Maxim Gorki Unter fremden Menschen   Aus dem Russischen übersetzt von Georg Schwarz   1 Ich bin unter fremden Menschen, bin als »Bursche« in einem Laden »für modisches Schuhwerk« in der Hauptstraße der Stadt angestellt. Mein Lehrherr ist ein rundlicher kleiner Mann; er hat ein graubraunes, verschwommenes Gesicht, grüne Zähne und Augen wie schmutziges Wasser. Er scheint mir blind zu sein, und um mich davon zu überzeugen, schneide ich allerlei Gesichter. »Schneid keine Fratzen«, sagt er leise, aber streng. Es ist mir unangenehm, daß diese trüben Augen mich sehen: Ich kann es nicht recht glauben – vielleicht errät der Lehrherr nur, daß ich Grimassen mache? »Ich habe gesagt, du sollst keine Fratzen schneiden«, ermahnt er mich noch leiser, fast ohne die dicken Lippen zu bewegen. »Kratz dir nicht die Arme«, dringt sein trockenes Murmeln auf mich ein. »Du bist in einem erstklassigen Geschäft in der Hauptstraße angestellt, das darfst du nicht vergessen! Ein Bursche hat wie eine Statue an der Tür zu stehen.« Ich weiß nicht, was eine Statue ist, und kann auch nicht aufhören, mir die Arme zu kratzen – sie sind bis an die Ellenbogen mit roten Flecken und Geschwüren bedeckt, sie werden unbarmherzig von der Krätzmilbe zerfressen. »Was hast du zu Hause getrieben?« fragt der Prinzipal und besieht meine Hände. Ich erzähle es ihm, er schüttelt den runden, mit dichtem Grauhaar bedeckten Kopf und sagt ärgerlich: »Lumpensammeln ist schlimmer als Betteln, schlimmer als Stehlen.« Nicht ohne Stolz erkläre ich: »Gestohlen habe ich auch schon.« Da legt er die Hände auf sein Stehpult – wie ein Kater die Pfoten –, starrt mir erschrocken mit leeren Augen ins Gesicht und zischt: »Waaas? Gestohlen?« Ich erkläre ihm, wie, wo, was. »Nun, das kann man noch als Kleinigkeiten hingehen lassen. Wenn du mir aber ein Paar Schuhe oder Geld stiehlst, bringe ich dich, bis du volljährig bist, im Gefängnis unter ...« Er sagte das ganz ruhig, ich erschrak und mochte ihn von da an noch weniger leiden. Außer dem Prinzipal waren im Laden zwei Verkäufer beschäftigt – mein Vetter Sascha, der Sohn Onkel Jakows, und der älteste Kommis, ein geschickter, rotwangiger, ein wenig schmieriger Mensch. Sascha trug einen verfärbten Rock mit Chemisett und Krawatte und über die Schuhe fallende Hosen, er war stolz und nahm von mir keine Notiz. Als der Großvater mich zum Lehrherrn in den Laden brachte und Sascha bat, mir behilflich zu sein und mich anzulernen, machte Sascha ein finsteres Gesicht und sagte wichtigtuerisch: »Er muß mir gehorchen.« Der Großvater legte mir die Hand auf den Kopf und nötigte mich, ihn zu neigen. »Gehorche ihm, er ist sowohl den Jahren als auch der Stellung nach der Ältere.« Sascha rollte die Augen und ermahnte mich: »Vergiß nicht, was der Großvater dir gesagt hat!« Und er nutzte es vom ersten Tage an eifrig aus, daß er der Ältere war. »Kaschirin, mach keine Glotzaugen«, riet ihm der Prinzipal. »Ich ... jawohl«, entgegnete Sascha und senkte den Kopf, doch der Chef ließ nicht locker. »Senk nicht den Kopf, als wolltest du jemand auf die Hörner spießen, die Kunden könnten glauben, du bist ein Ziegenbock.« Der älteste Kommis brach in respektvolles Lachen aus, der Prinzipal verzog häßlich den Mund, während Sascha dunkelrot wurde und sich hinter dem Ladentisch verbarg. Mir gefielen diese Reden nicht, viele Worte blieben mir unverständlich, manchmal schien mir, diese Menschen unterhielten sich in einer fremden Sprache. Wenn eine Kundin den Laden betrat, nahm der Prinzipal die Hand aus der Hosentasche, tastete über den Schnurrbart hin und lächelte süßlich; seine Wangen bedeckten sich dabei mit Fältchen, aber die blicklosen Augen veränderten sich nicht. Der Kommis straffte sich und drückte die Ellenbogen an die Hüften, während er die Hände respektvoll in der Luft hängen ließ, Sascha zwinkerte erschrocken, bemüht, seine Glotzaugen zu verbergen, ich stand an der Tür, kratzte mir unauffällig die Arme und beobachtete das Verkaufszeremoniell. Der Kommis lag vor der Kundin auf den Knien und probierte ihr mit seltsam gespreizten Fingern Schuhe an. Seine Hände flatterten, er berührte die Frauenbeine mit einer Vorsicht, als fürchte er, sie könnten zerbrechen – auch wenn sie dick waren und an geschwungene Flaschen erinnerten, deren Hals nach unten zeigte. Eines Tages sagte eine Dame – sie zuckte dabei mit dem Bein und drehte sich hin und her: »Hach, wie Sie mich kitzeln ...« »Das, meine Dame, geschieht aus Höflichkeit«, erklärte rasch und feurig der Kommis. Er wirkte komisch, wenn er die Kundinnen so anschmachtete, und ich wandte mich, um nicht zu lachen, mit dem Gesicht zur Glastür. Es trieb mich dann aber doch unwiderstehlich, dem Verkauf zuzusehen – die Kunstgriffe des Kommis machten mir allzuviel Spaß. Allerdings gestand ich mir auch ein, ich selbst würde es nie lernen, so höflich die Finger zu spreizen und so geschickt Schuhe an einen fremden Fuß zu stecken. Häufig verschwand der Prinzipal in das kleine Zimmer hinter dem Ladentisch und rief Sascha zu sich; der Kommis blieb mit der Kundin allein. Eines Tages streifte er das Bein einer rothaarigen Kundin, drückte Daumen, Zeige- und Mittelfinger zusammen und führte sie an den Mund. »Ach«, seufzte die Kundin, »was sind Sie für ein Schwerenöter!« Er blies die Wangen auf und sagte heftig atmend: »Mm...ch!« Hier brach ich in solches Lachen aus, daß ich mich aus Angst, ich könnte der Länge nach hinschlagen, an die Türklinke hängte – die Tür sprang auf, ich stieß mit dem Kopf gegen die Scheibe, und sie zersprang. Der Kommis trampelte aus Wut über mich mit den Füßen, der Prinzipal trommelte mit seinem schweren Goldring auf meinem Kopf herum, während Sascha mich an den Ohren zu zausen versuchte und am Abend, als wir nach Hause gingen, mit aller Strenge mahnte: »Man wird dich für solche Späße hinauswerfen! Was ist denn überhaupt Komisches dabei?« Und er erläuterte mir: Wenn der Kommis den Damen gefalle, gehe der Handel eben besser. »Die Dame braucht vielleicht gar keine Schuhe, aber sie kommt und kauft ein Paar, nur um den netten Kommis zu sehen. Und du – verstehst das nicht! Da plagt man sich mit dir herum ...« Ich war gekränkt – niemand plagte sich mit mir herum, am allerwenigsten er. Morgens weckte mich die Köchin, eine kranke und böse Frau, eine Stunde früher als ihn; ich reinigte Kleidung und Schuhe des Prinzipals und seiner Frau, des Kommis und Saschas, machte Feuer im Samowar, trug Holz für alle Öfen herbei, wusch das Geschirr zum Essenholen. Dann kam ich in den Laden, fegte aus und wischte Staub, bereitete den Tee, trug Ware zu der Kundschaft und holte das Mittagessen aus der Wohnung; meinen Dienst an der Tür versah während dieser Zeit Sascha, und da er das unter seiner Würde fand, schalt er mit mir herum: »Klotz! Auch noch die Arbeit für dich tun.« Ich war bedrückt und langweilte mich, ich war daran gewöhnt, von morgens bis nachts auf den sandigen Straßen Kunawinos, am Ufer der trüben Oka, in Wald und Flur umherzustreifen. Mir fehlten die Großmutter und meine Gefährten, ich hatte niemand, mit dem ich sprechen konnte, ich fand das Leben verdrießlich, es zeigte sich mir von einer wenig schönen und heuchlerischen Seite. Nicht selten ging eine Kundin, ohne etwas gekauft zu haben – dann fühlten sich alle drei gekränkt. Der Prinzipal schaltete sein süßliches Lächeln ab und kommandierte: »Kaschirin, räum die Ware ein!« Und er schimpfte: »Da, wie sie herumgewirtschaftet hat – wie ein Schwein! Langweilt sich zu Hause, die dumme Gans, und treibt sich in den Läden herum. Du müßtest meine Frau sein – ich würde dir zeigen ...« Seine Frau – dürr, schwarzäugig, mit großer Nase – schrie ihn wie einen Bedienten an und trampelte dabei mit den Füßen. Wenn sie eine alte Kundin mit höflichen Verbeugungen und liebenswürdigen Worten hinausbegleitet hatten, führten sie oft schmutzige und schamlose Reden über sie und weckten in mir den Wunsch, auf die Straße zu stürzen, die Frau einzuholen und ihr zu sagen, wie man über sie sprach. Ich wußte natürlich, daß die Menschen hinter dem Rücken schlecht voneinander sprachen, aber diese hier zogen über all und jeden in besonders empörender Weise her – als wären sie etwas Besseres als ihre Mitmenschen und zu Richtern über sie gesetzt. Sie waren auf viele neidisch, hatten für niemand ein Lob und wußten von jedermann etwas Häßliches zu erzählen. Eines Tages kam eine junge Frau mit lebhaft geröteten Wangen und funkelnden Augen in den Laden; sie trug einen Sammetumhang mit schwarzem Pelzkragen, über dem sich ihr Gesicht wie eine wunderbare Blume erhob. Sie warf den Umhang Sascha in die Arme und wurde noch schöner, ihre ebenmäßige Gestalt war von blaugrauer Seide umspannt, an den Ohrläppchen blitzten Brillanten; sie erinnerte mich an die schöne Wassilissa, ich war überzeugt, es müsse die Gouverneursfrau persönlich sein. Sie wurde besonders respektvoll empfangen, man wand sich vor ihr wie vor dem Feuer und überschlug sich in Liebenswürdigkeiten. Alle drei fegten umher wie die leibhaftigen Teufel; ihre Spiegelbilder huschten über die Glasscheiben der Schränke, es schien, als stünde ringsum plötzlich alles in Flammen, schmölze dahin und würde jeden Augenblick ein anderes Aussehen, andere Formen annehmen. Als sie dann aber rasch ein teures Paar Schuhe ausgewählt hatte und gegangen war, schmatzte der Chef mit den Lippen und zischte: »Fffrauenzimmer ...« »Mit einem Wort – Schauspielerin«, bemerkte verächtlich der Kommis. Und sie erzählten sich, was sie von den Liebhabern der Dame, von ihren Festgelagen wußten. Nach dem Mittagessen streckte sich der Prinzipal im Stübchen hinter dem Laden zum Schlafen aus, während ich seine goldene Taschenuhr öffnete und Essig ins Uhrwerk träufelte. Ich hatte meine helle Freude daran, wie er dann nach dem Schlafen mit der Uhr in der Hand in den Laden kam und verwirrt murmelte: »Was für ein seltsamer Fall! Die Uhr hat plötzlich geschwitzt! Das hat es noch nie gegeben – sie hat geschwitzt! Ob das was Schlechtes bedeutet?« Trotz des Gehetzes im Laden und all der Arbeit im Hause schlief ich vor lauter lähmender Langeweile bald ein, und immer häufiger fragte ich mich, was ich wohl anstellen müsse, um aus dem Laden hinausgeworfen zu werden. Verschneite Gestalten flimmern stumm an der Ladentür vorbei – sie scheinen jemand zu Grabe zu tragen, zum Friedhof zu begleiten, sich aber verspätet zu haben und nun hinter dem Trauerzug herzueilen. Mühselig stolpern Pferde über Schneewehen hin. Vom Glockenturm der Kirche hinter dem Laden hört man Tag für Tag verzagtes Läuten – es ist die Zeit der Großen Fasten; die Glockenschläge treffen den Kopf wie Hiebe mit einem Kissen – es tut nicht weh, doch es betäubt, macht dumm und stumpf. Eines Tages trat, während ich vor der Ladentür auf dem Hof eine Kiste mit eben erst eingetroffener Ware auspackte, der Kirchendiener auf mich zu, ein alter Mann, der weich wie eine Lumpenpuppe war und so zerzaust aussah, als hätten die Hunde an ihm herumgezerrt. »Würdest du, Kind Gottes, nicht ein Paar Galoschen für mich klauen?« trug er mir an. Ich schwieg. Er setzte sich auf eine leere Kiste, gähnte, bekreuzigte den Mund und wiederholte: »Klaust du mir welche?« »Man soll nicht stehlen!« klärte ich ihn auf. »Und dennoch wird gestohlen. Man muß das Alter ehren!« Er war den Menschen, die ich kannte, so gar nicht ähnlich, und das war mir angenehm; ich fühlte, daß er von meiner Bereitschaft, etwas für ihn zu stehlen, durchaus überzeugt war, und willigte ein, ihm ein Paar Galoschen durch die Lüftungsklappe hinauszureichen. »Na wunderbar«, entgegnete er gelassen, doch ohne sich irgendwie zu freuen. »Und wirst du mich auch nicht betrügen? Nun, nun, ich sehe schon, so etwas tust du nicht.« Er saß eine Weile schweigend da, zertrat den nassen, schmutzigen Schnee unter der Stiefelsohle, steckte sich schließlich seine Tonpfeife an und erschreckte mich mit der Frage: »Und wenn ich dich nun betrüge? Diese Galoschen also nehme, zu deinem Prinzipal gehe und ihm sage, du hast sie mir für einen Fünfziger verkauft? Sie sind in Wirklichkeit über zwei Rubel wert. Während du sie für einen Fünfziger hergibst! Wohl um dir Naschwerk zu kaufen, nicht wahr?« Ich starrte ihn sprachlos an, als hätte er das, womit er mir drohte, bereits getan, doch er blickte auf seine Stiefel, stieß blaue Rauchwölkchen aus und fuhr leise, ein wenig näselnd fort: »Wenn sich zum Beispiel herausstellt, daß mich dein Prinzipal persönlich vorgeschickt hat: ›Geh hin und fühl dem Burschen auf den Zahn – ob er ein Dieb ist!‹ Was dann?« »Du kriegst keine Galoschen von mir«, sagte ich böse. »Jetzt mußt du sie mir schon geben, nachdem du es versprochen hast!« Er faßte mich an der Hand, zog mich zu sich, tippte mir mit den kalten Fingern an die Stirn und fuhr träge fort: »Wie kannst du denn so mir nichts, dir nichts sagen – da hast du, nimm!« »Du hast mich doch selber darum gebeten!« »Ich kann dich um vieles bitten! Wenn ich dich bitte, die Kirche zu berauben – tust du das auch? Wie kann man einem Menschen trauen! Ach, du Dummkopf ...« Er stieß mich von sich und stand auf. »Ich brauche keine gestohlenen Galoschen, ich bin kein feiner Herr und trage keine. Ich habe nur gescherzt. Weil du aber so treuherzig bist, lasse ich dich zu Ostern auf den Glockenturm, da kannst du die Glocken läuten und dir die Stadt ansehen.« »Ich kenne die Stadt.« »Vom Glockenturm macht sie sich schöner.« Er verschwand, die Stiefelspitzen im Schnee, langsam hinter der Kirche, während ich ihm nachsah und mich verzagt und erschrocken fragte, ob er nun wirklich nur gescherzt oder der Prinzipal ihn vorgeschickt habe, um mich zu prüfen. Ich fürchtete mich, in den Laden zurückzukehren. Sascha kam auf den Hof gesprungen und fuhr mich an: »Was zum Teufel trödelst du hier herum!« Ich geriet plötzlich in Wut und holte mit der Kneifzange gegen ihn aus. Ich wußte, daß er und der Kommis den Prinzipal bestahlen – sie versteckten ein Paar Schuhe im Ofenrohr und schmuggelten sie später, wenn sie den Laden verließen, in den Mantelärmeln hinaus. Das gefiel mir nicht und ängstigte mich – ich hatte die Drohung des Prinzipals nicht vergessen. »Du stiehlst?« fragte ich Sascha. »Ich nicht, der ältere Kommis tut es«, bedeutete er mir barsch, »ich bin ihm nur behilflich. Er sagt: ›Erweise mir den Gefallen!‹ Ich muß ihm gehorchen, sonst brockt er mir eine Gemeinheit ein. Der Prinzipal war vor kurzem noch selber Kommis, er kennt das alles. Und du halte den Mund!« Während er das sagte, besah er sich im Spiegel und rückte mit ebenso unnatürlich gespreizten Fingern wie der ältere Kommis die Krawatte zurecht. Er wurde nicht müde, mich fühlen zu lassen, daß er der Ältere war und Macht über mich besaß, schrie mich mit Baßstimme an und streckte, wenn er mir etwas befahl, den Arm aus, als stieße er mich von sich fort. Ich war größer und stärker als er, doch knochig und ungeschlacht, während er dick, weichlich und ölig wirkte. Er erschien mir im Rock und in den über die Schuhe fallenden Hosen gediegen und vornehm, hatte jedoch auch etwas Unangenehmes und Komisches an sich. Die Köchin, eine seltsame Frau, von der man nicht sagen konnte, ob sie gutmütig oder böse war, haßte er. »Nichts mag ich lieber als Kämpfe«, pflegte sie mit geweiteten, glühenden Augen zu sagen. »Einerlei, was für ein Kampf es ist – ob Hähne kämpfen, ob Hunde sich beißen, ob sich die Männer schlagen. Das ist für mich alles eins!« Wenn auf dem Hof Hähne oder Tauben aneinandergerieten, ließ sie die Arbeit Arbeit sein und verfolgte den Kampf bis zum Ende – sie starrte taub und stumm aus dem Fenster. Abends sagte sie manchmal zu Sascha und mir: »Was sitzt ihr denn unnütz herum, Jungchen, schlagt euch doch ein bißchen!« Sascha ärgerte sich. »Ich bin für dich, dumme Gans, kein Jungchen, sondern der zweite Kommis!« »Nun, davon merke ich nichts. Solange du nicht verheiratet bist, bist du für mich ein Jungchen.« »Dumme Gans, keinen Verstand im Kopf ...« »Klug ist der Teufel, aber den kann der Herrgott nicht leiden.« Ihre Redensarten brachten Sascha besonders auf, er hänselte sie deswegen, während sie ihn verächtlich aus den Augenwinkeln ansah und meinte: »Ach du Küchenschabe, du Versehen Gottes!« Immer wieder versuchte er mich zu überreden, der Köchin im Schlaf das Gesicht mit Wachs oder Ruß zu beschmieren, in ihrem Kopfkissen Stecknadeln zu verbergen oder ihr einen anderen Schabernack zu spielen, aber ich fürchtete mich vor ihr, und außerdem hatte sie einen leisen Schlaf und wurde immerfort wach; sie erwachte, zündete die Lampe an, saß aufrecht in ihrem Bett und starrte irgendwohin in eine Ecke. Manchmal kam sie zu mir hinter den Ofen, weckte mich und bat mit heiserer Stimme: »Ich kann nicht schlafen, Lexejka, mich ängstigt etwas, so sprich doch schon mit mir!« Ich erzählte ihr irgend etwas im Halbschlaf, während sie schweigend dasaß und hin und her schaukelte. Mir schien, ihr heißer Körper rieche nach Wachs und Weihrauch, ich hatte das Gefühl, sie werde bald sterben. Vielleicht würde sie jetzt gleich mit dem Gesicht vornüber sinken und tot sein. Vor Angst sprach ich immer lauter, doch sie gebot mir Einhalt: »Schsch ... Sonst wacht das Gesindel noch auf und glaubt, du bist mein Liebhaber.« Sie saß stets in der gleichen Haltung neben mir – vornübergebeugt, die Hände zwischen den spitzen Knien. Brüste hatte sie keine, die Rippen traten selbst durch das grobe Leinenhemd wie Reifen an einem eingetrockneten Faß hervor. Sie konnte lange schweigend dasitzen und plötzlich flüstern: »Das beste wäre schon, man würde sterben, immerfort dieses Weh ...« Oder sie fragte – Gott weiß wen: »Soweit mußte es kommen – was nun?« »Schlaf jetzt!« unterbrach sie mich plötzlich mitten im Wort, stand auf und zerging grau und lautlos in der dunklen Küche. »Eine Hexe!« nannte Sascha sie hinter dem Rücken. Ich schlug ihm vor: »Sag's ihr doch ins Gesicht!« »Glaubst du vielleicht, ich fürchte mich vor ihr?« Doch gleich darauf verzog er das Gesicht und meinte: »Nein, gradeheraus sage ich es ihr nicht. Womöglich ist sie wirklich eine Hexe.« Sie verhielt sich allen gegenüber geringschätzig und boshaft und übte auch mir gegenüber keine Nachsicht – um sechs Uhr früh zerrte sie mich am Bein und fuhr mich an: »Schluß mit der Pennerei! Holz her! Heiz den Samowar an! Schäle Kartoffeln!« Sascha wurde wach und plärrte: »Was brüllst du? Ich sag's dem Prinzipal, ist doch kein Schlafen ...« Sie hastete, dürr, wie sie war, durch die Küche und blitzte mit ihren von Schlaflosigkeit entzündeten Augen zu ihm hin. »Hu, du Versehen Gottes! Wärst du mein Stiefsohn, ich würde dir die Federchen schon rupfen.« »Verdammtes Frauenzimmer!« schalt Sascha und redete auf dem Wege zum Laden auf mich ein: »Man muß es so einrichten, daß sie hinausgeworfen wird. Sagen wir, heimlich überall Salz dazuschütten – wenn alles versalzen ist, jagt man sie fort. Oder Petroleum hineintun! Worauf wartest du noch?« »Und du?« Er schnob mir ärgerlich ins Gesicht: »Feigling!« Die Köchin starb vor unseren Augen; sie neigte sich vor, um den Samowar vom Boden zu heben, sackte plötzlich zusammen, als hätte sie einen Stoß vor die Brust bekommen, kippte stumm auf die Seite und streckte die Arme aus; aus ihrem Mund rann Blut. Wir begriffen beide sofort, daß sie gestorben war, blickten sie aber lange starr vor Angst an und konnten kein Wort hervorbringen. Schließlich stürzte Sascha Hals über Kopf aus der Küche, während ich nicht wußte, was ich machen sollte, und mich am Fenster, im Licht herumdrückte. Der Prinzipal kam, hockte sich besorgt nieder, befühlte das Gesicht der Köchin mit dem Finger und sagte: »Tatsächlich, gestorben ... Wieso denn das?« Er bekreuzigte sich mehrmals, das Gesicht zur Ecke, zu einem kleinen Heiligenbild Nikolas des Wundertäters gewandt, und rief, nachdem er sein Gebet beendet hatte, in den Flur hinaus: »Kaschirin, lauf, melde es der Polizei!« Ein Polizist erschien, trat von einem Bein auf das andere, bekam ein Trinkgeld und ging; später kam er mit einem Lastfuhrmann wieder; sie faßten die Köchin an Kopf und Beinen und trugen sie auf die Straße hinaus. Die Prinzipalin sah aus dem Flur herein und befahl mir: »Wisch den Fußboden auf!« Und der Prinzipal meinte: »Gut, daß sie abends gestorben ist.« Warum das gut war, verstand ich nicht. Als wir uns schlafen legten, sagte Sascha ungewohnt sanft zu mir: »Laß die Lampe brennen!« »Fürchtest du dich?« Er zog die Decke über den Kopf und lag lange schweigend da. Die Nacht war still, sie schien auf etwas zu lauschen, auf irgend etwas zu warten; mir war, als müßten im nächsten Augenblick die Glocken läuten und alle Menschen in der Stadt durcheinanderlaufen, aus Verwirrung und Angst zu schreien beginnen. Sascha blinzelte unter der Decke hervor und fragte: »Wollen wir uns nicht nebeneinander auf den Ofen legen?« »Auf dem Ofen ist es zu heiß.« Nach einer Pause sagte er: »Wieso ist sie so plötzlich – verstehst du? Da hast du deine Hexe! Ich kann nicht einschlafen ...« »Ich auch nicht.« Und er erzählte von den Toten – wie sie aus ihren Gräbern steigen, bis Mitternacht in der Stadt umherirren und nach der Stelle suchen, wo sie gewohnt, wo sie Verwandte zurückgelassen haben. »Die Toten erinnern sich nur an die Stadt«, meinte er leise, »in Straßen und Häusern finden sie sich nicht zurecht.« Es wurde immer stiller und wohl auch dunkler. Sascha hob den Kopf und fragte: »Wir sehen meine Kiste durch ? willst du?« Ich hätte längst gern gewußt, was er in seiner Kiste verwahrte. Er versperrte sie stets mit einem Hängeschloß und öffnete sie nur mit besonderer Vorsicht; immer, wenn ich hineinzuschauen versuchte, fragte er mich barsch: »Nun, was willst du?« Ich willigte also ein; er setzte sich auf seinem Bett zurecht, und ohne die Beine hinunterzulassen, forderte er mich nun schon im Befehlston auf, die Kiste zu seinen Füßen aufs Bett zu stellen. Der Schlüssel hing zusammen mit dem Brustkreuz an einer Schnur um seinen Hals. Er blickte sich in den dunklen Küchenecken um, nahm eine feierliche Miene an, schloß auf, blies über den Kistendeckel hin, als wäre er glühend heiß, klappte ihn schließlich auf und nahm ein paar Wäschegarnituren heraus. Die Kiste war zur Hälfte mit Arzneischachteln, buntem Papier von Teepackungen, Blechbüchsen von Schuhcreme und von Ölsardinen angefüllt. »Was soll das?« »Das wirst du gleich sehen.« Er klemmte die Kiste zwischen die Beine, beugte sich über sie und summte leise: »Herr des Himmels ...« Ich hatte erwartet, ich würde Spielzeug zu sehen bekommen ? ich selbst hatte nie Spielzeug besessen und stets so getan, als verachtete ich es, immerhin hatte ich alle beneidet, die welches besaßen. Es gefiel mir sehr gut, daß der gesetzte Sascha Spielzeug besaß, auch wenn er es schamhaft verbarg; seine Scham war mir verständlich. Er öffnete die erste Schachtel, entnahm ihr eine Brillenfassung, setzte sie auf die Nase, sah mich streng an und sagte: »Es hat nichts zu bedeuten, daß keine Gläser drin sind ? das ist eine besondere Brille!« »Laß mich mal durchsehen!« »Sie ist für deine Augen nicht geeignet. Sie taugt nur für dunkle Augen, und du hast sonderbar helle«, erläuterte er und hüstelte voller Besitzerstolz, blickte sich aber sogleich erschrocken in der Küche um. In einer Schuhcremebüchse lagen vielerlei Knöpfe; er erklärte mir stolz: »Die habe ich auf der Straße zusammengelesen! Ich selbst. Es sind bereits siebenunddreißig.« In einem dritten Behälter fanden sich große Kupfernadeln, die er ebenfalls auf der Straße zusammengelesen hatte, daneben Eisenbeschläge für Schuhe, abgenutzte oder zerbrochene und auch heile, Schuhschnallen, eine Türklinke aus Messing, ein zerbrochener Stockknauf, ein Einsteckkamm, wie ihn die Mädchen tragen, ein »Traum- und Orakelbuch« und zahlreiche andere Dinge von ähnlichem Wert. Ich hätte seinerzeit als Lumpensammler in einem Monat mit Leichtigkeit zehnmal soviel an solchem Plunder zusammenbringen können. Saschas Sammlung enttäuschte mich, machte mich verlegen und weckte in mir quälendes Mitleid mit ihm. Er dagegen sah sich jeden Gegenstand aufmerksam an und streichelte ihn liebevoll mit den Fingern; seine dicken Lippen waren dabei vielsagend geschürzt, und die hervorquellenden Augen blickten gerührt und voller Besorgnis drein; die Brille ließ sein kindliches Gesicht allerdings komisch erscheinen. »Was willst du damit?« Er sah mich flüchtig durch die Brillenfassung an und fragte mit brüchigem Diskant: »Möchtest du etwas haben? Ich schenke es dir.« »Nein, ich brauche nichts.« Durch meine Ablehnung und die mangelnde Beachtung seines Reichtums offensichtlich gekränkt, schwieg er ein Weilchen und schlug schließlich leise vor: »Nimm ein Handtuch, wir wischen alles ab, es ist so verstaubt.« Nachdem die Sachen abgewischt und wieder eingepackt waren, ließ er sich aufs Bett fallen und drehte sich mit dem Gesicht zur Wand. Es fing zu regnen an, der Regen tropfte vom Dach, an den Fenstern rüttelte der Wind. Ohne sich zu mir umzuwenden, sagte Sascha: »Warte ab, bis es im Garten trockener wird, dann zeige ich dir eine Sache – da wirst du staunen!« Ich schwieg und legte mich zum Schlafen hin. Einige Sekunden vergingen, dann schnellte er plötzlich hoch, kratzte mit den Nägeln an der Wand und stammelte mit erschütternder Eindringlichkeit: »Ich fürchte mich ... Herrgott, ich fürchte mich! Herrgott, erbarme dich meiner! Was ist denn nur?« Auch ich war vor Schreck wie gelähmt; mir schien, am Fenster zum Hof stehe mit dem Rücken zu mir die Köchin, den Kopf geneigt, die Stirn an die Scheibe gedrückt, wie sie als Lebende gestanden hatte, wenn sie einem Hahnenkampf zusah. Sascha schluchzte, zerkratzte die Wand und zuckte mit den Beinen. Ich bezwang mich, ging, ohne mich umzublicken, durch die Küche wie über heiße Kohlen und legte mich neben ihm nieder. Wir heulten bis zur Erschöpfung und schliefen schließlich ein. Wenige Tage danach war irgendein Feiertag, der Laden blieb vom Mittag an geschlossen, man aß zu Hause, und als sich der Prinzipal und seine Frau schlafen legten, sagte Sascha mit geheimnisvoller Stimme zu mir: »Komm!« Ich erriet, daß ich jetzt gleich die Sache zu sehen bekommen würde, über die ich staunen sollte. Wir traten in den Garten hinaus. Auf einem schmalen Streifen Land zwischen zwei Häusern standen wohl anderthalb Dutzend alte Linden, die mächtigen Stämme wie mit grüner Watte von Flechten bedeckt, die leblos starrenden Äste kahl und schwarz. Und kein einziges Krähennest auf ihnen. Bäume – wie Grabmäler auf einem Friedhof. Außer diesen Linden gab es im Garten nichts, weder Sträucher noch Gras; die Erde auf den Wegen war festgetreten und schwarz wie Gußeisen; dort, wo das verschrumpelte Vorjahreslaub sie freigab, überzog sie ein leichter Schimmel – wie Entenflott ein stehendes Wasser. Sascha bog um die Ecke, trat auf den Zaun an der Straßenseite zu, blieb vor einer Linde stehen und blickte mit aufgerissenen Augen über die trüben Fenster des Nachbarhauses hin. Dann hockte er sich nieder und schaufelte mit den Händen ein Häufchen Laub auseinander – eine dicke Wurzel und zwei Ziegelsteine, die tief in die Erde eingedrückt waren, kamen zum Vorschein. Er nahm sie fort; unter ihnen lag ein Stück Dachblech, unter dem Blech ein quadratisches Brettchen, und schließlich sah ich ein großes Loch, das unter der Wurzel hinlief. Sascha steckte ein Streichholz an, dann mit dem Streichholz einen Kerzenstummel, schob ihn ins Loch und sagte zu mir: »Schau her! Aber hab keine Angst.« Er selbst hatte offenbar welche; der Kerzenstummel in seiner Hand zitterte, er war blaß und ließ häßlich die Lippen hängen, seine Augen wurden feucht, er verbarg die freie Hand zögernd hinter dem Rücken. Seine Furcht übertrug sich auf mich, und ich spähte äußerst zaghaft in die Vertiefung unter der Wurzel; die Wurzel diente als Deckengewölbe. Sascha zündete in ihrem Innern drei Flämmchen an, und bläuliches Licht erfüllte die Höhle. Sie war ziemlich geräumig, so tief wie ein Eimer, aber breiter und an den Seitenwänden mit bunten Glasscherben und Bruch von Teegeschirr ausgelegt. In der Mitte stand auf einer Erhöhung, über die ein Stück roten Kattuns gebreitet war, ein kleiner Sarg; er war mit Stanniolpapier beklebt und zur Hälfte mit einem Fetzen bedeckt, der an Brokat erinnerte. Unter diesem Brokat sahen graue Vogelpfötchen und ein Spatzenköpfchen mit spitzem Schnabel hervor. Hinter dem Sarg erhob sich ein Chorpult, auf dem ein kleines kupfernes Brustkreuz lag, und um das Pult herum brannten drei Wachsstummel; sie steckten in Leuchtern, die mit Gold- und Silberpapier von Pralinen umwickelt waren. Die Spitzen der Flämmchen neigten sich auf die Höhlenöffnung zu; farbige Funken und Tupfen schimmerten matt im Innern. Ein Geruch von Wachs, warmer Fäulnis und Erde schlug mir entgegen, vor meinen Augen flimmerte und tanzte ein versprühender Regenbogen. Alles das rief eine bedrückte Verwunderung bei mir hervor und ließ meine Furcht vergehen. »Schön?« fragte Sascha. »Was soll das?« »Eine Kapelle«, erklärte er. »Ist es nicht ähnlich?« »Ich weiß nicht.« »Der Spatz ist der Verstorbene. Vielleicht wird eine Reliquie aus ihm, er ist ein unschuldig zu Schaden gekommener Märtyrer.« »Hast du ihn tot gefunden?« »Nein, er hatte sich in den Schuppen verflogen, ich habe ihn mit der Mütze geschnappt und erstickt.« »Warum?« »Nur so ...« Er sah mir in die Augen und fragte aufs neue: »Ist es nicht schön?« »Nein!« Da beugte er sich über die Höhle, deckte rasch erst das Brett, dann das Dachblech über sie, drückte die Ziegelsteine in die Erde, erhob sich, staubte die Knie ab und fragte barsch: »Warum gefällt es dir nicht?« »Der Spatz tut mir leid.« Er sah mich mit starren Augen wie ein Blinder an, stieß mich vor die Brust und rief: »Dummkopf! Du sagst nur aus Neid, es gefällt dir nicht! Findest du, daß es bei dir in der Kanatnaja-Straße schöner war?« Ich erinnerte mich meiner Laube und gab überzeugt zur Antwort: »Natürlich war es schöner.« Sascha streifte den Rock ab, warf ihn auf die Erde, krempelte die Ärmel hoch, spuckte in die Hände und forderte mich heraus: »Wenn es sich so verhält – komm, schlagen wir uns!« Ich hatte keine Lust dazu, entnervende Langeweile befiel mich, es war mir peinlich, in das erboste Gesicht meines Vetters zu sehen. Er sprang auf mich zu, stieß mir den Kopf vor die Brust, brachte mich zu Fall, setzte sich rittlings auf mich und schrie: »Tod oder Leben?« Ich war jedoch stärker als er und sehr böse auf ihn; einen Augenblick später lag er mit dem Gesicht nach unten am Boden, hielt die Hände hinter dem Kopf verschränkt und keuchte. Ich erschrak und wollte ihm aufhelfen, aber er schlug mit Armen und Beinen um sich und erschreckte mich immer mehr. Ich trat beiseite und wußte nicht, was ich tun sollte; doch er hob den Kopf und sagte: »Nun, was hast du erreicht? Ich bleibe so liegen, bis der Prinzipal es sieht, dann beklage ich mich über dich, und sie jagen dich davon!« Er schimpfte und drohte; seine Worte brachten mich in Wut, ich stürzte zur Höhle, nahm die Steine fort, warf den Sarg mit dem Spatzen über den Straßenzaun, wühlte das Innere der Höhle um und zerstampfte sie mit den Füßen. »So! Hast du's gesehen?« Sascha nahm meine Untat sonderbar auf. Er saß auf der Erde, den Mund ein wenig geöffnet, die Augenbrauen zusammengezogen, und beobachtete mich, ohne ein Wort zu sagen; als ich fertig war, stand er gelassen auf, schüttelte den Staub ab, hängte den Rock um und sagte ruhig und unheildrohend: »Du wirst schon sehen, was du davon hast, warte nur ab! Das hatte ich doch absichtlich alles so eingerichtet, das ist Hexerei! Was sagst du nun?« Ich sank förmlich in die Knie, seine Worte warfen mich um, ein kalter Schauer überlief mich. Er aber ging, ohne sich nach mir umzusehen, und seine Ruhe erschütterte mich noch mehr. Ich beschloß gleich am folgenden Tag zu fliehen – aus der Stadt, vor dem Prinzipal, vor Sascha mit seiner Hexerei, vor diesem ganzen öden, albernen Leben. Als mich am nächsten Morgen die neue Köchin weckte, rief sie: »Ach du meine Güte! Wie siehst du denn aus?« Es geht los mit der Hexerei, dachte ich bedrückt. Doch die Köchin lachte so übermütig, daß auch ich lächeln mußte und mich in ihrem Spiegel besah: Mein Gesicht war dick mit Ruß beschmiert. »War das Sascha?« »Vielleicht ich?« rief immer noch lachend die Köchin. Ich machte mich ans Schuheputzen; ich stecke die Hand in einen Schuh, und eine Stecknadel bohrt sich in meinen Finger. Da hatte ich die Hexerei! In allen Schuhen und Stiefeln fanden sich Näh- und Stecknadeln, die so geschickt angebracht waren, daß sie mir immer wieder die Hand zerstachen. Da nahm ich schließlich eine Kelle mit kaltem Wasser und goß sie dem noch schlafenden oder sich schlafend stellenden Hexenmeister mit viel Vergnügen über den Kopf. Trotzdem war mir keineswegs wohl zumute. Ich sah in einem fort den Sarg mit dem Spatzen, seine verkrampften grauen Pfötchen, den kläglich in die Luft starrenden wächsernen Schnabel vor mir, während ringsum unablässig farbige Funken sprühten, als wollte ein Regenbogen aufleuchten und könnte es nicht. Der Sarg schien immer größer zu werden, die Klauen des Vogels wuchsen, streckten sich, zitterten und erwachten zum Leben. Ich war entschlossen, noch am gleichen Abend zu fliehen. Als ich jedoch vor dem Mittagessen eine Schüssel Kohlsuppe auf dem Petroleumkocher wärmte, ließ ich, in Gedanken versunken, die Suppe aufkochen; ich wollte das Feuer rasch ausmachen, riß dabei die Schüssel um, und die Kohlsuppe ergoß sich über meine Hände; man brachte mich ins Krankenhaus. Das Krankenhaus lebt als bedrückender Alptraum in meinem Gedächtnis fort; in einer wogenden gelben Leere kribbelten blindlings Gestalten in grauen und weißen Leichengewändern umher; sie murrten und stöhnten; ein großgewachsener Mann mit Brauen, die dick wie ein Schnurrbart waren, ging auf Krücken umher, schüttelte den langen schwarzen Bart und murrte mit pfeifender Stimme: »Ich beschwere mich bei Seiner Hochwürden!« Die Betten erinnerten an Särge, die Kranken, deren Nasen in die Luft starrten, an tote Spatzen. Die gelben Wände schwankten hin und her, die Decke blähte sich wie ein Segel, der Fußboden wankte und schob die Betten bald näher zusammen, bald auseinander, alles war unzuverlässig, unheimlich, draußen vor den Fenstern reckten die Bäume die Äste wie Ruten, die irgend jemand drohend zu schütteln schien. In der Tür verrenkte sich eine spindeldürre, rothaarige Leiche, zupfte mit kurzen Armen an ihrem Totengewand und kreischte: »Ich will keine Verrückten!« Und der Mann mit den Krücken schrie ihr ins Gesicht: »Bei Seiner Hochwürden, jawohl.« Großvater, Großmutter und – überhaupt alle Menschen hatten stets behauptet, daß man die Leute in den Krankenhäusern umbringe. Ich hielt mein Leben für abgeschlossen. Eine Frau mit Brille, auch sie in einem Totengewand, trat auf mich zu und schrieb etwas auf die schwarze Tafel an meinem Kopfende – die Kreide brach ab, die Bröckel rieselten mir auf den Kopf. »Wie heißt du?« fragte sie mich. »Überhaupt nicht.« »Aber du hast doch einen Namen?« »Nein.« »Red keinen Unsinn, sonst gibt es Dresche!« Ich war schon vorher überzeugt, man werde mich züchtigen, und gab ihr darum keine Antwort. Sie fauchte wie eine Katze und ging lautlos davon, auch das wie eine Katze. Man zündete zwei Lampen an, die beiden gelben Lichter hingen an der Decke wie Augen, die jemand verloren hat, zwinkerten, blendeten unangenehm, schienen bestrebt, einander näher zu kommen. In der Ecke sagte jemand: »Wollen wir Karten spielen?« »Wie soll ich denn das ohne Hand?« »Ach so, sie haben sie dir abgenommen!« Ich war mir sogleich darüber im klaren – die Hand hatte man ihm abgenommen, weil er Karten gespielt hatte. Was würde man mit mir machen, bevor man mich umbrachte? Meine Hände brannten und schmerzten, als zöge jemand die Knochen heraus. Ich brach vor Angst und Qual in leises Weinen aus und schloß, damit man meine Tränen nicht sah, die Augen, aber die Tränen drangen unter den Lidern hervor, rannen mir über die Schläfen in die Ohren. Die Nacht brach an, die Menschen sanken auf ihre Betten und verbargen sich unter den grauen Decken, es wurde mit jedem Augenblick stiller, nur in der Ecke murmelte jemand: »Wird nichts dabei herauskommen, sie taugen beide nichts, er wie sie.« Ich hätte der Großmutter schreiben wollen, damit sie herkomme und mich entführe, solange ich noch am Leben war, aber schreiben konnte ich nicht – die Hände versagten mir den Dienst, und es war auch nichts da, worauf man schreiben konnte. Ob ich versuchte zu entwischen? Die Nacht wurde immer lautloser, es war, als niste sie sich für immer ein. Ich ließ die Beine vorsichtig auf den Boden hinunter und ging zur Tür – der eine Flügel stand offen, auf dem Gang hing eine Lampe, über einer Holzbank mit Lehne ragte ein rauchverhüllter Kopf mit grauem, bürstenartig geschnittenem Haar empor und blickte mich aus dunklen Augenhöhlen an. Ich konnte mich nicht mehr verbergen. »Wer schleicht denn da herum? Komm doch einmal her!« Die Stimme klang leise und gar nicht schrecklich. Ich trat auf sie zu und sah in ein rundes Gesicht, überall voller Haarstoppeln; auf dem Kopf waren sie länger und starrten nach allen Seiten auseinander – sie umgaben ihn mit kurzen silbernen Strahlen; am Gürtel des Mannes hing ein Schlüsselbund. Hätte er einen Bart und längere Haare gehabt, er hätte an den Apostel Petrus erinnert. »Der mit den abgekochten Händen? Wieso treibst du dich nachts herum? Mit welchem Recht?« Er blies mir dicken Rauch gegen die Brust und ins Gesicht, nahm mich mit warmer Hand um den Hals und zog mich an sich: »Fürchtest du dich?« »Ja!« »Zuerst fürchten sich hier alle. Dabei ist das alles Unsinn. Besonders bei mir, ich lasse niemand ein Haar krümmen. Möchtest du rauchen? Nun, nun, dann eben nicht. Es ist auch zu früh für dich, warte noch ein paar Jährchen. Und wo sind deine Eltern? Du hast weder Vater noch Mutter? Und wennschon – wir kommen auch ohne sie durch, du darfst nur nicht feige sein! Verstanden?« Ich hatte schon lange keine Menschen mehr gesehen, die einfach und freundschaftlich, mit verständlichen Worten zu mir gesprochen hätten – es tat mir unsäglich wohl, ihm zuzuhören. Er brachte mich an mein Bett, und ich bat: »Bleib doch ein bißchen bei mir sitzen!« »Meinetwegen«, willigte er ein. »Wer bist du eigentlich?« »Ich? Ein Soldat, ein richtiger Soldat! Ich habe im Kaukasus gedient. Ich bin auch im Krieg gewesen, wie sollte es anders sein? Dazu ist ein Soldat ja da. Ich habe gegen die Ungarn gekämpft, auch gegen den Tscherkessen und gegen den Polen – soviel du willst! Der Krieg, mein Freund, ist eine groooße Gemeinheit!« Ich schloß für einen Augenblick die Augen, und als ich sie wieder öffnete, saß an der Stelle, wo der Soldat gesessen hatte, in einem dunklen Kleid die Großmutter, während er neben ihr stand und fragte: »Sind wohl alle gestorben, oder wie?« Der Krankensaal flirrte vor Sonne. Sie übergoß alles mit Gold und verbarg sich – gleich darauf blitzte sie jedermann wieder hell an – wie ein übermütiges Kind. Großmutter neigte sich über mich und fragte: »Was ist denn, mein Herzchen? Haben sie dich zum Krüppel gemacht? Habe ich ihm, dem rothaarigen Teufel, nicht gesagt ...« »Ich werde gleich alles nach Vorschrift erledigen«, versprach der Soldat und entfernte sich, während Großmutter die Tränen aus dem Gesicht wischte und sagte: »Der Soldat ist unser Landsmann, er kommt, wie sich herausstellt, aus Balachna.« Ich glaubte immer noch zu träumen und schwieg. Der Doktor kam und verband meine Brandwunden, und schließlich fahre ich mit der Großmutter in einer Mietdroschke durch die Stadt. Sie erzählt: »Unser Großvater verliert immer mehr den Verstand, er ist so geizig geworden, daß einem übel wird. Da hat ihm auch noch vor kurzem sein neuer Freund, der Kürschner Chlyst, einen Hundertrubelschein aus dem Psalter herausstibitzt. Was es da alles gesetzt hat – oje!« Die Sonne strahlt, am Himmel treiben wie weiße Vögel Wolken dahin, wir gehen auf einem Brettersteig über das Eis der Wolga; das Eis dröhnt und quillt auf, unter den Brettern des Stegs schmatzt Wasser, über der fleischroten Kathedrale des Messegeländes funkeln die goldenen Kreuze. Eine breitgesichtige Frau mit einem Armvoll atlasglänzender Weidenruten begegnet uns – der Frühling naht, Ostern steht vor der Tür! Das Herz beginnt zu jubeln wie eine Lerche. »Ich hab dich schrecklich lieb, Großmutter!« Sie ist nicht weiter verwundert und sagt mit ruhiger Stimme: »Weil du mein Fleisch und Blut bist und weil mich, ich will nicht prahlen, auch fremde Menschen lieben, der Muttergottes sei Dank!« Lächelnd setzt sie hinzu: »Wie sie sich bald freuen wird, wenn ihr Sohn aufersteht! Während Warjuscha, meine Tochter ...« Und sie verstummt. 2 Der Großvater empfing mich auf dem Hof; er bearbeitete, auf den Knien liegend, mit der Axt einen Keil. Er hob die Axt, als wollte er sie mir an den Kopf werfen, zog die Mütze und sagte spöttisch: »Guten Tag, Ehrwürden, guten Tag, Euer Wohlgeboren! Haben Sie ausgelernt? Nun ja, jetzt müßt ihr schon selber zusehen, wie ihr durchkommt. Ach iiihr.« »Wissen wir alles, wissen wir«, sagte hastig die Großmutter, winkte ab und erzählte, als wir im Zimmer allein waren und sie den Samowar anheizte: »Der Großvater ist endgültig ruiniert; alles Geld, das er besaß, hat er bei seinem Patenkind Nikolai gegen Zinsen angelegt, sich aber offenbar keinen Schuldschein von ihm geben lassen; nun, ich weiß nicht recht, wie alles kam, jedenfalls ist er ruiniert, und sein Geld ist weg. Und das, weil wir den Armen nicht geholfen, weil wir kein Mitleid mit den Unglücklichen gezeigt haben; da hat sich dann wohl der Herrgott gedacht – wozu habe ich die Kaschirins mit allerlei Hab und Gut bedacht? Gesagt, getan, mit einem Wort, er nahm uns alles fort.« Sie blickte sich um und setzte hinzu: »Ich gebe mir ja schon alle Mühe, den Herrgott ein bißchen weicher zu stimmen, damit er den alten Mann nicht allzusehr straft; ich habe angefangen, von meinem Erarbeiteten nachts heimlich Almosen zu verteilen. Wenn du willst, komm heute mit – Geld habe ich.« Der Großvater trat ein, kniff die Augen zusammen und fragte: »Ihr wollt euch wohl gerade den Bauch vollschlagen?« »Jedenfalls nicht auf deine Kosten«, entgegnete die Großmutter. »Aber wenn du willst, setz dich zu uns, es reicht auch für dich.« Er setzte sich an den Tisch und sagte mit leiser Stimme: »Also gut, gib mir schon eine Kelle voll« Alles im Zimmer erschien wie früher, nur Mutters Ecke war traurig leer, und an der Wand über Großvaters Bett hing ein Bogen Papier, auf dem in großer Druckschrift zu lesen war: »Jesus, mein Erlöser! Dein heiliger Name begleite mich durch alle Tage und Stunden meines Lebens.« »Wer hat das geschrieben?« Der Großvater gab keine Antwort, Großmutter wartete ein wenig, dann sagte sie mit einem Lächeln: »Dieses Papier hat hundert Rubel gekostet.« »Das geht dich nichts an!« schrie der Großvater. »Ich verteile alles, was ich habe, unter fremde Leute!« »Zum Verteilen ist nichts mehr da; solange etwas da war, hast du für niemand etwas übrig gehabt«, entgegnete die Großmutter gelassen. »Mund halten!« kreischte der Großvater. Hier ist alles in Ordnung, alles so, wie es war. In der Ecke, auf der Truhe, war Kolja in seinem Waschkorb wach geworden und blinzelte zu uns herüber; man konnte die blauen Augenspalten eben noch zwischen den Lidern sehen. Er schien noch grauer, matter und welker als früher; er erkannte mich nicht, drehte sich schweigend um und schloß die Augen. Auf der Straße erwarteten mich traurige Neuigkeiten: Wjachir war gestorben, die Windpocken hatten ihn in der Karwoche dahingerafft; Chabi war in die Stadt gegangen und Jas an den Beinen gelähmt – auf der Straße war er nicht mehr zu sehen. Der schwarzäugige Kostroma, der mir alles das mitteilte, sagte ärgerlich: »Sterben alle zu schnell weg, die Jungen!« »Gestorben ist doch aber nur Wjachir?« »Einerlei – wer von der Straße fort ist, ist sozusagen gestorben. Kaum hat man sich angefreundet und aneinander gewöhnt, muß der Gefährte arbeiten, oder er stirbt. Bei euch auf dem Hof, bei den Tschesnokows, sind neue Leute eingezogen, sie heißen Jewsejenko; da ist ein Bursche, Njuschka, gar nicht einmal so übel, der reinste Tausendsassa! Er hat zwei Schwestern: Die eine ist noch klein, und die andere lahmt; sie geht zwar an der Krücke, ist aber hübsch.« Er wurde nachdenklich und fügte hinzu: »Weißt du, Tschurka und ich sind in sie verliebt, wir zanken uns in einem fort.« »Mit ihr?« »Weshalb denn mit ihr? Untereinander! Mit ihr nur selten!« Ich wußte natürlich, daß sich die größeren Burschen und selbst erwachsene Männer gelegentlich verliebten, und wußte auch über die gröbere Seite Bescheid. Ich fühlte mich unangenehm berührt, Kostroma tat mir leid, es war mir peinlich, seinen eckigen Körper zu sehen und ihm in die zornigen Augen zu blicken. Das lahme Mädchen bekam ich noch am selben Abend zu sehen. Sie wollte über die Treppenstufen hinunter zum Hof, verlor jedoch die Krücke, stand hilflos still und klammerte sich, schlank und zerbrechlich, mit durchsichtigen Händen an das dünne Geländer. Ich wollte die Krücke aufheben, doch meine verbundenen Hände schafften es nicht sogleich, ich hatte lange damit zu tun und ärgerte mich über mich selbst, während sie, etwas über mir stehend, leise lachte: »Was ist denn mit deinen Händen?« »Ich habe sie mir verbrüht.« »Und ich lahme! Bist du von diesem Hof? Hast du lange im Krankenhaus gelegen? Ich eine ganze Weile!« Sie seufzte und fügte hinzu: »Sehr lange!« Sie trug ein weißes Kleid mit hellblauem Besatz, nicht mehr ganz neu, aber adrett, das glattgekämmte Haar war zu einem dicken, kurzen Zopf gewunden und fiel auf die Brust herab. Ihre Augen waren groß und ernst, in ihrer stillen Tiefe glomm, das schmale, spitznäsige Gesicht erhellend, ein bläuliches Feuer. Sie hatte ein anziehendes Lächeln, gefiel mir aber trotzdem nicht. Die ganze schmale, zerbrechliche Gestalt schien sagen zu wollen: Bitte rühr mich nicht an! Wie konnten sich meine Gefährten in sie verlieben? »Ich bin schon lange krank«, erzählte sie willig und gleichsam ein wenig prahlend. »Mich hat die Nachbarin behext; sie hat sich mit meiner Mama gestritten und mich, um sich an ihr zu rächen, behext ... Hast du dich denn im Krankenhaus nicht gefürchtet?« »O doch ...« Ich wurde mit ihr nicht warm und kehrte ins Haus zurück. Gegen Mitternacht rüttelte mich die Großmutter behutsam wach. »Komm schon, du, oder was ist? Tu etwas für die anderen, dann werden deine Hände schneller heil.« Sie nahm mich bei der Hand und führte mich wie einen Blinden durch die Dunkelheit. Die Nacht war schwarz und feucht, ununterbrochen blies der Wind, als strömte ein rascher Fluß dahin, der kalte Sand faßte nach unseren Füßen. Die Großmutter trat vorsichtig auf die dunklen Fenster eines kleinbürgerlichen Häuschens zu, legte, nachdem sie sich dreimal bekreuzigt hatte, ein Fünfkopekenstück und drei Brezeln aufs Fensterbrett, bekreuzigte sich aufs neue, richtete den Blick zum Sternenlosen Himmel und murmelte: »Heilige Herrscherin des Himmels, hilf uns Menschen, die wir doch alle nur Sünder vor dir sind. Mutter und Fürbitterin!« Je weiter wir uns von unserem Hause entfernten, desto finsterer und toter wurde es ringsum. Der abgründig tiefe Nachthimmel schien Mond und Sterne für alle Zeiten verschluckt zu haben. Irgendwoher schoß ein Hund auf uns zu, blieb vor uns stehen und knurrte, nur seine Augen blitzten in der Dunkelheit; ich drückte mich ängstlich an die Großmutter. »Halb so schlimm«, sagte sie, »ist nur ein Hund; für den Teufel ist es zu spät, seine Zeit ist vorbei, die Hähne haben schon gekräht!« Sie lockte den Hund, streichelte ihn und redete ihm gut zu: »Paß auf, Hündchen, ängstige nicht mein Enkelkind!« Der Hund rieb sich versöhnlich an meinen Beinen, und weiter ging es dann zu dritt. Zwölfmal trat die Großmutter auf ein Fenster zu, um auf dem Fensterbrett ein »heimliches Almosen« niederzulegen; es wurde allmählich Tag, graue Häuser lösten sich aus dem Dunkel, und weiß wie Zucker wuchs über ihnen der Glockenturm der Napolnaja-Kirche empor; die Ziegelumfriedung um den Kirchhof schien durchsichtig wie eine schlechte Bastmatte. »Ist müde, die Alte«, sagte die Großmutter, »wird Zeit für uns, nach Hause zu gehen! Wenn die Frauen morgen erwachen, hat die Muttergottes für ihre Kinder etwas bereitgelegt! Fehlt es an allem, ist auch noch das Geringste etwas wert. Ach ja doch, Oljoscha, das Volk lebt arm genug, und niemand kümmert sich darum! An den Herrgott denkt der Reiche nicht, Ihm ahnt nicht viel vom Jüngsten Gericht, Ist der Arme für ihn doch nicht Bruder noch Freund, Er will nur viel Gold sehen vereint. Dabei wird dies Gold ihn dereinst in der Hölle wie glühende Kohle brennen! So ist das alles! Einer muß für den anderen leben und Gott für alle! Ich freue mich so, daß du wieder bei mir bist.« Auch ich verspüre ruhige Freude und fühle, ich habe etwas erlebt, das ich nie wieder vergessen werde. Neben mir zittert der rotbraune Hund; er hat eine Fuchsschnauze und gutmütige, schuldbewußte Augen. »Bleibt er jetzt bei uns?« »Warum denn nicht? Soll er doch, wenn er will! Warte, ich gebe ihm eine Brezel, ich glaube, ich habe da noch zwei übrig. Komm, setzen wir uns auf die Bank, ich bin ein bißchen müde.« Wir setzten uns auf die Bank vor unserem Haustor, der Hund lag still zu unseren Füßen und kaute an seiner trockenen Brezel, während die Großmutter erzählte: »Da lebt hier eine Jüdin, die hat neun Kinder zu versorgen, eins immer kleiner als das andere. Ich sag zu ihr: ›Wie du das alles schaffst, Mossewna!‹ Und sie darauf zu mir: ›Ich schaff's mit meinem Gott – mit wem sonst könnte ich es schaffen?‹« Ich lehnte mich an Großmutters warme Schulter und schlief ein.   Wieder eilte das Leben rasch und bunt dahin, der breite Strom der Eindrücke brachte Tag für Tag etwas Neues mit, das mich begeisterte, beunruhigte, verletzte oder nachdenken ließ. Bald war auch ich nach Kräften darauf aus, sooft wie möglich mit dem hinkenden Mädchen zusammen zu sein, mit ihr zu plaudern oder schweigend neben ihr auf der Bank vor unserem Tor zu sitzen – mit ihr war selbst das Schweigen angenehm. Sie war adrett wie ein Goldhähnchen und wußte wunderschön vom Leben der Donkosaken zu erzählen – sie hatte sich dort bei einem Onkel aufgehalten, der Maschinist in einer Ölmühle war; ihr Vater, ein Schlosser, siedelte schließlich nach Nishnij über. »Ich habe noch einen zweiten Onkel, der ist beim Zaren persönlich in Dienst.« An Feiertagen strömte die Bevölkerung der ganzen Straße gegen Abend »vors Tor«, die Burschen und jungen Mädchen zogen zum Friedhof, um Reigenspiele aufzuführen, die Männer verschwanden in den Schankwirtschaften; auf der Straße blieben nur Frauen und Kinder zurück. Die Frauen ließen sich vor den Haustoren nieder, gleich auf dem Sand oder auf Bänken, und erhoben ein lautes Geschrei, zankten sich oder klatschten; die Kinder spielten Lapta, eine Art Schlagball, Gorodki, ein Kegelspiel, bei dem man mit Knütteln nach Klötzchen wirft, oder auch Murmeln. Die Mütter sahen zu und ermunterten die geschickten, verlachten die ungeschickten Spieler. Es war ohrenbetäubend laut und unvergeßlich lustig; die Anwesenheit der »Großen« spornte uns Halbwüchsige an und brachte eine besondere Lebhaftigkeit, eine besondere Leidenschaft in alle unsere Spiele. Aber sosehr wir drei – Kostroma, Tschurka und ich – im Spiel auch aufgingen, der eine oder andere lief zwischendurch zu dem hinkenden Mädchen hinüber, um sich vor ihr zu rühmen: »Hast du gesehen, Ludmila, wie ich mit einem Wurf alle fünf Klötzchen hinausgefegt habe?« Sie lächelte freundlich und nickte uns mehrmals hintereinander zu. Früher hatte sich unsere Kumpanei in allen Spielen möglichst beieinander gehalten, jetzt sah ich, daß Tschurka und Kostroma stets auf verschiedenen Seiten spielten und in Gewandtheit und Kraft wetteiferten – oft gab es sogar Tränen und Schlägereien. Eines Tages prügelten sie sich so wütend, daß die Großen eingreifen mußten und sie mit Wasser begossen wie ineinander verbissene Hunde. Ludmila saß auf einer Bank und stampfte mit dem gesunden Fuß. Wenn die Kämpfenden sich auf sie zuwälzten, stieß sie sie mit der Krücke zurück und rief verängstigt: »Hört doch auf!« Ihr Gesicht war bläulich bleich, die Augen waren erloschen und wie bei einer Fallsüchtigen verdreht. Ein anderes Mal verbarg sich Kostroma, als er in einer Partie Gorodki eine blamable Niederlage gegen Tschurka erlitten hatte, hinter dem Haferkasten am Kramladen, hockte dort nieder und brach in lautloses Weinen aus; es wirkte beinahe unheimlich – er biß die Zähne fest zusammen, die Backenknochen traten vor, das knochige Gesicht war wie versteinert, und aus den finsteren schwarzen Augen rollten dicke, schwere Tränen. Als ich ihn zu trösten versuchte, murmelte er schluchzend: »Warte, dem haue ich noch einen Ziegelstein über den Schädel ... er wird schon sehen, was er davon hat!« Tschurka wurde hochnäsig, ging in der Mitte des Fahrdamms, wie das nur heiratsfähige Burschen tun, trug die Mütze im Nacken und die Hände in den Hosentaschen; er hatte gelernt, verwegen zwischen den Zähnen hindurch auszuspucken, und verhieß: »Ich werde bald auch rauchen. Zweimal habe ich's schon versucht, aber mir wird übel.« Das alles gefiel mir nicht. Ich sah, daß ich dabei war, einen Gefährten zu verlieren, und mir schien, schuld daran sei Ludmila. Eines Abends, als ich auf dem Hof die gesammelten Lumpen, Knochen und allerlei sonstigen Kram auseinandernahm, trat Ludmila mit ihrem schaukelnden Gang, bei dem die Rechte heftig mitschwang, auf mich zu. »Guten Tag«, sagte sie und nickte mir dreimal zu. »Ist Kostroma dabeigewesen?« »Ja.« »Und Tschurka?« »Tschurka will nichts mehr von uns wissen. Daran bist nur du schuld – sie haben sich beide in dich verliebt und sind sich spinnefeind.« Sie wurde rot, gab aber spöttisch zur Antwort: »Auch das noch! Was kann denn ich dafür?« »Warum machst du sie erst in dich verliebt?« »Ich habe sie nicht gebeten, sich in mich zu verlieben!« entgegnete sie ärgerlich, wandte sich ab, um zu gehen, und fügte noch hinzu: »Sind alles nur Dummheiten! Ich bin älter als sie, bin vierzehn Jahre alt. Man verliebt sich nicht in Mädchen, die älter sind als man selbst.« »Was du schon davon verstehst!« rief ich ihr nach, um sie zu kränken. »Nimm nur die Krämerin, Chlystows Schwester – ist schon uralt, aber wie sie sich mit den Burschen herumtreibt!« Ludmila kam noch einmal zurück, sie bohrte dabei die Krücke tief in den Sand. »Du selber verstehst nichts davon«, begann sie rasch, mit Tränen in der Stimme, und ihre lieben Augen flammten wunderschön auf. »Die Krämerin ist ein liederliches Frauenzimmer, aber bin ich vielleicht so eine? Ich bin noch klein, mich darf man weder anrühren noch kneifen, und überhaupt ... Du solltest erst einmal den Roman ›Die Kamtschadalin‹ durchlesen, wenigstens den Teil zwei – dann könntest du mitreden!« Sie wandte sich schluchzend ab und ging. Plötzlich tat sie mir leid – in ihren Worten klang etwas Wahres, das mir noch unbekannt war. Warum kniffen sie meine Gefährten? Und dann behaupteten sie noch, sie seien verliebt. Am Tage darauf erwarb ich, um meine Schuld vor Ludmila wiedergutzumachen, für zwei Kopeken Malzbonbons, die sie, wie ich schon wußte, gern aß. »Möchtest du welche?« Sie zwang sich, ärgerlich zu entgegnen: »Geh, ich will nichts von dir wissen!« Gleich darauf nahm sie mir die Bonbons doch ab, sie bemerkte allerdings: »Wenn du sie wenigstens in Papier gewickelt hättest – wie schmutzig deine Hände sind!« »Ich habe sie so oft gewaschen, aber es hilft nichts.« Sie nahm meine Hand in ihre, die trocken und heiß war, und sah sie sich aufmerksam an. »Ganz schön verdorben.« »Und du hast zerstochene Finger.« »Das kommt vom Nähen, ich nähe viel.« Eine kleine Weile danach schlug sie mir vor, nicht ohne sich vorher umzublicken: »Hör zu, wollen wir uns nicht irgendwo verstecken und die ›Kamtschadalin‹ lesen, willst du?« Wir suchten lange nach einem Versteck, aber überall schien es uns unbequem. Schließlich fanden wir, es werde das beste sein, sich in den Vorraum des Badehauses zurückzuziehen – dort war es zwar dunkel, aber man konnte sich ja ans Fenster setzen; das Fenster ging auf eine schmutzige Ecke zwischen einer Scheune und dem benachbarten Schlachthof; dort sah nur selten jemand herein. Und schließlich sitzt sie seitlich zum Fenster vor mir, das kranke Bein auf der Bank vor sich ausgestreckt, das gesunde am Boden, und ein zerlesenes Buch verdeckt ihr Gesicht; sie bringt erregt eine Menge unverständlicher, langweiliger Worte hervor. Und doch bin auch ich erregt. Ich sitze auf dem Fußboden und beobachte, wie zwei ernste Augen gleich bläulichen Lichtern über die Buchseiten gleiten und sich gelegentlich mit Tränen füllen; die Stimme des Mädchens zittert, während sie allerlei unbekannte Wörter zu unverständlichen Verbindungen aneinanderreiht. Und dennoch greife ich nach diesen Wörtern, drehe sie hin und her und versuche sie zu Versen zu fügen – das läßt mich endgültig den Faden von dem verlieren, wovon im Buch die Rede ist. Auf meinen Knien döst der Hund; ich nenne ihn Weter, der Wind, weil er lang und zottig ist, schnell laufen kann und wie der Herbstwind in der Ofenröhre heult. »Hörst du auch zu?« fragt mich das Mädchen. Ich nicke ein stummes Ja. Das Durcheinander der Wörter erregt mich immer mehr, und immer lebhafter wird mein Wunsch, sie anders zu setzen, so, wie sie in Liedern stehen, wo jedes Wort lebt und wie ein Stern am Himmel funkelt. Als es dunkel wurde, ließ Ludmila die weiß schimmernde Hand mit dem Buch sinken und fragte: »Ist das nicht schön? Na siehst du.« Von diesem Abend an saßen wir oft im Vorraum des Badehauses zusammen. Ludmila gab es zu meinem nicht geringen Vergnügen bald auf, weiter aus der »Kamtschadalin« zu lesen. Ich hätte ihr die Frage, worum es in diesem endlosen Buch eigentlich ging, nicht beantworten können – endlos war es schon darum, weil auf den zweiten Teil, mit dem wir begannen, ein dritter folgte; das Mädchen verriet mir, es gäbe auch noch einen vierten. Besonders geborgen fühlten wir uns bei schlechtem Wetter, vorausgesetzt, es war nicht Sonnabend ? sonnabends wurde im Badehaus geheizt. Draußen regnete es, es bestand keine Gefahr, daß jemand auf den Hof kommen und in unsere dunkle Ecke hereinschauen werde. Ludmila befürchtete immerfort, man könne uns »überraschen«. »Weißt du, was man dann glauben wird?« fragte sie leise. Ich wußte es und fürchtete ebenfalls, man könne uns »überraschen«. Wir saßen stundenlang beieinander, unterhielten uns von diesem und jenem, ich gab gelegentlich eines von Großmutters Märchen zum besten, während Ludmila vom Leben der Kosaken am Fluß Medwediza erzählte. »Hach, wie schön es dort ist!« seufzte sie. »Und was ist hier? Ein armseliges Dasein!« Ich beschloß, sobald ich erwachsen sein würde, unbedingt hinzugehen und mir den Fluß Medwediza anzusehen. Bald brauchten wir den Vorraum des Badehauses nicht mehr. Ludmilas Mutter hatte Arbeit bei einem Kürschner gefunden und ging gleich morgens aus dem Haus, das Schwesterchen war in der Schule, der Bruder arbeitete in einer Kachelmanufaktur. Ich fand mich an regnerischen Tagen bei dem Mädchen ein und half ihr wirtschaften und Küche und Stube aufräumen. Sie lachte: »Wir beiden leben wie Mann und Frau, nur, daß wir getrennt schlafen. Wir halten sogar noch besser zusammen; die Männer helfen ihren Frauen sonst nicht.« Wenn ich Geld hatte, kaufte ich Süßigkeiten, und wir tranken Tee; hinterher kühlten wir den Samowar mit kaltem Wasser, damit Ludmilas zänkische Mutter nicht merkte, daß er geheizt worden war. Manchmal kam die Großmutter herüber, setzte sich zu uns, klöppelte Spitzen oder stickte und erzählte wunderbare Märchen; ging aber der Großvater in die Stadt, dann schlich sich Ludmila zu uns, und wir schmausten sorglos. Die Großmutter sagte dann wohl: »Ach, wie gut es uns geht! Wenn du einen Groschen hast, lebst du, wie es dir paßt!« Sie ermunterte uns zur Freundschaft. »Die Freundschaft zwischen einem Jungen und einem Mädchen ist etwas Schönes! Nur soll man keine Dummheiten machen.« Und sie erklärte uns mit ganz einfachen Worten, was »Dummheiten machen« bedeutet. Sie sprach schön, mit viel Herz, und ich verstand sehr gut, daß man Blumen nicht anrühren darf, bevor sie aufgeblüht sind, da man sonst weder Duft noch Beeren von ihnen erwarten kann. Nach »Dummheiten machen« stand unser Sinn nicht, das hinderte Ludmila und mich aber nicht, von dem zu sprechen, wovon man zu schweigen pflegt. Natürlich sprachen wir davon, weil wir nicht anders konnten – die groben Beziehungen zwischen den Geschlechtern standen uns allzu oft und allzu aufdringlich vor Augen und kränkten uns zu sehr. Ludmilas Vater, ein schöner Mann von etwa vierzig Jahren, hatte krauses Haar, trug einen Schnurrbart und bewegte die dichten Brauen besonders siegesgewiß. Er war merkwürdig schweigsam; ich kann mich nicht erinnern, je ein Wort von ihm gehört zu haben. Wenn er ein Kind herzte, muhte er wie ein Stummer, selbst seine Frau prügelte er stets wortlos. An Feiertagen zog er abends ein hellblaues Hemd, Plüschhosen und blankgeputzte Stiefel an, trat, eine große Ziehharmonika am Schulterriemen, vors Haustor und stellte sich in Positur wie ein Soldat beim »Präsentiert das Gewehr!«. Sogleich begann eine »Promenade« an unserem Tor vorbei – eine nach der anderen zogen Mädchen und Frauen wie Entenküken vorüber und blickten verstohlen, unter den Wimpern hervor, oder offen, mit gierigen Augen, zu Jewsejenko hin, während er mit vorgewölbter Unterlippe dastand und sie mit dunklen Augen wählerisch musterte. In dieser stummen Zwiesprache, in dieser langsamen, schicksalhaften Bewegung der Frauen am Mann vorbei war etwas Unangenehmes und Hündisches – es schien, der Mann brauche nur einer von ihnen gebieterisch zuzublinzeln, und sie würde willenlos, wie eine Tote, auf den schmutzigen Sand der Straße sinken. »Plustert sich wieder auf, der Bock, die schamlose Fratze«, knurrt Ludmilas Mutter. Dürr und groß, mit langem, unreinem Gesicht und – nach dem Typhus – kurzgeschorenem Haar, erinnert sie an einen abgenutzten Besen. Ludmila sitzt neben ihr und bemüht sich vergebens, die Aufmerksamkeit der Mutter von der Straße abzulenken, sie fragt sie hartnäckig nach etwas aus. »Hör auf, du Kümmerling, du unglückseliger Krüppel!« murmelt die Mutter und zwinkert unruhig mit den Augen; ihre Augen sind schmal wie bei Mongolen, sonderbar hell und unbeweglich – als wären sie irgendwo hängengeblieben und stünden für immer still. »Ärgere dich nicht, Mamachen, ist schließlich einerlei«, sagt Ludmila. »Sieh dir doch lieber an, wie sich die Witwe des Bastmattenflechters ausstaffiert hat!« »Ich könnte besser angezogen gehen als sie, wenn ich euch drei nicht auf dem Halse hätte, ihr freßt mich einfach auf«, entgegnet erbarmungslos und wohl auch unter Tränen die Mutter, während ihr Blick nicht von der großgewachsenen, breiten Witwe loskommt. Sie ähnelt einem kleinen Haus, an dem sich gleich einer Freitreppe der Busen vorwölbt; das rote Gesicht, von einem grünen Kopftuch abgeschnitten, erinnert an eine Dachluke, in deren Scheiben sich die Sonne spiegelt. Jewsejenko hat die Harmonika über die Brust gehängt und spielt. Die Harmonika hat vielerlei Stimmen, ihre Klänge reißen unwiderstehlich mit, die Kinder der ganzen Straße kommen herbeigerannt, sinken zu Füßen des Harmonikaspielers nieder und verstummen hingerissen im Sand. »Warte nur, dir drehn sie noch den Hals um«, verheißt die Jewsejenko ihrem Mann. Er schielt nur schweigend zu ihr hinüber. Die Witwe des Bastmattenflechters läßt sich, schwer wie ein Stein, gleich nebenan auf der Bank vor Chlystows Kaufladen nieder und lauscht mit glühenden Wangen, den Kopf zur Seite geneigt. Über dem Feld hinter dem Friedhof glimmt feurig das Abendrot, auf der Straße schwimmen wie auf einem Fluß große, grellgekleidete Fleischbrocken vorüber, oder es wirbeln Kinder über sie hin; die warme Luft schmeichelt und berauscht. Der über Tag erhitzte Sand riecht scharf; besonders macht sich der fette, leicht süßliche Blutgeruch der Schlachthöfe bemerkbar, während es aus den Höfen, wo die Kürschner hausen, salzig und beißend nach abgeschabtem Fleisch riecht. Das Gerede der Frauen, das betrunkene Grölen der Männer, das helle Kindergeschrei, der Baßton der Harmonika – alles verschmilzt zu einem einzigen dumpfen Klang, in den sich der mächtige Atem der unermüdlich wirkenden Erde mischt. Alles ist roh und nackt und flößt eine große und feste Zuversicht in dieses dumpfe, schamlos-tierische Leben ein. Es prahlt mit seiner Kraft, es sucht gequält und angestrengt, wohin es sie ergießen könnte. Und gelegentlich trifft einen durch den Lärm ein besonders grusliges Wort ins Herz und prägt sich für immer dem Gedächtnis ein. »Alle zugleich auf einen einschlagen, das geht nicht. Immer der Reihe nach ...« »Wer wird sich unser schon erbarmen, wenn wir selber kein Mitleid mit uns haben ...« »Hat denn der Herrgott das Weib zum Spaß erschaffen?« Es wird allmählich Nacht. Die Luft wird frischer, der Lärm läßt nach, die hölzernen Häuser schwellen an, sie wachsen und hüllen sich in Schatten. Die Kinder hat man nach Hause, zu Bett gebracht, manche sind auch gleich hier am Zaun, zu Füßen oder auf dem Schoß eingeschlafen. Die größeren Kinder werden, je mehr es auf die Nacht zugeht, stiller und weicher. Jewsejenko ist unbemerkt verschwunden, er hat sich gleichsam aufgelöst, auch von der Witwe des Bastmattenflechters ist nichts mehr zu sehen; die baßtönige Harmonika spielt irgendwo weit hinter dem Friedhof. Ludmilas Mutter kauert auf einer Bank, den Rücken gekrümmt wie eine Katze. Die Großmutter ist Tee trinken gegangen zu einer Nachbarin, einer Hebamme und Kupplerin, einem großen, sehnigen Frauenzimmer mit Entennase und einer Goldmedaille »Für die Errettung aus Lebensgefahr« auf der flachen Männerbrust. Die ganze Stadt fürchtet sich vor ihr und hält sie für eine Hexe; sie soll bei einem Brand die kranke Frau eines Obersten und seine drei Kinder dem Flammentod entrissen haben. Die Großmutter ist mit ihr befreundet; wenn sie sich auf der Straße treffen, lächeln sie sich bereits von weitem besonders herzlich zu. Kostroma, Ludmila und ich sitzen auf der Bank vor dem Tor; Tschurka hat Ludmilas Bruder zum Ringkampf herausgefordert, sie halten sich umklammert, treten im Sand hin und her und wirbeln viel Staub auf. »Hört schon auf!« bittet Ludmila ängstlich. Kostroma schielt mit seinen schwarzen Augen zu ihr hinüber und erzählt vom Jäger Kalinin, einem grauhaarigen, in der ganzen Vorstadt bekannten Alten mit listigen Augen und schlechtem Ruf. Er ist vor kurzem gestorben; man hat ihn nicht im Friedhofssand vergraben, sondern den Sarg über der Erde stehen lassen, ein wenig abseits von den anderen Gräbern. Der Sarg ist schwarz, mit hohen Füßen, der Deckel mit weißer Farbe bemalt; man sieht ein Kreuz und einen Spieß, zwei Knochen und einen Stock auf ihm. Jede Nacht, sobald es dunkelt, soll sich der Alte aus seinem Sarg erheben und, offenbar nach etwas suchend, bis zum ersten Hahnenschrei auf dem Friedhof herumirren. »Erzähl keine Gruselgeschichten!« bittet Ludmila. »Warte doch mal!« ruft Tschurka, befreit sich aus dem Griff ihres Bruders und sagt spöttisch zu Kostroma: »Was faselst du da? Ich habe mit eigenen Augen gesehen, daß man den Sarg vergraben hat; der Sarg oben ist leer, er ist nur für das Grabdenkmal bestimmt. Daß aber der Tote umhergeht, haben sich die Trunkenbolde von Schmieden ausgedacht.« Kostroma schlägt, ohne ihn anzusehen, ärgerlich vor: »Wenn es sich so verhält, dann geh doch hin und schlaf eine Nacht auf dem Friedhof!« Sie streiten sich, während Ludmila traurig den Kopf wiegt und fragt: »Mamachen, erheben sich die Toten nachts aus den Gräbern?« »Ja, sie erheben sich nachts aus den Gräbern«, wiederholt die Mutter, als käme von fern ein Echo zurück. Der Sohn der Krämerin, Waljok, ein dicker, rotwangiger Bursche von etwa zwanzig Jahren, trat hinzu, hörte sich unseren Streit an und sagte: »Wenn einer von euch dreien bis zum Morgengrauen auf dem Sarge liegen bleibt, bekommt er zwanzig Kopeken und zehn Zigaretten von mir, hält er es aber nicht aus, dann zause ich ihn an den Ohren, solange ich will. Also, was ist?« Alle schwiegen verlegen still, und nur Ludmilas Mutter sagte: »Was für Dummheiten! Wie kann man Kinder zu so etwas anstiften.« »Gib einen Rubel, und ich gehe!« schlug Tschurka mit finsterer Miene vor. Sofort kam Kostroma mit der boshaften Frage: »Und für zwanzig Kopeken bist du zu feige?« Er wandte sich an Waljok: »Biete ihm einen Rubel, er geht ja doch nicht hin, er gibt nur an.« »Also gut, du kriegst einen Rubel!« Tschurka stand auf und ging, wortlos und ohne Eile, davon, hielt sich aber nahe am Zaun. Kostroma steckte die Finger in den Mund und pfiff gellend hinter ihm her, während Ludmila aufgeregt sagte: »Mein Gott, was für ein Wichtigtuer! Was soll denn das alles?« »Wie könntet ihr auch, ihr Feiglinge!« höhnte Waljok. »Da geltet ihr noch als die ersten Raufbolde in der Straße, ihr zahmen Kätzchen ...« Es war kränkend genug, seinem Gespött zuzuhören; dieser satte Bursche gefiel uns nicht, er stiftete die Kinder zu bösen Streichen an, erzählte ihnen allerlei häßliche Klatschgeschichten von Mädchen oder Frauen und brachte ihnen bei, sie zu hänseln; die Kinder hörten auf ihn und hatten bitter dafür zu büßen. Aus irgendeinem Grunde haßte er meinen Hund und warf mit Steinen nach ihm; eines Tages gab er ihm ein Stück Brot, in dem er eine Nähnadel versteckt hatte. Aber noch kränkender war es, zu sehen, wie Tschurka klein und häßlich abzog. Ich sagte entschlossen zu Waljok: »Her mit dem Rubel, ich gehe.« Er spöttelte und versuchte mir angst zu machen, hielt aber den Rubelschein der Jewsejenko hin, doch sie lehnte barsch ab: »Ich will nicht, ich nehme ihn nicht an!« Und sie ging böse davon. Auch Ludmila konnte sich nicht entschließen, den Schein in Verwahrung zu nehmen; das war Wasser auf Waljoks Mühle, er spottete noch mehr. Ich wollte schon aufbrechen, ohne von dem Burschen Geld zu verlangen, aber die Großmutter kam dazu, nahm, als sie erfuhr, worum es sich handelte, den Rubel an sich und sagte in aller Ruhe zu mir: »Zieh deinen Mantel an und nimm eine Decke mit, damit du nicht gegen Morgen frierst.« Ihre Worte ließen mich hoffen, es werde mir nichts Schreckliches geschehen. Waljok hatte sich ausbedungen, ich müsse bis zum Morgengrauen auf dem Sarg liegen oder sitzen bleiben, ohne mich von der Stelle zu rühren, was auch geschehen möge, selbst wenn der Sarg ins Wanken käme, während der alte Kalinin aus seinem Grabe stieg. Sprang ich ab, dann sollte ich verloren haben. »Paß auf«, warnte mich Waljok, »ich werde dich die ganze Nacht beobachten lassen!« Als ich mich zum Friedhof aufmachte, bekreuzigte mich die Großmutter und riet: »Sollte dir irgend etwas erscheinen, dann rühre dich nicht und bete ein ›Muttergottes, frohlocke‹.« Ich ging mit raschen Schritten davon, ich wollte möglichst rasch anfangen und alles hinter mich bringen. Waljok, Kostroma und einige andere Burschen begleiteten mich. Als ich über die Ziegelumfriedung kletterte, verhakte ich mich in der Decke und fiel hin, sprang aber gleich wieder auf, als hätte der Sand mich hochgeschnellt. Draußen, hinter der Mauer, erklang Lachen. Irgend etwas in meiner Brust krampfte sich zusammen, ein unangenehmer kalter Schauer lief über meinen Rücken. Ich erreichte, hier und da stolpernd, den schwarzen Sarg. Er war auf der einen Seite von Sand verweht, während man auf der anderen die dicken Sargbeine frei dastehen sah, als hätte jemand den Sarg anzuheben versucht und ihn erschüttert. Ich setze mich auf das Fußende und sehe mich um – der unebene Boden des Friedhofs starrt voller grauer Kreuze, ihre Schatten strecken sich, holen weit aus und nehmen die borstigen Grabhügel in ihre Arme. Hier und da ragen, als hätten sie sich unter die Kreuze verirrt, schmächtige, dünne Birken empor und verbinden mit ihrem Gezweig die einzelnen Gräber; aus dem Spitzenwerk ihrer Schatten starren Grashalme in die Luft – ihr stachliges Grau wirkt unheimlicher als alles andere! Wie eine Schneewehe bäumt sich zum Himmel die Kapelle auf; klein und matt leuchtet zwischen den regungslosen Wolken der Mond. Jas' Vater, der »Lumpenkerl«, läutet träge die Stundenglocke; jedesmal, wenn er am Läuteseil zieht, streift das Seil ein Dachblech und läßt es kläglich aufkreischen; danach schlägt kurz die kleine Glocke an; ihr Klang wirkt trocken und traurig. Behüte uns der Herrgott vor Schlaflosigkeit, fällt mir die stehende Redewendung des Friedhofswärters ein. Es ist unheimlich. Und aus irgendeinem Grunde auch schwül – ich bin, obwohl die Nacht kühl ist, wie aus dem Wasser gezogen. Würde ich's bis zum Wärterhäuschen schaffen, falls sich der alte Kalinin wirklich aus seinem Grabe erhebt? Ich kenne den Friedhof sehr gut, ich habe viele Male mit Jas und anderen Gefährten zwischen den Gräbern gespielt. Drüben, neben der Kapelle, ist meine Mutter begraben. Noch ist nicht alles erstorben; aus der Vorstadt dringt dann und wann ein Lachen oder das Bruchstück eines Liedes herüber. Auf den Hügeln neben den Kiesgruben der Eisenbahn oder irgendwo im Dorf Katysowka schluchzt und winselt eine Harmonika, während an der Friedhofsmauer der ewig betrunkene Schmied Mjatschow vorüberkommt und singt – ich erkenne ihn an seinem Lied: »Unsrer Mutter kleine Sünden Sind nicht schwer zu überwinden, Liebte sie doch niemand sonst Als den eignen Ehgesponst.« Es tut wohl, den letzten Seufzern des Lebens zu lauschen, aber es wird nach jedem Glockenschlag stiller, die Stille überflutet alles ringsum wie ein Fluß die Uferwiesen, ertränkt alles, deckt alles zu. Die Seele versinkt in einer grenzenlosen, abgrundtiefen Leere und erlischt wie die Flamme eines Streichhölzchens in der Dunkelheit – sie löst sich spurlos auf im Ozean dieser Leere, in dem nur noch die unerreichbaren Sterne funkeln, während auf der Erde alles entschwunden, unnötig und tot ist. Ich saß, in meine Decke gehüllt, das Gesicht der Kapelle zugewandt, mit angezogenen Beinen auf dem Sarg; wenn ich mich rührte, knarrte er, der Sand unter ihm knirschte. Irgend etwas schlug ein- oder zweimal hinter mir ein, dann fiel ganz in der Nähe ein Ziegelbruchstück zu Boden, das war zwar unheimlich, doch ich erriet sogleich – Waljok und seine Kumpane warfen hinter der Mauer mit Steinen nach mir; sie wollten mich erschrecken. Mir konnte es nur recht sein, wenn Menschen in der Nähe waren. Unwillkürlich mußte ich an meine Mutter denken ... Eines Tages, als sie mich dabei ertappte, wie ich Zigaretten zu rauchen versuchte, schlug sie mich dafür, und ich sagte: »Rühr mich nicht an, mir ist ohnehin schlecht genug, mir ist entsetzlich übel.« Als ich meine Strafe weghatte, saß ich hinter dem Ofen und hörte, wie sie zur Großmutter sagte: »Ein gefühlloser Junge, er hat niemand lieb.« Es war kränkend für mich, das zu hören. Wenn die Mutter mich strafte, tat sie mir leid, es war mir ihretwegen immer irgendwie peinlich – sie strafte nur selten gerecht und nach Verdienst. Und überhaupt gab es viel Kränkendes im Leben, zum Beispiel dieses Volk da hinter der Umfriedung; sie wußten doch sehr gut, daß ich mich, so allein auf dem Friedhof, doch ein wenig ängstigte, versuchten aber, mir noch mehr angst zu machen. Warum? Am liebsten hätte ich ihnen zugerufen: Schert euch zum Teufel! Das war jedoch gefährlich – wer weiß, was der Teufel dazu gesagt hätte! Er war gewiß irgendwo in der Nähe. Im Sand lagen viele Glimmerstückchen, die matt im Mondschein glänzten; das erinnerte mich daran, wie ich eines Tages auf der Oka auf einem Floß lag und ins Wasser blickte – auf einmal tauchte fast unmittelbar vor meinem Gesicht eine Plötze auf, drehte sich auf die Seite und nahm Ähnlichkeit mit einer menschlichen Wange an; dann streifte sie mich mit einem Blick ihres runden Vogelauges, tauchte unter und versank, wie ein fallendes Ahornblatt pendelnd, in der Tiefe. Das Gedächtnis arbeitete immer angespannter; es beschwor verschiedene Vorfälle aus dem Leben herauf, als wollte es sich gegen die Phantasie schützen, die hartnäckig allerlei Schrecknisse erfand. Da rollte, mit harten Pfötchen auf den Sandboden trommelnd, ein Igel vorbei; er war klein und zerzaust und erinnerte an den Hausgeist, den Domowoi. Ich weiß noch, wie die Großmutter am Herd vor der Ofenhöhlung hockte und murmelte: »Guter Hausherr, treib die Küchenschaben aus!« Fern über der Stadt, die ich nicht sehen konnte, wurde es heller, die Morgenkühle preßte meine Wangen, die Augen fielen mir zu. Ich rollte mich zusammen und zog die Decke über den Kopf – mochte kommen, was wollte! Geweckt wurde ich von der Großmutter; sie stand neben mir, zog mir die Decke fort und sagte: »Steh auf! Bist du nicht durchgefroren? Nun, was ist? Hast du dich gegrault?« »Doch, aber sage es keinem, vor allem nicht den Jungen!« »Warum darüber schweigen?« fragte sie verwundert. »Wessen will man sich rühmen, wenn es nicht graulich war?« Wir machten uns auf den Heimweg, und unterwegs redete sie mir freundlich zu: »Man muß eben alles ausprobieren, mein Herzchen, muß selbst alles kennenlernen. Wenn man nicht selber lernt – ein anderer bringt's einem nicht bei.« Abends war ich bereits der »Held« der Straße, alle erkundigten sich: »War es denn wirklich nicht graulich?« Und wenn ich sagte: »Doch!«, schüttelten sie den Kopf und riefen: »Na also! Da sieht man's!« Die Krämerin aber erklärte laut und überzeugt: »Dann war es also gelogen, daß der Kalinin aus seinem Grabe aufsteht! Täte er das, wäre er denn vor dem Jungen zurückgeschreckt? Er hätte ihn vom Friedhof fortgefegt – Gott allein weiß, wohin!« Ludmila blickte mich mit freundlicher Verwunderung an, selbst der Großvater war offenbar mit mir zufrieden und lächelte immerfort vor sich hin. Nur Tschurka bemerkte finster: »Ihm macht es weiter nichts aus, seine Großmutter ist eine Hexe!« 3 Unmerklich, wie ein kleiner Stern im Morgenrot, erlosch mein Bruder Kolja. Großmutter, er und ich schliefen in einem kleinen Verschlag auf Holzscheiten, über die allerlei Lumpenzeug gebreitet war; nebenan befand sich hinter einer undichten Schalbretterwand der Hühnerstall des Hausbesitzers; abends hörten wir, wie sich die satten Hühner, bevor sie einschliefen, noch einmal schüttelten und gackerten; morgens weckte uns der goldgefiederte, stimmgewaltige Hahn. »Daß dich der und jener!« schalt die Großmutter, die dadurch wach wurde. Ich hatte schon vorher ausgeschlafen und beobachtete, wie sich die Sonnenstrahlen durch die Ritzen des Holzverschlages bis an mein Bett tasteten; ein silberner Staub wirbelte in ihnen umher – diese Stäubchen waren wie die Worte eines Märchens. Zwischen den Holzscheiten raschelten Mäuse und liefen rötliche Käfer mit schwarzen Punkten auf den Flügeldecken umher. Manchmal kroch ich, um dem stickigen Dunst des Hühnermists zu entgehen, aus dem Holzverschlag nach draußen, kletterte auf das Dach und beobachtete, wie im Hause die Menschen erwachten. Alle waren verschwollen vom Schlaf und wirkten wie blinde Riesen. Da steckt der Bootsmann Fermanow, ein finsterer Trunkenbold, den zottigen Kopf zum Fenster hinaus; er blinzelt durch die winzigen Schlitze seiner verschwollenen Augen in die Sonne und grunzt wie ein Eber. Dann kommt der Großvater auf den Hof gestürzt, streicht mit beiden Händen die rötlichen Haare glatt und eilt ins Badehaus, um sich mit kaltem Wasser zu übergießen. Die geschwätzige Köchin des Hauseigentümers, spitznäsig und mit Sommersprossen übersät, erinnert an einen Kuckuck, der Hauseigentümer selber an einen alten, verfetteten Tauber; überhaupt erinnern alle Menschen ringsum an Vögel oder andere Tiere. Der Morgen scheint so heiter und freundlich, aber mir ist ein wenig traurig zumute, ich möchte am liebsten hinaus aufs Feld, wo keine Menschenseele zu sehen ist; ich weiß schon im voraus: Die Menschen werden den Tag, so schön er auch sein mag, wie immer beschmutzen. Eines Tages rief mich die Großmutter, als ich auf dem Dach des Holzverschlages lag, zu sich herunter, nickte zu ihrem Bett hinüber und sagte mit gedämpfter Stimme: »Unser Kolja ist tot.« Der Kleine war, bläulich und nackt, vom roten Kattun des Kissens auf die Filzunterlage geglitten, das Hemd, zum Halse verrutscht, gab seinen aufgeblähten Bauch und die krummen, von Schwären bedeckten Beinchen frei, während die Arme sonderbar unter das Kreuz griffen, als wollte er sich noch einmal aufrichten. Der Kopf war ein wenig zur Seite geneigt. »Gott sei Dank, er ist hinüber«, sagte die Großmutter, während sie ihre Haare kämmte. »Wozu sollte er leben, der Ärmste?« Stapfend, als ob er tanzte, kam der Großvater herein und tastete vorsichtig über die geschlossenen Lider des Kindes hin; die Großmutter fragte ärgerlich: »Was faßt du ihn mit ungewaschenen Händen an?« Er murmelte: »Da ist er zur Welt gekommen ... hat gelebt und gegessen ... und war weder Fisch noch Fleisch ...« »Komm zu dir«, fiel ihm Großmutter ins Wort. Er sah sie blicklos an, wandte sich zum Hof und sagte: »Ich habe kein Geld für die Beerdigung, sieh zu, wie du es ohne mich schaffst.« »Pfui Teufel, du Unglückseliger!« Ich ging fort und kehrte erst am Abend nach Hause zurück. Kolja wurde am Morgen des folgenden Tages beerdigt; ich war nicht mit zur Kirche und saß mit meinem Hund neben Jas' Vater am aufgeschaufelten Grab meiner Mutter. Jas' Vater hatte nur wenig Geld für das Schaufeln des Grabes genommen und tat in einem fort damit groß: »Das habe ich nur aus Freundschaft getan, es hätte sonst einen Rubel gekostet.« Ich blickte in die gelbe Grube, aus der ein schwerer Geruch aufstieg, und erkannte seitlich einige schwarze, modrige Bretter. Bei der geringsten Bewegung bröckelten die Sandhügel um das Grab herum ab und rieselten, zwei Randspuren hinterlassend, in dünnen Rinnsalen auf den Grund. Ich bewegte mich absichtlich, damit der Sand die Bretter zuschütte. »Laß das«, sagte Jas' Vater und schmauchte ruhig seine Pfeife. Großmutter kam mit dem kleinen weißen Sarg auf den Armen, der »Lumpenkerl« sprang in die Grube, nahm ihr den Sarg ab, stellte ihn neben die schwarzen Bretter, sprang wieder heraus und begann den Sand mit Spaten und Füßen in die Grube zu stoßen. Aus seiner Pfeife stieg Rauch auf wie aus einem Weihrauchgefäß. Schweigend halfen ihm der Großvater und die Großmutter. Weder Popen noch Bettler waren da, nur wir vier, umgeben von der dichten Schar der Kreuze. Als die Großmutter dem Friedhofswächter das Geld gab, sagte sie vorwurfsvoll: »Du hast den Frieden von Warjas Grabstätte doch noch gestört ...« »Was sollte ich machen! Ich habe ohnehin ein Stückchen fremde Erde dazugenommen. Das ist nicht schlimm!« Die Großmutter verneigte sich vor dem Grab bis an die Erde, schluchzte, heulte auf, wandte sich ab und ging; der Großvater folgte ihr; die Augen unter dem Mützenschirm versteckt, zog er den abgetragenen Rock zurecht. »Haben den Samen in ungepflügte Erde gesät«, sagte er unvermittelt und eilte wie eine Krähe über den Acker voraus. Ich fragte die Großmutter: »Was hat er?« »Laß ihn! Er hat so seine Gedanken«, entgegnete sie. Es war heiß. Das Gehen fiel der Großmutter schwer, ihre Füße versanken im warmen Sand; sie blieb oft stehen und wischte das schwitzende Gesicht mit ihrem Tuch. Ich faßte mir ein Herz und fragte: »Das Schwarze dort in der Grube – ist das Mutters Sarg?« »Ja«, sagte sie ärgerlich. »So ein dummer Kerl ... Es ist noch kein Jahr vergangen, und Warja ist schon verwest! Kommt alles vom Sand, er läßt das Wasser durch. Lehm wäre besser.« »Verwesen alle?« »Alle. Nur die Heiligen nicht.« »Dann wirst du nicht verwesen!« Sie blieb stehen, rückte die Mütze auf meinem Kopf zurecht und gab mir ernst den Rat: »Denk nicht darüber nach, das soll man nicht. Hörst du?« Ich dachte dennoch: Wie ärgerlich und widerwärtig das ist – der Tod. Abscheulich! Mir war sehr übel zumute. Als wir zu Hause ankamen, hielt der Großvater schon den Samowar bereit und hatte den Tisch gedeckt. »Trinken wir Tee, es ist heute so heiß«, sagte er. »Ich brühe auch von meinem auf. Für alle.« Er trat auf die Großmutter zu und klopfte ihr auf die Schulter. »Was sagst du nun, Mutter?« Die Großmutter winkte nur ab. »Was soll man schon sagen!« »Das ist es ja eben! Der Herrgott zürnt uns, reißt Stück um Stück von uns los. Wenn die Familien so fest zusammenhielten wie die Finger an der Hand ...« Er hatte schon lange nicht mehr so weich und versöhnlich gesprochen. Ich hörte ihm zu und wartete darauf, daß der alte Mann mir helfen würde, meine Kränkung zu überwinden, mir helfen würde, die gelbe Grube und die modrigen schwarzen Bretterreste an ihrer Seite zu vergessen. Doch die Großmutter unterbrach ihn rauh: »So hör schon auf, Vater! Dein Leben lang wiederholst du diese Worte, aber wem ist damit gedient? Dein Leben lang hast du alle gefressen wie der Rost das Eisen.« Der Großvater räusperte sich, sah sie an und schwieg still. Abends erzählte ich Ludmila niedergeschlagen vor dem Haustor, was ich am Morgen gesehen hatte, es machte jedoch keinen merklichen Eindruck auf sie. »Besser, man lebt als Waise. Wenn Vater und Mutter sterben würden, würde ich die Schwester beim Bruder lassen und selber für immer ins Kloster gehen. Wo soll ich sonst hin? Zum Heiraten tauge ich nicht, eine Lahme ist keine Arbeiterin. Womöglich setzt man noch lahme Kinder in die Welt ...« Sie sprach vernünftig wie alle Frauen in unserer Straße, und vermutlich verlor ich an diesem Abend das Interesse an ihr; auch fügte sich das Leben so, daß ich jetzt immer seltener mit ihr zusammentraf. Einige Tage nach dem Tode meines Bruders sagte der Großvater zu mir: »Leg dich heute früher schlafen, ich wecke dich beim Tagesgrauen, wir gehen in den Wald und holen Holz.« »Und ich sammele Kräuter«, erklärte die Großmutter. Der Wald – alles Tanne und Birke – stand auf sumpfigem Grund, etwa drei Werst von der Vorstadt entfernt. Reich an abgestorbenen Bäumen und Bruchholz, reichte er auf der einen Seite bis zur Oka und zog sich auf der anderen bis an die Moskauer Chaussee und weiter hin. Hoch über seinem weichen Borstenkamm ragte als schwarzes Dach ein Fichtendickicht empor – die »Sawelowa Griwa«. All dieser Reichtum gehörte dem Grafen Schuwalow und wurde nur schlecht bewacht; die Kleinbürger von Kunawino sahen ihn als ihren eigenen an, sammelten Bruchholz, hieben abgestorbene Bäume um und verschmähten gelegentlich auch einen lebenden nicht. Im Herbst, wenn man den Wintervorrat an Holz bereitstellte, zogen die Menschen mit Äxten und Leinen im Gürtel zu Dutzenden in den Wald. So ziehen nun auch wir drei im Morgengrauen über die grünsilberne, tauige Wiese; linker Hand, hinter der Oka, über den rötlichen Hängen der Djatlow-Berge, über dem weißen Nishni-Nowgorod mit seinen von grünen Gärten bedeckten Hügeln, den goldenen Kuppeln seiner Kirchen, geht ohne Eile die etwas träge russische Sonne auf. Ein leiser Wind weht schläfrig von der stillen und trüben Oka herüber und wiegt die goldgelben Ranunkeln; schwer von Tau neigen sich stumm die violetten Glockenblumen, trocken starren über dem wenig fruchtbaren Rasengrund die bunten Immortellen, und die Nelken – die »Schönen der Nacht« öffnen die hochroten Sterne. Wie eine dunkle Heerschar rückt der Wald auf uns zu. Die geflügelten Tannen erinnern an große Vögel, die Birken an junge Mädchen. Saurer Sumpfgeruch zieht über das Feld. Neben mir läuft mit hängender rosa Zunge der Hund; er bleibt hier und da stehen, wittert und schüttelt befremdet seinen Fuchskopf. Der Großvater, in einem kurzen, pelzverbrämten Jäckchen von der Großmutter, mit einer schirmlosen Mütze auf dem Kopf, kneift die Augen zusammen, lächelt über irgend etwas, bewegt sich vorsichtig auf dünnen Beinen voran, als ob er schliche. Großmutter, in blauer Jacke und schwarzem Rock, ein weißes Tuch um den Kopf, rollt rüstig dahin – ich kann ihr kaum folgen. Je näher der Wald kommt, desto lebhafter wird der Großvater; er zieht die Luft durch die Nase ein, räuspert sich, spricht zuerst undeutlich und abgerissen, dann – wie im Rausch – immer fröhlicher und beredter: »Die Wälder sind die Gärten Gottes. Niemand hat sie gesät, nur der Wind, der heilige Atem von den Lippen des Herrn ... Damals, in meiner Jugend, in den Shiguli, als ich noch treideln ging ... Ach, Lexej, das wirst du alles nicht mehr zu sehen bekommen, wirst nicht erleben, was ich erlebt habe! An der Oka ? von Kassimow bis Murom – Wald, auch hinter der Wolga ein Wald, der sich bis an den Ural erstreckt! Ja doch! Und alles das – grenzenlos und wunderbar schön ...« Die Großmutter blickt ihn aus den Augenwinkeln an und zwinkert mir zu, während er über Bodenhöcker stolpert und rasche, knappe Worte hervorsprudelt, die sich in meinem Gedächtnis festsetzen. »Da zogen wir ein Schiff mit einer Ladung Öl von Saratow zur Messe – sie fing um die Zeit des Makarij-Tages an –, und der für die Fracht Verantwortliche war ein gewisser Kirillo aus Purech, der Schiffsaufseher ein Tatare aus Kassimow, Assaf, wenn ich nicht irre ... Wir kamen bis an die Shiguli, aber dort packte uns ein Fallwind, genau von vorn – wir waren völlig erschöpft, kamen nicht mehr vom Fleck, rollten nur hin und her; so gingen wir denn an Land, um uns zum Abend eine Grütze zu kochen. Dabei war Mai, die Wolga lag da wie ein Meer, und Wellen wogten auf ihr dahin – als zögen Tausende von Schwänen zum Kaspisee. Die Shiguli-Berge schwingen sich in frischem Grün himmelan, am Himmel weiden weiße Wolken, Sonne tropft auf die Erde wie geschmolzenes Gold. Wir ruhen uns aus, sehen uns bewundernd um und sind uns plötzlich alle sehr gut: Auf dem Fluß war es windig und kalt gewesen, während es hier, am Ufer, warm ist und duftet. Gegen Abend erhebt sich unser Kirillo – er war ein harter Mann und nicht mehr jung – von seinem Platz, nimmt die Mütze vom Kopf und sagt: ›Nun, Freunde, ich will weder euer Vorgesetzter noch euer Diener mehr sein, macht ohne mich weiter, ich gehe für immer in die Wälder!‹ Alle gerieten außer sich – warum und wieso? Was sollten wir ohne ihn, der doch dem Chef gegenüber für alles verantwortlich war – der Mensch geht eben nicht gern ohne Kopf herum! Nun ja, gewiß, es war zwar unsere Wolga, aber man irrt gelegentlich auch vom geraden Pfade ab. Das Volk ist eine unvernünftige Bestie, wer täte ihm schon leid? Wir erschraken. Doch er beharrte auf dem Seinen: ›Ich will nicht mehr so weiterleben, ich bin nicht euer Hirt, ich gehe in die Wälder!‹ Es waren da welche unter uns, die ihn schon schlagen und binden wollten, aber auch andere, die nachdenklich wurden und mahnten: ›Halt, wartet mal!‹ Plötzlich ruft unser Aufseher, der Tatare: ›Ich gehe auch!‹ Das reinste Unglück! Er, der Tatare, bekam noch zwei ganze, dazu die Hälfte einer dritten Fahrt vom Chef bezahlt – das war für damalige Zeiten viel Geld! Wir schrien und stritten uns bis in die Nacht, und schließlich gingen sieben von uns davon; wir blieben alles in allem wohl vierzehn oder sechzehn Mann. Da hast du ihn – den Wald!