält. Seine Herzensnot steigerte sich zu unerträglichen Leiden. Er konnte, er wollte sie nicht ertragen. Sie raubten ihm den Verstand. Das Gift mußte seine Schaffenskraft lähmen. Seinen Mannesstolz zerbrechen. Das fühlte er. Er verachtete plötzlich das Urteil der Welt, dem seine Gedanken eben noch richterliche Gewalt zugestanden hatten. Mochte sie denn sagen, Brita verkaufe sich. Mochte sie ihn immer als den Toren verspotten, der, nach den bösen Reden jener Frau, zufrieden damit war, die hübschen Kleider seiner Gattin bezahlen zu dürfen. Wenn er nur, er, heimlich in seinem Herzen das Königsbewußtsein haben konnte: ich bin geliebt. Er wollte sie gleich fragen. Noch in dieser Stunde das glückselige Wissen aus ihren Blicken, ihren Küssen schöpfen ... Er verließ das Haus. Die weiche Luft, die ihm entgegenkam, überraschte ihn, tat ihm unendlich wohl. Es war, als ob der Herbsttag von einem stillen, sicheren, warmen Glück erfüllt sei. Er hatte das gebändigte Temperament, wie es Oktobertage im Süden haben können ... alle Schönheit ist maßvoll geworden, sie beunruhigt nicht mehr, sie tröstet und erbaut nur noch ... Er nahm die Mütze ab, um sich den linden Atem um die Stirn streichen zu lassen. Als er den Wirtschaftshof betrat, sah er den Chauffeur stehen. Vor ihm, mit dem Rücken gegen die graurote Scheunenwand gelehnt, die Arme über der Brust gekreuzt, stand die weißblonde, große und volle Trina, das Meiereimädchen. Ihr krauses, helles Haar war von Sonnenschein umleuchtet und schien fast gelbsilbern. Sie lachte auf den etwas kleineren Barch herab, der ihr jetzt unters Kinn griff, was ihm dann einen mehr zärtlichen als strafenden Klaps auf die Hand eintrug. Der Mann spürte die Verlegenheit dieser beiden anempfindend voraus, und er vermochte es nie über sich, jemand peinlich zu überraschen, weil ihn selbst dabei eine Art Scham befiel. So wandte er den beiden jungen Menschen, die sich verliebt und scherzend von der Sonne umwärmen ließen, den Rücken und rief laut nach des Pächters Schäferhund, der drüben an der Stallmauer lag mit vorgestreckten Pfoten, auf die er die Schnauze gelegt hatte und sich schlummernd das Fell bescheinen ließ. Ja, jeder Kreatur war heute wohl... Als er dann, mit dem rasch auffahrenden und herangaloppierenden Hund scherzend, sich Barch näherte, war von der kraushaarigen, junonischen Trina nichts mehr zu sehen. »Wir wollen sofort fahren. Nach Iserndorf«, sagte Hagen. Der Chauffeur, ein feines Kerlchen mit sehr intelligentem, etwas blassem Gesicht, das ein blonder, spitzgedrehter Schnurrbart zierte, sah seinen Herrn diensteifrig an. »Wenn Herr Hagen das gnädige Fräulein aus Iserndorf besuchen wollen,« sagte er umsichtig, »so treffen der Herr niemand an.« Er fand, es sei seine selbstverständliche Pflicht, seinen Herrn von einer unnützen Fahrt abzuhalten. »Woher wissen Sie das?« fragte Hagen überrascht. »Ich habe vorhin zufällig das gnädige Fräulein vorbeifahren sehen auf dem kleinen Iserndorfer Jagdwagen mit der alten Schimmelstute. Das gnädige Fräulein fuhren selbst und waren allein.« »Wohin ...« »Auch wohl nach Neu-Wachow.« »Ich danke Ihnen. Also lassen wir's.« Er sah: der Mann meldete es ganz verständig und harmlos. Er ging mit raschen Schritten durch den Park, dorfwärts, strandwärts. Wenn Brita dort war, vielleicht auch von der Neugier erfaßt, die wie eine harmlose Krankheit die ganze Gegend ergriffen hatte, vielleicht von Langeweile getrieben, oder der Sehnsucht, den schönen Tag zu genießen – dann sah er sie vielleicht noch. Der einzige Fahrweg nach dem Terrain Neu-Wachow ging vorläufig und noch auf lange hinaus über Rote Heide. Er hastete durch den Park. An feuchten, überschatteten Wegstellen trat sein Fuß lautlos auf den durchweichten Blätterteppich; auf freien und sonnigen Strecken raschelte das getrocknete Herbstlaub aufstiebend um seine eiligen Schritte. Und plötzlich überkam es ihn, als ob in diesem seinem Vorwärtsstürmen etwas unaussprechlich Trauriges und Demütigendes sei. Als zeige es sich darin mit erschütternder Deutlichkeit, wie sich sein Wesen und sein Leben verändert habe ... Er hatte seine Freiheit verloren ... Einst, wenn er geliebt hatte, so war es ein fürstliches Gefühl gewesen – durchglüht von dem Bewußtsein, daß er beglücke, indem er sich verschenke. Ein Geben! Kein Betteln! Er stand einen Augenblick still, sich mit ausgestreckter, flacher Hand gegen die zerrissene, narbenvolle Rinde eines kahlen Akazienbaumes am Wege stützend. Sein Herz klopfte so schwer, als sei es krank. Seine Knie wurden unsicher ... So stand er und atmete hart. Und fühlte, daß er zum Bettler geworden sei. Und daß er noch selig sein würde, wenn sie sich ihm gäbe – auch ohne Liebe ... Ja, er wollte lieber der Tor sein, zufrieden vor ihr knien zu dürfen, als sie gar nicht besitzen ... Er schloß die Augen. Vielleicht um der Gewalt und der Unwürdigkeit seiner verzehrenden Sehnsucht nicht so grausam klar ins Gesicht zu sehen ... Sein Stolz klammerte sich an Hoffnungen, richtete sich daran langsam wieder empor: Wenn sie nur erst ihm gehörte! Dann mußte sie ihn lieben lernen. Sein Haar war grau – vorzeitig – sein Auge jung – jung die volle, große Flamme seines Liebens – und seine gereifte Kraft und sein tiefes Erkennen würde sie lehren, wie man Liebe recht genießt und recht behütet ... Er hatte ein Wissen von der Liebe, ihren Seligkeiten und ihren Gefahren, das dem Herzen jenes Jünglings sich noch nicht erschlossen haben konnte ... Oh, wenn ein Weib wüßte ... hätte es zu wählen zwischen erster und letzter Liebe – es gäbe sich mit Jauchzen der letzten eines Mannes – denn damit gäbe es sich der vollkommensten Liebe zu eigen ... Er ging weiter. In brennender Erregung bereit, sein Innerstes hinzuströmen in Worten von beschwörender Werberkraft. Er kam durch das Dorf. Es lag einsam. Die Mittagszeit hielt die Leute in den Häusern. Hinter einem grüngestrichenen Gatter bellte ein schmutzigbrauner verärgerter Rattler unaufhörlich gegen ihn an, als er dicht an der Reihe der aufrechten Holzstäbe hinschritt. Auf der niederen Mauer aus Granitfindlingen, die sich um die Kapelle und den sie umgebenden winzigen Kirchhof zog, lag eine Katze, sonnte sich und blinzelte ihn weltweise und gleichgültig an. Dann zeigte sich der Strand. Hendrik Hagen stand wieder still, um das Gelände mit aufmerksamen Blicken zu beforschen. Er stand hinter einem Bauernhaus, das dick und warm unter besonntem Strohdach Mittagspause hielt und förmlich von einem Geruch nach Stroh, Dung und Vieh umdünstet war. Ein uralter Holunderbusch, verkrümmt und kahl, duckte sich beinah schräg hinter der Mauer hin, als habe er unaufhörlich vom Nordost Ohrfeigen bekommen und sich deshalb nie ordentlich aufrichten können. Busch und Wand froren im Schatten, denn wo die Sonne nicht hinwirken konnte, triumphierte eben doch der Herbst ... Hendrik Hagen drängte sich fast in das schwärzlich kahle Gezweig des Busches. Da sprang eine abgewetzte, uralte Wurzel aus dem Boden und die benutzte er, gleichsam als sei sie eine Stufe, die erhöhten Standpunkt ermöglichte. Zu winzigen Tälern und Hügeln zerklüftet lag der gelbweiße, feinsandige Strand. Und dort ragten Stangen und eine Fahne flatterte anmutig und blaugelb als leuchtender Fleck in der klaren Luft. Hagen sah eine langgestreckte Holzbaracke, ihr Dach von schwarzer Pappe gleißte wie Eisen im Sonnenschein. Ein Schornsteinrohr stach daraus empor und ihm entwirbelte ein flinker, emsiger Rauch. Es war die Arbeiterbaracke und die Leute mochten jetzt darin bei ihrem Mittagsbrot sein. Der Strand war vollkommen menschenleer. Auch die durch die Stangen und die Fahne weithin kenntliche Arbeitsstätte. Nirgendwo, auch am Rande des Dorfes nicht, sah man den altersmüden, kleinen Jagdwagen von Iserndorf. War Brita schon wieder fort? Hatte Barch ihre Rückkehr übersehen, weil er so vertieft in Trinas blanke Augen und ihr vergnügtes Grübchen gewesen? Oder hatte Brita den Wagen beim Krüger Krampau eingestellt? Ob er dort nachfragen sollte? Aber wenn sie das getan hatte, dann mußte sie doch irgend, irgendwo zu sehen sein. Nichts rührte sich strandauf, strandab. Nur das geschäftige freundliche Räuchlein aus dem Rohr hatte es eilig. Und auf der blauen Glasplatte des Meeres schob sich unaufhörlich, wie schaumiges Eiweiß, eine leise Bewegung strandwärts. Eine schmerzliche Enttäuschung senkte sich mit ihrem alles niederdrückenden Bleigewicht in die erregte Seele des Mannes. Fast ohne zu denken, nur im stumpfen Gefühl, um eine große Stunde betrogen zu sein, der er voll heißer Leidenschaft entgegengestürmt war, stand er noch ... Da durchfuhr ihn ein unsinniger Schreck ... Über der Linie einer der Sandwellen, die das Strandgelände wie mit gestreckten, niedrigen Hügeln durchzogen und zwischen sich Schluchten schufen, in denen der Wind schlief und die Sonne brütete ... über solcher Linie erhob sich ein Kopf – ein Oberkörper, etwa bis zu den Ellenbogen – – Der Andrees ... Nun neigte sich der Kopf und die Schultern bewegten sich – man erriet die Bewegung – sie war die eines Menschen, der einem andern, tiefsitzenden Menschen die Hände hinreicht ... Und dann ward ein Haupt sichtbar – eines mit kupferbraunem Haar – wie die Sonne es umgoldete! – – eines mit einem kühn gebogenen, schwarzen Hut darauf... Ihre Gestalt erhob sich und ragte auch bis zur halben Brusthöhe aus diesem kleinen Sandtal auf. Nun gaben diese beiden Oberkörper ein seltsames Schauspiel. Da man die hinschreitenden Gestalten nicht sah, schien es, als schöben sich zwei farbige Büsten, von unsichtbaren Kräften bewegt, dort entlang. Sie kamen näher. Ihre Gesichter wurden erkennbar. Das geweitete Auge des Mannes, dessen Blicke mit übermenschlicher Schärfe die Luft durchmaßen, glaubte den Ausdruck zu sehen ... Lachend waren sie einander zugewandt. Nur lachend? Nicht zärtlich – nicht glückselig? Nun wollte Brita emporsteigen. Sie rutschte ab. Helles Lachen ward in silbernen Schallwellen durch den Sonnenschein herangetragen. Andree half ihr. Er legte seine beiden Hände an ihre Taille und schob nach ... Er wagte es, sie zu berühren ... Er folgte ihr – von der sandigen Höhe liefen sie mit drei Schritten hinab. Nun waren sie auf dem planen Gelände, das sich bis zum Dorf sacht emporbreitete. Was hatten sie getan in jener weichen, weißen Sandmulde, darin die Winde schliefen und die Sonne brütete und in die der blaue Himmel hineingesehen und keines Menschen Auge... Hatten sie sich geküßt? Von Liebe geflüstert? ... Dem Mann, der lauerte und sah, ward es rot vor Augen. Und er sah nichts mehr. Nicht, daß die beiden jungen Menschen nun sehr langsam, in großer Versenktheit und ernst geworden heranschritten. Nicht, daß Andree einmal Britas Hand nahm und sie heftig drückte. Auch nicht, daß sie sie ihm mit heißem Gesicht entzog ... In einer geringen Entfernung schritten sie vorüber, doch so, daß sie ihn nur hätten sehen können, wenn sie damit beschäftigt gewesen wären, den Kopf hin und her reckend, ängstlich zu spähen ... Aber sie waren nur mit sich beschäftigt ... Nein, er sah nichts mehr als die rote Wolke, die auf ihn zukam – wie sonst gleich schwankenden Nebelgebilden ein neues Werk – und er spürte den Kern – der blitzte auf, wie eine furchtbare Gewißheit. Und er fühlte: ich werde ihn töten ... IX. Bruhn, der Diener, sah die Morgenpost seines Herrn durch, indem er sie auf dem Schreibtisch ordentlich aufstapelte. Eigentlich war ja nichts daran zu sehen und gar nichts daran zu ergründen. Aber aus der Gewohnheit seiner Domestikenneugier heraus konnte er es doch nicht lassen, jeden Brief genau zu betrachten und ihn, wenn die Aufschrift von Damenhand schien, gegen das Licht zu halten. Er hatte sich die Lebensumstände bei einem so berühmten und noch dazu so stattlichen Mann ganz anders gedacht: aufregend, abenteuerlich, einträglich. Aber es ging hier entsetzlich still und ernst zu. Der Herr arbeitete fast immer und schien keine andere Erholung zu kennen als mal eine Ausfahrt. Es kamen keine verschleierten Damen angereist und es gab keine beschönigenden Trinkgelder. Die heutige Post bot wieder keinerlei Interesse. Wohl waren da offenbar ein paar Briefe mit weiblichen Handschriften, aber er hatte längst aus dem Papierkorb und den einfach durchrissenen und also leicht wieder zusammenstellbaren Briefbogen festgestellt, daß das immer nur Betteleien um die Handschrift des Herrn waren. Noch las er eine Postkarte, obgleich die Buchhändlermitteilung, die sie enthielt, ihn gar nicht interessierte, da wurde die Tür aufgerissen und Hagen kam herein. Blitzschnell legte Bruhn die Karte auf den Stapel von Postsachen, stand dann in seiner blauweißen Leinenjacke und seinem glattgebürsteten Haar, ein Bild der Ordnung und Beflissenheit stramm neben dem Schreibtisch und meldete, daß die Post soeben angekommen sei. »Gut, gut«, sagte Hendrik Hagen und winkte jedem weiteren Wort ab. Es machte ihn zuweilen ungeduldig, wenn man ihn überhaupt nur ansprach. Er ließ sich nieder. Schwer und müde, unausgeruht nach einer Nacht voll brennender Qual. Er seufzte als er die Post sah. Er nahm die Postkarte, las, daß das bestellte Werk nicht vorrätig aber in wenig Tagen lieferbar sei. Und behielt die Karte gedankenlos in der Rechten, stützte den linken Arm auf und umklammerte mit seinen Fingern seine Stirn, wie einer, der schwere Kopfschmerzen hat und dem die kalte Hand auf der heißen Haut zur Wohltat wird. So saß er lange – fuhr endlich erschreckt zusammen – irgendwo im Haus schlug eine Tür zu – das jagte seine Nerven auf ... Da war die Post ... Ja, die mußte durchgesehen werden. Er öffnete den ersten Brief. Ein junger Schriftsteller bat ihn, ihm doch einen Verleger zu besorgen. Das koste den großen, berühmten Meister doch nur ein Wort. Er selbst suche schon so lange vergebens und habe einfach keine Lust mehr, sich immer abweisen zu lassen; auch läge dieser Mißerfolg gewiß nicht an seinen Arbeiten, die er als wertvoll bezeichnen dürfe; die Herren Verleger hätten eben ein Vorurteil gegen Anfänger. Weiter: ein Handlungsgehilfe fragte in kaufmännischem Deutsch an, ob er nicht das Drama, welches er verfaßt habe, zur Begutachtung einsenden dürfe und sprach das Verlangen aus, daß Hendrik Hagen dann einen Theaterdirektor veranlassen möge, das Stück schleunigst aufzuführen. Inzwischen aber, damit er sorgloser seinem schriftstellerischen Geschäft nachgehen könne, leihe Hagen ihm wohl ein paar hundert Mark. Der dritte Brief: eine Dame, die irgendwo an irgendeiner Table d'hote einmal mit ihm über das Wetter zehn Worte gesprochen hatte, erinnerte ihn an diese »freundliche Beziehung« und leitete aus ihr das Recht her, ihn zu bitten, daß er doch die beifolgende Skizze ihrer hochbegabten Enkelin bei irgendeiner Zeitung anbringen möge. Ihre Enkelin schreibe eben auch, freilich nur zum Zeitvertreib und um sich ein bißchen Taschengeld zu machen. Daß sie sich ganz und gar der Schriftstellerei widme, würde ihr Papa, der sehr exklusiv denke, der Tochter nie erlauben. Ferner: ein Mann, der sich auch für verkannt und auch für ein Opfer der unkünstlerisch gesonnenen Verleger hielt, schickte seine im Selbstverlag erschienenen Gedichte und ersuchte, den Betrag dafür mit nur fünf Mark per Post an ihn senden zu wollen. Endlich bat noch eine Beamtenwitwe, die behauptete, die einzigen erquickenden Stunden ihres enttäuschungsreichen Lebens bei der Lektüre von Hagens Werken verbracht zu haben, um ein Darlehn von fünfzehnhundert Mark, weil sie eine Pension gründen wolle. Und ein Backfisch aus Österreich flehte um Hendrik Hagens Autogramm, da sie eine begeisterte Verehrerin seiner Werke und besonders seines Romans »Starre Herzen« sei. Nur über diesen Backfisch lächelte er, denn er hatte einen Roman mit dem gefühlvollen Titel »Starre Herzen« nie geschrieben. Aber an solche Verwechslungen seitens der jugendlichen Unverschämten war man ja gewöhnt. Und alles andere? Allmählich widerte es ihn fast an. Er wußte, daß sich dergleichen täglich auch auf den Schreibtischen seiner nur einigermaßen bekannten Kollegen und Kolleginnen häufte. Es war ja nicht allein diese merkwürdige Zeitkrankheit der Schreibwut, die ihn ungeduldig machte. Es war die Dummheit, die ihn für dumm hielt, die er oft kaum noch ertrug – diese naive Plumpheit, die ihn »Meister« nannte, um ihn morgen für einen »schlechten Schriftsteller« zu halten, wenn er alle Wünsche unerfüllt ließ. Früher hatte er sich noch die Mühe genommen, diesen Toren zu sagen: jeder Verleger kümmert sich nicht nur um den Nachwuchs, er schaut geradezu nach ihm aus, schon aus Geschäftsnotwendigkeit, wie ein kluger Forstmann Schonungen anlegt, wenn auch die Eichen in seinem Wald noch lange nicht zum Schlagen bestimmt sind. Früher schrieb er: die Theaterdirektoren lechzen nach neuen, guten Stücken. Er sagte auch wohl einmal: sehen Sie mich an, ich fing auch einst an, unbekannt und namenlos und auch ich sandte meine Manuskripte an die Verleger und man schickte sie mir nicht zurück. Er hatte aber längst begriffen: alle diese »Verkannten« und Dilettanten folgerten kein »also ...