Berthold Auerbach Auf der Höhe Dritter Band Fünftes Buch. Erstes Kapitel. Es war im Spätsommer, als der Hof aus dem Seebad zurückkehrte. Als erste Regierungshandlung mußte der König jetzt den Erlaß unterzeichnen, mit welchem das Ministerium Schnabelsdorf das widerspenstige Abgeordnetenhaus auflöste und Neuwahlen anordnete. Der König war mißmutig, denn er mußte eine Folgehandlung vollziehen, die ihn jetzt überraschte. Er war so froh belebt aus dem Bade zurückgekehrt und nun kam der Staat mit seinen Ansprüchen, wie ein unbefriedigter Gläubiger. Der König freute sich der Zufriedenheit und allgemeinen Zustimmung seines Volkes, aber diese Zustimmung sollte eine selbstverständliche sein; jetzt wurde eine große Frage an das Land gerichtet und es war zweifelhaft, wie die Antwort lauten würde. Die ausgiebige Unterhaltungskunst Schnabelsdorfs, ja die geschickte Betonung des Heroischen im Grundcharakter des Königs begegnete nur hoher Mißlaune. Im ganzen Lande war große Bewegung. Man merkte indes am Hofe wenig davon; die Herbstmanöver hatten begonnen und auf die nächsten Tage, nachdem der Hof noch einmal auf die Sommerburg übergesiedelt, war die Jagd im Hochgebirge angesetzt. Der König bethätigte eine ungewöhnlich lebhafte Teilnahme an den Manövern. Die Fügsamkeit der geschlossenen Massen und ihre exakte Lenkung bildete einen haltvollen Gegensatz zu einer gewissen Zerfahrenheit und Auflösung im Lande. Man war aber natürlich weit entfernt, nur an die Möglichkeit zu denken, diese Gegensätze thatsächlich einander gegenüberzustellen. In den Hofgesellschaften zeigte der König stets eine ausnehmend gute Laune; er hielt es für Pflicht, gerade bei innerem Mißmut äußerlich um so zuversichtlicher und heiterer sich darzugeben und den gefälligen Schein zu wahren; die von Jugend an geübte Gewöhnung, sich immer in würdiger Haltung darzustellen, im Bewußtsein, stets beobachtet zu werden; die Rücksicht auf die Ansprüche einer vielgegliederten Umgebung und demgemäß nach allen Seiten hin angemessene Reden zu spenden; vor allem aber die Kunst des Ignorierens, die von andern inne gehalten und daher auch selbst geübt werden muß, dazu das selbständige Kraftgefühl des Königs – alles das ließ an ihm keine Spur des Mißmutes erkennen. Er war immer voll heiteren Anteils, zumal wenn Irma zugegen. Sie vor allem durfte kein Schwanken seines Naturells bemerken, denn sie hätte das anders deuten müssen. Es war Pflicht, bei jeder Begegnung jene gehobene Stimmung zu bewähren, die keinen Zwiespalt kennt und daraus Berechtigung und Sicherheit nimmt, sich über das Gesetz zu stellen. Und doch empfand der König jetzt zum erstenmal die Unzuträglichkeit, im persönlichen Leben von einer Leidenschaft bewegt zu sein, während eine große, noch dazu mit Gegenkampf erfüllte Aufgabe die volle Manneskraft erheischt. Auch Irma war von der Frische der Meereswellen neu belebt in die Residenz zurückgekehrt. Sie war schöner als je, wurde aber selten am Hofe gesehen, denn sie hielt sich viel bei Arabella auf. Am Tage, nachdem Arabella eines Knaben genesen, kam Irma mit dem Leibarzt aus dem Hause Brunos. »Diese ewige Kinderstube wird mir nachgerade zuwider,« wollte Irma sagen, aber sie hielt es zurück. Der Leibarzt ging schweigend neben ihr die teppichbelegte Treppe hinab. Seine Mienen waren ernst. Er war schon so lang in der großen Welt, aber immer noch verletzte es ihn wie eine grelle Dissonanz, daß Menschen wie Bruno, die, wie der beschönigende Ausdruck sagt, stark gelebt haben, auch noch des Vaterglückes teilhaftig werden sollen. Der Leibarzt hielt den Elfenbeingriff seines Stockes an den Mund gedrückt, als wollte er damit seinem inneren Denken verbieten, zu Worte zu kommen. Schweigend setzte er sich mit Irma in den Wagen. Sie fuhren nach dem Schlosse. »Meine Schwägerin Arabella hat mich mit einer schweren Aufgabe belastet,« sagte Irma. Gunther fragte nicht, worin diese Aufgabe bestehe; Irma mußte von selbst fortfahren: »Ich habe ihr versprechen müssen, unserm Vater sogleich die Geburt des Enkelsohnes anzuzeigen. Sie wissen, er ist mit Bruno gänzlich zerfallen. Stünden Sie noch in der alten innigen Freundschaft mit meinem Vater, Sie wären der beste Vermittler.« »Ich kann nichts thun,« entgegnete endlich Gunther kurzab. Er war auffällig zurückhaltend gegen Irma. Sie fühlte das und durfte doch nicht mehr die volle rückhaltlose Ehrlichkeit von Befreundeten verlangen; wollte sie nicht mit allen Menschen brechen, die sie hochachtete, so mußte sie ein äußeres höfliches Vernehmen mit ihnen erhalten. »Ich glaube, daß Bruno nun seine edlere Natur fassen wird,« sagte Irma. Sie zwang sich zum Sprechen und zitterte in dem Gedanken, daß der Mann neben ihr sie plötzlich fragen könnte: Wie hast denn du deine edlere Natur gefaßt? Der Wagen hielt am Schlosse, Irma stieg aus, Gunther fuhr nach seinem Hause. In ihrem Zimmer preßte Irma beide Hände auf die Brust, in ihr wogte stürmisches Denken. Muß ich bei jedem betteln, daß er mir stillschweigend freundlich sei und mich gerecht erkenne? Wer einmal die Weltordnung verachtet und sich darüber hinausgeschwungen, der sollte nicht weiterleben ... Sie raffte sich gewaltsam auf und begann den Brief an den Vater. Sie klagte, daß er sie ganz ohne Nachricht lasse, erzählte von Arabella, von Brunos hausväterlicher Gesetztheit, und gab endlich die Kunde von der Geburt des Enkels. Arabella bitte um einige Worte des Großvaters, er würde sie damit glücklich machen. Der Brief wurde Irma schwer. Sonst folgte ihre Feder so willig jedem Ausdruck ihrer Seele, heute war alles so stockig. Sie lehnte sich im Sessel zurück und nahm einen Brief auf, den sie hier vorgefunden, es war der von Walpurga; sie lächelte, als sie ihn wieder las, sie empfand das Glück, einem Menschenkinde Gutes gethan zu haben, und in der Ferne treu von ihm gehegt zu werden. Das Kammermädchen meldete den Jockey Brunos. Irma ließ ihn hereinkommen. Er wiederholte den Wunsch seiner Herrin, daß die gnädige Gräfin den versprochenen Brief sofort abschicke; er sei beauftragt, ihn selber zur Post zu bringen. Irma siegelte und übergab den Brief. An der Ecke des Schloßplatzes wartete Bruno, auf seinem Gig sitzend. Der Jockey kam, übergab ihm den Brief, und Bruno steckte ihn in die Tasche. Er fuhr nach der Post und that dort eigenhändig einen Brief in den Schalter, der aber an eine Dame gerichtet war; den Brief an den Vater behielt er für sich. Er wollte durchaus keine Demütigung, auch durch die Schwester und die Gattin nicht. In dem Briefschalter aber, in den jetzt Bruno das feinduftige Billet schob, lagen Briefe an den alten Eberhard, die Bruno nicht zurückhalten konnte. Zweites Kapitel. Am selben Morgen, da ihm der erste Enkel geboren worden, kam Graf Eberhard mit frohem Herzen von einem Feldgang zurück. Man begann heute die erste Ernte auf einer weiten muldenförmigen Landstrecke, die ehedem ein Sumpf gewesen war. Mit großer Umsicht hatte Eberhard das wüste Land trocken gelegt und nun war hier eine Frucht ohnegleichen gediehen; schon der Anblick der reifen Saat, die in lichten Wellen wogte, erquickte ihn jetzt mit dem edelsten Genusse, und er dachte hinaus in ferne Zeiten, wo für kommende Geschlechter aus einem von ihm urbar gemachten Stück Land Nahrung sprießt. Er hatte nicht das Verlangen, einem andern Menschen sein Glück mitzuteilen; er hatte sich seit Jahren gewöhnt, in sich allein zu leben. Er hatte gegen sein Kind die Schwere seines Lebens, den einzigen Vorwurf, den er sich zu machen hatte, bekannt; vor sich selbst aber empfand er eine Ruhe, wie sie nur die Einsamkeit bietet. Im klaren Denken glaubte er alle Leidenschaftlichkeit besiegt zu haben; er folgte stets dem in ihm ruhenden Naturgesetz, und hatte niemand, dem gegenüber er es unterdrücken mußte. Er hatte treulich an seiner Selbstvollendung gearbeitet und war aus der Sphäre der Versuchungen, aber auch aus der der gesellschaftlichen Bethätigung ausgetreten. Aus der Arbeit in Feld und Wald versetzte er sich stets wieder in den Kreis abgeschiedener, in sich selbst ruhender Geister und fühlte sich eins mit ihnen. Jetzt kehrte er vom Feld zurück und war bereit in seiner Bibliothek sich mit einem Geiste zu einen, der schon lange dem Atem und der Nahrung entrückt war. Sein Gang war ruhig; es drängte ihn zu nichts hastig, er konnte die Empfindung still in sich fortsetzen oder sie ablenken lassen von einer Seele, die in ganz andrer Sphäre lebte; das Dasein hatte für ihn einen doppelten Boden, und doch war kein gewaltsamer Schritt oder Sprung von dem einen zum andern. Ein kleines Buch, das die Aufschrift »Selbsterlösung« trug, sollte von dieser Stunde ein Denkzeichen erhalten; die Worte sprachen sich ihm schon in der Seele. Er kam ins Herrenhaus und sah staunend, daß in dem großen langen Hausflur, wo die Reihe der Erntekränze hing, mehrere Männer seiner harrten und ihn begrüßten. Der Bürgermeister des Dorfes, der bisher Landtagsabgeordneter des Bezirkes gewesen, und viele angesehene Männer aus der Umgegend waren versammelt. Der Bürgermeister erklärte im Namen aller, daß sie bei den angeordneten Neuwahlen den Finsterlingen das Feld räumen müßten, wenn sie nicht einen Kandidaten aufstellen könnten, der, mit dem größten Ansehen ausgestattet, des Sieges gewiß sei; Oberst Bronnen, den Graf Eberhard zum Abgeordneten vorgeschlagen, habe die Kandidatur abgelehnt, und nun sei Graf Eberhard selbst nur noch im stande, die Feinde zu besiegen. Die Wähler wiederholten, daß sie wohl wüßten, welch ein Opfer es sei, wenn er sich noch einmal in den Kampf begebe, darum hätten sie auch gezögert bis heute, wo die Wahl in der Gerichtsstadt anberaumt sei; sie bäten darum dringend, daß Graf Eberhard sich in letzter Stunde dem Volke nicht entziehe. »Ja,« setzte der Bürgermeister hinzu, »Sie haben einen Sumpf ausgetrocknet und die faulen Wasser abgeleitet, jetzt müssen Sie auch da helfen.« Zur freudigen Ueberraschung aller erklärte Eberhard sich ohne weitere Einrede bereit. Ihm war es eine That der Frömmigkeit, nach gelungenem Werk auf der einen Seite sich auch dem höheren nicht zu entziehen; der Feind ist der alte; er soll auch die alten Kämpfer finden. Die Freunde fuhren davon; Eberhard gab noch Anordnungen im Hause, und bald ritt er den Vorausgegangenen nach; er ritt ein großes starkes Pferd, wie dessen der große starke Mann bedurfte; er holte die Freunde noch vor dem Ziel ein, und mit ansehnlichem Gefolge zog er in die Gerichtsstadt. Er trat in die Wahlversammlung. Der Saal war bereits fast ganz voll. Man staunte, den Grafen zu sehen; aber die Blicke, die sich ihm zuwendeten, glitten bald wieder ab und es gab viel flüsternde Zwiegespräche. Eberhard schritt durch die Menge nach der Rednerbühne; nur wenige standen auf, nur wenige grüßten ihn. Was ist das? Sonst, wenn er erschien, bildeten sich im Gedränge sofort zwei Reihen, die ihm Platz machten, heute mußte er sich hindurchkämpfen. Es wollte ihn fast verdrießen. Schnell faßte er sich wieder und – »das ist das echte Ergebnis des freien Geistes: Niemand soll eine gewohnte Huldigung empfangen, sondern sie immer neu erwerben; du bist doch innerlich noch Aristokrat, du hast den Ahnenstolz auf deine eigene Vergangenheit.« – So sagte er sich und schaute lächelnd um, des Sieges über sich selbst froh. Der Kandidat der Schwarzen, wie das Volk kurzweg die feindliche Partei nannte, betrat zuerst die Rednerbühne; er sprach mit großer Gewandtheit, aber ohne besondere Erregung; man merkte seinem Vortrag an, daß er sorgfältig einstudiert war: dennoch wurde er an einigen kunstreich zugespitzten Punkten mit rauschendem Beifall belohnt. Der bisherige Abgeordnete des Bezirks trat auf und erklärte, daß er auf Wiederwahl verzichte und dafür den bewährtesten Kämpfer für Freiheit und Volksrechte vorschlage, den Grafen Eberhard von Wildenort. Die Versammlung schien überrascht; nur wenige Hände regten sich zum Beifall, nur einzelne Bravos erschollen. Ueber diesen geringen Anklang verblüfft, schaute Graf Eberhard verwundert um sich. Der Bürgermeister flüsterte ihm zu, daß dies ein sicheres Zeichen des Sieges sei, der Feind sei verwirrt. Eberhard nickte; eine seltsame Befangenheit regte sich in ihm; er kämpfte sie nieder und bestieg die Rednerbühne. Bei jeder Stufe, die er hinanschritt, erhob sich sein Mut und die Ueberzeugungsmacht, daß man sich dem Aufgebot des neuen Gedankens ohne Rücksicht auf Selbstehre stellen müsse. Er begann seinen Vortrag mit einer kurzen Schilderung seines vergangenen Lebens und Kämpfens, indem er lächelnd hinzufügte, denen, die gleich ihm bereits graue Haare hätten, brauche er nicht zu sagen, was er wolle; er freue sich aber, daß viele jüngere Kräfte da seien. Man hörte ihm mit mäßiger Ruhe zu; in den Gruppen der Gegner bildeten sich Gespräche, die aber zum Schweigen gebracht wurden, Eberhard sprach weiter. Plötzlich erscholl ein Lachen aus der Versammlung, man hörte das Wort »wilder Schwiegervater«. Eberhard wußte nicht, was das bedeuten sollte; er fuhr in seiner Darlegung fort. Immer lautere Zwiegespräche bildeten sich, und dazwischen Scherzen und Lachen, man hörte Eberhard kaum mehr; kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn. Der Bürgermeister sprang neben ihn auf die Rednerbühne und rief: »Wer einen Mann, wie Graf Wildenort, nicht ruhig anhört, ist nicht wert eine Stimme abzugeben.« Lautlose Stille trat ein. Eberhard schloß mit den Worten: »Ich bin stolz genug, euch zu sagen: Ich bitte nicht, daß ihr mir eure Stimme gebt, ich erkläre nur, daß ich die Wahl annehme.« Er verließ die Versammlung, indem er die Freunde bat, zurückzubleiben. Er ritt heimwärts, in den Gedanken versunken, daß er den Gegensatz der Welt mehr von sich entfernt als besiegt hatte. Als er im Thale auf seinem heimatlichen Grunde angekommen war, stieg er ab und gab einigen Feldarbeitern Anordnungen. Als er wieder auf die Straße zurückkehrte, begegnete ihm der Briefträger, der ihm mehrere Briefe übergab. Eberhard öffnete den ersten und las: »Deine Tochter ist in Unehre verfallen und steht in hohen Ehren als Geliebte des Königs, ihr verdankt das Land die Wiedereinsetzung des kirchlichen Ministeriums. Zweifelst Du, so frage den ersten besten auf der Straße in der Residenz. Unglücklicher Vater einer glücklichen Tochter!« Unterzeichnet war: »Die öffentliche Stimme.« Eberhard zerriß das Blatt und gab die Fetzen dem Winde preis, der sie weithin trug über die Felder. »Namenlose Zuschriften sind das niedrigste, sie stehen noch unter dem feigen Meuchelmord – und doch« – – es war, als ob der Wind, der die Fetzen davontrug, ein Wort zum Ohr Eberhards zurückbringe, das Wort, das er heute in der Versammlung gehört. Hieß es nicht »wilder Schwiegervater«? Eberhard griff sich an den Kopf – wie ein glühender Pfeil fuhr ihm das durchs Hirn. Er öffnete den zweiten Brief und las: »Du willst nicht glauben, wie es um Deine Tochter steht. Frage den einen, der einst Dein Freund war, frage den Leibarzt auf Ehre und Gewissen; er wird Dir die Wahrheit bekennen. Rette, was noch zu retten ist. Dann wird der Schreiber dieser Worte sich nennen.                Deinen in Hochachtung ergebenen **.« Diesen Brief zerriß Eberhard nicht. Das Blatt zitterte in seiner Hand. Es legte sich plötzlich wie ein Nebel vor seine Augen, immer wieder ein neuer Schleier auf den andern; er wischte mit der Hand über die Augen, es wich nicht; er wollte den Brief nochmals lesen, er erkannte keine Buchstaben. Er ballte das Papier zusammen und steckte es in die Brusttasche; es brannte ihm auf dem Herzen; er setzte sich am Wegrain nieder, in ihm wirbelte es. Was sollte er unternehmen? – Sie werden lächeln am Hofe, wenn ich komme, sie zu holen. Man wird sehr gnädig sein. Nur keine Scene! Nur kein Aufsehen! so wird's heißen; nur alles hübsch still abgemacht, nur nichts Aufregendes, nur immer höflich sich verbeugen, wenn auch alles in Empörung sich aufbäumt! Immer lächeln, wenn auch das Herz zerspringt! Wir leben in einer civilisierten Welt und das nennt man Bildung, feine Sitte. O, ihr habt's gut, euch ist alles Spiel, ihr könnt immer höflich sein, immer kühl und reserviert! Pfui! daß ich dahin kam, an dieser erbärmlichen Winkelwelt meine letzte Kraft zu verbrauchen! Pfui! Aber ich hab's verschuldet. Ich habe im Wirrwarr meines Lebens mich retten wollen, und habe meine Kinder verloren. Welch ein Teufel von Sophist steckt in jedem! Ich redete mir ein, daß die Freiheit, in der meine Kinder aufwachsen, das beste, das natürlichste sei, und es war eitel Beschönigung meiner Lahmheit. Weil ich nicht die unablässige Thätigkeit haben wollte, sie zu bewachen, ließ ich sie verkommen, redete mir ein, daß ihre gesunde Natur sich selbst entwickeln könne. Da stehe ich nun und soll mein Kind holen ... Tief erschreckt, so daß er fast rücklings stürzte, ward Eberhard, als das neben dem Baum angebundene Pferd plötzlich laut wieherte. Ein Knecht, der mit zwei Ackerpferden vom Felde heimkehrte, hielt an und fragte: »Gnädiger Herr, was ist Ihnen?« Der Knecht band das Pferd los, Eberhard stand rasch auf und ging, ohne ein Wort zu reden, den Berg hinan zum Herrenhause. Es umgab ihn etwas, wie unfaßbare, elektrische Wolken, die ihn rückwärts zogen; er schritt gewaltsam hindurch, immer vorwärts. Er kam nach dem Herrenhause. Am Thore faßte er die Pfosten. Es schwindelte ihm, doch er gewann Haltung. Er ging durch die Ställe und Scheunen, sah die Knechte Futter aufschütten und schaute ihnen lange zu. Dann ging er durch das ganze Haus und betrachtete alles wie fragend; in der großen Erkerstube stand er lange vor dem Bilde Irmas. Sie war sieben Jahre alt, als das Bild gemalt ward; ein schönes, großäugiges Kind in der ganzen natürlich unbeholfenen und dabei doch so anmutigen Haltung; der Maler hatte dem Kind einen Blumenstrauß in die Hand geben wollen, das Kind aber hatte gesagt: »Ich will keine toten Blumen, ich will einen Topf, darin eine Blume lebt.« Ach, sie hatte so süße Worte und Gedanken. Und so steht sie da im Dufte kindlicher Anmut und hat einen Topf mit blühendem Rosenstock in der Hand – rosig ihre Wangen, rosig die Blumen in ihrer Hand. »Eine Rose geknickt, ehe der Sturm sie entblättert« – jenes letzte Wort der Emilia Galotti fuhr ihm durch den Sinn. Er stöhnte laut auf: »Nein, so stark bin ich nicht!« Er klingelte. Als der Diener eintrat, wußte er nicht mehr, was er gewollt; er besann sich; wie aus dem Chaos heraus mußte er das wählen, was doch so einfach war; er befahl, daß man anspanne. »Den Reisewagen!« rief er noch dem Diener nach. Als er an der Bibliothek vorüberkam, hielt er eine Weile an und betrachtete die Thür. Da drin sind so viele starke und große Geister – warum kommen sie jetzt nicht zu helfen? Es gibt keine andre Hilfe, als aus uns selbst. Er ging die Treppe hinab und hielt sich oft am Geländer. Wie im Zorn gegen die ihn übermannende Schwäche richtete er sich straff auf. Im Hofe befahl er, seine Worte waren auffallend undeutlich, daß der Wagen nach dem Thale vorausfahre, er wollte dort einsteigen. Auf der halben Höhe des Berges setzte er sich plötzlich auf einen Steinhaufen und schaute hinaus in die Welt. Was mochte vor seinem Auge, in seiner Seele vorgehen? Er schaute nach dem Baume um, den er hier gepflanzt, an der Stelle, wo ihm der Bote die Nachricht von der Geburt Irmas verkündigte. Da ist die Erde, die das Kind zuerst betreten, die Bäume, die es zuerst gesehen, der Himmel, die Wälder, die Berge, der See, da blühen die Blumen, fliegen und hüpfen die Vögel, weiden die Kühe – alles, alles ist gespenstisch, nichts grüßt dich mehr rein, du darfst keinem Geschöpf, keinem Baum, keiner Blume mehr nahen, denn du bist verworfen vor ihnen, sie sind rein und du – du bist ... Die Welt ist ein Paradies und du bist daraus verjagt und irrst umher unstät und flüchtig; du kannst dich betäuben, kannst lächeln, scherzen und heucheln – aber die Sonne heuchelt nicht, die Erde heuchelt nicht und tief innen dein Gewissen heuchelt nicht. Du hast die Welt getötet, dich getötet und lebst – tot in einer toten Welt. Wie ist es nur möglich? Es ist nicht! Ich bin wahnsinnig! Ich will dich nicht strafen, nicht züchtigen, du sollst nur wissen, wer du bist. Deine Erkenntnis sei deine Strafe und deine Heilung. Ich zerreiße all die beschönigenden Worte; wissen, sehen, erkennen sollst du – Der Straßenknecht kam zum Grafen heran und fragte, ob ihm nicht wohl sei, da er sich auf den Steinhaufen setze. »Nicht wohl?« stöhnte Eberhard. »Nicht wohl? Mir wäre wohl, wenn ich du ...« Er stand auf und ging weiter. Eine klagende Mutter kann weinen. Ein Vater nicht. Der Kopf sank ihm tief auf die Brust. Er sah blühende Rosen, sie sollten ihr Haupt schmücken, er sah die Dornen, sie sollten ihre Stirn blutig reißen; Zorn und Schmerz wirrten sich in seiner Seele durcheinander; der Zorn raste, der Schmerz weinte, der Zorn wollte ihn hoch hinauftragen und ihn mit Riesenkraft ausstatten, daß er die ganze Welt zerschmettere, der Schmerz wollte ihn selbst im Innersten zermalmen. Da richtete er sich plötzlich auf und wie vom Sturme gejagt sprang er den Weg hinab, über den Graben, über die Wiese, hin zu dem Apfelbaum. »Das ist der Baum ... Du stehst mit roten Früchten geschmückt, du ... und sie? ... Wehe! Das Leben ist eine Unbarmherzigkeit!« Ein tiefer, kläglicher Schrei entwand sich seiner Brust. Der Straßenknecht oben hörte ihn, der Kutscher unten am Wagen hörte ihn. Sie liefen herbei. Sie fanden Eberhard mit dem Gesicht am Boden liegend. Schaum stand vor seinem Munde. Er konnte nicht mehr sprechen. Man trug ihn hinauf ins Schloß. Drittes Kapitel. In der Residenz waren alle Schulen, Kanzleien und Werkstätten geschlossen, auf den Straßen sah man fast nur Frauen und Kinder, dazwischen manchmal eine laute Gruppe von Männern, die bald in einem großen Gebäude verschwand. Es war der Wahltag. Das ganze Leben der Stadt mit den tausenden von vereinzelten Thätigkeiten und Sinnesweisen hatte sich ins Innerste, in einen Punkt zusammengezogen; es war, wie wenn eine große Seele mit sich selbst verkehre. Eine märchenhafte Stille lag am hellen Tage auf den öden Straßen. Der Wagen des Leibarztes kam vom Hause Brunos und hielt beim Rathaus an, Gunther stieg aus, ging hinauf und gab seine Stimme ab. Als vielbeschäftigter Arzt durfte er außer der Reihe wählen. Er kehrte zum Wagen zurück und fuhr nach Hause. Als er in die Wohnstube trat, überreichte ihm seine Frau ein soeben angekommenes Telegramm. Gunther öffnete es. »Was ist dir?« rief Frau Gunther, noch nie hatte sie das Antlitz ihres Mannes sich so verändern gesehen. Er reichte ihr das Telegramm und sie las: »Graf Eberhard Wildenort plötzlich vom Schlage gerührt, der Sprache beraubt. Nachricht Sohn und Tochter mitteilen. Sofort hierherkommen, womöglich auch Sie. Kreisphysikus Dr. Mann.« »Du reisest,« sagte Frau Gunther in bewegtem, kaum fragendem Tone. Gunther nickte. »Ich habe eine Bitte,« fuhr Frau Gunther fort. Gunther winkte nur mit der Hand, auch ihm war es, als sei ihm die Zunge gelähmt. »Ich möchte mitreisen,« sagte sie. »Ich verstehe dich nicht.« »Setz dich,« bat die Frau, und als Gunther saß, legte sie ihre milde Hand auf seine hohe Stirne: sein Antlitz erheiterte sich und sie sagte: »Wilhelm, ich sehe hier ein entsetzliches Geschick; laß mich teil haben, zu mildern und zu beschwichtigen, was möglich. Ich kann mich in die Seele des verlorenen Kindes versetzen, dem diese Botschaft wird. Wer weiß, ob nicht ihr Thun das verschuldet. – Ich will der Gräfin Irma beistehen, als läge sie elend auf der Straße, obgleich sie im Wagen fährt. Und wenn mich die Arme zurückstoßen will, ich weiche nicht. Ich weiß nicht, was geschehen mag, aber es kann etwas kommen, daß sie ihr von Furien gepeitschtes Haupt an das Herz einer Frau legen möchte. Ich bitte, laß mich mit.« »Ich habe nichts dagegen; rüste vorläufig alles zur Reise.« Er fuhr zu Bruno. »Ihre Partei ist in der Wahlschlacht geschlagen,« rief dieser, als er Gunthers traurige Mienen sah. »Noch nicht,« entgegnete Gunther, und teilte in mildem Uebergange Bruno die Nachricht mit. Bruno wendete sich ab, raffte schnell einige Briefe zusammen, die auf dem Tische lagen und verschloß sie im Pult. Er war bald bereit, mit Gunther zu Irma zu gehen. Sie teilten ihr sehr behutsam die Trauerkunde mit. »Ich wußte es, ich wußte es!« schrie Irma. Man hörte kein Wort weiter von ihr. Sie ging in das Schlafzimmer und stürzte sich auf das Bett; aber sie hatte kaum die Kissen berührt, als sie sich wie zurückgeworfen erhob und auf dem Boden niederkniete und umsank. Bald kam sie wieder in das Empfangszimmer. Ihr Angesicht war starr. Sie gab dem Diener und der Kammerjungfer rasche Anordnungen für die Reise. Der Leibarzt entfernte sich, um Urlaub zu nehmen; er versprach auch für Irma das Nötige zu besorgen. »Du solltest der Königin noch Lebewohl sagen,« brachte Bruno heraus. »Nein, nein!« rief Irma heftig. »Ich kann nicht und ich will nicht!« Es war kein Diener im Vorgemach. Es klopfte an. Irma schrak zusammen. »Kommt der König selbst?« »Herein!« rief Bruno. Frau Gunther trat ein. »Sie hier? Und jetzt?« fragten die Blicke Irmas, sie konnte kein Wort hervorbringen. Frau Gunther erklärte mit einfachen Worten, wie sie von der Unglücksbotschaft gehört und es sich von Irma als Zeichen der Freundschaft erbitte, sie begleiten zu dürfen. »Ich danke, ich danke herzlich!« stieß Irma hervor. »So gewähren Sie meine Bitte?« »Ich danke. Ich will Ihnen auf den Knieen danken, aber ich bitte, lassen Sie mich jetzt nicht viel reden.« »Es ist nicht nötig, liebe Gräfin,« begann Frau Gunther, »Sie haben mich scheinbar vernachlässigt oder vergessen, der äußeren Thatsache nach, aber in Ihrer eigentlichen Seele haben Sie mich weder vernachlässigt noch vergessen, und wär's auch, ich war eine Stunde in Ihrem Herzen daheim und Sie in meinem.« Irma wehrte mit beiden Händen von sich, als ob die guten Worte sie wie Pfeile träfen. Frau Gunther fuhr in besänftigendem Tone fort: »Sie thun mir ein Gutes, wenn Sie mir erlauben, Ihnen ein Gutes zu thun. Sie haben keine Mutter, vielleicht auch – bald keinen Vater mehr –« Irma stöhnte auf und drückte die Hände auf die Augen. »Liebes Kind,« bat Frau Gunther und legte ihre Hand auf den Arm Irmas. Irma zuckte. – »Liebes Kind, darum sind viele Menschen auf die Erde gesetzt, damit der eine, der mitfühlt und doch nicht selbst betroffen ist, dem andern eine Stütze sei, wenn er brechen, ein Licht, wenn sich ihm alles verdunkeln will. Ich bitte, seien Sie nicht stolz, lassen Sie mich bei Ihnen sein in allem, was die nächsten Tage Ihnen bringen.« »Stolz? Stolz?« fragte Irma und faßte die Hand der Frau Gunther, ließ sie aber rasch wieder los. »Nein, verehrte, liebe Frau, ich erkenne Ihre herzliche Absicht, ich verstehe ... ich weiß .... alles .... Ich könnte Ihre gute That ruhig annehmen, ich weiß oder glaube, daß ich auch so handeln könnte, wenn ....« »Das ist der beste und einzige Dank,« fiel Frau Gunther ein, aber Irma wehrte ab und fuhr fort: »Ich bitte, quälen Sie mich nicht. Ihr Herr Gemahl und mein Bruder begleiten mich. Ich bitte, reden Sie kein Wort mehr, ich danke; ich werde an Sie denken, ich danke.« Gunther trat wieder ein und Irma sagte: »Ist alles bereit? Lassen Sie uns keine Minute mehr verlieren.« Sie verneigte sich gegen Frau Gunther. Sie hätte sie gern umarmt, aber sie konnte nicht. Frau Gunther, die nie das Schloß betreten hatte, war jetzt gekommen, einer Verlorenen Beistand zu leisten. Noch nie hatte Irma sich so von allen Schauern und Schrecken ergriffen gefühlt, als jetzt, da sich ihr die reine Güte zuwendete und ihr die Hand reichte. Als wäre sie von Dämonen zerrissen, fühlte sie den Schmerz, daß sie dem Reinen nicht mehr nahe sein dürfe. Sie wollte vor Frau Gunther niedersinken, aber sie stand aufrecht, sah sie starren Auges an und ging an ihr vorüber. Im Vorzimmer schrie der Papagei und spreizte die Flügel, als wolle er auch mit, und rief sein: »Pfüt di Gott, Irma!« Wie in eine Wolke gehüllt ging Irma den Korridor entlang. Unter dem Hofthore begegnete ihr der König, der mit Schnabelsdorf aus dem Parke kam, Schnabelsdorf hatte mehrere Depeschen in der Hand; sein Antlitz war heiter, er hatte Siegesnachrichten. Der König und Schnabelsdorf erschienen Irma wie Nebelgestalten. Sie hatte einen doppelten schwarzen Schleier vor dem Gesicht, sie wollte ihr von Schmerz durchwühltes Antlitz nicht der Neugier des Hofes zur Schau stellen. Der König kam näher, sie konnte den Schleier nicht zurückschlagen, und der vor ihr Stehende erschien ihr weit, weit weg; sie hörte seine freundlichen und gewiß guten Worte, aber sie wußte nicht, was er sagte. Der König reichte dem Leibarzt die Hand, er reichte sie auch Bruno und zuletzt auch Irma. Er drückte ihre Hand, sie erwiderte den Druck nicht. Man stieg ein. Frau Gunther hatte noch ihre Hand auf den Wagenschlag gelegt; Irma beugte sich nieder und küßte sie. Der Wagen fuhr davon. Geraume Zeit wurde kein Wort gesprochen. Jenseits des ersten Dorfes nahm Bruno eine Cigarre heraus, indem er zu seiner Schwester ihm gegenüber sagte: »Ich bin ein Mann, ein Mann muß das Unvermeidliche mit Ruhe und Besonnenheit aufnehmen. Zeige auch du jetzt, daß du die starke Seele bist.« Irma antwortete nicht. Sie schlug den Schleier zurück und schaute zum Wagenfenster hinaus. Die Abreise war so rasch vor sich gegangen, jetzt erst kam sie zu sich und atmete frei auf. »Du hättest der Königin doch noch persönlich lebewohl sagen sollen,« nahm Bruno in gefaßtem Tone wieder auf. Dieses lange Stillsein war ihm peinlich; man muß sich die bösen Stunden möglichst gut vertreiben. Als Irma noch immer schwieg, setzte er hinzu: »Du weißt ja, das zarte Wesen der Königin ist so leicht verletzt und beleidigt.« Irma gab noch immer keine Antwort. Gunther aber sagte: »Ja, die Königin beleidigen, wäre Tempelschändung. Ihren Glauben an die Güte und Wahrhaftigkeit der Menschen schwankend machen, vermöchte nur eine barbarische Seele.« Gunther sprach das mit einer Energie und Hast, die man sonst nicht an ihm gewohnt war. Irma fühlte sich ins Herz getroffen. Ist sie die Tempelschänderin. Ganz leise stieg der Gedanke in ihrer Seele auf: die Königin ist sein Ideal und das meine der König. Wer weiß, ob sie nicht unter der Maske der Geistesverwandtschaft ... Irma ließ schnell den Schleier wieder über das Gesicht fallen; ihr Atem ging hastig, ihre Wangen glühten. Wer selber weiß, daß er .... muß auch andre .... nichts ist ganz .... niemand .... Sie hatte das Gefühl, daß sie etwas sagen müsse und brachte endlich die Worte hervor: »Die Königin verdient es, einen Freund wie Sie zu haben.« »Ich stelle mich zu Ihnen,« erwiderte Gunther ruhig; »ich glaube, wir sind beide der Freundschaft dieser echten Seele würdig.« »Sie glauben also an Freundschaft unter verheirateten Personen verschiedenen Geschlechts?« fragte Bruno. »Ich kenne sie,« erwiderte Gunther. »Sie klein oder groß geschrieben?« fragte Bruno und lachte; schnell aber sich der traurigen Veranlassung zur Reise erinnernd, wurde sein Gesicht wieder ernst. Der Arzt erwiderte nichts. An der ersten Poststation traf man lärmende Gruppen. Der Postmeister berichtete den Reisenden, daß eben der Wahlkampf vor sich gehe, er sei heiß, aber die Schwarzen würden hier unterliegen. Bruno war ausgestiegen und sagte zum Postillon: »Edler Mitbürger, hast du auch schon dein souveränes Wahlrecht heute geübt?« »Ja wohl, und gegen die Schwarzen.« Man fuhr weiter. An den folgenden Stationen stieg Bruno nicht wieder aus. Man näherte sich dem Bezirke Eberhards. Als in der Gerichtsstadt die Pferde gewechselt wurden, hörte man laut rufen: »Graf Wildenort lebe hoch! Triumph!« »Was ist das?« fragte Günther zum Wagenschlag hinaus. Es wurde ihm erklärt, daß trotz aller Mühen der Schwarzen doch Graf Eberhard den Sieg erringen werde, die Gegner hätten ein niederträchtiges Gerücht ausgesprengt, das den alten Grafen verunehren sollte, aber was sie als Hindernis hingeworfen hätten, darüber seien sie selbst gestolpert; allgemein habe es geheißen: ein Vater kann nichts für ein Kind, ja um so eher muß man ihm jetzt die höchste Ehre zuwenden. Irma drückte sich zurück in die dunkle Wagenecke, sie hielt den Atem an. Man fuhr davon, lautlos. Bruno sagte, daß es ihm zu heiß sei im Wagen und auch, daß ei es nicht wohl ertrage, rücklings zu fahren; er wollte aber durchaus nicht dulden, daß der Leibarzt den Platz mit ihm wechsle; er ließ anhalten und setzte sich auf den Hintersitz zur Kammerjungfer, der Lakai mußte sich auf den Bock zum Kutscher setzen. Irma that den Hut ab und legte den Kopf zurück; der Kopf war ihr so schwer. Mehrmals, als man einen steilen Weg hinanfuhr und drunten der Abgrund sich zeigte, richtete sie sich rasch auf; sie wollte sich aus dem Wagen in die Tiefe hinabstürzen, aber immer wieder legte sie sich matt zurück. Auch Gunther blieb stille, und so fuhr man lautlos durch die Nacht dahin. Die Kammerjungfer wollte einmal laut lachen, aber Bruno hielt ihr den Mund zu. Viertes Kapitel. Mitternacht war nahe, als die Reisenden auf Schloß Wildenort ankamen. Der Diener sagte, der Graf schliefe, der Arzt aus dem Thale sei bei ihm. Als die Ankömmlinge in das Vorzimmer traten, kam der Landarzt aus dem Krankenzimmer ihnen entgegen; er wollte Gunther den Fall mitteilen. Gunther bat, erst dann, wenn er selbst den Kranken gesehen, ihm Bericht zu erstatten. Leise ging er mit Irma und Bruno in das Krankenzimmer. Eberhard lag, den Kopf von hochaufgeschichteten Kissen gehalten, im Bett, seine Augen standen offen; er starrte die Ankommenden an, regungslos, als wären es Traumgestalten. »Eberhard! Von Herzen grüße ich dich,« sagte Gunther. In den Mienen des Kranken zuckte es; er bewegte rasch die Augenlider auf und ab und streckte tastend dem alten Freund die Hand entgegen, aber die Hand sank auf die Bettdecke; Gunther ergriff sie und hielt sie fest. Irma stand regungslos, sie konnte kein Wort hervorbringen, kein Glied bewegen. »Wie geht's Ihnen, Papa?« fragte Bruno. Als wäre ein Schuß an seinem Ohr vorbeigesaust, so rasch wendete sich Eberhard und winkte, daß Bruno das Zimmer verlasse. Irma kniete am Bett nieder, Eberhard tastete ihr mit zitternder Hand über das Gesicht, seine Hand wurde naß von ihren Thränen, aber plötzlich zog Eberhard die Hand zurück, als hätte er ein giftiges Tier berührt, er wendete das Gesicht ab und preßte die Stirn an die Wand. So lag er lange. Weder Gunther noch Irma sprachen ein Wort; die Stimme versagte ihnen vor dem, dem das Wort versagt war. Jetzt wendete sich Eberhard wieder um und winkte der Tochter mit sanfter Bewegung, daß auch sie das Zimmer verlasse. Sie ging. Gunther blieb allein bei Eberhard. Seit dreißig Jahren hielten die Freunde zum erstenmal wieder einander. Eberhard führte die Hand Gunthers über seine Augen und schüttelte dann den Kopf. Günther sagte: »Ich verstehe, du möchtest weinen und kannst nicht. Verstehst du alles, was ich spreche?« Der Kranke nickte bejahend. »So laß dich dünken,« fuhr Gunther fort, und seine Stimme hatte einen tief erquickenden Ton, »so laß uns dünken, die Jahre, die wir getrennt gelebt, seien eine Stunde. Unser Zeitmaß ist ein andres. Erinnerst du dich noch, wie du oft in gehobenen Momenten ausriefst: Nun haben wir wieder Jahrtausende gelebt?« – Ein Zucken ging durch das Antlitz des Kranken, ein unterbrochenes, wie wenn ein Weinender plötzlich, von einem freundlichen Gedanken angemutet, lächeln sollte und doch nicht kann. Eberhard versuchte, auf der Bettdecke Schriftzeichen zu machen, Gunther verstand sie nur schwer zu entziffern. Der Kranke winkte nach einem Tische, auf welchem Bücher und Schriften lagen. Günther brachte mehrere herbei. Der Kranke winkte von neuem, keines war das rechte; endlich brachte Gunther ein kleines geschriebenes Heft. Auf dem Deckel stand das Wort »Selbsterlösung«. Der Kranke nickte froh, als grüßte er ein glückliches Begegnis. »Das hast du selbst geschrieben. Soll ich dir daraus vorlesen?