« »Gingen sie unter die Räuber?« »Vielleicht. Vielleicht auch unter die Einsiedler. Damals kümmerte man sich nicht viel darum ...« Die Großmutter bekreuzigte sich. »Heilige Muttergottes! Wenn man über die Menschen so nachdenkt – wie leid sie einem tun!« »Alle haben den gleichen Verstand mitbekommen – den Teufel muß man am Pferdefuß erkennen ...« Wir gehen auf einem nassen Pfad, der zwischen Sumpfhöckern und einzelnen kümmerlichen Tannen hindurchführte, in den Wald. Mir scheint, es müßte sehr schön sein – für immer in den Wald zu gehen wie dieser Kirillo aus Purech. Im Wald gibt es keine geschwätzigen Menschen, keine Trunksucht und keine Prügeleien, man kann dort Großvaters häßlichen Geiz, das sandige Grab der Mutter und alles andere vergessen, was das Herz verletzt, anödet und bedrückt. An einer trockenen Stelle sagt die Großmutter: »Wir müssen etwas essen, setzen wir uns!« Sie hat in ihrem Bastkorb Roggenbrot, grüne Zwiebelstengel, Gurken, in Läppchen gehüllten Quark und etwas Salz; der Großvater blickt alles das verlegen an und zwinkert. »Und ich habe nichts zum Essen mitgenommen, hach verdammt ...« »Es reicht für uns alle.« Wir sitzen, an den kupferroten Stamm einer mächtigen Fichte gelehnt; die Luft ist von Harzgeruch erfüllt, vom Feld herüber weht ein leichter Wind, die Schachtelhalme schaukeln; mit dunkler Hand reißt die Großmutter Gräser ab und erzählt mir von den Heilkräften des Hartheus, der Betonie, des Wegerichs, von der geheimnisvollen Wirkung der Farne, des klebrigen Brandkrauts, des staubigen Bärlapps. Der Großvater hackt Bruchholz, ich soll das Gehauene an einer Stelle zusammentragen, aber ich schleiche unbemerkt hinter der Großmutter her ins Dickicht – da schwimmt sie langsam zwischen den mächtigen Stämmen umher und neigt sich in einem fort, als ob sie tauchte, zu der mit Tannennadeln besäten Erde. Geht hin und her und unterhält sich mit sich selbst: »Kommt der Hallimasch früh, dann gibt es nur wenig Pilze. Kümmerst dich nicht genug um die Armen, o Herr, für den Armen ist auch ein Pilz ein Leckerbissen!« Ich gehe vorsichtig hinter ihr her und schweige; ich achte darauf, daß sie mich nicht bemerkt – ich möchte sie nicht stören, wenn sie sich mit ihrem Herrgott, den Gräsern, den Fröschen unterhält. Sie entdeckt mich dann aber doch. »Du bist dem Großvater wohl davongelaufen?« Und immerfort zur schwarzen Erde niedertauchend, die ein prächtig gemustertes Gräsergewand umhüllt, kommt sie darauf zu sprechen, wie der Herrgott in seinem Zorn über die Menschen eines Tages die Erde mit Wasser überschwemmte und alles Lebendige untergehen ließ. »Seine herzliebe Mutter aber hatte alles, was es an Samen gibt, schon vorher in einem Bastkorb zusammengetragen und rasch versteckt; und später bat sie dann die Sonne: ›Trockne die Erde von einem Ende zum anderen, die Menschen werden dir Loblieder dafür singen!‹ Die Sonne trocknete also die Erde, und die Muttergottes besäte sie mit den beiseite geschafften Samen. Der Herrgott aber sah – wieder gedieh Leben auf der Erde, Gräser wie Menschen und Vieh! ... ›Wer‹, so fragte er, ›hat gegen meinen Willen gehandelt?‹ Da gestand sie ihm alles ein; dem Herrgott aber hatte es selber schon leid getan, die Erde so wüst zu sehen; er sprach: ›Da hast du recht gehandelt!‹« Die Erzählung gefällt mir, aber ich bin verwundert und sage in allem Ernst: »War es denn wirklich so? Die Muttergottes ist doch erst lange nach der Sintflut geboren worden.« Jetzt staunt Großmutter ihrerseits. »Wer hat dir das gesagt?« »Aus der Schule hab ich's, es steht in den Büchern ...« Das beruhigt sie zwar, aber sie gibt mir den Rat: »Kümmer dich nicht darum, vergiß es, vergiß alle Bücher – ist alles nur Schwindel!« Und sie lacht leise und belustigt vor sich hin. »Da haben sie sich was ausgedacht, die Dummköpfe! Gott gibt es, aber eine Mutter hat er nicht. Na so etwas! Wer soll ihn denn geboren haben?« »Das weiß ich nicht.« »Wie ich das finde! Da lernt ihr und lernt, und wißt zuletzt nur zu sagen: ›Das weiß ich nicht!‹« »Der Pope hat uns gesagt, die Muttergottes ist durch Joachim und Anna gezeugt worden.« »Durch Joachim, also Jakim? Eine Marja Jakimowna also?« Die Großmutter wird langsam böse. Sie steht mir gegenüber und sieht mir streng in die Augen. »Wenn du weiter so denkst, werde ich's dir noch zeigen!« Doch einen Augenblick später erklärt sie mir: »Die Muttergottes hat es schon immer gegeben, früher als alles andere! Sie hat Gott geboren, und erst später ...« »Und wie war es dann mit Christus?« Die Großmutter schweigt und verbirgt verlegen die Augen. »Mit Christus ... ja doch, wie eigentlich?« Ich sehe, daß ich gesiegt habe, daß sie sich in den Geheimnissen Gottes verstrickt hat, und das ist mir unangenehm. Wir dringen immer tiefer in den Wald, in seinen bläulichen, von goldenen Sonnenstrahlen durchstrichelten Dämmer ein. Die Wärme und Behaglichkeit des Waldes ist vom leisen Atem eigentümlich verträumter und träumerisch stimmender Laute erfüllt. Der Kreuzschnabel schnarrt, die Meisen zwitschern, der Kuckuck ruft, die Goldammer pfeift, pausenlos klingt das eifrige Lied der Finken, nachdenklich singt ein seltsamer Vogel, der Fichtengimpel. Smaragdgrüne Frösche hüpfen vor unseren Füßen; zwischen Baumwurzeln liegt, den goldenen Kopf in der Luft, eine Ringelnatter auf der Lauer. Ein Eichhörnchen knistert, in den Fichtenzweigen flimmert sein buschiger Schweif vorüber; man sieht unglaublich viel, möchte immer mehr sehen, immer weiter in alles eindringen. Zwischen den Fichtenstämmen tauchen, durchsichtig und ätherisch, riesengroße Menschengestalten auf, gleich darauf verschwinden sie im grünen Dickicht; durch das Dickicht schimmert, silberdurchwirkt, der blaue Himmel. Unter den Füßen breitet sich, von Preiselbeersträuchern und trockenen Moosbeerentrieben durchzogen, ein üppiger Moosteppich aus, wie Blutstropfen leuchten im Gras die Steinbeeren, Pilze necken mit ihrem kräftigen Geruch. »Heilige Muttergottes, du helles Licht der Erde«, betet die Großmutter vor sich hin und seufzt. Sie ist im Wald gleichsam die Frau des Hauses und allem ringsum verwandt, geht hin und her wie eine Bärin, sieht alles, lobt alles, weiß für alles Dank. Es ist, als ströme sie Wärme aus, und wenn das Moos, das ihr Fuß niedertritt, sich wieder aufrichtet und erholt, sehe ich das besonders gern. Da gehe ich und denke mir, wie schön es doch wäre, Räuber zu sein, die Habgierigen und Reichen auszuplündern, um das Geraubte den Armen zu überlassen, damit sie alle satt und fröhlich sind und sich nicht beneiden und ankläffen wie böse Hunde. Auch bis vor Großmutters Gott, vor ihre Muttergottes zu gelangen und ihnen die ganze Wahrheit zu sagen wäre schön – damit sie wissen, wie schlecht die Menschen miteinander leben; wie schimpflich sie einander in gewöhnlichem Sand beerdigen. Wieviel Kränkendes, Ärgerliches es überhaupt auf der Welt gibt und dabei gar nicht zu geben brauchte! Wenn die Muttergottes mir Glauben schenkte, müßte sie mir auch Verstand geben, damit ich alles anders und besser einrichten kann. Die Menschen sollten mir vertrauen und auf mich hören – ich würde schon herausfinden, wie man es machen muß. Es würde auch weiter nichts schaden, daß ich noch klein bin – Christus war schließlich nur ein Jahr älter, als ihm bereits die Weisen lauschten ... Eines Tages stürzte ich, in Nachdenken versunken, in eine tiefe Grube, riß mir an einem Ast die Seite auf und zerschrammte mir die Nackenhaut. Da saß ich auf dem Grund im kalten Schlamm, der klebrig war wie Pech, und fühlte zu meiner großen Schande, daß ich allein nicht wieder herauskäme; nach der Großmutter mochte ich nicht rufen, ich wollte sie nicht erschrecken. Aber ich tat es dann schließlich doch. Sie half mir rasch heraus, bekreuzigte sich und sagte: »Gott sei gelobt! Ein Glück, daß die Höhle leer war – wenn nun unten der Hausherr gelegen hätte?« Und sie brach unter Lachen in Tränen aus. Dann führte sie mich an einen Bach, wusch meine Wunden, verband sie mit ihrem Hemd, wobei sie irgendwelche schmerzstillenden Blätter auflegte, und brachte mich in ein Bahnwärterhäuschen – bis nach Hause war es für mich zu weit, ich fühlte mich ziemlich schwach. Fast jeden Tag bat ich die Großmutter: »Gehen wir in den Wald!« Sie war gern dazu bereit, und wir brachten den ganzen Sommer bis in den späten Herbst hinein mit dem Sammeln von Kräutern, Beeren, Pilzen und Nüssen zu. Die Großmutter verkaufte, was wir gesammelt hatten, und wir lebten davon. »Schmarotzer!« knurrte der Großvater, obwohl wir keinen Krümel von seinem Brot aßen. Der Wald brachte meiner Seele Frieden und Behaglichkeit; in diesem Gefühl gingen alle meine Betrübnisse unter, und ich vergaß alles Unangenehme, zugleich aber stellte sich auch eine besondere Helligkeit der Sinne bei mir ein – mein Gehör und mein Sehvermögen wurden schärfer, das Gedächtnis differenzierter, ich wurde empfänglicher für neue Eindrücke. Und immer mehr setzte mich die Großmutter in Erstaunen; ich hatte mich daran gewöhnt, sie als ein Wesen anzusehen, das über allen anderen Menschen stand, als das gütigste, weiseste Wesen der Welt – und immerwährend bekräftigte sie mich in dieser Überzeugung. Eines Abends kamen wir, nachdem wir genug Steinpilze gesammelt hatten, auf dem Heimweg an einen Waldrand; die Großmutter setzte sich nieder, um sich auszuruhen, während ich mich hinter den Bäumen umsah – ob sich nicht irgendwo noch ein Pilz fände. Plötzlich höre ich ihre Stimme und sehe, wie sie am Fußpfad kauert und in aller Seelenruhe die Wurzeln von den Pilzen schneidet, während daneben mit hängender Zunge ein hagerer grauer Hund steht. »Geh nur, troll dich!« sagte die Großmutter. »Geh schon – mit Gott!« Waljok hatte kurz vorher meinen Hund vergiftet, und ich hätte mir diesen neuen gern angelockt. Ich kam zum Pfad gelaufen, doch der Hund verbog sich sonderbar, ohne den Hals zu wenden, sah mich mit hungrigen grünen Augen an und sprang mit eingekniffenem Schwanz in den Wald davon. Sein ganzes Verhalten war keineswegs das eines Hundes – er stürzte im Augenblick, als ich ihm pfiff, schon in die Büsche. »Was sagst du nun?« fragte die Großmutter mit einem Lächeln. »Da hatte ich zuerst schon geglaubt, es sei ein Hund, aber dann sah ich richtige Wolfszähne, und auch der Hals ist der von einem Wolf! Ich bekam geradezu einen Schreck: ›Wenn du ein Wolf bist‹, sagte ich, ›dann hau mal lieber ab!‹ Ein Glück, daß die Wölfe im Sommer so friedlich sind ...« Sie kam im Wald niemals vom Wege ab, sondern fand jedesmal sicher nach Hause. Sie erkannte aus dem Geruch der Gräser, welche Pilze an dieser, welche an jener Stelle wachsen mußten, und fühlte mir oft genug auf den Zahn. »An welchen Baum hält sich am liebsten der Reizker? Und wie unterscheidet man den eßbaren Täubling vom giftigen? Und welcher Pilz wächst gern bei den Farnen?« Kaum merkbare Kratzer an Rinden zeigten ihr, wo es Baumhöhlen von Eichhörnchen gab, ich kletterte hinauf und plünderte die Nester der Tierchen, in denen sich gelegentlich ein Wintervorrat von zehn Pfund Nüssen fand. Eines Tages jagte mir, während ich mich mit diesem Geschäft befaßte, irgendein Jäger siebenundzwanzig Schrotkörner in meine rechte Hüfte; elf klaubte Großmutter mit einer Nähnadel heraus, die übrigen saßen jahrelang unter der Haut und kamen nur nach und nach zum Vorschein. Der Großmutter gefiel es, daß ich die Schmerzen so geduldig ertrug. »Bist ein Mordskerl«, lobte sie mich, »wer Geduld hat, wird auch was lernen!« Jedesmal, wenn sich bei ihr aus dem Verkauf von Pilzen oder Nüssen ein wenig Geld gesammelt hatte, verteilte sie es als »heimliches Almosen« auf den Fensterbrettern. Sie selbst ging auch feiertags in abgetragenen, geflickten Kleidern umher. »Gehst schlechter gekleidet als eine Bettlerin, blamierst mich nur«, brummte der Großvater. »Macht nichts, bin schließlich nicht deine Tochter – schau nicht nach Freiern aus ...« Sie zankten sich immer öfter. »Ich bin nicht sündiger als andere«, rief der Großvater gekränkt, »und dennoch werde ich härter gestraft!« Die Großmutter spottete: »Die Teufel wissen schon, was einer wert ist.« Und unter vier Augen sagte sie zu mir: »Mein Alter hat doch verdammte Angst vor den Teufeln! Wie rasch er alt wird – alles vor lauter Angst ... Hach, der Ärmste ...« Ich war über Sommer im Wald sehr kräftig und wohl auch scheu geworden und hatte alles Interesse am Leben meiner Altersgefährten verloren, auch an Ludmila – sie erschien mir auf eine langweilige Art vernünftig ... Eines Tages – es war schon Herbst und regnete viel – kam der Großvater völlig durchnäßt aus der Stadt, schüttelte sich an der Schwelle wie ein Spatz und verkündete feierlich: »Nun, du Taugenichts, halt dich bereit – morgen trittst du deine neue Stellung an!« »Wo denn das?« erkundigte sich böse die Großmutter. »Bei deiner Schwester Matrjona, bei ihrem Sohn.« »Hach, Vater, da warst du nicht gut beraten!« »Schweig still, dumme Gans! Sie machen ihn vielleicht zum Zeichner!« Die Großmutter senkte stumm den Kopf. Am Abend erzählte ich Ludmila, ich ginge in die Stadt und würde dort leben. »Auch ich soll bald in die Stadt«, teilte sie mir nachdenklich mit. »Papa will, daß mir das Bein ganz abgenommen wird, ich werde dann gesund, sagt er.« Sie selbst war über Sommer schmaler, die Haut auf ihrem Gesicht bläulicher geworden. Die Augen wirkten größer. »Fürchtest du dich?« fragte ich. »Ja«, gab sie zur Antwort und brach in lautloses Weinen aus. Ich wußte nicht, womit ich sie trösten konnte – ich fürchtete mich selber vor dem Leben in der Stadt. Wir saßen lange da, schmiegten uns aneinander und schwiegen uns verzagt aus. Wäre es Sommer gewesen, ich hätte die Großmutter überredet, betteln zu gehen, wie sie als kleines Mädchen betteln gegangen war. Wir hätten auch Ludmila mitnehmen können – in einem Wägelchen, das ich geschoben hätte ... Doch es war Herbst, über die Straßen fegte ein feuchter Wind, endlose Wolken verhüllten den Himmel; die Erde war zusammengeschrumpft, war armselig und schmutzig geworden. 4 Ich bin wieder in der Stadt, in einem zweistöckigen weißen Haus – es erinnert mich an einen Sarg, in den sich viele Menschen teilen. Das Haus ist neu, aber voller schlechter Säfte und aufgedunsen wie ein Bettler, der plötzlich reich geworden und vom vielen Essen verfettet ist. Es steht seitlich zur Straße und hat in jedem Stock acht Fenster, während dort, wo sich die Front befinden müßte, in jedem Stockwerk vier Fenster vorhanden sind; die unteren gehen auf eine schmale Durchfahrt und in den Hof, aus den oberen blickt man über einen Zaun auf das kleine Haus einer Wäscherin und eine schmutzige Erdschlucht. Eine richtige Straße, wie ich sie kenne, gibt es nicht; vor dem Hause zieht sich, an zwei Stellen von schmalen Dämmen durchschnitten, die schmutzige Erdschlucht hin. Links führt sie auf das Arrestantenhaus zu; hier wird aus den benachbarten Höfen der Müll abgeladen, auf dem Grunde steht eine Pfütze von dickem, tiefgrünem Schlamm; rechts, am Ende der Schlucht, vergammelt der morastige Swesdin-Teich, während sich die Mitte der Schlucht genau gegenüber dem Hause befindet; die eine Hälfte ist mit Kehricht zugeschüttet und von Brennesseln, Kletten und Sauerampfer überwuchert, während in der anderen der Priester Dorimedont Pokrowskij einen Garten angelegt hat; im Garten steht eine Laube aus dünnen, grün gestrichenen Latten. Wirft man nach dieser Laube mit Steinen, dann gehen die Latten mit leisem Krachen entzwei. Es ist eine unglaublich langweilige, unverschämt schmutzige Ecke; der Herbst hat die verunreinigte Lehmerde in einen abscheulichen rotbraunen Teer verwandelt, der zäh an den Füßen klebt. Ich habe noch nie soviel Schmutz auf einer so kleinen Fläche gesehen; und da ich mich an die Sauberkeit von Feld und Wald gewöhnt habe, macht mich diese Stadtgegend trübselig. Jenseits der Schlucht ziehen sich graue, baufällige Zäune hin, und weiter weg erkenne ich zwischen ihnen das schmutzigbraune Häuschen, in dem ich im Winter gewohnt habe, als ich Lehrjunge im Schuhwarenladen war. Die Nähe dieses Hauses bedrückt mich nur noch mehr. Warum muß ich wieder in dieser Straße leben? Meinen Brotherrn kenne ich schon, er ist gelegentlich bei meiner Mutter zu Besuch gewesen – zusammen mit seinem Bruder, der immer so komisch kreischte: »Andrej – Papa, Andrej – Papa.« Beide sehen aus wie früher – der ältere, adlernasig und langhaarig, wirkt angenehm und scheint gutmütig, der jüngere, Wiktor, hat sein Pferdegesicht und seine Sommersprossen behalten. Ihre Mutter, die Schwester meiner Großmutter, ist äußerst böse und zänkisch. Der Ältere ist verheiratet; seine üppige Frau ist weiß wie Weizenbrot und hat große, sehr dunkle Augen. Gleich in den ersten Tagen sagte sie ein- oder zweimal zu mir: »Deine Mutter hat einen seidenen Überwurf von mir geschenkt bekommen, mit Glasperlen ...« Ich wollte aus irgendeinem Grunde nicht glauben, daß sie den Überwurf verschenkt und meine Mutter ihn angenommen hatte. Als sie mich nochmals daran erinnerte, empfahl ich ihr: »Auch wenn du ihn ihr geschenkt hast, brauchst du nicht so damit zu prahlen.« Sie fuhr erschrocken zurück. »Waaas? Mit wem sprichst du denn?« Ihr Gesicht bedeckte sich mit roten Flecken, sie riß die Augen auf und rief nach ihrem Mann. Er kam mit einem Zirkel in der Hand und einem Bleistift hinter dem Ohr in die Küche, hörte sie an und sagte zu mir: »Du mußt zu ihr und allen anderen ›Sie‹ sagen. Und die Frechheiten unterlaß mal!« Dann wandte er sich ungeduldig an seine Frau: »Stör mich doch nicht mit Kleinigkeiten!« »Was heißt – mit Kleinigkeiten? Wenn deine Verwandtschaft ...« »Der Teufel hole die ganze Verwandtschaft!« rief der Hausherr und zog sich eilig zurück. Auch mir gefiel es nicht, daß diese Leute Großmutters Verwandte waren; nach meinen Beobachtungen behandelten Verwandte einander schlechter als Fremde – da sie mehr Schlechtes und Lächerliches voneinander wußten, verklatschten sie einander nur desto boshafter und zankten und schlugen sich noch öfter. Der Hausherr gefiel mir; er warf mit schöner Gebärde die Haare zurück und erinnerte mich irgendwie an »Gar nicht übel«. Er lachte oft und gern, seine grauen Augen blickten gutmütig drein, lustig spielten neben der Habichtnase komische Fältchen. »Hört doch endlich auf mit dem Gezänk, ihr Bestien von Hühnern!« pflegte er zu Frau und Mutter zu sagen, wobei ein weiches Lächeln die dichten kleinen Zähne entblößte. Schwiegermutter und Schwiegertochter zankten sich jeden Tag; ich wunderte mich immer wieder, wie leicht und rasch sie in Streit gerieten. Vom Morgen an hasteten beide, ungekämmt und halbangezogen, durch die Stuben, als wäre im Haus ein Feuer ausgebrochen; sie taten es den ganzen Tag und ruhten nur bei Tisch während des Mittagessens, des Tees oder des Abendbrots aus. Man aß und trank viel, bis zur Trunkenheit, bis zur Erschlaffung, sprach während des Essens vom Essen, stichelte – vorerst noch träge – aneinander herum und bereitete sich auf den großen Streit vor. Einerlei, was die Schwiegermutter auf den Tisch brachte, die Schwiegertochter sagte bestimmt: »Meine Mama macht das anders.« »Wenn sie es anders macht, dann macht sie es schlechter!« »Nein – besser!« »Dann geh doch zu deiner Mama!« »Ich bin hier die Frau des Hauses!« »Und wer bin ich?« Der Hausherr mischte sich ein: »Hört auf, ihr Bestien von Hühnern! Seid ihr von Gott verlassen?« Alles im Hause war unerklärlich seltsam und komisch. Der Weg von der Küche zum Eßzimmer führte durch ein kleines, enges Klosett, das einzige in der Wohnung; durch dieses Klosett trug man den Samowar und die Speisen herein, es war der Gegenstand fröhlicher Scherze und oft auch die Quelle komischer Mißverständnisse. Zu meinen Pflichten gehörte es, Wasser in den Behälter zu gießen; ich schlief in der Küche, der Klosettür gegenüber, an der Tür zum Vordereingang – mein Kopf glühte von der Hitze des Küchenherds, während es an den Beinen vom Eingang her zog; wenn ich schlafen ging, sammelte ich alle Fußmatten ein und legte sie mir auf die Füße. Im großen »Salon« mit den zwei Wandspiegeln zwischen den Fenstern, den goldgerahmten, als Beilagen zur Zeitschrift »Die Flur« gedruckten Bildern, den beiden zusammengehörigen Kartentischen und einem Dutzend Wiener Stühle war es öde und leer. Das kleine Wohnzimmer war mit bunten Polstermöbeln, Glasschränken mit »Heiratsgut« – Tischsilber und Teegeschirr – vollgestellt; drei Lampen schmückten es, die eine immer größer als die andere. Im dunklen, fensterlosen Schlafzimmer standen außer dem breiten Bett Truhen und Schränke herum, die einen Geruch von Blättertabak und persischer Kamille ausströmten. Diese drei Zimmer standen immer leer, während sich die Familie in dem kleinen Eßzimmer drängte und gegenseitig behinderte. Gleich nach dem Morgentee, um acht Uhr früh, zogen der Hausherr und sein Bruder den Tisch aus, verteilten Bogen von weißem Papier, Reißzeug, Bleistifte, Schälchen mit Tusche und machten sich an die Arbeit – der eine an einem Ende des Tisches, der andere ihm gegenüber. Der Tisch wackelte. Er verstellte das ganze Zimmer, und wenn das Kindermädchen oder die Hausfrau aus dem Kinderzimmer kamen, stießen sie an den Tisch. »So treibt euch doch hier nicht herum!« schrie Wiktor. Die Frau des Hauses wandte sich gekränkt an ihren Mann: »Wasja, sage ihm, er hat mich nicht anzuschreien!« »Dann rüttel nicht am Tisch«, empfahl der Herr des Hauses friedfertig. »Ich bin schwanger, und hier ist es eng ...« »Also gut, dann ziehen wir um – in den Salon.« Doch die Frau empört sich: »Mein Gott, wer arbeitet denn im Salon!« In der Klosettür erscheint das böse, von der Ofenglut gerötete Gesicht der alten Matrjona Iwanowna; sie faucht: »Da siehst du es, Wasja, du schuftest, und ihr genügen nicht einmal vier Zimmer zum Kalben. Ein Fräulein von Stand und keinen Zoll Verstand!« Während Wiktor boshaft lacht, ruft der Hausherr: »Genug jetzt!« Doch die Schwiegertochter sinkt, nachdem sie die Schwiegermutter mit Strömen giftigster Beredsamkeit überschüttet hat, auf einen Stuhl und stöhnt: »Ich gehe! Ich sterbe!« »So laßt mich doch arbeiten, schert euch zum Teufel!« brüllt, blaß vor Anstrengung, der Hausherr. »Die reinste Irrenanstalt – für wen krümme ich denn den Rücken, wenn nicht für euch, für euer Futter! Ihr Hühnerbestien!« Zuerst machten mir solche Auftritte angst; besonders erschrak ich, als die Frau des Hausherrn eines Tages ein Tischmesser ergriff, ins Klosett stürzte, beide Türen verriegelte und außer sich drauflosheulte. Für einen Augenblick wurde es im Hause still; dann stemmte der Hausherr die Hände gegen die Tür, duckte sich und rief mir zu: »Klettere an mir hinauf, schlag die Scheibe ein und nimm den Haken aus der Öse!« Ich war im Nu auf seinem Rücken, zerschlug die Scheibe über der Tür und beugte mich ins Kämmerlein vor, doch die Hausfrau begann mir eifrig mit dem Messergriff auf den Kopf zu trommeln. Es gelang mir dennoch, die Tür aufzuhaken, und der Hausherr zerrte die widerstrebende Gattin zurück ins Eßzimmer und nahm ihr das Messer fort. Als ich dann in der Küche saß und meinen mißhandelten Schädel rieb, kam ich sehr bald zu der Erkenntnis, daß ich ganz unnötig gelitten hatte. Das Messer war stumpf, man konnte mit seiner Hilfe gerade noch eine Scheibe Brot abschneiden, auf keinen Fall aber die Haut durchdringen; es wäre auch nicht nötig gewesen, dem Hausherrn auf den Rücken zu klettern, die Scheibe hätte sich ebensogut von einem Stuhl aus einschlagen lassen; und schließlich hätte ein Erwachsener den Haken bequemer aushaken können – er hatte längere Arme. Nach dieser Geschichte erschrak ich über die Streitigkeiten im Hause nicht mehr. Die Brüder sangen im Kirchenchor; manchmal stimmten sie während der Arbeit ein Lied an. Der Ältere sang im Bariton: »Der Ring des Mädchens wunderbar Glitt mir hinab ins Meer ...« Der Jüngere fiel mit Tenorstimme ein: »Und alles Glück der Erde war Für mich dahin seither.« Aus dem Kinderzimmer flüsterte die Hausherrin: »Seid ihr von Sinnen? Das Kind schläft doch ...« Oder: »Du bist verheiratet, Was ja, und könntest es ruhig unterlassen, von irgendwelchen Mädchen zu singen. Was soll das? Auch wird es bald zur Abendmesse läuten ...« »Gut, dann singen wir etwas Geistliches.« Doch die Frau des Hauses erklärte, Geistliches außerhalb der Kirche zu singen sei überhaupt unangebracht, insbesondere hier ... Und sie wies vielsagend auf die kleine Tür. »Wir müssen die Wohnung wechseln, sonst ... weiß der Teufel!« sagte gelegentlich der Hausherr. Nicht weniger oft sagte er, man müsse den Tisch auswechseln, aber er wiederholte das seit nun schon drei Jahren. Wenn sich die Angehörigen des Hauses über andere Leute unterhielten, mußte ich immer an den Schuhladen zurückdenken – dort sprach man ebenso. Mir war klar, daß man sich auch hier für besser als alle anderen hielt, die Regeln der Lebensführung genauestens zu kennen glaubte und, eben auf diese mir unklaren Regeln gestützt, unnachsichtig und mitleidslos über die Menschen richtete. Bei mir riefen diese Richtersprüche grimmigen Mißmut und Verdruß über die Lebensregeln im Hause hervor; gegen sie zu verstoßen wurde mir zum Vergnügen. Arbeit hatte ich genug. Ich erfüllte die Pflichten eines Stubenmädchens: Mittwochs putzte ich den Samowar und das Kupfergeschirr und wischte den Fußboden in der Küche auf, sonnabends in der ganzen Wohnung und auf den beiden Treppenfluren. Ich hackte und schleppte Holz für die Öfen herbei, wusch das Geschirr ab, putzte Gemüse, ging mit der Frau des Hauses auf den Basar und trug den Korb mit den Einkäufen hinter ihr her; ich lief in den Kaufladen und in die Apotheke. Meine unmittelbare Vorgesetzte – Großmutters Schwester, eine laute, jähzornige Alte – stand früh, gewöhnlich schon gegen sechs Uhr morgens, auf; flüchtig gewaschen, kniete sie im bloßen Hemd vor dem Heiligenbild nieder und beklagte sich lange beim Herrgott über ihr Leben, über die Kinder, über die Schwiegertochter. »Herrgott!« rief sie mit Tränen in der Stimme aus, die zum Bekreuzigen zusammengelegten Finger an der Stirn. »Herrgott, ich bitte dich um nichts, ich brauche nichts – nur laß mich ausruhen, Herr, und gib mir Frieden durch deine Macht!« Ihr Jammern pflegte mich zu wecken; ich lugte unter der Decke hervor und lauschte mit Schrecken dem inbrünstigen Gebet. Der herbstliche Morgen blickt trüb zum Küchenfenster herein, durch Scheiben, die naß vom Regen sind; auf dem Fußboden schwankt im kalten Dämmerschein eine graue Gestalt hin und her und fuchtelt aufgeregt mit den Armen; unter dem abgeglittenen Kopftuch hervor fällt dünnes, helles Haar von dem kleinen Kopf auf Nacken und Schultern; die Alte schiebt das Tuch, das immer wieder verrutscht, mit einer heftigen Bewegung der linken Hand zurecht und murmelt: »Ha, daß dich der und jener!« Sie holt weit aus, schlägt sich an Stirn, Bauch und Schultern und zischt: »Und strafe die Schwiegertochter, o Herr, um meinetwillen; rechne ihr alle Kränkungen an, die sie mir zufügt! Und öffne meinem Sohn die Augen – daß er sie und Wiktoruschka erkenne! Herr, hilf Wiktoruschka, gewähre ihm deine Wohltaten ...« Wiktoruschka schläft hier in der Küche, gleich nebenan auf der Pritsche; das Gegreine der Mutter hat ihn geweckt, er ruft mit schläfriger Stimme: »Mama, schon wieder plärren Sie in aller Frühe! Es ist das reinste Unglück!« »Schon gut, schon gut, schlaf nur«, murmelt schuldbewußt die Alte. Ein, zwei Minuten schaukelt sie schweigend hin und her, dann ruft sie plötzlich aufs neue laut und rachegierig aus: »Auf daß sie der Schlag rühre und sie ohne Sarg begraben werden, o Herr ...« So schrecklich hatte nicht einmal mein Großvater gebetet. Nach dem Gebet weckte sie mich: »Steh auf, genug gepennt, wir leben nicht, um zu schlafen! Heiz den Samowar an und schaff Holz heran – Kienspäne hast du gestern wohl wieder nicht vorbereitet? Hu!« Ich bemühe mich, alles so rasch wie möglich zu machen, nur um die Alte nicht zischeln zu hören, aber man kann es ihr einfach nicht recht tun; sie hetzt wie der Wintersturm in der Küche umher und zischelt und heult: »Leise, du Teufel! Wenn du mir Wiktoruschka weckst, bekommst du was ab! Los, lauf in den Laden ...« Wochentags kaufte ich zum Morgentee zwei Pfund Weizenbrot und für zwei Kopeken Brötchen für die junge Frau des Hauses. Wenn ich das Brot nach Hause brachte, sahen die Frauen es mißtrauisch an, wogen es in der Hand und fragten: »Hat es denn keine Zuwaage gegeben? Nein? Los, mach mal den Mund auf!« Und triumphierend riefen sie: »Er hat die Zuwaage aufgefressen, da stecken ja noch die Krümel zwischen den Zähnen!« Ich arbeitete gern – es machte mir Spaß, dem Schmutz im Hause zu Leibe zu gehen, die Fußböden zu wischen, das Kupfergeschirr, die Ofenklappen und Türklinken zu putzen; waren die beiden Frauen friedfertig gestimmt, dann hörte ich sie oft von mir sagen: »Fleißig ist er ja.« »Und sauber auch.« »Aber reichlich frech.« »Ja, meine Liebe, was hat er denn schon für eine Erziehung genossen?« Und beide bemühten sich, mir Respekt beizubringen; ich mochte sie jedoch nicht leiden, sah sie als Halbverrückte an, hörte nicht auf sie und blieb ihnen auch kein Wort schuldig. Die junge Frau des Hauses merkte wohl, wie wenig Eindruck manche Reden auf mich machten, und sagte immer häufiger zu mir: »Du darfst nicht vergessen, daß du aus einem bettelarmen Hause kommst. Deine Mutter hat einen seidenen Überwurf von mir geschenkt bekommen. Mit Glasperlen!« Eines Tages entgegnete ich ihr: »Soll ich mich dieses Überwurfs wegen vielleicht von Ihnen schinden lassen?« »Ach du meine Güte, der steckt uns noch das Haus an!« rief sie erschrocken aus. Ich war verblüfft – warum sollte ich das Haus anstecken? Beide beschwerten sich alle Augenblicke über mich beim Hausherrn, worauf der Hausherr mich streng ermahnte: »Freundchen, nimm dich in acht!« Doch eines Tages gab er den beiden Frauen gelassen zur Antwort: »Ihr seid mir die Rechten! Reitet auf dem Jungen herum wie auf einem Wallach – ein anderer wäre längst davongelaufen oder bei dieser Arbeit verreckt.« Die Frauen brachen in Zornestränen aus; die Ehegattin stampfte außer sich mit dem Fuß und schrie: »Wie kannst du so etwas in seiner Gegenwart sagen, langmähniger Dummkopf du! Wie soll er nach diesen Worten noch Achtung vor mir haben? Ich bin doch schwanger!« Die Mutter jammerte und heulte: »Vergebe dir Gott, Wassilij, denk aber an mein Wort – du wirst den Jungen nur verderben!« Nachdem sie entrüstet gegangen waren, sagte der Hausherr streng: »Siehst du, kleiner Teufel, was deinetwegen für ein Lärm im Hause ist? Warte nur, ich schicke dich zum Großvater zurück, da kannst du wieder Lumpen sammeln!« Ich ließ die Kränkung nicht auf mir sitzen und entgegnete: »Lieber Lumpen sammeln als bei Ihnen leben! Sie nehmen mich als Lehrling auf, aber was lehren Sie mich? Die Mülleimer hinuntertragen ...« Der Hausherr packte mich an den Haaren, aber so vorsichtig, daß es nicht weh tat, sah mir verwundert in die Augen und meinte: »Du bist aber auch eine ziemliche Kröte! Nein, Freundchen, so etwas kann ich nicht brauchen, nein ...« Ich glaubte schon, er würde mich davonjagen, aber er kam am übernächsten Tag mit einer Rolle dickem Papier, mit Bleistift, Winkelmaß und Lineal in der Hand zu mir in die Küche. »Wenn du mit dem Messerputzen fertig bist, zeichnest du mir das nach!« Auf dem Blatt sah man die Front eines zweistöckigen Hauses mit vielen Fenstern und Stuckverzierungen. »Hier hast du einen Zirkel! Miß alle Linien nach, trage die Enden auf dem Papier als Punkte ein und verbinde diese Punkte mit Bleistift und Lineal durch Linien. Zuerst der Länge nach – das sind die Horizontalen, dann quer zu ihnen das sind die Vertikalen. Leg los!« Ich war über die saubere Arbeit und den Beginn der Lehre sehr erfreut, starrte jedoch Papier und Werkzeug mit ehrfürchtiger Scheu und ohne das mindeste Verständnis an. Dennoch wusch ich mir rasch die Hände und machte mich ans Lernen. Erst zog ich die Horizontalen und prüfte sie – alles in Ordnung! Es waren allerdings drei zuviel. Dann zog ich die Vertikalen und stellte überrascht fest, daß sich die Front des Hauses unsinnig verzerrt hatte – die Fenster waren an die Stelle der Zwischenmauern gerückt; eins hatte sich sogar selbständig gemacht und hing neben dem Hause in der Luft. Auch der Vordereingang hatte sich bis zum zweiten Stock in die Luft geschwungen, während sich das Gesims mitten aufs Dach und die Dachluke auf den Schornstein verirrt hatten. Ich starrte lange, fast unter Tränen, auf alle diese nicht wiedergutzumachenden Wunder und versuchte zu begreifen, wie sie geschehen waren. Und ohne es begriffen zu haben, beschloß ich, der Sache durch Phantasie nachzuhelfen – ich zeichnete an der Front des Hauses auf allen Gesimsen und auf dem Dachfirst Krähen, Tauben und Spatzen hin, auf der Erde vor dem Fenster krummbeinige Menschen mit Regenschirmen, die ihre Mißgestalt nicht ganz verbargen. Dann bedeckte ich das ganze Blatt mit schrägen Strichen und brachte mein Werk zum Lehrer. Er zog die Brauen hoch, zerwühlte sein Haar und erkundigte sich mit finsterer Miene: »Was soll denn das bedeuten?« »Es regnet«, erläuterte ich mein Werk. »Wenn es regnet, erscheinen alle Häuser schief, weil der Regen selbst immer schief fällt. Die Vögel – das hier sind alles Vögel – haben auf den Gesimsen Schutz gefunden. So ist es bei Regen immer. Und das sind Menschen, die nach Hause eilen. Die feine Dame da ist hingefallen, und das hier ist ein Straßenhändler, der mit Zitronen handelt ...« »Ergebenen Dank«, sagte mein Lehrherr, beugte sich über den Tisch – seine Haare fegten dabei das Blatt zu Boden –, brach in Lachen aus und rief: »Daß dich der und jener, du Spatzenvieh!« Die Hausherrin kam herein – ihr Bauch schaukelte wie ein Fäßchen –, sah meine Arbeit an und sagte zu ihrem Gatten: »Verdrisch ihn doch!« Aber der Hausherr bemerkte friedfertig: »Macht nichts, ich habe auch nicht besser angefangen.« Nachdem er die Verheerungen an der Fassade mit dem Rotstift bezeichnet hatte, gab er mir neues Papier. »Los, mach alles noch einmal! Du wirst das so lange zeichnen, bis du es hingekriegt hast.« Die zweite Kopie gelang mir schon besser – soweit man davon absieht, daß das eine Fenster genau auf die Eingangstür traf. Mir gefiel jedoch nicht, daß das Haus so leer war, und ich bevölkerte es mit allerlei Gestalten ? man sah feine Damen mit Fächern in der Hand und Kavaliere mit Zigaretten in den Fenstern; einer von ihnen, ein Nichtraucher, drehte allen anderen eine Nase. Am Eingang wartete ein Mietkutscher, daneben lag ein Hund. »Warum hast du wieder herumgeschmiert?« fragte mich böse der Lehrherr. Ich erklärte ihm, ohne Menschen sehe alles so traurig aus, aber er schimpfte: »Zum Teufel damit! Wenn du lernen willst, lerne! Das ist doch Unfug ...« Als es mir endlich gelang, eine Kopie der Fassade herzustellen, die dem Original ähnlich war, freute er sich. »Na siehst du, du kannst es doch! Auf diese Art werden wir beiden wohl eher zur Sache kommen ...« Und er stellte mir die Aufgabe: »Entwirf den Plan der Wohnung – wie die Zimmer liegen, wo sich die Türen und Fenster befinden, wo was steht. Ich gebe dir keinerlei Anweisungen – mach's selber!« Ich wandte mich nachdenklich in die Küche – womit sollte ich anfangen? An diesem Punkt fand meine Ausbildung im Zeichnen jedoch auch schon ihr Ende. Die alte Hausherrin trat auf mich zu und fragte unheildrohend: »Zeichnen willst du?« Sie packte mich an den Haaren und stieß mich mit dem Gesicht auf den Tisch, daß mir Nase und Lippen bluteten; dann zerriß sie die Zeichnung, schnellte hoch, fegte das Werkzeug vom Tisch und rief, die Fäuste in die Hüften gestemmt, triumphierend: »So, zeichne doch! Nein, daraus wird nichts! Ein Fremder soll mitarbeiten, während der einzige Bruder, das eigene Fleisch und Blut, fort soll?« Der Hausherr kam gelaufen, auch seine Frau wogte herbei, und ein wilder Tumult begann – alle drei fielen übereinander her, schrien und spien sich an; es endete damit, daß der Hausherr, nachdem die Frauen sich zurückgezogen hatten, um zu heulen, mir sagte: »Stell das alles vorerst zurück, das Lernen, meine ich – du siehst doch selber, was dabei herauskommt!« Er tat mir leid – er war so zerknittert und hilflos, für alle Zeiten von dem Gezeter der Weiber betäubt. Ich war mir schon früher darüber im klaren gewesen, daß mich die Alte nicht gern lernen sah und mich absichtlich darin behinderte. Bevor ich mich ans Zeichnen machte, fragte ich jedesmal: »Ist noch etwas zu tun?« Und sie gab mürrisch zur Antwort: »Wenn etwas ist, werde ich es schon sagen, hock nieder am Tisch und amüsier dich ...« Nach einiger Zeit pflegte sie mich irgendwohin zu schicken oder zu sagen: »Wie sieht der Vorderaufgang bei dir aus? In den Ecken – Schmutz und Staub! Geh, feg aus!« Ich ging hin und sah nach – es war kein Staub da. »Du wagst es, mir zu widersprechen?« schrie sie mich an. Eines Tages übergoß sie alle meine Zeichnungen mit Kwaß, ein anderes Mal kippte sie eine Schale Ikonenöl darüber – sie verübte ihre Kleinmädchenstreiche mit kindlicher List und mit dem kindlichen Unvermögen, sie zu verbergen. Weder vorher noch nachher habe ich einen Menschen gesehen, der sich so rasch und leicht wie sie über etwas entrüstet oder so leidenschaftlich gern über alle und alles beklagt hätte. Die Menschen beklagen sich zwar alle ganz gern, aber sie tat es mit besonderem Genuß – es war, als sänge sie ein Lied. Ihre Liebe zum Sohn grenzte an Wahnsinn, wirkte lächerlich und erschreckte mich durch eine Kraft, die ich nicht anders als grimmig nennen kann. Da stellte sie sich manchmal nach dem Morgengebet auf den Ofentritt, legte die Ellenbogen auf das Außenbrett des Hängebodens und flüsterte wie im Fieber: »Mein Unverhoffter, Gottesgeschenk, heißer Tropfen aus meinem Blut, rein wie ein Diamant, leichte Engelsfeder du! Er schläft – schlaf, Kind, umfange deine Seele ein heiterer Traum, träume von einer Braut, schöner als alle, schön wie ein Königskind und reich wie eine Kaufmannstochter! Deine Feinde sollen ungeboren verrecken und deine Freunde hundert Jahre leben, die Mädchen aber in Rudeln hinter dir her sein ? wie Enten hinter dem Enterich!« Ich verspüre einen unerträglichen Lachreiz – der grobe und träge Wiktor erinnert an einen Specht; er ist genauso bunt, genauso großnäsig, genauso eigensinnig und beschränkt. Gelegentlich wurde er vom Flüstern der Mutter wach und murmelte im Halbschlaf: »Scheren Sie sich zum Teufel, Mama, was prusten Sie mir mitten in die Schnauze! ... Ist doch kein Leben mehr!« Manchmal stieg sie gehorsam vom Ofentritt herunter und lächelte: »So schlaf schon, schlaf ... du Grobian!« Es kam aber auch vor, daß ihr die Beine versagten – dann klatschte sie auf den Ofenrand hin und keuchte mit offenem Mund, laut atmend, als hätte sie sich die Zunge verbrannt, die beißenden Worte: »So also ist das? Du jagst deine Mutter zum Teufel, du Hundsfott? Ach meine Mitternachtsschande, verfluchter Kummer du, den mir der Teufel in die Seele gepflanzt, wärst du doch vor der Geburt verfault!« Sie redete in schmutzigen Worten, wie die betrunkene Straße redet – mich gruselte, wenn ich es hörte. Sie schlief wenig und unruhig, sprang manche Nacht mehrmals vom Ofen, sank zu mir auf die Bank und weckte mich. »Was haben Sie?« »Schweig still«, flüsterte sie, bekreuzigte sich und starrte irgendwohin ins Dunkel. »Herrgott ... und du, Prophet Ilja ... und du, Märtyrerin Warwara ... bewahret mich vor unverhofftem Tod ...« Sie zündete mit zitternder Hand eine Kerze an. Die Anspannung ließ ihr rundes, starknasiges Gesicht aufquellen, die grauen, unruhig zwinkernden Augen spähten angestrengt umher – das Dämmerlicht hatte alles ringsum verändert. Die Küche war groß, aber mit Schränken und Truhen vollgestellt; nachts wirkte sie klein. Still woben in ihr die Mondstrahlen, vor den Heiligenbildern flackerte das Licht eines »Ewigen Lämpchens«, an der Wand blitzten wie Eiszapfen die Küchenmesser, auf den Regalen verschwammen gleich blicklosen Fratzen die schwarzen Bratpfannen. Sie pflegte mit einer Vorsicht vom Ofen zu klettern, als ginge es über ein Flußufer ins Wasser, und patschte mit bloßen Füßen auf eine Ecke zu, wo über einem Ausgußeimer ein Handwaschbecken mit großen Henkeln hing, das mich an einen abgehackten Kopf erinnerte; gleich daneben stand der Wasserzuber. Sie trank seufzend und sich verschluckend Wasser, dann starrte sie durch die bläulich bereiften Fensterscheiben ins Freie. »Erbarme dich, Herr, erbarme dich mein«, betete sie flüsternd. Manchmal löschte sie das Licht, sank auf die Knie und fauchte: »Wer liebt mich denn, o Herr, wer braucht mich?« Wenn sie das Abzugsblech bekreuzigt hatte und wieder auf den Ofen kroch, befühlte sie die Klappen – ob sie auch fest geschlossen waren; sie beschmierte dabei die Hände mit Ruß, schimpfte entsetzlich und schlief plötzlich ein – als hätte sie eine unsichtbare Macht niedergeschmettert. Hatte sie mich gekränkt, dann dachte ich mir: Schade, daß nicht mein Großvater ihr Mann ist – dem hätte sie aber zugesetzt! Freilich hatte auch sie bei ihm nichts zu lachen gehabt. Sie kränkte mich oft genug, aber es gab auch Tage, an denen ihr aufgedunsenes, gleichsam wattiertes Gesicht traurig wurde, die Augen in Tränen schwammen und sie mit Nachdruck zu mir sagte: »Glaubst du vielleicht – ich habe es leicht? Da habe ich Kinder in die Welt gesetzt, habe sie großgezogen und auf eigene Füße gestellt – wozu eigentlich? Jetzt schlage ich mich bei ihnen als Köchin durch – meinst du etwa, es macht mir Spaß? Da holt mein Sohn ein fremdes Frauenzimmer ins Haus und setzt sein eigen Fleisch und Blut zurück. Ist das vielleicht schön?« »Nein«, entgegnete ich überzeugt. »Na also! Da siehst du's ...« Und sie erging sich in schamlosen Worten über die Schwiegertochter: »Ich bin mal mit ihr im Bad gewesen und habe genug gesehen! Was hat er nur an ihr gefunden? Das soll eine Schönheit sein?« Über die Beziehungen zwischen Mann und Frau sprach sie immer erstaunlich schmutzig; zuerst riefen ihre Reden Widerwillen bei mir hervor, aber bald gewöhnte ich mich daran, sie aufmerksam und mit großem Interesse anzuhören; ich fühlte, hinter diesen Reden verbarg sich etwas Wahres und Bedrückendes. »Das Weib ist eine Macht, es hat sogar den Herrgott überlistet, jawohl doch!« plärrte sie und hieb mit der Hand auf den Tisch. »Evas wegen fahren die Menschen zur Hölle – bitte, da hast du's!« Von der Macht des Weibes konnte sie ohne Ende reden, und manchmal schien mir, sie wolle mit solchen Reden jemand erschrecken. Besonders behielt ich im Gedächtnis, daß »Eva sogar den Herrgott überlistet« habe. Auf unserem Hof stand ein Flügel, ebenso groß wie das Vorderhaus; von den acht Wohnungen in beiden Gebäuden waren vier von Offizieren bewohnt, eine fünfte vom Regimentsgeistlichen. Der Hof wimmelte von Offiziersburschen und Meldern, bei denen Wäscherinnen, Stubenmädchen und Köchinnen ein und aus gingen; in allen Küchen spielten sich ständig unter Tränen, Gezänk und Schlägereien allerlei Romane und Dramen ab. Die Soldaten schlugen sich untereinander oder mit den Erdarbeitern, die im Dienst des Hausbesitzers standen; daneben prügelte man die Frauen. Ununterbrochen brodelte auf dem Hof, was man Unzucht, Ausschweifung nennt – die unbezähmbare tierische Gier gesunder Burschen. Dieses Leben voller heftiger Sinnlichkeit, absurder Quälsucht und schmutziger Prahlerei mit dem Erfolg wurde in der Familie meines Brotherrn beim Mittagessen während des Abendtees und des Abendbrots zynisch mit allen Einzelheiten erörtert. Die Alte war über alle Geschichten, die sich im Hause ereigneten, stets auf dem laufenden und gab sie schadenfroh und leidenschaftlich interessiert zum besten. Die Junge hörte sich diese Geschichten an und lächelte schweigend mit ihren vollen Lippen. Wiktor lachte, während der Hausherr denn doch das Gesicht verzog und sagte: »Genug jetzt, Mama ...« »Mein Gott, darf man denn gar nichts mehr sagen?« beklagte sich die Erzählerin. Wiktor ermunterte sie: »Immer weiter im Text, Mama, wozu sich genieren! Wir sind doch schließlich unter uns ...« Der ältere Sohn behandelte die Mutter mit widerwilliger Nachsicht und vermied es, mit ihr allein zu bleiben; traf es sich dennoch, dann überhäufte ihn die Mutter mit Klagen über seine Frau und bat ihn jedesmal um Geld. Er drückte ihr hastig einen oder drei Rubel und einige Silbermünzen in die Hand. »Es ist nicht recht von Ihnen, Mama, daß Sie sich dieses Geld von mir geben lassen, es geht mir nicht um das Geld, aber recht ist es nicht!« »Ich will es doch nur für die Bettler, für Kerzen, für die Kirche ...« »Ich bitte Sie. Für Bettler! Sie werden Wiktor endgültig verderben.« »Du liebst den Bruder eben nicht, das ist eine große Sünde!« Er winkte nur ab und ging. Wiktor behandelte die Mutter grob und mit herablassendem Spott. Er war sehr gefräßig und ewig hungrig. Sonntags, wenn die Mutter Pfannkuchen buk, tat sie immer einige in einen Topf und versteckte sie unter der Bank, auf der ich schlief; Wiktor kam von der Mittagsmesse zurück, holte den Topf hervor und brummte: »Konntest du denn nicht mehr beiseite schaffen? Pfannkuchen – bitte zu versuchen!« »Futter sie lieber rasch auf, damit die anderen es nicht sehen ...« »Ich erzähle es ihnen, dir zum Trotz, wie du Pfannkuchen für mich stiehlst! Gabel in den Schnabel!« Eines Tages zog ich den Topf hervor und aß ein paar Pfannkuchen auf – Wiktor verprügelte mich dafür. Er konnte mich ebensowenig leiden wie ich ihn, trieb seinen Spott mit mir, ließ mich dreimal am Tage seine Stiefel putzen, schob, wenn er sich auf der Hängepritsche schlafen legte, die Bretter auseinander und spuckte durch die Lücken – möglichst auf meinen Kopf. Er ahmte offenbar seinen Bruder nach, der häufig genug Ausdrücke wie »Bestien von Hühnern« gebrauchte, doch wenn sich Wiktor in allerlei Wendungen erging, wirkte es erstaunlich unsinnig und albern. »Mama, rechtsum trara – wo sind meine Socken?« Er verfolgte mich mit allerlei dummen Fragen: »Aljoschka, antworte mir! Warum schreibt man – Geheul, und sagt geh, heul? Warum sagt man – Ameise, und nicht am Eise? Warum heißt es – vergeblich, und nicht vernehmlich?« Mir mißfiel, wie sie alle sprachen; in der schönen Sprache meiner Großmutter und meines Großvaters erzogen, verstand ich solche Verbindungen unvereinbarer Wörter wie »entsetzlich komisch«, »sterbenshungrig«, »schrecklich lustig« zuerst nicht; mir schien, das Komische könnte nicht entsetzlich, das Lustige nicht schrecklich sein und alle Menschen müßten bis zu ihrem Tode Hunger empfinden und also essen. Ich fragte sie: »Kann man denn so sagen?« Sie schalten: »Was du schon für ein Lehrmeister bist! Man sollte dir die Ohren abreißen ...« Doch auch das »Ohrenabreißen« schien mir falsch – abreißen konnte man Grashalme, Blumen, Nüsse. Sie versuchten mir zu beweisen, daß man auch an den Ohren reißen kann, aber das überzeugte mich nicht, und triumphierend verkündete ich: »Und doch sind meine Ohren nicht abgerissen!« Ringsum gab es unvergleichlich mehr grausamen Übermut und schmutzige Schamlosigkeit als in den Straßen Kunawinos, das reich an »öffentlichen Häusern« und »bummelnden« Mädchen war. In Kunawino war hinter dem Schmutz und der Zügellosigkeit immerhin etwas zu spüren, das die Unvermeidlichkeit des Schmutzes und der Zügellosigkeit erklärte – das Hungerdasein, die schwere Arbeit. Hier führte man ein sattes und leichtes Leben, und eine unverständliche, ganz unnütze Geschäftigkeit vertrat die Stelle der Arbeit. Darüber hinaus war alles in eine beißende, entnervende Langeweile gehüllt. Es ging mir nicht gut, aber am schlimmsten fühlte ich mich, wenn die Großmutter mich besuchte. Sie kam durch den Hintereingang herein, betrat die Küche und bekreuzigte sich gegen die Heiligenbilder; dann verneigte sie sich tief vor der jüngeren Schwester, und diese Verneigung würgte mich, drückte mich nieder wie eine viele, viele Pud schwere Last. »Ach, du bist es, Akulina«, empfing meine Herrin die Großmutter geringschätzig und kühl. Ich kannte die Großmutter nicht wieder – sie setzte sich mit bescheiden geschürzten Lippen und völlig verändertem, fremdem Gesicht still auf die Bank an der Tür, neben den Ausgußzuber, und schwieg, als fühle sie sich schuldig; die Fragen der Schwester beantwortete sie ergeben und leise. Das quälte mich, und ärgerlich sagte ich zu ihr: »Wo hast du dich denn hingesetzt?« Sie zwinkerte mir freundlich zu und gab belehrend zur Antwort: »Sei du mal still, du bist hier nicht der Hausherr!« »Er mischt sich immer in Dinge ein, die ihn nichts angehen, ob man ihn schlägt oder schilt«, begann die Alte mit ihren Klagen. Nicht selten erkundigte sie sich schadenfroh bei der Schwester: »Was ist, Akulina, lebst wohl als Bettlerin?« »Als wenn das so ein Unglück wäre ...« »Ist alles kein Unglück, solange man sich nicht schämt.« »Man sagt, auch Christus hat von Almosen gelebt ...« »Dummköpfe sagen das und Ketzer, aber du, dumme Gans, hörst auf sie! Christus ist kein Bettler, er ist Gottes Sohn, er wird kommen in seiner Herrlichkeit, so steht's geschrieben, zu richten die Lebendigen und die Toten – auch die Toten, vergiß das nicht! Vor ihm kannst du dich nicht verbergen, und wenn du zu Asche verbrennst ... Er wird es dir und Wassilij heimzahlen – für euren Stolz, dafür, wie ihr mich behandelt habt, wenn ich euch reiche Leute manchmal um Hilfe bat ...« »Ich habe dir doch geholfen, so gut ich konnte«, entgegnete die Großmutter teilnahmslos. »Und heimgezahlt, das weißt du, hat es uns der Herr ...« »Viel zuwenig! Viel zuwenig ...« Lange setzte die Schwester mit ihrer unermüdlichen Zunge der Großmutter zu und zankte mit ihr herum, während ich ihrem bösen Kreischen zuhörte und mich niedergeschlagen fragte, wie die Großmutter sich das gefallen lassen konnte. Ich mochte sie in solchen Augenblicken nicht. Die jüngere Hausherrin kam in die Küche und nickte der Großmutter wohlwollend zu. »Kommen Sie zu uns ins Eßzimmer, macht nichts, kommen Sie nur herein!« Die Schwester rief der Großmutter nach: »Tritt die Füße ab, du – finsteres Dorf!« Der Hausherr begrüßte die Großmutter mit einem fröhlichen Wort: »Aha, die weise Akulina! Wie geht's? Atmet der alte Kaschirin noch?« Großmutter lächelte ihm herzlich zu. »Und du krümmst immer den Rücken und schuftest?« »Ja! Wie ein Sträfling.« Mit ihm unterhielt sich Großmutter freundlich und nett, doch als die Ältere. Gelegentlich erinnerte er sich meiner Mutter: »Jaaa, Warwara Wassiljewna ... Was für eine Frau ... großartig, was?« Seine Frau wandte sich an die Großmutter und flocht ein: »Erinnern Sie sich noch, ich habe ihr einen Überwurf geschenkt, aus schwarzer Seide, mit Glasperlen?« »Gewiß doch ...« »Der Überwurf war fast noch neu ...« »Ja, ja«, murmelte der Hausherr, »Überwurf oder Wurfüber, das Leben ist rasch vorüber!« »Was redest du da?« fragte mißtrauisch seine Frau. »Ich? Nichts Besonderes ... Die frohen Tage gehen hin, die Menschen, die guten, auch ...« »Ich verstehe nicht, worauf du hinauswillst.« Die Hausherrin konnte sich nicht beruhigen. Dann führt man die Großmutter zum Neugeborenen, ich räume das Teegeschirr ab, während der Hausherr mit gedämpfter Stimme nachdenklich zu mir sagt: »Eine liebe Alte – deine Großmutter ...« Ich bin ihm für diese Worte im Innersten dankbar; gequält sage ich zur Großmutter, nachdem wir allein geblieben sind: »Warum du nur herkommst! Warum? Du siehst doch, was es für Leute sind ...« »Ach, Oljoscha, ich sehe alles«,, entgegnet sie und blickt mich mit gütigem Spott auf dem wunderbaren Gesicht an; ich schäme mich plötzlich – ja, natürlich sieht und weiß sie alles, natürlich weiß sie auch, was in diesem Augenblick in meiner Seele vorgeht. Sie sieht sich vorsichtig um – ob auch nicht jemand kommt –, umarmt mich und redet mir gut zu: »Ich würde ja, nicht herkommen, wenn du nicht wärst; was habe ich schon von ihnen? Aber der Großvater war krank, ich habe meine liebe Not mit ihm gehabt und nicht gearbeitet – jetzt fehlt mir das Geld ... Mein Sohn Michailo aber hat Sascha aus dem Haus gejagt, und Sascha muß was zu essen und zu trinken haben. Sie hatten uns versprochen, sechs Rubel im Jahr für dich zu zahlen, da hab ich mir eben gedacht – ob sie nicht wenigstens mit einem Rubel herausrücken? Du bist doch schon bald ein halbes Jahr hier ...« Und sie flüstert mir ins Ohr: »Sie haben von mir verlangt, ich soll dir den Kopf waschen, soll mit dir schelten – sie sagen, du hörst auf niemand. Versuche es, bei ihnen auszuhalten, mein Herzchen, vielleicht zwei Jährchen noch, solange, bis du richtig groß und stark bist! Tust du es?« Ich verspreche es ihr. Aber es fällt mir sehr schwer. Dieses armselige, langweilige Leben, das aus einem einzigen Gehetze um das bißchen Essen besteht, bedrückt mich; ich lebe wie im Schlaf. Manchmal denke ich mir – du mußt weglaufen! Aber draußen ist gottverfluchter Winter, nachts heulen die Schneestürme, auf dem Dachboden rumort der Wind und knistern, vom Frost zusammengepreßt, die Dachsparren – wo soll man da hin? Spazierengehen durfte ich nicht, und zum Spazierengehen war auch keine Zeit – der kurze Wintertag verflog im Hin und Her der häuslichen Arbeit ungreifbar rasch. Es war jedoch für mich Pflicht, zur Kirche zu gehen; sonnabends zum Abendgottesdienst, feiertags zur Mittagsmesse. Ich hielt mich gern in Kirchen auf; ich liebte es, in einer Ecke zu stehen, wo es nicht ganz so voll und dunkler war, und von fern auf den Ikonostas, die Bilderwand, zu blicken – sie schien im Kerzenlicht zu schmelzen und sich in dunkelgoldenen Bächen über die grauen Steinplatten vor der Lesekanzel zu ergießen; die düsteren Gestalten auf den Ikonen beginnen sich leise zu regen; lustig flimmert das goldene Spitzenwerk des »Zarentores«, die Kerzenflammen hängen in der bläulichen Luft wie goldene Bienen, die Köpfe der Frauen und Mädchen erinnern an Blumen. Alles ringsum verschmilzt harmonisch mit dem Gesang des Chores, alles lebt ein seltsames Märchenleben, die ganze Kirche schwingt langsam wie eine Wiege – in einer dunklen Leere, schwarz wie Pech. Manchmal schien mir, die Kirche wäre in einem tiefen See versunken, sie hätte sich vor der Erde versteckt, um ihr besonderes, mit nichts zu vergleichendes Leben zu führen. Vermutlich war Großmutters Erzählung von der Stadt Kitesh daran schuld, und oft genug sprach ich, während ich mich, eingelullt vom Gesang des Chors, dem Raunen der Gebete, den Seufzern der Menschen, mit allem, was mich umgab, schläfrig hin und her wiegte, die schwermütig dahinströmenden Verse vor mich hin: »Es umschlossen die verdammten Tataren Mit ihrer heidnischen Heeresmacht Unser ruhmreiches Kiteshgrad Zur lichten Stunde des Morgenrots ... Wie ist's möglich, Herr, unser Gott, Muttergottes, du heilige! Ach, so helft euren Knechten treu, Die Morgenandacht noch durchzustehen Und die Heilige Schrift anzuhören! Ach, so laßt den Tataren nicht Die heilige Kirche entweihen, Gebt die Frauen und Mädchen der Schande nicht, Die kleinen Kinder nicht der Willkür preis, Nicht die Greise dem schlimmen Tode! Es erhörte der Herr Zebaoth, Es erhörte die Muttergottes Jener menschlichen Seufzer Flehen, Jener gläubigen Christen Klagen. Und es sprach der Herr Zebaoth Zu der Engel Zier Michael: ›So geh hin denn, o Michael, Erschüttre die Erde um Kiteshgrad, Laß die Stadt im See versinken; Mögen die Menschen beten dort Ohne Unterlaß, ohne Müdigkeit Von der Frühmesse bis zum Abendgebet, Alle heiligen Gottesdienste hindurch Von Ewigkeit zu Ewigkeit!‹« Ich war in jenen Jahren mit Großmutters Versen so angefüllt wie ein Bienenstock mit Honig; ich glaube, ich habe damals sogar in ihren Versformen gedacht. Ich sagte in der Kirche keine Gebete her – es schien mir unangebracht, vor Großmutters Gott die zornigen Gebete und weinerlichen Psalmen des Großvaters nachzusprechen; ich war überzeugt, Großmutters Gott könnte keinen Gefallen an ihnen finden, wie auch ich keinen an ihnen fand; obendrein standen sie, ja in den Büchern gedruckt, und der Herrgott mußte sie auswendig kennen – wie jeder, der lesen und schreiben kann. Ich war darum in der Kirche, in jenen Augenblicken, da sich das Herz in wehmütiger Trauer zusammenzog oder die kleinen Kränkungen des verflossenen Tages es zwackten, bemüht, meine Gebete selbst zu erfinden; ich brauchte nur über mein trauriges Los nachzudenken, und die Worte fügten sich mir von selbst, ohne viel Mühe, zu Klagen: »Herr, ach Herr – ich bin traurig! Gib, daß ich rasch erwachsen sei! Ich halte es sonst nicht aus Und erhäng mich – Herrgott, verzeih! Aus dem Lernen will nicht viel werden. Großmutter Matrjona, dieser Drachen, Knurrt mich an wie ein Wolf, Kann mir das Leben bitter machen!« Viele meiner »Gebete« weiß ich noch heute auswendig in der Kindheit läßt die Arbeit des Verstandes allzu tiefe Narben in der Seele zurück; häufig wachsen sie im ganzen Leben nicht mehr zu. In der Kirche war es schön, ich ruhte mich dort ebenso aus wie im Wald und auf der Flur. Das kleine Herz, das schon mancherlei Kränkungen erfahren hatte und von der bösen Roheit des Lebens beschmutzt war, wusch sich in unklaren, heißen Träumen rein. Ich ging aber nur bei strengem Frost in die Kirche oder dann, wenn ein wilder Schneesturm die Stadt durchtobte, wenn es schien, der Himmel wäre erfroren und vom Wind zu Schneewolken zerstäubt, wenn es schien, die Erde, auch sie unter den Schneewehen erstarrt, würde nie wieder erwachen, nie wieder auferstehen. In stillen Nächten zog ich es vor, in der Stadt umherzustreifen, aus einer Straße in die andere, immer weiter fort, bis in die entlegensten Winkel. Da gehe ich manchmal dahin, als trügen mich Flügel; ich bin mutterseelenallein wie am Himmel der Mond; mein Schatten kriecht vor mir her, löscht die Lichtfunken auf dem Schnee, stößt komisch gegen Prellsteine, gegen Zäune. In der Mitte des Fahrdamms kommt, im schweren Schafpelz, die Klapper in der Hand, der Nachtwächter daher; neben ihm läuft sein zitternder Hund. Der ungeschlachte Mann erinnert mich an eine Hundehütte – sie hat den Hof verlassen und bewegt sich die Straße entlang, mit unbekanntem Ziel, hinter ihr her der betrübte Hund. Manchmal begegnen mir lustige junge Damen und Kavaliere – ich bilde mir ein, daß auch sie aus der Abendmesse fortgelaufen sind. Gelegentlich dringen durch die Lüftungsklappen erleuchteter Fenster eigentümliche Gerüche an die reine Luft – sie wirken fein und fremd und deuten auf ein andersartiges, mir unbekanntes Leben hin; ich stehe vor dem Fenster, schnuppere, horche und versuche zu erraten, was es wohl für ein Leben sein mag und was für Menschen in diesem Hause wohnen. Es ist die Stunde der Abendmesse, aber sie lärmen, sind fröhlich und lachen und spielen irgendwelche Gitarren, deren voller, eherner Klang durch die Lüftungsklappe dringt. Besonders fesselte mich ein niedriges, einstöckiges Haus an der Ecke zweier einsamer Straßen – der Tichonowskaja und der Martynowskaja. Ich stieß in einer Mondnacht, bei Tauwetter, kurz vor der Fastenwoche darauf; der quadratischen Lüftungsklappe in einem der Fenster entströmte mit dem warmen Dunst ein ungewöhnlicher Ton – es war, als sänge ein starker und guter Mensch mit geschlossenem Mund; Worte waren nicht zu hören, aber das Lied kam mir seltsam vertraut und verständlich vor, wenn mich auch der Saitenklang, der den Fluß des Liedes auf lästige Art unterbrach, beim Zuhören störte. Ich setzte mich auf einen Prellstein; ich verstand, daß man da eine Art Geige spielte, von der eine wunderbare, unerträgliche Gewalt ausging – es tat fast weh, ihr zuzuhören. Manchmal sang sie mit solcher Kraft, daß das ganze Haus zu erbeben schien und die Fensterscheiben klirrten. Es tropfte vom Dach, und auch aus meinen Augen tropften Tränen. Unbemerkt trat der Nachtwächter auf mich zu, stieß mich vom Prellstein und fragte: »Was hockst du hier herum?« »Die Musik«, erläuterte ich. »Was heißt hier – Musik! Mach, daß du fortkommst ...« Ich rannte rasch ums Viertel herum und kehrte zum Fenster zurück, aber im Hause wurde nicht mehr musiziert – aus der Lüftungsklappe ergoß sich rauschend ein fröhlicher Lärm; er war der traurigen Musik so wenig ähnlich, als hätte ich alles nur im Traum gehört. Von da an lief ich fast jeden Sonnabend zu diesem Haus, aber nur einmal, im Frühjahr, war mir beschieden, aufs neue das Cello zu hören – es spielte fast ununterbrochen bis Mitternacht; als ich nach Hause zurückkehrte, verprügelte man mich. Die nächtlichen Streifzüge unter den winterlichen Sternen, inmitten der menschenleeren Straßen, bereicherten mich sehr. Ich suchte mir geflissentlich Straßen aus, die möglichst weit vom Zentrum entfernt lagen; im Zentrum gab es viele Laternen, ich konnte von Bekannten meiner Herrschaft bemerkt werden, sie hätte erfahren, daß ich die Abendmessen schwänzte. Auch die Betrunkenen, die Polizisten, die »bummelnden« Mädchen störten mich; in den entlegenen Straßen dagegen konnte man durch die Fenster in die unteren Stockwerke spähen – wenn sie nicht allzusehr vereist oder von innen verhangen waren. Viele Bilder haben mir diese Fenster gezeigt – ich sah, wie die Menschen beteten, wie sie sich küßten oder prügelten, Karten spielten und sich besorgt und lautlos unterhielten; ein stummes Fischleben zog wie im Groschenpanorama an mir vorüber. Eines Tages sah ich in einer Kellerwohnung zwei Frauen an einem Tisch – die eine jung, die andere etwas älter; ihnen gegenüber saß ein langhaariger Gymnasiast, der die Arme schwenkte und aus einem Buche vorlas. Die Junge hörte zurückgelehnt und mit finster zusammengeschobenen Brauen zu; die Ältere – schmal und mit üppigem Haar – deckte plötzlich die Hände vor das Gesicht; ihre Schultern begannen zu zucken; der Gymnasiast warf das Buch in die Ecke, sank, nachdem die Jüngere aufgesprungen und davongelaufen war, vor der mit dem üppigen Haar auf die Knie und küßte ihr immerfort die Hände. In einem anderen Fenster erspähte ich einen großen bärtigen Mann, der eine Frau in roter Jacke auf seinen Knien hielt, sie wie ein Kind wiegte und offenbar etwas sang sein Mund und seine Augen waren weit geöffnet. Sie warf sich vor lauter Lachen hintenüber und schlenkerte mit den Beinen; er richtete sie auf und begann wieder zu singen, während sie aufs neue in Lachen ausbrach. Ich blickte lange zu ihnen hin und ging schließlich weg, nachdem ich verstanden hatte, daß dieser Frohsinn die ganze Nacht kein Ende nehmen würde. Viele dieser Bilder haben sich meinem Gedächtnis für immer eingeprägt, und oft genug kehrte ich, von ihnen gebannt, zu spät nach Hause zurück. Das rief bei meiner Herrschaft Mißtrauen hervor, und man verhörte mich: »In welcher Kirche bist du gewesen? Welcher Pope hat zelebriert?« Sie kannten sämtliche Popen in der Stadt, sie wußten, aus welchem Evangelium gelesen wurde, sie wußten alles – es war für sie ein leichtes, mich zu entlarven. Beide Frauen im Hause verehrten den zornigen Gott meines Großvaters – den Gott, der Furcht von jedem verlangte, der vor ihn trat; sein Name wich nicht von ihren Lippen selbst wenn sie zankten, drohten sie einander: »Warte nur! Gott der Herr wird dich strafen, er wird dich, niederträchtiges Frauenzimmer, noch in die Knie zwingen! ...« Am Sonntag der ersten Fastenwoche buk die Alte wie gewöhnlich Pfannkuchen, aber sie brannten ihr immerfort an; rot von der Glut, rief sie zornig aus: »Hole euch doch der Teufel!« Plötzlich roch sie an der Bratpfanne, warf die Pfannengabel auf den Fußboden und heulte auf: »Ach du meine Güte, die Bratpfanne ist noch unrein, ich habe sie am ersten Montag der Großen Fasten nicht ausgebrannt, o Gott, o Gott!« Sie sank auf die Knie und flehte mit tränenerstickter Stimme: »Herrgott, himmlischer Vater, vergib mir Verruchten um deiner Leiden willen! O Herr, strafe mich alte Närrin nicht ...« Man gab die schon gebackenen Pfannkuchen den Hunden und brannte die Bratpfanne aus, die Schwiegertochter aber warf der Schwiegermutter, wenn sie sich stritten, von da an vor: »Sie backen selbst zur Fastenzeit in unreinen Pfannen!« Sie zogen ihren Herrgott in alle Angelegenheiten des Hauses, in alle Winkel ihres kleinen Lebens hinein – dadurch erhielt ihr kümmerliches Dasein eine gewisse äußere Bedeutung, erschien es als ständiger Dienst an einer höheren Macht. Dieses Hineinziehen Gottes in langweilige Nichtigkeiten bedrückte mich, und unwillkürlich blickte ich mich, da ich mich unsichtbar von jemand überwacht fühlte, in einem fort nach allen Ecken um; nachts hüllte mich eine kalte Wolke von Furcht ein, sie ging von jener Ecke der Küche aus, in der vor dunklen Heiligenbildern das Ewige Lämpchen brannte. Neben dem Küchenregal befand sich ein großes, durch einen Pfeiler zweigeteiltes Fenster, durch dieses Fenster blickte eine bodenlose blaue Leere herein, das Haus, die Küche, ich selbst schien am äußersten Rande dieser Leere zu hängen; man brauchte nur eine heftige Bewegung zu machen, und alles würde in den kalten blauen Abgrund stürzen und an den Sternen vorbei durch Totenstille irgendwohin davonfliegen – lautlos wie ein im Wasser versinkender Stein. Ich lag lange regungslos da, wagte nicht, mich auf die andere Seite zu drehen, und wartete auf ein schreckliches Ende meines Lebens. Ich kann mich nicht erinnern, wie ich mich von dieser Furcht befreite, ich befreite mich aber sehr bald von ihr; natürlich half mir dabei Großmutters gütiger Gott, und ich glaube, schon damals fühlte ich die einfache Wahrheit: Ich hatte bis dahin nichts Schlechtes getan, mich schuldlos zu strafen wäre ein Unrecht, für fremde Sünden aber war ich nicht verantwortlich. Ich schwänzte gelegentlich auch die Mittagsmesse, besonders im Frühjahr – seine unüberwindliche Macht hielt mich mit aller Entschiedenheit von einem Kirchenbesuch ab. Gab man mir aber ein Zweikopekenstück für eine Kerze mit, dann war ich endgültig verloren, ich kaufte mir »Knöchel«, verbrachte die ganze Zeit der Mittagsmesse mit »Knöchelspielen« und kam unvermeidlich zu spät nach Hause. Eines Tages brachte ich es sogar fertig, ganze zehn Kopeken zu verspielen, die ich für ein Gedächtnisgebet und ein Weihbrot mitbekommen hatte, so daß mir nichts anderes übrigblieb, als von der Schale, mit der der Kirchendiener aus dem Altarraum an mir vorüberkam, ein fremdes Weihbrot zu stibitzen. Ich spielte leidenschaftlich gern und geriet beim Spielen völlig aus dem Häuschen. Da ich ziemlich gewandt und stark war, machte ich mir in den Nachbarstraßen als Spieler bald einen Namen. Während der Großen Fasten sollte ich mich auf den Empfang des Abendmahls vorbereiten; ich ging also zu unserem Nachbarn, Vater Dorimedont Pokrowskij, zur Beichte. Ich hielt ihn für streng und hatte gerade ihm gegenüber viel gesündigt – ich hatte wiederholt die Laube in seinem Garten mit Steinen beworfen und war mit seinen Kindern verfeindet; er konnte mich auch sonst ah mancherlei Taten erinnern, die ihm Unannehmlichkeiten bereitet hatten. Alles das verwirrte mich sehr, und mein Herz schlug, während ich in der ärmlichen Kirche zur Beichte anstand, recht ängstlich. Aber Vater Dorimedont empfing mich mit dem gutmütig-brummigen Ausruf: »Aha, der Nachbar ... Nun gut, knie nieder! Worin hast du gefehlt?« Er bedeckte meinen Kopf mit schwerem Samt, ich erstickte fast an dem Geruch von Weihrauch und Wachs, es fiel mir schwer zu sprechen, ich hatte auch keine Lust dazu. »Gehorchst du den Erwachsenen?« »Nein.« »Sage – ich habe gefehlt!« Überraschend für mich selbst platzte ich heraus: »Ich habe Weihbrote gestohlen.« »Wieso denn das? Und wo?« fragte nach kurzem Nachdenken gelassen der Geistliche. »Bei den ›Drei Metropoliten‹, bei ›Mariä Schutz und Fürbitte‹, bei Nikola ...« »Nanu – in allen Kirchen? Das, mein Freund, ist aber wenig schön, das ist Sünde – verstehst du?« »Ja.« »Sage – ich habe gefehlt! Du Kauz! Hast du sie denn gestohlen, um sie zu essen?« »Manchmal, um sie zu essen, aber gewöhnlich hatte ich das Geld beim ›Knöchelspiel‹ verloren, und da ich ein Weihbrot nach Hause bringen mußte, habe ich eben eins gestohlen.« Vater Dorimedont murmelte undeutlich und müde vor sich hin, stellte mir noch einige Fragen und erkundigte sich plötzlich streng: »Hast du auch keine illegalen Druckschriften gelesen?« Ich verstand die Frage natürlich nicht und fragte zurück: »Was meinen Sie?« »Ob du verbotene Bücher gelesen hast?« »Nein, habe ich nicht ...« »Ich erlasse dir deine Sünden ... Steh auf!« Ich sah ihm erstaunt ins Gesicht – es erschien mir nachdenklich und gut. Mir war das alles peinlich, ich schämte mich – als meine Herrschaft mich zur Beichte schickte, hatte sie mir allerlei Schreckliches von ihr erzählt und mir eingeschärft, alle meine Sünden ehrlich zu bekennen. »Ich habe mit Steinen nach Ihrer Laube geworfen«, erklärte ich. Der Geistliche sah auf und sagte: »Auch das ist nicht schön! Geh jetzt!« »Und nach dem Hund auch ...« »Der nächste!« rief Vater Dorimedont und sah an mir vorbei. Ich ging mit dem Gefühl, getäuscht und gekränkt worden zu sein. Mit welcher ängstlichen Spannung war ich zur Beichte gegangen, und plötzlich stellte sich alles als keineswegs schrecklich, ja sogar als langweilig heraus! Interessant war nur die Frage nach den mir unbekannten Büchern gewesen – ich erinnerte mich des Gymnasiasten, der den zwei Frauen in der Kellerwohnung aus einem Buch vorgelesen hatte, erinnerte mich an »Gar nicht übel« – auch bei ihm hatte ich zahlreiche dicke schwarze Bücher mit unverständlichen Zeichnungen gesehen. Am folgenden Tage gab man mir ein Fünfzehnkopekenstück in Silber und schickte mich in die Kirche zum Abendmahl. Das Osterfest fiel auf ein spätes Datum, der Schnee war längst geschmolzen, die Straßen waren trocken und staubten; es war ein heiterer, sonniger Tag. Neben der Kirchenumfriedung gab sich eine größere Gesellschaft von Handwerksburschen leidenschaftlich dem »Knöchelspiel« hin; ich entschied, ich würde zum Abendmahl schon noch zurechtkommen, und bat die Spieler: »Laßt mich mitmachen!« »Eine Kopeke für die Teilnahme am Spiel!« erklärte stolz ein pockennarbiger, rothaariger Bursche. Ich gab nicht weniger stolz zur Antwort: »Drei auf das zweite Paar links!« »Den Einsatz aufs Feld!« Und das Spiel begann. Ich wechselte das Fünfzehnkopekenstück und schob meine drei Kopeken unter das Knöchelpaar auf dem langen Feld; wer dieses Knöchelpaar umwarf, hatte das Geld gewonnen, traf er daneben, zahlte er drei Kopeken an mich. Ich hatte Glück – zwei Spieler hatten nach meinem Geld gezielt und beide nicht getroffen; ich hatte also sechs Kopeken von richtigen, erwachsenen Männern gewonnen. Das hob natürlich meine Stimmung. Aber dann sagte einer der Spieler: »Paßt auf ihn auf, Jungen, sonst läuft er uns mit dem Gewinn davon!« Ich war gekränkt und erklärte, ohne mich zu bedenken, als haute ich auf eine Pauke: »Neun Kopeken auf das äußerste Paar links!« Das machte auf die anderen Spieler jedoch keinen merklichen Eindruck, und nur ein Junge in meinem Alter rief warnend aus: »Paßt auf, er ist ein Glückspilz, es ist der Zeichner von der Swesdinka, ich kenne ihn!« Ein hagerer Handwerksbursche, nach dem Geruch zu urteilen, ein Kürschner, erkundigte sich giftig: »Der kleine Teufel da? Nun guut ...« Er nahm mit dem bleigefüllten Wurfknöchel Maß, brachte die von mir gesetzten Knöchel sicher zu Fall, beugte sich vor und erkundigte sich: »Jetzt heulst du wohl, was?« Ich gab zur Antwort: »Drei auf den äußersten rechts!« »Auch den fege ich um!« prahlte der Kürschner, doch er verlor. Mehr als dreimal hintereinander durfte man nicht setzen – ich warf also gegen fremde Einsätze und gewann wohl noch vier Kopeken und einen Haufen »Knöchel« dazu. Als ich dann aber wieder an der Reihe war, setzte ich dreimal und verlor mein ganzes Geld, genau im richtigen Augenblick – die Mittagsmesse war zu Ende, die Glocken läuteten, das Volk kam aus der Kirche. »Hinterläßt du Frau und Kinder?« fragte mich der Kürschner, offenbar in der Absicht, mich am Schlafittchen zu nehmen, doch ich entwand mich ihm, lief davon, holte irgendein feiertäglich gekleidetes Bürschlein ein und erkundigte mich äußerst höflich: »Haben Sie das Abendmahl empfangen?« »Na und?« entgegnete er und maß mich mit einem argwöhnischen Blick. Ich bat ihn, mir zu erzählen, wie das Abendmahl vor sich geht, was dabei der Priester sagt und was ich meinerseits zu tun gehabt hätte. Der Bursche machte ein finsteres Gesicht und knurrte mich mit furchterregender Stimme an: »Hast wohl das Abendmahl geschwänzt, du Ketzer? Gar nichts sage ich dir, soll dir der Vater ruhig das Fell gerben!« Ich rannte nach Hause, fest davon überzeugt, man werde mich lange ausfragen und unvermeidlich herausbekommen, daß ich gar nicht zum Abendmahl gewesen war. Doch die Alte erkundigte sich, nachdem sie mich beglückwünscht hatte, nur nach einem: »Wieviel hast du dem Kirchendiener fürs warme Wasser gegeben?« »Fünf Kopeken«, entgegnete ich auf gut Glück. »Drei hätten vollauf genügt. Die restlichen zwei hättest du auch für dich behalten können, du Vogelscheuche!« Es ist Frühling. Jeder Tag kommt in neuen Kleidern daher, jeder neue Tag ist strahlender, lieblicher als die anderen; es duftet berauschend nach jungen Gräsern und frischen Maien, unwiderstehlich zieht es mich hinaus auf die Felder, wo ich mich auf der warmen Erde ausstrecken und der Lerche lauschen möchte. Statt dessen reinige ich Winterkleidung, helfe sie in eine Truhe verpacken, zerkrümele Blättertabak, klopfe Staub aus den Möbeln und mühe mich von morgens bis nachts mit allerlei Dingen ab, die mir unangenehm sind und völlig entbehrlich erscheinen. Habe ich eine freie Stunde, dann weiß ich nicht, was ich tun könnte; unsere kümmerliche Straße ist menschenleer, aber weiter darf ich mich nicht entfernen; auf dem Hof – verärgerte, müde Erdarbeiter, zerzauste Köchinnen und Waschfrauen und jeden Abend eine »Hundehochzeit« – das widert mich so an, verletzt mich so sehr, daß ich am liebsten erblinden möchte. Ich greife nach einer Schere und Buntpapier, steige zum Dachboden hinauf, schneide Spitzenmuster aus und verziere damit die Dachsparren ... Immerhin etwas, das meiner Sehnsucht entgegenkommt. Ich finde keine Ruhe, möchte irgendwohin fort, wo man weniger schläft, sich nicht so oft zankt, dem Herrgott nicht so aufdringlich mit Klagen zusetzt und wo man nicht so zornig Gericht über andere Menschen hält. Am Ostersonnabend bringt man eine wundertätige Ikone der Muttergottes von Wladimir aus dem Oranskij-Kloster in die Stadt; sie soll hier bis Mitte Juni zu Gast sein und jede Kirchengemeinde, jedes Haus, jede Wohnung besuchen. Im Hause meiner Herrschaft erschien sie an einem Wochentagmorgen; ich putzte in der Küche Kupfergeschirr, als mir die jüngere Herrin aufgeregt aus dem Zimmer zurief: »Schließ den Vordereingang auf – sie kommen mit der Oranskaja!« Schmutzig, wie ich war, die Hände voller Fett und geriebenem Ziegelstein, stürzte ich nach unten und öffnete die Tür – ein junger Mönch mit einer Laterne in der einen und einem Räuchergefäß in der anderen Hand knurrte mich leise an: »Ihr pennt wohl noch? Los, hilf mal ...« Zwei Männer aus der Nachbarschaft trugen den schweren Heiligenschrein die enge Treppe hinauf; ich half ihnen, indem ich den Schrein auf meine Schulter nahm und mit den schmutzigen Händen stützte, hinter uns stampften gewichtige Mönche, die lustlos mit satten Stimmen sangen: »Heilige Muttergottes, bitte für u-uns ...« Ich dachte traurig und schuldbewußt: Sie wird es mir übelnehmen, weil ich sie – so schmutzig – trage; die Arme werden mir verdorren ... Man stellte die Ikone in der vorderen Ecke auf zwei mit einem sauberen Bettuch bedeckte Stühle, zu ihren Seiten bauten sich, um sie zu stützen, zwei Mönche auf, die – jung und schön, helläugig, heiter und mit vollem Haar – an Engel erinnerten. Man hielt einen Bittgottesdienst ab. »O hochgepriesene Mutter«, psalmodierte mit hoher Stimme der großgewachsene Pope und befühlte in einem fort mit rotem Finger das angeschwollene, unter dem vollen Haar verborgene Ohrläppchen. »Heilige Muttergottes, erbarme dich unser«, fielen müde die Mönche ein. Ich liebte die Muttergottes; sie säte, so sagte die Großmutter, den armen Menschen zum Trost Blumen und Freuden, alles Gute und Schöne auf dieser Erde. Und als ich ihre Hand mit den Lippen berühren sollte, küßte ich sie, ohne bemerkt zu haben, was die Erwachsenen taten, scheu auf die Lippen, auf das Gesicht. Irgend jemand stieß mich mit starker Hand in die Ecke, zur Türschwelle zurück. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie die Mönche dann gingen und die Ikone forttrugen, aber eins weiß ich noch sehr genau – daß mich die Hausangehörigen, während ich auf dem Fußboden saß, umringten und in großer Furcht und Sorge hin und her rieten, was mir nach alledem geschehen würde. »Man muß mit einem Geistlichen reden, einem von den gebildeten«, sagte der Hausherr und schalt mich gutmütig aus: »Flegel, verstehst du denn nicht, daß man sie nicht auf die Lippen küssen darf? Und hast auch noch eine Schule besucht ...« Ich wartete mehrere Tage lang schicksalergeben, was denn nun werden würde. Ich hatte den Heiligenschrein mit schmutzigen Händen angefaßt und die Ikone gegen die Regeln geküßt – das konnte nicht ungestraft bleiben, auf keinen Fall! Doch die Muttergottes hatte mir die unwillkürliche, durch innige Liebe hervorgerufene Sünde offenbar verziehen. Es mochte auch sein, daß die Strafe, die sie mir auferlegt hatte, so leicht war, daß ich sie bei den vielen Strafen, die ich von guten Menschen zu erdulden hatte, gar nicht bemerkte. Manchmal sagte ich zur alten Herrin, um sie zu ärgern, im Tone der Zerknirschung: »Die Muttergottes hat offenbar vergessen, mich zu strafen.« »Warte nur ab«, verhieß die Alte giftig, »das wird man ja noch sehen ...« ... Wenn ich die Dachsparren auf dem Hausboden mit Mustern aus rosa Tee- oder Stanniolpapier, Baumblättern und allerlei anderem verzierte, sang ich zu kirchlichen Melodien, was mir gerade einfiel, wie es die Kalmücken auf Reisen tun: »Auf dem Dachboden an der Wand Sitz ich, die Schere in der Hand, Und schneide Papier aus; schneide, Langweile mich und leide. Wär ich ein Hund, ein Köter, Lief ich umher, wie ich will; So schreit mich an all und jeder: ›Sitz da, Galgenstrick, und sei still!‹« Die Alte sah sich mein Werk an, lächelte und schüttelte den Kopf. »So solltest du die Küche ausschmücken ...« Eines Tages kam auch der Hausherr auf den Dachboden, besichtigte, was ich geschaffen hatte, seufzte und sagte: »Bist ein komischer Kauz, Peschkow, hol dich der Teufel ... Ob mal ein Taschenspieler aus dir wird? Man kommt einfach nicht recht dahinter ...« Er schenkte mir ein großes, unter dem Zaren Nikolai geprägtes Fünfkopekenstück. Ich faßte die Münze in Klammern aus dünnem Draht und befestigte sie inmitten meines bunten Werks an sichtbarer Stelle wie eine Medaille. Sie war jedoch schon am übernächsten Tag zusammen mit der Klammer verschwunden – ich bin fest davon überzeugt, die Alte hat sie stibitzt! 5 Im Frühjahr lief ich dann doch davon; ich kam frühmorgens in den Kaufladen, um Brot zum Tee zu holen, und der Kaufmann, der einen Streit mit seiner Ehefrau hatte, schlug sie vor meinen Augen mit einem Gewicht vor die Stirn; sie stürzte auf die Straße und brach dort zusammen; sofort strömten Menschen herbei; man setzte sie in eine Droschke und brachte sie ins Krankenhaus; ich rannte hinter dem Droschkenkutscher her und landete, ohne daß ich es merkte, mit einem Zwanzigkopekenstück in der Hand am Wolgaufer. Freundlich strahlte der Frühlingstag, die Wolga strömte breit dahin, es ging geräuschvoll zu auf dieser weiten Erde; dabei hatte ich bis zu diesem Tag wie eine junge Maus im Keller gehockt! Ich beschloß, nicht mehr zu meinem Arbeitgeber zurückzukehren und auch nicht zur Großmutter nach Kunawino zu gehen – ich hatte mein Versprechen nicht gehalten und schämte mich, ihr gegenüberzutreten, außerdem hätte sich auch der Großvater über mich lustig gemacht. Ich trieb mich zwei, drei Tage am Flußufer umher, futterte mich bei gutmütigen Schauerleuten durch und übernachtete mit ihnen auf den Landebrücken; schließlich sagte einer von ihnen zu mir: »Ich sehe schon, mein Junge, du treibst dich hier unnütz herum! Melde dich doch auf der ›Dobryj‹, da wird ein Geschirrwäscher gesucht.« Ich ging hin; der großgewachsene, bärtige Büfettier, mit einem schwarzen Seidenkäppchen auf dem Kopf, sah mich aus trüben Augen durch die Brille an und sagte leise: »Zwei Rubel im Monat. Den Paß!« Einen Paß hatte ich nicht; der Büfettier dachte nach und schlug vor: »Bring deine Mutter her!« Ich rannte zur Großmutter; sie billigte mein Vorhaben, überredete den Großvater, zur Handwerkerinnung zu gehen, um einen Paß für mich zu beschaffen, und begleitete mich zum Dampfer. »Gut«, sagte der Büfettier, nachdem er uns eines kurzen Blicks gewürdigt hatte. »Gehen wir!« Er führte uns zum Heck, wo der riesige Koch – in weißer Jacke, mit einer weißen Mütze auf dem Kopf – an einem Tischchen Tee trank und eine dicke Zigarette rauchte. Der Büfettier schob mich vor sich her auf ihn zu. »Der Geschirrwäscher.« Und er ging schleunigst fort, während der Koch prustete, den Schnurrbart sträubte und ihm nachrief: »Stellen jeden ein, Hauptsache – recht billig ...« Er warf ärgerlich den großen Kopf mit den kurzgeschnittenen schwarzen Haaren zurück, riß die dunklen Augen auf, gab sich einen Ruck, blies sich auf und schrie mich an: »Wer bist du?« Der Mann gefiel mir ganz und gar nicht – obwohl er ganz in Weiß gekleidet war, erschien er mir schmuddlig; auf seinen Fingern wucherte Wolle, aus seinen großen Ohren starrten lange Haare. »Ich habe Hunger«, sagte ich zu ihm. Er zwinkerte, und plötzlich verwandelte ein breites Lächeln sein grimmiges Gesicht; die glühenden, feisten Wangen verzogen sich bis an die Ohren und gaben die großen Pferdezähne frei, während der Schnurrbart weich herabsank – der Koch erinnerte mich auf einmal an eine gutmütige, dicke Bauernfrau. Er kippte den Tee aus seinem Glas über die Reling, goß frischen ein und schob eine noch unberührte Semmel mit einem großen Stück Wurst vor mich hin. »Hau rein! Hast du noch Vater und Mutter? Verstehst du dich aufs Stehlen? Nun, nun, brauchst keine Angst zu haben, hier stehlen alle ? sie werden es dich schon lehren!« Er sprach nicht – er bellte. Sein riesiges Gesicht, rasiert und bläulich, war an der Nase von einem dichten Netz roter Äderchen bedeckt; die schwammige, purpurrote Nase hing auf den Schnurrbart herunter, die Unterlippe spreizte sich schwer und geringschätzig ab; im Mundwinkel klebte qualmend eine Zigarette. Er schien gerade aus dem Dampfbad zu kommen ? er roch nach frischem Birkenreisig und Pfefferschnaps, die Schläfen und der Hals glänzten von Schweiß. Nachdem ich meinen Tee getrunken hatte, drückte er mir einen Rubelschein in die Hand. »Geh, kauf dir zwei Schürzen, aber mit Latz. Oder warte, ich kaufe sie lieber selber!« Er rückte die Mütze zurecht und ging schwerfällig schaukelnd davon ? seine Füße tasteten über das Deck wie die eines Bären. ... Es ist Nacht, hell scheint der Mond, seine Lichtbahn strebt backbord auf die Wiesen zu. Der alte rostrote Dampfer mit dem weiß gestreiften Schornstein patscht ungleichmäßig und ohne Eile mit seinen Radschaufeln aufs silberne Wasser, langsam gleiten die dunklen Ufer auf ihn zu und werfen ihre Schatten auf das Wasser, rot glimmen darüber die Fenster von Bauernhäusern; im Dorf wird gesungen ? die Mädel führen Reigenspiele auf, und der Kehrreim »Ai-ljuli« klingt wie »Halleluja«. Hinter dem Dampfer schleppt sich an einem langen Seil ein Frachtkahn hin, auch er schmutzig-rot; er hat an Deck einen Käfig, in ihm befinden sich Häftlinge, die zu Zwangsarbeit oder zur Zwangsansiedlung verurteilt sind. Über dem Bug des Schleppkahns flammt wie eine Kerze das Bajonett des Wachsoldaten; auch die kleinen Sterne am blauen Himmel leuchten wie Kerzen. Auf dem Schleppkahn, der von hellem Mondlicht übergössen ist, herrscht Stille; undeutlich erkennt man hinter dem schwarzen Netz des Eisengitters graue runde Flecken ? es sind die Häftlinge; sie blicken auf die Wolga. Das Wasser gibt hier und da ein Schluchzen von sich ? man weiß nicht recht, ist es ein Weinen oder ein scheues Lachen. Alles ringsum ist feierlich wie in der Kirche, es riecht auch ebenso stark wie in der Kirche nach Öl. Ich blicke zum Schleppkahn hinüber und erinnere mich an meine frühe Kindheit, an die Reise von Astrachan nach Nishnij, an das eiserne Gesicht der Mutter und an die Großmutter – sie hat mich in dieses fesselnde, wenn auch recht schwierige Leben unter fremden Menschen eingeführt. Und wenn ich mich an die Großmutter erinnere, fällt alles Schlechte, Ärgerliche von mir ab und verwandelt sich – alles wird interessanter, angenehmer, die Menschen erscheinen besser und liebenswerter. Die Schönheit der Nacht und dieser Schleppkahn rühren mich fast zu Tränen – er erinnert an einen Sarg und erscheint auf der weiten Fläche des breit dahinströmenden Flusses, in der nachdenklichen Stille der warmen Nacht so überflüssig. Die ungleichmäßige Zeile des Ufers, das bald ansteigt, bald wieder abfällt, erregt so angenehm mein Herz – ich möchte gut, ich möchte den Menschen nützlich sein. Die Leute auf unserem Dampfer sind alle irgendwie eigenartig und wirken alle gleich – ob alt oder jung, ob Mann oder Frau. Unser Dampfer fährt langsam, vielbeschäftigte Leute benutzen das Postschiff, während sich bei uns lauter heimliche Müßiggänger zusammenfinden. Von morgens bis abends essen und trinken sie und machen einen Haufen Geschirr schmutzig, dazu Messer, Gabeln und Löffel; ich muß das Geschirr waschen und die Messer und Gabeln putzen; ich bin von sechs Uhr früh beinah bis Mitternacht damit beschäftigt. Am Tage zwischen zwei und sechs und abends von zehn bis Mitternacht habe ich weniger zu tun; dann ruhen sich die Passagiere vom Essen aus und trinken nur Tee, Bier oder Wodka. Um diese Zeit ist das Büfettpersonal – meine Obrigkeit – frei. An einem Tisch neben dem Ablaufgitter sitzen der Koch Smuryj, sein Gehilfe Jakow Iwanytsch, der Geschirrwäscher Maxim und der Deckkellner Sergej beim Tee – Sergej ist bucklig und hat ein pockennarbiges Gesicht mit breiten Backenknochen und öligen Augen. Jakow Iwanytsch erzählt allerlei Abscheulichkeiten, die er mit einem schluchzenden Lachen begleitet – man sieht dabei seine fauligen grünen Zähne. Sergej verzieht den Froschmund bis an die Ohren, der düstere Maxim schweigt und blickt die andern aus strengen Augen von undefinierbarer Farbe an. »Asssiaten! Morrrdwinen!« wirft dann und wann lautstark der Küchenchef ein. Alle diese Leute gefallen mir nicht. Der dicke, glatzköpfige Jakow Iwanytsch spricht nur von Frauen, und immer schmutzig. Sein Gesicht ist nichtssagend, voll bläulicher Flecken, auf der einen Wange prangt eine Warze mit rötlichem Haarbüschel – er dreht die Härchen wie eine Schnurrbartspitze zusammen. Wenn auf dem Dampfer eine hübsche, nicht unzugängliche Passagierin erscheint, streicht er sonderbar schüchtern und scheu ? fast wie ein Bettler ? um sie herum und spricht mit süßlich-weinerlicher Stimme zu ihr, auf seinen Lippen zeigt sich eine Art Seifenschaum, den er in einem fort sogleich mit seiner widerlichen Zunge ableckt. Mir will aus irgendeinem Grunde scheinen, so feist wie er müsse ein Henker sein. »Ein Weib muß man zur Weißglut zu bringen wissen«, belehrt er Sergej und Maxim; sie hören ihm aufmerksam zu, plustern sich auf und werden rot. »Asiaten«, fährt verächtlich Smuryj dazwischen, steht schwerfällig auf und kommandiert: »Peschkow ? marsch, komm!« In seiner Kabine drückt er mir ein in Leder gebundenes Buch in die Hand und streckt sich auf seiner Koje unmittelbar neben der Kühlraumwand aus. »Lies vor!« Ich setze mich auf eine Makkaronikiste und fange gewissenhaft an: »Das von den Sternen durchflimmerte Umbraculum bedeutet bequeme Verbindung mit dem Himmel, deren sie durch Befreiung ihrer selbst von den Uneingeweihten und den Lastern teilhaftig werden ...« Smuryj steckt sich eine Zigarette an, stößt eine Rauchwolke aus und brummt: »Kamele! Was die zusammenschreiben ...« »Das Entblößen der linken Brust bedeutet Unschuld des Herzens …« »Entblößen der linken Brust? Bei wem denn?« »Das steht nicht da.« »Also ? bei den Weibern ... Wüstlinge!« Er schließt die Augen und liegt da, die Arme unter dem Kopf verschränkt; die Zigarette klebt, gerade noch qualmend, im Mundwinkel, er schiebt sie mit der Zunge zurecht und macht einen so tiefen Zug, daß etwas in seiner Brust pfeift und das riesige Gesicht in einer Rauchwolke versinkt. Manchmal glaube ich, er ist eingeschlafen, ich höre auf zu lesen und sehe mir das verdammte Buch an – es hängt mir zum Halse heraus. Aber er keucht: »Lies!« »Der Vénérable entgegnet: ›Schau her, mein teurer Bruder Sjuverjan‹ ...« »Souverän ...« »Hier heißt es aber – Sjuverjan ...« »Wirklich? So ein Blödsinn! Da steht am Schluß etwas in Versen geschrieben – leg los!« Ich lege los: »Uneingeweihte, die ihr neugierig auf unsere Angelegenheiten seid, Nie werden eure schwachsichtigen Augen sie durchdringen. Auch werdet ihr nie erfahren, wovon die Brüder singen.« »Halt«, sagt Smuryj, »das sind doch gar keine Verse! Gib das Buch her!« Er blättert ärgerlich in den dicken bläulichen Seiten herum und schiebt das Buch unter die Matratze. »Nimm ein anderes ...« Zu meinem Kummer verwahrt er in einer eisenbeschlagenen schwarzen Kiste noch viele andere Bücher, so die »Belehrungen Omirs«, das »Artilleristische Memorial«, die »Briefe des Lords Sedengali« und eine Abhandlung »Über das schädliche Insekt Wanze sowie dessen Vertilgung, nebst Ratschlägen über ähnliche«; es gab auch Bücher ohne Anfang und Ende. Manchmal ließ mich der Koch die Bücher durchgehen und alle Titel nennen – ich las sie ihm vor, während er ärgerlich schalt: »Flunkern was zusammen, die Kanaillen ... Als wenn sie einem aufs Maul hauen wollen, aber wofür – versteht man nicht. Gerwassij! Was zum Teufel soll mir dieser Gerwassij! Das Umbraculum ...