« Und ihre Enttäuschung machte sie, die sich unaufgefordert an ihn herangedrängt hatten, zu seinen Feinden. Jetzt beantwortete er alles knapp, ablehnend. Er hätte auch einfach gar keine Zeit gehabt, sich an die Lesung all der Manuskripte zu machen, die man ihm zuschicken wollte und nur zu oft einfach gleich ins Haus sandte. Weiter: Da war noch ein Brief von einem Verleger; ob es denn gar nicht möglich sei, fragte der, daß auch er einmal ein Hagensches Werk in Verlag bekomme. Und noch eine Postkarte: ein lieber Gruß von einem befreundeten Kollegen, der gerade eine Reise um die Erde machte. Und endlich noch ein Brief, dessen Aufschrift von weiblicher Hand herrührte. Im Augenblick als er den Brief in die Hand nahm, die Schrift sah – diese moderne, englische, sichere Schrift, hatte er eine Vorempfindung ... Heiß stieg ihm das Blut in den Kopf. Ja, es war ein Brief von ihr. Er hielt ihn in seiner kalten Hand – sah mit unersättlicher Begier hinein – die Buchstaben waren ihm wie ihr Gesicht – er forschte darin ... Und fand nichts, nichts ... Sie schrieb nur: »Hochverehrter Herr Hagen, ich habe ein Telegramm bekommen. Mein Vater ist mit der Bolivia glücklich in Hamburg angelangt. Er wird morgen mittag hier sein. Ganz gewiß wird er Sie sobald als möglich aufsuchen wollen. Ich denke mir, gleich morgen nachmittag. Hoffentlich paßt es Ihnen. Ihre dankbar ergebene Brita Benrath.« Einfacher und sachlicher konnte keine Mitteilung sein. Daß sie an ihn ergehen mußte, lag in den Verhältnissen. Auch eine Dichterphantasie, auch ein dürstendes Herz konnte in diese knappen Zeilen nichts hineingeheimnissen. Und dennoch bereitete es ihm ein blasses, unruhiges Glück, sie zu besitzen, mit seinen Händen dieses Blatt zu halten, das sie in der ihrigen gehabt, das von ihr beschrieben worden war. Und mehr noch: er konnte ihr wieder schreiben. Sich ihr in einer neuen Form nähern – die Verhältnisse hatten es bisher nicht mit sich gebracht, daß Briefe zwischen ihnen hin und her zu gehen brauchten ... Sie sahen und sprachen sich immer. Es war ihm wie eine Gnade, ein Trost, nach den ungeheuren, finstern Erschütterungen des gestrigen Tages. Er schob all den Wust der lästigen und naiv-unverschämten Briefschaften von sich, nahm Papier aus der offenen Kassette, die rechts neben dem Tintenfaß auf seinem Schreibtisch stand, und begann an Brita zu schreiben. Und während seine Feder sich bemühte, einfache Worte zu finden, sagten seine Gedanken ihr, an die er schrieb, tausend Zärtlichkeiten. Er lächelte vor sich hin wie ein Berauschter – alle Not seines Herzens verschwamm in seligen Gedanken. Er war ihr nahe – hörte ihre Stimme, sah ihre Augen, empfand ihr ganzes Wesen – war kühn und sicher – liebte sie – gehörte ihr – lebte im Glanz ihres Lachens ... Die schwarzen kleinen Buchstaben auf dem Papier sagten nur kurz: »Um Ihrem Herrn Vater, der doch reisemüde sein wird, die Fahrt hierher zu ersparen, werde ich mir heute, am späten Nachmittag, die Freude machen, Sie, mein liebes gnädiges Fräulein und Ihren verehrten Herrn Vater in Iserndorf aufzusuchen. Ich bin Ihr Hendrik Hagen.« Aber seine Seele sprach zugleich zu ihr: Dich liebe ich, dich, mehr als mein Leben – alles, was ich einst empfand an Liebesleid und Liebesglück waren Vorhofserwartungen – du bist die Erfüllung – du allein der Altar... Indessen kam die Sonne ins Zimmer. Sie warf durch die Glastür rechts vom Fenster, vor dem der Schreibtisch stand, sehr schräge noch einen Strom blanker Strahlen herein. Es war gerade, wie wenn ein Mensch ein Lächeln in einem Mundwinkel hat. Der Sonnenstrom rückte dann langsam, langsam etwas weiter. Und als er voll auf die weißlackierte Tür prallte, öffnete sie sich. Das Klopfen hatte der Mann, der gerade den Brief schloß und beschrieb und dachte, daß Barch ihn mit dem Auto hinfahren solle, das Klopfen hatte er überhört. Aber das Offnen der Tür empfand er gleich, mit seinem sechsten Sinn für jede Störung, den sein Beruf bei ihm ausgebildet hatte. Er fuhr herum ... Im vollen Licht, das in tausend Stäubchen zitterte, stand sein Stiefsohn ... Langsam erhob er sich. Schwer, groß, drohend. Sein Stuhl fiel hart zu Boden. Auf dem Gesicht des jungen Menschen war ein verlegenes Lächeln, ein gutes, bittendes, aber doch etwas unsicheres Lächeln. »Du wünschest?« fragte Hendrik Hagen. »Darf ich dich mal ein paar Minuten stören, Papa?« bat der andere bescheiden. »Es ist meine Arbeitszeit.« Ablehnender konnte der Ton nicht klingen. Aber dennoch trat Andree mit freiwerdender Lebhaftigkeit ein paar Schritte ins Zimmer vor. »Es ist sehr wichtig, Papa«, sagte er beschwörend. »Er will mir sagen, daß er sich gestern ihre Liebe erobert hat«, durchfuhr es den Mann. Und er fühlte: dann schlag' ich ihn nieder... auf der Stelle ... Er sah wieder die rote Wolke auf sich zuwallen ... Sein Verstand war wach und versuchte sich zu wehren: Nein – nein – nein – keine Tat des Wahnsinns ... »Wichtig? ...« Nun kam Andree ganz heran. Und mit jenem merkwürdigen Doppelempfinden, das in fast allen Menschen auch in den erregtesten Momenten noch ist und das sie an das seelische Erlebnis hingibt, aber auch zugleich mit der nüchternen Umwelt verbindet – in diesem Doppelempfinden sah Andree, daß der Schreibtischstuhl umgestürzt war. Er bückte sich und hob ihn auf. Die Nüchternheit dieser kleinen Handlung hatte eine merkwürdig befreiende Wirkung. Andree, der noch vor der Tür draußen gedacht hatte: wie soll ich es richtig sagen? konnte nun gut vorbringen, was er wollte. »Ja, Papa,« sprach er dann, mit den Händen noch die Lehne festhaltend, »oder ist es nicht wichtig, daß wir nun wieder seit jenem unglückseligen Gespräch so stumm und kalt aneinander vorbeigehen? Wir schlafen unter demselben Dach, wir essen an dem gleichen Tisch und wir sprechen nur ein paar Worte, solange Bruhn im Zimmer ist. Das ist doch unerträglich. Das darf nicht so weitergehen.« »Ich habe das schlimme Wort nicht gesprochen, das uns trennt.« Andree bekam einen roten Kopf. »Ich weiß wohl, Papa – es war ganz abscheulich von mir, mit dem ›Gericht‹ zu drohen. Als ob ich das je imstande wäre – mit dir zu prozessieren, um den Besitz, der uns von meiner Mutter kommt! Ich bitte dich, verzeih' mir. Du weißt, ich bin so 'n Hitzkopf. Ja, nicht wahr, du vergibst mir.« Er ließ die Stuhllehne und trat dicht an Hendrik Hagen heran. Mit einer knabenhaften, sehr liebenswürdigen Zutraulichkeit, ein bißchen schuldbewußt, aber schon vor sich selbst entsühnt, weil er reuevoll um Vergebung bat, streichelte er den Rockärmel des Mannes. Der sah vor sich nieder und schwieg. Er dachte daran, daß er selbst, in guten und entwaffneten Gedanken, schnell über diese Drohung gelächelt hatte. Daß sie ihm ein Beweis gewesen war, ein so willkommener, von der Unreife dieses jungen Menschen ... Und daß es ihn einige Tage hindurch fast Mühe gekostet hatte, sein Wesen noch so in fremde, feindliche Kälte zu hüllen – nur weil er fühlte: Die Frage durfte noch nicht entschieden werden, dieser Streit um die Scholle mußte noch fortdauern, weil hinter ihm sich der heißere Kampf verbarg ... Nun aber, seit jenem furchtbaren Augenblick gestern – nun hatte sich alles verwandelt ... Nervöse Schauer durchrieselten ihn wie Frostgefühl, als er die streichelnde Hand an seinem Arm fühlte. Diese bittende Stimme, dieser zutrauliche Ton waren ihm unerträglich. Er fühlte: gleich, gleich würde er mit der Faust dreinschlagen – – Und hatte doch eine dumpfe Empfindung, daß dieser junge Mensch gut, liebenswert, frisch, natürlich handelte ... Und gerade das, das steigerte noch seinen haßvollen Zorn. Ja, wenn dieser da widerwärtig wäre ... Welche Wärme aus seinen hübschen dunklen Augen leuchtete ... Wie offen, wie jung, wie strahlend dies Gesicht war ... »Sieh mal, Papa,« begann Andree wieder zu bitten, »ich hab' 'ne Entschuldigung. Es reizte mich so, daß du gewissermaßen meine Mutter verleugnetest. Wenn du nur selbst hättest deinen Ton hören und dein Gesicht sehen können! Aber ich weiß ja: das war auch nicht so gemeint. Ich weiß doch, wie du sie geliebt hast. Noch gestern abend las ich die Verse, die du ihr nach ihrem Tode weihtest. Du kannst dir nicht vorstellen, wie sie mich wieder rührten. Und ich sah es doch: all die Jahre hast du ihrem Andenken gelebt, lebst ihm noch. Und das find' ich so wundervoll – Liebe bis über den Tod ...« Seine Augen feuchteten sich. Er war gerührt. Und fuhr dann mit frischem, heiterm Mut fort: »Aber wenn man mal in Rage kommt – nicht? Wenn man heftig gegeneinander wird! Was sagt man dann nicht alles. Das wollen wir aber nicht auf die Goldwage legen – was?« Während dieser Worte gingen mit der Raschheit, die nur haßgepeitschte Gedanken haben können, die merkwürdigsten Erwägungen durch Hagens Hirn. Es war an das Zusammenknüpfen der Dinge, an Folgerungen, an Voraussetzungen gewöhnt – wie es sonst an den Stoffen, die dem Schriftsteller sich für seine Arbeit aufdrängten, arbeitete – so arbeitete es nun an dem eigenen Erlebnis ... Ja, klüger war es, sich scheinbar zu vertragen ... damit nachher niemand sagen konnte: sie waren Feinde ... Und die Entscheidung war so nahe ... da lag Britas Brief ... heut abend vielleicht schon würde er wissen, ob er hier der Herr bleiben müsse oder nicht ... Gewiß, es war besser, den Versöhnten zu spielen. Wie es auch wurde. Für Leben oder Tod ... Damit die Welt nachher rühmte: und gerade hatten sie sich endlich als Vater und Sohn gefunden ... Und neben all diesen tollen Grübeleien war sein Verstand scharf und hell wach und redete kalt und hohnvoll: das ist ja Wahnsinn – du lebst hier dein Leben, du schreibst hier keinen Roman ... Und alles, was du fühlst und möchtest, ist Fieber – du wirst es nicht tun – besinne dich – hier ist hellichter Tag und dies ist die nüchterne Alltagswelt ... Ja – Alltagswelt ... aber auch in ihr schlägt ein Mann den andren nieder um das Weib ... Er lächelte in sich hinein ... mit so sonderbarem Ausdruck ... Andree staunte das Gesicht an. Es war ihm neu. Es erschien ihm das eines Kranken. »Du hast recht, lieber Andree. Vergessen wir den Zwischenfall«, sagte er. »Ach Papa, wie dank' ich dir,« rief der junge Mann und nahm einfach die schlaff herabhängende Hand des Älteren, um sie fest mit seinen beiden Händen zu umschließen und zu drücken. »Es hat mir all die letzten Tage vergällt. Und mein Herz war schon sowieso so voll ... Wenn man hofft und im nächsten Augenblick wieder nicht weiß, ob man hoffen darf ... Nein, nein, ich weiß wohl: Du magst kein Vertrauen – du meinst: Männer müssen schweigend alles mit sich abmachen ... Ja, du, du sprichst dich in deinen Werken aus – aber unsereiner – man muß ja mal herausschreien ...« Hendrik Hagen stand, als sei alles Leben in ihm tot, jede Anteilnahme in ihm erloschen – blaß, stumm, fast atemlos. Aber in dem andern war zu viel Bewegung, glückliche und doch voll Unsicherheiten – er konnte sie nicht niederzwingen, ganz stumm und ganz mannhaft, wie er dachte, daß von ihm verlangt werde ... Er lachte kurz auf, heiß, verlegen – wie heimliche, stolze, junge Liebe lacht. »Wenn du wüßtest, daß ich sehr viel zu hören bekommen habe deinetwegen!« sagte er wichtig und voll strahlender Geheimnistuerei. Hendrik Hagen begriff von wem! Dieses Liebeslachen sagte es ihm ... »So?« fragte er, »meinetwegen?« »Ja, Fräulein Brita fand, daß man sich von einem Mann, wie du es bist, auch mal ein scharfes Wort, eine böse Laune in aller Demut gefallen lassen müßte. Du glaubst nicht, wie sie dich verehrt, wie sie dir dankbar ist.« Er fühlte: Dieser will mir das Weib, das ich liebe, als Schwiegertochter empfehlen... Er lachte laut auf... Aber er stand ja einem einfachen, unbefangenen Herzen gegenüber. Und das hörte nicht die Nebentöne in diesem Lachen... Andree lachte mit. »Ja und sie hat mir noch gestern anbefohlen, dich um Verzeihung zu bitten ...« »Sieh mal an – also nur deshalb...« »O nein, Papa,« beschwor Andree mit rotem Kopf, »ich war schon von selbst entschlossen.« »Ich glaub's – ja, gewiß – aber nun – sieh, du weißt – meine Arbeitszeit...« Andree sagte, er gehe schon und bat um Verzeihung wegen der Störung, aber es sei doch zu wichtig gewesen ... Der zurückbleibende Mann besann sich keinen Augenblick. Ihm war, als habe er große Eile. Als jage und treibe ihn irgend etwas. Als müsse er nun handeln. Zunächst sollte der Brief an Brita fort. Er trug ihn selbst auf den Wirtschaftshof und suchte Barch, den er in der Garage pfeifend beim Laternenputzen fand. Er blieb als Wächter, um zu sehen, daß der ohne Verzögerung fortkam. Wenige Minuten später stand er, ins Haus wieder zurückkehrend, noch unter dem Eingang still und sah dem davonhuschenden weißen Wagen nach, der ein Staubgewölk hinter sich ließ und rasch in ihm unsichtbar ward. Der Chauffeur brachte den Brief nach Iserndorf ... Hendrik Hagen machte dann in seinem Zimmer keinen Versuch zu arbeiten. Er nahm kein Buch vom Borde. Er wußte doch: er konnte weder schreiben noch lesen. Seine Gedanken standen still – sein Leben stand still ... Es war eine große Pause ... So wie vor rasendem Unwetter die Natur den Atem anhält ... Oder wie in Kunstwerken auf der Bühne bange Sekunden des Schweigens sich zu Zeiträumen voll Erwartung und Entsetzen dehnen können ... Er fühlte nur das eine: Er oder ich! Das klopfte sein Herz. Das sagten seine Schritte. Das tickte die Uhr. Das war der Zweitakt, nach dem sich die Welt bewegte. Immerfort – immerfort ... Er oder ich! Ich oder er! Die Stunden hatten keine bleiernen Füße – sie schwebten gleich ihm, mit ihm in dieser Pause – losgelöst war alles aus dem Zusammenhang mit dem sonstigen Leben – jede Empfindung dafür, ob die Zeit rasch oder langsam vorwärts gehe, war aufgehoben. Er ward sein eigner Zuschauer, sah sich an der Ordnung des Tages teilnehmen, mit jemand am Tisch sitzen, der Andrees Gesicht und Wesen hatte und doch nur ein Phantom war ... Nicht er, der nicht leben durfte ... Nicht er, der ein suchendes Mädchenherz ins Schwanken brachte und es dem einen stahl, dem allein es schlagen sollte ... Und dann kam die Stunde, wo er sich rüsten konnte, zu fahren. Er war ganz besonnen, er bedachte, daß man Vater und Tochter eine schickliche Zeit nach dem Wiedersehen allein lassen müsse. So ließ er es Spätnachmittag werden, ehe er fuhr. Draußen schlief der Tag ein, freundlich wie ein Greis, der an seinem heiteren Lebensabend auf seine erstaunlich lang bewahrten Kräfte stolz ist und lächelnd sich auf die nahende, erquickliche Nachtruhe freut. Der Mann, der in die seine und zurückhaltende Stimmung dieses liebenswürdigen Abends hineinfuhr, nahm sie nicht in sich auf. Das einzige, was er wohltätig empfand, war die sausende Schnelligkeit, mit der sein Gefährt den Wald durcheilte, über die Landstraße glitt. Die Gegend flog vorbei. Er dachte immer nur: bald werde ich wissen ... Ihm war, als sei er zum Richter über einen Menschen bestellt – Tod oder Gnade stand bei ihm ... Wenn sie den andern liebte oder auf dem Wege zu seinem Herzen war – unbewußt, nachtwandlerisch, wie werdende Liebe geht? Er oder ich! klopfte wieder dumpf und im Takt sein Blut. Und wieder empörte sich sein Verstand ... Er handelte mit ihm – sagte: ich will nur erst wissen! Nur erst der Wahrheit ins Gesicht sehen – weiter nichts ... Und gegen diese Gier nach der Wahrheit, die vielleicht das Glück, vielleicht das Elend war, konnte auch der Verstand nichts aufbringen. Ja, der spielte ganz gefaßt mit dem Gedanken, daß dann so oder so die Ruhe käme ... Der Herzschlag aber klang in den Schläfen und schmerzte und war wie ein Hammer, der auf zwei Töne abwechselnd schlug: Er oder ich! Ich oder er ... Wie das unerträglich wurde... Wie eine Monomanie... Er kam an. Still lag der Platz vor dem Hause. Der verrenkte Löwe im zerzausten Boskett, der mit seiner Tatze das schräggestellte Wappen von Sandstein mit den zerbröckelnden Rändern hielt, schien sein Maul mit den zerbrochenen Zähnen noch weiter aufzureißen als sonst. Vom Wirtschaftshof her schimpften die Hunde mit pausenlosem Gebell, rasend, weil sie nicht sahen, was sie doch wachsam meldeten. Noch glänzte in der Front des Iserndorfer Herrenhauses kein Fenster freundlich von gelbem Lampenlicht. Der hindämmernde Tag füllte es noch mit einer stillen, letzten Helle. Sie war klar genug, um Hendrik Hagen genau zu zeigen, was für ein Mann es sei, der ihm schon auf dem Flur entgegentrat. Britas Vater! Eine sehr starke Bewegung überkam ihn – sie machte ihn befangen. Ihm war, als sei der ganze Wert seiner Persönlichkeit ausgelöscht – als habe sein Leben gar keine Früchte getragen ... Es war die einfache Unsicherheit des Bewerbers dem Vater der Geliebten gegenüber – ein wunderbar beklemmendes Gefühl – und doch gab es ihm alle Seligkeiten der Jugend zurück ... Herr v. Benrath reichte ihm die Hand, mit festem Druck hielt er sie einen Augenblick. »Brita, die am Fenster aufgepaßt hat, sagte mir, daß Sie es seien.« Sie hatte nach ihm ausgesehen! Wie das seiner kranken Seele wohltat... Er legte ab – merkwürdig langsam. Herr von Benrath stand dabei und Lübbers nahm mit ungewohnter Lebhaftigkeit Hagen den Mantel aus der Hand. Dabei sahen sich die Männer in die Augen, lächelten einander an – melancholisch der eine, liebevoll der andere – und schwiegen. Herr v. Benrath war nicht als Sohn seiner Mutter zu verkennen. Hätte man ihn neben der Lebenden gesehen, würde sich vielleicht kein wahrhaft verwandter Zug ergeben haben. Aber da nur ein Vergleich mit einem Erinnerungsbild möglich war, schien es, als bestehe eine Ähnlichkeit der Erscheinung. Auch er war groß, mager und hielt sich ein wenig vornübergebeugt. Auch sein Kopf war im Verhältnis zur langen Gestalt auffallend klein. Aber er hatte ein bärtiges Träumergesicht und darin hellbraune Augen mit dem Ausdruck zugleich von Offenheit und Trauer. Im Zimmer hatte Brita inzwischen die Lampe angezündet und die beleuchtete den Teetisch, der in Erwartung des Besuchs schon hergerichtet gestanden. »Hat sich hier inzwischen etwas verändert?