« Der Kranke nickte rasch. Gunther setzte sich an das Bett und las: »Für den Tag und die Stunde, da sich mein Denken verdunkeln will, sei mir dies zur Erleuchtung. Ich habe immer in mich hineingedacht. Ich wollte mein eigen Selbst erfassen, wie es nicht ist in der Zeit, nicht bestimmt von einem Standorte, nicht von einer That. Ich sehe es, aber ich kann es doch nicht festhalten. Ein Tropfen Tau, eingeschlossen ins Herz eines Felsens. Es gibt Stunden, wo ich das Ideal, noch mehr Stunden aber, wo ich die Karikatur meiner selbst bin. Wie fasse ich die wirkliche Wesenheit? Was bin ich? Ich erkenne mich als etwas, das dem All und der Ewigkeit angehört. Wenn ich das fasse, – es sind selige Minuten, die auch zu Stunden werden, – dann gibt es nur Leben, keinen Tod, weder für mich noch überhaupt in der Welt. In meiner Sterbestunde mochte ich so klar und hell wie jetzt mir bewußt sein, daß ich in Gott bin und Gott in mir. Mag die Religion die Wärme des Gefühls, den Glanz der Phantasie für sich in Anspruch nehmen – dafür stehen wir in der Klarheit, die Gefühl und Phantasie in sich schließt. Oft in ruhelosen Tagen, da ich das Unendliche zwingen wollte, mir stand zu halten, war mir's, als löse ich mich auf und verschwimme und verschwinde. Ich wollte wissen: wie ist Gott? Jetzt habe ich die Antwort unsres Meisters: wir haben keine bildliche Sinnesvorstellung von Gott, aber wir haben einen klaren Gedanken oder Begriff von ihm. Das alte Wort: Du sollst dir kein Bild machen von Gott – heißt für uns: Du kannst dir kein Bild von Gott machen. Jedes Bild ist ein begrenztes, der Gottesgedanke der Begriff der Unbegrenztheit. Wir müssen uns als einen Teil Gottes denken – lehrt Spinoza. Indem mein Geist das Ganze zu erfassen strebte, habe ich erkannt, was es heißt: Der Menschengeist ist ein Teil des Gottesgeistes. Aus dem ewig bewegten Meer taucht ein Tropfen auf, ist eine Sekunde – man nennt sie siebzig Jahre – sonnenhaft leuchtend und durchleuchtet, dann taucht der Tropfen wieder unter. Der einzelne Mensch als solcher, wie er geboren und gebildet wird, ist gleichsam ein Gedanke, der auf die Schwelle des Bewußtseins Gottes tritt; stirbt er, so taucht er wieder unter die Schwelle des Bewußtseins. Er geht aber nicht zu Grunde, er bleibt in Ewigkeit, wie jeder Gedanke in seiner Nachwirkung bleibt. Fasse ich nun eine Verkettung, eine Vielfältigkeit solcher Gottesgedanken und nenne ich sie Volk, so tritt der ganze Volksgenius auf die Schwelle des Bewußtseins, sobald das Volk auf die Höhe der Geschichte tritt. Faßt man aber wieder die Völker in Eins zusammen, so ist dies eben die Menschheit, oder die Gesamtheit der Gedanken, das Bewußtsein Gottes und der Welt. Oft wollte mich Schwindel fassen, wenn ich mich da hinan dachte, jetzt stehe ich fest auf der schroffen Spitze. Wenn du kommst, du Stunde, die man die letzte nennt, dann ist mein letzter Wunsch, daß diese Gedanken mich noch einmal ganz durchglühen, auflösen und erlösen. Da gibt es getrennt kein endliches und kein unendliches Leben, sie fließen ineinander und sind eins. Das klare Erkennen und das Bewußtsein, daß wir eins sind mit Gott und dem Ganzen, ist höchste Seligkeit. Wer dies Bewußtsein hat, der stirbt nicht, er lebt das ewige Leben. Komm noch einmal zu mir, du Geist der Klarheit, in der Stunde, da ich untertauche ... Es hängt Staub an meinen Flügeln, wie an den Flügeln der Lerche, die ich dort sich aufschwingen sehe aus der Ackerfurche in den Aether. Die Ackerfurche ist so rein wie der Aether, der Wurm wie die Lerche – im Verlorenen und scheinbar Versunkenen ist doch noch Gott. Und bricht mein Auge – ich habe das Ewige gesehen – mein Blick ist ewig. Frei über alle Verzerrung und Selbstverwüstung hinüber rauscht der ewige Geist.« – – Gunther hatte gelesen, Eberhard legte ihm jetzt die Hand auf den Mund, dann schaute er ihm tief in die Augen. »Du hast ehrlich mit dir und den höchsten Ideen gerungen,« sagte Gunther, aber in seiner Stimme zitterte noch ein andrer Schmerz als der über den Tod. Eberhard schloß die Augen. Als Gunther sah, daß der Kranke fest schlief, erhob er sich. Jetzt sah er, daß Irma hinter dem Bettschirm gesessen. Er winkte ihr, sie verließ mit ihm das Gemach. »Sie haben alles gehört?« fragte Gunther. »Ich kam erst vor wenigen Minuten.« Irma verlangte volle Wahrheit über den Zustand ihres Vaters. Gunther gestand, daß keine Hoffnung auf Wiedergenesung vorhanden, nur die Stunde des Todes lasse sich nicht bestimmen. Irma bedeckte mit beiden Händen das Gesicht, dann kehrte sie wieder ins Krankenzimmer zurück. Dort saß sie hinter dem Bettschirm. Im großen Saale saß Bruno, dem Landarzt gegenüber. Bei Gunthers Eintritt stand Bruno rasch auf, kam ihm entgegen und sagte hastig: »Unser Freund hier hat mir bereits Beruhigung gegeben; die Sache hat, gottlob« – die Zunge stolperte ihm bei dem Worte gottlob – »keine nahe Gefahr: beruhigen Sie nur auch meine Schwester.« Gunther antwortete nichts. Er erkannte, wie Bruno sich den Anschein geben wollte, daß er von keiner nahen Gefahr wisse, und Gunther war Hofmann genug, um dem die Wahrheit nicht aufzudrängen, der sie nicht hören wollte. Er kehrte zu Irma zurück, Bruno folgte ihm und redete der Schwester Mut zu. Sie schüttelte den Kopf, er achtete nicht darauf und sagte, er wolle für die schwere Zeit, die bevorstehe, sich Kraft und Ausdauer holen; in der That aber wollte er ausreiten, um das Entsetzliche zu versäumen. Wozu sich Erschütterungen aussetzen, bei denen man nichts helfen kann? Der Morgen begann zu dämmern. Der Kranke lag noch immer still. »Er atmet leichter,« sagte Irma, die Worte kaum hinhauchend. Der Arzt nickte beruhigend. Fünftes Kapitel. Mit festem Schritt ging Bruno die Treppe hinab. Er hatte das Pferd eine Strecke vom Schlosse wegführen lassen. Wenn nur das dumme Sterben nicht wäre, sprach es in ihm, während er mit einem Fuß in den Steigbügel stieg. Da zerrte etwas hinter ihm an seinem Rock. Ist's die Hand des Vaters? Eine Geisterhand, die ihn zu Boden reißt? Er strauchelte zurück. Sein Rock hatte sich in eine Schnalle verfangen. Er machte sich los und war eben daran, die Reitpeitsche gegen den unachtsamen Jockey zu schwingen, da fiel ihm ein, wie das jetzt nicht am Orte sei. Der Vater ist krank, schwer krank, ja vielleicht, es kann doch sein, obgleich der Hausarzt solche Beruhigung gegeben – nein, jetzt darf man keinen Untergebenen strafen; es soll nicht heißen, daß Bruno in dieser Stunde einen Reitknecht gezüchtigt. Fitz, der die Schnalle in Ordnung brachte, duckte nieder, als ob er bereits den Peitschenstiel im Nacken spüre; erstaunt sah er auf, als sein Herr im mildesten Tone sagte: »Ja, lieber Fitz, du hast auch nicht geschlafen und bist voll Unruhe, ich seh' dir's an. Leg dich jetzt noch eine Stunde zur Ruhe, du brauchst nicht mit mir zu reiten. Laß dein Pferd gesattelt. Wenn etwas hier im Hause passiert, so reitest du oder Anton mir nach und holst mich, immer den geraden Weg durch die Waldlichtung dort; oben beim Gamsbühel, beim Reitweg, bevor es in die Höhe geht, kehre ich um und reite durch das Thal zurück. Hörst du? Merk dir's! So, jetzt leg dich schlafen, sattle aber dein Pferd nicht ab, merk dir's, hörst du?« Fitz sah staunend zu seinem Herrn auf, der nun davon ritt. In kurzem Trab ritt Bruno dem Walde zu nach einer Lichtung, die zur Weide hergerichtet war; es ritt sich sanft hier auf dem Grasweg, und es war so erfrischend in der Morgenkühle. Der goldene Morgenschimmer zitterte durch den Wald und glänzte auf den Tautropfen an Gras und Baum. Der Waldbestand rechts und links war prächtig, Bruno nickte: er hat das Forstwesen trefflich verstanden. Nein, das thu' ich ihm nicht an, ich lasse den Wald gut forsten, ich holze ihn nicht ab. Jetzt ging's über eine ebene Strecke. Bruno gab dem Pferde die Sporen und setzte im frischen Galopp dahin. Plötzlich hielt er an; er war in einer Gegend, die er nicht kannte. Hier war doch vordem ein Sumpf, und nun weites Ackerland, darauf die gemähten Schwaden dicht beisammen liegen. Bruno lenkte abseits zu den Knechten, die hier die Garben banden. Der Oberknecht berichtete dem jungen Herrn, daß der Vater den Sumpf trocken gelegt und dies nun zum besten Land des ganzen Gutes gehöre. Er reichte Bruno eine Handvoll Aehren und sagte: »Bringen Sie das Ihrem Herrn Vater. Er denkt auf seinem Krankenbett gewiß zu uns heraus.« Bruno lehnte das ab und schenkte dem Oberknecht ein gutes Trinkgeld, dann ritt er weiter, rief aber dem Oberknecht nochmals zu, wenn der Reitknecht ihm nachkomme, solle er ihm sagen, sein Herr reite nach dem Gamsbühel. Es war still und einsam im Walde, nur hinter sich hörte Bruno Peitschenknallen; die Knechte führten die erste Ernte vom neueroberten Felde ein. Er ließ das Pferd im Schritte gehen, hier sah ihn niemand, er steckte sich eine Cigarre an. Als er die Hochebene erreicht, ging's wieder im scharfen Trabe vorwärts. Hier weideten die Schafe. Auch auf den Schäfer ritt Bruno zu und gab auch ihm Auftrag wegen des nachfolgenden Reitknechts; es war ihm eine Beruhigung, daß er so viel Sorgfalt anwandte, damit man ihn sicher finde. Hinter ihm drein blökten die Schafe. Er schaute unwillkürlich um, das klang so jämmerlich; aber als ob er sich damit selbst beruhige, klatschte er den Hals des Pferdes, und indem er es dann scharf in die Zügel nahm, richtete er sich selbst wieder stramm auf. Der Weg führte wieder über einen Durchschlag. Drunten lag das Thal im hellen Sonnenglanz. Der Gedanke durchzuckte ihn: Da sind so viel armselige Menschen, die nichts haben und ihre Tage mit der Sorge verbringen, wie sie nur leben sollen – warum kann man ihnen nicht ihre Lebenskraft abkaufen, ihre Jahre zu den seinen nehmen und immer weiter leben? Das dumme Volk hat recht, wenn es uns für nichts mehr hält, wie sie, da wir ja auch sterben müssen, an denselben Krankheiten wie sie ... Hier lebt alles fort, Baum und Tier und Mensch, und dort oben im Schlosse liegt ein Mann, wie sie meinen, im Sterben, vielleicht stirbt er jetzt in diesem Augenblick. Diese Luft trägt seinen letzten Hauch, wo ist er? Warum fährt nicht ein Todesschauer durch all sein Besitztum, durch Baum und Mensch und Tier? Alles müßte mit ihm leben, mit ihm sterben! Es ist sein. Diese Armseligkeit ... »Ich bin ein armes Weib, schenken Sie mir was!« sprach den Reiter plötzlich eine Gestalt an, die aus dem Dickicht hervorhuschte. Es war die alte Zenza. Bruno schrak zusammen, als wäre ihm ein Gespenst erschienen. Er gab seinem Pferde die Sporen und jagte davon, die Haare sträubten sich ihm empor, er kam lange nicht zur Ruhe. Wie von selbst setzte sich die abgebrochene Gedankenreihe fort, und der Anruf der Alten verknüpfte sich darein: Schenk mir was ... Wenn alles stürbe mit dem Besitzer, wer würde erben? Was ist dem Menschen mehr zu eigen, als seine Gedanken? Und sie sterben doch mit ihm ... »Ich will nicht denken,« sagte Bruno plötzlich laut. »Ich will nicht! Morgen, übermorgen, später, nur jetzt nicht; jetzt will ich euch Gedanken nicht!« Er lüftete den Hut, als müßten dadurch alle Gedanken davonfliegen, dann schlug und spornte er das Pferd, daß es sich hoch aufbäumte und wild davon rannte. Die Sorgfalt, fest im Sattel zu sitzen, erlöste ihn von aller übernächtigen Grübelei, denn als solche erschien ihm das Sinnen und Denken. Er saß fest, preßte dem Pferd die Schenkel in die Rippen und die körperliche Anstrengung that ihm wohl. Dennoch mußte er plötzlich wieder an den Vater denken. Er spürte ein Zucken in der Brust ... in diesem Augenblick mußte es sein ... jetzt entfuhr der Brust des Vaters der letzte Atem ... Die Hand Brunos zuckte unwillkürlich. Das Pferd hielt an. Wieder gab er ihm die Sporen und jagte davon, er jagte seine Gedanken davon. Da rief eine Stimme: »Bruno, halt ein!« Es durchschauerte ihn. Was ist das für eine Stimme? Wer ruft ihn hier bei seinem Namen? Kalter Todesschweiß trat ihm auf die Stirne. »Wer ruft mich?« fragte er mit blasser, bebender Lippe. »Du kannst nicht zu mir!« »Wer bist du? Wo bist du?« rief Bruno. Es überschauerte ihn kalt, und das Pferd schnaubte. Ist es denn wahr, daß Hexen im Felsen wohnen? Dort aus dem Felsen kommt die Stimme. »Wer bist du?« wiederholte Bruno. »Deine Stimme klingt mir –« »Kennst du sie noch? Die schwarze Esther? Kehr um, du bist des Todes!« Es raschelte etwas den Berghang hinab, Bruno saß erstarrt auf dem Pferde. Endlich ließ er die Hand vom Zügel, betrachtete seine Hand, zog den Handschuh aus, wie um sich zu vergewissern, daß er noch lebe, daß noch Tag ist, nicht alles ein Traum, wilde Ausgeburt ruheloser Phantasie ... Das Pferd ging ruhig weiter. Plötzlich sprang es mit einem mächtigen Satz seitwärts – ein Schuß knallte. Wer jagt jetzt hier? Bruno war bereits aus dem Bereich seines Besitztums. Wer jagt im königlichen Forst, wo erst im nächsten Monat die Jagd aufgeht? Mit einem gewissen Behagen faßte Bruno seinen Schnurrbart. Er hatte wieder ein klares Selbstgefühl, er kannte die Dinge der Welt. Er griff nach dem Revolver in der Satteltasche und sah ruhig nach, ob alles schußbereit. Das Pferd ging weiter. Da sah er an einem Baume einen Flintenlauf auf sich gerichtet und hinter dem Baume hervor rief eine Stimme: »Kehr um, oder ich schieß' dich nieder! Eins! Zwei! Drei –« Bruno wandte sein Pferd, aber vom Wirbel bis zur Zehe erzitterte er, hinter ihm war ein geladener Flintenlauf, jede Minute konnte ihn die Kugel durchbohren – der kalte Schweiß rann ihm vom Gesicht, die Augen brannten ihm, er wagte nicht die Hand zu bewegen; der Wilderer hinter ihm kann diese Bewegung mißverstehen und ihn rücklings niederschießen. Erst als er an der Felsenecke ankam, wo die schwarze Esther ihn vorhin angerufen und so geheimnisvoll verschwunden war – sie hat ihn gewarnt, sie hat seiner Liebe nicht vergessen und er will fortan für sie sorgen – erst dort wagte er, wieder aufzuatmen. Er gab dem Pferde die Sporen und jagte dahin, er wußte nicht mehr wohin, und erst als er bebautes Feld vor sich sah, darauf Landleute arbeiteten, stieg er ab und setzte sich auf den Boden. Im ersten Gefühl der Rettung stieg ein guter Vorsatz in ihm auf. Er wollte zurückkehren, sich reuevoll vor dem Vater niederwerfen und seine letzte Vergebung erbitten; er wollte ihm sagen, daß er nun für die schwarze Esther, die die erste Ursache des Zerfalls zwischen ihnen beiden gewesen, sorgen wolle. Aber er fühlte sich so matt, daß er sich nicht erheben konnte, und in ihm sprach's: Du kannst nicht! Zwei solche Erschütterungen an einem Tag kannst du nicht ertragen, und gewiß nicht heute, erst morgen, vielleicht später, wird das Unvermeidliche eintreten. Wie zerschlagen in allen Gliedern richtete er sich endlich auf und fragte die Leute auf dem Feld, wo er denn sei; er erfuhr, daß er weit ab vom Weg. Wenn jetzt der Jockey ihm nachreitet und ihn nicht findet? Bruno fühlte sich in seinem Gewissen beruhigt, er hat das ja nicht gewollt – ein böses Schicksal, eine unbegreifliche Verkettung aller Schrecken hatte ihn vom Wege abgeleitet. Niemand hier kannte ihn. Da hörte er plötzlich Musik. Viele Wagen, mit grünen Zweigen bekränzt, fuhren die Straße dahin. »Was ist das? Ist das eine Hochzeit?« fragte er den Bauer, der ihm Bescheid um den Weg gegeben hatte. »Ich weiß nicht, ich glaube, es sind die Leute aus der Stadt, die können in der Ernte spazieren fahren; es sind vielleicht die von der Abgeordnetenwahl.« Bruno stieg wieder auf. Der Bauer sah ihn seltsam an, da er um den nächsten Weg nach Wildenort fragte; er bezeichnete ihm einen Reitweg, der sich nicht fehlen ließ. Aber Bruno wollte heute lieber auf der Landstraße bleiben, er hatte keine Freude mehr am Wald, er ritt die Straße entlang; er kam an einer großen Wagenreihe vorbei, der eine Musikbande mit schwarz-rot-goldener Fahne voraufzog. Er ritt rasch vorbei, abseits. Er wollte keine Musik hören. Sechstes Kapitel. Schon bevor der Leibarzt angekommen, hatte man dem Kranken zur Ader gelassen; Gunther, der eine kleine Apotheke mitgebracht, hatte rasch einige Mittel bereitet, die Eberhard Beruhigung gaben. Er schlief jetzt. Große Schweißtropfen perlten auf seiner Stirne. Gunther ging ab und zu. Irma saß verborgen, sie sah den Vater und konnte von ihm nicht gesehen werden. Jetzt atmete er lang auf, er war erwacht und schaute um sich. Irma eilte zu ihm. Er sah sie starr an, dann winkte er, daß sie ein Fenster öffne. Der Tag war sonnenhell, ein Luftstrom voll Waldesduft und Wasserkühle drang ins Zimmer; Eberhard nickte. Man vernahm Peitschenknallen. In die Mienen des Kranken trat eine frohe Spannung, er wußte, daß man jetzt die ersten Garben heimbringe von dem Sumpfgrunde, den er trocken gelegt. Man hörte Schritte im Vorzimmer. Gunther kam in Begleitung des Oberknechts. »Tritt nur ein,« sagte er unter der Thüre, »es wird deinen Herrn freuen.« Mit schwerem Schritt trat der Oberknecht an das Bett des Kranken und sagte, in der Rechten eine Handvoll Aehren haltend, mit der Linken auf die Brust klopfend, als müßte er die Worte heraus hämmern: »Hier, Herr, bringe ich Ihnen die ersten Aehren von unserm neuen Ackergrund und wünsche, daß Sie noch viele Jahre in Gesundheit Brot davon essen.« Eberhard ergriff die Aehren und drückte mit der andern Hand die des Knechtes, der nun davon ging und drunten in der Scheune sich auf eine Garbe setzte und weinte. »Soll ich bei dir bleiben oder dein Kind allein?« fragte Gunther. Eberhard ließ die Aehren los, sie lagen auf seiner Bettdecke. Er faßte nach Irmas Hand, Gunther ging hinaus. Jetzt ließ Eberhard auch die Hand der Tochter los, deutete auf ihr Herz und dann auf die Aehren. Sie schüttelte den Kopf und sagte: »Vater, ich verstehe dich nicht.« Schmerz zog durch das ganze Angesicht Eberhards, und er legte die Finger an den Mund, wie klagend, daß er nicht sprechen könne; wer weiß, ob er nicht sagen wollte: auch aus dem Sumpfe sprießt die gute Saat, wenn wir ihn richtig bebauen – so auch aus deinem Herzen, mein Kind, aus dem verlorenen, verwüsteten ... »Ich will Gunther rufen,« sagte Irma, »vielleicht versteht er, was du meinst.« Eberhard winkte abwehrend; in seinen Mienen war etwas wie Zorn, daß Irma ihn nicht versteht. Er biß auf die des Wortes beraubten Lippen und wollte sich aufrichten. Irma half ihm, und nun saß er an die Kissen gelehnt. Sein Antlitz war verändert. Es war plötzlich eine fremde Farbe, ein fremder Ausdruck darin. Irma sah schaudernd, was vorging. Sie kniete am Bett nieder und legte ihre Wange auf des Vaters Hand. Er zog die Hand zurück. Sie schaute ihn an. Mit aller Anstrengung erhebt er die Hand – sie ist von Todesschweiß übergossen – mit ausgestrecktem Finger schreibt er ihr ein Wort auf die Stirn, ein kurzes – sie sieht, sie hört, sie liest es, es steht in der Luft, auf ihrer Stirn, in ihrem Hirn, in ihrer Seele, überall – sie schreit laut auf und stürzt zu Boden. Gunther kommt rasch herein. Er schreitet über Irma weg, hebt die herabgesunkene Hand Eberhards auf, fühlt nach seinem Herzschlag, zuckt zusammen und drückt dem Freunde die Augen zu. Es war totenstill in dem Gemach. Da plötzlich tönt Musik vor dem Hause, die Melodie des fragenden Vaterlandsliedes – und Hunderte von Stimmen rufen: Hoch lebe unser Abgeordneter, der edle Graf Eberhard! Irma am Boden regt sich, Gunther schreitet an ihr vorüber, geht auf den Hof, jäh verstummt die Musik und schweigen die Stimmen. Rossestritte nahen; Bruno reitet in den Hof. Er steigt ab, er liest in den Mienen Gunthers und der Versammelten, was geschehen. Er bedeckt sich das Gesicht und lehnt sich auf Gunther, der ihn ins Haus zurückführt ... Als Gunther und Bruno in das Zimmer des Toten kamen, lag er allein; Irma war verschwunden, sie hatte sich in ihr Zimmer eingeschlossen. Siebentes Kapitel. Wer sein Leben zerstört, zerstört nicht sein eigenes Leben allein. Dem Kinde, das den Vater gekränkt, wächst die Hand zum Grabe heraus. Auf deiner Stirn steht ein unauslöschliches Mal, ein Kainszeichen von der Hand des Vaters. Du kannst dein Antlitz nicht selbst mehr schauen und von keinem fremden Auge mehr schauen lassen. Kannst du vor dir fliehen? Ueberall hin folgst du dir selbst. Du bist verworfen, verloren, versunken in dir ... So sprach es eintönig und immer wieder aufs neue in der Seele Irmas. Sie lag im dunklen Gemach, kein Sonnenstrahl durfte eindringen, kein Licht durfte gebracht werden; sie war allein mit sich und der Nacht. Ihre Gedanken riefen sie wie Stimmen, zur Rechten, zur Linken, von oben, von unten, überall – und oft war's ihr, als schwebte die Hand des Vaters mit ausgestrecktem Finger glühend durch die Dunkelheit. Sie hörte draußen die Stimme Brunos, die Stimme des Leibarztes; Bruno wollte sie mancherlei fragen, Gunther wollte nach der Stadt zurückkehren. Irma antwortete, daß sie niemand sehen könne; sie trug Gunther tausend Grüße auf für alle, die sie liebten. Gunther gab dem Hausarzt und der Kammerjungfer den Auftrag, sorgfältig über Irma zu wachen; er schickte einen Boten an Emmy in das Kloster. Irma blieb in Dunkelheit und Einsamkeit. Der Versucher trat zu ihr und sprach: Was härmst du dein junges Leben ab? Die ganze Welt liegt vor dir mit ihrem Glanz und ihrer Schönheit. Wo ist eine Spur auf deiner Stirn? Die Hand ist starr und vermodert. Raff dich auf! Die Welt ist dein! Warum verschmachten? Warum kasteien? Jedes lebt für sich, jedes lebt sich aus. Dein Vater hat sein Leben vollbracht, vollbringe du das deine! Was ist Sünde? – – – Der Tod hat kein Recht an das Leben, das Leben allein hat recht ... Hin und her zerrte es an ihr und plötzlich sah sie in der Dunkelheit jenes Gesicht aus dem Evangelium, da Satan und der Engel sich streiten um die Leiche Mosis. Ich bin keine Leiche! rief sie plötzlich. Und Engel gibt's nicht und Teufel gibt's nicht! Alles ist Lüge! Von Geschlecht zu Geschlecht singen und sagen sie uns wie Kindern in der Dunkelheit allerlei Märchen vor. Der Tag ist da. Ich reiße den Vorhang auf und die ganze lichte Welt ist mein. Haben nicht Tausende gefehlt gleich mir und leben glücklich? Sie stürzte nach dem Fenster. Es war ihr, als läge sie lebendig begraben in der Erde, ihre Phantasie wühlte sie hinein dort in jenes Grab ... Licht, Licht muß ich haben! Sie hob den Vorhang. Ein breiter Strahl drang herein. Sie prallte zurück. Der Vorhang fiel nieder. Sie lag wieder im Dunkeln. Da hörte sie eine Stimme, die ihr tief zu Herzen ging. Oberst Bronnen war aus der Residenz gekommen, um Eberhard die letzte Ehre zu erweisen; er bat Irma – seine kräftige Stimme war halb verschleiert – ihm die Gunst zu gewähren, mit ihr um den Toten zu klagen. Alles Blut preßte sich im Herzen Irmas zusammen; sie öffnete die Thür, sie reichte dem Freund im Dunkel die Hand; er preßte sie und sie hörte ihn, den starken Mann, laut weinen. Wie im Sturm zogen ihr die Gedanken durch die Seele: Da steht ein Mann, der dich erlösen könnte, und du könntest ihm dienen und unterthan sein wie eine Magd – aber wie dürftest du? ... »Ich danke Ihnen« – sprach sie endlich. »Mögen Sie ewig das Glück empfinden, daß Sie dem Erlösten und mir Gutes gewesen sind ...« Die Stimme stockte, sie konnte nicht weitersprechen. Bronnen ging. Im Dunkel verließ er sie. Irma war wieder allein. Die letzte Handhabe, die sie noch im Leben hätte fassen können, war gebrochen. Hätte sie geahnt, welche Zeilen von einem zerrissenen und auf der Straße gefundenen Briefe Bronnen in der Tasche trug, sie hätte laut aufgeschrien. Ein einziger Gedanke war wach in ihr. Was soll mir's, noch so viel tausendmal die Sonne aufgehen sehen und jeder Sonnenstrahl, jedes Auge macht die Schrift leuchten, und Worte sind mir ewige Schrecken. Vater – Tochter – wer nimmt mir diese Worte heraus aus der Sprache, daß ich sie nie wieder höre, nie wieder lese? Wie eine unergründliche Leere war's in ihrem Denken. Da ist der eine und einzige Gedanke immer wieder, nie auszudenken und doch schon von allen Seiten ausgedacht, und Sinnen und Brüten dreht sich mit zermalmender Gewalt, unermüdlich und abgemattet zugleich, im tausendmal abgemessenen Kreise um und um. Es trat jene Dumpfheit der Seele ein, die völlige Gedankenlosigkeit ist. Nichts denken, nichts wollen, nichts thun. Das Chaos ist über den Einzelmenschen gekommen, und drüber schwebt Unfaßbares. Laß es herankommen, halte still wie ein Opfertier, gegen dessen Stirn das Beil des Opferpriesters geschwungen ist. Das Schicksal muß vollenden; du kannst nichts thun, nur stillhalten, nicht zucken. Stunden um Stunden lag Irma. Draußen ging der Pendelschlag der großen Standuhr, und der Ton sprach immer: Vater – Tochter, Tochter – Vater! Stundenlang hörte sie nichts als den Pendelschlag, und immer die Worte: Vater – Tochter, Tochter – Vater! Sie wollte rufen, daß man die Uhr zur Ruhe stelle, aber sie unterließ es. Sie wollte sich zwingen, im Pendelschlag nicht diese Worte zu vernehmen. Es gelang ihr nicht. Vater – Tochter, Tochter – Vater! klang der Pendelschlag fort und fort. Was einst freies Spiel ihrer Laune gewesen, das spielte nun mit ihr. Was hast du von der Welt gesehen? Einen kleinen Ausschnitt. Du mußt eine Reise um die ganze Erde machen, das soll deine Wallfahrt sein, da wirst du dich verlieren. Du mußt den ganzen Planeten kennen lernen, auf dem diese Geschöpfe herumkriechen, die sich Menschen nennen und sich mit Graben und Pflanzen, mit Predigen und Singen, mit Meißeln und Malen den Jammer betäuben, daß sie sterben müssen. Betäubung ist alles ... Vor ihrem Geiste bauten sich Bilder auf, wie sie in ungemessene Fernen zieht, der treue Diener schlägt das Zelt in der Wüste auf, und wenn ein wilder Stamm kommt ... Im Halbschlaf hörte sie den Tamtam und sah sich hinwegtragen, mit Pfauenfedern geschmückt, und um sie her tanzten dunkle wilde Gestalten. Was ihre Phantasie einst keck sich vorgespiegelt und was jetzt von selbst aus ihr auftauchte, das umtollte sie und schlang den sinnverwirrenden Reigen .... Achtes Kapitel. Es war tief in der Nacht. Alles schlief. Irma öffnete leise und schlich hinaus. Sie ging nach der Totenkammer. Ein einsames Licht brannte zu Häupten des Toten: er lag im offenen Sarg, ein Büschel Aehren zwischen den Händen. Der Diener, der bei der Leiche wachte, sah Irma groß an: er nickte nur und sprach kein Wort. Irma faßte die Hand des Vaters. Wenn diese Hand segnend auf ihrem Haupte geruht hätte, statt daß sie ... Sie kniete nieder und küßte mit heißer Lippe die eisig kalte Hand. Ein Gedanke, ein Blitz, ein sinnverwirrender, zuckte durch ihre Seele: Das ist der Kuß der Ewigkeit! Flammende Lohe und Eisesstarren drängten sich zusammen. Das ist der Kuß der Ewigkeit ... Als sie in ihrem Zimmer erwachte, wußte sie nicht mehr, hatte sie geträumt oder war es in Wirklichkeit geschehen – sie hatte die tote Hand des Vaters geküßt; aber das spürte sie: tief in ihrem Innersten ruht etwas wie ein eisiger Tropfen, unbeweglich, unvertilgbar. Der Kuß der Ewigkeit – du wirst keine warmen Lippen mehr küssen – du bist dem Tode vermählt. Sie hörte die Glocken läuten, man trug ihren Vater zu Grabe; sie verließ das Gemach nicht, kein Ton kam von ihren Lippen, keine Thräne aus ihrem Auge; alles in ihr war stumm, dumpf und zerbrochen. Sie lag im Dunkel. Wenn die Tauben auf dem Fenstersims draußen girrten und davonflogen, dann wußte sie, daß es Tag war. Bruno war im höchsten Grade ärgerlich über das exzentrische Wesen seiner Schwester. Er wollte abreisen, sie sollte ihn begleiten oder doch sagen, was sie vorhabe. Sie gab keine Antwort. Endlich trat er zur Reise gerüstet in das Vorzimmer Irmas: hier saß das Kammermädchen und las in einem Buche. Bruno hatte die Hand ausgestreckt, um ihr unter das Kinn zu fassen, aber schnell erinnerte er sich, daß er ja in Trauer war; er zog auf halbem Wege die Hand wieder zurück. Er übergab dem Kammermädchen seinen Hut, daß sie einen Trauerflor darum nähe, und streichelte dabei zufällig ihre Hand. Dann ging er nochmals an die Thür seiner Schwester. »Irma,« bat er, »Irma, sei doch vernünftig, gib doch endlich eine Antwort!« »Was soll ich?« fragte es drinnen. »So öffne doch!« »Ich höre,« antwortete sie und öffnete nicht. »So laß dir sagen: Es hat sich kein Testament des seligen Papa vorgefunden. Ich werde alles mit dir brüderlich ordnen. Willst du nicht mit zu meiner Familie reisen?« »Nein.« »So reise ich allein. Adieu!« Er erhielt keine Antwort, er hörte, wie sich Schritte von der Thür entfernten, und wendete sich um. Das Kammermädchen hatte den Flor um den Hut genäht, Bruno küßte ihr die Hand und gab ihr ein reichliches Geschenk. Dann reiste er ab. Es war ihm ganz recht, daß er ohne Irma reisen konnte; er kann sich eher gehen lassen und ist von niemand geniert, und seine Philosophie befiehlt: nur keine unnötige Trauer! Das hilft zu nichts und man verdirbt sich nur damit die Tage. Er war unterwegs sehr zufrieden mit sich. Das Gut Wildenort behält er des Namens wegen für sich; es ist nur klein und man könnte ohne eine Stellung im Staat nicht standesgemäß davon leben. Er will Irma, wenn sie sich, was hoffentlich bald geschieht, verheiratet, den ganzen Schätzungswert des Stammgutes als Mitgift geben. Bruno reiste nach der Residenz, und sein erster Ausgang, nachdem er seine Familie besucht, war in den Jockeyklub, der jetzt in Permanenz versammelt war. Mit einem mäßigen Reuegelde wollte er seine Pferde vom Wettrennen zurückziehen, das in den nächsten Tagen stattfinden sollte; er ist in Trauer, man wird Rücksicht darauf nehmen. – Auf dem Wege begegnete ihm der Leibarzt, Bruno kehrte um. Der Leibarzt ging nach dem Schlosse. Noch nie hatte man den Mann, der als der Unerschütterliche bei Hofe galt, so bewegt gesehen, als da er die Nachricht vom Tode des alten Grafen Wildenort brachte. Er erzählte der Königin von den Erweckungen aus besten Tagen, die sich Eberhard in der letzten Stunde wieder wach gerufen, aber er konnte doch nicht unterlassen, hinzuzufügen, daß der dahingegangene Freund den Hochpunkt nicht erreicht, nach dem er so redlich gestrebt; denn er hatte noch in der letzten Stunde nach äußeren Handhaben getastet und mußte sich das Errungene neu einprägen. Die Königin sah verwundert auf den Mann, der in seiner tiefsten Ergriffenheit noch so streng urteilen konnte. »Wie trägt es unsre Irma?« fragte sie. »Schwer und still, Majestät,« erwiderte der Leibarzt. »Ich meine,« sagte der König zur Königin, »wir sollten unsrer Freundin schreiben und ihr einen Boten schicken.« Die Königin stimmte bei, und der König sagte laut zum Schloßhauptmann: »Die Königin will sofort einen Kurier an die Gräfin Irma schicken, wollen Sie das Nötige veranlassen. Schicken Sie den Lakaien Baum.« Die Königin stutzte. Warum sagt der König, daß sie einen Boten schicken wolle, während er doch dazu angeregt hatte und sie nur beistimmte? Ein Schreck durchzuckte sie, aber sie bezwang ihn schnell und machte sich Vorwürfe, daß der böse Blutstropfen, der sich einst in ihr geregt, noch nicht ganz verschwunden sei. Sie ging in ihr Kabinett und schrieb an Irma. Auch der König schrieb. Baum machte ein sehr bescheidenes, sehr untergebenes Gesicht, als ihm der Schloßhauptmann den Befehl gab, sich sofort bereit zu machen, um als Kurier zur Gräfin von Wildenort zu reisen; er solle bei der Gräfin bleiben, sie nie verlassen, und wenn sie auf Reisen gehen wolle, so werde er sie begleiten bis zu ihrer Rückkehr an den Hof. Als Baum mit den Briefen abreiste, hatte er ein ganz andres Gesicht, es war triumphierend; jetzt ist er auf dem Punkt, das große Los zu gewinnen, man hat ihm den delikaten Auftrag gegeben, er weiß, woran er ist, man versteht ihn und er versteht die andern. Er wendete sich zum Schlosse zurück und seine Mienen waren jetzt gar nicht mehr unterthänig; unter der vorgehaltenen linken Hand sagte er fast laut zu sich, indem er mit der rechten die Brust streichelte: »Als gemachter Mann kehre ich zurück, und mindestens Oberkämmerer muß ich sein.« Baum kam auf dem Herrenhause an. Die Kammerjungfer sagte, daß Irma niemand spreche und niemand sehe. »Wenn sie nur aufschreien möchte, der stille Schmerz tötet sie,« klagte die Kammerjungfer. Es wurde an die verschlossene Thüre Irmas geklopft; man mußte lange auf Antwort warten. Endlich fragte Irma, was es gebe? Sie mußte sich an der Thürklinke festhalten, da sie die Stimme Baums erkannte. Ist vielleicht der König selbst gekommen? Baum sagte, daß er als Kurier Ihrer Majestäten geschickt sei, um einen Brief abzugeben. Irma öffnete nur so weit, daß sie ihre Hand herausreichte, nahm den großen Brief herein, legte ihn auf den Tisch; – sie hatte nichts von der Welt draußen zu erfahren, die Welt draußen kann ihr keinen Trost geben, niemand. Endlich gegen Abend schlug sie die Vorhänge zurück und entsiegelte das große Couvert. Es lagen zwei Briefe darin; der eine trug die Ueberschrift von der Hand der Königin, der andre von der des Königs. Sie entfaltete den Brief der Königin zuerst und las: »Du liebe, gute Irma! (Die Königin nannte sie zum erstenmal »Du«. Irma wischte sich mit einem Tuche über das Gesicht und las weiter.) Du hast den schwersten Schmerz des Lebens erfahren. Ich möchte bei Dir sein, Dein schwerpochendes Herz an das meine drücken und die Thränen Dir von den Augen küssen. Ich will Dich nicht trösten, nur Dir sagen, daß ich mit Dir fühle, soweit man fühlen kann, was man nicht selbst erfahren. Du bist stark, edel und harmonisch, ich muß Dir's zurufen, (Die Hand Irmas zitterte, als sie dies las.) »damit Du Dich Deiner selbst erinnerst und Deinen Schmerz schön und rein trägst. Du bist verwaist, aber die Welt darf Dir nicht öde und leer sein. Dir leben befreundete Herzen. Ich freue mich, oder vielmehr ich danke dem Schicksal, daß ich im Leid Dir etwas sein kann. Ich brauche Dir nicht zu sagen, daß ich Deine Freundin bin, aber es thut in solchen Stunden gut, wenn man sich das sagt. Ich möchte keine Stunde vergnügt leben, während Du in Trauer bist. Alles ist uns gemeinsam. (Irma bedeckte sich das Gesicht mit der Hand. Sie faßte sich und las weiter.) »– Laß mich bald wissen, was ich Dir sein kann. Komme zu mir oder bleibe in Einsamkeit, wie es Deine Natur erheischt. Könnte ich nur Dir den Genuß Deiner selbst geben, wie wir ihn empfinden! Du weißt gar nicht, wie Großes Du geleistet. Du hast das Reich unsrer Empfindungen vermehrt. Das ist die schönste Eroberung. Sei stark in Dir und wisse, daß Du einen Halt hast an Deiner Dich innig liebenden Mathilde.« Irma legte den Brief auf den Tisch, aber sie schob ihn unwillkürlich weit weg von dem des Königs, der noch unentfaltet hier lag. Jahre mußten vergehen, Meere dazwischen liegen, bevor man nach diesen Worten die des Königs vernehme. Und doch – wie oft hat sie mit einem Atem und einem Blick ihn und sie gehört und gesehen. Mit einer heftigen Bewegung wie im Zorn erbrach sie den Brief des Königs und las: »Es ist mir tief schmerzlich, daß auch Sie, meine holde Freundin, erfahren müssen, daß Sie das Kind eines Sterblichen sind. Ich bejammere, daß Ihre schönen Augen weinen. Wenn auch das Erhabenste noch der Läuterung fähig – und welches sterbliche Wesen wäre dessen nicht? – so wird dieser Schmerz Ihren Hochsinn noch erhöhen. Aber bitte, steigen Sie nicht zu hoch, um uns so nieder und tief zu finden. Nehmen Sie uns mit auf Ihre Höhe.« Die Mienen Irmas nahmen einen bitteren, versteinerten Ausdruck an. Sie las weiter: »Wenn Sie länger als sieben Tage Ihr schönes Auge mit Thränen und Ihr hohes Herz mit Seufzern quälen und allein leben wollen, so lassen Sie mich das durch ein Wort wissen. Wollen Sie Ihre Trauer verlängern, auf einer Reise sich selbst und ein andres Selbst wiederfinden, so bestimmen Sie, wohin Sie zu reisen gedenken; nur nicht zu weit weg, nicht zu weit in das Land der Schmerzen, in ein Ihnen fremdes Land. Sie sollen froh sein, heiter und schnell überwinden. Ihr wohlgeneigter K.« In dem Brief lag noch ein Zettel mit der Überschrift: »Sofort zu verbrennen.« »Ich kann nicht leben ohne Dich, ich verliere mich selbst, wenn ich Dich verliere. Gegenwart allein ist Leben. Ich kann nur im Lichte Deiner Augen atmen, ich will keine Wolken, ich verlange Sonne. Erinnere Dich, welch eine Welt von Gedanken Du unter Deinem geflügelten Hut beherbergst. Laß diese Welt herrschen! Du darfst nicht traurig sein, Du darfst nicht! Um meinetwillen. Du mußt des Schmerzes Herrin weiden, wie Du Herrin bist über mich! Sei stark, schwing Dich hinweg über alles! Komm zu Deinem Kurt. Der Kuß der Ewigkeit! Ich allein kann die Wolken, alles Trübe von Deiner Stirn wegküssen, ich kann und ich will.« Irma schrie laut auf, ein krampfhaftes Lachen bewältigte sie. Kann ein Mund diese Stirne küssen? Wie schmeckt der Todesschweiß, der sich hier eingeäzt? Wie schmeckt das entsetzliche Wort auf den Lippen? Küsse es weg! Küsse es weg! Es brennt, es friert. – Diese letzten Worte allein hörte die Kammerjungfer; sie wollte zu Irma eilen; die Thür war verschlossen. Nach geraumer Zeit erhob Irma das Haupt und war verwundert, sich am Boden zu finden; sie stand auf und ließ sich Schreibzeug und Licht bringen. Sie verbrannte beide Briefe des Königs, hielt eine Weile das schwere Haupt in beiden Händen, dann faßte sie die Feder und schrieb: »Königin! Ich büße meine Schuld mit dem Tode. Vergib und vergiß. Irma.« Sie schrieb auf den Umschlag: »Durch die Hand Gunthers. An die Königin selbst.