Gustav Aimard Mexicanische Nächte – Vierter Theil   Leipzig. Verlag von Chr. E. Kollmann. 1865. I. Der Auszug. Um fünf Uhr Morgens verließ Miramon, wie er dem Abenteurer versprochen hatte, Mexiko an der Spitze seiner Truppen. Seine Macht war nicht bedeutend, sie bestand nur aus dreitausend fünfhundert Mann, Infanterie und Cavallerie, da er die Artillerie wegen der schlechten Wege zurücklassen mußte. Jeder Reiter hatte einen Infanteristen hinten auf dem Pferde, um auf diese Weise den Marsch zu beschleunigen. Es war in der That ein gewagter Ueberfall, welchen der General beabsichtigte, der aber eben seiner Kühnheit wegen die größten Chancen des Erfolgs für sich hatte. Der General Miramon ritt an der Spitze der Armee mitten unter seinem Generalstab, mit welchem er heiter plauderte. Wenn man ihn so ruhig und lächelnd gesehen hätte, würde man nicht geglaubt haben, daß irgend ein Nebengedanke seinen Geist bewegte; er schien, indem er Mexiko verließ, jene glückliche Sorglosigkeit der Jugend wieder gewonnen zu haben, welche die Sorgen der Macht ihn so schnell hatten vergessen lassen. Der etwas kühle Morgen prophezeite einen schönen Tag: ein durchsichtiger Nebel drang aus der Erde durch die allmählich immer heißer werdenden Sonnenstrahlen hervor. Einige Heerden wurden vereinzelt in den Ebenen sichtbar; Arrieros trieben ihre Maulesel mitten durch dieselben auf dem Wege nach Mexiko hin, das vortrefflich angebaute Land bot keine Spur des Krieges dar, sondern schien sich im Gegentheil der größten Ruhe zu erfreuen. Einige Indianer führten ihre Ochsen nach der Stadt, Andere brachten Früchte und Gemüse und sangen in heiterer Sorglosigkeit, um sich die Langeweile des weiten Wegs zu vertreiben. Als sie bei dem Präsidenten, den sie sehr wohl kannten, vorbeikamen, blieben sie erstaunt stehen, entblößten ihr Haupt und grüßten ihn ehrerbietig. Auf Befehl Miramon's hatten die Truppen einen Weg eingeschlagen, dessen Grundlosigkeit den Pferden nur mit außerordentlicher Schwierigkeit vorwärts zu kommen erlaubte. Bald darauf wurde die Landschaft abschüssiger, der Gang rascher, tiefes Schweigen herrschte in den Reihen der Soldaten, denn man näherte sich dem Feinde. Gegen zehn Uhr Morgens ließ der Präsident Halt machen, um den Pferden die nöthige Erholung zu gönnen und den Soldaten zum Frühstücken Zeit zu lassen. Gewöhnlich giebt es nichts Seltsameres, als eine mexikanische Armee; jeder Soldat ist von seinem Weibe begleitet, welches die Speisevorräthe trägt und die Mahlzeiten bereiten muß. Sobald die Truppen Halt machen, lagern sich diese Unglücklichen, welche ergeben die furchtbarsten Strapazen des Krieges ertragen, in einiger Entfernung von denselben, was den mexikanischen Armeen den Schein einer Auswanderung verleiht. Sobald eine Schlacht geliefert wird, bleiben sie stumme Zuschauerinnen des Kampfes, indem sie im Voraus wissen, daß sie die Beute des Siegers sein werden, und unterwerfen sich mit philosophischer Ruhe dieser harten Nothwendigkeit. Diesmal war es nicht so; der Präsident hatte ausdrücklich befohlen, daß keine Frau der Armee folge; die Soldaten hatten daher ihre zubereiteten Vorräthe in ihren Alforjas mit sich geführt; eine Vorsicht, welche nicht allein einen bedeutenden Zeitverlust, welchen die Bereitung der Speisen erforderte, ersparte, sondern auch außerdem den Vortheil gewährte, daß man kein Feuer anzuzünden brauchte. Um elf Uhr wurde zum Aufsitzen geblasen und jeder Soldat nahm wieder seinen Platz in den Reihen ein. Man näherte sich Toluca, wo der Präsident den Feind zu erwarten entschlossen war. Der von tiefen Schluchten durchzogene Weg wurde immer schwieriger zu passiren, dennoch waren die Soldaten nicht muthlos, es war die Elite der Truppen Miramon's, seine treuen Anhänger, welche ihn seit Beginn des Krieges nicht verlassen hatten. Lachend und ermuthigt durch ihren jungen General, der tapfer vor ihnen herritt und ihnen ein Beispiel zur Geduld gab, überwanden sie die Hindernisse. Der General Cobos war mit einigen zwanzig entschlossenen Männern auf Recognoscirung ausgezogen, um den Feind zu überwachen und den Präsidenten zu benachrichtigen, sobald er ihn bemerkte. Plötzlich erblickte Miramon drei Reiter, die mit verhängtem Zügel auf ihn zusprengten; er vermuthete mit Recht, daß dieselben ihm wichtige Nachrichten brächten, und so spornte er sein Pferd an und ritt ihnen entgegen. Bald hatte er sie erreicht. Von diesen drei Männern waren zwei Soldaten, der dritte, gut beritten und bis an die Zähne bewaffnet, schien ein Bauer zu sein. »Wer ist dieser Mann?« fragte der General, sich an einen der Soldaten wendend. »Excellenz,« antwortete der eine von ihnen, »dieser Mann ist bei dem General erschienen und hat verlangt, zu Ihnen geführt zu werden, da er der Ueberbringer eines Briefes ist, welcher Ihnen persönlich übergeben werden soll.« »Wer sendet Dich zu mir?« fragte der Präsident den Unbekannten. »Euer Excellenz wollen zuerst diesen Brief lesen,« antwortete der Bauer, indem er ein versiegeltes Papier aus seinem Dolman zog und dem General ehrerbietig überreichte. Miramon brach das Siegel und durchlief den Brief mit den Augen. »Ah! ah!« meinte er, den Unbekannten aufmerksam betrachtend, »wie heißest Du, mein Bursche?« »Lopez, Herr General.« »Gut! Also er ist hier in der Nähe?« »Ja, General, in einem Hinterhalt mit dreihundert Reitern.« »Und er stellt Dich mir zur Verfügung?« »Ja, General, für die ganze Zeit, daß Sie meiner bedürfen werden.« »Sage mir, Lopez, bist Du in diesem Lande bekannt?« »Ich bin in demselben geboren, Excellenz.« »Also kannst Du uns führen?« »Wohin es Ihnen beliebt.« »Kennst Du die Stellung des Feindes?« »Vollkommen, Excellenz; die Colonnen der Generäle Beriozabal und Degollado sind nur ungefähr eine Meile von Toluca entfernt, wo sie einen längern Halt machen müssen.« »In welcher Entfernung von Toluca sind wir?« »Wenn Sie diesen Weg verfolgen, ungefähr drei Meilen, Excellenz.« »Das ist sehr weit, giebt es keinen andern, kürzeren Weg?« »Es giebt einen, der die Entfernung um zwei Drittel abkürzt.« »Carai!« rief der General, »diesen müssen wir einschlagen.« »Ja, aber er ist schmal gefährlich, und für die Artillerie unpassirbar, selbst die Cavallerie wird große Schwierigkeiten haben.« »Ich habe keine Artillerie.« »Dann ist die Sache möglich, General.« »Daß läßt sich hören.« »Allein, wenn Euer Excellenz mir erlaubten, so möchte ich einen Vorschlag machen.« »Sprich.« »Der Weg ist sehr holperig, es wäre daher vortheilhaft, die Reiterei absitzen zu lassen, die Infanterie mag vorausgehen und dann die Cavalleristen, ihre Pferde am Zügel führend, ihnen folgen.« »Das wird uns sehr verspäten.« »Im Gegentheil, wir werden zu Fuß rascher vorwärts kommen.« »Es sei; in wie viel Zeit werden wir in Toluca sein?« »In drei Viertelstunden, General ... ist das zu viel?« »Nein, wenn Du Dein Versprechen erfüllst, erhältst Du zehn Unzen.« »Obwohl mich nicht das Interesse leitet,« versetzte Lopez lachend, »so bin ich doch meiner Sache so gewiß, daß ich das Geld als gewonnen betrachte.« »Nun, da es so ist, so nimm es sogleich,« sprach der General, indem er ihm seine Börse reichte. »Dank, Excellenz, jetzt wollen wir aufbrechen, wenn Sie wollen; allein empfehlen Sie den Soldaten das tiefste Schweigen, damit wir den Feind überraschen und ihn angreifen, bevor er Zeit gehabt hat, uns wahrzunehmen.« Miramon sandte einen Soldaten an den General Cobos, um ihm den Befehl zu überbringen, sogleich zur Hauptarmee zurückzukehren, dann ließ er die Soldaten absitzen und die Infanteristen zu Vier aufmarschiren, als die größte Breite, welche möglich war; die Cavallerie, ihre Pferde am Zügel führend, bildete die Nachhut. Der General Cobos hatte sie bald wieder erreicht; in wenigen Worten theilte ihm Miramon das Beabsichtigte mit. Der Präsident übergab sein Pferd und das des Führers einem Soldaten, und stellte sich, ungeachtet der Bitten seiner Freunde, an die Spitze seiner Truppen. »Nein,« antwortete er auf ihre Einwendungen, »ich bin Euer Chef: in dieser Eigenschaft kommt mir der größte Theil der Gefahr zu, hier ist mein Platz!« Sie waren gezwungen, ihn nach seinem Willen handeln zu lassen. »Brechen wir auf,« sagte Miramon zu Lopez. »Ja, General.« Sie setzten sich in Marsch; alle diese Bewegungen wurden im tiefsten Schweigen und mit bewunderungswürdiger Raschheit ausgeführt. Lopez hatte sich nicht getäuscht: der Weg, welchen die Truppen genommen hatten, war so felsig und schwierig zu passiren, daß die Soldaten viel rascher zu Fuß vorwärts kamen. »Geht dieser Weg noch lange in dieser Weise fort?« fragte der Präsident den Führer. »Bis beinahe einen Büchsenschuß vor Toluca, General,« antwortete dieser; »dort angekommen, steigt er ziemlich rasch aufwärts, und erweitert sich so, daß man ganz Toluca beherrschen kann, von dort ist es leicht, selbst mit der Reiterei den Weg im schnellsten Galopp zurückzulegen.« »Hm! es liegt Gutes und Schlechtes zugleich in Dem, was Du mir da sagst.« »Ich verstehe Excellenz nicht.« »Nun, es ist doch sehr klar, scheint mir: in dem Fall, daß die Puros die Höhe mit einer Reihe Schildwachen besetzt haben, würde unser Plan verrathen und unsere Expedition vergeblich sein; Du hast dies nicht überlegt, als Du uns hieherführtest.« »Verzeihung, Excellenz, die Puros wissen, daß kein Armeekorps in der Nähe ist, sie glauben sich sicher und keinen Angriff befürchten zu müssen; sie werden daher auch keine in ihren Augen unnütze Vorsicht gebrauchen, um so mehr als die Höhen, deren Sie erwähnten, von ihrem Lager zu entfernt und auch zu hoch sind, als daß sie daran denken sollten, dieselben zu besetzen.« »Nun, mit Gottes Hülfe!« murmelte der General. »Jetzt bin ich hier und werde nicht weichen.« Und sie verdoppelten ihre Vorsicht, während sie immer weiter vordrangen. Seit ungefähr fünfundzwanzig Minuten waren sie dem Wege gefolgt, als Lopez, nachdem er prüfend umhergeschaut hatte, plötzlich Halt machte. »Was machst Du?« fragte der General. »Sie sehen es, Excellenz, ich mache Halt; auf der andern Seite dieser vor uns befindlichen Krümmung beginnt der Pfad zu steigen, wir sind höchstens noch einen Büchsenschuß von Toluca entfernt. Wenn Sie erlauben, will ich vorausgehen, um zu sehen, ob Sie frei passiren können und die Höhen unbesetzt sind.« Der General blickte ihn forschend an. »Geh,« sagte er endlich, »wir werden Deine Rückkunft abwarten, bevor wir weiter gehen, ich vertraue Dir.« Lopez entledigte sich seiner Waffen und seines Hutes, welche ihm nicht allein unnütz waren, sondern ihn sogar verrathen konnten und sich auf den Boden legend, begann er nach indianischer Sitte zu klettern, und war bald in den den Pfad begrenzenden Büschen verschwunden. Auf ein Zeichen des Generals hatte die Armee fast augenblicklich Halt gemacht. Einige Minuten verflossen. Die Generäle traten zu dem Präsidenten. Der Führer kehrte nicht zurück. Die Angst stieg auf's Höchste. »Dieser Mensch verräth uns,« sagte der General Cobos. »Das glaube ich nicht,« antwortete Miramon sogleich, »ich kann mich auf Den verlassen, der ihn mir gesandt hat.« In diesem Augenblick theilten sich die Büsche und Lopez erschien. Sein Gesicht war ruhig, sein Auge klar, sein Gang sicher; er näherte sich dem Präsident und wartete, nachdem er sich verneigt hatte, daß dieser das Wort an ihn richten sollte. »Nun?« fragte Miramon. »Ich bin bis zum Gipfel der Höhe vorgedrungen, Excellenz,« erwiderte er, »und habe deutlich die Bivouacs der Puros gesehen; sie ahnen unsere Gegenwart nicht, ich glaube, Sie werden handeln können.« »Sie haben also keine Schildwachen auf der Höhe aufgestellt?« »Nein, General.« »Wohlan, so führe mich bis zu dem Eingang des Weges, ich muß den Ort kennen lernen, um meine Angriffspläne danach einzurichten.« Lopez nahm seine Flinte und seinen Hut. »Ich bin bereit,« sagte er. Sie gingen vorwärts, hinter ihnen in geringer Entfernung folgte die Armee. Alles war leer, wie der Führer es berichtet hatte. Miramon prüfte das Terrain mit der ernstesten Aufmerksamkeit. »Gut,« murmelte er, »ich weiß jetzt, was mir zu thun übrig bleibt« und sich zu dem Führer wendend, setzte er hinzu: »Dein Herr hat also eine solche Stellung eingenommen, um dem Feind in den Rücken zu fallen?« »Ja, Excellenz.« »Aber wie sollen wir ihn benachrichtigen, damit sein Angriff mit dem unsrigen zusammentrifft?« »Nichts leichter, Excellenz. Sehen Sie diesen Baum, der dort allein steht und dessen Gipfel die Höhe beherrscht?« »Ja, ich sehe ihn, nun?« »Ich habe Befehl, den Gipfel dieses Baumes im entscheidenden Augenblicke, wo Sie den Angriff beginnen werden, abzuschneiden; dies wird für ihn das Signal sein, den Feind zu beschießen?« »Wahrhaftig!« rief er, »dieser Mann ist zum Feldherrn geboren, nichts entgeht ihm; geh zu dem Baum, ersteige ihn und halte Dich bereit; sobald ich meinen Degen erheben werde, schlage mit deiner Machete den Gipfel des Baumes ab. Hast Du mich verstanden?« »Vollkommen, Excellenz, aber was soll ich nachher thun?« »Was Du willst.« »Gut, so werde ich zu meinem Herrn zurückkehren.« Er nahm die Zügel seines Pferdes dem Soldaten ab, der es gehalten hatte, und ritt ruhig auf den Baum zu. Miramon theilte seine Infanterie in drei Corps und behielt die Cavallerie als Reserve. Bald hatten sie den Hügel erreicht. »Vorwärts! vorwärts!« rief Miramon, indem er seinen Degen schwang und den Abhang hinabeilte. Die ganze Armee rollte wie eine Lawine hinter ihm her. Sobald Lopez den Präsidenten seinen Degen erheben sah, hatte er mit einem Schlage den Gipfel des Baumes abgetrennt, nachdem er dies ausgeführt, glitt er leise zu Boden, sprang auf sein Pferd und sprengte im Galopp der Armee nach. Das plötzliche Erscheinen der Miramon'schen Truppen hatte in dem Lager der Puros die größte Verwirrung hervorgebracht, denn sie waren weit entfernt, einen so raschen und kräftigen Angriff zu vermuthen, um so mehr als ihre Spione ihnen versichert hatten, daß kein Armeecorps sich in der Nähe befinde. Die Soldaten stürzten nach ihren Waffen, und die Offiziere versuchten einen Widerstand zu organisiren, aber noch bevor die Reihen sich geschlossen hatten, drangen schon die Truppen des Präsidenten auf sie ein und griffen sie wüthend an mit dem Geschrei: »Es lebe Mexiko! Miramon! Miramon.« Indessen sammelten sich die Generäle, welche die Puros commandirten immer mehr zum Widerstand und eröffneten an der Spitze der Soldaten, die sich bereits bewaffnet hatten, ein mörderisches Feuer; die Kanonen wurden in Batterie gesetzt und eine furchtbare Kanonade begann gegen die Infanterie des Präsidenten. Das Treffen wurde ernst. Die Jouaristen hatten den Vortheil der Menge; von dem panischen Schrecken, der sie Anfangs ergriffen hatte, wieder hergestellt, war zu fürchten, daß sie, wenn der Kampf sich verlängerte, die Offensive ergreifen würden. In diesem Moment ließ sich in ihrem Rücken ein furchtbares Geschrei vernehmen, und eine zahlreiche Reitertruppe drang mit eingelegten Lanzen auf sie ein. Zwischen zwei Feuern glaubten sich die Juaristen verrathen; sie verloren den Kopf und begannen sich aufzulösen. In demselben Augenblick erschien auch Miramon's Cavallerie und griff den Feind heftig an. Der Kampf artete in ein wahres Gemetzel aus; von drei Seiten zugleich bedrängt, dachten die Juaristen nur daran, sich Bahn zu machen. Der Rückzug begann und bald war es eine vollständige Flucht. Der General Beziozabal, der General Degollado, seine Söhne, zwei Oberste, sämmtliche Offiziere des Generalstabs, vierzehn Geschütze, eine große Menge Munition und Waffen und mehr als zweitausend Gefangene fielen in die Hände Miramon's. Der Präsident hatte sieben Todte und elf leicht Verwundete. Die Schlacht hatte nur fünfundzwanzig Minuten gedauert. Der Sieg war vollständig. Das launenhafte Glück lächelte ein letztes Mal Demjenigen, den es aufgegeben hatte. II. Triumph. Dieser unerwartete, so vollständige Sieg Miramon's über die durch renommirte Offiziere befehligten, kriegsgeübten Truppen gab den erschreckten Anhängern des Präsidenten der Republik den Muth und die Hoffnung wieder. Der Geist der Soldaten hatte sich in einem solchen Grade geändert, daß sie nicht mehr an dem Triumph ihrer Sache zweifelten und in wenigen Minuten betrachteten sie dieselbe fast als siegreich. Allein mitten in dieser allgemeinen Freude machte sich Miramon keine Illusion über die Tragweite des Sieges, den er errungen hatte; für ihn war dieser neue Glanz seiner so lange siegreich gewesenen Waffen nur das letzte Auflodern einer dem Erlöschen nahen Fackel. Er kannte seine unsichere Lage zu gut, als daß er sich auch nur einen Augenblick in trügerischen Hoffnungen hätte wiegen sollen; innerlich dagegen dankte er der Glücksgöttin, daß sie ihm ein letztes Lächeln bewilligt hatte, welches ihn nicht wie einen gewöhnlichen Mann von der Höhe herabstürzte. Sobald die Cavallerie, welche die Flüchtlinge verfolgte, um sie zu verhindern, sich wieder zu vereinigen, wieder zu der auf dem Schlachtfelde gebliebenen Hauptarmee gestoßen war, gab Miramon nach zweistündiger Rast den Befehl, nach Mexiko zurückzukehren. Die Rückkehr des Corps war nicht eben so rasch bewerkstelligt, als sein Auszug; die ermüdeten Pferde konnten nur mit Mühe vorwärts, die Infanterie ging zu Fuß, um die Gefangenen zu eskortiren, außerdem konnten die Kanonen und zahlreichen Bagagewagen, die man erobert hatte und die der Armee folgten, nur einen breiten und geebneten Weg passieren, was den General Miramon nöthigte, die Hauptstraße zu wählen, wodurch eine Verzögerung von mehren Stunden entstand. Ungefähr um zehn Uhr Abends erreichte die Avantgarde des Corps Mexiko. Es war stockfinster, und dennoch schien die Stadt durch unzähliche Lichter erleuchtet. Die guten wie die schlechten Nachrichten verbreiteten sich mit außerordentlicher Schnelligkeit; erkläre, wer es vermag, das unauflösliche Räthsel, aber gewiß ist, daß die Schlacht bei Totuca kaum beendet war, als man auch schon den Ausgang derselben in Mexiko kannte. Das Gerücht von dem Siege des Präsidenten lief von Mund zu Munde, ohne daß man wußte, wer es überbracht hatte. Bei der Nachricht dieses unverhofften Sieges war die Freude allgemein, der Enthusiasmus stieg auf's Höchste und als es dunkel wurde, war die Stadt freiwillig illuminirt. Der Magistrat erwartete den Präsident am Eingang der Stadt, um ihm seine Glückwünsche darzubringen; die Truppen defilirten zwischen zwei dichten Volksreihen hindurch, welche Miramon mit begeisterten Vivats empfingen und Taschentücher und Hüte zu seiner Begrüßung schwenkten. Ungeachtet der vorgerückten Stunde läuteten alle Glocken der Stadt, und die zahlreichen, unter die Menge gemischten Hüte von Mitgliedern der Geistlichkeit bewiesen, daß die Priester und Mönche, die noch den Tag vorher so kalt gegen den Mann waren, den sie bisher stets unterstützt hatten, sich plötzlich durch die Nachricht seines Sieges von Neuem zur Begeisterung hingerissen fühlten. Miramon ritt ruhig und gleichmüthig durch die Menge und erwiderte mit unmerklicher Ironie die Grüße, mit welchen man ihn unaufhörlich von allen Seiten überschüttete. Vor seinem Palast angelangt, sprang er vom Pferde; an der Pforte desselben empfing ihn ruhig lächelnd ein Mann. Es war der Abenteurer. Sobald ihn Miramon bemerkte, konnte er eine freudige Bewegung nicht unterdrücken. »Ah! kommt, mein Freund,« rief er, indem er auf ihn zu eilte. Und zur allgemeinen Verwunderung zog er dessen Arm unter den seinigen und trat mit ihm in das Innere des Palastes. Als der Präsident sein Privatcabinet erreicht hatte, wo er gewöhnlich arbeitete, warf er sich in einen Fauteuil und trocknete mit einem Taschentuche sein in Schweiß gebadetes Gesicht. »Oh!« stieß er in dem Tone übler Laune hervor, »ich bin wie gerädert; dieser dumme Empfang, dem ich wider Willen beizuwohnen gezwungen gewesen, hat mich auf Ehre mehr ermüdet, als alle andern Ereignisse des in seinen außerordentlichen Entwicklungen so furchtbaren Tages.« »Nun,« antwortete gerührt der Abenteurer, »ich bin glücklich, Sie so sprechen zu hören, General; ich fürchtete, daß Ihr Erfolg Sie berauscht haben könnte.« Der General zuckte verächtlich die Schultern. »Für wen haltet Ihr mich, mein Freund,« erwiderte er; »und welche traurigen Gedanken habt Ihr über mich, wenn Ihr glaubt, daß ich mich durch einen Erfolg blenden lasse, der, so glänzend er auch scheint, in Wahrheit nur ein Sieg mehr in der Reihe ist, dessen Resultat jedoch ebenso nichtig für die Sache sein wird, welche ich unterstütze.« »Was Sie sagen, General, ist leider nur zu wahr.« »Glaubt Ihr, daß ich es nicht weiß? Mein Sturz ist unvermeidlich; diese Schlacht wird ihn kaum um einige Tage verzögern; ich muß fallen, weil mich, trotz der begeisterten Zurufe der stets wechselnden, leicht zu täuschenden Menge, die bis jetzt meine Stärke gewesen ist, und mich in dem begonnenen Kampfe unterstützte, der Geist dieser Nation verlassen hat, das fühle ich.« »Gehen Sie nicht zu weit, General! Noch zwei Schlachten wie diese, und wer weiß, ob Sie dann nicht alles Verlorene wieder erobert haben werden.« »Mein Freund, der Erfolg der heutigen gebührt Euch; Dank Eurem glänzenden Angriff im Rücken der Feinde, ist derselbe in Verwirrung gebracht und besiegt worden.« »Sie sind eigensinnig und wollen Alles schwarz sehen; ich wiederhole Ihnen: noch zwei Schlachten wie diese und Sie sind gerettet.« »Diese Schlachten, mein Freund, werde ich liefern, wenn man mir dazu Zelt läßt. Ach! wenn ich anstatt allein in Mexiko eingeschlossen, noch ergebene Offiziere hätte, die den Krieg nach diesem Siege unterhalten könnten, so möchte Alles anders werden.« In diesem Augenblick ging die Thür, auf und der General Cobos erschien. »Ah! Sie sind es, mein lieber General,« sagte der Präsident, ihm die Hand reichend und plötzlich wieder eine lächelnde Miene annehmend, »seien Sie mir willkommen. Welcher Beweggrund verschafft mir das Vergnügen, Sie zu sehen?« »Ich bitte Eure Herrlichkeit mich zu entschuldigen, wenn ich wage, unangemeldet hier einzutreten; aber ich habe ernste Dinge zu berichten, die keine Zögerung dulden.« Der Abenteurer erhob sich, um sich zu entfernen. »Bleibt, ich bitte Euch,« sagte der Präsident, ihn zurückhaltend; »sprechen Sie, mein lieber General.« »Herr Präsident, es herrscht die größte Verwirrung auf dem Platze zwischen Volk und Soldaten; man verlangt mit wüthendem Geschrei, daß die zu Gefangenen gemachten Offiziere als Verräther am Vaterlande sogleich erschossen werden.« »Wie?« sagte der Präsident, indem er sich rasch erhob und leicht erblaßte, »was berichten Sie mir da, mein lieber General?« »Wenn Euer Herrlichkeit die Fenster dieses Gemachs öffnen wollen, werden Sie das Mordgeschrei vernehmen, welches die Armee und das Volk gemeinsam ausstoßen.