« fragte Hendrik Hagen. Es war eine andere Stimmung in den Raum gekommen seit vorgestern, wo er hier zum letztenmal gewesen war. »Ich habe nur aus dem ganzen Hause das bißchen Gute, was an Sachen da war, zusammengesucht und so ist das Zimmer voller geworden – alles steht auch anders«, erzählte Brita. »Der erste Eindruck sollte mir nicht gleich zu weh tun«, sagte ihr Vater und streichelte ihr das Haar. Sie sah ihn zärtlich an und nickte ein wenig – fast mütterlich tröstend – wie eine, die mit Blick und Gebärde sagen will: warte nur, es wird alles gut werden. Hendrik Hagen war bezaubert. Ein neuer Zug in ihrem Wesen! Weiblich, gütig, mutvoll ... Ja, schwere Heimkehr war es für den alternden Mann gewesen – aber es schien Hagen, als müßten alle Enttäuschungen aufgewogen sein durch den Besitz solcher Tochter. Ihm war der Maßstab für alle andern Lebenswerte abhanden gekommen: er empfand nur noch die Geliebte und sie war ihm der Mittelpunkt der Welt ... Er war von der Beobachtung ihrer Gestalt ganz hingenommen – sah zu, wie sie Tee eingoß und anbot – folgte ihr mit den Blicken, wenn sie hin und her schritt in dem weichfließenden und weder für das Haus noch eigentlich auch für die Trauer recht passenden schwarzen Kleid. Daß der andere Mann in peinlichen Verlegenheiten dasitzen mochte, fiel ihm gar nicht ein. Er genoß diese Augenblicke – sie waren wie ein Idyll inmitten des stürmischen Erlebens ... Wie ein ruhevolles Zukunftsbild: er, die Geliebte, ihr Vater – das stille, bürgerlich-friedvolle Licht, der goldbraune Trank in den alten feinen Tassen, das wohltätige Schweigen ... Diese Augenblicke gaben den Vorgeschmack von den Sicherheiten und dem Frieden des Besitzes ... Herr v. Benrath blickte in seine Tasse hinein und verfolgte, wie der Zucker langsam im Grunde der topasfarbenen Flüssigkeit zerging. Er hielt dabei immerfort die Tasse am Henkel fest, als warte er nur das Zerschmelzen des Stückes Zucker ab, um sie dann zum Munde zu führen. Aber der Zucker war längst zerschmolzen und noch immer sah der Mann dem Vorgang zu, der sich gar nicht mehr begab. Endlich, nach schwerem Zaudern fuhr er auf und suchte Hagens Blick und sah, wie der an Brita hing. Da wurde er ein wenig rot ... Das, was er dachte, machte seinem empfindlichen Gefühl alles noch unfreier ... Seine Tochter hatte noch kein Gespräch mit ihm geführt, das nicht zuletzt von ihr bis zu dem Sohn dieses Mannes geleitet worden war. Und ihm war der Glaube gekommen, daß Hendrik Hagen für den Sohn handle. – Er, der nichts von den Feindseligkeiten zwischen Hendrik Hagen und Andree v. Marschner erfahren hatte, dachte fast gar nicht das Wort »Stiefsohn«. Er mußte sich bemühen den Unbefangenen zu spielen – vor allen Dingen, um diesen Männern das Gefühl der Freiheit zu geben ... Um keine Hoffnungen zu zeigen – gegen die auch sein Stolz sich wehrte... sein Kind war so arm, daß er nichts wünschen durfte und konnte, ohne zugleich jeden Wunsch schon als Indiskretion zu empfinden ... »Ich weiß nicht, Herr Hagen,« begann er – Hagen wandte sich ihm sofort und mit ergebener Aufmerksamkeit zu – »ich weiß gar nicht, ob ich unser Gespräch mit Dank oder mit Fragen beginnen soll. Beides, Dank und Fragen bewegen mich übermächtig.« »Beschäftigen wir uns nur mit den wenigen, nötigsten Fragen«, sagte Hagen; »aber lassen Sie mich erst erfahren, wie es Ihnen geht.« »Wie es einem mürben Mann gehen kann, der als Rekonvaleszent nach einer Lungenentzündung schlimme Nachrichten bekommt. Man fühlt sich eben etwas widerstandslos.« »Ich bin da, um Ihnen alles abzunehmen – oder vielmehr mein Freund und Rechtsbeistand Dr. Berthold ist dafür da. Denn hier tut ja ein Mann not, der sich in allen Paragraphen auskennt.« »Was dieser Ludewig mir in einem kurzen Gespräch dargelegt, war so entmutigend, daß ich fürchte ...« er unterbrach sich und sprach in seiner etwas kraftlosen, ergebenen Art weiter: »Sie haben große Geldopfer gebracht, Herr Hagen – Sie haben einen schmachvollen Bankerott von meinem Hause, meinem Namen abgewendet. Daß Sie es nicht getan haben, um nun als der Gläubiger, der Iserndorf in der Hand hat, mich zu drängen, weiß ich von selbst. Aber da die Verhältnisse doch noch trüber liegen, als ich nach den Depeschen annehmen durfte, fürchte ich, daß Sie Ihre rasche Tat noch bereuen.« »O nein, Papa, du kennst Herrn Hagen nicht, wenn du denkst, er könnte eine edle Tat bereuen«, rief Brita in einer begeisterten Aufwallung. Sie sah ihn strahlend an und er konnte nichts tun, wie in heißem Glück ihre Hand nehmen und dankbar küssen. Sie hatte sich seit jener Stunde, wo er für sie eintrat, sie beschützte und dann doch nicht um sie warb, mit ihrer Mädchenweisheit einen Hendrik Hagen zurechtgedacht, der weniger einem Menschen als einem selbstlosen, göttlichen Wesen glich. Es war das erstemal in ihrem Leben gewesen, daß sie jemand Geld hingeben sah nicht zu eignem Nutzen. Der Eindruck und seine Nachwirkungen waren außerordentlich. In Amerika, vor ein paar Monaten noch, hätte sie gedacht: der muß ein Narr sein. Hier aber und jetzt und da es gerade Hendrik Hagen war, dachte sie: er ist ein Gott. Womit sich ihr unbewußt auch etwas Väterliches verband ... Nun zweifelte sie auch keinen Augenblick mehr daran, daß Großmama sich nur etwas eingeredet gehabt hatte, weil es ihr so wünschenswert erschien, die Enkelin reich zu verheiraten. Ein Wunsch, der Brita jetzt, wo sie die verzweifelte Vermögenslage kannte, sehr erklärlich schien. Sie selbst hatte ja Zeiten gehabt, wo sie dachte: Geld ist alles. Alle ihre Lebenserfahrungen waren nur ganz äußerlicher Natur. Sie konnte noch nicht mehr erkennen von den Dingen, als die Umrißlinien. Und nun stand es für sie in aller Einfachheit fest: Hendrik Hagen war ein unaussprechlich edler und selbstloser Mann. In tiefen und langen Gesprächen hatte sie es auch mit Andree erörtert. Und die beiden jungen Menschen wollten natürlich eine Einheit im Wesen des Mannes finden und wiederherstellen. Denn zu solcher Großmut und Selbstlosigkeit paßte ja nicht der Starrsinn, mit dem er sich an Rote Heide klammerte. Und Andree sprach von der großen Liebe des Mannes zu der Toten. Brita las dann – endlich! – seine Gedichte und kam zu der Einsicht, daß es in der Tat so sei: er konnte sich, wenn er es auch einmal im Zorn verleugnet hatte, nicht vom Grabe der Geliebten trennen. Ihre Verehrung für Hendrik Hagen steigerte sich seitdem zu einer unbefangenen Begeisterung. »Daß Fräulein Brita so für mich aussagt, macht mich stolz«, sagte er. Herr v. Benrath lächelte wehmütig. »Sie kennt das Leben noch zuwenig,« sprach er in seiner zaghaft halblauten Art, »sie weiß nicht, daß eine edle Tat, gerade wie eine schlechte, aus dem Täter ihren Sklaven machen kann. Auch Großmut kann Folgen haben, so endlos lästig und anspruchsvoll, daß der Großmütige sich bestraft anstatt belohnt sieht.« »Lieber Herr von Benrath,« sprach Hendrik Hagen offen und herzlich, »ich habe nicht in einem Moment unbedachter Aufwallung gehandelt, die dem, der sie hat, meist ein schöner Genuß ist. Wieder kalt geworden ist es manchem freilich lästig, im Zusammenhang mit der großen Geste eines Augenblicks bleiben zu sollen. Sie werden mich nicht für einen taxieren, der große Gesten macht. Ich habe gehandelt, wie es mir selbst notwendig war. Das sagt alles. Ich habe alle Möglichkeiten bedacht und mit meinem Freunde Berthold besprochen. Und ich komme deshalb gleich heute, um Sie zu beruhigen: wenn Sie einige Mittel haben und den Mut, Ihren alten Familienbesitz zu übernehmen, so denken Sie, daß es mir ein Glück gewesen ist und auch weiter sein wird, Ihnen darin beizustehen. Ich habe keine andere Bitte als die eine: lassen Sie mich bald Ihren Entschluß erfahren.« Brita sah die Männer aufmerksam an. Mit seiner stillen Traurigkeit fing ihr Vater an, seine Ansicht zu sagen: »Mein alter Freund Stevens hat sich mir, ehe ich reiste, wohl bereit erklärt, eventuell eine letzte Hypothek, auch einiges Kapital zur Reorganisation der Wirtschaft herzugeben. Aber er ist nur hilfsbereit, wenn es mit guter Verzinsung geschehen kann. Drüben, nach der Depesche, glaubte ich noch an die Möglichkeit einer bloßen Stockung infolge schlechter Wirtschaft. Jetzt höre ich schon so viel, daß es sich um mehr, um den völligen Ruin handelt. Wenn ich Stevens, wie ich es selbstverständlich müßte, genaue Aufstellungen hinüberschicke, wird er mir sagen: keinen Dollar, alter Freund, und hands off . Das Gut ist ja schon über seinen Wert belastet und es war wohl ziemlich alles vorbereitet, es einem dunklen Ehrenmann in die Hand zu spielen. Was nun werden soll, weiß ich nicht. Ich weiß nur dies eine, daß ich nicht mehr jung, nicht mehr gläubig genug bin, es mit einer so ungeheuren Schuldenlast zu übernehmen. Und ein Käufer? Auch mein Gefühl sträubt sich und leidet, wenn ich denke, daß es doch der Hintermann des Herrn Hermann Fedder sein soll. Wie mich das seltsam berührte, wieder auf den Namen und die geschäftig schleichende Art dieser Fedders zu stoßen. So wanden sich schon ihr Vater und ihre Oheime durch das Leben und Treiben der Stadt. Wie das zu mir von der gewissen deutschen Kleinbürgerträgheit spricht, die sich alles gefallen läßt und dann doch über die klagt, die nur dank ihrer Fuchs spielen können. Seltsam: was ich unverändert wiederfinde, ist gerade solche Erscheinung. Sonst – – Aber ich schweife ab. Verzeihen Sie. Jedes Thema führt zu Erinnerungen und Schlüssen. Stimmung und Kritik des Heimkehrenden – Also ja: wo fände sich ein Käufer? Und einer, der den fast phantastischen Liebhaberpreis zahlt, der gezahlt werden müßte, wenn Sie keinen Verlust erleiden sollen.« Alles, was Britas Vater sagte, wie er, melancholisch betrachtend, auf die Dinge herabsah, sprach sehr eindringlich zu Hendrik Hagen. Ihm klang aus jeder Menschenseele rasch ein Widerhall eigenen Empfindens – weil er verstand, fühlte er sich verwandt ... Und dies war Britas Vater. Mit starkem Ausdruck rief er: »Und wenn ich dieser Käufer wäre!« Er fühlte, daß von neuem eine große Erregung über ihn kam. Das Gespräch tastete sich der Entscheidung zu. Und der Entscheidung nicht nur über das Dein und Mein dieser Scholle. »Und wenn ich Sie bäte, Iserndorf zu bewirtschaften – nicht als mein Pächter – als mein Stellvertreter?« fragte er gleich weiter. Das feine Träumergesicht des Mannes wurde ganz dunkel und auch Brita errötete. Mit mehr Mannesanmut, mit mehr Einfachheit und Wärme konnte das nicht gesagt werden. Der es sagte, erbat es fast als Gunst. Und er wußte: vielleicht hing sein Leben, sein Glück an dem allen. Aber der, der es hörte, ahnte das nicht – er fühlte nur den harten Schmerz und doch auch, trotz all der Schönheit im Wesen des andern, eine leise, ferne Demütigung. »Das,« sagte er zögernd, »das könnte ich nicht. Jahre würden hingehen, ehe die Wirtschaft etwas eintrüge. Ich wäre da wie ... Ich wollte sagen, ich würde stets die Empfindung haben, Ihrer Großmut eine Sinekure zu verdanken ... ich würde ...« Hendrik Hagen begriff die zarten Leiden des Mannes. »Ich habe bei diesem Anerbieten nur den Wunsch, Ihnen die Möglichkeit freizuhalten, den alten Familienbesitz jeden Augenblick zurückzuerwerben. Unerwartete Glücksumstände könnten eintreten. Oder durch eine Reihe guter Jahre kann Iserndorf ungeahnt rasch gesunden. Vielleicht steigt der Bodenwert in der Folge, wenn die Gesellschaft Neu-Wachow gedeiht – allein der Absatz an die Badekolonie ...« sprach er. »Ich danke Ihnen. Aber ich kann es nicht. Glücksumstände, Erbschaften und dergleichen stehen nicht hinter den Kulissen meines Lebens und warten nicht aufs Stichwort, um aufzutreten. Die Möglichkeit guter Jahre heranwünschen und hoffen? ... Und immer peinlich unter der Vorstellung zu leiden: wenn sie nun nicht kommen? Was dann? Nein, ich kann nicht ... das nicht...« »Ich glaubte, Sie hingen an Ihrer Heimat«, sagte Hagen doch überrascht, daß sein Anerbieten den Mann gar nicht verführte, nicht einmal Kämpfe zu kosten schien. Herr v. Benrath sah vor sich hin. Er lächelte ein wenig und so ergeben schmerzlich, daß es Hagen ergriff. »Ich habe an ihr gehangen. Ich habe sie sehr geliebt. Ich liebe sie noch. Aber sie ist eine Erinnerung geworden. In Wahrheit ist sie gar nicht mehr. Nicht mehr für mich ... Hat sie sich so verändert? Nur weil das Haus kahl ist und alle Stücke, woran die Geschichte der Familie hing, fort sind? Das ist doch vielleicht nicht möglich? Habe ich mich verändert? Ich weiß es nicht. Schon als ich hierher fuhr, spürte ich es: wir sind auseinandergewachsen, die Heimat und ich. Das ist wie mit Menschen, die sich in der Jugend liebten. Der Nachklang davon kann das ganze Leben vergolden. Das Wiedersehen nach vielen Jahren löscht alle herrlichen Bilder weg. Das Wiedersehen ist beinah wie ein Forscher – der wissenschaftliche Aufschlüsse darüber gibt, daß das, was wir poetisch sahen, in der Tat keinen poetischen Gehalt hatte.« »Aber glauben Sie nicht, daß Ihnen diese Empfindungen kamen, weil Sie alles traurig wiederfanden?« fragte Hagen. Benrath schüttelte ein wenig den Kopf. »Doch nicht. Das schmerzliche Erstaunen wäre doch mein Teil gewesen. Die Bitterkeit und all diese harten Dinge wären mir erspart geblieben – ja. Aber die verblassen doch bald in mir. Sehen Sie, ich bin immer zu weich gewesen, hab' nie recht kämpfen können. Deshalb paßte ich auch nicht in das Amerika, was die Menschen sich vorstellen, wenn sie davon sprechen. In das, wo man etwas werden kann. Das ›werden‹ heißt ja so gesprochen immer: Geld verdienen. Meine Ellbogen sind schwach. Ich kann auch nicht recht zürnen. Ich gehe den Sachen aus dem Weg. Am liebsten einsam in ferne Welten hinein. Einsam auch in diese tolle Menschenmenge da drüben – ja, arbeitstoll ist sie und hat keine Zeit, sich um stille Menschen zu kümmern. Ich bin einst auch meiner armen Mutter aus dem Weg gegangen. Wie hätte ich neben ihrer Unruhe des Willens leben können.« Er sah kummervoll auf Brita, die mit Geduld zuhörte und nur durch ein ganz leises, fast unmerkliches Nicken zugestimmt hatte, als ihr Vater ablehnte. »Wegen Brita ist es mir sehr leid und ich bin voll Unruhe. Gern hätte ich ihr die Rolle gegönnt: Schloßfräulein auf Iserndorf. Ich sah das aus ihren Briefen ... sie genoß das vorweg ... Mein Kind, du brauchst nicht rot zu werden und mir kein Zeichen zu machen. Es war natürlich. Herr Hagen wird es verstehen, daß dir eine Stellung im voraus gefiel, für die du dich von Geburt an bestimmt wußtest.« Brita kämpfte ein paar Augenblicke gegen ihre Beschämung. Dann sagte sie tapfer: »Papa, ich habe mich hier zuerst sehr aufgespielt. Und dann erlebte ich jene entsetzliche Stunde mit dem Menschen – hieß er nicht Voß – Gott, und er war noch obenein ganz nett ... Weißt du, solche Demütigung! Es war wie Strafe.« »Fräulein Brita...« Aber sie ließ nun Hendrik Hagen nicht zu Wort kommen. Sie wollte sich auch einmal erklären, auch von sich sprechen. »Ich wußte ja auch nie, was ich eigentlich sollte und wollte. Ich bin so hin und her gestoßen worden in den letzten Jahren. Zwischen kargen Verhältnissen und Überfluß«, sagte sie und faltete die Hände auf dem traulich beschienenen Tisch, beugte sich ein wenig vor und sah bald den einen, bald den andern Mann an, als habe sie ihnen Wichtiges zu eröffnen. Und ihr, für ihr junges Leben war es ja auch alles wichtig. »Bei uns, als Mutter noch lebte, war doch jeder Dollar, ehe er noch eingenommen wurde, schon berechnet. Ich sah dich arbeiten und Mutter sagte, du schriebest mit Unlust, mit der Unsicherheit des Dilettanten – nur um Geld zu machen – deine Reisebeschreibungen wären dir lästige Arbeit. Und ich sah Mutter bei jedem Wetter ihren Stunden nachgehen. Und ich hörte euch immer von Deutschland sprechen, das schöner sein sollte als die ganze andere Welt. Und von der Heimat, in die wir einst ziehen würden, die ein Paradies sei. Ich fühlte wohl: das war wie ein Ausruhen für euch, wenn ihr davon sprachet. Und da kam mir oft dies ganze Sorgen und all dies Rechnen um den Dollar wie Eigensinn von euch vor. Ich dachte immer nur: eines Tages sitzen wir ja doch als vornehme Leute auf Iserndorf. Und dann, als Mutter uns genommen war, kam ich zu den Stevens. Das wollen wir nicht vergessen. Da kriegt' ich ganz verschrobene Ansichten. Wurde völlig vergiftet. Geld sah ich da und was das ist! Und Ethel sagte immer dasselbe, was Großmama nachher sagte: reich heiraten ist das einzige. Ich wußte ja gar nicht mehr, wie ich eigentlich dastand. Ich quälte mich förmlich ins Auftrumpfen hinein, tat wie eine große Dame. Aber das ist nun alles vorbei. Meinetwegen ängstige dich nicht, Papa. Eigentlich bin ich jetzt viel zufriedener als früher. Manchmal förmlich glücklich. Ich weiß nicht, woher das kommt.