Ludwig Bechstein Wanderungen durch Thüringen Motto. Thüringen ist und bleibt nach den Rheingegenden mir der liebste Strich in Deutschland. Es ist so etwas Heimisches, Befreundetes in dem Boden; wie ein alter herzlicher Jugendfreund heisst er den Wandrer willkommen. Wenn man durch die freudenleere leipziger Fläche sich müde und matt hindurchgearbeitet hat, dann empfängt den Pilger das freundliche Land mit seinen tausendfach wechselnden Reizen. Die Natur entfaltet sich mit jedem Schritte immer reicher, kühner, üppiger. Ich sagte Dir schon, die Bäume bekämen ein ganz andres Grün, so wie man Thüringens Boden betritt. Herrliche Berge krönen das Land mit unverwüstlichen Wäldern; romantische Gründe laden zu fröhlichem Lebensgenuss; kühne gigantische Felsen predigen mit ewiger Begeisterung die Allmacht der Natur und enthüllen auf kolossalen Blättern die urälteste Geschichte der Erde und das tiefe Wunder ihrer ewigen Metamorphose. Einfältig, treu und bieder, wie seine Natur, ist das Volk; in den Thälern des herrlichen thüringer Waldes wohnt noch der alte deutsche Kerngeist, Gastlichkeit, unverdorbener Sinn, heilige Treue. Wenn draussen auf dem platten Lande der Bauer nahe an der Dumpfheit des Thieres lebt, so tönet hier fast in jeder Hütte Musik. Noch wandeln hier im heiligen Schatten majestätischer Wälder die Geister der alten deutschen Romanze; noch wohnen die süssen einfältigen Weisen aus guter alter Väterzeit lebendig auf den Lippen des Volks, und in den Gesellschaften der Bauern wird noch manch kindlich herzlich Lied gehört, das eines weitern Kreises würdig wäre. Noch herrscht hier das wunderbare Reich der Geister und äussert seinen geheimen Einfluss auf die Gemüther der Menschen. Wo Berge sind, ist Gott; auf dem platten Lande hauset der Teufel. Ueber dem ganzen Lande schwebt der Geist der Vorzeit annoch mit hörbarem Flügelschlag und mit prophetischen Stimmen; das Werk der Gewaltigen ist nicht dahin, in himmelanstrebende Bäume und Felsen ist es aufgegangen, aus den schauervollen Ruinen redet noch Heldenkraft und Ritterliebe in vernehmlichen Tönen. Manche Quadratmeile thüringer Boden ist mehr werth, ist denkwürdiger, als die ganze Mark Brandenburg sammt Pommerland. – Friedrich Gottlob Wetzel. Einleitung. Im Herzen Deutschlands liegt ein ausgedehntes Ländergebiet, das gesegnete Fluren, blühende Städte, mäandrische Flüsse, ein hohes höchst romantisches Waldgebirge umfasst und grosse, geschichtliche Erinnerungen bewahrt. Vor alten Zeiten war dieses Ländergebiet ein Königreich und hiess Thüringen . Sein Königthum versank im Fluthen des Zeitenstromes; das Land ward getheilt und zerrissen, es wurden vieler Herren Länder daraus, aber der alte Name blieb und lebt unaustilgbar fort. Bevor wir mit fröhlicher Reiselust dieses Landes Gefilde und Marken durchziehen und kennen lernen, will es wohlgethan erscheinen, in rascher Uebersicht seiner Geschichte, seinem Umfang und seiner politischen Gestaltung verweilende Aufmerksamkeit zu schenken. Thüringens Urgeschichte umschleiert mythische Dämmerung, und nur die Sage tritt aus dem Frühnebel, als Fata Morgana ein Gefild abspiegelnd, das der Fuss des strebenden Wallers nie beschreitet. Wandernd und heerend wogen die Völker in drängenden Zügen von Berg zu Thal, vom Thal zum Gebirge; friedliche Ansiedler müssen weiter ziehen, und die in ihrer verlassenen Wohnstatt sich ruhig zu betten wähnten, drängt ein anderer überlegener Schwarm hinweg. Südwestlich vom grossen Harzwald, der silva hercynia der Römer, brausst der Völkerstrom, bis er allmählig ruhiger wallt, und von den Heimath Suchenden feste Wohnsitze gewonnen und begründet werden. Als die Urbewohner des Thüringerlandes werden vor allen Katten und Hermunduren genannt, die einander oft in verderblichen Kämpfen befehdeten, namentlich um Salzquellen; aber auch Tyrigeten, Theuern-Gothen, Theruingen nennt die Geschichtforschung als erste Bewohner Thüringens und leitet den Landesnamen mannichfach, oft abenteuerlich ab. Alte Sagen blieben haften von der grossen Völkerwanderung; wie die Saxen, aus dem Osten gekommen, die Theuern-Gothen am deutschen Meeresufer besiegt und nach Süden hingedrängt, wie sie mit List jenen um schnödes Gold die Heimath-Erde abgetauscht, und sie dann über den Harz getrieben. Auch die Kunst des Bergbaues trugen Kundige der Sage nach später zuerst vom Harz nach dem Thüringer-Walde. Im vierten Jahrhundert tritt Volk und Land der Thüringer schon gestalteter in den Gesichtskreis der Geschichtforschung; die germanischen Stämme sonderten sich mehr und mehr von einander, die Landesmarken wurden bestimmt und befestet, zu Trutz und Schutz vereinten sich die Nachbargaue, und zwischen Sachsen im Norden, Franken im Westen, Allemannen im Süden, und Slaven im Osten breitete sich der mächtige Stamm der Thüringer über ein sehr grosses Ländergebiet aus, in dessen Mitte sich ein Hochland voll undurchdringlicher Urwaldung erhob. Die Grenzen dieses Landes umfassten gen Norden einen grossen Theil des Harzes, reichten von der Lahn bis zum Elbstrom, umschlossen östlich das ganze Osterland bis zur Elster wie das Voigtland, im Süden den ganzen Thüringer-Wald, den Grabfeldgau, das Flussgebiet der fränkischen Saale bis zum Main, wie das der Werra im Süden und Westen bis zur Weser – Hessen, Westerwald und Wetterau. Der Culturzustand der frühesten Bewohner Thüringens war im Allgemeinen dem der übrigen germanischen Volksstämme gleich; im Besondern bedingte ihn die Beschaffenheit des Landes und der Wohnsitze. Kriegerische Nachbarn erheischten Wachsamkeit, Kampfgeübtheit und jene mannliche Tapferkeit und Todesverachtung, die selbst der stolze Römer dem Germanen anerkennend nachrühmen musste. Die fast ununterbrochen sich über das Land breitenden Waldungen machten den Anwohner zunächst zum Jäger, dessen Geschoss und Schlinge Ur- und Wisand, Elenn- und Rennthier, Wolf, Bär und Luchs, nebst dem übrigen, noch jetzt in Thüringen heimischen Wild als willkommene Beute fiel, und Nahrung, Kleidung, Schmuck, selbst Waffe gewährte. Die Flüsse boten reichern Fischfang als die wenigen und nicht umfangreichen Seen; Metall wurde wohl mehr eingetauscht, als selbst gewonnen, und schwerlich erhob sich der Bergbau früher, als Viehzucht und Ackerbau sich auszubreiten begonnen hatten. Vom religiösen Cult der Thüringer, ihrem Priesterwesen und ihren Idolen lässt sich wenig mit Bestimmtheit nachweisen, obgleich frühere Gelehrte sich bestrebt haben, dem thüringischen Volksstamm neben dem allgemein verehrten Sachsengott Wuotan (Wodan, Odin) noch eine Menge Lokalgottheiten zuzueignen; dahin gehören Thor, Sater, (Krodo) Stuffo, Bil, Lara, Jecha, Ostara, Bachrod, Hulda, Püstrich und andere, deren Bildnisse Bonifacius grösstentheils zerstört haben soll. Von allen diesen lebt nur Hulda im Volksglauben bis heute fort; als der Krodoaltar wird noch ein hochalterthümliches Geräth zu Goslar gezeigt, wie das bekannte Püsterichbild zu Sondershausen. Die Uebrigen leben nur noch im Namensklang der Berge und Orte, wohin die Tradition ihre Haine und Bilder versetzte. Als erster mythischer Beherrscher, (denn rein mythisch ist die Frühzeit dieses Landes und sagengeschichtlich ausgeprägt) des ausgedehnten Reiches Thüringen wird der Frankenkönig Chlodio oder Chlodowig genannt, der Erbauer jenes Dispargum, über das, wo es gelegen, die Forscher stritten und noch streiten, da viele Orte auf diese Ehre Anspruch machen. Einst badete im Meere Chlodio's Gemahel, da rauschte ein Meerwunder aus der dunkeln Tiefe herauf und trug Verlangen nach der Umarmung der schönen Königin, und sie gewährte, was sie nicht weigern konnte. Dieser Umarmung Frucht war Merovig , Thüringens zweiter König, der Gründer von des Landes uralter Hauptstadt Erfurt, in deren Nähe er das Herrscherschloss Merwigsburg erbaute. In diesen Zeiten zuckte und blutete Deutschland unter den Schlägen der Gottesgeisel Attila , der die Länder verheerte; und an der Stätte des alten Eisenach herrschte ein Gewaltiger, Günther mit Namen, dessen reizende Tochter Chrimhild der wilde Etzel freite und dort festliche Hochzeit hielt; ihm und seinen Hunnen wurde ganz Thüringen unterthan und zinspflichtig, bis Attila hinweg, und Merovig todt war; da warfen die Thüringer das Hunnenjoch ab und wählten sich einen andern König, der hiess Basinus . Merovig hatte einen Sohn Namens Chilperich , einen übelgearteten Jüngling, den das Volk der Franken austrieb. Schutz und Aufenthalt suchend, kam der Flüchtige in Basinus gastliches Haus, welches ihn gütig aufnahm und acht Jahre lang herbergete; zum Danke verleitete Chilperich Basinus Weib zur Untreue, dass sie ihm nachfolgte, als er wieder in sein Reich heimkehren durfte, und bei ihm blieb. Sie wurde Mutter des zweiten Chlodio , des grossen Frankenhelden. König Basinus, als er starb, hinterliess drei Söhne: Baderich, Bertharich und Irminfried , die theilten unter sich des Vaters weites Reich, und des Letztern Theil wurde das heutige Thüringen. Auf der Merovigsburg sass Irminfried und sann darauf, sich eine würdige Gemahlin zu erkiesen; damals erscholl durch alle Lande der hohe Ruhm des Helden Dieterich von Bern, (Theoderich von Verona) Königes der Ost-Gothen. Mit diesem mächtigen Herrscher sich zu verbünden, war eben so ehren- als vortheilhaft, und Irminfried warb um Dieterich von Berns Nichte Amalberga , die er auch zur Gemahlin empfing. Mit ihr zog schweres Unheil in das Land. Stolz und herrisch und missgünstig sah sie mit Neid auf das Erbe der Brüder ihres Gatten und lag ihm an, das ganze Reich zu gewinnen. Einst deckte sie Irminfrieds Tisch nur halb, und höhnte dem deshalb Fragenden in's Gesicht: »Eines halben Reiches Herrn ein halbgedeckter Tisch. Ganzes zu Ganzem!« So angestachelt zur Unthat erschlug mit des austrasischen Königs Theoderich Hülfe Irminfried seine beiden Brüder und nahm ihr Reich in Besitz, aber was er gewonnen, nahm Theoderich für seine Hülfe in Anspruch. Darüber erhob sich mächtiger Zwiespalt unter den Königen, und Theoderich mit seinem Bruder Chlotar zogen aus Franken mit grosser Heeresmacht gen Thüringen. In Burg Scheidungen an der Unstrut war damals die Königresidenz, und in diese flüchtete Irminfried mit den Seinen, nachdem bei Runiberg eine mörderische dreitägige Schlacht geschlagen und von den Thüringern verloren worden war. Dort belagert und eingeschlossen, war der König in der höchsten Noth, denn Theoderich hatte, sich zu verstärken, auch die den Thüringern feindlichen Sachsen gegen sie zu Hülfe gerufen. Da sandte Irminfried heimlich seinen getreuen Marschalk Iring zu Theoderich, dass er Gnade bitte, mindestens für Amalberga und ihre Kinder, und dessen Flehen bewegte auch des Frankenkönigs und seiner Räthe Herz, Gnade zu üben, zumal sie die furchtbar kriegerischen Sachsen zu fürchten begannen; diesen aber war die thüringische Königsburg und das umliegende Land zum Lohn versprochen, wenn sie es gewännen. Schon war es nahe daran, dass sich die streitenden Könige ganz versöhnten, als ein Thüringer mit seinem Falken zur Entenbeize an die Unstrut ritt, dem am andern Ufer ein Sachse den Falken entlockte. Und um den Vogel zurückzuerhalten, verrieth der Thüringer jenem die Einung der Könige, und dass den Sachsen nichts Gutes bevorstehe. Eilend verkündete der Sachse im Lager der Seinen das Drohende, was er vernommen, und diese erhoben ihr Feldzeichen mit dem Löwen, Drachen und Adler, warteten die Nacht ab, überfielen Stadt und Burg und richteten ein entsetzliches Blutbad an. Mit Noth entfloh der König und seine Familie; das eroberte Land ward zwischen Sachsen und Franken getheilt, und später der entthronte König von Theoderich durch schändlichen Treubruch ermordet; Amalberga flüchtete sich und die Kinder nach ihrer Heimath Italien. Das war das Ende des Thüringischen Königthumes. Dem übermächtigen Frankenreich war jetzt Thüringen als eine Provinz einverleibt, die durch Gaugraven verwaltet wurde. Unter ihnen, und namentlich zur Zeit des Frankenkönigs Dagobert , erneuten die Hunnen, vereint mit Slaven und Wenden, verheerende Einfälle in das Thüringer Land. Bald siegend, bald besiegt, kehrten sie immer mit verstärkter Macht zurück, und eine lange Jahresreihe hindurch war ihr Name der Schrecken der Völker. Da ernannten die Frankenkönige Herzoge, die das Land schirmen und vor den Heeren herziehen sollten. Unter diesen die zum Theil mit Glück gegen die feindlichen Avaren- und Slavenhorden kämpften, theils auch die Selbstständigkeit Thüringens gegen die fränkische Oberherrschaft wieder zu erringen strebten, wird besonders Ratulph oder Rudolf mit Ruhm genannt. Im Frankenreich selbst sank das Ansehen der Königsmacht, und die Hausmeier { Majores domus ) erhoben sich zu Gebietern des ungeheuern Reiches. Ueberall aber war unter Völkern und Herrschern Zwiespalt, Hass und Streit; die Hausmeier kämpften um die höchste Gewalt, und Thüringen wurde zu gleicher Zeit von den östlichen Feinden verheert, von den Franken bedroht, von den Sachsen bedrückt, und war dabei herrenlos, ohne König, ohne Herzog; jeder Gau unter seinem Graven musste sehen, wie er sich schützte. Als im Reiche der Franken eine grosse Schlacht dem berühmten Hausmeier Pipin den Stab der Macht in die Hand gegeben, und dieser gegen seinen Bruder Gripho kriegte, ist dieser Frankenheld und Vater eines noch grössern Helden oft durch Thüringen gezogen, über welchem Lande zu dieser Zeit die Aurora eines neuen beseligenden Glaubens herrlich aufglühte. Winfried-Bonifacius , der glaubenseifrige Angelsachse, war der Lichtträger, der dem noch in der Nacht des Heidenthumes wandelnden Volke der Thüringer die segensreiche Lehre des Heilandes verkündete und sich die Ehre verdiente, Thüringens Apostel zu heissen. Da lebt noch im dankbaren unvertilgbaren Andenken sein Name; an Gotteshäusern und Bergaltären, an Felsen und Quellen ist er vielfach haften geblieben, und die kindliche Sage des Volkes trägt aus der Vorzeit die Kunden seiner Wunder immer noch gleich frischen Blumen in die Gegenwart. Treue Gehülfen unterstützten den Bekehrer, und der Himmel segnete sein Werk; die neue Lehre gefiel den Thüringern wohl, denn sie verhiess ihnen Freiheit und Erlösung von dem Hunnenjoch und Hunnenzins und stärkte ihren Muth, dass sie auch mit gewaltigen Arm die Avaren in einer grossen Schlacht auf's Haupt schlugen, als diese kamen, die Verweigerung des Tributs zu rächen. Während die Schlacht geschlagen wurde, stand Bonifacius in der Nähe auf einem Hügel und flehte Gott für Thüringen um Sieg, wie Moses that, als Israel gegen Amalek stritt. Nächst Gott hatte der Apostel Thüringens den mächtigsten Schirmherrn an Karl dem Grossen , dem Avaren- Normannen- Sachsen- und Sarazenenzwinger, welcher mehr als einmal in die Provinz Thüringen zog, dem Lande einen Richter setzte, einen Dingstuhl in des Landes Mitte und ausserdem noch vier andere aufrichtete und alles wohl bestellte. Darauf haben sich viele Städte, Dörfer und Klöster erhoben. Die Söhne des grossen Karl theilten das ungeheure Reich, das ihr Vater beherrscht, unter sich, dabei kam Thüringen an Ludwig den Deutschen . Und da abermals sich vom Osten her die verderblichen Einfälle der feindlichen Nachbarvölker wiederholten, so ernannte der König einen neuen Herzog, Namens Tachulf , der jene mit wechselndem Glück bekämpfte. Diesem folgte nach eine kleine Reihe Herzoge, welche alle zu ohnmächtig waren, den immer schrecklicheren und verheerenderen Raubzügen der Hunnen zu widerstehen, die nun nicht allein Thüringen, sondern auch Sachsen, Franken, Schwaben, Baiern, ja selbst die Rheinlande auf unerhört grausame Weise verwüsteten. In dieser Zeit der allgemeinen Noth starb der letzte schwache Sprosse der Karolinger, Ludwig das Kind , und die deutschen Fürsten und Volksstämme erwählten den tapfern Frankenherzog Konrad zu ihrem Oberhaupt, den der alternde Sachsenherzog Otto ihnen vorschlug. Undankbar weigerte aber dieser Otto's Sohne Heinrich die Herzogwürde über Thüringen, doch dieser erkämpfte und behauptete mit dem Schwert in der Hand sein Recht und sein Erbe, und er war es, den Konrad sterbend selbst dem Volk und seinen Führern als den Würdigsten empfahl; die deutsche Krone zu tragen. Da gingen die Frankenfürsten hin zu dem Sachsenherzog und fanden ihn an der Unstrut im Kreise seiner Kinder bei'm Vogelfang; davon hiess er hernach Heinrich der Vogelsteller oder der Finkler. Er war dem Thüringer- und Sachsenland zum Segen gegeben, er zerbrach die schimpfliche und drückende Hunnenkette und brach die Macht dieser Völker in Thüringen in einer grossen Vertilgungsschlacht, die bei Merseburg geschlagen wurde, für immer. Sein grosser Sohn, Otto der Erste , folgte ihm würdig nach; dieser war Thüringens letzter Herzog. An die Stelle der Herzoge treten nun in der Geschichte dieses Landes die Markgrafen, von denen Eckards Name am glänzendsten durch Thüringens Vorzeit leuchtet, aber als Heinrich II . (der Fromme) gestorben war, und die deutschen Völker den mannlichen Frankenherzog Konrad den Salier zum König erklärt hatten, trat bald darauf eine neue Würde hervor, unter welcher eine glorreiche Regentenreihe das nun in engere Grenzen gezogene Thüringerland beherrschte: die Landgrafen von Thüringen . Als deren Ahnherrn nennt die Geschichte einen fränkischen Ritter, Ludwig mit dem Barte , der in der Nähe des Waldes und auf demselben Güter erwarb, theils durch Ankauf, theils durch Geschenke Konrad's, seines Verwandten. Sein Sohn war Ludwig der Springer , Erbauer der Landgrafenresidenz Wartburg und Gründer von Reinhardsbrunn; und seinem Geschlecht entblühte Ludwig der Eiserne und der Milde , Herrmann der Sängerfreund, Ludwig der Fromme , der Gemahl der heiligen Elisabeth , wie Heinrich Raspo , der deutsche König. Diesem Herrschergeschlecht leisteten die Grafen und edlen Herren Thüringens Vasallendienst und Heeresfolge, und trugen unter ihnen in manches fremde Land, ja bis nach Palästina, das thüringische Löwenpannier. Als Heinrich Raspo erbenlos gestorben war, erhob sich ein heftiger und lange dauernder Hader um das Thüringerland, das hauptsächlich von einer Seite der Meissner Markgraf, Heinrich der Erlauchte , ein Sohn Jutta's, der altern Schwester Heinrich Raspo's, von der andern Sophia , eine Tochter Ludwig des Frommen und der heiligen Elisabeth, verwittwete Herzogin von Brabant, für ihr Kind in Anspruch nahm. Diese kam nach Hessen, sammelte einen grossen Anhang um sich her, und es begann ein neunjähriger Krieg um das Land, das dabei am meisten litt. Endlich kam es zum Frieden, Thüringen und Hessen wurden von einander gesondert, Heinrich der Erlauchte behielt ersteres und gab es seinem Sohn Albrecht , welcher, so mächtig war das Ansehen der thüringischen Landgrafen, um eine Kaisertochter werben und sie auf seine Wartburg führen durfte. Diese war die durch ihr Unglück so bekannte Margaretha , die Mutter Friedrich's mit der gebissenen Wange, der, als er sechszehn Jahre alt war, Streit und Fehde mit dem Vater anhob, um das seiner Mutter angethane schwere Leid zu rächen. Der neue Krieg brachte dem Thüringerland wieder grosses Unheil zu Wege, denn Albrecht, welchen für sein übles Thun die Geschichte den Unartigen nennt, verkaufte ganz Thüringen an den Kaiser Adolph von Nassau für zwölftausend Mark Silbers, um es seinen und der Margarethe Söhnen zu entziehen, und da diese es kräftig zu behaupten suchten, führte der Kaiser ein Heer von wildem Raubgesindel nach Thüringen, das auf schändliche Weise im Lande wüthete. Doch während in Thüringen die Landgrafenfehde lange Jahre fortdauerte, fiel Adolph von Nassau durch seinen Gegenkönig Albrecht, Rudolphs von Habsburg Sohn, und dieser selbst, nach zehnjähriger Regierung, durch seines Neffen, Johann's von Schwaben, Meuchelhand. Als der Schreck ob dieser That Deutschland durchzitterte, ward in Thüringen Friede. Friedrich des Gebissenen oder des Freudigen Sohn war Friedrich der Ernsthafte , Landgraf von Thüringen und Markgraf von Meissen, einer der mächtigsten deutschen Fürsten, dem nicht nur das Thüringer- sondern auch nächst Meissen das ganze Pleisner- und Osterland gehörte. Er kämpfte viele Fehden mit Vasallen und Nachbarn durch, und bekannt genug ist in der thüringischen Geschichte der Grafenkrieg, wo die Grafen von Schwarzburg, Orlamünde, Weimar, Henneberg, Kirchberg und andere gegen den Landgrafen sich erhoben und seine Macht zu stürzen trachteten, aber unterlagen und Frieden schliessen mussten. So mannlich und reich stand der thüringische Landgraf vor den Fürsten Deutschlands, dass sie ihm nach dem Tode Ludwig des Baiers die deutsche Reichskrone anboten und ihn zum Gegenkönige Karl's des Vierten, des Böhmen, machen wollten. Friedrich schlug die Krone aus, die nun ein anderer thüringischer Graf, Günther von Schwarzburg annahm, und starb noch vor diesem auf der Wartburg. Sein Tod fiel in eine unermesslich trübe Zeit, in welcher die Völkerpest, der schwarze Tod, auch Thüringen furchtbar heimsuchte, in welcher die Geislerschaaren das Land durchzogen, und die Juden zu Tausenden erschlagen und verfolgt wurden, weil des Volkes fanatischer Wahn in ihnen die Ursache des grossen Sterbens sah. Die drei Söhne des verstorbenen Landgrafen: Friedrich (der Strenge), Balthasar und Wilhelm einten sich dahin, ihr grosses und reiches Vatererbe gemeinschaftlich zu regieren, sie wurden vom Kaiser Karl IV. mit allen ihren Besitzungen feierlich belehnt, und als auf dem grossen Reichstage zu Metz die Würde der sieben Wahlfürsten des deutschen Reichs eingesetzt wurde, und die weltlichen Churfürsten die Erzämter bei der Kaiserlichen Majestät verwalteten, versah der Thüringer Landgraf das Amt des Erzjägermeisters. – Immer grösser wuchs das landgräfliche Gebiet unter der gemeinschaftlichen Regierung, ein grosser Theil der Grafschaft Henneberg kam zu Thüringen, und eine Erbeinigung zwischen Thüringen und Hessen sollte auch, im Fall des Absterbens eines Herrscherhauses, diese beiden Länder wieder zusammenbringen. Friedrich III. starb zu Altenburg und hinterliess drei Söhne: Friedrich, Wilhelm und Georg . Mit diesen Kindern und seinem Bruder Wilhelm theilte nun Balthasar so, dass Wilhelm Meissen, die Kinder das Osterland, die Grafschaft Orlamünde, nebst mehren Städten und Burgen erhielten, und er Thüringen behielt. Er regierte dieses Land vierundzwanzig Jahre glücklich und errichtete auch in Erfurt eine Hochschule. Sein einziger Sohn Friedrich , den man den Friedfertigen, den Einfältigen nannte, hatte zwar an Ländern und Gütern viel, an Geist aber nichts von seinem Vater geerbt, dazu beerbte er auch seinen Oheim Wilhelm, der Meissen mit Dresden und vielen andern Städten besass, aber er lebte schwach und thatenlos und starb ohne Erben. Mit ihm erlosch das thüringische Landgrafenthum, und das Reich fiel an die Nachkommen Friedrich's des Strengen. Die Söhne Friedrich's des Streitbaren , des Gründers der Hochschule Leipzigs, des ruhmgenannten Churfürsten von Sachsen: Friedrich der Sanftmüthige und Wilhelm theilten ihr Vatererbe, und Thüringen kam mit den fränkischen Landestheilen und der Hälfte des Osterlandes an den Letztern. Aus dieser Theilung entsprang für die Länder wieder unsägliches Weh, denn es brach, weil beide Brüder sich vervortheilt glaubten, ein langjähriger verderblicher Krieg aus, dessen Flamme ein thüringisches Rittergeschlecht, die Vitzthume, auf alle Weise schürten und nährten. Fremde Hülfsvölker, slavischen Stammes sogar, wurden in das Land gerufen und hausten mit so unerhörter Grausamkeit, wie vor alten Zeiten ihre Stammverwandten, die Hunnen und Avaren, gehaust hatten. Endlich versöhnten sich die Brüder, nachdem das Land lange genug gelitten. In diese Zeit fällt der sächsische Prinzenraub durch Kunz von Kaufungen, der einige zum Lohn erhaltene Vitzthumische Güter wieder herausgeben sollte und durch den Raub der Churfürsten hohe Entschädigung abzwingen wollte. Herzog Wilhelm starb erbenlos. Churfürst Friedrich des Sanftmüthigen Söhne, Ernst und Albert , theilten ihre Gesammtlande, sie wurden die Stifter der beiden nach ihren Namen genannten sächsischen Regentenlinien; der grösste und beste Theil fiel dabei an Churfürst Ernst. Bei dieser Ländertheilung wurde die natürliche Lage und Grenze der verschiedenen Distrikte nicht berücksichtigt, und sie legte nebenbei den Grund zu dem buntesten Theil der Landkarte von Deutschland. Die Thüringer hatten aufgehört, ein Gesammtvolk zu sein, der sächsische Rautenkranz verdrängte den thüringischen Landgrafenlöwen, und man gewöhnte sich, den grössten Theil von Land und Volk Sachsen zu nennen. Die begütertsten Grafen in Thüringen wurden in diesen Zeiten selbstständige Fürsten, es gab ebenso kein Thüringen mehr als Reich, wie es kein Franken und Schwaben mehr als solches gab, aber der Landesname geht hier, wie dort, nicht unter, er zog sich hier zumal, wie ein vertriebener Westindierstamm, in den Wald zurück, und rastet durch Jahrhunderte in seinem Schatten. Nahe diesem Walde und nicht weiter als eine kleine Tagereise von da, wo in der Zeiten Frühroth Bonifacius den ersten Christenallar in Thüringen aufrichtete, ging aus einer Bergmannshütte der Stern hervor, der mit dem Läuterungsstrahl der Wahrheit die absichtliche Nacht in Sachen des Glaubens durchblitzte, Thüringens grösster Sohn: Martin Luther. Wenn auch die spätere Geschichte Thüringens engverbunden mit der Sachsens, keineswegs eines hohen Interesses ermangelt, und in ihr im Guten und Bösen weltgeschichtlich denkwürdige Begebenheiten und Namen hervortreten, wie der Bauernkrieg und Thomas Münzer, der Schmalkaldische Bund und Krieg, Herzog Bernhard zu Weimar, der Held des dreissigjährigen Krieges, Herzog Ernst der Fromme zu Gotha, der Held des Friedens, bis zu der glänzenden Literaturepoche, die in einer kleinen thüringischen Stadt am Hofe eines weisen und kunstsinnigen Fürsten die erleuchtetsten Geister versammelte und über ganz Deutschland ihren belebenden Ausstrahl ergoss, es ist hier zu wenig Raum und Ort, um ihrer mehr, als nur eben andeutend zu gedenken. Die souveränen Staaten, welche jetzt Theile des alten Thüringens enthalten, sind Preussen, Sachsen-Weimar-Eisenach, Sachsen-Goburg-Gotha, Sachsen-Meiningen-Hildburghausen, Sachsen-Altenburg, Schwarzburg-Rudolstadt, Schwarzburg-Sondershausen, Churhessen, Reuss und Baiern . Von diesen Staaten beherrscht Preussen in seiner Provinz Sachsen, Regierungsbezirk Merseburg, im Merseburger-, Naumburger-, Eckartsberger-, Querfurter- und Sangerhäuser Kreis, und im ganzen Regierungsbezirk Erfurt thüringischen Boden ; Weimar-Eisenach liegt fast ganz in Thüringen, nach dessen frühern Grenzen, eben so die grössten und besten Landestheile von Coburg-Gotha und Meiningen-Hildburghausen. Von Altenburg wird nur der Theil, welcher durch die Reussische Herrschaft Gera vom Mutterlande getrennt ist, zu Thüringen gerechnet. Schwarzburg-Rudolstadt und Schwarzburg-Sondershausen sind ganz thüringische Länder, Churhessen besitzt in Thüringen die ehemals Hennebergische Herrschaft Schmalkalden, die Reussischen Herrschaften werden von vielen noch ganz zu Thüringen gerechnet, und der Baierische Anthteil umfasst das Landgericht Lauenstein, nebst einem Theile der Landgerichte Teuschnitz und Kronach. Der in jeder Beziehung und ganz besonders in malerischer und romantischer Hinsicht interessanteste Theil des Landes, das wir immer noch gern mit dem alten und liebgewonnenen Namen nennen, ist der Thüringer Wald. Dieser ist immer noch des Landes Hort und Herz, durchsungen von Lied und Sage, und durchpulst von reger Lebensthätigkeit. Blühende Fabriken senden aus mancher Waldstadt ihre Produkte nach den fernsten Ländern Europa's, wie über den Ozean, und es wird kaum ein Berg oder Thal gefunden werden, darauf oder darin sich nicht irgend ein Hütten,- Mühl- oder Hammerwerk durch pochende Schläge der Hämmer, rauschende Mühlräder, kreischende Sägen, schrillendes Geräusch der Schleifsteine, oder durch Hochofengluth und flammensprühende Essen kund gibt. Eine statistische Uebersicht des Antheils, den ein Theil der obengenannten Bundesstaaten am Thüringer Walde hat, ergiebt für Sachsen-Meiningen-Hildburghausen das Maximum von 20,5 Quadratmeilen und siebenundsiebeuzigtausendundvierhundert Einwohnern, dann folgen immer absteigend Sachsen-Coburg-Gotha, Preussen, Schwarzburg-Rudolstadt, Sachsen-Weimar-Eisenach, Königreich Baiern, Churfürstenthum Hessen, Schwarzburg-Sondershausen und Reuss. Es sind über den Thüringer Wald nebst verdienstlichen altern Arbeiten von Heim, Hoff und Jacob's und andern, zwei besonders brauchbare Werke vorhanden: Taschenbuch für Reisende durch den Thüringer Wald, von Dr. Carl Herzog. Magdeburg 1832, mit einer Karte von Thüringen, (welche aber nur das Waldgebirge umfasst,) und: das Thüringer Waldgebirge nach seinen physischen, geographischen u.s.w. Verhältnissen geschildert. Ein Wegweiser für Reisende zu den Merkwürdigkeiten des Thüringer Waldes und seiner nächsten Umgebung. Von Professor Dr. H. L. W. Völker. Weimar 1836. Mit einer (sehr guten) Karte vom Thür. W. G. In diesen Werken hat der geehrte Verfasser des Ersten mehr das geschichtliche und romantische Interesse, der des Zweiten, mit Benutzung der neuesten officiellen Quellen mehr das scientifische und industrielle gewahrt, so dass sich aus beiden viel lernen lässt. Obige Angabe ist nach Herzog. Völker, der die Grenzen des Waldes enger und strenger gezogen wissen will, gibt für Meiningen nur eilf Quadratmeilen mit dreissigtausend Einwohnern an, und vindicirt Baiern das Minimum mit zwei und einer halben Quadratmeile und fünftausendundvierhundert Einwohnern. In Summa enthält der Thüringer Wald nach Völker vierzig Quadratmeilen mit einhundertunddreiunddreissigtausendvierhundert Einwohnern in zwölf Städten, vierzehn Flecken, zweihundertundfünfundsiebenzig Dörfern; nach Herzog aber, der die Grenzen des Waldes viel weiter zog, 178,51 Quadratmeilen, zweihundertunddreiundsechszigtausend Einwohner in sechsunddreissig Städten, vierundzwanzig Flecken und siebenhundertundsechszehn Dörfern und Höfen. Der Reisende auf dem Thüringer Walde, der an ihn nicht die Ansprüche macht, die ein Alpenland befriedigt, wird sich, er richte sein Augenmerk nun auf die schöne Natur, oder durchwandre ihn zu wissenschaftlichem Zweck, oder wende seinen Antheil dem commerciellen und industriellen Leben zu, in jeder Hinsicht befriedigt fühlen, wenn er nur irgend unter günstigen Ausspicien ausging. Zahlreiche, grösstentheils wohlerhaltene, und mehrere musterhafte Kunststrassen durchschneiden den Wald nach allen Richtungen, aber auch auf dem einsamsten Fusspfad wandelt der Reisende sicher . Fast in jedem der wohlgebauten Dörfer sind ein oder mehrere gute Gasthöfe; keine zudringliche Bettlerschaar fällt ihn an, kein lungernder Müssiggänger dringt sich gewaltsam zum Führer auf, und wo die Natur in ihrer grossartigen Majestät in Fels und Wassersturz und Höhle Anschauungs- und Bewundernswerthes schuf, ruht es im hehren Schweigen seiner Einsamkeit, nicht profanirt von nebenan gebauten Branntweinhütten, wie in der sächsischen Schweiz und selbst im Riesengebirge. Die Wäldner sind theils zu unschuldig, theils zu beschäftigt, um auf die Börsen der Reisenden zu spekuliren. – Reizende Nah- und Fernsichten thun sich auf, die Berggipfel sind meist ohne allzugrosse Anstrengung zu ersteigen, und schattige Waldungen umrauschen bis zur Höhe den Wanderer. Der Geognost und Mineralog findet für seine Sammlungen reiche Ausbeute, das Thüringer Waldgebirge gehört auch in dieser Hinsicht zu den interessantesten Deutschlands, nicht minder der Botaniker. Die Thüringische Fauna hat manches, in andern Gegenden seltene Thier, noch aufzuweisen, wiewohl der Luchs, das wilde Schwein und die wilde Katze, sonst hier häufig, jetzt auch sehr selten sind. Der Ornitholog findet sehr viele seltene Vögel, die Vorliebe namentlich für Singvögel ist ein hervorstechender Grundzug im Charakter des muntern, lebensfröhlichen und gesangliebenden Thüringer-Waldbewohners. Von einhundertundsechszig bis einhundertundsiebenzig Vogelarten, die der Wald hegt, werden über achtzig Arten als Stubenvögel in den Häusern gehalten, zum Theil abgerichtet, und es wird mit solchen ein nicht unergibiger Handel getrieben. Der Finke steht als Lieblingsvogel oben an, und für manchen guten Schläger ward schon eine Kuh hingegeben. Auch die Blumenliebhaberei ist gross auf dem Walde, und hier sind Lack, Levkoien und Nelken allgemeine Lieblingsblumen. Der Entomolog erhält besonders an Käfern viele und seltene Arten; Schmetterlinge sind minder zahlreich. Die Waldbäche liefern die schmackhaftesten Forellen und Krebse. – Der Bergbau war in frühern Zeiten weit blühender und ergibiger als jetzt, es wurde Gold und Silber ausgebeutet, darauf deuten selbst noch unzählige Sagen von reichen Erzgängen hin, an Orten, wo längst nicht mehr gebaut wird; darin steht der Thüringer-Wald dem Harz nach. Der meiste Bergbau wird jetzt auf Eisen betrieben (die Werke in der Herrschaft Schmalkalden allein liefern jährlich neunzehntausendundzweihundert Tonnen Eisenstein) doch wird auch Braunstein, Steinkohle, Kupfer und Kobald gewonnen, desgleichen Alaun und Vitriolschiefer, Ocker und Umbra. Steinbrüche aller Arten liefern Bau- und Mühlensteine, Marmor, Gips, Alabaster, Schwerspath, Dach-, Tafel-, Wetz- und Griffelschiefer. Der Ackerbau ist auf dem Walde natürlich minder bedeutend, mit Ausnahme der Kartoffel, welche für den ärmern Theil der Wäldner das Hauptnahrungsmittel darbietet. Viehzucht wird mit grossem Vortheil betrieben, die zahlreichen, gut bewässerten und kräuterreichen Waldwiesen gewähren vortreffliches Futter, und dem Reisenden begegnet im Sommer auf dem Walde fast in jedem Thal eine, ja oft mehr als eine grosse und wohlgenährte Heerde, deren harmonisches und wohltönendes Glockengeläute weithin durch Wald und Triften schallt. Der Ertrag an den meist gut bewirthschafteten Forsten ist für die betheiligten Staaten ausserordentlich; die Waldungen bestehen zum grössern Theil aus Nadel- zum kleinern aus Laubholz. Vor allem aber hat der Wald auf einem kleinen Flächenraum so viele und mannichfaltige Fabriken, Werke und Manufacturen, wie kein andres Gebiet Deutschlands von gleichem Areal; die Eisenfabrikation setzt allein anderthalbhundert Schmelzwerke, Eisen- und Stahlhütten, Stab-, Zain-, Drath-, Blech- und Sensenhammerwerke in Thätigkeit, der zahlreichen Messer-, Ahlen-, Zwecken-, Huf- und Nagelschmiede, und der übrigen Eisenarbeiter nicht zu gedenken. Zwanzig Glashütten, mehrere Spiegelglas-, zwölf Porzellainfabriken, Pfeifenkopf- und Pfeifenkopfbeschläge-, hölzerne Spielwaaren-, Papiermaché-, Malerfarben-, Salmiak- und andere Fabriken sind im Gange; diese und die vielen Pottaschesiedereien, Kleinböttchereien, Medizinalwaaren- und Musikinstrumentenfabrikationen, Kohlen- und Ziegelbrennereien, Pech- und Kienrusshütten, die Säge-, Mahl-, Oel-, Loh-, Walk-, Papier-, Knochen-, Marmor- und Spinnmühlen (zusammen über vierhundertundfunfzig), die bedeutenden Bierbrauereien, Bleichereien, Webereien, Gerbereien, der Tabakshandel u.s.w. liefern wohl den vollgiltigen Beweis, dass es dem Lande nicht an frischer Regsamkeit und industrieller Thätigkeit fehlt. Die thüringischen Frachtwägen ziehen auf allen Strassen Deutschlands; die Sonneberger Spielwaaren wetteifern an Güte wie an Verbreitung mit den Nürnbergischen; die Buden der thüringischen Pfeifenkopfhändler bilden Strassen in den Messstädten; die Schmalkalder Eisenwaaren sind wegen ihrer grossen Wohlfeilheit all verbreitet. Weise und thatkräftige Regierungen suchen auf alle Weise den Verkehr zu fördern und zu heben, und durch den grossen deutschen Zollverband ist auch für den Vertrieb der Thüringer-Waldprodukte in das Ausland wieder freiere Bahn gebrochen worden. Meiningen. Es kam ein Brief; freudig erkannte Otto Hand der Aufschrift und Siegel. Zwei Freunde aus einer Stadt des südlichen Deutschlands, denen er, als ihm in ihrer lieben Nähe zu verweilen vergönnt war, oft und viel von Thüringen, seiner schönen Heimath, erzählt, waren daran, einen mehrmals zwischen den Dreien besprochenen Plan auszuführen: Otto zu besuchen und in dessen Geleit eine Reise durch Thüringen zu machen, um dieses Land, seine Natur, seine Bewohner und seine Sitten kennen zu lernen. Der noch nicht weit gereiste deutsche Südländer lässt sich nur gar zu oft durch das Prädicat Süd verleiten, sich den deutschen Norden, zu dem er Mitteldeutschland schon rechnet, rauh und unerquicklich zu denken, und stellt sich bisweilen eine Reise nach Italien leichter und ausführbarer vor, als eine nach dem Thüringer-Wald und dem Harz. Die Freunde, davon wir den einen Wagner, den andern Lenz nennen wollen, schrieben: »Rüste Dich zur Pilgerfahrt, denn wir kommen. Uns verlangt das Land zu durchwandern, das Du uns so oft gepriesen. Wir hoffen, dass keine seiner Naturschönheiten unter Deiner Leitung uns ungenossen, mindestens unbetrachtet entgehen soll. Wir sind doch begierig, die Reize kennen zu lernen, welche Dich so sehr umstricken, dass man Dich öffentlich einseitiger Vorliebe für Dein Thüringen zeiht! Diese, Deine Geliebte, zeige uns, als unpartheiischen Richtern und – Kennern. So viel wir wissen, wächst in Thüringen kein Wein, ausser jenen verrufenen Arten, die Kanonen vernageln, wenn man eine Libation auf das Zündloch giesst, und die zerstreute Armeen zusammenziehn. Das ist schon schlimm ! Und wie es am Wein gebricht, soll es auch an Wasser fehlen, Thüringen hat keine Seen. Siehst Du Freund, wir sind Kritiker, und Du bekommst einen schlimmen Stand, doch sei nicht bange; wir geben Dir unser Wort, es Dir nicht entgelten zu lassen, wenn wir nicht mit Deinen Augen sehen. In den ersten Tagen des Mai treffen wir bei Dir ein! Alles noch zu Sagende sei der frohen Stunde aufgespart, in der wir uns umarmen.« Der Frühling war in das heitere Thal der Werra wie ein flammender Cherub unter Blitzen und Donnerschlägen eingezogen; im Sonnenregen troff er nieder, und jeder Tropfen küsste eine Blüthe wach. Den über der Bergkette des Thüringer-Waldes noch grollenden Donner jubelten Hunderte von Nachtigallen nach, und balsamische Frische hauchte aus allen Berggärten, in denen vom Fuss der Berge bis zum Gipfel die Bäume im vollem Blüthenschmuck prangten. Als Jean Paul das in Form einer Harfe erbaute und deshalb in alten Büchern Harfenstadt genannte Meiningen, wo er eine Zeitlang lebte und manchen guten Trunk that, ironisch scherzend »die Harfe ohne Klang« nannte, mag es wohl ausser ihm nicht Frühling gewesen sein, (in sich trug er Himmel und Frühling stets,) sonst hätte er Klanges genug vernehmen können. – Der Lenz war da mit Sang und Klang, mit seinen Blüthen und Nachtigallen, die zu hören, selbst Fremde aus nahen und fernern Orten nach Meiningen reisen; die Meininger Frühlingskapelle wetteifert an Ruf im Nachbarland mit der Herzoglichen – und Otto freute sich innig darauf, die Erwarteten in diese Gratisconcerte zum Benefiz aller liebenden, zärtlichen, schmachtenden, sehnsüchtigen und überhaupt fühlenden und empfänglichen Herzen zu führen; wer aber nicht kam, waren seine Freunde. Verhinderungen, diese so oft in des Lebens Freudenwege geworfenen Fussangeln und Sperrketten hatten auch hier unwillkommen gehemmt, und es währte bis zum Sommer, ehe alle fernere Hindernisse beseitigt, und aus dem Reisewege geräumt waren, für dessen Unterhaltung eine fleissige Correspondenz eifrig sorgte. Endlich kündete ein letzter Brief gewisse Ankunft, und Otto eilte den Nahenden eine Meile weit entgegen, um sie noch auf fränkischem Boden zu begrüssen. Im Dorfe Henneberg trafen die Freunde zusammen; das Wiedersehen nach jahrelanger Trennung war das Herzlichste, und Otto führte die Lieben sogleich hinauf zur Ruine des alten Grafenschlosses, wo die Drei auf die glückliche Fahrt bis hierher, und auf die fernere glückliche Fahrt durch Thüringen manchen Becher leerten. Den eifrigen Landschafter Wagner aber liess es nicht lange auf dem sonnigen Rasen des alten Burghofes, auf den sie sich gelagert, rasten, kaum waren über die Reise zu Otto und über das beiderseitige bisherige Ergehen Bericht erstattet, so sprang er schon auf, zog sein Skizzenbuch und eilte bewundernd an den runden Thurmkoloss dieser schönen Burgruine; »Welch ein Bau!« rief er den Freunden zu. Ganz verschieden von den Wartthürmen andrer Burgen, eher römisch, als deutsch, und für die Dauer von Jahrtausenden gefügt. Lenz und Otto traten nun ebenfalls näher, und der Letztere führte die Freunde in das Innere dieses sehenswerthen Verliesses, das früher keinen andern Eingang hatte, als oben an der gewölbten Kuppel eine runde Oeffnung, durch welche man die Gefangenen niederliess. »Dieser Eingang durch die zwei Mannslängen dicke Mauer wurde erst in spätrer Zeit gebrochen,« berichtete Otto, als sie das kühle hallende Rund des Innern betraten; »auch war der Thurm ursprünglich viel höher, denn jetzt zeichnet seine Höhe ihn nicht aus. Seine Bauart deutet allerdings auf ein hohes Alter hin, und Deine vorhin ausgesprochene Ansicht, Wagner, findet mindestens in der Sage eine Bestätigung. Diese lässt aus Italien einen edlen Römer nach Deutschland kommen, in der Absicht, sich darin niederzulassen. Als derselbe nun in lachender Gegend den isolirten Bergkegel hier gewahrte und bestieg, einen Burgplatz zu erspähen, da flog aus dem Gebüsch mit Geschrei eine Berghenne mit ihren Jungen vom Nest. Dem Römer, den der Berg gefiel, schien diess ein glückliches Omen, er erbaute die Burg, nannte sie Henneberg und wurde der Ahnherr eines reichen und angesehenen Grafen- und Fürstengeschlechtes im deutschen Mittelalter.« Alle verliessen den Thurm, Wagner zeichnete ihn, und Otto wandelte indess mit Lenz nach einer Oeffnung der alten Ringmauer, durch welche, wie in einem Rahmen, ein herrliches Landschaftbild sich aufthat. »Wirf noch einen Abschiedblick auf Franken,« sprach er zu dem Freunde: »Sieh, wie majestätisch dort die Kette der hohen Rhön sich hinzieht, ein kahles und rauhes Gebirge, wildschön, voll öder Berghaiden und einsamer Rauhthäler. Durch dieses Fernrohr, das uns auf der Reise begleiten soll, wirst Du das riesige Kreuz, den Signalthurm und etwas vom Kloster sehen können.« – Sie wanderten wieder nach vorn, wo ausser dem Thurm noch sehr malerische Ruinen, die muthmasslichen Reste einer Kapelle, hohe Mauern mit weiten Bogen und der fast ganz verschüttete Brunnen besehen wurden, den einst mehre auf den Tod Gefangene graben mussten. Wagner zeichnete noch Einiges, und fröhlich plaudernd schritten die Wanderer aus dem Burgthor, in dem grünen schattigen Laubwald bergab. Als sie das am Fuss des Berges liegende Dorf erblickten, stand Otto still und sprach: »Seht jenes graue Bauerhaus dort unten; in diesem ist der letzte Fürstgraf von Henneberg, Georg, als er noch einmal sein von den Bauern zerstörtes Stammhaus besehen, gestorben. Und nun rechts um, der Wagen erwartet uns anderswo, wir machen eine Fusswanderung, und ich will sehen, wie ihr euch dazu anlasst, und ob ihr mit mir, euerm treuen und redseligen Cicerone, zufrieden seid!« Als die Wanderer am Saum eines Waldes hinschritten, lag unten zur Rechten ein freundlicher grüner Thalgrund, in dessen Mitte ein stattliches Dorf sich ausbreitete, vor ihnen aber hob sich in blauer Ferne ein Theil des Thüringer-Waldes. Thal und Berge, Nähe und Ferne waren von der Nachmittagssonne herrlich beleuchtet, und auf dem Bergrücken wehte erfrischend stärkender Lufthauch. »Seht dort hinab!« rief jetzt Otto, die Freunde in ihrem raschen Schritt anhaltend: »Was seht ihr?«– »Nun, ein Dorf!« war die Antwort. »Seht euch das bescheidene gelbe Herrenhaus, dort wo die beiden Tannen emporragen, nur recht an,« fuhr Otto fort: »Es ist Bauerbach!« – »Bauerbach, Schillers Asyl!« riefen die Freunde enthusiasmirt aus. »Ja, hier in diesem Thalfrieden, fern vom städtischen Geräusch, fern vom Wagen und Karossenlärm der Heerstrassen, war der edle Dichter wohlgeborgen, gab dem schon in Stuttgart vollendeten Fiesko die letzte Feile, schrieb Kabale und Liebe, und entwarf den Plan zum Don Carlos. Die Einsamkeit des Ortes und die Winterstille, die ihn umgaben, waren so recht geeignet, dem unter dem Namen Schmidt sich hier bergenden Flüchtlinge die innere Ruhe zu gewähren, welche ihm nach den trüben Erfahrungen, die er in Mannheim gemacht, so nöthig war, um ein Genie zu immer grösserer Reife zu führen, das die Welt mit unsterblichen Werken beschenkte. Er selbst schrieb damals von sich: »Ich bin an Ort und Stelle, wie ein Schiffbrüchiger, der sich mühsam aus den Wellen gekämpft hat.« Ernst und still sahen die Freunde auf den Ort hernieder, den der Name des grossen Dichters für alle Zeiten merkwürdig machte, und brachten im Geist den Manen des Unsterblichen ein Todtenopfer. – Durch die grüne Nacht eines herrlichen Buchenwaldes, durch dessen Laub hin und wieder goldene Sonnenstrahlen brachen, stiegen die Wanderer jetzt bergab, und wurden, als sie aus dem Gehölz traten, von einem herrlichen Landschaftbilde überrascht, dessen Hintergrund ein majestätischer Berg, die Geba, bildete. Dann erreichten sie das tief in die Thalbucht versteckte herzogliche Lustschlösschen Amalienruh, das auf alten Landkarten Sophienlust bezeichnet ist, und besahen in diesem ehemals fürstlichen Wittwensitz manches interessante allfränkische Geräth, manch hübsches Bild, zu welchem allen der ortskundige Otto Schlüssel und Kommentar gab. Dort erwartete der Wagen die Reisenden, sie fuhren nun rasch im fröhlichen Gespräch von dannen, bogen aber da, wo die Hochstrasse sich theilte, nicht zur Linken nach Meiningen ein, sondern fuhren thalaufwärts und über eine Anhöhe, wo sich in der Beleuchtung der späten Nachmittagssonne eine reizende Aussicht in das Werrathal aufthat; fünf Dörfer und das, wie ein Schlösschen prangende Hospital Grimmenthal lagen malerisch in den Gründen zerstreut, und über Ellingshausen grüsste ein Stück blauer Bergwald herüber, ein Theil der Thüringer-Waldkette in der Gegend von Suhl und Mehlis. »Wir fahren dorthin nach Grimmenthal, der Stätte einer einst berühmten Wallfahrt,« begann Otto, indem er auf den genannten Ort hinwiess: Jetzt ist dort ein reich dotirtes Hospilal für zwölf Pfründner, aus dem Aerar der Wallfahrtskirche fundirt.« »Du fährst uns in den Spittel?« fragte Lenz mit leisem Spott. »Nicht hinein,« entgegnete Otto: »ihr sollt nur dort im Hofe des Hospitals etwas sehen, dessen Gleichen wir auf unsrer Fahrt durch ganz Thüringen nicht wohl zum zweitenmale erblicken werden.« Als das heitre Haus Grimmenthal erreicht war, über dessen Thor ein wohlerhaltnes Hennebergisches Grafenwappen sich zeigte, wie neben an eine alte eingemauerte Inschrift, beide aus den Trümmern der einst so berühmten und schönen Wallfahrtskirche gerettet, bedurfte das zu Schauende keines besondern Hinweises. Die Fremden staunten. Ein kolossaler Lindenbaum, um welchen einige Gartenkanapees standen, hob seine Blälter und Blüthenfülle empor. »Welch herrlicher Baum!« riefen Wagner und Lenz aus, indem der erste ihn mit dem Blick des Malers, der andere ihn mit dem Auge des Naturkundigen beschaute. Zwei riesige Aeste stiegen von dem nicht hohen, aber umfangreichen Stamm hoch empor, jugeudlich kräftig grünend und blühend, oben aber gesichert durch Balken verbunden, denn der uralte Stamm, welcher schon einen, und zwar den grössten seiner riesigen Aeste verlor, ist hohl und marklos. Während Wagner eine Skizze von der ehrwürdigen Wahlfahrtlinde nahm, umklafterte sie Lenz, und brachte nach sorgfältiger Messung ein Umfangresultat von sechsunddreissig Fuss heraus. »Wie alt hältst Du den Baum?« fragte Otto, »Achthundert Jahre und darüber zählt er gewiss,« gab Lenz zur Antwort. Unter dem grünen, duftenden, bienendurchsummlen Laubdach des uralten Baumgiganten sassen bei einem frugalen Abendbrod, das der Speiser des Hospitals auftrug, die drei Freunde. Die Sonne küssle noch den Wipfel und die Berghöhen, von den nahen Dörfern klang Abendglockengeläute herüber. Ein freundlicher Greis, der älteste Pfründner, lustwandelte im Hof, und Otto erzählte den Freunden die Geschichte des Wahlfahrtortes. »Jener alte Mann, und dieser Baumgreis,« begann er: »wecken in mir stets die gleiche Empfindung einer gewissen Wehmuth, die ihren Duftschleier über den Ort breitet. Dieser liegt mitten in der Gegenwart, wie ein Stück alte Zeit, wie ein Chronikblatt, darauf viel von Meteoren, Wundern und Abenteuern zu lesen ist. Die Wallfahrt entstand, als ein erkrankter Ritter vor einem alten Muttergottesbilde unter dieser Linde kniete, um Genesung flehte, und wie durch ein Wunder genas. Das Wunder »des Glaubens liebstes Kind« flog von Mund zu Mund, erst kamen Hunderte, dann Tausende, gleichen Glückes theilhaftig zu werden; Glaube half, Dankbarkeit opferte, bald hob sich ein prächtiger Tempel hier, und es wuchs noch der Ruf des wundertätigen Gnadenbildes, während schon hoch am Himmel die Sonne Luthers stand. Das Land Henneberg war hinter dem Schritt der Zeit zurück geblieben, da warf diese einen Blick zurück in das grüne Thal, und hauchte den Nebelschleier, der es noch deckte an, dass er zerrann. Luthers Zorn donnerte gegen Grimmenthal, sein Wort flog wie ein siegreicher Königsaar über das Gebirge herüber, die Henne erschrak, die Madonna stand einsam.« – »Und die Kirche?« fragte Wagner. »Die schöne Kirche ward Ruine; diese wäre eine Zier der Gegend geblieben, aber sie ward, wie so manche andere im lieben deutschen Vaterland, ökonomischen Zwecken geopfert, nur die Linde hier, die uns mit fallenden Blüthen überträufelt, steht als Zeugin jener romantischen Vergangenheit noch da.« » Almae naturae! « rief Lenz den Becher emporhebend gegen das duftige Gelaub. »Leben und Gegenwart! Lange noch schirme den Baum die Hamadryade! Mit diesem Wunsche lasst uns vom Grimmenthal scheiden!« – Die Freunde brachen auf, rasch trug sie der leichte Wagen durch die Thalebene, und die im letzten Abendschein friedlich liegenden Dörfer. Grau und ernst lag die ehemalige Veste Massfeld mit ihren starken Mauerthürmen da, und Otto erzählte noch von diesem alten Grafenschloss, von der Belagerung, die es im dreissigjährigen Krieg erlitten, von der reichen Waffensammluug, die es in seinem Zeughaus einst bewahrt, wie von dem jetzigen Gebrauch des alten Baues, als Zucht- und Besserungsanstalt – als die Freunde bereits in der schönen, eine Stunde langen Allee fuhren, die sie bis an das Thor von Meiningen brachte. Aus öffentlichen Berggärten schimmerte Lichtglanz sternenhell durch die beginnende Sommernacht, um die lebendigen Zäune flogen Leuchtkäfer, und lustwandelnde Gestalten belebten alle Wege. Der Wagen hielt an Ottos Haus, noch einmal rief er den Freunden zu, sie umarmend: »Willkommen!« – Einen Tag nur hatten die Gefährten zur Rast bestimmt; Otto, selbst schon zur Weiterfahrt gerüstet, suchte diesen so gut als möglich dazu zu benutzen, jenen das wenige Sehenswerthe in rascher Uebersicht vorüberzuführen, das eine kleine Residenz von nur 570 Häusern und 5600 Einwohnern darbieten kann, selbst wenn sie, wie Meiningen, unter der Aegide eines kunstsinnigen und alles Schöne und Gute eifrig fördernden Fürsten immer wachsender Verschönerung entgegenblüht. Ueber den regelmässigen und sehr geräumigen Marktplatz, auf welchem die oft erneute, aber schon im Jahr 1003 erbaute Stadtkircbe mit ihren zwei Thürmen steht, führte Otto seine Freunde durch die untere Marktstrasse, zeigte ihnen im Vorübergehen das Haus, in welchem Jean Paul gewohnt und liess dabei nicht unbemerkt, dass das gestern von ihnen besehene Grimmenthal dessen Lieblingsspaziergang und Aufenthalt gewesen; bezeichnete dann ein anderes Haus als Wohnung von Schillers Schwester, und ein drittes als das, welches einst der fruchtbare Romanschriftsteller Carl Gottlob Cramer besessen, bevor er als Lehrer an der nahen Forstakademie, dreissig Acker andern Wohnsitz und endlich dort auch ein Grab gefunden. »Meiningen sah« sprach Otto im Weitergehen erzählend zu den Freunden: »zu Ende des vorigen und im Anfang des jetzigen Jahrhunderts unter Herzog Georg manche erfreuliche Bestrebung in literarischer und artistischer Beziehung. Der Herzog selbst voll Geist und überall anregend, hätte gern nach dem Beispiel Weimars einen Kreis von ruhmvoll genannten Literaten und Künstlern an seinem Hofe versammelt, allein es lag nicht in den Verhältnissen, diesen Wunsch in würdigster Ausdehnung erfüllt zu sehen, und manchen schönen Plan zerriss des edlen Herzogs allzufrüher Tod. Als ausgezeichneter geistlicher Liederdichter lebte damals Pfranger hier, bekannt durch sein Gegenstück zu Lessings Nathan: Der Mönch von Libanon; der Bibliothekar Reinwald, Schillers Freund und Schwager, zeichnete sich durch witzige Epigramme aus; auf dem herzoglichen Liebhabertheater wurden, mit Verdrängung des damals noch herrschenden französischen Geschmacks, gediegene Stücke aufgeführt, wie Lady Johanna Gray, von Wieland; Julius von Tarent, von Leisewilz und Andern. Leisewitz schrieb damals selbst an Reinwald und sprach sich über die Idee des Stücks gegen diesen aus. So lebte auch der berühmte Maler Reinhard in Rom eine Zeillang als Gast bei dem Herzog, und hinterliess hier manches Bild, manche Zeichnung und Skizze. Später während Cramers überfruchtbare Muse den Romanenheishunger der gewöhnlichen Lesewelt lange Zeit hindurch befriedigen half, streute hier Ernst Wagner die edleren Blüthen seines am Guten und Schönen erwärmten und durchbildeten Geistes aus, welche die wohlverdiente Anerkennung fanden.« Unter dieser Erzählung waren die Freunde zur Esplanade vor dem Residenzschloss der Elisabethenburg gekommen, das von da aus gesehen sich auf keine Weise vortheilhaft darstellt; ein Rundbau deckt und versteckt das Hauptgebäude, und nur der eine Flügel, das sogenannte alte Schloss, tritt mit alterthümlichem Giebeldach hervor. In diesen Theil des Schlosses führte Otto zunächst seine Freunde; es ist darin die 30,000 Bände starke Bibliothek befindlich, zu welcher Herzog Bernhard I. schon durch eine bändereiche Büchersammlung den Grund legte, die durch bedeutende Ankäufe Herzog Anton Ulrichs beträchtlich vermehrt, und durch die Liberalität Herzog Georgs 1782 zuerst dem grossen Publikum an bestimmten Tagen zugänglich gemacht wurde. Die Bibliothek, an Geschichtswerken älterer Zeit am besten ausgestattet, hat auch eine schöne Atlanten- und Bibelsammlung, eine jedoch kleine Anzahl Manuscripte, und unter ihren Druckseltenheiten eine Armenbibel, einen höchst seltenen Pergamentdruck der Institutionen von Peter Schöffer von Gernsheim, wie eine prachtvolle erste Ausgabe des Theuerdank auf Pergament, mit gleichzeitig kolorirten Holzschnitten aufzuzeigen. Den letztern widmete Wagner besondere Aufmerksamkeit, und bemerkte nicht unpassend, dass die eigenthümliche von den Neuern als unkünstlerisch verbannte und vermiedene Manier der Alten, die Lichtstellen und manche Konturen der Bilder mit Gold zu höhen, diesen Letztern einen ganz besondern Reiz gäbe, und die Lebhaftigkeit des Bildes hervortreten lasse, ja diese erst recht eigentlich hervorhebe. Otto nahm das Wort: »Wie die fromme Gluth der Alten in den Glorien um Heiligenköpfe gleichsam eine sinnliche Verkörperung suchte und fand, so scheint mir in dieser Weise die Lebenswärme und Lebensfrische des deutschen Mittelalters abgespiegelt, ein farbiges, fröhliches, bewegtes Getriebe, dessen Bild vom Gold der Freude gehöht erschien, wo sich die Gestalten ungezwungen und harmlos bewegten, während wir lieben, uns in schwarzen und oft schwermuthvollen Ernst zu kleiden, den freilich manches drückende Weh der Zeit und Gegenwart entschuldigt und rechtfertiget; dennoch barg sich auch hinter ihrem Goldschimmer gar manches Trübe, das wir ja nicht zurückwünschen wollen.« Die Zeit war zu kurz um für diessmal der Bücherei mehr als flüchtigen Einblick in ihre Schätze zu widmen, und bald standen die Freunde in der kleinen Gemäldesammlung, die ebenfalls in einem Saale des Schlosses aufbewahrt wird. Dem Prachtstück derselben, einer Kreuzabnahme von Hannibal Caracci ward vor Allem gebührende Aufmerksamkeit und Bewunderung geschenkt. Dabei wurde von Otto bemerkt, dass eine grosse Anzahl der besten Gemälde noch in den herzoglichen Zimmern hängt, durch welche vermehrt, die Gallerie allerdings bedeutender erscheinen würde, in der sich noch eine schöne dem Lenardo da Vinci zugeschriebene Madonna mit dem Kinde und sehenswerthe Stücke aus der deutschen und niederländischen Schule von berühmten Meistern befinden. Die Fremden besahen hierauf im Geleit des einheimischen Freundes, der sie auf alles nur irgend Sehenswerthe mit patriotischem Eifer aufmerksam machte, noch das ebenfalls nicht grosse, aber an Mineralien, Korallen und ähnlichen Seeprodukten und geschliffenen Steinarten ziemlich reiche Naturalienkabinet, wo Lenz mit besonderer Freude den Forscherblick auf einer grossen Steinplatte mit den Relieftazzenabdrücken des antediluvianischen problematischen Chiroterium weilen liess, die aus den Hessberger Steinbrüchen hierher kamen. Otto legte Sicklers Heft: Die Plastik der Urwelt zur Ansicht und zum Vergleich darüber vor, und bat, Urtheil und Besprechung bis zur Autopsie am Fundort dieser räthselhaften Thierfärthen zu verschieben, welche die Aufmerksamkeit der Forscher Europas zwar auf sich gezogen haben, aber nicht von allen die gleiche Würdigung fanden. Unvermerkt war der Mittag herbeigekommen, doch wurde, um den Nachmittag und Abend zu Ausflügen ins Freie benutzen zu können, dem Antiquarium des hennebergischen Alterthumsvereins noch vor Tische ein Besuch vergönnt, und in Augenschein genommen, was dieses noch junge Institut während seines Bestehens bereits an Harnisch und Waffenwerk, mittelalterlichem Geräth, Münzen und Anticaglien acquirirte. Hier nahmen einige alterthümliche Taufbecken mit wunderlicher Schrift und eine Trompetengeige oder Marinetrompete ob ihrer seltsamen Form und Bauart neben andern Gegenständen, die Aufmerksamkeit besonders in Anspruch. Von der ersten, der Beckenschrift, berichtete Otto, dass sie immer noch nicht entschieden gelesen und gedeutet sei, obgleich sich die gewiegtesten Forscher daran versucht, und, dass durch immer neue Entdeckungen solcher und ähnlicher, oft merklich abweichender Schriften auf allen Becken und blos auf Becken, die Entzifferung nur erschwert, die Deutung verwirrt werde. Als Lenz die Frage aufwarf, was eigentlich Haupttendenz dieses und ähnlicher Vereine sei, und ob man sie überhaupt zeitgemäss nennen dürfe, da sie mehr ein Stehenbleiben, als ein Weiterschreiten, ein Zurückblicken statt ein Vorwärtsschauen zu bezeichnen schienen, legte Otto die den Verein betreffenden und von diesem veröffentlichten Literalien vor und äusserte sich nebenbei folgendermassen: »Die zahlreichen historischen Vereine Deutschlands, welchen partiellen Namen, ob sächsisch, thüringisch, wetterauisch, hessisch, voigtländisch, bennebergisch u. s. w. sie immer führen mögen, haben alle den gleichen löblichen Doppelzweck: Erforschung und Aufhellung der vaterländischen Geschichte, und Erhaltung der Geschichtsdenkmäler. Den wahren wissenschaftlichen Nutzen der ersten Beziehung können nur die verneinen, welche aus gewissen Motiven das Kind mit dem Bade ausschütten und gar keine Geschichte mehr gelten lassen wollen; und die zweite Beziehung tadeln kann nur rohe Barbarei, denn in ihren weiten Bereich gehören alle Schätze des Kunstfleisses der Vorfahren und viele von ihnen werden da zur Geschichtsquelle, wo Schrift und Urkunde schweigen oder ganz fehlen. Nicht um zu sammeln, sammeln die Vereine, sondern um an und von dem Gesammelten zu lernen, und hier gewinnt oft selbst ein anscheinend geringfügiger Gegenstand Werth und Bedeutung. So seht ihr z. B. hier einige längliche an beiden Seiten geschärfte Feuersteine; wer sie nicht kennt, wird sie kaum des Aufbewahrens werth erachten, erfährt er aber, dass die alten Germanen sich derselben als Pfeilspitzen und Messer bedienten, dann wird er sie wohl eines aufmerksamem Blickes würdigen.« »Friede sei mit euch!« warf Wagner lächelnd ein, um Otto den Faden einer Rede abzuschneiden, die länger zu werden drohte, als eben nöthig, und man trat heiter aus der Atmosphäre des Alterthumstaubes in das helle Mittagssonnenlieht, um sich an dem zu erfreuen, was in der Gegenwart Gott beschert. Nach Tische führte Otto seine Gäste, bevor sie ihre Promenade antraten, erst noch zu dem mit Recht ruhmvoll genannten Hofkunstdrechsler Schulz, der mit seinem Bruder, Zwillingssöhnen unermüdet thätig, schon mehr als ein deutsches Kunstkabinet mit gelungenen Elfenbeinarbeiten zieren half. Diese Künstler-Familie, schlicht und bürgerlich einfach, zeigte mit der freundlichsten Bereitwilligkeit eine Anzahl herrlicher Becher, mit zahlreichen Hautrelieffiguren, theils biblische Gegenstände nach Albrecht Dürer, theils Jagdstücke nach Bidinger den bewundernden Freunden vor. Meiningen hat, obgleich durch seine Lage in einem Thal etwas beschränkt, sehr freundliche Umgebungen und den Promenirenden hemmen in den herrschaftlichen Anlagen weder abweisende Wachtposten, noch drängen sich auf jedem Tritt Warnungstafeln in den Weg, noch auch wandeln spähende Aufseher mit müssiger Behaglichkeit umher. Das kleinliche und peinliche pedantische Zopfwesen, das sonst kleinere und grössere Residenzen namentlich auch in dieser Beziehung charakterisirte, ist verschwunden. Otto führte seine Freunde durch die Schattenallee des Bleichgrabens, machte sie im Vorübergehen auf das schöngebaute und zweckmässig eingerichtete Georgenkrankenhaus, wie auf das stattliche Gebäude der Bernhardschen Erziehungsanstalt für junge Engländer aufmerksam, welches Letztere sich eines höchst vortheilhaften Rufes erfreut und zahlreich besucht ist, und gelangte so mit ihnen zu dem Thore, durch das sie gestern einpassirten. Von dieser Seite nimmt sich die Stadt nicht eben vortheilhaft aus. Die Brücke überwandelnd sahen die Fremden auf einem Berge in halbstündiger Entfernung ein hohes Haus emporragen und fragten den Geleiter danach. »Es ist die Forstakademie Dreissigacker« antwortete Otto: »die berühmte Schöpfung Herzog Georgs, zu deren Gründer und Lenker der Naturforscher Bechstein berufen ward. In einer Zeit, wo die Forst- und Jagdkunde als Wissenschaft noch in der Wiege lag, erhob sich dort auf jenem Berge ein Institut, das bald in ganz Deutschland, ja im fernsten Ausland mit Ruhm genannt wurde, und wesentlichen Antheil an den Fortschritten hatte, die seitdem die Forstwissenschaft machte. Das wetteifernde Aufblühen anderer Akademien, und das in einigen Ländern erfolgte Verbot des Besuchs ausländischer Anstalten hemmte erst später einigermassen die Frequenz; der empfindlichste Schlag traf aber die Forstakademie durch den Tod Bechsteins, obgleich dort immer noch Tüchtiges geleistet und gelernt wird. Des Naturforschers Name war die Aegide von Dreissigacker. Immer noch kann man ältere und jüngere Forstmänner mit Enthusiasmus von ihm reden hören, er war allgeschätzt als Gelehrter, eifrig als Lehrer, thätig als Staatsdiener, hülfreich als Menschenfreund, und der heiterste Gesellschafter, ein Mann im vollen Sinne des Wortes. Vielen hat er wohlgethan, vielen mit Rath und That geholfen, leicht sei ihm die Erde des stillen Friedhofs dort oben!« Otto schwieg gerührt und unterdrückte, um sich nicht wehmüthig zu stimmen, das Beste, was er noch hätte sagen können. Durch die schönen Anlagen des Herrnbergs schritten die Lustwandler und übersahen von dessen massiger Höhe die Stadt und das heitre Thal. Otto machte die Freunde darauf aufmerksam, wie von hier aus die alte Harfenform der Stadt noch am besten bemerkbar sei, die freilich durch die neue Vorstadt merklich verändert wurde. Das Residenzschloss zeigt sich hier in seiner ganzen Grösse, die imponiren könnte, läge es nicht ungünstig und versteckt, und fehlte ihm nicht äusserlich alle architectonische Zier. Freundlich blickt, dicht neben der unten am Fuss des Bilsteins vorbei fliessenden Werra, welche der Landschaft hier wahrhaft malerischen Reiz verleiht, das Naturalienkabinet aus dem schattigen Laubdach der hohen Ulmen und Kastanien des Schlossgartens. An mehren öffentlichen Gesellschaftsgärten vorüber gelangten die Spaziergänger, nachdem sie den lachenden Thalgrund nach Süden hinauf, nach Norden hinab überschaut, der heitern Villa Jerusalem und den ruinengekrönten Landsberg, auf welchem ein fürstlicher Neubau im gothischen Styl sich jetzt erheben soll, verweilenden Blick gegönnt, auf den Schützenhof, wo die gesellige Freude ihren Festsitz aufgeschlagen hatte, und die vortreffliche Blechmusik des herzoglichen Jägerkorps für eine bunte Menge willkommenen Ohrenschmaus bereitete. – Der Abend sank nieder, als Otto seine Gäste am schönen Theater und dem geräumigen Bazar vorbei und durch die sanftgewundenen Wege des Parks führte, in dessen Nähe sich eine neue gothische Kirchhofkapelle erhebt. Hinter dieser stieg voll und gross der Mond über die nahen Berge, und milder Abendfriede sank mit seinem magischen Licht auf die Welt. Der Dolmar. »Wanderlust Schwellt die freie Mannesbrust! Mit lusthellem Angesicht Grüssen wir das Morgenlicht. Hügelab und Berghinan Ueber Wald und Wiesenplan Ziehn wir rüstig unsre Bahn. Wanderlust Freit aus Stubenqualm und Dust, Schwellt die Mannesbrust!« »Wandertrieb Macht uns recht das Leben lieb. Seht ihr, wie der Vogel zieht, Dass er fremde Länder sieht! Pilgernd über Thal und Höhn Lässt am besten sich verstehn Wie die Weit so reich und schön. Wandertrieb, Den Natur ins Herz uns schrieb, Macht das Leben lieb!« Also erklang in der Morgenfrühe der schallende Gesang von vier leichtgerüsteten wohlgemuthen Wandergesellen, als sie die letzten Häuser der Bernhardstrasse Meiningens hinter sich hatten, und die nackte Kuppe des Dolmars vom ersten Sonnenkuss rothglühend in das Werrathal hereinleuchtete. Otto hatte gesagt, wir wollen Adolph Schaubach selbst mit auf den Dolmar nehmen, so brauchen wir uns nicht mit seiner gut geschriebenen Monographie dieses Berges zu tragen, und haben an ihm den kundigsten Geleitsmann, und da der Freund gern eingewilligt, so wurde für eine Strecke Wegs das Wandrerkleeblatt gleich ein glückverheissendes vierblälteriges. Vielreisenden drängt sich eben so, wie Jägersleuten, der Glaube an Omina auf, und sie sehen ein gutes Zeichen immer lieber als ein böses auf ihren Weg treten, oder ihn durchkreuzen; ein hübsches rothwangiges Mägdlein lieber als ein altes rothäugiges Weib, einen Vogel lieber als eine Kröte, und es dünkt ihnen erspriesslicher, wenn der Hase zur Seite bleibt, statt quer über den Weg zu laufen. Man bog ohnweit des Landhauses Jerusalem, das ein freundlicher Park umgibt, in ein Seitenthal der Werra ein, wo sich malerisch das in den Thalgrund und an den linken Bergesabhang angebaute Dorf Helba mit einem Herrenhaus und kleiner Kirche zeigte. »Dieses Helba mit seinem Thal« nahm Otto zu den Freunden das Wort, als sie nahe bei dem Dorfe gingen: »kommt mir stets vor, wie die Vignette oder die gedrängte Vorrede zu dem schönen Buche Thüringerwald , das in seinem reizenden Bilderschmuck und mit seinem köstlichen Inhalt nahe vor uns aufgeschlagen liegt, und das wir zu durchblättern uns vorgenommen haben. Meiningen, die Stadt, ist immer noch mehr fränkisch, als thüringisch, die Pforte Frankens heisst sie ohnediess in alten Büchern; der Volksdialekt ist der fränkische, gleich erkennbar an der Diminutivsilbe le , wo Thüringer und Sachse chen anhängt, Bäumle, Lämmle, Vögele, statt Bäumchen, Lämmchen, Vögelchen u. dgl., der Münzfuss ist der rheinische nach Gulden und Kreuzern. Eben so hat das Werrathal in der Nähe der Stadt zwar manchen Reiz und bietet hübsche Gegenden, allein es fehlt ihnen im Allgemeinen doch ein entschiedener Charakter; hier aber dieses helbaer Thal trägt schon ächt thüringischen Typus. Seht hier einen raschen mit lautem Gemurmel hinrollenden Waldbach, fette kräuterreiche Wiesen, hängende Felsen hoch über den sorglos an die Bergwand angeklebten Hütten des Landmanns, diese Hütten aber nicht ärmlich, und den Einsturz früher als die Felsen drohend, sondern reinlich und von freundlichem Aeussern; hier spielende Kinder, im Hemde, halb oder nach Belieben auch ganz nackt, dort eine weidende Heerde, drüben eine zahlreiche Gänseschaar, ein Kapital der Bauern, das ein Geschrei erhebt, als gelte es Kapitole zu retten, dort dampft ein Meiler und füllt das ganze enge Waldthal mit herbem Harzgeruch, und mitten hindurch zieht die neue und wohlgehaltne Hochstrasse, die nach Benshausen, Zella, über den Oberhof, nach Ordruf und Gotha führt.« »Wir verlassen sie eben und biegen hier ein,« sagte Schaubach, in ein stilles ganz grünes Thal zur Linken voranschreitend, an dessen Ende er auf die sogenannten Armlöcher aufmerksam machte, kesselförmige Vertiefungen am Fuss eines Berges, aus denen bisweilen reiche Wassermassen ausströmen, Otto wusste den Freund noch mit zwei Sagen, einer ächten und einer künstlichen zu ergänzen, dass nämlich bei diesen Armlöchern ein Ritter ohne Kopf spuken reite, die eine, und die andre, dass gelehrte Forscher-Hypothese in ihrem Namen Armlöcher einen Nachhall des deutschen Gottes Irmin erblicken wolle. Der Berg dehnte sich jetzt bald vor den Wanderern, wie ein wachsender Gigant, und der bergkundige Führer ermahnte zu langsamen gemessenem Schritt mit dem Gruss der Tyroler-Alpengänger: »Zeit lassen!« und so stiegen die Wandrer gemächlich empor. Plötzlich rief Lenz erfreut: »Sieh da, ein Ammonshorn!« und hob seinen Fund auf. In einer gewissen Region des Muschelkalkplateaus, welches sich über Utendorf sanft zum Berg emporzieht, finden sich Ammoniten ziemlich häufig, nur am Wege sind sie meist aufgelesen. Je näher man dem steil aufsteigenden Gipfel kommt, desto mehr bedecken Basaltstücke die Felder, bis zuletzt der Basalt ganz vorherrscht, der hier meist in rundlichen Stücken, welche zum Theil Olivin und Hornblende enthalten, zu Tage kommt. Der Führer leitete die kleine Gesellschaft nicht gleich zum umfangreichen Gipfel des Berges, sondern führte sie zum Dolmarbrunnen, wo man sich auf weichen Rasen lagerte. Dieser Brunnen liegt so hoch am Berg, dass man nur wenige Minuten braucht, ihn vollends ganz zu ersteigen. Eine entzückende Fernsicht breitet sich vor dem staunenden Auge des Beschauers aus, die reichlich des Steigens Mühe lohnt, doch es ist wohlgethan, erst durch Ruhe und einige Erquickung Geist und Körper zu stärken, ehe man die Seele in dem herrlichen Landschaftgemälde schwelgen lässt. Diesen Rath befolgten auch die Freunde, dann wurden die Fernrohre zur Hand genommen, und das reizende Panorama betrachtet, das die Natur in vollendeter Schönheit hier darbeut. Zu den Füssen der Schauenden breitet sich ein frischgrüner Laubwald aus, der eine sanftgewölbte Matte umkränzt, und über diesen Waldkranz zieht sich in bunter Abwechselung ein Theil der Kette des Thüringer-Waldes. »Dieser Theil der Dolmaraussicht« nahm Schaubach das Wort: »ist der schönste, pittoreskste; wie ein Amphitheater liegt das Gebirge vor uns mit seinen reizendsten und mildesten Parthien. Das Wälder- und Wiesengrün der hohen Bergterrassen wandelt sich immer mehr in sanftes Blau, bis die fernsten Höhen in mattvioletten Duft am Horizont verschwimmen. Richten wir den Blick auf den Mittelgrund, so heben sich an dieser Stelle zwei Punkte ganz besonders malerisch hervor; dort der lange Marktflecken Steinbach-Hallenberg, über welchem auf einer schroffen rothen Porphyrklippe der Ruinenthurm der alten Hallenburg hängt; nicht weit davon, zur Rechten, schimmern friedlich die rothen Dächer und der Kirchthurm des Dörfchens Herges hervor, über welchem gerade der felsgekrönte Donnershauk den Horizont begrenzt – und dann die schroffe Felsenwand des Hundsteins, die wie die Ruine einer Titanenburg sich emporgipfelt. Auf das Anmuthigste wechseln hier dichte Waldungen mit dem Grün der Matten und dem wogenden Meere junger Saaten. – Haben wir nun den Reiz der näher liegenden Landschaft eingesogen, so wollen wir vollends zum Dolmargipfel hinaufsteigen und seine Ebene umwandelnd, das grossartige Rundgemälde betrachten, das diese vor den Thüringer-Wald riesig hingebaute 2184 Pariser Fuss über der Meeresfläche Die Höhenangaben des Dolmars sind nicht weniger verschieden, als die über andere und bedeutendere Berge des Thüringer-Waldes. Wenn wir im Allgemeinen bei deren fernerer Angabe dem neuesten, oben angeführten Handbuche vom Professor Dr. Völker folgen, so darf hier nicht unbemerkt gelassen werden, dass nachfolgende zwei Schriften vielfach als Quellen benutzt wurden, und eben so verdienstlich als instruktiv über diesen Gegenstand sind: Höhen-Messung einiger Orte und Berge zwischen Gotha und Coburg, durch Barometerbeobachtung vermehrt und den in der siebenten Jahresversammlung zu Berlin vereinigten Naturforschern dargebracht von K.C.A. von Hoff, Ritter des weissen Falkenordens u.s.w. Gotha 1828. Fol. – Und: Höhen-Messungen in und um Thüringen, gesammelt, verglichen und mit einigen Bemerkungen begleitet, von Demselben. Gotha 1833. 4. erhabene Bergwarte gewährt.« Die Freunde stiegen nun zum Gipfel hinauf und erreichten bald die geringen Überreste eines Jagdschlösschens, das 1688 Herzog Moritz von Sachsen-Zeitz auf diese Höhe baute, welches aber 1726 vom Blitz zerstört wurde. Von Nordwesten die Hochebene umwandelnd, bald betrachtend verweilend, bald das Auge zur weitesten Fernsicht bewaffnend, liehen sie der Schilderung ihres Führers ein williges Ohr. Dieser sprach: »Jene äusserste blaue Bergkuppe ist der erste Urgebirgsgipfel des Thüringer-Waldes, den wir auf diesem Standpunkt erblicken können, doch keinesweges dessen Markstein, ihm zunächst strecken der Arensberg und der Windsberg ihre langen Rücken, und deutlich gewahren wir unter ihnen den isolirten Felsgiganten des Hohlensteins mit dem hellen Häuschen, das ihn krönt, und nahe dabei die Burgruine Liebenstein. Immer mehr vom Nordwesten nach Norden uns wendend, gewahren wir die Granitfelsenkuppe des Gerbersteins, um die in wilder Zertrümmerung des in sich zusammengestürzten Berges Riesenpfeiler stehen und lagern. Seine 2147 Fuss hohe Felsenzinne bietet ebenfalls eine der reizendsten Aussichten dar. Unser Blick überfliegt die Gegend, in welcher in einem Thalkessel, den die Gebirgsstrahlen bilden, die geschichtlich merkwürdige Stadt Schmalkalden mit ihrer schönen Kirche, ihrer hochprangenden, aber öden Wilhelmsburg, ihrer regen Betriebsamkeit und ihren Erinnerungen und ernst und einfach liegt; wir sehen dort den Stahlberg, in dessen unerschöpflichem Schoosse die Eisenmenge gewonnen wird, die in tausenderlei nützliches Geräth verwandelt, aus Schmalkalden und andern gewerbsthätigen Orten Thüringens, in alle Länder geht. Dort jener hochragende Gipfel mit der Waldblösse ist der Steinberg, 2866 Fuss, und hinter ihm, just im Punkt des Nordpols ragt der König der thüringischen Berge, der Inselberg mit seinem Häuschen, 2949 Fuss majestätisch empor, der erhabenste Punkt dieser Gebirgsgruppe. Rechts dehnt sich langhin der Rücken der Hohenheide, vor welcher der Felsgipfel der Hohenwarte malerisch aufragt. Jetzt bedecken nähere Höhen den fernem Gebirgszug. Ein mächtiger Hühne ragt der mattenreiche Hühnberg mit hohem und kahlen Felsenhaupt empor, an dessen Fuss wir neben Wiesen einen Theil des Ortes Seligenthal ruhen sehen, dann blickt das heitere duftblaue Gebirge wieder eine kleine, aber merkwürdige Strecke vor; man nennt diese den Rosengarten, und es ist dort auf thüringischer Seite die Wasserscheide zwischen Weser und Elbe. Dort herüber führte die Strasse von Tambach nach Schmalkalden, die einst auch Luther fuhr, als er dem grossen Fürstentag in Schmalkalden beigewohnt. Weiterhin erreicht der Gebirgsrücken im Sperrhügel wieder einen seiner höchsten Gipfel, von welchem sich eine überaus schöne Aussicht auf die Stadt Schmalkalden, das Werrathal, die Rhön und die wald- und felsenreichen Nachbarberge darbietet. Dort gerade vor uns, ganz waldüberdeckt, erhebt sich in massiger Höhe der kleine Dolmar, über den hinweg wir die vorhin schon angedeutete malerische Umgebung Steinbach-Hallenbergs erblicken, während den Hintergrund eine ununterbrochene Bergkette bis zum grossen Herrmannsberg bildet. Schroff und steil gipfelt sich dieser mit seinem Porphyrzackenkamm in die Höhe, und deckt noch einen Theil des hinter ihm wieder sichtbar vortretenden violetten Gebirgzuges.« »Der grosse Herrmannsberg,« nahm Otto zu den Freunden das Wort: »gehört auch mit zu den gewichtigen Trägern der thüringischen Volkssage, die mit ganz besondrer Vorliebe ihre Wunderblumenkränze um diese hohen Bergsäulen des Vaterlandes hängt, auf deren einsamen Felsgipfeln sie unverwelklich fortgrünen. Leser, die sich näher für thüringische Volkssagen interessiren, darf der Verfasser hier auf sein Werk: Der Sagenschatz und die Sagenkreise des Thüringerlandes u.s.w. verweisen. Diese Berggipfel sind vornehmlich Inselberg und Schneekopf, Warberg und Herrmannsberg, Hörseelberg und Kiffhäuser; an den Sagen, die sich an ihre Gipfel knüpfen, ist eine ganz wunderbare Verwandtschaft wahrzunehmen; das Vorhandensein grosser Schätze im tiefen Schoosse, ausblühende Wunderblumen, die jene anzeigen, unterirdischer Hofhalt voll unheimlichen Glanzes, und Heraustreten von Zeit zu Zeit oder doch Sichtbarwerden der gebannten Mächte, wird allen diesen Bergen mehr oder minder poetisch ausgeschmückt von der Sage beigelegt. Ein Schloss soll auf jenem Berge gestanden haben, das mit seinen ruchlosen Besitzern verwünscht ward. Nur zu Zeiten sind sie sichtbar. Ein Hirtenknabe, der einer verlaufenen Kuh nachging, fand eine Gesellschaft, die auf dem Berg Kegel spielte, er musste aufsetzen, zum Dank wurden ihm die Kegel geschenkt; er schleppte sie nach Hause, wo er sie in Gold verwandelt fand. Musikanten brachten den verzauberten Rittern Ständchen, und wurden reich belohnt, andere, die habsüchtig und neidisch auf jener Glück, das Gleiche thaten, empfingen empfindliche Strafe.« – Otto schwieg, Schaubach sprach weiter: »Wenden wir uns rechts vom Felsgrat des Herrmannsberges, so fällt uns zunächst in die Augen der vorhin schon bezeichnete Hundstein, neben dem der weit sichtbare, durch die kegelförmige Gestalt seiner Spitze sich auszeichnende Rupberg aufragt, welcher seinen weiten, mit Matten und Holzung bedeckten Rücken bis nach Mehlis erstreckt, wo der Reisigestein schroff in das romantische Thal hinabfällt, aus welchem wir einige Häuser von Mehlis hervorblicken sehen; den fernern Hintergrund bilden hier der Gipfel des Gebranntensteins, die Zellaerläube und die Brandleite, zusammen eine malerische Berg- und Felsengruppe. Hoch über Mehlis überragt hinter dem Rupberg beginnend der Spitzigeberg das Gebirge, auf welchem nicht weit davon, wo dieses hinter ihm vortritt, unser Blick auf das Pürschhaus auf der Suhlaer Laube fällt. In gleicher Höhe zeigt sich das Signal auf dem Schneekopf, an welchem wir den noch höhern Nachbar dieses thüringischen Berggiganten, den Beerberg mit seinem Signalthurm emporsteigen sehen. Dort hinauf, an der kahlen Wand des Wildekopfs vorbei, windet sich in einer wildromantischen Schlucht die Strasse von Suhl nach Oberhof, und der Wanderer erblickt dort oben einen Kontrast von rauhen Höhen, grotesken Felsen, tiefen Thälern und rauschenden Tannenwäldern; im fernen Thalgrunde die Stadt Suhl und eine unendliche Fernsicht nach Westen. Der Beerberg, an dem wir den Rennsteig eine Strecke hinziehen sehen, ist der höchste Berg des Thüringer-Waldes, 3064 Fuss über der Meeresfläche.