« »Ah!« murmelte Miramon, »politische Meuchelmorde mit kaltem Blute nach dem Siege begehen! Niemals werde ich darein willigen, solche schändliche Verbrechen zu billigen! Nein, tausendmal nein; wenigstens was mich betrifft, soll es nicht so sein. Wo sind die gefangenen Offiziere?« »Sie werden im Hofe des Palastes bewacht.« »So geben Sie den Befehl, daß sie sogleich vorgeführt werden; gehen Sie, General.« »Ah! mein Freund,« rief der Präsident entmuthigt, sobald er sich mit ihm allein sah, »was kann man von so einem alles moralische Gefühl entbehrenden Volke wie das unsere erwarten? Ach! was müssen die europäischen Regierungen von so augenscheinlicher Barbarei denken! Welche Verachtung müssen sie nicht für unsere unglückliche Nation fühlen! Und dennoch,« setzte er hinzu, »ist dieses Volk nicht böse, nur seine lange Sclaverei und die ewigen Revolutionen, dessen Opfer es seit vierzig Jahren beständig gewesen, hat es so grausam gemacht. Kommt, folgt mir, ich muß damit zu Ende kommen.« Begleitet von dem Abenteurer, verließ er sein Cabinet und begab sich nach einem weiten Saal, wo seine ergebenen Anhänger sich vereinigt hatten. Der Präsident nahm einen um zwei Stufen erhöhten Sitz ein, der sich für ihn am Ende des Saales befand, und die seiner Sache treu gebliebenen Offiziere stellten sich zu beiden Seiten von ihm auf. Auf einen Wink Miramon's war der Abenteurer, dem Anschein nach unberührt von den Vorgängen, an seiner Seite geblieben. Bald darauf vernahm man draußen ein Geräusch sich nähernder Tritte und Waffengeklirr, und die gefangenen Offiziere, von dem ihnen voranschreitenden General Cobos geführt, traten in den Saat. Obwohl diese Gefangenen eine äußere Ruhe zeigten, waren sie doch über das Schicksal, welches man ihnen vorbehalten hatte, ziemlich besorgt; sie hatten das gegen sie ausgestoßene, wüthende Geschrei gehört und kannten die üble Stimmung der Anhänger Miramon's gegen sie. Der, welcher voran ging, war der General Beriozabal, ein junger Mann von höchstens dreißig Jahren, mit ausdrucksvollem Kopf, feinen und intelligenten Zügen und edlem, ungezwungenen Gange; ihm folgte der General Dogollado zwischen seinen beiden Söhnen, dann zwei Oberste und die Offiziere, welche den Generalstab des General Beriozabal bildeten. Die Gefangenen schritten mit fester Haltung auf den Präsidenten zu, welcher bei ihrer Annährung rasch seinen Platz verließ und ihnen mit freundlichem Lächeln einige Schritte entgegen ging. »Caballeros,« sagte er zu ihnen, sie höflich grüßend, »ich bedaure, daß die Umstände, in welche wir leider versetzt sind, mir nicht gestatten, Ihnen sogleich die Freiheit zurückzugeben; jedoch werde ich durch alle mir zu Gebote stehenden Mittel versuchen, Ihnen die Gefangenschaft, welche, wie ich hoffe, nicht von langer Dauer sein wird, so angenehm wie möglich zu machen. Wollen Sie vor allen Dingen Ihre Degen zurücknehmen, die Sie so tapfer getragen und deren Sie beraubt zu haben, ich lebhaft bedaure.« Er winkte dem General Cobos, welcher sich beeilte, den Gefangenen ihre genommenen Waffen wieder zu übergeben, welche dieselben mit freudiger Bewegung empfingen. »Jetzt, Caballeros,« nahm der Präsident wieder das Wort, »erzeigen Sie mir die Ehre, die Gastfreundschaft, welche ich Ihnen in diesem Palast anbiete, wo Sie mit aller der Rücksicht, die Ihr Unglück verdient, behandelt sein werden, anzunehmen. Ich verlange nur Ihr Wort als Soldaten und Ehrenmänner, nicht ohne meine Billigung sich zu entfernen, nicht weil ich an Ihrer Ehre zweifle, sondern einzig und allein, um Sie den Versuchen der gegen Sie schlecht gesinnten und durch die Leiden eines langen Krieges erbitterten Menge zu entziehen. Sie sind also Gefangene auf Ehrenwort, Caballeros, und vollkommen frei nach Ihrem Belieben zu handeln.« »Herr General,« erwiderte darauf der General Beriozabal im Namen Aller, »wir danken Ihnen aufrichtig für Ihre Freundlichkeit; wir durften nicht weniger von Ihrem bekannten Edelmuth erwarten. »Wir geben freudig das von uns geforderte Wort und werden uns nur der Freiheit in den uns gestatteten Grenzen erfreuen, und gleichzeitig Ihnen das Versprechen leisten, in keiner Weise den Versuch zu machen, unsere Freiheit wieder zu erlangen, bevor wir unseres Wortes enthoben sind.« Nach einigen, zwischen dem Präsidenten und den beiden Generalen ausgetauschten Höflichkeiten, zogen sich die Gefangenen in die ihnen angewiesenen Gemächer zurück. In dem Moment, wo Miramon sich anschickte, in sein Cabinet zurückzukehren, hielt ihn der Abenteurer lebhaft zurück, und zeigte auf einen höheren Offizier, welcher sich in der Gruppe zu verbergen suchte. »Kennen Sie diesen Mann?« sagte er mit leiser, bebender Stimme. »Gewiß kenne ich ihn,« antwortete der Präsident, »er ist nur erst seit einigen Tagen bei mir, und hat mir schon ungeheure Dienste erwiesen. Er ist ein Spanier und heißt Antonio Cacerbar. »Oh! ich weiß seinen Namen,« entgegnete der Abenteurer, »denn ich kenne ihn leider schon seit langer Zeit. Dieser Mensch, General, ist ein Verräther.« »Ei, Ihr wollt scherzen.« »Ich wiederhole Ihnen, General, daß dieser Mann ein Verräther ist, dessen bin ich gewiß!« »Ich bitte Euch, beharrt nicht länger darauf, mein Freund,« unterbrach ihn rasch der General, »es wäre mir peinlich. Gute Nacht, erfreut mich morgen mit Eurem Besuch, ich habe über wichtige Dinge mit Euch zu reden.« Und ihm freundlich winkend, trat der Präsident in sein Gemach und schloß die Thür hinter sich. Der Abenteurer blieb nachdenklich einen Augenblick stehen, schmerzlich berührt von der Gleichgültigkeit des Präsidenten. »Oh!« sprach er betrübt, »Diejenigen, welche Gott verlassen will, schlägt er mit Blindheit! Leider ist jetzt Alles zu Ende, der Mann ist unwiderruflich verurtheilt, seine Sache ist verloren!« Und er verließ den Palast mit den düstersten Ahnungen. III. Der Palo-Guemado. Der Abenteurer hatte den Palast verlassen; die Plaza-Mayor war leer, die Volksaufregung hatte sich eben so schnell wieder gelegt, wie sie entstanden war. Vermöge der Bitten einiger einflußreicher Personen waren die Soldaten in ihre Quartiere zurückgekehrt; als die Leperos und andere eben so schätzbare Bürger, welche die Majorität des erregten Volkes bildeten, einsahen, daß sie nichts thun konnten und die Opfer, nach denen ihnen gelüstete, ihnen entschlüpften, hatten sie sich endlich nach einigem Geschrei und spöttischem Gelächter zerstreut, um in die mehr oder weniger in üblem Rufe stehenden zu jeder Zeit offenen Wirthshäuser einzukehren, wo sie sicher sein konnten, ein Asyl zu finden. Nur Lopez war fest auf seinem Posten geblieben. Der Abenteurer hatte ihm befohlen, ihn an der Pforte des Palastes zu erwarten, und so folgte er diesem Befehl. Nur als die Nacht immer dunkler geworden und eine tiefe Finsterniß der glänzenden Illumination gefolgt war, nahm er seine Waffen zur Hand und lauschte mit Augen und Ohren, um nicht, trotz der Nähe des Palastes, von irgend einem Nachtstreifer überfallen und geplündert zu werden, welcher die gute Gelegenheit eines unverhofften Gewinnes nicht würde haben vorübergehen lassen, sobald der Peone nicht auf seiner Hut war. Als Lopez bemerkte, daß die Palastthür sich öffnete, leuchtete es ihm ein, daß nur sein Herr zu so später Stunde daher kommen konnte, und in dieser Ueberzeugung näherte er sich ihm. »Giebt es etwas Neues?« fragte der Abenteurer, indem er den Fuß in den Steigbügel setzte. »Nicht viel,« antwortete jener. »Bist Du dessen sicher?« »Beinahe; indessen wenn ich darüber nachdenke, so glaube ich bemerkt zu haben, daß eine mir bekannte Person den Palast verließ.« »Ah! ist es schon lange her?« »Ei, nein, eine Viertelstunde, höchstens zwanzig Minuten, aber ich fürchte, mich getäuscht zu haben, weil der Mann eine so verschiedene Kleidung trug als die, unter der ich ihn kannte und weil ich keine Zeit hatte, ihn zu betrachten.« »Nun, wen hast Du zu erkennen geglaubt?« »Sie werden mir nicht glauben, wenn ich Ihnen sage, daß es Don Antonio Cacerbar, mein alter Verwundeter war.« »Im Gegentheil, denn ich habe ihn selbst im Palast gesehen.« »Ah! zum Teufel, dann bedauere ich seine Unterhaltung nicht gehört zu haben.« »Wie, seine Unterhaltung? Wo? Mit wem? Sprich schnell, so erkläre Dich doch endlich.« »Ich beginne schon, mein Gebieter. Als er aus dem Palast kam, waren noch einige Gruppen auf dem Platze; aus einer derselben trat ein Mann hervor und näherte sich Don Antonio.« »Und hast Du diesen Mann erkannt?« »Das nicht, da er einen breitrandigen Vigognehut trug, der tief in die Augen gedrückt war, während ein weiter Mantel bis zur Nase sein Gesicht verbarg und dann war es auch zu dunkel in jenem Augenblick.« »Zur Sache! zur Sache!« rief der Abenteurer ungeduldig. »Diese beiden Männer hatten mit einander eine leise Unterredung.« »Und Du hast nichts verstanden?« »Mein Gott nein, kaum einige Worte, ganz ohne Zusammenhang.« »Wiederhole sie mir immerhin.« »Gern: »Also er war da,« sagte der Eine, die Antwort des Andern hörte ich nicht. »Bah! er wird es nicht wagen,« versetzte der Erste wieder; darauf sprachen sie so leise, daß ich nichts verstehen konnte. Dann sagte der Erste wieder: »Wir müssen hingehen.« »Es ist sehr spät,« meinte der Andere und darauf hörte ich nur noch die beiden Worte: Palo-Guemado, worauf sich Beide nach einigen leisen Worten trennten. Der Erste verschwand bald unter den Portalen; Don Antonio dagegen wendete sich links, als wollte er sich nach Paseo-de-Bucarelli begeben, aber er wird in irgend ein Haus getreten sein, denn es ist nicht wahrscheinlich, daß er auf den Gedanken gekommen sein sollte, zu solcher Stunde an jenem Orte allein einen Spaziergang zu machen.« »Das werden wir bald erfahren,« versetzte der Abenteurer, indem er sich auf sein Pferd schwang, »gieb mir meine Waffen und folge mir, die Pferde sind doch nicht ermüdet?« »Nein, im Gegentheil, sie sind ganz frisch,« sagte Lopez, indem er dem Abenteurer eine Doppelflinte, ein paar Revolver und eine Machete reichte; »ich habe auf Ihren Befehl die ermüdeten Pferde in den Corral. geführt und Mono und Zopilote gesattelt und hier her gebracht.« »Daran hast Du wohl gethan; vorwärts denn!« Sie ritten über den Platz und schlugen nach einigen Umwegen, um die etwaigen Spione, die sie in der Finsternis belauschen konnten, irre zu leiten, die Richtung nach Bucarelli ein. Sobald die Nacht hereingebrochen, ist es in Mexiko wenn man keine besondere Erlaubniß hat, die sehr schwer zu erlangen ist, verboten, zu Pferde die Straßen zu passiren. Dennoch schien der Abenteurer sich wenig darum zu kümmern; übrigens war auch seine Kühnheit vollkommen gerechtfertigt durch die scheinbare Gleichgültigkeit der Nachtwachen, denen sie begegneten und die sie nach Belieben reiten ließen, ohne den geringsten Einspruch zu erheben. Als die beiden Reiter sich weit genug von dem Palast entfernt glaubten, um keine Verfolgung mehr fürchten zu müssen, zog jeder von ihnen eine schwarze Halbmaske aus seiner Tasche und bedeckte damit sein Gesicht; nachdem sie diese Vorsichtsmaßregel gegen die Neugierigen die sie trotz der Finsterniß erkennen konnten, getroffen, setzten sie ihren Ritt fort. Bald hatten sie den Eingang von Paseo-de-Bucarelli erreicht; der Abenteurer hielt sein Pferd an und nachdem er mit scharfem Blick die Finsterniß zu durchdringen versuchte, ließ er einen langgellenden Pfiff ertönen. Sogleich trat ein Mann aus der Vertiefung einer Thür hervor, welche ihn vollkommen verborgen hatte, und schritt bis zur Mitte der Straße vor; dort angekommen, blieb er stehen und wartete schweigend. »Ist Jemand hier seit Dreiviertelstunden vorübergekommen?« fragte der Abenteurer. »Ja und nein,« antwortete lakonisch der Unbekannte. »Erkläre Dich.« »Es kam ein Mann, der dort vor jenem Hause, welches sich zu Eurer Rechten befindet, Halt machte und zweimal hinter einander in die Hände klatschte; nach einer Weile wurde die Thür geöffnet, ein Peone führte ein Pferd am Zügel und hielt einen roth gefütterten Mantel unter dem Arm.« »Wie hast Du das bemerken können, da es doch finster ist?« »Der Peone trug eine Laterne; der Mann, von dem ich spreche, machte ihm seine Unvorsichtigkeit zum Vorwurf, zertrat die Laterne mit seinem Absatz und hüllte sich darauf in den Mantel.« »Welche Kleidung trug dieser Mann?« »Die Reiteruniform eines höheren Offiziers.« »Nun, und dann?« »Er übergab seinen Federhut dem Peonen, worauf dieser in das Haus trat und gleich darauf mit einem Vigognehut mit Goldgolilla besetzt, Pistolen und einer Flinte zurückkehrte, und dem Offizier silberne Sporen anschnallte, worauf dieser sein Pferd wieder bestieg und davonritt.« »In welcher Richtung?« »Nach der Plaza-Mayor zu.« »Und der Peone?« »Dieser ging wieder in das Haus zurück.« »Bist Du sicher, von Beiden nicht bemerkt worden zu sein.« »Dessen bin ich gewiß.« »Gut; so leb' wohl und wache!« »Lebt wohl!« und er trat wieder in die ihn verbergende Finsterniß. Der Abenteurer und sein Peone wandten um. Bald befanden sie sich wieder auf der Plaza-Mayor, aber sie ritten über dieselbe hin, ohne Halt zu machen. Don Jaime schien zu wissen, welche Richtung er einschlagen mußte, denn er ritt ohne unschlüssig zu sein durch die Straßen; bald gelangte er an das Thor San-Antonio, welches er ohne Aufenthalt passirte, einige Gemüsehändler kamen schon nach der Stadt. Etwa sechshundert Schritt von dem Thore entfernt, bildet die Straße einen Kreuzweg, in dessen Mitte sich ein steinernes Kreuz erhebt, und von wo aus sechs ziemlich breite, aber schlecht unterhaltene Wege sternförmig auslaufen. Hier machte der Abenteurer abermals Halt und ließ wiederum einen scharfen Pfiff ertönen. In demselben Augenblick richtete sich ein Mann, der am Fuße des Kreuzes ausgestreckt am Boden lag, in die Höhe und stand gerade vor ihm. »Es ist ein Mann auf einem Schecken hier vorübergeritten, der einen Hut mit Goldgolilla trug,« sagte der Abenteurer zu ihm. »Ja, dieser Mann ist vorübergekommen,« antwortete der Unbekannte. »Ist es schon lange her?« »Eine Stunde.« »War er allein?« »Er war ohne Begleitung.« »Welche Richtung hat er genommen?« »Diese hier,« erwiderte der Unbekannte, indem er auf den zweiten Weg zur Linken wies. »Es ist gut.« »Soll ich folgen?« »Wo ist Dein Pferd?« »In einem Corral am Thor.« »Das ist zu weit, ich habe keine Zeit zu verlieren, leb' wohl und sei wachsam.« »Ich werde wachen.« Und er legte sich wieder am Fuße des Kreuzes nieder. Die beiden Reiter setzten ihren Weg fort. »Er ist in der That nach Palo-Quemado gegangen,« sagte der Abenteurer leise, »dort werden wir ihn finden.« »Das ist wahrscheinlich,« meinte Lopez mit der größten Kaltblütigkeit; »es ist dumm, daß ich das nicht gleich errathen habe, es lag doch auf der Hand.« Sie ritten wohl eine Stunde schweigend weiter; endlich bemerkten sie in kurzer Entfernung eine dunkle Masse, deren schwarze Silhouette sich aus der weniger dichten Finsterniß des Landes abhob. »Dort ist Palo-Quemado,« sagte Don Jaime. »Ja,« versetzte Lopez lakonisch. Sie ritten einige Schritte weiter und machten dann Halt. Plötzlich ließ sich wüthendes Hundegebell vernehmen. »Teufel!« rief Don Jaime, »wir müssen weiter, das verdammte Thier würde uns verrathen.« Sie setzten ihren Pferden die Sporen ein und sprengten davon. Nach einigen Augenblicken schwieg der Hund, dessen Gebell sich in dumpfes Knurren verwandelt hatte, gänzlich. Die Reiter hielten abermals still und Don Jaime stieg ab. »Verbirg die Pferde irgend wo in der Umgegend,« sagte er, »und erwarte mich.« Lopez antwortete nicht, der würdige Mann war kein Schwätzer und liebte es nicht, seine Worte unnütz zu verschwenden. Nachdem der Abenteurer seine Waffen sorgfältig untersucht hatte, für den Fall daß er gezwungen sein würde, von denselben Gebrauch zu machen, glitt er wie ein Indianer der Savannen in schlängelnden Windungen über den Boden hin. Langsam, fast unmerklich näherte er sich dem Rancho del-Palo-Quemado. Als er nur noch in geringer Entfernung von dem Rancho war, sah er, was er vorher nicht bemerkt hatte, daß eine Anzahl von zehn bis zwölf Pferden, vor dem Rancho befestigt waren, und mehrere Männer auf dem Boden ausgestreckt lagen und schliefen. Ein mit einer langen Lanze bewaffneter Mann stand als Schildwache vor der Thür, offenbar um über die allgemeine Sicherheit zu wachen. Der Abenteurer blieb stehen, die Situation war schwierig; wer die in dem Rancho vereinigten Personen auch waren, sie hatten für den Fall, daß man sie überraschen sollte, keine Vorsichtsmaßregel vergessen. Indessen je größer die Schwierigkeiten, um so mehr erkannte der Abenteurer die Wichtigkeit des Geheimnisses, welches er erforschen wollte, auch zögerte er nur kurze Zeit und bald war er entschlossen, koste es, was es wolle, die Mitglieder dieser verborgenen Versammlung und den Zweck ihrer Vereinigung zu erfahren. Der Leser kennt den Abenteurer, den wir ihm bereits unter so vielen Namen vorgeführt haben, genugsam, um zu wissen, daß wenn einmal sein Entschluß, vorwärts zu gehen, gefaßt war, er nicht zögern würde, es zu thun. So geschah es denn auch; allein, er verdoppelte seine Vorsicht und näherte sich nur Schritt für Schritt, indem er mit der Elasticität einer Schlange leise über den Boden hinglitt. Anstatt gerade auf den Rancho zuzugehen, umging er denselben, um sich zu vergewissern, ob er außer der Schildwache vor dem Hause, von einem wachthabenden Posten auf der Rückseite des Gebäudes überrascht zu werden fürchten müsse. Wie der Abenteurer vorausgesehen, war der Rancho nur von vorn bewacht. Er richtete sich auf und durchforschte, so weit es ihm die Finsterniß erlaubte, die Umgebung. Ein ziemlich großer, durch eine lebendige Hecke geschlossener Corral stieß an die Wohnung; dieser Corral schien leer zu sein. Don Jaime suchte eine Oeffnung, um in das Innere desselben zu dringen; nachdem er eine Weile herumgetappt war, entdeckte er eine Spalte, die breit genug war, ihn hindurch zu lassen. Er trat ein. Jetzt war die Schwierigkeit, sich dem Hause zu nähern, geringer; indem er der Hecke folgte, gelangte er in wenigen Augenblicken bis an die Mauer. Was ihn in Erstaunen setzte, war, daß der Hund, der vorher seine Annährung so rasch verkündet hatte, ihn nicht witterte. Inzwischen war jedoch Folgendes geschehen: die Fremden, welche vollkommenes Vertrauen in ihre Schildwache setzten, hatten, beunruhigt durch das Bellen des Hundes, welches sie den Indianern verrathen konnte, die sich zu dieser Stunde nach der Stadt begeben, um ihre Waaren zu verkaufen, dem Ranchero befohlen, das Thier in das Haus zu nehmen, und ihn weit genug entfernt, anzuketten, damit, sobald ihn wieder die Lust zum Bellen anwandeln sollte, dasselbe draußen nicht gehört werden könnte. Diese übermäßige Vorsicht von Seiten der zeitweiligen Gäste des Rancho, erlaubte dem Abenteurer, nicht allein, ohne entdeckt zu werden, sondern selbst ohne Verdacht zu erregen, sich zu nähern. Obwohl er diesen besonderen Umstand nicht kannte, schöpfte Don Jaime doch Nutzen daraus, und dankte in seinem Innern der Vorsehung, ihn von einem so unbequemen Wächter befreit zu haben. Als er aufmerksam die Mauer prüfte, auf welche er zuschritt, gelangte er vor eine Thür, welche durch eine unbegreifliche Nachlässigkeit unverschlossen war und dem leisesten Drucke nachgab. Diese Thür führte auf einen in diesem Augenblick sehr dunklen Corridor, aber ein geringer Lichtschein, der durch die schlecht zusammengefügten Bretter einer Thür fielen, deutete Don Jaime den Ort an, wo, aller Wahrscheinlichkeit nach, die Fremden versammelt waren. Der Abenteurer schlich leise näher, legte sein Auge an das Schlüsselloch und blickte hinein. Drei in dichte Mäntel gehüllte Männer saßen vor einem mit Flaschen und Bechern besetzten Tische, in einem dem Anschein nach ziemlich großen Saal, welcher nur durch ein qualmendes, am Ende des Tisches stehendes Talglicht erleuchtet wurd. Die Unterhaltung unter den drei Gästen war belebt. Sie tranken, rauchten und plauderten wie Männer, die sich sicher glauben, nicht gehört zu werden und demnach auch nichts zu fürchten haben. Diese drei Männer erkannte der Abenteurer sogleich. Es war Don Felipe Neri Irzabal, der Guerillero-Oberst, Don Melchior de-la-Cruz und Don Antonio de-Cacerbar. »Endlich!« murmelte der Abenteurer mit bebender Freude, »werde ich Alles wissen.« Und er lauschte aufmerksamer. Don Felipe sprach, er schien in einem Zustande vollkommener Trunkenheit zu sein; dennoch war seine Sprache, obwohl trübe, noch nicht ausschweifend, allein wie alle halb trunkenen Leute begann er sich in seinen Reden zu verwirren und schien mit eigensinniger Halsstarrigkeit bei einer Bedingung zu beharren, welche er den beiden Andern gestellt hatte, zu der jedoch diese ihre Einwilligung nicht geben mochten. »Nein,« wiederholte er unaufhörlich, »es ist unnütz, darauf zu bestehen, Sennores, ich werde Euch den Brief, den Ihr verlangt, nicht übergeben, ich bin ein ehrlicher Mann, ich habe nur dies eine Wort, voto a brios!« und bei jedem Wort schlug er mit der Faust auf den Tisch. »Aber,« erwiderte Don Melchior, »wenn Ihr darauf besteht, den Brief zu behalten, den Ihr Befehl habt, uns zu übergeben, so wird es uns unmöglich sein, die Mission auszuführen, mit der wir betraut worden sind.« »Welchen Glauben werden uns Diejenigen schenken,« setzte Don Antonio hinzu, »mit denen wir uns verständigen sollen, wenn wir durch nichts beweisen können, daß wir ermächtigt sind, so zu handeln?« »Das geht mich nichts an, Jeder handelt für sich in dieser Welt, ich bin ein ehrlicher Mann, ich muß über meine Interessen wachen, wie Ihr über die Eurigen.« »Aber was Ihr da sagt ist absurd,« rief Don Antonio ungeduldig aus; »wir riskiren unsern Kopf bei dieser Sache.« »Möglich, lieber Herr, Jeder thut, was er will. Ich bin ein ehrlicher Mann, ich gehe den geraden Weg, Ihr erhaltet den Brief nicht, wofern Ihr mir nicht das Verlangte gebt. Warum habt Ihr nach Eurem Vergleich mit dem General ihn nicht von der heutigen Affaire unterrichtet?« »Wir haben Euch den Beweis gegeben, daß das unmöglich war, weil der Ausfall heimlich beschlossen wurde.« »Sehr gut, heimlich beschlossen! Ihr mögt Euch mit Seiner Excellenz abfinden, ich wasche meine Hände in Unschuld.« »Schweigt mit Euren Albernheiten,« sagte Don Antonio trocken, »wollt Ihr mir oder diesem Caballero den Brief übergeben, welcher Euch durch den Präsidenten für uns anvertraut wurde?« »Nein,« antwortete Don Felipe gerade heraus, »wofern Ihr mir nicht einen Wechsel über zehntausend Piaster ausstellt. Das ist wirklich ein Spottgeld, ich bin ein ehrlicher Mann.« »Hm!« murmelte der Abenteurer für sich, »eine eigenhändige Schrift des Sennor Benito Juarez, das ist köstlich, in der That, ich würde nicht darum feilschen, wenn man sie mir anböte.