« Wie sie das alles vorbrachte! Frei und fast stolz. Wie eine, die durch eine große Empfindung zur Gesundheit zurückgeführt ist ... Durch Liebe zu mir? fragte sich Hagen. Aber zugleich überkam ihn eine neue, furchtbare Unruhe. Er erinnerte sich, daß die Großmutter ihn so sichtlich herangezogen, ihn förmlich darauf hingewiesen, um Brita zu werben. Wenn Brita nun so unbefangen davon sprach, in seiner Gegenwart, daß die Großmutter ihr von reicher Heirat viel vorgeredet – was hieß das ... Was wollte dieser Grad von Unbefangenheit sagen ... Das Träumergesicht des Mannes verklärte sich von Wohlgefallen an seinem schönen Kind. »Aber die Zukunft? Mut und Bescheidenheit sind prachtvolle Dinge. Viele Lebensfragen kann man damit beantworten. Aber Antwort ist nicht immer auch Lösung. Ich sehe unsere Lage nun so: wir werden sehen müssen, Iserndorf zu verkaufen. Von Glück können wir sagen, findet sich ein Käufer, der den realen Wert zahlt. Für das, was darüber hinaus von Ihnen, lieber Herr Hagen, gedeckt wurde, bleibe ich Ihr Schuldner und muß Sie bitten, mir zu gestatten, von drüben aus allmählich diese Schuld abtragen zu dürfen. Meine Einkünfte sind bescheiden. Fast ist es ja ein Wunder, daß sich überhaupt eine Stellung hat für mich schaffen und finden lassen in dieser beständig und hart rasselnden Arbeitsmaschine des Geschäftslebens dort. Und Brita wird es machen müssen wie ihre Mutter: verdienen helfen.« »Nein,« dachte Hagen, »nein – das wird sie nicht.« Der Gedanke erfaßte ihn: jetzt gleich werde ich sprechen ... Einen Herzschlag lang erwog er: zuerst zum Vater? Oder zu ihr in seiner Gegenwart? Nun antwortete Brita. Mit der Freude der Jugend, die im kühnen Vorsatz schon Erfüllung und Sieg vorweg genießt, sprach sie: »Gewiß, Papa. Ich werde schon sehr rasch irgend etwas lernen und viel, viel verdienen. Oh – du sollst sehen! Ich kann auch mit ganz bescheidenem Leben zufrieden sein. Ich versteh' jetzt gar nicht mehr, wie ich eine Zeitlang Luxus für so etwas Begehrenswertes halten konnte. Ich mal' mir jetzt immer aus, wie schön das doch für euch gewesen sein muß, trotzdem ihr tüchtig zu arbeiten hattet, um vorwärts zu kommen – so zwei junge Menschen, die sich lieben, die zusammen schaffen und streben – das war doch gewiß Glück – großes Glück für Mutter und dich – war das nicht mehr und echter, als wenn Mutter dir gar nicht hätte helfen dürfen? Siehst du: so will ich dir auch helfen.« Sie träumte das Thema weiter – zu sagen wußte sie nichts mehr dazu. Ihre Seele erging sich in allerlei unbestimmten Vorstellungen: sie sah sich eifrig und sehr hausmütterlich walten vom Morgen bis zum Abend, aber die Person ihres Vaters verschwamm ganz in dem Bilde – verlor sich zuletzt völlig daraus ... Ihr Vater sprach: beglückte Worte und dann: daß er noch einen Monat längstens bleiben könne, in welcher Zeit sich hoffentlich ein Käufer fände und die Lage auf das genaueste geklärt werden könne. Und er richtete immer wieder seinen Dank an Hagen. Der hörte nichts. Seine Blicke hingen an Britas verträumtem Gesicht. Das Entsetzen hatte sich vor ihm aufgerichtet wie ein Raubtier – wollte sich auf ihn werfen – bändigte ihn ... War das, was sie gedacht hatte, nicht ein Bekenntnis – ein unbewußtes Geständnis? Sie träumte von junger Liebe, die sich arbeitsam Schulter an Schulter im Leben vorwärtskämpft ... Von einem Los, wie Andree es ihr bieten konnte ... wie sie es neben jenem ihrer warten sah ... Nein, noch nicht deutlich sah! Sie träumte ins Unbestimmte hinein ... Ihr Herz dämmerte dem Morgen entgegen ... Es durfte nicht erwachen – es sollte nicht. Über ihn gingen ihre Gedanken fort – als sei er eine Null – nicht der Mann, dessen Namen man laut und rühmend nannte, wo Deutsche wohnten, dem selbst die Gegnerschaft, die er da und dort hatte, noch Ehre bedeutete – Nicht der Mann, um den mehr als ein Frauenherz in heißer Not gezittert hatte – Nicht der, der in hingebendem Liebeswerben gleich opferwillig für sie einsprang, als es galt, ihr Demut und Sorge zu ersparen. Nein – alles das war nichts. War fruchtlos. Ward gar nicht von ihr verstanden. Welche Sprache gab es denn noch für ein Herz – wenn all dies nicht beredt war? Woher die Kräfte nehmen, mit welchen Taten sie bezaubern – um sie dennoch, dennoch zu gewinnen ... dennoch ihre Seele zu verführen? Wie – wie? dachte er. Und jetzt schloß Herr v. Benrath seine lange Rede, die keinen Zuhörer gehabt hatte, mit den Worten: »Also wir haben uns in all diesen Fragen verstanden und ich werde morgen mit Herrn Berthold alles besprechen.« »Ja,« sagte Hendrik Hagen auffahrend, »ja, alles ganz wie Sie wollen ...« Nun wurde Brita aufmerksam auf seinen Ton und sein Gesicht ... »Mein Gott,« dachte sie erschreckt, »hat Papa irgend etwas gesagt, das ihn verletzte? Ganz ohne es zu ahnen?« Das wäre ihr unaussprechlich betrübend gewesen. Sie wünschte sich ja gar nichts anderes, als ihm fortwährend heiße Ergebenheit und Dankbarkeit zeigen zu dürfen. Sie konnte sich dann beinahe nicht genug tun ... Sie sprang auf, wollte sich zunächst in einem ganz einfachen Hausfraueneifer liebenswürdig um ihn bemühen, bot heißen Tee an, nahm ihm seine Tasse fort und tat heiter und unbefangen, während sie ganz erregt dachte: »womit mag Papa ihn nur verstimmt haben? Hätte ich doch zugehört: dann wüßte ich gewiß wodurch.« Und dann verfiel sie auf das etwas naive, billige Auskunftsmittel, den Menschen zu begütigen, indem sie begeistert von dem Autor sprach ... »Papa,« plauderte sie, an der Teemaschine hantierend, »wenn du deinen Kopf erst ein bißchen, ein ganz bißchen freier hast von diesen traurigen Dingen, wenn du dich dann so recht erheben willst, dann mußt du Herrn Hagens Gedichte lesen. Sie sind wundervoll.« Hagen machte eine rasche, abwehrende, sehr schmerzliche Handbewegung. Seine Seele litt zu furchtbar – sie zitterte in dem Entsetzen der Wahrheit, die ihr tagte – Und jetzt – gerade jetzt – in diesem Augenblick der Leiden ertrug er es nicht, Brita in dem Ton von seinen Gedichten sprechen zu hören ... Denn er fühlte, daß es nicht der Ton der Liebe war ... Die hätte keusch gewartet, um ihm in einer heiligeren Stunde von seinem Werk zu sprechen – – Aber Brita verstand die ablehnende Handbewegung falsch ... »Oh, lassen Sie mich es doch sagen«, bat sie eifrig und begeistert. »Ich kenne, glaube ich, alles von Hendrik Hagen«, sprach ihr Vater. Und er hatte die Überlegenheit, keine Bewunderung auszusprechen. »Nicht wahr – die Gedichte ›An Nadine‹ sind die schönsten. Findest du nicht auch? Gerade dich, Papa, haben sie gewiß tief berührt.« Ihr Gemüt wurde bewegt. Sie dachte plötzlich sehr lebhaft an ihre Mutter und an das stille, immer ein wenig gedämpfte Eheglück ihrer Eltern. Ihr schien es gerade in diesem Moment erst recht aufzugehen, daß es ein sehr inniges, durch die beständige gegenseitige Aufopferung etwas schmerzliches Glück gewesen. Es war ihr überhaupt merkwürdig, wieviel sie jetzt immer nachträglich noch begriff ... »Ja, Papa, so wie du Mutter liebtest und sie nie vergessen kannst – das klingt alles auch in den Gedichten ... Gott, verzeihen Sie, Herr Hagen – ich wollte es nicht sagen – es riß mich so hin –« Er war schroff aufgestanden. Sie bat und stand mit feuchten Augen und wollte erklären und erklärend gutmachen. »Gewiß, ich wollte an nichts rühren, was Ihnen immer noch ein frischer Schmerz ist – ich weiß ja, daß er es ist ... ich bin jetzt immer so aufgeregt ... Das ist vielleicht verzeihlich ... Ich mußte weinen über die Gedichte – es ist so schön, so große Liebe zu sehen ... Vergeben Sie mir – bitte ...« Er wollte sich zusammennehmen. Es gelang nicht gleich. »Bitte«, sagte sie da noch einmal mit leidenschaftlichem Kummer. Denn sie sah es so : sie hatte ihm nun durch die Erinnerung völlig die Stimmung verdorben. Sie war sehr unglücklich. Und er rang es sich ab, noch fünf Minuten lang als ein Mensch bei Verstand zu scheinen ... Und dann fuhr er in die Nacht hinein ... Das Wissen, was er gesucht hatte, war ihm geworden ... X. Einige Tage schlichen hin. Hendrik Hagen war krank. Das sagte die ganze Dienerschaft von Rote Heide. Es konnte gar nicht anders sein. Auch Andree sagte es und wandte, wo und wenn es ging, liebevolle Fürsorge auf. Und einmal sprach der Bürgermeister vor, um seine Einladung zum Festmahl anläßlich der Grundsteinlegung noch einmal und wieder vergeblich anzubringen und um gewissermaßen amtlich nachzusehen, ob die Störungen durch die Wachower, die den Bauplatz der Geembeha beliefen, noch fortdauerten, für welchen Fall er ernstlich das Verbot, Rote Heider Grund und Boden zu betreten, vorschlagen wollte. Als nun auch der Bürgermeister betroffen und mit Stentorstimme sagte: »Mensch, was fehlt dir? soll ich dir mal Heimgarten 'rausschicken«, da gab Hendrik Hagen mit gezwungenem, entschuldigendem Lächeln zu: ja, er sei nicht so frisch wie sonst – nur etwas nervös – Heimgarten könne nichts machen – er wolle vielleicht reisen – man müsse mal sehen. Und er war fast zufrieden, daß sein Zustand nun einen Namen hatte. Damit gaben sich die Menschen immer flink zufrieden. Ein Name sättigt die Neugier, stillt die durstigsten Vermutungen, wird Sand für die wachsamsten Augen. Er ist eine Maske, ein Versteck ... Hendrik Hagen wollte sich verstecken ... Er durchlebte furchtbare Nächte – harte Tage. Ihm war, als sei er nicht mehr ein Mensch – kein gereifter, klar denkender Mensch, dessen Kunst aus Beobachtung und seelischen Erkenntnissen, aus Schilderungskraft und zarten Stimmungen bestanden hatte. Ein Doppelwesen war er geworden ... das sich hin- und hergerissen fühlte zwischen den brutalsten Gegensätzen. Alle die leisen Feinheiten waren wie versengt, verbrannt – da war kein menschlich verständliches Ineinanderfließen mehr von bösen und milden Empfindungen – keine kämpfende Stimmung mehr, die sich aus düstern Gedanken tapfer zur Helle emporzuringen suchte ... Was er sein ganzes gesegnetes Mannesleben hindurch seinem Wesen als Schmuck erworben: das schöne Maß der Haltung allen Dingen gegenüber; die Gerechtigkeit für die Erscheinungen des Daseins; die Selbstbeobachtung in menschlichen und künstlerischen Fragen; die Klugheit, die weiß, daß auch der Nebenmensch Raum für sein Ausleben braucht; das Wissen von der Vergänglichkeit aller Liebesleidenschaft – alles war wie verzehrt von der Flamme, die in ihm raste ... Nur ein ganz primitiver Mensch war er – einfach und fast kindisch gut in Stunden, die ihn elend machten durch ihre würdelose Weichheit ... einfach und fast verbrecherisch böse in anderen Stunden, die seinen Blick scheu machten und seine Kräfte zerbrachen. In diesen guten Stunden wollte er der Gott in der Wolke sein ... Er sagte dem Stiefsohn, daß er sich entschlossen habe, auf Rote Heide zu verzichten. Und während er Andrees jubelndem, echtem und unendlichem Dank mit einem schwachen Lächeln, mit feuchten Augen standhielt, dachte er: »Welchen Wert hat noch dieses Paradies für mich, das keines mehr ist, weil sie nicht darin mit mir leben wird? Was soll mir noch irdischer Besitz. Mein Leben ist zu Ende.« Großmutsextasen überkamen ihn und berauschten ihn. Er sprach gegen Berthold den Wunsch aus, sein Testament zu machen. Und dieser kluge Mann, der so viel sah und so viel schwieg, nahm mit Erstaunen diesen »letzten Willen« entgegen, der hinter eine Gegnerschaft von vielen Jahren gewissermaßen einen goldenen Schlußpunkt setzte. Hendrik Hagen vermachte alles, was er besaß, seinem Stiefsohn. So kam es vielleicht – nein gewiß in ihre Hände – ihr Eigentum ward, was ihm seine Arbeit an Geld und Gut eingetragen – so war, sinnbildlich; dennoch all sein Leben und Streben für sie gewesen, im Dienst zu ihren Füßen ... Berthold konnte diese schwelgerischen Entsagungsgedanken natürlich nicht ahnen. Aber was er sah, war dies: Hendrik Hagen zeigte Sentimentalitäten ... Was war das? Wohin hatte sich seine geschmackvolle Kraft, seine Mannesanmut verloren – die ihn, den Reifen und berühmten Mann mit solchem Jugendzauber noch immer umgeben ... Und auch Berthold dachte, daß hier schwere, nervöse Depressionen vorlägen ... Das, was von weiblicher Psyche in jedem Künstler steckt, sprach jetzt zu laut in Hagen, war zu sehr die deutlichste Note geworden. Berthold, der ihn wirklich voll Freundschaft liebte, fühlte sich schmerzlich berührt. Ihm war gerade, als sähe er schöne Linien sich verzerren – starke, herrliche Farben zerfließen ... Er stellte Hendrik Hagen vor, daß er sich in der augenscheinlich schlechten körperlichen Verfassung dieser Tage nicht hinreißen lassen sollte, einen letzten Willen aufzusetzen. Eine Woche weiter hin – vielleicht wenn der widernatürlich laue Herbst sich in herbe Frische wandle – werde ihm wieder wohl sein, er werde die Todesgedanken verlachen. Oder er solle reisen – nach dem Süden gehen – er sei sicher überarbeitet – brauche neue Menschen um sich – andere Landschaftsbilder – die Zufälligkeiten des Reiselebens als Gegenspiel zur pedantischen Ordnung des alltäglichen, nach bürgerlich genauen Stunden sich abhaspelnden Tags – – Hagen hatte nun ein abwehrendes, müdes, abschließendes Lächeln. Und dann stellte Berthold noch eine Möglichkeit vor: er, Hendrik Hagen, sei ein Mann, der jeden Tag ein neues Lebensglück finden und in neuer Liebe wieder jung werden, noch ein Weib nehmen könne ... Da wandte der sich ab und stand lange stumm am Fenster ... Dem Zuschauer aber klopfte vor Mitgefühl und Schreck das Herz ... Er sah: die Schultern des Mannes zuckten – wie von der gewaltigen Anstrengung, die es kostet, heißes Aufschluchzen niederzuringen ... Und dann fügte Berthold sich ohne Gegengründe jeder Anordnung. Er verstand: Einer, der bis zum Wahnsinn litt, suchte nach Taten – nach vornehmen Taten, die ein beruhigendes Gesicht hatten und ihn mildtröstend ansahen – mit dem Trost, den Großmut gewährt. Und er verbot sich, zu ahnen, Zusammenhänge zu suchen ... Sein Amt war, zu schweigen und den Willen des andern zum Gesetz zu machen, das befehlshaberisch noch nach jenes Tod sprechen konnte ... In solchen Stunden der unmännlichen Weichheit suchte Hendrik Hagen den Stiefsohn, hielt ihn neben sich, ließ ihn sprechen von all den Plänen, die er mit der Bewirtschaftung von Rote Heide hatte, hieß ihn aus seinen Ausbildungsjahren erzählen, zeigte ein gütiges und unersättliches Interesse an ihm ... Er mußte ihn kennenlernen – ganz genau – um zu ergründen, warum sie denn diesen lieben mußte, gerade diesen jungen, guten, freundlichen, frischen Menschen – der vor aller Menschheit unbefangen gemessen und bewertet, ihm nicht bis an die Knie reichte – nicht bis an die Knie ... Und Andree war glückselig – die fröhliche Freundlichkeit seines Wesens strahlte noch erquicklicher auf. Er wußte gar nicht, wie er genug Verehrung und Liebe und Dank zeigen konnte ... Ganz unbesorgt sah er nun in die Zukunft; von dem Testament, das gemacht war und nur noch unterzeichnet zu werden brauchte, ahnte er gar nichts. Aber er dachte frischweg: Papa wird mir's nicht schwer machen mit den Übernahmebedingungen und er wird mir auch beistehen, wenn mal Schwierigkeiten kommen. Und weiter dachte er: wenn »Papa« erst diese momentanen Zustände überwunden haben würde – vielleicht spielte ja ein wenig die Gemütsbewegung mit, wegen des gefaßten Entschlusses doch Rote Heide zu entsagen – außerdem hatte er sich nach Mamas Tod mit Arbeit förmlich betäubt, was sich nun sicher rächte – ja, wenn das alles erst überwunden sein würde, befände er sich in dem losgebundenen Leben wahrscheinlich viel mehr an seinem Platze. Andree stellte sich vor, daß eine gewisse Vagabondage, zumal in den opulenten Reisegewohnheiten des reichen Mannes, für einen Künstler das eigentlich zukömmlichere sei. Papas Zimmer oben im Herrenhaus von Rote Heide sollten wie ein Heiligtum unterhalten werden und bereitstehen, ihn jede Stunde und solange er wollte, aufzunehmen ... Weil Andree ein ganz glatt glücklicher Mensch war – selbst in seinen Hoffnungen und gelegentlichen Verzagtheiten zerquälte er sich nicht – mochte er sich auch gern mitteilen und er sprach alles vor Hendrik Hagen aus, nur von seiner Liebe wagte er nicht zu reden. Er fühlte einen seltsamen, starren Widerstand, wenn er das Gespräch auf Brita bringen wollte. Und er wußte auch: Hagen fand es unmännlich, von Liebeshoffnungen zu sprechen. Und der lächelnde, gütige Dulder hörte zu, schien sich für alles praktische Vorhaben des künftigen Alleinherrschers von Rote Heide zu interessieren, zeigte Rührung über die zarten Gedanken, die ihn betrafen ... Andree sah täglich mehr, daß sein Stiefvater krank sein müsse. Es war gar nicht anders möglich. Ganz gealtert schien Hendrik Hagen seit kurzem. Und seine Farbe war wie von Elfenbein. Auch aß er fast nichts. Den Gegenbesuch des Herrn v. Benrath hatte er nicht angenommen. Er nahm außer Berthold und dem Bürgermeister überhaupt niemand an. Und gerade jetzt benutzten so viele die Gelegenheit, die Baustelle Neu-Wachow zu sehen und zugleich Hagen einen vielleicht längst fälligen Besuch zu machen. Andree fühlte es als Pflicht, nun alle Liebe und Sohnestreue nachzuholen, die er so viele Jahre lang seinem Gemüt nicht hatte abzwingen können. Er verließ beinahe gar nicht mehr das Haus und dessen nächste Umgebung. Und das war so ziemlich das größte Opfer, das er für den Augenblick bringen konnte. Denn er sah auch Brita nicht. Er schrieb ihr: Der offenbar sehr nervöse Zustand seines lieben Vaters mache es ihm zur Pflicht, in seiner Nähe zu bleiben, um immer zur Stelle zu sein, falls nach ihm verlangt würde. Fräulein Brita möge ihn bei Herrn v. Benrath entschuldigen. Und dann schloß er den ganz unnötig langen Brief, den er dreimal in verschiedener Fassung schrieb, ehe er ihn bedeutungsvoll genug fand: »Und zum Schluß noch eine schöne Nachricht: Papa hat sich bereiterklärt, auf Rote Heide zu verzichten. In den nächsten Tagen wird Berthold uns das betreffende Aktenstück, das er jetzt ausarbeitet, vorlegen. Ich hoffe, daß die Übernahmebedingungen für mich so günstig sein werden, daß ich dann mit gutem Gewissen daran denken darf, einen Hausstand zu gründen. Und wenn ich eine liebe, angebetete Frau habe, die mir tapfer hilft – denn so eine geliebte Gefährtin braucht ein Landmann –, dann werde ich der glücklichste Mensch auf Erden sein.