« – Immer mehr zum Ostpunkt hingewandt, schritten die Freunde auf der Bergebene weiter, und ihre Blicke hafteten auf dem hoch emporragenden Finsterberge, der sich isolirt über das Gebirge erhebt. »Der Gipfel des Finsterbergs,« nahm Schaubach wieder das Wort: »ist mit einem Felsenkranz umgeben und mit einem Hain hoher Tannen überwachsen. Zwischen diesem, dem Hochgebirge und unserm Standpunkt setzt ein niederer Gebirgszug durch, welchem dort der Domberg bei Suhl und der konische Ringberg angehören. Dort, wo wir den Domberg schroff in das Thal hinabfallen sehen, liegt die genannte Stadt, und wir sehen die Strasse nach Ilmenau sich zum Gipfel des hohen Gebirgs zu einer Stelle empor winden, welche die Kalteherberge heisst. Dort liegen in fast gleicher Höhe, der Döllberg und das Gottesfeld, von welchem letztern Otto ohnstreitig eine Sage zu erzählen wissen wird.« »»Es ist nur die bekannte und sich häufig wiederholende von einer versunkenen und durch Gottes Zorn verfluchten Stadt,«« stimmte der Genannte bei: »von welcher ein Wildschwein eine Glocke auswühlte, die, nach Schleusingen gebracht, beim ersten Läuten furchtbar schauervollen Klang gab und zersprang. Wiederholt umgegossen, blieb ihr Klang derselbe und lautete höhnend wie eine Dämonenstimme. Sau aus, Sau aus! Die Schwere des Fluches liess nicht ab von dem Metall und machte es unbrauchbar zu frommen Kirchendienst.« – »Dort blicken freundlich Thurm und Kirche von Heinrichs aus dem Thal der Hasel herauf,« fuhr der Führer fort: »und darüber erheben sich die kahlen berasten Gipfel des Teuschels- und Adlersbergs. Ein äusserst flacher, bewaldeter Rücken schliesst sich an diese an, und es zeigt sich der sanftgewölbte Gipfel des Blessbergs bei Schalkau, welcher das Berggebiet des Meiningischen Oberlandes beherrscht. Unter ihm im Mittelgrund ist der Schneeberg bei Grub sichtbar, und weit dort hinten in blauer Ferne grüssen wir die Höhen des Fichtelgebirges, Schneeberg und Ochsenkopf. Mit dem Thüringerwald sind wir zu Ende. Aber nun thut sich, indem wir uns immer südlicher wenden, eine unermesslich weite und reizend mannichfaltige Aussicht in das gesegnete Frankenland auf. Könnten wir nur, was so fern liegt, uns durch optische Hülfsmittel näher zaubern und es in ein kleines Totalbild zusammenfassen!« »Sein kolorirtes Dolmar-Panorama gewährt ein solches Bild,« nahm Otto zu den Freunden das Wort: »Wir sehen darauf, ohne dass uns Höhenrauch, Nebel- und Wettergewölk die Aussicht jemals trübt und dunkelt, die Veste Coburg, Schloss Hohnstein, einen Theil der Stadt Hildburghausen, die Klosterkirche von Vierzehnheiligen, den hohen Staffelberg, die Ruine Straufhain und die Veste Heldburg, die fränkische Leuchte, die verwaiste Schöpfung des unglücklichsten Sachsenfürsten, Friedrich des Mittlern, – lauter Punkte, die wir jetzt zum Theil mit dem Fernrohr mit einiger Mühe suchen müssen.« »Zu unsern Füssen erblicken wir Kühndorf,« sprach Schaubach weiter: »mit seinem alten hennebergischen Grafenschloss, und dort drüben das ehemalige Kloster Rohr, darüber ein Berg mit malerischen Felswänden sich lang und grün hinstreckt. Über diesen, aber in weitem Zwischenraum von Feldern und Wäldern stehen, wie die Säulen des Herkules die Basaltkegel der Gleichberge bei Römhild, der kleinere ohnstreitig ein ausgebrannter Vulkan, ein Wunder der Gegend, von Sagen umklungen, mit dreifachem Basaltwall umgürtet, in jeder Hinsicht merkwürdig und sehenswerth. Weit hinter diesen Bergen dehnt sich das Frankenland mit Städten, Dörfern, Klöstern und Warten, während wir die niedrigem Höhen des Werrathales mit dem Blick leicht überfliegen. Dort trennt die Schanze ohnweit Henneberg Baiern und Meiningen, Franken und Thüringen, Rhein- und Wesergebiet, das katholische und das protestantische Deutschland. Wir wenden uns jetzt vom Südpunkt westwärts und kehren in die Gegend, aus der wir kamen. Ein Theil von Meiningen, sein schönster, ist uns sichtbar, das übrige deckt der weit in das Thal vorspringende Drachenberg. Dort liegt einsam die Ruine Henneberg, dort Dreissigacker, dort in der Ferne die Lichtenburg bei Ostheim, und der Gebirgszug der Rhön beginnt. Der Kreuzberg überragt hoch diese kahle und rauhe Bergkette, über welche sich westlich auch der Gangolf aufgipfelt. Dort neben dem burgruinengekrönten Hutsberg beginnt die Geba, des Dolmars Nachbarberg, die Vorwarte der Rhön, wie der Dolmar die des Thüringer-Waldes, noch um etwas höher wie dieser, an deren Fuss wir die Dörfer Bettenhausen, Melkers, Stepfers- und Rippershausen liegen sehen. Hinter der Geba blickt die Disburg hervor, der Leichelsberg und die Hart.– »Das ist jene Disburg,« nahm Otto das Wort: »welcher hennebergische und auch ausländische Geschichtsforscher die Ehre zueignen, das alte Dispargum gewesen zu sein, das Chlodio, der Frankenkönig erbaute, als er die Thüringer besiegt hatte. Vieles fabeln von ihr die Hypothetiker, möchten gern aus ihr eine Disen-(Göttinnen)burg, aus ihrem Nachbarberg, der Hart, einen Herthasitz machen, und aus den Ortsnamen Katz am Fuss dieser Berge Katten als Urbewohner der Gegend mit Gewissheit annehmen, welches Letztere noch mehr Wahrscheinlichkeit für sich hat, als nordischer Götterkult in unserm Lande; da sich in jenem ganzen Gebiet viele altgermanische Gräber finden.« – »Die Etymologie,« warf Lenz ein: »ist die leichteste Weise, Beweise für alles beizubringen, und bei ihrer hohen Wichtigkeit zum Behuf historischer Forschung dennoch der allergefährlichste Pfad, für den, der es liebt, im Irrgarten seiner vorgefassten Lieblingsmeinungen zu wandeln.« »Mit Worten,« sprach Wagner: »lässt sich, nach Göthe's Ausspruch, trefflich streiten, mit Worten ein System bereiten. Diess glückt unsern etymologisirenden Altertumsforschern oft überraschend.« – Die Freunde waren nun nicht mehr fern von dem Punkt, von welchem sie ihre Rundsicht begonnen hatten, sie erblickten immer noch die langgedehnte Kette des Rhöngebirgs, das mit einer Gruppe mächtiger Basaltkuppen zu schliessen scheint, unter denen Baier, Dietrich und Ochsenberg die höchsten sind. Stopfelskuppe, Bless und die Hunkuppen blicken als Zwischengebirgszug mit dunkelgrünen Waldgewändern umkleidet in das Werrathal, aus welchem das Kammergut Maienluft bei Wasungen mit hochragendem Ruinenthurm aufsteigt. Noch zeigt sich ein reizendes Landschaftsbild, in dessen Mittelgrund der Breitunger See, der Kreimerteich und die mäandrisch durch eine üppige Wiesenflur hinströmende Werra silberblitzend leuchten, während zahllose Ortschaften: darunter Herren-, Frauen-und Altenbreitungen, Salzungen, Barchfeld u. a. sichtbar sind, über denen der lange Rücken des Meissner sich streckt, und in der weitesten Ferne die Höhen bei Göttingen verdämmern. Auf die grüne Bergmatte lagerten sich die vier Wandergesellen und überschauten heitern Sinnes und Geistes das herrliche Thüringerwaldgebirge, das nun in mehr als einer Richtung von ihnen durchwandert und näher betrachtet werden sollte. Während dem Rest der mitgebrachten Erfrischungen sein Recht geschah, nahm Otto das Wort: »Noch einer besondern Merkwürdigkeit in archäologischer Beziehung muss ich hier gedenken, es fanden sich nämlich auch am Dolmar Hünengräber, deren Fundergebnisse im Allgemeinen mit denen übereinstimmend waren, welche die Gräber in der Nähe der Geba und Disburg lieferten – was aber weit wichtiger: am Dolmar fand sich im Herbst 1816 eine Goldmünze, über einen Dukaten schwer, vom feinsten Gold, in der Form der sich im Hennebergischen nicht selten findenden sogenannten Regenbogenschüsselchen; es ist nämlich Volksglaube, dass da, wo ein Regenbogen sichtbar aufsteht, eine solche Münze vom Himmel falle. Diese kam in die Hände des Vicekanzler Geheimerath Freiherrn von Donop in Meiningen und rief ein gelehrtes Werk voll geistreicher und scharfsinniger Combinationen: Das magusanische Europa, ins Leben. Die Münze wurde für eine der interessantesten Heracleen erkannt, die als ein unicum gelten kann, und die Begeisterung des Besitzers bildete aus historisch-etymologischer, mythologischer, numismatischer und antiker Weltsagen-Forschung die in dem magusanischen Europa niedergelegte grandiose Hypothese aus, dass Phönikier unter Anführung des Herkules magusanus das Innere Germaniens betreten, und diese Gegend unter andern einer ihrer Colonien Wohnsitze bot, während sich phönikischer Götterkult mit keltischen und scandinavischen weniger verschmolz, als vielmehr jenen erst bilden half.« »Ich bin kein Alterthumsforscher,« nahm Lenz das Wort: aber einen Einwurf wollte ich sogleich der Hypothese machen, der wohl Erwägung verdienen möchte: Wenn nicht durch Handelsverkehr die Münze in diese Gegend kam, kann sie nicht Siegesbeute der durch Karl den Grossen gegen die Sarazenen in Spanien – wohin die Münze weit eher und leichter als mitten in die deutschen Urwälder, gelangen konnte – gesandten germanischen Hülfstruppen, darunter auch Thüringer, gewesen sein? Du erwähntest Hünengräber am Dolmarberge, kann sie nicht mit in ein Grab gegeben, später ausgeackert und so in die Hände des gelehrten Besitzers gelangt sein? Und klingt diese Annahme nicht wahrscheinlicher und natürlicher, als um eines Einzelfundes willen dieser Gegend die Anwesenheit eines Volkes zu vindiciren, von dem, hätte es Deutschlands Inneres betreten, Nachrichten und Spuren wohl mehr als fast gar keine noch vorhanden sein würden,« – Diese Frage, auf Möglichkeitsfälle gestellt, konnte nicht geradezu verneint werden. – Am Basaltsteinbruch des Dolmar vorbei, schritten die Wanderer nach Kühndorf hinunter und gelangten bald in das Thal der muntern Schwarza und in den Flecken gleichen Namens selbst, der durch seine Bierbrauerei berühmt ist. Bis dorthin begleitete der gefällige Freund aus Meiningen die drei Wandergefährten, um nach einem gemeinschaftlichen Valettrunk zu scheiden. Bei diesem konnte sich Otto nicht enthalten, eine lokale Sage – scherzhaft zu erzählen, indem er begann: »Es muss nicht zu allen Zeiten so goldhelles, kräftiges und schmackhaftes Bier in dem Gräflich Stollbergischen, unter Preussischer Hoheit stehenden Flecken Schwarza von 190 Häusern und 1174 Einwohnern, gegeben haben, wie jetzt, denn einst geschah es, dass zwei Knaben in einem Nachbardorf Bier holen mussten. Als sie zurückkehrten, war es Abend, und es zog gerade Frau Holle mit ihrem ganzen wilden Heer durch den Ort, der treue Eckart mit dem Stabe voran, der hiess warnend Alles aus dem Wege gehen, auch die Knaben. Allein obgleich diese sich furchtsam in eine Ecke drückten, kamen doch der durstigen gespenstigen Weiber einige und tranken alles Bier aus, was in den Kannen der Knaben war. Wie nun der Zug vorüber, trat den Erschrockenen und Bangenden der alte Eckart wieder nah, lobte sie, dass sie geschwiegen, und legte ihnen ferneres Schweigen auf. Als sie nun nach Hause kamen, waren die erst leeren Kannen voll guten Bieres und flossen drei Tage lang unerschöpflich, bis die Knaben das Schweigen brachen. Seitdem aber soll es Schwarza nie an gutem Bier gebrochen haben.« – Thal der Lichtenau. Als Schaubach mit herzlichem Lebewohl und wohlgemeintem Glückauf! zur fröhlichen Weiterfahrt von den drei Freunden geschieden war, pilgerten diese durch das lachende Gefild, auf der herrlichen preussischen Hochstrasse weiter. Hinter ihnen ragte kolossal der Dolmar auf, dessen Höhe hier weit besser in die Augen fällt, als von der Westseite; vor ihnen traten allmählig die Bergwände des Hintergrundes hervor, je näher sie dem Dörfchen Ebertshausen kamen. Unten plätscherte die Lichtenau und trieb einige Mühlen; Tannenwaldung umgab zu beiden Seiten die Anhöhen, und eine weite Wiesenfläche breitete sich nach Benshausen zu, aus. Der Boden ist hier Sand, zwischen Ebertshausen und Schwarza befindet sich ein ergibiger Bruch dieses Gesteins, und die häufigen Wasserfluthungen schlemmen den feinsten röthlichen Kies mehr auf die Chaussee und die Wiesen, als Aufsehern und Eignern lieb ist. Bei Benshausen treten die Waldungen etwas zurück und machen Äckern Raum, von denen viele mühsam genug zu bestellen sind. Ohnweit des Dorfes grüsste die Reisenden das Pochen des ersten Hammers, doch lag er ihnen zu weit rechts ab vom Wege, und Otto verhiess das Beschauen grösserer Eisenhämmer. »Benshausen,« begann er zu erzählen: »ist der Weinkeller des Thüringer-Waldes. Dieser Königlich Preussische Flecken von 258 Wohnhäusern und 1555 Einwohnern hat sich in neueren Zeiten ausserordentlich gehoben, reinliche, zum Theil grosse und modern gebaute Häuser zieren nicht blos die Hauptstrasse, und es werden eine Menge städtischer Handwerke darin betrieben. Früher war besonders das Strassenfuhrwerk wichtig, später bildete sich aus und durch dasselbe der beträchtliche Weinhandel aus, der den Ort zu so grossem Flor erhob. Mit 90 bis 100 Fuhrmannspferden führen ein und versenden hier neun bedeutende Weinhandlungen alljährlich 4000 Eimer Rhein-, Pfälzer-, Franken- und französische Weine weithin durch ganz Sachsen, Meklenburg, Preussen, Schlesien, bis nach Pommern und Polen.« » Teste David et Sybilla! « rief Lenz aus und zeigte auf die ungeheuern Stückfässer in manchen Höfen und auf die Haufen nagelneuer Eimer- und Halbeimerfässer, die an den Häusern aufgestapelt lagen, wie auf die Fuhrmannskarren, die dort abgeladen, da frisch beladen wurden. »Du machst uns den Mund wässerig, Freund, führe uns vom Glauben zum Schauen, denn mich dürstet.« »Folgt mir getrost zur Quelle!« erwiderte Otto und lenkte in eine Seitenstrasse ein, nach einem befreundeten Hause, aus dem ihnen ein lautes Willkommen entgegenschallte. Es währte gar nicht lange, so hatte sich wie magnetisch angezogen, ein Häuflein frohgesinnter Jünger des Freudengeber Dionysos zusammengeschaart, einer derselben trug einen Schlüssel, und bald stieg die ganze Gesellschaft in das Lyaios-Tempelheiligthum eines riesigen Kellers hinab, wo in langen Reihen die gewaltigen Tonnen lagerten, gross genug, um leer mehr als einem Diogenes Wohnstätte gewähren zu können. Mit Hülfe gewaltiger Heber entquoll nun bald diesem, bald jenem Fass ein göttlicher Nektar und perlte in die Krystallbecher. In diesen Kellern liegen 10,000 Eimer Weine gelagert, deren Einkauf sich nach den Jahrgängen richtet, hier trifft man noch die Veteranen von 1748, 83, 84, 94, und es hat sich vor Jahren zugetragen, dass von hier aus ganz alte Jahrgänge an den Rhein zurückverkauft worden sind. Durch den Weinhandel werden jährlich in Benshausen 100,000 bis 120,000 Thaler Pr. Cour. umgesetzt. Die Kellergesellschaft sass auf den Fässern, man trank und lachte, und: »ein Lied! ein Weinlied!« rief der Freund, der musikerfahrene, vielgewanderte, Otto zu. Dieser liess sich nicht lange bitten und sang, aber mit der schlechtesten Stimme, die je einer der vielen gehabt, die so gern sich Sänger nennen, folgende Strophen vor, die im lauten Chorus wiederklangen, dass die Fässer dröhnten und das hallende Gewölbe: Wir lieben den Wein, Wir schenken uns ein, Bei Bacchus zu Gaste geladen! Ein Schlückchen Lünell, Ein Gläschen Tavell, Das kann ja beim Himmel nicht schaden. Wir prüfen den Wein, Wir finden ihn rein, Verwerfen den schalen und faden. Ein Fläschchen vom Rhein, Ein Fläschchen vom Stein, Das kann ja beim Himmel nicht schaden! Wir trinken den Wein Und nennen ihn fein, Ein Dutzend mit Drath und mit Faden! Champagner! Tokair! Das flüssige Feu'r, Das kann ja beim Himmel nicht schaden! Wir preisen den Wein, Ein Bruder-Verein, Ein Orden mit mancherlei Graden. Vom feurigen Nass Der Kappstadt ein Fass, Das könnte beim Himmel nicht schaden! Wir jubeln beim Wein, Wir jauchzen, juchhein! Wir wünschen in Wein uns zu baden! Und wünschen vom Dom- Dechant uns ein Ohm! Das könnte beim Himmel nicht schaden! Hoch lebe der Wein ! Gott gebe Gedeihn Ihm – uns – den Krummen – den Graden! Wir taumeln vom Wein? Der Himmel fällt ein, Der Himmel behüt uns in Gnaden!! Nach dem lärmenden Intermezzo eines nicht übertriebenen, aber auch nicht karg gespendeten Bacchanals ward aufgebrochen und ein bereitwillig dargeliehenes Fuhrwerk trug raschen Laufs die weinfröhlichen Reisenden durch das schöne Waldthal der Lichtenau; wahrhaftig, eine lichte Aue, hellglänzend in der frischen Abendbeleuchtung. Silbern rollte der Bach, die Blätter des Laubwalds schimmerten goldgrün, die Konturen der Berge waren mit Sonnengold gehöht, wie die alten kolorirten Holzschnitte im gestern geschauten Theuerdank; von dem starren Porphyrfels des Reisigensteins nickten gelbe Blumen und rothe hinab zu den Schwestern am Bach, Purpurweiderich und Vergissmeinnicht grüssten hinauf zu Karthäusernelken und strahligen Kamillen. Der Zainhammer vor Mehlis pochte, aus dem Blauofen stieg feurige Lohe; bald war Mehlis erreicht, bald auch Zella, und auf der Höhe über diesen gewerbfleissigen Nachbarorten von 270 und 253 Häusern liess Otto den Wagen halten, um die Freunde einen Rückblick in das reizende Thal thun zu lassen. Sowohl von der Höhe der Strasse, als auch von dem Schiesshaus über Mehlis aus, bietet das Thal der Lichtenau einen höchst malerischen Prospekt. Wagner war auch schnell mit seinem Skizzenbuch zur Hand, während sich Otto erklärend vernehmen liess: »Das Gothaische Städtchen Blasienzella, das uns hier so pittoresk mit seiner der Hochstrasse zum Oberhof eine weite Strecke entlang gebauten Hammerwerken zu Füssen liegt, und das Dorf Mehlis dort unten, sind beide durch ihre Gewehrfabriken und Stahlarbeiten bekannt, die den grössten Theil der Einwohner beschäftigen. Jährlich brauchen allein die Büchsenmacher 450 Centner Stahl und Eisen, aus den Hämmern beider Orte aber werden während der Betriebszeit von jährlich 45 Wochen über 4000 Centner Eisen geliefert. Ausser den Gewehren, deren die Gewehrfabriken jährlich an 7500 liefern, werden noch Standröhre, treffliche Pürschbüchsen, Jagdflinten, Pistolen und alle mögliche kleine Stahlwaaren zum häuslichen Bedarf, wie zur Galanterie hier gefertigt, die keinen Ausländischen an Güte und Dauerhaftigkeit nachstehen; ihr seht dort über Zella eine Rohrschleifmühle, einen Rohrhammer, einen Zainhammer, und höher hinauf noch einen Blauofen mit Löschfeuer und Hammer, deren Werke alle der Lupbach treibt, welcher sich in malerischen kleinen Wasserfällen nach dem im Thalgrund gelegenen Städtchen stürzt, und später in die Lichtenau fällt. Jener Berg da drüben mit den schönen Anlagen heisst der Lerchenberg, und gerade vor uns schaut der Rupberg düster herab. Auf ihm stand einst ein Schloss, aus dessen Trümmern eine Kapelle zu St. Blasius Ehre im Thalgrund erbaut wurde, um die sich bald ein Ort bildete, daher der Name Blasienzelle. Schöne Porphyrsäulen standen auf ihm zu Tage, aber die Habgier der Schatzgräber hat die merkwürdige Gruppe zerstört, indem sie nach dem Golde suchten, das die Volkssage, die verschwenderisch ist mit Schätzen, in ganzen Braupfannen voll dem Bergschoos zueignet. Viel auch wird erzählt von wandelnden und verwünschten Jungfrauen, die auf diesem Berge sichtbar sind und der Erlösung harren.« »Wie alle Jungfrauen!« spottete Lenz, der indessen dem Granit nähere Betrachtung gewidmet hatte, über welchen die Strasse zog. »Die Verwünschten niessen und warten auf das helfende: Gott helf! das ihnen aber meist so wenig hilft, wie der Bettelmannstrost dem Dürftigen: Gott helfe Allen!« Als das grünende Thal mit den heitern Orten, den arbeitenden Werken und dem Schiesshaus, das über Mehlis auf der Bergmatte wie eine Sennhütte hingebaut steht, und von dem hallende Schüsse das Echo des Thalkessels der Lichtenau weckten, überschaut war, fuhren die Reisenden am Strassenwirthshaus der Struth und dem Zellaer Schiesshaus vorbei, zur Rechten Waldung, zur Linken eine malerische Ferne hoher Bergwände, und gelangten bald zu der heitern Matte, die der fröhliche Mann, ein Gast- und Lusthaus mit Schiessständen und Kegelbahnen beherrscht; rollten dann abwärts an mannichfach wechselnden Landschaftbildern von Hämmern, Mühlen und Kaskaden vorbei und erreichten die endlosen Häuserreihen der langgedehnten preussischen Berg- und Fabrikstadt Suhl , während Abenddämmer Fluren und Berge sanft überschleierte, und hell durch das Dunkel die Funkengarben aus den Schloten der Werke am Weg emporstäubten, dass der Wagenlenker nur mit Mühe die scheuenden Rosse zu zügeln vermochte. Suhl. Der nächste Morgen hob heiter lächelnd sein rosiges Antlitz über die grünen Berge, und hauchte balsamische Frische über Thäler und Tiefen. Die Höhen schwammen im bläulichen Opferduft, und die Blumen der Waldwiesen standen im Diamantenschmuck ihrer Kronen wie reizende junge Königinnen. Die zahllosen hochgezogenen Rosenbäume an den Häusern Suhls standen voll und überall prangender Blumen, und ihr Arom füllte so die Strassen, dass der Wanderer sich in eine Stadt des Orients versetzt wähnen konnte; dazu blickte in der Thüringer-Waldstadt fast aus oder hinter jedem Fenster eine Schaar fremdländischer Gewächse überraschend hervor, dort blühende Oleander-und Granatbäume, dort bräutliche Myrthen mit Silberblüthensternen überstreut, dort Camellien und Rhododendren. Hier reihten sich die monströsen Formen seltner Cacteen, und das rosafarbenblüthige Epiphyllum suchte durch Blüthenfülle die Pracht zu überbieten, mit welcher die einsamere Feuerpurpurblume des Cereus speciosus ihre flammende Blüthenherrlichkeit ausstrahlte. Hunderte von Vögeln schmetterten mit leisen und lauten Stimmen ihren Morgengesang, und eine spätsingende Nachtigall ergoss in melodischen Tönen vielleicht ihre Sehnsucht nach Liebe und Freiheit. Von der grünen Wand des Dombergs klang der Morgengruss fröhlichfreier Waldsänger nachbarlich in die Stadt. Das kleine Häuschen droben auf dem kolossalen Porphyrfels des Ottiliensteins glühte im Frühstrabl wie eine Alpenrose und blickte treulich herab auf den schönen regelmässigen Marktplatz. Dort hinauf wurde der erste Ausflug unternommen. Am steilen Bergpfad fand der naturkundige Lenz mehr als ein Fragment des Gesteins, aus dem der Domberg besteht, erst granitischen Syenit und Stücke des fleischrothen Feldspaths, von dem ein Gang den ersten durchstreicht, dann specksteinähnlichen Porphyr, mit bisweilen eingesprengtem Quarz und Braunsteindendriten. – Aufathmend standen die Freunde auf der Plattform des Ottiliensteins, die früher eine Kapelle trug, und überblickten erst schweigend die bezaubernde Landschaft, ehe Freude und Staunen über deren hohen Reiz Worte fand. Die Morgensonne drückte den bläulichen Duft der Frühe in das schöne Gebirgsthal und auf die Stadt, die weithin durch dasselbe die langen Arme ihrer Häuserreihen erstreckte, und mit ihnen, dicht zu Füssen der Schauenden hingebreitet, den riesigen Domberg umfängt, wie ein Kind das Knie des Vaters. »Wahrhaftig eine so grosse Stadt hätte ich auf dem Walde nicht zu erblicken geglaubt!« rief Wagner entzückt aus, der gern mit gewohnter Fertigkeit das weite Halbrund in sein Skizzenbuch eingetragen, wenn diess sich in kurzer Frist hätte thun lassen, und Lenz äusserte, indem er aufmerksam ein vom Fels gebrochenes Farrnkraut betrachtete: »So malerisch-reizend Suhl hier gelegen ist, so mannichfaltig interessant scheint mir für den Mineralogen wie für den Botaniker seine Umgebung; alles kündet hier die Gebirgsflora an, und ich habe im Heraufsteigen schon vier bis fünf der seltneren Cryptogamen bemerkt.« »Dass Suhl eine ausgezeichnete Flora hat, will ich meinen;« stimmte Otto bei: »auch in geognostischer Beziehung bietet seine Umgegend eine grosse Mannichfaltigkeit dar. Früher selbst mit Vorliebe Botaniker, habe ich diese Gegend oft durchstreift und aus ihren Schätzen mein Herbarium bereichert; es gewährt eine der reinsten Freuden, so harmlos hinzuschweifen durch die blühende Herrlichkeit der Natur, und immer Neues, vorher nicht Gekanntes zu finden und zu entdecken. Wer mit rechtem Sinn und Ernst Botaniker ist, in dessen Innern bildet sich ein stillfrommes Naturpriesterthum aus, das Herz und Gemüth läutert und heiligt, und noch in späten Jahren blickt man, wie in ein rosiges Tempe, in die Tage zurück, in denen man mit Jünglingsfeuereifer dem reinen Dienst der Flora huldigte und opferte.« Die Freunde, nachdem sie ihre Blicke an der wahrhaft überraschend schönen Aussicht auf die Stadt, die mit nahe an tausend Häusern munter vom Flüsschen Lauter durchrollt, eines Theils concentrirt den Markt umgibt, andern Theils in drei bis vier Strassenzeilen nach Westen hin sich ausstreckt, dann wieder ähnliche Strahlen in noch längerer Ausdehnung ostwärts sendet, dort auf hohen Mauerterrassen freundliche Häuser und schwebende Gärten zeigt, und endlich mit ihren bescheidnen Vorstädten sich in grünende Thalengen verliert – und an dem Blick auf die frischen Wiesen, die zum Theil inmitten Suhls, von Häusern eingegrenzt liegen, auf die spiegelnden Teiche, die an den Höhen wogenden Saatfelder und die dunkelgrün hinter ihnen aufragenden Waldberge gelabt und ergötzt hatten, setzten sich auf die Bank vor dem Pavillon, welcher den Fels Ottiliensteins schmückt. Otto nahm, – nachdem er eine heimlich mit heraufgebrachte Flasche Rebensaftes, von der Gastlichkeit der Benshäuser Freunde in den Wagen practicirt, entkorkt, den Reisebecher gefüllt und dem göttlich schönen Sommermorgen eine Libation gebracht, erzählend das Wort: »Suhl, meine Lieben, ist die bedeutendste Stadt des Preussischen Henneberg, ausserordentlich gewerblich betriebsam, ein lebensthätiger Phönix, der mehr als einmal schon aus Schutt und Asche zu stets verjüngtem Flor erstand. Der Bergbau, schon im vierzehnten Jahrhundert hier betrieben, legte den Grund zu der Eisenfabrikation, die Suhl längst, wie jetzt noch, Ruf und Ruhm verschaffte. Im dreissigjährigen Krieg wütheten Isolani's Kroaten hier vandalisch und äscherten die Stadt ein; in der Mitte des vorigen Jahrhunderts zerstörte ein furchtbarer Brand sie ganz; dennoch blieb Suhl, wie man sie mit Recht nannte, die Rüstkammer Deutschlands, man hätte einst sagen können: Europa's. Die erste Gewehrfabrik entstand am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, nachdem schon lange vorher die hier ansässigen Panzerer die fränkische Ritterschaft mit Harnischen und Gewaffen versorgt hatten. Lange Zeit war Suhl Deutschlands einzige Waffenfabrik. Stephan Reiz lieferte dem Polenkönige Stephan Bathori dessen ganzen Bedarf zum Krieg gegen Russland; Preussen, Litthauen und Liefland bezogen Gewehre aus Suhl; vom Kaiser Rudolph II. kamen Abgeordnete, die auf viele tausend Gewehre Bestellung machten; Spanien und Frankreich, die Republik Venedig und die Schweiz, das polnische Zeughaus zu Krakau und Dänemark bezogen eine Zeitlang ihren Bedarf aus der thüringischen Waffenfabrikstadt. Die Türkenschlachten wurden mit Suhlaer Gewehren geschlagen. Und jetzt, wo in allen Ländern sich blühende Gewerke dieser Art erhoben haben, wetteifert Suhl immer noch mit den berühmten Fabriken zu Namur und Lüttich und liefert allein für Holland seit Belgiens Abfall alljährlich 5500 Kriegsgeschosse, während es die Preussische Armee ebenfalls mit 5000 dergleichen versieht und noch gegen 1000 elegante Jagdgewehre und Pistolen jährlich absetzt.« »Wird der Bergbau lebhaft betrieben?« fragte Lenz, dessen Frage die Lust zu verrathen schien, ein Bergwerk zu befahren, doch musste sie verneint werden. »Der Bergbau war ehemals sehr blühend,« erwiederte Otto: »allein jetzt ist er nicht mehr erheblich. Am Dellberge, der dort drüben sich ziemlich hoch emporhebt, sollen früher täglich 300 Bergleute angefahren sein; er lieferte Glanzeisenerz und Glaskopf, jetzt werden die 9 bis 10,000 Centner Roheisen, welche der Betrieb der Eisenhüttenwerke um Suhl jährlich erfordert, grösstentheils von auswärts her bezogen. Eine Menge alter Halden und verfallener Stollen in der nähern und fernern Umgegend deuten auf den frühern Bergbau hin, und auch Sagen hört man noch von alten Leuten, in welchen der frühe Erzreichthum des Landes fabelhaft vergrössert fortlebt. Ist es euch genehm, so wandeln wir nun hinab in die Stadt, unsre Flasche ist fast leer, geben wir ihr daher vollends den Rest! Drunten führe ich euch eine Strecke das lachende Lauterthal entlang nach dem Stadtflecken Heinrichs zu, wo wir auf dem neuen und stattlichen Schiesshaus rasten, dann machen wir dem freundlichen Pastor Kommer einen Besuch und bitten ihn, den patriotischen Sänger des Schneekopfs, uns auf diese Hochwarte des Thüringerwaldes eben so zu geleiten, wie Schaubach uns auf den Dolmar führte, treten in die Werkstätten einiger hiesigen Graveurs in Stein und Metall ein, suchen den Erfinder des Acolodicons, Sturm, auf, und wandern dann ein Stück nach Goldlauter zu, von Hammer zu Hammer, auf dass ihr aus dem Fundament erfahrt, durch wie viele Hände und Hämmer das Eisen geht, ehe es als Muskete zum Schlachtfeld, oder als Pürschbüchse zur Jagd getragen wird.« Die Wanderer schickten sich an, den Ottilienstein zu verlassen, warfen noch einen Blick auf den von Menschen wimmelnden Markt, denn es war gerade ein Wochenmarkttag, zu welchen stets eine grosse Menge Bewohner der Nachbarorte strömt, da der Verkehr dort äusserst lebhaft ist – dann zeigte und nannte Otto den Gefährten die Steinsburg, einen hohen Sandberg mit einer Basaltkuppe, um die wieder der Sagenepheu von einer dort gestandenen Burg, Schätzen in der Tiefe, aus blühender Glücksblume und wandelnder Jungfrau romantisch rankt, so wie den Ringberg und Spitzberg, die mit dem Dell- und Domberg u. a. den engern Gebirgsring um die Stadt bilden. Von unten herauf klangen die Töne eines mit Meisterschaft geblasenen Hirtenhornes, und langsam bewegte sich, freudebrüllend, im langen Zuge eine Rinderheerde von mehr als 700 Stück zur Stadt hinaus, bei deren Anblick Otto nicht unterlassen konnte, seinen Freunden die Schmackhaftigkeit der beliebten Suhlaer Käschen, von der Grösse eines Guldenstücks, anzupreisen. Durch schöne Gartenanlagen, an Teichen vorbei, in denen ganze Schaaren Forellen standen und über würzige Wiesen voll Alpenkräuterduft, auf denen Lenz eine Menge anderswo selten oder nicht vorkommender Kräuter entdeckte, kamen die Wanderer zu dem Schiesshaus, das durch seine Grösse und die Schönheit der Anlagen Zeugniss von dem Geschmack und dem geselligen Sinn der Einwohner Suhls gibt; gleichwohl besteht noch eine zweite Schützengesellschaft dort, die ihre Schiessen auf dem »fröhlichen Mann« nicht minder fröhlich und gastlich, wie jene, hält. Der Sinn für dieses Vergnügen ist auf dem Thüringerwald und in seinen Nachbarorten ausserordentlich rege und lebendig, und die Vogelschiessfeste sind fast überall nach Maassgabe der Kräfte und Verhältnisse glänzend, und zahlreich besucht. Als die Freunde wieder in die Stadt zurückkehrten, erfreuten sie sich am Anblick der frischen, roth- und vollwangigen Thüringerwaldmädchen, die in ihren nationellen Trachten theils noch zum Markte gingen, theils daher kamen, und durch lautes Gelächter und neckendes Aufziehen der Gefährtinnen das bewegliche Bild doppelt belebten, welches der Markt darbot. Mehre Besuche wurden nun gemacht und überall die sociale Höflichkeit wahrgenommen, die es nicht merken lässt, wenn auch ein solcher unangemeldeter Besuch nicht ganz zur gelegenen Stunde kommt. Gastlichkeit ist eine der grössten Tugenden der Bewohner Thüringens, zumal auf dem Walde; dort ist das steife Ceremoniel nicht heimisch, das die Vornehmen zu ihrer Selbstqual erfunden haben, und die Betretenheit ungekannt, die vor einer fremden Persönlichkeit zurückscheut, welche im Oberrock und Reisehut anklopft. Mit Freundlichkeit wird angeboten, was das Haus vermag, und mit Bereitwilligkeit gezeigt, was der Fremde zu sehen wünscht. Viel hörten Rühmliches, viel sahen Schönes die wandernden Freunde vom alten Döll, Suhls anerkannt berühmtesten Steinschneider und Medailleur. Otto zog vom eignen Finger einen Siegelring und hielt ihn den Freunden gegen das Licht. »Ha, Göthes Portrait! Wie gut getroffen!« rief Wagner, »welch schöner Pyrop!« rief Lenz aus. »Auch dieser gelungene Göthekopf ist ein Stück von Dölls Meisterhand,« berichtete Otto und führte die Bewundernden zum Erfinder des Aeolodicons, der freundlich und gefällig dem schönen Instrument, das er im Hause hatte, die sanfte und schwermuthsüsse Harmonienfülle entlockte, die dessen besondere Eigenthümlichkeit bildet. Man hat in Suhl höchst zweckmässig das Aeolodicon mit der Orgel zum kirchlichen Gebrauch verbunden, und mancher Dorfgemeinde dient zur Begleitung des Gesanges erbaulich das bescheidene und bei weitem wohlfeilere Instrument. Unterdessen war der Mittag herbeigekommen, der musikalische Kronenwirth empfing mit einer Jubelouverture auf seinem trefflichen Flügel seine Gäste, und bald zeigte die Tafel jene leckern Forellen, nach denen schon beim Erblicken im Teich der Mund gewässert. Als bei Tische die Rede wieder auf die beträchtliche Eisenfabrikation kam, und die Fremden den Flor der Stadt priesen, liess der Wirth nicht unbemerkt, dass neben jenem blühenden Gewerbszweig auch der von sogenannten Stuhlwaaren, Leinwand, Trill, Barchent u. dergl. Erwähnung verdiene, wenn doch einmal vom Flor der Stadt die Rede sein solle. »Dieser Stuhlwaarenfabriken,« sagte er, »sind hier nicht weniger als sieben, die im Grossen das Geschäft betreiben, ausser den Meistern, die für eigene Rechnung handeln. Die Weberei beschäftigt hier gegen 500 Menschen, und es werden jährlich circa 16,500 Stück Waare ausgeführt und abgesetzt. Das ist aber nichts gegen sonst, wo statt fast 300 Stühlen, wie jetzt, noch einmal so viele im Gange waren.« – Man brach auf, um einen Spaziergang in das keineswegs idyllische, sondern von reger Thätigkeit erfüllte und belebte Lauterthal anzutreten. Bald war es erreicht, man ging einigen zunächst begegnenden Rohrbohr- und Schleifmühlen und einer Bajonetschleifmühle vorüber, um bei dem aus einigen Häusern bestehenden Weiler Lauter in den grossen Lauterer Hammer einzutreten. Mächtig pochten die Hämmer, das Gebälk des düstern Breterhauses schütterte von ihren Schlägen, die Räder rauschten, die Essen flammten, und pfeifende Blasebälge fachten die brennenden Kohlen zu blauer Gluth. Wenn ein frischer Korb voll derselben aufgeschüttet wurde, stob jedesmal ein Funkenregen rings umher. Die Cyklopengestalten der Arbeiter, halbnackt, geschwärzt von Dampf und Staub, schafften rührig da und dort und blickten mit hellen Augensternen die eingetretenen Fremden an. Alles ringsum war schwarz von Kohlenstaub, schwere Eisenbarren lehnten in Reihen am Haus, und bald belehrte ein gefälliger Werkmeister, dass diese Roheisenscheiben Gänse genannt würden und jede circa drei Centner wiege. Er zeigte die Gussstücke, erklärte die Beschickung der Erze im Blauofen und führte die Wanderer eine Bretertreppe hinan zu einer Stelle, wo sie in die flammende Hölle des Ofens sehen konnten, in welchem in ungeheurer Gluth die Erze kochten. »Wie lebendig wird einem hier die Wahrheit, mit welcher Schiller den Eisenhammer schildert, vor das Auge gestellt!« rief Wagner seinen Gefährten zu, denn er musste rufen, da der Lärm des Werks das Sprechen unverständlich machte, und jene bestätigten mehr durch Zeichen, als durch Worte, wie der gleiche Gedanke sich ihnen ebenfalls aufdringe. Unten im Hammer war nahe an dem Ofen eine kleine Rinne in dem Boden, der Werkmeister sah nach der Uhr, führte die Fremden an diese Rinne und winkte einigen Knechten. Diese waren gleich zur Hand mit spitzen Eisenstäben; sie stiessen ein Loch in den Bauch des feuerspeienden Drachen, des Hochofens. Da sahen die Fremden ein überaus herrliches Schauspiel. Wie Lava aus dem Krater eines Vulkans wälzte sich die Feuerfluth des geschmolzenen Erzes langsam in den Sand, glühend im blendenden Weissfeuer, dann hochroth flammend, glitzernd leuchtend und allmälich zur Kupferröthe übergehend, langsam erkaltend. Darauf gegossenes Wasser sonderte die Schlacke ab. Hierauf wurde auch das Verfahren bei der Blechfabrikation gezeigt und erklärt, wobei der Werkmeister bemerkte, dass die Suhlaer Bleche von vorzüglicher Güte seien und weit im Handel verbreitet, dass sie besonders zu Dampfmaschinenkesseln und Soolsiedepfannen verarbeitet würden, und sich schon im Mittelalter deshalb besondern Rufes erfreut hätten, dass sie zu Harnischen und Rüstungen gut zu verarbeiten gewesen wären. Nachdem hier nun alles besehen war, wandten die Reisenden sich weiter, und gelangten auf dem anmuthigen Thalwege noch an mehren Eisen- und Blechhämmern vorüber, bis die Rohrschmiede und Bohrmühle erreicht war. Hier sahen sie nun die Bearbeitung der Platinen, 32 Zoll langer Eisenstücke, wie diese glühend gemacht, unter den Reckhammer gebracht, unter diesem über einen eisernen Dorn gelegt, zusammengeschweisst und gestreckt wurden, sahen, wie die vom Wasser getriebene Gewalt der mächtigen Bohrmühle diese werdenden Flintenläufe durchbohrte und wie diese auf ungeheuern Schleifsteinen trocken geschliffen wurden, wobei ein ohrenzerreissendes Getöse ihnen die Möglichkeit jeder mündlichen Mittheilung raubte und sie bald aus diesem Werk trieb, um in ein nicht minder wichtiges und nicht minder geräuschvoll lebendiges einzutreten. Hier wurden Klingen, Bajonette und Ladestöcke geschmiedet, welche nass geschliffen werden, und ganze Reihen theils noch schwarzer und unpolirter, theils fertiger und silberhell glänzender Kürasse erinnerten daran, dass auch für diesen Rest mittelalterlicher Schutzwaffen hier eine Fabrik bestehe. Alles Wissensnöthige wurde erklärt und erläutert, und befriedigt verliess die Gesellschaft diese Hammerwerke, in denen »früh und spät den Brand die Knechte mit geschäftiger Hand nähren.« Goldlauter birgt sich recht schüchtern in die Enge eines Schneekopfthales, lang und schmal strecken sich die Häuserzeilen in dem Grund hinauf. Die Freunde ruhten auf sonnigem Rain; Wagner zeichnete einen malerischen Hammer, Lenz erfreute sich an so mancher Blume der Gebirgsflora, in der hellen Lauter und an ihrem Uferrand leuchtete das goldblüthige Chrysosplonium, auf den Waldwiesen prangte mit weissen Dolden der Bergeppich, das stolze Geschlecht der Athamanta und die schwankende Blüthenähre des Schlangenkrautes. Ueber Goldlauter, bis wohin der Spaziergang erstreckt wurde, gab es für Otto genug zu berichten von ehemaligen Bergwerken in der Nähe und deren wieder neu aufgenommenem Bau, von quillendem lautern Gold, daher Waldbach und Ort den Namen bekommen und ähnliche ßergmannssagen, deren diese Gegend voll ist. »Wenn wir hier hinauf stiegen,« redete Otto die Freunde an, als sie hinter dem Dorfe sich zum Umkehren wandten, und Lenz in einer alten Halde noch nach Fischabdrücken im Thonschiefer der Gegend suchte, aber nur Fragmente fand: »so würden wir auf die Schmücke gelangen, doch möchte es für heute zu spät sein, und wir wollen uns morgen in dem einsamen, 2872 Fuss hoch über der Meeresfläche gelegenen Gasthaus ein Vesperbrot erbitten.« Auf dem Rückweg fiel dem, die organische, wie die unorganische Natur stets mit scharfblickendem Aug' überschauenden Lenz ein isolirter Porphyrfels auf, welcher im nahen Felde am Wege lag, und ging auf ihn zu, als Otto erwähnte, dass dieser Fels vorzugsweise den Namen des rothen Steines führe. Lenz untersuchte das Gestein desselben näher und äusserte, dass er aus einem festern und bessern Porphyr bestehe, als der Ottilienstein. Ein Schlag mit dem Berghammer daran bröckelte einige Stücke ab, an denen sich zarte dunkle Dendriten zeigten. »Sogar von diesem Stein,« sprach Otto : »giebt es eine, hier allem Volk bekannte Sage, mit welcher ich euch jedoch verschonen will, um nicht abermals die gleiche Spottlust wie bei der vom Rupberg zu erwecken, da es sich abermals von einer verwünschten Jungfer handelt. Merkwürdig ist es aber, wie in diesen Gegenden die Tradition geschäftig war, Fels und Wald, Berg und Höhle, Thal und Bach mit Geistern zu bevölkern, ähnlich den alten Griechen, deren Mythos Oreaden, Najaden und Dryaden da erschuf, wo die Phantasie der Germanen auf die angedeutete, nicht minder eigenthümliche Weise sich thätig zeigte.« Unter Gesprächen, die sich bald auf die mysteriöse Welt deutscher Volkspoesie und deutschen Volksaberglaubens, bald auf die grosse Mannichfaltigkeit der in Gebirgsgegenden vorkommenden Naturprodukte aus den Pflanzen- wie aus dem Mineralreich, darüber Lenz anziehende Vergleiche aufzustellen wusste, bald auf die malerischen Reize der Gegend Suhls bezogen, wurde bald noch ein Standpunkt erreicht und ausgewählt, den Wagner für günstig hielt, Stadt und Gegend zu zeichnen. Freundlich im Thal hingebreitet, liegt Suhl unter der steilaufragenden Wand des Dombergs, Porphyr-Felsenzacken ragen da und dort aus dem Laubholz, und das Häuschen auf dem Ottilienstein horstet dort wie eine Wächterwohnung, wie ein Lug ins Land. Weit hinauf in die Weitung des Hochgebirgs ist der Blick auf dieses frei, man gewahrt den Spitzigenberg, den Wildenkopf und die Suhlaer Laube, an welcher hoch hinauf schmal und gezackt, wie ein erstarrter Blitz, eine Strecke die Strasse sichtbar ist, die von Suhl aus zum Oberhof führt. Dann breitet der Beerberg, der Riese des Gebirgs, seinen breiten Rücken; die Abdachung des Berges, welcher die Hofleite genannt wird, setzt ihren mit Gärten und herrlichem Wiesengrün geschmückten Fuss bis in die Stadt hinein, und gewährt zur Rechten einen mannichfach belebten Vorgrund. – Dabei wehte von den Wiesen der Waldkräuter würziger Duft, die eine Seite des Dombergs glänzte im Abendstrahl, die andere überhüllte ein sanfter Schatten; einige Bergkuppen glühten goldröthlich, andere, niedrigere hoben düstergrün, fast schwarz die Häupter empor, wie eine Schaar Mönche, die zur Abendhora wallen. Um die Zinnen des Gebirgs schwamm Verklärung, mit melodischem Geläute zogen die Heerden heim. Oberhof. Es war noch früh am Tage, die Stadt ruhte noch, nur die gefangenen Drosseln waren munter und liessen durch die stillen Strassen lauten Gesang erschallen, als die Reisegefährten abermals durch einen vierten, der als freundlicher Geleitsmann mitgehen wollte, vermehrt, zum Mühlthore Suhls hinausschritten und das erwachende Leben eines schönen Sommermorgens begrüssten. Dieser schauerte ein wenig kühl, und der Geleiter prophezeite daraus und aus der Richtung der Nebelschichten, die westwärts im Thal der Hasel lagerten, einen heitern, herrlichen Tag. Derselbe Weg, auf welchem die Reisenden hereingefahren waren, führte sie jetzt eine Strecke zurück, und so hatten sie Gelegenheit, die malerisch zwischen umbuschte Felsen situirte Reihe von Hammerwerken näher in Augenschein zu nehmen, an denen sie am vorgestrigen Abend rasch vorbeigefahren, neben welchen bald Räder treibend, bald in Rinnen gefangen, bald jugendlich frei in silberblitzenden Kaskadellen ein Waldbach geschäftig thalwärts eilt. » Aurora musis amica! « rief der Begleiter, selbst ein Musenfreund, aus, »ich lobe mir das Fussreisen und das frühe Wandern. Wer den Thüringerwald durchfahren will, lernt ihn nicht kennen und gewinnt nur ein oberflächliches Bild von ihm, ein oberflächliches Urtheil über ihn. Ich kenne keinen höheren Genuss, als in der Auferstehungspracht eines frischen Morgens im Strom der Waldluft zu baden, in der herrlichen Morgensonnebeleuchtung auf die hohen Berggipfel und Felsenkämme zu treten und in die düstern Waldungen und lichtgrünen Thalwiesen, in die dunkeln Schluchten und blauen Fernen von einem erhabenen Standpunkt hinabzublicken. Mein Herz hüpft so froh, wie die Sonne nach dem Volksglauben am Ostermorgen im Aufgehen hüpft, wenn ich vom Haupt meines lieben Schneekopf die Reize der Aussicht geniesse, und stets entdecke ich an ihr neue Schönheiten, obgleich ich schon als Knabe, als Jüngling und als Mann dort oben stand; ich werde ihrer niemals müde.« »Das ist die ewige Jugend des Herzens und Gemüthes!« stimmte Otto bei: »Das Gefühl altert nicht, und gern kettet sich der, dem einmal ein Blick in die Welt nicht dauernd vergönnt ist, den die Scholle bindet, an ein kleines Stück Land, eine Parzelle, eine Aussicht, die er liebt und sein nennt, unbekümmert, ob Andere seine Liebe theilen, aber doch erfreut, wenn sie es auf Momente thun.« – »Solche Natur- und Gefühlsmenschen« nahm Wagner gegen den neuen Gefährten das Wort: »und ich glaube, dass Sie im edelsten Sinn ein Solcher sind, malen gleichsam die Landschaft ihrer Liebe in ihr Innerstes mit allen Transparentfarben der Jugendgluth, und tragen sie wie ein Heiligenbild im Sanctuarium ihres Herzens. Dort steht das Bild immer frisch und lebendig, selbst noch dann, wenn das innere Auge matter zu blicken beginnt, und der Glanz des äussern sich verdüstert – im Alter; aus dem innern Bilde fällt dann immer noch ein verklärender Abendstrahl gold- und krokosfarbig auf das äussere.« – Der Geleiter drückte dem Sprechenden still die Hand, in seinem Auge glänzte eine Thräne, er fühlte sich verstanden. Die Gesellschaft kam am »fröhlichen Mann« vorüber; eine Vogelstange, Breterhütten, Zelte und buntfarbige Illuminationslampen kündeten an, dass hier Vogelschiessen gehalten werde, und groteske Leinwandbilder einer wandelnden Menagerie, aus der kreischende Papageien- und Affenstimmen sich vernehmen liessen, kündigte an, dass hier auf dem isolirten Wirthshaus es nicht an Lust und Leben fehlen müsse. In einem Winkel stand rosenfarben, wie die Laune Hanswursts, eine Polichinellbude. Kasperle und Gretel schliefen. – Wiesen und Felder lagen in einem weiten Umkreis von Waldungen umfangen, aus denen da und dort der Dampf eines Meilers wie Opferrauch bläulich aufstieg. Gemächlich schreitend, meist von dem Begleiter noch über Suhl, dessen Gegend und Eigentümlichkeit unterhalten, erreichten die Wanderer bald den Wald, der sie in seine Schattenkühle aufnahm, gerade als die Sonne begann, ihnen warm zu machen. Der nun stets emporführende Bergweg über den Aschenthalshügel gewährte vornehmlich Lenz viele Unterhaltung, der eine Menge verschiedenartiges Gestein fand, braunen, grünen und rothen Porphyr, zu Tage stehendes Todtliegendes- und Übergangsgestein von einem zum andern. Am Wildenkopf hinauf zieht sich der Weg durch dunkle Tannenforste, während der lang gestreckte Beerberg zur Rechten bleibt, durch eine tiefe schauerliche Schlucht vom erwähnten Berg getrennt; immer reiner und frischer wird die Luft, sonniger scheinen die Matten zu grünen, ein feierliches Schweigen waltet ringsum, bald verhallt das Geräusch von etwa begegnendem Fuhrwerk, eine grossartig schöne Natur entfaltet hier ihre erhabenen Reize und wetteifert mit den Vorbergen eines Alpenlandes. Immer der Strasse folgend, die sich am tiefen Abhang durch Holz- oder Steinbarrieren geschützt aufwärts windet, gelangten die Wanderer zu einem Brunnen. Wie labend und erquickend, wie willkommen war sein klares Krystallnass! Zugleich ward eine schon von weitem erblickte hochaufragende Porphyrfelsengruppe erreicht, und der Geleitsmann lud zur Rast. »Hier ist einer der schönsten Stand- und zugleich Ruhepunkte,« sprach er. »Ganz auf der Höhe, welche man die Ausspanne nennt, wird die Fernsicht rahmenlos, und der Blick irrt unstät umher, während oft heftige Zugluft dem stehenbleibenden Erhitzten schädlich werden kann.« – Die durch das fortwährende Steigen allerdings etwas Ermüdeten lagerten sich alsbald auf dem grünen Sammt der Bergmatte, auf welcher die Tannen zu niedern Krüppeln zusammengeschrumpft gesehen wurden, dafür prangte die Matte mit den purpurnen Blumenähren des Fingerhutkrautes, diesem schönsten Schmuck der höhern Bergregion, und von den noch thaufeuchten Schattenseiten der Felsblöcke duftete das wunderbare Arom des Veilchensteins. – Die Wanderer hatten im Heraufsteigen bald in ein Wiesenthal hinab geschaut, das steile und riesighohe Bergwände einschlossen, bald hatte, über grosse Wald- und Wiesenflächen flüchtig hinwegstreifend, ihr Blick auf Einzelhöhen, wie Rupberg, Hundstein (ursprünglich wohl Hohenstein), Gebranntstein und andern geruht, die immer je tiefer zurücktreten, je mehr diese selbst emporstiegen, bald hatte ein Rückblick vergönnt, durch ein Stück Aussicht auf die unermesslich hingedehnte Ferne des Frankenlands zu ermessen, wie weit sich auf dem Gipfel diese Aussicht erstrecken möge. Und diese war nun prachtvoll aufgethan. Man sah hinab in die ungeheure Thaltiefe, auf Suhl, auf den fröhlichen Mann, auf den Domberg und seine Fortsetzungen nach Albrechts und Zella hin, auf den Gebirgszug zwischen Hasel und Werra, sah das Werrathal durch einen langgedehnten Nebelstreif bezeichnet, aus dem die hohen Häupter der Gleichen duftblau aufragten. Der Beerberg mit seinem Felsgiganten und einer auf dieser Hochmatte weidenden Heerde, die von Oberhof hergetrieben kam, rahmte auf einer, die Suhlaer Laube auf der andern Seite das Landschaftsbild ein. Bald war nun vollends die Höhe erreicht, welche die Ausspanne heisst, und die Freunde sahen mit stillem Staunen das Panorama um sich her gebreitet, das ein grosser Theil der Nachbarländer Thüringen und Franken bildet, sahen hinüber, wo Rhön und Spessart aus der Ferne grüssten. Man stand fast 3000 Fuss über der Meeresfläche, auf dem Rücken des thüringischen Gebirgs. »Hier schneidet der berühmte Rennsteig den Weg,« berichtete der Führer: »dieser läuft am rechten Abhang des Beerbergs hin, und ist weit sichtbar, auch der Beerberg bietet eine schöne, doch ebenfalls nicht ganz umfassende Aussicht dar; wir wählen den Schneekopf, den so manches interessanter macht, als seinen übermüthigen Nachbar, welcher jenem den alten Ruhm, der höchste Thüringerwaldberg zu sein, entrissen hat, weil er den Schneekopf um einige zwanzig Fuss überragt. Wir hätten von hier aus zum Schneekopfgipfel nicht allzuweit mehr, doch die Herren sehnen sich einem Frühstück entgegen, das Sie jedenfalls in Oberhof besser finden, als auf der Schmücke; auch ist ohnehin der Abstecher lohnend, da es nicht in Ihrem Reiseplane liegt, die Hochstrasse von Oberhof bis Ordfuf und Gotha zu verfolgen.« »So ist es,« bestätigte Otto. »Wir pilgern vom Schneekopf gleich nach Ilmenau hinab, und doch möchte ich meinen Freunden auch den Oberhof gern zeigen.« »Was ist das für ein Weg, der oft genannte Rennsteig ?« fragte Lenz, und Otto erwiederte erzählend, indem sie auf denselben vorwärtsschritten: »Der Rennsteig, Rennweg, schon in alten Urkunden unter dem Namen Reniweg, Rinnestiegk, vorkommend, ist eine ganz besondere Eigenthümlichkeit des Thüringerwaldes, ein seit uralten Zeiten gebräuchlicher, fast immer auf dem Gebirgsrücken fortlaufender, auf dem Walde nur wenige Orte berührender, einsamer Weg, meistens fahrbar, an mehren Stellen chaussirt, den man für die alte Landesgrenze zwischen Thüringen und Franken hält. Noch jetzt bildet er oft weite Strecken entlang die Grenze thüringischer Nachbarstaaten, und diente vielleicht in den alten Zeiten als Strasse für königliche und kaiserliche Eilboten. Wir werden ihn auf unsrer Tour noch oft berühren, verfolgen oder durchkreuzen, dann will ich euch jedesmal auf sein Begegnen aufmerksam machen; seine ganze Länge beträgt dreiundvierzig Wegstunden. Auf der Karte zum Werk des Dr. Herzog, ist der Rennsteig am besten gekennzeichnet: in F. v. Plänckners Werk: Der Thüringerwald, (mit einem Panorama der Nordseite desselben). Gotha 1830, am ausführlichsten beschrieben. Er läuft über den ganzen Gebirgskamm, so, dass wer ihn seiner ganzen Länge nach von Südosten nach Nordwesten verfolgt, die Grenzen von neun bis zehn deutschen Bundesstaaten betritt und überschreitet, deren früher noch mehre waren, bevor Eisenach an Weimar, Hildburghausen und Saalfeld an Meiningen kam. Eine alte Sage lässt den jedesmaligen thüringischen Landgrafen beim Antritt seines Regiments zunächst zum Zeichen der Besitznahme, im Gefolge seiner Hofritterschaft, den Rennsteig entlang reiten.« – Die Freunde schritten wohlgemuth durch die Waldung des Bergrückens, als sich ihnen auf einmal und ganz unerwartet ein schönes Rundel darstellte, in dessen Mitte ein gothischer Hochpfeiler von einem Eisengitter umgeben, aufragte, welcher als stattlichste Grenzsäule die Löwen von Thüringen, Meissen und Hessen nebst dem sächsischen Rautenwappen trägt, und auf seiner Spitze die Richtung der vier Himmelsgegenden bezeichnet. Zugleich war die neue Landstrasse, welche von Mehlis und Zella heraufführt, erreicht, und nach dem kurzen Marsch einer Viertelstunde zeigten sich die schindelbedeckten, breterbekleideten Häuser Oberhofs. »Hier seht ihr das am höchsten gelegene gothaische Dorf,« sprach Otto zu den Freunden: »und seht es den hellen Wiesen, dem grünenden Kartoffelland, den wogenden Saaten nicht an, dass hier oft zur Winterzeit der Schnee bis an und über die Dächer mancher Häuser liegt, dass die Schlitten über jene hohen Wildzäune hingleiten, und die Kinder mit ihren kleinen Rennschlitten, in Ermangelung anderer Hügel, von den Dächern lustig herabfahren. Jetzt blickt dort hin, nach Norden! »Dort öffnete sich zwischen hohen Bergen hindurch eine reizende Fernsicht in das nördliche Thüringen, in die fruchtbaren Gefilde des Herzogthums Gotha, der Hörseelberg zeigte sich, und über ihn zog in blauer Ferne der Harz seine Bergkette hin. Der Raum vor dem gut eingerichteten Gasthaus und dem freundlich die Höhe beherrschenden herrschaftlichen Jagdschloss, war äusserst belebt. Dort lustwandelte eine Gesellschaft aus Gotha, die den oft zum Ausflug gewählten Oberhof besuchte, um sich an der Aussicht und der frischen Bergluft zu erlaben, und ging dem Walde zu, gefolgt von einer Trägerin, um an geeigneter Stelle im Freien zu schmausen. Dort zog eine Schaar junger Schüler mit rothen Wangen und grünen Ränzchen neu zum Weitermarsch gestärkt aus dem Gasthof, vor welchem die Eilpost hielt und das Horn des Postillons schmetterte, um vom kaum begonnenen Genuss köstlicher Waldforellen die Passagiere abzurufen. Hoch beladene Fuhrmannskarren und ein ganzer Kohlenwagenzug hielten ebenfalls vor dem geräumigen Haus, während die Hochstrasse von Fuhrwerken und Wanderern mannichfach belebt war. Otto schilderte deren romantische Schönheit. An Anlagen, gefassten Brunnen, Ruhebänken und freundlichen Forst- und Chausseehäuschen vorüber zieht sie tief, tief hinab in das Thal der Ohre, immer fallend, an schönen Felsparthien vorüber, und erreicht die malerisch gelegenen Dörfer Schwarzwald mit seinem Ruinenthurm, Stutzhaus und Luisenthal, wo ein Eisenwerk mit Blauofen und Hammer sich befindet; von da aus zieht die Strasse über das nahe freundliche Ohrdruf weiter gen Gotha fort.« – Das Gasthaus hatte Ruhe und Erquickung gewährt, die Freunde brachen auf, eben als ein eleganter Reisewagen vor der Thüre hielt, und drei Damen ausstiegen, von welchen die beiden jüngern die Blicke der jungen Gefährten Otto's magnetisch fesselten, und dadurch auch ihre Schritte hemmten. Es war mehr als gewöhnliche Neugier, die unter jeden fremden Schleier blicken möchte, welche auch Otto abhielt, zu gehen; die Damen kamen ihm bekannt vor, nur vollendeter entwickelt glaubte er die jugendlichen Schönheiten wieder zu sehen, die er irgendwo schon einmal erblickt haben musste. Ein wohlwollendes Verweilenlassen des Blicks der ältern Dame auf ihn überhob ihn schnell des langen Nachsinnens; es war eine begüterte unabhängige Frau aus dem Hannöverschen, die mit ihren Töchtern zum Vergnügen reiste, und deren Bekanntschaft er vor wenigen Jahren im Bade Liebenstein gemacht. Bald war Gruss und Gegengruss getauscht, Erinnerungen wurden aufgefrischt, die lieblichen Töchter traten näher heran, Otto stellte seine Freunde vor und es kam ein unterhaltendes Gespräch über die Reise, über Thüringen, den Wald und das Flachland, in vollen lebhaften Gang. Frau Arenstein, diess war der Name der Reisenden, sagte zu Otto: »Wundern Sie sich nicht, uns schon wieder in Ihrem schönen Thüringen zu sehen! Es zieht uns in der That der Reiz des Landes an, doch haben wir diesesmal einen noch weitern Ausflug vor; wir gehen nach Kissingen.« »So verschmähen Sie die freundliche Najade Liebensteins?« fragte der Angeredete. »O nein,« erwiederte die Dame: »Wir gedenken auf dem Rückweg dort einige Tage einzusprechen. Finden wir Sie dann dort, wo Sie uns beim ersten Begegnen ein so bereitwilliger Cicerone waren?« – »Niemals war ich es Jemand lieber,« erwiederte Otto verbindlich: »und da ich jetzt in gleicher Eigenschaft einigen jungen Freunden aus Süddeutschland diene, mit denen ich im Zickzack das Thüringerland durchstreife, so würde es vollkommen mit meinem lebhaften Wunsch übereinstimmen, Sie und Ihre liebenswürdigen Fräulein Töchter dort wieder begrüssen zu dürfen.« Als Otto dabei nach den Genannten blickte, sah er beide im Gespräch mit Lenz und Wagner dauernd begriffen, die nun nicht an Fortgehen denken zu wollen schienen, während ein mahnender bittender Blick des vierten Gefährten dessen Ungeduld bescheiden andeutete. »Verwöhnen Sie mir die Mädchen nicht durch Schmeichelei,« bat lächelnd Frau Arenstein; ich habe sie bisher sorglich vor diesem Gift bewahrt, »sie blicken unbefangen in die Welt und arglos, und ihre offnen Herzen haben mir das schwere Geschäft der Erziehung erleichtert. Sie werden meine Töchter wohl etwas verändert finden?« – »Ich habe die Überzeugung,« entgegnete Otto: »dass mit der körperlichen Entfaltung die geistige unter Ihrer vortrefflichen Leitung gleichen Schritt hielt, und freue mich auf das hoffentlich baldige Wiedersehen und längere Beisammensein.« Die Reisenden trennten sich; wie es schien, wurde Wagner und Lenz der Abschied nach der kaum angeknüpften Bekanntschaft etwas schwer, dem ersten hatte die schlank aufgeschossene Blondine Rosabella ganz besonders wohlgefallen, die in der That eine reizende Erscheinung zu nennen war, während Lenz mit unverhaltenem Entzücken die zarter gebaute jüngere Arenstein, die dunkellockige Engelbertha priess. Beide konnten gar nicht aufhören, das Wohlgefallen gegenseitig und gegen die Begleiter auszusprechen, das diese holden Mädchen in ihnen erregt, während Otto im Weiterschreiten ihnen mittheilte, was er von den nähern Verhältnissen der Familie wusste. So langten sie bald an der Stelle wieder an, wo der Rennsteig am Beerberg hinzieht, und ein dem kundigen Führer wohlbekannter, übrigens schwer aufzufindender Fusspfad sie dem ersehnten Ziel immer näher brachte. Der Schneekopf. Auf dem Wege zum Schneekopf fand Lenz weisse Porphyrplatten und grünen Porphyr, nebst vielen Steinen, die einen röthlichen Staubüberzug hatten, und von dem Führer für Veilchensteine erklärt wurden, die sich auch auf dem Schneekopfgipfel fänden. »Sage uns etwas über den Veilchenstein,« forderte Wagner den Freund auf: »gehört dieser duftende Farbenstaub, der nur in hohen Regionen das Gestein überzieht, dem Pflanzenreich oder dem Mineralreich an?« – Lenz erwiederte bereitwillig: »Was die Botaniker als Staubpflanze, Byssus oder Lepraria Jolithus mit dem Namen Violenstein bezeichnen, ist meines Erachtens nach die Palingenesie oder die Metempsychose des Steines, der aus seiner Verwitterung, nachdem er an der Oberfläche in Staub zerfallen, organisches Pflanzenleben beginnt. Welche chemischen Verhältnisse auf ihn so einwirken, dass sein eigentümliches Blumenarom sich entwickelt, möchte wohl noch unerforscht sein, wie denn in Bezug auf den Duft der organischen, wie der unorganischen Körper der künftigen Naturforschung noch ein unendlich weites Feld geöffnet bleibt. Neben den vielen Farbenlehren fehlt es noch an genügenden Untersuchungen über diese nicht minder anziehende, auf ewige Gesetze basirte Erscheinung der Körperwelt!« Unter Gesprächen über Thier und Stein und Pflanze, die der einsame Waldweg im reichen Wechsel darbot, kamen die Wanderer an dem furchtbar tiefen und schauerlichen Abgrund vorüber, welcher den Schneekopf vom Beerberg scheidet, und der Schmückergraben heisst; eine dunkle Schlucht, in welcher uralte Tannen halb abgestorben, bemoost, zum Theil umgestürzt und von hohen Farrnkräutern überwuchert, das Bild eines deutschen Urwaldes darboten. Ganz allmälich emporsteigend und aus dem immer niedriger werdenden Gehölz tretend, sahen sich die Reisenden unvermuthet auf dem Gipfel des Schneekopfs angelangt, und es grüsste mit jugendlichem Entzücken der Begleiter den von ihm geliebten Berg und zog das Panorama hervor, das er seiner poetischen Schilderung desselben mitgegeben. Hatten die Fremden sich vorher an der unermesslichen Aussicht nach Franken hin zum öftern erfreut, so wurde diese jetzt durch den mächtigen Rücken des grossen Beerbergs fast ganz verdeckt, nur einzelne Höhen ragten zwischen dem thüringischen Gebirg und der dem Auge immer mehr entschwindenden Rhön empor, dafür aber lag das Waldgebirge selbst majestätisch zu ihren Füssen; alle die mächtigen Höhen: der Adlersberg, Finsterberg, Sachsenstein, Gückelhahn, der grosse Kienberg bei Ohrdruf, der Hunds- und Gebranntestein und Andere umstanden wie Diener das hochragende Zwillingsbrüderpaar, zu welchem in grösserer Ferne der Inselberg nachbarlich herüberblickte. Den äussersten Horizont säumte im Norden der Harzwald mit dem Brocken, im Osten das Fichtelgebirge mit dem Schneeberg und Ochsenkopf, im Süden der Steigerwald und die Hassberge, im Westen der Kreuzberg und die hohe Rhön. Der Führer lenkte, nachdem er Sorge getragen hatte, die Wanderer in Bezug auf die Himmelsgegenden zu orientiren, was von wesentlichem Nutzen für die betrachtet werden mag, die Berge besteigen, um sich zu belehren – deren Aufmerksamkeit nun auf die Fülle der Einzelorte, die sich in der Richtung nach Gotha und Arnstadt ausserordentlich gehäuft zeigte. Über die tiefen Gründe, über die prachtvollen Wälder hinweg flog der Blick in ein gesegnetes, mit Städten und Dörfern übersäetes Land. Auf prangende Fürstensitze, die Schlösser von Gotha und Rudolstadt, deutete der Führer hin, auf Thüringens alte Hauptstadt Erfurt wiess er, deren gewaltige Festungen Petersberg und Cyriacsburg hochragend trotzen, während der altergraue Dom friedlich wie ein Greisenbild zwischen den Gewappneten der Neuzeit steht. »Dort liegen die drei Gleichen!« sprach Jener weiter, und die Fremden sahen erfreut hin auf die romantischen Schwesterburgen, um welche, fort und fort der leise Harfenton von Mähr und Sage klingt. »Viele Burgen und zum Theil noch erhaltene Vesten können Sie ausser den genannten von diesem Standpunkt aus gewahren, mehr oder minder geschichtlich denkwürdig; Straufhain, Heldburg und Coburg, die Ehrenburg, die einst Luthers Asyl ward, sahen Sie wohl schon vom Dolmar, aber wenn wir der östlichen Richtung folgen, gewahren wir Ehrenstein bei Stadtilm, Greifenstein bei Blankenburg, Schloss Könitz bei Saalfeld, die Veste Leuchtenberg bei Kahla, den Fuchsthurm bei Jena, die Eckartsburg über Eckartsberga, und am nördlichen Horizont weiter streifend, sehen wir mit gut bewaffnetem Auge die alte Sachsenburg, Schloss Allstedt, den Kyffhäuser, Thüringens berühmteste Mährchenburg. Rückkehrend aber von dieser weiten Ferne begegnen wir noch einer zweiten Ehrenburg, die als Ruine einen Berggipfel über dem Städtchen Plaue krönt.« So zeigte der bereitwillige Geleitsmann jede Einzelnheit der Aussicht; er kannte alles, wusste alles, was auf den Schneekopf in irgend einer Beziehung seiner Vorliebe merkwürdig erschien, und die Freunde verliessen befriedigt den kahlen mit Rasen und Haidekraut bewachsenen Gipfel, dessen Gestein Lenz untersuchte, und es für lichtröthlich grauen Hornsteinporphyr erklärte, in welchem kleine Quarz- und Feldspathkrystalle eingesprengt seien. Abwärts steigend, kamen die Wanderer zunächst dem Gipfel an die Stätte eines früher zum Schutz der Reisenden erbaut gewesenen Hauses, davon bald die Zeit die letzte Spur getilgt haben wird. Von da betraten sie den Wald und wandelten auf weichem Moos mitten in der grünen Nacht der Bäume, bis der Führer an einem einfachen Denkstein stehen blieb, und erzählte, was dessen Inschrift verkündete: »Hier ward sechzehnhundert und neunzig ein Förster aus Gräfenrode von seinem Schwestersohn unversehens erschossen.« – »Ganz Recht,« nahm Otto dabei das Wort: »so steht das historische Faktum fest, allein metamorphosirend hat sich bereits dieses einfachen Stoffes die poetisch ausschmückende Sage des Volkes bemächtigt, und wird in solcher Weise fortleben, wenn dieser graue Stein mit seiner schon jetzt schwer lesbaren Inschrift längst um- und eingesunken ist.« »Und wie?« fragten die Freunde, worauf Otto, während der Führer sie von der Stelle weiter in östlicher Richtung leitete, im Gehen erzählte: »Vor einigen Jahren bestieg auch ich einmal wieder den Schneekopf. Obschon eines Führers nicht bedürftig, nahm ich mir doch in Goldlauter einen Mann als Träger meines kleinen Gepäcks mit, hauptsächlich in der Absicht, Sagen der Umgegend aus seinem Munde zu vernehmen, welche sich auch vollkommen realisirte. So kam denn die Rede auch auf den vorhin besehenen Jägerstein, den ich schon kannte, und dessen Inschrift ich gegen meinen Begleiter erwähnte. Der Mann lächelte vor sich hin und sagte: »Ja, ja, unversehens erschossen, so steht freilich auf dem Stein, es hatte aber damit eine ganz andere Bewandniss. Ich bat ihn, mir diese mitzutheilen, und er begann: Sehen Sie, so war es: der Förster hatte einen Jägerburschen, mag immerhin, nach der Schrift auf dem Stein, sein Schwestersohn gewesen sein, mit dem lebte er in Hader und Zwiespalt, Gott weiss, warum? Nun hiess er ihn einigemal auf den Anstand gehen und einen schönen Hirsch, der sich im Revier zeigte, schiessen. Der Bursche gehorchte, der Hirsch kam, jener schoss, fehlte aber, und der Hirsch war nach dem Schuss verschwunden; das geschah mehrmal, und wenn nun der junge Jäger ohne grünen Bruch auf dem Hut nach Hause kam, schalt und höhnte ihn sein Principal aus. Das wurmte den Jungen, und er klagte sein Leid und sein Ungeschick einem Kameraden. Der sagte ihm gleich, was er thun solle, und darauf ging der Bursche nach Gehlberg in die Glashütte und liess sich eine gläserne Kugel machen, die er in seine Büchse lud, als er wieder auf den Anstand ging. Bald kam auch der Hirsch, der Schuss fiel, der Hirsch zugleich, aber als jener zusprang, dem edlen Thier den Genickfang zu geben, lag, mitten durch den Kopf geschossen, der Förster in seinem Blute und war todt.« Ein leiser Schauer überlief die Hörer dieser höchst einfachen Geschichte; die Magie des Volksaberglaubens übte ihr Recht. Das Gespräch wandte sich auf solche Traditionen von Verzauberungen, und Wagner sprach unter andern: »Des Jägerburschen Kamerad hat gewiss zu jenem gesagt, wie Kaspar zu Max im Freischütz: Es hat Dir einer einen Weidmann gesetzt; eine Redensart, die wahrscheinlich volksthümlich ist, von mir aber nie recht verstanden wurde; was heisst das: einen Weidmann setzen?« – »Da kannst Du lange umher fragen, ehe Dir Jemand antwortet!« erwiederte Otto lachend. »0b die Antwort in Döbels Jägerpraktika steht, ist mir nicht erinnerlich, aber ein alter Förster hat mir's anvertraut, als ich einst mit ihm durch einen dunkeln menschenleeren Forst von Oberhof nach Schwarzwald ging. Jägersagen und Jägeraberglaube haben mich von Kindheit angezogen, und lange bevor Webers Freischütz sich als Oper Bahn brach, trug ich den Stoff aus Apels und Laun's Gespenstergeschichten im Gedächtniss mit mir herum. So setzt man einen Weidmann: man hat acht, wenn ein Jäger sein Gewehr putzt und sucht, von dem Wischwerg etwas zu erhalten; hierauf bohrt man in einen Eichbaum stillschweigend ein Loch, stopft das Werg hinein und verkeilt mit Hagedorn die Oeffnung. So lange das darin steckt, zittert der Schütze und wäre er der Beste, bei jedem Schuss und fehlt bei jedem.« Die Wanderer standen am steilen Abhang des Berges, und der Geleitsmann nahm das Wort: »Einmal in Gebiet des Diabolischen, habe ich das Vergnügen, die Herren einen Blick in die Hölle thun zu lassen. So heisst der tiefe und furchtbare Abgrund zu unsern Füssen, welcher sich in den Schneetiegel senkt. In diesen Tiefen ist eine Quelle der Gera; von dem schauerlichen Abgrund der Hölle wenden wir uns nun zum Teufelsbad , kein Feuer- und Dampfbad, sondern ein nasses, ein tiefer, der Sage nach unergründlicher Moor- und Torftümpfel, der mit andern ihm gleichen unter dem Namen der Teufelskreise bekannt ist.« »Hier haben die Gespenster Manchen geneckt und irre geführt,« gab Otto mit komischem Ernst in das Gespräch, den Ton einer alten Chronik nachahmend: »ein Bergwerk, das vor Zeiten hier herum angelegt wurde, konnte wegen Gespenstes nicht weiter gebaut werden, und Manches wäre davon zu erzählen, wenn nicht dort Einer eifrig im Teufelsbad botanisirte, der andere das Malerische dieser mit graubemoossten Fichtenstämmen, Meilerplätzen, Windbrüchen und einer höchst üppigen Haidekrautvegetation, vermischt mit dem Immergrün der Heidel- und Preisselbeersträuche, geschmückten Waldeinöde zu sehr im Auge hätte, um auf dergleichen Allotria zu hören, die dem Dritten endlich nichts Neues sind.« »Wahrhaftig?« rief Lenz, eine Fülle seltener und zum Theil schöner Pflanzen empor haltend: »für den Botaniker ist Herrn Urians Bad verführerisch genug. Hier habe ich neben der in mitteldeutschen Gebirgen nicht seltenen Circea auch die alpina gefunden, den langblättrigen Sonnenthau, die Affenbeere und einige seltene Moose.« »Vom Teufelsbad und den Teufelskreisen« nahm der Geleiter das Wort: »erzählen sich die Umwohner des Schneekopfs eine Menge Mährchen, welche an die Rübenzahliaden des Riesengebirgs erinnern; nicht minder erzählen sie von dem Erzreichthume des Schneekopfs, den vor Zeiten die Venetianer ausgebeutet und hinweggetragen.« »Diese Sagen« fiel Otto ein: »sind fast alle von einerlei Färbung, und auf allen deutschen Gebirgen heimisch, ich habe sie im Erzgebirge vernommen und auf dem Harz, ebenso im Fichtel- und Riesengebirge. Sie wurzeln allzumal in dem Zeitalter alchymistischer Träumereien und haben gewissermassen ein historisches Element zur Grundlage. Der Thüringerwald ist voll von ihnen.« »Besonders« fuhr im Weitergehen der Führer fort: »knüpft sich das Andenken an diese fremden Steinsucher und Krystallgänger hier herum an die goldene Brücke , eine Berggegend, die wir gleich überschreiten, dort fanden sich sonst häufig und finden sich jetzt noch spärlich die sogenannten Schneekopfskugeln, rundliche Porphyre, deren Inneres Achat, Calcedon und Amethystkryslallen, oft sehr schön, enthält, oft aber auch nur gewöhnlichen Jaspis und Hornstein.« Mit einiger Mühe gelang es den Reisenden, unter vielen Trümmern des genannten Gesteins, und nach Hinwegräumung der obern Erd- und Steindecke, einige dieser Kugeln aufzufinden, worauf sie zur Schmücke hinabstiegen, deren Häuser mitten in eine grünende Hochmatte hingebaut sind, die sich sonnig um die jetzt etwas ermüdeten Wanderer ausbreitete und wieder eine schöne Aussicht auf den nahen Finsterberg, den Sachsenstein und entferntere Gebirgszüge verstattete. Harmonisches Glockengeläute der Heerden, die den Sommer über in's Viehhaus auf der Schmücke zur Weide gegeben werden, umklang wohltönend die Reisenden, und diese Heerden selbst, Rosse und Rinder, gewährten vollkommen mit der ganzen Umgebung das Bild einer Schweizeralme, zu deren Scenerie nur schneebedeckte Alpenzinnen in der Ferne und sonnenverbrannte Sennerinnen in der Nähe fehlten. In der, trotz der Sommerwärme doch nach Thüringerwald-Sitte übermässig geheizten Stube des Wirthshauses, die von mehr als zwanzig gefangenen Singvögeln durchschrieen und durchsungen war, litt es die Wanderer nicht; sie liessen sich ihre Erfrischung herausbringen und labten sich mitten im Schoosse der erhabenen und doch freundlich milden Bergnatur. Die Sonne wandelte bereits den Gefilden Hesperiens zu, als die Freunde wieder aufbrachen; mit aufrichtigem Dank und wahrer Herzlichkeit schieden sie von dem freundlichen und gefälligen Geleiter, der nun wieder seinen gewohnten Weg hinab über Goldlauter nach Suhl einschlug; die weiter Wandernden aber wählten von den auf der Schmücke zusammenstossenden und sich dort kreuzenden Wegen, zu denen auch der Rennstieg gehörte, den nach Elgersburg und Ilmenau führenden. »Wir könnten hier den Bergpfad weiter hinabwandeln, der uns in das von schroffen Bergabhängen eingeschlossene Thal der Ilm geleiten würde,« nahm Otto das Wort, als sie an einer Stelle standen, wo die Wege sich theilten; allein ich ziehe es vor, einen Umweg zu machen, der schöner ist, als der Pfad in die Tiefe, und der uns zu einer malerisch gelegenen, noch wohl erhaltenen thüringischen Burg führt, wenn wir auch etwas spät in Ilmenau eintreffen. Wir wandern ja, um zu schauen; folgt mir also getrost nach über die Höhen dieser weithingebreiteten Waldberge, wie durch die tiefen Thalwege. Das Wehen der Abendluft wird uns kühlen, und es wandert sich leicht auf dem weichen Moos- und Rasenteppich der Forste. Wir lassen den Sachsenstein, der sich hier wie eine Grenzsäule aufgipfelt, zur Rechten, blicken dann in ein Waldthal zur Linken hinab und trinken aus der Quelle der Gera. Heiter betreten wir die Spielmannsleile, deren Name so romantisch anklingt, wie eine Waldmelodie, und grüssen in das zum Ilmbette hinabziehende Silberthal, den Heerd vieler Venetianersagen.« – So geschah es; die Freunde wandelten fröhlich hin, die Sonne streute goldne Lichter durch die Tannenwipfel, Vogelstimmen belebten das Gehölz, muntere Eichhörnchen schwangen sich von Ast zu Ast, und in gemessenen Pausen schallte das Picken des Hehers vernehmlich durch die stille Waldung. Das Moos leuchtete an manchen Stellen wie Smaragd. An mancherlei Porphyren, an Todtliegendem, selbst an Granit und einer Art Steinkohle kam man vorüber, blickte von luftiger Höhe hinab in den tiefen Manebacher Grund, durch den sich der Silberfaden der Ilm muntern Laufes schlängelt, und sah die Nachbarorte Manebach und Kammerberg im Schoosse grüner Wiesen liegen, über denen die malerische Felsenwand des mächtigen Herrmannsteins aufragte, einer 100 Fuss senkrecht hohen und über 500 Fuss im Umfang haltenden Porphyrmasse, auf welcher einst eine Ritterburg horstete, wie geringe Trümmer bezeugen, in deren Grunde die Sage des Volkes viele Schätze und versteinerte Fässer voll edlen Weines barg. Ueber die Waldmatte des Heidelberges, die voll goldner Arnicablumen stand, schritten die Wanderer und folgten dann, immer abwärts, dem Hohlwege, in welchem schon abendliches Düster schattete, während rings die Bergeshäupter im Sonnenroth noch glänzten und glühten. Von diesem Abendglühen ganz überflammt, stand jetzt rings von freundlichen Häusern eines Dorfes umlagert, Schloss Elgersburg in alterthümlicher einfacher Schöne vor den Wanderern da. Auf einem steilen Porphyrbrecciefelsen gegründet, stehen die alten Mauern und das Haus noch trotzig und fest. Der Zeitensturm, der über so vielen Burgen Thüringens mit vernichtendem Flügelschlag rauschte, stürzte die Elgersburg nicht um, die man im Alterthum den »rechten Arm von Thüringen« nannte. Lange war die Burg der Rittersitz eines der ältesten thüringischen Adelsgeschlechter, der weitverzweigten und kräftig fortblühenden Familie von Witzleben, wechselte aber vorher oft die Besitzer, war der Grafen von Käfernburg Eigenthum, dann hennebergische Veste, dann Landgrafenbesitzung und mehr als einmal ein Zankapfel. Zuletzt kaufte es die Herzogliche Kammer in Gotha für 127,000 Rthlr. »Die todte Einsamkeit«, sprach Otto, »von welcher umflossen jede mittelalterliche Burg in der Gegenwart wie ein Gespenst der Vorzeit steht, ward hier verdrängt vom Herold einer bessern Aera, die dem Vaterland anbrach, von thätig schaffender, nützlich wirksamer Industrie. Da, wo sonst die Hofbauern der Ritter wohnten, beschäftigt jetzt eine blühende Steingutfabrik eine Menge Menschen; eine Art Porzellan, Emilian genannt, wird von hier weithin vertrieben, ebenso werden gebrannte Röhren für Wasserleitungen hier fabrizirt, deren Nützlichkeit sich bewährt hat. In der Nähe nach dem Gerathale zu sind über zwanzig Braunsteingruben, in denen das Manganerz theils strahlig, theils dicht, theils mit Eisenstein verwachsen im Thon- und Hornsteinporphyr bricht.