« Dann nahm sie ein neues Blatt und schrieb: »Dem Freunde! Zum letztenmal spreche ich zu Dir. Wir sind auf dem Irrwege, auf dem entsetzlichen. Ich büße. Du gehörst nicht Dir. Du gehörst ihr und der Gesamtheit. Du mußt im Leben büßen, ich mit dem Tode. Fasse Dich, sei eins mit dem Gesetz, das Dich an sie und an die Gesamtheit bindet. Du hast beide verleugnet, und ich, ich habe dazu verholfen. Unser Leben, unsre Liebe hat das Entsetzlichste über Dich gebracht. Du konntest nicht mehr wahr sein vor Dir selbst. Du sollst es wieder und ganz werden. Das rufe ich Dir sterbend zu und ich sterbe gern, wenn Du mich und Dich erhörst. Die ewige Natur weiß, daß wir nicht sündigen wollten, aber es ist geschehen. Mir ist mein Urteil auf die Stirn geschrieben, fasse Du das Deine im Herzen und lebe neu. Dein ist noch alles. Ich empfange den Kuß der Ewigkeit vom Tode, Höre diese Stimme und vergiß sie nicht! Vergiß aber die, die sie Dir zuruft. Ich will kein Gedenken.« Sie versiegelte die Briefe und versteckte sie schnell in der Mappe, denn sie wurde unterbrochen. Man meldete Emmy, oder vielmehr Schwester Euphrosyne. Neuntes Kapitel. Der Leibarzt hatte an Emmy einen Boten geschickt mit der Nachricht vom Tode Graf Eberhards und der Verzweiflung Irmas. Die Priorin hatte Emmy ermahnt, zu der jungen Freundin zu eilen, der man so viel Dank schuldig war; da keine Nonne allein reisen durfte, gab sie ihr als Begleiterin eine Schwester mit, die eine bewährte Krankenpflegerin war. Als die Kammerjungfer die Ankömmlinge meldete, sprang Irma unwillkürlich auf. »Das ist die Erlösung! Im Kloster, abgeschieden von der Welt, lebendtot – dort wartest du, bis man dich ins Grab legt.« Ein Leben, in dem nichts vorgeht ... sprach es plötzlich, als stände der alte Schiffer hinter ihr, der die Worte gesprochen. Ein trotziger Gedanke schwellte ihre Lippen: Ich warte nicht, bis mein Leben zu Ende, ich zwinge das Ende – – Es dauerte lange, bis sie der Kammerjungfer die Antwort gab: »Ich danke von ganzem Herzen, aber ich will niemand sehen, niemand hören.« Irma fühlte sich stark, als sie diese Worte gesprochen. Nun ist auch das vorbei, muß vorbei sein. Und wieder war es still und dunkel, und wieder sprach draußen der Pendelschlag: Vater – Tochter, Tochter – Vater. Es läutete vom Thal herauf, das ist die Abendglocke. Es muß sein! sprach Irma zu sich. Sie schlug die Vorhänge zurück und schaute hinab ins Thal, dort gingen die Nonnen in den langen schwarzen Gewändern durch die Wiesen. Sie eilte in Gedanken ihnen nach und sprach in die leere Luft hinaus: Leb wohl, Emmy! Dann rief sie der Kammerjungfer, sie solle Befehl geben, daß man ein Pferd sattle, sie wolle ausreiten. Sie zeigte der Kammerjungfer ihr Antlitz nicht. Niemand soll diese Stirn je sehen. Die Kammerjungfer zog ihr das Reitkleid an, setzte ihr den Reithut auf, der noch mit dem Stück des Adlerflügels geschmückt war; Irma schauderte, als sie, auf den Hut greifend, den Flügel berührte; den Vogel hatte der König geschossen und ihr den Flügel gegeben damals ... es ist wie eine letzte geisterhafte Berührung. Sie befahl, über dem Schleier am Hut noch einen zweiten Schleier zu heften, und erst als sie ganz verhüllt war, ging sie hinaus. Sie sah nicht auf, sie nahm von nichts Abschied, sie heftete den Blick auf den Boden. Im Hofe stand das Reitpferd Irmas; es scharrte lebhaft und blies die Nüstern auf, als es Irma sah. Sie fragte nicht, wer ihr Reitpferd aus der Residenz hergebracht; sie streichelte ihm den Hals und nannte es mit seinem Namen: Pluto. Sie war in Gedanken schon so aus der Welt, daß sie das Tier wie ein Wunder, wie etwas noch nie Gesehenes betrachtete. Sie stieg auf. Auch der große Lieblingshund ihres Vaters war da und bellte ihr zu. Sie befahl, daß man den Hund ins Haus zurücktreibe. Im ruhigen Schritt ritt sie davon. Sie schaute nicht auf, nicht rechts, nicht links. Die Sonne stand gerade hinter den Wipfeln der Bäume und das Licht brach in zersplitterten Strahlen durch das Gezweige wie dünne Sonnenfäden, zwischen den Stämmen hindurch glänzte der Himmel im Goldgrund. Irma hielt an und winkte dem hinter ihr reitenden Baum; er ritt an ihre Seite. »Wie viel Geld haben Sie bei sich?« »Nur wenige Gulden.« »Ich muß hundert Gulden haben. Reiten Sie zurück und holen Sie.« Baum zögerte; er wollte sagen, daß ihm nicht gestattet sei, die Gräfin zu verlassen, aber er wußte das nicht vorzubringen. »Warum zögern Sie? Haben Sie nicht verstanden?« sprach Irma, es lag ein herber Ton in ihrer Stimme. »Reiten Sie augenblicklich zurück.« Baum wendete sein Pferd. Kaum war er aus ihrem Gesichtskreis, als Irma ihrem Pferd die Peitsche gab, über den Graben zur Seite sprengte, eine Bergwiese hinan und hinein in den Wald, Im gestreckten Galopp folgte sie demselben Wege, den Bruno vor wenig Tagen geritten. Das Pferd war mutig und lebhaft, es freute sich seiner schönen Reiterin, sie kannten einander; lustig, als ginge es zur hellen Jagd, rannte es dahin. Und es geht zur Jagd, dort knallt ein Schuß; aber Pluto ist schußfest, er schrickt nicht zusammen. Immer lustiger geht's im Galopp dahin. Das Abendrot blinkt durch die Waldbäume und spielt in funkelnden Lichtern auf Stämmen und Moos. Und weiter geht der flüchtige Ritt, weiter, immer weiter! Jetzt ist sie oben auf dem Bergkamm, der breite See drunten glänzt wie Purpur. »Dort!« ruft Irma, »dort bist du, kühler Tod!« Pluto hält an, er glaubt, seine Herrin habe es befohlen. »Du hast recht,« sagte sie, ihm den Hals streichelnd, »es ist weit genug.« Sie steigt ab und wendet das Pferd; es sieht sie noch einmal an mit seinen großen treuen Augen, sie hat den Schleier zurückgeschlagen. »Zieh heim, du sollst leben. Zieh heim!« Das Pferd steht still. Da hebt sie die Peitsche und gibt dem Pferde einen Schlag, daß es davonrennt; Mähnen und Schweif im Abendwind flatternd, rennt es dahin über den Bergkamm. Irma steht und sieht ihm nach. Dann setzt sie sich an den Rand eines vorspringenden Felsens und schaut hinein in die weite Landschaft und in die untergehende Sonne. »Zum letztenmal, du schönes Licht, ihr Farben am Himmel, zum letztenmal, bevor ich in die Nacht des Todes sinke ...« Einen Augenblick saß sie ganz hingenommen von dem Anblick, der sich ihr aufthat; sie wußte nicht mehr, von wannen sie kam, wohin sie wollte. Da standen in weiter Reihe die hochaufragenden Berge, vielgezackt, Gipfel an Gipfel, und immer tiefer hinein ragte ein Berghaupt empor. Die bewaldeten Berge umschwebte ein violetter Duft, an den scharfkantigen nackten Schrofen zitterte der Abendstrahl, und hoch auf die schneebedeckten Firnen breitete sich still der Hauch des Abendrots, immer höher sich färbend, während es drunten immer mehr nachtete. Wie durchglüht stand die eine große Schneekuppe, und jetzt zog mählich eine Wolke drüber hin und nahm den roten Schimmer vom Berge mit sich fort, als wär's ein Schleier, den sie hob! die Wolke verschwebte erglühend, und totenfahl starrten die Schneehöhen. Es war der Anblick eines Gestorbenen. Der große Tod zog über die Höhen. Wer so mit ihm verschwinden könnte im Aether! Irma schauerte, ein fröstelnder Luftstrom strich über die Höhe. Sie fuhr sich mit der Hand über das Antlitz. Sie fühlte, wie auch sie erblaßt war. Sie stand auf, stieg höher, um noch einmal den Feuerball zu schauen. Sie kam zu spät, und laut sprach sie: »Was nützt es, die Sonne zu schauen, ob tausend-, ob abertausendmal, wenn sie uns doch einmal untergeht? Und sie ist auf ewig untergegangen dem dort unter dem Boden, an dessen Hand nun die Verwesung ...« Ihr schwindelte – sie sank nieder ins Moos. Als sie sich wieder aufrichtete, war es Nacht. Sie erhob sich und schritt mit hoch aufgeschürztem Gewand hinab in den nächtigen Waldesgrund. Zehntes Kapitel. Irma war auf einem Fußweg, der sich durch hohe Waldbäume hinzog. Fest und sicher förderte sie die Schritte. Bald ging der Fußweg in eine breite Waldstraße über. In der Ferne zuckte Wetterleuchten am Himmel, es zerreißt die Nacht und da thut sich ein Himmel auf, der noch hinter der Nacht liegt. Irma schaute kaum auf, sie dachte nichts mehr, nichts als den Weg zu finden. Es war still im Wald; nur manchmal krächzte etwas, wie das Aechzen eines Menschen, so klagend. Es kommt von einem Baume, der herzspältig ist. Aber das Krächzen geht immer mit ihr, immer ihr voraus. Sie sucht den Baum, der so im Herzen trank; sie findet ihn nicht; es geht immer weiter hinauf, immer tiefer hinein in den Wald. Da rennt sie den Berg hinab. Nun ist es still. Der Weg verlor sich, aber von ferne her leuchtete das Ziel, ein Blinken des mondbeglänzten Sees. Sie ging weiter und weiter pfadlos durch den Wald auf weichem Moos. Oftmals war Wimmern von Vogelstimmen in den Baumkronen, ein Marder oder ein Wiesel würgte die Sorglosen in ihren Nestern. – In der Welt ist ewiges Morden, Verzehren des einen durch den andern. Die Menschen verderben und morden einander, nur verzehren sie einander nicht – das allein unterscheidet sie von den Tieren. Und noch eins – ja, noch eins! Das ist's! Der Mensch allein kann sich selbst morden. Irma schwindelte bei dem Gedanken. Sie hielt sich an einem Baum, dann schritt sie weiter. Nur keine Weichlichkeit! Fest und entschlossen muß das Unabänderliche vollbracht werden. Weiter ging's durch den dichten Wald. Heiß glühten ihre Wangen, der Schweiß troff von ihrer Stirn, aber innerlich war's ihr, als ob sie friere. Da rauschte es durch das Dickicht vor ihr, es war ein Hirsch, den sie aus seinem Lager aufgescheucht. Das Tier fürchtete sich vor ihr und sie fürchtete sich vor dem Tier, sie glaubte schon sein Geweih zu spüren, wie es sie aufspießt; sie flog mit behendem Sprunge den Bergrand hinab; fern noch knackte es im Gebüsch, dann war alles still. Hoch in den Wipfeln saust es; es rauschen Wasser, bald nah, bald fern, und jetzt hört sie das Brausen eines Waldbachs, der von Felsen niederstürzt; sie sieht den mondbeglänzten Schaum, sie weiß nicht mehr, wo sie ist, sie weiß nicht, geht sie nach dem See oder rückwärts. Wenn sie sich im Walde verirrt, wenn sie hier niedersinken muß und gefunden und zurückgebracht wird in das Leben, in das Elend? ... Sie rafft alle Kraft zusammen und schreitet weiter. Die Nacht wehte sie kühl an, aber von ihren Wangen fielen heiße Tropfen; sie griff sich an die Stirn – da ist ein heißer Quell, als ob es aus der getroffenen Stelle rinne. Sie sieht auf zu den Sternen, sie sieht bekannte Sternbilder, sie weiß ihren Standort, aber die großen Wegweiser in der Unendlichkeit führen nicht auf den Irrwegen im Waldesdickicht ein einsam verirrtes Menschenkind. Irma gedenkt der Nächte, wo der Leibarzt ihren Blick in die Weite gelenkt – wie ist ihr nun alles vernichtet, alles Große gefallen, selbst der Blick zu den Sternen ist ihr verschränkt. Sie sinnt darüber nach, ob sie die Briefe verbrannt, oder zurückgelassen; den an den König hat sie verbrannt, dessen glaubt sie sich zu erinnern; aber nicht auch den an die Königin? Sie sinnt hin und her, es wirrt sich ihr zusammen. Vielleicht werden beide Briefe gefunden. – Sei es! Und dann zieht ihr das Lied Walpurgas durch die Seele. Wenn die gute Bauernfrau am See wüßte, wie ihre Freundin jetzt einsam in dunkler Nacht durch den Wald rast, und mit welchen Gedanken – sie käme herbei und risse dich an sich und ließe dich nicht; wer weiß, ob sie nicht jetzt in der Ferne dein gedenkt, von dir träumt und dir durch die Nacht unfaßbar ihr Lied durch die Lüfte daher schickt? Wie wird die Arme trauern, wenn sie deinen Tod erfährt; vielleicht ist sie die einzige, die dich wahrhaft betrauert. Alle Erinnerungsmelodien spielten durch ihre Seele. Nach Jahren erzählt ein Schiffer, wie der dort am Inselkloster, vom ertrunkenen Hoffräulein. Wie wird die Todesnachricht auf die Menschen wirken? Niemand von euch kann mir helfen, ich kann euch auch nicht helfen, und übermorgen spielt ihr wieder Karten und tanzt und singt. Keiner kann den andern in Gedanken behalten; wer nicht da ist, hat kein Recht, in Gedanken da zu sein. Unbarmherzig ist das Leben wie der Tod ... Weiter ging's durch das Dickicht, an wilden Schluchten vorbei; die Steine, die sich unter ihren Tritten lösten, polterten in den Abgrund hinab, aus dem sie dumpf auftönten und ahnen ließen, wie tief sie gefallen waren. Die Felsen rücken näher zusammen, der Waldbach stürzt sich über sie herab, und jetzt auf einmal da sind die Felsenschrofen, da geht's nicht weiter – stürze dich hinab und zerschmettere! Wenn du aber tagelang halbtot und gelähmt liegen und verschmachten mußt? Nein! Sie sucht sich einen Weg. Da schlägt ihr ein Baumzweig ins Gesicht, gerade dahin, wo des Vaters todeskalter Finger sie berührt. »Nein, diese Stirn soll das Tageslicht nicht mehr schauen,« ruft sie und sucht einen Weg am Felsenhang und hält sich fest mit eingeklammerten Händen. Jetzt erschallt helles Jodeln einer Frauenstimme durch den Wald. – Irma atmet auf, es ist eine Menschenstimme, eine Frauenstimme, vielleicht ein Mädchen, ein holdes frisches Kind, das dem Geliebten ein Zeichen gibt durch die Nacht. Die Jodeltöne wiederholen sich fort und fort und werden immer dringender, und Irma sitzt in Angst und Zittern am Felsenhang; sie antwortet, sie schreit grell auf. Sie erschrickt vor ihrer eignen Stimme, aber sie schreit wieder und wieder. Nun kommt es antwortend heran, die Stimme nähert sich, Hunde springen voraus, sie sind schon bei Irma, sie bellen, zum Zeichen, daß sie die Beute gefunden; die Frauenstimme kommt näher und näher. »Wo bist du?« fragt es. »Da,« antwortet Irma. »Wo?« »Hier.« »Da oben?« »Ja.« »Wie bist du da hinauf gekommen?« »Ich weiß nicht.« »Halt dich ruhig, rück nicht von der Stelle! Ich komme.« »Ja.« Es dauerte lange, da tauchte endlich etwas unter Irma auf. »So, da bist du?« sagte die Gestalt. Sie warf Irma einen Strick zu und befahl ihr, sich solchen um den Leib zu binden, das andre Ende an einen Felsen oder einen Baum zu heften und dann ruhig herabzugleiten. Irma that, wie ihr befohlen. Sie schwebte zwischen Himmel und Erde, in diesem kurzen Augenblicke durchschauerte sie Unfaßbares. Sie kam glücklich bei der Frauengestalt an. Diese packte sie sofort mächtig an der Hand und führte sie. Irma folgte willenlos. Sie riß sich blutig, bis sie auf einen schmalen Felsweg kamen. Drunten brauste der Bach, aber die mächtige Frauengestalt hielt Irma fest an der Hand, diese Hand packte wie eine eiserne Zange. »Wo du gewesen bist, da kommt ja nicht einmal ein Gemsjäger hin. So, jetzt sind wir oben, dort ist unsre Hütte,« sagte endlich die dunkle Gestalt. »Es ist ein Wunder, daß du nicht gestürzt bist und hast so ein langes Kleid dazu.« »Wer bist du?« fragte Irma. »Sag mir zuerst, wer du bist und wie du daher kommst.« »Das kann ich dir nicht sagen.« »Meinetwegen. Mich heißen sie die schwarze Esther.« »Wen bringst du?« rief eine grausig erscheinende Frau in der Hüttenthür; hinter ihr brannte das Herdfeuer. »Ich weiß nicht. Ein Weibsbild.« Irma ging mit der schwarzen Esther nach der Hütte. Die Alte bekreuzte sich und rief: »Alle guten Geister loben Gott den Herrn – das ist die Seejungfrau!« »Ich bin kein Geist,« sagte Irma, »ich bin ein müdes Menschenkind. Lasset mich eine Weile ruhen und dann gebt mir Eure Tochter mit, daß sie mir den Weg nach dem See zeige. Jetzt nur einen Tropfen Wasser!« »Nein, das wäre dein Tod, du darfst jetzt kein Wasser trinken; ich koch' da eine warme Suppe, ich bringe dir gleich.« Sie führte Irma hinein in die Kammer, und als sie ihre Hand sah und daran einen Diamantring, grinste sie vergnüglich: »Ei, das schöne Ringlein, das ist wohl vom Herzallerliebsten?« »Nehmt, nehmt den Ring! Behaltet ihn!« sagte Irma und hielt ihr die Hand hin. Die Alte streifte den Ring mit großer Geschicklichkeit von dem Finger. »Herr Gott!« rief die Alte plötzlich. »Dich hab' ich schon einmal gesehen – ja, ja, Sie sind's ... haben Sie nicht einmal ein goldenes Herzchen getragen und es einem Kinde geschickt? Haben Sie nicht einmal einer alten Frau im Schloß zu essen geben lassen und ihren Sohn frei gemacht und ihr noch Geld dazu geschenkt? Herr Gott, ja Sie sind die –« »Nenne meinen Namen nicht! Laß mich nur eine Minute ruhen, frage nichts und sage nichts mehr!« »Nein, wie Sie befehlen, gewiß nicht; ich will jetzt nur schnell die Suppe fertig machen.« Sie ging hinaus und ließ Irma allein. Irma lag auf dem Bett, das nichts als ein Blättersack war; das knisterte so wunderlich, wenn sie den Kopf wendete und die Blätter sprachen: ja, damals, als wir noch grünten, da war's anders ... Durch das Fenster blinzelte der Mond herein. Die ganze Welt ging mit Irma herum, sie war wie auf hoher See, aber bald war sie entschlummert. Sie wachte auf, sie hörte eine laute Männerstimme. Elftes Kapitel. Draußen im Hausflur, der zugleich Küche war, stand Thomas bei seiner Mutter; er reinigte sich das geschwärzte Gesicht, that den falschen Bart ab und sagte nun: »Mutter, wisset Ihr, was mir leid thut?« »Was denn?« »Daß ich nicht vor drei Tagen den jungen Grafen erschossen hab'. So geschickt kommt mir der nicht wieder. Ich hab' ihn schußgerecht aufs Genick gehabt und er wär' zusammengebrochen und hätt' nicht mehr gemuckst: ich hätt' ihm die Kugel durch den Leib geschossen, daß die Sonne durchscheint.« »Du bist mir ein schöner Kerl mit deiner Reue!« »Ja, und ich hätt' was Gutes gethan, wenn ich den Kerl erschossen hätte. Denket nur, Mutter, so sind die vornehmen Leute, so sind die, denen der Wald gehört und das Wild drin. Denket nur, Mutter, ich bin doch ein braver Kerl.« »Wie so?« »Denket nur, Mutter, wisset Ihr, warum der Graf im Wald gewesen ist? Er hat nicht dabei sein wollen, wie sein Vater stirbt, drum reitet er fort und läßt den Alten allein verenden. Ich versprech' Euch, wenn Ihr sterben wollet und ich bin da, so bleib' ich bei Euch. Ich hätt' mir den Himmel verdient, wenn ich den Burschen weggeputzt hätte. Wenn ich's damals schon gewußt hätte, ich hätt's gethan; ich hab's thun wollen, aus Spaß. Meine Freud ist nur, wie der Bursch gezittert haben muß; so vor mir herreiten müssen, und ich hab' die Kugel hinter ihm im Lauf und kann ihn jede Minute – o, du Wildenort!« Bei der Nennung ihres Familiennamens sank Irma wie von einem Schuß getroffen zusammen. Sie richtete sich rasch wieder auf und hörte mit angehaltenem Atem, wie Thomas draußen fortfuhr: »Seitdem bin ich wie verhext, es kommt mir nichts mehr in Schuß, und ich bin so einfältig! Da ist mir heute in der Dämmerung etwas passiert – der Teufel soll's holen, daß man an Geister glaubt, Mutter! mir ist ein Pferd begegnet, ein wunderschönes, und niemand drauf. Wenn's ein wirkliches Pferd gewesen, für das man Geld kriegt? Bin doch ein Narr, daß ich mich so hab' erschrecken lassen, wie es dahinrennt mit fliegender Mähne, und die Hufeisen haben aufgeschlagen. Bis ich mich aber besonnen hab', daß es ein wirkliches Pferd ist und alle Geistergeschichten nur dummes Zeug – heidi! fort ist's!« »Nein, Thomas! Nimm dich in acht! Es ist was dran mit den Geistern, Komm, stell dich her, halt die Hand übers Feuer und schwör mir, daß du dich ruhig halten willst, dann sage ich dir was.« »Was werdet Ihr wissen?« »Mehr als in deinen Stierkopf hineingeht. Ich sag' dir, es gibt Geister, drin auf dem Bett liegt die Seejungfrau.« »Mutter, Ihr seid närrisch geworden.« »Gib acht! Sie hat mir befohlen, daß ich ihr eine Suppe kochen soll.« »So? Die Seejungfrauen fressen auch Supp'? Ich fürcht' kein Geschöpf, das Gekochtes frißt. Ich möcht' einmal die Seejungfrau schauen!« Die Alte wollte ihn halten. Er drang in die Stube und stand wie gebannt, als er Irma erblickte; aber plötzlich rief er: »Das ist ein Weib wie Ihr, nur viel schöner. Wenn's die Seejungfrau wär', müßt' sie einen Schwanenfuß haben, so viel ich weiß. Wer ist's, Mutter?« »Ich weiß es nicht.« »So will ich sie fragen.« Die Alte suchte ihn abzuhalten. Aber schon hatte sich Irma aufgerichtet, sie schaute starr drein, sie hatte den Mund geöffnet und konnte nicht sprechen. »Du bist's!« rief Thomas plötzlich. »Das ist ja prächtig!« Er wollte sie erfassen, aber Zenza wehrte ihn ab. »Du bist's!« rief er wieder. »Hast dich verirrt und bist da! Das ist prächtig!« »Kennst du mich?« »Wer wird dich nicht kennen? Du bist die Geliebte des Königs! Und jetzt bist du ...« Ein lauter Verzweiflungsschrei Irmas übertönte ein Wort des wilden Gesellen. »Juchhe!« jauchzte Thomas, »'naus Mutter, 'naus Esther! Ich brauch' euch nicht!« »Laß sie! Du darfst ihr nichts thun!« rief die Mutter. »Ich darf nicht? Wer will mir's wehren?« Die Mutter rang mit ihm, er schleuderte sie zurück. Da, sie wußte sich nicht mehr zu helfen, faßte sie die kochende Suppe und schwor, daß sie sie ihm übers Gesicht schütte; er wehrte ab, taumelte zurück und brüllte wie ein Stier. Esther eilte auf Irma zu und flüsterte eilig: »Komm, komm! Um deines Vaters willen rette ich dich, Komm! Fort!« Sie riß sie mit sich fort, sie eilte den Berg hinab, ohne Aufenthalt, atemlos. Irma konnte nicht weiter, sie wollte ruhen! Esther aber schleppte sie noch eine Strecke mit sich davon, bis sie an eine Quelle kamen, dort setzten sie sich nieder. Esther machte sich die Hände naß und wusch sich und Irma die Stirne. Lange redeten die beiden kein Wort. Endlich fragte Irma: »Weißt du den Weg nach dem See?« »O wohl! Das ist auch mein Weg, mein Ausweg, ich hab' keinen andern mehr.« »Wie? Was meinst du?« »Was du willst, will ich auch, werd' ich auch noch müssen.« »Was will ich denn?« »Dich ertränken.« Irma zuckte zusammen, da ihr das Vorhaben so ins Ohr gesagt wurde. »Ich weiß nicht,« fuhr Esther fort, »kann mir's aber schon denken, was dich dazu treibt. Mein Bruder hat ein böses Wort gesprochen. Aber ich bitte dich, thu's nicht! Schau, du bist noch so schön, so jung und reich; du kannst schon noch leben und es kann dir wieder anders gehen auf der Welt, Thu's nicht – Still!« unterbrach sie sich plötzlich – »hast du nichts gehört? Wir wollen jetzt nicht reden, damit wir alles hören. Er kommt uns nach. Er läßt uns nicht. Steh jetzt nur auf, wir müssen fort.« Sie standen auf und schritten weiter durch den nächtigen Wald. Ein Bild aus der Hölle trat Irma vor die Seele: Dort in der Ewigkeit werden Vornehme und Geringe, denn die Sünde macht gleich wie die Tugend gleich macht, an einander gefesselt und geschmiedet und müssen das gleiche dulden ... Sie schritten wieder an einem wildrauschenden Bache dahin, da fragte Esther: »Du bist also die Schwester von ihm?« »Von wem?« »Von meinem Bruno. Wie geht's ihm? Ich hab' ihn vor einigen Tagen gesehen, wie ich Ameiseneier gesucht habe; er hat mich aber nicht gesehen. Ist es wahr, daß er glücklich verheiratet ist?« »Ja; aber warum nennst du ihn deinen Bruno?« »Gut, dir will ich's sagen, du bist die erste, die seinen Namen aus meinem Mund hört seit jenem Tag. Hat er selber dir nie davon gesprochen?« »Nie.« »Er kann's aber doch nicht vergessen haben. Komm, hier könnte der Thomas uns doch finden, fasse meine Hand, geh rückwärts, dann verlieren die Hunde die Spur.« Esther faßte Irma an der Hand und führte sie unter einen Felsenvorsprung; sie setzten sich nieder und die schwarze Esther erzählte: »Meine Mutter weiß nichts davon und mein Bruder auch nicht. Das rechte weiß keiner. Dir kann ich's berichten. Wir sind eigentlich hier nicht daheim, aber im Sommer sind wir oft hier und suchen Enzian und Apothekerkräuter und Ameiseneier. Ich war fünfzehn Jahre alt, ein lustiger Teufel von einem Mädchen, ich hätte mit einem Hirsch um die Wette rennen können, da hat mich dein Bruder im Wald gefunden. Er war schön, gar schön, so schön gibt's keinen mehr auf der Welt, und fein und gut ist er auch gewesen, und wir haben einander so lieb gehabt und ich hab' allemal geweint, wenn ich wieder hab' heim müssen zu meiner Mutter. Ich wär' gern ewig draußen geblieben im Wald wie die Rehe, und es hat mir fast wohl gethan, wenn ich heimgekommen bin und meine Mutter hat mich geschlagen; ich hab' weinen können und hab' doch nicht sagen müssen, warum ich weine. Ich hab' jede Minute nach ihm verlangt und hab' gar nicht mehr von ihm fortgewollt. Er hat mir einmal gesagt, wer er sei, und daß sein Vater gar ein strenger Mann sei; wenn das nicht wäre, thät' er mich heimführen in sein Schloß und ich müßte Gräfin werden. Und da – ich hab' tausendmal seitdem daran gedacht, was ich für ein einfältiges Kind gewesen bin, aber ich hab' gewiß nichts Böses gewollt – weißt du, was ich gethan hab'? Weil mein Bruno gar so arg geklagt hat, hab' ich gedacht, den bösen Vater wird man doch 'rumkriegen können, und bin aufs Schloß und geradeswegs zu deinem Vater und hab' ihm gesagt, er soll doch nicht so schlecht sein und so hartherzig und soll's zugeben, daß der Bruno mich heiratet, ich will gewiß eine gute Schwiegertochter sein, und wir haben ja einander so lieb, wie, so lang die Welt steht, nicht zwei einander mehr lieb gehabt haben. Da hat mich dein Vater angesehen – die Augen vergess' ich nie, ich seh' sie jetzt vor mir, so groß, und geglänzt haben sie, und vorhin, wie der Thomas auf dich losgewollt hat, da hast du auch solche Augen gehabt, ganz seine Augen, und da hast du mich erbarmt und darum hab' ich dir fortgeholfen.« »Und weiter?« fragte Irma nach langer Pause. »Ja weiter,« versetzte Esther sich fassend. »Und da ist dein Vater auf mich zugegangen und ich hab' mich geduckt und hab' gemeint, er schlägt mich nieder. Er hat mir aber seine Hand auf den Kopf gelegt und hat gesagt: Du bist ein braves Kind, wenn du dich auch vergangen hast, und an mir soll's nicht fehlen, daß du brav bleibst. – Und da hat er einen Bedienten gerufen, Bruno soll kommen. Und da ist er gekommen und wie er mich sieht, ist er erschrocken, ich hab' aber gesagt: Fürcht dich nicht, dein Vater ist ein herzguter Mensch und er gibt dich mir zum Mann. Bruno hat sich aber nicht vom Platz gerührt und dein Vater hat gerufen: Komm her! Komm her! Er ist aber doch nicht vom Fleck gegangen und ist so weiß geworden, wie das Tuch auf dem Tisch, an den er sich hält, und da sagt dein Vater noch einmal zu ihm: Gut, ich komme zu dir. Du hast nicht brav gehandelt, aber du sollst noch brav sein können. Hier dies Kind aus dem Wald – ja, so hat er gesagt – ich erlaube dir, ja ich befehle dir, daß du sie zur Frau nimmst. – Da hat der Bruno gelacht – der Teufel hat aus ihm gelacht, das Lachen vergess' ich auch nie – und dein Vater hat wieder gesagt: So sprich doch! Und da hat er gesagt: Papa, machen Sie sich nicht lächerlich! Da hat dein Vater ein Gesicht bekommen, wie wenn er auf einmal um dreißig Jahre älter wär', und er ist nur so gewankt und hat sich auf einen Stuhl niedergesetzt. Was sagst du? hat er gefragt. Wiederhole es noch einmal! Sprich! Und der Bruno hat das Wort noch einmal gesagt und hat sich dabei den Schnurrbart gedreht. Dein Vater hat ihm gut zugeredet und ihm gesagt, wie er mich in allem unterrichten will, daß ich gut soll lesen und schreiben können, und alles so gut, wie eine Gräfin, und daß Bruno das nicht auf sich laden soll, er würde die Last sein Leben lang nicht los werden. Und da hat Bruno gesagt: Ich verlasse das Zimmer, wenn Sie nicht das Mädchen fortschicken. Geh, Esther, geh aus dem Zimmer und komm erst wieder, wenn ich dich rufe! – Er hat deinem Vater etwas auf Wälsch gesagt, und dein Vater ist blaß geworden und ist auf mich zugegangen und hat mir die Hand gegeben und hat gesagt: Esther, geh! Weiter hat er kein Wort gesagt, aber er hat's gut gesagt, ganz herrlich. Und da bin ich fort. Das war das letztemal, wo ich den Bruno gesehen hab', und ich hab' nachmals gehört, es soll grausig hergegangen sein zwischen deinem Vater und ihm. Ich hab' mich aber nicht mehr sehen lassen, ich hab' nicht wollen die Ursache sein von der Feindschaft zwischen Vater und Sohn, und ich hab' eingesehen, daß es doch nicht gegangen wär', und unser Kind hat's gut gemeint und ist tot auf die Welt gekommen; das ist besser, als so auf der Welt herumlaufen, im Elend und dann erst sterben. Meinst nicht auch?« Irma antwortete nicht, sie tastete nach der Hand der Sprechenden. Esther fuhr fort: »Und meine Mutter und mein Thomas wissen nicht, daß ich deinen Bruder je gekannt habe: aber der Thomas ist gar ein grausiger Mensch, und er hat einen Haß auf deinen Bruder, wie wenn er's ahnte. Aber ich sag' nichts. Ich bin verloren – was ist daran gelegen? Er soll nicht auch noch zu Grunde gehen, und ich hab' ihn doch gar so lieb gehabt, ich kann's noch jetzt nicht los werden.« Aus dem ruhigen Erzählen heraus schrie Esther plötzlich laut auf: »Er hat eine schöne, feine, reiche, vornehme Frau. Ja, dazu sind wir da, damit euch draußen, da droben in euren seidenen Betten nichts geschieht! Ha, ha, ha! Und wenn sie dann eheliche Kinder kriegen, saugen sie eine arme Frau aus. Die Walpurga, die hat's gut – die hat's gut, der wird die Milch zu Gold! O, wenn ich nur nicht mehr denken müßte!« Sie raufte sich die Haare und schrie knirschend: »Die Haare da, die dummen schwarzen Haare, die müßten schon lange abgefault sein, verbrannt von all dem schweren heißen Denken, das drunter durch den Kopf gegangen ist. O, mein Kopf ist so heiß, und ich krieg' alle Tag noch Schläge drauf; aber er ist hart, klopf einmal an, hart wie Stahl!« Irma stand wie angewurzelt. »Still!« sagte Esther. »Still, ich höre die Hunde; ich hab's gesagt, er jagt uns nach. Flieh, flieh! Da rechts, da geht der Weg. Aber ich bitt' dich um alles in der Welt, thu's nicht, thu's nicht! Du bist noch nicht so weit, daß du das mußt. Jetzt flieh, dort unten kommst du an einen Steg, da drüber geh. Mach fort! Ich bleibe. Die Hunde kommen zu mir. Ich halte ihn auf. Du bist gerettet. Fort, flieh!« Sie trieb Irma fort und blieb zurück. Inna eilte allein von dannen. Sie mußte sich oft an die Stirne greifen. Ein dankbares Andenken an ihren Vater hatte sie gerettet aus dem unfaßbaren Entsetzen. Er hat die Hand verzeihend auf das Haupt der Verlorenen gelegt, aber ihr selbst hat er die Verwerfung in die Stirn gegraben. Den Brand auf meiner Stirn kühlt nur der tiefe See, sagte sie immer vor sich hin und eilte über den Steg, dann über eine Anhöhe, bis der dunkle Wald sie wieder verschlang ... Die schwarze Esther stand ruhig und ließ die Hunde an sich herankommen; sie lockte sie, und die Hunde sprangen an ihr empor. Sie hörte Thomas pfeifen, und die Hunde antworteten; er war noch weit, aber er war auf der Spur. Sie zählte jeden Herzschlag, denn mit jedem Herzschlag kam Irma einen Schritt aus dem Bereich der Verfolgung. Ueber sich wollte sie alles ergehen lassen – was liegt daran? »Ja, ja, ich weiß, daß du mich gerne hast,« sagte sie zu dem grauen Wolfshund, der sich an sie schmiegte, »ja, du bist das einzige Geschöpf auf der Welt, das mich noch mag. Ich wollt', ich wär' auch ein Hund geworden. Warum bin ich nicht ein Hund geworden? Wenn's nur wahr wäre, was die Mutter erzählt, daß es einmal Zeiten gegeben hat, wo man verwandelt worden ist.« Sie hörte wieder Pfeifen und Schreien des Thomas, die Hunde antworteten, er kam näher, bald stand er bei ihr. »So, du bist's? Hab' mir's gedacht! Wo ist die andre?« »Da, wo du sie nicht mehr kriegst.« Im Walde hörte man einen jammervollen Schrei. »Schlag mich nur gleich tot,« schrie Esther. Die Hunde heulten dazwischen, sie wußten nicht, wem sie helfen sollten. Thomas ging davon und ließ Esther liegen, wo sie niedergefallen war. Zwölftes Kapitel. Die Sonne steht in Pracht am Himmel, unter den Bäumen am Waldesrand, auf weichem Moos ausgestreckt liegt eine schöne Frauengestalt in blauem Gewand. Jetzt zittern die Sonnenstrahlen in ihr Antlitz, sie erwacht und stemmt das Haupt mit den reichen braunen Locken auf die Hand und schaut wie verloren drein. Die Luft war voll Harzduft und frischer Seekühle, an den Bergen läuteten die Schellen der weidenden Kühe, der Tau glitzerte, alles leuchtete – nur für sie ist Nacht um und um. Es dauerte lange, bis sie glaubte, daß sie wache, bis sie sich besann, wo sie war. Endlich wurde sie ihrer selbst inne, aber sie bewegte sich nicht. Dumpf und schwer zog es durch ihre Seele: Warum wieder erwachen? O du unbarmherzige Natur! Warum kann nicht ein tiefer Seelenschmerz dich brechen? Warum verlangst du wieder eine Naturmacht gegen dich? Feuer, Wasser, Stahl, Gift? Warum kann die Seele den Leib verderben und nicht auch töten? Sonne, was willst du von mir? Ich will dich nicht mehr – hier meine Stirn, darauf brennt die tote Hand meines Vaters und in mir hämmert das Gewissen mit tausend Fäusten und zerschlägt mich nicht. – Warum? – Warum? Sie schloß die Augen und wendete sich ab von der Sonne. Es flüsterte ihr zu: Noch ist es Zeit, noch kann alles nur ein höllisches Abenteuer gewesen sein, ein Traum mit wachen Sinnen. Kehr um! du kannst, du darfst es ... du hast genug gebüßt ... Wie mit unsichtbarer Gewalt riß es sie wieder herum nach der Sonne hin. Dort unten blinkt der See und seine Wellen murmeln: Tief in meinem Grunde ist alles Denken, alles Grübeln, Zagen und Zweifeln zu Ende! Sie stand auf, und als sie im Moos die Abzeichnung ihrer Figur sah, wie sie dagelegen, starrte sie lange darauf. So schaut der Hirsch mit dem Todesschuß im Herzen auf sein nächtliches Lager. Was sind wir mehr als die gejagten Tiere im Wald? ... Es ist alles eitel ... Was nützt es, sich die Seele zermartern? Mit einem kühnen Sprung allem ein Ende machen – das ist's ... Sie setzte den Hut auf und schritt weiter, allein in der Welt mit dem einzigen Gedanken: nichts rief sie an, sie ist Herrin über Leben und Tod. Brombeerstauden faßten ihr Gewand und hielten sie fest; sie machte sich los und Dornen ritzten ihre Hände und Füße. Ein unbezwinglicher Hunger nagte an ihr. Sie weinte wie ein verlornes Kind. Die Thränen erleichterten sie. Da winken frische Beeren, sie pflückt sie und ißt sie mit Gier. Aus dem Brombeerstrauch fliegt ein Vogelpaar auf, hier ist das Nest, es ist leer, alles in der Welt hat seine Heimat ... Selbstvergessen steht Irma lange. Sie wendet den Blick – sieh da, neben den Brombeeren stehen auch Giftbeeren, Belladonna ... wen nach dem Tode hungert, der speist sie ... Irma pflückt die Giftbeeren nicht, sie will nicht in langen Qualen sterben, vielleicht nur halb sich töten, umsinken und wieder in die Hände der Menschen fallen. Nein, in den unergründlichen See! Irma machte sich los, hastig, wie wenn sie sich auf dem Wege versäumt, und schritt weiter. Der Tau netzte ihre wunden Füße, sie fror und zitterte. Da kam durch die Lüfte heller Musikklang, schmetternde Trompetenfanfaren. Irma faßte sich an die Stirn. Das ist keine Musik, es sind Träume deiner Einbildung, die Weltfreuden locken, sie rufen mit Geigen, Klarinetten und Trompeten: Komm, wiege dich auf unsern Tönen, sei lustig und genieße die Tage, die dir beschieden ... Aber horch! Noch einmal der Klang und jetzt noch einmal und jetzt Böllerschüsse, daß das Echo in vielfältigem Rollen von den Bergen widerhallt. Sie feiern wohl heut eine Hochzeit drüben in einem stillen Dörfchen. Ein Mädchen und ein Jüngling, die sich liebten und treu zu einander hielten, gewinnen heut einander, und Musik und Böller rufen den Bergen zu: Freuet euch mit uns! Das Glück der Liebe ist ewig wie ihr ... Irma wandelt hin in sich versunken und schaute nieder auf die Erde – ihr Geist ging mit den Glückseligen! sie sah die frohen Blicke der Eltern, der Kameraden und Gespielen, sie hörte den Segen des Priesters – und dabei ging ihr Fuß weiter durch das taufeuchte Gras und Gestrüppe. Sie hielt die Hand fest geballt, als müßte sie den Vorsatz, der sie den Weg dahin führte, leibhaftig festhalten. Sie ging am See entlang. Hier überall seichtes Ufer, sumpfiges Röhricht – da gibt es keinen jähen Tod, nur langsames martervolles Versinken; sie geht um und um, rennt hin und her, schleunigen Schrittes, hastigen Atems. Dort endlich ist ein Felsenvorsprung am Ufer, senkrecht geht die scharfe Klippe hinab. Sie klettert hinan, sie hebt die Hände empor und beugt sich über – da ... es ruft ... wer ruft hier? Sie hört einen Jammerschrei aus dem Wasser, einen Hilferuf, ein Plätschern; ihr Hut rollt vom Felsen hinab ins Wasser – sie sieht eine Menschengestalt mit dem Wasser ringen – sie taucht auf – es ist die schwarze Esther – sie taucht auf und unter und schwimmt weiter. – – Mit schrillem Schrei stürzt Irma am Felsen nieder, sie hat ihre eigene That vor sich gesehen, alle Glieder sind ihr gelähmt, sie liegt da wie im tiefen Wassergrunde, sie fühlt sich und kann doch nicht empor, es ruft aus ihr, aber kein Schrei dringt durch die Luft. Da – wie sie so liegt, hört sie singen: »Wir beide sein verbunden Und fest geknüpfet ein, Glückselig sein die Stunden, Wann wir beisammen sein.