« Im Grunde war er es schon, als er dies schrieb. Mit glückseligem Herzklopfen hoffte er: sie wird verstehen, wer diese Frau einzig und allein sein kann. Nur die Sorge um Hendrik Hagen betrübte ihn. Sie wurde immer stärker ... Er hörte eines Nachts, daß ein gleichmäßiger Schritt immerfort, immerfort hin und her wanderte ... Das war doch zu beunruhigend. Er stand auf und horchte an der Tür von Hendrik Hagen. Ja, weiß Gott: der ging hin und her in seinem Zimmer und es war doch drei Uhr in der Nacht. Mit der liebevollen Weisheit, die die Jugend auch dem Respekt einflößenden Leidenden gegenüber hat, beschloß Andree sofort am Morgen nach Heimgarten zu schicken, für jetzt aber den Ruhelosen ins Bett zu reden. Er klopfte. Drinnen ging der Schritt weiter. Er klopfte stark noch einmal. Die Schritte, monoton und traurig in ihrem dumpfen Hall, klangen weiter. Er versuchte die Tür zu öffnen. Sie war verschlossen. Da rief er herzlich und flehend: »Papa – Papa – ich ängstige mich um dich ...« Der Schritt stockte ... setzte wieder an und näherte sich wie im Lauf der Tür. Das Schloß knackte ... Die Tür ward aufgerissen ... Ein halb entkleideter Mann mit blassem, verzerrtem Gesicht und Augen, aus denen Empörung sprühte, stand auf der Schwelle ... »Laß mich in Frieden,« sagte dieser Mann heiser, »laß mich ...« Scheu zog Andree sich zurück, das Herz ward ihm schwer ... ein seltsamer, ein entsetzlicher Gedanke wollte an ihn herankommen ... war das Aussehen des Armen, der ruhelos die Nacht durchwanderte, nicht das eines Gestörten? ... aber er ließ den Gedanken doch nicht ganz deutlich werden ... er war zu drohend ... zu furchtbar ... Andree wußte nicht, daß er einen angerufen hatte, der böse Stunden lebte... Stunden, in denen er seine jämmerliche Güte und seine weinende Entsagung verhöhnte. Was war er, daß er so feig zurückbebte? Er, Hendrik Hagen, vor diesem Knaben! Noch war nichts entschieden. Unbewußt der Wünsche ihres Herzens, unklar noch in ihren Empfindungen stand vielleicht Brita zaudernd – ihr Auge sah nur erst einen sonnendurchschimmerten Nebel – sie ahnte, dahinter lag das Königreich ihres Glücks – aber welcher Mann darin herrschen sollte, das vielleicht, das sah sie noch nicht ... Und Frauenherzen sind oft wie unmündige Völker: sie erkennen den Herrscher an, der ihnen gegeben wird – sie lieben ihn, sie vergöttern ihn – aus dem Bedürfnis nach einem irdischen Abgott heraus ... Nein, noch war nichts entschieden ... Noch hieß es: Er oder ich! Er oder ich! Sein Leben und sein Wirken ging an ihm vorüber. Es hatte nicht für ihn bei der Geliebten gesprochen. Also war es wertlos. Seine Gedichte, anstatt bei ihr glühend die Vorstellung von seiner Leidenschaftsfähigkeit zu entflammen, anstatt ihre Seele zu verführen, durch jenen höchsten, feinsten Don Juanzauber des erfahrenen Herzens, seine Gedichte hatten ihr nur den Wahn erweckt, er liebe noch die Tote ... Anstatt für ihn zu werben, hatten sie gegen ihn gesprochen ... Kam ihr denn nicht einmal dies Erkennen, daß Gefühl, zur Kunst geworden, schön geformt, kein eigenes, seelisches und körperliches mehr sei – daß er es von sich getan habe – daß es geworden sei, einem Bilde gleich, das den Raum des Lebens schmückt ... keine heiße Wirklichkeit mehr ... die verlangend durch die Adern schwillt... Wie ihn das verhöhnte ... Wie er die Tote haßte, verleugnete ... Und den Sohn, den sie ihm gelassen, in dem er ahnungsvoll von je den Todfeind voraus gespürt... Woher die Tat nehmen, so beredt, daß die Gewalt seiner Leidenschaft endlich zur Geliebten sprach und sie in seine Arme rief ... Nein, noch war nichts entschieden ... Wenn verhütet wurde, daß Andree sich zu ihr aussprach ... Noch war es nicht geschehen. Das fühlte er. Und wenn er dann Brita und ihren Vater nach Amerika geleitete – nur erst fort – fort aus dem Lande, wo dieser junge Mensch atmete – ein Weltmeer dazwischen schien noch fast zuwenig Entfernung ... Dann, dann hatte er sie allein ... dann mußte, dann würde es ihm gelingen, sich ihre Liebe zu erobern ... Aber wie das verhindern? Jede Stunde konnte alles enden ... Er durfte nicht leben ... Nur die Toten sind ungefährlich ... Er hörte ein feines, gespenstisches Lachen – schelmisch und ein bißchen triumphierend wie Nadine manchmal gelacht, wenn sie in irgendeinem kleinen Streit einen Zärtlichkeitssieg über ihn errungen. Eisiges Entsetzen rann ihm durch die Adern. Mit einem Aufblitzen des Verstandes dachte er klar und besonnen: ich bin gefährlich nervös ... Und hörte doch zugleich das zärtlich sieghafte, feine Kichern in seinem Ohr, das seinen Gedanken »Tote sind ungefährlich« zu verspotten schien. Und gerade in diesem Augenblick, wo er nicht mehr allein war in der Nacht, wo die Tote als ein Gespenst und verbrecherische Wünsche als flüsternde, hetzende Gefährten den Raum um ihn bevölkerten, so daß sich ihm die Stirn mit Schweiß bedeckte ... Gerade in diesem Augenblick einer bis zur Gestörtheit gesteigerten Nervosität, rüttelte eine Hand an der Tür und Andrees Stimme rief ihn an ... Hätte er eine Waffe gehabt, er hätte ihn erschlagen ... jetzt, jetzt ... Und als Andree sich scheu zurückgezogen hatte, atmete der gehetzte Mann doch dankbar auf, daß er keine Waffe gehabt ... Er legte sich ins Bett, er bemühte sich, auf alles zu hören, was der Verstand ihm sagte: Es war ein Fehler gewesen, ihr die Gedichte zu geben. Zu einer Frau, die geliebt und gelitten hätte wie er, zu einem geprüften Herzen hätten sie verführerisch gesprochen. Aber diese jungen Herzen träumen immer von der einen, der großen, der ewigen Liebe ... Sein Verstand stachelte seinen Mannesstolz auf. Du, du willst dich zerbrechen lassen durch eine Liebe, die ungestillt bleiben soll? Du, der weiß, daß alles vergeht, alles überwunden wird ... Er dachte nach über die schweren Melancholien der Vergänglichkeit. Über die Wunder des Wahns, der an eine letzte Liebe glaubt... Hatte er nicht an Nadinens Herzen gewußt : nach ihr werde ich keine mehr lieben ... Wohin war dies Wissen gekommen? Was war aus seiner Liebe zu Nadine geworden? Ein blasses Vorspiel nur, zur Tragödie der neuen Leidenschaft. Der wahrhaft letzten? Gab es nicht auch von ihr ein Genesen – ein Vergessen ... War nicht ein tiefer Sinn darin, daß kein Dramenheld und kein Held der Wirklichkeit allein an hoffnungslosem Lieben zugrunde ging? Er hetzte sein Gedächtnis umher – er fand keine derartige Gestalt. Ist noch ein Mann , wer nicht zu überwinden vermag? Dessen Wille nicht stärker ist als sein Blut? Warum stehen die Menschen mitleidlos unglücklicher Liebe gegenüber – sprechen von ihr mit einem Nebenton von Spott und Herablassung? Wie von einer Don Quixoterie? Und wenn sie einmal erschrecken über die Katastrophen unglücklicher Liebesleidenschaft – wenn sie erfahren, daß solche Leidenschaft selbst den Tod nicht scheut und stärker ist als er, dann ist das Opfer solcher Liebe ihnen kein Held, keine Heldin – nur eine kranke Seele ... Rätselvoller Widerspruch. Dem Wichtigsten steht der Mensch kühl urteilend gegenüber – solange er selbst es nicht ist, der von diesen Martern um Würde und Besinnung gebracht wird ... Nein, fühlte der Mann, nein, es gibt kein Vergessen, kein Genesen mehr – hiervon nicht ... So wachte er den Tag heran ... Der Sanitätsrat Heimgarten kam. Andrees Sorge hatte ihn ganz früh gerufen. Mit schicklicher Fassung mußte Hendrik Hagen die Fragen des asthmatischen Mannes ertragen. Und da Heimgarten keinen Patienten besuchen konnte, ohne ein lokalpolitisches Gespräch zu versuchen, so mußte Hagen auch noch die Ansichten des Sanitätsrates über die Geembeha hören. Er erwartete das Beste von ihr. Man spürte heraus: er hoffte, daß ihm aus der Schar der Badegäste von Neu-Wachow eine sehr zahlungsfähige Klientel zuwachsen werde, er sah mit der Gesellschaft seinen eigenen Wohlstand blühen und sprach überhaupt wie ein Mensch, der ein Patent auf hundert Jahre Lebensdauer in der Tasche hat, während er vor Asthma pfiff und keuchte. Hendrik Hagen dachte mit flüchtigem Erstaunen, wie unvergänglich sich im Grunde genommen jeder Mensch vorkommt – – Als Heimgarten ging, stellte Andree ihn im Korridor. »Ist es etwas Ernstes mit Papa?« fragte er dringliche. »Körperlich gewiß nicht. Scheint aber sehr nervös, Ihr Papa. Hat er wohl große Gemütsbewegungen? So 'n Eindruck macht er eigentlich. Aber bei Menschen, die stark geistig arbeiten, kommen ja so viel Unberechenbarkeiten dazu – es sind leidige Patienten – ich will Ihnen sagen: mein Besuch schien nicht sehr willkommen«, sagte Heimgarten hart atmend und ließ sich von Andree in den Winterüberzieher helfen. »Gemütsbewegung? O ja,« sagte Andree traurig, »er will von Rote Heide zurücktreten. Aber daß es ihm so nahe gehen würde, habe ich doch nicht gedacht. Nun wird mir ja erst klar, was Berthold mir von meiner Pflicht, Opfer zu bringen, gesagt hat. Gott – ich weiß gar nicht, was ich machen soll ...« Seine Stimme wurde unsicher. Sein Herz war ganz bestürzt. Neue Fragen traten an ihn heran ... Sie muteteten ihm zu viel Größe zu – schien es – er konnte sich nicht gleich fassen ... »Na, wenn Sie den Grund wissen!« sprach Heimgarten ... »Es hieß ja immer, er liebe den Fleck Erde leidenschaftlich ... er hat hier ja auch die unendlich glücklichen Jahre mit Ihrer Mutter gehabt ... Nun, das sind Ihre Sachen. Ich kann nur verordnen: Brom, Ruhe, heitre Eindrücke, Zerstreuung – Und nicht grübeln, nicht grübeln ...« Damit ging er, geräuschvoll nach Luft ringend, langsam davon, bestieg mühsam sein schwarzblank lackiertes Doktorwägelchen, stopfte sich die rehfarbene, mit dicken Muschen betupfte Häkeldecke fest um die Knie und dachte fortfahrend: »Der junge Mensch scheint ja doch viel von dem Stiefvater zu halten.« Andree kehrte zurück und fand Hendrik Hagen an seinem Schreibtisch. Das Tintenfaß war geschlossen. Seine Hand hielt keine Feder. Still saß er und starrte zum Fenster hinüber. »Papa, du solltest etwas in die Luft gehen. Es ist wieder ein herrlicher Tag. Wer weiß, wie lange es noch dauert. Der Barometer fällt sehr.« »Meinst du?« sagte Hagen müde und gutwillig. »Komm – ja – ich geh' mit dir – wir wollen auf Neu-Wachow zugehen – du glaubst nicht, wie das aus dem Erdboden wächst. Fabelhaft.« Sie gingen. Andree versuchte allerlei Gespräche. Er bekam keine Antwort. Er sah: das war keine Unfreundlichkeit. Es war tiefste Versenktheit in schwere Gedanken. Und darüber wurden ihm auch die eigenen schwer. In all sein glattes, gläubiges, junges Lebensbehagen schlichen sich trübe Erwägungen. Wenn es dem armen Mann so weh tat, nicht mehr Herr zu bleiben, da, wo er einst übermenschliches Glück durchlebt, wo er so heiß gelitten ... Andree bemühte sich, dies tapfer weiter auszudenken – was er müßte, welche Selbstüberwindung er zu üben habe ... Großmut mußte wieder Großmut finden ... Es war nicht leicht, plötzlich noch verzichten zu sollen, wo er schon geglaubt hatte, zu besitzen ... Aber gerade weil ihn diese Vorstellung so schmerzte, begriff er erst ganz, daß der Verzicht Hendrik Hagen so hart ankam ... Schweigend gingen sie durch Park und Dorf. Die Sonne schien warm, der Himmel zeigte eine klare Bläue, als sei ein Sommertag. Das war keine Novemberstimmung. Ein behagliches Schmunzeln schien durch die Natur zu gehen. Ihr war wohl in dem späten Glanz, der wie ein nicht mehr erhofftes Glück über sie kam. Am Strand strahlte der durchsonnte gelbweiße Sand förmlich Wärme aus. Man spürte sie unter den Fußsohlen. Und drüben lag die Baustelle Neu-Wachow. Freudige Farbenflecke setzten die Stapel von Ziegelsteinen in das weite Bild. Gleich roten Linien ragten die beginnenden Mauern auf ihren Betonfundamenten aus dem hellen Sand. Eine Maurerschar hantierte in raschen, schlanken Armbewegungen mit Steinen und Kelle. Träger gingen hin und her. Aus einer etwas mehr dorfwärts gelegenen Kalkgrube umdampfte weißer Qualm den Mann, der mit seinem Gerät umrührende Bewegungen machte. Durch das Gewölk, das der gelöschte Kalk aufzischen ließ, sah man den blauen Kittel des Mannes. Und die Arbeiterbaracke sonnte sich mit ihrem schwarzen, wie von Brillantpuder überstreuten Pappdach. Aus ihrem Schornstein kam wieder das emsige Rauchsäulchen. Ein Kind sah man dick und auf unsichern Beinchen vor der Tür herumwanken. Es hatte einen Kochlöffel in der runden Faust und wollte damit den braunschwarzen Dackel verjagen. Der aber stand auf seinen vier O-beinen und sah sehr erfahren und beaufsichtigend nach dem Bau hinüber. Andree erzählte, daß dort in der Arbeiterbaracke eine Familie eingesetzt sei, die eine kleine Kantine halte und zugleich nachts die Baustätte zu bewachen habe. Hendrik Hagen hörte nicht – er dachte nur an jene Stunde, wo er die beiden jungen Menschen hier belauert hatte ... Er wandte sich zurück. Er ging so mühsam ... Andree dachte: kein Wunder, nach seinen Nächten ohne Schlaf. Gerade, als sie vor dem Herrenhaus von Rote Heide ankamen, fuhr ein Wagen vor. Doktor Berthold und sein Kompagnon, der Notar Zufuß, saßen darin, aber Zufuß saß auf dem Rücksitz, denn der Bürgermeister, der gerade einmal wieder in seiner Eigenschaft als offizieller Bauherr in Neu-Wachow nachsehen wollte, hatte sich angeschlossen. »Mich wirst du gleich wieder los. Die Herren haben Geschäfte mit dir. Ich wollt' bloß mal sehen, ob du noch so miserabel ins Leben schaust, wie neulich. Mensch, bei dem Wetter. Ist es nicht einfach, als wenn der liebe Gott Rücksicht auf unsere Geembeha nimmt? Läßt Tag für Tag die Sonne scheinen und ignoriert völlig, was für 'n Monat im Kalender steht – für den er ja auch nicht als verantwortlicher Redakteur zu zeichnen hat. Laß dich mal angucken ...« Er nahm ihn bei den Schultern und ließ nach kurzem Blick wieder von ihm ab. »Na, also Staat ist auch heut' nicht mit dir zu machen. Heimgarten begegnete uns dicht vor der Stadt. Vernünftig, daß du mal mit 'n Arzt gesprochen hast. Hat er nich lauwarme Kompressen auf die Brust verordnet – die verordnet er immer !« Man ging hinein. Der Bürgermeister, obschon er nicht stören wollte, kam immerhin mit. Denn Berthold hatte eine Nachricht ! – er, der Bürgermeister, mußte doch mal sehen, ob denn die nicht seinen Freund Hagen aufzumuntern vermochte. »Laß mich es sagen. Berthold«, bat er und der lächelte fein und belustigt. »Also: es ist ein Käufer da für Iserndorf.« »Was?!« rief Andree ... Hagen wechselte die Farbe. Beide Männer dachten das gleiche, das eine: dann kommt der Augenblick, wo, sie mit ihrem Vater fortgehen wird ... »Ich werde sie halten«, dachte der eine weiter. »Ich werde mit ihr gehen«, der andere. »Ein Käufer?« fragte Hendrik Hagen. »Und was für einer! Ihr ratet es nie!« rief der Bürgermeister mit seiner ganzen Stimmfülle. Er legte sich ordentlich 'rein in das Vergnügen, das ihm die Neuigkeit machte, die er eben erst im Wagen von Berthold erfahren hatte. »Nun? ...« »Es ist Oberst Ollendorf!« »Was, der Major v. Lorenz? Ich dachte, der Herr sei sehr arm – ein kleiner z.D. Infanterist, wie es deren Tausende gibt. Und nun will er auf einmal Iserndorf kaufen?« fragte Andree. Der Bürgermeister setzte sich für einen Moment. »Als Verlobte empfehlen sich Frau Marya Keßler und Major v. Lorenz«, sprach er mit Aplomb. »Wirklich?« fragte Hendrik Hagen. Er war der Nachricht fast dankbar. Sie zerstreute ihn einen Augenblick. »Ob aus versetzter Liebe zu dir oder mir, woll'n wir nu nich weiter untersuchen! Das könnte Rivalitätsempfindungen erwecken, wir woll'n sie vermeiden von wegen der alten Freundschaft. Der arme Lorenz ist aber doch gewissermaßen das Opfer deiner und meiner Schnödigkeit. Ich fürchte, er ist der Sache nicht gewachsen.« Er hätte gern ein paar kräftige Witze gemacht. Aber er hatte ein starkes Gefühl dafür, was ein Mann von Stellung und Persönlichkeit in Gegenwart eines jungen Menschen sagen und nicht sagen darf. »Herr v. Lorenz war heute, kurz bevor wir abfuhren, bei mir und teilte mir mit, daß er auf Iserndorf reflektiere und daß er im Namen seiner Braut handle«, berichtete Berthold. »Was will er geben?« fragte Andree, der sein brennendes Interesse an dem Geschick Iserndorfs gar nicht verbarg. »Die Beschwerungssumme.« »Sechsmalhundertfünfzigtausend Mark?« »Sechsmalhundertdreißigtausend Mark,« verbesserte Berthold, »die zwanzigtausend von Hermann Fedder sind nicht hypothekarisch eingetragen. Wenn sie nicht ausgezahlt werden, bleibt die Gefahr, daß Fedder zum Bankerott treibt.« ›Wie würde Herr v. Benrath den Verkauf an Lorenz oder vielmehr an Frau Marya Keßler aufnehmen?« fragte Hagen. »Ich glaube sehr sympathisch. Wenn eben dieser dumme Stein des Anstoßes mit dem Fedderschen Geld nicht wäre.« »Wir wollten ihn ja sowieso auszahlen.« »Zwanzigtausend Mark sind viel Geld«, bemerkte andächtig Zufuß. »Pöh,« sagte der Bürgermeister, für den, wie für alle, die nichts haben, Großmut in Geldsachen das selbstverständlichste von der Welt war, »das spielt keine Rolle, wenn damit verhütet wird, daß Fedder dem Kerl mit der dreckigen Vergangenheit Iserndorf in die Hand spielt. Die Umgegend von Wachow muß rein bleiben. Hätte meine selige Konsistorialrätin mir das Geld nicht so festgebunden, spräng' ich ein.