« »Aber,« rief Don Melchior, »Ihr begeht einen unwürdigen Diebstahl.« »Nun und was weiter?« meinte Don Felipe cynisch im Tone bitterer Ironie, »ich stehle, Ihr verrathet, das ist dasselbe.« Bei dieser Beleidigung, die ihnen dreist in's Gesicht geschleudert wurde, sprangen beide Männer auf. »Laßt uns gehen,« sagte Don Melchior, »dieser Mann ist ein unvernünftiges Vieh, das nichts verstehen will.« »Das Einfachste ist, den General aufzusuchen,« setzte Don Antonio hinzu, »er wird uns Gerechtigkeit widerfahren lassen und uns an diesem elenden Trunkenbolde rächen.« »Geht, geht, meine lieben Herren,« höhnte der Guerillero; »geht und glückliche Reise! ich behalte den Brief, vielleicht werde ich einen anderen Käufer finden; ich bin ein ehrlicher Mann!« Bei dieser Drohung tauschten die beiden Männer einen Blick aus, und legten die Hand an ihre Waffen, aber nach kurzer, blitzschneller Zögerung zuckten sie verächtlich die Achseln und verließen den Saal. Einige Augenblicke darauf vernahm man draußen den schnellen Galopp mehrer sich entfernenden Pferde. »Sie sind fort,« murmelte der Guerillero, indem er sich einen Becher mit Mezcal bis zum Rande füllte und ihn auf einen Zug leerte; »meiner Treu, sie machen sich aus dem Staube, als trüge der Teufel sie davon! Sie sind wüthend! Bah! es ist mir einerlei, habe ich doch den Brief.« So zu sich selbst sprechend, setzte der Guerillero den Becher wieder auf den Tisch; plötzlich schauderte er: ein in die Falten eines dichten Mantels bis an die Augen verhüllter Mann stand aufrecht vor ihm. Dieser Mann hielt in jeder Hand einen sechsläufigen Revolver, deren Läufe auf die Brust des Guerillero gerichtet waren. Dieser machte eine Bewegung des Entsetzens bei dem Anblick dieser unerwarteten Erscheinung. »Ha!« schrie er, mit vor Aufregung und Schrecken zitternder Stimme; »wer seid Ihr, Dämon, und was wollt Ihr von mir? Ah! ich bin wohl in ein Wespennest gerathen!« Der Schreck hatte ihn nüchtern gemacht; er versuchte aufzustehen, um zu fliehen. »Ein Wort, eine Bewegung,« rief ihm der Unbekannte mit dumpfer, drohender Stimme zu, »und ich schieße Euch nieder.« Der Guerillero sank schwerfällig wieder auf den Schemel nieder, der ihm als Sitz diente. IV. Abrechnung. Hinter der Thür des Corridor's verborgen, war dem Abenteurer kein Wort der Unterredung entgangen. Als Don Melchior und Don Antonio aufstanden, hatte Don Jaime, da er nicht wußte, durch welche Thür sie sich entfernen würden, eiligst den Corridor verlassen und war nach dem Corral geschlichen, wo er sich gegen die Hecke lehnte und wartete. Aber nach einigen Minuten, als er kein Geräusch vernahm, wagte er sich aus seinem Versteck hervor und kehrte in den Gang zurück. Darauf näherte er sich der Thür, und legte sein Auge wieder an die Spalte, durch welche er vorher Alles beobachtet hatte. Die beiden Männer hatten den Saal verlassen, Don Felipe war allein, er saß noch immer an dem Tische und trank. Der Entschluß des Abenteurers war sogleich gefaßt: er öffnete mit der Klinge seines Messers geräuschlos das Schloß der Thür, näherte sich leise dem Guerillero, und verkündete diesem seine Gegenwart auf so schweigsame Art, wie wir am Ende des vorhergehenden Kapitels berichtet haben. Der Guerillero war tapfer, dennoch hatte die plötzliche Erscheinung des Abenteurers und die auf ihn gerichteten Revolver ihn bestürzt gemacht. Don Jaime benutzte diesen Augenblick der Niederschmetterung; ohne seine Pistolen aus der Hand zu legen, ging er auf die Thür zu, durch welche Don Melchior und Don Antonio sich entfernt hatten, schloß sie sorgfältig von innen, um jede Ueberraschung zu vermeiden, dann kehrte er langsamen Schrittes an den Tisch zurück, setzte sich auf einen Schemel, legte seine geladnen Pistolen vor sich und ließ seinen Mantel niederfallen. »Plaudern wir,« sagte er. Obwohl diese Worte in ziemlich sanftem Tone ausgesprochen wurden, war dennoch die Wirkung auf den Guerillero unermeßlich. »El Rayo!« rief er mit einem Schreckensschauder, indem er die schwarze Maske bemerkte, welche das Gesicht seines seltsamen Gefährten bedeckte. »Ah! ah!« meinte dieser mit ironischem Spott, »Ihr kennt mich, theurer Don Felipe.« »Was wollt Ihr von mir stammelte dieser. »Verschiedenes,« erwiderte der Abenteurer, »aber verfahren wir nach der Ordnung, es drängt uns nichts.« Der Guerillero goß einen Becher voll Refino-de-Cataluna, und leerte ihn mit einem Zuge. »Hütet Euch,« bemerkte der Abenteurer, »der spanische Branntwein ist stark, und steigt leicht in den Kopf; ich glaube, es ist besser, daß Ihr für unsere Unterredung Eure Kaltblütigkeit bewahrt.« Allerdings murmelte der Guerillero, und indem er die Flasche bei dem Halse ergriff, schleuderte er sie gegen die Mauer, wo sie in Stücke zerbrach. Der Abenteurer lächelte, dann begann er von Neuem, indem er nachlässig eine Cigarre zwischen seinen Fingern drehte: »Ich sehe, daß Ihr ein gutes Gedächtniß habt, das ist mir lieb, ich fürchtete schon, daß Ihr mich vergessen haben könntet.« »Nein, nein, ich erinnere mich unsrer letzten Begegnung bei Las-Cumbres.« »Richtig; Ihr erinnert Euch auch, wie unsere letzte Begegnung endete?« Der Guerillero erbleichte, aber er antwortete nicht. »Gut, ich sehe, daß Euer Gedächtniß Euch verläßt, ich werde Euch zu Hülfe kommen.« »Das ist unnütz,« antwortete Don Felipe, indem er den Kopf erhob und einen bestimmten Entschluß gefaßt zu haben schien, »als der Zufall mir, gestattete, Eure Gesichtszüge zu bemerken, sagtet Ihr mir ...« »Ich weiß, ich weiß,« unterbrach ihn der Abenteurer, »nun, das Versprechen, welches ich Euch gegeben habe, will ich halten.« »Um so besser,« versetzte jener entschlossen; »man stirbt nur einmal, ob heut oder an einem andern Tag, früher oder später, ich bin bereit, mich Euch zu stellen.« »Ich bin entzückt, Euch so bereitwillig zu finden,« erwiderte kalt der Abenteurer; »ich bitte mäßigt ein Wenig Eure Kampfeshitze, Caballero, jede Sache hat ihre Zeit, beruhigt Euch, darum handelt es sich in diesem Augenblicke nicht.« »Um was handelt es sich denn?« fragte der Guerillero erstaunt. »Das werdet Ihr hören.« Der Abenteurer lächelte abermals, stützte die Ellbogen auf den Tisch und sich leicht zu dem Sprecher neigend, sagte er: »Für wie viel wolltet Ihr Euren edlen Freunden den Brief des Sennor Don Benito Juarez verkaufen, den Ihr beauftragt wurdet, ihnen zu übergeben?« Don Felipe richtete einen bestürzten Blick auf ihn, und sich mechanisch bekreuzend, murmelte er entsetzt: »Dieser Mensch ist der Teufel!« »Nein, beruhigt Euch, ich bin kein böser Geist, aber ich weiß Vieles, zumal über Euch, lieber Herr, und über die zahlreichen Gewerbe, denen Ihr obliegt; ich kenne den Handel, den Ihr mit einem gewissen Don Diego abgeschlossen habt; ferner will ich, wenn Ihr es wünscht, Wort für Wort die Unterhaltung wiederholen, die Ihr vor kaum einer Stunde hier in diesem Saale gehabt habt mit den Sennores Don Melchior de-la-Cruz und Don Antonio Cacerbar. Nun, kommen wir zur Sache; ich will, daß Ihr mir den Brief des Sennor Don Juarez, welchen Ihr dort in Eurem Dolman tragt, übergebt, nicht mir verkauft, was Ihr den genannten edlen Caballeros verweigert habt, Ihr versteht mich. Gleichzeitig werdet Ihr mir die andern Papiere ausliefern, deren Träger Ihr seid, und die, wie ich vermuthe, sehr interessant sein müssen.« Der Guerillero hatte Zeit gehabt, einen Theil seiner Kaltblütigkeit wieder zu gewinnen, und so antwortete er denn mit ziemlich entschlossener Stimme: »Was beabsichtigt Ihr mit diesen Papieren zu thun?« »Das kann von dem Augenblick, wo dieselben nicht mehr in Euren Händen sind, nur geringe Wichtigkeit für Euch haben.« »Und wenn ich mich weigere, sie Euch auszuliefern?« »So werde ich quitt sein und dieselben Euch mit Gewalt nehmen; das ist Alles,« entgegnete er friedlich. »Caballero,« gab Don Felipe mit einem Ausdruck von Würde, welche den Abenteurer überraschte, zur Antwort, »das ist nicht die Handlungsweise eines tapferen Mannes, wie Ihr seid, einem Mann ohne Vertheidigung also zu drohen; ich habe statt jeder andern Waffe nur meinen Säbel, während Ihr gegen zwölf wehrhafte Männer Stand halten könntet.« »Diesmal liegt eine scheinbare Wahrheit in Dem, was Ihr sagt,« erwiderte der Abenteurer, »und Eure Bemerkung würde richtig sein, wenn ich mich meiner Revolver bedienen wollte, um Das zu erzwingen, was ich fordere. Aber seid außer Sorge, wir werden einen loyalen Kampf haben, meine Pistolen sollen auf diesem Tische bleiben. Ich gedenke nur, meine Machete gegen Euren Säbel zu kreuzen, das wird nicht allein das Gleichgewicht zwischen uns herstellen, sondern Euch noch einen bedeutenden Vortheil über mich geben.« »Werdet Ihr wirklich so handeln, Caballero?« »Ich gebe Euch mein Ehrenwort darauf; und ich habe die Gewohnheit, stets in ehrlicher Weise meine Abrechnung mit meinen Feinden wie mit meinen Freunden zu regeln.« »Ah! Ihr nennt das Eure Abrechnung regeln?« bemerkte der Andere ironisch. »Gewiß; welche andere Bezeichnung sollte ich anwenden?« »Aber woher kommt der Haß, mit dem Ihr mich verfolgt?« »Ich hasse Euch eben so wenig wie alle andern Elenden Eures Gelichters,« sagte er rauh; »Ihr wolltet in einem Augenblick des Frevels mein Gesicht sehen um mich später wieder zu erkennen, und ich habe Euch gesagt, daß dieser Anblick Euch das Leben kosten würde. Vielleicht hätte ich es vergessen, wenn Ihr Euch nicht heut wieder auf meinem Wege befändet und Ihr Papiere besäßet, die mir unbedingt nöthig sind und deren ich mich um jeden Preis zu bemächtigen entschlossen bin. Ihr verweigert sie mir, ich kann mich daher nur in ihren Besitz setzen, wenn ich Euch tödte, und ich werde Euch tödten. Jetzt bewillige ich Euch fünf Minuten Zeit zum Ueberlegen, ob Ihr bei Eurer Weigerung beharren wollt oder nicht.« »Dieser fünf Minuten, die Ihr mir so edelmüthig gewährt, bedarf ich nicht, mein Entschluß ist unwandelbar; Ihr werdet diese Papiere nur mit meinem Leben erhalten.« »So sei es, Ihr werdet sterben,« sagte der Abenteurer, indem er aufstand. Er nahm seine Revolver und legte dieselben auf einen am äußersten Ende des Zimmers stehenden Tisch; dann kehrte er zu dem Guerillero zurück und seine Machete ergreifend, fragte er: »Seid Ihr bereit?« »Einen Augenblick noch,« entgegnete Don Felipe, indem auch er sich erhob, »ich habe, bevor unser Kampf beginnt, zwei Bitten an Euch zu richten.« »Ich höre, sprecht.« »Ist der Kampf, den wir beginnen werden, ein Kampf auf Leben und Tod?« »Hier ist der Beweis dafür,« erwiderte der Abenteurer, indem er seine Maske abnahm und weit von sich schleuderte. »Gut,« versetzte der Andere, »dieser Beweis ist in der That hinreichend, einer von uns wird also unterliegen, nehmen wir an, daß ich es sei.« »Diese Voraussetzung ist unnütz, es ist eine Gewißheit.« »Ich gebe es zu,« versetzte kalt der Guerillero; »in dem Fall, wo sich dies verwirklichen sollte, versprecht Ihr mir, meine Bitten zu erfüllen?« »Ja, auf Ehrenwort, wenn es mir möglich ist, dies zu thun.« »Habt Dank; es ist möglich, denn es handelt sich einfach darum, mein Testamentsvollstrecker zu sein.« »Ich werde es sein, sprecht.« »Ich habe eine Mutter und eine noch junge Schwester, welche in ziemlicher Armuth leben und ein kleines Haus nicht weit von dem Canal de-las-Bigas in Mexiko, bewohnen, Ihr werdet in meinen Papieren ihre genaue Adresse finden.« »Gut.« »Ich wünsche, daß sie nach meinem Tode in den Besitz meines Vermögens gelangen.« »Das soll geschehen, aber wo ist dieses Vermögen?« »In Mexiko; alle meine Gelder sind bei den englischen Banquiers *** und Comp. nach und nach niedergelegt; auf den einfachen Vorweis meiner Titel werden die Summen ausgezahlt werden.« »Ist dies Alles?« »Noch nicht; ich habe noch mehre Wechsel, die sich auf die Gesammtsumme von fünfzigtausend Piaster belaufen, auf verschiedene ausländische Bankhäuser; diese Wechsel werdet Ihr Euch auszahlen lassen, zu den bereits erhaltenen Geldern hinzufügen und meiner Mutter und Schwester übergeben. Schwört Ihr mir, dies zu thun?« »Ich gebe Euch mein Ehrenwort darauf.« »Gut, ich habe Vertrauen zu Euch; nun will ich nur noch eine Bitte an Euch richten.« »Welche?« »Es ist folgende: Ihr wißt, wir Mexikaner bedienen uns sehr ungeschickt der Säbel und Degen, deren Führung uns unbekannt ist, da das Duell durch unsere Gesetze verboten ist; die einzige Waffe, deren Handhabung wir wirklich verstehen, ist das Messer: Wollt Ihr daher einwilligen, daß wir uns auf Messer schlagen? Es versteht sich von selbst, daß wir mit der ganzen Klinge kämpfen werden.« »Das seltsame Duell, welches Ihr mir vorschlagt, ist eher ein Kampf von Leperos und Banditen, als von Caballeros, indessen nehme ich es an.« »Ich bin Euch sehr dankbar für so viel Willfährigkeit, Caballero, und nun schütze mich Gott, ich werde mein Möglichstes thun.« »Amen,« sagte lächelnd der Abenteurer. Diese so ruhige Unterredung zwischen zwei Männern, die im Begriff waren, sich das Leben zu nehmen, dieses so kalt abgeschlossene Testament, dessen Ausführung im Fall des Todes des Einen der Gegner, dem Ueberlebenden anvertraut wurde, zeigt einen der seltsamsten Characterzüge der Mexikaner, denn diese Einzelheiten sind von der strengsten Wahrheit, Obwohl von Natur tapfer, fürchtet der Mexikaner den Tod, dieses Gefühl ist ihm angeboren. Aber sobald der entscheidende Moment gekommen ist, sein Leben einzusetzen und selbst dem Tode entgegen zu gehen, nimmt Keiner mit größerer Philosophie, ja wir möchten besser sagen, mit mehr Gleichgültigkeit die harte Alternative hin und bringt mit größerer Sorglosigkeit dieses Opfer, welches bei andern Völkern nur mit Schrecken und instinctartigem nervösen Schauder betrachtet wird. Was das Duell anbetrifft, so verbieten die mexikanischen Gesetze dasselbe sogar in der Armee unter den Offizieren; daher schreiben sich die vielen Meuchelmorde und hinterlistigen Ueberfälle, welche begangen werden, um die erhaltenen Beleidigungen abzuwaschen, die sie nicht anders zu rächen wissen; nur die Leperos und die Leute aus dem Volke schlagen sich auf Messer. Dieser vollkommen geregelte Kampf hat seine Gesetze, die zu überschreiten nicht erlaubt ist; die Gegner machen ihre Bedingungen auf die Lange der Klinge, um im Voraus die Tiefe der Wunden zu bestimmen. Man schlägt sich auf einen Daumen, auf zwei Daumen breit, auf die halbe oder ganze Klinge, je nach der Größe der Beleidigung; die Kämpfenden legen ihren Daumen auf die Stelle des Messers, die als Länge angenommen werden soll, und Alles ist gesagt. Don Felipe und Don Jaime hatten ihre Säbel abgelegt und ihre Messer zur Hand genommen, welche jeder Mexikaner in seinem Stiefel trägt. Nachdem sie sich von ihren Mänteln befreit, rollten sie dieselben um ihren linken Arm, indem sie einen Theil des Mantels herabhängen ließen; so geschützt, parirt dieser Arm die Stöße. Darauf nahmen die beiden Männer ihre Stellung ein, den Körper nach vorn geneigt, den linken Arm halb ausgestreckt und die Klinge des Messers hinter dem Mantel verborgen. Der Kampf begann mit gleicher Erbitterung auf beiden Seiten. Bald drangen die beiden Männer auf einander ein, bald wichen sie zurück; Auge in Auge, die Lippen zusammengepreßt und mit keuchender Brust, kämpften sie auf Leben und Tod. Don Felipe wußte diese gefährliche Waffe mit größter Vollkommenheit zu führen; mehre Male blendete der bläuliche Blitz des Stahls die Blicke seines Gegners und er fühlte die scharfe Spitze des Messers leicht in sein Fleisch dringen; aber ruhiger als der Guerillero, ließ er diesen seine Kräfte in vergeblichen Anstrengungen erschöpfen, indem er mit der Geduld eines lauernden Tigers den günstigen Moment abwartete, die Sache mit einem Schlage zu beendigen. Zuweilen hielten sie Beide ermüdet inne, um dann mit erneuerter Wuth auf einander loszustürzen. Das Blut floß aus mehren leichten Wunden, die sie empfangen hatten, und rieselte auf den Boden. Plötzlich sprang Don Felipe mit der Schnelligkeit eines Jaguars vorwärts, da glitt sein Fuß in dem Blute aus, er wankte und während er versuchte, sich im Gleichgewicht zu erhalten, drang Don Jaime's Messer tief in seine Brust. Der Unglückliche stieß einen erstickten Seufzer aus. Ein Blutstrom quoll aus seinem Munde und er fiel wie eine leblose Masse zu Boden. Der Abenteurer neigte sich über ihn, er war todt; die Klinge war durch das Herz gegangen. »Armer Bursche,« murmelte Don Jaime, »er hat es so gewollt!« Nach dieser lakonischen Leichenrede griff er in seinen Dolman und in die Taschen seiner Beinkleider und bemächtigte sich aller seiner Papiere, dann steckte er seine Revolver zu sich, nahm seine Maske wieder vor und nachdem er sich, so gut es ging, in seinen durch die Messerstiche durchlöcherten Mantel gehüllt hatte, verließ er den Saal und nahm seinen Weg durch die Hecke, ohne von der noch immer vor der Thür stehenden Schildwache bemerkt zu werden. Bald darauf befand er sich in einiger Entfernung von Palo-Quemado, wo er das Geschrei der Eule nachahmte. Fast augenblicklich erschien Lopez mit den beiden Pferden. »Nach Mexiko!« rief Don Jaime, indem er sich in den Sattel schwang; »diesmal glaube ich meine Rache in den Händen zu haben!« Die beiden Reiter ritten in raschem Trabe dahin. Die Freude, welche der Abenteurer über den unverhofften Erfolg seiner Expedition empfand, verhinderte ihn, den Schmerz der wenngleich leichten Schmarren zu fühlen, die er in dem Duell durch seinen Gegner erhalten hatte. V. Ein letzter Entschluß. Der anbrechende Tag begann mit röthlichem Schimmer den Himmel zu färben, als die beiden Reiter die Guarita-de-San-Autonio erreichten. Schon seit einiger Zeit hatten sie die Schnelligkeit ihres Rittes gemäßigt, ihre Masken abgenommen und so viel als möglich ihre zerknitterten, beschmutzten und durch die zahllosen Unfälle ihres nächtlichen Unternehmens beschädigten Kleider wieder in Ordnung gebracht. Einige Schritte von der Guarita mischten sie sich unter eine Gruppe von Indianern, die sich auf den Markt begaben, so daß es ihnen leicht wurde, in die Stadt zu gelangen, ohne bemerkt zu werden. Don Jaime lenkte sogleich nach dem Hause, welches er in der Straße San-Franzisko, bei der Plaza-Mayor bewohnte. Dort angekommen, verabschiedete er Lopez, dem buchstäblich vor Müdigkeit die Augen zufielen, trotz der längeren Rast, die ihm das Verweilen seines Herrn im Palo-Quemado gestattet hatte. Er traf Verabredung mit ihm zu einer Zusammenkunft für den Abend, worauf er sich in sein Zimmer zurückzog. Dieses Gemach war eine wahrhaft spartanische Wohnung; das Mobiliar, auf das Einfachste beschränkt, bestand nur aus einem hölzernen Bettrahmen, der mit einer Büffelhaut überspannt war, während ein alter Sattel als Kopfkissen und ein schwarzes Bärenfell als Decke diente. Ein mit Papieren und einigen Büchern beladener Tisch, ein Schemel, ein Koffer, der seine Kleidungsstücke enthielt, und eine mit Waffen aller Art bedeckte Hakenleiste vervollständigte mit den an der Wand aufgehängten Harnischen dies seltsame Meublement, wozu noch ein in einer Ecke des Zimmers befindlicher, mit allen Toilettengegenständen besetzter Waschtisch kam, vor welchem eine Zarape einen Vorhang bildete. Don Jaime verband seine Wunden, nachdem er sie sorgfältig nach indianischer Weise mit Wasser und Salz gewaschen hatte, darauf setzte er sich an den Tisch und begann die Papiere durchzusehen, die er sich mit so großer Mühe verschafft hatte und deren Besitz ihm beinahe das Leben gekostet hätte. Bald war er gänzlich in diese Arbeit, die ihn lebhaft zu interessiren schien, vertieft. Endlich, gegen zehn Uhr Morgens, stand er auf, faltete die Papiere zusammen, legte sie in eine Brieftasche, welche er in eine Tasche seines Dolmans steckte, warf eine Zarape über seine Schultern, nahm einen Vigognehut mit breiter Goldgolilla und verließ in diesem eben so eleganten, als malerischen Anzuge seine Wohnung. Don Jaime hatte, wie sich der Leser erinnern wird, Don Felipe sein Ehrenwort gegeben, sein Testamentsvollstrecker zu sein, und dieses heilige Versprechen war es, welches ihn zu seinem Ausgang veranlaßte. Gegen sechs Uhr Abends kehrte er zurück; sein Versprechen war erfüllt, er hatte der Mutter und Schwester Don Felipe's das Vermögen übergeben, zu dessen Erbinnen sie so unvermuthet ein Messerstich gemacht hatte. An der Thür seines Hauses fand der Abenteurer Lopez, der vollständig wie neu geboren, seiner harrte. Der Peone hatte ein bescheidenes Mahl für seinen Gebieter angerichtet. »Was giebt es Neues?« fragte ihn Don Jaime, indem er sich an den Tisch setzte und mit gutem Appetit zu speisen begann. »Nicht viel, mein Gebieter,« antwortete er, »es ist nur ein Adjutant Seiner Excellenz des Präsidenten gekommen.« »Ah!« machte fragend Don Jaime. »Der Präsident läßt Sie bitten, um acht Uhr in den Palast zu kommen, er wünscht Sie zu sehen.« »Ich werde gehen; was hast Du weiter gehört? Bist Du nicht ausgegangen?« »Verzeihung, mein Gebieter, ich war wie gewöhnlich bei dem Barbier.« »Und Du hast dort nichts gehört?« »Nur zweierlei.« »Laß das Erste hören.« »Man sagt, die Juaristen dringen in Geschwindmärschen gegen die Hauptstadt vor, sie sind nur noch drei Tagreisen von hier, wie man berichtet.« »Diese Nachricht ist ziemlich wahrscheinlich, der Feind muß in diesem Augenblick eine Concentrirung seiner Truppen bewirken; und dann?« Lopez fing an zu lachen. »Warum lachst Du, Bursche?« fragte ihn Don Jaime. »Die zweite Nachricht, die ich vernommen habe, veranlaßt mich dazu, Herr.« »Sie ist wohl recht närrisch?« »Ei, Sie mögen selbst darüber urtheilen: man sagt, daß einer der gefürchtetsten Anführer der Guerilleros des Don Benito Juarez diesen Morgen, durch einen Messerstich getödtet, in einem Saale des Rancho-del-Palo-Quemado aufgefunden worden ist.« »Oh! oh!« meinte Don Jaime, nun auch lächelnd, »und weiß man, wie dieses unglückliche Ereigniß herbeigeführt worden ist?« »Niemand weiß es zu sagen, mein Gebieter, es scheint, daß der Colonel auf Kundschaft ausgeritten war bis zu dem Palo-Quemado, wo er Halt machte, um die Nacht daselbst zuzubringen. Man hatte Schildwachen um das Haus gestellt, um das Wohl des Anführers zu bewachen, und Niemand, außer zwei unbekannte Reiter sind in den Rancho gekommen. Nach der Entfernung dieser beiden Reiter, die mit dem Colonel eine lange Unterredung gehabt, fand man diesen im Saale von einem Messer durchbohrt. Man vermuthet, daß ein Streit zwischen dem Colonel und den beiden Unbekannten stattgefunden hat und diese ihn getödtet haben; aber dieses Ereigniß ist in solcher Stille ausgeführt worden, daß die nur wenige Schritte davon ruhenden Soldaten nicht das Geringste vernommen haben.« »Das ist in der That sonderbar.