Berthold Auerbach Das Landhaus am Rhein, Band 2 Viertes Buch. Erstes Capitel. Die Sperlinge auf den Erlen und Weiden am Ufer der Klosterinsel zwitscherten und schetterten lärmend durcheinander; sie mußten sich wunderviel zu sagen haben, was sie heut erlebt, und wer weiß, ob ein Heute für sie nicht ein viel größerer Zeitraum als für uns. Ein von Erfahrung Aufgeblähter – es konnte aber auch ein Weibchen sein, denn er trug bereits das unterschiedslose Alterskleid – saß ruhig in der Ecke eines Astes, bequemlich an den Stamm gelehnt; er berichtete mit nachschmatzendem Behagen, wie herrlich das gewesen drüben im Gasthofsgarten am Ufer unter den kurz gehaltenen schattigen Linden. Da hatten die Kellner lange versäumt, die Reste eines englischen Frühstücks wegzuräumen, und da gab's Kuchen – leider waren die Stücke zu groß – Eier und Honig und Zucker die Menge; es war ein Schmaus ohne Gleichen. Er behauptete, die echte Lebensfreude beginne erst dann, wenn man von allem Andern nichts mehr wissen wolle und nur Freude an Essen und Trinken habe. Das verstünde freilich erst das reifere Alter. Andere wollten nichts von dem satten Prahlhans wissen, und es gab eine zuchtlose Debatte, ob Salatsamen oder junger Kappis nicht viel besser wären, als alle Menschennahrung. Ein junger Schelm umflatterte eine junge Schelmin und berichtete ihr: hinten am Hause des Fergen hinge ein strotzendes Säckchen voll Hanfsamen am Dachfenster; wenn man nur die Naht ein Bischen aufzutrennen verstünde, könnte man den Leckerbissen allmälig verspeisen, aber man müsse es geheim halten, sonst kämen die Anderen auch, und Hanfsamen wäre doch anerkannt das höchste Gut, was diese Erdkugel zu bieten vermag. Der Schelm behauptete, daß der zierliche Schnabel der Schelmin gerade fein genug sei, um die Naht aufzutrennen; niederträchtig boshaft sei es aber von den Menschen, just die besten Leckerbissen gebunden und verschlossen in die freie Luft zu hängen. Ein spät Hinzufliegender verkündete, daß die Scheuche, die im Feld stehe, nur ein Stock mit drüber gehängten Kleidern sei. »Die dummen Menschen meinen, wir seien noch so dumm, an Vogelscheuchen zu glauben,« lachte er und schlug die Flügel auf und nieder vor Staunen und Erbarmen über die Einfalt. Es war ein toller Lärm auf den Erlen und Weiden und fast ebenso toll war er auf der großen Wiese, wo die Mädchen aus dem Kloster einander haschten, durcheinander plauderten, kicherten, neckten und lachten. Abseits von den lärmenden Genossinnen und manchmal unter den Erlenbäumen dahinwandelnd, wo es so lustig zuging, schritt ein Mädchen von schlanker Gestalt und von biegsam zierlicher Erscheinung, mit dunklem schwarzem Haar und leuchtenden Augen, neben einer Frau in Ordenstracht, einer hohen herrischen Gestalt, aus deren Mienen ruhige und entschiedene Kraft sprach. Ihre Lippen waren so zusammengepreßt, daß der Mund nur als schmaler rother Streif erschien. Die ganze Stirn war mit einem weißen Tuch bedeckt und so hatte das Gesicht mit den großen Augen, schmalen Brauen, scharfer Nase, dem feinen zusammengepreßten Munde, dazu das scharfe, aber nicht unschöne Kinn etwas Herrschvolles und Unbewegtes. »Würdige Mutter,« begann das Mädchen, »Sie haben den Brief von Fräulein Perini gelesen?« Die Nonne – es war die Oberin – wendete nur ein wenig das Antlitz; sie schien zu erwarten, daß das Mädchen – es war Hermanna Sonnenkamp – weiter spreche. Da Manna indeß schwieg, sagte die Oberin: »Herr von Prancken wird also zum Besuch kommen. Er ist ein Mann aus gutem Hause und von guter Sitte, scheint ein Weltling, ist es aber eigentlich nicht. Freilich hat er noch die Ungeduld derer draußen; ich vertraue indeß, daß er jede Werbung unterläßt, so lange Du noch hier unser Kind bist, daß heißt, das Kind des Herrn.« Sie sprach sehr gemessen und hielt jetzt an. »Laß uns hier weggehen, der Vogellärm da oben läßt ja kaum das eigene Wort hören.« Sie gingen an dem inmitten der Insel liegenden Kirchhof vorüber nach dem Wäldchen zu einer kleinen Felsenpartie, von den Kindern die Schweiz der Insel genannt; dort setzten sie sich nieder und die Oberin fuhr fort: »Von Dir, mein Kind, bin ich gewiß, daß Du in schicklicher Weise jedes nach Liebesbekenntniß oder Werbung zielende Wort des Herrn von Prancken ablenken wirst.« »Sie wissen, würdige Mutter,« entgegnete Manna – sie hatte eine herzbewegende Stimme – »Sie wissen, daß ich gelobt habe, den Schleier zu nehmen.« »Ich weiß und weiß es auch nicht. Was Du jetzt sagst oder bestimmst, ist für uns wie ein in den Sand geschriebenes Wort, das der Wind und die Fußtritte der Menschen verwischen. Du mußt zuerst wieder hinaus in die Welt, Du mußt die Welt überwunden haben, ehe Du ihr entsagst. Ja, mein Kind! Die ganze Welt muß Dir erscheinen wie Deine Puppen, von denen Du mir erzählt: vergessen, nichtig, todt . . . ein Kinderspiel, kaum denkbar, daß man je so viel Aufmerksamkeit, so viel Liebe daran vergeuden konnte.« Stille war es geraume Zeit, man hörte nichts als den Sang der Nachtigall im Busche, und auf dem Strome hin flogen in Schaaren die Raben und sangen – die Menschen nennen es krächzen – und schwangen sich ihrer Heimat auf dem Felsenberge zu. »Mein Kind,« begann die Oberin nach einer Weile, »heut ist der Todestag meiner Mutter, ich habe für ihre Seele, die in der Ewigkeit, gebetet, heut wie damals. Als sie starb, was die Menschen Sterben nennen, was aber nur ein Geborenwerden ist, hat mein Gelübde es mir versagt, an ihrem Todtenbette zu stehen; es kostete mir kaum einen Kampf, denn ob meine Eltern noch draußen in der Welt oder dort oben in der andern, das ist uns gleich. Sieh, die Welle färbt sich jetzt im Abendroth, da stehen nun die Menschen draußen auf Bergen und am Ufer und sprechen voll Entzücken über die Natur, diesen neuen Götzen, den sie sich gemacht, denn sie sind Kinder der Natur; wir aber sollen Gottes Kinder sein, vor dessen Auge die ganze Natur nichtig erscheint, ob so, ob so gefärbt, ob blühend oder im Schnee.« »Ich glaube, ich fasse das,« stimmte Manna bei; die Oberin fuhr fort: »Es ist ein Großes, die Welt zu überwinden, sie von sich zu stoßen, ohne je eine Secunde nach ihr zu verlangen, und dafür die ewige Glückseligkeit zu empfangen noch während wir im Leibe wandeln. Ja, mein Kind« – sie legte beide Hände auf das Haupt Manna's: »ich möchte Dir die Kraft geben, meine Kraft . . . nein, nicht die meine, die mir von Gott verliehene . . . Du sollst schwer und redlich mit der Welt gekämpft, Du sollst ausgerungen haben, bevor Du zu uns in den Vorhof des Himmels eintrittst für dieses zeitliche Leben.« Manna hatte die Augen geschlossen und in ihrem Innern war der einzige Wunsch, daß eine überirdische Gewalt kommen und sie hinwegheben möge über Alles. Als sie aufschaute und die wundersame Pracht des Abendhimmels, den violetten Duft der Berge und den rothglühenden Strom sah, blinzte ihr Auge, und ihre Hand machte eine abwehrende Bewegung, wie wenn sie sagen wollte: ich will Dich nicht, Du sollst für mich untergesunken sein; Du bist nichts als eine Puppe, eine leblose, an die wir unsere Liebe verschwenden. Mit zitternder Stimme bekannte nun Manna, wie sie sich im Innersten zerrissen und verworfen vorkäme; sie habe vor wenigen Tagen die Botschaft des verkündenden Engels gesungen und gesprochen, und dabei hätten schwarze Dämone sie innerlich zerwühlt. Den ganzen Tag habe sie gebetet, daß sie würdig sein möge, solche Botschaft zu verkünden; und da sei ihr in der Dämmerung ein Mann erschienen, und ihr Auge habe mit Wohlgefallen auf ihm geruht; es sei der Versucher gewesen, der ihr nahe gekommen, und die Gestalt habe sie in ihre Träume verfolgt. Sie sei mitten in der Nacht aufgestanden und habe geweint und zu Gott gebetet, er möge sie doch nicht in Sünde und Abfall versinken lassen. Sie verachte die Erscheinung, sie hasse sie; aber die Erscheinung weiche nicht von ihr. Sie bitte nun, daß ihr eine Buße auferlegt werde; es möge ihr gestattet sein, drei Tage zu fasten. Die Oberin tröstete mild und sagte, sie solle sich nicht solche Vorwürfe machen, denn diese Selbstpeinigung steigere ihre Phantasie und ihre Empfindung. Zur Zeit, wenn der Flieder blüht und die Nachtigall singt, werde ein siebzehnjähriges Mädchen leicht von Träumen heimgesucht; Manna solle über diese Träume nicht weinen, sondern sie nur verspotten. Manna küßte der Oberin die Hände. Es war Nacht geworden. Die Sperlinge waren verstummt, die lärmenden Kinder ins Haus zurückgekehrt, nur die Nachtigall sang fort und fort im Gebüsch. Manna kehrte, von der Oberin an der Hand geführt, in das Kloster zurück. Sie ging nach dem großen Schlafsaal, nahm Weihwasser und besprengte sich. In ihrem Bette betete sie noch lange still, und mit gefalteten Händen schlief sie ein. Der Strom rauschte zu Thal und rauschte an der Villa vorüber, wo Roland mit trotzig aufgeworfener Lippe schlief; er rauschte an dem Städtchen vorüber, wo Erich im Hause des Doctors hin und her gesonnen; er rauschte am Gasthof vorüber, wo Prancken im Fenster liegend nach dem Kloster hinüberschaute. Der Mond glitzerte auf dem Strom, hüben und drüben sangen die Nachtigallen und in den Häusern schliefen die Tausende von Menschen und vergaßen Leid und Freud, bis der Tag wieder erwacht. Zweites Capitel. Auf der Westseite des Klosters unter hohen, breitästigen und dicht belaubten Kastanienbäumen, Buchen und Linden und weiter hinein unter Tannen mit frischen Schossen standen festgerammte Tische und Bänke. Am Morgen saßen hier blau gekleidete Mädchen, lesend, schreibend, mit Handarbeiten beschäftigt. Manchmal war leises Summen, aber nicht lauter als das Summen der Bienen in den blühenden Kastanienbäumen, manchmal auch ein Hin- und Herhuschen, aber nicht mehr als das Aufflattern eines Vogels droben in den Zweigen. Unter einer großen Tanne am Tische saß Manna und nicht weit von ihr unter einer schlanken, hochaufgeschossenen Buche, an deren Stamm viele Namen eingeschnitten waren und ein eingerahmtes Madonnenbild hing, auf einem Kniebänkchen ein kleines Kind; es sah manchmal zu Manna auf und sie nickte ihm zu mit dem Bedeuten, es möge fleißiger in seinem Buche lernen, sie müsse auch arbeiten. Das Kind wurde Heimchen genannt, da es so sehr an Heimweh gelitten hatte, und Heimchen war die Spielpuppe der ganzen Kinderschaar auf der Klosterinsel geworden. Manna hatte das Kind geheilt, wenigstens schien es so, denn am Tage nach Aufführung des heiligen Stückes hatte sie von einer Laienschwester, die der Gärtnerei vorstand, die Erlaubniß erhalten, für das Kind ein besonderes Gärtchen herrichten zu dürfen, und nun schien das Kind mit den Pflanzen, die es begoß und pflegte, sich in der Fremde einzuwurzeln; von Manna aber war es unzertrennlich. Manna arbeitete eifrig; sie hatte vor sich auf dem Tische himmelblaues Tonpapier liegen, auf das sie aus kleinen Muscheln mit feinem Pinsel Sternbilder in Goldfarbe auftrug. Manna setzte einen besonderen Stolz darein, die saubersten Schreibhefte zu haben, jedes Blatt war mit feinen Linien eingerändert und mit größter Nettigkeit und in gleichmäßiger, nie zu hastiger und nie zu langsamer Schrift geschrieben. Sie hatte seit wenigen Tagen die höchste Ehre erhalten, die für einen Zögling zu erlangen ist, sie war einstimmig zum ruban bleu ernannt worden; die drei Classen der Kinder: enfants Jésus, anges und enfants de Marie hatten ihr diese Würde zuerkannt. Es war kaum eine Wahl gewesen, so selbstverständlich erschien es, daß Niemand als Manna zum blauen Bande bestimmt sein könne. Diese Auszeichnung machte sie gewissermaßen auch zu einer Art Oberin. Während sie nun zeichnete und manchmal ihr Auge über die ihrer Aufsicht anheimgegebenen Kinder hingleiten ließ, hatte sie ein offenes Buch neben sich liegen: es war Thomas a Kempis. Im Auftragen der Sternbilder, die sie mit jener Zierlichkeit und Genauigkeit ausführte, wie solche vielleicht nur im Kloster möglich ist, haschte sie gewissermaßen Worte von Thomas a Kempis, um doch während dieses spielerischen Thuns einen höheren Gedanken in die Seele zu nehmen. Da tönte Ruderschlag vom Ufer drüben; die Mädchen schauten auf und erblickten einen schönen jungen Mann, der im Kahne stand, den Hut hob und schwenkte, als grüßte er die Insel. »Ist dies Dein Bruder? Dein Vetter?« lispelten die Mädchen unter einander. Sie kannten den Fremden nicht. Manna, die Prancken alsbald erkannt hatte, blieb ruhig sitzen. Der Kahn landete. Die Mädchen waren voll Neugier, aber sie durften die Arbeit nicht verlassen, denn Alles hatte seine gemessene Zeit. Glücklicherweise hatte ein großes hochblondes Mädchen die grüne Wolle aufgebraucht, sie durfte nach dem Kloster zurückkehren und winkte einverständlich den Anderen zu, sie werde schon erkunden, wer da gekommen sei. Aber noch ehe die Hochblonde zurückkam, erschien eine dienende Schwester und meldete Manna Sonnenkamp, sie möge ins Kloster kommen. Manna stand auf, Heimchen wollte mit ihr: sie befahl dem Kinde hier zu bleiben und es setzte sich still wieder auf das Kniebänkchen unter der Buche mit dem Madonnenbilde. Manna riß einen kleinen Zweig mit frischen Sommertrieben vom Baume, unter dem sie gesessen, und legte den Zweig als Zeichen in ihr Buch; dann übergab sie die blaue Schärpe, die sie über der rechten Schulter trug, einer Genossin und folgte mit dem Buche in der Hand der dienenden Schwester. Unter den Zurückgebliebenen war ein Hin- und Herfragen: Wer ist das? Ist es ein Vetter? Die Sonnenkamps haben ja gar keine Verwandten in Europa. Vielleicht ein Vetter aus Amerika. Die Kinder hatten keine Ruhe und in ihrer Beschäftigung schien kein rechter Trieb mehr zu sein. Die Genossin hielt es für Pflicht, strenge Aufsicht zu halten. Manna kam nach dem Kloster. Als sie in das Empfangszimmer zur Oberin eintrat, stand Otto von Prancken rasch auf und verbeugte sich. »Herr von Prancken,« sagte die Oberin, »bringt Dir Grüße von deinen Eltern und Fräulein Perini.« Prancken näherte sich Manna und streckte ihr die Hand entgegen, sie aber hatte das Buch in der rechten Hand und gab ihm zögernd die Linke. Prancken, der Redefertige, brachte nur mit Stottern hervor – denn der Anblick Manna's hatte ihn verwirrt – wie sehr er sich freue, sie so wohl und erwachsen zu sehen, und wie glücklich die Eltern und Fräulein Perini sein würden, solches nun auch bald zu sehen. Der stotternde, von einer gepreßten Innigkeit bewegte Ausdruck Pranckens hörte nicht auf, auch während er länger fortsprach; denn inmitten der unwillkürlichen Ergriffenheit wurde er sich plötzlich bewußt, daß diese offenbare Herzbewegung von Manna nicht unbemerkt und bei ihr nicht ohne Eindruck bleibe. Er sprach im begonnenen Tone fort und freute sich selbst über seine Kunst, so den Blöden, Verzagten, Betroffenen zu spielen. Er erzählte manches Erfreuliche vom Elternhause und pries die Jungfrau glücklich, die auf einer seligen Insel leben dürfe, bis sie wieder auf den Continent zurückkehre, wo eine schöne Gemeinschaft von Freunden gleichsam auch einen gesellschaftlichen Continent bilde. Manna sprach lange nicht, endlich sagte sie: »Roland schreibt mir sehr begeistert von einem Hauptmann Dournay, der sein Hofmeister werden soll. Sie kennen ja den Mann, erzählen Sie mir von ihm.« In Prancken zuckte etwas, aber er sagte lächelnd: »Ich war so glücklich, den armen jungen Mann zu finden, der unserm Roland . . . Sie erlauben mir, ihn so zu nennen, denn ich liebe ihn wie einen Bruder . . . an Stelle des Herr Knopf Unterricht gebe. Die Prüfung seines Charakters und die Bestimmung seiner Annahme bleibt natürlich Sache Ihres Herrn Vaters, der ein größerer Menschenkenner ist, als ich.« »Roland schrieb mir, daß er Ihr Freund sei.« »Ich werde es nicht bestreiten, wenn Roland dadurch endlich mehr Respect vor einem Lehrer bekommt. Aber Ihnen darf ich's sagen, ich bin mit dem Worte Freund etwas karg.« »Was ist es denn für ein Mann?« drängte Manna. »Man hat ihm Veranlassung gegeben, den Dienst zu quittiren.« »Doch nicht wegen ehrenrühriger Handlungen?« fiel die Oberin ein. Prancken suchte sie zu beruhigen und die Oberin fuhr fort: »Es thäte mir doppelt leid auch um seine Mutter, die eine Jugendgenossin von mir war; sie ist zwar protestantisch, aber doch das, was die Weltkinder gut und edel nennen.« Prancken schien in Verlegenheit; aber mit einer Bewegung der Hand, die etwas mild Zudeckendes hatte, sagte er, zur Erde schauend, man könne Erich gerade nichts Besonderes vorwerfen, er gehöre nur zu jenen sogenannten starken Geistern, die keine Autorität im Himmel und auf Erden anerkennen. Groß und streng wurde plötzlich das Angesicht Manna's da sie sagte: »Aber ich begreife nicht, wie man einen Knaben, meinen Bruder, einem Manne übergibt, der . . .« Prancken bat um Entschuldigung, daß er sie unterbreche; er erzählte, wie er sich von Mitleid mit dem verlassenen Kameraden und von Dankbarkeit für seinen Lehrer habe überraschen lassen, versprach indeß, dafür zu sorgen, daß Erich nicht in das Haus käme. Er zeigte ein so gutes Herz, so viel Menschenliebe, daß Manna ihm jetzt freiwillig die Hand reichte. Die Oberin stand auf; sie glaubte, daß es Zeit sei, das Gespräch abzubrechen. Eine neue Begegnung mit Prancken hatte stattgefunden; das konnte einstweilen genügen. Die Oberin war in der That nicht so ausschließlich für das Kloster, daß sie dagegen gekämpft hätte, wenn es Prancken gelingen mochte, die Liebe Manna's zu gewinnen. Ein solches Haus und eine solche Familie, mit so ungeheuren Reichthümern ausgestattet, konnte dem Kloster und der Kirche überhaupt genugsam förderlich sein. »Es war sehr freundlich von Ihnen, daß Sie uns besuchten,« sagte sie jetzt. »Bitte, bringen Sie auch Ihrer Schwester, Gräfin Bella, meinen Gruß und sagen Sie ihr, daß ich sie in mein Gebet einschließe.« Prancken sah sich verabschiedet und doch hatte er noch keine Gewähr für die Erfüllung seines Wunsches. Ein Leuchten ging durch sein Gesicht, indem er plötzlich auf das Buch in der Hand Manna's deutend in demuthsvollem Tone sagte: »Fräulein Manna! Wir irrenden Menschen draußen haben gern ein festes Zeichen in der Hand.« »Was wünschen Sie?« fuhr die Oberin rasch und scharf dazwischen. »Würdige Mutter,« wendete sich Prancken schnell mit bescheidenen Mienen nach der ernsten Frau, »ich wollte Sie bitten, daß Fräulein Sonnenkamp das Buch in meine Hand gebe.« »Wunderbar!« rief Manna, »das wollte ich ja! Ich wollte es Ihnen ja geben, daß Sie es meinem Bruder bringen. Er soll hier einen festen und sichern Führer gewinnen, er soll jeden Tag von hier an, wo der grüne Zweig liegt, ein Capitel weiter lesen und so jeden Tag denselben Gedanken in die Seele nehmen wie ich.« »Wie glücklich mich diese gleiche und im Moment zusammenstimmende Seelenregung macht! Ich wollte das für mich selber bitten,« sagte Prancken. Die Oberin wußte sich nicht zu helfen und Prancken fuhr fort: »Ich bitte, Fräulein Manna, vergeben Sie meine Unbescheidenheit, geben Sie mir dies heilige Buch zu meiner Erbauung, daß auch ich gleichen Schritt mit den Geschwistern halte.« »Aber mein Name steht in dem Buche,« sagte Manna erröthend. »Um so besser,« wollte Prancken ausrufen, aber er konnte es glücklicherweise zurückhalten; er wendete sich zur Oberin, legte die Hände zusammen und stand, wie im Gebete sie anflehend. Auch Manna wendete sich, Bescheid erwartend, gegen die Oberin, die endlich sagte: »Mein Kind, Du kannst Herrn von Prancken diese Bitte wohl gewähren; er wird Deinem Bruder ein anderes Exemplar geben. Und nun leben Sie wohl.« Prancken empfing das Buch. Er verließ das Kloster. Als er im Kahne saß, sagte der Ferge zu ihm: »Sie haben wohl eine Braut da drüben?« Prancken antwortete nicht, aber er gab dem Fergen ein großes Stück Geld. Mit freudetrunkenem Herzen stürmte er das Ufer hinan und gab sofort ein Telegramm an seine Schwester auf. Der Telegraphist war erstaunt, da der junge Mann mit dem weltmännischen Ansehen und dem bescheidenen Wesen, das aber doch eine vornehm geringschätzige Läßlichkeit gegen Bedienstete nicht verleugnen konnte, ein Telegramm in geheimnißvollen Worten aufgab. Das Telegramm lautete: Gott gesegnet! Ein grüner Zweig von der Insel der Glückseligkeit. Neuer Stammbaum. Himmelsmanna. Unendlicher Besitz. Ein Geweihter. Neugeboren. Otto v. Prancken . Drittes Capitel. In den geschmackvoll geordneten Anlagen des Bahnhofes ging Prancken umher, schaute hinaus nach den Bergen, hinab in den Strom, nach der Insel; die ganze Welt war ihm wie neu geschaffen, ein Schleier war weggenommen und entzückend schön war Alles. Die Luft war voll würzigen Duftes, untermischt von jenem milden Harzgeruch, den die springenden Knospen ausströmten; an dem Geländer hingen, wie wartend, zahllose Rosenknospen; von der steilen Felswand, die man zum Bau der Eisenbahn losgesprengt hatte, rief ein Kuckuck und viele andere Vögel sangen drein. Die ganze Welt war voll Blüthenduft und Vogelsang, Alles wie erlöst, befreit, gesegnet. Die Leute auf dem Bahnhofe glaubten, daß der junge Mann, der so unruhig hin und her ging, bald eilend, bald stillstehend, bald ausschauend, bald den Blick zur Erde gesenkt, ein sehnlich Erwartetes mit dem nächsten Zuge begrüßen müsse; aber Prancken erwartete Niemand und nichts. Was konnte denn noch kommen in der Welt? Alles war ja erfüllt. Er begriff nur nicht, wie er noch hier weilen könne und Manna da drüben; keine Minute sollte mehr vergehen, ohne daß sie bei einander, eins, unzertrennlich. Jetzt flog ein Fink vom Baume weg, unter dem er stand, er flog über den Strom nach der Insel. Ach, könnte ich auch so hinüberfliegen und vom Baume aus sie sehen und grüßen, und am Abend auf ihr Fenstersims fliegen und hineinschauen, wenn sie schläft, und am Morgen, wenn sie erwacht! Alles, was je ein jugendliches Herz bewegt, erfaßte für einen Augenblick Prancken, und er erschrak vor sich selber, als jener Dämon der Eitelkeit und Selbstbespiegelung, den er in sich groß gezogen, ihm zuraunte: Du bist ein edler schwärmerischer Jüngling! . . . Er haßte diesen Dämon und fand ein Mittel, ihn zu bannen. In einer abgelegenen Laube saß er und las in Thomas a Kempis. Er las die Mahnung: Lerne Dich selbst beherrschen, dann kannst Du die Dinge der Welt beherrschen. Prancken hatte das Leben bisher immer als leichten Scherz angesehen, gar nicht der Mühe werth, daß man sich etwas daraus mache. Er hatte jenen übermüthigen Ton, mit dem man einen Pudel über den Stock springen läßt; er schaute verwundert um, wie nun das werden solle. Kann man diese Tonart auch bei der Kirchlichkeit bewahren? In meines Vaters Haus gibt es viele Wohnungen, vielleicht ist es gerade gut, den Weltkindern einmal zu zeigen, daß das freie Spiel mit der Welt nicht blos ihnen allein gehöre. Wenn ein Mann, der einmal leichthin von der Sage gehört, da drunten im Strome den großen Nibelungenschatz fände, altes, prächtiges, seltsames, gediegenes Geschmeide . . . so müßte ihm sein, wie es jetzt Prancken zu Muthe war, als er in diesem tief eindringenden Büchlein die christliche Lehre zum ersten Mal recht eigentlich entdeckte. Da ist Alles so verständnißreich, sagt Dir Deine Bestrebungen vor, sagt sie so mild, erklärt Dir ihre Entstehung und gibt Dir Weisung, wie Du Verkehrtes abzulegen und das Wahre aufzunehmen hast. Lange saß Prancken träumend und sinnend; Bahnzüge kamen, Bahnzüge gingen, Schiffe zogen auf und ab auf dem Strom, er sah und hörte Alles nur wie im Traume. Erst als die Mittagsglocke vom Kloster läutete, erwachte er. Er ging nach dem Gasthof. Hier traf er einen Kameraden, der mit seiner jungen Gattin auf der Hochzeitsreise war. Prancken wurde hoch willkommen geheißen, man freute sich dieser Begegnung. Er sollte am Nachmittag eine Wasserfahrt und eine Bergpartie mitmachen; er lehnte ab, er wußte nicht warum; aber mit glänzenden Augen betrachtete er das junge Paar: so wird es sein . . . bald wird es sein, wenn er mit Manna reist! Es durchschauerte ihn wonnig, daß er sie allein habe, allein draußen in der weiten Welt! Warum kann er sie nicht schon jetzt herausholen? Er gelobte sich, Geduld zu lernen. Man war heiter am Mittag und Prancken war so aufgeräumt wie je; der Kamerad sollte nicht auf dem Militär-Casino erzählen, und der dicke Kannenberg nicht darüber spötteln und zehn Flaschen Sect wetten, daß die fromme Stimmung nur eine vorübergehende Laune Pranckens sei. Wie alte eingelernte Stücklein brachte er seine Witzreden vor, und es dünkte ihn ein Jahrhundert, ja es mußte ein Vorleben gewesen sein, daß man einmal auf Parade gegangen war. Man sprach davon, daß morgen mit großem Gepränge eine Wallfahrt aus der nahen Stadt abgehe. Das junge Paar berieth, ob es nicht auch das Schauspiel am Wallfahrtsorte ansehen solle; man wollte sich am Abend entscheiden. Als Prancken das junge Paar nach dem Kahn begleitet hatte, ging er nach dem Bahnhofe und nahm eine Karte nach der Stadt; er wollte im Dom der Abendandacht beiwohnen. Er kam nach der Stadt; willfährige Diener auf der Straße, die sich ihm als Wegweiser zu Lustbarkeiten anboten, wies er unwillig ab und er lächelte, da ein Diener in der Kirche den »gnädigen Herrn« fragte, ob er ihm Alles zeigen solle. Prancken kniete unter den Andächtigen. Er wandelte durch die Stadt und stand lange vor einem Friseurladen, der angefüllt war mit verschiedenen Odeurs, mit Haartouren für Männer und Frauen, mit Puppenköpfen, deren Glasaugen starr dreinsahen unter den künstlichen Brauen und Wimpern. Ueber der Thüre stand mit goldenen Bnchstaben: Hier wird frisirt und rasirt. Es war ein heroischer Entschluß, daß Prancken sich gelobte, die Wallfahrt mitzumachen, und zwar wollte er ohne irgend einen auszeichnenden Stolz sich den Wallfahrern einreihen, mit ihnen beten und sich kasteien. Um indeß kein Aufsehen zu erregen und ganz allein, in sich verborgen, die Wandlung seines Wesens gewähren zu lassen, schien es ihm angemessen, daß er den trotzigen Schnurr- und Knebelbart zuerst abnehme, und sich damit unkenntlich zu machen. Besonders bangte ihm vor dem jungen Ehepaare, das sich die Wallfahrt wie ein Schauspiel ansehen wollte, von dem man dann bei der Heimkehr erzählen könne. So trat er endlich in die duftende Bude, setzte sich auf einen Lehnstuhl und betrachtete in einem großen gegenüberhängenden Spiegel zum letzten Male Schnurr- und Knebelbart. Ein weißer Mantel, ein wahrer Opfermantel für das Opferlamm, wurde ihm übergelegt und ein äußerst gefälliger Jüngling, der keine Ahnung davon hatte, welches Priesteramt ihm beschieden, fragte: »Belieben . . . rasirt oder frisirt?« »Frisirt!« antwortete Prancken mit Blitzesschnelle, denn wie eine Offenbarung ging es ihm auf: frisirt, elegant gekleidet, will er sich unter die Wallfahrer mengen; das ist tiefer und bekenntnißvoller, und es wird nicht ohne Bedeutung sein, wenn man sieht, daß ein vornehmer Mann, ein Militär unverkennbar, seine kirchliche Verehrung darbringt. Schön frisirt ging Prancken aus der Bude hervor und kehrte in einem Gasthof ein, der vorzugsweise vom hohen Adel besucht wurde. Er hoffte dort einen ebenbürtigen Genossen zu finden, den er bestimmen könne, gemeinsam die Wallfahrt zu begehen. Er fand Niemand. Im großen Speisesaal aber sah er eine berühmte Schauspielerin, die hier Gastrollen gab und die er ehemals gekannt; er that als ob er sie nicht erkenne und zog sich auf sein Zimmer zurück. Der Morgen kam, die Glocken tönten zur Wallfahrt; da faßte Prancken einen großen Entschluß. Nur nichts Uebereiltes! sagte er sich. Kein Aufsehen machen, der Welt keinen Anlaß zu Mißdeutungen geben! Man ist der Welt und der Vergangenheit auch etwas schuldig, man muß allmälig und stetig den alten Menschen abthun und den neuen heraus kehren. Vom Fenster des Gasthofes aus, die Dampfwölkchen seiner Cigarre in die Luft blasend, sah Prancken die Wallfahrt vorüberziehen. Dann fuhr er nach dem Bahnhofe, um nach Wolfsgarten zurückzukehren. Viertes Capitel. Im Lande, wo der Schoppen regiert, versammeln sich die Frauen zum Kaffee, und Wein und Kaffee geben sich darin nichts nach; beide wissen sich in alle Jahreszeiten zu finden. Im Frühling und Sommer trinkt sich's gut auf einer bequem zu ersteigenden Anhöhe, in schattiger Laube mit schönem Ausblick in die Landschaft; im Herbst und Winter in den guten Stuben mit den zum Ueberfluß vorhandenen Sophakissen von gestickten Papageien und in Wolle aufgebauschten Hunden. Die Kaffeegesellschaft hat das Bessere, daß sie reihum geht. Man kommt zum Schoppen, zu einer Tasse Kaffee zusammen, aber so wenig der Schoppen buchstäblich wahr ist, sondern sich füglich vermehrt, ebenso ist der Kaffee nur ein bescheidener Ausdruck für nachfolgende Maiweinbowlen und mit Früchten gespickten Kuchen. Wer sich aber noch besonders hervorthun will, läßt auf der Eisenbahn aus der Festungs-Stadt behutsam gehaltenes Eis kommen. Die Frau Landrichter begann den Reigen der Frühlingskaffees. Der kleine Garten am Hause war sehr angenehm und der Flieder blühte dort in seinem ganzen Uebermuthe; aber man konnte aus den umliegenden Nachbarhäusern hineinschauen, und so war es besser, die Festlichkeit im Prunkzimmer oben bei geöffnetem Balcon abzuhalten. Die mit rauschendem Zindel überzogenen Sophakissen waren enthülst, die Einladungen ergangen, auch an die Gräfin Wolfsgarten. Sie hatte zusagende Antwort geben lassen, aber es war stehendes Herkommen, daß eine Stunde vor dem Kaffee ein fein duftendes, zierlich geschriebenes Briefchen eintraf, worin Frau Bella bedauerte, daß ihre leidige Migräne ihr die längst erwartete Freude versage, die verehrte Frau Landrichter und die ehrenwerthe Gesellschaft zu begrüßen. Heute war gegen alle Erwartung die Frau Gräfin selbst gekommen, und was doch gar nicht vornehmen Stiles ist, als die Erste von der Gesellschaft. Die Frau Landrichter schickte schnell Lina in das Prunkzimmer, einen Stuhl mehr hinzustellen, denn man hatte sicher darauf gerechnet, daß die Gräfin Wolfsgarten nicht komme. »Ich erwarte heute meinen Bruder, der nach dem Niederrhein gereist ist,« erzählte Bella bald. Sie wollte allerdings ihren Bruder im Städtchen abholen, um alsbald Näheres über Manna und das räthselvolle Telegramm zu erfahren. Sie hatte aber noch eine zweite Absicht, und die Gelegenheit, dieselbe auszuführen, ergab sich von selbst. Die Frau Landrichter beklagte sich, daß der Hauptmann und Doctor Dournay . . . »Ach, wie soll man ihn nur nennen?« »Nennen Sie ihn nur Doctor.« . . . ». . . also Doctor Dournay Besuche gemacht habe beim Pfarrer, beim Major und beim Doctor . . . Ja, die Wirthschafterin des Majors habe dem Amtsdiener viel von ihm erzählt . . . aber auffallender Weise habe er den eigentlichen Mittelpunkt des Städtchens, das Landgericht, vernachlässigt. Er habe sich freilich an dem Abend, als er beim Doctor übernachtete, sehr bescheiden entschuldigt und die Frau Doctor sage, er werde bald wiederkehren, um bei Sonnenkamp einzutreten. Herr von Prancken habe eine edle That vollzogen, dem Manne diese Stelle zu verschaffen, der sich hoffentlich dieser Empfehlung würdig erweise. Bella lobte die Frau Landrichter, die das Gute, das man thue, freundlich erkenne, sie werde aber auch die Gefahr sehen; unzuverlässige Menschen verderbe man durch nichts mehr, als durch Wohlthaten, man erziehe sich damit nur Feinde, die auf den Augenblick lauerten, sich als solche zu demaskiren. Die Frau Landrichter war entzückt über die Art, wie die bekannte hochgeistige Frau ihren schlichten Hausmannsverstand schmückte. Sie behauptete, sobald man in persönlichen Verkehr mit der Frau Gräfin trete, denke man über Alles schärfer und verstehe Alles besser. Es gab beiderseitiges glückliches Lächeln, man fand sich beiderseits passend und geschmackvoll gekleidet, natürlich unter der stillschweigenden Voraussetzung, daß das Bedeutendere immer der Gräfin Wolfsgarten zukomme; denn in irgend einer Sache mit ihr zu wetteifern, wäre Thorheit. Bella sah in der That heute sehr belebt aus. Sie erzählte leichthin von dem kleinen Unfalle, den der Graf auf Villa Eden gehabt, und bemerkte, daß Herr Dournay, der den Grafen sehr aufgeregt hatte, sich dabei recht wacker benommen. Die Frau Landrichter erging sich nun im Lobe des Grafen und pries die zärtliche Sorgfalt, mit der die Gräfin über ihm wache. Bella lenkte das Gespräch wieder zurück und wußte mit umsichtiger Behutsamkeit anzudeuten, daß Erich den Besuch im Landgericht darum unterlassen, weil er wol eine gewisse Scheu vor treuen Dienern des regierenden Herrn habe. Die Frau Landrichter drängte, daß Näheres erzählt werde, und unter Gelöbniß strengster Verschwiegenheit – nur der Herr Landrichter müsse natürlich Alles wissen – wurde erzählt, daß man von politischen Aeußerungen wisse, ja sogar von gedruckten Kundgebungen in einem ausländischen, das heißt in einem jenseits der grüngelben Grenzpfähle herausgegebenen Blatte, die den ehemaligen Lieutenant Dournay veranlaßt hätten, seinen Abschied zu nehmen, bevor man ihm solchen gab. »Warum hat man ihm dann aber in so jungen Jahren den Hauptmannsrang gegeben?« fragte die Frau Landrichter. »Sie fragen so klug wie der Herr Landrichter selbst,« erwiderte Bella. Sie schien auf diese Frage nicht gefaßt; sie sagte indeß, sehr wahrscheinlich habe man das – und dabei wurde die Hand der Frau Landrichter zwischen beiden Händen gehalten, als sinnbildliche Aufforderung, daß man ihr ein tiefes Geheimniß in Verschluß gebe – wol um der Mutter willen gethan, die eine Lieblings-Hofdame der Fürstin-Mutter gewesen sei; man wollte natürlich jedes Aufsehen vermeiden. Das Antlitz Bella's wollte freundlich lächeln und kämpfte doch mit dem Ausdrucke spottenden Hohns, als die Frau Landrichter sagte: »Da hat doch mein Mann wieder das Richtige getroffen. Als wir von Ihrer Gesellschaft – ach, es war so heiter und schön – wegfuhren, sagte er zu mir und meiner Tochter: Kinder, dieser Herr Dournay ist ein gefährlicher Mensch. Ach, die Männer sind immer viel klüger, sie kennen einander viel besser, als wir Frauen sie je erforschen.« Die Frau Landrichter schien sich in allgemeine Menschenbetrachtungen zu verlieren, sie that das gern und behauptete immer, wer über einem Erdgeschoß voll Gerichtsacten wohne, bekomme eine sehr düstere Anschauung von den Menschen. Bella schien aber heute nicht damit gedient; sie fragte leichthin: »Hat Ihr Herr Gemal seine scharfsinnige Beobachtung, daß der Doctor Dournay ein gefährlicher Mensch sei, auch Herrn Sonnenkamp mitgetheilt?« »Das ist wahr,« fuhr die Frau Landrichter auf, »da wär' es am Platze. Wollen Sie nicht, gnädige Frau, meinem Mann sagen, daß er dort seine Ansicht kundgeben mag? Mir willfahrt er leider nicht, Ihnen aber in Allem so gern.« »Ich bitte,« wendete Bella ab, »Sie begreifen, daß ich mich nicht in diese Angelegenheit mischen kann. Mein Bruder hat ein gewisses kameradschaftliches Verhältniß, obgleich sie nicht in demselben Regiment standen, und dazu hat mein Mann eine krankhafte . . . ich wollte sagen, schwärmerische Neigung zu dem jungen Mann gefaßt. Sie haben ganz recht, Ihr Herr Gemal wäre verpflichtet . . .« Bella arbeitete so sicher, daß sie Gewißheit erhielt, der Landrichter ist noch vor Abend bei Sonnenkamp und Herr Dournay kann sein sicheres Benehmen anderswo verwerthen; denn Bella wollte aus vielfachen Gründen, daß Erich sich nicht in der Nähe ansiedle, er war ihr störend, fast beleidigend. Während sie ihren zusammengelegten Fächer in der einen Hand haltend, in raschem Tacte in die andere Hand auf und nieder schlug, sprach sich ihr das Wort des Landrichters in der Seele: Dieser Dournay ist ein gefährlicher Mensch. Die Frau Landrichter war eigentlich eine freisinnige Frau; war sie ja die Tochter des Gerichtspräsidenten, der zur Zeit, als Metternich Deutschland regierte, unbeugsamen Widerstand geleistet hatte. Sie war von Hause aus wohlhabend, und das hilft viel zur Bewahrung freier Gesinnung. Sie setzte einen gewissen Bürgerstolz darein, sich dem Adel gegenüber nichts zu vergeben; aber sie sah in Frau Bella die liebenswürdige, geistig hochstehende Dame, der sie sich unterordnete, ohne sich zu bekennen, daß sie diese Unterordnung, einer Gräfin gegenüber, bis zur Unterwürfigkeit steigerte. Bella war klug genug, das Alles zu sehen und zu wissen. Sie benahm sich gegen die Frau Landrichter mit jener Zutraulichkeit, wie man sie nur unter Gleichen walten läßt; aber sie hütete sich, besonders liebenswürdig zu sein, denn die Frau Landrichter könnte dann den geheimen Zweck ihres Besuches entdecken. Lina trat in die Stube; sie sah anmuthig wirthlich aus in dem blauen Kleide mit der hohen weißen Latzschürze. Die Mutter schickte sie alsbald wieder fort, das Kind sollte nicht dabei sein, wenn Gräfin Bella vielleicht noch etwas Besonderes zu sprechen hatte. »Ihr liebes Kind hat sich vortrefflich entwickelt und spricht sehr gut französisch.« »Ich danke Ihnen,« sagte die Frau Landrichter. »Ich weiß nicht, wie die heutige Jugend ist, aber Lina ist noch so schwerfällig, es fehlt ihr alles Pikante, und dabei ist sie von einer erschrecklichen Naivetät.« Sie klagte, daß ihr nicht gelingen wolle, aus Lina ein aufgewecktes Mädchen zu machen. Bella hätte ihr wol sagen können: Du willst das einfache Kind ohne besonderes Talent, ohne besondere Schönheit, aber tüchtig und offen, ändern, Du zerrst immer an ihm herum: sei doch lebhaft, sei doch neckisch, sei doch lustig, sing und spring! Du willst aus Deinem blonden Kinde mit den hellen blauen Augen ein dunkelhaariges Mädchen mit brennenden braunen Augen machen! Bella hätte ihr das Alles sagen können, aber es war ihr erspart, etwas zu äußern, denn allmälig kamen die geladenen Frauen. Sie waren überaus glücklich, die Gräfin Wolfsgarten zu treffen, und doch ärgerte sich Jede, daß sie heute nach Putz und Ansehen vor ihr zurückstehen mußte. Ja, solch ein Damenkaffee! Es gibt Dinge, Institute und Stände, die nun einmal einen schlimmen Namen haben und nicht mehr los werden; dasselbe Schicksal hat auch das schöne Institut des Damenkaffees. Und doch sind die Damenkaffees eine schöne Sache, ausgenommen, wenn Karten gespielt wird. Hier aber in unserm freundlichen Städtchen sind die Spielkarten noch nicht das Buch der Erlösung von allem Uebel der Langeweile; man unterhält sich noch selbstthätig, so gut man eben kann. Und warum soll man nicht von Personen sprechen und bisweilen auch etwas scharf? Was thun denn die Männer in höheren Regionen und beim Schoppen? Man spricht hier wie dort von Stadtneuigkeiten, und diese Frauen hier, die sich das und jenes erzählen von sogenannten Honoratioren wie von sogenannten minderen Leuten, sind dieselben Frauen, die auch wohlthätige Vereine gegründet haben und aufrecht erhalten. Darum laßt uns behaglich und ohne böse Nebengedanken beim Damenkaffee zu Gaste sein. Da kommt Frau Weiß. Hinterrücks wird sie Frau Kohle genannt, denn sie ist die Gattin eines Holz- und Kohlenhändlers; sie hat schwarze Locken und eine dunkle Hautfarbe, die immer so aussieht, als ob sie nicht vollkommen rein gewaschen wäre; und da die gute Frau wußte, daß sie Frau Kohle genannt wurde, kleidete sie sich immer in sogenanntes Nachtweiß, was freilich zu ihrer dunklen Haut- und Haarfarbe am hellen Tage gar nicht stimmte, während sie bei Licht eine anziehende Erscheinung war. Leider hat sie den Fehler, daß sie schielt und zwar mit einem so süßen Ausdruck, als wären ihre Augen mitten in einem schmachtenden Liebesblick für immer stehen geblieben. Da ist die Frau des Cementfabrikanten, groß und stattlich; sie lacht nie, ist immer unsäglich ernst, als trüge sie ein schweres Geheimniß mit sich herum; sie hat aber gar kein Geheimniß zu verrathen, als daß sie nichts zu sagen weiß. Da sitzt die schöne, nur ein wenig zu wohlbeleibte Frau des Schul-Directors, genannt Frau Kleiderleib, denn sie weiß sich vortrefflich zu kleiden; sie lächelt immer und zeigt sehr schöne Zähne, man könnte fast vermuthen, daß sie auch lächeln wird, wenn sie eine Todesnachricht zu verkünden hat. Da ist die Frau des Dampfschiffsagenten, von behaglichem Anblick, Mutter von elf Kindern. Die ganze Gesellschaft ist ärgerlich auf die kleine, runde brave Frau, da sie die Tasse nicht auf dem Tische stehen läßt, sondern in der linken Hand erhoben hält und dabei fortwährend Kuchen eintunkt und Jedem zunickt und Recht gibt, aber sich selten selbst vernehmen läßt oder doch nur aus vollgestopftem Munde, wobei man nichts versteht. Da sind die beiden Engländerinnen, die im Städtchen wohnen; sie sind einfach bürgerlich und beliebt, sie sind nicht vornehm, aber sie erscheinen so, weil sie immer selbständig und keines Anschlusses an Andere bedürfen. Sie leben in ihrem Hause, haben keine Besuche nöthig, sind selbst wie die Insel, von der sie stammen. So oft die beiden Frauen in eine Gesellschaft kommen, werden sie neu und frisch begrüßt. Die liebenswürdige unbehülfliche Art, mit der sie Deutsch sprechen und ungewöhnliche Wortfügungen machen, erhöht noch das allgemeine Wohlwollen. Auch Bella war besonders freundlich gegen sie. Häkel-, Stick- und Näharbeit hatte man natürlich bei sich, aber es sind nur Schauarbeiten, um nicht müßig zu erscheinen. Die Frauen sprachen durch einander, es war wie das Singen der Vögel im Walde; jeder singt seine Weise, putzt sein Schnäbelchen und kümmert sich nicht um das Andere, hört kaum zu. Nur zwei Aeußerungen wurden allgemein gehört und nochmals erzählt. Frau Weiß hatte die erfreuliche Bemerkung gemacht, man sehe Graf Clodwig seine vielen hohen Orden an, auch wenn er gar keinen trage, und die Frau Landrichter ließ sich's nicht entgehen, das Wort gegen Bella zu wiederholen. Noch ein Zweites erregte allgemeine Aufmerksamkeit. Man kam, man wußte nicht woher, auf das Thema, ob es angenehm oder unangenehm sei, wenn die Männer rauchen. Frau Kleiderleib erzählte, ihr guter Mann wünsche oft, daß er recht leidenschaftlich rauchen möchte, um es ihr zu Liebe sich abzugewöhnen. – Bella hatte das ständige Gefälligkeitslächeln, das so kalt und doch so bezaubernd war. Nur kurz streifte das Gespräch Herr Sonnenkamp, es blieb bei Erich haften. Und warum nicht? Da jagen zur Sommerszeit Tausende am Städtchen vorüber, man wohnt am Wege, der zur alten Burg, zu anderen Sehenswürdigkeiten führt, aber wann hat man eine bleibende Erscheinung und noch dazu eine so ungewöhnliche? Nun war Erich ein fremder Vogel, der sich am geheimnißvollen Hause Sonnenkamp annisten wollte; man thut ihm nichts, keine Feder wird ihm ausgerupft, nur will Jedes sagen, von wannen er kommt und wie er erscheint. Die Frau Landrichter bedauerte, daß der Major nicht da sei, denn er wisse am meisten von dem Hauptmann Doctor zu erzählen. Man sprach davon, daß die Mutter Erichs eine Dame vom besten Adel, und Jede wollte ihr das angesehen haben, denn so etwas verleugne sich nicht. Bella gab auf diese Bemerkung einen allgemeinen freundlichen Blick zum Besten. Als nun der Landrichter zur Begrüßung in die Kaffeevisite kam, bat Bella, daß er sich einen Stuhl neben ihr nehme; sie sagte, wie froh man in diesem harmlosen Kreise sei und nur wünschen müsse, daß nie ein störendes Element eintrete, das zersetzend auf denselben einwirke. Der Landrichter schaute sie mit seinen gutmüthigen Augen befremdet an und strich seinen reglementwidrigen Schnurrbart; er konnte nicht ahnen, daß dies eine Vorbereitung war zu dem, was ihm dann seine Frau mittheilen sollte. Er entschuldigte sich und entfernte sich bald wieder. Seine Frau berichtete nun, daß Lina in den Liederkranz des Städtchens eingetreten sei; man übe jetzt zu dem großen Musikfeste, das in der nahen großen Stadt abgehalten werden solle, und Lina werde wahrscheinlich eine Solopartie übernehmen. Frau Bella sprach sehr belehrend und wegwerfend zugleich. Sie haßte die Musikfeste, denn sie war überzeugt, daß nur sie allein Musik versteht, und nur die Musik, die sie treibt, wirkliche Musik ist. Nun singen bei solchen Musikfesten Hunderte von Jünglingen und Jungfrauen gewöhnlichen Standes ein Oratorium von Händel, Haydn, Bach, und das ärgerte Bella; diese Menschen reden sich dann gewiß ein, sie verstünden auch etwas. Wenn Bella die Macht gehabt, sie hätte diese Musikfeste polizeilich verboten. Auch haßte sie die Oratorien; sie sagte freilich nur: ich habe keinen Sinn dafür; aber da sie das sagte, sollte es für Jeden als volles Zeugniß bestehen, daß an der Sache nichts sei. Sie ließ die deutschen Oratorienmeister, wie sie sagte, recht gern gelten, aber empörend blieb ihr, daß da die Frau Landrichter und die Schuldirectorin und zwei Töchter des pensionirten Forstmeisters und auch noch Schneider- und Schusterstöchter sich einbilden dürften, sie betheiligten sich an der höchsten Kunst. Nun wurde allgemein gewünscht, daß Lina singe. Die Engländerinnen baten besonders dringend um einen deutschen Gesang; doch Lina, die sich sonst gar nicht zierte, wollte nicht willfahren. Die Augen der Mutter rollten in Zorn, aber Bella legte ihre Hand auf den Arm der zürnenden Mutter und sagte, sie gebe Lina Recht: so unvermittelt zu singen, das wolle sich nicht fügen. Sie stand auf, ging an den Flügel und präludirte, dann spielte sie eine Mozart'sche Sonate mit voller Meisterschaft. Alles war entzückt und das Haus des Landrichters war hoch erhoben. Bella erhielt überschwängliches Lob, aber sie lehnte es ab und ging auf die Sucht über, daß Alles, was lange Kleider trägt, Clavier spielen wolle, indem sie sagte: »Da glaubt jedes Mädchen auch einen Tonstrickstrumpf stricken lernen zu müssen.« Sie wiederholte das Wort Tonstrickstrumpf im Dreivierteltact. Die Gesellschaft lachte, die Engländerinnen schauten verwundert drein, Bella erklärte ihnen, was sie unter diesem Worte verstehe, und setzte hinzu: »Ja, sie stricken einen Strumpf von Tönen und die Hauptsache ist ihnen, daß sie keine Tonmasche fallen lassen. Ich glaube gar, die guten Kinder betrachten die vier Theile der Sonate als die vier Theile des Strumpfes; der Ranft ist das Andante, die Wade das Adagio, die Ferse das Caprizzio, die Zehenspitze das Finale. Nur wer wirkliches Talent hat, sollte Musik lernen dürfen.« Nun erzählte Jegliches, wie viel Zeit man in der Jugend für das Clavier aufgewendet und wie man es nach der Heirat doch aufgegeben. Der Landrichter war herbeigerufen worden; Bella lobte Lina, die nun sang, und bat, daß man Lina auf einige Wochen ihr zum Besuch gäbe, sie könne sie vielleicht doch noch in Manchem unterrichten. Der Blick, mit dem die Frau Landrichter umschaute, drückte den Triumph aus, daß alle Frauen das mit angehört hatten. Sie kam sich sehr gutmüthig und herablassend vor, daß sie noch vertraulich mit der Frau Doctor und nun gar mit Frau Kohle und den Kaufmannsfrauen verkehrte. Bella rühmte auch den schmackhaften Kuchen, den die Frau Landrichter so vortrefflich zu bereiten verstände; sie wünschte die Bestandtheile desselben zu kennen. Die Frau Landrichter sagte, daß sie eine bestimmte Dosis bitterer Mandeln hinzufüge. Sie versprach, das Recept aufzuschreiben. Man hatte kaum den Maiwein gekostet und gefunden, daß Niemand ihn so vortrefflich zu bereiten wisse als der Herr Landrichter, da wurde gemeldet, daß Herr von Prancken angekommen sei. Der Landrichter trat vor das Haus, seine Frau hielt Bella zurück und Lina schaute zum Fenster hinaus und sah, wie Prancken ablehnte, einen Augenblick heraufzukommen. Bella verabschiedete sich rasch und fuhr mit ihrem Bruder davon. Als Bella fortgegangen, rückte man vertraulicher zusammen; jetzt erst fühlte man sich heimisch und wohlgemuth. Die Engländerinnen waren nach Bella die Ersten, die sich verabschiedeten; die Anderen wollten nicht minder vornehm sein als sie, bald war die Gesellschaft aufgelöst. Als die Frau Landrichter mit ihrem Manne allein war, erzählte sie, daß viel von Herrn Dournay gesprochen worden und daß es Pflicht des Beamten wäre, den Bezirk sauber zu halten. Der Landrichter war treu im Amte, aber durchaus nicht begeistert für seinen Beruf, er sagte stets: Was gehen mich die Händel fremder Menschen an? Wenn ich Gutsbesitzer wäre, würde ich mein Lebenlang mich nicht in die Streitigkeiten Anderer mischen, sondern still und vergnügt für mich leben. Nun aber, da er einmal in das Amt gesetzt war, vollführte er es pflichtgetreu. Nur sehr widerwillig ließ er sich bestimmen, in die Angelegenheit Erichs einzugreifen; er erklärte sich erst bereit, als seine Frau ihm geradezu sagte, es sei der Wunsch der Gräfin Bella. Fünftes Capitel. »Warum bist Du nicht einen Augenblick zu den ehrenwerthen Leuten heraufgekommen?« fragte Bella ihren Bruder, als Beide im Wagen saßen. Wenn sie aus einer Gesellschaft in fremdem Hause kam, in der sie liebenswürdig gewesen, hielt diese Stimmung immer noch etwas vor; sie lächelte dann in die Luft hinein, und so war's auch jetzt; sie war im Ausklingen einer siegreichen Stimmung. Der Bruder aber kam aus einer ganz fremden Welt, er hatte heute noch mit Niemand gesprochen, als – wer hätte das je von ihm gedacht! – mit seiner eigenen Seele oder eigentlich mit der Seele Manna's. »Ach, laß mich mit der Welt,« sagte er, »ich will sie vergessen und sie soll mich auch vergessen. Ich kenne das ja. Alles schal, öde, welk, Puppenspiel. Hast die Puppen dort eine Weile tanzen lassen, kannst sie jetzt wieder in den Schrank der Vergessenheit legen.« »Du siehst etwas erregt aus,« sagte Bella, dem Bruder die Hand auf die Schulter legend. »Erregt? Das ist auch wieder eine gesprächliche Spielmarke. Erregt! Wie oft habe ich nicht das Wort gehört und selbst gesagt. Was heißt erregt? Nichts. Ich bin zusammengebrochen und neu aufgebaut. Ach, Schwester, mir ist ein Wunder geschehen und alle Wunder sind mir offenbar. Ach, ich weiß nicht, aber ich werde mich schon wieder in die Weltworte finden.« »Schön, gratulire, Du scheinst in Wahrheit verliebt.« »Verliebt! O Gott, sage das nicht. Ach, daß ich mich noch schäme vor Dir, meiner einzigen Schwester, zu bekennen . . . Ach, ich hätte nie geglaubt, daß ich solcher Bewegung, solcher Erhebung noch fähig. O, Schwester, welch ein Mädchen!« »Es ist nicht wahr,« sagte Bella und legte den Kopf in das schwellende Wagenkissen zurück; »es ist eine Fabel, daß wir Frauen die Räthsel der Welt seien; ihr Männer seid es weit mehr. Ueber dich, über Otto von Prancken, den Feinschmecker des Ballets, kommt nun solche Romantik. Aber gut, die beste Kraft ist die Illusionskraft.« Prancken schwieg, und doch tanzten bei diesem Worte lustige, hochgeschürzte, schelmisch lächelnde Gestalten vor seiner Erinnerung und die zärtlichste hieß Nelly. Der Herzschlag in seinem Busen pochte, dort wo das Buch in der Brusttasche steckte. Er war im Begriff, der Schwester zu sagen, daß er wie im Fiebertraume durch die Welt gehe, die nur ein Schattenspiel sei: da rollten Bahnzüge, beschauten sich Städte und Burgen im Strom, und Alles ist nur Schattenspiel und wird versinken. Er konnte der Schwester seine Umwandlung nicht begreiflich machen, sie konnte es nicht fassen, faßte er selbst es ja kaum. Er beschloß, noch Alles in sich zu bewahren; und mit großer Selbstbeherrschung den Ton ändernd, sagte er lächelnd: »Ja, Bella, die Liebesmacht hat gewissermaßen etwas Heiligendes, wenn das Wort erlaubt ist.« Bella neckte ihn, daß er das in einem Tone sage, wie ein protestantischer Pfarrcandidat, der am Sonntag Nachmittag einem blonden in Rosa-Kattun gekleideten Pfarrerstöchterlein in der Laube des Pfarrgartens eine Liebeserklärung macht. Otto konnte jetzt von Manna erzählen; er that es in so sanftem Tone und in so ergriffenem Ernst, daß Bella immer mehr staunte. Sie ließ ihn ruhig erzählen, aber sie klappte dabei die Finger der rechten und linken Hand ein und sagte leise vor sich hin: »Siebenmal nußbraune Augen, dreimal Reh-Augen, verklärt ist ohne Zahl.« Man fuhr durch einen kleinen harzduftigen Tannenwald, und Prancken sagte drein starrend: »Seit dem Großonkel, dem Erzbischof Hubert, ist Keiner aus unserer Familie im Dienste der Kirche gestanden; ich werde . . .« »Doch nicht Du?« »Ich werde meinen zweiten Sohn der Kirche weihen.« Bella, die sonst auf Alles eine rasche Erwiderung oder gewandte Fortführung hatte, antwortete nichts, und Otto empfand die Mißlichkeit, in einen neuen Ton einzulenken. Er, der Lustige, der Uebermüthige, mußte wie ein Prahler, der in eine Trinkgesellschaft gerathen war und sich als Genosse dargestellt hatte, immer weiter trinken, wenn's ihm auch nicht mundete. »Ich möchte Dir einen Rath geben,« sagte Bella endlich. »Ich höre gern.« »Otto, ich glaube, daß in diesem Augenblicke Deine Stimmung wahr ist, ich will auch an ihre Dauer glauben; aber um des Himmels willen laß Dir nichts davon merken, denn man wird es als Heuchelei, als unterwürfige Werbung betrachten, damit Du diese reiche fromme Erbin gewinnst. Also, um Deiner Ehre, um Deiner Stellung willen verschließe derartige Extravaganzen. Ich spreche nicht aus mir, ich spreche aus dem Munde der Welt, verschließe derartige Verhimmelungen. Sei wie Du vor Deiner Reise warst, wenigstens vor dem Angesichte der Welt. Bist Du mir bös? Deine Mienen verziehen sich so schmerzlich.« »O nein, Du bist gescheidt, ich folge Dir.« Als wäre ein neues Register gezogen, fragte nun Prancken sofort: »Wie sieht's auf der Villa aus? Ist die große Weltseele noch dort?« Bella lächelte; der Bruder hatte wieder seinen scharfen Ton. Prancken selbst wollte ihn noch eine Zeit lang behalten, ja vielleicht immer, er ist eine gute Waffe zur Bekämpfung der Freigeisterei. »Du meinst wol Deinen Freund?« konnte sich Bella nicht enthalten, ihren Bruder zu schrauben. »Meinen Freund? Er war nie mein Freund, und ich habe ihn so nie genannt. Ich habe mich nur aus Gutmüthigkeit übertölpeln lassen. Es ist ein tiefer Zug in unserer Familie, wir können keinen geforderten Beistand versagen, und ich, wenn ich eine Gefälligkeit erweise, komme leicht in ein vertraulicheres Verhältniß als eigentlich angemessen ist.« Bella übergab ihrem Bruder ein Briefchen, das sie von Fräulein Perini für ihn erhalten hatte. Prancken erbrach es und las; sein Gesicht erheiterte sich. »Dürfte ich vielleicht das Briefchen von Fräulein Perini lesen?