« Damit empfahl er sich. Und nun kam der von Andree so dringend, so heiß erwartete Augenblick, wo der Rechtsanwalt Berthold den Schriftsatz, betreffend die Übergabe von Rote Heide an Andree v. Marschner als alleinigen Besitzer, den beiden Männern vorlegte und erläuterte. Er fühlte bald, daß beide ihn nicht mit gesammelter Klarheit aufnahmen. Hendrik Hagen nickte zu allem bestätigend. Jeder Paragraph war ihm recht. Und der jüngere Mann ließ erraten, daß er sich in irgendeiner heimlichen und sehr großen Aufregung befand. Berthold sah: Freude über die sehr günstigen Bedingungen war es nicht, oder nicht allein. Er hätte ja in hellen Jubel ausbrechen dürfen, denn ihm wurde die Übernahme spielend leicht gemacht. Daß er den unterdrückte, war wohl schicklicher. Aber gewiß: das war es nicht allein. Irgendeine Unruhe war in ihm. Berthold konnte aber nicht erraten, was in ihm vorgehe. Jedenfalls spürte er dies eine: hier war alles aus dem Gleichgewicht. Und seine Vorsicht, seine feine Gewissenhaftigkeit verbot ihm, von diesen in ihrem Gemüt offenbar stark bewegten Männern Unterschriften zu fordern, die über so viel entschieden. Er legte das Aktenstück auf den Schreibtisch nieder und bat, daß die Herren es noch in Ruhe zusammen durchsprechen möchten. Und dann gab er Andree zu verstehen, daß Hendrik Hagen noch andere Angelegenheiten mit seinem Rechtsbeistand zu beraten habe. Kaum waren sie allein: die beiden Juristen und der Mann, der nun in aller Form sein Testament unterzeichnen wollte, kam eine wunderliche, beklommene, seriöse Stimmung auf. Die Sonne schien und zeigte in den Glasscheiben von Fenster und Tür blauen Himmel, unten übergittert durch die grauweißen Sandsteinsäulchen der Balustrade, die die Terrasse umschloß. Die glatte Steinkante, die oben auf den in Reih und Glied stehenden kleinen, zierlichen Säulen hinlief, zog sich als scharfe Linie quer vor dem atlasblanken Himmel hin. Es war wie ein lachendes Stückchen Süden da draußen. Und hier drinnen ein, trotz aller schweren Seelenleiden, gesunder Mann, der das, was er heute seinen »letzten Willen« nannte, morgen als trübselige Laune verlachen konnte. Die beiden Juristen wenigstens waren fest überzeugt, daß dies Papier bald zerrissen oder noch mit vielen Anhängen versehen werden würde, daß von einer ehernen, unwiderruflichen Bestimmung über das Grab hinaus gar keine Rede sei. Ja, eigentlich waren sie des Glaubens, daß der Mann im Zwange einer düsteren Poetenstimmung handle, die sich durch Gott weiß was für Unberechenbarkeiten bald wieder in eine strahlend lebensfröhliche umwandeln konnte. Und dennoch ... Sie sprachen scheu miteinander, sie fühlten sich beklemmt – ihnen war, als tasteten sie an Dingen, mit denen man nicht spielen soll ... Berthold gab sich Mühe zu einem kalten, sachlichen Ton – der durch den bloßen Klang anzeigte: dies sei nicht wichtiger als etwa der Kauf eines Ackers oder der Verkauf eines Pferdes. Aber der Ton gelang ihm nicht. Und der Notar Zufuß mußte immerfort an den Abend denken, wo er neben dem Bett der sterbenden Frau eben dieses Mannes auch einen letzten Willen aufgenommen ... damals stand der Tod dabei und es schien sein eisiger, geisterhafter Atem, der die Lichter zuweilen so unheimlich aufflackern ließ ... Jetzt war Mittag, Sonne schien und dort saß ein gesunder Mann. Und dennoch waren Gespenster da und umschlichen die Männer ... Hendrik Hagen hörte nun alles trocken verlesen, was er in einer jener weichen, krankhaften Stimmungen gewollt, wo sein Gemüt in Rührung zu zerfließen schien. In den verschachtelten Sätzen hörte er es, in jenen staubigen Worten, deren das Recht zu bedürfen scheint, um klarem Sinn durch Schwerverständlichkeit mehr Gewicht zu geben, vielleicht weil das Einfache der Menge nicht imponiert. Er hörte alles mit Erstaunen. Wie fremde Stimmen. Wie die Äußerungen eines ganz anderen Menschen. Und dies Erstaunen wuchs, ward kaum verhehlte Ungeduld, Verachtung eigner Sentimentalität ... Mit Mühe bezwang er sich – er hätte auflachen mögen ... mit der Faust in dies von den sauberen Buchstaben der Kanzleischrift bedeckte Aktenstück schlagen mögen... Das war ja grotesk – dies Rührstück mit dem edlen Testament ... Solche entsagende Stimmung war in ihm gewesen? Er verleugnete sie vor sich ... Und doch ward wieder sein Verstand wach und beriet ihn. Wie durfte er sich vor diesen Männern lächerlich machen! Wie heute etwas spottend verlachen, das er gestern gewollt! Wie sich als Narr von schwankendem Willen und ohne Selbstzucht entlarven! ... Und Berthold war einer von den wenigen Menschen, die er ganz und gar respektierte, von denen auch er geachtet bleiben wollte. Sein Verstand sagte: unterschreibe, was du in krankhaften Stunden so gewollt. Und nach schicklicher Zeit ändere diesen deinen »letzten Willen« ... Ändere ihn, wenn die Gelegenheit diese Änderung jedermann gerecht erscheinen läßt ... Wenn du sagen kannst: ich habe jetzt ein junges Weib... Eine triumphierende Aufwallung berauschte ihn. Ihm war diese Szene nur noch eine Komödie. Dann kam der Augenblick, wo die Formalität erfüllt werden mußte ... Er trat an den Tisch, an welchem die beiden Juristen wie in feierlicher Sitzung tagten. Er nahm die Feder. Sie schien ein sonderbar schweres Gewicht zu haben ... Er besah sie... den dünnen, runden Halter, die graziös geschweifte kleine Stahlfeder daran ... Er zögerte. Sein Atem stockte. Eine fieberische Kälte rieselte durch seinen Körper ... Er wurde sehr bleich ... Und bezwang sich mit letzter Anstrengung. Und dann schrieb er seinen Namen ... Hendrik Hagen... Er starrte darauf nieder. In großen, schönen, stolzen Buchstaben stand der Name da – sicher, wie er immer geschrieben wurde. Und schien jetzt rot zu flimmern, als sei er nicht mit Tinte, als sei er mit Blut geschrieben ... Das war kein Name. Das war ein Todesurteil. Er oder ich, dachte er. Er ahnte es nicht, daß er es laut gesagt hatte – ganz laut: »Er oder ich!« Berthold vermied es, einen Blick mit Zufuß zu wechseln, der ihn ansah, um beim Erstaunen Gesellschaft zu haben ... Die beiden Männer standen auf. Ihr Geschäft war beendet. Zufuß machte seinen üblichen wohlfeilen Spaß von der Langlebigkeit derjenigen, die vorsorglich testierten. Berthold sagte herzlich: »Sie sind sehr nervös. Ich bitte Sie: denken Sie an Ihre Gesundheit. Sie sollten reisen.« »Ja. Ich will reisen. Ich werde wohl Herrn v. Benrath und Fräulein Brita nach Amerika geleiten«, sprach Hendrik Hagen hastig. Er antwortete es nicht auf Bertholds Rat. Er sagte es dem Schicksal! Um ihm zu zeigen: ich werde dich bezwingen ... »Bravo«, sagte Berthold, seine Betroffenheit über diese verwirrende Mitteilung verbergend. Sie ließ sich so gar nicht mit all den Vermutungen, die er still gehegt, in Einklang bringen. Sie widersprach so ganz der Erschütterung, die Hendrik Hagen vor einigen Tagen gezeigt, als er den Plan dieses großmütigen Testamentes zuerst dargelegt. »Bravo, das wird Ihnen eine große Anregung bringen. Alle, die drüben waren, sagen ja: die unerhörte Lebendigkeit dort suggeriere einem förmlich Frische und Kraft.« Und dann ließen die beiden Juristen Hendrik Hagen allein. Er klingelte nach Bruhn. Der Mensch mit dem glatt funktionierenden Wesen kam und nahm die Befehle entgegen: sein Herr ließ sich bei Herrn von Marschner für den Rest des Tages entschuldigen, er habe notwendig zu arbeiten und wünsche allein zu sein. Bruhn hörte mit dienstlicher Haltung und undurchdringlichem Gesicht. Aber er ärgerte sich und dachte: wieder mal? Na, dann kann ich ja doppelt das Essen servieren. Später, als Bruhn einmal gerade vom Eßzimmer her, wo er Silber weggeräumt hatte, den Korridor betreten wollte, sah er seinen Herrn. Er stand vor dem Gewehrschrank im Korridor, dicht neben der Tür zum Arbeitszimmer. Bruhn blieb hinter der Eßzimmertür und lauerte durch den Spalt. Aber er sah nichts Besonderes. Der Herr stand nur wunderlich lange, als könne er sich gar nicht einig werden, welche Waffe er wählen wolle. Bald darauf bemerkte Bruhn, daß Hagen mit der Mütze auf dem Kopf und der Büchse über der Schulter das Haus verließ. Er ging offenbar seinem Stiefsohn nach, der vor einigen Minuten auch ausgegangen war. Sie wollten sich wohl beide mal um das Wetter bekümmern. Das fing an, jetzt, wo die Sonne sank, ein sehr merkwürdiges Gesicht zu machen, und in der Küche hatte die Wirtschafterin aus dem Wachower Wochenblatt vorgelesen, daß von Memel bis Borkum Sturmwarnungen ergangen seien. Graues Gewölk war heraufgekommen. Es schien aus Abgründen emporzuschweben, die weit, tief hinter dem festen Land liegen mußten. Es wirbelte in die Höhe, wie Riesendämpfe aus fernen Schlünden. In unmeßbaren Höhen brauste es dahin, den Himmelsraum mit ungeheurem Leben füllend. Und tief unten auf der armen stillen Erde blieb alles in kümmerlichem Schweigen. Die leere Herbstlandschaft war von Trauer erfüllt. Am Himmelssaum ließen die Wolken der Sonne einen kargen Platz frei, damit sie das Schauspiel ihres Unterganges geben könne. Fast zerfließend und kupferglühend stand die riesige Scheibe da, auf ihren oberen Rand drückte das grauschwarze Gewölk. Ein breiter Strom Glanz schoß von ihr aus hin über das Meer und die öden braunen Farben der herbstlichen Erde. Das Meer zeigte eine zurückhaltende Bewegung. Eine gedämpfte Unruhe ... wie ein Lebewesen, das Angst hat vor nahendem Sturm. Der Mann ging eine Weile am Saum des Waldes entlang, den ein Erdwall, bestanden mit einer oft unterbrochenen Reihe von niedrigen Hainbuchenbüschen, abschloß. Ihr dürres Laub war von einem glanzlosen, abgestorbenen, hellen Braun. Drinnen in den kahlen Buchenhallen wohnte die Einsamkeit. In der Waldestiefe verschränkte sich die Menge der grauen Stämme zur Mauer – als sei da Weltende. Der Strand schien ganz menschenleer. Das grauschwarze Meer lief mit einem trotzigen Rauschen gegen ihn in sonderbar kurzen, stoßenden Wellen. Nun verlosch das Licht, der Strahlenstrom schwand weg, als habe ihn der Wind fortgeblasen. Da lag das Ufer traurig in seiner weißgelben Öde. Hendrik Hagen stand still und mit scharfforschendem Blick sah er ost- und westwärts, hinauf und hinab. Zurück, als anmutiges Bild, stand das Herrenhaus von Rote Heide, mit dem feinen Filigran der kahlen Wipfel der Parkbäume, vor dem westlichen Horizont. Die weißen Wände, das rote Dach sahen zutraulich und lebenssicher hinaus in die Dämmerung, die von wachsender Unruhe erfüllt ward. Noch weiter westlich, wo die weiche Linie der sanft sich ins Land hineinschiebenden Bucht sich zurückschwang und das Meer den Horizont zu grenzen begann, war eben die Sonne untergegangen. Nun stand noch ein Nachglanz da als ein brennender Querstreif roten Lichtes. Ostwärts nur ein unbesiedelter Strand, seine breite, weißhelle, sanfte Linie um die weite, flache Bucht herum war umschrankt von der Mauer des schwarzbraunen Waldes. Niemand? Und der eine hatte doch die Richtung östlich eingeschlagen? Doch – da – fern und klein – eine Männergestalt – unerkennbar noch in ihrer persönlichen Prägung – nur ein Mensch ... Hendrik Hagen stieg über den Erdwall, drängte sich durch eine Lücke in der Reihe der dürrbelaubten Hainbuchenbüsche. Sie raschelten, da die hastige Bewegung des Mannes ihre Zweige streifte. Und darüber schrak er zusammen ... Schauer der Angst durchflogen ihn. Er stand und horchte auf den rasenden Schlag seines Herzens ... Und wie er so in sich hineinhorchte, in einer dumpfen, körperlichen Furcht, ward diese Furcht allmählich stiller und in der Eintönigkeit eines Wahnes schlug das Herz wieder stetig: Er oder ich ... Es war zuletzt kein Herzschlag mehr ... Es war wie Schritte – die gingen immerfort hin und her, her und hin ... Da wandelte ein Gedanke ... er hatte eine Gestalt gewonnen ... ging hin und her und her und hin, mit schweren Füßen – wie Tyrannen schreiten oder Henker ... Und sagte immerfort: Er oder ich ... Und der Verstand schwieg. Er war müde geworden. Hatte keine Kraft mehr, gegen Wahnsinn zu kämpfen ... er war überwältigt ... Der Mann stand und nahm mit einer Gewohnheitsbewegung seine Büchse ... Er ging in Anschlag ... Er spähte nach seinem Wild. Die zögernde Dämmerung füllte die Welt mit perlgrauer, gleichmäßiger Helle. Langsam ward das Grau dunkler, drohender. Das ungeheure Gewölk der Höhe schien in seinem rasenden Flug tiefer auszuholen – der Himmelsraum enger zu werden, seine durchwogte Decke mehr zu senken ... Die ferne Menschengestalt kam des Wegs zurück ... wuchs heran ... Langsam nur, wie ein schwer Sinnender schritt er hart am Saum der heranrollenden Wogen hin ... Wenn die Kraft dieser Wogen wuchs? ... wenn sie wilder heranzurauschen begannen? ... sich überschlugen? ... zurückleckend mit sich nahmen, was keinen Willen mehr hatte, ihnen zu widerstehen? ... Vor den starrenden Augen des lauernden Mannes erstand ein grausiges Bild ... Er sah auf den weißen Strand steil hingestreckt einen Toten ... die Wasser brausten heran ... erreichten ihn lange nicht ... warfen sich endlich auf ihn ... zerrten ihn mit sich ... die eine Woge nahm rastlos die noch nicht gelungene Arbeit der andern auf ... bis endlich... endlich eine schwere, reglose Gestalt dahinschwamm ... auf und ab gewiegt ward ... hinausgeführt wurde ... von den Tiefen zuletzt verschlungen ... von der wildbewegten, schwarzen Tiefe, über die der Sturm der Herbstnacht dahinjagte... Der junge Mensch näherte sich – versonnen kam er daher, auf dem festen, feuchten Ufersaum schreitend, auf den sich die heranrauschenden, kurzen, unruhvollen Wogen warfen. Nun war er fast in einer Linie mit dem, der schußbereit hinter den dürren Büschen lauerte ... Und nun stand er still. Er sah empor. Er schien die große Bewegung in der Höhe zu beobachten ... Dem Jäger, der dies Wild jagen wollte, bebten die Hände. Wie brüllten plötzlich die Wasser? Oder war dies Rauschen sein eignes Blut, das sein Hirn überfüllte – ihm den Blick unklar machte – in seinen Ohren als höllischer Lärm tobte? Jetzt – jetzt... Die kalten Finger tasteten am Griff der Büchse umher, als seien es Knabenfinger, die noch nie solche Waffe gehalten ... Die Wange preßte sich gegen den schlanken Lauf. Ein kurzes Bewußtsein: ich kann nicht zielen ... Und doch trug ihn der rasende Strom des bösen Willens fort – unaufhaltsam ... mit der Gewalt des Verderbens ... Ein Schuß krachte ... Der kleine dunkle, platzende Ton rollte hinaus ... Gleich machten ihn die rauschenden Wogen mit ihren Stimmen mundtot. Sie waren stärker als er und riefen laut über das Ufer hin und verschlangen jeden anderen Laut. Und die kleine, ziellos hinausgesandte Kugel pfiff durch die Luft und bohrte sich mit rasender Eile in ein nasses Grab... Am Waldesrand, hinter dem Erdwall, kniete ein Mann... Schwäche und Entsetzen hatten ihn zerbrochen ... doch kniete er noch mit aufrechtem Oberkörper und stierte hinaus in die Dämmerung. Da ging, langsam, immer auf der Grenze zwischen dem schwarzen, unruhvollen Wasser und dem toten weißgelben Ufersaum einer seinen Weg weiter ... ahnungslos ... Der Wind kam auf. Aus der Höhe fegte er schräg hernieder – mit eiligen, harten Fingern strich er durch das dürre Laub der Hainbuchenbüsche, daß sie raschelten... Das weckte den Mann aus seinem Entsetzen ... er fuhr auf ... sah sich um wie ein Gehetzter nach den Stimmen, die er flüstern hörte – den raschelnden, zischelnden Stimmen ... Und aufschluchzend legte er seine Hände vor sein Gesicht ... XI. Die Sturmwarnung hallte wie ein kaum beachteter Ruf die Küste entlang. Die Ohren dieser Menschen waren zu sehr an die brausende Musik der Herbstnächte gewöhnt. Die letzte Nacht hatte nicht lauter getobt als manche andere vor ihr. Der Wind kam auch steif vom Osten her und strich mehr an der Küste entlang als gegen sie heran. Und die weißen Schaumstreifen musterten das dunkle Wasser nicht in gleichen Linien mit dem Ufer. Das düstere Gewölk raste in der Höhe enggedrängt durcheinander. Es war wie eine Menge, in der jeder an dem andern vorbei will, um selbst in den Vordergrund zu kommen. Die Wolkenbilder wechselten jeden Augenblick ihre Stellung. Aber immer blieben sie gleich finster und gewaltig. Die Sonne vermochte nicht einmal beim Tagesbeginn sich die kleinste Lücke zum Durchblick auf die Erde zu erobern. Die grauen, geballten Wolkenmassen standen vor ihrem Gesicht. Bei dem lichtlosen Morgen füllte alle Zimmer im Hause ein karges, trübes Grau, das kaum den Namen »Tageshelle« verdiente. Die Gesichter der Menschen erschienen in ihm bleich, verfärbt. Das Leben und Treiben hatte keine Frische. Es spielte sich gedämpft, nur unter dem Zwang der Gewohnheit ab. Andree frühstückte allein. Auch er schien blassere Farben, ein fahles Aussehen zu haben. Aber sein Ausdruck zeigte, daß an diesem krankhaften Aussehen nur die Beleuchtung schuld sei. Er blickte fröhlich und fest vor sich hin, wie einer, der weiß was er will und muß. Bruhn, der ihm den Tee auftrug, fragte, ob er nicht Licht anzünden solle, man könne ja kaum deutlich sehen. Aber Andree war's gleichgültig. Er brauchte kein Licht. Er fragte nach »dem Herrn«. Und Bruhn berichtete, daß Herr Hagen gestern abend erst sehr, sehr spät wieder ins Haus gekommen sei und so krank ausgesehen habe, daß er, Bruhn, noch bedachte, ob er nicht den jungen Herrn wecken solle. Zu Abend gegessen habe der Herr gar nicht und heut morgen, nach dem Bad, nur eine Tasse Tee genommen. Aber diese Mitteilungen schienen Andree nicht sehr zu beunruhigen. Er lächelte gut, ja glücklich vor sich hin. Er bildete sich ein, daß er eine Lösung gefunden habe. Er hatte ein fast überlegenes Mitleid mit einer derartigen nervösen Reizbarkeit und Leidfähigkeit. Nun, Papa war eben ein Künstler! Und das war für Andree, bei allem Respekt, doch im tiefsten Grunde mit einem kleinen Nebenbegriff verbunden. Er saß und guckte in die Zukunft hinein und sah sie so genau und so reizend beleuchtet, wie etwa ein Diorama, das extra zur Ergötzung der Zuschauer aufgebaut worden ist. Und während er so saß, war ihm, als höre er über sich einen Schritt. Da oben lagen, sich über Hagens Arbeitszimmer und einen Teil des Eßzimmers hinziehend, die Räume, die einst von seiner Mutter bewohnt gewesen waren. Das Schlafzimmer, dann das große Gemach, in dem sie während ihrer letzten Leiden gelegen und auch gestorben war. Dann das kleine, phantastisch ausgeputzte Liebesnestchen, daß Andree einst gehaßt hatte und das die beiden Glücklichen »unser Zimmer« zu nennen pflegten. Andree hatte früher oft beobachtet, daß Hendrik Hagen diese Räume betrat, lange darin auf und ab wanderte, vielleicht in Gedanken an die Verlorene hingegeben, vielleicht über seine Arbeit sinnend. In den letzten Wochen bemerkte Andree nicht ein einziges Mal, daß die Besuche in den von Erinnerungen geheiligten Räumen noch fortgesetzt wurden. Aber er dachte: Papa wolle nur, in Rücksicht auf den geschlossenen Frieden, seine Eifersucht schonen und gehe vielleicht immer »zu Mama«, wenn er – Andree – vom Hause abwesend sei. Daß er jetzt gerade da oben den Schritt vernahm, war ihm wie eine Art Zeichen. Es schien so wunderbar dafür zu sprechen, daß sie beide von den gleichen Stimmungen bewegt seien. Und ohne sich zu besinnen, tat Andree, was er noch nie getan: er suchte den Mann auf, gerade da, wo alles am lautesten von dem früheren Eifersuchtshaß zwischen ihnen sprach. Er ging rasch treppan. Er öffnete die Tür. Da war das Sterbezimmer. Die fade Luft der unbewohnten Räume füllte es, und die kornblumenblaue Decke auf dem Bett ohne Leinenzeug wirkte kahl und kalt. Alle Möbel sahen leer aus. Andree ging weiter mit seinen raschen, hallenden Schütten ... Nun öffnete er die Tür, die in den bunten Raum führte... »Papa,« sagte er betroffen, »Gott – Papa ...