« »Es scheint, mein Gebieter, daß dieser Colonel Don Felipe Irzabal ein furchtbarer Räuber ohne Glauben noch Gesetz war, von dem man sich unzählige Grausamkeiten erzählt.« »Da dies wahr ist, mein lieber Lopez, ist es so am Besten, und wir haben uns nicht mehr mit diesem Burschen zu beschäftigen,« sagte Don Jaime, indem er sich erhob. »Ah! er wird wohl auch ohne uns zum Teufel gehen.« »Das ist sehr wahrscheinlich; wenn er nicht schon dort sein sollte. Ich will einen Spaziergang durch die Stadt machen, um die achte Stunde abzuwarten; um zehn Uhr wirst Du mich an der Pforte des Palastes mit zwei Pferden und Waffen erwarten, im Fall wir gezwungen sein sollten, wieder wie vergangene Nacht eine Mondscheinpromenade zu machen.« »Ja, mein Gebieter, ich werde Sie zur festgesetzten Stunde erwarten.« »Wofern ich Dich nicht benachrichtigen lasse, daß ich Deiner nicht bedarf.« »Sehr wohl, Herr.« Don Jaime entfernte sich darauf und machte einen kurzen Spaziergang, aber nur unter den Portalen der Plaza-Mayor, um sich zur angegebenen Stunde im Palaste einzufinden. Pünktlich um acht Uhr stellte sich der Abenteurer an der Pforte des Palastes ein. Ein Huissier erwartete ihn, um ihn zu dem Präsidenten zu führen. Der General Miramon ging trübe und nachdenklich in einem kleinen, an seine Privatzimmer grenzenden Salon auf und nieder. Als er Don Jaime erblickte, erheiterte sich sein Gesicht. »Seid willkommen, mein Freund,« sagte er zu ihm, indem er ihm freundlich die Hand reichte; »ich war ungeduldig, Euch zu sehen, denn Ihr seid der einzige Mann, der mich versteht und mit dem ich offen sprechen kann, kommt, setzt Euch zu mir und plaudern wir. Wollt Ihr?« »Ich finde Sie betrübt, General; sollte Ihnen etwas Unangenehmes widerfahren sein?« »Nein, mein Freund, nichts; aber Ihr wißt wohl, daß ich schon seit langer Zeit keinen Grund habe, heiter zu sein. Ich komme von meiner Frau: das arme Weib zittert, nicht für sich, sondern für ihre Kinder; das gute, sanfte Geschöpf sieht Alles schwarz und prophezeihet furchtbares Unglück. Sie ist ganz trostlos und das betrübt mich.« »Aber, General; warum lassen Sie Madame Miramon nicht die Stadt, die vielleicht bald belagert werden wird, verlassen?« »Ich habe es ihr schon mehrmals vorgeschlagen, ich habe selbst darauf im Interesse ihrer Kinder gedrungen, indem ich gebieterisch diese Trennung forderte. Dennoch hat sie sich geweigert. Ihr wißt, wie sehr sie mich liebt, sie theilt sich in Liebe für mich und ihre Kinder, und kann sich nicht überwinden, einen Entschluß zu fassen; ich selbst wage nicht, sie zur Abreise zu zwingen, wenn auch meine Verlegenheit außerordentlich ist.« Der General wendete, einen Seufzer unterdrückend, den Kopf ab. Es trat ein Schweigen ein. Don Jaime sah ein, daß es an ihm sei, der für den General so peinlichen Unterredung eine andere Wendung zu geben. »Und Ihre Gefangenen?« fragte er ihn. »Nach dieser Seite hin ist Alles arrangirt; sie haben, Gott sei Dank, nichts mehr für ihre Sicherheit zu fürchten; auch habe ich ihnen die Erlaubniß ertheilt, ihre Freunde und Verwandten in der Stadt besuchen zu dürfen.« »Um so besser, General, ich gestehe Ihnen, daß ich einen Augenblick für sie fürchtete.« »Ei, mein Freund, ich kann Euch jetzt offen sagen, daß ich vielleicht noch mehr Furcht hatte als Ihr, denn bei dieser Gelegenheit war meine Ehre im Spiel.« »Allerdings. Doch lassen Sie hören: Haben Sie irgend einen neuen Plan?« Ehe der General antwortete, ging er durch den Saal und hob die Portièren in die Höhe, um sich zu vergewissern, daß Niemand sie belausche. »Ja,« sagte er endlich, indem er zu Don Jaime zurückkehrte; »ja, mein Freund, ich habe einen Plan, denn ich will auf einmal mit Allem zu Ende kommen: entweder werde ich unterliegen, oder meine Feinde werden für immer geschlagen sein.« »Gebe Gott, daß es Ihnen gelingt, General.« »Mein Sieg von gestern hat mir, wenn nicht die Hoffnung, so doch den Muth wieder gegeben, ich will einen entscheidenden Schlag wagen. Ich habe jetzt nichts mehr zu schonen, ich will Alles für Alles wagen, das Glück kann mir wieder lächeln.« Sie traten darauf zu einem Tische, wo eine große Karte der mexikanischen Conföderation ausgebreitet lag, die an verschiedenen Punkten mit einer Menge Stecknadeln durchstochen war. Der Präsident fuhr fort. »Don Benito Juarez hat von seiner Hauptstadt Vera-Cruz aus die Concentrirung der Truppen anbefohlen, um sie nach Mexiko zu führen, den einzigen Punct, den wir noch besitzen, wo wir leider eingeschlossen sind. Seht hier, das Corps des Generals Ortega von elftausend Mann alter Truppen kommt aus dem Innern, nämlich aus Guadalajara, und vereinigt auf seinem Durchmarsch all' die im Lande zerstreuten kleinen Detachements mit seiner Macht. Amondia und Gazza, welche sich an der Küste hinziehen, kommen von Jalapa und führen sechstausend Mann reguläre Truppen mit sich, noch unterstützt durch die Guerillas von Cuellar, Carvajal und Don Felipe Neri Irzabal.« »Was diesen Letzteren betrifft, General, so haben Sie sich nicht weiter mit ihm zu beschäftigen, er ist todt.« »Zugegeben, aber seine Bande existirt noch immer.« »Das ist freilich wahr.« »Nun aber werden diese Corps, die von verschiedenen Seiten zugleich ankommen, nicht zögern, wenn wir sie gewähren lassen, sich zu vereinigen und uns in einen eisernen Kreis einschließen, da sie beinahe eine Macht von zwanzigtausend Mann bilden; über welche Macht können wir verfügen, um ihnen Widerstand zu leisten?« »Aber – ...« »Ich will es Euch sagen: indem wir alle unsere Hülfsquellen erschöpfen, werde ich nur über siebentausend, höchstens, wenn ich die Leperos etc. bewaffne, über achttausend Mann verfügen können; Ihr werdet zugeben, daß dies eine schwache Armee ist.« »Im offenen Felde, ja, General; aber hier, in Mexiko, mit der furchtbaren Artillerie, über welche Sie gebieten, mehr als hundertundzwanzig Kanonen, werden Sie leicht einen ernsten Widerstand leisten können; und wenn sich der Feind entschließt, die Hauptstadt zu belagern, so werden Ströme von Blut fließen, bevor es ihm gelingt, sich in ihren Besitz zu setzen.« »Ja, mein Freund, was Ihr sagt, ist wahr, aber, Ihr wißt, ich bin ein menschenfreundlicher und gemäßigter Mann; die Stadt ist nicht in der Lage, um sich zu vertheidigen, wir haben weder Lebensmittel, noch Vorräthe, noch Mittel, sie uns zu verschaffen, da uns das Land nicht mehr gehört und wir auf drei bis vier Meilen rings um die Stadt, von einem uns feindseligen Netze eingeschlossen sind. Begreift Ihr, mein Freund, welches die Schrecken einer Belagerung unter so mißlichen Umständen sein würden und welchen furchtbaren Verheerungen die Hauptstadt Mexiko's, die schönste und herrlichste Stadt der neuen Welt, zum Opfer fallen würde? Nein, schon der einzige Gedanke, welches Elend über diese unglückliche Bevölkerung hereinbrechen würde, zernagt mir das Herz, niemals werde ich dazu meine Zustimmung geben, es bis zum Aeußersten kommen zu lassen.« »Wohlan, General, Sie sprechen wie ein Mann von Herz, der sein Land wahrhaft liebt; ich wünschte, daß Ihre Feinde Sie so sprechen hörten.« »Mein Gott, mein lieber Freund, Diejenigen, die Ihr meine Feinde nennt, existiren in Wirklichkeit nicht, das weiß ich sehr gut. Zu wiederholten Malen sind mir persönlich, indem man mir sehr vortheilhafte und ehrenwerthe Bedingungen anbot, Vorschläge gemacht worden; sobald ich unterliege, werde ich den sonderbaren Fall darbieten, der wohl selten in Mexiko dasteht, ein Präsident der Republik zu sein, der von den ihn achtenden Leuten gestürzt, in seinem Sturze alle Sympathien seiner Feinde begräbt.« »Ja, ja, General, und es ist noch nicht so lange her, wo, wenn Sie in die Entfernung gewisser Personen, welche ich nicht nennen mag, eingewilligt hätten, Alles gütlich beigelegt worden wäre.« »Ich weiß es wie Ihr, mein Freund, aber es wäre eine Feigheit gewesen, die ich nicht begehen wollte; die Personen, auf welche Ihr anspielt, sind mir ergeben, sie lieben mich; wir werden mit einander fallen oder siegen.« »Die Gesinnungen, welche Sie aussprechen, General, sind zu edel, als daß ich versuchen sollte, sie zu bestreiten.« »Habt Dank, lassen wir diesen Gegenstand und kommen wir auf das Gesagte zurück; ich will nicht durch meinen Fehler die Zerstörung der Hauptstadt herbeiführen und sie den blutigen Plünderungen aussetzen, welche stets der Einnahme belagerter Städte folgen. Juarez' Guerillas sind mir bekannt, die Banditen, aus denen sie gebildet sind, würden, wenn man ihnen die Stadt überließe, namenlosen Jammer verursachen; glaubt mir, mein Freund, sie würden keinen Stein auf dem andern lassen.« »Das ist leider nur zu wahrscheinlich, General; aber was gedenken Sie zu thun? Welches ist Ihr Plan? Sie haben ohne Zweifel nicht die Absicht, sich den Händen Ihrer Feinde zu überliefern.« »Wohl hatte ich einen Augenblick diesen Gedanken, aber ich habe darauf verzichtet; mein Plan, den ich gefaßt habe, ist einfach folgender: Ich will mit der Elite meiner Truppen, ungefähr achttausend Mann, die Stadt verlassen und auf den Feind losgehen, ihn überraschen und einzeln schlagen, bevor seine verschiedenen Corps Zeit gehabt haben, ihre Vereinigung zu bewerkstelligen.« »Dieser Plan ist sehr einfach in der That, General; meiner Ansicht nach bietet derselbe große Chancen eines glücklichen Erfolgs.« »Alles wird von der ersten Schlacht abhängen: gewonnen, bin ich gerettet, verloren, ist Alles beendet!« »Gott ist groß, General! Der Sieg ist nicht immer den großen Bataillonen aufgehoben.« »Nun, der Erfolg wird es lehren!« »Wann gedenken Sie, Ihren Plan in Ausführung zu bringen?« »In einigen Tagen, ich muß ihn vorbereiten, noch bevor zehn Tage vergehen, werde ich im Stande sein zu handeln und unmittelbar die Stadt verlassen; ich kann auf Euch rechnen, nicht wahr?« »Wahrhaftig, General, gehöre ich Ihnen nicht mit Leib und Seele?« »Ich weiß es, mein Freund, aber nun genug der Politik; ich bitte Euch, begleitet mich jetzt zu meiner Gemahlin, sie wünscht lebhaft, Euch zu sehen.« »Diese freundliche Einladung entzückt mich, General, ich hätte indessen gewünscht, über eine wichtige Sache mit Ihnen zu sprechen.« »Später, später, ich bitte Euch, laßt uns von Geschäften abbrechen, vielleicht handelt es sich um eine neue Abtrünnigkeit oder einen Verräther zu bestrafen? Ich vernehme seit einiger Zeit genug solcher schlechten Nachrichten, um zu wünschen, mir einen kleinen Aufschub zu gönnen. Wie jener Alte sagte: Auf morgen die ernsten Geschäfte.« »Ja,« antwortete Don Jaime betonend, »und morgen war es zu spät.« »Mag es sein, Gott ist gnädig! Und so wollen wir uns der Gegenwart erfreuen. Das ist das einzige Gut, welches uns bleibt, weil die Zukunft uns nicht mehr gehört.« Und Don Jaime's Arm ergreifend, zog er ihn, ohne daß dieser länger zu widerstehen wagte, sanft mit sich fort, zu den Gemächern der Madame Miramon, einer reizenden, liebenden und furchtsamen Frau, ein hütender Engel des Generals, welche die Größe ihres Gemahls mit Schrecken erfüllte und die sich nur in dem häuslichen Leben zwischen ihren beiden Kindern glücklich fühlte. VI. Jesus Dominguez. Nach Verlauf einer Stunde verließ Don Jaime den Palast und begab sich, von Lopez gefolgt, in das Haus der Vorstadt, wo er den Grafen und seinen Freund vorfand, die, vollständig von ihrer Liebe absorbirt, gleichgültig gegen die Ereignisse des Tages, ihre Zeit in Gesellschaft Derjenigen verlebten, die sie liebten, und sich mit jener glücklichen Sorglosigkeit der Jugend der süßen Gegenwart hingaben, ohne an die Zukunft zu denken. »Ah! da bist Du ja, mein Bruder,« rief Donna Maria freudig aus, »wie selten erfreust Du mich mit Deiner Gegenwart!« »Geschäfte über Geschäfte!« erwiderte lächelnd der Abenteurer. Der Tisch stand gedeckt mitten im Saale, die beiden Diener des Grafen standen vor dem Büffet, um die Gäste zu bedienen, und Leo Carral wartete, eine Serviette unter dem Arm, daß man sich zu Tische setzen würde. »Ei, da gerade angerichtet ist,« sagte heiter Don Jaime, »so werde ich Euch nicht allein mit diesen Herren speisen lassen, wenn Ihr mir erlaubt, Euch Gesellschaft zu leisten.« »Welches Glück!« rief Donna Carmen. Die Cavaliere boten den Damen den Arm, führten sie zu ihren Plätzen und setzten sich neben sie. Das Abendessen begann. Es war, wie es stets unter Leuten, die sich lieben und seit lange kennen, sein soll, heiter und fröhlich. Die jungen Mädchen waren lange nicht so glücklich gewesen. Die Stunden flossen rasch dahin, ohne daß es Jemand bemerkte; plötzlich ertönte die Mitternachtsstunde von einer im Speisesaale auf einer Console stehenden Uhr. »Mein Gott!« rief Donna Dolores mit leichtem Schrecken, »schon so spät!« »Wie rasch die Zeit vergeht,« bemerkte nachlässig Don Jaime; »wir müssen daran denken, aufzubrechen.« Man erhob sich vom Tische und nachdem die drei Freunde versprochen hatten, bald und so oft wie möglich wieder zu kommen, entfernten sie sich endlich und überließen die Damen der Ruhe. Lopez erwartete seinen Herrn in der Hausflur. »Was willst Du von mir?« fragte dieser. »Wir werden beobachtet,« antwortete der Peone. Er führte ihn zu der Thür und öffnete leise ein Schiebfensterchen in derselben. Don Jaime blickte hinaus. Gerade der Thür gegenüber, fast mit der Dunkelheit verschmolzen, die im Hintergrunde durch die aufgeworfene Erde und das Gerüst eines Hauses hervorgebracht war, stand ein Mann, der einem weniger durchdringenden Blick als der des Abenteurers entgangen wäre. »Ich glaube. Du hast recht,« sagte Don Jaime zu dem Peonen; »auf jeden Fall ist es nothwendig, sich dessen zu versichern, und ich werde das übernehmen;« setzte er zwischen den Zähnen murmelnd mit furchtbarem Ausdruck hinzu. »Gieb mir Deinen Hut und Mantel für den meinigen und begleite die Caballeros; dieser Mensch hat drei Männer eintreten sehen, er muß also auch drei wieder fortgehen sehen; jetzt zu Pferde und fort.« »Aber,« bemerkte Dominique, »es würde einfacher sein, diesen Mann zu tödten, scheint mir.« »Das könnte so kommen,« antwortete Don Jaime, »aber ich gedenke erst Gewißheit darüber zu erlangen, ob er ein Spion ist; ich mag keinen Irrthum begehen. Seid außer Sorge um mich, noch bevor eine halbe Stunde vergeht, werde ich wieder bei Euch sein und Euch berichten, was zwischen mir und diesem Manne vorgefallen ist.« »Auf baldiges Wiedersehen,« sagte der Graf, ihm die Hand drückend. »Auf Wiedersehen.« Darauf verließen sie, von Leo Carral und den beiden Dienern des Grafen gefolgt, das Haus. Der alte Diener Donna Maria's schloß lärmend die Thür hinter ihnen, aber gleich darauf öffnete er sie leise wieder. Don Jaime hatte sich an die Thürspalte gestellt, von wo er im Stande war, allen Bewegungen des vermuthlichen Spions zu folgen. Bei dem durch die Entfernung der jungen Leute verursachten Geräusch, hatte sich dieser rasch vorgeneigt, offenbar um die Richtung, die sie nahmen, zu erkunden, darauf war er wieder in die Finsterniß zurückgetreten und verharrte in vollständiger Unbeweglichkeit. So verging beinahe eine Viertelstunde, ohne daß sich der Unbekannte gerührt hätte; Don Jaime verlor ihn nicht aus den Augen, endlich schlich er leise aus seinem Versteck hervor, blickte vorsichtig um sich und von der vollständigen Einsamkeit der Straße beruhigt, wagte er sich kühner einige Schritte vorwärts und ging nach einem augenblicklichen Zögern entschlossen in gerader Linie über die Straße auf das Haus zu. Plötzlich ging die Thür auf und er befand sich Don Jaime gegenüber. Er wollte sich schnell zurückziehen und die Flucht ergreifen, aber der Abenteurer ergriff ihn beim Arm, den er wie in einen Schraubstock preßte, und schleppte ihn, trotz des halsstarrigen Widerstands, den er ihm entgegen setzte, bis zu der von brennenden Kerzen umgebenen Statue einer Jungfrau, die über einem Gewölbe in einer Nische stand, dort hob er den Hut seines Gefangenen auf und blickte ihm neugierig in's Gesicht. »Ah, Sennor Jesus Dominguez,« sagte er nach einer Weile mit ironischer Stimme, »also Ihr seid es? Wahrhaftig, ich glaubte nicht. Euch hier zu treffen.« Der arme Bursche blickte ihm mit jämmerlicher Miene in's Gesicht, aber er antwortete nicht. Der Abenteurer wartete einen Augenblick, dann, als er bemerkte, daß sein Gefangener stumm blieb, sagte er, indem er ihn derb schüttelte: »Nun, Kerl, wirst Du mir endlich antworten?« Dieser ließ ein dumpfes Aechzen vernehmen. »Es ist el–Rayo oder der Teufel,« murmelte er endlich entsetzt, indem er einen starren Blick auf das Gesicht des Mannes heftete, der ihn fest hielt. »Entweder der eine oder der andere in der That,« erwiderte der Abenteurer lachend, »Du bist also in guten Händen; willst Du mir nun endlich sagen, wie Du, ein Dieb und Guerillero der Landstraße, in dieser Hauptstadt zum Spion und wahrscheinlich je nach den Umständen auch zum Meuchelmörder geworden bist?« »Durch das Unglück, Excellenz, man hat mich verläumdet, ich war zu ehrlich,« entgegnete Dominguez. »Du? Teufel, wenn ich davon ein Wort glaube, ich kenne Dich zu gut, Bursche, als daß Du mich täuschen könntest; entschließe Dich also, mir die Wahrheit zu sagen und das sogleich, ohne weitere Ausflüchte zu machen, oder wenn nicht, so tödte ich Dich wie einen Feigling.« »Wenn Sie mir den Arm etwas weniger pressen wollten, Excellenz, Sie werden ihn mir verrenken.« »Sei es,« sagte er, ihn loslassend, »aber versuche nicht, zu fliehen, das würde Dir theuer zu stehen kommen; jetzt sprich, ich höre.« Als sich Jesus Dominguez freifühlte von der festen Hand des Abenteurers, stieß er einen Seufzer der Erleichterung aus, schwenkte seinen Arm mehre Male hin und her, um die Circulation wieder herzustellen, worauf er sich endlich zum Reden entschloß. »Ich werde Ihnen vor allen Dingen berichten, Excellenz,« sagte er, »daß ich noch immer Guerillero bin, ja mehr, daß ich sogar einen Grad höher gestiegen, denn ich bin Lieutenant.« »Desto besser für Dich, aber was machst Du hier?« »Ich bin auf einer Expedition, Excellenz.« »Auf einer Expedition, ganz allein, in Mexiko? Ach, Du wagst es, frech mit mir zu scherzen?« »Ich schwöre Ihnen bei meiner Seligkeit, Excellenz, daß ich Ihnen die strengste Wahrheit sage; übrigens bin ich nicht allein hier, mein Capitain begleitet mich, auf seinen Befehl bin ich hierher gekommen.« »Ah! ah! und wer ist dieser Capitain?« »Oh! Sie kennen ihn, Excellenz.« »Das ist wohl möglich, aber ich denke, er hat einen Namen.« »Gewiß, Excellenz; er heißt Don Melchior de-la-Cruz.« »Ich vermuthete es; jetzt errathe ich Alles: Du hast den Auftrag Donna Dolores de-la-Cruz auszukundschaften, nicht wahr?« »Ja, Excellenz.« »Gut, und dann.« »Dann, das ist Alles, Excellenz.« »Oh! mein Bursche, es giebt noch etwas.« »Nein, ich versichere Sie:« »Gut, ich sehe, daß ich stärkere Mittel anwenden muß,« sagte er, indem er kaltblütig eine Pistole ergriff. »Aber was thun Sie, Excellenz,« rief er entsetzt. »Du siehst es, wie mir scheint, ich gedenke einfach Dich niederzuschießen; also wenn Du ein Gebet zu Gott schicken willst, so beeile Dich, es zu thun. Du hast nur noch zwei Minuten zu leben.« »Aber das ist nicht das Mittel, um mich zum Sprechen zu bringen,« rief er naiv. »Nein,« antwortete kalt der Abenteurer, »aber Dich zum Schweigen zu bringen.« »Hm!« meinte Jener, »Sie führen so gute Gründe an, Excellenz, daß ich Ihnen nicht widerstehen kann, sondern vorziehe, Ihnen Alles zu sagen.« »Du wurdest recht haben.« »So hören Sie Folgendes: Ich war nicht allein beauftragt, Donna Dolores zu beobachten, sondern auch die alte und die junge Dame, bei der sie wohnt, sowie alle Personen, die bei ihr aus- und eingehen, zu überwachen.« »Teufel! das ist ein gutes Stück Arbeit für einen einzelnen Mann.« »Nicht zu sehr, Excellenz; sie empfangen fast Niemand.« »Und seit wann treibst Du dieses ehrenwerthe Handwerk, Bursche?« »Seit zehn oder zwölf Tagen, Excellenz.« »Also Du machst mit den Banditen gemeinschaftliche Sache, die versuchten sich mit Gewalt in dieses Haus einzuführen.« »Ja, Excellenz, aber das ist uns nicht gelungen.« »Ich weiß es, bist Du wenigstens von Dem, der Dich verwendet, gut bezahlt?« »Er hat mir allerdings noch nichts gegeben, aber er hat mir fünfzig Unzen versprochen.« »Oh! die Versprechungen kosten Don Melchior nichts, es ist ihm leichter fünfzig Unzen zu versprechen, als zehn Piaster zu geben.« »Glauben Sie, Excellenz, er ist also nicht reich?« »Er ist ärmer als Du.« »Hm! das ist allerdings traurig, denn ich habe nur von Schulden gelebt.« »Ich muß gestehen, daß Du ein großer Dummkopf bist, und daß Du wohl verdienst, was Dir geschieht.« »Ich, Excellenz?« »Ei, wer sonst? Wie, Bursche, Du dienst einem Elenden, der keinen Sous besitzt, der ruinirt ist, anstatt für Diejenigen Partei zu nehmen, die Dich bezahlen würden.« »Wer sind diese, wenn's beliebt, Excellenz? Ich gestehe Ihnen, daß ich solchen Personen mit wahrem Eifer dienen würde.« »Daran zweifle ich nicht; stelle Dir zum Beispiel vor, daß es mir Spaß machen würde, Dir Aufträge zu geben.« »Ah! wenn Sie das wollten, Excellenz, würde ich Ihnen mit Freuden dienen.« »Du?« »Warum nicht, Excellenz?« »Ei, weil Du der Feind Derjenigen bist, die ich liebe, mußt Du auch der meinige sein.« »Oh! wenn ich es gewußt hätte.« »Was würdest Du gethan haben?« »Ich weiß es nicht, aber sicher würde ich sie nicht ausgekundschaftet haben; verwenden Sie mich, Excellenz, ich bitte Sie inständig darum.« »Du bist zu nichts gut.« »Stellen Sie mich auf die Probe, Sie werden sehen, Excellenz, nur das sage ich.« Der Abenteurer that, als wenn er überlegte; Jesus Dominguez wartete angstvoll. »Nein,« sagte er endlich; »Du bist kein Mann, auf den man sich verlassen kann.« »Oh! wie schlecht kennen Sie mich, Excellenz, ich, der ich Ihnen so ergeben bin.« Der Abenteurer brach in Lachen aus. »Das ist eine Ergebenheit für meine Person, die Dir sehr schnell gekommen ist,« sagte er. »Nun, wir wollen sehen, ich willige ein, mit Dir einen Versuch zu machen; aber wenn Du mich täuschest?« »Es genügt, Excellenz, daß ich Sie kenne; seien Sie unbesorgt, Sie werden mit mir zufrieden sein; um was handelt es sich?« »Ganz einfach darum, Deinen Mantel umzuwenden.« »Gut, ich begreife, das ist leicht gethan; mein Herr wird keinen Schritt thun, ohne daß Sie davon benachrichtigt sein werden.« »Hat er keinen vertrauten Freund, dieser theure Don Melchior?« »Ja, Excellenz, einen gewissen Antonio Cacerbar, sie sind auf's Innigste verbunden.« »Du wirst wohl daran thun, ihn bei derselben Gelegenheit auch zu überwachen.« »Darauf soll es mir nicht ankommen.« »Und da jede Mühe eine Belohnung verdient, so gebe ich Dir eine halbe Unze im Voraus.« »Eine halbe Unze!« rief er mit entzückter Miene. »Und weil Du Geld brauchst, will ich Dir zwanzig Tage vorschießen.« »Zehn Unzen! Sie werden mir zehn Unzen vorauszahlen, Excellenz oh! das ist unmöglich.