« Die Reisenden rasteten eine kurze Zeit in dem guten Gasthofe zu Elgersburg und wandelten dann den angenehmen Wiesenweg am Fusse mehrerer Berge nach Ilmenau zu, nicht ohne zurückzublicken auf das, auch von hier höchst pittoresk sich ausnehmende Schloss und Dorf Elgersburg, welches Wagner schon früher in sein Skizzenbuch einzutragen nicht versäumt hatte. Bald war die weimarische Grenze, dann das Dorf Roda, dann die Kunststrasse, die nach Arnstadt führt, erreicht; der Weg war äusserst belebt, in Ilmenau war Vogelschiessen, eines der berühmtesten und besuchtesten in Thüringen, und die Reisenden betraten die freundliche Bergstadt, die eingehüllt im Flor der Dämmerung vor ihnen lag. Ilmenau. Wer jemals in einer der heitern Thüringerwald-Städte süssruhend vom Kuss des Morgens geweckt wurde, ohne mit dem Bewusstsein zu erwachen, du musst aufbrechen und weiter wandern – wer dann gemächlich sich erhob und behaglich zum Fenster hinausschauend die Frische des Morgens wohlgemuth in sich trank, links und rechts und gegenüber Nachbarhäuser und Nachbarfenster musterte, und über ein und das andere Haus hinweg gleich hinaus sah auf Wald und Berge, der hat gefühlt, was die Reisenden empfanden, die in Ilmenau einen jungen Tag begrüssten, dessen Erwachen so erquickende Kühle fächelte und dessen Himmel so rein und saphirblau sich über dem dunkelgrünen Gebirge wölbte. Das Hirtenhorn durchschallte den noch stillen Ort, und in einem endlos langen Zuge wandelte die Heerde der Stadt mit ihren harmonisch gestimmten Glocken dem Thore zu. Lenz und Wagner hatten von den holden Jungfrauen geträumt, die ihnen am gestrigen Tage auf dem Oberhof erschienen, und waren an ihrer Seite über elysische Gefilde gewandelt, während Otto, in frühe Zeiten vom Zauberer Hypnos zurückgeführt, im wunderlichen Traumleben halb schwelgte, halb litt. Jenen beiden war es Genuss, von der freundlichen Erscheinung zu sprechen, die, wie es schien, ihre Herzen dauernd beschäftigte und beglückte, und der Freund kannte viel zu sehr aus eigener Erfahrung die holde Schwärmerei jugendlicher Liebesphantasieen, um nicht theilnehmend den Mittheilungen, Wünschen und Hoffnungen seiner Begleiter sich hinzugeben. Er fühlte lebhaft, dass es nicht wohlgethan sei, auf dem Verfolg der Reise stets nur den Docenten hervorblicken zu lassen, sondern wo möglich selbst auch Lernender zu sein, wäre es auch nur in der schweren Kunst der Herzenskündigung. Endlich entstand nach dem Frühstück doch die Frage: wohin zuerst? Sollte die Porzellanfabrik, oder die Papiermachéefabrik zuerst besehen, oder zuerst ein Ausflug in die Umgegend gemacht, ein Bergwerk befahren und Mineralien gesehen und gesammelt werden? Es war an Otto, die Eintheilung des Tages, den die Reisenden zum Verweilen in Ilmenau ersehen hatten, zweckmässig zu bestimmen. Er schlug vor Allem eine Morgenspazierfahrt vor, die ohne Verzug ausgeführt wurde. Rasch durchfuhren die Freunde das Städtchen, zum obern Thore hinaus, an der Porzellanfabrik, den Halden des Johannesschachtes und seinem Zechenhause vorüber und den Martinröder Berg hinan. Auf der Höhe wurde an einem reinlichen geebneten Platze Halt gemacht, und den Aussteigenden stellte sich ein einfaches Werk der Kunst und ein bewundernswerthes der Natur dar; das erste ein Denkmal in Form eines Altars aus dem rothen Sandstein des Berges, mit der Inschrift auf der einen Seite: Marienstrasse Ihr Name unser Stolz Ihr Zweck gemeinsamer Nutzen. auf der andern Seite: Die Communen des Amtes Ilmenau 1809 – 1811. und Otto erläuterte, dass die Strasse ihren Namen zu Ehren der Grossherzogin Maria Paulowna von Weimar erhalten habe. Die Fremden umstanden aber bald anstaunend die grosse Eiche , einen riesigen, wohl mehr als tausendjährigen Baumstamm, der gerade nicht hoch, aber weitschirmend die greisen Aeste breitet. Derselbe übertrifft zwar nicht die Grimmenthaler Wallfahrtslinde an Umfang, steht ihr aber nur wenig nach. Lenz umklafterte den Stamm und fand, dass derselbe über dreissig Fuss im Umfang hielt. Eine reizende Fernsicht bot sich von der Höhe des Martinröder Berges den Reisenden, die vom jungen Morgen verklärt ward. Durch die Waldung ist ein Blick frei auf die aus dem Wiesengrund aufragende Elgersburg, hinter welcher die Arlesberger Forste mit dem Rumpertsberg, dem Schmidstein, dem Lindenberg und andern einen dunkeln Hintergrund bilden; die schmale Thalrinne des Martinröder Wassers gewährt einen Hinabblick auf das Städtchen Plaue, einen der ältesten Orte Thüringens, über welchem malerisch die Ruine der Ehrenburg thront, und die weisse, hochgelegene Kirche weithin leuchtet. Hoch und kahl, mit wilder Felsklippenzerklüftung, hebt sich mehr rechts die Höhe der Reinsburg über ihre Nachbarberge; ein Stück Gemäuer, das auf ihrem Scheitel steht, bezeichnet die Stätte einer bis auf den Namen ganz verklungenen Veste. Weitere Aussicht deckt die Tannenholzung; aber äusserst lieblich gewährte sich den Rückfahrenden die Ansicht von Ilmenau mit seinen 417 Häusern, das am Fusse der Sturmhaide, zum Theil noch mit an ihrem Abhang freundlich und nett nach wiederholtem Brandunglück hingebaut ist. Breite Wiesenstrecken rahmten eine Menge kleiner Teiche ein, und einer derselben blitzte gross und weit, wie ein spiegelnder See, das Gold der Morgensonne zurück. »Hinter dem Ehrenberg, der sich über jenem grossen Teich erhebt«, nahm Otto das Wort, »liegt ein Marktflecken, in welchem ein genialer deutscher Schriftsteller das Licht der Welt erblickte. Langewiesen ist des Fleckens, Heinse des Schriftstellers Name. Aus dem rauhen Klima des Thüringer-Waldes trat diess feurige Herz und legte sich erglühend an den warmen, üppigen Busen Italiens. Der Süden beugte sich über ihn, sah ihn tief und lange an mit den schwarzen, flammenden Augensternen, und als er ihn fragte: wie heissest du? antwortete der Süd mit einem Seufzer: Fiormona! Laidion! Heinse trat wie ein wunderbarer Stern an den Dichtersternenhimmel seiner Zeit, und verschwand wie ein solcher. An seinen Strahlen entzündete Mancher der Romantiker seine Gluth, und der Einfluss seines Ardinghello auf mehre Werke dieser Schule ist unverkennbar. Dieser Dichter kam mit seinen phantastisch-üppigen, sinnlich-flammenden Phantasiegebilden und Künstlernovellen um dreissig Jahre zu früh. In seiner stillen, einförmigen Heimath litt es ihn nicht, er musste wandern, schwärmen, glühen, anbeten, und ist fern von Thüringen gestorben.« Die Freunde hatten Ilmenau wieder erreicht und der Führer rieth zu einem Excurs nach Manebach, um dort das Bergwerk zu besehen und das sehr freundliche Thal nicht unbesucht zu lassen. Zuvor führte er aber die Gefährten bei einem seiner Ilmenauer Freunde ein, der den Bekannten wie die Fremden mit gewohnter herzlicher Gastlichkeit willkommen hiess, obschon ihm bereits das Vogelschiessen das Haus mit Gästen gefüllt hatte. Alles war in heiterer, seelenvergnügter Stimmung, wie ein Volksfest sie erfordert, und reichlich flossen schon am Vormittag die Gaben des Dionysos. Ja es hielt sogar schwer, sich wieder loszureissen aus dem frohen Männerkreise und der Unterhaltung, welche ihn belebte. Während Otto mit alten lieben Bekannten Fragen und Antworten tauschte, erzählte der Herr des Hauses dem naturkundigen Lenz, an welchem er einen aufmerksamen Hörer fand, die Geschichte des Ilmenauer Bergbaues, zeigte ihm aus dem Fenster seines der Sturmhaide ganz nahe gelegenen Hauses diesen Berg und berichtete, dass auf ihm in den ältesten Zeiten eine Raubburg gelegen, die vom Kaiser Rudolph mit 65 andern zerstört worden sei, dass schon im dreizehnten Jahrhundert der Bergbau, doch mit mancher Unterbrechung, geblüht habe, vornehmlich auf Kupfer und Silber betrieben, letzteres mit einer Ausbeute von 16,398 Mark innerhalb 10 Jahren. Der Berichterstatter nahm aus einem Büreauschranke die ganze reichhaltige Serie der in Ilmenau geprägten sächsisch-hennebergischen Silbermünzen und zeigte sie vor, meldete dann, wie durch Teichdurchbrüche und überwältigende Grubenwasser die Werke zum Erliegen gekommen, wie durch den Grossherzog Carl August unter der thätigsten Mitwirkung Göthe's und des Bergraths Voigt, des bekannten Mineralogen, 1784 abermals eine neue Gewerkschaft gebildet und eine Zeitlang nicht ohne Erfolg der Bau im Flötzgebirge der Sturmhaide auf erzhaltigem, bituminösem Mergelschiefer betriehen worden sei. »Doch ein Stollenbruch«, fuhr der Erzähler fort, »welcher sich im Martinröder Stollen 1796 ereignete, ersäufte den Kunstschacht – und die Gewerke, die ohne rechten Erfolg 16,000 Thaler in dem neuen Johannesschacht bei Roda verbaut hatten, wurden muthlos. Das Beste, auf was wir jetzt noch hauen, ist Eisen und Braunstein.« Unterdess hatte einer der anwesenden Bewohner Ilmenau's ein Gespräch mit Wagner angeknüpft und diesen von den Tagen unterhalten, welche Carl August, Göthe und Knebel dort in heiter waltender Gemüthlichkeit, allen Zwanges baar, den die Etikette in Weimar den verwandten Geistern vor Zeugen anlegte, oft übersprudelnd froh verlebt. Da ward jenes noch stehende Berghäuschen auf dem aussichtreichen Gipfel des Gückelhahns erwähnt, an dessen Wand Göthe mit Bleifeder einen sinnigen Vers schrieb, und Anekdote an Anekdote gereiht. Auch noch vorhandene Briefe Göthe's in den damaligen Bergbau-Angelegenheiten wurden erwähnt und vorgezeigt, sie trugen aber alle den gleichen Typus des formellen Geschäftsstyls, den der grosse Dichter sich angeeignet hatte, so dass nichts Erfreuliches aus ihrer Lectüre gewonnen wurde. Endlich ward verabredet, am Nachmittag und Abend mit alten und neuen Bekannten wieder zusammen zu treffen, und nach Manebach aufgebrochen. Rasche Pferde führten die drei Reisenden, denen ein beim Bergamt Angestellter auf ihr Bitten sich angeschlossen, dem schönen, von der Ilm durchschlängelten Manebacher Grunde zu. Sie fuhren an mehren Mühlwerken vorüber, und der junge Begleiter machte sie auf die ungeheure Schlackenhalde aufmerksam, die vor dem Frauenwalder Thore aufgethürmt lag, und erwähnte dabei, dass diese noch aus der Zeit des ergiebigen Silberbergwerks herrühre und einigermassen von dessen ungeheurem Betrieb zeuge, obwohl unendlich viel davon zum Chausseebau hinweggefahren worden. Schon pilgerten einzelne Lustwandler dem Schützenhofe zu, Musikanten, die Instrumente auf dem Rücken tragend, Bürger und Bauern von nahen und fernen Orten, und die Verkäufer hatten bereits ihre Buden aufgethan. Ja, aus einem Kiosk leuchteten auf dem geräumigen, mit Buden und Laubzelten geschmückten Platz vor dem Schiesshaus auch die farbigen Gewänder eleganter Damen. Schüsse knallten, die Trommel des Zielers wirbelte, das fröhliche Leben begann. »Halt!« rief der Begleiter dem Kutscher zu, und die Rosse standen. »Wir wollen zwar jetzt, da wir Wein getrunken, kein Bier trinken, aber ich ersuche die Herren, einen Augenblick auszusteigen und mir zu folgen. Jetzt ist es leichter, Ihnen die grösste Merkwürdigkeit unsers Schützenhofes zu zeigen, als Nachmittags, wenn eine drängende Menge sie umlagert.« Die Reisenden betraten mit ihm das Erdgeschoss des 132 Fuss langen, 2 Etagen hohen Schützenhofes und schritten in den ungeheuern Keller . Dieser, so geräumig in festen Porphyrfels getrieben, dass man mit einem Wagen darin fahren könnte, besteht aus zwei neben einander parallel laufenden Wölbungen, jede 170 Fuss lang, aus denen ein 20 Lachter tiefer Schacht als Luftloch aufwärts führt. Darin lagerte nun in zahllosen Fässern das berühmte Ilmenauer Felsenkellerbier, das weit in die Umgegend, nach Erfurt, Weimar und andere Städte Thüringens versandt, durstige Kehlen nicht minder erquicklich, wie an Ort und Stelle, labt. Der Keller wurde gebührend trefflich gefunden, nicht minder das Bier, welches doch versucht werden musste, und dann ging die Fahrt im Manebacher Grunde fort. Während derselben sprach sich der Bergbeamte belehrend über den Boden Ilmenau's in mineralogisch-geognostischer Beziehung aus, was besonders von Lenz mit Dank angenommen wurde. »Der Kern unsers Gebirges«, sprach er, »wird von Porphyr gebildet, mit mächtigen Anlagerungen von Todtliegendem. Der Hornsteinporphyr tritt in nackten Felsengruppen zu Tage, und der Schooss des Gebirges enthält vornehmlich Braunstein- und Rotheisensteingänge, untermengt mit Schwer-, Fluss- und Kalkspath-Geschieben. Das Todtliegende zeigt sich theils als Conglomerat, theils als bunter Thon- und Sandstein, und über demselben haben sich bituminöse Mergel- oder Kupferschiefer aufgelegt, unter denen früher die silberreichen Sanderze brachen, welche den Flor der Stadt gründeten. Im Kupferschieferflötz nach Roda zu fand man schöne Fischabdrücke, und über denselben kommen Lager von Zechstein mit Gryphiten, Gyps und Stückstein vor, über welchem die Sandstein-Formation beginnt, die unsern Porcellan- und Glasfabriken höchst brauchbares Material liefert. Am häufigsten wechseln die Gebirgslager auf dem Wege nach Langewiesen; der Ehrenberg bietet auf der kurzen Strecke von der Lohmühle bis zum Marienhammer gegen zwanzig verschiedene Gesteinarten. Bei Manebach und Kammerberg, wohin wir fahren, liegen zwischen Kohlensandstein und Schieferthon Steinkohlen in vier mächtigen Flötzen so über einander, dass jedesmal der Schieferthon die Steinkohlen einschliesst, und der Kohlensandstein zweimal eingeschlossen ist und zweimal die äussern Kettenglieder bildet.« Auf diese Weise lehrreich unterhalten, legten die Reisenden gar bald das freundliche Thal zurück und kamen bei den genannten, unter Felsen und aufwärts steigenden waldumkränzten Bergwiesen reizend und malerisch gelegenen Orten an. Man ging zu dem Stollen, grüsste mit heiterm »Glück auf!« Steiger und Knappen, schwarze Bergmannshemden wurden übergeworfen, Grubenlichter angezündet, und so gerüstet fuhr man ein. Rauschend tosten die Wasser des Kunstschachts, und die Gestänge ächzten, bewegt von einem mächtigen Rade über der Erde. Die Ausbeute in der Tiefe für die Besuchenden waren interessante Abdrücke vorweltlicher Kryptogamen und versteinerte Reste von palmenartigen Monocotyledonen. Die Arbeit der Knappen in diesen Schachten ist mühsam und beschwerlich; jährlich werden über 6000 Centner Steinkohlen zu Tage gefördert. Freudig begrüssten die Grubenbefahrer wieder den warmen Tag, das göttliche Sonnenlicht, nahmen im Gasthause zu Manebach einen ländlichen Imbiss und tranken dazu, es klingt fabelhaft, ächtes Augsburger Bier, das thüringische Fuhrleute der Rarität halber von Zeit zu Zeit mitbringen. Die Thüringer Wäldler, im Besitz vortrefflicher Brauereien und ßiere, wollen denn doch auch manchmal etwas Apartes haben. Der Platz vor dem Ilmenauer Schiesshause wimmelte am Nachmittag, der weite Tanzsaal wimmelte; die Lauben, die Hütten, die Zelte, die offenen Bänke waren gedrängt voll und besetzt. Das war ein Leben! Lustig flaggte die Grossherzoglich-Weimarische Landesfarbe, und Manchem konnte es im Gedränge gelb und grün vor den Augen werden. Haupttag des Vogelschiessens! das war das Zauberwort, das von nah und fern die Tausende herbei- und herüberlockte. Schützen aus allen Nachbarstädten und Flecken, vornehmlich von Amtgehren, welcher Nachbarort alljährlich mit Ilmenau in Abhaltung dieses beliebten Volksfestes wechselt. Hier ist, nach Göthe's Wort: »des Volkes wahrer Himmel.« Von Arnstadt, Erfurt, Gotha, Weimar, Schleusingen, Meiningen, Hildburghausen, Suhl, wie von den kleinern Städten Plaue, Königssee, Eisfeld, Schalkau und andern, der Dorfschaften nicht zu gedenken, finden sich sicher jedesmal Repräsentanten beim Ilmenauer Vogelschiessen ein und helfen diese glänzenden Tage feiern. Die ungeheuern Forste des Weimarischen und der Nachbarstaaten erfordern natürlich ein zahlreiches Personal, und daher sind denn auch die Mehrzahl der Schützen praktische, nämlich Jäger, und es ist eine Lust, mit den naturbefreundeten, daher nicht höfisch zierlichen, sondern ächt deutsch und kernhaft sich offen gebenden Grünröcken zu verkehren. Es war, als wenn nicht allein die nur dritthalbtausend zählende Einwohnerschaft Ilmenau's, sondern die zahlreiche Bevölkerung des ganzen Waldes hier versammelt wäre. Hier bewegt sich denn zwanglos, frei und lebensfroh mitten unter vornehmen und geputzten Städtern das thüringische Landvolk, das Volk, welches rothe Westen und Tuchlätze trägt, und Röcke von der Farbe seiner Wälder, und schwarze oder gelbe Beinkleider; Weiber und Mädchen mit blaugezwickelten rothen Strümpfen, faltenreichen Tuchröcken, braunen Wämsern, silber- und bändergezierten Miedern; und Alle sind lustig und guter Dinge. Da gibt es Musikanten, dort Leiermänner, hier tanzende Paare, dort kosende, dort setzt es auch wohl thüringische Maulschellen und Püffe, die nur wenig die Lust unterbrechen. Unsichtbar segnend wandeln durch die ächte deutsche Volkslust zwei hellenisch-mythische Gestalten, Ceres und Bacchus Arm in Arm. – Nachdem die Festfeier des Nachmittags, der Schützenzug nach herabgeschossenem Corpus des Vogels, manch donnerndes Vivat, manch schäumendes Glas gesehen, gehört und genossen war, manche alte Bekanntschaft erneut, manche neue angeknüpft worden, folgten die Freunde einer gastlichen Einladung, den Rest des Abends in Wenzels Berggarten zuzubringen, dessen schöner Salon vom Lampenschein erhellt, von freundlichen Gestalten belebt war. Ein köstlicher Kardinal schimmerte purpurn in der Terrine, duftete Vanillearom und empfing durch einige Flaschen Champagner die wahre Weihe. Hell schwammen mehre getheilte Orangen auf der dunkeln Fluth. In die Freude, die im Becherklang austönte, klang plötzlich lauter Männerchorgesang; eine Bergknappenschaar zog auf und sang einen alten beliebten Bergreihen mit stetem Refrain, dessen erste Strophe ächt volksthümlich also lautete: Viel Bergleut' sind eine schöne Zier Allhier auf dieser Erd'; Sie bringen das Gold und das Silber herfür, Gleich wie's geschrieben steht. Man kann's ihnen auch beweisen, Sie gewinnen's mit Schlägel und Eisen; Man könnte nicht lachen, Kein' Ausbeut' nicht machen, Wenn halter kein Bergmann nicht wär'. Es war Mitternacht vorüber, ein Gewitter zog prächtig über den hohen Gickelhahn, dumpfer Donner grollte und schmetterte im Gebirge, in eiligen Zügen stob ein Theil des Volkes nach der Stadt, die Blitze flammten blendend auf und züngelten blau um die Bergscheitel, grosse Tropfen fielen; Alles suchte in Eile ein sicheres Obdach. Zürnend flammte das Wetter über dem Thalkessel der Waldstadt, aber es zog gnädig vorüber und entlud sich nur in der brausenden Stromfluth eines gewaltigen Regengusses. Schleusingen. Herrlich ist der Thüringerwald, wenn im Sonnenkuss eines heitern Sommermorgens die hohen Berghäupter erglühen, die Wiesen goldgrün leuchten und über den dunkeln Schlagschatten meilenlanger Tannenforste bläulicher Duftschimmer ruht; herrlich auch, wenn ein sonniger Nachmittag, ein heiterer Abend auf das Land herablächelt, die Heerden heimziehen, und die in Ruhe schaffende Natur das harmonische Walten des Weltgeistes widerspiegelt – aber ein mühseliges, unerquickliches Wandern ist im Thüringerwald, wenn unfreundliche Witterung über ihm lagert. Alle Höhen sind dann vom Wolkenflor dichten Nebels umschleiert, die Berge dampfen wie Meiler, die Thalbäche rollen und rauschen mit Ungestüm, jede Fernsicht ist verschlossen, und den Heitersten überfällt eine trübe, unerquickliche Stimmung, die ihm das Fusswandern zur Bürde, die Reise zur Last macht. Glücklich dann der, dem ein Wagen zu Gebote steht, welcher ihn rasch von dannen trägt.« – Mit solchen Betrachtungen eröffnete Otto ein Morgengespräch mit seinen Reisegefährten, nachdem er ein Fenster geöffnet, den Himmel und die Berge prüfend beschaut hatte. Der Gickelhahn glich dem wolkenüberlagerten Sinai; das Gewitter hatte sich nicht verzogen, sondern in die Berge gelegt, und grollte und murrte noch in ihnen fort. »Was beginnen wir nun? Wohin nun?« fragte kleinlaut Lenz und Wagner. »Hier ist nur ein lakonischer Rath«, erwiederte Otto, nach dem Klingelzug greifend: »Extrapost!« Der Kellner trat ein. »Extrapost nach Frauenwald!« – Nach einer Stunde sassen die Reisenden wohlbehalten im Wagen, grüssten im Vorüberfahren die Freunde, warfen noch einen Blick in den Manebacher Grund, auf den stattlichen Felsenkeller, und gelangten bald auf steil ansteigender Kunststrasse in die nebeldüstre Waldung. Lange ging es aufwärts; bisweilen zerriss ein Sturmstoss den Flor und verstattete einen Blick in die Thaltiefe, durch welche, angeschwellt von dem Wetterguss, der Waldbach rauschte. Es blieb Otto nur übrig, den Freunden das Haus des Gabelbachs zu zeigen und später den Gasthof zum Auerhahn, an welchem sie vorbeifuhren, denn auf der Höhe des Gebirges war undurchdringlicher Nebel vorherrschend. In dem 2,360 Fuss hoch gelegenen Dorfe Frauenwald, einer Poststation, wurde ein Frühstück eingenommen und frische Pferde nach Schleusingen bestellt. Unterdess hellte sich's auf, der Nebel präcipitirte sich theils, theils war er emporgestiegen und schwamm in malerischen Wolkenformen über dem Gebirge; das Land lag erfrischt, kühl strich der Hauch des Windes über die hochliegende Bergebene. Bald senkte sich der Weg tief abwärts in das Thal der Nahe und führte an nur wenigen Mühlwerken vorbei, und durch einige Dörfer die Reisenden nach der alten ehemaligen Hennebergischen Grafen-Residenz Schleusingen . Hier gab es für Otto Mancherlei zu erzählen, für die Fremden Mancherlei zu sehen. Das noch wohlerhaltene stattliche Schloss, die Bertholdsburg, der Sitz der landräthlichen Behörde, der Forstinspection und der Landgerichtscommission für den Kreis Schleusingen bietet dem Landschafter ein anziehendes Erinnerungsblatt in sein Album, und so zeichnete Wagner von einem passenden Standpunkte das Schloss und die, 344 Wohnhäuser und 2,828 Einwohner zählende Stadt, welche auf einem Vorberge des Thüringer Waldes an dessen südlicher Abdachung liegt, während Otto von ihrem Ursprung im grauen Alterthum, ihrem blühenden und berühmten Gymnasium, seit der Hennebergischen Laudestheilung im J. 1660 unter drei fürstlichen Tutoren, Preussen, Meiningen und Weimar gemeinschaftlich, erzählte, und dann die begleitenden Freunde in die Kirche führte, wo er ihnen die Begräbnisskapelle aufschliessen liess. Sie sahen sich in einem kleinen Raume rings von steinernen Epitaphien umgeben, von denen einzelne ein ziemliches Alter, andere aber die Hand späterer Bildhauer verkündeten. »Diese Monumente«, nahm Otto das Wort, »sind, wenn auch nicht von hohem Kunstwerth, doch immer von Interesse für die Specialgeschichte, wie für diese Stadt. Ein Theil derselben befand sich in dem ehemaligen Hennebergischen Erbbegräbniss zu Kloster Vessra und ward erst später hier aufgestellt. Ihr seht in ihnen nur einen kleinen Theil der Denksteine jenes weitverzweigten Grafengeschlechts, das eine lange Jahresreihe hindurch in mehren blühenden Linien herrschte, glänzte und dann erlosch. Diese ersten beiden Denkmäler wurden Wilhelm dem Dritten und seiner Gemahlin errichtet; wenn er im Leben so gross war, wie dieses kräftige und trotzig ausschauende Standbild, so war er ein Riese. Der folgende Stein, ein bis an die Zähne geharnischter Ritter, der auf einem Löwen stehend, die Fahnenlanze mit dem Stammwappen hält, ist Wilhelms Sohn; seine Gemahlin steht neben ihm. Er musste sein Erbe mit dem Schwert erkämpfen, da ein herrschlustiger Oheim ihm die Hälfte streitig machte. Diesem folgt auf dem dritten Steine der sechste Wilhelm mit seiner frommen Gemahlin, in dessen langes Regentenleben die Reformation fiel. Eifrig und hartnäckig suchte der im äussersten Grade bigotte Fürst sie von seinem Lande fern zu halten, allein vergebens. Der Bauernkrieg schlug ihm durch Verheerung des Landes und Zerstörung fast aller Burgen eine tiefe Wunde – endlich starb er nach vierundsechzigjähriger Regierung – als Protestant. Sein Sohn, Georg Ernst, mit den Denksteinen zweier Gemahlinnen, war der Letzte des ganzen Stammes. Noch steht hier das Denkmal Wolfgangs des Zweiten, Bruders Georg Ernsts, der unter Karl V. bei Chierasco focht und fiel. Hier ist noch der Helm, durch den die tödtliche Kugel drang. Dieses letzte Denkmal endlich, des Hennebergers Poppo, zwischen zwei Frauen, mit dem Schriftstein am Boden, schliesst die Reihe. Poppo war früher geistlich, er wurde Protestant und heirathete zweimal auf seines Bruders Wunsch, dem sich alle Aussicht auf Nachkommenschaft verschloss; aber es lag im Willen der Geschicke, dass dieser Stamm ferner nicht mehr grünen sollte.« »Es ist wunderbar und nicht zu verkennen«, nahm Lenz das Wort, »dass die Natur oft nur die Vollstreckerin eines höhern Willens, nennen wir ihn nun Geschick, Weltordnung oder Vorsehung, wird und werden muss. Ein besseres Bild, als das des Baumes , konnten darum die Alten nicht wählen, um das Aufblühen und Mehren der Geschlechter zu bezeichnen; davon fielen und fallen nun manche Stämme gewaltsam, andere sterben allmälig ab, noch andere grünen sparsam fort. Hie und da lichtet sich der Hochwald, doch gibt es stets noch lachende Erben genug, die wieder theilen, wo der Hinweis zur Einigung und zum werdenden Ganzen deutlich genug gegeben ist.« »So spricht der Prophet«, fiel Wagner fast ironisch ein: »Ich will die Krone zu nichte, zu nichte, zu nichte machen, bis der komme, der sie haben soll, dem will ich sie geben.« Und Otto schloss nicht ohne ernste Beziehung am ernstesten Orte, in der Fürstengruft, mit den Worten des weisen Priesterkönigs Salomo: »Wohl dir, Land, dess König edel ist!« – Gern hätte Otto mit seinen lieben Gefährten noch länger in Schleusingen bei nicht minder lieben Freunden dort geweilt; es hätte sich zum Besehen noch die Gymnasial-Bibliothek, ein altes Johanniterordenshaus, und eine blühende Papiermachée- und Puppenfabrik, welche vortreffliche Waaren liefert, dargeboten; wie nicht minder das Schiesshaus mit geschmackvollen Anlagen und ein Berggarten mit höchst reizender Aussicht auf die Stadt, die Burg und den Wald die Freuden der Geselligkeit gewährt haben würde. Allein weit, sehr weit waren noch der vorgesteckten Reise Bahn und Ziele, und so musste Otto selbst zur Eile treiben. Der Nachmittagshimmel war heiter, rasch ging die Fahrt (denn auf gut gebahnten, aber gleichwohl nicht sehr anziehenden, zumal vom Regen erweichten Landstrassen zu wandern, wurde nicht für vortheilhaft befunden) an dem lebhaften Flossplatze vorbei, wo die Flosse zusammengefügt werden, die oft in langer Reihe den Spiegel der Schleuse und Werra zieren, und bis Westphalen und Bremen auf der Weser Breter und Stämme, ja Masten und Raaen, vom Thüringerwaldgebirge der See und dem Handel holzarmer Länder zuführen. Im Weiterfahren durch das anmuthige, massig breite, von Waldbergen begrenzte und mit grünen Wiesen prangende Thal der Schleuse machte Otto die Gefährten auf einen ziemlich grossen, natürlichen Wasserbehälter in der Nähe des Ortes Rappelsdorf aufmerksam, führte an, dass das Volk ihn für unergründlich halte, und erzählte, dass seit alten Zeiten die Sage geheimnissvoll diesen Weiher umflüstere. »Es wiederholt sich hier«, sprach er, »eine der durch ganz Deutschland und weiter verbreiteten Nixensagen, die sich in dem bewaldeten Theile Thüringens eben nicht häufig vorfinden, wo es aber der Fall ist, fast gleichlautend sind. Eine Nixe wohnte auch in dieser Fluth; eines Tages ward dort droben auf dem Wirthshause, die Ruderburg, vulgo Hudelsburg genannt, eine Hochzeit gehalten, der sich das Nixlein zugesellte, dort schwärmte, tanzte, an der Hand und vielleicht am Herzen eines feurigen und hübschen Burschen der Heimkehr zu rechter Stunde vergass, und dann mit Ach und Weh und der untröstlichen Verheissung schied, sie werde ihre Freude mit dem Leben büssen müssen. Der Herzgeliebte säumte nicht, am andern Morgen zum Wasser zu gehen und nach einem günstigen Zeichen zu spähen; aber, o weh! bleich und blutig war die Fluth, die Geliebte war todt, und so feurig seine heisse, schnell entflammte Liebe, dass er das nasse Element zum Grabe wählte. Seitdem nennt man den Teich die Todtenlache , unter welchem Namen er weit und breit gekannt, zum Theil gefürchtet und gemieden, oft beschrieben und selbst besungen ist.« Diese Erzählung leitete das Gespräch wieder auf Volkssagen im Allgemeinen, auf Thüringens grossen Reichthum an solchen, und dass es wohl nicht ganz unverdienstlich, sie zu sammeln und in schlichter Einfachheit aufzubewahren. »Was wir in dieser Weise jetzt aus dem Volksmunde noch gewinnen, ehe es zu spät wird«, sprach sich Otto darüber aus, »ist vielleicht spätern Generationen nicht unwillkommen, denen die natürliche Quelle, aus der uns noch zu schöpfen vergönnt ist, versiegt sein dürfte. Aus der Sagenpoesie , wie sie sich in den Völkern verschieden ausprägte, ist auf deren Charakter zu schliessen, wie auf ihren höhern oder tiefern geistigen Culturzustand. Es scheint die Zeit zwar noch fern zu liegen, in welcher man diese Sagenpoesie als eine zu pflegende Wissenschaft wird betrachtet wissen wollen, doch sind die Elemente zu einer solchen reichlich in ihr enthalten. Das scheinbar Harmlose, Unnütze sogar, das Fabelhafte, Haltlose, an Ammenmährchen und Weibergeschwätz bisweilen Streifende muss ihr freilich Gegner erwecken in einer Zeit, wo Alles dem Reellen zustrebt, wo eine Vergangenheit nur anerkannt wird, wenn sie auf festen Säulen unumstösslicher geschichtlicher Wahrheit ruht, und ächte Männlichkeit den achtungswerthen Grundzug alles wissenschaftlichen und literarischen Strebens, als erfreulichstes Zeichen der Zeit, zu bilden beginnt. Dennoch aber, meine ich, wird diese Richtung nicht ohne Nutzen für Wissenschaft und bildende Kunst ruhig und ernst zu verfolgen und höherer Entwickelung entgegen zu führen sein, und hie und da begegnender Tadel muss nur dazu anspornen, sie mit rechtem Ernst und am rechten Flecke zu erfassen. Ihr Nutzen, wenn man von der Blüthe Nutzen, wie von einer Frucht verlangt, ist zum Theil schon in der Stofffülle bewährt und probehaltig, die sie dem Dichter, dem Maler, dem Bildner zu tausendfachen Kunstschöpfungen darbietet, wenn die früher mehr gekannten und beliebten Stoife anfangen, sich zu erschöpfen.« »Wenn dieses Letztere auch nicht der Fall werden wird«, sprach Wagner, »da die Antike, die Geschichte und selbst die Legende, welche zwischen Mythe und Volkssage in der Mitte steht, unerschöpflichen Stoff den Künstlern für ihre Darstellungen bietet, so wirkt schon der Reiz des Neuen anziehend und anregend. Die Düsseldorfer Malerschule hat uns mit mehrern erfreulichen Stücken solcher Art beschenkt. Wäre Historienmalerei mein Fach, so würde ich Dich bald mit einem Bild überraschen, das eine Deiner heimathlichen Sagen zum Vorwurf hätte.« »Es ist ja bereits solche künstlerische Auffassung der Volkspoesie, namentlich durch die Malerei, nichts Neues mehr«, warf Lenz ein. »Wie mancher Balladenstoff, dem Sagenmunde des Volkes entnommen, wurde durch Bilder dargestellt! Denkt doch an Erlkönig, Lenore, denkt an Früheres, an Faust, an Frühestes, die Nibelungen!« »Du hast in Bezug auf die Ballade Recht«, gab Otto zu; »allein vom epischen Stoffe, von der Nationalepopöe rede ich nicht, wenn ich von der einfachen Sagenpoesie des Volkes spreche, sonst erweitert sich der Kreis in das Unendliche und wird unübersehlich.« – Mitten im grünen Thalgrunde hoben sich jetzt vor den Augen der Reisenden zwei altergraue Thürme über rothen Ziegeldächern. Auf dem Berge zur Linken stand hoch über einem anmuthig auf die Höhe hingebauten Dörfchen die einsame Ruine einer Kapelle, zur Rechten schnitt eine schroffe Bergwand mit nacktem Felsgeklüft zwischen buschigem Laubwald die Aussicht ab. »Dort liegt die einst reiche und stattliche Prämonstratenser-Abtei Vessra «, begann Otto, »jetzt eine Königl. Preussische Domaine, mit einem Gestüt von 170 Stück Pferdebestand, die grösstentheils im Sommer auf die Waldweide im Gebirge geführt werden. Wir wollen am alten Klosterthore, das noch ein steinernes Grafenwappen ziert, absteigen, und ich will Euch zu der Stelle führen, welche jetzt ein Stall ist und Winters von Stampfen und Gewieher durchschallt wird, in welcher jedoch einst die fromme Hymne, das Sanctus und Gloria und das Schellen der Messglocken erklang. Die gothischen Verzierungen der Fenster, die ragenden Thürme, das durch einen neuen Anbau halb versteckte, herrliche Portal im reinsten byzantinischen Style verkünden noch den ehemaligen prachtvollen Tempel. Ich wünschte, es wäre weniger von Kloster Vessra erhalten worden, dann stände das alte Tempelhaus mit seinen Riesenpfeilern vielleicht als einsame malerische Trümmer in diesem freundlichen Thale; so – ohne den Nutzen eines Gestüts und den Vortheil, den in räumlicher Beziehung eine zum Pferdestall umgewandelte Kirche gewährt, im Mindesten verkennen zu wollen – regt sich in mir, so oft ich hier weile, immer eine gewisse Indignation. Uebrigens wurde das Kloster, das unter seinen Mönchen einen der ältesten Hennebergischen Annalisten, als Monachus Vesserensis den Historikern bekannt, aufzuweisen hatte, im Bauernkriege angezündet und geplündert, und dort bereits im Jahre 1677 durch Herzog Moritz zu Sachsen das Gestüt errichtet.« Die Freunde stiegen bald wieder ein und gelangten in das Werrathal und zu der Stelle, wo die Schleuse in die Werra fällt, und nach allen Seiten hin freundliche Landschaftsbilder sich dem Auge darbieten. Zunächst einige neue Ansiedelungen nahe der Brücke, wo sich die Flüsse vereinigen, die später vielleicht zu einem Dörfchen wachsen, das nicht unpassend Schleusemünde genannt werden dürfte; dann, nach dem Walde zu, der eben verlassene alte Klosterbau. Nach Westen zeigt sich das Städtchen Themar, eng von seiner Ringmauer umschlossen, und in geringer Entfernung dahinter der Engpass: das Nadelöhr , darüber die Warte eines hennebergischen Vasallensitzes, der Osterburg, welche der Bauernsturm ebenfalls brach. Als die Reisenden mehr und mehr die Höhe des Berges gewonnen, wurde der Blick auf den Dolmar und die Geba im Westen, und im Süden auf die jetzt sich düster in der Nähe erhebenden Gleichberge frei, wie auf den Thüringer Wald. Auf dem kleinen Gleichberg konnte man deutlich die Basaltringe erkennen, die ihn wie Trümmer einer Teufelsmauer oder eines Riesenwalles umlagern, und Otto konnte die Tradition nicht unerwähnt lassen, dass dort ein Ritter einen Bund mit dem Bösen gemacht, ihm eine unüberwindliche Veste in einer Nacht und vor dem Hahnenschrei aufzuthürmen. Eine Legion Teufel rührte sich ämsig, schon stand der Bau, mit dem letzten Steine flog Herr Urian durch die Lüfte, da krähte der Hahn, vor Schreck liess der Böse den Stein auf den Feldberg bei Themar fallen und zerstörte wüthend den Bau. »Der Stein, den er fallen liess,« fuhr Otto fort, »ist eine sehenswerthe Masse theils senkrecht stehenden, theils waagerecht liegenden Säulenbasaltes, mit starken Nestern von Olivin, um so interessanter für unsere Gegend, da alle Basalthöhen umher, Gleichberge, Geba, Dolmar, Hutsberg, Disburg, Heldburg, Straufhain und andere, so weit wir sie kennen, fast gar keine Säulen, sondern blos Trümmerbasalt liefern. Uebrigens fahren wir auf Trümmern jenes Teufelssteines, und dort müht sich eben ein Chausseesteinklopfer im Schweisse seines Angesichts, ein sechsseitiges Säulenfragment zu zerkleinen.« »Wahrhaftig!« rief Lenz und sprang aus dem Wagen, sich das Gestein näher zu besehen und einige hübsche Stücke mitzunehmen, die mit anderm Gesammelten von Zeit zu Zeit eingepackt und in die Heimath gesandt wurden. Auf einem freundlich wechselnden Wege, der jedoch keine besondere Merkwürdigkeiten darbot, gelangten die Reisenden nach Hildburghausen , verweilten aber in dieser schöngebauten ehemaligen Herzogsresidenz von 362 Häusern und 3,500 Einwohnern nur kurze Zeit, um noch vor Abend den Ort zu erreichen, der Otto bewogen hatte, von Ilmenau aus die Tour über Schleusingen zu machen. Doch unterliess dieser nicht, einen kundigen Freund, der sich vom Anbeginn des Hessberger Fundes für diesen lebhaft interessirt hatte, zu ersuchen, mitzufahren, und dessen Vorliebe für die höchst interessante Naturmerkwürdigkeit liess keine Fehlbitte zu. Zuvor aber führte Jener die Besuchenden zum Hause des Maurermeisters Winzer, wo sie mit Erstaunen wieder solche mächtige Steinplatten sahen, auf denen sich deutlich eine Menge Reliefs tatzenähnlicher Gebilde und pflanzenähnlicher Gewinde zeigten. Die Hessberger Thierfährten. Rastlos ist der Schritt der Zeit! Immer neue Bahnen bricht sie dem Forschergeiste des Menschen, in Höhen und Tiefen enthüllt sie seinem Auge neue Wunder, neue Räthsel, und die Wissenschaft strebt eben so rastlos, jene zu erfassen, zu begreifen, diese zu lösen. Nahe dem Dorfe Hessberg bei Hildburghausen, das die Reisenden in kurzer Zeit erreichten, geleitete sie der neue Führer einen Fahrweg nördlich nach Weidersrode, zu mehrern Steinbrüchen am Saume des Waldes, in denen man zuerst die Steine mit den räthselhaften Quadrumanen-Fährten entdeckte, die Sickler der gelehrten Welt in einem Programm, dann in einem Folioheft bekannt machte. Erst 1833 machte den verdienstvollen Mann ein Zufall auf diese Relieftatzen aufmerksam, während deren schon mehre Jahre lang ausgebrochen und mit dem Sandstein, auf welchem sie vorkommen, verbaut und vermauert worden waren. Der Begleiter schilderte nun an Ort und Stelle des ausgedehnten Steinbruchs mit äusserster Sachkenntniss den vor Augen liegenden Fundort und die Beschaffenheit der Reliefs. »Sie sehen,« sprach er, »hier die linke Seite eines zwischen dem aus andern Gebirgsarten bestehenden Thüringer Walde und dem aus Muschelkalk bestehenden linken Werra-Ufer vier Stunden lang hinstreichenden Gebirgszuges, der grösstenteils aus buntem Sandstein formirt ist, mit dazwischen liegenden Thonschiefer- und Mergelschichten und aufgelagertem Sand und Letten. Die Felsen des Steinbruchs zeigen eine unregelmässige Kette von rothem, grauem und weissem Sandstein, grauem Thon, Sandsteinschiefer und Mergel, unter welcher die grossen grauen Sandsteinplatten liegen, welche an ihrer untern Fläche die Reliefs enthalten. Ein schmales, sich leicht ablösendes Mergelthonlager trennt sie von dem grauen Sandstein, dessen obere Fläche die vertieften Eindrücke, die eigentlichen Fährten über den wunderlichen, oft starken, oft schwächern pflanzenähnlichen Windungen empfing. Müssen wir als gewiss und unbestreitbar annehmen, dass die Eindrücke wirklicher Thiertatzen in den einst weichen Sandstein, Mergelthon und Sand die Formen der Reliefs bildeten: so erhellt, dass eine mächtige Fluthung einst diese Gegend überwogte, ihren Schlamm in die im weichen Boden, eines Ufers vielleicht, zurückgelassenen Spuren der nordwärts geflüchteten Thiere ergoss, und dann dessen mehr und mehr darüber absetzte, der allmälig zu Felsmassen erhärtete. Diess geschah vielleicht zu derselben Zeit, in welcher ein chaotischer Weltsturm mit mächtigen Eruptionen und Expansionen die ragenden Basalthöhen dieser Gegend wie Blasen emportrieb.« Mit grösster Aufmerksamkeit hörten die Freunde dem Sprecher zu, welcher sich nun den für die Naturkunde so höchst interessanten Gegenständen des Fundes selbst zuwandte. Es waren so eben wieder mehre grosse Platten ausgegraben, und viele Fragmente umher konnten noch zur Ergänzung des Vortrags dienen. Jener fuhr fort: »Die Tatzenreliefs kamen in verschiedener Grösse, von acht und mehr Zoll Länge bis zu einem Zoll, vor, und zeigten, dass sie von verschiedenen Thieren herrührten, wobei sich aber bei mehreren die Merkwürdigkeit ergab, dass stets vor einer grössern eine bei weitem kleinere gesehen wurde, welche sich genau nach jedem Schritte wiederholte, wobei sich der Gang in gerader Linie hielt, so dass die Thiere bei Schritten von stets gleicher Länge immer die Füsse hinter einander setzten, was man in der Jägersprache schmieren nennt. Die Form ist, wie Sie sehen, einer Hand ganz ähnlich, fünffingerig, bei den grossen Tatzen mit deutlicher Nägelspur, die Finger nahe beisammen stehend, wulstig, starke Ballen und rückwärts gekrümmte Daumen, die sich bei manchen kleinern ganz am untern Handgelenke befinden, so dass die Reliefs derselben einer versteinerten riesenhaften Orchiswurzel ähnlicher sehen, als einer Thierfährte.« »Ich dachte dabei«, sprach Lenz, »an die seltsame Form der Cuscuta , deren vier- und fünfspaltige, stiellose Kelche so an den blattlosen Fadenbüscheln hängen, wie manche dieser Gebilde an dem scheinbaren Wurzelgeflechte, das die Platten zeigen.« »Andere,« fuhr der Geleiter, diesen Einfall belächelnd, fort, »zeigen deutlich gesonderte Finger, und namentlich weicht eine Art derselben ganz von den übrigen ab, indem deren Grösse sich ziemlich gleich bleibt, ja die grössere Fährte vor der kleinern steht und die Spur in zwei neben einander laufenden Linien wahrgenommen wird. Nächst allem diesen sind noch mehre Gebilde hier ausgegraben worden, welche alle die Annahme bestätigen, dass dieser felsenüberlagerte, gegen 20 Fuss tiefe mit Mergel bedeckte Sandboden einst Oberfläche war, auf welcher Geschöpfe der Urwelt wandelten.« »Wo aber kamen sie hin? Fand man nichts von ihnen, als die Fusstapfen, deren Modelle und Abgüsse? keine Knochen? Und welchen Thieren gehörten sie an?« warf Wagner eilige Fragen auf. »Das sind die Räthsel der Schöpfung«, nahm Otto das Wort; »vielleicht antwortet darauf durch neue Forschungen, neue ergänzende Entdeckungen die Folgezeit. Schon glaubte man auch hier Knochen im Zustande der Versteinerung gefunden zu haben; es war Täuschung; nur zu oft wähnt forschender Eifer Gesuchtes zu finden. Ueber die Thierart wurden viele Vermuthungen ausgesprochen. Antediluvianische Affen, Kängurus, Schildkröten, Eidechsen konnten diese handförmigen, dreigliedrig gefingerten Fährten hinterlassen haben; der geschätzte Naturforscher Kaup in Darmstadt gab den problematischen Geschöpfen den naheliegenden passenden Namen »Handthier«, Cheirotherium , und reihte es in die Classe der Didelphen ein.« »Und die Urtheile der Forscher?« fragte Wagner wissbegierig weiter, worauf der Begleiter das Wort nahm: »Diese fielen verschieden aus. Manche wollten die Gebilde als Hochabdrücke von Thierfährten gar nicht gelten lassen, sehr anerkannte aber würdigten den Fund und beachteten dessen Wichtigkeit. Wurde doch Aehnliches fast noch nirgend entdeckt. Exemplare der Platten kamen bereits in die berühmtesten Museen, und diese thaten wohl, sich mit solchen zu verwahren, da es ungewiss ist, ob die Lagerung, welche Hoch- und Hohlabdrücke liefert, weit fortstreicht. Was nun die in Sand ganz und gar verwandelten Geflechte betrifft, so bin ich mit Sickler der Meinung, dass es Pflanzen waren; und nicht, wie Viele behaupten wollen, Sprünge und Risse im Boden, so sehr deren netzartige Ausbreitung den letztern auch ähnelt. Vielfach finden sich Spuren, dass das Thier auf sie trat, während nicht minder häufig der Fall ist, dass der Hochabdruck das Geschlinge deckt, welches freilich, wenn wir es als in Gestein ganz verwandelte Pflanze nehmen, räthselhafter bleibt, als wenn wir der leichten Theorie von Erdrissen im halb ausgetrockneten Uferschlamme huldigen.« Otto bestritt lebhaft diese Meinung, er sprach unter andern: ,,Nenne mir nur eine einzige Pflanze, deren Halme, Stengel oder Wurzeln so in einander verwachsen sind, wie es hier der Fall gewesen sein müsste!« Allein der Freund, der dieser Aufforderung gleich nicht genügen konnte, war nicht zu belehren, und jeder blieb bei seiner vorgefassten Meinung. Es war spät geworden, man sah sich genöthigt, an den Rückweg zu denken, der mit mancher eben so anziehenden, als belehrenden Mittheilung und dem Wechselaustausche der Ideen über die urweltliche Plastik der Natur in diesem Sandsteinflötz angenehm verplaudert wurde. Die Fremden fuhren nach Hildburghausen zurück und übernachtete»dort, um am andern Morgen früh nach dem eben so gewerbfleissigen, als an mancher Naturschönheit reichen Meininger Oberlande aufzubrechen. Das Meininger Oberland. Zur linken Seite den waldigen Höhenzug des Gebirges, zur rechten massige Kalkhügel und die sanft durch das Wiesenthal sich hinschlängelnde, hier noch sehr kleine Werra, fuhren die drei Reisegefährten wieder über Hessberg und einige andere Dörfer auf gut gebahnter Kunststrasse dem Walde zu und erblickten bald den hohen Wartthurm des Eisfelder Schlosses, der, frei in dem alten Burghofe stehend, genau so viel Fuss hoch sein soll, als sein Umfang zählt, und erreichten die fast ganz neu gebaute Meiningische Stadt Eisfeld von 335 Häusern und 2762 Einwohnern, bei guter Zeit. Ein Theil der Mauerwerke des alten Schlosses, früher Wittwensitz der Herzoginnen von Hildburghausen, bot während der kurzen Rast, die sich die Freunde hier vergönnen wollten, dem fleissigen Zeichner ein malerisches Bild, und eben so wurde ein Denkmal nicht unbesehen gelassen, das, an eine ewig denkwürdige Zeit erinnernd, die bescheidene Gottesackerkirche zu Eisfeld aufzuweisen hat: das des berühmten Dr. Justus Jonas, Luthers Zeitgenossen und wackern Mitstreiters, der in Eisfeld als Superintendent starb. Otto erzählte während der Weiterfahrt den Genossen, was Eisfeld im dreissigjährigen Kriege erlitt. Die Völker Wallensteins brannten das Städtchen grösstentheils nieder; Ungarn, Croaten, das Cambrische Regiment und Schweden verheerten nach einander Stadt und Land und trieben die Einwohner in die Wälder, so dass sich nur schwer und allmälig der Ort wieder erholte. Nach der kurzen Fahrt einer Stunde grüsste die Reisenden abermals eine schöne Burgruine von massiger Höhe herab: der Schaumberg , der über dem Städtchen Schalkau aufragt; in diesem wurde der Wagen entlassen und die Fusstour wieder begonnen, denn es winkte der Wald, der herrliche, rauschende, mit seinen zahllosen Hütten und Hämmern, in welchem sich's so anmuthig wandert. Schalkau mit seinen 126 Häusern und 922 Einwohnern bot ausser der schönen gothischen Kirche kaum etwas Sehenswerthes dar; aber Otto bewog die Freunde, ihm zur Ruine Schaumberg zu folgen, dem einstigen Sitze von Rittern gleiches Namens. Die Besucher kamen über den geschmackvoll angelegten Ida's-Platz am Fusse des Berges, zum Gedächtniss eines schönen ländlichen Festes so genannt, und hatten bald die Höhe des Burgberges erstiegen. Die Burg war kastellartig erbaut, mit runden Mauerthürmen und einem merkwürdigen Wall umgeben, welcher nämlich geräumig hohl war, so dass Volk und Vorräthe sich in ihm bergen konnten; ausserdem zeugten noch ein ziemlicher, doch nicht hoher Wartthurm und ansehnliche Mauerreste von dem grossen Umfange der Burg. Den Freunden, die auf der Höhe des Walles sich der pittoresken Aussicht auf den freundlichen Itzgrund, seine ausgebreiteten Wiesen, den nahen, vom Pless oder Bless (2668 Fuss über d. Meeresfl.) und dem Kieferle (2717 F.) überragten Wald und auf mehr als 16 im Thalgrunde verstreute Dörfer und Höfe erfreuten, erzählte Otto, dass Burg Schaumberg im dreissigjährigen Kriege durch die Kaiserlichen unter dem Marchese di Grana zerstört wurde. »Alles kündet hier den Untergang durch Feuer«, sprach er; ,,vor mehrern Jahren ergab eine Nachgrabung auf diesen Trümmern keinen andern Fund, als in der Glut verglastes oder geschmolzenes Geräth; eine Kanonenkugel von sechzig Pfund Schwere ward aufgegraben, nebst mehren kleinern.« – Hierauf wandte sich der Erzähler zum nächstvorliegenden Reiseplan, indem er sagte: »Wir könnten Tagelang in den Gründen dieses Theils der Thüringer-Waldkette umherpilgern, jeder Tag würde uns Neues und Sehenswerthes bieten, des Romantischen freilich weniger, als des Gewerblichen; dieser Theil Thüringens ist neben ungeheurer Betriebsamkeit doch der ärmste, weil er der rauheste, unwirthbarste ist. Alles Wohl und alles Weh, das im Gefolge zahlreicher Fabriken geht, findet sich auch hier; ein armes Volk, auf die Kartoffel als Nahrungsmittel fast einzig hingewiesen, in Missjahren und harten Wintern oft bitterm Mangel Preis gegeben, neben reichen und glücklichen Brodherren. Hier arbeitet Alles, Kinder von zartester Jugend an, und Greise und Mütterchen sind noch mannichfach thätig. Der Wald hier oben hat einen ganz andern Charakter, als jener Theil, durch den ich Euch vom Dolmar aus führte; die Schieferbedeckung und Schieferbekleidung der Häuser in Städten und Dörfern, mit weissen Blumen, Arabesken und Inschriften, gibt diesen etwas ganz Originelles; der mindere Wohlstand lässt uns Schaaren von kleinen Kindern selbst bei rauher Temperatur in völliger Nacktheit, wie junge Wilde erblicken, in der sie sich jedoch immer besser ausnehmen, als in Lumpen; dabei ist bei aller Armuth des Volkes ein reicher Kindersegen bemerkbar: eine Ausgleichung des Himmels für manches andere entbehrte Glück, denn je mehr Hände zur Arbeit, um so besser, es kommen doch in der Regel erst zwei Hände auf einen Mund. Aus diesem Hochlande, sowohl aus dem Meiningischen, als noch mehr aus dem Koburgischen Antheile, sind in der neuesten Zeit viele Leute nach Amerika ausgewandert, Begüterte und Unbegüterte, und es ist zu hoffen, dass es diesem einfachen, thätigen Volke, das gewohnt ist, der Natur ihre Gaben durch Fleiss und Ausdauer abzutrotzen, in der neuen Heimath wohlergehen werde.« »Das wollen wir allen unsern deutschen Landsleuten von Herzen wünschen«, nahm Wagner das Wort. »Es ist ein schwerer Schritt, dem Vaterland auf Nimmerwiedersehen Valet zu sagen, vom alten wohnlichen Heimathheerde zu scheiden, um in irgend einer halben oder ganzen Wildniss einen neuen zu gründen, wo sich's doch bei Vielen fragt, ob die heimathlichen Laren sich übersiedeln lassen wollen?« »Ein trübes Thema«, sprach Lenz, »so reich an tiefem Schmerz, wie an hohen Hoffnungen, Völkerkrankheit und Völkerheilung; Fingerzeig der Gotteshand und Mene Tekel zugleich. Ich habe nie in das ubi bene, ibi patria stimmen können!« »Auch ich nicht!« bestätigte Otto. »An irgend Etwas muss der Mensch sich mit allen geistigen Organen klammern, ein Einzelnes muss er lieben, und Heimathliebe ist eine Tugend. Darüber schrieb mir jüngst eine gemüth- und geistreiche Freundin wahre und schöne Worte: Wer nicht Etwas auf Erden über Alles liebt – ist wohl schwerlich fähig, das Ganze zu lieben, und die Weltbürger neuester Sorte strafen diese meine Behauptung wenigstens nicht Lügen, denn sie lieben Nichts, als sich selbst, und ihre Wetterfahnennatur hält in der Eile, mit der sie sich nach dem Winde ihres Vortheils dreht, nicht einmal dem Scheine des Gegentheils, womit sie ein Weilchen bestehen könnten, lange Stich. Die wahrhaft edeln Geister aber, die als Ausnahmen gelten können, sind rar, oder schmachten gefesselt. – Mancher jedoch wandert aus, mit glühender Heimathliebe in der wunden Brust, für die kein Heilkraut in den Savannen und Urwäldern Amerika's wächst.« Sehr ernst gestimmt schritten die Wanderer den Burgberg herab, und die nächste Stunde sah sie dem Dorfe Grümpen zueilen, das am Bache gleiches Namens in einem düstern Thalgrunde liegt, den die Reisenden aufwärts verfolgten. Doch begünstigte heiterer Himmel die Wanderung; der Fusspfad krümmte sich oft über grünende Wiesen hin, und der Mineralog wurde aufmerksam auf viele grösstentheils beras'te Haufen von Sand und Gerölle am Ufer des murmelnden Bergflüsschens. Otto gab ihm darüber Aufschluss, indem er berichtete, dass vor Zeiten hier Seifenwerke (Goldwäschen) bestanden und der Berg zur Linken noch den Namen Goldberg führe. »Dieser Goldberge, Silberberge, Bäche und Quellen gibt es im Thüringer-Walde viele«, erläuterte er, »das Vorwalten der Bergmanns-Traditionen ist hier ausserordentlich, daneben auch noch ungemein viel Aberglaube im gemeinen Volke, der immer am meisten in Thalschluchten und Waldengen haften blieb. Es hat der Volksaberglaube bei aller Verwerflichkeit in moralischer und ethischer Beziehung doch eine hochpoetische Seite; er ist Nachhall der wunderbaren und räthselhaften Naturstimme, die das Menschenherz in den frühesten Zeiten schon durchklang und durchzitterte, und darum selbst so unerklärlich, weil das Unerklärliche sein weites Reich ist, darin er herrscht und waltet, ein über- und ein unterirdischer Dämon zugleich.« Aus der Enge eines Seitenthales der Grümpen, in das die Wanderer einbogen, ragte über dem Dorfe Rauenstein höchst malerisch die Burgruine Rauenstein empor, mit hohem, halb zertrümmertem Thurm und wenigem Gemäuer; dicht unterm Burgberge leuchten die weissen Wände des Thalschlosses, das von den Herren von Schaumberg aufgeführt wurde, als der dreissigjährige Krieg das Bergschloss gebrochen, der im Meininger Oberlande die Zerstörung übernahm, die im Unterland ein Jahrhundert früher der Bauernkrieg mit den Ritterburgen übte. Otto lenkte den Schritt der Freunde, nach einer nöthigen Erquickung, zunächst zur grossen, 1785 angelegten, Greinerschen Porzellanfabrik, die den Wohlstand nicht nur des früher sehr dürftigen Dorfes Rauenstein, sondern auch der nahen Umgegend, vortheilhaft hob. Der Bach treibt hier ein Pochwerk, das neben der Fabrik liegt und zu ihr gehört. Diese, eine der blühendsten des Thüringer-Waldes, beschäftigt, ohne Taglöhner und Holzarbeiter, über 120 Menschen, deren Arbeitslohn sich jährlich auf 30,000 Rthlr. beläuft. Ihr Inneres wurde besehen, die Reisenden durften alle Arbeitsstuben durchwandern; Wagner aber blieb zurück und trug von Burg und Dorf eine Zeichnung in sein Skizzenbuch. Die Fabrik hat drei grosse Oefen nach thüringischer Einrichtung, im Gegensatze zu der englischen. Es bedurfte nur eines kleinen Fussweges, um wieder in das sich immer mehr verengende Waldthal der Grümpen und den Theuerngrund zu gelangen, in welchem die Reisenden wacker aufwärts schritten. Dort ist Thonschiefer das vorwaltende Gestein; die Gegend trägt einen ernsten, melancholischen Charakter, einsam rollt der Bach und mit einförmigem Geräusch seine Wellen, ihm zur Linken zieht die chaussirte Strasse neben mehren Mühlwerken hin. Von beiden Seiten fallen Bäche in das Thal. »Ich würde Euch«, sprach Otto zu den Freunden, »gar nicht in diese Einöde und zu dem kleinen, nur 75 Häuser zählenden Stadtflecken Steinheide , den wir in Kurzem erreichen werden, geführt haben, da wir nachher gerade entgegengesetzte Richtung einschlagen müssen; allein ich wollte Euch gern so viel als möglich von meinem geliebten Thüringen zeigen; es ist unmöglich, auf gerader Linie das Meininger Oberland kennen zu lernen, es muss auf Kreuz- und Querzügen geschehen, und zum Glück wandelt sich's in der Abendkühle und auf dem Moosteppich der Wälder überaus angenehm.« Die Freunde versicherten, durchaus nicht müde zu sein und dass ihnen die Fusswanderung bergauf und bergab grosses Vergnügen gewähre. Nur kurze Zeit konnte in dem Städtlein »auf unser lieben Frauenberge«, wie Steinheide früher hiess, gerastet werden; man wollte noch Sonneberg erreichen. Der Ort Steinheide sah früher eine bessere Zeit; der Bergsegen schüttete auch über ihn sein reiches Füllhorn, über tausend Bergleute wohnten hier, jetzt ist er verarmt; alle Gruben kamen zum Erliegen und die Einwohner müssen meist ihren Erwerb in der Nachbarschaft, in Fabriken und beim Steinbrechen suchen. Von dem 2,523 Fuss hohen Frauenberg, auf dem Steinheide liegt, stiegen die Wanderer auf schattendüstern Waldwegen nieder. »Wenn ich Euch alle Bergsagen aus der Gegend um Steinheide erzählen wollte, die ich weiss, ich würde vor Abend nicht fertig«, sprach Otto. »Vom Silbergeheg, vom Sonnenthal, von der Sackpfeife, überall Traditionen von Schätzen und Erzgängen. Im ungeheuern Thal oder wüsten Adorf fingen einmal einige Einheimische einen Venetianer und bedräuten ihn hart, dass er ihnen offenbare, wo die Bergschätze verborgen. Gezwungen ging er mit, doch als sie an den Ort kamen, begann in Wald und Lüften ein entsetzliches Brausen und Toben und der Wale stürzte, von epileptischen Zuckungen ergriffen, zu Boden, dass seine Peiniger meinten, er werde unter ihren Händen sterben. Da liessen sie ab von ihm und gingen eilig von dannen, ohne Frucht ihrer Gewaltthat. –« Es war ganz heimlich und still in dem hohen, kühlen Forst, der Himmel lachte blau herab durch die Tannenwipfel, der Geist der Natur rauschte in den Bäumen. Die Freunde sangen ein Lied: »Der Wald ist stille, der Wald ist grün, Die Blätter flüstern, die Blumen blüh'n; Die Wolken zieh'n, die Wipfel glüh'n, Die Bäume rauschen im Walde.« »Im Wald ist Frieden, im Wald ist Ruh'; Die Blumen schliessen die Aeuglein zu. Und heimwärts flieh'n Vogel und Bien', Die Bäume rauschen im Walde.« »Was rauscht ihr Bäume fort und fort? Sprecht mit dem Wand'rer doch auch ein Wort! Waldbäume grün, fragt er zu kühn? – Die Bäume rauschen im Walde.« »Wer spricht zum Frager, der da fragt? Wer kündet, was diess Rauschen sagt? – Die Wolken zieh'n, die Sterne glüh'n, Die Bäume rauschen im Walde.« Geräusch wurde laut, Stimmen von Arbeitern; der Boden war mit Schiefertrümmern bedeckt, die Freunde standen am Griffelschieferbruch des Fellberges. Schwarz starrten die Gesteinwände der Brüche, die Lenz und Wagner in dieser Art zum ersten Male sahen. Ein Arbeiter erklärte die Gewinnung, zeigte die scheitgrossen, angefeuchteten und mit Reisern bedeckten Stücke, die sich leicht bis zu den dünnen Griffeln spalten lassen, mit denen wir in der Schule die ersten Schreibversuche auf Sonneberger Tafelschiefer machten und die vier Species der Rechenkunst uns einprägten. Gleich daneben wurde auch ein Wetzsteinbruch besucht und besehen. – Die Wanderer weilten an einem Scheidewege; ein Pfad führte hinab in das Thal der Effelder, zunächst nach dem Eisenhüttenwerk Augustenthal, mit einer Eisengiesserei; der andere nach Steinach . Otto schlug den ersten ein, bald sahen sie die Essen rothe Gluth ausspeien, hörten den Takt des Zainhammers und traten aus dem Walddunkel und der düstern Umgebung Augustenthals auf eine Thalwiese, längs deren das grosse Dorf Hämmern sich hinstreckt. Das Thal wurde immer weiter, ruhiger floss der Waldbach, Mengersgereuth mit einer Marmelmühle wurde erreicht, doch stand schon das Werk, es war Feierabend. Nahe bei der Mühle lagen ganze Haufen kleiner Stücke aus älterem Flötzkalk, viele mit hübschen Dendriten, die, meist von Kindern viereckig geschlagen, zu den runden Marmorkugeln verarbeitet werden, die unter dem Namen Schusser, Schüsser, Märbel u s.w. (jede Provinz hat eine andere vulgäre Benennung dafür) ein Spielwerk deutscher Kinder sind, die aber zu ernstern Zwecken millionenweise nach Holland und über die See versandt werden. Wieder drang vom nahen Hammerwerke Schwarzwald das Tosen der Werke aus dem Thale herauf zu dem Bergpfade längs der Emisleite, deren Schieferbrüche von den heimkehrenden Arbeitern verlassen wurden. Jetzt auf äusserst belebter Fahrstrasse noch durch das Dorf Forschengereuth wandelnd, wurde mit der sinkenden Dämmerung die Meiningische Berg-und Fabrikstadt Sonneberg , mit 340 Häusern in eine Thalenge hingebaut, in welcher die Wanderer nach ihrem tüchtigen und angreifenden Marsche ersehnte Rast fanden, erreicht. »Sonneberg«, erzählte Otto am andern Morgen beim Frühstück, »hiess früher das Städtlein zu Rotin beim Hause Sonnenberg, welches Haus der Wohnsitz eines mythischen Frankenherzogs, Namens Suno, gewesen sein soll. Das ist fast der einzige romantische Zug, den ich hier zu berichten weiss. Der Lebenspulsschlag Sonnebergs seit früher Zeit ist Handel, Handel, Handel! Der Magistrat des freien Frankfurt lud die Kaufleute Sonnebergs zu den Messen ein und gewährte ihnen grosse Vorrechte, wofür bestimmte Geschenke an Waaren gewährt wurden. Aufzählen will ich Euch die Masse der Waaren, die hier und in der Umgegend gefertigt werden, nicht; sie sind bekannt genug, Holz und Stein, Glas und Metall, Leder und Papier liefern das Material, das auf tausendfache Weise verarbeitet, vom feinsten Kunstwerk bis zum Spielzeug, das man für einen Kreuzer kauft, in alle Welt wandert. Das Meiste wird fabrikmässig gefertigt. Fünfundzwanzig bis dreissig Handelshäuser en gros senden Waaren nach Holland, England, Russland und Amerika, und man kann den Waarenabsatz eines Jahres durchschnittlich jetzt, wo freierer Verkehr herrscht, wohl auf 400,000 Gulden anschlagen. Rechnet man den Absatz der übrigen Fabriken des Meininger Oberlandes, dessen Herz Sonneberg ist, und den Ertrag der Wälder an Bau- und Brennhölzern hinzu, so erhöht sich diese Summe noch über das Doppelte.« Die Freunde durchwandelten nun mit behaglicher Schaulust das räumlich und gut gebaute Städtchen, das fast nur aus einer einzigen Strasse besteht. Viele stattliche Häuser künden Wohlstand an, und aus freundlichen Anlagen längs der bebauten Anhöhen grüssen bunte Gartenhäuschen herab. Mit dem rothen Thonboden der Aecker wechselt anmuthiges, frisches Wiesengrün, und massige Waldberge schliessen auf drei Seiten die Aussicht, während nach Süden das Thal der Röthen sich in ein gut bebautes, waldloses Hügelland öffnet. Manches Haus wurde betreten, manche Fabrik besehen, und es war interessant, zu sehen, wie z.B. in einer grossen Malerstube Spielwaaren von Hand zu Hand gingen, davon eine das Roth, eine zweite das Blau, eine dritte das Grün an die Figuren malte. Heraustretend aus dem erstickenden Firnissdunst der wegen des schnellern Trocknens stark geheizten Stube, schöpfte Wagner tief Odem und rief: »Ich möchte hier kein Maler sein und Tag für Tag den hölzernen Soldaten blaue Monturen malen!« worauf Lenz spottend versetzte: »Du würdest zur Abwechslung wohl auch einmal grüne Monturen malen dürfen!« – Allzuvieles Schauen ermüdet, und technische Gewerbe, die in Stuben betrieben werden, in denen ganze Generationen ein bleiches, einförmiges und kein Glück irgend einer Art darbietendes Dasein verleben, sind nicht geeignet, eine andere als eine schmerzliche Theilnahme dem einzuflössen, der gewohnt ist, in glücklicher Freiheit zu wandeln und in den Reizen der Natur unverkümmerten Genuss zu finden. Das Merkantile hat nur dann romantischen Anstrich, wenn es in grossartiger Ausdehnung, mitten in einer schönen Natur, mit übermächtiger Gewalt die Elemente sich zinsbar macht, wie, um ein Beispiel anzuführen, die Fabriken des berühmten Maschinenbauers Coquerill im Thale der Maas bei Lüttich. Neu gestärkt verliessen die Wanderer noch am Vormittag die Kaufmannsstadt und pilgerten thalaufwärts, um dem Laufe der muntern, geschwätzigen Röthen zu folgen, deren lebendige Wellen über Mühlwerke aller Art stürzen, und kamen wieder an zwei Märmelmühlen, auch einer Puppenmassenmühle, anderer nicht zu gedenken, vorbei. Bald hob sich die Chaussee über den Thalweg, der zur Linken blieb, stieg über die Höllenkuppe und leitete nach dem Dorfe Steinach zu. Zur Rechten sahen die Wanderer hinunter in das Thal der Steinach, das belebteste, gewerblichste im ganzen Oberlande, zur Linken hinab auf den einsamen Hof Wibelsburg, in dessen Nähe der Sonneberger Tafelschiefer bricht. Steinach und Obersteinach zeigten sich schon im Thalgrunde; so weit das Auge reichte, gewahrte der Blick mannichfaltige Mühlwerke; beide Orte sind durch solche zu einem einzigen geworden. Der Tag war heiss, die Sonne stand im Mittag; auf der Berghöhe hatte frischer Luftzug belebend die Wanderer umhaucht, in den Thälern aber lag drückende Schwüle. Prächtige Wolken hingen mit Silberrändern über dem Gebirge, über dem Frankenwalde hing ein Wetter, das aber südlich, nach Kronach zu, hinabzog. Der Steinacher Felsenkeller bot das frischeste, schmackhafteste Bier, der Anker tischte herrliche Forellen auf und Krebse; Krebse, die Cardinäle der Leckerbissen, die roth uniformirte Nobelgarde der Thiere, welche auf des Menschen Tafel getragen werden. Von Steinach zieht die Kunststrasse, der Thalkrümmung folgend, eine Strecke dem Laufe des wasserreichen Waldflusses entlang, überspringt diesen dann, sich zur Rechten wendend, und biegt in das Thal der Lausche, aus dem die zahlreichen Häuser des Glashüttendorfes Lausche mit ihrer schwarzen Schieferbekleidung an der Wetterseite schon sichtbar werden. Diese eigenthümliche Bauart, verbunden mit oft sehr grotesken Verzierungen von Staniol, der blendend weiss von dem dunkeln Grunde des Schiefers absticht, gewährt ein etwas melancholisches Bild, zumal wenn, wie es bei den Reisenden der Fall war, eine dunkle Wolke vor die Sonne tritt und ein tiefer Schatten die Gegend wie ein Trauerflor überhüllt. »Noch seltsamer ist der Eindruck«, bemerkte Otto, »wenn man zur Winterzeit aus dem blendenden Schnee diese schwarzen Häuser von weitem liegen sieht; sie nehmen sich dann aus, wie Riesensärge auf ein weisses Bahrtuch hingestellt.« Nicht so ernst, freundlich vielmehr erschienen den Fremden die Bewohner dieses und der benachbarten Waldorte; kräftige Formen, gesundes Aussehen zeichnete die Männer, blühende Schönheit viele Frauen und Mädchen aus. Während die Wanderer sich kurze Rast gönnten, erzählte Otto den Freunden die Geschichte des Ursprungs der bedeutenden Hüttenwerke in Lausche und dem nahen Henriettenthal und Ernstthal, welche jetzt Hunderten nützliche Beschäftigung und guten Erwerb gewähren. »Ich kann meine Geschichte«, sprach er, »beginnen, wie ein Mährchen. Es war im Schwabenlande ein Mann, der hiess Hans Greiner und lebte am Ende des sechzehnten Jahrhunderts, in welchem aller Orten die Gräuel des Fanatismus sich in Verfolgung anders Glaubender kund thaten. Auch Hans Greiner, der Lehre Luthers zugethan, musste sein Vaterland flüchtend meiden und suchte eine neue Heimath in den thüringischen Wäldern. Da fand er einen Schicksalsgenossen, Namens Müller, der aus Böhmen gekommen war und die Kunst des Glasmachens aus jenem Lande mit herüberbrachte. Beide Männer vereinigten sich und legten auf dem Gebiete der Pappenheim, die ihr Stammhaus in Gräfenthal haben, die erste Glashütte an. Aber es währte nicht lange, so gab es Streit zwischen ihnen und dem Grundherrn, sie gingen aus seinem Territorium, was mit ein paar Schritten gethan war, und legten ihre Hütten, vom Herzog Johann Casimir zu Coburg begünstigt, da an, wo jetzt das 107 Häuser zählende Dorf Lausche steht, welches nach seinem Waldbache den Namen führt. Erst hundert und fünf und zwanzig Jahre später wurde die neue Hütte bei Henriettenthal durch einen Nachkommen jenes Greiner begründet und Ernstthal zu Ehren des damaligen Herzogs Johann Ernst zu Saalfeld genannt. Bald mehrten sich die Familien der Gründer, Glasmacher und Gesellen siedelten sich an, lange blieb der Schwabenhans im Gedächtniss der Nachkommen, sein Fleiss, seine Geschicklichkeit, seine Ausdauer erbten nicht minder, wie seine Züge, in seinen Nachkommen fort, und seit lange durchklingt der Name Greiner das ganze Oberland. Fragt, wem die übrigen Glashütten zu Alsbach, Gehlberg, Glücksthal und Bernhardsthal, die Porzellanfabriken zu Limbach, Breitenbach, Rauenstein, Schmiedefeld, Veilsdorf, Tettau, wo jährlich 400 Centner Porzellan gebrannt werden, Volkstedt bei Rudolstadt, wo Schiller eine Zeitlang wohnte, und andere ganz oder antheilweise gehören? immer wird Euch der Name eines Greiner entgegentönen, an Schwabenland erinnernd, und immer rühmlich und mit Achtung genannt. Aber auch die Familie Müller zählt wackere Nachkommen, namentlich hier, und es besteht noch nach mehr als zwei Jahrhunderten der Geschäftsverband, der die Gründer einigte. – Wir wollen nun zunächst einige Glasbläser vor der Lampe aufsuchen und erst am Abend den Schmelzofen betreten.« Es ist höchst interessant zu sehen, aber höchst schwierig zu beschreiben, mit welcher Fertigkeit, mit welcher einfachen, aber sichern und kunstgeübten Technik die Millionen farbiger Glasperlen, glatte, geriefte, runde, längliche, goldne, silberne, stahlblaue u.s.w., die kleinen Stickperlen, welche noch vor einem Jahrzehend die schönen Augen liebender Mädchen und Frauen verderben halfen, und die in den höhern Kreisen von der leichtern Arbeit des Seidenstraminnähens auf eine Zeitlang verdrängt wurden, und die mannichfaltigen künstlichen und niedlichen Glasspielwaaren gefertigt werden. An einem einfachen Tische, unter welchem ein Blasebalg mit einem Tretzuge befestigt ist, der einem rechtwinkelig gekrümmten Löthrohr immerwährenden Luftstrom zuführt, sitzt der Arbeiter; vor dem Schmelzrohre brennt eine Dochtlampe, auf deren starke Flamme der Luftstrom geleitet wird. Manche bedienen sich aber nicht einmal dieses Gebläses, sondern des Mundes mittelst dazu besonders eingerichteter Lampen. Aus den verschiedenartigsten Glasröhren nun werden mit Hülfe höchst einfacher Werkzeuge die mannichfaltigsten Glaswaaren zu Stande gebracht, und so sahen die Fremden da Spielwaaren, anderswo Thermometer, Barometer und ähnliche nützliche Geräthe fertigen; in einem andern Hause wurden Krystallgläser geschliffen u.s.f. Ueber dem belehrenden Besehen so mannichfacher Verschiedenheiten eines einzigen Gewerbes war der Abend herbeigekommen. Otto führte die Freunde zur Glashütte. Ein sanfter Choralgesang geübter Männerstimmen schallte ihnen entgegen, die Arbeiter sangen ein Abendlied und schickten sich an, in der Nachtkühle ihr Werk zu beginnen; ihnen, den Gluthgewohnten, war Kühle die Hitze, die den Fremden beim Eintritte kaum erträglich schien, bald aber gewöhnt man sich an die erhöhte Temperatur. Lodernde Kienfackeln beleuchteten mit grellen Lichtern das Haus und die bis zum Gürtel nackten, geschwärzten Arbeiter. Ein malerisches Nachtstück! Alles rührte sich nach beendigtem Gesang in schweigsamer Thätigkeit; aus den glühenden Häfen, in denen die flüssige Glasmasse in der Feuerhölle inmitten der Hütte stand, nahmen mit ihren langen Eisenpfeifen die Arbeiter die zähe Masse, schwenkten sie und bliesen sie auf, während andere mit allerlei Eisengeräth dem weichen Glase die nöthige äussere Form geben halfen. Auch den Besuchenden wurde freundlich angetragen, sich selbst Reiseflaschen zu blasen; sie thaten es, aber mit ungeübten Lungen, und der Glasbläser musste das Beste dabei thun. Wieder begann Gesang, wobei jedoch Niemand müssig blieb, sondern fort und fort ging unter Klirren und Klopfen, Singen und Klingen, Schwirren und Rasseln die Arbeit ihren Gang. Wagner skizzirte sich rasch das bewegliche Bild mit den grellsten Lichtern und den tiefsten Schatten, und sprach, als die Hütte verlassen wurde: »Ich wundere mich, dass unsere Maler nicht mehr Nachtstücke liefern. Glashütten, Eisenhämmer, Schmelzöfen, letztere meist neben rauschenden Waldbächen, schaumstäubenden Mühlrädern, wo das vom Feuer grell, oder vom Mond sanft beleuchtete Wasser herrliche Effecte macht, bieten den wechselvollsten Stoff, die Hüttenarbeiter und allenfalls dazu kommende Reisende, etwa auch Damen, langgliederige Ladies und kurzhalsige Dandies die bunteste Staffage und den Reiz des Contrasts. Nächstens versuche ich mich an solchem Bild und male eine Amazone, deren Pferd im Clairobscur vor der Hütte schnaubt, wie sie eine Glashütte besieht und sich eine Whiskyflasche bläst. Die Hütte muss einsam im Walde stehen, umrauscht von dunkeln deutschen Tannen, durch die, von bethauten Farrenkräutern umbuscht, ein Bergbach sich über Wacken und Granitblöcken Bahn gebrochen.« »Male doch lieber uns Drei darauf«, ermahnte Lenz, »und ein schönes deutsches Mädchen! Dandies, Incroyables und Amazonen passen nicht in diese Gegend, besuchen sie auch schwerlich, folglich dürfte Deinem Bilde der Reiz der Wahrheit mangeln.« »Es geschehe also«, versetzte Wagner mit leichtem Spott; »ich werde malen, was Du wünschest, und Dich, naturforschenden Beschäftigungen obliegend, dazu.« Die Wanderer sprachen im ländlichen Gasthause der Lausche ein und fanden dort Gelegenheit, sich noch lange mit Fabrikarbeitern, Glasbläsern, Forstmännern und Holzleuten über ihre Beschäftigungen und den Wald überhaupt zu unterhalten, und ihre Kenntniss von einem so gewerbthätigen Theile Thüringens, wie das Meininger Oberland ist, erwünscht zu bereichern. Saalfeld. Die Frage: »Wohin nun heute?« beschäftigte bei guter Zeit des folgenden Wandertages die Freunde. Saalfeld sollte erreicht werden, und zwei Wege boten sich dar. »Wir könnten,« schlug Otto vor, »von dem nahen Ernstthal aus zur Rechten den Rennsteig betreten, der uns über den Berggipfel des hohen Schoss bis über Spechtsbrunn führen würde, von wo wir dann in nördlicher Richtung nach Gräfenthal , einer Meiningischen Stadt von 200 Häusern, von düsterer Bauart in einem engen Thale, in der nur das Schloss, der Wespenstein, und die Hämmer im felsigen Zoptegrunde malerisch gelegen sind, gelangen würden. Auf diesem Wege würde sich, namentlich in der Nähe von Spechtsbrunn, mancher Blick auf den Frankenwald gewähren, den östlichen Theil des Thüringer-Waldes, über dessen Gebirgskamm ebenfalls der Rennsteig zieht. Wählen wir hingegen den Weg zur Linken, so schreiten wir nicht minder eine gute Strecke auf dem Rennsteige fort, kommen noch durch sehenswerthe Fabrikorte und gehen beträchtlich näher.« »Wohlauf und ohne Präliminarien!« rief Wagner lebhaft aus. »Führe uns, und wir folgen Dir, unserm Anführer, der uns bis jetzt noch nicht anführte. Der heitere Himmel grüsst uns verheissend: Guten Tag! Vorwärts ist die Losung!« – Bald umrauschte der Bergwald die Wandergefährten; belebende Morgenfrische überwehte vom Ost her den Kamm des deutschen Binnengebirges und förderte der Reisenden raschen Gang. Diese erreichten bald das Dorf Igelshieb , von 2570 Fuss Meereshöhe, welches mit dem Kirchdorfe Neuhaus und dem tiefer liegenden Glashüttenwerke Schmalebuche nur einen Ort zu bilden scheint. Hohe Wildzäune um Kartoffelland, dürftige Gärten und Wiesen, und Häuser, ganz mit Bretern oder Schiefer bekleidet, verkünden die Waldnatur; einsame Fichten stehen vereinzelt zwischen den nicht minder zerstreuten Häusern und Hütten; man ist den Quellen der Steinach so nahe, die dem Main- und Rheingebiete zuströmt, als denen der Lichte, die, mit der Saale durch die Schwarza vereint, in die Elbe fällt. In Neuhaus, wo es viele Glasperlenbläser gibt, wurde ein kunstreicher Mann besucht, Michael Greiner, der auch physikalische und chemische Instrumente, Thermometer, Aräometer u. dergl. fertigt; seine Stube war vom schmetternden Schlage vieler Finken durchschallt, und fast in allen Häusern, an denen man vorbeikam, hingen Vogelbauer mit Gimpeln, Kreuzschnäbeln, Finken und Drosseln, deren Gesang gar manches Leben verschönt, das auf dieser Höhe einförmig genug mit dem Verfertigen von Holzwaaren für die Sonneberger Fabriken oder mit Glasperlenmachen sich abspinnt. Die drei Nachbarorte liegen malerisch über dem Thale der Lichte, in welches die Hochstrasse sich hinabsenkt. Ein belebter Weg leitete die Wanderer an Pochwerken und Massenmühlen der Porzellanfabriken vorbei und durch die Dörfer, denen das Thalflüsschen seinen Namen gab, bis nach Wallendorf . Dort streckt sich ein Arm der Kunststrasse wieder an einer der blühendsten Porzellanfabriken bergempor, während ein anderer dem Grunde folgen heisst, welcher in das romantische Schwarzathal einmündet. Ueber eine rauhe Landstrecke, die weder ein romantisches, noch ein malerisches Interesse darbot, schritten die Freunde, fast ermüdend, auf den Marktflecken Reichmannsdorf zu. Als Otto diesen Namen nannte, warf Lenz scherzend die Frage auf: »Hat der Ort von reichen Männern den Namen?« »Der Sage nach, allerdings«, erwiederte der Befragte. »Noch ragt dort zur Linken der Goldberg empor; einhundert und zwei und zwanzig Gruben teuften in einem Umkreise von anderthalb Meilen den Bergsegen aus. Mit goldnen Kegeln und Kugeln spielten die Einwohner und liessen einen Sachsenherzog, der ihr Bergwerk besehen wollte, auf einem goldnen Stuhl einfahren. Ueberhaupt betreten wir jetzt ein Gebiet, darin Geschichte und Romantik sich weilender niedergelassen, als das, welches wir von Vessra aus bis hierher durchzogen; der höchste Theil des Waldes hat keine Frühzeit, weil erst spät Ansiedelungen Statt fanden. Von nun an führe ich Euch raschen Ganges von Bild zu Bild, von Anschauung zu Anschauung, bis wir in Naumburg anlangen, und hoffe, dass Euch das noch zu Schauende für manche Anstrengung, für manchen ermüdenden Marsch entschädigen und belohnen soll. Das Reichmannsdorfer Goldbergwerk ward verflucht von einer Mutter, deren Sohn, ein Bergknappe, wegen angeblicher Veruntreuung gehenkt wurde, und das Werk erlag. Statt des Goldes wird jetzt nur noch auf Eisenstein gegraben, dessen ergibigste Grube, Zufälliges Glück genannt, an dem romantisch bedeutsam anklingenden Venusberge liegt.« Im Gasthause, wo die Wanderer rasteten, erkundigte sich Otto angelegentlich bei einigen Einwohnern, woher dem Berge wohl dieser Name gekommen? Niemand wusste es, der Mund der Sage blieb ihm diesesmal verschlossen. Um Saalfeld nicht allzuspät und von langer Wanderung ermüdet zu erreichen, wurde in Reichmannsdorf ein Fuhrwerk genommen, das die Reisenden rasch über den Bergrücken trug, wo sich in der Nähe des Oertchens Hohe-Eiche eine herrliche Fernsicht in das obere Saalthal und auf die Höhen des Vogtlandes aufthat. Dann sank die Hochstrasse in das Dörfchen Arnsgereuth und ein kleines Seitenthal der Saale, worauf noch bei guter Zeit Saalfeld, eine der ältesten, berühmtesten und merkwürdigsten Städte Thüringens, erreicht wurde. Während der Fahrt schon hatte Otto Veranlassung genommen, seinen Begleitern das Wichtigste aus Saalfelds Geschichte anzudeuten. Saalfeld war uralter Grenzsitz der Thüringer, auf einem Feld an der Saale, stets bedroht von den östlichen Nachbarn, Sorben und Wenden. Das werdende Städtlein besser zu schützen, liess Karl der Grosse, der Tradition zufolge, die Sorbenburg erbauen, deren malerische Trümmer noch heute Stadt und Gegend ziert; doch konnte sie den Völkerstrom nicht auf lange dämmen, und das Heidenthum feierte hier einen grossen Sieg über das Christenthum; Slawen unterjochten die Thüringer. Von der weilenden Niederlassung der Eindringlinge zeugen noch die zahlreichen Ortsnamen mit der Endung auf itz am rechten Saalufer. Doch nach mehren Jahrzehenden bemächtigte sich König Ludwig der Deutsche dieser östlichen Provinz, Saalfeld wurde königliche Villa, und dort theilten Ludwigs Söhne ihr Vatererbe. Von Herzogen der sorbischen Mark als Statthaltern und Schirmvögten des Landes beherrscht, hob sich der Ort immer mehr; Kaiser Heinrich der Finkler festete die Stadt durch Mauern und Gräben, und oft besuchten die deutschen Könige ihre Pfalz daselbst. Späterhin wechselte Stadt und Gegend durch Schenkung, Kauf und Vererbung vielfach die Oberherren, erstere wurde Besitzung der Pfalzgrafen von Aachen, der verwiesenen Polenkönigin Richza, des Erzbischoffs Hanno von Cöln, der eine berühmte Benedictiner-Abtei hier gründete und es an seine Nachfolger in dem geistlichen Amte vererbte, von denen Stadt und Land unter Kaiser Friedrich Barbarossa wieder zum Reiche kam. Nur kurze Zeit unter den deutschen Königen, wurde Saalfeld an Cöln zurückgegeben, und zwar von Philipp von Schwaben, während dessen Nebenbuhler Otto IV. mit Stadt und Land den Thüringer Landgrafen Herrmann, den Sängerfreund, belehnte. Die Stadt wurde zum Erisapfel, und da sie von dem Landgrafen nichts wissen wollte, sondern dem geistlichen Herrn anhing, wurde sie zum Sodomsapfel – ein Aschenhaufen. Herrmann erstürmte sie und brannte sie nieder. Dennoch kam sie hernach von Neuem durch Philipp an das Erzstift Cöln, und abermals, nach jenes Ermordung durch den Wittelsbacher, an Otto IV., der sie für eine Reichsstadt erklärte. An die Grafen von Schwarzburg verpfändet und später als Reichslehen blieb Saalfeld lange Jahresreihen unter diesem mächtigen Grafenstamme, wurde dann markgräflich-meissnisch, hierauf erst churfürstlich-, dann herzoglich-sächsisch, und wechselte so vielfach die Herrscher aus dem sächsischen Regentenhause, dass deren Aufzählung am andern Ort, als in einem Geschichtswerk, ermüden kann, bis das Land selbstständiges Herzogthum unter einem Sohne Ernst des Frommen wurde. Nach den Verheerungen des dreissigjährigen, den Drangsalen des siebenjährigen Krieges, zum letzten Male zum Kriegsschauplatz unter Napoleon geworden, unterwarf dieser nach seinen berühmten Siegen 1806 das Herzogthum dem französischen Gouvernement. Mit Coburg später vereinigt, bildete es einen wesentlichen Theil des Herzogthums Sachsen-Coburg-Saalfeld, worauf der Theilungsvertrag zu Hildburghausen am 12. Novbr. 