« sagte Bella, die Hand ausstreckend. Otto übergab es. Es enthielt die Nachricht, daß Erich ohne Entscheidung abgereist sei. Prancken athmete tief auf, dann aber machte er mit der Hand eine wegwerfende Bewegung. Bella fuhr fort, ihm zu berichten, wie sie eben in der Kaffeegesellschaft dafür gesorgt, daß die Weltseele – das Wort schien ihr für Erich sehr zu gefallen – sich eine andere Heimat zu suchen habe; der Landrichter werde ihm den Garaus machen. Staunend vernahm sie, daß Otto mit diesem Verfahren nicht einverstanden war. Es sei für das höhere Leben – er ließ unentschieden, ob er damit das höhere gesellschaftliche oder höhere geistige meinte – unbedingt unwürdig, sich einer Intrigue zu bedienen; er werde vielmehr offen zu Werke gehen und Herrn Sonnenkamp geradezu aufklären. Bella war heiter und gar nicht empfindlich. Sie erklärte, wie lächerlich es sei, daß man von der Anstellung eines Hofmeisters so viel Aufhebens mache; eine solche Figur, wenn sie sich auch noch so sehr aufputze, bleibe immer untergeordnet. Otto nahm sich vor, andern Tags Herrn Sonnenkamp zu besuchen und die Anknüpfungen Dournay's zu durchschneiden. Aber er ließ den nächsten Tag und noch einen zweiten vorübergehen, bevor er nach der Villa fuhr. Wenn fremde Werkzeuge die Sache zu nichte machen, ist's doch besser. Der Landrichter sollte Zeit haben, seinen Vorsatz auszuführen. Am dritten Tage nach seiner Heimkehr fuhr Prancken nach der Villa. Er hielt beim Landrichter an, er wollte wissen, was dieser bereits gethan. Der Landrichter sagte so bescheiden als klug, er habe es nicht für angemessen gehalten, etwas zu thun, bevor er Herrn von Prancken gesprochen; er sei indeß bereit, sofort, wenn er seine Uniform angezogen, mit Herrn von Prancken nach Villa Eden zu fahren. Prancken verbeugte sich verbindlich. So mußte er also doch selber in die Sache eintreten. Er lehnte das Anerbieten des Landrichters nicht ab; vielleicht ließ sich das etwas pedantische Männchen ins Vordertreffen stellen, man konnte durch ihn Fühlung gewinnen, wie und wo der Feind steht. Ein tactisches Manöver ist immer erlaubt, ja geboten. Man darf und muß den Feind packen, wie und wo man immer kann. Prancken legte sich die Methode zurecht: er wollte eine Scheinvertheidigung Erichs anwenden, um dem Landrichter besser und nachdrücklicher zum Erfolge zu helfen. Die Beiden fuhren nach Villa Eden. Sechstes Capitel. Am Morgen nach der Abreise Erichs wurde Roland zu seinem Vater gerufen und dieser stellte ihm einen Mann von wohlgefälligen Manieren vor, der nur französisch und etwas gebrochen deutsch sprach. Der junge Mann nannte sich Chevalier de Canne, war aus der französischen Schweiz und von einem Genfer Banquier warm empfohlen. Der Banquier kannte selbst die letzte Quelle nicht, die ihm diesen Mann zugeführt, denn schließlich war es Fräulein Perini, die ihn hieher gebracht. Man sah Fräulein Perini nie einen Brief zur Post geben, diese gingen durch die Hand des Pfarrers; aber ihre Verbindungen mit der französischen Geistlichkeit waren derart, daß durch unverfängliche Vermittlung ein Laienzögling, dessen man sicher sein konnte, auf den Posten bei Sonnenkamp berufen ward. Man kannte die Widerspenstigkeit Sonnenkamps gegen eine solche Bezugsquelle, sie war daher sehr geschickt verdeckt. Der Chevalier wußte durch bescheidenes und haltungsvolles Wesen sämmtliche Hausgenossen, Herr Sonnenkamp nicht ausgenommen, bald für sich einzunehmen. Im Gegensatze zu Erich hatte er etwas Unpersönliches, er drängte nie einen fremden Gedanken auf, ging auf jede Bemerkung gewandt ein und wußte die Worte eines Jeglichen, ohne zu schmeicheln, so wiederzugeben, daß Jedes vor sich selbst bedeutsam und schön erschien; dazu war er, und das machte ihn Herrn Sonnenkamp besonders willkommen, mit vollendetem Wissen in der Botanik ausgestattet. Mit Fräulein Perini betete er vor Tisch, aber so bescheiden, so zierlich, daß sein Anblick dabei nur um so schöner war. Alles war entzückt, nur Roland nicht; er konnte nicht sagen warum; aber er verglich den Chevalier stets mit Erich. Jetzt zum ersten Male bat er seinen Vater, ihn in ein Erziehungs-Institut zu bringen, in welches es auch sei; er versprach unbedingte Fügsamkeit. Aber der Vater ging auf diesen Wunsch nicht ein, er äußerte vielmehr, daß er sich freue, solch einen Mann für Roland gefunden zu haben, den man vorläufig probe. Roland konnte nicht klagen, daß der Chevalier ihm das Lernen irgend erschwerte; dennoch dachte er stets an Erich. Schon zweimal hatte er heimlich an ihn geschrieben; es war wie die Klage eines liebenden Mädchens, das dem Geliebten kund gibt, wie es zu einer lieblosen Ehe gezwungen werden soll, und ihn anruft, herbeizueilen . . . Es war nun am Morgen; Roland zeichnete auf einem Feldstein sitzend jenseits der Straße, wo man einen schönen Ausblick auf den Park hat, aus dem sich der Thurm des Hauptgebäudes wie herausgewachsen aufsetzt; der Chevalier zeichnete das Gleiche mit Roland; von Zeit zu Zeit verglichen sie ihre Aufnahme. Roland gelang die Arbeit. Manchmal glaubte er, daß er selbst dies gemacht habe, dann aber erschien ihm Alles wieder wie eine Komödie, denn der Lehrer hatte ihm doch das Meiste hineingezeichnet. Da hörte Roland einen Wagen näher kommen; sein Herz pochte; gewiß kommt Erich. Er eilte nach der Straße, er sah Prancken und neben ihm den Landrichter. Der Chevalier war Roland gefolgt. Prancken reichte Roland die Hand und dieser stellte den Chevalier vor, der im Tone gemessenen Gehorsams hinzusetzte, in welcher Stellung er sich hier befinde. Prancken nickte sehr freundlich, stieg aus und ging mit Roland, er brachte Grüße von seiner Schwester und sagte, daß er ihm später noch einen besondern Auftrag mittheilen werde. Prancken lobte das Benehmen des Fremden und daß ein solcher Mann weit besser sei, als ein eingebildeter deutscher Doctor. »Erich dürfte eingebildet sein, aber er ist es nicht,« erwiderte Roland. Prancken drehte seinen Schnurrbart; er muß ruhiger sein, man darf ja Erich schon gelten lassen, denn er ist beseitigt. Bei der Villa bat Prancken den Landrichter, vorerst allein zu Herrn Sonnenkamp zu gehen; er selbst ging zu Fräulein Perini. Es war eine herzliche Begrüßung, sie reichten sich beide Hände. Mit großer Befriedigung und besonderm Danke lobte Prancken das Verfahren des Fräulein Perini, die statt des gottlosen Dournay einen solchen Mann wie den Chevalier ins Haus gebracht. Fräulein Perini lehnte ihr Verdienst ab; überdies sei der Chevalier noch nicht definitiv angenommen, denn Roland dränge seinen Vater noch immer, Erich zu berufen. Prancken sprach die Zuversicht aus, daß durch den Landrichter jeder Gedanke an Erich vertilgt werde; er erzählte nun vom Besuche bei Manna und nur theilweise gab er kund, welche Wandlung in ihm vorging. Fräulein Perini hörte aufmerksam zu und hielt dabei ihr perlmutternes Kreuz in der Linken. Siebentes Capitel. Prancken ging zu Sonnenkamp; er traf denselben in einem allgemeinen Gespräche mit dem Landrichter; die Begrüßung zwischen dem Hausherrn und Prancken war sehr vertraulich und Prancken setzte sich rittlings auf einen Stuhl. »Ich werde Ihnen, verehrter Freund,« begann Prancken – er nannte Herrn Sonnenkamp vor der Welt gern verehrter Freund – »ich werde Ihnen später von meiner Reise erzählen. Nun lassen Sie mich Ihnen nur Glück wünschen, daß für unsern Roland ein allem Anschein nach überaus passender Mann gefunden worden.« Herr Sonnenkamp erwiderte, daß er den Chevalier schwerlich behalte; er sei nur auf Probe im Hause; es sei zu besorgen, daß der höchst gebildete Schweizer das Naturell Rolands vielleicht zu sehr nach dem Kirchlichen hin lenke; Erich wäre doch eigentlich der Mann, den er sich wünschen möchte. Prancken schaute um, wie wenn er sich nochmals überzeugen müsse, daß der Feind eine andere Stellung einnehme. »Wir müssen allerdings den Marktwerth dieses Mannes genau messen,« sagte er. Sonnenkamp betrachtete ihn scharf, da Prancken das Wort Marktwerth eigenthümlich rasselnd betonte. Glaubte der Baron, er müsse sich ihm, dem Kaufmann, anbequemen? Er konnte nicht wissen, daß Prancken stolz war auf dieses Wort, und Sonnenkamp erwiderte: »Sein Marktwerth ist nicht gering; doch ist dieser Hauptmann Doctor ein excentrischer Mensch; excentrische Menschen sind zuweilen angenehm, aber man kann sich nicht auf sie verlassen.« Nur behutsam hob Prancken die Freigeisterei Erichs hervor und wie nothwendig es sei, daß Roland in die Leitung eines wahrhaft frommen und zugleich weltmännisch formvollen Mannes käme. Im Bewußtsein der Ueberlegenheit und im Triumphe mit den Menschen zu spielen, berichtete Sonnenkamp, wie Doctor Richard ihm Erich so schwärmerisch geschildert habe, daß man nicht genug eilen könnte, den Mann mit sechs Pferden abzuholen. »Ah, der Doctor!« rief Prancken und schwenkte dabei die rechte Hand hin und her, als hätte er eine unsichtbare Reitpeitsche in der Hand. »Ah, der Doctor! Natürlich! Atheisten und Communisten halten zusammen. Hat der Doctor Ihnen auch gesagt, daß er am Sonntag ein geheimes Gespräch mit Herrn Dournay gehabt hat?« »Nein. Woher wissen Sie denn das?« »Durch einen Zufall. Man hat eine ärztliche Rathgebung vorgeschützt, hat sich heimlich die Hände gerieben und dazu gesagt, Herr Sonnenkamp braucht nicht zu wissen, daß man von Alters her verbunden ist.« Sonnenkamp dankte für diese Mittheilung, aber im Innern bestätigte sich ihm der Verdacht, daß Prancken einen seiner Diener in Sold hatte. Der Pole, den Prancken immer besonders freundlich anrief, der war's, der mußte aus dem Hause. Unhörbar pfiff Sonnenkamp. Der Landrichter hielt es für Pflicht, den Doctor als fürstlichen Kreis-Physicus nicht angreifen zu lassen; das verlangt die Solidarität. Nachdem er den Doctor vor jedem Unglimpf, der wol nicht ernst gemeint sei, sichergestellt, wobei Prancken beständig seinen Schnurr- und Knebelbart streichelte, machte der Landrichter eine Wendung, indem er sagte: »Herr von Prancken hat in bester Absicht den jungen Mann empfohlen, aber dürfte ich auch meine Meinung aussprechen?« Sonnenkamp entgegnete, daß er sehr viel Gewicht auf die Meinung des Landrichters lege. Jetzt war der Moment, wo das tactische Manöver vor sich gehen sollte. Prancken setzte sich fester auf seinen Reitstuhl, er ermuthigte den Landrichter, gradaus ins Feuer und drauf loszugehen und er rief: »Erklären Sie nur geradezu . . . Ich selber muß mir Vorwürfe machen, daß ich nicht daran gedacht habe . . . eine Verbindung mit Herrn Dournay würde bei den allerhöchsten Herrschaften als eine Ungehörigkeit, ja vielleicht als Feindseligkeit angesehen werden.« »Gestatten Sie mir,« entgegnete der Landrichter, und es war in Wort und Miene etwas, wie man im Amtszimmer einen Angeklagten in seine Schranken zurückweist, »gestatten Sie mir, daß ich genau die Grenze inne halte, die mir zusteht.« Prancken war außer sich über den Landrichter; dieser so unansehnliche Mann bewahrte eine Haltung, die ganz unbegreiflich schien. Er hatte erwartet, der Landrichter würde Herrn Sonnenkamp die Hölle heiß machen und ihm vor Allem den Haß des Regenten gegen Erich ins Herz brennen – und was kam nun? Ein höchst mildes, vorsichtig abgewogenes, freundschaftliches Bedenken. Der Landrichter hatte Erich nur als Menschen, als Gesellschaftsmitglied . . . er sagte, er wisse sich nicht recht auszudrücken . . . einen gefährlichen Menschen genannt; er habe das nur in moralischem Sinne gemeint; sofort aber nahm er das Wort moralisch zurück, denn Erich war bekanntermaßen ein höchst sittlicher Mann. Und als er jetzt auf die Erwägung kam, daß man sich durch eine Verbindung mit Erich die Ungunst des Hofes zuziehe, leuchtete aus dem Gesichte des kleinen Mannes eine freundlich milde Loyalität. »Die Fürsten unseres Hauses,« sagte er, »sind nicht rachgierig, vielmehr höchst mild und versöhnlich; und nun gar unser jetzt regierender Herr! Mein Gott! er hat seine Eigenheiten, aber sie sind höchst unschuldig, und dabei ist er von unerschöpflicher Güte, und nun gar, wie wird er den Sohn seines Lehrers, ja den Jugendgenossen seines Bruders verfolgen wollen? Ich möchte eher behaupten, daß er dem eine Gunst zuwendet, der Herrn Dournay fördert, der es unmöglich gemacht hat, daß er ihn selber fördere.« Prancken war voll Verzweiflung. Er sah auf den Landrichter wie auf einen Jagdhund, der nicht parirt. Er machte die Hand auf und zu, die Hand sehnte sich verzweifelt nach einer Peitsche; er winkte dem Landrichter mit den Augen, es half nichts, und er lächelte endlich bitter vor sich hin. Er sah dem Manne in den Mund, er meinte, es müßten ihm wieder Zähne gewachsen sein; er sprach so geläufig, so bestimmt, wie noch nie. Ja, diese Bureaukraten! dachte Prancken, während er seine Stulpenstiefel heraufzog, sie sind unberechenbar! »Es ist mir angenehm,« rief er endlich und lächelte dabei gewaltsam, »es ist mir höchst erfreulich, daß unser verehrter Herr Landrichter alle Besorgnisse verscheucht. Ja, die Herren Beamten wissen die Acten vortrefflich zu ordnen.« Der Landrichter hatte seinen Stich, aber er ging nicht durch die Uniform. Sonnenkamp schien es genug zu haben, die Beiden zu schrauben. Mit triumphirender Miene ging er zu seinem Schreibtisch, wo mehrere fertige Briefe lagen, riß von einem das Couvert ab, gab den Inhalt und sagte: »Lesen Sie, Herr von Prancken, und auch Sie, Herr Landrichter, lesen Sie laut.« Der Landrichter las: Villa Eden, den * Mai 186*. Geehrter Herr Hauptmann Doctor Dournay! Einem vielerfahrenen Manne werden Sie es nicht verargen, wenn er von seinem einseitig praktischen Standpunkte aus Ihnen zu bedenken gibt, ob Sie nicht ein Unrecht begehen, indem Sie Ihren von der Natur reich angelegten und durch Wissenschaft wohlgerüsteten Geist auf einen einzelnen Knaben statt auf eine große Gesammtheit verwenden. Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen: ich betrachte Vernunft und Wissenschaft auch als Capital und Sie legen Ihr Capital zu einem viel zu geringen Zinsfuße an. Ich ehre Ihren Edelsinn und Ihre Bescheidenheit, die sich in Ihrem Anerbieten kundgeben; aber in der Zuversicht, daß Sie in einer Täuschung befangen sind, wenn Sie in einem so beschränkten Beruf sich genügen zu können glauben, muß ich nicht minder dankbar als entschieden Ihr Anerbieten, die Erziehung meines Sohnes zu übernehmen, ablehnen. Ich wünsche, daß Sie mir Gelegenheit geben möchten, durch eine Bethätigung meinerseits Ihnen zu beweisen, wie sehr ich bin Ihr Sie hochachtender               Heinrich Sonnenkamp. So las der Landrichter und Sonnenkamp pfiff leise vor sich hin und schlug dazu den Tact mit dem übergeschlagenen Fuße. Mit einem triumphirenden Blick empfing er den Brief zurück, that ihn in einen neuen Umschlag und adressirte ihn an Erich. Während er die Adresse schrieb, sagte er: »Ich hätte Lust, den Mann in anderer Weise in mein Haus zu nehmen; er sollte zu nichts weiter verpflichtet sein, als bei Tische gute Unterhaltung zu führen. Warum soll das nicht für Geld zu haben sein? Wenn ich ein Fürst wäre, würde ich Conversationsräthe ernennen. Sind nicht vielleicht die Kammerherren etwas Aehnliches?« fragte er mit leisem Anfluge von Spott Herrn von Prancken. Prancken war empört. In diesem Manne war oft etwas Anmaßliches, daß er sogar die Hoheit des Hofes nicht schonte; aber Prancken lächelte sehr verbindlich. Lutz wurde durch das Sprachrohr gerufen, der Brief in das Postpaket gethan und Lutz ging davon. Roland wartete auf Prancken, und dieser nahm ihn nun mit an einen stillen Platz des Parks, erzählte von der Reise und übergab ihm ein zweites Exemplar des Thomas a Kempis. Er zeigte ihm die Stelle, wo er heute zu lesen beginnen solle und so täglich weiter, aber stets verborgen, ob er nun einen gläubigen oder ungläubigen Erzieher haben werde. »Kommt Herr Dournay nicht mehr zurück?« fragte Roland. »Dein Vater hatte bereits, ehe ich kam, eine entschiedene Ablehnung an ihn geschrieben, die nun schon zur Post ist.« Der Knabe saß mit dem aufgeschlagenen Buche in der Hand im Park, las aber nicht. Achtes Capitel. Sonnenkamp war ungewöhnlich heiter bei Tische; er hatte heute wieder neuen Grund zur Menschenverachtung bekommen und seine Kraft gefühlt, mit den Menschen zu spielen. Wie eine Befreiung empfand er es daneben, daß dieser Herr Dournay nun abgethan war. Dennoch mußte er sich gestehen, daß er vielleicht keine bessere Wahl für seinen Sohn hätte treffen können. Prancken ließ den Landrichter, der Eile hatte, in einem Wagen Sonnenkamps nach der Stadt fahren; er selber blieb in vertraulichem Gespräche bei Sonnenkamp, der die Kunst bewunderte, mit welcher ein junger Mann, der um ein reiches Mädchen wirbt, sich dabei eine Schwärmerei einredet. Als auch Prancken abgereist war, ging Sonnenkamp nach dem Pflanzenhause; bald stand Roland vor ihm und sagte: »Vater, ich habe eine Bitte.« »Es freut mich, wenn Du eine Bitte vorträgst, die ich erfüllen kann.« »Vater, gib mir Herrn Dournay wieder. Ich kann nur bei Herrn Dournay lernen und ich werde keinem Andern gehorchen, als nur ihm.« »Nur ihm? Also auch mir nicht?« rief Sonnenkamp. Der Knabe schwieg und der Vater wiederholte: »Auch mir nicht?« Seine Stimme war heftig, seine große Faust ballte sich. »Auch mir nicht?« fragte er zum dritten Male, die Hand erhebend. Der Knabe wich zurück und rief mit durchdringender Stimme: »Vater!« Die Faust Sonnenkamps entballte sich und mit erzwungener Ruhe sagte er: »Ich habe Dich nicht berühren wollen, Roland . . . komm her . . . komm näher.« Der Knabe ging zu ihm, der Vater legte ihm die Hand auf die Stirn; die Stirn des Knaben war heiß, die Hand des Vaters war kalt. »Ich liebe Dich mehr als Du verstehen kannst,« sagte der Vater. Er beugte sich nieder, aber der Knabe streckte beide Hände aus und rief mit angstvoller Stimme: »Ach, bitte, Vater! . . . ach, bitte, Vater! Nicht küssen! Laß mich! Laß mich gehen!« Er stürzte davon. Sonnenkamp erwartete, daß der Knabe wiederkommen und ihn umhalsen werde; aber er kam nicht. Im Warmhause bei den Palmen stand Sonnenkamp, ihn fröstelte; aus den Wasserdämpfen rieselte und tröpfelte es so leise und märchenhaft von den großen Blättern, von dem Glasdache. Sonnenkamp hielt die Hand ans Auge, sein Auge war trocken. Ein Deutscher, jener Doctor Fritz, hatte ihm einst in einem offenen Briefe zugerufen: Du, der Du Eltern und Kindesliebe in Deinen Mitmenschen ausrottest, wie kannst Du Liebe von Deinen Kindern hoffen? . . . Diese Worte gingen ihm jetzt durch den Sinn, eine Erinnerung aus einem Kampfe, den er vergessen wollte, der längst abgethan war. God bless you, massa! tönte es, wie von einer Geisterstimme. Sonnenkamp erschrak. Er forschte nach und fand den Papagei seiner Frau, der mit dem Käfig ins Warmhaus gebracht war. Der herbeigerufene Gärtner berichtete, daß Frau Ceres befohlen habe, man solle den Papagei hieher bringen, da es ihm im Wohnhause zu kalt sei. God bless you, massa! rief der Papagei hinter Sonnenkamp drein, als dieser das Palmenhaus verließ. Unterdeß stand Roland bei dem umgelegten Stuhl unter der Hänge-Esche; der Park, das Haus, Alles schwamm vor seinen Blicken. Er überdachte, ob nirgends ein Zufluchtsort sei. Er ging in das Zimmer Manna's, aber die Bilder an der Wand und die Blumen im offenen Kamin sahen ihn fremd und fragend an. Er wollte Manna schreiben, ihr Alles klagen, aber er konnte nicht schreiben. Er stand am Fenster und starrte hinaus ins Weite. Die Schiffe zogen auf dem Strom auf und ab. O, wer dort wäre! Die Vögel flogen in ihr Nest. O, wer auch eine stille Heimat hätte! . . . Roland verließ das Haus und ging in den Hof. Der Chevalier kam; Roland sah ihn mit einem Blicke an, wie wenn er ihn gar nicht kenne; er gab auf keine Frage eine Antwort. Er holte seine Armbrust, aber spannte sie nicht. Die Sperlinge und Tauben flogen hin und her, die schönen Hunde drückten und schnupperten an ihm herum; er starrte wie verloren drein. Von Satan, seinem großen Hunde, gefolgt, ging er nach dem Ufer; dort saß er unter den dichten hohen Weidenbäumen und legte den Hut neben sich; der Kopf brannte ihm. Er wusch sich die Stirn mit Wasser, aber die Stirn wurde nicht kühler. Da hörte er seinen Namen rufen. Unwillkürlich hielt er schnell dem neben ihm liegenden Hunde die Schnauze zu, er selbst hielt den Athem an, um sein Versteck nicht zu verrathen. Die Stimme zog weiter und verlor sich. Er saß noch immer still und ermahnte leise den Hund, ganz ruhig zu sein; der Hund schien ihn zu verstehen. Die Nacht brach herein. Unhörbar wie ein Jäger, der ein Wild beschleicht, verließ Roland sein Versteck und wanderte die Straße landeinwärts enge Pfade durch die Weinberge. Er wollte zum Krischer, er wollte zum Major, er wollte zu Menschen, die ihm helfen. Plötzlich hielt er an. »Nein! zu Niemand . . . zu Niemand!« hauchte er leise vor sich hin, als vertraute er es kaum der schweigsamen Nacht. »Zu ihm! Zu ihm!« Er duckte sich nieder, daß man ihn nicht in den Weinbergen sehe, und doch war's Nacht. Erst als er oben wieder auf einer Landstraße war, richtete er sich auf. Neuntes Capitel. Wie ein Mann, der aus blendend erleuchtetem Gesellschaftssaale in sein Studirzimmer zur einsamen Lampe zurückkehrt, unwillkürlich sein Auge reibt, denn es hat sich an eine größere Masse von Licht gewöhnt, so kehrte Erich nach der Heimat zurück. Das Gefahrvolle des Reichthums liegt nicht nur darin, daß er den Besitzer, sondern auch darin, daß er den Besitzlosen verderben kann. Die Sprache hat es noch nicht vollkommen deckend ausgedrückt, wenn sie diesen Unmuth und die Unruhe in der Seele Mißgunst, Neid und Scheelsucht nennt; es ist Keins von Alledem, es ist vielmehr die Pein der Frage: warum bist Du nicht auch reich? Nein, das verlangst Du nicht; aber warum bist Du nicht mindestens sorglos gestellt? Die Kämpfe des menschlichen Daseins sind hart genug, warum noch dazu dieses Ringen mit der gemeinen Noth? Das Härteste, was die Wahrnehmung des Reichthums dem Besitzlosen anthun kann, ist, daß sie ihm Unlust an der Arbeit, Verdrossenheit, Bewußtsein der Knechtschaft einflößt, ja noch mehr, daß sie alles Thun fraglich erscheinen läßt. Was hilft alles Dichten und Trachten, aller Aufbau von großen Gedanken, so lange es noch Menschen neben Dir gibt, die mit Dir diese Erde bewohnen und darben müssen! Die Ameise am Wege ist sicherer bedacht, es gibt keine Nachbar-Ameise, die schwelgt, während die andere hungert. Was ist alles Arbeiten, so lange dieser Unhold der Noth noch unter uns wandelt! Hat eine Weltweisheit, eine Glaubenslehre siegende Macht der Wahrheit, die diesen Unhold nicht zu tilgen vermag? Erich fuhr heimwärts, er träumte am hellen Tage jenen unruhigen Traum unserer Zeit, der vom Locomotivgeklapper begleitet ist. Er kam in der Universitätsstadt an; die Hügel ringsum, die ihm ehedem so frei und schön erschienen, und wo er allein und mit dem Vater gewandelt, stellten sich ihm jetzt so klein und gedrückt und der Strom so dürftig dar. Sein Auge hatte Größeres, Freieres gesehen, ein anderer Maßstab hatte sich in seiner Betrachtungsweise festgesetzt. Er sah die alten Gestalten am Bahnhofe. Der Universitätssimpel, den jede kleinere Universität hat, grinste ihn an und hieß den Herrn Doctor willkommen; Studenten mit bunten Mützen vergnügten sich, mit ihren Stöcken Quarten in die Luft zu schlagen und mit ihren Hunden zu spielen. – Alles erschien ihm wie ein vergessener Traum. Und wie? War es nicht ehedem sein höchster Wunsch, hier zu leben und zu lehren? Er ging durch das Städtchen; nirgends dem Auge ein wohlgefälliger Anblick, Alles eng, winkelig, verhockt. Er kam ins elterliche Haus; die enge hölzerne Treppe erschien ihm so steil. Er trat in die Wohnstube; Niemand war da. Mutter und Tante waren ausgegangen. Er ging in das Bibliothekzimmer des Vaters; da standen die Bücher, die bis jetzt Niemand in ihrer Ordnung zu stören gewagt hatte, größtentheils auf dem Boden, und ein langer hagerer Mann, der über die Brille wegsah, die ihm auf der Nasenspitze saß, betrachtete Erich fragend. Erich gab sich zu erkennen; der Mann nahm seine Brille in die Hand und nannte sich als einen wohlbekannten Antiquar der Hauptstadt, der gekommen, die Bibliothek zu kaufen. So war also die Hoffnung der Mutter zu nichte, dachte Erich. Er sagte dem Antiquar, wie werthvoll die Bemerkungen seines Vaters seien, die sich fast auf jeder Seite der Bücher fänden. Der Antiquar zuckte die Achseln und entgegnete, daß diese Bemerkungen werthlos, ja eher eine Entwerthung seien. Hätte der Vater ein großes Werk geschrieben, das seinen Namen berühmt gemacht, so wären die Anmerkungen von Bedeutung; nun aber sei alles Eingeschriebene, wenn auch an sich von Werth, für den Antiquar entschieden eine Entwerthung. Erich traten Thränen in die Augen. Die ganze Lebensarbeit seines Vaters sollte eine verlorene sein! Da war kein Blatt, auf dem nicht das Auge des Entschlafenen geruht, da waren seine Gedanken daheim, seine Empfindungen und sein reiches Wissen, und das nun in alle Welt verschleudert, verachtet und vielleicht doch von einem Fremden ausgebeutet! Erich schalt sich, daß er nicht sofort und entschieden die Stelle bei Sonnenkamp angenommen; er hätte es erwirken und dann auch eine namhafte Summe aufnehmen können. Mit Trauer sah er auf einen Stoß geschriebener Hefte und Blätter und eingelegter Drucksachen, die der Vater sein Lebenlang zusammengetragen und ausgearbeitet hatte. Der Vater Erichs hatte ein Buch schreiben wollen unter dem Titel: »Echte Menschen in der Geschichte,« er war gestorben, ehe es zur Ausführung kam. Viele treffliche Notizen, ja einzelne Abschnitte lagen ausgearbeitet, aber es war kaum etwas zu benutzen. Manche Betrachtungen waren bruchstückweise in verschiedener Fassung da. Alle einschlagenden Wissenschaften und die entlegensten Thatsachen der Geschichte waren herbeigezogen, aber der leitende und verbindende Gedanke war verschwunden mit dem Manne, der nun in der Erde ruht. Der erste, größere Theil sollte jene Züge sammeln, die zerstreut im Laufe der Zeiten das rein Menschliche, wie es in Wirklichkeit erschienen war, darstellen; der zweite Theil sollte eine exacte Lehre geben von den Vorgängen des Seelenlebens, die so genau bestimmt werden sollten, wie die Vorgänge in der äußeren Natur. Von da aus sollte der Punkt bezeichnet werden, wo das Genie, das scheinbare Wunder im Geistesleben, den Grund zu neuen Thatsachen bildet. So wenigstens hatte Erich sich's gedacht, als er die hinterlassenen Papiere zu ordnen suchte. Er ging nach der Stube zurück; sie erschien ihm mit altem Hausrath überfüllt und drückend; die neu erkannte Armuth warf einen dunkeln Schleier aus alle Umgebungen. Jetzt faßte er sich, denn er hörte Mutter und Tante zurückkehren. Die Mutter umhalste ihn in voller Freude des Wiedersehens. Er erzählte von seiner Reise und erschrak, da sie sagte, sie hätte es ganz in der Ordnung gefunden, wenn er sofort die Stelle bei Sonnenkamp angenommen, denn in der Lage, in der man jetzt sei, erscheine dies als ein doppeltes Glück. Erich sah, daß die Mutter, die nie hatte gebeugt werden können, jetzt gebeugt und zaghaft war. Sie hatte der verwittweten Fürstin, deren Lieblingshofdame sie vordem gewesen, eine Darstellung ihrer Verhältnisse gegeben. Sie hatte der hohen Frau ihr ganzes Herz ausgeschüttet und sie, die nie um etwas gebeten, wünschte nur eine entsprechende Summe, um die Bibliothek ihres Mannes, die ein Familienheiligthum und für ihren Sohn von großer Bedeutung sei, nicht verkaufen zu müssen. Die Fürstin hatte durch ihren Secretär mit einigen wohlstylisirten, theilnehmenden Wendungen antworten lassen. Eine kleine Summe, die nicht entfernt ausreichte, war dem Briefe beigelegt. Die Mutter wollte das Geld wieder zurückschicken, aber man durfte die hohen Herrschaften nicht beleidigen, ja man mußte noch unterthänigst danken, um eine nutzlose Huld nicht zu verscherzen. Erich beruhigte sie, daß binnen Kurzem die Bibliothek gesichert sein solle. Er ging sofort auf sein Zimmer und schrieb einen Brief an den Grafen Wolfsgarten. Nun erst kam er dazu, ausführlich von der Reise zu erzählen. Die Mutter hörte ihm ruhig zu; nur als von Bella die Rede war, sagte sie: »Bella Prancken ist eine unberechenbare Frau.« Die alten Pläne wurden neu erörtert. Erich wollte eine Erziehungsanstalt errichten. Mutter und Tante waren sehr geeignet, ihn darin zu unterstützen, sie hatten viele Verbindungen mit den besten Familien des Landes; nur konnte man noch nicht einig werden, ob man ein Mädchen- oder ein Knaben-Institut errichten solle. Erich war für das letztere, die Mutter aber wollte, daß er noch einige Jahre eine wissenschaftliche Reise mache, um dann durch ein großes Werk einen Ruf zu erlangen und nicht den kleinen mühseligen Weg zu gehen. Sie und die Tante wollten indeß in der Hauptstadt so viel erwerben, daß Erich sorglos leben könnte. Vorerst kam man überein, nichts zu beschließen, denn ein Brief des Herrn Sonnenkamp mußte abgewartet werden. Erich besuchte seinen alten Lehrer und Freund, den Professor Einsiedel. Er war ein voller Priester der Wissenschaft, ein Mann, der beständig und ausschließlich im reinen Denken und Erforschen für Bereicherung der Erkenntnißwelt lebte, ganz allein für sich, mäßig, geregelt, ohne irgend eine Leidenschaft, überaus bescheiden in Speise und Trank, aber immer lächelnd, immer heiter, immer getragen von etwas, was eben neu aufgeschlossen ist, immer allseitig umherblickend ins weite Reich des Denkens. Bei jeder wissenschaftlichen Frage, mit der Erich zu Professor Einsiedel kam, erhielt er sofort Aufschluß, Bezeichnung der Quellen, ja mit der größten Selbstlosigkeit gab er eigene mühsame Aufzeichnungen Jedem hin. Es war ihm gleich, ob er selber mit seinem Namen das gab, oder ob es von einem Andern mit fremdem Namen ausging; wenn es nur da war und wirkte. Professor Einsiedel war mit Erichs Vater nahe befreundet gewesen und bedauerte stets, daß dieser, der das Beste und Vollendete gewollt, das Gute und nothwendig Abzuschließende nicht geleistet habe. Wir müssen, war sein Grundsatz, damit fürlieb nehmen, ein Einzelnes, einen kleinen Beitrag gegeben zu haben; das reiht sich dann in das große Ganze ein. Wir schaffen nie etwas, das uns voll befriedigt, zu dem wir nichts mehr nachzutragen hätten. Nur von Gott heißt es bei der Schöpfungsgeschichte, daß er zu dem, was er geschaffen, sagen konnte: er sah, daß es gut war. Daß das Gewordene dem Gedachten, die That der Idee vollkommen entspreche, steht nur dem absoluten Geiste zu; der endliche Geist bleibt immer unter der Idee dessen, was er zu können glaubte und sollte. Im Zimmer des Professors war ein Bild von Rembrandt, ein kleiner Kupferstich, der fast wie ein Porträt des Professors selber war. Da ist dargestellt, wie Faust in der Schlafmütze den Zauberkreis anstarrt, der sich selbst beleuchtet. Faust ist ein altes vertrocknetes Männchen, des verjüngenden Zaubertrankes wohl bedürftig. Professor Einsiedel hatte keinen solchen Zaubertrank, aber er trank jeden Tag neue Erquickung aus Schriften der classischen Welt. Als ihn nun Erich besuchte, um sich von ihm Rath zu holen, fand er den guten alten Professor in einer ungewöhnlichen Verfassung. Der Professor bedauerte, daß Erich sich nicht gänzlich der Wissenschaft widme, gestand aber auch zu, daß die Natur Erichs zu einer praktischen, persönlichen Wirksamkeit geeignet sei. Erich wollte nicht warten, sondern selbstthätig etwas schaffen; er reiste am nächsten Tage nach der Hauptstadt, denn er hatte gehört, daß ein älterer Mann, der ein angesehenes Erziehungs-Institut für Knaben leitete, von demselben zurücktreten und es in gute Hände geben wolle. Er kam nach der Residenz, wo er Jahre lang als Officier wohlangesehen gelebt hatte. Manche Kameraden in Uniform schienen ihn nicht mehr zu kennen, Andere besannen sich, als er vorüber war, und riefen zurück: »Ah, Sie sind's? Guten Morgen!« und gingen weiter. Beim Director der Erziehungsanstalt fand er gute Aufnahme und die Bedingungen waren in der Hauptsache annehmbar. Er sollte aber alte Einrichtungen und die bisherigen Lehrkräfte annehmen; das machte ihn bedenklich. Ohne zu einem festen Abschlusse gekommen zu sein, verließ er das Institutsgebäude. Als er wieder über die Straße ging, traf er einen alten Freund des Vaters, den jetzigen Cultusminister, der ihn anhielt, sich nach seiner Mutter und nach seinen Verhältnissen erkundigte und ihm die Stelle als Custos beim Antikencabinet anbot mit der Zusicherung, daß er in kurzer Zeit zum Director aufsteigen solle. Eben als Erich vom Minister wegging, kam der Kamerad, der in seine Stelle als Hauptmann eingerückt war, von der Parade; er nahm Erich mit auf das Militärcasino. Dort war viel davon die Rede, daß Otto von Prancken eine Creolin mit vielen Millionen heiraten würde; Erich fand es nicht nöthig, zu sagen, daß Manna keine Creolin sei und daß er überhaupt von der Sache etwas wisse. Zehntes Capitel. »Wo ist Roland?« Sonnenkamp fragt Joseph, Joseph fragt Bertram, Bertram fragt Lutz, Lutz fragt den Obergärtner, der Obergärtner fragt das Eichhörnchen, das Eichhörnchen fragt die Bauern, die Bauern fragen die Kinder, die Kinder fragen die Luft, Fräulein Perini fragt den Chevalier, der Chevalier fragt die Hunde und Frau Ceres darf von Allem nichts erfahren. Sonnenkamp reitet eilig zum Major, der Major fragt Fräulein Milch, aber diesmal weiß auch die Alles Wissende nichts. Der Major reitet nach der Burg; in alle Graben und Verließe hinein wird der Name Roland gerufen, es kommt keine Antwort. Sonnenkamp schickt den Reitknecht zum Krischer, der Krischer ist im Felde und nicht zu finden. Sonnenkamp reitet nach dem Bahnhof und nimmt Puck, das Pferdchen Rolands, mit, er schaut oft nach dem leeren Sattel. Auf dem Bahnhof fragt er leichthin, wie wenn er ihn von einer Reise erwarte, ob Roland noch nicht angekommen wäre. Man hat nichts von ihm gesehen. Er reitet zurück, an der Villa vorüber und fragt hastig, ob Roland noch nicht da sei, und da man verneint, reitet er nach der nächsten Bahnstation stromauf. Auch hier fragt er, jetzt weniger behutsam, auch hier weiß man nichts. Er kehrt nach der Villa zurück, der Major ist da, Fräulein Milch hat ihn geschickt, vielleicht kann er noch etwas beistehen. Der Major behauptet, Roland sei gewiß zu Manna ins Kloster gegangen. Der Major und Sonnenkamp fahren nach dem Telegraphenamt und senden eine Frage nach dem Kloster; sie sind voll Ungeduld, da keine Leitung unmittelbar nach dem Kloster geht, die Rückantwort kann zwei Stunden dauern. Sonnenkamp will hier warten, er schickt den Major nach dem Städtchen, um dort beim Doctor und sonst überall, aber ohne Aufsehen zu erregen, Erkundigungen einzuziehen. Auf dem Bahnhofe geht er umher und legt die heiße Stirn an die kalten steinernen Säulen; Alles ist still und leer. Er geht in den Wartesaal; er findet, daß die Sitze auf dem Bahnhof gar nicht zum Ausruhen geschaffen sind. In Amerika ist das anders . . . oder ist es nicht? Er geht hinaus; er sieht, wie die Packer einen Lastwagen anfügen, sie thun das so gemächlich; er sieht einem Steinmetzen zu, der Spitzhammer und Breithammer gebraucht; er schaut so starr drein, als müßte er selber das Handwerk lernen. Die Menschen arbeiten alle so geruhig – sie können es, sie haben keinen Sohn verloren. Er betrachtet die Telegraphendrähte, er hat Lust, in alle Welt, auch da, wo es nichts nutzte, hinauszurufen: Wo ist mein Sohn? Es wird Nacht. Der Bahnzug rollt daher und Sonnenkamp schreckt zurück, es ist ihm, als ob die Locomotive gerade auf ihn losstürzen wolle. Er faßt sich, er sucht umher, er strengt sein Auge an, sieht nichts von Roland. Die Menschen zerstreuen sich; wiederum ist Alles still. Er ging zum Telegraphisten und ließ nochmals anfragen, ob das Telegramm bereits angekommen sei. Die Antwort lautet: Ja. Der Aufschlag des Telegraphenhammers durchzitterte ihn, er fühlte dieselben Schläge in den Adern seiner Schläfe am Kopfe. Er ersuchte den Telegraphisten, die Nacht dazubleiben, man könne nicht wissen, ob nicht eine Botschaft von irgend woher einträfe oder ob man nicht eine abzusenden habe. Aber der Telegraphist weigerte sich, trotzdem ihm eine große Summe angeboten ward; es sei ihm nicht gestattet, ohne höhere Ermächtigung die Ordnung zu ändern. Er befahl dem Telegraphenboten, bei ihm zu bleiben; er verschloß mit Geräusch die Thür des Telegraphenbureaus und ging davon. Er fürchtete sich offenbar vor Sonnenkamp. Sonnenkamp war wieder allein. Da hörte er Ruderschläge über den Strom daherkommen. »Sind Sie es, Herr Major?« ruft er in die sternenhelle Nacht hinein. »Ja.« »Haben Sie ihn?« »Nein.« Der Major steigt aus; er hatte im Städtchen keine Spur von Roland gefunden. Eine Antwort aus dem Kloster kann erst morgen Früh kommen. Jetzt steigt der Gedanke auf, Roland sei vielleicht beim Grafen Wolfsgarten. Ein Bote wird dahin geschickt; man kehrt zur Villa zurück. Als Sonnenkamp dem Major die Hand zum Einsteigen reichte, sagte dieser: »Ihre Hand ist heute so kalt.« Wie ein Pfeil schoß es Sonnenkamp durch das Hirn, daß er den Knaben heute hatte züchtigen wollen. Wenn Roland in den Tod gegangen, in die Fluthen des Rheins? Der Ring am Daumen preßte sich ihm ins Fleisch, wie wenn er glühte. Auf dem Wege nach der Villa kam Joseph den Rückkehrenden entgegen. »Ist er da?« rief der Major. »Nein; aber die gnädige Frau hat's erfahren.« Im Dorfe, durch das sie fuhren, standen die Menschen noch in Gruppen beisammen in der linden Frühlingsnacht. Man begegnete dem Geistlichen, der Major bat ihn, mit nach der Villa zu fahren. Sonnenkamp sprach kein Wort. In der Villa sah man durch die hohen Fenster Lichter hin und her gehen. Jetzt hörte man einen Schrei; Sonnenkamp eilte hinauf. Im großen Saale lag Frau Ceres im Nachtgewande kniend vor einem Stuhle und drückte ihr Gesicht in die Kissen. Fräulein Perini stand neben ihr und schüttete ein Brausepulver in ein Glas. Sonnenkamp eilte auf seine Frau zu, legte seine Hand auf ihre Schulter und sagte: »Ceres, sei ruhig!« Die Frau wandte sich um und sah ihn mit glühenden Augen an, dann sprang sie auf, riß ihm das Gewand an der Brust auf und schrie: »Gib mir meinen Sohn! Du hast auch Roland in den Tod gejagt, Du . . .« Rasch hielt ihr Sonnenkamp seine breite Hand vor den Mund, sie suchte ihn zu beißen, aber er hielt ihr den Mund fest zu und sie war still. Sonnenkamp bat den Geistlichen und Fräulein Perini, ihn mit seiner Frau allein zu lassen; Fräulein Perini zögerte, aber ein Wink mit der Hand bedeutete ihr entschieden, daß sie gehen solle. Sie ging mit dem Geistlichen. Jetzt nahm Sonnenkamp seine Frau auf den Arm wie ein Kind, trug sie in ihr Schlafgemach und legte sie auf das Bett. Ihre Füße waren kalt; er umhüllte sie mit einem Tuche und wickelte sie so, daß sie fest waren. Nach einer Weile war's, als ob Frau Ceres schliefe, oder heuchelte sie es nur? Es war genug. Sonnenkamp ging hinaus in das Balconzimmer, wo der Geistliche, der Major und Fräulein Perini beisammen saßen. Er bat den Geistlichen, sehr verbindlich dankend, er möge sich zur Ruhe begeben, das Gleiche sagte er Fräulein Perini mit einer seltsam höflichen und befehlerischen Art; den Major bat er, bei ihm zu bleiben. Eine Stunde noch saß er mit dem Major an der offenen Balconthür, er schaute hinauf zu dem Sternenhimmel und horchte hinaus nach dem Rauschen des Rheinstroms. Nun wünschte er, daß auch der Major sich zur Ruhe begebe; der Tag werde schon wieder festes Verfahren bieten. Er selbst legte sich im Vorgemach zum Schlafzimmer seiner Frau nieder; er ging zuvor nochmals leise, die Hand vor das Licht haltend, an ihr Bett; sie schlief ruhig mit glühenden Wangen. Auf der Villa war Alles still. Sonnenkamp wurde gerufen, der Bote war von Wolfsgarten zurückgekommen; auch dort wußte man nichts von Roland. »Kommt Herr von Prancken?« fragte Sonnenkamp. Der Bote wußte keine Antwort. Sonnenkamp war müde und überwacht, aber er konnte keine Ruhe finden; er stand bald wieder auf dem Balcon und hörte, wie die Vögel sangen und der Strom rauschte, er sah die Sonne am Himmel aufgehen, er hörte die Glocken läuten, die ganze Welt, so schön und frisch, erschien ihm als das Chaos. Er ging hinab in den Park; die Bäume standen still schauernd in der ersten Morgenfrühe, durch die Blätter ging ein Säuseln und Flüstern, als gewänne der erste Morgenstrahl Ton und Bewegung. Die Vögel jauchzten, sie hatten ihre Heimat, ihre Familie, ihnen fehlte kein Kind . . . Hin und her wandelte Sonnenkamp. Dieser Boden ist sein eigen, diese Bäume sind sein, Alles grünt und blüht und athmet frisch. Athmet auch der noch, für den dies Alles Leben hatte, für den es leben soll, für den es gepflanzt und geordnet ist? Er kam in den Obstgarten. Da standen die Bäume, deren Zweigen er die Richtung seines Willens gegeben hatte; sie standen in Blüthe und jetzt im ersten Morgenstrahle fielen die Blüthenblätter wie ein leise rieselnder Regen nieder und bedeckten den Boden schneeweiß. Je höher der Morgen stieg, um so mehr war es Sonnenkamp wie eine Sicherheit, daß Roland todt dort in den Wellen schwimme, die sich jetzt purpurn färben, ein blutiger Strom. Nichts als Blut die weiten Wellen! Er stöhnte tief und streckte die Hand aus, wie wenn er etwas packen und würgen müsse. Er faßte einen Baum und schüttelte ihn fort und fort, daß auch kein Blüthenblatt mehr an ihm war; er stand von Blüthenblättern über und über bedeckt. Und jetzt lachte er höhnisch auf. »Ich sollte keine Kinder haben! Alleinsein! Allein und stark!« In diesem Augenblicke sah er eine weiße Gestalt mit seltsamer Kopfverhüllung durch den Garten schleichen und hinter Bäumen verschwinden. Was ist das? Er rieb sich die Augen. War das bloße Einbildung oder Wirklichkeit? Er ging der Erscheinung nach. »Halt,« rief er, »dort sind Fußangeln.« Eine Frauenstimme schrie ängstlich. Sonnenkamp trat näher, Fräulein Milch stand vor ihm und sagte: »Ich wollte zum Herrn Major.« »Er schläft noch.« »Ich kann es auch Ihnen sagen,« begann Fräulein Milch sich fassend, »es läßt mir keine Ruhe.« »Nur heraus . . . keine Einleitung!« Fräulein Milch erhob sich stolz und sagte: »Wenn Sie barsch sind, kann ich wieder gehen.« »Entschuldigen Sie, was wünschen Sie denn?« fragte er sanft. »Ich glaube zu wissen, wo Roland ist.« Sonnenkamp brach in Ungeduld einen Blüthenzweig ab. Fräulein Milch fuhr fort: es sei ihr unbegreiflich, wie man nicht sofort daran gedacht habe, daß Roland zum Hauptmann Dournay gereist sei; man solle sich telegraphisch an ihn wenden. Sonnenkamp dankte mit heiserer Stimme und sagte, er wolle den Major wecken und in den Garten schicken; Fräulein Milch bat, daß man ihm ruhig seinen Schlaf lasse. Sie kehrte nach Hause zurück und Sonnenkamp machte einen weiteren Gang durch den Park. Die Rosen waren aufgeblüht über Nacht, von Stämmen und Büschen sandten sie den Duft dem Herrn des Gartens, er aber war nicht erquickt davon. Da ist der Park, das Haus, da sind die Bäume: das Alles ist zu erwerben, zu gewinnen. Aber Eines läßt sich nicht durch Willenskraft gewinnen: ein Leben, ein Kindesleben, ein Kindesherz, ein Zusammenhang von Seele zu Seele, ein unzertrennlicher und unerschöpflicher. Und wieder kam ihm jetzt jenes scharfe Wort: Ihr habt in Euren Mitmenschen das Gefühl von Vater und Mutter und Kind getödtet. Nun trifft's Euch! Warum umschwebte ihn heut das Wort jenes Kämpfers in der neuen Welt, heut wie gestern? Ist vielleicht jener Mann auf dem Schiffe, das mit der ersten Morgenfrühe jetzt stromaufwärts steuert? Er konnte nicht ahnen, daß jetzt das Kind des Doctor Fritz mit Roland im Walde sprach . . . Elftes Capitel. In der Nacht brachen die Blüthen auf im Garten und in der Seele des Jünglings. Zu Erich! sprach Roland, aber kein Ton wurde laut, er sprach es nur sich. Die Nacht war sternenhell, am Himmel stand der abnehmende Mond, er leuchtete mild und Roland war von einem Frohgefühl durchdrungen, daß er oft die Arme ausbreitete, als müsse er auffliegen können. Er ging eilig, als würde er verfolgt; er hörte Schritte hinter sich, er hielt an; es war sein eigener Schritt gewesen. In der Ferne zeigte sich eine Gruppe stillstehender Männer, die auf ihn zu warten schienen. Er kam näher; es waren Holzpfähle, die zur Einhegung eines Weinberges dienten. Er mäßigte seinen Schritt; er wollte singen, aber er fürchtete, sich durch einen Laut zu verrathen. Auf einer Anhöhe stand er still; er hörte weit drunten auf dem Strome einen Schleppdampfer keuchen, sah die Lichter auf den Mastbäumen der angehängten Schiffe, die Lichter bewegten sich so wundersam fort; Roland zählte sie, es waren sieben. »Die dort wachen auch,« sprach er laut vor sich hin, und zum ersten Mal ging ihm auf, daß Menschen zu ihrem Lebensunterhalt die Nacht durchwachen und arbeiten müssen, die dort bei der Maschine im Schleppschiff und die Steuerleute und die Schiffer auf den angehängten großen Kähnen. Warum ist das? Was drängt die Menschen? Unwillig schüttelte er den Kopf. Was ficht das ihn an? Er wanderte weiter auf der Hochebene und stieg einen Berg hinter derselben hinan. Er freute sich kindisch, daß sein Schatten mit ihm ging. Er hielt sich stets in Mitte der Straße, die Gräben an den Wegen hatten etwas unheimlich Lauerndes; er sah befremdet nach den Schatten, den die Bäume im Mondesschein warfen, er freute sich, wo es wieder hell und licht war. Nahte er sich einem Dorfe, fühlte er sich geborgen, obgleich Alles schlief; man ist doch unter Menschen. Man hatte ihm stets gesagt: in der Nacht wandeln auf allen Straßen Diebe und Mörder und suchen zu rauben und zu tödten. Was hatte er bei sich, das sie ihm rauben konnten? Seine Uhr an der Kette. Er that sie heraus, er wollte sie verstecken. »Schäme Dich,« sagte er plötzlich laut. Er war inne geworden, wie er sich im Grunde der Seele fürchte; das wollte er nicht. Mit herausfordernder Kühnheit dachte er sich vielmehr Gefahren aus, die er bestehen wolle; er freute sich ihrer und rief: »Kommt nur! ich bin dabei und der Satan auch! Nicht wahr, Satan? Sie sollen nur kommen,« schmeichelte er dem Hunde. Der Hund sprang an ihm empor. Er kam durch ein Dorf, Alles schlief, da und dort bellte ein Hund, der die Nähe des fremden Hundes witterte. Roland gebot Satan zu schweigen; der Hund gehorchte. Der Knabe erkannte das Dorf, hier war er ja am Sonntag mit dem Doctor und Erich gewesen, hier war das Haus, wo der Mann gestorben, auf der andern Seite war der Turnplatz, wo er mit Erich geturnt hatte. Endlich kam er an das Haus des Siebenpfeifers, da schlief jetzt das ganze Orchester. Eine Weile stand er still, ob er nicht einen aus dem Hause wecken, mitnehmen oder zu seinem Vater schicken solle. Er verwarf Beides und ging weiter. Die Nacht war still, nur bisweilen hörte er noch von Ferne das Bellen eines Hundes wie aus dem Schlafe. Ein Bach rieselte am Wege, das tönte so wundersam, der Bach ging eine Weile wie plaudernd mit, bald aber verlor er sich und wieder war Alles still. Er kam durch eine Schlucht, wo es von hohen Bäumen hüben und drüben so dunkel war, daß er den Weg zu seinen Füßen nicht sah; ruhig sich fassend ging er vorwärts und dachte sich, wie schön das am hellen Tage sein müsse. Er kam aus der Schlucht hervor und freute sich wieder des offenen Weges. Ueber dem Sattel eines Berges erschien ein Stern, so groß, so glänzend, der Stern stieg immer höher und glänzte so funkelnd. Ob wol Manna diesen Stern kennt? Im ersten Hause eines Dorfes war Licht; er hielt an. Er hörte sprechen. Drinnen klagte und jammerte die Frau, daß morgen die einzige Kuh verkauft werden solle. Schnell entschlossen legte Roland mehrere Goldstücke auf das Fenstersims der niedern Stube, pochte an die Scheiben und rief: »Ihr Leute, es liegt Geld für die Kuh auf dem Sims.« Athemlos rannte er davon, eine Angst befiel ihn, als wäre er ein Dieb; erst draußen vor dem Dorfe hielt er an, sich in einen Graben niederduckend. Er wußte nicht, warum er davon gerannt war. Wie er nun so sich niederduckte und aufhorchte, ob die Beschenkten ihm nachfolgten, kicherte er in sich hinein, wie ein Geist thun müßte, der umwandelt, das Leid der Menschen heilt und sich dem Dank entzieht. Es kam Niemand. Rüstig schritt er weiter, und beseligt im Gedanken dessen, was er gethan, dachte er sich aus, wie es wäre, wenn man mit viel Geld ungesehen so in der Welt umherwandelte und wo man hinkäme, Alles glücklich machte. Als er jetzt den Blick wieder auf die Straße heftete, sah er auf dem Felde am Wege einen abenteuerlich aussehenden Mann stehen, der eine Waffe geradezu auf ihn gerichtet hielt. Bebend stand er still und forderte den Mann auf zu sagen, was er wolle; der Mann rührte sich nicht. Er hetzte den Hund nach ihm, der Hund kam zurück und schüttelte den Kopf. Roland trat auf die Erscheinung zu und lachte und zitterte zugleich; die Erscheinung war nichts als eine Vogelscheuche. Ein schwer knarrendes Fuhrwerk kam auf der Straße heran, näher und näher. Es war ein seltsames Schettern und Klappern, wie der Wagen auf den Achsen sich hin und her bewegte und die Räder, Steine zermalmend, knarrten. Roland glaubte bestimmt unterscheiden zu können, daß der Wagen nur zwei Räder habe und mit Einem Pferde bespannt sei. Er hielt an, um das genau herauszubringen; dann aber hörte er wieder verschiedenen Hufschlag. Er stellte sich hinter einen Baum und wartete das Herannahen des Wagens ab, er sah, daß zwei Pferde der Länge nach vor einen in der That nur zweiräderigen Wagen gespannt waren; der Fuhrmann ging pfeifend und mit der Peitsche knallend neben her. Als der Wagen vorüber, wanderte Roland, eine Strecke sich entfernt haltend, dem Fuhrwerke nach. Eine Bangigkeit hatte den jugendlichen Wanderer in der Nacht ergriffen, jetzt wußte er sich in der Nähe eines wachenden Menschen; wenn eine Gefahr drohte, konnte er ihn anrufen. Er erschrak, als er plötzlich nichts mehr von dem Fuhrwerk hörte; der Fuhrmann hatte Halt machen müssen, um das Weggeld zu bezahlen. Als es nun wieder knarrte, war Roland wohlgemuther. Am ersten Hause des nächsten Dorfes hielt der Wagen an. Der Hausknecht, der auf den Fuhrmann gewartet zu haben schien, war nicht wenig erstaunt, beim Scheine der Laterne, mit der er herauskam, auch einen schönen Knaben mit funkelnden Augen zu erblicken. »He! Wer ist denn das?« rief der Hausknecht und brachte vor Staunen und Schreck den Mund nicht mehr zusammen, denn der große Hund umschnüffelte die Beine des Hausknechts, stellte sich dann vor den Erschreckten, zeigte seine gesunden Zähne und blinzelte nach seinem Herrn zurück, nur auf den Anruf wartend: »Faß ihn!« Roland befahl dem Hunde, zurückzutreten. Seine Stimme mußte etwas haben, das dem Fuhrmann und dem Hausknecht Respect einflößte. Sie fragten, ob er auch einen Schoppen trinken wolle; Roland bejahte. Und so saß er nun bei dem einsamen Oellicht mit dem Fuhrmann hinter dem Tische und stieß mit ihm an. Der Hausknecht war neugierig; schmunzelnd auf Rolands feine Hand deutend, sagte er: »Das ist ein schöner Fingerring; da ist ja ein Stein drin, der glänzt! Der ist wol viel werth? Thu mir einen Gefallen! Du, schenk mir den Ring.« Der Wirth in der Kammer, der das gehört hatte, kam, gespensterhaft anzuschauen, nur mit Hemd und Unterkleidern angethan, auch herbei. Roland wurde nun gefragt, wer er sei, woher er käme, wohin er wolle. Er gab ausweichenden Bescheid. Der Fuhrmann machte sich wieder davon, Roland ging neben her und vernahm, daß auf dem Wagen frische irdene Krüge waren, die nach einem nahen Heilbrunnen gebracht wurden, um dann in die weite Welt bis nach Holland hinunter zu gehen. Für den Fuhrmann war Holland das Ende der Welt. Roland staunte, als er erfuhr, wie vielerlei Thätigkeit erforderlich ist, bis das auf seinem elterlichen Tisch gewohnte Mineralwasser getrunken wird. Roland wurde viel ausgefragt, er antwortete nur befangen. Der Fuhrmann sagte ihm, er sei ein ehrlicher Kerl, Alles, was er auf dem Leibe trage, sei schwer verdient und er möchte eher hungern und betteln, als daß er unrecht Gut besäße. Er ermahnte Roland, wenn er etwas gethan habe, wofür er Strafe befürchte – wenn er vielleicht den Ring gestohlen – möge er lieber zurückkehren und Alles wieder gut machen. Roland beruhigte den Mann. Der Weg führte durch einen kleinen Wald von schönen Eichen. Man hörte das Schreien der Nachteule, es klang wie neckisches Lachen. »Gottlob, daß Du bei mir bist,« sagte der Fuhrmann; »hast Du auch das Lachen gehört?« »Das ist kein Lachen, das ist ein Nachtvogel gewesen.« »Ja, Nachtvogel – der Lachgeist ist's.« »Der Lachgeist? Wer ist denn das?« »Ja, meine Mutter hat ihn einmal am hellen Tag gehört, wie sie noch ein ganz klein Mädchen gewesen ist. Da sind einmal die Kinder hinaus in den Wald, um zu eicheln. Du weißt wol, man schüttelt die Eicheln und legt ein Tuch unter den Baum und da sammelt man die Eicheln; das ist das beste Schweinefutter. Nun sind die Kinder im Walde an einem schönen Mittag im Herbst, die Buben steigen auf den Baum und schütteln die Eicheln, daß es nur so prasselt. Da hören sie im Dickicht plötzlich lautes Lachen. Was ist das? – O, sagt meine Mutter, das ist ein Geist. – Was? sagt da ein kecker Bub, wenn es ein Geist ist, so will ich auch einmal einen sehen. – Er geht ins Dickicht hinein, und da sitzt ein winzig klein Männchen auf einem Baumstumpf, sein Kopf ist fast größer als der ganze Leib, es ist ganz grau und hat einen langen grauen Bart. Und der Bub fragt: Bist Du's, der so gelacht hat? – Freilich, sagt das Männchen und lacht noch einmal, gerade so wie vorher. Ihr habt die Eicheln geschüttelt, aber eine ist unter das Tuch gefallen tief ins Moos hinein, die findet ihr nicht, und aus der Eichel wird ein Baum wachsen und wenn er groß genug ist, wird man ihn umhauen und aus dem einen Theil der Bretter wird man eine Wiege machen und aus dem andern eine Thür, und in die Wiege wird man ein Kind legen, und wenn das Kind zum ersten Mal wird die Thür aufmachen können, bin ich erlöst. So lang muß ich noch umgehen, weil ich ein Waldfrevler gewesen und von unrecht Gut gelebt habe. – Das Männchen lacht noch einmal und verschwindet im Baumstumpf. Seitdem hört man's noch manchmal, gesehen hat man's aber nicht mehr. Alle kennen die Eiche im Walde, aber Niemand rührt sie an.« Roland glaubte nicht an das Märchen, aber er hörte doch, wie der Fuhrmann ihm fort und fort erklärte, unrecht Gut sei schwer abzuwälzen. Allmälig begann es zu dämmern. Der Fuhrmann setzte sich auf den Wagen und machte sich ein Lager zurecht, es sei jetzt Tag und da könne er ein wenig schlafen. Roland reichte dem Fuhrmann die Hand und sagte Lebewohl. Auf einem Steinhaufen am Wege saß der Knabe und starrte vor sich hin und hörte, wie allmälig das Knattern und Knarren des Fuhrwerks in der Ferne austönte. Er sah wie im Traume den Fuhrmann an seinem Bestimmungsorte ankommen, er sah ihn im Schuppen auf dem Heubündel liegen, das er nachher seinen Pferden vorwarf. Noch nie war Roland so allein gewesen, ohne Geleit und im Bewußtsein, daß Niemand ihn anrufe. Die Sonne war aufgegangen, er ertrug den Glanz nicht; er schaute nieder. Er verfolgte den Weg eines kleinen Käfers, der hurtig am Boden kroch und einen Halm hinaufkletterte. Unfaßbare Gedanken regten sich in dem jungen Geiste. Welch eine unendliche Fülle von Sein ist die Welt! In den Hecken der eben aufgebrochenen wilden Rosen am Wege, an deren Dornen und Blättern Thautropfen hingen, saßen regungslos Käser und Fliegen aller Art und große Hummeln flogen summend von einem offenen Blumenkelche zum andern. Hier hatten Käfer, Schmetterlinge, Fliegen und Spinnen übernachtet und Schnecken mit ihren Häusern auf dem Rücken wohnten still an den Zweigen. Er sah eine Feldmaus in ihrem Loche, sie blieb zuerst am Rande liegen, lauschend, schauend, die Kiefer bewegend, endlich schlüpfte sie heraus und verschwand schnell unter den Rasen in ein ander Loch. Ein bunter Käfer rannte in der Morgenfrühe eilig über den Feldweg; er fürchtete die offene Straße, erst im Dickicht des Getreides fühlte er sich sicher. Ein Hase lief dahin. Satan sprang ihm nach, Roland griff an die Seite, ob er nicht seine Flinte bei sich habe. Wie auftauchend aus einem Strome sich überstürzender Eindrücke stand er auf. Den Blick auf den Weg geheftet, ging er weiter; sein Schritt war zögernd, denn in ihm sprach es: »Kehre zurück zu Vater und Mutter!« Aber ein Bangen vor dem Vater überfiel ihn, und die Kraft seines Vorsatzes erwachte aufs Neue. Plötzlich rief er laut: »Erich!« »Erich!« tönte es wieder in vielfältigem Echo, und wie von den Bergen neu aufgerufen, wandelte Roland weiter. Es war ihm, als wandelte er nicht, sondern als würde er gehoben und getragen. Die durchwachte Nacht, der genossene Wein, Alles, was er erlebt, wogte traumhaft durcheinander und ihm war, als müßte er jetzt etwas finden, was noch Niemand auf der Welt vor ihm gefunden: ein Unnennbares, ein Unfaßbares, ein Wunder. Er schaute um, ob es sich nicht zeige; es muß etwas kommen, was ihm sagt: Auf Dich habe ich gewartet; bist Du endlich da? Und wie er jetzt umschaute, bemerkte er, daß der Hund ihn verlassen hatte. Dort war der nahe Wald, der Hund war gewiß wieder einem Hasen oder wilden Kaninchen nachgelaufen. Roland pfiff, er wollte laut rufen: »Satan!« aber er brachte jetzt das Wort nicht heraus. Er rief den alten Namen: »Greif!«– Der Hund kam fröhlich daher, die Zunge hing aus dem Maule, er war naß vom Thau des Kornfelds, durch das er gerannt war. Roland hatte Mühe, den Hund abzuwehren, der ganz glücklich schien, daß er seinen alten Namen wieder hatte; er schaute verständnißvoll auf, während er schnell athmete. »Ja, Greif heißt Du!« rief ihm Roland zu. »Jetzt zurück!