« »Da nimm sie, damit Du es für möglich hältst,« antwortete er, indem er sie aus der Tasche zog und sie ihm reichte. Der Bandit ergriff dieselben mit fieberhafter Hast. »Oh!« rief er, »Don Melchior und sein Freund mögen auf ihrer Hut sein.« »Sei geschickt, denn Don Melchior und Don Antonio sind schlau.« »Ich kenne, sie, aber sie haben es mit einem Schlaueren, als sie sind, zu thun; verlassen Sie sich auf mich.« »Das ist Deine Sache; bei dem geringsten Fehler gebe ich Dich auf.« »Ich fürchte nicht, daß das geschieht.« »Hast Du mir nicht von Deiner Fingerfertigkeit erzählt?« »In der That, ich habe davon gesprochen, Excellenz.« »Nun, wenn diese Herren zufällig einige Papiere herumliegen lassen, wirst Du gut thun, dieselben aufzuheben und mir zu bringen; ich bin sehr neugierig.« »Das genügt! im Fall keine herumliegen sollten, werde ich sie suchen.« »Dieses Mittel ist gut, ich billige es. Erinnere Dich, daß ich jedes der Papiere, wenn es etwas werth ist, mit drei Unzen außerdem bezahle; sobald Du Dich täuschest, wird es für Dich um so schlimmer sein, da Du dann nichts erhältst.« »Ich werde vorsichtig sein, Excellenz; jetzt wollen Sie mir sagen, wo ich Sie treffen kann, sobald ich Ihnen Mittheilungen zu machen oder Papiere zu überliefern habe?« »Das ist sehr leicht; ich mache täglich von drei bis fünf Uhr einen Spaziergang am Canal de-Las-Vijas.« »Dorthin werde ich kommen.« »Sei hauptsächlich vorsichtig.« »Wie ein Opossum, Excellenz.« »Leb' wohl, wache aufmerksam.« »Excellenz, ich habe die Ehre, mich zu empfehlen.« Sie trennten sich. Nachdem Don Jaime dem alten Diener seiner Schwester, der während der ganzen Unterredung die Thür offen gehalten hatte, in's Haus zu gehen und dasselbe von Innen fest zu verschließen, befohlen hatte, schlug er händereibend seinen Weg nach der Wohnung der jungen Leute ein. Beunruhigt durch das lange Ausbleiben Don Jaime's, erwarteten der Graf und sein Freund ihn mit Angst; schon wollten sie ihn aufsuchen gehen, als er eintrat. Sie empfingen ihn mit warmer Freude und baten, ihnen das Erlebte mitzutheilen. Don Jaime hatte keinen Grund, ihnen das Geschehene zu verschweigen, und so erzählte er ihnen denn seine ganze Unterredung mit Jesus Dominguez und wie dieselbe endlich damit geendet habe, daß jener um ihm als Spion zu dienen an seinem Herrn zum Verräther würde. Diese Erzählung belustigte die jungen Leute sehr. Die drei Männer blieben bis Tagesanbruch beisammen; etwas nach Sonnenaufgang trennten sie sich; Don Jaime's letzte Worte, als er sie verließ, waren folgende: »Meine Freunde, urtheilt noch nicht über meine Handlungsweise, so sonderbar dieselbe Euch auch erscheinen mag; in wenigen Tagen höchstens, werde ich endlich das Ziel erreicht haben, welches ich seit langen Jahren vorbereite. Was auch geschehen mag, alsdann wird Euch Alles klar werden; habt also Geduld, Ihr seid mehr bei dem Erfolg der Sache interressirt, als Ihr glaubt. Erinnert Euch, daß Ihr mir einen Schwur geleistet habt, und haltet Euch zum Handeln bereit, sobald ich Eurer Hülfe bedarf. Lebt wohl.« Er drückte ihnen herzlich die Hand und entfernte sich. Eine ganze Woche verfloß, ohne daß sich ein bemerkenswerthes Ereigniß zugetragen hätte. Indessen herrschte eine dumpfe Gährung in der Stadt; zahlreiche Versammlungen bildeten sich in den Straßen und auf den Plätzen, wo alle politischen Nachrichten ausgetauscht wurden. In den Kaufmannsvierteln wurden die Läden höchstens einige Stunden des Tages geöffnet, die Lebensmittel wurden immer seltener und theurer, die Indianer kamen nur noch in geringer Anzahl nach der Stadt und brachten nur noch wenig Producte mit. Eine lebhafte Bewegung herrschte ohne eine bestimmte Ursache in der Bevölkerung, man fühlte, daß der Moment der Krisis sich rasch näherte und daß das so lange über Mexiko schwebende Gewitter mit furchtbarer Wuth losbrechen würde. Don Jaime führte wenigstens scheinbar das müßige Leben eines Mannes, den seine Stellung über alle Eventualitäten hinwegsetzt und für den die politischen Ereignisse von keiner Wichtigkeit sind. Er ging und kam bald hier, bald dort; er schlenderte, seine Cigarre rauchend, durch die Straßen und Plätze, hörte theilnahmlos die Nachrichten, welche man sich erzählte, und nahm scheinbar die größten, von den Neuigkeitskrämern erfundenen Albernheiten für Wahrheit an, ohne daß er selbst sich darüber äußerte. Täglich machte er einen Spaziergang am Canal-de-Las-Vigas; der Zufall ließ ihn oft mit Jesus Dominguez zusammentreffen, sie plauderten lange, indem sie neben einander ihren Weg fortsetzten, und trennten sich darauf, offenbar sehr befriedigt von einander. Indessen schien Don Jaime seit einigen Tagen nicht mehr so zufrieden mit seinem Spion zu sein; scharfe Worte, ja selbst Drohungen wurden zwischen ihnen ausgetauscht. »Mein Freund, Jesus Dominguez,« hatte einst Don Jaime bei der sechsten oder siebenten Zusammenkunft, welche er mit ihm hatte, zu seinem Spion gesagt, »nehmt Euch in Acht, ich glaube zu bemerken, daß Ihr ein doppeltes Spiel treibt, ich habe einen feinen Geruch, wie Ihr wißt, und ich wittere Verrath.« »Oh! Ew. Herrlichkeit,« rief darauf der Sennor Dominguez, »Sie sind im Irrthum, ich bin Ihnen treu ergeben, glauben Sie mir, man verräth einen so edelmüthigen Caballero nicht.« »Es ist wohl möglich; auf alle Fälle habe ich Euch gewarnt, handelt darnach, und hauptsächlich unterlaßt nicht, mir morgen die Papiere zu bringen, die Ihr mir bereits seit drei Tagen versprochen habt.« Darauf hatte Don Jaime den Spion ganz bestürzt und sehr beunruhigt darüber verlassen, daß die Dinge, wenn er nicht sehr vorsichtig handelte, sich gegen ihn wenden konnten. Denn man muß zugeben, daß das Gewissen des Sennor Jesus Dominguez durchaus nicht ruhig war; der Verdacht Don Jaime's entbehrte nicht ganz alles Grundes: wenn der Spion seinen edelmüthigen Beschützer noch nicht verrathen hatte, so war ihm wenigstens der Gedanke gekommen, es zu thun, und für einen Mann wie der Guerillero, ist von dem Gedanken bis zur Ausführung nur ein Schritt. Auch beschloß er, durch einen glänzenden Streich das verlorene Vertrauen Don Jaime's wieder zu gewinnen, indem er sich vorbehielt, ihn später zu betrügen. Um dies zu verwirklichen, beschloß er, sich in den Besitz der Papiere zu setzen, welche Don Jaime von ihm verlangte und dieselben ihm am nächsten Tage zu bringen, entschlossen, sobald sich eine günstige Gelegenheit finden würde, sie ihm wieder zu entwenden. Am andern Tage erschien Don Jaime zur verabredeten Stunde. Jesus Dominguez kam auch bald und übergab ihm, seiner Gewohnheit gemäß mit großer Prahlerei ein ziemlich umfangreiches Päckchen Papiere. Der Abenteurer warf einen raschen Blick darauf, verbarg sie unter seinem Mantel und nachdem er dem Guerillero eine schwere Börse gegeben, wandte er diesem den Rücken, ohne auf seine Betheurungen zu hören. »Teufel!« murmelte Jesus Dominguez, »das brennt; er sieht heut nicht sanft aus, wir dürfen ihm keine Zeit lassen, seine Vorsichtsmaßregeln zu treffen. »Ich habe glücklicherweise seine Wohnung entdeckt, ich muß handeln und Alles Don Melchior erzählen. Er wird die Dinge auf eine Weise zu arrangiren wissen, daß er glaubt, ich habe nur so gehandelt, um seinem Feinde Vertrauen zu erwecken und ihn leichter zu überliefern, statt dessen, wenn ich ihn wirklich in seine Hände bringe, wird er entzückt sein und mich wegen meiner Geschicklichkeit loben. Wahrhaftig! es ist doch eine schöne Sache, gescheidt zu sein; ich bin entschieden ein intelligenter Mann.« Indem er diese Complimente an sich selbst richtete, stieß Jesus Dominguez, der mit gesenktem Kopf, wie alle in Nachdenken versunkene Leute, dahinschlenderte, gegen zwei Personen, welche Arm in Arm vor ihm gingen und über ihre Angelegenheiten plauderten. Diese beiden Männer waren wahrscheinlich von wenig duldsamem Character, denn sie drehten sich rasch herum und macht dem Guerillero ziemlich harte Vorwürfe. Dieser fühlte sich im Unrecht, und da er eine beträchtliche Summe bei sich führte, so wollte er sich nicht in Händel verwickeln, sondern versuchte, sich auf's Beste zu entschuldigen. Aber die Unbekannten wollten nichts davon wissen, und fuhren fort, ihn mit Schimpfreden zu überhäufen. So langmüthig der Guerillero auch war, so ging ihm doch endlich die Geduld aus und er ließ sich durch den Zorn hinreißen, die Hand an sein Messer zu legen. Diese unvorsichtige Bewegung war sein Unglück; die beiden Unbekannten stürzten sich auf ihn und schlugen ihn zu Boden. Da die Straße, wo dieser Streit stattgefunden hatte, vollkommen leer war, und sie daher Keiner gesehen hatte, so entfernten sie sich ruhig, nachdem sie sich überzeugt, daß der arme Bursche wirklich todt sei, und sie ihn seines Geldes und aller Papiere, die seine Identität feststellen konnten, beraubt hatten. So starb Sennor Jesus Dominguez. Die Celadores hoben seinen Körper zwei Stunden später auf und da ihn Niemand kannte, so wurde er ohne Ceremonie auf dem Kirchhof in eine Grube geworfen, ohne daß sich Jemand weiter um ihn kümmerte. Don Melchior war vielleicht erstaunt, ihn nicht wieder zu sehen; da er aber nur geringes Vertrauen in seine Ehrlichkeit gesetzt hatte, so vermuthete er, daß er nachdem er sich einige Veruntreuungen hatte zu Schulden kommen lassen, das Weite gesucht habe, und dachte nicht weiter an ihn. VII. Anfang des Schlusses. Die wenigen Tage, welche seit der letzten Unterredung mit Don Jaime verflossen waren, hatte der General Don Miguel Miramon nicht unbenutzt vorübergehen lassen. Entschlossen, eine letzte Partie zu wagen, hatte er dieselbe nicht riskiren wollen, ohne vorher alle für ihn vorhandenen Chancen für sich zu sammeln, um, wenn nicht die Vortheile auszugleichen, so doch das Resultat des Kampfes, wie es auch ausfallen mochte, zu seinen Gunsten zu wenden. Der Präsident beschäftigte sich nicht allein mit der Recrutirung und Bildung seiner Armee, um dieselbe auf respectablen Fuß zu setzen, sondern da er sich nicht verbergen konnte, wie sehr die Wegnahme der sechsmalhundertsechszigtausend Piaster der englischen Convention, im Hause des Gesandten dieser Nation selbst, ihm nachtheilig gewesen war, so machte er energische Anstrengungen, um das Uebel wieder gut zu machen, und leitete Unterhandlungen ein, durch welche er sich verpflichtete, das Geld, dessen er sich so widerrechtlich bemächtigt, London wieder zu ersetzen. Er machte als Entschuldigung dieser kühnen Handlung geltend, daß es nur ein Act der Wiedervergeltung gegen M. Mathew, den Geschäftsträger der britannischen Regierung gewesen sei, dessen unausgesetzte Machinationen und feindselige Demonstrationen gegen die anerkannte Regierung Mexiko's den Präsidenten in die Lage versetzt hatten, in der er sich befand. Als Beweis für die Wahrheit dieser Behauptung führte er an, daß man nach der Schlacht bei Toluca in dem Gepäck des zum Gefangenen gemachten General Degollado einen eigenhändigen von M. Mathew geschriebenen Angriffsplan auf Mexiko gefunden habe, was eine Handlung der Treulosigkeit von Seiten eines Repräsentanten einer befreundeten Regierung constituire. Der Präsident hatte, um dieser Erklärung mehr Kraft zu verleihen, das Original dieses Planes den in Mexiko residirenden ausländischen Gesandten gezeigt, dann hatte er es übersetzen und in der officiellen Zeitung veröffentlichen lassen. Diese Publication brachte ganz die Wirkung hervor, welche der Präsident davon erwarte, indem sie den instinctmäßigen Haß der Bevölkerung gegen die englische Nation erhöhte und ihm wieder einige Sympathien zuführte. Miramon verdoppelte darauf seine Anstrengungen und so gelang es ihm endlich, achttausend Mann zusammenzubringen, freilich eine schwache Zahl gegen vierundzwanzigtausend, welche ihn bedrohten; denn der General Huerta, der lange Zeit gezögert, hatte sich endlich entschlossen Morelia an der Spitze von viertausend Mann zu verlassen, welche sich mit den elftausend von Gonzalez Ortega, mit den fünftausend von Gazza, Amondia und den viertausend von Aureliauo Carvajal und Cuellar vereinigten, und in der That eine Gesammtmacht von vierundzwanzigtausend Mann bildeten, welche sich in Geschwindmärschen Mexiko näherten und bald daselbst erwartet werden konnten. Die Lage wurde mit jedem Tage kritischer. Die Bevölkerung, welche die Pläne des Präsidenten nicht kannte, war in der größten Unruhe, da sie jeden Augenblick die Juaristencolonnen erscheinen zu sehen und allen Schrecken einer Belagerung ausgesetzt zu werden fürchteten. Miramon indessen, der vor allen Dingen die Achtung seiner Landsleute zu erhalten strebte und die Befürchtungen der Bevölkerung zu beruhigen suchte, entschloß sich, den Magistrat zu berufen. Dann bemühte er sich, in einer warmen Rede diesen Repräsentanten der Bevölkerung der Hauptstadt darzulegen, daß es nie seine Absicht gewesen sei, die feindliche Armee hinter den Mauern der Stadt zu erwarten, daß er vielmehr entschlossen sei, sie in offenem Felde anzugreifen, und welches auch das Resultat einer Schlacht sein würde, hätte die Stadt doch keine Belagerung zu befürchten. Diese Versicherung beruhigte ein Wenig die Furcht des Volkes und unterdrückte wie durch Zauber die Versuche des Aufruhrs, welchen die Parteigänger Juarez' bei den auf den Plätzen versammelten Gruppen zu erregen suchten, die seit einigen Tagen sich dort fortwährend aufhielten, ja selbst die Nacht daselbst bivouaquirten. Als der Präsident glaubte, alle Vorsichtsmaßregeln getroffen zu haben, welche die Umstände von ihm forderten, um den Feind ohne zu großen Nachtheil angreifen und die nöthigen Kräfte zum Schutze der Stadt zurücklassen zu können, berief er einen letzten Kriegsrath, um über den angemessensten Plan zu berathen, wie der Feind zu überraschen und zu schlagen sein könne. Dieser Kriegsrath dauerte mehre Stunden. Zahlreiche Pläne wurden vorgeschlagen, von denen einige, wie dies stets bei ähnlichen Umständen geschieht, unausführbar waren, während andere, wenn sie angenommen worden wären, die Regierung vielleicht gerettet haben würden. Leider ließ sich hierbei der sonst so kluge und vorsichtige Präsident durch sein persönliches Gefühl fortreißen, anstatt das wahre nationale Interesse in Betracht zu ziehen. Don Benito Juarez ist Advocat: wir wollen beiläufig erwähnen, daß er seit der Proclamation der mexikanischen Unabhängigkeit, der einzige Präsident der Republik war, der nicht aus den Reihen der Armee hervorgegangen, sondern der Magistratur angehörte. Da nun aber Juarez nicht Soldat war, so konnte er sich nicht an die Spitze seiner Armee stellen; auch hatte er seinen festen Wohnsitz in Vera-Cruz genommen, welches er vorläufig zu seiner Residenz gemacht, und Don Gonzalez Ortega zum Befehlshaber mit der ausgedehntesten Macht in Bezug auf die Kriegskunst ernannt, indem er sich vollständig seinen Kenntnissen und Erfahrungen in dieser Beziehung unterordnete. Was dagegen die Diplomatie anlangte, so nahm er sein Recht vollständig in Anspruch, da er durch den General Ortega, der ein sehr tapferer Soldat, aber ein sehr schlechter Diplomat war, nicht durch einen falsch angewendeten Edelmuth in den Erfolgen, die er von seiner hinterlistigen Politik erwartete, compromittirt sein wollte. Der General Ortega war derjenige, durch welchen Miramon bei Silao besiegt worden war; das Gefühl dieser Niederlage war im Herzen des Präsidenten unauslöschlich geblieben und er empfand den lebhaften Wunsch, den Schimpf, den er bei dieser Gelegenheit empfangen hatte, abzuwaschen. Da vergaß er seine gewöhnliche Vorsicht, und drang gegen die Meinung seiner weisesten Räthe darauf, daß der erste Angriff gegen das von Ortega befehligte Corps gerichtet werden sollte. Uebrigens fehlte es den Motiven, die er für seinen Entschluß anführte, nicht an einer gewissen Logik. Er behauptete, daß wenn es gelänge, Ortega zu schlagen, der an der Spitze des zahlreichsten Corps stände, die Demoralisation sich der übrigen feindlichen Armee bemächtigen würde, mit der man es alsdann leicht aufnehmen könnte. Der Präsident unterstützte seine Meinung mit so viel Beredtsamkeit und Halsstarrigkeit, daß es ihm endlich gelang, die Opposition der Mitglieder des Kriegsrathes zu besiegen und ihre Zustimmung zu seinem Plane zu erhalten. Sobald einmal diese Entscheidung getroffen war, wollte der General keinen Augenblick mehr verlieren, um dieselbe in Ausführung zu bringen, und so ordnete er denn für den nächsten Tag eine Revüe über alle Truppen an und setzte noch denselben Tag zum Abmarsch fest, um die Begeisterung der Soldaten nicht erkalten zu lassen. Als der Kriegsrath endlich geschlossen wurde, zog sich der Präsident in sein Zimmer zurück, um seine letzten Dispositionen zu treffen, seine persönlichen Angelegenheiten zu ordnen und einige ihn compromittirende Papiere, die er nicht gern zurücklassen wollte, zu verbrennen. Schon seit mehren Stunden hatte sich der Präsident in seinem Cabinet eingeschlossen, es war bereits spät am Abend, als ein Huissier ihm den Besuch Don Jaime's meldete. Er befahl, ihn sogleich vorzulassen. Der Abenteurer trat ein. »Ihr erlaubt mir, fortzufahren, nicht wahr,« sagte er lächelnd zu ihm, »ich habe nur noch einige Papiere in Ordnung zu bringen, dann wird Alles geschehen sein.« »Lassen Sie sich nicht stören,« gab ihm Don Jaime zur Antwort, indem er sich auf eine Butacca niederließ. Der Präsident fuhr in seiner auf einen Augenblick unterbrochenen Arbeit fort. Don Jaime betrachtete ihn eine Weile mit unbeschreiblicher Trauer. »Also Ihr Entschluß ist unwiderruflich gefaßt, General?« sagte er. »Ja, der Würfel ist gefallen! ich habe den Rubicon überschritten, würde ich sagen, wenn es nicht lächerlich wäre, mich mit Cäsar zu vergleichen; ich werde meinen Feinden die Schlacht anbieten.« »Ich tadle diesen Entschluß nicht, er ist Ihrer würdig, General; gestatten Sie mir die Frage, wann Sie aufzubrechen gedenken?« »Morgen, gleich nach der Revüe, die ich anbefohlen habe.« »Gut, ich habe alsdann noch Zeit, zwei bis drei intelligente Männer auf Recognoscirung auszuschicken, die Sie genau von der Stellung des Feindes unterrichten werden.« »Obwohl bereits Mehre zu demselben Zweck auf dem Wege sind, so nehme ich doch Euer Anerbieten dankbar an, Don Jaime.« »Wollen Sie nun die Güte haben, mir zu sagen, welcher Richtung Sie zu folgen und auf welches Corps sie den Angriff beschlossen haben?« »Ich will den Stier bei den Hörnern nehmen; ich beabsichtige Gonzalez Ortega anzugreifen.« Der Abenteurer schüttelte den Kopf, ohne daß er eine Bemerkung zu machen wagte. »Es ist gut,« sagte er. Miramon verließ darauf seinen Schreibtisch und setzte sich neben ihn. »Nun ich bin fertig,« sprach er; »jetzt gehöre ich ganz Euch an, laßt sehen, was Euch zu mir führt, ich errathe, daß Ihr mir einige wichtige Mittheilungen zu machen wünscht. Sprecht, Don Jaime, ich höre.« »Sie sind durchaus nicht im Irrthum, General, ich habe in der That Ihnen eine Angelegenheit von der größten Wichtigkeit mitzutheilen, wollen Sie die Güte haben und von diesem Schreiben Kenntniß nehmen?« Und er reichte dem Präsidenten ein zusammengefaltetes Papier. Der Präsident nahm und las es, ohne daß auf seinem Gesicht das geringste Zeichen von Ueberraschung zu erkennen war, dann gab er es dem Abenteurer zurück. »Haben Sie die Unterschrift gelesen?« fragte dieser. »Ja,« erwiderte er kalt, »es ist ein Beglaubigungsschreiben Don Benito Juarez' an Don Antonio Cacerbar, um ihm bei seinen Anhängern zu dienen.« »Das ist es in der That, General; es bleibt Ihnen jetzt wohl kein Zweifel über den Verrath dieses Mannes?« »Nein, keiner.« »Verzeihen Sie mir die Frage, General, was gedenken Sie zu thun?« »Nichts?« »Wie, nichts?« rief dieser überrascht. »Nein, ich werde nichts thun,« wiederholte er. Der Abenteurer machte eine Geberde der Bestürzung. »Ich verstehe Ew. Excellenz nicht,« murmelte er. »Hört mich an, Don Jaime, und Ihr werdet meine Handlungsweise begreifen,« antwortete er mit sanfter, zum Herzen dringender Stimme. »Don Franziska Pacheco, der Gesandte Ihrer Majestät der Königin von England, hat mir seit seiner Ankunft in Mexiko unermeßliche Dienste erwiesen. Nach der Niederlage von Silao, als meine Lage eine sehr schwankende geworden war, hat er nicht gezögert, meine Regierung anzuerkennen; seitdem hat er mich mit den besten Rathschlägen überhäuft; seine Handlungsweise gegen mich ist so wohlwollend gewesen, daß er seine diplomatische Stellung dadurch compromittirt hat, und sobald Juarez an's Ruder gelangt, wird er ihm den Laufpaß geben. Der Sennor Pacheco weiß Alles, und dennoch bleibt sein Benehmen gegen mich, in dem Augenblick, wo ich fast verloren bin, dasselbe. Auf ihn allein, das gestehe ich Euch, zähle ich, um im Fall einer wahrscheinlichen Niederlage nicht für mich, wohl aber für die unglückliche Bevölkerung der Stadt und für die Personen, die durch ihre Freundschaft für mich sich in letzter Zeit stark compromittirt haben, von dem Feinde günstige Bedingungen zu erhalten. Nun aber ist dieser Mann, dessen Verrath Ihr mir denuncirt – und ich muß hinzufügen, dergestalt auf frischer That denuncirt, daß nicht der geringste Zweifel in dieser Beziehung bleibt – nicht allein Spanier und Träger eines großen Namens, sondern er ist mir auch persönlich durch den Gesandten empfohlen worden, der, das bin ich überzeugt, zuerst der Betrogene bei dieser Gelegenheit gewesen ist. Der Hauptzweck der Mission des Sennor Pacheco, Ihr wißt es, ist: Satisfaction zu erlangen für zahlreiche, seiner Nation zugefügte Beleidigungen und Bedrückungen, deren Opfer er seit mehren Jahren gewesen ist.« »Ja, General, das weiß ich.« »Wohl; was würde nun der Gesandte denken, wenn ich nicht allein einen Spanier vom höchsten Adel des Königreichs, sondern auch einen Mann, den er mir empfohlen hat, des Hochverraths anklage; glaubt Ihr, daß ein solches Verfahren von meiner Seite schmeichelhaft für ihn sein würde, für ihn, der nicht aufgehört hat, mir Dienste zu erweisen und vielleicht bald noch mehr thun wird? Ihr könntet mir vielleicht einwenden, ich sollte diesen Brief nehmen und allein mit dem Gesandten diese Angelegenheit abmachen; aber, mein Freund, auf diese Weise würde die Beleidigung noch ernster sein, wie Ihr selbst aus Folgendem urtheilen werdet: Don Franzisko Pacheco ist der Repräsentant einer europäischen Regierung, er gehört der alten Schule der Diplomaten aus dem Anfange des Jahrhunderts an; aus diesen beiden Gründen und noch anderen, die ich mit Schweigen übergehe, hat er für uns anderen Diplomaten und regierenden Amerikaner nur eine geringe Achtung, so sehr ist er von seinem Verdienst und seiner Ueberlegenheit über uns eingenommen. Wenn ich nun dumm genug wäre, ihm zu beweisen, daß er sich durch einen Schurken, der mit der kühnsten Unverschämtheit mit ihm gespielt hat, sich hinter das Licht habe führen lassen, so würde Don Franzisko Pacheco wüthend sein, nicht darüber, sich getäuscht zu haben, sondern weil ich den Betrüger entlarve. Seine verwundete Eigenliebe würde mir nie verzeihen, dieser Vortheil, welchen der Zufall mir über ihn in die Hände giebt, würde aus einem nützlichen Freunde ihn mir zum unversöhnlichen Feinde machen.