« Die seltsamen Worte, die unbekannten Namen gingen mir einfach nicht aus dem Sinn, sie kitzelten die Zunge und weckten den Wunsch, sie immerfort zu wiederholen – ob sich ihre Bedeutung vielleicht in Lauten offenbare. Hinter dem Fenster aber sang und plätscherte unaufhörlich das Wasser. Wie schön es doch sein müßte, zum Heck zu gehen – dort versammeln sich zwischen den Warenkisten die Heizer und die Matrosen, übertölpeln die Fahrgäste im Kartenspiel, singen Lieder oder erzählen interessante Geschichten. Es macht Freude, mit ihnen zusammenzusitzen, ihren einfachen, so verständlichen Reden zu lauschen und zu den Ufern der Kama, zu den wie kupferne Saiten geraden Kiefernstämmen oder den Wiesen hinzublicken, auf denen das Hochwasser kleine Seen zurückgelassen hat – sie liegen da wie Scherben eines zertrümmerten Spiegels und spiegeln den blauen Himmel wider. Unser Dampfer hat sich vom Land gelöst und strebt von ihm fort, während vom Ufer her durch die Stille des ermatteten Tages noch ein unsichtbarer Glockenturm herüberläutet und an Dörfer, an Menschen erinnert. Ein Fischerkahn, der wie ein Brotkanten aussieht, schaukelt auf den Wellen; am Ufer taucht ein kleines Dorf auf, eine Schar Jungen plantscht im Fluß, ein Bauer in rotem Hemd stapft auf dem gelben Sandstreifen dahin. Von fern, vom Fluß aus gesehen, erscheint alles anziehend, erinnert an Spielzeug, wirkt spaßig klein und bunt. Man möchte ein freundliches, gutes Wort hinüberrufen zum Ufer und zum Schleppkahn. Der rostrote Schleppkahn beschäftigte mich sehr, ich konnte, ohne den Blick abzuwenden, eine volle Stunde lang zusehen, wie er mit stumpfem Bug das trübe Wasser durchpflügte. Der Dampfer zog ihn hinter sich her wie ein Bauer ein Schwein; wenn das Schleppseil nachließ, klatschte es aufs Wasser, dann spannte es sich wieder an und zerrte, vor Nässe triefend, den Schleppkahn am Bug voran. Ich hätte so gern die Gesichter der Menschen gesehen, die wie wilde Tiere in einem Eisenkäfig saßen. In Perm, wo man sie ans Ufer brachte, strich ich am Laufsteg des Schleppkahns entlang; Dutzende von grauen Menschlein zogen, kettenklirrend und niedergedrückt von der Last ihrer Quersäcke, unter hallendem Stampfen an mir vorbei; da gab es Frauen und Männer, alte und junge, hübsche und häßliche; aber alle sahen genauso aus wie die übrigen Menschen, nur waren sie anders gekleidet und durch die geschorenen Köpfe entstellt. Gewiß, es waren Räuber; aber andererseits hatte die Großmutter viel Gutes von den Räubern erzählt. Smuryj, der mehr als jeder andere an einen grimmigen Räuber erinnerte, spähte finster zum Schleppkahn hinüber und brummte: »Der Herrgott bewahre uns vor einem solchen Schicksal!« Irgendwann fragte ich ihn: »Wie kommt es, daß Sie kochen, während andere morden und plündern?« »Ich koche nicht, ich bereite Speisen zu, kochen tun nur die Weiber«, entgegnete er mit einem spöttischen Lächeln; dann dachte er nach und setzte hinzu: »Der Unterschied zwischen den Menschen besteht – in der Dummheit. Der eine ist klug, der andere weniger, der dritte vollends ein Hohlkopf. Um klüger zu werden, muß man die richtigen Bücher lesen, von schwarzer Magie und was es sonst noch gibt. Man sollte alle Bücher lesen, dann wird man die richtigen schon herausfinden.« Immer wieder schärfte er mir ein: »Lies, lies nur! Hast du ein Buch nicht verstanden, dann lies es siebenmal durch, genügt auch das noch nicht, dann lies es zwölf mal.« Mit jedermann an Bord, den schweigsamen Büfettier nicht ausgenommen, redete Smuryj abgehackt, mit gesträubtem Schnurrbart, mit geringschätzig abgespreizter Unterlippe – als würfe er nach den Menschen mit Steinen. Zu mir war er weich und aufmerksam, und doch gab es in dieser Aufmerksamkeit etwas, das mich erschreckte; manchmal erschien er mir halb verrückt – wie Großmutters Schwester. Gelegentlich unterbrach er mich: »Hör doch mal auf zu lesen ...« Dann lag er lange mit geschlossenen Augen da und schnaufte; der große Bauch wogte auf und nieder, und die verbrühten behaarten Finger, über der Brust gefaltet wie die eines Toten, bewegten sich, als strickten sie mit unsichtbaren Nadeln an einem unsichtbaren Strumpf. Und plötzlich brummte er: »Ja ... Da hast du deinen Verstand, geh hin und lebe! Der Verstand aber wird uns nur sparsam und ungleichmäßig zugeteilt. Schön, wenn alle gleich klug wären ... aber nein! Der eine versteht was, der andere nicht, und dann gibt's auch welche, die überhaupt nichts verstehen wollen. So ist das!« Manchmal erzählte er, sich bei den Worten verhaspelnd, Geschichten aus seinem Soldatenleben – ihren Sinn konnte ich nicht erfassen, sie schienen mir langweilig, und obendrein erzählte er nicht fortlaufend, nicht der Reihe nach, sondern so, wie es ihm gerade einfiel. »Der Regimentskommandeur läßt den Soldaten rufen und fragt: ›Was hat der Oberleutnant zu dir gesagt?‹ Der nun erzählt, wie alles war – der Soldat ist verpflichtet, die Wahrheit zu sagen. Der Oberleutnant aber starrt ihn an wie eine Wand, wendet sich ab und senkt den Kopf. Ja doch.« Der Koch ärgert sich, atmet Rauch aus und brummt: »Woher soll ich denn wissen, was man sagen darf und was nicht? Der Oberleutnant wurde zu Festungshaft verurteilt, und seine Mutter meinte ... Herrgott, was hat man mich denn schon gelehrt ...« Es ist heiß. Alles ringsum bebt, summt leise vor sich hin, hinter der eisernen Kajütenwand plätschert das Wasser und patscht das Schaufelrad, am Bullauge zieht das breite Band des Flusses vorbei, weiter fort sieht man den schmalen Streifen des Wiesenufers und Bäume, die vorüberflimmern. Das Ohr ist an alle Geräusche gewöhnt – es scheint, alles ringsum ist still, obwohl der Matrose vorn auf dem Dampferbug schwermütig plärrt: »Siiieben, siiieben ...« Man möchte an nichts mehr teilnehmen, weder zuhören noch arbeiten, nur irgendwo im Schatten sitzen, wo es keine fetten, heißen Küchengerüche gibt, sitzen und im Halbschlaf zuschauen, wie dieses stille, müde Leben auf dem Wasser vorüberzieht. »Lies!« verlangt barsch der Koch. Vor ihm fürchten sich selbst die Kellner aus den oberen Klassen, und offenbar hat auch der stille, wortkarge, an einen Zander erinnernde Büfettier vor ihm Angst. »He, du Schwein!« schnauzt Smuryj das Büfettpersonal an. »Komm mal herüber, du Diebsgesicht! Asiate ... Umbraculum ...« Die Matrosen und Heizer behandelten ihn mit untertänigem Respekt – er gab ihnen das ausgekochte Suppenfleisch und fragte sie nach dem Dorf und der Familie aus. Die ölbeschmierten, verräucherten belorussischen Heizer sah man auf dem Dampfer als eine Art niederer Menschen an und hänselte sie mit dem Spitznamen Jaguten. Wenn Smuryj es hörte, schoß ihm das Blut ins Gesicht, er wurde fuchsteufelswild und brüllte den Heizer an: »Warum erlaubst du, daß man dich auslacht, du Waschlappen? Hau dem Kazapen doch in die Schnauze!« Eines Tages sagte der Bootsmann, ein hübscher und boshafter Bursche, zu ihm: »Ob Jagut oder Chochol – sind alles die gleichen Ketzer!« Der Koch packte ihn mit einer Hand am Kragen, mit der anderen am Gürtel, stemmte ihn hoch, schüttelte ihn gründlich durch und fragte: »Nun, was ist – soll ich dich zu Boden schmettern?« Man zankte sich oft, es kam gelegentlich auch zu Prügeleien, aber an Smuryj traute sich niemand heran – er besaß übermenschliche Kräfte; außerdem ließ sich die Frau des Kapitäns oft in eine freundliche Unterhaltung mit ihm ein – sie war groß und stattlich, hatte ein männliches Gesicht und trug die Haare kurz geschoren wie ein Junge. Smuryj trank unheimlich viel Wodka, war aber nie benebelt. Er fing gleich morgens an und leerte eine Flasche in vier Zügen, danach hielt er sich bis zum Abend ans Bier. Sein Gesicht wurde nach und nach tiefrot, die dunklen Augen waren erstaunt geweitet. Da ließ er sich abends am Abflußgitter über dem Schaufelrad nieder, saß stundenlang schweigend da und starrte finster in die vorübergleitende Ferne. Man fürchtete ihn dann noch mehr als sonst, während ich ihn – bedauerte. Jakow Iwanytsch kam schwitzend und glühend rot aus der Küche zu ihm heraus, stand da, kratzte sich seinen kahlen Schädel, winkte nur ab und verschwand; oder er meldete aus einiger Entfernung: »Der Sterlet ist eingegangen.« »Dann tu ihn in die Soljanka.« »Und wenn nun Fischsuppe oder gedünsteter Sterlet bestellt wird?« »Dann mach, was man bestellt. Sie werden es schon fressen.« Manchmal entschloß ich mich, auf ihn zuzugehen; er sah schwerfällig zu mir auf. »Was ist?« »Nichts.« »Schon gut ...« Immerhin fragte ich ihn eines Tages in einer solchen Stunde: »Warum erschrecken Sie die Leute, Sie sind doch – gut?« Wider Erwarten wurde er nicht böse. »Gut bin ich nur zu dir.« Doch gleich darauf setzte er treuherzig und etwas nachdenklich hinzu: »Vielleicht bin ich tatsächlich gut zu allen. Nur zeige ich es nicht, man darf es die Leute nicht merken lassen, sonst tanzen sie einem auf der Nase herum. Auf den Guten kriecht jeder – wie der Mann im Sumpf auf einen Erdhöcker ... und man wird niedergetreten. Geh, hole mir Bier ...« Nachdem er die Flasche Glas um Glas geleert hatte, leckte er sich den Schnurrbart und sagte: »Wenn du Spatz ein bißchen größer wärst, würde ich dich manches lehren. Ich habe einem Menschen was zu sagen, ich bin kein Dummkopf ... Lies nur viel Bücher, in ihnen muß alles enthalten sein, was man braucht. Bücher sind kein Zeitvertreib! Möchtest du Bier?« »Nein, ich mag kein Bier.« »Desto besser. Dann trink auch keins. Trinken ist ein Unglück. Der Wodka ist ein Teufelszeug. Wäre ich reich, dann würde ich dich etwas lernen lassen. Ein ungebildeter Mensch ist wie ein Ochse; ob er im Joch geht oder zum Schlachthof geführt wird – er schlägt immer nur mit dem Schwanz.« Die Kapitänsfrau lieh ihm einen Band Gogol, ich las die »Schreckliche Rache« vor, die mir sehr gut gefiel, doch Smuryj ärgerte sich und rief: »Unsinn, alles Märchen! Ich weiß – es gibt ganz andere Bücher ...« Er nahm mir das Buch fort, kam von der Kapitänsfrau mit einem anderen zurück und befahl finster: »Lies den ›Taras‹ vor ... wie heißt es denn noch? Du wirst es schon finden. Sie sagt, das ist gut ... Aber für wen gut? Für sie – ja, für mich vielleicht nicht. Hat sich die Haare abschneiden lassen, na bitte! Warum nicht gleich die Ohren?« An der Stelle, wo Taras Ostap zum Faustkampf herausfordert, brach der Koch in schallendes Gelächter aus. »Das lasse ich mir gefallen! Wieso auch nicht? Du bist gebildet, und ich bin stark. Was die auch alles drucken! Kamele ...« Er hörte aufmerksam zu, brummte aber auch öfter: »Unsinn! Man kann einen Menschen nicht von der Schulter hinab bis an den Sattel zerhauen, das kann man nicht! Man kann ihn auch nicht auf die Pike nehmen ? die Pike würde brechen! Ich bin schließlich Soldat ...« Andrijs Verrat rief Abscheu bei ihm hervor. »Eine Gemeinheit, was? Des Frauenzimmers wegen! Pfui Teufel ...« Da, wo Taras den Sohn am Ende niederschießt, ließ der Koch die Beine vom Bett hinunter, stützte sich auf den Bettrand, neigte sich vor und brach in Weinen aus – die Tränen rollten langsam über seine Wangen und tropften zu Boden; er schnaufte und murmelte: »O Gott ... mein Gott ...« Und plötzlich brüllte er mich an: »So lies doch weiter, Satansbraten!« Er weinte aufs neue, noch bitterer und heftiger, als er erfuhr, wie Ostap vor seinem Tode rief: »Vater! Hörst du mich?« »Alles hin«, schluchzte Smuryj, »alles! Schon zu Ende? Hach, verdammte Geschichte! Was für Kerle, dieser Taras zum Beispiel – wie? Jaaa, das sind Kerle ...« Er nahm mir das Buch aus der Hand, sah es sich aufmerksam an und betropfte den Einband mit Tränen. »Ein schönes Buch! Geradezu ein Feiertag!« Später lasen wir »Ivanhoe« – Smuryj begeisterte sich besonders für Richard Plantagenet. »Das nenne ich einen König!« sagte er mit Nachdruck. Mir schien das Buch langweilig. Überhaupt ging unser Geschmack auseinander – ich war zum Beispiel von der »Erzählung über Thomas Jones« begeistert, einer älteren Übersetzung von »Tom Jones, der Geschichte eines Findlings«, während Smuryj schalt: »Dummheiten! Was geht mich dieser Thomas an? Was soll er mir? Es muß noch andere Bücher geben ...« Eines Tages sagte ich ihm, mir sei bekannt – es gäbe auch andere Bücher, illegale, verbotene; man könne sie nur nachts, nur im Keller lesen. Er riß die Augen auf und wurde böse: »Waaas? Was faselst du da?« »Ich fasele nicht, mich hat der Pope während der Beichte danach gefragt, und vorher habe ich selber gesehen, wie man sie las und dabei weinte ...« »Wer hat geweint?« »Eine Dame, die zuhörte. Und eine andere ist vor Angst sogar davongelaufen ...« »Komm zu dir, du phantasierst«, sagte Smuryj, schloß langsam die Augen, schwieg eine Weile und murmelte: »Natürlich gibt es da irgendwo ... etwas Verborgenes. Es kann gar nicht anders sein ... Doch dazu bin ich zu alt, auch paßt mein Charakter nicht dazu ... obwohl man andererseits ...« Auf diese Weise konnte er eine Stunde reden. Unmerklich für mich selbst gewöhnte ich mich ans Lesen und nahm mein Buch mit Vergnügen in die Hand; das, wovon in den Büchern erzählt wurde, unterschied sich angenehm von meinem Leben, das immer schwerer wurde. Smuryj, der sich ebenfalls immer stärker vom Lesen fesseln ließ, hielt mich oft von meiner Arbeit ab. »Peschkow, komm vorlesen!« »Ich habe noch viel Abwasch.« »Das macht Maxim.« Er trieb den älteren, mir vorgesetzten Geschirrwäscher barsch an, meine Arbeit zu tun, der schlug vor Wut die Gläser entzwei, während der Büfettier mich sanft warnte: »Ich jage dich von Bord.« Eines Tages schmuggelte mir Maxim in ein Becken mit Abwaschwasser und ausgekipptem Tee einige Gläser; ich goß das Wasser über Bord – die Gläser mit ihm. »Es ist meine Schuld!« sagte Smuryj zum Büfettier. »Schreiben Sie es auf meine Rechnung.« Das Büfettpersonal sah mich mürrisch an, man sagte zu mir: »He, Bücherwurm, wofür bekommst du dein Geld?« Und man bemühte sich, mir möglichst viel Arbeit zu machen, und beschmutzte unnötig viel Geschirr. Ich war mir darüber im klaren, daß alles das schlecht für mich enden werde, und sollte mich auch nicht irren. An einer kleinen Anlegestelle stieg gegen Abend ein rotgesichtiges Frauenzimmer mit einem jungen Mädchen in einer neuen rosa Jacke und gelbem Kopftuch zu. Beide waren angeheitert – die Ältere lächelte, verneigte sich nach allen Seiten und psalmodierte wie ein Diakonus: »Vergebt, ihr Lieben, ich habe eine Kleinigkeit getrunken! Ich hatte einen Prozeß und bin freigesprochen, da habe ich mir eben vor lauter Freude einen genehmigt ...« Auch das Mädchen lachte, sah sich mit trüben Augen um und stieß die Ältere an: »Komm schon, du Närrin, komm endlich ...« Sie fanden neben der Kajüte zweiter Klasse Platz, gegenüber der Kammer, in der Sergej und Jakow Iwanytsch schliefen. Die Frau war bald irgendwohin verschwunden, und Sergej, der gierig den Froschmund verzog, setzte sich zu dem Mädchen. In der Nacht, als ich meine Arbeit beendet hatte und mich auf einem Tisch schlafen legte, trat Sergej auf mich zu und packte mich an der Hand. »Komm mit, wir wollen dich verheiraten ...« Er war betrunken. Ich versuchte, ihm meine Hand zu entreißen, aber er schlug mich. »Komm schooon!« Maxim, auch er betrunken, kam ihm zu Hilfe; sie zerrten mich an den schlafenden Passagieren vorbei über das Deck zu ihrer Kammer. Doch vor der Kammertür hatte sich Smuryj aufgebaut, im Türrahmen verklammert stand Jakow Iwanytsch, während das Mädchen seinen Rücken mit den Fäusten bearbeitete und mit betrunkener Stimme schrie: »Laßt mich hinaus ...« Smuryj entriß mich Sergejs und Maxims Händen, packte sie an den Haaren, stieß sie mit den Köpfen gegeneinander und schleuderte sie beiseite – beide fielen der Länge nach hin. »Asiat!« sagte er zu Jakow und warf die Kammertür vor ihm zu – fast hätte er ihm die Nase abgeklemmt; dann drängte er mich beiseite und dröhnte: »Mach, daß du fortkommst!« Ich rannte zum Heck. Die Nacht war wolkig, der Fluß fast schwarz; hinter dem Heck liefen zwei Schaumstreifen auf die unsichtbaren Ufer zu; zwischen ihnen schleppte sich der Arrestantenkahn hinter uns her. Bald rechts, bald links tauchten rote Lichtflecken auf, die, ohne etwas beleuchtet zu haben, hinter überraschenden Flußbiegungen verschwanden; danach wurde es noch dunkler, noch trostloser. Der Koch kam, setzte sich neben mich, seufzte schwer und steckte sich eine Zigarette an. »Sie wollten dich zu der da schleifen? Die Schmutzfinken! – Ich habe doch gemerkt, was sie vorhatten ...« »Und haben Sie sie ihnen fortgenommen?« »Die?« Er benannte das Mädchen mit einem groben Schimpfwort und fuhr mit dumpfer Stimme fort. »Ist alles Geschmeiß hier auf dem Dampfer. Schlimmer als auf dem Dorf. Hast du auf dem Dorf gelebt?« »Nein.« »Das Dorf ist durch und durch ein Unglück. Besonders im Winter ...« Er warf den Zigarettenstummel über Bord, schwieg still und begann nach einer Weile aufs neue: »Du gehst in dieser Sauherde zugrunde, es tut mir leid um dich, du Gelbschnabel! Und überhaupt um alle. Manchmal weiß ich nicht, was ich tun soll ... ich könnte hinknien und fragen: ›Was macht ihr denn da, ihr Schweinehunde? Seid ihr denn blind?‹ Kamele ...« Der Dampfer gab einen langen Heulton von sich; das Schleppseil klatschte aufs Wasser; im tiefen Dunkel schaukelte eine Laterne – sie zeigte den Weg zur Anlegebrücke an; weitere Lichter zogen sich durch die Finsternis zum Fluß hinunter. »Pjanyj Bor, Trunkener Wald«, brummte der Koch. »Es gibt auch einen Fluß Pjanaja, der Trunkene. Wir hatten einen Kammerunteroffizier – Pjankow, der Trunkenbold ... Und einen Schreiber, Sapiwochin, will sagen Saufaus ... Ich geh mal ans Ufer ...« Großgewachsene Frauen und Mädchen von der Kama schafften auf langen Tragen Brennholz vom Ufer zum Schiff. Sie federten unter ihrer Traglast, tänzelten paarweise daher, traten an die Ladeluke des Heizraums, kippten einen halben Sashen Holz in den schwarzen Abgrund und riefen mit hellen Stimmen: »Schütt ein!« Wenn die Weiber mit ihrer Holzlast vorüberkamen, griffen die Matrosen ihnen nach Brüsten und Beinen, die Weiber kreischten und spien sie an; wenn sie zurückkamen, wehrten sie sich gegen Knüffe und Püffe durch Hiebe mit ihren Traghölzern. Ich hatte das schon Dutzende von Malen gesehen – auf jeder Fahrt; an allen Anlegestellen, wo Brennholz geladen wurde, war es dasselbe. Mir schien, ich sei steinalt, lebte seit vielen Jahren auf diesem Dampfer, wüßte, was alles auf ihm geschehen könne – morgen, in einer Woche, im Herbst, im nächsten Jahr. Es tagte bereits. Auf dem Sandhang oberhalb der Landebrücke zeichnete sich ein mächtiger Fichtenwald ab. Bergan, zum Wald, strebten lachend, singend oder mit einfallend, die Weiber; mit langen Traghölzern bewaffnet, erinnerten sie an Soldaten. Ich hätte weinen mögen, in meiner Brust kochten Tränen, das Herz sott gleichsam in ihnen; und das tat weh. Aber zu weinen schämte ich mich; so half ich dem Matrosen Bljachin das Deck scheuern. Er war ein unauffälliger Mann, der Bljachin. Irgendwie farblos und verschossen, verbarg er sich immerfort in allerlei Ecken und blinzelte von dort aus kleinen Augen hervor. »Mein richtiger Name ist eigentlich gar nicht Bljachin … Weil meine Mutter, siehst du, ein liederliches Leben führt. Sie hat eine Schwester – die lebt genauso. Ist also wohl das Schicksal von allen beiden. Das Schicksal, Verehrter, ist für uns alle wie ein Anker. Du möchtest weiter, aber nein – warte, lieg still ...« Auch jetzt, während er mit dem Bastbesen auf dem Deck herumkratzte, sagte er leise zu mir: »Hast du gesehen, wie sie den Weibern zusetzen? Das ist es eben! Wenn man das Feuer lange genug schürt, brennt auch ein nasses Scheit! Ich liebe das nicht, Verehrter, ich kann das nicht leiden. Wenn ich als Weib zur Welt gekommen wäre, ich hätte mich in einem tiefen Teich ertränkt – Christus sei mein Zeuge! Ist ohnehin niemand Herr über sich, und dann auch noch schüren! Die Skopzen sind gar nicht so dumm, sage ich dir. Hast du von ihnen, diesen Verschnittenen, schon gehört? Gescheite Leute, die sich sehr richtig sagen: Fort mit allem kleinlichen Drum und Dran, diene dem Herrn in Reinheit!« Die Kapitänsfrau stelzte mit gerafften Röcken an uns vorüber durch die Pfützen; sie stand immer früh auf. Sie war groß und schlank und hatte ein so einfaches, klares Gesicht ... Ich wäre am liebsten hinter ihr hergelaufen und hätte sie von ganzem Herzen gebeten: Sprechen Sie bitte zu mir, bitte sprechen Sie! Der Dampfer legte langsam von der Landebrücke ab; Bljachin bekreuzigte sich und sagte: »Wir fahren wieder ...« 6 In Sarapul verließ Maxim den Dampfer ? er ging schweigend, ohne sich von jemand zu verabschieden, ernst und gelassen von Bord. Hinter ihm stieg mit spöttischem Grinsen das fröhliche Frauenzimmer aus, gefolgt von dem Mädchen – es sah zerknittert aus und hatte verschwollene Augen. Sergej aber lag lange vor der Kapitänskajüte auf den Knien, bedeckte die Türfüllung mit Küssen, schlug mit der Stirn gegen sie und jammerte: »Verzeihen Sie mir, ich bin unschuldig! Das war Maximka ...« Die Matrosen, das Büfettpersonal, selbst manche von den Passagieren wußten, daß er log, spornten ihn jedoch an und rieten: »Mach nur, mach – er wird dir schon verzeihen!« Der Kapitän jagte ihn mehrmals davon und trat ihn sogar, daß Sergej umkippte, verzieh ihm aber schließlich doch. Und gleich darauf hastete Sergej wieder über das Deck, trug Tablette mit Teegeschirr aus und sah den Leuten hündisch und abbittend in die Augen. Anstelle Maxims nahm man einen ausgedienten Soldaten an Bord – er stammte aus Wjatka, war knochig und hatte rötliche Augen und einen kleinen Kopf. Der Gehilfe des Kochs gab ihm sogleich den Auftrag, Hühner zu schlachten; der Soldat schaffte ein paar und ließ die übrigen über das Deck davonflattern; die Passagiere bemühten sich, sie einzufangen – dabei gingen drei Hühner über Bord. Der Soldat setzte sich auf den Holzstoß neben der Küche und weinte bitterlich. »Was denn, du Dummkopf?« fragte ihn Smuryj verwundert. »Seit wann weint ein Soldat?« »Ich bin vom Train«, entgegnete der Soldat mit leiser Stimme. Das wurde ihm zum Verhängnis – eine halbe Stunde danach lachte man ihn auf dem ganzen Dampfer aus; man trat auf ihn zu, starrte ihm ins Gesicht und fragte einander: »Der da?« Und man schüttelte sich vor Lachen ? einem kränkenden, unsinnigen Lachen. Zuerst nahm der Soldat die Menschen gar nicht recht wahr und hörte sie auch nicht lachen; er wischte sich mit dem Ärmel des alten Baumwollhemdes die Tränen aus dem Gesicht, er schien sie in seinem Ärmel zu verbergen. Aber bald darauf flammten seine rötlichen Augen zornig auf, und er plapperte auf Wjatkaer Art rasch wie eine Elster los: »Was glotzt ihr mich denn an? Platzen sollt ihr ? in tausend Stücke ...« Das erheiterte die Leute nur noch mehr, man stukte den Soldaten mit den Fingern, zerrte an seiner Schürze, an seinem Hemd herum, neckte ihn wie einen Ziegenbock und setzte ihm auf solche Art bis Mittag zu; nach dem Mittagessen spießte jemand eine ausgepreßte Zitronenscheibe auf den Griff eines hölzernen Löffels und band den Löffel dem Soldaten hinten an die Schürzenbänder; der Soldat ging umher, der Löffel baumelte ihm im Rücken, und alle frohlockten, während er wie eine gefangene Maus herumhastete und nicht dahinterkam, worüber sie lachten. Smuryj beobachtete ihn ernst und schweigend, und sein Gesicht sah aus wie das einer Bauernfrau. Der Soldat tat mir leid; ich fragte den Koch: »Darf ich ihm das mit dem Löffel sagen?« Er nickte mir wortlos zu. Als ich dem Soldaten erklärte, worüber alle lachten, ertastete er rasch den Löffel, riß ihn herunter, warf ihn zu Boden, zertrat ihn und – packte mich mit beiden Händen an den Haaren; es kam zwischen uns zum großen Vergnügen des Publikums, das uns sofort umringte, zu einer Prügelei. Smuryj stieß die Gaffer auseinander, trennte uns und nahm, nachdem er erst mich an den Ohren gezaust hatte, auch den Soldaten am Ohr. Als das Publikum sah, wie der kleine Mann mit dem Kopf schlenkerte und an Smuryjs Arm umhertänzelte, brach es in ungestümes Johlen und Pfeifen aus, trampelte und wollte vor Lachen bersten. »Hurra – die Garnison! Gib es dem Koch – renn ihm den Kopf in den Bauch!« Die wilde Freude der Menschenherde weckte in mir das Verlangen, mich auf die Leute zu stürzen und sie mit einem Holzscheit auf die gemeinen Schädel zu schlagen. Smuryj ließ den Soldaten los, verbarg die Hände hinter dem Rücken und stieß wie ein Wildeber gegen das Publikum vor – widerborstig, mit furchterregend gebleckten Zähnen. »Auf die Plätze – marsch! Asssiaten ...« Der Soldat fiel aufs neue über mich her, aber Smuryj packte ihn mit einem Arm, trug ihn wie ein Bündel zum Ablaufgitter und pumpte Wasser auf seinen Kopf; er drehte seinen schwächlichen Körper dabei wie eine Lumpenpuppe hin und her. Die Matrosen, der Bootsmann, der Gehilfe des Kapitäns kamen gelaufen, aufs neue sammelte sich die Menge; einen Kopf größer als alle anderen, stand, still und stumm wie immer, der Büfettier da. Der Soldat setzte sich auf den Holzstoß neben der Küche, zog mit zitternden Händen die Stiefel aus und begann seine Fußlappen auszuwringen; sie waren ganz trocken, nur aus dem schütteren Haar tropfte Wasser – das erheiterte das Publikum aufs neue. »Einerlei«, sagte der Soldat mit dünner und hoher Stimme, »ich schlage den Bengel tot.« Smuryj, der mich an der Schulter festhielt, sprach mit dem Gehilfen des Kapitäns, die Matrosen drängten das Publikum zurück, und als alle auseinandergegangen waren, fragte der Koch den Soldaten: »Was fangen wir nun mit dir an?« Der Soldat schwieg, starrte mich an wie ein Irrer und zuckte seltsam an allen Gliedern. »Haltung, Hysteriker!« sagte Smuryj. Der Soldat entgegnete: »Hast du dir so gedacht! Wir sind hier nicht in der Kaserne!« Ich sah, daß der Koch verlegen wurde; seine aufgedunsenen Wangen erschlafften und hingen herab; er spie aus, ging davon und zog mich mit sich fort; ich trottete kopflos hinter ihm her und sah mich in einem fort nach dem Soldaten um, während Smuryj verständnislos murmelte: »Was für ein zartes Pflänzchen! Du meine Güte ...« Sergej kam hinter uns hergeeilt und sagte fast tonlos: »Er will sich die Kehle durchschneiden!« »Wo ist er?« keuchte Smuryj und stürzte davon. Der Soldat stand in der Tür der Personalkajüte und hielt ein großes Messer in der Hand – mit diesem Messer schlachtete man Hühner und spaltete man Holz zum Feuermachen; es war stumpf und schartig wie eine Säge. Vor der Kajüte standen Menschen, die auf den komischen kleinen Mann mit dem nassen Kopf starrten; sein stupsnäsiges Gesicht zitterte wie Sülze, der Mund stand müde offen, die Lippen bebten. Er lallte: »Quälgeister ... Henker ...« Ich stieg auf irgendeinen Gegenstand und sah über die Köpfe hinweg den Leuten in die Gesichter – die Menschen lächelten, kicherten, stießen einander an: »Sieh doch, sieh ...« Als er mit magerer Kinderhand das aus der Hose gerutschte Hemd zurückstopfte, seufzte ein gutaussehender Mann neben mir: »Da will er sterben und zieht die Hosen zurecht ...« Das Publikum lachte schon lauter. Es war klar, daß niemand glaubte, der Soldat werde sich etwas antun – auch ich glaubte nicht daran, während Smuryj ihn flüchtig ansah, die Leute mit seinem Bauch zurückdrängte und sie aufforderte: »Hau ab, Dummkopf!« Er meinte mehrere Menschen, sagte aber – Dummkopf; wenn er auf einen Menschenhaufen zutrat, schrie er die Leute an: »Auf die Plätze, Dummkopf!« Auch das war komisch, schien aber doch richtig – die Menschen gebärdeten sich heute vom frühen Morgen an wie ein einziger großer Dummkopf. Nachdem er das Publikum auseinandergetrieben hatte, trat er auf den Soldaten zu und streckte die Hand zu ihm aus: »Gib das Messer her ...« »Mir ist alles einerlei«, sagte der Soldat und hielt ihm das Messer hin – mit der Spitze nach vorn; der Koch drückte mir das Messer in die Hand und stieß den Soldaten in die Kajüte. »Leg dich hin und schlaf! Was hast du denn überhaupt?« Der Soldat setzte sich schweigend auf seine Koje. »Er bringt dir etwas zu essen und Wodka – trinkst du Wodka?« »Ein bißchen – schon ...« »Aber paß auf, rühr ihn nicht an – nicht er hat dir den Streich gespielt, hörst du? Ich sage dir – nicht er ...« »Und warum haben sie mich gequält?« fragte leise der Soldat. Smuryj gab nicht sogleich Antwort, sagte dann aber finster: »Woher soll ich das wissen?« Er brummte, während wir zur Küche gingen: »Nun ja ... in der Tat, sie haben dem Ärmsten schön zugesetzt! Siehst du nun – wie das alles ist? Na also! Die Menschen, Verehrter, können einen um den Verstand bringen, jawohl, das können sie ... Sie fallen über dich her wie Wanzen, und – aus! Was heißt schon – Wanzen? Wanzen sind gar nichts dagegen.« Als ich mit Brot, Fleisch und Wodka zum Soldaten zurückkam, saß er auf seiner Koje, schaukelte hin und her und weinte – er schluchzte leise vor sich hin, wie es Frauen tun. Ich stellte den Teller auf das Tischchen und sagte: »Iß ...« »Mach die Tür zu.« »Es wird zu dunkel werden.« »Mach zu, sonst kommen sie wieder angekrochen.« Ich ging. Der Soldat war mir unangenehm, er erregte kein Mitgefühl, kein Mitleid in mir. Das beschämte mich – die Großmutter hatte mich immer wieder gelehrt: »Man muß Mitleid mit den Menschen haben, alle sind unglücklich, alle haben es schwer ...« »Hast du es ihm gebracht?« fragte mich der Koch. »Nun, was macht er?« »Er weint.« »Der Schlappschwanz! Und das will ein Soldat sein?« »Er tut mir nicht leid.« »Wie meinst du das?« »Man muß mit den Menschen Mitleid haben ...« Smuryj faßte mich an der Hand, zog mich an sich heran und sagte mit Nachdruck: »Mitleid läßt sich nicht erzwingen, und Mitleid heucheln – das ist nichts. Hast du verstanden? Gewöhn dir keine langen Soßen an, bleib, wie du bist ...« Und er stieß mich wieder zurück und fügte finster hinzu: »Du bist hier nicht am rechten Platz! Komm, rauch mal eine ...« Das Betragen der Passagiere hatte mich zutiefst erregt, ja völlig verwirrt, ich fand es unsagbar beleidigend und bedrückend, wie sie den Soldaten gehetzt, wie sie vor Freude gejohlt hatten, als Smuryj ihn an den Ohren zauste. Wie konnte ihnen all dieses Widerwärtige, Erbärmliche gefallen, was war daran so Komisches, was stimmte sie so heiter? Da sitzen oder liegen sie wieder unter dem niedrigen Sonnendach herum ? trinken, kauen, spielen Karten, führen friedliche, gesetzte Unterhaltungen und blicken auf den Fluß, als hätten nicht sie noch vor einer Stunde gepfiffen und gejohlt. Alle sind wieder still und träge wie immer; von morgens bis abends schwärmen sie langsam auf dem Dampfer umher wie Mücken oder wie Stäubchen in der Sonne. Da drängt ein Dutzend Menschen zum Laufsteg, bekreuzigt sich und geht vom Schiff zur Anlegestelle hinüber, während von dort ebensolche Leute auf sie zukommen, ebenso gekleidet wie sie, die Rücken gekrümmt unter der Last von Säcken und Kisten – wie sie. Der ständige Wechsel der Menschen ändert auf dem Dampfer nicht das geringste ? die neuen Passagiere unterhalten sich über die gleichen Dinge, über die sich die ausgestiegenen unterhalten haben – über das Land, die Arbeit, Gott, die Weiber –, und in den gleichen Worten. »Der Herrgott hat uns aufgegeben zu dulden – so dulde auch! Da kann man nichts machen, das ist nun einmal unser Los ...« Solche Worte öden mich an, sie reizen mich, bringen mich auf ? ich will keinen Schmutz, ich kann nicht dulden, daß man böse und ungerecht zu mir ist, ich weiß mit Sicherheit, ich fühle, daß ich ein solches Verhalten nicht verdiene. Auch der Soldat verdient es nicht. Aber vielleicht will er lächerlich sein ... Maxim, den ernsten und braven Burschen, hat man vom Dampfer verjagt, während Sergej, der gemeine Kerl, bleiben darf. Alles das stimmt nicht. Wieso ordnen sich diese Leute, die imstande sind, einen Menschen zu Tode zu hetzen, ihn an den Rand des Wahnsinns zu treiben, den bösen Anschreien der Matrosen unter, wieso nehmen sie die Beschimpfungen hin? »Was drückt ihr alle gegen die Reling?« ruft der Bootsmann und kneift die hübschen, bösen Augen zusammen. »Ihr bringt noch den Dampfer zum Kentern; auseinander, ihr dickbäuchigen Teufel ...« Die Teufel gehen gehorsam zum anderen Bord hinüber und werden auch dort wie Hammel davongejagt: »Ha, Pack, verdammtes ...« In warmen Nächten ist es unter dem blechernen Sonnendach, das sich tagsüber erhitzt hat, sehr schwül; die Passagiere zerstreuen sich wie Küchenschaben über das Deck und strecken sich – einerlei, wo – zum Schlafen aus; wenn eine Anlegestelle kommt, werden sie von den Matrosen mit Fußtritten geweckt. »He, ihr, liegt mitten im Wege! Platz da, macht, daß ihr fortkommt ...« Sie erheben sich und trotten verschlafen dorthin, wohin man sie drängt. Die Matrosen sind ebensolche Menschen wie sie, nur anders gekleidet, aber sie kommandieren mit ihnen herum wie Polizisten. Stille, scheue, niedergeschlagene Ergebenheit ist das, was an den Menschen vor allem auffällt, und es wirkt seltsam und unheimlich genug, wenn plötzlich durch diese Schale der Ergebenheit eine grausame, sinnlose, fast immer unfrohe Auflehnung bricht. Mir scheint, die Menschen wissen gar nicht, wohin sie der Dampfer entführt, es ist ihnen auch gleich, wo man sie absetzt. Sie werden, einerlei, wo sie ans Ufer gehen, nicht lange dort bleiben, sie werden aufs neue einen Dampfer besteigen und irgendwohin fahren. Sie wirken alle vom Wege abgekommen und heimatlos, die ganze Erde scheint ihnen fremd. Und allesamt sind irrsinnig feige. Eines Tages flog nach Mitternacht in der Maschine etwas auseinander – es knallte wie ein Kanonenschuß. Das Deck war sofort in eine weiße Dampfwolke gehüllt, der Dampf drang in dichten Schwaden aus dem Maschinenraum und quoll durch alle Ritzen; irgend jemand, den man nicht sah, schrie ohrenbetäubend laut: »Gawrilo, Mennige, Filz ...« Ich schlief neben dem Maschinenraum, auf einem Tisch, auf dem ich tagsüber Geschirr abwusch; als ich vom Knall und der Erschütterung erwachte, war es an Deck noch still; in der Maschine zischte heißer Dampf, man hörte ein hastiges Hämmern. Aber schon eine Minute später heulten und brüllten die Deckpassagiere vielstimmig durcheinander ? es wurde sogleich unheimlich. Im weißen Nebel, der sich rasch lichtete, hasteten barhäuptige Frauen und zerzauste Männer mit runden Fischaugen umher, rissen einander zu Boden, schleppten Beutel, Säcke und Kisten, stolperten, fielen, riefen Gott und Nikola den Wundertäter an und prügelten sich; das war furchterregend, aber zugleich spannend; ich lief hinter den Leuten her und versuchte immerfort, zu verstehen, was sie da taten. Ich war zum erstenmal Zeuge einer nächtlichen Panik, hatte jedoch sofort begriffen, daß gar kein Grund dazu bestand – der Dampfer fuhr mit unverminderter Geschwindigkeit weiter, steuerbords brannten in nächster Nähe die Lagerfeuer der Mäher, die Nacht war hell, der Vollmond stand hoch am Himmel. An Deck aber hasteten die Menschen immer aufgeregter durcheinander, auch die Kajütenpassagiere tauchten auf, jemand sprang über Bord, dann ein zweiter, ein dritter; zwei Bauern und ein Mönch versuchten eine im Deck verschraubte Bank freizubekommen ? sie schlugen mit Holzscheiten auf sie ein; vom Heck wurde ein großer Käfig mit Hühnern ins Wasser geworfen; in der Mitte des Decks lag vor der Treppe zur Kommandobrücke ein Mann auf den Knien, verneigte sich vor den Vorüberhastenden und heulte wie ein Wolf: »Ich habe gefehlt, ihr Rechtgläubigen ...« »Ein Boot, zum Teufel!« schrie ein dicker Herr ohne Hemd, nur in Hosen, und schlug sich mit der Faust an die Brust. Die Matrosen liefen hin und her, packten die Leute am Kragen, schlugen sie auf die Köpfe oder warfen sie zu Boden. Schwerfällig stapfte zwischen ihnen ? er hatte nur den Mantel über die Nachtwäsche geworfen ? Smuryj umher und redete mit lauter Stimme auf sie ein: »Schämt euch! Was habt ihr, seid ihr von Sinnen? Der Dampfer hat doch schon angehalten, er liegt längst still! Da drüben ist das Ufer! Die Dummköpfe, die ins Wasser gesprungen sind, haben die Mäher herausgefischt, da kommen sie – seht ihr die beiden Boote?« Den Leuten aus der dritten Klasse aber schlug er mit der Faust auf die Köpfe, immer von oben herunter; sie sackten zusammen und sanken lautlos um. Das Durcheinander hatte sich noch nicht gelegt, als eine Dame im Überwurf mit einem Eßlöffel in der Hand auf Smuryj zustürzte, mit dem Löffel vor seiner Nase herumfuchtelte und ihn anschrie: »Wie kannst du es wagen?« Ein durchnäßter Herr, der sie zurückzuhalten versuchte, leckte sich den Schnurrbart und redete ihr ärgerlich zu: »Laß ihn, den Tölpel ...« Smuryj, der verlegen zwinkerte, zuckte nur mit den Schultern und erkundigte sich bei mir: »Was soll das, wie? Warum fällt sie über mich her? Prost Mahlzeit! Ich sehe sie doch zum erstenmal! ...« Und ein kleiner Bauer, der Blut spie, rief immerfort aus: »Menschen sind das! Die reinsten Räuber!« Ich habe zweimal während des Sommers eine Panik auf dem Dampfer erlebt, und beidemal wurde sie nicht durch eine unmittelbare Gefahr, sondern durch die Angst vor einer möglichen Gefahr ausgelöst. Ein drittes Mal erwischten die Passagiere zwei Diebe – der eine war als Pilger verkleidet und schlugen, unbemerkt von den Matrosen, fast eine volle Stunde auf sie ein; als die Matrosen ihnen die Diebe dann fortnahmen, schimpfte das Publikum: »Eine Krähe hackt der anderen nicht die Augen aus, das kennt man!« – »Seid selber Spitzbuben, da haltet ihr auch zu Spitzbuben ...« Die Spitzbuben waren bis zur Bewußtlosigkeit zusammengeschlagen und konnten sich, als sie an einer Anlegestelle der Polizei übergeben wurden, nicht auf den Beinen halten. Es gab vieles, das mich leidenschaftlich erregte, das mich hinderte, die Menschen zu verstehen – waren die Menschen nun gut oder böse, still oder händelsüchtig? Und wenn sie böse waren ? warum auf eine so grausame, gierige Art, wenn still – warum so beschämend? Ich fragte mehrmals den Koch danach, aber er hüllte das Gesicht in Zigarettenrauch und sagte – nicht selten ärgerlich: »Hach, was dich alles kratzt! Die Menschen sind eben so ... Der eine ist klug, der andere ein Dummkopf, Lies lieber Bücher, und plapper nicht. Wenn es die richtigen Bücher sind, muß alles drinstehen.« Kirchliche Bücher und Heiligenlegenden liebte er nicht. »Das ist mehr für Popen, für Popensöhne ...« Ich wollte ihm eine Freude machen und ihm ein Buch schenken. Auf der Anlegebrücke in Kasan erwarb ich für fünf Kopeken »Die Legende vom Soldaten, der Peter dem Großen das Leben rettete«, doch der Koch war zu dieser Stunde betrunken und böse, ich wagte es nicht, ihm mein Geschenk zu übergeben, und las die »Legende« zunächst selbst. Sie gefiel mir sehr gut – alles war einfach, verständlich, interessant und kurz. Ich war überzeugt, das Buch werde meinem Lehrmeister Vergnügen machen. Als ich es ihm dann aber überreichte, drückte er es zwischen den Händen zu einem runden Knäuel zusammen und warf es über Bord. »Da hast du dein Buch, du Dummkopf!« sagte er finster. »Ich richte dich ab wie einen Hund, und du vergreifst dich immer noch am Wild?« Er stampfte mit dem Fuß und schrie: »Was ist das für ein Buch? Die Dummheiten bin ich alle schon durch. Was steht denn drin – vielleicht die Wahrheit? Nun, antworte mir!« »Ich weiß nicht.« »Aber ich! Säbelt man einem Menschen den Kopf herunter, dann fällt der Mann von der Leiter, und die anderen werden es schön unterlassen, zum Heuboden hinaufzuklettern – Soldaten sind keine Idioten! Sie hätten einfach das Heu angesteckt, und aus! Hast du verstanden?« »Ja.« »Na also! Mit dem Zaren Peter weiß ich Bescheid – dergleichen ist mit ihm nicht vorgefallen! Mach, daß du fortkommst ...« Ich sah ein, der Koch hatte recht, aber das Buch hatte mir trotzdem gefallen; ich kaufte mir die »Legende« ein zweites Mal, las sie noch einmal durch und überzeugte mich zu meiner Verwunderung, daß das Buch in der Tat nichts taugte. Das verwirrte mich, und ich verhielt mich von da an zum Koch noch aufmerksamer und vertrauensvoller, während er aus irgendeinem Grunde immer öfter und ärgerlicher zu mir sagte: »Hach, wie nötig es wäre, dich was zu lehren! Du bist hier nicht am rechten Platz!« Ich fühlte das selber. Sergej benahm sich mir gegenüber abscheulich – ich hatte wiederholt bemerkt, daß er Teegedecke von meinem Tisch nahm und sie – hinter dem Rücken des Büfettiers – den Gästen vorsetzte. Ich wußte, das galt als Diebstahl – Smuryj hatte mich mehr als einmal gewarnt: »Paß auf, gib ja kein Teegeschirr von deinem Tisch den Kellnern ab!« Es gab noch vieles andere, was schlecht für mich war, ich wäre manchmal am liebsten auf der ersten besten Anlegestelle vom Schiff entlaufen und in den Wald gegangen. Doch Smuryj hielt mich davon ab – er behandelte mich immer weicher, auch fühlte ich mich von der ununterbrochenen Fortbewegung des Dampfers gebannt. Es war mir unangenehm, wenn er an einer Anlegestelle hielt, ich hoffte immerfort, es würde sich etwas ereignen, wir würden uns aus der Kama in die Belaja, in die Wjatka oder sogar die Wolga stromab wenden und ich würde neue Ufer, neue Städte, neue Menschen zu sehen bekommen. Doch das geschah nicht – mein Leben auf dem Dampfer nahm ein überraschendes und für mich schmähliches Ende. Eines Abends, als wir von Kasan nach Nishnij fuhren, ließ mich der Büfettier zu sich rufen; ich trat ein, er machte die Tür hinter mir zu und sagte zu Smuryj, der mit finsterer Miene auf einem Teppichhocker saß: »Also bitte!« Smuryj fragte barsch: »Du gibst Serjoshka Gedecke ab?« »Er nimmt sie sich, wenn ich's nicht sehe.« Der Büfettier warf leise ein: »Er sieht es nicht, aber er weiß es.« Smuryj hieb mit der Faust auf sein Knie, rieb auf ihm herum und sagte: »Warten Sie ab, dazu hat's immer noch Zeit ...« Und er versank in Nachdenken. Der Büfettier und ich blickten uns an, aber es war, als stünden hinter seiner Brille keine Augen. Er lebte leise dahin, ging geräuschlos umher und sprach mit gedämpfter Stimme. Manchmal kamen sein ausgeblaßter Bart und seine leeren Augen hinter einer Ecke zum Vorschein, aber sogleich waren sie wieder verschwunden. Vor dem Schlafengehen kniete er lange vor dem Heiligenbild mit dem Ewigen Lämpchen im Büfettraum ? ich sah ihn durch das herzförmige Guckloch in der Tür, konnte aber nie feststellen, ob er bete; er stand nur da, sah zur Ikone und zum Lämpchen auf, seufzte und streichelte sich den Bart. Smuryj, der eine Weile geschwiegen hatte, fragte: »Hat Serjoshka dir Geld gegeben?« »Nein.« »Niemals?« »Niemals.« »Er lügt nicht«, sagte Smuryj zum Büfettier, doch der entgegnete gedämpft wie immer: »Einerlei. Ich bitte darum!« »Also komm!« rief mir der Koch zu, trat an meinen Tisch und tippte mir mit dem Finger gegen die Stirn: »Dummkopf! Aber ich bin auch nicht viel besser! Ich hätte auf dich aufpassen sollen ...« In Nishnij rechnete der Büfettier mit mir ab – ich bekam acht Rubel ausgezahlt, die erste größere Summe, die ich verdient hatte. Als Smuryj Abschied von mir nahm, redete er mir finster zu: »Nun, nun ... Jetzt halte die Augen aber offen – verstehst du mich? Maulaffen feilhalten – das ist nichts ...« Er drückte mir einen bunten, mit Glasperlen bestickten Tabaksbeutel in die Hand. »Hier, nimm! Ist gute Handarbeit, das hat meine Patentochter für mich bestickt ... Und nun – leb wohl! Lies recht viel, Bücher sind das Beste, was es gibt!« Er faßte mich unter die Arme, hob mich hoch und gab mir einen Kuß; dann setzte er mich entschlossen auf der Anlegestelle nieder. Er tat mir leid – wie ich mir selber auch; ich hätte bald geheult, während ich zusah, wie er die Schauerleute auseinanderschob und auf den Dampfer zurückkehrte, groß, schwerfällig und allein ... Wie viele solche gute und einsame, dem Leben entfremdete Menschen sind mir dann später noch begegnet! 7 Der Großvater und die Großmutter waren wieder in die Stadt gezogen. Ich traf verärgert und kriegerisch gestimmt bei ihnen ein; mein Herz war schwer – wieso hatte man mich zum Dieb gestempelt? Die Großmutter nahm mich freundlich auf und ging sogleich daran, den Samowar zu heizen; der Großvater erkundigte sich – spöttisch wie immer: »Nun, hast du viel Geld zusammengespart?« »Jedenfalls gehört, was ich zusammengespart habe, mir«, entgegnete ich und setzte mich ans Fenster. Ich zog feierlich eine Schachtel Zigaretten aus der Tasche und steckte mir wichtigtuerisch eine an. »Sooo«, sagte der Großvater, während er aufmerksam meine Handlungen verfolgte, »so also ist das. Du rauchst dieses Teufelskraut? Ist es auch nicht zu früh?« »Ich habe sogar schon diesen Tabaksbeutel hier geschenkt bekommen«, prahlte ich. »Einen Tabaksbeutel«, kreischte der Großvater. »Du willst mich wohl reizen?« Die dünnen, kräftigen Arme vorgestreckt, stürzte er mit funkelnden grünen Augen auf mich zu; ich sprang auf und stieß ihn mit dem Kopf vor den Bauch – der Alte setzte sich auf den Fußboden hin und starrte mich, erstaunt zwinkernd, mit offenem dunklem Munde mehrere bedrückende Sekunden lang an; dann fragte er gelassen: »Du stößt mich, deinen Großvater? Den leiblichen Vater deiner Mutter?« »Sie haben mich genug geprügelt«, murmelte ich und begriff, daß ich widerwärtig gehandelt hatte. Dürr und leicht, erhob sich der Großvater vom Fußboden, setzte sich neben mich, entriß mir geschickt die Zigarette, warf sie zum Fenster hinaus und sagte erschrocken: »Du Dickschädel, verstehst du denn nicht, daß dir der Herrgott das nie vergeben wird, dein ganzes Leben lang nicht? Mutter«, wandte er sich an die Großmutter, »sieh ihn dir an, er hat mich gestoßen, geschlagen! Er mich! Frag ihn doch mal!« Sie fragte mich nicht erst, trat einfach auf mich zu, packte mich an den Haaren und zauste mich. »Dafür bekommt er es mit mir zu tun, jawohl, ja, so, jetzt hat er's ...«, sagte sie. Es tat nicht weh, aber ich fühlte mich unerträglich gekränkt, besonders durch Großvaters Lachen – er schnellte auf seinem Stuhle hoch, klatschte sich auf die Knie und krächzte unter Lachen: »Ja doch, gib ihm ...« Ich riß mich los, sprang in den Flur hinaus und streckte mich dort, bedrückt und leergebrannt, in eine Ecke; man hörte den Samowar summen. Die Großmutter kam zu mir heraus, beugte sich über mich und flüsterte mir kaum hörbar zu: »Du mußt mir verzeihen, ich habe dich doch nur leicht gezaust, absichtlich so, daß es nicht schmerzt. Ich konnte nicht anders – der Großvater ist schließlich ein alter Mann, vor dem man Achtung haben muß, auch er hat seine Knochen strapaziert, auch er hat allerlei Kummer hinuntergewürgt – man darf ihm nicht weh tun. Du bist schon erwachsen genug, du wirst es verstehen ... Du mußt es verstehen, Oljoscha! Er ist doch ein richtiges Kind, nicht mehr ...« Ihre Worte rieselten wie warmes Wasser auf mich herab, das freundschaftliche Flüstern beschämte und erleichterte mich, ich schloß sie fest in meine Arme, und wir gaben uns einen Kuß. »Geh nur zu ihm hinein, geh, ist ja schon alles gut! Aber rauche nicht gleich wieder in seiner Gegenwart, er muß sich doch erst daran gewöhnen ...« Ich ging hinein, sah den Großvater an und mußte mich zusammennehmen, um nicht laut loszulachen – er war zufrieden wie ein Kind, strahlte über das ganze Gesicht, schlenkerte mit den Beinen und trommelte mit den rötlich behaarten Fingern auf dem Tisch herum. »Nun, du Ziegenbock? Willst du mich wieder auf die Hörner nehmen? So ein Raufbold! Ganz wie der Vater! Kommt herein wie ein Heide, bekreuzigt sich nicht und fängt sofort an zu rauchen! Hach, du, Bonaparte im Groschenformat!« Ich schwieg. Auch er hatte sich verausgabt und schwieg ermüdet still, fing jedoch während des Tees aufs neue mit seinen Belehrungen an: »Der Mensch braucht die Gottesfurcht wie das Pferd den Zaum. Wir haben keinen Freund außer dem Herrn! Der ärgste Feind des Menschen ist der Mensch!« Daß die Menschen untereinander Feinde waren, schien mir wahr, alles übrige berührte mich nicht. »Du wirst jetzt zur Tante Matrjona gehen, und im Frühjahr wieder auf einen Dampfer. Bleibe den Winter über bei ihnen. Sag aber ja nicht, daß du im Frühjahr gehst ...« »Wozu denn die Leute betrügen?« warf die Großmutter ein, die eben erst den Großvater betrogen hatte, indem sie mich zum Schein an den Haaren zauste. »Ohne Betrug kommt man nicht aus«, bestand der Großvater auf seiner Meinung, »nenn mir doch einen, der ohne ihn auskommt!« Abends, als der Großvater den Psalter las, gingen die Großmutter und ich vors Tor, aufs Feld hinaus; die zweifenstrige kleine Hütte, in der der Großvater jetzt lebte, stand ganz am Rande der Stadt, am Ende der Kanatnaja-Straße, in der er einst ein eigenes Haus besessen hatte. »Du siehst, wo wir gelandet sind!« spöttelte die Großmutter. »Der Alte kann keinen Platz nach seinem Herzen finden und zieht in einem fort um. Auch hier gefällt es ihm nicht, während ich mich ganz wohl fühle!« Vor uns erstreckt sich gute drei Werst weit ein dürftiges Grasfeld – es ist von Schluchten durchschnitten, vom Kamm eines Waldes und von der Birkenzeile entlang der Kasaner Chaussee begrenzt. Aus den Schluchten starren gleich Ruten Zweige von Strauchwerk empor, und die kalte Abendsonne taucht sie in blutiges Rot. Graue Halme schaukeln im schwachen Abendwind; hinter der nächsten Schlucht flimmern – auch sie an Halme erinnernd ? die dunklen Gestalten von Burschen und Mädeln aus der Vorstadt. Weiter rechts zieht sich die rote Mauer eines Altgläubigenfriedhofs hin – man nennt ihn die »Einsiedelei Bugrowskij« –, während links, hinter der Schlucht, eine dunkle Baumgruppe über dem Feld emporstrebt – dort liegt der Judenfriedhof. Alles ringsum ist kümmerlich, alles ringsum schmiegt sich wortlos an die zerschundene Erde. Scheu blicken die kleinen Vorstadthäuser mit ihren Fenstern zur staubigen Straße, und kleine, kümmerliche Hühner trippeln auf ihr dahin. Am Dewitschij-Kloster vorbei zieht eine Herde; die Kühe muhen; aus dem Feldlager dringt Militärmusik herüber – die Blechinstrumente heulen und dröhnen. Ein Betrunkener kommt daher, mißhandelt die Ziehharmonika, stolpert und lallt: »Ich komm dir noch auf den Kopf ... worauf du dich verlassen kannst ...« »Armer Narr«, sagt die Großmutter und blinzelt in die rote Sonne, »wie weit wirst du schon kommen? Es dauert nicht lange, und du fällst um; dann schläfst du ein, und sie plündern dich aus ... Auch die Harmonika, deinen Trost, nehmen sie dir fort.« Ich erzähle ihr, wie ich auf dem Dampfer gelebt habe, und blicke mich um. Nach allem, was ich gesehen habe, ist mir hier traurig ums Herz, ich fühle mich wie ein Barsch in der Pfanne. Die Großmutter hört mir schweigend und aufmerksam zu – genauso gern, wie ich ihr zuzuhören pflege –, und als ich ihr von Smuryj erzähle, bekreuzigt sie sich eifrig und sagt: »Ein guter Mensch, helf ihm die Muttergottes! Sieh zu, daß du ihn nicht vergißt! Behalte das Gute immer im Gedächtnis, was aber schlecht war – vergiß.« Es fiel mir äußerst schwer, ihr zu erklären, warum ich entlassen worden war, ich faßte mir dann aber doch ein Herz und erzählte es ihr. Es machte keinerlei Eindruck auf sie; sie flocht nur gleichgültig ein: »Du bist noch zu jung, verstehst nicht zu leben.« »Das werfen sie sich alle gegenseitig vor: ›Du verstehst nicht zu leben.‹ Die Bauern, die Matrosen, Tante Matrjona ihrem Sohn; und was muß man denn nun eigentlich verstehen?« Sie schürzte die Lippen und schüttelte den Kopf: »Das kann ich dir nicht sagen.« »Aber du redest davon!« »Warum sollte man nicht davon reden?« entgegnete die Großmutter gelassen. »Nimm es dir nicht zu Herzen, du bist noch klein, du sollst es noch gar nicht verstehen. Und wer versteht es schon? Höchstens die Spitzbuben. Sieh dir den Großvater an – er ist gescheit und kann lesen und schreiben, aber auch er hat es nicht geschafft ...« »Hast denn du selber ein schönes Leben gehabt?« »Ich? Ja doch. Manchmal auch nicht – je nachdem ...« Menschen, die lange Schatten warfen, gingen langsam an uns vorüber, Staub wirbelte unter ihren Füßen und löschte die Schatten wieder aus. Die abendliche Schwermut vertiefte sich immer mehr, aus den Fenstern' drang Großvaters brummige Stimme: »Herr, verurteile mich nicht in deinem Grimm, strafe mich nicht in deinem Zorn.« Großmutter meinte lächelnd: »Was er dem Herrgott schon zur Last gefallen sein mag! Jeden Abend dasselbe Gewinsel! Und wozu? Ist doch alt genug und braucht nichts mehr, aber er jammert immer noch und sträubt sich ... Der Herrgott wird, wenn er so auf die abendlichen Stimmen hinhört, vermutlich spötteln: ›Plärrt da nicht wieder der Wassilij Kaschirin?‹ Komm, gehen wir schlafen ...«   Ich beschloß, mich dem Vogelfang zu widmen; mir schien, wir würden uns gut damit durchschlagen können – ich würde Singvögel fangen und die Großmutter sie verkaufen. Ich legte mir Netze und Fallen zu und verfertigte Käfige; und schließlich sitze ich beim Morgengrauen in einer Schlucht im Busch, während die Großmutter mit Korb und Sack im Wald umherstreift und die letzten Pilze, Holunderbeeren und Nüsse sammelt. Die müde Septembersonne ist eben erst aufgegangen; ihre weißen Strahlen erlöschen in den Wolken und fallen als silberner Fächer zu mir in die Schlucht. Auf dem Grunde der Schlucht ist es noch dämmerig, ein weißlicher Nebel steigt von ihm auf; der lehmige Steilhang ist dunkel und kahl, während die sanfter abfallende Seite gegenüber von fahlem Gras und dichtem Strauchwerk mit gelben, fuchsigen und roten Blättern bedeckt ist; der frische Wind reißt sie ab und wirbelt sie durch die Schlucht. Am Boden, zwischen den Kletten, schreien Stieglitzjunge, ich sehe die munteren Vogelköpfchen mit ihren roten Häubchen durchs graue, zerzauste Steppengras. Um mich herum rufen neugierige Meisen; sie blasen komisch die weißen Backen auf und lärmen und hasten wie junge Kleinbürgerinnen aus Kunawino an einem Feiertag; rasch, schlau und boshaft, müssen sie alles wissen, alles anrühren – und gehen eine nach der anderen in die Falle. Wenn ich sie ängstlich flattern sehe, tun sie mir leid, aber es ist mein Geschäft, und mein Geschäft ist rauh; ich setze die Vögel in die bereitgehaltenen Käfige und stecke sie in einen Sack – im Dunkeln verhalten sie sich still. Auf einem Hagedornbusch läßt sich ein Zeisigschwarm nieder, der Busch ist überflutet von Sonne, die Zeisige freuen sich und zwitschern nur noch munterer; nach ihrem Benehmen erinnern sie an Schulhuben. Ein gieriger, haushälterischer Neuntöter hat es versäumt, in wärmere Länder zu fliegen, sitzt auf dem biegsamen Zweig einer Heckenrose, putzt mit dem Schnabel die Flügelfedern und schaut mit wachsamem schwarzem Auge nach Beute aus. Er schießt wie eine Lerche in die Luft, fängt eine Hummel, spießt sie sorgsam auf einen Dorn, sitzt wieder still und dreht den grauen Spitzbubenkopf hin und her. Geräuschlos fliegt der weise Kernbeißer an mir vorüber, der Gegenstand meiner sehnlichen Träume – wenn ich den einmal fangen könnte! Ein Gimpel, der vom Schwärm abgekommen ist, sitzt – rot und aufgeblasen wie ein General – auf einer Erle, wippt mit dem schwarzen Schnabel und gibt hier und da ein ärgerliches Knarren von sich. Je höher die Sonne steigt, desto mehr Vögel kommen und desto fröhlicher klingt ihr Gezwitscher. Die ganze Schlucht ist von Musik erfüllt; den Grundton bildet das Rascheln des Buschlaubs im Winde; die übermütigen Vogelstimmen vermögen das leise, angenehm-schwermütige Rauschen nicht zu ersticken – ich höre den Schwanengesang des Sommers aus ihm heraus, es gibt mir besondere Worte ein, und diese Worte fügen sich mir von selbst zu Versen. Zugleich aber werden gegen meinen Willen auch Bilder von Erlebtem in der Erinnerung lebendig. Irgendwoher von oben ruft die Großmutter: »Wo bist du?« Sie hat sich am Rande der Schlucht niedergelassen, ein Tuch ausgebreitet und Brot, Gurken, Rüben und Äpfel zurechtgelegt; inmitten all dieser guten Dinge funkelt eine kleine, sehr hübsche, geschliffene Karaffe mit Kristallpfropfen in der Sonne – der Pfropfen stellt den Kopf Napoleons dar, und die Karaffe enthält Johanniskrautwodka. »Mein Gott, wie schön es hier ist!« sagt die Großmutter dankbar. »Ich habe sogar ein Lied gedichtet!« »Nein ? wirklich?« Ich spreche ihr etwas vor, das an Verse erinnert: »Der Winter kommt näher, bald schaut er herein, Lebt wohl denn, Sommer und Sonnenschein!« Sie läßt mich nicht ausreden und fällt mir ins Wort: »So ein Lied gibt es schon, nur besser!« Und sie sagt es in singendem Tonfall her: »Ach, es sinkt der Sommersonnenschein Hinter fernen Wäldern in den dunklen Raum, Und ich bin allein, ich Mägdelein, Ohne meiner Frühlingsfreuden Traum ... Tret ich morgens vor den Dorfrain hin, Steigt der Maientage Lust vor mir empor, Aber freudlos sieht mich an das kahle Feld, Wo ich meiner Jugend Glanz verlor. Ach, ihr Freundinnen, ihr, meine Lieben! Wenn erst fällt der erste leichte Schnee, Reißt das Herz mir aus dem weißen Busen Und beerdigt es im Schnee mit seinem Weh!« Ich fühle mich in meinem Dichterehrgeiz keineswegs gekränkt, die Verse gefallen mir sehr gut, und das Mädchen tut mir sehr leid. Die Großmutter aber sagt: »So singt man von seinem Kummer! Das hat, mußt du wissen, ein Mädchen erfunden – sie hatte den Sommer über mit ihrem Liebsten verträumt, und als der Winter kam, verließ er sie und ging vielleicht mit einer anderen ... da schluchzte sie in ihrem Herzeleid auf ... Was man nicht selber erlebt hat, wird man nicht gut und richtig ausdrücken können, während sie ... nun, du siehst ja, was für ein schönes Lied es geworden ist.« Als sie zum erstenmal für vierzig Kopeken Vögel verkauft hatte, war sie äußerst erstaunt: »Sieh einer an! Ich habe geglaubt, das seien Dummheiten, nichts als ein Jungenspaß! Und plötzlich stellt sich heraus, es ist ganz anders!« »Dabei hast du sie noch zu billig abgegeben ...« »Nein, wirklich?« An Markttagen verkaufte sie für einen Rubel oder auch mehr und wunderte sich immer wieder, wieviel man mit solchen Kleinigkeiten verdienen konnte! »Und da wäscht eine Frau den ganzen Tag Wäsche oder sie scheuert Fußböden und bekommt fünfundzwanzig Kopeken dafür – das soll einer verstehen! Dabei ist das nicht einmal schön! Auch Vögel im Käfig zu halten ist nicht schön! Laß das mal lieber sein, Oljoscha!« Doch der Vogelfang hatte mich längst in seinen Bann geschlagen; er sagte mir zu, weil ich mein eigener Herr dabei blieb und – von den Vögeln abgesehen – niemandem Ungelegenheiten bereitete. Ich hatte mir eine gute Ausrüstung zugelegt; Unterhaltungen mit alten Vogelstellern hatten mich mancherlei gelehrt – ich ging zum Vogelfang allein fast dreißig Werst weit in den Kstowskij-Forst an der Wolga, einen Kiefernhochwald, in dem es Kreuzschnäbel und die von Liebhabern geschätzten Schwanzmeisen gab ? wunderhübsche weiße Vögel mit langen Schwänzen. Da geht man abends aus dem Haus und stapft die Nacht hindurch auf dem Kasaner Trakt dahin, manchmal im Herbstregen, durch tiefen Schlamm. Auf dem Rücken einen mit Wachstuch verkleideten Sack, in dem sich Vogelbauer und Käfige mit Lockvögeln befinden. In der Hand einen soliden Nußbaumstock. Es ist ein wenig kalt, und man fürchtet sich in der herbstlichen Dunkelheit, ja, man fürchtet sich sogar sehr! ... Am Straßenrand stehen alte, vom Sturm zerzauste Birken und strecken die nassen Äste über meinem Kopf aus; links unten schwimmen über der schwarzen Wolga, gleichsam im Bodenlosen versinkend, die nun schon raren Topplaternen der letzten Kähne und Dampfer; dumpf klatschen die Schaufelräder aufs Wasser; Sirenen heulen auf. Aus der eisengrauen Erde wachsen Häuser empor – sie gehören zu den Dörfern an der Straße; böse, hungrige Hunde rollen vor meine Füße, der Nachtwächter schlägt an sein Klopfbrett und ruft mir ein wenig furchtsam zu: »Wer da? Wen reitet – unberufen! – zu dieser Nachtstunde der Teufel?« Ich fürchtete sehr, man könne mir meine Geräte fortnehmen, und steckte mir Fünfkopekenstücke für die Nachtwächter ein. Der Nachtwächter im Dorfe Fokina freundete sich mit mir an und staunte jedesmal aufs neue: »Bist du schon wieder unterwegs? Du furchtloser, unruhiger Nachtschwärmer! Wie?« Er hieß Nifont, war klein und grauhaarig und erinnerte an einen Heiligen; oft zog er eine Rübe, einen Apfel, eine Handvoll Erbsen aus seinem Rock, steckte mir die Gabe zu und sagte: »Hier, nimm, mein Freund, ich habe dir etwas Gutes aufgehoben, laß es dir schmecken!« Und er begleitete mich bis an den Dorfrain. Ich komme beim Morgengrauen im Walde an, stelle die Netze auf, hänge die Lockvögel hin, strecke mich am Waldesrand aus und warte, daß es tagt. Es ist still. Alles ringsum liegt in tiefem herbstlichem Schlaf; durch das graue Halbdunkel zeichnet sich weiter unten ganz schwach ein weites Wiesengelände ab; es wird von der Wolga durchschnitten, setzt sich jenseits des Flusses fort und verschwimmt, zergeht in Nebel. Fernab hinter den Wäldern der Wiesenseite geht langsam die blasser gewordene Sonne auf, über die Waldrücken flammen Lichter hin, alles gerät in eine sonderbare, das Herz ergreifende Bewegung – immer rascher steigt über den Wiesen der Nebel hoch, die Sonne versilbert ihn, Büsche, Bäume, Heuschober wachsen aus dem Boden empor, die Wiesen scheinen im Sonnenlicht zu schmelzen und fließen nach allen Seiten auseinander wie rötliches Gold. Schließlich fällt die Sonne auf stilles Ufergewässer ? der ganze Fluß scheint auf die Stelle zuzustreben, an der sie eingetaucht ist. Dann steigt sie immer höher, segnet, erwärmt mit Freuden die schon entblößte, frierende Erde, während die Erde sie mit den süßen Gerüchen des Herbstes umschmeichelt. Die klare Luft läßt die Erde riesig erscheinen; sie dehnt sie ins Unermeßliche aus. Alles strebt in die Ferne und lockt zum blauen Erdenrand. Ich habe die Sonne Dutzende von Malen an dieser Stelle aufgehen sehen – jedesmal breitet sich eine neue, auf neue Art schöne Welt vor mir aus. Ich liebe die Sonne auf meine Weise, allein schon ihr Name, sein wohliger Klang, das Läuten, das sich in ihm verbirgt, gefallen mir; ich liebe es, mein Gesicht mit geschlossenen Augen den heißen Strahlen auszusetzen, sie mit den Händen aufzufangen, während sie eine Lücke im Zaun oder Zweig wie mit dem Schwert durchdringen. Der Großvater hegt eine große Verehrung für »den Fürsten Michail von Tschernigow und den Bojaren Fjodor, die sich weigerten, die Sonne anzubeten« – ich stelle mir diese Leute finster und böse vor, dunkel wie die Zigeuner, mit ewig kranken Augen wie arme Mordwinen. Wenn sich die Sonne über den Wiesen erhebt, muß ich – ob ich will oder nicht – vor Freude lächeln. Über mir tönt der Nadelwald und schüttelt die Tautropfen von seinen grünen Tatzen; wie Silberbrokat funkelt im Schatten, unter den Bäumen, auf den durchbrochenen Blättern der Farne, der Reif des Morgenfrostes. Das fahle, rötliche Gras ist vom Regen niedergedrückt, die Halme hängen regungslos zum Boden herab, und nur wenn ein heller Strahl sie trifft, geht eine leichte Bewegung über sie hin vielleicht das letzte Aufbegehren des Lebens. Die Vögel sind erwacht; graue Tannenmeisen, die wolligen Knäueln gleichen, lassen sich von einem Zweig auf den anderen fallen, feuerfarbene Kreuzschnäbel zerkrümeln oben in den Wipfeln mit ihren krummen Schnäbeln Fichtenzapfen, am Ende eines Fichtenzweigs wippt eine weiße Schwanzmeise – die langen Ruderfedern schwingen auf und nieder, das schwarze Glasperlenauge späht mißtrauisch zum Netz, das ich gespannt habe. Und plötzlich bemerkt man, daß schon der ganze, eben noch ernste und nachdenkliche Wald von vielen hundert Vogelstimmen widerhallt, von der Emsigkeit der reinsten aller Lebewesen auf dieser Erde erfüllt ist – nach ihrem Bilde hat sich der Mensch, der Vater aller irdischen Schönheit, zu seinem Trost die Elfen, die Cherubim und Seraphim, die ganze Heerschar der Engel erschaffen. Es tut mir ein wenig leid, die kleinen Sänger einzufangen, ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich sie in die Käfige sperre. Am liebsten sähe ich ihnen nur zu; doch die Jagdleidenschaft und der Wunsch, Geld zu verdienen, lassen mich das Mitleid überwinden. Die Vögel bringen mich mit ihren Listen zum Lachen. Eine Blaumeise besichtigt aufmerksam und in aller Ausführlichkeit die Falle, erkennt, womit sie ihr droht, umgeht sie von der Seite und holt die Körner geschickt und ohne jede Gefahr zwischen den Fallenstäben heraus. Die Meisen sind sehr gescheit, aber zu neugierig, und das wird ihnen zum Verhängnis. Die aufgeblasenen Gimpel sind etwas dumm; sie gehen scharenweise ins Netz – wie satte Kleinbürger in die Kirche; hat man sie, dann sind sie sehr erstaunt, reißen die Augen auf und kneifen einen mit dem dicken Schnabel in den Finger. Der Kreuzschnabel geht gesetzt und ruhig in die Falle; der Kleiber, ein rätselhafter Vogel, der allen anderen unähnlich ist, sitzt eine Weile vor dem Netz, bewegt den langen Schnabel, und stützt sich auf den dicken Schwanz; er läuft wie ein Specht an den Stämmen der Bäume entlang und hält sich stets im Gefolge der Meisen. Diesem rauchgrauen Vogel haftet etwas Unheimliches an, er scheint einsam zu sein, von niemand geliebt – wie wohl auch er niemand liebt. Wie die Elster stiehlt und versteckt er gern kleine blitzende Gegenstände. Gegen Mittag beende ich den Vogelfang und gehe durch Wald und Feld nach Haus; kehrte ich auf der Landstraße und durch die Dörfer zurück, dann würden mir Jungen oder Burschen die Käfige fortnehmen und mein Gerät zerbrechen oder zerreißen – diese Erfahrungen hatte ich schon gemacht. Ich komme gegen Abend müde und hungrig zu Hause an, habe aber das Gefühl, an diesem Tage gewachsen und stärker geworden zu sein und Neues erfahren zu haben. Dieses Gefühl läßt mich Großvaters boshafte Spötteleien gleichmütig und gelassen hinnehmen; er merkt es und geht auf einen ernsten, vernünftigen Ton über: »Laß die Dummheiten, laß das! Aus einem Vogelfänger ist noch nie etwas geworden, das hat es nicht gegeben, ich weiß es! Suche dir eine Stellung und schule deinen Verstand. Der Mensch lebt nicht zum Spaß, er ist ein Samenkorn des Herrn, er soll eine volle Ähre ergeben! Der Mensch ist wie ein Rubel – setzt man den Rubel vorteilhaft um, dann sind es plötzlich drei! Glaubst du vielleicht, das Leben ist leicht? Nein, wirklich nicht! Die Welt ist für den Menschen – eine dunkle Nacht, da muß sich jeder selbst voranleuchten. Jeder hat zehn Finger mitbekommen, und jeder möchte soviel wie möglich mit ihnen erraffen. Da muß man Kraft beweisen, und hat man keine Kraft – dann eben Witz; ist einer schwach und klein, paßt er nicht da, nicht dort hinein! Tu so, als lebtest du mit den anderen, aber vergiß nicht, daß du allein bist; hör jeden an, und traue niemand; trau nicht dem Schein, dann fällst du nicht herein. Sei schweigsam – Häuser und Städte baut man nicht mit dem Munde, das tun Rubel und Axt im Bunde. Du bist kein Baschkire und kein Kalmük, deren ganzer Reichtum Schafe und Läuse sind ...« In solchen Wendungen konnte er sich einen ganzen Abend ergehen – ich kannte sie auswendig. Die Worte gefielen mir, doch ihren Sinn nahm ich mit Mißtrauen auf. Nach dem, was er sagte, gab es zwei Kräfte, die den Menschen nach eigenem Willen zu leben hinderten – Gott und die Menschen. Die Großmutter saß am Fenster und zwirnte Garn zum Spitzenklöppeln; die Spindel summte in ihren geschickten Händen, sie hörte dem Großvater lange schweigend zu und flocht plötzlich ein: »Alles wird so, wie es das Lächeln der Muttergottes will.« »Was heißt das?« fuhr der Großvater sie an. »Gott! Ich habe Gott nicht vergessen, ich denke an ihn! Glaubst du vielleicht, du alberne alte Gans, der Herrgott hat lauter Dummköpfe in die Welt gesetzt?« Am besten, so schien mir, hatten es auf der Erde die Kosaken und die Soldaten; ihr Leben war einfach und fröhlich. Bei gutem Wetter tauchten sie frühmorgens jenseits der Erdschlucht vor unserem Haus auf, übersäten das Feld wie weiße Pilze und begannen ein kompliziertes, interessantes Spiel – gewandt und stark liefen sie in ihren weißen Blusen, das Gewehr in der Hand, lustig dahin, verschwanden in der Schlucht, zerstreuten sich auf ein Trompetensignal plötzlich wieder über das Feld und stürmten mit gefälltem Bajonett, unter Hurrarufen und unheildrohendem Trommelwirbel geradeswegs auf unser Haus zu; es sah so aus, als würden sie es jeden Augenblick wie einen Schober Heu hinwegfegen. Auch ich schrie »hurra« und rannte selbstvergessen hinter den Soldaten her; der wütende Trommelwirbel weckte den brennenden Wunsch, irgend etwas zu zerstören, einen Zaun zu zertrümmern oder andere Jungen zu verhauen. In den Ruhepausen bewirteten mich die Soldaten mit Machorka, zeigten mir ihre schweren Gewehre, gelegentlich richtete der eine oder andere das Bajonett gegen meinen Bauch und rief mit gemacht grimmiger Stimme: »Stich sie nieder, die Küchenschabe!« Das Bajonett blitzte, es schien lebendig, schien sich zu winden und auf mich zuzuschießen wie eine Schlange – das war ein wenig unheimlich, aber doch irgendwie angenehm. Der Trommler, ein Mordwine, lehrte mich mit den Schlegeln das Fell bearbeiten; zuerst faßte er mich an den Händen, knetete sie durch, daß es schmerzte, und steckte mir die Schlegel schließlich zwischen die gelockerten Finger. »Mach so – eins-zwei, eins-zwei! Tram-ta-ta-tam! Links schwach, rechts stark, tram-ta-ta-tam!« rief er mir grimmig zu und riß die Vogelaugen auf. Ich lief bis zum Schluß der Übung mit den Soldaten auf dem Felde umher und begleitete sie durch die ganze Stadt zu ihren Kasernen; ich lauschte den lauten Liedern und sah in die guten Gesichter – alle wirkten wie frisch gemünzte Fünfkopekenstücke. Die geschlossene Masse der gleichartigen Menschen ergoß sich fröhlich durch die Stadt – mit einer einheitlichen Kraft, die anzog und den Wunsch weckte, in ihr unterzutauchen wie in einem Fluß, von ihr aufgenommen zu werden wie von einem Wald. Diese Menschen fürchteten sich vor nichts, sahen alles unerschrocken an, konnten alles besiegen, alles erreichen; vor allem aber waren sie einfach und gut. Doch eines Tages bot mir während einer Übungspause ein junger Unteroffizier eine dicke Zigarette an. »Rauch mal! Das ist etwas Besonderes, ich würde sie sonst niemand geben, nur dir – du bist nun mal ein braver Bursche!« Ich steckte mir die Zigarette an. Er wich einen Schritt zurück, und plötzlich blendete mich eine rote Flamme, die mir die Finger, die Nase, die Brauen verbrannte; ein grauer, beißender Rauch zwang mich zu husten und zu niesen; ich trat erschrocken und außerstande, etwas zu sehen, auf der Stelle, während die Soldaten mich umdrängten und laut und fröhlich lachten. Ich rannte schließlich nach Hause – sie pfiffen und lachten hinter mir her, irgend etwas knallte wie eine Hirtenpeitsche. Meine verbrannten Finger schmerzten, mein Gesicht war wund, aus meinen Augen flossen Tränen, doch nicht die Schmerzen lähmten mich, sondern das dumpfe, niederdrückende Erstaunen – warum hatte man mir das angetan? Wieso bereitete das den guten Burschen ein Vergnügen? Zu Hause verkroch ich mich auf dem Dachboden, saß lange da und erinnerte mich all jenes unerklärlich Grausamen, das mir so häufig auf meinem Wege begegnet war. Besonders lebhaft und deutlich erinnerte ich mich des kleinen Sarapuler Soldaten – mir war, als stehe er leibhaftig vor mir und frage: »Nun? Hast du's begriffen?« Bald darauf sollte ich etwas erleben, das noch bedrückender und verblüffender war. Ich lief jetzt öfter in die Kosakenkasernen – sie lagen neben der Vorstadt Petscherskaja. Die Kosaken erschienen mir anders als die Soldaten – sie waren nicht nur gewandte Reiter und schöner angezogen, sie sprachen auch anders, sangen andere Lieder und konnten vorzüglich tanzen. Da bilden sie abends, nachdem die Pferde gestriegelt sind, neben den Ställen einen Kreis, und ein kleiner rothaariger Kosak wirft das krause Haar aus der Stirn und beginnt mit einer Stimme zu singen, die hoch wie eine Messingtrompete klingt; angespannt hochgereckt, stimmt er leise ein trauriges Lied vom stillen Don oder der blauen Donau an. Er schließt beim Singen die Augen wie der Vogel Sorjanka, der so leidenschaftlich singt, daß er manchmal tot von seinem Zweig zur Erde fällt; der Hemdkragen des Kosaken steht offen, man sieht das Schlüsselbein, das an ein kupfernes Pferdemundstück erinnert, der ganze Mann ist wie aus Erz gegossen. Er wiegt sich auf dünnen Beinen, als ob der Boden unter ihm schwankte, breitet die Arme aus und hat, tönend und blind, gleichsam aufgehört, Mensch zu sein, ist zum Horn, zur Hirtenflöte geworden. Manchmal glaube ich, er wird gleich umsinken, auf den Rücken fallen und sterben wie die Sorjanka, weil er die Seele, all ihre Kraft im Lied verausgabt hat. Die Hände in den Hosentaschen oder hinter den breiten Rücken verborgen, stehen die Kameraden im Kreis um ihn herum, blicken ihm starr ins kupferne Gesicht, folgen der Hand, die langsam in der Luft dahinschwebt, und singen ernst und ruhig wie im Kirchenchor. In diesem Augenblick erinnern sie alle, ob bartlos oder bärtig, an Ikonen ? so streng, so den Menschen entrückt blicken sie drein. Das Lied ist lang wie eine Landstraße, ebenso gleichmäßig, breit und weise erdacht wie sie; ich höre zu und vergesse, ob Tag auf der Erde ist oder Nacht, ob ich ein Junge bin oder ein alter Mann, vergesse alles! Wenn die Stimmen der Sänger verstummen, hört man die Pferde tief atmen, fühlt ihre Sehnsucht nach der freien Weite der Steppe, fühlt, wie leise und unerbittlich die Herbstnacht vom Feld heraufzieht; das Herz aber wächst und möchte zerspringen von der Überfülle ungewöhnlicher Gefühle, von übergroßer, stummer Liebe zu den Menschen und zu der Erde. Der kleine kupferne Kosak schien mir kein Mensch, sondern ein Märchenwesen, besser, höher stehend als alle Menschen. Es war mir unmöglich, mit ihm zu sprechen. Wenn er mich etwas fragte, lächelte ich beglückt und schwieg mich verlegen aus. Ich wäre bereit gewesen, ihm stumm und ergeben zu folgen wie ein Hund, nur um ihn öfter zu sehen, nur um zu hören, wie er singt. Eines Tages sah ich ihn in einer Stallecke stehen, die Hand zum Gesicht erheben und einen glatten Silberring an seinem Finger betrachten; seine wohlgeformten Lippen bewegten sich, der kleine rotblonde Schnurrbart zuckte, das Gesicht war traurig, wirkte gekränkt. Doch dann, an einem dunklen Abend, betrat ich mit meinen Käfigen eine Schankwirtschaft am Staraja-Sennaja-Platz der Wirt war ein leidenschaftlicher Liebhaber von Singvögeln und kaufte mir öfter welche ab. Der Kosak saß in der Ecke neben dem Schanktisch, zwischen Ofen und Wand; mit ihm war eine üppige Frau, fast doppelt so stark und groß wie er; ihr rundes Gesicht glänzte wie Saffian, sie blickte ihn mit mütterlichen Augen freundlich, aber ein wenig unruhig an; er war betrunken, scharrte mit ausgestreckten Beinen auf dem Fußboden herum und stieß dabei gegen die Füße der Frau; offenbar war es recht schmerzhaft, denn sie zuckte zusammen, verzog das Gesicht und bat mit leiser Stimme: »Lassen Sie den Unfug ...« Der Kosak hob mit vieler Mühe die Brauen, aber sie fielen ihm gleich wieder müde auf die Augen herab. Ihm war heiß, der Waffenrock und das Hemd standen offen, der Hals war entblößt. Die Frau hatte das Kopftuch auf ihre Schultern abgestreift und die prallen weißen Arme auf den Tisch gelegt; die Finger waren so fest ineinander verklammert, daß sie rot anliefen. Je länger ich die beiden anblickte, desto deutlicher glaubte ich einen schuldbewußten Sohn vor seiner guten Mutter zu sehen; sie redete freundlich-ermahnend auf ihn ein, während er verlegen schwieg – er hatte den wohlverdienten Vorwürfen nichts entgegenzusetzen. Plötzlich erhob er sich, als hätte ihn etwas gestochen, setzte die Mütze auf – und zwar falsch, zu sehr in die Stirn –, klatschte sie mit der Hand an und wandte sich, ohne den Waffenrock zuzuknöpfen, zur Tür; auch die Frau stand auf und sagte zum Wirt: »Wir sind gleich wieder da, Kusmitsch ...« Die Gäste lachten und scherzten hinter ihnen her. Jemand bemerkte mit tiefer und rauher Stimme: »Wenn der Lotse zurück ist, wird er es ihr schon zeigen!« Ich ging den beiden nach; sie liefen zehn Schritt vor mir und bewegten sich in der Dunkelheit durch dicken Schlamm quer über den Platz auf den Hang, auf das Steilufer der Wolga zu. Ich sah, wie die Frau den Kosaken stützte und hin und her schwankte, ich hörte, wie es unter ihren und des Kosaken Füßen schmatzte; die Frau fragte mehrmals mit leiser, flehender Stimme: »Wo wollen Sie denn hin? Ja, wohin denn?« Obwohl es nicht mein Weg war, folgte ich ihnen durch den Schlamm. Sie erreichten den Gehsteig, der am Hang entlangführte, der Kosak blieb stehen, trat einen Schritt zurück und schlug plötzlich der Frau ins Gesicht; erstaunt, erschrocken schrie sie auf: »Aber wofür denn?« Auch ich war erschrocken und stürzte zu ihnen hin, doch der Kosak packte die Frau um die Taille, warf sie über das Geländer und sprang ihr nach; beide rollten als schwarzer Knäuel den Grashang hinab. Ich war sprachlos, erstarrte, horchte, wie unten in der Tiefe ein Kleid zerriß, wie der Kosak keuchte und eine tiefe Frauenstimme abgerissen murmelte: »Ich schreie ... ich schreie ...« Man hörte ein lautes, gequältes Stöhnen, dann war es still. Ich ertastete einen Stein und ließ ihn hinunterrollen – er raschelte durch das Gras. Auf dem Platz fiel die Glastür der Schankwirtschaft zu, jemand stolperte, schlug offenbar hin, dann trat aufs neue Stille ein – eine Stille, in der jede Sekunde etwas Erschreckendes geschehen konnte. Am Hang taucht ein großer weißer Klumpen auf; er bewegt sich schluchzend und schnaufend langsam und ungleichmäßig bergan – ich erkenne die Frau. Sie klettert auf allen vieren wie ein Schaf, ich sehe, daß sie bis an den Gürtel nackt ist, die großen Brüste hängen herab, und es sieht aus, als hätte sie drei Gesichter. Sie erreicht das Geländer, setzt sich fast unmittelbar neben mir auf ihm nieder, keucht wie ein abgejagtes Pferd und ordnet das wirre Haar; deutlich erkennt man auf dem weißen Körper dunkle Schmutzflecken; sie weint, wischt sich mit den Gebärden einer sich putzenden Katze die Tränen von den Wangen, erblickt mich und ruft leise aus: »Mein Gott – wer ist da? Geh, Schamloser!« Das kann ich nicht, ich bin vor Staunen, von einem bitteren, wehmütigen Gefühl wie erstarrt – ich muß an die Worte von Großmutters Schwester denken: »Das Weib ist eine Macht – Eva hat selbst den Herrgott überlistet ...« Die Frau stand auf und bedeckte mit dem Rest ihres Kleides die Brust, wobei sie ihre Beine entblößte, und ging rasch davon. Über dem Hang erschien der Kosak, schwenkte irdendwelche weißen Fetzen, pfiff leise und horchte; dann rief er vergnügt: »Darja! Nun? Ein Kosak wird sich immer nehmen, was er braucht ... Du hast geglaubt, ich bin betrunken? Nein, das hat dir nur so geschienen ... Darja!« Er steht fest auf den Beinen, seine Stimme klingt nüchtern und spöttisch. Er beugt sich vor, wischt mit den Fetzen seine Stiefel ab und fährt fort: »He, nimm deine Jacke ... Daschka! Hab dich doch nicht so ...« Und er spricht mit lauter Stimme ein für die Frauen schmähliches Schimpfwort aus. Ich sitze auf einem Haufen Schotter, während ich dieser Stimme lausche, die einsam und so bedrückend herrisch durch die nächtliche Stille klingt. Die Laternenlichter auf dem Platz tanzen mir vor den Augen; rechts ragt aus einem Haufen schwarzer Bäume das weiße Stift für adlige Fräulein hervor. Der Kosak geht, träge ein schmutziges Wort an das andere reihend, über den Platz, schwenkt die weißen Fetzen und verschwindet wie ein böser Traum. Unten, am Fuße des Hangs, schnauft das Dampfabzugsrohr eines Pumphauses, die Abfahrt zum Fluß hinunter rollt eine Mietdroschke, ringsum ist keine Menschenseele zu sehen. Ich gehe, im Innersten vergiftet, am Rande des Hangs entlang und presse einen kalten Stein in meiner Hand – ich hatte mit ihm nach dem Kosaken werfen wollen. Vor der Kirche Georgs des Drachentöters hält mich der Nachtwächter an und fragt mich grimmig aus – wer ich sei und was ich da im Sack auf meinem Rücken trage. Ich erzähle ihm ausführlich von dem Kosaken – er schüttelt sich vor Lachen und ruft zwischendurch aus: »Guuut! Die Kosaken, Verehrter, sind ein gerissenes Volk, da kommt unsereins nicht mit! Das Frauenzimmer aber ist eine Herumtreiberin!« Er droht vor Lachen zu ersticken, während ich weitergehe und nicht verstehen kann, worüber er eigentlich lacht. Und voller Entsetzen frage ich mich: Wenn das nun meiner Mutter oder Großmutter geschehen wäre? 8 Als der erste Schnee gefallen war, brachte mich der Großvater aufs neue zu Großmutters Schwester. »Das ist nicht ungünstig für dich, keineswegs ungünstig«, sagte er zu mir. Mir scheint, ich habe den Sommer über schrecklich viel erlebt und bin älter und klüger geworden, während sich bei meiner Herrschaft die Langeweile nur noch verstärkt hat. Sie sind alle noch ebenso häufig krank wie früher, weil sie sich ständig den Magen überladen, und erzählen sich mit der gleichen Ausführlichkeit vom Verlauf ihrer Krankheiten; die Alte betet ebenso furchterregend und böse zu Gott wie früher. Die junge Frau hat nach der Entbindung abgenommen und an Umfang verloren, bewegt sich aber genauso feierlich und langsam wie während der Schwangerschaft. Wenn sie für ihre Kinder Wäsche näht, singt sie mit leiser Stimme immer dasselbe Lied: »Spirja, Spirja, Spiridon, Brüderlein, mein gutes, komm! Selber sitz im Schlitten ich, Spirja stellt sich hinter mich.« Komme ich ins Zimmer, dann hört sie sofort zu singen auf und fährt mich böse an: »Was willst du?« Ich bin überzeugt, sie kennt kein anderes Lied als dieses. Abends holt man mich ins Zimmer und befiehlt: »Los, erzähle mal, wie es dir auf dem Dampfer ergangen ist!« Ich setze mich auf den Stuhl neben der Toilettentür und erzähle; es tut mir wohl, mich an ein anderes Leben zu erinnern – in diesem hier, das man mir gegen meinen Willen aufgezwungen hat. Ich gehe ganz in meiner Erzählung auf und vergesse die Zuhörer – doch nicht lange; die Frauen sind noch nie mit einem Dampfer gefahren und erkundigen sich: »Ein bißchen Angst hat man aber wohl doch?« Ich begreife nicht, warum man Angst haben sollte. »Und wenn er nun plötzlich an eine tiefe Stelle gerät und sinkt?« Der Herr des Hauses bricht in Lachen aus, während ich, obwohl ich weiß, daß Dampfer an tiefen Stellen nicht sinken, die Frauen davon nicht überzeugen kann. Die Alte glaubt steif und fest, daß ein Dampfer nicht auf dem Wasser schwimmt, sondern auf Rädern über den Grund des Flusses rollt – wie ein Bauernwagen über die Erde. »Wie soll er denn schwimmen, wenn er aus Eisen ist? Eine Axt, nicht wahr, kann auch nicht schwimmen.« »Und eine Schöpfkelle? Sinkt die vielleicht im Wasser unter?« »Das ist etwas ganz anderes! Die Kelle ist klein und hohl.« Wenn ich auf Smuryj und seine Bücher zu sprechen komme, sehen sie mich mißtrauisch an; die Alte meint, Bücher werden von Narren und Ketzern verfaßt. »Und der Psalter? Und König David?« »Der Psalter gehört zur Heiligen Schrift, aber auch da hat König David den Herrn des Psalters wegen um Vergebung gebeten.« »Wo steht das geschrieben?« »Bei mir, auf meiner Hand! Warte, ich lang dir gleich eine, dann wirst du schon merken, wo!« Sie weiß alles, redet von allem sehr bestimmt und immer verstiegen. »In der Vorstadt Petschorka ist ein Tatar gestorben, dem ist die Seele aus dem Hals gequollen – schwarz wie Pech!« »Die Seele ist Geist, Hauch«, sage ich, aber sie schreit mich verächtlich an: »Bei einem Tataren? Dummkopf!« Auch die jüngere Herrin fürchtet sich vor den Büchern. »Bücher lesen ist sehr schädlich, besonders in jungen Jahren«, behauptet sie. »Bei uns am Grebeschok hat ein Mädchen aus guter Familie in einem fort gelesen und sich am Ende in den Diakon verliebt. Da hat doch die Frau des Diakon sie so blamiert – geradezu entsetzlich! Auf der Straße, vor allen Leuten ...« Gelegentlich brauchte ich Wendungen aus Smuryjs Büchern; in einem von denen, die keinen Anfang und keinen Schluß mehr hatten, stand geschrieben: »Das Schießpulver hat im Grunde genommen niemand erfunden; es tauchte, wie das zu sein pflegt, am Ende einer langen Reihe von unbedeutenden Beobachtungen und Entdeckungen auf.« Ich weiß nicht, warum sich mir dieser Satz so eingeprägt hatte – besonders gefiel mir die Wendung »im Grunde genommen«; ich fühlte eine Art Kraft aus ihr heraus – sie brachte mir viel Kummer, viel komischen Kummer. So etwas gibt es. Eines Tages, als meine Herrschaft mir vorschlug, noch mehr vom Dampfer zu erzählen, entgegnete ich: »Im Grunde genommen habe ich nichts mehr zu erzählen ...« Das verblüffte sie, sie schnatterten drauflos: »Wie? Was hast du gesagt?« Und alle vier brachen einmütig in Lachen aus und wiederholten: »Im Grunde genommen – ach du meine Güte!« Selbst der Hausherr meinte zu mir: »Das hast du dir schlecht ausgedacht, du Kauz!« Von da an riefen sie mich lange: »He, du, ›im Grunde genommen!‹ Geh hin und wisch hinter dem Kind den Fußboden auf, im Grunde genommen ...« Diese dummen Hänseleien kränkten mich nicht, sie wunderten mich nur sehr. Ich lebte im Nebel einer stumpfsinnigen Langeweile dahin und versuchte, um sie zu überwinden, möglichst viel zu arbeiten. Über Mangel an Arbeit konnte ich mich nicht beklagen, – im Hause waren zwei kleine Kinder, die Kindermädchen konnten es der Herrschaft nicht recht machen und wurden ständig gewechselt; ich mußte mich mit den Kindern abgeben, wusch jeden Tag Windeln und ging einmal wöchentlich zum Shandarmskij-Bach, um Wäsche zu spülen – dort lachten mich die Wäscherinnen aus. »Wieso verrichtest du Weiberarbeit?« Manchmal trieben sie es so arg, daß ich sie mit nassen Wäschestücken klatschte; sie zahlten es mir freigebig und mit gleicher Münze heim; immerhin war es mit ihnen lustig und interessant. Der Shandarmskij-Bach floß auf dem Grunde einer tiefen Schlucht zur Oka, die Schlucht grenzte ein Feld von der Stadt ab, das noch den Namen des alten Gottes Jarilo trug. Auf diesem Feld veranstaltete das Kleinbürgertum der Stadt am Semik, dem siebenten Donnerstag nach Ostern, jedes Jahr eine Volksbelustigung; die Großmutter erzählte mir, das Volk in ihrer Jugend habe noch an Jarilo geglaubt und ihm ein Opfer dargebracht. Man nahm ein Rad, umwickelte es mit geteertem Werg, ließ es zu Tal hinunterrollen und beobachtete unter Geschrei und Liedern, ob der flammende Kranz die Oka erreichte. Tat er das, dann hatte Jarilo das Opfer angenommen – es würde einen sonnigen, glücklichen Sommer geben. Die meisten Wäscherinnen waren aus dieser Gegend – alle munter, mit Haaren auf den Zähnen; sie kannten das Leben der ganzen Stadt und konnten viel Interessantes von den Kaufleuten, Beamten und Offizieren, für die sie arbeiteten, erzählen. Die Wäsche im Winter im eisigen Bachwasser zu spülen war eine Sträflingsarbeit; alle Frauen hatten aufgesprungene Hände – so sehr froren sie. Über den Bach gebeugt, der hier von einem Holztrog umschlossen ist, spülen sie die Wäsche unter einem alten, löchrigen Wetterdach, das weder vor Schnee noch vor Wind schützt; ihre Gesichter sind rot angelaufen, rotgekniffen vom Frost; der Frost verbrennt ihre nassen Finger, sie wollen sich nicht mehr biegen lassen, die Augen tränen; doch die Frauen plappern unentwegt fort, erzählen sich allerlei Geschichten, nehmen alles mit eigentümlicher Tapferkeit auf. Am besten konnte Natalja Koslowskaja erzählen, eine Frau, etwas über die Dreißig, frisch, drall, mit spöttischen Augen und einer besonders flinken und spitzen Zunge. Sie genoß die Achtung aller Gefährtinnen, wurde in den verschiedensten Angelegenheiten um Rat befragt und stand der Fertigkeit in der Arbeit, der sauberen Kleidung und der Tatsache wegen, daß sie ihre Tochter ein Gymnasium besuchen ließ, in hohem Ansehen. Wenn sie, von der Last zweier Körbe mit nasser Wäsche niedergedrückt, den glatten Pfad von der Anhöhe herunterkam, empfing man sie fröhlich mit der aufmerksamen Frage: »Wie geht's denn dem Töchterlein?« »Danke, es macht sich, sie lernt, Gott sei Dank!« »Soll wohl eine Dame werden?« »Wozu sonst lasse ich sie was lernen? Aus wem sind sie denn alle hervorgegangen, die Herrschaften mit den gepflegten Wangen? Aus dem Volk, der schwarzen Erde, woher denn sonst? Je weniger ich mich beim Lernen schon', desto größer der Lohn, desto weiter greifen die Arme; hab ich aber erst was errafft, dann ist auch heilig, was ich geschafft ... Der Herrgott schickt uns als einfältige Kinder her und verlangt uns alt und klug zurück, und darum muß man eben etwas lernen!« Wenn sie sprach, schwiegen alle still und lauschten ihren wohlgesetzten, selbstsicheren Reden. Man lobte sie ins Gesicht und hinter dem Rücken und staunte über ihre Ausdauer, ihren Verstand, aber niemand ahmte sie nach. So benähte sie ihre Jackenärmel mit rotbraunem Leder von einem Stiefelschaft ? das gestattete ihr, die Ärmel nicht aufzukrempeln und sie trotzdem nicht naß zu machen. Alle fanden, das sei geschickt erdacht, aber niemand machte es ihr nach, als ich es dann aber dennoch tat, lachte man mich aus: »Hach, du, lernst von einem Weibe!« Von ihrer Tochter hieß es: »Was ist das schon! Nun gut, es wird eine feine Frau mehr geben, und was weiter? Vielleicht schafft sie's auch gar nicht und stirbt ...« »Schließlich haben es auch die Gebildeten nicht leicht – Bachilows Tochter zum Beispiel hat gelernt und sich bald umgebracht, und schließlich ist sie weiter nichts als Lehrerin geworden; ist eine aber Lehrerin, dann bleibt sie auch alte Jungfer ...« »Gewiß doch! Zur Frau nimmt man dich auch ohne Lesen und Schreiben, Hauptsache, du hast was, woran man sich halten kann ...« »Bei den Weibern sitzt der Verstand eben nicht im Kopf ...« Es mutete sonderbar und peinlich an, daß sie so schamlos über sich selber redeten. Ich wußte, wie die Matrosen, Soldaten und Erdarbeiter von den Frauen sprachen, ich sah, daß sich die Männer immer wieder damit brüsteten, wie geschickt sie die Frauen betrogen, wie zähe sie sie hinhielten; ich fühlte, daß sie den »Weibern« feind waren, und doch klang in den Erzählungen der Männer von ihren Siegen über die Frauen neben der Prahlerei fast immer etwas mit, das mich noch glauben ließ, es sei eben mehr Angeberei als Wahrheit. Die Wäscherinnen erzählten sich nicht von ihren Liebesabenteuern, ich hörte jedoch aus allem, was über die Männer gesprochen wurde, Spott und allerlei Böses heraus, und ich sagte mir, es müsse also wohl stimmen – das Weib ist eine Macht! »Und wenn du dich noch so sehr drehst und windest einerlei, am Weib kommt keiner vorbei«, sagte eines Tages Natalja, und eine alte Frau fiel mit erkälteter Stimme ein: »Was sonst? Kommen sie doch vom Herrgott selber geradeswegs zu uns, die Mönche, mein ich, die Einsiedler ...« Diese Unterhaltungen am schwermütig plätschernden Wasser, beim Klatschen der nassen Lumpen, auf dem Grunde der Schlucht, in diesem schmutzigen Loch, das selbst der winterliche Schnee mit seinem reinen Weiß nicht zu verbergen vermochte, diese schamlosen, bösen Gespräche von dem Geheimnis, dem alle Stämme und Völker ihren Ursprung verdanken, riefen scheuen Widerwillen in mir hervor, drängten mein Denken und Fühlen von den »Romanen« ab, die mich so aufdringlich umgaben; für mich verband sich mit dem Begriff »Roman« auf lange Zeit hinaus die Vorstellung von einer schmutzigen, unzüchtigen Geschichte. Dennoch fand ich es bei den Wäscherinnen in der Schlucht, bei den Offiziersburschen in den Küchen, bei den Erdarbeitern in ihrem Keller unvergleichlich interessanter als zu Hause, wo die erstarrte Gleichförmigkeit der Reden, Begriffe und Geschehnisse nur eine bedrückende, böse Langeweile hervorrief. Meine Herrschaft lebte in einem Zauberkreis von Essen, Krankheiten und Schlaf sowie geschäftigen Vorbereitungen aufs Essen und den Schlaf; man sprach von Sünden, vom Tod, man fürchtete ihn sehr, man trieb wie Korn um einen Mühlstein herum in der ständigen Furcht, von ihm erfaßt zu werden. In meinen freien Stunden ging ich in den Schuppen, um Holz zu hacken und endlich allein mit mir zu sein, doch das gelang nur selten – gewöhnlich kamen Offiziersburschen vorbei und erzählten vom Leben auf unserem Hof. Häufiger als die anderen zeigten sich Jermochin und Sidorow bei mir im Schuppen. Der erste war lang aufgeschossen, stammte aus Kaluga, bestand aus lauter dicken, starken Sehnen und hatte einen kleinen Kopf und trübe Augen. Er war träge, empörend dumm, bewegte sich langsam und ungeschickt, gab, wenn er eine Frau erblickte, unartikulierte Laute von sich und neigte sich zu ihr vor, als wollte er ihr zu Füßen sinken. Alle Leute im Hause staunten über die raschen Siege, die er bei Köchinnen und Stubenmädchen errang, beneideten ihn und fürchteten sich vor seinen Bärenkräften. Sidorow, ein hagerer, knochiger Bursche aus Tula, war immer traurig, sprach immer mit leiser Stimme und hüstelte sogar mit Vorsicht; seine Augen hatten einen scheuen Glanz, er sah sich mit Vorliebe nach dunklen Ecken um; ob er nun mit gedämpfter Stimme erzählte oder schweigend dasaß – immer blickte er zu der Ecke, in der es am dunkelsten war. »Was starrst du dorthin?