« Der Hund folgte ihm auf dem Fuße. Als nun die Straße durch den Wald führte, legte sich Roland im Moose unter einer Tanne nieder; über ihm sangen die Vögel und rief der Kuckuck. Greif saß neben ihm, schaute ihn zufrieden an und schien zu billigen, daß Roland sich Ruhe gönnte. Roland that ihm das Maul auseinander und freute sich der prächtigen Zähne, dann sagte er – der eigene Hunger mochte ihn daran erinnern: »Im nächsten Orte, wo ein Fleischer ist, bekommst Du eine Wurst.« Greif leckte sich mit der Zunge die Lefzen, sprang, wie wenn er die Worte verstanden hätte, im Kreise herum, jagte die Raben auf, die schon so früh ihre Nahrung im Felde suchten, und bellte in die höher steigende Sonne hinein. Der ermüdete Knabe schlief bald ein; Greif setzte sich neben ihn, aber er kannte seine Pflicht, er legte sich nicht nieder; er blieb sitzen und verscheuchte sich den Schlaf. Nur manchmal blinzelte er, als ob es ihm schwer würde, die müden Augen offen zu halten; dann aber schüttelte er den Kopf und hielt getreulich Wache bei seinem Herrn. Plötzlich erwachte Roland. Er hörte eine Kindesstimme. Zwölftes Capitel. Roland rieb sich die Augen; vor ihm stand ein Kind, ein Mädchen, schneeweiß angethan, mit einer blauen Schärpe. Ihr Antlitz war rosig, große blaue Augen schauten daraus hervor, und vom Kopfe hingen lange, aufgelöste, dunkelblonde, wellige Haare weit über den Nacken herab. Das Kind hielt mit beiden Händen einen Strauß von Waldblumen. Greif stand vor dem Kinde und ließ es nicht weiter. »Greif! Zurück!« rief Roland sich aufrichtend. Der Hund trat hinter den Rücken seines Herrn. »Der deutsche Wald! der deutsche Wald!« sagte das Kind in fremdländischem Ton und mit einer Stimme, die der Prinzessin aus dem Märchen angehören konnte. »Das ist der deutsche Wald! Ich habe mir nur Blumen geholt. Bist Du der Waldprinz?« »Nein. Wer bist denn Du?« »Ich bin aus Amerika. Der Onkel hat mich vom Schiff geholt und jetzt bleib' ich in Deutschland.« »Lilian, komm! Wo bleibst Du so lange?« rief eine Männerstimme vom Rande des Walds her. Roland sah durch die Bäume hindurch einen offenen Wagen und einen großen stattlichen Mann mit schneeweißen Haaren. »Ich komme schon,« antwortete das Kind, »ich habe schöne, schöne Blumen.« »Hier nimm diese von mir,« sagte Roland und pflückte eine voll aufgeblühte Maiblume vom Boden. Das Kind warf alle Blumen, die es in der Hand hatte, weg, faßte die eine, rief: »Good bye!« und rannte schnell nach dem Wagen. Der Mann hob das Kind, das nach dem Walde zurückdeutete, in den Wagen, der davon rollte. Roland hielt sich die Hand an die Stirn. War das wirklich geschehen oder hatte er nur geträumt? Aber noch hörte er das Rollen des Wagens, und die abgebrochenen Blumen am Boden zeigten, daß er in der Wirklichkeit lebte. Hatte das Kind in der That gesagt, es sei aus Amerika? Warum bist Du ihm denn nicht nachgegangen? Warum hast Du nicht mit dem Alten gesprochen? Und Niemand kann Dir sagen, wer das Kind war und wohin es geführt wurde. Eine Weile starrte Roland auf die vor ihm liegenden Blumen, er hob aber keine auf. Greif bellte ihm zu, als wollte er sagen: Ja, und da behauptet man, man erlebe keine Wunder mehr! Er schnüffelte an den abgebrochenen Blumen herum, dann rannte er der Spur des Kindes und dem Wagen nach, als wollte er den Wunsch seines Herrn erfüllen, die Leute anhalten, damit er noch mit ihnen reden könne. Roland pfiff und schrie; Greif kam und Roland schalt: »Für deine Untreue verdienst du, daß ich dir die Wurst nicht gebe.« Greif legte sich bittend zu seinen Füßen nieder; er konnte ihm ja nicht sagen, wie gut er es gemeint. »So, nun wollen wir abziehen,« sagte Roland. Und weiter ging's des Weges. Er hörte den Pfiff der Locomotive aus der Ferne, er ging dem Pfiffe nach. Der Wald war bald durchschritten; nun ging's wieder durch Weinberge. An einem Wege abseits sah Roland, wie mehrere Frauen ab- und zugingen; sie trugen Schiefererde in einen neu angelegten Weinberg. Am Rain neben einer Hecke brannte ein Feuer, an welchem Töpfe standen. Eine Alte rührte mit einem dürren Zweige in den Töpfen. Roland stand still und die Alte rief ihn an, ob er mithalten wolle. Er ging auf die Gruppe zu und sah, daß hier Kaffee gekocht wurde. Nun kamen auch die anderen Frauen herbei, junge und ältere, es gab viel des Lachens und Scherzens; man stülpte die Körbe um und setzte sich darauf. Roland wurde auch solch ein Sitz bereitet, man legte noch einen Bausch unter und fragte, ob er vielleicht ein Prinz sei. Roland verneinte lachend. Ein alter Winzer, der die Arbeit leitete, sagte zu Roland, er trinke keinen Kaffee, das sei eine dumme Mode, damit ginge das Geld aus dem Lande nach Amerika und käme gar nicht mehr zurück. Die Frauen hörten aufmerksam zu, wie Roland berichtete, daß nicht der Kaffee, sondern der Zucker aus Amerika käme. »Und unser Zucker,« sagte die Alte, »ist ganz und gar in Amerika geblieben, denn wir haben keinen.« Die erste Tasse und der Rahm von der Milch wurde Roland gegeben, auch ein Stück Schwarzbrod bekam er. Er hätte gern den Leuten etwas dafür gegeben, aber jetzt merkte er, daß er sein Geldtäschchen nicht mehr habe. Im Wirthshause hatte er's noch gehabt; hatte er es im Walde verloren oder hatte ihn der schelmisch blickende, betastende Hausknecht bestohlen? Weiter wanderte er und erreichte bald den Bahnhof. Mit Bedacht hatte er vermieden, auf einer der nächsten Stationen einzusteigen, denn da kannte man ihn und seine Flucht wurde verrathen; er wollte, die Eisenbahn in einem Bogen umgehend, erst auf einer entfernten Station einsteigen. Auf dem Bahnhofe wurde Roland von einem Manne in zertragenen Kleidern, der einen Stiefel und einen abgetretenen Pantoffel an den Füßen hatte, wie ein alter Bekannter begrüßt. »Guten Morgen, lieber Baron! Guten Morgen, lieber Baron!« rief ihm der Verwahrloste zu und drängte sich an ihn. Ein Bahnbeamter bat in höflicher Weise den halb Betrunkenen, halb Wahnwitzigen, er möge den Fremden in Ruhe lassen. Der Zudringliche ließ sich beseitigen, winkte aber Roland immer von ferne vertraulich zu, wie wenn sie ein tiefes Geheimniß mit einander hätten. Roland hörte, daß dies der Sprosse einer angesehenen Adelsfamilie sei; seine Verwandten hätten ihm helfen wollen und ihm ein Jahrgehalt ausgesetzt, aber er thue nicht gut. Nun sei er hier in Kost bei einem Packknecht und seine einzige Freude sei der Bahnhof. Man habe alle Rücksicht mit ihm, er sei doch ein Baron und sehr zu bedauern. Roland fürchtete sich vor dem Manne wie vor einem Gespenst. Die Aufregung der Nacht und Alles, was er erlebt, wirkte nach, und doch ging der Gedanke nebenher, wie wunderbar es ist, daß der Verkommene noch rücksichtsvoll behandelt wird, weil er eben ein Baron ist. Roland verpfändete seinen Brillantring bei dem Wirth des Bahnhofs. Er aß und gab auch Greif die versprochene Wurst; dann löste er ein Billet nach der Universitätsstadt. Nun saß er endlich im Wagen und konnte sich nicht enthalten, einem Nachbar zu sagen: »Ach, wie schön, daß wir jetzt fortgezogen werden.« Der Nachbar sah ihn groß an; er konnte ja nicht wissen, wie es den Knaben glücklich machte, daß er, schwer ermüdet, nun ohne weitere Selbstbestimmung fortgerollt wurde zu Erich. »Wohin geht der Weg, Herr Baron?« fragte der Nachbar. Roland nannte sein Ziel, aber er sah den Mann groß an, daß er ihn Baron nannte. Ist er es denn über Nacht geworden? Bei einer Abzweigung, wo andere Schaffner antraten und der Nachbar ausstieg, sagte dieser zu dem neuen Schaffner: »Geben Sie auf den jungen Baron Acht, der da drin sitzt.« Roland ließ sich's gefallen, daß er so genannt wurde, und ein eigenthümliches Gefühl kam über ihn, wie schön es doch sein müsse, wenn man ein Baron sei; da habe man in der ganzen Welt einen Titel mit festen Ehren. Der Gedanke streifte ihn nur, verflog aber bald, denn er dachte sich jetzt die Freude, die Erich haben würde; sein Antlitz glühte vor Ungeduld und Sehnsucht. Plötzlich überfiel ihn ein Schreck. Wo war denn der Hund geblieben? Er hatte ihn verloren oder vergessen. Aber fort rollten die Wagen durch Thäler, Bergeinschnitte und Tunnels, und Roland war's, als sei er schon ein Jahr von daheim fort. Nicht weit von der Universitäts-Stadt, wo die Bahn sich wieder abzweigte, stiegen Studenten ein. Sie sangen lustige Lieder und waren sehr freundlich gegen Roland. Es war Dämmerung eingetreten, als man in der Universitätsstadt ankam. Roland fragte nach Doctor Dournay. Einer der Studenten, ein Jüngling mit seinem Antlitz, sagte, er möge mit ihm kommen, er wohne neben der verwittweten Professorin. Roland ging mit ihm. Und jetzt überfiel ihn eine seltsame Angst. Wie ist's, wenn er Erich nicht mehr findet? wenn Erich nichts mehr von ihm will? Wie viel kann geschehen sein in dieser Zeit! Klopfenden Herzens ging er die steile, dunkle, hölzerne Treppe hinaus. Oben öffnete sich eine Stubenthür und eine Frauenstimme fragte: »Zu wem wünschen Sie?« »Zu Herrn Hauptmann Dournay.« »Er ist verreist.« Dreizehntes Capitel. Roland bat, daß er hier warten dürfe; er wurde in die Wohnstube geführt; das Dienstmädchen sagte, daß Erich nach der Hauptstadt gereist sei, er käme aber möglicher Weise noch heute zurück; die Mutter sei nach dem Grabe ihres Sohnes gegangen, dessen Todestag heute war. Das Mädchen ging hinaus, um die Lampe herzurichten. Allein und müde saß Roland in der Stube in einer Sophaecke. Wunderlich! Da stehen so viele Menschenwohnungen auf der Welt, da kann man eintreten und sitzt plötzlich in einem fremden Haus. Vom Thurme der Stadt tönte nach alter Sitte ein Choral, von Trompeten geblasen. Roland träumte in die Welt hinein, er wußte nicht mehr, wo er war, er erinnerte sich nur, daß er einstmals durch viele Länder und Städte gefahren. Da trat die Mutter ein. Sie blieb unter der Thüre stehen. Roland richtete sich auf und sagte: »Guten Abend, Mutter.« Die Hände ausstreckend rief die Mutter: »Hermann . . .« »Ich heiße nicht Hermann, ich heiße Roland.« Die Mutter ging zitternd auf ihn zu, die Tante kam eben mit Licht und jetzt klärte sich Alles auf. Roland konnte sagen, daß er Erich nachgereist sei, denn er lasse nicht mehr von ihm. Die Mutter küßte Roland und weinte und schluchzte. Man hörte Schritte auf der Treppe. Erich trat ein. Roland hatte nicht die Kraft, sich vom Platze zu erheben, und Erich rief staunend: »Du hier?« Roland konnte kaum hervorbringen, was er gethan. Starr und irr schaute er drein, da Erich ihm so fremd gegenüber stand und nicht einmal die Hand reichte. Er berichtete kurz, was vorgefallen, er schien etwas von dem Unrecht zu erkennen, das er begangen; Erich sollte ihm nun helfen, Alles zu ordnen. Dieser erkannte die Aufregung des Knaben und suchte ihn zu beruhigen. »Bleib jetzt hier bei meiner Mutter,« sagte er, »ich muß sofort durch ein Telegramm Deine Eltern benachrichtigen. Ich komme bald zurück.« Eben als er gehen wollte, übergab ihm die Mutter noch einen eingetroffenen Brief, es war der ablehnende Brief Sonnenkamps. Erich überflog ihn nur, dann ging er eilig davon. Die Mutter faßte Roland nochmals in ihre Arme, aber Erich sagte kurz: »Ich gebe ein Telegramm an Herrn Sonnenkamp auf mit der Anfrage, ob er Roland abholen wolle oder ob man ihn bringen solle.« Als Erich wieder nach Hause zurückkehrte, fand er Roland auf dem Sopha eingeschlafen; nur mit großer Mühe war er zu erwecken, daß man ihn zu Bette bringen konnte. Lange saß Erich noch bei seiner Mutter und sprach davon, wie wundersam das Schicksal mit ihnen spielte. Die Mutter berichtete, wie sie auf dem Heimwege vom Kirchhofe von erdrückend schmerzlichen Gedanken überfallen worden. Das Antlitz Hermanns könne sie sich noch vergegenwärtigen und das war ja auch festgehalten in der Photographie, die mit einem Immortellenkranze eingerahmt in der Fensternische gerade über ihrer Nähmaschine hing; aber wie Hermann sich bewegte, wie er dahin schritt, wie er den Kopf mit den dichten braunen Haaren zurückwarf, wie er lachte, scherzte, liebkoste, der Klang seiner Stimme, der Turteltaubenton seines Lachens, das Alles verschwinde ihr – ihr, der Mutter. So sei sie des Weges dahin gegangen, sich gewaltsam das Lebensbild des Verstorbenen zurückrufend. So sei sie heimgekehrt, und da sei ihr eine Gestalt entgegengetreten ganz wie Hermann und habe ihr entgegengerufen: »Guten Abend, Mutter!« Sie sprach nun mit demselben Entzücken von Roland, das Erich empfunden hatte, als dieser ihn zum ersten Mal gesehen. Erich erzählte dagegen von den Bedingungen bei Uebernahme des Instituts, dann berichtete er von dem Anerbieten des Ministers. Er sollte in die Stelle eintreten, die dem Vater nicht geworden und die ihm, wer weiß, doch das Leben erhalten hätte. Dazu belastete ihn, daß er als Erbe und durch Gönnerschaft ohne persönliches Verdienst die Stelle erhalten solle. Die Momente waren selten, aber sie kamen doch, in denen die Mutter aus ihrer alten Gewohnheit heraus in manchen Empfindungen und Betrachtungen des Bürgerthums eine Aufsässigkeit und Widerspenstigkeit sah, die sie nicht billigen konnte. Bei ihrem Manne hatte sich das mild und nur selten gezeigt, in Erich aber war es lebendiger; er hatte jenes trotzig Anstürmende, das nur sich selber Ansehen und Macht verdanken will. Sie unternahm es nicht mehr, die Sinnesweise ihres Sohnes ändern zu wollen. Noch spät in der Nacht kam ein Brief von Clodwig, der die doppelte Summe, die Erich verlangt hatte, zur Verfügung stellte. Mitternacht war vorüber, als Mutter und Sohn noch beisammen saßen. Erich bat die Mutter, sich niederzulegen, er wolle warten, bis eine Antwort von Sonnenkamp käme. Erich saß lange einsam, Alles überdenkend. Er ging nochmals, kaum hörbar auftretend, nach dem Zimmer Rolands, der bei seinem Eintritt stöhnend »Erich!« rief, ohne aus dem Schlafe zu erwachen . . . Um dieselbe Stunde war große Bewegung auf Villa Eden; Greif, der Hund Rolands, war vor der Wohnung des Castellans angekommen und hatte so heftig gebellt, daß auch die andern Hunde mit einander zu bellen anfingen und Alles im Hause erwachte. Die Diener jammerten, denn Roland mußte verunglückt sein, da Greif allein heimgekehrt war. Auch Sonnenkamp war erwacht. Alles stand um den Hund, der wohl bellte, als man in ihn hinein redete, aber Niemand verstand, was er damit sagen wollte. Glücklicherweise kam bald das Telegramm von Erich, der bedachtsam dasselbe nach der Stadt gerichtet hatte, wo eine Nachtstation war. Sonnenkamp ließ den Major wecken, er mußte sofort mit ihm abreisen. Vierzehntes Capitel. Der Major saß mit Sonnenkamp in einem Bahnwagen erster Klasse auf einem Extrazuge. Zögernd und stotternd, mit einem schwermüthigen Blicke auf den zu seinen Füßen liegenden Hund Laadi sagte er: »Ich hab' viel erlebt, aber daß ich das auch noch erleben muß! Wenn wir's nur mit gesundem Leibe überstehen. Das heißt ja das Leben übermüthig aufs Spiel setzen . . . und man hat keine Vertheidigungswaffen!« »In Amerika fahren sie dreimal so schnell mit einem Extrazug,« entgegnete Sonnenkamp. Er schien eine geheime Lust darin zu finden, dem Major zu zeigen, daß es noch einen Muth gebe, der ganz anders sei, als der auf dem Schlachtfelde. Er wußte von Wettfahrten zu erzählen, die man in Amerika angestellt. Als man jetzt an einer Station Wasser einnahm, verabschiedete sich Sonnenkamp beim Major und sagte, er gehe auf die Locomotive, er müsse wieder einmal versuchen, wie sich's da fahre. Der Major saß mit der Laadi allein in dem einzigen Wagen, der der Locomotive angehängt war, er starrte immer hinaus, wo Bäume, Berge, Dörfer wie vom Wirbelwind geworfen, vorbeiflogen, und er dankte Gott, daß Fräulein Milch nichts davon wisse, wie er sich dazu verstanden habe, mit Herrn Sonnenkamp solch eine tolle Fahrt in einem Extrazug zu machen. Und warum eilt der Mann so? Manchmal war er karg auf den Kreuzer und so bescheiden, wollte kein Aufsehen erregen, man sollte ihn nicht merken; manchmal war er dagegen verschwenderisch, warf das Geld hinaus und that Alles, um die Blicke der Menschen auf sich zu ziehen. Der Major verstand den Mann nicht. Also auch Locomotivführer ist er gewesen; was mochte der nicht Alles gewesen sein! »Ja, Laadi,« sprach er zu dem Hunde, »komm, leg' dich nur neben mich; ja, Laadi, das haben wir nicht denken können, daß wir das erleben müssen. Wenn wir's auch nur wirklich überleben. Ja, Laadi, sie trauert auch um dich, wenn wir todt sind.« Der Hund knurrte in sich hinein, er war gewiß auch ingrimmig gegen den tollkühnen Sonnenkamp. Immer wilder wurde die Fahrt; man jagte über Böschungen dahin nahe dem Strom, jeden Augenblick glaubte der Major, daß die Locomotive entgleisen und mit dem Wagen zertrümmert ins Wasser stürzen müsse; es überkam ihn eine solche sichere Erwartung des nahen Todes, daß er die Füße gegen den Rücksitz stemmte und still in sich hineindachte: »Nun komm, Tod. Ich habe mit Willen Niemand auf der Welt Böses gethan und für Dich, liebe Rosalie, ist ja auch so weit gesorgt, daß Du nicht Noth leidest. Aber hart ist's . . . sehr hart . . .« Thränen beizten ihm die geschlossenen Augen, es kämpfte in seinen Mienen, er wollte die Thränen unterdrücken; er starb doch nicht gern und dazu so ohne Noth. Er öffnete die Augen und ballte die Fäuste in Aerger; diese Extrafahrt ist eigentlich unnöthig; man wußte ja Roland gut aufgehoben. Aber so ist dieser wilde Mann! Der Major war sehr ingrimmig auf Sonnenkamp und noch mehr auf sich, daß er sich zu dem tollen Streiche hatte verleiten lassen. Jetzt war all sein Heroismus dahin, er war mit der Sache nicht einverstanden, er hatte sich übertölpeln lassen, das schickt sich nicht mehr für ihn; Fräulein Milch hat Recht, er ist schwach, er kann nicht Nein sagen. So oft er hinausschaute, wirbelte es ihm vor den Augen. Er fand einen glücklichen Ausweg; er setzte sich auf den Rücksitz. Da sieht man nur, was vorüber ist und nicht was kommt. Aber das war noch schrecklicher, da sieht man erst recht die scharfen Curven, die die Bahn macht, und die Wagen legen sich schräg, wie um zu stürzen. Und jetzt traten wirklich Thränen aus den Augen des Majors. Er dachte an die Trauerloge, die für ihn gehalten wird, er hörte die Klänge der Orgel, die Lieder, und er sagte vor sich hin: »Ihr lobt mich mehr als ich verdiene, aber ein guter Bruder bin ich gewesen. Gott ist mein Zeuge, daß ich's sein wollte! Und vergeßt mir meine Rosalie nicht. Haltet sie in Ehren, sie verdient's.« Der Wagen rollte wieder regelrecht dahin und der Major tröstete sich damit, daß auf dieser Bahn noch kein Unglück geschehen. Aber nein, fuhr er in Gedanken fort, vielleicht fährt man sicherer auf einer Bahn, wo schon einmal ein Unglück geschehen; die Leute hier sind zu sorglos und du mußt nun das erste Opfer sein. Was wol Fräulein Milch für gefährlicher hält? Eine Bahn, die schon Unglücksproben bestanden, oder eine solche, die sie erst zu bestehen hat? Ich muß mir's merken, daß ich ihr diese Frage vorlege. Nun hatte er Alles überwunden, er wurde so frei und kühn, daß er seine eigene Aengstlichkeit verspottete, und dachte: Der Millionär auf der Locomotive hat ein viel reicher ausgestattetes Leben, er würde es nicht aussetzen, wenn dabei etwas zu gefährden wäre. Der Hund mußte die Gefahr der schnellen Fahrt verspüren, er zitterte immer und schaute seinen Herrn ängstlich an. »Bist auch ein Frauenzimmer und fürchtest Dich!« schalt ihn der Major. »Fasse Muth! . . . Bist doch sonst nicht so feig. Komm! So . . . so . . . leg Dich auf meinen Schooß. Weiß schon . . . weiß schon,« lächelte er, als der Hund ihm die Hand leckte. Und mitten aus der Angst heraus freute sich der Major bereits, wie er in wenigen Tagen in seiner ruhigen Laube im Garten Fräulein Milch von der überstandenen Gefahr erzählen wird. Er streichelte die Laadi und erzählte innerlich im Voraus alles Ueberstandene. Man kam auf der Station an, wo die Bahn sich nach der Universitätsstadt abzweigt. Hier, hieß es, könne kein Extrazug gegeben werden, da nur ein einfaches Geleise und dieses besetzt sei. Man mußte eine Stunde bis zum nächsten regelmäßigen Zuge warten. Sonnenkamp wetterte und schalt über die verhockten Europäer, die die Eisenbahn noch gar nicht zu gebrauchen wüßten; er hatte ja telegraphisch sich freie Bahn bestellt. Es half nichts. Der Major stand am Bahnhof und dankte Gott, daß Alles noch fest gefugt sei. Er ging landeinwärts, er begrüßte die hohen Aehrenfelder, die so still standen und gediehen und sich von keiner Locomotive aus ihrer ruhigen Ordnung bringen ließen; er freute sich, zum ersten Male in diesem Jahre die Wachtel schlagen zu hören, die in den Weinberg-Gegenden keine Heimat hat, er schaute den Lerchen nach, die singend zum Himmel aufstiegen. Ein Zug war in den Bahnhof eingefahren und hielt still. Der Major hörte schönen Männergesang; er fragte Umstehende und erfuhr, daß viele aus dem Stationsdorfe, die bereits im Zuge saßen, nach Amerika auswanderten. Er sah Mütter weinen, Väter still nicken und in die Lippen beißen. Während die still stehende Locomotive Dampf auszischte, standen viele Burschen auf der Bahnlände in einem Trupp beisammen und sangen den davonziehenden Kameraden Abschiedslieder nach. Sie sangen mit bewegter Stimme, hielten sich aber im Tacte. Das wird Fräulein Milch freuen, wenn ich es erzähle, dachte der Major und gesellte sich zu den Daheimbleibenden, ihnen Trost zusprechend; er ging zu den Auswanderern und ermahnte sie, gute Deutsche zu bleiben in Amerika. Unter Weinen rief ein alter Mann: »Was wartet Ihr denn noch? Macht, daß es fortgeht!« Die andern schalten über den grausamen Menschen, aber der Major sagte: »Nehmt's ihm nicht übel, er kann nicht anders, es thut ihm zu weh.« Der alte Mann nickte dem Major zu und alle Anderen sahen ihn staunend an. Unterdeß war der Localzug angekommen, mit dem man auf der Zweigbahn abfahren sollte. »Herr Major! Herr Major!« schrieen Schaffner von verschiedenen Seiten und schrie Sonnenkamp. Mit großer Mühe gelang es, den Major auf die andere Seite des Zuges zu bringen. Halb lächelnd, halb scheltend sagte ihm Sonnenkamp: »Sie sind wie ein Kind, Sie lassen sich von allen Begegnissen auf dem Wege zerstreuen und vom Ziele ablenken.« »Ja, ja,« lachte der Major – er hatte wieder sein volles Lachen – »Fräulein Milch sagt mir das auch oftmals.« Er erzählte Sonnenkamp von dem rührenden Abschied der Auswandernden und Zurückbleibenden, aber Sonnenkamp schien keinen Sinn dafür zu haben. Ja, als der Major sagte, daß die Freimaurer sich alle Mühe geben, den Seelenverkäufern, die die Auswanderer betrügen, das Handwerk zu legen, und auch da noch schwieg Sonnenkamp. Man kam in der Universitätsstadt an. Niemand war da, der sie erwartete. Sonnenkamp war sehr unwillig . . . Im Hause der Professorin saß man beim Frühstück. Roland trank seinen Kaffee aus der Tasse, worauf der Name Hermann stand, und Erich sagte, man müsse in einer Stunde am Bahnhofe sein, da Herr Sonnenkamp wol mit dem Courierzuge kommen würde, denn daß er mit dem Localzug kam, der keinen Anschluß von Westen her hatte, war nicht vorauszusehen. Eben als Erich dies sagte, klopfte es an und der Major trat zuerst herein, hinter ihm Sonnenkamp. »Da ist ja unser Teufelsjunge!« rief der Major. »Da ist ja der Deserteur!« Die peinliche Stimmung der ersten Begegnung war damit gebrochen. Roland saß starr, Erich ging Sonnenkamp entgegen; jetzt wendete er sich zu dem Knaben und sein Blick ermahnte und ermuthigte ihn. Roland stand langsam auf, ging zögernd zu seinem Vater und sagte mit stockender Stimme, er habe nicht anders gekonnt und bitte, der Vater möge ihm verzeihen. Sonnenkamp reichte ihm still die Hand und sagte dann zu den Anderen, wie ihn dieser kecke Streich des Knaben eigentlich freue, er zeige Muth, Entschlossenheit und Selbstführung. Roland sah staunend auf seinen Vater, er faßte nochmals seine Hand und hielt sie fest. Erich bat den Major und Sonnenkamp, mit ihm in das Bibliothekzimmer zu gehen, und hier sagte er Herrn Sonnenkamp offen, daß er sein Verfahren nicht begreife; er habe die Eigenwilligkeit Rolands offen gelobt, das gebe eine schwere Stellung für die Erziehung. Sonnenkamp lächelte und gab in halben Worten zu verstehen, daß er absichtlich Roland vom Inhalte des ablehnenden Briefes unterrichtet habe, um ihn zu einer kecken That zu veranlassen. Er weidete sich an den erstaunten Blicken Erichs und am Kopfschütteln des Majors, der ihm sagen wollte, wie dann die bis zur Raserei gesteigerte Unruhe des Vaters zu begreifen wäre. Sonnenkamp aber hatte nicht nur seine Lust, die Menschen zu verwirren und mit ihnen zu spielen, er wollte auch Erich den Stolz und die Uebermacht benehmen, daß er Roland und durch ihn das ganze Haus beherrsche. Erich erzählte nun von den Plänen und Aussichten in der Residenz und daß er jedenfalls Bedenkzeit haben müsse. Er bat, daß Sonnenkamp ihm Roland in die Hauptstadt gebe, es wäre das Beste, wenn Roland in Gemeinschaft mit anderen erzogen würde, und er wolle für gute Gemeinschaft sorgen. Sonnenkamp preßte die Lippen in die Finger und sagte dann: »Davon kann nie die Rede sein, mir fehlt der Athem, wenn ich das Kind nicht um mich weiß. Ich muß deßhalb bitten, kein Wort mehr hievon. Ich sehe die Schwierigkeit wohl,« setzte er hinzu, »Roland Jemand Anderem zu übergeben als Ihnen; ich habe den Mann, der bei mir eingetreten war, bereits entlassen.« Er brach rasch ab, ließ Erich und den Major allein und ging zu den Frauen. Fünfzehntes Capitel. Roland saß bei der Tante im Erker vor einem großen Buche; es waren Umrißzeichnungen griechischer Sculptur. Jetzt schaute der Knabe auf und rief: »Vater, denke Dir, Herr Erich muß die ganze schöne Bibliothek seines Vaters verkaufen; da ist kein Blatt, das nicht von seinem Vater beschrieben ist, und das soll nun in fremde Hände kommen.« »Es wäre mir lieb,« sagte Sonnenkamp, sich an die Tante wendend, »wenn Sie mit meinem Sohn einen Spaziergang machen wollten; ich habe mit der Frau Professorin zu sprechen.« Roland ging mit der Tante davon. Sonnenkamp fragte nun die Professorin, ob es wahr sei, was der Knabe gesprochen. Die Professorin bejahte mit dem Zusatze, daß die Gefahr vorüber sei, denn Graf Wolfsgarten habe das nöthige Geld geschickt. Als Sonnenkamp den Namen und die Summe hörte, sagte er, er gestatte Niemand das Recht, Erich in Geldsachen auszuhelfen; er beanspruche das für sich, auch wenn Erich sich ihm entziehe. Er stand vor dem Blumentisch, der wohlgepflegt und geordnet, mit einer künstlichen Vorrichtung schön pyramidalisch aufgebaut war. Er lenkte das Gespräch auf die Botanik, Erich hatte ihm ja erzählt, daß die Mutter davon Kenntniß habe. Nicht ohne Geschick und Theilnahme wußte er dann das Gespräch auf die Vergangenheit der Professorin zu lenken. Er fragte, ob die Professorin nicht Lust hätte, einmal an den Rhein zu kommen. Sie erwiderte, daß sie dies wohl möchte, besonders wünschte sie, noch einmal eine Jugendfreundin zu sehen, die Oberin im Inselkloster sei und der Erziehungsanstalt vorstehe. »Sie stehen der Oberin so nahe?« sagte Sonnenkamp, es ging etwas in ihm vor, was er sich noch nicht klar machen konnte, aber er prägte sich diese Beziehung zu späterer Benützung ein. Die Professorin berichtete nun von ihrem Leben als Hofdame: »Ich hatte nicht nur das Glück und die Ehre, die vielfachen Wohlthätigkeits-Anstalten, deren Protectorin die Fürstin war, mit ihr und noch öfter in ihrem Namen und Auftrage zu besuchen und zu beaufsichtigen; weit wichtiger, oft sehr traurig, aber mit der größten Herzerquickung gesegnet war mein Beruf, diejenigen zu besuchen oder Forschungen über sie anzustellen, die sich mit Bitten um Unterstützung, oft in herzzerreißendem Hülferuf an die Fürstin wendeten. Der größte Theil der Briefe war mir zur Berichterstattung und Beantwortung übergeben. Das war ein schweres, aber auch gesegnetes und erhebendes Amt.« Als die Frau so sprach und dabei die zarte feine Hand aufs Herz legte, leuchtete ihr Antlitz. »Dürfte ich Ihnen, edle Frau, einen Ersatz bieten, wenn Sie sich dazu bestimmen ließen, in unserer Nähe zu leben?« Die Frau sah ihn groß an und er fuhr fort: »Ich bin kein Fürst, aber ich bin vielleicht nicht weniger mit Bettelbriefen überfluthet.« Sonnenkamp versetzte die Frau im Geiste sofort in seine schönen Gemächer, wo sie die Honneurs des Hauses machte. Roland hatte während des Gesprächs an der Hand der Tante das Zimmer verlassen; jetzt trat er mit Erich und dem Major ein, er hielt einen großen Brief mit einem Siegel des Cultusministeriums in der Hand und sagte: »Bitte, Tante, laß mich reden.« Alle staunten über das Aussehen des Knaben, der, den Brief erhebend, nun zu Erich gewendet, erklärte: »Die Tante hat mir vertraut, daß hier Dein Anstellungsdecret sein kann. Du sollst Director werden zur Erhaltung der schönen Statuen des Alterthums. Erich! Erz und Marmor bedürfen Deiner nicht, und wenn Du dort sein wirst unter den Figuren, wird's Dich frieren und mich wird's frieren immer und ewig, wenn Du mich verlässest. Erich, thue es nicht. Bleib bei mir, ich will bei Dir bleiben. Verlaß mich nicht . . . verlaß mich nicht!« Erich ging auf Roland zu, reichte ihm die Hand und sagte: »Ich bleibe bei Dir, komme was da wolle.« Das Schreiben wurde geöffnet, es enthielt den Ausdruck des Bedauerns, daß die Stelle bereits an einen jungen Mann von Adel vergeben sei. Sonnenkamp bat, daß man ihm das Schreiben überlasse, er brauche es vielleicht als Document gegen die Feinde Erichs, die ihm die Abneigung des Hofes andichteten. Und nun verlangte er, daß Mutter und Tante sofort mit nach Villa Eden übersiedelten; aber Erich verneinte entschieden. Er für sich habe zugesagt, aber Mutter und Tante dürften nicht vor dem Herbste kommen; er müsse sich zuerst mit Roland allein in die Verhältnisse des Hauses eingefügt haben. Niemand war glücklicher, daß sich Alles so gut gewendet hatte, als der Major. Man wollte noch heut abreisen. Der Major versprach, daß er und Fräulein Milch der Mutter und Tante in Allem helfen wollten, wenn sie später übersiedelten; es ging nicht anders, Fräulein Milch mußte in Allem erwähnt werden. Nun bat er um eine Stunde Urlaub, er habe hier in der Universitätsstadt Freunde zu besuchen, die er persönlich noch nicht kenne. Als der Major weggegangen war, sagte Sonnenkamp in wohlwollendem Gönnertone, der Major habe wol Brüder Freimaurer zu besuchen. Auch Erich sagte, daß er gehen müsse, um von einem Manne Abschied zu nehmen. Er ging zu Professor Einsiedel. Der Professor war immer gleichmäßig zu freundlicher Ansprache bereit, aber auch stets gleichmäßig ärgerlich, wenn man vergaß, in welcher Stunde er sein Collegium las, und kam man etwa eine halbe Stunde vorher, konnte er sehr zornig sein. Sein Zorn bestand darin, daß er sagte: »Aber lieber Freund! Wie können Sie das vergessen, Sie wissen ja, daß ich um zwei Uhr lese und jetzt mit Niemand sprechen kann. Nein, ich muß sehr bitten . . . sehr . . . sehr . . . bitte, merken Sie sich doch, wann ich lese.« Und dabei drückte er die Hand mit großer Güte. Als Erich sagte, daß es nichts nütze, wenn er sich das auch für später merke, denn er reise heute ab, ließ sich Einsiedel die Stunde angeben, wann der Zug abgeht; er käme vielleicht noch zu ihm, er verspreche es nicht gewiß, denn wenn er es versprochen habe, störe es ihn in seinem Vortrag. Erich ging davon. Der Professor begleitete ihn bis zur Thür, zog sein schwarzes Käppchen ab und entschuldigte sich, daß er ihm nicht das Geleite die Treppe hinab gebe. Mit den Worten: »Ich bitte sehr . . . sehr . . . ich lese um zwei Uhr,« kehrte er in seine Stube zurück. Erich wußte sicher, daß der Professor ihn noch besuchen werde. Als man am Bahnhofe zur Abreise bereit stand, erschien auch Professor Einsiedel; das war sehr viel, denn das schmächtige Männchen hatte seine Tagesordnung unterbrochen. Erich stellte ihm den Major und Sonnenkamp vor. Sonnenkamp hatte kein rechtes Wort für ihn und auch der Major konnte trotz seiner Menschenliebe die Wendung nicht finden, mit der er sich freundlich gegen diese zarte, gebrechliche Erscheinung benehmen sollte, da ihm Erich den Mann als seinen Lehrer und Meister vorstellte. Roland dagegen faßte in herzlicher Freude die zarte Kinderhand des Männchens und sagte: »Sie sind mein Großlehrer; Herr Dournay wird ja mein Lehrer und Sie sind sein Lehrer, und wenn Sie einen Hund haben wollen, schicke ich Ihnen einen.« Professor Einsiedel dankte für das Geschenk des Hundes und sagte, er liebe es nicht, im Geräusche Abschied zu nehmen, er sage daher Lebewohl, bevor der Zug ankomme. Erich schaute dem Männchen nach, wie es davon ging und sich die Kinderhand an dem Rock rieb, die Roland wol etwas zu stark gedrückt hatte. Der Zug brauste heran. Der Abschied war rasch; Roland küßte Mutter und Tante wiederholt und Sonnenkamp küßte der Mutter die Hand. Im Wagen neigte sich der Major zu Erich und sagte ihm leise ins Ohr: »Ich habe auch etwas von Ihrem Vater erfahren.« »Was denn?« »Es ist gut für Sie und für mich. Ihr in die ewige Heimat eingegangener Vater gehörte auch zu unserem Bruderbunde. Sie haben das Recht und ich habe die Pflicht, Ihnen Beistand zu leisten.« Und nun erzählte der Major die Schrecken der Extrafahrt; das Knattern hätte gar keinen Tact mehr gehabt, es wäre nur ein einziges Brummen gewesen. Er wußte das sehr deutlich nachzuahmen und behauptete, so sei noch Niemand gefahren und so werde vielleicht Niemand mehr fahren, so lange Europa mit Eisen beschlagen sei, denn Herr Sonnenkamp habe amerikanisch geheizt. Auf der nächsten Station nahm er Erich bei Seite und fragte, ob er ein Festes in Bezug auf Gehalt und Entschädigung nach Entlassung und eine Pension nach Vollendung der Erziehung ausgemacht habe. Erich behandelte diese Angelegenheit leichthin und der Major gab ihm zu verstehen, daß er Vollmacht gehabt, ihm jede Forderung zu bewilligen. Er ermahnte Erich, jetzt, da das Eisen noch glühend, es zu schmieden. Erich aber schien gar nicht darauf einzugehen, der Major ließ ab und murmelte lächelnd vor sich hin: »Da sagt nun Fräulein Milch immer, ich sei unpraktisch; und da ist ein Mann, der so viel gelernt hat und sich siebenmal zu drehen und zu wenden weiß, ehe ich Einmal aufstehe, und der ist weit weniger praktisch als ich.« Der Major war fast froh, daß Erich so unpraktisch sei, er konnte es ja dann Fräulein Milch erzählen. An der vorletzten Station löste man den Brillantring ein und Erich sagte zu Roland: »Laß den Ring Deinem Vater, ich wünsche, daß Du fortan keinen Ring mehr trägst.« Roland gab seinem Vater den Ring und der Major brummte in sich hinein: »Der hat ihn! Der hat ihn auf Trense und Cantare!« Es war Abend geworden, als man an dem rebenumrankten Häuschen vorüberfuhr. Mit glänzendem Gesicht nickte Roland Erich zu, ihm das Häuschen zeigend; er sprach kein Wort. Man fuhr in Villa Eden ein; ein Luftstrom von Rosenduft kam den Fahrenden entgegen. »Wir haben ihn!« rief der Architekt vom Burgbau dem Major, als er ausstieg, zu. »Wen denn?« »Wir haben den Brunnen auf der Burg gefunden.« »Und wir haben den da auch!« rief der Major, auf Erich deutend . . . Von diesem Tage an begann der Major viele seiner Geschichten mit den Worten: »Das war damals, als ich mit Herrn Sonnenkamp im Extrazug fuhr.« Fünftes Buch. Erstes Capitel. Die Rosen im Garten waren aufgebrochen in der Frühlingsnacht und in der Seele des Jünglings Blüthen unnennbarer Art. Behend eilte Roland durch das Haus zur Mutter, diese aber war so angegriffen, daß er sie jetzt nicht sehen durfte. Er vergaß, wie Fräulein Perini ihm so fremd geblieben war und verkündete ihr mit Jubel, daß Erich da sei und da bleibe; sie solle es nur der Mutter sagen. »Und nach dem Chevalier fragen Sie gar nicht?« »Nein, er ist fort, ich weiß es.« Einen ersten Stoß erhielt die Freude Rolands, da Fräulein Perini sagte, es lasse sich noch nicht ermessen, welch ein unüberwindliches Leid die Mutter von dem Schmerz um die Flucht Rolands behalten werde. Der Knabe stand still, aber er war der Zuversicht, daß jetzt Alles gut wird; die ganze Welt muß gesund und schön sein. Im Hofe traf er Joseph und theilte ihm in fröhlichen Worten mit, daß er nun auch seine Heimatstadt kenne; den Bedienten allen winkte er zu, er grüßte die Pferde, die Bäume, die Hunde, Alle sollten wissen und sich dessen freuen: Erich ist da. Staunend sahen die Diener auf Roland, Bertram, der Kutscher, zog mit beiden Händen seinen langen Bart durch die Finger und sagte: »Der junge Herr hat in den zwei Tagen eine Mannesstimme bekommen.« Lächelnd setzte Joseph hinzu: »Ja wohl, ein Tag auf der Universität hat einen andern Menschen aus ihm gemacht.« In der That, Roland war ein Anderer geworden. Er kam in die Heimat zurück wie von einer Reise übers Meer, ja wie aus einer ganz andern Welt; er konnte es noch nicht fassen, Alles schien verändert, heller beleuchtet. Erich hatte den Wunsch ausgesprochen, daß er mit Roland gemeinschaftlich in den Zimmern des Thurmhauses wohne, die vom Getriebe des Hauses entfernt waren und freien Ausblick über Strom und Landschaft gewährten. Er fühlte sich hier wohl und frei, und als nun Roland zu ihm kam, gab er seine Freude kund über die Schönheit und Ruhe, in der sie hier lebten; Roland aber bat: »Gib mir etwas zu thun, etwas recht Schweres; denk' Dir etwas aus.« Erich erkannte die Erregung, die in dem Knaben vorging; mit großer Ruhe ihn neben sich setzend, faßte er seine Hand und sagte, daß das Leben nur selten eine einzige That biete, an der man die ganze Kraft seines Willensmuthes aufbieten könnte; sie wollten ruhig und stetig arbeiten und einander immer einsichtiger und besser machen. Nun richteten sie sich wohnlich ein und Roland half dabei mit allerlei Handreichung. Als vorläufige Ordnung hergestellt war, ging Erich mit Roland auf die Plattform des Thurmes. Hier saßen sie und schauten lange still ringsum. Ehedem hat man Burgen auf die Höhe gebaut zu Kampf und Fehde und zum Ausraub der Menschen, die die Straße ziehen; wir aber arbeiten mit den Naturkräften, suchen Reichthümer zu gewinnen und dann ziehen wir hinaus und stellen unsere Wohnung auf eine Anhöhe, in ein liebliches Thal, und wollen nichts als die ewige Schönheit empfinden, die Niemand etwas raubt. Der große Strom wird zur Straße, daran sich die Landhäuser arbeitsamer und edel denkender Menschen aufreihen. Die Geschlechter nach uns werden sagen müssen: damals fing man an, der Natur zu huldigen wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit; das ist eine neue Andacht, wenn sie auch noch keine Form hat und vielleicht keine gewinnen soll. Erich erzählte: als er, zum ersten Mal auf dem Rigi stehend, die Sonne aufgehen sah, habe er sich ausdenken wollen, ob es nicht ein Etwas gebe, das man zum gemeinsamen Ausdruck der Naturandacht für alle hier aus den verschiedenen Völkern Versammelten machen könne. Er habe einsehen gelernt, daß es nicht möglich und auch vielleicht nicht nöthig sei; die Natur und die Freude an ihr gebe Jedem seine eigene, an keine Gemeinschaft gebundene Empfindung und Andacht. Dann das Glück preisend, im eigenen Hause auf einem selbst errichteten Thurme die Schönheit der Erde in sich aufzunehmen, legte er dar, wie der Reichthum, das Streben nach ihm, der Besitz desselben eine große sittliche Grundlage werden könne. Der Reichthum, erklärte er, ist ein Ergebniß der Freiheit, der ungehinderten Kraftbewegung, und soll wieder zur Freiheit werden. Roland saß lange still, dann sagte er: »Wir Zwei wohnen auf einer Insel, und wenn ich einmal auf der Burg wohne, mußt Du auch bei mir sein. Weißt du, was ich mir noch wünsche?« »Nein.« »Manna sollte bei uns sein. Glaubst Du nicht, daß auch sie jetzt an uns denkt?« »An mich wol nicht.« »Doch, doch; ich habe ihr von Dir geschrieben und heute Abend schreibe ich wieder und erzähle ihr Alles.« Erich wußte nicht, was er thun sollte. Sollte er den Knaben abhalten, der Schwester von ihm zu schreiben? Er wollte die Unbefangenheit Rolands nicht stören. Zweites Capitel. Roland schrieb auf seinem Zimmer und sagte manchmal die Worte, die er schrieb, vor sich hin. Erich saß still und starrte in die Lampe. Was nützt jetzt aber alles Sinnen? Er sah auf die Bücher, die er ausgepackt hatte; es waren nur wenige. In der letzten Viertelstunde war er noch einmal in das Arbeitszimmer des Vaters gegangen und hatte dessen hinterlassene Papiere verschlossen, und indem er die Bibliothek überschaute, nahm er ein Buch heraus; es war der erste Band der schönen Sparks'schen Ausgabe von Benjamin Franklins Werken. Dieser Band enthielt die Selbstbiographie und deren Fortsetzung. Einige Blätter waren eingeheftet, von der Hand des Vaters beschrieben. Jetzt las Erich die Worte des Vaters. Sie lauteten: »Seht her! hier ist ein echter Mensch, das Genie des gesunden Verstandes und des festen Willens. Elektricität ist stets in der Luft, aber nicht immer sammelt sie sich und wird zum Blitz, der die Atmosphäre läutert. Das Genie ist die in der Luft des Geistes angesammelte und frei gewordene Elektricität. Kein Philosoph, kein Dichter, kein Staatsmann, kein Handwerker, kein Gelehrter von Profession und doch Alles das zugleich; ein Sohn der Mutter Natur und der Amme Erfahrung, der ohne wissenschaftliche Führung im Walde die Heilkräuter selbst findet. Wenn ich einen Jüngling zu erziehen hätte, nicht zu einem bestimmten Beruf, sondern nur, daß er ein wahrer Mensch und guter Bürger würde, ich würde zu ihm sprechen: Mein Sohn, hier sieh, wie ein Mensch sich selbst bilden kann; ahme ihm nach, werde Du in Dir, wie Benjamin Franklin in sich geworden.« Erich stützte das Kinn in die Hand und schaute hinaus in die dunkle Nacht. Er meinte, er müsse die Stimme des Vaters vernehmen, wie er nicht schrieb, sondern sprach. Er las weiter: »Wohl ist es gut, daß wir uns bilden an den ersten Menschen der alten Welt, aus der Zeit des zeugungskräftigen, elementarischen Daseins; die Gestalten der Bibel und Homers sind nicht Schöpfungen eines einzelnen hochbegabten Geistes, sie sind Gebilde urthümlicher gesammter Nationalgeister und gehen weit über die Spanne eines Menschenlebens hinaus. Verstehe mich wohl. Ich sage, es gibt in der neuen Geschichte keinen zweiten Menschen, an dessen Leben und Denken sich ein Mensch unserer Tage so heranbilden ließe, wie an Benjamin Franklin. Warum nicht Washington, der so groß und rein ist? Washington war Soldat und Staatsmann, aber er hat die Welt nicht in sich entstehen lassen und nicht aus sich gefunden. Er hat durch Beherrschung und Lenkung Anderer gewirkt, Franklin durch Lenkung und Beherrschung seiner selbst. Wenn die Zeit kommt, wo man von Schlachten sprechen wird, wie wir heut von Menschenfressern; wenn die ehrliche, fleißige, menschenfreundliche Arbeit die Geschichte der Menschheit bildet, dann wird ein Mann wie Franklin neu erstehen. Moses, Jesus, Muhamed erschien Gott in der Einsamkeit der Wüste, Spinoza erkannte ihn in der Einsamkeit der Studirstube, Franklin in der Einsamkeit auf dem Meere und im Ringen mit der Arbeit. Die Welt würde nicht besonders viel Schönheit haben, wenn alle Menschen wären wie Franklin, seinem Wesen fehlt jeglicher romantische Duft; aber die Welt würde in Rechtschaffenheit, Wahrhaftigkeit, Arbeit und Hülfeleistung leben. Jetzt sagen sie Liebe und freuen sich ihrer schönen Gefühle, aber ihr dürft nur von Liebe reden, wenn ihr jene vier bethätigt habt. In Franklin ist etwas von Sokrates und besonders wohlthuend wirkt sein Humor; er läßt uns auch herzlich lachen. Franklin ist gute Prosa, verständig, durchsichtig, haltbar. Wir haben in der Welt nicht Genies zu erziehen. Jedes Genie erzieht sich selbst und kann keinen andern Erzieher haben. Wir haben gediegene, thatkräftige Bürger zu bilden. Was Du sonst noch machst, ob Schuhnägel oder Marmorstatuen, das ist nicht mein, das ist Dein. Wir werden nie gerecht gegen die Welt, wenn wir nicht an Reinheit glauben, an die edelsten Motive; das innerste Menschenthum offenbart sich uns sonst nie. Es gibt keinen bessern Halt gegen die Anfechtungen, als der Glaube an das Gute, das Andere thun und das man selbst zu thun hat; das gibt eine innere Marsch-Melodie, nach der sich's leicht und frei durch den Kampf des Lebens marschirt. Das ist das Günstige und Auszeichnende im Leben Franklins, daß er der erste selfmade man. Wollten wir dem Alterthum gleich eine mythische Gestalt bilden für jene Welt, die sich Amerika nennt, von Europa die Götter – ich meine, die geschichtlichen Ideen mitbrachte und doch frei ein eigen Leben aufbaute – wollt ihr eine Menschengestalt für diesen Gedanken, da steht Benjamin Franklin. Er war voll Wissens und Niemand hatte ihn gelehrt, er war voll Religion und hatte keine Kirche, er war ein Menschenfreund und doch ein kluger Kenner ihrer Bosheit. Er hat den Blitz zu leiten verstanden, nicht nur den aus den Wolken, sondern auch den aus den Gewitterleidenschaften des Menschengemüths; er hat jene Klugheitsregeln gefaßt, die gegen Zerfahrenheit sichern und zur Selbstführung reif machen. Warum ich ihn aber zum Führer in der Erziehung eines Menschen nehmen möchte, ist das: er stellt den einfachen gesunden Menschenverstand dar, den festen und sichern, nicht den genial überraschenden, aber den bürgerlich, politisch, wissenschaftlich und sittlich, ruhig und stetig wohlführenden. Luther war der Besieger des Mittelalters; Franklin ist der erste moderne, sich selbst aufbauende Mensch. Franklin hat keine neuen Grundsätze in die Welt gebracht, aber er hat das, was ein ehrlicher Mensch in sich finden kann, rein ausgestaltet. Was Franklin ist und gibt, hat nichts Besonderes, nichts Aufregendes, Berauschendes, Geheimnißvolles, nichts farbig Glänzendes, Blendendes; es ist das Wasser des Lebens, dessen alle Creatur bedarf. Der Mensch des vergangenen achtzehnten Jahrhunderts hatte keinen Sinn für das Volksthum, konnte ihn nicht haben; das war ein Drängen und Treiben aus dem freien Gedanken heraus bis zur Spitze am Schlusse des Jahrhunderts, bis zur Revolution. Die in ihr schaffen, stehen dem Historischen, Gewordenen fremd und feindlich gegenüber, mindestens unabhängig. Franklin ist der Sohn dieses Jahrhunderts, er kennt nur die dem Menschen eingebornen Kräfte, nicht die ererbten.« Mit blasser Tinte, offenbar später, war geschrieben: »Es ist nicht Zufall, daß dieser erste nicht nur freie – denn das waren viele Philosophen – sondern auch freithätige Mensch ein Schriftsteller und Buchdrucker war. Im Bücherthum liegt nicht das Heldenthum – ich glaube, daß die Zeit des Heldenthums vorüber ist – sondern das Menschenthum der neuen Zeit. Weil wir durch Bücher wirken, kann keine große persönlich erlösende Erscheinung mehr kommen.« Am Schlusse mit lateinischen Lettern und mit blauer Tinte war geschrieben: »Abstracte Regeln bilden keinen Menschen und schaffen kein Kunstwerk. Der lebendige Mensch und das organisirte Kunstwerk enthalten alle Regeln, wie die Sprache alle Grammatik. Wer die echten Menschen, die vor ihm waren, so kennt, daß sie neu in ihm aufleben, der tritt ein in ihre Reihen; er betritt den heiligen Boden, der geweiht ist durch die Vorgänger, die ihn betraten. Wer an der Staaten und Gesellschaftsbildung seiner Zeit Theil nimmt, ein Amt führt, Gesetze gibt, und wer inmitten der Wissenschaft seiner Zeit steht, der veraltet im Laufe der Neubildung, die ihm nachfolgt; er ist nicht urbildend Muster für die Zukunft. Das ist nur der, der die ewigen Gesetze des Menschengeistes, die von Uranfang und in aller Zeit sich gleich bleiben, neu erkennt, aufhellt, bestimmt und faßt; darum ist auch Franklin nicht Muster , sondern mehr Methode .« Und nun kamen zuletzt die Worte, die zweimal unterstrichen waren: »Mein letzter Satz heißt: Organisches Leben – abstracte Gesetze! Man kann aus Korn Branntwein, aber aus Branntwein kein Korn machen. Wer das versteht, hat Alles, was ich zu sagen weiß.« So hatte Erich gelesen und jetzt lehnte er sich zurück und dachte sich hinein in die Seele des Vaters und in seine oft nur halb ausgesprochenen Gedanken, die noch durch Fragezeichen und Randbemerkungen offenbar zu weiterer Erwägung gestellt waren. Erich fühlte sich wie auf einer Bergeshöhe. Er öffnete das Fenster und schaute lange hinaus in die Nacht. Die Luft war voll Rosenduft, der Himmel voll Sternenglanz; nur noch einzelne Nachtigallen sangen, und in der Ferne, wo ein Stück des Rheins abgedämmt war, lärmten die Frösche durcheinander. Jetzt hörte er, wie eine Männerstimme – es ist die Stimme Pranckens drunten auf dem Balkon – laut sagte: ». . . zu viel Wichtigkeit! Eigentlich sollte solch ein Hauslehrer Livree tragen.« »Sie sind heute sehr lustig,« entgegnete Sonnenkamp. Erich schloß leise das Fenster, es war ihm unwürdig, zu lauschen. Draußen sang die Nachtigall im Busch und lärmten die Frösche im Sumpf. »Ein Jedes singt seine Weise,« dachte Erich vor sich hin, da er an den Zuruf des Vaters und den Ausspruch des jungen Barons dachte. Drittes Capitel. Am Morgen wünschte Roland, daß man vor Allem ausreite, aber Erich wollte, daß man den Tag damit weihe, ein Gutes in die Seele zu nehmen; er ließ sich daher von Roland die ersten Capitel aus dem Leben Benjamin Franklins vorlesen. Als sie nun zum Frühstück gerufen wurden, waren sie frisch belebt. Sie konnten sich eines Aehnlichen erfreuen wie Fräulein Perini, die mit Herrn von Prancken aus der Messe kam. Erich wurde von Prancken mit einer gewissen achtungsvollen Eleganz begrüßt, aber Prancken bekannte offen, er habe bisweilen geglaubt, es wäre besser, wenn Erich nicht in die Stelle eintrete. Mit großer Bestimmtheit und im Tone der Befriedigung fügte er hinzu, daß es geheimnißvolle Vorgänge in der Seele gäbe, die wir in Demuth anerkennen müssen, und so sei die eigenwillige That Rolands das Zeichen einer Bestimmung, die Erich wie ihnen Allen die Pflicht auferlege, sich ihr zu unterwerfen. Erich sah staunend auf. Er hatte sich in diesem Manne geirrt, Prancken brachte eine Begründung für Thun und Lassen vor, die er ihm nie zugetraut hätte. Nach dem Frühstück ersuchte Erich Herr Sonnenkamp, daß er und Roland künftig von dieser Gemeinsamkeit befreit und bis zur Mittagstafel sich allein überlassen blieben. Sonnenkamp schien betroffen und Erich sagte, daß er dies schon am ersten Tage verlange, damit keinerlei Gewohnheit eintrete. Es sei durchaus nöthig, Roland unzerstreut und in einer ständigen Stimmung zu erhalten; das sei nur möglich, wenn ihnen mindestens der halbe Tag und die Frische des Morgens verbliebe. Sonnenkamp stimmte achselzuckend ein. Beim Frühstück war auch leichthin die Rede gewesen, daß Bella und Clodwig erwartet würden. Erich sah sofort die Hauptschwierigkeit seines Berufs, die darin bestand, die Zerstreuungen nicht zu Unterbrechungen werden zu lassen. Er zog eine Grenzlinie zwischen sich und allen Hausbewohnern, besonders gegen Sonnenkamp, die nicht überschritten werden konnte. Er arbeitete mit Roland und lernte nun genau kennen, wo der Knabe einen guten Grund des Wissens hatte, wo Lücken und wo vollständige Leere war. Ein Wagen fuhr in den Hof. Roland schaute zu Erich auf. Aber dieser beachtete das Rädergerassel nicht. »Deine Freunde sind angekommen,« sagte Roland. Er scheute sich zu sagen, daß er für sich voll Ungeduld war, Clodwig und Bella zu begrüßen. Erich beharrte dabei, daß Nichts und Niemand für sie da sei, bis sie ihre Schuldigkeit gethan. Roland preßte unter dem Tische die Hände in einander und zwang sich zur Ruhe. Plötzlich, mitten in einem mathematischen Satze, sagte er: »Entschuldige, man hat Greif an die Kette gelegt, ich hör' es an seinem Bellen; das darf man nicht, das verdirbt ihn.« »Laß Greif und laß Alles, es muß Alles warten,« hielt Erich fest. Bald indeß ging er mit Roland selbst hinab in den Hof. Roland hatte richtig gehört; Greif lag an der Kette. Er löste ihn und der Knabe und der Hund waren gelöst, sie tollten mit einander herum. Bella war bei Frau Ceres. Ein Diener meldete Erich, daß Graf Clodwig ihn erwarte. Clodwig kam ihm mit großer Herzlichkeit entgegen und begrüßte ihn als Nachbar. Von Bella wurde Erich freundlich, aber gemessen begrüßt; sie nannte ihn wiederholt »Herr Nachbar« und war geflissentlich unbefangen. Es mochte ihr als eine lächerliche Pedanterie und Aengstlichkeit erscheinen, daß sie einmal mitzuwirken gesucht, Erich aus der Gegend fern zu halten. Hatte denn der Mann in der That einen Eindruck auf sie gemacht? Es schien ihr wie ein Traum, wie eine Phantasie. Werden Sie die Bibliothek Ihres Vaters hierher bringen lassen?« fragte Clodwig. Erich bejahte und Bella sah ihn starr an. Er wußte nun, warum sie ihn so frei und leichthin behandelte; er hatte Geld von ihrem Manne bekommen, dadurch war er in eine ganz andere Rangstufe eingerückt. Bella lobte Roland über seine kühne That und hier zeigte sich wieder eine Uebereinstimmung mit Sonnenkamp. Erich sah die Gefahr, die in solchem Lobe für Roland lag, aber er konnte sie nicht abwenden. Als Erich Frau Ceres zum ersten Male wieder nahte, sagte sie sehr leise: »Ich danke Ihnen,« weiter nichts; das Wort war sehr vieldeutig. Bella sagte, die Reise werde Frau Ceres sehr wohl thun, es sei eine angemessene Probe für die Badereise; man nannte den einen und den andern Tag, wann man die Reise ausführen wolle. Erich wußte nicht, was das bedeute; Roland sah seinen fragenden Blick und sagte ihm leise: »Wir reisen Alle mit einander zu Manna, wir holen sie, um mit uns ins Bad zu reisen. Das wird lustig und schön!« Von Neuem sah Erich, wie die Hauptschwierigkeit eines so reich ausgestatteten pflichtlosen Lebens darin besteht, daß Alles im Hause, und der Knabe vielleicht am meisten, entweder in der Nachwirkung einer Zerstreuung, oder in der Hoffnung auf eine Zerstreuung lebe. Er wollte ruhig abwarten, bis die Frage an ihn kam, um dann seine Entschiedenheit geltend zu machen. Wie zufällig fügte sich's, daß Bella mit Erich ging. Sie erzählte zuerst, wie glücklich Clodwig sei, daß Erich nun doch in der Nähe bleibe, und dann plötzlich stillstehend und mit einem lauernden Blicke sagte sie: »Sie werden nun in den nächsten Tagen auch Fräulein Sonnenkamp sehen.« »Ich?« »Ja. Sie reisen doch mit uns?« »Es ist noch von Niemand etwas darüber bestimmt.« Bella lächelte und fuhr fort: »Ich habe genug von der Welt gesehen, um kein Vorurtheil zu haben. Die Tochter des Hauses und mein Bruder Otto . . .« »Herr Sonnenkamp hatte bereits die Freundlichkeit, mir von der Verlobung zu erzählen.« »Wissen Sie,« rief Bella schnell, »wissen Sie, daß ich mir von Ihnen sehr viel Annehmlichkeiten verspreche?« »Von mir? Was könnte ich leisten?« »So ist es nicht gemeint, reden wir gradaus. Ich habe viel über Sie gedacht, Sie sind mir doch ein Räthsel und ich hoffe, ich bin es Ihnen auch.« »Ich hatte mir noch nicht erlaubt . . .« »Ich erlaube, daß Sie es sich erlauben. Also Herr Hauptmann oder Herr Doctor oder Herr Dournay, aber am besten, Herr Nachbar, wir wollen einen Vertrag schließen. Ich suche mir die Widersprüche und Seltsamkeiten Ihres Wesens zu erklären und spüre ihnen nach, so viel ich kann; dagegen gestatte ich Ihnen, das Gleiche auf mich anzuwenden. Finden Sie das nicht anziehend?« »Anziehend und gefährlich.« Bella richtete sich hoch auf und Erich fuhr fort: »Gefährlich für mich, denn Sie wissen, wie Freund Hamlet sagt: Wer kann bestehen, wenn man ihn ganz kennt?« »Es freut mich, daß Sie nicht höflich sind, aber Sie sollten auch nicht bescheiden sein.