« »Die Gründe, die Sie mir anzuführen die Güte haben, General, sind sehr gut, ich gebe es zu, trotz Allem aber ist dieser Mensch ein Verräther.« »Allerdings, aber er ist kein Dummkopf; wenn ich morgen eine Schlacht liefere und Sieger bleibe, so könnt Ihr überzeugt sein, daß er sich an mein Glück ketten wird, wie er es schon bei Toluca gethan hat.« »Treu, ja, bis er eine günstige Gelegenheit findet, Euch entschieden zu verrathen.« »Ich sage nicht nein, aber wer weiß? Vielleicht werden wir in Kurzem die Mittel finden, uns seiner ohne Aufsehen zu entledigen.« Der Abenteurer überlegte einen Augenblick. »General,« sagte er plötzlich, »ich glaube, dieses Mittel gefunden zu haben.« »Vor allen Dingen laßt mich eine Frage an Euch richten und versprecht mir, dieselbe zu beantworten.« »Ich verspreche es Ihnen.« »Ihr kennt diesen Mann, er ist Euer persönlicher Feind.« »Ja, General,« erwiderte er offen. »Ich zweifelte nicht daran, Eure Erbitterung, ihn zu vernichten, erschien mir nicht natürlich; jetzt laßt Euer Mittel hören.« »Der einzige Beweggrund, der Sie zurückhält, das haben Sie selbst erwähnt, ist die Furcht, den Gesandten ihrer katholischen Majestät zu beleidigen.« »Das ist der einzige Grund, Don Jaime.« »Wohlan, General, wenn der Sennor Pacheco einwilligte, diesen Menschen aufzugeben.« »Ihr wolltet Das erreichen?« »Ich werde es erreichen, wenn es sein muß, ich werde mir von ihm ein Schreiben erbitten, worin er nicht allein Don Antonio Cacerbar – wie er sich nennt – aufgiebt, sondern worin er Sie sogar ermächtigen wird, ihn vor die Schranken des Gerichts zu ziehen.« »Oh! oh! Ihr geht zu weit, scheint mir, Don Jaime,« bemerkte der Präsident zweifelnd. »Das ist meine Sache, General, die Hauptsache ist, daß Sie in keiner Weise compromittirt werden und ganz neutral bleiben.« »Das ist mein einziger Wunsch, Ihr kennt die ernsten Gründe dafür.« »Ich kenne sie, General, ja und ich gebe Ihnen mein Wort, daß Ihr Name nicht einmal ausgesprochen werden wird.« »Ich meinerseits gebe Euch mein Wort als Soldat, daß wenn es Euch gelingt, das Schreiben zu erhalten, dieser Elende auf der Plaza-Mayor erschossen werden soll, selbst wenn ich die Macht nur noch eine Stunde in Händen habe.« »Ich werde Sie beim Wort halten, General; überdies besitze ich eine Vollmacht, die Sie so gütig waren, mir auszustellen; ich werde diesen Elenden, sobald der Augenblick gekommen sein wird, selbst verhaften.« »Habt Ihr mir nichts weiter zu sagen?« »Verzeihung, General, ich habe noch eine Bitte an Sie zu richten.« »Welche?« »Ich wünsche Sie bei Ihrer Expedition zu begleiten, General.« »Habt Dank, mein Freund, ich nehme es mit Freuden an.« »Ich werde die Ehre haben, im Augenblick des Abmarsches der Armee zu Ihnen zu stoßen.« »Ich füge Euch meinem Generalstabe bei.« »Das ist offenbar eine große Gunst,« antwortete er lächelnd, »leider aber ist es mir unmöglich, dieselbe anzunehmen.« »Weshalb nicht?« »Weil ich nicht allein sein werde, General, die dreihundert Reiter, welche mir schon bei Toluca gefolgt sind, begleiten mich, aber während der Schlacht werde ich und meine Cuadrilla an Ihrer Seite sein.« »Ich verzichte darauf, Euch zu begreifen, mein Freund, Ihr habt das Privilegium, Wunder auszuführen.« »Sie werden bald den Beweis davon haben. Jetzt, General, erlauben Sie mir, Ihnen Lebewohl zu sagen.« »Geht denn, mein Freund, ich halte Euch nicht mehr zurück.« Nachdem er herzlich die Hand des Generals gedrückt hatte, entfernte sich Don Jaime. Lopez erwartete ihn an der Pforte des Palastes, er bestieg sein Pferd und kehrte nach Hause zurück. Nachdem er einige Briefe geschrieben, die er seinen Peonen sogleich fortzutragen beauftragte, wechselte Don Jaime die Kleidung, nahm einige Papiere aus einem verschlossenen Bronzekästchen, dann verließ er, nachdem er einen Blick auf die Uhr geworfen, ob die Zeit nicht unpassend sei, (es war kaum zehn Uhr Abends) seine Wohnung und lenkte seine Schritte nach dem englischen Gesandtschaftshôtel, von dem er nicht sehr entfernt war. Die Thür des Hôtel's war noch offen; Diener in großer Livrée eilten über den Hof und durch den Säulengang; ein Schweizer, mit einer Hellebarde in der Hand, stand am Eingang der Hausflur. Don Jaime wandte sich an ihn. Der Schweizer rief einen Lakai und winkte dem Abenteurer, diesem Manne zu folgen. In einem Vorzimmer angekommen, näherte sich ihm ein Huissier, der eine goldene Kette um den Hals trug. Don Jaime übergab seine Karte, welche in einem Couvert unter fliegendem Siegel eingeschlossen war. »Ueberreichen Sie diese Karte Seiner Excellenz,« sagte er. Nach Verlauf einiger Minuten kam der Huissier wieder zurück, und die Portière aufhebend, sagte er: »Seine Excellenz erwarten Ew. Herrlichkeit.« Don Jaime folgte ihm durch mehre Salons, und erreichte endlich das Gemach, in welchem sich der Gesandte befand. Don Franzisko Pacheco ging ihm einige Schritte entgegen und begrüßte ihn höflich. »Welchem glücklichen Zufall verdanke ich Ihren Besuch, Caballero?« sagte er zu ihm. »Ich bitte Ew. Excellenz, mich zu entschuldigen,« antwortete Don Jaime sich verneigend, »aber es hing nicht von mir ab, eine schicklichere Stunde zu wählen.« »Zu welcher Stunde es Ihnen beliebt, mich zu besuchen, es wird mir stets angenehm sein, Sie zu empfangen, mein Herr,« erwiderte der Gesandte. Auf seinen Wink rollte der Huissier einen Stuhl herbei und entfernte sich. Beide nahmen einander gegenüber Platz. »Jetzt bin ich bereit, Sie zu hören,« sagte der Gesandte, »ich bitte, wollen Sie die Güte haben, zu beginnen, Herr ...« »Ich ersuche Ew. Excellenz,« unterbrach ihn Don Jaime rasch, »mir zu gestatten, das Incognito selbst Ihnen gegenüber bewahren zu dürfen.« »Es sei, mein Herr, ich werde Ihren Wunsch respectiren,« erwiderte der Gesandte sich verneigend. Don Jaime öffnete sein Portefeuille und nahm ein Papier aus demselben, welches er dem Gesandten offen überreichte. »Wollen Ew. Excellenz die Güte haben, einen Blick auf diese königliche Ordre zu werfen,« sagte er. Der Gesandte nahm das Papier und begann mit der ernstesten Aufmerksamkeit zu lesen; als er damit zu Ende war, stellte er es Don Jaime wieder zu, der es zusammenfaltete und wieder in sein Portefeuille legte. »Sie wünschen die Vollziehung dieser königlichen Ordre, Caballero?« fragte der Gesandte. Don Jaime verneigte sich zustimmend. »Wohl, es sei,« erwiderte Don Franzisko Pacheco. Er erhob sich, ging an seinen Schreibtisch, schrieb einige Worte auf ein Blatt Papier, welches das spanische Wappen und den Gesandtschaftsstempel trug, unterzeichnete dasselbe, drückte sein Siegel darunter und überreichte es offen Don Jaime. »Hier ist ein Brief für Seine Excellenz, den General Miramon,« sagte er; »wünschen Sie die Ueberbringung zu übernehmen, oder ziehen Sie es vor, wenn derselbe durch die Gesandtschaft übersendet wird?« »Ich werde es selbst übernehmen, wenn Ew. Excellenz es gestatten,« antwortete er. Der Gesandte faltete den Brief zusammen, steckte ihn in ein Couvert und übergab denselben darauf Don Jaime. »Ich bedaure sehr, Caballero,« bemerkte er, »Ihnen keinen andern Beweis meines Wunsches, Ihnen gefällig zu sein, geben zu können.« »Ich erlaube mir, Ew. Excellenz zu bitten, den Ausdruck meiner lebhaftesten Dankbarkeit zu genehmigen,« erwiderte Don Jaime sich ehrfurchtsvoll verneigend. »Werde ich nicht das Vergnügen haben, Sie wieder zu sehen, Caballero?« »Ich werde die Ehre haben, dem Wunsche Ew. Excellenz nachzukommen.« Der Gesandte zog eine Glocke, worauf der Huissier erschien. Die beiden Personen verneigten sich höflich vor einander und Don Jaime entfernte sich. VIII. Der letzte Schlag. Am andern Morgen erhob sich die Sonne strahlend aus den goldigen und purpurfarbenen Wolken. Mexiko war in einem Freudenrausche. Die Stadt hatte ihr Festgewand angelegt; sie schien zu den schönen Tagen der Ruhe und des Friedens zurückgekehrt zu sein. Die ganze Bevölkerung war auf den Straßen und eilte mit Geschrei, Gesang und Lachen dem Paseo von Bucarelli zu. Von verschiedenen Seiten ertönte Militärmusik, Trommeln und Trompeten. Offiziere des Generalstabs, in ihren reichen, goldgestickten Uniformen mit Federhüten, ritten hier und dorthin, um Ordres zu ertheilen. Die Truppen verließen die Casernen und marschirten zu dem Paseo, wo sie sich zu beiden Seiten der großen Allee aufstellten. Die Artillerie nahm vor der Reiterstatue des Königs Karl IV., welchen die Leperos mit Fernando Cortez verwechseln, Stellung und die nur elfhundert Mann starke Cavallerie ordnete sich auf der Alameda. Die Leperos benutzten diese Gelegenheit, um sich durch das Sprengen von Petarden zu belustigen, die sie zwischen den Füßen der Spaziergänger losließen. Gegen zehn Uhr Morgens ertönte lautes Jubelgeschrei, welches rasch näher kam. Es war das Volk, welches dem Präsidenten der Republik zujauchzte. Der General Miramon erschien in der Mitte eines glänzenden Generalstabs. Der Gesichtsausdruck des Präsidenten war freudig, er schien über die unaufhörlichen Rufe, es lebe Mirarmon, glücklich zu sein, denn sie bewiesen ihm, daß das Volk ihn noch immer liebte; es bezeigte ihm auf seine Weise seine Dankbarkeit für den heroischen Entschluß, den er gefaßt hatte, eine letzte Schlacht im offenen Felde zu wagen, anstatt den Feind in der Stadt zu erwarten. Der General verneigte sich lächelnd nach allen Seiten. Sobald er den Eingang des Paseo erreichte, donnerten zwanzig Kanonenschüsse zugleich und verkündeten so seine Anwesenheit den auf der Promenade versammelten Truppen. Darauf durchliefen rasche Ordres die Reihen der Soldaten, die Musik der Regimenter begann zu spielen, die Trommeln und Trompeten ertönten, der Präsident ritt langsam an der Front vorüber und die Revüe begann. Die Soldaten schienen voll Muth; die Menge theilte ihnen ihre Begeisterung mit, und so empfingen sie den Präsidenten mit dem lebhaften Rufe: Es lebe Miramon! Die Besichtigung des Generals war streng und gewissenhaft. Es war keine jener Paraderevüen, deren Schauspiel die Regierenden von Zeit zu Zeit dem Volke geben, um es zu belustigen; nein, denn sobald die Truppen die Stadt verließen, gingen sie in die Schlacht, es handelte sich darum, ob sie wirklich im Stande waren, dem Feinde einige Stunden später die Stirn zu bieten. Die Befehle des Generals waren auf das Genaueste ausgeführt worden, die Soldaten, gut bewaffnet, zeigten einen kriegerischen Ausdruck, den man mit Freuden bemerkte. Sobald der Präsident die Reihen durchschritten, hier und dort an Soldaten, die ihm bekannt waren, oder die er zu kennen vorgab, einige Worte gerichtet hatte, – ein altes Mittel, welches stets Erfolg hat, da es der Eigenliebe der Soldaten schmeichelt – stellte er sich in die Mitte eines Rundtheils des Paseo und ließ mehre Manöver ausführen, um sich über die Instructionsstufe der Truppen zu unterrichten. Diese Manöver, von denen einige sehr schwierig waren, wurden vollkommen befriedigend ausgeführt. Der Präsident sprach den Generälen seine vollkommene Zufriedenheit aus, worauf das Defiliren begann; nachdem die Truppen vor dem Präsidenten vorübergezogen waren, nahmen sie ihre ersten Stellungen wieder ein und schlugen ein provisorisches Lager auf. Da Miramon die Soldaten nicht unnütz ermüden wollte, indem er sie nöthigte, in der großen Hitze zu marschiren, hatte er beschlossen, erst mit einbrechender Nacht aufzubrechen; bis dahin sollten die Truppen auf dem Paseo campiren. Unter den Offizieren, welche den Generalstab des Präsidenten bildeten und die mit ihm nach dem Palast zurückkehrten, befand sich Don Melchior de-la-Cruz, Don Antonio Cacerbar und Don Jaime. Obgleich Don Melchior sehr erstaunt war, Denjenigen, welchen er nur unter dem Namen Don Adolfo kannte und den er bis dahin nur mit dem Schleichhandel beschäftigt glaubte, in militärischer Kleidung zu erblicken, so grüßte er ihn doch mit ironischem Lächeln. Don Jaime erwiderte kalt seinen Gruß und entfernte sich eilig, obwohl er eine Unterhaltung mit ihm nur wenig zu fürchten hatte. Was Don Antonio betrifft, so bemerkte er ihn nicht, da er das Gesicht Don Jaime's niemals unbedeckt gesehen hatte. Während der Präsident in den Palast zurückkehrte, war Don Jaime auf dem Platze Mayor vom Pferde gestiegen und hatte sich mit dem Grafen und Dominique vereinigt, mit denen er hier ein Zusammentreffen verabredet hatte, die ihn jedoch nicht wieder erkannt haben würden, wenn er nicht gerade auf sie zugekommen wäre. »Ihr geht mit der Armee?« fragten sie ihn. »Ja, meine Freunde, ich gehe,« antwortete er, »aber bald werde ich wieder hier zurück sein; leider wird der Feldzug nicht lange dauern. Während meiner Abwesenheit bitte ich, Eure Wachsamkeit zu verdoppeln; verliert das Haus meiner Schwester nicht aus den Augen: einer unserer Feinde wird in der Stadt bleiben.« »Nur einer?« meinte Dominique. »Ja, aber er ist Der, welcher von Beiden am Meisten zu fürchten ist. – Derselbe, welchem Du so ungeschickter Weise das Leben gerettet hast, Dominique.« »Gut, ich kenne ihn,« versetzte der junge Mann, »er mag sich in Acht nehmen.« »Und Don Melchior?« sagte der Graf. »Dieser wird uns nicht mehr beunruhigen,« entgegnete mit seltsamer Betonung Don Jaime; »also, meine lieben Freunde, wachet mit Aufmerksamkeit und laßt Euch nicht überraschen.« »Wenn es sein muß, werden uns Leo Carral und unsere Diener unterstützen.« »Es würde vorsichtiger sein; auch wäre es vielleicht besser, sie in dem Hause unterzubringen.« »Wir werden daran denken.« »Nun wollen wir scheiden; ich habe im Palast zu thun; auf baldiges Wiedersehen, meine Freunde.« Sie schieden. Don Jaime trat in den Palast und begab sich nach dem Cabinet des Präsidenten. Der Huissier kannte ihn, er machte daher keine Schwierigkeit, ihn passiren zu lassen. Miramon nahm die Rapporte entgegen, welche ihm einige Recognoscirungsreiter über die Bewegungen des Feindes abstatteten. Don Jaime setzte sich und wartete geduldig, bis der Präsident seine Fragen beendet haben würde. Endlich hatte der Letzte seinen Rapport abgestattet und sich entfernt. »Nun,« fragte Miramon lächelnd, »habt Ihr den Gesandten gesehen?« »Gewiß, gestern, als ich Sie verließ, General.« »Und das berüchtigte Schreiben?« »Hier ist es,« antwortete er, ihm dasselbe überreichend. Der General schien überrascht, nahm das Papier und überflog es schnell. »Nun?« fragte Don Jaime. »Wir haben nicht allein Vollmacht, zu thun, was wir für gut finden,« antwortete er, »sondern ich bin sogar aufgefordert, strenge gegen diesen Mann einzuschreiten.« »Das ist wunderbar, Ihr habt auf meine Ehre mehr gethan, als Ihr versprachet. Wie habt Ihr Das bewerkstelligt?« »Ich habe einfach um den Brief gebeten.« »Ihr seid der geheimnißvollste Mann, den ich kenne; jetzt ist es an mir, mein Versprechen zu halten.« »Das eilt nicht.« »Ihr wollt ihn nicht verhaften lassen?« »Im Gegentheil, aber erst nach unserer Rückkehr.« »Wie Ihr wollt; aber, was werden wir bis dahin thun?« »Wir werden ihn hier unter dem Befehl des Platzcommandanten zurücklassen.« »Wahrhaftig, Ihr habt Recht.« Der Präsident schrieb eine Ordre, siegelte dieselbe und rief den Huissier. »Ist der Oberst Cacerbar hier?« fragte er. »Ja, Excellenz.« »Er möge die Ordre an den Platzcommandanten überbringen.« Der Huissier nahm das Papier und ging. »Das wäre gethan,« sagte der Präsident. Don Jaime blieb bei dem General bis zur Stunde des Abmarsches. Mit Einbruch der Nacht begannen die Truppen über den Platz zu defiliren, umgeben vom Volke, welches sie mit lauten Vivats begrüßte. Sobald die Truppen vorüber waren, verließ der General mit seinem Generalstabe den Palast. Eine zahlreiche Escadron Cavalerie hielt auf dem Platze. »Wer sind diese Reiter?« fragte der General. »Meine Cuadrilla,« antwortete Don Jaime sich verneigend. In dichte Mäntel gehüllte, den Kopf mit breitrandigen Hüten bedeckt, ließen diese Reiter nur den untern Theil ihres bärtigen Gesichts erkennen. Der Präsident suchte vergeblich ihre Züge zu erkennen. »Sie werden Ihnen unbekannt sein,« sagte Don Jaime leise zu ihm; »diese Bärte sind falsch, selbst ihr Anzug ist eine Verkleidung; aber glauben Sie meinem Wort, sie werden in der Schlacht nicht weniger tüchtig drein schlagen.« »Davon bin ich überzeugt und ich danke Euch.« Man setzte sich in Marsch. Don Jaime erhob seinen Degen, die Reiterei machte eine Schwenkung und schloß sich ihnen als Nachhut an; es waren dreihundert Mann. Im Gegensatze zu der mexikanischen Cavalerie, deren hauptsächliche Waffe die Lanze ist, trugen sie Carabiner, den geraden Bogen der afrikanischen französischen Jäger und Pistolen im Halfter. Um Mitternacht machte man Halt. Es war Befehl gegeben, keine Bivouacfeuer anzuzünden. Gegen drei Uhr Morgens langte ein Recognoscirungsbote an. Er wurde sogleich zum Präsidenten geführt. »Ah! ah! Du bist es, Lopez,« sagte der General, ihn erkennend. »Ja, mein General,« antwortete Lopez, indem er dem neben dem Präsidenten sitzenden Don Jaime zulächelte, der nachlässig eine Cigarre rauchte. »Was giebt es Neues? Hast Du Nachrichten über den Feind?« fragte Miramon. »Ja, General und ganz neue!« »Um so besser; wo steht er?« »Vier Meilen von hier.« »Gut, dann werden wir ihn bald erreicht haben.« »Welches Corps ist es?« »Das des General Don Jesus Gonzales Ortega.« »Bravo,« rief erfreut der Präsident, »Du bist ein kostbarer Bursche; nimm, das ist für Dich.« Und er drückte ihm einige Goldstücke in die Hand. »Berichte mir das Nähere,« fuhr er fort. »Der General Ortega hat elftausend Mann bei sich, dreitausend Mann Cavalerie und fünfunddreißig Kanonen.« »Hast Du sie gesehen?« »Ich bin fast zwei Stunden mit ihnen gegangen.« »In welcher Stimmung sind sie?« »Ei, General, sie sind wüthend auf Sie.« »Gut, ruhe Dich aus, Du kannst eine Stunde schlafen.« Lopez verneigte sich und ging. »Endlich,« sagte Miramon, »werden wir dem Ziele nahe sein.« »Wie viel Truppen haben Sie, General?« fragte Don Jaime. »Sechstausend Mann, elfhundert Mann Cavalerie und zwanzig Kanonen.« »Hm,« meinte Don Jaime, »gegen elftausend!« »Es ist nicht ganz das Doppelte, mein Freund; der Muth wird die Zahl ergänzen.« »Gebe es Gott.« Um vier Uhr wurde das Lager abgebrochen, Lopez diente als Führer. Die von Kälte erstarrten Truppen waren in schlechter Stimmung. Gegen sieben Uhr Morgens machte man Halt; die Armee wurde in eine ziemlich vortheilhafte Stellung gebracht, die Geschütze in Batterie gesetzt. Don Jaime ordnete seine Reiter hinter der regulären Cavalerie. Nachdem alle Vorbereitungen getroffen waren, frühstückte man. Um neun Uhr Morgens ließ sich ein Tiroteo hören, wie es die Spanier nennen: es waren dies die Feldwachen, welche an der Spitze der Colonnen Ortega's hinziehend, auf das von Miramon gewählte Schlachtfeld vorrückten und ein lebhaftes Gewehrfeuer begannen. Nichts wäre dem Präsidenten leichter gewesen, als die Schlacht zu vermeiden; er wollte es nicht, es trieb ihn zum Schluß. Miramon war von seinen bewährtesten Offizieren umgeben: Velez Cobos, Négrete Ayestaran und Marquez. Als er den Feind erblickte, stieg er zu Pferde, durcheilte die Reihen der kleinen Armee, ertheilte seine Instructionen mit fester und entschlossener Stimme, versuchte, Allen den warmen Eifer, der ihn entflammte, einzuflößen und seinen Degen erhebend, rief er mit weitschallender Stimme: »Vorwärts!« Die Schlacht nahm augenblicklich ihren Anfang. Die Juaristenarmee war, da sie sich unter dem Feuer des Feindes sammeln mußte, in offenbarem Nachtheil. Miramon's Soldaten, durch das Beispiel ihres jungen Befehlshaber – er war erst sechsundzwanzig Jahre – angefeuert, kämpften wie Löwen und leisteten Wunder von Tapferkeit. Vergeblich suchten die Juaristen sich in ihren gewählten Stellungen zu behaupten; mehrmals wurden sie durch die kräftigen Ladungen ihrer Feinde zurückgeworfen. Trotz ihrer Uebermacht konnten die Soldaten nur Schritt für Schritt vorrücken, da der Feind unaufhörlich auf sie eindrang. Die Offiziere Miramon's, in welche seine Seele übergegangen zu sein schien, stellten sich an die Spitze der Truppen, rissen sie mit sich fort und warfen sich in das dichteste Gewühl; noch eine Anstrengung und die Schlacht ist gewonnen, Ortega zum Rückzug gezwungen! Miramon eilt herbei: er übersieht die Lage mit unfehlbarem Blick. Der Augenblick ist gekommen, die Cavalerie auf das Centrum der Juaristen zu richten und durch eine entscheidende Ladung Bahn zu brechen. Der Präsident ruft: »Vorwärts!« Die Cavalerie zögert. Miramon wiederholt den Befehl. Die Reiter dringen vor; aber anstatt zu laden, geht die Hälfte derselben zu dem Feinde über und erhebt die Lanze gegen die andern Getreuen. Durch diese plötzliche Desertion in Verwirrung gebracht, machen die übrigen fünfzig Reiter kehrt und zerstreuen sich nach allen Richtungen. Als die Infanterie sich so schmählich verlassen sieht, kämpft sie nur noch muthlos. Der Ruf: »Verrath! Verrath! Rette sich, wer kann!« durchläuft die Reihen. Vergeblich versuchen die Offiziere, die Soldaten vor dem Feinde zu sammeln, ihre Verwirrung ist zu groß. Bald ist die Flucht allgemein. Miramon's Armee existirt nicht mehr. Ortega ist noch einmal Sieger, aber in Folge eines unwürdigen Verraths, in demselben Augenblick, wo die Schlacht für ihn verloren war. Wir haben gesagt, daß Don Jaime's Reiterei hinter der Miramon's Stellung genommen hatte. Sicherlich würden diese dreihundert Mann, wenn sie den Ausgang der Schlacht hätten ändern können, dieses Wunder vollbracht haben; selbst als die Flucht allgemein war, kämpften sie noch mit einer Erbitterung ohne Gleichen gegen die Cavalerie der Juaristen, welche die Flüchtigen verfolgte. Don Jaime hatte einen Zweck, indem er diesen ungleichen Kampf verlängerte. Zeuge des unwürdigen Verraths, der die Niederlage herbeiführte, hatte er den Offizier beobachtet, welcher zuerst mit seinen Soldaten zum Feinde übergegangen war. Dieser Offizier war Don Melchior, Don Jaime hatte ihn erkannt und innerlich geschworen, sich seiner zu bemächtigen. Die Cuadrilla des Abenteurers bestand nicht aus gemeinen Reitern, das hatten sie bewiesen und bewiesen es noch; mit kurzen Worten hatte Don Jaime ihnen seine Meinung zu erkennen gegeben. Die Reiter stießen ein Wuthgeschrei aus und warfen sich dem Feinde entgegen. Ein gigantischer Kampf von dreihundert Mann gegen dreitausend entwickelte sich: die Cuadrilla verschwand fast vollständig, als wäre sie plötzlich von der furchtbaren Masse ihrer Gegner verschlungen worden. Dann trat eine Bewegung unter den Juaristen ein, ihre Reihen öffneten sich und durch den freien Raum führte die Cuadrilla in ihrer Mitte Don Melchior als Gefangenen mit sich. »Zum Präsidenten!