1826 das Fürstenthum Saalfeld mit dem Herzogthum Meiningen-Hildburghausen vereinigte. Otto's Begleiter waren ganz entzückt über die schöne Gegend, die sich im Glanze eines sonnenhellen Nachmittags vor ihnen aufthat, als sie in den malerischen, ausgebreiteten Thalkessel einfuhren, den die Saale dort bildete. Es ist einer der reizendsten Punkte des Saalthales, das der grösste Fluss Thüringens in mäandrischen Windungen durchfluthet. Stattlich überragt das Schloss mit seinem Thurme die Niederung; hinter diesem zeigt sich das Stift Graba, die Gegend mit schmückend, und im Umfange der Ringmauer Saalfelds heben sich die Thürme der Stadt, die hohen Thorwarten und die Thurmsäulen der Sorbenburg empor. Alles vereinigt sich, Saalfeld den Charakter einer alten Stadt zu geben, so viel es auch unter seinen 660 Häusern neue und freundliche, meist zweistockige, zählt. Ueber den sehr regelmässigen, geräumigen Markt liess Otto den Wagen an dem im spätem gothischen Geschmacke gebauten Rathhause vorbei nach dem Anker lenken, Saalfelds bestem Gasthof und dabei einem ziemlich alten Gebäude, von dem er sogleich den Freunden eine historische Anekdote erzählte, die als Sage bei Saalfelds Einwohnern forterbte: »Der deutsche Krieg zog mit erschütternden Wehen über dieses Land, Niederländer und Spanier unter Karl V. und Herzog Alba verheerten die Gegend; dann wurde die Schlacht bei Mühlberg geschlagen und Churfürst Johann Friedrich vom Kaiser gefangen nach Saalfeld geführt. Der fürstliche Gefangene, von dem sein treuer Lucas Kranach nicht wich, hatte seine Custodie in einem thurmartigen Gemache dieses Hauses; da befiel ihn mit einemmale eine unsägliche Angst und Beklemmung; sehnlichst verlangte er nach frischer Luft, Kranach bat den Kaiser, Erlaubniss zur Gewähr dieser Bitte zu geben, erhielt sie, und kaum athmete der Churfürst nicht mehr die drückende Schwüle seines Gefängnisses, als dieses mit Donnergepolter zusammenstürzte.« Es war noch nicht so spät am Tage, um nicht eine Wanderung durch die Stadt gemächlich antreten zu können. Otto machte die Freunde im Vorbeigehen auf das alte, in einer Strasse stehende, herzogliche Schloss aufmerksam, das jetzt die Münze enthält, und bemerkte, dass Saalfeld in den frühesten Zeiten schon Münzstadt gewesen. Die Hofapotheke, ein ganz alterthümliches Gebäude im byzantinischen Style, früher Rath- und Kaufhaus, hat von ihrer architektonischen Zier Manches durch Neubauten eingebüsst. Bewundernd standen die Freunde vor Saalfelds schönster Zierde, der ganz im gothischen Styl erbauten St. Johanniskirche, die zunächst aussen umwandelt wurde. »Dieser schöne Bau«, berichtete Otto, »soll fast ganz vom Ertrage des Reichmannsdorfer Goldbergwerks bestritten worden sein. Prächtig ist das westliche Portal mit dem Hochbilde des Weltgerichts und darüber die Kolossalsäule des Schutzpatrons, welcher knieend, Heil flehend für Stadt und Kirche, dargestellt ist. Hier seht Ihr eine Steinkanzel, auf welcher einst Tezel seinen Ablass verkündete, und Reste alterthümlicher Fresken. Die Heiligenbilder auf diesen Consolen sind herabgestürzt, am Fusse der einen aber erblickt Ihr das Heringsmännchen , Wahrzeichen und Grenzbild. Bis zu diesem soll die Grenze der thüringischen Mark gegangen sein; anderes Bildwerk an den Kragsteinen zeigt verstümmelte Jagdscenen.« Eingetreten in das Kirchenschiff, überraschte die grosse und wohlerhaltene Glasmalerei der drei hohen Chorfenster, deren brennende Enkaustik den Glanz und die Prachtliebe wie die Frömmigkeit des Mittelalters abspiegelt. Holzschnitzereien und Epitaphien, Wappen und allerlei Bildwerk zieren das Innere, und mit besonderer Aufmerksamkeit weilte Wagner vor einem Altarbilde in der Sacristei, das aus der besten Zeit stammt. Durch mehre der gutgebauten Strassen führte Otto die Freunde zu der alten Barfüsserkirche, der sogenannten Münzkirche, dem höchsten Gebäude der Stadt. Ein Kloster (jetzt das Gymnasium) schloss sich an dieselbe an, in welches nach seiner Aufhebung eine Zeitlang die Münzstätte verlegt wurde. In dem öden, als Fruchtmagazin benutzten Bau führte Otto seine Begleiter auf hohen Treppen empor, diese sahen weder etwas Schönes, noch Merkwürdiges, bis er sie zur Decke des ehemaligen Kirchenschiffes blicken liess, wo ein herrliches Deckengemälde, umgeben von Apostelbildern in Stuck, in dreifacher Abtheilung sich zeigte. Kühn und grossartig gedacht und lebendig ausgeführt, wurde dieses Bild von einem Maler, Ritter aus Gotha, unter Ernst dem Frommen, welcher die Kirche wiederherzustellen gedachte, geschaffen. Die Dreieinigkeit und Sendung Jesu, eine Vision aus der Apokalypse, und das Gloria der Engel sind die Gegenstände, die der Maler zum Vorwurf wählte und die den Kenner entzücken. Der Schein der späten Sommersonne übergoss noch hell genug die malerischen Trümmer der Sorbenburg, dass Wagner sie mit dem nahen Schlösschen Kitzerstein (Köditzerstein, weil das Dorf Köditz ihm gegenüber liegt) zeichnen konnte, bevor ein Gewitter, das über dem Walde von Norden heranzog und sich mit einem tüchtigen Wind und derbem Schlagregen bald darauf entlud, die Wanderer vertrieb und sie ein sicherndes Obdach suchen liess. Von vier hohen Thürmen dieser uralten Veste, welche, durch Mauern verbunden, die Trutz- und Schutzwehr des Thüringer Landes bildete, stehen nur noch zwei. Wohlerhaltene Kellerräume darunter sind noch vorhanden und benutzt. »Wie wunderbar dieser einfache, gigantische Bau absticht gegen jenes Schlösschen!« bemerkte Lenz; »es steht mit seiner ragenden Giebelbedachung und halbgothischer Geziertheit da wie ein Stutzer aus dem Mittelalter neben einem greisen Heidenkönig aus der Aera Karls des Grossen.« – »Die alten Saalfelder zogen weise die Sorbenburg, auch der hohe Schwarm genannt, in ihren Mauerring«, bemerkte Otto; »aber der Kitzerstein tritt ausfordernd aus derselben, als wenn er sich zugleich eitel in der unter seinem Felsabhange vorbeifliessenden Saale spiegeln wollte.« – Das rasch aufziehende Wetter brach los, weitere Mittheilung schleunig hemmend; doch ging es so schnell vorüber, wie es gekommen war, und schauerte bald nur in einzeln fallenden Tropfen und kühlem Wehen nach; das Meiste davon zog am Walde und über ihn hin. Die Freunde konnten ihre Wanderung fortsetzen und bald an die Saalbrücke gelangen, in deren Mitte eine ehemalige Kapelle mit einem merkwürdigen in Stein gehauenen Gehülfenbilde steht. Der legendenkundige süddeutsche Maler erkannte dasselbe alsbald für ein Bild der heiligen Kümmerniss, die der Heidenkönig, ihr Vater, mit schändlicher Liebe verfolgte, der auf ihr Flehen ein männlicher Bart wuchs, und die der Vater, weil sie standhafte Christin blieb, kreuzigen liess. Das Bild stellt das Mirakel dar, wie sie am Kreuze einem armen Citherspieler einen ihrer goldnen Schuhe schenkt. »Das ganz männliche Aeussere der Gestalt«, sprach Otto, »hat eine spätere Hand verleitet, Salvator mundi dem Stein einzumeiseln; übrigens ist einst dieses Bild als wunderthätig verehrt worden.« Reizend ist von der Brücke die Aussicht. Das Schloss und die Stiftskirche vom Grabe liegen imponirend nah; auf- und abwärts des Stromes erblickt man gutgebaute Dörfer und Fabrikgebäude, und malerisch hinter einander aufragende grüne Waldberge schliessen in weit ausgedehntem Ringe die alte Stadt ein. Vom schöngebauten Thurme des Schlosses wehte die grünweisse Flagge, ein Zeichen, dass der Landesherr Saalfeld mit seinem Besuch erfreute, durch den fast in jedem Jahr einmal die Oede des stattlichen, geräumig wohlgebauten, ehemaligen Residenzschlosses verscheucht wird. Den kurzen Rest des Abends brachten die Touristen auf dem Zeh'schen Felsenkeller in guter Gesellschaft zu, unter der auch hier der Führer liebe Freunde und Bekannte wiederfand, die seine Begleiter über Stadt und Umgegend noch näher unterhaltend zu belehren vermochten. Da wurde denn auch ausführlich der Bergwerke gedacht, die in der frühern Zeit äusserst blühend waren, so dass einmal 800 Bergleute in Saalfeld wohnten, und das Revier 24 Gold- und Silbergruben enthielt. Der deutsche Krieg und noch mehr der dreissigjährige übten auch hier, wie überall, den nachtheiligsten Einfluss auf die blühenden Gewerke. Jetzt wird nur wenig noch auf Silber und Kupfer gebaut; der rothe Berg liefert jedoch an Eisen erfreuliche Ausbeute. Saalfeld hat ungemein viel Handelsverkehr mit dem Thüringerwalde, eine beträchtliche Holzflösse, viel Feldbau und Viehzucht; von den trefflichen Brauereien zeugte der Gerstennektar, der den Fremden wie den Einheimischen mundete. – Der folgende Morgen lockte mit blauem Himmel und hellem Sonnenstrahl zeitig in das Freie. Die Freunde beschlossen, auf Otto's Rath, Saalfeld und seiner himmlisch schönen Gegend noch einige Stunden zu widmen. Der freundliche, noch im französischen Styl angelegte und wohlerhaltene Schlossgarten ward in der Frühe durchwandelt; er enthält ein gutes Orangeriehaus mit vielen exotischen Gewächsen, darunter eine Ceder vom Libanon und einige mittelalterliche Monumente, Reste jener Benedictiner-Abtei, auf deren Fundamenten das Schloss erbaut ist. Die heitern Fernsichten, die man von dem Schlossgarten aus erblickt, lockten zu einem weitern Ausflug, und Otto wählte aus guten Gründen zu dessen Ziel den rothen Berg. Ein höchst anmuthiger Weg über das Blaufarbenwerk und die Schmelzhütte, gegenüber die Stadt mit dem vollen Anblick ihrer hochalterthümlichen Ruine, führte über Köditz und an vielen Mühlwerken vorbei, immer an dem romantischen Ufer des reizenden Stromes hin. Immer schöner gestaltete dieser sich bei Obernitz und Reschwitz, wo die Felsenwände des rothen Berges das Ufer einengen, die Saale zwingen, einen Umweg zu machen, und malerisch und grotesk zum Thonschiefergebirge des jenseitigen Ufers grüssen. Auf einer Felsenbrücke, die kühn den Fluss überspringt, und auf dem Gipfel eines Steinkegels, den die Wellen rings umspühlen, genossen die Besuchenden die paradiesische Aussicht, weckten durch Schüsse das Echo in den Felsenschluchten, stiegen zu einem einsiedlerisch gelegenen Hüttchen herab und erfreuten sich am rauschenden Katarakt eines der Saale mit ungestümer Eile zustürzenden Baches. »Ja, Dein Thüringen ist ein schönes, reizendes Land!« riefen anklingend in der idyllischen Einsiedelei, wohin eine jugendliche Hebe Flaschen und Becher trug, die Freunde ihrem Führer zu, »und dieser Gegend zumal gebührt der Preis vor vielen andern Gegenden Deiner lieben Heimath, die so reich ist an Erinnerungen der Vorzeit, so thatkräftig in der Gegenwart!« Vom höchsten Punkte des Berges liessen die Freunde rings in der Gegend umher die Blicke fliegen, und wechselnd auf dem alten Bau des Wetzelsteins, dem grauen Schlosse Obernitz, der Bergruine Könitz, den nahen Halden und Häusern der schwunghaft betriebenen preussischen Bergwerke bei Gross- und Klein-Kamsdorf und Gossewitz, den fernen Orten und Burgen, dem herrlichen Amphitheater des Gebirges und auf der von hier aus gesehen gross und stolz daliegenden Stadt ruhen, bis sie den Rückweg antraten, um bald darauf zwar Saalfeld, aber noch nicht seiner mit Recht preisenswerthen Gegend Valet zu sagen. Im Hinabsteigen vom rothen Berge bemerkte Otto noch, dass auf ihm im dreissigjährigen Kriege General Banner mit 40,000 Mann Schweden und ihren Hülfsvölkern einen ganzen Monat lang kampfgerüstet lagerte, während in und um Saalfeld der Erzherzog Leopold Wilhelm von Oesterreich mit mehr als 50,000 Kaiserlichen ihm gegenüber stand. Blankenburg. Um Prinz Ludwigs von Preussen einfach schönes, gusseisernes Denkmal, errichtet an der Stätte, wo er kämpfend für sein Vaterland am verhängnissvollen 10ten October 1806 in der Nähe von Saalfeld fiel, standen unter den rauschenden Pappeln, die es umgeben, ernst betrachtend die drei Freunde, als sie, der Hochstrasse nach Rudolstadt entlang schreitend, an den Ort kamen, wo im rühmlichen Kampfe ein Heldenleben verblutete. »Hier entschied ein unglückliches Gefecht viel, sehr viel«, bemerkte Otto; »die ganze Gegend war Kriegsschauplatz, die Marschälle Lannes und Augereau führten 30,000 Franzosen gegen 13,000 Preussen und Sachsen. Der Tod des tapfern Prinzen öffnete den Weg nach Jena.« – Manchen Blick noch sandten die weiter Wandernden der schönen Gegend, dem freundlichen Saalthale zu, das der Culm mit einem Schloss und ausgedehnter Aussicht nach Norden, Süden und Westen beherrscht, und wandten sich dann in dem Schwarzburgischen Dorfe Schwarza links, dem Städtchen Blankenburg von nur 190 Häusern und 900 Einwohnern zu, das eine höchst pittoreske Lage hat, gehoben durch die ernste Trümmer des Schlosses Blankenburg, in frühern Zeiten Greifenstein , die den Bergscheitel krönt, der über das friedlich im Thalschoosse ruhende Städtchen aufragt. Zwei Waldflüsse, die Schwarza und Rinne, beide aus reizenden Thälern kommend, vereinigen sich hier und laden den Wanderer ein, ihrem traulichen Wellenrauschen weiter nachzugehen, um in tiefen Felsgründen, schattenden Hainen, magisch leuchtenden Waldwiesen und bei ernsten Denkmälern der Vorzeit die ganze Zauberfülle der Romantik in sich aufzunehmen, welche über diese Gegenden ausgegossen ist. Das ächt thüringische Leben des Städtchens und die schöne Lage der Bergruine gefielen dem zeichnenden Freunde so wohl, dass er den Begleitern, die im Löwen rasteten, zurief: »Ich muss erst diese Strassen mit Frachtwägen, stampfenden Pferden, anschirrenden Fuhrleuten und Reisekarossen verschiedenen Kalibers flüchtig aufnehmen, so lange geduldet Euch! Ich wähle eine Morgenscene und denke mir den Hirten und sein Vieh dazu, das von den Eigenthümern oder ihren Kindern zur Heerde getrieben wird, wie wir es bisher täglich gewahrten. Allerlei bürgerliches Gewerbe, wie es in kleinen Städtchen sich häufig offen zur Schau stellt, muss dabei angebracht und ein stattliches Gebäu, das Rathhaus u. dergl. nicht vergessen werden, wobei ein alterthümliches Haus von Fachwerk mit dunkelbraun angemalten Balken, die in Thüringen so häufig sind, etwas dunkel im Vorgrunde stehen muss, um den Hintergrund zu heben.« Fast so schnell, wie er sprach, skizzirte Wagner sein landschaftliches Genrebildchen, während die Gefährten ihm lächelnd über die Achseln sahen. Ernst blickte darauf, wie in der Wirklichkeit, die zerstörte Pracht des Burgbaues herab auf das Geräusch und Treiben der Kleinstadt. Da diese an sich nichts besonders Sehenswerthes aufzuzeigen hat, so führte nun Otto die Freunde hinauf zur Ruine. Steil wand sich der Fusssteig empor, würziges Arom erfüllte die Luft, das einer fremden Zone anzugehören schien. »Umfächeln uns Düfte Italiens?« fragte Wagner; »nahen wir uns, durch Lavendelfluren wandelnd, dem hohen Apennin?« – »Ihr seht«, sprach Otto lächelnd, indem er auf mehre Aecker, an denen sie bald darauf vorbeikamen, deutete, »dass man auch in Thüringen so schönen Lavendel baut, wie in Turin – um beiläufig ein Wortspiel anzubringen.« Die Höhe des Muschelkalkberges, auf welchem Greifensteins ausgebreitete Trümmer liegen, war erreicht; noch wölbt sich des Burgthors Bogen, durch den man eingeht, um zu noch höher gelegenen Ruinen zu gelangen. Tiefe Wälle umzogen die doppelten Ringmauern der stolzthronenden Veste, die aus dem Grün eines schattigen Buchenhaines aufragt; Trümmer eines eingestürzten Thurmes, Reste der Burgkapelle, der Zimmer, Kellerwölbungen, Spuren gewinnsüchtiger, aber erfolgloser Nachgrabungen, die auf Burgruinen höchst selten lohnen, und ein heiteres Lusthaus auf dem Mauerfundament, bieten sich dem Blicke der Besuchenden dar, und hochrankender Epheu umklammert das alternde Gemäuer, mit seinem ewigen, lebendigen Grün das todte Grau mitleid- und liebevoll überhüllend. »Hier in dieser Burg«, sprach Otto zu den Freunden, »stand einst die Wiege eines deutschen Kaisers, dem aber kein heller Glücksstern leuchtete. Graf Günther von Schwarzburg, der ein und zwanzigste, wurde 1304 hier auf der Blankenburg geboren; sein Muth war grösser als sein Glück; wie er starb, ist bekannt, ich will uns nicht mit seiner Geschichte ermüden.« Gern und lange gaben die Wanderer sich dem Genusse der entzückenden Aussicht hin, die der Burgberg darbietet. Saalfeld und das Saalthal, mit den in Duft verdämmernden sanften Höhenzügen des Voigtlandes, nach einer fernern, der Eingang des hochromantischen Schwarzathales, das zu Füssen liegende Städtchen mit seinen freundlich ländlichen Umgebungen und die grünen Bergwälder in naher Richtung gewährten die mannichfaltigsten Anziehungspunkte für den schaulustig umherflatternden Blick. Wagner zeichnete schöne Einzelparthien der Ruine zu dauernder Erinnerung, und Lenz liess sich, sitzend in einer halbzerbrochenen Fensteröffnung, mit Otto behaglich die warme Stirn vom Südostwinde kühlen, der die hellen Wolken des Himmels zu raschem Flug antrieb, dass ihre Schatten wechselvoll die Fluren überstreiften. Eine Flasche ächten Traubennektars, zur Erfrischung nach dem Bergsteigen, wurde aufs Wohl aller in glücklicher Sorglosigkeit Reisenden geleert und dann an einem Mauerschädel zerschmettert. Wagner hatte seine Arbeit vollendet, den Freunden die Skizzen gezeigt und mit beiden fröhlich den Becher geleert. »Es ist hier Alles so übereinstimmend um uns, in uns, dass man bleiben möchte«, sprach der Maler. »Himmel und Land in reizender Harmonie; Sonnenschein und Wolkenschatten, Laubgrüne und Felsgestein, und irre ich nicht, so fühlt auch Ihr Euch, gleich mir, von einem ernsten und dabei gemüthsfrohen Wohlbehagen durchdrungen, das die beste Reisesstimmung erzeugt. Theilten doch diese schöne Stunde Rosabella und Engelbertha mit uns! – « Ein Blick von Lenz auf den Freund, welcher mehr aussprach, als hundert Worte vermocht hätten, bestätigte still den laut gewordenen Wunsch liebend zärtlicher Sehnsucht, und Otto freute sich in Gedanken des Tages, wo er seine lieben Gefährten einem heimlich ersehnten Glück entgegenführen werde; jetzt – sollte er zum Weiterwandern mahnen. Nein – er warf sich, so lang er war, in das grüne Gras des Burghofes, um ruhend in den nickenden Halmen die Augen empor zu richten zu der ewigen Bläue, zu der ewigen Treue, die für den Menschen so viele tausend Paradiese auf Erden schuf; und die Freunde thaten es ihm nach. »Nichts geht über die göttliche sinnende Ruhe«, begann liegend der Poet zu plaudern, »nichts über das ruhige Sinnen, das dem Gedankenreichen ein lukullisches Seelengastmahl auftischt. Es ist mehr Philosophie darin, als in zehn thesenreichen Systemen. Wir Deutsche lieben und üben es selten, wir ahnen es nur bisweilen in göttergesegneten Stunden, wenn reine Genüsse, materielle wie geistige, unsere Empfindung steigern; der sanguine, bewegliche Franzose nimmt sich so wenig Zeit dazu, wie wir; der Italiener aber, der Spanier im dolce far niente seiner kühlen Siesten hat davon eine lebendige Ahnung, und der Inder ist selig im innern Schauen. Vom Sommerwehen lind überfächelt, von duftenden Blumen umblüht, von Schmetterlingen, Libellen und glänzenden Käfern umflogen, oder in dämmernden Grotten auf schwellenden Ottomannen hingestreckt, da sprechen Natur und Leben mit Götterstimmen auf uns ein, Werkeltagsstimmung, Alltagswelttreiben verstummen und werfen sich auf ihr Angesicht, wie gemeines Volk, wenn der Grossmogul in glänzender Pracht vorüberzieht. – Ich hoffe, Ihr schlaft nicht ein, sonst wird Generalmarsch geschlagen. Da mein guter Wille mich gleichsam zu Eurer Scheherazade machte, so gebt hübsch Acht auf mein heutiges Mährchen, das man auch von einem Berg im Elsass erzählt: Da drüben am Eingang in das Schwarzathal, zu welchem wir morgen ausgehen, ragt 800 Fuss hoch der Hünenstein empor, dort wohnte in der Zeiten Ferne eine mächtige Hünenfrau, Fürstin des ganzen Gaues, deren Töchterlein einstmals in der Flur lustwandeln ging. Da fand das kleine Prinzesschen unvermuthet im Thale etwas Lebendiges, Niedliches, Hübsches, einen Bauer, der mit zwei Pferden pflügend sein Feld bestellte – und raffte Bauer, Pflug und Pferde flugs in sein Schürzchen, sprang die wenigen Schritte zum Berggipfel hinauf und stellte jubelnd, dass alle Felswände schallten, das allerliebste Spielzeug vor die gnädige Frau Mama. Die predigte aber dem kleinen Kinde gar eine grosse Lehre, indem sie sprach: »Gleich trage diesen nützlichen Mann, sein Vieh und Geräth wieder dahin, wo Du es genommen; denn wenn der Bauer nicht pflügt und säet und erntet, müssen die Riesen und was zu ihnen gehört, verhungern.« »Wahrhaftig, eindringlichere Moral kann keine Parabel, kein Mährchen Arabiens dociren, als diese ächt deutsche Volkssage!« rief Lenz aus, und Otto setzte hinzu: »Das sage ich ja immer, dass Deutschland an seinen Sagen einen unerschöpflichen Reichthum hat, an Lehre, Warnung und Beispiel, aber dieser Reichthum ist halb mythisch, wie der der thüringischen Berge, und will gesucht sein, deshalb bin ich zum Ruthengänger danach geworden.« Nach einer guten Weile verliessen die Wanderer die Blankenburg und stiegen in das Thal der Rinne hinab, wo Lenz mit Freuden am Bergabhange schöne Muschel-Versteinerungen fand, und im sogenannten Steingraben merkwürdige Inkrustate und Abdrücke von Blättern, die einer noch jungen Verwandlungsperiode anzugehören schienen. Otto bemerkte dabei, dass er solcher Abdrücke mehrmals auch in dem Ruinenschutte des ehemaligen Arnstädter Schlosses gefunden habe, und unter traulichem Gespräch wandelten die Freunde das enge, meist von Thonschiefer und älterm Flötzkalkgebirge gebildete Thal der Rinne aufwärts. Paulinzelle. Ueber mehre Dörfer führte der oft gekrümmte Thalweg die Wanderer und folgte dem munter hinrinnenden Bergflüsschen bis Oberrottenbach, wo jene rechts in einen wiesenreichen Grund einbogen, in dessen Schoosse sich wieder ein Dörfchen, Milbitz, idyllisch birgt. Der Weg gewann eine gewisse Einförmigkeit, es trat hier kein Fels gigantisch und überraschend hervor, kein Berg überragte keck und kühn seine Nachbarn, es war wieder so traulich um die Freunde, wie vor wenigen Tagen, als sie durch die hohen und düstern Forste des Oberlandes bei Steinheide pilgerten, nur minder still; in den Wäldern lockte der Pyrol, schmetterten Finken, liess die Grasmücke ihren lieblichen Gesang hören. Bald leuchtete, aus drei silbernen Teichen wiedergespiegelt, das Bild der sich westwärts neigenden Sonne; wo wäre ein Thalkloster ohne Teiche gewesen? Fischen, Krebsen und andern angenehmen Fastenspeisen zu Liebe – wer weiss, ob nicht Mancher sich tonsuriren liess? – Jetzt einen Hügel hinan, durch rauschende Tannen und Föhren – siehe, da lag unten im Thale still der düstre Riesenbau, die erhabenen Trümmer Paulinzell's , mitten in grünen Wiesen, von Haseln und Erlen umbuscht, von dunkeln Tannenwaldungen überragt, die das einsame Thal gleichsam einfrieden. Da stand die hohe byzantinische Ruine, der die Wanderer auf dem wieder abwärts führenden Wiesenpfade zueilten und an die Morgenseite der äusserst malerischen Kirchentrümmer gelangten, vor der sie im stillen Erstaunen standen. Otto liess die Freunde sich satt sehen; er störte ihre Bewunderung mit keinerlei ciceroneischem Geschwätz von der Gründerin des Klosters, Paulina, der Tochter eines Ritters Moricho; er rüttelte nicht den Moder alter Urkunden auf. Alles ward mit Ernst betrachtet, hin und her das geräumige Schiff des zerstörten Tempels durchwandelt. Von der Abendseite her, die Wagner sogleich zu zeichnen beschloss, wurde nach dem Totalanblicke dem Einzelnen aufmerksame Betrachtung gewidmet. Hier zeigt sich der zerstörte Eingang, von zwei Thürmen, von denen nur noch der eine kaum erhalten, einst geziert und gleichsam geschützt. Eine geräumige, pfeilergetragene Halle, ein geweihtes Cymetrium nahm die Schaaren der Beter auf, die der Tempel vielleicht nicht fasste; in ihr stand wohl auch jenes riesige Steinbecken, als Weihkessel, das, jetzt am Boden liegend, der Betrachtung nicht unwerth ist. Mächtig in fünffachen, säulengezierten Rundbogen wölbt sich das Portal, dessen Säulenkapitäler noch die schönen Drachen- und Arabesken-Verzierungen zeigen, die eine Eigenthümlichkeit des neugriechischen Baustyls sind. Sieben, wieder von Säulen getragene Rundbogen reihen sich über dem Portal, über welchem zwei grosse Fensteröffnungen unter einer Bogenverzierung angebracht sind, von welcher der Giebel aufsteigt. Hohe Tannen und Fichten wurzeln nebst grünendem Gesträuch in grosser Anzahl auf dem Gemäuer und verleihen ihm einen ganz besonders malerischen Schmuck. Das Portal wird von schlanken Rothtannen überragt, und zu ihnen hinauf haben sich Birken und Flieder, Vogelbeerstämme und Wachholder, Himbeeren und Bittersüss in nachbarlicher Eintracht gesellt. Durch das Portal eintretend, erblickt der Wanderer die Doppelreihe von sechs starken Säulen, nebst zwei mächtigen Pfeilern, und zur Linken die noch ganz erhaltene Seitenwand mit ihren neun kleinern Bogenöffnungen unten und acht grössern oben, bis zu der Stelle, wo auf den Pfeilern ruhend ein kühngesprengter Bogen die Scheidewand andeutet, wo die Seitenarme des Kirchenkreuzes und der hohe Chor beginnen. Die Decke des schönen Tempels, der ausser dem Hochaltar noch eine grosse Zahl von Seitenaltären hatte, war nicht gewölbt, sondern flach, die Mauer der Vorbaue des Kreuzes ist noch grösstentheils erhalten, und die innere, von den Säulen getragene, steigt 60 Fuss hoch empor. Schwache Spuren alterthümlicher Wandmalereien entdeckte Wagners forschender Blick; mehre verwitternde, moosbedeckte Grabsteine liegen am beraseten Boden. Auch von der Morgenseite gewährt die reizende, grandiose Ruine ein schönes Bild, das die Wanderer durch langes Beschauen dauernd in sich aufzunehmen suchten. Die Abendsonne küsste scheidend das Thal, ein Glöckchen auf dem alten Thurme ward geläutet, die Ruine glühte, wie im Gebet, durch die Bäume und Büsche auf ihr und um sie her ging ein Rauschen; es war, als wehe der Geist der Vorzeit durch die öden Räume, über die alten Gräber. Als Dämmerung zu schatten begann, gingen die Wanderer nach dem Gasthause des dicht anliegenden Dorfes, wo eine Schaar Studenten bei vollen Flaschen sass. Den heitern Musensöhnen ward sich heiter zugesellt und mit ihnen mehr über die Gegenwart, als über die Vergangenheit gesprochen, manch ernstes, manch lustiges Wort, wie es eben kam. Mit aufblühender Jugend sich selbst verjüngen, ist Genuss. Meist schwärmt noch ihr Herz und hängt an Idealen, es sind die schönsten Tage des Jahres, wenn die Bienen – schwärmen. Immer erfreut den Verständigen der Anblick dieser goldnen Zeit der Freiheit; über die jugendfrohen Gestalten giessen die Götter holden Zauber aus. Da ist kein Abzeichen künftigen Ständeunterschiedes; der künftige Minister trinkt mit dem künftigen Dorfpfarrer aus einem Glase, ein Bruderband umschlingt Alle, so war es wenigstens am längsten, ist es grösstenteils noch, bei den Jenensern . Wohl Allen, die ihrer akademischen Jugend aus rechter Herzensfülle froh geworden, ehe Zeit und Verhältnisse sie hinter Actenstösse, in Antichambren, in dumpfe Kranken-, peinliche Gerichtsstuben oder hinter die Düngerstätten schlecht dotirter Landpfarreien bannten, wo die Einseitigkeit ihr Dominium und Domicil hat, und das Leben aus gefärbter und trüber Brille grämlich anschaut, und was am schlimmsten ist, sich oft so stilitisch isolirt, dass sie sich und ihr Thun, Wissen und Glauben für unfehlbar und allein richtig hält. Der Vollmond war emporgestiegen über das Waldgebirge; alle Versammelten, unter ihnen auch einige Reisende, die kurz vorher von Königssee angekommen, ein Herr und drei Damen, brachen nach den Ruinen auf. Der Mondschein umspann diese mit einem magischen Lichtnetze, das durch die Fensterbogen in langen Streifen fiel, durch die Büsche auf dem Gemäuer zitterte, im Thau funkelte, der auf dem feuchten Rasenteppich flimmerte. Einzeln irrten Leuchtkäfer um die Büsche, Fledermäuse schossen, den Damen schreckhaft, wie Lemuren umher. Die Damen selbst, in ihren weissen Kleidern, glichen den Geistern der Nonnen, die in diese Zellen Paulina Reclusa versammelt. Die Stimmung, welche sich aller Anwesenden bemächtigt hatte, konnte nur eine ernste sein; man sprach leise, als ob man fürchte, das erhabene Schweigen dieser Einsamkeit zu stören. Jetzt trat Otto an die Stelle, wo einst der Hochaltar gestanden, unter der im Steinsarkophag die irdischen Reste der Tochter Moricho's ruhen, und sprach Welkers schönes Gedicht auf diese Ruine. Alle standen tief schweigend um den Sprecher; einige Studenten hatten sich weggeschlichen. Als Jener die Stelle gesprochen: In dem Dom zu Paulinzelle, In des Thales Zaubergrunde Hebt das Hochamt wieder an! Aber nicht bei Kerzenhelle Kommt der Chor, der Sacristan, Nah'n und gehen die Gestalten: Nur die Mondesfackel flammt, Vielgetheilt durch Mauerspalten; Und es wird ein Todtenamt In der öden Nacht gehalten – da erklang es mit einemmale wunderbar und feierlich von tiefen Männerstimmen: Requiem aeternam dona eis domine! Et lux perpetua luceat eis, ut in resurrectionis gloria! dass die Damen sich heimlich schauernd eng aneinander schmiegten. Es war ein erhebender Moment, einer der seltenen, in denen das Walten einer höhern Macht nahe und erkennbar zu dem Menschengeiste tritt und ihn mit Gefühlen erfüllt, die davon zeugen, dass dem Geiste eine längere Dauer, als diese Spanne Erdenleben, beschieden ist. – Wir können nichts ahnen, was nicht vorhanden, wäre es auch nur für den Ahnenden; jede Hoffnung trägt ihren Anker, für jeden Anker gibt es einen Grund – wenn unser sterbliches Auge auch nicht durch die Wellen schaut, die über ihm wogen. – In dem stillen Paulinzelle fanden die Fremden alle ein zwar beschränktes, doch leidliches Nachtlager, auf das sie das Sprüchwort von den frommen Lämmern anwenden mussten. Schwarzburg und das Schwarzathal. »Was sind nur das für Leute, deren uns schon mehre hin und her auf einsamen Waldwegen begegnet sind, und was tragen sie in den Schachteln, die über einander gethürmt auf ihren hölzernen Reifen stehen? und warum umgibt sie ein Dunstkreis, wie der Beistand der Ohnmachten, Hoffmannischer Liquor?« fragte Lenz, als die Freunde am andern Morgen bereits Paulinzelle eine Strecke hinter sich hatten, langsam bergan stiegen, und ein Mann wie der beschriebene, mit ernstem Gruss an ihnen, vom Berge herab kommend, vorüberschritt. »Das ist eine Frage, Liebster«, erwiederte Otto, »die mich verführen könnte, weitläufig zu werden. Dieser Mann ist ein sogenannter Balsamsträger, insgemein Königsseer genannt; sein Gewerbe hängt eng mit einem Industriezweige des Thüringerwaldes zusammen, das einst dem Lande Tausende einbrachte, jetzt aber im Sinken ist und nach Jahren nur in der Tradition fortleben wird, da in Büchern nur Weniges davon und darüber zu lesen. Nicht nur in Königssee, auf das wir zusteuern, sondern in mehren andern Orten des Waldes, namentlich Breitenbach und Oberweissbach, erhob sich in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts wunderbar schnell ein Medicamentenhandel, der zur blühendsten Ausdehnung gelangte. Ein Breitenbacher Apotheker, Mylius, kam auf den Einfall, Schwefelbalsam zu fertigen und auf dem Walde hausiren tragen zu lassen; ein anderer kluger Kopf, dessen Andenken unter dem Namen Junker Hans, nicht der von Rippach, noch lebt, kochte Wachholdersaft, destillirte Öl von Tannenzapfen, und lernte die Kunst, edle Aquavite zu brennen. Das Geschäft stieg zu immer grösserm Flor, die Laboranten , diess war der Titel der neuen Mediatoren, sandten nun auf den Rücken ihrer Commissionare, der Balsamsträger, Olitätenhändler, in alle Welt alle erdenklichen Essenzen und Tincturen, Pillen und Pulver, Salze und Tropfen; für jeglich Gepress ein Polychrest, und bald gewährte der neue Erwerbszweig den Einwohnern von zwölf Schwarzburgischen Dörfern im Amte Königssee reichlichen Verdienst. Solch ein Mann war und ist eine ambulante Materialkammer, ein allzeitfertiger Defectarius; von Haus zu Haus spricht er ein, in jedem ist doch mindestens ein verdorbener Magen, ein Augenübel, ein Verstopfter, ein Katarrh, eine Unregelmässigkeit, und da muss Dieser Essentia amara , Jener Schneeberger Schnupftabak, ein Dritter Merkurialpillen, diese Brustpulver und jene Aloetropfen nothwendig kaufen. Gedruckte Etiketten geben über den Gebrauch volle Auskunft, und wenn es Euch irgendwo fehlen sollte, so schaffe ich Euch für wenige Pfennige ein gerechtes Haupt- und Flusspulver, das den verlorenen Verstand wiederbringt – das verlorene Gehör, wollte ich sagen. Solcher Handel ging nun eine Zeitlang ungeheuer; ganz Thüringen, Sachsen, Westphalen, Hannover, Holland, die Schweiz, Preussen und Pommern, Baiern und Oesterreich durchzogen die Balsamträger vom Thüringer-Walde mit guten Pässen des Amtes zu Königssee, und waren oft in entlegenen Hütten, wo Arzt und Apotheke fern, Boten des Heils, wie vom Himmel gesandt. Auf den Märkten standen sie mit offenen Buden, von Käufern umdrängt, denn nach Hülfe geht, wer Hülfe bedürftig ist; in der Asche sucht man, nach einem thüringischen Sprichwort, das Feuer. Viele wurden reich durch das Laborantenwesen, und die Handelsreisenden schliffen sich ab in der Fremde, sammelten Erfahrung und Lebensklugheit und trugen heimkehrend auf den leeren Reffen den nützlichsten aller Kobolde, den Luxus, in ihre Waldeinsiedeleien. Natürlich gehörte nächst einiger Kenntniss der Waaren auch Suada dazu, sie anpreisend los zu werden, daher in Hamburg das Sprichwort lebt: He is so klook, as wenn he ut den Thüringerwald keem.« »Und warum verfiel dieser blühende Handel?« fragten die Wanderer, die jetzt auf dem Gipfel des waldigen Sandberges, der Schönen Eiche, standen, und sich anschickten, den steilen Pfad nach Königssee hinabzuschreiten. »Er verfiel«, antwortete Otto, »weil sich die Intelligenz hob. Die Regierungen verboten, eine nach der andern, das Hausiren mit Medicamenten, welches wohlapprobirte und examinirte Aerzte und Pharmaceuten beeinträchtigte; auch begann allmälig im Volke der Glaube an die Unfehlbarkeit der Panacene zu schwinden und mit ihm der beste Grundpfeiler dieses Handels. Er blühet nun unter tausend Beschränkungen gemässigt fort, die heilsame Pflanze des Waldes vegetirt im Garten und hat ihr bestes Arom verloren. Dass sie Manchem zu Gift ward, der sie mit Unverstand brauchte, dazu konnte sie nichts; auch aus ihren Nektarien tranken die Bienen Honig.« »Du siehst doch Alles mit besonderem Auge an«, sprach Lenz, »und Deine Neigung gestattete wohl noch auf lange Zeit einen Handel, den die Weisheit der Staatsgewalt verbieten und beschränken muss.« »Kann ich anders?« fragte Otto entgegnend. »Ich gebe mich, wie ich bin. Es gibt ein Auge der Liebe und ein Auge des Hasses. Der Blick des ersten fällt verklärend selbst auf das minder Schöne, wie ein Sonnenstrahl, der einen rauhen Felsen schmückend umfliesst; der Blick des andern fällt schneidend wie ein Dolch auf das Schöne und verwundet es grausam. Es gibt Menschen, die immer und immer mit dem »bösen Blick« behaftet sind; ich freue mich, für Vieles den Blick der Liebe zu haben.« Das kleine Städtchen Königssee, das in alter und neuer Zeit sehr oft grosses Brandunglück erlitt, war bald erreicht. In einen wasserreichen Thalkessel eingebaut, gewinnt die Sage Wahrscheinlichkeit, dass die Stadt an eines See's Stätte stehe. Sein Ursprung verliert sich im grauen Alterthume; im Mittelalter war es bekannt durch seinen unweisen Rath, ein lustiges Narren-Gericht; wir wollen ihm in der Gegenwart einen um so weisern wünschen. Zum langen Aufenthalte bot Königssee keine Anziehungspunkte, daher es Otto vorzog, mit den Freunden, ehe sie ihre Strasse weiter verfolgten, eine kleine Strecke westlich zu gehen und ihnen die grotesken Rauhkalkfelsen des Pfaffensteins zu zeigen, durch welche ein schmaler Fusspfad sich windet. Dann wurde eine Höhle besucht, die Mönchskapelle, die sich in einer über dem Dorfe Garsitz aufgegipfelten Felsparthie, zackig und zerklüftet, befindet und, bei 8 Schritt Breite, gegen 40 Schritte tief ist. Lenz fand in ihr einige Tropfsteingebilde. Bald sahen sich die Wanderer wieder in dem nettgebauten Städtchen, von dem frühen Ausfluge zurückgekehrt. Ein ländliches Frühstück wurde nicht verschmäht, um zum neuen Marsch zu kräftigen; ein schöner Tag stand bevor, die herrliche Gegend Schwarzburgs sollte, wie eine vollendete Schönheit dem Auge des Malers, alle ihre Reize entfalten. Ueber mehre Dörfer führte der belebte Weg; bald rasselte ein Fuhrwerk vor oder nach, bald begegneten uns Lustreisende, bald fröhliche, muntere Mädchen, gesprächige Bursche in wohlgefälliger Tracht. Am Katzenberge, über den die Strasse läuft, zeigte sich ein schöner Alabasterbruch, und in der Waldung des Tännigs entdeckte der Botaniker manche nicht gewöhnliche Pflanze. Abwärts stiegen die Wanderer den Bergpfad, Bachesrauschen grüsste aus der Thaltiefe und es lichtete sich das Dickicht des Forstes, der Blick ward frei – aber gefesselt von einer der malerischesten Ansichten, standen die Wanderer staunend da. Hoch thronend auf der Spitze einer Felszunge, die sich in den reizend grünen Thalgrund, von hohen Waldbergen rings umschlossen, hineinstreckte, sahen sie ein stattliches Schloss von der Bauart späterer Zeiten, mit einem Thurm und altertümlichen Nebengebäuden, prangen. Es war Schwarzburg , das Pilgerziel unzähliger Reisenden, die Stammburg zweier blühenden Fürstenhäuser, Wiege und Sarg, da auch das Fürstlich Rudolstädtische Erbbegräbniss sich im Schlosse befindet. Unten am Fusse des Berges, vorzugsweise das Thal genannt, lagert das 50 Häuser grosse Dorf gleichen Namens, dessen Bewohner sich die »Männer von Schwarzburg« nennen. Wagner rief entzückt aus: »Wahrhaftig, das Schloss dort steht wie eine Königin in malerisch drappirten Gewändern von verschiedenartigem Grün. Unten umfliesst der rauschende Bach als Silbersaum das schimmernde Kleid, und weithin leuchtet das weisse Haupt unter der dunkeln Krone!« »Lasst uns eingehen in jenen stattlichen Bau ; gewiss enthält er des Sehenswerthen Mancherlei, und wäre das nicht, so muss sich dem dort oben Stehenden das Thal reizend mannichfaltig ausnehmen!« sprach Lenz, und Otto bestätigte: »Ich führe euch zu Beiden; folgt mir nur hinauf!« Bald durchwandelten die Freunde Hof und Hallen des Schlosses Schwarzburg, betrachteten im erstem die schöne Säulenkolonade von vaterländischem Gestein, und stiegen die blanke Marmortreppe empor, um auf den langen Gallerien eine ausgezeichnete Geweihesammlung in den Schwarzburger Forsten erlegter Hirsche zu besehen. Ein gefälliger und bereitwilliger Kastellan unterliess nicht, auf manches schöne und seltne Geräth oder Bildwerk in den Zimmern aufmerksam zu machen, bei einer hübschen Sammlung von nahe an dritthalbhundert Stück Pferdebildern anzuführen, dass dieselben von dem Fürsten Ludwig Günther eigenhändig gemalt worden, und endlich an einem der Fenster zum Genuss der wildromantisch-schönen Aussicht einzuladen, die auf vielfache Weise das Auge angenehm beschäftigt. »Wahrlich, wie ich mir den Blick von diesem Hochpunkt dachte, so finde ich ihn!« rief Lenz aus. »Seht wie schroff diese Felsen sich zur Tiefe hinabsenken und ihren nackten Fuss badend in die Silberwellen des Flüsschens setzen!« In mannichfacher Abwechslung des Laubgrüns prangend, hob sich gegenüber mitten aus dem Düster der entlegnern Tannenforsten ein Theil des Thiergartens, und auf der Wiese tief unten scherzte unbefangen junges Wild. »Was tausend!« rief Wagner: »Was wühlt sich denn dort so schwarz und klumpig aus dem Dickig hervor, das sind doch keine jungen Rehe oder Bären? Ich kann's nicht recht erkennen!« »Etwas ist's, das man nicht alle Tage sieht,« bemerkte Lenz auf Wagners Frage: »eine Bache mit einem Rudel Frischlingen. Seht nur wie gehäbig sich das alte Mutterschwein im sumpfigen Rasen der schattigen Waldwiese wälzt, und die Jungen possierlich um sie her springen!« »Schwarzwildpret ist ein köstliches Essen!« sprach Otto mit dem tragikomischen Seufzer eines Gourmands, dem nach einer leckern Speise der Mund wässert, und die Freunde, die ihn wohl verstanden, lachten ihn aus. Die Gesellschaft musste sich von der reizenden Aussicht auf Wald und Wild, Bach und Bache losreissen und dem Führer zum sogenannten Kaisersaale folgen, der, von oben durch eine hohe Kuppel sein Licht empfangend, an allen Wänden die Bildnisse aller römischen Kaiser enthält. Von Julius Cäsar an bis auf Karl VI., prangen da die Mehrer des Reichs, unter ihnen auch Günther, der berühmte Schwarzburger. »Die Kaiserbilder sind herzlich schlecht,« urtheilte Wagner: »doch lässt sich Vieles bei ihnen denken. Fast jeder dieser Männer half ein ziemliches Stück Weltgeschichte machen, das ist doch etwas der Mühe Werthes, wenn auch nicht jedem sein Stück gerieth.« Die Freunde verliessen das Schloss und suchten den Zeugwart auf, damit er ihnen die Rüstkammer zeige, welche in einem besondern Gebäude, tiefer als das Schloss gelegen, ihre sehenswerthen Räume öffnet. Die Schwarzburger Sammlung alter Waffen, Rüstungen und Heergeräthe ist neben der auf Wartburg die reichste und wohlgeordnetste in Thüringen. Manches Stück wurde besonders betrachtet. Ein Willkommenbecher von künstlicher Arbeit, aus welchem während des Trinkens krachende Schüsse fuhren, die den Trinkenden nicht stören durften; das Schwert Kaiser Günthers, ein Helm, Koller und Schwertgurt Gustav Adolphs und dergleichen zog billige Aufmerksamkeit auf sich. Herrliche Gewehre zeugten von der Jagdliebe der Regenten Schwarzburgs, und wie hätte es anders sein können in einem so forstenreichen Lande, das in alle Weise der Ausübung des edlen Waidwerks günstig war. Man muss von hohen Berggipfeln die ausgedehnten Strecken des Thüringer Waldes überschauen, auf denen oft viele Meilen weit nichts als Waldhöhen, Waldthäler und kräuterreiche Waldwiesen erblickt werden, um sich zu überzeugen, dass hier ein Jagd- und Jägerland, dass hier die Heimath manch edlen Wildes. In diesen Wäldern erschallt im Beginn des Lenzes das Balzgeschrei des Auerhahns an östlichen Bergabhängen, und der Birkhahn kollert und pullert liebesehnsüchtig seinen Ruf, der wie »Frau! Frau!« klingt; durch diese Wälder dröhnt dumpf um Egydi der Hirsche Brunstbrüllen, so heiss und gewaltig fast, wie das Gebrüll des Königs der Wüste, wenn ihn hungert. In die Erdhöhlen dieser tiefen Niederungen gräbt der Dachs die Kessel seiner Baue, und um die Felsklippen streicht listig Meister Reinecke, um ein Häschen oder einen Vogel zu belauern. – Befriedigt vom Anblick der zahllosen alterthümlichen Armaturen, Gewehre und Kanonen verliessen die Freunde das Zeughaus und wandten sich dem Wirthshause zu. Es waren mehre Reisende darin; wie wandernde Sommervögel schwärmen ihre Schaaren um das romantische Gebirgsschloss; es wird fast nicht leer in der schönen Jahreszeit. Ab und zu strömen die heitern Gäste, und vertheilen sich dann nach allen Richtungen des Waldes hin; der Meisten ersehntes und lohnendes Ziel oder Wanderpunkt ist dann gewöhnlich Paulinzelle. Der »weisse Hirsch« hatte ein schmackhaftes ländliches Mittagsmahl, guten Wein und heitre Unterhaltung gewährt; noch eine Tasse Kaffee und dann den Wanderstab zur Hand. Es waren heute nur noch vier Stunden zu wandern, man konnte gemächlich heiter sich des herrlichen Tages freuen und grüsste bald den Felsgipfel des steilen Tripstein, von dem aus gesehen, Schloss und Dorf und Thal sich als ein vollendet reizendes, in allen Theilen harmonisches Naturgemälde darstellen. Wagner sprach sich entzückt darüber aus: »Es gibt Landschaften,« äusserte er: »die man mit einem Blick festzaubern möchte in den Spiegel unvergänglicher Erinnerung, bei deren Anblick man weder in Nähe noch Ferne auch das Mindeste vermisst. Eine solche ist die, welche sich vor unserm Auge hier ausbreitet, alles Einklang in den verschiedenen Abstufungen des Grün; im Braun der Stämme, im Grau und Schwarz der Felsen, und darüber das tiefe herrliche Blau des Himmels, wiedergespiegelt vom Bach, dessen Wellengeräusch anmuthig bis herauf zur Steinbank dringt, auf welcher wir rasten. Ich liebe solche geschlossene Landschaften, um welche die ewige Bildnerin Natur selbst einen Rahmen zog; es gibt prachtvollere, wie diese, aber an heimlicher Anmuth sucht auch diese ihres Gleichen.« »Oft schon kam mir der Gedanke als Wunsch,« nahm Otto das Wort: »dass irgend ein Mittel erfunden werden möge, jedes schöne Naturbild ohne mühsames Nachzeichnen sogleich farbig und vollendet so zu fixiren, wie es sich in Verkleinerungsspiegeln oder in der Camera clara darstellt; ein Wunsch der freilich hyperphantastisch und unmöglich erscheint; es müsste. eben ein chemischer Stoff sein, welcher Farbe und Zeichnung der durch optische Gläser auf ihn geworfenen Landschaftsbilder annähme, und festhielte.« »Nicht übel,« sagte Lenz lächelnd: »erfinde solches Kunststück, theurer Chemiker, dann drehen dir die Landschafter den Hals um, denn diese Kunst brächte sie sicher um alles Brod.« »Vor meiner Hand wird unsers Freundes Hals sicher sein,« scherzte Wagner: »und ich warte billig bis zu meinem sanftseligen Tode diese nützliche Erfindung ab.« Heiter gestimmt stiegen nun die Reisegefährten in das berühmte, höchst pittoreske Schwarzathal herab und erreichten einen herrlichen Punkt der Hochstrasse, von dem aus malerisch über dem Tannenforst noch einmal das Schloss Schwarzburg sichtbar ward. Eine Eremitenzelle, unter aufgipfelnder Schieferfelswand, schien zur Ruhe einzuladen, unter die Baumsäulen ihrer Vorhalle stellten sich rastend und bewundernd-schauend, die Freunde, tief unten brausste der Bergfluss, leuchtete smaragdgrün eine Thalwiese. Abwärts führte der Weg, durch trauliches Waldesdunkel, zwischen Lärchen und Föhren hin, reizend-einsam; schroff sinken die Felshöheu von beiden Seiten nach dem engen Flussbett hinab. Der Flossrechen ward erreicht, tief im Grunde, zu einer kleinen Wiese erweiterte sich das Thal, ein Häuschen von rohen Fichtenstämmen ruhte traulich im Frieden, wie eine Waldeinsiedelei, eine Quelle springt frisch und erquickend in der Nähe. Ernst schauen von der Wand des Fuchsenstein schräg angelagerte Felszacken herab. Die Freunde nahmen sich Zeit, sie eilten nicht, sie ruhten; Wagner zeichnete, Otto zeigte Lenz die Spuren von früher bedeutenden Goldwäschen in der lebendig dahin rollenden Schwarza. Dann in freundlichen Gesprächen weiter wandernd wurde das Thal abwärts durchschritten, durch das einst mühsam der Bergstrom seine Krümmungen wühlte und sein Bette auswusch, der jetzt zum Flüsschen geworden, den Reiz dieser wildromantischen Parthien erhöht. Höher gipfeln sich die Bergwände empor, enger treten sie aneinander, sie verschlingen den Fahrweg, den Fluss, die Fernsicht, dann plötzlich bei einer neuen Krümmung scheinen sie zurück zu treten, wie Coulissen eines Gigantentheaters bei der Verwandlung. Ab und auf ziehen Wanderer die Strasse, die an manchen Gebirgsweg in den Alpen Tyrols erinnert; zuweilen schallt Geräusch vom Geröll der Steinbrüche, und man sieht Arbeiter auf steilen und schwindlichen Höhen klettern. – Und immer enger wird, nachdem mehr als eine seiner vielen Krümmungen mit immer neuen Gestaltungen der Bergwände zurückgelegt ist, das Schwarzathal, stärker brausst der Fluss; die Wandrer standen am felssteinernen Wehr. »Hier hat,« sprach Otto zu seinen Gefährten: »der Strom nur mit höchster Anstrengung den Titanentrotz des Felsenbergs überwunden, und sein starkes Brausen über die schwarzen Schieferklumpen ist ein dauernder Nachhall jenes Donnertosens, mit welchem er einst sich gewaltig die freie Bahn erzwang. Seht hier unter den hellen Wasser die dunkeln Höhlungen, in diesen trieb der Strom Steine um, die den Schiefer rings abschliffen, bis sie so weit Raum hatten, dass angeschwellte Fluth sie mit fortreissen konnte. Noch immer könnt ihr solche Steine kreiseln sehen.« »Auch diese schöne Parthie zu zeichnen, müsst ihr mir Zeit lassen!« rief Wagner aus, indem er sein Scizzenbuch bereits am passendsten Standpunkt aufschlug. – »Man möchte sich badend in dieses klare frische Bergwasser stürzen,« wünschte Lenz gegen Otto: »wäre es nur tiefer, eine heimliche Stelle wollten wir bald auffinden. Es muss eine Götterlust sein, die blanken raschen Wellen so über sich hinschlüpfen zu lassen!« »Gewiss,« bestätigte der Geleiter: »und ich wünschte euch an eine solche Stelle zu bringen; übrigens ist das Wasser sehr kalt, und mag ohne grosse Vorsicht zum Bade nicht gewählt werden.« Als die Freunde weiter schritten, gewahrten sie wieder ein kleines ländliches Häuschen am Ufer rechts, und es wurde ihnen der steil empor gegipfelte Kirchenfelsen sichtbar, der imposant, wie der König dieser Bergnatur, dem Wanderer in den Weg tritt. Fast senkrecht thürmen sich die gewaltigen Massen des quarzreichen Thonschiefers empor, wie kolossale Quadern, wie schräge Mauern, die den Einsturz drohen, und enden in beträchtlicher Höhe mit Zacken, die schiefen Thürmen gleichen. Es ist die schönste Stelle des Thales. Von jeder Seite nun erscheint dieser malerische Fels verändert, und nimmt sich in seiner düster, nur sparsam umbuschten Nacktheit sehr schön aus gegen die grösstentheils fichten- und tannenbewaldeten Berghöhen seiner Umgebung. Hier ist das Thal am engsten, sind die Berge am höchsten, und in immer wechselnden Bogenwindungen ziehen Fluss und Strasse dem Ausgang desselben zu. Bald war, nachdem die Freunde an den pittoresken Parthien des Kirchfelsens sich satt gesehen, die Stelle erreicht, wo rechts der Brausdorfer Grund, der ebenfalls malerische Felsbildungen und liebliche kleine Cascadellen darbietet, in das Schwarzathal einmündet. Dort verflachen sich die Berge zur Rechten, während sie zur Linken noch steil absteigen; die Kunststrasse zieht immer au dieser Seite hin. Nur allmählig wird die Schwarza breiter; wie eine Dame, die einen echoffanten Weg gemacht, streckt sie sich behaglich auf das Sopha grüner Wiesen, und lässt sich von der Pappelallee fächeln, die ihr als freundlicher Begleiter zur Seite zieht. Sie hat noch ein breites Wehr zu überrauschen und eine Mühle zu treiben, dann aber zieht sie ruhig ihren noch kurzen Lauf entlang, um eine Stunde weiter der befreundeten Saale in die Arme zu sinken. Die Wandrer hatten am Ausgang des fels- und waldreichen Schwarzathales, höchst befriedigt von dem Genuss seiner Naturschönheiten sich noch einmal dankend zurück gewandt; eine Anhöhe, über welche die Strasse steigt, bot dazu den passenden Punkt. Hinter ihnen lagerten in grossartiger Ruhe die Berge, vor ihnen wurde schon der Blick auf die Blankenburger Gegend frei, verweilte aber zunächst auf einem stattlichen Gasthaus ohnweit der Papiermühle, und Otto säumte nicht, ein besonders köstliches Bier anzupreisen, das dort zu haben sei, worauf Lenz erwiederte: »Wir haben nun zwei Stunden lang dem Wasser, nehmlich dem dort unten rauschenden, gebührende Aufmerksamkeit geschenkt, es freut mich, dass sich die Scenerie verwandelt, lasst uns nicht säumen, das gepriesene Heiligthum der Ceres thuringica zu beschreiten! Sit aditus benedictus! « »Ich führe euch,« sprach Otto im Gehen: jetzt mitten in einen Edelstein. Jenes Gasthaus zum Schwarzburger Hof führt in der ganzen Umgegend den Namen Chrysopras . Früher, da hier in der Nähe eine Eisensteingrube betrieben wurde, war es Zechenhaus, jetzt ist ein Zechhaus daraus geworden. Den seltsamen Namen verdankt es einem Geologen, Bergrath Dantz, welcher in der Nähe Berlins eine Chrysoprasgrube entdeckte. »Wirklich?« fragte Lenz, »bereicherte jener Mann das pretiöse Berlin mit Pretiosen? Seltsam, das hier in Thüringen sein Haus den Namen des dortigen Fundobjekts empfing!« Von traulich über ihren Häuptern rauschenden Bäumen umschattet, rasteten die Wandrer geraume Zeit, ehe sie weiter gingen, um im nahen Blankenburg ein Fuhrwerk, das sie nach Rudolstadt bringen sollte, aufzutreiben. Rudolstadt. »Das ist Volkstedt,« nannte Otto den Freunden, die sich des Anblicks des ausgebreiteten, mit Alleen geschmückten, mit reichen Wiesen prangenden Saalgrundes freuten, ein nahe am Fluss gelegenes Dorf, durch das die Strasse sie führte, und wo er den Wagen halten liess. »Wir wollen nicht vornehm vorüberfahren, hier wohnte Schiller, hier lebte er eine glücklichere Zeit im Genuss einer reinen und seligen Liebe und Freundschaft, einer entzückendem Natur, als in dem einsamen Bauerbach, wo so Manches den edlen Dichter presste und drückte, das ihn zu bittern Aeusserungen veranlasste. Ich habe euch den Ort gezeigt, der ihm als Flüchtling ein, wenn äusserlich noch so beschränktes, doch gastliches Asyl gewährte, sehen wir nun auch einen Ort, der ihm lieb war vor Vielen, lieb eben um der Liebe Willen.« Vor Volkstedt lag des Dichters Wohnung. Er konnte die Saale sehen, mit ihren lachenden Ufern, den Kranz ihrer Waldberge, manchen schöngelegenen Ort, auch die nahe prangende Fürstenresidenz, das hochgebaute Schloss von Rudolstadt. Eine Anhöhe, welche hinauf Otto die Freunde führte, war sein Lieblingsspaziergang; dort errichtete dankbare Erinnerung dem unsterblichen Sänger ein einfachwürdiges Denkmal, und die Reisenden weilten mit stiller Verehrung vor der bronzenen Büste nach Danneckers unübertrefflichem Modell. Das grosse sinnende Dichterauge ist dem Thale zugekehrt und dem Hause, die beide ihm so lieb geworden, und eine alte Eiche beherrscht ernst die freundlichen Anlagen der oft besuchten Schillers-Höhe. – Von Volkstedt hätte Otto noch den Freunden berichten können und sollen, dass dort eine der ältesten und äusserst lebhaft betriebenen Porcellanfabriken besteht, allein er wollte nicht jetzt mit einem Referat industriellen Interesses das poetische stören, welches die Erinnerung an einen der liebenswürdigsten Geister der deutschen Nation erregen musste, der hier weilend, diese Stätte weihte. Ungemein imposant und stattlich grüsste nun die Weiterfahrenden das Rudolstädter Schloss von seiner Höhe, und die gutgebaute Stadt entfaltete sich den Blicken mehr und mehr. »Rudolstadt hat eine herrliche Lage!« rief Wagner aus, liess den Wagen anhalten und zeichnete, wodurch Lenz und Otto Muse gewannen, sich nach allen Richtungen hin bequemlich umzuschauen. Gleich wo die Stadt beginnt, ohnweit des Platzes, auf welchem das Vogelschiessen, auch eins der frequentesten in ganz Thüringen, und das langdauernste, gehalten wird, winkte ein stattliches Gasthaus zur Einkehr. »Hier wollen wir uns recht umsehen!« sprach Otto, als er aus dem Wagen sprang, und freute sich schon im Voraus darauf, hier den lieben Gefährten wieder als Cicerone dienen zu können. Es gewährt dem Naturfreund eben so viel eigenthümliche Freude, Freunden das Bekannte, oft Geschaute als Neues, für sie bisher Unbekanntes, zeigen zu können; dadurch erhalten liebgewordne Gegenden dauernden Reiz für den Einheimischen, der sie gern mit Antheil betrachtet, vielleicht, wenn sie es verdienen, bewundert sieht – als es einem Sammler Genuss verschafft, Kundigen seine Schätze vorzulegen, weil beide in der fremden Anerkennung ein Echo ihrer Vorliebe oder einen Einklang individueller Geistesrichtung wiederfinden, daher solches Zeigen und Vorzeigen weit seltner ein Verdienst, wie die Höflichkeit gebietet, es anzusehen und zu rühmen, als ein persönliches Vergnügen durch Befriedigung eigner Liebhaberei heissen möchte. Ein schöner Sommerabend bot noch hinlängliche Zeit, die Gegend Rudolstadts von einem gut gelegenen Standpunkt zu betrachten, und wo hätte dieser besser sich finden lassen, als von den hohen Mauerterrassen des Schlosses, der Heidecksburg , und von den Hochpunkten des hinter dem Schlosse sich weit erstreckenden Hains, wo hinauf die Freunde auf schön gebahntem Kiesweg aufwärts wandelten! Bald wurde der eine, bald der andre Punkt auf der freundlichen Höhe aufgesucht, deren gegen das Thal auslaufende Endzunge vom Schloss gekrönt wird, das von verschiedner und ungleich zeitiger Bauart besser pittoresk in der Ferne wirkt, als in der Nähe. Nach Süden und Osten blickend und so auf den Weg, den sie gekommen waren, zeigte der Führer zunächst nach Volkstedt hin und auf die hier nur wenig gekrümmte Saale, auf das malerisch situirte Dorf Unterpreilip, über dessen felsgeschmückte Nachbarhöhe der von Saalfeld aus schon bemerkte Kulm sich emporhebt. Näher der Stadt liegt der Fluss aus seiner nördlichen Richtung nach Osten, und der Zeigenheiner Berg beschränkt den Fernblick nach Blankenburg. Ein von sanften Hügeln gebildetes Thal lässt den muntern Schallbach aus seinem Schoosse der nahen Saale zurollen, wie eine freundliche Najade silberne Fluth aus ihrer Urne giesst; es ist das Thal, in welchem Keilhau liegt, eine Erziehungsanstalt von gutem Klang in Nähe und Ferne. Noch näher dem Hain bietet der Mörlaer Graben mit schroffen Felsen, umbuschtem Geklüft, einer Felsbrücke und einem Kapellchen freundlich malerische Ansichten dar. Der Hain selbst ist zum schönen Naturpark mit geschmack- und sinnvoller Hand geweiht; nach jeder Richtung locken und führen reizende Waldeswege in seine heiligen Schatten. Es ist anzunehmen, dass überall, wo die Benennung Hain, Hagn, Hahn dauernd haften blieb, der Wald, der ihn führt, sehr frühen Ursprunges ist. Im Rudolstädter Hain erinnert nun zumal eine uralte Eiche an das vorzeitliche Naturtempelhaus. Tempel und Denkmäler der Neuzeit, in den Anlagen verstreut, führen den Blick, der sinnend auf dem altergrauen Runenstein der Vergangenheit weilte, schnell in die heitre Gegenwart zurück, und mannichfachschöne Aussichten auf Fels und Wald, Stadt und Thal, Strom und belebte Wiesen locken ihn zu weilendem Niederlassen da und dort. Auf einer Gartenbank ohnweit des hochragenden Fürstenbaues genossen die drei Freunde den wonnigen Sommerabend, und Otto benutzte diese der ruhigen Betrachtung gewidmeten Momente, seinen Begleitern über den Ursprung und die Geschichte Rudolstadts einiges anzudeuten, immer mehr das sagenhafte, romantische, als das strenggeschichtliche Interesse dabei im Auge behaltend. »Die frühe Tradition,« begann er: »lässt Rudolstadt durch den Thüringer Herzog Rudolf oder Radulf gründen, denselben, der unter dem Frankenkönig Dagobert glorreiche Siege gegen die nachbarlichen Sorben und Wenden erfocht, und sich zum mächtigen Herrn und Gebieter des Thüringerlandes erhob. Die spätem Herren der Stadt waren thüringische Gaugrafen, von denen die von Orlamünde zuerst bedeutend in der Geschichte dieser Stadt hervortreten. Lange blieb die Stadt als Reichslehen im Besitz dieses Geschlechts, bis sie die Grafen von Schwarzburg erst als Pfand, dann als Eigenthum erwarben. Mehr als einmal verschwägerten sich diese Grafen mit denen von Henneberg, und besonders ragt eine edle Hennebergerin, Katharine, Gemahlin des Grafen Heinrich des sieben und dreissigsten, würdig und geschichtlich bedeutsam hervor.« »Ich muss bemerken,« unterbrach sich hiebei der Sprecher: »dass fast alle Schwarzburgischen Grafen und nachherigen Fürsten die Vornamen Heinrich oder Günther führen.« – »Katharina von Schwarzburg verlebte eine der merkwürdigsten Epochen, die Reformation, und den durch diese theilweise mit hervorgerufenen Bauernkrieg, nach dessen Endschaft die Gräfin als Wittwe im Schlosse zu Rudolstadt wohnte, und mit energisch männlichem Geiste das Regiment führte. Sie förderte, wo sie konnte, das Werk der Kirchenverbesserung; sie war es, die verfolgte protestantische Prediger schützte, namentlich den berühmten Saalfeldischen Pfarrer Kaspar Aquila, auf dessen Kopf ein Preiss von 5000 Gulden gesetzt war. Sie hielt ihn viele Monate lang auf ihrem Schlosse verborgen. Als eine Frau von persönlichem, wahrhaft heroischem Muthe zeigte sie sich, als nach der Schlacht bei Mühlberg das Heer Karl des Fünften unter Herzog Alba seinen verheerenden Zug durch das Saalthal nahm. Sie wirkte zunächst einen Schutzbrief für ihr Land aus, öffnete das Schloss den zahlreichen Landleuten, die mit ihrer Habe, dem Schutz nicht trauend, geflüchtet kamen; sie liess die Saalbrücke abbrechen und weiter abwärts aufschlagen, und sorgte, dass es dem kommenden Heer an Lebensmitteln nicht fehle. Der gefürchtete Herzog Alba erschien nun mit dem Herzog zu Braunschweig auf dem Schloss, um ein Frühmahl einzunehmen. Diess hatte kaum begonnen, als die Gräfin Nachricht erhielt, dass die spanischen Soldaten das Vieh der Landleute tödteten oder wegtrieben; sogleich bat Gräfin Katharina, auf den Schutzbrief trauend, ihre Gäste um Abstellung des Uebels, erhielt aber mit Lachen die Antwort, das sei also der Kriegesbrauch und lasse sich nicht ändern. Ein Wink der Gräfin, und in die Halle tritt in ernster Haltung, vom Kopf bis zum Fusse geharnischt und gewappnet, eine Kriegerschaar mit blanker Wehr. »Meinen Unterthanen ihr Recht!« spricht entschlossen die Gräfin, »oder, bei Gott, Fürstenblut für Ochsenblut !« – Und Alba wird bleich, sein nur kleines Gefolge blieb in der Stadt, er ist in den Händen der Gräfin. Der Braunschweiger Herzog, gut und klug, macht einen Scherz aus dem Ernste, beruhigt die Gräfin mit freundlicher Rede und redet Alba zu, den Befehl zur Zurückerstattung des Geraubten zu geben, worauf dieser hernach, ohne Rache zu nehmen, das Schloss verliess. Dieses Schloss litt öfter durch Feuersbrünste beträchtlich, und nicht besser ist es der Stadt ergangen, die aber immer freundlicher und schöner wieder erstand. Was das Land in dem deutschen, dreissigjährigen und siebenjährigen Kriege zu ertragen hatte, in denen es stets mehr oder minder mit zum Kriegsschauplätze wurde, verschweige ich, so wie ich die Ereignisse während der Franzosenkriege unberührt lassen will. Brechen wir auf und wandeln hinab zum stattlichen Gasthause! Morgen besehen wir das Sehenswerthe, Naturaliencabinet und Gemäldegallerie.« Die Freunde verliessen ihren Ruhesitz. Die Sonne war, während sie hier geweilt, in die Schatten des Haines hinabgesunken, die östlichen Höhen des Saalthales glühten noch in ihrem goldnen Wiederscheine. Weithin vermochte der Blick dem Laufe des geschlängelten Stromes zu folgen. Süsse Abendruhe lag auf den Fluren, Himmel und Erde küssten einander mit rosenrothen Lippen einen flammenden Gutenachtkuss. Am andern Morgen wurde im Anger gelustwandelt, unter schattenden Esplanadenbäumen gefrühstückt, dann hellen Auges und ernsten Geistes die Schätze besehen, welche ein in der Stadt gelegenes fürstliches Schloss, die Ludwigsburg, in sich schliesst: Zunächst das Naturaliencabinet mit seiner reichhaltigen und trefflich geordneten Konchyliensammluug. Bei dieser äusserte Lenz: »Die Vorliebe für schöne Schaalengehäuse nimmt jetzt merklich ab, seit man die Weichthiere ächt wissenschaftlich nach ihrem innern Bau und nicht mehr nach dem äussern ihres Wohnhauses bestimmt«; worauf Otto erwiederte: »Für mich haben, so sehr ich auch die neuen Fortschritte in der Konchyliologie als Wissenschaft anerkenne, solche Sammlungen stets etwas Erfreuendes. Die Schöpferkraft der Natur ist in diesen Schnecken und Schalen höchst poetisch ausgesprochen. Ihr Finger zeichnete hier auf ein Schneckenhaus Linien und schrieb geheimnissvolle Noten darauf, denen der Schlüssel fehlt; zeichnete dort unabsehbare weisse Zeltreihen auf dunkeln Grund, gab hier einem Hause die Form einer Harfe, einem andern die einer Messerschale, und bildete so in wundersamster Mannichfaltigkeit eine ganz eigenthümliche Welt voll schöner Formen und Farben, den Schmuck der Meerestiefe, immer dem Auge erfreulicher, als der Wurm, der in der schönen Schale lebt, sollte er auch in gastronomischer Beziehung sich noch so grossen Vorzugs erfreuen. Haltet eines der grössern Gehäuse ans Ohr und vernehmt das räthselhafte, seltsame Brausen: es klingt wie ein Nachhall des Wellenrauschens, das einst die Schnecke umtoste. Ich habe mich oft lange einsam so hingesetzt, dem Getöse nachgesonnen und mich tief in den Schoos der Wasser hinabgeträumt unter Muschelgrotten und Korallenwälder, zu lieblichen Ondinen und Sirenen, und mich auf grünseidenen Betten von Tang mit ihnen geschaukelt. Dabei geht im Innern gar ein wundersames Leben auf, und die keusche Wasserlilie der Poesie steigt silberweiss, wie ein Schwan, zur zauberhaft leuchtenden Phosphorfläche des Meeresspiegels still herauf.« »Unser Poet schwärmt!« sprach Wagner lächelnd, »während ich in Gedanken aus den schönsten dieser zackigen, gewundenen und glatten Gehäuse, aus Nautilus und Perlenmuscheln, Admiralen und Cypreen, Kinkhörnern, Korallen und Madreporen anmuthige Stillleben zusammensetze, vermischt mit schmackhaften Austern, Krabben, Hummern und Garnülen.« »Welche Sie, verehrteste Herren, in jenen Kästen finden« – unterbrach der Aufseher der Sammlungen, und die Freunde schritten lächelnd weiter. Auch die Gemäldegallerie im Residenzschlosse mit manchen anziehenden Bildern berühmter und berühmtester Meister, wie die Sammlung guter Gipsabgüsse von Antiken, die mit der Gallerie in Verbindung stehen, wurde aufmerksam betrachtet, und so nahte unvermerkt der Mittag und die Zeit heran, in welcher der Aufbruch von den Reisenden beschlossen war, die noch bei einem Gange durch die Stadt eine Anzahl malerischer Prospecte von Stadt und Umgegend, wie von Blankenburg, Greifenstein, dem Schwarzathal und Schwarzburg sich verschafften, um möglichst viele Erinnerungen aus diesen besonders schönen und anmuthigen Gegenden Thüringens mit sich zu tragen und aufzubewahren. Orlamünde. Der Himmel prangte mit silbernem Gewölk; Wetterbäume stiegen malerisch empor und über den letzten Höhen des Thüringerwaldes, im Rücken der auf guter Chaussee weiter fahrenden Gefährten, breitete sich die graue Regenmutter aus, düster drohend, wie die ernste Miene des Jupiter Pluvius. Die Saale war nun zur Begleiterin der Reisenden für eine lange Zeit erkoren; Thüringens mächtigster Fluss, vom längsten Lauf; über sie nahm Otto das Wort: »Diese Wasser entströmen dem quellenreichen Schoosse des Fichtelgebirges; alle zum Elbgebiete gehörige Flüsse und Bäche der Nordostseite des Thüringerwaldes nimmt die Saale auf, und fliesst, wenn sie Baiern verlassen, durch die Reussischen Lande, durch eine Preussische Parzelle, wie durch eine Schwarzburg-Rudolstädtische und durch das Meiningische bei Saalfeld. Dort wird sie eine Strecke Grenzfluss der Ostseite des Waldes, und da, wo wir sie jetzt sehen, zieht sie als solcher zwischen Meiningischem und Altenburgischem Gebiete hin, dann durchschneidet sie blos das letztere, fliesst durch einen Theil des Weimarischen Landes, durch die Meiningische Grafschaft Camburg, und wird dann preussisch bis fast zum Ende ihres Laufes, der sie an Naumburg, Weissenfels, Merseburg, Halle und mehren kleinern Städten noch durch Anhalt-Bernburg an Bernburg vorüber, nochmals preussischem Gebiete zuführt und sie dann zwischen Magdeburg und Dessau mit der Elbe vereinigt.« »Und durchfliesst sie immer so schöne Gegenden, wie diese hier?« fragte Wagner, dessen Augen sich am Anblicke der heitern Landschaften weideten, welche in mannichfacher Abwechslung sich darboten, und an den Inseln, die der Fluss umarmte. »Nein«, war Otto's Antwort. »Nachdem sie sich durch die enge Stromthalschlucht des Frankenwaldes in den mannichfaltigsten Krümmungen hindurch gearbeitet, nachdem sie ein Schmuck dieser Gegenden gewesen und bis Weissenfels hin immer breiter, grösser, ernster und stiller geworden, ist von schönen Gegenden nicht sonderlich mehr die Rede, sie schleicht vielmehr einem Gebiete zu, dessen flache Eintönigkeit seinen Bewohnern von gebirgigem Landschaftreiz keine Idee vergönnt, das wir aber auch unbetreten lassen.« Schon näherte man sich Orlamünde , einem Städtchen, das wie ein Adlerhorst über steilen, schroff zur Saale sich hinabsenkenden Felsen hängt und seine kleine Vorstadt Naschhausen beherrscht. Otto liess einigemal den Wagen halten, um die Freunde auf die Reize der Gegend aufmerksam zu machen. Zur Linken, an der Stadtseite, war die Aussicht durch die steile Felswand gehemmt, zur Rechten aber entfaltete sie sich um so schöner in das Saalthal und einen Theil des Orlagrundes, wo das Flüsschen, dem die Stadt den Namen verdankt, in die Saale mündet. Malerische Waldhöhen schliessen die wechselvolle Fernsicht, und hoch ragt über diese in nordöstlicher Richtung die Bergfeste Leuchtenburg bei Kahla empor. Langsam wurde sodann und ohne Aufenthalt die lange und fast einzige Strassenzeile des nicht durch Schönheit der Bauart ausgezeichneten Städtchens durchfahren. Auch die Reste des ehemaligen Grafenschlosses, schon in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts von dem thüringischen Landgrafen Friedrich dem Ernsthaften zerstört, bieten kein besonderes Interesse mehr dar. Im Weiterfahren aber berichtete Otto den Freunden, dass Orlamünde in der Reformationszeit geschichtliche Bedeutsamkeit erlangte. Der Bilderstürmer Carlstadt wandte sich von Wittenberg hierher, fand ungemeinen Anhang, erzwang sich die Pfarrstelle und trieb sein Unwesen so heftig fort, dass der Churfürst den Doctor Luther selbst nach Orlamünde sandte, die Ordnung wieder herzustellen. Allein auch dies war erfolglos; Luther fand bei Rath und Bürgerschaft den heftigsten Widerstand und verliess die Stadt, die er für »mit den Schwarmgeistern verkadert und verzaubert« erklärte. Erst später wich Carlstadt einem strengen Befehle des Churfürsten, beweint und beklagt von der ihm treulich anhängenden Bürgerschaft. – Der gute Weg von Rudolstadt her hatte schon vor Orlamünde aufgehört und ein höchst erbärmlicher war an seine Stelle getreten, weshalb die Freunde es vorzogen, den Wagen zu verlassen und die kurze Strecke nach Kahla zu Fusse zu gehen. Sie genossen dabei den Vortheil, ungestossen und ungerüttelt sich des schönen Reisewetters – denn aller drohende Regen war hinter ihnen im Waldgebirge zurückgeblieben – und der Aussicht zu erfreuen. Immer näher kam die Leuchtenburg, und die Freunde fragten, ob Otto ihr einen Besuch zudenke? Dieser erwiederte: »Ich rathe ab; wie malerisch schön diese Veste auch aufragt, wie herrlich und umfassend das Panorama ihrer Umsicht, wie hoch hinauf die Chronisten das Alter der Burg führen, wie geschichtlich merkwürdig sie als einstiges Besitzthum des berüchtigten Thüringerlandverderbers Apel von Vitzthum erscheinen mag; ich rathe deshalb ab, weil sie jetzt Zucht-, Strafarbeits- und Irrenhaus ist, und ich der Meinung bin, wir verderben uns nicht die schöne Zeit und die harmlose Reiselust mit dem Anblicke menschlicher Versunkenheit, menschlichen Elendes. Häuser dieser Art müssen festungsähnliche Einrichtung und Bewachung haben, und solche drückt den Reisenden, eine unsichtbare Fessel, während er links und rechts Ketten sieht und klirren hört. Die frechen oder scheuen Blicke der Verbrecher, die starren oder blöden der Irren sind mir gleich entsetzlich.« Da die Freunde beistimmten, so wurde die Leuchtenburg nur als ein die Gegend zierender malerischer Hochpunkt betrachtet und das Städtchen Kahla mit seinem sich stattlich präsentirenden Armenhause bei freundlichem Gespräch erreicht. »Wir können uns wahrlich zu unserm dauernd schönen Reisewetter Glück wünschen«, nahm Wagner noch im Gehen das Wort, »das uns vergönnt, die meisten der Gegenden, durch welche Otto uns führt, in freundlichem Lichte zu betrachten, das uns bei guter Wanderlaune erhält, und müssen dem Geschicke danken, welches uns vor Unfällen bis jetzt gnädiglich behütet.« »Und uns unter Anderm auch Philister vom Leibe hielt!« bemerkte Lenz sarkastisch, worauf Otto mit Wagners Worten aus Göthe's Faust antwortete: »Berufe nicht die wohlbekannte Schaar! Es ist dies eine besondere Gunst der Götter, die auf Lust- und andern Reisen nicht Jedem widerfährt, und ich habe auf meinen verschiedenen Wanderungen schon mehr als Einen zu allem Gukuk gewünscht, der aufdringlich begleitend und erzählend mir lange Stunden verdarb und stahl, ohne dass ich ihn abschütteln konnte. Solch ein Kerl ist wie ein Kobold; ich könnte Euch viel erzählen, wie Bursche solcher Art mich oft gelangweilt.« »Spare es auf, bis uns selbst Langeweile zu nahe tritt, die noch lange, wo möglich immer, fern bleibe!« ermahnte Lenz, und die Reisenden traten in das hochummauerte Kahla ein. Als der Wagen nach kurzer Rast aus Kahla fuhr, zeigten sich schon von weitem die eigenthümlichen, schroffen und kahlen Bergformen, die das Saalthal in der Gegend von Jena bilden, und der Name des Städtchens scheint ominös anzuklingen. Schroff und schaurig setzt am rechten Saalufer der Dolenstein in das Flussbette hinab, der im J. 1780 durch einen furchtbaren Bergsturz donnernd in das Thal brach, den Fluss aus seinem Laufe trieb und eine Menge Weinberge zerstörte. Der Anblick solcher Berge, die nun nach Jena zu immer häufiger wurden, erregte im hohen Grade die scherzende Neckerei der süddeutschen Freunde Otto's. Sie stimmten Claudius' Rheinweinlied an und hoben die Strophe: Thüringens Berge, zum Exempel, bringen Gewächs, sieht aus wie Wein u.s.w. absonderlich hervor; zählten dann alle verrufenen Weinsorten, als: Schul-, Wende-, Dreimänner-, Strumpf-, Kanonen-, Armenwein und andere an den Fingern her; allein es gelang ihnen keinesweges, den Freund empfindlich zu machen, vielmehr stimmte er lachend bei und versicherte, dass sein provinzieller Patriotismus ihn noch nie so weit verleitet habe, statt guten Rhein- und Frankenweines Thüringerwein zu trinken. »Überhaupt muss ich immer darüber lachen«, äusserte er sich dabei weiter, »wenn Der oder Jener, der mir etwas am Zeug flicken möchte, mich, wie Ihr in einem Eurer Briefe bemerktet, einseitiger Vorliebe für Thüringen beschuldigt und aus solcher weitere Schlüsse zieht. Ich liebe Thüringen, weil es meine Heimath ist, liebe diese Heimath, weil sie schön ist, und freue mich ihrer, weil es ein wohlthuendes Gefühl erregt, eine schöne Heimath zu haben. Allein ich meine, in meinem Herzen sei keine Liebesgrenze, und weit über die Thüringerlandesgrenze hinaus liebt es die Menschen, die Welt. Manches fremde Land habe ich gesehen, und mich nicht minder innig seiner Naturschönheiten erfreut, nicht minder aufrichtig sein Gutes anerkannt, als Thüringens, daher ich jede Rechtfertigung auf solch einseitigen Vorwurf für überflüssig halte. Ich bin sogar der Philisterei beschuldigt worden, von Leuten, die es verdriesst, wenn es Einem in seiner Haut wohl zu Muthe ist, und lache dazu. Es gibt auch geistige Philisterei, nicht blos materielle, und gerade das kleinliche Aufstechen von Schwächen, das Sticheln und Kritteln, das Anfeinden und Fingerdeuten ist eine solche, und nur kleine Geister sind es, die es nicht über sich gewinnen können, jeden gleichzeitig Mitstrebenden unangefochten seines Weges gehen zu lassen; sie sind es, die stehen bleiben und des Andern Gang und Kleiderschnitt, Tuch und Stock, wo möglich auch Frau und Kind, nebst Soll und Haben besprechen. Habeant sibi, uns sollen sie nichts anhaben!« An einer hohen Felswand zur Linken zieht über einen tiefen Abgrund die Strasse kurz vor dem Dorfe Rothenstein hin. »Hier ist der Schauplatz einer schönen Sage«, nahm Otto wieder das Wort. »Es war im dreissigjährigen Kriege, als ein Kroatenhaufe oben über diesen Felsen einen Trupp Schweden auseinanderjagte. Ein schwedischer Trompeter sprengt, hart verfolgt, bis zum Rande vor; er sieht keinen Ausweg; hinter sich, wie vor sich den Tod, spornt er das sträubende Ross zum Sprung in die grauenvolle Tiefe. Und der Sprung, schrecklicher noch vielleicht als der berühmte des Ritters Harras, gelingt, das treue Pferd schwimmt durch die Saale und trägt den Reiter zum jenseitigen Ufer, wo er auf der Trompete die Weise eines geistlichen Liedes wohlgemuth bläst und von dannen reitet. Schade, dass den Geretteten dennoch noch eine feindliche Falkonetkugel ereilte.« Immer näher kam man der berühmten Universitätsstadt. Zur Rechten herüber grüsste über dem Städtlein Lobeda die einsame Lobdaburg , und der Rückblick auf das Saalthal in der Gegend zwischen den Dörfern Burgau und Winzerla gewährte ein äusserst romantisches Landschaftsbild, das über waldigen Bergen die hohe Warte der Leuchtenburg abschloss, während der Blick vorwärts einen der schönsten Theile des Saalthales überflog und den Musensitz bereits liegen sah, über welchem sich der Riesenfinger des Fuchsthurmes hob, der in tausend und aber tausend heitern Jugenderinnerungen als Ausrufungszeichen eingeschrieben steht. An der Rasenmühle , vor der Südseite der Stadt, liess Otto anhalten; erwartende, von der Ankunft der Fremden in Kenntniss gesetzte Freunde stiegen von den Gartenterrassen des vielbesuchten Studentenwirthshauses bewillkommnend herab, während oben auf dem höchsten Punkte der reizenden Aussicht ein volles Gaudeamus erschallte. Otto stellte seine Freunde vor, liess das Geschirr in die Stadt fahren und führte Jene hinauf zum Plateau der Gesellschaftsanlage, wo sich in malerischer Abendbeleuchtung Jena von der vortheilhaftesten Seite zeigte, wo die Saale aufwärts die Gegend in voller Schönheit wie ein Prachtteppich hingebreitet lag. Flösse und Kähne belebten den Strom, stille Dörfer bargen sich in Gebüsch und Bäume, die baumreichen Wiesen des Saalthales versprachen günstige Doppelernte an Grummet und Obst, manche Ruine, manches Kirchlein trat als malerischer Einzelpunkt passend in das schöne Landschaftbild, nur die schroffen, kegelförmigen Bergeshäupter sahen starr und unheimlich, wie ausgebrannte Vulkane, in das lebenvolle, frische, romantische Saalthal herab, kahlen Philistern gleich, die argwöhnisch ein jugendfrohes Streben bewachen. Jena. Es war ein Rasttag ohne Rast, den die reisenden Freunde in Jena hielten, denn da gab es herum zu wandeln und zu sehen genug, und länger als einen Tag wollten sie sich nicht aufhalten. Als sie nach einem guten Abendtrunke die von Musensöhnen belebte Rasenmühle verliessen, führten Otto und die Begleiter sie durch die einfachen alten Baumreihen auf eine Rasentrift, welche den stolzen Namen »das Paradies« führt. Der Phrat dieses Paradieses ist die bescheidene Saale, die hier sanft hinfluthend die einfachen Uferbilder wiederspiegelt. Es ist ein belebter und beliebter Spaziergang der Jenenser vornehmen Welt, und entfaltet viel idyllische Schönheit. Allein auch in das grünende Paradies blickt wie ein nackter Mauerthurm ein scharfgespitzter Kalkkegel; eine Schneidemühle mit mehren andern Gebäuden gewährt dem Auge angemessenen Ruhepunkt. Während des Lustwandeins unterliess Otto nicht, die berühmten sieben Wunder Jena's zur Introduction des Introitus zu machen. Er nannte sie, das wohlbekannte lateinische Distichon gleieh übersetzend: »Altar, Drache und Kopf, der Berg, die Brücke, der Fuchsthurm Und das Weigelische. Haus, die sieben Wunder von Jena«, und verhiess, so weit es möglich, sie zu zeigen. »Uebrigens«, sprach er, »hat Jena jetzt ganz andere Wunder aufzuweisen, als jene alterthümlichen Wahrzeichen und Curiosa: eine Menge wissenschaftlicher Anstalten von hoher Bedeutung und Wirksamkeit, welche die Wunder der Erde und des Himmels, der Natur und des Menschen den lernbegierigen Jüngern offenbaren, von denen wir morgen eine und die andere besuchen wollen.