« Während Bella mit Erich ging, hatte Prancken Roland an die Hand genommen und besichtigte mit ihm die Ställe und die jungen Hunde; dann führte er ihn in den wenig besuchten Theil des Parks, der sich längs der Landstraße hinzog. Wie von selbst kam das Gespräch auf Erich, und Prancken prägte ihm scharf ein, daß er von dem weltlichen Manne wol Vieles lernen könne, was in der Welt nützlich sei, aber es gebe ein Höchstes, das er ihm nicht anvertrauen und worin er ihm in keiner Weise Folge leisten dürfe. Und nun sprach er von Manna. Es war ein Ausdruck von Andacht in seinen Worten wie in seinem Ton. Er zog das Buch, das er stets auf dem Herzen trug, aus der Tasche und zeigte Roland genau, wo Manna heute lese; durch die Flucht habe Roland zwar einige Tage versäumt, in welchen er das Gleiche hätte lesen sollen, aber er könne mit Muße jetzt nachholen. Vor Allem aber brauche Herr Dournay nichts davon zu wissen, denn es dürfe kein Fremdgläubiger zwischen Roland und seinen Gott treten. Es war Roland wie eine Befreiung, als jetzt Bella und Erich munter scherzend vorübergingen. Er rief sie an und bald ging er mit ihnen. Als Roland und Erich davongegangen waren, begann Prancken der Schwester ins Gewissen zu reden, daß sie mit dem jungen Manne so tändle und scherze. Bella stand still; sie schien nicht zu wissen, ob sie ihren Bruder auslachen oder scharf zurechtweisen solle; sie blieb bei dem Ersteren und höhnte den Neubekehrten. »Ach,« rief sie, »eigentlich fürchtest Du doch, daß dieser Herr Dournay der verklärten Manna gefalle, und da traust Du mir ein Gleiches zu. Der Mann hat etwas Bezauberndes für uns Frauen, seien wir nun in einen Ehebund oder in ein Kloster eingeschlossen.« Bella wendete indeß schnell wieder und sagte, sie spiele mit dem jungen Manne, der ein empörendes Selbstvertrauen habe. »Jetzt aber im Ernst,« schloß sie. »Sollen sich die Guten einen freundlich belebenden Umgang versagen, weil die Schlechten allerlei Ungehöriges dabei verdecken? Das wäre verkehrte Welt, das wäre Unterjochung der Guten durch die Schlimmen.« Bella wußte nicht, oder hielt auch nicht nöthig, es zu wissen, daß sie sich hier mit einem Ausspruch ihres Mannes ausputzte. Prancken war in Verlegenheit. War er in der That befangen von seinem neu erwachten Eifer oder war das nur eine aus lauter Tugendschein gewobene Verhüllung? Er wußte auf den schäkernden und tänzelnden Ton, auf ihre schmiegsamen und biegsamen Ausweichungen nicht zu erwidern. Viertes Capitel. Nur schwer gelang es Erich, seinen Zögling, dem die Reise im Sinne lag, beim Unterricht festzuhalten. Der Tag der Reise ins Kloster war da; es war ein heller Sonnentag. Erich bat, daß er zurückbleiben dürfe; Sonnenkamp stimmte sofort bei mit der Hinzufügung, es würde auch Erich angenehm sein, einmal einige Tage in Ruhe und allein sein zu können. Prancken kam mit seiner Schwester vorgefahren und Bella sagte Erich, daß Clodwig ihn ersuchen lasse, er möge ihm in diesen Tagen Gesellschaft leisten. Roland bat nochmals dringend, daß Erich mitreise, er sagte unverhohlen: »Manna wird sich sehr ärgern, wenn Du nicht mitkommst, sie muß Dich doch auch sehen.« Sonnenkamp lächelte seltsam bei dieser Zurede und Prancken wendete sich ab, um seine Mienen zu verbergen. Mit Heftigkeit nahm Roland Abschied von Erich; er versprach indeß, Manna viel von ihm zu erzählen. In drei Wagen fuhr man nach dem Dampfschiffe; Prancken saß bei Frau Ceres, Sonnenkamp bei Fräulein Perini und Bella, im dritten Wagen Roland mit den Dienern. Man fuhr eine Strecke stromauf nach dem Schiffe, und als dies an der Villa rasch vorüberschoß, stand Erich auf dem schönen überschatteten Hügel, wo man den Ausblick stromabwärts hat, da, wo die Berge sich in einander schieben, als müßte der Strom sich zum See stauen. Roland grüßte, den Hut schwenkend, vom Schiffe, Erich grüßte vom Ufer in gleicher Weise und sprach vor sich hin: »Fahr' wohl, meine junge Seele.« Das Schiff sauste vorüber, die Wellen plätscherten am Ufer und bewegten den schönen Kahn hin und her, dann war Alles still. Das Schiff schoß stromab, die Reisegesellschaft war äußerst wohlgemuth. Prancken befleißigte sich einer ausgesuchten Zuvorkommenheit gegen Frau Ceres, die mit schönen Shawls zugedeckt auf dem Verdecke saß. Roland hatte Greif mitgenommen, Alles auf dem Schiffe staunte über den schönen Knaben mit dem löwengleichen Hunde; Manche sprachen ihre Bewunderung sogar laut aus. Eine Strecke fuhr der Weingraf und sein Sohn, der Weincavalier, mit. Der alte Herr war ein hochgewachsener, vornehm aussehender Mann, er trug ein rothes Bändchen im Knopfloch. Vater und Sohn waren erfreut, Prancken hier zu treffen, und besonders glücklich, Frau Bella begrüßen zu dürfen. Gegen Sonnenkamp und dessen Familie schienen heut die Altangesessenen ihre Zurückhaltung in eine Annäherung verwandeln zu wollen, Sonnenkamp aber verhielt sich ablehnend. Er wollte nicht, daß sie jetzt, wo sie seine Ehrenstellung sahen, sich ihm näherten. Er war sichtlich erleichtert, als der Weingraf und sein Sohn auf der zweiten Station, wo eine große Wasserheilanstalt war, ausstiegen. Am Landungsplatze stand der Hofmarschall mit seinem kranken Sohne, die Beiden erwartend. Bella wurde von der Excellenz besonders ehrerbietig begrüßt. Im Weiterfahren erzählte sie Herrn Sonnenkamp, wie es so viel als sicher sei, daß die Tochter des reichen Weinhändlers den kranken Sohn des Hofmarschalls heiraten werde. Der Tag war hell, kaum ein Lüftchen regte sich auf dem schnell dahin fahrenden Schiffe. Roland hörte manchmal, wie einem neu Einsteigenden halblaut zugeflüstert wurde: Das ist der reiche Amerikaner, der besitzt zehn Millionen Thaler. Für die Gesellschaft Sonnenkamps war auf dem Verdeck ein besonderer Tisch hergerichtet, den Joseph mit Blumen und schimmernden Weinkühlern schmücken ließ; Diener Sonnenkamps in ihrer kaffeebraunen Livree bedienten die Gesellschaft. Bei Tische sagte Roland in fragendem Tone: »Vater, die Leute sagen, Du besitzest zehn Millionen.« »Die Menschen haben mein Geld nicht gezählt,« erwiderte Sonnenkamp lächelnd, »jedenfalls werden wir immer so viel haben, daß wir uns ein Mittagessen bestellen können wie heute.« Da der Knabe von dieser Antwort nicht befriedigt schien, fügte Sonnenkamp noch hinzu: »Mein Sohn, man ist stets nur verhältnißmäßig reich.« »Merken Sie sich das Wort, man ist stets nur verhältnißmäßig reich,« wiederholte Prancken. »Das ist ein bedeutsames Wort, ein klassisches.« Sonnenkamp hörte es trotz seiner Menschenverachtung doch gern, wenn man einem seiner Aussprüche noch einen besonderen Accent hinzufügte. »Ach, reisen ist so schön, so lustig, wenn nur auch Erich bei uns wäre!« rief Roland. Niemand antwortete. Der Knabe schien heute überaus redselig, und als der Champagner knallte und Bella auf das Wohl Manna's anstieß, sagte er zu Prancken: »Sie sollten Manna heiraten.« Die Frauen sahen die beiden Männer lächelnd an. Roland wurde immer mehr der Mittelpunkt des Gesprächs und des Scherzes, er wurde immer redseliger, immer toller gemacht; zuletzt willfahrte er Prancken, den Candidaten Knopf nachzuahmen. Er strich sich die Haare zurück, schnupfte aus der linken Hand, die er als Dose hielt, und klopfte immer an die Dose, er hatte plötzlich eine andere Stimme und ein anderes Gesicht, in hölzerner steifer Weise declamirte er die vierte Conjugation und erklärte den pythagoräischen Lehrsatz und noch allerlei Kunterbuntes durcheinander. »Können Sie auch Herrn Dournay nachahmen? fragte Prancken. Roland verstummte; eine Erstarrung trat in sein Gesicht, als ob er ein Ungeheuer erblickt hätte; eine Ernüchterung kam plötzlich über ihn und er sah Prancken mit einem grimmigen Blicke an. »Ich ahme nie mehr den Candidaten Knopf nach, nie mehr.« Der Knabe, der vom Weine und vom Reden überreizt war, wurde plötzlich still und verschwand bald nachher, so daß die Diener ihn suchen mußten. Man fand ihn auf dem Vorderdeck bei dem Hunde, er hatte große Thränen in den Augen; er ließ sich ruhig zu seinen Angehörigen bringen, aber er war und blieb nun wortkarg. Das Schiff glitt dahin, die Rebenberge glänzten in der glitzernden Mittagssonne und bald hieß es: Nur noch zwei Stationen, dann sind wir beim Kloster. Roland ging wieder zu seinem Hunde und sagte: »Greif, jetzt kommen wir zu Manna. Sei lustig!« Es war noch heller Mittag, als man bei den Hängeweiden am Ufer ans Land stieg und in die erquickliche Kühle des Parks eintrat, der das Kloster umgab. Die Diener waren am jenseitigen Ufer im großen Gasthause verblieben. Sonnenkamp hatte seine Ankunft voraus angekündigt, es war aber Niemand da, der ihn erwartete. »Manna nicht da?« fragte er, als er ans Ufer kam, und eine Wildheit, die er sonst wohl zu verbergen wußte, zeigte sich auf seinem Gesichte. Frau Ceres wendete nur ruhig den Kopf nach ihm, er war geschmeidig und sanft. »Wenn das gute Kind nur nicht krank ist,« setzte er mit einer Stimme hinzu, die einem büßenden Einsiedler wohl angestanden hätte. Man ging nach dem Kloster, es war verschlossen, nur die Kirche war offen, und hier lag, während draußen der helle Sonnenschein funkelte, eine Nonne verhüllten Antlitzes im Gebete. Die Ankömmlinge, die auf die Schwelle getreten waren, kehrten still wieder zurück; sie klingelten am Kloster, die Pförtnerin öffnete. Sonnenkamp sagte, sie wünschten Fräulein Hermanna Sonnenkamp zu sprechen und fragte zugleich, ob sie gesund sei; die Pförtnerin erwiderte, daß Manna sich wohl befinde, und wenn sie die Eltern seien, so lasse die Oberin bitten, ins Sprechzimmer zu kommen. Sonnenkamp bat Bella, Pranken und Fräulein Perini im Garten zu verweilen; er wollte, daß auch Roland bei ihnen bleibe, aber dieser sagte: »Nein, ich will mit!« Die Mutter faßte ihn an der Hand und jetzt sprach sie das erste Wort: »Ja wohl, Du bleibst bei mir.« Die Eltern und Roland traten zur Oberin ein, die sie mit Freundlichkeit und edler Haltung empfing. Sie bat eine Schwester, die eben bei ihr war, sie nun allein zu lassen, dann forderte sie die Ankömmlinge auf, sich zu setzen. Es war kühl und behaglich in dem großen Zimmer, darin auf Goldgrund gemalte Heiligenbilder hingen. »Was ist mit unserer Tochter? Wir dachten, sie würde uns erwarten,« sagte Sonnenkamp endlich schwer aufathmend. »Ihr Kind, das wir auch unser Kind nennen dürfen – denn wir lieben sie nicht minder wie Sie – ist wohl und gesund; sie ist auch sonst immer sanft und geduldig, manchmal indeß hat sie einen unbegreiflichen Eigensinn, ja fast Starrsinn.« Ein rascher Blick aus den Augen Sonnenkamps traf seine Frau, sie aber sah ihn an und zuckte nur leise mit der Oberlippe. Die Oberin fuhr ruhig fort: »Unsere gute Manna will ihre Eltern erst dann sehen, wenn sie im Voraus versprechen, daß sie noch den Winter bei uns im Kloster bleiben dürfe; sie behauptet, sie fühle sich noch nicht stark genug, um in die Welt einzutreten. »Und Sie haben ihr diese Bedingung gewährt?« fragte Sonnenkamp und fuhr mit der linken Hand durch seine weiße Halsbinde, sich dieselbe lockernd. »Wir haben ihr nichts zu gewähren, Sie sind die Eltern, Sie haben unbedingte Macht über Ihr Kind.« »Ja wohl,« polterte Sonnenkamp, »ja wohl, wenn man ihr Gedanken einflößt . . . Doch bitte; ich habe Sie unterbrochen.« »Durchaus nicht. Ich bin zu Ende, Sie haben zu entscheiden, ob Sie die Bedingung voraus gewähren, Sie haben die volle elterliche Macht. Ich werde eine Schwester rufen, die Sie nach der Zelle Manna's geleitet; sie ist unverschlossen. Ich habe nur den Wunsch des Kindes kundgegeben, nun handeln Sie nach Ihrem Ermessen.« »Ja, das will ich, und keine Stunde soll sie länger hier bleiben!« »Wenn auch die Mutter etwas drein reden darf . . .« begann Frau Ceres. Sonnenkamp sah sie an, wie wenn ein stummes Geräthe plötzlich zu sprechen anfinge, und Frau Ceres sprach nicht zu ihm, sondern zur Oberin: »Ich als Mutter erkläre, daß wir ihr keinen Zwang anthun; ich gewähre ihr diese Bedingung.« Sonnenkamp stand rasch auf, krampfhaft faßte er die Stuhllehne, es arbeitete heftig in ihm; aber in überaus höflichem Tone sagte er: »Roland, geh' nun zu Herrn von Prancken.« Roland mußte das Kloster verlassen, sein Herz bebte. Dort oben ist seine Schwester – was wird mit ihr geschehen? Warum darf er nicht zu ihr, sie umarmen, sie küssen und ihr wie ehedem die schwarzen Locken auflösen? Er trat ins Freie, aber er ging nicht zu Prancken, er ging in die offene Kirche. Dort kniete er nach der religiösen Gewöhnung nieder, der Wunsch nach Frieden war der einzige Gedanke, der durch seine Seele ging. Er sah auf und erblickte das große Bild des Heiligen in der Kirche – und wunderbar! dieses Bild glich Erich. Lange starrte der Knabe drein, endlich legte er das Haupt in die Hände und – glückselige Jugend – er schlief ein. Fünftes Capitel. Die Eltern kamen zu Manna in die Zelle. Manna trat ihnen ruhig entgegen. Sie reichte dem Vater die Hand; ihre Hand zuckte, da sie den Ring am Daumen des Vaters fühlte. Dann warf sie sich der Mutter an die Brust und küßte sie. »Verzeiht mir,« rief sie, »verzeiht mir! Haltet mich nicht für unkindlich, aber ich muß – nein, ich will. Ich danke Euch, daß Ihr mir meine Bitte gewährt.« »Ja wohl, wir thun Dir keinen Zwang an,« sagte die Mutter, und Sonnenkamp, der noch nicht beigestimmt hatte, mußte willfahren. Das Antlitz Manna's wurde erheitert, sie freute sich über das gute Aussehen der Eltern und sagte, daß sie täglich für sie bete, und der Himmel erhöre ihr Gebet. Manna hatte einen Ton der Stimme, der Sonnenkamp so zu bewegen schien, daß er die Hand aufs Herz legte. Als Manna nach Roland fragte, sagte Sonnenkamp mit einer Miene, wie wenn er zu einem Kranken spräche, der eben erst genesen, Roland sei im Park, sie solle doch mit hinabkommen und die Damen und Herrn von Prancken begrüßen. Als der Vater diesen Namen nannte, ging ein leises Schauern durch Manna, sie sagte indeß in schneller Fassung: »Ich will Niemand sehen als Euch und Roland.« Eine dienende Schwester wurde nach Roland geschickt. Unterdessen erklärte Manna, daß sie dem Gesetze gemäß noch ein Jahr in die Welt zurückkehre und dann – sie zögerte eine Weile, bis sie fortfuhr – wenn ihr jetziger Entschluß noch feststehe, den Schleier nehme. »Ich fasse es nicht! Ich ertrage es nicht!« rief Sonnenkamp laut. »Ceres, betheure ihr nochmals, daß das Wort, das Du über mich ausgesprochen, Dir nur vom Zorne eingegeben war.« Frau Ceres schwieg und Manna bat den Vater, ruhiger zu sein, man spreche hier im Kloster nicht so laut . . . Roland, nach dem man lange gesucht hatte, schrak auf und taumelte zurück, als er plötzlich von einer schwarzen Gestalt geweckt sich in der Kirche fand. Er wurde zu Manna gebracht. Mit Innigkeit umschlang er die Schwester. Er konnte vor Heftigkeit nicht reden. »Nicht so ungestüm,« beschwichtigte das Mädchen. »Ei, was bist Du für ein kräftiger Bursch geworden!« »Und du so groß. Ach! Komm mit heim! Es ist so schön daheim. Nicht wahr, die Nonnen nennen sich Schwestern? Aber zu Dir kann doch Niemand Schwester sagen als ich. Komm mit uns heim!« Durcheinander, manchmal vom heiligen Antonius, manchmal von Erich erzählte Roland, welch einen trefflichen Mann er zum Lehrer und Freund habe, und als Manna erklärte, daß sie erst im Frühling nach Hause käme, schloß Roland: »Du kannst Dir Herrn Dournay ganz gut vorstellen. Wenn Du in die Kirche kommst, sieh Dir den heiligen Antonius an, der dort abgebildet ist, gerade so sieht er aus, gerade so gut. Aber er kann auch streng sein, er ist Artillerie-Officier gewesen.« Der Vater erklärte und auch die Mutter stimmte bei, Manna solle ungehindert wieder ins Kloster zurückkehren dürfen, sie solle nur mit den Eltern in den nächsten Tagen die Badereise machen. Manna war nicht zu bewegen, auf diesen Vorschlag einzugehen. Der wundersame zum Herzen dringende Ton ihrer Stimme hatte etwas Bewältigendes, und als sie jetzt darlegte, wie sie hoffe, in Allem klar und fest zu werden und dem Leben Stand zu halten, traten Thränen in die Augen der Mutter. Der Vater aber starrte sie verwundert an, er sah indeß kaum sein Kind, er wußte kaum, wo er war. Auch er hatte seinen Vater einst verlassen. Er hörte eine Stimme, die er vor vielen, vielen Jahren schon einmal gehört, und wie er so drein schaute, sah er sein Kind nicht, die Umgebung nicht, er sah nichts als einen verwahrlosten Grabhügel auf dem Kirchhofe eines polnischen Dorfes. Er fuhr sich mit der breiten Hand über das ganze Gesicht, und wie erwachend blickte er jetzt auf und hörte noch, wie sein Kind wiederholte: »Ich werde dem Leben Stand halten.« Jetzt erneuerte er seine Bitte, Manna möge doch in den Park kommen, die Freunde zu begrüßen, sie dürfe dieselben nicht beleidigen; aber Manna beharrte dabei, ihre Zelle nicht zu verlassen. Sie hatte eine dienende Schwester gebeten, daß sie Heimchen hole; das Kind kam und schaute die Fremden verwundert an. Manna zeigte dem Kinde die Ihrigen. Das Kind schmiegte sich an Roland und sagte: »Ich mag Dich, ich mag Dich.« Es war so zutraulich mit Roland, als ob es von je mit ihm gespielt hätte. »Willst Du auch mein Bruder sein?« fragte das Kind. Die Eltern und Roland verließen die Zelle, Manna blieb mit Heimchen allein. Auf der Treppe sah Sonnenkamp seitwärts nach seiner Frau und sein Blick sagte: Das hast Du mir gethan! Du hast das Kind meinem Herzen entwendet. Frau Ceres zuckte nur mit den Achseln. Roland sah sie starr an; da ist etwas, was er sich nicht erklären kann. Die Eltern und der Knabe kamen in den Park. Mit großer Unbefangenheit berichtete Sonnenkamp, er habe, um keine Unterbrechung in den Unterricht zu bringen, seiner Tochter gestattet, noch bis zu Ostern im Kloster zu verbleiben. Prancken warf einen seltsamen Blick auf Sonnenkamp. Der Abend brach bereits an; als man in den Kahn stieg, rief Roland zum Kloster hinaus: »Gute Nacht, Manna!« Manna hatte den Ruf gehört, sie hatte den Davonziehenden nachgeschaut, dann warf sie sich auf die Kniee und betete lange. Als man am jenseitigen Ufer anlangte, hörte man vom Kloster her den Chor der Mädchenstimmen singen. »Das mag dem schön klingen, der kein Kind dabei hat,« sagte Sonnenkamp vor sich hin. Im großen Gasthofe war ein Drängen und Treiben, als ob ein Fürst mit seinem Gefolge angekommen wäre, denn Sonnenkamp liebte es, bisweilen mit seinem Reichthum zu prunken. Der große Garten war festlich beleuchtet; Manna sah das vom Fenster aus und sie bedeckte die Augen mit beiden Händen. Sechstes Capitel. Erich war allein auf der Villa. Er sog die Stille, die Ruhe und Lautlosigkeit mit einem freien Aufathmen ein, als käme er, nachdem er viele Tage und Nächte auf der dröhnenden Locomotive gestanden, jetzt plötzlich in den stillen Wald, ja als läge er tief auf dem Stromesgrund und über ihm rauschten leise die kühlenden Wellen. Er las nicht, er schrieb nicht, er pflegte nur einer unergründlichen Ruhe. Erst andern Tages wollte er, der Einladung Clodwigs folgend, ihn auf Wolfsgarten besuchen. Die Freiheit, einen ganzen Tag mit geschlossener Lippe leben und allein sein zu dürfen, muthete ihn an, wie wenn er aus der Gefangenschaft im Dienste jetzt zum ersten Mal frei wieder sich selbst gegeben war. Noch einmal dachte er, daß Clodwig ihn erwarte, aber fast laut sagte er: »Ich kann nicht! . . . Ich darf nicht!« Er wollte sich selbst leben, nur einen einzigen Tag kein fremdes Wort hören, zu Niemand sprechen, lautlos, einsam, unabhängig und unanhänglich für sich allein sein. Einen Augenblick gedachte er, an seine Mutter zu schreiben; auch das unterließ er. Niemand sollte etwas von ihm, er wollte sich allein haben. Wie einen Schmerz, wie eine Krankheit fühlte er sein stetiges Denken für Andere, sein Streben für sie, seine Liebe zu ihnen, und im Tiefsten seiner Seele war ein Ruf nach Einsamkeit. Nur einen einzigen Tag wollte er einmal ein Egoist sein, in unbedingter Ruhe leben, kein Buch, kein Lebensverhältniß, kein Verlangen, kein Streben sollte ihm etwas von dieser Alleinigkeit rauben. Im Park unter einer großen Buche lag er und träumte in den Tag hinein. Es gibt ein leises wonniges Rieseln des Seins und Empfindens ohne bestimmtes Denken und Wollen, das gerade der rastlos Denkende und Sorgende am tiefsten inne wird. So lag Erich in sich beseligt, schauend und athmend, der Tritt eines Gärtners auf dem knirschenden Sande weckte ihn wie aus einem Traum. Der Gärtner begann den Weg zu harken und mit einer Walze zu festigen, das kratzte und knirschte so seltsam; Erich hätte ihn gern zur Ruhe verwiesen, aber er unterließ es. Er schaute in das Gezweige des Baumes, und wie der leise Wind es hin und her bewegte, so ließ er sein Denken sich hin und her bewegen, nichts wollend, nur leben, kein Ziel. Alles war still, in sich beruhigt. Wie oft vom ersten Auskeimen an hat solch ein Blatt sich vom Winde bewegen zu lassen, bis es fällt, und dann – ja dann? Weiter zog ihn der Gedanke. Ja, Einsamkeit, das ist das Ruhen an der Muttererde, das ist die Lösung der Sage von Antäus, der aus der ewigen Kraft der Muttererde, sobald er sie berührte, von neuer Macht durchdrungen ward. Und weiter, immer weiter ging sein Träumen und Denken. Das ist die Beschwerniß des Reichthums, das ist der Fluch, der ihn vom Himmelreich ausschließt, daß er nicht untertauchen kann in die Urkraft des Erdenseins; der Reiche besitzt Alles, nur das Eine nicht, die Ablösung von der Welt, die Einsamkeit in sich. Ballast! Ballast! zu viel Ballast! In allem Träumen und allem Denken ins Weite kam der Schlaf über ihn, und als er erwachte, war er frisch und neubelebt. Es war ein Tag und eine Stunde, in der Alles, was vergangen und was ist und was die Menschheit geträumt und in Arbeit sich errungen, neu durchleuchtet und aus sich selbst leuchtend vor dem Auge steht. Alle Räthsel scheinen gelöst, Alles ist Friede, Ewigkeit und Einigkeit. Erich ging im Park, im Hause umher und begrüßte Alles mit frischen Augen; er hatte Alles vergessen, weit weg gesetzt gehabt, jetzt erschaute er es als neuer, in sich gekräftigter Mensch. Es ist gut, daß die Welt still hält und immer bereit ist, wenn wir aus Selbstvergessenheit wieder zu ihr zurückkehren. Ein ganzer Tag verging, an dem Erich keinen Buchstaben las und keinen schrieb. Am andern Morgen ritt er des Weges dahin zu Clodwig. Kaum aber war er eine Viertelstunde geritten, als ein Knabe ihn anrief und ihm einen Zettel brachte. Er las, kehrte um und ritt wohlgemuth dem Dorfe zu. Siebentes Capitel. Fröhlich fahren die Menschen am hellen Sommertage den Strom auf und ab, Alles schimmert und glitzert im Sonnenschein und ist voll Lust. Wer mag da denken, wie viel Jammer, wie viel Mühsal, Angst und Sorge dort in den Häusern? Seht, oben im hochgelegenen Dorf, das sich so zierlich ausnimmt vom Strome aus gesehen und uns auch jetzt Glockenklang zusendet, dort wandert ein armer Dorfschullehrer aus der Kirche nach dem Schulhause, seine Mienen sind schwer bedrückt. Heut aber erheitert sich sein Antlitz, denn vor dem Schulhause steht ein wohlbekannter Genosse und streckt ihm die Hand entgegen. »Ei, Sie hier, Herr Knopf?« ruft der Schulmeister. »Die Republik der Vereinigten Staaten schenkt mir heut einen freien Tag. Sie sehen einen unabhängigen Mann vor Ihnen. Ach, lieber Faßbender, ich bin doch eigentlich zum Mädchenlehrer geboren; ich sage Ihnen, vor der Sündfluth des ersten Balles sind die Mädchen die lieblichsten Blüthen unseres Planeten.« Knopf erzählte seinem Collegen, wie glücklich er sei, ein lebhaftes, überaus leicht begreifendes amerikanisches Kind zur Schülerin zu haben; sein unschönes Gesicht nahm dabei einen ganz veränderten Ausdruck an. Knopf hatte in der That ein unschönes Antlitz. Die Nase, der Mund, die Stirn, ja selbst die Brauen, die über den mattblauen Augen etwas weit hervorstanden, zumal wenn er, wie jetzt, die Brille abgethan, Alles war knollig. Nun aber, da er von seiner Schülerin sprach, ging ein Leuchten über sein Antlitz, das es fast schön erscheinen ließ. Knopf war hieher gekommen, um dem nunmehrigen Erzieher Rolands einige Andeutungen zu geben über den Charakter seines Zöglings und die Art, wie er weiter zu führen sei. Er hatte sich schon früh vor Sonnenaufgang auf die Wanderung gemacht. Jetzt aber fühlte er, daß er nicht nach der Villa gehen dürfe, er wollte daher den neuen Erzieher hieher bescheiden; er bat um einen Knaben, der einen Zettel an den Hauptmann Dournay bringe. Die Kinder kamen allmälig heran und grüßten Herrn Knopf, den sie aus früherer Zeit kannten. Ein krausköpfiger Knabe war glücklich, statt in der Schule sitzen zu müssen, den Zettel nach Villa Eden zu tragen. Knopf wußte einen schönen Platz hinter dem Dorfe auf dem Scheitel des Berges unter einer Linde; dorthin wanderte er, legte sich unter den Baum und schaute wonnigen Blickes hinein in die Landschaft. »In Gras und Blumen lieg' ich gern, wenn eine Flöte tönt von fern,« sagte er fast laut vor sich hin. Und da in unserer dampfbrausenden Zeit nur selten noch eine Flöte tönt, wollte er das Wort des Dichters selbstwillig zur Wahrheit machen. Er schraubte seinen Stock zurecht, der eine wohleingerichtete Flöte war und blies die zu dem Uhland'schen Liede gesetzte Melodie Konradin Kreutzers. Er freute sich fast mehr, daß Andere in der Ferne das hörten, als daß er sich selbst damit vergnügte. Stromab, stromauf zog kein Schiff vorüber, dem er nicht mit einem weißen Tuche zunickte. Mögen es auch Fremde sein, was thut's? Er hat ihnen ein Zeichen gegeben, daß er da oben glücklich ist; sie sollten es unten auf ihrer Fahrt auch sein. Das mag ihnen das Zuwinken sagen. Knopf verdient, daß wir ihn etwas näher kennen lernen. Eines armen Schullehrers Sohn, hat er sich mit großer Mühe durch die Universitäts-Studien gearbeitet, er hat sein Examen gemacht, aber dann kam das große Unglück über ihn. Im Probejahr wurde er schon am ersten Tage von den Knaben ausgetrommelt und je mehr er um Stille bat, um so toller wurden die Knaben, und je mehr er in Zorn gerieth, um so übermüthiger verhöhnten sie ihn. Der Director assistirte ihm, doch kaum hatte er die Schulstube verlassen, als das Lärmen und Trommeln von Neuem anging. Es wurde Knopf gestattet, in einer entfernten Stadt sein Probejahr abzuhalten, aber eine unsichtbare Macht mußte sein Mißgeschick verbreitet haben; bald nachdem er den Unterricht begonnen, wurde er auch hier ausgetrommelt. Und nun entsagte er dem öffentlichen Unterrichte ganz. In der Residenz war Knopf beliebt als Mädchenlehrer. Weil er so unschön war, konnten ihn die Mütter ohne Besorgniß, daß sich die halbwüchsigen Mädchen in ihn verlieben möchten, ganz ohne Aufsicht Unterricht geben lassen. Dabei war er der Nothlehrer für Knaben. Keinem Andern waren so viele Schüler gestorben als ihm, denn er bekam sie erst zum Unterricht, wenn sie krank waren. Knopf war viel in Bädern gewesen. Wenn die Eltern die Kinder nicht ins Bad begleiten konnten, namentlich nicht in die allheilenden Soolbäder, so wurde Knopf damit betraut; er war Lehrer und Wartemutter zugleich. Einen Plan hielt er längere Zeit fest: er wollte in einem Soolbade eine Anstalt zur Wartung kranker Kinder gründen, denn Jod ist die Losung der scharfblütigen gebildeten, d. h. besitzenden Welt; er hoffte, daß er eine Gefährtin zum heiligen Jod fände. Mit besonderem Eifer lehrte er die Mädchen griechische und römische Mythologie, denn es ist wichtig, daß ein Mädchen gebildeter Stände darin keinen Fehler mache. Sein Lieblings-Gegenstand war indeß die Erklärung der Dichter, vorzugsweise der romantischen. Natürlich war er auch Dichter, indeß nur bescheiden für sich. Es wird wol wenig früh angelegte und später vergessene Mädchenalbums in der Residenz geben, worin nicht ein schön geschriebenes Sonett oder noch häufiger ein Triolett von Emil Knopf für seine liebe Schülerin enthalten war. Ebenso gewandt als beliebt war er im Verfertigen von Polterabend-Spielen, wenn sich eine von seinen Schülerinnen verheiratete. Er verstand nicht nur, die allegorischen Mädchenblumen sprechen zu lassen: ich bin die Rose, ich bin das Veilchen . . . er wußte auch anmuthige Scherze und Neckereien anzubringen. Während auf der Bühne die Gespielen schön geschmückt declamirten und reizende Gruppen bildeten, saß er im Souffleurkasten und hauchte ihnen die Worte zu. Wie glücklich war er aber auch dann beim Feste und nickte sehr beifällig, wenn dieser oder jener Redner auswendig oder vom Blatte den Toast sprach, den er verfaßt hatte. Er war auch musikalisch genug, die Privatübungen zu überwachen, besonders war er im Tacthalten sehr fest, darin war er unbarmherzig. Er konnte auch genug zeichnen, um hierin nachzuhelfen, zumal im Blumenzeichnen. Emil Knopf war einer der brauchbarsten Menschen; er war stolz darauf, sich nie in öffentlichen Blättern angekündigt zu haben, er wurde stets von Mund zu Mund und zwar meist von schönem Mund zu schönem Mund empfohlen; eine Mutter pries ihn der andern und die Väter lächelten und sagten: »Ja, Herr Candidat Knopf ist ein sehr gewissenhafter Lehrer.« War er in einem Hause, wo man das Rauchen nicht gerne hatte, kaute er geröstete Kaffeebohnen und das genügte ihm. Knopf schnupfte sehr gern, that es aber nur, wenn er allein war. Aber das ist doch kein Grund, daß er dazu bestimmt schien, immer nur Aushelfer, immer nur pädagogische Wartefrau auf einige Wochen zu sein. Bis Noth und Krankheit vorüber, wird Knopf ins Haus genommen, dann wird er entlassen, mit sehr höflichen, sehr herzlichen Worten – aber er wird doch entlassen. Vierzehn Semester – Knopf zählte immer nach Semestern, und wir müssen es ihm darin gleich thun – lebte er in der Residenz, und während dieser Zeit nahm er sich immer vor, eine Sorte Cigarren, die ihm schmecke, in größerer Masse anzuschaffen, aber er kam nie dazu. Vierzehn Semester rauchte er von einer Woche zur andern immer Probe-Cigarren, fragte beständig, was das Tausend kostet, aber nie brachte er es zu Tausend. Knopf war von Natur ein ungeschickter Mensch, aber er erzog sich und wurde einer der besten Schwimmer und Turner, so daß er auch eine Zeit lang zur Aushülfe Turnlehrer wurde. Zwei Stellen, die er auf dem Lande inne gehabt, wo es so schwer ist, einen Clavierstimmer zu bekommen, hatten ihn dazu veranlaßt, auch das zu lernen. Er übte es aber nur für das jeweilige Haus, in dem er lebte. Manche behaupteten, er könne auch stricken und Weißzeug nähen, doch das war entschieden Verleumdung. Strümpfe stopfen verstand er allerdings meisterhaft, aber noch nie hatte ihn Jemand dabei gesehen; er that es immer heimlich. Zu Herrn Sonnenkamp war Knopf ebenfalls als Nothlehrer gekommen; hier schien ihm aber ein längeres Verweilen beschieden und eine sorgenfreie Zukunft. Knopf hatte eine schwärmerische Liebe zu Roland, und obgleich der Knabe nichts Rechtes bei ihm lernte, sagte er doch oft zum Lehrer Faßbender, dem er sich angeschlossen hatte: »Die Götter haben auch nichts gelernt. Wer kann sagen, wer der Musiklehrer Apollo's gewesen, bei welchem Oberkellner Ganymed kredenzen gelernt? Schöne Naturen haben Alles von selbst und brauchen nichts zu lernen. Wir sind nur Krüppel mit allem unserm Lernen, wir lassen uns von der Tyrannei der vier Facultäten einfangen, aber das Leben ist kein Quadrat.« Das also ist unser Freund Knopf, und »unser Freund Knopf« wurde er in den besten Häusern des Landes genannt. Knopf hatte eben mit dem Flötenspiel aufgehört; jetzt saß er, die Schreibtafel auf dem Knie und schaute bald in die Landschaft, bald schrieb er hastig einige Worte; dann nahm er den Bleistift zwischen die Zähne, er schien an einer Wendung zu kauen. Weit hinaus konnte man die Straße sehen, die vom Dorfe bei der Villa heraus nach dem Nachbarorte führt. Jetzt sah Knopf einen Reiter daherkommen. Er verwandelte schnell die Flöte in einen Spazierstock und verbarg sein Taschenbuch, dann eilte er über die Weinberge hinab auf die Landstraße. »Ja, wer so gut zu Pferde sitzt, ist der richtige Lehrer für ihn,« sagte Knopf. Er zog schon von ferne den Hut ab; der Reiter nickte ihm zu. Achtes Capitel. Der Reiter kam näher, jetzt war er bei Knopf. Dieser sah staunend nach dem Manne, er konnte kein Wort hervorbringen; Erich aber sagte: »Habe ich die Ehre, meinen Collegen, Herrn Knopf, vor mir zu sehen?« »Das bin ich.« Rasch schwang sich Erich aus dem Sattel und reichte Knopf die Hand. »Ich danke Ihnen,« sagte er. Und bei jedem Worte, das er sprach, bei dem Ton seiner Stimme wurde das Antlitz Knopfs immer glänzender, überall im Gesichte zeigten sich noch mehr Vertiefungen und Erhöhungen, während Erich fortfuhr: »Es war meine Absicht, Sie bald einmal zu besuchen; ich wollte es aber nicht eher thun, bis meine Anschauungen allseitig begründet waren.« »Sehr richtig,« erwiderte Knopf, »jedes fremde Urtheil ist Vorurtheil.« Mit immer mehr Verwunderung sah Knopf auf Erich und sagte – es klang wie ein Liebesgeständniß: »Es freut mich, daß Sie ein schöner Mann sind. Ja, lächeln Sie nur und schütteln Sie den Kopf, das thut sehr viel in diesem Hause und bei Roland besonders.« Erich legte die Hand auf die Schulter Knopfs, ging mit ihm dem Dorfe zu und sagte, Knopf hätte ihn wohl auf der Villa besuchen dürfen, und wenn er die Familie vermeiden wolle, so hätte er ihn ganz allein getroffen, denn sie sei mit Herrn von Prancken nach dem Kloster, um Manna abzuholen. »Ach, das arme Mädchen,« klagte Knopf. »Ich darf wol sagen, daß ich schon mehr als fünfzig Schülerinnen gehabt, gar liebe, prächtige Mädchen, und nicht die Hälfte, ja nicht ein Drittheil hat sich so verheiratet, wie man es ihnen wünschen möchte.« Erich stellte sein Pferd in der Dorfschenke ein und Knopf führte ihn unter die Linde auf dem Bergesscheitel und dort sprachen sie über Roland; Erich hörte zum ersten Mal ein gerechtes Urtheil über ihn. »Ich muß Ihnen,« unterbrach sich Knopf, »wie ein Kind meine jüngste Wahrnehmung und meinen jüngsten Schmerz kundgeben. Sie haben doch nicht Eile? Ich muß Ihnen ehrlich gestehen, mich verdrießt nichts so sehr in unserer Zeit, als daß die Menschen immer Eile haben.« Erich beruhigte ihn und sagte, sie hätten den ganzen Tag zur Verfügung und schloß: »Nun erzählen Sie.« »Als ich heut über den Berg wanderte, dort oben an der Waldcapelle, wurde ich tief traurig. Es war thaufrisch, die Vögel sangen ungestört weiter, unbekümmert um das Läuten der Frühglocke von der Capelle hier oben und unbekümmert um das Läuten vom Bahnhofe da drunten. Was kümmert das die in sich gehaltene Natur in der Zeit der ersten Frühlingsliebe? Doch, das wollte ich Ihnen ja eigentlich nicht erzählen,« unterbrach er sich, die Hand auf das Taschenbuch legend, worin gewiß ein Gedicht dieses Inhalts war. – »Also ich ging den Waldpfad dahin, da hörte ich Kinderstimmen, helle, fröhliche, und eine sanft begütigende. Den Berg herauf kam ein schönes Mädchen – entschuldigen Sie, ich hab' erst später gesehen, daß sie schön war – ich hatte mir ein Bene angethan und im grünen Wald meine Brille abgenommen, ich setze sie nun auf und sehe zuerst wunderschöne, volle, weiße Hände. Das Mädchen bemerkte mich, sie schien zu erschrecken und faßte den ältern Bruder, einen Knaben von etwa dreizehn Jahren, an der Hand, zwei jüngere gingen neben ihr. Ich ging vorüber und grüßte; das Mädchen dankte nur leise; die Knaben aber sagten laut: Guten Morgen. Ich kehrte wieder um zur Capelle. Diese Stille, diese Ordnung hier oben, wo keine Menschen wohnen, Alles bereit zu ihrer Andacht, diese Gefäße, die Bilder, diese Leuchter und der Geistliche so würdig . . . ich meine, es ist nicht möglich, daß ein Mensch, der sich so neigt, so kniet, so die Hände erhebt, Alles das nur heucheln kann. Der niedrigste Verbrecher im Zuchthause wäre ein Engel gegen einen solchen. Die Predigt selbst war freilich nur eine Spitalsuppe. Aber sollten Sie es glauben? Ich hatte eigentlich das Mädchen noch einmal sehen wollen, ich schämte mich jedoch, daß ich mit solcher Absicht in den Tempel gekommen war, und schlich leise auf den Zehen davon. Und da kam das große Elend über mich.« »Welches meinen Sie?« »Das Elend unserer Freiheit kam über mich. Da geht das Mädchen mit ihren drei jüngeren Brüdern in der Morgenfrühe durch den Bergwald und sie wandern nach der Waldcapelle, wo die Glocke sie ruft. Denken Sie sich, diese vier Menschen hätten kein Ziel für ihren Morgengang, kein so schönes, sicheres, was wäre es? Ein Gang ins Freie, weiter nichts! Ins Freie – was ist denn das? Es ist nichts und nirgends. Aber in einen festen Tempel eintreten, wo die Orgel braust, heilige Gesänge anzustimmen sind, das muß die jungen Seelen erquicken und sie bringen von ihrem Morgengange durch das Freie eine höhere Labung in ihrem Gemüthe mit heim. Und da droben ist Gottesdienst, ob Menschen kommen oder nicht, da ist nichts auf den besonderen Charakter einer Gemeinde, einer bestimmten Bildungsstufe gerichtet. Das waltet fort wie die ewige Natur, unbekümmert, ob es empfangen wird; wer kommt, mag Theil daran nehmen, Niemand fragt, Niemand braucht zu wissen, von wannen er ist. Wenn ich gläubig sein könnte, ich wäre katholisch oder ein altgläubiger Jude. Was aber ist unser Leben? Ein Gang ins Freie, ins Ungehinderte, aber auch ins Unbestimmte! Sie verstehen doch, daß mich das traurig machen mußte, denn ich kann mich nicht zu etwas Anderem, zu etwas Positivem zwingen. Und wie ich es nicht kann, kann es meine Mitwelt nicht, und doch müssen wir wieder etwas gewinnen. Unser Leben soll nicht blos ein Gang ins Freie sein, sondern durch das Freie zu einem festen, sichern, heimatlichen, die Menschengemüther sammelnden Ziele. O, wenn ich es nur sagen, nur fassen könnte und die Millionen lechzender Seelen mit mir! Und da ist Roland! Wohin können Sie ihn führen? Ins Freie. Aber was soll er dort? Was findet er? Was bindet, was lockt ihn? Da ist der Punkt, das ist das schwere Räthsel. Die Religion, die sittliche Burg, wohin wir den reichen Jüngling führen, hat nicht Mauern, nicht Dach, hat kein Bild, keinen Gesang, keine Weihesprüche . . . . da liegt's.« »Ich hoffe, es soll uns beschieden sein,« sagte Erich und faßte die Hand des Mannes, »einem Menschen den Halt in sich zu geben, ohne Anlehnung an von Außen Gegebenes. Wir Beide hier, haben wir diesen Halt nicht?« »Ich glaube, oder auch, ich weiß,« rief Knopf begeistert. »Da sitzen wir hier oben und schauen ins Weite, ob kein Zeichen kommt, kein das ganze Dasein durchdringendes oder erneuerndes Wort; es kommt nicht von außen, es ist nur in uns. Und in Roland ist ein ganzer Mensch, eine gediegene Natur trotz aller Zerfahrenheit, die sie über ihn gebracht haben; er hat störrische Keckheit und überraschende Weichheit zugleich. Er hat viele gute Empfindungen. Ist es nicht ein verkehrter Weg, einen Menschen durch den Anblick von allerlei Elend und Gebresten zum Guten zu erziehen? Das macht grüblerisch, sentimental, schwächlich. Die Griechen hatten einen andern Weg, den der Kraft, der Heiterkeit, des Selbstvertrauens, das macht stark. Ach,« fuhr Knopf lächelnd fort, »der eigentlich schöne Mensch oder der eigentliche Mensch ist der unexaminirte Mensch, eine Species, die sich in Europa gar nicht mehr findet. Wir werden Alle zum Examen geboren. Das war das Große an den Griechen, daß sie keine Examinations-Commission hatten; Plato hat nirgends promovirt, und das ist das Große, das Griechenthum Erneuernde in Amerika, da gibt's eigentlich auch kein Examen. Civis romanus sum, das ist genug fürs Allgemeine.« Erich lenkte zurück und fragte: »Wissen Sie einen Beruf für Roland?« »Beruf! Beruf! Das beste, was man lernt, steht nicht im Stundenplan und kostet kein Schulgeld. Die Berufseintheilung, auf die wir uns so viel einbilden, ist nur eine philisterhafte Tyrannei, eine Nothtugend. Gemeine Naturen bezahlen mit dem, was sie leisten, edle mit dem, was sie sind. So ists. Wenn ein schöner, sich frei auslebender Mensch da ist, das ziert die Menschheit, das thut ihr gut. Ich habe versucht, Roland die Naivetät des Reichthums zu bewahren. Wir Menschen sind nicht dazu da, uns zu Spital-Brüdern einzuexerciren. Nicht Jeder hat zu dienen, sich selbst vollenden ist auch ein Beruf. Sie sollten Roland aus dem Hause nehmen.« »Das wäre allerdings das Beste, aber Sie wissen ja, das geht nicht.« Erich forschte leise nach dem Anlasse, wegen dessen Knopf das Haus verlassen: aber auch ihm erzählte dies Knopf nicht; er gab nur zu verstehen, daß Roland von dem französischen Kammerdiener Armand verführt worden sei, und Armand sei ja jetzt aus dem Hause entlassen. Erich bat Knopf, ihm von seiner Schülerin zu erzählen. »Ja,« berichtete Knopf, »da haben wir's. Die Eltern haben das Kind nach Deutschland geschickt, da zu fürchten war, daß es dort, im Lande der Freiheit, eine unfreie Seele würde, denn Doctor Fritz und seine Frau sind religiös freisinnige Menschen und gelten als Muster von Edelsinn. Nun kam das Kind in eine englische Schule und bald fing es an, die Eltern zur Kirche bekehren zu wollen, und sprach immer den Vorsatz aus, Presbyterianerin zu werden. Es weinte und bat und sagte, es fände keine Ruhe, weil die Eltern so gottlos seien. Ist dies nicht eine höchst merkwürdige Erscheinung? Nun schickten die Eltern das Kind nach Deutschland, allerdings in das beste Haus, das sich finden ließ.« Knopf nahm einen Brief aus der Tasche, er war von Doctor Fritz, der als Vertreter deutscher Humanität in der neuen Welt emsig an der Vertilgung des Schandflecks arbeitete, der durch den Bestand der Sklaverei noch auf der Menschheit ruht. Doctor Fritz gab dem Lehrer eine genaue Charakteristik seiner Tochter, die für einen Vater von der größten Unbefangenheit zeugte. Er bezeichnete auch, wie das Kind geleitet werden solle. In dem Briefe war auch eine Photographie des Doctor Fritz, eine kernhafte Erscheinung mit aufrecht stehendem, gekräuseltem, blondem Haar und vollem Bart; etwas idealisch Schwunghaftes sprach aus den Mienen des kräftigen Männerantlitzes. Knopf erzählte dann, daß das Kind in der neuen Welt ganz im Zauberkreise der Grimm'schen Märchen gelebt, und es sei wunderbar, er könne nicht ergründen, ob es blos Phantasie, oder ob es Wirklichkeit: dem Kinde sei auf seiner Reise etwas begegnet, das wie ein Märchen klinge. »Das Kind heißt Lilian,« berichtete Knopf, »und Sie wissen, daß man englisch auch die Maienblume the lily of the valley nennt, und nun hat das Kind eine Maienblume bekommen von einer Erscheinung im Walde, die ihren Namen nicht kannte. Ein wunderbares Märchen bildete sich dadurch in dem blonden Köpfchen, denn das Kind behauptet beständig, es habe den Waldprinzen gesehen.« »Sie sind ein heimlicher Dichter,« sagte Erich. Unwillkürlich fuhr Knopf mit der Hand nach seiner Brusttasche, wo seine Schreibtafel verborgen war, als hätte Erich dieselbe herausgenommen. »Ich erlaube mir, manchmal einen Vers zusammenzuschmieden, aber seien Sie ruhig, ich habe noch kein fremdes Ohr damit geplagt.« Erich gewann diesen so tief schwärmerischen Mann von Herzen lieb, und als es wieder im Dorfe läutete, sagte er: »Nun kommen Sie und machen Sie mich mit dem Dorflehrer bekannt.« Neuntes Capitel. Der Lehrer des Dorfes war eine steife, pedantisch förmliche Erscheinung, er benahm sich sehr demüthig, da der Hauptmann ihn besuchte. Er war ein Mann im Anfang der sechziger Jahre, sah dabei aber noch sehr rüstig aus. Mit einer Mischung von Stolz und Bitterkeit sagte er, er habe einen Sohn, der, einundzwanzig Jahre alt, in einer Fabrik des jungen Herrn Weidmann bereits das doppelte Gehalt beziehe, das sein Vater nach zweiunddreißigjähriger Dienstzeit genieße. Er habe vier Söhne, aber keiner dürfe Schulmeister werden. Ein zweiter Sohn sei Buchhalter bei einem Banquier in der Handelsstadt und der älteste Bau-Unternehmer in Amerika. »Ja,« rief er laut, »es wird bei uns Schullehrern nicht besser, als bis allgemeine Arbeitseinstellung eintritt.« »Würden Sie Schullehrer bleiben,« fragte Erich, »wenn Sie ohnedies ein auskömmliches Vermögen hätten?« »Nein.« »So würden Sie es auch nie geworden sein?« »Ich glaube nicht.« »Das ist das Elend,« rief Knopf, »daß der Reichthum immer sagt, ich darf die Noth nicht abwehren, denn durch dieselbe erzeugt und bildet sich das Große, die Noth macht ideal; Herr Sonnenkamp sagt immer: Ich darf mich nicht um die Existenzen um mich her kümmern, auch Roland soll es nicht, denn sonst verliert er seine Existenz; er kann nicht mehr spazieren reiten, ohne an das Elend und Ungemach da und dort zu denken. – Wir Lehrer dürfen stolz sein, wir sind die Hüter der Idealität. Sehen Sie hier ringsum die Dörfer, in jedem ist ein sichtbarer Thurm und ein unsichtbarer, und der unsichtbare ist die Idealität des Dorflehrers, der dort bei seinen Kindern sitzt.« Erich that den Ausrufungen Knopfs Einhalt, indem er es dahin brachte, daß der Dorflehrer seine Lebensgeschichte weiter erzählte. Er war ein guter Mathematiker, trat ins Katasterwesen und wurde Zollbeamter, verlor seine Stellung bei Gründung des Zollvereins, trieb sich zwei Jahre fast verkommen herum und ging dann an die Schulmeisterei. Er hatte aber gut, d. h. vermögend geheirathet, so daß er seinen Söhnen eine bessere Erziehung geben konnte. Es war Abend geworden. Erich versprach dem Dorflehrer, ihn wo möglich auch zum Unterrichte Rolands zu verwenden, und ritt nach herzlichem Abschiede von Knopf heimwärts. Als er die Villa sah, dachte er, wie das Leben dort nun werde, wenn die Tochter des Hauses aus dem Kloster heimgekehrt war. Die Wagen waren schon da und Herr Sonnenkamp drückte sein Befremden aus, daß Erich nicht die Freundlichkeit gehabt, im Hause zu bleiben, oder sich die Stunde der Ankunft zu merken. Nach dem Vielen, was Erich mit Knopf besprochen, überkam ihn jetzt die Empfindung der Dienstbarkeit wieder neu. Er kam zu Roland, der ihn mit Inbrunst umarmte und rief: »Ach, bei Dir allein ist's gut.« Roland konnte sich nicht zurückhalten, von der Mißstimmung Aller zu erzählen, da Manna nicht mit zurückgekehrt sei. Erich athmete freier auf. Roland erzählte durcheinander, wie Bella auf der Rückfahrt bei der Wasserheilanstalt ausgestiegen sei, weil sie eine Depesche von Graf Clodwig erhalten, der sie dort erwartete. Endlich aber sagte er: »Was geht uns alles Andere an! Du bist auch im Kloster und ich habe es Manna gesagt, Du siehst ganz aus wie der heilige Antonius in der Klosterkirche. Ja, lache nur! Wenn er lachen würde, so wie Du müßte er lachen, so wie Du mich jetzt ansiehst, so sieht er drein. Manna hat mir die Legende erzählt. Der Heilige hat in Andacht zum Himmel gebetet, und da hat sich ihm in der Einsamkeit das Christkind auf den Arm gelegt und da sieht er's an, so fromm, so lieb.« Das Antlitz Rolands glühte, Alles fieberte an ihm und Erich hatte Mühe, ihn aus einer übersteigerten Stimmung wieder in eine gleichmäßige zu versetzen. Aber was ihm nur schwer gelingen wollte, gelang den Hunden; Roland war wieder der selbstvergessene Knabe, als er bei den Hunden war. Zehntes Capitel. Erich und Roland lebten mit einander auf den Thurmzimmern als wären sie in einen neuen Wohnort eingezogen und ganz allein; dahin drang kein Laut aus der Menschenwelt, nur Vogelsang von den Bäumen und Glockenklang von den Kirchen der Bergdörfer. Eine regelmäßige Thätigkeit setzte sich fest; bis zum Mittag wußte man nichts vom Getriebe im Hause und Roland lebte fast nur im Denken an Benjamin Franklin. Immer neue Anknüpfungen boten sich dar, und gerade daß ein amerikanischer Jüngling, und dazu der reiche Jüngling, der nie etwas entbehrt hatte, ein Leben voll Entbehrungen vor sich sah, wurde überraschend ergiebig. Bei Tisch sprach Roland von Benjamin Franklin, als wäre er ein Mann, der eben jetzt erst gekommen ist und überall unsichtbar mitsitzt und mitspricht. Roland wollte sogar nach der Art, wie Franklin sich eine Selbstrechenschaft angelegt hatte, das Gleiche thun, aber Erich hielt ihn davon zurück, denn er wußte, daß dies doch nicht durchgeführt wurde, dazu war Roland zu unstet. Und jene Selbstrechenschaft eignete sich auch nur für den Alleinstehenden oder allein den Weg Suchenden, Roland aber war vom ersten Augenaufschlag bis zum Niederlegen mit Erich. Sie ahmten die physikalischen Entdeckungen Franklins nach, sie durchdachten seine kleinen Erzählungen, ja bei vielen Vorkommnissen fragte Roland: »Was würde wol Franklin dazu sagen?« Es war indeß eine große Bewegung auf der Villa, denn der Inhalt des Warmhauses wurde in den Park gebracht. Ein neuer Garten stand in dem Garten. Roland und Erich sahen das erst, als Alles hergerichtet war. Prancken kam fast täglich auf kurze Zeit, und wenn er zu Tische blieb, sprach er viel von dem Kirchenfürsten; er nannte den Bischof nie anders. Ein zweites Hofleben schien sich ihm aufgethan zu haben und dieser Hof hatte etwas Weihevolles, sich selbst Ordnendes, das keines Hofmarschalls bedurfte. Herr Sonnenkamp fragte stets mit vieler Theilnahme nach allen Verhältnissen am bischöflichen Hofe, Frau Ceres war vollkommen gleichgültig, da sie vernommen hatte, daß es dort keine Hofbälle gebe, überhaupt keine Frauen sichtbar seien, außer etwa höchst ehrwürdige Ordensschwestern. Die Tage waren still; die südländischen Bäume dufteten und grünten mit den einheimischen, aber die stillen Tage waren gemessen, denn es wurde gerüstet und gepackt im Hause. Lutz war der Regent, große Koffer wurden bereits vorausgeschickt. Es war an einem regnerischen Morgen, als Erich und Roland beisammen saßen und wiederum das Leben Franklins vor sich hatten. Erich fand Roland unaufmerksam, denn der Knabe schaute oft nach der Thür. Endlich klopfte es an und Sonnenkamp, der bisher die Morgenthätigkeit nie gestört hatte, trat ein. Er sprach seine Freude aus, daß der Unterricht nun so geordnet sei; er hoffe, daß derselbe durch die Reise nur eine kurze Unterbrechung erleide, denn bei der Ankunft in Vichy könne damit fortgefahren werden. Erich fragte, was denn das mit Vichy zu bedeuten habe, und er hörte, daß die ganze Familie mit männlicher und weiblicher Dienerschaft, sowie Roland und Erich nach Vichy zur Badecur reise und von da aus ins Seebad nach Biarritz. Erich erklärte, daß er nicht ins Bad reisen könne. »Sie können nicht mitreisen? Warum nicht?« »Es thut mir leid, die Erörterung vor Roland führen zu müssen, aber ich glaube, daß er reif genug ist, diese Sache zu verstehen. Ich bin der festen Ueberzeugung, daß ein ernstliches Studium nicht in einem eleganten Badeorte aufgenommen und dann in Biarritz fortgesetzt werden kann.« Sonnenkamp sah Erich erstaunt und Roland sah ihn bittend an. Sonnenkamp schien sich nicht Fassung genug zuzutrauen, jetzt in der erforderlichen Weise dem Hauslehrer entgegenzutreten; er sagte daher in leichtem Tone, die Sache könne noch am Abend besprochen werden. In halb spöttischer Weise fügte er eine Entschuldigung hinzu, daß er nicht bereits in der Universitätsstadt Erich seinen Sommerplan mitgetheilt habe. So saß nun Erich allein mit Roland; dieser schaute still zu Boden. Erich ließ ihn geraume Weile gewähren, denn er sagte sich, jetzt kommt die erste Entscheidung, jetzt wird die Probe gemacht. »Verstehst Du meine Gründe,« fragte er endlich, »warum ich unser Arbeitsleben, dieses unser gemeinsames Leben nicht an einem Vergnügungsorte fortsetzen kann und will?« »Ich verstehe es nicht,« sagte der Knabe trotzig. »Soll ich's Dir erklären?« »Ist nicht nöthig,« erwiderte der Knabe unwillig. Erich antwortete nicht und die Stille ließ Roland inne werden, wie er sich benommen; aber in der jungen Seele kämpfte etwas, das sich gegen eine Knechtschaft aufbäumte. Es kam ein Anderes zu Wort, denn Roland fragte: »Bin ich nicht fleißig und folgsam gewesen?« »Wie sich's gebührt.« »Verdien' ich nicht jetzt auch ein Vergnügen?« »Nein. Die Uebung der Pflicht wird nicht bezahlt, und gewiß nicht durch Vergnügen.« Wieder war lange Stille. Unbeweglich war das Gesicht Rolands und unbewegt standen Thränen in seinen Augen. Erich fragte: »Gibt es ein Gutes auf der Welt, das ich Dir nicht geben möchte?« »Ja, aber . . .« »Nun, was aber? Sprich doch weiter.« »Ach, ich weiß nichts. Ja doch . . . doch . . . thu's mir zu lieb und geh mit; ich könnte nicht vergnügt sein, wenn Du nicht bei uns wärst, ich dort und Du hier allein.« »Du möchtest also wol ohne mich reisen?« »Ich will ja nicht, Du sollst ja mit!« Der Knabe sprang auf und warf sich Erich an den Hals. »Ich erkläre Dir auf das Entschiedenste, ich reise nicht mit.« Roland ließ die Hände sinken, Erich faßte sie und sagte: »Sieh, ich könnte es ja umkehren, ich könnte ja auch sagen: »Thu Du's mir zu lieb und bleib hier; aber ich will es nicht. Komm und schau hell auf und denke Dir, wie es wäre, wenn wir Beide hier allein bleiben. Deine Eltern reisen ins Bad, wir erwarten sie hier und lernen etwas Ordentliches und sind heiterer als auf der Promenade unter der Kurmusik, heiterer als am Meeresstrande. Sieh, Roland, ich habe Frankreich, ich habe das Meer noch nie gesehen, ich versage mir's, der Pflicht zu lieb; und weißt Du, was Deine Pflicht ist?« »Ach, die Pflicht kann ja auch mitreisen!« rief der Knabe und lachte unter Thränen. Auch Erich mußte lachen, aber er sagte: »Diese Pflicht kann nicht mitreisen. Du hast Dein Lebenlang Zerstreuungen genug gehabt. Komm, sei mein lieber Kamerad. Was Du noch nicht einsiehst, vertraue mir, daß ich es einsehe.« »Ja, ich vertraue Dir. Aber es ist so schön, Du kannst Dir's gar nicht denken und ich will Dir Alles zeigen.« Ein Wirbelwind schien Roland erfaßt zu haben. Es stürmte auf ihn ein, daß er Erich gezwungen hatte, bei ihm zu bleiben, daß er den Vater gezwungen, ihm Erich zu geben, und jetzt sollte er ihn lassen! Aber dort lockten Freuden, lockte Musik, lockten lustige Fahrten, beschützende Frauen und neckische Mädchen, die mit ihm spielten. Der Knabe stand auf und wußte nicht, was er thun sollte. Erich ging zum Vater und sagte ihm, daß er es für einen Verderb Rolands halte, wenn man jetzt, wo er sich freiwillig gebunden habe und auf gutem Wege sei, das Alles zerstöre. Er erklärte, daß, so weh es ihm auch thue, er das Haus verlassen müsse, wenn Roland mit ins Bad reise. Er habe das Roland nicht gesagt, da dieser nicht an die Lösbarkeit denken dürfe. Sonnenkamp fand einen Ausweg, er sagte Roland, er habe nur seine Standhaftigkeit prüfen wollen und freue sich, daß er die Prüfung bestanden habe; er habe gehofft, daß Roland den Vorschlag machen würde, mit Erich zurückzubleiben, und er bewillige ihm das. Schon am andern Tage reisten die Eltern ab. Erich und Roland fuhren mit bis zur Bahnstation, und als der ankommende Zug bereits signalisirt war, nahm Sonnenkamp seinen Sohn bei Seite und flüsterte: »Junge, wenn Dir's zu schwer wird, spring noch in den Wagen und laß den Doctor allein. Glaube mir, er entläuft Dir nicht, es gibt eine goldene Pfeife, mit der lockt man Jeden. Sei muthig, Junge.« »Vater, gehört das noch zur Prüfung, die Du mit mir anstellst?« »Du bist ein tapferer Junge,« erwiderte Sonnenkamp betroffen und gerührt. Der Bahnzug brauste heran. Eine große Zahl schwarzer, mit gelben Nägeln bedeckter Koffer wurde aufgeladen, Joseph und Lutz zeigten sich als gewandte Reisemarschälle. Schachteln, Flaschen, Rollen wurden in die erste Wagenclasse gelegt, wo Sonnenkamp, Frau Ceres und Fräulein Perini einstiegen. Noch einmal wurde Roland geküßt und Sonnenkamp sagte ihm dabei ganz leise etwas ins Ohr. Der Zug rollte davon; Erich und Roland standen allein auf dem Perron. Lautlos fuhren sie zurück nach der Villa. Roland sah blaß aus, jeder Blutstropfen war aus dem Antlitz gewichen. Sie kamen auf der Villa an; Alles war so still und leer. Roland faßte die Hand Erichs und sagte: »Nun sind wir Zwei allein auf der Welt.