« Irma springt auf. Was ist das? Sie springt hinab vom Felsen, als stürzte sie eine fremde Gewalt. Sie wischt sich die Thränen aus den Augen, es rinnt ihr über das Antlitz, Blut – Hat sie blutige Thränen geweint? Dort kommt ein großer Kahn näher und näher ... es ist die Stimme der Walpurga, die ruft, sie kommt, sie erkennt die Freundin, Irma entflieht. – Walpurga springt ans Land, kommt ihr nach, sie flieht weiter, Walpurga erreicht, umfaßt sie und sie sinkt an ihr nieder. Dreizehntes Kapitel. Walpurga kniete bei der Ohnmächtigen, der Blut aus einer Stirnwunde quoll. Schnell knüpfte Walpurga ihr Halstuch los, band es um die blutende Stirn, raufte nasses Gras aus und schüttelte den Tau in das Antlitz. Verzweifelnd rief sie: »Liebste Gräfin, gute, herzige, liebe gute Gräfin, wachen Sie doch auf! Um Gotteswillen! was ist denn das! Um Gotteswillen, wachen Sie doch auf! Irma, Irma!« Irma schlug die Augen auf. Man hörte die Stimme Hanseis; er rief: »Walpurga! Wo bist denn? Walpurga!« »Ist das dein Mann? Laß ihn nicht herankommen, er darf mich nicht sehen!« brachte Irma hervor. »Bleib dort!« rief Walpurga, sich im Gebüsch aufrichtend, »Schick die Mutter her, sie soll Wein mitbringen, von dem, den ich mitgebracht hab', er ist im blauen Kistchen bei den Kindersachen. Geh schnell! Tapfer!« Mit kurzen hastigen Worten berichtete Irma, daß ihr Vater gestorben, und daß sie selber den Tod gesucht im See. Sie griff sich an die Stirn und fuhr erschreckt zurück: »Wehe! Was ist das?« »Du hast geblutet. Du mußt auf einen Stein gefallen sein. Schau einmal an,« fuhr sie, gewaltsam sich zu heiterem Ton erweckend, fort: »Das ist das grüne Tüchlein, das du meinem Kinde geschickt.« Irma riß die Binde los und betrachtete still das Tuch mit dem Blute. »Das löscht. Laß es rinnen,« sagte sie vor sich hin. Dann fuhr sie auf: »O Walpurga, ich kann nicht sterben, ich kann mir den Tod nicht geben – und ich kann nicht leben! – Ich bin – ich bin – schlecht gewesen – –« Sie verbarg ihr Antlitz am Herzen Walpurgas, das laut und heftig schlug. »Komm, schnell, sag mir, hilf mir, sag mir, was ich thun soll, ehe deine Mutter kommt.« »Ich weiß nicht – ich weiß gar nichts. Meine Mutter wird alles wissen, die weiß Hilfe für alles. So, sieh, das Blut auf deiner Stirn hat sich gestillt. Sei nur ruhig!« Die Mutter kam. Irma blickte sie an wie einen rettenden Engel, und die Mutter sagte mit einer Bestimmtheit, in der kein Schwanken und Fragen war: »Walpurga, das ist deine Gräfin.« »Ja, Mutter.« »So sei mir tausendmal willkommen,« sagte die Alte, »da hast du meine beiden Hände. Dir muß Arges geschehen sein. Du bist gefallen, oder hat dich wer auf die Stirne geschlagen?« Irma antwortete nicht. Sie saß zwischen den beiden Frauen, die sie aufrecht hielten und starrte wie leblos drein. »Mutter, helfet ihr, saget ihr etwas,« flüsterte Walpurga. »Nein, laß sie nur ruhig zu sich kommen, jede Wunde muß ausbluten,« beschwichtigte die Mutter. Irma faßte ihre Hände, küßte sie und rief: »Mutter! Du bist meine Rettung. Mutter! Ich bleibe bei dir. Nimm mich mit.« »Ja, das thu' ich. Wirst sehen, droben in meiner Heimat, da ist es gar so viel gesund, eine Luft und ein Wasser, wie sonst nirgends auf der Welt; da wirst du wieder gesund und geht alles von dir ab. Weiß dein Vater, daß du so davon gelaufen bist in die wilde Welt hinein, und weiß er, warum?« »Er hat es gewußt. Er ist tot. Walpurga, erzähl du ihr, wie's mit mir ist.« »Dazu hat's gute Zeit, wir sind, will's Gott, noch gute Zeit bei einander; da kannst du mir alles in guter Ruh berichten. Jetzt komm, trink einmal.« Mit schwerer Mühe gelang es den beiden Frauen, den silberplattierten Kork auszuziehen; Walpurga zog ihn endlich mit den Zähnen aus. Irma trank. »Trink nur, den Wein hat mir der Leibarzt für meine Mutter mitgegeben, der ist gewiß gesund,« sagte Walpurga, »sie trinkt ihn aber nicht, sie sagt, sie will warten, bis sie einmal alt ist und vom Wein Kraft braucht.« Ein wehmütiges Lächeln trat auf das Gesicht Irmas; die Greisin vor ihr will warten, bis sie einmal alt ist. Irma mußte noch einige Schluck von dem Weine trinken. Als sie über Schmerzen im Fuße klagte, verstand die Mutter ihr mit geschickter Hand einen Dorn herauszuziehen. Wie wenn ein linder Engel sie berührte, so schaute Irma auf die Alte nieder und wollte ihr wieder die Hände küssen. »Meine Hände sind, so lang sie auf der Welt sind, noch nicht geküßt worden, als von dir,« sagte die Alte abwehrend, »aber ich verstehe schon, wie du's meinst. Ich hab' in meinem Leben noch keine Gräfin angerührt, aber sie sind doch auch Menschen wie wir.« Irma seufzte tief auf. Sie erklärte dann, daß sie mit ihren Rettern gehen wolle, aber nur unter der Bedingung, daß niemand außer ihnen beiden wüßte, wer sie wäre; sie wolle verborgen und unbekannt leben, und wenn sie entdeckt würde, gäbe sie sich den Tod. »Das thu nicht mehr,« fiel die Alte streng ein. »Sag das nicht mehr! Damit darf man nicht spielen. Das ist keine Drohung. Aber da hast du meine Hand, über meine Lippen kommt kein Wort.« »Und über die meinigen auch nicht,« rief Walpurga, und legte ihre Hand zu der ihrer Mutter in Irmas Hand. »Sag mir noch eins,« fragte die Mutter. »Warum gehst du nicht in ein Kloster? Man darf ja jetzt wieder.« »Ich will frei büßen.« »Ich verstehe dich, du hast recht.« Weiter wurde kein Wort gesprochen. Die Mutter hielt ihre Hand auf die Stirn Irmas, um die sie nun ein weißes Tuch band. »In acht Tagen ist das ausgeheilt, und man sieht nichts mehr davon,« tröstete sie. »Das weiße Tuch bleibt, so lange ich noch leben muß,« entgegnete Irma. Sie verlangte nun andre Kleider, bevor sie sich vor Hansei zeigte. Walpurga eilte zurück ins Wirtshaus an der Anlände. Hier traf sie Hansei sehr unwillig; er wetterte arg, jeder Zwischenfall war ihm schwer, es lag genug auf ihm, er war schärfer angespannt als die Rosse am Wagen; er war in jener erregten Reise- und Umzugsstimmung, wo auch das innere Leben verscheucht und heimatlos ist und leicht in Zornmütigkeit umschlägt. Dazu hatte das Füllen, so schön es war, schon viel Ungelegenheiten gemacht; es war ausgerissen und fast einem Wagen unter die Räder gekommen. Hansei war sehr bös. Es gelang Walpurga nur schwer, ihn zu besänftigen, und sie sagte endlich weinend: »Lieber als daß wir in Zorn und Hässigkeit in unsre neue Heimat einziehen, lieber möcht' ich, daß wir alle mit dem Schiff untergesunken wären.« »Ja, ja, bin schon ruhig, sei du's nur jetzt auch,« lenkte Hansei wieder ein und schaute nach dem See, als ob dort wieder der Kopf der schwarzen Esther auftauchte; dann fuhr er fort; »Aber wir müssen weiter, wir kommen in die stichdunkle Nacht hinein, wenn wir nicht fortmachen. Es ist noch weit und die Rosse haben schwer. Was habt ihr denn vor? Wen habt ihr da drüben in den Weiden?« »Sollst's nachher gleich erfahren. Jetzt glaub mir, daß die Mutter und ich was thun, das uns lebenslang zu gut kommt. Ich bin froh, daß mir Gott was zu thun gibt in dieser Stunde. Ich hält' ihn gern gefragt, was ich thun soll, um ihm meinen Dank zu bezeigen. Es ist ein braves gutes Wesen, und du wirst schon zufrieden sein.« Walpurga sprach so beweglich und eindringlich, daß Hansei sagte: »Ich will die Wagen mit dem Hausrat vorausfahren, kommet ihr dann nach in dem Wagen mit der Blahe, wann's euch paßt, aber bald. Der Ohm ist da und fährt euch.« Walpurga ging nach ihrer Kiste, nahm einen ganzen Anzug heraus und winkte Hansei zu, der mit den bepackten Wagen voranschritt den Berg hinan. Sie brachte die Kleider in das Dickicht am See; dort fand sie Irma neben der Mutter sitzend; die Mutter hielt sie im Arm, das Haupt Irmas ruhte an ihrer Brust. »Unsrer Irmgard wird's ganz wohl sein bei uns. Wir kennen jetzt schon einander,« sagte die Mutter. Niemand auf der Welt hat gehört, was Irma der alten Beate allein unter den Weiden am See gebeichtet hat. Die Alte hauchte ihr dreimal auf die Stirn mit warmem erlösendem Atem. »So, jetzt zieh unsre Kleider an,« sagte Beate. Tief im Dickicht zog Irma die Bauerntracht an. Sie schaute immer auf den Boden, als sie aus dem Dickicht wieder auf den Weg kam. Das war eine neue Erde, ein fremdes Dasein, das sie jetzt betrat. In der Wirtsstube sah sie Menschen und Dinge wie träumend an. Sie war aus der Tiefe des Sees wieder in die Welt gekommen. Da sind noch Menschen, da lebt alles fort, da wird gegessen und getrunken, gelacht und geplaudert, gesungen, gefahren, geritten – und alles das hatte sie schon weit, weit hinter sich gelassen. Sie war eine vom Tode Erstandene. Stumm, mit ineinandergelegten Händen saß sie auf der Bank, sie wollte nichts wissen von der Welt umher, nach Einsamkeit, nach tiefer Einsamkeit sehnte sie sich; und doch war ihr Gehör so geschärft, sie hörte, wie die Wirtin leise zu Walpurga sagte: »Das ist wohl eine Anverwandte? Die scheint nicht recht bei Trost.« Sie deutete dabei auf die Stirn. »Ihr könnt recht haben,« erwiderte Walpurga. Ein schmerzliches Lächeln zuckte über die schönen Lippen Irmas. Es gibt eine Verhüllung, die schützt; es ist der Wahnsinn. Sie fühlte es, wie wenn ein stachliges Netz sich über das Haupt legte; denn der Wahnwitz ist wohl eine Tarnkappe, unter der man verborgen leben kann, aber nur in tiefen Schmerzen. Vierzehntes Kapitel. Die Großmutter machte draußen in dem mit einer Blahe überspannten Wagen ein Bett zurecht und sagte zu ihrem Bruder, der den Wagen führte, er solle nur recht stät fahren und nicht so viel knallen; denn der Ohm Peter, genannt das Pechmännlein, stand da draußen und knallte immerwährend vor Freude, daß ihm einmal eine Peitsche und zwei Pferde zu regieren gegeben waren. »Wer ist denn die Fremde, die so zimpfer thut?« fragte das Pechmännlein, und nahm die Peitschenschnur in den Mund, wie wenn er darauf beißen müßte, um sie nicht laut knallen zu lassen. »Eine arme Kranke,« sagte Beate. Es wurde ihr schwer, das zu sagen, und doch log sie eigentlich nicht. Hansei war mit der großen Fuhre schon voran. Endlich hieß es auch bei den Frauen, es sei Zeit zum Aufsteigen. Irma sah jetzt zum erstenmal das Kind Walpurgas, und wie ihr Blick und der des Kindes einander begegneten, jauchzte das Kind hell auf und wollte zu ihr. »Ei, das ist schön!« riefen Walpurga und die Mutter zugleich. »Sie ist sonst so scheu.« Irma nahm das Kind auf den Arm und herzte und küßte es. Es war, als ob sie in dem unschuldigen Kinde die eigene Kindschaft, die in ihr gestorben und verdorben war, wieder umfaßte; ihr Blick wechselte zwischen Freude und Trauer, und die Großmutter sagte: »In dir ist ein gutes, ehrliches Herz, das spüren die Kinder, die wissen das noch. So, jetzt gib aber das Kind der Walpurga und steig auf.« Für Irma wurde die Lagerstätte auf dem Bett zurecht gemacht, und als die Großmutter aufgestiegen war, nahm sie das Kind zu sich und setzte sich mit ihm in das Innere des Wagens neben Irma. Walpurga und die Gundel saßen vorn und schauten ins Freie, der Ohm ging neben den Pferden her und betrachtete mit Wehmut die Peitsche, mit der er nicht knallen durfte. Niemand sprach ein Wort, nur das Kind lachte und plauderte und wollte immer mit Irma spielen. »Du mußt jetzt auch schlafen,« sagte die Großmutter und leise ein Lied singend, sang sie das Kind und auch Irma in Schlaf. »Wer kommt vom Berg herunter?« sagte Walpurga plötzlich zum Ohm. »Der eine ist ein Landjäger und der andre muß ein herrschaftlicher Bedienter sein.« Walpurga erschrak, als die beiden Reiter näher und näher kamen, sie erkannte Baum; sie schlüpfte schnell in den Wagen und ließ Gundel allein vorne sitzen. Die Reiter kamen näher, jetzt hielten sie beim Wagen an; das Kind wachte auf und schrie, auch Irma erwachte. Sie schaute durch die Blahe und erkannte Baum. Nur eine dünne Leinwand trennte sie von ihm. Das Pferd, auf dem Baum saß, blies die Nüstern auf, warf den Kopf hoch und schüttelte und bäumte sich, es war nur schwer im Zügel zu halten. Irma erkannte es, es war Pluto, ihr eigenes Pferd; es ist also eingefangen und zurückgebracht worden. Wenn das Pferd reden könnte, es würde sagen: Hier ist meine Herrin, hier ist sie, die ihr sucht. Irma hörte, wie Baum den Ohm fragte: »Ist Euch nicht ein Fräulein in einem blauen Reitgewand begegnet?« »Nein.« »Habt Ihr vielleicht durch einen andern von ihr gehört?« »Kein Sterbenswörtchen.« »Wen habt Ihr da im Wagen?« Irma zitterte; Walpurga faßte ihre Hand, sie war kalt; das Kind schrie laut. »Sie hören's ja, da ist ein kleines Kind drin,« sagte der Landjäger zu Baum. »Wir wollen weiter.« Die Reiter ritten davon und Irma sah noch, wie Baum ihren Hut mit der Feder an den Sattelknopf gebunden hatte. Der Wagen ging langsam bergan: die Reiter sprengten bergab. Irma küßte das Kind und sagte: »Du Herzenskind, du hast mich zum zweitenmal gerettet. Ich will auch heraus, ich will gehen.« Die Mutter wehrte ab und bat, daß sie bei ihr bleibe. Irma willfahrte, und kaum hatte sie sich wieder niedergelegt, als sie einschlief und nichts mehr davon wußte, daß ein Bauernwagen sie über die Berge trug. Mittag war schon vorüber, als hoch im Gebirge bei einer Ausspanne die Frauen auf Hansei trafen. »Wir wollen jetzt beisammen bleiben,« sagte er. Sein ganzer Zorn von früher war verflogen und war doppelt freundlich. »Ich mein', wir dürfen nicht so verzettelt in unsrer neuen Heimat ankommen. Ich hab' den Knechten genaue Anweisung gegeben, sie fahren langsam, wir holen sie mit unserm leichten Fuhrwerk immer noch ein und sind dann alle beisammen. Ich komm' mit Frau und Kind und Mutter zugleich auf unserm Hof an.« »Das ist recht, freut mich, daß du jetzt wieder so aufgeräumt bist. O, ich kenn' dich. Man muß dich, wenn du aufgereizt bist, nur ein wenig allein lassen, da kriegst du bald wieder Heimweh nach den Deinen und nach dem guten Hansei in dir selber, und bist wieder gut. Jetzt komm aber her, ich will dir etwas sagen: heut mußt du die Probe machen, ob du ein wirklicher starker Mann bist; dann will ich mein Lebtag nicht mehr anders denken, als: es ist wahr, die Männer sind stärker als wir.« »So sag, was ist's denn?« Sie führte ihn in den Garten am Wirtshause und sagte: »Du hast gewiß auch oft gehört, es hat in alten Zeiten Wichtelweibl und ???salige Fräulein gegeben, gute, segenbringende, stille Geister, die haben einem Haus immer nur Glück und Wohlstand gebracht, aber da war eine Bedingnis dabei, wenn sie bleiben sollen: man hat sie nie fragen dürfen, wie sie heißen, woher und wer sie sind.« »Ja, ja, das hab' ich alles gar oft gehört, aber jetzt glaubt niemand mehr dran.« »Du sollst auch nicht dran glauben, das verlang' ich nicht; aber eine Probe sollst du machen. Schau, die Mutter und ich, wir bringen da drin im Wagen gar ein feines und zartes Geschöpf, sie ist wohl stark und mächtig, aber eben doch besonders, und die wird bei uns bleiben; sie wird uns aber keine Last sein. Jetzt, Hansei, sag, bist du stark genug, daß du nie danach fragst, wer und woher sie sei, und sie überhaupt nie was fragen wirst? Du mußt mir einfach glauben, daß ich sie kenne und weiß, was ich thue, wenn ich sie bei uns behalte. Willst du nun auf das hin gut und getreu und brav gegen sie sein? Sag, kannst du das und willst du das?« »Soll das die Sach' sein, wo ich die schwere Prob' machen soll, ob ich ein starker Mann bin?« »Ja, das ist's, weiter nichts.« »Das kann ich, da hast du meine Hand drauf.« »Gib sie her!« »Du wirst sehen, daß ich halt', was ich versprech'. Das ist leicht.« »Hansei, es ist nicht so leicht, wie du denkst.« »Um den Preis,« entgegnete Hansei, »daß du dein Leben lang sagen willst, ein Mann ist stärker als eine Frau und kann sich eher etwas auferlegen und festhalten, um den Preis sollst du sehen, was ich vermag. Deine gute Freundin soll auch meine gute Freundin sein. Sie ist doch aber nicht verrückt und beißt nicht?« »Nein, da kannst du ruhig sein.« »Gut, abgemacht, kein Wort mehr.« Walpurga ging mit Hansei an den Wagen, schlug die Blahe zurück und sagte: »Irmgard! Mein Mann will dir auch Willkommen sagen.« »Willkommen!« sagte Irma und streckte Hansei die Hand entgegen. Erst als Walpurga ihm die Hand emporhob, reichte er sie Irma dar; er war ganz starr vor Staunen. Als man nun weiterfuhr und Hansei mit seiner Frau dem Wagen voraus bergan ging, sagte er: »Weib, wenn's nicht Tag wär und du und die Mutter und unser Kind da ... wenn ich nicht wüßte, daß ich bei Verstand bin und alles das wahr ist – ich thät' glauben, du hättest leibhaftig ein saliges Fräulein da drin im Wagen. Ist sie denn lahm? Kann sie denn nicht gehen?« »Ganz gut kann sie gehen.« Walpurga kehrte an den Wagen zurück und rief hinein: »Irmgard, willst du nicht auch ein wenig aussteigen und mit uns den Berg hinan gehen? Es ist gar so viel schön.« »Ja, gern!« antwortete es drin. Irma stieg aus und ging eine Weile mit den beiden. Hansei schielte immer zaghaft nach ihr hin. Die Fremde hinkte, es ist vielleicht doch wahr, die Seejungfrau hat einen Schwanenfuß und kann nicht gut gehen. Er schielte nach ihren Füßen, die waren aber ganz wie die andrer Menschen. Nun wagte er's, sie immer weiter herauf zu betrachten. Sie hat die Kleider seiner Frau an, und schön ist sie, mächtig schön. Er lüftete mehrmals den Hut, der Kopf ward ihm so heiß. Was ist denn wahr auf der Welt und was nicht? Ist denn seine Frau doppelt auf der Welt und hat noch eine andre Gestalt? Walpurga blieb zurück und ließ die beiden allein miteinander gehen. Irma überlegte, was sie zuerst zu Hansei sagen könne; sie wollte mancherlei beginnen, aber verwarf es wieder. Sie war zum erstenmal in ihrem Leben in demütiger Lage. Wie spricht man da zu einem Niederstehenden? Endlich sagte sie: »Du bist ein glücklicher Mann, du hast Frau und Kind und Schwiegermutter, wie man sich alles nicht besser auf der Welt wünschen kann.« »Ja, ja, sie sind schon ordentlich,« sagte Hansei. Er spürte doch etwas von dem gönnerischen Ton, der im Lobe Irmas lag, obgleich sie ihn gar nicht gewollt hatte. Er hatte bestätigend geantwortet und hätte doch eigentlich gern gefragt: kennst du sie denn schon lang? Aber er besann sich, daß er versprochen hatte, nicht zu fragen. Walpurga hat doch recht, das ist eine harte Nuß. Er bewegte die Zunge im Mund hin und her, es war ihm, als ob die Hälfte davon gebunden wäre. »Hier ist die Gegend rauh; droben, wenn wir in unsre neue Heimat kommen, ist sie wieder linder,« sagte er endlich. Es hatte lang gedauert, bis er das so sagen konnte, denn er hatte fragen wollen, ob die Fremde schon einmal hier in der Gegend gewesen; aber er darf ja nicht fragen, und das Umsetzen dessen, was man fragen will, ist ein schwer Stück Arbeit. Irma fühlte, daß sie dem Mann etwas Beruhigendes sagen müsse, und sie begann: »Hansei,« sein Gesicht wurde ganz hell, da sie ihn beim Namen nannte. »Hansei, laß dich dünken, du kennst mich schon lang. Sieh mich nicht als eine Fremde an. Ich bitte sonst nicht gern, aber dich bitt' ich. Ich weiß, du thust's, du hast ein braves Gesicht, und es kann auch nicht anders sein, der Mann von der Walpurga, mit dem sie so glücklich ist, muß ein guter Mann sein. Ich bitt' dich also, hab' keine Sorge, ich will dir nicht zur Ueberlast sein.« »O, davon ist kein' Red', wir haben's ja, gottlob. Eine Kuh mehr im Stall und ein Mensch mehr im Haus, das verträgt's schon, da sei du,« er stotterte doch bei diesem Worte, »da sei du ganz ohne Sorge und ... wir haben auch einen Auszügler übernommen und ... was du nicht sagen willst, das will ich nicht wissen, und wenn dir jemand auf der Welt was anthun will, ruf nur mich, ich bin dein Annehmer und steh mit Leib und Leben für dich ein. Du bist aber allem Anschein nach noch nicht viel in den Bergen gegangen. Ich will dir einen Rat geben. Beim Bergsteigen heißt es: immer stat vorwärts und nie stehen bleiben.« Die beiden warteten auf den Wagen. Hansei verschnaufte nach seiner langen Rede; er war mit sich zufrieden und schaute froh drein. Irma setzte sich an den Wegrain. Sie war jetzt auf den Höhen, die sie gestern im Abendrot erglühen und im weißlichen Nebelhauch hatte sterben sehen. Die Riesenhäupter der Berge, die sie aus der Ferne geschaut, traten ihr jetzt nahe und erschienen noch gewaltiger. Zwischen den Wäldern war da und dort ein heller Ausschnitt von Wiese und Feld, und manchmal zeigte sich ein Haus. Drunten schäumte der Waldbach und da und dort sah man Wasser aufblinken, aber man hörte kaum sein Brausen, so tief und weit ab war es. Hansei stand bei Irma und redete kein Wort. Der Wagen kam heran, Irma stieg wieder ein, Hansei half ihr sehr manierlich dabei; er war fast daran, seinen Hut abzuziehen, als sie ihm mit freundlichem Blick und Wort dankte. »Das ist eine ganz anständige Person,« sagte Hansei zu seiner Frau. »Und ein schön Stüble für sie haben wir auch, wenn sie sich nicht vor dem alten Auszügler fürchtet.« Walpurga war glücklich, daß das Schwerste gelungen war. Da Hansei mit der Fremden gesprochen hatte, glaubte auch das Pechmännlein sich berechtigt, laut zu geben; als erstes Zeichen seines Willensentschlusses knallte er mit der Peitsche, daß es im Thal und von den Höhen wiederhallte. »Ich hab dir ja gesagt, du sollst ruhig sein!« rief die Großmutter. »Die – die – ist ja wieder gesund,« erwiderte das Pechmännlein. »Nicht wahr,« wendete er sich an Irma, »nicht wahr, das Knallen thut nicht weh?« Irma sagte, er solle sich keinen Zwang anthun, und keck gemacht, fragte das Pechmännlein: »Wie heißt man dich denn?« »Irmgard.« »So? So hat meine Frau auch geheißen, und wenn dir's recht ist, heirat' ich noch einmal eine Irmgard! Ich hab' ein halbes Häuschen und eine ganze Ziege; aufs Häuschen bin ich noch schuldig, aber die Ziege ist bezahlt. Sag, willst du mich?« »Mach keine solche Possen, Peter!« rief Beate; es war ihr aber doch lieb, daß etwas Scherzhaftes gesprochen wurde. Das Pechmännlein lachte laut und war sehr zufrieden mit sich. Ja, der Hansei, der ist freilich jetzt der Freihofbauer, aber so mit den Menschen reden kann er doch nicht. Das Pechmännlein war gar unterhaltsam, und als er nichts mehr zu reden wußte, brach er Erdbeeren, die am Wege standen und hier oben erst so spät reif wurden, und brachte sie auf ein Haselnußblatt gelegt Irma dar. Ja, gute Lebensart hat der Peter, das sieht er an den Mienen seiner Schwester ab, die ihm jetzt zulächelt. Die Reise zur neuen Heimat ging ohne weitere Fährlichkeiten vor sich. Als man des Heimatortes ansichtig wurde, vor der Gemarkung, bat die Großmutter, daß man anhalte. Sie stieg ab, ging in den Wald hinein, kniete nieder, legte das Antlitz auf den Boden und rief: »Gottlob, daß ich dich wieder habe! Trag mich noch lange gut und laß mich und die Meinen gesunde Tage leben auf dir, und nimm mich gut auf, wenn meine Stunde kommt!« Sie ging wieder zum Wagen zurück und sagte: »Grüß Gott miteinander! Jetzt sind wir daheim. Schau, dort oben das Haus mit der großen Linde, das ist der Freihof, dort bleiben wir.« Auch Gundel mit dem Kind stieg ab, nur Irma blieb im Wagen, die andern alle wanderten zu Fuß dahin. Man kam durch das Dorf im Thal, von dem der Freihof fast noch eine Stunde entfernt war. Bei der Einfahrt ins Dorf knallte das Pechmännlein laut; alle Leute sollen sehen, mit welcher Verwandtschaft und mit wie vielem Besitztum er nun einzieht. Man kam an einem kleinen Häuschen vorüber. »Da bin ich geboren,« sagte die Großmutter zu Hansei. »Vor dem Haus zieh' ich den Hut ab,« erwiderte Hansei, und that, wie er sagte. Am Wirtshaus, nicht weit vom Rathaus und der Kirche, hielten die Wagen, die vorausgefahren waren; die Leute hatten sich versammelt, um den neuen Freihofbauer und die Seinen zu sehen. Das Pechmännlein als Oberzeremonienmeister zeigte Walpurga die Bürgermeisterin. Walpurga ging auf sie zu und auch Beate war glücklich, denn die Mutter der Bürgermeisterin war auch da, in deren Hause sie damals, als sie noch in die Schule ging, bereits als Kindermagd gedient hatte; sie fragte nach dem Knaben, den sie damals gewartet. »Der ist gestorben,« hieß es, »aber da steht sein Sohn.« Ein baumstarker Bursche ward herbeigerufen, aber er wußte kein Wort zu sagen, als Beate erzählte, sie habe dessen Vater, als er noch ein kleines Kind war, gehütet. Das halbe Dorf umstand die Ankömmlinge, man plauderte lange. Irma lag im Wagen, hier auf offenem Markt, und die Menschen, denen sie sich angeschlossen, vergaßen ihrer. Die Großmutter war die erste, die sich ihrer wieder erinnerte; sie kam zu ihr und sagte: »Verzeih, daß wir so dein vergessen, aber es geht jetzt bald weiter und heim.« Irma entgegnete, daß man sich nicht um sie kümmern solle. Die Großmutter verstand nicht ganz, was im Tone Irmas lag. Hier auf offener Straße in dem bedeckten Bauernwagen, beim lauten Gerede der vielen Menschen, hatte eine Wehmut sie durchzuckt, daß sie der Mildthätigkeit anheim gegeben, sie, der einst alles gehuldigt, so vergessen war; aber schnell gewann sie die Kraft ihres Wesens wieder. Besser so, dann bist du allein. Man fuhr endlich davon. Wieder ging es bergauf. Die Großmutter war ganz glückselig und grüßte alles. Die Pflaumenbäume standen so voll und die Aepfelbäume an der neuen Straße, die sie hier in ihrer Jugend hatte pflanzen sehen, waren jetzt so groß und breit und beugten sich unter der Last ihrer rotwangigen Früchte. Die Großmutter sagte oft: »Ich hab' mir's gar nicht mehr so weit gedacht. Nein, ich hab' sagen wollen, ich hab' mir's weiter gedacht – o Gott, wie red' ich denn? Ich mein', die Welt wär zusammengeschnurrt. Kinder, ich sag' euch, ihr werdet Großes erleben, Gutes, Schönes. Komm, gib mir das Kind,« rief sie zu Gundel und nahm Burgei auf den Arm; ihr Antlitz strahlte. »Burgei, da wirst du singen und da hab' ich gesungen, und da hab' ich deine Mutter auf dem Arm getragen, wie jetzt dich. Da! So! Gib das dem Vogel.« Sie hatte Brot aus der Tasche geholt und gab dem Kinde Brosamen, sie den Vögeln am Weg zu streuen, und sie selbst warf immer kleine Brotstücke nach rechts und links. Sie sprach kein Wort mehr, aber ihre Lippen bewegten sich leise. Fünfzehntes Kapitel. Als man gegen das Haus kam, wieherte das weiße Füllen den Ankommenden entgegen. »Das ist ein guter Angang!« rief Hansei. Die Mutter setzte das Kind auf den Boden, nahm ihr Gesangbuch aus der Kiste, und das Gesangbuch mit beiden Händen fest auf die Brust gedrückt, so ging sie hinein in das Haus, den andern voran. Hansei stand an der Stallthür, nahm sein Stück Kreide aus der Tasche und schrieb C.M.B. und die Jahreszahl auf die Stallthür: dann ging er auch in das Haus, seine Frau mit dem Kind und Irma folgten ihm. Die Großmutter klopfte dreimal an die Stubenthür, dann trat sie ein und drinnen legte sie das Gesangbuch offen, daß die Sonne darin lesen kann, auf das Fenstersims. Es war kein Tisch, kein Stuhl da. Hansei reichte in der Stube seiner Frau die Hand und sagte: »Grüß Gott, Bäuerin!« Von diesem Augenblicke an hieß Walpurga »Bäuerin« und nie mehr anders. Nun wurde Irma ihr Stübchen gezeigt. Es hatte die Aussicht über Wiese und Bach und den nahen Wald. Irma schaute sich um im Zimmer. Da war nichts als ein grüner Kachelofen, die Wände kahl, und sie hatte nichts bei sich. Im Vaterhaus und im Schloß waren Stühle und Tische, Pferde und Wagen – und hier? Dem Toten folgt nichts nach. Irma kniete im Fenster und schaute hinaus über Wiese und Wald, wo jetzt die Sonne unterging. Wie war's gestern – war's erst gestern? – als du die Sonne untergehen sahst? Nichts Festes stand vor ihrer Seele. Wirr schwamm alles durcheinander. Sie hielt die Hand an die Stirn, die das weiße Tuch umschloß. Ein Vogel schaute zu ihr auf von der Wiese, und als ihr Blick ihn traf, flog er auf, waldeinwärts. Der Vogel hat sein Nest, sprach es in ihr, und du? Sie richtete sich plötzlich stramm auf. Hansei kam in den Grasgarten vor Irmas Fenster, nahm den Kirschbaumsetzling vom Hut und pflanzte ihn in den Boden. Die Großmutter stand dabei und sagte: »Ich wünsche, du mögest mit gesunden Gliedern auf den Baum steigen und Kirschen brechen, und deine Kinder und Enkel auch.« Es gab viel zu thun und zu ordnen im Haus und es kommt leicht in solcher Unruhe, daß die liebsten zusammengehörigen Menschen einander im Weg sind wie die Schränke und Tische, die noch nicht am gehörigen Platze stehen; der beste Beweis von der Friedfertigkeit dieser Menschen hier war, daß jedes dem andern mit Freude und Willigkeit, ja mit Scherz und Gesang in die Hände arbeitete. Walpurga brachte das beste von ihrem Hausrat ins Zimmer Irmas. Hansei redete kein Wort drein. »Ist dir's nicht zu einsam hier?« fragte Walpurga, als sie alles, soweit es die Eile zuließ, hergerichtet hatte. »Gar nicht. Es kann mir nirgends auf der Welt einsam genug sein. Du hast jetzt viel zu thun, kümmere dich nicht um mich, ich muß mich auch jetzt erst in mir einrichten. Ich sehe, wie gut du und die Deinigen. Das Schicksal hat mich gut geführt.« »O, sag doch nicht so was! Wenn du mir nicht das Gold gegeben hättest, hatten wir den Hof nicht kaufen können. Du bist eigentlich auf deinem Eigenen.« »Sprich nicht mehr davon!« fuhr Irma auf. »Nie mehr! Ich will nichts hören von jenem Gold.« Walpurga versprach's und sagte nur noch, daß Irma keine Furcht haben solle, wenn der Alte, der über ihr wohne, manchmal mit sich allein laut spräche und Lärm mache; es sei ein alter blinder Mann, dem die Kinder arg mitgespielt, aber er sei nicht bösartig und thue niemand was zuleide. Walpurga wollte wenigstens die erste Nacht Gundel bei Irma lassen, aber diese wünschte allein zu sein. »Und du bleibst bei uns,« sagte Walpurga zaghaft, »und nicht wahr, du kriegst so einen bösen Gedanken nie mehr?« »Nein! Nie mehr! Aber sprich nicht. Mir thut die Stimme weh, auch die deinige. Gute Nacht! Laß mich allein.« Irma saß am Fenster und starrte hinein in die dunkle Nacht. Ist das erst ein einziger Tag, seitdem sie so Ungeheures erlebt? Plötzlich sprang sie schaudernd auf, sie sah aus der Nacht empor das Haupt der schwarzen Esther tauchen, sie hörte ihren letzten Schrei, sah das verzerrte Gesicht und die wilden schwarzen Strähnen ... das Haar auf ihrem eigenen Haupte sträubte sich empor ... sie dachte sich hin in den tiefen Grund des Sees, wo sie jetzt tot läge ... Sie öffnete das Fenster, eine würzig milde Luft drang zu ihr ein, sie atmete Frische. Sie saß lange am offenen Fenster, da hörte sie plötzlich über sich lachen. »Oho! Ich thu' euch den Gefallen nicht! Ich sterbe nicht! Ich sterbe nicht! Etsch! Etsch! Hundert Jahre will ich leben, und dann laß ich mir noch einmal Urlaub geben.« Es war der alte Auszügler, der über ihr sprach. Nach einer Weile fuhr er fort: »Ich bin nicht so dumm, ich weiß, daß jetzt Nacht ist. Und der neue Bauer und die Bäuerin, die sollen mir zappeln! Ich bin der Jochem, Jochem heiß ich, und was die Leut verdreißt, das thu' ich mit Fleiß. Hahaha! Sie müssen mir eine Entschädigung dafür geben, daß ich kein Licht brauche. Davon laß ich nicht und wenn ich bis zum König gehen muß.« Irma durchzuckte es, als der König über ihr angerufen wurde. »Ja, ich geh' zum König, zum König, zum König!« rief der Alte oben, als wüßte er, daß dies Wort Irma wie eine Flamme ins Antlitz schlug. Das Fenster über ihr wurde zugeschlagen, ein Stuhl wurde gerückt, der Alte legte sich zu Bette. Irma sah noch immer hinein in die dunkle Nacht. Kein Stein stand am Himmel, nirgends ein Licht und man hörte nichts, als das Rauschen des Baches und das Rauschen des Waldes. Die schwarze Nacht war wie ein tiefer Abgrund. »Bist du noch wach?« fragte eine linde Stimme draußen. Die Großmutter war herbeigekommen. »Ich hab' da auf dem Hof als Magd gedient,« sagte sie, »jetzt vor vierzig Jahren, und da soll ich nun die Mutter von der Bäuerin sein und fast gar die erste auf dem Hof. Aber du liegst mir immer im Sinn. Ich muß mir immer ausdenken, wie es dir im Herzen ist. Jetzt will ich dir was sagen: Komm noch einmal heraus, ich führ' dich wohin, wo dir's gut thut. Komm!« Irma ging mit der Alten in der dunklen Nacht. Das war eine andre Führerin als gestern. Die Alte führte sie an den Röhrbrunnen; sie hatte ein Gefäß mitgebracht und gab's ihr. »Komm, trink. Gutes kaltes Wasser ist das beste. Wasser ist ein Tröster für den Körper, macht kühl und ruhig, da badet man sich inwendig. Ich weiß auch, wie's ist, wenn man Kummer hat; da brennen die Eingeweide, wie wenn Feuer darin wäre.« Irma trank vom Gebirgswasser. Es war wie lindernder Tau, der sich durch ihr ganzes Wesen ergoß. Die Mutter geleitete sie wieder in ihr Zimmer und sagte: »Du hast noch das Hemd an, das du im Schloß getragen. Du wirst sehen, du wirst die Gedanken an dort nicht eher los, als bis du das Hemd verbrannt hast.« Die Alte that es nicht anders, und Irma war folgsam wie ein kleines Kind; sie mußte ein grobes Hemd anziehen, das die Mutter schnell herbeigeholt, und jetzt brachte sie Licht und Holz herbei und verbrannte das Hemd am offenen Feuer. Irma mußte sich die langen Nägel abschneiden und sie ins Feuer werfen. Dann entfernte sich Beate wieder schnell und kam zurück mit dem Reitkleide Irmas. »Du mußt einmal einen Schuß bekommen haben, da sind ja Kugeln drin,« sagte sie, das lange blaue Gewand ausbreitend. Ein Lächeln zog über das Antlitz Irmas; sie fühlte die am Langteil des Reitrocks eingenähten Bleikugeln, vermittelst deren das langflatternde Gewand besser in Falten lag. Beate hatte aber noch etwas Gutes gebracht; es war ein Rehfell. »Das schickt dir mein Hansei,« sagte sie. »Er meint, du seist vielleicht gewöhnt, deine Füße weich zu stellen. Er hat das Reh selber geschossen.« Irma erkannte die Gutherzigkeit des Mannes, der ihr, einer Unbekannten und Rätselhaften, solche Liebe erwies. Die Großmutter saß am Bette Irmas, bis sie einschlief; dann hauchte sie die Schlafende dreimal an und verließ die Stube. Tief in der Nacht erwachte Irma. »Zum König! Zum König! Zum König!« hatte es dreimal laut gerufen. Hatte sie selbst gerufen oder der Mann über ihr? Irma griff sich an die Stirn, sie faßte die Binde. Ist das Seegras, das sich um sie gelegt? Liegt sie lebendig tief im Wasser? Erst allmählich wurde ihr deutlich, was alles geschehen. Zum erstenmal seit den grausenhaften Erlebnissen weinte sie, still und einsam in der Nacht. Es war Abend, als Irma erwachte. Sie fühlte nach ihrer Stirne, ein nasses Tuch war um dieselbe geschlungen. Fast eine ganze Nacht und einen ganzen Tag hatte Irma geschlafen. Die Großmutter saß vor ihrem Bett. »Du hast eine starke Natur,« sagte die Alte, »die hat dir geholfen. Jetzt ist's vorbei.« Irma stand auf; sie fühlte sich stark. Von der Großmutter geleitet, ging sie nach dem Wohnhause. »Gottlob, daß du wieder wohl bist,« sagte Walpurga, die mit ihrem Manne hier stand, und auch Hansei sagte: »Ja, das ist brav.« Irma dankte und schaute auf nach dem Giebel des Hauses. Was sprach da zu ihr? »Nicht wahr –« sagte Hansei, »dem Haus ist ein gutes Wort auf die Stirne geschrieben?« Irma zuckte. Sie las auf dem Giebel des Hauses die Inschrift: Trink und iß, Gott nicht vergiß, Bewahr dein Ehr', Dir wird nit mehr Von all deiner Hab' Denn ein Tuch ins Grab. Sechstes Buch. Erstes Kapitel. Durch die Flucht Irmas war das Leben des Lakaien Baum plötzlich leer. Er kam an die Stelle zurück, wo Irma seiner warten sollte und nun verschwunden war, er starrte ins Weite und sah nichts. Ein Hund, der der Spur seines Herrn folgen muß, ist besser dran, ihm zeigt der Naturtrieb die Fährte, der Mensch aber muß sich besinnen. Ist das eine Flucht? Wohin? Warum? Was ist da die Pflicht des Untergebenen? Darf er diejenige verfolgen, die ihn zurückgejagt. Den Hund hat sie noch ehrlich und offen zurückgejagt, der Diener aber wird betrogen, dafür ist er ein Mensch. »Schämen Sie sich, Gräfin! Einen armen Bedienten, der gehorchen muß, so zum Narren zu haben.« So sprach Baum vor sich hin. Er fühlte, daß er zum erstenmal die große Probe machen muß, ein denkender Diener zu sein. Vielleicht stand in den Briefen, die er mitgebracht, eine Bestellung auf heut abend. Man ist zur Jagd. Man trifft sich im Wald. Man kann doch nicht offen nach Wildenort kommen. Man ist doch erst so kurz in Trauer. Man will auch den Diener nicht wissen lassen. Aber warum nicht? Er ist ja so gern verschwiegen. Vielleicht aber ist die Gräfin entflohen. Warum? Wohin? Man hat ihm so viel Zutrauen geschenkt – der Oberkämmerer hat ihm noch gesagt: Sie sollen immer um die Gräfin bleiben, immer – verstehen Sie? – und sollen sie zurückgeleiten an den Hof. Hatte man denn dort eine Ahnung, daß sie entfliehen will? Warum gab man ihm nur halbes Zutrauen? »Ich bin unschuldig!