« An dem Schreibtisch der Toten saß ein Mann und der starrte ihm entgegen ... mit einer furchtbaren Angst in den Blicken ... und alt und grau war sein Gesicht ... »Hab ich dich erschreckt? Verzeih. Mein Gott, Papa – du siehst aber wirklich nicht gut aus.« Hendrik Hagen stand auf. »Ich bin nicht krank«, sagte er. Hinter ihm, so daß sein graues Haupt sich gegen das dunkle Kleid der Frau auf dem Bilde scharf abhob, schimmerte das Gesicht der Toten von der Wand. Es sah voll gütiger Mütterlichkeit auf beide Männer. Unwillkürlich suchte der Sohn das Auge der Mutter. Es schien ihm lebensvoll zu leuchten. »Papa,« sagte Andree, »ich hörte dich hier oben. Ich hab's nie gewagt, dich hier zu stören. Wenn ich das heute tue, ist es, weil ich denke, ich kann gerade vor Mama bestehen.« »Kannst du?« fragte Hendrik Hagen mit einem seltsamen Lächeln, »kannst du? ... Ich nicht! Nein – ich – nicht ...« »Papa ...« »Still ...« »O ja – du kannst doch! Du hast so großmütig verzichten wollen. Und nun komme ich und sage dir: was du kannst, kann ich auch. Ich sehe, wie du leidest. Papa: ich trete zurück von Rote Heide ... du sollst es behalten ... du allein.« Andree wurde ganz rot, als er das sagte. Er hatte sich den Entschluß sehr schwer abgerungen. Gestern abend auf dem langen, einsamen Strandspaziergang war er endlich einig mit sich geworden. Es war das erstemal in seinem Leben, daß er sich zumutete, ein wirkliches Opfer zu bringen. Und nach dem Entschluß wurde ihm das Herz so wunderbar freudig, er fühlte sich von einem unschuldigen und liebenswürdigen Stolz erfüllt. Der leuchtete ihm nun aus den Augen und stand als neue Schönheit auf seinem frischen Jünglingsangesicht. Der grauhaarige Mann sah ihn tief an – lange – stumm ... Er war erschüttert und suchte sich zu fassen. »Ja,« fuhr Andree fort, »ein bißchen schwer wurde es mir. Das will ich nicht leugnen. Erst dachte ich, sozusagen um es zu mildern: ich kaufe dann Iserndorf. Aber das kann ich nicht. Selbst wenn du mich ganz ausgezahlt hättest. Ich hätte da zu hoch gesessen – es ist nichts für 'n jungen Mann, mit so schweren Lasten anzufangen. Na, über den Gedanken macht' ich dann einen Strich.« Bei ihm verband sich immer das, was sein Herz bewegte, mit allen praktischen Lebensfragen. Aber weil die Wärme echt war und die Anschauungen immer vernünftig, so wirkte es nur gesund, wirkte wie Festigkeit, die gute Zuversicht gibt. Nach einer kleinen Pause, in der er dem als unausführbar erkannten Gedanken doch noch einmal wehmütig nachschaute, seufzte er herzhaft und sprach dann abschließend, sich und dem andern eine fast feierliche Erklärung gebend: »Aber gestern abend, als ich noch mal so ganz still für mich am Strand entlang ging, da fühlte ich: du mußt!« »Da – da?« brachte Hagen heraus. Sein Atem ging fast keuchend. Und dann kam es noch einmal matter, wie ein Nachhall nur: »Da? ...« Seine Blicke ließen nicht von dem jungen, glücklichstolzen Gesicht ... Daß es lebte – daß er es noch sah ... daß es nicht still und weiß und kalt von wogenden Wassern auf und ab geschaukelt ward ... Jauchzen hätte er mögen – weinen ... danken. Und dieser ehrliche Wille, ein Opfer zu bringen – ihm – ihm ! Hendrik Hagen legte seine beiden Hände vor sein Gesicht ... Und da sah der junge Mann etwas, das ihn mit Schauer, mit Andacht, mit Rührung – mit hilfloser Verlegenheit erfüllte ... Er sah ihn weinen ... »Papa«, schrie er auf und warf sich fest gegen ihn und umarmte ihn ... Da lösten sich die Hände von dem entstellten Männergesicht ... Hendrik Hagen schob den Sohn sanft von sich. Er sah ihn wieder an – tief, gramvoll – mit den Augen der Liebe ... Denn jetzt, jetzt, in dieser Stunde, fühlte er, daß er ihn liebte... Und sein zitterndes Herz fragte: darf ich es noch – ich ... Und er hörte wieder in seinem Ohr den dumpfen, platzenden Ton eines Schusses ... und die raschelnden, zischelnden Stimmen der dürren Blätter... »Ich danke dir,« sprach er mühselig, »ich danke dir mehr, als du jemals ermessen kannst.« Er legte seine Hand schwer auf das dunkle junge Haupt. Andree sah ergeben und erwartungsvoll zu ihm auf. »Und ich bitte dich, verzeihe mir.« »Was hätte ich dir wohl zu verzeihen«, rief Andree feurig. Ihm schien es in diesem von tiefster Bewegung erfüllten Augenblick, als hätte er immer nur Liebe erfahren, als hätten diese gramvollen, gütigen Blicke nie feindselig und haßvoll gesprüht, wenn sie den seinen begegneten. Er vergaß – sein junges, enthusiastisches Herz füllte sich gleich ganz und gar mit dem neuen Gefühl: er hat mich ja lieb! Er hat mich ja wirklich lieb ... »Ja – vergib – frage nicht – nicht fragen ... oh ... nicht fragen ...« Andree wollte verwirrt werden – verstand nicht diese dringende, heiße Qual in der Bitte... Da fuhr der andere aber schon fort: »Und was beschlossen war, bleibt. Ich habe meinen Abschied schon genommen von diesem Stück Welt ...« Andree wollte sprechen – die tiefe Schwermut dieser Worte traf sein Herz. Hagen wehrte ihm ab. Und da fühlte er, daß es gewiß klug sei, diesen leidenden, gefolterten Mann sich selbst zu überlassen. Er umarmte ihn noch einmal, stumm, mit schonenden Gebärden. Er suchte noch einmal zutraulich und liebevoll den tiefen, gramvollen Blick und begegnete ihm mit einem zuversichtlichen, tröstenden Ausdruck. Und dann verließ er ihn. Aber für ihn war mit der Ablehnung seines Verzichtes die Angelegenheit keineswegs abgeschlossen. Er fühlte sich in seiner Opferwilligkeit so erhoben. Nun war er auch zäh in ihr. Er beschloß bei sich, sofort den vertrauten Ratgeber auszusuchen, auch diesem seinen Entschluß zurückzutreten darzulegen und sogleich in die Stadt zu Berthold zu fahren. Eine halbe Stunde nachher fuhr er auch schon in den grauen, windigen Tag hinein, Busekist auf dem Bock. Und Busekist sprach sich über das Wetter aus und die Dummheit der klugen Leute, die Stürme voraussagten, die nicht einträfen. Nach seiner, des erfahrenen Busekist Meinung, hatten sich »die Wettermacher« wieder mal gräßlich blamiert. In der Hauptsache traf aber seine Mißachtung den Mann, der das Wachower Wochenblatt schrieb und der ja woll gar nicht mehr wußte, was er alles für Lügen in die Zeitung setzen sollte. Andree sagte, daß er es immerhin recht stürmisch fände und daß es da, wo die Küste ihre Ufer gerade dem Osten zukehre, gewiß wild genug hergehe. Na ja, meinte Busekist, irgendwo in der Welt sei wohl immer Sturm. Warnungen gingen einen aber bloß was an, wenn sie direkt für Rote Heide gälten. Während Andree sich bemühte, ihn zu belehren, wozu Busekist überlegen lächelte, holten sie mit ihrem Wagen das Arbeiterehepaar ein, daß die Kantine auf Neu-Wachow hielt. Andree, immer voll Gutmütigkeit gegen alles, was es mühseliger im Leben hatte als er, ließ Busekist halten und fragte die Leute, ob sie in die Stadt wollten. Ja, sie mußten für ihre Kantine einkaufen. Nun, so sollten sie aufsteigen und mitfahren. Busekist fand es nicht standesgemäß, aber er mußte sich knurrend fügen und sah voll Hochmut immer an dem Mann vorbei, der sich schweigend und bescheiden neben dem bedeutenden Busekist hielt, während die Frau auf dem Sitz neben Andree ganz zutraulich auf die freundlichen Fragen des jungen Herrn antwortete. Über die Landstraße jagte der Wind und in der Höhe wühlten die grauen Wolken. Eine Rabenschar, denen die rasch fahrende Luft das Federwerk zauste, flog in geschlossenem Flug vom kahlen Felde auf und zerstreute sich zu vielen kleinen schwarzen Pünktchen. In gleichmäßiger Schnelle trabten die Füchse stadtwärts ... Der Mann, der einsam zurückgeblieben war, verließ das Zimmer, wo er die Tote gesucht hatte, als sei sie eine Lebende und könne ihn richten ... Nicht zu der Frau, die er einst geliebt, hatte er seine Not getragen... Nein, die Mutter hatte er gesucht – mit verzweifelter Seele die Mutter ... Und nun dachte er müde: »Hat sie verziehen? ...« War es nicht die Liebe zu ihr, die ihren Sohn bewegt, hierher zu kommen und ihm seine junge, strahlende Großmut anzutragen... Er konnte nicht mehr denken ... nicht mehr zurück und nicht voraus... Eine seltsame Stille war in ihm. Als schliefe etwas Schweres, Großes im Grunde seines Wesens. Und davon ging eine so sonderbare Müdigkeit aus und erfüllte ihn ganz und machte seine Schritte mühsam. Vielleicht war es körperlich. Er entsann sich, daß er viele, viele Nächte nicht mehr wirklich geschlafen habe. Seine Lider brannten ... Ja, das war es. Schlaf – Schlaf. Und dann erst wieder denken. Das Leben ansehen – wie es nun war, werden würde ... Er ging in sein Arbeitszimmer. Es war auch nur von dem kargen Licht des Tages mit fahler Helle erfüllt. Trübselig, freudlos. – Er legte sich auf das lange, breite Sofa unter dem Bilde der toten Frau. Das Bild oben war so gütig in Mütterlichkeit. Dies, in weißen, schimmernden Farben, strahlte von zärtlichem Leben. Er sah nicht empor zu ihr... Sie war tot ... tot ... Nicht mehr die, die er heiß geliebt ... nicht mehr die, die er verleugnete, weil sie vor seiner neuen Liebe stand ... Sie war nur noch die Mutter des Mannes, den er lieb hatte ... weil er lebte! Der ihm Gnade und Reichtum bedeutete, nur weil er noch lebte ... Er schloß die Lider. Er dachte nichts als: ja, ich will schlafen ... Lange lag er so. Vielleicht zwei Stunden – oder länger ... Der Tag rückte vor ... Dem müden Mann schien er ein Schlummerlied zuzurauschen. Es brauste in seinen Ohren – es pfiff in den Lüften – immerfort – – Die ganze Welt schien erfüllt von großen, dunklen Orgeltönen, die majestätisch heranwallten ... Bis irgendwo ein Krachen und Klirren erklang und durchs Haus schütterte ... Er fuhr auf ... Er besann sich ... Da kam Bruhn herein. »Ach, Herr ... seit einer Stunde hat sich der Wind gedreht ... es ist Nordost geworden ... es ist furchtbar ... das ganze Dorf läuft zusammen ... wegen der Baustelle ...« Hendrik Hagen ward ganz wach. »Ist die gefährdet?« »Ich weiß nicht. Es heißt so. Die Leute haben immer gesagt: es sei zu nah am Ufer.« Er stand auf. Er hatte vergessen, daß er eben noch im Halbschlummer der Schwäche dagelegen ... Das heiße, gespannte Interesse eines, der im vertrauten Umgang mit der Natur steht, war in ihm wach. Er sah sich nach seiner Mütze um. Bruhn hatte sie schon in der Hand. Er eilte hinaus. Und da vernahm er die großen, dunklen Orgeltöne, die so majestätisch durch seinen Halbschlummer wallten, lauter, gewaltiger ... Sie rauschten durch die Luft, in stolzer Klangfolge – regelmäßig – einer erhabenen Ordnung gehorchend ... Und vor dem Hintergrund dieser breiten Riesenmusik knatterten und krachten kleinere, lärmende Stimmen. Die ächzten in den Bäumen und klapperten von den Dächern und pfiffen um die Hausecken. Hendrik Hagen ging über den Wirtschaftshof, durch den Park, durch das Dorf. Hinter dem grünen Gatter kläffte ihn wieder der verärgerte Rattler an und ließ sich auch nicht von seinem Besitzer zur Ruhe verweisen. Nicht allein aus Respekt vor dem Herrn, sondern um selbst besser zu Wort zu kommen, schalt Dröge den Köter aus. Das von zahllosen Falten durchmusterte rötliche Gesicht des Bauern hatte einen höchst verweisenden Ausdruck. Der richtete sich gegen jedermann, unbestimmt, so ins allgemeine hinein. Denn Dröge fand es albern, daß man sich um das bißchen Sturm kümmere. Das kam nur wegen des Baus am Strand. Früher hatte kein Mensch Wirtschaft davon gemacht, wenn es um diese Jahreszeit mal toll wehte. Und es wurde nicht schlimmer als sonst, das wußte Dröge für gewiß, er hatte nicht das richtige Reißen gehabt. Ganz besonders sprach aber Dröge seine Mißbilligung darüber aus, daß der Krüger soeben an den Bürgermeister telephoniert habe, als wenn der den Sturm still machen könne. Geduldig hörte Hagen zu. Er sah dabei die Dorfstraße entlang, in deren Perspektive man fern das düstere, rasende Meer erblickte. Die Bewegung hatte von hier aus beinah etwas Künstliches. War so wühlend, wie wenn auf dem Theater die mit Wasser bemalte Leinwand von Maschinen gedreht wird. Und jetzt ging mit schweren, steigenden Schritten ein älterer Mann mit vorgebeugtem Oberkörper quer über die Dorfstraße. Es war ein Mann mit einem harten Profil und einem rotgelben Bartfetzen unter der Lippe. Hagen erkannte ihn gleich. »Ist ein Wagen aus Iserndorf hier?« fragte er rasch. Dröge nickte ruhevoll. Die Herrschaften, so meinte er, wollten sich woll mal den Wellenschlag ansehen, wie so Herrschaften tun. »Adieu«, sagte Hendrik Hagen und ging weiter – rasch – rasch – Sie war da – sie war da – er sah sie wieder ... Weiter wußte er nichts mehr. Die Flamme in ihm loderte jauchzend auf ... Sie verzehrte die Erinnerung an die letzten Tage und Stunden. Er wußte nur das eine: sie wiedersehen. Er verstand nur das eine nicht, warum er Tage gelebt hatte, ohne sie zu sehen. Der Sturm preßte sich ihm entgegen. Er mußte mit geneigtem Oberleib sich dem Luftdruck entgegenstemmen. Es war, als ringe man mit einem mächtigen Wesen, das in bewußter Gegenwehr handle. Brausend, brüllend kam das Geräusch der Wogen daher, die sich in toller Eile auf das Ufer stürzten. Nun stand er auf der sanften Höhe des Geländes, am Rand des Dorfes, von dem aus sich der Strand langsam abwärts senkte, zerklüftet in kleine Sandbergzüge und weiße Talmulden. Wie die schwarzen Wasser herantobten. Sie bäumten sich hoch auf, wie zum zielbewußten Wurf, ehe sie auf den Strand fielen. Grauschwarz fegten die Wolken durch die Luft, gleich ungeheuren, abgerissenen Fetzen, die nur noch lose oben mit dem düstern Himmelsgewölbe zusammenhingen. Links hinauf am Rande des Ackerbodens, den ein Knick säumte und an dem ein Weg sich entlang zog, die mütterliche Erde vom unfruchtbaren, gelbweißen Strand scheidend – links stand eine Gruppe von Menschen. Hendrik Hagen ging dahin, während der Sturm versuchte, ihn gegen den Knick zu drängen ... Er sah nach der Baustelle aus ... Das Gerüst war schon zerbrochen. Die Fahnenstange geknickt, das bunte Tuch hing kläglich und zerwühlt als greller Farbenfleck in den kahlen Büschen des Knicks. Und wenn die Wogen mit ihrem verbrecherischen Stolz, hocherhobenen Hauptes, grünschwarzen Drachen mit schaumgeifernden Mäulern gleich, herankamen, legte sich ihr Leib auf das kleine bißchen Menschenwerk, was da begonnen war. Wenn sie dann zergingen und zerflossen, wurden auf einige Augenblicke die roten Mauerlinien sichtbar, die kreuz und quer im weißgrauen Strand wurzelten. Und da stand die Baracke. Ihr schwarzes Dach glitzerte nicht mehr von Brillantpuder. Es sah tot und frostig aus. Der Mund des Schornsteins schickte keinen Rauchatem in die Luft. Nun sah der Mann die eine ... Sie und ihr Vater erkannten auch ihn. Sie versuchten ihm entgegenzugehen. Der Sturm fuhr in ihr Kleid und drückte ihr den Stoff fest, fest gegen den schlanken Körper. Er zauste mit ihrem Haar, das ihr rauh und gelockert schon um den Kopf hing. Mit der erhobenen Linken hielt sie ihr Mützchen fest. Die wilde Luft peitschte gegen ihr Gesicht, so daß es von frischen Farben leuchtete. Und aus ihren Augen sprühte die Erregung über das gewaltige Schauspiel, das die Natur gab. Sie sah aus wie die Jugend, der Mut, die Freude... Ihr Vater, hoch, mager, vornübergeneigt, kam heran und auch in seinem stillen Träumergesicht war mehr Leben als sonst. Er erzählte, daß sie ausgefahren seien, um ihn zu besuchen, nach seinem Befinden zu sehen, von dem Andree beunruhigt geschrieben. Unterwegs, dicht vor Rote Heide, habe ihnen ein Bauer erzählt, daß ein ungeheurer Wogengang sei Und den habe er doch beobachten wollen. Er sprach von seiner Freude, Hendrik Hagen wohl zu sehen. Er war ergeben. Und eine Art fast scheuer Verehrung leuchtete aus seinen Augen. Aber Hagen hörte kaum. Es war auch nur möglich, sich zu verstehen, wenn man schrie. Wozu Worte... Er sah sie... Er nahm ihre Hand ... Er blickte ihr in die strahlenden Augen ... Ihm war, als wache er nun aus einem schrecklichen Traum auf ... Als sei alles, was er gelitten, nur die Einbildung gewesen ... künstlich zusammengetragen ... aufgebaut, wie er sonst die Handlung eines Romans ausspann ... Ganz wunderlich war ihm, als läge nicht ein Stück schmerzensreichen Lebens, als läge nur viel schwere geistige Arbeit hinter ihm. Nun durfte er sich wieder der holden Wirklichkeit erfreuen. Die Zärtlichkeit für Brita machte ihn glückselig. Sie nickte ihm zu – kindlich ergeben, glücklich, ihn scheinbar wohl zu sehen, denn auch in sein Gesicht hatte der Sturm Farben gepeitscht ... Auf ihrem Herzen aber, unter ihrem Kleid trug sie den Brief, in dem Andree zu ihr so bedeutungsvoll gesprochen ... Und sie hatte verstanden ... Und liebte diesen Mann, der ihr jetzt nur noch »Andrees Vater« war, nun noch mehr in töchterlicher Bewunderung ... Sie standen schweigend nebeneinander. Die Gruppe der Arbeiter, ein paar Schritte von ihnen entfernt, blieb nicht in so erschauernder Stummheit dem brüllenden Ungeheuer gegenüber. Sie beredeten es, daß man die Baustelle weiter zurücklegen müsse. Daß zum Glück nichts verloren sei, als drei Wochen Arbeit. Einige waren der Meinung, daß ein solcher Sturm nur alle paar Jahre käme, daß ein starkes Gebäude ihm trotzen könne, daß es klüger sei, die einmal gewählte Stelle beizubehalten. So redeten sie hin und her. Und immer rasender ward das Meer und die schwarzgrünen Drachenleiber der Wogen bäumten sich immer drohender auf. »Die Leute in der Kantine?