« Elftes Capitel. Auf den Rebenbergen ist es still, es sind keine Menschen mehr zwischen den grünen Reihen, »Zeilen« genannt, denn die Reben, die bisher frei wachsen durften, sind angebunden, damit die Blüthe nicht verflattere. Die unscheinbare Blüthe schimmert nicht, nur ein leiser süßer Duft zieht durch die Lüfte. Jetzt bedarf der Weinstock des ruhigen Sonnenscheins am Tage und des milden Hauches in der Nacht; die Blüthe muß zur Frucht sich gestalten, das Feuer aber und die Würze bilden erst die Herbstmonate. Hat nur erst die Blüthe sich gebeert, dann mögen Sturm und Gewitter kommen, die Frucht ist stark, ihres künftigen edlen Zieles sicher. Hand in Hand wandelten Roland und Erich durch die Gelände, ihr Weg hatte kein Ziel zu Menschen und es war so still im Städtchen und öde in den zerstreuten Landhäusern. Bella, Clodwig und Prancken, der Major, der Landrichter mit Frau und Tochter waren in die Bäder gereist. Nur der Doctor war auf seinem Posten verblieben, er war jetzt allein, denn seine Frau war zu der Tochter und den Enkeln übergesiedelt. Erich hatte sich, noch ehe er von der Badereise und dem Alleinsein gewußt, vorgesetzt, in der ersten Zeit jede Zerstreuung und jede Pflege der Beziehung zu dem erweiterten Kreise abzulehnen; er wollte sich ausschließlich und mit gesammelter Kraft Roland widmen. Und so waren sie nun vom ersten Augenaufschlag bis zum Schlafengehen unzertrennlich beisammen. Nur wer Tag aus Tag ein mit der Naturumgebung lebt, kennt ihre flüchtigen Lichtreflexe, und nur wer mit einem Menschen ganz lebt, kennt und weiß, wie es plötzlich in ihm aufleuchtet, Alles neu erhellt und scharf hervortreten läßt. Wohl merkte Erich noch manchmal, daß Roland nach der Lustbarkeit und Zerstreuung des Badelebens hinausdachte, es sträubte und bäumte sich noch etwas in ihm, daß er in einem ständigen Pflichtenkreise stehen sollte, aber das war wie die Unbändigkeit eines frei erwachsenen Pferdes, das sich gegen Zügel und Zaum wehrt, bald aber damit stolziren wird. Elemente ohne Zahl dringen auf ein Wachsthum ein, bewegen, formen und füllen dasselbe; der Mensch lenkt und leitet das sich selbst Bildende – wie sich aber das Gegebene wandelt, das steht nicht in seiner Macht. Weiter lasen sie das Leben Franklins; Roland sollte einen ganzen Mann sehen. Die staatsmännische Thätigkeit, in die Franklin allmälig eintrat, war für den Jüngling noch nicht verständlich; aber er sollte eine Ahnung gewinnen von solch erweiterter Thätigkeit, und Niemand kann ermessen, was auch von Halbverstandenem in einer jungen Seele haftet. Das weiße Haus zu Washington trat in die Phantasie Rolands wie die Akropolis zu Athen, wie das Capitol in Rom. Bei der Gründung des amerikanischen Freistaats, bei Feststellung der Verfassung war es schwer, die Aufmerksamkeit des Jünglings zu fesseln, aber er mußte Stand halten. Erich wählte zur eindringlichen Kenntniß Abschnitte aus Bancrofts Geschichte von Amerika. Daneben lasen sie das Leben des Crassus von Plutarch und den Sang des Hiawatha von Longfellow. Der Eindruck dieses Gedichtes drängte eine Weile alles Andere zurück. Hier hat die neue Welt ihre Heroenzeit und ihre Romantik in dem Indianerleben festgehalten. Das Gedicht erscheint wie jene großen National-Epen, die nicht ein einzelner Mensch, sondern ein gesammelter Volksgeist gedichtet hat. Die Pflanzung des Maises stellt sich als eine Gestaltung dar, wie sie die mythenbildende Kraft des classischen Alterthums formte. Hiawatha erfindet das Segel, er macht den Fluß fahrbar, er vernichtet die Krankheit. Den größten Eindruck aber auf Roland machte das Fasten Hiawatha's und das in dieser Kasteiung sich bildende, weltvergessene fieberisch erregte Stimmungsleben. »Das kann doch nur der Mensch allein!« rief Roland. »Was denn?« fragte Erich. »Fasten, sich freiwillig Nahrung versagen.« Aus dieser Traumwelt einer Vergangenheit, die nothwendig dem lichten Tag der Culturarbeit weichen muß, ging es wieder zur ersten Gründung des großen amerikanischen Freistaats. Wiederum trat hier Franklin ein, der nun einmal der Mittelpunkt für Roland zu werden schien, und vor ihm trat sogar Jefferson zurück, der zuerst die ewigen und unveräußerlichen Menschenrechte nicht nur verkündete, sondern auch zur Grundlage eines Staatslebens machte. Roland und Erich sahen mit einander, wie diese Robinsonade im Großen – wie Friedrich Kapp es nennt – zum Cultur-Reiche gemacht wird, aber jene traurige Schwächlichkeit und Rücksichtnahme, die nicht sofort auch die Sklaverei aufhob, bildete einen Knotenpunkt. »Glaubst Du auch, daß die Neger Menschen sind wie wir?« fragte Roland. »Ohne Zweifel; sie haben Sprache wie wir und können Alles denken wie wir.« »Ich habe einmal gehört, daß sie nicht Mathematik lernen können,« warf Roland ein. Erich ging nicht weiter auf diese Erörterung ein; er wollte keinen Schatten auf den Vater werfen, der große Plantagen besessen hatte, die von Sklaven bebaut wurden; es war genug, daß in dem Jüngling sich Fragen regten. Nichts Besseres hätte sich für Erich und Roland finden können, als daß sie Beide zusammen etwas lernten. Der Baumeister, ein tüchtiger Mann seines Faches und glücklich, in jungen Jahren eine so schöne Aufgabe ausführen zu dürfen, war mittheilsam und lehrreich. Die Burg war, wie so viele in den Rheinlanden, just hundert Jahre vor der französischen Revolution von den in Deutschland barbarisch hausenden Soldaten Ludwigs XIV. zerstört worden. Ein alter Hauptthurm, der sogenannte Burgfried, hatte noch Ueberreste römischen Mauerwerks, Gußmauern, wie sie der Baumeister nannte. »Was ist eine Gußmauer?« fragte Roland. Der Baumeister erklärte, daß sie aus schichtrechtem Bauwerk von Bruchsteinen bestehe, das hüben und drüben ausgeführt wurde, und in die Mitte wurden regellos Steine geworfen und dann wahrscheinlich heißer Mörtel zur Bindung eingelassen. Nun hatte man in der ganzen Gegend seit langer Zeit die Burg als Steinbruch benutzt und gerade die Ecken waren losgelöst, weil das die besten Steine sind. Alles war mit Gebüsch überwachsen, das Burghaus ganz verschwunden, die Burg wol selbst ehemals eine römische Arx und im Style des zehnten Jahrhunderts neu aufgebaut. Aus einer Zeichnung, die sich im Staatsarchiv vorgefunden hatte, ließ sich wenig Charakteristisches mehr erkennen, aus einzelnen Steinen und Angeln aber noch Manches von der Structur nachbilden. Der Baumeister zeigte, wie er nun das Alles bilde, und besonders froh war er, den Brunnen gefunden zu haben, aus dem man, wie sein Ausdruck lautete, »viel Schutt und Kummer« herausnahm. Der Einblick in die geschlossene Berufsthätigkeit eines Mannes wirkte auf den Jüngling tief erwecklich und mit großer Emsigkeit folgte er dem ganzen Bauwesen. Es war sein Lieblingsgedanke, einst hier allein auf der Burg zu wohnen, und er wollte mit daran gebaut haben. Wenn am Samstag Abend die Maurergesellen und Erdarbeiter auf der Burg abgelohnt wurden, war Roland immer zugegen. Eine Stunde früher als sonst wurde Feierabend gemacht, der Barbier aus dem Städtchen kam und rasirte die Maurer, dann wuschen sie sich am Brunnen; auch eine Bäckerfrau mit Brod war aus dem Städtchen heraufgekommen; nach und nach stellten sich nun die Arbeiter unter den Vorbau eines kleinen Häuschens, das man zum einstweiligen Schutz auferbaut. Roland stand manchmal drinnen in der Stube bei dem Werkführer und hörte die kurzen Worte: »Du bekommst so und so viel.« Er sah die harten Hände, die den Lohn empfingen. Manchmal stand er auch draußen bei den Arbeitern selbst oder bei Seite sie beobachtend; namentlich die Speißbuben, die gleichen Alters mit ihm waren, faßte er besonders ins Auge und dankte Allen herzlich, wenn sie ihn grüßten. Die meisten hatten einen Laib Brod in ein Tuch gewickelt unter dem Arm, wenn sie den Dörfern zugingen, wo sie wohnten; manchmal hörte man noch aus der Ferne singen. Erich wußte, daß dieses Eindringen Rolands in fremdes Leben gegen die Grundsätze Sonnenkamps war, denn dieser pflegte zu sagen: Wer ein Schloß bauen will, darf nicht die Kärrner und Steinbrecher in den Steingruben draußen kennen. Dennoch ließ Erich seinen Zögling unbefangen in fremdes Leben eindringen. Er sah, was in dem großen Auge Rolands sich aussprach, während er mit ihm auf einem Vorsprung der Burg saß, wo der Thymian sie umduftete und sie hinausschauten über Berg und Thal, drüber die Glocken anstimmten und den morgigen Sonntag einläuteten. Ein Blick, der auf die arbeitsamen Hände geschaut, ein Sinnen, das den Heimkehrenden nachging, bildet eine Seelenstimmung, aus der man nimmer der Mitmenschen vergessen kann. So festigten sich moralische und intellectuelle Grundlagen in der Seele des Zöglings. Eines Abends saßen sie wieder auf der Burg, die Sonne war bereits hinabgegangen, nur das Abendroth stand noch auf den Bergen, das Dorf mit seinen blauen Schieferdächern im Abenddufte erschien, als ob es in einem Traum schwebe, da sagte Roland: »Ich möchte wissen, wie es in Amerika ist. Solche Burgen sind doch nicht da.« Erich sagte Roland die Verse Goethe's vor: Amerika, du hast es besser Als unser Continent, das alte, Hast keine verfallene Schlösser Und keine Basalte, Dich stört nicht im Innern Zu lebendiger Zeit Unnützes Erinnern Und vergeblicher Streit. Benutzt die Gegenwart mit Glück! Und wenn nun Eure Kinder dichten, Bewahre sie ein gut Geschick Vor Ritter-, Räuber- und Gespenstergeschichten. Roland schrieb sich die Verse auf. Noch auf manchen stillen Gängen sprach Erich ihm Gedichte von Goethe vor, in denen es ist, als ob nicht ein Mensch, sondern die Natur selbst im Worte Ausdruck gefunden hätte. Zu Benjamin Franklin und seiner nüchtern ruhigen Betrachtung, zu Hiawatha und Crassus gesellte sich nun der durchleuchtende Geist Goethe's. Bei schicklichen Veranlassungen wußte dann Erich auch die classischen Dichter des Alterthums seinem Zögling zuzuführen. So lebten sie im ständigen Verkehr mit dem Besten, was der Menschengeist je gebildet. Roland hatte Vieles gehört und gelernt, aber Alles in ihm war chaotisch, bruchstückweise. Erich hatte zuerst an sein lebendiges Interesse für Amerika angeknüpft. Mit großem Eifer versenkte er sich selbst in die Geschichte der neuen Welt und dieses Neuerrungene ging mit der ganzen Frische auch auf Roland über; in der Art wie er das Leben der neuen Welt, mit dem der Griechen und Römer vergleichend, seinem Zögling darstellte, erweckte er seine gespannte Aufmerksamkeit. Roland lernte wunderbar leicht und was er hörte, setzte sich alsbald in eigenthümlicher Weise in den Bestand seines Charakters um. Da Roland die Gemeinsamkeit des Unterrichts entbehren mußte, so vermochte Erich die Vortheile des rein persönlichen Unterrichts dafür einzusetzen; er fand ständig jene Keimpunkte, wo der Wissenstrieb seines Zöglings am leichtesten zu erregen war, und der Unterricht wurde nicht zur Nöthigung, sondern zu einer Sättigung für das, was die junge Seele heischte. Erich hütete sich indeß wohl, das kühne, entschlossene Naturell Rolands in ein schwärmerisches und grüblerisches zu verwandeln; er legte zwischen den Unterricht immer gleichmäßig die Körperübungen, Fechten, Turnen, Reiten, nach der Scheibe schießen, Schwimmen und Rudern, und mit Hülfe Faßbenders lehrte er Roland auch Messungen im Freien machen. Schwer war es indeß doch noch oft, zumal auf den Gängen ins Freie, die Aufmerksamkeit Rolands auf ein Bestimmtes zu lenken. Manna hatte ihrem Bruder ihre beiden Lieblingshunde, Rose und Distel genannt, zurückgelassen und diese Hunde vor allem nahm Roland gern mit auf den Gängen ins Freie. Manna war ehedem nicht nur die kühnste Reiterin, der Vater hatte sie auch immer mit zur Jagd genommen. Gingen nun die Hunde mit, so fand Erich keine volle Aufmerksamkeit bei Roland, sein Auge war auf sie gerichtet, die Hunde blickten ihn an, sie wollten Aufmerksamkeit für ihr Dableiben. Erich befahl es nicht geradezu, auf manche Fragen erwiderte er, er könne sie nicht beantworten, wenn nebenbei an die Hunde gedacht und ihre Sprünge ins Auge gefaßt würden. Roland ließ nun die Hunde zu Hause . . . Draußen liegt das Feld, dort ist das Rebengelände, da wächst die Traube und in ihr sammeln und verwandeln sich die durch die Luft dahin schwebenden und im Erdengrund ruhenden Elemente, und vor Allem ist es der wallende Strom, der eine unwägbare Kraft, einen geheimnißvollen Duft in die Frucht sendet. Sonnenschein und thauige Kühle, Regen und Gewitter, auch Hagelschauer fallen nieder und die Pflanze lebt fort ihrer Zeitigung entgegen. Wer kann sagen, was Alles eine Menschenseele bilde und gestalte? Wer kann sagen, was Alles von dem, was Erich in Roland pflegte, aufging und gedieh zu dieser Stunde, an diesem Tage? Roland und Erich waren jeden Morgen und jeden Abend dabei, wenn die Wiesen berieselt, wenn die Bäume und Blumen in Kübeln und Töpfen begossen wurden; sie halfen mit und dieses Fördern eines fremden Wachsthums gab ein Gefühl eigener Sättigung. Es war wie eine Empfindung der Wohlthätigkeit. Der Park und der Garten blühte und gedieh fort, Alles ist geordnet, Alles wartet still, bis der Herr wiederkommt; in Roland wurde auch ein Garten gepflanzt und gehegt. Die Nachtigallen im Park waren verstummt, der schwelgerische Blüthenduft war verflogen, festes Gedeihen war ringsum. Und waren die Tage voll geistiger Belebung, so gingen Roland und Erich die stillen Nächte mit einander die Bergwege und weideten den Blick an der mondbeglänzten Landschaft, wo auf der einen Seite die Berge ihre Schatten warfen und scharf abgeschnitten das Mondlicht auf den Weingeländen ruhte und im Strome glänzte. Ein Athem stiller Wonne lag auf der Landschaft und die Wandelnden sogen ihn ein, still dahinschreitend, nur selten ein Wort sprechend. Es waren Stunden innigster Segnung, wo die Seele nichts will als athmen, schauen, mit offenen Augen träumen, der inneren Fülle und des von Außen einströmenden ruhig gedeihlichen Waltens der Natur inne werden. Der Weinstock saugt aus der Erde, saugt aus der Luft, und in solchen Stunden zeitigt in der Seele, was sie von unnennbaren Mächten aus sich entwickelt und was von Außen in sie einströmt. Erich fühlte sich so in sich begnügt, gehoben und vom glücklichen Gelingen erfüllt, daß diese hohe Spannung seines Wesens auch Roland empfand und Alles, was in Erich lebte, ging vor ihm und vor Roland neu erquickend auf. Zwölftes Capitel. Der Doctor hatte bisweilen vorgesprochen, aber nur auf Viertelstunden. Als er einst kam, klagte Erich, daß in Roland Unwilligkeit und Verdrossenheit sich zeige; er sei nicht geradezu widerspenstig, thue aber Alles nur äußerlich; es wäre schwer, ihn dahin zu bringen, daß er einen Tag freudig begrüße, der nichts Neues bringt, sondern nur die Wiederholung des Gestern. »Mein lieber junger Freund,« tröstete der Doctor, »ich pflege das die Maienkälte zu nennen. In jedem Verhältniß, wo die frühere Selbständigkeit aufgegeben wird, bei einer Berufsänderung, beim Eheschluß, tritt trotz allem Glück nach Wochen der Blüthe plötzlich die Maienkälte ein, wie draußen in der Natur. Man sagt, daß diese von den Alpen, vom Schmelzen der Eisberge herkäme; vielleicht schmelzen im Innern egoistische Eisberge, jedenfalls ist es wie nochmaliger Kampf des Winters mit dem Sommer, Kampf der Einsamkeit mit der Gemeinsamkeit. Seien Sie unverzagt! Lassen Sie bei dem Jungen die Tage der kalten Heiligen vorüber sein und es wird wieder Alles gut.« Der Doctor kam nun öfter; er schlug Erich vor, der Einladung Weidmanns folgend, mit Roland einen längeren Besuch auf Mattenheim zu machen; die Anschauung eines nach vielen Seiten hin erwerbsthätigen Lebens werde Lehrer und Schüler erfrischen. Erich entgegnete, daß er sich nicht für berechtigt halte, das ihm anvertraute Haus auf mehrere Tage zu verlassen. Erich und Roland begleiteten nun den Arzt zuweilen auf seinen Wegen und drangen dadurch gemeinsam in das Leben der Rheinlande ein. Der Doctor machte diese Einführung in das heimische Sein nicht ohne Absicht; er hielt es für einen ausreichenden Lebenszweck, wenn ein Mensch bestmöglichen Wein erziele. Das könne und solle Roland. Der Welt guten Wein bereiten, sei nicht minder, als ihr schöne Kunstwerke schaffen. Und wenn man Roland Anhänglichkeit an die Rheinlande einpflanze, so könnte daraus noch viel Edles erfolgen, zumal wenn man ihn mit dem Weidmannschen Hause in Verbindung bringe. Der Doctor war der beste Wegweiser; er kannte jedes Haus und seine Einwohner bis ins Innerste und sprach von allen Menschen mit gerechter Abwägung, er hob die Schatten, wie die Lichtseiten gleichmäßig hervor. Von Haus zu Haus gab es belebende Einblicke und von Keller zu Keller erfrischende Labe. »Man spricht immer vom Verfall unsres Volksstammes,« lehrte der Doctor, »es scheint eine lange Krankheit, jedenfalls keine gefährliche. Die Leute schlagen sich durch und trinken sich durch. So ist es gewesen und wird immer sein. Brennt die Sonne heiß, hat man ein Recht, zu trinken; ist das Wetter unheimlich und naß, muß man sich durch einen guten Trunk frisch erhalten.« Sie kehrten bei einem Manne ein, an dessen Hause die Statue der heiligen Mutter mit einer Laterne in der Hand angebracht war. »Hier oben,« sagte der Doctor, »wird noch in der That reiner Wein eingeschenkt, der Mann liefert an die Kirchen den Abendmahlwein, der ganz unverfälscht sein muß. Der Vater dieses Mannes ist ein berühmter Sticker von Kirchengewändern, sein Bruder ein angesehener Heiligenmaler, und wenn die Leute auch Vortheil von ihrer Religion haben, es ist ihnen doch heilig ernst damit. Wir wollen nicht an der Rechtschaffenheit der Gläubigen mäkeln, dafür sollen sie aber auch bei uns Ungläubigen die Rechtschaffenheit gelten lassen.« Weiter kamen sie an ein Haus und der Doctor sagte: »Da wohnte ein lustiger Schelm, der ein Gespenst ins Haus gesetzt hat. Es war ein alter Kauz, von Handwerk ein Maurer. Er hinterließ lachende Erben, und man weiß, daß er eine kleine Kiste machen ließ beim Tischler und ein Schloß dazu beim Schlosser und bei der Vermauerung des Kellers, wo er allein war, hat er die Kiste eingemauert. Man glaubt nun, daß darin bedeutende Summen verborgen sein müssen, und doch war er Schelm genug, eine leere Kiste einzumauern, um die Nachkommen damit zu necken. Nun wissen die Menschen nicht, sollen sie das Haus einreißen, um die Kiste zu suchen, oder nicht; es ist möglich, man findet eine leere Kiste, und es ist dann umsonst.« Einen Alten mit verschmitztem Gesichte, der vor seinem Hause saß, grüßte ein andermal der Doctor zutraulich und fragte, ob man nicht wieder einen Tropfen von der »schwarzen Katz« kosten könne. Der Arzt wurde fröhlich eingeladen; er ging mit Erich und Roland in den Keller, wo sie feurigen Wein aus einem Fasse tranken, darauf in der That die schwarze Katze saß, freilich nur eine nachgemachte mit Glasaugen. Der Alte war überaus zutraulich und mit Roland anstoßend sagte er: »Ja, ja, wir sind Alle nur Pfuscher gegen Ihren Herrn Vater.« Mit schmatzendem Behagen lobte er die Durchtriebenheit und Pfiffigkeit Sonnenkamps, Erich sah besorgt auf Roland, der indeß wenig davon berührt schien. Als man davon ging, sagte der Doctor: »Das ist der wahre Bauer, denn der wahre Bauer ist ein gründlicher Egoist, denkt immer nur an seinen Vortheil, mag darüber die Welt zu Grunde gehen. Das ist der Altbürgermeister, der den kleinen Leuten, so oft sie was brauchten, Geld geliehen hat, und war ein schlechtes Jahr, hat er die Ausstände mit Härte eingetrieben, so daß die Weinberge öffentlich versteigert wurden; und nun ist er im Besitz des größten Weingutes. Ja, er ist ein durchtriebener Schelm.« Erich sah den Doctor von der Seite an, er begriff nicht, wie er doch mit dem Altbürgermeister so freundlich sein konnte; er fragte, ob der Mann überhaupt in Ansehen stehe, es wurde mit Nachdruck bejaht, denn Besitz gibt auf dem Lande Ansehen. Auch beim Aichmeister, dem eigentlichen lustigen Bruder der ganzen Landschaft, kehrten sie ein; sie wurden durch die Keller geführt und mußten manchen guten Tropfen kosten. Der Aichmeister trug stets ein Weißbrod in der Tasche, das nannte er sein Schwämmchen. »Mit Stroh,« sagte er, »heftet man die Rebe an, und mit diesem Brödchen, das aus dem Stroh gewachsen ist, bändige ich den Wein. Das Wasser zehrt, hat die Nonne gesagt, da hat sie ihren Schleier gewaschen und einen ganzen Laib Brod dazu gegessen . . .« Man hatte dem Aichmeister nachgerechnet, daß er bereits siebzig Stückfaß Wein getrunken, er aber behauptete: sie haben es gnädig mit mir gemacht, ich habe weit mehr getrunken. Es war ein lustiges, ein weinseliges Leben, in das Erich und Roland zugleich eindrangen, und wenn sie wieder zu ihrer strengen Arbeit zurückkehrten, stand im Hintergrund der Seele das Bewußtsein, daß man in einer fröhlichen Landschaft lebte, wo das Dasein sich leicht abspielt. Der hohe Sommer war da; es kamen kalte, windige, trübe Tage, wo man an allem Gedeihen zweifelt, und doch kann der Sommer noch nicht zu Ende sein, es muß wieder heiß werden. Die frischen Johannistriebe an den Laubbäumen zeigten an, daß die Sommerhöhe erstiegen war und es nun abwärts ging. Der Wald hat für das Jahr sein Wachsthum erreicht, der Gesang verstummte in ihm, nur der unermüdliche Plattmönch zwitscherte noch und die Elster schnatterte drein. Erich, der nicht vor Anderen singen wollte, sang jetzt vor Roland allein. Er nahm das Oratorium vor, das eben von den rheinischen Gesangvereinen eingeübt wurde, erklärte Roland die Kunstform und sang eine Solostimme. Buntbeflaggte Schiffe, die die Sänger trugen, zogen stromauf und wurden an allen Orten mit Böllerschüssen begrüßt. Roland bat, daß sie auch zu dem Musikfeste gingen. Sie wanderten nun zu Fuß den Weg, den Roland in der Nacht gewandert war. Roland erzählte unterwegs, was ihm Alles hier begegnet war. Vor der Rosenhecke, an der die wilden Rosen längst abgeblüht, stand er und sagte träumerisch leise: »Hier habe ich damals gesehen, warum die Rose Dornen hat. Weißt Du auch, warum?« »Die Natur wirkt nach Gründen, nicht nach Zwecken. Die Rose hat nicht Dornen, damit der Mensch sich daran steche, Schmetterling und Biene verletzen sich nicht an diesen Dornen, nicht an den Stacheln der Disteln; die Natur hat sich nicht auf Muskelbeschaffenheit des Menschen eingerichtet.« »Ach nein, so meine ich es nicht,« erklärte Roland. »Damals in der Frühe habe ich mir gedacht: der Rosenstamm hat Dornen, das Rosenblatt hat seine rauhe Spitzen, um den Thau recht lange festhalten und einfangen zu können.« Erich widersprach nicht. Sie gingen weiter; sie kamen an den Wald und Roland erzählte, daß er hier eingeschlafen sei und einen wunderbaren Traum gehabt habe. Es sei aber doch kein Traum gewesen, denn das Kind habe englisch gesprochen und abgebrochene Blumen vor ihm liegen lassen. Am Rande des Waldes rief er in die Bäume hinein: »Lilian, komm! Lilian, komm!« Erich begriff nicht, was das war, aber er hielt sich zurück, Roland weiter zu fragen; der Knabe mußte in jener Nacht und an jenem Morgen Wunderbares erlebt haben. Roland ging in den Wald hinein, plötzlich rief er: »Da ist mein Geldtäschchen!« Er erzählte, wie er den Hausknecht in Verdacht gehabt, und Erich sagte: »Es ist mir lieb, daß wir sehen, der Mann war ehrlich.« »Laß uns nach dem Dorfe gehen, wo der Hausknecht ist,« bat Roland, »ich will ihm das ganze Geld schenken.« Sie gingen nach dem Dorfe, der Hausknecht aber war nicht mehr da, er war zum Militär eingezogen. Roland schrieb sich den Namen in sein Taschenbuch. Weiter durch die sommerlich grünende Landschaft zogen die Beiden; sie kamen zur Eisenbahn und fuhren nach der Festungs-Stadt. Hier war Alles geflaggt, die ganze Stadt schien sich des fröhlichen Festes zu freuen. Auf Kähnen hellsingend, mit den Bahnzügen, von Willkommen begrüßt, kamen Sänger und Sängerinnen von allen Orten herbei. »Sieh, das ist unser,« rief Erich aus. »Solche Feste hatten die Griechen und die Römer nicht und hat keine andere Nation, als die deutsche.« Man übernachtete in der Stadt. Am andern Morgen versammelten sich Hunderte von Sängern und Sängerinnen und eine große Masse von Zuhörenden in der buntgeschmückten Festhalle, wo sonst an Werktagen der Fruchtmarkt abgehalten wurde. Da lief ein düsteres Gerücht durch die Versammlung; die Sänger und Sängerinnen schüttelten die Köpfe und unter den Zuhörern war unruhiges Flüstern und Fragen. Ein Mann von edler Stimme und erprobter Bereitwilligkeit, der ein Solo zu singen hatte, war plötzlich erkrankt. »Sieh da,« sagte Roland, »dort sitzen Nonnen und dort die Zöglinge, ganz in der Kleidung, wie sie im Kloster Manna's sind. Ach, wenn Manna auch hier wäre!« Erich sagte zu Roland: »Bleibe hier, ich will sehen, daß ich helfe; ich verlasse mich darauf, daß Du an diesem Platz bleibst.« Er ging zu den Sängern auf die Tribüne, er stand bei dem Capellmeister und sprach eifrig mit ihm. Männer gingen ab und zu. Plötzlich wandten sich alle Köpfe nach Erich und durch die Versammlung ging ein Flüstern und Murmeln. Meister Ferdinand, der Capellmeister, schlug mit seinem Taktstocke auf, seine Mienen, die Alles wie mit einem Zauber regieren und begeistern, waren lächelnd. Es trat Stille ein und in herzgewinnendem Tone sagte er: »Unser Bariton ist leider erkrankt, dieser Herr hier erbietet sich in überaus dankenswerther Weise, die Soli für unsern erkrankten Freund zu übernehmen. Sie werden ihm mit uns dankbar sein und ihm gern die erbetene Nachsicht gewähren.« Ein allgemeiner Applaus erwiderte. Die Chöre begannen und zogen brausend durch die Seele Rolands. Jetzt erhob sich Erich. Alle Herzen pochten. Aber beim ersten Ton, den er anstimmte, schaute jeder der Sänger und Sängerinnen und jeder Zuhörer zu seinem Nachbar und nickte. Das war eine Stimme, so voll, so tief, so zum Herzen dringend, daß Alles mit angehaltenem Athem zuhörte. Als er geendet, brach ein stürmischer Jubel los, daß die Halle zusammenzustürzen schien. Erich setzte sich, die Chöre, die anderen Soli gingen weiter, er erhob sich wieder, er sang aber- und abermals und seine Stimme schien immer mächtiger zu werden, immer tiefer in die Herzen Aller zu dringen. Die Chöre brausten heran wie hohe Meereswellen, kühn erhebend. Als Erich sang, war's Roland, als stünde sein Freund auf hohem Schiffe und leitete und regierte Alles, und diese Stimme war ihm so nahe befreundet und doch so hoch erhoben. Den Jüngling umfing jenes wonnig träumerische Glück, das uns die Musik bringt, und tief ins eigene Leben hinein versetzt und es uns austräumen läßt, und doch wieder vergessen in jenes wonnig wehmüthige Sein untertaucht und alles eigene Sein auflöst. Roland weinte; die Stimme Erichs zog ihn hinaus in eine unsichtbare Welt. Die Chöre begannen wieder, und ihm war, wie wenn er in ein himmlisches Dasein versetzt wäre. Roland hätte gern seinem Nachbar gesagt, wer der Mann sei, denn er hörte von allen Seiten fragen und räthseln, aber innerlich dachte er mit einem gewissen Stolze: Niemand kennt ihn als ich allein. Da schweifte sein Auge wieder über die blau gekleideten Mädchen unter den Zuhörern und jetzt nickte ihm Eines zu. Ja, sie ist's! Es ist Manna! Er bat die Zunächstsitzenden, man möchte ihn durchlassen; er wollte hin zu seiner Schwester, wollte ihr sagen, wer das ist, der jetzt solche Wonne in die Herzen Aller bringt. Aber er wurde mit Ungestüm zurückgewiesen, die Nachbarn schalten über den kecken Jüngling, der so unruhig war und eine Störung machen wollte. Roland hielt sich still; er versäumte darüber die größere Pause, in welcher er füglich zu Manna hätte durchdringen können. Das Oratorium war zu Ende, aber der Jubel der Versammelten wollte nicht enden. Man rief allgemein, der Fremde solle sich nennen. »Sein Name! Sein Name!« tönte es von tausend Lippen und dazwischen wurde geklatscht. Da schlug Meister Ferdinand, dem sich Weigernden freundlich winkend, wieder auf das Pult und Alles rief: »Namen! Namen!« Meister Ferdinand sagte: »Der Sänger hatte gewünscht, seinen Namen nicht zu nennen, aber da Sie ihn mit so liebenswürdigem Ungestüm verlangen, nenne ich ihn; er heißt: Doctor Dournay.« »Tusch! Tusch!« schrie die ganze Versammlung, das Orchester stimmte einen dreimaligen Tusch an und Alles schrie: »Hoch, Doctor Dournay!« Erich sah sich umdrängt von Solchen, die ihn jetzt erkannten, und von Anderen, die ihn kennen lernen wollten. Die Versammlung zerstreute sich. Erich sah sich nach Roland um und fand ihn nicht. Er ging auf dem Platze vor der Festhalle umher, er kehrte in die Festhalle zurück; da war Alles geräuschvoll und durcheinander, denn es wurden die Tische hergerichtet für das Festmahl. Erich blieb lange, er setzte voraus, daß sich Roland im Getümmel verloren hatte und nun wieder hieher zurückkehren würde. Endlich kam Roland; seine Wangen glühten und er rief: »Sie ist es gewesen! Ich habe sie und ihre Genossinnen nach dem Schiff begleitet, sie sind schon abgereist. O Erich, wie schön ist's, daß Du ihr zuerst zugesungen hast! Und sie hat gesagt, Du müßtest doch nicht so gottlos sein, weil Du so fromm singen kannst. Sie hat gesagt, ich soll Dir's nicht sagen, aber ich sage Dir's doch. O Erich! und Landrichters Lina ist auch unter den Sängerinnen und der Baumeister, sie gehen mit einander Arm in Arm, sie haben Dich gleich erkannt, haben Dich aber nicht verrathen. O Erich, wie Du gesungen hast, da ist mir's gewesen, als könntest Du fliegen; ich habe immer gemeint, jetzt thust Du Deine Flügel auf und fliegst davon.« Der Jüngling war in fieberhafter Aufregung. Ein Festordner kam und bat Erich und seinen Bruder – als solchen nahm er Roland an – bei dem Festmahle zu bleiben und neben dem Capellmeister zu sitzen. Ein Photograph, der ebenfalls ein Solo gesungen, bat Erich, bis es zur Tafel ginge, sich bei ihm photographiren zu lassen, denn die Hunderte von Sängern und Sängerinnen würden sein Bild haben wollen. Erich dankte für alle Freundlichkeit, und mit dem nächsten Schiffe fuhr er mit Roland nach der Villa. Roland ging nach der Cajüte und schlief bald ein. Erich saß allein auf dem Verdeck. Er hatte sich gegen seinen Willen so in die Oeffentlichkeit hinausgestellt; aber es gibt Momente, wo unsere Kräfte nicht uns gehören und wo wir uns nicht selbst bestimmen können. Als man bei der Station anlangte, mußte Roland geweckt werden. Er wurde fast in den Kahn getragen, so taumelnd war er; er schien nicht zu fassen, was Alles mit ihm vorgegangen. Als sie ans Land stiegen, sagte er: »Erich, Dein Name ist von tausend und aber tausend Menschen genannt, Du bist jetzt sehr berühmt.« Roland summte auf dem ganzen Wege eine Melodie des Chors. Auf der Villa waren Briefe von der Mutter Erichs aus der Universitätsstadt und von Sonnenkamp aus Vichy angekommen. Die Mutter schrieb, Erich solle sich nicht daran kehren, wenn er den Vorwurf vernehme, daß er sein Ideal so leicht und schnell aufgegeben habe; die Menschen seien nur ärgerlich, daß er ohne allen Abschied davon gegangen. Erich lächelte, er wußte recht gut, wie man am sogenannten schwarzen Tisch auf dem Casino, wo Jahr aus Jahr ein das glänzende Wachstuch über das unsaubere Tischtuch gelegt war, sich in Witzworten über ihn vergnügte. Einen ganz andern Eindruck machte der Brief Sonnenkamps, denn er ermächtigte Erich, falls er es jetzt für wünschenswerth erachte, mit Roland allein zu reisen und zu ihm nach Biarritz zu kommen. »Dem Vater wird's auch lieb sein, daß Du so viel Ehre bekommen hast; die Nonne, die Manna begleitete, hat freilich gesagt, er würde es nicht gut aufnehmen, daß Du so vor die Leute hingetreten bist.« Inmitten seiner hocherregten Empfindung kam das Gefühl der Abhängigkeit über Erich. Aber hatte er denn seine ganze Persönlichkeit in den Dienst gestellt und mußte er bei jedem Thun und Lassen sich die Frage vorlegen, wie es wol von Sonnenkamp aufgenommen würde? Dreizehntes Capitel. Wieder flossen die Tage ruhig dahin in Arbeit und Feierlust. Eines Tages kam der Krischer und bat, Roland solle sein Versprechen halten und ihm einmal die ganze Villa zeigen. »Warum wollt Ihr das?« fragte Erich. »Ich möchte auch einmal sehen, was die Reichen Alles haben.« Es war ein schelmischer Blick, der aus den Augen des Krischers hervorschoß. Erich gab Roland die Erlaubniß, ihm Alles zu zeigen. Er wollte anfangs einen Diener mitschicken, aber er ging doch lieber selbst mit, er hatte eine gewisse Furcht vor dem Krischer; er ließ ihn nicht gern allein mit Roland. Er fühlte, daß die Art, wie der Krischer beständig den Unterschied von Reich und Arm hervorhob, Roland die Gedanken verwirren konnte. Nun wanderten sie durch alle Stockwerke, und der Krischer, der kaum aufzutreten wagte, sagte immer: »Ja, ja, das kann man Alles für Geld haben! Was man doch nicht Alles aus dem Geld machen kann.« Im großen Musiksaale stand er auf der Tribüne und rief zu Erich und Roland hinab: »Herr Hauptmann, darf ich etwas fragen?« »Wenn ich's beantworten kann, warum nicht?« »Sagen Sie mir ehrlich und aufrichtig: was würden Sie thun, wenn Sie – Sie sind ja ein freisinniger Mann und ein Menschenfreund – was würden Sie thun, wenn Sie im Besitze dieses Hauses und so vieler Millionen wären?« Die Stimme des Krischers tönte laut und hallte wider in dem großen Saale. »Was würden Sie thun?« fragte der Krischer noch einmal. »Wissen Sie keine Antwort?« »Ich habe nicht nöthig, Euch eine zu geben.« »Gut, gut; weiß schon Alles.« Er kam von der Tribüne herab und sagte: »Ich bin, wie Sie wissen, Feldhüter; da wandere ich nun die Nächte hindurch und es ist, wie wenn mir's ein böser Geist angethan hätte. Ich muß immer denken, was würdest denn Du thun, wenn Du die vielen Millionen hättest?« »Was würden Sie thun?« fragte Erich. »Wissen Sie selbst nichts?« »Wenn ich viel Geld hätte,« erwiderte der Krischer schelmisch lächelnd, »prügelte ich zuerst den Domänenrath windelweich und wenn's tausend Gulden kostete; er ist's werth.« »Aber dann?« »Ja dann . . . dann weiß ich nichts mehr.« Erich sah auf Roland. Die Naivetät des Reichthums, wie es Knopf genannt hatte, schien zerstört, unvorbereitet und zur Unzeit aufgerüttelt; das konnte nicht mehr rückgängig gemacht werden, und doch war Roland noch nicht reif, den Ausweg zu finden. Erich sagte zu Roland in englischer Sprache, es sei nicht möglich, einem ungebildeten Geiste die entsprechende Antwort zu geben. »Hat er denn ungebildet gefragt?« entgegnete Roland in derselben Sprache. Erich erwiderte nichts. Der Krischer setzte seinen Hut auf und ging davon. Es war nicht möglich, an diesem Tage die Aufmerksamkeit Rolands auf irgend etwas zu fesseln. Spät in der Nacht, als Erich sich bereits zur Ruhe begeben, hörte er Roland im Bibliothekzimmer, er holte etwas. Erich ließ ihn gewähren; dann ging auch er nach der Bibliothek und sah, daß Roland sich die Bibel geholt hatte. Er las wol jetzt jene Stelle vom reichen Jüngling; der Keim, der bisher geschlummert hatte, ging auf. Draußen in der Natur wachsen die Knospen still und eine wilde Gewitternacht läßt sie auf Einmal aufbrechen. Am Morgen in aller Frühe trat Roland bei Erich ein und sagte: »Ich habe eine Bitte.« »Sprich, wenn ich sie gewähren kann.« »Du kannst. Laß uns heute alle Bücher vergessen, komm mit auf die Burg.« »Jetzt?« »Ja. Ich habe mir's vorgesetzt, ich will selbst erleben, wie es ist. Laß mir's nur einen einzigen Tag.« »Was denn?« »Ich will arbeiten wie die Maurerlehrlinge droben an der Burg, ich will nichts essen als was sie essen und will auf und nieder tragen wie sie.« Erich ging mit Roland nach der Burg, unterwegs aber sagte er: »Roland, Dein Wille ist gut, aber nun überlege: Du übernimmst nicht die gleiche Arbeit, wie die dort; Du übernimmst weit schwerere, Du bist sie nicht gewohnt; dieser eine Tag wird Dir zehnfach mühseliger als ihnen, denn Du kommst aus ganz andern Verhältnissen. Was ihnen Gewohnheit, ist Dir neu und eine doppelte Last, und dazu bist Du ihnen nicht gleich, denn Du kommst aus einem Bette, wie die dort es nicht kennen, Du hast zartgepflegte Hände – es ist eine ganz ungleiche Kraft, die Du einsetzest. So lernst Du nicht, wie es den Armen zu Muthe, die nichts haben als ihre eingeborne Kraft, um damit das Leben zu fristen.« Roland stand still und es klang etwas aus dem, was er in der Nacht gelesen, denn er fragte mit zitternder Stimme: »Was soll ich denn thun, daß ich das Leben meiner Mitmenschen in mir gewinne?« Erich war betroffen von Ton und Fügung dieser Worte; er konnte Roland nicht sagen, wie glücklich er sich fühlte. Denn er war in diesem Augenblicke sicher, eine Seele, die das in sich getragen und gehegt, kann nie mehr verloren gehen, kann die Gemeinschaft und Gleichverpflichtung der Menschen nie verlieren. Er bezwang sich indeß, das kundzugeben, und sagte: »Lieber Roland – die Welt ist ein großer Zusammenhang von Arbeit, nicht Jedem ist das Gleiche auferlegt; aber Jedem ist auferlegt, daß er sich als Bruder seiner Mitmenschen fühle. Was wir thun können, ist nur, bereit zu sein, uns bereit machen, daß, so oft der Ruf unserer Mitmenschen an uns ergeht, wir ihnen handreichend zur Seite stehen. Die Arbeit, die Du einst haben wirst, ist anders als die Jener, die die Steine tragen und den Mörtel; Deine Arbeit ist größer und beseligender.« Am Vorsprunge des Berges, wo man hinausschaut weit in die Lande, saßen Erich und Roland bei einander; der Thymian umduftete sie und ein Athem der Wonne zog durch die Lüfte. Die Natur war so in sich gesättigt, stetig. Und die Menschen! Roland legte sich zurück und schaute in den Himmel hinein, Erich saß gedankenvoll, die wilde Frage des Krischers hatte ihn neu bewegt. Da draußen liegen die Felder, die Weinberge. Wessen sind sie? Es stehen Marksteine in der Erde als Scheidepunkte von Mein und Dein, Keiner darf die Grenze des Andern überschreiten, in sein Bereich eindringen; das sind die zerstreuten, sich vor dem Geiste zu einem Tempel zusammenfügenden Steine am großen Tempel der Gesetzes-Ordnung, der die Menschheit schützt. Wo sind die Marksteine für das bewegliche Leben? . . . Da drunten fährt der Schiffer, stemmt das Ruder ein, dort wandert der Winzer und harkt den Boden auf, daß die Wurzeln den Regen auffangen, der Vogel fliegt über den Strom, die Menschen rudern und graben und hämmern, die Thiere fliegen und schleichen, sich zu nähren. Da kommt die Versuchung zum Menschen und spricht: Laß Andere für Dich arbeiten, nähre Dich von ihrem Schweiße, ihre Knochen sind Dein; sieh nicht hin auf sie, nimm Gold für ihre Mühe; Gold weint nicht, Gold klagt nicht, es schimmert nur; wenn Du Gold hast, kannst Du singen und tanzen, fahren auf Menschenköpfen, auf zerknickten Armen; sei nicht blöde, die Welt ist ein Raubfeld, Jeder nimmt, was er erraffen kann. So spricht die Versuchung. Wer setzt hier die Grenze – wer? wo? Roland neben Erich mußte ganz andern Gedanken nachgegangen sein, denn er richtete sich auf und sagte: »Ich möchte wissen, wie es war, als Amerika zuerst entdeckt wurde.« Erich legte dem Jünglinge dar, welche Umwälzung in den Gemüthern die großen Cultur-Eröffnungen des sechzehnten Jahrhunderts gemacht. Da stand ein Mann auf in einem kleinen deutschen Städtchen und bewies: die Erde, auf der wir leben, ist kein fester Punkt, sie dreht sich beständig um ihre Achse und im Sonnenkreis. Die ganze Betrachtung der Menschheit durch Jahrtausende war auf Einmal geändert. Nun wandelt man auf dieser Kugel, die wir Erde nennen, man meißelt und baut, fährt und schifft dahin auf einer Kugel, die sich beständig dreht. Wie das Herz der Menschheit das zuerst erfuhr, mußte ein Schauer es durchbeben, es gab keinen Himmel mehr; was man so nennt, ist nichts als die fest gefugte zahllose Reihe der Gestirne, die sich bewegen, anziehen und abstoßen. Es gab keinen da oben sitzenden Weltkönig mehr. Und ein anderer Mann kam und sagte: Auch auf Erden gibt es keinen Mann, der, auf seinem Throne sitzend, den ewigen Geist in sich faßt, um zu lehren und zu bestimmen, was die Menschen glauben und hoffen sollen. Kirchentrennung trat ein und riß die gebildete Welt auseinander. Und wieder ein anderer Mann setzte sich mit seinen Genossen auf das Schiff, segelte nach Westen und entdeckte eine neue Welt. Im Hause, das wir bewohnen, ward auf einmal ein großer Raum aufgethan, drin Menschen lebten, zu denen bis jetzt keine Kunde von unserm Thun gelangt war; Pflanzen und Thiere und unermeßliche Wälder und Ströme sind da, von denen die Weisen und Propheten der Vorzeit nichts wußten. Was Copernicus, was Luther und Columbus gemeinsam in derselben Zeit neu aufschlossen, mußte eine Umwandlung in den Gemüthern hervorbringen, mit dem sich nichts in unserer Zeit vergleichen läßt. »Dächten wir uns,« ließ sich Erich verleiten, hinzuzufügen, »könnten wir uns denken, daß heute Jemand im Stande wäre, alles Privateigenthum der Welt aufzuheben, so daß Niemand mehr etwas für sich besitze – die Umwälzung könnte nicht größer sein in den Gemüthern, als sie damals war.« Erich hielt ein. Er fragte sich, ob er dem Jüngling nicht Ideen und Ausblicke gegeben, die er noch nicht fassen konnte. Das stille Hinausdenken der Beiden ins Ungemessene wurde unterbrochen, denn der Baumeister kam und verkündete, daß man ein Römergrab gefunden. Erich ging mit Roland, und dieses Ausgraben eines lange dahin geschwundenen Menschen machte einen erschütternden Eindruck auf Roland. Eine künftige Zeit findet das Gerippe eines Menschen und sie fragt nur: Sind Reste des Alterthums, alten Gewerbfleißes dabei? Was ist das Leben! Erich sprach seine Freude über diesen Fund aus, der Graf Clodwig beglücken wird. Jetzt lenkte auch Roland sein Denken hierauf und alles Grübeln schien vergessen. Die Jugend wird ganz hineingesenkt in einen neu anstürmenden Gedanken, aber es kommt ein anderer, der frühere ist verdeckt und verschwunden. Roland wollte auch eine Sammlung anlegen und Erich bestärkte ihn darin. Er konnte darauf hinweisen, daß hier ein Besitzthum ist, das eigentlich den reinen Gedanken des Besitzthums darstellt; solche geschichtliche Funde gehören nicht dem, der sie sein Eigen nennt, sie gehören der Welt, die eine Kenntniß der Vergangenheit draus bildet; Niemand hat sie für sich allein. Das ist der von aller materiellen Schwere erlöste Besitz; in dieser Weise müßte man alles Eigenthum der Welt anschauen können . . . Still kehrten Erich und Roland nach der Villa zurück. Es gibt oft Zufälle, die wie ein Anruf erscheinen. Man hatte auf der Burg von Clodwig gesprochen, und als man auf die Villa zurückkam, war eine Nachricht von demselben da, daß er mit seiner Gattin aus dem Bade zurückgekehrt sei und andern Tages Roland und Erich besuchen werde. Vierzehntes Capitel. Clodwig war von der Sommerreise gebräunt und Bella sah verjüngt aus, und wie sie stolz aufgerichtet mit dem langen Schleppkleide durch Haus und Park ging, hatte sie etwas von einem schönen Pfau. Roland erzählte von dem auf der Burg gemachten Funde, Clodwig ersuchte ihn, diesen Fund als Grundstock einer Sammlung anzusehen, welche er für sich anlegen solle; er werde in seinem ganzen Leben erfahren, daß er damit Freuden gewinne, denen nicht leicht etwas Anderes gleichkomme. Roland nickte Erich zu, und Clodwig erzählte, daß er auf seiner Reise werthvolle Erwerbungen gemacht, die bald nachkommen würden. Er hatte im Bade mit einem berühmten Alterthumsforscher, der auch ein Lehrer Erichs gewesen, täglich Umgang gepflogen. Erich holte eine Entschuldigung nach, daß er die Freundlichkeit Clodwigs so sehr vernachlässigt und ihn nicht vor der Abreise besucht habe; aber wieder zeigte sich, daß der Umgang mit Clodwig ein bequemer war, denn als Mann von gesichertem Ansehen und ruhigem Selbstgefühl dachte er an keine Vernachlässigung und hatte keine Spur von Empfindlichkeit. Die beiden Gatten erzählten, daß sie absichtlich den Umweg gemacht und in der Universitätsstadt übernachtet hatten, um die Mutter Erichs zu besuchen und einen ganzen Tag bei ihr zu bleiben. Wechselsweise ergänzten sie einander in Kundgebung der Friedsamkeit, die man empfunden. Zuletzt ließ Clodwig seiner Frau allein das Wort, denn sie berichtete von dem Leben der edlen Frau. Sie schilderte die Clavierecke so anheimelnd und wie dort die Professorin vor ihrem Blumenfenster arbeitend saß. An der Fensterwand vor ihr hing das Bild ihres verstorbenen Mannes und ihres Sohnes und darüber unter Glas und Rahmen eine blonde Locke der Großmutter und rechts und links davon die kleinen Pastellbilder der Großeltern. Es wurde von Gängen berichtet durch das liebliche Thal, von der Ausfahrt nach der berühmten Bergkapelle. »Und von mir hat sie gar nicht gesprochen?« fragte Roland. »Von Ihnen fast noch mehr als von ihrem Sohne,« erwiderte Bella. Sie wendete sich aber wieder zu Erich und konnte nicht müde werden, zu erzählen, wie es so tief anmuthend sei, eine Frau vor sich zu sehen, die nicht in die Welt hinausstrebe und doch die ganze Welt in sich habe. Clodwig lächelte, denn Bella sprach wieder einmal dieselben Worte, die er gesagt, aber sie setzte aus Eigenem hinzu: »Ich meine, Sie, Herr Hauptmann, erst ganz zu verstehen, seitdem ich Ihre Frau Mutter wieder gesehen.« »Wir dürfen aber die Tante nicht vergessen,« fügte Clodwig bei und erzählte, daß er eine alte Bekanntschaft erneuert habe; er erinnerte sich wohl der strahlenden Schönheit von Fräulein Dournay und welches Aufsehen es erregt, daß sie, eine Bürgerliche, bei Hof vorgestellt und in alle Gesellschaften geladen wurde. Davon, daß man sich erzählte, sie und Prinz Hermann, der in jungen Jahren gestorben war, hätten einander schwärmerisch geliebt und daß Fräulein Dournay alle Ehe-Anerbietungen abgelehnt, schwieg Clodwig. Als man im Garten spazieren ging, sagte Bella zu Erich: »Sie haben eine schön erfüllte Jugend gehabt, aber Eines fehlt Ihnen.« »Und das ist?« »Eine Schwester.« »Ich möchte glauben, daß sie mir geworden,« erwiderte Erich leise. Bella schaute eine Weile zur Erde, dann rief sie Roland an, daß er zu ihr komme. Man fuhr nach der Burg und Clodwig bat im Interesse seines jungen Freundes Roland, daß der Baumeister recht behutsam sein möge, sobald sich die Spur eines weitern Alterthumsfundes zeige. Die Gesellschaft saß auf einem Vorsprunge der Burg, dort hatte sich der Major einen bequemen Sitz herrichten lassen. Clodwig ging mit Roland und Bella saß bei Erich. Sie war über Paris gereist und hatte sich die neuesten Moden mitgebracht, aber sie sprach gegen Erich, wie albern wir uns mit so Vielem schleppen. Ohne sichtbare Veranlassung setzte sie hinzu, wie sehr sie verkannt sei; man glaube, daß sie großen Aufwand liebe, sie möchte aber am liebsten in einem kleinen Fischerhäuschen am Rhein in behaglicher, durchwärmter Stube leben. »Und wer wird diese Stube heizen?« fragte Erich. »Sie haben recht, wir dürfen nicht idyllisch sein,« erwiderte Bella. Eine längere Pause trat ein. »Sie haben meine Mutter wieder kennen gelernt,« begann Erich, »hätten Sie meinen Vater gekannt, Sie würden auch Freude an ihm gehabt haben.« »Ich kannte ihn ja. Aber ich danke Ihnen; ich verstehe, wie Sie mir Theil geben wollen an allem Ihrigen.« Sie sagte das in herzlichem Tone, trotzdem aber war ihr Blick seltsam forschend auf Erich geheftet und in schalkhafter Weise fuhr sie fort: »Es ist Ihnen gewiß aufgefallen, wie ich Sie betrachte. Nun denn, ich sehe, daß ich einen Wunsch Clodwigs erfüllen muß, weil ich meine, daß ich's vielleicht kann. Clodwig wünscht, daß ich Sie zeichne. Ich will es versuchen, ich möchte aber unsern jungen Freund Roland mit dazu nehmen. Herr Roland, kommen Sie hieher,« rief sie, da dieser sich näherte. »Bitte, lehnen Sie sich an das Knie des Herrn Hauptmanns. So . . . recht so . . . legen sie die rechte Hand auf seine Schulter, aber mehr vorwärts. Jetzt noch den Kopf ein wenig nach links. Bitte, sprechen Sie etwas, Herr Hauptmann. Es muß so sein, daß Sie Roland eben etwas mittheilen.« »Ich wüßte nichts zu sagen,« entgegnete Erich lächelnd. »Schon genug, ich sehe die Lippenbewegung; es wird schwer sein, aber ich hoffe sie doch zu fassen. Wann wollen Sie mir sitzen?« Clodwig bat, daß Erich und Roland auf Wolfsgarten zu Gaste sein möchten, bis die Familie zurückkehre, aber Erich lehnte es so freundlich als entschieden ab; er wollte die gemessene Ordnung, die eingesetzt war, nicht zerstören. Clodwig stimmte ihm sofort bei und versprach, mit Bella wieder nach der Villa zu kommen: dort sollte die Zeichnung beginnen und ausgeführt werden. Bella wollte einen Photographen bestellen, um Roland und Erich in der von ihr gewählten Stellung aufnehmen zu lassen, aber Clodwig widerrieth dies, da eine Zeichnung, die man mit Nachhülfe der Photographie mache, immer etwas Steifes behalte; er verwarf überhaupt die Photographie bei menschlichen Figuren, da sie nur die Architektur der Erscheinung und noch dazu in falschen Verhältnissen gebe. Roland wünschte, daß auch Greif mit auf das Bild aufgenommen würde. Bella ward verdrießlich; sie hatte in belebtem gesellschaftlichem Treiben gestanden und sollte nun wieder in Einsamkeit leben mit Alterthümern . . . vielleicht waren auch unausgegrabene damit gemeint. Der stolze, gelehrte Hauptmann hatte für jedes kleinste Thun so aufgebauschte Principien und ihr Mann – jetzt zeigte sich die Baufälligkeit des Alters – sobald der Hauptmann etwas sagt, hat er keinen andern Gedanken mehr als den des jungen Mannes. Ihre Züge hatten plötzlich etwas Verfallenes, sie schienen alle Spannung zu verlieren. Sie merkte das und nahm sich zusammen. Als Erich beim Abschied ihr die Hand küßte, fühlte er einen Druck gegen seine Lippen, vielleicht aber auch war es Täuschung oder Ungeschicklichkeit. Während er noch hierüber dachte, sagte Roland: »Mir ist gar nicht wohl gewesen unter dem Betrachten der Gräfin. War Dir's nicht auch so? Und Dich hat sie gar so seltsam angesehen.« »Das sind Künstlerblicke,« entgegnete Erich; es preßte ihn in der Kehle. Fünfzehntes Capitel. Der Major kündigte nicht erst seinen Besuch an, er kam selbst. Er sah mit seinen kurz geschorenen schneeweißen Haaren, seinem braunrothen Gesichte ganz neu aus und sagte auch, so oft er sich in der warmen Quelle bade, käme er sich wie neugeboren vor und meine immer, daß sich eine unsichtbare Amme über ihn beuge, ihm Wellen zuspüle und ihm zulächle. Er lachte die Bäume an, die Mauern, die Dächer, und nun gar erst die Menschengesichter. Er freute sich, daß Erich den Burschen aus der Familien-Colonne herausgenommen und ganz allein exercirt hatte; das sei zwar hart, aber man käme in einem Tage weiter als sonst in Wochen. Er bat Erich, ihn bald zu besuchen, denn der Altmeister sei da. Mit großer Aengstlichkeit bewahrte der Major die Selbständigkeit seines Lebens, aber er fühlte immer eine gewisse Verpflichtung gegen den Besitzer des Landhauses, dessen Nebengebäude er bewohnte. Dazu war der Mann der Altmeister, vielgerühmt als Menschenfreund und Mann von Beredtsamkeit. Der Major wollte ihm alles Gute bringen und zuführen, was ihm begegnete, und was hatte er nun Besseres als Erich, den er unausgesetzt pries, so daß ihm, dem ohnedies das Wort schwer wurde, immer der Vorrath von Lobsprüchen ausging und zuletzt in das bekannte Remdem endete. Am ersten Feierabend besuchte nun Erich den Major. Fräulein Milch erzählte von dem Ruhme Erichs beim Gesangfeste und der Major sagte: »Das ist gut! Bei unsern Festen sind Sänger immer von großer Bedeutung. Können Sie auch »In diesen heiligen Hallen« singen?« Erich bedauerte, daß ihm die prächtige Arie zu tief läge. »Singen Sie etwas Anderes, singen Sie Fräulein Milch etwas vor.« Erich hatte Mühe, die freundliche Bitte abzulehnen, und Fräulein Milch wünschte mit ihm, die Kunstleistung auf einen besondern Abend zu verschieben. So zutraulich und liebreich Fräulein Milch, ebenso unwirsch war der sogenannte Altmeister. Er hatte etwas auffällig Gönnerisches; er schien dermaßen an Lobpreis gewöhnt, daß nur eine demüthige und dankbare Natur wie der Major so glücklich und zutraulich mit ihm sein konnte. Der Major gab sich alle Mühe, die beiden Männer zu Freunden zu machen, aber es gelang nicht. Der Altmeister benahm sich durchaus oberherrlich gegen Erich, den er nie anders als »junger Mann« nannte; er ertheilte ihm Lehren, gab ihm Mahnungen, als ob Erich nur auf ihn gewartet hätte. Erich bedurfte seiner ganzen Haltung, um dem Manne in guter Weise die Unschicklichkeit seines Verfahrens kundzugeben, denn der Altmeister war rücksichtslos genug, selbst im Beisein Rolands beständig von der Unerfahrenheit des »jungen Mannes« zu reden, der natürlich nur zu ihm gekommen war, um von ihm einen Orakelspruch zu empfangen, und die ganze Art, wie er sprach, hatte etwas Orakulöses, wobei er eine ausspendende Bewegung mit der linken Hand machte, als ob er Samen auf die Erde streue. Erich gewann Humor genug, dieses Wesen als eine eigenthümliche Erscheinung zu betrachten; er ließ sich geduldig salben. Als er wegging, sagte der Altmeister zum Major: »Der junge Mann hat Gedanken.« Als Erich wieder in die Wohnung des Majors zurückkehrte, kam ein Bote aus der Villa mit der Nachricht, daß andern Tages Clodwig, Bella und Prancken zum Besuch kommen würden. Der Major fragte, wie Erich zu Prancken stehe. Erich konnte nur erklären, daß Prancken sich freundlich und tactvoll gegen ihn benehme. Der Major, der als Bürgerlicher vom Tambour aufgestiegen war, blieb beständig aufsässig gegen den Hochmuth der adeligen Kameraden; er ermahnte indeß Erich, gegen Prancken, der ein ganz manierlicher Mann sei, nur sei er eben adelig – über diese Barriere kam er schwer hinweg – sich erkenntlich zu benehmen, denn Prancken habe doch zu seinem Eintritte gewirkt. Als Erich mit Roland heimwärts ging, sagte er: »Nun, Roland, wollen wir zeigen, daß wir uns durch nichts stören lassen; mag kommen, was da will, wir setzen unsere Studien ununterbrochen fort, wir lassen von Fremden nur über unsere freien Stunden verfügen. Sieh, Roland, das ist ein Schweres im Leben. Aus Fügsamkeit gegen die Welt und aus dem Bestreben, nicht unfreundlich und undankbar zu sein, läßt man sich oft sein eigen Selbst entwenden. Dagegen wollen wir uns fest halten, Jeder muß für sich sein und dann erst in die Welt hinauskommen. Wer das nicht kann, den hat die Welt, aber er hat nicht sich selbst.« Sechzehntes Capitel. Der Besuch kam. Prancken ritt neben dem Wagen her, in welchem Clodwig und Bella saßen; auf dem Rücksitze des Wagens stand ein großer mit Papier überzogener Rahmen und ein feiner, mit eingelegter Arbeit versehener Kasten, der die Stifte enthielt. Erich hatte ein gutes Zimmer nach Norden ausgesucht und bald wurde die Zeichnung begonnen. Clodwig blieb zugegen; das Bild Rolands wurde nur im Umrisse angelegt; er wurde entlassen und ging mit Prancken nach den Ställen. »Sie haben ein so ernstes Gesicht, wie ich Sie noch nie gesehen,« sagte Clodwig zu Erich, und in der That waren die Mienen Erichs sorgenvoll, da er Prancken jetzt mit Roland allein wußte. Was ist alle Erziehung, alle feste Leitung, wenn man keinen Augenblick sicher ist, wie Fremde einwirken? Man muß sich getrösten, daß nicht ein einzelner Mensch einen andern erzieht, sondern die ganze Welt erzieht an einem einzigen Menschen. Erich konnte indeß nicht ahnen, was Prancken mit seinem Zöglinge vorhatte. Prancken benahm sich im Hause als natürlicher Stellvertreter Sonnenkamps oder auch als Sohn des Hauses. Er ließ die Pferde herausführen, musterte die Gartenarbeit und lobte die Dienerschaft. Im Parke fragte er dann Roland, ob er oft an Manna schreibe. Roland bejahte. Prancken erzählte nun, daß er ein schneeweißes ungarisches Pferd für Manna zureite, er setzte hinzu: »Sie können das schreiben oder auch nicht.« Er wußte, daß Roland eine freigestellte Mittheilung nicht vergessen würde, und nun gar, wenn von einem schneeweißen Pferde mit blaßrothen Nüstern die Rede war. »Hat es schon einen Namen?« fragte Roland. »Nein, Manna soll ihm den Namen geben.« Prancken lächelte; er merkte, daß diese Mittheilung am meisten bei Roland haftete. Roland wurde abgerufen, man bedurfte seiner zur weiteren Anlegung der Skizze. Als diese in den ersten Umrissen fertig war, machte man eine Pause. Prancken ersuchte Erich, ihn auf einem Gange durch den Park zu begleiten, und in freundschaftlich betonter Weise ging er nun in eine Erörterung über die Erziehung Rolands ein. Hier zum ersten Male hörte Erich von der strengkirchlichen Gesinnung Pranckens. Er war überrascht. Geschieht das, um die im Kloster erzogene reiche Erbin um so sicherer zu gewinnen? »Ich halte es für meine Pflicht und Sie werden das würdigen,« sagte Prancken, »ich muß Ihnen eine vertrauliche Mittheilung machen.« »Wenn ich etwas thun kann, so fühle ich mich durch Ihr Vertrauen geehrt; kann ich aber nichts leisten, so belastet mich eine vertrauliche Mittheilung in unnöthiger Weise.« Prancken fuhr in leichterem Tone fort: »Sie wissen, daß Herr Sonnenkamp . . .« »Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche. Weiß Herr Sonnenkamp, daß Sie mir eine vertrauliche Mittheilung machen?