« »Vielleicht kommt eine Maus zum Vorschein ... Ich liebe Mäuse, sie rollen so lautlos dahin ...« Ich schrieb für die Offiziersburschen Briefe aufs Dorf und Zettel an ihre Liebsten; ich tat es gern; am liebsten schrieb ich jedoch für Sidorow – er schickte pünktlich an jedem Sonnabend einen Brief an seine Schwester nach Tula ab. Er bat mich zu sich in die Küche, setzte sich neben mich an den Tisch, rieb sich angestrengt den geschorenen Schädel und flüsterte mir ins Ohr: »Leg los! Zuerst – wie sich's gehört: ›Mein liebes Schwesterlein, ich wünsch dir gute Gesundheit für viele Jahre‹ – wie sich's gehört! Und dann schreib: ›Den Rubel hab ich erhalten, aber das war nicht nötig, ich danke dir. Ich brauche nichts, es geht uns gut‹ – es geht uns gar nicht gut, wir führen ein Hundeleben, doch davon schreibe nichts, schreibe – es geht uns gut! Sie ist noch klein, erst vierzehn Jahre – wozu soll sie das wissen? Und weiter schreib allein, wie du's gelernt hast ...« Er lehnte sich schwer an meine linke Seite und flüsterte mir mit heißem, übelriechendem Atem hartnäckig ins Ohr: »Sie soll sich nicht von den Burschen umarmen, nicht an die Brüste fassen lassen oder so! Schreib ihr: ›Wenn einer freundlich mit dir spricht, dann trau ihm nicht, er will dich nur betrügen, verderben ...‹« Die Anstrengung, mit der er seinen Husten zu unterdrücken suchte, trieb ihm das Blut in das graue Gesicht, er blies die Wangen auf, in seine Augen traten Tränen, er rutschte auf seinem Stuhl hin und her und stieß mich an. »Du störst mich!« »Macht nichts, schreib nur! ›Vor allem trau den feinen Herren nicht, die kriegen ein Mädchen im Handumdrehen rum. So 'n Herr weiß, was er sagt, und kann alles ausdrücken, hast du ihm aber geglaubt, stecken sie dich gleich in ein öffentliches Haus. Hast du einen Rubel gespart, dann gib ihn dem Popen, er hebt ihn für dich auf, wenn er ein anständiger Mensch ist. Am besten aber vergrab den Rubel, wenn's keiner sieht, und merk dir, wo es ist.‹« Es stimmt sehr traurig, diesem Geflüster zuzuhören, das vom kreischenden Blechventilator der Lüftungsklappe erstickt wird. Ich blicke mich nach dem verräucherten Ofenloch, nach dem von Fliegen beschmutzten Geschirrschrank um – die Küche ist unglaublich dreckig, wimmelt von Wanzen, riecht bitter nach angebranntem Öl, Petroleum und Rauch. Auf dem Ofen rascheln im Spanholz die Küchenschaben, ich bin verzagt, der Soldat und seine Schwester tun mir zum Weinen leid. Kann man denn so leben, lohnt sich das? Ich schreibe weiter, höre nicht mehr auf Sidorows Geflüster, schreibe, wie öde und ärgerlich das Leben ist, während er seufzt und zu mir sagt: »Du schreibst viel, ich danke dir! Jetzt wird sie wissen, wovor sie sich fürchten muß ...« »Vor gar nichts soll man sich fürchten«, entgegne ich böse, obwohl ich mich selber vor vielem fürchte. Der Soldat lacht, hüstelt: »Kauz! Wie soll man sich denn nicht fürchten? Und die Herrschaft? Und Gott? Was weiß ich, was es alles noch gibt!« Wenn er einen Brief von der Schwester bekam, bat er besorgt: »Lies bitte rasch vor! ...« Und er nötigte mich, den hingekrakelten, ärgerlich kurzen und leeren Brief wohl dreimal vorzulesen. Er war gutmütig und weich, in seinen Beziehungen zu den Frauen aber wie alle anderen – tierisch einfach und grob. Ich beobachtete diese Beziehungen, die sich oft erstaunlich und widerwärtig rasch von Anfang bis zum Ende vor meinen Augen abspielten, teils absichtlich, teils unwillkürlich; ich sah, wie Sidorow die guten Gefühle einer Frau durch Klagen über sein Soldatenleben weckte, wie er sie mit schmeichelnden Lügen trunken machte und dann, wenn er Jermochin von seinem Siege erzählte, verächtlich das Gesicht verzog und ausspie, als hätte er eine bittere Arznei genommen. Das preßte mir das Herz zusammen; ärgerlich fragte ich den Soldaten, warum sie alle die Weiber betrögen und belögen, sie hinterher verhöhnten, einander weitergäben und häufig schlügen. Er lächelte nur vor sich hin und sagte: »Für diese Dinge brauchst du dich nicht zu interessieren, das alles ist schlecht, ist Sünde! Du bist noch klein, es ist für dich zu früh ...« Doch eines Tages gelang es mir, eine bestimmtere Antwort zu erhalten, die sich mir gut einprägte. »Glaubst du vielleicht, sie weiß nicht, daß ich sie betrüge?« sagte er, zwinkerte mir zu und hüstelte. »Sie weiß es! Und sie will auch betrogen sein. In diesen Dingen machen sich alle etwas vor, es ist nun einmal so eine Sache, alle schämen sich, keiner liebt wirklich, alles nur Flausen! Man schämt sich zu sehr, warte, du wirst es noch selber erfahren! Alles geschieht in der Nacht, und ist es einmal bei Tag, dann nur im Dunklen, in einer dunklen Kammer – ja doch! Um dieser Sache willen hat uns der Herrgott aus dem Paradies vertrieben, um ihretwillen sind alle unglücklich ...« Er sprach so schön, so traurig, so reuevoll, daß ich mich mit seinen Geschichten ein wenig versöhnt fühlte; mein Verhältnis zu ihm war freundschaftlicher als das zu Jermochin, den ich nicht ausstehen konnte und den ich auf jede Weise zu verspotten, zu reizen suchte – das gelang mir auch, und oft genug rannte er, Böses im Schilde führend, auf dem Hof hinter mir her – nur seine Ungeschicklichkeit war daran schuld, daß er mich selten erwischte. »Das ist verboten«, sagte Sidorow. Was verboten war – wußte ich, doch daß es die Menschen unglücklich machte, wollte ich nicht glauben. Ich sah, daß sie unglücklich waren, glaubte es aber nicht, weil ich häufig genug in den Augen verliebter Menschen einen ungewöhnlichen Ausdruck beobachtete, die besondere Herzensgüte der Liebenden empfand; diesen Feiertag des Herzens zu sehen tat immer wohl. Dennoch erschien mir das Leben, wie ich mich erinnere, immer langweiliger, starrer, für alle Zeiten auf jene Formen und Beziehungen festgelegt, in denen ich es tagtäglich verlaufen sah. Der Gedanke, daß es etwas Besseres geben könne als das, was war, was jeden Tag unabweisbar vor meinen Augen stand, kam mir nicht. Doch eines Tages erzählten mir die Soldaten eine Geschichte, die mich heftig erregte. In einer der Wohnungen lebte ein Zuschneider vom besten Schneidergeschäft der Stadt, ein stiller, bescheidener Mann nichtrussischer Herkunft. Er hatte eine kleine, kinderlose Frau, die Tag und Nacht Bücher las. Die beiden lebten auf dem lauten Hof, in einem Haus, in dem sich betrunkene Menschen drängten, fast unsichtbar und unhörbar dahin, empfingen keinen Besuch und gingen auch nicht aus – nur feiertags ins Theater. Der Mann war vom Morgen bis in den späten Abend fort zur Arbeit, die Frau, die an ein halbwüchsiges Mädchen erinnerte, ging zweimal in der Woche zur Bibliothek. Ich sah sie oft ein wenig schaukelnden, kurzen Schritts – sie schien zu lahmen – den Dammweg entlanggehen, Bücher im Tragriemen wie eine Gymnasiastin, einfach, angenehm, sauber, wie neu, mit Handschuhen an den kleinen Händen. Ihr Gesicht hatte etwas Vogelhaftes, Flinkäugiges, die zierliche Gestalt etwas von einem Porzellanfigürchen auf einer Spiegelkonsole. Die Soldaten behaupteten, ihr fehle auf der rechten Seite eine Rippe – deshalb eben schaukle sie so merkwürdig beim Gehen, aber mir schien das angenehm, es unterschied sie sogleich von den anderen Damen auf unserem Hof – den Offiziersfrauen; diese wirkten trotz ihrer lauten Stimmen, des bunten Staats und der hohen Turnüren angestaubt, als hätten sie lange in einer dunklen Abstellkammer unter allerlei unnützen Dingen herumgelegen. Die kleine Zuschneidersfrau galt auf dem Hof als halbe Irre, man meinte, das Bücherlesen habe sie um den Verstand gebracht, es sei so weit mit ihr gekommen, daß sie nicht mehr imstande sei, das Haus zu besorgen, ihr Mann gehe selber auf den Basar, um Lebensmittel zu kaufen, und spreche auch das Mittag- und Abendessen mit der Köchin ab – einer riesigen, finsteren Frau nichtrussischer Herkunft, mit einem einzigen roten und ewig nassen Auge und einem schmalen rosigen Schlitz anstelle des anderen. Die Frau des Hauses aber – behauptete man – könne nicht einmal Schweinefleisch von Kalbfleisch unterscheiden und habe eines Tages blamablerweise statt Petersilie – Meerrettich mitgebracht! Man denke, wie entsetzlich! Alle drei waren in diesem Hause Fremde, sie schienen zufällig in einen der Käfige dieses großen Hühnerverschlages geraten zu sein und erinnerten an Blaumeisen, die sich auf der Flucht vor dem Frost durch die Lüftungsklappe in eine stickige, schmutzige Menschenbehausung gerettet haben. Und plötzlich erzählten mir die Burschen, die Herren Offiziere seien auf ein böses, kränkendes Spiel mit der kleinen Zuschneidersfrau verfallen – jeden Tag stellten sie ihr, bald der eine, bald der andere, ein Zettelchen zu, in dem sie von ihrer Liebe zu ihr, von ihren Qualen, von der Schönheit der Zuschneidersfrau sprächen. Sie antworte ihnen, bitte, sie in Frieden zu lassen, bedauere, daß sie Kummer verursacht habe, flehe zu Gott, er möge ihnen helfen, sie zu vergessen. Wenn die Offiziere so einen Zettel bekämen, läsen sie ihn alle gemeinsam, machten sich über die Frau lustig und faßten – wiederum gemeinsam, aber im Namen eines einzelnen – einen neuen Brief an sie ab. Als mir die Offiziersburschen diese Geschichte erzählten, lachten auch sie und schalten über die Zuschneidersfrau. »Eine armselige dumme Gans, dieses Hinkebein«, sagte Jermechin mit seiner Baßstimme, während Sidorow ihm leise beipflichtete: »Jedes Weib will betrogen sein. Sie weiß alles ...« Ich konnte nicht glauben, daß die Zuschneidersfrau wisse, wie man über sie lachte, und beschloß sogleich, es ihr zu erzählen. Ich nahm einen Augenblick wahr, in dem die Köchin in den Keller hinunterging, stürzte über die Hintertreppe zur Wohnung der kleinen Frau und schaute rasch in die Küche; doch dort war niemand, und ich betrat ein Zimmer die Zuschneidersfrau saß am Tisch, in der einen Hand eine schwere vergoldete Tasse, in der anderen ein aufgeschlagenes Buch; sie erschrak, drückte das Buch an die Brust und rief mit gedämpfter Stimme: »Wer ist das! Auguste! Wer ist das?« Ich begann rasch und verworren zu erzählen, ich fürchtete, sie werde mir das Buch oder die Tasse an den Kopf werfen. Sie saß in einem hellblauen Hausgewand mit Fransen am Saum und Spitzen an Kragen und Ärmeln in einem großen himbeerfarbenen Sessel; das blonde, wellige Haar fiel auf die Schultern herab. Sie erinnerte an einen Engel von dem »Zarentor« in einer Kirche. Sie lehnte sich zurück und blickte mich mit runden Augen an, zuerst böse, dann erstaunt und lächelnd. Als ich alles gesagt hatte, was zu sagen war, die Courage verlor und mich zur Tür wandte, rief sie mir nach: »Warte mal!« Sie stellte die Tasse mit einem Ruck aufs Tablett, warf das Buch auf den Tisch und begann, die Handflächen aneinandergelegt, mit der vollen Stimme der Erwachsenen: »Was bist du für ein sonderbarer Junge ... Komm doch mal näher!« Ich trat sehr vorsichtig auf sie zu, sie ergriff meine Hand und fragte, während sie sie mit ihren kalten, kleinen Fingern streichelte: »Hat dir jemand gesagt, du sollst mir das sagen? Nein? Also gut, ich sehe es, ich glaube es dir – du bist selber darauf gekommen ...« Sie ließ meine Hand los, schloß die Augen und sagte leise, mit gedehnter Stimme: »So reden also die schmutzigen Soldaten von mir!« »Sie sollten lieber hier fortziehen«, riet ich gesetzt. »Weshalb?« »Sie werden Sie fertigmachen.« Sie brach in ein angenehmes Lachen aus, dann erkundigte sie sich: »Hast du lesen und schreiben gelernt? Liest du gern Bücher?« »Zum Lesen habe ich keine Zeit.« »Wenn du gern lesen würdest, fände sich auch die Zeit dazu. Nun – ich danke dir!« Sie streckte die zusammengelegten Finger mit einer Silbermünze darin zu mir aus – ich schämte mich, den kalten Gegenstand anzunehmen, wagte jedoch nicht, abzulehnen, und legte ihn, als ich ging, auf einen Pfeiler des Treppengeländers. Ich nahm von dieser Frau einen tiefen, neuen Eindruck mit; vor mir war gleichsam die Morgenröte aufgeglommen, und mehrere Tage lebte ich in der freudigen Erinnerung an das geräumige Zimmer und die hellblau gekleidete, an einen Engel gemahnende Zuschneidersfrau darin. Ringsum war alles fremdartig schön gewesen – der üppige, golden schimmernde Teppich unter ihren Füßen, die silbrigen Fensterscheiben, durch die, an ihrer Nähe sich wärmend, der Wintertag drang. Ich wollte sie gern noch einmal sehen – wie wäre es, wenn ich zu ihr ginge und um ein Buch bäte? Ich tat es und erblickte sie wieder an derselben Stelle und wieder mit einem Buch in der Hand, doch ihre Wange war mit einem rötlichen Tuch verbunden, die Augen waren verschwollen. Sie gab mir ein Buch in schwarzem Einband und murmelte etwas Unverständliches vor sich hin. Traurig ging ich mit dem Buch, das nach Kreosot und Anistropfen roch, davon. Ich wickelte es in ein sauberes Hemd, dann in Papier und versteckte es auf dem Dachboden, weil ich fürchtete, meine Herrschaft könnte es mir fortnehmen oder beschädigen. Man hielt im Hause – der Schnittmuster und der Bildbeilagen wegen – die Zeitschrift »Die Flur«, las sie jedoch nicht, sondern sah sich nur die Bilder an und stapelte die Hefte auf dem Schrank im Schlafzimmer; am Ende des Jahres ließ man sie binden und verbarg sie unter dem Bett, wo schon drei Bände der »Malerischen Rundschau« lagen. Wenn ich im Schlafzimmer den Fußboden aufwischte, lief schmutziges Wasser unter die Bücher. Der Hausherr hatte die Zeitung »Russischer Kurier« abonniert und schalt, wenn er sie abends las: »Weiß der Teufel, wozu sie das alles schreiben! Ist doch entsetzlich langweilig ...« Am Sonnabend, als ich auf dem Dachboden Wäsche zum Trocknen aufhängte, erinnerte ich mich des Buches, holte es hervor, schlug es auf und las die Anfangszeile: »Häuser sind wie Menschen – jedes hat sein Gesicht.« Das verblüffte mich durch seine Wahrheit – ich las, an der Dachluke stehend, weiter, bis ich ganz durchgefroren war, nahm abends, als die Herrschaft zum Abendgottesdienst in die Kirche ging, das Buch in die Küche mit und vertiefte mich in seine vergilbten, zerlesenen, an Herbstlaub erinnernden Seiten; sie versetzten mich mühelos in eine andere Welt mit neuen Namen und Beziehungen und führten mir hochherzige Helden und finstere Bösewichter vor, die keinerlei Ähnlichkeit mit den mir überdrüssig gewordenen Menschen meiner Umgebung hatten. Es handelte sich um einen Roman von Xavier de Montépin, der wie alle seine Romane lang und überreich an Menschen und Geschehnissen war und ein unbekanntes, reißend dahinströmendes Leben schilderte. Alles in diesem Roman wirkte wunderbar einfach und klar, als ob ein zwischen den Zeilen verborgenes Licht das Gute und Böse erhellte, zu lieben oder zu hassen und die eng miteinander verknüpften menschlichen Schicksale angespannt zu verfolgen zwänge. Sofort kam der dringende Wunsch in mir auf, diesem zu helfen, jenen zu hindern, und ich vergaß, daß dieses ganze so überraschend vor mir entfesselte Leben ja nur auf dem Papier stand; im Hin und Her des Kampfgetümmels vergaß ich alles, und während mich auf der einen Seite Freude befiel, versank ich auf der nächsten in Kummer. Ich las mich dermaßen fest, daß ich, als am Vordereingang die Klingel schellte, nicht gleich begriff, wer da wohl klingelte und wozu. Die Kerze war fast niedergebrannt, der Leuchter, den ich erst am Morgen geputzt hatte, völlig mit Talg betropft; der Docht des Lämpchens vor der Ikone, auf den ich achthaben sollte, war aus dem Halter geglitten und erloschen. Ich hastete, um die Spuren meiner Verbrechen zu verwischen, durch die Küche, steckte das Buch in die Höhlung unter dem Ofen und machte mich daran, das Ikonenlämpchen in Ordnung zu bringen. Das Kindermädchen stürzte in die Küche. »Bist du denn taub? Es klingelt!« Ich eilte zur Tür und öffnete. »Hast wohl gepennt?« erkundigte sich barsch der Hausherr; seine Frau kam schwerfällig die Treppenstufen herauf und beschuldigte mich, sie der Gefahr einer Erkältung ausgesetzt zu haben; die Alte schimpfte. In der Küche bemerkte sie sofort, daß die Kerze niedergebrannt war, und verhörte mich, was ich gemacht hätte. Ich schwieg, als wäre ich irgendwoher aus großer Höhe gestürzt, fühlte mich völlig zerschlagen und hatte Angst, daß sie das Buch entdecken werde, während sie schrie, ich würde das ganze Haus in Brand setzen. Als der Hausherr und seine Frau zum Abendessen kamen, verklagte mich die Alte bei ihnen: »Da, seht euch das an, die ganze Kerze ist niedergebrannt, er wird uns noch das Dach über dem Kopf abbrennen!« Während des Abendessens setzten mir alle vier zu, erinnerten sich meiner freiwilligen oder unfreiwilligen Missetaten und verhießen mir ein schlimmes Ende, ich wußte jedoch schon, daß sie es weder aus Bosheit noch in guter Absicht taten, sondern aus lauter Langeweile. Und es mutete mich seltsam genug an, sie so hohl und lächerlich im Vergleich zu den Menschen im Buch zu sehen. Schließlich waren sie mit dem Essen fertig, erschlafften und gingen müde auseinander, um sich schlafen zu legen; die Alte verkroch sich, nachdem sie den Herrgott mit bösen Klagen bedrängt hatte, auf dem Ofen und verstummte. Ich stand auf, holte das Buch aus der Höhlung unter dem Herd hervor und trat ans Fenster; die Nacht war hell, der Mond schien zum Fenster herein, doch ich vermochte die kleine Schrift nicht zu lesen. Lesen wollte ich jedoch unbedingt. Ich nahm eine Kupferkasserolle vom Wandbrett und ließ sie das Mondlicht aufs Buch reflektieren – es wurde nicht besser, sondern noch dunkler. Da stieg ich auf die Bank in der Ikonenecke, las stehend beim Schein des Ewigen Lämpchens, sank schließlich wieder auf die Bank und schlief erschöpft ein; ich erwachte vom Geschrei und den Knüffen der Alten. Sie hielt das Buch in der Hand und klatschte mich schmerzhaft damit auf die Schultern ? zornrot, barfuß und im bloßen Hemd, schlenkerte sie wütend den rothaarigen Kopf. Von der Hängepritsche quarrte Wiktor: »Mama, so schreien Sie doch nicht! Es ist ja nicht zum Aushalten ...« Das Buch ist hin, dachte ich, sie werden es zerreißen! Beim Morgentee hielt man Gericht über mich. Der Hausherr forschte mit strenger Stimme: »Wo hast du das Buch her?« Die Frauen überschrien sich und ließen einander nicht zu Worte kommen, während Wiktor argwöhnisch die Buchseiten beschnupperte und feststellte: »Riecht nach Parfüm, nein, wirklich ...« Als sie hörten, das Buch gehöre dem Geistlichen, sahen sie es sich alle noch einmal an und wunderten, ja empörten sich darüber, daß der Geistliche Romane lese; immerhin waren sie einigermaßen beruhigt, wenn der Hausherr mir auch noch lange einschärfte, daß Lesen schädlich und gefährlich sei. »Da haben sie doch, alles Leute, die Bücher lesen, die Eisenbahn gesprengt; sie hatten es auf das Leben ...« Ärgerlich und erschrocken fiel die Hausherrin ihrem Mann ins Wort: »Bist du von Sinnen? Was erzählst du ihm das?« Ich brachte den Montépin zu Sidorow und erklärte ihm, worum es sich handelte – Sidorow griff nach dem Buch, öffnete schweigend eine kleine Kiste, der er ein sauberes Handtuch entnahm, schlug den Roman in das Handtuch ein, verbarg ihn in der Kiste und sagte: »Hör nicht auf sie, komm zu mir und lies, ich sage es keinem. Und wenn du kommst und ich nicht da bin – der Schlüssel hängt hinter dem Heiligenbild, schließ die Kiste auf und lies ...« Die Art, wie sich meine Herrschaft zu dem Buch verhielt, erhob es in meinen Augen sogleich zu einem richtigen und schrecklichen Geheimnis. Daß irgendwelche »Leute, die Bücher lasen«, in der Absicht, jemand zu töten, die Eisenbahn gesprengt hatten, interessierte mich nicht, rief mir jedoch die Frage des Geistlichen während der Beichte, den vorlesenden Gymnasiasten im Keller und Smuryjs Worte von den »richtigen Büchern« ins Gedächtnis; ich erinnerte mich auch an Großvaters Erzählungen von den Schwarzkünstlern und Freidenkern: »Unter dem gottgesegneten Zaren Alexander Pawlytsch verfielen kleine Adlige, die zur Schwarzkunst und Freidenkerei abgeirrt waren, auf den Gedanken, das ganze russische Volk dem Papst in Rom zu verkaufen, die Jesuiten! Der General Araktschejew aber ertappte sie auf frischer Tat und ? ab mit ihnen, ohne Ansehen von Rang und Namen, nach Sibirien, zur Zwangsarbeit, wo sie dann allesamt zugrunde gingen wie Ungeziefer ...« Ich erinnerte mich des »von den Sternen durchflimmerten Umbraculum«, »Gerwassijs« und der feierlich-spöttischen Worte: »Uneingeweihte, die ihr neugierig auf unsere Angelegenheiten seid! Nie werden eure schwachsichtigen Augen sie durchdringen!« Ich glaubte mich an der Schwelle irgendwelcher großer Geheimnisse und lebte wie ein Umnachteter dahin. Ich hätte das Buch gern ausgelesen, ich fürchtete, es könne bei Sidorow abhanden kommen oder irgendwie Schaden nehmen. Was hätte ich dann der Zuschneidersfrau gesagt? Die Alte aber, die sorgfältig darauf achtete, daß ich nicht allzuoft beim Offiziersburschen hereinsah, hackte auf mir herum: »Du Bücherwurm! Hat man nicht deutlich genug vor Augen, wohin das Bücherlesen führt? Da siehst du's, wie weit es mit ihr, der Bücherratte, gekommen ist – ist nicht einmal mehr imstande, zum Basar zu gehen, hat weiter nichts im Sinn, als sich mit Offizieren herumzutreiben, empfängt sie Tag für Tag bei sich, da macht man mir nichts vor!« Ich hätte am liebsten ausgerufen: Das ist nicht wahr! Sie treibt sich nicht herum ... Ich fürchtete mich jedoch, die Zuschneidersfrau in Schutz zu nehmen – die Alte wäre womöglich dahintergekommen, daß das Buch ihr gehörte. Mehrere Tage fühlte ich mich entsetzlich schlecht; ich wurde zerstreut, und eine bange Unruhe ergriff von mir Besitz, aus Angst um das Schicksal des Montépin fand ich keinen Schlaf, bis mich dann eines Tages die Köchin der Zuschneidersfrau auf dem Hofe anhielt und zu mir sagte: »Bring das Buch zurück!« Ich nahm die Zeit nach dem Mittagessen wahr, als meine Herrschaft sich zum Schlafen niedergelegt hatte, und trat verlegen und bedrückt bei der Zuschneidersfrau ein. Sie empfing mich wie beim erstenmal, nur war sie anders gekleidet – sie trug einen grauen Rock, eine schwarze Samtjacke und ein Türkiskreuz am bloßen Hals. Sie erinnerte mich an ein Gimpelweibchen. Als ich ihr sagte, ich hätte keine Zeit gefunden, das Buch zu Ende zu lesen, und daß man mir überhaupt verbiete zu lesen, traten mir Tränen in die Augen – vor Ärger und aus lauter Freude, diese Frau wiederzusehen. »Puh, was für alberne Menschen!« sagte sie und zog die feinen Brauen zusammen. »Dabei hat dein Herr ein so interessantes Gesicht! Warte, nimm es dir nicht zu Herzen, ich will darüber nachdenken. Ich schreibe ihm!« Ich erschrak; ich erklärte ihr, ich hätte meine Herrschaft belogen und ihr gesagt, ich habe das Buch nicht von ihr, sondern vom Geistlichen geliehen. »Tun Sie es nicht, schreiben Sie nicht!« bat ich sie. »Man wird nur über Sie lachen, über Sie schelten. Niemand liebt Sie auf diesem Hof, alle machen sich über Sie lustig, sagen, Sie seien ein Dummchen und Ihnen fehle eine Rippe ...« Kaum hatte ich alles das hervorgesprudelt, als mir klar wurde, daß ich Überflüssiges gesagt und sie gekränkt hatte – sie biß sich auf die Oberlippe und klatschte sich auf den Schenkel, als säße sie rittlings auf einem Pferd. Ich senkte verlegen den Kopf und wäre am liebsten im Boden versunken, die Zuschneidersfrau jedoch ließ sich auf einen Stuhl fallen, brach in fröhliches Lachen aus und wiederholte: »Nein, wie albern ... wie dumm! Aber was macht man denn nur?« fragte sie sich selber, wobei sie mich aufmerksam ansah; dann seufzte sie und meinte: »Du bist ein seltsamer Junge, sehr seltsam sogar ...« Ich tat einen Blick in den Spiegel neben ihr und sah in ein Gesicht mit starken Backenknochen, breiter Nase, einer blauen Beule an der Stirn und zottigem, lange nicht mehr geschorenem, nach allen Richtungen auseinanderstrebendem Haar – war das wohl der »sehr seltsame Junge«? ... Mit einem zierlichen Porzellanfigürchen hatte der seltsame Junge jedenfalls keine Ähnlichkeit ... »Du hast das Geldstückchen, das ich dir damals gab, nicht angenommen. Warum nicht?« »Ich brauche nichts.« Sie seufzte. »Nun ja, was soll man da machen! Wenn du lesen darfst, komm zu mir, ich werde dir Bücher geben ...« Auf dem Spiegeltischchen lagen drei Bücher; das, welches ich zurückgebracht hatte, war das dickste. Ich blickte traurig zu ihm hin. Die Zuschneidersfrau reichte mir ihre rosige kleine Hand. »Also – leb wohl!« Ich berührte vorsichtig ihre Hand und ging rasch davon. Vielleicht hatten die Leute recht, wenn sie sagten, sie verstehe sich auf nichts – hatte sie doch die zwanzig Kopeken ein »Geldstückchen« genannt! Wie ein kleines Kind! Mir allerdings gefiel das ... 9 Ich denke traurig und zugleich belustigt daran zurück, wieviel schwere Erniedrigungen, Kränkungen und Kümmernisse mir die plötzlich entflammte Lesewut einbrachte! Die Bücher der Zuschneidersfrau erschienen mir unerhört kostbar, und ich bemühte mich – aus Angst, die alte Hausherrin könne sie verbrennen –, nicht mehr an sie zu denken, sondern lieh mir kleine bunte Bändchen im Laden aus, in dem ich Brot für den Morgentee kaufte. Der Ladenbesitzer war ein äußerst unangenehmer Bursche schweißig, mit dicken Lippen, weißem, welkem, von skrofulösen Narben und Flecken bedecktem Gesicht, farblosen Augen, kurzen ungelenken Fingern und schwammigen Händen. In seinem Laden trafen sich abends leichte Mädchen und Halbwüchsige aus unserer Straße; auch der Bruder meines Herrn stellte sich fast täglich ein, trank Bier und spielte Karten. Ich wurde öfter hingeschickt, um ihn zum Abendessen zu holen, und habe die dümmliche, rotwangige Krämersfrau in dem engen Stübchen hinter dem Ladenraum wiederholt auf Wiktoruschkas oder anderer Burschen Knien sitzen sehen. Den Ladenbesitzer focht das offenbar nicht an; es focht ihn auch nicht an, wenn seine Schwester, die im Laden aushalf, von Kirchensängern, Soldaten und jedem, der dazu Lust hatte, auf derbe Art geherzt wurde. Waren gab es in seinem Laden nicht viel; er erklärte es damit, daß der Laden noch neu, noch nicht so recht in Schwung gekommen sei, obwohl er schon im Herbst eröffnet worden war. Er zeigte Gästen und Kunden allerlei schmutzige Bildchen und ließ sie auf Wunsch auch schamlose Verse abschreiben. Ich las nichtssagende Bücher von Mischa Jewstignejew und zahlte eine Kopeke für jedes, das ich entlieh; das war durchaus nicht billig, dabei bereiteten mir die Bücher nicht das geringste Vergnügen. Auch »Guac oder Die unverbrüchliche Treue«, »Franzyl der Venezianer«, »Die Schlacht zwischen Russen und Kabardinern oder Die schöne Mohammedanerin, die sich am Grabe ihres Gatten den Tod gibt« und die gesamte einschlägige Literatur befriedigten mich nicht, sondern ärgerten mich oft genug; das Buch schien mich, während es unwahrscheinliche Dinge mit ungeschickten Worten erzählte, zum Narren zu halten. »Die Strelitzen«, »Jurij Miloslawskij«, »Der geheimnisvolle Mönch«, »Japantscha, der tatarische Reiter« und ähnliche Bücher gefielen mir schon eher – von ihnen blieb einiges haften; am meisten fesselten mich jedoch die Heiligenlegenden – hier gab es etwas Ernstes, an das ich glauben mochte und das mich gelegentlich im Innersten bewegte. Aus irgendeinem Grunde erinnerten mich alle Märtyrer an »Gar nicht übel«, alle Märtyrerinnen an die Großmutter und alle Gerechten an den Großvater in seinen guten Stunden. Ich las im Schuppen, wohin ich Holz hacken ging, oder auch auf dem Dachboden, wo es nicht minder kalt und ungemütlich war. Gelegentlich, wenn mich ein Buch fesselte oder rasch ausgelesen werden mußte, stand ich nachts auf und zündete eine Kerze an, aber die alte Hausherrin, die bald bemerkte, daß die Kerzen über Nacht zusammenschrumpften, hielt ihre Maße an einem Spanholz fest, das sie irgendwo zu verbergen wußte. Wenn die Kerze morgens einen Zoll kleiner oder das Spanholz, sofern ich es fand, nicht entsprechend gekürzt war, erhob sich in der Küche ein so wildes Geschrei, daß sich Wiktor eines Tages von der Hängepritsche herunter empörte: »So hören Sie doch auf mit dem Gebell, Mamachen! Das ist doch kein Leben mehr! Natürlich verbrennt er Kerzen, weil er Bücher liest, er leiht sie sich beim Krämer aus, das weiß ich! Sehen Sie doch bei ihm auf dem Dachboden nach!« Die Alte rannte zum Dachboden hinauf, fand ein Buch und riß es in Fetzen. Das betrübte mich natürlich, steigerte mein Bedürfnis zu lesen jedoch noch mehr. Ich war mir darüber im klaren, daß meine Herrschaft, auch wenn ein Heiliger in dieses Haus käme, ihn schurigeln und versuchen würde, ihn umzumodeln einfach aus Langerweile. Würden diese Leute aufhören, die Menschen zu richten, über sie zu zetern und zu höhnen, dann würden sie verstummen, verlernen zu sprechen, sich selbst nicht mehr erkennen. Damit ein Mensch sich selber fühlt, muß er zu anderen Menschen in irgendeinem Verhältnis stehen. Meine Herrschaft konnte einfach nicht anders – sie mußte den Nächsten belehren, verurteilen und hätte einen gewiß auch dann noch verurteilt, wenn man so leben, so denken, so fühlen wollte wie sie. Sie waren nun einmal nicht anders. Ich verstand es, durch allerlei Listen zum Lesen zu kommen, die Alte vernichtete mehrmals die Bücher, und plötzlich schuldete ich dem Krämer die riesige Summe von siebenundvierzig Kopeken! Er forderte sein Geld und drohte mir, er werde es vom Geld der Herrschaft einbehalten, wenn ich in seinen Laden käme, um einzukaufen. »Was meinst du, was es dann gibt?« fragte er höhnisch. Er war mir ausgesprochen zuwider und setzte mir, da er das offenbar spürte, mit ganz besonderem Vergnügen durch allerlei Drohungen zu; wenn ich den Laden betrat, verzog er das fleckige Gesicht zu einem freundlichen Grienen und fragte mich: »Hast du mir das Geld mitgebracht?« »Nein.« Er schien erschrocken und verfinsterte sich. »Ja, was denn nun? Ich soll dich wohl beim Friedensrichter verklagen? Wie? Damit sie dich pfänden und – ab mit dir in die Strafkolonie?« Ich wußte nicht, wo ich das Geld hernehmen sollte, mein Lohn wurde dem Großvater ausgezahlt, ich fragte mich verwirrt: Was tun? Der Krämer aber streckte mir, als ich ihn bat, auf die Begleichung der Schulden zu warten, die fettige, gleich einem Pfannkuchen schwammige Hand entgegen und sagte: »Küß mir die Hand – dann warte ich!« Ich ergriff ein Gewicht vom Ladentisch und holte damit gegen ihn aus; da versagten ihm die Knie, und er rief: »Ich bitte dich, aber ich bitte dich – das war doch nur ein Scherz!« Ich verstand, daß er keineswegs gescherzt hatte, und beschloß, um ihn loszuwerden, das Geld zu stehlen. Wenn ich morgens die Kleidung des Hausherrn bürstete, klimperten in den Hosentaschen Münzen, fielen gelegentlich heraus und rollten über den Fußboden; eines Tages rutschte eine durch eine Treppenritze in die Holzkammer; ich vergaß, es dem Hausherrn zu sagen, und erinnerte mich erst einige Tage später daran, als ich das Zwanzigkopekenstück zwischen den Holzscheiten fand. Ich gab es bei ihm ab, und seine Frau sagte zu ihm: »Da siehst du's! Man muß das Geld zählen, wenn man es in den Taschen stecken läßt.« Aber der Hausherr lächelte mir nur zu und meinte: »Er stiehlt nicht, das weiß ich!« Jetzt, nachdem ich beschlossen hatte zu stehlen, erinnerte ich mich dieser Worte und seines vertrauensvollen Lächelns und fühlte, wie schwer es mir fallen würde zu stehlen. Mehrmals nahm ich das Silbergeld aus seinen Taschen, zählte es nach und konnte mich nicht entschließen, es einzustecken. Ich quälte mich drei Tage lang damit herum, bis sich dann alles sehr rasch und einfach löste; ganz unerwartet fragte mich der Hausherr: »Warum bist du plötzlich so traurig, Peschkow, ist dir vielleicht nicht gut?« Ich erzählte ihm offen von all meinen Kümmernissen; er machte ein finsteres Gesicht. »Da siehst du, wohin das Bücherlesen führt! Früher oder später bringen einen die Bücher bestimmt ins Unglück.« Er gab mir fünfzig Kopeken, ermahnte mich aber streng: »Paß auf, daß du dich nicht vor meiner Frau oder der Mutter verplapperst – es gäbe einen Höllenlärm!« Dann setzte er mit gutmütigem Lächeln hinzu: »Bist aber auch hartnäckig, hol dich der Teufel! Macht nichts, das ist nur gut. Die Bücher aber laß sein! Von Neujahr an abonniere ich eine gute Zeitung, dann hast du was zum Lesen.« Und schließlich lese ich abends, vom Nachmittagstee bis zum Abendessen, der Herrschaft aus dem »Moskauer Blättchen« vor – Romane von Waschkow, Rokschanin, Rudnikowskij und andere Verdauungsliteratur für Menschen, die sich zu Tode langweilen. Ich lese nicht gern vor, es hindert mich, das Gelesene zu verstehen; aber die Herrschaft hört mir aufmerksam, mit einer Art andächtiger Neugier zu, wundert sich, staunt über die Verruchtheit der Helden und nickt einander stolz zu: »Und wir sitzen still und friedlich da und haben gottlob von nichts eine Ahnung.« Sie verwechseln die Geschehnisse, schreiben die Taten des berühmten Räubers Tschurkin dem Fuhrmann Foma Krutschina zu und bringen die Namen durcheinander; ich berichtige die Irrtümer meiner Zuhörer, und sie sind sehr erstaunt. »Hat der aber ein Gedächtnis!« Nicht selten begegnet man im »Moskauer Blättchen« Gedichten von Leonid Grawe; mir gefallen sie sehr gut, ich übertrage einige in ein Heft, während die Herrschaft vom Dichter meint: »Ist doch ein alter Mann und schreibt noch Verse!« – »Ein schwachsinniger Trunkenbold – dem kommt es nicht mehr darauf an.« Mir gefallen auch die Verse von Strushkin und vom Grafen Memento-Mori; die Frauen jedoch, die alte wie die junge, behaupten, Verse seien Narrenpossen. »Nur ein Hanswurst oder ein Schauspieler spricht in Versen.« Diese Winterabende in dem engen Stübchen, unter den Augen der Herrschaft, hatten etwas Bedrückendes für mich. Draußen ist tiefe Nacht; gelegentlich hört man den Frost klirren, während die Menschen am Tisch sitzen, stumm wie gefrorene Fische. Oder der Schneesturm schurrt über Scheiben und Wände hin, singt in den Schornsteinen und poltert mit den Ofenklappen; im Kinderzimmer weinen die Kinder – man möchte sich in eine dunkle Ecke verkriechen, ganz klein zusammenkauern und heulen wie ein Wolf. Am einen Ende des Tisches sitzen die Frauen und nähen oder stricken Strümpfe, am anderen sitzt mit gekrümmtem Rücken Wiktoruschka, der lustlos Risse kopiert und dann und wann ausruft: »So rüttelt doch nicht am Tisch! Es ist ja nicht zum Aushalten, Gabel in den Schnabel, verdammt noch mal!« Abseits hockt vor einem riesigen Stickrahmen der Hausherr und bestickt ein Leinentischtuch mit Kreuzstichen; seine Finger lassen rote Krebse, blaue Fische, gelbe Schmetterlinge und rostrote Herbstblätter entstehen. Er hat die Zeichnung zur Stickerei selber entworfen und sitzt schon den dritten Winter an dieser Arbeit – er ist ihrer längst überdrüssig und sagt, wenn ich tagsüber frei bin, nicht selten zu mir: »Also los, Peschkow, setz dich ans Tischtuch und fang an!« Ich setze mich und hantiere mit einer dicken Nadel herum – der Hausherr tut mir leid, ich möchte ihm nach Kräften behilflich sein. Immer wieder scheint mir, er werde eines Tages das Zeichnen, Sticken und Kartenspielen aufgeben, um etwas Neues, Interessanteres zu beginnen, an das er häufig denkt, wenn er die Arbeit plötzlich hinwirft und sie mit unbeweglichen Augen erstaunt, befremdet anstarrt; dann hängt ihm das Haar in Stirn und Wangen; er erinnert an einen Klosternovizen. »Woran denkst du?« fragt seine Frau. »Ach was«, entgegnet er und macht sich wieder an die Arbeit. Ich wundere mich im stillen: Wie kann man einen Menschen fragen, woran er denkt? Man kann die Frage nicht beantworten, weil man in jedem Augenblick an vieles zugleich denkt – an alles, was man vor Augen hat, was man erst gestern oder vor einem Jahr gesehen; alles das bleibt verworren, kaum greifbar, bewegt, verändert sich. Die Feuilletons im »Moskauer Blättchen« reichten für den Abend nicht aus, und ich schlug vor, die Zeitschriften zu lesen, die im Schlafzimmer unter dem Bett lagen; die junge Herrin wandte mißtrauisch ein: »Was ist da schon zu lesen? Da gibt es doch nur Bildchen ...« Immerhin fand sich unter dem Bett neben der »Malerischen Rundschau« auch noch das »Flämmchen«, so daß wir uns schließlich in die Lektüre von Salias' »Graf Tjatin-Baltijskij« vertieften. Der Hausherr findet an dem dümmlichen Helden dieser Erzählung viel Gefallen, lacht über die traurigen Abenteuer des Herrensöhnchens Tränen und ruft erbarmungslos aus: »Nein, was für eine spaßige Geschichte!« »Sicher alles nur Schwindel«, äußert die Frau des Hauses, um die Unabhängigkeit ihres Urteils zu beweisen. Die unter dem Bett hervorgeholte Literatur leistete mir einen großen Dienst – ich erkämpfte mir das Recht, die Zeitschriften in die Küche zu nehmen, und verschaffte mir so die Möglichkeit, sie nachts zu lesen. Zu meinem Glück wechselte die Alte zum Schlafen ins Kinderzimmer hinüber – die Kinderfrau hatte sich plötzlich dem Trunke ergeben. Wiktoruschka störte mich nicht. Wenn alle im Hause schliefen, zog er sich leise an und verschwand bis zum Morgen. Licht überließen sie mir nicht; sie nahmen die Kerze ins Zimmer mit, Geld, um eine Kerze zu kaufen, besaß ich nicht; so las ich heimlich den Talg von den Leuchtern ab, tat ihn in eine leere Sardinenbüchse, goß Lampenöl dazu, drehte einen Docht aus Nähgarn und zündete nachts ein qualmendes Lämpchen an. Wenn ich die Seiten des riesigen Bandes umschlug, zitterte das Flammenzünglein, schwankte und drohte zu erlöschen, der Docht ertrank alle Augenblicke im übelriechenden geschmolzenen Talg, und Rauch biß mir in die Augen, doch alle diese Unbequemlichkeiten zählten nicht im Vergleich zu dem Genuß, mit dem ich die Illustrationen betrachtete und die Erläuterungen zu ihnen las. Diese Illustrationen rückten die Erde immer mehr vor mir auseinander, schmückten sie mit märchenhaften Städten, ließen mich hohe Gebirge und schöne Meeresufer sehen. Das Leben weitete sich in wunderbarer Weise, die Erde wurde verlockender, reicher an Menschen und Städten, in jeder Hinsicht mannigfaltiger. Wenn ich jetzt in die Ferne jenseits der Wolga blickte, wußte ich schon, daß es dort keine Leere gab, während mir früher, wenn sich mein Blick gelegentlich hinter den Fluß verlor, eigentümlich traurig zumute wurde: Die Wiesen mit ihren dunklen Flicken von Buschwerk liegen flach da, am Ende der Wiesen – die zackige schwarze Wand der Wälder, über den Wieset – ein trübes kaltes Blau. Leer und einsam ist es auf der Erde. Auch im Herzen, das eine leise Wehmut beschleicht, wird es leerer, alle Wünsche versinken, man schlösse am liebsten die Augen, es ist nichts da, woran man denken könnte. Die trostlose Leere verheißt nichts, sie saugt das Herz aus. Die Erläuterungen zu den Illustrationen erzählen in verständlicher Weise von anderen Ländern, anderen Menschen, berichten von allerlei Ereignissen in Vergangenheit und Gegenwart; immerhin kann ich vieles nicht verstehen, und das quält mich. Gelegentlich bohren sich mir irgendwelche seltsamen Worte – wie »Metaphysik«, »Chiliasmus«, »Chartist« – ins Gehirn; sie beunruhigen mich ganz unerträglich, wachsen ins ungeheure, verdecken alles andere, und mir scheint, ich werde nie etwas begreifen, wenn es mir nicht gelingt, hinter den Sinn dieser Worte zu kommen – sie stehen an der Schwelle aller Geheimnisse wie Wächter. Oft bleiben mir ganze Sätze im Gedächtnis stecken – wie ein Splitter im Finger – und hindern mich, an anderes zu denken. Ich erinnere mich, daß ich eines Tages die seltsamen Verse las: Stahlgepanzert durch die Leere Reitet stumm vor seinem Heere Attila, der Herr der Hunnen. Hinter ihm her ziehen gleich einer schwarzen Wolke seine Krieger und rufen: »Wo ist Rom, das allgewaltge?« Rom war eine Stadt, das wußte ich schon, aber wer waren die Hunnen? Ich mußte es herausbekommen. Ich warte einen günstigen Augenblick ab und frage den Hausherrn. »Die Hunnen?« wiederholt er erstaunt. »Weiß der Teufel, was das sein mag! Irgendein Unsinn wahrscheinlich ...« Und er schüttelt mißbilligend den Kopf. »In deinem Schädel wirbelt allerlei dummes Zeug, das ist schlimm, Peschkow!« Schlimm oder nicht, ich will es jedenfalls wissen. Mir scheint, dem Regimentsgeistlichen Solowjow müsse bekannt sein, wer die Hunnen sind, ich fange ihn auf dem Hof ab und frage ihn. Blaß, krank, immer übelgelaunt, mit gelbem Bärtchen und roten Augen ohne Augenbrauen, stößt er den schwarzen Hirtenstab in die Erde und sagt: »Was geht denn dich das an?« Der Oberleutnant Nesterow beantwortet meine Frage mit einem grimmigen: »Waaas?« Schließlich entscheide ich, ich könne mich nach den Hunnen beim Provisor in der Apotheke erkundigen; er sieht mich immer freundlich an, hat ein kluges Gesicht und eine goldene Brille auf der großen Nase. »Die Hunnen«, sagte Pawel Goldberg, der Provisor, »waren ein Nomadenvolk – ähnlich wie die Kirgisen. Heute gibt es dieses Volk nicht mehr, es ist ausgestorben.« Mir wurde traurig zumute, und ich ärgerte mich – nicht, weil die Hunnen ausgestorben waren, sondern weil sich der Sinn des Wortes, das mich so lange gepeinigt hatte, als so einfach erwies und mir nichts gab. Ich bin den Hunnen jedoch sehr dankbar – nach der Begegnung mit ihnen beunruhigten mich Worte viel weniger, und ich lernte dank Attila den Provisor Goldberg kennen. Dieser Mann wußte den einfachen Sinn aller weisen Worte und besaß den Schlüssel zu allen Geheimnissen. Er rückte mit zwei Fingern die Brille zurecht, sah mir aufmerksam in die Augen und sagte, als hämmerte er kleine Nägel in meine Stirn: »Worte, mein Freund, sind wie Blätter am Baum; um zu verstehen, warum das Blatt so und nicht anders ist, muß man wissen, wie der Baum wächst – man muß eben lernen! Das Buch, mein Freund, ist wie ein schöner Garten, in dem es alles gibt – das Angenehme wie das Nützliche ...« Ich kam oft zu ihm in die Apotheke gelaufen, um Natron und Magnesia für die Erwachsenen, die ständig an Sodbrennen litten, oder Lorbeersalbe und Abführmittel für die Kinder zu holen. Die kurzen Belehrungen des Provisors vermittelten mir ein immer ernsteres Verhältnis zu den Büchern, und unbemerkt wurden sie mir unentbehrlich – wie dem Trunkenbold der Wodka. Sie zeigten mir ein anderes Leben – ein Leben voller großer Gefühle und Begierden, die die Menschen zu Heldentaten oder Verbrechen führten. Ich sah, daß die Menschen, die mich umgaben, keiner Heldentaten oder Verbrechen fähig waren, daß sie irgendwo abseits von alledem lebten, wovon die Bücher sprachen, so daß man schwer verstehen konnte, worin das Interesse ihres Lebens bestand. Ich wollte ein solches Leben nicht führen ... Ich wollte nicht – darüber war ich mir im klaren. Aus den Erläuterungen zu den Abbildungen wußte ich, daß es in Prag, London, Paris keine Erdschluchten, keine schmutzigen, aus Schutt errichteten Dämme im Stadtinneren gab, sondern gerade breite Straßen, andere Häuser und andere Kirchen. Es gab dort auch keinen Winter, der sechs Monate dauert und die Menschen in ihren Häusern gefangenhält, auch keine Großen Fasten, während deren man nichts als Sauerkohl, eingesalzene Pilze, Haferbrei und Kartoffeln mit widerwärtigem Leinöl essen darf. Man darf während der Großen Fasten auch keine Bücher lesen – die »Malerische Rundschau« nahm man mir fort, und wieder trat das leere, bitterlich dürftige Leben auf mich zu. Jetzt, wo ich es mit dem vergleichen konnte, was ich aus Büchern wußte, erschien es mir noch ärmlicher und häßlicher. Solange ich las, fühlte ich mich gesünder, stärker, arbeitete ich rasch und geschickt und hatte ich ein Ziel – je früher ich fertig war, desto mehr Zeit erübrigte ich zum Lesen. Ohne Bücher wurde ich schlaff und träge, eine bis dahin unbekannte Vergeßlichkeit ergriff von mir Besitz. Ich erinnere mich, daß eben in diesen inhaltslosen Tagen etwas Geheimnisvolles geschah – eines Abends, als alle sich schlafen legten, schlug plötzlich die Glocke der Kathedrale an und rüttelte alles im Hause wach; man stürzte halb angezogen ans Fenster und fragte: »Brennt es? Läutet man Sturm?« Auch in den anderen Wohnungen hörte man durcheinanderlaufen und mit den Türen klappen; irgend jemand rannte mit einem Pferd am Zaum im Hof umher. Die ältere Herrin schrie, die Kathedrale sei ausgeplündert, während der Hausherr sie zu beruhigen suchte: »Nicht doch, Mama, man hört doch, daß es kein Sturmgeläut ist!« »Dann ist eben der Bischof gestorben ...« Wiktoruschka kletterte von der Hängepritsche herunter, zog sich an und murmelte: »Ich weiß, was geschehen ist, ich weiß es!« Der Hausherr schickte mich auf den Dachboden, er wollte wissen, ob nicht ein Feuerschein zu sehen sei; ich rannte davon und stieg durch die Dachluke aufs Dach – es war kein Feuerschein zu sehen; die Glockenschläge hallten gemessen durch die regungslose, frostige Luft; die Stadt lag verschlafen da; unsichtbar liefen Menschen im Dunkeln über knirschenden Schnee, Schlittenkufen kreischten, die Glocke klang immer unheilvoller. Ich kehrte in die Wohnung zurück. »Es ist kein Feuerschein zu sehen.« »Herrgott im Himmel!« sagte der Hausherr, bereits in Mantel und Mütze, klappte den Kragen hoch und stukte unentschlossen die Füße in die Galoschen. Seine Frau flehte ihn an: »Geh nicht hin! Ich bitte dich, geh nicht hin!« »Ach, Unsinn!« Wiktoruschka, der ebenfalls fertig angezogen war, forderte alle heraus: »Ich weiß, was es ist ...« Nachdem die Brüder das Haus verlassen hatten, befahlen mir die Frauen, den Samowar anzuheizen, und stürzten ans Fenster; doch gleich darauf klingelte es, der Hausherr kam eilig die Treppenstufen herauf, öffnete die Vorzimmertür und sagte mit düsterer Stimme: »Sie haben den Zaren ermordet!« »Also doch!« rief die Alte aus. »Sie haben ihn ermordet, ein Offizier hat es mir gesagt ... Was wird denn nun werden?« Dann klingelte Wiktoruschka, legte mißmutig ab und brummte ärgerlich: »Und ich habe geglaubt – es ist Krieg!« Alle setzten sich nieder, um Tee zu trinken, und unterhielten sich ruhig, aber leise und vorsichtig. Auch auf der Straße war es still geworden, die Glocke war verstummt. Zwei Tage lang flüsterten sie geheimnisvoll und waren irgendwo unterwegs, und auch zu ihnen kam Besuch und erzählte etwas in allen Einzelheiten. Ich bemühte mich sehr, zu verstehen, was denn geschehen war. Doch die Herrschaft versteckte die Zeitung vor mir, und als ich Sidorow fragte, weshalb man den Zaren ermordet habe, gab er leise zur Antwort: »Darüber zu sprechen ist verboten ...« Alles das verwischte sich rasch und wurde von alltäglichen Kleinigkeiten überdeckt. Bald danach erlebte ich eine sehr unangenehme Geschichte. Eines Sonntags war die Herrschaft zur Frühmesse gegangen; ich hatte den Samowar angeheizt und räumte die Stuben auf. Da schlüpfte das ältere der Kinder in die Küche, zog den Stopfen aus dem Samowarhahn und verkroch sich unter dem Tisch, um mit dem Stopfen zu spielen. In der Samowarröhre waren viele Kohlen, und als das Wasser ausgelaufen war, lötete sich der Samowar auf. Ich hörte ihn schon in der Stube ungewohnt zornig summen, und als ich in die Küche kam, sah ich voller Schrecken, daß er ganz blau war und bebte, als wollte er in die Luft gehen. Der abgelötete Hahn hing traurig herab, der Deckel war zur Seite gerutscht, unter den Griffen hervor tropfte flüssiges Zinn – der. violettblaue Samowar schien sinnlos betrunken. Ich übergoß ihn mit Wasser, er zischte und zerfiel traurig in seine Bestandteile. Am Vordereingang wurde geklingelt, ich öffnete und gab auf die Frage der Alten, ob der Samowar fertig sei, kurz zur Antwort: »Ja, das ist er.« Diese vermutlich aus Angst und Verwirrung hervorgestoßenen Worte wurden als Spott ausgelegt und verschärften die Strafe. Man züchtigte mich. Die Alte benutzte ein Bündel Fichtenspanholz dazu, es tat nicht sehr weh, hinterließ jedoch tief in der Rückenhaut zahlreiche Splitter; gegen Abend schwoll mein Rücken an wie ein Kissen, und am folgenden Mittag mußte mich der Hausherr ins Krankenhaus schaffen. Nachdem mich der lächerlich lange und dürre Doktor untersucht hatte, sagte er mit ruhigem dumpfem Baß: »Hier muß ein Protokoll über Mißhandlung aufgenommen werden.« Der Hausherr wurde rot, trat von einem Fuß auf den anderen und redete leise auf den Doktor ein, während der über seinen Kopf hinweg starrte und kurz entgegnete: »Das kann ich nicht. Es geht nicht.« Dann wandte er sich jedoch an mich: »Willst du Klage erheben?« Ich hatte Schmerzen, aber ich erwiderte: »Nein, behandeln Sie mich lieber rasch ...« Man führte mich in ein anderes Zimmer, legte mich auf einen Tisch, der Doktor zog mit einer angenehm kalten Pinzette Splitter um Splitter heraus und scherzte: »Deine Haut, Freundchen, haben sie dir vorzüglich gegerbt, du wirst jetzt wasserdicht werden ...« Nachdem er seine Arbeit beendet hatte – es kitzelte mich, daß ich es kaum aushielt –, sagte er: »Zweiundvierzig Splitter hab ich herausgeholt, Verehrter, merk es dir, kannst damit prahlen! Kommst morgen um die gleiche Zeit zum Verbandwechsel. Beziehst du oft Schläge?« Ich dachte nach und entgegnete: »Nicht mehr so oft wie früher.« Der Doktor brach mit seiner Baßstimme in Lachen aus: »Entwickelt sich alles zum besten, Verehrter, alles!« Er begleitete mich zum Hausherrn hinaus und sagte: »Hier, bitte – repariert zurück! Schicken Sie ihn morgen her, damit wir ihn verbinden. Er ist ein komischer Kauz – Ihr Glück ...« Während wir mit einer Mietdroschke zurückfuhren, redete mir der Hausherr gut zu: »Auch mich, Peschkow, haben sie öfter geschlagen – was kann man machen? Ja, öfter, Verehrter! Du wirst immerhin bedauert, wenigstens von mir mich hat keiner bedauert, keiner. Menschen gibt's überall mehr als genug, aber mitfühlen, bedauern – nein, da kannst du lange suchen! Hach, die Bestien von Hühnern ...« Er schalt während der ganzen Fahrt, er tat mir leid, ich war ihm sehr dankbar, daß er so menschlich mit mir sprach. Zu Hause wurde ich wie ein Geburtstagskind aufgenommen; die Frauen ließen sich in aller Ausführlichkeit erzählen, wie mich der Doktor behandelt und was er gesagt hatte, hörten zu und verzogen, erschauernd und wollüstig schmatzend, das Gesicht. Ich wunderte mich über ihr Interesse für Krankheiten, Schmerzen und alles, was unangenehm ist. Ich sah, wie zufrieden sie mit mir waren, weil ich darauf verzichtet hatte, sie zu verklagen, und machte mir die Gelegenheit zunutze – ich bat um die Erlaubnis, mir von der Zuschneidersfrau Bücher zu leihen. Sie wagten nicht, es abzulehnen, und nur die Alte rief verwundert aus: »Ist das ein Teufel!« Am Tage darauf stand ich vor der Zuschneidersfrau, die freundlich zu mir bemerkte: »Und mir hat man gesagt, du seist krank, sie hätten dich ins Krankenhaus geschafft – siehst du, was für einen Unsinn sie reden?« Ich schwieg mich aus. Ich schämte mich, ihr die Wahrheit zu sagen – was sollte sie mit all dem Rohen und Traurigen? Es war so schön, daß sie den anderen nicht glich. Aufs neue las ich die dicken Wälzer von Dumas-père, Ponson du Terrail, Montépin, Zacconne, Gaboriau, Aimard und Boisgobey – ich verschlang diese Bücher eins nach dem anderen, und mir war wohl. Ich fühlte mich als Teilhaber eines ungewöhnlichen Lebens, das mich auf angenehme Weise erregte und ermunterte. Aufs neue blakte mein selbstgefertigtes Lämpchen, ich las die Nächte durch bis in den Morgen, und meine Augen wurden allmählich krank; liebenswürdig wie immer meinte die ältere Herrin: »Warte nur, Bücherwurm, dir platzen noch mal die Augen, und du wirst blind!« Mir war dennoch sehr bald klar, daß in all diesen spannend verworrenen Büchern, trotz der Mannigfaltigkeit der Ereignisse und des Wechsels von Ländern und Städten, immer von ein und demselben die Rede war: die Guten waren unglücklich und wurden von den Bösen gehetzt, während die Bösen – jedesmal klüger und glücklicher als die Guten – zu guter Letzt dennoch von einer unsichtbaren Macht besiegt wurden, so daß die Guten unweigerlich triumphierten. Überdrüssig war ich vor allem der »Liebe«, von der alle Männer und Frauen in ein und denselben Worten sprachen. Diese Eintönigkeit war nicht nur langweilig, sie erregte auch ein undeutliches Mißtrauen. Manchmal erriet man von den ersten Seiten an, wer siegen und wer besiegt werden würde, und versuchte, sobald man sich des Zusammenhangs der Ereignisse bewußt geworden war, den Knoten mit Hilfe seiner Phantasie zu lösen. Man unterbricht das Lesen, denkt über das Buch wie über ein Rechenexempel nach und findet immer häufiger heraus, welche der Helden ins Paradies gelangen und welche zur Hölle hinabfahren sollen. Immerhin blitzten hinter alledem Züge einer lebendigen und für mich bedeutsamen Wirklichkeit auf, Züge eines anderen Lebens und anderer Lebensverhältnisse. Mir wurde klar, daß die Mietkutscher, Arbeiter und Soldaten, überhaupt das »Volk« von Paris anders als das in Nishnij, Kasan oder Perm ist – es redet unerschrockener mit seiner Herrschaft und verhält sich einfacher und selbstbewußter zu ihr. Da ist zum Beispiel ein Soldat, der mich an keinen von denen erinnert, die ich kenne, weder an Sidorow noch an den Burschen vom Dampfer, noch ? und das schon gar nicht – an Jermochin; er, der französische Soldat, ist eher Mensch als alle drei zusammen. Er hat etwas gemein mit Smuryj, ist aber nicht so animalisch-roh wie der. Da ist ein Krämer – auch er ist besser als alle Krämer, die mir begegnet sind. Und auch die Geistlichen sind in den Büchern anders – viel herzlicher, viel teilnahmsvoller zu den Menschen. Überhaupt ist das ganze Leben im Ausland, wie es die Bücher schildern, interessanter, leichter, schöner, als ich es kenne ? im Ausland prügelt man sich nicht so oft und nicht so bestialisch wie bei uns, verhöhnt man einen Menschen nicht, wie man bei uns jenen Soldaten aus Wjatka verhöhnte, und betet nicht mit solchem Wahnwitz zu Gott, wie es die alte Herrin tut. Besonders bemerkenswert für mich ist, daß die Bücher, wenn sie von Bösewichtern, von gierigen, gemeinen Menschen berichten, nichts von der maßlosen Hartherzigkeit, von jener Neigung, den Menschen zu verhöhnen, zu wissen scheinen, die ich so gut kenne und so oft beobachtet habe. Der Bösewicht im Buch ist hartherzig, aber dabei gescheit, und man versteht fast immer, warum er hartherzig ist, während ich eine ziellose, völlig sinnlose Hartherzigkeit vor mir sehe, mit deren Hilfe man nur sein Mütchen kühlt, ohne sich einen Nutzen zu versprechen. Mit jedem neuen Buch tritt mir dieser Unterschied zwischen dem russischen Leben und dem Leben in anderen Ländern immer deutlicher vor Augen, erregt einen unbestimmten Ärger in mir und verstärkt meine Zweifel an der Aufrichtigkeit der vergilbten, zerlesenen Seiten mit ihren schmutzigen Ecken. Aber dann fiel mir plötzlich Goncourts Roman »Die Brüder Zemganno« in die Hände, ich las ihn in einem Zuge, in einer einzigen Nacht durch und machte mich, von irgend etwas beeindruckt, das ich bis dahin nicht gekannt hatte, aufs neue an die Lektüre der einfachen und traurigen Geschichte. Es gab nichts Verworrenes, nichts äußerlich Fesselndes in ihr, sie erschien von den ersten Seiten an trocken und ernst wie eine Heiligenlegende. Die präzise und schmucklose Sprache, in der sie geschrieben war, setzte mich anfangs in Erstaunen und berührte mich unangenehm, aber dann gingen die knappen Worte, die fest gefügten Sätze mir so zu Herzen, erzählten mir vom Drama der beiden Brüder und Akrobaten so eindringlich, daß mir vor lauter Genuß an diesem Buch die Hände zitterten. Ich brach in lautes Schluchzen aus, während ich las, wie der unglückliche Artist mit den gebrochenen Beinen den Dachboden erklimmt, wo sich sein Bruder insgeheim in seiner geliebten Kunst übt. Als ich das schöne Buch der Zuschneidersfrau zurückgab, bat ich sie, mir wieder eins in dieser Art zu leihen. »Was heißt – in dieser Art?« fragte sie mich mit spöttischem Lächeln. Ihr Lächeln verwirrte mich, ich konnte ihr nicht erklären, wie ich das meinte, und sie fügte hinzu: »Das ist ein langweiliges Buch, warte, ich bringe dir ein anderes, interessanteres ...« Einige Tage später gab sie mir Greenwoods »Wahre Geschichte von einem kleinen Lumpenmatz« zu lesen; der Titel dieses Buches stach mich zwar ein bißchen, aber gleich die erste Seite ließ mich entzückt lächeln; eben mit diesem Lächeln las ich das Buch zu Ende, und manche Seite las ich zwei- oder dreimal. So schwer also hatten es im Ausland manchmal die Jungen, so qualvoll war ihr Leben! Dann ging es mir also gar nicht so übel, ich brauchte keineswegs zu verzweifeln! Greenwood spendete mir viel Trost, aber bald darauf geriet ich an ein »richtiges« Buch, die »Eugénie Grandet«. Der alte Grandet erinnerte mich nachdrücklich an meinen Großvater, ich ärgerte mich, weil das Buch so dünn war, doch setzte es mich zugleich in Erstaunen – es enthielt soviel Wahrheit. Diese mir sehr vertraute und im Alltagsleben längst überdrüssig gewordene Wahrheit wurde in dem Buch in einem völlig neuen – durchaus gelassenen, sehr ruhigen – Licht gezeigt. Alle Bücher, die ich bis dahin gelesen hatte, ausgenommen die der Goncourts, richteten ebenso streng und ebenso marktschreierisch über die Menschen, wie meine Herrschaft es tat; die Bücher weckten häufig genug Sympathie für den Verbrecher und Tugendhaften. Mir tat jedesmal leid, daß ein Mensch, der soviel Geist und Willen aufbot, sein Ziel trotz allem nicht erreichen konnte – die Tugendhaften standen ihm dabei im Wege, von der ersten bis zur letzten Seite, unerschütterlich wie eine Mauer. Auch wenn an dieser Mauer die bösen Absichten der Lasterhaften zerschellten – Steine erwecken keine Sympathie. Mag eine Mauer noch so schön oder auch fest gefügt sein ? wer einen Apfel von einem Baum jenseits der Mauer pflücken will, wird sie schwerlich bewundern. Mir schien bereits, daß sich das Wertvollste, Lebendigste irgendwo hinter der Tugend verberge ... Bei den Goncourts, bei Greenwood, bei Balzac gab es weder Bösewichter noch Gute, es gab bei ihnen nur wunderbar lebendige Menschen; sie ließen keinen Zweifel daran zu, daß alles, was sie gesagt oder getan hatten, gerade so und nicht anders von ihnen gesagt oder getan worden war und auch gar nicht anders gesagt oder getan werden konnte. Ich verstand, welch ein Fest ein »gutes, richtiges« Buch eigentlich war. Aber wo nahm man ein solches Buch her? Die Zuschneidersfrau vermochte mir da nicht weiterzuhelfen ... »Hier hast du ein gutes Buch.« Mit diesen Worten bot sie mir Arsène Houssayes »Eine Handvoll Rosen, Gold und Blut« oder einen Roman von Belot, Paul de Kock oder Paul Féval an, die ich indessen schon mit Widerwillen las. Ihr gefielen die Romane von Marryat und Werner – mich langweilten sie. Auch Spielhagen sagte mir nicht zu, dagegen fand ich Auerbachs Erzählungen sehr gut. Sue und Hugo fesselten mich nicht allzusehr, ich zog Walter Scott vor. Ich wünschte mir Bücher, die mich erregen, erfreuen konnten wie der wunderbare Balzac. Selbst diese Frau mit ihrem Porzellanfigürchen gefiel mir immer weniger. Ich streifte mir, sobald ich zu ihr ging, ein frisches Hemd über, kämmte mich und war in jeder Weise bemüht, mir ein angenehmes Äußeres zu geben – ich glaube kaum, daß mir das gelang, erwartete aber immerhin, daß sie mein angenehmes Äußeres zur Kenntnis nehmen und einfacher, freundschaftlicher mit mir reden werde – ohne das fischmäulige Lächeln auf ihrem glatten, ewig feiertäglichen Gesicht. Sie aber lächelte nur und fragte mit müder, süßlicher Stimme: »Hast du's gelesen? Hat es dir gefallen?« »Nein.« Sie hob ganz wenig die feinen Brauen, sah mich an und erkundigte sich seufzend in schon gewohntem näselndem Ton: »Aber warum denn nicht?« »Weil ich darüber schon gelesen habe.« »Was heißt – darüber?« »Nun – über die Liebe ...« Sie kniff die Augen zusammen und brach in ein zuckersüßes Lachen aus. »Ach was! Aber es wird doch in allen Büchern über die Liebe geschrieben!« Sie sitzt in ihrem großen Sessel, baumelt mit den kleinen, in Fellpantoffeln steckenden Füßen, gähnt, mummelt sich in ihren himmelblauen Morgenrock und trommelt mit rosigen Fingern an den Deckel des Buches auf ihren Knien. Am liebsten würde ich sie fragen: Warum ziehen Sie denn nicht fort? Die Offiziere schreiben doch in einem fort Liebeszettel an Sie und machen sich über Sie lustig ... Aber es fehlt mir der Mut, ihr das zu sagen, und ich ziehe mich zurück – in der Hand ein dickes Buch »über die Liebe«, im Herzen wehmütige Enttäuschung. Auf unserem Hof spricht man immer schlechter, immer spöttischer, immer häßlicher von ihr. Das schmutzige und sicherlich auch verlogene Gerede über sie verdrießt mich sehr; solange ich nicht vor ihr stehe, tut sie mir leid, und ich ängstige mich um sie. Komme ich aber zu ihr und sehe ihre scharfen Äuglein, die katzenartige Geschmeidigkeit des kleinen Körpers, das ewig feiertägliche Gesicht, zergehen mein Mitleid und meine Angst um sie wie Rauch. Im Frühjahr war sie dann plötzlich irgendwohin verschwunden, und wenige Tage darauf verzog auch ihr Mann. Während die Wohnung leer stand und auf den neuen Mieter wartete, sah ich herein, um einen Blick auf die kahlen Wände mit den hellen, von den Bildern zurückgebliebenen Quadraten, den verbogenen Nägeln oder Nagelspuren zu werfen. Auf dem gestrichenen Fußboden lagen bunte Stofffetzen, Papierschnitzel, zerdrückte Arzneischachteln, leere Parfümfläschchen und eine große blitzende Kupfernadel herum. Mir wurde traurig zumute; ich hätte die kleine Zuschneidersfrau gerne noch einmal gesehen und ihr gesagt, wie dankbar ich ihr bin. 10 Noch bevor die Zuschneidersfrau verschwand, zog in die Wohnung unter der meiner Herrschaft eine schwarzäugige junge Dame mit ihrem Töchterchen und ihrer Mutter ein, einer grauhaarigen alten Frau, die ununterbrochen Zigaretten durch eine Bernsteinspitze rauchte. Die Dame war sehr schön; herrisch und stolz, sprach sie mit tiefer angenehmer Stimme und blickte alle Menschen mit zurückgeworfenem Kopf aus leicht zusammengekniffenen Augen an, als wären sie sehr weit von ihr entfernt und nur sehr schlecht zu sehen. Fast jeden Tag führte der schwarzhaarige Soldat Tjufjajew am Außentreppchen zu ihrer Wohnung einen Fuchs mit schlanken Beinen vor; die Dame trat in einem langen stahlgrauen Sammetkleid, weißen Stulpenhandschuhen und gelben Stiefeln auf die Treppenstufen vors Haus. Die Schleppe und die Reitgerte mit einem lila Stein am Griff in der einen, streichelte sie mit ihrer anderen kleinen Hand die freundlich gebleckte Schnauze des Pferdes – es schielte mit feurigem Auge zu ihr hin, zitterte an allen Gliedern und scharrte mit dem Huf über die festgetretene Erde. »Robert, Rooobert«, redete sie mit gedämpfter Stimme dem Tier gut zu und klatschte kräftig seinen schön geschwungenen Hals. Dann setzte sie den Fuß auf Tjufjajews Knie, schwang sich gewandt in den Sattel, und das Pferd tänzelte stolz auf dem Dammweg mit ihr davon; sie saß im Sattel, als wäre sie mit ihm verwachsen. Ihre Schönheit war von jener seltenen Art, die immer neu und unvergleichlich erscheint und das Herz mit berauschender Freude erfüllt. Bei ihrem Anblick dachte ich mir, so müssen Diana von Poitiers, die Königin Margot, das Fräulein von La Vallière und all die anderen schönen Heldinnen historischer Romane gewesen sein. Sie war ständig von Offizieren der Division, die in der Stadt lag, umgeben, abends wurde bei ihr Klavier und Geige oder Gitarre gespielt, gesungen und getanzt. Häufiger als die anderen scharwenzelte auf seinen kurzen Beinen Major Olessow um sie herum, dick, rotgesichtig, mit grauem Haar und speckig wie ein Dampfermaschinist. Er spielte gut Gitarre und führte sich als treu ergebener Diener seiner Dame auf. Genauso beglückend hübsch wie die Mutter war auch das lockenköpfige, pausbäckige Töchterchen. Die riesigen blauen Augen der Fünfjährigen blickten ernst und mit ruhiger Erwartung drein; überhaupt hatte das Mädchen etwas Altkluges und Nachdenkliches. Die Großmutter war von morgens bis abends zusammen mit dem finster-stummen Tjufjajew und einem schielenden dicken Stubenmädchen vom Haushalt in Anspruch genommen; ein Kindermädchen war nicht da, die Kleine wuchs fast ohne Aufsicht heran und spielte ganze Tage hindurch auf den Treppenstufen vor dem Haus oder auf einem Balkenstapel gegenüber der Treppe. Ich ging abends oft zu ihr hinaus, um mit ihr zu spielen, und gewann das Mädchen sehr lieb; auch sie gewöhnte sich rasch an mich und schlief, während ich ihr ein Märchen erzählte, in meinen Armen ein. Ich trug sie dann zu ihrem Bett. Bald kam es so weit, daß sie beim Schlafengehen mit aller Bestimmtheit verlangte, ich solle kommen und ihr eine gute Nacht wünschen. Ich kam, sie streckte feierlich das dicke Händchen nach mir aus und sagte: »Bis morgen! Großmutter, wie muß man sagen?« »Der Herrgott behüte dich«, entgegnete die Großmutter und stieß durch den Mund und die spitze Nase bläuliche Rauchwölkchen aus. »Der Herrgott behüte dich bis morgen, ich muß jetzt schlafen«, wiederholte das Mädchen und hüllte sich in die spitzenbesetzte Decke. Die Großmutter berichtigte sie: »Nicht bis morgen – immer!« »Ist denn morgen nicht immer?« Sie liebte das Wort »morgen« und übertrug alles, was ihr gefiel, in die Zukunft; da steckte sie Blumen und abgebrochene Zweige in die Erde und sagte: »Morgen wird das ein Garten sein.« »Irgendwann morgen kaufe auch ich mir ein Pferd und reite wie Mama.« Sie war gescheit, aber nicht allzu fröhlich – mitten in einem lebhaften Spiel konnte sie plötzlich nachdenklich werden und überraschend fragen: »Warum tragen die Priester die Haare wie die Frauen?« Sie verbrannte sich an einer Brennessel, drohte ihr mit dem Finger und sagte: »Warte nur, wenn ich Gott darum bitte, geht es dir schrecklich schlecht. Gott kann jeden bestrafen, sogar Mama.« Manchmal wurde sie von einer stillen, ernsten Schwermut befallen; sie schmiegte sich an mich, blickte mit erwartungsvollen blauen Augen zum Himmel und meinte: »Großmutter ist manchmal böse, aber Mama nie, sie lacht immer nur. Alle lieben sie, weil sie immer keine Zeit hat, immer kommen Gäste zu ihr und blicken sie an, weil sie so schön ist. Sie ist lieb, die Mama. Auch Olessow sagt – Mama ist lieb!« Ich hörte ihr schrecklich gern zu ? sie erzählte von einer Welt, die ich nicht kannte. Von ihrer Mutter sprach sie oft und viel – nach und nach eröffnete sich mir ein neues Leben, ich wurde aufs neue an die Königin Margot erinnert, und das vertiefte mein Vertrauen zu den Büchern wie mein Interesse für das Leben nur noch mehr. Eines Abends, als ich auf den Treppenstufen vor dem Hause saß und auf die Herrschaft wartete, die am Otkos, am Hang, spazierenging, während die Kleine in meinen Armen schlummerte, kam ihre Mutter geritten, sprang gewandt ab, warf den Kopf in den Nacken und fragte: »Was ist denn – schläft sie vielleicht?« »Ja.« »Nein, wirklich?« Der Soldat Tjufjajew stürzte aus dem Hause und übernahm das Pferd, die Dame steckte die Reitgerte in den Gürtel, streckte die Arme aus und sagte: »Gib sie mir!« »Ich bringe sie selber hinauf!« »Wird's bald?« fuhr mich die Dame an, als wäre ich ein Pferd, und stampfte mit dem Fuß. Das Mädchen erwachte, sah zwinkernd zur Mutter und streckte ihrerseits die Arme aus. Dann gingen sie. Daß man mich anschrie, war ich gewohnt, doch es berührte mich unangenehm, daß auch die Dame mich anschrie – ihr hätte jeder auf den leisesten Wink gehorcht. Wenige Minuten später rief mich das schielende Stubenmädchen herein – die Kleine habe schlechte Laune und wolle nicht schlafen gehen, ohne mir gute Nacht gewünscht zu haben. Ich betrat, ohne meinen Stolz vor der Mutter zu verhehlen, das Wohnzimmer – sie hielt das Mädchen auf dem Schoß und zog es mit geschickten Händen aus. »Na also«, sagte sie, »da ist ja das Ungeheuer!« »Das ist kein Ungeheuer, sondern mein Knabe ...« »Nein, wirklich? Sehr schön. Wir wollen deinem Knaben etwas schenken. Möchtest du?« »Ja.« »Ausgezeichnet. Ich tu's, und du gehst schlafen.« »Bis morgen«, sagte das Mädchen und gab mir die Hand. »Der Herrgott behüte dich bis morgen.« Erstaunt rief die Dame aus: »Wer hat dich das gelehrt – die Großmutter?« »Jaaa ...« Nachdem die Kleine fort war, winkte die Dame mich mit dem Finger zu sich heran. »Was soll ich dir denn schenken?« Ich sagte ihr, daß ich keine Geschenke brauche – vielleicht könne sie mir irgendein Buch zum Lesen leihen. Sie nahm mich mit heißen, duftenden Fingern am Kinn und fragte mit angenehmem Lächeln: »So ist das also, du liest gern, ja? Welche Bücher hast du denn schon gelesen?« Das Lächeln machte sie noch schöner; ich nannte verlegen einige Romane. »Was hat dir denn an ihnen gefallen?« erkundigte sie sich, legte die Hände auf den Tisch und bewegte ein wenig die Finger. Ein süßer, starker Blumenduft, mit dem sich seltsam genug der Geruch von Pferdeschweiß vermischte, ging von ihr aus. Sie blickte mich mit nachdenklichem Ernst unter den langen Wimpern hervor an – so hatte mich bis dahin noch niemand angesehen. Das Zimmer, mit schönen Polstermöbeln vollgestellt, wirkte eng wie ein Vogelnest; dichtes Grün von Zimmerpflanzen verdeckte die Fenster, schneeweiß blitzten im Dämmerlicht die Ofenkacheln, neben ihnen schimmerte ein schwarzes Klavier, während von den Wänden aus matten Goldrahmen irgendwelche dunklen Urkunden herabsahen; sie waren unregelmäßig und schief mit großen altslawischen Buchstäben übersät und mit einem großen dunklen Petschaft versehen, das von jeder Urkunde an einer Schnur herabhing. Alle diese Dinge blickten ihre Herrin ebenso schüchtern und ergeben an wie ich. Ich erklärte ihr, so gut ich konnte, das Leben sei sehr schwer und langweilig, man vergesse das aber, wenn man Bücher lese. »Jaaa, nein, wirklich?« sagte sie und erhob sich. »Das ist nicht schlecht gesagt, das ist wohl richtig ... Nun gut, ich werde dir also Bücher zum Lesen geben, aber im Augenblick habe ich nichts für dich da ... Oder doch, warte, nimm dieses hier ...« Sie nahm ein zerlesenes Buch in gelbem Einband vom Sofa. »Wenn du es aus hast, gebe ich dir den zweiten Teil, es sind im ganzen vier ...« Ich trug, als ich ging, »Die Geheimnisse Petersburgs« von Fürst Meschtscherskij mit mir fort und vertiefte mich mit viel Aufmerksamkeit in das Buch, erkannte aber gleich von den ersten Seiten an, daß die Petersburger »Geheimnisse« entschieden langweiliger als die von Madrid, London oder Paris waren. Spaßig fand ich nur die Fabel von der Freiheit und dem Stock. »Ich stehe höher als du«, sagte die Freiheit, »weil ich klüger bin.« Der Stock aber entgegnete: »Nein, ich stehe höher als du, weil ich stärker bin.« Sie stritten sich eine Weile und wurden schließlich handgemein; der Stock verprügelte die Freiheit, und die Freiheit verstarb – wenn ich mich recht erinnere – an den Folgen im Krankenhaus. In dem Buch war auch von einem Nihilisten die Rede. Ich weiß noch, daß – nach dem Fürsten Meschtscherskij – ein Nihilist ein Mensch von solcher Giftigkeit ist, daß unter seinem Blick die Hühner krepieren. Der Ausdruck Nihilist erschien mir ungehörig und beleidigend, aber sonst verstand ich von alledem nichts; ich war verzagt – ich wußte ein gutes Buch offenbar nicht zu würdigen. Daß das Buch aber gut war, davon war ich überzeugt ? eine so vornehme und schöne Dame würde doch keine schlechten lesen! »Nun, hat es dir gefallen?« fragte sie mich, als ich ihr Meschtscherskijs gelben Roman zurückbrachte. Es fiel mir sehr schwer, es zu verneinen – ich fürchtete, sie würde sich ärgern. Sie brach jedoch nur in Lachen aus, verschwand hinter der Portiere in ihrem Schlafzimmer und kam mit einem blauen Saffianbändchen zurück. »Das wird dir gefallen, aber mach keine Flecken hinein!« Es waren Puschkins Poeme. Ich las sie in einem Zuge, gepackt von jener Leidenschaft, die man empfindet, wenn man in eine ungeahnt schöne Gegend kommt – man möchte sie sofort in allen Richtungen durchstreifen. So ist es, wenn man lange über Mooshügel durch einen sumpfigen Wald wandert und plötzlich eine trockene Lichtung voll Blumen und Sonne vor sich sieht. Man blickt eine kleine Weile verzaubert zu ihr hin und durchmißt sie gleich darauf beglückt nach allen Richtungen – jede Berührung des Fußes mit den weichen Gräsern der fruchtbaren Erde ist stille Freude. Puschkin setzte mich durch die Einfachheit und Musik seiner Verse dermaßen in Erstaunen, daß mir die Prosa lange Zeit unnatürlich erschien und ich sie nicht mehr lesen mochte. Der Prolog zum »Ruslan« erinnerte mich an die schönsten Märchen der Großmutter, er faßte sie auf wunderbare Art alle in eines zusammen; es gab Verszeilen, die mich durch ihre ausgeprägte Wirklichkeitstreue verblüfften. Tierspuren, seltsame, erscheinen Auf fremdem, unbetretnem Pfad wiederholte ich im stillen die wunderbaren Verse und sah dabei diese mir so vertrauten, kaum wahrnehmbaren Fährten, diese geheimnisvollen Spuren vor mir, eingedrückt im Grase, das voll quecksilberschwerer Tautropfen hing. Die klangvollen Verszeilen prägten sich erstaunlich leicht dem Gedächtnis ein und schmückten alles, wovon sie sprachen, mit einem festlichen Glanz; das beglückte mich, machte mein Leben leicht und angenehm, die Verse klangen für mich wie die Verkündigung eines neuen Lebens. Welch ein Glück, lesen zu können! Am vertrautesten waren mir Puschkins großartige Märchen; ich kannte sie, nachdem ich sie einigemal gelesen hatte, bereits auswendig; wenn ich mich schlafen legte, flüsterte ich sie mit geschlossenen Augen vor mich hin, bis ich einschlief. Nicht selten erzählte ich diese Märchen auch den Offiziersburschen; sie hörten mir zu, lachten, schalten auch freundlich mit mir, während Sidorow mir den Kopf streichelte und leise sagte: »Wunderbar! Oder nicht? Ach du meine Güte ...« Die Erregung, die mich ergriffen hatte, wurde von der Herrschaft bemerkt, und die Alte schimpfte: »Hat sich festgelesen, der Taugenichts, der Samowar ist schon den vierten Tag nicht mehr geputzt! Warte nur, ich komme dir gleich mit dem Nudelholz ...« Was konnte mir das Nudelholz schon anhaben! Ich nahm Zuflucht zu den Versen: Aus später Gier und schnödem Neid Sinnt weiterhin der alte Drache, Feind allen Liebenden, auf Rache. Die Dame aber wuchs in meinen Augen immer mehr – was die für Bücher las! Das war keine Porzellanpuppe wie die Zuschneidersfrau ... Als ich das Buch zurückbrachte und traurig ablieferte, sagte sie überzeugt: »Das hat dir aber gefallen! Hast du schon etwas von Puschkin gehört?« Ich hatte schon einiges über den Dichter in einer Zeitschrift gelesen, wollte jedoch, daß sie mir selber von ihm erzähle, und behauptete, ich hätte nichts von ihm gehört. Sie erzählte in kurzen Worten von Puschkins Leben und Tod; dann lächelte sie strahlend wie ein Frühlingstag und fragte: »Siehst du, wie gefährlich es ist, Frauen zu lieben?« Nach allem, was ich in Büchern gelesen hatte, wußte ich, daß es in der Tat gefährlich, aber auch schön war. Ich sagte: »Es ist gefährlich, aber alle lieben! Und auch die Frauen leiden schließlich durch die Liebe ...« Sie sah mich durch die Wimpern an, wie sie alles ansah, und entgegnete ernst: »Nein, wirklich? Du begreifst das? Dann möchte ich dir wünschen – vergiß es nicht!« Und sie begann mich auszufragen, welche Gedichte mir am besten gefallen hätten. Ich redete irgend etwas daher, fuchtelte mit den Armen und rezitierte dies und das auswendig. Sie hörte ernst und schweigend zu, stand schließlich auf und ging einmal durchs Zimmer. Nachdenklich sagte sie: »Du müßtest etwas lernen, du gutes, wildes Tier! Ich will darüber nachdenken ... Ist deine Herrschaft mit dir verwandt?« Und als ich es bejahte, rief sie aus, als müsse sie mich tadeln: »Oh!« Sie gab mir Bérangers Chansons mit, eine vorzügliche Ausgabe mit Gravüren, Goldschnitt und Einband in rotem Leder. Diese Chansons brachten mich durch die sonderbar enge Verbindung von beißendem Kummer und wilder Fröhlichkeit endgültig aus dem Häuschen. Schaudernd las ich die bitteren Worte des »Alten Vagabunden«: Bin ich ein Schädling, wie die Wanzen? Nun gut, zertretet doch den Wicht! Denn Arbeit für das Wohl des Ganzen Erlaubet ihr dem Bettler nicht. Wollt gern mich wie die Bienen regen, Euch Menschen Bruder sein und Freund, Doch stets stand mir der Wind entgegen. ? Nun stirbt der Vagabund als euer Feind. Aber gleich darauf lachte ich Tränen, als ich auf den »Weinenden Ehegatten« stieß. Besonders prägten sich mir die Worte ein: Des Lebens heitere Weisheit Ist für den einfachen Mann so leicht! Béranger erweckte eine unbezähmbare Fröhlichkeit in mir, das Bedürfnis, allerlei Unfug anzustellen und allen Leuten mit frechen und spitzen Reden zu begegnen; ich machte darin in kurzer Zeit bedeutende Fortschritte. Auch Berangers Verse wußte ich auswendig und sagte sie mit großer Begeisterung vor den Offiziersburschen auf, wenn ich für wenige Minuten bei ihnen hereinsah. Ich mußte jedoch sehr bald darauf verzichten, denn die Verse Und welchem siebzehnjährigen Ding Würd eine Mütze nicht gleich passen! riefen eine widerwärtige Unterhaltung über Mädchen hervor – ich war beleidigt, raste und hieb dem Soldaten Jermochin eine Kasserolle auf den Kopf. Sidorow und die anderen Offiziersburschen entrissen mich seinen ungeschickten Pranken, aber ich wagte von da an nicht mehr, mich In den Offiziersküchen zu zeigen. Auf der Straße Spazierengehen durfte ich nicht, ich hatte dazu auch keine Zeit ? die Arbeit wuchs immer mehr an; neben meinen gewöhnlichen Verrichtungen als Stubenmädchen, Hausknecht und Laufbursche mußte ich jetzt jeden Tag Kaliko auf breite Bretter aufziehen, ihn festnageln und Risse darauf kleben, Voranschläge der vom Hausherrn übernommenen Bauarbeiten abschreiben und die Rechnungen der Lieferanten prüfen ? der Hausherr arbeitete von morgens bis in die Nacht wie eine Maschine. Die Messegebäude gingen in jenen Jahren aus der öffentlichen Hand in den Privatbesitz der Händler über; die Budenstraßen wurden in aller Eile umgebaut; mein Hausherr übernahm Aufträge zur Überholung oder zum Neubau von Läden. Er fertigte Risse »zum Umbau der Deckenbalken, zum Durchbruch von Dachluken« oder dergleichen mehr an; ich trug diese Risse zusammen mit einem Briefumschlag, der einen Fünfundzwanzigrubelschein enthielt, zu einem alten Architekten – der nahm das Geld und unterschrieb: »Der Riß stimmt mit den Gegebenheiten überein. Die Aufsicht über die Arbeiten übernommen – Imjarek.« Selbstverständlich hatte er »die Gegebenheiten« nie gesehen; auch die Aufsicht konnte er nicht übernehmen, da er infolge einer Krankheit nicht aus dem Hause ging. Ich trug auch Bestechungsgelder für den Messeaufseher und andere nützliche Personen aus und nahm dafür »Erlaubnisscheine für allerlei Ungesetzlichkeiten«, wie mein Hausherr dergleichen Dokumente nannte, in Empfang. Für all diese Dinge erhielt ich von meiner Herrschaft das Recht, auf den Treppenstufen vor dem Hause auf sie zu warten, wenn sie abends irgendwo zu Besuch war. Das war keineswegs oft der Fall, aber die Herrschaft kam dann jedesmal erst nach Mitternacht nach Hause, so daß ich mehrere Stunden auf dem Außenflur vor dem Hause oder dem Balkenstapel ihm gegenüber sitzen, zu den Fenstern meiner Dame aufblicken und gierig der fröhlichen Unterhaltung und der Musik in ihrer Wohnung lauschen konnte. Die Fenster standen offen. Durch die Vorhänge und das Pflanzengrün hinter ihnen konnte ich erkennen, wie sich die schlanken Figuren der Offiziere in der Wohnung bewegten, wie der rundliche Major herumkullerte und wie sie selbst – wunderbar einfach und schön gekleidet – dahinschwebte. Ich hatte sie im stillen »Königin Margot« genannt. Hier ist es, das heitere Leben, von dem die französischen Bücher erzählen, dachte ich mir und blickte zu ihren Fenstern. Und jedesmal war mir dabei ein bißchen traurig zumute – es schmerzte mich in meiner kindlichen Eifersucht, so viele Männer um die Königin Margot zu sehen; sie umschwirrten sie wie Wespen eine Blume. Nicht so oft wie die anderen stellte sich ein hochgewachsener, keineswegs heiterer Offizier bei ihr ein – mit zerschrammter Stirn und tief liegenden, versteckten Augen; er brachte stets eine Geige mit, auf der er wunderbar spielte – sein Spiel war so schön, daß Vorübergehende vor den Fenstern stehenblieben, auf dem Balkenstapel gegenüber dem Hause sich die ganze Straße versammelte und sogar meine Herrschaft, wenn sie zu Hause war, die Fenster öffnete, dem Musiker lauschte und ihn lobte. Ich wüßte nicht, daß sie je einen anderen gelobt hätten – vom Protodiakon der Kathedrale abgesehen – und bin mir darüber hinaus auch im klaren, daß ihnen eine Pastete mit einer fetten Fischfüllung weit besser gefiel als Musik. Gelegentlich sang oder rezitierte der Offizier mit etwas dumpfer Stimme – sonderbar atemlos und die Hände gegen die Schläfen gedrückt. Eines Tages, als ich mit dem kleinen Mädchen vor dem Fenster spielte und die Königin Margot ihn bat, etwas zu singen, wehrte er sich lange, sagte dann aber sehr deutlich: »Zwar bedarf das Lied der Schönheit, Doch die Schönheit nicht des Lieds ...« Diese Verszeilen gefielen mir sehr, und der Offizier tat mir aus irgendeinem Grunde leid. Lieber sah ich meine Dame allein in ihrem Zimmer am Klavier. Die Musik berauschte mich, ich sah nichts als das Fenster und dahinter im gelblichen Licht der Lampe die ebenmäßige Frauengestalt, das stolze Profil ihres Gesichts, die weißen Hände, die wie Vögel über die Klaviatur dahinflatterten. Ich blickte zu ihr hin, lauschte der schwermütigen Musik und erging mich in Hirngespinsten – ich würde irgendwo einen Schatz finden und ihr ihn überlassen, damit sie reich würde! Ich wollte Skobelew sein, den Türken aufs neue den Krieg erklären, ihnen ein Lösegeld abnehmen, dann am Otkos, dem schönsten Teil der Stadt, ein Haus errichten lassen und es ihr schenken – damit sie aus dieser Straße, aus diesem Haus fortzog, wo alle so kränkend und häßlich von ihr sprachen. Sowohl die Nachbarn als auch das ganze Gesinde auf unserem Hof – und ganz besonders meine Herrschaft – redeten über die Königin Margot ebenso schlecht und boshaft wie über die Zuschneidersfrau, nur vorsichtiger und mit gedämpfter Stimme; sie sahen sich dabei um. Sie fürchteten sie vielleicht, weil sie die Witwe eines sehr angesehenen Mannes war; die Urkunden an den Wänden hatten die Ahnen ihres Mannes von früheren russischen Zaren verliehen bekommen ? von Godunow, von Alexej, von Peter dem Großen. Das wußte ich vom Soldaten Tjufjajew, einem schriftkundigen Mann, der ständig das Evangelium las. Mag sein, daß die Leute auch fürchteten, sie könne zur Reitgerte mit dem lila Stein greifen ? es wurde behauptet, sie habe bereits einen hohen Beamten damit traktiert. Doch die halblaut geflüsterten Worte waren nicht besser als laut gesagte; meine Dame lebte in einer Wolke von Feindschaft dahin, einer Feindschaft, die mir unverständlich war und die mich quälte. Wiktoruschka behauptete, er habe, als er einmal gegen Mitternacht nach Haus ging, durchs Schlafzimmerfenster der Königin Margot gespäht und gesehen, wie sie im bloßen Hemd auf dem Sofa saß, während der Major vor ihr kniete, ihr die Fußnägel beschnitt und mit einem Schwamm abrieb. Die Alte schimpfte und spie aus, während die junge Frau rot wurde und kreischte: »Pfui, Wiktor! Schämst du dich nicht? Ach, wie unanständig sich solche Herrschaften doch benehmen!« Der Herr des Hauses lächelte nur und schwieg – ich war ihm sehr dankbar dafür, fürchtete jedoch, er würde jeden Augenblick in das allgemeine Gezeter und Geheul mit einstimmen. Die Frauen fragten Wiktoruschka kreischend und sich entsetzend aus – wie die Dame eigentlich gesessen, wie der Major auf den Knien vor ihr gelegen habe. Wiktoruschka wartete mit immer neuen Einzelheiten auf. »Die Visage knallrot, die Zunge herausgestreckt ...« Ich sah nichts Anstößiges darin, daß der Major der Dame die Zehennägel beschnitt, wollte aber nicht glauben, daß er dabei die Zunge herausstreckte; ich faßte das als schändliche Lüge auf und sagte zu Wiktoruschka: »Warum haben Sie, wenn das so schlimm ist, durchs Fenster gespäht? Sie sind doch kein kleiner Junge ...« Man schalt mich natürlich aus, aber das kränkte mich nicht, ich wollte nur eins ? rasch zu meiner Dame stürzen, auf die Knie vor ihr sinken wie der Major und sie anflehen: »Bitte ziehen Sie aus diesem Hause fort!« Jetzt, da ich wußte, daß es ein anderes Leben, andere Menschen, andere Gefühle und Gedanken gab, rief dieses Haus mit allen seinen Bewohnern einen immer stärkeren Ekel in mir hervor. Es war mit einem schmutzigen Netz schändlichen Klatsches umflochten, es gab keinen Menschen in ihm, von dem man nicht schlecht gesprochen hätte. Den kranken und bemitleidenswerten Regimentspopen verleumdete man als Trinker und Lüstling; die Offiziere und ihre Frauen lebten, wie meine Herrschaft es darstellte, in allgemeiner Sünde; die einförmigen Unterhaltungen der Soldaten über die Frauen widerten mich an, aber am meisten zuwider war mir meine Herrschaft – ich kannte den wahren Wert der bei ihr so beliebten erbarmungslosen Urteile über die Menschen sehr gut. Die Beobachtung der menschlichen Laster ist das einzige Vergnügen, das einem unentgeltlich geboten wird. Meine Herrschaft vergnügte sich eben nur, wenn sie den Nächsten in ihren Reden zerfleischte, und nahm damit gleichsam an allen Rache, die nicht so ehrbar, mühsam und langweilig lebten wie sie. Wenn der Königin Margot schmutzige Dinge nachgesagt wurden, überkam mich fast krankhaft ein nicht mehr ganz kindliches Gefühl, mein Herz schwoll an vor Haß gegen die Verleumder, ein unbezähmbares Bedürfnis, alle zu ärgern und ihnen böse Streiche zu spielen, befiel mich; manchmal empfand ich ein quälendes Mitleid mit mir selbst und allen anderen Menschen, und dieses stumme Mitleid war schlimmer als der Haß. Ich wußte von der Königin Margot mehr als sie alle, und ich fürchtete, sie könnten erfahren, was ich wußte. Feiertags, wenn meine Herrschaft zum Hochamt in die Kathedrale ging, kam ich schon morgens zu ihr; sie rief mich zu sich ins Schlafzimmer, ich setzte mich in einen kleinen, mit goldgelber Seide bespannten Sessel, das Töchterchen kletterte auf meinen Schoß, und ich erzählte der Mutter von den Büchern, die ich gelesen hatte. Sie lag auf einem breiten Bett, die kleinen, gefalteten Hände unter die Wange geschoben, eine Decke, ebenso goldfarben wie alles in ihrem Schlafzimmer, verbarg den Körper, das dunkle, zum Zopf geflochtene Haar fiel über die bräunliche Schulter, lag vor ihr auf dem Bett, hing manchmal vom Bett herab bis auf den Fußboden. Sie hörte mir zu, blickte mir weich ins Gesicht und fragte mit einem kaum merkbaren Lächeln: »Nein, wirklich?« In meinen Augen war selbst ein wohlwollendes Lächeln von ihr nur das nachsichtige Lächeln einer Königin. Sie sprach mit dunkler, einschmeichelnder Stimme, und mir schien, sie sage immer nur eins: Ich weiß, daß ich unermeßlich viel besser und reiner als alle anderen Menschen bin, ich brauche keinen von ihnen. Manchmal traf ich sie vor dem Spiegel an – sie saß in einem niedrigen Sessel und kämmte ihr Haar; es fiel auf ihre Knie, über die Armlehnen des Sessels oder die Rückenlehne bis auf den Fußboden herab – es war ebenso lang und voll wie das Haar der Großmutter. Ich sah ihre festen, bräunlichen Brüste im Spiegel, sie zog sich vor meinen Augen das Mieder, die Strümpfe an, und ihre reine Schönheit ließ keine Scham in mir aufkommen, sie weckte nur einen freudigen Stolz über sie. Stets ging ein Blumenduft von ihr aus – er schützte sie vor häßlichen Gedanken. Ich war gesund und stark und kannte die Geheimnisse der Beziehungen zwischen Mann und Frau sehr gut, aber die Leute sprachen von diesen Geheimnissen mit einer so herzlosen Schadenfreude, so roh und schmutzig, daß ich mir diese Frau nicht in den Armen eines Mannes vorstellen konnte, daß es mir schwerfiel zu glauben, irgendwer habe das Recht, sie frech und schamlos zu berühren, Herr über ihren Körper zu sein. Ich war davon überzeugt, der Königin Margot sei die Liebe der Küchen und Kammern unbekannt, sie kenne eine andere Liebe und andere, erhabenere Freuden. Aber eines Tages, als ich gegen Abend in das Wohnzimmer kam, hörte ich die Dame meines Herzens hinter dem Schlafzimmervorhang laut lachen und eine Männerstimme bitten: »So warte doch ... Mein Gott! Das glaub ich dir nicht ...« Ich sah ein, ich hätte gehen sollen, aber ich konnte nicht. »Wer ist da?« fragte sie. »Du? Komm herein!« Im Schlafzimmer war es schwül vor Blumenduft und halbdunkel, die Fenstervorhänge waren geschlossen ... Die Königin Margot lag im Bett, die Decke bis an das Kinn gezogen, während neben ihr an der Wand, im bloßen Hemd mit offener Brust, der geigende Offizier saß – auch auf der Brust hatte er eine Narbe, die sich als roter Streifen von seiner rechten Schulter zur Brustwarze hinzog und sich so kräftig abzeichnete, daß ich sie trotz des Dämmerlichtes deutlich sah. Die Haare des Offiziers waren komisch zerzaust, und zum erstenmal bemerkte ich auf seinem traurigen, zerhackten Gesicht ein Lächeln – es wirkte sonderbar. Seine großen, frauenhaften Augen blickten die Königin Margot an, als habe er ihre Schönheit eben erst wirklich erkannt. »Das ist mein Freund«, sagte sie – ich weiß nicht, sagte sie es zu ihm oder mir. »Worüber bist du denn so erschrocken«, hörte ich ihre Stimme wie aus der Ferne. »Komm doch mal her ...« Ich trat auf sie zu, sie legte ihren heißen, nackten Arm um meinen Hals und sagte: »Wenn du groß bist, wirst auch du glücklich sein ... Und nun geh!« Ich legte das Buch auf das Regal, nahm mir ein anderes und ging davon – wie im Traum. Meinem Herzen war ein Stich versetzt worden. Natürlich glaubte ich keinen Augenblick, daß meine Königin so liebte wie andere Frauen, und auch der Offizier ließ einen solchen Gedanken nicht zu. Ich sah sein Lächeln vor mir – es schien überrascht und erstaunt, er lächelte freudig wie ein Kind, sein trauriges Gesicht schien wunderbar erneuert. Er mußte sie lieben ? wie hätte es anders sein können? Aber auch sie konnte ihn durch ihre Liebe freigebig beschenken ? er spielte so wunderschön Geige, er rezitierte mit soviel Gefühl Gedichte ... Doch allein die Tatsache, daß ich nach diesen Tröstungen suchen mußte, zeigte mir, daß nicht alles in meinem Verhältnis zu dem, was ich sah, und zur Königin Margot selbst gut und in Ordnung war. Ich hatte das Gefühl, mir sei etwas verlorengegangen, und lebte einige Zeit in tiefer Traurigkeit dahin. Eines Tages verübte ich einen wilden und sinnlosen Streich, und als ich dann zu ihr kam, um mir ein Buch zu holen, sagte sie sehr streng zu mir: »Du bist aber, wie ich höre, ein toller Galgenstrick! Das hätte ich nicht erwartet ...