« rief Don Jaime, indem er an der Spitze seiner Truppen gegen Miramon vordrang, der sich vergeblich bemühte, einige Detachements wieder zu sammeln. Die Lieutenants Miramon's, die alle seine Freunde sind, haben ihn nicht verlassen, sondern geschworen, mit ihm zu sterben. Die Cuadrilla gab eine letzte Ladung, um den General zu befreien. Endlich entschloß sich Miramon, nachdem er einen trostlosen Blick auf das Schlachtfeld geworfen, dem Rathe seiner Getreuen Folge zu leisten und den Rückzug anzutreten; der ganze Rest seiner Armee bestand kaum in tausend Mann, die Andern waren todt, in die Flucht geschlagen oder zum Feinde übergegangen. Die ersten Augenblicke des Rückzugs waren furchtbar; ein namenloser Schmerz hatte Miramon erfaßt, nicht durch seine Niederlage veranlaßt, die er geahnt hatte, sondern durch den feigen Verrath, dessen Opfer er geworden war. Als man von dem Feinde nicht mehr erreicht zu werden fürchten brauchte, befahl der Präsident Halt zu machen, um die Pferde verschnaufen zu lassen. Gegen einen Baum gelehnt, die Arme über der Brust gekreuzt, den Kopf gesenkt, war Miramon in tiefes Schweigen versunken, welches seine lautlos neben ihm stehenden Generäle nicht zu unterbrechen wagten. Da schritt Don Jaime auf ihn zu und wenige Schritte vor dem Präsidenten stehen bleibend, sagte er: »General!« Bei dem Tone dieser Freundesstimme erhob Miramon den Kopf und dem Abenteurer die Hand reichend, sprach er: »Seid Ihr es, mein Freund? Oh! warum bin ich so hartnäckig gewesen, Euch nicht zu glauben?« »Was geschehen, ist nicht zu ändern, General,« antwortete freimüthig der Abenteurer; »aber bevor wir den Ort verlassen, an dem wir uns befinden, haben Sie eine Pflicht zu erfüllen, einen exemplarischen Gerechtigkeitsact auszuüben.« »Was meint Ihr?« fragte er mit Erstaunen. Die andern Generale waren, ebenso überrascht, näher getreten. »Sie wissen, weßhalb wir besiegt worden sind?« nahm der Abenteurer wieder das Wort. »Weil wir verrathen wurden.« »Aber der Verräther, kennen Sie ihn, General?« »Nein, ich kenne ihn nicht,« versetzte er unwillig. »Wohlan, aber ich kenne ihn, ich war in seiner Nähe, als er seinen feigen Plan ausführte, ich überwachte ihn, denn ich hatte schon seit langer Zeit Verdacht gegen ihn gefaßt.« »Was thut Das! dieser Elende ist doch nicht mehr zu erreichen.« »Sie irren, General, denn ich führe ihn mit mir; ich habe ihn inmitten seiner neuen Kameraden aufgesucht, ja, ich würde bis in die Hölle gedrungen sein, um mich seiner zu bemächtigen.« Bei diesen Worten durchlief ein Schauer der Freude die Reihen der Soldaten und Anführer. »Wahrhaftig Gott!« rief Cobos, »dieser Elende verdient, geviertheilt zu werden.« »Führt den Mann vor,« befahl Miramon trübe, denn sein Herz war peinlich berührt, zur Härte gezwungen zu sein: »er wird gerichtet werden.« »Das soll nicht lange währen,« bemerkte der General Négrete, »er wird den Tod der Verräther erdulden, und von hinten erschossen werden.« »Man hat nur nöthig, seine Identität zu constatiren, um das Urtheil an ihm vollstrecken zu lassen,« fügte Cobos hinzu. Auf einen Wink Don Jaime's erschien Don Melchior, von zwei Soldaten geführt. Er war bleich, abgezehrt, seine Kleider zerrissen und mit Blut beschmutzt, die Arme waren ihm auf dem Rücken befestigt. Die Offiziere hatten sich zu einem Kriegsrath unter dem Vorsitz des General Cobos gesammelt. »Wie ist Euer Name?« fragte dieser. »Don Melchior de-la-Cruz,« antwortete er mit dumpfer Stimme. »Gesteht Ihr, zum Feinde übergegangen zu sein und die unter Eurem Befehl stehenden Soldaten mit Euch geführt zu haben?« Er antwortete nicht, aber sein ganzer Körper erbebte von einem convulsivischen Zittern. »Der Verrath dieses Mannes ist dem Tribunal erwiesen,« begann Cobos von Neuem, »welche Strafe hat er verdient?« »Die der Verräther,« antworteten die Offiziere einstimmig. »So vollstrecke man das Urtheil,« befahl Cobos. Der Verurtheilte wurde vor die Front geführt und mußte niederknien. Zehn Corporale bildeten ein Peloton und stellten sich sechs Schritt hinter ihm auf. Darauf näherte sich der General Cobos dem Verurtheilten. »Feigling und Verräther,« sagte er zu ihm, »Du bist des Ranges, zu welchem Du erhoben worden bist, unwürdig; im Namen aller unserer Gefährten erkläre ich Dich für degradirt und aus ihren Reihen ausgestoßen.« Ein Soldat entkleidete Don Melchior darauf der Insignien seines Ranges und gab ihm eine Ohrfeige. Der junge Mann stieß das Gebrüll eines Tigers aus bei dieser Beleidigung, blickte verstört um sich und wollte sich erheben. »Feuer!« commandirte der General Cobos. Eine Salve ertönte; der Verurtheilte stieß einen Todesschrei aus und fiel mit dem Gesicht auf die Erde, indem er sich in entsetzlichen Convulsionen wand. »Endet, endet!« sagte Miramon mitleidig. »Nein,« antwortete Cobos in rauhem Tone, »er sterbe wie ein Hund: je mehr er leidet, um so vollständiger wird unsere Rache sein.« Miramon machte eine Bewegung des Abscheu's und befahl, das Zeichen zum Aufsitzen zu geben. Man brach auf. Nur zwei Männer waren bei dem Elenden geblieben und betrachteten den in wildem Schmerz zu ihren Füßen sich Windenden. Diese beiden Männer waren der General Cobos und Don Jaime. Don Jaime neigte sich über ihn, hob ihm den Kopf auf und zwang ihn, seinen erlöschenden Blick auf ihn zu richten. »Vatermörder, Verräther an Deinem Vaterland und an Deinen Brüdern,« sagte er zu ihm mit dumpfer Stimme, »Deine Brüder sind es, die sich heut' an Dir rächen; stirb wie ein Hund, der Du bist. Deine Seele wird zum Teufel gehen, der Deiner harrt, und Dein Körper wird den wilden Thieren zum Raube dienen!« »Gnade!« rief der Elende, indem er zurücksank, »Gnade!« Eine letzte Zuckung bewegte seinen Körper, seine verzerrten Züge nahmen einen furchtbaren Ausdruck an, er stieß einen entsetzlichen Schrei aus und rührte sich nicht mehr. Don Jaime stieß ihn mit dem Fuße an. Er war todt. »Einer!« sagte der Abenteurer, indem er sein Pferd wieder bestieg. »Wie?« fragte der General Cobos. »Nichts, es ist eine alte Schuld, die ich abtrug,« gab er mit scherzendem Lachen zur Antwort. IX. Von Angesicht zu Angesicht. Als der General Miramon Mexiko erreichte, war die Nachricht von seiner Niederlage schon verbreitet. Da ereignete sich etwas Seltsames. Die Geistlichkeit und die Aristokratie, welche der Präsident Miramon immer unterstützt und vertheidigt hatte, und deren Gleichgültigkeit und Egoismus seinen Ruin und vollständigen Sturz verursacht hatte, beklagten jetzt ihre Handlungsweise gegen einen Mann, der allein fähig war, sie zu retten. Wenn Miramon in dieser entscheidenden Stunde einen Aufruf an das Volk erlassen hätte, würde es sich um ihn geschaart haben und es würde ihm ein Leichtes gewesen sein, eine kräftige Vertheidigung zu organisiren. Aber dieser Gedanke kam ihm nicht einmal in den Sinn; angeekelt von der Macht, wünschte er nur noch herabzusteigen und in das Privatleben zurückzukehren. Kaum in Mexiko angelangt, war seine erste Sorge, das diplomatische Corps zu berufen und seine Mitglieder zu bitten, sich in's Mittel zu legen, um die Stadt zu retten, indem sie einen Kriegszustand beendeten, der nichts Vernünftiges mehr von dem Augenblicke an hatte, wo Mexiko geneigt war, den verbündeten Truppen seine Thore ohne Kampf zu öffnen. Eine Deputation, aus den Gesandten von Frankreich und England, dem General Beriozabal, dem Gefangenen von Toluca und dem General Ayestaran, dem besonderen Freunde Miramon's, bestehend, begab sich sogleich zu dem General Ortega, um eine ehrenwerthe Capitulation zu erhalten. Don Antonia de-Cacerbar hatte versucht, sich der Deputation anzuschließen; er hatte das beklagenswerthe Ende seines Freundes Don Melchior vernommen und eine düstere Ahnung sagte ihm, daß ein gleiches Schicksal ihn bedrohe. Aber die Thore der Stadt waren sorgfältig bewacht, Keiner durfte dieselben ohne eine vom Platzcommandanten visirte Karte passiren; so war denn Don Antonio genöthigt, in Mexiko zu bleiben. Ein Brief, den er erhielt, gab ihm einige Hoffnung, da er die Entscheidung von Plänen, deren Ausführung er seit langer Zeit verfolgte, näher in Aussicht stellte, als er gehofft hatte. Da indessen Don Antonio de-Cacerbar ein sehr vorsichtiger Mann war, den die düsteren Machinationen, denen er sein Leben gewidmet, gewöhnt hatten, beständig auf seiner Hut zu sein, so hatte er in seiner Behausung ein Dutzend Strauchdiebe zusammenberufen und sie hinter den Tapeten verborgen, um auf jede Eventualität gefaßt zu sein. Es war an demselben Tage der Rückkehr Miramon's nach Mexiko, ungefähr neun Uhr Abends. Don Antonio hatte sich in sein Schlafzimmer zurückgezogen und las oder versuchte vielmehr zu lesen, denn sein gequältes Gewissen ließ ihm nicht die nothwendige Geistesruhe, um sich dieser unschuldigen Zerstreuung hinzugeben, da hörte er plötzlich lautes Sprechen in seinem Vorzimmer. Er stand sogleich auf, und war in Begriff, die Thür zu öffnen, um sich über die Ursache des vernommenen Geräuschs zu unterrichten, als dieselbe aufging und sein vertrauter Diener erschien, der mehren Personen voranschritt. Es waren neun Personen: sechs maskirte und in ihre Zarapen gehüllte Männer und drei Damen. Als Don Antonio sie erblickte, ergriff ihn ein nervöses Zittern, aber sich sogleich wieder fassend, hielt er sich vor seinem Tische aufrecht, indem er offenbar erwartete, daß einer der Unbekannten das Wort ergreifen würde. Dies geschah auch in der That. »Sennor Don Antonio,« sagte der Eine von ihnen, indem er einen Schritt vortrat, »ich überliefere Euch Eure Schwägerin, Donna Maria, Herzogin de-Tobar, Eure Nichte, Donna Carmen de-Tobar und Donna Dolores de-la-Cruz!« Bei diesen, mit schneidender Ironie gesprochenen Worten trat Don Antonio einen Schritt rückwärts und sein Gesicht bedeckte sich mit leichenartiger Blässe. »Ich verstehe Euch nicht,« sagte er mit zitternder Stimme, der er vergeblich Festigkeit zu verleihen suchte. »Erkennt Ihr mich denn nicht, Don Horacio?« fragte darauf Donna Maria mit sanfter Stimme; »hat der Schmerz so vollständig meine Züge verändert, daß es Euch möglich sein sollte, zu läugnen, in mir die unglückliche Gattin des von Euch gemordeten Bruders zu sehen?« »Was bedeutet diese Komödie?« rief Don Antonio heftig; »diese Frau ist wahnsinnig! und Ihr, Elender, der Ihr mit mir zu spielen wagt, nehmt Euch in Acht!« Der, an welchen diese Worte gerichtet waren, antwortete nur durch ein verächtliches Lächeln und mit erhobener Stimme antwortete er: »Ihr verlangt Zeugen zu Dem, was sich hier begeben soll, Caballero? Ihr findet wahrscheinlich, daß wir noch nicht in hinreichender Zahl sind, gut, es sei. Kommt aus Eurem Versteck hervor, Sennores, und auch Ihr, Caballeros, kommt.« In demselben Augenblick wurden die Tapeten aufgehoben, die Thüren geöffnet und einige zwanzig Personen traten in das Zimmer. »Ah! Ihr habt Zeugen herbeigerufen,« spottete Don Antonio, »so möge Euer Blut auf Euer Haupt zurückfallen!« Und dann sich zu den Männern wendend, welche unbeweglich hinter ihm standen, rief er: »Los auf diese Elenden! Tödtet sie wie Hunde!« und er stürzte auf ein paar sechsläufige Revolver zu, die in seiner Nähe auf einem Tische lagen. Aber Niemand rührte sich. »Fort mit den Masken!« befahl die Person, die bis dahin allein das Wort geführt hatte, »sie sind jetzt unnütz geworden, wir müssen mit unbedecktem Gesicht zu diesem Manne reden.« Er lüftete die Maske, die sein Gesicht bedeckte; seine Gefährten thaten dasselbe. Der Leser hat sie bereits wieder erkannt; es waren Don Jaime, Don Domingo, der Graf Ludovic, Leo Carral, Don Diego und Loïck, der Ranchero. »Nun, Sennor,« nahm Don Jaime von Neuem das Wort, »gebt Euren angenommenen Namen auf, wie wir unsere Masken abgenommen haben; erkennt Ihr mich jetzt? Ich bin Don Jaime de-Birar, der Bruder Eurer Schwägerin; seit zwei und zwanzig Jahren bin ich Euch Schritt um Schritt gefolgt, Don Horacio de-Tobar, indem ich Eure Handlungen bespähete und die Rache suchte, welche mir Gott endlich mächtig und vollständig, wie ich sie geträumt hatte, bewilligt.« Don Horacio erhob wieder stolz das Haupt und Don Jaime von oben bis unten mit einem Blick verächtlichen Hochmuths messend, sagte er zu ihm: »Nun, wohlan, mein edler Schwager, ich verzichte, wie Ihr es wünscht, auf jede Verstellung und willige ein, Euch anzuerkennen; welche so schöne und vollständige Rache habt Ihr denn nach zweiundzwanzig Jahren erreicht, edler Abkömmling des Cid Campeador? Die, mich zu zwingen, mich selbst zu tödten? Ist ein Mann meines Schlages nicht immer zu sterben bereit? Was könnt Ihr mehr? Nichts! Während Ihr voraussetzt, daß ich blutend zu Euren Füßen rollen werde, nehme ich das Geheimniß dieser Rache, das Ihr nicht einmal ahnet, und dessen Vortheile mir bleiben, mit mir in's Grab; und ich werde Euch durch meinen Tod in eine größere Verzweiflung versetzen, als diejenige war, welche in einer Nacht das Haar Eurer Schwester gebleicht hat.« »Ihr seid im Irrthum, Don Horacio,« antwortete Don Jaime; »ich kenne alle Eure Geheimnisse, und was Euren Tod betrifft, so nimmt diese Absicht erst die zweite Stelle in meinem Racheplane ein; ich werde Euch tödten, ja, aber durch Henkers Hand, – Ihr werdet den Tod eines Ehrlosen erleiden.« »Du lügst, Elender!« rief Don Horacio wüthend aus, »Ich, der Herzog von Tobar! – edel wie der König, der ich einer der mächtigsten und ältesten Familien Spaniens angehöre! – von Henkers Hand sterben! Der Haß verwirrt Dich, Du bist wahnsinnig, sage ich Dir! Noch giebt es einen Gesandten Ihrer Majestät in Mexiko.« »Ja,« versetzte Don Jaime, »aber dieser Gesandte überläßt Dich der ganzen Strenge der mexikanischen Gesetze.« »Er, mein Freund und Beschützer, der mich dem Präsidenten Miramon vorgestellt hat? Das ist nicht möglich, das kann nicht sein; überdies was habe ich von den Gesetzen dieses Landes zu fürchten, – ich, ein Fremder?« »Ja, ein Fremder, der in Mexiko Dienste genommen hat, um es zum Nutzen einer andern Regierung zu verrathen; jener Brief, den Du so beharrlich von dem Colonel Don Felipe fordertest, und den er Dir nicht verkaufen wollte, er hat ihn mir umsonst gegeben und die für Dich so compromittirenden Briefe, welche Dir durch Don Estevan, den Du, obgleich er Dein Vetter ist, nicht kanntest, in Puebla geraubt worden sind, befinden sich in diesem Augenblick in den Händen Juarez'. Also von dieser Seite hast Du keine Hülfe zu erwarten, denn Du weißt, die Gnade ist gerade keine hervorragende Tugend des Sennor Don Benito Juarez. Endlich, was Dein kostbarstes Geheimniß betrifft, welches Du so wohl bewahrt glaubst, so besitze ich es ebenfalls: ich kenne die Existenz des Zwillingsbruders von Donna Carmen, ja mehr, ich weiß, wo er ist, und kann ihn, wenn ich will, sogleich vor Dir erscheinen lassen. Blicke her, hier steht der Mann, dem Du Deinen Neffen verkauft hast,« setzte er hinzu, indem er auf den neben ihm stehenden Loïck wies. »Oh!« murmelte Jener, indem er auf seinen Stuhl zurücksank und verzweiflungsvoll die Hände rang, »oh; ich bin verloren.« »Ja, und vollständig verloren, Don Horacio,« erwiderte Don Jaime verächtlich, »denn selbst der Tod würde Dich nicht von der Schande retten.« »Um Gottes willen!« rief Donna Maria, indem sie ihrem Schwager näher trat, »habe ich mich nicht getäuscht? Hat Don Jaime die Wahrheit gesagt und habe ich endlich einen Sohn, den Zwillingsbruder meiner geliebten Carmen!« »Ja,« murmelte er mit dumpfer Stimme. »Oh! sei gesegnet, mein Gott!« rief sie mit unbeschreiblicher Freude aus; »und Ihr wißt, wo dieser Sohn ist; nicht wahr, Ihr werdet mir ihn wiedergeben? Ich bitte Euch, bedenkt, daß ich ihn nie gesehen habe, daß ich ein Bedürfniß fühle, seine Liebkosungen zu empfangen; wo ist er? sagt es mir.« »Wo er ist?« »Ja.« »Ich weiß es nicht,« antwortete er kalt. Die unglückliche Mutter sank auf einen Stuhl und verbarg ihr Gesicht in den Händen. Don Jaime trat zu ihr. »Muth, arme Frau!« sprach er sanft zu ihr. Es herrschte ein düsteres Schweigen; man vernahm in diesem Zimmer, wo so viele Menschen vereinigt waren, nur die keuchenden Athemzüge und die erstickten Seufzer Donna Maria's und der beiden jungen Mädchen. Da trat Don Horacio vor. »Mein edler Schwager,« sagte er mit fester Stimme und einer gewissen Erhabenheit im Ton, »ich bitte Euch, gestattet diesen Caballeros sich in ein Nebenzimmer zurückzuziehen; ich wünsche einige Minuten mit Euch und meiner Schwägerin allein zu sein.« Don Jaime verneigte sich und zu dem Grafen gewendet, sagte er: »Mein Freund, wollen Sie die Güte haben und diese Damen in den Salon führen, der an dieses Zimmer stößt?« Der Graf reichte den jungen Mädchen die Hand und verließ schweigend das Gemach, gefolgt von den Uebrigen, die sich auf einen Wink Don Jaime's ihm anschlossen. Nur Dominique war geblieben und richtete einen heißen Blick auf Don Horacio. »Was mich anbetrifft,« sagte er im finstern Tone, »so werde ich mich, da ich nicht weiß, was hier vorgehen wird, und weil ich eine Schlinge fürchte, nur auf den bestimmten Befehl Don Jaime's entfernen, er hat mich erzogen, ich bin sein Adoptivsohn, es ist daher meine Pflicht, ihn zu vertheidigen.« »So bleibt, Sennor,« antwortete Don Horacio mit trübem Lächeln, »da Ihr fast zu unserer Familie gehört.« Don Jaime trat vor und begann: »Mein Schwager, dieser Sohn, den Ihr meiner Schwester geraubt hattet, der Erbe der Herzoge von Tobar, den Ihr verloren glaubtet, ich habe ihn gerettet! Dominique umarmt Eure Mutter! Maria, dort ist Euer Sohn!« »Meine Mutter!« rief der junge Mann, indem er mit einem mächtigen Satze auf sie zusprang, »meine Mutter!« »Mein Sohn!« flüsterte Donna Maria mit erlöschender Stimme, dann fiel sie ohnmächtig in die Arme ihres Kindes, welches sie endlich wieder gefunden hatte. Stark gegen den Schmerz, wie alle erhabenen Naturen, hatte die Freude sie besiegt. Dominique nahm seine Mutter in seine nervigen Arme und legte sie sanft auf ein Sopha nieder; dann trat er langsamen Schrittes, mit zusammengezogenen Brauen, blitzendem Auge und gepreßten Lippen auf Don Horacio zu. Dieser sah ihn mit einem Schauder des Schreckens sich nähern, mit starrem Auge und bleicher Stirn wich er Schritt für Schritt vor ihm zurück, bis er endlich mit seinen Schultern die Wand berührte und wider Willen sich gezwungen sah, still zu stehen. »Mörder meines Vaters, Henker meiner Mutter,« sprach der junge Mann mit furchtbarer Stimme, »elender Feigling, sei verflucht! ...« Don Horacio beugte das Haupt unter diesem Fluche; aber sich sogleich wieder aufrichtend, sagte er: »Gott ist gerecht! meine Strafe beginnt, ich wußte, daß dieser junge Mann am Leben war, ich hatte endlich die Nachforschungen, ihn wiederzufinden, aufgegeben, nachdem ich ihn in der Stunde seiner Geburt an jenen elenden Loïck verkauft hatte.« »Ja,« antwortete Don Jaime, »und dieser Loïck, welchen das Elend zum Verbrechen geführt hat, bereute seinen Fehler und gab ihn mir zurück.« »Ja, dies Alles ist die Wahrheit,« fuhr Don Horacio fort; »dieser junge Mann ist mein Neffe, denn er hat die Züge und Stimme meines unglücklichen Bruders.« Er verbarg sein Gesicht in den Händen. Als er sich sogleich wieder aufrichtete, begann er von Neuem mit fester Stimme: »Mein Schwager, Ihr besitzt fast alle Beweise der schrecklichen Verbrechen, die ich begangen habe,« und indem er einen Schrank erbrach, setzte er hinzu: »Hier sind diejenigen, die Euch noch fehlen,« und er überreichte ihm ein Packet Papiere. »Vielleicht war schon, ohne daß ich es ahnte, der Gewissensbiß in mein Herz gedrungen, denn hier ist mein Testament, nehmt es; es ernennt meinen Neffen zu meinem Universalerben, indem es seine Rechte unumstößlich festsetzt; aber der Name de-Tobar soll nicht beschimpft werden. Um Euretwillen, um Eures Neffen willen, dessen Namen der meinige ist, führt Eure grausame Rache, die Ihr gegen mich vorbereitet habt, nicht aus. Ich schwöre Euch auf meine Ehre als Edelmann, auf die fleckenlose Ehre meiner Ahnen, daß Ihr vollständige Satisfaction für alle Verbrechen, die ich begangen, haben werdet.« Don Jaime und Dominique blieben düster und schweigsam. »Wollt Ihr es mir verweigern? Wollt Ihr denn ohne Barmherzigkeit sein?« rief er angstvoll aus. In diesem Augenblick erhob sich Donna Maria von dem Sitze, zu welchem ihr Sohn sie geführt hatte; sie schritt langsam und mechanisch auf Don Horacio zu und stellte sich zwischen ihn und ihren Bruder und Sohn; dann streckte sie voller Erhabenheit den Arm aus und sagte mit unbeschreiblicher Sanftmuth: »Bruder meines Gemahls, die Rache gehört nur Gott! Im Namen des Mannes, den ich so sehr geliebt habe und den Eure grausame Hand mir geraubt hat, verzeihe ich Euch die schrecklichen Qualen, welche Ihr mir auferlegt habt, die namenlosen Schmerzen, zu welchen Ihr mich seit zweiundzwanzig Jahren verurtheilt habt, ich arme, unschuldige Frau verzeihe Euch! Möge Gott Euch barmherzig sein.« Don Horacio fiel zu ihren Füßen nieder. »Ihr seid eine Heilige,« rief er aus, »ich bin unwürdig Eurer Verzeihung, ich weiß es, aber ich werde versuchen, so viel es von mir abhängt, durch meinen Tod die Verbrechen meines Lebens zu sühnen.« Er erhob sich hierauf und wollte ihr die Hand küssen, aber sie wich mit einer Geberde des Entsetzens zurück. »Das ist gerecht,« sagte er traurig, »ich bin nicht werth, Euch zu berühren.« »Nein,« erwiderte sie, »da die Reue in Euer Herz gezogen ist.« Und sie reichte ihm mit abgewandtem Gesicht die Hand. Don Horacio drückte ehrerbietig seine Lippen auf dieselbe und sich zu seinem Schwager und Neffen wendend, die noch immer unbeweglich dieser Scene zuschauten, sagte er trübe: »Wollt Ihr allein ohne Barmherzigkeit sein?« »Wir haben nicht mehr das Recht zu strafen,« antwortete Don Jaime dumpf. Dominique senkte das Haupt und verharrte in seinem Schweigen, seine Mutter näherte sich ihm und ergriff ihn sanft am Arm; bei dieser Berührung bebte der junge Mann. »Was wollt Ihr, meine Mutter?« fragte er. »Ich habe diesem Manne verziehen,« sagte sie mit sanfter, bittender Stimme. »Meine Mutter,« erwiderte er im Tone unversöhnlichen Hasses, »als ich diesen Mann verfluchte, sprach mein Vater durch meinen Mund, und er war es, der mir von seinem blutigen Grabe aus, in welches ihn dieser Elende gebettet hat, diesen Fluch dictirte. Er wird an ihm haften als ein unauslöschliches Zeichen und Gott wird, wie bei dem ersten Brudermörder fragen: Kain! was hast Du mit Deinem Bruder gethan?