« rief Baum in die Luft hinein. Aber was nützt unschuldig? Gescheit muß man sein. Baum hatte gute Lehren von seinem Meister, dem ersten Kämmerer der Baronin Steigeneck. Ein guter Bedienter, hatte dieser ihm gesagt, muß immer zwei Dinge bei sich haben: ein scharfes Messer und eine richtig gehende Uhr. Wenn dir was passiert, das dich aus der Fassung bringt, nimm deine Uhr heraus, zähle zehn Sekunden ab, dann überlege, was du zu thun hast. Das ist eine gute Lehre, sie hat nur wie viele andre gute Lehren das Schlimme, daß man inmitten der Verwirrung sich ihrer nicht erinnert. Baum ritt zurück ins Schloß; vielleicht ist die Gräfin auf der andern Seite wieder heimgeritten, vielleicht weiß das Kammermädchen, wohin sie reiten wollte. Er kam zum Kammermädchen. »Ist Ihre Herrin da?« »Nein, sie ist ja mit Ihnen weggeritten.« »Wissen Sie nicht, wohin sie wollte?« »Sie ist von Ihnen fort? Ach Gott, nun führt sie's aus!« »Was denn?« »Ich habe schon dem Herrn Flügeladjutanten gesagt, ich fürchte, sie tötet sich. Ich glaube, sie hat Gift bei sich oder einen Dolch. Sie tötet sich!« »Wenn sie sich mit Gift oder Dolch töten wollte, hätte sie das ja in ihrem Zimmer thun können,« erwiderte Baum. »Ja, ja. Noch in der letzten Nacht hat sie aus dem Traum gerufen: tief in den See! Ach, du lieber Himmel, meine schöne gute Gräfin ist tot! O ich unglückseliges Geschöpf, was wird aus mir?« Baum suchte die Klagende zu beruhigen und fragte, ob die Gräfin nicht irgendwo ein Schreiben hinterlassen. Der Schreibtisch stand offen, es lagen zerstreute Papiere darauf; man fand den an die Königin überschriebenen Brief. Baum wollte ihn zu sich nehmen, aber die Kammerjungfer hielt ihn fest; sie duldete nicht, daß ein Fremder die Geheimnisse ihrer Herrin durchforschte. Plötzlich, inmitten des Streites, zog Baum seine Uhr heraus. Jetzt hatte er sich der Abzählung der zehn Sekunden erinnert; er sah starr auf das Zifferblatt, und als er zehn gezählt hatte, nickte er, er hat Ruhe und Besonnenheit gefunden, – Gut, die Kammerjungfer soll den Brief überbringen, damit ist nichts gewonnen und nichts verloren, er selber aber will zeigen, daß er das höhere Zutrauen verdient. Seine Aufgabe ist, nun Nachforschungen anzustellen, vielleicht rettet er doch noch. Während sich die Kammerjungfer abwendete und schnell den Brief zu sich steckte, sah er einen andern Brief, überschrieben: »Dem Freunde.« Schnell erkannte er, daß dieser viel mehr wert, und steckte ihn zu sich. Der Freund kann nur einer sein, er weiß, wer es ist. Die Kammerjungfer hatte das Knittern des Papiers gehört und verlangte die Schrift zurück. Baum verließ schnell das Zimmer und berief die Diener des Hauses. Die Kammerjungfer folgte ihm; er verwandelte sich nun schnell aus dem Angegriffenen in den Angreifer, er verlangte den Brief an die Königin, um ihn zu entsiegeln und daraus die Spur zu entnehmen, wohin die Gräfin entflohen, er machte die Dienerin verantwortlich für alle Folgen. Sie flüchtete vor ihm und er verfolgte den Plan nicht, denn er wußte nicht, ob er den Brief entsiegeln durfte, und jedenfalls hat er nun den wichtigeren an den König unbestritten. Er befahl dem Reitknecht, daß er noch ein Pferd sattle und mit ihm reite. Das Abendrot glänzte bereits auf den Fenstern des Schlosses, als die beiden hinausritten. Aber wohin? Der Wegknecht wurde ausgefragt – er hatte nichts von der Gräfin gesehen. Dort trieb der Schäfer heim – die beiden ritten auf ihn zu, der Schäfer nickte auf die Frage, ob er die Gräfin gesehen, aber man konnte ihn nicht hören vor dem lauten Blöken der Schafe; Baum stieg ab und vernahm, daß die Gräfin in gestrecktem Galopp den Weg nach dem Gamsbühel geritten sei. »Die sitzt fest, die kann gut reiten,« lobte der Schäfer. Nun war doch eine Spur da. Die beiden jagten den Weg dahin. Als sie bei der Bergmulde am ausgetrockneten Sumpf anlangten, hörten sie ein Pferd wiehern. Sie ritten darauf zu. Da stand das Reitpferd Irmas und graste ruhig, aber dicker Schaum lag auf Zaum und Gurt. »Die Gräfin ist gestürzt, wer weiß, wo sie verschmachtend liegt,« sagte Baum. – Er wollte noch behutsam sein und dem Reitknecht nicht voreilig alles mitteilen. Sie suchten nun rings umher und riefen; sie fanden nichts und erhielten keine Antwort. Baum entdeckte Doppelspuren des Pferdes, vor- und rückwärts. Sie nahmen das Pferd Irmas mit, stiegen aber nicht mehr auf, sie mußten genau darauf achten, wo die Spur der Pferdehufe hinführt. Nur dem scharfen Auge Baums gelang es, die Huftritte in dem Halbdunkel noch zu erkennen. »Hätten wir nur den Hund bei uns, der kennt sie. Warum hast du nicht den Hund mitgenommen?« fragte er ärgerlich. »Sie haben mir ja nichts gesagt.« »Reite zurück und hol ihn! Nein, bleib, ich kann nicht allein sein.« Sie kamen bis zum Gamsbühel. »Geh abseits, in den Wald,« rief Baum. Sein gutes Messer war jetzt am Platze; er holte Reisig, band es zu einer Fackel zusammen, zündete es an und leuchtete damit umher. Er fand die Spuren. Hier hatte das Pferd umgewendet, hier waren noch die Tritte von einem Damenfuß, mehrere Schritte rückwärts, dann verlor sich die Spur. »Hier muß sie sein,« rief Baum, »hier ist sie in den Wald hinab. Ich kenne Weg und Steg. Du gehst links mit den beiden Pferden, ich gehe mit dem einen rechts. Du entfernst dich aber nicht weiter, als du meine Stimme hören kannst.« Sie suchten und riefen durch den mächtigen Wald, sie fanden nichts. Endlich kamen sie wieder zusammen. Ein Hirsch schoß an ihnen vorbei. Wenn der hätte reden können, er hätte ihnen gesagt, wo Irma ihn aufgescheucht, es war wohl eine Stunde weit abseits. »Wenn du sie findest, bekommst du einen guten Lohn,« sagte Baum zu dem Reitknecht. Er sprach zu einem andern, was er sich dachte, daß sein oberster Herr zu ihm sprechen würde. Fast die ganze Nacht irrten sie mühsam durch den Wald, und endlich mußten sie sich niederlegen und den Tag abwarten; es war nirgends ein Weg mehr, um die Pferde zu führen. Der Tag war schon lange erwacht, als die beiden Suchenden die Augen aufschlugen. Von ferne blinkte der See und auch hier herauf klang ein Ton von der Musik, und wo die beiden standen, warfen die Felsen das stärkste Echo von den Böllerschüssen zurück. Baum nahm die Pistolen aus den Satteltaschen und feuerte sie nacheinander ab, dann lauschte er mit angehaltenem Atem; vielleicht ist Irma hier irgendwo, sie hört die Schüsse und gibt ein Zeichen. Man vernahm keinen Laut. Die beiden fanden einen Holzweg, der abwärts nach dem See führte. Sie kamen ans Ufer. Da lag der spiegelglatte See, stundenweit sich hinstreckend; wer weiß, was er in seinem Grunde birgt. Dort in der Ferne schwimmt ein Kahn, Menschen und Tiere sind darin. Jetzt landet der Kahn. Baum und sein Gefährte wendeten sich nach der andern Seite, wo zerstreute Bauernhäuser und Fischerhütten lagen; Mann und Pferd waren abgemattet, sie mußten sich erfrischen. Baum fragte jeden Begegnenden, ob man nicht eine vornehme Frau in blauem Reitgewand mit einem Federhut gesehen habe. Nirgends eine Spur. »Doch ja,« sagte endlich ein altes Männlein, das Weiden schnitt am See. »Wo? Wann?« »Da drüben im Wirtshaus. Es ist jetzt bald ein Jahr, da hat sie viele Wochen dort gewohnt.« Baum fluchte auf das einfältige Bauernvolk. Glücklicherweise traf er hier einen Landjäger. Er sagte ihm, was er sei und was er suche, schickte den Reitknecht mit dem Damensattel zurück nach Wildenort, legte seinen Sattel dem Pluto auf und ritt nun mit dem Landjäger am See entlang. Da sahen sie auf einem Felsen am Ufer eine Gestalt, die einen Federhut hochhielt. Sie ritten rasch darauf los. Baum erschrak so sehr, daß er die Steigbügel verlor; er erkannte seinen Bruder Thomas. Wenn er die Gräfin beraubt und ermordet hat? Der Landjäger erkannte den wilden Gesellen. Thomas starrte die beiden grinsend an, sein Haar war naß und seine Kleider troffen. »Was machst du da?« rief der Landjäger. »Was hast du da für einen Hut?« »Der wird dich nichts angehen!« antwortete Thomas, und seine Zähne klapperten. Baum nahm eine Flasche mit Branntwein heraus und reichte sie dem von Frost Geschüttelten, Thomas trank mit mächtigem Zuge; dann erzählte er mit einer Mischung von Wut und Jammer, die Geliebte des Königs sei gestern nachts zu ihnen auf die Wurzhütte verirrt und habe seine Schwester verleitet, daß sie mit ihr sich in den See stürze; er sei zu spät gekommen, im Wasser habe er etwas schwimmen gesehen, er sei hineingesprungen, um sie zu retten, habe aber nichts gefunden als den Hut. Der Landjäger wollte diese Erzählung nicht glauben und Thomas sofort verhaften. Baum sagte ihm leise ins Ohr, es sei wohl sicher, daß die Dame sich ertränkt habe und hier kein Mord vorliege. Er wollte doch seinen Bruder nicht verhaften lassen, es regte sich etwas wie Mitleid in ihm, und er sagte zu Thomas: »Komm her, wir wollen einen Tausch machen. Da, ich geb' dir meine Flasche, es ist noch viel darin, gib du mir den Hut.« »O nein, ich weiß, wem der Hut gehört; der ist viel wert, den bring' ich dem König!« »Hat er seinen Schatz nicht mehr, Hat er doch den Hut. Und wenn die alt versoffen ist, Da schmeckt eine neue gut. Juchhe!« sang Thomas mit lallender Zunge, warf den Hut in die Höhe und fing ihn wieder auf. Der Landjäger wollte Thomas ins Gesicht schlagen, aber Baum hielt ihn ab; er ging auf Thomas zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. Thomas zuckte zusammen, er ward plötzlich ruhig und schaute Baum ängstlich an. Baum sprach sehr herablassend mit Thomas und dieser schaute ihn immer mit offenem Munde an, als müsse er sich auf etwas besinnen, was er nicht sagen konnte; diese Stimme, die Hand auf seiner Schulter machten einen ganz andern Menschen aus ihm; der wilde, mordsüchtige Bursche weinte. »Willst du mir den Hut für ein Goldstück geben oder willst du dir ihn mit Gewalt nehmen lassen? Du siehst, wir sind zwei und sind Meister über dich,« schloß Baum. Ohne ein Wort zu erwidern, reichte Thomas den Federhut hin, und als ihm Baum das Goldstück reichte, konnte Thomas die Hand nicht schließen, er schaute verwirrt bald auf das Goldstück, bald auf den Geber. Baum redete ihm nachdrücklich zu und sagte, er solle, wenn er noch eine Mutter habe, ihr auch etwas von dem Gelde geben. »Eine Mutter?« lallte Thomas und sah Baum gläsernen Blickes an. »Eine Mutter?« wiederholte er, es schien eine Erinnerung in ihm zu erwachen. Der Landjäger bewunderte den Edelsinn des Hoflakaien; das ist doch gar ein feiner Mensch. Nun berichtete Thomas von neuem, daß Irma gestern nacht bei ihnen in der Hütte gewesen, und die Mutter wisse noch mehr von ihr, mit der sei sie allein gewesen. Die beiden verlangten die Mutter zu sprechen. Thomas begleitete sie bergauf nach der Hütte. Unterwegs erzählte der Landjäger dem Lakaien die Familienverhältnisse des Thomas und schloß: »Sehen Sie, der Mensch da ist ein Raufbold und vielfach bestrafter Wilderer; ich hab' ihm schon oft geraten, er soll nach Amerika auswandern, da kann er jagen genug. Und er hat einen Bruder in Amerika, einen Zwillingsbruder, das muß aber ein grundschlechter Mensch sein, wenn er nicht gestorben ist, er hat seiner Mutter und seinem Bruder noch nicht ein Wort geschrieben und nie so viel geschickt, was man in einem Auge leiden kann; aber freilich, so werden die Menschen in Amerika; aus meinem Ort sind viele drüben, sie sind alle nichts nutz, sie denken alle nur an sich.« Baum lächelte dem Erzähler zu, er bedurfte seiner ganzen Haltung und redete kaum ein Wort; er mußte sich vorbereiten, wie er nun wiederum seiner Mutter begegne, und es war ärgerlich, daß sie jetzt in diese Sache verwickelt war; er brauchte jetzt seine Gedanken anderswohin. Der Landjäger suchte den Weg kurzweilig zu machen und wußte viele Verbrechergeschichten zu erzählen, er war ja thätig darin; nur haben diese Geschichten das Unangenehme, daß man selbst sauber sein muß, wenn man sie hört. Baum winkte ihm immer gnädig zu; er darf ja mit keiner Miene verraten, daß der verlorene Mensch, der da vorausschreitet, ihn etwas angeht. Der Landjäger erzählte, wie ihn einmal ein Mörder, den er hatte einfangen helfen, in den Finger gebissen hatte, und er zeigte die Narbe. Endlich befreite sich Baum von diesen entsetzlichen Dingen. Er fragte den Landjäger, bei welchem Regiment er gestanden; er fragte das so gnädig, als ob er in der nächsten Minute einen Orden aus der Tasche ziehen und den Landjäger dekorieren wolle. Nun gibt es nichts Besseres, als vom ehemaligen Soldatenleben erzählen. Der Landjäger berichtete Geschichten und lachte, auch Baum lachte mit, er mußte mitlachen; der vorausgehende Thomas schaute sich grinsend um, schritt aber weiter. Man kam bei der Hütte an. Es war niemand da, die alte Zenza war verschwunden. »Die sucht gewiß auch die Esther,« sagte Thomas. »Was ist's denn mit der schwarzen Esther?« fragte der Landjäger. »Schwarze Esther« – wiederholte Thomas. – »Ha, ha! Jetzt wird sie aber der See weiß waschen. Wenn mir einer ein gutes Trinkgeld gibt, spring ich auch noch in den See.« Er warf sich auf den Laubsack und betrachtete still seine Hände, mit denen er noch in der Nacht im Wald Esther mißhandelt hatte; dann legte er den Kopf zurück und verfiel in dumpfen Schlaf. Es war nicht möglich, ein Wort aus ihm herauszubringen. Baum und der Landjäger ritten davon, sie wollten nochmals an den See, um weitere Spuren zu finden und überall Auftrag zu geben. Sie kamen aus dem Wald auf die Landstraße, wo sie dem Fuhrwerk mit der Blahe begegneten. Im ruhigen Schritt ritten sie wieder am See entlang. Eine große rotbraune Kuh ging vor den beiden Reitern dahin, fraß manchmal und schaute über den See; plötzlich, als sie an eine Hecke kam, stutzte sie, wendete sich rasch und rannte so schnell zurück, daß sie das Pferd Baums auflief. »Die Kuh ist an etwas gescheut, da liegt etwas,« sagte Baum und stieg rasch ab. Seine gefärbten Haare stiegen ihm zu Berge, da er darauf gefaßt war, in der nächsten Sekunde die Leiche Irmas zu sehen. Und richtig, er fand etwas. Hier standen die zerrissenen Schuhe Irmas, er kannte sie, hier war eine Blutspur, das Gras war niedergedrückt, hier hatte ein Mensch gelegen und sich gewälzt. Die Hand Baums zitterte doch, als er die Schuhe aufnahm, und sie zitterte stärker, als er ein Pflänzchen abpflückte – es war ein einfacher Blattkelch, sogenannter Frauenmantel, das beste Bergfutter – und in diesem Blattkelch waren Blutstropfen, sie waren fast noch naß. Wenn sie sich ertränkt hätte – woher das Blut? Woher die Schuhe? Und die Schuhe so entfernt von dem Orte, wo Thomas den Hut gefunden hatte? Und hier sind viele Fußstapfen von großen Schuhen? Wenn Irma doch ermordet wäre? Wenn sein Bruder ... Sie ist tot – das ist die Hauptsache, tröstete sich Baum, und ich hab' die Zeichen. Was braucht man da noch einen Menschen ins Unglück zu bringen? Er legte das Pflänzchen mit dem Blut zu dem Brief, der »Dem Freunde« überschrieben war. Er ging mit dem Landjäger in das Wirtshaus an der Anlände, wo heute früh die Auswandernden eingekehrt waren. Hier fragte der Landjäger wiederum nach der vornehmen Dame im blauen Reitkleid. In den Mienen der Wirtin zuckte es. War das vielleicht die Wahnsinnige, die heut bei den Auswanderern gewesen? Sie waren so hin und her gelaufen, hatten Kleiderbündel getragen und die Fremde hatte so wunderlich dreingeschaut. »Du weißt etwas!« sagte der Landjäger, der Wirtin ins Angesicht starrend. »Sag's!« »Ich weiß nichts!« sagte die Wirtin. »Hab' ich denn ein Wort gesagt? Was willst du von mir?« Die ganze Furcht des Landvolkes, vor Gericht stehen zu müssen, um Zeugnis abzulegen, ward in der Wirtin lebendig, und sie hielt sich streng zurück, irgend ein Wort laut werden zu lassen. Baum merkte, daß er nicht wohlgethan, den Landjäger mitzunehmen, seine Anwesenheit schreckte die Menschen, wenn sie auch etwas mitzuteilen hatten; er schickte ihn daher fort, um selbständig weitere Nachforschungen zu halten. Baum kämmte und bürstete vor einem Spiegel seine gefärbten Haare, die heute gar widerspenstig waren. Zum erstenmal in seinem Leben war er tief bescheiden; er ist noch nicht recht der Mann dazu, um solch eine Sache auszukundschaften, und er hat auch schon zu lange verzögert, andre werden ihm den Vorteil wegnehmen, der aus dem Tode Irmas zu ziehen ist; er muß zurück ins Schloß, dort sind Leute genug, die das besser zu Ende führen können. Er suchte die Wirtin, die ihm doch etwas zu wissen schien, allein auszuforschen; aber die Wirtin war auch gegen ihn zurückhaltend, sie kannte ja seine Kameradschaft mit dem Landjäger, und es nützte ihm nichts, daß er, auf die Wappenknöpfe deutend, sich als königlichen Lakaien bekundete. Plötzlich erinnerte er sich, daß hier am See ja Walpurga wohnte; es war kaum ein Jahr her, seit er hier mit Hofrat Sixtus gereist. Irma war immer die Freundin Walpurgas gewesen, vielleicht hält sie sich bei ihr verborgen – solche überspannte Menschen sind zu allem fähig. Vor dem Wirtshaus lag noch der große Kahn. Baum ging mit seinem Pferd an Bord und befahl, daß man sofort abfahre! er gab aber doch zu, daß ein Wildheuer, der mit einem großen Handkarren voll Heu ankam, das er auf den gefährlichsten Spitzen eingesammelt, im Kahn mit überfahre. Man stieß ab. Baum legte sich auf das Wildheu, er fühlte sich in allen Gliedern wie zerschlagen. Nun fragte er die Schiffer aus, ob sie nichts von einem Ertrunkenen bemerkt hätten. Er erfuhr, daß man am Morgen einen Menschenkopf mit langen Haaren aus dem Wasser hatte auftauchen sehen, es sei wahrscheinlich ein Frauenzimmer gewesen. Baum richtete sich plötzlich auf und schaute wirr über den blitzenden Spiegel des Sees hin. »Wenn der Herr warten will,« sagte der ältere Schiffer zu Baum, »nach drei Tagen speit der See die Leiche aus.« Baum wollte nichts mehr hören; er tastete nur nach dem Papier in seiner Tasche mit der blutbefleckten Pflanze, streckte sich noch gemächlicher auf dem Heu und schlief ein; er erwachte erst wieder, als der große Kahn ans Land stieß. Es war eigentlich nicht mehr nötig, Walpurga aufzusuchen; dennoch ging er, er wollte zeigen, daß er alle Mittel und Wege versucht. Er kam nach der Gstadelhütte und klopfte an die Thür; niemand antwortete. Er schaute durch das Fenster; zwei große Katzenaugen starrten ihn an, die Katze saß auf dem Sims, sie allein war da verblieben; die Stube war wie ausgeraubt, nirgends ein Tisch, ein Stuhl. Als wenn er verzaubert wäre oder träume, ging er wieder durch den Garten zurück. Die Elster auf dem sich entblätternden Kirschbaum schnatterte, kein Mensch war zu schauen. Endlich ging ein Mann vorüber, Baum erkannte ihn, es war der Schneider Schneck. »He Mann,« rief er, »wo ist der Hansei und die Walpurga?« »Die sind über die Berge, sind ausgewandert und haben einen großen Hof gekauft, man heißt ihn den Freihof, weit drin an der Landesgrenze.« Der Schneider Schneck war sehr gesprächig und wollte wissen, ob der Herr noch etwas bringe vom König und von der Königin. Aber Baum war wortkarg; er stieg zu Pferde und ritt davon, geradeswegs nach der Sommerburg. Es war ein langer mühsamer Ritt; er griff oft nach dem Hut und den Schuhen der Gräfin, um sich zu überzeugen, daß er diese Kleinodien noch bei sich habe. Inmitten aller Erschütterung und Eile hatte er noch Fassung und Ruhe genug, sich auszudenken, wie er mit diesem Ereignis ein Schwungbrett betreten habe, auf dem er sich höher schwingen werde. Er war fortan der Vertraute des Königs, er allein konnte sagen, was und wie alles geschehen ist. Er betrachtete seine Hand, die der König ihm dankend drücken wird, ja er meinte, der König habe ihm schon die Hand gedrückt. Es kann ihm nicht fehlen, der Oberkämmerer ist altersschwach, er tritt in dessen Stelle. Freilich wär's am besten, wenn er sagen könnte, Irma sei gewaltsam ermordet worden – der Landjäger hat wie ein Spürhund da eine Fährte gefunden – aber nein, das geht nicht, er ist doch dein Bruder – wenn's ihm auch besser wäre, daß man ihn hinter Schloß und Riegel füttert, bis er stirbt. Nein, so hart will Baum nicht sein. Er faßte den guten Vorsatz, wenn er Oberkämmerer geworden, dann will er Gutes thun, ja, an seiner Mutter und seinem Bruder, die Schwester ist tot und das ist doch traurig; ganz gewiß will er es thun, wenn er noch weiter kommt und ihm der König ein groß Stück Geld und eine schöne Lebensrente gibt. Baum war so keck, Gott zu sagen, er müsse ihm dazu verhelfen, er wolle ja Gutes thun. Und wie er so durch die Nacht dahinritt und manchmal einnickte – denn es war die zweite Nacht, die er in solcher Unruhe zubrachte – schwirrte ihm alles durcheinander. An der letzten Station ließ er sein Pferd zurück und nahm Extrapost. Es war früh am Tage, als Baum vor dem Sommerschloß ankam. Nur mühselig wurde er erweckt, und es dauerte lange, bis er sicher auf dem Boden stand und sich besann, wo er war und was er bei sich hatte. Große Hofwagen wurden angespannt, aus dem Reitstall wurden die schönsten Reitpferde vorgeführt. Baum hörte kaum den Willkomm seiner Kameraden und der Bereiter. Er ging hinein ins Schloß, die Treppe hinauf; die Kniee wollten ihm brechen, so abgemattet war er. Er trat in das Vorzimmer des Königs. Der alte Oberkämmerer schnupfte schnell die Prise, die er zwischen den Fingern hielt, und reichte Baum die Hand. Baum sank auf einen Stuhl und sprach seinen Wunsch aus, sofort bei Seiner Majestät gemeldet zu werden. »Kann noch nicht, muß warten,« antwortete der Oberkämmerer. Baum hielt sich nur gewaltsam wach und auf dem Stuhl aufrecht. Zweites Kapitel. Der König war schon in der Frühe in seinem Kabinett. Er verweichlichte sich nie, und in Überwindung von Strapazen übertraf ihn keiner am Hofe. Jahraus jahrein begab er sich des Morgens in ein kaltes Bad und kam dann neu belebt zur Arbeit und zur Gesellschaft. Eine bequeme Kleidung kannte er nicht, vom Bad aus ließ er sich stets sofort vollgerüstet kleiden. Heute trat er im Jagdkostüm in sein Kabinett, es war noch mehreres zu erledigen. Dieses Arbeitskabinett befand sich im Mittelbau, im sogenannten Kurfürstenturm. Es war ein großes hohes und dabei doch behagliches Gemach. Ringsum die Handbibliothek, militärische Karten und besondere Lieblingsstücke der Plastik, teils Antiken, die er als Prinz sich auf seinen Reisen erworben, teils schöne Nachbildungen. Ein Briefbeschwerer bestand aus einer Pyramide zusammengelöteter Flintenkugeln vom Leipziger Schlachtfelde. Die eichenen Möbel waren im Stil der Renaissance. In der Mitte stand der große Schreibtisch, darauf alles Nötige wohlgeordnet; ein einziges Aquarellbild, die Königin als Braut darstellend, befand sich zur Rechten des Stuhls. Der König trat ein, er drückte auf eine Klingel, die auf dem Schreibtische stand, der geheime Kabinettsrat betrat das Gemach. Er reichte nacheinander mehrere Papiere hin, der König durchflog sie und unterzeichnete mit rascher Hand. Der vortragende Rat erstattete Bericht über Angelegenheiten des Hausministeriums. Der König ging dabei im Kabinett auf und ab. Plötzlich rief er: »Was ist das?« Er hörte im anstoßenden Gemach ein Rücken und Heben und scharrende Menschenschritte, wie wenn man einen Sarg trägt. Er drückte auf die Klingel, und wie vom Druck berührt ging die Thür auf und der Oberkämmerer erschien. »Was ist das für ein unleidlicher Lärm in der Galerie?« »Majestät haben befohlen, das große Bild wegzuschaffen.« Der König erinnerte sich, er hatte gestern den Befehl gegeben. Schon lange an das Bild gewöhnt, war es ihm gestern auf einmal zuwider geworden; es stellte in lebensgroßen Figuren die Scene dar, wie König Belsazar auf dem Thron sitzt, um ihn her die Hofleute, eine Hand aus den Wolken schreibt das Mene tekel an die Wand. Der König hatte befohlen, daß das Bild fortgeschafft und der öffentlichen Galerie übergeben werde. »Ich bin ungeschickt bedient,« sagte der König unwillig; »es war Zeit, das zu thun, wenn ich zur Jagd bin.« Der Oberkämmerer, der stramm dagestanden hatte, erzitterte am ganzen Leibe, als er das hörte, seine Hände sanken schlaff nieder, sein Kopf beugte sich. Mühsam schleppte er sich zur entgegengesetzten Thür hinaus. Sofort trat Stille ein; das Bild wurde lautlos auf den Boden gestellt, die Diener entfernten sich. Der Oberkämmerer ging von der andern Seite in das Vorgemach, setzte sich in seinen Lehnstuhl, nahm eine Prise, vergaß aber, sie zu schnupfen; erst als Baum eintrat, schnupfte er sie. Nun saß er still Baum gegenüber; er schüttelte mehrmals mit dem Kopf und betrachtete seinen großen Lehnstuhl. Ja, da sitzt bald der dort und du bist abgedankt. Der geheime Kabinettsrat ging durch das Vorgemach; der alte Oberkämmerer vergaß, ihm schnell den Hut zu bringen. Baum that es an seiner Statt. Baum war wieder frisch, jetzt war keine Zeit, müde zu sein: der große Trumpf muß ausgespielt werden. Die Klingel aus dem Kabinett ertönte wieder. »Ist noch jemand im Vorzimmer?« fragte der König den Oberkämmerer. »Ja, Majestät, der Lakai Baum.« »Soll eintreten.« Baum war sich jetzt seiner ganzen hohen Stellung bewußt. Der König hat nicht gesagt, daß er dem dienstthuenden Kammerherrn berichten soll, er hat gerufen: »Soll eintreten« – unmittelbar will er mit ihm verhandeln, jetzt ist die hohe Vertrauensstellung gewonnen. Die alte feierlich unterwürfige Art Baums hatte heute noch eine besondere Weihe. »Haben Sie einen Auftrag?« fragte der König. »Nein, Majestät.« »Was bringen Sie da?« »Majestät,« erwiderte Baum und legte das in ein Tuch gebundene auf den Stuhl, löste die Knoten und fuhr fort: »Majestät – diesen Hut der Gräfin von Wildenort habe ich im See, diese Schuhe am Ufer zwischen den Weiden gefunden.« Die Hand des Königs streckte sich nach den mitgebrachten Zeichen aus, aber er zog die Hand wieder zurück und legte sie aufs Herz. Er sah Baum starr und groß an. »Und was soll das?« fragte er und fuhr mit der Hand nach dem Kopfe, die Haare schlichtend, die ihm zu Berge standen. »Majestät,« fuhr Baum fort, er selbst zitterte, da er den König so ergriffen sah, »Majestät, die gnädige Gräfin haben diese Kleidungsstücke getragen, als sie mit mir ausritten und entflohen –« »Entflohen? Und –« Baum legte die eine Hand auf seine Uhr; er konnte die Sekunden nicht sehen, aber er konnte sie doch in Gedanken abzählen, und leise sagte er: »Die gnädige Gräfin haben sich in der vergangenen Nacht – nein, in der vorletzten, im See ertränkt. Schiffer haben eine Frauenleiche auf- und untertauchen sehen, morgen, als am dritten Tag, speit sie der See aus –« Der König winkte mit der Hand – es ist genug – und die winkende Hand zitterte; er griff nach der Stuhllehne, und sein Blick starrte auf Hut und Schuhe. Baum schlug die Augen nieder, er spürte, wie der König nun den Blick auf ihn heftete, er schaute nicht auf; er betrachtete den Boden, der hebt sich jetzt und hebt den Lakai hinauf an den Thron, neben den König, als seinen Vertrauten. Bescheiden neigte Baum den Kopf tiefer; er hört, wie der König das Zimmer auf und ab schreitet, er schaut nicht auf; im niedergeschlagenen Blick liegt das Zeichen vollen Gehorsams und unbedingter Ergebenheit. Jetzt steht der König vor ihm still. »Woher weißt du, daß ein Selbstmord? ...« »Ich weiß es nicht. Wenn Eure Majestät befehlen, daß die Gräfin ertränkt worden –« »Ich? Wie?« »Majestät, bitte unterthänigst – darf ich alles erzählen?« »Du sollst –« Der König nannte ihn du – das geschieht nur den Vertrautesten. Mit gesammelter Kraft sagte nun Baum: »Majestät, die Schuhe habe ich selbst gefunden, aber den Hut habe ich von einem Menschen, dem alles zuzutrauen ist ... der Landjäger meint ... und es wäre vielleicht für den Menschen gut ... man könnte ihn nach einem Jahr begnadigen und nach Amerika schicken ... ein Bruder von ihm ... soll ... dort ...« »Du sprichst wirr!« Baum gewann seine Kraft wieder. »Ein Wilddieb kann sie ermordet haben. Das Schlimme ist nur, daß sie einen Brief an Ihre Majestät die Königin geschickt –« »An die Königin? Wo ist er? Gib her!« »Ich habe ihn nicht. Die Kammerjungfer hat ihn mir entrissen.« Der König setzte sich. Man hörte lange nichts, als das schnelle Ticken der Uhr, die auf dem Schreibtische stand. Jetzt richtet sich der König auf, geht im Gemach auf und ab; er wendet sich um und geht auf Baum zu. So schreitet das Weltgericht. Das Gericht über Leben und Tod. Baum greift sich in das Halstuch, es wird ihm zu eng, da – da geht das Schwert durch. »Weißt du, was in dem Brief an die Königin stand?« »Nein, Majestät.« »Der Brief war versiegelt?« »Ja, Majestät.« »Und sonst hast du nichts?« »Doch, Majestät, hier dies. Das hab' ich der Kammerjungfer fast gewaltsam entrissen. Und hier, Majestät, noch eins: bei den Schuhen war eine Blutlache und hier auf diesem Pflänzchen sind Blutstropfen von ihr.« Ein herzzerreißender Schrei des Schmerzes entrang sich der Brust des Königs. Dann ging er mit Schrift und Pflanze in ein Nebengemach. Baum stand still und wartete. Im Nebengemach las der König und bald gingen ihm die Augen über. Sie hat mich sehr geliebt, und sie war groß und schön, sprach er vor sich hin mit bebender blasser Lippe. Der ganze Liebreiz ihrer Erscheinung, ihrer Stimme, ihres Ganges trat noch einmal vor seine Seele; und das alles war nun tot? Der König betrachtete seine Hand, die sie so gern, so innig geküßt. Er nahm wieder das Blatt auf, er las die Worte: »Dem Freunde« noch einmal, und er wußte nicht, wie es geschehen – als er wieder zu sich kam, lag er am Stuhl auf den Knien. Was soll nun werden? Er erinnerte sich, daß im Kabinett der Lakai warte. Tief erniedrigt erschien sich der König; er muß diesen Menschen zum Vertrauten haben. Waren aber nicht schon lange Menschen aller Art die Vertrauten seiner Sünde? Sie wußten davon und schwiegen nur. Tausend Augen schauten ihn an und tausend Lippen sprachen – und alle geben Kunde von dem Entsetzlichen. Verwirrt schaute der König um, er konnte sich kaum aufrichten. Und von all den Tausenden, die ihre Hand auf ihn legten, ihre Augen auf ihn richteten, wie lastet die Hand und der Blick der einen auf ihm und ihr Mund, was spricht er? Wie sollte er sich nun der Königin nahen? Wüßte sie seine tief innerste Zerknirschung – sie würde ihm weinend um den Hals fallen, denn sie ist himmlisch gut und was hast du ihr gethan? ... Er wollte der Königin die letzten Worte der Freundin schicken; er wollte darunter schreiben, reuevoll sein ganzes Denken und Fühlen in ihre Hand legen ... Es ist besser, nicht im ersten Augenblick zu handeln, tröstete er sich endlich, und als er sich aufgerichtet, kam ihm wieder das Bewußtsein seiner Kraft. Man muß das Schwerste thun, auch die Reue vollziehen, ohne sich seiner Würde zu entkleiden. Der König stand vor dem großen Spiegel, er hatte nicht mehr daran gedacht, daß er im Jagdkleid, er erschrak vor sich, wie vor einem fremden Menschen. Sein Antlitz war blaß, seine Augen gerötet. Er hat der Freundin nachgeweint, und jetzt ist's genug. Was andern erst in Monaten und Jahren gegeben ist, vollziehen und vollenden große Naturen in wenigen Minuten; ihre Lebensjahre werden zu ungemessenen Zeiten – und wie durch die Luft daher trug sich das Wort »der Kuß der Ewigkeit« und die Erinnerung an den Tag dort im Atelier, dort auf dem Ball und dann ... »Du konntest das höchste Leben leben und dann sterben, den Tod heranzwingen – ich kann es nicht, ich lebe nicht für mich allein!« rief er der Freundin zu, und mitten in seiner Trauer war es ihm, als öffne sich eine neue Lebensquelle in seiner Brust. Und das hast du bewirkt – dachte er der Toten nach – mit allem Besten lebst du ewig in mir fort; ohne dich – ich würde es vor Gott bekennen, wenn ich jetzt vor ihn hinträte – ohne dich hätte ich die tiefste Quelle meines Daseins nicht entdeckt. Wüßte ich nur eine That, die ein Denkmal deines Lebens würde ... Der König erinnerte sich wieder, daß ein Lakai in seinem Kabinett wartet. Es war ihm peinlich, daß ihm nicht einmal eine Stunde gegeben ist, um still seine Empfindung aufzuklären, und wie im Fluge streifte ihn zum erstenmal der Gedanke: Wer über viele zu befehlen hat, daß sie ihm dienen, der ist auch vielen verpflichtet; sie leben fort, ihr eigenes Leben, jenseits der Stunde und der That ihres Dienstes. Etwas aus den hinterlassenen Worten Irmas umschwebte noch wie ein Nebelduft seine Seele. Er kehrte in das Kabinett zurück. Hier stand Baum noch so still und ruhig auf demselben Fleck wie Tisch und Stuhl. »Wann bist du abgereist?« fragte der König. Baum erzählte ausführlich. »Du wirst müde sein,« schloß der König. »Ja, Majestät.« »So ruhe dich nun aus, und was du noch zu erzählen hast, erzählst du nur mir, verstanden?« »Sehr wohl, Majestät, ich danke unterthänigst.« Der König hatte einen Ring mit einem großen Smaragd vom Finger gezogen, ließ ihn in der Sonne spielen und blitzen und wendete ihn hin und her. Baum glaubte, der König wird ihm jetzt diesen Ring als Gnadenzeichen geben. Aber der König steckte den Ring wieder an und fragte: »Bist du verheiratet?« »Ich war's, Majestät.« »Hast du Kinder?« »Einen einzigen Sohn, Majestät.« »Gut. Halte dich bereit, ich werde dir bald weitere Befehle zukommen lassen.« Baum ging hinaus. Im Vorzimmer rief er dem Oberkämmerer von fern gnädig zu: »Bleib nur sitzen!« und ging schnell davon. Niemand braucht zu sehen, was man ihm an den Augen ablesen kann – der König hat ihn »du« genannt, hat ihn nach seiner Familie gefragt; er ist der Vertraute des Königs, das Höchste steht ihm bevor. Er ging nach seiner Wohnung im Seitenflügel des Schlosses. Der König war allein. Nichts war bei ihm, als Hut und Schuhe Irmas. Lange starrte er darauf. Das wäre ein Gedicht – dem Geliebten Schuhe und Hut des Liebchens bringen – das wäre ein Lied, zu singen in der Dämmerung ... So sprach es in ihm und doch wirbelte ihm der Kopf. Er nahm Hut und Schuhe – seine Hand zitterte – er verschloß die Todeszeichen im Schreibtisch. Die Feder auf dem Hute wurde geknickt, als er das Schubfach zudrückte. Auf dem Schreibtisch brannte ein Licht. Der König zündete sich eine Cigarre an, sein Auge zuckte, als sein Blick das hier stehende Aquarellbild der Königin traf. Er rauchte hastig. Erst nach geraumer Zeit klingelte der König und befahl, daß der Oberhofmarschall gerufen und niemand weiter gemeldet werde. Drittes Kapitel. Als der Oberhofmarschall eintrat, hatte sich der König gesammelt und war in der Verfahrungsweise, die er innehalten wollte, vollkommen sicher. »Haben Sie bereits das entsetzliche Ereignis gehört?« »Wohl, Majestät; die Kammerjungfer der Gräfin ist angekommen; ihre Herrin sei im See ertrunken.« »Und?« fragte der König, da der Oberhofmarschall eine Pause machte. »Und es wird hinzugesetzt, daß die Gräfin seit dem Tode ihres Vaters niemand mehr gesehen und gesprochen. An Ihre Majestät die Königin hat sie jedoch einige Worte hinterlassen mit dem ausdrücklichen Befehl, daß der Leibarzt sie überbringe.« »Und das ist geschehen, ohne mir vorher Mitteilung zu machen?« Der Oberhofmarschall zuckte die Achseln. »Gut, ich weiß –« fuhr der König fort. »Ist alles zur Jagd bereit?« »Zu Befehl, Majestät. Das Jagdgefolge wartet seit einer Stunde.« »Ich komme,« sagte der König. »Schicken Sie den Hofarzt Sixtus nach dem See. Er soll den Lakaien Baum mitnehmen, der in der Sache orientiert ist. Geben Sie ihm auch einen Justiziar mit; er soll dafür sorgen, daß die Leiche, wenn sie aufgefunden wird, würdig bestattet werde. Ich weiß, daß Sie das alles sorgfältig anordnen und selbständig.« Der König betonte dies letzte Wort besonders. Es hat alles diskret zu geschehen, ohne seine besondere Beteiligung einzuflechten. Der König zog die Brauen ein, wie um sich auf etwas zu besinnen, das er vergessen hatte. »Noch eins,« sagte er hastig, »begeben Sie sich zu dem Bruder der armen Gräfin und teilen Sie ihm die Sache in schonender Weise mit, und wenn er Urlaub begehrt, so ist er ihm auf unbestimmte Zeit gewährt.« Der König ging durch das Vorzimmer, die Treppe hinab; er hatte der Königin schon am gestrigen Abend Lebewohl gesagt, sie sollte in der Herbstfrühe Ruhe halten. Das große Jagdgefolge im Schloßhof begrüßte den König, er dankte freundlich. Wie auf Kommando wurden die Decken von den Pferden an den verschiedenen Wagen mit einem Ruck abgezogen. »Oberst Bronnen,« rief der König, »setzen Sie sich zu mir.« Mit ehrerbietigem Dankesneigen ging Bronnen nach dem Wagen des Königs. Sämtliche Kavaliere des Jagdgefolges schauten verwundert auf Bronnen, und begaben sich nach den bereitgehaltenen Wagen. Bronnen hatte sich ehrerbietig verneigt – er empfängt die höchste Tagesehre – aber in ihm krampfte sich das Herz zusammen. Ahnt der König, daß er sich als Rächer empfindet an der Stelle des alten Eberhard, und mit sich kämpft, ob er dieses Racheerbe annehmen muß? Er erschrak, als er unwillkürlich seinen Hirschfänger an der Seite berührte. Soll es eine Tragödie im Hofwagen geben, wie die Geschichte noch keine kennt? Hat Irma vor dem König geprunkt mit seiner zurückgewiesenen Werbung, und erhält er nun ein Mitleidsalmosen? Der Zug fuhr hinaus ins Freie. Lange saß der König lautlos. Endlich sagte er: »Sie waren ihr auch ein treuer Freund, und sie hat Sie geschätzt und hochgeachtet wie wenige, ja wie sonst niemand, und hat immer gewünscht, daß wir einander näher ständen.