« »Aber Herr!« fuhr Prancken auf. »Doch nein, ich achte diese Rücksichtnahme auf Ihre Stellung. Ich glaube Ihnen sagen zu dürfen, daß ich der Sohn dieses Hauses bin. Fräulein Sonnenkamp ist so viel als meine Braut.« »Wenn Fräulein Sonnenkamp dem Bruder gleicht, kann man Ihnen von Herzen gratuliren. Darf ich fragen, warum Sie mich mit dieser Mittheilung beehren?« Innerlich immer empörter und äußerlich immer geschmeidiger wurde Prancken, er lächelte sehr verbindlich und sagte: »Ich habe mich in Ihnen nicht getäuscht . . .« Er antwortete indeß nicht auf die Frage nach dem Grunde der Mittheilung, und es war auch kaum Zeit, denn Roland rief Erich, er möge zur Sitzung kommen. »Man sollte glauben, zwischen der Pause und jetzt wären zehn Jahre verstrichen, um so viel älter sehen Sie aus,« sagte Bella zu Erich. Erich fühlte das im Grunde so Unwahre in seinem Verhältniß zu Prancken; sie waren sich Beide des Gegensatzes bewußt; sie hätten Feinde sein sollen oder gleichgültig an einander vorübergehen, und doch reizte wieder etwas und ließ Beide sich überreden, daß es anders sei. Hätte man beständig den Muth der Wahrhaftigkeit und ließe sich nicht trotz innern Widerspruchs in dauernde Beziehungen, in Verpflichtungen ein, immer mit der geheimen Beschwichtigung: es wird sich doch gut gestalten, die Sache ist nicht so streng zu nehmen – Vieles wäre anders auf der Welt, viel Elend nicht da. Die Strafe eines auf Unwahrheit gegründeten Verhältnisses ist, daß es fortwährend Unwahrheit verlangt, offen vor sich bekannte oder in Selbsttäuschung verhüllte; schließlich macht sich dann die Lüge zur Tugend und verwandelt allen Urgrund, löst den Gegensatz auf, der noch in der ehrlichen Natur war, und spricht: Du mußt die Treue bewahren, ihr waret Freunde so lange Zeit, Du hast so viel von ihm empfangen oder ihm geleistet – es wäre Auflösung Deines Lebens, Du müßtest ein Stück aus demselben austilgen, wenn ihr einander verließet; nein, jetzt erst müßt ihr recht zusammenhalten. Und so wächst die Lüge und vergiftet das Leben. Wohl ist es wahr, es gibt keinen Teufel, ihr könnt ihn nicht so sehen, daß er unter das Militärmaß zu stellen wäre, aber dicht neben jener göttlichen Idee, die im letzten Grunde nichts als die Wahrheit ist, wohnt die Lüge und weiß Gestalt und Sprache des Nachbarn anzunehmen. Das Alles wühlte in der Seele Erichs, während er da saß und seine Figur zeichnen ließ. Bella erklärte, daß sie bei diesem Gesichtsausdrucke ihn nicht weiter zeichne; sie brach heute ab. Am Abende fuhr man im Kahn auf dem Rhein und Roland verkündete, wie schön Erich singen könne, aber Erich ließ sich nicht bewegen, einen Gesang laut werden zu lassen. Er wurde viel geneckt, daß er beim Musikfeste gesungen habe, Prancken that das in freundschaftlichem Tone, aber doch in bissiger Weise. Als es Nacht geworden und im duftigen Park die Leuchtkäfer hin und her schwirrten, ging Erich neben Bella, während Clodwig im Balconzimmer saß und ein Album mit großen photographischen Ansichten von Rom durchblätterte, oft über manches Blatt weg sah und alte Erinnerungen walten ließ. Roland ging mit Prancken, sie sprachen von Manna; Prancken wußte ihm geschickt einzuprägen, wie er von ihm schreiben solle. Manchmal kamen sie auch an Bella und Erich vorüber, und Prancken sah staunend, daß Erich Bella am Arme führte. Bella und Erich sprachen leise. Wie die Leuchtkäfer durch die Luft, so flogen leicht hingeworfene Witzworte in dem Gespräche hin und her; Manches wurde aber auch tiefer erörtert. Wenn Prancken und Roland an ihnen vorübergingen, hielten sie zuweilen inne. Bella sprach wieder von ihrem guten Manne – sie nannte ihn immer ihren guten Mann – und wie Erich nicht nur sich mit ihm verständige, sondern, wenn man so sagen dürfe, verherzliche. »Sie schaffen neue Worte,« entgegnete Erich, da Bella den von ihr gefundenen Ausdruck vergnüglich wiederholte, als hätte sie eine neue Coiffüre erfunden, die ihr zu Gesichte stand. Erich war pedantisch genug, wieder auf das eigentliche Thema zurückzulenken. Er sagte mit warmen Worten, welch ein Glück es sei, Schönheit und Friede nicht blos als Ideale zu kennen, sondern ihnen im wirklichen Leben zu begegnen, ihnen die Hand zu reichen und ins ruhig glänzende Auge zu schauen. »Sie sind ein guter Mensch, Sie haben so ehrliche Augen und ich glaube, daß Sie in der That ehrlich sind,« sagte Bella, that ihren Handschuh aus und schlug damit leise auf die Hand Erichs. »Es ist kein Verdienst, ehrlich zu sein, ich wollte, ich hätte das Talent, unehrlich . . . ich meine nicht positiv unehrlich, sondern etwas mehr zurückhaltend sein zu können.« Bella ging in das Glück einer ehrlichen Natur ein; es lag eine Bewegtheit darin, wie sie erzählte, daß sie schon früh ein glänzendes Schicksal hätte gewinnen können, wenn sie nur ein klein wenig Liebe zu heucheln verstanden hätte. Erich wußte nicht, was er erwidern sollte, und das war eine jener Pausen, die Prancken, der mit Roland vorüberging, wohl bemerkte. Bella fuhr fort davon zu sprechen, welch ein Glück es sei, etwas zur Conservirung eines Menschen zu thun; der Eine thue es für einen Menschen im Aufgang seines Lebens, der Andere für einen Menschen im Niedergang seines Lebens, und die Opferung, still und unerkannt, lohne sich im Bewußtsein, daß man diene. Bella löste ihren Arm aus dem Erichs und sagte stillstehend: »Haben Sie nicht auch oft an einem glücklichen Tage, in einer glücklichen Stunde wie jetzt das Gefühl, daß Sie meinen, das, was man jetzt lebt, ist doch nicht das wirkliche Leben? es ist nur ein Rüsten, ein Vorbereiten, ein Warten, es muß etwas kommen, etwas ganz andres, wo . . . was . . . man kann es nicht fassen . . . es muß irgendwo ein Genius sein, dem man es zu erzählen, zu berichten hat, für den man es nur eigentlich erlebt. Man weiß, daß dieses Verlangen sich nie erfüllt, und man hofft es doch immer wieder.« Erich entgegnete, daß dieses unnennbare Etwas in unserem Gemüthe die geheime Quelle aller Kunst sei und Bella besonders müsse ja das in der Musik finden. Bei einer Biegung des Weges fügte es sich leicht, daß Erich mit Roland und Prancken mit seiner Schwester ging. Roland hatte offenbar kein rechtes Wohlgefallen an der Unterhaltung mit Prancken gefunden, er kehrte jetzt zu Erich zurück, er fühlte sich nur bei ihm daheim. Sie wollten Clodwig aufsuchen, und es war Erich fast lieb, daß Clodwig sich schon zur Ruhe begeben hatte. Siebenzehntes Capitel. Als Bella am andern Tage das Bild betrachtete, war sie unruhig und unzufrieden: sie fand Alles, was sie mit Emsigkeit gemacht, falsch und schief; sie wollte ganz neu anfangen, aber Clodwig redete ihr mit Sanftmuth zu und wußte das Gefertigte so günstig auszulegen, daß Bella sich wieder beruhigte. Mit einer gewissen Schärfe sagte sie indeß, Alles, was sie unternehme, werde anders, als ihr Wille gewesen. Da Clodwig dies als nothwendiges Ergebniß jeder schöpferischen Phantasie darstellte, ward sie unwirsch und stieß die Worte heraus: »Ich bin nicht, was ich bin.« Die strenge Ordnung, die Erich hatte innehalten wollen, wurde dennoch unterbrochen. Bella wußte, daß sie stets Alles durchsetzte, was sie sich vorgenommen hatte; ihr Grundsatz war: man muß den Männern nur den Schein lassen, als ob sie selber etwas zu bestimmen hätten. Roland brachte bald das Gespräch auf das Leben Franklins. Bella wünschte es auch wieder kennen zu lernen und Clodwig war bereit, nachdem man Bella von dem Vorhergehenden kurz unterrichtet hatte, weiter zu lesen wo man eben stehen geblieben. Erich und Roland, die auf einer Erhöhung saßen, hörten aufmerksam zu. Es gab mancherlei lebhaft angeregte Besprechungen, denn Bella besaß ein großes Talent, geläufig und schnell in Alles einzugehen. Sie hob nun bald »eine gewisse trockene Pedanterie, ein eminent karges Naturell« in Franklin hervor, und mit dem Stifte kühn hin und her fahrend, sagte sie: »Franklin mag ein sehr sittliches Ideal sein, ein schönes ist er nicht. Wie sollte er auch? Er ist alt geworden, ein ehrbarer Großvater, hat neue Sprüchwörter gedrechselt und sich zuletzt noch eine witzig sein sollende Grabschrift gesetzt.« Erich fühlte, wie es Roland durchzuckte. Es ist nun einmal in unserer Zeit und bei einem Jüngling von der Vergangenheit und den Lebensverhältnissen Rolands nicht möglich, ein unangetastetes Ideal aufrecht zu erhalten. Recht geleitet und an die schickliche Stelle versetzt, kann es vielleicht gut sein, daß Roland sein Ideal sofort angegriffen, ja verzerrt sieht. Mit der ganzen ihm innewohnenden Ueberzeugungskraft sagte Erich, wie das eben die besonders schwierige Aufgabe des freien Menschen sei, daß er, im Gegensatz zum Kirchenthum, Niemand habe, der ihm auf jedem Lebenswege sagen könnte: folge mir nach. Wir neuen Menschen müssen das Hohe und Reine in den erhabenen Naturen erkennen, auch wenn es mit allerlei von der Zeit und dem Naturell Beschränkten verbunden sei. Während er sprach, zeichnete Bella mit großer Hast und nickte dabei mehrmals vor sich hin. Als er jetzt geendet hatte, schaute sie ihn voll an, ihre Augen glänzten, ihre Wangen glühten. »Ich möchte nun,« sagte sie hocherröthend, »daß Sie Roland doch die Hand aufs Haupt legten. Bitte, thun Sie es einmal; das ist das Eigentliche, was ich wollte. Folgen Sie mir.« Erich widersprach dieser Fassung. Bella schüttelte unwillig den Kopf und arbeitete weiter, sie zeichnete gar nichts mehr an der Figur Erichs, sie hielt sich ganz an Roland und einmal sagte sie: »Jetzt hab' ich's! Das ist's! Ihr Kopf hat eine gewisse Aehnlichkeit mit dem Murillo'schen Antonius.« »Siehst Du? das hab' ich auch gefunden,« rief Roland, »und Manna hat mich darüber ausgescholten.« Auch Clodwig fand, daß seine Frau Recht habe, und sagte: »Mir ist das auch ein Lieblingsbild, es steht mir deutlich vor Augen: Die Gestalt des Antonius, wie er auf den Knien liegt, ein Knotenstock neben ihm, die Landschaft nur angedeutet, ein Baum und das Gesträuch hinter ihm, Engel spielen auf dem Boden und Engel schwingen in den Lüften, ein Engel blättert im Buche des Heiligen, ein Anderer hält eine Lilie, die auf der Erde gewachsen ist, dem schwebenden Engel hin, die Blume bildet gleichsam ein Bindungsmittel zwischen Himmel und Erde, sie ist etwas Himmlisches auf Erden.« Lange wurde kein Wort mehr gesprochen. Bella endete die Sitzung . . . Die Anwesenheit Clodwigs mit den Seinen auf Villa Eden erregte in der Umgegend großes Aufsehen; der Hauslehrer schien eine ausnahmsvolle Stellung zu gewinnen. Als unzweifelhafter Sohn des Hauses lud Prancken den aus dem Bade zurückgekehrten Landrichter mit Frau und Tochter ebenfalls nach Villa Eden ein. Prancken war besonders freundlich gegen Lina, er ging mit ihr im Garten hin und her und ließ sich vom Klosterleben erzählen. Lina that das in heiterer Weise; sie wußte die Schwestern, die Oberin und die Genossinnen von ihrer komischen Seite zu schildern; sie hatte im Kloster eigentlich nichts gewollt, als gut fremde Sprachen lernen. Sie erzählte, wie eine Nonne ihr ein Geheimniß anvertraute und eine andere Nonne ihr das Geheimniß zu entlocken suchte; sie sei aber nicht so dumm gewesen, diese Probe nicht zu durchschauen, sie habe geschwiegen. Von damals an aber habe sie einen Widerwillen gegen das Kloster bekommen. Prancken wollte nun wissen, welches Geheimniß ihr die Nonne anvertraut hatte. Lina sah ihn groß an und sagte: »Sie irren sich. Weil ich so viel schwatze, meinen Sie, ich könnte nicht auch schweigen? Ich kann's, wenn ich will.« Das allzeit tänzelnde muntere Wesen Lina's sprach den schwergemuthen Prancken immer mehr an und etwas vom alten Prancken in ihm sagte: warum die Gegenwart öde und leer lassen? Hat Bella eine Tändelei mit dem Hauptmann, warum sollte er sie nicht mit Lina haben? Warum sollte man sich nicht in leichten Scherzen vergnügen? Der alte Prancken, der Prancken vor dem grünen Zweige, faßte seinen geretteten Schnurrbart mit beiden Händen und zwirbelte ihn in die Höhe. Lina wehrte indeß die Huldigungen Pranckens neckisch ab, sie war gegen Erich vertraulich und erzählte viel vom Musikfeste. Es war fröhliches Schäkern und Lachen auf der Villa und im Parke. Prancken bestimmte sogar seinen Schwager, eine Kahnfahrt mit ihm und Lina zu machen, während Bella zeichnete. Er wollte auch Roland mitnehmen; in einem gewissen Uebermuthe sagte er sich, Bella und Erich sollen einmal ganz allein mit einander sein; aber Roland verließ Erich nicht, er vermied offenbar ein Zusammensein mit Prancken. Lustig und wohlgemuth war Lina bei der Kahnfahrt und sie sang Liebeslieder so aus voller Seele wie noch nie. Bella bat den Landrichter und dessen Frau, den versprochenen Besuch Lina's auf Wolfsgarten auszuführen; der Landrichter widerstrebte, aber die Frau stimmte bei und Lina war voll Glückseligkeit, als sie mit Bella und Clodwig davonfuhr. Prancken ritt nebenher . . . Nach dem belebten Verkehr der letzten Tage empfanden Erich und Roland die Stille des Alleinseins aufs Neue. Erich war indeß mißgestimmt, abgemattet und verdrossen. Mit einer tiefen Sehnsucht versetzte er sich in den Umgang mit Clodwig, noch mehr aber – er gestand sich's kaum – in den mit Bella. Da war Frisches, Erweckendes, Belebendes, das die Räume erfüllt hatte, und nun erschien Alles so leer. Dennoch gab er erst nach mehreren Tagen dem Drängen Rolands nach, der daran erinnerte, daß man versprochen hatte, Besuch auf Wolfsgarten zu machen. Erich hatte sich geweigert, das Haus zu verlassen, da es ihm anvertraut war, Prancken übernahm die Verantwortung. Aber es war ein bitterer Ton darin, da er sagte: »Sie waren ja auch beim Musikfeste und haben das Haus den Dienern überlassen. Uebrigens, wie gesagt, ich übernehme jede Verantwortung.« Achtzehntes Capitel. Schön ist's im Thal am Ufer des Stromes, wo die Wellen so hastig und doch ohne sichtbaren Ausruhr dahin gleiten; zu schauen, wie das am Tage glänzt, jeden Farbenwechsel am Himmel widerspiegelt, die auf und ab eilenden Schiffe dahin trägt, und am Abend das stille Murmeln des Stromes zu vernehmen, den der Mond durchschimmert. Schön aber auch ist's, von der Bergeshöhe zu schauen in die Lande, über die Wälder, die Rebengelände, die Dörfer und Städte und den weithin sich dehnenden Strom. Ein neues Aufathmen war auf Wolfsgarten, wo Alles belebt und erfrischt war. Das Bild Erichs und Rolands wurde immer mehr ausgeführt und daneben ordnete Erich die Sammlungen Clodwigs und leitete seinen Zögling in die Kunde des Alterthums ein. Es wurde gesungen, gelacht, spazieren gefahren und geritten in den umgebenden Wäldern und manches lebhafte Gespräch geführt. Wenn Bella mit Erich im Park und durch den Wald wanderte, nahm sie oft ihren Papagei mit, er saß auf ihrer Schulter und war sehr unwirsch gegen Erich, zankte, sah ihn bedenklich, vielleicht eifersüchtig an. Bella ließ den Papagei oft fliegen und sagte ihm: »Aber heut Abend, Koko, kommst du wieder heim,« und Koko flog auf einen Baum, flog waldaus, waldein, und man konnte sicher sein, daß er am Abend wiederkehrte. Nun aber war Koko seit zwei Tagen ausgeblieben. Clodwig bot Alles auf, um den Papagei einzufangen, er merkte nicht, wie ruhig seine Frau über den Verlust war. Wie von selbst fügte sich's, daß Bella mit Erich ging, während Roland mit Lina sich im Walde umhertummelte; das Mädchen war glücklich, sich wie ein ausgelassener Junge gehen lassen zu dürfen. Roland saß auch oft in der Werkstatt des Töpfers, der die Thonerde, die aus dem nahen Berge ausgegraben wurde, verarbeitete; er ließ sich die ganze Verarbeitung zeigen und sah, wie viel Mühe und Sorgfalt ein einziger Topf erheischte. Zwei Jünglinge seines Alters traten den Thon mit nackten Füßen, um ihn geschmeidig zu machen; Gesellen formten Bauverzierungen, Kacheln und Fliesen. An einer Drehscheibe saß ein schöner, kräftig gebauter junger Mann, er trat das Drehrad mit nackten Füßen, zog dann mit großer Behutsamkeit den Thon in die Höhe zum Topf, bildete den Rand und die Schnauze, hob fast zärtlich das Vollendete von der Drehscheibe auf ein Brett und stellte es in die Reihe. Nie machte er mit seinen schweren Händen einen Druck, den er nicht beabsichtigt, und immer hatte er gerade so viel Thonerde genommen, als zu dem Topfe nöthig war. Sinnend sah Roland Allem zu. Der junge Mann, der die Töpfe formte, war stumm, er schaute Roland manchmal gutmüthig an und arbeitete dann ruhig weiter. Der Meister lobte den Stummen, und Roland wollte ihm gern etwas leisten; er schenkte ihm sein schönes Taschenmesser, das viele Instrumente enthielt. Der Stumme war ganz glücklich über dieses Geschenk. Wie hatte Erich sich sonst gefreut, daß Roland nicht gleichgültig am Dasein der Mitathmenden vorüberging. Jetzt hörte er seine Mittheilungen kaum an, sein eigen Leben schien gefangen von Anderem. Eine Nachricht, die ein schön lithographirtes Blatt nach Wolfsgarten brachte, gab viel Gesprächsstoff. Die Tochter des Weingrafen hatte sich mit dem Sohne des Hofmarschalls verlobt und man fand es unerhört, daß der junge Mann, dessen naher Tod gewiß war, sich verlobte; noch unerhörter aber erschien es, daß das Mädchen, eine frische, üppige Erscheinung, sich dazu entschlossen hatte. Lina, die die Chronik der Gegend sehr gut kannte, erzählte, daß die Tochter des Weingrafen erklärt habe, sie sei zufrieden, wenn sie eine verwittwete Baronin sei. Eine tief gepreßte Stimmung, ein Etwas, das sich nicht ganz aussprach, lag in der Art, wie Bella sich über das Verhältniß äußerte, zumal gegen Erich, als müßte er wissen, was sie zum Theil verhüllte. Die Zeitung brachte die Nachricht, daß der Bruder des Fürsten aus Amerika zurückgekommen sei und einen schönen Mohren, einen freigekauften Sklaven, mitgebracht habe. Während man noch beisammen saß und den Eindruck besprach, den die Anschauung der amerikanischen Republik auf einen deutschen Prinzen machen mußte, kam Roland vom Walde daher und rief: »Ich habe ihn!« Er hatte den Papagei an den Krallen. »Da bist Du ja, mein freigelassener Sklave!« rief Bella. Der Papagei riß sich von Roland los, flog auf die Schulter seiner Herrin und zankte gegen Erich. Erich gab sich ganz dem Behagen hin, daß eine so schön angelegte und reich ausgestattete Natur in den Kreis seines näheren Umgangs getreten war. Er glaubte, daß der schmetterlingsartige Flattersinn eine berechtigte Eigenthümlichkeit der Frauennatur sei, welche er nur zu derb anfaßte. Er hatte bisher in Mutter und Tante nur die strenge Gewissenhaftigkeit und Betriebsamkeit auch in geistigen Dingen kennen gelernt; hier war eine Natur, die nichts als graziöses Schaumschlürfen wollte. Warum ihr Anderes zumuthen? Man hatte einen Ausflug nach der Römerschanze verabredet, die Wagen standen bereit vor dem Hause, da zeigte sich ein schweres Gewitter am Himmel. Clodwig sagte, man solle nun die Fahrt unterlassen, Bella aber bestand auf der Ausführung. »Wer wird sich von einem Gewitter abhalten lassen!« rief sie. »Es ist schön, das draußen zu erleben, und der Abend um so frischer und heller.« Die Gesellschaft mußte ihr willfahren. Das Gewitter kam schneller, als man vermuthet hatte; Bella lachte und scherzte, während es donnerte und blitzte. In einer Dorfschenke wartete man den Regen ab, dann wurde es wieder hell. Als man zu Fuß zurückkehrte, bat Roland, daß Graf Clodwig mit ihm gehe, den Stummen zu besuchen, auch Lina ging mit ihnen. Erich und Bella waren vorausgegangen, sie wandelten auf der Hochebene am Bergesrande dahin, in der offenen Halle setzten sie sich nieder und schauten in die Landschaft hinein. Erichs Hand ruhte, ohne daß er es wußte, auf der Hand Bella's, er wagte nicht, sie zurückzuziehen. Bella verhielt sich regungslos. Sie sprachen lange kein Wort, endlich begann Bella, ohne ihre Stellung zu verändern, ohne den Kopf zu wenden, in die Landschaft hinausblickend, von den Peinigungen des Lebens zu sprechen, wie es doch so seltsam sei, daß ein einziger Entschluß alles fernere Dasein bestimme, und daß sie sich nie habe in das Loos der Frauen finden wollen, die alle ihre Anlagen und Empfindungen ins Kleine schicken müssen. »Ich wollte, ich wäre älter,« sagte sie in einer seltsamen Betonung. Erich konnte nichts erwidern. Nach einer Weile setzte sie fort: »Ich werde älter, aber nicht alt.« Wiederum war geraume Zeit Lautlosigkeit. Bella lenkte das Gespräch auf das innere Heiligthum der Religion und sagte schwermüthig: ohne Glaube an ein ausgleichendes anderes Leben sei das Dasein ein grausames Räthsel. Erich wollte diesen Gedanken nicht erschüttern und suchte nur zu zeigen, daß man auch Beruhigung im reinen Denken finden könne. Es war ein seltsames Widerspiel in den Beiden; sie hatten das Gefühl, daß sie etwas über alles Leben Hinausgehendes und doch das Leben selbst besprachen, und das in einer Weise und nach einer Richtung, die sie sich selbst nicht bekennen mochten. »Sie haben mich etwas gelehrt,« sagte Bella, als Erich in seinen Darlegungen inne hielt. »Ich . . . Sie?« »Sie haben mich gelehrt, wie man bei starkem Selbstgefühl doch sich unterordnen, bis zur Dienstbarkeit sich unterwerfen kann.« »Meine Stellung als Lehrer ist nicht Unterwerfung und nicht Dienstbarkeit.« »Sie verstehen mich nicht.« »Wie soll ich Sie verstehen?« »Es ist nicht nöthig. Ich habe es anders gemeint. Vergessen Sie es.« Wieder war eine lange Pause. Erich zitterte, der Hut, den er in der linken Hand hielt, fiel zur Erde, Bella bückte sich schnell und hob ihn auf, Erich bückte sich zu gleicher Zeit und ohne daß sie es wollten, streiften sich ihre Wangen. Eine Schwarzamsel kam vom Walde daher geflogen, hielt an der steinernen Stufe der offenen Halle zu ihren Füßen still und schaute die Beiden an; ein andrer Vogel pfiff vom Baume, dessen Blätter jetzt nach dem Gewitter so golden im Abendschein glänzten. Die Schwarzamsel flog auf zum Genossen auf dem Baume, dann flogen sie miteinander waldeinwärts. Erich stand auf, auch Bella erhob sich. Sie gingen still. Erich hörte das Rauschen von Bella's Gewändern, er schaute um, als hätte er dergleichen noch nie gehört. »Ich habe Ihnen, glaube ich, noch gar nicht mitgetheilt, daß ich Ihrer Ansiedelung in der Nachbarschaft entgegengearbeitet habe. Hatte ich Ihnen auch Angst eingeflößt?« Erich konnte nicht antworten, er hörte seinen Namen wiederholt wie mit einem Hülferufe durch den Wald tönen. »Gehen Sie voraus, gehen Sie, ich finde allein zurück,« sagte Bella schnell. Erich eilte davon. Bella ging langsam hinterdrein. »Herr Hauptmann, Sie sollen heimkehren!« rief ihm Bertram vom Pferde herab zu. »Was ist geschehen?« fragte Erich. Clodwig kam mit Roland und Lina herbei. Bertram berichtete, daß auf der Villa im Zimmer des Herr Sonnenkamp eingebrochen sei; die Diebe hätten Mancherlei entwendet, aber den feuerfesten Geldschrank hätten sie nicht erbrechen können. Bald saßen Erich, Roland und Prancken im Wagen und fuhren nach der Villa zurück; Prancken war sehr ärgerlich, denn er hatte die Verantwortlichkeit übernommen. Erich war von quälenden Gedanken gepeinigt. Jene haben in der Nacht die Gemächer der Villa erbrochen, was hatte er gethan? Er hatte eine ihm anvertraute Seele vergessen, mehr noch, von Freundschaft und Güte eingelassen, hatte er unter der Verhüllung verständnißreicher Gedanken und edler Empfindung das höchste anvertraute Gut, die Gattin des Freundes mit Worten, Gedanken und Blicken angetastet. Er preßte die Hand aufs Herz, in ihm pochte es, als müßte es zerspringen. Jene dort, die geprägtes Gold entwendet, trifft die Strafe des Gesetzes, und Dich – was trifft Dich? Tief gepeinigt saß er da und als er gewahrte, daß der Blick Rolands auf ihm ruhte, schlug er die Augen nieder. Neunzehntes Capitel. Villa Eden war bisher von einem abschreckenden Zauber umgeben. Neid und Furcht hatten die Meinung verbreitet, daß es mit den Menschen darin nicht geheuer sei; mit Herrn Sonnenkamp nicht, der sich viel zeigte, mit Frau Ceres nicht, die sich selten zeigte. Die Warnungstafeln an den Mauern mit der Androhung von Selbstschuß und Fußangeln hatten in den Gedanken der Menschen eine furchtsame Scheu erweckt; man sagte, Herr Sonnenkamp habe die Spitzen der Angeln mit einem Gifte bestrichen, gegen das es keine Heilung gebe. Die Diener des Hauses hatten etwas von der Zurückhaltung ihrer Herrschaft, sie ließen sich selten mit Anderen ein und man grüßte sie kaum. Nun aber war es durch den Diebstahl, als ob der geheimnißvolle Drache, der – man wußte nicht wie und wo – über der Villa lauerte, nichts als eine Vogelscheuche war; der Verputz des schönen weißen Hauses war plötzlich wie abgerissen, die blinkenden Scheiben erblindet, alle Schlösser wie abgesprungen. Die Leute an den Wegen und in den Dörfern, durch die man kam, schauten zu Erich, Roland und Prancken auf, die rasch dahinfuhren, und nickten ihnen zu. Nur wenige lüfteten die Mütze in Verlegenheit, denn Alle wollten eigentlich sagen: Mit Eurer Heimlichkeit ist es vorbei, jetzt kommen die Gerichte und sehen einmal nach, was bei Euch vorgeht. Die Drei kamen auf der Villa an; sie fanden hier Alles zerstört und unruhig. Der Castellan trat sofort mit der Behauptung hervor, der Einbruch könne nur von Bewohnern des Hauses verübt worden sein, Alles sei gut verschlossen gewesen, auch habe kein Hund gebellt; die Diebe müßten also im Hause genau bekannt und den Hunden vertraut gewesen sein. Der Landrichter war bereits da. Das Arbeitszimmer Sonnenkamps war erbrochen, werthvolle Dinge, darunter ein Dolch mit Edelsteinen im Griffe, waren entwendet. Die Diebe hatten sich auch an dem feuerfesten Geldschranke versucht, aber vergebens. Aus dem Speisezimmer waren große silberne und goldene Schalen, die auf dem Büffet gestanden, verschwunden, auch die goldene Uhr Rolands, die er bei der Abreise nach Wolfsgarten auf dem Tische vor seinem Bette hatte liegen lassen. Das Kopfkissen Rolands fand man auf der Mauer, wo aufrecht stehende Glasscherben jedes Uebersteigen hindern sollten; nun aber war damit eine weiche, jede Verletzung abhaltende Unterlage bereitet worden. Zweierlei Fußspuren zeigten sich im Park und an der Rückseite des Glashauses. Da, wo die Gartenerde bereitet wurde, mußten die Diebe gestrauchelt haben, denn an einem großen Erdhaufen war deutlich der Eindruck eines menschlichen Körpers sichtbar. Hier standen auch ein Paar alte Stiefel des Erdmännchens. Man nahm sie weg und verglich sie mit den Fußspuren im Garten; sie paßten genau. Das gab ein Anzeichen. Nicolas kam eben des Weges daher, um an seine Arbeit zu gehen; er hörte verwundert, was geschehen. Man ließ ihn ruhig weiter arbeiten. Der Landrichter und sein Actuar, der Bürgermeister des Dorfes und einige angesehene Männer versammelten sich im Balconzimmer; man rieth hin und her. Roland stand bei Seite und starrte auf das Kopfkissen seines Bettes, das den Dieben zum Uebersteigen der Mauer gedient hatte. Blassen Antlitzes hörte er, wie man überall umhertastete, bei diesem, bei jenem Menschen Verdachtsgründe zu finden. Das Erdmännchen kam zu den Versammelten und sagte, es seien ihm auch ein Paar Stiefel gestohlen worden. Sofort erwiderte der Landrichter: »Ja wohl, in Deinen Stiefeln ist gestohlen worden.« Nicolas schaute blöde drein, als verstünde er nicht, was gemeint sei. Der Landrichter ließ ihn verhaften. Er jammerte, daß immer unschuldige Menschen in Verdacht kämen, und Roland bat, man solle ihn frei lassen. »Wer mich anrührt, den erwürge ich!« rief Nicolas; er schien ein ganz anderer Mensch. Der Richter gab zwei Männern einen Wink, schnell waren dem Erdmännchen die Hände auf den Rücken gebunden. Erich führte Roland hinweg. Wozu sollte er so in das Nachtgebiet des Menschenlebens hineinschauen? Glücklicherweise kam jetzt der Major; Erich bat ihn, bei Roland zu bleiben, und der Major sagte: »Junge, da kannst Du was lernen; man kann Dir Alles stehlen, aber was Du im Kopfe hast und das Herz am rechten Fleck, das kann man Dir nicht stehlen.« Der Landrichter ließ die Diener kommen und verhörte sie, wer in der letzten Zeit die Villa besucht habe. Sie bezeichneten Viele, aber der Castellan sagte: »Der Herr Hauptmann hat den Krischer herumgeführt, und der Krischer hat, wie er fortgegangen ist, zu mir gesagt: Du hütest dem reichen Mann sein Geld und Gut und es wäre besser, man risse die Thüren auf und zerstreute Alles, was da drin ist, in die weite Welt.« Erich konnte nicht bestreiten, daß der Krischer sich Alles genau angesehen und verworrene Reden über Reich und Arm geführt habe; er glaubte sich indeß für die Ehrlichkeit desselben verbürgen zu dürfen. Der Richter antwortete nicht darauf, sondern schickte zwei Gerichtsdiener nach dem Hause des Krischers, um dort Haussuchung zu halten . . . Der Krischer lächelte und zuckte die Achseln, als er hörte, was man vorhatte. Man fand nichts; auffällig war nur, daß in einer Hundehütte ein an die Kette gelegter Hund beständig bellte. »Thu einmal den Hund von der Kette,« sagte ein Gerichtsdiener zum Krischer, der, leise mit den Lippen murmelnd, ihnen durch alle Räume und den Hof gefolgt war. »Warum?« »Weil ich's haben will, und thust Du's nicht sofort, so schieß ich den Hund nieder!« Der Krischer löste den Hund von der Kette, das Hundehäuschen wurde untersucht und im Stroh fand sich die Uhr Rolands und der mit Edelsteinen besetzte Dolch. Der Krischer betheuerte seine Unschuld, aber er wurde sofort gefesselt und verhaftet. Auf dem Wege von seinem Hause bis zur Villa hob er oft die Ketten empor, wie wenn er den Feldern, den Weinbergen und dem Himmel zeigen wollte: Seht her, so gehe ich! Es wurde ein Protokoll über die gestohlenen Sachen aufgenommen, die man bezeichnen konnte. Roland wurde herbeigerufen und mußte zum ersten Mal seinen Namen unter einen gerichtlichen Akt setzen. Erich stand dabei und sagte zum Major: »Es läßt sich nicht ermessen, welch einen Eindruck dies auf den Jüngling machen muß.« »Das schadet ihm nichts,« erwiderte der Major. »Fräulein Milch sagte: Ein junges Herz und ein junger Magen verdauen schnell.« Fräulein Milch hatte es diesmal doch nicht getroffen, denn als der Krischer gekettet davon geführt wurde, schrie Roland jammervoll auf. Es ergab sich eine weitere Spur. Der Reitknecht, der im Solde Pranckens dessen Spion gewesen, war entlassen worden; man hatte ihn aber in den letzten Tagen in der Gegend gesehen und er hatte beim Krischer übernachtet. Sofort wurden nach allen Seiten hin Telegramme ausgesendet, um den muthmaßlichen Dieb zu verhaften. Auch an Sonnenkamp ward ein Telegramm gerichtet. Der Pfarrer stellte sich ein. Mit Milde beklagte er das Geschehene, und ermahnte Erich, sich die Sache nicht so sehr zu Herzen gehen zu lassen, da er, aus dem wissenschaftlichen Leben kommend, die Verdorbenheit der Menschen nicht genug kenne. Der Pfarrer konnte nicht ahnen, warum Erich so bedrückt war. Das Gericht und seine Diener hatten die Villa verlassen, auch Prancken war davon geritten. Roland schaute beständig furchtsam umher, wie wenn ihm ein Gespenst erschienen wäre. Ueber die Treppen waren verbrecherische Menschen geschritten, an diesen Thüren hatten sie ihre Instrumente versucht; es war eine Entweihung über das Haus und alles Besitzthum gekommen, auch über das, was nicht zu rauben war. Roland bat, daß Erich ihn keine Minute verlasse, es sei ihm so bang. Es wurde Nacht, Roland lag im Bette und klagte zu Erich, er könne keine Ruhe mehr finden, wo Diebeshände ihm das Kopfkissen geraubt hatten. Er richtete sich auf und sagte: »Ich möchte wissen, was Franklin bei solch einem Diebstahl gedacht und gethan hätte.« »Ich glaube es zu wissen,« entgegnete Erich. »Er hätte die Diebe der Schärfe des Gesetzes anheimgegeben, aber er hätte festgehalten, daß man sich von der Schlechtigkeit Einzelner seinen Glauben an die Güte der Menschen nicht stehlen lassen dürfe. Wem Diebe das anthun könnten, dem hätten sie mehr genommen, als was sich mit Händen greifen läßt.« Als Roland schlief, stand Erich noch vor seinem Bette und betrachtete ihn nachdenklich. Er wurde abgerufen, der Landrichter schickte ein Telegramm, das von Sonnenkamp angekommen war. Er zeigte kurz an, daß er sofort aus dem Seebade heimreise. Lange schaute Erich hinaus über den Strom und die rebenbepflanzten Berge. Er war tief erschüttert. Das Ereigniß konnte auf Roland nicht so tief wirken, wie auf ihn, denn mit einer Gewalt, die mächtiger war, als jedes Denken, sah er sich von einem Abgrunde zurückgerissen. Er schaute ins Weite und in sich faßte er einen festen Vorsatz. Sechstes Buch. Erstes Capitel. Wie ein Herrscher, der in sein Schloß zurückkehrt, wo vor Kurzem eine Meuterei ausgebrochen, so kehrte Herr Sonnenkamp nach der Villa zurück. Jeder Tritt in seinem Hause, jeder Blick auf einen Diener sagte: Ich bin wieder da und damit Ordnung und Macht. Erich gestand, daß er sich eine Fahrlässigkeit habe zu Schulden kommen lassen, und Sonnenkamp schien seine Lust daran zu haben, ihn zu demüthigen. Sonnenkamp herrschte gern über Andere. Er wünschte, daß man ihm unterwürfig sei; wo er sah, daß dies nicht gelinge, ließ es ihm keine Ruhe, bis er den Andern zerbrochen hatte, erst dann richtete er ihn gern wieder auf, denn nun war er seiner Herrschaft gewiß. Dieser selbstsichere Hauptmann-Doctor hatte eine Haltung eingenommen, die ihm nicht zustand; nun war er gebeugt und hatte dankbar zu sein für alle Güte und Freundlichkeit. Sonnenkamp ahnte nicht, wie gern und warum sich Erich demüthige, er fand in dieser Unterwürfigkeit nur einen Sieg seiner Kraft, während Erich sich gestand, daß er, durch den anmuthsvollen Zauber Bella's befangen, die strenge Wachsamkeit verloren hatte, welche seine Pflicht war. Sonnenkamp übersah bald, daß der Diebstahl nicht von besonderer Bedeutung war. Mit einer gewissen Schadenfreude sagte er: »Die Schurken haben den Dolch mit den Edelsteinen gestohlen, die Spitze ist vergiftet, wer sich daran ritzt, ist verloren.« Erich konnte kaum vorbringen, daß der Dolch bereits bei den Gerichten sei, denn es durchfuhr ihn der Schreck: Warum hält sich der Mann einen vergifteten Dolch? Prancken und der Pfarrer stellten sich bald ein, und Sonnenkamp erklärte sofort, daß er die goldenen und silbernen Schalen, wenn man sie wieder erlange, der Kirche stifte. Wie unwillig setzte er hinzu: »Ich will sie nicht mehr im Hause haben; Sie, Herr Pfarrer, werden ihnen eine Weihe geben.« Als Erich von der tiefen Wirkung berichtete, die das Ereigniß auf Roland gemacht, sagte Sonnenkamp: »Mein sehr verehrter Herr Hauptmann! Ich gebe mich nicht mit Sentimentalitäten ab. Gradaus gestanden, es ist mir lieb, daß Roland schon früh die als gemüthlich gepriesenen niedern Menschen kennen lernt und einsieht, daß da nichts ist, als geheime Verschwörung gegen die Besitzenden, die nur auf die günstige Gelegenheit wartet, loszubrechen oder vielmehr einzubrechen.« Sonnenkamp war frisch und belebt, es ärgerte ihn nur, daß in der Umgegend so viel Gerede über die Sache sei und man bei Gerichtsgängen viel schöne Zeit verlieren müsse. Frau Ceres sprach kein Wort vom Diebstahl, es schien fast, daß sie nichts davon wisse; sie freute sich nur, wie Roland in dieser Zeit gewachsen sei. Zu Erich sagte sie, sie hätte im Bade eine Freundin seiner Mutter gesehen, die eben so vornehm als liebenswürdig sei. Schon am zweiten Abend nach der Rückkunft Sonnenkamps und seiner Familie kamen Bella und Clodwig nach der Villa. Erich war erfreut, den Freund zu begrüßen, aber er war scheu gegen Bella; sie sagte ihm unter dem vorgehaltenen Fächer leise: »Wir sind gekommen, Sie gegen diesen wilden Mann zu decken; er soll sehen, daß Sie zu uns gehören, und jetzt lassen Sie Alles und kommen Sie zu uns.« Erich konnte nur mit einer stillen Verbeugung danken. Bella sah, wie Clodwig verzagt bei Sonnenkamp stand; der feine, zierliche Mann hatte immer eine neue Furchtsamkeit, sobald er der herkulischen Erscheinung Sonnenkamps gegenüberstand. Bella half scherzend aus der Verlegenheit, indem sie sagte: »Herr Sonnenkamp, Sie haben doch schon viel im Leben gesehen, haben Sie schon einmal Diebe kennen gelernt, die offen gestehen, daß sie stehlen wollen?« Sonnenkamp sah auf. Bella rief lachend: »Wir sind diese Diebe am hellen Tage.« Zu Clodwig gewendet, fuhr sie fort: »Sprich nun Du, lieber Clodwig.« Clodwig brachte zaghaft vor, daß er wünsche, Erich möge zu ihm kommen. Ein scharfer Blick Sonnenkamps fiel auf Bella, er hatte den Zeigefinger der linken Hand erhoben, er wollte Bella mit lächelndem Drohen sagen: Ich verstehe Dich – aber er legte den Finger an den Mund und sagte: »Es freut mich, daß unser Herr Erich so hoch in Gnade und Gunst steht.« Erich war von der eigenthümlichen Betonung des Wortes »unser« seltsam betroffen; und jetzt streckte ihm Sonnenkamp die Hand entgegen und sagte: »Nicht wahr, Sie bleiben bei uns?« Erich bejahte. Mit großer Beflissenheit erzählte nun Clodwig vom Besuche bei der Mutter Erichs. Er wollte offenbar Herrn Sonnenkamp zeigen, daß ein Mann vom Stande und Range Erichs sich nicht wegen einer Fahrlässigkeit unterjochen lassen dürfe. Sonnenkamp pfiff unhörbar vor sich hin, es schien ein Plan in ihm zu reifen. Auch Clodwig also hielt die Professorin hoch? Gut, der Mann soll überrascht werden. Die Professorin soll Villa Eden besuchen und was weiter folgt, wird sich zeigen; Clodwig und die Professorin sollen, ohne daß sie es wissen, ihm verhelfen, auf immer in die vornehme Gesellschaft einzutreten. Ein Plan, den er längst gehegt und mit ruhiger Ausdauer verfolgt, war auf der Sommerreise neu gefördert worden. Die Cabinetsräthin, deren Bekanntschaft man im Bade gemacht, hatte ihn geradezu gefragt, warum er sich nicht in die vornehme Gesellschaft aufnehmen lasse; sie hatte die Adelserhebung als leicht zu erringen dargestellt, zumal wenn man ihren Mann, der der Vertraute des Fürsten war, dazu gewinne. Sonnenkamp wollte nicht um die Standeserhöhung nachsuchen, sondern wünschte, daß sie ihm angeboten würde. Dazu sollte nun die neue Beziehung angewendet werden. Wieder gelang es Bella, eine Weile mit Erich allein zu sein, und sie sagte, wie sie sich freue, daß ihr auch einmal eine Intrigue gelungen; sie habe gewußt, daß Herr Sonnenkamp Erich nicht entlasse, aber sie habe auch gewußt, daß er ihn wegen der Fahrlässigkeit demüthigen werde, darum habe sie Clodwig veranlaßt, sofort hierher zu kommen. »Haben Sie einen Blick des Herrn Sonnenkamp bemerkt?« fragte sie leise. »Dieser Mann glaubt, unsere Freundschaft wäre etwas mehr als Freundschaft; Sie mißverstehen mich also nicht, wenn ich Sie manchmal vor den Augen dieses Mannes absichtlich vernachlässige?« – Es traf die Nachricht ein, daß der Reitknecht, den Sonnenkamp kurz vor seiner Abreise entlassen hatte, weil er ihn für einen Spion Pranckens hielt, in der Hauptstadt verhaftet worden sei, als er eben einem Trödler eine große silberne Schale zum Kauf anbot. Roland brachte Erich diese Nachricht, und so mußte man jede Stunde gewärtig sein, von der schwebenden Untersuchung in allem Denken und Sein unterbrochen zu werden. Was sollte inmitten dieser Gemüthsbelastung aller Unterricht? Was konnte jetzt haften? Erich dachte daran, mit Roland fleißiger auf die Jagd zu gehen, er sollte sich zerstreuen, neuen Lebensmuth und frischen Blick durch Aufmerksamkeit auf andere Dinge gewinnen. Aber er wendete sich gerade nach der entgegengesetzten Seite; nicht Zerstreuung, sondern Vertiefung sollte Roland helfen. Wie glücklich war er daher, als Roland sagte: »Wir wollen alles Andere vergessen, wir wollen ruhig fortarbeiten.« Der Jüngling hatte einen Lerntrieb gewonnen, der ihn die besten Freuden im Studium gewinnen ließ, auch in Erich war eine neue Belebung, es war die eines Geretteten, eines sich selbst Rettenden. Wenn er an die Tage auf Wolfsgarten dachte, an das Spielen und Tändeln mit Allem, was das Menschenherz erfüllt, erschrak er. Er hatte mit seinem ganzen Besitzthum, das er in emsiger Arbeit sich erworben, eine leichtfertige Vergeudung gemacht; er hatte mit Bella, mit der Gattin Clodwigs, eine unter dem Ausspruche großer Gedanken verhüllte Tändelei sich gestattet, er nannte es geradezu Liebelei; er erschien sich selbst wie ein Tempelräuber, und klein, unendlich klein war dagegen, was arme Menschen gethan hatten. Was er für sich selber nur schwer errungen, vielleicht gar nicht vermocht hätte, das gelang ihm jetzt aus Pflicht für einen Andern; er versenkte sich in die Erkenntniß und Alles erschien durchsichtiger und klarer. Wie ein geübter Schwimmer sich der heranstürmenden hohen Wellen freut, untertaucht, wieder ans Licht dringt und mit kräftigem Arme die Fluthen theilt, so versenkte sich Erich in die Wissenschaft, und freudig hob es ihm das Herz, wenn die großen Wellen heranbrausten; da verschwindet alles kleinliche Bangen und Zagen und alles Kämpfen mit sich selbst. Roland bat Erich, mit ihm in das Haus des Krischers zu gehen, um zu sehen, wie es der Frau und den Kindern erginge. Er erzählte, daß er dem Sohne des Krischers begegnet sei, der als Küfer im Dienste des Weingrafen stand; er habe ihm die Hand reichen und sagen wollen, daß der Sohn ja nichts dafür könne, wenn der Vater etwas gethan, und er habe es ja gewiß nicht gethan. Der Küfer aber habe ihm die Hand verweigert, ihn nur starr angesehen, seinen Hammer aus dem Schurzfell genommen, habe damit hin und her gespielt und sei endlich davon gegangen. Erich ging mit Roland nach dem Hause des Krischers; die Vögel in den Käfigen sangen, und vor Allem die Schwarzamsel hörte nicht auf mit ihrem »Freut Euch des Lebens.« Die Hunde sprangen lustig umher. Die Frau war abgehärmt und verwahrlost, sie jammerte und erzählte, sie habe sofort nach der Verhaftung ihres Mannes alle Vögel hinausfliegen lassen wollen, aber ihr Sohn, der Küfer, bestehe darauf, daß Alles bleibe, bis der Vater wieder käme, denn er würde sicher bald frei; der Siebenpfeifer habe das Amt des Krischers einstweilen theilweise übernommen, den Nachtdienst habe oftmals der Küfer, der doch am Tage so scharf arbeiten müsse. Es solle Alles in Ordnung bleiben, damit ihr Mann wieder in seinen Dienst treten könne. Erich wollte der Frau eine Summe einhändigen, aber sie erklärte, sie nehme nichts; ihr Sohn, der Küfer, habe verboten, daß etwas aus dem Hause Sonnenkamps angenommen werde. Als man nach der Villa zurückkehrte, sagte Roland: »Wenn nun der Krischer unschuldig ist, wie ich glaube, so ist doch entsetzlich, daß ihn für die Qual und die Schande, die er tragen mußte, Niemand entschädigen kann.« Zweites Capitel. Kaum zwei Wochen waren vorüber, als die Stetigkeit des Unterrichts wieder unterbrochen wurde. Frau Ceres, die sonst immer theilnahmlos und still war, erwähnte oft, daß sie der Frau Cabinetsräthin versprochen habe, ihr bald Roland zu bringen. Es wurde nun eine Ausfahrt nach der Residenz beschlossen. Erich wurde nicht aufgefordert, mitzureisen. Man fuhr in zwei Wagen; in dem einen saßen Frau Ceres, Fräulein Perini und Roland, in dem andern Sonnenkamp und Prancken. Die Reitpferde waren vorausgeschickt. Prancken gab zuerst seine Freude kund, daß Sonnenkamp sich der Kirche freundlich erwiesen; er hatte seinerseits bereits vorgearbeitet, daß die am Hofe viel geltende höhere Geistlichkeit in der Ausführung des Planes mitarbeite. Eine kleine Gewissensregung fühlte Prancken, daß er seine innere Umwandlung und seinen häufigen Verkehr mit dem Kirchenfürsten als ein Stück Diplomatie ausnützte, aber er war doch weltlich eitel genug, die innere Erleuchtung, deren er sich im Geheimen rühmte, vor der Welt als einen Schmuck der Klugheit gelten zu lassen und zunächst vor Sonnenkamp. Er freute sich, daß man auf so leichte Weise mit der Geheimen Cabinetsräthin in Beziehung getreten sei; bei der Frau ließ sich mit äußern Mitteln wirken, mit welchen man bei dem Gatten behutsam, wenn nicht gar unmöglich ankommen konnte. Man fuhr an einer schönen Villa vorüber, wo alle Fensterladen geschlossen waren, und Prancken deutete darauf hin, daß Herr Sonnenkamp diese Villa kaufen müsse, um sie für eine geringfügige Summe an die Cabinetsräthin zu verkaufen, die, wie er wußte, ein lang gehegtes Verlangen nach einem solchen Besitzthum hatte. Sonnenkamp war einverstanden in der Voraussetzung, daß das Ziel erreicht würde. Prancken fügte hinzu, daß dies einer der Hebel sei, aber freilich noch nicht alle. Die Beiden waren allein, aber seltsamerweise nannten sie das Vorhaben nicht bei Namen, bis endlich Sonnenkamp sagte, die Cabinetsräthin habe ihm mitgetheilt, daß der Weinhändler geadelt würde; er möchte wünschen, daß diese Erhebung ihm vorher zu Theil würde, er glaube eher ein Recht darauf zu haben, obgleich er seine Tochter nicht einem dem Tode verfallenen, sondern dem frischesten Leben angehörenden Edelmanne zur Gattin geben wolle. Prancken lächelte sehr geschmeichelt, entgegnete aber, daß der Vorgang mit dem Weinhändler – man könne dies durchaus nicht Vorrang nennen – eher förderlich sei; die Adelserhebung stehe alsdann nicht so vereinzelt da. »Sie haben es schwerer als der Weinhändler,« setzte er hinzu, »denn im Hause des Weinhändlers wohnte der Kirchenfürst bei seiner letzten Rundreise. Der Weinhändler hat die mächtige Kirchenpartei für sich, während Sie, ich wollte sagen Wir, eigentlich keine Partei haben. Um so besser, der Sieg ist unser allein.« Man kam in der Residenz an. Die Cabinetsräthin war hocherfreut und sagte zu Prancken, den sie beständig als Haupt der Gesellschaft anredete, wie glücklich sie sei, in einer Bade-Bekanntschaft eine neue Freundschaft gewonnen zu haben. Nicht ohne Geschick wußte Prancken anzubringen, daß Sonnenkamp ein nachbarliches Landhaus ankaufe, um es zu einer mäßigen Summe abzugeben, wenn er damit edle Freunde als Nachbarn ansiedeln könne. Die Cabinetsräthin kannte das Haus; es hatte ehedem Befreundeten angehört und sie war zuweilen dort zum Besuche gewesen. Sie pries die Menschen glücklich, die in einem solchen Besitzthum sich heimlich ansiedeln und liebe Nachbarn haben; sie erzählte, daß sie ihrem Manne gesagt habe, es sei eine Schande für den Staat, daß ein Mann wie Herr Sonnenkamp noch keinen Orden besitze. So vorbereitet ging nun Prancken mit seinem Plane heraus und die Cabinetsräthin fügte hinzu, daß es der Gesellschaft nur erwünscht sein könne, einen Mann von solcher Bedeutung wie Herr Sonnenkamp in den höheren Stand aufzunehmen. Sonnenkamp that sehr bescheiden und schüchtern; ein Mädchen, das einen Liebesantrag erhält, den es erwartet hatte, konnte nicht scheuer zu Boden sehen. Man rückte die Rollstühle näher zusammen, als ob man sich jetzt erst sagen dürfe, daß man im vollsten Vertrauen zu einander stehe; die Cabinetsräthin bat, man möge ihrem Manne zunächst noch nichts mittheilen, sie werde Alles schon entsprechend einleiten; es wäre indeß gut, wenn auch von anderer Seite mitgewirkt würde, besonders wenn Graf Wolfsgarten die Sache bei Hofe anrege, dann sei es ein Leichtes, ihm in die Hand zu arbeiten. Prancken hob nachdrücklich hervor, wie überaus befreundet Clodwig mit Herrn Sonnenkamp sei, aber man müsse die Sache sehr zart und fein betreiben, und das könne nur eine Frau von der bekannten Umsicht wie die Cabinetsräthin. Sonnenkamp bestand darauf, daß er nicht um den Adel bitte, er müsse ihm geboten werden; erbitten oder eigentlich erkaufen könnte er den Adel bei einem auswärtigen Fürsten, er lege aber wesentlich Bedeutung darauf, daß der Fürst seines neuen Vaterlandes und die Gesellschaft dieses Landes ihn ehre; die Freunde sollten für ihn das veranlassen. Er freute sich an der Delicatesse, mit der die Cabinetsräthin die Sache behandelte; seine Mienen sagten: das ist doch einmal eine neue Art. Er streichelte durch die Luft hin, als streichelte er ein zartes Katzenfell. »Sind auch Weinberge bei dem Landhaus?« fragte plötzlich die Cabinetsräthin. »Ja, so viel ich weiß, drei Morgen und von der besten Lage,« erwiderte Prancken. Er gab Sonnenkamp zu verstehen, daß man das natürlich dazu kaufe. Sonnenkamp verlor auf einmal den Charakter der Bescheidenheit und Verschämtheit; jetzt ging's an sein Geld, jetzt war er der Herr. Er wollte der Frau sagen, daß er nur Zug um Zug zu handeln sich einlasse; erst nachdem er das Adelsdiplom erhalten, solle sie das Landhaus erhalten mit den Weinbergen dazu, aber er bezwang sich, vor Prancken das kundzugeben, und es schien auch nicht nöthig, schon jetzt damit hervorzutreten. Die Leute sollten nur einstweilen die Sache betreiben und sich dadurch binden. Wenn es darauf ankommt, ist er Manns genug, sich nicht übertölpeln zu lassen. Es war ein siegessicheres Lächeln in seinen Mienen. Der Cabinetsrath trat ein. Er begrüßte Sonnenkamp mit formvoller Höflichkeit und dankte für die Aufmerksamkeiten, die man seiner Frau in Vichy erwiesen hatte. Man ging in den Saal, wo Roland mit einem Sohne des Cabinetsraths, der Cadett war, sich aufhielt, und bald war Roland, dessen Schönheit jedes Auge erglänzen machte, der Mittelpunkt der Gruppe. Der Cabinetsrath sagte, wie es allgemein belobt wurde, daß man einen kenntnißreichen, allerdings etwas excentrischen Mann wie Herrn Dournay, zum Erzieher genommen. Als Roland auf die an ihn gestellte Frage sagte, daß er Officier werden wolle, ermahnte der Cabinetsrath, daß er möglichst bald in die Cadettenschule eintrete. Leise sagte Prancken zur Cabinetsräthin, er billige durchaus die Maßnahme des Herrn Sonnenkamp, Roland erst als Adeligen eintreten zu lassen; denn es würde sich überaus seltsam machen, wenn der Jüngling in der Cadettenschule ein Adeliger würde; er habe dann viel Neckereien der Kameraden zu ertragen. Der Cabinetsrath sprach vom Aufbau der Ruine und von der Gartenkunst Sonnenkamps und wie höchsten Orts schon mehrfach in rühmlicher Weise davon die Rede gewesen. Sonnenkamp bat um die Erlaubniß, zuweilen etwas von seinen Producten an die fürstliche Tafel schicken zu dürfen, besonders schöne Bananen, die gerade jetzt sehr gut gediehen wären; Prancken hob die Geschicklichkeit hervor, wie Herr Sonnenkamp neun Monate des Jahres frische Trauben auf die Tafel bringen könne. Der Cabinetsrath erwiderte, daß diese Freundlichkeit sicherlich willkommen sei; er selbst aber könne darin nichts bestimmen, der Hofmarschall, der ja ein Vetter des Herrn von Prancken wäre, werde das Anerbieten des Herrn Sonnenkamp gewiß annehmen. Prancken nahm Herrn Sonnenkamp mit zum Hofmarschall. Roland ritt mit dem Cadetten aus. Frau Ceres blieb bei der Cabinetsräthin und diese that sehr betroffen, da Frau Ceres in sie drang, das Korallenband, das sie trug und das die Cabinetsräthin sehr bewundert hatte, von ihr anzunehmen. Die Cabinetsräthin mußte willfahren, aber sie bat Frau Ceres, dies als Zeichen geheimer und inniger Freundschaft gelten zu lassen, von dem Niemand etwas erfahre. Sie betheuerte wiederholt, daß sie ohne Eigennutz für ihre Freunde wirke; sie war überzeugt, daß Frau Ceres mit im Plane war, sie durch Geschenke zu gewinnen. Frau Ceres sah sie verwundert an, sie kam sich wieder entsetzlich einfältig vor; diese Frau sprach von Dingen, die sie gar nicht begriff. Als die Cabinetsräthin eine Ausfahrt nach einem Vergnügungsorte vorschlug, stimmte Prancken nachdrücklich bei; denn es war von Bedeutung, daß Frau Ceres mit der Cabinetsräthin, Sonnenkamp und Prancken mit dem Cabinetsrath im offenen Wagen durch die Residenz nach dem Vergnügungsorte fuhren, wo sich heute die auserlesenste Gesellschaft befand; diese sollte die Verbindung Sonnenkamps mit ihm und dem Cabinetsrath sofort als Thatsache erkennen. Auf dieser Fahrt hatte die Cabinetsräthin einen Gedanken, der so gutmüthig als gescheidt war; sie gewann eine Adjutantin und half einer armen Frau. Mit erbarmungsvollem Tone sprach sie von der Mutter Erichs, die in überschwenglicher Weise ihre Stellung einer sogenannten idealen Liebe geopfert habe. Das Einverständniß zwischen der Frau Cabinetsräthin und Prancken war bereits so weit gediehen, daß sie nichts ohne seine Zustimmung that; ein leises Nicken Pranckens bezeigte ihr, daß sie weiter gehen dürfe. Sie forderte nun Herrn Sonnenkamp auf, etwas für die Mutter Erichs zu thun, ja sie wo möglich ins Haus zu nehmen. Auch Tante Claudine wurde im höchsten Grade belobt. Die Cabinetsräthin war sich klar, daß die nahe Beziehung zum Hause Sonnenkamps sich viel leichter pflegen ließ, wenn die Professorin und die Tante da wären; man näherte sich dann gewissermaßen ihnen und nicht diesem Manne, man war sogar verpflichtet, sich den hochangesehenen Frauen nahe zu halten, um ihnen ihre abhängige Stellung zu erleichtern; das fügte sich dann Alles so leicht, wenn man das Landhaus – natürlich waren mehrere Morgen Weinberge dabei – bewohnte. So mischten sich die Beweggründe, und die Mischung war gut und belebend. Sonnenkamp lächelte wohlgefällig, aber innerlich sagte er sich: diese Adelskette hängt noch fester zusammen, als eine Diebesbande, und sie sind jetzt auch eine Diebesbande, denn der arme Adel will sich von mir aufsteifen lassen. Er stimmte der Cabinetsräthin sehr freundlich bei, innerlich aber dachte er: Du hast das Landgut noch nicht. Man fuhr an dem Landsitze des Prinzen vorüber, der vor Kurzem aus Amerika zurückgekehrt war. Hier war Alles wohlbestellt und geordnet. In dem kleinen Pavillon, der in einem Gehölz am Wege angebaut war, stand ein gedeckter Tisch; Lakaien warteten in der Nähe. Aus einem öffentlichen Garten auf der Anhöhe, wo die Garde-Officiere ein Sommerfest veranstaltet hatten, tönte Militärmusik, und kaum hatte das eine Musikchor ein Stück gespielt, als ein zweites von der andern Seite begann. In der Mitte des Gartens unter einem großen Zelte saßen die Officiere an einem langen Tische; daneben an kleinen Tischen unter den Bäumen, an denen bunte Lampen hingen, die Honoratioren der Residenz mit ihren Frauen und Töchtern in hellen sommerlichen Kleidern. Es erregte Aufsehen, als die beiden Wagen Sonnenkamps mit den schönen Pferden vorfuhren. Prancken ordnete schnell Alles und seine Gesellschaft nahm an einem der besten Tische Platz; viele Augengläser richteten sich nach ihnen; Prancken war bald bei den Kameraden und schüttelte da und dort die Hand, er gesellte sich aber schnell wieder zu Sonnenkamp und seiner Gesellschaft. Die Cabinetsräthin hing sich an den Arm Sonnenkamps und war überaus freundlich; Prancken hatte Frau Ceres am Arm. Roland war mit dem Cadetten am Scheibenstand, wo man mit Bolzen schoß; er traf immer ins Schwarze. Herr Sonnenkamp wurde dem General vorgestellt, der auf die Einladung Sonnenkamps versprach, ihn bald zu besuchen. Prancken sagte, er bringe einen Rekruten und zeigte auf Roland. Der Abend brach herein, die bunten Lampen wurden angezündet. Da knallten Böllerschüsse, Fanfaren tönten, Hoch wurde gerufen: der Prinz war von seinem Landsitze zum Gastmahle der Garde-Officiere gekommen. Beide Musikchöre spielten nun »Heil Dir im Siegerkranz« und Alles war voll Leben; am glücklichsten aber war vielleicht Sonnenkamp, denn er wurde dem Prinzen vorgestellt, der freilich nur einige nichtssagende Worte an ihn richtete. Aber alle Welt hatte doch gesehen, daß er mit ihm sprach und eine sehr freundliche Verbeugung machte. Höchst befriedigt fuhr man wieder nach der Residenz zurück. Die bunten Lampen leuchteten und die Musik tönte noch in der Erinnerung. Am nächsten Morgen stand in der Zeitung, daß gestern Abend die Garde-Cürassiere ein Jahresfest auf der Rudolphshöhe feierten. Se. Hoheit der Prinz Leonhard habe das Fest mit Seiner Gegenwart beehrt; unter den anwesenden Gästen sei Herr Sonnenkamp von Villa Eden mit seiner Familie besonders bemerkt worden. Drittes Capitel. Während die Familie Sonnenkamp in der Residenz war, ritt Erich nach Wolfsgarten. Er hatte jeden verrätherischen Gedanken in sich niedergekämpft, er dachte einzig daran, daß er verpflichtet sei, die Freundschaft, die Bella ihm zugewendet, dahin zu lenken, daß er ihr die Hoheit ihres Gatten klar mache. Das wollte er. Frisch und muthig ritt er dahin. Er traf Clodwig allein. Bella war mit einem fremden Besuch ausgeritten. Clodwig freute sich, mit Erich einmal ganz allein zu sein, der ihn bei früheren Besuchen so oft dem Knaben überlassen hatte und mit Bella gegangen war. Er berichtete, daß der Sohn eines Freundes, der als russischer Gesandter in Neapel gelebt, zu ihm gekommen sei, um ernste Studien in der Landwirthschaft zu machen. Der junge Fürst habe sich, wie Alle seines Gleichen, im Pariser Strudel umhergetrieben, aber es sei ein edler Kern in ihm und eine Willenskraft, die das Beste hoffen lasse. Die große Thatsache, daß der Kaiser von Rußland die Leibeigenschaft aufgehoben, bewirke zugleich eine noch größere moralische und ökonomische; die Herren müßten nun aus Gutsbesitzern einsichtige und selbstthätige Landwirthe werden. Es sei bei den Russen ein Eifer der Aufopferung und Hingebung für das niedere Volk, und das ergreife oft Weltlinge so mächtig, daß es erscheine, wie die Umkehr jener heilig Gesprochenen, die, aus tollen Gelagen kommend, plötzlich ihrer sittlichen Aufgabe inne wurden. »Es gibt keine so bildungsbegierige Aristokratie, als die russische,« sagte Clodwig, »leider aber sind die Männer eifrig und ideell begeistert ein Jahr lang oder zwei, dann werden sie leicht lässig; sie haben viel Nachahmungstalent, sie haben noch zu erproben, wie lange es vorhält und ob sie etwas Neues hervorbringen. Vielleicht ist die Aufhebung der Leibeigenschaft ein großer sittlicher Wendepunkt.