« Im Gasthause zur Sonne auf dem schöngebauten Marktplatze nahmen die Reisenden ihre Wohnung, in welcher sich bald die eingeladenen Freunde Otto's aus Jena einfanden. Bei vollen Flaschen ächten Rheinweines wurde nun Manches herüber und hinüber erzählt und besprochen. Ein geschichtskundiger Professor theilte Interessantes über den Ursprung der Stadt und deren spätere Zeiten mit. Den erstem datirte er von den Sorben her, welche unstreitig in diese Gegenden streiften und zur Burgen- und Städtegründung Anlass gaben; später fand sich der Ort als Eigenthum benachbarter Burgherren, oft halbirt oder gar geviertelt, und deshalb Gegenstand des Streites, bis Jena an die Nachkommen des Landgrafen Friedrich des Strengen und später an die Sachsenherzoge kam. In einer sehr trüben Zeit, nach der Schlacht von Mühlberg und Churfürst Friedrich des Grossmüthigen Gefangennehmung, wurde hier die hohe Schule, jedoch noch nicht als Universität, gegründet; erst als der Churfürst 1552 wieder frei ward und hierher kam, wurden die besten Hoffnungen auf eine schönere Zeit lebendig, die sich auch im Jahre 1557 erfüllten, wo die feierliche Einweihung der Universität Statt fand, die durch manche wechsel- und drangvolle Zeiträume ihren ehrenhaften Ruf bewahrte. In Jena kam stets das akademische Leben in der Eigenthümlichkeit, welche der jedesmalige Zeitgeist mit sich brachte, zu hoher Blüthe, und in diesen mannichfaltigen Phasen gestaltete sich die Universität immer als ein tüchtiges Ganzes, das sich getrost neben die übrigen Schwester-Hochschulen Deutschlands, ja sogar über manche, stellen konnte.   Ein anderer Freund sprach sich belehrend über die blühenden Anstalten für Wissenschaft und Kunst aus, die eine Zierde Jena's sind, während ein Dritter aus dem Schatze seiner Erinnerungen Einzelzüge jener Zeit mittheilte, in welcher Schiller hier lebte und lehrte, Göthe hier anregend und nach allen Richtungen hin fördernd wirkte, Carl August mit Liebe die akademische Freiheit sich entfalten liess und zu den meisten der jetzt bestehenden scientifischen Einrichtungen sichern Grund legte. Endlich kamen auch Schilderungen grossartiger Studentenaufzüge und Comitate, Fahrten nach Weimar, dortiger Theaterscenen, des berühmten Bierherzogthums Lichtenhain, der Landsmannschaften und der Burschenschaft, der Wartburgfeier u. s. w. zur Mittheilung. Der Wein regte an, alte Erinnerungen wurden lebendig, die leeren Flaschen mit vollen vertauscht, das Gaudeamus erklang und unter Gesang und Scherzen kam unvermuthet die Mitternacht herbei, als eben die weinfröhliche Gesellschaft das Burschenlied ertönen liess: Stosst an! Jena soll leben! Hurrah hoch! – Die deutschen Hochschulen, und vornehmlich Jena, haben eine eigenthümliche Art der Romantik zur Erscheinung gebracht, deren chevaleresken Geist erst eine spätere Zeit gehörig ergründen und würdigen wird, ein zweites Mittelalter voll tiefer Innerlichkeit und kecken Heraustretens aus den Schranken des Alltäglichen, eben so viel Hang zur Wissenschaft und Gelehrsamkeit, als zu Possen und Mummenschanz, zu Sitte und Anstand, wie zu Rauferei und Händelsucht, mit stetem Vorwalten enormen Durstes. Im geistigen Leben dieser Hochschulen ist für künftige Novellendichter eine unerschöpfliche Stofffülle enthalten, die nur Wenige erst ahnen, aber die reichste Ausbeute verheisst. Sollten gutgeschriebene Studenten-Romane nicht ein zahlreiches, antheilnehmendes Publicum finden? – Der nächste Vormittag sah nun die Freunde, welche die halbe Nacht durchlacht und durchschwärmt, mit sehr gesetzten Mienen durch Jena wandern. Die Universitätsbibliothek mit ihren zahlreichen Schätzen ward zunächst besehen und vor Allem dem Minnesängercodex und den mit seltenen Malereien versehenen Antiphonarien gebührende Aufmerksamkeit geschenkt. Dort ist auch jenes komische Wunder Jena's, der Drache , aufgestellt, ein künstlich aus Skeletten gebildetes Thier der Apokalypse, von gräulichem Ansehen, welches vor einigen hundert Jahren Studenten in den Teufelslöchern, am Fusse der Kernberge, gefunden zu haben vorgaben. Länger noch als auf der Bibliothek veranlasste Lenz die Freunde zum Verweilen im Grossherzoglichen mineralogischen Museum, und äusserte unverholen seine Freude über den grossen Reichthum dieser Sammlung sowohl, als auch über die Pracht einzelner Exemplare und die grosse Mannichfaltigkeit der Gebirgs- und Steinarten aus fast allen Ländern der Erde. Mit grösstem Antheile wurden die vielen Suiten einzelner Länder betrachtet, und die mündlichen nähern Erläuterungen des kundigen Custos dieser Anstalten gehört. Nicht minder anziehend war die Betrachtung der Grossherzoglichen Petrefactensammlung mit mehren Prachtstücken, darunter vorzüglich ein kleines Stück angeschliffenen Madensteins höchst merkwürdig ist, indem es Blätter des Smolecopteris elegans mit gestielten und gespaltenen Keimkornkapseln zeigt. Auch hier höchst interessante Petrefacten aus fast allen Ländern, oft weit Hergekommenes dem Verwandten nahen Ursprunges zu wissenschaftlichem Vergleiche passend zugesellt. Doch es musste geschieden werden, um mit Uebergehung der zoologischen und osteologischen Cabinette, wie des anatomischen Museums, die Sternwarte und den botanischen Garten noch zu besuchen und Zeit zu einem Ausfluge in die Umgegend zu behalten. Den Garten der Sternwarte weihen schöne Erinnerungen. Er liegt zwischen dem Neuenthore und der Engelbrücke und war früher Schillers Eigenthum, der hier ein Wohn- und ein Gartenhaus besass und vornehmlich in letzterm gern weilte und dichtete. Aus dem engen Raume dieses Häuschens gingen viele der unsterblichen Schöpfungen hervor, welche Deutschland erfreuten und seine Jugend begeisterten. Schiller hat fast während seines ganzen Lebens sich grosser Prunkräume nicht erfreut; in engen Zellen besuchte ihn die Muse, seine himmlische Freundin, und führte die idealen Gestalten seiner Dramen zu dem Dichter. Als dieser sich so weit durchgekämpft, des Lebens und grössern Besitzthums froh werden zu können, starb er. Eine schöne Fernsicht in das reizende Saalthal hin entschädigte ihn für die beschränktere Häuslichkeit. Hierher, in Schillers Garten, wo der grössten Dichtersterne Deutschlands einer bescheiden glänzte, wurde 1812 die Jenaische Sternwarte gebaut. Als diese und der botanische Garten von den Freunden besehen war, mussten sie eilen, ihr Gasthaus zu erreichen, denn der Himmel hatte sich ganz trüb umzogen und der einfallende Regen drohte die Hoffnung auf einen Nachmittagsspaziergang gänzlich zu vereiteln. Und es regnete immer noch, als schon der aromatische Duft der Bohnen von Mokka das Zimmer der Freunde mit Wohlgeruch erfüllte. »So macht der Himmel mir die Freude zu Wasser,« klagte Otto wehmüthig ironisch, während er seinen Gefährten und sich einschenkte, »Euch heute tüchtig zu ermüden und von Thal zu Berg, von Berg zu Thal zu führen. Jammerschade! Welche malerische Punkte, lieber Wagner, hätte ich Dir gezeigt, wenn wir uns bis zum Gipfel des steilen Hausberges, darauf der Fuchsthurm steht, hinaufgearbeitet, und welche Fülle von seltenen Pflanzen aus der hiesigen, wirklich reichhaltigen Flora Dich, lieber Lenz, unterwegs finden lassen! Bei jedem Schritte fast über die secundäre Flötzformation und den Muschelkalk der hiesigen Berge hättest Du eine interessante Versteinerung gefunden, und am Ende hätte Keiner von euch Beiden mir zugehört, wenn ich die Geschichte der drei Kirchbergischen Schlösser auf dem Hausberge oder die der Kunitzburg auch noch so gründlich abgehandelt und die schönsten Sagen dazu und davon euch erzählt hätte.« Die Freunde gaben dem Sprecher lachend Recht, und Wagner nahm das Wort: »Hört, ich will euch etwas sagen! Wenn es lange regnet, bringen wir hier ungenutzt die Zeit hin. Wie wäre es, wenn wir noch heute weiter führen und liessen es bei dem, was wir bereits gestern und heut von Stadt und Gegend gesehen, bewenden?« »Ich wäre gleicher Meinung«, äusserte sich Lenz: »ist es uns doch ohnediess mehr um Totaleindrücke zu thun, als um Besehen und Betrachten jeder Einzelnheit.« »So muss ich sehr um Verzeihung bitten, euch so oft und viel im Verfolg unsrer Reise mit Einzelnheiten belästigt zu haben!« versetzte Otto scheinbar empfindlich. »Ich danke für dem gütigen Fingerzeig, und nehme ihn ad notam .« »Nun wahrlich, das fehlt noch!« rief Wagner. »Ihr seid auf bestem Weg, euch zu zanken! Pax vobiscum! Es ist zwar gar nichts Ungewöhnliches bei derlei gemeinschaftlichen Reisen, doch soll es zwischen uns ungewöhnlich sein. Der Regen wirkt verstimmend, daher hängen sich im Regenwetter die Engländer. Gebt den Farben der Unterhaltung einen hellern Ton! Fahren wir fort?« – Otto sprach scherzend: »Wenn ich Böses mit Bösem vergelten wollte, so bestellte ich jetzt einen zugemachten Wagen nach Naumburg, sperrte dieses mineralische Herz hinein, liesse euch in Gottesnamen durch das schöne Saalthal kutschieren, spräche im Vorbeifahren: dort oben liegt Dornburg, und bei Camburg: diess ist Camburg, und heute Abend kämen wir in Naumburg an, ohne dass ihr auch nur das Mindeste von den reizend gelegenen Schwesterburgen Rudelsburg und Saaleck, von der freundlichen Saline Kosen, und von dem berühmten Schulpforte gesehen, denn über alle diese Orte führt der gerade Weg nicht . Seht, so habe ich euch in meiner Gewalt, so strafe ich Auflehnung gegen meine wohlüberdachte Führung, wenn euch blos nach Totaleindrücken lüstet, und mein Bemühen euch Vergnügen zu machen, so verkannt wird. Solcher Reisenden weiss ich mehr, die sich einbilden, Thüringen zu kennen, oder gesehen zu haben, wenn sie einmal von Leipzig oder Halle über Gotha und Eisenach nach Frankfurt am Main mit der Eilpost reisten.« »Ich ergebe mich auf Discretion!« rief Lenz; die Eintracht war hergestellt, und ein Wagen bis Camburg wurde gemiethet. Bis dieser vorfuhr, war eben noch Zeit für Otto, den Jenaischen Freunden Valet zu sagen. Bald hatten die Reisenden den Musensitz im Rücken. Dornburg. Nur wenig sich hebend und senkend, zieht die Fahrstrasse durch das Saalthal von Jena nach Dornburg sich hin. Zur Linken bleibt ein grösstentheils bis zum Gipfel angebauter Höhenzug, zur Rechten schleicht durch eine breite Thalfläche, von unabsehbaren Wiesen gebildet, der ruhige Fluss. Diese Seite des rechten Saalufers ist von steil aufragenden Bergabhängen begrenzt, die zum Theil nackt, zum Theil bebuscht sind, und mit ihren oft wild zerklüfteten Seitenthälern Zeugniss geben, wie gewaltsam einst auch hier die Gewässer sich Bahn brachen, und diess geräumige Bette auswuschen. – Der Regen, der Anfangs jede Aussicht hemmte, liess im Verlauf der Weiterfahrt nach, und gewährte die auf die Ruinen der Kunitzburg. Der westliche Himmel wurde wieder heiter, schon sahen die Reisenden die Schlösser vor Dornburg auf hoher Bergwand thronen, und bald lachte wieder blauer Äther in das grüne Thal herab. »Dornburg, namentlich die verschiednen Schlösser, präsentiren sich sehr malerisch,« nahm Otto zu Wagner das Wort: »wenn Du aber diese Landschaft zeichnen willst, musst Du Dir hernach dort drüben, jenseits der Saale, und der bedeckten Brücke, die dort bei Naschhausen über den Fluss führt, den geeigneten Punkt suchen. Vorläufig will ich bemerken, dass Dornburg ein hohes Alter zuzuschreiben ist, und dass man unbedenklich seinen Namen von dem scandinavisch-germanischen Thor ableitet, was einzeln vorkommende alterthümliche Rechtschreibung zu rechtfertigen scheint. Die Benennung des Waldes, der sich um einen Theil des Berges zieht, und noch der Hain heisst, deutet allerdings auf heidnischen Kult hin. Höchst wahrscheinlich ward auch hier zunächst eine Grenzveste gegen die Sorbenwenden des benachbarten Osterlandes auf der 250 Fuss hohen, schwer zugänglichen Felswand erbaut, deren gesicherte und sichernde Situation bald Ansiedler in Menge herbeizog. Sage und Geschichtsforschung nennen den ehemaligen Umfang Dornburgs bei weitem grösser, als jetzt, wo das Bergstädtchen nur gegen 120 Häuser zählt. Auch hatte Dornburg eine der ältesten Kirchen in Thüringen, der Tradition nach schon von Bonifacius gegründet. Später, unter den Ottonen, soll dort oben eine Kaiserpfalz erbaut worden sein, und die Wahl der Lage zeugt mindestens von gutem Geschmack der Erbauer.« Während so der Geleiter die Freunde über Dornburgs Vorzeit zu unterhalten suchte, war das dicht am Bergesfuss gelegene Örtchen mit einem Gasthaus erreicht, die Reisenden stiegen aus und folgten ihrem Führer zum Berg hinan, in die parkähnlichen Anlagen des Hains. Der Boden war fest, die Blätter glänzten im Sonnengold, von Zeit zu Zeit schüttelte ein frischer Windhauch die auf ihnen hangenden Silbertropfen herab. Otto hielt sich absichtlich rechts; man sah ein düstres Schloss, starre Mauern, die sich endlos fortzusetzen schienen, und eine umfangreiche Burg verriethen, endlich eine Wendung des Wegs, stand am Thor und blickte in ein elegantfreundliches Städtchen, durch welches man wieder vorwärts schritt. »Der moderne Anstrich dieser alten Stadt,« sprach Otto im Gehen, »datirt sich vom Jahr 1717, in welchem ein grosser Theil von Dornburg abbrannte. Auch im dreissigjährigen Kriege litten Stadt und Schloss viel von den Croaten und es wiederholt sich hier ganz dieselbe Trompetersage, welche ich euch bei dem Dorfe Rothenstein erzählte.« Die Freunde wandelten durch die geschmackvollen Gartenanlagen des neuen Schlosses, die mit dessen italienischer Bauart im harmonischen Einklang stehen, dem Stohmannschen Gute, einem schlossähnlichen Gebäude zu, welches seit 1824 der Grosherzogl. Kammer gehört, und über seiner Hauptpforte eine erfreuende Inschrift trägt. Wunderbar schön ist von diesen hohen Felsterrassen die Aussicht. »Hier möchte ich wohnen, malen, träumen, schwärmen!« rief Wagner aus. »Hier wohnte Göthe ,« sprach Otto: »dichtete, schwärmte, trauerte. Unter diesen Laubengängen schritt er im stolzen Bewusstsein der Dichterfürstenwürde, schwer zugänglich, in einsamer Hoheit.« »Was ich ihm nicht im mindesten verdenke,« bemerkte Lenz. »Dem fleissigen und vielbeschäftigten Manne war überall die Zeit edel, er mochte sie sich nicht stehlen lassen von zudringlich neugierigen Besuchern, deren adorirende Verehrung ihm lästig fallen musste.« »Hier stimme ich vollkommen bei,« fuhr Otto fort. »Wiederfährt auch minder Berühmten nicht so vielfaches Angehen, so ist solches in unsern Tagen schon deshalb unerwünscht, weil Mancher nur Bekanntschaft suchend kommt, um dann indelicat genug Persönliches in Zeitungen aufzutischen.« »Mir fällt bei diesem Thema absondernder Unzugänglichkeit der Pharisäer im Evangelio ein,« nahm Lenz wieder das Wort; »er hatte, bei Licht und vorurtheilsfrei betrachtet, so ganz Unrecht nicht, er konnte keine Lumpe leiden. Der Mann besass Selbstgefühl und das machte ihn vornehm.« Lange noch weilten und wandelten in traulichen Gesprächen die Freunde auf den aussichtreichen Hochpunkten umher, bis die Zeit zum Aufbruch mahnte. Noch einen Abschiedblick auf das herrliche Thal, auf das alte Schloss, das wahrscheinlich an die Stelle des ehemaligen Palatiums trat, auf das neue, und das Stohmannsche Gut, das so manche Erinnerung an den Aufenthalt des Literaturheroen bewahrt. Von Naschhausen die Saalbrücke überfahrend und Dorndorf im Rücken lassend, wurde die Reise fortgesetzt, bis Wagner den Wagen wieder halten liess und sich in der Nähe des letztgenannten Ortes einen Standpunkt für seine Landschaftskizze suchte. Die Freunde waren mit ausgestiegen, begleiteten ihn, und während er zeichnete, nahm Otto ein Papier aus dem Portefeuille und sprach, es entfaltend: »Ich glaube in das Album eures Gedächtnisses kein besseres Blatt über Dornburg niederlegen zu können, als indem ich Euch Göthe's klassische Schilderung dieser Gegenden mittheile, die er in einer Zeit schrieb, in welcher er gern den sonnigen Strahl des rings waltenden Naturfriedens in sein verdüstertes Innere aufnahm, das der wahrhafte Schmerz über den Tod des fürstlichen Freundes erfüllte. Göthe schrieb damals: An den Generaladjutant und Kammerherrn, Oberst von Beulwitz . S. Dr. C. Vogel: Göthe in amtlichen Verhältnissen. Jena 1834. Da sah ich vor mir, auf schroffer Felskante, eine Reihe einzelner Schlösser hingestellt, in den verschiedensten Zeiten erbaut, zu den verschiedensten Zwecken errichtet. Hier, am nördlichen Ende, ein hohes, altes, unregelmässig weitläufiges Schloss, grosse Säle zu kaiserlichen Pfalztagen umschliessend, nicht weniger genügsame Räume zu ritterlicher Wohnung; es ruht auf starken Mauern zu Schutz und Trutz. Dann folgen später hinzugesellte Gebäude, haushälterischer Benutzung des umherliegenden Feldbesitzes geweiht.« »Die Augen an sich ziehend aber steht weiter südlich, auf dem solidesten Unterbau, ein heiteres Lustschloss neuerer Zeit, zu anständiger Hofhaltung und Genuss in günstiger Jahreszeit. Zurückkehrend hierauf an das südlichste Ende des steilen Abhanges, finde ich zuletzt das alte, nun auch mit dem Ganzen vereinigte Freigut wieder, dasselbe, welches mich so gastfreundlich einlud.« »Auf diesem Wege nun hatte ich zu bewundern, wie die bedeutenden Zwischenräume, einer steil abgestuften Lage gemäss, durch Terrassengänge zu einer Art von auf- und absteigendem Labyrinth architektonisch auf das Schicklichste verschränkt worden, indessen ich zugleich die sämmtlichen, übereinander zurückweichenden Localitäten grünen und blühen sah. Weithin gestreckte, der belebenden Sonne zugewendete, hinabwärts gepflanzte, tiefgrünende Weinhügel, aufwärts an Mauergeländern, üppige Reben, reich an reifenden, Genuss zusagenden Traubenbüscheln; hoch an Spalieren sodann eine sorgsam gepflegte, ausländische Pflanzenart, das Auge nächstens mit hochfarbigen, an leichtem Gezweige herabspielenden Glocken zu ergötzen versprechend; ferner vollkommen geschlossen gewölbte Laubwege, einige in dem lebhaftesten Flor durchaus blühender Rosen höchlich reizend geschmückt; Blumenbeete zwischen Gesträuch aller Art.« »Von diesen würdigen landesherrlichen Höhen seh' ich ferner in einem anmuthigen Thale, so Vieles, was, dem Bedürfnisse der Menschen entsprechend, weit und breit in allen Landen sich wiederholt. Ich sehe zu Dörfern versammelte ländliche Wohnsitze, durch Gartenbeete und Baumgruppen gesondert; einen Fluss, der sich vielfach durch Wiesen krümmt, wo eben eine reichliche Heuernte die Ämsigen beschäftigt; Wehr, Mühle, Brücken folgen aufeinander, die Wege verbinden sich auf- und absteigend. Gegenüber erstrecken sich Felder an wohlgebauten Hügeln bis an die steilen Waldungen hinan, bunt anzuschauen nach Verschiedenheit der Aussaat und des Reifegrades. Büsche hier und da zerstreut, dort zu schattigen Räumen zusammengezogen. Reihenweise, auch den heitersten Anblick gewährend, seh' ich grosse Anlagen von Fruchtbäumen; sodann aber, damit der Einbildungskraft ja nichts Wünschenswerthes abgehe, mehr oder weniger aufsteigende, alljährlich neu angelegte Weinberge.« »Das Alles zeigt sich mir, wie vor fünfzig Jahren, und zwar in gesteigertem Wohlsein, wenn schon diese Gegend von dem grössten Unheil mannichfach und wiederholt heimgesucht worden. Keine Spur von Verderben ist zu sehen, schritt auch die Weltgeschichte, hart auftretend, gewaltsam über diese Thäler. Dagegen deutet Alles auf eine ämsig folgerechte, klüglich vermehrte Cultur eines sanft und gelassen regierten, sich durchaus mässig verhaltenden Volkes.« »In dieser Schilderung,« sprach Otto, das Blatt wieder aufbewahrend: »zeichnet Göthe, mit Ausnahme weniges Bezüglichen und diesem Thal Eigenthümlichen, einen bedeutend grossen Theil thüringischer Gegenden.« Wagner hatte seine Zeichnung vollendet, und die Reise setzte sich in die tiefe Abenddämmerung hinein bis Camburg fort. Rudelsburg und Saaleck. Wieder als Fusswanderer gerüstet verliessen die drei Reisegefährten am folgenden Morgen zeitig das S. Meiningische Städtchen Camburg , Hauptort der Grafschaft gleiches Namens, die als Parzelle zwischen Preussischer und Weimarischer Angrenzung liegt. Die Stadt bietet besondre Merkwürdigkeiten nicht dar, wohl aber gewährt sich von den sie rings umgebenden Bergen eine schöne Aussicht auf dieselbe. – Die Nacht war kühl gewesen, Nebel lagerten im Thale, wollten empor und wurden vom frischen Hauche der Morgenluft niedergedrückt. Gegenüber dem Standpunkte, wo die Freunde dies wechselvolle Naturschauspiel eine Zeitlang betrachteten, hob sich über der Stadt ein alter grauer Wartthurm, ein Rest aus kriegerischen Zeiten, während friedlich Rebenberge rings den Thalkessel umgrünten. Die aufgehende Sonne lieh dem Landschaftsbilde noch mehr Leben und anmuthige Farbe, und Wagner nahm sich auch von dieser Ansicht eine Skizze. Auf angenehmen Fusswegen ward hierauf weiter gewandert und eine halbe Stunde später auf dem Voigtischen Rittergute Tümpling gerastet, wo sich abermals eine heiterpittoreske Aussicht in das Saalthal darbot, dessen Berge einander immer näher zu treten schienen. Bald hoben sich vor den Blicken der durch den schönen Morgen frisch und fröhlich vorwärts Schreitenden drei ragende Thürme alterthümlichen Baues, die hohen Warten der Schwesterburgen Rudelsburg und Saaleck . Da gab es wieder, bevor sie erreicht wurden, Mancherlei zu berichten, und Otto benutzte die Zeit, welche Wagner bedurfte, eine Skizze der Landschaft, der beide Burgen zur Zier gereichen, aufzunehmen, den Freunden so viel davon mitzutheilen, als in seiner Erinnerung lebte. »Die Geschichte dieser Vesten,« begann er seinen Bericht, »ist eng verknüpft. Jene doppelthürmige Ruine ist Saaleck, welche die Sage von Karl dem Grossen auch als Sorbentrutzburg erbauen lässt; historisch erweislich findet sich diese nicht umfangreiche Burg in dem Besitz eines der berühmtesten thüringischen Rittergesehlechter, der Schenken von Varila oder Vargula,welchen die Geschichte unter den thüringischen Landgrafen oft die thätig wirksamste Antheilnahme zuschreibt. Dieses Geschlecht mit dem Titel seines Ehrenamtes verbreitete und verzweigte sich weithin, und so fanden sich auch in der hiesigen Gegend der Schenkenfamilien viele, namentlich die von Tautenburg, von Apolda, von Dornburg, Priessnitz, Trebra und auch von Saaleck. Später erscheint die Burg als Pertinenzstück des Stiftes Naumburg, das Vögte auf der Veste hielt und endlich verklingt ihr Dasein als Wohnsitz, so dass man so wenig gewiss weiss, wie sie verfiel, als wie sie aufblühte. Jene Burg dort aber, nur durch einen schwachen Felsenhang, den wir leicht umgehen, von Saaleck geschieden, ist die Rudelsburg; sie zeigt der Reste viele, und von ihr zeichnete die thüringische Geschichte bei weitem mehr in ihren Annalen auf. Schon im Jahre 972 soll ein Ritter, Rudolph von Münchenhausen, der in dieser Gegend begütert war, ebenfalls als Abwehr gegen die wendischen Grenznachbarn die Burg begründet, dessen Sohn Dedo sie erweitert und nach des Vaters Namen genannt haben.« »Drüben am jenseitigen Ufer stieg noch eine Bergveste, die Krainburg, empor, deren Besitzer mit dem der Rudelsburg in langer Fehde lebte, bis die Nachkommen beider sich nachbarlich einigten und durch Verschwägerung den Streit endigten. Ihre Nachkommen trieben in den unseligen Händeln Landgraf Albrecht des Unartigen mit seinen Söhnen, Stegreifritterschaft, in deren Folge Rudelsburg und Krainburg die Zahl der Schlösser vermehrten, welche Rudolph von Habsburg in Thüringen zerstören liess. Die Krainburg verschwand seitdem von der Erde, so dass kaum noch ihre Stätte gefunden wird; die Rudelsburg hingegen ward wieder aufgebaut, aber in einer Fehde mit der Stadt Naumburg abermals zerstört. Doch unter den Schenken von Saaleck erhob sie sich zum andernmal aus ihren Trümmern. Im sächsischen Bruderkriege zerstörte sie Kurfürst Friedrich II. zum drittenmal, doch auch jetzt wurde sie durch die Familie von Bünau, welche mit ihr belehnt war, wieder aufgebaut. Später theilte sie das Schicksal so vieler hundert Burgen, die ihren Besitzern nicht mehr zeitgemäss bequeme Wohnsitze boten: sie ward verlassen und verfiel.« Während dieser Mittheilung war die Skizze vollendet. Auf Saaleck angelangt, betrachtete man die hohen Rundthürme und Otto machte die Freunde aufmerksam auf den halbverschütteten Brunnen zwischen jenen Thürmen: – »Dieser Brunnen soll bis hinab zum Spiegel der Saale gereicht haben.« Auf den einen der Thürme führt eine 80 Stufen hohe Treppe zu einem freundlich eingerichteten neueren Gemach, das als Lug ins Land dienen kann. Man schaut hinab auf den grossen Bogen, den die Saale zwischen den Felsenbergen tief unten beschreibt, wo sechs Berge drei- bis vierhundert Fuss tief schroff in das Thal absetzen. Ein kleines Dörfchen, auch Saaleck geheissen, das in bessern Zeiten sich eine Stadt nennen durfte, umschliesst den Fuss des runden Burgberges. Ein offener, von Pappeln umrauschter, tempelartig bedeckter Ruheplatz bot den Wanderern gastlichen Sitz. Rastend erfreuten sie sich des schönen Morgens und erfrischten sich an einem mitgebrachten einfachen Frühmal. »Diesen wenigen Trümmern und einfachen Warten sieht man auch nicht an,« nahm Otto, um die Unterhaltung nicht sinken zu lassen, das Wort, während sich Alle die stillen Reize der Gegend betrachteten: »dass hier oft zügellose Freude laut war und von ihrem Jauchzen die Hallen erbebten. Ich sprach vorhin von einer Fehde Naumburgs, in welcher die Rudelsburg unterlag; Anlass zu ihr gab ein Naumburger Bischof, Johannes von Miltiz, ein Weltkind über alle Maassen. Er führte ein ritterliches Leben, liess sich in seinen geistlichen Verrichtungen vicariren, schwärmte im Lande umher, liess sein Bisthum Bisthum sein, hatte Liebschaften ohne Zahl mit Welt- und Klosterfrauen, und erkor hauptsächlich dieses Saaleck zum Schauplatze seiner Bacchanalien und Orgien. Dieser Bischof lebte und liess leben, er war wenigstens so billig, das nicht an Untergebenen zu strafen, was er selbst that, aber um so verderblicher wirkte sein Beispiel. Statt im Dome zu Naumburg Hochamt zu halten, schlemmte er hier selbst am Charfreitag und Osterfeste mit Gleichgesinnten, und zog nur erst um Johanni dort ein, um seinen Namenstag mit grösstem Pomp zu begehen, zu welchem Zweck er sogar eine Gauklerbande aus Nürnberg kommen liess. Das Festgelag dauerte den ganzen Tag und Abends begann der Ball, an dem zweihundert Gäste Theil nahmen. Höchlich lustig, an jeder Hand eine Edeldame, eröffnete ihn der weinglühende Bischof – da, wie er, den ersten Schritt zu thun, das rechte Bein hebt, durchschüttert es ihn jach, wie ein Blitzstrahl, er stürzt auf sein Angesicht und ist todt.« » Requiescat in pace! « unterbrach Lenz, und that einen Trunk. »Lustig gelebt und selig gestorben, und so weiter!« »Das Domkapitel zu Naumburg,« fuhr Otto fort: »weigerte dem Todten das Begräbniss und die Klöster alle thaten es dem Kapitel nach. Und so wurde denn Johannes Leichnam bei nächtlicher Weile hierher gebracht und am Schauplatze seiner wilden Freuden beigesetzt.« Man schritt nun den Ruinen der Rudelsburg zu und fand in ihr noch ziemliche Trümmer der ehemaligen umfangreichen Veste, eine Brücke, einen hohen viereckigen Thurm mit steinerner Spitze, dessen Umfang 90 Fuss misst. In einem geräumigen Gewölbe fand sich eine kleine Wirthschaft zur Bequemlichkeit der Reisenden eingerichtet, welche gutes Bier und einfache kalte Küche darzubieten vermochte. Die Holztafeln trugen manches Zeichen, dass die Studenten aus Jena oft Ausflüge hierher machten.« Ein schöner Aussichtpunkt ward vor Allem gesucht und gefunden. Er ist besonders in das Saalthal recht anziehend, der von Flössen öfters belebte Fluss strömt ruhig dem Thalkessel zu, in welchem der Salinenort Kösen mit seinen grossen Gradirwerken freundlich und malerisch liegt. Einige Dörfer sind sichtbar, aber weiten Fernblick hemmen die bedeutendern Höhen ringsumher. Von dem hohen Thurme war es vielleicht möglich, die Warten von Eckartsberge, Freiburg und Schönburg zu gewahren. Indem Otto den Blick seiner Gefährten nochmals hinüber nach der öden Stätte der ehemaligen Krainburg lenkte, nahm er das Wort: »Bevor wir diesen Punkt verlassen, muss ich noch einer Sage gedenken, die ergänzend in die bekannte von Ludwig dem Springer eingreift. Besitzer Krainburgs war ein diesem Landgrafen innig befreundeter Ritter, Namens Hermann. Oft jagte er mit dem Landesherrn in dieser Gegend; einst, als diess auch der Fall war, ritt Hermann von Krainburg einen sehr schönen Zelter, der dem Landgrafen äusserst wohlgefiel, so dass dieser den Eigenthümer fragte, ob er ihm das stattliche weisse Ross nicht verkaufen wolle? Alsbald sprang Hermann vom Pferde herab und sprach: »Es sei Euch, Herr, hiermit geschenkt.« – »Nein, als Geschenk will ich es nicht, entgegnete Landgraf Ludwig: »Tauschen wir!« – und gab jenem das eigne, stattlich gezierte Ross. Später wurde an derselben Stelle ein Dorf erbaut und Tauschwitz zum Andenken jenes Handels genannt, das aber bis auf den Namen und die Flurmarkung verschwunden ist, und wahrscheinlich von den Hussiten zerstört wurde. Jenes weisse Pferd aber, welches Landgraf Ludwig ertauschte, war der treue Schwan , der den Springer vom Giebichenstein aus der Saale aufnahm und aus dem Bereiche der feindlichen Verfolger sicher in einem Parforceritt nach Sangerhauseu trug.« Schulpforta. »Wenn man über das einförmig gehügelte Plateau, über welches die grosse Heerstrasse von Frankfurt nach Leipzig von Eckartsberga bis in die Nähe von Kösen führt, gefahren oder gepilgert kommt, geht einem recht das Herz auf, erst die Warten von Rudelsburg und Saaleck, dann die heitern Rittergutsgebäude von Heiligenkreuz, endlich die Saale und das ganze romantisch schöne Thal zu erblicken, das nun zu beiden Seiten mit üppig grünen Rebenbergen eingefasst, von Obstbäumen friedlich umgürtet, mit Gärten und grünen Wiesen bedeckt ist. Es ist diese Parthie nach dem Thüringerwalde die heiterste Oase in der zwar fruchttragend ergiebigen, mit Äckern wohlbestellten, mit manchem stattlichen, aber auch noch manchem elenden Ort angebauten Ebene bis Leipzig, ja Berlin. Es ist, so weit die Saale den nach Norden Reisenden, hier bis Weissenfeis, dort bis Halle begleitet, der letzte Naturgruss des schönen Thüringen und den von Norden Kommenden, in der Absicht, Thüringen sich zur Lust zu beschauen, ist durchaus anzurathen, von Naumburg aus gleich das Saalthal zu verfolgen, mindestens bis Jena, wodurch er eine der langweiligsten Strecken umgeht. Zwar bietet auch Eckartsberga , zwei Stunden von Kösen, von seinem Schlosse wie vom Sachsenberge umfangreiche Aussichtspunkte nach der Gegend von Weimar, wie nach der güldnen Aue hin, und die Ruinenthürme der historisch denkwürdigen Eckardsburg, eines der ältesten thüringischen Schlösser, könnten allenfalls anziehen; das wäre dann aber auch Alles, was die Heerstrasse Interessantes darbietet, die verlassen werden muss, wenn die Pietät irgend einen Reisenden antreiben sollte, in der Nähe von Weimar das rechts gelegene Osmannstedt und Wielands Grab zu besuchen.« So sprechend führte Otto seine Gefährten durch Kösen , das aus einem ehemaligen Vorwerke zu einem durch Gewerbsthätigkeit und ergiebiger Beschäftigung an Wohlstand täglich gewinnenden und stets wachsenden Ort heranblühte. Vornehmlich ist es die sehr bedeutende Holzflösse mit dem Holzhofe, und die im 17. Jahrhundert entdeckte, seit dem 18. Jahrhundert aber erst recht benutzte Saline, welche beide einer Menge Menschen Verdienst und Nahrung zufliessen lassen. Erstere führt dem Holzhofe jährlich 15 bis 30,000 Klaftern Holz zu, und in dieser werden bei neunzehngradiger Soole jährlich 42,000 Dresdner Scheffel Kochsalz gradirt und versotten. Nächstdem gewährt ein recht frequentes Salinenbad geeigneten Kranken Heilung, Hauseigenthümern billigen Vortheil. Otto's Frage, ob die Freunde die Gradirwerke zu besuchen Lust hätten, wurde von diesen verneinend beantwortet. »Wir sahen die Salinen zu Reichenhall, Traunstein, Berchtesgaden, Halein,« antwortete Lenz: »mit ihren meilenlangen Soolenleitungen, ihren bewundernswerthen Druckwerken, ihren mächtigen Salzgruben.« »Dann wollen wir hier vorübergehen,« sprach Otto: »ich entsinne mich selbst, von einem und dem andern der genannten Orte, als ich dort war, gehört zu haben, dass man daselbst gehaltreichere Soole für zu geringhaltig hinweglaufen lässt, als in mancher nordischen Saline mit Mühe und Kosten versotten wird.« – »Statt das Salzwerk aufzusuchen, will ich euch nun zu einem Hause leiten, wo ganz delikates Backwerk zu haben ist. Kein der Strasse kundiger Lohnkutscher wird hier anzuhalten und seinen Passagiren den Kösener Kuchen zu empfehlen versäumen; seid daher freundlichst eingeladen! Habt ihr aber Durst, so müsst ihr Landwein trinken, den euch eine freundliche Hebe darbringt, da hilft nun kein Zaudern!« »Er kennt alle Annehmlichkeiten Thüringens,« bemerkte Wagner lächelnd gegen Lenz: »ich bin eben müde genug geworden, um unbedenklich ja zu sagen zu Otto's Vorschlag; ruhen und rasten wir im Bäckerhaus an der Landstrasse, die sich hier wie eine weisse Schlange steil berghinan durch die grünen Rebengelände krümmt.« » Concedo! Mich dürstet! Hebe erscheine!« erwiederte Lenz, und säumte nicht, zu dem gepriesenen Mahle zu folgen. Als diesem genüglich zugesprochen war, wurde der freundliche Ort verlassen und weiter gepilgert. Nur eine geringe Strecke Weges war noch zurückzulegen, und vor den Wanderern hob sich in alterthümlicher Schönheit die berühmte Fürstenschule, das ehrwürdige Pforta , friedlich hingebaut in den lieblichen Thalgrund, an den Fuss eines mässig hohen, bewaldeten Bergrückens, im Kranze grüner Linden und reichliche Aerndte verheissender Obstbäume. Das Äussere der weitläuftigen neuern und ältern Gebäude, mit der alten Klosterkirche und dem Thore, bietet einen wahrhaft malerischen Prospekt dar, den Wagner zeichnete. Auf dem grünen Hügel zur Seite der dicht vorbeiziehenden Landstrasse gemächlich hingelagert, Schulpforte und seine stillanmuthige Umgebung im Auge, liess sich Otto mittheilend über die Geschichte dieses Hauses aus. »Hier war vor Zeiten eines der ansehnlichsten und reich begütertsten Klöster Sachsens und Thüringens, dessen ausgedehnte Besitzungen noch jetzt das Amt Pforta bilden, das zweiundzwanzig Amtsdörfer ohne die Vorwerke in sich schliesst. Das ehemalige Kloster war mit Cisterziensern besetzt und führte den Namen Himmelspforten ; allmählig verlor sich das stolze Prädicat und es blieb die einfache Pforte, aber stets werth gehalten von Fürstengunst, so der frühern Landgrafen, wie der spätern Sachsenfürsten, von denen zwei, Friedrich der Sanftmüthige und Herzog Wilhelm, sich hier einigten, um den verderblichen, oft erwähnten Bruderkrieg zu endigen, dessen Flammen die Vizthume unablässig geschürt. Als die morgenrothe Fackel der Reformation im Lande aufglühte, ging das Kloster bald darauf ein und wurde 1543 vom Kurfürsten Moritz in eine Landschule verwandelt, und dieser ausser den bereits vorhandnen noch sehr bedeutende Einkünfte angewiesen.« »Die innern Einrichtungen waren lange Zeit sehr streng, es war klösterliche Zucht vorherrschend geblieben; jetzt sind sie äusserst zweck- und zeitgemäss, und zu allen Zeiten bis auf heute sind tüchtige Männer aus dieser Pforte hervorgegangen, von denen ich, um euch nicht mit trockner Aufzählung zu ermüden, neben den beiden ältern Schlegel, dem berüchtigten Doctor Bahrdt und dem sinnigen Novalis, hauptsächlich Klopstock erwähne, der als Alumnus Portensis schon seine Messiade begann, und durch den klassischen Geist der Alten entflammt wurde, sich, bei einem für das deutsche Vaterland glühenden Herzen, zur Nachahmung antiker Metren, und zu fast gänzlicher Verwerfung des mit deutscher Dichtart und Kunst eng und innig verwachsenen Reims zu verirren. Indess gingen unter den sich der Welt als Dichter und Schriftsteller später offenbarenden Portensern nicht lauter Heroen wie Klopstock hervor; auch der vielfach und lange von einem grossen Theile des deutschen Publikums mit Vorliebe gelesene Carl Gottlob Cramer war hier Alumnus, und ich entsinne mich, aus seinem eignen Munde manche Erzählung hier verübter Jugendstreiche, lustiger Excurse gehört zu haben. Dergleichen mag mitunter nicht selten vorgekommen sein, so wie ein übertrieben tyrannischer Pennalismus auch hier die jüngern Schüler den ältern knechtisch dienstbar machte.« – Nach diesen und ähnlichen Mittheilungen betraten die Freunde das innere Heiligthum dieser würdigen und erfolgreich wirkenden Anstalt, und wurden mit Güte in derselben umhergeführt, so dass nichts erwünscht zu Beschauendes ihnen verschlossen blieb. Die an 5000 Bände zählende Bibliothek, mit der von Klopstock dankbar hergeschenkten Prachtausgabe der Messiade, die Wohnstuben der Alumnen, die Lehr-, Speise- und Schlafsäle, Bet- und Tanzsaal, nicht minder der schöne Kreuzgang, und die noch manches Denkmal alter Zeit bewahrende Kirche. In dem geräumigen Garten übte sich ein Theil der fröhlich aufblühenden Jugend, und ein gefälliger Lehrer bezeichnete den Fremden die Stelle, wo Klopstock am liebsten geweilt und gedichtet hatte, wobei er nicht versäumte, eine Schilderung des nahen Knabenberges zu geben, auf dem die Portenser alljährlich ein heiteres Frühlings- und Herbstfest begehen. Ein Andrer lenkte den Blick der Besuchenden von der Gegenwart noch einmal der Vergangenheit zu, und erwähnte, dass auch in trüben und verhängnissvollen Zeiten des Himmels Auge schirmend über der früher ihm geweihten und nach ihm genannten Pforte gewacht, obgleich das Haus im dreissigjährigen Kriege der Vernichtung sehr nahe gewesen. Finnländische Reiter hatten geglaubt, es sei hier noch ein katholisches Kloster, das sie verwüsten müssten zur Ehre Gottes. Auch der siebenjährige Krieg war nicht über diese Fluren geschritten, ohne seine Spuren tief einzudrücken; er entführte sogar als Geissel einen verdienstvollen Rector. Die Napoleonische Weltepoche konnte ebenfalls nicht an einem, dicht an der frequentesten Strasse Deutschlands liegenden, grosse Vorräthe aller Art bergenden, und sich zu mannichfacher Benutzung darbietende Räume enthaltenden Ort ohne den verschiedensten Anspruch und manchen harten Druck vorübergehen. Im Jahre 1813 allein herbergte und verpflegte Pforta 5000 Mann Franzosen mit 2000 Pferden. – Die Freunde sagten, weiter wandelnd, dem ehrenwerthen Bau und allen seinen Bewohnern ein Gedankenlebewohl, und schritten auf rasigem Fussweg unter schattenden Bäumen dem Naumburger Weichbilde zu. Naumburg. »Fürwahr, eine stattliche Stadt im Schoosse einer ausgedehnten lachenden Gegend, eigenthümlich ansprechend, und für sich einnehmend in die Ferne wirkend!« sprach Wagner, als die Wanderer den Standpunkt erreicht hatten, von dem aus gesehen sich Naumburg in der That so darstellt, wie der Maler es mit wenigen Worten andeutete. Imposant hebt sich am nördlichen Ende die Steinmasse des Doms mit drei ragenden Kuppelthürmen in wohlerhaltener gothischer Majestät, zur nähern Beschauung mächtig anziehend. »Ihr seht hier Alles vereinigt,« nahm Otto das Wort: »was am materiellen Lebensbedürfniss von der mütterlichen Erde begehrt und gewährt werden kann. Neben ergiebigen Getraidefluren und Kartoffelländereien eine Fülle schmackhafter, mit Fleiss cultivirter Gemüsearten; Weingelände und -Berge, so weit das Auge dem Bogenlaufe der ohnweit von hier mit der Unstrut vereinten Saale zu folgen vermag, und Obstbäume in Gärten rund umher. Daher auch Wein- und Gartenbau neben schwunghaft betriebener industrieller Thätigkeit Hauptnahrungsquellen der Stadt. Den hier gebauten Wein, vornehmlich den rothen, tadeln Spötter vielleicht mehr, um der Spottlust zu genügen, als mit Recht, denn Mancher derselben trank wohl, ohne es zu ahnen, schon Frankenwein, der auf hiesigem thüringischen Boden gewachsen. – Zwei vielbesuchte Messen tragen zum Flor der Stadt wie zum Vertrieb von einer Menge Landesprodukten lebhaft bei.« Der Führer zog es vor, statt sich mit seinen Begleitern in die Enge einer städtischen Gaststube zu setzen, diese in die heitern Anlagen des an freundlicher Anhöhe sanft sich emporziehenden Bürgergartens zu führen, und dort leibliche Erquickung und Ruhe mit höchst befriedigender Aussicht und traulicher Unterhaltung eine genügende Zeit lang zu verbinden. Dort gefiel es den Fremden ausserordentlich wohl; sie lagerten sich in den Schatten einiger majestätischen Bäume und horchten den Worten ihres befreundeten Geleiters, Angesichts der unter ihnen dem Auge gefällig sich ausbreitenden Stadt, des entfernter sich einigenden Saal- und Unstrutthales, in welchem sich Schloss und Dorf Gosek nicht minder malerisch schon darstellen, als die weissen Ruinen der nahen historisch merkwürdigen Schönburg. Die Bäume rauschten windbewegt, der Bürgergarten war in der frühen Nachmittagsstunde noch leer, unten aber im Naumburger Schützenhofe war es lebendig, Schüsse knallten, und zur Lust, Erfrischung, Spiel- und Augenweide füllte sich vor dem schöngebauten Schiesshause der wohlangelegte Platz. »Wenn ich euch,« sprach Otto, »nächst dem Dom, die übrigen hier erblickten Kirchen Naumburgs nenne, so ist zunächst die Stadtkirche zu St. Wenzeslaus auf dem Markte zu erwähnen, die ihren Ursprung bis in das dreizehnte Jahrhundert hinauf datirt, doch brannte sie in dem denkwürdigen Jahre 1517 ab und wurde später erneuert. Sie enthält unter andern ein sehenswerthes, durch Lithographieen bereits vervielfältigtes Gemälde Kranachs: Jesus, die Kinder segnend, wo unter den Knaben einer im Gewand eines Augustiners bemerkt wird, welcher die Physiognomie Luthers unverkennbar trägt. Die übrigen Kirchen, die Marienkirche, wie die zu St. Othmar und zu St. Moritz, sind minder bedeutend.« »Die Stadt selbst rühmt sich der Ehre, ihren Ursprung Heinrich dem Städtegründer zu verdanken; wollte man ihr diesen streitig machen, so müsste man ihr den Vorzug eines noch höhern Alters einräumen, und nicht unwahrscheinlich mag erscheinen, dass Heinrich I. hier nur erweiterte und befestigte. Als Veste nahm Naumburg 1029 das benachbarte Stift Zeiz in den starken Ring seiner Mauern, wodurch der Stadt unberechenbarer Vortheil erwuchs. Doch empfing diese auch im Laufe der Zeiten ihr reichliches Maass an Weh und Leid, wozu theils ihre politischen Verhältnisse, theils ihre Lage in einer ganz offenen Gegend beitrugen. Aus der Kriegsgeschichte Naumburgs tritt sagenhaft, doch nicht ohne historische Wahrscheinlichkeit, die Erzählung einer Belagerung durch die Hussiten, die als Rächer erschienen, da der damalige Bischof des Hochstifts, Gerhard von Goch, für Hussens Tod auf dem Costnitzer Concil gestimmt. Ein Heer von 40,000 Mann führte Procop heran, dräuend und unheilkündend umlagerte es rings die Stadt, die nun entgelten sollte, was der, noch dazu bereits verstorbene Bischof verschuldet. Gegenwehr war vergebens; da sandte der Bürgermeister Wolf , sechshundert Kinder in Sterbehemden mit Citronen und grünen Zweigen in das Lager, die fussfällig um Erbarmen für die Stadt flehen mussten. Gerührt durch die Bitten dieser Unschuldigen, liess Procop sie mit Wein und Kirschen bewirthen, gab das Wort, von Naumburg abzuziehen, ohne ein Huhn mitzunehmen, und hielt es. Noch in derselben Nacht wurde das Lager abgebrochen. Dankbare Erinnerung feiert noch alljährlich hier am 28. Juli das bekannte Kirschenfest , an welchem Jung und Alt freudig Theil nimmt, und so bleibt die Sage wohl bewahrt in ihrem Rechte, das die Geschichtforschung ihr so mannichfach zu schmälern bemüht ist. Ihr unverwelklicher Stoff rief Kotzebue's bekanntes Rührspiel: Die Hussiten vor Naumburg hervor, welches durch Mahlmanns: Herodes vor Bethlehem, oder der triumphirende Viertelsmeister, auf das glücklichste parodirt wurde. Wie schön passt heute noch auf manchen Herodes und Nicht-Herodes die Stelle: Bevölkerung und Runkelrüben Thu' ich am allermeisten lieben.« »Vom Verderben im Gefolge des dreissigjährigen Krieges für Naumburg wäre viel zu sagen. Liegt doch Lützen nur vier Meilen von hier. Eben so zog das fast ununterbrochen fortrollende Zeitgewitter von 1806 bis 1813 immer dicht über diese Stadt hin.« »Doch es wird Zeit, meine Lieben, da wir heute noch weiter wollen, uns zu erheben, die Stadt zu durchwandeln und den Dom zu besehen.« Also zum Fortgang ermuntert, verliessen die Freunde den kühlen und schattigen Ort ihrer Rast und gingen durch die von Handel und Wandel vielfach belebte Stadt, über den schönen und regelmässigen Marktplatz nach der sogenannten Herrenfreiheit , die, den Dom in sich schliessend, einst den ältesten Theil Naumburgs bildete, wo vielleicht die sagenhafte Neuenburg im Gegensatze zu der noch im Namen eines Nachbardorfs fortlebenden Altenburg gelegen war, und die früher eine besondere Ummauerung von der übrigen Stadt geschieden hielt. Es zeigte sich nun des Domes ehrwürdige Gestalt mit seinen Thurm-Oktogonen, von denen zwei byzantinische Fenster- und Schallöffnungen haben, während der nach Westen gerichtete dritte Thurm von ausgezeichneter architektonischer Schönheit ist. Der Hochbau eines vierten Thurmes unterblieb aus Geldmangel und wurde nur bis zur Höhe des Kirchendaches aufgeführt. Am Schiffe der Kirche mit dem hohen Chor und den vielfach angebrachten Ornamenten wird der rein gothische Styl und Geschmack vorwaltend angetroffen, und hinauf zeigend zu den vielen Menschen- und Thiergebilden der Dachrinnen-Ausmündungen, konnte Otto nicht unterlassen, der so vielfach wiederholten, hier aber besonders heimischen Sage zu gedenken: dass ein Lehrling den schönsten dieser Thürme gebaut habe, den aus Grimm und Groll hierüber der neidische Meister unversehens vom Thurme herabgestürzt, worauf ein Wahrzeichen der That noch bezeichnet, wie hoch das Blut des Herabgestürzten sprützte. In das Innere des Heiligthums eines jetzt protestantischen Hochstifts schreitend, und geführt von einem der Geschichte und Sage vom Dome wohl kundigen Kirchendiener, wandelten die Freunde still betrachtend manchem schönen und sinnigen Denkmal alter Zeit und Kunst vorüber. Zunächst der sogenannten Taufkapelle oder dem gegen Abend liegenden ehemaligen Chore zugeführt, waren hier auf hohen Seitenpfeilern zwölf wohlerhaltene alterthümliche Steinbildsäulen ins Auge zu fassen, welche namhafte Markgrafen, Grafen und Gräfinnen des Thüringer- und Pleissnerlandes darstellen, und schon im Bezug auf ihre Tracht die Aufmerksamkeit des deutschen Archäologen verdienen; noch höhern Werth aber verleiht ihnen, den Fundatoren der Kirche, die Gleichzeitigkeit ihrer Verfertigung mit dem Dombau. Kranach'sche Gemälde und werthvolle Holzschnitzerei, wie die Glasmalerei der hohen Bogenfenster beschäftigen hier so sehr den Blick, dass er kaum eine gewisse Leere und Verlassenheit dieses Theils der schönen Kirche wahrnimmt, welche bemerken lässt, dass er ein nur selten benutzter ist. Und in der That ist nur der mittlere Theil der Kirche mit seinen zwanzig schlanken Säulenbüscheln der öffentlichen Gottesverehrung gewidmet, aber auch durch allerlei Anbau von Kirchenständen verbaut und verunziert, wie es leider so viele, dem protestantischen Ritus geweihte Tempel aus katholischer Zeit sind. Absondernder Hochmuth beschränkte meist durch geschmacklose Stände den Raum, that der Harmonie des Ganzen Eintrag, und absondernder Purismus erfand die Emporen für das männliche Geschlecht, der sich mit getheiltem Raum im Schiffe hätte begnügen können. So wurde manch ehrwürdig-erhabener, zu Andachtgefühlen schon durch seinen Bau hinreissensfähiger Tempel entstellt, und es muss erst wieder die Zeit eines bessern Geschmacks kommen, unsere Kirchen von allem, das reine Gefühl der Andacht störenden, Unansehnlichen zu säubern und dagegen zu sichern. Verschiedene Seitenaltäre im Naumburger Dome fordern lebhaft zu näherer Betrachtung auf; herrliche Hautreliefs der Passion stellen sich auf einem derselben dar, ein anderer zeigt auf Thürflügeln des Altarblattes Gemälde aus der Wohlgemuth'schen Schule. Die Orgel mit dem Musikchor trennt nun mit Anderem den herrlichen hohen Chor vom Kirchenschiffe; man steigt auf mehren Stufen zu ihm auf, und erblickt im magischen Dämmer, das die farbigen Fenster schaffen, viel des Schönen und Sehenswerthen. Auch hier Kranach'sche Gemälde, namentlich der Bischof Johannes von Schönberg und der Pfalzgraf Philipp am Rhein; vier grosse Pergamentmisssalen mit köstlicher Miniaturmalerei, davon eins allein vielleicht die Arbeit eines ganzen Menschenlebens; schöngeschnitzte Stühle der Chorherren, in denen jetzt nur noch selten bei grossen Kapitelversammlungen die protestantischen Domherren die Hora singen. Bemerkenswerth tritt in Mitten des Chors ein schönes Kenotaph in Sarkophagform vor das Auge, es stellt den ersten Bischof Naumburgs, Hildeward, dar, welcher 1032 starb. Aus dem freundlichen hohen Chor leitete der Führer nun hinab zur Krypta, an welcher, wie in sehr vielen Krypten, besonders die Säulenkapitäler Aufmerksamkeit verdienen, weil sie meist neben hochalterthümlicher Form durch ganz besondre Kunst und Schönheit der Arbeit sich auszeichnen. Dies ist wenigstens hier bei einigen der Fall. Sonst bietet die Krypta des Naumburger Domes an Merkwürdigkeiten nur noch den Altar zu den zwölf Aposteln und einen eisernen Kasten dar, in welchem Tezel seine Ablassgroschen springen und klingen Hess. Hora's droben, Todtenmessen hier unten, Miserere, Requiem und Ablassgroschen erklingen nicht mehr, die ewige Lampe in der Grabeskirche erlosch. – Die Freunde traten wieder herauf zum Licht des Tages und wandelten in manchen Gesprächen über das Gesehene, über Kult und Glauben und der Zeiten Wandlung der Saale zu, die eine gute Strecke der Stadt west- und nordwärts vorüber fliesst. Freyburg. Eine Fähre trug die heitern Wandergesellen, die in der Kühle des schönen Sommerabends noch das unferne Freyburg erreichen wollten, bald über den Strom. Otto hätte sie den Thalweg führen können, allein er zog es vor, mit ihnen durch einen, den Durchgang gastlich gewährenden, mit Statuen und bacchischen Reliefs am Felsen verzierten Weinberg auf etwas steilem Pfad emporzuwandeln, um den Freunden den Genuss einer ausgedehnten Fernsicht zu gewähren, welche des Abendhimmels Goldglanz, der Wolken malerische Form und Färbung und das magischmilde Licht, das sich über die Fluren ergoss, verschönte, ja verklärte. Entzückte Seher standen die Freunde über den Felsabhängen der Weingelände, überschauten weithin den Lauf der hier schiffbar gewordenen Saale, sahen Naumburg am Abhänge des bis zur Stadt sich absenkenden südlichen Höhenzugs sanft hingelagert, friedliche Dörfer rings verstreut und grüssten das ihrem Pfade fern ab liegende, hochprangende Schloss von Weissenfels. Dann, vom Fernen zum Nahen zurückkehrend, deutete Otto hinab auf die Vereinigung der beiden Flüsse Unstrut und Saale; hierauf den weiterstrebenden Blick nach Norden gewandt, zeigte sich schon die hochragende Warte der alten Neuenburg über Freyburg, gleichsam der Zielpunkt des heutigen Tages, und die Wanderer sagten der schönen Gegend Naumburgs Lebewohl. »Ich möchte anstimmen: welche Lust gewährt das Reisen!« begann Wagner ein neues Gespräch: »wenn ich überdenke, welch schönen Landestheil wir heute durchschritten und wohlgefällig wahrnahmen. Aus einem beschränkt gelegenen Städtlein und leidlicher Herberge stiegen wir zu Aussichtgenuss und alternden Ruinenschlössern empor, dann wieder hinab in einen amphitheatralisch von Weinbergterrassen umgebenen Salinenort, weilten am Thor eines ehemaligen ansehnlichen Klosters, jetzt, wie seit lange, berühmte klassische Bildungsanstalt, erfreuten uns am sichtbaren Wohlstande einer blühenden Handelsstadt und liessen uns wieder vom Anblicke des Neuen zu dem des ehrwürdigen Alten leiten, welches wir nur verliessen, um in den Reizen schöner Natur zu baden und uns zu neuem Genuss zu stärken.« »Ich stimme bei,« sprach Lenz: »obwohl ich für mein Fach hier minder Anziehendes finde, als auf dem Thüringer Walde; doch fällt auch mir nicht ein, auf unsre Fahrt die oft erfahrene Parodie des vorhin angezogenen Liedes anzuwenden: welche Last gewährt das Reisen!« »Oder,« fiel Otto scherzend ein: »welches Geld verzehrt das Reisen!« »Erzähle uns, da der Weg jetzt einförmiger wird, seit wir Naumburg nicht mehr sehen, etwas von Freyburg,« bat Lenz, und der Führer willfahrte gern. »Jener hochragende Wartthurm gibt den willkommensten Anknüpfungspunkt vorbereitender Erzählung. Länger als sieben und ein halbes Jahrhundert horstet auf jenem Berge eine, wenn auch von Zeit zu Zeit theilweise erneute altthüringische Burg, die noch heute im guten baulichen Zustand und als Amtslokal bewohnt ist. An der Ostgrenze des alten Thüringens gelegen, weit umher die Marken überblickend, von mancherlei Geschichtssagen neben örtlicher Tradition umklungen, ist jene Veste ein durchaus zu beachtender Hochpunkt. Gründer derselben und der unten liegenden Stadt wird Ludwig der Springer genannt, wenn auch das Jahr der Gründung nicht mit Bestimmtheit anzugeben ist. Nahe bei Freyburg, wo jetzt das Rittergut Zscheiplitz in höchst romantischer Umgebung gelegen ist, stand einst die Weissenburg, welche ein Eigenthum des Pfalzgrafen Friedrich des Zweiten von Sachsen war, den die Sage durch den thüringischen Ludwig ermorden lässt, der hierauf die Wittwe des Getödteten ehelichte. Auf seiner osterländischen Grenzburg wohnte, wahrscheinlich ihrer schönen Lage wegen, der Pfalzgraf, und in ihrer Nähe geschah die That, an welche sich die mancherlei schönen Chronikensagen, von der Haft auf dem Giebichenstein und dein heute bereits erwähnten Sprunge, von der Flucht nach Sangerhausen und der dort dem heiligen Ulrich gelobten und erbauten Kirche, von der Reue der schönen Pfalzgräfin und der Gründung des Klosters Reinhardsbrunn anreihen. Wir wandeln hier gleichsam einem romantischen Quellengebiete thüringischer Sage zu, und weiter führend, bringe ich euch zu Stellen, über welche sich die ganze Nordscheingluth blutiger Frühzeit ergoss.« »Bleiben wir ferner in diesem Gebiete der so gemüthlich dem Volk in das Herz und aus dem Herzen klingenden Sage, so tritt uns die hiesige Neuenburg neben der Wartburg bei Eisenach als thüringische Landgrafenresidenz dennoch auch geschichtlich denkwürdig entgegen und wir finden Ludwig, mit dem spätem Beinamen des Eisernen, abwechselnd dort wie hier stattlicher Hofhaltung pflegend. Daher ergibt sich ein natürlicher geschichtlicher Grund und Boden für die hier wurzelnde Sage, dass den in die Ruhl verirrten, vom dortigen gastlichen, aber rauhen Schmied hart angeredeten und gegen den Unfug der Edelinge aufgereizten Landgrafen der Zorn übermannt und er hier sie zu Paaren getrieben im rechten Sinne des Wortes, das vielleicht jener Sage entstammt, sie in den Pflug gespannt und gegeiselt und gehauen, dass Mancher zu Boden fiel, und mit ihnen einen Acker umgerissen, der noch bis heute der Edelacker heisst und den ich euch morgen zeigen werde.« »Nicht weniger anziehend ist die ebenfalls bekannte Sage von der lebendigen Mauer, die der Landgraf über Nacht hier erstehen liess. Als der Barbarossa ihn besuchte, besah er auch die Gelegenheit der Neuenburg, fand sie nicht stark genug umfestet und rügte den Mangel einer sichernden Mauer. Lächelnd erwiederte da der Landgraf: der Mauer sorg' ich nitt, die mache ich schon, so ich ihrer bedarf. Dess wunderte sich der Kaiser und äusserte, diese Mauer wohl sehen zu wollen. Und über Nacht kamen, durch des Landgrafen Eilboten hergerufen, alle die nächsten edlen Vasallen und Dienstmannen mit ihren Wappnern und Knechten, im besten Rüstzeug und Geschmuck und umstellten die Burg. Statt eines Mauerthurmes stand allemal ein edler Graf oder Freiherr mit dem Banner und jeder Edle hatte vor sich seinen Knecht, der den Wappenschild hielt und hinter sich einen, welcher den Helm trug. Als nun der Morgen anbrach, sagte der Landgraf dem Kaiser an, dass die Mauer fertig, und dieser trat heraus, sie zu besehen, freute sich ihrer gar sehr und bekannte, dass er Zeit seines Lebens bessere, edlere und köstlichere Mauer nie geschaut.« »Ja noch vom Tode dieses männlichen Landgrafen,« fuhr der Erzähler fort, »weiss die Sage Anziehendes zu melden, denn er verordnete bei seinem Sterben, dass die widerspänstigen und widerhaarigen Ritter ihn, den Gestorbenen, auf ihren Schultern bis gen Reinhardsbraun tragen sollten, zehn Meilen Weges, und sollten es zu thun geloben bei Eiden und Treuen; thaten es auch, denn sie fürchteten ihn mehr als den Teufel.« »Diese sämmtlichen Sagen haben einige Historiker meiner Heimath, aus unkritischem Patriotismus, der hiesigen Gegend abstreiten und einer Neuenburg bei Schloss Altenstein zueignen wollen, die spurlos verschwunden, jeder historischen Bedeutsamkeit ermangelt; darüber ist fast bis zur Galleaufregung da und dort gestritten worden, während unbefangener Blick und Kunde des Oertlichen, wie des Geschichtlichen, ohne Weiteres die Freyburger Sagen unangefochten lassen müssen. Den meisten Zwist erregte der Edelacker, weil beim Dorfe Steinbach, ohnweit Altenstein, ein Landgrafenacker gelegen, von dem nicht minder örtlich wie hier die Sage von der Edeln Geiselung und Pflugziehung im Volksmunde lebendig ist, wie ich aus eignem Hörensagen weiss. Statt aber um des Kaisers Bart oder darum zu streiten, ob die ganz der Sage angehörende Thatsache hier oder dort vorgefallen, sage ich: wenn sie vorfiel, so fiel sie sicher dort und hier vor, denn hier werden nicht allein volkdrückende Ritter gewohnt haben, und es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass der Landgraf, aus der dort nahen Ruhl oder von der Wartburg kommend, dort den Anfang mit seinem allerdings empfindlichen Strafexperiment machte, und da es erfolgreich wirkte, es hier wiederholte, daher die Wiederholung der gleichen Sage natürlichen, wie geschichtlichen Halt findet.« Als dieses im Bezug auf die Gegend, welche durchwandelt wurde, wichtige Sagenkapitel abgehandelt war, wandte sich das Gespräch der Freunde wieder andern Gegenständen zu, und als der letzte Abendschein im dämmernden West erglühte, ward Freyburg erreicht und im Rathhaus ein einfach ländliches Quartier genommen. Der nächste Morgen fand die Gefährten zeitig munter und gern bereit, das Gasthaus zu verlassen, um einen Excurs auf den Schlossberg anzutreten, um so mehr, da Freyburg selbst, ausser der nicht grossen, aber gefällig im ältern neugriechischen Baustyl, dem sich in jüngern Theilen der gothische beigesellte, aufgeführten, mit drei Thürmen gezierten Kirche und einer übergüldet gewesenen Statue Herzog Christians von Sachsen-Weissenfels auf dem Marktplatze, des Sehenswerthen nichts darbot. Wohl aber fand Otto einen, der Gegend und ihrer Geschichte genau kundigen Mann, welcher sich auf dessen Bitten willig und bereit zeigte, nicht nur mit hinauf zur Burg zu gehen, sondern auch eine Strecke Weges zum Geleiter zu dienen. Der Burgberg war bald erstiegen, der Schlüssel zur Kapelle erbeten und in ihr, der grössten alterthümlichen Zier des in manchen Theilen neuen Bergschlosses, wurde im Baustyl die Urkunde hohen Alters entdeckt: kunstreiche Säulen und Kapitäler zeichnen sich darin besonders aus, von denen namentlich die schwarze Mittelsäule, der Träger des Gewölbes, auffällt, da sie aus einem viereckigen Pfeiler besteht, an dessen vier Kanten eben so viel freistehende Säulen stossen, die aber auf einem gemeinschaftlichen Piedestal ruhen, wie sie von einem Kapital zusammen gekrönt sind. Diese seltne Säulenform findet aber ihren Pendant in der Domkrypta zu Naumburg. Auch die im reinen Halbkreis gewölbten Gurte und Gradrippen sind noch durch besondere bogenförmige Auszackung der einzelnen Gurtsteine merkwürdig. Diese eigenthümliche, den Baustyl des 10. oder 11. Jahrhunderts verrathende Kapelle ist nur leider durch spätere Anstriche, hinzugethanes Flitter- und Bildwerk einer geschmacklosen Zeit also überladen, dass es dem Auge wehe thut, welches nur am Anschauen reiner Kunstformen sich erfreuen und stärken möchte. Auch hier ist eine, zu ökonomischem Gebrauch benutzte Krypta vorhanden, allein die Freunde konnten sie nicht sehen – der Schlüssel war verlegt. Es wurde nun der sehr tiefe Brunnen in Augenschein genommen, dessen Tiefe hinabgelassene Lichter anschaulich machen, und einem alten Steinbild am Hause Aufmerksamkeit geschenkt, welches an den Püstrich erinnern könnte und von Manchem für ein altthüringisches Götzenbild gehalten, mindestens ausgegeben wird. Hierauf bestieg man den hohen und umfangreichen Wartthurm, dessen Höhe 147 Fuss erreicht, und erfreute sich der, von dem ortskundigen Führer bezeichneten Hauptpunkte der unermesslichen Aussicht. Dieser nannte, im Norden beginnend und nach Osten sich wendend, Merseburg, den Petersberg bei Halle und die Thürme dieser Stadt, die Kapelle auf dem Landsberg, das Leipziger Observatorium, Lützen, Weissenfels, Hohen-Mölsen, wo Heinrich des Vierten Gegenkönig, Rudolph von Schwaben, die rechte Hand verlor, sodann über die Naumburger Gegend südlich blickend die Jenaischen Berge mit dem ragenden Fuchsthurm, dann westlich über die Finne, ein kleines Gebirge, schweifend, tief im Nordosten den Kyffhäuser und den Brocken. Dies Alles sah der beredte Mann mit unbewaffnetem Auge und wusste fast über jeden genannten Ort interessante Einzelnheiten zu erwähnen. Ein reiner Morgenhimmel begünstigte ungemein jeglichen Fernblick und die Freunde erfreuten sich gemeinsam seiner Schöne, des Reizes der Landschaft und des durch beide gewährten Genusses. »Nun folget mir zum Edelacker!« sprach der kräftige, obwohl schon bejahrte Führer, leitete die Fremden aus der Burg und über Hutrasen und verfallene Steinbrüche, etwa einen Büchsenschuss vom Schlosse, zur Stelle, die, früher ummauert und gefreit, jetzt nur von einem Erdwall umzogen, doch gekannt und geschont ist, so dass dieses Feld von Nachbarländereien immer gesondert erscheint. »Seht, hier war ein guter Platz, den Peinigern der Unterthanen ihr Recht anzuthun!« begann der Führer wieder: »dort die nahe Burg, wo Damen und Hofgesinde zusehen konnten. Der Acker enthält fünf Magdeburger Morgen, 38 Quadrat-Ruthen Landes und ist gross genug, dass ihrer Viele damit zu thun hatten. Die Sage verschweigt ihre Namen, aber die Geschichte vermag ohne schwierige Combination die Geschlechter der damals Gezüchtigten zu nennen. Gut, dass sie es nicht wieder thun können!« Die Reisenden gingen nicht wieder zur Stadt herab, sondern ihr Führer brachte sie eine gute Strecke auf dem Höhenzuge des linken Unstrutufers auf Fusswegen weiter, wobei er nicht nur Veranlassung nahm, jene auf einen Punkt zu führen, wo der Blick überraschend schön in das entferntere Saalthal bis Naumburg hinabreicht und die Unstrut selbst diesem zwischen ihren Uferweinbergen zueilen sieht, und wo auch Freyburg sich freundlich und malerisch ausnimmt – sondern auch viel Interessantes aus der neuern Kriegsgeschichte mitzutheilen. Während des siebenjährigen Krieges und nach der Schlacht bei Rossbach war Friedrich der Grosse selbst in Freyburg und bat sich statt der langen Bewillkommnungsrede des Stadtraths, die ihm drohte, Etwas zu essen aus. Auch der letzte Regent dieser Stadt aus dem Sachsenstamme, König Friedrich August  III., besuchte Stadt und Burg auf friedlicher, der Besichtigung der zwölf Unstrutschleusen gewidmeten Reise. In den Tagen der Leipziger Völkerschlacht sah Freyburg des Kriegsgetümmels viel und eine angstvolle, unglückliche Zeit, wie ein geschlagenes und fliehendes Heer nur im Gefolge haben kann. Hier war der Uebergang über die Unstrut Hauptrettungsmittel, da der Pass bei Kösen besetzt war; er dauerte auf Nothbrücken vom 19. bis 22. October. Am 21. war Napoleon von 6 Uhr Morgens bis Nachmittag 2 Uhr in und um Freyburg, Murat und Berthier bei ihm, und leitete selbst einen Theil des Rückzuges, der unaufhörlich unter Geschützdonner und kreuzendem Tirailleurfeuer erfolgte. Nachdem der Kaiser nach Eckardtsberga geflüchtet war, leisteten hier die Franzosen noch lange Widerstand gegen die Verbündeten, bis sie endlich den völligen Uebergang über die Unstrut bewerkstelligten, die ihnen, wenn von Kösen aus mit Nachdruck gewirkt und das rechte Ufer zeitig besetzt wurde, zur zweiten Beresina werden konnte. – Der Führer zeigte noch die Stellen der Nothbrücken an, leitete dann zu einem alten Denkstein in der Zscheiplitzer Flur, der dem Andenken des ermordeten Pfalzgrafen gewidmet sein soll und wünschte, sich verabschiedend, den mit Dank Lebewohl sagenden weiter Wandernden glückliche Reise. Memleben. Durch ein trauliches Wäldchen nordwestlich von Freyburg abwärts steigend, sahen die Wanderer erfreut das Gehölz sich öffnen und das gemüthlich heitre Unstrutthal sie wieder empfangen. Friedlich ruhte das Städtlein Laucha , klein, aber wohlgebaut, mit schöner Kirche, im Thalschoosse. Das Schützenhaus, dicht vor dem jenseitigen Thore, bot ein frugales Frühstück, und neu gestärkt wanderte sich's rüstig weiter über die Anhöhen, von denen aus gesehen, das Thal sich doppelt schön ausnimmt. Die gegenüber, am linken Ufer des Flusses sich hinziehenden Berge sind auf ihren Gipfeln meist unbebaut und fallen schroff in das Thal, dieses selbst aber, mit verstreuten Dörfern, grünen Wiesen und langen Fruchtbaumreihen, gewährt einen anziehenden Anblick; in der Ferne blickt noch stattlich über die Berge das Freyburger Schloss in das Thal herein. Nach der Wanderung von einer kleinen Stunde öffnete sich dem Blicke der Reisenden eine neue Aussicht von ganz besonderer Schöne. Rund um reihten sich die Berghöhen zum weiten Kessel, einen umfangreichen Bogen machte der Fluss und mitten aus dem grünen Thale hob sich ein kleiner Berg, von Bäumen und Gebüsch umgrünt, von der Unstrut umarmt und auf dem Berge ein prangendes modernes Schloss, thronend, wie ein Herrschersitz über den zu Füssen freundlich hingebauten Ort. Wohlgepflegte Wege und fremdartiges Gesträuch kündeten ein bewohntes Herrenhaus in diesem glücklich gewählten Hochpunkt an. »Hier,« sprach Otto: »erblickt ihr nun eine der geschichtlich-denkwürdigsten Gegenden Thüringens. Ich habe euch nicht zu Römeralterthümern führen, ich habe euch weder Aquäducte, noch Legionensteine, weder Römerstrassen noch Inscriptionen auf Ziegelsteinen zeigen können. Seht diesen Thalkessel an und den schlossgekrönten Berg, der in ihm sich erhebt; hier lag Thüringens Troja, dort thronte sein Priamum – Burg Scheidungen. Hier ruht der Stoff eines noch ungesungenen deutschen National-Epos. Die Völker kämpften einen Vertilgungskrieg. Von Thüringerleichen ward die Unstrut gedämmt, dass wie über eine Brücke die Franken darüber gingen, und auf der Burg dort barg sich hinter festen Mauern die hoffährtige Königin Amalberga. Rings ward dieses Thal von Feinden umschlossen, dennoch wurden noch gegen die Mannen Irminfrieds viele Tausende von Sachsen zu Hülfe gerufen. Lange währte Kampf, Berennung und Widerstand, bis durch Verrath Stadt und Veste fielen. Jener Burgberg ist der Hünenhügel des Thüringischen Königthums.« Die Freunde schritten, ernst der ernsten Vergangenheit denkend, hinab zu dem Dorfe, hinauf zu dem Schlosse, das ein berühmter Mann, Graf von der Schulenburg, Generalfeldzeugmeister, in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts erbaute. Der Bau trägt den Typus des Geschmacks jener Zeit, Statuen und Bildwerk wurden nicht gespart. Treffliche Künstler schmückten das Schloss auf der klassisch-romantischsten Stelle dieses schönen friedlichen Thales. – Otto führte nun seine Gefährten aus diesem herauf, einen steilen Felsenpfad empor, zur Linken blieb ein Laubwald; oben auf dem Gipfel, wo ein ausgedehntes Plateau beginnt, liegen Hünengräber. Deutlich wurde um eines derselben der Steinkreis erkannt. Ein hütender Schäfer auf dem Berge erzählte, dass ein Schatz unter dem Hügel, oder dem nahe dabei stehenden Birnbaume liege, eine Braupfanne voll Gold. – Über fruchtbare Äcker voll blühenden Mohnes, reifenden Rapses, säuselnden Getraides führte der eingeschlagene Fussweg; er entfernte die Wanderer von dem Unstrutthale, brachte aber mehre Stunden früher, als wenn man dem gekrümmten Laufe des Flusses gefolgt wäre, und zuletzt durch einen sehr schönen Wald, nach Memleben . »Das grosse Dorf liegt in seiner friedlichen Aue hingebreitet, nichts verräth seine schöne Ruine, kein imposant ragendes Mauerstück verkündet den Lieblingsaufenthalt der deutschen Kaiser aus dem Sachsenstamme!« begann Otto. »Die fromme Mathilde, Kaiser Heinrichs des Ersten Gemahlin, gründete hier ein Benedictiner-Nonnenkloster. Es ist anzunehmen, dass diese vielfach umwaldete Gegend es war, in welcher Henricus Auceps der Vogelstellerei oblag, als die deutschen Fürsten ihn zum Kaiser erkürt und ihre Abgesandten ihn auf dem Vogelheerde fanden. Und wo er gern und oft geweilt in seinem Heldenleben, da fand ihn auch der Tod. Sein Sohn Otto der Erste, der ihm in der deutschen Königswürde nachfolgte, weilte hier, als er 973 nach Merseburg zum Reichstage ziehen wollte, um das Pfingstfest zu begehen. Er sang die Mette noch mit und wohnte der Messe bei, dann aber erkrankte er und starb am Pfingstdienstage. Auch auf dessen Sohn, Otto den Zweiten, vererbte die deutsche Krone; er baute und besserte am Kloster, erhob es zu einer Abtei und besetzte es mit Mönchen. So ist das Kloster geschichtlich denkwürdig geworden, und bewahrt noch in seineu Ueberresten die Erinnerung an eine frühe, wunderbar bewegte Zeit.« Bald war die merkwürdige und malerische Ruine erreicht, durch ein weites Thor traten die Wanderer staunend in den Vorhof, den hohe Mauern bilden, und dann in das geräumige Kirchenschiff mit seinen wohlerhaltenen Säulenreihen und hochgesprengten Bogen, deren Decke das Azur des Himmels. »Diese Ruine,« nahm Wagner das Wort, »erinnert mich lebhaft an die Paulinzella's. Jene wirkt mächtiger, reizender, schon durch ihre Lage, ihre Säulen sind höher, stärker, hier ist mehr Gedrungenheit und mehr erhalten.« »Das macht, wie ich glaube, weil hier ein besserer Stein verwandt wurde,« sprach Lenz: »Es ist merkwürdig, wie wenig dieser Sand seit so langen Jahrhunderten litt.« »Ha! was erblickt mein Auge!« rief Wagner verwundert aus, und deutete auf die glatten Pfeiler. »Seht dorthin! Ist es nicht, als träten die Geister der Ottonen und ihrer Gemahlinnen wie Schattengestalten aus dem Gemäuer hervor?« Und in der That, wie hingehaucht, bleichfarbig, dennoch erkennbar, zeigten sich uralte Herrscherbilder auf dem Gestein, gleichzeitige Fresken; jene langen, strengen Figuren der damaligen altdeutschen Kunst, und noch in allen Konturen zu verfolgen. Otto rief Jemand aus dem Vorwerk, das aus den ehemaligen Klostergebäuden gebildet ward, und liess die Pfeiler mit Wasser übergiessen; da hoben sich die Bilder lebhaft hervor, und es blieb den Schauenden anheimgestellt, Heinrich den Finkler und seinen Sohn und Enkel, wie die Gründerin Memlebens, Mathilde, dann Editha und Theophania in diesen Bildern zu erblicken. »Ich möchte wissen,« nahm Lenz bei Betrachtung der Bilder das Wort: »wie viel Antheil das in jenen Zeiten lebende Geschlecht wirklich hatte an diesen übereinstimmenden, meist sehr regelmässigen ernsten Gesichtern und sehr langgestreckten Leibern, und wie viel die Kunst, die Schule, wenn man von Schule hier überhaupt reden kann?« »Es ist wohl anzunehmen,« versuchte Wagner diese Frage zu beantworten: »dass Lebensweise und Tracht nicht ohne Einfluss blieb, einen gewissen Typus herzustellen, der einer ganzen Nation eigenthümlich wurde, den aber spätere Zeiten veränderten und, einen andern bedingend, verdrängten. So national feststehend, wie wir solchen Typus bei den alten Aegyptiern, anders bei Hetruskern, anders bei Chinesen, wieder anders bei Altmexikanern gewahren, kennzeichnete er sicherlich auch die alten Germanen, die spätem Deutschen, und sie waren so in ihrer äussern Erscheinung, wie die gleichzeitigen Maler sie abbildeten. Seht dagegen die Bilder eines Mannes an, der, der grösste Künstler seiner Zeit, die Natur in voller Wahrheit auffasste, Albrecht Dürers, so seht ihr das Volk des spätem Mittelalters in seiner ganzen Wesenheit vor euer Auge gestellt, die kräftigen, trotzigen, eisernen Männer, die Weiber und Jungfrauen in einer Fülle und Leibesentwickelung, die im grellen Widerspruch steht zu diesen schmalen Bildern der germanischen Frühe. Einfache Sitten, einfache Lebensweise konnten einem Volke solch übereinstimmendes Gepräge aufdrücken; jetzt ist dieser Typus verwischt, Deutschland ist keine Nation mehr.« »Ich gedenke,« nahm Otto das Wort: »der wehmüthigen Naivität eines alten Bilderbuches, das ich in Knabenjahren besass; darin waren alle Nationen der Erde abgebildet; Engländer und Franzose, Lappländer und Neger, Russe und Portugiese, jeder vom andern verschieden, jeder in einer Nationaltracht – der Deutsche – stand vor einem Kleiderschranke , über welchem verschiedene Perücken hingen.« »Die verschiedenen Perücken, das war's!« ironisirte Lenz: »die brachten und bringen uns immer noch um die Nationalität.« Wagner zeichnete die schöne Ruine; die Freunde durchwanderten sie und bedauerten lebhaft, dass so Vieles davon erst durch eine jüngere Zeit zerstört worden; wie das hohe Chor und der Hochaltar. – Der Mann, welcher vorhin einen nützlichen Dienst geleistet hatte, wusste viel von grossen Schätzen zu erzählen, die noch in der Tiefe der Ruine liegen sollen. Dieser führte auch die Reisenden in den ehemaligen Klosterhof und zeigte ein am Gebäude befestigtes hölzernes Marienbild, von dem er folgende Sage berichtete: Es gingen zwei Hirtenjungen über den Hof, der eine höhnte das Bild, der andre warnte ihn. Darauf sprach der Höhnende: Was kann das todte Bild mir thun? – Nahm es und warf es in ein Feuer unter dem Kessel, worin man für das Vieh Wasser heiss machte, doch das Bild blieb unversehrt, stand früh am Morgen wieder an seinem Orte, der Junge aber sass zur selben Stunde hoch oben auf der Kirchenmauer in Angst und Noth und konnte nicht herab, und Niemand, er selbst nicht, wusste, wie er da hinauf gekommen.« Die Freunde belächelten das Mirakel, das diese örtliche Sage verkündete, und wandten sich dem Dorfwirthshause zu. Es war Otto bekannt, dass der Wirth Geschirr hatte, und er miethete nun dessen Wagen, um heute noch so weit als möglich zu gelangen. Nach Tische wurde die Reise wohlgemuth fortgesetzt. »Wir sind nun in der goldnen Aue ,« sprach Otto im Fahren zu seinen lieben Gefährten: »diesem reizenden, fruchtbarsten, vielgepriesenen Landstriche Thüringens, der noch heute das Lob verdient, das ihm vor vielen hundert Jahren ein Ritter spendete, ein Graf von Stolberg, welcher, aus Palästina heimkehrend, sprach: Gott behüte das gelobte Land; ich lobe mir dafür die güldne Aue! Dieser gesegnete Landestheil zieht sich von hier das Unstrutthal entlang aufwärts, und folgt ihr bis zum südlich gelegenen Passe bei Sachsenburg, bildet in weiter Flächenausdehnung nach Norden, Osten und Westen ein ringsum von malerischen Waldhöhen umgebenes Gebiet, das die fischreiche Helme durchschlängelt, reicht bis Allstädt und Sangerhausen, bis Wallhausen und Nordhausen, und umarmt das reizende Kiffhäusergebirge, das sich mit seinen Burgruinen von allen Seiten sanft pittoresk darstellt, und welches ihr, sammt dem Barbarossathurme, schon von hier aus als unser nördlichstes Wanderziel uns begrüssen seht.« Der Kiffhäuser. Die Reisenden waren gar nicht lange gefahren, als ihnen höchst malerisch eine Burg, anscheinend noch bewohnt, auf steiler Felswand dicht über dem Fluss und einem Dorfe entgegentrat. »Diess ist der Wendelstein ,« nannte Otto das mittelalterliche Schloss, jetzt Beamtensitz, »einst starke und stattliche Veste, deutlich genug bezeichnend im dreissigjährigen Kriege das Haupthaus genannt. Wrangel und Königsmark belagerten und bezwangen es, und brannten es theilweise nieder. Später war hier eine Zeitlang eine Stuterei.« Wagner liess an geeigneter Stelle den Wagen halten, nahm sich eine flüchtige Skizze von der in der Nähe nichts weniger als schön erscheinenden Burg, und dann ging es weiter. Bald war die berühmte Klosterschule Rossleben erreicht. Das Dorf dieses Namens hat eine bedeutende Häuserzahl; das ehemalige Kloster gleichen Namens geschichtliche Denkwürdigkeit. Es war ein reich dotirtes Augustiner-Nonnenkloster, zuletzt im Besitze der in Thüringen vielfach begüterten Familie von Witzleben; wurde im Bauernkriege zerstört und von Heinrich von Witzleben in eine Knabenschule umgewandelt. Krieg und Pest verheerten und zerstörten sie wieder, und der abermals Verjüngten raubte später ein unglücklicher Brand Gebäude, Kirche, Bibliothek und Archiv, und verzehrte auch einen Theil des Dorfes. Doch sie sah eine günstige Zeit erblühen und erhob sich palastähnlich aus dem Staube. Die Wehen der Zeit rauschten hier nur leise berührend vorüber, und die Anstalt durfte im Segen fortblühen. Ihr Name ist ruhmvoll genannt, und berühmte Männer empfingen in ihr klassische Bildung: Ernesti, v. Thümmel, der grosse Geolog v. Trebra, Geh. Kath Voigt in Weimar, der Mineralog Voigt und Andere. Otto führte seine Freunde bei dem würdigen Rektor dieser segensreich wirkenden Anstalt, Dr. Wilhelm, ein, und die wohlwollend Empfangenen sahen dort vieles Erfreuende, das der Greis und sein verewigter Sohn gesammelt, namentlich Gegenstände des urdeutschen Alterthums, Urnen und sonstige Funde aus germanischen Gräbern der Umgegend. Doch es durfte nicht allzulange verweilt werden in den Hörsälen, der Bibliothek, der Kirche dieses berühmten Pädagogiums; bald rollte das leichte Fuhrwerk wieder am flachen Unstrutufer hin, über ausgedehnte Wiesenflächen, durch die fruchtbarsten Felder. Otto liess den geraden Weg verfolgen, von Rossleben nach Schönewerda, von da nach Kalbsrieth, wo sich die Helme in die Unstrut ergiesst, wo ein Steindamm bis zur Salinenstadt Artern führt. Der reine Nachmittagshimmel enthüllte den vollen Reiz der Landschaften. Zur Linken blickte vom Rücken eines Berges die Doppelruine der Sachsenburg, ohnweit davon prangte Schloss Heldrungen, gerade aus hob sich immer näher und ernster der Kiffhäuserthurm, und das Schloss und die weissen Thürme von Sangerhausen begrenzten am Saume des unabsehbaren Fruchtgefildes zur Rechten die herrliche Fernsicht über die güldne Aue. Unfern Schönewerda deutete Otto auf einen stattlichen Bau und Ort zur Linken, der eine Anhöhe krönte, und bezeichnete Donndorf, abermals eine Klosterschule mit günstigen Dotationen; dann, nach einem andern, friedlich in der Flur zur Linken liegenden Dorfe zeigend, nannte er Gehofen, und fragte: »Habt ihr Gellerts Fabeln gelesen?« Die Freunde sahen ihn verwundert an. »Wie so?« – »Ein Thier« – zitirte Otto: »Wie zu Gehofen ehedessen Die Küch' im Edelhof besessen Diess sind Gespenster, glaube mir!« »In Gehofen trug sich die seltsamste, abenteuerlichste, unglaublichste und doch zeugenbeschworene, actenmässig erhärtete und beglaubigte Gespenstergeschichte des vorvorigen Jahrhunderts zu. Frau Philippine Agnes von Eberstein wurde vom Gespenst einer Nonne, das sie absolut zwingen wollte, mit ihm zu gehen, um einen Schatz zu heben, schwer geplagt. Der Geist weinte, lispelte, sprach, betete, kneipte und maulschellirte, und nannte sich von Trebra. Er peinigte die Edelfrau so sehr, dass sie sogar eines Tages zweimal mit Pistolen nach ihm schoss, wofür sie dann doppelt leiden musste. Dabei sagte ihr das Nonnengespenst die Liederverse, die sie aus dem Gesangbuche beten sollte. Diese Qual datierte vom 9. Oktober 1685 bis zum Sonntage Quasimodogeniti 1686, da wich der Geist von der Frau; aber die Geschichte beschäftigte Jahre lang Gläubige und Nichtgläubige eines Jahrhunderts, das wir nicht das Recht haben, ein finstres zu nennen, denn in den Dämonologieen der Nachwelt werden Gehofen und mancher Würtembergische Ort nahe beisammen stehen.