« Ich hielt es nicht aus und erzählte ihr, wie sehr mir das Leben zuwider sei, wie schwer es mir falle, schlecht von ihr reden zu hören. Sie stand, die Hand auf meiner Schulter, vor mir und hörte mir ernst und aufmerksam zu, brach aber bald in Lachen aus und stieß mich leicht von sich. »Genug davon, ich weiß das alles – verstehst du? Ich weiß es!« Dann ergriff sie meine beiden Hände und sagte mit großer Herzlichkeit: »Je weniger du alle diese Gemeinheiten beachtest, desto besser für dich ... Die Hände könntest du dir allerdings besser waschen ...« Nun – das hätte sie nicht zu sagen brauchen; wenn sie Kupfer polieren, Fußböden scheuern und Windeln waschen müßte, dann wären ihre Hände auch nicht schöner als meine, dachte ich mir. »Versteht ein Mensch zu leben, dann beneidet man ihn, ärgert man sich über ihn; versteht er es nicht, dann verachtet man ihn«, meinte sie nachdenklich, hielt mich dabei umarmt, zog mich an sich und blickte mir lächelnd in die Augen. »Hast du mich lieb?« »Ja.« »Sehr?« »Ja.« »Wie sehr denn?« »Das weiß ich nicht.« »Ich danke dir. Du bist nett! Ich habe es gern, wenn man mich liebhat ...« Sie lächelte, wollte noch etwas sagen, seufzte dann aber nur und schwieg längere Zeit, ohne mich aus den Armen zu lassen. »Komm öfter zu mir; kommst einfach her, sobald du kannst.« Ich machte mir das zunutze und habe viel Gutes von ihr empfangen. Nach dem Mittagessen legte sich meine Herrschaft schlafen, während ich hinunterlief und eine Stunde oder auch mehr bei ihr verbrachte, wenn sie zu Hause war. »Man muß russische Bücher lesen, man muß sein eigenes, russisches Leben kennen«, ermahnte sie mich und steckte mit ihren geschickten rosigen Fingern das duftende Haar auf. Sie nannte die Namen russischer Schriftsteller und fragte: »Kannst du sie dir merken?« Oft wiederholte sie nachdenklich, leicht verärgert über sich selbst: »Du mußt lernen, lernen, und ich vergesse das immer wieder! Ach du lieber Gott ...« Wenn ich ein Weilchen bei ihr gesessen hatte, lief ich wieder nach oben – ein neues Buch in der Hand, gleichsam innerlich rein gewaschen. Ich hatte schon Aksakows »Familienchronik«, die schöne russische Dichtung »In den Wäldern«, die wunderbaren »Aufzeichnungen eines Jägers«, einige Bändchen Grebjonka und Sologub und Gedichte von Wenewitinow, Odojewskij und Tjutschew gelesen. Diese Bücher wuschen meine Seele rein und befreiten sie von dem Geschupp aller Eindrücke der armseligen, bitteren Wirklichkeit; ich spürte, was ein gutes Buch bedeutet, und begriff, wie unentbehrlich es für mich war. Nach und nach bildete sich in meiner Seele dank diesen Büchern die feste Überzeugung heraus: Ich stehe auf der Erde nicht allein und werde nicht umkommen! Die Großmutter kam zu Besuch, und ich erzählte ihr voller Begeisterung von Königin Margot – die Großmutter schnupfte mit Genuß ihren Tabak und sagte, ohne sich zu bedenken: »Nun, nun, das läßt sich hören! Gute Menschen gibt es genug, man muß nur suchen, dann wird man sie auch finden!« Und eines Tages schlug sie vor: »Soll ich vielleicht zu ihr hingehen und mich für dich bedanken?« »Nein, lieber nicht ...« »Dann eben nicht ... Mein Gott, mein Gott, wie schön doch alles ist! Ich könnte in alle Ewigkeit so weiterleben!« Die Königin Margot fand keine Gelegenheit mehr, dafür zu sorgen, daß ich noch etwas lerne – zu Pfingsten ereignete sich eine widerwärtige Geschichte, die mir beinahe zum Verhängnis geworden wäre. Kurz vor dem Fest schwollen meine Lider beängstigend an, die Augen schlossen sich völlig, und meine Herrschaft befürchtete, ich könne erblinden, auch ich befürchtete es. Man brachte mich zu einem Bekannten, dem Arzt und Geburtshelfer Genrich Rodsewitsch, der mir die Lider von innen aufschnitt; ich hütete mehrere Tage das Bett, eine Binde über den Augen, von schwarzer Langeweile gepeinigt. Am Tage vor Pfingsten nahm man mir die Binde ab; ich stand wieder auf den Beinen, gleichsam befreit aus dem Grabe, in das man mich lebendig versenkt hatte. Nichts kann schrecklicher sein als der Verlust des Augenlichts; er ist eine unsagbare Kränkung und nimmt dem Menschen neun Zehntel seiner Welt. Am fröhlichen ersten Pfingstfeiertag war ich, da ich als Kranker galt, von Mittag an aller meiner Pflichten ledig, ging überall umher und besuchte die Offiziersburschen in ihren Küchen. Alle, mit Ausnahme des sittenstrengen Tjufjajew, waren betrunken; gegen Abend schlug Jermochin Sidorow mit einem Holzscheit auf den Kopf, worauf der im Flur bewußtlos zusammenbrach, während der erschrockene Jermochin davonlief und sich in der Schlucht verbarg. Auf dem Hof verbreitete sich sogleich das beängstigende Gerücht, Sidorow sei tot. Vor dem Eingang sammelten sich Menschen; sie blickten auf den Soldaten, der regungslos hingestreckt auf der Küchenschwelle lag, mit dem Kopf zum Flur; die Leute flüsterten, man müsse die Polizei holen, aber niemand tat es, niemand traute sich, den Soldaten anzurühren. Da tauchte die Wäscherin Natalja Koslowskaja auf, in einem neuen fliederfarbenen Kleid mit einem weißen Tuch um die Schultern, schob ärgerlich die Leute auseinander, trat in den Flur, hockte nieder und sagte mit lauter Stimme: »Dummköpfe – er lebt! Wasser her ...« Man versuchte, sie zu überreden: »Misch dich nicht in Dinge, die dich nichts angehen!« »Wasser her, hab ich gesagt!« rief sie, als gelte es, einen Brand zu löschen; sie nahm sachlich ihr neues Kleid hoch, strich den Unterrock glatt und legte den blutigen Kopf des Soldaten auf ihr Knie. Die Leute gingen auseinander – mißbilligend und etwas ängstlich; ich sah, wie auf dem halbdunklen Flur im runden weißen Gesicht der Wäscherin ärgerlich die Augen funkelten und sich mit Tränen füllten. Ich holte einen Eimer Wasser, sie hieß mich das Wässer über Sidorows Kopf und Brust gießen und warnte mich: »Gieß mir das Wasser aber nicht übers Kleid – ich will zu Besuch ...« Der Soldat kam zu sich, sah sich stumpfsinnig um und stöhnte. »Los, nehmen wir ihn hoch«, sagte Natalja, faßte ihn unter den Achseln und hielt ihn, um nicht ihr Kleid zu beschmutzen, mit ausgestreckten Armen von sich fort. Wir trugen ihn in die Küche, legten ihn aufs Bett, sie wischte sein Gesicht mit einem feuchten Lappen ab, wandte sich zur Tür und sagte zu mir: »Feuchte den Lappen an und leg ihn ihm auf den Kopf, ich seh mich inzwischen nach dem anderen Dummkopf um. Saufen sich noch ins Zuchthaus, die Teufel!« Sie ließ den beschmutzten Unterrock zu Boden gleiten, warf ihn in die Ecke, strich sorgfältig das raschelnde, zerknitterte Kleid zurecht und ging. Sidorow reckte sich, schluckte und stöhnte; schweres dunkles Blut tropfte von seinem Kopf auf meinen bloßen Fuß das war mir unangenehm, ich wagte in meiner Angst jedoch nicht, den Fuß zurückzuziehen. Mir war bitter genug zumute; draußen strahlte ein festlicher Tag, Außentreppe und Tor des Hauses waren mit Maiengrün geschmückt; an jedem Prellstein hatte man frische Zweige von Ebereschen oder Ahorn befestigt; die ganze Straße war fröhlich ergrünt und alles so jung und neu; morgens hatte ich noch geglaubt, das Frühlingsfest sei für lange Zeit bei uns eingekehrt, das Leben werde von nun an reiner, schöner, heiterer werden. Der Soldat mußte sich übergeben, ein würgender Geruch von warmem Wodka und grünen Zwiebeln breitete sich in der Küche aus, an den Fensterscheiben blieben alle Augenblicke trübe, breite Fratzen mit plattgedrückten Nasen kleben; die an die Wangen gelegten Hände sahen wie widerwärtige riesige Ohren aus. Der Soldat versuchte sich zu besinnen und murmelte: »Wie ist denn das alles mit mir gekommen? Bin ich gestürzt? Oder – Jermochin? Und so was nennt sich Kamerrrad ...« Er mußte husten, er weinte in seiner Trunkenheit und jammerte: »Schwesterchen ... mein Schwesterchen ...« Er erhob sich, verlor – naß, glitschig und stinkend, wie er war – das Gleichgewicht, plumpste aufs Bett und sagte mit seltsam verdrehten Augen: »Mich haben sie fertiggemacht ...« Ich mußte lachen. »Wer, zum Teufel, lacht da?« fragte er und sah mich stumpfsinnig an. »Wie kannst du lachen? Mich haben sie fertiggemacht – für immer ...« Er stieß mich mehrmals mit beiden Händen vor die Brust und murmelte: »Ilja, der Prophet, Jegorij zu Pferd – komm nicht an meinen Herd! Scher dich fort, du Wolf ...« Ich sagte: »Red keinen Blödsinn!« Er bekam eine alberne Wut, brüllte, trampelte mit den Füßen. »Mich haben sie fertiggemacht, und du ...« Und er schlug mich mit schwerer, noch matter, schmutziger Hand auf die Augen; ich schrie und stürzte, ohne etwas zu sehen, ich weiß selber nicht, wie, auf den Hof hinaus, unmittelbar auf Natalja zu; sie führte Jermochin an der Hand und trieb ihn an: »Komm schon, du Riesenroß! – Was hast du?« fragte sie mich und fing mich in ihren Armen auf. »Er hat mich geschlagen ...« »Geschlaaagen?« wunderte sich Natalja, zog Jermochin an der Hand und sagte: »Na also, dann danke deinem Schöpfer, du Satan!« Ich kühlte mir die Augen mit Wasser und sah durch die Flurtür zu, wie die Soldaten sich versöhnten – sie umarmten sich und vergossen Tränen, versuchten dann beide, Natalja zu umhalsen, doch die schlug ihnen auf die Hände und rief: »Pfoten weg, ihr Hunde! Bin ich eine von euren Dirnen? Haut euch hin und pennt, solange die Herrschaft nicht zu Hause ist – aber rasch! Sonst gibt's noch ein Unglück!« Sie packte sie ins Bett wie kleine Kinder – den einen auf den Fußboden, den anderen in die Koje, und kam, als sie schnarchten, auf den Flur. »Ganz beschmutzt habe ich mich mit ihnen und war dabei fertig angezogen, um zu Besuch zu gehen! Geschlagen hat er dich? Ist das ein Dummkopf! Da hast du ihn, den Wodka! Trink nicht, Bursche, trinke niemals ...« Später saß ich mit ihr auf der Bank vor dem Haustor und fragte sie, wieso sie sich vor den Betrunkenen nicht fürchte. »Ich fürchte mich auch vor den Nüchternen nicht, ich habe ja schließlich das hier!« Sie zeigte ihre rote, zusammengeballte Faust. »Auch mein verstorbener Mann konnte ganz schön trinken; wenn er so richtig voll war, habe ich ihm Hände und Füße gefesselt und, wenn er sein Räuschchen ausgeschlafen hatte, die Hosen heruntergestreift und ihn gehörig verdroschen. Trink nicht, sauf nicht, bist du erst einmal verheiratet, dann ist die Frau zu deiner Kurzweil da und nicht der Wodka! Ja doch! Ich dresche also auf ihn ein, bis ich genug habe, und er ist dann wie Wachs in meinen Händen ...« »Sie sind stark«, sagte ich und erinnerte mich an das Weib Eva, das selbst den Herrgott überlistet hatte. Natalja seufzte: »Das Weib müßte stärker sein als der Mann, es braucht Kräfte für zwei, aber der Herrgott hat es benachteiligt! Der Mann ist schwankend von Natur.« Sie sagte das ruhig und ohne Bosheit, lehnte, die Arme über der hohen Brust gekreuzt, mit dem Rücken am Zaun und starrte mit traurigen Augen zu dem aus Schutt errichteten Damm mit seiner Schotterdecke hin. Ich lauschte ihren klugen Reden und dachte nicht an die Zeit, bis ich dann plötzlich am Ende des Damms den Hausherrn, Arm in Arm mit der Hausherrin, auftauchen sah; sie strebten langsam und würdevoll – wie ein Puter mit seiner Pute – auf uns zu, blickten unverwandt zu uns hin und steckten die Köpfe zusammen. Ich sprang auf, um die Vordertür aufzuschließen; als die Hausherrin die Treppenstufen hinaufstieg, fragte sie giftig: »Du raspelst Süßholz mit den Wäscherinnen? Das hat dir wohl die Herrin von da unten beigebracht?« Das war so dumm, daß es mich nicht einmal berührte; viel ärgerlicher fand ich, daß der Hausherr mit spöttischem Lächeln einwarf: »Nun ja, wird ja auch Zeit!« Als ich am nächsten Morgen zum Holzverschlag hinunterging, um Holz zu holen, fand ich neben der Tür, an der quadratischen Öffnung für die Katzen, ein leeres Portemonnaie; ich hatte es Dutzende von Malen in Sidorows Händen gesehen und trug es sofort zu ihm hin. »Und wo ist das Geld?« fragte er und tastete die Geldbörse innen mit dem Finger ab. »Ein Rubel dreißig! Her damit!« Sein Kopf war turbanartig mit einem Handtuch umwickelt; gelb und abgemagert, zwinkerte er böse mit den verschwollenen Augen und wollte mir nicht glauben, daß die Börse leer gewesen war, als ich sie fand. Jermochin kam dazu, wies mit dem Kopf auf mich und stachelte ihn auf: »Er hat das Geld gestohlen, nur er, führ ihn zu seiner Herrschaft ab! Ein Soldat wird einen anderen nicht bestehlen!« Diese Worte zeigten mir, daß er selber der Dieb war und die Börse in den Verschlag geworfen hatte, um den Verdacht auf mich abzulenken; ich schrie ihm sofort ins Gesicht: »Du lügst, der Dieb bist du!« Ich konnte mich endgültig davon überzeugen, daß mein Verdacht berechtigt war – Schrecken und Wut verzerrten sein hölzernes Gesicht, er wand sich hin und her und kreischte mit dünner Stimme: »Beweise es!« Wie sollte ich es beweisen? Jermochin zerrte mich unter Geschrei auf den Hof, Sidorow ging hinter uns her und schrie ebenfalls, die Leute steckten die Köpfe zum Fenster hinaus; die Mutter der Königin Margot sah, seelenruhig rauchend, zu. Ich verstand, daß ich in den Augen meiner Dame erledigt war, und verlor den Kopf. Ich erinnere mich – die Soldaten hielten mir die Hände fest, während meine Herrschaft ihnen gegenüberstand; man stimmte einander mitfühlend zu, hörte sich die Klagen an, und die Hausherrin meinte überzeugt: »Natürlich ist das sein Werk! Er hat ja auch gestern vor dem Tor mit dieser Wäscherin Süßholz geraspelt – er muß also Geld gehabt haben, ohne Geld ist bei der nichts zu machen ... »Jawohl!« rief zwischendurch Jermochin. Der Boden unter mir wankte, mich packte eine wilde Wut, ich brüllte die Hausherrin an und wurde tüchtig verprügelt. Doch weniger die erhaltenen Prügel quälten mich, als der Gedanke, was die Königin Margot jetzt von mir denken mochte. Wie konnte ich mich vor ihr rechtfertigen? Bitter genug war mir in diesen schlimmen Stunden zumute. Zu meinem Glück verbreiteten die Soldaten diese Geschichte rasch auf dem ganzen Hof, ja in der ganzen Straße, und schon abends hörte ich, während ich auf dem Dachboden lag, unten Natalja Koslowskaja lärmen: »Nein, ich denke nicht daran, zu schweigen! Nein, Freundchen, komm mit, komm mit! Komm, sage ich dir! Sonst gehe ich zu deinem Herrn, er wird dich schon dazu zwingen ...« Ich fühlte sofort, daß dieser Lärm nur mich betreffen konnte. Natalja randalierte vor unserem Außenflur, und ihre Stimme klang immer lauter und triumphierender. »Wieviel Geld hast du mir gestern vorgezeigt? Wo hattest du es her? Erzähle mal!« Außer mir vor Freude, hörte ich, wie Sidorow gedehnt und niedergeschlagen sagte: »Ei, ei, Jermochin ...« »Und wen habt ihr blamiert, wen unschuldig verprügelt! Den Jungen!« Ich wäre am liebsten auf den Hof gelaufen, hätte dort einen Freudentanz aufgeführt und die Wäscherin aus Dankbarkeit abgeküßt, aber in diesem Augenblick rief meine Hausherrin – offenbar aus dem Fenster: »Der Bengel hat Prügel bekommen, weil er geschimpft hat, daß er aber ein Dieb ist, hat niemand gedacht, außer dir – du Großmaul!« »Das Großmaul sind Sie selber, meine Verehrte, Sie Kuh wenn der Ausdruck gestattet ist!« Für mich war dieses Gezänk Musik, heiße Tränen der Kränkung, der Dankbarkeit gegenüber Natalja verbrannten mir das Herz, ich glaubte zu ersticken, als ich mich dieser Tränen zu erwehren versuchte. Später kam der Hausherr langsam die Treppenstufen zum Dachboden herauf, ließ sich auf einem Balken nieder, strich sich das Haar zurecht und sagte: »Was ist, Peschkow, alter Freund, du hast ein bißchen Pech gehabt?« Ich wandte mich schweigend ab. »Immerhin hast du reichlich gemein geschimpft«, fügte er hinzu; ich erklärte mit leiser Stimme: »Ich gehe, sobald ich genesen bin, von Ihnen fort.« Er blieb ein Weilchen sitzen und rauchte schweigend seine Zigarette; dann sagte er, unverwandt auf das Zigarettenende blickend: »Nun ja, das mußt du schon selber entscheiden! Du bist kein kleiner Junge mehr, mußt selber wissen, was das beste für dich ist ...« Und damit ging er. Er tat mir leid – wie immer. Vier Tage darauf verließ ich das Haus. Ich hätte mich schrecklich gern von der Königin Margot verabschiedet, mir fehlte jedoch der Mut, zu ihr hinzugehen, und, im Vertrauen gesagt, ich hatte auch erwartet, sie würde mich rufen lassen. Als ich von ihrem Töchterchen Abschied nahm, bat ich: »Sage deiner Mama, daß ich ihr sehr, sehr dankbar bin! Sagst du es ihr?« »Ja, das tu ich«, versprach sie und lächelte mich freundlich, ja zärtlich an. »Auf Wiedersehen bis morgen, ja?« Ich sah sie zwanzig Jahre später wieder – sie war die Frau eines Gendarmerieoffiziers ... 11 Ich bin aufs neue Geschirrwäscher auf einem Dampfer, der schwanenweißen, geräumigen und schnellen »Perm«. Ich bin jetzt Wäscher oder »Küchenknecht«, bekomme sieben Rubel im Monat und habe die Aufgabe, den Köchen zu helfen. Der Büfettier, rundlich und aufgeblasen, ist kahl wie ein Ball; er geht, die Hände auf dem Rücken, den ganzen Tag mit schweren Schritten auf dem Deck umher – gleich einem Wildeber, der sich in der Hitze nach einem schattigen Winkel umsieht. Am Büfett prangt seine Ehefrau, eine Dame jenseits der Vierzig, schön, aber zerknittert und so stark gepudert, daß der klebrige weiße Staub ständig von ihren Wangen auf das grellfarbige Kleid rieselt. In der Küche schwingt der hochbezahlte Koch Iwan Iwanowitsch das Szepter; er heißt mit Spitznamen »Medweshonok«, das »Bärchen«, ist klein und rundlich und hat eine Habichtnase und spöttische Augen. Er ist ein Stutzer, trägt gestärkte Kragen, rasiert sich jeden Tag, hat bläuliche Wangen und einen auf gezwirbelten Schnurrbart; in jedem freien Augenblick geht er mit den verbrühten Fingern unruhig über den Schnurrbart hin, streicht ihn zurecht und spiegelt sich in einem kleinen runden Taschenspiegel. Der interessanteste Mann auf dem Dampfer ist der breitbrüstige, vierschrötige Heizer Jakow Schumow. Sein stupsnäsiges Gesicht ist platt wie eine Schaufel, die Augen, klein wie die eines Bären, verbergen sich unter dichten Brauen, die Wangen sind von kleinen Haarringeln bedeckt – sie erinnern an Sumpfmoos und wachsen auf seinem Kopf zu einer dicken Filzmütze zusammen, durch die er nur mit Mühe die krummen Finger zwängt. Er spielt mit viel Geschick Karten um Geld und setzt alle durch seine Gefräßigkeit in Erstaunen; wie ein hungriger Hund treibt er sich ständig in der Nähe der Küche herum und erbettelt ein Stück Fleisch oder Knochen. Abends trinkt er mit Medweshonok Tee und erzählt allerlei erstaunliche Geschichten aus seinem Leben. In seiner Jugend ist er Hirtenjunge beim Stadthirten von Rjasan gewesen, dann verlockte ihn ein vorüberziehender Mönch, ins Kloster zu gehen; er hat dort vier Jahre als Novize verbracht. »So wäre ich denn auch Mönch, ein schwarzer Gottesstern, geworden«, scherzt er mit rascher Zunge, »aber es kam da so eine spaßige kleine Pilgerin aus Pensa zu uns ins Kloster, und die verleitete mich. ›Bist doch ein hübscher, kräftiger Bursche‹, sagte sie, ›und ich bin eine ehrsame Witwe und stehe allein, du solltest als Hausknecht zu mir kommen, ich habe‹, sagte sie, ›ein eigenes Häuschen und handle mit Vogelfedern und Daunen ...‹ Also gut, ich gehe zu ihr als Hausknecht, werde ihr Liebster und habe drei Jahre lang mein Brot und meine Wärme ...« »Kannst ganz schön schwindeln«, unterbricht ihn Medweshonok, der besorgt einige Pickel auf seiner Nase im Spiegel betrachtet. »Wenn man für Lügen Geld bekäme – du wärst ein reicher Mann!« Jakow kaut, auf seinem augenlosen Gesicht bewegen sich die grauen Haarringel, auch seine zottigen Ohren bewegen sich; er läßt den Koch ausreden und fährt ebenso rasch und wohlgesetzt wie vorher fort: »Sie war älter als ich, ich langweilte mich allmählich, ich hatte sie über und ließ mich mit ihrer Nichte ein, sie aber kam dahinter und jagte mich Knall und Fall aus dem Haus ...« »Hattest du auch verdient, warst gut damit bedient«, wirft der Koch ebenso leicht und gewandt wie Jakow ein. Der Heizer schiebt ein Stück Zucker hinter die Wange und fährt fort: »Ich trieb mich einige Zeit in Wind und Wetter herum und hängte mich schließlich an einen alten Hausierer aus Wladimir, mit dem zog ich über die ganze Erde – auf die Balkanberge, bis zu den Türken und den Rumänen, den Griechen und allerlei Österreichern ? bei allen Völkern sind wir gewesen, beim einen kauft man was, beim anderen verkauft man es wieder ...« »Habt ihr auch gestohlen?« erkundigt sich der Koch. »Das gab es bei dem Alten nicht! Auch zu mir sagte er: ›In fremden Ländern bleibe ehrlich, hier herrscht nun einmal so eine Ordnung – für jede Kleinigkeit reißen sie dir den Kopf ab.‹ Ich habe ja versucht zu stehlen, das schon, nur kam dabei nicht viel Erfreuliches heraus. Da wollte ich einem Kaufmann das Pferd vom Hofe wegstehlen, nun – es ging schief, man erwischte uns, verprügelte uns natürlich und schleppte uns zur Polizei. Wir waren nämlich zwei, der eine ein richtiger, zünftiger Pferdedieb, während ich einfach so, eigentlich mehr aus Neugier mitmachte. Beim Kaufmann aber hatte ich gearbeitet – ich hatte im Badehaus einen neuen Ofen gesetzt –, und der Kaufmann nun wurde krank und hatte einen bösen Traum, er sah nämlich mich im Traum; da erschrak er und bat die Obrigkeit: Laßt ihn – mich also – laufen, sonst erscheint er mir wieder im Traum; solange man ihm nicht verzeiht, werde ich nicht gesund, er scheint ein Zauberer zu sein – ich, und ein Zauberer! Nun, er war ja ein angesehener Kaufmann, und da ließen sie mich eben laufen ...« »Nicht laufen, saufen lassen sollte man dich – drei Tage lang unter Wasser, damit dir die Raupen vergehen«, flicht der Koch ein. Jakow greift seine Worte sogleich auf: »Da hast du recht, Raupen im Kopf hab ich genug, man könnte sagen – es reicht für ein ganzes Dorf ...« Der Koch steckt den Finger hinter den engen Kragen, versucht ihn zu weiten, schlenkert erbittert mit dem Kopf und beklagt sich ärgerlich: »So was von Blödsinn! Da lebt dieser Arrestant auf unserer Erde, frißt, trinkt, streunt umher, und wozu das alles? So sage mir doch, wozu du lebst?« Der Heizer schnalzt mit der Zunge und entgegnet: »Das ist mir nicht bekannt. Ich lebe eben. Der eine rührt sich nicht vom Fleck, der andere streunt umher, und der Beamte wiederum, der hockt und hockt, aber essen müssen wir alle.« Der Koch wird immer ärgerlicher. »Das heißt, du bist ein solches Schwein, daß man es einfach nicht ausdrücken kann! Geradezu – ein Schweinehund.« »Was schimpfst du eigentlich?« wundert sich Jakow. »Wir Bauern sind alle Eicheln vom gleichen Stamm. Hör auf zu schimpfen, ich werde davon nicht besser ...« Ich war von diesem Menschen sofort sehr eingenommen; ich staunte ihn immerfort an und lauschte ihm mit offenem Munde. Er hatte, wie mir schien, eine eigene, feste Meinung vom Leben. Zu allen sagte er »du«, sah jedermann mit der gleichen Offenheit, der gleichen Unbestechlichkeit unter den zottigen Brauen hervor an und ordnete alle – den Kapitän, den Büfettier, die vornehmen Passagiere der ersten Klasse gleichsam derselben Reihe ein wie auch sich selbst und die Matrosen, das Büfettpersonal und die Deckpassagiere. Da steht er manchmal, die langen Affenarme auf dem Rücken verschränkt, vor dem Kapitän oder dem Maschinisten und hört sich schweigend an, wie man ihn schilt – weil er faul ist oder, ohne sich irgendwelche Gedanken zu machen, mit jemand Karten gespielt und ihn gehörig ausgeplündert hat; man sieht, daß alles Schelten nicht den geringsten Eindruck auf ihn macht und auch die Drohung, ihn auf der nächsten Anlegestelle abzusetzen, ihn nicht schreckt. Er hat etwas an sich, das allen fremd ist – wie das bei »Gar nicht übel« der Fall war –, und offenbar ist er auch selbst von seiner Außergewöhnlichkeit überzeugt, überzeugt, daß ihn die anderen nicht verstehen können. Ich habe ihn nie gekränkt oder nachdenklich gesehen, ich kann mich nicht erinnern, daß er je lange geschwiegen hätte immer floß, vielleicht sogar gegen seinen Willen, ein ununterbrochener Strom von Worten aus seinem zottigen Mund. Wenn man ihn schalt oder wenn er einer fesselnden Geschichte zuhörte, bewegten sich seine Lippen, als wiederhole er im stillen das Gehörte oder murmele etwas vor sich hin. Jeden Tag kletterte er nach Beendigung seiner Wache durch die Kesselraumluke an Deck – barfuß, schweißtriefend und mit Heizöl beschmiert, in nassem Hemd ohne Gürtel, mit offener, von dichtem Kraushaar bedeckter Brust, und sogleich strömte seine gleichmäßige, eintönige, etwas heisere Stimme dahin und rieselten seine Worte wie Regentropfen aufs Deck herab. »Tag, Mutter! Wo fährst du denn hin? Nach Tschistopol? Kenne ich, bin dort gewesen, habe bei einem reichen Tataren als Knecht gedient. Er hieß Ussan Gubaidulin und hatte drei Frauen, war so ein strammer Alter mit roter Schnauze. Mit der einen von seinen Frauen, einer spaßigen kleinen Tatarin, habe ich was gehabt ...« Er ist überall gewesen, hat mit allen Frauen auf seinem Wege »etwas gehabt«, von allem spricht er gutmütig und ruhig, als hätte er in seinem Leben nie eine Kränkung oder Beschimpfung erfahren. Einen Augenblick später hört man seine Stimme irgendwo am Heck. »He, gute Leute, wer von euch spielt Karten? Siebzehn-und-vier. Kümmelblättchen, Stukolka? Eine erfreuliche Sache, die Karten; man kann im Sitzen zu Gelde kommen wie so ein Kaufmann ...« Ich hatte bemerkt, daß er nur selten sagte »gut, schlecht, schlimm«, sondern fast immer »spaßig, erfreulich, fesselnd«. Eine hübsche Frau war für ihn – ein spaßiges Weibchen, ein heiterer, sonniger Tag – erfreulich. Am häufigsten aber sagte er: »Schwamm drüber!« Alle hielten ihn für einen Faulpelz, doch mir schien, er verrichte seine schwere Arbeit vor der Feuerung, in der stickigen, stinkenden Höllenglut ebenso gewissenhaft wie alle anderen; ich kann mich jedoch nicht erinnern, daß er sich je über Müdigkeit beklagt hätte, wie es die anderen Heizer taten. Eines Tages wurde einer alten Passagierin der Geldbeutel mit ihrem ganzen Geld gestohlen; das geschah an einem heiteren, stillen Abend, als alle Menschen gutmütig und friedlich gestimmt waren. Der Kapitän schenkte der Alten fünf Rubel, die Passagiere sammelten und brachten ebenfalls einiges auf; als man der Alten das Geld übergab, bekreuzigte sie sich, verneigte sich tief nach allen Seiten und sagte: »Ihr Guten, es sind drei Rubel und zehn Kopeken mehr zusammengekommen, als ich gehabt habe!« Jemand rief fröhlich dazwischen: »Nimm's mit, Großmutter, wozu unnötig posaunen? Drei Rubel mehr – kann man schon brauchen ...« Ein anderer flocht zungenfertig ein: »Rubel sind keine Menschen, sie sind nie überflüssig.« Jakow dagegen trat auf die Alte zu und schlug ihr allen Ernstes vor: »Gib, was zuviel ist, mir, ich spiele damit Karten!« Die Leute lachten, im Glauben, der Heizer habe gescherzt, aber der redete eigensinnig auf die verlegene Alte ein: »Gib« her, Großmutter! Was willst du schon mit dem Geld? Für dich heißt's morgen – auf den Friedhof.« Man schalt ihn aus und jagte ihn davon; er schüttelte nur den Kopf, während er verwundert zu mir sagte: »Käuze! Mischen sich in fremde Angelegenheiten ein! Sie hat doch selber erklärt, daß sie das Geld nicht braucht! Für mich wären diese drei Rubel ein Trost gewesen.« Der Anblick des Geldes machte ihm augenscheinlich viel Spaß – er liebte es, während er sich unterhielt, Silber oder Kupfer an seiner Hose zu reiben, hielt die Münze, nachdem sie blitzblank geputzt war, mit krummen Fingern vor das stupsnäsige Gesicht und sah sie sich, die Brauen hin und her bewegend, an. Er war jedoch nicht geldgierig. Eines Tages schlug er mir vor, »Stukolka« mit ihm zu spielen; ich kannte das Spiel nicht. »Du kannst es nicht?« wunderte er sich. »Wie ist das möglich? Du kannst doch lesen und schreiben! Du mußt es lernen! Spielen wir zum Spaß um Zucker ...« Er gewann ein halbes Pfund von meinem Würfelzucker und ließ die Würfel sogleich hinter den zottigen Wangen verschwinden, fand schließlich, daß ich schon spielen könne, und schlug mir vor: »Jetzt spielen wir aber richtig, um Geld! Hast du Geld?« »Ich habe fünf Rubel.« »Und ich zwei Rubel und noch etwas.« Natürlich knöpfte er mir mein Geld im Handumdrehen ab. Ich setzte, im Wunsche, es zurückzugewinnen, meine Unterjacke für fünf Rubel und verlor, dann ein Paar neue Stiefel für drei Rubel und verlor auch die. Da sagte Jakow unzufrieden, beinahe ärgerlich zu mir: »Nein, du kannst nicht spielen, du bist zu hitzig – die Unterjacke, die Stiefel ... immer gleich fort damit! Das will ich nicht. Hier, nimm die Kleidungsstücke und dein Geld zurück, vier Rubel, einen behalte ich als Lohn für die gute Lehre ... Bist du's zufrieden?« Ich war ihm sehr dankbar. »Schwamm drüber!« gab er mir auf meine Dankesworte zur Antwort. »Spiel ist Spiel, also mehr Spaß, während du rangehst, als ob du dich schlagen wolltest. Man soll sich auch da nicht erhitzen, schlag zu, aber tu's mit Verstand! Wozu erhitzen? Du bist noch jung, du mußt dich selber fest an die Kandare nehmen. Einmal daneben – gut, fünfmal daneben gut, beim siebenten – pfeif drauf! Tritt beiseite! Erst wenn du dich abgekühlt hast – leg wieder los! Das erst ist Spielen!« Er gefiel und mißfiel mir zugleich immer mehr. Manchmal erinnerten mich seine Erzählungen an die Großmutter. Es gab vieles an ihm, das mich anzog, während mich seine tiefe Gleichgültigkeit gegen die Menschen heftig abstieß – sie hatte sich offenbar fürs Leben in ihm festgesetzt. Eines Abends, bei Sonnenuntergang, fiel ein betrunkener Passagier der zweiten Klasse – es war ein wohlbeleibter Kaufmann aus Perm – über Bord und trieb, aufgeregt rudernd, im rotgoldenen Kielwasser dahin ... Die Schiffsmaschine wurde rasch gestoppt, der Dampfer blieb liegen und stieß eine Wolke von Schaum unter den Schaufelrädern hervor – die roten Strahlen der sinkenden Sonne verwandelten den Schaum in Blut; in diesem brodelnden Blut zappelte krampfhaft, nun schon weitab vom Heck, ein dunkler Körper, und wilde, erschütternde Schreie gellten über den Fluß. Auch die Passagiere lärmten, stießen sich, drängten zur Reling, sammelten sich am Heck. Ein Freund des Ertrinkenden – rothaarig, glatzköpfig und ebenfalls betrunken – schlug mit den Fäusten um sich, um an die Reling zu kommen, und brüllte: »Weg da! Ich werde ihn gleich haben ...« Zwei Matrosen waren über Bord gesprungen und schwammen in langen Stößen auf den Ertrinkenden zu, vom Heck wurde eine Schaluppe zu Wasser gelassen, während durch das Rufen der Besatzung, durch das Kreischen der Frauen hindurch ruhig und gleichmäßig Jakows ein wenig heisere Stimme dahinfloß wie ein murmelnder Bach: »Er wird ertrinken, er wird bestimmt ertrinken, er hat doch eine lange Jacke an! In langen Sachen geht man unvermeidlich zugrunde. Zum Beispiel die Weiber – warum gehen sie eher unter als ein Mann? Alles der Röcke wegen! Sobald ein Weib ins Wasser gerät, geht es auf den Grund wie so ein Pudgewicht ... Da seht, jetzt ist er ertrunken, ich weiß schon, was ich sage ...« Der Kaufmann ertrank tatsächlich; man suchte etwa zwei Stunden nach ihm, konnte ihn aber nicht finden. Sein Freund saß, nüchtern geworden, am Heck, rang nach Atem und jammerte vor sich hin: »Da hat man's! Soweit mußte es kommen! Was soll jetzt werden? Was sage ich seinen Verwandten? Er hat doch Verwandte ...« Jakow baute sich vor ihm auf, verbarg die Hände hinter dem Rücken und suchte ihn zu trösten: »Was soll man machen, Kaufmann, schließlich weiß niemand, wo ihm zu sterben beschieden ist. Da ißt einer Pilze und – aus! Tausende von Menschen essen Pilze, und es bekommt ihnen, doch dieser eine stirbt daran. Aber was sind schon Pilze?« Breit und kräftig, stand er vor dem Kaufmann wie ein Mühlstein und ließ die Worte auf ihn niederrieseln wie Kleie. Der Kaufmann weinte anfangs leise vor sich hin und wischte sich mit breiten Händen die Tränen aus dem Bart, hörte dann aber genauer hin und heulte laut auf: »Du Satan! Zieh mir die Seele nicht aus dem Leibe! Ihr Rechtgläubigen, schafft ihn mir vom Halse, sonst geschieht noch ein Unglück!« Jakow trat gelassen beiseite und sagte: »Komische Käuze! Man will ihr Bestes, und sie kommen dir mit Knüppeln und Ruten ...« Manchmal erschien mir der Heizer ein bißchen dumm, viel öfter jedoch dachte ich mir, er stelle sich nur so. Ich hatte den hartnäckigen Wunsch, ihn danach zu fragen, wie er auf dieser Erde umhergezogen sei und was er gesehen habe; doch das gelang mir nur schlecht; er warf den Kopf zurück, öffnete ein wenig die dunklen Bärenaugen, strich mit der Hand über das stopplige Gesicht, versuchte sich zu erinnern und sagte mit gedehnter Stimme: »Menschen, mein Freund, gibt's überall wie Ameisen! Menschen hier, Menschen da – es wimmelt nur so von Menschen, kann ich dir sagen! Am meisten gibt es natürlich Bauern, mit Bauern ist die Erde geradezu übersät wie, sagen wir, im Herbst mit Blättern. Die Bulgaren? Ich habe sie gesehen, und die Griechen auch, dazu noch Serben und Rumänen und was es sonst an Zigeunern gibt! Wie diese Menschen sind? Wie sollen sie schon sein? In den Städten städtisch, auf dem Lande ländlich, ganz wie bei uns. Überhaupt viel Ähnlichkeiten. Manche sprechen sogar unsere Sprache, nur schlecht, ähnlich wie die Tataren oder Mordwinen. Die Griechen können unsere Sprache nicht, die plappern, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, hört sich ja an wie Wörter, aber wie, wo, was – versteht man nicht. Da kann man nur mit den Fingern reden. Mein Alter aber tat, als ob er auch sie verstehe, und brabbelte wie sie – immer nur ›Karamara‹ und ›Kalimera‹. War schlau, der Alte, der hat es ihnen gegeben ... Du möchtest wieder wissen, wie sie wohl sind? Kauz, wie können Menschen schon sein? Nun ja, sie sind natürlich dunkelhaarig, das sind die Rumänen auch, haben ja alle den gleichen Glauben. Auch die Bulgaren sind dunkelhaarig, aber die haben den gleichen Glauben wie wir. Während die Griechen so was wie Türken sind ...« Mir schien, er sage nicht alles, was er wisse, es sei da noch etwas, wovon er nicht sprechen wolle. Aus Abbildungen in den Zeitschriften wußte ich, daß die Hauptstadt Griechenlands Athen war ? eine sehr alte, sehr schöne Stadt, aber Jakow schüttelte zweifelnd den Kopf und ließ es nicht gelten. »Da hat man dir einen Bären aufgebunden, mein Freund, Athen – so etwas gibt es nicht, wohl aber gibt es Athos, nur ist das keine Stadt, sondern ein Berg, und auf dem Berge ist ein Kloster. Und weiter nichts. Das nennt sich dann ›Der heilige Berg Athos‹, es gibt so kleine Bilder davon, der Alte hat mit ihnen gehandelt. Es ist da auch eine Stadt Belgorod, die liegt an einem Fluß, der Donau, ähnlich wie Jaroslawl oder Nishnij. Die Städte bei ihnen sind unansehnlich, aber die Dörfer dafür – das ist was anderes! Die Weiber auch, nun ja, die Weiber sind einfach zum Sterben erfreulich! Ich bin wegen einer von ihnen beinahe dageblieben – wie hieß sie doch noch?« Er reibt sich kräftig das augenlose Gesicht, man hört die borstigen Haarringel rascheln, tief hinten in seiner Kehle erklingt ein Lachen, das an das Klirren einer gesprungenen Schelle erinnert. »Der Mensch ist eben vergeßlich! Und dabei – wie haben wir uns damals ... Als wir Abschied nahmen, hat sie geweint, ich auch, sogar ich, Ehrenwort ...« Er belehrte mich mit gelassener Schamlosigkeit, wie man mit Frauen umgehen müsse. Wir sitzen am Heck, die warme Mondnacht gleitet auf uns zu, das Wiesenufer hinter dem silbrigen Wasser ist kaum zu sehen, vom Steilufer zwinkern gelbe Lichter zu uns herüber – wie Sterne, die die Erde gefangenhält. Alles ringsum regt sich, findet keinen Schlaf, lebt leise, aber hartnäckig fort. In die liebe, schwermütige Stille tropfen heisere Worte: »Da breitet sie manchmal die Arme aus, streckt sich hin ...« Was Jakow erzählt, ist schamlos, wirkt aber nicht abstoßend, es ist keine Prahlerei, keine Roheit darin, eher schwingt etwas Treuherziges und auch ein wenig Wehmut in seinen Worten mit. Auch der Mond am Himmel ist schamlos nackt, auch er erregt wehmütige Gedanken. Ich denke nur an das Schöne, das Schönste ? an die Königin Margot und die so unvergeßlich wahren Verse: Zwar bedarf das Lied der Schönheit, Doch die Schönheit nicht des Lieds ... Ich schüttele diese träumerische Stimmung wie einen leichten Schlummer von mir ab und frage den Heizer aufs neue nach seinem Leben, nach dem, was er gesehen hat. »Bist ein komischer Kauz«, sagt er, »was soll ich dir noch erzählen? Ich habe alles gesehen. Frage mich, ob ich Klöster gesehen habe. Habe ich. Und Kneipen? Auch die. Ich habe ein herrschaftliches Leben geführt und wie ein Bauer, gelebt. Ich habe satt zu essen gehabt und manchmal auch gehungert ...« Langsam, als überquerte er einen tiefen Bach auf einer schwankenden, gefährlichen Brücke, erinnert er sich: »Nun ja, ich sitze also wegen des Pferdediebstahls auf dem Polizeirevier – Sibirien ist dir sicher, denke ich mir! Der Reviervorsteher aber schimpft, in seinem neuen Hause rauchen die Öfen. Ich sage: ›Dem, Euer Wohlgeboren, könnte ich abhelfen!‹ Er fährt mich an: ›Mund halten, du! Da hat der beste Meister nichts machen können ...‹ Und ich wieder zu ihm: ›Es soll schon vorgekommen sein, daß sich ein Hirt klüger erwiesen hat als ein General‹ – ich war damals in allem sehr dreist geworden, einerlei – Sibirien war mir ja sicher! Er sagt: ›Also gut, dann mach es, aber wenn es noch schlechter wird, dann schlage ich dir die Knochen zu Brei!‹ In zwei Tagen hatte ich die Sache in Ordnung – der Reviervorsteher aber staunt und ruft: ›Hach, du Dummkopf, du Tölpel! Bist ein richtiger Meister und gehst Pferde stehlen – wieso denn das?‹ Ich gebe zur Antwort: ›Das, Euer Wohlgeboren, kommt einfach von der Dummheit!‹ – ›Richtig‹, sagt er, ›kommt alles nur von der Dummheit, du tust mir‹, sagt er, ›leid!‹ Jawohl. Das hat er gesagt. Hat man schon so was gehört! Ein Polizeibeamter, der doch von Amts wegen kein Mitleid zu kennen hatte, und ich tat ihm leid ...« »Nun, und was war?« frage ich. »Nichts. Ich tat ihm eben leid. Was soll schon gewesen sein?« »Was brauchst du jemand leid zu tun, wo du doch – wie ein Stein bist!« Jakow bricht in ein gutmütiges Lachen aus. »Kauz! Ein Stein, hast du gesagt? Auch mit dem Stein muß man behutsam umgehen, denn auch der Stein ist an der rechten Stelle von Nutzen, mit Steinen pflastert man Straßen! Jegliches Material soll man schonen, alles, was da herumliegt, hat seinen Sinn. Was ist schon Sand? Doch auch auf Sand wächst da und dort ein Grashalm ...« Wenn der Heizer so spricht, wird mir besonders klar, daß er irgend etwas wissen muß, das mir unbegreiflich bleibt. »Wie denkst du über den Koch?« frage ich. »Über Medweshonok?« entgegnet er gleichgültig. »Was soll man schon über ihn denken? Da gibt es überhaupt nichts zu denken.« Das stimmt. Iwan Iwanowitsch ist so zuverlässig und glatt, daß der Gedanke einfach nicht an ihm haftet. An ihm ist nur eines interessant – er mag den Heizer nicht, schimpft immerfort mit ihm und lädt ihn immerfort zum Tee ein. Eines Tages sagte er zu ihm: »Hätten wir noch die Leibeigenschaft und ich wäre dein Gutsherr, ich würde dich Schmarotzer siebenmal in der Woche prügeln lassen.« Jakow bemerkte ernst: »Siebenmal wäre ein bißchen viel!« Der Koch schimpft mit dem Heizer, läßt ihm aber dabei manches zukommen; er steckt ihm grob etwas zu. »Da, friß!« Jakow kaut bedächtig und entgegnet: »Ich werde durch dich, Iwan Iwanowitsch, viel Kraft sammeln!« »Was willst du Faulpelz mit der Kraft?« »Was heißt – was ich will? Lange leben ...« »Wozu willst du denn leben, du Satan?« »Auch der Satan lebt. Oder willst du vielleicht sagen, leben macht keinen Spaß! Daß Leben, Iwan Iwanowitsch, ist etwas sehr Erfreuliches ...« »So ein Ediot!« »Was hast du gesagt?« »E ? di ? ot.« »Schau an – was für ein Wort«, wundert sich Jakow, während Medweshonok zu mir sagt: »Mach dir das klar: Wir stehen in der Höllenglut am Herd, das Blut gerinnt uns, die Knochen dörren uns aus, und er – bitte sehr, sieh dir das an kaut in aller Seelenruhe sein Futter, das Schwein!« »Jedem das Seine«, entgegnet der Heizer und kaut. Ich weiß, es ist an der Feuerung viel heißer, man schuftet dort viel schwerer als vor dem Herd, ich habe nachts mehrmals mit Jakow zu »schüren« versucht, und ich wundere mich, daß er dem Koch nicht entgegenhält, wie schwer seine Arbeit ist. Nein, dieser Mensch muß etwas Besonderes wissen ... Alle schalten auf ihn – der Kapitän, der Maschinist, der Bootsmann, jeder, der nicht zu faul dazu war, und es blieb unerfindlich, weshalb man ihn nicht entließ. Die Heizer dachten entschieden besser von ihm als alle anderen, wenn sie sich auch über sein Geschwätz und sein ewiges Kartenspiel lustig machten. Ich erkundigte mich bei ihnen: »Ist Jakow ein guter Kerl?« »Der Jakow? Es geht. Er ist sehr gutmütig, man kann mit ihm machen, was man will, und wenn man ihm glühende Kohlen unter die Jacke schiebt ...« Trotz der schweren Arbeit im Kesselhaus und trotz seines Pferdeappetits schlief der Heizer sehr wenig – er beendete seine Wache und blieb, häufig, ohne sich umzukleiden, verschwitzt und schmutzig, wie er war, auf dem Heck, spielte Karten oder unterhielt sich mit den Passagieren. Er stand wie eine verschlossene Truhe vor mir, in der, wie ich fühlte, etwas verborgen war, das ich brauchte; und ich suchte hartnäckig nach dem Schlüssel, der sie mir öffnen könnte. »Was willst du eigentlich, mein Freund? Ich kann es einfach nicht verstehen«, fragte er und blickte mich aus Augen an, die man vor lauter Augenbrauen nicht sehen konnte. »Nun ja, die Erde, ja doch, es stimmt, ich bin ein ganzes Stück auf ihr herumgekommen. Aber was weiter? K-kauz! Hör zu, ich will dir lieber erzählen, was ich da einmal erlebt habe.« Und er erzählt. »Es lebte in einer Kreisstadt ein junger schwindsüchtiger Richter, und seine Frau, eine Deutsche, war kerngesund und kinderlos. Und sie, die Deutsche, verliebte sich in einen Kaufmann, einen Kurzwarenhändler; der Kaufmann nun war verheiratet und hatte drei Kinder und eine schöne Frau. Als er bemerkte, daß die Deutsche sich in ihn verliebt hatte, beschloß er, sich einen Spaß mit ihr zu machen. Er lud sie nachts in seinen Garten ein, versteckte dabei aber zwei Freunde in den Büschen. Ausgezeichnet! Nun ja, die Deutsche kam, mit einem Wort: ›Hier bin ich‹! Und plötzlich sagte er zu ihr: ›Ja, meine Dame, ich kann deine Gefühle nicht erwidern, ich bin verheiratet, aber ich habe dir zwei Freunde mitgebracht, der eine ist verwitwet, der andere ledig.‹ Die Deutsche – ›Hach!‹ und haut ihm einfach in die Schnauze; er fällt nach hinten über eine Bank, und sie tritt ihn noch mit dem Absatz. Ich nun hatte sie zu begleiten – ich war beim Richter als Hausknecht angestellt; ich spähe also durch eine Zaunlücke und sehe, die Suppe wird immer heißer. Die Freunde des Kaufmanns stürzten sich auf sie und packten sie an den Zöpfen; da setzte ich über den Zaun hinweg und drängte sie zurück. ›Nein, ihr Herrn Kaufleute, so geht es nicht!‹ sage ich. Meine Herrin war schließlich ahnungslos zu ihm gekommen, und er denkt sich etwas so Schändliches aus! Während ich sie rasch hinausschaffte, schlugen sie mir einen Ziegelstein auf den Kopf ... Sie wurde schwermütig, irrte immerfort fassungslos auf ihrem Hof umher und sagte zu mir: ›Ich fahre zu den Meinen zurück, zu den Deutschen, Jakow! Sobald mein Mann tot ist, geh ich hier fort!‹ Ich sage: ›Natürlich, das müssen Sie!‹ Der Richter starb, und sie fuhr fort. War immer so freundlich, so vernünftig gewesen. Auch der Richter war immer freundlich gewesen, Gott hab ihn selig ...« Ich bin verlegen, verstehe nicht, worauf die Geschichte hinauswill, und schweige. Ich fühle zwar etwas mir gut Bekanntes, Erbarmungsloses, Sinnloses in ihr, aber – was soll ich dazu sagen? »Gefällt dir die Geschichte?« fragt Jakow. Ich sage etwas, bin empört und schelte, doch er erläutert gelassen: »Es sind eben satte, mit allem zufriedene Menschen; sie möchten sich da manchmal einen Spaß machen, doch es gelingt ihnen nicht, sie verstehen sich nicht darauf. Natürlich, so ernste, gediegene Kaufleute! Der Handel verlangt nicht wenig Verstand, und vom Verstand leben ist sicherlich langweilig, da will man eben seinen Spaß ...« Hinter dem Heck schießt, ganz voller Schaum, der Fluß dahin, man hört die fliehende Welle, brodeln, zögernd folgt ihr das dunkle Ufer. Auf dem Deck schnarchen die Passagiere, langsam bewegt sich zwischen den Bänken, an schlafenden Körpern vorbei, eine große, dürre Frau auf uns zu, in schwarzem Kleid und mit unbedecktem, grauem Haar – der Heizer stößt mich an und sagt mit leiser Stimme: »Schau her – die ist schwermütig ...« Und mir scheint, er hat Spaß an dem fremden Leid. Er erzählte viel, ich hörte begierig zu und habe alle seine Geschichten behalten, erinnere, mich jedoch an keine, die heiter gewesen wäre. Er sprach ruhiger als die Bücher – in den Büchern hörte ich off die Gefühle des Schriftstellers mitschwingen, seinen Zorn; Freude, Trauer oder Spott. Der Heizer lachte über niemand, verurteilte niemand, nichts kränkte ihn, nichts machte ihm merklich Freude; er sprach wie der teilnahmslose Zeuge vor dem Richter, wie ein Mensch, dem die Angeklagten, die Kläger, die Richter alle gleich fremd sind ... Diese Gleichgültigkeit rief einen immer böseren Verdruß, eine ärgerliche Abneigung gegen Jakow in mit hervor. Das Leben loderte vor ihm wie die Flamme in der Feuerung unter den Kesseln, er stand davor, in der knotigen Bärenpranke den Holzhammer, mit dem er leicht gegen den Düsenhahn klopfte, um bald mehr, bald weniger Heizstoff einzulassen. »Hat man dich öfter gekränkt?« »Wer wird mich schon kränken? Ich bin doch stark; wenn ich einmal richtig zuschlage ...« »Ich spreche nicht von Schlägen, ich meine, ob man dich in der Seele gekränkt hat?« »Die Seele kann man nicht kränken, die Seele ist gegen Kränkungen gefeit«, entgegnet er. »An die menschliche Seele kommt man auf keine Weise heran, durch nichts ...« Die Deckpassagiere, die Matrosen, alle Menschen sprachen von der Seele ebensooft und ebensoviel wie vom Land, von der Arbeit, vom Brot und von den Frauen. Seele – so heißt jedes zehnte Wort in den Reden der einfachen Leute, ein Wort, das verbreitet ist wie ein Fünfkopekenstück. Es gefällt mir nicht, daß dieses Wort den glitschigen Zungen der Menschen so vertraut ist, und wenn die Bauern, ob nun im Bösen oder im Guten, unflätig schimpfen und die Seele besudeln, versetzt es mir einen Stich ins Herz. Ich weiß noch sehr gut, wie vorsichtig die Großmutter von der Seele sprach, diesem geheimnisvollen Gefäß der Liebe, Schönheit und Freude, und glaubte auch, daß die Seele eines guten Menschen nach dem Tode von weißen Engeln in den blauen Himmel zum guten Gott meiner Großmutter entführt wird, der sie mit freundlichen Worten empfängt: »Was ist, du Liebe, was ist, du Reine, hast du dich nun genug gequält und ausgelitten?« Und er verleiht der Seele Seraphsflügel – sechs weiße Flügel. Jakow Schumow spricht von der Seele ebenso vorsichtig, wenig und ungern wie die Großmutter. Wenn er schimpft, verletzt et die Seele nicht, und wenn sich die anderen von ihr unterhalten, dann schweigt er und beugt den roten Stiernacken. Frage ich ihn, was die Seele sei, entgegnet er: »Der Atem, der Odem Gottes ...« Das ist mir zuwenig, ich forsche weiter, aber der Heizer senkt nur den Kopf und meint: »Von der Seele, mein Freund, verstehen sogar die Popen nicht allzuviel, das ist eine geheimnisvolle Sache ...« Er zwingt mich, in einem fort über ihn nachzudenken, mich hartnäckig anzuspannen, um ihn zu verstehen, doch diese Anspannung bleibt erfolglos. Ich sehe nichts außer ihm, alles ist mir durch seine breite Gestalt verstellt. In verdächtiger Weise freundlich behandelt mich die Dame vom Büfett – ich muß sie morgens beim Waschen bedienen, obwohl das eigentlich Luscha zukäme, dem blitzblanken fröhlichen Zimmermädchen aus der zweiten Klasse. Wenn ich in der engen Kabine neben der bis an den Gürtel entblößten Büfettdame stehe und ihren gelben Körper, sehe, der schlaff ist wie übersäuerter Teig, steht mir der gleichsam aus Bronze gegossene Körper der Königin Margot vor Augen, und die Büfettdame widert mich an. Sie aber redet in einem fort bald über dies, bald über das, bald klagend oder brummig, bald ärgerlich und spöttisch. Der Sinn ihrer Worte kommt mir nicht recht zum Bewußtsein, wenn ich ihn auch ahne – er ist dürftig, schal und beschämend. Doch ich entrüste mich nicht, ich lebe weit entfernt von der Büfettdame, weit weg von allem, was sich auf unserem Dampfer tut – hinter dem großen, moosüberwucherten Stein, der mir diese ganze, Tag und Nacht irgendwohin schwimmende Welt verdeckt. »Unsre Gawrilowna ist bis über beide Ohren in dich verliebt«, höre ich wie im Traum die spöttischen Worte Luschas. »Staune und packe es an, das Glück ...« Nicht sie allein macht sich über mich lustig, das ganze Büfettpersonal weiß von der Schwäche der Herrin. Der Koch jedoch rümpft die Nase und meint: »Hat von allem gekostet, das Weibsbild, aber nein, sie braucht plötzlich Kuchen, Baisers! Menschen sind das! ... Halte die Augen offen, Peschkow, paß auf – für drei ...« Auch Jakow belehrt mich väterlich-sachlich: »Natürlich, wenn du zwei Jähre älter wärst, würde ich dir vielleicht zu etwas anderem raten, aber so, bei deiner Jugend, ist es wohl doch schon besser, nicht nachzugeben! Im übrigen – wie du willst.« »Hör auf«, entgegne ich, »das ist doch widerlich.« »Natürlich ...« Aber gleich darauf versucht er, mit den Fingern seine verfilzten Kopfhaare zu entwirren, und läßt die wohlgesetzten Worte auf mich niederrieseln: »Andererseits muß man auch sie verstehen, das ist so eine ärmliche Sache, man möchte schon sagen ... winterlich ... Auch der Hund hat es gern, wenn man ihn streichelt, um wieviel mehr ein Mensch! Das Weib lebt von der Zärtlichkeit wie der Pilz von der Feuchtigkeit. Sie schämt sich sicherlich selber, aber was soll sie machen? Der Körper verlangt das Seine, du weißt schon, was ich meine ...« Ich blicke angespannt in seine unbestimmbaren Augen und frage ihn: »Tut sie dir leid?« »Mir? Ist sie vielleicht meine Mutter? Nicht einmal Mütter tun den Menschen leid, während du ... so ein Kauz!« Er bricht in ein leises Lachen aus, das wie eine gesprungene Schelle klirrt. Manchmal, wenn ich ihn anblicke, glaube ich in eine stumme Leere, in Dunkelheit, in einen bodenlosen Abgrund zu stürzen. »Alle heiraten, warum nicht du, Jakow?« »Und wozu? Ein Weib kann ich jederzeit auch so haben, das ist gottlob einfach ... Der Verheiratete muß seßhaft sein, als Bauer leben, ich habe aber schlechtes Land, dazu nur wenig, und auch das hat mir mein Onkel fortgenommen. Als mein jüngerer Bruder von den Soldaten zurückkam, begann er mit dem Onkel Streit, ging vor Gericht und hieb ihm schließlich einen Pfahl auf den Kopf. Vergoß also Blut. Man sperrte ihn für anderthalb Jahre ins Gefängnis, aus dem Gefängnis aber gibt es nur einen Weg – wieder zurück ins Gefängnis. Seine Frau war eine erfreuliche junge Person ... was ist da schon zu reden! Bist du verheiratet, dann sitz auch bei deiner Hütte und sei dein eigener Herr, ein Soldat aber ist nicht sein eigener Herr.« »Betest du?« »K-kauz! Natürlich bete ich.« »Und wie?« »Das ist verschieden.« »Welche Gebete sprichst du denn?« »Gebete kenne ich keine. Ich, mein Freund, mache es einfach: Herr Jesus, erbarme dich der Lebenden, gibt Frieden den Toten, bewahre mich, Herr, vor Krankheit ... Und dann noch irgend etwas ...« »Was denn?« »Nun so ... Was du ihm sagst, ist einerlei, er versteht alles!« Er behandelt mich freundlich, mit einiger Neugier – wie einen gescheiten jungen Hund, der allerlei spaßige Kunststücke kann. Da sitze ich nachts neben ihm, er riecht nach Heizöl, nach Rauch, nach Zwiebeln – er ißt gern Zwiebeln und knabbert sie roh wie Äpfel; plötzlich bittet er: »Los mal, Oljoscha, sag ein paar Verse auf!« Ich weiß viele Verse auswendig, außerdem besitze ich ein dickes Heft, in das ich meine Lieblingsgedichte schreibe. Ich lese ihm den »Ruslan« vor, er hört regungslos zu, ist blind für alles und stumm und hält den pfeifenden Atem an; dann sagt er mit gedämpfter Stimme: »Ein hübsches, erfreuliches Märchen! Hast du es selber ausgedacht oder wer? Puschkin? Ja, es gibt so einen großen Herrn, den Muchin-Puschkin, ich habe ihn gesehen ...« »Das ist ein anderer, den Dichter haben sie längst umgebracht!« »Wofür?« Ich erzähle es ihm mit den gleichen kurzen Worten, mit denen es mir die Königin Margot erzählte. Jakow hört es sich an und meint gelassen: »Kommt reichlich viel Volk um wegen der Weiber ...« Öfter erzähle ich ihm Geschichten, die ich aus Büchern habe; sie haben sich alle bei mir verwirrt und sind zu einer einzigen unendlich langen Geschichte von einem ruhelosen und schönen Leben zusammengeflossen, das mit feurigen Leidenschaften gesättigt und von wahnwitzigen Heldentaten, purpurnem Edelmut, fabelhaften Erfolgen, Duellen und Toden, noblen Worten und niederträchtigen Handlungen erfüllt ist. Rocambole nahm bei mir die ritterlichen Züge eines La Mole oder Hannibal de Coconnas an; Ludwig XI. die Züge des Vaters Grandet; der Kornett Otletaljew verschmolz mit Heinrich IV. Diese Geschichte, in der ich – je nach Eingebung – die menschlichen Charaktere veränderte und die Ereignisse vertauschte, war für mich eine Welt, in der ich schaltete und waltete wie Großvaters Gott – auch er spielte mit allem, was ihm gefiel. Ohne mich daran zu hindern, die Wirklichkeit so zu sehen, wie sie war, ohne meinen brennenden Wunsch, die lebendigen Menschen zu begreifen, abzukühlen, schützte mich dieses aus Büchern geborene Chaos gleich einer durchsichtigen, aber undurchdringlichen Wolke vor vielem ansteckenden Schmutz, vor den gefährlichen Giften des Lebens. Ich war durch die Bücher gegen vieles gefeit; wenn man weiß, wie Menschen lieben und leiden, kann man nicht in ein Freudenhaus gehen; die billige Ausschweifung erregte bei mir Ekel, erregte Mitleid mit den Menschen, denen sie als Genuß erschien. Rocambole lehrte mich standhaft sein, mich der Macht der Verhältnisse nicht zu beugen, die Helden Dumas flößten mir den Wunsch ein, mich einer wichtigen, großen Sache hinzugeben. Mein Lieblingsheld war der fröhliche König Heinrich IV., und mir schien, eben von ihm singe das hübsche Lied Berangers: Doch war nicht ganz so tugendfest Sein Hang zum Saft der Reben, Was tat's! – Wer andre leben läßt, Solch Fürst soll selber leben! Die Romane schilderten Heinrich IV. als gutmütigen, seinem Volk verbundenen Menschen; heiter und klar wie die Sarme, gab er mir die Überzeugung ein, Frankreich sei das schönste Land der Welt, ein Land von lauter Rittern, die alle gleich hochherzig waren – einerlei, ob sie im Königsornat oder in Bauerntracht daherkamen: Ange Pitou war ebensosehr ein Ritter wie d'Artagnan. Als ich erfuhr, wie Heinrich IV. ermordet wurde, brach ich in finstere Tränen aus und knirschte aus Haß gegen Ravaillac mit den Zähnen. In den Geschichten, die ich dem Heizer erzählte, erschien dieser König fast immer als ihr eigentlicher Heid, und ich glaube, auch Jakow hatte Frankreich und »Henri« ins Herz geschlossen. »War ein guter Kerl, der König Henri – mit dem hätte man Pferde stehlen oder sonstwas anstellen können«, äußerte er. Er ließ sich nicht hinreißen und unterbrach meine Erzählung nicht durch Fragen; er hörte schweigend zu, mit unbeweglichem Gesicht und heruntergezogenen Brauen – ein alter, bemooster Stein. Wenn ich jedoch in meiner Rede aus irgendeinem Grunde stockte, erkundigte er sich sogleich: »Zu Ende?« »Nein, noch nicht.« »Dann erzähl weiter.« Von den Franzosen sagte er seufzend: »Die leben im Kühlen.« »Wie meinst du das?« »Nun ja, bei uns geht es heiß zu, wir beiden leben mitten in der Arbeit, während sie – im Kühlen leben. Sie haben eigentlich nichts zu tun, sie trinken nur und vergnügen sich ein erfreuliches Leben!« »Sie arbeiten auch!« »Das kann man aus deinen Geschichten nicht ersehen«, bemerkte der Heizer ganz richtig, und mir wurde plötzlich klar, daß in den meisten Büchern, die ich gelesen habe, so gut wie überhaupt nicht davon gesprochen wird, welche Arbeit die edlen Helden tun, wovon sie eigentlich leben. »So, jetzt will ich mal ein bißchen schlafen«, sagte Jakow, sank, wo er gerade gesessen hatte, hintenüber und pfiff einen Augenblick später gleichmäßig durch die Nase. Im Herbst, als sich die Ufer der Kama rotbraun, die Bäume goldgelb und die schrägen Strahlen der Sonne weißlich färbten, ging Jakow überraschend von Bord. Noch am Abend zuvor hatte er mir gesagt: »Übermorgen, Aljoscha, du Hitzkopf, sind wir in Perm, dort nehmen wir ein Dampfbad, daß uns das Herz im Leibe lacht, und ziehen in eine Kneipe mit Musik – das macht Spaß! Ich sehe so gern zu, wie die Mechanik spielt.« Doch in Sarapul stieg auf unseren Dampfer ein dicker Mann zu, mit welkem, bartlosem Frauengesicht. Der lange, warme Rock und die Mütze mit Ohrenklappen aus Fuchsfell verstärkten seine Ähnlichkeit mit einer Frau noch mehr. Er setzte sich sogleich an den Tisch neben der Küche, wo es am wärmsten war, bestellte ein Teegedeck und trank die heiße, gelbe Flüssigkeit, ohne den Rock aufzuknöpfen oder die Mütze abzusetzen, so daß er heftig schwitzte. Aus den herbstlichen Wolken ging ununterbrochen ein feiner Regen nieder, und wenn der Mann das schwitzende Gesicht mit dem karierten Taschentuch abwischte, schien der Regen nachzulassen, geriet er aber aufs neue ins Schwitzen, dann war es, als verstärkte sich auch der Regen. Bald tauchte Jakow neben ihm auf; sie sahen sich eine Karte im Taschenkalender an – der Passagier fuhr mit dem Finger auf ihr herum, während der Heizer sagte: »Wennschon! Macht nichts. Darauf pfeife ich ...« »Desto besser«, entgegnete mit dünner Stimme der Passagier und schob den Kalender in den geöffneten Ledersack zu seinen Füßen. Dann unterhielten sie sich leise und tranken Tee. Bevor Jakow die Wache antrat, fragte ich ihn, was das denn für ein Mensch sei. Er erwiderte mit spöttischem Lächeln: »Sieht so aus, als wär's ein Skopze, also ein Verschnittener. Aus Sibirien, weit her! Spaßiger Kauz, lebt streng nach den Regeln ...« Er ging davon, stapfte mit seinen schwarzen Fußsohlen über das Deck wie mit festen Hufen, blieb aber noch einmal stehen und kratzte sich die Seite. »Ich hab mich als Knecht bei ihm verdingt; sobald wir in Perm sind, geh ich vom Dampfer, und dann – leb wohl, Aljoscha, du Hitzkopf. Erst fahren wir mit der Bahn, dann auf einem Fluß und schließlich mit Pferden; fünf Wochen, sagt er, werden wir unterwegs sein; da staunt man, wohin der sich verkrochen hat ...« »Kennst du ihn denn?« fragte ich und wunderte mich über Jakows überraschenden Entschluß. »Woher soll ich ihn kennen? Ich sehe ihn zum erstenmal, ich habe doch noch nie in diesen Gegenden gelebt ...« Am nächsten Morgen drückte mir Jakow, der einen kurzen, speckigen Halbpelz, Schuhe über den bloßen Füßen und einen zerbeulten, randlosen Strohhut von Medweshonok trug, mit eisernen Fingern die Hand und sagte: »Willst du nicht mitkommen? Er nimmt dich auch, der Tauber, ich brauche es nur zu sagen; soll ich? Sie schneiden dir das Überflüssige ab und geben dir Geld dafür. Für sie ist es ein wahres Fest, den Menschen zu verstümmeln, darum belohnen sie dich auch dafür ...« Der Skopze stand mit einem weißen Bündel unter dem Arm heben der Reling und blickte unverwandt, mit unbeweglichen Augen zu Jakow, schwerfällig und aufgequollen wie ein Ertrunkener. Ich belegte ihn leise mit einem Schimpfwort, während der Heizer mir nochmals die Hand drückte. »Laß ihn, Schwamm drüber! Jeder betet zu seinem Gott, was geht uns das an? Also – leb wohl! Werde glücklich!« Und Jakow Schumow ging fort – er fiel wie ein Bär von einem Bein auf das andere über und ließ in meinem Herzen ein ziemlich bedrückendes, kompliziertes Gefühl zurück – der Heizer tat mir leid, und ich ärgerte mich über ihn; ich weiß noch, daß ich ihn auch etwas beneidete und mich beunruhigt fragte: Warum geht dieser Mensch ins Ungewisse? Und was für ein Mensch ist er eigentlich – dieser Jakow Schumow? 12 Im Spätherbst, als der Dampfer seine Fahrten einstellte, trat ich als Lehrling in eine Ikonenwerkstatt ein, doch schon am Tage darauf erklärte mir die Inhaberin, eine weiche, meist angesäuselte alte Frau, im Wladimirer Tonfall: »Die Tage sind jetzt kurz, die Abende lang, du wirst also morgens in den Laden gehen und als Laufjunge an der Tür stehen; abends kannst du dann lernen!« Und sie gab mich in die Gewalt eines schnellfüßigen kleinen Kommis, eines jungen Burschen mit hübschem, aber unangenehm süßlichem Gesicht. Wir gehen morgens im kalten Halblicht des Tagesgrauens die schläfrige Kaufmannsstraße Iljinka entlang durch die ganze Stadt zum Nishnij-Basar; dort befindet sich im ersten Stock der Verkaufshalle der Laden. Dieser dunkle, aus einem Lagerraum umgebaute Laden mit seiner eisernen Tür und dem kleinen, auf eine eisengedeckte Terrasse gehenden Fenster ist mit Ikonen in den verschiedensten Formaten, glatten oder »gekörnten« Heiligenschreinen und kirchenslawischen Büchern in gelben Ledereinbänden vollgepfropft. Im Laden nebenan handelt – ebenfalls mit Ikonen und Büchern – ein schwarzbärtiger Kaufmann, Verwandter eines im Kershenez-Gebiet, jenseits der Wolga, bekannten altgläubigen Bibelgelehrten; er wird dabei von seinem Sohn unterstützt, einem trockenen, flinken Jungen in meinem Alter, mit kleinem grauem Altmännergesicht und unruhigen Mäuseaugen. Ich hatte, sobald der Laden geöffnet wurde, aus der Gastwirtschaft nebenan heißes Wasser zu holen, nach dem Tee im Laden aufzuräumen, die Waren abzustauben, danach auf der Terrasse herumzustehen und mit Argusaugen darüber zu wachen, daß die Kunden nicht in den Nachbarladen gingen. »Der Kunde ist dumm«, erklärte mir selbstbewußt der Kommis. »Ihm ist es einerlei, wo er kauft, Hauptsache, erkauft billig, von der Ware versteht er nichts!« Er klapperte hurtig mit den Ikonentäfelchen und belehrte mich, mit seiner Sachkenntnis prahlend: »Arbeiten aus Mstjora sind billige Ware, dreimal vier Werschok – Selbstkostenpreis soundso viel, sechsmal sieben Werschok – Selbstkostenpreis soundso viel. Weißt du mit den Heiligen Bescheid? Merke dir: Wonifatij hilft gegen Trunksucht, die Großmärtyrerin Warwara gegen Zahnweh und unverhofften Tod, der heilige Wassilij gegen Fieber und Fieberwahn ... Kennst du die Muttergottestypen? Schau her: die Schmerzensreiche, die Muttergottes mit den drei Armen, die Abalazkaja-Snamenije, ›Weine nicht, meine Mutter‹, ›Tröste mich in meinem Kummer‹, die von Kasan, die Fürbitterin, die Semistrelnaja ...« Die Preise für die Ikonen – sie richteten sich nach Format und Qualität der Arbeit – merkte ich mir rasch, ebenso die Unterschiede zwischen den Muttergottesbildern, dagegen fiel es mir schwer, die vielen Heiligen zu behalten. Da stehe ich manchmal, in Gedanken versunken, an der Ladentür, und der Kommis fängt plötzlich an, meine Kenntnisse zu prüfen: »Der Helfer bei schweren Entbindungen wer ist es?« Wenn ich mich irre, fragt er geringschätzig: »Wozu hast du einen Kopf?« Noch schwerer fiel es mir, die Kunden in den Laden zu locken; die Ikonen mit ihren seltsamen Formen gefielen mir nicht, es war mir peinlich, sie zu verkaufen. Ich stellte mir die Muttergottes nach Großmutters Erzählungen jung, schön und lieb vor; so erschien sie auch auf den Abbildungen in den Zeitschriften, während die Ikonen sie alt und streng, mit langer, gekrümmter Nase und kleinen hölzernen Händen darstellten. An den Markttagen, mittwochs und freitags, ging der Handel flott, auf der Terrasse tauchten in einem fort Bauern und alte Frauen, gelegentlich auch ganze Familien auf, alles Altgläubige aus dem Gebiet jenseits der Wolga, mißtrauisches, finsteres Waldvolk. Da kommt über die Galerie langsam, als fürchte er durchzubrechen, ein schwerer Mann gestapft, im Schafpelz, in dickes, zu Hause gewalktes Tuch eingemummt, und es ist mir peinlich, ich schäme mich vor ihm. Mit vieler Mühe überwinde ich mich, stelle mich ihm in den Weg, scharwenzele vor seinen Füßen, die in pudschweren Stiefeln stecken, und plärre wie eine Mücke: »Was ist gefällig, Verehrter? Psalter – mit Gebeten nach dem Kirchenkalender oder mit Erläuterungen zur Heiligen Schrift, die Bücher Jefrem des Syrers und Kirills, Gottesdienstordnungen, Kirchengebetbücher – treten Sie näher, sehen Sie sich alles an! Ikonen nach jedem Geschmack, in den verschiedensten Preislagen, in allerbester Qualität und dunklen Farben! Wir malen Ihnen auf Bestellung, wen Sie wollen, alle Heiligen und alle Muttergottestypen! Vielleicht wünschen Sie eine von Ihrem Namensheiligen, eine Familienikone in Auftrag zu geben? Die beste Werkstatt in ganz Rußland! Das erste Geschäft am Platz!« Der undurchdringliche, nicht zu enträtselnde Kunde schweigt eine Weile und blickt mich an wie einen Hund, schiebt mich plötzlich mit steifer Hand beiseite und verschwindet im Nachbarläden, während sich mein Kommis die großen Ohren reibt und ärgerlich knurrt: »Hast ihn dir entgehen lassen, du Kaufmann!« Im Nachbarladen tönt eine weiche, süßliche Stimme, strömen, die Sinne benebelnd, Worte wie diese dahin: »Wir, du Guter, handeln nicht mit Schaffellen oder Stiefeln, sondern mit den Segnungen des Herrn, die unvergleichlich höher stehen als alles Gold und Silber und einfach nicht zu bezahlen sind ...« »T-teufel auch!« murmelt neidisch und hingerissen mein Kommis. »Der seift den Bauernkerl ein! Lerne! Gib dir Mühe!« Ich gab mir alle Mühe – wenn man eine Arbeit übernimmt, dann soll man sie auch gut machen. Dennoch kam ich im Einfangen von Kunden und überhaupt im Handel nicht recht voran: All diese finsteren, wortkargen Bauern, all diese alten Frauen, die mich an Ratten erinnerten und irgendwie verschüchtert, bedrückt erschienen, riefen mein Mitleid hervor; am liebsten hätte ich den Kunden den wirklichen Wert der Ikonen genannt, ohne ihnen zwanzig Kopeken zuviel abzuverlangen. Sie alle erschienen mir arm und hungrig; ich wunderte mich, wenn ich sah, daß sie drei Rubel fünfzig für einen Psalter auf den Tisch legten – das Buch, das sie am häufigsten kauften. Sie verblüfften mich durch ihre Kenntnis der Bücher, der handwerklichen Qualitäten der Ikonen; eines Tages sagte ein grauhaariges altes Männlein, das ich in den Laden zu manövrieren ersuchte, mit sanfter Stimme: »Es dürfte wohl nicht richtig sein, mein Junge, daß eure Ikonenwerkstatt die beste in ganz Rußland ist, die beste ist die von Rogoshin in Moskau!« Ich war verwirrt und machte ihm Platz, während er still davonging und auch den Nachbarladen nicht betrat. »Hat's geklappt?« erkundigte sich giftig der Kommis. »Von der Werkstatt dieses Rogoshin haben Sie mir nichts gesagt ...« Er schalt: »Da schleichen diese Duckmäuser umher, verstehen sich auf alles, die Vermaledeiten, wissen mit allem Bescheid, die alten Hunde.« Angenehm in seinem Äußeren, satt und selbstgefällig, haßte er die Bauern und beklagte sich gelegentlich in einer schwachen Stunde über sie: »Ich bin gescheit, liebe die Sauberkeit und gute Gerüche – Weihrauch, Eau de Cologne – und muß mich bei all meinen Qualitäten vor einem stinkenden Bauernkerl bis an die Erde verneigen, damit er der Inhaberin einen Sechser Gewinn einbringt! Glaubst du, mir ist das angenehm? Was ist der Bauer? Ein säuerlich riechendes Schaffell, nicht mehr als eine Erdlaus, und dennoch muß ich ...« Er schwieg ärgerlich still. Mir gefielen die Bauern, sie hatten alle etwas Geheimnisvolles – wie Jakow. Da wälzt sich eine schwere Gestalt in weitem, über den Halbpelz gezogenem Rock in unseren Laden, legt die zottige Mütze ab, bekreuzigt sich, die ungeweihten Ikonen geflissentlich übersehend, mit dem Gesicht zur Ecke, in der das Ewige Lämpchen glimmt, tastet schweigend mit dem Blick über die Umgebung hin und sagt: »Gib mir mal einen Psalter mit Erläuterungen!« Die Rockärmel zurückgeschoben, liest er langsam das Titelblatt; die erdigen, von blutroten Sprüngen zerstrichelten Lippen bewegen sich. »Sind keine älteren da?« »Die alten kosten, wie Sie wissen, tausend Rubel ...« »Ja doch!« Der Bauer feuchtet den Finger an und schlägt die Seite um – dort, wo er sie berührt hat, bleibt ein dunkler Fingerabdruck zurück. Der Kommis starrt mit bösem Blick über den Kopf des Kunden hin und sagt: »Die Heilige Schrift ist immer von gleichem Alter, der Herr hat an seinem Wort nichts geändert ...« »Wissen wir, haben wir schon gehört! Der Herr nicht, aber Nikon.« Und er schlägt das Buch zu und geht schweigend davon. Gelegentlich kam es zwischen solchen Waldbewohnern und dem Kommis zu einem Meinungsstreit, und mir wurde klar, daß sie die Schrift besser kannten als er. »Heidenvolk vom Sumpf«, knurrte der Kommis. Ich sah aber auch, daß so ein Bauer, obwohl ihm das Buch in weltlicher Schrift nicht nach dem Herzen war, es dennoch mit Achtung behandelte und nur mit Vorsicht berührte, als könnte es seinen Händen entflattern gleich einem Vogel. Ich freute mich darüber, denn ein Buch ist auch für mich ein Wunder – in ihm ist die Seele dessen eingeschlossen, der es geschrieben hat; wenn ich das Buch aufschlage, befreie ich diese Seele, und sie führt geheimnisvolle Zwiesprache mit mir. Oft genug boten alte Männer oder Frauen Bücher in kirchenslawischer Schrift aus der Zeit vor Nikon zum Verkauf an oder schöne, von altgläubigen Einsiedlerinnen am Irgis oder Kershenez angefertigte Abschriften solcher Bücher; Abschriften von Meßbüchern, die nicht durch Dmitrij von Rostow verbessert waren; Ikonen in alter Malweise, Kreuze, im hohen Norden gegossene kupferne Täfelchen mit Schmelzarbeit, silberne Kellen aus dem Besitz von Schanksteuereinnehmern, die diese von Moskauer Fürsten zum Geschenk erhalten hatten; alles das wurde unterderhand, geheimnisvoll, mit aller Vorsicht angeboten. Sowohl unser Kommis als auch der Nachbar hatten auf solche Verkäufer ein wachsames Auge und suchten sie sich gegenseitig wegzuschnappen; für die Altertümer, die sie für wenige Rubel oder für zwanzig oder dreißig Rubel kauften, erhielten sie auf der Messe von reichen Altgläubigen Hunderte. Der Kommis schärfte mir ein: »Paß ja auf diese Waldschrate, auf diese Waldhexen auf, sei ja ganz Auge! Sie bringen uns Glück!« Wenn ein solcher Verkäufer auftauchte, schickte mich der Kommis nach dem Bibelgelehrten Pjotr Wassiljitsch, einem Kenner von altslawischen Büchern, von Ikonen und Altertümern. Er war ein hochgewachsener Greis mit einem Bart, so lang wie der des heiligen Wassilij, mit klugen Augen im angenehmen Gesicht. Die Hälfte des einen Fußes war abgehackt, er ging ein wenig lahmend, mit einem langen Stock in der Hand, und trug im Sommer wie im Winter einen leichten, feinen Rock, der an ein Priestergewand erinnerte, und ein Sammetkäppchen von seltsamer Form, das einer Kasserolle glich. Rüstig und gerade, ließ er, sobald er den Laden betrat, die Schultern hängen, krümmte den Rücken, stöhnte leise, bekreuzigte sich rasch hintereinander mit zwei Fingern und murmelte immerfort Gebete oder Psalmen. Diese Frömmigkeit im Verein mit der Altersschwäche flößten dem Kunden, der etwas verkaufen wollte, sogleich Vertrauen zu dem Bibelkundigen ein. »Wo fehlt's denn bei euch?« fragte der alte Mann. »Hier ist eine Ikone zu verkaufen, jemand hat sie uns hergebracht, soll Stroganow-Schule sein.« »Waaas?« »Soll Stroganow-Schule sein, sagt er.« »Ach so ... Ich höre nämlich schlecht, der Herrgott verschließt mein Ohr vor den Abscheulichkeiten der nikonianischen Reden ...« Er setzt die Kappe ab, hält die Ikone waagerecht von sich, wirft einen Blick auf die Malerei, besieht sie seitlich, dann von vorn, betrachtet die Querleiste auf der Rückseite der Tafel, kneift die Augen zusammen und brummt: »Die gottlosen Nikonianer, die unsere Liebe zur alten Wohlgestalt bemerkt haben und vom Teufel auf listige Weise in allerlei Fälschungen unterwiesen sind, ahmen heute auch die heiligen Andachtsbilder nach, und hach, wie geschickt! Äußerlich scheint so ein Bild tatsächlich aus der Stroganow-Schule zu stammen, aus der von Ustjug oder gar der von Susdal, sieht man aber mit dem inneren Auge hin, dann erweist es sich als Fälschung!« Wenn er das Wort »Fälschung« gebraucht, bedeutet es, daß die Ikone selten und wertvoll ist. Eine Reihe vereinbarter Ausdrücke zeigt dem Kommis, wieviel er für eine Ikone oder ein Buch bieten kann; ich weiß, daß die Worte »Niedergeschlagenheit und Gram« zehn Rubel bedeuten, die Worte »Nikon der Tiger« fünfundzwanzig; ich schäme mich, wenn ich sehe, wie der Verkaufende betrogen wird, doch das geschickte Spiel des Bibelkundigen fesselt mich. »Die Nikonianer nämlich, die finsteren Kinder des Tigers Nikon, verstehen sich, angeleitet vom Teufel, auf alles – hier zum Beispiel erscheint sowohl der Malgrund echt als auch das Beiwerk von immer derselben Hand gemalt, das Antlitz aber, schau her – das ist nicht mehr der gleiche Pinsel, nein, nicht der gleiche! Die alten Meister nämlich, etwa Simon Uschakow, der allerdings ein Ketzer war, malten die ganze Ikone eigenhändig, Beiwerk wie Inkarnat, hoben selber den ›Bildschrein‹ aus und trugen den Malgrund auf, während die gottserbärmlichen Menschlein unserer Tage das nicht mehr können! Früher war das Ikonenmalen eben ein heiliges Werk, heute ist es weiter nichts als Kunst. So ist das alles, ihr Guten!« Er legt die Ikone schließlich vorsichtig auf den Ladentisch, setzt die Mütze auf und sagt: »Alles Sünde.« Das bedeutet – kaufen! Der Verkaufende, der längst im Strom der ihm so wohlgefälligen Worte versinkt und von den Kenntnissen des Alten niedergeschmettert ist, erkundigt sich voller Respekt: »Was ist denn nun mit der Ikone, Verehrter?« »Eine Ikone von nikonianischer Hand.« »Aber das ist doch unmöglich! Schon meine Groß- und Urgroßväter haben vor ihr die Andacht verrichtet ...« »Nikon hat lange vor deinem Urgroßvater gelebt.« Der Alte hält die Ikone dem Verkaufenden ans Gesicht und belehrt ihn, nun schon in strengem Ton: »Sieh dir doch an, wie heiter sie ist! Und das soll eine Ikone sein? Das ist ein Bildchen, ein bloßes Blendwerk, ist nikonianischer Zeitvertreib – es fehlt der Geist! Warum sollte ich sagen, was nicht wahr ist? Ich bin ein alter, um seines rechten Glaubens willen verfolgter Mann und werde bald vor meinem Herrgott stehen; was hätte es für mich für einen Sinn, zu heucheln?« Er tritt aus dem Laden auf die Terrasse, er sinkt fast um vor Altersschwäche, er ist über das Mißtrauen gekränkt, mit dem man seinem Urteil begegnet. Der Kommis zahlt dem Verkaufenden einige Rubel für die Ikone, der geht und verneigt sich voller Respekt vor Pjotr Wassiljitsch; man schickt mich in die Gastwirtschaft nach kochendem Wasser für Tee; als ich zurückkomme, ist der Bibelgelehrte längst wieder heiter und obenauf; er sieht sich den Kauf zärtlich an und belehrt den Kommis: »Schau her! Die Ikone ist streng, mit feinem Pinsel und in der Furcht Gottes gemalt, das Menschliche ist überwunden ...« »Und wer ist der Maler?« erkundigt sich der strahlende Kommis und schnellt dabei ein wenig hoch. »Das brauchst du vorerst nicht zu wissen.« »Und wieviel werden die Kenner dafür bieten?« »Das weiß ich nicht. Gib her, ich zeige sie dem und jenem ...« »Ach, Pjotr Wassiljitsch!« »Wenn ich sie unterbringe, bekommst du einen halben Hunderter, was drüber ist, gehört mir!« »Hach ...« »Tu mal nicht so ...« Sie trinken ihren Tee, feilschen schamlos und sehen sich mit Gaunerblicken in die Augen. Der Kommis ist ganz in der Gewalt des Alten, daran gibt's keinen Zweifel; sobald der Alte geht, wird der Kommis zu mir sagen: »Paß auf! Daß du der Prinzipalin nichts von diesem Kauf erzählst!« Nachdem man sich über die Verkaufsbedingungen geeinigt hat, fragt der Kommis: »Was gibt es denn für Neuigkeiten in der Stadt, Pjotr Wassiljitsch?« Der Alte streicht sich mit gelber Hand über den Bart, so daß die öligen Lippen frei liegen, und erzählt vom Leben der reichen Kaufmannschaft – von Handelsgewinnen, von Schwelgereien, von Krankheiten, Hochzeiten, Ehebrüchen von Männern und Frauen. Er kriegt die schlüpfrigen Geschichten rasch und geschickt hin – wie eine gute Köchin Plinsen – und begießt sie mit einem zischenden Lachen. Das rundliche Gesichtchen des Kommis färbt sich vor Neid und Wonne dunkelrot, während sich vor sein Auge ein träumerisches Wölkchen schiebt. Er seufzt und klagt: »Die Leute leben! Und ich ...« »Jedem das Schicksal, das ihm gebührt«, tönt der Baß des Bibelkundigen fort. »Dem einen schmieden es mit silbernen Hämmerchen die Engel, dem anderen schmiedet es mit dem Beilrücken der Satan ...« Der kräftige, sehnige Greis weiß alles – er kennt das Leben der ganzen Stadt, alle Geheimnisse der Kaufleute, Beamten und Popen, der Leute aus dem Kleinbürgerstand. Er hat den scharfen Blick eines Raubvogels, hat etwas Wölfisches, zu dem sich manches von einem Fuchs gesellt; ich versuche in einem fort, ihn zu ärgern, aber er sieht mich nur wie aus weiter Ferne, sozusagen durch einen Nebel an. Er scheint mir von einer bodenlosen Leere umgeben; könnte man sich ihm nähern – man würde in einen Abgrund stürzen. Ich fühle etwas wie eine Verwandtschaft mit dem Heizer Schumow bei ihm heraus. Obwohl sich der Kommis über des Alten Verstand ebensosehr in seiner Gegenwart wie hinter seinem Rücken begeistert, gibt es doch Augenblicke, in denen er ihn – genau wie ich – gern ärgern, ja kränken würde. »Im Grunde genommen betrügst du doch die Menschen«, erklärt er plötzlich und sieht dem Alten herausfordernd ins Gesicht. Doch der entgegnet, träge lächelnd: »Ohne Betrug kommt nur der Herrgott aus. Wir leben unter Dummköpfen; was hat man vom Dummkopf für einen Nutzen, wenn man ihn nicht betrügt?« Der Kommis gerät in Hitze: »Nicht alle Bauern sind Dummköpfe! Wo kommen denn die Kaufleute her, wenn nicht vom Dorf, vom Bauern?« »Wir reden hier nicht vom Kaufmann. Der Dummkopf versteht sich nicht aufs Gaunern. Der Dummkopf, der ist heilig, sein Hirn hat es nicht eilig ...« Der Alte spricht immer lässiger, und das wirkt aufreizend genug. Er scheint auf einem trockenen Höcker inmitten eines Sumpfes zu stehen. Es ist unmöglich, ihn zu ärgern, er bleibt für den Zorn unerreichbar, oder er weiß seinen Zorn zu gut zu verbergen. Es kommt immerhin öfter vor, daß er mir seinerseits zusetzt – er tritt geradeswegs auf mich zu, grient sich in seinen Bart und fragt: »Wie, sagst du, heißt dieser französische Schreiberling – Ponton?« Diese häßliche Art, die Namen zu entstellen, macht mich rasend, aber ich halte mich vorerst zurück und entgegne: »Er heißt Ponson du Terrail.« »Wieso – der, der eilt?« »Reden Sie keine Dummheiten, Sie sind kein kleines Kind.« »Das bin ich allerdings nicht. Was liest du denn so?« »Jefrem den Syrer.« »Und wer schreibt besser – deine Weltlichen oder er?« Ich schweige mich aus. »Wovon schreiben denn diese Weltlichen am meisten?« Er läßt nicht locker. »Von allem, was im Leben vorkommt.« »Von Hunden also, von Pferden – die kommen im Leben vor.« Der Kommis lacht, ich ärgere mich. Mir ist sehr garstig, sehr unangenehm zumute, versuche ich aber den beiden auszurücken, dann hält der Kommis mich fest: »Wo willst du hin?« Und der Alte fährt fort, mich zu foltern: »Los, du Schriftkundiger, knacke mal dieses Rätsel: Es stehen tausend nackte Menschen vor dir, fünfhundert Frauen und fünfhundert Männer, unter ihnen Adam und Eva – wie findest du die beiden heraus?« Er setzt mir lange damit zu und erklärt schließlich triumphierend: »Du Dummkopf, sie sind doch nicht geboren, sondern erschaffen worden und haben also keinen Nabel!« Der Alte kennt eine Unzahl von solchen »Aufgaben«, er kann einen damit zur Verzweiflung bringen. In der ersten Zeit meines Dienstes im Laden erzählte ich dem Kommis den Inhalt einiger Bücher wieder, die ich gelesen hatte; jetzt wandten sich diese Geschichten gegen mich der Kommis erzählte sie Pjotr Wassiljitsch, wobei er sie absichtlich verzerrte und auf schmutzige Weise entstellte. Der Alte kam ihm dabei geschickt durch schamlose Fragen zu Hilfe; ihre klebrigen Zungen überschütteten Eugenie Grandet, Ljudmila, Heinrich IV. mit Strömen von schmählichen Reden. Ich wußte, sie taten es nicht aus Bosheit, sondern aus Langerweile, aber das war für mich kein Trost. Wie Schweine wühlten sie in ihrem eigenen Schmutz herum und grunzten vor lauter Wonne, wenn sie das ihnen fremde, unverständliche und lächerliche Schöne besudeln und verleumden konnten. Die ganze Kaufhalle, alles, was sie bevölkerte – ob Kaufleute oder Kommis –, lebte ein seltsames Leben, das voller kindisch alberner, aber stets boshafter Belustigungen war. Wenn sich ein zugereister Bauer erkundigte, wie er auf kürzestem Wege in den oder jenen Stadtteil gelangen könne, wies man ihm regelmäßig die falsche Richtung – das wurde so sehr zur Gewohnheit, daß es niemandem mehr Vergnügen machte. Fing man zwei Ratten, dann band man ihnen die Schwänze zusammen, jagte sie auf die Straße hinaus und weidete sich daran, wie sie, die eine da-, die andere dorthin, auseinanderstrebten und sich gegenseitig bissen; gelegentlich begoß man so eine Ratte auch mit Petroleum und steckte sie an. Oder man band einem Hund einen ausgedienten eisernen Eimer an den Schwanz – der Hund stob im wildem Schrecken heulend und polternd davon, während die Menschen zusahen und wieherten. Es gab eine ganze Reihe solcher Zerstreuungen; die Menschen – insbesondere die vom Dorf – schienen einzig und allein zur Belustigung der Kaufhalle dazusein. Man spürte den ständigen Wunsch, sich über die Leute lustig zu machen, ihnen weh zu tun, sie in Verlegenheit zu bringen. Und es blieb merkwürdig genug: Die Bücher, die ich gelesen hatte, wußten von diesem ständigen angespannten Bestreben der Menschen, sich gegenseitig eins auszuwischen, nichts zu berichten. Eine von den Belustigungen der Kaufhalle war mir besonders ärgerlich und zuwider. Es gab im Laden unter uns bei einem Kaufmann, der mit Wolle und Filzstiefeln handelte, einen Kommis, dessen Gefräßigkeit den ganzen Nishnij-Basar in Erstaunen setzte; der Ladenbesitzer prahlte mit dieser Fähigkeit seines Angestellten, wie man mit der Bissigkeit eines Hundes oder der Kraft eines Pferdes prahlt. Nicht selten forderte er die benachbarten Ladenbesitzer zu einer Wette heraus: »Wer setzt zehn Rubel dagegen? Ich wette, daß Mischka innerhalb von zwei Stunden zehn Pfund Schinken hinunterschlingen wird!« Alle wußten, Mischka war dazu imstande, und sagten: »Auf eine Wette lassen wir uns nicht ein, den Schinken aber kann man ja kaufen, soll er ihn schlingen, wir sehen zu.« »Es muß aber schieres Fleisch sein – ohne Knochen!« Man streitet sich ein wenig ohne rechte Lust herum, und schließlich kommt aus dem dunklen Lagerraum ein hagerer, bartloser Bursche mit vorstehenden Backenknochen zum Vorschein, in einem langen, rotgegürteten Tuchmantel voller Wollfusseln. Er nimmt respektvoll die Mütze von seinem kleinen Kopf und sieht mit trübem Blick aus tiefliegenden Augen in das rotangelaufene, von dicken Haarstoppeln überwucherte Gesicht seines Prinzipals. »Schaffst du zehn Pfund Schinken?« »In welcher Zeit, wenn ich fragen darf?« erkundigt sich Mischka sachlich mit dünner Stimme. »In zwei Stunden.« »Das ist ein bißchen schwer!« »Was heißt hier – schwer!« »Geben Sie zwei Fläschchen Bier dazu aus!« »Also gut, dann los«, entgegnet sein Brotherr und wirft sich in die Brust. »Glaubt ja nicht, daß er's auf nüchternen Magen tut! Er hat gleich morgens seine zwei Pfund Weißbrot verdrückt und auch, wie sich's gehört, zu Mittag gegessen ...« Man bringt den Schinken, und die Zuschauer, lauter stämmige, in dicke, schwere Pelze gehüllte Kaufleute, die an riesige Gewichte erinnern, finden sich ein; alle haben sie dicke Bäuche, dafür aber kleine Augen, die in Fettpolstern versinken und von einem schläfrigen Schleier ständiger Langeweile überzogen sind. Die Hände in die Ärmel gesteckt, drängen sie sich in engem Kreis um den Esser, der mit einem Messer und einem großen Kanten Roggenbrot bewaffnet ist; nachdem er sich inbrünstig bekreuzigt hat, setzt er sich auf einen Ballen Wolle, legt den Schinken auf eine Kiste neben sich und mißt ihn mit leerem Blick. Er schneidet eine dünne Scheibe Brot und eine dicke Scheibe Schinken ab, legt sie hübsch säuberlich zusammen und führt sie mit beiden Händen an den Mund; seine Lippen zittern, er beleckt sie mit seiner langen Hundezunge, man sieht die scharfen kleinen Zähne; dann neigt er sich vor ? wie ein Hund mit der Schnauze über den Fraß. »Er fängt an!« »Seht nach der Uhr!« Alle Augen richten sich sachlich auf das Gesicht des Essenden, auf seinen Unterkiefer, auf die runden Muskelknötchen neben den Ohren; man beobachtet, wie das spitze Kinn sich gleichmäßig hebt und senkt, und tauscht träge seine Gedanken aus. »So richtig, als ob ein Bär schlingt!« »Hast du schon einen Bären fressen sehen?« »Leb ich vielleicht im Walde? Man sagt eben so – frißt wie ein Bär.« »Man sagt – frißt wie ein Schwein.« »Seit wann frißt ein Schwein – Schwein?« Es wird lustlos gelacht, und jemand, der Bescheid weiß, wendet sogleich ein: »Ein Schwein frißt alles – auch seine eigenen Ferkel und die eigene Schwester ...« Das Gesicht des Essenden färbt sich allmählich graubraun, die Ohren werden grauviolett, die eingefallenen Augen treten aus ihren Knochenhöhlen hervor; sein Atem geht schwer, aber sein Kinn bewegt sich nach wie vor gleichmäßig auf und ab. »Halt dich ran, Michailo, die Zeit!« ermuntert man ihn. Er mißt den Rest des Schinkens unruhig mit dem Blick, trinkt einen Schluck Bier und schmatzt weiter. Das Publikum wird lebhafter, man blickt immer öfter auf die Uhr, die Mischkas Chef in der Hand hält, und warnt einander: »Er kriegt es fertig und dreht die Uhr zurück – nehmt sie ihm fort!« »Paß lieber auf Mischka auf, er schiebt die Bissen noch in die Ärmel!« »Er schafft es nicht in der Zeit!« Mischkas Brotherr ruft hitzig aus: »Ich setze einen Fünfundzwanzigrubelschein! Mischka, halt aus!« Die Zuschauer reizen Mischkas Herrn immer mehr, auf eine Wette läßt sich jedoch niemand ein. Mischka aber kaut und kaut, sein Gesicht erinnert bereits an den Schinken, die spitze, knorplige Nase gibt ein klägliches Pfeifen von sich. Er ist erschreckend anzusehen, ich fürchte, er wird jeden Augenblick aufschreien und losjammern: Erbarmt euch ... Oder er wird sich bis an den Hals vollschlingen, vor die Füße der Zuschauer sinken und sterben. Doch schließlich hat er es geschafft, reißt die benebelten Augen auf und keucht mit müder Stimme: »Geben Sie mir zu trinken ...« Sein Herr aber sieht auf die Uhr und knurrt: »Hat sich vier Minuten verspätet, der Schlingel ...« Das Publikum hänselt ihn: »Schade, daß wir nicht auf die Wette eingegangen sind – du hättest sie verloren!« »Ist immerhin ein Kerl, der Bursche!« »Hm – ja, der könnte sich im Zirkus sehen lassen ...« »Wie doch der Herrgott den Menschen manchmal entarten läßt!« »Gehen wir Tee trinken! Oder was ist?« Und sie schwimmen in die Gastwirtschaft wie Lastkähne. Ich möchte gern begreifen, was diese gußeisenschweren Menschen neben dem unglückseligen Burschen festhält, warum sie seine krankhafte Gefräßigkeit ergötzt. In der engen Galerie, die mit Wolle, Schaffellen, Filzstiefeln, Hanf, Seiler- und Sattlerwaren vollgestapelt ist, herrscht Halbdunkel und Trostlosigkeit. Vom Bürgersteig ist die Galerie durch Ziegelsäulen abgeteilt; unförmig dick, sind sie angenagt von der Zeit und mit Straßenschmutz bespritzt. Die Ziegelsteine und die Fugen zwischen ihnen habe ich im Geist sicher schon tausendmal gezählt, das schwere Netz ihres häßlichen Musters hat sich für immer meinem Gedächtnis eingeprägt. Auf dem Bürgersteig gehen ohne Hast Fußgänger umher; auf dem Fahrdamm bewegen sich gemächlich Schlitten mit Fahrgästen oder Waren; hinter dem Fahrdamm, vom roten Ziegelquadrat der zweistöckigen Läden eingerahmt ? ein Platz, der voller Kisten, Stroh, zerknittertem Packpapier liegt und mit schmutzigem, zertretenem Schnee bedeckt ist. Alles das, zusammen mit den Menschen und den Pferden, erscheint trotz der Bewegung unbeweglich, dreht sich träg auf der Stelle, durch unsichtbare Ketten an sie gebannt. Man fühlt auf einmal, daß dieses Leben fast lautlos, so arm an Lauten ist, als wäre es stumm. Die Schlittenkufen knirschen, die Ladentüren klappen, Straßenhändler rufen Piroggen und Honigwasser aus, aber ihre Stimmen klingen unfroh und lustlos; sie sind eintönig, man gewöhnt sich rasch an sie und nimmt sie bald nicht mehr wahr. Die Kirchenglocken rufen wie zum Begräbnis, man hat ihr trauriges Läuten ständig im Ohr. Es scheint von morgens bis nachts ununterbrochen über dem Basar zu schwingen, durchdringt alle Gedanken und Gefühle und überzieht als schwere Kupferpatina alle Eindrücke. Kalte, quälende Langeweile weht einem von überallher entgegen – von der mit schmutzigem Schnee bedeckten Erde, von den grauen Schneewehen auf den Dächern, vom Fleischrot der Ziegelbauten; sie steigt als grauer Rauch aus den Schornsteinen zum blaßgrauen, leeren, niedrigen Himmel; sie ist im Atem der Menschen, im Dampf, der von den Pferden ausgeht. Sie hat ihren eigenen Geruch – einen schweren, dumpfen Geruch von Schweiß, Fett und Hanföl, von Sauerteigpiroggen und Rauch; dieser Geruch preßt den Kopf wie eine warme, zu enge Mütze, dringt bis in die Brust und ruft eine Art Trunkenheit, ruft den unklaren Wunsch hervor, die Augen zu schließen, verzweifelt aufzuschreien, irgendwohin davonzustürzen und aus vollem Lauf mit dem Kopf gegen die erste beste Wand zu rennen. Ich sehe mir die Kaufleute aufmerksam an – ihre Gesichter strotzen von dickem, fettem Blut, sind wohlgenährt, rotgekniffen vom Frost und unbeweglich wie im Schlaf. Man gähnt häufig und reißt den Mund dabei auf wie ein auf Sand geratener Fisch. Im Winter geht der Handel schlecht, und der gespannte wölfische Glanz, der die Augen der Schacherer einigermaßen verschönt, solange es Sommer ist, erlischt. Die schweren Pelze beengen die Menschen in den Bewegungen und drücken sie zur Erde nieder; die Kaufleute werden maulfaul, ärgern sie sich jedoch, dann gibt es sogleich Streit; ich glaube, sie streiten sich absichtlich, nur um einander zu beweisen ? wir sind noch da! Mir ist völlig klar, daß nur die Langeweile sie würgt, sie umbringt; ich kann mir die rohen, unklugen Dinge, mit denen sie sich die Zeit vertreiben, nur aus dem hoffnungslosen Kampf gegen die Allgewalt der Langeweile erklären. Manchmal unterhalte ich mich mit Pjotr Wassiljitsch darüber. Obwohl er mich im allgemeinen spöttisch, ja höhnisch behandelt, gefällt ihm doch meine Leidenschaft für Bücher, und er läßt sich gelegentlich dazu herab, belehrend und ernst mit mir zu reden. »Es gefällt mir nicht, wie die Kaufleute leben«, sage ich. Er wickelt eine Bartsträhne um seinen langen Finger und fragt: »Und woher willst du wissen, wie sie leben? Bist du vielleicht öfter bei ihnen zu Gast? Hier, mein Junge, ist die Straße, und auf der Straße leben die Menschen nicht, da treiben sie Handel; man geht nur rasch von einem Ende bis zum anderen – und wieder nach Hause! Auf die Straße kommen die Menschen gut angezogen, aber wie sie darunter sind, das weiß man nicht; richtig lebt der Mensch nur zu Hause, in seinen vier Wänden, und wie er dort lebt – das ist uns unbekannt!« »Ihre Gedanken bleiben aber doch dieselben, hier und zu Hause?« »Wer kennt sich denn in den Gedanken des Nachbarn aus?