« ... Bei diesen mit drohender Stimme gesprochenen Worten fiel Don Horacio niedergeschmettert zu Boden. Don Jaime und Donna Maria hatten sich von ihm mit Schrecken weg gewendet. So blieb er einige Minuten auf dem Fußboden des Saales ausgestreckt, ohne daß die Umstehenden eine Bewegung machten, ihm zu Hülfe zu eilen; endlich neigte sich Donna Maria über ihn. »Haltet ein, meine Mutter!« rief der junge Mann, »berührt diesen Elenden nicht, diese Berührung würde Euch beschmutzen.« »Ich habe ihm verziehen!« sagte sie matt. Nach und nach indessen gelangte Don Horacio wieder zum Bewußtsein, er erhob sich langsam; seine schrecklich entstellten Züge trugen den Ausdruck seltsamer Entschlossenheit. Er wandte sich zu Dominique. »Ihr fordert es,« sagte er, »so sei es, die Genugthuung wird glänzend sein.« Er öffnete eine sorgfältig verschlossene Schublade vermittelst eines Schlüssels, der an einer goldenen Kette um seinen Hals hing, nahm etwas heraus, was man nicht sehen konnte, stieß die Schublade wieder zu, ging dann festen Schrittes auf die Thür zu und öffnete beide Flügel derselben. »Treten Sie ein, Caballeros, treten Sie Alle ein,« rief er mit durchdringender Stimme. In einem Augenblick war das ganze Gemach gefüllt. Nur der Graf de-la-Saulay und Don Estevan waren auf einen Wink Don Jaime's mit den beiden jungen Mädchen in dem Salon geblieben. Don Jaime schritt auf seine Schwester zu und reichte ihr den Arm: »Komm,« sagte er, »komm, Maria, diese Scene tödtet Dich; Dein Platz ist nicht mehr hier, nachdem Du diesem Mann verziehen hast.« Donna Maria setzte nur einen schwachen Widerstand entgegen und folgte ihrem Bruder, welcher sie in den Saal führte, dessen Thür er hinter ihr schloß. Bald darauf vernahm man das Rollen eines Wagens; es waren die drei Damen, welche in Gesellschaft des Grafen in ihre Behausung zurückkehrten. In demselben Augenblick ließ sich draußen Waffengeklirr vernehmen. »Was ist das?« sagte Don Horacio erschreckt. Zahlreiche Tritte näherten sich, die Thüren wurden lärmend aufgerissen und Soldaten erschienen. An ihrer Spitze kam der Präfect der Stadt, der Alcade-Mayor und mehre Gerichtsdiener. »Im Namen des Gesetzes,« sprach der Präfect mit befehlender Stimme, »Ihr seid mein Gefangener, Don Antonio Cacerbar; Diener des Gesetzes ergreift diesen Mann.« »Don Antonio Cacerbar existirt nicht mehr,« sagte Don Jaime, indem er rasch zwischen die Schergen und seinen Schwager trat. »Habt Dank,« antwortete dieser, »daß Ihr die Ehre meines Namens gerettet habt; Sennores,« setzte er mit lauter Stimme hinzu, indem er auf den neben ihm stehenden Dominique zeigte, »hier ist der Herzog de-Tobar; ich bin ein großer Schuldiger; bittet Gott, daß er mir verzeiht.« »Nun, Ihr Diener des Gesetzes,« rief der Präfect, »bemächtigt Euch dieses Mannes, sage ich Euch.« »So kommt,« antwortete Don Horacio kalt, indem er rasch die Hand an seinen Mund brachte. Plötzlich erbleichte er, wankte wie ein Trunkener und rollte auf den Boden, ohne auch nur einen Laut auszustoßen. Er war todt. Don Horacio hatte sich vergiftet. »Sennores,« sagte darauf Don Jaime zu dem Präfecten und dem Alcademayor, »Eure Mission ist vor dem Tode des Schuldigen erloschen, sein Leichnam gehört von nun an seiner Familie; wollen Sie sich entfernen.« »Möge Gott diesem Unglücklichen dieses letzte Verbrechen verzeihen!« sagte der Präfect; »wir haben hier nichts mehr zu thun.« Und nachdem er sich höflich verneigt hatte, entfernte er sich gleich darauf. »Meine Herren,« wandte sich Don Jaime mit trüber Stimme an die Umstehenden, die noch erstarrt waren von der seltsamen und raschen Entwicklung dieser Scene, »lassen Sie uns für die Seele dieses großen Schuldigen beten.« Alle knieten nieder, nur Dominique blieb stehen und starrte mit finstern Blicken den Leichnam an. »Dominique,« sagte sein Onkel sanft zu ihm, »Dein Haß geht also auch über das Grab hinaus?« »Ja!« rief er mit furchtbarer Stimme aus, »ja, er sei verflucht in Ewigkeit!« Die Anwesenden erhoben sich entsetzt, dieser furchtbare Fluch hatte das Gebet auf ihren Lippen erstarren gemacht. X. Epilog. Das Beil.   Die politischen Ereignisse nahmen indessen mit unheilvoller Schnelligkeit ihren Fortgang. Die an den General Ortega abgesandte Deputation war nach Mexiko zurückgekehrt, ohne eine Capitulation bewilligt erhalten zu haben. Die Lage wurde außerordentlich kritisch; unter diesen Umständen gab der General Miramon den Beweis seiner großen Selbstverläugnung: er beschloß, da er die Stadt Mexiko nicht mehr compromittiren wollte, sie noch in derselben Nacht zu verlassen. Er begab sich zu dem Magistrat und schlug ihm vor, provisorisch einen Präsidenten oder einen Alcaden zu ernennen, welcher durch seine früheren Beziehungen zu der siegenden Partei im Stande wäre, die Stadt zu retten. Die Wahl des Magistrats fiel auf den General Beriozabal, welcher edelmüthig diese schwierige Mission annahm. Seine erste Sorge war, die auswärtigen Gesandten zu bitten, ihre Landestruppen zu bewaffnen, um die in Unordnung gerathene Polizei wieder herzustellen und über die allgemeine Sicherheit zu wachen. Inzwischen bereitete Miramon Alles zu seiner Abreise vor. Da er seine Frau und seine Kinder auf einer Flucht, die einen blutigen Ausgang haben konnte, nicht mit sich nehmen konnte, so beschloß er, sie der spanischen Gesandtschaft anzuvertrauen, wo man sie mit allen den Rücksichten empfing, die ihre unglückliche Lage erheischte. Wenn Miramon gewollt hätte, würde er sich haben entfernen können, ohne Gewaltthätigkeiten von Seiten der Parteigänger Juarez' fürchten zu müssen. Wenn man ihn auch als politischen Gegner betrachtete, so haßte ihn doch Niemand persönlich als Feind. Es waren ihm selbst zu wiederholten Malen Vorschläge gemacht worden, sich allein zu retten, aber mit jenem ritterlichen Zartgefühl, das eine der schönen Seiten seines Charakters ist, hatte er es ausgeschlagen, denn er wollte gewisse Personen, die für ihn gekämpft und sich für seine Sache compromittirt hatten, nicht im letzten Augenblick dem unversöhnlichen Hasse ihrer Feinde preisgeben. Sicherlich war dieses Gefühl ehrenwerth; und selbst seine Gegner waren genöthigt, diese edle Handlungsweise zu bewundern. Don Jaime de-Birar hatte einen Theil des Tages bei dem General zugebracht, indem er ihn auf's Beste zu trösten suchte und um ihn die zerstreuten Ueberreste – wir wollen nicht sagen, seiner Armee, sie existirte in der That nicht mehr – sondern der verschiedenen Corps zu sammeln, welche noch unentschlossen schwankten, welcher Partei zu dienen sie sich entschließen sollten. Nachdem der Graf de-la-Saulay und der Herzog von Tobar – denn wir werden Dominique von nun an den Namen geben, der ihm zukommt – den Damen den ganzen Abend Gesellschaft geleistet und über die seltsamen Ereignisse des vorhergehenden Tages geplaudert hatten, nahmen sie endlich, ziemlich beunruhigt durch die lange Abwesenheit Don Jaime's in Folge der in diesem Augenblick in der Stadt herrschenden Verwirrung, Abschied; sie hatten eben ihre Wohnung betreten und schickten sich an, sich zur Ruhe zu begeben, als Raimbaut, der Diener des Grafen, Lopez meldete. Der Peone trat, wie zu einer gefahrvollen Expedition bewaffnet, in's Zimmer. »Oh! oh!« rief ihm der Herzog entgegen, »was für ein Arsenal tragt Ihr bei Euch, Freund Lopez!« »Habt Ihr uns eine Mittheilung zu machen,« fragte der Graf. »Ich habe Eurer Herrlichkeit nur Folgendes zu sagen: Zwei und eins ist drei.« »Bei Gott!« riefen die beiden jungen Leute, indem sie rasch aufsprangen, »wir sind bereit, was sollen wir thun?« »Sich selbst und Ihre Diener bewaffnen, die Pferde bereit halten und warten.« »Es geht also etwas vor?« »Ich weiß es nicht, Herr; mein Gebieter wird es Ihnen sagen.« »Er wird also kommen?« »Noch bevor eine Stunde vergeht, wird er hier sein, er hat mir den Befehl gegeben, bei Ihnen zu bleiben.« »Gut, so benutzt diese Zeit, um Euch auszuruhen, wir werden indessen unsere Vorkehrungen treffen.« Gegen elf Uhr Abends langte Don Jaime an; seine Freunde hatten ihre Reisekleider angelegt, sie trugen Sporen an ihren Füßen und Revolver in ihren Gürteln, ihre Säbel und Flinten lagen vor ihnen auf einem Tische, während sie sich die Zeit des Wartens mit Rauchen verkürzten. »Bravo,« sagte Don Jaime eintretend, »so können wir aufbrechen.« »Wenn es Euch beliebt.« »Gehen wir weit?« fragte der Herzog. »Ich glaube nicht, aber es könnte vielleicht ein Treffen stattfinden.« »Um so besser,« meinten sie. »Wir haben beinahe noch eine halbe Stunde für uns, das ist mehr als ich bedarf, um Euch mitzutheilen, was ich beabsichtige.« »Wohlan, wir sind ganz Ohr.« »Ihr wißt, daß ich mit dem General Miramon auf's Innigste befreundet bin,« begann er. Die jungen Leute machten ein bejahendes Zeichen. »So vernehmt denn, was vorgeht: Der General hat beinahe fünfzehnhundert Mann gesammelt, er hofft mit dieser Escorte Vera-Cruz zu erreichen, wo er sich einschiffen wird; er bricht diese Nacht, um ein Uhr Morgens auf.« »Sind die Dinge schon so weit?« fragte der Graf. »Alles ist beendet: Mexiko ist den Juaristen übergeben.« »Um so schlimmer, aber das geht uns nichts an,« sagte der Graf. »Bei allem Diesen kann ich nicht begreifen, welche Rolle wir dabei zu spielen haben,« warf der Herzog ein. »Es ist folgende,« fuhr Don Jaime fort. »Miramon glaubt auf die fünfzehnhundert Mann, die seine Eskorte bilden, rechnen zu können, ich bin vom Gegentheil überzeugt: die Soldaten lieben ihn, das ist wahr, aber sie verabscheuen gewisse Personen, die ihn begleiten. Ich weiß, daß man den Truppen angeboten hat, diese Personen auszuliefern, und ich fürchte, daß sie sich überreden lassen und bei dieser Gelegenheit auch Miramon zum Gefangenen gemacht werden wird.« »Das wird aller Wahrscheinlichkeit nach geschehen,« meinte kopfschüttelnd der Graf. »Wohlan, dies ist es gerade, was ich vermeiden will,« versetzte Don Jaime energisch, »und deßhalb rechnete ich auf Euch.« »Wahrhaftig, Ihr hattet Recht.« »Ihr konntet keine bessere Wahl treffen.« »Ihr und ich, Lopez, Leo Carral und Eure beiden Diener, wir bilden eine Gesammtmacht von sieben entschlossenen Männern, auf welche man, im Fall die Dinge sich zum Bösen wenden sollten, rechnen kann. Noch mehr, Eure Eigenschaft als Fremder, die Sorgfalt, mit der Ihr ein zurückgezogenes Leben führtet und vermieden habt, die Blicke auf Euch zu lenken, werden uns erlauben, unser Werk auszuführen und den General bei Euch zu verbergen.« »Wo er vollkommen in Sicherheit sein wird.« »Ueberdies ist Alles, was ich sage, noch sehr ungewiß; die Umstände werden uns leiten. Vielleicht wird die Eskorte dem General treu bleiben und dann wäre unsre Mitwirkung unnütz, wir haben nur zurück zu kehren, nachdem wir ihn weit genug von der Stadt begleitet haben, um ihn in Sicherheit zu wissen.« »Nun denn, mit Gottes Hülfe,« sagte der Graf, »es liegt in dem jungen Manne etwas Großes und Ritterliches, was mich anzieht, es würde mir daher nicht unlieb sein, wenn mir eine Gelegenheit geboten würde, ihm nützlich zu sein.« »Da wir über Alles im Klaren sind, so laßt uns aufbrechen,« fügte der Herzog hinzu; »es drängt mich, bald in der Nähe dieses tapfern Generals zu sein; aber vor Allem habt Ihr, frage ich, an die Sicherheit meiner Mutter gedacht?« »Sei ohne Sorge, lieber Neffe; der spanische Gesandte hat auf meine Bitte eine Wache von Kaufleuten unserer Nation in ihr Haus gelegt; weder sie, noch Carmen oder Dolores haben etwas zu fürchten, überdies ist Estevan bei ihnen, und Dank seines Ansehens bei Juarez, würde er allein genügen, sie wirksam zu beschützen.« »Auf denn zur Schlacht!« riefen die beiden jungen Leute, indem sie freudig aufsprangen. Sie hüllten sich in ihre Mäntel und nahmen ihre Waffen. »So laßt uns aufbrechen,« sagte Don Jaime. Die Diener waren schon zur Stelle. Die sieben Reiter verließen das Haus und schlugen die Richtung nach der Plaza-Mayor ein, wo die Truppen sich versammelten. Die Häuser waren illuminirt, eine unermeßliche Menschenmenge wogte durch die Straßen; aber die vollkommenste Ruhe herrschte in der Stadt, die nach allen Richtungen unaufhörlich von starken Patrouillen aus Franzosen, Engländern und Spaniern durchkreuzt wurde, welche mit der größten Selbstverläugnung über die Handhabung der Ordnung und allgemeine Sicherheit während dieser anarchischen Zwischenzeit wachten, welche stets von dem Fall der einen Regierung bis zur Einsetzung der anderen eintritt. Die Plaza-Mayor war sehr belebt, die Soldaten verbrüderten sich mit dem Volke, plauderten und lachten, als ereignete sich in diesem Augenblick das Allergewöhnlichste von der Welt. Der General Miramon, von einer ziemlich zahlreichen Gruppe von Offizieren umgeben, die seiner Sache treu geblieben oder solcher, die sich zu sehr compromittirt hatten, um gute Bedingungen von dem Sieger hoffen zu können, und es vorgezogen, ihn auf seiner Flucht zu begleiten, statt in der Stadt zu bleiben – zeigte eine Ruhe und Freudigkeit, die wahrscheinlich seinem Herzen sehr fremd war. Uebrigens plauderte er mit Geist, vertheidigte ohne Bitterkeit die Handlungen seiner Regierung und nahm ohne Vorwürfe und ohne Gegenbeschuldigungen Abschied von Denjenigen, welche ihn aus Egoismus verlassen hatten und deren Werk sein Fall war. »Ah!« sagte er, als er Don Jaime erblickte und ihm entgegen trat, »Ihr kommt also wirklich mit mir? Ich hatte gehofft, Ihr würdet Eure Meinung ändern.« »Ei, General,« antwortete er heiter, »das ist in der That liebenswürdig.« »Ihr wißt wohl, daß Ihr mir nichts übelnehmen dürft.« »Der Beweis dafür ist, daß ich Ihnen zwei meiner Freunde zuführe, die Sie durchaus begleiten wollen.« »Ich bitte sie, meinen Dank dafür zu empfangen: ein Mann ist glücklich, wenn er, indem er von seiner Höhe stürzt, Freunde um sich sieht, wodurch ihm der Fall weniger schwer gemacht wird.« »Darüber dürfen Sie sich nicht beklagen, General, denn Ihnen fehlt es nicht an Freunden,« antwortete ihm der Graf, indem er sich artig verneigte. »In der That,« murmelte er, indem er einen trüben Blick umherschweifen ließ, »ich bin noch nicht allein.« Die Unterhaltung wurde einige Zeit in diesem Tone fortgeführt. Eine Stunde später ertönte die Mitternachtsstunde von Sagrario. Miramon richtete sich in die Höhe. »Lassen Sie uns aufbrechen, meine Herren,« sagte er mit fester Stimme, »die Stunde ist gekommen, die Stadt zu verlassen.« »Blast zum Aufbruch,« rief ein Offizier. Die Trompeten ertönten. Eine rasche Bewegung bemächtigte sich der Menge, welche unter den Portalen zusammengedrängt stand. Die Soldaten stiegen zu Pferde und ordneten sich in Reihe und Glied. Dann trat wie durch Zauber die Ruhe wieder ein und eine Todesstille herrschte auf diesem weiten Platze, auf dem das Volk Kopf an Kopf gedrängt stand. Miramon hielt sich gerade und entschlossen auf seinem Pferde in der Mitte seiner Truppen. Don Jaime und seine Gefährten waren in die Reihen des Generalstabs getreten, welcher den General umgab. Nach einer augenblicklichen Zögerung warf der Präsident einen letzten, trüben Blick auf den düstern Palast, den kein Licht erhellte. »Vorwärts!« rief er. Die Truppen setzten sich in Marsch. In demselben Augenblick ertönte von allen Seiten der Ruf: »Es lebe Miramon!« Der General neigte sich zu Don Jaime. »Sie bedauern mich schon,« sagte er mit leiser Stimme, »und ich bin noch nicht fort.« Die Truppen ritten langsam durch die Stadt, gefolgt von der Menge, die hierdurch dem gestürzten Präsidenten ihre letzte Huldigung darbringen zu wollen schien, um ihm einen Beweis der Achtung zu geben, die sich seine Person erworben hatte. Endlich gegen zwei Uhr Morgens überschritt man die Barriere und befand sich in freiem Felde; bald erschien die Stadt nur noch wie ein leuchtender Punct am Horizont. Die Truppen waren trübe und schweigsam. Dennoch setzten sie ihren Marsch unaufhaltsam fort. Plötzlich machte sich eine Stockung fühlbar, eine dumpfe Bewegung herrschte in den Reihen. »Aufgepaßt! es geht etwas vor,« flüsterte Don Jaime seinen Freunden zu. Bald vermehrte sich die Bewegung: einige Rufe der Vorposten ließen sich vernehmen. »Was geht denn vor?« fragte Miramon. »Ihre Soldaten empören sich,« antwortete ihm Don Jaime gerade heraus. »Ah! das ist nicht möglich!« rief er aus. In demselben Augenblick ließ sich ein furchtbarer Lärm von Geschrei und Pfeifen vernehmen, in welchem der Ruf: »Es lebe Juarez! das Beil! das Beil!« vorherrschte. Das Beil ist in Mexiko das Symbol der Verbündung. Das Beil mit Freudejauchzen begrüßen, ist das Zeichen der Empörung. Der Ruf lief augenblicklich von Reihe zu Reihe, wurde allgemein und bald hatte die Verwirrung und Unordnung den höchsten Gipfel erreicht. Die unter die Soldaten gemischten Parteigänger Juarez' stießen ein wahres Mordgeschrei gegen die Feinde aus, die sie nicht entschlüpfen lassen wollten; die Säbel waren aus den Scheiden, die Lanzen eingelegt, ein Zusammenstoß schien bevorzustehen. »General, wir müssen fliehen!« sagte Don Jaime rasch. »Niemals,« antwortete der Präsident, »ich werde mit meinen Freunden sterben!« »Sie werden ermordet werden, ohne daß es Ihnen gelingt, sie zu retten; überdies, sehen Sie: sie verlassen Sie selbst.« Es war in der That so: die Freunde des Präsidenten hatten sich aufgelöst und zerstreuten sich nach allen Richtungen. »Was ist zu thun?« rief der General. »Sich Bahn brechen,« erwiderte Don Jaime, und ohne dem Präsidenten Zeit zum Nachdenken zu lassen; rief er mit donnernder Stimme: »Vorwärts!« In demselben Augenblick stürzten die Empörer mit gesenkten Lanzen auf die kleine Gruppe zu, in deren Mitte sich Miramon befand. Es herrschte einige Minuten eine schreckliche Verwirrung: Don Jaime und seinen Freunden gelang es, gut bewaffnet und beritten wie sie waren, sich einen freien Durchgang zu bahnen und den General in ihrer Mitte mit fortzuziehen. Darauf begann ein wilder Ritt. »Wohin gehen wir?« fragte der Präsident. »Nach Mexiko! das ist der einzige Ort, wo man Sie nicht suchen wird.« Eine Stunde später passirten sie wieder die Barriere und betraten die Stadt in Gemeinschaft mit den zerstreuten Soldaten, die den betäubenden Ruf erschallen ließen: »Es lebe Juarez!« und sie selbst schrieen stärker, wie Die, welche sie umgaben. Einmal in der Stadt angekommen, trennten sie sich; Miramon und Don Jaime blieben allein: die Vorsicht forderte, daß die Flüchtigen nur einzeln in ihre Behausung zurückkehrten. Gegen vier Uhr Morgens waren sie sämmtlich in Sicherheit. Die Truppen Juarez' erreichten, nur einige Stunden dem General Ortega vorangehend, die Stadt. Dank den zwischen dem General Beriozabal und den fremden Residenten getroffenen Maßregeln, wurde der Wechsel der Regierung ohne Erschütterung bewerkstelligt; am nächsten Tage erschien die Stadt eben so ruhig, als wenn nichts Außerordentliches sich ereignet hätte. Dennoch war Don Jaime nicht beruhigt; er fürchtete, daß wenn Miramon länger in der Stadt blieb, seine Gegenwart bekannt werden würde; er suchte daher nach einer Gelegenheit, ihn entschlüpfen zu lassen, und begann schon zu verzweifeln, ein Mittel zu finden, als der Zufall ihm eines darbot, auf welches zu rechnen er weit entfernt gewesen war. Mehre Tage waren verflossen, die Revolution hatte ihren Lauf gehabt und die Dinge gingen ihren gewöhnlichen Gang, als endlich Juarez von Vera-Cruz anlangte und seinen Einzug in die Stadt hielt. Die erste Sorge des neuen Präsidenten war – wie es Miramon vorausgesehen hatte – den spanischen Gesandten seine Ausweisung aus dem Gebiete der mexikanischen Republik unterzeichnen zu lassen. Aehnliche Unterzeichnungen mußten an demselben Tage der Legat des heiligen Stuhls und die Repräsentanten von Guatemala und Ecuador machen. Diese rohe Vertreibung, in den beleidigendsten Ausdrücken abgefaßt und ganz gegen die zwischen civilisirten Völkern gestalteten Principien verstoßend, verursachte einen allgemeinen Schrecken. Bestürzung herrschte in der Stadt: was sollte man von einer Regierung erwarten, welche mit solchen Handlungen begann? Die Gelegenheit, welche Don Jaime so lange suchte, bot sich ihm endlich dar. Miramon sollte nicht mit dem spanischen Gesandten, sondern mit dem Repräsentanten von Guatemala abreisen. So geschah es in der That. Die Abreise der vertriebenen Minister fand an demselben Tage statt. Es waren der Gesandte von Spanien, der Legat des heiligen Stuhles, der Gesandte von Guatemala und der von Ecuador; ferner waren der Erzbischof von Mexiko und fünf mexikanische Bischöfe, welche die ganze bischöfliche Würde des Bundes bildeten, von dem Gebiete der Republik verbannt worden und benutzten die Escorte der Gesandten, um die Hauptstadt zu verlassen. Miramon, dessen Frau und Kinder schon einige Tage früher abgereist waren, folgte unter einer Verkleidung, die ihn unkenntlich machte, dem Gesandten von Guatemala. Der Graf de-la-Sulay und der Herzog von Tobar begleiteten Donna Maria und die beiden jungen Mädchen nach Vera-Cruz. Don Jaime hatte seinen Freund nicht verlassen wollen, er reiste in Begleitung Lopez' mit dem Gesandten. Nur Don Estevan blieb in Mexiko. Wir wollen nicht die Beleidigungen und Schmähungen berichten, welche die vertriebenen Gesandten und Geistlichen auf ihrer Reise zu erdulden hatten; von Puebla, wo man sie als Gefangene zurückhielt, bis Vera-Cruz, wo man sie bedrohte, sie mit Steinen warf und die Bevölkerung zur äußersten Erbitterung gegen den Legaten und die unglücklichen verbannten Bischöfe gelangte. Die Dinge erreichten endlich eine solche Höhe, daß der französische Consul sich genöthigt sah, den Beistand einer französischen Kriegsbrigg und eines in Sacrificios ankernden spanischen Schiffes zu reclamiren, welche sogleich bewaffnete Mannschaft an's Land setzten. Miramon war erkannt worden, aber Dank der Energie des französischen Consuls und des Commandanten der Brigg, gelang es ihm, seinen Feinden zu entgehen. Zwei Tage später segelte der Velasco , das der spanischen Kriegsmarine angehörende Fahrzeug, nach Havanna und trug unsere Freunde an seinem Bord davon. * Am 15. Januar 1863 wurde in Havanna eine Doppelhochzeit gefeiert. Die des Grafen de-la-Saulay mit Donna Carmen de-Tobar und die des Herzogs de-Tobar mit Donna Dolores de-la-Cruz. Die Zeugen waren der Gesandte Ihrer katholischen Majestät in Mexiko, der General Miramon, der Commandant des Velasco, und der Exminister von Guatemala. Der Legat des heiligen Stuhles ertheilte den Neuvermählten den Segen. Der Graf de-la-Saulay, sagt man, ist soeben nach Mexiko zurückgereist, um Dank der französischen Vermittelung die unermeßlichen Güter, welche seine Gemahlin in diesem Lande besitzt und welche die Regierung Juarez' sich angeeignet hat, zurückzufordern. Don Jaime de-Bivar begleitet seinen Freund. Leo Carral ist mit ihnen.   Ende.     Druck von C. G. Naumann in Leipzig.