« Während der Fahrt über das weitgedehnte Rieth sprach sich Otto bedauernd gegen die Freunde aus, dass die Zeit verbiete, noch weiter nördlich bis zu den entlegensten Grenzen des ehemaligen Thüringen zu schweifen. »Gern hätte ich euch nach Merseburg geführt, dessen Schloss so herrlich gelegen ist, dessen Dom so viel des sehenswerthen Alterthümlichen enthält, euch gern auf den Giebichenstein und Petersberg bei Halle geleitet, welchen letztern ihr dort wie einen Zuckerhut über die Ebenen emporragen seht. Und selbst hier in der goldnen Aue muss von uns für diesesmal manche schöne und geschichtliche Stadt unbesucht und unbesehen bleiben. Ich werde euch weder nach Sangerhausen, noch nach Frankenhausen, wo die grosse Bauernschlacht geschlagen wurde, noch nach Nordhausen führen, sondern wir fahren jetzt, Artern, das ausser seiner bedeutenden Saline des Merkwürdigen nichts enthält, im Rücken, nach dem kleinen Städtchen Brücken und Wallhausen ; in diesem letzten Ort erbaute sich Otto der Grosse eine Kaiserpfalz, und wohnte oft da, sein Sohn desgleichen. Ueberhaupt war diese reizende Gegend Lieblingsaufenthalt der deutschen Könige.« Prachtvoll lag den Reisenden nun das schöne Kiffhäusergebirge in der herrlichsten Abendbeleuchtung zur Linken. Mit Absicht hatte Otto einen Weg gewählt, von dem aus dasselbe lange und von seiner schönsten Seite besehen werden konnte. Von der Burg Kiffhausen selbst ragten nur wenige Trümmer über das Gebüsch, während auf dem Scheitel des Berges die Warte wie ein grauer Riese stand. Bald auch sah die niedriger gelegene Rothenburg über der Bäume goldglänzendes Laubgrün. Das Licht auf den Gipfeln und Kuppen, die Schatten in den Thälern und Bergbuchten einten sich in den reizendsten Kontrasten zum lieblich harmonischen Ganzen einer zauberisch schönen Landschaft. Mehr schauend als redend, fuhren die Gefährten rasch dahin, nur zuweilen auf ein und das Andere sich gegenseitig aufmerksam machend, das, durch des Weges Wendung hervortretend, neuen malerischen Anblick gewährte. Als nun im grossen Bogen des romantischen Gebirges Ost- und Nordseite umfahren war; die eine Anschauung solchen Landschaftreizes gewährt hatten, wie sie in Worten nicht auszudrücken ist, lenkte der Führer von Rossla nach Kelbra, wo man eben ankam, als Abendgrauen über die Berge und die goldne Aue die Flöre der Dämmerung breitete. – Am andern Morgen rüsteten sich die Freunde zeitig zu früher Bergwanderung. Der Wagen ward nach Tilleda mit dem Bescheid gesandt, dort die Wandergefährten zu erwarten. Nur flüchtig wurden die wenigen Reste eines ehemaligen Klosters in Kelbra besehen, dann ging es fröhlich unter Obstbaumreihen auf die Rothenburg zu, und bald nahm der thaufrische Wald die harmlos Plaudernden in sein trauliches Zwielicht auf, immer auf wohlgebahntem Pfade bergempor führend, bis plötzlich überraschend die malerische Ruine ihnen vor Augen trat. Sie ward ohne Säumen beschritten; ein hoher, runder, geborstner Thurm, eine geräumige Halle, ragende Mauern mit verzierten Fensteröffnungen, dazwischen Gebüsch und Bäume, deutliche Spuren einer Kapelle des altern Baustyls wurden erblickt, durchwandert, durchkrochen. Bei letzterer nahm Otto das Wort: »Hier soll es gewesen sein, wo man den Püstrich fand, jenes seltsame, knabenhaft geformte Bronzebild, das die Weisheit der deutschen Gelehrten für einen thüringischen Götzen nahm und eine Literatur über dasselbe schuf. Das Bild verräth slawischen Ursprung, war auf keinen Fall germanisches Idol, wäre aber, als solches genommen, wohl das grösste metallene aller bekannten und aufbewahrten, und ziert das Naturalienkabinet zu Sondershausen. – Wenden wir uns der Betrachtung der von hier aus so entzückenden Fernsicht zu. Dort liegt die Kette der Bergkolosse des Harzwaldes, die der Brocken mächtig überragt; zu Füssen dieser Bergkette lagert mit zahllosen Städtchen und Dörfern ein Theil der goldnen Aue. Grüne Wälder und weisse Felsenmassen schmücken den Mittelgrund gegen Questenberg und Stolberg hin. Dort ist Gips das vorherrschende Gestein, einen eigenthümlichen Bergzug bildend, voll Grotten und Erdfälle, und diese Vorberge des Harzes sind voll Burgruinen, ihre Höhen und Thäler voll schöner und schauriger Sagen.« Als dem alternden Gemäuer der Rothenburg, ihren wenig geschichtlichen Erinnerungen, am meisten aber ihrer pittoresken Lage und der Aussicht in Nähe und Ferne genügsame Zeit gewidmet worden, schritten die Freunde, von Otto geleitet, erst auf waldigem Pfade, dann auf neuangelegt werdender, das kleine Gebirge in mannichfacher Krümmung übersteigender Kunststrasse eine ziemliche Strecke bergempor, bis auf dem Hochrücken wieder ein Pfad von der Strasse ablenkte und zwischen Holz und Haide dem Kaiser Friedrichs-Thurme näher führte. Dicht am Wege stand hoch aufgeschosst eine herrlich blühende Campanula. »Sieh da, die blaue Wunderblume der Sage!« rief Wagner. »Sie sei ein Glückszeichen für uns!« sprach Otto, die Blume pflückend. »Auf ähnlicher Bergwanderung, wie heute, als ich sinnend und träumend über den Kiffhäuser schritt, fand ich auch solch eine Blume, die zur Erweckerin eines Liedes wurde.« »Sage es uns!« baten die Freunde. – Hoch oben stand im Sonnenlichte die hohe Bergwarte, das Gebüsch umher glänzte, wie mit Frühlingsfrische übergossen, goldnes Sedum blühte in Fülle über den Felsen des in Trümmern gestürzten Walles, tief unten auf besonnter Trift weidete eine zahlreiche Schafheerde ; es war eine herrliche Sommermorgenstuude, und eine Feierstille über die Natur ergossen, wie Sabbathruhe und Weltfriede; die güldne Aue lag vom bläulichen Duft überflort. Otto sprach den still zuhörenden Freunden sein kleines einfaches Lied, gleich sehr vom Zauber der Erinnerung, wie von der Weihestunde dieser Gegenwart ergriffen: »Eine blaue Blum' ich fand, Die auf meinem Wege stand. Und ich pflückte sie erfreut Und bewahre sie noch heut, Die blaue Blume.« »Sommer war's, Geläut' erklang An des Berges steilem Hang; Hell besonnt auf luft'gen Höh'n Stand sie, lieblich anzuseh'n, Die blaue Blume.« »Am Kiffhäuser es geschah, Dass ich trat der Blume nah. Was ich habe, dank' ich ihr, Zauberschlüssel ward sie mir, Die blaue Blume.« »Fragt ihr, was sie gab, ich nahm? Ihre Macht ist wundersam! Glücklich war, der sie besass Uud das Beste nie vergass: Die blaue Blume.« – »Es weht etwas vom Bergzauber und Berggeheimniss in deinem Liede,« nahm Wagner, als Otto geendet, das Wort; »es ist verständlich dem Verständigen, der die ächt deutsch-nationale Sage von der Wunderblume kennt, und weiss, dass sie dem glücklichen Finder zum Schlüssel der unterirdischen Schätze wird, wie die Poesie zu überirdischen geleitet. Die von alle diesem keine Ahnung haben, werden dein Lied dunkel und unklar finden.« »Mögen sie!« erwiederte Otto heiter: »gesellt doch auch die Sage zu ihren schönen Zauberschätzen hässliche, äffende Kobolde; wie schaal und einförmig wäre alles geistige Leben, wenn es nicht einander strikt widerstreitende Individualitäten gäbe. Jeder hat am Ende Recht, der seine Subjektivität behauptet und seinem innern Wesen treu bleibt, und kann nichts dafür, ob dieses sich eudämonisch oder kakodämonisch offenbare.« Zum Kaiser Friedrich (wie das Landvolk in der ganzen Umgegend die Kiffhäuserwarte nennt) stiegen jetzt die Wanderer empor. Er ist von rothem Sandstein gebaut, den der Berggipfel in herrlichen, immer noch ergiebig ausgebeuteten Brüchen liefert. Wenn auch das Gestein die Spuren der Jahrhunderte zeigt, wenn auch die Krone vom Haupte des uralten Thurmriesen fiel, wenn er an manchen Stellen borst, der Blitz das Gemäuer spaltete, die Habsucht schatzgrabender Kuxgänger an seinem Fusse wühlte, dennoch steht er noch festgefügt, und wird noch lange stehen. »So sind wir denn nun hier auf dem weitgenannten, mährchenhaften Kiffhäuser!« rief Lenz aus, sich mit einem grünen Zweige Kühlung fächelnd; »und nun wirst du, Otto, uns gleich einen Zwerg erscheinen lassen, der uns hinunter führt zum verzauberten Barbarossa, wo uns ein edler Wein kredenzt und manches Angenehme geschenkt wird. Auf, lass die Sagenlibellen uns umflattern und umschwärmen, wir wollen uns an ihrem Farbenschmelz erfreuen. Wohlan! Erzähle!« »Ich werde mich diessmal beschränken,« erwiederte Otto. »Die Kiffhäuser-Sagen sind so allbekannt, dass ihre Wiederholung euch nur ermüden würde, und selbst die ungedruckten, die ich zu erzählen wüsste, klingen den bekannten innigst verwandt. Versparen wir's auf ein andres Mal, und öfnet dafür eure Augen der wunderbaren Magie, welche das frische Naturleben rings über diese Höhen ergiesst, von denen ihr den schönsten Theil der güldneu Aue, die Harzwaldkette, und einen Theil des fernen Thüringerwaldes überschauen oder doch erblicken könnt.« Von dem viereckten Kaiserthurme abwärts führte Otto die Freunde nur wenige Schritte, dann blieb er stehen. Aus weithingebreiteter Bergfläche, mit dichtem Buschwerk überwachsen, ragten da und dort in voller schöner Beleuchtung mächtige, weitläuftige Trümmer so verstreut und isolirt, dass es schien, als habe nicht eine Burg , nein, eine Stadt auf dem Berge gestanden. Ein Felsblock ward von den Freunden zum Sitz erwählt und dem imposanten, reizenden Landschaft-Ganzen mit voller Ruhe genussreiche Betrachtung geschenkt. Weit fortlaufend zog sich zur Linken, vom Thurme an, der Rest der Ringmauer über des Berges steilen Abhang; dort ragten die Trümmer der Kapelle, dort anderes Gemäuer, dort ein Bogengewölbe, das sogenannte Erfurter Thor, und jäh abstürzend in eine schwindelerregende Tiefe waren, dicht unter Burgtrümmern, die gewaltigen Mühlsteinbrüche des Kiffhäusers, mit in Hornstein verwandelten, drei Fuss starken Baumstämmen, sichtbar. »Es bedarf nicht der Sage und Fabel,« nahm Otto zu den Gefährten das Wort: »um an dieser Stelle mannichfache Erinnerungen zu wecken. Setzt die Mähr alter Chronisten die Erbauung der Burg Kiffhausen in die Römerzeit, leitet sie den Namen derselben von keifen her, als einer Streitburg, was alle Neuern gläubig nachbeten, so möchte aus anderer etymologischer Forschung und Ableitung nicht minder geringer Gewinn entspringen. Das ganze Volk umher spricht Küpp-Häuser: sollte der Name nicht von Häusern auf der Küppe (Kuppe) eben so und noch mehr folgerecht abzuleiten sein? Die Erbauung der Burg auf diesem Gipfel wurzelt im Dunkel der Frühzeit. Unten in Tilleda stand eine Kaiserpfalz, dieser zum Schutze soll im zehnten Jahrhundert die Veste gegründet worden sein; ich glaube es nicht, und halte Kiffhausen für älter als jene bereits spurlos verschwundene Pfalz, die Otto der Zweite seiner griechischen Gemahlin Theophania zum Witthum verlieh. Die Pfalz lag viel zu fern von der Burg, um von dieser einen Schutz gewärtigen zu können. In der erwähnten Pfalz weilten oft und gern mehre der deutschen Kaiser, und in ihr söhnten sich Heinrich der Sechste und Heinrich der Löwe 1191 mit einander aus. Kiffhausen war wechselsweise kaiserliche Burg und Beute freiheitdurstiger Vasallen. Als die berühmte Schlacht am Welfesholz geschlagen und die Macht des Kaisers Heinrich des Fünften in Thüringen und Sachsen gebrochen war, fiel auch nach dreijähriger Belagerung diese Veste und leuchtete als lodernde Siegesfackel und Freiheitfreudenfeuer über die güldne Aue, bis zum Harz- und Thüringer-Walde hin. Unter Rudolph von Habsburg war Kiffhausen wieder Reichsveste und Lehen der Grafen von Beichlingen-Rothenburg. Später kauften es Grafen von Schwarzburg. Unter ihnen ward hier oben eine köstliche Kapelle gebaut, feierlich geweiht, mit Ablass dotirt, und zu dieser strömte nun eine zahllose Menge, angezogen vom himmlischen Gnadenstrahl, ja Viele gaben Geld für die Erlaubniss, sich hier oben begraben lassen zu dürfen; dort liegt, kaum noch erkennbar, die Kirchhofstätte im Ringe der Mauer, die auch das heilige Kreuzkirchlein einschloss, dessen Trümmer ein verödetes Maueroblongum bilden. Aber auch als die Kapelle verlassen war, kamen noch der Waller viele an Himmelfahrts-, Pfingst- und Johannistagen, suchten Heilkräuter, oder hofften irgend eine Erscheinung, irgend ein Wunder. Uralte Sagen von Bergentrückung und Verwünschung in Bergestiefen erneuten sich hier, und Kaiser Friedrich der Rothbart war es vornehmlich, den mit einer schönen Tochter und zahlreichem Hofstaate die zaubermächtige Poesie des Volkes in den Schoos des Kiffhäusers barg und bannte ; des Kaisers durch den Steintisch gewachsener rother Bart ist der Karfunkel, der, nach jeglicher Richtung ausstrahlend, allen Kiffhäusersagen Licht und magische Färbung gibt. Dazu half die Erscheinung eines halb verrückten, halb betrügerischen Schneiders aus Langensalza, der hier oben sich, ein Pseudobarbarossa, für den Rothbart entweder hielt oder doch ausgab, die alte Sage von letzterm verjüngen, und Schatzgräber, Bergleute, Köhler und Hirten streuten späterhin den Wundersamen der Tradition im ganzen Lande aus, der gedeihlich Wurzel schlug und noch bis heute den weitbekannten Berg umblüht.« Ungern trennten die Reisenden sich von dem schönen Punkte ; sie durchstreiften die Gebüsche, betrachteten die einzelnen Trümmer, und Wagner zeichnete den Thurm von einem Punkt aus, wo man auch die nahe Rothenburg erblicken konnte. Dann gingen sie nach Tilleda hinunter, ganz erfüllt von der Naturherrlichkeit, die zu schauen der heiterste Sommervormittag sie heute begünstigt hatte. Von Tilleda aus musste die Reise nun wieder südliche Richtung nehmen. Es wurde mitten durch die gesegnete Flur direkt nach Oldisleben gefahren, wobei das am Fusse des berühmten Bauernschlachtberges liegende freundliche Frankenhausen nur aus der Entfernung zu betrachten war. Weimar. Das in einer Weimarischen Parzelle liegende, ehemalige berühmte Benediktinerkloster Oldisleben , über dem in äusserst heiterer Gegend gelegenen Stadtflecken gleiches Namens, konnte der Schaulust nichts darbieten, als von der Anhöhe, auf der, in Amts- und Oekonomiehäuser verwandelt, die Klostergebäude stehen, eine reizvolle Aussicht und gleichsam einen Abschiedsblick über das allerjüngst durchreiste schöne Land. Nach einer kurzen zu Wagen zurückgelegten Strecke veranlasste Otto die Freunde, abermals auszusteigen, denn vor ihnen lag, auf dem Berge thronend, die malerische Doppelruine der Sachsenburg . Auf waldigem Fusspfad eine Strecke emporwandelnd, ward bald der kahle Gipfel des alten Schlosses oder das obere Haus erreicht, wo noch ein bedeutendes Mauerwerk dieses Hauses und ein nicht hoher viereckiger, doch weit sichtbarer Thurm emporragt. Entzückend ist von da die Fernsicht. Wie eine grosse Landkarte liegt mit Städten, Schlössern, Dörfern, Flüssen, Wäldern und Fruchtauen ein unermessliches Gebiet zu Füssen der Schauenden, von nicht eben zu hohen Bergketten, der Schmücke, Finne und Hainleite durchzogen. »Hier ist der Pass, durch welchen, nach der Sage, einst das Gewässer abgegraben wurde, das als See über dem Flachlande Thüringens stand,« berichtete Otto: »und der Fluss, der sich jetzt so anmuthig in mäandrischen Krümmungen durch diese Fluren schlängelt, ist die Unstrut, in welche ihr dort, von Kindelbrück und Sondershausen herfliessend, die Wipper einfallen seht. Diese Bergveste bauten die Sachsen schon im sechsten Jahrhundert, nach der Eroberung von Burgscheidungen und dem Untergange des Thüringischen Königthumes. Ein alter muthiger Sachsenritter, der durch Wort und That seine Landsleute zum Ueberfalle Scheidungens anfeuerte, Herr Hugo oder Haugk, soll jenes untere Schloss erbaut haben, das noch die Hakenburg genannt wird. Diesem schritten die Freunde zu. Der abwärts sich ziehende Bergpfad führte sie an einer einsamen Kapelle mit einem Friedhofe vorüber, die zwischen den beiden Triimmerburgen lag. Hier ruhen die Bewohner des am Fusse gelegenen Dorfes Sachsenburg. Einst wird auch sie verlassen und Ruine stehn, wie die Kiffhäuserkapelle. Das untere Haus bewahrt grössere Trümmerreste, darunter auch einen Thurm, in welchen hinab eine gefährlich jäh sinkende Schlucht leicht unvorsichtig Nahende stürzen könnte. Auf dem Kalkgerölle des Schlossberges fand Lenz einige niedliche Fragmente von Entrochienstengeln, und Otto erzählte dabei, dass sogar an diese Versteinerung die Volkssage sich hefte, die sie Bonifaciuspfennige nenne, und berichte, dass einst der Apostel Thüringens das Geld der ihm unholden heidnischen Bewohner dieser Gegend verflucht und in Stein verwandelt habe. Diese sogenannten Bonifaciuspfennige sind aber jetzt auf der Sachsenburg so ziemlich abgelesen. – An dem alten Herrensitz ehemaliger Landesgebieter, denen die ganze güldne Aue unterworfen war, dem Schlosse Beichlingen vorbei, ging nun nach Cölleda die Fahrt. Dieses Städtchen, scherzweise Kuhkölln genannt, litt sehr oft durch Brand, und gewährt durch neuen Aufbau einen freundlichen Anblick. Den Scherznamen hat es von der mit bestem Erfolge betriebenen Viehzucht, zu welcher, neben Ackerbebauung, Landesart und Lage sich trefflich eignen. Gärten und Obstbaumanlagen und weithingedehnte Triften mit weidenden Heerden gaben ein befriedigendes Bild ländlichen Friedens und gesegneten bürger- und bäuerlichen Wohlstandes, konnten aber zu langem Aufenthalte nicht einladen. Als der Abend herabsank, kamen die zu Wagen schnell durch die stillen Felder Reisenden in Rastenberg an, und Otto's Begleiter riefen lachend, als er den Ortsnamen nannte: » Nomen et omen ! Hier rasten wir!« »Vom Rasten hat das Stadlern nun wohl nicht den Namen, das früher Raspenberg hiess,« berichtigte Otto; »sondern eher von einer alten, fast ganz zerstörten Burg darüber, die der ältere thüringische Heinrich Raspe, Ludwigs mit dem Barte Sohn, erbaut haben soll. Hier hausten äusserst arg die Raubschaaren, die Adolph von Nassau landverwüstend nach Thüringen sandte, besonders in den Klöstern, darüber ihnen aber von den rächenden Landesbewohnern ein absonderlich schmähliches Etwas angethan wurde, das ein altes, noch aufbewahrtes Lied besingt. Bald darauf wurde die Burg von Friedrich dem Gebissenen als Raubnest mit Hülfe der nächstliegenden Reichsstädte zerstört.« Von hier aus sandten die Freunde das von dem nahen Memleben mitgenommene Geschirr zurück und nahmen am folgenden Morgen ein anderes – da Otto in der zwar fruchtbaren, aber an landschaftlichen und romantischen Reizen nichts Besonderes darbietenden Gegend eine ermüdende Lustwanderung nicht für angemessen fand – welches sie in wenigen Stunden über Buttstedt und Buttelstedt nach Weimar brachte, das sich von der sanft ablaufenden Höhe des zur Rechten bleibenden Ettersberges am Fusse des bewaldeten Webichts und der mit Villen geschmückten Altenburg in dem heitern Ilmthale recht angenehm und bescheiden ausnahm. Es war natürlich, dass die Fremden nicht ohne hohe Erwartung der berühmten Stadt nahten, und Otto empfand zum ersten Male auf der Reise einige Verlegenheit, ob er auch genüglich befriedigend hier als Cicerone werde erscheinen können, wohl bedenkend, dass hier allerdings mehr zu verlangen sei, als bloses Herumführen und Herumführenlassen bei öffentlichen Anstalten und Sehenswürdigkeiten, welches noch dazu ein mehr und mehr sich regnerisch trüb umziehender Himmel zu stören drohte. Der Name Weimar hat so guten europäischen Klang, dass es nun schwer fällt, dem besuchenden Fremden die nicht grosse Residenz und ihre grösstentheils engen und winkeligen Strassen mit dem Bilde in Einklang zu bringen, das er von dieser Stadt, bevor er sie sah, in sich trug. Zwar ziert sie gar mancher Neubau; die Carlsstrasse, die Esplanade sind schön zu nennen, die durch friedliche Zeit und das Bedürfniss sich mehrender Bevölkerung erweckte Baulust hilft ungemein die Städte fast überall, so auch hier, verschönern, aber der äussere wachsende Glanz kann den innern verwelkenden nicht ersetzen, und es erweckt trübes Nachdenken, wenn auf entschwundener intellektueller Grösse die Grabschrift olim steht, leuchtete sie auch noch so golden in die Spätwelt hinein. Diess äusserte Otto unverholen gegen die Freunde, als sie in Weimar einfuhren und in einem der auf dem nicht grossen Marktplatze gelegenen Gasthäuser abstiegen. »Es würde euch für Ignoranten erklären heissen,« sprach er weiter fort: »wollte ich euch eine Nomenclatur der grossen Geister vorführen, die einst Weimar den schmeichelnden Namen des Ilm-Athens durch ihre Anwesenheit erwarben, jenes wohlfeile Epitheton, mit welchem die guten Deutschen äusserst freigebig sind, da sie ein Spree-Athen, ein Elb-Athen, ein Isar-Athen, ein Pleisse-Athen und so weiter haben, wo aber leider unter wenigen Atheniensern stets viele Abderiten umherwandeln. Ihr findet hier eine Stadt, die als solche nicht besser und nicht schlimmer ist, als andere kleine deutsche Residenzen, und die jetzt im Sommer etwas stiller wie sonst ist, weil der Hof in Wilhelmsthal verweilt. Die Hauptstrasse, welche Nord- und Süddeutschland verbindet, die von Berlin und Leipzig nach Frankfurt am Main und hier durch führt, verschafft Weimar übrigens grosse Frequenz von Fremden und Reisenden; die Gegend ist angenehm, fruchtreich; doch romantisch , wie ein und der andere Enthusiast sie genannt, kann man sie nicht bezeichnen. Dafür aber hat sinnig und gemüthlich schaffende Kunst hier vielfach verschönend gewaltet, und so manche reizende Anlagen von Schlössern, Häusern und Gärten sind sprechende Zeugen von Anna Amalia's und Carl August's läuterndem und harmonisch schaffendem Genius.« »Du wirst Sorge tragen,« nahm Lenz das Wort: »dass wir als rasche Touristen das Schöne der hiesigen Gegenwart sehen, was du für anpreisenswerth hältst; was das Vergangene betrifft, so wollen wir ihm an geeigneter Stätte eine Thräne weihen, ohne Schlummernde zu stören.« »Wenn die Weimaraner stolzer auf den Namen ihrer Stadt sind , als auf die Stadt selbst,« äusserte Wagner, »so ist dies ihnen nicht zu verdenken ; es ist doch eine Art Nationalgefühles, das in Deutschland nicht häufig ist, und war doch nun einmal ihr Ort die unscheinbare Muschel, welche die köstlichsten Perlen barg.« »Schade, dass dein Gleichniss hinkt,« spottete Lenz: »da die Muschel die Perlen weder erzeugte, noch ihren Glanz einschloss. Und würdigte die Muschel auch, so lange sie ihn besass, hinlänglich ihren grossen Schatz, auf welchen sie nun so stolz ist?« »Brechen wir davon ab, meine Lieben,« bat Otto, die Korke von den Flaschen edlen Frühstückweines entsiegelnd und die Becher füllend. »Klingt an! Schillers Wort: Auch die Todten sollen leben!« »Und werden leben, Amen!« setzte Lenz feierlich hinzu. – Eine Promenade durch Weimar und seine nahen Umgebungen bietet da und dort theils dem Auge Wohlgefälliges, theils der Erinnerung Heiliges. Otto schlug den Weg über den Markt ein, führte bei dem alterthümlichen Rathhause, an welchem, wie ein Wahrzeichen, eine alte Sturmhaube aus eiserner Zeit hing, vorüber, und geleitete durch einige Strassen auf den Töpfermarkt, wo das Gymnasialgebäude nahe bei der mit einem grossen und einem kleinen Thurme versehenen, einfach erbauten Stadtkirche steht, zu Letzterer. Er berief den Küster, um das bekannte grosse Kranachische Gemälde und die sonstigen Merkwürdigkeiten des Kircheninnern zu besehen. »Lukas Kranach,« nahm Otto das Wort, »starb in Weimar; ein treuer Anhänger und Freund des Churfürsten Friedrich, setzte er ihm und dessen drei Söhnen hier ein würdiges Denkmal in einem Bildschrank hinter dem Altar. Man erblickte auf den jetzt abgesonderten Flügeln des Schrankes eine Taufe Christi und eine Himmelfahrt, den Churfürsten und Sybilla, seine Gemahlin, in Lebensgrösse, zur Linken die drei Söhne, in der Mitte aber ein schönes allegorisches Gemälde.« Der grüne Vorhang rollte vor der über 11 Fuss hohen, 10 Fuss breiten Bildtafel empor. In der Mitte ist Christus am Kreuz dargestellt, zur Rechten steht der Auferstandene siegreich über Tod und Teufel. Zur Linken wird Johannes der Täufer stehend erblickt, vor ihm steht Lukas Kranach selbst, ein Blutstrahl aus der Seite des Gekreuzigten springt auf des Künstlers Haupt; neben dem Künstler, in ganz sichtbarer Gestalt, steht Dr. Luther mit aufgeschlagenem Bibelbuche; zu des Kreuzes Füssen das Agnus Dei mit der Oriflamme. Am Kreuzesstamm ist die Jahrzahl 1555 und des Meisters Monogramm angebracht. Den Hintergrund füllen kleinere Darstellungen aus der heiligen Geschichte. »Ein herrliches Bild!« lobte Wagner, »ohnstreitig der grössten eines von dem fleissigen und berühmten Künstler, wohlerhalten in seiner Schönheit und Farbenfrische, und durch die gewiss äusserst treuen Portraits doppelt merkwürdig und sehenswerth.« Man wandte sich der Betrachtung der übrigen Bildnisse und mehrer Kenotaphien zu, weilte mit tiefem Ernst in der Fürstengruft , und verliess dann befriedigt die helle und geräumige Kirche, um sich nach der zu St. Jacob zu begeben, welche auf dem Kirchhof steht. Dort erinnern theils einfache, theils prangende Denkmäler an die glänzende Vergangenheit des gelehrten Weimar, und nicht ohne ein tiefempfundenes Schmerzgefühl über die Vergänglichkeit alles Irdischen wurden da und dort die gefeierten Namen gelesen, die mit Sternenschrift geschrieben im Tempel der Unsterblichkeit glänzen. Zur trüben Stimmung passte, obwohl unwillkommen, der trübe Himmel, welcher sich im allmälig beginnenden feinen Regen ergoss, so dass die Schirme entfaltet werden mussten, wodurch der Spaziergang über die Carlsstrasse und Esplanade, an dem äusserlich nicht glänzenden, im Innern aber wohl eingerichteten Theater und an Schillers ehemaligem Wohnhause vorüber, beschleunigt werden musste. Wo die Esplanade am Frauenthor endet, bog Otto wieder zur Linken zum Markt hinab ein, doch wurde zuvor, verweilend, auch das Göthesche Haus mit Antheil betrachtet. – Es war die geeignete Stunde gekommen, die Grossherzogl. öffentliche Bibliothek mit ihren reichen Schätzen nebst den andern allbekannten Anstalten Weimars für Wissenschaft und Kunst zu besehen, und das innere Heiligthum des in einem eigenthümlichen Styl erbauten sogenannten französischen Schlösschens ward betreten. – Diese, über 140,000 Bände starke Bibliothek fand, wie die übrigen nicht unbedeutenden Büchersammlungen der Sachsenherzoge, ihren ersten Anfang in einer fürstlichen Handbibliothek. Theils durch Ankäufe, theils durch Ererbungen und Vermächtnisse glücklich vermehrt, drohender Feuersgefahr bei dem Weimarischen Schlossbrand im Jahr 1704 nicht minder glücklich entrissen, jetzt in zweckmässigen und heitern Räumen aufgestellt, bildet sie einen der grössten Schätze Weimars. Auch das bedeutende numismatische Kabinet fand in ihren Räumen seine Stelle. Alle diese Anstalten: Bibliothek, Münzkabinet, Kunstkabinet, Gemälde- und Kupferstichsammlung und die freie Kunstschule, standen unter Göthe's unmittelbarer Leitung und Oberaufsicht, und gewannen in jeder Beziehung durch dessen wohldurchdachte, allumfassend verständige Anordnungen ausserordentlich. – Besonders anziehend erscheint für den Nichtgelehrten, flüchtig Besuchenden, nur oberflächlich Beschauenden in der Bibliothek zu Weimar die reichhaltige Sammlung der Stammbücher , welche in dem Katalogzimmer aufgestellt ist, wo auch eine freistehende Treppe von besonders künstlichem Bau der Betrachtung sich werth zeigt. Bildnisse und Büsten zieren überdies die lichtvollen Räume, darunter Napoleons Büste von David, Schiller von Dannecker und Andre besonders ausgezeichnet zu nennen sind. Zum Schmuck wie zur Erinnerung aufgehängte Bildnisse lassen für eben bezeichnete Personen das Bibliotheklokal nächst den Bücherschätzen in anziehender Mannichfaltigkeit erscheinen. Wenn auch der Himmel den Freunden erwünschte Promenaden in die reizenden Anlagen des Sternes und Parkes gewaltsam kürzte, so wurde doch das sich schön darstellende Aeussere des Grossherzogl. Residenzschlosses besehen, und dieses von einer Seite gezeichnet, wo es sich recht malerisch ausnimmt; nicht minder wurde das römische Haus und die griechische Kirche im Park nicht unbetrachtet gelassen, und dankbar an Carl August, den sinnigen Schöpfer dieser schönen, einladenden Anlagen und Gebäude gedacht. Eine Fahrt nach den berühmten, die Prachtfülle tropischer Pflanzen einschliessenden Gewächshäusern des nahen fürstlichen Lustschlosses Belvedere unterblieb, weil immer mehr und mehr der Himmel seine Schleusen öffnete. »Es ist mit Antheil wahrzunehmen,« sprach Lenz, als die Freunde in ihrer Wohnung wieder angelangt waren: »wie in Thüringen, dem Herzen Deutschlands, neben anderm Trefflichen, auch nicht geringe Bücherschätze angehäuft sich finden.« Darauf erwiederte Otto: »Wohl hast du Recht, und es ist nicht uninteressant, dieser literarischen Gesammtmasse einen Ueberblick zu widmen. Freilich sind die summarischen Angaben sehr abweichend, oft zu hoch, oft zu gering; doch lässt sich mit ziemlicher Gewissheit den verschiedenen Bibliotheken in Thüringen folgende Bändezahl vindiciren: Gotha 150,000, Herzogl. Bibliothek. Weimar 140,000, Grossherzogl. Bibliothek. Jena 60,000, Universitätsbibliothek. Erfurt 40,000, Königl. Bibliothek, ehemals Universitätsbibliothek. Meiningen 30,000, Herzogl. Bibliothek. Rudolstadt 30,000, Fürstl. Bibliothek. Coburg 26,000, Herzogl. Bibliothek. Rechnet man nun noch die fast in allen Hauptstädten vorhandnen, meist beträchtlichen Gymnasial- und Rathsbibliotheken u.dgl. hinzu, welche doch auch mehr oder minder der Benutzung des gelehrten Publikums sich öffnen, so kann man eine 500+000 Bände erreichende Anzahl annehmen, welche freilich den spirituellen Werth so wenig ausmacht, als sie überall die zweckgemässe Benutzung bedingt oder zur Folge hat.« – Die Freunde verbrachten den Rest des Tages in heiter socialen Kreisen und bereiteten sich dann zur Weiterreise vor. – Erfurt. Der folgende Morgen führte, bei wieder etwas hellerem Himmel, die Reisenden aus der Grossherzoglichen Residenz der uralten Hauptstadt des Thüringerlandes zu. Otto zeigte den Freunden zur Linken in friedlicher Niederung die Wallendorfer Mühle, die einst Schauplatz einer gar romantischen Liebe des Grafen Wilhelm von Orlamünde zur schöuen Meta, der Müllerstochter, war, und zur Rechten den 1459 Fuss hohen Ettersberg mit dem Jagdschlösschen Ettersburg, welcher bei gutem Wetter eine ausgedehnte Fernsicht gewährt, und der Umgegend als Wetterverkündiger, wie überall hohe Einzelberge, dienen muss. Er hatte bereits den Hut gelüftet; die Wolken, die seine Stirne umlagert hielten, verzogen sich, und so prophezeihte er den Reisenden günstig. Die Heerstrasse war äusserst belebt; Landleute in reinlicher Tracht, meist Mädchen und Frauen, mit Körben aller Art auf den Rücken, eilten dem Wochenmarkt in der Residenz zu, um die Erzeugnisse ihres Fleisses und ihrer Feldwirthschaft zu verwerthen, aber auch Wagen voll Gemüse und sonstige Victualien flogen, von starken Ackerpferden gezogen, dem Auge rasch vorüber; darauf sassen oft noch ganze Gesellschaften gemischten Geschlechts, fröhlich durch einander plaudernd in allen Variationen des hier ziemlich breiten und singenden thüringischen Dialektes. »Wir haben auf unsrer Reise,« nahm Lenz das Wort: »viel des Schönen gesehen, das Natur oder Kunst dem Auge gefällig darboten, aber vom eigentlichen Leben des Volkes, dessen Brauch, Sitte und Wesen, haben wir nur wenig erblickt; wie kommt das?« »Das hat einen sehr natürlichen Grund, und kann für mich kein Vorwurf sein,« erwiederte Otto. »Um Studien jener Art zu machen, bedarf es eines längern Verweilens in Städten und Dörfern, als eure Zeit und Eile vergönnt. Vom Vogelschiessen , in Thüringen allbeliebt, habt ihr in Ilmenau eine Vorstellung erhalten: Weimar, Gotha, Erfurt, Rudolstadt halten neben jenem die berühmtesten, besuchtesten; vielleicht führt unser Reiseglück uns auch in ein Kirmsedorf; diese beiden noch in aller Aechtheit erhaltenen und vom Volke mit Vorliebe festgehaltenen Volksvergnügungen sind besonders geeignet, Anschauungen des thüringischen Volkslebens zu geben. Um festliche Gebräuche von Einzelorten wahrzunehmen, die oft originell genug sind, muss man zu günstiger Zeit und Stunde anwesend sein, es giebt deren manche, und ich will euch, den ziemlich einförmigen Weg zu kürzen, einige nennen. Naumburg hat sein Kirschenfest , von dem ich euch erzählte, Mühlhausen sein Brunnenfest , wo eine dankbare Erinnerung die Jugend zur Freude leitet, an der alles Volk Theil nimmt. Das Dorf Günstedt, im Königlich Preussischen Amte Weissensee, feiert ein Fest, der Ablass oder die Spende genannt, auf einer unabsehbaren Wiese, zu welchem Tausende strömen; Querfurt hält auf seiner berühmten Eselswiese einen berühmten Jahrmarkt , Erfurt, dem wir uns nahen, hat noch seinen grünen Montag mit Waldeslust und Waldesjubel, seine Peter - und Hospitalkirchweihen ; in frühern Zeiten zog sein Frohnleichnamsfest die Bevölkerung der ganzen protestantischen Umgegend zur Theilnahme herbei, und diese vergass bei dessen Glanz, dass es ein katholisches Kirchenfest sei. Eine Menge früherer Feste wurden eingestellt, oder beschränkt, so in vielen Städten der beliebte Gregoriustag, in Erfurt der Walperzug nach der Wagdweide, eine Erinnerungswallfahrt an einen errungenen Sieg der Städter über die Burggrafen von Kirchberg. Im uneigentlichen Sinn kann man auch Volksfeste die festlichen Tage von Himmelfahrt, Pfingsten, Trinitatis und Johanni nennen, wo das Waldvolk den Berggipfeln zuströmt, und sich in den kräuterreichen Waldungen verbreitet, um hochlodernde Feuer die Nächte durchschwärmt, sich wacker zutrinkt, und zum Theil auch sich wacker prügelt. Orgien dieser Art mögen wohl noch späte Nachklänge vorzeitlichen heidnischen Hain- und Bergkults sein. Namentlich am hochgehaltnen Dreifaltigkeitstage muss jede Arbeit ruhen, muss spazieren gegangen werden; an diesem Tage vornehmlich blüht auch nach dem Volksglauben die Wunderblume an gesegneten Stellen in grüner Waldesnacht.« – Unter solchen und ähnlichen Mittheilungen kamen die rasch des Wegs Fahrenden bis zu dem Punkt, von welchem aus Erfurt in seiner ganzen Grösse am Fusse nicht hoher Berge mit vielen Thürmen und Thürmchen in der höchst fruchtbaren, weit zu überschauenden, mit friedlichen Dörfern geschmückten Thalebene der Gera liegt. Ueber die Höhen des Steigerwaldes blickte neugierig der ferne Inselsberg herein, und nicht allzufern zur Linken ragten über Duftschleiern die Gleichischen Bergschlösser, herüberschauend nach den stattlichen Vesten der Neuzeit: Petersberg und Cyriaksburg. Sanfte, vielfach verzweigte, grösstentheils aus Kalkstein bestehende Höhenzüge und Plateau's, zwischen denen kleine Flüsschen und Bäche sich winden, bilden, mit Nadelholz- und Laubwaldungen untermischt, den Charakter dieser Gegend, in einem Umkreis mehrer Meilen, und in ihr, der lachenden, freundlichen, ergiebigen, in Thüringens Mitte günstig gelegenen, wurde in der Urzeit dieses Landes die grösste und beste Stadt desselben gegründet. Otto nahm von der Gegend Veranlassung, dieser Gründung zu gedenken. »Das Erfurter Gebiet,« sprach er: »ist mir immer merkwürdig, weil in ihm die vielleicht älteste deutsche Sage haften blieb, die von einer Zeit, in welcher noch alles Flachland unter Wasser stand, wo mithin noch nicht einmal von den undurchdringlichen Wäldern und Wildnissen des alten Germaniens die Rede war. Dieser Sage nach verliefen sich aber die Gewässer, als die Riesen den Felsendamm an der Schmücke, unter der nachherigen Sachsenburg, jenem Unstrutpass, den ich euch zeigte, durchgestochen. Von der Gründung der Stadt weiss nur die Sage zu erzählen, die bald einen Müller Erf an einer Gerefurt (Erefurt), bald den mythischen König Merovig als erste Erbauer nennt. Das alte Erphesford tritt jedenfalls schon früh fertig in die Geschichte; so fand es Bonifacius, und hielt es eines daselbst zu begründenden Bisthums werth; Klöster erhoben, Ansiedler mehrten sich; Karl der Grosse machte Erfurt zu einer Stapelstadt; die spätem Kaiser hielten hier Reichs- und Kirchenversammlungen, und verliehen nach und nach Mauern, städtische Ordnungen, Stiftungen, Freiheiten, während das Bisthum wieder erlosch und die Stadt unter den Krummstab von Mainz kam. Die thüringischen Landgrafen haben sich nie dauernder Herrschaft über die Stadt erfreut, deren erwachender Bürgertrotz sich den Reichsstädten gleich achtete. Hader, Kampf und Fehde nach allen Richtungen hin ziehen sich durch die ganze Geschichte Erfurts wie ein blutiger Faden, und nichts, was in der Frühzeit allgemeines Interesse erregen konnte, fand Erfurt ohne Theilnahme. Anhängerin des Grafen Adolph von Nassau, Erzbischofs von Mainz, traf die Stadt der päpstliche Bannstrahl und die Reichsacht; sie trug beides standhaft, und Adolphs Dankbarkeit, half ihre Universität gründen, die dazu beitrug, ihr die höchste mittelalterliche Städteblüthe zu verschaffen; auch dem Bunde der deutschen Hansa schloss Erfurt sich an.« »Indessen mitten im gedeihlichen Wachsthum traf die Stadt hemmend ein furchtbarer Schicksalsschlag. Ein schändlicher Mönch steckte sie 1472 in Brand, wodurch fast die Hälfte ihrer Häuser in Asche sank. Später untergruben die wachsende Macht der benachbarten Sachsenherzoge, Leipzigs aufblühender, kosmopolitische Bedeutsamkeit gewinnender Handel, und nachlässige Verwaltung des städtischen Vermögens Erfurts Glück; letztere führte endlich zu offenbarem Aufruhr der Bürgerschaft gegen den Rath und zu Händeln, welche zu der städtischen Schuldenlast von 500,000 Gulden unermessliche neue Kosten fügten, eine grosse Anzahl Patrizierfamilien theils zur Flucht, theils zur Auswanderung zwangen, und zuletzt der Stadt die Reichsacht zuzogen. Mangel an Gemeingeist zerrüttete unheilbar Erfurts frühern Flor, doch hob es sich bald darauf in geistiger Beziehung um so mehr, durch Lehrer seiner Hochschule, wie Eoban Hesse , Johann Lange , Justus Jonas , Draconites , Camerarius , und Andere. Aber nicht lange, so brachen in Folge der Reformation so heftige Streitigkeiten aus, dass Lehrer und Schüler sich wegwandten. Unaufhörlich wechselnd sah Erfurt fortan Zeiten des Friedens, wie des Krieges über sich verhängt, es sah in seinen Mauern und in seinem Gebiete Gustav Adolph , Tilly und Banner , später Friedrich den Grossen ; es lehrte dort Wieland , es glänzte in ihm der gefeierte, wissenschaftliche, kunstsinnige Coadjutor Dalberg , der nachherige Fürst Primas. Das Loos der Völker unterwarf Erfurt und sein Gebiet dem Scepter Preussens 1802, doch nur auf kurze Zeit, in der die Universität erlosch – später wogten Heere über diese jetzt so friedlichen Fluren, Frankreichs Siegesfahnen wehten von den Citadellen – Contributionen – Explosionen – Brand – Seuchen – Monarchencongresse – Napoleon mehr als einmal hier anwesend – bis endlich eine unermesslich schreckliche Zeit für Erfurt mit der des neuen Titanensturzes zusammenfiel. Doch auch dieses fast untragbare Weh ging vorüber, Erfurt sah und sieht wieder eine bessere Aera, und hat sich nach allem erlittenen Ungemach wieder zu einer Stadt von über 3000 Häusern und 21,000 Einwohnern, ohne das Militär, erhoben.« – Dumpf rollte über die Zugbrücke des Wallgrabens und durch das starkgemauerte, einen dunkeln Gang bildende Schmiedstädter Thor der Wagen, der die reisenden Freunde in das zum Theil noch sehr alterthümliche, merkwürdige Erfurt trug, und durch einige Strassen mit ziemlich unansehnlichen Häusern auf den schönen stattlichen Anger zu dem belebten, wie beliebten Gasthaus zum Kaiser brachte. Während die Reisenden bei einem Gabelfrühstück sich restaurirten, umgab sie ein bewegtes Leben, Posten kamen an und fuhren ab, Passagiere aller Art erschienen, die Kellner flogen flink umher. Aus dem gemüthlichen Stillleben der Reise sah man sich plötzlich in das rege Gewühl einer Grossstadt versetzt, und ergötzte sich an diesem Wechsel geraume Zeit, bis zu einer Promenade durch die Stadt aufgebrochen wurde. »Erfurt bietet so viel des Sehenswerthen dar,« sprach Otto im Gehen, indem er die Freunde an der einfachen alten Kaufmannskirche vorbei, in die Johannesstrasse führte: »dass ein wochenlanges Verweilen kaum hinreichen würde, die Schaulust zu begrenzen, zumal wenn dieselbe Freude am Alterthümlichen hätte. Ist auch von den Ueberresten des Mittelalters bereits unendlich Vieles zerstört, durch Feuer und Neubauten verschwunden, so ist doch noch gar Manches übrig an Bildwerk, Inschriften und Zierrathcn, der schönen Kirchen nicht zu gedenken.« Und so fanden es auch die Freunde, sie fanden noch die Steinbilder an den ehemaligen Patrizierhäusern, nach denen diese Häuser zum Theil bis heute den Namen führen; oft Gebilde der Kunst, oft auch barocke Zeugnisse vom Ungeschmack einer spätern Zeit, immer aber nicht uninteressant. Die Chroniken der alten deutschen Städte grössern Umfanges und geschichtlicher Bedeutsamkeit sind meist mit Lapidarbilderschrift an den Häusern zu lesen. – In der Futtergasse, welche auf den Wenigenmarkt führt, bezeichnete Otto das Theater , Privateigenthum, und nur von Zeit zu Zeit durch gute ambulante Truppen belebt. Auf den Wenigenmarkt angelangt, trat ein alterthümliches gethürmtes Thor entgegen, die Aegidiikirche mit einem gewölbten Durchgang, der zur Krämerbrücke leitet. Diese beschreitend, wurden zur Rechten und Linken freundliche Häuser erblickt, deren untere Stocke Kaufladen an Kaufladen bilden. »Ihr seht hier eine Eigentümlichkeit Erfurts,« sprach Otto: »welche ihr nicht leicht in einer zweiten deutschen Stadt also finden möchtet; ihr wandelt nämlich, ohne es zu gewahren, auf einer steinernen Bogenbrücke. So waren, wie man auf alten Bildern findet, die Brücken von Paris einst mit Häusern dicht besetzt. Die hiesige Krämerbrücke, deren Namen sich von selbst erklärt, wurde bereits in dieser Gestalt 1321 erbaut.« »Bevor wir, den Haupt-Sehenswürdigkeiten Erfurts uns zuwendend,« nahm Otto wieder das Wort, als die volkbelebte Brücke überschritten war: »dem Friedrich-Wilhelms-Platze nahen, ersuche ich euch, mir auf einem kleinen Umwege rechts ab in die Michelsstrasse zu folgen; in dieser, einst von den vornehmsten Patrizierfamilien bewohnten Strasse erblickt ihr neben manchem noch vorhandnen Hause, das sich durch Wappen, Bildwerk oder Inschrift vor andern auszeichnet, noch sonstige Gebäude von geschichtlicher Bedeutung für diese Stadt. So lässt selbst die Sage in diesem ersten Eckhause zur Linken einen Templerhof gewesen sein, wiewohl sich in der Geschichte dafür keine Bestätigung findet. Dort gegenüber der mit Epitaphien äusserlich geschmückten Michaelskirche steht noch wohlerhalten mit Inschriften und gothischen Fensterverzierungen späterer Zeit grau und steinern das ehemalige Universitätsgebäude, in ein städtisches Arbeitshaus umgewandelt. Nahe dabei in dem ehemaligen Kloster Pfortaischen Hofe befindet sich das Königliche Inquisitoriat. Thürme verschiedener nicht mehr vorhandener Kirchen werden in dieser Gegend erblickt, und wenn wir jetzt uns links in die schmale Pergamentergasse wenden, erinnert, aus winkelvoller Seitengasse vortretend, des Turnierhauses alterthümlicher Bau an die kampfliebende Belustigung des Mittelalters, und an Albrecht, den unartigen Landgrafen, der seine letzten Jahre darin verlebte.« Jetzt aus der Pergamenter-Gasse getreten, lag vor den Augen der staunenden Fremden der grosse, zur Rechten mit den anmuthigsten Gartenanlagen und Baumreihen geschmückte Friedrich-Wilhelms-Platz , mit seinen langgedehnten Häuserreihen, seiner Fontaine, seinem Obelisk, einem Denkmal der Erinnerung an den Kurfürsten Friedrich Karl Joseph, und dem ehrwürdigen Dom , neben dessen hohem und stumpfem Thurmkegel die schlanken Spitzen der Thürme des Severistifts in den blauen Himmel aufragen. Bald auch wurden über terrassenförmig aufgeführten Mauern und grünen Erdwällen die Werke und Gebäude des Petersberges erblickt, und den Platz erfüllten in glänzender Parade mehre Bataillone des 31. und 32. der Königlichen Infanterie-Regimenter sammt ihrem Stabe, deren vortreffliche Musik zugleich die Reisenden mit langentbehrtem Genuss erfreute. Ungemein viel trägt zur Belebung Erfurts das Militär bei, indem ausser dem erwähnten noch vier Fusscompagnien der dritten Artilleriebrigade, drei Garnison-Compagnien, ein Commando Pionniere und drei Bataillone Landwehr-Infanterie, im Ganzen aber 3000 Mann in den beiden Festungen und in der Stadt vertheilt sind. Als der schönen Musik eine Zeitlang wohlgefällig zugehört war, führte Otto seine Freunde die breiten Stufen zum Dom empor, welche von ihrem lateinischen Namen Gradus früher dem ganzen, in altern Zeiten durch viele Häuser weit mehr eingeengten Platze die Benennung: der Graden , verschafften. Schon oben von der Cavate, der breiten, geplatteten Balustrade, welche die vordere Seite des Domes ganz umzieht, gewährte sich eine reizvolle Aussicht auf den grossen Platz, die nahen Strassen und ansehnlichen Gebäude. Aber zum herrlichen Panorama entfaltet, lag vom Domthurm überblickt, das Häusermeer der Stadt mit den ragenden Felszacken ihrer immer noch schwer zu zählenden Thürme, mitten in dem grünenden Gefilde, von Bergen umfangen, und wie ein Stern nach allen Richtungen hin die weiss in die Ferne leuchtenden Strassen ausstrahlend. Rundum erstrecken sich, freundlicher wie ehedem graue Mauern und trotzige Thürme, die gediegenen Werke der Fortification, und schliessen in ihren weiten grünen Ring schirmend und sichernd die Stadt, die vielen und weitläuftigen Vorstädte, zahlreiche Gärten, Wiesen und Vergnügungsorte mit ein. Nach solchem mannichfachen, von ganz hell gewordenem Himmel begünstigten Aussichtgenüss wurde nun das Innere des Domes besehen, doch vorher auch die berühmte grosse Glocke, Maria Gloriosa , nicht unbetrachtet gelassen, da einmal der Thurm erstiegen war. Mit dem 11 Ctr. schweren Klöppel wiegt dieselbe 286 Ctr., und wird bei hohen Festen angeschlagen. Sie zu läuten wagt man nicht mehr; ihr mächtiger Umschwung würde den Thurm allzusehr erschüttern, dessen Gemäuer durch einen Brand in Folge eines Wetterschlages litt, der ihn des Daches und die Kirche noch zweier Nebenthürme, wie mehrer Glocken im Jahr 1717 beraubte. Das Dom-Innere wirkt überraschend auf den Beschauer. So Vieles erscheint nach den Verwüstungen, die es in den unglücklichen letzten Kriegsjahren erlitt, novantik, so Vieles restaurirt, Manches davon im guten und besten Geschmack, wie die Sculpturen der Seitenaltäre, die Kanzel, das Orgelchor, Andres im schlechten und verwerflichen, wie die unhaltbare theilweise Firnissmalerei der Fenster, eine trübselige Vertreterin der glühenden Farbenpracht, die sie ersetzen sollte. Dazwischen tritt wieder Hochalterthümliches in unentstellter Einfachheit hervor. Ein schönes Lukas Kranachisches Gemälde ziert wohlerhalten den einen der acht Pfeiler, und zog sogleich Wagners Kennerblick auf sich; nicht minder lockte an der Mauer das riesengrosse St. Christopsbild, dann ein uralter Gobelin und der merkwürdige Grabstein jenes durch seine sagenhafte Doppelehe so berühmten Grafen von Gleichen, zwischen seinen beiden Frauen dargestellt, zur nähern Betrachtung hin. Vom ehemaligen Kloster auf dem Petersberge, wo des Grafen Geschlecht sein Erbbegräbniss hatte, ward dieser Stein herab in den Dom gerettet, und selbst die Gebeine des Gatten will man neben seinen Weibern aufgefunden haben, und zeigt sie in einer bretternen Kiste als langes Gerippe hinter dem Hochaltar des hohen Chores. Wenn das Domschiff, der Kreuzesform entbehrend, auch in seinem Totalanblicke die architektonische Schönheit vermissen lässt, die andre Gebäude dieser Art in der Regel auszuzeichnen pflegt, und dafür nur anziehende Einzelheiten zeigt, so wirkt der hohe Chor um so imposanter, mächtiger. Seine durchaus mit Glasmalerei gezierten Fenster tragen, mit Ausnahme weniger Ausbesserung, noch den Stempel der Aechtheit, sein hohes pfeilerloses Gewölbe verdient alle Bewunderung, nicht minder die schöne, mit Geist restaurirte Schnitzerei an den Chorstühlen, wie ein acht gothisch gearbeiteter Kronleuchter eines noch lebenden Künstlers. Mitten im Chor steht eine metallene männliche Statue, von alter Arbeit, ein büssender Kerzenträger, der Wolfram genannt, nach Angabe der Schliesserin ein Bild aus grauer Heidenzeit, nach richtigerer Lokalsage aber Stiftung eines zu quälender Kirchenbusse verdammten Patriciers, der das Bild zum Gedächtniss seiner Busse gab und Mönch wurde. Vom Dom aus wandten sich die Schaulustigen zur Kirche des nahen St. Severi-Stifts, in welcher vornehmlich ein gothischer Taufstein aus dem fünfzehnten Jahrhundert, in hoch aufstrebenden, kunstvollsten Laubwerkverschlingungen durchbrochen gearbeitet, sehenswerth ist. Ein Wunder, dass dieses Kunstwerk alle drangvollen, den beiden Nachbartempeln oft äusserst bedrohlichen Zeiten glücklich überstand! Noch während der Blokade 1813 wurde der Dom und dieses Stift mit seiner schönen Kirche in den Bereich der Feste Petersberg gezogen, und hatten gänzliche Zerstörung zu gewärtigen. Zur ohnedies erschwerten Besichtigung der nahen Festung Petersberg keine Lust bezeigend, wandten sich die Freunde wieder abwärts nach der Stadt, da bereits die Mittagsstunde herbei gekommen, und wandelten durch die Marktstrasse an der Allerheiligenkirche, deren äussere Zierde, gleich der des Domes, manche Zertrümmerung erlitt, vorüber, um zum Fischmarkt und Rathhause zu gelangen. Mit Bedauern aber musste Otto den ältern Theil desselben ganz abgetragen erblicken, welcher eine Fülle von Erinnerungen aus der Stadtgeschichte in seinem Innern bewahrt hatte, und konnte sich nicht enthalten, seinen Begleitern in Bezug auf diese Umwandlung aus der Ballade eines jungen Dichters, der sich Ludwig von Erfurt nennt, folgende Strophen vorzusagen. »Was für ein Trümmerhaufen erhebt beim Roland sich? Das ist das alte Rathbaus, das keinem Sturme wich; Das Roland gegenüber Jahrhunderte gethront, Das haben seine Söhne nicht länger mehr verschont. Die edlen Wappenschilder, die Fahnen, die im Saal, Im hochgewölbten prangten, man nimmt sie ab zumal. Die alte Armbrust selber, die Sechse nur gespannt, Die weit ins Feld geschossen, verlieret ihren Stand. Die Hallen weichen mächtig zerstörender Gewalt, Die Decken stürzen nieder, dass weithin es erschallt. Voll Wehmuth sieht's der Knabe, der einst im Saal gespielt, Dort seiner Väter Nähe wie Geisterhauch gefühlt. »Doch, wozu,« spottete der Sprecher hinterher: »wozu die Threnodien auf das Alte, Vergangene? Lasst sie nicht laut werden, ihr jungen vaterländischen Dichter, sonst verdächtigen Jene euch gleich des Stillstandes und der Nichttheilnahme an den Interessen der Gegenwart, die gleich der Drachenzähnesaat des Kadmus, nur Hass und Zwietracht im Busen tragen, aber weder eine Erinnerung haben, noch eine Geschichte kennen wollen. Uns lasst friedsam am Rolandbilde vorbei durch die neue und Schlösser-Strasse zum Kaiser wandeln – zu Mittag zu speisen.« – Der Nachmittag wurde von den Freunden theils mit Besichtigung so manches Sehenswerthen (Alles zu schauen, wurde eben so ermüdend, als überflüssig befunden), theils an Vergnügungsorten zugebracht, deren der Hirschbrühl mehre enthält, darunter Vogels Garten, wo ein Conzert, von der Militärmusik gegeben, Statt fand, das die Freuden der Geselligkeit dort auf eine edle Weise oft erhöht. Bei einer spätem Ueberwandlung des Friedrich-Wilhelms-Platzes deutete Otto seinen Begleitern noch an, dass der Petersberg von der Sage als der Ort bezeichnet werde, auf welchem die erste Kapelle Erfurts gestanden. Dabei wurden jene auch auf ein den Platz zierendes Privathaus aufmerksam gemacht, die hohe Lilie , früher ein Gasthaus, das durch die Einkehr berühmter Männer, wie Dr. Luther, Landgraf Philipp von Hessen, Kurfürst Moritz von Sachsen, König Gustav Adolph von Schweden u. A., selbst geschichtliche Berühmtheit erlangte. Unter den mancherlei öffentlichen Sehenswürdigkeiten und Privatsammlungen, zu welchen letztern der Zutritt durch Befreundete erwirkt, und die mit freundlichster Bereitwilligkeit den Fremden eröffnet wurden, verdient besondrer Erwähnung das evangelische Waisenhaus , im ehemaligen Augustinerkloster, welches eine recht schätzbare Naturalien- und Kunstsammlung enthält, einen gut gemalten, bekannten Todtentanz aus späterer Zeit, vielleicht der jüngste in der Reihe dieser, dem frühen Mittelalter entstammten Darstellungen, und worin endlich Luthers Zelle, die er als Mönch bewohnt, mit ernster Erinnerung betreten ward. Sie ist mit Bibelsprüchen bemalt, wodurch ihre frühere Einfachheit in etwas beeinträchtigt wurde, sonst ruft noch manches Buch, Geräth und Autographen das Andenken an ihren einstigen Bewohner lebendig hervor. – Herr Kaufmann Bellermann zeigte den Freunden das von seinem Vater theils gesammelte, theils selbst verfertigte Kunstkabinet, enthaltend in antiquarischer Mannichfaltigkeit gelungene Werke der Phelloplastik, wie der Malerei, herrliche Panoramen, eine künstliche Sammlung ausländischer Schmetterlinge und Käfer, mit täuschender Wahrheit nachgebildet, und noch so manches Interessante aus Heimath und Fremde an Produkten der Natur, wie des Kunstfleisses. So flogen die zum Aufenthalt in Erfurt bestimmten Stunden unter stets wechselndem Genusse willkommener und belehrender Anschauungen und harmloser Geselligkeit in Otto befreundeten Zirkeln schnell dahin. Ueber die äusserst zahlreichen herrlichen altdeutschen Baudenkmäler dieser Stadt, ihre Sculpturen, Inschriften, Kenotaphe, Urkunden u. dgl. könnten schätzbare Werke ins Leben gerufen, Folianten gefüllt werden; allein noch scheinen jene ihrer gründlichen Historiographen zu harren, und es ist nur Schade, dass so Manches davon im Laufe der Zeiten untergeht, zerstört, oder verschleppt wird, was dann unwiederbringlich verloren ist, und davon höchstens eine Chronik dürftige Nachricht, oder die Mappe eines mit Sinn dafür begabten Privatsammlers leicht verlierbare Zeichnungen aufbewahrt. Arnstadt. In heitrer Vormittagsstunde, welche Erfurts ungemein mannichfaltig angenehme Umgebung, besonders den Steigerwald mit seinem vielbesuchten Lusthause, und das entferntere Schiesshaus, nicht minder die Gartenanlagen des beliebten Dreienbrunnen mit ihren Brunnkressklingern, auch nähere und fernere Rebenberge in anmuthigster Beleuchtung erscheinen liess, fuhren die Reisenden aus dem Brühler Thore Erfurts, über eine wohlerhaltene gothische Brücke; verliessen aber die nach Gotha führende Hauptstrasse, und schlugen den Thalweg ein, der zunächst unterhalb der wohlbefestigten Citadelle Cyriaksburg an einem ebenfalls gothischen Denkmale, einem uralten hohen Bildstock, dem Sibyllenthürmchen , vorbeiführte, um das sich manche örtliche Sage rankt. Der Blick auf eine weite Flur, mit Dörfern wie besäet, ward frei, und malerisch traten aus ihr die Bergkegel der Gleichischen Burgen, während die Vorberge des Thüringer-Waldes den Hintergrund bildeten. Möbisburg mit hochgelegener Kirche wurde als die Stelle den Freunden von Otto bezeichnet, wo die Sage den altthüringischen Herrscher Merovig residiren lässt, daher Merovigsburg des Ortes alter Name sei. Schüttelt auch die strenge Geschichtforschung zu solcher Angabe bedenklich das Haupt, so deuten doch der Ortsname, wie alte Mauerfundamente auf das Vorhandengewesensein einer Burg hin. Der, schöne Fernsichten, wie die reichhaltigste Flora darbietende Steigerwald hat bei diesem Dorf und dem gräflichen Rittersitze Stedten ein Ende. Dort, wo ein Weg längs des in die Gera einfallenden Flüsschens Apfelstedt vom Thale der Gera abwärts nach den drei Gleichen zuführt, zeigte Otto rechts hinüber und sprach: »Da drüben liegt in fruchtbarer Ackerflur die friedliche Herrnhuterkolonie Neu-Dietendorf , die einzige evangelische Brüdergemeinde in Thüringen, und dort vor uns hebt sich schon Molsdorf mit seinem Schloss und dem grossen Garten, an Sommerfeiertagen als Rendezvous der Städter rund umher beliebt und besucht, vor unsern Blicken. Einst prangte dieser Garten im Gesehmacke von Versailles, hohe Buchen- und Taxusgänge schatteten, fabelhafte Gestalten von Buxs, Götterbilder von Stein verschönten ihn, Wasserkünste rauschten und sprangen. Graf Gotter führte hier mit Gleichgebornen und Gleichgesinnten ein freudenreiches Leben, der heiterste Gesellschafter, der liebenswürdigste Epikuräer. Noch sind in einer Portrait-Gallerie von Gotters Freunden und Freundinnen im Molsdorfer Schlosse die ungeschriebenen Memoiren dieser »schönen Tage von Aranjuez,« an denen der Gothaische Hof vielfach Antheil nahm, zu lesen; freilich nur von dem Kundigen, der den Hieroglyphenschlüssel solcher physionomischen Geheimschrift in sich trägt. Wir eilen vorüber, da es einen weit unerfreulichern Eindruck macht, die verblühte und verlassene Herrlichkeit von Ehegestern zu überschauen, als das, was seit Jahrhunderten ernstvoll auf uns niederblickt.« »Studien für den Rococostyl!« spottete Lenz gegen Otto in des Schlosses und Gartens Nähe, während Wagners Blick wie gefesselt auf den Gleichen ruhte, die in immer wechselnder Erscheinung, je nach des Weges Wendungen, sich neben oder vor einander stellten. Bald war Ichtershausen erreicht, wo kurzes Verweilen beliebt wurde, um im Herzogl. neuen Schloss ein grosses und sehenswerthes Schlachttableau, angeblich von Rugendas: die Entsetzung Wiens durch Sobiesky, zu betrachten, dem ein zwar steifes, aber wahrscheinlich historischtreues Planbild der Schlacht bei Lützen im dreissigjährigen Kriege gegenüber hängt. Auch nannte Otto den Ort als die ehemalige Residenz des Ahnherrn des S. Meiningischcn Fürstenhauses, Herzogs Bernhard I. Schon grüsste der grünbedachte Schlossthurm einer nahen Stadt; Burg Mühlberg trat in den Hintergrund, die steile Wachsenburg war jetzt in Stundenweite das nächste der unter dem gemeinschaftlichen Namen: die drei Gleichen begriffenen Nachbarschlösser, denen ein baldiger Besuch zugedacht wurde, und dem heitern Eindruck der romantischen Gegend und ihren stets wechselnden Bildern sich behaglich überlassend, langten die Freunde wohlgemuth in dem zwar nicht grossen, nur 800 Häuser zählenden, aber reinlichen und freundlichen Arnstadt an, das, wie der Weg, von Landleuten wimmelte, die der Wochenmarkt herbeizog. Während im Gasthause zur Henne das Mittagsmahl eingenommen wurde, fand Otto Veranlassung, seinen Gefährten einige kurze Andeutungen über Arnstadts frühere Geschichte zu geben. »Diese Stadt,« begann er: »ist eine der ältesten Thüringens, und kommt schon in Urkunden des achten Jahrhunderts vor. Sie war Königliche Villa, und wurde durch Kaiser Otto I. Eigenthum der Abtei Hersfeld, doch besassen auch die Grafen von Kefernburg , deren Stammschloss nur eine halbe Stunde von hier lag, einen Theil Arnstadts, welcher später an die Grafen von Orlamünde kam, von denen er an die von Schwarzburg überging, die nun den Hersfeldischen Antheil dazu erwarben. Die Arnstädter Linie dieser Grafen starb im vorigen Jahrhundert aus, Arnstadt fiel an Schwarzburg-Sondershausen, und hörte auf, Residenzstadt zu sein; doch blüht es erfreulich fort, gehoben durch Gewerbfleiss und Handel, welcher namentlich durch den Verkehr mit dem Walde ausserordentlich lebhaft ist. Arnstadt ist der Getraide- und Holzmarkt für einen grossen Theil Thüringens. Auch ist es als Hauptstadt der Schwarzburgischen Oberherrschaft Sitz einer Regierung, wie eines Consistoriums, und diente öfter und längere Zeit mehren Gliedern seines Fürstenhauses zur Residenz.« In der That bestätigte ein Blick aus den Fenstern des Gasthofes auf das Rieth, einen marktähnlichen Platz, das, was so eben über den Handel erwähnt worden, denn in ununterbrochnem Zuge strömten Landleute, die vom Markt heimkehrten, dem nahen Thore zu, der Platz stand voll Holzwagen, und als bald darauf Otto seine Freunde an den mit bunten Freskobildern bemalten Häusern vorbei- und eine Strasse zum eigentlichen Markt emporführte, mussten sie sich durch das lebhafte Gewühl drängen. Dabei ergötzten sich Wagner und Lenz an den Volkstrachten, zumal der Frauen und Mädchen, darunter meist sehr hübsche und lebensfrische Gesichter erblickt wurden. Schon auf dem Wege von Ichtershausen her war den Fremden die besondre Nettigkeit des Anzugs der Dörferinnen aufgefallen, der sich auch durch einen eigentümlichen Luxus an gold- und buntgestickten Hauben, breiten schwarzen Spitzenbesatz und einer grossen Bänderfülle daran, auszeichnete, wie denn überhaupt sich ein gewisser Wohlstand fast überall kund that. Es gewährte Vergnügen, dem Marktgewühl, das unter einem Portikus, die Gallerie genannt, am lebhaftesten war, eine Weile zuzusehen, dazu gab auch das stattliche Rathhaus, mit künstlich- beweglichem Uhrwerk und der Statue des ehemaligen Schutzheiligen Bonifacius, ein Objekt der Betrachtung ab. Otto aber säumte nicht, auch hier einem und dem andern Freunde seine Anwesenheit kund zu thun, und fand sowohl herzlichen Empfang, als offne Bereitwilligkeit, den Fremden zu Liebe, zur Beschauung der Merkwürdigkeiten zur Hand zu sein. Unter diesen Merkwürdigkeiten steht, alles Uebrige fast in Schatten stellend, die Liebfrauenkirche oben an, und zu ihr wurde zunächst gewandelt, da es ohnedies nicht im Plane Otto's lag, die Freunde auch in den, etwas verwaisten Schlossgarten zu den fast verschwundnen Ruinen des ehemaligen Schlosses, zur grossen und berühmten Günthersmühle, oder zur kleinen Kunstsammlung im Waisenhause, » Mon plaisir « genannt, zu führen. »Diese Kirche,« – nahm, ihr nahend, Otto das Wort: »ist Arnstadts schönste Zier; lange ward sie vernachlässigt, missachtet, und erlitt in frühern Zeiten manche Entstellung, in spätern manche Zerstörung, namentlich in den letzten Kriegen, wo sie als Magazin und als Lazareth dienen musste. Doch wurde sie wieder gesäubert, und eine Zeitlang Frühgottesdienst in ihr gehalten.« Bei der Kirche angekommen, sahen nun die Freunde bewundernd den schönen byzantinischen Bau, den gewölbten Kuppelthurm, der noch wohltönende Glocken trägt, und die beiden schlanken kunstreichen Thürme am westlichen Ende; alterthümliches, halbzerstörtes Bildwerk von aussen, und im bald geöffneten Innern gewahrten sie die löbliche Absicht einer zweckgemässen, ruhig fortschreitenden Restauration. Schon waren störende Uebelstände, morsche Emporen und verstaubtes Gerümpel entfernt. Die leider sehr destruirten, noch in ihrem Ruin schönen Glasmalereien waren gegen fernern Frevel und Staub gesichert, ein verdunkelnder, das Chor vom Schilfe trennender Bogen war hinweggebrochen und dadurch mehr Harmonie des Ganzen gewonnen worden, in welchem noch an guterhaltnen Altarschnitzereien, an Sculpturen, vornehmlich aber an kunstreichen Kenotaphien Günthers des Streitbaren und Günthers XXV. manches Merkwürdige gewahrt wird. »Ich denke mir,« sprach Wagner, aus der Kirche tretend, zu den Begleitern: »dieses schöne Gotteshaus wieder hergestellt, au einem festlichen Tage von Neuem geweiht, und eine andächtige Menge von harmonischem Glockengeläute hineingerufen. So will ich es, gleichsam prophetisch in die Zukunft schauend, in mein Skizzenbuch eintragen!« Gesagt, gethan; die Freunde sahen ihn unter Wünschen für das Eintreffen solcher Vorhersagung eine Weile zeichnen, dann traten sie einstweilen in den freundlich angelegten, doch nicht öffentlichen Lustgarten des dicht an der Kirche liegenden Prinzenhofes ein. Ein Pförtchen leitete in dieser Stadtgegend hinaus in das Freie, zu angenehm schattenden Alleen, und trauliche Pfade führten zum Schönenbrunnen , dem vielbesuchten Ziele der Freunde des gut und stark gebrauten Arnstädter Waizenbieres, zu den gut gelegenen Lokalen des Schiesshauses, endlich in ein enges und einsames Thal, wo eine schroffe Felswand, unter dem Namen des Jungfernsprunges bekannt, Echo einer vielfach begegnenden Sage wird. Von hier aus rückkehrend führten die Freunde ihre Besuchenden eine Strecke an dem dicht über Arnstadt sich südlich erbebenden Berge, die Altenburg empor, wo eine lachende Flur und die weite Ebene bis nach Erfurt hin überblickt ward, zur Linken die Gleichen, zur Rechten mannichfaltige Höhen, theils mit Ackerland, theils mit Waldung, näher aber mit Gärten und kleinen Villen bedeckt. Unten, dicht an des Berges Fuss gelagert, breitete sich die noch ummauerte Stadt anmuthig und gesichert aus. Von diesem Standpunkt aus ward auch der Hügel gezeigt, der vor alten Zeiten die Kefernburg trug. Um aber noch weiteren Begriff von Arnstadts wahrhaft freundlicher Gegend zu geben, wurde der Spaziergang noch etwas verlängert, die forellenreiche Gera wurde überschritten und dem Vergnügungshause der Eremitage zugewandert, von wo aus unter und neben steilen Felsenhängcn, grünendem Gebüsch und passenden Anlagen sich eine reizende Aussicht nach Süden hin, auf einen Theil des Thüringer-Waldes, über welchen der Schneekopf langgestreckt emporragt, und in den Plauischen Grund, eröffnet. Nicht wenig überrascht waren die Fremden, als Otto ihnen das Städtchen Plaue und die darüber liegende Ruine Ehrenburg zeigte, sich plötzlich wieder der Gegend so nahe zu wissen, die sie bereits in der Nähe Ilmenau's von weitem erblickt; und indem ihr Führer sich erinnerte, ihnen dort auf jener Höhe einen vaterländischen Dichter, den Verfasser des Ardinghello, genannt zuhaben, unterliess er nicht, jetzt Neubeck's zu gedenken, des Sängers der »Gesundbrunnen,« der in Arnstadt geboren wurde, und im Beginn seines geschätzten Gedichts die »jungfräuliche Nymphe der Gera« anruft, des mäandrischen Flusses, den man im Thalgrunde durch kräuterreiche Wiesen sich schlängeln sah. Was damals des Dichters Begeistrung im Zaubertraume der Poesie schaute und saug, erblickten die heimwärts Wandernden in der Wirklichkeit: »Hinter den Waldungen sank hinab der scheidenden Sonne Schwimmendes Gold, und heiter entstieg im Rosengewande Einer bestrahlten Wolke der Abend dem thauenden Himmel. Hesperus funkelte fern ob den Burgruinen der Gleichen.« Die drei Gleichen. Am frühen Morgen trug ein leichtes Fuhrwerk die Reisenden auf etwas schlechten Feldwegen den Gleichen und zunächst der noch im bewohnbaren Zustande erhaltenen Wachsenburg zu. Die Stadt hüllte sich den Blicken der Rückwärtsschauenden bald in Duft, der Weg bot nichts Anziehendes dar, und niedrige Höhenzüge beschränkten zu beiden Seiten die Fernsicht; daher suchte Otto die Aufmerksamkeit seiner Gefährten um so mehr auf das zunächst zu betretende Gebiet zu lenken. »Der vulgäre Name dieser Nachbarburgen,« begann er: » die drei Gleichen , ist durchaus unrichtig, denn einmal war nur eine derselben Gräflich Gleichische Veste, und hiess Gleichen, und dann sind sie weder von gleicher Höhe, noch gleicher Entfernung von einander; indess sie scheinen letzteres von gewissen Standpunkten aus gesehen, zu sein, und der volkstümliche Gebrauch mag die Benennung rechtfertigen, welche absolut verdrängen zu wollen, eben so zwecklos als thörigt wäre. Das nichts weniger als malerich sich von hier ausnehmende, hinter die Mauern sich verkriechende Haus auf dem steilen Berge vor uns ist die Wachsenburg , die höchste ihrer Schwestern, von einem Commandanten noch bewohnt, und durch ihre Schicksale, wie durch ihre Räume, an denen die Beschaffenheit so vieler in Ruinen liegenden Bergschlösser erkannt werden mag, nicht ohne Interesse. In früher Zeit stand ein Kloster auf diesem Berge, das später auf den Walpurgisberg bei Arnstadt verlegt wurde, jene Felsenhöhe, unter welcher wir am gestrigen Tage, bei der Eremitage, weilten. Später liessen die Territorialherren, die Aebte von Hersfeld, zur Sicherung ihres Gebietes, hier eine Burg erbauen. Von jenen Besitzern gelangte die Veste an die Grafen von Kefernburg und Schwarzburg, und einige der Letztern sahen sich genöthigt, die Burg zu verkaufen. Von zwei Liebhabern dazu, der Stadt Erfurt und den thüringischen Landgrafen, erlangten, nicht ohne Gewalt, die Letztern die Veste, und behaupteten sie fortwährend, so dass sie endlich auch dem Hause Wachsen zufiel und bis jetzt noch S. Gotha gehört. Während die Sachsenburg Landgrafeneigenthum war, wurde sie dem berüchtigten Apel von Vitzthum verpfändet, und als dessen blutigrother Stern unterging, entstand noch ein harter Kampf um dies alte Nest; es hielt eine dreiwöchentliche Belagerung aus, wurde tüchtig beschossen und endlich mit Hülfe eines von Bergleuten angelegten Stollens erobert. Die Erfurter thaten dabei das Beste, und gewannen nicht nur grosse Beute, sondern auch für ihre Stadt politische Vortheile. Unter Herzog Ernst dem Frommen wurde sie zu einem Zucht- und Waisenhause eingerichtet, doch ging Beides wieder ein, und die Burg diente später nur noch bisweilen zu einem Staatsgefängniss.« Im Dorfe Holzhausen, am Fusse des Burgberges, musste der Wagen halten und die Freunde stiegen zu der steilen Höhe hinauf. Vor dem Burgthore, welch ein schöner, zum Verweilen einladender, lindenumgrünter Platz! Weithin vermögen die Blicke zu streifen und überall, wie honigdurstige Bienen, von der blühenden Aussicht zu kosten. Dort grüsst Arnstadt freundlich herüber, dort leuchten Erfurts Festungsmauern, ragen der Dom und die Thürme des Severistifts. Dort ruhen Molsdorf und Ichtershausen mit ihren Gartenwaldungen, grüne Punkte, und die reinlichen Häuser des fleissigen Neudietendorf sind sichtbar, nebst zahllosen andern Dörfern und Höfen. Mühlbergs graue Warte schaut über den Bergrücken, dessen Endpunkt sie bildet; Schloss Gleichen winkt nahe zu sich hinüber, in seine romantischen Trümmer. Weiter westlich hebt sich auf kalkigem Bergrücken die Sternwarte Seeberg, prangt das gothaische Residenzschloss Friedenstein – und fern am äusersten Horizont ragt die hehre Wartburg empor. »Hier liegt vom Buche Thüringen eine der herrlichsten Stellen vor uns aufgeschlagen,« sprach Otto: »diese Burgen, jene Städte, selbst jener jetzt nackte Hügel hinter Arnstadt, darauf einst die Kefernburg herrschend stand, geben dem des Stoffes zum Nachdenken genug, der diese Stelle commentiren möchte. Wir aber klopfen jetzt an und läuten, drinnen erschallt lautes Rüdengebell, endlich erscheint ein Pförtner oder eine Pförtnerin und lässt uns ein, durch einen schmalen Zwinger in den geräumigen, die Burg ganz umziehenden Hof führend.« Zunächst wurde der sehr tiefe, in Felsen gegrabene Brunnen besehen, dann das Haus, zu dessen Innern ein zweites Thor führt und in welchem freundlich nette Zimmerchen die Wohnung des Commandanten bilden, während noch ausser diesen die (neuere) Kirche, das Staatsgefängniss (eine Stube mit vergittertem Fenster), verschiedene Gewölbe- und winkelvolle Gänge gezeigt werden. Gern aus der beklemmenden Enge des alten Baues wandte man sich wieder heraus zum luftigen, zum Theil in Gartenland verwandelten Hof, und liess die Augen an den Aerntefeldern, den lichtgrünen Wiesen, der bunten Färbung des Bodens, der ausgebreitetsten Aussicht sich ergötzen. Der Himmel war rein und klar geworden, es war möglich, die Conturen des fernen Harzes zu erkennen, und das graue Haupt des dreizehn Meilen entfernten Brocken zu grüssen. Befriedigt wandelten die Freunde bergab; da die Fahrwege in dieser Gegend nichts weniger als einladend sich darstellten, so hiess Otto das Geschirr nach Mühlberg vorausfahren und führte die Begleiter den vorhin erwähnten, nicht hohen bewaldeten Bergrücken, »die Leite,« hinan, welchen überwandelnd, die Landschaft in immer vollerem Reiz erblickt wurde. Anziehend stellte sich weiter zur Linken auf öder, die Fernsicht begrenzender Hochebene die Ruine einer gothischen Kapelle: Heiligkreuz , dar. Ehe die Wanderer es dachten, lag Mühlbergs einsame Trümmer ihnen ganz nah. Der 70 Fuss hohe Thurmgigant schien eine Steinkrone zu tragen, und er ist es vorzüglich, der dieser Ruine den malerischen Reiz verleiht. Otto musste bedauernd gegen die Begleiter erwähnen, dass er die Hoffnung, sie von den hohen Zinnen herab die Gegend überschauen zu lassen, so eben gescheitert sehe, indem früher im Thurme vorhandene Leitern, auf denen er einst hinan geklimmt, nicht mehr da waren. Aus den noch vorhandnen Ruinen lässt sich wenig auf die ehemaligen Gebäude schliessen, aber hie und da aufgähnende Höhlungen lassen zahlreiche und tiefe Kellergewölbe vermuthen. Der Blick hinab auf den theilweise noch umwallten und ummauerten Flecken Mühlberg ist angenehm, nicht minder macht hie und da eine Maueröffnung den natürlichen Rahmen reizender Landschaftbilder, besonders öffnet sich ein solches gegen Arnstadt und die Wachsenburg hin, das wirklich geeignet wäre, Zeichner anzulocken. Während nun Wagner in der That sich angezogen fühlte, diese Partie seinem Album einzuverleiben, lagerten sich Lenz und Otto auf Fels und Trümmergestein und duftenden Quendel, und der Letztere gedachte im Gespräch des geschichtlichen Dunkels, in welches Mühlbergs Erbauung fällt, die von den thüringischen Chronisten ungemein frühzeitig angegeben wird. Aus diesem Dunkel treten später urkundlich beglaubigte Grafen von Mühlberg, deren Geschlecht aber auch schon im dreizehnten Jahrhundert erlischt, worauf ihre Veste an die Landgrafen von Thüringen fiel und später die Eigenthümer mannichfach und wunderlich wechselte. Geschichtlich Denkwürdiges trug sich auf diesem Mühlberg nichts zu, Fehden und Belagerungen fehlten jedoch nicht, und eine derselben feiert sogar ein altes, noch vorhandnes Gedicht. Wann die Burg zur Ruine ward, weiss man nicht; ein viereckiger Thurm, angeblich höher, als der noch stehende über dem Thore, stürzte 1768 zusammen. Nach Mühlberg ging es nun mehr kletternd, als auf gebahntem Wege wandelnd, um eine besonders schöne, auch sagenbekränzte Quelle dieses Ortes in Augenschein zu nehmen, den Spring , dessen Nymphe aus voller Urne Segen dem Orte zuströmen lässt. Man schaut auf einen tiefen goldgrünen Grund; sieht, wie Münzen oder Steine auf unsichtbar emporquellender Fluth geschaukelt, langsam und alsbald grünglänzend zu Boden sinken und unter Conferven verschwinden, die wie Nixenhaar sich auf- und abwärts sanft bewegen. Wenn man lange hinabschaut, ist es, als blicke man der deutschen Sagenpoesie in das sehnsüchtige Auge, in das melancholische Herz. Rasch trug der Wagen hierauf die Freunde nach Freudenthal. Mit aufmerksamem Auge beobachtete Wagner während der Fahrt die Situation der Schwesterburgen, bis er einen passenden Punkt gefunden zu haben glaubte, sie zu zeichnen. Er wählte ihn mitten in der Feldflur, durch welche in ziemlicher Krümmung der Weg leitete, und belebte aus eigner Phantasie das leere Feld des Vorgrundes mit einer Jagdscene. Er, der Maler, liebte es, den Bildern aus alter Zeit, gleichsam symbolisch, herbstliche Staffagen zu geben, oder der idealen Färbung, die Otto durch das bunte Glas der Poesie und Sage an den Landschaftsbildern erblicken wollte, eine materielle, durch Darstellung ergiebiger Obstärnten, Jagden, oder Heerden – selbst Wurst und Schinken verheissender Schweine – einen Gegensatz aufzudrücken, woran Lenz sich höchlich ergötzte, und wodurch manch heitres, gegenseitig neckendes Gespräch veranlasst wurde. Im Forsthause Freudenthal , das zugleich mit leiblichen Erquickungen oft einsprechende Fremde zu bewirthen im Stande ist, und an die Stelle einer ehemaligen zur Burg gehörenden Kemnate erbaut wurde, fanden die Reisenden solcher Fremden eine grosse Anzahl, und es schien deren Anwesenheit auf etwas Besondres hinzudeuten. Von allen Seiten kamen sie an, zu Wagen und zu Fusse, doch führte Otto nun seine Gefährten aus dem lauten Gedränge bergempor. Bald sahen sie hohes und starres Gemäuer den Bergscheitel rings umziehend vor sich aufragen, die Thorflügel knarrten in rostigen Angeln, und der grüne Rasen des Burghofes lachte in sonniger Helle die Wanderer an. Der Führer hatte Sorge getragen, dass dieser zum »Tischlein decke dich« des Mährchens wurde; man gedachte in behaglicher Ruhe hier oben zu schmausen, und lagerte an schattiger Stelle, wohlgeborgen vor der Mittagssonnengluth. »Dies ist denn nun,« sprach Otto: »die romantische Burg Gleichen , hier lebte und hier liebte jener sagenhafte ritterliche Held, dessen Abenteuer und Erlebniss Dichter begeisterte, Kritiker entzweite, Forscher anregte, und dieser alten Veste Berühmtheit bis zum fernen Auslande verlieh, ja über sie und die Sage selbst eine so bändereiche Literatur hervorrief, wie wohl wenige deutsche Burgen sich zu erfreuen haben.« »Fürwahr,« unterbrach Lenz: »es wird sich die bekannte Sage recht gut noch einmal vernehmen lassen hier auf der sommerluftigen Höhe, am Schauplatze der Historie. Ich sehe dort über der Thüre wahrhaftig noch den gelöw'ten Leoparden aus dem Wappenschilde seine Pranken gegen uns ausstrecken, und uns mit vollem Gesicht anfletschen, dessen Musäus in seiner beliebten Darstellung der Sage erwähnt. Hätte mir, dem damals das Mährchen Verschlingenden, nie träumen lassen, in spätern gesetzten Jahren da zu lagern, wo Melechsala wandelte.« »Immer am liebsten lasse ich mir,« erwiederte ihm Otto: »an der Stelle, wo Erzähltes sich zutrug, das Geschehene berichten, Traditionen zumal; solche Orte umweht mit stets jungem Flügelschlag die Poesie.« Dann ergriffen von der Vergangenheit, sie als Gegenwart denkend, gleichsam rhapsodisch, halb in sich gekehrt, halb den Blick über die Mauertrümmer hinweg, dem blauen Himmel zugewandt, fuhr er fort zu sprechen, wahrend in der Thaltiefe, bald sanft, bald lauter, volltönender, harmonischer Gesang, ordentlich wie begleitend, in kurzen Pausen, sich vernehmen liess. »Herolde durchziehen und kaiserliche Boten das deutsche Land. Zum Kreuzeszug gen Palästina! schallt das Gebot, welches den Heerbann zur Folge aufruft. Die Thore der Burgen, der Städte thun sich auf, die Fähnlein wehen, die Eisenharnische rasseln. Zum Thüringer Landgrafenlöwen gesellt sich der Gleichische Leopard. Aus liebend umstrickenden Armen der treuen Hausfrau reisst sich männlich und stark der edle Graf. Zur Wartburg dort drüben wallt der glänzende Zug; dort weint in des Gatten Armen Elisabeth, die Heilige, Thränen des Trennungsschmerzes. Lebe wohl, Vaterland! Deutsches Land! Europa – lebe wohl! Im fernen Süd-Osten wandelt, unter Afrika's glühender Sonne, das Kreuzfahrerheer. Da geht der Lebensstern des Thüringer Landgrafen unter; der fromme Ludwig stirbt in Brundus. Im Lande Aegypten beginnen die Kämpfe mit den tapfern Sarazenenhorden. Graf Ernst von Gleichen, eines Tages allzuweit aus dem gesicherten Lager sich entfernend, wird von einer streifenden Rotte nach tapferer Gegenwehr gefangen, und büsst in harten Fesseln zu Alkair den allzuvenvegnen Muth. Den schönen Gefangenen erblickt mit Gärtnerarbeit beschäftigt, die Sultanstochter, und ihr Herz neigt sich mit zärtlicher Liebe ihm zu. Theilnehmender Annäherung folgt ein süsses Bekenntniss, und schmerzlichen im Christenthum bedingten Weigerungsgründen seinerseits die unbefangene Unbedenklichkeit der Bekennerin des Islam. Liebe weiss nichts von Dogmen – will nichts von solchen wissen, und Liebe braucht ihre siegreichen Ueberredungskünste; Hoffnung hilft bitten, Freiheit winkt dem, der sehnsüchtig ihrer harrte. Die Liebenden fliehen; ein Schiff trägt sie treuer, als jenes, das Hüon mit Rezia trug, nach Europa's Küste, und williger, als der Papst Urban dem armen Tanhäuser verzieh, verzeiht Gregor der Grosse die Bigamie, denn es gilt, eine Seele dem Christenglauben zu gewinnen. Die Sarazenin nimmt ihn willig an. Um Alles dieses wird die Gräfin, die daheim den Gatten schmerzlich beweint und sich Wittwe glaubt, freilich nicht gefragt; aber als sie nun von des Gatten Rückkehr hört, den Lauf der Geschicke vernimmt, fügt sie sich beruhigten Herzens in das Unvermeidliche, geht freudig der Befreierin des geliebten Gatten entgegen und umarmt sie als Schwester. Von diesem schmerzlichen Freudengange trägt noch heute jenes Haus am Bergesfuss den Namen Freudenthal; der Weg, den wir aufwärts gewandelt sind, heisst noch heute der Türkenweg, und im Dome zu Erfurt sahen wir bereits den alten Stein, der die Gebeine der innig Verbundenen deckte, ein stummer und doch beredter Sagenzeuge. Lange Jahre hindurch ward auch in der sogenannten Junkerkammer, einem Zimmer dieses öden, verfallenden, doch noch bedachten Baues, das dreischläfrige Bett gezeigt, das eine so seltne Liebe weihte; doch ward diese Reliquie, deren Splitter man als Antidot der Eifersucht pries, im Laufe der Zeit aufgerieben, anderer bewahrheitender Dokumente nicht zu gedenken!