« Erich hob hervor, wie es ein glorreiches Zeichen des neuen freien Geistes sei, daß nicht die Kirche, deren Beruf es hätte sein sollen, das bewirkt habe, sondern die reine Humanität, die kein kirchliches Gepräge hat. Die beiden Männer waren noch in weitgehenden Erörterungen über die Macht des Geistes und Clodwig eben in der Darlegung, wie es ihm oft die Seele peinige, daß die rohe Gewalt mehr über den Geist vermöge, als man sich gestehen wolle, da trat Bella ein. Ihr Antlitz glühte, als Erich sie grüßte, und der junge Mann von eleganter, aber etwas ermüdeter Erscheinung, begrüßte Erich sehr zuvorkommend; er freute sich, daß Erich so geläufig französisch spreche, da er im Deutschen sich nur unbehülflich ausdrücke; er setzte sofort hinzu, daß man Erich die französische Abstammung anmerke, in seiner Aussprache läge etwas, was nur das französische Organ vermöge. Nachdem man sich auf kurze Zeit zurückgezogen, versammelte man sich wieder im Gartensaal. Clodwig mußte dem Russen dringend ans Herz gelegt haben, daß er sich Erich anschließe, denn der junge Mann sagte alsbald zu demselben: »Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mich etwas von Ihnen lernen lassen wollten.« Er sagte das mit einer gewissen kindlichen Unterwürfigkeit und so vertrauensvoll, daß Erich ihm die Hand darreichte, indem er erwiderte: »Ich werde gewiß auch von Ihnen lernen können.« »Außer Whist, das ich sehr gut spiele, wie man mir allgemein sagt, glaube ich nicht, daß etwas von mir zu lernen ist,« antwortete der Russe lachend. Als ein Mann, der sich alsbald zur Kenntniß der Landesproducte an die Producenten wendet, fügte er hinzu: »Wie ich höre, ist die Philosophie in Deutschland aus der Mode gekommen; können Sie mir vielleicht einen Grund dafür sagen?« Erich, der es ablehnen mußte, hierüber genaue Auskunft geben zu können, meinte, daß vielleicht die Philosophie als Wissenschaft minder hervortrete, daß sie aber Methode aller Wissenschaften geworden sei. Bella legte den Kopf zurück und schaute in den blauen Himmel. Die Männer werden jetzt Dinge verhandeln, die sie eigentlich in Rücksicht auf die Frau auf eine andere Zeit verschieben sollten, aber sie will geduldig sein und zuhören. Der Fürst war in Fragen unermüdlich; er wollte wissen, welches jetzt die bestimmenden Geister in Deutschland seien, und da Erich erwiderte, daß sich unsere Epoche an keine einzelnen Namen knüpft, fragte er weiter, woher es käme, daß es an hervorragenden Häuptern fehle. Erich suchte darzuthun, daß in der Zusammenfassung des Geisteslebens unsere Zeit keiner vergangenen an Größe nachstehe, daß aber das Auszeichnende heute und vielleicht für immer keinem einzelnen Ausgezeichneten zukäme. Bella hörte noch immer still zu, sie wiegte den zusammengelegten Fächer in der Hand, als wäre es ein Pfeilbündel, sie legte den Fächer aus einander und zupfte an den einzelnen Stäben, als wären es Pfeile, die sie lockern und losschnellen müßte. Endlich hielt sie es an der Zeit, nicht mehr still zuzuhören. »Herr Hauptmann,« fragte sie, »warum scheeren Sie alle Zeitgenossen über einen Kamm?« Da nicht geantwortet wurde, fuhr sie fort: »Ich möchte weiter fragen: Schaffen bevorzugte Naturen nicht neue Gesetze in der moralischen, der intellectuellen, der politischen, wie in der ästhetischen Welt?« Erich erwiderte sehr ernst: »Das ist das Elend, das der Jesuitismus in der Kirche wie die Frivolität der Weltlinge gleichmäßig zu verantworten hat. Man erkennt bestimmten Naturen und bestimmte Naturen erkennen sich selbst eine Berechtigung und Ausnahmsstellung zu, bei denen die Menschen-Gesellschaft nicht bestehen könnte. Was man bevorzugte Natur nennt, das gibt mehr Verpflichtungen, aber keine über das Maß des Allgemeinen hinausgehende Berechtigung. Vor Gott und der ewigen Sittlichkeit sind wir Alle gleich, das hat das Christenthum erschöpfend ausgedrückt im Worte, daß wir Alle Kinder Gottes sind. Nun aber hat die Kirche Indulgenzen, hat der Staat Majorate, und möchte eine Sophistik moralische Ausnahmsberechtigungen schaffen. »Sie sprechen sehr gut,« sagte der Fürst zu Erich. Erich suchte den Blick Bella's, aber sie sah nicht auf, sie hatte die Lippen zusammengepreßt, denn sie dachte: Will er mir die Lehre geben, daß Niemand sich eine Ausnahms-Moral zuerkennen darf? Also darum der weltgeschichtliche Packzug? Sie wollte gleichgültig sein über den Ausspruch Erichs, aber sie vermochte es nicht; sie sah auf, ihr Auge ruhte schmerzlich auf ihm. Als man im Garten spazieren ging, fragte der Fürst, der seinen Arm in den Erichs gelegt hatte, ob er Herrn Weidmann kenne, in dessen Haus ihn Graf Clodwig senden wolle. Erich sagte, daß er ihn nur flüchtig gesehen habe, daß aber der Mann allgemein verehrt sei. »Wenn Sie einen Freund Ihnen gleich wüßten,« sagte der Fürst und drückte den Arm Erichs an sich, »wenn Sie einen Mann wüßten, der mein Begleiter, mein Lehrer sein wollte, ich könnte ihm eine Sicherung für sein ganzes Leben verschaffen, oder . . . Sie entschuldigen die Frage . . . würden Sie vielleicht selbst . . .?« Erich dankte, er empfahl indeß nachdrücklich den Candidaten Knopf, der bereits Lehrer auf Mattenheim war. Bella trat zu ihnen und Erich ging mit gemischten Empfindungen neben den Beiden. Er hatte so viel darüber nachgesonnen, wie er mit Bella von jener Grenzlinie der Freundschaft, die alle Gefahren in sich schloß, zurücklenken konnte; nun war sein Grübeln unnöthig, sein Platz war bereits besetzt. Innerlich ereiferte er sich doch über das zutrauliche Benehmen Bella's gegen den Russen, und ein seltsames Gewirre von Gefühlen entstand in seiner Seele. Sollte es ihn freuen, daß er hier nur eine Kokette vor sich habe, die bald mit diesem, bald mit jenem tändle? Oder that Bella nur so, damit ihr zutrauliches Benehmen gegen ihn nicht auffällig erscheine, indem sie das Gleiche auch gegen Andere aufrecht erhielt? Der Doctor kam; er brachte immer eine ganz neue Tonart. Er faßte Bella, Erich und den Russen rasch und scharf ins Auge, ihm schien Alles klar. Viertes Capitel. Der Doctor bat Erich, sein Reitpferd an den Wagen anzubinden und mit ihm bis in die Nähe der Villa zu fahren. Als die beiden Männer im Wagen saßen, blies der Doctor vor sich hin und sagte dann: »Eine schöne Frau die Gräfin Bella und eine geistreiche, sie liebt den Papagei, der frei in den Wald fliegen darf, ihr dann aber wieder gehorsam auf die Schulter zurückkehren muß.« »Ich finde,« fiel Erich ein, »daß man hier zu Lande und im engen Lebenskreise viel über Dritte spricht. Erscheint Ihnen das nicht als eine Beschränkung oder wie man es sonst nennen mag?« Der Doctor merkte wohl, daß Erich nicht auf das Thema eingehen wollte, aber er erwiderte: »Der ergiebigste Stoff ist die Gattung Mensch, und der unerschöpfliche in dieser Gattung ist die Spielart Weib. Ich rede indeß mehr von mir, ich habe an dieser Frau eine neue Spielart kennen gelernt. Sie kannten Frau Bella früher nicht?« »Nur flüchtig,« ließ sich Erich widerwillig vernehmen. »Aber ich kannte sie. Sie hat eine Nothehe geschlossen wie viele Andere, und ich nehme ihr das gar nicht übel. Ich bin auch anderer Meinung als die meisten Menschen. Die Gräfin ist in der That bescheiden auf ihre Talente, denn sie ist stolz auf ihren Heroismus; sie hat, ich weiß das, dem Grafen vor der Verlobung gesagt, sie sei nicht bedeutend genug für ihn, seiner nicht würdig. Intellectuell war das aufrichtige, nur im Ausdruck übertriebene Bescheidenheit. Sie hat Talente, aber keine Seele, sie hat lauter Zuspeise, keine feste Kost. Sittlich war dieses Bekenntniß volle Wahrheit, für sie ist die Sittlichkeit nur Convenienz.« Erich schaute betroffen auf und der Doctor fuhr fort: »Ich meine die Sittlichkeit der großen Welt, die nur die äußere Ehre als wesentlich betrachtet und nur diese bei einer Abweichung im Auge hat. Dem Grafen Clodwig aber ist alles Unreine und Unschöne von Natur zuwider, er würde es nicht üben, auch wenn nie ein Mensch davon wüßte.« Der Doctor machte eine Pause; das Herz Erichs erbebte. Will ihm der Mann die Reinheit Clodwigs vor Augen halten, um ihm zu zeigen, wie unwürdig die leiseste Regung wäre, einen solchen Mann zu kränken und zu hintergehen? Der Doctor fuhr fort: »Es kann keine schönere Ehre geben, als der Freund Clodwigs zu sein. Ich liebe die Aristokratie nicht, ja ich hasse sie, aber in Graf Clodwig ist eine edle Weise, die sich vielleicht nur ausbilden kann, wenn sie von Geschlecht zu Geschlecht gehegt wird und nicht wie bei uns Bürgerlichen erobert werden muß. Bei Clodwig ist eine beständige gleichmäßige Art von Luftheizung, nirgends eine lodernde Flamme, aber immer wohlige Wärme. – Sie sehen, ich habe von Ihnen gelernt, Bilder zu machen,« warf er scherzend dazwischen und nahm wieder neu auf: »Graf Clodwig und Herr Sonnenkamp betrachten ganz das Gleiche als das höchste Gut.« »Und das ist?« »Ruhe. Freilich, die Ruhe, die Herr Sonnenkamp will, ist eine ganz andere als die des Grafen. Gräfin Bella aber braucht Unruhe, sie kann ohne sie nicht leben. Sie ist ein wahrer Tugenddrache; sie muß jede Woche oder mindestens jeden Monat einen reinen Ruf verschlingen, oder noch besser ein Schuldbeladenes katzenartig zerreißen; sie beißt wie wohl dressirte Jagdhunde am liebsten nach den Augen eines armen Häsleins, dann ist sie gesättigt und äußerst zuvorkommend und thut Niemand etwas. Sie spricht sehr gut von Diesem und Jenem, so lange es ihnen schlecht geht; wenn die Menschen gedemüthigt sind, begnadigt sie dieselben gern; sobald ein Mensch krank ist, wird sie menschenfreundlich gegen ihn, so lange er aber gesund ist, hat er nur Härte von ihr zu erwarten. Daß sie schönes volles Haar hat, freut sie nicht so sehr, als daß sie sagen kann: diese oder jene hat so und so viel Pfund falsches Haar. Sie ist glücklich, sagen zu können, diese oder jene Frau ist scrophulös, denn die Pranckens allein sind gesunde Menschen. Und wenn sie etwas behauptet, so geht sie nie davon ab; es ist ihr lieber, daß ihr Mann, daß die ganze Welt unlogisch ist, als daß sie Unrecht hat; Unrecht darf Bella von Wolfsgarten nie gehabt haben. Sie hat nie ein unpassendes Kleid getragen, nie ein Wort gesagt, das nicht in Stein gegraben werden durfte. Und das nennt sie Charakter! nennt sie Stärke! Mag die Logik der ganzen Welt darüber zum Teufel gehen. Sie kann den gesprächlichen Eiertanz sehr gut ausführen. Haben Sie schon ein zierliches Brieflein von ihr bekommen? Sie versteht auch auf dem Papiere voll biegsamer Anmuth zu tanzen.« Erich fuhr sich mit der Hand über die Stirn, er begriff nicht, daß er das Alles hörte. Der Doctor warf eine halb angerauchte Cigarre weg und fuhr fort: »Die böse Welt wünscht, und leider könnte es nicht geschehen, ohne Clodwig ins Herz zu treffen, daß dieser Tugenddrache einmal seinen unheiligen Georg finde; aber das müßte ein Mann sein, der, wie mans nennt, Glück bei den Frauen machen will, nicht einer, dem die Worte Liebe, Seelengröße, höheres Streben ernst sind, und der sie nicht zum Deckmantel für andere Zwecke mißbraucht.« Erich wußte nicht, was er sagen sollte; er fühlte, daß er zitterte. Der Doctor zog an einer Schnur, der Radschuh legte sich unter das Rad am Wagen, man fuhr den Berg herab, der Wagen knirschte und zischte und man schaute hinein in die Tiefe, wo unten über Felsen ein kleiner Bach dahinrauschte. Als man wieder im Thal dahinfuhr, begann der Doctor: »Wenn ich sage, die böse Welt, so war das nicht blos eine Redensart; ich muß Ihnen nur noch erklären, welches die neue Spielart ist, die ich an Frau Bella kennen gelernt habe. Es gab und gibt viele Frauen, die, in Wahrheit oder eingebildet, höchst unglücklich sind oder sich höchst unglücklich fühlen, weil sie gar so unbedeutende Männer haben – und sie selber sind doch so große, unverstandene, ätherische Seelen – und ihre Gatten lieben die Pferde, die Hunde und was sonst noch. Die neue Spielart aber, die Frau Bella repräsentirt, ist die: sie ist unglücklich, weil ihr Mann so bedeutend ist. Hätte sie eine jener wohlexercirten Gliederpuppen, die dazu da sind, eine Hofuniform auszufüllen, sie könnte unglücklich sein, könnte sich als schönes blüthengeschmücktes Opfer betrachten, geduldsam entsagen und sich beweinen, aber immer wachsen der höchsten Empfindung zu. Nun aber wird sie neben einem solchen Manne immer gehässiger und geringer; er beleidigt sie, weil er sie in Schatten stellt, ja sogar oft ihr halbes Denken tadelt, wenn auch nur durch Emporziehen der Brauen. Und eigentlich . . . ich glaube, sie gesteht es sich selber nicht . . . haßt sie ihren Mann, denn er macht aus ihrem bloßen Spielen mit dem Geist strengen Ernst; er zwingt sie, Unklarheiten und Albernheiten zu erkennen. Dafür wird er aber auch genugsam gestraft. Mir ist die Sage von den Harpyen klar geworden. Die neuen Harpyen beschmutzen jeden höheren Gedanken, daß er ungenießbar und ekelhaft sei, und so muß nun Clodwig um das einfache tägliche Brod des Geistes kämpfen und ringen. Wissen Sie, was aber nun das Gefährlichste ist bei Frau Bella?« »Ich weiß gar nichts mehr, ich kann mir nicht denken, welche Steigerung Sie noch vorhaben.« »Eine ganz einfache. In der Kirche nennt man es Teufel, was aber jetzt als ein sehr geschmeidiger, edler und aufopfernder Dämon erscheint; er kommt und sagt: Sieh, Du bist der Freund dieser Frau, sie hat so viel Vertrauen, so viel Güte zu Dir, benütze das nun, ihr die rechte Stimmung zu geben; Du mußt sie lehren, ihren Mann gerecht zu würdigen und wie er verdient, verehrt zu werden. Dieser sophistische Dämon scheint nur so fein, ist aber in der That der plumpste von allen, denn noch nie würdigte ein Eheweib ihren Gatten durch fremde Einsprache. Es gibt eine letzte Lebenskraft und eine letzte Liebeskraft, die nur aus dem Menschen selbst kommen kann, und wo die nicht ist, da hilft nichts und redete man mit Engelszungen. Die Alten haben es als die größte Heldenthat des Theseus gepriesen, daß er die Medusa besiegte: sie ist die giftige Schönheit. In der alten Zeit versteinerte sie, in der neuen verweichlicht sie die Männer. Ich habe einen besondern Haß auf Frau Bella, und wissen Sie warum? Sie macht mich zum Heuchler, so oft ich nach Wolfsgarten komme; ich sollte nicht so höflich gegen sie sein und es entschuldigt mich nicht, daß ich es bin, weil ich Graf Clodwig liebe. Kein Mensch hat mich so schlecht gemacht als sie, bei ihr heuchle ich und empfinde solche Zerstörungswuth, wie ich sie gar nicht geglaubt hätte. Sie ist eine Quacksalberin. Wenn ich eine Medicin verordne, so hat sie immer voraus gewußt, was ich verordnen werde; medicinisch hab' ich es ihr nun ziemlich abgewöhnt, aber sie ist es noch mehr geistig. Da hat sie Hausmittelchen und Redensarten aufgeschnappt, daß man meint, sie wäre in Alles eingedrungen, aber der Kern ihres Wesens ist Respectlosigkeit, keckes Dreinreden, denn Alles ist für sie Schwindel, und sie hat auch keinen Respect vor sich selbst, denn sie weiß, sie ist auch Schwindel; sie will an allem Wissen theilnehmen und ist doch gleichgültig gegen alles Wissen; sie unterhält Andere und langweilt sich dabei. Ein tiefer Zug in ihrer Seele ist Undankbarkeit. Mag ihr werden, was da wolle, sie bleibt undankbar. Wollen Sie den geraden Gegensatz zu Bella, so nenne ich Ihnen den Major, der ist dankbar für Alles, selbst für die Luft, die er athmet. Der Major, das alte Kind, glaubt noch nicht an die Gemeinheit der Menschen; wenn der leibhaftige Teufel zu ihm käme, er fände das Gute an ihm heraus. Bella ist grundlos. Ein Mann bösen Gemüthes hat immer noch Kräfte und Thätigkeiten für die Welt; wenn eine Frau bösen Gemüthes ist, ist sie ganz bös' und nur bös'. Wissen Sie, wer zu Frau Bella paßte?« »Ich weiß gar nichts mehr,« rief Erich verzweifelt, es war ihm, als wäre er gefesselt. »Der einzige Mensch, der zu ihr paßt, der diese ganze Menagerie, die sich Bella nennt, demüthigen und beherrschen könnte, das wäre Herr Sonnenkamp, und im Geheimen haben sie auch eine tiefe Sympathie für einander.« Erich fühlte sich erleichtert, da er lachen konnte; aber der Doctor nahm wieder auf: »Junger Freund, ich bin ein Ketzer, ich glaube, so böse als eine Frau kann ein Mann nie sein und auch so heuchlerisch nicht. Für das Letzte sind sie aber nicht verantwortlich, denn es wird ihnen von Kindheit an ja immer gesagt: thut nur so, die Welt will den Schein. Die Hauptsache aber ist, sie haben keine Humanität, sie gehen nicht den Gründen nach, aus denen die Dinge geworden sind, Alles ist für sie fertig gesteckt und genäht wie ein Hut oder eine Mantille bei der Putzmacherin; und andererseits stehen sie noch unter dem Bann des Thierischen, sie kennen die volle Mitfreude nicht und Medisance ist die verfeinerte Mordgier; in der ganzen Thierwelt ist das Weibchen immer das grausamste.« Erich saß still und ließ Alles an sich hinreden, und als man jetzt am Ziele angekommen war, stieg der Doctor aus, er blies wieder vor sich; er glühte im ganzen Gesichte. »Ich habe mir's einmal leicht gemacht,« sagte er, »ich würge schon lange daran. Ich danke Ihnen, daß Sie mich so geduldig angehört. Junger Freund,« – und er legte zutraulich die Hand auf die Schulter Erichs – »ich bin auch grimmig auf die Poeten, die uns aus Furcht, den Weibern zu mißfallen, die geistreiche Paradefrau aufgeputzt haben. Wenn ich über Frau Bella zu viel gesagt habe – es ist möglich – bitte, behalten Sie, was ohne Uebertreibung wahr ist und bleibt und was ich zu jeder Stunde vertrete.« Erich nahm sein Pferd am Zügel, aber er stieg nicht auf, er ging still und gedankenvoll dahin; es that ihm weh, daß über Bella so gesprochen wurde und daß er sie nicht besser vertheidigt hatte. Zu Roland wendete sich seine Seele und in ihm sprach es: Ich war doch auch eitel, ich freute mich, zu glänzen, von einer schönen Frau gelobt zu werden, mit ihrem warmen Handschuh einen leichten Schlag auf die Finger zu bekommen. Das war kein Mann, der sagen durfte, ich will in Reinheit einen Menschen erziehen. Mit befreiter Seele schritt er des Weges weiter und kam auf der Villa an. Ein Telegramm war da, daß die Familie heute in der Residenz übernachte. Erich war allein. Fünftes Capitel. Frau Ceres sagte am Morgen, daß sie nicht gern schon jetzt wieder nach der Villa zurückkehre; das Fest aus Rudolphshöhe lag ihr im Sinn und sie wünschte heute wieder ein solches zu haben und nicht abzureisen. Man konnte ihr nicht willfahren. Sie bat die Cabinetsräthin dringend, doch mit nach der Villa zu reisen und bei ihr zu bleiben. Es wurde abgelehnt, aber ein baldiger Besuch versprochen. Frau Ceres war verstimmt; um sie aufzuheitern, ließ nun Sonnenkamp Prancken zu ihr in den Wagen sitzen und nahm Roland zu sich. Jetzt, da er seinen Sohn allein hatte, fragte er ihn über mancherlei aus; namentlich scheute er sich nicht, zu erforschen, wie Erich mit der Gräfin Bella gewesen und ob sie oft allein spazieren gegangen. Unterwegs begegneten ihnen die Reitpferde, die voraus heimwärts geschickt waren. Sonnenkamp ließ einen Augenblick anhalten, die Pferde schauten unter den Decken heraus mit ihren großen Augen gar seltsam auf ihren Herrn. Er gab dem Reitknecht einen strengen Verweis, denn er hatte von ferne bemerkt, daß dieser statt ruhig nebenher zu gehen, auf einem der Pferde gesessen hatte; er drohte kurz, daß bei nächstem Zuwiderhandeln der Reitknecht entlassen würde. Man fuhr weiter und Roland sagte: »Unsere Pferde sind besser bekleidet als arme Menschen.« Sonnenkamp antwortete nichts, er sah nur seitwärts und dann auf seinen Sohn. Plötzlich rief Roland dem Kutscher, er möge anhalten. Er sah am Wege den Fuhrmann, mit dem er in jener Nacht gewandert war. Er stieg aus, reichte dem Manne die Hand und sagte, wenn er den Hausknecht treffe, möge er ihm sagen, daß er ihn besuchen solle. Roland stieg wieder ein, der Fuhrmann starrte ihm nach und der Vater fragte nach diesem seltsamen Begegniß. Roland erzählte Alles; auch die Sage vom Lachgeist erzählte er, aber der Lachgeist schien auf Sonnenkamp keine Wirkung zu üben, und wie Roland erkennen ließ, daß er sich gern in das Leben armer, mit der Noth ringender Menschen versetze, pfiff Sonnenkamp unhörbar vor sich hin. Je mehr aber Roland sprach, um so mehr staunte der Vater über die geistige Regsamkeit desselben; jenes Gespräch auf der Burg, nachdem der Krischer die Frage gestellt, kam in seltsamen Verschlingungen und Vermengungen hervor. Sonnenkamp kämpfte mit sich, was er thun sollte. Erich sofort entlassen, das geht nicht wegen Roland; er würde dann diese verkehrten Anschauungen um so hartnäckiger festhalten. Auch wegen der Cabinetsräthin durfte man einen Bruch mit Erich nicht herbeiführen, zumal da dieselbe großen Nachdruck darauf legte, Erichs Mutter zur Beihilfe zu erlangen; vor Allem aber war auf Clodwig Rücksicht zu nehmen, denn die Verbindung mit diesem hatte nicht Prancken, sondern Erich zu Stande gebracht und Clodwig war der mächtigste Hebel zur Ausführung des Planes. Bald nach der ersten Begrüßung fragte Sonnenkamp Erich, wo er gestern gewesen sei; er fragte das wie ein Herr, der über die Zeit seines Dieners zu verfügen hat und Rechenschaft verlangen kann. Erich berichtete von seinem Besuche auf Wolfsgarten, er verweilte besonders bei der Schilderung des jungen russischen Fürsten. Sonnenkamp lächelte, es war ihm lieb, daß diese stolze Idealität ihre Abwege so gut verbergen konnte. – Roland war jetzt geneigt, die festgesetzte Ordnung willkürlich zu durchbrechen, und blieb er beim Unterrichte, so sah er verdrossen drein; aus der Ferne tönte noch immer die Trompetenmusik und saßen Officiere frei und heiter beisammen. Erich erkannte die Umwandlung in seinem Zögling und war tief traurig; mochte er Roland die ganze gesammelte Kraft widmen, dieser nahm Alles nur widerwillig hin. Ein unscheinbares Ereigniß brachte den Zwiespalt zum Ausbruch. Sonnenkamp übergab Erich im Beisein Rolands das erste fällige Gehalt; er schaute triumphirend auf seinen Sohn, während er die Goldstücke in eine Rolle that. Erich nahm das Gold in die Hand, trat einen Schritt vor gegen das Fenster, wo Roland stand und sagte: »Hier, Roland, nimm meinen Lohn und trage ihn auf mein Zimmer. Warte dort auf mich.« Roland empfing das Gold; er sah verwirrten Blickes auf den Vater und Erich. »Thu mir den kleinen Dienst und trage das Gold auf mein Zimmer,« wiederholte Erich. Roland ging. Er trug das Gold in der Hand, als wäre es eine schwere Fessel; er ging auf das Zimmer Erichs, dort legte er das Gold auf den Tisch. Er wollte weggehen, aber er dachte, daß er es doch bewachen müsse; er wollte das Zimmer schließen, aber er erinnerte sich, daß Erich ihm gesagt, er solle auf ihn warten. Da kam Prancken, um ihm Lebewohl zu sagen; er beglückwünschte Roland, daß er bald von Erich befreit sein würde. Jetzt erst wurde Roland klar, was geschehen war und noch geschehen sollte. Prancken sagte Roland heiter Lebewohl. Als er weggegangen, fühlte Roland, daß er Prancken nie mehr lieben könne; er empfand das als einen Verlust und still stand er neben dem Tische und schaute immer auf das Gold. In kindischer Weise zählte er dann, wieviel Erich bekommen habe. Aber für welche Zeit hatte er das bekommen? Er brachte es nicht heraus, er wendete sich wie unwillig ab und schaute zum Fenster hinaus. Hinter ihm lag das Gold auf dem Tische, und es war, wie wenn Jemand bei ihm wäre, der ihm zuraunte: Vergiß mich nicht! Unterdeß stand Erich bei Sonnenkamp und schaute ihn still an. Wollte der Mann ihn entlassen oder nur demüthigen? Er war entschlossen, ihm Beides zu vereiteln. Da Erich noch immer nicht sprach, sondern ruhig den Blick auf Sonnenkamp geheftet hielt, sagte dieser endlich: »Ich habe Sie doch nicht verletzt?« »Ich bin nicht empfindsam, ich achte das Geld, soweit es Achtung verdient, und freue mich meines ehrlichen Lohnes. Ich liebe Ihren Sohn vielleicht mehr als . . . doch für die Liebe gibt es kein Maß, sie mißt sich nicht an Anderem. Weil ich Ihren Sohn liebe, will ich, daß eher auf mich als auf seinen Vater ein Makel falle.« »Auf mich?« »Ja; ich hätte Ihnen wol etwas herauszahlen können, da Sie mich vor den Augen meines Zöglings so ablohnen. Ich kann nicht glauben, daß Sie das ohne Absicht gethan. Ich erkläre Ihnen aber, daß ich mich durch Derartiges nicht gedemüthigt fühle.« Sonnenkamp machte eine abwehrende Bewegung und Erich fuhr fort: »Ich hätte Ihnen in Gegenwart Rolands sagen können, daß die freie Arbeit – ich spreche nicht von Liebe – wie sie der Mensch dem Menschen leistet, nie bezahlt werden kann. Ich unterdrückte es, weil ich will, daß Ihr Sohn Sie mehr liebe und ehre, als andere Menschen, auch mehr als mich. Ich bin in Ihrem Dienste, dies ist Ihr Haus, Sie können mich in dieser Stunde daraus entfernen.« »Das wollte ich nicht . . . das will ich nicht! Habe ich das gesagt? Ich muß mich Ihnen nur erklären und Sie müssen sich mir erklären. Haben Sie nicht Roland gesagt, daß die Zeit kommen wird oder da ist, wo es keinen Privatbesitz mehr gibt?« Erich entgegnete, daß ihm das nicht im Entferntesten in den Sinn gekommen sei; er habe nur ein Beispiel von der Umwandlung der Gesinnungen gewählt; er bereue, gerade dieses gewählt zu haben, und werde dafür sorgen, die mißverständliche Auffassung Rolands zu berichtigen. Aber er hätte wohl voraussetzen dürfen, der Vater würde eher einen Mißverstand Rolands, als einen Widersinn des Lehrers annehmen. Sonnenkamp pfiff wieder leise vor sich hin. »Setzen wir uns,« sagte er endlich; »sprechen wir ruhig als verständige Männer, als Freunde, wenn ich so sagen darf.« Er machte eine Pause; mit ganz veränderter Stimme fuhr er dann fort: »Ich muß Ihnen bemerken, daß, auch von dem Irrthum abgesehen, Ihre Denkweise mir für meinen Sohn gefährlich scheint. Sie scheinen mir in der That ein Menschenfreund. Ich respectire das. Sie gehören zu den Menschen, die jedem Straßenknecht am Wege den Dank für seine Mühe ausdrücken möchten, auch materiell. Sie sehen, ich glaube an Ihre wirkliche Menschenfreundlichkeit. Aber diese Menschenfreundlichkeit – ich spreche offen – taugt für meinen Sohn nicht. Es wird auch viel Schmuggelhandel mit Gefühlen getrieben; man redet sich ein, daß die niederen Menschen unsere Empfindung haben. Mein Sohn hat dereinst ein fürstliches Einkommen; wenn nun ein Reicher so durch das Leben gehen müßte, immer ausschauen, wo Noth, wo nicht entsprechender Arbeitslohn, er wäre zu größerem Elend verdammt, als ein Bettler am Weggraben. Das Härteste, was meinem Sohn geschehen könnte, wäre, wenn man ihn sentimental, wenn man ihn weinerlich machte. Ich gehöre nicht zu diesen Menschen und möchte, daß auch mein Sohn nicht zu denen gehöre, die eine ewige Sehnsucht nach dem Unnennbaren und, wie ich glaube, Unerreichbaren haben; ich will für mich und meinen Sohn erreichbaren Lebensgenuß.« »Auch ich,« erwiderte Erich, »möchte Roland gutherzig erhalten, aber nicht weichherzig machen. Er soll die schöne Gunst seines Lebens erkennen, soll das Schönste und Höchste empfangen und aus sich machen.« Erich setzte das näher auseinander, Sonnenkamp reichte ihm die Hand dar und sagte: »Sie sind . . . Sie sind . . . ein edler Mensch. Sie haben auch noch an mir zu erziehen. Vergessen Sie, was geschehen; ich vertraue Ihnen unbedingt. Ich vertraue Ihnen, daß Sie mir nicht das Herz meines Sohnes entziehen, daß Sie ihn nicht weichmüthig machen, nicht zu einem Allerweltshelfer.« Sonnenkamp stieß diese Worte heftig hervor, denn innerlich knirschte er, daß der Mann, den er hatte demüthigen wollen, sich so kühn herausgewunden hatte. Als Erich zu Roland kam, ging ihm dieser entgegen, streckte ihm beide Hände zu und rief: »Ich bitte Dich, verzeih meinem Vater, daß er Dich wie einen Knecht abgelohnt.« Erich hatte viel Mühe, Roland das Geschehene zu erklären, ohne seinen natürlichen Sinn zu verwirren oder zu zerstören. Der Sohn sollte Liebe und Verehrung für den Vater haben. »Wir wollen zum Major gehen,« sagte Roland endlich; er wollte offenbar zu einem Menschen, der von all diesem Wirrwarr nichts wußte. Sie gingen zum Hause des Majors; sie trafen ihn nicht. Sie wanderten mit einander bis in die Nacht hinein und sprachen kaum ein Wort. Auch Sonnenkamp wanderte in der stillen Nacht durch den Park. Ein Wort, das Erich heut wieder genannt, hatte in ihm einen großen Kampf hervorgerufen. Das Wort hieß: freie Arbeit. Und wieder kehrten seine Gedanken zum nächsten zurück, er begriff nicht, wie er dazu gekommen, Erich zu verletzen, während es doch in seiner Absicht lag, dessen Mutter kommen zu lassen. Wie gütig werden das die Menschen finden. Alles kommt nur darauf hinaus, daß die Welt glaubt. Die Geschminkte weiß auch, daß sie keine rothen Wangen hat, aber sie freut sich, daß die Welt es glaubt, ist fröhlich und thut jung. Sonnenkamp hatte gewünscht, daß Prancken den Ankauf der benachbarten Villa, die man der Cabinetsräthin überlassen wollte, betreiben sollte. Prancken hatte es ebenso freundlich als mit guten Gründen abgelehnt, denn er fand, daß Herr Sonnenkamp sich den Anschein geben müsse, als wolle er sich nur gute Nachbarschaft sichern. Sonnenkamp wußte nicht, sollte er hoffen oder fürchten, daß Prancken die Sache bereits von langer Hand angeregt und sich einen Vortheil dabei gesichert habe. Sollte er der Betrogene sein? Aber es war schön, wenn sein künftiger Schwiegersohn so viel Klugheit hatte, sich einen Vortheil zu sichern. In den nächsten Tagen bekümmerte sich Sonnenkamp wenig um Haus und Garten, um Roland und Erich, er besichtigte das Landhaus, suchte die entsprechenden Weinberge zu erwerben und ward vollkommen überzeugt, daß Prancken noch gar nichts in der Sache gethan. Der Weingraf hatte auch die Absicht, das Landhaus zu kaufen; es hieß, er wolle es für seinen Eidam, den Sohn des Hofmarschalls, erwerben. Sonnenkamp schloß rasch den Kauf ab. Sechstes Capitel. Wenn der Krischer im Gefängniß gehört hätte, daß Sonnenkamp noch ein Landhaus gekauft, hätte er sicher wieder aufgerufen: »Ja, der kauft noch den ganzen Rheingau!« Aber er vernahm nichts davon. Die Untersuchung zog sich in die Länge. Der Landrichter war zwar so freundlich, neue Protokolle, für welche Erich und Roland zu verhören waren, auf der Villa aufzunehmen; immerhin aber unterbrach diese schwebende traurige Angelegenheit mehrmals den Unterricht. Auch die Gastgebereien blieben nicht aus. Roland verkündete eines Tages: »Es gibt ein großes Fest bei Graf Wolfsgarten, Vater und Mutter sind ganz glücklich; Du und ich, wir sind auch eingeladen.« Sonnenkamp war sehr zufrieden mit Prancken, daß dies erreicht worden war; der Mitwirkung Erichs wurde gar nicht mehr gedacht. Es war mit Prancken ausgemacht, daß Clodwig, das gewichtigste Mitglied der Ordenscommission, für die Sache, die man jetzt allein im Auge hatte, gewonnen werden müsse und zwar zur lebhaftesten Initiative. Am Tage der Einladung hatte Sonnenkamp einen schweren Kampf mit Frau Ceres; sie wollte ihren gesammten Schmuck zu dieser Mittagstafel anlegen. Fräulein Perini war es nicht gelungen, sie abwendig zu machen, obgleich sie wiederholt als unumstößliches Gesetz aufstellte, man trage im Tageslicht keine Brillanten. Frau Ceres war unwillig wie ein kleines Kind, sie wollte lieber zurückbleiben, wenn man ihr diese Freude nicht gönnte. Sonnenkamp bat, sie möge doch »aus Mitleid« mit der Gräfin, die man nicht beleidigen dürfe, den Schmuck nicht anlegen, der das Zwanzigfache vom Schmucke der Gräfin betrage; sie möge sich einfach kleiden; dagegen wurde ihr versprochen, sie solle beim nächsten Feste, das man im Hause gebe, Alles anlegen dürfen. Frau Ceres aber beharrte dabei, daß sie nicht mitgehe, wenn sie nicht ihren Schmuck tragen dürfe. »Gut,« sagte Sonnenkamp, »so schicke ich sofort einen Boten nach Wolfsgarten, daß wir ohne Dich kommen.« Er ließ einen Reitknecht ins Zimmer bescheiden und gab ihm den Auftrag, zu satteln, da er unverzüglich nach Wolfsgarten reiten müsse. Als Sonnenkamp sich dann entfernte, sah ihm Frau Ceres mit einem bitterbösen Blicke nach; sie war also das arme Kind, das allein zu Hause bleiben mußte, wenn Alles zum Feste geht. Nach einer Weile rannte sie durch das Haus in das Zimmer Sonnenkamps und erklärte, sie gehe mit wie man wolle. Sonnenkamp bedauerte, daß er den Boten bereits abgeschickt, und jetzt bat Frau Ceres dringend, er möge einen zweiten nachschicken, der ihre Ankunft melde. Sonnenkamp behauptete, daß dies nicht mehr möglich sei; endlich gab er nach. Er ging selbst in das Stallgebäude und hatte weiter nichts als dem Reitknecht zu sagen: »Sattle wieder ab!« denn er hatte ihn noch nicht fortgeschickt, er wußte im Voraus, daß Frau Ceres, das verzogene Kind, ihn bitten werde. Man fuhr nach Wolfsgarten. Bella war äußerst erfreut, auch die Cabinetsräthin begrüßen zu dürfen; sie sah heute schöner aus als je. Sie wußte Jedem eine Freundlichkeit zu bieten und war besonders gütig gegen Erich. Sie glaubte bei seinem letzten Besuche eine Mißstimmung an ihm wahrgenommen zu haben, die sie nun durch eine Bevorzugung zerstreuen wollte. Dem Blicke der klugen Frau entging aber nicht, daß Erich diese Freundlichkeiten zwar dankbar, aber kalt aufnahm. Sonnenkamp, der ein scharfes Auge hatte, hielt den Athem an wie ein Jäger, dem ein Wild schußgerecht kommt. Bravo! Sie wissen gut zu spielen! dachte er. Der Tugendruhm dieses Hauses hatte etwas Drückendes für ihn gehabt; nun bewegte er sich hier mit einer gewissen Heimatlichkeit. Es war ein kleiner Hof, der sich zusammengethan, die Form war ländlich freier, aber dabei nicht minder wohlbemessen. Viele schicksalsvolle Existenzen waren hier versammelt, die vielleicht darum auffälliger erschienen, weil sie sich aus der Zerstreuung des Landlebens gesammelt hatten. Pensionirte und freiwillig ausgetretene Militärs bildeten das Hauptcontingent, die Orden zeigten sich bescheiden als rothe, gelbe, blaue Zünglein im Knopfloch; die alten Herren waren sorgfältig frisirt, die Bärte frisch gewichst; die Damen zeigten, daß man nicht umsonst einige Wochen des Jahres in Paris zubrachte. Einer einzigen Französin zu lieb wurde die Conversation französisch geführt. Auch ein berühmter Musiker, der sich in der Nähe aufhielt, war eingeladen. Er erholte sich von seinen Concertreisen im Landhause eines Collegen, der seine Musikschülerin, eine reiche Erbin, geheiratet und sich in der Gegend ein schönes Anwesen erworben hatte. Nächst Erich waren Herr Sonnenkamp und der Musiker die einzigen Bürgerlichen in der heutigen Gesellschaft; den Künstler hob sein Genie, den reichen Mann seine Millionen in die neue Atmosphäre. Der Weincavalier konnte bereits als geadelt angesehen werden, denn es war bekannt, daß in den nächsten Tagen die ganze Familie geadelt werde. Das Brautpaar war ebenfalls geladen, aber am Tage des Gastmahls kam ein Brief, der mit höflichem Bedauern anzeigte, daß der Bräutigam, von einem kleinen Unwohlsein betroffen, nicht kommen könne. Auch die Braut war nun zurückgeblieben. Der Weincavalier brachte einen berühmten Portraitmaler mit; er wohnte seit Wochen im Landhause des Weingrafen, denn er malte die Braut und den Bräutigam in Lebensgröße. Der Maler war sehr in der Mode, Perlen und Spitzen und grauer Atlas gelangen ihm am besten, auch die Gesichter waren ähnlich, nur alle etwas stark blau; er war indeß bei Hofe sehr beliebt und es konnte keine Frage sein, daß er allein die vornehme Braut malen durfte. Sonnenkamp erhielt den Ehrenplatz neben Bella, zur andern Seite saß der Fürst. Clodwig hatte Frau Ceres neben sich, und der Major war natürlich auch da und hatte, wie er es wünschte, einen Platz am Ende des Tisches, damit er bequem mit Nachbar hüben und drüben sprechen konnte. Clodwig unterhielt sich sehr freundlich mit Frau Ceres, die heut aus Verlegenheit sehr viel aß, ohne daß Sonnenkamp ihr zugeredet hätte. Sonnenkamp hatte seine alten Waffen der Galanterie hervorgesucht, mit denen er nie fehlte; heute aber schien es ihm nicht zu gelingen, denn Bella hörte nur mit halber Aufmerksamkeit zu, sie horchte stets hinüber nach dem Gespräche Erichs mit dem Russen. Plötzlich waren alle Zwiegespräche verstummt, denn der Fürst fragte Herrn Sonnenkamp: »Bezeichnet man die Sklaven in Amerika auch als Seelen?« »Ich verstehe nicht.« »Wir in Rußland bezeichneten die Leibeigenen als Seelen; man sagte, ein Mann hat so und so viel hundert oder tausend Seelen; nennt man das auch in Amerika so?« »Nein.« »Man hält es ja noch dort für eine Frage,« fiel Clodwig ein, »ob die Neger wirkliche menschliche Seelen sind. Humboldt erzählt, die Wilden hätten die Ansicht, die Affen könnten auch sprechen, sie unterließen es aber geflissentlich, weil sie fürchten, sie müßten sonst auch arbeiten.« Ein allgemeines Lachen wurde vernehmbar und Clodwig setzte hinzu: »Wenn wir das geringste Gefäß aus der Griechen- und Römerzeit ausgraben, finden wir immer eine Schönheit daran. So viel ich weiß, haben die Neger nicht eine einzige neue schöne Form gebildet.« »Sie haben also,« fiel der Fürst ein, »wie man sagt, nicht einmal eine neue Mausefalle erfunden?« »Es fragt sich,« fuhr Clodwig fort, »ob die Neger Erben der Bildung sein können; da sie nicht Erben der schönen Menschenerscheinung sind, wie sie von Aegypten, Griechenland und Rom auf uns überging, so können sie auch nicht Fortbildner der Kunst sein, und die Kunst allein ist der Adel der Menschheit; sie können die Schönheit nicht schaffen nach ihrem Ebenbild. Der Mensch schafft sich seine Götter nur nach sich, und das ist den Negern nicht möglich. Sie schaffen vielleicht in Zukunft etwas für sich, aber nicht für Andere und darum sind sie erblos, sie stehen nicht im großen, uuzerreißbaren Zusammenhang der Menschheit.« Sonnenkamp schaute auf, sein ganzes Angesicht wurde größer. So spricht ein Mann der unbestreitbarsten Humanität! »So ist's!« fiel er ein. »Man ist in Amerika nicht sentimental. Unsere klaren und festen Anschauungen werden freilich von der Schullehrerweisheit verketzert und mit dem großen Bann der Unmenschlichkeit belegt, aber es gibt auch ein Pfaffenthum der sogenannten Humanität und das hat seine Ketzergerichte so gut wie andere.« Sonnenkamp sprach mit einer Wegwerfung, die deutlich erkennen ließ, wie ungehörig er das in aller guten Form vom Fürsten aufgeworfene Thema fand. Clodwig glaubte, diesem beistehen zu müssen, er begann mit leiser Stimme, aber im Laufe der Rede wurde sein Ton immer lebhafter: »Wer die geschichtlichen Thatsachen kühl und vom ruhigen Standpunkte aus betrachtet, der sieht, wie die Idee sich stetig entwickelt, sie arbeitet lange still, aber unstörbar, und diese Wirkung zieht sich fort, bis eine ungeahnte Thatsache, die scheinbar nichts mit der Idee gemein hat, die Ausführung und die offen am Tage erscheinende Entfaltung bietet. Die Idee ist immer nur stimmungshaft vorbereitend, die Thatsache ist entscheidend und dramatisch.« Bella sagte leise etwas zum Fürsten, der zu ihrer Rechten saß. Clodwig merkte wohl, daß es eine Entschuldigung dieser etwas schwerfälligen und allgemeinen Betrachtung war; flüchtig zuckte es in seinem Antlitze, seine feinen Lippen zogen sich etwas spitz zusammen und er fuhr fort: »Ich bin der Ueberzeugung, ohne Sebastopol wäre die Bauern-Emancipation nicht jetzt und nicht in dieser Weise ausgeführt worden. Der Krimkrieg wurde unternommen, um Rußland zu demüthigen, und er brachte Rußland dazu, sich einen freien Bauernstand zu schaffen, sich innerlich zu erhöhen.« Der Fürst fügte einige zustimmende Worte bei und Clodwig erklärte weiter: »Mir hat der russische Gesandte erzählt, während des Krimkrieges verbreitete sich plötzlich die Sage . . . Niemand wußte, woher sie kam, aber sie war auf allen Lippen und lautete: Jeder, der bei Sebastopol kämpfen muß oder freiwillig dahinzieht, um den Kaiser von den Alliirten zu befreien, erhält nach dem Kriege freies Land und wird unabhängiger Bauer. Das steckte überall in den Köpfen. Woher kam's? Die Idee der Bauern-Emancipation, die lange in Büchern und Zeitschriften und in den höheren Gesellschaftskreisen verhandelt wurde, gewann Gestalt im Volksbewußtsein und wurde zu einer Thatsache, die das kaiserliche Decret nur noch zu besiegeln hatte.« Clodwig hielt inne, wie wenn er müde wäre, dann aber raffte er sich auf und rief: »Es ist nur das alte schöne Wort: die Schwerter werden zu Pflugscharen.« Man wußte nicht, warum und auf welchem Wege Clodwig zu solcher Darlegung kam, nur Erich sah strahlenden Antlitzes auf ihn, und jetzt berührte eine Hand Erichs Schulter, er schaute erschreckt um. Roland stand hinter ihm und sagte: »Ganz Aehnliches hast Du auch einmal gesagt.« »Setz' Dich und halte Dich ruhig,« sagte Erich. Roland ging auf seinen Platz, aber er wartete, bis der Blick Erichs ihn wieder traf, dann trank er ihm zu. Bella sah wie hülfesuchend um, das war ja gar kein Tischgespräch; sie sah auf Erich, wie wenn sie ihn bitte, er möge doch das Gespräch von diesen häßlichen Dingen abwenden. Eben schenkten die Diener Johannisberger in feine, zierliche Gläser, und Erich, das Glas vor sich hinhaltend, sagte: »Herr Graf, solchen Wein haben die alten Völker in den Steinkrügen, die wir jetzt aus der Erde graben, doch nie gekostet.« Bella nickte ihm ermunternd zu und da er inne hielt, sagte sie: »Wissen wir Genaues vom Weinbau der Alten?« »Höchst wahrscheinlich,« erwiderte Erich, »hatten die Alten gar keine Ahnung von dieser Würze, von diesem Feuer des Weines, denn sie tranken nur ungegohrenen.« »Ich bin weit entfernt,« fiel Sonnenkamp ein, »mir eine Gelehrsamkeit anmaßen zu wollen, das aber ist doch leicht ersichtlich, ohne Abkappung der Reben kann man keine ausgezeitigte und in sich concentrirte Traube und ohne Faß keinen entwickelten und voll ausgelebten Wein gewinnen.« »Ohne Faß? Warum das Faß?« fragte der Russe. »Hilft vielleicht die Holzfaser den Wein abklären?« »Ich glaube nicht,« entgegnete Sonnenkamp, »aber das Faß läßt Luft eindringen, läßt in den Kellern den Wein ausreifen, läßt ihn abfüllen, überhaupt seine Cultur vollenden. In Thongefäßen erstickt der Wein oder hält sich höchsten Falles so wie er ist.« Mit großer Freundlichkeit setzte Bella hinzu: »Das freut mich, nun sehe ich wieder, daß eine fortschreitende Bildung auch die Naturproducte zu höherem Genusse macht.« Sonnenkamp fühlte sich sehr gehoben; er erschien in der vortheilhaftesten Weise. Das Tischgespräch vertheilte sich nun in viele Einzelunterhaltungen. Man war heiter und wohlgemuth, alles Peinliche schien vergessen, die Wangen glühten, die Augen glänzten, als man sich von der Tafel erhob. Siebentes Capitel. Im Garten saßen die Männer beim Kaffee allein, die Frauen hatten sich zurückgezogen. Der Fürst, der sich freundlich gegen Sonnenkamp erweisen wollte, sprach den Vorsatz aus, Amerika zu bereisen, und Clodwig bestärkte ihn darin. Er bedauerte, daß er seinerseits dies in der Jugend unterlassen, und setzte hinzu: »Ich glaube, wer nicht in Amerika war, kennt den Menschen nicht, wie er ist, wenn er sich gehen läßt; das Leben dort erweckt ganz neue Energien in der Seele. Mitten im Kampfe um den Besitz der Welt wird Jeder zu einer Art Robinson, der neue Quellen in sich entdecken muß. Amerika hat etwas, wodurch es in Vergleich mit Griechenland tritt. Griechenland sah den körperlich nackten Menschen, Amerika sieht den seelisch nackten, das ist vielfach kein schöner Anblick, aber eine Erneuerung des Menschenthums kann daraus hervorgehen.« Der Musiker, der eben im Begriff stand, eine Kunstreise in Amerika zu machen, versetzte: »Ich weiß nicht, wie man in einem Lande lebt, in dessen Luft keine Lerche singt.« »Erlauben Sie mir eine Frage, Herr Graf,« nahm jetzt Erich das Wort. »Es ist auffällig, daß man in Amerika keine neuen Namen erfinden konnte; man hat nur die von den Ureinwohnern überkommenen für Flüsse, Berge, Städte und Menschen, und dazu nur die aus der alten Welt herübergekommenen Namen. Ich möchte nun fragen: Hat die neue Welt bisher vermocht, zu den bisherigen ethischen Gesetzen ein neues hinzuzufügen oder heraus zu bilden?« »Gewiß,« fiel Sonnenkamp ein, »das beste, das es gibt.« »Das beste? Welches?« »Es ist: Hilf Dir selbst.« Mit Kopfschütteln sagte Clodwig: »Hilf Dir selbst ist streng genommen kein eigentliches Princip, sondern ein thierischer Trieb. Jedes Thier hilft sich selbst aus allen Kräften. Dieses Dogma war nur gerecht und am Orte gegen eine lügnerisch verfeinerte Lebensmoral, gegen eine Verkommenheit, die Alles vom Staate verlangt. Hilf Dir selbst! ist ein guter Reisespruch für einen Auswandernden; sobald aber der Auswandernde zum Angesessenen wird, tritt Recht auf Andere und Pflicht gegen Andere ein. Hilf Dir selbst kann äußersten Falles bei Einzelnen gelten, im Gesammten nicht; die Leibeigenen konnten sich nicht selbst helfen und die Sklaven werden sich nicht selbst helfen können, die moralische Solidarität heißt: Hilf Deinem Nächsten, wie Dein Nächster Dir helfe, und wenn Du Dir hilfst, hilfst Du auch einem Andern.« Da stand man wieder in dem bei Tische angeregten und so glücklich abgelenkten Thema; Niemand schien es aufnehmen zu wollen, Clodwig fuhr jedoch fort: »Es ist, als ob sich jedes Volk im großen Reiche der Geschichte durch eine Idee einbürgern müsse; ich glaube, daß Amerika zu Vollendung einer großen That berufen ist: zur Tilgung der Sklaverei von der Erde. Doch dies ist, wie gesagt, die Bethätigung einer längst vorbereiteten Idee; ja, es fragt sich: Hat Amerika ein neues Moralprincip?« »Vielleicht ist die Nähmaschine ein neues Moralprincip,« warf Prancken mit kecker Laune ein. Man lachte. »Es liegt doch auch ein Moralprincip in Hilf Dir selbst,« schaltete Erich ein. »Bei uns in Europa wird der Mensch zu etwas gemacht durch ein Erbe oder durch die Gunst eines Fürsten; der Amerikaner will nichts werden durch Andere, sondern nur das, wozu er sich selbst ohne Hilfe eines Andern machen kann. Und gegenüber jenem Glauben, der die Menschen wie ein Speditionsstück durch einen Mittler an den himmlischen Bestimmungsort befördern läßt, ist help your self wichtig. Du, Mensch, bist kein Koffer mit Gesetzen wohl verschnürt und von der geistigen Zollbehörde plombirt und versichert, Du bist ein lebendiger Passagier auf dieser Erde und mußt auf Dich selbst Acht haben. help your self! Es spedirt Dich Niemand. Wir Deutschen haben schon ein annähernd ähnliches Sprüchwort, das heißt: Jeder muß seine Haut selbst zu Markte tragen.« »Darf ich auch etwas fragen?« ließ sich Roland vernehmen. »Frage nur,« ermunterte Erich. »Als ich den Herrn Grafen vom Erbe der Bildung sprechen hörte, wollte ich fragen: woher wissen denn wir, daß wir in der Bildung stehen?« Der Jüngling sprach mit Bangen, Erich ermuthigte ihn und Roland fuhr fort: »Vielleicht halten die Chinesen oder die Türken uns für Barbaren.« »Du wünschest also,« half Erich weiter, »ein untrügliches Zeichen, woran ein Volk, eine Zeit, eine Religion, ein Mensch erkennen kann, ob sie in der Strömung der großen weltgeschichtlichen Bildung sich befinden?« »Ja, das meine ich.« »Das ist freilich schwer zu bestimmen. Ich glaube aber, man darf sagen: Wir wissen, daß wir im Mittelpunkt oder vielmehr im Fortsetzungspunkt der Bildung stehen, weil wir Erbe der Vergangenheit, weil wir von Persern, Juden, Aegyptern, Griechen und Römern aufnehmen und weiter führen; Türken und Chinesen, die das nicht thun oder nicht thun können, sind ausgeschieden und sterben in sich ab. Es ist kein Stolz, wenn wir Deutschen uns in die erste Reihe der Bildung stellen, denn es gibt kein Volk, das mehr die Arbeit der Menschheit in sich aufnimmt und weiterführt als das deutsche oder sagen wir das germanische, denn auch Dein Geburtsland schließt sich an.« Das Auge Clodwigs und das Rolands ruhte auf Erich, jetzt sahen sie einander an und Clodwig faßte die Hand Rolands und hielt sie fest. Eine Zeitlang herrschte Stille. Die Damen ließen bitten, man möge sich in den Saal begeben. Dort sang ein jovialer österreichischer Officier, der eine Kaufmannstochter aus der nahen Handelsstadt in den Adelsstand erhoben hatte, scherzhafte Lieder; Prancken, der bei einem Taschenspieler viele Kunststücke erlernt hatte, ließ sich erbitten und gab dieselben zum Besten, und endlich spielte auch noch der Musiker auf der alten Geige Clodwigs. Sonnenkamp erfaßte die günstige Gelegenheit, da er allein mit Clodwig in einer geschützten Ecke des großen Saales saß; er fing zunächst an, von der freundlichen Theilnahme zu reden, die Clodwig für Roland habe. Behutsam ging er weiter, und es lag ein rührend altväterischer Ton in der Art, wie er sagte, daß er für sich selber im Leben nichts mehr zu wünschen habe, es sei nur sein einziger Wunsch, Roland für alle Zeiten in eine sichere Ehrenhaltung zu bringen. Clodwig zweifelte nicht, daß er im Umgang und im Unterrichte Erichs eine Weltanschauung und Führung gewonnen habe und noch weiter gewinnen werde, die ihm in sich Haltung gebe und ihm einst die Gemeinschaft der Edlen sichere. An dieses Wort »die Gemeinschaft der Edlen« knüpfte nun Sonnenkamp an. Er hatte nicht umsonst die Naturgeschichte der Bestechung studirt, Clodwig mußte damit bestochen werden, daß man ihn ins Gründungscomité nahm und ihm ideale Dividende gab. Aber Clodwig that beständig, als ob er nicht verstehe, wohin Sonnenkamp ziele, und dieser wurde dadurch so verwirrt, daß er statt Clodwig geradezu um Mitwirkung zu bitten, ihn um Rath fragte. Clodwig rieth ihm entschieden ab, sogar mit den scharfen Worten, daß es nicht wohlgethan sei, in eine absterbende Institution einzutreten, in der man doch nie heimisch werde. Sonnenkamp mußte verbindlich danken. Clodwig ergriff schickliche Gelegenheit, sich unter die andern Gäste zu mischen. Man fuhr bei hellem Tage heimwärts, die Gastfreunde gaben noch ein Stück Weges das Geleite. Sonnenkamp ließ Roland sich zur Mutter und Fräulein Perini setzen, er wollte den Mißmuth seiner Frau, die oft auf das große Perlencollier Bella's gestarrt hatte, nicht noch einmal über sich ergehen lassen; er nahm Erich zu sich in den Wagen. »Das also ist die deutsche Gesellschaft! In unserm Herrn Wirth steckt ein alter Professor,« sagte Sonnenkamp. Nach einer Weile lobte er den Takt Erichs, daß er vor Roland, der noch so jung sei, seine Freundschaft zu Clodwig und dessen schöner Gattin in so zurückhaltender Form erscheinen lasse. Die Hand auf die Schulter Erichs legend, fügte er hinzu: »Junger Mann, ich könnte Sie beneiden; ich weiß wohl, Sie werden Alles verneinen, aber ich gratulire Ihnen. Der alte Herr hat Recht: Hilf Dir selbst ist kein Moralprincip.« Erich konnte nichts als entschieden ablehnen; er fühlte sich dabei innerlich schwer bestraft für einen flüchtigen, wenn auch nur im leisesten Gedanken begangenen Fehl. Sonnenkamp war verdrießlich. Jetzt ist er in das Streben nach einer Sache gerathen, wo Selbsthilfe nicht ausreicht; er mußte sich von Anderen helfen lassen. Er wollte eine auszeichnende Ehrenstellung. Das ist nicht wie Erringen eines Besitzes, Erwerben von Geld und Gut; die Ehre geht nur aus einer Gemeinsamkeit hervor, hier mußten Andere helfen, und der Erste und Vorzüglichste, der mitwirken sollte, war spröde und ablehnend. Achtes Capitel. Und wieder und wieder kamen Zerstreuungen, die den Unterrichtsgang durchbrachen. Frau Ceres aber war glücklich, denn jetzt kam die Gelegenheit, ihren ganzen Schmuck zu zeigen, und Fräulein Perini strahlte, als sie die Kiste öffnen konnte, die von Paris ankam; nur zwei solcher Kleider sollte es auf Erden geben, das eine besaß die Kaiserin, das andere Frau Ceres. Nach dem Gastmahle auf Wolfsgarten war Sonnenkamp anerkannt und nun erging auch an ihn eine Einladung des Weingrafen zur Hochzeitsfeier seiner Tochter mit dem Sohne des Hofmarschalls. Erich hatte viele Mühe, seinen Zögling vom beständigen Reden über das große Fest zurückzuhalten, denn Roland wußte von dem Feuerwerk zu erzählen, das auf dem Rhein und auf den waldigen Bergeshöhen abgebrannt werden sollte. Jeden Morgen sagte er: »Wenn nur das Wetter schön bleibt.