« sagt der Alte mit gewichtigem Baß und streng gerundeten Augen. »Gedanken sind wie Läuse – sie sind nicht zu zählen, so sagte man früher. Vielleicht sinkt ein Mensch, wenn er nach Hause kommt, auf die Knie und weint und fleht zu Gott: ›Vergib, o Herr, ich habe Sünde auf mich geladen an deinem heiligen Tage!‹ Vielleicht ist sein Heim für ihn ein Kloster, in dem er allein mit seinem Herrgott lebt? So ist das alles. Jede Spinne braucht ihren Winkel – spinne dein Netz, aber kenne auch dein Gewicht, damit das Gewebe nicht reißt ...« Wenn er ernst redet, klingt seine Stimme noch tiefer, noch dunkler; es ist, als teile er mir ein wichtiges Geheimnis mit, »Da denkst du nach und überlegst, dabei ist es zum Nachdenken für dich zu früh, in deinem Alter lebt man nicht vom Verstand, sondern vom Auge! Sieh also hin, behalte, was du gesehen, und schweig dich aus. Verstand – das ist für die Geschäfte, für die Arbeit, den Glauben braucht die Seele! Daß du Bücher liest, ist gut, aber man muß in allem maßhalten es hat schon welche gegeben, die beim Lesen den Verstand verloren haben oder gottlos geworden sind ...« Er schien mir unsterblich – ich konnte mir schwer vorstellen, daß er älter werden oder sich verändern könne. Gern erzählte er Geschichten von Kaufleuten, Räubern, Falschmünzern, die berühmt geworden waren; ich hatte schon viele solche Geschichten vom Großvater gehört, und er erzählte sie besser als der Bibelgelehrte. Der Sinn der Geschichten blieb jedoch derselbe – stets wurde der Reichtum durch eine Sünde gegen die Menschen und Gott erworben. Die Menschen taten Pjotr Wassiljitsch nicht leid, während er von Gott mit innigem Gefühl, seufzend, mit niedergeschlagenen Augen sprach. »So betrügen sie Gott den Herrn; er aber, der Herr Jesus, sieht alles das und grämt sich: Ach, Menschen, ihr meine Menschen, ihr meine Schmerzenskinder, die Hölle ist euch bereitet!« Eines Tages faßte ich mir ein Herz und erinnerte ihn: »Auch Sie betrügen doch die Bauern ...« Es kränkte ihn nicht. »Um wieviel handelt es sich schon?« entgegnete er. »Drei oder fünf Rubel – mehr fällt nicht ab.« Wenn er mich beim Lesen antraf, nahm er mir das Buch aus der Hand, fragte mich nörglerisch nach dem Gelesenen und meinte ungläubig und verwundert zum Kommis: »Schau einer an – der Schlingel versteht, was er liest!« Und er belehrte mich klar und einprägsam: »Höre auf meine Worte, du kannst das brauchen! Es hat zwei Bischöfe namens Kirill gegeben; der eine war Bischof von Alexandria, der andere von Jerusalem. Der erste stritt gegen den gottverfluchten Ketzer Nestor, der schamlos lehrte, die Muttergottes sei ein Mensch gewesen und habe somit auch keinen Gott, sondern wiederum nur einen Menschen geboren, dem Namen und Werke nach Christus, Erlöser der Welt; es müsse also nicht Muttergottes, sondern Mutterchristi heißen – hast du verstanden? Das wurde als Ketzerei verdammt! Kirill von Jerusalem aber stritt gegen den Ketzer Arius ...« Ich war von seiner Kenntnis der Kirchengeschichte im höchsten Grade begeistert, während er nur mit gepflegter Popenhand seinen Bart zottelte und sich rühmte: »Ich bin in diesen Dingen General; Pfingsten war ich in Moskau zu einem Wortstreit mit gehässigen gelehrten Nikonianern, geistlichen wie weltlichen; ich, Bursche, habe sogar Gespräche mit Professoren geführt, jawohl! Den einen Popen habe ich mit der Waffe des Worts so in die Enge getrieben, daß er Nasenbluten bekam – da hast du's!« Seine Wangen röteten sich, die Augen wurden lebhaft. Er sah das Nasenbluten seines Widersachers offenbar als Höhepunkt seines Erfolges an, als strahlendsten Rubin im goldenen Kranz seines Ruhms, und wollüstig erzählte er: »Ein wooohlgestalter, riesiger Pope! Steht vor dem Chorpult, und aus der Nase tropft's! Und er merkt nicht mal seine Schande! War grimmig wie ein Löwe in der Wüste, mit einer Stimme wie eine Kirchenglocke! Meine Worte aber treffen ihn sacht mitten ins Herz, zwischen den Rippen hindurch wie Ahlen! Während er von häretischer Wut geradezu wie ein glühender Ofen entbrennt ... Hach, das waren Sachen!« Nicht selten sahen auch andere Bibelkundige herein: Pachomij, ein Mann mit großem Bauch, in speckigem Rock, aufgedunsen und grunzend, auf einem Auge blind; Lukian, klein, alt, glatt wie eine Maus, dabei freundlich und munter; mit ihm ein großer finsterer Mann, der wie ein Kutscher aussah, mit schwarzem Bart, leblosem, unangenehmem, aber schönem Gesicht und unbeweglichen Augen. Fast immer kamen sie, um altertümliche Bücher, Ikonen, Räuchergefäße und irgendwelche Kelche zu verkaufen; gelegentlich brachten sie auch den Verkaufenden mit – einen alten Mann oder eine alte Frau von jenseits der Wolga. Wenn sie die Geschäfte erledigt hatten, ließen sie sich vor dem Ladentisch nieder wie eine Krähenschar auf dem Feldrain, tranken Tee mit Fastenzucker, aßen Weizensemmeln dazu und erzählten sich von den Verfolgungen durch die nikonianische Kirche – da war eine Haussuchung gewesen und waren Meßbücher beschlagnahmt worden, dort hatte die Polizei ein Bethaus geschlossen und den Hausbesitzer auf Grund des Artikels 103 vor Gericht zitiert. Dieser Artikel 103 kam in den Unterhaltungen besonders häufig vor, sie sprachen jedoch gelassen von ihm – als ginge es um etwas Unvermeidliches wie, sagen wir, die Winterfröste. Die Worte Polizei, Haussuchung, Gefängnis, Gericht, Sibirien, alles Worte, die in den Unterhaltungen über die Glaubensverfolgungen immerfort wiederkehrten, verbrannten mir das Herz wie mit glühenden Kohlen und weckten Sympathie und Mitleid mit diesen Alten; die Bücher, die ich gelesen hatte, hatten mich gelehrt, Menschen, die hartnäckig ihr Ziel verfolgten, zu achten, ihre Standhaftigkeit zu schätzen. Ich vergaß alles Schlechte, das ich an diesen Lehrern des Lebens beobachtet hatte, und fühlte nur die gelassene Hartnäckigkeit, hinter der sich, wie mir schien, der unerschütterliche Glaube an die Wahrheit ihrer Lehre verbarg, die Bereitschaft, um dieser Wahrheit willen jedes Martyrium zu erdulden. Später, nachdem ich viele solche Eiferer für den alten Glauben gesehen hatte – solche und ähnliche, aus dem Volk und aus der Intelligenz –, wurde mir klar, daß ihre Hartnäckigkeit weiter nichts als die Passivität von Menschen ist, die sich von dort, wo sie nun einmal stehen, nirgends mehr hinwenden können und auch nicht wollen, weil sie, im Netz alter Worte und überlebter Begriffe gefangen, in diesen Worten und Begriffen völlig erstarrt sind. Ihr Wille ist unbeweglich, ist unfähig, sich in der Richtung auf das Künftige zu entwickeln, und wenn sie irgendein Stoß von außen aus der gewohnten Stellung wirft, rollen sie mechanisch abwärts – wie ein Stein den Hang hinab. Sie halten sich auf ihren Posten am Friedhof der überlebten Wahrheiten nur dank der starren Macht ihrer Erinnerungen an das Vergangene und ihrer krankhaften Liebe zum Leiden, zum Unterdrücktsein; nimmt man ihnen jedoch die Möglichkeit zum Leiden, dann lösen sie sich, gleichsam ausgehöhlt, auf – wie Wolken an einem frischen, windigen Tag. Der Glaube, für den sie mit Vergnügen und vieler Selbstglorifizierung zu leiden bereit sind, ist unbestreitbar ein echter, fester Glaube, der aber dennoch an abgetragene Kleidung erinnert – sie, diese Kleidung, ist von allerlei Schmutz durchtränkt und nur aus diesem Grunde dem zerstörenden Einfluß der Zeit nicht allzusehr ausgesetzt. Gedanken und Gefühle haben sich an die enge, bedrückende Hülle der Vorurteile und Dogmen gewöhnt und leben einigermaßen bequem und behaglich in ihr fort, wenn auch verstümmelt und der Schwingen beraubt. Dieser Glaube aus Gewohnheit gehört zu den betrüblichsten und schädlichsten Erscheinungen unseres Lebens; in seinem Bereich wächst alles Neue nur langsam heran, reift saft- und kraftlos wie im Schatten einer Mauer. In jenem dunklen Glauben sind allzuwenig Strahlen der Liebe, ist allzuviel Kränkung, Erbitterung, Neid – das heißt soviel wie Haß. Das Licht dieses Glaubens ist das Phosphoreszieren der Fäulnis. Um mich von alledem zu überzeugen, mußte ich schwere Jahre hinter mich bringen, vieles in meiner Seele umkrempeln, vieles aus dem Gedächtnis ausmerzen. Damals jedoch, als ich diesen Lehrern des Lebens in der skrupellosen und öden Wirklichkeit zum erstenmal begegnete, erschienen sie mir als Menschen von hoher geistiger Kraft, als die besten Menschen auf dieser Erde. Fast jeder von ihnen hatte vor Gericht gestanden und im Gefängnis gesessen, fast jeder war aus seiner Stadt ausgewiesen und per Etappe mit einem Arrestantentransport abgeschoben worden; alle waren vorsichtig, alle versteckten sich. Ich sah jedoch, daß diese Alten, obwohl sie sich über die »Bedrückung des Geistes« durch die Nikonianer beklagten, einander selber recht gern, ja mit Vergnügen zusetzten. Der einäugige Pachomij rühmte sich, wenn er getrunken hatte, gern seines Gedächtnisses; es war in der Tat erstaunlich; gewisse Bücher konnte er auswendig hersagen wie ein gelehrter Talmudist – er tippte mit dem Finger auf irgendeine Seite und sprach von dem Wort an, das er getroffen hatte, mit weicher, näselnder Stimme das übrige aus dem Gedächtnis nach. Er blickte dabei stets nach unten, sein einziges Auge glitt unruhig auf dem Boden umher, als suche er nach etwas sehr Wertvollem, das er verloren hatte. Am häufigsten demonstrierte er sein Kunststück am Buch des Fürsten Myschezkij »Russische Weintrauben« – besonders gut kannte er »die geduldig und tapfer ertragenen Leiden bewundernswerter, unendlich mutiger Dulder«; Pjotr Wassiljitsch versuchte ihn immerfort bei einem Fehler zu ertappen. »Irrtum! Das hat sich nicht mit Kiprian dem gottgefälligen Narren, sondern mit Denis dem Keuschen ereignet!« »Mit was denn für einem Denis? Dionissij heißt er ...« »Klammer dich nicht an Worte!« »Und du – belehr mich nicht!« Einen Augenblick später starren sie sich zornentbrannt an, und Pjotr Wassiljitsch sagt: »Ein Diener des Bauches bist du, schamlose Fratze, da – was für einen Wanst du dir angefressen hast ...« Pachomij entgegnet, als hackte er seine Worte mit dem Messer ab: »Und du bist ein Lüstling, ein weibertoller Ziegenbock!« Der Kommis hetzt mit hämischem Lächeln, die Hände in den Ärmeln versteckt, die Wahrer der alten Gottesfurcht wie Schulbuben gegeneinander: »Gut so! Immer zu, gib ihm!« Eines Tages gerieten die beiden Alten ins Handgemenge. Pjotr Wassiljew, der seinen Berufsgenossen mit überraschender Gewandtheit rechts und links auf die Wangen klatschte und in die Flucht schlug, wischte sich müde den Schweiß vom Gesicht und rief dem Flüchtenden nach: »Nimm dich in acht – diese Sünde kommt über dich! Nur du, Verfluchter, hast meine Hand zur Sünde verleitet, pfui über dich!« Mit besonderer Vorliebe warf er seinen Berufsgenossen vor, sie seien nicht fest genug im Glauben und verfielen fortwährend der Netowschtschina, der Lehre der Verneiner. »Ihr laßt euch immerfort von Alexascha verwirren – man denke, was für ein Hahn da plötzlich kräht!« Die Netowschtschina war ihm ein Ärgernis, sie ängstigte ihn offenbar, doch pflegte er auf die Frage, worin denn der Sinn dieser Lehre bestehe, nicht allzu einleuchtend zu antworten: »Die Netowschtschina ist schlimmste Ketzerei, in ihr ist nur noch Verstand, aber nicht Gott! Bei den Kosaken zum Beispiel wird heute nichts mehr verehrt, nur noch die Bibel, das mit der Bibel aber kommt aus Saratow, von den Deutschen, von Luther. Sein Name aber bedeutet in Wahrheit Ljutor, der Grimmige. Die Netowzy werden Verrückte oder Stundisten genannt, und alles das kommt vom Westen, von den dortigen Ketzern.« Er stampfte mit dem verkrüppelten Fuß und fuhr kalt und gewichtig fort: »Die sollte die Kirche neuen Glaubens verfolgen, die sollte sie vernichten und verbrennen! Nicht uns! Wir sind das wahre Rußland, unser Glaube ist echter, östlicher, urrussischer Glaube, während das alles der Westen, verstümmelte Freidenkerei ist! Was kann von den Deutschen, den Franzosen schon Gutes kommen? Im Jahre zwölf zum Beispiel ...« In seinem Eifer vergaß er, daß er einen Jungen vor sich hatte, packte mich am Gürtel, zog mich an sich oder stieß mich fort und sprach erregt weiter – schön, hitzig und jugendlich: »Da irrt der menschliche Verstand, vom Teufel unterworfen, wie ein grimmiger Wolf im Dickicht der eigenen Hirngespinste umher, zerfleischt die liebe menschliche Seele, das Gottesgeschenk! Was haben sie sich denn ausgedacht, diese Novizen des Teufels? Die Bogomilen, von denen die Netowschtschina ja herkommt, lehrten, Satan sei Gottes Sohn, der ältere Bruder Jesu Christi – so weit verstiegen sie sich! Sie lehrten auch, man solle der Obrigkeit nicht gehorchen, keine Arbeit mehr tun und Frau und Kinder verlassen; der Mensch brauche das alles nicht, er brauche keinerlei Ordnung, man solle ihn leben lassen, wie er will, wie ihm der Teufel eingibt. Da ist jetzt wieder dieser Alexaschka aufgetaucht, oh, das Gewürm ...« Es kam vor, daß der Kommis gerade irgendeinen Auftrag für mich hatte und ich den Alten verlassen mußte; der jedoch sprach, allein auf der Galerie geblieben, in die Leere um ihn herum weiter: »O Seelen ohne Schwingen, o blindgeborene Katzenjunge – wohin entfliehe ich vor euch?« Dann schwieg er still, den Kopf zurückgeworfen, die Hände in die Knie gestemmt, und blickte lange unverwandt und regungslos zum grauen Winterhimmel. Er behandelte mich jetzt aufmerksamer und freundlicher; wenn er mich über einem Buch antraf, streichelte er meine Schulter und sagte: »Lies, mein Junge, lies, das ist nur nützlich! Verstand scheinst du zu haben, nur schade, daß du das Alter nicht ehrst, daß du immer zurückbeißen mußt – was meinst du wohl, wohin dich dieser Übermut führen wird? Geradewegs ins Gefängnis, nirgendwohin sonst! Lies nur, lies Bücher, aber vergiß nicht – das Buch ist gut, der eigene Verstand ist besser! Da war bei den Chlysten, den Geißlern, ein Lehrer namens Danilo, und der kam zu der Überzeugung, man brauche keine Bücher, weder alte noch neue, er packte sie alle in einen Sack und – fort mit ihnen, ins Wasser! Nun ja ... Auch das ist natürlich Dummheit! So ähnlich bringt auch Alexascha, der Hundskopf, alles in Verwirrung ...« Diesen Alexascha erwähnte er immer öfter, und eines Tages kam er bekümmert und finster in den Laden und erklärte dem Kommis: »Alexander Wassiljew ist in der Stadt, er ist gestern angekommen! Ich habe ihn überall gesucht und nirgends gefunden. Er versteckt sich! Ich bleibe ein bißchen sitzen, vielleicht schaut er bei euch herein ...« Der Kommis gab unfreundlich zur Antwort: »Ich weiß von nichts, ich kenne niemand!« Der Alte nickte nur und sagte: »Ist auch in Ordnung – für dich sind alle Menschen Käufer oder Verkäufer, andere gibt es nicht! Du könntest mich mal mit Tee bewirten ...« Als ich mit einer großen Kupferkanne voll heißem Wasser zurückkam, fand ich Besuch im Laden vor – den alten Lukian, der vergnügt lächelte, und einen mir neuen Mann, der im Schatten der Tür, in einer dunklen Ecke saß, in warmem, grün gegürtetem Mantel und hohen Filzstiefeln, mit ungeschickt auf die Brauen geschobener Mütze. Das Gesicht war wenig bemerkenswert, der Mann schien still und bescheiden und erinnerte an einen Kommis, der soeben seine Stellung verloren hat und sehr bedrückt ist. Pjotr Wassiljitsch sprach ernst und gewichtig, ohne zu ihm hinzusehen, während der andere mit einer krampfhaften Bewegung der rechten Hand in einem fort an seiner Mütze rückte – er hob die Hand, als wolle er sich bekreuzigen, und schob die Mütze zurück, wieder und wieder, fast bis zum Scheitel, dann zog er sie aufs neue straff und ungeschickt bis auf die Brauen herunter. Diese krampfhafte Gebärde ließ mich an den Narren Igoscha, genannt »Tod in der Tasche«, zurückdenken. »Da tummeln sich in unserem trüben Flüßchen allerlei Quappen und trüben das Wasser immer mehr«, sagte Pjotr Wassiljitsch. Der Mann, der an einen Kommis erinnerte, fragte sehr ruhig und leise: »Sprichst du vielleicht von mir?« »Wenn du willst – auch von dir ...« Da fragte der Mann aufs neue ebenso leise wie eindringlich: »Und was würdest du von dir selber sagen, du – Menschenkind?« »Von mir selber spreche ich nur zu Gott – das geht nur mich etwas an ...« »Nein, Menschenkind, auch mich«, entgegnete feierlich und stark der Neue. »Wende dein Angesicht nicht von der Wahrheit ab, verblende dich nicht selber, es wäre schwere Sünde vor Gott und den Menschen!« Mir gefiel, daß er Pjotr Wassiljitsch »Menschenkind« nannte, und seine leise, feierliche Stimme bewegte mich. Er sprach so, wie ein guter Pope das »Herr, Gebieter meines Lebens« liest, beugte sich dabei immer mehr vor, rutschte beinahe vom Stuhl und warf in einem fort die Hand vor dem Gesicht hoch ... »Verurteile mich nicht, ich bin nicht tiefer in Sünde verstrickt als du ...« »Jetzt kocht der Samowar, jetzt faucht er«, flocht geringschätzig der alte Bibelkundige ein, während der andere seine Worte überhörte und fortfuhr: »Gott allein weiß, wer den Quell des Heiligen Geistes stärker trübt, vielleicht ist es eure Sünde, vielleicht tut ihr es, papierene Büchermenschen! Ich bin kein Buchgelehrter, ich bin nur ein einfacher, alltäglicher Mensch ...« »Deine Einfachheit kenne ich, ich habe genug von ihr gehört!« »Ihr allein verwirrt die Leute, ihr allein verbiegt die geraden Gedanken, ihr Buchgelehrten und Pharisäer ... Was lehre ich denn, sag?« »Ketzerei!« entgegnete Pjotr Wassiljew, doch der Mann, der immerfort die Hand vor dem Gesicht hin und her bewegte, als läse er von ihr ab, fuhr eifrig fort: »Ihr glaubt, wenn ihr die Menschen aus einem Stall in den anderen treibt, dann tut ihr ihnen etwas Gutes? Ich sage ? nein! Ich sage ? o Mensch, mach dich frei! Was ist dein Haus, dein Weib und alles, was dein ist, vor Gott dem Herrn? Mach dich frei von allem, um dessentwillen die Menschen einander erschlagen und morden ? vom Gold, vom Silber, von jeglichem Besitz, der doch nur Eitelkeit und Vergänglichkeit ist! Nicht auf den irdischen Fluren, in den Tälern des Paradieses suchet das Seelenheil! Reißt euch los von allem, so sage ich, zerreißt alle Banden und Fesseln, zerreißt die Verstrickungen dieser Welt ? sie kommen vom Antichrist ... Ich gehe den geraden Weg, ich mache aus meinem Herzen keine Mördergrube, ich nehme die dunkle Welt nicht an ...« »Aber Brot, Wasser und Kleidung nimmst du an? Die sind doch wohl von dieser Welt?« warf giftig der Alte ein. Auch diese Worte berührten Alexander nicht; er fuhr immer eindringlicher fort, und obwohl seine Stimme gedämpft klang, schien es, als stieße er in eine Posaune: »Was hat dir teuer zu sein, o Menschenkind? Nur Gott allein! So tritt denn völlig rein vor ihn hin, streif die irdischen Bände von deiner Seele ab, und der Herrgott wird sehen ? du bist allein, er ist allein! Nur so näherst du dich dem Herrn ? es ist der einzige Weg zu ihm! Das ist der Weg zum Heil, so steht geschrieben: Der Mensch wird Vater und Mutter verlassen. Verlasse alles. So dich dein Auge ärgert, reiß es aus! Zerstöre deine Glieder um des Herrn willen, aber bewahre deinen Geist, und deine Seele wird aufflammen und fortlodern in alle Ewigkeit ...« »Nun aber zu den stinkenden Hunden mit dir«, sagte Pjotr Wassiljew und erhob sich. »Ich hatte schon geglaubt, du seist seit dem vorigen Jahr klüger geworden, aber du bist ja schlimmer als früher ...« Der alte Mann wankte auf die Terrasse hinaus; Alexander stutzte und fragte verwundert und etwas hastig: »Du gehst? Aber ... was ist denn nun?« Der freundliche Lukian zwinkerte ihm beschwichtigend zu und meinte: »Hat nichts zu sagen ... hat nichts zu sagen ...« Da fiel Alexander über ihn her: »Auch du, geschäftiger Erdenbewohner, ergehst dich in leeren Worten! Was hat das alles für einen Sinn? Ob nun das Halleluja dreimal ... oder nur zweimal gesungen wird ...« Lukian lächelte ihm zu und ging seinerseits auf die Terrasse hinaus, während sich Alexander an den Kommis wandte und überzeugt sagte: »Sie können mich eben nicht leiden, nein, wirklich nicht! Verziehen sich vor mir wie Rauch im Angesicht des Feuers ...« Der Kommis sah ihn verdrossen an und gab trocken zur Antwort: »Um diese Dinge kümmere ich mich nicht.« Der Mann schien einen Augenblick verwirrt, drückte die Mütze in die Stirn und murmelte: »Wie das ? nicht kümmern? Es sind doch Dinge ... die einfach verlangen, daß man sich um sie kümmert ...« Er blieb eine Weile sitzen, schweigend und mit gesenktem Kopf; dann riefen ihn die beiden Alten, und alle drei gingen, ohne sich zu verabschieden, davon. Dieser Mann war vor mir aufgeflammt wie ein Lagerfeuer in der Nacht, loderte eine Zeitlang fort und erlosch, ließ mich indessen spüren, daß eine Art Wahrheit in seiner Lebensverneinung steckte. Abends suchte ich mir einen passenden Augenblick aus und erzählte dem Obermeister der Ikonenwerkstatt, dem stillen und freundlichen Iwan Larionowitsch, mit vielem Eifer von ihm; er hörte mich an und meinte: »Wird ein Begun sein – es gibt da so eine Sekte, die nichts und niemand anerkennt.« »Wie leben sie denn?« »Sie ziehen auf der Erde umher und fliehen alles – daher auch ihr Name Beguny, die Flüchtenden, die Läufer. Die Erde und alles, was dazugehört, ist etwas Fremdes für uns, behaupten sie, während die Polizei sie als Schädlinge ansieht und einsperrt, wo sie sie kriegt ...« Obwohl es mir bitter genug erging, verstand ich doch nicht, wie man so einfach allem entfliehen könne. Im Leben, das mich umgab, gab es viel Interessantes, ja Anziehendes, und die Erinnerung an Alexander Wassiljew verblaßte sehr rasch. Dennoch sah ich ihn dann und wann in einer schweren Stunde vor mir – er strebte auf einem grauen Pfad über ein Feld zum Wald, stieß den Stock mit einer krampfhaften Bewegung seiner weißen, der Arbeit entwöhnten Hand in den Boden und murmelte vor sich hin: »Ich gehe den rechten Weg, ich nehme nichts an! Wirf die Fesseln ab ...« Neben ihm tauchte in der Erinnerung mein Vater vor mir auf, wie ihn die Großmutter im Traum erblickt hatte – mit einem Haselnußstöckchen in der Hand, gefolgt von einem scheckigen Hund mit hängender Zunge. 13 Die Ikonenwerkstatt war in zwei Zimmern eines großen, zur Hälfte steinernen Hauses untergebracht; das eine Zimmer hatte drei Fenster zum Hof und zwei zum Garten, das andere eins zum Garten und eins zur Straße. Die Fenster waren klein und quadratisch, die Scheiben, regenbogenfarben vor Alter, ließen das zerstreute Licht der Wintertage nur spärlich in die Werkstatt ein. Beide Zimmer stehen voller Tische, an jedem sitzt vornübergebeugt ein Ikonenmaler, an manchem sind es auch zwei. Von den Decken hängen Glaskugeln an Schnüren herab; sie sind mit Wasser gefüllt, sammeln das Licht der Lampe und werfen einen kalten weißen Strahl auf die quadratische Ikonentafel zurück. In der Werkstatt ist es heiß und stickig; etwa zwanzig »Gottespinsler« aus Palech, Cholui, Mstjora arbeiten in ihr; alle sitzen in Baumwollhemden mit aufgeknöpftem Kragen, in Drillichhosen, barfuß oder mit alten Schuhen an den Füßen da. Über den Köpfen der Meister hängt ein graublauer Schleier von verbranntem Machorka, ein schwerer Geruch von Ölfirnis, Lack und faulen Eiern. Langsam wie Teer strömt das schwermütige Wladimirer Lied dahin. »Wie gewissenlos das Volk doch heutzutage ist ? Hat ein Bursch vor allem Volk ein Mägdelein geküßt ...« Man singt auch andere Lieder, die ebenfalls nicht heiter sind, aber dieses am häufigsten. Seine schleppende Melodie hindert nicht zu denken, hindert nicht, mit dem feinen Hermelinpinsel über die Zeichnung hinzugleiten, die Gewänder des »Beiwerks« auszuführen oder den knochigen Gesichtern der Heiligen dünne Leidensfältchen aufzumalen. Draußen vor dem Fenster klirrt der Treibziseleur Gogolew, ein ewig betrunkener alter Mann mit riesiger blauer Nase, mit seinem Hämmerchen; ununterbrochen mischt sich der trockene Klang des Hammers in die träge dahinfließende Melodie – es ist, als nagte im Holz der Wurm. Das Ikonenmalen begeistert niemand; irgendein weiser, böser Mann hat die Arbeit in eine lange Reihe von Vorgängen zerlegt, die der Schönheit beraubt sind und keine Liebe zur Sache, kein Interesse an ihr aufkommen lassen. Der schielende Tischler Panfil, böse und giftig, liefert die gehobelten, fertig zusammengeleimten Zypressen- und Lindenholzbrettchen in den gewünschten Abmessungen bei uns ab; Dawidow, ein schwindsüchtiger Bursche, grundiert sie; sein Arbeitskamerad Sorokin legt den »Lewkas«, ein feines Gips- oder Alabasterpulver, auf; Miljaschin paust mit Bleistift die Zeichnung der Vorlage ab; der alte Gogolew legt die Vergoldungen auf und prägt ihnen die Ornamente ein; die »Dolitschniki«, die Beiwerkmaler, malen die Landschaften und die Gewänder, wonach die Ikone – noch ohne Gesicht und Hände – an der Wand lehnt und auf den »Litschnik«, den Inkarnatmaler, wartet. Die großen, für Bilderwände und Altarraumtüren bestimmten Ikonen wirken, solange sie ohne Gesicht, Hände und Füße an der Wand lehnen, sehr unangenehm – man sieht nur die Metallverkleidung und die kurzen Hemdchen der Erzengel. Von diesen bunt bemalten Tafeln weht einen etwas Totes an; das, was sie beleben sollte, ist nicht vorhanden, es scheint aber, als sei es schon dagewesen und – unter Zurücklassung der schweren Hülle – durch irgendein Wunder entschwunden. Nachdem der »Litschnik« das Inkarnat gemalt hat, wird die Ikone dem Meister übergeben, der das vertiefte Muster der Metallverkleidung mit Email ausfüllt; auch die Inschriften malt ein besonderer Meister, während der Lacküberzug vom Werkstättenleiter, dem stillen Iwan Larionytsch, persönlich besorgt wird. Sein Gesicht ist grau, grau auch das Bärtchen, das aus feinen seidigen Haaren besteht; die grauen Augen wirken sonderbar tief und traurig. Er hat ein angenehmes Lächeln, doch kann man sich nicht entschließen, es zu erwidern – das scheint irgendwie nicht schicklich. Er erinnert an eine Ikone des Säulenheiligen Simeon – ebenso mager und dürr wie er, blickt er mit unbeweglichen Augen abwesend in die Ferne, über Menschen und Wände hin. Wenige Tage nachdem ich meinen Dienst in der Werkstatt angetreten hatte, kam der Meister für Kirchenfahnen, der Donkosak Kapendjuchin, ein hübscher, kraftstrotzender Bursche, betrunken zur Arbeit, biß die Zähne aufeinander, kniff die schmachtenden Weiberaugen zusammen und hieb mit eisernen Fäusten wortlos auf alle ein. Schlank und keineswegs groß, schoß er in der Werkstatt wie ein Kater zwischen Kellerratten umher; die Leute verbargen sich verstört in den Ecken und riefen sich von dort aus zu: »Haut ihn!« Dem Inkarnatmaler Jewgenij Sitanow gelang es schließlich, den wild gewordenen Raufbold außer Gefecht zu setzen er hieb Ihm einen Hocker über den Kopf. Der Kosak setzte sich auf den Fußboden, man warf ihn kurzerhand auf den Rücken und fesselte ihn mit Handtüchern; er biß wie ein wildes Tier auf ihnen herum. Plötzlich geriet Jewgenij außer sich – er stieg auf einen Tisch, drückte die Ellenbogen an die Hüften und schickte sich an, auf den Kosaken hinunterzuspringen; groß und sehnig, wie er war, hätte er durch einen solchen Sprung Kapendjuchin unvermeidlich den Brustkorb eingedrückt, doch in diesem Augenblick tauchte in Mantel und Mütze Larionytsch neben ihm auf, drohte Sitanow mit dem Finger und sagte ruhig und sachlich zu den Meistern: »Schafft ihn in den Flur hinaus, soll er dort zu sich kommen ...« Man schaffte den Kosaken aus der Werkstatt, rückte Tische und Stühle zurecht und machte sich aufs neue an die Arbeit, wobei man kurze Bemerkungen über die Kraft des Arbeitskameraden austauschte und ihm verhieß, er werde früher oder später bei einer Rauferei erschlagen werden. »Den erschlagen ist gar nicht einfach«, sagte Sitanow sehr ruhig, wie man von einer Sache spricht, die man gut kennt. Ich blickte auf Larionytsch und wunderte mich, warum sich diese starken, ungestümen Menschen so willig seinen Worten fügten. Er zeigte allen, wie man zu arbeiten habe, und selbst die besten Meister folgten gern seinem Rat; wortreicher und eifriger als die anderen belehrte er Kapendjuchin: »Du, Kapendjuchin, nennst dich einen Maler, du mußt lebendig malen können, in italienischer Manier! Die Ölmalerei verlangt eine Einheit von warmen Tönen, während du hier allzuviel Bleiweiß aufträgst – die Augen der Muttergottes sind kalt und frostig geworden. Die Wangen sind rot wie Äpfelchen gemalt, die Augen passen nicht zu ihnen. Auch sind sie nicht richtig gemacht – das eine blickt auf die Nasenwurzel, das andere ist näher zur Schläfe gerückt, und das Gesicht erscheint infolgedessen nicht heilig und rein, sondern irdisch und listig. Du bist mit den Gedanken nicht bei der Arbeit, Kapendjuchin.« Der Kosak hört zu und verzieht das Gesicht, dann lächelt er schamlos mit seinen Weiberaugen und entgegnet mit angenehmer, vom Trinken ein wenig heiserer Stimme: »Hach, Iwan Larionytsch, Vater, das ist keine Arbeit für mich. Ich bin zum Musikanten geboren, aber sie stecken mich unter die Mönche!« »Mit Fleiß bewältigt man jede Arbeit.« »Nein, nein, wer bin ich denn? Ich müßte Kutscher sein und ein feuriges Dreigespann lenken, ha ...« Und er stimmt mit vorgewölbtem Adamsapfel verwegen an: »Hei und hach, ich schirre an der dunkelbraunen Gäule feurig Dreigespann, Und hinaus, hinaus in Nacht und Frostgeklirre Zu der Liebsten mein jage ich dann!« Iwan Larionowitsch rückt mit ergebenem Lächeln die Brille auf seiner grauen, melancholischen Nase zurecht und verzieht sich, während ein Dutzend Stimmen einmütig in das Lied einfällt, zu einem mächtigen Strom anschwillt, gleichsam die ganze Werkstatt in die Luft erhebt und sie im Rhythmus des Liedes wiegt. »Altgewohnt die Pferde wissen, Wo die Allerliebste lebt ...« Der Lehrling Paschka Odinzow vergißt das Eigelb abzugießen und führt, eine Eierschale in jeder Hand, mit prächtigem Diskant die zweite Stimme an. Alle sind von den Klängen berauscht und mitgerissen, atmen aus einer Brust, leben aus einem Gefühl, während sie aus den Augenwinkeln auf den Kosaken blicken. Wenn er sang, war er der anerkannte Herr über die Werkstatt; alle waren von ihm gebannt, alle folgten dem ausladenden Schwung seiner Arme – es sah so aus, als wollte er sich in die Luft erheben. Ich bin überzeugt, wenn er mitten im Lied gerufen hätte: »Schlagt zu, haut alles entzwei!« – alle, selbst die gediegensten Meister, hätten mitgemacht; die Werkstatt wäre in Minuten auf den Kopf gestellt worden. Er sang nur selten, doch die Gewalt seiner wilden Lieder war immer gleich sieghaft und unwiderstehlich; so bitter die Leute gestimmt sein mochten – er riß sie mit und entflammte sie, alle spannten sich an, verschmolzen im glühenden Zusammenschluß der Kräfte zu einem einzigen, gewaltigen Klang. Bei mir riefen diese Lieder ein lebhaftes Gefühl des Neids auf den Sänger und seine Macht über die Menschen hervor; etwas unheimlich Bewegendes erfüllte schmerzhaft mein Herz und drohte es zu sprengen; am liebsten hätte ich geweint und den Menschen, die sangen, zugerufen: »Ich liebe euch!« Auch der schwindsüchtige, gelbe Dawidow, überall voller Haarbüschel, öffnete den Mund und nahm eine seltsame Ähnlichkeit mit einem eben ausgeschlüpften Dohlenjungen an. Fröhliche, wilde Lieder wurden nur gesungen, wenn der Kosak sie anstimmte, meist sang man schwermütige, gedehnte wie jenes »vom gewissenlosen Volk«, »Gleich am Wald, am Wäldchen« oder das vom Tode Alexanders I. – »Eines Tags, als Alexander sich begab zur Truppenschau«. Manchmal versuchte man auf Vorschlag Shicharews, des besten Inkarnatmalers unserer Werkstatt, Geistliches zu singen, doch das gelang nur selten. Shicharew war stets darauf aus, eine besondere, ihm allein vorschwebende Harmonie zu erreichen, und störte alle beim Singen. Er war ein Mann von etwa fünfundvierzig Jahren, mager, mit beinah kahlem, von einem Halbkreis schwarzen, zigeunerhaften Kraushaars umgebenem Schädel und schwarzen Augenbrauen, dick wie ein Schnurrbart. Das dichte, spitze Bärtchen paßte gut zu seinem dunklen, schmalen Gesicht, während der harte Schnurrbart, der unter der Hakennase starrte, bei seinen Brauen überflüssig schien. Die blauen Augen waren ungleich ? das linke merklich größer als das rechte. »Paschka«, rief er mit Tenorstimme meinem Lehrkameraden zu, »stimme doch mal das ›Rühmet‹ an! Hört zu, Leute!« Paschka wischte sich die Hände an der Schürze ab und intonierte: »Rüüühmet!« »... den Namen des Herrn«, fielen mehrere Stimmen ein, während Shicharew aufgeregt dazwischenrief: »Jewgenij, tiefer! Senk deine Stimme bis auf den Grund der Seele ...« Sitanow klagt dumpf, als schlüge er an ein Faß: »Ihr Knechte Gottes ...« »Nicht sooo! Hier muß man einfallen, daß die Erde erbebt und Fenster und Türen aufspringen!« Shicharew zuckt in unverständlicher Erregung an allen Gliedern, seine erstaunlichen Brauen heben und senken sich, die Stimme versagt, die Finger gleiten wie über unsichtbare Guslisaiten hin. »Knechte Gottes – verstehst du?« sagt er bedeutungsschwer. »Das muß man durch alle Schale hindurch in seinem Herzen erfassen. ›Knechte, rühmet den Herrn!‹ Wieso begreift ihr das nicht, die ihr lebendige Menschen seid?« »Das kommt bei uns, wie Sie wissen, nie recht heraus«, bemerkt Sitanow höflich. »Also gut, lassen wir es!« Shicharew macht sich gekränkt an seine Arbeit. Er ist der Beste unter den Meistern, er kann die Gesichter byzantinisch, flämisch oder »lebensnah«, in italienischer Art, malen. Wenn Larionytsch einen Auftrag für einen »Ikonostas« eine Bilderwand, entgegennimmt, berät er sich mit ihm – Shicharew ist ein feiner Kenner der Originale, alle teuren Kopien von wundertätigen Ikonen gehen durch seine Hand – die der »Feodorowskaja«, der Muttergottes von Smolensk, der von Kasan und vielen anderen. Dennoch brummt er, während er in den Vorlagen wählt, laut vor sich hin: »Alle diese Vorlagen engen uns nur ein. Man muß es unumwunden sagen sie engen uns ein!« Trotz seiner wichtigen Stellung in der Werkstatt ist er weniger anmaßend als die anderen und behandelt uns Lehrlinge – mich und Pawel – freundlich; er will uns das Handwerk beibringen – damit gibt sich sonst niemand ab. Er ist nicht leicht zu verstehen; auch sonst ist er nicht gerade heiter und arbeitet manchmal die ganze Woche hindurch wortlos wie ein Stummer; erstaunt und fremd blickt er alle an, auch Menschen, die er gut kennt, als sähe er sie zum ersten Male. Obwohl er Gesang sehr liebt, singt er an solchen Tagen nicht mit und scheint die Lieder nicht einmal zu hören. Alle beobachten ihn und zwinkern einander zu. Er beugt sich über die schräg gestellte Ikone, die Tafel steht, mit der Mitte an den Tischrand gelehnt, auf seinen Knien, der feine Pinsel führt sorgsam ein dunkles, fremd wirkendes Antlitz aus, und auch er selbst wirkt dunkel und fremd. Plötzlich sagt er deutlich und gekränkt: »Der Vorläufer – was ist das? Der, der Christus voranging, und nichts anderes ...« Die Werkstatt verstummt, alle schielen spöttisch zu ihm hinüber, während in der Stille die seltsamen Worte klingen: »Man muß ihn nicht im Schaffell malen, sondern mit Flügeln ...« »Mit wem redest du?« fragt man ihn. Er schweigt, er hat die Frage nicht gehört, oder er will nicht antworten, bis dann aufs neue seine Worte in die erwartungsvolle Stille fallen: »Man müßte die Heiligenlegenden kennen, aber wer kennt sie? Was wissen wir denn? Wir leben ohne Schwingen ... Wo bleibt die Seele? Wo? Vorlagen – ja! – die haben wir. Aber das Herz fehlt ...« Diese laut ausgesprochenen Gedanken rufen bei allen außer Sitanow ein spöttisches Lächeln hervor; fast immer wird schadenfroh geflüstert: »Am Sonnabend fängt er wieder zu trinken an ...« Der lange, sehnige Sitanow, ein junger Mann von zweiundzwanzig Jahren, mit rundem Gesicht ohne Brauen und Schnurrbart, starrt ernst und traurig in die Ecke. Ich erinnere mich, wie Shicharew, nachdem er eine Kopie der Muttergottes »Feodorowskaja«, wenn ich nicht irre – für Kungur, beendet hatte, die Ikone auf den Tisch legte und bewegt, mit lauter Stimme sagte: »Fertig das Mütterchen! Du bist wie ein Kelch, eine bodenlose Schale, in die nunmehr die bitteren Herzenstränen der Menschen fließen werden ...« Und er warf sich den ersten besten Mantel um und ging in die Kneipe. Die Jugend lachte und pfiff, die älteren Leute seufzten ihm neidisch nach, während Sitanow auf die Arbeit zutrat, sie aufmerksam ansah und erklärte: »Natürlich, er wird jetzt trinken, weil es ihm leid tut, die Arbeit fortzugeben. Das begreift nicht jeder ...« Shicharews Trunksuchtsanfälle begannen immer sonnabends. Es waren wohl nicht die üblichen Anfälle eines dem Alkohol verfallenen Handwerkers; es fing damit an, daß er morgens einen Zettel schrieb und Pawel mit diesem Zettel losschickte; vor dem Mittagessen sagte er dann zu Larionytsch: »Ich gehe heute ins Dampfbad!« »Für lange?« »Nun, mein Gott ...« »Bitte jedenfalls nicht länger als bis Dienstag!« Shicharew nickte zum Zeichen seines Einverständnisses mit dem kahlen Schädel, seine Brauen zitterten. Aus dem Dampfbad zurückgekehrt, warf er sich in Schale, legte Chemisett und Halstuch an, ließ eine lange Silberkette über die Atlasweste fallen und fuhr schweigend davon, nachdem er mir und Pawel befohlen hatte: »Räumt zum Abend schön sauber auf; wascht und scheuert den großen Tisch!« Alle kamen in eine feiertägliche Stimmung, alle strafften sich, säuberten sich, liefen ins Dampfbad und aßen in aller Eile zu Abend; nach dem Abendessen aber tauchte Shicharew mit Imbißtüten, Bier und Wodka auf, in seinem Gefolge eine Frau, deren Dimensionen fast schon unförmig wirkten. Sie mag zwei Arschin zwölf Werschok groß sein, alle unsere Stühle und Hocker werden zu Spielzeug, selbst der lange Sitanow erscheint wie ein Halbwüchsiger neben ihr. Sie ist sehr gut gebaut, nur ragt der Busen wie ein Hügel zum Kinn empor, und die Bewegungen sind ungeschickt und langsam. Sie mag über vierzig sein, aber ihr rundes, unbewegliches Gesicht mit den riesigen Pferdeaugen ist frisch und glatt, der kleine Mund scheint aufgemalt wie bei einer billigen Puppe. Sie streckt uns mit geziertem Lächeln die breite, warme Hand entgegen und macht allerlei unnütze Worte: »Guten Tag! Kalt ist es heute. Wie dumpf es hier riecht! Es riecht nach Farbe. Guten Tag!« Ruhig und stark wie ein großer, wasserreicher Strom, ist sie angenehm anzuschaun, doch ihre Reden haben etwas Einschläferndes, sind alle unnötig und ermüden. Sie bläst, bevor sie ein Wort sagt, die ohnehin runden, feuerroten Wangen auf. Die Jugend schmunzelt und raunt sich zu: »So eine Maschine!« – »Der reinste Glockenturm!« Die Lippen zierlich geschürzt, die Arme unter den Brüsten verschränkt, setzt sie sich neben den Samowar an den gedeckten Tisch und blickt alle der Reihe nach gutmütig mit ihren Pferdeaugen an. Alle behandeln sie respektvoll, die Jugend fürchtet sich sogar ein wenig vor ihr; da blickt ein Jüngling gierig auf diesen üppigen Körper, senkt aber, wenn sein Blick ihrem gleichsam umarmenden Blick begegnet, verlegen die Augen. Auch Shicharew ist zu seinem Besuch sehr höflich, sagt zu ihr »Sie«, nennt sie Gevatterin, verneigt sich tief, wenn er ihr etwas anbietet. »So bemühen Sie sich doch nicht«, sagt sie süßlich-gedehnt, »wirklich, Sie bringen sich noch um!« Sie selbst rührt sich nicht viel, ihre Arme bewegen sich nur vom Ellenbogen an, die Ellenbogen selbst sind an die Seiten gepreßt. Sie strömt eine Art Alkoholgeruch aus ? wie heißes Brot. Der alte Gogolew ergeht sich, vor lauter Begeisterung stotternd, in Lobeshymnen auf die Frauenschönheit – als verläse ein Psalmensänger die Lobeshymnen auf die Heilige Jungfrau, während sie zuhört, wohlwollend lächelt und, als er sich schließlich ganz in seinen Worten verstrickt, über sich selber sagt: »Wir sind als junges Mädchen keineswegs hübsch gewesen, das ist uns erst später zugeflogen, als wir zur Frau wurden. Mit dreißig Jahren waren wir so bemerkenswert, daß sich selbst Männer vom Adel für uns interessierten. Ein Kreismarschall hat uns einen doppelspännigen Wagen versprochen ...« Kapendjuchin, zerzaust und angeheitert, sieht sie haßerfüllt an und fragt in grobem Ton: »Versprochen? Ja, wofür denn?« »Für unsere Liebe natürlich«, .erläutert sie. »Liebe«, murmelt Kapendjuchin und wird verlegen, »was heißt hier Liebe?« »Sie, ein stattlicher junger Mann, werden das alles sicher gut kennen«, entgegnet sie schlicht. Die Werkstatt biegt sich vor Lachen, während Sitanow Kapendjuchin ins Ohr brummt: »Eine dumme Gans, wenn nicht schlimmer! So eine kann man, wie jeder versteht, nur lieben, wenn man sehr einsam ist.« Er wird vom Wodka blaß, auf seinen Schläfen treten Schweißperlen hervor, erregt glühen die klugen Augen. Der alte Gogolew aber wiegt die häßliche Nase, wischt mit den Fingern die Tränen aus seinen Augen und fragt: »Wie viele Kinderchen hast du gehabt?« »Eins, mehr hatten wir nicht ...« Über dem Tisch hängt eine Lampe, hinter der Ofenecke eine zweite. Sie geben nur wenig Licht, in den Ecken sammeln sich tiefe Schatten, und unvollendete Gestalten ohne Köpfe sehen aus ihnen hervor. Die ausgesparten grauen Flecken anstelle der Hände und Köpfe haben etwas Unheimliches – stärker als sonst will einem scheinen, die Körper dieser Heiligen seien auf geheimnisvolle Weise aus ihren bunten Kleidern, aus diesem Kellerraum entschwunden. Die Glaskugeln sind bis an die Decke hochgezogen, hängen an ihren Haken und schimmern bläulich in einem Wölkchen von Rauch. Shicharew streicht unruhig um den Tisch herum und bemüht sich um die Gäste; sein kahler Schädel neigt sich bald dem, bald jenem zu, immerfort spielen die schlanken Finger. Er scheint magerer geworden, die Habichtnase zeichnet sich schärfer ab; wenn er seitlich zum Licht steht, fällt ein schwarzer Schatten von ihr auf seine Wange. »Eßt, Freunde, trinkt«, sagt er mit seinem klangvollen Tenor. Die Frau, auf Haushalten bedacht, ermahnt ihn in singendem Tonfall: »Weshalb, Gevatter, bringen Sie sich um? Jeder hat seine Hand und seinen Appetit; mehr, als er mag, kann niemand essen!« »Feiert, Leute!« ruft Shicharew angeregt. »Wir alle, meine Freunde, sind Knechte Gottes, kommt, singen wir ›Rühmet den Namen‹ ...« Mit dem Singen will es nichts werden; alle sind vom Essen erschlafft, alle berauscht vom Wodka. In Kapendjuchins Händen blitzt eine doppeltourige Harmonika, der junge Wiktor Salantin, schwarz und ernst gleich einem Krähenjungen, hat sich die Schellentrommel gegriffen und fährt mit dem Finger auf ihr herum – das straff gespannte Fell beginnt dumpf zu summen, übermütig klirren die Schellen. »Einen »Rrrussischen!« kommandiert Shicharew. »Gevatterin, darf ich bitten!« »Ach«, seufzt die Frau und erhebt sich, »Sie bringen sich noch um!« Sie tritt an eine freie Stelle vor und steht unerschütterlich da wie eine Kapelle. Sie trägt einen weiten braunen Rock und eine gelbe Batistbluse, dazu ein feuerrotes Kopftuch. Aufreizend plärrt die Harmonika, die Glöckchen an ihr klingeln, die Schellen klirren; das Fell der Schellentrommel gibt ein schweres, dumpf seufzendes Dröhnen von sich; das hört sich unangenehm an – als hätte ein Mensch den Verstand verloren und schlüge, stöhnend und schluchzend, mit dem Kopf gegen die Wand. Shicharew kann nicht tanzen, er trippelt einfach dahin, stampft hier und da mit dem Absatz des blitzblank polierten Stiefels und springt umher wie ein Bock – alles gegen den Takt der aufreizenden Musik. Es ist, als hätte er fremde Beine, der Körper ist unschön verrenkt, er zappelt wie eine Wespe im Spinngewebe oder der Fisch im Netz – das anzusehen macht nicht froh. Doch alle, selbst die Betrunkenen, sehen seinen Zuckungen aufmerksam zu, alle verfolgen schweigend sein Gesicht und seine Hände. Shicharews Mienenspiel ist erstaunlich – bald scheint er freundlich und verwirrt, dann plötzlich stolz und finster; er wundert sich über etwas, staunt, schließt eine Sekunde lang die Augen, öffnet sie wieder und – ist traurig. Er ballt die Fäuste, schleicht auf die Frau zu, stampft plötzlich mit dem Fuß und sinkt vor ihr auf die Knie, die Arme weit ausgebreitet, die Brauen gewölbt, mit einem herzlichen Lächeln. Sie blickt wohlwollend auf ihn herab und mahnt gelassen: »Sie werden sich überanstrengen, Gevatter!« Sie versucht, gerührt die Augen zu schließen, doch diese Augen, groß wie Dreikopekenstücke, klappen einfach nicht zu, und ihr Gesicht verzieht sich, nimmt einen unangenehmen Ausdruck an. Auch sie versteht nichts vom Tanzen; sie wiegt nur langsam den wuchtigen Körper hin und her und bewegt sich geräuschlos von einer Stelle zur anderen. In ihrer linken Hand hält sie ein Tüchlein, mit dem sie sich träge zufächelt; die rechte ist in die Hüfte gestemmt ? das erinnert an einen riesigen Krug. Und Shicharew umkreist dieses steinerne Götzenbild und wechselt ständig die Miene – es ist, als tanzte nicht einer, als wären es zehn, und alle verschieden; der erste still und ergeben, der zweite böse und schreckenerregend; der dritte fürchtet sich vor etwas und versucht unter leisem Seufzen, der großen, unangenehmen Frau zu entgehen. Dann taucht noch ein vierter auf – er bleckt die Zähne und verrenkt sich wie ein verwundeter Hund. Dieser langweilige, unschöne Tanz macht mich trübsinnig und weckt ungute Erinnerungen an die Soldaten, Wäscherinnen, Köchinnen und an die »Hundehochzeiten« in mir. Ich denke an Sidorows leise Worte: »In diesen Dingen machen sich alle etwas vor, es ist nun einmal so eine Sache, alle schämen sich, keiner liebt jemand, alles nur Flausen ...« Ich kann nicht glauben, daß »sich alle in diesen Dingen etwas vormachen«. Und die Königin Margot? Auch Shicharew macht natürlich niemand etwas vor. Ich weiß, daß Sitanow ein »lockeres« Mädchen liebt und sich eine häßliche Krankheit bei ihr geholt hat, aber er schlägt sie nicht dafür, wie ihm die Kameraden raten, sondern hat ein Zimmer für sie gemietet, sorgt für ärztliche Behandlung und spricht stets ungewöhnlich zärtlich und etwas verlegen von ihr. Die Riesin wiegt sich weiter mit leblosem Lächeln und fächelt sich mit ihrem Tüchlein; Shicharew springt krampfhaft um sie herum, ich sehe zu, und frage mich: Hat Eva, die den Herrgott täuschte, so ausgesehen wie dieses Pferd? Ein Gefühl, das an Haß erinnert, kommt in mir auf. Von den Wänden blicken antlitzlose Ikonen, an die Fensterscheiben schmiegt sich die dunkle Nacht. Matt leuchten die Lampen in der stickigen Luft der Werkstatt; hört man genauer hin, dann klingt durch das schwere Stampfen, durch das Lärmen der Stimmen ein hastiges Tropfen – aus dem kupfernen Behälter tropft in den Spülichtkübel Wasser. Wie wenig alles das dem Leben ähnelt, von dem ich in den Büchern gelesen habe! Unheimlich wenig. Alle beginnen sich schließlich zu langweilen. Kapendjuchin drückt die Harmonika Salantin in die Hand und ruft: »Spiel du! Mach ihnen Dampf!« Er tanzt wie Wanka Zygan – als flöge er dahin; dann wirbeln verwegen und gewandt Pawel Odinzow und Sorokin umher; auch der schwindsüchtige Dawidow bewegt die Beine – er schleppt sich über den Fußboden hin und hustet von all dem Staub und Qualm, vom scharfen Geruch des Wodkas und der Räucherwurst – der Geruch der Räucherwurst erinnert mich immer an frisch gegerbte Häute. Man tanzt, man singt, man lärmt, aber jedermann bleibt sich bewußt, daß man sich zu vergnügen hat – es ist, als lege man voreinander eine Prüfung ab, eine Prüfung in Geschicklichkeit und Ausdauer. Der angeheiterte Sitanow wendet sich bald an den, bald an jenen: »Kann man so eine lieben? Wie?« Man hat das Gefühl, er werde jeden Augenblick in Tränen ausbrechen. Larionytsch zuckt die spitzen, knochigen Schultern und entgegnet: »Eine Frau wie alle anderen. Was willst du eigentlich?« Die, von denen gesprochen wird, sind unbemerkt verschwunden. Shicharew wird in zwei, drei Tagen in die Werkstatt zurückkehren, rasch das Dampfbad aufsuchen und seine zwei Wochen hindurch schweigend, entrückt und allen fremd in seiner Ecke arbeiten. »Sie sind fort?« fragt Sitanow sich selbst und blickt sich mit traurigen, blaugrauen Augen in der Werkstatt um. Sein Gesicht wirkt unschön, irgendwie greisenhaft, doch die Augen sind klar und voller Güte. Sitanow behandelt mich als Freund – das verdanke ich dem dicken Heft, in dem ich Gedichte festhalte. Er glaubt nicht an Gott; überhaupt läßt sich schwer sagen, wer – von Larionytsch abgesehen – an Gott glaubt und ihn liebt; alle reden leichtfertig, ja spöttisch über ihn – so, wie sie von der Inhaberin reden. Dennoch schlagen sie ein Kreuz, wenn sie sich zum Mittag- oder Abendessen niedersetzen, beten, bevor sie sich schlafen legen, und gehen feiertags zur Kirche. Alles das tut Sitanow nicht, und alle halten ihn für einen Gottlosen. »Es gibt keinen Gott«, behauptet er. »Wo kommt denn alles her?« »Das weiß ich nicht ...« Als ich ihn einmal fragte, wieso denn das möglich sei – keinen Gott, erklärte er es mir so: »Siehst du, Gott – das ist dort oben!« Und er hielt den langen Arm hoch über seinen Kopf, ließ ihn dann bis auf einen Arschin über dem Fußboden sinken und sagte: »Der Mensch – das ist hier unten! Stimmt's? Dabei steht aber geschrieben: ›Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn‹, wie dir bekannt sein wird! Und wem gleicht Gogolew?« Das wirft mich um – der schmutzige, ewig betrunkene Gogolew huldigt trotz seines Alters der Sünde des Onan; ich denke an den Soldaten aus Wjatka, an Jermochin, an Großmutters Schwester – was ist Gottähnliches an ihnen? »Die Menschen sind, wie dir bekannt sein wird, Schweine«, sagt Sitanow, versucht mich aber gleich darauf zu trösten: »Macht nichts, Maximytsch, es gibt auch gute unter ihnen, ja doch, das gibt es!« Mit ihm fühlt man sich einfach und unbeschwert. Wenn er etwas nicht weiß, gesteht er offen ein: »Das weiß ich nicht, darüber habe ich nicht nachgedacht!« Auch das ist ungewöhnlich – bevor ich ihm begegnete, habe ich immer nur Menschen gesehen, die alles wußten und über alles redeten. Es befremdet mich, in seinem Notizheft neben guten Gedichten, die an die Seele rühren, auch viele schmutzige Verse zu finden, daß man sich einfach schämen muß. Als ich von Puschkin zu ihm sprach, wies er mich auf die »Gabrieliade« hin, deren Abschrift er in seinem Heft bewahrte. »Wer ist schon Puschkin? Nichts weiter als ein Spaßmacher, Maximytsch, beachtet zu werden verdient vor allem Benediktow!« Er schloß die Augen und rezitierte mit leiser Stimme: »Schau her – des wunderschönen Weibes Entzückend hinreißende Brust ...« Und er hob mit stolzer Freude aus irgendeinem Grunde besonders die drei folgenden Zeilen hervor: »Doch auch des Adlers scharfe Blicke Vermögen durch der Schlösser Tücke Nicht bis ins Herz hinein zu dringen ...« »Verstehst du?« Es war mir sehr peinlich, zuzugeben, daß ich nicht recht verstand, worüber er sich freute. 14 Meine Pflichten in der Werkstatt waren unkompliziert; morgens, solange alle hoch schliefen, hatte ich für die Meister den Samowar anzuheizen; während sie in der Küche Tee tranken, räumten Pawel und ich die Werkstatt auf und trennten Eigelb von Eiweiß zum Anrühren der Farben; dann ging ich in den Laden. Abends mußte ich Farben reiben und mir das Handwerk »näher ansehen«. Ich tat es anfangs mit großem Interesse, merkte aber schon bald, daß fast alle, die sich mit dieser in Teile zerlegten Kunst befaßten, sie nicht liebten und unter quälender Langeweile litten. Danach war ich frei; ich erzählte den Leuten vom Leben auf dem Dampfer oder Geschichten aus Büchern und erlangte unmerklich für mich selbst in der Werkstatt eine Sonderstellung – die eines Vorlesers und Erzählers. Ich begriff bald, daß alle diese Menschen weniger gesehen hatten und wußten als ich; fast jeder war von Kindheit an in den engen Käfig des Handwerks gesperrt worden und saß seither in ihm fest. Shicharew war als einziger aus der ganzen Werkstatt in Moskau gewesen, von dem er finster und lehrhaft zu sagen pflegte: »Moskau glaubt keinem die Tränen, dort muß man auf der Hut sein!« Alle übrigen hatten nicht weiter als bis nach Schuja oder Wladimir gefunden; wenn die Rede auf Kasan kam, wurde ich gefragt: »Leben dort auch viele Russen? Und gibt es auch Kirchen?« Perm lag für sie in Sibirien; sie glaubten nicht, daß Sibirien erst hinter dem Ural beginne. »Wo kommen die Uralzander und Uralstöre denn her? Vom Kaspischen Meer! Der Ural liegt also am Meer!« Manchmal glaubte ich, sie machten sich über mich lustig, wenn sie behaupteten, England liege hinter dem Ozean und Bonaparte stamme aus dem Kalugaer Adel. Wenn ich von Dingen erzählte, die ich mit eigenen Augen gesehen hatte, glaubten sie mir nicht recht, dafür liebten sie aber allerlei wirre Geschichten und schreckliche Märchen; selbst die älteren Leute zogen Erfundenes der Wahrheit vor; ich sah sehr wohl, daß man mir desto aufmerksamer lauschte, je unwahrscheinlicher die Handlung, je mehr Phantasie in einer Erzählung war. Überhaupt beschäftigte sie die Wirklichkeit nicht, alle blickten grüblerisch in die Zukunft, wollten die Armseligkeit und Häßlichkeit der Gegenwart nicht sehen. Das wunderte mich um so mehr, als ich die Widersprüche zwischen Leben und Buch bereits recht deutlich fühlte; da standen lebendige Menschen vor mir, die es in den Büchern nicht gab – weder Smuryj noch den Heizer Jakow, den »Begun« Alexander Wassiljew, Shicharew oder die Wäscherin Natalja ... In Dawidows Truhe fanden sich ein paar zerfetzte Bücher – Erzählungen von Golizinskij, Bulgarins »Iwan Wyshigin« und ein Bändchen vom Baron Brambeus; ich las alles das vor, es gefiel, und Larionytsch sagte: »Vorlesen verhindert Streit und Lärm – das ist nur gut!« Ich sah mich eifrig nach Büchern um, fand auch welche und las fast jeden Abend vor. Das waren schöne Abende; in der Werkstatt herrscht eine Stille wie in der Nacht, über den Tischen hängen die Glaskugeln – kalte weiße Sterne, deren Strahlen die zottigen oder kahlen, über die Tische geneigten Köpfe erhellen; ich sehe in ruhige, nachdenkliche Gesichter, und gelegentlich erklingt ein Wort des Lobes für den Verfasser oder den Helden des Buchs. Die Menschen sind aufmerksam und sanft, daß man sie kaum wiedererkennt; ich habe sie in diesen Stunden sehr lieb, und auch sie sind mir gut; ich fühle mich am rechten Platz. »Mit den Büchern ist es bei uns auf einmal geworden wie im Frühjahr, wenn man die Winterrahmen herausnimmt und sich zum erstenmal die Fenster ins Freie öffnen«, sagte eines Tages Sitanow. Die Bücher zu beschaffen war schwer; auf den Gedanken, einer Leihbibliothek beizutreten, kamen wir nicht, aber ich setzte mich trotzdem durch – ich bettelte überall um Bücher wie um ein Almosen. Eines Tages gab mir ein Brandmeister von der Feuerwehr einen Band Lermontow; und plötzlich verspürte ich die Macht der Dichtkunst, ihren gewaltigen Einfluß auf die Menschen. Ich erinnere mich, daß Sitanow gleich nach den ersten Zeilen des »Dämon« einen Blick in das Buch warf, mir ins Gesicht sah, den Pinsel aus der Hand legte und sich, die längen Arme auf den Knien, lächelnd zu wiegen begann. Der Stuhl unter ihm knarrte. »Leise, Freunde«, sagte Larionytsch, unterbrach ebenfalls seine Arbeit und trat an Sitanows Tisch, an dem ich las. Das Poem versetzte mich in eine süße Qual, meine Stimme versagte, Tränen traten in meine Augen, ich konnte die Zeilen schlecht sehen. Aber noch mehr erregte mich, daß sich die ganze Werkstatt vorsichtig und gedämpft bewegte, schwerfällig hin und her warf und, wie von einem Magneten angezogen, auf mich zustrebte. Als ich den ersten Teil beendet hatte, standen fast alle um meinen Tisch herum, eng aneinandergedrückt, umschlungen, die einen lächelnd, andere mit düsterem Gesicht. »So lies schon, lies«, sagte Shicharew und drückte meinen Kopf hinunter aufs Buch. Nachdem ich zu Ende gelesen hatte, nahm er das Buch an sich, sah sich den Titel an, steckte es unter den Arm und erklärte: »Das muß man ein zweites Mal lesen! Du liest es uns morgen noch einmal vor. Das Buch nehme ich in Verwahrung.« Er ging beiseite, verschloß den Lermontow in einem Schubfach seines Tisches und machte sich an die Arbeit. In der Werkstatt war es still, jeder ging leise an seinen Tisch; Sitanow trat ans Fenster, drückte die Stirn an die Scheibe und erstarrte, während Shicharew aufs neue den Pinsel aus der Hand legte und mit fester Stimme sagte: »Das nenne ich ein Heiligenleben, ja, Knechte Gottes ... ja!« Er zog die Schultern hoch, verbarg den Kopf und fuhr fort: »Den Dämon könnte ich sogar malen – am Körper schwarz und zottig, die Flügel feuerrot – mit Mennige, das Gesicht aber, Hände und Füße bläulichweiß wie, sagen wir, in einer Mondnacht der Schnee.« Er drehte sich bis zum Abendessen unruhig auf seinem Hocker hin und her, was bei ihm sonst nicht vorkam, spielte mit den Fingern und redete allerlei Unverständliches über den Dämon, die Frauen, Eva und das Paradies und wie die Heiligen alle gesündigt hätten. »Das alles ist wahr!« behauptete er. »Wenn sich die Heiligen mit sündigen Frauen einlassen, schmeichelt es natürlich dem Dämon, mit einer reinen Seele zu sündigen ...« Man hörte ihm schweigend zu; offenbar hatte niemand Lust, etwas zu sagen – ich auch nicht. Gearbeitet wurde ungern, man sah in einem fort nach der Uhr und legte, als es neun war, die Arbeit einmütig aus der Hand. Sitanow und Shicharew gingen auf den Hof hinaus; ich folgte ihnen. Dort sagte Sitanow, den Blick zum Himmel gewandt: »... Den rings versäten Sternenfunken Nachfolgend auf dem Wanderzug ... auf so etwas muß man kommen!« »Ich habe von allem kein Wort behalten«, bemerkte Shicharew und erschauerte in der eisigen Kälte. »Ich kann mich an nichts erinnern, aber ihn sehe ich vor mir! Es ist erstaunlich – ein Mensch läßt uns den Teufel bemitleiden! Er tut dir doch leid?« »Gewiß«, gab Sitanow zu. Und Shicharew – das bleibt mir unvergeßlich – rief aus: »Da sieht man, was es bedeutet – ein Mensch!« Im Flur ermahnte er mich: »Maximytsch, sag niemandem im Laden etwas von diesem Buch! Es ist natürlich eines von den verbotenen!« Ich freute mich – nach solchen Büchern also hatte mich während der Beichte der Geistliche gefragt! Das Abendessen verlief matt, ohne den üblichen Lärm, ohne das übliche Stimmengewirr, als sei etwas Wichtiges geschehen, über das man hartnäckig nachdenken müsse. Nach dem Abendessen aber, als alle sich schlafen legten, holte Shicharew das Buch hervor und sagte zu mir: »Hier, lies es noch einmal vor! Aber langsam, ohne dich zu beeilen ...« Mehrere Mann erhoben sich schweigend von den Betten, traten auf den Tisch zu und ließen sich um ihn herum nieder – ausgezogen, mit untergeschlagenen Beinen. Als ich fertig war, sagte Shicharew, während er mit den Fingern auf dem Tisch trommelte, aufs neue: »Das nenne ich ein Heiligenleben! Ach, der Dämon, der Dämon ... So etwas, Freunde, wie?« Sitanow beugte sich über meine Schulter, las etwas nach, lachte und sagte: »Das schreib ich mir ab, in mein Heft ...« Shicharew erhob sich, ging mit dem Buch zu seinem Tisch, blieb aber stehen und sagte plötzlich gekränkt, mit zitternder Stimme: »Da leben wir dahin wie blinde junge Hunde, wissen von nichts, weder Gott noch der Teufel braucht uns! Was sind wir schon für Knechte Gottes? Hiob war einer, der Herrgott selber hat zu ihm gesprochen! Zu Moses auch! Auch er war ein Mann Gottes. Und wessen sind wir? ...« Er schloß das Buch ein, zog sich an und fragte Sitanow: »Kommst du mit in die Kneipe?« »Ich gehe zu der Meinen«, entgegnete mit leiser Stimme Sitanow. Als sie fort waren, legte ich mich neben Pawel Odinzow auf den Fußboden in der Nähe der Tür. Er drehte sich lange hin und her, schnaufte und brach plötzlich in leises Weinen aus. »Was hast du?« »Sie tun mir alle so schrecklich leid«, sagte er, »ich lebe doch schon das vierte Jahr mit ihnen und kenne sie alle ...« Auch ich empfand Mitleid mit diesen Menschen; wir konnten lange nicht einschlafen, unterhielten uns im Flüsterton über sie und fanden an jedem einzelnen etwas Gutes, gewisse Züge von Herzensgüte heraus, an allen zusammen etwas, das unser kindliches Mitleid mit ihnen noch mehr vertiefte. Mit Pawel Odinzow verstand ich mich sehr gut; er hat sich später zu einem tüchtigen Meister entwickelt, hielt aber nicht durch und fing mit dreißig Jahren sinnlos zu trinken an; ich traf ihn dann als Stromer auf dem Chitrowo-Markt in Moskau und hörte vor kurzem, er sei an Typhus gestorben. Schrecklich, daran zu denken, wie viele gute Menschen ich im Laufe meines Lebens sinnlos zugrunde gehen sah! Alle Menschen nutzen sich ab und sterben, das ist nur natürlich, aber sie nutzen sich nirgends so furchtbar rasch, so sinnlos ab wie bei uns in Rußland ... Damals war Pawel ein Junge mit rundem Kopf, etwa zwei Jahre älter als ich, lebhaft, aufgeweckt, ehrlich und auch begabt – er konnte gut Vögel, Katzen und Hunde zeichnen und fertigte erstaunlich treffende Karikaturen von den Meistern an, die er immer gefiedert darstellte. Sitanow als traurige Schnepfe auf einem Bein, Shicharew als Hahn ohne Kamm und Federn am Kopf, den kranken Dawidow als unheimlichen Kiebitz. Am besten jedoch gelang ihm der alte Treibziseleur Gogolew, dem er die Gestalt einer Fledermaus mit großen Ohren, ironischer Nase und kleinen Füßen mit je sechs Krallen gab. Aus dem runden, dunklen Gesicht blickten die weißen Scheiben der Augen, deren Pupillen an Linsenkörner erinnerten und quer zu den Augen standen – das gab dem Gesicht einen lebendigen und sehr gemeinen Ausdruck. Die Meister waren nicht gekränkt, wenn Pawel ihnen die Karikaturen zeigte, nur die auf Gogolew rief bei allen einen unangenehmen Eindruck hervor, so daß man dem Zeichner ernstlich riet: »Die solltest du lieber zerreißen, sonst kriegt sie der Alte zu sehen und verhaut dich!« Der schmierige, faulige, ewig betrunkene Alte war aufdringlich fromm und unerschütterlich boshaft; er verleumdete die ganze Werkstatt beim Kommis, den die Inhaberin mit ihrer Nichte verheiraten wollte und der sich bereits als Herr des ganzen Hauses und der Bewohner fühlte. Die Werkstatt haßte und fürchtete ihn, sie fürchtete sich deshalb auch vor Gogolew. Pawel setzte dem Treibziseleur erbarmungslos zu, als hätte er sich das Ziel gesteckt, Gogolew keinen Augenblick in Ruhe zu lassen. Ich half dabei nach Kräften, die Werkstatt ergötzte sich an unseren Streichen – sie waren fast immer grob und mitleidslos –, warnte uns aber auch: »Nehmt euch in acht, Jungen! Kuska der Käfer wirft euch hinaus!« Kuska der Käfer – diesen Spitznamen hatte in der Werkstatt der Kommis bekommen. Die Warnungen schreckten uns nicht, wir beschmierten dem Ziseleur, während er schlief, das Gesicht; einmal, als er betrunken dalag, vergoldeten wir ihm die Nase – er wurde das Gold, das tief in den Poren festsaß, drei Tage lang nicht los. Dennoch mußte ich jedesmal, wenn wir den Alten geärgert hatten, an den Dampfer und an den kleinen Soldaten aus Wjatka denken, und meine Stimmung trübte sich. Außerdem war Gogolew trotz seines Alters immerhin noch so stark, daß er oft genug überraschend über uns herfiel und uns verprügelte; danach beklagte er sich dann bei der Inhaberin. Auch sie war jeden Tag angeheitert und darum immer gutmütig und vergnügt; sie versuchte uns einzuschüchtern, trommelte mit den geschwollenen Händen auf dem Tisch herum und fuhr uns an: »Schon wieder habt ihr ihm einen Streich gespielt, ihr Teufel? Er ist schließlich ein alter Mann und verdient, daß man ihn achtet! Wer hat ihm Photogen ins Wodkaglas gegossen?« »Das waren wir ...« Die Inhaberin schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Du meine Güte, sie geben es auch noch zu! Hach, ihr verdammten Buben ... Man muß das Alter ehren!« Sie wies uns aus dem Zimmer und beklagte sich abends beim Kommis, der mich dann ärgerlich zurechtwies: »Wie ist denn das möglich – du liest Bücher, liest sogar die Heilige Schrift und dann dieser Unfug! Paß auf, Freundchen!« Die Eigentümerin fühlte sich einsam und war auf ihre Art rührend und bemitleidenswert; da trank sie allerlei Liköre, bis sie voll war, setzte sich ans Fenster und sang: »Keinen hab ich, der mir nah ist, Mich versteht und Mitleid spürt, Der, wenn ich mich sehne, da ist, Um zu hören, was mich rührt.« Und sie schluchzte mit zittriger Altweiberstimme: »Huuuh ...« Eines Tages sah ich, wie sie mit einem Topf im Ofen gedämpfter Milch auf die Treppe zukam, plötzlich die Gewalt über ihre Beine verlor, sich hinsetzte und, schwerfällig aufklatschend, die Treppenstufen hinunterrutschte, ohne den Topf aus den Händen zu lassen. Die Milch spritzte über ihr Kleid, sie hielt den Topf mit ausgestreckten Armen von sich und schrie ihn ärgerlich an: »Was fällt dir ein, du Satan? Wo willst du hin?« Nicht dick, aber fast schwammig weich, erinnerte sie an eine alte Katze, die keine Mäuse mehr fängt und, schwer vor lauter Sattheit, nur noch miaut und sich in wohligen Erinnerungen an ihre Siege und Genüsse ergeht. »Da hat es«, sagte Sitanow nachdenklich, »ein bedeutendes Geschäft und eine gute Werkstatt gegeben, ein kluger Mann hatte sie aufgebaut, doch jetzt geht alles vor die Hunde und gerät in Kuskas Klauen! Da hat man nun gearbeitet und sich geplagt, und alles für einen Fremden! Wenn man sich das überlegt, zerspringt irgendwo im Schädel eine Feder – man hat zu nichts mehr Lust, möchte am liebsten auf seine Arbeit pfeifen, sich auf das Hausdach legen und einen ganzen Sommer lang in den Himmel starren ...« Pawel Odinzow, der sich diese Gedanken Sitanows zu eigen gemacht hatte, stellte, während er mit den Gebärden eines Erwachsenen eine Zigarette rauchte, philosophische Betrachtungen über Gott, die Trunksucht, die Frauen an, unter anderem auch darüber, daß alle Arbeit irgendwie verschwände, daß die einen etwas täten, während andere das Geschaffene zerstörten, ohne es zu würdigen und zu verstehen. In solchen Augenblicken legte sich sein spitzes, nettes Gesicht in Falten und wurde alt, er setzte sich auf sein Bett – es war auf dem Fußboden ausgebreitet –, umklammerte seine Knie und starrte lange zu den blauen Fensterquadraten hin, zum Schuppendach, das unter Schneewehen begraben lag, zum winterlichen Himmel mit seinen Sternen. Die Meister schnarchen, lallen im Schlaf vor sich hin, einer phantasiert, erstickt fast an seinen Worten, auf dem Hängeboden hustet Dawidow den Rest seines Lebens aus. In der Ecke liegen Körper an Körper, gefesselt von Schlaf und Trunkenheit, die »Knechte Gottes« Perschin, Sorokin und Kapendjuchin; von den Wänden blicken Ikonen ohne Gesichter, ohne Hände und Füße herab. Ein schwerer Geruch von Ölfirnis, schlechten Eiern und irgendwelchem Schmutz, der in den Fußbodenritzen verfault, läßt einen fast ersticken. »Mein Gott, wie sie mir alle leid tun!« flüstert Pawel. Dieses Mitleid mit den Menschen beunruhigte auch mich immer mehr. Uns beiden erschienen die Meister, wie ich schon sagte, als gute Menschen, dabei war ihr Leben schlecht, ihrer nicht würdig, unerträglich öde und leer. An stürmischen Wintertagen, wenn alles auf der Erde – die Häuser, die Bäume – erbebte, heulte und schluchzte und fastenzeitlich verzagt die Kirchenglocken klangen, ergoß sich über die Werkstatt eine Woge von Langerweile, die schwer war wie Blei, die Menschen niederdrückte, alles Lebendige in ihnen erstickte, sie in die Kneipe trieb, zu irgendwelchen Frauen, die ihnen ebenso wie der Wodka als Betäubungsmittel dienten. An solchen Abenden halfen keine Bücher mehr, und Pawel und ich versuchten die Leute mit eigenen Mitteln zu zerstreuen – wir beschmierten unsere Gesichter mit Ruß und Farben, staffierten uns mit Hanfstroh aus und führten allerlei selbsterfundene Komödien auf – wir kämpften heldenhaft gegen die Langeweile, indem wir die Leute zu lachen zwangen. Ich erinnerte mich der »Legende vom Soldaten, der Peter dem Großen das Leben rettete« und übertrug sie in Dialogform; wir kletterten auf den Hängeboden zu Dawidow und produzierten uns von dort aus, indem wir imaginären Schweden fröhlich die Köpfe abhieben; das Publikum wieherte. Besonders gefiel unseren Zuschauern die Legende vom chinesischen Teufel Tsing-Ju-Tong; Paschka spielte den unglückseligen Teufel, der auf den Einfall kommt, ein gutes Werk zu vollbringen, während ich alles übrige darstellte – Menschen beiderlei Geschlechts, allerlei Gegenstände, den guten Geist und selbst den Stein, auf dem sich der chinesische Teufel nach jedem seiner erfolglosen Versuche, ein gutes Werk zu vollbringen, tieftraurig ausruht. Das Publikum lachte, und ich war erstaunt, wie leicht man es zum Lachen bringen konnte – diese Leichtigkeit berührte mich unangenehm. »Hach, ihr Possenreißer!« rief man uns zu. »Hach, ihr Galgenstricke!« Dennoch drängte sich mir immer hartnäckiger der Gedanke auf, daß dem Herzen dieser Menschen der Kummer näherlag als die Freude. Die Fröhlichkeit lebt bei uns nie aus sich selbst heraus und wird nicht an sich geschätzt, man holt sie vielmehr absichtlich aus der Versenkung herauf, damit sie die schläfrige russische Schwermut hindert. Die innere Kraft einer Fröhlichkeit, die nicht aus sich selbst heraus lebt, nicht lebt, weil sie leben will, sondern nur in Erscheinung tritt, wenn die kummervollen Tage sie rufen, ist verdächtig. Und allzuoft schlägt die russische Fröhlichkeit überraschend in ein grausames Drama um. Da wirbelt ein Mensch im Tanz dahin, als zerrisse er alle Fesseln, die ihn bis dahin banden, und fällt plötzlich, das wilde Tier in sich befreiend, in animalischer Verzweiflung über alle her, zerreißt, zerfleischt, vernichtet alles ... Diese krampfhafte, durch Anstöße von außen geweckte Fröhlichkeit ging mir auf die Nerven, und ich begann, bis zur Selbstvergessenheit erregt, unvermittelt in mir entstandene Phantasien vorzutragen oder darzustellen – ich hätte allzugern eine echte, freie, unbeschwerte Freude in den Menschen geweckt! Einiges erreichte ich auch, man lobte mich und staunte über mich, aber die Langeweile, die ich erschüttert zu haben glaubte, verdichtete sich und erstarkte langsam aufs neue und drückte die Menschen nieder. Der graue Larionytsch meinte freundlich: »Bist aber auch ein Spaßmacher, ach du meine Güte!« »Ein wahrer Tröster«, pflichtete ihm Shicharew bei. »Du solltest dich beim Zirkus oder beim Theater melden, Maximytsch, aus dir müßte ein guter Possenreißer werden!« Nur zwei von der ganzen Werkstatt gingen, zur Weihnachtszeit und in der Fastnachtswoche, ins Theater – Kapendjuchin und Sitanow; die älteren Meister rieten ihnen im Ernst, diese Sünde am Dreikönigstage durch ein Bad in einem Eisloch abzuwaschen. Sitanow redete mir besonders häufig zu: »Häng alles an den Nagel, laß dich zum Schauspieler ausbilden!« Und bewegt erzählte er mir das traurige »Leben des Schauspielers Jakowlew«. »Da siehst du, was es alles gibt!« Gern erzählte er auch von der Königin Maria Stuart, die er einen »Racker« nannte, aber besonders begeisterte er sich für den »Spanischen Edelmann«. »Don Cesar de Bazan ? das, Maximytsch, ist der edelste unter den Menschen! Wunderbar!« Er hatte selber etwas von diesem »Spanischen Edelmann« an sich. Eines Tages vergnügten sich auf dem Platz vor der Feuerwache drei Feuerwehrleute damit, einen Bauern zu verprügeln; eine Schar Menschen – wohl vierzig an der Zahl – sah dem Vergnügen zu und ermunterte die Feuerwehrleute. Sitanow stürzte sich mitten ins Handgemenge, schlug die Feuerwehrleute durch einige wohlgezielte Hiebe mit seinen langen Armen zu Boden, half dem Bauern auf, stieß ihn unter die Menschen und rief ihnen zu: »Schafft ihn fort!« Er selbst blieb – einer gegen drei; die Wache war zehn Schritte entfernt, die Feuerwehrleute hätten Hilfe herbeirufen und Sitanow zusammenschlagen können, aber sie retteten sich zu seinem Glück erschrocken in den Hof. »Hunde!« rief er ihnen nach. Sonntags versammelten sich junge Leute an den Holzlagern hinter dem Petropawlowskoje-Friedhof, um Faustkämpfe gegen Arbeiter von der Kolonne der Abtritträumer und gegen Bauern aus den umgebenden Dörfern auszutragen. Die Kolonne setzte dabei einen berühmten Faustkämpfer gegen die Stadt ein – einen riesigen Mordwinen mit kleinem Kopf und kranken, ewig tränenden Augen. Er stand breitbeinig vor den Seinen, wischte sich mit dem schmutzigen Ärmel des kurzen Rocks die Tränen ab und forderte gutmütig zum Kampf heraus: »Na, tretet doch vor, oder was ist? Man friert ja!« Von unserer Seite stellte sich ihm nur Kapendjuchin – er wurde jedesmal geschlagen. Blutend und atemlos, beteuerte der Kosak: »Ich will nicht ich sein, wenn ich diesen Mordwinen nicht unterkriege!« Das wurde schließlich zum Ziel seines Lebens, er entsagte sogar dem Wodka, rieb sich vor dem Schlafengehen den Körper mit Schnee ab, aß viel Fleisch und machte, um seine Muskeln zu entwickeln, jeden Abend mehrmals das Kreuzeszeichen mit einem Zweipudgewicht. Aber auch das half nicht. Da nähte er sich Bleiklümpchen in seine Handschuhe ein und prahlte vor Sitanow: »Jetzt ist es mit dem Mordwinen aus!« Sitanow warnte ihn streng: »Das laß mal sein, sonst stelle ich dich vor dem Kampf bloß!« Kapendjuchin nahm die Warnung nicht ernst, als man jedoch zum Kampfe antrat, sagte Sitanow plötzlich zu dem Mordwinen: »Tritt zurück, Wassilij Iwanytsch, erst schlage ich mich mit Kapendjuchin!« Der Kosak wurde feuerrot und schrie: »Mit dir kämpfe ich nicht, scher dich fort!« »Du wirst mit mir kämpfen«, sagte Sitanow, ging auf ihn zu und sah dem Kosaken mit bohrendem Blick in die Augen. Kapendjuchin trat von einem Bein auf das andere, riß sich die Handschuhe von den Händen, steckte sie in die Jacke und verließ rasch den Kampfplatz. Beide Seiten waren erstaunt und unangenehm berührt; ein ehrwürdiger älterer Mann sagte ärgerlich zu Sitanow: »Das, mein Freund, ist gegen alle Regel, man trägt einen häuslichen Zwist nicht vor den Leuten im Faustkampf aus!« Man setzte Sitanow von allen Seiten zu und schalt ihn, er blieb lange stumm, sagte dann aber schließlich zu dem älteren Mann: »Und wenn ich nun einen Totschlag verhindert habe?« Der war sofort im Bilde, nahm sogar die Mütze ab und meinte: »In solch einem Fall haben wir uns bei dir zu bedanken!« »Aber posaune es nicht aus, Onkel!« »Warum sollte ich? Kapendjuchin ist ein prächtiger Kämpfer, aber Mißerfolge ärgern einen Menschen, das verstehen wir! Jedenfalls werden wir uns von nun an seine Handschuhe vor dem Kampf ansehen.« »Das ist Ihre Sache!« Als der Mann beiseite gegangen war, fielen die Unseren über Sitanow her; »Hattest du's nötig, du Hopfenstange! Der Kosak hätte ihn doch geschlagen ? jetzt gehen wir als die Geschlagenen herum ...« Sie schalten ihn lange und ausdauernd, mit Lust und Liebe. Sitanow seufzte und sagte: »Ach, ihr Gesindel!« Und überraschend für alle forderte er den Mordwinen zum Zweikampf heraus. Der setzte sich in Positur, fuchtelte fröhlich mit den Fäusten und witzelte: »Gut, schlagen wir uns, wärmen wir uns auf ...« Mehrere Mann faßten sich an den Händen und drückten die Leute hinter ihnen zurück – ein weiter, geräumiger Kreis entstand. Die Gegner, die sich aufmerksam mit den Blicken maßen, traten, den rechten Arm vorgestreckt, den linken an der Brust, von einem Fuß auf den anderen. Kenner bemerkten sofort, daß Sitanows Arme länger waren als die des Mordwinen. Es wurde still, nur der Schnee unter den Füßen der Kämpfer knirschte. Jemand, der die Spannung nicht länger ertrug, murmelte kläglich und gierig zugleich: »Wenn sie doch endlich anfingen ...« Sitanow holte mit der Rechten aus, der Mordwine deckte ab, steckte aber eine Gerade von Sitanows Linker gegen die Herzgrube ein; er krächzte, trat einen Schritt zurück und meinte anerkennend: »Für einen Neuling nicht schlecht!« Sie sprangen einander an und schnellten sich die schweren Fäuste mit Schwung gegen die Brust; nach wenigen Minuten rief man erregt im eigenen wie im fremden Lager: »Gib's ihm, Herrgottspinsler! Verziere ihm das Gesicht!« Der Mordwine war wesentlich stärker als Sitanow, aber auch schwerer; er konnte nicht so rasch zuschlagen und steckte zwei oder drei Hiebe für einen ein. Das nahm ihn jedoch offenbar nicht sehr mit, er sagte nur immerfort: »Huch!«, grinste und kugelte plötzlich durch einen schweren Hieb, den er von unten gegen Sitanows Achselhöhle führte, das rechte Schultergelenk des Gegners aus. »Trennt sie – unentschieden!« riefen mehrere Stimmen zugleich, und man durchbrach den Ring und brachte die Kämpfenden auseinander. Der Mordwine erklärte gutmütig: »Allzu stark ist er ja nicht, der Herrgottspinsler, aber gewandt! Aus dem wird noch ein guter Faustkämpfer, das sage ich vor allem Volk!« Die Halbwüchsigen begannen eine allgemeine Rauferei, während ich Sitanow zum Feldscher brachte, damit er ihm die Schulter einrenke; sein Auftreten hob ihn in meinen Augen noch mehr, vergrößerte meine Sympathie, meine Achtung vor ihm. Er war überhaupt sehr wahrheitsliebend und ehrlich und sah das gleichsam als seine Verpflichtung an; der flotte Kapendjuchin machte sich über ihn lustig: »Hach, Shenja, du stellst dich ja nur zur Schau! Putzt deine Seele blank wie einen Samowar vor dem Fest und prahlst – schaut her, wie alles blitzt! Deine Seele ist wie aus Kupfer, man langweilt sich mit dir ...« Sitanow, der gelassen schwieg, arbeitete eifrig fort oder übertrug Verse von Lermontow in sein Heft; er gab fast seine ganze Freizeit dafür her, entgegnete aber, als ich meinte, er habe doch Geld und solle sich das Buch kaufen: »Nein, nein, es ist schon besser, ich schreibe es ab!« Hatte er eine Seite in seiner schönen, kleinen, malerisch verschnörkelten Schrift beendet, dann wartete er, daß die Tinte trockne, und rezitierte mit leiser Stimme: »Dann blickst du ohne Wunsch und Trauern Nach jener Erdenflur zurück, Auf der kein ungetrübtes Glück, Wo keiner Schönheit Blüten dauern ...« Und mit zusammengekniffenen Lidern setzte er hinzu: »Das ist die reinste Wahrheit! Ach, wie gut er sie kennt!« Von den Beziehungen zwischen Sitanow und Kapendjuchin war ich im höchsten Grade befremdet – jedesmal, wenn der Kosak getrunken hatte, wollte er mit seinem Kameraden raufen; Sitanow redete ihm lange gut zu: »Hör auf! Laß mich in Frieden ...« Doch schließlich schlug er unbarmherzig auf den Betrunkenen ein, so unbarmherzig, daß die Meister, die solche häuslichen Zwistigkeiten eher als Schauspiel betrachteten, sich in die Schlägerei einmischten und die Freunde trennten. »Wenn man Jewgenij nicht rechtzeitig in den Arm fällt, schlägt er den anderen tot, ohne an sich zu denken«, sagten sie. Kapendjuchin machte sich, auch wenn er nüchtern war, unermüdlich über Sitanow lustig, bespöttelte seine Leidenschaft für Verse und seine unglückselige Liebe und versuchte, Sitanow auf schmutzige Art, aber erfolglos eifersüchtig zu machen. Sitanow hörte sich die Spötteleien des Kosaken, schweigend und ohne sie übelzunehmen, an und lachte sogar gelegentlich zusammen mit Kapendjuchin darüber. Sie schliefen Seite an Seite und unterhielten sich nachts lange im Flüsterton. Diese Unterhaltungen ließen mir keine Ruhe – ich wollte wissen, worüber sich Menschen, die so verschieden waren, freundschaftlich unterhalten konnten. Trat ich jedoch auf sie zu, dann brummte der Kosak: »Was willst du?« Sitanow schien mich nicht zu sehen. Doch eines Tages riefen sie mich zu sich, und der Kosak fragte: »Maximytsch, was würdest du tun, wenn du reich wärst?« »Ich würde mir Bücher kaufen.« »Und was noch?« »Ich weiß nicht.« »Hach«, wandte sich Kapendjuchin ärgerlich von mir ab, während Sitanow gelassen meinte: »Siehst du – niemand weiß es, weder jung noch alt! Ich sage dir – auch der Reichtum nutzt dir an und für sich nichts! Alles verlangt eine Art Zutat ...« Ich fragte: »Worüber sprecht ihr?« »Wir können einfach nicht schlafen, da reden wir eben«, entgegnete der Kosak. Später, als ich in ihre Gespräche eindrang, erkannte ich, daß sie sich nachts über die gleichen Dinge unterhielten, von denen die Menschen auch am Tage redeten – von Gott, der Wahrheit, dem Glück, von der Torheit oder der Hinterlist der Frauen, von der Habsucht der Reichen, von der Verworrenheit des Lebens, von seiner Unbegreiflichkeit. Ich hörte solchen Gesprächen immer begierig zu, sie erregten mich, es gefiel mir, daß beinahe alle Menschen der gleichen Meinung waren – das Leben sei schlecht, man müsse besser verstehen zu leben! Aber ich sah auch, daß der Wunsch, besser zu leben, zu nichts verpflichtete und nichts am Leben der Werkstatt, an den Beziehungen zwischen den Meistern änderte. All diese Reden, die mir das Leben von allen Seiten zeigten, entdeckten mir auch die trostlose Leere, die hinter ihm stand; in dieser Leere trieben – wie Hälmchen auf einem Teich im Wind – gereizt und ohne rechten Sinn die Menschen umher, dieselben Menschen, die doch behaupteten, das ganze Treiben habe keinen Sinn, stoße sie ab. Man räsonierte gern und viel, saß immer über jemand zu Gericht, bereute, oder prahlte, brach mir nichts, dir nichts einen bösen Streit vom Zaun und fügte sich gegenseitig arge Kränkungen zu. Da suchte man dahinterzukommen, was einem nach dem Tod erwartete, und dabei war, gleich an der Werkstattschwelle, dort, wo der Spülichtkübel stand, das Fußbodenbrett durchgefault – Kälte und ein Geruch von modriger Erde strömten durch dieses feuchte, faulige, nasse Loch herein. Immer wieder hieß es, das Fußbodenbrett müsse erneuert werden, aber das Loch wurde immer größer, und an stürmischen Tagen pfiff es aus ihm wie aus einem Kamin die Leute erkälteten sich und husteten. Der Blechventilator in der Entlüftungsklappe kreischte, man schimpfte unflätig über ihn, als ich ihn aber ölte, horchte Shicharew hin und meinte: »Seitdem der Ventilator nicht mehr kreischt, ist es viel langweiliger geworden!« Man legte sich, aus dem Dampfbad zurückgekehrt, in die staubigen, verschmutzten Betten – überhaupt fochten Schmutz oder häßliche Gerüche niemanden an. Es gab da zahlreiche üble Kleinigkeiten, die einem das Leben schwer machten, man hätte sie leicht beseitigen können, doch niemand tat es. Oft genug hieß es: »Niemand hat Mitleid mit den Menschen, weder Gott noch sie selbst ...« Als aber Pawel und ich den sterbenden, von Schmutz und Ungeziefer zerfressenen Dawidow abseiften, machten sie uns lächerlich, streiften die Hemden ab und forderten uns auf, doch auch die anderen nach Ungeziefer abzusuchen; man nannte uns Badeknechte und verhöhnte uns, als hätten wir etwas Schändliches, höchst Lächerliches getan. Von Weihnachten bis zu den Großen Fasten lag Dawidow hilflos auf der Hängepritsche, hustete krampfhaft und spie übelriechendes Blut – das ausgespiene Blut ging meist am Spülichtkübel vorbei und klatschte auf den Fußboden; nachts wurden die anderen durch seine Fieberphantasien wach. Beinahe jeden Tag. hieß es: »Man müßte ihn ins Krankenhaus schaffen!« Aber dann zeigte sich, daß Dawidows Paß nicht rechtzeitig erneuert worden war, später ging es ihm wieder besser, und schließlich entschied man: »Er macht ja sowieso nicht mehr lange!« Und auch er selber verhieß: »Mit mir dauert es nicht mehr lange!« Er hatte einen stillen Humor, auch er versuchte, durch kleine Spaße die böse Langeweile aus der Werkstatt zu vertreiben – da neigte er das knochige dunkle Gesicht zu uns herab und verkündete mit pfeifender Stimme: »Hört, Leute, die Stimme dessen, der aufgefahren ist zur Hängepritsche ...« Und er gab ein paar wehmütige Spottverse zum besten: »Auf der Hängepritsche, ach, Leb ich wie begraben, Ob ich schlafe oder wach – Nichts als Küchenschaben ...« »Er läßt sich einfach nicht unterkriegen!« begeisterte sich das Publikum. Gelegentlich kletterten Pawel und ich zu ihm hinauf, und er bemühte sich krampfhaft zu scherzen: »Womit bewirte ich euch, ihr teuren Gäste? Vielleicht eine frische Spinne gefällig?« Er starb nur langsam und war dessen sehr überdrüssig; mit ehrlichem Bedauern sagte er: »Ich kann und kann nicht sterben, so ein Elend!« Seine Furchtlosigkeit gegenüber dem Tod schreckte Pawel sehr, nachts weckte er mich und flüsterte: »Maximytsch, ich glaube, er ist tot ... Da wird er eines Nachts sterben, und wir liegen unter ihm, ach du lieber Gott! Vor Toten fürchte ich mich ...« Oder er meinte: »Warum hat er gelebt, wozu? Noch keine zwanzig Jahre alt und stirbt schon ...« Einmal, in einer mondhellen Nacht, weckte er mich, starrte mich mit erschrockenen Augen an und sagte: »Horch!« Auf der Hängepritsche röchelte Dawidow hastig, aber sehr deutlich: »Gib mal her, giiib ...« Dann befiel ihn ein Schlucken. »Er stirbt, bei Gott, du wirst es ja sehen!« erregte sich Pawel. Ich hatte den ganzen Tag mit einem Handschlitten Schnee vom Hof aufs Feld hinausgefahren, war müde und wollte schlafen, aber Pawel bat mich: »Bitte, schlaf nicht, um Christi willen – schlaf nicht!« Und plötzlich richtete er sich auf den Knien auf und schrie außer sich: »Steht auf, Dawidow ist gestorben!« Der und jener wurde wach, einige Gestalten erhoben sich von den Betten, ärgerliche Fragen erklangen. Kapendjuchin kletterte auf die Hängepritsche und stellte verwundert fest: »Tatsächlich, er scheint gestorben zu sein ... dabei ist er noch ganz warm ...« Es wurde still, Shicharew bekreuzigte sich, hüllte sich in seine Decke und sagte: »Nun ja, Gott hab ihn selig!« Jemand schlug vor: »Man müßte ihn in den Flur schaffen ...« Kapendjuchin stieg von der Hängepritsche herunter und blickte eine Weile durchs Fenster. »Soll er bis zum Morgen liegenbleiben, er hat auch, als er noch lebte, niemand gestört ...« Pawel verbarg den Kopf unter der Decke und schluchzte. Sitanow war nicht aufgewacht. 15 Auf den Feldern schmolz der Schnee, am Himmel schmolzen die Winterwolken und gingen als Graupeln oder Regen auf die Erde nieder; immer langsamer legte die Sonne ihre tägliche Bahn zurück, die Luft wurde wärmer, es schien, die Heiterkeit des Frühlings sei schon gekommen, verstecke sich nur zum Spaß irgendwo draußen auf der Flur und werde bald die Stadt überschwemmen. Auf den Straßen – braunroter Schlamm, neben den Bürgersteigen – murmelnde Bäche, auf den abgetauten Stellen des Arrestantskaja-Platzes – fröhlich hüpfende Spatzen. Eine spatzenhafte Geschäftigkeit bemerkt man auch bei den Menschen. Fast ununterbrochen schwingt über dem Rauschen des Frühlings von morgens bis in den Abend fastenzeitlicher Glockenklang und wiegt das Herz mit weichen Stößen – in diesem Klang verbirgt sich, wie in den Reden eines alten Mannes, eine Art Gekränktheit, die Glocken scheinen mit kalter Mutlosigkeit zu sagen: Das gab's, das gab's einmal, das gaaab's ... An meinem Namenstage schenkte mir die Werkstatt ein kleines, schön gemaltes Heiligenbild – den »Gottesmann« Alexij, und Shicharew hielt eine lange, eindrucksvolle Rede, an die ich mich gut erinnere. »Wer bist du schon?« rief er aus, spielte mit den Fingern und hob die Brauen. »Weiter nichts als ein Bürschlein, eine Waise und ganze dreizehn Jahre alt – ich bin fast viermal so alt wie du, aber« ich lobe dich, billige deine Art, weil du dich zu allem ehrlich und grade stellst! Das tu auch weiter, das ist gut!« Er sprach von den Knechten Gottes und von Gottes Menschen, doch der Unterschied zwischen beiden blieb mir unverständlich und war wohl auch ihm nicht recht klar. Er sprach langweilig, die Werkstatt machte sich über ihn lustig, ich stand, die Ikone in den Händen, im höchsten Grade gerührt und verlegen da und wußte nicht, was ich machen sollte. Schließlich rief Kapendjuchin dem Redner ärgerlich zu: »Hör auf zu predigen, er hat ja schon blaue Ohren!« Dann klopfte er mir auf die Schulter und lobte mich seinerseits: »Das Gute an dir ist, daß du allen Menschen so nahe bist – das ist es! Es fällt einem schwer, dich zu schelten, geschweige dir eine zu langen, auch wenn du es manchmal verdienst!« Alle blickten mich wohlwollend an und lachten gutmütig über meine Verlegenheit; es fehlte nicht viel, und ich hätte, überrascht von dem Gefühl, daß diese Menschen mich brauchten, vor Freude geheult. Und gerade an diesem Morgen hatte im Laden der Kommis zu mir hinübergenickt und zu Pjotr Wassiljew gesagt: »Ein unangenehmer Bengel, und völlig unbegabt!« Ich war wie immer morgens in den Laden gekommen, aber schon kurz nach Mittag sagte der Kommis zu mir: »Geh nach Hause, wirf den Schnee vom Speicherdach und schaufel ihn in den Eiskeller ...« Daß ich Namenstag hatte, wußte er nicht; ich war überzeugt gewesen, auch die anderen wüßten es nicht. Nachdem die Gratulationscour in der Werkstatt beendet war, zog ich mich um, lief auf den Hof und kletterte auf die Scheune, um den festen, schweren, in diesem Winter sehr reichlichen Schnee herunterzuwerfen. In meiner Aufregung hatte ich jedoch vergessen, vorher die Kellertür zu öffnen, und verschüttete sie mit Schnee. Als ich hinuntersprang und meinen Fehler sah, machte ich mich sogleich daran, die Tür frei zu schaufeln; der feuchte Schnee hatte sich fest zusammengeballt; die Holzschaufel faßte ihn nur schlecht, eine eiserne war nicht da, und die Schaufel zerbrach – genau in dem Augenblick, als der Kommis in der Pforte erschien; das russische Sprichwort »Auf Freud folgt Leid« bewahrheitete sich. »Soso«, sagte spöttisch der Kommis und trat auf mich zu. »Ach, du Held, der Teufel soll dich holen! Ich knall dir gleich eine auf deinen hohlen Schädel ...« Er holte mit dem Schaufelstiel aus, ich wich zurück und sagte ärgerlich: »Ich habe mich nicht als Hausknecht bei euch verdingt.« Er warf mir den Stiel an die Beine, ich nahm einen Klumpen Schnee und traf ihn ins Gesicht; er lief prustend davon, während ich die Arbeit niederlegte und in die Werkstatt ging. Wenige Minuten später kam von oben seine Braut gelaufen – zapplig, mit pickligem, leerem Gesicht. »Maximytsch nach oben!« »Ich will nicht«, sagte ich. Larionytsch fragte verwundert; mit leiser Stimme: »Was heißt – du willst nicht?« Ich erklärte ihm, worum es sich handelte; er ging mit besorgter Miene hinauf, nachdem er mir zugeraunt hatte: »Du bist aber auch frech, mein Freund!« Die Werkstatt summte durcheinander und schimpfte auf den Kommis. Kapendjuchin sagte: »Jetzt jagen sie dich davon!« Das schreckte mich nicht. Meine Beziehungen zum Kommis waren längst unerträglich geworden – er haßte mich hartnäckig und immer heftiger, und auch ich konnte ihn nicht leiden, hätte jedoch gern herausgefunden, warum er mich so unsinnig behandelte. Er verstreute Münzen über den Fußboden im Laden; ich fand sie beim Ausfegen und tat sie in eine Schale auf dem Ladentisch, in der man Ein- und Zweikopekenstücke für die Bettler bereitlegte. Als ich dahinterkam, was diese häufigen Funde bedeuteten, sagte ich zum Kommis: »Die Falle mit dem Geld stellen Sie mir vergebens!« Er wurde rot und fuhr mich unbedacht an: »Du hast mich nicht zu belehren, ich weiß schon, was ich tue!« Doch gleich darauf verbesserte er sich: »Ich stelle dir eine Falle? Das Geld fällt mir von selber aus der Tasche ...« Er verbot mir, im Laden Bücher zu lesen; er sagte: »Das ist für dich zu hoch! Gedenkst du etwa Bibelkundiger zu werden, du Schmarotzer?« Er setzte seine Versuche fort, mich mit einem Zwanzigkopekenstück in die Falle zu locken, und mir war klar, er werde, wenn mir die Münze beim Fegen in eine Fußbodenritze rutschte, überzeugt sein, ich habe sie gestohlen. Ich forderte ihn nochmals auf, dieses Spiel aufzugeben, hörte jedoch noch am selben Tage, als ich mit einer Kanne voll heißem Wasser aus der Gastwirtschaft zurückkehrte, wie er dem kürzlich eingestellten Kommis des Nachbarn vorschlug: »Sieh zu, daß er einen Psalter stiehlt – wir bekommen nächstens drei Kisten davon ...