« Bronnen atmete tief auf. Er hatte nicht Veranlassung, etwas zu erwidern. Der König reichte ihm die Cigarrentasche hin. »Ach, Sie rauchen ja nicht,« unterbrach er sich. Es trat wieder eine lange Pause ein, bis der König fragte: »Seit wann kannten Sie die Gräfin Irma?« »Schon seit ihrer Kindheit. Sie war die Freundin meiner Cousine Emmy, die mit ihr im Kloster war.« »Es ist mir ein Trost, mit Ihnen von der Freundin zu sprechen. Sie erkannten ihr Wesen, das so groß, ja fast überlebensgroß war. Lassen Sie mich ihre Freundschaft erben.« »Majestät« – erwiderte Bronnen mit erzwungener Ruhe, in ihm kochte der Ingrimm über den, der eine so hohe Erscheinung verwüstet und in die Vernichtung getrieben, aber die soldatische Ordnung beherrschte ihn. »Ach, liebster Bronnen,« fuhr der König fort, »mich hat noch nie ein Tod so erschüttert, wie dieser. Hat sie Ihnen je vom Tod gesprochen? Sie haßte ihn. Und jetzt, wenn ich hinausschaue – da ist alles wieder wach, alles noch lebendig. Die ganze Welt müßte einen Augenblick stillstehen, wenn ein großes Herz stillsteht. Was sind wir?« »Jeder nur ein Teil der Welt, ein beschränkter, kleiner. Alles um uns her hat seine gemessene Entwickelungs- und Rechtssphäre, wir sind über nichts Herr, als über uns selbst und wie selten auch nur dies.« Der König sah Bronnen betroffen an. Jedes hat seine Rechtssphäre ... Was soll das? Schnell gefaßt erwiderte der König: »Ganz so hätte sie auch sprechen können. Ich kann mir denken, daß Sie beide sehr sympathisierten. Wenn ich Sie recht verstehe, halten Sie demnach den Selbstmord für das höchste Verbrechen?« »Wenn man die höchste Widernatur höchstes Verbrechen nennen will – allerdings. Jedes Wesen sucht naturgemäß sein Dasein zu bewahren. Ich hatte darüber im vergangenen Winter ein unvergeßliches Gespräch mit dem alten Grafen Eberhard.« »Ach ja, Sie kannten ihn ja. War er in der That ein so bedeutender Mann?« »Er war ein Mann von der großartigsten Einseitigkeit. Vielleicht muß die Größe immer einseitig sein.« »Wann sprachen Sie Gräfin Irma zum letztenmal?« »Nach dem Tode ihres Vaters, nachdem sie sich in undurchdringlichc Nacht begeben hatte. Ich sprach sie, aber sah sie nicht und sie gab mir die Hand. Ich glaube, ich bin der letzte Mensch, dem sie die Hand gereicht.« »So lassen Sie mich diese Hand fassen,« rief der König. Er hielt lange die Hand Bronnens, der nun wieder aufnahm: »Majestät, Bekenntnis gegen Bekenntnis: ich liebte Irma.« Nach diesen kurz und straff ausgesprochenen Worten hielt er ein. Der König zog die Hand rasch zurück. »Ich sehe,« fuhr Bronnen, sich mit Macht sammelnd, fort, »ich erkenne dankbar das hohe Herz der Gräfin – sie hat nichts von meiner Werbung erzählt. Sie hat ehrlich meine Liebe abgelehnt, weil sie dieselbe nicht erwidern konnte.« »Sie? Mein lieber Bronnen ...« rief der König in schmerzlich bewegtem Tone, und schnell zog durch seine Seele das Bild des beglückten Lebens, das Irma an der Seite dieses Mannes hätte finden können. »Armer Freund,« wiederholte er mit innigem Ausdrucke. »Ja Majestät, ich habe ein Recht, mit Ihnen zu trauern, und es ist, als hätte ihr gewaltiger, weithin wirkender Geist noch das gethan, daß Sie, Majestät, mich jetzt an Ihre Seite riefen,« »Ich ahnte das nicht. Hätte ich es, ich würde Ihnen nimmermehr diesen Schmerz auferlegt haben.« »Und ich danke Ihnen, Majestät, daß ich der Genosse Ihres Schmerzes sein darf; und weil ich Genosse bin, kann ich vielleicht Ihnen Trost geben, so weit ein andrer das thun kann. Da Majestät in unverhüllter Wahrhaftigkeit vor mir stehen, mußte ich auch in allem wahr sein.« Der König sprach lange nicht. So klar und rein auch Bronnen sein innerstes Herz vor ihm aufgeschlossen – die schnell folgende nächste Empfindung, die dessen Mitteilungen im König weckten, war eine tiefe Eifersucht, daß noch ein andrer gewagt hatte sein Auge zu Irma zu erheben, ja völlig um sie zu werben; sie schien ihm dadurch nicht mehr sein eigen allein, da ein andrer die Hand nach ihr ausgestreckt hatte. Bronnen wartete auf eine Erwiderung des Königs. Er konnte sich nicht erklären, was dieses Schweigen bedeute. Reute es den König, daß er so offen war, und beleidigt es ihn gar, daß ein andrer sich ihm gleichgestellt und ihm mit Offenheit erwidert? Das fürstliche Bewußtsein schädigt doch das rein menschliche, und es kommt vielleicht nie dahin, daß ein Fürst sich nur als Mensch fühlt. Auch in der Seele Bronnens regte sich ein Mißgefühl, das umsomehr anwuchs, je länger der König schwieg und zur Seite blickte. Er ertrug dies Schweigen nicht länger und durchbrach die Schranke der Etikette; die darf es jetzt und hier nicht mehr geben. – Er sagte: »Ich glaube, daß wenig Männer so groß gesinnt wären, einen Triumph, der ihnen geworden, in sich zu verbergen.« Er war darauf gefaßt, als er diese Worte sprach, daß der König, der wohl merken mußte, wie dies auch nach andrer Seite hinzielte, sich plötzlich umwenden, ein vernichtendes Wort auf ihn schleudern wird. Er faßte sich in Trotz. Derjenige, dem er sein ganzes Innerstes in die Hand gegeben, darf nicht thun, als ob nichts geschehen; er muß Rede stehen. Der König schwieg noch immer. Bronnen setzte mit zitternder Lippe hinzu: »Sind Sie nicht auch der Meinung, Majestät?« Der König wendete sich um. »Sie sind mein Freund. Ich danke Ihnen und danke ihr. Sie sollen, wenn wir in Wolfswinkel ankommen, das höchste Zeugnis meines Vertrauens empfangen.« »Ich glaube Eurer Majestät noch eine Mitteilung machen zu müssen.« »Sprechen Sie.« »Ich meine dem Zusammenhang der letzten Ereignisse auf der Spur zu sein. Bei den Abgeordnetenwahlen, die in den letzten Tagen vollzogen wurden, hatten Freunde im Gebirge auch an mich gedacht. Sie wußten, daß ich meinem konstitutionellen König mit aufrichtiger Seele ergeben bin.« Ein flüchtiges Zucken ging über das Antlitz des Königs, und Bronnen fuhr in gelassener Rede fort: »Ich habe indes den Wählern erklärt, daß ich nie eine Wahl annehme, die mich auf die Seite der Opposition drängen würde, und da müßte ich nun doch gegenwärtig stehen. Noch am letzten Tage wurde daher Graf Eberhard in den Wurf gebracht, und er nahm die Kandidatur wider alles Erwarten an. Nun haben die Freunde des jetzigen Ministeriums es nicht verschmäht, den Vater der Gräfin Irma dadurch verdrängen zu wollen, daß sie – ich spreche von Thatsachen, Majestät, es sind nicht bloß Meinungen – das Verhältnis der Tochter zu Eurer Majestät zur Ehrenentkleidung für den Vater machten.« Der König warf die Cigarre weg, die er im Munde hatte, und sagte hastig: »Fahren Sie fort, erzählen Sie weiter!« »Graf Eberhard wurde dennoch gewählt. Als ich zum Leichenbegängnis auf Wildenort war, wurde mir mitgeteilt, daß er bei der Wahlversammlung zum erstenmal von der Stellung seiner Tochter erfahren habe, und auf dem Heimweg – ich habe der Sache nachgeforscht – hat er Briefe bekommen, die ihn erschütterten. Ja noch mehr. Hier, Majestät, dieses Stück von einem zerrissenen Brief habe ich am Wege gefunden, und der Wegknecht erzählte mir, daß der Graf damals Briefe zerrissen habe.« Bronnen reichte das Papier hin, worauf die Worte standen – »Deine Tochter in Unehre genießt der höchsten Ehren –« »Das kann die Schrift des heiligen Hippokrates sein« – murmelte der König vor sich hin. »Ich bitte, Majestät, wenn Sie den geringsten Verdacht gegen den Leibarzt hegen, so setze ich für ihn meine ganze Ehre ein, und der Verlauf wird zeigen, daß ich das mit Recht thue.« »Erzählen Sie weiter,« sagte der König ungeduldig; es war ihm unlieb, daß Bronnen so in ihn hineinforschte, das halb Gemurmelte verstanden hatte, und wenn er es verstanden, nicht – wie seine Pflicht war – überhörte: er darf nur hören, was man ihm ausdrücklich sagte. »Auf jener Heimkehr aus der Wahlversammlung,« fuhr Bronnen ruhiger fort, »war es nun, wo Graf Eberhard vom Schlag getroffen, der Sprache beraubt wurde. In der letzten Minute seines Lebens war niemand bei ihm, als Gräfin Irma; man hörte von ihr einen gräßlichen Schrei, und als man hineinkam, lag sie am Boden und Graf Eberhard war tot. Wer weiß, was da geschehen ist. Daß aber in dieser letzten Minute etwas vorgegangen, das sie zu dem gräßlichen Entschlusse gebracht, ist mir unzweifelhaft.« »Und was soll diese Kombination?« fragte der König. Bronnen sah ihn staunend an. »Majestät, sie soll weiter nichts, als uns diese Wirrnis klären.« Nach diesen Worten trat wieder Stille ein und diese Stille gab den letzten Worten Bronnens eine besondere Bedeutung. »Ja,« begann der König wieder, »alles klären, das hilft. Das war auch ihre Art, so naiv und klar zugleich, bewußt und naturmächtig. Gut. Es soll sein. Bronnen, was soll ich es zurückhalten? Ihnen darf ich alles sagen. Ich liebte die Gräfin, und jetzt, es quält mich, daß ich's denke, und darum lassen Sie mich's sagen: ich bin ihr jetzt fast gram. Sie hat mir durch diesen Selbstmord ein Schweres auferlegt für mein ganzes Leben. Ich werde all meine Tage diese Beschwernis nicht ablegen können. Sie mußte wissen, wie mich das belastet. Sagen Sie mir, unumwunden, ich bitte Sie darum, sagen Sie mir: ist dies Gefühl nicht gerechtfertigt?« »Ich spreche nicht zum König, ich spreche zum Manne klaren Geistes und warmen Herzens –« Bronnen machte eine Pause; es durchzuckte den König, so sich der angebornen Würde entkleidet zu sehen. Was wird der strenge Mann sagen, dem er befohlen hat, die Würde außer acht zu lassen. »Sprechen Sie!« ermutigte der König dennoch. »So will ich offen sagen,« begann Bronnen, »Mann zu Mann, Mensch zu Mensch. Es ist eine tiefe Regung der Wahrhaftigkeit in Ihnen, daß Sie sich vorwerfen, der Freundin gram zu sein, weil sie Ihnen solch ein trauriges ewiges Erbe hinterlassen. Das aber, was Sie quält, ist das Gespenst Ihrer eigenen That, Sie haben die Rechtssphäre dieses zu allem Besten berechtigten Wesens durchbrochen und verletzt, sei es auch, daß das eigene im schönen Wahnsinn aufflammende Wesen, wie ich glaube, mit Freuden sich opferte. – Damals begann das, was jetzt nur notwendige, naturgemäße Folge ist. Es ist das Gespenst Ihrer eigenen That, das Sie ruhelos macht und machen wird, bis Sie die Wahrheit erkennen. Jedem Menschen, so hoch er auch gestellt sei, stehen andre in ihrer Sphäre Vollberechtigte gegenüber und bilden eine Rechtsschranke. Haben Sie das erkannt und in klarer Erkenntnis der Sünde die Sünde überwunden, dann werden Sie frei – was auch geschehen sei. Der Aberglaube hat die Formel: ›Alle guten Geister loben den Herrn‹, mit der man jegliches Gespenst bannt! Für uns ist der gute Geist die klare Erkenntnis, die wir in uns anrufen, oder vielmehr deren Aufruf in uns wir zu Worte kommen lassen.« Lange fuhr man still dahin. Das Angesicht Bronnens glühte, der König hüllte sich tiefer in seinen Mantel, ihn fröstelte, er hielt die Augen geschlossen. Endlich richtete er sich auf und sagte: »Ich danke ihr. Sie hat mir einen Freund, einen wahren Menschen gegeben. Sie bleiben mir.« Die Stimme des Königs war heiser. Er hüllte sich wieder tief in den Mantel, legte sich in die Ecke und schloß die Augen. Kein Wort wurde mehr gesprochen, bis man auf dem Jagdschlosse ankam. Der König sagte dem Gefolge, daß er sich nicht wohl fühle und auf dem Jagdschlosse bleiben werde. Alle zogen in den Wald, der König blieb mit Bronnen allein. Die Königin saß nach dem Frühstück mit ihren Hofdamen im Musiksaal. Es hatte sich heute der erste Herbstnebel über die Landschaft gelegt. Es wird ein schöner, frischer Tag. Viertes Kapitel. Die Königin hatte mehrere Zeitungen vor sich. Sie schob sie mit den Worten weg: »Entsetzlich, was sich die Presse erlaubt! Da steht in dem sonst anständigen Blatt, der Graf von Wildenort sei an einer tiefen Herzkränkung unter dem Beistand seiner unverheirateten Tochter gestorben. Ist das erlaubt? Ist das erhört? – Ach, lieber Hofrat, rief sie ihrem Kabinettssekretär zu, »auf meinem Pult oben liegt ein gesiegelter Brief an die Gräfin Irma. Schicken Sie doch sofort einen Boten damit an sie ab. Wenn sie nur nichts von diesem schamlosen Zeitungswesen erfährt. Ich hoffe.« Die Hofdamen stickten emsiger und schauten nicht auf. Die Oberhofmeisterin wurde abgerufen: nach geraumer Zeit kam sie mit dem Leibarzt zurück. »Ach, willkommen!« rief die Königin. Die Oberhofmeisterin gab den Damen einen Wink; sie entfernten sich. »Schön, daß Sie noch zu rechter Zeit kommen,« fuhr die Königin fort, »es geht soeben ein Brief von mir an Gräfin Irma; Sie sollten ihr auch noch ein paar gute Worte schreiben.« Der Leibarzt richtete sich gewaltsam auf und erwiderte: »Majestät, Gräfin Irma wird Ihren Trostbrief nicht lesen können.« »Warum nicht?« »Die Gräfin ist ... schwer krank.« »Schwer krank? Sie sagen das so – Doch nicht gefährlich?« »Leider.« »Doktor! Ihre Stimme ... Was ist denn? Die Gräfin ist doch nicht ...« »Tot« – sagte der Leibarzt und bedeckte sich das Antlitz. Eine Weile war's in dem großen Saal so still, als ob kein Mensch darin atme, bis die Königin ausrief: »Tot? Durch den Schmerz über den Tod des Vaters?« Der Leibarzt nickte. Zur Seite der Königin stand der Blumentisch, den Irma gemalt. Die Königin schaute lange darauf und alles um sich her vergessend, rief sie in herzerschütterndem Ton, immer den Blick auf den Tisch gewendet, darauf ihre Thränen niederströmten: »O, wie schön war sie, wie süß ihr Atem, wie strahlend ihr Auge, ihr Blick so gedankenerlösend, so klangvoll ihr Wort, voll Lerchenjubel ihr Gesang und ihre Hand so weich – und all diese Schöne, all diese Güte und Liebe nun dahin? Ich möchte sie sehen, wie sie tot ist! Ja, schön muß sie sein, ein Abbild des Friedens. Und gestorben in Kummer um den Vater, sagt Ihr? Am Herzschlag – sagt Ihr? Ein einzig mächtig' Gefühl, ein großes, gewaltiges, zerbrach das glühend schöne Herz. O, meine Schwester – ich liebte dich wie eine Schwester – verzeih mir, daß je ein Schatten ... Nein, du weißt ... O, meine Schwester! Hier die Blumen auf dem Tisch, von deiner Hand gebannt – und du bist verwelkt, verblüht und verwesest ... Und du warst schön, schöner als alle Blumen. Ich sehe den Blick deines Auges auf jeden Pinselstrich gerichtet. Ewige Blumen wolltest du mir geben und dein Andenken ist eine ewige Blume in meiner Seele.« Ihre Thränen fielen auf den marmornen Blumentisch. Ihr Hündchen kam zu ihr heran und sie sagte: »Auch dich hat sie mit Blumen umkränzt, damals, an meinem Geburtstage. Alles wollte sie schmücken, alles verschönte sie, darauf ihr Auge ruhte. Und du hattest sie auch lieb, armer Zephyr. Mensch und Tier hatten sie lieb! Und nun tot –« Sie weinte lange still. Die Thränen flossen unaufhaltsam von ihrem Antlitz. »Darf ich Trauer tragen um meine Freundin?« fragte sie aufschauend die Oberhofmeisterin. »Majestät, es ist nicht thunlich, daß die Königin allein in Trauer geht.« »Gewiß, wir sind nicht allein, nie, nirgends. Alles trauert mit uns – Trauerlivree.« Ihr Ton war bitter. Sie reichte der Oberhofmeisterin die Hand, wie um Entschuldigung bittend, dann fragte sie: »Wann wird sie begraben? Wo? Ich möchte den schönsten Kranz auf ihr Grab legen. Ich will selbst zu ihr und auf ihr blasses Antlitz weinen. Ein so schönes Leben und so plötzlich dahin! Ist's denn möglich! Ich muß zu ihr!« Sie starrte vor sich hin und fragte: »Ist der König zur Jagd?« »Ja, Majestät.« »Auch er wird weinen, auch er war ihr hold, wie einer Schwester, ich weiß es.« Die Königin hat viel Haltung, viel Reserve – sprach aus dem Blicke, den die Oberhofmeisterin dem Leibarzt zuwarf – ich hätte ihr nicht zugetraut, daß sie mit so viel Naturwahrheit uns wollte glauben machen, sie wisse und ahne nichts ... »Ich reise zu ihr!« fuhr plötzlich die Königin auf. »Ich lasse mir's nicht nehmen, ich will sehen, ob ich das nicht darf! Ich reise zu ihr, ich stehe an ihrem Sarge, an ihrem Grabe!« Die Oberhofmeisterin sah starr auf die Königin. Der Leibarzt trat näher und sagte: »Majestät, Sie können die Gräfin nicht sehen. Der Schmerz um den Tod ihres Vaters hat sinnverwirrend auf sie gewirkt –« »Also nicht tot?« »Es ist kein Zweifel, daß die Gräfin sich im See ertränkt.« Die Königin schaute entsetzt auf den Leibarzt, sie wollte sprechen und konnte nicht. Der Leibarzt fuhr fort: »Sie ist nicht ohne Abschied von uns gegangen. Sie hat einen Brief an Eure Majestät hinterlassen, den ich übergeben soll. Gewiß bringt der Brief eine Versöhnung für die schreckenvolle Kunde. Noch in letzter Stunde bewährte sie ihren liebevollen Sinn –« Die Königin sah starrend auf Gunther, sie wollte aufstehen und konnte nicht, sie winkte sprachlos mehrmals mit der Hand heftig nach dem Brief, Gunther überreichte ihn. Die Königin las und wurde leichenfahl, eine Erstarrung breitete sich über ihr Antlitz, wie gelähmt ließ sie die Hände sinken, die Augen schlossen sich und ein Zug des bittern Sterbens zog um ihren Mund. Aus der Erstarrung fing sie an wie im Frost zu zittern und endlich stieg glühende Röte in ihr Gesicht. Sie fuhr auf und rief: »Nein! Nein! Und das hättest du gethan? Das hättest du gethan, Irma? Du ...« Sie sank in den Stuhl zurück, bedeckte mit beiden Händen das Gesicht und rief: »Und sie hat mein Kind geküßt und er hat sein Kind geküßt! O, sie küssen das Reinste und wissen doch, wie unrein ihre Lippen. Sie sprechen das Erhabenste, und die Worte zerschneiden ihnen nicht die Zunge wie scharfe Messer! O, wie ekelhaft! Wie ekelhaft! Wie beschmutzt ist alles! Wie bin ich mir selbst so ekelhaft! Und er wagte es damals, mir zu sagen: ein Fürst thut keine Privathandlung, sein Thun und Lassen ist beispielgebend? Pfui! Alles ist beschmutzt, alles ist ekelhaft! Alles!« Sie schaute verwirrt um. So schön sie war im Schmerz um die Schwester, die gestorben, so grauenhaft war sie jetzt in der Raserei um die Selbstmörderin. Sie betrachtete starren Auges alles, was einst auch Irma gesehen, und als ihr Blick wieder auf den Blumentisch fiel, wendete sie sich zuckend ab, wie wenn Schlangen aus den Blumen hervorgesprungen wären, und wieder schrie sie auf: »O, wie ekelhaft! O, wie beschmutzt! Alles ist ekelhaft! Ich bitte, laßt mich allein! Darf ich nicht allein sein?« »Lassen Sie mich bei Ihnen bleiben, Majestät,« sagte der Leibarzt, und faßte ihre Hand, die schlaff herabhing, wie die einer Toten. Die Oberhofmeisterin zog sich zurück. Lange sprach die Königin kein Wort. Sie sah starr vor sich hin, atmete nur schwer und zuckte zusammen. Plötzlich ward sie von Fieberfrost geschüttelt, bewußtlos sank sie zurück. Der Leibarzt träufelte ihr eine Essenz auf Stirn und Pulse, dann rief er die Kammerfrau, geleitete gemeinschaftlich mit ihr die Königin in ihre Gemächer und befahl, sie zu Bett zu bringen. »Ich werde den Tag nicht mehr schauen und keines Menschen Antlitz! Und er – und er,« rief sie. Dann steckte sie ihr Spitzentuch in den Mund und zerbiß es. So lag sie geraume Weile, und der Arzt saß still an ihrem Bett. Endlich atmete sie tief, schlug die Augen auf und sagte: »Ich danke Ihnen, aber ich will schlafen!« »Ja, schlafen Sie,« sagte der Leibarzt. Er wollte gehen. Die Königin rief: »Nur noch ein Wort! Weiß der König ...?« »Ja; Majestät!« »Und er fuhr zur Jagd?« »Er ist König, Majestät.« »Ich weiß, ich weiß – nur kein Aufsehen! Ja, ja!« »Ich bitte, Majestät, denken Sie jetzt nicht, grübeln Sie jetzt über nichts, suchen Sie zu schlafen.« »Man kann sich den ewigen Schlaf geben, aber nicht den zeitlichen,« fuhr die Königin auf. »Bitte, Majestät, bitte dringend, nicht diese gewaltsame Aufregung! Schlafen Sie!« »Ich will, ich will! Gute Nacht. Geben Sie mir einen Schlaftrunk, einen Tropfen Vergessenheit. Gift wäre besser. Gute Nacht.« Der Leibarzt zog sich zurück, gab aber der Kammerfrau Leoni einen Wink, daß er im Nebenzimmer verharre. Fünftes Kapitel. Im Jagdschloß des Hochgebirgs war es still und einsam. Im großen Gemach, wo ringsum an den Wänden Hirschgeweihe ragten und über der Eingangsthür ein ausgestopfter Bärenkopf hereinstarrte, brannte im großen Kamin ein helles Feuer. Es war schon kalt hier in den Bergen. Vor dem Kamin saß der König und starrte in das lodernde Feuer. Wie das züngelt, wie das sich ineinander schlingt! Er stand mehrmals auf und setzte sich wieder. Unter den Hirschgeweihen waren Tafeln angebracht, die den Tag und den glücklichen Jäger bezeichneten. Eine lange Ahnenreihe hatte diese Siegeszeichen gemehrt. Wenn plötzlich das Knallen der Büchsen, das Blasen der Hörner, das Bellen der Hunde durcheinander laut geworden wäre, alle die Stimmen, die bei Erlegung der Tiere erschollen waren, der Lärm hätte nicht sinnverwirrender sein können, als jetzt ein Wirrwarr von Gedanken um das Haupt schwirrte, das der König auf die Hand stützte. Er stand auf, las bald da bald dort eine Inschrift. Er konnte sich gewaltiger Ahnen rühmen: sie waren voll gedrungener Kraft und hätten beim Weidwerk und beim Becher solch ein Abenteuer vergessen und verwunden, das dich jetzt ganz darniederwirft und dir deine Mannheit und Königswürde raubt. Sind wir schwächlicher, kleinlicher und zaghafter geworden? Der König setzte sich wieder und starrte in das Feuer. Er war voll Zorn gegen sich, und doch konnte er seiner nicht Herr werden. Wir sind die alten, einfach derben, kühn über das Geschehene sich hinwegsetzenden Männer nicht mehr. Warum geben uns die Ahnen nur den Stolz auf ihre Kraft und nicht auch diese einfache Kraft dazu? Was ist geschehen? Die Untreue ist nicht mehr zu tilgen, so wenig die Tote ins Leben zurückzurufen ist. Die Erinnerung an das ganze glückselig berauschte Leben erhob sich, wie wenn es sagen wollte: es darf nicht sein, es kann nicht sein. Darf sie mit ihrem Leben so das meinige zerstören? Und sie hat es zerstört. Es weicht ein Tod nicht aus meinem Leben. Ich trage eine Leiche, einen Mord im Gemüt. Er streckte die Hände plötzlich nach dem Feuer aus, sie waren kalt. Das Feuer brannte heiß und erwärmte ihm die Hände nicht, und das Herz fror ihm. Hat Bronnen recht, da er in dem Gräßlichen nur eine Folgethat, meine That sehen will? Er lachte plötzlich auf, denn durch die Gedanken zuckte ihm die Vorstellung, welch ein Chaos von Blut und Mord die ganze Welt wäre, wenn jeder derartige Fehltritt solche Folgethat herbeiführte. Wie viel Tausende ... Aus einem schönen Morgen, aus einer heiter beglückten Zeit zog ihm ein Wort durch den Sinn, wie eine Melodie, die sich plötzlich in der Erinnerung singt; damals – es ist kaum mehr als ein Jahr – hatte die Königin unter der Hängeesche gesagt: »Wer ein Unrecht begeht, thut das allein für sich und thut es zum erstenmal auf der Welt.« Ach, warum empfinden wir das Höchste so tief und ganz und unsre Handlungen sind doch so halb und schlimmer noch? Vor dem in das Feuer starrenden Blick versank das Bild der Gattin, und die Freundin stieg auf, und mit ihr wühlte sich die Phantasie des Einsamen hinab und tauchte in den tiefen Grund des Sees. Der König stand rasch auf, öffnete das Fenster, atmete voll die frische Bergluft und schaute hinaus in die dunkle Nacht. Da draußen lebt die Welt in sich verhüllt, dort ist das Schloß mit dem reichen Leben, dort die Gattin, das Kind, und weit umher ein reiches Land, darüber du herrschest. Da sind Millionen Leben und alle rufen dich an in ihrer Not, und nun soll ein einziges dich hinabziehen? Der König wendete sich um. Er wollte Bronnen rufen lassen. Es ist nicht wohlgethan, sich der Einsamkeit und der bösen Gesellschaft von Dämonen hinzugeben. Dennoch blieb er wieder stehen. Aus der Nacht herauf stieg ein Dämon mit tausend glänzenden klugen Augen; er hat ihn von Kindheit an gesehen, überall, und sein Name ist: Mißtrauen. – Wer weiß, ob dieser Ehrenmann mit den großen Worten, den Kleinmut und die weiche Stimmung, in der du unter dich selbst herabgesunken, nicht klug ausnützt, um seine Selbstsucht zu sättigen? Denn selbstsüchtig sind alle Menschen, zumal vor einem König. Er will dich beherrschen und durch dich das ganze Land. Wer weiß, ob es Wahrheit, daß er sie geliebt, ihr seine Liebe bekannt? Sie hätte dir das nicht verhehlt, hätte dir's nicht verhehlen dürfen! Er hat sich das Märchen schnell erfunden, um als Genosse zu erscheinen. Aber ich kenne keinen Genossen, ich will keinen. Wenn ich nicht allein für mich alles vollbringe, bin ich nicht König. Und bin ich nicht König, was bin ich dann? Nein, sehr edelmütiger und sehr weiser Ehrenmann – Es widersprach etwas in seinem Herzen, wahrend er die von jeher gewohnte niedere Schätzung der Menschen auch auf Bronnen ausdehnen wollte; aber er mochte nicht darauf hören. Er lichtete sich straff auf in Kraft und Würde. Da traf ein Ton aus dem Bergwald sein Ohr. Das ist der Hirsch. Das ist sein erster Ruf, klagend und wild. Der Jäger im König erwachte; er griff nach der Seite, als müsse er die Waffe fassen. Aber schneller als der Hirsch durch den Wald rennt, zog der Gedanke dahin und ein andrer kam herbei und machte das Antlitz des verstörten Mannes lächeln. Der Hirsch da draußen ruft: die Natur kennt solche Untreue nicht, um derentwillen du dich jetzt abmarterst. Das Naturgesetz kennt die Untreue nicht, sie ist gewaltsame, willkürliche Menschensatzung. Das Naturgesetz kennt aber auch keinen König, kein Geschöpf, das über Geschöpfe gleicher Gattung herrscht. Nicht die Natur allein leitet das Menschenleben, in ihm waltet noch ein andres Gesetz. Mit jedem Tier wird alle Norm seines Lebens neu geboren, der Mensch aber ist ein Erbe, hat eine Geschichte. Und nun gar ein König ... Lange stand der König still. Er spürte aufs neue ein Frösteln; er schloß das Fenster und setzte sich wieder vor den Kamin, darin nur noch glühende Kohlen lagen. Es war ihm peinvoll, allein zu sein, aber er zwang sich dazu. Das Feuer im Kamin kämpfte unsicher mit sich selbst und manchmal zuckte ein scharfgezüngeltes Flämmchen auf. Der König hielt den silbernen Griff der Feuerzange noch in der Hand, als die Kohlen längst verglüht waren. Zum erstenmal in seinem Leben erkannte der König klar eine unausfüllbare leere Stelle in seinem Wesen. Das ist etwas, das immer hohl, immer ungesättigt und unbefriedigt bleibt. Was ist das? Jagen und Exerzieren, Scherzen und Befehlen, Lieben und Herrschen – immer ist etwas in ihm so leer, so nichtig. Was ist das? Diese ewige Unruhe, dieses Sehnen nach etwas andrem, das erst kommen, erst werden und voll befriedigen soll? Er hatte eine glückliche Jugend verlebt; der freie Ton am Hofe des Vaters hatte ihn nicht berührt, er lebte in Idealen; er war auf Reisen gegangen und plötzlich in der Ferne rief ihn die Nachricht vom Tod des Vaters heim und auf den Thron, als er kaum in die ersten Mannesjahre getreten war. Er hatte die Gattin gefunden; es war kein Werben, alles ist ihm gegeben, ein Thron, ein Land, eine Gattin. Andre dürfen ihr Herz prüfen, dürfen wählen. – Hold und schön ist die Gattin; er liebte sie und sie liebte ihn unsäglich. Da trat Irma in seinen Kreis, und der Gatte, der Vater, der König wurde von brennender Liebe erfaßt. Und nun tot, ein jäher Selbstmord. Wird es nun noch möglich sein, daß du dich einlebst in das Gegebene, in das Gesetz? In das Gesetz! Du hast es widerwillig getragen, wie eine Fessel empfunden, aber ist nicht Hingebung an das Gesetz die einzig unzerstörbare, die höchste Kraft? Ja, es gibt ein ewiges Gesetz. Es ist das Gesetz, das dich der Gattin eint und deinem Volke. Hier allein ist ewiges Leben ... Wie eine Erlösung, wie ein erstes freies Aufatmen des Genesenden erfaßte es den Einsamen; er konnte es noch nicht fassen, und doch war's ihm, als müßte er laut ausrufen: Ich bin frei! Frei und eins mit dem Gesetz! Er stand rasch auf. Er wollte Bronnen rufen lassen. Aber er hielt an sich. Du hast allein gerungen, du mußt es selbst in dir tragen. Er spürte es, als ob plötzlich jener leere Punkt, jene unausfüllbare Oede, jene drängende Ruhelosigkeit nach etwas andrem, hinüber über jeden gegenwärtigen Moment, sich in ihm voll erfüllte. Er legte die Hand auf das laut pochende Herz. Er klingelte und ließ Bronnen sagen, er möge sich zur Ruhe begeben, schickte den Kammerlakaien fort, der ihn sonst immer entkleidete und begab sich allein zur Ruhe. – Bronnen hatte von Minute zu Minute, von Stunde zu Stunde gewartet, daß der König ihn zu sich rufen ließe. Er sann hin und her. Wäre es möglich, daß der Tod Irmas mehr als eine bloß vorübergehende Wirkung übte, und der König endlich sich und das Gesetz des Lebens in Frieden fassen lernte? Welch ein Zeugnis seines Vertrauens will der König ihm noch geben? Was mag das sein? Als nun Stunde auf Stunde verging und keine Botschaft vom König kam, konnte Bronnen einer Bitterkeit sich nicht erwehren. Wer weiß, ob der König gar noch seiner gedenkt? Er hatte eine Weile ein Klageduett mit ihm gesprochen, nun ist's vorbei, die Nummer ist abgespielt, wie auf einem Konzertprogramm, es kommt eine neue. Ein Wort, das der alte Eberhard zu ihm gesprochen, stieg in der Seele Bronnens auf: Wenn ihr nicht da seid, nicht vor Augen steht – hatte der Alte gesagt – seid ihr für die höchsten Herrschaften doch weiter nichts als Bediente, die draußen im Vorsaal und auf der Treppe mit warmen Mänteln warten. Man spielt, man tanzt, man lacht und scherzt; wer wird daran denken, daß denen draußen die Kniee brechen und der Schlaf sie übermannt? Aber da sein müßt ihr, und ja nicht murren ... Etwas von dem tiefen Ingrimm Eberhards kam über Bronnen. Er ist ein vergessener Diener im Vorsaal. Als nun spät in der Nacht der König durch den Kammerdiener ihm sagen ließ, er möge sich zur Ruhe begeben, nickte er; in ihm aber sprach's: So hat er doch noch deiner gedacht. Ich danke. Freilich, eines Lastergenossen schämen sie sich weit weniger ... Sechstes Kapitel. Die Berge waren noch in Morgennebel gehüllt, als der König den Oberst Bronnen zu sich entbieten ließ. Dieser trat ein und stand in ehrerbietiger Haltung. Der König ging ihm entgegen und sagte: »Guten Morgen, lieber Bronnen!« seine Stimme war heiser, er sah bleich und übernächtig aus. Er nahm ein Blatt vom Tisch und sagte: »Hier das Zeugnis, das ich Ihnen versprochen. Lesen Sie.« Bronnen las und blickte dann verwundert auf den König. »Sie kennen die Handschrift?« fragte der König. »Die Handschrift nicht, aber die großen Geisteszüge, glaube ich –« »Allerdings – es sind die letzten Worte, die die verlorne Freundin für mich zurückgelassen.« Bronnen legte mit einer gewissen Feierlichkeit das Blatt wieder auf den Tisch vor den König. Er wagte nicht, ein Wort zu sagen. »Setzen Sie sich, ich sehe Ihnen die Erschütterung an.« »Gewiß, Majestät – und über alles hinüber spricht mir aus diesen Worten eine Bestätigung meiner Ahnung.« »Ihrer Ahnung?« »In mir ist eine Ahnung, die mir sagt: Gräfin Irma ist nicht tot.« »Nicht tot? Und warum?« »Ich weiß das nicht zu sagen, aber die Zeichen, die man im See und am Ufer gefunden, bestätigen eher meine Ahnung – diese Zeichen sind zu kombiniert.« »Sie haben die Freundin geliebt, ich glaube es –« sagte der König. »Aber Sie haben sie doch nicht voll erkannt. Einer Täuschung war Gräfin Irma nicht fähig. Und habe ich Ihnen nicht erzählt, daß Schiffer eine Frauenleiche im See schwimmen sahen!« »Wer weiß, was die Schiffer gesehen! Noch ist nichts gefunden.« »Worauf stützen Sie aber Ihre Ahnung?« »Ich kann mir's als eine dieses großen Weibes würdige That denken, daß sie sich in ein Kloster, in die Verborgenheit zurückgezogen, um Eure Majestät frei und in der Freiheit treu zu machen,« »Frei und treu,« wiederholte der König halblaut. »Sie sprechen da Worte aus, die sich nicht vereinbaren wollen und sich doch einen müssen. Bronnen, Sie wollen mir einen neuen Lebensweg zeigen und mir die Leiche aus dem Weg räumen; ich soll unbeschwert dahingehen. Aber ich bin stark genug, die volle Wahrheit zu erkennen und jede beschwichtigende Täuschung abzulehnen.« »Majestät, was ich sprach, sprach ich in voller, rücksichtsloser Wahrhaftigkeit.« Der König nickte und Bronnen fuhr fort: »Wie es aber auch sei, diese Zeilen sind der Aushauch einer großen Seele, und um diese Gedanken verwirklicht zu wissen, ist es wohl wert, zu sterben. Jetzt, Majestät, muß sich die Schwere von Ihrer Seele heben. Die Freundin hat Ihnen nicht eine Last auferlegt mit ihrem Tode oder mit ihrem Verschwinden, sie hat Sie befreit und ist dahingegangen für das Vaterland und die Verwirklichung der höchsten Gesetze.« »Frei und treu,« wiederholte der König nochmals leise. »Ich möchte von heute an meinen Wappenspruch ändern und diese Worte darauf setzen. Aber ich will zeigen – Ihnen allein bekenne ich's – ich will zeigen, daß sie in mir sind. Ja, mein Freund, ich habe in dieser Nacht wie oft diese Worte gelesen. Gestern im ersten Anruf faßte ich sie nicht; jetzt verstehe ich sie. So lange wir beide noch leben, wollen wir diesen Tag feiern, still für uns. Sie haben gestern ein Wort gesagt, das mich erschreckte, ja verletzte.« »Majestät!« »Beruhigen Sie sich, Sie sehen, wir sind Freunde. Ich verspreche Ihnen, keine Verstimmung mehr über nacht dauern zu lassen.« »Welches Wort?« »Konstitutioneller König hieß es. Und als ich heute nacht diese Zeilen wieder und wieder las, sprang mir das Wort immer zwischen den Zeilen umher. Kann man souverän sein und von einem Gesetz gebunden? Sehen Sie, Bronnen, wenn ich jetzt vor den ewigen Geist treten müßte, ich könnte nicht mehr meine Seele öffnen. Dies Ihr Wort und die Anrufung der Freundin haben mich geweckt. Kann ich ein Souverän sein, ein voller ganzer Mensch und König, und dabei doch gebunden? Und jetzt verstand ich's. Sie sagt: ›Sei eins mit dem Gesetz, eins mit deiner Gattin und deinem Volke.‹ Ist in der Ehe noch freie Liebe? Im Verfassungsstaat noch ein freier König? Hier liegt's. Ich habe überwunden. Die Treue ist die selbsterweckte Liebe. Was eine Thatsache des unbewußten Gefühls und Naturdranges war, das über alle Verstimmung festzuhalten, neu zu beleben, sich eins damit fühlen – ich habe das Leben, die Krone, die Gattin, alles bekommen, geerbt – heute in der Nacht habe ich's errungen. Sie können nicht ahnen, mit welchen Geistern ich gekämpft habe. Ich habe gesiegt. ›Frei und treu‹ ist mein innerer Wahlspruch.« Bronnen eilte erschüttert auf den König zu. »Ich habe nie in meinem Leben vor einem Menschen gekniet,« rief er, »jetzt möchte ich –« »Nein, nicht so, mein Freund!« rief der König. »An mein Herz! Wir wollen, uns aneinander haltend, schaffen und wirken. Es soll nicht sein, daß es bloß ein Märchenideal ist, wie ein König frei wirkt und Freundschaft hegt – ich will es bewähren. Ich stand gestern vor Ihnen wie ein Beichtender. Es thut mir wohl, das letzte zu sagen. Kein Mensch – das habe ich erkennen gelernt – ist würdig zu wirken für das Höchste und Reinste, dessen Hand und Herz nicht rein ist. Es gibt keine Größe, die nicht auf wahrer Sittlichkeit steht. Ich spreche damit das Urteil über meine Vergangenheit. Ich schäme mich nicht, was ich mir sagte, hier laut zu bekennen. Und jetzt wollen wir als Männer überlegen, was zu thun.« Ein Strahl des reinsten Glückes verklärte das Angesicht Bronnens und endlich sagte er: »Es steht ein Geist zwischen uns, ein verklärter –« »Ihr Andenken soll in Ehren stehen.« »Ich meine nicht sie,« sagte Bronnen, »Als ich den Grafen Eberhard sprach, sagte er: die Ehre verpflichtet zur Sittlichkeit, der Ruhm noch mehr, die Macht am höchsten.« Der König und Bronnen besprachen noch vielerlei miteinander. Vor dem Freunde konnte der König seine Umkehr fest und einfach bezeigen, vor der Welt, vor dem Hof und dem Land mußte diese allmählich und still übergeleitet werden. Ein König darf nicht öffentlich bereuen. Bronnen war im stillen ernannter Ministerpräsident. Man blieb noch auf dem Jagdschloß. Man ging zur Jagd. Es sollte sich erst vieles am Hofe beruhigen, ehe man dahin zurückkehrte. Siebentes Kapitel. »Und Seine Majestät der König läßt Ihnen mit innigem Beileid sagen, wenn Sie zur Ordnung der Familienangelegenheiten, zu Nachforschungen und Ermittelungen am See oder zu einer weiteren Reise für Ihre Zerstreuung Urlaub wünschen, soll dieser Ihnen nachgeschickt werden auf unbestimmte Zeit.