« Oftmals fuhr er auch mit Prancken aus und kam erst nach mehreren Stunden aufgeregt wieder; er verhehlte offenbar etwas vor Erich, und dieser vermied es, ihn auszuforschen. Am Tage des Festes war auch der General eingetroffen, den man beim Besuch in der Residenz kennen gelernt. Es war noch heller Mittag, als man in drei Wagen nach dem Hause des Weingrafen fuhr. In einem Wagen saß Frau Ceres mit dem General, so aufgebauscht und umfangreich, daß der General in einem Strom von Kleidern schwamm; im zweiten offenen Wagen saß Sonnenkamp mit Fräulein Perini und Prancken, der heute in voller Uniform mit zwei Orden ankam, denn er wollte mit der Familie Sonnenkamps als deren Zugehöriger eintreten. Sonnenkamp sprach nicht davon, aber man sah ihm an den Augen an, wie dankbar er dem jungen Mann war, der nicht nur den General zu seinem Gaste gemacht, sondern ihn eigentlich auch in die Gesellschaft einführte. Im dritten Wagen saß Roland mit Erich. Eine große Wagenreihe hielt vor der Villa des Weingrafen, die breit und stattlich an der Landstraße lag, rechts und links waren wohl angelegte schattige Gärten. Der General führte Frau Ceres am Arme. Man wurde von reich gallonirten Bedienten nach dem Garten gewiesen; auf den Gängen waren hüben und drüben schön geordnete wohl duftende Blumenwände. Als man die Stufen zum Garten hinunterstieg, stand der Weingraf da und bat den General, ihm den Arm der Frau Ceres zu überlassen. Im Garten wandelten verschiedene Gruppen oder saßen an schönen Plätzen. Die Gattin des Weingrafen, eine große wohlbeleibte Frau, hatte nicht umsonst gehört, daß man sie der Kaiserin Maria Theresia ähnlich fand; sie war heut ganz gekleidet wie Maria Theresia und trug ein schönes Diadem von Brillanten. Sonnenkamp wurde dem Brautpaare vorgestellt; der Bräutigam sah sehr ermüdet aus, die Braut dagegen, mit einem Rosenkranz im Haar, erschien äußerst belebt; man bedauerte, daß Manna nicht auch bei dem Feste war. Der Hofmarschall-Vater freute sich, Herrn Sonnenkamp hier wieder zu treffen und auch die Bekanntschaft seiner Gattin und seines Sohnes zu machen, von dem er so viel gehört habe. Es war eine Decoration für den ganzen Abend, da der Hofmarschall offenbar absichtlich etwas laut sagte, wie noch gestern an der fürstlichen Tafel sehr ehrenvoll von Herrn Sonnenkamp die Rede gewesen sei. Frau Ceres erhielt den Platz neben dem Hofmarschall; noch trug sie den weißen Mantel über ihrem schmuckreichen Gewande. Der Weingraf, heute mit mehreren Orden geschmückt, ging hin und her. Er war ein Mann von guten Manieren, der in beständigem Verkehr mit der Aristokratie aller europäischen Länder gestanden hatte. Zur Napoleonischen Zeit, damals als lustiger Weinreisender für das elterliche Haus, war er von dem umsichtigen Metternich zu mancherlei Missionen benutzt worden, die er mit großem Geschick ausführte. Es gab kaum einen französischen Heerführer, den er nicht gekannt, ja mit Napoleon selbst hatte er zwei Mal Unterredungen gehabt. Der Weingraf hatte drei Söhne und drei Töchter; die älteste war bereits an einen adeligen Officier verheiratet. Von den drei Söhnen war einer in Amerika verschollen; er hatte dem Vater viel Geld durchgebracht; ein zweiter war Mitglied des Theater-Orchesters in einer mitteldeutschen Hauptstadt, und man sagte, er habe seinem Vater geschrieben, daß er seinerseits den Adel nicht annehme. Der dritte Sohn, der Weincavalier, hatte die Adelssache mit großem Eifer betrieben und war glücklich darüber. Der Weingraf benahm sich heute mit der größten Liebenswürdigkeit, und im ganzen Behaben des schlanken, noch leicht sich bewegenden Greises mit dem schneeweißen Haare war eine ungewöhnliche Spannkraft; er ging von Gast zu Gast und hatte zu Jedem ein schickliches Wort; er empfing überall Glückwünsche und zwar doppelte, denn am heutigen Tage hatte ihn der Fürst geadelt. Er dankte bescheiden, er konnte sich sagen, daß er diese Würde schon vor Jahrzehnten hätte erlangen können, aber damals war in der Welt ein gewisser patriotischer Schwindel, daß selbst ein Weinreisender davon ergriffen war. Er erwiderte beständig, daß ihn die hohe Gnade seines Fürsten überaus glücklich mache. Sonnenkamp lächelte immer still vor sich hin, er sah es voraus, wie man bald auch ihm so huldigen werde, und er machte sich bereit, die Huldigungen mit bescheidener Dankbarkeit entgegenzunehmen. Frau Ceres war in peinlicher Verlegenheit, sie saß neben dem Hofmarschall, der, als er fand, daß kein Gespräch bei ihr haften wollte, sie still neben sich sitzen ließ. Auch für sie kam endlich das Glück, denn die Cabinetsräthin trat ein; sie war überaus erfreut, ihre Freundin hier zu treffen, und der Hofmarschall überließ ihr den Platz neben Frau Ceres. Bald kam auch Bella. Selbst in diesem Kreise, wo Viele ihres Gleichen waren, erschien sie in einer gewissen Bevorzugung. Sie war sehr huldvoll gegen Frau Ceres und bat sie sogar, ihr den Arm zu geben und mit ihr nach dem Gartensalon zu gehen, wo die überaus reiche Ausstattung der Braut ausgestellt war. Man hörte von den Zurückkehrenden Ausrufe der Bewunderung, man sah auch Blicke des Neides. Frau Ceres trug mit großem Ungeschick ihr langes Schleppkleid, während Bella es in beiden Händen zierlich hielt und anmuthig dahinschritt, als ob sie durch leichte Wolkenwellen dahinschwebte. Sonnenkamp wurde von dem russischen Fürsten Valerian zutraulich begrüßt, er reichte ihm die Hand; Sonnenkamp war sehr erfreut; aber Alles war plötzlich wie mit Asche bestreut, da der russische Fürst sagte: »Ich habe es vergessen, Sie müssen mir noch Genaueres über die Art der Sklavenbehandlung erzählen; ich fürchte, ich treffe keine mehr, wenn ich mich zu meiner amerikanischen Reise entschließe.« Er wendete sich bald ab, da ihm der General vorgestellt wurde. Sonnenkamp fühlte sich doch etwas neu und verlassen in diesem Kreise; seine Mienen erheiterten sich wieder, als er Bella und Frau Ceres so zutraulich mit einander gehen sah. »Sie haben ja die Gräfin kaum begrüßt,« sagte er zu Erich. »Ach, ich denke ganz Anderes,« erwiderte Erich. »Ich möchte wissen, wie unser neuer Baron hier seinen Dienern sagt: Johann, Peter, Michel, von heut an nennt Ihr mich gnädiger Herr oder Herr Baron! Er muß sich doch höchst lächerlich vorkommen.« »Vielleicht ist Doctor ein schönerer Titel. Wird man vielleicht mit ihm geboren?« erwiderte Sonnenkamp scharf. Er wurde aber plötzlich freundlich, denn Bella kam näher und sagte zu ihm: »Wissen Sie, Herr Sonnenkamp, wozu wir eigentlich hier sind und was diese ganze Festlichkeit bedeutet? Es ist einfach ein Taufschmaus und es ist ein schöner Scherz von unserm gnädigen Fürsten. Der Weinhändler hat sich so lange um den Adel bemüht und bringt jetzt sogar seine Tochter als Opferlamm dar, so daß der Fürst nicht umhin konnte, ihn zu gewähren. Ist es nicht prächtig, daß er ihm endlich den Namen gab: Herr von Endlich?« Es war lustig, wie sie ausmalte, daß es schön wäre, wenn so ein alter Täufling plötzlich rufen würde: Ich will nicht diesen Namen, ich will einen andern! Zu Erich gewendet, schilderte sie ihm die ganze Gesellschaft mit zutreffenden, wenn auch boshaften Kennzeichen. Sie zeigte auf einen älteren Mann mit großem Schnurrbart, und schilderte überaus heiter, daß der Mann, der ein pensionirter protestantischer Pfarrer war, seine Freiheit damit bekunde, daß er sich einen Schnurrbart wachsen ließ und sich nur noch hellfarbig kleide. Am übermüthigsten spottete sie über eine Gruppe junger Mädchen, denen man ansah, daß sie die schwere Frisur auf ihrem Kopfe fühlten; die Friseure aus dem Badeorte und der Festung waren seit dem frühesten Morgen von Landhaus zu Landhaus geeilt, um die Köpfe der jungen Mädchen gesellschaftsmäßig aufzuzäumen. Bella wußte den Mädchen nachzuahmen, wie Eines dem Andern zuflüsterte: »Bitte, habe ich mein Chignon noch? . . .« Besonders possierlich wies sie auf einen großen langen Engländer, der mit einer dicken Frau und drei schlanken, mit langen Locken versehenen, überaus bunt gekleideten Töchtern erschienen war. Er lebte im Winter in der Residenz, im Sommer in einem Landhause; er verbrachte seine Tage mit Angeln, die Töchter mit Zeichnen; er galt für sehr reich und sein Reichthum hatte eine seltsame Quelle. Vor Jahren war ein Bruder der Frau nach Botany Bay deportirt worden; als geschickter Kaufmann wußte er von dort aus ein großes Exportgeschäft zu etabliren, und daher stammte der große Reichthum der Familie. Bella war von einer Munterkeit und Frische, die ihren Zauber nicht verfehlte. Sie zeichnete Erich mit offenbarer Absichtlichkeit vor der ganzen Gesellschaft aus. Erich vermochte das Gefühl nicht zu unterdrücken, daß er ein Unrecht an ihr begangen. Er hatte das scharfrichterliche Urtheil, den seelischen Sectionsbefund des Doctors über Bella angehört und es wäre doch seine Pflicht gewesen, entschieden dagegen anzukämpfen. Wie wenn er etwas abzubitten hätte, blickte er sie an. Graf Clodwig, der sich zu dem Kreise gesellte, konnte nicht umhin, zu bemerken, da er immer wieder staunend sehe, wie viele abenteuerliche Existenzen sich hier am Ufer des Rheins ansiedeln. Der Major stand bei Seite und blickte Herr Sonnenkamp an, als wollte er sagen: Ich bitte Dich, thu's doch nicht auch; bleib bei uns. Lieber als die schönsten Bonbons, die ich mit heim bringe, wär' mir's, wenn ich Fräulein Milch sagen könnte: Es ist nicht wahr, was mir Herrn Sonnenkamp nachsagt. Denn wieder hatte Fräulein Milch das streng bewahrte Geheimniß sofort erfahren. Erich erbarmte sich des Majors, der heute ungewöhnlich verdüstert aussah, und es gelang ihm, den Grund der Verstimmung zu erfahren, denn der Major sagte: »Es ist, wie wenn ein Christ ein Türke würde! . . . Ja, lachen Sie nur, Fräulein Milch hat Recht: Das schöne Geld, das viele Geld, das mit so viel Mühe erworben wurde, wird nun dem Adel nachgeworfen, und da lassen sie uns Bürgerliche stehen und wollen nichts mehr von uns wissen.« Erich drückte dem Major still die Hand und dieser fragte: »Aber wo ist denn Roland?« Ja, wo ist Roland? Roland war bald nach dem Eintritt verschwunden und nirgends zu sehen. Der Abend brach allmälig herein und im dichten Gebüsch ertönte wundersam schöne Hornmusik; eine Weile waren alle im Garten Versammelten still, dann aber schien es, als ob gerade die Musik um so gesprächsamer machte. Erich suchte Roland, aber Niemand konnte ihm Auskunft geben, wo er sei. Die Musik verstummte im Garten; die Nacht brach herein. Auf dem Balcon des Hauses erschien ein mittelalterlich gekleideter Trompeter und schmetterte Signale in die Luft; die Gesellschaft begab sich in das Haus, die Treppen hinan in den großen Saal und in die anstoßenden Gemächer. Hier waren ganz vorn zwei große Lehnstühle mit Blumen bekränzt, dort mußte sich das Brautpaar niedersetzen; hinter ihm war eine Reihe von Stühlen für die Aeltesten und Vornehmsten aus der Gesellschaft. Frau Ceres erhielt einen Platz neben Bella; sehr geschickt hatte sich Fräulein Perini zu ihr gedrängt und zupfte sie jetzt am Mantel. Frau Ceres verstand, und alle Blicke, die sich auf das Brautpaar gewendet hatten, kehrten sich nun ihr zu. Solch einen Schmuck – einen Kranz von Kornähren, deren Körner große Diamanten – solch ein Kleid, über und über mit Perlen und Brillanten besetzt, hatte man noch nie gesehen; ein Wispern ging durch die Versammlung, das sich lange nicht beruhigen wollte. Frau Ceres stand an ihrem Stuhle wie festgezaubert, bis Bella sie bat, sich niederzulassen. Lächelnd sah diese auf den reichen Schmuck der Frau Ceres: Mag sein! Das kann die Amerikanerin anlegen, aber einen solchen Hals und einen solchen Nacken, wie sie, kann sie nicht anlegen! Nun zeigte sich, daß die eine Wand nur ein Vorhang war; er ging in die Höhe, Winzer und Winzerinnen erschienen, verkündeten singend und sprechend das Lob des Hauses und überreichten zuletzt den Myrthenkranz. Der Vorhang fiel; Alles war voll Entzücken. Man wollte sich erheben, aber eine Stimme hinter dem Vorhange rief: »Bitte noch um einige Geduld!« Bald ging der Vorhang wieder auf, nur ein feiner Flor blieb und hinter ihm sah man Apollo unter Hirten und Winzern, und Apollo war Roland. Zweimal mußte der niedergelassene Vorhang wieder erhoben werden, denn Alles war in Entzücken über das Bild, besonders über die Erscheinung Rolands. Bella nickte Erich; der an der Seite stand, frohlockend zu, aber Erich sah sie nicht, denn er fragte sich: wie wird das auf Roland wirken? Es dauerte nicht lange, so kam Roland in seiner gewöhnlichen Kleidung in die Gesellschaft, er wurde allseitig gepriesen und fast auf Händen getragen. Frau Ceres wurde beglückwünscht, einen solchen Sohn zu haben, der eine wahre Göttererscheinung sei; man bedauerte wiederholt, daß nicht auch ihre Tochter bei dem Feste sei. Frau Ceres nahm Alles sehr freundlich hin und sagte beständig: »Ich danke ergebenst, Sie sind sehr gütig.« Das hatte sie Fräulein Perini gelehrt. Neue Säle öffneten sich, die Tische waren gedeckt, man setzte sich nieder. Roland suchte Erich. »Und Du allein sagst mir nichts?« fragte er. »Du hast gut ausgesehen und Dich ruhig gehalten.« »Ach,« fuhr Roland fort, »es hat mir schwere Mühe gekostet, Dir etwas zu verbergen, und noch mehr Anstrengung, in diesen Tagen aufmerksam zu sein; aber ich wollte Dich überraschen.« Erich ermahnte Roland nur, sich im Weine mäßig zu halten, und Roland war so voll Glückseligkeit, daß er, dem man einen Platz am Brauttische vorbehalten hatte, es vorzog, neben Erich zu sitzen, um ihm zu zeigen, daß er sich mäßige. Prancken, der in Gemeinschaft mit dem Portraitmaler die lebenden Bilder angeordnet hatte, war an diesem Abend eigenthümlich bewegt, denn es schwirrte ihm durch den Kopf, daß er die schöne Tochter des Weingrafen hätte heirathen können; hier war zwar auch frischlackirter Adel, aber Alles war hier durchsichtiger; das gibt nun eine anmuthige Wittwe, oder noch besser, eine angenehme, unglückliche Frau. Er verscheuchte indeß den Gedanken und sagte sich, daß er Manna liebe. Als vormaliger Kamerad des Bräutigams und als Freund des Hauses brachte Prancken den Toast auf das Brautpaar aus, er sprach gut und was das Beste war, in humoristischem Tone. Ein Böllerschuß verkündete, daß das Feuerwerk beginne. Man begab sich nach der Veranda und in den Garten. Neuntes Capitel. Ohne daß es Erich merkte, stand Bella neben ihm. »Sie sind heut ungewöhnlich ernst,« sagte sie leise. »Ich bin nicht an rauschende Feste gewöhnt.« »Ich meine immer, Sie hätten mir etwas zu sagen,« lispelte sie noch leiser. Erich schwieg und Bella fuhr fort: »Geht es Ihnen auch so, daß, wenn Sie Nächstbefreundete in großer Gesellschaft sehen, Sie sich wie in der Fremde vorkommen, ja wie mit einem Strome kämpfend, in den man versunken ist?« Ein Ausruf allgemeinen Staunens ertönte plötzlich. Eine Raketengarbe wurde abgebrannt, dazu tönte Musik und vom jenseitigen Berge antwortete eine Trompete im Widerhall. Weit hinaus sah man die Menschen aus den Dörfern und Städten am Ufer stehen und ihre Gesichter erglänzten. »Ach,« rief Bella, als es wieder dunkel geworden, »wir sind doch Alle Sklaven! So sollte man leben können, das wäre Leben, wie eine Feuerrakete in die Luft! Dann komme Nacht und Tod, du bist willkommen!« Erich zitterte; er wußte nicht, wie es geschehen war, er hielt die Hand Bella's fest. Jetzt stiegen helle Feuer vom Strome und von den Bergen auf, es war, wie wenn alle Menschen, die weit hinaus am Strome dreinschauten, die Hand Erichs in der Bella's sehen mußten. Erich zuckte zurück. Da trat der Fürst hinzu, Bella gab ihm sofort den Arm. Erich stand allein, er sah Bella am Arme des Fürsten auf der Landstraße vor dem Hause auf- und abwandeln, er besann sich, ob er nicht zu Bella gesagt: Ich liebe Dich. Es war ihm, als hätte er laut gesprochen, und doch konnte es nicht sein. Feuerräder, der Namenszug des Brautpaares, Leuchtkugeln stiegen auf, und zuletzt stieg aus einem Kahn vom Rhein eine große goldene Weinflasche in die Höhe, zerplatzte in der Luft und streute Leuchtkugeln wie einen Sonnenregen aus. Musik erscholl und vom Ufer tönte ein Jubel, als ob die Wellen plötzlich Stimme gewonnen. In Erich wirbelte es, er wußte nicht mehr, wo er war. Da fühlte er plötzlich einen Arm, der sich in den seinigen legte. Es war Clodwig. Erich fühlte sich unwürdig, ein Wort zu sprechen, und nur innerlich gelobte er sich: Eher schieße ich mir eine Kugel in das Herz, ehe es noch ein einzigmal in solcher Regung erbeben sollte! Clodwig sprach von Roland und wie er durchaus nicht billigen könne, daß man Roland in eine fremde Existenz dränge. Erich antwortete zerstreut. Clodwig glaubte, daß Erich von dem Vorhaben wisse, dieser aber deutete es nach dem militärischen Beruf und dabei war er zerstreut und innerlich bebend. Erich vermied es, bei Bella sich zu verabschieden. Es war spät, als man wieder nach der Villa zurückkehrte. Der Cabinetsrath und dessen Gattin fuhren mit und übernachteten auf der Villa Eden. Die Cabinetsräthin saß mit Sonnenkamp und Prancken im Wagen; es war natürlich von dem glänzenden Fest die Rede und daß die alte, berühmte Weinfirma nun erlöschen würde, der Weingraf wollte seinen gesammten Vorrath versteigern lassen. Die Cabinetsräthin berichtete, daß Bella ihr vertraut habe, sie lade in den nächsten Tagen die Mutter Erichs und die Tante zu Gaste; Prancken that, als ob er dies schon wisse; in der That aber war er überrascht. Jetzt, da man nun allein war und sich nicht zu scheuen hatte, betonte die Cabinetsräthin, daß Niemand leichter und unbefangener die Ertheilung der neuen Würde an Herrn Sonnenkamp anregen könne als die Professorin. Es wurde nicht gerade beschlossen, aber es wurde doch Herr Sonnenkamp das Vorrecht der Gastfreundschaft zugesprochen; er sollte Mutter und Tante nach Villa Eden einladen. Sonnenkamp lächelte in sich hinein, denn er hatte noch einen weiteren Plan, zu dem er die Professorin verwenden konnte. Der General hatte wiederholt betont, daß die Mutter Erichs eine vertraute Freundin seiner Schwester sei, die als Oberin auf der Klosterinsel lebte. Es war ein Doppelgriff, der nun zu thun war. Im dritten Wagen saß Erich wieder bei Roland, sie waren still und der Wagen fuhr langsam. Da rief eine Stimme am Wege: »Guten Abend, Herr Hauptmann!« Erich ließ anhalten, es war der Küfer, der Sohn des Krischers, der des Weges kam; er brachte Erich einen Gruß von Herrn Knopf aus Mattenheim und erzählte, daß er heute dort gewesen, denn sein Vater habe Knopf als Entlastungszeugen gebeten zu der auf morgen anberaumten Schwurgerichts-Verhandlung. Roland rieb sich die Augen und schaute hin und her, als blickte er in eine fremde Welt. Er bat den Küfer, er solle zu ihnen in den Wagen sitzen; der Küfer dankte und erzählte, wie es ihm gewesen sei, als er, über die Höhe von Mattenheim kommend, aus dem Walde tretend, plötzlich drunten am Rhein die wunderlichen Feuer am Himmel aufsteigen sah und er eben dort stand, wo das Echo von den Böllerschüssen widertönte. Er reichte Erich die Hand, Roland gab er sie nicht. Als nun die Beiden weiterfuhren, sagte Roland: »Also der Krischer hat in seinem Gefängniß die Böllerschüsse auch gehört und vielleicht auch das Feuerwerk gesehen? Ach, er hat nicht einmal einen Hund bei sich, mit dem er sprechen kann. Wie oft habe ich ihn früher bedauert, daß er so Tag und Nacht durch die Felder wandern muß. Jetzt wird er sich nach dieser Ermüdung sehnen. Und derweil er im Gefängniß sitzt, wächst Alles fort da draußen und die Diebe, die Hasen und die Füchse merken, daß Niemand ihre Löcher so gut weiß wie der Krischer, und ich glaube doch, er ist unschuldig. Ach, warum muß es denn arme und unglückliche Menschen geben, warum ist nicht die ganze Welt glücklich?« Zum ersten Male sah sich Erich genöthigt, Roland zu ermahnen, seinem Vater nichts davon mitzutheilen, daß er heute so an den Krischer und an die Armen und Unglücklichen gedacht. Erich war sicher und beruhigt; die so viel belobte Erscheinung als Apollo hatte dem Gemüthe Rolands nichts geschadet. Zehntes Capitel. »Was wären wir, wenn wir vor Gericht stehen müßten mit unsern innersten Gedanken?« Das hatte Erich geschrieben in der Beantwortung eines zierlichen Briefes, den ihm Bella geschickt hatte. Und jetzt, als sie vor dem Bilde stand, das sie nun vollenden wollte, war's, als spräche das Bild diese Worte. In dieser Secunde that sich ihr ganzes Leben vor ihr auf. Die Tage der Kindheit – es ist kein festes Bild von ihnen da. Die Lehrer lobten sie wegen ihrer schnellen Fassungskraft, eine französische Bonne wurde entlassen, eine strenge Engländerin ins Haus genommen; Bella lernte Sprachen geläufig und gute Manieren schienen ihr angeboren. Schon früh bewunderte man ihre witzigen Einfälle, sie hörte sie oft wiedererzählen; das schmeichelte ihrer Eitelkeit und tödtete ihr frühe schon die Unbefangenheit. Frauen und Männer, die ins Haus kamen oder denen man da und dort begegnete, lobten vor ihren Augen und Ohren ihre Schönheit. Sie wurde gefirmt, aber die heilige Handlung erschien ihr nur als das Zeugniß, daß sie nun aus der Kinderstube entlassen werde, die kurzen Kleider ablegen und lange tragen dürfe. Als sie zum Altare ging, beherrschte sie vor Allem der Gedanke: Du bist die Schönste. Der Vater gab nach und schon im nächsten Winter, erst vierzehn Jahre alt, wurde Bella in die Gesellschaft eingeführt. Sie war eine glänzende, viel umworbene Erscheinung; Alles rühmte, daß ein Duft der Jugendlichkeit auf ihr liege, der Entzücken verbreite. Aber schon früh zeigte sich eine gewisse Kälte, man nannte sie spöttisch das Meerfräulein, und in ihrem Auge war, wenn man so sagen darf, ein kaltes Feuer. Selbst der regierende Fürst zeichnete sie aus. Von dem ersten Hofball bewahrte sie noch ein Tanzkärtchen wie ein Heiligthum, auch das Bouquet lag vertrocknet dabei. Es bildete sich eine ununterbrochene Kette von Huldigungen. Bella, immer mit treffenden Antworten bereit, war eine Belebung der Gesellschaftskreise. Als sie noch Kind war, lobte man ihr ins Antlitz ihre Schönheit, nun, da sie erwachsen war, rühmte man offen oder hinter ihrem Rücken, aber so, daß sie es erfuhr, ihren ungewöhnlichen Geist. Man forderte sie zu scharfen Bemerkungen und Urtheilen heraus, man trug sich ihre Witzworte zu. Dazu kam ihr Ruf, daß sie viel gelernt habe, und ihr frisches lebhaftes Clavierspiel, vor Allem aber ihre Zeichnenkunst machte sie zum Wunder der Gesellschaft. Manchem jungen Mädchen, das nach ihr in die Gesellschaft eingeführt wurde, wurde sie zum Muster vorgestellt. Noch nicht sechzehn Jahre alt, hatte sie schon manchen Bewerber um ihre Hand abgelehnt. Sie hörte lächelnd von der Verlobung des Einen und des Andern, denn sie konnte sich sagen, Den hättest Du besitzen können, wenn Du gewollt. An ihrem siebzehnten Geburtstage, der durch ein Morgenständchen von der Gardemusik gefeiert wurde, hätte man den Blick der großen Augen Bella's verändert sehen können; denn als sie von den Tönen der Musik erwachte, erhob sich in ihr ein Gedanke, der nie mehr wich. Und dieser Gedanke war: ich glaube nicht an Liebe, all das Singen und Sagen von der Macht der Liebe ist eitel Tradition! Nicht wenig hatte zu dieser Kenntniß die Lehre der Mutter beigetragen, die ihr schon früh die Liebeskraft entwurzelte, indem sie ihr beständig vorhielt: was man Liebe nennt, sei nichts als gemachte Empfindung. Die Mutter selber spielte noch gern mit den Huldigungen der Männerwelt. Wenn man von einem Balle aus einer großen Gesellschaft heimkam, konnte die Mutter ihrer Tochter während des Auskleidens in eigenthümlich naiver Weise erzählen, wie der und jener ihr heute gehuldigt. Das war gewiß höchst lehrreich für das Kind; und Bella hatte in der That nie Jemand geliebt, sie konnte es nur nicht ertragen, daß sich der nicht unterwerfe, dem sie sich zuneigte. Seltsam stand daneben die Einflüsterung einer Cousine der Mutter, die oft halb bitter, halb ernst Bella zuflüsterte: Die rechte Liebe ist nur die, die sich einem Manne geringen Standes zuwendet. Wenn Du den Professor, in dessen Atelier Du arbeitest, wenn Du Deinen Musiklehrer oder Deinen Sprachlehrer lieben würdest, das wäre wirkliche Liebe. Bella aber erschien eine Zuneigung zu einem Lehrer, als ob man einen Livreebedienten, ja als ob man ein Wesen anderer Art lieben und zum Gatten wählen sollte. Bella hatte viele Talente, nur nicht das der Liebe. An jenem siebzehnten Geburtstage hatte sie zum ersten Male jenen kalten, gläsernen Blick, der über die Menschen hinwegsieht, als wären sie nur Schatten. Seit jenem Tage war's, als ob etwas in ihr erstarrt wäre, was nie mehr zum Leben erwachen sollte. Noch nicht zwanzig Jahre alt, zog sie sich, nachdem das Trauerjahr um ihre verstorbene Mutter vorüber war, erkältet und abgestumpft von der Gesellschaft zurück; sie ließ sich dazu nur noch bisweilen wie zu einer lästigen Pflicht bestimmen. Sie studirte, zeichnete, musicirte, sie unterhielt sich mit Künstlern, Gelehrten und Staatsmännern, und dabei war etwas Starres in ihren Mienen und ihrem Augenstrahl, wenn sie nicht Witzworte umherschleuderte, die immer einen um so auffälligeren Eindruck machten, da Bella eine mit ihrer Erscheinung in Widerspruch stehende tiefe Männerstimme hatte. Es erregte großes Aufsehen, als man vernahm, daß Bella den Widerspruch des Vaters gebrochen hatte, der es nicht zugeben wollte, daß ihre jüngere Schwester vor ihr heirate. Vor dem Altare stand Bella neben ihrer Schwester und durch deren Brautschleier hindurch sah sie das feurige braune Auge des vor Kurzem verwittweten General-Adjutanten auf sich gerichtet. Sie zuckte mit den Lippen. Du wirbst vergebens um mich, dachte sie und freute sich dieses Stolzes. Zerbrechen, zerstören, Seelen peinigen, anlocken und wegwerfen, das war ihre Lust. Sie hatte zum Vater gesagt: Ich möchte wohl heiraten, wenn man etwas mögen kann, was man doch nicht will. Aber vor den Altar hintreten und auf Leben und Tod Ja sagen! . . . Ich erschrak, als ich die Schwester das sagen hörte, ich meinte, ich müßte dagegen rufen: »Nein! nein! nein!« Und ich stehe nicht für mich, daß ich nicht vor dem Altar unwillkürlich Nein sagen würde. Sie erbot sich selbst zur Begleitung einer kranken Prinzessin, die nach Madeira reisen mußte. Die Prinzessin starb und Bella kehrte zurück. Sie lächelte, als man ihr erzählte, daß der General-Adjutant bereits verheiratet sei. Sie konnte es nur gerecht finden, daß die Bewerbungen um sie allmälig nachließen, aber es ärgerte sie doch. Wiederum reiste sie frei und selbständig mit zwei Engländerinnen durch Italien und Griechenland. Lutz, der jetzige Courier Sonnenkamps, war ihr Courier gewesen. Sie verweilte einen ganzen Winter in Konstantinopel. Die bösen Zungen der Residenz sagten damals, sie suche einen Mann von Stellung; was er sonst sei, wäre gleichgültig; sie werde einen graubärtigen Pascha heiraten. Bella kehrte zurück und erschien nun in der Gesellschaft meist in Sammetkleidern. Da trat die Bewerbung Clodwigs ein, und Verlobung und Hochzeit war im Zeitraum von vier Wochen. Bella zog sich mit ihrem Gatten nach Wolfsgarten zurück; sie war durch die Ehe nicht anders geworden, die Vollendung, die die Ehe dem weiblichen Wesen gibt, war ihr versagt. Clodwig hatte sich eine müde Seele genannt, so nannte sie sich auch. Hier im hochgelegenen Landhause mit dem Ausblick in die reiche Landschaft wollten sie ausruhen. In der ersten Zeit fühlte Bella sich demüthig und bescheiden; in sich befriedigt und abgeschlossen war nun das Leben. Gleichmäßig flossen die Tage dahin. Clodwig war aufmerksam, mittheilend und voll Huldigung; Ruhe und Beständigkeit waltete in seinem Geiste. Bei jedem persönlichen Begegnen war er überaus rücksichtsvoll und zart, einzelne Heftigkeiten, die oft in leidenschaftlich gesteigerten Worten sich kundgaben, zeigten sich nur da, wenn er über allgemeine Zustände, besonders über die Führung des Staatslebens sich aussprach. Bella sah darin nur eine gerechte Aufregung, denn Clodwig hatte ein ganzes Leben in einer lahmen Zeit und in den kleinlichen Verhältnissen eines Zwergstaats aufbrauchen müssen, während er doch zu Größerem, Weltbewegendem geschaffen schien. Clodwig klagte sich oft an, weil er beständig das Vertrauen aufrecht erhalten habe, daß sich die Idee selbst vollende; nun erst zu spät sehe er ein, wie man rücksichtslos eingreifend wirken müsse. Sobald er aber sich den Menschen näherte und namentlich wenn er in den Hofkreis eintrat, war er wieder mild und vergebend. Clodwig war voll Bewunderung für die Talente seiner Frau, wenn er aber manchmal bescheiden tadelte und ihr einzelne Oberflächlichkeiten und Halbheiten zur Erkenntniß zu bringen suchte, konnte sie sich innerlich empören; sie hatte nie die Wahrheit, sondern immer nur Huldigungen vernommen. Diese pedantischen Zurechtweisungen, wie sie es nannte, verletzten sie, aber sie unterdrückte das in sich. Die Welt sollte sie nicht eine Secunde unglücklich sehen; die Spötter sollten den Triumph nicht haben. Nun war in ihren Lebenskreis ein Mann getreten, der sie empörte, und sie sprach das auch offen gegen Clodwig aus. Sie hatte mit Eifer gegen seine Ansiedlung in der Nachbarschaft gewirkt, da nun aber Clodwig beständig mit schwärmerischer Güte das Wesen dieses Mannes hervorhob, ja gegen ihren Willen ihn an sich zog, gab sie sich dem Wohlgefühl des belebenden Umganges hin. Ihr Lebenlang war Bella noch keine Stunde mit sich selbst unzufrieden gewesen, sie bereute nie, was sie gethan, denn sie sagte immer: Du warst in dem Moment, als Du es thatest, gewiß dazu berechtigt. Bella erschien gerne glänzend, ein Grundtrieb in der Regsamkeit ihres Geistes war Neugierde, sie wollte in alle Wissensgebiete eindringen, aber nichts drang ihr umbildend in die Seele; es ging sie eigentlich nichts an. Man muß nur Alles kennen. So hatte sie sich auch in eine nähere Beziehung zu Erich eingelassen, sie wollte nur wissen, was da empfunden wird. Zu ihrem Schrecken gewahrte sie, daß sie gefangen und festgehalten war . . . So stand nun Bella vor dem noch immer nicht vollendeten Bilde; sie war tief ärgerlich auf sich. Sie war fertig mit der Welt gewesen, und nun noch einmal solch eine unreife und wahnwitzige Bewegung, denn unreif und wahnwitzig mußte sie die Regung nennen – und konnte doch nicht davon loskommen. War's, weil es ihr Selbstgefühl verletzte, daß sie zum ersten Mal die Hand ausstreckte, die nicht empfangen wurde? Ihr großes Auge funkelte. Sie verließ rasch das Atelier; sie ging nach ihrem Ankleidezimmer. Dort stand sie vor dem großen Spiegel und löste ihr reiches Haar auf, sie starrte in den Spiegel und auf ihren gepreßten Lippen lag die Frage: Bist Du denn schon so alt? – Sie öffnete die Lippen wie ein Fieberkrankes, wie ein Verschmachtendes, das trinken will. Ihre Augen strahlten in unheimlichem Glanze, und sie sagte sich: Du bist schön, Du bist frei genug, Dich selbst zu betrachten wie ein Fremdes. Aber was soll diese unreife, diese wahnwitzige Bewegung? Sie nahm die langen Strähnen ihres Haares in beide Hände und hielt sie unter dem Kinn über einander; zum ersten Male gewahrte sie, daß sie der Büste der Medusa droben im Erkerzimmer ähnlich sah. Wild frohlockend wendete sie den Kopf hin und her. »Ja, ich will Medusa sein! Er soll versteinert, zerbrochen, zermalmt werden! Er soll vor mir knieen und dann will ich ihn mit Füßen treten!« Sie erhob den Fuß, aber schnell schlug sie sich beide Hände vor das Gesicht und Thränen quollen ihr aus den Augen. Zerknirschung und leidenschaftliche Aufregung, Stolz und Demuth kämpften in ihr und es war, als ob das, was damals unter jener Morgenmusik erstarrt war, plötzlich sich auflöste und entfaltete wie ein lang verschlossener Blumenkelch. Eine Sehnsucht erwachte in ihr – eine Sehnsucht nach der Heimat wie in einem bösen Kinde, das von den Eltern in den Wald entlaufen ist; sie hatte ein Verlangen nach einem Ort, wo sie still geborgen und gehegt, nach einer Heimat. Wo ist sie? wo? Sie verlangte nach einer Seele, vor der sie ihre ganze Seele ausschütten konnte. Es schauderte sie, allein zu sein; sie klingelte nach der Kammerfrau und ließ sich schön ankleiden. »Sag' mir, wie alt ich bin. Weißt Du's noch?« fragte sie plötzlich. Die Kammerfrau erschrak über diese Frage; sie fand nicht schnell die Antwort, da fuhr Bella fort: »Ich war nie jung.« »O, gnädige Frau, Sie sind es noch und haben nie besser ausgesehen als jetzt.« »Glaubst Du?« sagte Bella und warf den Kopf zurück. Sie erschien sich wie gefangen; sie verließ das Haus und ging durch den Garten. Ohne daß sie es gewollt, stand sie im Erdgeschoß bei den ausgegrabenen Alterthümern und in ihr sprach's: Was ist dies Alles? Was sind diese Krüge? Vulkanisirte Asche! Alles Asche! Was soll diese antiquarische Topfguckerei; dieses Sammeln vergrabener Alterthümer, dieses beständige Denken und Reden von Menschheit und Fortschritt? Alles fremd, todt, eine Unterhaltung aus dem Todtenlager, kein Leben, keine Hoffnung, keine Zukunft, nie in den Tag hinein, immer in die Nacht hinein, in die Nacht der Vergangenheit und in die märchenhafte Menschheits-Idee! Aber ich bin nicht Vergangenheit, nicht Menschheits-Idee! Ich bin der heutige Tag, ich will der heutige Tag sein! Sie sah zweien Schmetterlingen zu, die auf den Blumen hin und her flogen und dann in die Luft hinein, sich neckend, zu einander fliegend, sich trennend, sich wieder suchend. Das ist Leben! rief es in ihr. Das ist Leben! Sie graben keine Alterthümer aus, sie leben nicht mit Alterthümern. Da kam eine Schwalbe daher gesaust, haschte einen Schmetterling und verschwand. Was hast du nun, armer Schmetterling, von deinem Leben? Drunten über dem Rhein verflogen die Rauchwolken der Dampfschiffe und Bella dachte: Wer auch so verfliegen könnte! Unser Lebensathem ist nichts als eine Flocke Rauch mit den Tausenden von Flocken des Athems, und das nennt man Leben und es verweht wie die Tausende . . . Die Kinder der Arbeiter auf dem Gute kamen aus der Schule, sie grüßten die gnädige Frau. Bella starrte sie an. Was wird aus diesen Kindern? Wie sich vor sich selbst verbergend, begrub sie ihr Antlitz in einem Blüthenbusch. Sie verließ den Garten. Draußen sah sie im Hof den Tauben zu. Die schöne Schwalbentaube war so spröde, fraß so ruhig und achtete nicht auf das verliebte Gegurgel; dann flog sie auf die Dachfirste und putzte sich die Federn. Der Tauberich flog ihr nach, aber sie schüttelte den Kopf und flog davon. Bella sah, wie ein Knecht Ochsen ins Joch spannte. Er legte zuerst ein Polster auf das Haupt des Thieres und dann das hölzerne Joch darauf. Das ist die Welt! Das ist die Welt! sprach's in ihr. Ein Polster zwischen Joch und Haupt, ein Polster von sublimen Gedanken, von gemachten Empfindungen! Der Knecht staunte, da die gnädige Frau so dreinstarrte und ihn jetzt fragte: »Thut's ihnen nun auch nicht weh?« Er verstand die Frage nicht, sie mußte sie wiederholen und erhielt die Antwort: »Dazu ist der Ochs da und weiß nichts anders. Seitdem der gnädige Herr das Doppeljoch hat abschaffen lassen und jeder sein besonderes Joch hat, sind sie freilich schwerer zu regieren, aber sie ziehen auch leichter als im Doppeljoch.« Bella zuckte. »Doppeljoch – besonderes Joch,« tönte es vor ihr und plötzlich war es ihr, als wäre es Nacht, sie selber nur ein Gespenst, das hier umher wandle. Dieses Haus, dieser Garten, diese Welt, Alles ist Schattenreich . . . Es war beklemmend schwül, Bella glaubte, sie könne kaum athmen. Da zog ein frischer Luftstrom über die Höhe, ein Gewitter stieg unversehens herauf und kaum war Bella im Hause, als es losbrach mit Blitz und Donner und vom Winde gejagtem Regen. Sie stand am Fenster und sah hinaus ins Weite und dann wieder auf einen hohen Eschenbaum, dem der Wind die Zweige auseinander zerrte und den Stamm hin und her bog. Der Baum neigte sich nach dem Hause, als müsse er hier Hilfe suchen. Bella dachte in sich hinein: Jahre um Jahre wurzelt der Baum hier und gedeiht, kein Sturm kann ihn ausreißen und ihm die Aeste knicken. Weiß er, daß dieser Sturm vorübergehen und ihn nur neu beleben wird? »Erich!« sagte sie plötzlich laut vor sich hin. Da trat Clodwig ein und sagte: »Liebe Frau, ich suche Dich.« Bella fuhr es tief in die Seele, als sie sich »liebe Frau« nennen hörte. Clodwig zeigte ihr einen Brief an die Professorin, durch den er sie nach dem Wunsche Bella's zu einem mehrwöchentlichen Besuche auf Wolfsgarten einlud. »Schicke den Brief nicht ab,« sagte sie, den Blick Clodwigs vermeidend, »laß uns wieder allein sein; ich wünschte jetzt keine Unruhe durch die Familie Dournay.« Clodwig erklärte, daß eine solche Frau nicht Unruhe, sondern schöne Gemeinsamkeit bringen und daß man auf angenehme Weise oft Erich bei sich sehen werde. Bella schwieg. Das Wetter hatte nachgelassen; Bella öffnete das Fenster, ein erfrischender Luftstrom zog ein. Sie hielt den Brief in der Hand; das war das Gewitter, Blitz, Sturm, Regen und Donner, die heut durch ihre Seele gezogen und jetzt lauter Erquickung wurden. Sie sagte sich, daß der Umgang mit der edlen Frau ihr wieder das eigene Selbst geben werde, ja einen Augenblick ging es ihr durch die Seele, daß sie der Mutter Alles bekennen und sich von ihr halten lassen wolle. Nebenher aber ging wie eine zweite Melodie der Gedanke, daß das nicht nöthig sei; es würde sich leicht fügen, daß Erich nach Wolfsgarten käme, und der Verkehr mit ihm lenkt sich dann wol in ruhige Bahn zurück. Hastig schrieb Bella einige Zeilen unter den Brief ihres Gatten. Eben, als man den Brief schließen wollte, kam der Doctor; auf den Wunsch Clodwigs fügte er gleichfalls einige Worte hinzu. Elftes Capitel. Noch brauste der Kopf von dem Knattern und Prasseln des Feuerwerks, noch flimmerten die wunderbaren Lichtgarben, tönte Hörnerklang in der Erinnerung, als man am Morgen sich rüsten mußte, um Zeugniß vor Gericht in Sachen des Diebstahls abzulegen. Prancken blieb mit den Gästen auf der Villa zurück; er hatte den Auftrag übernommen, ihnen das neu angekaufte Landhaus zu zeigen. Sonnenkamp, Roland und Erich, dazu der Castellan, der Kutscher Bertram, der Obergärtner, das Eichhörnchen und zwei Gartenknechte machten sich auf nach der Festungsstadt zum Schwurgerichte. Man kam am Hause des Weingrafen vorüber, der nun Baron von Endlich hieß. Hier sah man noch die Pflöcke und da und dort die Hülsen eines abgebrannten Feuerkörpers; das ganze Haus war verschlossen, die Familie schlief zum ersten Male den Schlaf des Adels. Man kam zeitig in der Festungsstadt an. Sonnenkamp ging nach dem Telegraphenamt, um von dort aus Depeschen abzusenden, darunter auch eine an die Professorin nach der Universitätsstadt. Roland und Erich spazierten noch eine Weile vor die Stadt hinaus rheinaufwärts; Alles war voll Frische und bewegten Lebens, aber die Beiden sprachen kein Wort. Sie kehrten in die Stadt zurück, sie kamen an der Fruchthalle vorüber; da war jetzt lebhaftes Marktgewühl und über Rolands Antlitz ging ein schmerzliches Zucken, als er sagte: »Damals . . . damals war es ganz anders wie heute. Glaubst Du nicht, daß unter den Sängern auch Schelme gewesen sind, vielleicht ärger als die dort im Gefängnisse?« Es schmerzte Erich tief, daß Roland so früh die Bitterniß und den Zwiespalt des Lebens erkennen mußte. Sie gingen mit einander nach dem Gerichtsgebäude. Der Präsident und die Richter traten ein, sie setzten sich auf eine Erhöhung, rechts saßen die Geschwornen, links die Vertheidiger und die Angeklagten; die Tribüne war voll Zuhörer, denn man war begierig, den geheimnißvollen Herrn Sonnenkamp öffentlich sprechen zu hören, und wer weiß, was man sonst noch erfährt. Auf der Bank der Angeklagten saßen das Erdmännchen Nicolas, der Reitknecht und der Krischer. Das Erdmännchen schnupfte sehr eifrig, der Reitknecht schaute keck um, der Krischer hielt sich die Hand vor die Augen. Nicolas sah wohlgenährt aus, die Gefängnißzeit schien ihm gut gethan zu haben; er schaute im Saale fast vergnüglich um, wie wenn er sich geschmeichelt fühle, daß so viele Menschen sich um ihn bemühen. Der Reitknecht, der sich sehr gut frisirt hatte, betrachtete die Versammlung mit verächtlichem Blicke. Der Krischer war tief abgehärmt, er rückte von seinen Mitangeklagten weg, und wenn ihm das Erdmännchen etwas zuflüstern wollte, wehrte er unwillig ab. Er schaute hinauf nach dem Zuhörerraum, dort sah er seine Frau, zwei seiner Söhne und seine Töchter, der Küfer war nicht dabei. Die Kinder schienen gewachsen in der Zeit, da er sie nicht gesehen, und sie hatten ihre Sonntagskleider an, um die Schande – nein, gewiß die Ehre ihres Vaters mit anzusehen. Unruhig rückte der Krischer auf der Bank hin und her und sagte mit den Lippen, ohne einen Laut von sich zu geben, etwas hinauf zu seiner Frau. Er sagte ihr in Gedanken: sei ruhig, es dauert nur noch ein paar Stunden, dann gehen wir mit einander heim. Auf der Bank der vorgeladenen Zeugen saßen Sonnenkamp, Erich und Roland. Roland hatte den Platz zwischen dem Vater und Erich und schmiegte sich an diesen wie furchtsam. Der Anklageact wurde verlesen. Sonnenkamp wurde zuerst vernommen, um die entwendeten Gegenstände als sein Eigenthum zu erkennen. Roland richtete sich auf, da er seinen Vater so gut und so mild sprechen hörte. Sonnenkamp bedauerte, daß Menschen ins Unglück kämen, aber Gerechtigkeit müsse walten. Er wurde entlassen, er verließ den Saal. Der Obergärtner mußte als Zeuge vortreten, man hörte seine Aussage kaum. Erst als Erich aufgerufen wurde, trat wieder Stille und Aufmerksamkeit ein. Erich erzählte den Hergang. In seiner Stimme war ein nur von ihm empfundenes Zittern, da er hier vor dem öffentlichen Gerichte seinen Aufenthalt auf Wolfsgarten erwähnte. Er faßte sich und erklärte, daß der Krischer allerdings mit Bitterkeit über den Unterschied von Reich und Arm gesprochen habe; er betheuerte indeß, daß er den Mann keines gemeinen Verbrechens fähig halte. In der ganzen Versammlung erregte es ein seltsames Flüstern, als Erich erzählte, wie der Krischer ihm die Frage vorgelegt habe: Was würden Sie thun, wenn Sie Millionen besäßen? Die Frage war nun hinausgegeben in alle Welt. Knopf wurde vorgerufen. Er legte zuerst ein schriftliches Zeugniß des alten Herr Weidmann vor; der Krischer hatte mehrere Jahre bei ihm als Knecht gedient und er gab ihm das Zeugniß eines Mannes, der keines Betruges, viel weniger eines Verbrechens fähig sei. Dann setzte Knopf aus Eigenem hinzu, wie der Krischer über manche Dinge grübele, die er nicht bewältigen könne. Roland wurde vorgerufen; hochaufgerichtet trat er vor die Stufen des Gerichts; der Krischer nickte ihm zu. Da Roland noch nicht eidesmündig war, durfte er nicht schwören; es machte aber einen guten Eindruck, als er mit freier Stimme sagte, sein Wort gelte ihm wie ein Eid. Er erkannte die gestohlenen Sachen als die seinen; er glaube, daß die Zimmer des Vaters verschlossen gewesen seien, doch würde er sich nicht erlauben, das zu beschwören, weil er mehrere Tage vor dem Diebstahl nicht in die Nähe jener Räume gekommen sei. Und jetzt, ohne darum gefragt worden zu sein, sprach er seine Ueberzeugung aus, daß der Krischer keinen Theil an dem Verbrechen haben könne. Der Krischer stand bei diesen Worten auf; der hinter ihm sitzende Landjäger mußte ihm die Hand auf die Schulter legen, daß er sich wieder setze. Nochmals wurde Erich vorgerufen, um Näheres darüber anzugeben, daß sich der Krischer wenige Tage vor dem Einbruchsdiebstahl das ganze Haus hatte zeigen lassen. Als Erich sich wieder setzte, erhob sich Roland und fragte: »Herr Präsident, darf ich noch ein Wort sprechen?« »Sprechen Sie,« erwiderte der Präsident aufmunternd, »sprechen Sie ganz wie Sie wollen.« Mit festem Schritt trat Roland vor; er hatte die volle Mannesstimme, da er jetzt ausrief: »Ja, er hat oft geklagt, daß Ein Mensch darbe und der andere prasse. Aber noch öfter hat er gesagt: die Hand müsse verdorren, die unrecht Gut festhält. Kann das ein Mensch und dann selber nächtlicher Weile in ein fremdes Haus eindringen und stehlen? Ich bitte, ich beschwöre Sie inständig, sprechen Sie es aus: dieser Mann ist so unschuldig wie Sie Alle, wie ich!« Er hielt inne und stand noch wie festgebannt, eine Weile war es still, athemlos in der ganzen Versammlung. »Haben Sie noch etwas zu sagen?« fragte der Präsident. Roland schien jetzt zu erwachen; er erwiderte: »Nein, weiter nichts. Ich danke.« Er kehrte zu Erich zurück, der ihm still die Hand festhielt; die Hand Rolands war eiskalt, sie erwarmte in der seinen. Auf der andern Seite faßte auch Knopf nach der Hand seines ehemaligen Zöglings, aber er konnte sie nicht fassen, denn er mußte die Brille abthun; die Brille war naß geworden, große Thränen waren ihm aus den Augen geronnen. Die Verhandlungen waren kurz. Es ergab sich, daß der Krischer nichts davon wußte, daß man in der Hundehütte Werthgegenstände vergraben hatte. Er hatte dem Kutscher nur aus Gutmüthigkeit ein Nachtquartier gegeben. Der Kutscher und das Erdmännchen konnten nicht mehr läugnen, der Eine suchte nur die Schuld des Einbruchs auf den Andern abzuwälzen. Die Geschwornen zogen sich in ihr Berathungszimmer zurück; bald traten sie wieder in den Saal und der Aichmeister, der unter den Geschwornen war und den man zum Obmann erwählt hatte, verkündete, die Hand aufs Herz gelegt, den einstimmigen Wahrspruch: Unschuldig gegen den Flurschützen Claus, genannt Krischer; schuldig auf alle Fragen gegen Nicolas und den Reitknecht. Der Krischer wurde sofort in Freiheit gesetzt. Draußen vor dem Gerichtssaal, als Frau und Kinder ihn umringten – jetzt war auch der Küfer da – drängte sich Roland durch, faßte die Hand des Krischers und drückte sie fest. Der Krischer wehrte Alle ab; er sagte, er müsse zum Sohne Weidmanns, der unter den Geschwornen gewesen. Dieser kam gerade; der Krischer rief, der junge Weidmann möge seinem Vater sagen, daß Alles weggewischt sei, weil die ganze Welt vernommen habe, wie der Herr Weidmann von ihm denke. Erich bat den jungen Weidmann, den Vater von ihm zu grüßen; er werde bald den versprochenen Besuch auf Mattenheim machen. Knopf stand unter einer Gruppe Menschen und bat, sie möchten doch Roland nicht loben, das werde ihn verderben. Und vor lauter Abwehren, daß Andere sich nicht zu Roland drängen, kam er nicht dazu, ihm die Hand zu reichen. Nun erschien auch Sonnenkamp. Er grüßte nach allen Seiten, dann ging er auf den Krischer zu und glückwünschte ihm. Er rief Roland beiseite und sagte ihm, er möge mit Erich allein zurückfahren; er müsse noch in der Stadt bleiben und auf ein Telegramm warten. Roland bat und drängte, der Krischer und seine Familie sollten sich in seinen Wagen setzen. Der Krischer verneinte. Er ging mit Frau und Kindern hinaus vor die Festung und als er am Rheines-Ufer stand und die weite Landschaft sich wieder vor ihm aufthat, rief er, die Hände erhebend: »O lieber Gott, wie schön ist Dein Himmel, Dein Wasser, Deine Weinberge und Deine Felder! Wenn ich nur wüßte, warum Du das verteufelte Geld in die Welt hast kommen lassen.« »Daß man einen guten Schoppen trinken kann,« rief der Aichmeister, der hinzugetreten war. »Komm mit in die Schippe.« Aus seiner Rührung heraus ließ sich's der Krischer gern gefallen, mit in das Wirthshaus »zur goldenen Schippe« zu gehen. Man saß behaglich beisammen, als Erich und Roland im Wagen vorüberfuhren; der Krischer hielt ihnen zum Fenster hinaus das Glas entgegen, sie hielten an. Roland bat nochmals, daß der Krischer sich zu ihm in den Wagen setze. Jetzt willfahrte er und stieg mit seiner Frau ein; die Kinder waren voraus heimwärts gegangen. Im Triumph führte Roland den Befreiten durch die Stadt, durch die Dörfer. Die Frau schaute immer verschämt vor sich nieder, weil sie so in einer Kutsche fahre; der Krischer aber schaute frei drein und sagte nur manchmal: »Es ist Alles gut gewachsen ohne mich.« Zwölftes Capitel. Dieselbe Sonne, die auf Wolfsgarten schien, wo Bella heftig mit sich kämpfte, dieselbe Sonne, die durch die herabgelassenen grünen Rollvorhänge im Gerichtszimmer auf die Bank der Angeklagten schien, schimmerte auch durch die Jalousien in die stille Wohnstube der Professorin in der Universitätsstadt. In der Clavierecke beim Blumenfenster saß die Mutter Erichs bei stiller Arbeit und dachte ihres Sohnes. Er hatte ihr getreulich Bericht erstattet, dann aber um Entschuldigung gebeten, wenn seine Briefe unregelmäßig und hastig seien; er müsse eine Zeit lang sich selbst vergessen und Alles, was ihm gehöre. Anfangs war mehrmals von Clodwig und Bella die Rede gewesen und wie er sich bei den Freunden so heimisch fühle; dann wurde Bella gar nicht mehr erwähnt. Seit dem Besuche, den Clodwig und Bella in der Universitätsstadt gemacht, gewannen die Briefe Erichs für die Mutter eine neue Betrachtnahme. Tante Claudine, die nur selten sprach, hatte die Mutter daran erinnert, wie Bella ein Jugendbild Erichs mit ungewöhnlichem Interesse betrachtet habe; die Mutter, die das auch gefunden, hatte darin nur das Interesse der Künstlerin gesehen, da das Bild von einem berühmten Künstler gemalt und Bella als Portraitmalerin von nicht gewöhnlicher Bedeutung bekannt war. Nun aber, wenn Erich von Wolfsgarten schrieb, hatte sie immer seltsame Wendungen gefunden, und wenn er Wolfsgarten gar nicht erwähnte, war ihr dies noch auffälliger. Die beiden Frauen lebten in den Wohnräumen fast so still und lautlos, wie die Blumen, die unter ihren Augen wohlgediehen; seit dem Besuche von Clodwig und Bella war es, als wäre von der alten Ruhe etwas genommen. Hatte Bella solch einen Einfluß gehabt und etwas von der stillen Ruhe mitgenommen? Es war am Mittag, da brachte der Briefbote einen Brief von Clodwig. Die Buchstaben waren fein und geordnet, kein Strich mit Hast, aber auch keiner mit besonderer Beflissenheit geführt, Alles floß gleichmäßig und die Zeilen waren so gut auseinander gehalten und doch ohne Raumverschwendung. Schon das Anschauen des Briefes erweckte Wohlgefallen und ebenso bestimmt und ruhig war Inhalt und Form des Ausdrucks. Er sagte, daß die Professorin ihn zu Dank verpflichten würde, wenn sie der Einladung zu einem mehrwöchentlichen Besuche Folge leisten wollte. Er berief sich auf die freundliche Beziehung zu ihrem verewigten Gatten und die schöne Erneuerung derselben in dem Verhältniß zu Erich. Zuletzt wies er auf ihre beiderseitige persönliche Bekanntschaft hin, indem er hinzufügte, er habe in seinem langen Leben noch nie eine herzliche Anmuthung empfunden, die nicht auch erwidert wurde; er bitte daher, ihn nicht noch in seinen alten Tagen zu beschämen. Darunter hatte Bella mit großen Zügen und in hastiger Schrift die Bitte geschrieben, daß die Professorin und Claudine ihr die Ehre eines Besuches gönnen sollten; sie sagte, sie schreibe nur wenige Worte, in der festen Zuversicht, daß es ihr vergönnt sei, in traulichem Gespräche sich zu ergehen. Der Doctor erbot seinen ärztlichen Beistand und fügte hinzu, daß es seinem jungen Freunde Erich Wahrung und Richtung sein werde, wieder dem Blicke seiner Mutter zu begegnen. Dieses Wort gab der Professorin viel zu denken; sie war entschlossen, der Einladung Folge zu leisten. Da klopfte es wieder, die Depesche Sonnenkamps wurde gebracht. Noch hatte die Professorin sie kaum gelesen, als ein schwerer Schritt die Treppe herauf kam. Der Major trat ein. Die Professorin erschrak, sie erkannte ihn nicht, sie sah nur den gerötheten Kopf mit dem kurzen schneeweißen Haar und das Ordensband auf seiner Brust. Im ersten Augenblick war's ihr, als ob ein Gerichtsbote käme, der irgend etwas Erich Gefährdendes auszuführen hätte. Der Major machte es auch nicht besonders geschickt, indem er sofort sagte: »Frau Professorin, ich komme als Execution. Aber ich soll Sie nicht aus dem Paradies treiben, sondern im Garten Eden einsperren.« Er hatte sich das so ausgedacht während der Fahrt und mit stummer Lippe vor sich hin gesagt; jetzt kam es so ungeschickt heraus, daß die gute Frau sich vor Zittern kaum aufrichten konnte. Der Major rief: »Bleiben Sie nur sitzen, mit mir macht man keine Umstände, das wissen alle Menschen. Ich störe keinen Menschen in seiner Ruhe; mir ist's am liebsten, man bleibt sitzen, wenn ich komme. Geht's Ihnen nicht auch so? Da hat man die Sicherheit, daß man nicht stört.« »Kommen Sie von meinem Sohn?« »Ja, auch von ihm. Sehen Sie, ich bin gerade Keiner von den Besten, aber auch Keiner von den Schlechtesten; Eines kann ich mich rühmen, nie in meinem Leben habe ich einen Menschen beneidet, aber wie Sie da gesagt haben: mein Sohn – darum hab' ich Sie beneidet. Und nun gar, wenn ich einen solchen Sohn hätte wie Sie!« Der Major übergab Briefe von Sonnenkamp und der Cabinetsräthin; er wünschte, daß sie sofort gelesen würden, denn sie ersparten ihm das Reden. Die Professorin las, hieß ihn nochmals willkommen und rief die Schwägerin. Die Jalousien nach der Straße wurden geöffnet, der volle Lichtstrom drang herein und beschien heitere Gesichter. »Was wollen wir thun?« fragte Tante Claudine. »Da ist von Wille keine Rede mehr; wir folgen der Einladung.« »Zu wem?« »Natürlich zu Herrn Sonnenkamp.« »Recht so,« schmunzelte der Major. Es war noch Mancherlei vorzubereiten, ehe man abreisen konnte. Der Major versprach, daß Joseph nachkommen und Alles bringen sollte; kein Zwirnsfaden solle vergessen werden. Er zog sich zurück, um in einigen Stunden wiederzukommen, er hatte ja hier Bundesbrüder zu begrüßen. Am Mittag fuhr der Major mit den beiden Frauen dem Rheine zu, und er war so stolz und glückselig, als hätte er die Kriegskasse des Feindes erobert. Dreizehntes Capitel. Erich und Roland fuhren mit dem Krischer und seiner Frau. Als man an der Gemarkung des Krischers ankam, ließ er anhalten und stieg aus. »Nein, hier fahre ich nicht,« sagte er. Es schien Mancherlei in der Seele des Krischers zu wirken: die Gerichtsverhandlung, die Gemüthserregung beim Anblick der freien Natur nach wochenlanger Gefangenschaft, die Fahrt im Triumph . . . Still ging er dahin, er nahm eine Scholle von einem frischgepflügten Felde, trug sie eine Zeitlang in der Hand, dann warf er sie weg. »Also ich bin unschuldig?« murmelte er vor sich hin. »Wenn ein Armer krank gewesen ist und gesund wird, ist er wieder ein gesunder Armer, weiter nichts . . .« Auch Erich und Roland waren ausgestiegen und gingen mit den Beiden zu ihrem Hause. Da rief es plötzlich aus dem Weinberge; der Siebenpfeifer kam daher mit der Hellebarde, die der Krischer als Zeichen seines Feldhüteramtes geführt hatte. Er übergab sie dem Krischer und geleitete die Heimkehrenden. Die Hunde im Hofe bellten und die Vögel in der Stube sprangen hin und her und zwitscherten durcheinander, da ihr Herr wiedergekommen war. Die Schwarzamsel übertönte Alles, denn sie sang: Freut Euch des Lebens – bei der zweiten Zeile aber blieb sie stecken. Der Krischer schaute Alles an, als wenn er eben erst erwache. Endlich saß die ganze Familie um den Tisch und aß die ersten neuen Kartoffeln, die eine Nachbarin vorsorglich gesotten hatte. Noch nie hatte Roland eine Speise so geschmeckt. Er führte fast allein das Wort; er erzählte, wie er auf seiner Reise zu Erich bei den arbeitenden Frauen am Weinberge Kaffee getrunken habe; mit großem Geschick wußte er den Frauen nachzuahmen und auch dem Winzer, der Amerika kein Geld für Zucker geben wollte. Roland, der die ihm gestohlene Uhr zurückerhalten hatte, bot sie dem Krischer zum ewigen Angedenken. Dieser aber wollte sie nicht annehmen, selbst nicht, als Erich und der Siebenpfeifer zusprachen. »Vater, nehmt sie nur,« sagte der eintretende Küfer; er kam vom Hause des Siebenpfeifer, wo er der ältesten Tochter desselben, die er liebte, die Freisprechung seines Vaters verkündet hatte. Der Siebenpfeifer hänselte den Krischer, daß er sich zu viel Gedanken mache und beständig daran denke, daß man reich sein könne; das sei gar nicht nöthig. Der Mensch sei freilich innen hohl, aber mehr als sich satt essen und seinen Durst löschen, und mehr als gut schlafen könne der Reiche auch nicht, und es käme gar nicht aufs Bett an, in dem man schläft, sondern daß man eben gut schläft, und in der Kutsche fahren, sei reiner Unsinn, auf seinen gesunden Spazierstöcken umhergehen, sei viel besser. Es war auch vom Erdmännchen die Rede, und der Siebenpfeifer sagte: »Wenn man einmal das Grab des Nicolas besuchen will, muß man eine Leiter mitnehmen.« »Warum?« fragte Roland. »Weil er noch gehängt wird.« Der Krischer hatte es nicht gern, daß man von bösen Menschen sprach. Der Siebenpfeifer war wieder die fröhliche Armuth. Er hatte ein Kind nach seinem Hause geschickt und eben, als einige Flaschen Wein kamen, die Fräulein Milch sendete, ertönte Gesang auf dem Hausflur. Die ganze Orgelpfeife kam und bald sangen der Siebenpfeifer und Erich mit. Erich drängte, daß man sich aus den Heimweg mache. Als man vom Dorfe aus die Hauptstraße ablenkte, kam ein Wagen daher, daraus gewinkt wurde, und die mächtige Stimme des Majors rief: »Bataillon halt!« Sie hielten an; im Wagen saß der Major mit der Mutter und Tante. »Das ist das Einzige, was ich mir jetzt hätte wünschen mögen,« rief Roland. »Herr Major, der Krischer ist freigesprochen, er ist unschuldig!« Sie stiegen aus, die Mutter umarmte Roland und ihren Sohn, und Erich ging mit seiner Mutter am Arme, die an der andern Seite Roland an der Hand führte, nach der Villa, während die Wagen hinterdrein folgten. Der Major bot der Tante den Arm, aber sie lehnte ihn ab; sie entschuldigte sich, es sei eine Eigenheit von ihr, daß sie sich nie führen lasse. »Ist eigentlich auch besser . . . Fräulein Milch hält's auch so. Sie werden sie kennen lernen . . . werden gute Freundinnen werden, verlassen Sie sich darauf. Unbegreiflich, woher sie Alles erfährt! Sie hat gewußt, daß Graf Clodwig Sie eingeladen hat. Aber wir haben auch Kriegslist, wir sind ihm zuvor gekommen. Wer das Glück hat, führt die Braut heim, heißt das, man sagt nur so.« Die Mutter konnte nicht sprechen, das Herz war ihr zu voll. Auf der Villa war freundlicher Willkomm. Die Cabinetsräthin umarmte und küßte die Professorin; Frau Ceres ließ sich entschuldigen. Als es Nacht wurde, kam auch Sonnenkamp. Der helle Mond schien, als Erich und Roland die Mutter und Tante nach dem rebenumrankten Häuschen geleiteten. Und hier auf dem Balcon faßte die Mutter nochmals still die Hand Erichs und sagte: »Wenn Dein Vater Dich sähe, er würde sich mit Dir freuen. Du hast noch Deinen guten und reinen Blick.«