« Ich verstand, daß ich gemeint war – als ich den Laden betrat, wurden beide verlegen; ich hatte aber außerdem meine Gründe, sie einer dummen Verschwörung gegen mich zu verdächtigen. Der Kommis aus dem Nachbarladen war nicht zum erstenmal dort angestellt; er galt als geschickter Verkäufer, verfiel jedoch periodisch der Trunksucht; für die Zeit, da er trank, jagte ihn sein Herr davon, nahm aber den hinfälligen, schwächlichen Mann mit den listigen Augen dann wieder bei sich auf. Äußerlich sanft, jedem Wink seines Herrn gehorsam, lächelte er immerfort gescheit in sein Bärtchen und gab gelegentlich gern ein spitzes Wort zum besten; dabei ging jener üble Geruch von ihm aus, der Menschen mit faulen Zähnen eigen ist, obwohl seine Zähne weiß und fest aussahen. Eines Tages versetzte er mich in sprachloses Erstaunen – er trat freundlich lächelnd auf mich zu, schlug mir plötzlich die Mütze vom Kopf und packte mich an den Haaren. Wir begannen zu raufen, er drängte mich von der Galerie in den Laden und suchte mich immerfort auf einige große Heiligenschreine zu werfen, die auf dem Fußboden standen – ich hätte, wäre ihm das gelungen, die Scheiben zertrümmert, die Schnitzereien beschädigt, wahrscheinlich auch die teuren Ikonen zerkratzt. Er war sehr schwach, und es gelang mir, ihn zu überwältigen; der bärtige Mann brach zu meiner großen Verwunderung in bittere Tränen aus und wischte sich, auf dem Fußboden sitzend, die blutig geschlagene Nase. Am nächsten Morgen, als unsere Prinzipale irgendwohin verschwanden und wir allein blieben, sagte er, während er mit dem Finger die angelaufene Nasenwurzel und die Geschwulst unter dem Auge rieb, in freundschaftlichem Ton zu mir: »Glaubst du, ich bin aus freien Stücken, aus eigenem Antrieb über dich hergefallen? Ich bin doch kein Dummkopf, ich habe gewußt, du würdest mich unterkriegen, ich bin ein schwacher Mensch, ein Trinker. Aber mein Herr hat verlangt: ›Verdrisch ihn, sieh jedoch zu, daß er in seinem Laden während der Schlägerei möglichst viel Schaden anrichtet, immerhin ein Verlust für sie!‹ Ich von mir aus hätte nicht angefangen, da – wie du mich zugerichtet hast ...« Ich schenkte ihm Glauben; er tat mir leid, ich wußte, er hatte nicht viel zu beißen und lebte mit einer Frau, die ihn schlug. Dennoch fragte ich ihn: »Und wenn er von dir verlangt, du sollst einen Menschen vergiften – würdest du es tun?« »Der könnte einen dazu zwingen«, sagte mit kläglichem Lächeln leise der Kommis. »Er kann es ...« Bald darauf fragte er mich: »Hör zu, ich habe kein Geld, zu Hause nichts zu fressen, die Alte schimpft – sei ein Freund, stibitze in eurem Lager eine kleine Ikone, und ich verkaufe sie, ja? Stibitzt du eine? Oder vielleicht auch einen Psalter?« Ich erinnerte mich des Schuhladens und des Kirchendieners und sagte mir – dieser Mensch wird dich verraten! Aber ihn abzuweisen fiel mir zu schwer, und ich gab ihm eine Ikone; einen Psalter zu stehlen, der mehrere Rubel wert war, entschloß ich mich nicht, das schien mir ein großes Verbrechen. Was soll man machen? In der Moral verbirgt sich immer Arithmetik; die heilige Einfalt des Strafgesetzbuches verrät dieses kleine Geheimnis, hinter dem sich die große Lüge vom Eigentum versteckt, sehr deutlich. Als ich hörte, wie unser Kommis diesem erbärmlichen Menschen zuredete, mich dazu anzustiften, einen Psalter zu stehlen, erschrak ich. Es war mir klar, daß unser Kommis wußte, wie ich auf seine Kosten Wohltätigkeit bewies, und daß der Kommis aus dem Nachbarladen ihm die Sache mit der Ikone erzählt hatte. Das Widerwärtige einer Wohltätigkeit auf fremde Kosten und diese üble Falle, die man mir stellte – alles das rief bei mir Empörung, Abscheu vor mir selbst und den anderen hervor. Mehrere Tage litt ich bittere Qualen, während ich wartete, daß die Bücherkisten ankämen; schließlich trafen sie ein, ich packte sie im Lagerraum aus, der Kommis aus dem Nachbarladen kam dazu und bat mich, ihm einen Psalter zu geben. Da fragte ich ihn: »Hast du dem Unseren das von der Ikone erzählt?« »Ja«, entgegnete er verzagt. »Ich kann nun einmal nichts verbergen, mein Bester.« Ich war niedergeschmettert, setzte mich auf den Fußboden und starrte ihn an, während er, jämmerlich anzuschauen, verlegen und hastig murmelte: »Siehst du, der Deine ist selber dahintergekommen, das heißt nicht er, sondern mein Chef, und der hat es ihm gesagt ...« Ich glaubte mich verloren – diese Leute hatten mich in eine Falle gelockt, die Kolonie für minderjährige Verbrecher war mir sicher! Jetzt war mir alles einerlei. Wenn schon ertrinken, dann wenigstens an einer tiefen Stelle! Ich drückte ihm einen Psalter in die Hand, er versteckte ihn unter dem Mantel und wandte sich zur Tür, kehrte aber gleich wieder um – der Psalter purzelte vor meine Füße, während der Mann fortging und sagte: »Ich nehme ihn nicht! Mit dir ist man verloren ...« Ich verstand diese Worte nicht – wieso war man mit mir verloren? Aber ich war sehr zufrieden, daß er das Buch nicht genommen hatte. Unser kleiner Kommis sah mich danach noch mißtrauischer und böser an. An alles das erinnerte ich mich, als Larionytsch nach oben ging; er blieb nicht lange oben und kam noch bedrückter und stiller zurück als sonst; vor dem Abendessen sagte er unter vier Augen zu mir: »Ich habe mich dafür eingesetzt, daß du vom Dienst im Laden befreit wirst und ganz zur Werkstatt kommst. Daraus ist nichts geworden, Kusma hat was dagegen. Er mag dich nicht ...« Ich hatte auch im Hause einen Feind – die Braut des Kommis, ein übertrieben kokettes Mädchen; die Jugend der Werkstatt trieb ihr Allotria mit ihr, lauerte ihr auf und umarmte sie auf dem Flur; sie nahm das weiter nicht übel und winselte vor Vergnügen wie ein kleiner Hund. Von morgens bis abends kaute sie, ihre Taschen waren ständig mit Pfefferkuchen und Plätzchen vollgestopft, die Kiefer blieben pausenlos in Bewegung – ihr leeres Gesicht mit den unruhigen grauen Augen wirkte unangenehm. Mir und Pawel gab sie Rätsel auf, hinter denen sich jedesmal eine ziemlich grobe Schamlosigkeit verbarg, oder sie ließ uns ganz rasch einen Zungenbrecher hersagen, der zu einem unanständigen Wort verschmolz. Eines Tages sagte einer der älteren Meister zu ihr: »Bist aber reichlich schamlos, Mädchen!« Sie erwiderte schlagfertig mit den Worten eines übermütigen Liedchens: »Hat ein Mädchen Scham im Leibe, Taugt es eben nicht zum Weibe ...« Ich sah ein solches Mädchen zum erstenmal, sie war mir, grob aufreizend, wie sie sich gab, zuwider und wurde, als sie erkannte, daß ihre Annäherungsversuche mir nicht behagten, nur aufdringlicher. Eines Tages, als Pawel und ich ihr im Keller behilflich waren, Kwaß- und Gurkenfässer auszuräuchern, schlug sie uns vor: »Soll ich euch das Küssen beibringen, Jungen?« »Das kann ich besser als du«, entgegnete lachend Pawel, während ich zu ihr nicht gerade liebenswürdig sagte, sie möge damit zu ihrem Bräutigam gehen. Sie wurde böse. »So ein Grobian! Da ist ein Fräulein nett zu ihm, und er rümpft nur die Nase! Wichtigtuer!« Sie drohte mir mit dem Finger und setzte hinzu: »Na warte, daran wirst du noch denken!« Auch Pawel, der mir zu Hilfe kam, meinte zu ihr: »Wenn dein Bräutigam von deinem Übermut erfährt, dann kriegst du was zu hören.« Sie verzog geringschätzig das picklige Gesicht. »Ich habe keine Angst vor ihm! Mit meiner Mitgift bekomme ich ein Dutzend andere, und bessere als ihn! Wann soll sich denn ein Mädel schon vergnügen, wenn nicht vor der Heirat!« Und sie vertrieb sich die Zeit mit Pawel, während ich eine unermüdliche Verleumderin in ihr erworben hatte. Der Laden bedrückte mich immer mehr, die geistlichen Bücher hatte ich alle gelesen, die Unterhaltungen oder Dispute zwischen den Bibelkundigen zogen mich nicht mehr an – sie redeten ewig von ein und demselben. Nur Pjotr Wassiljew fesselte mich nach wie vor durch seine Kenntnis des dunklen menschlichen Lebens, durch seine Gabe, interessant und leidenschaftlich zu sprechen. Manchmal dachte ich mir, so wie er müsse einst der Prophet Elias auf Erden gewandelt sein – einsam und rachsüchtig. Aber jedesmal, wenn ich zum Alten offen über die Menschen, über meine Gedanken sprach und er mich wohlwollend anhörte, erzählte er, was ich gesagt hatte, dem Kommis wieder, worauf der mich in kränkender Weise auslachte oder ärgerlich mit mir schalt. Eines Tages sagte ich dem Alten, daß ich manche seiner Worte in einem Heft festhalte, in dem ich schon allerlei Verse und Buchzitate eingetragen habe; er war sehr erschrocken, beugte sich rasch zu mir vor und fragte aufgeregt: »Wozu machst du denn das? So was gehört sich nicht, Bursche! Um es nicht zu vergessen? Nein, das laß lieber sein! Was du aber auch für einer bist! Gib mir diese Notizen heraus, ja?« Er redete mir lange und hartnäckig zu, ihm das Heft auszuhändigen oder es zu verbrennen, und tuschelte später ärgerlich mit dem Kommis. Als wir nach Hause gingen, sagte der Kommis streng: »Du machst da irgendwelche Notizen? Daß mir das nicht mehr vorkommt! Hast du verstanden? Mit so was befassen sich nur Spitzel.« Ich fragte unbedacht: »Und Sitanow? Er tut es doch auch!« »Der auch? Der langbeinige Dummkopf ...« Nach einem langen Schweigen schlug er mir ungewohnt weich vor: »Hör zu, zeig mir dein Heft und Sitanows auch – ich gebe dir einen halben Rubel dafür! Aber laß es Sitanow nicht merken, tu's heimlich ...« Er war offenbar überzeugt, ich werde seinem Wunsch entsprechen, und eilte, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, auf seinen kurzen Beinen davon. Zu Hause erzählte ich Sitanow vom Vorschlag des Kommis; Jewgenij verfinsterte sich. »Das hättest du nicht ausplaudern dürfen ... Jetzt wird er jemand anstiften, uns die Hefte zu stehlen. Gib mir mal deins, ich werde es verstecken ... Dich ekelt er bald hinaus, paß auf!« Auch ich war davon überzeugt und beschloß, selber zu gehen, sobald die Großmutter in die Stadt zurückkehren würde – sie verbrachte den ganzen Winter in Balachna, wo sie bei jemand eingeladen war, um junge Mädchen im Spitzenklöppeln zu unterrichten. Der Großvater lebte wieder in Kunawino, ich ging nicht zu ihm hin, und auch er besuchte mich nicht, selbst wenn er gelegentlich in der Stadt war. Eines Tages trafen wir uns auf der Straße; er kam in seinem schweren Waschbärpelz langsam und feierlich daher wie ein Pope; ich begrüßte ihn, er sah mich unter der Hand hervor an und sagte nachdenklich: »Ach du bist es ... Du bist jetzt doch Herrgottspinsler, ja, ja ... Nun, geh, geh schon!« Er schob mich beiseite und schritt langsam und feierlich weiter. Die Großmutter bekam ich selten zu sehen; sie arbeitete unermüdlich, um den Großvater, der an Altersschwachsinn litt, durchzufüttern, und mühte sich nebenbei mit den Kindern meines Onkels ab. Besonders viel Scherereien hatte sie mit Michails Sohn Sascha, einem hübschen, verträumten Burschen, der gern Bücher las. Er arbeitete in Färbereien, wechselte oft den Brotherrn, lag in den Zwischenzeiten der Großmutter auf der Tasche und wartete ruhig, daß sie ihm eine neue Stelle besorge. Auch Saschas Schwester hatte sie auf dem Hals – sie war unglücklich mit einem ewig betrunkenen Handwerker verheiratet, der sie schlug und immerfort aus dem Haus jagte. Immer bewußter begeisterte ich mich, wenn ich mit der Großmutter zusammenkam, für ihre Seele, aber ich fühlte bereits: Diese schöne Seele war durch Märchen verblendet, sie vermochte die Erscheinungen der bitteren Wirklichkeit nicht zu erkennen, nicht zu verstehen; das, was mich beunruhigte und bewegte, blieb ihr fremd. »Man muß Geduld haben, Oljoscha!« Das war alles, was sie auf meine Erzählungen von den Abscheulichkeiten des Lebens, den Qualen der Menschen, ihrem Kummer, von allem, was mich empörte, zu erwidern hatte. Geduld zu haben, dafür war ich wenig geeignet, und wenn ich diese Tugend der Haustiere, der Bäume und Steine gelegentlich übte, so tat ich es nur, um mich zu prüfen, um meinen Kräftevorrat zu erkennen, den Grad der Festigkeit, mit dem ich auf der Erde stand. Manchmal heben Halbwüchsige aus törichter Bravour, aus Neid auf die Kraft der Erwachsenen, Lasten, die viel zu schwer für ihre Muskeln und Knochen sind, oder versuchen sich prahlerisch mit einem Zweipudgewicht zu bekreuzigen – wie ein erwachsener Muskelprotz. Auch ich habe das alles getan, im eigentlichen wie im übertragenen Sinn, körperlich wie geistig, und mich allein durch Zufall nicht zu Tode verhoben, mich nicht fürs ganze Leben verkrüppelt. Denn nichts verkrüppelt den Menschen so furchtbar wie die Geduld, wie die Ergebung in die Gewalt der äußeren Umstände. Und wenn ich mich am Ende dennoch verkrüppelt unter die Erde legen werde, dann will ich – nicht ohne Stolz – in meiner letzten Stunde sagen: Das hartnäckige, ernsthafte Bemühen, mit dem wohlmeinende Leute vierzig Jahre lang an meiner Seele herumgezerrt haben, ist nicht allzu erfolgreich gewesen. Immer öfter packte mich der stürmische Drang, Streiche zu spielen, die Menschen zu belustigen, sie zum Lachen zu bringen. Und das gelang mir, ich wußte über die Kaufleute vom Nishnij-Basar zu erzählen und sie auch darzustellen; ich führte vor, wie Bauern und Bauernfrauen Ikonen kauften oder verkauften, wie geschickt sie der Kommis über den Löffel barbierte, wie sich die Bibelkundigen stritten. Die Werkstatt wälzte sich vor Lachen, nicht selten unterbrachen die Meister ihre Arbeit, um zuzusehen, wie ich agierte; und jedesmal, wenn das geschah, riet mir Larionytsch: »Du solltest deine Vorstellungen bis nach dem Abendessen aufsparen, du störst uns bei der Arbeit ...« Hatte ich eine »Vorstellung« beendet, dann fühlte ich mich erleichtert, als hätte ich eine drückende Last abgeworfen; für eine halbe oder eine Stunde wurde es in meinem Kopf angenehm leer, doch dann schien mir aufs neue, er sei mit spitzen kleinen Nägeln angefüllt, die sich bewegten und erhitzten. Um mich herum brodelte eine Art schmutziger Grütze, ich hatte das Gefühl, daß ich allmählich in ihr zerkochte. Ich fragte mich: Ist denn das ganze Leben so? Und werde ich leben wie diese Menschen, nichts Besseres zu finden wissen, nichts Besseres zu sehen bekommen? »Du wirst bitter, Maximytsch«, sagte Shicharew zu mir und sah mich aufmerksam an. Sitanow fragte mich oft: »Was hast du?« Ich wußte keine Antwort. Das Leben wischte eigensinnig und roh seine besten Schriftmale von meiner Seele fort und ersetzte sie boshaft durch allerlei unnützes Zeug – ich wehrte mich erbittert und hartnäckig gegen diese Vergewaltigung, ich schwamm in demselben Strom wie alle, aber für mich war sein Wasser kälter, es trug mich nicht so leicht wie alle anderen; manchmal schien mir, ich versinke in einem Abgrund. Man behandelte mich immer besser, schrie mich nicht an wie Pawel, kommandierte nicht mit mir herum und rief mich, um seine Anerkennung zu bezeigen, mit dem Vatersnamen. Das war angenehm, aber es quälte mich, wenn ich sah, wieviel Wodka diese Leute tranken, wie widerwärtig sie dann wurden und wie unnatürlich ihre Beziehungen zu den Frauen waren, obwohl ich verstand, daß der Wodka und die Frauen die einzige Kurzweil in einem solchen Leben darstellten. Oft erinnerte ich mich mit Wehmut, daß selbst die kluge und tapfere Natalja Koslowskaja die Frau eine Kurzweil genannt hatte. Und wie verhielt es sich dann mit Großmutter? Oder der Königin Margot? An die Königin Margot dachte ich mit einem Gefühl zurück, das an Furcht grenzte – sie schien mir so fremd, als sähe ich sie im Traum. Ich dachte jetzt allzuoft an die Frauen und legte mir schon die Frage vor, ob ich am nächsten Feiertag nicht dorthin gehen sollte, wo alle hingingen. Das war keine körperliche Begierde – ich war gesund und wählerisch, aber ich fühlte manchmal ein rasendes Verlangen, jemand Liebes und Kluges zu umarmen und offen, unendlich lange zu diesem Jemand von meinen Seelennöten zu sprechen – wie zu einer Mutter. Ich beneidete Pawel, wenn er mir nachts von seinem Roman mit dem Stubenmädchen von gegenüber erzählte. »Das ist ein Ding, mein Lieber! Vor einem Monat habe ich noch mit Schneebällen nach ihr geworfen, und sie gefiel mir nicht; jetzt sitzen wir aneinandergeschmiegt auf der Bank, und es gibt keinen, der mir teurer wäre!« »Worüber unterhaltet ihr euch?« »Na, über alles. Sie erzählt mir von sich, ich ihr von mir. Nun ja, und dann küssen wir uns ... Aber sie ist anständig ... Sie, mein Lieber, ist schrecklich lieb und ehrlich! ... Du rauchst aber auch wie ein alter Soldat!« Ich rauchte viel; der Tabak berauschte mich, beschwichtigte die unruhigen Gedanken, die aufgeregten Gefühle. Der Wodka war mir glücklicherweise durch seinen Geruch und Geschmack zuwider, während Pawel ihn gern trank und, wenn er berauscht war, kläglich jammerte: »Ich will heim, nach Hause! Laßt mich nach Hause ...« Er war, wie ich mich erinnere, eine Waise; sein Vater und seine Mutter waren längst gestorben, Geschwister hatte er nicht, er lebte schon seit seinem neunten Jahr unter fremden Menschen. In dieser Stimmung erregter Unzufriedenheit, zu der die Lockrufe des Frühlings kamen, beschloß ich, mich wieder auf einem Dampfer zu verdingen, bis hinunter nach Astrachan zu fahren und nach Persien zu entfliehen. Ich weiß nicht mehr, warum gerade nach Persien; vielleicht nur deshalb, weil mir die persischen Kaufleute auf der Nowgoroder Messe so gut gefielen – da saßen sie wie steinerne Götzen in der Sonne, stellten die gefärbten Bärte zur Schau und rauchten gelassen ihre Wasserpfeifen; ihre Augen waren groß, allwissend, dunkel. Wahrscheinlich wäre ich tatsächlich irgendwohin entflohen, aber ich traf an einem sonnigen Tag in der Osterwoche, als ein Teil der Meister nach Hause, in die Dörfer gefahren war und die übrigen tranken, während ich an der Oka spazierenging, Großmutters Neffen, meinen früheren Herrn. Er kam in einem leichten grauen Mantel, die Hände in den Hosentaschen, daher, den Hut im Nacken, eine Zigarette zwischen den Lippen und lächelte mit freundschaftlich zu. Er hatte das bestechende Äußere eines freien und wohlgelaunten Mannes; außer uns beiden war niemand auf den Feldern zu sehen. »Ha, Peschkow! Christ ist erstanden!« Wir gaben uns den dreifachen Osterkuß, er fragte mich, wie es mir gehe, und ich erzählte ihm offen, daß ich die Werkstatt, die Stadt und überhaupt alles satt habe und entschlossen sei, nach Persien zu gehen. »Das laß mal sein«, sagte er ernst. »Was zum Teufel willst du in Persien? Ich kenne das, Freund, als ich so alt war wie du, wollte auch ich weiß der Teufel wohin entfliehen ...« Mir gefiel, daß er so übermütig mit den Teufeln um sich warf; etwas Gewinnendes, Frühlingshaftes schäumte in ihm, er war ganz aufgekratzt. »Rauchst du?« fragte er mich und hielt mir sein silbernes Etui mit lauter dicken Zigaretten hin. Das nahm mich endgültig gefangen. »Hör zu, Peschkow, komm wieder zu mir!« schlug er mir vor. »Ich, mein Bester, habe in diesem Jahr für so etwa vierzigtausend Rubel Aufträge übernommen – verstehst du! Ich möchte dich auf dem Messegelände einsetzen; du wirst bei mir eine Art Aufseher sein, die Materialien abnehmen und aufpassen, daß alles rechtzeitig an Ort und Stelle ist und die Arbeiter nicht stehlen – abgemacht? Du bekommst fünf Rubel im Monat und fünf Kopeken für jedes Mittagessen! Die Weiber brauchen dich nicht zu kümmern; du gehst frühmorgens aus dem Haus, und kommst am Abend wieder basta! Nur sage ihnen nicht, daß wir uns schon gesprochen haben, komm einfach am Sonntag nach Ostern zu uns – und damit fertig!« Wir schieden als Freunde, er drückte mir zum Abschied die Hände und winkte mir noch von weitem leutselig mit dem Hut. In der Werkstatt rief meine Mitteilung, ich würde kündigen, zunächst bei den meisten ein für mich schmeichelhaftes Bedauern hervor. Besonders aufgeregt war Pawel. »So überlege doch«, sagte er vorwurfsvoll, »wie willst du mit allerlei Bauernvolk zusammen leben, nachdem du bei uns gearbeitet hast! Mit Zimmerleuten, mit Anstreichern ... Hach, du! Da kann man nur sagen – vom Prediger zum Kirchendiener ...« Shicharew brummte: »Der Fisch strebt dorthin, wo es am tiefsten ist, ein tapferer junger Mann dorthin, wo er's am schwersten hat ...« Die Abschiedsfeier, die die Werkstatt für mich veranstaltete, war traurig und unerträglich langweilig. »Natürlich muß man alles ausprobieren«, sagte Shicharew, noch gelb von einem Katzenjammer. »Das beste aber ist, sich gleich und dann auch richtig, in eine Sache festzubeißen ...« »Und das fürs ganze Leben«, fügte mit leiser Stimme Larionytsch hinzu. Ich fühlte jedoch, daß sie das alles lustlos und sozusagen anstandshalber sagten – das Band, das uns verknüpft hatte, war plötzlich morsch geworden und gerissen. Auf der Hängepritsche wälzte sich der betrunkene Gogolew von einer Seite auf die andere und lallte: »W-wenn ich will, bring ich euch alle ins Gefängnis! Ich kenne ein Geheimnis! Wer glaubt hier an Gott? A-haaa ...« Wie immer lehnten antlitzlose, unvollendete Ikonen an den Wänden; die Glaskugeln klebten an der Decke. Man arbeitete schon längst nicht mehr bei künstlichem Licht, die Kugeln wurden nicht mehr gebraucht und waren mit einer grauen Ruß- oder Staubschicht bedeckt. Alles ringsum hatte sich meinem Gedächtnis so fest eingeprägt, daß ich den ganzen Kellerraum auch noch im Dunkeln, auch mit geschlossenen Augen vor mir sehe – all diese Tische, die Farbenbüchsen auf den Fensterbrettern, die Pinselbündel in den Haltern und die Ikonen, den Spülichtkübel in der Ecke unter dem kupfernen, an einen Feuerwehrhelm erinnernden Wasserbecken, und Gogolews bloßes, von der Hängepritsche herunterbaumelndes Bein, das blau ist wie das eines Ertrunkenen. Ich wäre am liebsten rasch gegangen, aber in Rußland zieht man traurige Augenblicke gern in die Länge; wenn Menschen auseinandergehen, dann ist es, als zelebrierte man eine Seelenmesse. Shicharew sagte mit zusammengezogenen Brauen: »Dieses Buch da, den ›Dämon‹, kann ich dir nicht zurückgeben – willst du zwanzig Kopeken dafür?« Das Buch war mein Eigentum, der alte Brandmeister hatte es mir geschenkt, es tat mir leid, den Lermontow fortzugeben. Als ich jedoch, ein wenig gekränkt, das Geld zurückwies, steckte Shicharew die Münze ruhig wieder ein und erklärte ungerührt: »Wie du willst, das Buch bekommst du jedenfalls nicht! Das ist kein Buch für dich, das ist ein Buch, mit dem man sehr leicht ins Unglück gerät ...« »Aber es wird doch im Laden verkauft, ich habe es gesehen!« Seine Erwiderung war überzeugend genug: »Das will nichts heißen, im Laden werden auch Revolver verkauft.« Er gab mir den Lermontow tatsächlich nicht zurück. Als ich nach oben ging, um mich von der Inhaberin zu verabschieden, stieß ich im Flur mit ihrer Nichte zusammen. Sie fragte: »Du willst gehen?« »Stimmt.« »Wenn du nicht gingst, hätte man dich davongejagt«, teilte sie mir zwar nicht gerade liebenswürdig, dafür aber sehr offenherzig mit. Die angeheiterte Inhaberin sagte: »Leb wohl, Gott sei mit dir! Du bist ein böser, frecher Junge! Ich habe zwar nichts Schlechtes von dir gesehen, doch alle sagen, daß du nichts taugst!« Plötzlich brach sie in Tränen aus und fuhr weinend fort: »Wenn mein verstorbenes herzensgutes Männchen, die liebe Seele, noch am Leben wäre, hätte er dir gründlich den Kopf gewaschen und ein paar Nasenstüber verpaßt, dich aber dabehalten, dich nicht davongejagt! Heute ist alles anders geworden – kaum stimmt etwas nicht, schon heißt es – fort, hinaus! Wo willst du nur hin, mein Junge, wo findest du einen Halt?« 16 Ich fahre mit meinem Herrn im Boot durch die Straßen der Messestadt, zwischen massiven Ladenbauten hindurch, die bis zum ersten Stock vom Hochwasser überschwemmt sind. Ich rudere; er sitzt am Heck und steuert ungeschickt, das Steuerruder zu tief im Wasser; das Boot schlingert unbeholfen hin und her und wendet sich auf den stillen, in trübes Nachdenken versunkenen Fluten aus einer Straße in die andere. »Hach, das Wasser steht in diesem Jahr aber ziemlich hoch, hol's der Teufel! Das wird die Arbeiten aufhalten«, brummt mein Brotherr und schmaucht gemächlich seine Zigarre; sie riecht nach angesengtem Tuch. »Langsam!« ruft er erschrocken aus. »Wir fahren gegen eine Laterne!« Es gelingt ihm, das Boot in die Gewalt zu bekommen; er schimpft: »Was die uns aber auch für ein Boot angedreht haben, die Schurken!« Er zeigt mir die Stellen, wo nach dem Absinken des Hochwassers die Arbeiten an den Läden beginnen sollen. Glattrasiert, mit frisch gestutztem Schnurrbart, eine Zigarre im Mund, sieht er keineswegs wie ein kleiner Bauunternehmer aus. Er trägt eine Lederjacke, bis an die Knie reichende Stiefel und, über die Schulter gehängt, eine Jagdtasche; zu seinen Füßen liegt eine teure Doppellaufflinte. Alle Augenblicke schiebt er die Ledermütze zurecht; er zerrt sie auf die Augen hinunter, verzieht finster die Lippen und blickt sich besorgt um; oder er schiebt sie in den Nacken, erscheint plötzlich verjüngt und lacht sich eins in seinen Schnurrbart – offenbar denkt er an etwas Angenehmes. Es fällt mir schwer, zu glauben, daß er viel Arbeit hat, daß ihn das langsame Zurückgehen des Wasserspiegels beunruhigt – er treibt auf einer Woge privater Angelegenheiten dahin. Mich bedrückt ein stilles Erstaunen; diese tote Stadt mit den geraden Zeilen der Häuser und den geschlossenen Fenstern, eine Stadt, die völlig überflutet ist und an unserem Boot vorüberzutreiben scheint, ist sonderbar anzuschauen. Der Himmel ist grau. Die Sonne hat sich in Wolken verirrt und lugt nur hier und da winterlich als großer, silbriger Fleck aus ihnen hervor. Auch das Wasser ist grau und kalt; eine Strömung ist nicht zu erkennen; es scheint stillzustehen, zugleich mit den leeren Häusern und schmutziggelb gestrichenen Ladenreihen dahinzuschlummern. Wenn die weißliche Sonne aus dem Gewölk hervorlugt, hellt sich alles ringsum ein wenig auf, und das Wasser spiegelt das graue Himmelsgewebe wider – unser Boot hängt zwischen zwei Himmeln in der Luft; auch die steinernen Häuser lichten die Anker und treiben kaum merkbar auf die Wolga oder Oka zu. Schadhafte Fässer, Kisten und Körbe, allerlei Spanholz und Stroh wogt um das Boot herum, gelegentlich gleitet wie eine tote Schlange auch eine Stange oder ein Balken an ihm vorbei. Da und dort stehen die Fenster offen, auf den Dächern über den Galerien trocknet Wäsche oder ragen Filzstiefel in die Luft; eine Frau blickt aus dem Fenster auf das graue Wasser, am Kapitell einer eisernen Säule ist ein Boot festgemacht, satt und fleischfarben spiegeln sich seine roten Bordwände. Mein Brotherr nickt mit dem Kopf zu diesen Lebenszeichen hinüber und erläutert: »Hier wohnt der Messewächter. Er klettert gelegentlich durch das Fenster aufs Dach, steigt ins Boot und sieht nach, ob irgendwo Diebe sind. Sind keine da, dann stiehlt er selber ...« Er spricht träge und gelassen und denkt dabei an anderes. Ringsum ist es still und einsam und unwahrscheinlich wie im Traum. Wolga und Oka sind zu einem riesigen See zusammengeflossen; bunt prangt in der Ferne auf ihrer malerischen Anhöhe die Stadt, überall voller Gärten, die noch dunkel sind, doch die Knospen an den Bäumen schwellen schon, und die Gärten hüllen Häuser und Kirchen in einen warmen grünlichen Pelz. Dumpf zieht über dem Wasser das österliche Glockenläuten dahin, man hört, wie die Stadt summt, während es hier wie auf einem vergessenen Friedhof ist. Unser Boot dreht sich zwischen zwei schwarzen Baumreihen hin und her, wir fahren durch die Glawnaja linija zur alten Kathedrale. Die Zigarre macht meinem Prinzipal zu schaffen, ihr Rauch beißt ihm in die Augen; das Boot stößt mit dem Bug oder der Bordwand immerfort gegen einen Baum; der Herr ist gereizt und wundert sich: »So ein unmögliches Boot!« »Steuern Sie lieber nicht!« »Das geht doch nicht!« brummt er. »Wenn zwei im Boot sind, dann rudert der eine, und der andere steuert. Da, schau her – die Kitaiskije rjady ...« Ich kenne die Messestadt seit langem wie meine Westentasche; auch diese komische Ladenstraße mit ihren unsinnigen Dächern, an deren Ecken mit gekreuzten Beinen gipserne Chinesen sitzen, ist mir vertraut; einst haben meine Kameraden und ich mit Steinen nach ihnen geworfen, und auch ich habe bisweilen einem Chinesen Kopf oder Arme abgeschlagen. Aber ich bin nicht mehr stolz darauf ... »Unfug«, sagt mein Chef und zeigt auf die Läden. »Wenn man mich das bauen ließe ...« Und er pfeift vor sich hin und schiebt die Mütze in den Nacken. Mir will aus irgendeinem Grunde scheinen, er würde diese steinerne Stadt ebenso langweilig und an derselben tiefen Stelle erbauen, die Jahr für Jahr vom Hochwasser zweier Flüsse überschwemmt wird. Auch auf solche »Chinesenläden« würde er verfallen ... Er wirft den Zigarrenstummel über Bord, spuckt angewidert aus und sagt: »Langweilig ist es, Peschkow, langweilig! Gebildete Menschen gibt es nicht, niemand, mit dem man reden könnte. Da möchte man ein bißchen großtun aber vor wem? Kein Mensch da. Nur Zimmerleute, Maurer, Bauern, Gaunerpack ...« Er blickt nach rechts auf eine weiße Moschee, die sich auf einem Hügel malerisch über dem Wasser erhebt, und fährt fort, als riefe er sich Vergessenes ins Gedächtnis zurück: »Ich trinke jetzt Bier, rauche Zigarren, lebe wie ein Deutscher. Die Deutschen, mein Lieber, sind tüchtige Leute, die Bestien von Hühnern! Bier trinken ist eine angenehme Beschäftigung, an die Zigarren dagegen habe ich mich noch nicht gewöhnt. Hat man eine geraucht, dann knurrt die Frau: ›Wonach du nur wieder riechst, es ist ja, als hätte man mit einem Sattler zu tun!‹ Nun ja, mein Freund, man lebt, man tut, was man kann ... Los, jetzt steuer mal selber ...« Er legt das Ruder hin, greift zum Gewehr und schießt auf einen der Chinesen auf dem Dach – der Chinese nimmt keinen Schaden, der Schrot prasselt nur gegen Dach und Wand und wirbelt kleine Staubwölkchen auf. »Danebengegangen«, stellt ohne Bedauern der Schütze fest und legt eine neue Patrone ein. »Wie steht es bei dir mit den Mädchen – hast du schon von den Fleischtöpfen genascht? Nein? Ich war mit dreizehn Jahren schon verliebt ...« Er erzählt, als handelte es sich um einen Traum, von seiner ersten Liebe, der Liebe zum Stubenmädchen eines Architekten, bei dem er als Lehrling lebte. Leise plätschernd umspielt das graue Wasser die Gebäudeecken, hinter der Kathedrale blinkt matt die Wasserwüste, hier und da ragen schwarze Weidengerten aus ihr hervor. In der Ikonenwerkstatt wurde öfter ein Seminaristenlied gesungen: Meer, so tiefblau, Meer, wild und rauh ... Muß wohl zum Sterben langweilig sein, dieses tiefblaue Meer. »Ich fand nächtelang keinen Schlaf«, sagte der Herr. »Da springe ich manchmal aus dem Bett, stehe vor ihrer Tür und zittere wie ein kleiner Hund – es war kalt im Hause! Gelegentlich besuchte sie nachts der Hausherr, er hätte mich erwischen können, aber ich hatte keine Angst, o nein ...« Er spricht nachdenklich, als sähe er sich ein altes, abgetragenes Kleidungsstück an – ob man es wohl noch einmal anziehen könne? »Sie bemerkte mich, ich tat ihr leid, sie öffnete mir ihre Tür und rief: ›So komm schon, kleiner Dummkopf.‹« Ich hatte genug solche Geschichten gehört, sie langweilten mich, obwohl es auch einen versöhnenden Zug an ihnen gab – von ihrer ersten »Liebe« erzählten alle Menschen ohne Prahlerei und ohne häßliche Redensarten, ja häufig so zart, mit so viel Wehmut, daß ich verstand – es war das Schönste in ihrem Leben gewesen. Im Leben vieler vielleicht sogar das einzig Schöne. Der Prinzipal schüttelt lachend den Kopf und ruft verwundert aus: »Seiner Frau kann man so etwas nicht erzählen, unmöglich! Und was ist eigentlich schon dabei? Aber nein, man kann es nicht! Komisch ...« Er sagte es weniger zu mir als zu sich selbst. Würde er schweigen, dann müßte ich sprechen; in dieser Stille, dieser Verlassenheit muß man unbedingt reden, singen, Harmonika spielen – sonst würde man in dieser toten, von kaltem grauem Wasser überschwemmten Stadt für immer in tiefen Schlaf versinken. »Vor allem – heirate nicht zu früh!« rät er mir. »Die Heirat, mein Lieber, ist eine Sache von größter Wichtigkeit! Allein kannst du leben, wo und wie du willst! Ob du in Persien als Mohammedaner oder in Moskau als Schutzmann lebst, ob du darbst oder stiehlst – das läßt sich alles noch ändern! Eine Ehefrau aber, Verehrter, ist wie das Wetter, daran kannst du nichts ändern ... nein! Das ist, kann ich dir sagen, kein Stiefel, den man abstreift und beiseite wirft ...« Sein Gesicht verwandelte sich, er starrte mit zusammengezogenen Brauen aufs graue Wasser, rieb sich die Hakennase und murmelte: »Ja, mein Freund ... halte die Augen offen! Zugegeben – du biegst dich nach allen Seiten, richtest dich aber immer wieder auf ... und trotzdem wartet auf jeden seine besondere Falle ...« Wir kommen ins Ufergestrüpp des Meschterskoje-Sees, der mit der Wolga zusammengeflossen ist. »Langsamer«, flüstert der Prinzipal und richtet das Gewehr auf die Sträucher. Er erlegt ein paar magere Schnepfen und befiehlt: »Jetzt fahren wir nach Kunawino! Dort bleibe ich bis zum Abend, du sagst zu Hause, ich hätte noch mit den Bauführern zu tun ...« Ich setze ihn in einer der Vorstadtstraßen ab – auch die Vorstadt ist vom Hochwasser heimgesucht – und kehre über das Messegelände zur »Strelka« zurück; ich lege an, bleibe im Boot sitzen und schaue mich nach dem Zusammenfluß der beiden Ströme, der Stadt, den Dampfern und dem Himmel um. Der Himmel, voll weißer Federwolken, erinnert an die prächtige Schwinge eines Riesenvogels. Aus den blauen Abgründen zwischen den Wolken lugt dann und wann die goldene Sonne hervor und verändert mit einem Blick auf die Erde alles, was auf ihr ist. Alles ringsum ist in munterer und zuversichtlicher Bewegung, die rasche Strömung des Flusses trägt spielend die endlosen Flöße; auf den Flößen stehen bärtige Männer, die unerschütterlich die langen Steuerruder drehen und einander oder einem entgegenkommenden Dampfer etwas zuschreien. Der kleine Dampfer zieht einen leeren Lastkahn stromauf hinter sich her, der Fluß drängt den Dampfer ab, treibt ihn bald da-, bald dorthin, er pendelt mit dem Bug hin und her wie ein Hecht mit der Schnauze, schnauft, stemmt sich mit seinen Rädern eigensinnig gegen das Wasser, das ihm entgegenschießt. Auf dem Lastkahn sitzen, die Beine über die Bordwand geschwungen, Schulter an Schulter vier Männer – einer von ihnen in rotem Hemd und singen ein Lied; Worte sind nicht herauszuhören, aber das Lied ist mir bekannt. Mir scheint, daß mir hier, auf dem lebendigen Fluß, alles bekannt, alles vertraut, alles verständlich ist, während die überflutete Stadt hinter mir – nur einen bösen Traum, eine Erfindung meines Prinzipals darstellt, ebensowenig begreiflich wie er selbst. Nachdem ich mich an allem satt gesehen habe, kehre ich nach Hause zurück – mit dem Gefühl, ein erwachsener Mensch und zu jeder beliebigen Arbeit brauchbar zu sein. Unterwegs blicke ich von der Höhe des Kreml auf die Wolga – aus der Ferne, von der Anhöhe aus gesehen, erscheint das Land vor mir riesengroß und verspricht alles zu gewähren, wonach mich verlangt. Zu Hause erwarten mich die Bücher; in der Wohnung, die der Königin Margot gehörte, lebt jetzt eine große Familie fünf Fräulein, eines immer hübscher als das andere, und zwei Gymnasiasten; von ihnen leihe ich mir die Bücher. Ich verschlinge gierig Turgenjew und wundere mich, wie einfach, verständlich und herbstlich-klar alles bei ihm ist, wie rein seine Menschen sind, wie gut und sanft alles bei ihm klingt. Ich lese Pomjalowskijs »Skizzen aus dem Priesterseminar« und wundere mich auch hier – alles erinnert so sonderbar an das Leben in der Ikonenwerkstatt; die verzweifelte Langeweile, die in wilden Übermut umschlägt, ist mir zu gut bekannt. Es tat wohl, russische Bücher zu lesen, ich fühlte immer etwas Vertrautes und Schwermütiges in ihnen, als sei, zwischen den Seiten verborgen, fastenzeitlicher Glockenklang erstarrt – kaum öffnete man das Buch, schwang er leise mit. »Die toten Seelen« machten mir keine Freude; ebenso die »Aufzeichnungen aus einem Totenhaus«; »Die toten Seelen«, »Totenhaus«, »Der Tod«, »Drei Tode«, »Die lebende Reliquie« – diese Einförmigkeit der Titel zog unwillkürlich meine Aufmerksamkeit an und erregte einen undeutlichen Widerwillen gegen solche Bücher. Auch das »Zeichen der Zeit«, »Schritt für Schritt«, »Was tun?« und die »Chronik des Kirchdorfes Smurino« gefielen mir nicht – wie alle Bücher dieser Art. Sehr gern mochte ich dagegen Dickens und Walter Scott; diese Autoren las ich mit größtem Genuß, jedes Buch, gleich zwei- oder dreimal. Walter Scotts Bücher erinnerten mich an ein festliches Hochamt in einer reichen Kirche – sie waren ein wenig lang und langweilig, aber stets feierlich; Dickens ist für mich ein Schriftsteller geblieben, vor dem ich mich in Ehrfurcht neige – er hat die schwierige Kunst der Liebe zu den Menschen bemerkenswert gemeistert. An den Abenden kam auf der Außentreppe vor dem Haus eine größere Gesellschaft zusammen – die Brüder K. und ihre Schwestern, verschiedene Halbwüchsige; so der stupsnäsige Gymnasiast Wjatscheslaw Semaschko; manchmal stellte sich auch Fräulein Ptizyna ein, die Tochter eines hohen Beamten. Man sprach über Bücher, über Verse – das war auch mir verständlich und vertraut; ich hatte mehr als sie alle gelesen. Aber noch öfter erzählten sie sich vom Gymnasium und beklagten sich über die Lehrer; wenn ich ihre Erzählungen hörte, fühlte ich mich freier als sie; ich wunderte mich sehr über ihre Geduld; beneidete sie aber dennoch, weil sie lernten! Meine Gefährten waren älter als ich, ich kam mir jedoch erwachsener, reifer, erfahrener vor; das bereitete mir eine gewisse Verlegenheit – ich hätte mich ihnen gern näher gefühlt. Ich kam spätabends nach Hause, verschmutzt und staubig, gesättigt mit Eindrücken anderer Art, als es ihre, im Grunde sehr eintönigen, waren. Sie redeten viel von allerlei Fräulein, verliebten sich bald in das, bald in jenes und versuchten Verse zu machen; in dieser Angelegenheit brauchten sie nicht selten meine Hilfe, ich übte mich gern im Dichten und fand auch leicht die Reime, nur wurden meine Verse aus irgendeinem Grund stets humoristisch; Fräulein Ptizyna zum Beispiel, an die die Gedichte am häufigsten gerichtet waren, verglich ich unweigerlich mit irgendeinem Gemüse – etwa mit einer Zwiebel. Semaschko meinte: »Das sollen Verse sein? Das sind doch Schusterstifte!« Bestrebt, in keiner Weise hinter ihnen zurückzubleiben, verliebte ich mich ebenfalls in Fräulein Ptizyna. Ich weiß nicht mehr, wie sich das bei mir äußerte, jedenfalls nahm es ein schlimmes Ende. Auf dem fauliggrünen Wasser des Swjosdin-Teiches schwamm eine dicke Bohle, und ich schlug dem Fräulein vor, mit mir darauf spazierenzufahren. Sie willigte ein, ich holte die Bohle ans Ufer und pflanzte mich auf ihr auf – sie trug mich gut, solange ich allein war. Als sich jedoch das prächtig gekleidete, in Spitzen und Bänder gehüllte Fräulein graziös aufs andere Ende stellte und ich voller Stolz mit einer Stange vom Ufer abstieß, rollte die verdammte Bohle unter uns fort, und das Fräulein versank im Teich. Ich sprang ihr ritterlich nach und zog sie rasch an Land – der Schreck und der grüne Schlamm im Teich hatten die Schönheit meiner Dame vernichtet. Sie drohte mir mit der nassen kleinen Faust und rief: »Du hast mich absichtlich hineingeworfen!« Und ohne meinen Beteuerungen zu glauben, verhielt sie sich von da an feindselig gegen mich. Im ganzen verlief mein Leben in der Stadt nicht übermäßig interessant; die alte Hausherrin behandelte mich wie früher mit Mißgunst; die junge sah mich argwöhnisch an; Wiktoruschka, der noch mehr Sommersprossen bekommen hatte, fauchte, ewig gekränkt, alle an. Der Hausherr hatte viel Zeichenarbeit; da er und sein Bruder sie zu zweit nicht mehr schafften, holte er sich meinen Stiefvater als Gehilfen. Ich kam eines Tages früher, schon gegen fünf Uhr, vom Messegelände, betrat das Speisezimmer und erblickte am Teetisch neben dem Hausherrn den Mann, den ich schon völlig vergessen hatte. Er streckte mir die Hand entgegen. »Guten Tag ...« Ich war sprachlos vor Überraschung – sofort flammte, das Herz versengend, lichterloh die Vergangenheit vor mir auf. »Er ist ja geradezu erschrocken«, rief der Hausherr aus. Der Stiefvater blickte mich mit einem Lächeln auf dem beängstigend mageren Gesicht an; seine dunklen Augen waren noch größer geworden, er war völlig abgeschabt und zerknittert. Ich steckte meine Hand zwischen seine dünnen und heißen Finger. »So sind wir uns also aufs neue begegnet«, sagte er hüstelnd. Ich ging davon wie ein Geprügelter, ich fühlte mich ganz schwach. Zwischen uns bildeten sich ein wenig vorsichtige und unklare Beziehungen heraus – er nannte mich mit Vor- und Vatersnamen und sprach mit mir wie mit einem Gleichgestellten. »Wenn Sie einholen gehen, bringen Sie mir bitte ein Viertelpfund Laferme-Tabak, hundert Zigarettenhülsen Wiktorson und ein Pfund Kochwurst mit ...« Das Geld, das er mir gab, war immer unangenehm warm von seiner heißen Hand. Man sah, daß er schwindsüchtig war und nicht mehr lange Gast auf dieser Erde bleiben würde. Er wußte es und sagte, sein spitzes schwarzes Bärtchen zwirbelnd, mit ruhigem Baß: »Meine Krankheit ist fast unheilbar. Im übrigen kann man, wenn man viel Fleisch ißt, auch gesund werden. Vielleicht werde ich noch gesund.« Er aß unglaublich viel; er aß und rauchte und ließ die Zigarette nur während des Essens aus dem Mund. Jeden Tag holte ich Wurst, Schinken und Ölsardinen für ihn ein, aber Großmutters Schwester meinte überzeugt und aus irgendeinem Grunde schadenfroh: »Der Tod läßt sich nicht abspeisen, den Tod betrügt man nicht!« Meine Herrschaft behandelte den Stiefvater mit kränkender Aufmerksamkeit und riet ihm ständig, bald die, bald jene Arznei auszuprobieren, machte sich hinter seinem Rücken jedoch über ihn lustig. »Der Edelmann! Die Brotkrumen, sagt er, müssen öfter vom Tisch gefegt werden, wo Brotkrumen sind, gibt es viel Fliegen«, spöttelte die junge Frau, und die Alte sekundierte ihr: »Ja doch, ein Edelmann! Der Rock ist schon ganz schäbig geworden und glänzt, aber er kratzt noch immer mit der Bürste auf ihm herum. Der Nörgler! Leidet kein Stäubchen!« Der Hausherr versuchte sie zu trösten: »Wartet doch ab, ihr Hühnerbestien, er wird's nicht mehr lange machen!« Diese sinnlose Feindseligkeit der Kleinbürger gegenüber dem Edelmann brachte mich dem Stiefvater näher. Auch der Fliegenpilz ist giftig, aber er ist wenigstens schön! Mein Stiefvater, der unter diesen Leuten erstickte, erinnerte an einen Fisch, der zufällig in einen Hühnerstall geraten ist – ein unsinniger Vergleich, so unsinnig wie jenes ganze Leben. Ich entdeckte nach und nach gewisse Züge von »Gar nicht übel« an ihm, einem Mann, den ich nicht vergessen konnte; ihn und die Königin Margot stattete ich mit allem Schönen aus, das mir die Bücher gaben, ihnen brachte ich das Reinste in mir dar, alle meine aus den Büchern geborenen Phantasien. Der Stiefvater war allen ebenso fremd, wurde von allen ebenso wenig geliebt wie »Gar nicht übel«. Er behandelte alle im Hause gleich, sprach niemanden als erster an und beantwortete alle Fragen ausgesucht höflich und kurz. Sehr gut gefiel er mir, wenn er den Prinzipal begehrte; da stand er vornübergebeugt am Tisch, tippte mit seinem dürren Finger auf das dicke Papier und riet gelassen: »Hier muß man die Dachsparren durch einen Pflock zusammenbinden. Das wird den Druck gegen die Wände abfangen, sonst würden die Sparren die Wände auseinandertreiben.« »Teufel auch, das stimmt!« murmelte der Prinzipal, während seine Frau, nachdem der Stiefvater gegangen war, zu ihm sagte: »Ich kann mich nur wundern, daß du dich von dem belehren läßt!« Es verdroß sie aus irgendeinem Grund besonders, wenn der Stiefvater sich nach dem Abendessen die Zähne putzte und mit herausgewölbtem Adamsapfel gurgelte. »Meiner Ansicht nach, Jewgenij Wassiljewitsch«, meinte sie süßsauer, »schadet es Ihnen, wenn Sie den Kopf so zurückbeugen!« Er erkundigte sich mit einem höflichen Lächeln: »Aber weshalb denn?« »Na ja ... es schadet eben ...« Er reinigte mit einem beinernen Stäbchen die bläulichen Fingernägel. »Was soll man dazu sagen? Reinigt auch noch die Fingernägel!« regte sich die Hausherrin auf. »Liegt fast im Sterben und reinigt sich die Fingernägel ...« »Hach, ihr!« seufzte der Hausherr. »Was habt ihr euch nur für einen Wanst von Dummheit zugelegt, ihr Hühnerbestien ...« »Was heißt denn das, was redest du da für Unsinn?« empörte sich die Ehegattin. Die Alte aber ereiferte sich nachts vor Gott: »Herrgott, da hängen sie mir diesen fauligen Kerl an den Hals, und Wiktoruschka muß wieder zurückstehen ...« Wiktoruschka versuchte meinem Stiefvater nachzueifern und ahmte seinen langsamen Gang, die sicheren Bewegungen seiner herrschaftlichen Hände, seine Kunst, eine Krawatte zu binden und geschickt, ohne zu schmatzen, zu essen, nach. Alle Augenblicke erkundigte er sich grob: »Maximow, wie heißt auf französisch – das Knie?« »Ich heiße Jewgenij Wassiljewitsch«, erinnerte gelassen mein Stiefvater. »Schon gut! Und wie heißt – die Brust?« Beim Abendessen kommandierte Wiktoruschka: »Ma mère, donnez-moi encore du Pökelfleisch!« »Ach, mein kleiner Franzose«, entzückte sich die Alte. Der Stiefvater kaute unerschütterlich – wie ein Taubstummer – sein Fleisch, ohne jemanden anzusehen. Eines Tages sagte der ältere Bruder zum jüngeren: »Wiktor, du müßtest dir jetzt, wo du Französisch sprichst, auch eine Geliebte zulegen ...« Es war, soweit ich mich erinnere, das einzige Mal, daß mein Stiefvater schweigend lächelte. Die Hausherrin warf entrüstet den Löffel auf den Tisch und fuhr ihren Mann an: »Schämst du dich nicht, in meiner Gegenwart schmutzige Redensarten zu führen?« Gelegentlich kam mein Stiefvater zu mir in den Hinterhausflur; ich schlief dort unter der Treppe, die zum Dachboden führte; auf dieser Treppe las ich an einem Fenster meine Bücher. »Sie lesen?« fragte er und zog an seiner Zigarette; in seiner Brust schienen Feuerbrände zu zischen. »Was denn?« Ich zeigte ihm das Buch. »Ach«, sagte er nach einem Blick auf den Titel, »das habe ich, wenn ich nicht irre, schon gelesen. Rauchen Sie?« Wir rauchten und blickten durchs Fenster hinaus auf den schmutzigen Hof; er meinte: »Wie schade, daß Sie nicht lernen können, Sie scheinen begabt zu sein ...« »Ich lerne doch – ich lese –, wie Sie sehen ...« »Das ist zuwenig, was not tut, ist die Schule, das System ...« Am liebsten hätte ich ihm entgegnet: Sie, mein Herr, haben doch alles gehabt, die Schule wie das System, aber was ist dabei herausgekommen? Er schien jedoch meine Gedanken zu erraten und setzte hinzu: »Wenn man Charakter hat, gibt die Schule eine gute Erziehung. Nur sehr gebildete Menschen können das Leben voranbringen ...« Wiederholt riet er mir: »Sie sollten hier lieber fortgehen, ich sehe in alledem keinen Sinn, keinen Nutzen für Sie ...« »Die Arbeiter gefallen mir.« »Ja so ... Und warum?« »Ich finde sie interessant.« »Mag alles sein ...« Eines Tages sagte er: »Was ist doch unsere Herrschaft im Grunde für ein Lumpenpack ...« Ich mußte daran zurückdenken, wann und bei welcher Gelegenheit meine Mutter ein ähnliches Wort gebraucht hatte, und rückte unwillkürlich von ihm ab. Er fragte lächelnd: »Sind Sie anderer Meinung?« »Nein.« »Nun ja ... Das sehe ich doch.« »Immerhin – der Hausherr gefällt mir ...« »Ja, er ist wohl ein guter Kerl ... Aber komisch.« Ich hätte gern über Bücher mit ihm gesprochen, aber er las offenbar nicht gern und riet mir mehr als einmal: »Lassen Sie sich nicht mitreißen, die Bücher bauschen alles sehr auf, verzerren es in der einen oder anderen Richtung. Die meisten von denen, die Bücher schreiben, sind Menschen wie unser Prinzipal – sie sind unbedeutend.« Solche Urteile erschienen mir kühn und bestachen mich. Eines Tages fragte er mich: »Haben Sie etwas von Gontscharow gelesen?« »Ja, die ›Fregatte Pallas‹.« »Die ist sehr langweilig. Sonst aber ist Gontscharow der klügste unter den russischen Schriftstellern. Ich rate Ihnen, seinen Roman ›Oblomow‹ zu lesen. Es ist sein wahrheitsgetreuestes und kühnstes Buch. Überhaupt das beste in der russischen Literatur ...« Von Dickens meinte er: »Das alles sind Dummheiten, glauben Sie mir! ... Dagegen erscheint in der Beilage zur Zeitung ›Neue Zeit‹ eine sehr interessante Sache. ›Die Versuchung des heiligen Antonius‹, die müssen Sie lesen! Sie scheinen eine Vorliebe für die Kirche und alles Kirchliche zu haben? Da dürfte Ihnen die ›Versuchung‹ ganz nützlich sein ...« Er brachte mir eigenhändig den Packen Beilagen, und ich las Flauberts weises Werk; es erinnerte mich an zahllose Heiligenlegenden, auch an manches in den Geschichten, die mir der Bibelkundige erzählt hatte, machte aber keinen sehr tiefen Eindruck auf mich; bedeutend besser gefielen mir die in denselben Beilagen erschienenen »Memoiren des Tierbändigers Upilio Faimali«. Als ich das meinem Stiefvater bekannte, bemerkte er ruhig: »Dann ist es für Sie noch zu früh, solche Sachen wie den Flaubert zu lesen! Aber vergessen Sie dieses Buch nicht ...« Manchmal saß er lange bei mir, ohne ein Wort zu reden, hüstelte nur und stieß ununterbrochen Rauchwölkchen aus. Seine schönen Augen hatten einen unheimlichen Glanz. Ich blickte ihn im stillen an und vergaß, daß dieser Mensch, der so ehrlich und einfach, ohne zu murren, starb, einst meiner Mutter nahegestanden und sie zu wiederholten Malen beleidigt hatte. Ich wußte, er lebte mit einer Näherin zusammen, und fragte mich befremdet und voller Mitleid, wieso sie sich nicht ekelte, dieses Knochengerüst zu umarmen und diesen Mund zu küssen, aus dem es dumpf nach Fäulnis roch. Wie »Gar nicht übel« äußerte mein Stiefvater gelegentlich sehr eigenwillige Gedanken: »Ich liebe Jagdhunde; sie sind zwar dumm, aber ich liebe sie. Sie sind sehr schön. Auch schöne Frauen sind häufig dumm ...« Ich dachte nicht ohne Stolz: Du müßtest die Königin Margot kennen! »Alle Menschen, die lange im selben Hause leben, bekommen gleiche Gesichter«, sagte er eines Tages; ich schrieb es mir in mein Heft. Auf solche Aussprüche wartete ich wie auf eine Wohltat es tat so gut, ungewöhnliche Wortverbindungen in einem Hause zu hören, in dem alle in einer farblosen, in abgenutzten, eintönigen Formen erstarrten Sprache redeten. Der Stiefvater sprach nie von meiner Mutter zu mir, ich glaube sogar, er erwähnte kein einziges Mal ihren Namen; das gefiel mir sehr und weckte in mir ein Gefühl, das der Achtung nahekam. Eines Tages fragte ich ihn etwas über Gott – ich kann mich nicht erinnern, was eigentlich; er sah mich an und gab sehr ruhig zur Antwort: »Das weiß ich nicht. Ich glaube nicht an Gott.« Mir fiel Sitanow ein, und ich erzählte von ihm, worauf mein Stiefvater, der mir aufmerksam zugehört hatte, mit immer der gleichen Gelassenheit bemerkte: »Er stellt Betrachtungen an, und wer Betrachtungen anstellt, glaubt immerhin an etwas ... Ich glaube an nichts!« »Kann man denn das?« »Warum denn nicht? Sie sehen doch – ich glaube an nichts ...« Ich sah nur eins – er starb. Ich empfand kaum Mitleid mit ihm, aber ich spürte zum erstenmal ein heftiges, naturbedingtes Interesse für meinen sterbenden Nächsten, für das Geheimnis des Todes. Da sitzt ein Mensch vor mir, berührt mich mit dem Knie, atmet, denkt; teilt die Menschen selbstsicher nach seinem Verhältnis zu ihnen ein; spricht von allem wie jemand, in dessen Macht es steht, zu richten oder freizusprechen – es ist etwas in ihm, das ich brauche, vielleicht auch nur etwas, das mich gegen Unnötiges abschirmt. Dieser Mensch ist ein Wesen von unvorstellbarer Kompliziertheit, Gefäß eines endlosen Wirbels von Gedanken; er stellt, ganz gleich, wie mein Verhältnis zu ihm ist, einen Teil meiner selbst dar, ist irgendwo in mir lebendig, ich denke an ihn, der Schatten seiner Seele fällt auf die meine. Morgen wird er verschwunden sein, ganz und gar, mit allem, was sich in seinem Kopf und Herzen verbirgt und das ich – wie mir scheint – von seinen schönen Augen ablesen kann. Wenn er verschwindet, reißt einer der lebendigen Fäden ab, die mich mit dieser Welt verbinden; was bleibt, ist die Erinnerung, doch sie ist gänzlich in mir, für immer abgegrenzt und unverrückbar. Das Lebendige aber, das, was sich wandelt, entschwindet ... Das sind nur Gedanken; hinter ihnen steht jenes in Worten nicht Auszudrückende, das sie gebiert und nährt und das beharrlich zwingt, in die Erscheinungen des Lebens einzudringen, von jeder dieser Erscheinungen Antwort verlangt warum? »Wissen Sie, ich glaube, ich werde bald bettlägerig«, sagte an einem regnerischen Tage der Stiefvater. »So eine dumme Schwäche! Man hat zu nichts mehr Lust ...« Am Tage darauf fegte er beim Abendtee die Brotkrumen besonders sorgfältig vom Tisch und von den Knien und wehrte gleichsam etwas Unsichtbares von sich ab; die alte Hausherrin, die ihn mißtrauisch beobachtete, flüsterte der Schwiegertochter zu: »Sieh, wie er sich säubert, wie er die Federchen putzt ...« Zwei Tage danach erschien er nicht zur Arbeit, später steckte mir die alte Hausfrau einen großen weißen Briefumschlag zu und sagte: »Hier, nimm, das hat schon gestern mittag ein Frauenzimmerchen überbracht, ich habe nur vergessen, es dir abzugeben. Nett, das Frauenzimmerchen, aber wie ihr euch nun verwandtschaftlich steht, das weiß ich wirklich nicht!« Der Umschlag enthielt einen Briefbogen mit dem Aufdruck des Krankenhauses; auf dem Briefbogen stand in großer Schrift geschrieben: »Sollten Sie eine freie Stunde finden, dann kommen Sie, damit wir uns noch einmal sehen! Ich bin im Martynowskaja-Krankenhaus. J. M.« Am folgenden Morgen saß ich auf dem Bett des Stiefvaters im Krankensaal; das Bett war für ihn zu kurz, und seine Füße, die in grauen, verrutschten Socken steckten, starrten zwischen den Stangen der Lehne hindurch in die Luft. Die schönen Augen irrten trüb über die gelben Wände und blieben gelegentlich an meinem Gesicht oder den kleinen Händen eines jungen Mädchens hängen, das auf dem Hocker neben dem Kopfende saß. Ihre Hände lagen auf dem Kissen, und der Stiefvater rieb seine Wange an ihnen; sein Mund stand offen. Das Mädchen war rundlich und trug ein glattes, dunkles Kleid; an ihrem ovalen Gesicht liefen langsam die Tränen hinunter; die nassen blauen Augen blickten, ohne sich loszureißen, dem Stiefvater ins Gesicht, auf seine spitzen Knochen, die große; schärfer gewordene Nase, den dunklen Mund. »Man müßte einen Priester holen«, flüsterte sie, »aber er will nicht ... er versteht nicht mehr ...« Und sie nahm ihre Hände vom Kissen und drückte sie an die Brust, als ob sie bete. Der Stiefvater kam für einen Augenblick zu sich und sah zur Decke, ernst, mit zusammengezogenen Brauen, als rufe er sich etwas ins Gedächtnis zurück; dann schob er mir seine dürre Hand hin. »Sie? Danke! Ich fühle mich ... wie Sie sehen ... gar nicht gut ...« Das erschöpfte ihn, und er schloß die Augen; ich streichelte seine langen kalten Finger mit den blauen Nägeln, während das Mädchen leise bat: »Bitte, Jewgenij Wassiljewitsch, willigen Sie doch ein!« »Hier – machen Sie sich mit ihr bekannt«, sagte er und zeigte mit den Augen auf sie. »Ein lieber Mensch ...« Er verstummte, sein Mund öffnete sich immer mehr, und plötzlich schrie er auf, heiser wie ein Rabe; er wurde unruhig, zerrte an der Decke, fuhr mit den nackten Armen auf dem Bett hin und her; auch das Mädchen schrie auf und sank mit dem Kopf auf das zerdrückte Kissen. Der Stiefvater war rasch gestorben; er starb und wurde sogleich schöner. Ich führte das Mädchen aus dem Haus. Sie wankte wie eine Kranke und weinte. In ihrer Hand preßte sie ein Taschentuch; sie hielt es bald an das eine, bald an das andere Auge, drückte es immer fester zusammen und starrte es immerfort an, als sei es das Letzte, Kostbarste, das ihr geblieben war. Plötzlich blieb sie stehen, schmiegte sich an mich und sagte mit vorwurfsvoller Stimme: »Nicht einmal bis zum Winter hat er es ausgehalten ... Mein Gott, mein Gott, was soll denn das nur?« Dann reichte sie mir die tränennasse Hand: »Leben Sie wohl! Er hat sehr gut von Ihnen gesprochen. Die Beerdigung ist morgen.« »Soll ich Sie nach Hause begleiten?« Sie blickte sich nach mir um. »Weshalb denn? Es ist doch Tag, nicht Nacht!« Ich sah ihr hinter der Ecke hervor nach – sie ging langsam davon wie ein Mensch, der sich nicht zu beeilen braucht. Es war August, von den Bäumen fielen die ersten Blätter. Ich fand keine Zeit, dem Stiefvater das Trauergeleit zu geben, und habe das Mädchen nie wieder gesehen. 17 Jeden Morgen um sechs Uhr früh brach ich in das Messegelände zur Arbeit auf. Dort traf ich mit interessanten Menschen zusammen – dem grauhaarigen Zimmermann Ossip, der an den heiligen Nikolai erinnerte, ein geschickter Arbeiter war und eine spitze Zunge hatte; dem buckligen Dachdecker Jefimuschka; dem gottesfürchtigen Maurer Pjotr, einem nachdenklichen Gesellen, der ebenfalls wie ein Heiliger aussah; dem Stukkateur Grigorij Schischlin, einem blondbärtigen, blauäugigen schönen Mann, der stille Güte ausstrahlte. Ich hatte diese Leute während des zweiten Aufenthalts im Hause des Zeichners kennengelernt; sie tauchten jeden Sonntag in der Küche auf, gesetzt, gemessen, mit angenehmen Reden voll saftiger, mir neuer Wendungen. Alle diese soliden Bauern erschienen mir damals brav und gut; jeder war auf seine Art interessant, alle stachen vorteilhaft gegen die bösen, diebischen, ewig betrunkenen Vorstadtbewohner von Kunawino ab. Am meisten gefiel mir damals der Stukkateur Schischlin, ich wollte sogar in sein Artel, aber er strich nur mit dem weißen Finger über die goldene Braue und wies mich sanft ab: »Es ist zu früh für dich, die Arbeit bei uns ist schwer, gedulde dich ein, zwei Jahre ...« Er warf den schönen Kopf in den Nacken und fragte: »Hast du es denn nicht gut? Nun, macht nichts, halt aus, reiß dich nur am Riemen, dann kommst du schon über alles hinweg!« Ich weiß nicht, ob dieser gute Rat mir etwas genützt hat, jedenfalls behielt ich ihn dankbar im Gedächtnis. Auch jetzt wieder kamen sie jeden Sonntagmorgen zu meinem Prinzipal, ließen sich auf den Bänken um den Küchentisch nieder und führten, während sie auf ihn warteten, interessante Gespräche. Der Hausherr begrüßte sie fröhlich und geräuschvoll, drückte ihnen die harten Hände und nahm in der Ehrenecke Platz. Rechnungen und ein Bündel Geldscheine erschienen auf dem Tisch, die Männer breiteten Belege und zerdrückte Notizbücher aus, und die Abrechnung für die Woche begann. Unter Scherzen und allerlei Possen versuchte man sich gegenseitig zu übervorteilen; manchmal geriet man auch hart aneinander, meist jedoch wurde fröhlich gelacht. »Hach, guter Mann, bist der geborene Gauner!« sagten die Männer zum Prinzipal. Er entgegnete mit verlegenem Lächeln: »Aber auch ihr, Bestien von Hühnern, seid ganz schön ausgekocht!« »Ja, wie könnte es anders sein?« gestand Jefimuschka, während der ernste Pjotr hinzufügte: »Was man erarbeitet hat, ist für Gott und den Zaren, zum Leben bleibt einem nur das Gestohlene ...« »Das ist es ja, warum auch ich euch übers Ohr hauen möchte!« lachte der Prinzipal. Sie fielen gutmütig ein: »Uns einseifen also?« – »Uns über den Löffel barbieren?« Grigorij Schischlin, der den prächtigen Bart mit den Händen an die Brust drückte, bat in singendem Tonfall: »Freunde, wollen wir nicht einfach unsere Aufrechnung machen, ohne allen Betrug? Wenn man ehrlich lebt, hat man es doch so schön und ruhig! Wollen wir, gute Leute, ja?« Seine blauen Augen wurden dunkler und bekamen einen feuchten Schimmer; er war in solchen Augenblicken wunderbar anzusehen; alle schienen durch seine Bitte ein wenig betreten und wandten sich verlegen von ihm ab. »Was der einfache Mann ergaunert, ist nicht der Rede wert«, brummte seufzend, den Bauern offenbar bedauernd, der wohlgestalte Ossip. Der dunkelhaarige Maurer, der sich mit krummem Rücken über den Tisch beugte, sagte mit tiefer Stimme: »Die Sünde ist wie der Sumpf – je weiter, desto schlimmer!« Und der Prinzipal murmelte im gleichen Tonfall wie sie: »Was mich betrifft – wie's in den Wald hineinschallt, so schallt es wieder heraus!« Nachdem sie so ein wenig philosophiert haben, versuchen sie aufs neue, sich gegenseitig zu prellen, und machen sich schließlich nach der Verrechnung, schwitzend und müde vor Anstrengung, zum Teetrinken in die Gastwirtschaft auf, wobei sie auch den Prinzipal einladen. Ich hatte auf dem Messegelände darauf zu achten, daß diese Leute keine Nägel, keine Ziegelsteine oder Bretter stahlen; jeder von ihnen hatte, neben der Arbeit für meinen Prinzipal, eigene Aufträge, und jeder bemühte sich, mir etwas vor der Nase wegzuschnappen, um es für eigene Zwecke zu verwenden. Sie nahmen mich freundlich auf, und Schischlin sagte sogar zu mir: »Erinnerst du dich, wie du in mein Artel wolltest? Und jetzt – sieh an, wie hoch du gestiegen bist, bist wohl mein Vorgesetzter geworden, wie?« »Mach nur«, scherzte Ossip, »hüt und bewahre mit Gott deine Ware!« Nur Pjotr bemerkte unfreundlich: »Da setzt man einen jungen Kranich über alte Mäuse ...« Meine Pflichten bereiteten mir arge Verlegenheit; ich schämte mich vor diesen Leuten – sie alle schienen etwas Gutes, Besonderes, nur ihnen allein Bekanntes zu wissen, während ich sie als Diebe oder Betrüger ansehen sollte. Die ersten Tage mit ihnen fielen mir schwer, aber Ossip bemerkte es bald und sagte unter vier Augen zu mir: »Hör zu, mein Junge, mach nicht so ein Gesicht, es hat keinen Sinn – verstanden?« Ich verstand natürlich nicht das geringste, fühlte jedoch, daß der Alte das Unsinnige meiner Lage erkannte, und es kam zwischen uns rasch zu einem freimütigen Verhältnis. Irgendwo in einer Ecke unterwies er mich: »Der größte Dieb unter uns ist, wenn du es wissen willst, der Maurer Pjotr; er hat eine große Familie und ist habgierig. Bei dem mußt du die Augen offenhalten, er verschmäht nichts, kann alles brauchen – ein Pfund Nägel, ein Dutzend Ziegelsteine, einen Sack Kalk. Immer her damit! Er ist ein guter Mensch, gottesfürchtig, von strenger Denkungsart und schreib- und lesekundig, aber er stiehlt gern! Jefimuschka hat's mit den Frauen, der ist harmlos, für dich keine Gefahr. Auch er ist klug, die Buckligen sind alle nicht dumm! Grigorij Schischlin dagegen ist einfältig, der nimmt nichts Fremdes, der zahlt womöglich noch drauf! Er arbeitet ohne Gewinn, jeder kann ihn betrügen, und er die anderen nicht! Lebt ohne Verstand ...« »Er ist sehr gutmütig?« Ossip sah mich an wie aus weiter Ferne und sagte einprägsam: »Sicher, das ist er! Für den Faulen ist gutmütig sein am einfachsten; zur Gutmütigkeit, Bursche, braucht's keinen Verstand ...« »Nun, und du selbst?« fragte ich Ossip. Er entgegnete mit spöttischem Lächeln: »Ich halte es wie die jungen Mädchen – wenn ich Großmutter bin, erzähle ich dir von mir, bis dahin mußt du schon warten! Oder du findest selber heraus, was in mir steckt – versuch's doch!« Er stellte alle meine Vorstellungen von ihm und seinen Freunden auf den Kopf. Ich konnte schlecht an der Richtigkeit seiner Urteile zweifeln – ich sah, daß Jefimuschka, Pjotr, Grigorij den wohlgestalten Alten für klüger und in den Fragen des täglichen Lebens erfahrener ansahen als sich selbst. Sie fragten ihn in allem um Rat, hörten ihm aufmerksam zu und bezeigten ihm auf mancherlei Art Respekt. »Tu uns den Gefallen, gib uns einen Rat«, baten sie ihn; eines Tages jedoch, als Ossip nach einer solchen Bitte beiseite getreten war, sagte der Maurer leise zu Grigorij: »Der Ketzer!« Und Grigorij setzte hämisch hinzu: »Der Hampelmann!« Der Stukkateur warnte mich freundschaftlich: »Gib acht, Maximytsch, mit dem Alten muß man vorsichtig sein, der wickelt dich im Handumdrehen um den Finger! Solche giftigen Alten können verdammt schaden!« Ich verstand gar nichts mehr. Der Maurer Pjotr erschien mir als der ehrlichste und frömmste unter den Menschen; er sprach über alles kurz und einprägsam, seine Gedanken verweilten am häufigsten bei Gott, der Hölle, dem Tod. »Ach, Freunde, soviel man sich auch müht, worauf man auch hofft, uns allen ist hienieden der Friedhof beschieden!« Er hatte ständig Magenschmerzen, und es gab Tage, an denen er überhaupt nichts essen konnte; selbst ein kleines Stück Brot rief krampfhafte Schmerzen und quälende Übelkeit bei ihm hervor. Auch der bucklige Jefimuschka machte einen gutmütigen und ehrlichen Eindruck, wirkte aber immer komisch, manchmal auch blöd, wie ein harmloser Irrer. Ständig verliebte er sich in allerlei Frauen und sprach von allen mit ein und denselben Worten: »Geradeheraus gesagt – keine Frau, eine Blume in Sahne, bei Gott!« Wenn aus Kunawino die munteren Weiber kamen, um in den Läden die Fußböden zu scheuern, kletterte Jefimuschka vom Dach herunter, stellte sich in eine Ecke, kniff die lebhaften grauen Augen zusammen und schnurrte, den großen Mund bis an die Ohren hinaufgezogen: »Was mir der Herrgott für ein strammes Frauenzimmerchen schickt; daß mir doch solche Freude beschieden ist; nein, wirklich, geradezu eine Blume in Sahne; ich weiß nicht, wie ich dem Schicksal für so ein Geschenk danken soll! Ich verbrenne von soviel Schönheit noch bei lebendigem Leibe!« Zuerst lachten die Weiber über ihn und riefen einander zu: »Seht euch an, wie der Bucklige dahinschmilzt! Ach du meine Güte!« Die Spötteleien berührten den Dachdecker nicht im geringsten, sein breitknochiges Gesicht nahm einen schläfrigen Ausdruck an, er redete fort wie im Fieber, und der berauschende Strom seiner schmachtenden Worte machte die Frauen merklich trunken. Schließlich sagte dann eine der Älteren erstaunt zu den Freundinnen: »Hört euch doch an, wie der Mann sich umbringt – ganz wie ein junger Bursche!« »Als ob ein Vöglein singt ...« »Oder ein Bettler vor der Kirche jammert«, spottete eine, die eigensinniger war und nicht die Waffen strecken wollte. Aber Jefimuschka sah keineswegs wie ein Bettler aus; er stand stämmig und fest wie ein Klotz, seine Stimme klang immer werbender, die Worte wurden immer lockender, die Weiber hörten ihm schweigend zu. Er schien tatsächlich in seinen zärtlich-benebelnden Reden dahinzuschmelzen. Es endete gewöhnlich damit, daß er beim Nachmittagsimbiß oder nach Feierabend verwundert den schweren, eckigen Kopf hin und her wiegte und zu den Gefährten sagte: »Was das aber auch für ein süßes Frauenzimmerchen ist – ich habe zum ersten Male im Leben etwas so Liebes berührt!« Wenn Jefimuschka von seinen Siegen erzählte, prahlte er nicht, spottete er nicht über die Eroberte, wie das die anderen taten; er zeigte sich nur freudig und dankbar bewegt, und seine grauen Augen waren erstaunt geweitet. Ossip schüttelte den Kopf und rief aus: »Ach, du vermaledeiter Mannskerl! Wieviel Jährchen hast du denn schon auf dem Buckel?« »Vierzig und vier dazu. Das hat aber nichts zu sagen! Ich bin heute fünf Jahre jünger geworden, es ist, als hätte ich in einem Fluß, einem Gesundbrunnen gebadet, so wohl ist mir zumute, so ruhig ums Herz! Nein, was es doch für Frauen gibt!« Der Maurer entgegnete rauh: »Warte nur, wenn du die Fünfzig überschritten hast, wirst du deine gemeinen Lebensgewohnheiten noch bitter bereuen!« »Bist ein schamloser Mensch, Jefimuschka«, seufzte Grigorij Schischlin. Ich hatte den Eindruck, der Schöne beneidete den Buckligen um seine Erfolge. Ossip blickte alle unter den gleichmäßig gekräuselten silbernen Brauen hervor an und witzelte: »Jedes Mädchen spinnt seine Fädchen, das eine liebt Hausrat und ähnliche Dinge, das andere Ohrgehänge und Ringe, aber alle werden mal Großmütter ...« Schischlin war verheiratet, seine Frau lebte jedoch auf dem Dorf, und auch er liebäugelte mit den Putzfrauen. Sie waren alle sehr zugänglich, alle »verdienten dazu«; zu dieser Art des »Verdienens« verhielt man sich in der hungernden Vorstadt nicht anders als zu jeder sonstigen Arbeit. Der schöne Mann vom Dorf rührte die Frauen aber nicht an, er sah ihnen nur von fern mit eigentümlichen Blicken zu, als ob er jemand bedauere – sich selbst oder sie. Versuchten sie aber, von sich aus anzubändeln, ihn zu verleiten, dann ging er, verlegen lächelnd, fort ... »Hol euch der Teufel ...« »Was ist denn, du Kauz?« wunderte sich Jefimuschka. »Wie kann man eine Gelegenheit versäumen?« »Ich bin verheiratet«, erinnerte ihn Grigorij. »Ja, wird denn deine Frau davon erfahren?« »Die Frau erfährt immer, wenn du nicht ehrlich gelebt hast, sie, Verehrter, führst du nicht hinters Licht!« »Wie soll sie es denn erfahren?« »Wie – weiß ich nicht, aber erfahren wird sie es, wenn sie selber ehrlich gelebt hat. Lebe ich aber ehrlich, während sie sündigt, dann erfahre ich's auch ...« »Ja, wie denn?« setzte ihm Jefimuschka zu, doch Grigorij wiederholte ruhig: »Das weiß ich nicht.« Der Dachdecker zuckte entrüstet mit den Schultern. »Da hat man's! Ehrlich, aber – das weiß ich nicht ... Hach, du Schlaukopf!« Schischlins Arbeiter, sieben Mann an der Zahl, standen sich mit ihm gut – ohne den Vorgesetzten in ihm zu spüren, nannten ihn aber hinter dem Rücken ein Kalb. Wenn er zur Arbeit erschien und sah, daß sie faulenzten, griff er zum Handbrett oder Spatel und machte sich mit artistischem Geschick eigenhändig an die Arbeit, wobei et sie freundlich aufrief: »Los, Jungen, ran!« Eines Tages, als ich eine ärgerliche Mahnung meines Prinzipals weiterzuleiten hatte, sagte ich zu Grigorij: »Allzuviel wert sind deine Arbeiter aber nicht ...« Er schien erstaunt: »Nanu?« »Diese Arbeit hätte schon gestern, um Mitternacht, beendet sein müssen, aber sie schaffen es nicht einmal heute ...« »Ja, das stimmt – werden sie wohl nicht schaffen«, pflichtete er mir bei, schwieg eine kleine Weile und setzte vorsichtig hinzu: »Natürlich sehe ich das alles, aber es ist mir peinlich, sie anzutreiben – sind schließlich alles meine eigenen Leute, alles Leute aus meinem Dorf. Und dann bedenke auch das: Es steht geschrieben – im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, das gilt für alle, auch für dich und für mich. Dabei plagen wir beide uns weniger als sie; nun ja, es ist einem eben peinlich, sie anzutreiben ...« Er war ein Grübler; da ging er durch die menschenleeren Straßen der Messestadt, stand plötzlich auf einer Brücke über den Obwodnyj-Kanal still und blickte, an das Geländer gelehnt, lange aufs Wasser, zum Himmel, zur Ferne hinter der Oka. Man ertappt ihn dabei und fragt: »Was hast du?« »Wie? Was?« lächelt er verwirrt und erwacht. »Das hat nichts zu bedeuten ... ich stehe nur ein wenig da und schaue mich um ...« »Wie gut der Herrgott doch alles eingerichtet hat«, pflegt er zu sagen. »Der liebe Himmel, die Erde – die Flüsse fließen, die Schiffe fahren. Du steigst auf einen Dampfer und fährst, wohin du willst – nach Rjasan oder nach Rybinsk, nach Perm oder bis Astrachan! In Rjasan bin ich gewesen, geht an – die Stadt, aber langweilig, langweiliger als Nishnij; unser Nishnij ist in Ordnung, hier kann man lustig leben! Auch in Astrachan ist es langweiliger. In Astrachan gibt es vor allem viel Kalmücken, und das liebe ich nicht. Ich mag weder Mordwinen noch Kalmücken, weder Perser noch Deutsche, noch allerlei sonstige Fremdvölker ...« Er spricht langsam, seine Worte tasten vorsichtig nach einem Gleichgesinnten und finden ihn auch immer wieder im Maurer Pjotr. »Ja, Fremdvölker sind es«, sagt Pjotr ärgerlich und überzeugt, »weil Christus ihnen fremd ist, weil sie an Christus vorbeigehen ...« Grigorij wird lebhaft, er strahlt. »Ob dem so ist oder nicht, ich jedenfalls, meine Freunde, liebe das russische Volk, die reinen Russen mit dem offenen Blick! Ich kann auch die Juden nicht leiden und verstehe eigentlich nicht, was der Herrgott mit diesen Fremdvölkern will. Ist mir zu weise eingerichtet ...« Der Maurer setzt düster hinzu: »Weise, nun ja, scheint aber doch viel Überflüssiges dabei ...« Ossip, der ihren Reden aufmerksam zugehört hat, fällt spöttisch und bissig ein: »Überflüssiges gibt es genug – zum Beispiel eure Reden! Ach, ihr Sektierer! Prügel verdient ihr!« Ossip bleibt immer für sich, man kann nie recht sagen, womit er einverstanden sein und wann er widersprechen wird. Manchmal scheint er aus Gleichmut mit allen Menschen, mit allen ihren Gedanken einverstanden zu sein; aber öfter noch merkt man, daß sie ihm über sind, daß er die Menschen als halbe Irre ansieht; er sagt dann zu Pjotr, Jefimuschka, Grigorij: »Ihr kleinen Schweinehunde ...« Sie lächeln, wenn auch nicht allzu fröhlich und gern, aber sie lächeln. Der Prinzipal gab mir täglich fünf Kopeken fürs Essen; das reichte nicht ganz, und ich hungerte ein wenig; die Arbeiter, die es bald merkten, luden mich zum Frühstück und zum Nachmittagsimbiß ein, und manchmal forderten mich auch die Artelleiter auf, in der Gastwirtschaft mit ihnen Tee zu trinken. Ich willigte gern ein, es gefiel mir, bei ihnen zu sitzen und ihren langsamen Reden und seltsamen Erzählungen zu lauschen; ihnen wiederum machte meine Belesenheit in kirchlichen Dingen Spaß. »Hast dich ganz schön mit Büchern vollgeschlungen, bis an den Hals«, sagte Ossip und blickt mich aufmerksam mit seinen kornblumenblauen Augen an; ihren Ausdruck zu erfassen ist schwer – die Pupillen scheinen zu schmelzen, zu tauen. »Bewahre dir das, häufe es an, es lohnt sich; wenn du erwachsen bist, wirst du Mönch und spendest den Leuten mit deinen Reden Trost. Oder du wirst Millionär ...« »Missionar«, verbesserte ihn – aus irgendeinem Grunde gekränkt – der Maurer. »Was?« fragt Ossip. »Missionar heißt es, das weißt du doch! Und taub bist du auch nicht ...« »Also gut, du wirst Missionar und streitest mit den Ketzern. Oder du gehst selber unter die Ketzer – auch da hast du dein Brot. Hat man Verstand, kann man sich auch von Ketzerei ernähren.« Grigorij lacht verlegen, während Pjotr in seinen Bart hineinbrummt: »Auch Hexenmeister und allerlei Gottesleugner leben nicht schlecht ...« Doch Ossip wirft sogleich ein: »Ein Hexenmeister hat mit dem Lesen und Schreiben nicht viel im Sinn, das paßt nicht in seinen Kram.« Und er erzählt mir: »Paß einmal auf, hör zu! Da lebte in unserem Amtsbezirk ein Tagelöhner, Tuschka mit Namen, ein dürres, heruntergekommenes Bäuerlein; trieb hin und her wie eine Feder im Wind – bald da –, bald dorthin, war weder ein rechter Arbeiter noch ein Taugenichts! Und der nun machte sich eines Tages aus Langerweile zu einer Wallfahrt auf, trieb sich zwei Jahre herum und tauchte plötzlich in neuer Gestalt wieder auf – die Haare bis an die Schultern, auf dem Kopf ein Käppchen, eine verfärbte Kutte auf dem Leib; glotzte alle an wie ein Barsch und forderte sie hartnäckig auf: ›Tut Buße, ihr dreimal Vermaledeiten!‹ Nun ja, warum auch nicht, sagten sich die Leute und insbesondere die Weiber. Und damit ging alles seinen Gang. – Tuschka war satt, Tuschka betrank sich, Tuschka war voll des Lobes über die Weiber ...« Der Maurer fällt ihm ärgerlich ins Wort: »Als ob es darauf ankommt, daß man satt ist und einen weghat!« »Worauf denn sonst?« »Aufs Wort kommt es an, auf das, was einer verkündet!« »In seine Worte bin ich nicht eingedrungen, was das betrifft – da bin auch ich kein Waisenknabe!« »Den Tuschnikow, Dmitrij Wassiljitsch mit Vor- und Vatersnamen, kenne ich ganz gut«, bemerkt gekränkt Pjotr, während Grigorij schweigend den Kopf senkt und in sein Glas starrt. »Ich will mich mit niemand streiten«, erklärt Ossip versöhnlich. »Ich sage das alles nur, um unserem Maximytsch zu zeigen, was es da alles für Wege zum Broterwerb gibt ...« »Es gibt auch welche, die ins Gefängnis führen ...« »Und ob!« räumt Ossip ein. »Nicht jeder Pfad führt zum Popenornat, man muß eben wissen, wann man abbiegen muß ...« Er ist immer dabei, gottesfürchtige Leute – wie unseren Maurer oder den Stukkateur – ein wenig zu hänseln; vielleicht mag er sie nicht – dann weiß er es jedenfalls geschickt zu verbergen. Überhaupt ist sein Verhältnis zu den Menschen schwer zu durchschauen. Jefimuschka scheint er weicher, nachsichtiger gegenüberzustehen. Der Dachdecker läßt sich auf keine Gespräche über Gott, die Wahrheit, die Sekten, das Leid des menschlichen Lebens ein – die Lieblingsthemen seiner Freunde. Er stellt den Stuhl seitlich zum Tisch, damit die Stuhllehne nicht den Buckel behindert, und trinkt gelassen, Glas um Glas, seinen Tee, merkt jedoch plötzlich auf, blickt sich im rauchigen Zimmer um, horcht ins zusammenhanglose Stimmengewirr hinaus, springt auf und ist im Nu verschwunden. Das bedeutet, jemand hat die Gastwirtschaft betreten, dem Jefimuschka etwas schuldet; da er ein gutes Dutzend Gläubiger hat, von denen der eine oder andere schon tätlich gegen ihn geworden ist, sucht er sein Heil in der Flucht. »Ärgern sich doch, die Käuze«, meint er erstaunt, »als ob ich ihnen das Geld nicht geben würde, wenn ich es hätte!« »Jammerlappen«, ruft Ossip ihm nach. Manchmal versinkt Jefimuschka für längere Zeit in Nachdenken; er hört und sieht nichts; sein breitknochiges Gesicht wird weich, die gutmütigen Augen blicken noch gutmütiger drein als sonst. »Worüber denkst du nach, Haudegen?« fragt man ihn. »Ich denke mir – hach, wäre ich reich, ich würde eine richtige Dame heiraten, eine Adlige, Ehrenwort, sagen wir eine Oberstentochter! Herrgott, was hätte ich sie lieb! Ich würde bei lebendigem Leibe neben ihr verbrennen ... Ich habe da nämlich, Freunde, bei einem Obersten das Dach des Landhauses gedeckt ...« »Der hatte eine verwitwete Tochter – haben wir schon gehört!« unterbricht ihn unfreundlich Pjotr. Jefimuschka reibt sich die Knie, schaukelt hin und her, durchfurcht mit dem Buckel die Luft und fährt fort: »Da kommt sie manchmal, weiß und üppig, in den Garten, während ich ihr vom Dach aus zusehe – was soll mir noch die liebe Sonne und was die schöne Welt? Ach, wäre ich ein Tauber und könnte mich ihr zu Füßen stürzen! Geradezu eine himmelblaue Blume in Sahne! Mit einer solchen Dame könnte mein Leben eine einzige Nacht sein!« »Und was würdet ihr fressen?« fragt Pjotr grob, aber Jefimuschka ficht das nicht an. »Mein Gott!« ruft er aus. »Was wir schon brauchen! Außerdem ist sie doch reich ...« Ossip lacht. »Wann hast du dich endlich verausgabt, Jefimuschka, du Verschwender?« Jefimuschka spricht von nichts anderem als den Frauen und arbeitet ungleichmäßig – bald geht bei ihm alles rasch und glatt, bald wieder hapert es, der Holzhammer nietet die Bleche nur recht und schlecht zusammen und läßt dabei Spalte offen. Immer riecht er nach Öl oder Tran; dabei hat er an und für sich einen angenehmen, gesunden Geruch, der an frisch geschlagenes Holz erinnert. Mit dem Zimmermann zu reden ist immer interessant – interessant, aber nicht angenehm; seine Worte beunruhigen das Herz, und man kommt schwer dahinter, wann er es ernst meint und wann er scherzt. Mit Grigorij dagegen spricht man am besten von Gott, er hat das gern und ist darin auch fest. »Grischa«, frage ich ihn, »weißt du auch, daß es Menschen gibt, die nicht an Gott glauben?« Er entgegnet mit gelassenem Spott: »Wieso denn das?« »Sie sagen: Es gibt keinen Gott!« »Hach! Das ist es? Das kenne ich.« Er verscheucht eine unsichtbare Fliege und fügt hinzu: »Schon bei König David – erinnerst du dich? – steht geschrieben: ›Die Toren sprechen in ihren Herzen: Es ist kein Gott‹. Da siehst du, wie lange schon die Toren darüber reden! Nein, ohne Gott kommt man nicht aus ...« Ossip scheint ihm beizupflichten: »Versuche einer, Petrucha den Herrgott zu nehmen – er wird dir zeigen, was eine Harke ist!« Schischlins anziehendes Gesicht nimmt einen strengen Ausdruck an; mit Fingern, an deren Nägeln eingetrockneter Kalk klebt, streicht er sich über den Bart und sagt geheimnisvoll: »Gott ist in allem Fleische; das Gewissen, der ganze innere Kern sind von Gott!« »Und die Sünde?« »Die Sünde kommt nur vom Fleische, vom Satan! Die Sünde ist außen, etwas wie Pockennarben, nicht mehr! Am meisten sündigt, wer viel an die Sünde denkt; denk nicht an sie, und du sündigst nicht! Die Gedanken an die Sünde gibt dir Satan, der Herr des Fleisches, ein ...« Der Maurer äußert Zweifel: »Da scheint etwas nicht zu stimmen ...« »Es stimmt schon! Gott ist ohne Sünde, der Mensch aber ist sein Ebenbild in Fleisch und Blut. Es sündigt das Fleisch und Blut, doch das Ebenbild kann nicht sündigen, da es Ebenbild ist, Geist ...« Er setzt ein triumphierendes Lächeln auf, während Pjotr brummt: »Da scheint etwas nicht zu stimmen ...« »Deiner Ansicht nach«, erkundigt sich Ossip beim Maurer, »ist es wohl so – wenn du nicht sündigst, brauchst du nicht zu bereuen, und wenn du nicht bereust, gewinnst du auch nicht das Seelenheil?« »So wird's schon richtiger sein! Wenn du den Teufel vergißt, verlierst du die Liebe zu Gott, meinten die Alten ...« Schischlin trinkt nicht, zwei Gläschen genügen, um ihn betrunken zu machen; sein Gesicht färbt sich dann rosa, die Augen werden kindlich, die Stimme singt. »Kinder, wie schön doch alles ist! Da leben wir, arbeiten ein bißchen und sind gottlob satt – hach, wie schön doch alles ist!« Er weinte, die Tränen rannen ihm über den Bart und schimmerten in den seidigen Haaren wie Glasperlen. Seine häufigen Lobgesänge aufs Leben und diese gläsernen Tränen berührten mich unangenehm – meine Großmutter rühmte das Leben überzeugender, schlichter, weniger aufdringlich. Alle diese Gespräche hielten mich in ständiger Spannung und riefen eine dunkle Unruhe in mir hervor. Ich hatte schon eine ganze Reihe Erzählungen über die Bauern gelesen und sah, wie wenig der Bauer im Buch dem wirklichen glich. Die Bauern in den Büchern waren alle unglücklich; und – ob nun gut oder böse – an Worten und Gedanken ärmer als die lebendigen. Der Bauer im Buch sprach weniger von Gott, den Sekten, der Kirche, mehr von der Obrigkeit, dem Land, dem Recht, den Bürden des Lebens. Auch von den Frauen redete er weniger und freundlicher, nicht so grob. Für den lebendigen Bauern war das Weib ein Zeitvertreib, allerdings ein gefährlicher – ehrlich durfte man mit ihr nicht sein, sonst gewann sie die Oberhand und verwirrte einem das ganze Leben. Der Bauer im Buch war entweder schlecht oder gut, aber immer ganz da, im Buch, während er in Wirklichkeit weder gut noch schlecht, aber erstaunlich interessant war. Auch wenn er sich noch so sehr zu einem aussprach, immer fühlte man, daß da noch ein Rest blieb, irgend etwas, das er für sich behielt; und vielleicht war gerade in diesem Rest, diesem Für-sich-Behaltenen das Wesentliche. Von allen Bauern in den Büchern hatte mir der Pjotr aus dem »Zimmermannsartel« am besten gefallen; diese Erzählung beschloß ich meinen Freunden vorzulesen und brachte das Buch in die Messestadt mit. Ich übernachtete nicht selten bei diesem oder jenem Artel, manchmal, weil ich bei Regen nicht in die Stadt zurückkehren mochte, häufiger noch, weil mich der Tag zu sehr ermüdet hatte. Als ich sagte, ich hätte da ein Buch über Zimmerleute mitgebracht, zeigten sich alle sogleich interessiert, besonders Ossip. Er nahm mir das Buch aus der Hand, blätterte es durch und schüttelte mißtrauisch den ikonenhaften Kopf. »Scheint doch wahrhaftig was über uns zu sein! Sieh einer die Spitzbuben an! Wer hat denn das geschrieben – ein Herr? Hab ich mir gleich gedacht! Die Herren und die Beamten verstehen sich auf alles. Wo der Herrgott nicht darauf kommt, tut's der Beamte; dazu ist er ja da ...« »Du redest unvorsichtig von Gott, Ossip«, bemerkte Pjotr. »Macht nichts! Für Gott bedeutet mein Wort weniger als für mich eine Schneeflocke oder ein Regentropfen auf meine Glatze. Hab keine Angst – wir beiden können an Gott nicht rütteln ...« Er wurde plötzlich unruhig, sprühte bissige Redensarten wie ein Feuerstein Funken und schnitt mit ihnen, wie mit der Schere, alles ab, was ihm widersprach. Mehrmals im Laufe des Tages erkundigte er sich: »Wir lesen doch heute, Maximytsch? Na schön, schön! Das hast du dir gut ausgedacht.« Nach Feierabend gingen wir zu ihm ins Artel, um dort zu Abend zu essen; nach dem Abendessen stellten sich Pjotr mit seinem Arbeiter Ardaljon und Schischlin mit einem jungen Burschen, Foma, bei uns ein. Man zündete in der Scheune, in der das Artel übernachtete, eine Lampe an, und ich begann zu lesen; sie hörten schweigend zu, ohne sich zu rühren, aber schon bald sagte Ardaljon ärgerlich: »Nun, ich habe genug!« Und er ging. Als erster schlief mit verwundert geöffnetem Mund Grigorij ein; die Zimmerleute folgten seinem Beispiel, nur Pjotr, Ossip und Foma rückten zu mir heran und hörten gespannt zu. Als ich geendet hatte, löschte Ossip sogleich die Lampe – nach den Sternen zu urteilen, war es schon gegen Mitternacht. Pjotr fragte in der Dunkelheit: »Wozu ist das nur geschrieben? Gegen wen?« »Jetzt wird geschlafen!« sagte Ossip und zog die Stiefel aus. Foma ging schweigend beiseite. Pjotr wiederholte eigensinnig: »Ich frage, gegen wen das geschrieben ist?« »Das werden die schon wissen!« sagte Ossip und richtete sich auf der Pritsche zum Schlafen ein. »Wenn gegen die Schwiegermütter, dann ist das ganz und gar nutzlos – die Schwiegermütter werden dadurch nicht besser«, fuhr der Maurer beharrlich fort. »Und wenn gegen Pjotr – auch; er hat für seine Sünde zu büßen. Für Totschlag gibt es Sibirien und weiter nichts! Das Buch ist bei solcher Sünde überflüssig ... das ist es wohl, nicht wahr?« Ossip schwieg. Der Maurer setzte hinzu: »Sie haben nichts zu tun; da kümmern sie sich um Dinge, die sie nichts angehen! Wie die Weiber beim Spinnen. Gute Nacht jetzt, wir müssen schlafen ...« Er stand einen Augenblick im blauen Rechteck der offenen Tür und fragte: »Ossip, was meinst denn du dazu?« »Wie? Was?« meldete sich schläfrig der Zimmermann. »Also gut, schlaf schon ...« Schischlin war umgesunken, wo er gesessen hatte. Foma streckte sich auf dem zerdrückten Stroh neben mir aus. Die Vorstadt schlief, von fern drangen Lokomotivpfiffe, dumpfes Poltern von Eisenrädern und Puffergeklirr herüber. In der Scheune wurde in allen Tonarten geschnarcht. Ich fühlte mich unbefriedigt – ich hatte irgendwelche Gespräche erwartet, aber es war nichts damit ... Doch plötzlich sagte Ossip leise und deutlich: »Ihr müßt das nicht alles glauben, Kinder, ihr seid jung und habt noch lange zu leben, mehret euern Verstand! Eigner Verstand ist soviel wert wie zwei fremde! Foma, schläfst du?« »Nein«, meldete sich willig Foma. »Na eben! Ihr könnt beide lesen und schreiben, also lest nur, aber glaubt ihnen nichts. Sie können alles drucken, was sie wollen – sie haben es in der Hand!« Er ließ die Beine von der Pritsche hinunter – stützte die Hände auf ihren Rand, beugte sich zu uns vor und fuhr fort: »Wie muß man denn so ein Buch verstehen? Es ist wie eine Anzeige gegen die Menschen! Seht her, sozusagen, wie dieser Mensch ist, der Zimmermann oder wer sonst, aber ein Herr, das ist etwas ganz anderes! Ein Buch wird nicht umsonst geschrieben, sondern zu jemandes Verteidigung ...« Foma sagte mit rauher Stimme: »Pjotr hat den Bauunternehmer zu Recht erschlagen!« »Nun, das darfst du nicht sagen, einen Menschen umbringen ist niemals recht. Ich weiß, du kannst Grigorij nicht leiden, aber diese Gedanken laß sein. Wir alle sind keine reichen Leute, heute bin ich mein eigener Herr und morgen wieder Arbeiter ...« »Ich spreche nicht von dir, Onkel Ossip.« »Das ist alles dasselbe ...« »Du bist gerecht.« »Warte, ich werde dir erklären, wozu diese Geschichte geschrieben worden ist«, unterbrach Ossip Fomas ärgerliche Worte, »es ist eine sehr schlaue Geschichte! Da hast du den Gutsherrn ohne den Bauern und da den Bauern ohne den Gutsherrn! Jetzt schau her – dem Herrn geht's nicht gut, und auch der Bauer hat's nicht viel besser. Der Herr hat seine Macht und mit ihr den Kopf verloren, der Bauer ist zum Prahlhans und Trinker geworden, er siecht dahin und fühlt sich gekränkt – so sieht es aus! In der Leibeigenschaft bei den Herren war es angeblich besser – der Herr versteckte sich hinter dem Bauern, der Bauer hinter dem Herrn, und beide lebten satt und ruhig ... Ich leugne nicht, es stimmt schon, unter den Herren war das Leben ruhiger – ein armer Bauer war für die Herren unvorteilhaft; sie sahen ihn am liebsten reich, aber dumm, das paßte ihnen. Ich weiß es, hab ich doch selbst fast vierzig Jahre in der Leibeigenschaft gelebt, auf meinem Fell ist manches eingegerbt.« Ich mußte daran denken, daß gerade so auch der Fuhrmann Pjotr von der Herrschaft gesprochen hatte, derselbe, der sich die Kehle durchschnitt, und es berührte mich sehr unangenehm, daß Ossips Gedanken mit denen des bösen Alten übereinstimmten. Ossip tippte an mein Bein und fuhr fort: »Man muß Bücher und alle diese Geschichten richtig verstehen! Niemand tut etwas umsonst, es scheint nur so, daß es umsonst geschieht. Auch Bücher schreibt man nicht umsonst, sondern um Köpfe zu benebeln. Alles wird mit Verstand gemacht, ohne Verstand kann man gar nichts – weder den Stamm entrinden noch einen Bastschuh binden ...« Er redete lange fort, legte sich nieder, sprang wieder auf und warf in der Stille und Dunkelheit leise mit seinen Reimen und Redensarten um sich. »Da heißt es, die Herren sind für den Bauern fremde Menschen. Auch das ist nicht richtig. Wir sind die gleichen Leute, nur kommen wir von unten; natürlich, der Herr findet alles im Buch, während ich mir alles zusammensuch, auch hat er am Hintern die weißere Haut, das ist es, worauf er schaut. Nein, Burschen, die Welt muß auf neue Art leben, die Geschichten soll man nur lassen! Soll sich doch jeder fragen: Was bin ich? Ein Mensch. Und was ist er? Wieder ein Mensch. Wie also ist das nun – verlangt der Herrgott von ihm vielleicht mehr als von mir? Nein, vor dem Herrgott sind wir in unseren Abgaben gleich ...« Gegen Morgen schließlich, als das Tagesgrauen die Sterne auslöschte, meinte Ossip zu mir: »Hast du gemerkt, auf was für Gedanken ich aber auch komme! Da habe ich was zusammengeredet, woran ich noch nie gedacht hatte! Ihr müßt nicht alles glauben, Jungen, ich habe das nur gesagt, weil ich nicht schlafen konnte, und nicht im Ernst. Da liegt man und liegt und denkt sich zum Spaß etwas aus: ›Es lebte einmal in der Nähe / Eine Krähe / Flog vom Feld zum Hain / Und von Rain zu Rain / Bis die Zeit trat ein / Für die Krähe mein / Da parierte sie / Und krepierte sie!‹ Was ist darin für ein Sinn? Gar keiner ... Und jetzt schlafen wir mal ein bißchen – ist bald Zeit zum Aufstehen.« 18 Ossip wuchs in meinen Augen – wie seinerzeit der Heizer Jakow – derartig, daß er alle anderen Menschen vor mir verdeckte. Er hatte etwas dem Heizer Verwandtes, erinnerte mich aber gleichzeitig an den Großvater, den Bibelkenner Pjotr Wassiljitsch, den Koch Smuryj und hinterließ, indem er an alle diese meinem Gedächtnis fest eingeprägten Menschen erinnerte, seine tiefen Spuren in ihm; er fraß sich in mein Gedächtnis ein wie Oxyd in das Erz einer Glocke. Man merkte, daß er zweierlei Arten Gedanken hatte – am Tage, unter Menschen, bei der Arbeit waren seine Gedanken rasch, einfach, sachlich und leichter verständlich als die, die ihm abends während der Mußestunden kamen, wenn er in die Stadt zu seiner Gevatterin, einer Pfannkuchenhändlerin, mit mir ging, oder nachts, wenn er nicht schlafen konnte. Er hatte seine besonderen nächtlichen Gedanken, die vielseitig wie das Licht einer Laterne ausstrahlten. Sie leuchteten gut, aber wo war ihre eigentliche Richtung, welche Seite des einen oder anderen Gedankens war Ossip näher und wichtiger? Er schien mir bei weitem klüger als alle Menschen, denen ich begegnet war, und ich strich in der gleichen Stimmung um ihn herum wie seinerzeit um den Heizer Jakow – ich wollte ihn erkennen und verstehen, doch er entglitt mir, wand sich hin und her und blieb ungreifbar. Was war der Kern seines Wesens? Welcher Seite konnte man trauen? Ich muß daran denken, wie er zu mir sagte: »Finde selber heraus, was in mir steckt, versuch's doch!