« Das waren die letzten Worte, mit denen der Oberhofmarschall in der Residenz dem Flügeladjutanten Bruno Graf von Wildenort die Nachricht vom Tod seiner Schwester mitgeteilt hatte. Er drückte ihm die Hand, küßte ihn rechts und links auf die Wangen und verließ ihn. Draußen fächelte sich der Oberhofmarschall mit dem Taschentuch Kühlung zu. Er hatte sich bei der schweren Aufgabe, die ihm geworden, doch echauffiert, aber das muß er sagen: Bruno hat die entsetzliche Kunde mit sehr viel Haltung aufgenommen. Bruno hatte, solange der Oberhofmarschall da war, in der Ecke des Sofas gesessen und das Angesicht mit dem Taschentuch verhüllend, alles geduldig und ruhig angehört, als wäre es eine Kunde von einem fernen, fremden, ihn gar nicht berührenden Ereignis. Jetzt war Bruno allein. Er saß lange stumm und spielte, ohne es zu wissen, mit einem duftigen Briefchen, das er vorher erhalten. Plötzlich raste er auf, faßte einen Stuhl und zerknickte ihn – das Krachen that ihm wohl; dann, wie von einem Dämon gefaßt, warf er sich auf den Boden und raste und zuckte und schlug mit Händen und Füßen um sich und schrie entsetzlich. Der Diener kam herein und fand seinen Herrn am Boden; er richtete ihn auf. »Ich bin krank,« rief er, »ich bin krank! Nein, ich bin nicht krank, ich will nicht! Geh sofort zum Kammerherrn v. Roß oder zum Intendanten v. Schöning, es soll einer der Herren sogleich zu mir kommen. Wenn meine Frau nach mir fragt, so sage, ich sei ausgegangen mit dem Hofmarschall.« Der Diener ging und Bruno stand am Fenster und schaute hinaus ins Tageslicht; der Nebel verzog sich und hell glänzte der Park. Der Gärtner stellte welke Blumentöpfe weg und ersetzte sie durch blühende; das mausfarbene Windspiel, der Liebling Arabellas, saß auf dem Kiesweg, kratzte sich mit der Hinterpfote den schlanken Kopf, schaute nach seinem Herrn auf und zum Zeichen seiner Freude sprang es lustig um das Rondell. Bruno sah das alles und dachte doch ganz andres. »Ha ha,« lachte er, »ich habe nie geglaubt, daß diese Welt etwas andres sei, als ein Possenspiel, eitel Possenspiel. Ein Narr ist, wer sich eine Stunde vergrämt. Ich will nicht. Nun bin ich ganz frei,« rief er, sich erhebend, »ganz frei! Jetzt ist niemand mehr auf der Welt, auf den ich Rücksicht zu nehmen habe. Welt, ich bin frei, allein! Nun gib her, was du noch hast von Genüssen, siebzig Jahre lang – du kannst mir kein Leid anthun! Ich trete alles unter die Füße!« Er horchte hinaus – es kam niemand. Bruno hatte immer in Gesellschaft gelebt, aber nie in Gesellschaft seiner Gedanken. Jetzt in der Einsamkeit und Trauer, kamen sie zu ihm – verwahrloste Gesellen mit gierigem Blick und lustigem Augenzwinkern – und riefen: Laß alles! Komm mit! Lustig sein! Was hilft dein Grämen? Du wirst vor der Zeit alt! Er stand vor dem Spiegel und sie riefen: Sieh in den Spiegel, welch entsetzliche Mienen du hast! Er konnte die Gesellen nicht abhalten, sie spielten lustige Tänze auf, sie klimperten mit dem Gold und riefen va banque! Sie klirrten mit den Gläsern und zeigten ihm verführerische Gestalten, er hörte unzüchtiges Lachen; sie waren überall in der ganzen Stube, und faßten ihn und wollten mit ihm herumtanzen – er aber stand und ballte die Fäuste und konnte nicht mit und sie riefen wieder: Wir kennen dich, du schämst dich nur, bist ein blöder Knabe, fragst, was die Welt denkt. Du hast keinen Mut! Frisch auf! Laß sie spötteln und sei lustig! Hast du dir einen Tag vergrämt, es gibt dir ihn niemand zurück. Pfui über den Mitleidsbettel! Geh umher, sag: Ich bin ein armer Mensch, mein Vater ist tot, meine Schwester hat sich ertränkt; laß dir ein Lied machen und eine Tafel dazu malen und zieh umher auf den Märkten und laß dir Pfennige schenken! Pfui, pfui! Du hast nur eine Wahl: die Welt verachten oder dich bemitleiden lassen – was ist dir lieber? Wie viel tausendmal hast du gesagt: ich verachte die Welt – und jetzt bist du feig? Du sitzest da und möchtest doch gern hinaus – wer hält dir die Thür zu? Wer hat deinen Pferden die Füße zusammengebunden? Du, du allein. Ach, die lieben Freunde, die herzigen Menschen, die mitfühlenden Seelen – schau, sie werden kommen, einer nach dem andern, und sagen: sei stark, sei ein Mann, überwinde es! Und was thun sie, die guten Seelen? Sie haben dir ein Wortalmosen gegeben und dann gehen sie ihren Lustbarkeiten nach und lassen dich einsam. Mit dir spielen, tanzen, zechen – da halten sie aus, da sind sie treue Genossen, aber jetzt? Keine Festlichkeit wird abbestellt um deinetwillen, nichts, gar nichts. Willst du die Welt genießen, mußt du die Menschen verachten. Sie sagen dir nur: sei Mann – du aber sei es! Bis zum Wahnsinn verfolgten diese Gedanken Bruno und die nächsten Tage standen vor ihm wie ein gähnender unermeßlicher Abgrund ... Alles leer, nichtig, hohl, freudlos, verzehrende Einsamkeit. Endlich erlöste ihn die Meldung, daß der Intendant da sei. Die beiden waren sonst nicht die besten Freunde, aber jetzt umarmte Bruno den Intendanten, als wäre er sein einziger Freund auf der Welt, und er lag an seinem Halse und schluchzte und bat, er solle ihn ja nicht verlassen und nicht dem Alleinsein preisgeben. Er raste und wütete, lästerte und spottete durcheinander, daß ihm, gerade ihm, das Jammervolle widerfahren müsse. »O, diese Wochen, diese Monate, diese entsetzlichen Zeiten, die mir nun bevorstehen!« rief er heftig. »Die Zeit heilt alles!« tröstete ihn der Intendant. »Diese Zeit, Wochen, Monate Trauer!« rief Bruno wieder. Der Intendant stutzte. Er hatte einen Blick in diesen Menschen gethan: daß eine lange Zeit kommen soll, wo er stets Trauermiene haben muß – das war das Harte. In eine ungünstigere Zeit hätte diese Trauer aber auch nicht fallen können. Bruno war bei dem Wettrennen, das in den nächsten Tagen beginnt, mit zweien seiner besten Renner engagiert; die Zuleika hatte er im Trabrennen selbst reiten wollen, und für das große Hurdlerennen hatte er seinen Jockey Fitz, er hieß eigentlich Fritz, aber Fitz ist besser, vortrefflich eingeübt und seit Wochen leicht gemacht. Fitz war der Sohn des Lakaien Baum, ein durchtriebener Schelm, auf den der Vater stolz war; denn seine Zukunft war gesichert, es war keine Frage, wenn Fitz seine gesunden Glieder behält, wird er erster Bereiter im Marstall, er sitzt auf dem Pferde wie eine Katze und ist gar nicht abzuwerfen. Das Wetter läßt sich prächtig an, angenehm bedeckter Himmel, heut nacht hat es ein wenig geregnet, das macht die Bahn bequem, Fitz in seiner grün-weißen Livree wird gewiß den ersten Preis gewinnen. Auf diese Livree bildete sich Bruno nicht wenig ein: er hatte Fitz halbiert, wie durchgeschnitten von der Mütze bis zum Stiefel, rechts grasgrün und links schneeweiß kleiden lassen. Nur schade, daß die Natur bloß sieben Farben hat, die Variation, die man anbringen kann, ist gar zu beschränkt! aber mit Konsequenz kann man viel machen, und Bruno lächelte unter dem vorgehaltenen Tuch, als er an den einen grünen Stiefel und an den andern weißen dachte. »Ich werde natürlich nicht selbst mitreiten,« sagte er zum Intendanten. »Halten Sie es für schicklich, daß ich meinen Jockey reiten lasse? Nicht wahr, das darf ich?« setzte er schnell hinzu, als fürchte er eine verneinende Antwort. »Man würde es mir als Geiz auslegen – ich habe hohe Wetten eingegangen. Ich werde meinen Fitz reiten lassen; ja, das muß ich, das darf ich!« Kaum hatte er dies gesprochen, als Fitz in die Stube trat. Bruno hieß ihn barsch fortgehen. Er war entschlossen zu thun, als ob er das Wettrennen ganz vergessen habe. Das zeigt weit mehr seinen Schmerz, als wenn er sein Engagement zurückzieht. Er wird sich strafen lassen wegen Nichterscheinens, Daran wird die Welt erkennen, wie tief und alles vergessend seine Trauer. Achtes Kapitel. Der Intendant saß auf dem Sofa neben Bruno und hielt dessen Hand; sie fieberte. Nun, da er den Schlüssel für Charakter und Stimmung Brunos gefunden, verstand er, was es hieß, als der Trauernde ausrief: »Ich weiß, wie's in der Welt ist. Heute und morgen Jagd in Wolfswinkel, übermorgen Wettrennen. Ich wundre mich nur, daß ich nicht alles in einer Stunde vergessen habe. Die Excellenz v. Schnabelsdorf geistreichisiert jetzt mit der schönen Gesandtin von N., dann zieht die Wachtparade auf, heute abend wird Bank gelegt beim Prinzen Arnold – o, die ganze Welt lebt fort im alten Geleise. Wenn ich nur die Welt vergessen könnte! Die Welt vergißt mich – wer denkt des einsamen Trauernden? O, verzeihen Sie, inniggeliebter, einziger Freund auf der Welt! Sie bleiben bei mir, verlassen mich nicht, nie. Ich bin die Beute des Wahnsinns, lassen Sie mich nicht allein.« Der Intendant hatte aufrichtiges Mitleid mit dem armen Menschen. Er war zu Tisch geladen beim Oberstallmeister und wollte sich nur einen Augenblick entfernen, um sich persönlich zu entschuldigen; aber Bruno ließ ihn nicht fort, er mußte seine Entschuldigung schreiben. »Ja wohl, ich will bei Ihnen bleiben,« tröstete der Intendant. »Ein Freund, der in der Trauer bei uns, ist wie ein Licht in der Nacht, es zwingt uns doch oder gibt uns wenigstens Gelegenheit, die Gegenstände um uns her zu sehen, zu wissen, daß noch eine Welt da ist und wir uns nicht ganz in die Nacht der Einsamkeit vergraben.« »O, Sie verstehen. Sagen Sie, was ich thun, was ich beginnen soll; ich weiß gar nichts mehr, ich bin wie ein verirrtes Kind nachts im Walde.« »Ja, das sind Sie.« Bruno schaute hastig auf; daß der Intendant so ganz das anerkannte, schien ihm doch nicht recht. »Ich bin nur jetzt so schwach,« sagte er. »Bedenken Sie, was die letzten Tage mir brachten!« Es lag eine seltsame Mischung von Milde und Herbheit in seinem Ton. »Darf ich rauchen?« fragte er wieder. »Gewiß, thun Sie das; thun Sie alles, was Ihnen gut ist.« »Ach nein, es ist mir nichts gut. Aber ich möchte doch rauchen.« Er zündete sich eine Zigarre an ... Die Welt hat ihn doch nicht ganz vergessen, wie er gezürnt. Es wurde Besuch gemeldet. Er that schnell die Zigarre weg – die fremde Welt darf nicht sehen, daß er raucht, sie soll nicht glauben, daß er gefühllos sei, nicht trauert um Vater und Schwester. Es kamen viele Besuche, und Bruno mußte immer wieder seinen Schmerz kundgeben und sich bemitleiden lassen. Er sah jetzt, wie die Welle des Gerüchtes vom Tod Irmas hinausgeflutet war in die Stadt, von der Höhe des Schlosses in die Niederung. Menschen, denen er sonst gar nicht freundschaftlich nahe stand, besuchten ihn jetzt; sogar entschieden Mißwollende kamen, und er mußte alle freundlich empfangen, allen danken und ihre innige Teilnahme erkennen, während er doch in manchem Auge Schadenfreude zu lesen glaubte; aber er durfte sie nicht gesehen haben; seine Mienen blieben wehmütig, nur manchmal zuckte es fremd darin. Auch seine Lustgesellen besuchten ihn, und es war höchst seltsam, wie die jungen Kavaliere so ernste Mienen machten; mancher Blick streifte dabei den großen Spiegel – die ernste Miene stand ihnen recht gut. Fast komisch erschien es ihnen, daß derjenige, der immer so lustig war und die besten und unzweideutigsten Witze machen konnte, jetzt so ernst dreinschaute. Sie setzten sich, sie saßen rittlings auf den Stühlen und hatten die Arme auf die Lehne gelegt, sie steckten sich Zigarren an, und es wurde viel von »Papa« gesprochen. »Mein Papa ist schon seit zwei Jahren tot.« »Mein Papa ist krank.« »Mein Papa will sich pensionieren lassen.« »Wie alt ist dein seliger Papa geworden?« wurde Bruno gefragt. Er wußte es nicht, er sagte auf gut Glück: »Dreiundsechzig Jahr.« Auch vom Wettrennen wurde gesprochen, zuerst nur behutsam und leise, dann aber lärmend. Man sprach von dem großen Verlust des Baron Wolfsbuchen. »Was ist ihm geschehen?« »Er hat der Fatime, der prachtvollen schwarzen Stute, als sie nicht parieren wollte, mit dem Säbel aufs Maul geschlagen, er hatte vergessen, daß der Säbel geschliffen war.« Man sprach von dem Verlust seiner Einsätze und an dem Pferde, von einem Tadel über Roheit war keine Rede. Endlich gingen die Kameraden davon; draußen vor der Thür reckten sie sich – Puh! So ist auch dies abgemacht! Solch eine Kondolenzvisite ist ein Stück Leichenparade, und die Worte sind wie gedämpfte Trommeln. Noch auf der teppichbelegten Treppe begann man leise zu medisieren: Bruno hatte seiner Schwiegermutter verboten, nach der Stadt zu kommen, da die Majestäten die Gnade haben wollten, bei dem jungen Sprößling Gevatter zu stehen. Da man einmal beisammen war, so war es natürlich, gemeinsam ein gutes Frühstück einzunehmen und etwas Sekt zu trinken. Es ging bald laut her beim französischen Restaurant und dabei wurde auch von Bruno gesprochen. »Der wird jetzt fabelhaft reich, er hat nun ein doppeltes Erbteil.« »Wenn er das vor einem Jahr gewußt, wer weiß, ob er die Steigeneck geheiratet hätte; seine Schulden waren wohl noch hinzuhalten.« »Er erbt auch die Schmucksachen seiner Schwester, die sind enorm wertvoll.« Wie wenn er zwei Menschen wäre, einer hier und einer dort, so konnte Bruno den Kameraden folgen, als sie ihn verlassen hatten; er ahnte, was sie sprechen, und einmal schaute er sich plötzlich um, als hätte er lachen gehört; es war aber nichts, der Papagei seiner Schwester, den er in sein Vorzimmer bringen lassen, hatte einen seltsamen Ton ausgestoßen; er ließ ihn wieder in die Zimmer Irmas zurückbringen, da er nicht wisse, ob er ihr zu eigen gehöre, und das ewige »Pfüt di Gott« war ihm auch zuwider. Er ging lange in der Stube umher, den Daumen in den zugeknöpften Rock gesteckt, und spielte mit den vier Fingern eine unhörbare lustige Melodie auf der Brust. Tief innerlich ärgerte er sich über jeden Beileidsbesuch; das ist so peinlich, man muß eine traurige Miene machen, muß Trost annehmen, Dank für Teilnahme aussprechen, und alles ist nur Lüge, höchstens Konvenienz – man ist ja schuldig, einem Betroffenen Teilnahme zu bezeigen. Vielleicht bedauern es die Menschen, daß man nicht auch da, wie beim Leichenbegängnis, seinen leeren Wagen schicken kann – es ist ja genug, um anzuzeigen, daß die Trauer eine große, allgemeine, der Leichenzug ein stattlicher war. – Das alles empfand Bruno jetzt im grimmigen Mißmut. Da gehen sie dann hin, die schönen Männer, die alten und die jungen, in Uniform und im Bürgerkleid, und zwirbeln unterwegs den Schnurrbart und streicheln sich das Kinn im Wohlgefühl: Du hast etwas Gutes gethan, bist ein exakter, gefühlvoller Mensch – und daheim erzählen sie der Frau und den Töchtern: der Flügeladjutant ist so und so – und dann essen sie und trinken und fahren spazieren, und auf der Anhöhe sagen sie: Gottlob, man muß zufrieden sein, wenn alles in Ordnung und man kein Unglück in seiner Familie erlebt. Aus fremdem Unglück bauen sie sich eine Stufe, von der sie ihr eigenes Wohlbehagen überschauen können. – Brunos spielende Finger gingen immer rascher auf der Brust. – Sterben, Trauer haben, krank sein – das ist etwas für gemeine Menschen, nicht für vornehme! Die Welt ist erbärmlich eingerichtet, daß es dafür kein Präservativ gibt, daß man es nicht abkaufen kann. Auch die Excellenz v. Schnabelsdorf kam. Bruno war ihm im tiefsten Herzen feind, denn von diesem Allwisser stammte das Witzwort, mit dem man die alte Tänzerin, Baronin Steigeneck, als »Fräulein Schwiegermutter« bezeichnete. Bruno mußte aber doch thun, als ob er es nicht wisse; er mußte jetzt freundlich und dankbar die Hand der Excellenz fassen, er mußte den Kuß dulden von dem Munde, der seiner Familie einen Schmachtitel angehängt; denn Schnabelsdorf steht jetzt am höchsten in der Hofgunst, Bruno kann seine Freundschaft nicht missen, jetzt doppelt nicht, weil ihm seine Hauptstütze, die Schwester, genommen. So ärgerte sich Bruno über jeden Beileidsbesuch, der kam, und doch auch über jeden, der nicht kam. Die Welt war so rücksichtsvoll, immer nur von dem Unglück, von dem plötzlichen, unversehenen Tod Irmas zu sprechen, wie sie vom Pferde geschleudert worden und in den See gestürzt sei. Ja, der Vizeoberstallmeister behauptete steif und fest, daß der Pluto nie korrekt zugeritten gewesen sei. Bruno selbst that, als ob er wirklich glaube, daß Irma nur verunglückt. Für sich allein aber fühlte er eine eigene Wollust darin, sich die Scene des Selbstmordes ganz genau auszudenken, und wie drunten tief im See Irma an ihren langen Haaren von den Felsenklippen festgehalten wird – er konnte seine Phantasie gar nicht zurückwenden von den Schauerbildern und mußte zuletzt das Fenster aufreißen, um Gegenstände draußen zu sehen. Bruno wollte nichts genießen; der Intendant brachte es nur dadurch zuwege, daß Bruno Speise annahm, indem er für sich selbst Essen kommen ließ, Bruno mußte sich zu ihm setzen. Bei jedem Bissen und jedem Trunk aber sagte er: »Ich kann nicht.« Zuletzt befahl er doch Champagner. »Ich muß meine Lokomotive heizen,« knirschte er, die Flasche in den Eiskübel stampfend – »ich habe so wenig Genuß davon, wie die Lokomotive von den Kohlen.« Er stürzte hastig den Wein hinab und aß mit der traurigsten Miene, als ob er jede Minute weinen müsse. Er ließ mehr Champagner bringen. »Sehen Sie,« rief er, zum Fenster hinausschauend, seine Augen waren rot, »da reitet der Kaufmann Kreuter den Fuchswallach des Grafen Klettenheim. Es muß in der vergangenen Nacht scharf gespielt worden sein, da der Graf seinen Fuchswallach hergab, er ist ja sein Stolz, seine Manneswürde, was ist Klettenheim ohne seinen Fuchswallach? Eine Null, Doppel-Zero! Ach, lieber Freund, entschuldigen Sie – ich rede im Fieber, ich bin krank. Aber ich will nicht krank sein! Ich will nichts mehr reden! Reden Sie nur, was Sie wollen.« Der Intendant wußte nichts vorzubringen; ihm war so bang, als wäre er mit einem Wahnsinnigen in einen Kerker eingesperrt. »Ich will den Lakaien Baum sprechen!« rief Bruno plötzlich. Der Intendant mußte ein Telegramm nach dem Sommerschloß absenden, daß man den Lakaien Baum zum Flügeladjutanten hereinschicke. Bruno ließ die Vorhänge herab, ließ Licht bringen, frische Flaschen aufsetzen und gab Befehl, daß niemand vorgelassen werde. Der Intendant war in Verzweiflung, aber Bruno rief: »Freund! Alles auf der Welt ist Selbstmord, nur mit dem Unterschied, daß man nachher noch einmal leben kann. Die Stunde, die man tötet, die ist richtig gelebt!« Der Intendant fürchtete einen Ausbruch des Wahnwitzes, aber Bruno war kein Kavalier, der nur so viel Geist hat, als der eben genossene Champagner hergibt und höchstens noch, um ein galantes Billet zu schreiben und eine witzige Unanständigkeit zu formulieren. Bruno hätte den ausgelacht, der ihm ein System zumuten wollte, und doch behauptete er jetzt, ein solches zu haben, und rief, indem er sich neu einschenkte: »Ja, Freund, es gibt nur zwei Gattungen Menschen auf der Welt.« »Männer und Frauen?« sagte der Intendant – er glaubte in den Ton eingehen zu müssen, um ihn überzuleiten. »Pah!« fiel Bruno ein. »Wer spricht davon? Höre, Freund, höre, die zwei Gattungen heißen: Genießende und Märtyrer. Wer für die sogenannten Ideen lebt – gut, schön, erhaben! Der ideale Mensch möge sich aber auch hinschlachten, verbrennen lassen, ist seine Schuldigkeit – er lebt für sich kurz und wenig, aber dafür viel und ewig im Andenken der Menschen. Die Rechnung stimmt. Nicht so?« Der Intendant mußte beistimmen, was sollte er machen? »Und die zweite Gattung,« fuhr Bruno fort, »das sind wir, die Genießenden. Das beste auf der Welt ist der folgenlose Genuß. Wenn ich geraucht, Musik gemacht oder gehört habe, kann ich alles thun, es stört mich nichts. Alle andern Genüsse haben leider Folgen – Folgen. – Man sollte keine Familie haben! Keine Familie – nur keine Familie – –« Plötzlich fing Bruno an, laut zu weinen. Der Intendant wußte sich nicht zu helfen. Er schalt sich, daß er Bruno nicht mehr vom Trinken und vom Sprechen zurückgehalten habe. Bruno legte den Kopf zurück und der Intendant hüllte schnell ein Stück Eis vom Tische in ein Tuch und legte es ihm auf. »Ich danke!« sagte Bruno und schloß die Augen. »Ich danke!« Bald schlief er. Der Diener trat ein. Bruno erwachte. Der Intendant öffnete die Vorhänge und die Fenster; es war noch hoher Mittag. Es kam die Nachricht, daß der Lakai Baum bereits mit Hofrat Sixtus verreist sei. »So reisen wir allein!« rief Bruno, der wieder alle Fassung gewonnen hatte. »Wohin?« »Sehen Sie, das macht der Gram, ich meine, ich habe Ihnen alles schon gesagt: wir müssen nach dem See, um die Spuren der Unglücklichen aufzusuchen. Habe ich Ihnen das in der That noch nicht gesagt?« »Nein – aber ich stehe zu Ihrer Disposition. Ich werde mir Urlaub erbitten und auch für Sie.« »Ist nicht nötig. Seine Majestät haben mir ihn bereits anbieten lassen, Seine Majestät sind sehr gnädig, sehr. Du glaubst, daß wir dienen, weil wir dich lieben und dir unterthänig sind? Haha! Wir dienen dir nur, weil wir in Gemeinschaft an deinem Hofe besser genießen können, mannigfaltiger. Du bist unser Gastwirt und du naschest selbst gern hinterm Schanktisch. – Bitte, lieber Freund, was habe ich gesagt? Sie haben nichts gehört – nicht wahr? Es war Wahnwitz, ich werde wahnsinnig! Ich muß hinaus! Reisen wir noch heute ab!« Der Intendant willfahrte. Nur mußte er noch einige notwendige Anordnungen für seine Abwesenheit treffen; er entfernte sich auf eine Stunde. Bruno ließ packen und befahl, daß sofort zwei Reitpferde nach dem See vorausgehen. Neuntes Kapitel. Bruno stand, von allerlei Gepäck umgeben, im Zimmer, da meldete ein Diener die gnädige Frau Schwiegermutter. »Die jetzt? und trotz des Verbots?« fuhr es ihm durch den Sinn. »Ist willkommen!« erwiderte er dem Diener, der schnell die Flügelthüren öffnete und hinter der Eintretenden wieder schloß. »O meine gute Mutter!« wollte Bruno auf sie zueilen und sie umarmen; sie aber reichte ihm nur die Hand und sagte: »Bitte, bitte!« Dann setzte sie sich auf das Sofa und fuhr fort: »Kommen Sie näher, setzen Sie sich!« »Wissen Sie –« fragte Bruno. »Alles. Sie haben mir nichts zu erzählen.« »Ich danke, daß Sie kommen, mich zu trösten.« »Ich freue mich – ich will sagen, es ist mir eine Beruhigung, Sie so gefaßt zu finden. Arabella weiß noch nichts?« »Nein.« »Sie darf auch nichts erfahren ... Was bedeuten diese Koffer?« Bruno sah die Fragende staunend an. Wer hat hier zu fragen? Und in solchem Tone? »Ich verreise,« erwiderte er schroff; um es aber zu keiner Scene kommen zu lassen, setzte er in mildem Tone hinzu: »Ich muß als Bruder Nachforschungen nach der Verunglückten anstellen.« »Ich billige das. Ist schicklich,« sagte die Baronin. »Haben Sie mit ihm bereits eine Auseinandersetzung gehabt? ... Sie verstehen mich wohl nicht, da Sie nicht antworten? Ich meine diesen König.« »Ja,« erwiderte Bruno keck, »aber ich bin auf mein Wort verpflichtet, keine weitere Mitteilung zu machen.« »Gut. Ich achte die Diskretion. Nun aber ein offenes Wort an Sie. Bitte, schließen Sie die Portièren.« Bruno that, wie ihm befohlen. Er knirschte die Zähne, während er nach der Thür ging, aber als er sich umwendete, waren seine Mienen wieder freundlich, aufmerksam. »Sprechen Sie. Es hört uns niemand. Ein Trauernder hört geduldig,« sagte er. »Trauernder? Wir haben noch andern Grund zu trauern, als Sie. Wir glaubten uns mit einer der angesehensten Familien des Landes zu verbinden –« Bruno wollte auffahren. »Bitte, spielen Sie nicht mit mir –« fuhr die Baronin fort, und sie hatte eine andre Stimme, eine andre Gestalt, »wir sind allein, demaskiert. Sie, Herr Schwiegersohn, haben mich immer, wenn auch mit äußerem Anstand, doch nicht ganz mit dem Respekt angesehen, den ich verlangen muß – bitte gehorsamst, widersprechen Sie mir nicht; lassen Sie mich ausreden! – Ich war Ihnen, wenn ich's kaltblütig überlegte, darüber nicht gram. Ich kenne meine Stellung. Nun aber, Herr Schwiegersohn, ist das anders. Ich war, was Ihre Schwester ... und habe nie Tugend geheuchelt. Ich galt vor der Welt, was ich in Wahrheit war ...« Bruno seufzte tief auf; die Baronin fuhr in knirschendem Tone fort: »Ich hätte in Demut vor Ihrer Schwester niederknien mögen, damals, als sie so innig zu uns war. Sie muß mir aus der Hölle meine Demut wieder herausgeben. Nicht sie war die bessere, ich war's. – Doch lassen wir die Toten ruhen! Nun aber, mein Herr Schwiegersohn, mit Ihrem Stolz gegen mich hat es ein Ende. Das sage ich Ihnen: Sie müssen glücklich sein, daß wir uns mit Ihnen verbunden. Wir werden Sie das nie fühlen lassen, wenn Sie sich anständig benehmen.« »Thue ich das nicht?« fragte Bruno, der diesem Schlage gegenüber alle Haltung verloren hatte. »Wir wollen sehen. Vorerst eines: ich wohne künftig bei Arabella, so oft ich will und so lange ich will. Diese langweilige Moralkönigin hat nun auch ihre Lektion. Ich verlange indes nicht nach Hofe, aber die Gesellschaftskreise sind mir offen – ich trete an Ihrem Arme ein, mein galanter und liebenswürdiger Herr Sohn.« Die Alte stand auf und verbeugte sich sehr zierlich, Bruno ihren Arm bietend. Dieser faßte die Hand seiner Schwiegermutter und führte sie an die Lippen. »Pfui! Sie haben Wein getrunken in Ihrem Schmerz?« rief plötzlich die alte Tänzerin und hielt sich das feine, stark parfümierte Tuch vor den Mund. »Fräulein Schwiegermutter« – hatte Bruno auf den Lippen, er wollte ihr das ins Gesicht schleudern. Da näherten sich draußen Schritte. Der Intendant trat wie ein Erlöser in die Stube. »Bitte, ich will nicht stören,« rief er, da er die Schwiegermutter bei Bruno sah. »Sie stören nicht!« erwiderte Bruno rasch. »Meine gute Frau Schwiegermutter« – er sagte »Frau« mit etwas scharfer Betonung – »unsre gute Mutter, jetzt Großmutter, ist trotz eines heftigen Fiebers zu uns geeilt, um uns zu trösten. Ich bin glücklich, noch treu Zugehörige auf der Welt zu haben und einen Freund wie Sie. Ich will ganz der Familie leben, die mir noch geblieben.« Die Baronin Tänzerin nickte. Bruno besteht die erste Probe in seiner neuen Rolle zu ihrer Zufriedenheit. »Wir reisen nun wohl heute nicht mehr?« fragte der Intendant. »Doch, doch, wir wollen keine Minute mehr zögern.« Die Frau Schwiegermutter übernahm es, Arabella von einer notwendigen Reise Brunos, die als Dienstreise bezeichnet wurde, zu unterrichten. Bruno dankte ihr, während er mit einer Art beflissener Langsamkeit seine schwarzen Handschuhe anzog, und er dankte ihr aufrichtig, denn mitten in den Gedanken, daß er nun in eine Abhängigkeit geraten wird, die schwer auf ihm lastet, schimmerte die Hoffnung auf ein Stuck Erlösung: es ist doch gar zu mißlich, daß man sich als Ehemann so viel der Frau widmen muß; sie will immer unterhalten, immer mit Huldigungen umgeben sein. Wenn die Schwiegermutter im Haus ist – es wird zwar mit vielen Unzuträglichkeiten verbunden sein – aber Arabella hat doch für viele Stunden eine natürliche Gesellschaft, in denen er dann frei wird. Der Abschied war kurz, aber innig; Bruno durfte seiner Schwiegermutter die Wange küssen. Noch als er im Wagen saß, wischte er sich die Schminke von den Lippen; er rieb sich die Lippen fast wund. Es war schon Abend, als die beiden abfuhren, und sie übernachteten auf der ersten Station. Bruno legte sich aufs Bett, nur um ein wenig auszuruhen, er erwachte aber erst spät am andern Morgen. Zehntes Kapitel. Die Königin schlief, vom Schmerz überwältigt, in ihrem Gemach. Die Hofdamen saßen bei einander auf der Terrasse unter der Hängeesche; sie wollten sich heute gar nicht voneinander trennen, etwas wie Gespensterfurcht war in allen; hier mitten unter ihnen war vor wenig Tagen noch Irma, dort saß sie auf dem Stuhl ohne Rückenlehne – sie lehnte sich nie an – der Platz, wo sie sonst gesessen, blieb leer; würden nicht die Wege jeden Morgen frisch geharkt, die Spuren ihres Fußes wären noch da. Und jetzt verschwunden aus der Welt, ausgelöscht, und in so entsetzlicher Weise, und wer kann sagen, wie lange dies Gespenst noch im Schlosse umgehen, welche Verheerungen es noch anrichten wird? Die Welt weiß jetzt, was vorgegangen. Die Damen stickten emsig. Sonst las man abwechselnd vor, natürlich einen französischen Roman; heute lag das Buch ruhig auf dem Tisch; man war sehr gespannt auf den weitern Fortgang der Erzählung, aber niemand wagte auch nur den Gedanken, daß man heute weiter lesen könnte. Auch ein zusammenhängendes Gespräch wollte sich nicht fügen, nur manchmal hörte man: »Liebe Klothilde, liebste Anna, wollen Sie mir etwas Pensée, etwas Blaßgrün borgen?« – »Ach, ich kann keine Nadel einfädeln, ich zittere. Haben Sie eine Einfädelmaschine?« Sie war glücklicherweise da, niemand wollte so unerschüttert sein, um eine Nadel einfädeln zu können. Man beklagte Irma und es that allen wohl, jetzt so gut und barmherzig sein zu können; sie sind glücklich, der Unglücklichen fromm zu vergeben, und weil man so mild und verzeihend ist, kann man das Vergehen um so schärfer bezeichnen. Sie nahmen damit Rache für die eigene Selbsterniedrigung, denn sie hatten, als Irma in höchster Gunst stand, ihr gehuldigt, mehr als der Königin. Sie sprachen gegen einander nur mit Verehrung von den Fürstlichkeiten – man traut einander bei aller Vertraulichkeit doch nicht – man fühlt und weiß, daß ein Zerfall im Anzug, man darf aber nicht thun, als ob man davon wisse. Die Oberhofmeisterin allein hielt Irma eine gute Nachrede. »Ihr Vater ist viel schuld,« sagte sie, »er hat ihr diesen Unglauben eingepflanzt.« »Er hat sie doch im Kloster erziehen lassen.« »Sie hat aber von ihm eine fast gehässige Verachtung aller Formen und Traditionen geerbt. Darin lag ihr Unglück. Sie war eine schöne, reichbegabte Natur und nicht eine Spur von Neid und Mißgunst war in ihrer Seele.« Man widersprach der Oberhofmeisterin nicht. Es gehört vielleicht jetzt zum Gesetz, nur gut von Irma zu sprechen und ihre grauenvolle That ganz zu vergessen. »Wenn ihr Bruder gewußt hätte, daß er Alleinerbe wird, wer weiß, ob er die Steigeneck geheiratet hätte,« sagte leise eine kleine schmächtige Dame ihrer Nachbarin in den Korb, während sie nach Wolle darin suchte. Die Angeredete sah sie traurig dankbar an, sie hatte vordem den Grafen Bruno geliebt, sie liebte ihn noch. »Ich habe noch ein Buch von ihr.« »Ich noch eine Zeichnung.« »Ich noch Noten,« hieß es von da und dort her. Man hatte ein gewisses Grauen vor allem, was Irma besessen; man kam überein, alles dem Bruder zu schicken. »Ich ging heute früh an ihren Zimmern vorüber,« sagte die immer frierende Hofdame der Prinzessin Angelique, die sich oft die Hände rieb und die Fingerspitzen anhauchte; »die Fenster standen offen, ich sah den einsamen Papagei in seinem Gitter, und er rief immer! Pfüt di Gott, Irma! ... Es war schauerlich.« Alles schauerte, und doch hatte man eine geheime Lust an diesem Gruseln. Die fromme Palastdame kam zu dem Kreise und erzählte, daß sich soeben Hofrat Sixtus bei ihr verabschiedet habe; er reise mit dem Justizrat Fein nach dem Gebirge, er nehme auch den Lakaien Baum mit, um die Leiche der Gräfin Irma aufzusuchen. »Wird er sie hierher bringen, oder auf ihr väterliches Schloß?« »Schrecklich, im Tode von gemeinen Menschen begafft zu werden!« »Entsetzlich! Mich schaudert!« »Bitte, geben Sie mir auch Ihren Flacon!« Ein Flacon mit englischem Riechsalz ging von Nase zu Nase im Kreise herum. »Und von jedermann und jeder Frau eine freiwillige Leichenrede zu bekommen.« »Dieser öffentliche Selbstmord ist doch sehr indiskret.« »Wenn nur die entsetzlichen Zeitungen nicht wären,« klagte die frierende Hofdame. Bald ging indessen das Gespräch wieder in einen mäßig heiteren Ton über. »Ach Gott,« klagte eine Hofdame, sie war hübsch und schnippisch, »ach Gott, was hat man zu Leb- und Herrschzeiten der Gräfin Irma für die schöne Natur und das gemütliche Volk schwärmen müssen. Jetzt darf man doch hoffentlich wieder sagen, ohne eine Ketzerin zu sein: die Natur ist langweilig und das Volk ist abscheulich.« Alle fanden die Bemerkung der schönen und schnippischen Hofdame zwar boshaft, aber doch äußerst treffend. Es gab helles Durcheinandersprechen und Lachen, wie in den fröhlichsten Tagen. Ein mutwilliger Knabe hat einen Sperling vom Dach geschossen. Die Sperlingschar piepst und beschwatzt das eine Weile und ist auch traurig, dann aber hüpft und zwitschert es wieder durcheinander wie vorher. Zur Steuer der Wahrheit muß indes gesagt werden, daß manche der versammelten Damen auch gern Gutes und Rühmliches von Irma gesprochen hätten; das blieb aber im Hintergrund der Seele – man wollte um alles in der Welt nicht sentimental sein. Erst als die Oberhofmeisterin wieder das Wort nahm, wurde man auch gemessener. Die Oberhofmeisterin sprach durch Haltung und Miene aus: ich bin leider diejenige, die das prophezeit hat; nun ist's eingetroffen; aber ich bin nicht stolz darauf. Sie hatte das Recht und die Pflicht, versöhnend und mild abschließend über Irma zu sprechen. »Die Exzentrischen, ja die Exzentrischen,« sagte sie. »Die arme Gräfin Wildenort! Das Demonstrative ihrer That ist ein schweres Vergehen. Vergessen wir aber bei dem Entsetzlichen nicht, daß sie auch unbestreitbar Gutes hatte. Sie war schön, gefiel gern, und hatte doch keine Spur von Koketterie; sie hatte Geist und Witz, mißbrauchte ihn aber nie zur Medisance. Die arme Exzentrische!« Mit dieser Bezeichnung als Exzentrische war Irma bestattet und die andern Hofdamen hatten dabei ihre Lehre. Der Blick der Versammelten wurde nach dem Thale gelenkt. »Dort fährt der Wagen,« hieß es. Der Hofrat Sixtus grüßte von der Straße herauf; neben ihm saß der Justizrat und ihnen gegenüber – er war heute zu müde, um auf dem Bock zu sitzen – der Lakai Baum. »Es ist kaum ein Jahr, daß wir denselben Weg miteinander gemacht,« sagte dort Sixtus zu Baum. Baum war gar nicht gesprächsam, er war müde; er hatte nach schweren Vorbereitungen heute das große Examen gemacht und durfte sich bekennen, daß er es nicht schlecht bestanden; außerdem wußte er sich noch nicht recht darein zu finden, daß er im Wagen saß, und doch durfte er annehmen, daß da nunmehr sein Platz; er stand auf dem Punkte, ein andrer zu werden, ein höherer, er war es schon geworden, nur fehlte noch das äußere Kennzeichen; er ließ sich's auch gefallen, einfach Lakai zu bleiben, vielleicht wünschte der König das, um sich nicht zu verraten, und er war bereit, auch dies gewähren zu lassen; er und der König wissen doch, wie sie zu einander stehen. Er lächelte in sich hinein, ihm war zu Mute wie einem Mädchen, das das Liebesbekenntnis des Geliebten hat, seine feurigsten Schwüre; das förmliche Freiwerben kann jede Stunde vor sich gehen. Als der Hofarzt eine Zigarre herausthat, war Baum schnell bei der Hand, ihm Feuer zu geben. Das war aber für jetzt seine letzte dienende Handlung. Baum war so unhöflich – die Natur läßt sich nicht zwingen – im Angesicht der Herren einzuschlafen; aber noch im Schlaf war er gut geschult, er saß stramm aufrecht und jede Minute bereit, einer Anrufung zu folgen. Baum wachte erst auf, als man Halt machte. Die scharfen Fragen des Justiziars zerstörten zuerst wieder sein Wohlgefühl. Was liegt am Tod einer Gräfin, wenn man dadurch steigt? Tief ärgerlich war er, daß sich seine Familie, Mutter und Bruder und Schwester, in diese Sache eingemischt, und hat nicht Thomas etwas vom Tod der Esther gesagt? Oder hat er das nur geträumt? Man wird ganz wirr von so vielen Erlebnissen. Der Hofarzt entschuldigte vor dem Juristen die unordentliche Auskunft Baums. Baum sah ihn groß an. Merkt der schon deine Erhebung und will sich bei dir in Gunst setzen? Klug genug ist er dazu. Baum nahm sich vor, einstweilen nur die Spuren zu zeigen, wo er Hut und Schuhe gefunden, und Mutter und Bruder ganz aus dem Spiele zu lassen, wenigstens wollte er nicht selbst sie hereinziehen und berief sich auf den Landjäger, den man mitnehmen müsse. Der Landjäger mußte im Städtchen aufgesucht und mitgenommen werden, dann ging der Weg nach der Gerichtsstadt, wo der Physikus Doktor Kumpan wohnte. Sixtus ließ diesen in den Gasthof rufen und der allezeit Muntere war voll Lob über die Gräfin Irma. Er fand es sehr schön, daß sie den Mut hatte, zu leben wie sie wollte, und zu sterben wie sie wollte. Daneben hatte Kumpan seinen Spaß, daß Freund Schniepel zu so großen Missionen ersehen war, Ammensuchen und Leichenfinden. Er bat sich's aus, einmal eine Gräfin sezieren zu dürfen. Hofrat Sixtus waren die derben Späße seines ehemaligen Studiengenossen gar nicht genehm. Doktor Kumpan erzählte von den großen Veränderungen, die mit Walpurga vorgegangen waren. Sie sei mit ihrer ganzen Familie weit in das Gebirge hinein bis an die Landesgrenze ausgewandert. Er wußte viel Spaßiges von Hansei zu erzählen und besonders von einer Wette um sechs Maß Wein. Sixtus berichtete dem Kameraden leise – aber Baum hörte es doch – daß Walpurga fortan nicht mehr in Gunst bei Hofe stehe, es werde sich offenbaren, daß sie die Vermittlerin war. Sixtus bereute sofort, daß er dem Kumpan derartiges mitgeteilt, aber eben weil er nichts rechtes mit ihm zu reden wußte, sagte er gerade das, was er vor ihm verbergen wollte; es war indes geschehen und er nahm dem Freund das Wort ab, nicht weiter von dieser Sache zu reden, und Kumpan war stets ein Mann von Wort. Als Kumpan fort war, kam Baum nochmals zu Sixtus und sagte ihm, daß es gut wäre, wenn man zu Walpurga reise, die wisse vielleicht doch etwas; er erbot sich zugleich, selbst hinzureisen. Es ward ihm immer peinlicher, mit Mutter und Geschwistern in dieser Sache zusammenzukommen. Aber Sixtus sagte, daß diese Reise ganz überflüssig wäre, Baum müsse bei ihm bleiben. Elftes Kapitel. Am Morgen wäre Bruno gern umgekehrt. Was sollte das? Das Märchen vom Brüderlein und Schwesterlein spielen, wie das Brüderlein das verlorne Schwesterlein suchen will? Was wird das Ergebnis sein? Ein erschütternder Anblick, den man nicht mehr vergessen kann, der in die Träume hineintanzt, eine schauderhaft verschwommene Leiche mit offenem Munde ... Bruno sah verdrossen zu dem Freund auf, der ihm Glück wünschte, daß er so gut geschlafen und frische Kraft gesammelt habe, um alle Erschütterungen, die der Tag bringen könne, mit Festigkeit zu ertragen. Bruno sah den Intendanten bitter, ja eigentlich mißtrauisch an; es schien ihm, ja es war fast gewiß, dieser Mann betrachtet den ganzen Vorfall als eine tragische Theatergeschichte, die gehörig in Scene gesetzt werden muß; er wird alles als Studie benützen für eine ähnliche Darstellung auf der Bühne; er wird dich in deinen Mienen und Gebärden beobachten und dann dem Schauspieler sagen: so wirft man sich, so stellt man sich, so stöhnt man beim Auffinden der toten Schwester! – Bin ich die Puppe dieser Puppe? Ich will nicht! Bruno wäre am liebsten gleich zurück und zu seiner Schwiegermutter gereist. Wenn er dort sich auch beugen mußte – er konnte ja die Demut in Galanterie verwandeln und hatte nicht nötig, sich solchen Schauerscenen auszusetzen. Da war aber der Freund und sprach ihm Mut zu, daß er nichts unterlasse, was die Pflicht des Bruders fordert. O, die Gemütlichen! Das ist doch die entsetzlichste Menschenrasse, sie nehmen alles so ernst. Ist es ihnen wirklich ernst? Wer weiß! Jeder in der Welt spielt doch nur seine Rolle ... Er mußte fort und sah es vor sich: dieser entsetzliche pflichtmäßige Freund – und er ist doch sein Freund nicht – dieser Mensch, den er sich aufgehalst, wird ihn zwingen, tagelang das Schauerliche zu suchen, das er nicht finden will. Mißmutig fuhr man weiter. Der Intendant erklärte Bruno, der ihm beharrlich für jede Handreichung formell dankte: »Ich bitte, danken Sie mir nicht. Ich thue nur meine Pflicht, für Sie als Freund und auch für mich selbst. Ich habe, Sie wissen es, Ihre Schwester einst geliebt, sie hat mich verschmäht.