« – Lenz hatte die Becher gefüllt, und mit den Freunden anklingend rief er: »Den hoffentlich noch vereinten Schatten dieser Drei!« Gern hätte Otto noch gegen die Gefährten jetzt Erwähnung gethan der Geschichte der Burg, ihres hohen Alters, des weitverzweigten, reichen und angesehenen Geschlechts der Grafen von Gleichen, der Kriegshändel um die Burg, und ihres Verfalles; allein kaum damit begonnen habend, gewahrte er, dass der Hof sich mit lauten Lustwandlern füllte, mehr und mehr kamen der Waller jeden Geschlechtes und Alters fröhlich zu dem alten Burgthore hereingewimmelt, verbreiteten sich über den geräumigen Rasenteppich des Burghofes, überkletterten die Gemäuer, die deutlich ältesten Bau verkünden, krochen spähend betrachtend in die zahlreichen Keller hinab, lagerten sich am alten viereckigen Wartthurme, wagten sich über morsches Treppengebälk in die obern Stocke des überdachten neuern Hauses, deren Estrich an manchen Stellen bereits durchgebrochen, und begrüssten zutraulich die Fremdlinge. Jetzt schallte näher und näher vollstimmigcr Männergesang im lebendigen Marschtakt, und singend zogen, begleitet von Hunderten, die nicht sangen, gegen 500 Männer und Jünglinge in den Burghof. Den überraschten Freunden löste Otto das Räthsel. Neun Liedertafeln der Umgegend waren es, die zu einer grossen Liederfahrt vereinigt, sich im Freudenthal zusammengefunden, dort einzelne Productionen aufgeführt, und nun vereinigt mit gemeinsamer Sangeslust die Burg begrüssten. Von Gotha, von Erfurt, von Arnstadt, von Ohrdruf, von Georgenthal und andern Orten waren sie gekommen, und es war eine Lust, die kunstgeübten Männerchorgesänge zu hören, das bunte Gewimmel erfreuter Hörer und Hörerinnen zu sehen, die den alten Bau so jugendfrisch und lebendig schmückten. Die Gegenwart hing ihren schönsten Kranz an den Grabstein der Vergangenheit auf, und mehr als dreitausend Menschen freuten sich hier in Eintracht und Liebe, geistig emporgehoben auf den Schwanenfittigen der allveredelnden Gesangeskunst. Otto konnte der Befreundeten viele unter den Gekommenen begrüssen, in deren Kreise seine Freunde sich alsbald mit der den Thüringern eignen Herzlichkeit aufgenommen sahen, und Jene fanden hohen Genuss an diesem Wahrnehmen eines edelgemüthlichen Volkslebens, für dessen langedauerndes Fortblühen sie die besten Wünsche aussprachen. Erst als die Sonne sinkend noch die Schwesterburgen und die liebliche Gegend mit flammendem Gold übergoss, verlor sich die frohe Menge, sagten sich die nach allen vier Winden Ziehenden Lebewohl, mit dem Versprechen baldigen Wiederbegegnens, und die Freunde fuhren nun rasch im Geleite der Liedertafel von Gotha, umschwärmt von lustigen Reitern, und unter die spätere Dämmerung noch melodisch durchschallenden Gesängen nach Gotha zu. Auf steilem und sterilem Kalkberge zur Linken thronte einsam die Sternwarte Seeberg ; sie konnte nicht besucht werden, aber es glühten im Herzen Manches der Fahrenden die Dioskuren der Freundschaft und Liebe, und machten ihren innern Himmel in der äussern Sternennacht sonnenhell. Gotha. Der nächste Morgen fand die Reisenden zeitig wach. Sie gaben sich dem angenehmen Eindrucke willig hin, den das Gefühl erregt, mitten in einer volkreichen, nicht unbedeutenden, dabei wohlgebauten Stadt zu sein, in die man sich plötzlich wie durch Zauber versetzt sieht, wenn man spät Abends oder zur Nachtzeit eintraf, und vorher weder Zeit gewann, ihre Profile, noch ihre Physiognomie näher zu betrachten. Den mit stattlichen Häusern besetzten Markt überschauten aus den Fenstern ihrer Zimmer im Gasthofe zum Riesen die Freunde; sie sahen diesen Markt sich sanft zum Berg emporheben und oben das herrliche Residenzschloss seine weiten Flügel ausbreiten. Gegenüber dem Gasthause, isolirt mitten auf dem untern Theile des Marktes nahmen sie das grosse und geräumige alte Rathhaus wahr, und auf Strassen und Plätzen das erwachende Leben eines vielbesuchten Markttages. Buden bauten sich mit Geräusch auf, Waaren wurden ausgelegt; zum wechselvollen und mannichfaltigen Verkehr boten sich auch heute Stadt und Land einträchtig die Hände im Tausch unentbehrlicher Bedürfnisse, während auch die mehr entbehrlichen, die man mit dem Namen Luxusartikel bezeichnet, keinesweges unberücksichtigt blieben. »Gotha ist vorzugsweise thüringische Handelsstadt,« nahm Otto das Wort: »Inmitten eines mit Fruchtbarkeit gesegneten, ergiebigen und dabei mit tüchtigem Fleisse kultivirten Landes gelegen, strömen ihm Wald und Feld, Bach und Weiher die Erzeugnisse der Natur, nicht minder technische Industrie die Produkte ihres Gewerbfleisses zu, während es zugleich weder Künstler in allen gesuchten Fächern, noch wissenschaftlicher Anstalten hohen Ranges entbehrt. Seine geographische Lage ist eine höchst glückliche zu nennen, indem mehre grosse Hauptstrassen hier zusammenstossen, und eine Menge Nebenstrassen, sich diesen vereinigend, vollen Verkehr erleichtern. Vom schönsten Theile des Thüringer Waldgebirges nur wenige Stunden entfernt, und dieses in reizender Ausdehnung panoramenartig hingelagert erblickend, ist auch Solchen idyllischer, wie hochromantischer Genuss nahe gerückt, die sich am Rauschen von Wald und Wasserfall, an Resten des Alterthums, überhaupt am Naturfrieden gern erfreuen mögen, oder bisweilen von ernsten und trocknen Berufsgeschäften rastend, aufathmend die Frische und Freiheit der allmütterlichen Natur geniessen wollen.« Während man das Frühstück einnahm, berührte Otto im Gespräche flüchtig Gotha's Vorzeit und Geschichte, jedoch vorausbemerkend, dass die Zeit viel zu kurz, um mehr als nur andeutende Uebersicht geben zu können. »Gotha,« begann er: »dankt seinen Namen wohl nicht den Gothen, wie Manche meinen, vielleicht eben so wenig seinem Schutzheiligen: St. Gotthart. Das anfängliche Dorf erhob sich früh zur Stadt, Kaiser Heinrich I. soll es mit Mauern umgeben haben. Ein Eigenthum des Stiftes Hersfeld, kam Gotha später in den Besitz der Schutzherren dieses Stifts, der Landgrafen von Thüringen, die eine Kemnate hier erbauten, aus welcher allmälig die starke Veste Grimmenstein wurde, darauf sie oft wohnten. Als die Landgrafen erloschen, kam auch Gotha an das Haus Sachsen. Die neuere politische Geschichte des Landes und Fürstenhauses von Gotha darf ich als euch bekannt voraussetzen, und erwähne nur, dass auch die Stadt selbst so sehr durch Mauern, Wälle, Gräben und Bastionen geschützt wurde, dass sie für eine vollkommene Festung galt. Unter Karl V. wurde der Grimmenstein rasirt, aber alsbald wieder fester und stärker aufgebaut, mehr zum Unglück, als zum Glück der Stadt, denn in seinen sichernden Mauern gewährte Herzog Johann Friedrich II. dem geächteten Ritter Wilhelm von Grumbach und dessen Anhang ein Asyl; dessen Rathschlägen zur Erstrebung und Erlangung der Churwürde willig Gehör gebend, und das Schloss mit eben so lobenswerther Freundestreue, als unpolitischer Hartnäckigkeit gegen des Kaisers Achtsvollstrecker vertheidigend, so dass er dadurch eine für alle Theile höchst beklagenswerthe Katastrophe herbeiführte, die der Stadt und ihrem Gebiete nachhaltigen Schaden brachte, ihm, dem Herzog, lebenslängliche Haft zuzog, und den Grimmenstein der Erde gleich machte. In Herzog Ernst dem Ersten, dem Frommen, den das Volk noch in dankbarer Erinnerung unter dem Namen Bet-Ernst kennt und ehrt, ging der Stadt und dem Lande ein neuer Glücksstern auf. Dieser würdige Ahnherr der jetzigen Herzogl. Sächsischen Regentenhäuser, der nicht minder den Namen des Weisen, wie des Frommen, verdiente, erbaute das jetzige Schloss und nannte es Friedenstein. Durch ihn geschah für Kunst und Wissenschaft, wie für Gesetzgebung und Staatsverwaltung unendlich viel, das immer noch, nachhaltig und segensreich, unverkennbar fortwirkt. Seiner Kunstliebe vornehmlich dankt Gotha das in vielem Betracht ausgezeichnete Museum. Mitkämpfer im dreissigjährigen Kriege, bevor er durch die nachherige Erbtheilung mit seinen Brüdern zur Regierung über das Land Gotha gelangte, um in ruhiger, von den Stürmen des Krieges sich erholender Zeit alle Segnungen drs Friedens über sein Land durch weises und thatkräftiges Regentenleben herbeizuführen – erwarb er auf rechtliche Weise, nicht mit der Raublust eines Eroberers, einen grossen Theil der Literatur- und Kunstschätze, die des Museums Anfang und Grundlage bilden halfen; Anderes fiel ihm als Miterbe des grossen Bernhard von Weimar zu. Als er Schloss Friedenstein erbaute, war er besorgt, ausgedehnte Räume auch zur Aufbewahrung seiner sich mächtig mehrenden Sammlungen zu gewinnen. Und was sein wackrer Sinn zu sammeln, zu ordnen und zu pflegen bemüht war, achteten glücklicherweise auch seine Nachfolger hoch, strebten zu mehren, zu sichern, zu erhalten, und so ist es für Gotha ein unberechenbarer Gewinn geworden, dass selbst in Theilung drohender Zeit, als der Fürstenthron auf dem Friedenstein verwaist stand, der Erbberechtigten Weisheit, zwar ohne rechtliche Ansprüche aufzugeben, doch nicht eigensüchtig an Trennung der Literatur- und Kunstschätze dachte, sondern auf deren dauerndes Beisammenbleiben und zweckgemässes Vermehren bedacht war.« So im Allgemeinen die Freunde auf den Standpunkt führend, von welchem aus das Gothaische Museum ernst und bedachtsam zu betrachten ist, wurde es Otto leicht, als man nun in nächster Vormittagsstunde jene würdigen Kunsthallen selbst betrat, an Ort und Stelle viel des Erläuternden dem, was gefällige und freundliche Beamte und Custoden den Fremden zu sagen hatten, hinzuzufügen. Es war der stattliche Bau des herzoglichen Residenzschlosses, von aussen und innen umwandelt, von den Freunden bewundert worden, und Lenz hatte ausgerufen: »Wahrhaftig, ein Schloss, in welchem ein König sich keinesweges schämen dürfte, zu residiren!« worauf Otto ihm eine bekannte Medaille beschrieb, auf welcher das prangende Schloss zu ersehen ist, mit der nicht ohne politische Beziehung gewählten Legende: Hier ist gut thronen . Das chinesische Cabinet that zuerst sich auf, und man sah auf die verschiedenartigste Weise den Kunstfleiss, ja das ganze Leben eines fernen wunderbaren Volkes sich nahe gerückt, und hier in manchem Gegenstande immerwährendes Stehenbleiben auf niedriger Kunststufe, dort bewundernswerthe Technik und geschmackvollste Arbeit in Geräth und Schmuck zur Schau gelegt. Und was nicht von häuslichem und öffentlichem Leben der Chinesen in unverfälschter Aechtheit der Trachten, der Architektur, der Idole u. s. w. dort vorliegt, das helfen kostbare Bücher, Originale theils, theils höchst werthvolle europäische Bilderwerke erläutern, die dem sinnenden Beschauer sagen, dass nur absprechender Unverstand es über sich gewinnen mag, mit einem wegwerfenden Urtheile des »himmlischen Reiches« zu gedenken. – In angemessener Weise wird der Fremde nun zum Beschauen einer zwar minder reichhaltigen, doch belehrend unterhaltenden Sammlung von Waffen, Geräthen, Musikinstrumenten, Trachten und Schmuck fremder Völkerschaften geleitet, in welcher er manches Seltne zu bewundern hat; auch leiten einige Reliquien Napoleons zur Erinnerung an den Mann , der nach einer Weltherrschaft strebte, daher sie nicht ohne tiefe Bedeutung mitten unter den Repräsentanten orientalischer und occidentalischer Nationen und neben kostbaren Waffen aufgestellt erscheinen. – Otto unterliess nicht, hier mit anerkennender Verehrung des kunstsinnigen, feingebildeten Herzogs Emil Leopold August zu gedenken, dessen hoher Geist auch auf diese Sammlungen sich richtete, und namentlich das chinesische Kabinet dem bereits Vorhandenen hinzufügen liess. Das Kunstkabinet sucht mit seiner überreichen Fülle von Sehenswürdigkeiten nicht bloss die Schaulust zu befriedigen. Antike, mittelalterliche und neue Kunst begegnen sich hier erfreulich, und Alles ist harmonisch geordnet, so dass einem autopsisch Lernenden das Buch reichhaltigster Kunstoffenbarung hier aufgeschlagen vorliegt. Wie aber jedem Künstler hinwiederum die Natur belehrende Fingerzeige geben muss, und ihre ewigen Gebilde zum Studium der Schönheit in Form und Farbe anregende Muster darbieten, so reiht sich passend an das Kunstkabinet das Natura lienkabinet mit reichhaltigen Sammlungen an, darunter sich wieder das Conchilienkabinet durch musterhafte wissenschaftliche Anordnung, wie durch die grosse Menge der Gattungen und Arten auszeichnet. Wenn nun diese Anstalten dem mit Ernst Betrachtenden genug zu denken geben, und auf den nicht blos oberflächlich Beschauenden fast ermüdend wirken können, so öffnet auch noch die Gemäldegallerie ihre zahlreichen Säle, und bietet weit über 800 Bilder aus allen Zeiten und Schulen, darunter Ausgezeichnetstes von besten Meistern, dar. Dieses Alles besehen habend, gönnten die Freunde sich Ruhe, um in mancherlei Wechselmittheilungen sich den gehabten Genuss noch mehrmal zu vergegenwärtigen, und wählten zum Besuch der Bibliothek, mit welcher das bedeutende und berühmte Münzkabinet verbunden ist, eine andre Stunde. Auch diese Schätze sind so reichhaltig, dass es fast vermessen wäre, von Einzelheiten beschreibend zu sprechen. Museen überhaupt lassen sich nicht auf wenigen Seiten schildern, es gehören Bände dazu, Mit gründlicher Gelehrsamkeit und nach idealer Anordnung ist ein Werk begonnen worden: »Beschreibung des Herzogl. Museums zu Gotha, von Georg Rathgeber,« das den bisherigen Mangel an einer wissenschaftlichen Uebersicht erfreulich abzuhelfen verspricht. und dennoch lassen auch diese Vieles dunkel, was oft ein Blick der Selbstanschauung in volles Licht stellt. – Es wurde nicht versäumt, die schönen und reizenden Anlagen um Gotha, und den Park zu durchwandeln. In milder Sommerabendstunde weilten die Freunde auf jener stillen Insel, wo die letzten Herzoge schlummern; der Teich lag wie ein klarer Spiegel, ein Schwanenpaar durchruderte ihn, als wolle es hinüberziehen in endlose Fernen nach den Inseln der Seligen. Die Fernen erglänzten in unbeschreiblicher Schönheit. Die alten Bäume schatteten schon düster über den blumenvollen Gräbern , wie ein hochgewölbter Dom, und der Odem des Weltgeistes säuselte durch ihre Wipfel. Hochgestengelte Blumen hoben schlaftrunken die farbigen Kronen aus kunstgärtnerisch gepflegten Boskets, von Phalänen umsurrt. Da sprach Otto den Freunden mit gedämpfter leiser Stimme Welckers Gedicht vor: Die Ahnenfrau des Friedensteins: Durch die Gänge, durch die Hallen, In dem alten Friedensteine, Schleicht die Ahnenfrau des Hauses Oft bei trübem Mondenscheine. Sind die Fürsten froh und glücklich, Bleibt sie tief im Grabesschweigen; Aber nahet das Verhängnisse Muss sie sich dem Volke zeigen. Ach! zuletzt, gesenkten Hauptes, Kummervoll im Mondenscheine Stand sie, mit bethräntem Auge, Drüben an dem Inselhaine! – – Am andern Morgen machten sich die Freunde zeitig reisefertig, doch dachte Otto nicht daran, sie eilig und schleunig auf befahrener Heerstrasse weiter befördern zu lassen. Zwar musste ein zur Fahrt gemiethetes Geschirr bereit sein, allein nur, um zu gelegenen Orten zu tragen und den verweilend Umschauenden jede erwünschte Rast zu gönnen. Daher wurde zunächst nach dem stattlichen Schiesshause gefahren, wo man sich freilich das Volksgewimmel des berühmten Vogelschiessens hinzudenken musste. Ein mit Otto befreundeten Gothanern dort gemeinschaftlich eingenommenes Frühstück regte zu lebhaften Gesprächen an, und diese dienten den mehr zuhörenden als mitsprechenden Süddeutschen zu Commentaren mancher im Laufe des vergangenen Tages gehörten Andeutung. Dabei wechselten Schilderungen mancher Einzelnheit auf eine theils ergötzliche, theils ernste Weise ab, so dass sie denselben Eindruck machten, den die Erscheinung dem Auge gewährt, wenn eine wolkenüberflogene Landschaft bald im Lichte, bald im Schatten steht, und die Schattenstellen überraschend schnell erleuchtet glänzen, während was früher hell war, nun in Dunkel gehüllt erscheint. Um einen recht erfreulichen Rückblick auf Gotha zu gewinnen und auf ein heitres Totalbild seiner schönen Lage für die Erinnerung der Fremden bedacht zu sein, wurde der Weg zu Arnoldi's Berggarten und Thurm eingeschlagen, der sich mit liberalster Gastlichkeit der Eigenthümer dem Vergnügen Fremder und Einheimischer öffnet. Dieser Thurm vornehmlich lässt Schloss und Stadt und Gegend nicht nur vortheilhaft malerisch, sondern auch in jener Uebereinstimmung erblicken, welche zur vollendeten Schönheit eines Landschaftbildes so nothwendig ist; dabei gewährte sich in ihm noch in einem freundlichen Zimmer die Unterhaltung, durch farbige Scheiben verschiedenartige, freilich grelle Töne über das ganze Gefilde verbreitet zu sehen, von denen der Blick durch schwarzbraunes Glas unheimlich und grauenerregend wirkt, indem sich Sonne, Himmel und Land darstellen, wie von einem Weltbrand in schwarzer Gewitternacht überlodert. Wie sehr auch Alles in der freundlichen Anlage, die den Namen des Begründers eines der verdienstlichsten deutschen Institute trägt, zum längern Verweilen einlud, es musste geschieden und die allgemeine Strasse wieder gewonnen werden. Die Gesellschaft aus Gotha aber, die einmal sich geleitgebend angeschlossen, wollte nicht so bald umkehren, sondern zog es vor, auch noch bis zu dem Thüringer-Haus , einem Gasthof an der Strasse, die von Gotha nach Eisenach führt, nur eine Stunde von ersterer Stadt entfernt, zu folgen, hauptsächlich um Zeuge der Freude jener Fremden über eine hier sich trefflich darstellende ausgedehnte Fernsicht zu sein, zugleich auch sich selbst willig den Eindrücken hinzugeben, die ein grossartiges Panorama im Gemüthe des Naturfreundes hervorbringt. Ein heitrer Himmel begünstigte ausnehmend die verweilende Betrachtung, und liess in mannichfacher und malerischer Beleuchtung die Bergkette des Thüringer-Waldes erscheinen, die sich, mit buntem Landschaftreiz geschmückt, vor den Blicken ausbreitete. Otto nahm nun zu den Freunden, die mit guten Fernröhren versehen, bereit waren, seinen Angaben zu folgen, das Wort: »Wenn ich euch beim Antritt unsrer thüringischen Reise von Dolmar aus die Thüringer Waldkette von der südwestlichen Seite zu zeigen hatte, wobei uns Schaubach ein guter Geleitsmann war, so durfte ich nicht unterlassen, euch hierher auf einen 1174 F. hohen Aussichtpunkt zu geleiten, von welchem aus ihr die nordwestliche Seite des Gebirges fast ganz zu überblicken vermögt. Hier leistet uns, wenn nicht in Person, doch durch ein gelungenes und nützliches Werk und Halbpanorama ein andrer rüstiger Gebirgsfreund die erspriesslichste Hülfe, Der Thüringer Wald. Schilderung dieses Gebirges nach den neuesten Beobachtungen, als Commentar zu einer Ansicht der Nordseite des nordwestlichen Theils desselben u.s.w. Von J. v. Plänckner, Herzogl. S. C. Gothaischen Capitain. Gotha, J. Perthes. 1830. und ich folge im Allgemeinen seiner Anleitung, wenn ich euch die vorzüglichsten Aussichtpunkte nenne; ihr habt dabei nichts zu thun, als meinem Deuten mit dem Auge zu folgen, ruhig zum Fenster hinausschauend.« »Einige ferne, nicht zum Thüringer Walde gehörende Höhen bilden am östlichsten Endpunkte dieser Aussicht den Hintergrund, auf welchen sich malerisch neben einander gruppirt die drei Gleichen zeichnen, zwischen denen wie ein Punkt das Vorwerk Käfernburg sichtbar wird. Nahe im Mittelgrunde, diesseits der langgedehnten Baumreihen der Chaussee von Gotha nach Ohrdruf und Georgenthal, liegt einsam in fruchtbarer Flurmarkung eine Kirchentrümmer; ebenso ist auch hier der geringe Rest der Wallfahrtkirche Heiligkreuz sichtbar, den ich euch von den Gleichischen Schlössern aus, zeigte. Waldige Höhen in der Nähe Arnstadts überragen die langgedehnten Hochebenen nächst dem Felsberge, der die Reinsburg bei Plaue trug. Da und dort zwischen Aeckern, Wiesen und malerisch verstreutem Buschwerke hebt sich ein Kirchthurm, treten friedliche Gehöfte zu Gruppen und ganzen Dörfern zusammen, die sich in dämmernder Ferne allmälig dem spähenden Auge entziehen, wie dort am Saume des plötzlich hochaufstrebenden Gebirgszuges Wölfis und Crawinkel, über welchem letztern wir den fernen Gückelhahn bei Ilmenau wieder begrüssen. Wir sehen Höhen, Meridianzeichen und Bürschhäuser einer Gegend, die uns befreundet wurde, weil wir sie durchwandelten, und ihr erblickt dort, wo sich die runden Kuppen der Berge zu Haufen drängen und übereinander aufthürmen, neben andern die Spielmannsleite, den Sachsenstein, den Schneekopf, den Beerberg, den Oberhof. Tief unten aber, scheinbar im Thale, in das diese beginnende Bergkette den Fuss setzt, seht ihr Thürme und Häuser von Ohrdruf , einer der ältesten thüringischen Städte, in welcher Bonifacius nächst Altenberga die erste christliche Kirche gründete. Hammer- und Mühlwerke begrenzen breite Wiesenflächen mit Torfgräbereien, und über Wiesen, Feldern und Ortschaften heben sich die Berge mit Laub- und Nadelhölzern und lichtgrünen Blössen bis zum fernhinziehenden Kamm, den der Donnershauk überragt. Rechts dort unter einem Berge, dessen Vorsprung nach Norden absetzt, dessen linke Seite sich hell beleuchtet und als Blösse darstellt, erhebt sich eine Steinsäule, der Candelaber , zu dessen naher Anschauung ich euch zu geleiten hoffe.« Die aufmerksam zuhörenden Freunde konnten Alles gewahren, was ihnen der Sprecher zu bezeichnen für wichtig genug hielt, und dieser ungestört fortfahren: »Recht zu unsern Füssen erblicken wir, die zunächst um uns ausgebreitete einförmigere Flur anmuthig unterbrechend, das grosse Dorf Trügleben, grösstentheils zwischen Bäumen und Büschen traulich vorschauend, und lassen dann das Auge die gehügelte Feldfläche bis zum Walde überfliegen. Da ist ihm in der Nähe von Reinhardsbrunn verweilendes Niederlassen zu gönnen, mag es nun auf dem Abtsberg, am Sperrweg in der Höhe, oder auf dem stattlichen Schlosse in der Tiefe ruhen, dessen gothischen Bau euch vielleicht von hier aus schon die Ferngläser erkennen lassen. Wie blanke Wächter am Eingang jenes romantischen Thales stehen die elegant freundlichen Gebäude der Erziehungsanstalt Schnepfenthal , und hohe Berge decken weitverbreitet den Rücken. Nur wenig weiter zur Rechten schweifend erblickt ihr malerisch schön, scheinbar in einem Walde gelegen, da ein solcher es deckt, ein Städtchen, darüber ein fürstliches Schloss mit Nebengebäuden auf der Spitze eines weithin sich streckenden Berges, das sich imposant in die Ferne winkend darstellt: Waltershausen und Tenneberg . Darüber nun, abermals zur Rechten, gipfelt sich stolz über alle die umgebenden niedrigem Höhen hochragend der König des Gebirgs, der Inselberg empor, von dessen erhabenem Scheitel ihr demnächst herabschauen sollt, wenn günstig, wie heute, der Himmel meine Wünsche für euch gewähren mag.« Die Schauenden fragten nun erst nach dem Namen manches gewahrten Einzelpunktes, den Otto übersehen oder übergangen, und als ihre Wissbegierde befriedigt war, fuhr der Cicerone fort: »Haben wir jene höchste Bergspitze, den Inselberg, allmälig erreicht und dort geruht, so steigen wir nun, in Gedanken wandernd, leicht und rasch abwärts, und gehen mit Siebenmeilenstiefelschritten über eine Menge Berge, deren Namen euch doch nicht im Gedächtniss bleiben würden, wenn ich sie auch aussprechen wollte, dem nördlichsten Ende unserer Fernsicht zu. Ansehnliche Dörfer breiten sich im Vorgrund aus, Langenhain, der Geburtsort des Naturforschers Bechstein, Fröttstedt, Laucha, Teutleben, Asbach, letztere beide mit mythischem Namensanklange, Mechterstedt und andre. Wir sehen weit zur Rechten das weisse Band der Strasse, die wir selbst fahren werden, stückweise über die Felder gelegt, sehen Eisenachische Felsberge mit schroffen Abhängen, die Drachensteine, und enden am schroff aufgegipfelten, unheimlich kahlen und sagenreichen Hörseelberg, dessen Zauberbezirk wir nicht vorbeigehen wollen, ohne ihn zu betreten.« Die befriedigten Fernseher schoben ihre optischen Gläser zusammen, um nach denen zu greifen, in welche die Gothaischen Freunde einen Valettrunk perlen liessen; bald darauf trug sie der Wagen rasch dem erwähnten Ziele zu. Wartburg. Vom Dorfe Sättelstädt, das ein mythischer Name, der an den im Hörseelberge spukenden Satan erinnern soll, und ein unüberwindlicher Lanzenbrecher, Herr Waltmann von Sättelstädt, sagengeschichtlich interessant machen, führt ein steiler Pfad den schroffen Berg empor, den die Thüringische Sage zu einem ihrer liebsten, aber auch düstersten Sitze erwählte. Diesen Pfad beschritten die Wanderer, erfreuten sich auf der kahlen, luftigen Höhe einer ähnlichen herrlichen Fernsicht, wie die jüngst geschaute, und horchten nebenbei den Erzählungen ihres Führers, der von den Berichten thüringischer Chronikbücher, von fortlebender Sage im Volke selbst und allen Liedern über diesen Berg genug zu erzählen wusste. Vornehmlich war er bemüht, die Mähr vom edlen Tanhäuser und dem treuen Eckart mit denen von diesem Berg in Einklang zu bringen, Beweisstellen citirend aus alten Werken, und mit neuen Forschungen längst Angenommenes bestätigend. »Der Hörseelberg« sprach Otto: »war den umwohnenden Vorfahren und auch weiter Entfernten Fegefeuerstätte, Sitz des wilden Heeres, und unterirdischer Liebeshof der Frau Venus; sein Sagenkreis umschliesst den Schauplatz des schaurigschönen, süssgrauenvollen und weithin verbreiteten Tanhäuserliedes. Ich will euch mit Citaten aus halb und ganz vergessnen Büchern nicht ermüden, ich will euch nur sagen, dass die Sage so reizend und verlockend das Innere des Berges schildert, auf dem wir eben wandeln, dass man gar zu gern ein süsses Abenteuer hier bestehen, und sich trotz Papst und Spruch von ewiger Verdammniss in die zärtlichumstrickenden Liebesarme des schönen Götterweibes stürzen möchte, welches, herausgetreten aus dem Kreise der antiken Mythe, nicht mehr Olympierin, nicht Fee, nicht skandinavische Gottheit, sondern nur ein herrliches deutsches Fabelwesen geworden, nichts von Asketik weiss, und keine andern Götter über sich hat. Das alte Lied nennt die Frau Venus nur deshalb eine Teufelin, weil es für heidnische Göttin keinen andern Namen kennt, und der Tauhäuser kehrt in Gottes Namen mit gutem Vertrauen wieder in den Berg, sagend: Ich will zu Venus meiner Frauen zart, Wo mich Gott hin will senden.« – Dicht unter einer schroffen Felskante, die längs des sich sehr steil in das Thal absenkenden Berges hinläuft, erblickten nun, von Otto zum Herabklettern genöthigt, die Fremden das enge Hörselloch , die zu einer schmalen Oeffnung zusammengeschrumpfte Pforte des Zauberberges, den Ausgang des wilden Heeres, und konnten sich einen Felsblock als Sitz des treuen Eckardt denken, von dem der Schluss des Heldenbuches kündet: Man vermeynet auch der getreu Eckarte sey noch vor fraw fenus berg, und sol auch da belyben biß an den jungsten tag, un warnet alle die in de berge gan wöllen. Lenz vermochte nicht die Bemerkung zu unterdrücken: »Solcher Anblick des einfach Natürlichen, nichts weniger als imposant Wirkenden zerstört eigentlich alle Illusion – ganz anders habe ich mir nach allem jetzt und früher Gehörten und Gelesenen den Hörseelberg und seine Höhle gedacht, in die ich nicht drei Schritte weit eindringen kann. Das mag ein Loch für die magern Wind- und Dachshunde des wilden Jägers sein, den ich mir ebenfalls nicht wohlbeleibt denke; ein halbwegs korpulenter Tanhäuser kann nicht eingehn, es winke nun Himmel oder Hölle.« Wagner entgegnete hierauf: »Man sieht recht, dass Du mit Phantasie nicht sonderlich bedacht bist; ich denke mir eine reizende Mondnacht, glühende Sterne, und dann weicht dieser todte Fels leise nach beiden Seiten zurück, dann ist ein Blick vergönnt in die glanzüberfüllte, blendendhelle Bergeshalle. Schaue um Dich, die Eigentümlichkeit dieser sterilen Felsenmassen, die schwindelnde Tiefe hier hinunter, der einsame Ort, Alles wirkt phantastisch anregend, horch, es rauscht wie Windesheulen – in der Tiefe brauset es hohl.« »Es ist oft der Fall,« setzte Otto hinzu, während er über eine von Epheu umgrünte, sanft abwärts sich senkende Matte hinunter leitete: »dass man unbefriedigt das erblickt, davon oft die Rede war, zumal wenn eine gewisse Vorliebe mit bestochenen Augen sah und schilderte; allein Erinnerung wirkt auch in diesen Fällen freundlicher ausgleichend, und das verschönend, was die Wirklichkeit darbieten konnte.« – Bald war wieder die Fahrstrasse erreicht, der bereit stehende Wagen nahm die Wanderer auf und rollte in einem nicht breiten, von den langgedehnten schroffen Hörseelbergen einerseits gebildeten, mit Wiesen und Dörfern geschmückten Thale fort, über welchem bald der hohe Bau der Wartburg zur Linken sichtbar ward. Eisenach lag vor den Blicken der Reisenden; ein altertümlicher Thorthurm mit Ludwig des Bärtigen verwittertem Steinbilde zeugte noch vom frühen Ursprunge der Stadt. »In der Stadt ist das Merkwürdige bald gezeigt,« sprach Otto, während man durch ziemlich schmale, von wenig hohen und bunt angestrichenen Häusern gebildete Gassen fuhr, und auf den Marktplatz gelangte, den ein geräumiges Rathhaus, ein geschmackvoller Fürstenbau, das Residenzhaus genannt, die alte, von Linden umgrünte St. Georgenkirche, vor ihr ein schöner achteckiger Brunnen mit dem Standbilde des heiligen Lindwurmtödters und Stadtschutzheiligen, und das schöne Gebäude der neuen Bürgerschule ziert. Von den Fenstern des beliebten Gasthofes »zum Rautenkranz« aus, in welchen die Freunde einkehrten, erblickten sie nun nahe vor sich die vielgepriesene Wartburg. Während einiger Rast und Entledigung des Reisestaubes entwickelte Otto den Freunden seinen Plan, sie zu raschem Ueberschauen des vorhandnen Merkwürdigen zu führen. »Ich zeige euch,« sprach er, »zunächst an und in der Georgenkirche die Monumente Johannes Hiltens , eines prophetischen Mönches, der das Auftreten eines Eremiten vorhersagte, welcher den römischen Stuhl reformiren würde, und das des berühmten Nicolaus von Amsdorf , Luthers langjährigen Freundes, der hier als Kirchenrath starb. Diese Epitaphien mögen vorbereitend auf den Besuch der Wartburg wirken; dann machen wir einen kleinen Gang durch die über 1,400 Häuser, doch nur 8000 Einwohner zählende Stadt; ihr beseht den verschönert wieder aufgebauten Explosionsplatz, auf welchem 1810 das Auffliegen von drei mit Pulver, Kugeln und Haubitzenpatronen beladenen Wagen eine schreckliche, der ganzen Stadt mit Vernichtung drohende Katastrophe herbeiführte. Allmälig emporsteigend, werdet ihr durch die naturpark-ähnlichen Anlagen des Röse'schen Hölzchens zu einer verfallenen Burg geführt, und von dieser erst der noch erhaltenen, die ich Thüringens Palladium nennen möchte, nahe gebracht. Möchtet ihr in diesem allmäligen Gewinnen der Höhe etwas Symbolisches erblicken, ein rückwärts in die Gefilde der Weltgeschichte blickendes Emporsteigen per aspera ad astra .« Die Sonne neigte sich dem Westen zu; ihr Strahlengold umfloss wie ein Heiligenschein die altergraue Wartburg. Vom Ruinenberge des Mittel- oder Mädelsteins aus, der früher als jene, ihn hoch überragende Veste erbaut, und im thüringisch-hessischen Erbfolgekriege zerstört wurde, stellte diese sich malerisch und schön mit ihren mannichfaltigen Gebäuden und dem viereckigen Wartthurme dar. Stadt und Gefilde lagen nicht minder in herrlicher Beleuchtung; von spiegelnden Teichen blitzte Feuer auf; Gärten und anmuthige Wiesenthäler, nackte Felsgruppen, tiefgrüne Laubwälder, ferne Bergzüge des Hessenlandes nach nordwestlicher Richtung, im Südost der über niedrigern Nachbarbergen gigantisch aufgethürmte Inselberg zogen wechselnd die Blicke an, und wussten sie zu fesseln. Die Stadt selbst zeigte sich heiter an den Fuss der Burgberge hingebaut, mit manchem stattlichen Gebäude neuer wie älterer Zeit, von welchen letztern mehrere, wie namentlich die Karthause und die Klemde , jetzt nützlichen und freundlichen Zwecken, die erste als herrschaftliches Gewächs- und Treibhaus, die letzte einer geschlossenen Gesellschaft der Honoratioren Eisenachs, dienen. Endlich war in nächster Nähe eine pittoreske Felsgruppe zu betrachten, zwei nachbarlich isolirt aufragende Steinkolosse, Mönch und Nonne genannt. »Wenn wir droben auf der Wartburg stehen,« nahm Otto zu den Gefährten das Wort, »will ich eure Blicke herüber lenken nach diesem – Naturspiele, dann werden euch diese Felsen als ein sich liebend küssendes Paar erscheinen. Nicht blos die klassisch antike, auch die deutsche Sage weiss mit sinnigen Metamorphosen zu unterhalten. In zwei Klöstern Eisenachs hatte der Pfeil der Liebe zwei Herzen getroffen, und die Getrennten suchten ersehnte Vereinigung herbeizuführen. Die Liebenden Beide liessen die Klosterriegel hinter sich und trafen sich hier oben an einsamer Stelle, und küssten sich liebedurstig, endlos. Sie wurden in Stein verwandelt und küssen sich immer noch; die Sage verschweigt, ob die Verwandlung als Strafe geschah, weil sie sich küssten, oder als Zeichen, dass Mönche und Nonnen sich in Gottes Namen küssen sollen.« »Letzteres war Luthers Auslegung, und er that also,« äusserte Lenz lächelnd. »Und that wohl daran,« fügte Wagner hinzu. »Wir wandern jetzt in einem Gebiete, meine Freunde,« nahm Otto wieder das Wort, während alle Drei auf wohlgepflegten Wegen vom Mittelsteine herabgingen und dann den durch Gebüsch aufwärtsführenden Felsenpfad langsam emporstiegen: »das von der Sage, wie von der Geschichte, mit so vielem Erwähnenswerthen gleichsam überschüttet wurde, dass es nicht ganz leicht ist, mit sicherm Takt Vorzüglichstes hervorzuheben, und minder Wichtiges nur anzudeuten, wo nicht ganz zu übergehen. Die Wartburg ist der Centralstern der thüringischen Geschichte, und schmückend klammerte sich grüner Sagenepheu rings umher an Burgmauern, Felszacken und Höhlengeklüft, gleichsam den heiter bestätigenden oder erläuternden Bilderschmuck solch reichhaltigen Buches abgebend. Die Geschichte der Stadt Eisenach erscheint ganz in mythisches Dunkel gehüllt, aus diesem tritt sie, doch immer noch sagengeschichtlich, zu Attila's Zeit, doch an andrer Stelle, als jetzt, gelegen. In den Zeiten der Frankenherrschaft über Thüringen erhob sich der Mittelstein als Veste, später krönten neben ihm und Wartburg noch viele andre Burgbaue die nachbarlichen Berghäupter. Eine verderbliche Hunnenschlacht unter dem Thüringer-Herzog Burkard, in welcher dieser fiel, wurde in der Nähe des alten Eisenach geschlagen, dann ist bis auf Ludwig den Springer Stadt und Land in tiefes Schweigen gehüllt. Dieser aber, hier herum jagend, ersah den nahen Berg, sprach mit Wohlgefallen: Wart' Berg, du sollt mir eine Burg werden , und wurde Wartburgs Begründer und Erbauer. Das neue Schloss ward zum dauernden Herrensitz erwählt, und unter seine Flügel eine jugendlich erwachsende Stadt, das jetzige Eisenach, gestellt. Von den Burgzinnen aus überblickten die Thüringer Landgrafen einen grossen Theil ihres Gebietes. Ludwig der Eiserne thronte bald auf der Wartburg, bald auf seiner Freyburger Nauenburg; sein Sohn, Ludwig der Milde, ward der Gründer von der Kirche St. Georgs in Eisenach. Dessen Bruder Hermann war der Sängerfreund, der an seinem Hof auf Wartburg die berühmten Minnesänger Wolfram von Eschenbach, Heinrich von Ofterdingen, Heinrich von Rispach, Walther von der Vogelweide, Reinhard von Zweter und Biterolf versammelt hatte, wo sie den bekannten Singerkrieg mit einander in änigmatisch-dramatischer Weise stritten, zu dessen Entscheidung Klinsor aus Ungerland herbeigerufen wurde, der in seiner wunderbaren Person und Erscheinung den Nekromanten, Astrologen und Sänger vereinigte. Sein Auftreten fand nach den alten Nachrichten unter dämonischer Mitwirkung und Begleitung Statt, und so wurde vornehmlich durch ihn dem anziehenden Stoffe des Wartburger Sängerkriegs jener eigenthümliche Reiz verliehen, der sich in den besten mittelalterlichen Dichtungen offenbart, und sich in dem Gegensatze des Christenthumes zum Heidenthum und einem steten Ringen des erstern zur Ueberwindung des letztern lebendig kund thut. Klinsor ist hier der Träger des heidnischen Zauberwesens, das versuchend und umstrickend dem christlichen Ritter nahe tritt, durch Frömmigkeit und Weisheit aber überwunden wird; Er schlichtet den Sängerstreit und kehrt, reich von Hermann beschenkt, nach Ungarn zurück. Dorthin schickte bald nachher der Landgraf eine ansehnliche Gesandtschaft, für seinen Sohn Ludwig um des Königs Andreas Tochter Elisabeth zu werben. Als vierjähriges Kind kam diese auf die Wartburg, um in der Geschichte derselben später als ein schöner Stern zu strahlen. Sie, die Heilige, erblicken wir mit ihrem Gatten, dem Heiligen , in der schönsten Verklärung und Weihe einer seltnen Seelenharmonie; ihr ganzes Walten athmete nur Gottseligkeit, Frömmigkeit und Wohlthun; das seine that sich in Unerschrockenheit, strenger Handhabung des Rechtes und der mildesten Nachsicht für der Gattin übergrosse Freigebigkeit und Herablassung gegen Arme kund; da ist hier umher fast keine Stelle, die nicht von Elisabeth zeugte, die vielen schönen Sagen von ihr sind als allbekannt anzunehmen, und keine andre Heilige der katholischen Kirche lebt in einem protestantischen Lande in so gefeiertem und verehrtem Andenken fort, wie die thüringische Elisabeth. Fast brach ihr das Herz der Tod des Gemahls, der, auf seinem Kreuzzuge begriffen, in der Ferne starb, und sie sah kummerschwere Tage hereinbrechen, ja sie musste, von ihrem Schwager Heinrich Raspe unrühmlich verstossen, mit Thränen von der Wartburg scheiden. Sie war nicht die einzige hohe Frau, die dem Schlosse, worin sie herrschend, glückliche Zeiten gesehen, im tiefsten Leide den Rücken kehren musste.« – Indem Otto fortfuhr, den Freunden einige geschichtliche Hauptmomente der Bewohner der alten Landgrafenresidenz mitzutheilen, und nicht unterliess, des thüringischen Erbfolgekrieges, dessen Schauplatz zumeist Eisenach und die Wartburg mit der Umgegend waren, und des trotzigfesten Rathsherrn Heinrich von Velsbach zu gedenken, der auf einer Wurfmaschine von der Burg herabgeschleudert wurde, und noch im Fluge durch die Luft rief: Thüringen gehört doch dem Kinde von Brabant! – kam man der Veste immer näher, und Lenz fand auf dem steilen, oft gekrümmten Felsenwege, dessen eingehauene Ruhesitze einigemale benutzt wurden, Anzeichen einer an Phanärogamen und Kryptogamen reichhaltigen Flora, und machte die Bemerkung, dass das häufig als Felsmasse zu Tage stehende Gestein aus dem Conglomerat des Todtliegenden bestehe. Otto hatte noch des Landgrafen Albrecht und dessen unglücklicher Gemahlin Margaretha zu gedenken; er war der Burg so nahe gekommen, dass er, zur Rechten gewandt, an der düster umschatteten westlichen Mauer die Stelle zeigen konnte, wo die Genannte flüchtend sich niederliess, nachdem ihr Mutterschmerz dem Kinde Friedrich den allbekannten Beinamen in einem blutigen Verzweiflungskusse gab – und man stieg nun zur Burg empor, die malerisch vor den Blicken aufragend, wohnlich grüsste, um über alte Befestigungen und durch mehr als ein Thor in das Innere zu gelangen. Durch das hohe gewölbte Thor geschritten, zeigte sich ein gut zu vertheidigender Gang, welcher zunächst in den Burghof nach der Wohnung des Kastellans und den Restaurationszimmern leitete. Da der Tag sich bald neigen wollte, führte Otto am liebsten sogleich die Freunde zur Besichtigung der Burg. Das Ritterhaus wurde betreten; über einen Corridor wandelnd und eine alte Treppe emporsteigend, öffnete sich Luthers einfache Zelle . Hier war das Asyl im Pathmos des unter dem Namen Ritter Georg symbolisch genug verborgen und geborgen auf Wartburg lebenden Reformators. Einfaches Geräth, ein Bild und eine Büste Luthers erinnern an den Bewohner, der in diesem Stübchen zehn Monate lang weilte, einen grossen Theil der Bibel hier übertragend. Der Kastellan wird nie unterlassen, jenen sagenhaften Fleck und Eindruck in der Wand zu zeigen, welchen das dem Teufel an den Kopf geworfene Dintenfass verursachte. Von den Beschauenden überliess sich ein Jeder seinem eignen Nachdenken und seinen Gefühlen in dieser Zelle, in welche glühender Abendsonnenschein wie ein verklärender Schimmer durch die kleinen Scheiben fiel. Von da wurden die Fremden in das anstossende Hohe - oder Landgrafenhaus geleitet, und hier zunächst in die Schlosskapelle geführt. Deren einfacher Bau bewahrt manches Alterthümliche, besonders an einigen Säulenknäufen, Reliefs, Bildern. Sie gefiel dem begleitenden Maler so wohl, dass er sie zeichnete. »Von dieser Kanzel predigte Luther täglich zweimal den Bewohnern der Wartburg, wie er selbst an einen Freund schrieb.« bemerkte Otto seinen Begleitern, und machte sie noch auf ein Gemälde aufmerksam, die heilige Elisabeth darstellend, wie sie Armen und Krüppeln die Fülle ihrer Wohlthaten spendete. Im Rittersaale und der nahe dabei befindlichen Rüstkammer gab es an alten, zum Theil sehr schönen Harnischen thüringischer Ritter, Waffen, Feldschlangen und altertümlichen Bildnissen Vieles zu betrachten. Hier konnte man sich die Versammlung der Minnesänger denken, und alle Fürstenlust der Landgrafenzeit. Die meisten Harnische, darunter einige vollständige Ritter zu Ross, führen die Namen derer, welche sie getragen haben sollen – darunter sind sogar einige Damen-Rüstungen. Auch wurden hier, wie an andern Orten mehr, die Kleider der geraubten sächsischen Prinzen Ernst und Albert gezeigt, und selbst Kunzens von Kauffungen hohe Gestalt ist durch eine Rüstung vergegenwärtigt, die seinen Namen trägt. »Der Historiker wird hier ein Auge zudrücken und Niemandes Illusion stören,« flüsterte Einer aus der Gesellschaft, um nicht lebhaften Widerspruch zu erwecken. Anziehend ist in der Rüstkammer ein altes und lebensgrosses Bild Ludwigs des Eisernen, der darauf, gepanzert, im Hut und reichen Schmuck erblickt wird. Im Hintergrunde zeigt sich die bekannte Execution, und es war den Freunden nun doppelt anziehend, im Verweilen vor diesem Bilde des Tages zu gedenken, an welchem sie den Schauplatz jener Handlung bei Freiburg erblickten. Nach genügendem Verweilen in diesen Sälen voll alterthümlichen Interesses wurden die Fremden auch einigen modern sich darstellenden Zimmern zugeführt, in deren einem ein neues Gemälde, von der geübten Hand einer weimarischen Künstlerin, die heil. Elisabeth, Gaben spendend, mit Antheil betrachtet ward. Indess war das Tagesende so weit nahe, dass die Freunde eilen mussten, den nicht hohen Thurm zu besteigen, um das entzückende Schauspiel eines schönen Sonnenunterganges zu geniessen. Während die Tageskönigin sank und gesunken war, überflammte sie noch mit glühendem Purpur die Höhen und Haine. Das Wäldermeer zu Füssen der Wartburg, das einst Margaretha's irrendflüchtiger Fuss durchwandelte, lag in friedlichster Stille; über der Stadt, auf der entgegengesetzten Seite des Burgberges, schwamm zarter Abendduft. Die Thüringer-Waldkette zog sich düster im Süden hin und liess den Blick frei auf die ferne, blaue Rhön; der Inselberg aber ragte mit seinem Königshaupt in den Heiligenschein des Abendgoldes. Der gespenstige Riesensarg des Hörseelberges, dem Einige Aehnlichkeit mit dem schweizerischen Rigi, Andere mit dem Tafelberg in Bezug auf seine Form zuschreiben, hob sich schroff und kahl empor; die Wachsenburg schien als Grenzsäule der Aussicht am Saume des Horizonts zu stehen. Immer schöner prangten, ganz in Sonnenröthe getaucht, des Himmels Wolkenschäfchen, und erfreut, wie bewundernd, in schweigendes Entzücken über alle das umgebende Schöne, Nahes wie Fernes, versunken, weilten die Freunde noch lange auf dem flachen Dache des Thurmes. Glücklich und frei, schöner Zeiten, auch schöner, einst auf Wartburg lebendig ausgesprochener Hoffnungen gedenkend, trugen sie kein Belieben, Verliesse und Kerker zu besuchen. Im Herabsteigen und nachherigem Rasten knüpfte Otto wieder den zuvor abgebrochenen Faden seiner Mittheilungen über die Geschichte der Burg und ihrer Besitzer an, und die Freunde, um solche zu dauernder Erinnerung aufzubewahren, erwarben von dem gefälligen Kastellan Thons oft aufgelegtes, gründliches Buch: Schloss Wartburg. Gern blieben die Besuchenden noch in den freundlichen Zimmern der Restauration, sich mit Speise und Trank und heitern Tischreden erquickend, bis Otto selbst zum Aufbruch ermahnte. »Scheiden wir,« sprach er, »nun von der altehrwürdigen Wartburg, von der ich mich stets ungern trenne, und suchen die Ruhe. Morgen haben wir einen starken Wandertag über Berg und Thal; der ganz wolkenfrei werdende Himmel verheisst uns treues Geleit. Wir betreten den schönsten, den romantischsten Theil des Thüringer-Waldes, Schlösser und Burgen begrüssen uns, Sagen und Mährchen flüstern aus Busch und Bach, und vielleicht tritt uns, ich ahne es, manche liebe Gestalt entgegen.« Waltershausen und Tenneberg. Den reisenden Freunden hatten holde Traumbilder aus der Erinnerung den Schlummer verschönt, aber auch gekürzt; sie wanderten in der Morgenfrühe bereits durch das herrliche felsgekrönte Marienthal bei Eisenach. Otto sprach: »Ihr gewahret in diesem felsgeschmückten, mit grünen Matten, darauf Heerden da und dort verstreut, oder anmuthig hingelagert erscheinen, und mit düstern Klüften abwechselndem Thal eines der schönsten und malerischesten Thore des Thüringer-Waldes, der von hier aus in gerader Richtung nach Süden nur wenige Stunden breit ist. Dort zeigt sich eine an die fromme Wohlthäterin Elisabeth erinnernde Grotte, die Armenruhe; ein kolossales M in jene feuchte Felswand gehauen, deutet den Namen der hohen Fürstin an, welcher zu Ehren man diese reizende Partie Marienthal nannte. Weiter hinaufwärts gelangen wir zum Landgrafenloch , einer schattigen Felsenschlucht, darin nach der Sage Friedrich der Gebissene sich barg, als er die Wartburg zu stürmen dachte; eine andre Höhlung, gegenüber auf steiler Höhe, trägt den Namen das verfluchte Juugfernloch , und es ist an sie die oft wiederholende Sage einer verwünschten, bisweilen erscheinenden und niesenden Jungfrau geknüpft. Steiler hebt sich nun am gehauenen Stein die Strasse empor, wir aber schlagen einen schattigen, für Fussgänger sanft geebneten Waldpfad ein.« Nach anderthalbstündiger Wanderung war das Forsthaus, die hohe Sonne , erreicht; noch einen Rückblick der Wartburg, die sich von dieser Seite aus mit ihrem Thurme ganz einsam und wie verfallen zu erheben scheint, dann thalhinab auf trefflicher, zum Theil ganz dem Fels abgerungener, an tiefen Abgründen vorbeiziehender Hochstrasse. Dort überraschte auf grauer Marmorrafel ein Denkspruch als Chronodistichon: Des WohLthätIgen HerrsChers kräftIges Wort gab Den WanDerern hIer siChre Strasse aUs WÜsten GebÜrgen, und bald wurde das äusserst freundliche, in die waldumgebene Thalbreite hineingebaute Grossherzogl. Lustschloss Wilhelmsthal mit seinem schönen Naturparke, seinen spiegelnden Teichen und mannichfaltiger Benutzung dienenden Nebengebäuden erblickt, einer der beliebtesten und besuchtesten Vergnügungsorte der ganzen Umgegend. Diese Anlage athmet rings heitern Frieden, und entzückte die Wanderer, die sie, vom hellen Morgenlicht übergossen, malerisch beleuchtet erschauen durften und auch ihre Einzelschönheiten besuchten und besahen. Das Gasthaus hatte den Ruhenden seine Labe gespendet, wenn auch die prosaisch plumpe Aufschrift der Trinkgläser: Gestohlen in Wilhelmsthal , ihre überraschende Wirkung nicht verfehlte, mindestens auffallen musste in der Nähe einer Hofhaltung, wie beim Besuche gesitteter und gebildeter Gäste – und Otto führte seine Lieben zu fernerer Wanderung wieder dem Walde zu. Ueber eine Thalbucht, wo Hirsche sich friedlich äseten, durch schattigen Buchenhochwald, ward wie in einem schönen Garten emporgewandelt, einer senkrechten, moosüberkleideten Felswand vorbei, einer Grotte, darin die zarten Goldblüthen des Chrysosplenium leuchteten, und unvermerkt sahen sich die Fremden, und überrascht, wieder auf der Hohensonne anlangen, während sie in dem Wahne gestanden, weitab in Waldestiefen sich zu verlieren. Otto lächelte bei ihrer Verwunderung, und entschuldigte sich: »Ich konnte nicht umhin, euch den zurückgelegten, äusserst reizvollen Fusspfad bis wieder hier herauf zu führen, da wir von hier aus unsern fernen Weg verfolgen. Wir betreten den Rennsteig, der hier die Eisenacher Hochstrasse durchschneidet, erfreuen uns weiter Aussicht vom Gipfel des nahen Hirschsteins, und verfolgen dann südostwärts den einsamen Waldpfad.« So geschah es; von erfrischender Kühle umflossen, ging es eine gute Strecke auf dem Waldkamme fort, in tiefer, menschenleerer Einsamkeit. Die Grenzsteine des Rennsteigs bezeichneten immer die Richtung, bis dieser verlassen und ein Seitenweg zur Linken nach Ruhla hinab eingeschlagen werden musste. Es ging sich gar herrlich und wohlgemuth in diesen weitausgedehnten Waldungen, die mit ihrer ganzen vollen Herrlichkeit und Frische die Wandrer umfingen. Dabei wurde in das schaurichtiefe Thal des Moosbachs hinabgeblickt, zur furchtbaren Klippenburg des Hangesteins , und mit Verwunderung an der kolossalen Felsgruppe des Wachtsteins verweilt, die mit Zacken und Steinthürmen der Ruine eines düstergrauen Waldschlosses gleicht, und nur 1/4 Stunde seitab des Weges liegt. Bald gesellte sich auch ein rollendes Bergwasser den Pilgern zu, und geleitete sie nach der merkwürdigen, in ein durchaus enges Thal mit 526 Häusern eingeklemmten, gewerbthätigen Ruhl, wie der Stadtflecken Ruhla vom Volk allgemein genannt wird. Der Ort war erreicht, wo der Waldschmiedt den Thüringer Landgrafen eisenhart schmiedete, wo Waffenfabriken blühten und verfielen, wo aber aus Messermachern und Pfeifenkopffabrikanten, und was sonst zu letztern gehört, fast die ganze männliche Einwohnerschaft besteht. Mit Vergnügen wurde diese lebhafte Gewerbsthätigkeit, nicht minder vor Augen tretende Vorliebe für Blumistik und Singvögel, die fast jedes Fenster beurkundete, wahrgenommen, und der eigenthümlichen schnarrenden Sprachweise des örtlichen Dialekts gelauscht. Die Fremden bemühten sich vergebens, Otto die schnell vorgesprochenen Worte im Ruhlaer Dialekte: »Guller, Giller, Galler, Krischscher, Quiker, Tropser,« nachzusprechen, die allzumal einen Weinenden bezeichnen. Nicht minder erfreute den Maler die Nationaltracht geputzter Mädchen, die sich freilich immer mehr mit städtischen Moden verschmilzt. Lenz erfreute sich im Weiterwandern an der Formation der Glimmerschieferberge, welche Ruhla umgeben; dem rauschenden Thalwasser entlang wurde eines der lieblichsten Thäler durchwandert; da grüsste der einsame Rest des Klosters Weissenborn , bald darauf ein besuchtes Gasthaus, der Heiligenstein , endlich trat die Ruine Scharfenberg malerisch über dem Dörfchen Thal hervor. Otto kürzte den Weg mit Erzählungen. »Hier ist der Schauplatz von Ludwig Storch's beliebter Novelle: Förberts Henns ,« sprach er: »und dort am Ende des Dorfes zeige ich euch das kleine Haus, das der prophetisch begabte Wundermann bewohnte.« Dann wusste er zahllose Sagen von dem hohen Wartberg , der sich den Wanderern zur Linken aufthürmte, zu berichten, von dessen Höhle und von goldsuchenden Venetianern, von Wunderblumen und spukhaften Erscheinungen. »Kaum weiss ich noch eine Gegend so sagenreich wie diese; hier hat der Hauch der deutschen Sagenpoesie Bach und Berg, Hain und Höhle belebt.« Willig und gern hörten zu und folgten dem Sprecher die Freunde durch die grünen Waldlabyrinthe, die idyllisch einsamen Thäler, und standen nach ziemlichem Marsche staunend unter der schroffen, 200 Fuss hoch senkrecht aufragenden Felswand des Meissensteins , der aus porphyrartigem Gesteine besteht. Die Sage lässt in ihn ein Schloss verzaubert sein. Von dieser pittoresken Partie aus wurde nach Winterstein hinabgewandert, wo es wieder eine malerische Burgruine zu besehen gab. Hier ward nun für eine kurze Zeit der Wald verlassen; auf guten Feldwegen, in aussichtreicher Gegend, ging man durch die nahe beisammen liegenden Dörfer Fischbach, Cabarz und Klein-Tabarz, welche letztere von Bergleuten angelegt worden sein sollen, die vom Harze kamen und diese Gegend zuerst bebauten, und hatte nun schon den Tenneberg im Gesichte. Noch eine Anhöhe empor, durch die Pforte eines Wildzaunes, durch trauliche Waldung, und unversehens war, aus dieser heraustretend, die heitre Waldstadt Waltershausen mit fast 500 Häusern und über 3000 Einwohnern noch bei guter Zeit erreicht. Waltershausen und das darüber liegende Schloss Tenneberg gewähren sich dem Auge von allen Seiten durchaus malerisch, und Wagner säumte nicht, noch einen Spaziergang um die, von freundlichen Gärten umgebene Stadt vorzuschlagen, obgleich die heutige Wanderung in etwas die Freunde ermüdet hatte – um einen Punkt zu zeichnen, von dem aus vorzüglich das Schloss sich pittoresk darstellen, und der friedliche Charakter der Stadt, die von Linden und Weiden umgrünt ist, angedeutet werden sollte. Als Otto gesprächsweise der hier betriebenen bedeutenden Wurstfabrikation erwähnte, trug Wagner scherzend eine Heerde Schweine auf seine Skizze über, die eben des Weges getrieben wurde. Der Abend war allzuschön, um ihn nicht noch zu einem Ausfluge zu benutzen, nachdem man sich einigermaassen ausgeruht. Da bot denn der Sehnsucht nach Naturgenuss Tenneberg das würdigste, schönste Ziel. Otto führte die Freunde über den schöngebauten Markt und durch einige Strassen, darin die, kleinen Städten noch häufig eigne, alterthümliche Holzconstruction an den Gebäuden von Wagner für höchst malerisch erklärt wurde, dem Burgberge zu, und liess nicht unerwähnt, als man bei einem, dicht am Fusse desselben liegenden ritterlichen Freigute, die Kemnote genannt, vorbeikam, dass in ihm zuerst der Naturforscher Bechstein sein Forstinstitut begründet, bevor dasselbe nach Dreissigacker verlegt wurde, was einen natürlichen Grund abgab, dieses alte steinerne Haus mit mehr als gewöhnlichem Antheile zu betrachten. »Nicht um in einem halbverödeten Bergschlosse, dessen weitläuftige Räume zum Theil noch als Amtslokal, Amtsvogtei und Beamtenwohnung dienen, uns herumführen zu lassen,« sprach Otto, als die Freunde durch schattende Waldung emporstiegen: »geleite ich euch hier herauf und lasse die obern Zimmer öffnen, sondern einen reizenden Aussichtgenuss euch darzubieten.« Daher wurde auch dem alten Mobiliar, den gedrechselten Stühlen mit Rohrlehnen, mit Sammt- und Ledersitzen, den Schreinen und Truhen von eingelegter Arbeit, obgleich darunter manches antiquarisch Kostbare, eben so wenige Aufmerksamkeit geschenkt, als den Jagdgemälden und Portraits, von denen zumal Letztere auf alten Schlössern so unheimlich anstarrend, befremdend blickend erscheinen, und nur mit halbem Ohre dem zuhgeört, was nebenbei Sagenhaftes von der weissen Frau, dem Burggespenst und einer historisch denkwürdigen Pseudokönigin aus England, die hier als erstere umgeht, der Schliesser erzählte. Otto leitete seine Gefährten einem Fenster zu und liess sie hinausschauen, während er selbst sich an ein anderes stellte, um momentan mit einer ihn süss und schmerzlich zugleich überwallenden Empfindung allein zu sein und einen Gedankenkuss in die weite Ferne zu senden. Freundlich umlagerte die Stadt den Bergesfuss; zur Linken thürmten sich malerisch Berge über Berge der Waldkette; geradeaus hob sich der nackte Riese des Hörseelberges, ein schräges Horn emporstreckend, wie eine Alpenzinke, und auch fast so rosig, wie eine solche, vom späten Abendschein überglüht. In duftiger Ferne liess der göttlich heitere Abend den Brocken erblicken, und das zu Näherem zurückkehrende Auge eine unendlich ausgedehnte, wellenförmig gehügelte Flur überfliegen, deren reizenden Mittelpunkt ein Theil von Gotha mit dem weithin glänzenden Schlosse Friedenstein bildete, und deren Ende von diesem Standpunkt aus der Flötzgebirgszug, welchen die Seeberge bilden, begrenzt. »In der That, himmlisch schön! Höchst reizend!« riefen die Fremden, und zollten gern und aufrichtig der Natur dieses mit Wald und ergiebigen Fluren gesegneten Landstriches ihre volle Bewunderung. »Wie oft, und wie gestern, so auch heute wieder, weisst Du,« sprach Wagner zu Otto: »zum Finale die melodischsten Farbentonwellen aufzusparen und erklingen zu lassen. Es ist eine geistige Musik in diesen Landschaften, die dauernd auf die Seele wirkt und aus dem Chaos von Wäldern und Felsmassen, Bergbächen, Kaskadellen und Thaltiefen immer wieder zum friedlich hingebreiteten offenen Gefilde leitet.« Als die Freunde sich erquickt hatten am Reize mannichfacher Aussicht, lustwandelten sie noch auf dem Rücken des Tenneberges hinter dem Schloss, und während Otto berichtete, dass dessen Alter so hoch hinaufreiche, dass man den Erbauer nicht zu nennen wisse, äusserte sich Lenz auf das Höchste erfreut, denn er fand sich nicht nur von einer Fülle nicht häufig vorkommender Blumen und Buschhölzer überrascht, sondern auch im Muschelkalke des Berges und dessen aufgelagerten Mergelschichten Enkriniten und Trochiten, Ostraziten und Ammonshörner. Otto brach eine hier wildwachsende Feuerlilie, die durch die einbrechende Dämmerung leuchtete, und sprach: »Diesen Salamander im Reiche Flora's lasst uns als Glücksblume vom Tenneberge hinwegtragen; vielleicht öffnet er den Zaubergarten der Liebe; mir ist, als hörte ich aus ihm ein endämonisches Flüstern: Wahrlich, ich sage euch, morgen werdet ihr mit mir im Paradiese sein! « – Reinhardsbrunn. Und der Morgen brach paradiesisch an. Die Reisenden grüssten ihn etwas minder früh, wie am vorigen Tage; sie besuchten sogar noch die blühende Puppenfabrik Waltershausens, einiges Niedliche zum Andenken kaufend, bevor sie längs eines weidenbeschatteten Baches weiter schritten durch die lachende Flur, den Burgberg mit seinem Schlosse und seinem Jagdzeughause zur Rechten lassend. Es dauerte nicht lange, so lagen auf vorspringender Bergzunge eine Anzahl moderner und stattlicher Gebäude inmitten freundlicher Gartenanlagen und blühender Akazienbäume vor ihren Blicken, welche Otto den Gefährten als das berühmte, 1784 von Salzmann errichtete, Erziehungsinstitut Schnepfenthal bezeichnete. Eine muntere Knabenschaar, sämmtlich in gut kleidenden scharlachrothen Jacken, tummelte sich in eingetretener Erholungsstunde auf dem Platze; die Fremden sahen sich überall mit Freundlichkeit begrüsst, und eben so bereitwillig zur Besichtigung der Lehrsäle, des Bet- wie des Speisesaales, der Büchersammlung, der Buchdruckerei und des Naturalienkabinets geleitet. Letzteres enthält manches Interessante und Seltene, darunter das vollständige Habit einer Lappin. Die Erziehungsgrundsätze des Begründers dieser immer noch blühenden und thätig fortschreitenden Anstalt haben sich in der langen Jahresreihe ihres Bestehens als höchst erfolg- und segensreich bewährt, und Viele, die in dem, alle Zöglinge mit gleicher Liebe umfassenden Familienkreise dort ihre erste Jugendbildung empfingen, denken immer noch dankbar an Schnepfenthal zurück. Als Vorstehern, Lehrern und Zöglingen von den weiter Wandernden Lebewohl gesagt war, nahm Otto das Wort: »Abermals betreten wir eines der Thore des Waldes; dieses Mal ist es keine Felsen-, sondern eine Pforte von dunkelgrünem Tannenlaube; wir grüssen ein idyllisch und hochromantisches Klosterthal mit blitzenden Teichen, einem prangend im Geiste der Ritterzeit erneuten Fürstenschlosse, einer Kirche mit alten Grabsteinen der thüringischen Landgrafen. Hier im Klosterfrieden wollten an heiliger Stätte schlummern, die auf Wartburg gethront, und schlummerten hier. Ich sagte euch schon, dass die Reue Adelheids und Ludwigs des Springers Kloster Reinhardsbrunn gründete. Oben über dem Thale thronte die Schauenburg, das Stammhaus der thüringischen Landgrafen, von Ludwig dem Bärtigen erbaut; das friedliche, einsame Thal war für einen Klosterbau ganz geeignet. Ein Wunder, die Erscheinung ungewöhnlicher meteorischer Lichter, die ein hier angesiedelter Töpfer, Reinhard , in der Nähe des Brunnens wiederholt erblickte, bestimmte Ort und Namen des Klosters, das mit Benediktinern besetzt wurde, fast fünfthalb Jahrhunderte blühte, und im Bauernkriege seinen Untergang fand.« Während der Weg sich durch die grüne Tannenwaldung hinzog, wurde im tiefern Grunde des Thales eine Reihe spiegelnder Teiche erblickt, die nur durch schmale Dämme geschieden waren, und bald stellte sich dem Auge ein stattliches Gasthaus dar, zur Einkehr ladend. Die Freunde sahen zugleich thalabwärts einen Reisewagen angefahren kommen, der ihre Blicke ablenkte von dem weiter aufwärts gelegenen Schlosse. Dieser Wagen – man hatte ihn schon einmal irgendwo gesehen – wäre es möglich? – man sah drei Damen aussteigen – die Wanderer blickten scharf hin, die Augen der Freunde Otto's leuchteten, Freude klärte ihr Antlitz – kein Zweifel mehr, es war Frau Arenstein mit ihrem holden Töchterpaare. Ein überraschend freudiges Wiedersehen, ein unerwartetes, und darum doppelt anziehendes Begegnen. Es währte gar nicht lange, so sass die kleine Reisegesellschaft traulich beisammen an ländlichen Tischen unter schattenden Bäumen, als sei sie schon lange bekannt; denn leichter und harmloser schliesst man sich auf Reisen an, als in den Salons, es ist mehr Bedürfniss der Mittheilung, oft auch gegenseitiger Hülfleistung, selbst mehr innerer Antrieb zur Ablegung lästigen und beengenden socialen Formenwesens vorhanden. »Wir kamen erst vor Kurzem von Kissingen im Bade Liebenstein an,« erzählte Frau Arenstein: »und benutzten den herrlichen Tag zu einem Ausfluge hierher. Früher sahen wir beiweiten noch nicht alle Schönheiten dieser Gegend, auch sieht man immer wieder mit anderm Auge und entdeckt Interessantes, das man beim erstenmal Schauen übersah.« »Wie glücklich würde es uns machen, könnten wir in Ihrer Gesellschaft nahe schöne Partieen gemeinsam besuchen,« sprach Lenz mit bittenden Blicken zu der Mutter; Otto aber spottete boshaft: »Meiner Begleitung scheint dieser Freund müde zu sein, er schliesst sich der schöneren Erscheinung an.« Natürlich widersprach Lenz solcher Vermuthung lebhaft, und es kam ein heiterbeflügeltes Gespräch in Gang; rasch wechselten Worte und freundliche Blicke und das endliche, allen Theilen erfreuliche Resultat war die Uebereinkunft, von Reinhardsbrunn aus einen Exkurs nach dem thüringischen Candelaber, nach den pittoresken Thalgründen in der Nähe Tambachs, zu machen, und von da zurückkehrend das Felsenthal zu durchwandeln, den Inselberg zu besteigen und von seinem Gipfel sich wieder nach Liebenstein zu begeben; Alles dieses lag ohnehin so, wie es hier ungesucht beschlossen worden, in Otto's Reiseplan. Frau Arenstein machte aber durchaus zur Bedingung, früher empfangener Gefälligkeit dankbar eingedenk, dass Otto wahrend dieser Zeit ihr wieder als erläuternder, sprachseliger Cicerone zur Seite stehe, denn sie war eine jener schau- und wanderlustigen Damen, denen man immer die Worte Wagners im Faust in den Mund legen könnte: zwar weiss ich viel, doch möcht' ich Alles wissen. Die liebliche Engelbertha, die schlanke Rosabella stimmten, befragt, ob auch sie mit Plan und Begleitung einverstanden? gar gern bei; es schien ihnen, aus sehr natürlichen Gründen, die Begleitung einiger jungen Männer gar nicht unlieb, welche so sichtlich das Bestreben, ihnen nicht zu missfallen, durch jede sittigzarte Huldigung an den Tag legten; daher ward in rechter Herzensfröhlichkeit auf gutes Reiseglück angeklungen. Als man die wohlbesetzte Frühstückstafel aufhob, war Otto so gefällig gegen seine Freunde, der Dame Arenstein mit einiger Grandezza den Arm zu bieten: »Ich trete mein gewohntes Amt feierlichst an, meine Hochverehrten,« sprach er: »und führe Sie nun in diesen reizenden Park, zu dem prangenden Schlosse, zu der alternden Kirche.« Die Freunde folgten dem willkommenen Beispiele des Gefährten, führten die unbefangenen und doch höher erglühenden Töchter, und so wandelten Alle in glücklichster Stimmung harmlos durch die Schlangenpfade, an üppig blühenden Boskets vorüber, von balsamisch wohlthätiger Naturfrische umweht und überhaucht. Vor den Augen stand zunächst in voller deutscher Architekturschönheit prangend, die Kunst byzantinischen, alt- und spätgothischen Baustyles in sich vereinigend, das herrliche Schloss mit seinen Eckthürmen, seiner Steinballustrade, seinen Balkonen, welches der jetzt regierende Herzog von Sachsen-Coburg-Gotha, Ernst III., auf den Fundamenten eines ältern Hauses geschmackvoll aufbauen liess. Das Aeussere ward allzuanlockend befunden, um nicht das Innere für sehenswünschenswerth zu erachten welcher Wunsch jedoch nicht in unbeschränkter Ausdehnung Erfüllung finden konnte, da, wie schon die auf dem Giebel wehende grün-weisse Flagge verkündete, die Landesherrschaft anwesend war. Doch konnte Manches beschaut werden, was lebhaft den Sinn der Schönheit und des guten Geschmackes eben so kund that, wie ansprach, und nirgend sah sich der Fuss der Lustwandelnden in den lieblichen Anlagen gehemmt. Die Reihe alter Grabsteine thüringischer Landgrafen, von späterer Pietät nachgebildet, ziert die Aussenseite der Kirche zu Reinhardsbrunn, die mit dem Hinterhause des neuen Schlosses zusammenhängt, und sich wohl bald im edlen, reingothischen Style verjüngen wird. Sind auch die Monumente nicht alle gleichzeitig, so sind sie doch nicht ohne Kunst, und immer noch, so viel Zeit und Wetter nicht daran verstümmelten, der Betrachtung werth. Es sind folgende: Ludwig der Springer. Adelheid , seine Gemahlin. Landgraf Ludwig I. Landgraf Ludwig II., der Eiserne. Jutta , seine Gemahlin. Landgraf Ludwig III. , der Milde. Landgraf Ludwig IV., der Heilige. Landgraf Hermann II, der Jüngere. Markgraf Friedrich der Gebissene. Elisabeth , seine Gemahlin. Wagner vertiefte sich so sehr in die Unterhaltung mit Rosabella, dass Otto für gut fand, ihn zu erinnern, er möge nicht vergessen, das Schloss zu zeichnen; nun halfen sogleich die Damen bitten, und freuten sich schon dem Abend entgegen, wo gegenseitige Schilderung der Reisen und die Ansicht des Gesammelten und Gezeichneten mitgetheilt werden sollte. Es ward eine Stelle gewählt, wo die Hauptfaçade des Schlosses lebhaft in's Auge fiel, sich spiegelnd in dem leise bewegten, grossen Bassin, das eine bewimpelte Gondel und stolzrudernde Schwäne trug. Die Kirche blickt hinter dem Schlosse hervor, und es zeigt sich, halb im Gebüsche verborgen, ein Theil zahlreicher, neuer und alter, der herrschaftlichen Stallung, Gärtnerei und Oekonomie gewidmeter Gebäude. Otto schlug, nachdem Alles erfreut besehen und belobt worden war, einen Spaziergang auf den dicht über Reinhardsbrunn waldig sich streckenden Abtsberg vor, einmal um Allen und auch sich selbst den äusserst lohnenden Herabblick zu gönnen, anderntheils um ganz in der Stille für sich zu entnehmen, was den Damen im Bezug auf Bergersteigung und kleine Fusstouren zuzumuthen sei, um sie nicht durch Ermüdung zu verstimmen, und nicht am Ende, bei zu grosser Anstrengung, lamentable Klagen zu vernehmen. Doch seine halben Befürchtungen bewiessen sich als ungegründet; die jungen Fräulein kletterten, dass es eine Lust war, und der Mutter schien die Mühe durchaus keine ungewohnte. Oben aber auf der Höhe, an des Berges Mitte, lohnte ein geebneter Raum mit Ruhebänken entschädigend für die anstrengende Bewegung, denn man hatte das ehemalige Kloster mit seinen zahlreichen Gebäuden, und vor Allem das Schloss mit dem blitzenden Bassin davor, zu Füssen; die Teiche schienen in einen grossen Thalsee vereinigt, und aus der Thalenge reichte der Blick weit in die Ferne, nach Gotha hin, und Otto konnte den Freunden das Thüringer Haus bezeichnen, von wo aus sie kürzlich in dieses Thal, auf diese Höhen geblickt hatten. Als die kleine Gesellschaft vom Abtsberge wieder hinunter kam, war es belebter von Fremden geworden, die in kleinen Gruppen sich theils lustwandelnd ergingen, theils Ruheplätze und leibliche Erfrischungen gesucht hatten, und das Ganze bot den wohlthuenden Anblick einer, heiterer Geselligkeit geöffneten, dem sittlich harmlosen Vergnügen zu vollem Genuss und froher Anschauung von höchster Huld vergönnten Parkanlage in reizender Waldung gelegen, dar. Mit heitern Reden und Reiseplänen wurde das Mittagsmahl gewürzt, dann brach Otto mit seinen Freunden auf, um einstweilen voranswandernd einen Vorsprung zu gewinnen, ehe der Wagen nachkam, der die Damen nach Altenberga bringen sollte. Der Candelaber. Freudenvoll, mit jenem seligen Gefühl in der Brust, das aufkeimende Liebe gewährt, schritten die jungen Freunde im Geleit ihres Führers dem einfachen Waldstädtchen Friedrichrode zu und ohne Aufenthalt hindurch, da es in einer Viertelstunde von Reinhardsbrunn aus zu erreichen ist. Die bedeutenden Leinwand- und Garnbleichereien dort, wie der Handel mit solchen Waaren konnten denen kein sonderliches Interesse abgewinnen, welchen die Gestalten zweier Huldinnen vorschwebten, die den ausschliesslich alleinigen Gegenstand ihrer Unterhaltung bildeten. »Meine Rolle ist ausgespielt,« scherzte Otto zu den Freunden: »was fange ich mit verliebten Leuten an? Sage ich, dies vor uns liegende Dörflein heisst Engelsbach , so seufzt ihr nach euern Engeln; mache ich im Vorbeigehn euch auf eine Sculptur an der Kirchhofmauer aufmerksam, das Paradies genannt, so denkt ihr an das Paradies der Liebe, das euch gestern mein prophetisches Ahnen verkündete, und deute ich nach der Höhe des hier zur Rechten noch liegenden Ruinenberges der verschwundenen Schauenburg , so schaut ihr euch, statt nach ihm, nach dem Arensteinischen Reisewagen um. Nicht wahr, ich habe mich als Vates bewährt?« »Vollkommen!« stimmten die Befragten bei, und schauten in der That rückwärts, nicht nach dem Paradiese, sondern nach dem Wagen; dieser kam aber noch nicht so bald, und Otto gewann Zeit, Jene auf einem freundlichen Fusspfade durch Haselnuss- und Hainbuchengebüsch allmälig emporzuführen, um über den Dörfern Altenberga und Catterfeld einen Standpunkt zu gewinnen, von welchem aus nicht nur der Thalgrund mit den ihn schmückenden beiden Dörfern und der hochgelegenen, lindenumgrünten Immanuelskirche sich malerisch schön ausnehmen, sondern von wo aus auch gerade über der genannten Kirche eine durch die Fichtenwaldung des, dieser Aussichthöhe gegenüber liegenden Berges gehauene Stallung den Candelaber, das schöne Denkmal an des heiligen Bonifacius segensreiches Walten in Thüringen, erblicken lässt. Nächstdem ist dem Auge vergönnt, weit umher zu schweifen, und sich auf der zahllosen Menge von Berggipfeln, Bergrücken, Berghalden des Thüringer-Waldes zu ergehen, welche bald ein Jagdhaus, bald eine trigonometrische Warte, bald eine Ruine in mannichfachem Wechsel, in verschiedenartiger Beleuchtung, schmücken. Während solches Alles auf der Höhe von Otto angedeutet wurde, rief Lenz plötzlich: »Dort kommt der Wagen!« und raschen Schrittes ging es, mit wehenden Tüchern bewillkommnend und signalisiernd, bergab, und Altenberga zu. Die froh begrüssten Damen stiegen aus; dem Kutscher ward ein Wegweiser aus dem Dorfe zugegeben, und er bedeutet, nach Georgenthal vorauszufahren, worauf die Anhöhe erstiegen wurde, welche der Candelaber schmückt. »Dies ist die schöne, würdige Stelle,« nahm Otto droben das Wort: »an welcher, wie die Sage erzählt und die Geschichte bestätigt, Winfried-Bonifacius den Umwohnern zuerst den Heiland kennen lehrte, und dessen sanfte Lehre verkündete. Der Apostel Thüringens, in diesen Einöden dem Mangel Preis gegeben, sah sich durch ein Wunder gespeist, ein Adler liess einen Fisch aus den Lüften vor ihm niederfallen; er sah auf sein Bannwort eine Rabenschaar, deren lautes Geschrei sein Predigen störte, entweichen, und so gründete er hier glaubens- und vertrauensvoll den ersten Christenaltar, die erste Kirche, im Jahre Siebenhundert vier und zwanzig. Sanct Johannes dem Täufer geweiht, von Zeit zu Zeit erneuert, stand diese zuletzt den Einsturz drohend, und die Sage verkündet, dass, als man sie habe abtragen wollen, um sie im Thale aufzubauen, das Material immer am andern Morgen wieder auf dem Berge gelegen habe. Doch wurde statt ihrer unten am Berge Siebzehnhundert und zwölf die Immanuelskirche erbaut.« Zuhörend hatten sich die Damen auf die Stufen des steinernen Riesenleuchters niedergelassen, und blickten mit Ernst nach der von Otto bezeichneten nahen Stelle hin, wo Kalk und Ziegelstücke das Vorhandengewesensein eines Gebäudes andeuteten. Otto sprach weiter: »In dem Kirchlein auf dieser Höhe empfing Ludwig der Springer die Taufe. Als es längst verfallen war und der Platz öde Waldung werden wollte, vermachte ein armer Holzhauer , Nikolaus Brückner , unten aus Altenberga zwanzig Meissnergülden zu einem Denkmal hier oben; der Gedanke fand grossen Anklang, es wurde öffentlich zu weitern Beiträgen aufgefordert, der damals regierende Herzog August von Sachsen-Gotha und Altenburg bestimmte sinnig die äussere Form des Denkmals und wählte die des Kirchenleuchters , um würdig die Stelle zu bezeichnen, von welcher aus sich die Morgenröthe des Glaubenslichtes über die Gefilde Thüringens ergoss. Im Juni des Jahres Achtzehnhundert und elf konnte der Grundstein dieses Denkmals feierlich gelegt werden, dann erhob es sich so, wie es hier vor Augen steht, auf sieben Stufen und acht Kugeln ruhend, in edler Form eines Candelabers, unten mit Akanthusblättern, oben mit drei Engelköpfen geziert, welche ein Flammenbecken tragen. Es war ein herrlicher Weihetag, als aus Nähe und Ferne Tausende auf diesem Berge zusammenströmten, und zur Feier desselben, zur Einweihung des Denkmals sich die drei deutschen Hauptconfessionen brüderlich die Hände reichten. Unter Glockengeläute und Musik bewegte sich ein langer Zug, voran zwei katholische Kirchenfahnen mit den Bildern der Heiligen Bonifaz und Benedikt, den Berg empor; Schulkinder mit ihren Lehrern, Schulzen und Vorsteher der umliegenden Gemeinden, Beamte, Künstler, welche das Denkmal gearbeitet, Land- und Stadtgeistliche, namentlich ein katholischer Prälat aus Erfurt, ein lutherischer Superintendent aus Gotha, ein reformirter Diakon aus Schmalkalden, folgten. Jeder der drei Letztern hielt eine Rede, und mit kirchlichem Gesänge wurde die Feier beschlossen.