« fragte Herr von Benrath. Hagen verstand die Frage, weil eine deutende Handbewegung sie begleitete. Er trat an die Arbeitergruppe heran. Er fragte. Oh, die, die seien in der Stadt. Und mit schwerem Rauschen schwollen die Wasser heran und warfen sich jetzt gegen das kleine, gestreckte Haus mit dem schwarzen Dach. Der krachende Widerhall des Anwurfs der Wassermenge gegen das hölzerne Gebäude schallte als hohler Ton durch die brausende Musik der Lüfte. Hendrik Hagen sah plötzlich ein Erinnerungsbild vor seinem Auge erscheinen: sonnige Weite; davor auf weißem, überwärmtem Strand Arbeiter in der raschen, schlanken Bewegung des emsigen Mauerns; ein flinkes Räuchlein aus dem Schornstein, das unter dem blauen Himmel so anmutig emporwirbelte, und ein kleines, watschelndes, dickes Kind, das mit einem Kochlöffel in der Hand den erfahren blickenden Dackel schlagen wollte. »Wo ist das Kind?« fragte er. Die Arbeiter sahen sich betroffen an. Da schrie einer dem andern zu: das Kind brächten sie immer ins Dorf. Manchmal schlössen sie es auch ein, ließen es schlafen. Es sei gestern schon im Bett gewesen, mit Husten. Nein, mit Fieber. Nein, es sei nachmittags vor dem Hause umhergelaufen. Oh, das sei doch vorgestern gewesen ... Nun standen sie alle und schwiegen und sahen sich mit heimlicher Unruhe an. War das Kind in dem Haus oder nicht? Und wem von ihnen sollte zugemutet werden, hinzugehen? ... Kam man noch heran, ohne daß einen die Wellen zerschlugen oder mit hinausnahmen? Wer konnte gegen das Wasser an? Ja, wenn man es gewiß gewußt hätte! Aber so – auf ein Vielleicht hin ... Man riskierte das Leben oder doch die Gliedmaßen und nachher stellte sich möglicherweise heraus, daß das Kind sicher im Dorf war ... Und überhaupt ... war es denn nicht denkbar, daß die Baracke sich tapfer hielt? »Man müßte mal im Dorf nachfragen«, sagte ein Arbeiter. Die Dorfleute, die hier herumstanden, wußten auch nichts. Und schon warfen sich zwei gegen den pressenden Sturm und liefen, um im Dorf nachzufragen. Hagen ging zu Brita. Sie stand fest gegen den Knick gedrückt. Der Sturm umtobte sie und spielte mit ihrem kupferfarbenen Haar, das er auseinandergezerrt hatte. »Du solltest fortgehen – komm«, sagte ihr Vater. Sie schüttelte nur den Kopf. Sie sah hinaus in die wild zerwühlte Welt, die nur noch aus Wasser und Wolken zu bestehen schien. Wieder warf sich mit Krachen eine ungeheure Woge über das kleine Haus. Und rann ab, in Wassersträhnen und Bändern... »Man weiß nicht, ob das Kind darin ist oder nicht«, sagte Hagen ihr ins Ohr. Sie schrie auf. »Und keiner, keiner hat den Mut, nachzusehen ...« In diesem Augenblick ging eine, die gleiche Bewegung durch all diese Menschen hin ... ein aufzuckender Schreck ... eine kurze Erstarrung ... In dem landwärts gewandten Fensterchen des Hauses, neben der verschlossenen Eingangstür, erschien ein weißblonder Kopf und ein vom Schreien rotes kleines Gesicht ... Von der letzten Woge, die ganz über das Haus dahingefahren war, mochten Wasser durch die Fugen gesickert sein und hatten vielleicht mit ihrer Nässe das Kind erschreckt. Oder der Donnerton, der den kleinen Bau durchzittert haben mußte, hatte die arme kleine Seele aufgejagt. Es weinte – aus unbestimmter Furcht vielleicht nur – wie Kinder weinen ... »O Gott,« schrie Brita – »o mein Gott...« Es war, als hielten die Menschen alle ein paar Herzschläge lang den Atem an – in der furchtbaren Spannung ... Und in dieser Sekunde geschah dem Mann, was ihm wie ein beängstigendes Wunder schon oft geschehen ... Eine Wolke schien auf ihn zuzuwallen ... ein ungeheures, unübersehbares Übermaß von Gedanken, Empfindungen, Bildern ... und aus ihrem Kern löste sich blitzartig ein Erkennen... Er sah Andree – fühlte: Dies ist ehrlicher Männerkampf – Tat erobert jedes Weib – er fühlte zugleich die grenzenlose Barmherzigkeit mit der Kreatur, die elend umkommen sollte – hörte das Weinen, das er nun sah, unerträglich wimmernd in seinem Ohr – spürte das Zaudern der armen Männer, deren Leben vielleicht Frauen und Kindern Brot bedeutete – sah die Geliebte ihm, ihm sich entgegenstürzen, wenn er das gerettete Kind herantrug ... Dies alles war zusammengefaßt, wie man mit einem Blick ein ganzes Stück Natur übersieht ... Es war nur wie ein Gedanke – kurz, rasend rasch ... Und ward Tat ... Brita schrie auf ... die Männer standen in dumpfem Staunen ... Rasch und kraftvoll schritt Hendrik Hagen gegen die Wasser an. Sie umspülten ihn kaum bis zu den Knien. Da kam wieder mit großem Rauschen, hoch und stolz ein Wogenschwall ... Der Mann duckte sich ihm entgegen ... und tauchte aus dem zurückflutenden Wasser wieder empor. Er kannte das Element ... er liebte es, an stürmischen Sommertagen sich mit ihm abzuringen ... Alle Blicke hingen an ihm, folgten ihm – sahen, wie er scheinbar verschlungen ward – sichtbar wurde – wieder – nochmals – zum zweiten und dritten Male – sich dem Hause näherte ... Und darüber sahen sie nicht, daß die schwarzen Wolkenfetzen sich tiefer und tiefer senkten und daß vom Horizont her eine Wand heranzurücken schien ... als wenn sich Wasser und Himmel dort einander genähert hätten, um zusammen die Welt abzuschließen. Nun stand der Mann vor der Tür ... fast höher als sie war seine Gestalt und sein graues Haupt schien sich an ihrem Balken zu stoßen ... Man sah, wie zwei Fäuste sich erhoben und mit eiserner Kraft gegen das Holz schlugen ... die Tür ging zurück ... der Weg war frei ... Abermals kam ein schwarzgrünes Ungeheuer mit weißem, breitem Kraushaar und stürzte sich über das Haus her und sank auf seinem Dach in sich zusammen. Brita klammerte sich an ihren Vater ... Sie stammelte allerlei ... Worte vielleicht der Angst ... vielleicht Bitten ... Der Mann erschien in der Tür, von deren Balken die Wasser liefen, als verhänge ein Perlvorhang die Öffnung ... Er begann den Rückweg. Nun war die Gefahr größer, denn sie konnte ihn rücklings überfallen, er konnte sich ihr nicht mit ausgebreiteten Armen, sich duckend, entgegenwerfen. Auch trug er eine Last. Aber die atemlosen Zuschauer sahen: die nächste Woge, die hinter ihm dahergefahren kam, um ihn zu überholen, warf sich auf ihn, wollte ihn zu Fall bringen ... doch hatte er sich gegen den Anprall gehalten ... schritt tappend weiter ... Jetzt kamen auf dem Weg neben dem Knick zwei Männer heran. So rasch strebten sie vorwärts, als sie es, mit dem Druck der Luft kämpfend, nur vermochten. Der große, blonde, breite Mann sah ganz rot aus vor Aufregung und Anstrengung. Ihm etwas voraus war schon Andree. Er sah die Geliebte – er sah in den Wassern, die den Strand überfluteten, den Mann ... und die großen, rauschenden Wogen, die sich von hinten her über ihn warfen ... Und all die stumpf und tatenlos starrenden Zuschauer ... Er sah aber auch, daß draußen auf dem Meer Wolkenfetzen und aufschäumende Wogen zu tollem Durcheinander sich einten – daß der schwarzgraue Himmel niederzubrechen schien ... Wenn das kam – landwärts rückte ... »Helft,« schrie er, »helft.« Und wollte sich schon ins Wasser stürzen, dem mühsam sich vorwärts kämpfenden Mann entgegen. »Nein ...« jammerte eine Stimme auf. Er erriet fast nur den Laut ... er fühlte sich von klammernden Händen angstvoll gehalten. Brita... Er stieß sie zurück ... »Kette bilden«, schrie der Bürgermeister und seine Donnerstimme klang an jedes Ohr. Und sie gehorchten ihr mit blindem Eifer – erlöst aus der stummen Angst. Er selbst, breit, schwer, ein Koloß, stand am Knick, die klammernde Rechte um einen derben, uralten Schlehenstamm, die Linke dem nächsten Mann reichend. Und dieser wieder streckte seine Hand einem dritten hin. So krallte sich mit eiserner Festigkeit Hand in Hand. Und der erste, vorderste in dieser Männerreihe war Andree. Sicher schritt er hinaus in die wallende, kreisende Flut. Sie waren alle ruhig jetzt – besonnen ... eine Minute noch – noch eine halbe ... und der Mann, der das Kind herantrug und die Männer, die ihm als Kette entgegenrückten, erfaßten einander ... Wieder ein glasiger, ungeheurer Wasserschwall – fast wie eine Kuppel wölbte es sich einen Herzschlag lang über den Häuptern der Männer. Und brach klatschend, zerfallend zusammen ... Die Kette wankte. Aber sie hatte sich nicht gelöst. Von draußen her stäubte und wirbelte es heran – Nebel? Wolke? Gischt? – wer wußte, was das war ... Naß und grau und undurchdringlich füllte es die Luft zwischen Himmel und Erde ... peitschte die Gesichter ... nahm den Atem ... Und köpfte mit gewaltigem Schlag und Stoß das kleine Haus. Brita lag auf den Knien ... sie sah nichts mehr ... sie weinte ... und wußte es nicht ... sie betete und wußte es nicht ... sie war sinnlos vor Angst um den Einen ... Der keuchende Mann im Wasser kam vorwärts ... Noch zwei, drei Schritt ... Gleich Schatten im Nebel sah er schon in dieser Wolke von stäubenden Tropfen den ersten Mann von den ihm Entgegenrückenden ... Er sah eine Hand ... Sein linker Arm umklammerte das Kind, das schwer als Last an seiner Brust lag ... Die Rechte streckte er schon der andern Hand entgegen ... Und gerade riß der Sturm den Wolkenfetzen, der von oben herabhängend über Wasser und Erde fegte, weiter ... Der Mann erkannte das Gesicht, das ihm nahe war, heiß und ernst und von Rettungseifer glühend. Das Gesicht, das seine haßvollen Wünsche gestern schon tot und still auf nächtigen Wogen schaukeln sahen ... Er staunte – nein – stockte – es war nur ein Atemzug lang – kaum das ... Und doch schon zuviel – zu lang für diesen Augenblick, der alle gesammelte Kraft – jeden festen Gedanken forderte – denn es galt, dem Tod zu trotzen ... Er verlor den Halt ... Die ungeheure Woge, die ihn im Rücken traf, warf ihn vorwärts – entriß ihm das Kind... trug es weiter... Er richtete sich wieder auf... Wollte nach der Hand greifen, sah sie nicht gleich ... Und fühlte einen harten, furchtbaren Stoß in seinem Rücken ... eine krachende, brausende Erschütterung, die seinen Körper zu zerbrechen schien ... Und dann nichts mehr... Einer der Männer sah das Kind, ergriff es, ehe die zurückleckenden Wogen es mit sich ziehen konnten ... Die Kette war gelöst ... Die vordersten Männer hoben den Gefallenen ... Sie wichen mit ihm zurück ... hatten noch zwei-, dreimal den niederfallenden Schlägen der auf sie stürzenden Wassermengen standzuhalten ... erreichten die Höhe des Ufers und selbst naß, keuchend, mit zitternden Knien, trugen sie ihre Last... Auf dem Wasser schwamm das Dach der Baracke, schwarz, mit seinen beiden schrägen, spitz zusammenstoßenden Seiten, einem großen Tierrücken ähnlich. Es schwamm und wiegte sich, ward gehoben, kam dräuend näher und ward von der nächsten Woge zurückgerissen. Es schien wie ein heimtückisches Lebewesen, sich seiner bösen Tat bewußt ... »Hinter den Knick – hinter den Knick ...«, schrie die riesenhafte Baßstimme. Sie trugen den schweren, nassen Körper hinter den Knick. Der Bürgermeister zog seine Röcke aus ... breitete sie auf dem braunen, von junger Wintersaat grünlich schimmernden Boden des Feldes aus ... hart, hart hinterm Erdwall des Knicks, wo Schutz war ... Er gab Befehle: ins Dorf ... Tragbahre mit Betten ... ins Herrenhaus ... das Automobil zur Stadt... Er dachte an alles. Er war ganz beherrscht. Aber immerfort blickte er dabei auf das totenhaft bleiche, stille Gesicht ... Und sein treues, gutes Herz weinte ... Denn er sah wohl, was auf diesem Gesicht stand. Andree war wie versteinert ... Er sah hinab und glaubte nicht, was er sah ... Und wandte sich langsam um ... ihm war, als müsse er die Eine fragen: Siehst du es auch ... kann es wahr sein ... Und schon umklammerte sie ihn mit beiden Armen und hing an seinem Halse und weinte an seiner Schulter ... Sie wußten es gar nicht anders ... Es konnte nicht anders sein ... Es war ganz einfach ... sie gehörten zusammen. Wenn sie es sich auch noch nicht gesagt hatten ... die Not der furchtbaren Stunde sagte es lauter und heißer als jedes Wort ... Brita fühlte, daß jemand ihren Arm erfaßte. Erschreckt fuhr sie auf. Es war ihr Vater. Er deutete auf den stillen, schwer und lang daliegenden Mann. Es schien, als gehe eine Bewegung über das Gesicht. Brita sank in die Knie, neben ihn, beugte sich über ihn – mühte sich dabei, ihr Haar zurückzuwerfen, das ihr der Sturm zauste. Und Andree kniete neben ihr ... Zärtlich, leidenschaftlich wünschten sie beide, das ein Blick sie träfe – ein Wort vernehmbar würde ... Nur ein Blick noch – nur ein Wort noch ... Hendrik Hagen öffnete die Augen. Mit großem, tiefem Blick sah er auf. Er hatte gar keine Schmerzen. Er hatte gar keinen Körper mehr. Er fühlte nichts von sich. Nicht seine Füße, nicht seine Hände. Und das war so sonderbar... so leicht ... und doch so schwach ... so losgelöst von allem Menschlichen ... von aller Schwere ... aber auch von aller Kraft... Und da stand der Bürgermeister und hatte gar keinen Rock an und sah ihn so aufmerksam an ... Und die Luft war so voll Lärm ... nur wo er lag, war Stille ... Er sah Brita ... sah ihr Haar wehen und sah ihren zärtlichen Blick... Er wußte, wo er war – und daß er das Kind aus brausendem Wasser ins Leben zurückgetragen ... Er dachte: Tat – ja Tat erobert das Weib ... Aber er dachte es nicht im Siegerrausch – Mit einer seltsamen Stille in der Seele ... Andree sah er nicht und nicht, daß zwei junge Menschen Hand in Hand geklammert hielten – um sich zu fassen – sich Mut zu geben, einer dem andern ... Nur den zärtlichen Blick sah er, nur das über ihn geneigte, schöne, geliebte Gesicht ... Er wollte sprechen. Er konnte nicht. Aber es machte ihm weder Qual noch Mühe, daß er es nicht konnte... Diese Stummheit war fast schön ... Wie eine Müdigkeit ohne Schmerz... Der zärtliche Blick leuchtete ihm in die Augen ... Und doch dachte er: ich will es ihr sagen ... Alles hatte er sagen können – alle Not und alle Seligkeiten seines Herzens ... Wie eine leidenschaftliche Musik klangen sie nach in seinen Werken... Aber von dieser einen, höchsten Not der letzten Liebe und von dieser einen, höchsten Seligkeit sollte er nichts mehr sagen ... Nicht der Geliebten – nicht der Welt ... Seine Augen schlossen sich wieder. Und er versank in das große Schweigen, das noch kein Menschenwort zerbrach ... Sie, die um ihn knieten und standen, warteten atemlos ... Der Sturm brauste ... das Meer brüllte ... die Welt war erfüllt von Lärm. Wie konnte man hören, ob noch ein leiser Laut von diesen blassen, ein wenig geöffneten Lippen kam ... Die Luft peitschte salzige Tropfen gegen die Menschen und beizte ihnen die Augen ... Wie konnte man sehen, ob sich diese Brust noch atmend bewegte ... Sie lauschten ... sie warteten ... sie sahen ... Und sahen endlich: das war der Tod ... Brita warf sich in die Arme des Mannes, der sie tröstend umschloß, männlich, fest – ob ihm auch selbst die Tränen über das junge Gesicht liefen ... Neben ihnen stand einer, der heiß schluchzte und aus seinen Tränen heraus über sein weißes, zusammengepreßtes Taschentuch weg immerfort sagte: »Mein alter Junge ... mein alter Junge ...« Als könne er ihn noch an fröhliche Jugendtage mahnen ... Lang und steil lag der stille Mann. Sein Kopf mit dem grauen Haar hatte sich schwer ein wenig hintenüber gesenkt, so daß das stolze, stumme Gesicht himmelan gewendet schien ... Und aus dem düstern Gewölk, das der Herbststurm vor sich herjagte, flogen nun wirbelnd, im schnellen Fall die ersten Schneemassen herab ...