« Das trifft meinen Ehrgeiz, und nicht nur den Ehrgeiz, sondern viel mehr – es ist für mich lebenswichtig, den Alten zu begreifen.« Er ist bei aller Ungreifbarkeit doch fest. Mir scheint, er würde sich, auch wenn er noch hundert Jahre zu leben hätte und alles so bliebe, wie es ist, unter den sonderbar schwankenden Menschen unverändert erhalten. Auch bei dem Bibelkundigen hatte ich dieses Gefühl von Beständigkeit gehabt, aber es war mir nicht sehr angenehm gewesen; Ossips Beständigkeit war anders, sie sagte mir schon eher zu. Der Wankelmut der Menschen fiel allzusehr auf, ihre vertrackten Bocksprünge aus einer Lage in die andere warfen mich um; ich war des Wunderns über die unerklärlichen Sprünge schon müde, sie löschten mein reges Interesse für die Menschen allmählich aus, beirrten mich in der Liebe zu ihnen. Eines Tages, Anfang Juli, fuhr an der Stelle, an der wir arbeiteten, rasch eine klapprige Mietdroschke vor; auf dem Bock saß, finster schluckend, der bärtige, betrunkene Kutscher – ohne Mütze, mit blutender Lippe; im Fond lümmelte sich, auch er schwer angegangen, Grigorij Schischlin, Arm in Arm mit einer dicken, rotwangigen Jungfer, die einen Strohhut mit feuerroter Schleife und Glaskirschen trug, einen Sonnenschirm in der Hand hielt und Gummigaloschen an den bloßen Füßen hatte. Sie fuchtelte mit dem Schirm, schaukelte hin und her, lachte und rief: »Ha, Teufel! Die Messe ist doch noch gar nicht eröffnet, von Messe ist keine Rede, und mich schleifen sie her!« Grigorij glitt zerknittert, fast schon zerfledert, aus der Droschke, setzte sich auf die Erde und verkündete uns Zuschauern unter Tränen: »Auf den Knien liege ich vor euch – ich habe mich schwer versündigt! Habe über alles nachgedacht und mich versündigt: So, da habt ihr's! Jefimuschka sagt: ›Grischa, Grischa ...‹ So sagt er, und damit hat er auch recht, ihr aber verzeiht mir! Ich kann euch ja gern einladen. Er hat recht: Wir leben alle nur einmal ... mehr ist nicht drin ...« Die Jungfer lachte aus vollem Halse, trampelte mit den Füßen und verlor ihre Galoschen, und der Kutscher verlangte brummig: »Fahren wir rasch weiter! Los, ihr, das Pferd ist nicht mehr zu halten!« Das Pferd, eine alte, abgetriebene Mähre, völlig von Schaum bedeckt, stand da wie angewurzelt; alles zusammen wirkte unwiderstehlich komisch. Grigorijs Arbeiter wälzten sich vor Lachen und staunten ihren Herrn, seine geputzte Dame, den aus dem Häuschen geratenen Kutscher an. Nur Foma, der neben mir in der Ladentür stand, lachte nicht; er murmelte: »Jetzt hat's dem Schwein die Maske heruntergerissen ... Dabei hat er zu Hause eine Frau, ein schönes Frauenzimmer!« Der Kutscher bestand darauf, rasch weiterzufahren, die Jungfer stieg aus, half Grigorij auf und verstaute ihn in der Droschke zu ihren Füßen; dann schwang sie den Schirm und rief: »Abfahren!« Gutmütig über den Chef spottend und ihn beneidend, machten sich die Leute auf einen Zuruf Fomas wieder an die Arbeit; Foma war es offenbar unangenehm, Grigorij so lächerlich zu sehen. »Und so etwas nennt sich Chef!« murmelte er. »Wir haben weniger als einen Monat zu arbeiten und fahren dann aufs Dorf ... Aber nein, er hat es nicht ausgehalten ...« Ich ärgerte mich über Grigorij – diese Jungfer mit den Kirschen nahm sich so abgeschmackt neben ihm aus. Nicht selten fragte ich mich: Warum ist Grigorij Schischlin der Herr und Foma Tutschkow sein Arbeiter? Kräftig und krausköpfig, mit weißer Haut, Habichtnase und klugen grauen Augen im runden Gesicht, sah Foma einem Bauern wenig ähnlich – in guten Kleidern hätte er für einen Kaufmannssohn aus gutem Hause gegolten. Er war ein finsterer Mann, der wenig und sachlich sprach. Schreib- und lesekundig, führte er die Rechnungen des Unternehmers, stellte Voranschläge auf und wußte die Gefährten zur Arbeit anzuhalten, obwohl er selbst nicht gern dabei mittat. »Ganz läßt sich die Arbeit ja doch nie schaffen«, meinte er gelassen. Über Bücher äußerte er geringschätzig. »Drucken kann man alles, ich sauge mir aus den Fingern, was du willst, das ist gar nichts ...« Dennoch hörte er aufmerksam auf alles hin und fragte die Leute, sobald ihn etwas interessierte, eingehend und beharrlich aus; er ging dabei stets seinen eigenen Gedanken nach und beurteilte alles nach seinem eigenen Maß. Eines Tages sagte ich zu Foma, eigentlich müsse er der Unternehmer sein. Er gab lustlos zur Antwort: »Ja, wenn man gleich mit Tausenden schalten könnte ... Aber so – sich mit den Leuten wegen Groschen herumschlagen – das heißt doch leeres Stroh dreschen! Nein, ich sehe mir das alles noch eine Weile an und gehe dann ins Kloster, nach Oranki. Ich sehe gut aus und bin auch kräftig – vielleicht gefalle ich einer Kaufmannswitwe! So was kommt vor – da hat ein Bursche aus Sergatsch in knapp zwei Jahren sein Glück gemacht und sich mit einem Mädchen verheiratet, auch noch von hier, aus unserer Stadt; sie zogen mit einer Ikone von Haus zu Haus, und eben bei dieser Gelegenheit hat sie ihn dann entdeckt ...« Darüber hatte er nachgedacht – er kannte zahlreiche Geschichten von Menschen, die das Noviziat in einem Kloster auf angenehme Bahnen geführt hatte. Mir gefielen seine Erzählungen nicht, auch seine ganze Denkweise sagte mir nicht zu, ich war jedoch überzeugt, er werde wirklich in ein Kloster gehen. Dann wurde die Messe eröffnet, und Foma verdingte sich, überraschend für uns alle, als Kellner in einer Gastwirtschaft. Ich will nicht sagen, daß seine Arbeitskameraden sehr verwundert waren; wohl aber hatten alle von da an nur noch Spott für ihn übrig; wenn sie feiertags Tee trinken gingen, zwinkerten sie sich gegenseitig zu und sagten: »Auf denn – zu unserem Kumpel!« In der Gastwirtschaft kommandierten sie wie große Herren herum: »Kellner! He, Krauskopf, komm doch mal her!« Er trat auf sie zu, sah auf und fragte: »Was wünschen Sie?« »Erkennst du deine alten Bekannten nicht wieder?« »Dazu habe ich keine Zeit.« Er fühlte, daß seine Kameraden ihn verachteten, daß sie sich einen Spaß mit ihm machen wollten, und blickte sie mit trauriger Erwartung an; sein Gesicht wurde hölzern, es schien zu sagen: Los, macht schon, lacht mich schon aus, worauf wartet ihr noch? »Nimmst du ein Trinkgeld?« fragte man ihn, kramte absichtlich recht lange in seiner Börse und gab keine Kopeke. Ich fragte Foma, wieso er denn zu den Mönchen gewollt habe und plötzlich Lakai geworden sei. »Zu den Mönchen habe ich nicht gewollt«, entgegnete er, »und Lakai werde ich nicht lange bleiben ...« Ich traf ihn vier Jahre später in Zarizyn; er arbeitete immer noch als Kellner in einer Gastwirtschaft; schließlich erfuhr ich aus der Zeitung, daß Foma Tutschkow wegen versuchten Einbruchdiebstahls verhaftet worden war. Besonders verblüffte mich die Geschichte des Maurers Ardaljon, des ältesten und besten Arbeiters in Pjotrs Artel. Unwillkürlich fragte ich mich auch hier, warum eigentlich Pjotr und nicht dieser vierzigjährige, schwarzbärtige, fröhliche Bauer Herr des Arteis war. Er trank nur selten Wodka und betrank sich fast nie; auf seine Arbeit verstand er sich ausgezeichnet und war auch mit Liebe dabei – die Ziegel flogen in seinen Händen wie rote Tauben. Der kranke und mürrische Pjotr erschien neben ihm im Artel völlig entbehrlich; über die Arbeit pflegte Pjotr zu sagen: »Ich baue Steinhäuser für die anderen, damit es zu einem hölzernen Sarg für mich reicht ...« Ardaljon, der mit fröhlichem Grimm die Steine vermauerte, rief hier und da den Arbeitsgefährten zu: »He, Jungen, packt an, zum Ruhme Gottes!« Und er erzählte allen, er werde im kommenden Frühjahr nach Tomsk gehen, sein Schwager habe dort einen großen Auftrag – den Bau einer Kirche – übernommen und wolle ihn als Vorarbeiter einstellen. »Das ist für mich eine beschlossene Sache. Kirchen bauen – da bin ich dabei!« sagte er und schlug mir vor: »Komm mit! In Sibirien, Verehrter, hat es einer, der lesen und schreiben kann, sehr einfach, das ist dort Trumpf!« Ich war einverstanden, und Ardaljon rief triumphierend aus: »Na also! Das ist doch was, sind schließlich keine Späße ...« Pjotr und Grigorij behandelte er mit gutmütigem Spott, wie ein Erwachsener Kinder; zu Ossip sagte er über sie: »Prahlhänse, versuchen sich gegenseitig ihren Verstand zu beweisen wie beim Kartenspiel. Der eine – da, schau her, was für ein Blatt ich habe, der andere – und ich erst, sieh dir das an, nur Trümpfe!« Ossip bemerkte unbestimmt: »Wie könnte es anders sein? Prahlen ist menschlich, die Mädchen wölben alle den Busen vor ...« »Immer stöhnen sie und führen Gott im Munde, häufen dabei aber Geld an!« ließ Ardaljon nicht nach. »Nun, Grischa wird wohl keins anhäufen ...« »Ich rede von meinem. Soll er mit seinem Gott doch in die Wälder, in die Wüste gehen ... Ach, ich habe hier alles satt, im Frühjahr mach ich mich auf und davon – nach Sibirien ...« Die Arbeiter beneideten Ardaljon und meinten: »Ja, wenn wir so einen Rückhalt hätten wie du in deinem Schwager, würden auch wir uns nicht vor Sibirien scheuen ...« Und plötzlich war Ardaljon verschwunden. Er hatte das Artel an einem Sonntag verlassen, und etwa drei Tage hörte man nichts von ihm. Man riet besorgt hin und her: »Vielleicht ist er bei einer Schlägerei verletzt worden?« »Oder er hat gebadet und ist ertrunken?« Doch dann kam Jefimuschka und erklärte betreten: »Ardaljon bummelt!« »Was redest du da?« rief Pjotr mißtrauisch. »Er bummelt, er trinkt. Hat einfach wie eine Getreidedarre von innen her zu brennen begonnen. Als wäre ihm die geliebte Frau gestorben ...« »Er ist doch Witwer! Wo steckt er?« Pjotr machte sich ärgerlich auf, um Ardaljon zu retten, doch der verprügelte ihn. Da preßte Ossip die Lippen aufeinander, vergrub die Hände in den Taschen und erklärte: »Jetzt gehe ich mal hin und sehe nach, was mit ihm ist. Er ist doch ein anständiger Kerl ...« Ich heftete mich an seine Fersen. »So ist das nun mit den Menschen«, sagte Ossip unterwegs, »da lebt einer still dahin, alles scheint gut, und plötzlich mit fliegender Fahne ab durchs Gelände! Halte die Augen offen, Maximytsch, und lerne ...« Wir kamen in eines der billigen »Häuser« des »vergnüglichen Dorfes Kunawino«; eine durchtriebene Alte empfing uns. Ossip flüsterte mit ihr, worauf sie uns in ein fast leeres kleines Zimmer führte, das dunkel und schmutzig war wie ein Stall. Auf einem Bett schlief, Arme und Beine von sich gestreckt, eine große, dicke Frauensperson; die Alte stukte sie mit der Faust in die Seite und sagte: »Hinaus! He, du alte Kröte, hinaus!« Die Frau sprang erschrocken auf, rieb sich die Augen und fragte: »Mein Gott! Was ist? Wer ist denn das?« »Geheimpolizei«, entgegnete Ossip barsch; die Frau schrie auf und verschwand, während Ossip ihr nachspie und mir erklärte: »Vor der Geheimpolizei fürchten sie sich ärger als vor dem Teufel ...« Die Alte nahm einen kleinen Spiegel von der Wand und hob ein Stück Tapete hoch. »Sehen Sie her – ist es der?« Ossip spähte durch eine Lücke in der Bretterwand. »Er ist es! Jag das Mädel fort ...« Auch ich sah durch die Lücke. In einer Kammer, genauso eng wie die, in der wir uns befanden, brannte auf dem Fensterbrett vor den verschlossenen Läden eine Blechlampe, und neben ihr stand eine schlitzäugige nackte Tatarin, die ihr Hemd einnähte. Dahinter ragte auf zwei Bettkissen das gedunsene Gesicht Ardaljons empor und starrte, schwarz und zerzaust, sein Bart. Die Tatarin zuckte zusammen, warf sich das Hemd über, glitt am Bett vorüber zur Tür und erschien plötzlich in unserem Zimmer. Ossip blickte sie an und spie aufs neue aus. »Hu, schamloses Frauenzimmer!« »Und du bist eine alte Dummkopf«, entgegnete sie lachend. Auch Ossip lachte und drohte ihr mit dem Finger. Wir gingen in die Kammer der Tatarin hinüber, Ossip setzte sich zu Ardaljons Füßen aufs Bett und bemühte sich lange; doch ohne Erfolg, ihn zu wecken; Ardaljon lallte nur: »Schon gut ... Augenblick, wir gehen gleich ...« Schließlich wurde er wach, sah Ossip und mich scheu an, schloß die geröteten Augen und brummte: »Nun, nun ...« »Was ist denn mit dir los?« fragte Ossip gelassen, zwar ohne Vorwurf, aber nicht gerade heiter. »Bin eben ins Bummeln gekommen«, erläuterte krächzend und hustend Ardaljon. »Wieso denn?« »Nun ja, wie das nun mal so ist ...« »Wenig schön, will mir scheinen.« »Was soll daran schon Schönes sein ...« Ardaljon griff nach der angebrochenen Flasche auf dem Tisch, trank einen Schluck Wodka und bot auch Ossip davon an. »Magst du? Da ist wohl auch noch was zu essen ...« Ossip nahm einen Schluck aus der Flasche, verzog das Gesicht und zerkaute sorgfältig ein Stück Brot, während der noch benebelte Ardaljon lustlos fortfuhr: »Da habe ich mich mit dieser Tatarin eingelassen ... Daran ist nur Jefimuschka schuld; sie ist jung, hat er gesagt, ist eine Waise aus Kassimow und hat sich zur Messe bei uns eingefunden.« Hinter der Wand sagte jemand fröhlich in gebrochenem Russisch: »Tatarin gut! Tatarin wie junge Huhn. Wirf ihm hinaus, ist doch nicht deine Vater ...« »Ja, eben die meine ich«, murmelte Ardaljon und starrte dumpf zur Wand. »Ich habe sie gesehen«, sagte Ossip. »So ist das alles mit mir, Verehrter«, wandte sich Ardaljon an mich. Ich hatte erwartet, daß Ossip ihm Vorwürfe machen und ihn zurechtweisen und daß sich Ardaljon verwirrt und bußfertig zeigen würde. Doch nichts dergleichen geschah – sie saßen Schulter an Schulter nebeneinander und unterhielten sich seelenruhig in kurzen Worten. Ich fand es traurig genug, sie hier, in diesem dunklen, schmutzigen Loch zu sehen; die Tatarin gab durch die Lücke in der Wand allerlei komisches Zeug zum besten, aber sie hörten ihr nicht zu. Ossip nahm eine gedörrte Zärte vom Tisch, klopfte sie mehrmals gegen seinen Stiefel und schälte sorgsam die Haut ab, wobei er fragte: »Dein Geld hast du wohl restlos vertan?« »Ich kriege noch etwas von Petrucha.« »Sieh zu, daß du mit allem zurechtkommst! Du wolltest doch nach Tomsk?« »Was soll ich da?« »Hast du's dir anders überlegt?« »Ja, wenn es Fremde wären ...« »Wie meinst du das?« »Nun ja, es sind doch meine Schwester und mein Schwager ...« »Na und?« »Es ist nicht allzu angenehm, bei seinen Verwandten in Dienst zu gehen.« »Dienst ist Dienst.« »Trotzdem ...« Sie unterhielten sich so freundschaftlich und ernst, daß die Tatarin es aufgab, sie zu necken, schweigend das Zimmer betrat, ihr Kleid von der Wand nahm und verschwand. »Sie ist jung«, meinte Ossip. Ardaljon sah ihn an und sagte ohne Bedauern: »Alles nur dieser Tunichtgut Jefimuschka! Er kennt nichts als die Weiber ... Diese Tatarin ist allerdings lustig, hat lauter Flausen im Kopf.« »Paß auf, daß du nicht hängenbleibst«, warnte ihn Ossip, aß seine Zarte auf und verabschiedete sich. Auf dem Rückweg fragte ich Ossip: »Was wolltest du bei ihm?« »Einfach mal nachsehen! Ist schließlich ein guter Bekannter. Ich habe da ziemlich viel solche Fälle gesehen – ein Mensch lebt friedlich dahin und bricht so mir nichts, dir nichts aus dem Zuchthaus aus«, wiederholte er mit anderen Worten, was er schon früher gesagt hatte. »Man muß sich vor dem Wodka in acht nehmen!« Einen Augenblick später jedoch setzte er hinzu: »Dabei ist ohne ihn alles so trübselig!« »Ohne Wodka?« »Gewiß doch! Hat man einen getrunken, dann ist es, als wandle man auf einer anderen Erde ...« Ardaljon kehrte nicht wieder zurück. Zwar stellte er sich einige Tage später zur Arbeit ein, verschwand jedoch bald aufs neue: ich traf ihn im Frühjahr unter Barfüßlern – sie hackten Lastkähne aus dem Eis einer Flußbucht frei. Wir kamen uns freundlich entgegen und gingen in ein Gasthaus, um Tee zu trinken. Beim Tee warf er sich in die Brust: »Weißt du noch, was für ein Arbeiter ich war? Geradeheraus gesagt – in meinem Fach ein Meister! Ich hätte Hunderte verdienen können!« »Hast du aber nicht ...« »Ha – habe ich nicht!« rief er stolz. »Ich pfeife auf die Arbeit!« Er spielte sich ziemlich auf, die Leute im Gasthaus horchten aufmerksam auf seine großspurigen Reden hin. »Weißt du noch, was der heimliche Dieb Petrucha über die Arbeit gesagt hat? Den anderen ein steinernes Haus, für mich einen hölzernen Sarg. Da hast du deine Arbeit!« Ich sagte: »Petrucha ist krank, er fürchtet sich vor dem Tod.« Doch Ardaljon rief: »Auch ich bin vielleicht krank, bei mir ist vielleicht die Seele nicht auf dem rechten Fleck!« Feiertags stieg ich oft aus der Stadt zur Millionnaja-Straße hinunter, in der die Barfüßler hausten, und sah, wie rasch Ardaljon in der »goldenen Rotte« heimisch wurde. Vor einem Jahr noch fröhlich, aber gesetzt, war Ardaljon irgendwie aufrührerisch geworden; er hatte sich einen eigentümlichen, schaukelnden Gang zugelegt, sah die Menschen herausfordernd an, als suche er mit jedermann Streit oder Händel, und prahlte in einem fort: »Schau dir an, wie ich hier aufgenommen worden bin – ich bin hier eine Art Bandenhauptmann!« Er bewirtete, ohne mit dem Verdienten zu geizen, die Barfüßler, stellte sich bei Schlägereien auf die Seite des Schwächeren und erhob oft genug seine mahnende Stimme: »Kinder, das ist nicht richtig von euch! Man muß gerecht sein!« So bekam er den Spitznamen »Der Gerechte«, und das gefiel ihm sehr gut. Eifrig beobachtete ich die Menschen, die in dem alten und schmutzigen steinernen Straßenschlauch zusammengepfercht waren. Alle waren im Leben gestrandet, aber das Leben, das sie sich selber geschaffen hatten, schien mir vergnügt und unabhängig von irgendwelchen Herren. Sorglos und verwegen, erinnerten sie mich an Großvaters Erzählungen von den Burlaken, die sich so mühelos in Räuber oder Einsiedler verwandelten. Wenn keine Arbeit da war, verschmähten diese Menschen auch kleine Diebstähle auf Lastkähnen oder Dampfern nicht, aber das störte mich kaum – ich sah, daß Diebereien das Leben durchwirkten wie graue Fäden einen alten Mantel, und sah auch, daß diese Menschen mit ungeheurer Begeisterung und ohne sich zu schonen arbeiten konnten, wie das bei eiligen Umladungen, Feuersbrünsten und während des Eisgangs der Fall war. Überhaupt lebten sie feiertäglicher als alle anderen Menschen. Ossip jedoch, der meine Freundschaft mit Ardaljon bemerkte, warnte mich väterlich: »Hör zu, mein Herz, du kümmerliches Reis, wie kommt es, daß du so dick mit der Millionnaja befreundet bist? Paß auf, daß du nicht Schaden dabei nimmst ...« Ich erklärte ihm, so gut ich konnte, warum diese Menschen mir gefielen – sie schlugen sich fröhlich, ohne viel Arbeit durch. »Wie die Vögel unter dem Himmel«, fiel er mir spöttisch ins Wort. »Das kommt nur daher, weil sie Faulpelze und unnützes Volk sind, weil Arbeit für sie ein Unglück bedeutet!« »Was ist denn schon die Arbeit? Man sagt doch: Mit ehrlicher Arbeit erwirbt man keine steinernen Häuser!« Das auszusprechen fiel mir nicht schwer, ich hatte diese Redensart zu oft gehört und fühlte, daß sie stimmte. Doch Ossip wurde böse und fuhr mich an: »Wer sagt das? Dummköpfe und Faulpelze! Du, Gelbschnabel, brauchst nicht darauf zu hören! Sieh einer an! Solche Dummheiten verzapfen Neider und Pechvögel – werde erst einmal trocken hinter den Ohren, dann kannst du von mir aus rumoren! Von deiner Freundschaft aber erzähle ich dem Prinzipal – nimm mir's nicht übel!« Und er erzählte es ihm. Der Prinzipal sagte in seiner Gegenwart zu mir: »Die Millionnaja gib mal auf, Peschkow! Dort hausen Diebe und Prostituierte, der Weg von da führt ins Gefängnis oder ins Krankenhaus. Laß die Finger davon!« Ich begann meine Besuche in der Millionnaja zu verheimlichen, war aber bald genötigt, sie aufzugeben. Eines Tages saß ich mit Ardaljon und seinem Gefährten Robenok im Hof eines der Nachtasyle auf einem Scheunendach; Robenok erzählte uns spaßig von seinem Fußmarsch aus Rostow am Don nach Moskau. Er hatte als Pionier gedient, war Ritter des Georgskreuzes und lahmte – im Türkenkrieg war ihm das Knie zerschmettert worden. Klein und stämmig, verfügte er über furchterregende Kräfte in den Armen – Kräfte, die ihm nichts einbrachten, da er wegen seiner Lahmheit nicht arbeiten konnte. Die Haare auf Schädel und Gesicht waren ihm infolge irgendeiner Krankheit ausgegangen – sein Kopf erinnerte an den eines Neugeborenen. Er blinzelte mit den rötlichen Augen und sagte: »Ja, also – Serpuchow; da sitzt im Vorgarten ein Pope. ›Ehrwürdiger Vater‹, sagte ich, ›bitte um eine milde Gabe für einen Helden aus dem Türkenkrieg‹« Ardaljon wiegt den Kopf und bemerkt: »Immer schwindel nur.« »Wieso schwindle ich denn?« fragt Robenok, ohne gekränkt zu sein, während mein Freund Ardaljon belehrend und träge brummt: »Du weißt nicht richtig zu leben! Du solltest dich als Wächter anstellen lassen, die Lahmen sind immer Wächter, du aber treibst dich sinnlos herum und tust weiter nichts als schwindeln.« »Ich tu es doch nur, damit man was zum Lachen hat.« »Lachen solltest du über dich selbst ...« Auf dem Hof, der trotz des trockenen, sonnigen Wetters dunkel und schmutzig war, erschien eine Frau, die irgendeinen Fetzen schwenkte und ausrief: »He, Freundinnen, wer kauft einen Rock?« Aus allen Ritzen des Hauses kamen Frauen zum Vorschein und drängten sich um sie; ich hatte sie sofort erkannt – es war die Wäscherin Natalja! Ich sprang vom Scheunendach, sie hatte den Rock jedoch gleich zum ersten besten Preis verkauft und verließ bereits still und heimlich den Hof. »Guten Tag!« begrüßte ich sie freudig, nachdem ich sie hinter dem Haustor eingeholt hatte. »Und was hast du sonst noch zu sagen?« fragte sie, sah mich von der Seite her an, blieb plötzlich stehen und rief ärgerlich aus: »Ach du meine Güte, was machst denn du hier?« Ihr erschrockener Ausruf rührte und verwirrte mich, ich begriff, daß sie meinetwegen erschrocken war – Angst und Verwunderung malten sich deutlich auf ihrem klugen Gesicht. Hastig erklärte ich ihr, daß ich in dieser Straße nicht wohne, sondern nur dann und wann herkomme, um mir alles anzusehen. »Um alles anzusehen?!« rief sie mit spöttischem Ärger. »Wo siehst du denn dabei hin? Den Vorüberkommenden in die Taschen oder den Weibern unter die Bluse?« Ihr Gesicht wirkte zerknittert, um die Augen lagen dunkle Schatten, die Lippen waren müde gesenkt. Sie blieb vor der Tür einer Gastwirtschaft stehen und sagte: »Komm herein, ich bewirte dich mit Tee! Bist sauber angezogen, siehst gar nicht aus wie einer von hier, aber ich glaube dir nicht ganz ...« In der Gastwirtschaft faßte sie aber wohl doch Vertrauen zu mir und erzählte trübe, sie sei erst vor einer Stunde aufgewacht und habe noch nichts gegessen und getrunken. »Bin gestern völlig beschwipst zu Bett gegangen, ich weiß gar nicht mehr, wo und mit wem ich gezecht habe.« Sie tat mir leid, ich hatte ihr gegenüber ein peinliches Gefühl und hätte sie gern gefragt, wo ihre Tochter sei. Doch nachdem sie einen Wodka und heißen Tee getrunken hatte, erzählte sie in der bekannten Art der Frauen dieser Straße – munter und grob; als ich sie schließlich nach ihrer Tochter fragte, wurde sie gleich nüchtern und rief: »Was geht dich das an? Nein, mein Lieber, an meine Tochter kommst du nicht heran!« Sie trank noch einen Wodka und erzählte: »Die Tochter hat nichts mehr mit mir zu schaffen. Wer bin ich? Eine Wäscherin. Was bin ich in ihren Augen für eine Mutter? Sie hat die Schule besucht, sie ist gebildet. So ist das nun, Verehrter! Sie ist von mir fort, zu einer reichen Freundin, angeblich, um Lehrerin zu werden ...« Nach einem kurzen Schweigen fragt sie mit gedämpfter Stimme: »Ach was? Eine Wäscherin sagt Ihnen nicht zu? Und eine Herumtreiberin – sagt die Ihnen zu?« Daß sie sich herumtrieb, sah ich natürlich gleich – andere Frauen gab es in dieser Straße nicht. Als sie es aber selber aussprach, traten mir vor Scham und Mitleid die Tränen in die Augen – sie, die noch vor kurzem so Tapfere, Unabhängige, Kluge, hatte mich mit diesem Bekenntnis gleichsam verbrannt. »Hach, du«, sagte sie, sah mich an und seufzte. »Verschwinde du mal von hier! Und ich bitte dich auch und rate dir – laß dich nicht wieder hier sehen, du gehst zugrunde!« Sie beugte sich über den Tisch, zeichnete mit dem Finger irgend etwas auf das Tablett und fuhr leise und abgerissen, mehr zu sich selber fort: »Aber was machst du dir schon aus meinen Bitten und Ratschlägen? Wenn selbst die eigene Tochter nicht auf mich gehört hat. Ich rufe ihr zu: ›Du kannst doch nicht die eigene Mutter verlassen, ich bitte dich!‹ Und sie zu mir: ›Ich hänge mich auf.‹ Ist nach Kasan gefahren, will Hebamme lernen. Also gut ... gut ... Und ich? Nun, ich mache es eben so ... An wen soll ich mich anschmiegen? ... An den ersten, der vorüberkommt ...« Sie verstummte, dachte lange über etwas nach, bewegte lautlos die Lippen und hatte mich augenscheinlich vergessen. Ihre Mundwinkel senkten sich, die Lippen verbogen sich zu einer Sichel, und es tat weh, zu sehen, wie die Lippenhaut zuckte, wie die zitternden Fältchen stumm von etwas erzählten. Das Gesicht hatte einen kindlichen, gekränkten Ausdruck. Eine Haarsträhne war unter dem Tuch hervorgekommen, lag auf der Wange und zog sich hinauf hinter das kleine Ohr. In die Tasse mit dem kalt gewordenen Tee fiel eine Träne; als Natalja es bemerkte, schob sie die Tasse beiseite, schloß fest die Augen, preßte noch zwei Tränen heraus und wischte sich das Gesicht mit dem Tuch. Meine Geduld reichte nicht aus, um länger bei ihr zu sitzen, und ich stand leise auf. »Leben Sie wohl!« »Was? Geh, scher dich zum Teufel!« winkte sie ab, ohne mich anzusehen; sie hatte vermutlich vergessen, mit wem sie zusammen war. Ich kehrte in den Hof, zu Ardaljon, zurück – wir wollten Krebse fangen gehen, auch hätte ich ihm gern von dieser Frau erzählt. Doch weder er noch Robenok waren noch auf dem Dach; während ich im unübersichtlichen Hof nach ihnen suchte, erhob sich auf der Straße ein Lärm – der hier nun einmal übliche, fällige Krach. Ich trat aus dem Tor und stieß gleich darauf mit Natalja zusammen – sie wischte sich schluchzend mit dem Kopftuch das blutende Gesicht, strich mit der anderen Hand die zerzausten Haare glatt und ging wie blind den Bürgersteig entlang, gefolgt von Ardaljon und Robenok. Robenok sagte: »Hau ihr noch eine rein, los!« Ardaljon holte die Frau ein und hob die Faust; sie wandte sich zu ihm um; ihr Gesicht war furchterregend, die Augen brannten vor Haß. »Da, schlag zu!« rief sie aus. Ich fiel Ardaljon in den Arm; er sah mich erstaunt an. »Was hast du?« »Rühr' sie nicht an«, vermochte ich mit Mühe zu sagen. Er brach in Lachen aus. »Ist sie deine Geliebte? Sieh einer an – Natascha hat einen Mönch vernascht!« Auch Robenok wieherte und schlug sich auf die Schenkel; man zog mich lange auf, verbrühte mich wie mit heißem Schlamm – das war quälend genug! Immerhin war Natalja inzwischen verschwunden; ich hielt es nicht länger aus und stieß Robenok mit dem Kopf vor die Brust, warf ihn um und lief davon. Ich blieb der Millionnaja von da an lange Zeit fern, sah aber Ardaljon noch einmal wieder – ich traf ihn auf der Fähre. »Wo hast du denn gesteckt?« erkundigte er sich erfreut. Als ich ihm sagte, daß ich mich mit Widerwillen daran erinnere, wie er Natalja zusammengeschlagen und mich auf schmutzige Art gekränkt habe, brach er in gutmütiges Lachen aus. »Aber das war doch alles nicht im Ernst! Wir haben dich doch nur gehänselt! Und sie? Ja, warum soll man eine wie die nicht schlagen? Man prügelt Ehefrauen, da brauchen einem solche erst recht nicht leid zu tun! Jedenfalls war alles nur Spaß! Ich weiß doch – mit der Faust bringt man keinem was bei!« »Was willst du ihr denn beibringen? Wieso bist du besser als sie?« Er faßte mich um die Schultern, schüttelte mich und pflichtete mir spöttisch bei: »Darin besteht ja bei uns die ganze Gemeinheit, keiner ist besser als der andere ... Ich weiß das doch alles, mein Freund, ich kenne das in- und auswendig! Ich bin nicht vom Dorf ...« Er war ein wenig angeheitert und sah mich mit freundlichem Bedauern an – wie ein gutmütiger Lehrer einen begriffsstutzigen Schüler. Ich traf gelegentlich mit Pawel Odinzow zusammen; er war noch munterer geworden als früher, kleidete sich wie ein Stutzer, behandelte mich von oben herab und warf mir immerfort vor: »Was du dir für eine Arbeit ausgesucht hast! Du gehst doch dabei zugrunde! Immer nur diese Bauern ...« Danach erzählte er mir betrübt die Neuigkeiten von der Werkstatt. »Shicharew hat es noch immer mit dieser Kuh; Sitanow scheint sich zu grämen – er trinkt zuviel. Gogolew aber haben die Wölfe gefressen; da macht er sich in der Weihnachtswoche nach Hause auf, und unterwegs verspeisen ihn, den Betrunkenen, die Wölfe!« Pawel bricht in fröhliches Lachen aus und ergeht sich in komischen Phantasien: »Sie fressen ihn also und sind ebenfalls alle betrunken! Sie werden vergnügt, gehen wie dressierte Hunde auf den Hinterläufen durch den Wald, heulen und sind am nächsten Tage alle krepiert!« Ich hörte ihm zu und lachte mit, fühlte jedoch, daß die Werkstatt mit allem, was ich dort erlebt hatte, weit hinter mir lag. Das schmerzte ein wenig. 19 Im Winter gab es im Messegelände fast keine Arbeit; ich übte zu Hause wie früher allerlei kleine Pflichten aus; sie nahmen den ganzen Tag in Anspruch, ließen den Abend jedoch frei; ich las der Herrschaft aufs neue die mir nicht zusagenden Romane aus der »Flur« und dem »Moskauer Blättchen« vor, während ich mich nachts mit guten Büchern befaßte und Verse zu schreiben versuchte. Eines Tages, als die Frauen zur Mitternachtsmesse gegangen waren und der Hausherr, weil er unpäßlich war, das Haus hütete, fragte er mich: »Wiktor macht sich darüber lustig, daß du angeblich Verse schreibst. Stimmt das, Peschkow? Lies mir doch mal was vor!« Ich konnte seine Bitte nicht gut ablehnen und las ihm einige Gedichte vor; sie gefielen ihm offenbar nicht, aber immerhin sagte er: »Mach nur so weiter! Wer weiß, vielleicht wird noch ein Puschkin aus dir; hast du schon etwas von Puschkin gelesen? Hält ein Hexlein Hochzeit eben? Wird ein Kobold beigesetzt? Zu seiner Zeit glaubte man noch an Hausgeister. Nun, er selbst wird wohl kaum an sie geglaubt, sondern einfach gescherzt haben! Jaaa, Verehrter«, meinte er gedehnt, »du hättest etwas lernen müssen, jetzt ist es für dich zu spät! Weiß der Teufel, was aus dir werden soll ... Dein Heft halte recht gut versteckt, sonst fallen die Weiber über dich her und lachen dich aus ... Die Weiber, mein Freund, treffen uns gern an einer empfindlichen Stelle ...« Er war seit einiger Zeit recht still und nachdenklich geworden, sah sich in einem fort unruhig um und erschrak bei jedem Klingelzeichen; manchmal versetzte ihn schon eine Kleinigkeit in krankhafte Erregung, er schrie alle an, rannte aus dem Hause und kam spät in der Nacht betrunken zurück ... Man fühlte, daß etwas in seinem Leben geschehen war, von dem nur er allein wußte und das ihn im Innersten getroffen hatte – er lebte seither lustlos und unsicher, mehr aus Gewohnheit dahin. Feiertags ging ich vom Mittagessen bis neun Uhr spazieren und saß abends in einer Schankwirtschaft in der Jamskaja-Straße; der Wirt, ein dicker und ewig schwitzender Mann, war ein leidenschaftlicher Liebhaber von Gesang, die Sänger fast aller Kirchenchöre wußten es und versammelten sich bei ihm; er bewirtete sie für ihre Lieder mit Wodka, Bier, Tee. Kirchensänger trinken gern und sind ein uninteressantes Volk; sie sangen lustlos, nur wegen der Bewirtung, und fast immer nur Geistliches; da aber manche frommen Trunkenbolde der Ansicht waren, daß Geistliches nicht in die Kneipe gehöre, bat der Wirt die Sänger in sein Zimmer, und ich konnte den Gesang nur durch die Tür hören. Nicht selten sangen in der Schankwirtschaft jedoch auch Bauern und Handwerker – der Wirt sah sich in der Stadt eigens nach Sängern um, fragte an Basartagen Bauern aus der Umgebung nach ihnen aus und lud sie zu sich ein. Der Sänger setzte sich stets auf einen Stuhl neben den Schanktisch, am Wodkafäßchen – der Kopf zeichnete sich vor seinem Boden wie in einem runden Rahmen ab. Besser als alle anderen – und immer besonders schöne Lieder – sang der kleine, dürre Sattler Kleschtschow, ein zerknitterter wie zerbeulter Mann mit rötlichen Haarbüscheln; die kleine Nase glänzte wie die eines Toten, die winzigen, schläfrigen Augen standen still. Da schloß er sie manchmal, lehnte den Hinterkopf an den Boden des Fäßchens, wölbte die Brust vor und sprudelte mit leiser, aber alles bezwingender Tenorstimme los: »Nebel sank herab aufs Feld, aufs ebene, Er verhüllt die Straßen in die Ferne mir ...« Hier stand er auf, neigte sich, mit dem Rücken an den Schanktisch gelehnt, zurück und seufzte, das Gesicht zur Decke gewandt: »Wohin wend ich mich, wohin, Daß ich wieder auf der breiten Straße bin?« Seine Stimme war nicht stark, aber unermüdlich; sie schwang wie eine silberne Saite im dumpfen Lärm der Schankwirtschaft, die traurigen Worte, Seufzer und Ausbrüche bezwangen jedermann – selbst die Betrunkenen horchten auf und starrten ernst und schweigend auf die Tischplatten. Mir drohte das Herz zu zerspringen, übervoll jenes mächtigen Gefühls, das gute Musik stets weckt, indem sie auf wunderbare Weise ans Innerste rührt. In der Schankwirtschaft wird es still wie in einer Kirche, in der der Sänger der freundliche Geistliche ist. Er predigt nicht, er betet wirklich und ehrlich, aus tiefstem Herzen für das ganze Menschengeschlecht, gedenkt ehrlich und allen hörbar der Kümmernisse des armen Lebens. Von überall blicken ihn bärtige Männer an, nachdenklich zwinkern die kindlichen Augen in ihren tierischen Mienen; gelegentlich seufzt jemand, und das unterstreicht die triumphierende Macht des Liedes. In solchen Augenblicken scheint mir immer, daß alle Menschen ein falsches, erklügeltes Leben führen, während das wirkliche Leben so sein muß wie jetzt, wie hier! In der Ecke sitzt die dickmäulige Händlerin Lyssucha, eine verkommene, schamlose Herumtreiberin; sie hat den Kopf zwischen die fetten Schultern gezogen und weint still vor sich hin – die frechen Augen schwimmen in Tränen. In der Nähe liegt mit der Brust auf dem Tisch der finstere Bassist Mitropolskij, ein langmähniger Bursche, der einem dispensierten Diakon ähnelt, mit riesigen Augen im trunkenen Gesicht; er starrt ins Wodkaglas, nimmt es vom Tisch, führt es an seine Lippen und setzt es behutsam und lautlos wieder ab – er mag aus irgendeinem Grunde nicht trinken. Alle Besucher der Schankwirtschaft sind erstarrt, alle scheinen auf etwas längst Vergessenes zu horchen, das ihnen teuer und vertraut gewesen ist. Wenn Kleschtschow sein Lied beendet hatte, setzte er sich bescheiden auf den Stuhl, der Wirt reichte ihm ein Glas Wodka und bemerkte mit zufriedenem Lächeln: »Nun, ja, natürlich wunderbar! Obwohl du eigentlich nicht singst, sondern eher erzählst; aber meisterhaft immerhin, da ist nichts einzuwenden. Dagegen kann man nichts sagen ...« Kleschtschow trinkt gelassen seinen Wodka, krächzt vorsichtig und entgegnet mit leiser Stimme: »Singen kann jeder, der Stimme hat, aber die Seele im Liede zeigen – das kann nur ich!« »Schon gut, prahle mal nicht!« »Wer keinen Grund dazu hat, der prahlt auch nicht«, erwidert der Sänger ebenso leise, aber schon starrköpfiger. »Bist anmaßend, Kleschtschow!« ruft ärgerlich der Kneipenwirt aus. »Höher, als meine Seele fliegt, erhebe ich mich nicht!« In der Ecke aber dröhnt der finstere Bassist: »Was versteht ihr schon vom Gesang dieses mißgestalten Engels, ihr modriger Schimmel, ihr Gewürm!« Er war immer anderer Meinung als alle, stritt sich mit allen, prangerte alle an und wurde fast jeden Feiertag unbarmherzig dafür verprügelt – von Kirchensängern und jedem, der Lust dazu hatte und prügeln konnte. Der Wirt liebt Kletschtschows Lieder, kann aber den Sänger nicht leiden; er beschwert sich bei jedermann über ihn und ist offensichtlich bestrebt, den Sattler zu demütigen, sich über ihn lustig zu machen; das wissen sowohl die Stammgäste als auch Kleschtschow selbst. »Ein guter Sänger, aber hochnäsig, man muß ihn in die Schranken weisen«, sagt der Wirt, und einige Gäste pflichten ihm bei. »Es stimmt – der Bursche ist eingebildet!« »Worauf denn eigentlich? Die Stimme hat er von Gott, sie ist nicht sein Verdienst. Ist sie denn überhaupt groß?« fährt eigensinnig der Schankwirt fort. Das Publikum pflichtet ihm bei: »Richtig, es ist nicht sosehr die Stimme, es ist das Können.« Eines Tages, als der Sänger aus seiner Entrücktheit zurückgefunden hatte und gegangen war, versuchte der Wirt Lyssucha zu überreden: »Marja Jewdokimowna, du solltest dich an Kleschtschow heranmachen und ihn ein bißchen zappeln lassen! Was macht es dir schon aus?« »Ja – wenn ich jünger wäre«, entgegnete lächelnd die Händlerin. Der Wirt fiel ihr laut und eifrig ins Wort: »Was die Jungen schon können! Nimm du es doch in die Hand! Wirst sehen, wie der um dich herumscharwenzelt! Was meinst du, wie er erst singen wird, wenn er nach dir verschmachtet! Nimm's in die Hand, Jewdokimowna, ich würde mich dankbar erweisen! Machst du's?« Sie lehnte ab. Groß und üppig, senkte sie den Blick, nestelte an den Fransen ihres Brusttuches und wiederholte träge und eintönig: »Das muß eine Junge tun. Wäre ich jung – ich würde mich nicht erst besinnen ...« Der Wirt versuchte fast immer, Kleschtschow betrunken zu machen, doch der sang zwei oder drei Lieder, trank nach jedem ein Glas Wodka, umwickelte seinen Hals sorgsam mit einem Schal, zog die Mütze tief über den zottigen Kopf und ging. Nicht selten stellte der Wirt Kleschtschow einen Rivalen gegenüber; der Sattler sang sein Lied, worauf der Wirt ihn lobte und aufgeregt erklärte: »Wir haben, beiläufig gesagt, noch einen Sänger unter uns! Also, bitte schön, kommen Sie, zeigen Sie, was Sie können!« Der Sänger hatte manchmal eine schöne Stimme, ich kann mich jedoch nicht erinnern, daß irgendeiner von Kleschtschows Rivalen so schlicht und innig gesungen hätte wie der kleine, unansehnliche Sattler. »Hm ... ja«, meinte mit leisem Bedauern der Wirt, »das ist natürlich gut! Er hat vor allem Stimme, was allerdings die Seele betrifft ...« Das Publikum hänselte ihn: »Nein, der Sattler ist offenbar nicht zu schlagen!« Kleschtschow blickte unter den rötlichen, buschigen Brauen hervor, sah alle an und meinte gelassen und höflich zum Wirt: »Das alles ist vergebliche Liebesmüh! Sie finden keinen wie mich, denn meine Gabe ist von Gott.« »Wir kommen alle von Gott!« »Sie ruinieren sich mit den Schnäpsen, aber sie finden keinen ...« Der Wirt wurde dunkelrot und murmelte: »Kann man nicht wissen, kann man nicht wissen.« Kleschtschow fuhr hartnäckig fort: »Ich möchte auch darauf aufmerksam machen, daß Singen nicht etwa ein Hahnenkampf ist.« »Weiß ich doch! Was setzt du mir eigentlich zu!« »Ich setze Ihnen nicht zu, ich will nur beweisen: Wenn Singen ein Spaß ist, dann kommt es vom Teufel!« »Genug jetzt! Sing lieber noch etwas.« »Singen kann ich immer, und sei's im Schlaf«, willigt Kleschtschow ein, hüstelt sich vorsichtig frei und beginnt. Und alles Kleinliche, der ganze Plunder von Worten und Absichten, alles Abgeschmackte, alles, was Kneipe war, zerging auf wunderbare Weise zu Rauch; alle streifte der Hauch eines anderen Lebens – nachdenklich und rein, voller Liebe und Schwermut. Ich beneidete diesen Menschen; ich beneidete ihn heftig um seine Gabe, um seine Macht über die anderen – er wußte diese Macht so wunderbar zu gebrauchen! Ich hätte mich gern mit dem Sattler bekannt gemacht, gern lange mit ihm gesprochen, konnte mich aber nicht entschließen, an ihn heranzutreten – Kleschtschow blickte alle mit seinen farblosen Augen so sonderbar an, als ob er niemanden sähe. Auch hatte er etwas an sich, das mir unangenehm war, mich hinderte, ihn liebzugewinnen – ich wünschte mir, diesen Menschen auch dann lieben zu können, wenn er nicht sang. Er wirkte unangenehm, wenn er die Mütze herunterzog wie ein alter Mann und den Hals möglichst auffällig mit einem roten gestrickten Schal umwickelte, von dem er gelegentlich sagte: »Den hat mir ein Mädel gestrickt, meine Liebste ...« Wenn er nicht sang, blies er sich wichtigtuerisch auf, rieb mit dem Finger die leblose, erfrorene Nase und antwortete, wenn man ihn etwas fragte, einsilbig und lustlos. Als ich mich einmal zu ihm setzte und etwas wissen wollte, sagte er, ohne mich eines Blickes zu würdigen: »Hau ab, Bürschlein!« Viel besser gefiel mir der Bassist Mitropolskij; er betrat die Schankwirtschaft, strebte mit dem Gang eines Mannes, der eine schwere Last trägt, in eine Ecke, rückte mit dem Fuß einen Stuhl zurecht und setzte sich – die Ellenbogen ruhten auf dem Tisch, der große, zottige Kopf lag auf den Händen. Er trank schweigend zwei oder drei Glas Schnaps und krächzte laut; alle fuhren zusammen und wandten sich zu ihm um, während er, das Kinn auf die Hände gestützt, die Leute herausfordernd anblickte; die ungekämmte Mähne hing wirr in sein aufgedunsenes, braunes Gesicht. »Was starrt ihr mich an? Was gibt es da zu sehen?« fuhr er sie polternd an. Manchmal entgegnete man ihm: »Den Waldschrat!« Es gab Abende, an denen er schweigend trank und schweigend, mit schweren, schlurfenden Schritten davonging, aber mehrmals hörte ich auch, wie er die Leute im Tone eines Propheten anprangerte: »Ich bin meines Gottes unbestechlicher Diener und klage euch an gleich Jesaja! Wehe der Stadt Ariel, in der Abscheuliche und Gauner wohnen und allerlei widerwärtiger Abschaum im Schmutze seiner gemeinen Begierden! Wehe den Fittichen der Erde, denn sie tragen schändliche kleine Menschlein über die Bahnen des Alls; ich meine euch, ihr Säufer und Fresser, euch Abschaum der Welt, zahllos, wie ihr Verfluchten seid – die Erde wird euch nicht aufnehmen in ihren Schoß!« Seine Stimme dröhnte, daß die Fensterscheiben klirrten das gefiel den Leuten sehr gut, und man spendete dem Propheten Beifall: »Der gibt es uns, der zottige Hund!« Mit ihm Bekanntschaft zu machen war leicht – man brauchte ihn nur einzuladen; er bestellte eine Karaffe Wodka und eine Portion Rindsleber mit Paprika, sein Lieblingsgericht; es verbrannte einem den Mund und sämtliche Eingeweide. Als ich ihn fragte, welche Bücher man lesen solle, fuhr er mich grimmig an: »Wozu lesen?« Dann brummte er, durch meine Verwirrung besänftigt: »Hast du den Prediger Salomo gelesen?« »Ja.« »Den lies! Und weiter nichts. Darin ist alle Weisheit der Welt, nur Hammel im Quadrat verstehen sie nicht – will sagen, niemand ... Wer bist du eigentlich – singst du?« »Nein.« »Warum nicht? Man muß singen! Es ist die albernste Beschäftigung, die es gibt.« Er wurde vom Nachbartisch herüber gefragt: »Aber du selber zum Beispiel – singst doch?« »Ich ja, ich bin ein Tagedieb! Wieso, was hast du?« »Nichts.« »Das ist nicht neu. Man weiß, daß du nichts in deinem Schädel hast und auch nie haben wirst. Amen!« In diesem Ton unterhielt er sich mit allen und selbstverständlich auch mit mir; immerhin behandelte er mich nach zwei, drei Einladungen schon milder und meinte eines Tages sogar mit einem Anflug des Erstaunens: »Da sehe ich dich an und komme nicht dahinter, wen oder was du darstellst und wozu du da bist. Hol dich im übrigen der Teufel!« Kleschtschow gegenüber verhielt er sich unverständlich; seinen Liedern lauschte er mit offenbarem Genuß, gelegentlich sogar mit einem freundlichen Lächeln, machte sich mit ihm jedoch nicht bekannt und urteilte grob und geringschätzig über ihn: »Er ist ein Dummkopf! Er versteht zwar zu atmen und weiß auch, wovon er singt, ist aber trotzdem ein Esel!« »Weshalb denn?« »So, von Natur.« Ich hätte gern mit ihm gesprochen, solange er einmal nüchtern war, aber dann muhte er nur und blickte alles mit trüben, gelangweilten Augen an. Irgendwoher erfuhr ich, daß dieser rettungslos dem Trunke verfallene Mann an der Kasaner Geistlichen Akademie studiert hatte und Bischof sein könnte – ich glaubte es nicht. Doch eines Tages erwähnte ich, als ich von mir erzählte, den Namen des Bischofs Chrisanf; der Bassist schlenkerte mit dem Kopf und sagte: »Chrisanf? Den kenne ich. Mein Lehrer und Gönner. Aus Kasan, ich erinnere mich. Chrisanf bedeutet – Blume von goldener Farbe, wie es ganz richtig bei Pamwa Berynda heißt. Ja, eine Blume von goldener Farbe, das was er, der Chrisanf!« »Und wer ist Pamwa Berynda?« erkundigte ich mich, doch Mitropolskij schnitt mir die Frage ab: »Das geht dich nichts an.« Zu Hause notierte ich in meinem Heft: »Unbedingt Pamwa Berynda lesen« – mir schien, ich würde eben bei diesem Berynda die Antworten auf viele Fragen, die mich beunruhigten, finden. Der Kirchensänger führte gern mir unbekannte Namen im Munde und gebrauchte allerlei seltsame Wendungen; das ärgerte mich sehr. »Das Leben ist keine Anisja!« hörte ich ihn gelegentlich sagen. »Wer ist Anisja?« »Die ist ganz nützlich«, entgegnete er und weidete sich an meinem Befremden. Diese Redensarten und die Tatsache, daß er an der Akademie studiert hatte, ließen mich glauben, er müsse allerlei wissen, und ich empfand es als äußerst ärgerlich, daß er von nichts sprechen wollte; tat er es doch, dann immer sehr unklar. Aber vielleicht verstand ich nur nicht, ihn richtig zu fragen? Immerhin blieb einiges von ihm in meiner Seele zurück; ich ergötzte mich an der trunkenen Kühnheit der Anklagen, mit denen er den Propheten Jesaja nachahmte: »O Aussatz und Pestilenz der Erde!« wetterte er. »Die Schlechtesten unter euch stehen in Ehren, während die Besten verfolget sind; doch es wird kommen der schreckliche Tag, da ihr es bereuen werdet, aber zu spät, zu spät!« Ich erinnerte mich, während ich seinem Gebrüll zuhörte, an »Gar nicht übel«, an die so ärgerlich und hilflos zugrunde gegangene Wäscherin Natalja, an die in einer Wolke von schmutzigem Klatsch dahinlebende Königin Margot – es gab schon mancherlei, woran ich mich erinnern konnte ... Meine kurze Bekanntschaft mit diesem Mann nahm ein kurioses Ende. Ich traf ihn im Frühjahr draußen vor der Stadt, unweit der Feldlager; er kam einsam und aufgedunsen daher und wiegte den Kopf wie ein Kamel. »Du gehst spazieren?« fragte er heiser. »Ich auch. Gehn wir zusammen! Ich, mein Freund, bin krank, jawohl ...« Wir legten schweigend einige Schritte zurück und erblickten plötzlich einen Mann in einer Grube, die von einer Erdhütte herrührte; er saß seitlich übergeneigt auf dem Grubengrund und lehnte mit der Schulter am Erdhang; der Mantel war auf der einen Seite bis übers Ohr hinaufgerutscht, als hätte er ihn ausziehen wollen, es aber nicht geschafft. »Ein Betrunkener«, entschied der Kirchensänger und blieb stehen. Doch unter der Hand des Mannes lag auf dem jungen Grase ein großer Revolver, unweit davon seine Mütze, daneben eine gerade angebrochene Flasche Wodka – ihr leerer Hals versank zwischen den grünen Hälmchen. Das Gesicht des Mannes war schamhaft unter dem Mantel versteckt. Wir standen wohl eine Minute schweigend da, dann spreizte Mitropolskij die Beine und sagte: »Er hat sich erschossen.« Ich hatte sofort begriffen: Der Mann war nicht betrunken, sondern tot, das wirkte jedoch so überraschend, daß ich es einfach nicht glauben wollte. Ich erinnere mich, beim Anblick des blauen Ohrs und des großen, glatten Schädels, der unter dem Mantel hervorkam, empfand ich weder Schrecken noch Mitleid – es schien so unwahrscheinlich, daß sich der Mann an diesem freundlichen Frühlingstag erschossen haben sollte. Der Bassist rieb sich, als fröre er, kräftig die unrasierten Wangen und krächzte: »Nicht mehr ganz jung. Vielleicht ist ihm die Frau davongelaufen, oder er hat fremdes Geld durchgebracht ...« Er schickte mich in die Stadt nach der Polizei; er selbst setzte sich auf den Grubenrand, ließ die Beine hinunterhängen und wickelte sich fröstelnd in seinen abgetragenen Mantel. Ich benachrichtigte einen Polizisten und kam rasch zurückgelaufen, doch der Bassist hatte inzwischen den Wodka des Toten ausgetrunken und schwenkte zur Begrüßung die leere Flasche. »Das hier hat ihn zugrunde gerichtet!« dröhnte er und hieb die Flasche gegen die Erde; sie sprang in tausend Scherben. Gleich nach mir kam auch der Polizist angelaufen; er warf einen Blick in die Grube, nahm die Mütze ab, schlug zögernd ein Kreuz und fragte den Kirchensänger: »Wer bist du?« »Das geht dich nichts an.« Der Polizist dachte nach und fragte – schon höflicher: »Wie ist denn das zu verstehen – da liegt ein Toter, und Sie sind betrunken?« »Ich bin seit zwanzig Jahren betrunken!« entgegnete der Kirchensänger stolz und schlug sich an die Brust. Ich war überzeugt, man werde ihn verhaften, weil er den Wodka ausgetrunken hatte. Aus der Stadt kamen Menschen gerannt; in einer Droschke fuhr der gestrenge Revieraufseher vor, stieg in die Grube, bog den Mantel des Selbstmörders zurück und warf einen Blick auf sein Gesicht. »Wer hat ihn als erster bemerkt?« »Ich«, meldete sich Mitropolskij. Der Revieraufseher sah ihn kurz an und sagte unheilverkündend gedehnt: »Ach was! Guten Tag, mein Herr!« Wohl anderthalb Dutzend Neugierige hatten sich eingefunden; außer Atem und aufgeregt, spähten sie in die Grube und gingen um sie herum; jemand rief: »Das ist ein Beamter aus unserer Straße, ich kenne ihn!« Der Bassist stand schwankend vor dem Revieraufseher, stritt sich, die Mütze in der Hand, mit ihm herum und stieß dann und wann ein dumpfes, unverständliches Wort hervor; schließlich stukte ihn der Revieraufseher vor die Brust, er wankte und setzte sich hin; der Polizist zog ohne Eile einen dünnen Strick aus der Tasche und band dem Kirchensänger die Arme, die dieser, gewohnt – gekonnt, schicksalsergeben auf dem Rücken hielt, während der Revieraufseher die Neugierigen anschrie: »Fort mit euch! Pack ...« Dann kam noch ein älterer Polizist gelaufen, mit nassen, geröteten Augen und vor Müdigkeit aufgerissenem Mund, ergriff das Ende des Stricks, mit dem der Bassist gefesselt war, und führte ihn ohne Aufhebens in die Stadt. Auch ich verließ das Feld; ich war bedrückt; in meiner Erinnerung klangen gleich einem hallenden Echo die strafenden Worte nach: »Wehe der Stadt Ariel!« Vor meinen Augen aber stand ein peinliches Bild: Der Polizist zieht ohne Eile aus seiner Manteltasche einen dünnen Strick hervor, während der furchterregende Prophet die roten, behaarten Hände schicksalsergeben auf dem Rücken hält und so geübt, gewandt die Handgelenke kreuzt. Wie ich bald darauf erfuhr, wurde der Prophet auf dem Etappenwege aus der Stadt abgeschoben. Nach ihm verschwand auch Kleschtschow – er hatte vorteilhaft geheiratet und war in den Kreis übergesiedelt, wo er eine Sattlerwerkstatt eröffnete. Ich hatte die Lieder des Sattlers so eifrig vor meinem Prinzipal in den Himmel gehoben, daß er mir eines Tages sagte: »Man müßte hingehen und sich das anhören ...« Und schließlich sitzt er mir gegenüber am Tisch, die Brauen erstaunt gewölbt, die Augen weit aufgerissen. Auf dem Weg zur Gastwirtschaft hatte er sich über mich lustig gemacht und spöttelte auch noch fort, nachdem wir eingetreten waren – über mich, das Publikum, die stickige Luft. Als der Sattler zu singen begann, setzte er ein hämisches Lächeln auf und schenkte Bier in sein Glas, füllte es aber nur halb, hielt inne und sagte: »Oho ... Teufel auch!« Seine Hand zitterte, er stellte die Flasche vorsichtig auf den Tisch und horchte gespannt hin. »Ja, mein Freund«, sagte er und seufzte, nachdem Kleschtschow geendet hatte, »in der Tat – der kann schon singen, hol ihn der Teufel! Da wird einem geradezu warm ...« Der Sattler warf den Kopf zurück, blickte zur Decke und sang aufs neue: »Auf der Straße kehrte unterm Himmelszelt Aus dem reichen Dorf ein Mädchen heim durchs Feld ...« »Er singt« murmelte der Wirt, wiegte den Kopf und lächelte. Kleschtschow aber klagte wie eine Hirtenflöte: »Da entgegnet ihm das Mägdelein: Ich bin Waise, niemand braucht die Schönheit mein ...« »Schön«, flüsterte der Wirt und zwinkerte mit den geröteten Augen, »pfui Teufel ... ist das schön!« Ich blickte ihn an und freute mich, während die schluchzenden Worte des Liedes das Lärmen der Schankwirtschaft überwanden und immer kraftvoller, schöner, inniger klangen: »Ungesellig ist es auf dem Dorf bei uns, Niemand wirbt um eines armen Mädels Gunst, Ich bin arm, kann mich nicht richtig kleiden, Was ein rechter Bursche ist, mag mich nicht leiden ... Zwar will mich ein Witwer – er braucht eine Magd, Doch ich will kein Schicksal, das man nur beklagt!« Mein Prinzipal vergaß alle Scham und brach in Weinen aus, saß da, neigte den Kopf und schnaufte durch seine Adlernase, und die Tränen tropften ihm auf die Knie. Nach dem dritten Lied erklärte er, erregt und wie zerknittert: »Ich kann hier nicht länger sitzen – ich ersticke ... diese Gerüche ... hol sie der Teufel! Komm, fahren wir nach Hause!« Aber draußen, auf der Straße, schlug er mir vor: »Los, Peschkow, wir gehen in ein Gasthaus, nehmen etwas zu uns ... und damit fertig ... Ich will nicht nach Hause!« Er stieg, ohne zu feilschen, in einen Mietschlitten und sprach während der ganzen Fahrt kein Wort, begann aber im Gasthaus, wo wir an einem Ecktisch Platz fanden, sogleich zu reden – gedämpft und unter scheuem Umblicken, verärgert und bedrückt: »Hat mich ganz schön durcheinandergebracht, dieser Ziegenbock ... in solche Wehmut versetzt ... Nein, du zum Beispiel liest doch, denkst nach – so sage mir, wie zum Teufel ist so etwas möglich? Da lebt man und lebt, hat vierzig Jahre hinter sich gebracht, hat Frau und Kinder, doch keinen, mit dem man reden könnte! Wie gern würde man manchmal sein Herz ausschütten, mit jemand reden aber niemand ist da! Spricht man mit ihr, mit seiner Frau, versteht sie einen nicht ... Was ist sie mir überhaupt? Da sind die Kinder, nun ja, sie hat die Wirtschaft, sie hat zu tun! Im Herzen ist sie mir eine Fremde. Meine Frau war mir freund bis zum ersten Kind ... wie das so üblich ist. Und überhaupt ist mit ihr ... nun ja, du siehst es ja selber ... nichts anzufangen ... ein Körper ohne Seele, hol sie alle der Teufel! Traurig genug, mein Freund ...« Er kippte hastig das kalte, bittere Bier hinunter, schwieg eine Weile, zwirbelte die langen Haare hoch und begann aufs neue: »Überhaupt, mein Lieber, sind die Menschen ein einziges Pack! Da redest du zum Beispiel mit diesen Bauernkerlen über dies und das ... ich verstehe ja, es gibt sehr viel Verkehrtes, es gibt viel Niedertracht – stimmt schon, mein Freund ... Überall Diebe! Aber glaubst du vielleicht, das, was du sagst; kommt bei ihnen an? Keine Spur! Bestimmt nicht! Sie – der Pjotr, der Ossip – sind Spitzbuben! Sie erzählen mir alles wieder – wie du dich über mich äußerst und überhaupt ... Was sagst du nun, Verehrter?« Ich war verblüfft und schwieg. »Da siehst du's!« sagte er spöttisch. »Du hattest schon ganz recht, als du nach Persien wolltest, dort kann man die Leute wenigstens nicht verstehen – wegen der fremden Sprache! In seiner eigenen Sprache hört man nichts als Gemeinheiten!« »Ossip redet über mich?« fragte ich. »Aber natürlich! Was dachtest du denn? Er schwatzt am meisten von allen. Der, mein Freund, ist nicht so leicht zu durchschauen ... Nein, Peschkow, da hilft kein Reden! Die Wahrheit, das Recht? Was zum Teufel fange ich damit an? Das ist dasselbe wie Schnee im Herbst – er fällt in den Schmutz und schmilzt. Und der Schmutz nimmt nur noch zu. Es ist schon besser, du schweigst ...« Er trank ein Glas Bier nach dem anderen und fuhr, ohne berauscht zu werden, immer rascher, immer ärgerlicher fort: »Das Sprichwort sagt: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Ach, Freund, wie traurig doch alles ist! ... Er hat schon ganz richtig gesungen: ›Ungesellig ist es auf dem Dorf bei uns.‹ Ja, der Mensch ist einsam ...« Er sah sich nach allen Seiten um, senkte die Stimme und sagte: »Ich hatte mir da eine Herzensfreundin erkoren – ich lernte eine Frau kennen, sozusagen verwitwet, ihr Mann war wegen Falschmünzerei zu Sibirien verurteilt – er saß hier, im Gefängnis. Ich lerne sie also kennen ... sie hat keine Kopeke und ist, nun ja, mit einem Wort ... ich werde durch eine Kupplerin mit ihr bekannt ... Ich schaue hin – was für ein lieber Mensch! Eine Schönheit, weißt du, und jung ... geradezu wunderbar! Hin, her ... und schließlich sage ich zu ihr: ›Wie ist denn das, dein Mann ist ein Gauner, und auch du führst nicht gerade ein ehrliches Leben – wieso hast du dir vorgenommen, ihm nach Sibirien zu folgen?‹ Sie wollte, weißt du, in die Zwangsansiedlung mit ihm, jawohl ... Da sagt sie doch darauf zu mir: ›Wie es auch sei, ich liebe ihn, für mich ist er der Beste! Vielleicht hat er nur meinetwegen die Sünde auf sich genommen? Während ich um seinetwillen mit Ihnen sündige – er braucht eben Geld, er ist als Edelmann ein gutes Leben gewöhnt. Wäre ich‹, sagt sie, ›allein, ich würde ehrlich leben. Auch Sie sind ein guter Mensch und gefallen mir sehr, aber bitte sprechen Sie nicht mehr darüber ...‹ Teufel auch! Ich gab ihr alles, was ich bei mir hatte – über achtzig Rubel –, und sagte: ›Entschuldigen Sie, ich kann nicht mehr mit Ihnen zusammen sein, ich kann nicht!‹ Ich ging, ja, und nun ...« Er verstummte, bekam plötzlich einen Rausch, sank in sich zusammen und murmelte: »Sechsmal war ich bei ihr ... Du kannst dir nicht vorstellen, was das ist! Ich habe vielleicht noch sechsmal vor ihrer Wohnungstür gestanden ... ich konnte mich nicht entschließen, hineinzugehen! Jetzt ist sie fort ...« Er legte die Hände auf den Tisch, bewegte leise die Finger und flüsterte: »Behüte Gott, daß ich sie noch einmal sehe ... behüte Gott! Dann wäre alles zum Teufel! Komm ... gehen wir nach Hause!« Wir gingen; er schwankte und brummte vor sich hin: »So ist das alles, Verehrter ...« Ich war über die Geschichte, die er erzählt hatte, nicht weiter erstaunt – schon lange glaubte ich, ihm werde etwas Ungewöhnliches begegnen. Sehr niedergedrückt jedoch war ich von allem, was er über das Leben, besonders über Ossip, gesagt hatte. 20 Ich habe drei Sommer in der toten Stadt, zwischen den leerstehenden Gebäuden als »Aufseher« verbracht und beobachtet, wie die Arbeiter im Herbst die plumpen steinernen Läden abrissen und sie im Frühjahr wieder genauso errichteten. Mein Prinzipal war sehr darum besorgt, daß ich die fünf Rubel, die ich bekam, auch wirklich verdiente. Wurde in einem Laden der Fußboden neu gelegt, dann mußte ich die ganze Fläche einen Arschin tief ausschachten; ein Barfüßler verlangte für diese Arbeit einen Rubel, ich bekam gar nichts dafür, konnte aber, während ich damit beschäftigt war, nicht auf die Zimmerleute aufpassen – sie schraubten Türschlösser und Klinken ab und stahlen allerlei kleinen Kram. Arbeiter wie Artelleiter waren in jeder Weise bemüht, mich zu betrügen und etwas zu stehlen; sie taten es beinahe offen, als fügten sie sich einer langweiligen Pflicht, und waren mir keineswegs böse, wenn ich sie ertappte – sie wunderten sich nur: »Du bringst dich für deine fünf Rubel um, als wären es zwanzig, man kann nur lachen, wenn man das sieht!« Ich wies den Prinzipal darauf hin, daß er, wenn er durch meinen Einsatz einen Rubel ersparte, jedesmal das Zehnfache verlor, aber er zwinkerte mir nur zu und sagte: »Tu mal nicht so!« Mir war klar, daß er mich der Beihilfe zum Diebstahl verdächtigte; das rief bei mir zwar ein Gefühl des Widerwillens gegen ihn hervor, kränkte mich aber nicht; so war es nun einmal – alle stahlen, und auch der Prinzipal nahm gern fremdes Eigentum. Wenn er nach Messeschluß die Läden besichtigte, deren Instandsetzung er übernommen hatte, und einen vergessenen Samowar, einen Teppich, Geschirr, eine Schere entdeckte, gelegentlich auch eine Kiste oder einen Ballen Ware, sagte er mit spöttischem Lächeln: »Leg ein Verzeichnis an und bringe alles in den Lagerraum!« Aus dem Lagerraum schaffte er dann dies und das zu sich nach Hause, und ich mußte das Verzeichnis mehrere Male ändern. Ich liebe keine Sachen, ich wollte nichts besitzen, selbst Bücher hätten mich beengt. Ich hatte nichts als einen kleinen Band Beranger und Heines »Buch der Lieder«; ich wollte mir Puschkin zulegen, aber der einzige Buchantiquar in der Stadt, ein böses altes Männlein, verlangte zuviel dafür. Die Möbel, Teppiche, Spiegel und alles andere, womit die Wohnung meines Prinzipals vollgepfropft war, mißfielen mir und ärgerten mich durch ihre Plumpheit, durch den Geruch von Farbe und Lack; auch die Zimmer selbst fand ich nicht schön – sie erinnerten mich an Truhen voll unnützer, überflüssiger Dinge. Und es widerte mich an, daß der Prinzipal aus dem Lagerraum fremdes Eigentum stahl und all das Überflüssige, das ihn umgab, noch vermehrte. Auch bei der Königin Margot war es eng gewesen, dafür aber schön. Das Leben erschien mir überhaupt zusammenhanglos und unsinnig, es gab zuviel offensichtliche Dummheiten. Da bauten wir zum Beispiel diese Läden um – im Frühjahr wird sie das Hochwasser überschwemmen, die Fußböden werden sich verziehen, die Außentüren krümmen; wenn das Wasser zurückgeht, werden die Balken faulen. Das Messegelände wird seit Jahrzehnten jahraus, jahrein überflutet, Gebäude und Straßendämme werden beschädigt; diese jährlichen Überschwemmungen fügen den Leuten ungeheure Verluste zu, und jedermann weiß, daß sie von selber nicht aufhören werden. Der Eisgang zerdrückt in jedem Frühjahr Frachtkähne und Dutzende von kleinen Schiffen – die Leute stöhnen ein bißchen und bauen neue, doch der Eisgang zerdrückt sie wieder. Was für ein unsinniges Treten auf der Stelle! Ich frage Ossip danach, er wundert sich und lacht. »Ach, du Schnepfe, sieh einer an, wonach der schnappt! Was geht denn dich das alles an? Was kümmert es dich?« Aber gleich darauf wird er ernster, wenn auch der spöttische Funke in den blauen, für seine Jahre erstaunlich klaren Augen nicht verlischt: »Das hast du schon richtig erkannt! Zwar kannst du damit nichts anfangen, aber vielleicht nützt es dir doch! Du mußt dann aber auch sehen ...« Und er setzt mir in dürren Worten, die er kräftig mit Redensarten, überraschenden Vergleichen und allerlei Spaßen würzt, auseinander: »Die Leute beklagen sich – es gibt zuwenig Land, dabei rüttelt die Wolga im Frühjahr an ihren Ufern, schwemmt Erde fort und lagert Sandbänke in ihrem Flußbett ab; dann jammern andere – die Wolga wird zu seicht! Die Frühlingsfluten, die Regengüsse des Sommers waschen Erdschluchten aus – und wieder geht Erde im Fluß verloren!« Er sagt das alles ohne Bedauern und ohne Ärger, eher, als ob er die Kenntnis von all dem Lebensjammer genieße, und seine Worte sind mir unangenehm, obwohl sie mit meinen Gedanken übereinstimmen. »Und dann denke auch an die Feuersbrünste ...« Ich kann mich erinnern, daß es wohl kaum einen Sommer gab, in dem nicht jenseits der Wolga die Wälder brannten; jedes Jahr überzog im Juli trübgelber Rauch den Himmel; die strahlenlose, blutrote Sonne sah wie ein krankes Auge auf die Erde herab. »Die Waldbrände haben nicht viel zu sagen«, meint Ossip, »die Wälder gehören den Gutsbesitzern oder der Krone; der Bauer hat keinen Wald. Auch wenn mal Städte brennen, ist das nicht gar so schlimm – in den Städten wohnen die Reichen, die braucht man nicht zu bedauern! Aber nimm nur die Dörfer, die Weiler – wie viele brennen in einem Sommer ab! Wird wohl ein gutes Hundert sein, ja, siehst du, das ist ein Verlust!« Er bricht in leises Lachen aus. »Man hat zwar Land, aber keinen Verstand! So ergibt sich denn bei uns beiden, daß der Mensch sich nicht für sich selbst, nicht für das Land abrackert, sondern fürs Feuer, fürs Wasser!« »Und du lachst darüber?« »Warum auch nicht? Mit Tränen kann man ein Feuer nicht löschen, das Hochwasser aber würde nur zunehmen.« Ich weiß, daß dieser wohlgestalte alte Mann der klügste Mensch ist, den ich je gesehen habe, aber was liebt er denn nun eigentlich, was haßt er? Ich denke darüber nach, während er weiter trockene Worte in mein Feuer wirft: »Hast du darauf geachtet, wie wenig die Menschen ihre Kräfte schonen, die eigenen wie die fremden? Wie dich dein Prinzipal herumhetzt! Und was die Welt allein der Wodka kostet? Einfach nicht nachzurechnen, das geht über jeden, selbst den gelehrtesten Verstand ... Brennt ein Haus ab, dann läßt sich ein neues zusammenzimmern, geht aber ein braver Kerl vor die Hunde – da kann man eben nichts ändern! Der Ardaljon zum Beispiel oder auch Grischa – sieh dir doch an, wie der Bursche verbrennt! Ist ja ein bißchen dumm, aber herzensgut, der Grischa! Da schwelt er nun wie ein Bündel Stroh. Die Weiber sind über ihn hergefallen wie Würmer über einen Toten im Walde.« Ich frage ihn – in aller Harmlosigkeit, aus Neugier: »Warum erzählst du dem Prinzipal von meinen Gedanken?« Ruhig und sogar freundlich erklärt er mir: »Damit er weiß, was du für schädliche Gedanken hast; er muß dich belehren – wer sollte es tun, wenn nicht er? Ich sage es ihm nicht aus Bosheit wieder, sondern aus Mitleid mit dir. Du bist kein dummer Bursche, aber in deinem Schädel rumort der Satan. Stiehlst du – ich schweige dazu, gehst du zu Mädeln oder trinkst dir einen an – ich sage nichts. Von deinen Dreistigkeiten aber erzähl ich dem Prinzipal jedesmal, das schreib dir hinter die Ohren ...« »Ich spreche nicht mehr mit dir!« Er schwieg und klaubte mit dem Nagel Harz von der Hand herunter, sah mich dann freundlich an und sagte: »Doch, du wirst! Mit wem kannst du sonst reden? Mit niemand ...« Sauber und akkurat, scheint mir Ossip plötzlich dem Heizer Jakow zu ähneln, der gegen alles so gleichgültig war. Manchmal erinnert er mich an den Bibelkundigen Pjotr Wassiljitsch, manchmal an Pjotr den Fuhrmann, dann und wann taucht etwas vom Großvater in ihm auf – er ähnelt so oder so allen alten Männern, die ich gekannt habe. Alle waren erstaunlich interessant, ich fühlte jedoch, daß man mit ihnen nicht leben konnte – das war schwierig und widerstrebte mir. Sie sogen mir gleichsam die Seele aus, und ihre klugen Reden bedeckten das Herz mit Rost. War Ossip gut? Nein. Böse? Auch nicht. Jedenfalls klug, das war mir klar. Doch sein Verstand, der mich durch seine Beweglichkeit in Erstaunen setzte, lähmte mich, tötete mich auch ab, und am Ende fühlte ich, daß er mir in jeder Beziehung feind war. In meiner Seele kamen düstere Gedanken auf. Alle Menschen waren – trotz freundlicher Worte, trotz eines freundlichen Lächelns – einander fremd, auch lauter Fremde auf dieser Erde; niemand schien durch ein festes Band der Liebe mit ihr verknüpft. Nur Großmutter liebte das Leben und alles andere. Sie und die wunderbare Königin Margot. Manchmal verdichteten sich diese und ähnliche Gedanken zu einer dunklen Wolke, das Leben wurde stickig und schwer – aber wie sollte ich anders leben, wohin sollte ich gehen? Ich hatte außer Ossip keinen, mit dem ich sprechen konnte. Und ich sprach immer häufiger mit ihm. Er hörte sich mein hitziges Geschwätz mit offensichtlichem Interesse an, fragte nach diesem und jenem, als ob er etwas bezwecke, und gab gelassen zur Antwort: »Der Specht ist eigensinnig, aber nicht schrecklich, niemand hat vor ihm Angst! Ich gebe dir einen ehrlichen Rat: Geh ins Kloster und lebe dort, bis du volljährig bist – da kannst du die Pilger in schöner Zwiesprache trösten und findest Ruhe, die Mönche aber haben ihren Gewinn davon. Ich meine es ehrlich. Für weltliche Dinge scheinst du nicht recht geeignet ...« Ins Kloster zog es mich nicht, ich fühlte jedoch, daß ich mich verirrt hatte und mich in einem verwunschenen Kreis von lauter Unverständlichem bewegte. Meine Stimmung war trüb. Das Leben erinnerte an einen herbstlichen Wald – mit den Pilzen ist es vorbei, man hat im leeren Wald nichts mehr zu suchen, man glaubt ihn auswendig zu kennen. Ich trank keinen Wodka und trieb mich nicht mit Mädchen herum – diese beiden Arten, die Seele zu benebeln, ersetzten mir die Bücher. Je mehr ich jedoch las, desto schwerer fiel es mir, so sinn- und nutzlos dahinzuleben, wie es die Menschen – meiner Meinung nach – taten. Ich war eben erst fünfzehn Jahre geworden, fühlte mich aber manchmal schon ziemlich alt; innerlich irgendwie aufgetrieben, war ich schwer von allem, was ich erlebt, gelesen, unruhig überdacht hatte. Sah ich in mich hinein, dann fand ich, daß mein Inneres – wie eine dunkle Kammer mit Sachen – eng und unordentlich mit allerlei Eindrücken vollgestopft war. Ich besaß weder die Kraft noch die Fähigkeit, sie zu ordnen. Und alle Gewichte, so viele es auch gab, waren ungünstig verteilt, verschoben sich und ließen mich schwanken – wie Wasser ein Gefäß, das unsicher steht. Ich empfand einen ausgesprochenen Widerwillen gegen Unglücksfälle und Krankheiten, gegen alles Klagen und Jammern. Wenn ich Zeuge von Grausamkeiten wurde – von Blut, Schlägereien, einer bloßen Verhöhnung durch Worte –, befiel mich ein körperlicher Ekel, der rasch in kalte Wut überging; ich prügelte mich herum wie die anderen, ich kämpfte wie ein wildes Tier und quälte mich hinterher vor Scham. Manchmal packte mich eine solche Lust, den Peiniger zu verprügeln, und ich stürzte mich so blind in die Schlägerei, daß ich mich noch heute angeödet und voller Scham an diese aus der Ohnmacht geborenen Verzweiflungsausbrüche erinnere. In mir lebten zwei Menschen: Der eine war, nachdem er allzuviel Niedertracht und Schmutz gesehen hatte, ein wenig verschüchtert und stand, durch seine Kenntnis von den Schrecknissen des Alltags niedergedrückt, dem Leben und den Menschen mit mißtrauischem Argwohn gegenüber, von ohnmächtigem Mitleid gegen alle, darunter auch gegen sich selbst erfüllt. Dieser Mensch träumte von einem stillen, einsamen Leben mit Büchern und fern von Menschen, träumte vom Kloster, von einem Waldhüter- oder Bahnwärterhäuschen, von Persien oder dem Amt eines Nachtwächters irgendwo am Rande der Stadt. Ja nicht zu viele Menschen und möglichst weit von ihnen weg ... Der andere, berührt vom heiligen Geist ehrlicher und weiser Bücher, fühlte, wenn er die übermächtige Kraft der Alltagsschrecknisse beobachtete, wie leicht diese Kraft ihn den Kopf kosten, wie leicht sie mit schmutziger Ferse sein Herz zertreten konnte, und setzte sich gegen sie zur Wehr – mit aufeinandergebissenen Zähnen und mit geballten Fäusten, zu jeder Fehde, zu jedem Kampf bereit. Dieser andere bewies seine Liebe, sein Mitgefühl durch die Tat, zog, wie es einem tapferen Helden aus einem französischen Roman zukommt, bei jedem dritten Wort den Degen und stellte sich zum Kampf. Ich hatte in jenen Tagen einen argen Feind – den Hausknecht eines öffentlichen Hauses in der Malaja Pokrowskaja. Ich lernte ihn eines Morgens kennen, als ich zur Messestadt ging; er zerrte vor dem Haustor ein sinnlos betrunkenes Mädchen aus einer Droschke; er packte ihre Beine mit den verrutschten Strümpfen, zog schamlos, unter Hau-ruck-Rufen und Lachen, an ihr herum und spie der bis an den Gürtel Entblößten auf den Körper, während sie, zerknittert, mit offenem Mund, unfähig, etwas zu sehen, die weichen, gleichsam ausgekugelten Arme über dem Kopf verschränkt, ruckweise aus der Droschke glitt, sich mit dem Rücken, dem Nacken, dem blauen Gesicht am Sitz, am Trittbrett stieß, schließlich aufs Pflaster fiel und mit dem Kopf aufschlug. Der Droschkenkutscher gab dem Pferd die Peitsche und fuhr davon, während der Hausknecht sich zwischen die Beine des Mädchens spannte und es, rückwärts gehend, wie eine Tote zum Bürgersteig schleifte. Ich war außer mir und stürzte auf ihn zu, dabei warf ich eine lange Wasserwaage fort – oder vielleicht verlor ich sie auch –, und das bewahrte mich und den Hausknecht vermutlich vor großem Ärger. Ich stieß in vollem Lauf gegen ihn, warf ihn um, sprang die Treppenstufen zum Hause hinauf und riß wie rasend am Griff der Klingel; irgendwelche wüsten Gestalten stürzten heraus, ich vermochte ihnen nichts zu erklären und ging; unterwegs hob ich die Wasserwaage auf. Am Uferhang holte ich den Droschkenkutscher ein; er sah mich vom Kutschbock herab an und äußerte beifällig: »Dem hast du es aber gegeben.« Ich fragte ihn ärgerlich, wieso er dem Hausknecht gestattet habe, das Mädchen zu mißhandeln – er gab mit geringschätziger Gelassenheit zur Antwort: »Von mir aus kann beide der Teufel holen! Die Herrschaften haben alles bezahlt, als sie sie in die Droschke setzten – was geht es mich an, wer wen mißhandelt?« »Und wenn er sie umgebracht hätte?« »Was denn – so leicht bringt man so eine gar nicht um«, sagte der Kutscher, als hätte er schon wiederholt versucht, betrunkene Mädchen umzubringen. Von diesem Tage an sah ich den Hausknecht fast jeden Morgen; er fegte, wenn ich die Straße entlangkam, den Fahrdamm oder saß auf den Stufen vor dem Haus, als lauere er mir auf. Ich kam näher, er erhob sich, krempelte die Ärmel auf und ließ mich zuvorkommend wissen: »So, jetzt breche ich dir ein paar Verzierungen ab!« Er war über vierzig; klein und krummbeinig und mit einem Bauch wie eine schwangere Frau, sah er mich spöttisch mit strahlenden Augen an; es wirkte seltsam und fast erschreckend, daß diese Augen gutmütig und fröhlich waren. Vom Raufen verstand er nichts, auch waren seine Arme kürzer als meine – nach zwei, drei Ausfällen wich er zurück, drückte sich mit dem Rücken ans Tor und sagte erstaunt: »Na warte, du Spitzbube!« Ich war dieser Zusammenstöße überdrüssig und sagte eines Tages zu ihm: »Hör zu, du Dummkopf, laß mich gefälligst in Frieden!« »Und warum fängst du erst an?« fragte er vorwurfsvoll. Ich fragte ihn meinerseits, warum er das Mädchen so widerwärtig mißhandelt habe. »Was kümmert das dich? Tut sie dir leid?« »Natürlich tut sie mir leid.« Er schwieg eine Weile, wischte sich über die Lippen und fragte: »Und tut dir auch eine Katze leid?« »Ja, auch eine Katze.« Da sagte er zu mir: »Du bist ein Dummkopf, ein Spitzbube! Warte, dir werde ich es noch zeigen ...« Ich konnte diese Straße nicht gut umgehen – sie stellte den kürzesten Weg für mich dar. Ich stand jedoch von nun an früher auf, um diesem Menschen nicht zu begegnen, erblickte ihn nach wenigen Tagen aber doch – er saß auf den Treppenstufen vor dem Haus und streichelte eine rauchgraue Katze, die auf seinen Knien lag, sprang, als ich bis auf zwei oder drei Schritte an ihn herangekommen war, auf, packte die Katze an den Beinen und schmetterte sie mit dem Kopf gegen einen Prellstein, daß etwas Warmes auf mich spritzte – tat's, warf mir die Katze vor die Füße, stellte sich in die Pforte und fragte: »Nun?« Nun ja, was war da schon zu machen! Wir wälzten uns auf dem Hof herum wie ineinander verbissene Hunde; später, als ich, irrsinnig von unaussprechlichem Weh, im Steppengras am Uferhang saß, biß ich mir auf die Lippen, um nicht zu heulen, nicht zu brüllen. Heute schüttelt mich, wenn ich an alles das zurückdenke, quälender Ekel; ich wundere mich, daß ich nicht den Verstand verloren, nicht jemand umgebracht habe. Warum erzähle ich von diesen Scheußlichkeiten? Damit Sie, meine Herrschaften, wissen, daß alles das nicht der Vergangenheit angehört, nicht überwunden ist! Sie finden Gefallen am Schrecklichen, wenn es erfunden ist, an Scheußlichkeiten, die gut geschildert sind; das Phantastisch-Schauerliche regt Sie angenehm auf. Ich nun kenne das wirklich Schreckliche, die Scheußlichkeiten des Alltags, und habe unbestreitbar das Recht, Sie mit der Schilderung dieser Dinge – wenn auch nicht angenehm – zu erregen, damit Sie sich erinnern, wie und wo Sie leben. Wir alle führen ein niederträchtiges, schmutziges Leben, das ist es, was ich sagen will! Ich liebe die Menschen aufrichtig und möchte niemanden quälen, aber man darf nicht sentimental sein, man darf die grausame Wahrheit nicht hinter dem Wortgeklingel niedlicher Lügen verbergen. Hinein ins Leben! Wir müssen alles, was es an Gutem, Menschlichem in unseren Herzen und Hirnen gibt, im Leben verwirklichen! Mich brachte besonders das Verhalten zur Frau auf; ich sah die Frau, nachdem ich genug Romane gelesen hatte, als das Schönste, Bedeutsamste im Leben an. Darin bestärkten mich die Großmutter, ihre Erzählungen von der Muttergottes und der weisen Wassilissa, die unglückliche Wäscherin Natalja und jene Hunderte und Tausende lächelnder Blicke, die ich bemerkte, Blicke, mit denen die Frauen, die Mütter des Lebens, dieses an Freuden und Liebe so arme Leben verschönen. Den Ruhm der Frau sangen auch die Bücher Turgenjews; mit allem Guten, das ich von den Frauen wußte, schmückte ich zuallererst die unvergeßliche Gestalt der Königin Margot; besonders Heine und Turgenjew steuerten viel Kostbares dazu bei. Wenn ich abends aus der Messestadt zurückkehrte, machte ich auf der Höhe neben der Kremlmauer halt und beobachtete, wie hinter der Wolga die Sonne versank, wie feurige Flüsse am Himmel dahinströmten, wie der geliebte Erdenfluß sich rot und blau färbte. Manchmal erschien mir in solchen Augenblicken die ganze Erde als riesiger Arrestantenkahn; unsichtbar zog sie ein träger Schlepper irgendwohin hinter sich her – wie ein Bauer ein Schwein. Aber häufiger noch dachte ich an die Größe der Erde, an die Städte, die ich aus Büchern kannte, an fremde Länder, wo man anders lebte. In den Büchern der ausländischen Schriftsteller malte sich das Leben anziehender, reiner, weniger mühselig als jenes, das träge und eintönig um mich herum brodelte. Das besänftigte meine Unruhe und weckte hartnäckige Träume von der Möglichkeit eines anderen Lebens. Und immer schien mir, ich würde einem schlichten, weisen Menschen begegnen, der mich auf eine breite, gerade Straße führen werde. Eines Tages, als ich auf einer Bank vor der Kremlmauer saß, entdeckte ich Onkel Jakow neben mir. Ich hatte nicht bemerkt, wie er gekommen war, und ihn nicht gleich erkannt; obwohl wir seit mehreren Jahren in ein und derselben Stadt lebten, sahen wir uns selten und immer nur zufällig und flüchtig. »Schau einer an, wie du dich gestreckt hast«, sagte er in scherzhaftem Ton und stieß mich an; es begann eine Unterhaltung wie unter Leuten, die sich fremd sind, aber seit langem kennen. Ich wußte aus Großmutters Erzählungen, daß Onkel Jakow in den letzten Jahren alles verlebt, verpraßt hatte und endgültig ruiniert war; er hatte in einem Etappengefängnis als Gehilfe des Aufsehers gearbeitet, doch seine dienstliche Laufbahn hatte ein böses Ende genommen – der Aufseher war erkrankt, und Onkel Jakow veranstaltete bei sich zu Hause vergnügte Gelage für die Arrestanten. Das wurde ruchbar, man enthob ihn seines Postens und stellte ihn vor Gericht, weil er, die Arrestanten nachts in die Stadt »beurlaubt« habe. Niemand war entflohen, aber einer von ihnen wurde in dem Augenblick erwischt, als er sich eifrig mühte, einen Diakon zu erwürgen. Die Untersuchung zog sich lange hin, zu einem Prozeß kam es jedoch nicht – die Arrestanten und die Gefängniswärter wußten den guten Onkel aus der Geschichte herauszuhauen. Jetzt lebte er ohne Arbeit, auf Kosten seines Sohnes, der in dem seinerzeit berühmten Kirchenchor von Rukawischnikow sang. Über den Sohn äußerte er sich sonderbar: »Er ist seriös und vornehm geworden. Ein Solist! Versäumt man es einmal, pünktlich den Samowar aufzutragen oder die Kleidung zu bürsten, dann ist er böse! Ein ordnungsliebender junger Mann. Und sauber ...« Der Onkel selbst war sehr gealtert, schmuddlig und schäbig geworden und erschlafft. Sein lustiges Kraushaar war stark gelichtet, die Ohren standen deutlicher ab, im Augenweiß und auf dem Saffian der rasierten Wangen trat jetzt ein dichtes Netz von roten Äderchen hervor. Er sprach in scherzhaftem Ton, aber irgend etwas im Munde schien seine Zunge zu behindern, obwohl die Zähne ganz waren. Ich war über die Gelegenheit erfreut, mit einem Menschen reden zu können, der lustig zu leben verstand, viel gesehen hatte und viel wissen mußte. Deutlich klangen mir seine flotten, spaßigen Lieder und Großvaters Worte über ihn im Ohr: »Seinen Liedern nach ist er ein König David, nach seinen Taten aber – ein Bube Absalom!« Auf dem Boulevard zog gepflegtes Publikum an uns vorüber – prächtig gekleidete Damen, Beamte, Offiziere; der Onkel trug einen abgeschabten Herbstmantel, eine zerbeulte Mütze und rötlich verfärbte Stiefel und kauerte sich zusammen – offensichtlich genierte er sich wegen seines Anzugs. Wir zogen uns in eine Gastwirtschaft in der Potschainskij-Schlucht zurück und setzten uns an ein Fenster, das offenstand und auf den Markt ging. »Erinnern Sie sich noch, wie Sie gesungen haben: Ein Bettler hängt Hosen zum Trocknen auf, Ein anderer klaut sie ihm gleich darauf ...« Als ich die Worte des Liedes hersagte, fühlte ich plötzlich den Spott darin, und mir schien, der lustige Onkel sei im Grunde klug und boshaft. Er goß sich einen Wodka ein und entgegnete nachdenklich: »Ja, ich habe gelebt und allerlei Unsinn getrieben, aber zuwenig! Das Lied ist nicht von mir, ein Seminarlehrer hat es verfaßt, ich weiß nicht mehr, wie er hieß, der Verstorbene. Vergessen! Wir waren gute Freunde. Er war Junggeselle und trank – er ist gestorben, erfroren. Von wieviel Leuten schon ich allein weiß, daß sie dem Trunk zum Opfer gefallen sind schwer zu zählen! Du trinkst nicht? Tu's nicht, warte damit! Siehst du gelegentlich den Großvater? Nicht mehr sehr munter, der Alte! Scheint nicht ganz bei Verstand zu sein.« Er trank aus, straffte sich, wurde lebhafter, jünger, beredter. Ich fragte ihn nach der Geschichte mit den Arrestanten. »Du hast davon gehört?« erkundigte er sich, blickte sich um, senkte die Stimme und begann: »Was heißt schon – Arrestanten? Ich bin nicht ihr Richter. Ich sehe, es sind Menschen wie andere, und sage zu ihnen: ›Hört zu, Freunde, laßt uns zusammenhalten und ein fröhliches Leben führen! Es gibt da‹, sage ich, ›so ein Lied: Dein Los soll dich nicht traurig machen! Sosehr es dich zu ducken strebt – Wir wollen fröhlich sein und lachen, Ein Dummkopf ist, wer anders lebt!‹« Er lachte, warf einen Blick durchs Fenster in die schon dunkler gewordene Schlucht, auf deren Grunde sich Kaufläden hinzogen, strich sich über den Schnurrbart und fuhr fort: »Sie sind natürlich gleich dabei, denn im Gefängnis müssen sie Trübsal blasen. Nun ja – sobald der Appell vorbei ist, geht es zu mir; es gibt Wodka mit kaltem Imbiß; mal komme ich dafür auf, mal sie – los geht's, Mütterchen Rußland frohlockt und vergnügt sich! Ich liebe Lieder und Tänze, und es gab Sänger und Tänzer unter ihnen, daß man nur staunen kann! Manch einer trug Ketten; nun ja, in Ketten kann man nicht tanzen, und ich gestattete ihnen, die Ketten abzulegen, das stimmt. Andererseits verstanden sie, ihre Ketten auch selber abzunehmen, ohne den Schmied; erstaunlich geschickt – diese Leute! Daß ich sie aber in die Stadt beurlaubt habe, damit sie rauben und plündern können, ist reiner Unsinn, das ist nicht einmal nachgewiesen ...« Er verstummte und warf einen Blick durch das Fenster in die Schlucht, wo die Altwarenhändler ihre Läden schlossen; dort dröhnten eiserne Riegel, rostige Türangeln kreischten, irgendwelche Bretter fielen zu Boden und schlugen laut auf. Dann zwinkerte er mir vergnügt zu und fuhr gedämpft fort: »Um ganz ehrlich zu sein – es ging da tatsächlich einer nachts in die Stadt, aber er war keiner mit Fesseln, sondern ein ganz gewöhnlicher Dieb, ein hiesiger, aus Nowgorod; unweit, in der Petschorka, wohnte nämlich seine Liebste. Außerdem ist da auch eine Geschichte mit einem Diakon passiert – er wurde irrtümlich für einen Kaufmann gehalten. Es war im Winter, bei Schneegestöber, alle Leute trugen Pelze – da finde in der Eile heraus, wer Kaufmann und wer Diakon ist!« Das kam mir komisch vor; auch er lachte und fügte hinzu: »Nein, wirklich, mein Ehrenwort! Da findet sich kein Schwein zurecht ...« Hier wurde der Onkel überraschend und sonderbar leicht böse, schob den Teller mit dem Imbiß fort, verzog widerwillig das Gesicht und steckte sich eine Zigarette an, wobei er undeutlich murmelte: »Bestehlen einander, ertappen sich, stecken sich gegenseitig ins Gefängnis und verbannen einander nach Sibirien zur Zwangsarbeit – was habe ich damit zu tun? Schwamm drüber – ich habe meine Seele für mich!« Vor meinen Augen tauchte der zottige Heizer auf – auch er sagte häufig: Schwamm drüber. Auch er hieß Jakow. »Woran denkst du?« fragte mich weich der Onkel. »Haben Ihnen die Arrestanten leid getan?« »Natürlich tun sie einem leid, es gibt da welche unter ihnen, da staunst du! Man schaut so einen Burschen an und sagt sich: Im Grunde genommen kann ich ihm nicht das Wasser reichen, obwohl ich seine Obrigkeit bin! Klug sind die Teufelskerle, gerissen ...« Der Schnaps und die Erinnerungen brachten ihn aufs neue in Stimmung; er lehnte den Ellenbogen aufs Fensterbrett, schlenkerte, eine verglimmende Zigarette zwischen den gelben Fingern, mit der Hand und fuhr angeregt fort: »Da war einer bei, ein Einäugiger, Uhrmachermeister und Graveur, der hatte wegen Falschmünzerei vor Gericht gestanden und war geflohen – den hättest du hören müssen! Ein Feuerwerk! Als ob ein Solist singt! ›Erklären Sie mir‹, sagte er, ›wieso der Staat Geld drucken darf und ich nicht? Erklären Sie mir das!‹ Niemand konnte es ihm erklären. Niemand, auch ich nicht. Und ich war seine Obrigkeit! Ein anderer, ein bekannter Moskauer Dieb, still, sauber, ein Stutzer, pflegte zu sagen: ›Da arbeiten sich die Menschen dumm und dämlich – das ist nichts für mich. Ich habe es ausprobiert – man arbeitet sich halbtot, ist vor Müdigkeit ganz verblödet, trinkt sich für zehn Kopeken einen an, verliert zwei beim Kartenspiel und gibt fünf für eine Liebesfreude aus – dann darbt man wieder und hungert. Nein‹, sagt er, ›das mache ich nicht mit ...‹« Onkel Jakow beugte sich über den Tisch, lief bis an den Scheitel rot an, steigerte sich in eine solche Erregung, daß selbst die kleinen Ohren zitterten, und fuhr fort: »Sie sind keine Dummköpfe, mein Lieber, sie wissen, was sie sagen! Hol doch den ganzen Plunder der Teufel! Wie habe ich zum Beispiel gelebt? Ich schäme mich, daran zurückzudenken – immer nur zufällig und heimlich, der Kummer – ja, der gehörte mir, mein Vergnügen aber, das mußte ich mir stehlen! Bald fuhr der Vater mich an – du darfst nicht, bald meine Frau – du kannst nicht, und schließlich hatte ich selber Angst, mal einen Rubel auf den Kopf zu hauen. So habe ich das Leben verpaßt und diene auf meine alten Tage bei meinem Sohn als Lakai. Was ist da noch zu verbergen? Ich bediene ihn, Freund, und ich ducke mich, während er mich wie ein Herr herumkommandiert. Er sagt Vater zu mir, aber ich höre immer nur ›Lakai‹! Ja was denn, bin ich dazu geboren, hab ich mich darum geplagt, um der Lakai meines Sohnes zu sein? Und selbst wenn das nicht wäre – wozu hab ich gelebt, was habe ich vom Leben gehabt?« Ich hörte ihm nur noch unaufmerksam zu. Immerhin sagte ich, lustlos und ohne auf Antwort zu hoffen: »Ich weiß ja auch nicht, wie ich leben soll ...« Er lächelte nur. »Nun ja, wer weiß das eigentlich? Ich habe keinen gesehen, der es gewußt hätte! Die Leute leben eben dahin, jeder, wie er's gewöhnt ist ...« Und er begann aufs neue ärgerlich und gekränkt: »Da hat einer bei mir wegen Notzucht gesessen, war aus Orjol und adlig, ein ausgezeichneter Tänzer – der nun brachte alle zum Lachen, wenn er gelegentlich sein Liedchen von Wanka sang: Wanka auf dem Friedhof schlendert, Immer unverändert. Wanka, steck hinaus die Nase, Daß der Wind mal anders blase! Nun, ich meine, das ist gar nicht so komisch, sondern die Wahrheit! Wie man sich auch dreht, weit fort vom Friedhof kommt man nicht. Wenn es sich aber so verhält, dann ist es mir einerlei, ob ich als Arrestant oder Aufseher lebe ...« Er war des Sprechens müde, trank seinen Wodka aus, spähte wie ein Vogel mit einem Auge in die leere Karaffe, steckte sich schweigend eine neue Zigarette an und blies den Rauch in seinen Schnurrbart hinein. »Ach, Freunde, soviel man sich auch müht, worauf man auch hofft, uns allen ist hienieden der Friedhof beschieden«, hatte nicht selten der Maurer Pjotr gesagt, der Onkel Jakow doch so gar nicht ähnelte. Wie viele solche und ähnliche Redensarten ich schon kannte! Weiter mochte ich den Onkel nach nichts fragen. Er tat mir leid, mir war neben ihm traurig zumute; ich mußte immerfort an seine munteren Lieder und an das Klingen der Gitarre denken, das gleichsam Freude in die weiche Schwermut tropfte. Auch den lustigen Zyganok hatte ich nicht vergessen; unwillkürlich fragte ich mich, Onkel Jakows zerknitterte Gestalt vor Augen: Ob er sich wohl erinnert, wie Zyganok vom Kreuz erdrückt wurde? Fragen wollte ich ihn danach nicht. Ich starrte in die Schlucht – sie war bis an den Rand von feuchter Augustfinsternis erfüllt. Ein Geruch von Äpfeln und Melonen wehte aus ihr herauf. An der schmalen Durchfahrt zur Stadt flammten die Laternen auf, alles war, bis ins kleinste vertraut. Gleich mußte die Sirene des Dampfers nach Rybinsk, dann die des anderen – nach Perm – ertönen ... »Jetzt muß ich aber gehen«, sagte der Onkel. Vor der Tür der Gastwirtschaft schüttelte er mir die Hand und gab mir den scherzhaften Rat: »Fang keine Grillen; ich glaube, das tust du, stimmt's? Pfeif doch auf alles! Du bist noch jung. Vor allem aber vergiß nicht: ›Dein Los soll dich nicht traurig machen!‹ Und nun leb wohl, ich will zur Feier von Mariä Himmelfahrt!« Der fröhliche Onkel ging; ich war nach allen seinen Reden nur noch verwirrter als früher. Ich stieg zur Stadt hinauf und kam aufs Feld. Es war Vollmond, schwere Wolken zogen am Himmel dahin und löschten meinen Erdenschatten mit ihren schwarzen Himmelsschatten aus. Ich umging die Stadt von außen, kam zur Wolga, zum Otkos, legte mich ins staubige Gras und blickte lange auf die Wiesen hinter der Wolga, auf diese ganze, so unbewegliche Erde. Langsam schleppten sich die Wolkenschatten über den Fluß; über den Wiesen angelangt, wurden sie heller, als hätte das Flußwasser sie abgespült. Alles ringsum liegt im Halbschlaf, alles ist so gedämpft, alles bewegt sich irgendwie lustlos, aus Notwendigkeit, aus Zwang und nicht aus flammender Liebe zur Bewegung, zum Leben. Ich möchte der ganzen Erde und mir selbst einen kräftigen Stoß versetzen, damit sich alles – auch ich selbst – in einem freudigen Wirbel dreht, in einem festlichen Reigen von Menschen, die ineinander, in dieses Leben verliebt sind, das sie um eines anderen Lebens willen begannen, um eines Lebens willen, das schön, tapfer und ehrlich ist ... Ich sagte mir: Ich muß etwas mit mir anfangen, sonst komme ich um ... An trüben Herbsttagen, wenn man die Sonne nicht sieht, nicht einmal ahnt, ja ganz vergißt, habe ich mich gelegentlich im Wald verirrt. Man kommt vom Wege ab, sieht keine Pfade mehr und wird des Suchens nach ihnen müde; man beißt die Zähne zusammen und stapft über faulendes Bruchholz und über schwankende Sumpfhöcker hin, geradeswegs durchs Dickicht – zu guter Letzt findet man immer seinen Weg! Genauso beschloß ich zu handeln. Ich fuhr im Herbst dieses Jahres nach Kasan, in der heimlichen Hoffnung, ich könnte dort etwas lernen.