« Die Zuhörerinnen des Sprechers blieben nicht ungerührt bei der Erinnerung an die Vergangenheit; Otto machte sie noch auf einen, im nahen Gebüsche, verborgenen uralten Taufstein mit Akanthusverzierung aufmerksam, und lenkte dann ihre Blicke auf das reizend hingebreitete Waldgebirge, vom nicht mehr fernen Inselberg überragt, hin, auf die grünenden Thäler, und auf das niedrigere Land, an dessen Beginn sich die Stadt Ohrdruf zeigt, die nicht minder an Bonifacius Wirken und Walten erinnert. Lange genug weilten auf der geweihten, bedeutungsvollen Stätte die Reisenden, sich der Aussicht erfreuend und mancher traulichen Mittheilung pflegend, dann schlug Otto ihm wohlbekannte Waldpfade ein, führte durch ein umzäuntes Wildgehege, und auf äusserst angenehmen Wege durch einen jungen Tannenforst, in welchem hie und da Ruhesitze sich darboten. Dann auf etwas steilem Bergpfad abwärts schreitend, machte er aufmerksam auf die schöne Lage des Gothaischen Ortes Georgenthal, das im romantischen Thalgrunde neben drei spiegelnden Teichen, von herrlichen Wiesen, Felswänden, Waldungen umgeben, erblickt wird, an einem jener laut über das Gestein hinrollenden Bergwasser, die so sehr den Reiz wie den Schmuck dieser traulich heimischen Thäler erhöhen. Von dem ehemaligen reichen und berühmten Cistercienser-Kloster des stattlichen Amtsortes ist wenig mehr zu erblicken, und das Erhaltene wurde in öffentlichen Zwecken dienende Räumlichkeiten umgeschaffen. Nach einem Spaziergange durch Georgenthal, an den Teichen und dem freundlichen Schützenhofe vorüber, gönnten sich die Damen einige Ruhe, und die Herren fanden in der trefflichen Brauerei nach bairischem Vorbilde, für die noch kurze Strecke, die heute zu durchwandern war, ein erlabendes Stärkungsmittel. Sie brachen hierauf nach Tambach auf, den herrlichen Thalgrund im Lichte des hellen Nachmittags durchwandernd, in welchem Lenz, neben dem Todtliegenden des Bodens, noch mancherlei mandelstein- und lavaähnliche Mineralien zu Tage anstehend, fand. Der Dietharzergrund. Tambach breitete sich schon, ein ächter Waldflecken, an einem sanften Bergabhange mit 300 Häusern, meist, nach Waldsitte, mit Holz bedeckt, vor den Fusswanderern aus, als der Wagen mit den Damen diese einholte. Die Wiesenmatten leuchteten im Goldglanze der Abendsonne; nahe zur Linken lag noch ein stattliches Dorf, Dietharz , und zur Rechten glühte eine pittoreske, über 100 Fuss lange Felswand, der Spitterstein , hoch über einem grünenden Seitenthale. Der schöne Abend forderte lebhaft zu einem Spaziergang auf; freundlich lockende, stille Thäler münden in den weiten Gebirgskessel, darin Tambach liegt; eines derselben birgt in seinem tiefen Schooss in wildester Umgebung von Felsgeklüft und Gestrüppe und schattenden Bäumen den schönen Spitterfall ; allein Otto sah dem Wasserstande des dorther kommenden Baches an, dass im hohen Sommer die Kaskade der Wildniss den weiten Hin- und Herweg nicht lohnen würde, und begnügte sich, denselben seinen Gefährten zu schildern. Eben so wenig glaubte er, dass die Gesellschaft einen Gang nach dem, in einem andern Thale ausquellenden Luthersbrunnen , aus welchem Luther sich stärkte und Genesung trank, da er krank vom Schmalkalder Fürstentage 1537 nach Tambach reiste – lohnend finden würde, und dachte auf eine andre Ueberraschung. Er führte seine Freunde und Freundinnen nach der nahen Tafelglashütte, und ein günstiger Zufall wollte, dass gerade geblasen wurde. Die Dämmerung begann schon im Thale; feierlich-religiöser Gesang der Arbeiter, meistens Böhmen (ein Kruzifix über dem Eingange deutete ihr Glaubensbekenntniss an), begrüsste die Nacht. Im Ofen glühte eine Feuerhölle, rührige Thätigkeit begann. Die Arbeiter regten ihre langen Pfeifen geschäftig; oft eintauchend in die Masse, bald erkühlend, bald erwärmend, schwingend und rollend, bildeten sie die glänzenden Blasen, gaben ihnen Cylinderform, hitzten die Cylinder bis zum Aufspringen, drehten die Öffnung rein ab, sprengten sie der Länge nach, und streckten sie in der Gluth des Reverberirofens, ebneten sie mit glühendem Eisen, brachten sie zum Erkalten in den Kühlofen und gewannen so die glatten Tafeln, die theils dem wohlthätigen Lichte vergönnen, geschlossene Räume zu erhellen, theils zu unbestechlichen Wahrheitpredigern werden, zu welchem Ende auch eine Spiegelfabrik in Tambach in erfolgreichem Gange ist. – Man konnte sich des malerischen Effekts und des eigenthümlichen Eindrucks dieser Anschauungen nicht genug erfreuen, fühlte aber denn doch beim Nachhausegang einige Ermüdung und Abspannung, und suchte zeitig die Ruhe, um am folgenden Morgen sich nicht säumig und noch schlummerbedürftig finden zu lassen. Wandergerüstet trat die Reisegesellschaft am andern Morgen aus dem Gasthofe zum Bären, eben als melodisch läutende Heerdenglocken zahlreich den Ort durchschallten. Der Wagen blieb zurück, denn er hätte nur hemmend wirken können in diesen engen Thälern; mitten im Gebirge sind die Wege für grössere Geschirre untauglich. Auch der eingeschlagene bot häufige Gelegenheit, den Damen hülfreiche Hand zu leisten, wenn bald ein feuchter, schwindelerregender Steg, dorniges Gestrüpp und wasserüberflossene Pfade zu passiren waren; doch erhöhten solche kleine natürliche Hindernisse nur die gute, zu Scherz und Frohsinn geneigte Stimmung der Gesellschaft. Zwischen manchem zaghaften Angstschrei und manchem Gelächter gab Otto seine Erläuterungen, denen mindestens Dame Arenstein sehr aufmerksam zuhörte. So wurde denn eines der wildromantischsten Thäler beschritten: der Dietharzer- oder Schmalewassergrund , den kein durch die Gegend Reisender unbesucht lassen sollte. Er bietet der Schaulust schon in seinem Eingange eine Felshöhle; das Hülloch über dem Märtersbach (vielleicht Märtyrersbach, wie die Höhle von Heulen?), bietet die mannichfachen Felspartieen der Saalweidenwand, und leitet so immer wechselnd zu einem gigantesken Felskegel, den Altenfels , der eine Ritterburg trug. Bald darauf wurde aber der wichtigste Gegenstand des Thales, der ungeheuer kolossale Falkenstein , sichtbar; senkrecht abgeschnitten, ja gegen das Thal überhängend, überragt er hoch alle Nachbarfelsen. Er wurde als Ziel dieser Morgenwanderung angenommen; in seiner Nähe auf moosgrüner Matte hingelagert, ruhte sich's herrlich aus, und wenn ein Theil der Wandergefährten von der Schönheit des Morgens, vom Reize der Wald- und Bergnatur und von lieber Nähe gesättigt war, so gab es einen andern Theil, welcher die Gaben nicht verschmähte, die der Bediente der Familie Arenstein in einem vorsorglich gefüllten Korbe nachgetragen hatte; vielmehr war der Platz einladend geeignet, geistige und materielle Genüsse zu vereinigen. Als Otto die Sage vom Falkenstein erzählte, während Wagner sich eine Skizze von dem wahrhaft malerischen Porphyrfelsen nahm: dass einst ein oben auf der Höhe spielendes Kind unverletzt, von Engeln behütet, herabgefallen, und mit droben auf dem Gipfel wachsenden Blutnelken unten ruhig spielend von der Mutter wiedergefunden worden sei – auch dass solche Blutnelken Sagenzeugen des oben von grausamen Raubrittern vergossenen Blutes armer Fremdlinge seien, da erfasste Lenz und Wagner ein ritterliches Verlangen, zum Gipfel empor zu klimmen und den Damen solche Nelken zu pflücken. Otto widerrieth freundlich eine den Hals um nichts wagende Galanterie, die auch die Jungfrauen ablehnten. Allein Jene bestanden auf ihrem Vorhaben; sie glaubten, wenn sie den Fels umgingen, ihn leicht erklimmen zu können. Otto ging ein Stückchen mit, zeigte ihnen an der östlichen Seite die schmale und schwer zugängliche, dicht voll Laub gewehte Felsenspalte, durch welche das Aufklimmen zwar möglich, aber auf keine Weise anzurathen ist. Jene machten einen Versuch, standen aber bald von ihrem Vorhaben ab, und brachen, von Otto etwas verspottet, von den Damen belobt, mit den Uebrigen auf. Sie wurden durch einen Bergwald empor- und in ein andres Thal geführt, darinnen Heerdenglockengeläut erklang, darin eine Höhle, der Keller , eine Felswand, der Bielstein , und wieder näher nach Dietharz zu eine in das Thal sanft auslaufende Felsenzunge zu sehen war, welche durchbrochen wie ein Nadelöhr, eine 20 Fuss breite und 10 Fuss hohe, dabei gegen 6 Fuss lange Oeffnung zeigt, und das steinerne Loch genannt wird. Otto äusserte laut sein Bedauern, zu so manchem schönen Punkte dieser Gegend wegen Weite und Unfahrbarkeit der Wege die Schau- und Wanderlustigen nicht geleiten zu können, und verhiess dafür um so grössern Genuss beim Besteigen des Inselberges. In Tambach hielt es nicht schwer, auch für die Freunde ein leichtes Fuhrwerk aufzutreiben, welches sie mit den Damen zugleich wieder nach Reinhardsbrunn zurück bringen sollte, wenn auch hin und wieder auf steilen und gefährlichen Wegen ein wenig ausgestiegen werden musste. Man konnte sich um so eher der Notwendigkeit nachgebend mit einem Pferde begnügen, als Frau Arenstein einem der Herren den vierten Platz in ihrem Wagen anbot, um welchen Otto gern seine beiden Freunde loosen liess, für seinen Theil es für das beste Loos haltend, bei gutem und etwas heissem Wetter nicht in einem bedeckten Wagen rückwärts sitzend, langsam bergauf fahren zu müssen. Lenz war der Glückliche, dem sich in das transportable Gynäceum einzuschwingen und einzuschmiegen vergönnt war; Wagner aber, als er nun mit Otto im ländlich bescheidnen Einspänner allein fuhr, schüttete gegen diesen sein ganzes liebeübervolles Herz aus, wie er für Rosabella glühe und ihren Besitz ersehne. »Ich weiss nur einen prosaischen Rath,« lachte Otto: »wirb um sie, heirathe sie! Mir sind Ehen genug bekannt, die sich auf einer Lustreise zur gemeinschaftlichen Lebensreise anknüpften. Die Mutter ist eine verständige Frau, welche Bildung genug hat, nicht geldstolz zu sein; prüfe die Angebetete, sieh, ob auch Du ihr mehr als flüchtiges Wohlwollen abgewinnen kannst, das Weitere findet sich. Der gerade Weg ist auch heutzutage noch der beste. Man erfleht nicht mehr eine Gegenliebe fussfällig, die sich mit Ernst verweigert, man weint nicht, siegwartisirt nicht, härmt sich nicht ab im sentimentalen Seufzen, und thut wohl daran. Deshalb behält das Herz immer seine Rechte.« Der Liebende seufzte dennoch, und Otto half ihm gleich darauf, da der Wagen von Zeit zu Zeit mit schmerzlichen Rippenstössen fühlbar machte, dass er nicht in Federn hing. Gleichwohl kamen Alle wohlbehalten wieder in Reinhardsbrunn an, wo der herrliche Abend noch im Freien genossen ward, wo auf stillen Promenaden die Herzen mehr und mehr sich aufschlössen, annähernd bewegter schlugen, und in ihnen süsse Unruhe das Walten des allmächtigen Weltbezwingers Eros verkündete. Felsenthal und Inselberg. Am folgenden Morgen schleierte dichter Nebel das ganze Thal ein; die Damen klagten und zagten, Otto tröstete. »Es gibt einen heissen Tag, vielleicht Gewitter,« sprach er: »uns aber bringt der kühle Morgen ohne Erhitzung zeitig in eine hohe Region, und der Nebel wird bald theils in den Thalschluchten, halb Thau, halb Regen, sich präcipitiert haben, theils in malerischen Wolkenformen ein Schmuck des tiefblauen Aethers sein.« Es wurde nun alsbald angespannt und rasch nach Gross-Tabarz gefahren; als es erreicht wurde, war der Nebel schon grösstenteils gefallen, nur im Thale rollten sich noch Wolkenschichten wie Vorhänge vor dem Naturtempel wechselnd ab und auf. Tabarz war volkbelebt, die Kirchenglocken erklangen, ein Hochzeitzug jubelte heran. Musikanten arbeiteten im Schweiss ihres Angesichts; Braut und Bräutigam schritten, Hand in Hand, ernst, gesetzt, verschämt; sittsam, doch fröhlichen Antlitzes, folgte eine Schaar blühender Brautjungfern, alle in höchst origineller, wohlkleidender, doch fremdartig erscheinender Tracht, die nur wenig gemein hat mit der andrer Thüringer Walddörfer. Verwandte folgten im höchsten Staate. Da sah man noch Dukaten an Dukaten gereiht als Halsketten prangen, vorn mit grossem goldnem Schaustück geschmückt; Goldflitter glänzten, Rosmarinsträusser dufteten. Rosmarin ist dem Thüringerwäldler bei Freuden- wie bei Trauerfesten Lieblingspflanze. Die kleinen Mädchen hatten alle auch Sträusser vor flimmernden Brustlätzen und seltsame Bänderhaite (Bändermützen) auf dem straff zum Wirbel emporgezogenen Haar, die Jungen aber sahen aus, wie Pariser Gamins, nur etwas derber und plumper; sie trugen feingenähte Blousen, Staubhemden, wie die Strassenfuhrleute sie tragen. Glückwünschend dem Brautpaar ward dies Alles von den Reisenden angeschaut, als gutes Zeichen genommen, und dabei vielleicht eigner Hoffnungen, wie eigner Erinnerungen an solche Freudentage gedacht, dann musste ein Bote gewonnen werden, die Arensteinische Equipage möglichst sicher über die etwas schwer fahrbaren Waldberge nach Broterode zu geleiten; zu gleicher Zeit entliess Otto mit Vergnügen das Tambachische Rumpelkästlein. Schon der Eingang in das von dem Lauchabach durchflossene Felsenthal entzückte die Fremden. Ein Forsthaus und der Schützenhof von Gross-Tabarz zieren das hier ziemlich breite Thal, in dessen ferner Tiefe schon einzelne Felsensäulen erkennbar sind. Weiter den lachenden Wiesengrund aufwärts wandernd zeigten noch technischer Industrie gewidmete Mühlwerke das Walten menschlichen Fleisses, und das näher kommende Auge entdeckte nun mehr und mehr malerische Felsmassen in Säulen und Gruppen, Die Felswand des Bärenbruchs ragt über 100 Fuss hoch mit gewaltigen Zacken und Klippen senkrecht empor; das vorwaltende Felsgestein ist Porphyr, doch findet der Mineralog auch Hornblende, Hornstein und Todtliegendes; nicht minder Granit, Kalkspath, Schieferthon und selbst Steinkohle in diesem zerklüfteten, schaurigschönen Thalgebiete. Langsam, ruhig, schauend-geniessend wandelten die Reisenden das Thal aufwärts; Wagner zeichnete hier und da; Otto wusste zu parkartig geebneten Wegen zu geleiten, die, den engen Thalgrund verlassend, zur Rechten aufwärts führten. Von Zeit zu Zeit stehen bleibend, durch lichte Stellen des Waldgrüns blickend, hatte man sonnebestrahlte Steinsäulen und mächtig aufragende Felszacken zu bewundern; immer noch ballten sich Nebel in diesem düstern Theile des Thales zusammen, vom Haar der Tannen tropfte Thaufeuchte und netzte der Damen Hüte und Schleier. Seltne Waldblumen hoben dürstende Kronen empor, um des Himmels tränkenden Perlenschmuck auf sie niederträufeln zu lassen. Immer höher zog sich der Schlangenpfad an steiler Bergwand aufwärts. Plötzlich schienen senkrecht aufgethürmte Felskolosse den Weg abzuschneiden , doch näher kommend, wurde eine mächtig hohe höhlenartige Oeffnung sichtbar, welche als geräumige Pforte den Durchgang gestattete. Bewundernd trat die Gesellschaft und aufathmend in die erhabene Wölbung. »Diess ist der Thorstein ,« sprach Otto: »des Felsenthales schönster Ein- und Ausgang. Aufwärts blickend gewahren wir nichts als Felsen, Büsche und Bäume in nächster Nähe, aber zurück uns wendend, sehen wir von dem gewaltigen Spitzbogen des Gesteins hinab und hinüber auf ragende Felspyramiden, umgrünt von Moos, von Gesträuch umbuscht, hoch über die schlanken Tannenwipfel die nackten Häupter erhebend. Geier und Bussarde umkreisen sie; aus dem tiefen Grunde drunten wird immer noch das Wellengemurmel des Waldbachs vernommen, und wunderherrlich blau ist über dem Grün der Wälder der Bogen des Aethers gewölbt.« Die jungen Mädchen blickten freudetrunken bald in das Thal, bald in liebetrunkne Augen , die nur in ihren Blicken den Himmel suchten und fanden, und nichts störte das stumme Entzücken, das die heiligwaltende Naturstille ringsum hervorrief. Höher stieg man nun empor, immer höher, aber man sahe, dass eine der Natur befreundete mächtige Hand mitten in der Wildniss des Gebirges sichern Pfad gebahnt, auf dass dem Wandrer nicht durch des Weges Rauhigkeit der Naturgenuss geschmälert werde. Sängerstimmen schmetterten noch durch die Waldungen; neben den Tannen ragten hohe Vogelbeerbäume empor. Ein Bächlein kam plätschernd und geschwätzig vom Berg herab entgegen, bald war es nahe, bald rollte es in tiefer Schlucht heimlich rauschend, dann tanzte es wieder silberhell, von Stein zu Stein abfallend, niederwärts. Die Höhe war endlich gewonnen, ein weitgedehntes Plateau erreicht, auf diesem fusste nun erst der Gipfel des Berges, der noch hochaufragend mit mächtiger schroffer Felswand, dem Inselbergstein , in das Thal hinabblickt. Fast wollten die Damen zagen, als ihr Auge die noch zu erklimmende steile Höhe maass, doch Otto tröstete, bat ein wenig zu ruhen, jetzt nicht umzuschauen, und dann, gestützt auf die kräftigen Begleiter, nur muthig bergan zu steigen. Der Gipfel des majestätischen Berges ward erreicht, nicht ohne Anstrengung, da eckiges Gerölle die Schritte öfter hemmte, er ward erreicht, als eben eine grosse Wolke von der entgegengesetzten Seite vom Winde über ihn hingetrieben wurde, die nun sich nach der Tiefe des Felsenthales hinabrollte, Alles einschleierte, wie feiner Nebel jede Aussicht trübte, und schon ängstigende Befürchtung, klagende Ausrufe veranlasste: »Nun werden wir nichts sehen, nun haben wir vergeblich den weiten Weg gemacht!« Doch nicht lange, so zerriss der Schleier, zeigte wie ein Fatamorgana-Bild auf Momente tief unten hellbesonnte Gefilde, Städte, Dörfer, Auen, und verhüllte sie wieder, ehe noch ein Ausruf des Erstaunens sich Luft gemacht. Wie ein graues Gespenst wurde ganz nahe den Wanderern durch den Wolkennebel das gastliche Haus sichtbar, das sie aufnahm, um zunächst Ruhe und Erquickung zu gewähren. Als man nun heraustrat auf den 2949 Fuss hohen, sanft abgerundeten Berggipfel, war die obere Luft hell und klar, nur über einzelnen Waldgründen lagerte gekräuseltes Gewölk, und dem Auge war vergönnt, das grossartigste Panorama ringsum zu überschauen, dem Herzen aber, sich an der Gottesherrlichkeit der Natur zu erfreuen. Reiner ätherischer Lufthauch umwehte, umwogte die Schauenden, höher steigerten sich in dieser geläuterten Atmosphäre Gefühle und Empfindungen, die mehr im gefühlvollen Schweigen, in leisen Händedrücken geistiger Zuneigung und Seelen-Verwandtschaft, als in lauten Worten sich verkündeten. Den Berggipfel umwandelnd, deutete Otto die Hauptpunkte des herrlichen Inselberg-Panorama's an, und mit bewaffnetem Auge folgte seinen Fingerzeigen die begleitende Gesellschaft. »Mit dem Norden beginnend,« sprach der Geleiter: »sehen wir die Kette des Harzgebirges den Horizont säumen , der ferne Brocken grüsst hochragend dort die thüringischen Brüder. Zahllose Ortschaften sind verstreut auf der unendlichen Fläche, deren Höhen hier nur als niedrige Hügel erscheinen. Wir können dem Laufe der Bäche und Flüsschen folgen, die sich durch grüne Wiesen hinschlängeln, und wie auf dem Tableau einer Landkarte ihre Vereinigung gewahren. Dort ist Langensalza sichtbar, weiterhin in dessen Nähe Thomasbrück ; hier scheinbar an des Berges Fuss liegt Cabarz , weiterhin Langenhain , und dicht am Ende des nahen Waldgebirgs erblicken wir Schloss Tenneberg und ein Stückchen von Waltershausen . In weiter Ferne am Harz hebt der Kyffhäuser sein Haupt. Nun immer mehr dem Ostpunkt zugewandt, erblicken wir Gotha mit dem prangenden Friedenstein , in der Nähe die Sternwarte. Von Erfurt sind nur die Domthürme sichtbar, hinter ihnen steigt der Ettersberg , über den Horizont der blauen Ferne. Direkt nach Osten liegt uns jetzt das Gasthaus des Inselbergs ganz nahe, über dieses hinweg sehen wir die Zacken des Felsenthales, die Wand des Bärensprunges emporstarren, von Waldung rings umgrünt, die sich weithin über den Rücken des grossen Tenneberges erstreckt, auf dem wir herrliche Hochwiesen erblicken, und Laub- und Nadelwaldung im anmuthigsten Wechsel. Darüber hin erscheint die romantische Berggruppe der drei Gleichen , wir können Neu- und Altdietendorf , Molsdorf , Ichtershausen und noch viele andre Ortschaften gewahren, und zwei hohe Burgwarten, vielleicht Fuchsthurm und Leuchtenburg, ragen über den Saum des Gesichtskreises. Zwischen beiden dehnt sich Ohrdruf aus; wir blicken mit Antheil in die Gegend zurück, wo wir gestern weilten, entdecken Catterfeld und die lichte schlanke Steinsäule des Candelabers . Von da nun streckt sich vor uns gigantisch das Gebirge, zum grössern Theil von grauem Nebel dicht überschleiert, es braut ein Wetter in der Tiefe; nur die fernsten Höhen sehen wir inselgleich aus dem Wolkenmeer auftauchen, den Gückelhahn bei Ilmenau, und die nachbarlichen Gipfel des Schneekopfs und Beerberges , davon ja auch unser Fuss den einen beschritt.« »Weiter nach Süden sehe ich den Fernblick erschwert durch aufsteigende Dünste und durch die Strahlen der ihrer Mittagshöhe scheinbar zueilenden Sonne. In jener Richtung haben wir am Horizont die Gleichberge bei Römhild zu suchen, und finden das langgestreckte Plateau der linken Seite des Werrathales, darauf Dreissigacker mit einer Allee recht gut erkennbar ist. Die Geba streckt sich hoch empor, und ein Stück in das Werrathal hereinblickeud sind die drei Breitungen , die Todtenwart , Schwallungen und die Warte der Maienluft über Wasungen zu erkennen. Am Horizont zieht die bläuliche Kette der Rhön mit dem Kreutzberg und dem Gangolf hin, die Region der Basaltkegel beginnt, unter denen die Milzeburg durch besondre Schroffheit sich kennbar macht. Unten am Bergesfuss der freundliche und stattliche Flecken ist Brotterode , den wir hernach bergabwandelnd begrüssen, da die Equipage dort der Eigentümerinnen harrt.« – Der weiblich ängstlichen Frage, ob der Hinabweg beschwerlich? begegnete Otto tröstlich verneinend, und fuhr weiter in seiner Demonstration der aus Vogelperspektive überschauten Gegend fort. »Im Westen sehen wir Salzungen in offner Thalbreite des Werraflusses liegen, mit dem gastlichen Seeberg , und nahe dabei zur Rechten den Krainberg mit malerischer Ruine; nun streift der Blick wieder über unendliche Waldungen des sich überall zum Werra- und Hörseelthal absenkenden Gebirges. In blauer Ferne verschwimmen die Höhenzüge Westphalens, das Vogelgebirge; in dieser Richtung erkennen gute Augen den Herkules der Wilhelmshöhe. Der Meissner streckt seinen Sargrücken in der Gegend zwischen Kassel und Göttingen aus, und aus einer Gegend, die uns nur wenige Orte zeigt, rückkehrend, senkt sich der Blick gern auf die Wartburg nieder, welche hier zwischen dem West- und Nordpunkt malerisch nahe steht; auch die Ruine Scharfenberg und die groteske Felswand des Meissenstein bringen sich noch einmal in unsre Erinnerung. Der Wartberg , der nahe ein Riese scheint, liegt mit seinen Felstrümmern bescheiden zu unsern Füssen. Ihn überragend zeigt sein Nachbar, der Hörseelberg , den kahlgestreckten Rücken, und setzt einen Fuss nach Schönau, den andern nach Sättelstedt. Er beschliesst unsern Rundgang; wir langen wieder auf dem Punkt unsers Ausganges im Norden an.« – Es war auch Zeit, dass dies geschah; die Umstehenden hörten plötzlich einen Donnerschlag, tief unter sich, und erblickten, dem Hause zueilend, eine im Süden stehende graue Nebelwand, die von meteorischer Flamme durchzuckt wurde. Kalter Wind begann zu wehen, entsetzt schrieen die Damen auf, als rasch hintereinander die Schlangen der Blitze wie blaue und feuerrothe Leuchtkugeln emporfuhren – und eilten in das Haus, sich erinnernd, wiederholt gelesen zu haben, dass es durchaus gefährlich sei, auf hohen Berggipfeln dem Spiele der tödtlichen elektrischen Funken zuzusehen. Dieses Schauspiel kann leicht tragisch enden. Der Donner rollte fast endlos in der Niederung fort, das Gewitter hob sich auf Sturmwindflügeln, das Haus stand von Flammen umlodert, und selbst die Herzen der Männer pochten ängstlich; man stand in der Hand des Höchsten und fühlte die eigne Ohnmacht. Doch der Engel des Herrn, der im Wetter erschien, zog mit dem flakkernden Blitzesschwerte sausend vorüber, waldeinwärts ballte und rollte sich das leuchtende Gewölk, und gewährte nun, ferner gerückt, die majestätischste Naturscene, die reichlich für die Entbehrung eines, wiewohl zuweilen äusserst prachtvollen, Sonnenauf- oder Unterganges auf dieser Höhe entschädigte. »Ich war einmal, hier oben weilend, so glücklich,« erzählte Otto: »die Sonne sinken zu sehen; es war schon Herbstnähe und der Abendschein hüllte Himmel und Land in lichtes krokosfarbiges Gold. Eine Stunde später entbrannte dunkelglühend die Kugel des Vollmondes; dann folgte eine schlaflose Nacht auf elender Streu, welche Nacht von trunkenen, jauchzenden und sich prügelnden Insassen des nächst unten liegenden Ortes durchtobt wurde; ihr ein kalter, unerquicklicher Morgen, aber ein wunderbarer Sonnenaufgang, denn wie zuvor der Mond, so erschien auch die Sonne durch den Nebel der Frühe wie geschmolzenes rothglühendes Metall.« Das Wetter hatte auf der Höhe nur wenig feuchte Spuren zurückgelassen; der Hinabweg konnte ohne Beschwerde angetreten werden. Freundlich wurde den Damen der Arm geboten, und die kleine Karavane brach auf, eben als eine andre, zahlreichere, etwas übel zugerichtete, anlangte, die einem starken Schlagregen unter dem halb und halb schützenden Gewölbe des Thorsteins mit Mühe entgangen war, und welche die Absicht kund that, auf dem Berge zu übernachten. Man wünschte ihr viel Vergnügen, und wandelte bergein. In anmuthigen Windungen zieht sich der Pfad; ein Botaniker kann sich auf ihm viel für sein Herbarium sammeln. Den Bergscheitel umkriechen nur krüppelhafte Fichten, doch wenig niedriger beginnt üppige mannichfaltige Vegetation. Lenz hatte diesesmal kein Auge für die Seltenheiten der Flora, er hielt Engelbertha's Arm fest in den seinen geschlungen, er schien die Wunder- und Glücksblume der Liebe gefunden zu haben. Die beiden jungen Paare wandelten voran, beobachtet von dem scharfspähenden Auge der Mutter, und diese wusste mit Feinheit von Otto so viel umständliche und nähere Nachricht über alle Verhältnisse seiner begleiteten Freunde auszuholen, als ihm zu geben möglich und ihr zu fernem Entschliessungen erspriesslich war. Sie sah, wie ihre Töchter mit schuldlosester Unbefangenheit den jungen Männern sich harmlos anschmiegten, wollte nicht das kindliche Vertrauen stören, wünschte es aber auch nicht gemissbraucht und geknickt, und Hess sich daher von Otto gern in Bezug auf jede Befürchtung beruhigen. So mochten wohl alle Betheiligten mehr in die Zukunft, wie in die Gegenwart ihre Blicke richten, als die Gesellschaft nach dem Marsch einer Stunde in Brotterode ankam, das mit 340 Häusern in einer malerischen Weitung des Gebirges am Fusse des Inselberges liegt. Schon von weitem wurde Musik vernommen, vom Kirchthurm sah man eine grosse Fahne wehen. Es war Kirchweihe in dem langgebauten Flecken; man sah viele stattlich und eigenthümlich geputzte Landleute, darunter das Vorwalten eines städtischen Luxus. Otto erklärte diesen aus dem lebhaften Verkehr hier wohnender wohlhabender Handelsleute en gros , welche hier gefertigt werdende Metall- und Holzwaaren weit versenden. Auch ist Tabaksfabrikation ein bedeutender Nahrungszweig der Einwohner. »Junge Bursche und Männer in unsern Kleinstädten und Dörfern,« sprach Otto bei dieser Gelegenheit: »tragen fast allgemein modische Westen, kurze Jacken von dunkelm Tuch, ebensolche Mützen mit einem Lederschild, seidne Tücher, lange Beinkleider und Stiefeln. Die Pelzpardel, eine Mützenart, welche die alte gemeine deutsche Spielkarte am Unter und Ober zeigt, die bäuerisch zugeschnittnen Jacken, die kurzen Beinkleider von gelbem Leder oder Sammtmanchester, die wollenen Zwickelstrümpfe und derben Nägelschuhe, der ganze ehemalige Staat, schwinden in diesem Theile Thüringens mehr und mehr.« Das grosse und gutgebaute Wirthshaus war durchwühlt, durchsummt, durchklungen von jungem und altem Volk und der Tanzmusik, dass es schlitterte; die Reisegesellschaft sah, während der Kutscher anschirrte, dem fröhlichen, jauchzendlauten Volkstreiben zu; die Kirmsenbursche prangten mit grossen Sträussern, buntseidnen auf die Achsel befestigten Tüchern, und während eine Parthie hier jubelte und tanzte, zog eine zweite Musik heran, Paar an Paar vorüber, einem andern Hause zu. Es gab mannichfaltige Abwechselung des Putzes, und schöne, freudeglühende Mädchengesichter zu betrachten. Aus diesem lebensfrohen Getümmel eines dem Volke wohl zu gönnenden nationellen Festes fuhr die Gesellschaft, (Otto hatte wieder einen Rosinante aufgetrieben und sass mit Lenz in einem ländlichen Cabriolet, Wagner als Glückskind bei den Damen) in das äusserst romantische Drusenthal ein, durch welches ein Bergfluss, die Lauter, mit lautem Ungestüm abwärts eilt, und in tollen Sprüngen über Granit- und Porphyrblöcke stürzt, vergrössert durch immerwährend einfallende Rinnbächlein vortrefflich bewässerter und darum herrlich grünender Wiesen. Otto machte seinen Begleiter auf die mannichfaltigen Arten vorkommenden Gesteins aufmerksam. Granit, Syenit, Gneiss, Feldspath, Quarz, Amethyst, Glimmer und Hornblende finden sich oft neben einander, auch Gabbro, Saussurit und Bronzit kommen vor. Auf gut chaussirtem Fahrwege ging es, zunächst einem Zainhammer, dann einer Schleifmühle vorüber, nun thalein. Massen von Felsblöcken liegen umhergestreut und im Bette des Baches; weiter abwärts ragt mitten aus grüner Waldung thurmähnlich ein Felsobelisk: der Hauptstein , empor. In sanften Windungen folgt die Strasse dem Thale, bis ihr fernerer Lauf dem vorausspähenden Auge sich entzieht, und von einer Felswand verschlungen oder aufgehalten zu werden scheint, die, je näher der Reisende kommt, immer imposanter, immer pittoresker sich darstellt. Ein Granitberg zerborst und überstreute mit gewaltigen Trümmermassen das hier enge Thal. Den Einsturz drohend, steht noch mit überhängenden zerklüfteten Klippen die rechte, von Blumen und Buschwerk reizend bekleidete Felswand. Der Bergfluss sucht tosend durch das mühsam gewühlte Bette die Bahn, und stürzt in schäumenden Wasserfällen weiter. Dort in der grotesken, aber anmuthig beleuchteten, entzückenden Wildniss rasteten die Reisenden lange, und gaben sich betrachtend, zeichnend, mittheilend, und wild mit einander kämpfende Elementarkräfte sich vergegenwärtigend, den mächtigen Eindrücken hin, welche die vorzüglichste Parthie des oft besuchten Drusenthales erregt. Liebenstein. Bis zu den nahen Dörfern Au-Wallenburg und Herges die kleine Strecke zu Fuss im gemeinsamen Genusse der Natur wandelnd, denn dorthin waren die Wagen einstweilen vorausgesandt, wurde noch manche Merkwürdigkeit betrachtet. Schwerspathgänge treten aus der mit Glimmer untermischten Granitwand zur Rechten; das Thal erweitert sich, und in Entfernung einer kleinen halben Stunde ragt hoch in die Luft die hohe Thurmsäule der Wallenburg. Man war den Vorbergen des Waldes genaht, die sich zum Werrathal hinab allmählig verflachen. Eine andre, zum Thüringer-Walde nicht gehörende niedre Bergkette zieht längs desselben bewaldet hin. Nahe einem Eisensteinbergwerke, der Mommel , vorbei, fuhren nun die Reisenden über sanfte Anhöhen, bis in geringer Weite von Liebenstein Otto anhalten liess, und seine Gesellschaft nur eine kleine Strecke zur Rechten seitwärts führte, einem am Fusse der Ruine Liebenstein hinstreichenden schattigen Thale zu, das vorzugsweise das Thüringer-Thal heisst. An dessen Eingang stand früher eine malerische Felswand, welche aber zum Behufe des Chausseebaues theilweise verwendet, nicht mehr bedeutend ist, und in deren Nähe, mitten im Wege, ein Stein liegt, darin einige Vertiefungen sichtbar. »Diese Vertiefungen,« erzählte Otto: »nennen die Anwohner den Eselsfuss , wie die Felsen dort den Eselssprung , und haben davon die wunderliche Sage: dass der Herr Christus auf seiner Eselin den Felsen herabgeritten sei, und letztere ihre Fussstapfen dem noch da liegenden platten Steine eingedrückt habe.« – Mannichfache Feldspathe und Hornblenden finden sich hier, und überhaupt ist dort ein Terrain betreten, welches im Umkreise von wenigen Stunden dem Geognosten und Mineralogen höchst interessante Anschauungen, wie nicht minder reiche Ausbeute für den Sammeleifer gewährt. Das Bad Liebenstein war erreicht, die Reisegesellschaft trennte sich auf kurze Zeit; die Damen suchten ihre Zimmer. Otto machte für sich und die Begleiter im Kurhause Quartier, verliess dieses aber bald mit ihnen, um unter den anmuthigen Schatten der vor dem ansehnlichen Hause stehenden Kastanien- und Lindenbäume theils Bekannte zu begrüssen, theils seine Freunde diesen vorzustellen, und ihnen Manches zu zeigen, das er den Damen bekannt voraussetzen konnte. Dies that er, nachdem man sich mit Dionysos Gaben erquickt und gestärkt hatte. Schon beim ersten Verweilen priesen die Freunde des Badeortes anmuthige Lage am Fusse des höhern Gebirgs, dessen Nähe ihm eine reine und gesunde Luft sichert. Zum Brunnenhause hinabgeführt, das, eine Rotunde in einfach edlem Styl, auf einem freien Platze steht, in der Nähe des Theaters und des Badehauses, wie der Postexpedition, wurde die Mineralquelle des Liebensteiner Wassers gekostet. »Die chemische Analyse dieses Sauerbrunnens,« sprach Otto : »vindicirt der hiesigen Quelle mehr Eisengehalt als der Pyrmonter, welcher sie auch in ihren übrigen Bestandtheilen am nächsten kommt, daher die gleiche, erfolgreiche und oft bewährte Heilkraft.« Ausführlichste Nachricht über das Bad und seine Umgebung ist in folgendem Werke zu finden: Die Mineralquelle zu Liebenstein, ein historisch-topographischer und heilkundiger Versuch von Dr. T. H. G. Schlegel, Ordensritter, Geh. Hofrathe, Hofmedicus etc. Brunnenarzte zu Liebenstein. Meiningen, Keyssnersche Hofbuchh. 1827. »Die Quelle diente schon vor einigen Jahrhunderten den Einwohnern dieses und der Nachbarorte als oft gebrauchter Gesundbrunnen. Sie wurde zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts gefasst, und zu Ende des achtzehnten durch Herzog Georg von Sachsen-Meiningen die Anstalt ins Leben gerufen, welche bald aus Nähe und Ferne zahlreiche Kur- und andre Gäste herbeizog. Allmählig entstand für Hofhaltung, Badewirthschaft, Vergnügung und Bequemlichkeit ein Neubau nach dein andern, und neben der irdischen Sorge für ein Theater, für Marmorbäder, Logis, Promenaden u.s.w. wurde auch des Ueberirdischen gedacht, und die freundliche Kirche dort oben am Bergesabhang frei stehend und weit sichtbar errichtet. Die Ursachen, warum sich Liebenstein nicht mehr solcher Frequenz wie ehedem zu erfreuen hat, liegen ebensowohl in allgemeinen Zeitverhältnissen, als in manchen örtlichen, und es ist nicht unmöglich, dass das Bad, jetzt freilich nur mit bescheidnen Mitteln fortgepflegt, wieder einmal huldvoll vom Scepter der Mode berührt werde. Da es keine warmen Quellen hat, und eben nur ein in geeigneten Krankheitsfällen hülfreiches Stahlwasser bietet, bleibt natürlich die Sphäre der Wirkung desselben in gewissen Grenzen.« Otto zeigte auf der von schlanken Pappeln und Linden beschatteten Promenade hinauf nach dem aus Waldesgrün hochaufragendem Ruinenschloss, das von der untergehenden Sonne hell angestrahlt, die Gegend schmückte, dann in der Richtung nach der Kirche hin auf eine pittoreske Felsgruppe, und sprach: »Morgen bin ich euer Führer, dort hinauf und dort hinüber. Ihr schenkt wohl gern noch den morgenden und auch den folgenden Tag – wenn nicht dieser Gegend, doch dem Anziehenden, was sie für euch jetzt in sich schliesst. Bald fällt der Trennung trüber Wolkenschatten auf die Herzen, sonnen wir daher uns Alle noch recht seelenfroh im heitern Lichte der Gegenwart und – der Gegenwärtigen.« Der Platz unter den Linden hatte sich mit Badegästen und Bewohnern der Nachbarorte angefüllt, es war lebhaft, ohne beengendes Gewühl. Otto führte die Freunde dem Erdfall, oder der Grotte zu, einer der anziehendsten, reizendsten Parthien Liebensteins in nächster Nähe des Kurhauses. Amphitheatralisch steigen um den freien Raum, der mehr als tausend Menschen zu fassen im Stande ist, den hohe Bäume überschatten, bewaldete Höhen empor. Im tiefen Grunde gähnen Höhlenschlünde, quillt ein starker Bach hervor; über ihn wölbt sich auf Stufen zugänglich, eine geräumige, mehr als 100 Fuss tiefe Grotte. Hier in diesem immer kühlen Raume wird bisweilen an heissen Sommertagen gespeist, und ein festlicher Abend sieht den Erdfall bis hoch in die Baumwipfel hinauf mit flimmernden Lämpchen erleuchtet, was einen magischen Anblick gewährt. Das Zeichen ertönte, welches die Gäste des Kurhauses zur Abendtafel rief, an dieser fanden sich die Reisegefährten wieder zusammen und besprachen den morgenden Excurs. Frau Arenstein war gütig genug, auf Lenz und Wagners Bitte, ihre Theilnahme nicht zu versagen, obgleich ihr die zu schauenden Parthien bereits alle wohl bekannt waren. Als bereits tiefe Nacht schattete, nichts mehr hörbar war als das Plätschern der Fontaine, das Rauschen der Brunnen, waren die Gefährten noch wach; sie hatten den Freundinnen eine Ueberraschung zugedacht. Otto entwarf schnell für die Freunde ein Liedchen, gewann das Sängerchor des Ortes, und vor den Fenstern, wo Engelbertha und Rosabella ruhten, wallte süssmelodischer Nachtgesang empor: »Flüstre linde, flüstre leise, Liebesstimme, durch die Nacht; Schwinge dich in sanfter Weise Aufwärts, wo die Liebe wacht. Gute Nacht – gute Nacht!« »Schwebe, Lied, empor und sage, Wer ihr Huldigung gebracht, Und ans Herz leg' ihr die Frage: Ob sie liebend sein gedacht? – Gute Nacht – gute Nacht.« »Gute Nacht! Durch Hoffnungsräume Wandle, reich vom Glück bedacht! Horch! Es tönt in Deine Träume: Gute Nacht, ja gute Nacht! Gute Nacht – gute Nacht.« – Freundlicher Dank flüsterte mit ähnlichem Grusse von oben nieder. Die Liebensteiner Höhle. Es brach ein reiner Morgen an, der auf die schöne Gegend die Fülle blitzender Thauperlen goss. Die Reisegesellschaft fand sieh bald zusammen; Andern war, um unwillkommenes Anschliessen zu vermeiden, der Plan diesmaliger Wanderung verschwiegen worden; es schien eine stillschweigende Uebereinkunft, die kurzen Stunden, die dem Beisammensein noch vergönnt waren, ohne Beimischung fremder Elemente zu verleben; jeder Einzelne sah ührigens mit einiger Befangenheit dem Wendepunkt entgegen, da vor seinem Eintreten sich noch Wichtiges entscheiden sollte, denn noch war eine laute Erklärung nicht erfolgt, doch hatte Otto den guten Glauben, dass die Freunde mit einer solchen nun nicht lange mehr zögern würden. Er leitete die Gesellschaft auf den anmuthigen Wegen des Ruinenberges empor, von denen aus sich eine herrliche Aussicht in das Thal der Werra eröffnet, und weilte mit ihr an dem schönen Bernhardsplatz , an welchem Ruhebänke zum sinnigen Verweilen, wie zum Betrachten der reizvollen Landschaft einladen. Lieblich schallte durch die Morgenstille die Musik der Herzoglichen Hautboisten vor dem Kurhause herauf. Frau Arenstein, heute ernster gestimmt erscheinend, als es sonst der Fall war, liess sich zum Ausruhen auf einer der Bänke nieder, indem sie zu ihren Töchtern sagte: »Geht nur einstweilen mit unserm Freund Otto voran, liebe Kinder.« Der Genannte verstand den Wink; er wandelte mit den erglühenden Töchtern aufwärts, er sah ihnen offen in die schönen Augen, er brachte das Gespräch auf seine, bei der Mutter noch weilenden Freunde. Rosabella lächelte durch Thränen auf zarte Fragen, Engelbertha's Wangen wurden zur liebeverkündenden Purpurrose, ihre dunkeln Augen strahlten die Gluth der Empfindung aus, die sie erfüllte. Alle Gefühle waren in Aufregung. Otto suchte diese erhöhte Stimmung, ehe sie begann peinlich zu werden, durch geeignete Anklänge in sanften Frieden des Herzens zu verwandeln. Die Ruine trat jetzt bei einer Biegung des Weges imposant und malerisch entgegen. Ihr zuschreitend, sprach der Führer: »Auf diesem reizenden Hochpunkte fanden sich oft schon liebende und zärtliche Herzen, schloss sich mancher Bund für das Leben. Fernhergekommene gesellten sich in traulicher Annäherung nicht minder Fremden, und verwandte Seelen begegneten sich, geleitet von der allmächtig und unerklärlich waltenden Sympathie. Möge auch heute sich Schillers Wort bethätigen, wie bestätigen: »Neues Leben blüht aus den Ruinen,« und Ihnen, meine holden, jugendlichen Freundinnen, in dem malerischen, entzückende Aussichten gewährenden Trümmerhause, das wir jetzt, über jene Bogenbrücke schreitend, zu betreten gedenken, der Segen einer treuliebenden Mutter, bei der aufrichtigen und hochachtungsvollen Werbung gesitteter, gebildeter und kenntnissreicher Jünglinge, einen neuen Lebensweg, wie reizvolle Aussicht in eine schöne Zukunft eröffnen!« Solchen treugemeinten Wünschen vermochten die bewegten, von Gefühlen überstürmten Jungfrauen nur mit hervorquellenden Thränen zu danken; Otto liess sie allein in der Ruine, wo sie einander schwesterlich in die Arme sanken, und ging den Heraufkommenden entgegen, in deren heitern Blicken er die Erfüllung allseitiger Wünsche las, und nun Zeuge einer Wonnescene wurde, auf welche der Himmel selbst segnend herabzulächeln schien. Wie billig, unterliess er bei solch freudenreicher Bewegung alles Reden von Geschichte und Sage der Burg Liebenstein , selbst naheliegende Wortspiele; vielmehr führte er von da ab, nachdem mit besonderm Wohlgefallen ein Blick durch eines der Burgfenster auf Steinbach geworfen worden war, die geliebten Liebenden tief in den Wald hinein; auf schattigen Pfaden zu einer sehenswerthen Felsgruppe, die bei den Vornehmen unter dem Namen des Felsentheaters , beim Volk unter dem der hohlen Scheuer bekannt ist. Nicht unpassend nennt der Dichter Friedrich Mosengeil sie in seiner Schilderung des Badeortes die stille Kirche . Es ist ein Naturtempel, ganz geeignet in höher gestimmten Gemüthern, im tiefen Schweigen der Einsamkeit, unter Blättergeflüster und Wipfelrauschen Andachtgefühle zu erwecken, und an Mahlmann' s unsterbliches Vater unser zu erinnern: Du hast Deine Säulen Dir aufgebaut, Und Deine Tempel gegründet. – Von dieser einsiedlerisch versteckten offenen Felsenhalle, aus welcher sich das bedeutende Dorf Steinbach wieder recht freundlich erblicken lässt, leitete nun Otto die zwei liebeseligen erklärten Brautpaare und eine im Glücke der Kinder schwelgende, hoffnungsselige Mutter aus dem Walde der Thalwiese zu, um über blumengeschmückte Pfade die nicht lange Strecke zu wandern, die zwischen dem Ruinenberge und der, bald Liebensteiner , bald Altensteiner Höhle genannten grossen Naturmerkwürdigkeit liegt. Sich imposanten Felskolossen, die von grünen Matten aufstreben, nähernd, wird zugleich die Ruine zur Linken, ein Theil des Badeortes mit der Kirche im Vorgrund, und eine von dort bis nahe an Glücksbrunn gezogene Allee erblickt, so dass sich ein mannichfach heitres Landschaftbild herausstellt. Glücksbrunn , mit schönem Schloss und bedeutenden, mit Dampfmaschinen betriebenen Fabriken, war ehemals ein Hüttendorf; nahe dabei breitet sich der Flecken Schweina mit zahlreichen Häusern aus. Auf dem Wege erzählte Otto: »Es war im Jahre 1799, während Herzog Georg bemüht war, die Umgebungen Altensteins und Liebensteins in einen grossartigen Naturpark umzuwandeln, als beim Bau der Chaussee, die wir betreten, von den Arbeitern eine in die Tiefe hinabgehende kleine Öffnung gewahrt wurde, aus der ein starker Luftzug drang. Diese ward erweitert, Bergleute mussten hineinsteigen, es wurde eine der grössten Höhlen Deutschlands entdeckt, allmählig aufgeräumt, durch einen Stollen von der Seite bequem zugänglich gemacht, gefahrdrohende Stellen wurden durch Mauerwerk unterstützt, auf und ab in den Gängen Treppenstufen angelegt, und so geschah es, dass diese Höhle von allen ihren deutschen Schwestern die comfortableste genannt zu werden verdient, denn der Besuchende wandelt in ihr sicher, trocknen Fusses, braucht nicht in ein Bergmannshabit, auch nicht auf dem Bauche zu kriechen, so wenig wie Leiter auf und Leiter ab zu klettern.« »Du machst mich in der That sehr neugierig,« sagte Lenz: »Schon die Knochen, welche hier gefunden wurden, und die ich in Meiningen sah, haben ein grosses Interesse für diese Höhle in mir erregt. Findet man deren noch mehr?« »Leider, nein,« musste Otto bedauernd antworten. »Im Anfang wurde des merkwürdigen Fundes zu wenig geachtet, zu viel davon verschleppt, so dass nur der kleine Rest übrig blieb, den ihr gesehen habt; später hat man zwar noch tief in das Bergesinnere streichende Höhlengänge, aber keine weitern Fossilien entdeckt. Auch mangeln der Höhle, die aus Alpen- oder Rauhkalkgestein gebildet ist, Stalaktiten, und selbst gewöhnlicher Sinter kommt nicht häufig vor.« Vom Fahrwege abwärts leitete Otto seine Gesellschaft zu einer schattigen Stelle; dort harrte bereits die Equipage der Frau Arenstein, mit den Mänteln der Damen von dem Führer vorsorglich hinbestellt, auch war mit Licht und Fackeln der Aufseher der Höhle bereit, denn es war eben kein Sonntag, wo in der Regel, während der Badesaison, einige Vormittagsstunden die ganze Höhle durch Lämpchen erleuchtet wird. Indessen stellt sie sich bei Fackelschein noch imposanter auf die Sinne wirkend dar; das an den hohen zackigen Wölbungen gebrochene Licht, die dunkeln Schlagschatten, ihr rascher Wechsel machen einen ganz eigenthümlichen Eindruck. Durch den vom eiskalten Luftzug durchströmten Stollen musste rasch geschritten werden, die innere Temperatur der Höhle ist durchaus gemässigt, und belästigt nie durch empfindliche Kühle. Da, wo die eigentliche Höhle betreten wird, ist eine Seitenkammer als Ort der Entdeckung bemerkenswerth. Im Innern steigt der Weg, der stets breit genug ist, dass mindestens zwei Personen bequem neben einander gehen können, und nach wenigen Schritten wird zur Rechten eine Seitengrotte sichtbar. Eine zweite an dieser Seite, gross genug, um acht Menschen zu fassen, bewahrte früher die Knochen. Immer breiter wird der wohlgebahnte Weg, höher empor steigt das Felsengewölbe, eine geräumige Halle breitet sich aus. Zur Rechten führen Stufen empor, und es zieht sich von da ein Gang ziemlich weit in die Tiefe. Zur Linken in einer Höhe von circa 30 Fuss bezeichnet ein Eisengitter den Standpunkt der Musiker, die an solchen Tagen, wo die Höhle erleuchtet wird, durch sanfte Harmonien den Genuss erhöhen ; Musik ist, zumal mit einem Echo verbunden, in diesem dunkeln, unterirdischen Labyrinth, von ganz besonders magischer Wirkung. Zu jener Plattform windet sich ein Seitengang im Innern des Berges empor. Er blieb nicht unbetreten, da der Herabblick von der Plattform erst recht geeignet ist, die ganze Grösse der mächtigen Wölbung zu überschauen. Sich wieder verengend leitet der Gang im Bogen von der Linken zur Rechten 32 Schritte lang zu einer abermaligen weiten Halle, von der ein 36 Schritte langer Seitengang nach Rechts streicht. Sechzehn halbrunde Stufen führen von diesem Gewölbe abermals zu einer Plattform empor, ein starkes Rauschen wird hörbar, eine Oeffnung, sichernd mit Steinen umfasst, zeigt sich, und in dunkler Tiefe wird das Brausen eines Bergwassers vernommen. Auf wieder schmaler gewordenem Pfade leitete Otto die staunenden und bewundernden Freunde zu einem kleinen Seitengange, winkte den Damen zu, ihm die beabsichtigte Ueberraschung nicht zu verderben, liess, mit Licht versehen, die kleine Gesellschaft an einem, das Weiterschreiten hemmenden Eisengitter stehen, und eilte mit dem Führer hinweg. Jene schauten erwartungsvoll in die Tiefe, wo das Wasser gewaltig rauschte; jetzt zuckte drunten ein Lichtschimmer, klang ein leiser Harmonikaton, wie aus einer andern Welt; heller kam der Schein, und siehe, auf einem Nachen fuhr Otto mit dem Führer heran. Rothe Gluth blitzte auf; von Rothfeuer plötzlich magisch überflammt, stand das unterirdische Wasser, die hohe Wölbung, und es zeigte sich ein antiker Tempel an dunkler Felswand aufgebaut, bis nach dem überraschend herrlichen Moment Alles wieder in dämmerndes Dunkel schwand und die Schiffenden sich verloren. Nun vertraute Otto die Gesellschaft dem Höhlenführer an, der sie zum Wasser hinab leitete und sie den Nachen beschreiten liess. Auf der acherontischen Welle sanft zwischen Felsenmauern hingleitend, schifften sie in die hohe Wölbung ein, und blickten empor, wo Otto's Licht, der oben weilte, wie ein Stern erschien, und auf die kleine Cascade, die der die Höhle durch strömende Bach bildet. Noch einmal das pyrotechnische Experiment wiederholend, liess er in purpurne Helle die Halle sich kleiden, und erhöhte so mit einer hier äusserst effektuell angebrachten unschuldigen Spielerei das Vergnügen, wie den Eindruck. Dankend und erfreut kehrten die Schiffenden zurück; Otto erwartete sie bereits, um sie abermals eine Treppe empor zu leiten, wo noch ein sehr breiter Höhlengang au hundert Schritte weit fortläuft, in welchem man wieder zu Stellen gelangt, an denen man dem unterirdischen Wasser nahen kann. Im Bezug auf Letzteres äusserte Lenz: »Schade, dass nicht in dieser so schön zugänglichen Höhle der Proteus anguinus gefunden wird, dies räthselhafte Geschöpf, das wie ein Gespenst der Thierwelt erscheint.« »Es wäre die Frage, ob jenes merkwürdige Thier, würde es aus seiner heimathlichen Höhle in dunkler Umgebung und in nicht allzuwenigen Exemplaren hier eingebracht, sich nicht auch hier vermehrte? Freilich würde es schwer sein, das Wegfangen zu verhüten!« äusserte Otto, und führte nun langsam Alle wieder dem Tageslichte zu. Altenstein. Während der Wagen mit den Damen aufwärts nach dem Schlosse Altenstein fuhr, gewann Otto einen etwas höher gelegenen Fusspfad, auf dem er die Freunde dem gleichen Ziele zuzuführen gedachte. Von ihm aus gesehen, nimmt sich Glücksbrunn mit seinem heitern Schlösschen, seinen Fabrikgebäuden, einem grossen Teich und heitern Gartenanlagen sehr anmuthig aus. Hinter dem Schlosse, in der Nähe des Einganges zu der grossen Höhle, quillt in einem Erdfall ein starkes Wasser zwischen Rauhkalkfelsen hervor, dasselbe, welches die Höhle durchfliesst. Auch der Flecken Schweina wird mit mehr als 200 Häusern ganz sichtbar, und der Blick in das Werrathal auf nahe und ferne Bergzüge ist nicht minder lohnend, als die Betrachtung der hier grotesk und riesig dem Wanderer ganz nahe aufragenden Felsmassen. Wagner pries deren malerische Formen, wie den eigenthümlichen Reiz dieser ganzen Gegend höchlich, und beschloss bei längerm Verweilen Manches zu zeichnen; Otto erbot sich, Lenz während der Zeit, dass der Maler seine Skizzen aufnehmen würde, näher mit den mineralogischen Merkwürdigkeiten der Gegend bekannt zu machen. Er nannte sie vorläufig, indem er sprach: »In Glücksbrunn wurde früher ein äusserst ergiebiges Blaufarbenwerk betrieben. Die dazu nöthigen Kobalterze brechen in der Nähe, darunter besonders schöne Glanzkobalte, Wismuth-, Kupfer- und Arsenikerze, Fahlerz und Bleiglanz. Auch Silber mag früher ausgebeutet worden sein: Benennungen, wie Silbergraben, Silberthal, Silberrasen scheinen es zu beurkunden. Eine Menge Halden geben noch Zeugniss des ehemaligen schwunghaft betriebenen Bergbaues. Im bituminösen Mergelschiefer der Gegend kommen Fischabdrücke vor. Schwerspath, Braunspath, Kalkspath und Bitterspath werden als Gangarten gefunden. Der Dolomit, von welchem diese Felsen und die Höhle gebildet sind, lagert auf Granit, der in allen Arten zu Tage geht. Über Liebenstein steht ein thurmhoher Felsenkamm mit tiefen Klüften, fast ausschliesslich Flussspath. Glimmerschiefer und Porphyr, Gneiss und Feldspath, poröser Stinkstein und Andres kommen vor. Während in geringer Entfernung von hier der Granit bis zu bedeutender Höhe geht – er bildet den hohen Felsensäulenkamm des Gerbersteins – ist das Ganggebirge ringsum verbreitet, das ältere Flötzgebirge lagert in gleicher Nähe darüber und das jüngere grenzet an; nach dem Thale der Werra zu ist Sand das vorwaltende Gestein, und den jenseitigen kleinen Gebirgszug zeichnen basaltische Höhen aus.« So waren die Wandrer dem Walde genaht, durch dessen dichten schattenkühlen Laubgang sie schritten, während der Wagen unter ihnen auf gekrümmter Strasse langsam bergan fuhr; sie konnten die darin Sitzenden ohne gesehen zu werden mit lautem Zuruf necken, und dann mit plötzlicher Erscheinung überraschen. Die kurze Strecke vollends hinauf begleitend und begleitet theilte nun die Gesellschaft den erfreulichen Anblick des Schlosses Altenstein, das neu und freundlich mit grünen Jalousien ihnen die schmale Seite zeigte, während es seine Fronte, deren Auffahrt mit Treibhauspflanzen und vollblühenden Hortensien geschmückt erschien, gegen Norden kehrt. Terrassenförmige Mauern, und ein Thurmrest, der auf hohem Felsfundament hinter dem neuen Hause sichtbar wird, deuten das Vorhandengewesensein eines ältern Schlosses an, des Markgrafensteines , dessen früheste Geschichte mit seinem Ursprung im Dunkel ruht. Otto erwähnte nur kurz, um das Bild der heitern frischen Gegenwart nicht mit Alterthumsstaub grau zu übermalen, dass diese Burg in spätrer Zeit an die Grafen von Henneberg, dann an die Landgrafen von Thüringen gekommen sei, und noch später länger als 200 Jahre Lehenssitz der Familie Hund von Wenkheim gewesen, bis sie an das Regentenhaus Sachsen-Meiningen kam. Die alte Burg wurde 1733 vom Feuer verzehrt, und hierauf das neue einfache, doch im Innern geschmackvoll und modern eingerichtete Haus erbaut, das in der Regel der Herzoglichen Familie zum Sommeraufenthalte dient. Die erfreuten Fremden wussten bald nicht, wohin sie ihre Blicke richten sollten, die Damen waren ausgestiegen, und der Kutscher erhielt Ordre, einstweilen nach dem Gasthause hinzufahren. Otto suchte, als ein allgemeiner Überblick der freundlichländlichen Umgebung die allgemeine Bemerkung hervorrief, dass hier ein überaus anziehender Punkt seine mannichfaltigen Reize zu entfalten beginne, die Betrachtung zu ordnen, und lenkte diese zunächst auf ein nahegelegenes Denkmal hin, bestehend aus einem eisernen Kreuze auf dem spitzigen Vorsprung eines Felsens, darunter im Gestein ausgehauen die Worte Gott Vaterland Freiheit Friede 1814. zu lesen sind; dann auf einem von hohen Bäumen umschatteten Raume dicht am Abhange des Schlossberges liess er die Gefährten und Gefährtinnen des Hinabblicks auf die anmuthig situirten Orte Glücksbrunn und Schweina, und der grossen, weithin sich erstreckenden, abwechselnden Landschaft sich erfreuen. Dann am Schloss und der in einem rasenumgrünten, mit Buschhölzern in anmuthigen Gruppen umpflanzten, hoch empor den Wasserstrahl aufwerfenden Fontaine vorbei wandelte man dem grossen Gebäudehalbrund zu, in welchem, neben Dienstwohnungen und den Stallungen für die Pferde des landesherrlichen blühenden Gestüts, die zweckmässig eingerichtete Gastwirthschaft befindlich ist. Hier fanden sich denn auch andre Lustreisende genug, und allenthalben wurden Spaziergänger bemerkt, die sich lustwandelnd in den weitläuftigen Anlagen des grossen Altensteiner Naturgartens verstreuten. Um gleiches Vergnügen am sonnenhellen Nachmittag zu geniessen, wurde für gut befunden, zuvor zu speisen, und dann erst von einer Parthie zur andern zu wandeln. Selbst von den obern Zimmern des Gasthauses aus gewährt sich eine entzückende Fernsicht, wie denn überhaupt Schloss Altenstein mit seinen Umgebungen zu den schönsten Punkten Thüringens mit vollem Recht zu zählen ist. An die Betrachtung, wie erfreulich es doch sei, wahrzunehmen, wie dort in Wilhelmsthal, dort in Reinhardsbrunn und hier in Altenstein und Liebenstein drei hohe deutsche Fürstenhöfe ihren Sommeraufenthalt wählten, alle drei an Orten Thüringens, deren reiche Naturschönheiten Jedermann zugänglich gemacht wurden, so dass auf alle Weise Anschauung und Genuss erleichtert sind, knüpfte Otto einige in frühern Tagen lyrischer Begeisterung niedergeschriebene Strophen: »Drei schöne Steine weiss ich Im Ring der Heimathau'n, Drei schöne Steine preis' ich, Sind herrlich anzuschau'n. Dort leuchtet in die Weite Thüringens Diamant, Sein köstliches Geschmeide, Der Friedenstein genannt. Dort, eine Zier der Krone, In Sonnengold gefasst, Prangt auf dem Felsenthrone Des zweiten Steines Glast. Vom Ring des Wälderkranzes Ins Werrathal hinein Blitzt er, saphirnen Glanzes, Das ist der Altenstein . Und in der Tiefe glühet Ein köstlicher Smaragd; Ein Quell des Lebens sprühet Tief aus verborgnem Schacht. Dort schenkt euch die Najade Mit sanftem Lächeln ein; Sucht den Smaragd im Bade, Sucht ihn in Liebenstein !« Beim Rezitiren dieser mehr gut gemeinten, als guten Verse konnte Lenz ein ironisches Lächeln nicht unterdrücken, und murmelte: »Man muss das Dessert nehmen, wie es aufgetischt wird, ohne Murren!« – Dame Arenstein hob die Tafel auf, und nach eingenommenem Kaffee wurde ein grosser gemeinschaftlicher Spaziergang unternommen. Zuerst suchte Otto den Waldschatten zu gewinnen; er leitete zur Ritterkapelle , die auf einem hohen Felsen erbaut, zu welchem Stufen emporleiten, im Innern als ein trauliches, mit Emblemen des Ritterthums geschmücktes Gemach erscheint, worin sich's gemüthlich rasten lässt. Das Laub der Bäume flüstert und flimmert an den Fenstern, die mit ächter Glasmalerei aus mehr und minder guter Zeit dekorirt sind. Hier liegt auch ein Fremdenbuch, in welchem die Besuchenden sich zu verewigen, und bisweilen, nach dem Grad ihrer Bildung, auch Gedachtes oder Empfundenes in Versen oder Prosa auszudrücken pflegen. Von da war eine herrliche Linde, deren starkes Laubdach einen ganzen Platz überwölbte, zu betrachten, und dann wurde der Weg nach der sogenannten Teufelsbrücke eingeschlagen, eine, zwei beträchtlich hohe Felsen verbindende, auf Ketten ruhende Hängebrücke, von welcher aus, über grüner Waldung stehend, im Hinblick auf Schloss Altenstein und dessen nächste Umgebung sich ein schönes Totalbild vor Augen bringt. Der Hohlenstein über der Höhle zeigt sich als isolirter mächtiger Felsblock, von einem Häuschen gekrönt; der Blumenkorb , ein thurmhoher Felsenobelisk, stellt sich, rings umgrünt, als nackter Koloss dar; der nachbarliche Bonifaziusfels ragt näher und niedriger empor, und über die ganze Landschaft ist soviel Harmonie ergossen, dass diese Stelle ganz besonders zum Ruhen und Verweilen auf dort angebrachter Gartenbank einladet. Hinter jenen isolirten mächtigen Steinsäulen reicht weit hinauf der Blick in das Werrathal, bis in die Gegend von Schwallungen; der Breitunger See, der Kraimer-Teich, die mäandrische Werra sind sichtbar, im tiefsten Hintergrunde zeigen sich hohe Berge, bläulich vom Duft der Ferne umschleiert. Als die Schauenden sich lange stiller Betrachtung hingegeben, führte Otto sie weiter auf Waldpfaden in ein tiefes Thal, in welchem, um eine Felsenecke biegend, ein klarer Bach, ein silberner Weiher, und über diesem eine Sennhütte erblickt wurde, in deren Nähe ziemlich hoch ein Wasserfall anmuthig über Granitblöcke herabrauscht. Der durchaus idyllische Charakter dieses Thälchens tritt um so wirksamer hervor, wenn der Blick des Wanderers kaum zuvor auf grossartig vor seinem Auge aufgerollter und hingebreiteter Landschaft weilte, und nun ringsum den beschränkt findet; es ist ein Plätzchen, wo trauliche Liebe gern verweilen mag und gern verweilte, ein Plätzchen, wo das sanfte Plätschern des mässigstarken Wasserfalles mit sanftem Geflüster und Gekose harmonisch übereinstimmt. Einen andern Rückweg thalaufwärts einschlagend, wusste Otto die Freunde und Freundinnen so zu leiten, dass sie unvermerkt bei dem Fohlenhause anlangten, welches im orientalisch-arabischen Geschmack sinnvoll erbaut, den Gedanken auf hier kunstgerecht geübte Musterzucht des edeln Rosses hinlenkt. Dieses Häuschen, auf dem Gipfel eines kräuterreichen Fohlenweideplatzes erbaut, ist zugleich der Mittelpunkt eines herrlichen Halb-Panorama's der vor ihm ruhenden Landschaft. Dass auch ein weiblicher, langen Wandelns ungewohnter Fuss bei solchem Beschauen in Altenstein nicht ermüde, ist überall durch hölzerne oder steinerne Ruhesitze gesorgt; und so konnte, da man mit Gehen und Ausruhen beliebig abwechselte, Otto seine Gesellschaft auch noch getrost zum Bonifaziusfels in der Nähe des Schlosses führen, zum steinernen Blumenkorb , der auf dem vorhin erwähnten Felskegel prangt, zum Denkmal, das der Herzogin Charlotte Amalie von Sachsen-Meiningen geweiht wurde, deren Marmorbüste am Fusse des Felsen über einer Steinbank steht, und zum Hohlenstein , einer isolirten Felsenmasse mit eingehauenen Stufen zum Gipfel, der ein Häuschen trägt, um von dem günstig gelegenen Hochpunkte die Aussicht zu geniessen, und der zugleich eine hohe gewölbte Halle zeigt, die sich zu einer Felsenspalte verengt. In letzterer tönt bisweilen eine doppelte Äolsharfe wehmüthigen Klang in das Thal hinab. Vom Gipfel des Hohlenstein bezeichnete Otto die Lage des nur zwei Stunden entfernten Dorfes Möhra, wo Luther's Eltern wohnten. Endlich, nur wenige Schritte vom Hohlenstein ostwärts, neben malerisch auf die Bergwand hingestreuten kolossalen Felsgruppen, öffnet sich die nächstvorliegende wie eine Pforte, und überraschend tritt plötzlich wieder Liebenstein mit der Ruine und mit dem grünen und blauen Hintergrunde der Thüringer-Waldberge vor den Blick, und bildet besonders in günstiger Abendbeleuchtung ein so überaus anmuthiges Landschaftbild, dass Worte nicht vermögen, dessen vollen Reiz anzudeuten. Diese Felsenpforte hat man das Morgenthor genannt. – Erfreut, befriedigt und beglückt, am Arm der Liebe und neben theilnehmenden Herzen all das Schöne, das hier Natur und Kunst im innig schwesterlichen Bunde vereinigt darboten, geistig in sich aufnehmen zu können, schritten die Reisenden dem Altensteine langsam wieder zu. Auf dem Wege dahin fragte Frau Arenstein Otto: »Kennt man nicht auch Sagen von dieser Gegend? bei unsrem frühern Zusammentreffen hier war weder der Ort, noch die Gesellschaft geeignet, solche Frage an Sie zu richten, denn nicht Jedermann vermag sich für die Sagenpoesie zu interessiren.« Solcher Meinung gern beipflichtend und dabei bemerkend, dass jenes Interesse auch durchaus nicht überall erwartet, noch weniger in Anspruch genommen werden dürfe und könne, erwiederte der Gefragte: »Die Gegend hat viele und mannichfaltige Sagen, viele davon mit geschichtlichem Anklang. Aus ältester Zeit klingt die Anwesenheit des Bonifazius auch hier durch; er soll von jenem Felsen den Heiden gepredigt haben, der noch den Namen des Bekehrers trägt. In der Nähe des Dorfes Steinbach haftet am Namen des Landgrafenackers die Erinnerung an Ludwig den Eisernen, der ihn mit an den Pflug gespannten Edelleuten dort umpflügte. Die bekannte Geschlechtssage derer von Hund wird auch von den Hunden von Wenkheim auf Altenstein erzählt, dass nämlich eine Gräfin, die acht Kinder auf einmal geboren, sieben davon habe wollen ersäufen lassen; dass der Graf der Wärterin begegnet und gefragt habe, was sie trage, worauf diese erwiedert: junge Hunde . Diese Kinder nun liess der Graf heimlich erziehen und stellte sie als erwachsene Jünglinge der Mutter vor daher der Name des Geschlechtes. Von Luther's geschichtlicher Anwesenheit und Gefangennehmung in der Nähe des Altenstein haftet noch an einer schönen alten Buche tiefer im Walde, und einer Quelle daneben traditionelle Kunde; noch weiter droben zeigen die Umwohner einen Stein, den Luthersfuss , darin der Reformator die Spur seines Fusses der Gegend zum Andenken gelassen haben soll. Sollte ich Ihnen Alles mittheilen, was rein Oertliches als Sage, die noch im Volksmunde fortlebt, mir aus der Nähe von Hexen, Venetianern, Croaten, verwünschten Jungfrauen, Wilddieben und dergleichen bekannt wurde, ich würde länger reden können, als Ihre Geduld erlaubte.« Was Otto heute verschwieg, erzählte er am folgenden Tage, als er von Liebenstein aus mit den Verbündeten eine Parthie nach der Luthersbuche machte, wo denn auch das verwirklicht wurde, was er mit Wagner und Lenz verabredet. Je mehr die Scheidestunde den Freunden nahe rückte, die bei dem neuen Verhältniss um so schmerzlicher zu werden drohte, um so mehr suchte man sich gegenseitig zu erfreuen, und genoss als Gunst eines gütigen Geschickes die freudigen Momente, welche die Gegenwart noch darbot. Ausserdem ward verabredet, dass, sobald alles Nöthige in den gegenseitigen Familien geordnet sei, Frau Arenstein die jungen Bräute, ihre Töchter, in die südliche Heimath der Freunde und zum Traualtare dort begleiten sollte, da eine abermalige Reise nach dem Norden nicht in den Verhältnissen der Freunde lag, deren äussere Stellung weniger unabhängig war, als die der künftigen würdigen Schwiegermutter. Diese aber hatte durch die derartige Verabredung ebenfalls wichtige Gründe, mit den Töchtern der eignen Heimath zuzueilen, so dass nur noch ein Tag des diesmaligen gemeinschaftlichen Beisammenseins übrig blieb, nach welchem man sich trennen wollte und musste. Salzungen. Damit die Liebenden in Liebenstein nicht allzusehr in isolirter Traurigkeit den letzten, für jetzt vergönnten Tag ihres Beisammenseins zubringen möchten, und um alle sentimentalen Grillen durchaus zu verscheuchen, womit Familienromane auch in der Wirklichkeit nur zu leicht sich anhäufen, schlug Otto vor, sich am Vormittage reisefertig, am Nachmittage aber noch einen gemeinschaftlichen Ausflug nach dem nur zwei Stunden gelegenen freundlichen Städtchen Salzungen zu machen, und sich dort zu trennen, da ohnedies die Wege beider Parteien jetzt in entgegengesetzter Richtung auseinander liefen. Dieser Vorschlag fand Beifall, um so mehr, da Frau Arenstein zwar Salzungen in Liebenstein oft hatte nennen und rühmen hören, selbst aber noch nicht dorthin gekommen war, wie sehr sie auch mit Vorliebe für alles landschaftlich Schöne und Naturmerkwürdige reiste. So wurde denn noch ein Wagen gemiethet und der Najade Liebensteins Lebewohl gesagt. Im Betracht, dass die Freunde, wie billig, ihren Verlobten mehr Aufmerksamkeit schenken würden als seinen Mittheilungen, hatte Otto es so angeordnet, dass Jene zusammenfuhren und er den Gesellschafter der Mutter abgab, da es keineswegs als Amüsement gepriesen werden mag, verliebten Verlobten Gesellschaft zu leisten, selbst wenn noch so viele herzliche Theilnahme an deren Glück statt findet. »Die Reise,« nahm Otto zu seiner muntern und ihm gern zuhörenden Begleiterin das Wort: »welche ich mit meinen Freunden machte, erscheint mir gegenwärtig, ihrem Ende nahe, wie ein vor unsern Augen aufgeführtes, manchmal an Längen leidendes Lustspiel am Schlusse des letztes Aktes, wo die Entwickelung bereits erfolgte, der Zuschauer befriedigt ist, nichts mehr erwartet und an das Fallen der Gardine, vielleicht auch an das Abendessen denkt. Man sehnt sich nach langem Umherwandern oder Fahren wieder in das gewohnte Gleis, zumal wenn dies ein freundlich geebnetes ist.« »Ich habe eine Reiseausdauer, über die ich mich bisweilen, bei meinen Jahren, oft selbst verwundre,« versetzte Frau Arenstein. »Es kommt Alles auf die Verhältnisse an, in und unter denen wir leben, und auf die Richtungen, die uns in der Jugend gegeben werden.« Diese Aesserung führte zu recht lehrreichen und anziehenden Mittheilungen aus dem Leben der interessanten Reisegefährtin, während welcher man durch die freundlich im Grunde der Schweina mit einem Schlösschen liegende Herzogliche Besitzung Marienthal kam, und auf einem nicht guten Wege den Hessischen Marktflecken Barchfeld mit mehreren Schlössern erreichte. Dort befindet sich der Reisende nun in dem breiten und mit wechselnden anziehenden Nah- und Fernsichten erfreuenden Thale der Werra, und erreicht, noch einige Dörfer passirend, auf neuer und gut erhaltener Chaussee in kurzer Zeit Salzungen , dessen zahlreiche Gradirhäuser auf den Thalwiesen am steilen Abhang eines Berges verbreitet und sichtbar sind. Die Gesellschaft, einmal gekommen, um zu sehen und Zerstreuung zu suchen, verschmähte nicht, der Saline zu nahen, welche den Wohlstand der Stadt hauptsächlich begründen half. Fünf Brunnen liefern die achtgradige Soole, die zum Theil in zwölf Gradirhäusern gradirt und in mehren Kothen oder Nappen versotten wird. Vor dem von letztern genannten Nappenthore liegt denn nun auch das neue Badehaus , wo die erfolgreichen, in den meisten geeigneten Krankheitsfällen das Seebad ersetzenden Soolbäder gegeben werden, deren Ruf in jedem Sommer eine grössere Anzahl Gäste nach der Salinenstadt zieht. Otto erwähnte, dass auch in der Nähe Salzungens ein Sauerbrunnen ausquelle, von gutem Gehalt und angenehmem Geschmack. Von Norden nun nach Süden die Stadt durchwandelt habend, und über den freundlichen Markt einer Pforte zugeführt, sahen die Fremden sich freudig überrascht durch den Anblick eines ziemlich grossen, ruhigen Wasserspiegels, der, rings von kleinen Anhöhen umgeben, heiter und schön die Uferbilder wiedergab. »Dies ist der Salzunger See,« sprach Otto zu den Begleitenden: »bei einem Areal von mehr als vierzig Acker ist er an manchen Stellen, namentlich hier an der Nordseite, unter dieser Sandsteinfelsenwand, von beträchtlichster Tiefe, in welcher auch mehrere Salzquellen entspringen, und es ist nicht zu läugnen, dass ungeachtet seiner malerischen Umgebung, ungeachtet dass er eine Zier der Gegend ist, ihm etwas Unheimliches beiwohnt. Mehrere zu verschiednen Malen bemerkte und beobachtete plötzliche Aufwallungen, deren Zeit sonderbarer Weise mit Erdbeben in entfernten Ländern zusammenfiel, namentlich am ersten November siebzehnhundert fünf und fünfzig mit dem in Lissabon, haben zu der Meinung Anlass gegeben, dass dieser kleine Landsee unterirdische Verbindungen mit einer weiten Ferne habe. Ich will das Gewagte dieser Meinung nicht widerstreiten, doch welches Forscherauge durchschaut die räthselhaften Tiefen, blickt in das Geäder des Erdkörpers!« »All' unsre Forschung,« äusserte Lenz: »ist, was das Erdinnere und dessen Zusammenhang mit dem Meere betrifft, wenig mehr, als die Tangente des Kreises, die nur eben berührend an äusserster Grenze hinstreift.« »Auch düstre Sagen von alljährlicher Opferheischung und einer Nixe, die in seiner Tiefe wohnt, theilt dieser See mit vielen seiner deutschen Brüder,« fuhr Otto fort, und machte hierauf die Freunde auf die Einzelnheiten der Umgebung im Weitergehen aufmerksam. »Vor uns erblicken wir, indem wir rechts dem schönen See, links erst einigen Wohnhäusern und einer nach dem See auslaufenden breiten Strasse der Stadt, dann einer Reihe terrassenartig sich abstufender Gärten vorüberwandeln, ein isolirtes Gasthaus, einen mit zwei alten stattlichen Lindenbäumen bewachsenen grossen Rasenplatz, dann eine, mancherlei Bäume und Strauchwerk geschmackvoller Anlagen hoch überragende röthliche Felswand, und darüber seitwärts ein freundlich einladendes Gesellschaftshaus in anmuthigster Umgebung eines nur der schmückenden Flora geweihten Berggartens. Dann immer zur Rechten gewandt, streift der Blick auf Nutzgärten, die an weitgedehnte Felder angrenzen; hierauf führt alsbald die beschränkte Aussicht zum See zurück, lässt neben Gärten das stattliche Gebäude einer Rübenzuckerfabrik gewahren, zeigt uns darüber bürgerliche Wohnungen und herrschaftliche Ökonomiegebäude, und endlich über der nördlichen Felswand ein hübsches zweistockiges Herzogliches Schloss, die Burg genannt, Sitz der Justiz- und Verwaltungsbehörden. Hinter diesem Bau hebt sich das auf gleicher Höhe gelegene Gotteshaus empor. Ein unglücklicher Brand, der im Jahre siebzehnhundert sechsundachtzig Salzungen zum grössern Theil einäscherte, auch die Kirche und die alte Schnepfenburg verzehrte, ist grösstentheils Ursache des jetzt neu und freundlich sich darstellenden Äussern vieler Strassen und Gebäude.« Bei den vorhin erwähnten Linden angelangt, wo schon See und Stadt ein äusserst harmonisches Landschaftbild gewähren, führte nun Otto auf Gartenpfaden die Fremden den Anlagen der sogenannten Grube zu, einem Erdfall, (die ganze Vertiefung, deren Mittelpunkt der See bildet, ist ein solcher) den im grossen Halbkreis eine Sandsteinfelsenwand umgiebt, und dessen niedrigster Punkt ein äusserst tiefer, dunkler Wassertümpfel ohne äussern Zufluss, aber mit einem Abfluss in den See bildet, die Teufelskutte geheissen. Dort begrässt zunächst ein geschmackvolles Tempelchen, der Erinnerung an einen glückverheissenden Tag geweiht, einladend den Wanderer auf vorteilhaftester Stelle der Aussicht. Dann hat Jener wahrzunehmen, wie mitten in eine uranfängliche Öde und dicht neben grossen mit Nutzen ausgebeuteten Steinbrüchen die Landesverschönerungskunst Bäume pflanzte, Schattengänge wölbte, Ruhesitze anbrachte, fremde Zierpflanzen einheimischen zur Seite stellte, tief in die Felswand hinein mächtige Kellergewölbe baute, und so Nützliches und Angenehmes geschmackvoll einigend, als Lebens verschönerungskunst thätig wirksam war. – Mit Lust ergingen sich in den traulichen Anlagen die liebenden Paare, webend an heitern Zukunftbildern, und in der Gegenwart glücklich, befriedigt, während Otto der Mutter zugesellt fast ausschliesslich zu dieser sprach und ihr, der stets gütig und aufmerksam Zuhörenden, auf tausend Fragen Bescheid gab. Aus der Grube unmerklich aufwärts geschritten, sah man sich nun in der Gartenanlage des Seebergs mit einer Sommerwirthschaft in dem heiter geselligen und zahlreichen Kreise Fremder und Einheimischer anlangen, mit Artigkeit da, mit Herzlichkeit dort begrüsst, und musste sich gestehen, einen der schönsten Punkte betreten zu haben. »Betrachtet euch hier am Ziel unsrer diesmaligen gemeinsamen Reise,« sprach Otto zu Lenz und Wagner: »ich sparte absichtlich diese reizende Aussicht in Nähe und Ferne zum Finale auf; das hier aufgerollte Halb-Panorama verdiente von Künstlerhand gezeichnet zu werden. An Thüringens Grenze stehend, erblickt ihr noch einmal in ziemlicher Nähe einen grossen Theil des Waldes und seiner sanften Bergformen.« Tief unten lag der spiegelnde See, mit einer Gondel, von Schwänen und anderm Geflügel belebt, die Stadt nur zum Theil sichtbar, ein reizendes Landschaftgemälde für sich bildend. Vom höchsten Punkte, der für die Fernsicht in den Anlagen des Seebergs vergönnt ist, erläuterte Otto diese nun den Freunden: »Östlich hinauf blickend, sehen wir vor allem den Dolmar mit langgestrecktem Rücken die niedrigeren und nähern Höhen überragen, deren Kette die Berge um Schmalkalden bilden. Dort blicken wir in die Gegend des Drusenthales, und sehen auf dem dunkeln Grunde des Waldgrünes die hohe Warte der Wallenburg hell gezeichnet. Überhaupt werden von hier aus, mit Einschluss der Salzunger Burg, sieben Schlösser, Ruinen und Ruinenstätten erblickt. Über Liebenstein gipfelt sich der Inselsberg empor, auch hier seine malerischen Formen dem Auge gefällig entwickelnd.« »Die Ruine Liebenstein liegt vom Abendscheine umglänzt, waldumgeben auf ihrem Berggipfel, die Felsen des Hohlensteins und Blumenkorbes sind sichtbar, Schloss Altenstein glänzt hell und freundlich herüber, Barchfeld schmückt den Thalgrund, in dem wir eine Reihe Dörfer erblicken, darunter Allendorf, wo früher ein Nonnenkloster sich in eine Thalbucht unter den Schutz der Burg Frankenstein und ihrer Dynasten gestellt hatte, die, einst Herren des ganzen Gaues, sammt ihrer Veste verloschen. Der hinter Salzungen steil ansteigende Mühlberg beschränkt die Aussicht nach Norden, aber nach Westen wird sie wieder frei in den lieblichen Wiesengrund der Werra, auf Dörfer und Höfe, und die Ruine des Krainbergs bildet scheinbar den anziehenden Schlussstein der Fernsicht, eigentlich aber weit hinter ihr der lange Sargrücken des Meissner.« – Die Trennungsstunde nahte, viel zu früh den Liebenden; der Abschied war herzlich, schmerzlich, doch kurz. Man schied ja in bester, seligster Hoffnung. Die Damen fuhren noch gegen Abend nach Eisenach ab, der andre Morgen sah die Freunde durch das Werrathal aufwärts nach Meiningen fahren. Schluss. Anfangs der Rückfahrt mehr nach innen als nach aussen gekehrt, und mehr in Gedanken verkehrend mit der nächsten Vergangenheit und nächsten Zukunft als den sich darbietenden Gegenständen der Aussenwelt und Gegenwart, sassen die Freunde Otto's im Wagen, und dieser störte ihren stillen Gedankenflug auf keine Weise; vielmehr senkte er sich selbst in Nachdenken über das wunderbare Walten einer Macht, die immer verborgen räthselhaft wirkend erscheint, nenne sie nun der Gläubige Vorsehung, Führung, der Ungläubige Zufall, Schicksal, Fatum, der naturphilosophische Denker Weltordnung. Es mussten hundert und aber hundert Zufälligkeiten vorhergehen und zusammentreffen, dass zweimal zwei Menschenleben, verschiednen Ländern entstammt, verschiednen Zielen nachstrebend, sich liebend an einander ketteten; und doch war dabei nichts Ungewöhnliches, nichts Seltsames, und kann dergleichen sich schon hundertmal ereignet haben. So wenig romanhaft war diese Liebe, so frei von Hindernissen, gewaltsamen Erregungen, Kämpfen und Thränen, und dennoch entbehrte sie nicht eines romantischen Interesses, noch weniger des tiefsten, innigsten Gefühls. Im Weiterfahren spann sich indess bald wieder freundliche Unterhaltung, trauliche Mittheilung an. Der Sommertag war hell und schön, das Thal bot manche anziehende Parthie. Drei Dörfer, welche den Namen Breitungen führen, und nahe beisammen liegen, erscheinen von weitem gesehen wie eine Stadt. Herrenbreitungen , auf Churhessischem Grund und Boden, hiess früher Burgbreitungen; das Meiningische Frauenbreitungen hiess Königsbreitungen und war Villa der deutschen Könige, als weiche es schon in Urkunden des zehnten Jahrhunderts vorkommt. Das erstere war ein Mönchs-, das zweite ein Nonnenkloster. Von Breitungen nur eine Stunde entfernt liegt auf einer Anhöhe dicht an der Strasse ein altes burgähnliches Rittergut, die Todtenwart , dessen Mauern von freundlichen Gartenanlagen umgeben sind. Unter schattenden Lindenbäumen, von denen einer sich durch besondre Grösse und Stärke auszeichnet, nahmen die Freunde ein mitgebrachtes Frühstück ein, während der Kutscher nach dem am Bergesfusse gelegenen Gasthaus hinabfuhr. Auf der Höhe ist eine sehr freundliche Aussicht thalabwärts, wie thalaufwärts eröffnet, und einer der geeignetsten Ruhepunkte für Alle die, welche zu ihrem Vergnügen reisen, und denen Stimmung und Verhältnisse betrachtendes Verweilen gestatten. Dort wurde vor Allem den geliebten, nun geschiedenen Gefährtinnen aus vollem Reisebecher ein Lebewohl, ein Lebehoch getrunken, und dann auf die glücklichste Zukunft noch manches Glas geleert. Die Freunde machten noch einmal im Geiste die ganze Reise, gedachten scherzend kleiner unwesentlicher Unfälle und Hemmungen, wie ertragener Mühen, erfreuten sich aber dabei des reinen und ungetrübten Bildes von Thüringen, das fest in ihrer Erinnerung stand. Das Skizzenbuch ward prüfend durchblättert, und Otto konnte sich nicht enthalten, gegen Wagner zu bemerken: »Du hättest doch noch mehr zeichnen sollen, und Manches von andern Standpunkten aus,« worauf Jener sich lächelnd entschuldigte, sprechend: »Mir muss nun das Gesammelte genügen; was ich nicht habe gewinnen können, komme auf Rechnung meiner Bequemlichkeit; doch glaube ich genug zu besitzen, um damit das Buch schmücken zu können, in welchem Du unsre Reise beschreibst, denn solches wirst Du schwerlich unterlassen können!« Auch Lenz sprach ähnliche Meinung aus, und Otto erwiederte, den Scherz der Freunde von der ernsten Seite aufnehmend: »Wenn ich mir eine Reise, wie wir sie gemeinsam unternahmen, von meiner Hand geschildert denke, überfällt mich ein gewisses Zagen. Wie vieles Schöne hat nicht Thüringen noch neben dem Geschauten, Bereisten, dem ich euch nicht zuführen konnte?! Selbst der Wald – nach jeder Richtung hin Interessantes, Malerisches darbietend, konnte von uns nur fragmentarisch überblickt und gewürdigt werden, bedeutende Städte, ich nenne nur Langensalza, Mühlhausen, Nordhausen, blieben mit ihren Gebieten ganz ausser dem Bereich unsrer Tour. Und dann – die Schilderung selbst – wie Vieles würde in einen engen Raum zusammen zu drängen, wie oft würde ich müssen darauf bedacht sein, mehr zu verschweigen, als zu sagen, und am Ende doch nicht dem Vorwurf allzugrosser Redseligkeit entgehen? Dabei würde ich dennoch nach Vollendung des Ganzen die Empfindung haben, die sich aufdringt, wenn man in eines lieben Freundes Nähe war, von ihm schied, und nun fühlt, ihm dies und das, was man ihm sagen wollen, doch nicht gesagt zu haben, weil es viel Mehr und Andres zu plaudern gab. Endlich möchten die verschiedenartigsten Anforderungen des kritischen Theiles unsers Publikums zu bedenken, wenn auch nicht zu fürchten sein, wiewohl es wirklich einige Individualitäten darunter giebt, deren allzu jugendliche Phantasie ihren Verstand überredet, man müsse sonderlich auf ihre Weisheit achten, ihr Urtheil fürchten und ihre eingebildete geistige Superiorität scheuen, während der Billige und Verständige ruhig ihrem nur leider oft zu gewaltsamen Ringen nach Autorität zusieht und ihnen von Herzen erwünschtes Emporkommen gönnt.« »Hast Du Musse und Lust zu schreiben,« nahm Lenz das Wort: »so kümmre Dich um nichts und um Niemand und schreibe. Schildre nach eignem Ermessen, schmeichle nirgend und übertreibe nie. Jedes Buch ist gut, das aus innerlich empfundner Wahrheit hervorgeht. Die Anforderungen der Kritik sind stets so mannichfaltig, dass Alle zu befriedigen durchaus unmöglich ist. Einer liebt Charakteristiken, Persönlichkeiten; ein Zweiter möchte politische Zustände der Völker und Staaten geschildert, Mängel beleuchtet und aufgedeckt sehen; ein Dritter würde alles Historische hervorgehoben und mit gründlichster und tiefster Forschung vor Augen gelegt wünschen, während einem Vierten wünschenswerth erscheinen dürfte, die poetischen Grundstoffe in Mähr und Sage weitläuftig zu müssiger Unterhaltung versponnen zu finden.« »Dies Alles zu berücksichtigen ist schier unmöglich für einen Einzelnen, für ein Einzelwerk,« fuhr Otto fort: »darum hat man sich hier und immer dem Publikum auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Die Kritik, wenn sie ächt und ehrlich, und es ihr nicht darum zu thun ist, eines Autors Charakter und Persönlichkeit anzutasten oder zu verläumden, wird ihren Scharfsinn überall an dem Vorhandnen üben, nicht an dem, was mangelt. Wir aber eilen heiter und wohlgemuth, lebensfroh und harmlos unsern Heimathorten wieder zu, und singen da, wo wir ausgingen und die Wanderung begannen: Wanderstab, Dankend legen wir dich ab! Weil es muss geschieden sein Raste nun und ruhe fein. Glücklich sei, wer dich ergreift, Mit dir in die Weite schweift, Über Thal und Höhen streift! Wanderstab! Erst am Pilgerziel, am Grab, Legen wir dich ab.«