« Er war diskret genug, nicht hinzuzusetzen, daß er dann ihr Anerbieten abgelehnt; Bruno knirschte innerlich über diese schonungslose Diskretion. Der Intendant fand Bruno sehr still und verschlossen. Das ist der natürliche Umschlag gegen die gestrige Raserei, dachte er, und hielt sich ebenfalls still. Bruno schaute den Intendanten oft an, als wäre er sein Gefangenwärter, der ihn zur Strafvollstreckung über Land führt. Die Fahrt ging rasch; auf den Stationen, wo Pferde gewechselt wurden, sprach der Intendant viel und sehr geläufig in der hieländischen Mundart mit Postillonen und Wirten; manche kannten ihn auch. Zu seinem Schrecken erinnerte sich Bruno, daß er ja den Salontiroler bei sich habe; der kommt jetzt in seine Sprachgarderobe, hier ist er daheim, da wird er Studien machen und sich in dem Wohlbehagen wälzen, mit den Leuten in ihrem albernen Deutsch zu reden. In der That konnte der Freund, denn so mußte er doch heißen, nur schwer einen gewissen Ausdruck des Behagens zurückhalten, daß er hier in seinem Elemente sei. Endlich sah man vom letzten Berge die weite sonnenbeschienene Spiegelfläche des Sees, umstanden von den riesigen Bergen. »Sehen Sie,« konnte sich der Freund nicht enthalten zu bemerken, »sehen Sie dort den Ahorn? Da links bei dem kleinen Felsen – das ist der Standpunkt des Bildes, das ich gemalt, und das im Musiksaal Ihrer Majestät der Königin hängt.« Der Freund glaubte mit dieser Bemerkung auch den schweren Sinn Brunos in eine ruhige Betrachtung zu lenken, damit nicht gleich das Schauerliche sich aufdränge, wie dort unten seine Schwester den Tod gesucht. Bruno sah ihn unwillig an. Ein jeder denkt doch nur an sich – sprach es in ihm – dieser Geck denkt jetzt an seine Pfuscherei! Er schwieg indes; sein Schweigen spricht mehr Trauer aus, als alle Worte. Er rieb sich die Augen, denn das blitzende Rückstrahlen der Sonne von dem weiten See stach ihm in die Augen. Der Freund faßte seine Hand und drückte sie still – er versteht dieses Bruderherz und sein Blick sagt: Da glauben die Menschen, du seiest eine oberflächliche frivole Natur; ich kenne dich jetzt besser. Die Pferde Brunos, die an der Anlände beim See standen, wieherten den Ankommenden entgegen, und die Diener warteten hier. Jetzt zum erstenmal schämte sich Bruno vor den Bedienten: sie wissen alles, was werden sie geplaudert haben in der Trinkstube? Er war tief zornig auf seine Schwester, die ihm alles das gethan. Sogleich im Wirtshaus erfuhr man, daß die alte Zenza dagewesen sei; sie hatte einen Ring verkaufen oder verpfänden wollen, den ihr das Hoffräulein, das sich ertränkt hatte, in der Nacht vorher, als sie sich zu ihrer Hütte verirrt, geschenkt habe. Man hatte ihr natürlich, da man den Ring für gestohlen hielt, nichts darauf gegeben. Nun hieß es: die Zenza muß näheres wissen. Man nahm einen Führer und wanderte nach ihrer Hütte den Berg hinan. Bruno war sonst als Jäger ein guter Bergsteiger, heute aber glaubte er bei jedem Schritt zusammenzubrechen; er mußte oft ausruhen. Der Freund sprach ihm Mut zu, und man wanderte durch den sonnigen Wald, wo das Licht hell auf dem weichen Moose spielte und darüber hin nur manchmal ein Habicht sein grausam fröhliches Jauchzen ausstieß. An einem Kreuzweg trafen sie auf eine Gruppe städtisch gekleideter Männer und Frauen, deren Hüte mit grünen Zweigen und Kränzen geschmückt waren. Bruno flüchtete schnell, ehe die fröhlichen Wanderer nahe kamen, vom Wege ab in den Wald; der Intendant ward von einem ehemaligen Berufsgenossen erkannt, und Bruno hörte, wie berichtet wurde, daß die Gäste von einem kleinen Badeaufenthalt in der Nähe einen Ausflug machten, um Ort und Stelle zu sehen, wo sich die Gräfin Wildenort ertränkt. Die Gruppe zog vorüber und man hörte noch tief aus dem Wald lautes und heiteres Gespräch. Endlich war man oben an der Wurzhütte. Sie war verschlossen. Man klopfte, ein Brummen antwortete, der Riegel wurde innen zurückgeschoben. Eine verwahrloste, mächtige Gestalt, wild anzuschauen, stand vor den beiden. Thomas erkannte sofort Bruno und rief: »Ah, Wildenort? Das ist recht, daß du kommst. Ich zieh' den Hut ab vor dir, du bist ein ganzer Kerl! Was da, Vater! Wenn er stirbt, reitet man davon; man kann ihm doch nicht helfen sterben. Hoho! Ein ganzer Kerl bist du! Nach dem alten Zeug fragt man alles nichts mehr.« »Was willst du?« fragte Bruno mit zitternder Stimme. »Ich thu' dir nichts, da hast du meine Hand darauf, ich thu' dir nichts – du thust dem König nichts wegen so einer Sach', und ich thu' dir auch nichts wegen so einer Sach'. Du bist mein König. Noch in der letzten Stunde hab' ich's herausgebracht, daß du es gewesen bist, und weil du's gewesen bist, hat sie deiner Schwester durchgeholfen. Verstehst mich schon. Ich schweige. Die dumme Welt braucht nicht zu wissen, was wir miteinander haben. Schwester, König, Wilderer, Graf – es ist alles in Ordnung.« »Der Mensch scheint mir verrückt!« sagte der Intendant zum Führer. »Was willst du? Laß den Herrn los!« rief er zu Thomas. »Ist das dein Lakai? Wo ist denn der mit den pechschwarzen Haaren? – Laß du uns gehen!« wendete sich Thomas dem Intendanten zu. »Wir zwei verstehen einander ganz gut. Gelt, Bruder? Du bist ein Bruder und ich bin auch ein Bruder. Ha, gescheit ist die Welt eingerichtet! Mußt nicht glauben, daß ich getrunken habe. Ich hab' freilich getrunken, aber das thut nichts – ich bin katzennüchtern. Jetzt hör meinen Plan. Alles was recht und billig ist. Ich laß mit mir reden. Ich seh' schon, du bist ein ordentlicher Mensch, du kommst zu mir –« »Wir wollen dich fragen, ob du etwas weißt von der Dame im blauen Reitkleid, die hier war,« sagte der Intendant in regelrechtem Dialekt. »Hui!« rief Thomas, »der kann schön reden! Ich versteh' aber auch Pfarrerdeutsch und Gerichtsdeutsch, ich hab' mit den Leuten mein Teil zu thun gehabt. Red du aber nicht mehr drein,« und zu Bruno gewendet, fuhr er fort: »Wir zwei reden jetzt allein miteinander. Jetzt horch, Bruder. So halten wir's. Du brauchst mich nicht zum Grafen machen, du gibst mir nur auch Knechte und Pferde, und Geld genug, und Gemsen im Walde und Hirsche; wirst sehen, ich bin gescheit, und gesund und stark bin ich auch; willst einmal mit mir raufen! Komm hinaus, wirst sehen, ich schieße besser als du! Jetzt gibst du mir das Erbteil deiner Schwester oder meiner Schwester, es ist eins – wirst sehen, wir sind ein paar lustige Brüder.« Bruno stand und wußte nicht, träumte oder wachte er: einzelnes aus den Worten des verwegenen Gesellen war ihm klar, andres nicht. Er winkte dem Intendanten, ihn zu lassen, und sagte in mildem Tone: »Thomas, ich kenne dich jetzt. Setz dich!« Thomas setzte sich auf die Bank, hob den Branntweinkrug auf, den er sich aus dem Geld für den Hut erkauft hatte, und sagte: »Willst einmal trinken?« Da Bruno ablehnte, trank er selbst in gierigen Zügen. Der Intendant sagte in französischer Sprache zu Bruno, daß hier nichts zu erforschen sei; er habe dem Führer heimlich den Auftrag gegeben, sobald sie sich umwendeten, den wilden Gesellen festzuhalten, damit sie unbehindert nach dem Thal zurückkehren könnten. »Was wälscht da der Starmatz?« rief Thomas und wollte auf den Intendanten los. Im selben Augenblick warf sich der Führer auf Thomas und hielt ihn fest; die beiden verließen die Hütte und rannten eilig den Berg hinab. Erst als der Führer kam, hielten sie still und Bruno wagte aufzuatmen. Der Führer erzählte, daß Thomas gerast habe, er habe immer nach seiner Flinte geschrieen, die er im Walde vergraben habe, er müsse seinen Schwager erschießen. »Am besten ist's,« schloß der Führer, »der Bursch sauft sich den Hals ab, sonst muß man ihm doch noch den Hals abschneiden.« Bruno wagte nach geraumer Weile dem Intendanten in halb fragendem Ton zuzuflüstern, ob es nun nicht genug der Nachforschung, und Umkehr das angemessenste sei. Der Intendant schwieg. Bruno sah ihn wieder mit jener bitteren Miene an, die auch für Trauer gelten konnte. Der Intendant sah das fast zerbrochene Wesen Brunos und willigte in die Umkehr. Zwölftes Kapitel. Die beiden Freunde kehrten nach dem Wirtshause zurück, wo die Reitknechte mit den Pferden warteten. Der eine kam den Suchenden eine große Strecke entgegen und brachte die Nachricht: da unten sei ein Schiffer, der habe ausgesagt, daß man dort drüben bei dem Dorfe – man sieht einzelne Häuser und den Kirchturm von hier aus – eine weibliche Leiche aus dem See gefischt habe. Der Intendant umfaßte Bruno, der bei dieser Nachricht schwankte, als müsse er niederstürzen; man setzte sich eine Weile auf der Stelle nieder, wo die Nachricht angekommen. Der Reitknecht sagte, daß man in einer Stunde mit dem Kahn an dem bezeichneten Dorfe sei, zu Lande seien es aber mehrere Stunden Wegs. »Ich kann nicht übers Wasser fahren,« sagte Bruno, »ich kann nicht, heut nicht. Schöning, verlangen Sie das nicht von mir, zwingen Sie mich doch nicht. Warum quälen Sie mich so?« rief er unwillig. Der Intendant wußte, wie tiefer Schmerz leicht unbillig macht; im dunkelsten Hintergrund der Seele lauert ein Zorn, auch gegen die Teilnehmendsten, die doch nicht die Betroffenen sind. »Ich nehme Ihnen nichts übel,« sagte er, »und wenn Sie mir auch hart begegnen, ich ertrage es. Ich verstehe Sie und bin weit entfernt, Sie zur Fahrt über den See bereden zu wollen. Wir reiten.« Die Pferde wurden herbeigebracht, man ritt dem bezeichneten Dorfe zu. Sie kamen an einem Wirtshause vorbei, wo vor der Thüre unter der Linde Fuhrleute, Schiffer und Holzknechte Bier und Branntwein tranken, lachten und scherzten. Bruno war's, als würde er wie ein Fieberkranker, der die Welt nur verschleiert und wüst sieht, über Berge und durch Thäler geschleppt, und hier am Wirtshaus lechzte seine Zunge, er wollte auch gern trinken, vielleicht gäbe ihm das neue Kraft, ja vielleicht, was das beste wäre, ein Vergessen von allem; aber er wagte nicht, dem Freunde sein Verlangen auszusprechen. Darf ein Mensch in seiner Lage Branntwein trinken? Das darf ein Wilderer, wie der da oben, aber ein Kavalier nicht. Innerlich fluchte Bruno auf den Freund, der ihn nicht einmal trinken ließ, während ihm doch die Zunge am Gaumen klebte, äußerlich aber dankte er ihm, daß er sich so viel Mühe machte, sich so Schwerem für ihn aussetzte, er werde ihm das nie vergessen. – Ach, wie gut ist's doch, daß die Worte so fertig sind; fast so gut als das, daß die Pferde so korrekt eingeritten sind und tapfer im Trabe die Füße heben, so daß man sich nicht selber zu bewegen braucht. Die Freunde ritten scharf. Es war hoher Mittag, als man in dem Dorf ankam, von wo Hansei mit den Seinen vor zwei Tagen ausgewandert war. Der Gemswirt stand unter seiner Thür und grüßte ehrerbietig die beiden Reiter mit dem Reitknecht hinterdrein. Man stieg ab. Bruno warf dem Reitknecht den Zügel seines schweißtriefenden Pferdes zu, der Intendant führte den Freund in den Vorgarten, wo sie sich setzten, und er that es nicht anders, Bruno mußte ein Glas Wein trinken; der Gemswirt brachte schnell eine Flasche Gesiegelten und lobte ihn als seinen besten; auch einen großen Braten brachte er und stellte ihn auf den Tisch; das stand nun da und mußte bezahlt werden, wenn es auch nicht berührt wurde. Der Intendant nahm den Gemswirt beiseite und fragte ihn leise, ob es wahr sei, daß hier eine Frauenleiche aus dem See angelandet. Der Gemswirt bejahte schmunzelnd. Das ist etwas Besonderes, was im Dorfe vorgeht, davon gehört ihm der Vorteil zuerst. Der Intendant fragte weiter, wo das Haus sei, in dem die Leiche liege. »Ich werde Sie führen,« lächelte der Gemswirt. »Lassen Sie auch den Bürgermeister rufen.« »Ist nicht nötig, ich bin Gemeinderat,« entgegnete er, ging schnell in das Haus und kam zurück in seinem langen Rock mit der Denkmünze. Die Herren sollen sehen, mit wem sie's zu thun haben, und vornehme Leute sind das, sonst hätten sie keinen Reitknecht und hätten gesagt: »Trag deinen Braten weg, wir bezahlen ihn nicht.« Den einen glaubte er sogar zu kennen. »Verzeihen Sie,« sagte er zum Intendanten, »vor Jahren ist einmal ein Maler hier gewesen, der war Ihnen so ähnlich, wie ein Bruder dem andern.« Der Intendant wußte, daß er selbst gemeint sei, aber er war jetzt nicht geneigt, auf eine Erneuerung der Bekanntschaft einzugeben. Der Gemswirt geleitete die Fremden nach dem Hause Hanseis. Unterwegs sagte er: »Eine schöne Person ist's gewesen, mächtig schön, aber gar arg nichtsnutz. Und ihre Angehörigen sind auch nichtsnutz, besonders der eine Bruder.« Der Intendant winkte dem Redseligen, daß er schweige. Bruno biß sich die Lippen wund. Beim Hause Hanseis, im Garten und am Weg stand eine große Menschenmenge, man konnte kaum durchdringen; die Weiber klagten, die Kinder schrieen, die Männer schalten. »Platz da!« rief der Gemswirt. Er schritt den beiden Männern voran durch die Menge, und Bruno hörte hinter sich sagen: »Der schöne Mann mit dem großen Schnurrbart, das ist der König.« »Nein, das ist er nicht, aber sein Vetter,« sagte ein andrer. Die drei kamen in den Garten. Bruno lehnte sich an den Kirschbaum und der Intendant bedeutete den Gemswirt, den Gefährten nur ein wenig ausruhen zu lassen. Bruno stand da und die ganze Welt ging im Kreise mit ihm herum. Vom Kirschbaum fielen welke Blätter auf ihn nieder – er erschrak bis ins Herz hinein von der leisen Berührung. Endlich sagte er auf Französisch zu dem Freunde: »Was nützt es der Toten, wenn ich sie sehe? Und mir schadet es ewig – es bleibt mir im Gehirn stecken.« »Mein Freund, Sie müssen hinein! Bedenken Sie, diese Leute haben an der Fremden aus reiner Menschenliebe alle Wiederbelebungsversuche gemacht.« »Dafür kann man ihnen Geld geben, aber was sollen wir uns noch mit den toten Resten abplagen?« Bruno mußte doch hinein. Auf den Freund gestützt, trat er über die Schwelle. Da lag im Hausflur die Leiche einer Frau. Auf demselben Fleck, wo Hansei vor zwei Tagen ihrer gedacht, lag jetzt die schwarze Esther; ihr glänzend schwarzes Haar hing in dicken Strähnen über das Gesicht, der Mund stand offen – der letzte Schrei, den Irma gehört, lag noch darauf. »Esther!« rief Bruno und bedeckte sich das Gesicht mit den schwarzbehandschuhten Händen. »Das ist nicht Ihre Schwester,« tröstete der Intendant, »kommen Sie fort, kommen Sie!« Bruno konnte sich nicht von der Stelle bewegen. »Ja, Schwester!« rief eine alte Frau, die sich jetzt an der Leiche emporrichtete. »Ja, Schwester. Habe ich dir nicht gesagt, thu ihr nichts, weil sie dem schönen Fräulein durchgeholfen hat, sie thut sich sonst ein Leid an? Jetzt hast du's! Und gerade in dem Hause liegst du! O das Haus, das Haus! Der See wird's noch wegschwemmen; komm herauf, See, hol das ganze Haus! Wer seid Ihr? Was wollt Ihr?« rief sie aufspringend und faßte Bruno am Arm. »Wer bist du, mit den schwarzen Händen? Laß dich sehen! ... Du bist's? Du? – Du hast deinen Vater nicht sterben sehen wollen – was willst du von meiner Esther! Herr im Himmel – jetzt weiß ich's, du bist's gewesen, du! Sag, du bist's gewesen, sag's, mach nicht die Augen zu, ich kratze sie dir doch aus! Du bist's. – Ich will dir einen Nagel in dein Hirn schlagen, in das verfluchte Hirn, das ihrer vergessen. O, warum weiß ich's jetzt erst? Aber es hat Zeit genug, mein Thomas hat dir schon einmal die Kugel aufs Genick gehabt – er wird dir noch einmal ...« Bruno sank ohnmächtig um. Der Intendant fing ihn auf, aber er konnte ihn nicht halten und legte ihn nieder auf dem Boden, auf dem Esther lag. Der Gemswirt eilte hinaus, um Wasser zu holen, und jetzt traten durch die offene Thür mehrere Männer ein, Doktor Sixtus, der Physikus, der Justiziar und Baum. Sixtus brachte Bruno schnell wieder zum Aufatmen. Baum übersah mit raschem Blick, was hier vorging; er hielt sich an der Thürpfoste, er klammerte sich mit den Fingern wie mit einer Zange daran, dann schlich er hinaus. Er ist hier nicht nötig, und es kann noch alles verloren gehen, wenn er jetzt sich verrät. Er brachte sich bis an den Kirschbaum im Garten, dort setzte er sich auf die Bank und knüpfte sich die Gamaschen auf und zu, dann nahm er seine Uhr heraus, zählte die Sekunden ab, zog die Uhr frisch auf, hielt sie ans Ohr und spielte nachlässig mit der Uhrkette. Er besann sich. Er sagte sich still, daß er das Große, das noch auszuführen ist, allein vollenden muß; er glaubt Irma auf der Spur zu sein. Sixtus will nichts davon wissen und spottet ihn aus – desto besser, dann fällt ihm das Verdienst allein zu: drum ist jetzt keine Zeit, jetzt am wenigsten, sich der Mutter anzunehmen. Die Schwester ist tot – das ist vielleicht das beste für sie, und keinesfalls kann er sie wieder ins Leben zurückbringen. Später kann er ja unentdeckt für die Alte sorgen. Baum war stolz auf seine Fassung und streichelte sich das Kinn. Drin im Hause ging von Sekunde zu Sekunde Erschütterndes vor. Die Alte schrie und heulte, sie rannte in die Stube, riß das Fenster auf und schrie: »Schlagt ihn tot! Ersäuft ihn! Er hat sie ersäuft!« Baum auf der Bank im Garten ließ die Uhr fallen, als er diese Worte hörte. Jetzt wurde die Alte vom Fenster weggerissen, Doktor Kumpan hielt sie. Sie kam wieder an die Leiche ihrer Tochter. »Schlaget uns alle tot!« rief sie. »Es gibt keinen König auf der Welt und keinen Gott im Himmel!« Die Alte raste, dann weinte sie, dann rief sie wieder ihrem Kind: »Du hast den Mund offen, sag nur ein einziges Wort, nur ein einziges Ja vor den Zeugen! Sag seinen Namen, er hat dich ins Unglück gestürzt und dich im Elend verkommen lassen! Sie glauben mir's ja nicht. Sag du,« rief sie dem Intendanten zu, ihn packend – »sag du: Hat er nicht ihren Namen gerufen und hat es bekannt? Geschieht dem nichts, der ein armes Wesen ins Elend und in den Tod gestürzt? Sag du's« – wendete sie sich zu Bruno – »da hast du den Ring, den mir deine Schwester geschenkt, ich will nichts von euch!« Sie stürzte sich wieder heulend und wehklagend auf die Leiche. Bruno wurde endlich hinausgeführt. Er sah leichenblaß aus. Von den schwarzen Handschuhen waren Striemen in seinem Gesicht. Man setzte ihn unter den Kirschbaum auf die Bank; Baum stand auf, brachte Wasser herbei und Bruno wusch sich das Gesicht: er sah verwundert auf das weiße Tuch, das schwarze Flecke von seinem Gesicht abnahm. Man kehrte nach dem Wirtshaus zurück. Bruno ließ die Hand des Intendanten nicht mehr los: er war wie ein furchtsames Kind, bei jedem Geräusch glaubte er, die Alte komme und kratze ihm die Augen aus und reiße ihm das Herz aus dem Leibe. Endlich faßte er sich und fragte den Intendanten, was er denn an der Leiche gerufen habe. Der Intendant erwiderte, er habe »Schwester!« gerufen und die Alte habe »Esther« verstanden und sei darauf ganz rasend geworden. Bruno hörte zu seiner Beruhigung, daß er sich nicht verraten. Er bestimmte indes eine namhafte Summe zur lebenslänglichen Unterstützung der Alten, bei der Irma ihre letzte Herberge gefunden. »O Freund,« klagte er dem Intendanten, »ich werde das Bild der Ertrunkenen mein Lebenlang nicht vergessen.« Bruno war so matt, daß er nicht mehr zurückreiten konnte. Der Wagen des Doktor Sixtus stand bereit, er setzte sich mit ihm ein, um nach der Residenz zurückzufahren. Der Hofarzt gab Bruno den traurigen Trost, daß man die Leiche Irmas nicht finden werde; die des verlorenen Wesens sei an die Oberfläche geschwemmt. Irma aber – das habe er vorausgesagt – sei von dem langen Reitkleid in die Tiefe gezogen und werde nie gefunden werden. Beim Abschied sagte der Intendant zu Bruno: »Ich habe Ihr tiefes Herz kennen gelernt!« Bruno nickte still, Er ließ sich das gefallen, es mag gut sein, wenn der Intendant das so bei Hofe erzählt. Als man zum Wagen ging, war die ganze Gegend in Regen gehüllt. Man sah nicht Berg, nicht See. Noch im letzten Augenblick der Abfahrt rief Bruno den Lakaien Baum und übergab ihm seinen rotkragigen Mantel, denn Baum sollte das Pferd Brunos besteigen und mit demselben heimkehren. Der Intendant ritt von Baum geleitet zurück. Er rief Baum, der hinter ihm dreinreiten wollte, an seine Seite. »Herr Intendant,« sagte Baum, »das ist ein arges Theater.« »Ja, schauervoll. Ich glaube, die Mutter der Ertrunkenen ist verrückt.« »Herr Intendant,« begann Baum wieder, »ich möchte Ihnen etwas sagen. Ich meine, es könnte doch sein, daß die Gräfin gar nicht ertrunken ist. Der Herr Hofarzt hat mich ausgelacht, aber ich hab' eine Spur und –« Ein Schuß knallte. Baum stürzte vom Pferde. »Diesmal hab' ich dich getroffen!« schrie eine Stimme. Thomas sprang aus dem Gebüsch hervor. »Packt mich!« rief er. »Ich hab' ihn doch –« Er sah die Leiche Baums am Boden – da schrie er rasend auf: »Den Bruno hab' ich erschießen wollen, und nun du? du?« »Bruder! mein Bruder!« brachte Baum noch mit röchelnder Stimme hervor – »Ich bin Wolfgang – dein Bruder Jangerl! – Wolfgang – Zenza, meine Mutter ...« Thomas eilte in das Dickicht zurück und drin hörte man noch einen Schuß. Der Intendant stand verzweifelt. Der Regen rauschte nieder. Baum zuckte noch einmal. Da kam etwas mit Scherzen und Lachen herbei, wunderliche Gestalten mit aufgeschürzten Kleidern und seltsam verhüllt; es war die Badegesellschaft, der man heute früh im Walde begegnet war. Die Damen eilten entsetzt davon. Die Männer halfen dem Intendanten. Es wurden Bauern vom Feld gerufen, um Baum ins Dorf zurückzuschaffen; andre durchsuchten das Dickicht und brachten bald die Leiche des Thomas mit zerschmettertem Kopf heraus. Der Intendant traf den Justiziar im Dorfe. Er legte bei ihm alle Aussagen nieder und bald war das ganze Dorf im Wirtshaus versammelt. Es war aber auch kein kleines Ereignis: drei Geschwister auf einmal tot; und daß Baum sich zuletzt noch als Wolfgang Rauhensteiner zu erkennen gegeben, darüber wollte sich fast niemand wundern, jeder wollte ihn schon längst erkannt haben, schon damals, als er in Begleitung des Hofarztes Walpurga abholte. Am Abend saß der Intendant noch lange beim Gemswirt, dem er sich nun als der Maler von ehedem zu erkennen gegeben. Der Gemswirt erzählte viel von Hansei und Walpurga, es läßt sich denken, in welcher Art. Die alte Zenza nahm die Nachrichten, die ihr wurden, dumpf dreinstarrend auf; sie schien alles nicht recht zu fassen. Als man ihr sagte, daß der Graf Geld dagelassen und versprochen habe, immer für sie zu sorgen, lachte sie hell auf, und als man ihr zu essen brachte, aß sie alles, was man ihr vorsetzte, mit Gier. Baum, Thomas und die schwarze Esther wurden miteinander begraben. Dreizehntes Kapitel. Der König war zur Jagd, die Königin war krank. Das Hofgefüge hielt fest, die Herren und Damen speisten an der gemeinsamen Marschalltafel und unterhielten sich über fernliegende Gegenstände; man war heiter, denn es ist Pflicht, den gegebenen Ton aufrecht zu erhalten. Es war am vierten Tage nach der Schreckensnachricht. Die Hofdamen saßen nach der Mittagstafel unter dem sogenannten Pilz. Der Pilz war ein rebenüberwachsenes rundes Dach an der Bergecke des Weingeländes; das Dach ruhte auf einer Säule in der Mitte und sah von fern aus wie ein aufgespannter Schirm oder auch wie ein riesiger Pilz. Man war so glücklich von den Vorbereitungen zur Verlobung der Prinzessin Angelique sprechen zu können; man pries ihre erhabenen Eigenschaften, obgleich sie nur ein einfaches, bescheidenes und gutherziges Mädchen war. Man hatte den Katechismus des Hofes vor sich, den genealogischen Kalender; denn es hatte sich ein Streit darüber erhoben, in welchem Grade der mediatisierte Fürst Arnold von großmütterlicher Seite mit dem regierenden Hause verwandt sei. Die ganze Unterhaltung war indes nur Notbehelf. Man sprach davon, daß der Intendant von der Reise zurückgekehrt sei, und man war noch nicht recht klar, welche Abenteuer er erlebt; daß es dabei Tote gegeben, Erschossene, Ertrunkene, wußte man, aber das Wer? und Wie? war noch rätselhaft. Glücklicherweise sah man den Intendanten jetzt selbst des Weges daher kommen. Man begrüßte ihn mit halb neckischem, halb mitleidigem Zuruf. Er sah entschieden angegriffen aus. Man bot ihm den besten Stuhl in der Mitte – er sollte erzählen. Der Intendant sah sich geschmeichelt von dieser allgemeinen, wenn auch etwas neckisch vorgebrachten Huldigung, und war schnell wieder der Gefällige; er war bereit, um den Preis der Beliebtheit alles zum besten zu geben, und wenn's nötig ist, auch sich selbst. Er wollte zuerst von Brunos tiefer Trauer erzählen, aber dies war es nicht, was man wissen wollte. Gut – man will von Bruno nichts hören, übergehen wir ihn. Nun erzählte er nicht ohne geschickte Anordnung den grausigen Tod Baums, der als echter Bedienter für einen andern in den Tod gehen mußte, aber doch auch nicht unverdient; denn er hatte Mutter und Geschwister verleugnet, und fiel nun durch die Hand des Bruders, der sich dann selbst den Tod gab. Alles war von Schauer ergriffen und man fand es höchst seltsam, daß hinter einem alltäglichen Lakaien, wie Baum war, so viel Abenteuerliches stecken sollte. »Sie haben nun eine Tragödie erlebt, die sich selbst in Scene setzte,« sagte eine der Hofdamen. Der Intendant wußte, daß Tragödien nicht mehr beliebt sind, und gefällig wie immer, erzählte er nach den wahrheitsgetreuen Mitteilungen eines dekorierten Biedermannes, des höchst ehrenwerten Gemswirtes, einiges sehr Anziehende über Walpurga, die ehemalige Amme des Kronprinzen. Man stellte sich zwar – oder war es wirklich so? – als ob man diese Person völlig vergessen, ja kaum je gekannt habe – mein Gott, wer kann sich alle diese untergeordneten Personen merken? Aber in Ermangelung eines andern unverfänglichen Unterhaltungsstoffes ließ man sich auch wieder von Walpurga erzählen, und Schöning, berichtete nach den streng glaubwürdigen Mitteilungen des sehr ehrenwerten Gemswirtes – so lautete immer seine Einleitung – überaus Lustiges von Walpurga und ihrem tölpelhaften Gemahl. Der gute Hansei wurde in den Geschichten so bocksteif gemacht, daß er weder Hände noch Füße selbst gebrauchen konnte, und wenn er einen Gulden zählen sollte, so mußte der Schulmeister geholt werden. Besonders schmackhaft, und zwar mit etwas Wildgeschmack hergerichtet, war die Geschichte von einer Wette und einem Kammerfensterchen. Die Damen kicherten in sich hinein und schalten auf den Intendanten, daß er solch eine Geschichte erzähle; aber der Intendant wußte recht gut, daß sie solche Geschichten um so lieber hörten, je mehr sie schalten. Dabei hatte der Intendant mehrfach Gelegenheit im Dialekt zu sprechen; er kam ja eben frisch aus der Heimat des Gebirgsdialektes, und er hatte das Talent, verschiedene Stimmen von Bauern und Bäuerinnen, die damals am Kammerfensterchen gestanden, nachzuahmen und dabei allerlei saftige Kraftworte anzubringen; es vergnügte ihn selbst, solche losplatzende Frösche und Sprühteufel unter die Damen zu werfen, daß sie da und dort laut aufschrieen: »O Sie entsetzlicher Mensch! Sie abscheulicher Mensch!« Eine Dame stach ihn sogar mit ihrer Sticknadel; aber er erzählte immer ruhig weiter; er wußte, wie dankbar man ihm war. Und so wenig es Hansei etwas schadete, daß von ihm als einem Tölpel gesprochen wurde, so wenig schadet es ja Walpurga, wenn man sie etwas bunter ausstaffiert – auf dem Theater sind ja die Röcke der Bäuerinnen auch kürzer als in der Wirklichkeit. Und so dichtete der Intendant – gewiß mit dem besten Willen, er that es ja nur, um den Damen gefällig zu sein – Walpurga allerlei Eigenschaften an, ja man wollte sogar wissen, daß sie der Pfarrer am ersten Sonntag nicht ohne Grund in die Sakristei hatte rufen lassen. Zuletzt, allerdings mit Vorbehalt und Verwahrung, berichtete der Intendant, daß Walpurga von einer gewissen Dame, die ihre Freundin war, Tausende und Tausende erhalten habe, es ließe sich allerdings nicht sagen, wofür, aber ein großes Bauerngut hätten sich die Leute gekauft; freilich hätten sie auswandern müssen, denn derartig erworbenes Gut bringe keine Ehre, selbst auf dem Lande nicht. In der ganzen Gegend spreche man davon, und auch der Amtmann habe es bestätigt, daß sie das ganze Gut bar in blankem Golde ausbezahlt habe und das betrage mehr als das sechsfache dessen, was Walpurga nachweisbar erhalten habe. Der Intendant wiederholte, daß er nicht entfernt die Absicht habe, eine Verleumdung weiterzutragen; aber er wollte interessant sein, und dafür gab er sich und andre preis. Man war glücklich, diese ewig aufgeputzte Landunschuld einmal in ihrer Wirklichkeit zu sehen, und man wünschte nur, daß die Königin auch vernommen hätte, wie ihre geliebte Gestalt aus dem Volke in Wahrheit aussieht. Es schien aber dafür gesorgt, daß sie es erfahre. Vierzehntes Kapitel. Der König jagte im Hochgebirge; er war in Wahrheit ein Jäger; er ließ sich das Wild nicht vor den Lauf treiben, er stieg der Gemse nach auf den steilsten Berggrat, sein abgehärteter elastischer Körper überstand mit Leichtigkeit jede Strapaze und sein ganzes Wesen gewann sehnige Spannkraft und frischen Mut im Weidwerk. Die Hofkavaliere hatten eine Witterung davon, daß im Geiste des Königs etwas vorging; die beständige und fast ausschließliche nächste Begleitung Bronnens war rätselhaft. Es war bekannt, daß Bronnen es verweigert hatte, als Kriegsminister in das Ministerium Schnabelsdorf einzutreten; jetzt, hieß es, hat Schnabelsdorf den Nachteil davon, daß er nur am grünen Tisch Minister ist und nicht mit zur Jagd gehen kann. – Bronnen hat auf mehrere Tage das Ohr des Königs. Die Büchsen knallten auf den Höhen und manches Tier erlag; die Büchsen knallten im Thal und ein Bruderpaar sank in den Tod, und in der Hauptstadt war ein Gerede, das wie Meeresbrausen tönte. – Die Königin vernahm von alledem keine Kunde; in ihren Gemächern war es still, nicht einen Fußtritt, nur manchmal leises Flüstern hörte man. Die Königin hatte die Worte über den Tod Eberhards in der Zeitung mit Bitterkeit gelesen, und doch hatte die Zeitung dem, was die öffentliche Stimme sprach, noch mit Zurückhaltung Ausdruck gegeben. Man erzählte sich Grausenhaftes vom Hofe. Die Königin sei bei der Nachricht vom Tode der Gräfin Wildenort in Wahnsinn verfallen. Die Menschen ahnten nicht, was in diesem Gerücht lag. So schauervoll war nicht der Weg Irmas in jener Nacht über Berg und Thal, als der Gedankengang der Königin. Sie dachte an Irma, sie haßte und verabscheute sie und doch beneidete sie ihr den Selbstmord – eine Königin darf sich nicht selbst morden; es ist unerhört in der Geschichte. Eine Königin muß warten, bis man sie langsam, etikettengemäß tötet, lebendig einbalsamiert, bis sie endlich tot ist, und dann noch wird sie nicht begraben, nein – beigesetzt in der Gruft ... Nur immer erhaben, nur immer droben. Nur um alles in der Welt keine Königin, die sich selbst mordet ... Man wollte der Königin ihr Kind bringen; sie wollte es nicht sehen – Irma hat es geküßt. Sie rieb sich oft und oft die Hand und die Wangen; sie waren unrein, sie brannten – Irma hat sie geküßt. Alles war ihr vernichtet: Liebe, Freundschaft, Glaube, Treue, die weite Natur, wie sie dem Auge sichtbar und dem Ohr hörbar, die Kunst des Bildes, des Klanges, des Wortes – alles war ihr verwüstet, denn alles hatte Irma besessen, erhöht, besprochen, und es war nun Lüge, Fratze geworden. Schaudernd sprang die Königin einmal auf! Die strenge Folge der Gedanken muß den König zum Selbstmord zwingen. Er kann es nicht ertragen, daß die, die er zu Grunde gerichtet, noch so viel Mut und Geradheit hatte, nicht weiterleben zu wollen ... Er kann nicht weiterleben. Wie will er die Flinte auf ein unschuldiges Tier richten und nicht auf sich selbst? Wer von Tausenden genannt und Tausenden verpflichtet ist, darf nicht selbst Hand an sich legen ... Wie durfte er aber sich ein Thun gestatten, das seine Erhabenheit tötet! Wo konnte er noch irgend Wahrheit verlangen, wenn er selbst ... Die Königin fuhr wie wahnsinnig auf bei diesen Gedanken. Die Menschen fabelten, die Königin sei wahnsinnig – ein dunkles Gefühl sagte ihnen, an welchem Abgrund sie wandelte. Sie gab Befehl, daß niemand zu ihr eingelassen werde; sie schaute dabei lächelnd auf – sie kann noch befehlen, es gehorcht ihr noch etwas ... Nach geraumer Zeit erhob sie sich und befahl, daß man den Leibarzt rufe; er erschien sogleich, er hatte im Vorgemach verweilt. Die Königin berichtete ihm die ganze Wirrnis ihres Denkens, es erleichterte ihr das Herz; nur das eine konnte sie nicht sagen: daß sie doch fühle, wie der König sie liebte – so weit sein unsteter rastloser Sinn das aufkommen ließ, was Liebe zu nennen ist. Sie gestand dem Leibarzt alles, nur das eine nicht – sie schämte sich, daß sie noch jetzt einen Gedanken der Liebe mit dem König verband. »Ach Freund,« – klagte sie zuletzt – »gibt es denn nicht auch ein Chloroform für die Seele, für eine Provinz in der Seele, einen Tropfen Lethe? Lehren Sie mich vergessen, stumpf sein. Ich vergehe im Denken.« Der Leibarzt wollte nach seiner Weise und wie es seine Wissenschaft erheischte, nicht von Fall zu Fall heilen und flicken, er wollte den Organismus umstimmen. Hat die Königin gelernt, anders zu denken, so ist auch der nächste gegebene Fall in die entsprechende Perspektive gesetzt. Er tröstete daher nicht, er leitete ihre Gedanken nur weiter; deckte ihr die Gründe auf im Thun und Lassen der Menschen. Er behandelte sie nach dem großen Grundsatz jenes einsamen Philosophen, daß in allem Treiben der Menschen die Naturgesetze walten; hat man diese begreifen und verstehen gelernt, dann ist keine Rede mehr von Verzeihen, wenn gleich das Verzeihen mit eingeschlossen liegt in dem Erkennen der Naturnotwendigkeit. In dieser Betrachtungsweise suchte Gunther wie nach einem Brande Schutt und rauchende Trümmer wegzuräumen; noch schlug da und dort bei der Hebung eine Flamme auf, aber sie war doch nur vereinzelt. Die Königin klagte, wie sie nichts als das Chaos vor sich sehe; sie ging so weit, es einen Wahnwitz zu nennen, gut sein zu wollen. Gunther gab ihr keinen andern Trost als den, daß auch er den ganzen Jammer der Verzweiflung kenne; er gab sich nicht wie ein draußen in Geborgenheit stehender, der dem in Todesangst Ringenden zuruft: Komm zu mir, hier ist gut wohnen. – Er war ein Genosse des Elends. Er erzählte von den Zeiten, da er nicht nur an seiner Kunst verzweifelte, an keine Heilung und keine Gesundheit mehr glaubte, sondern ihm auch aller Glaube an eine vernünftige Weltordnung geschwunden war. Er verfuhr nach dem Grundsatz, daß man dem Verzweifelten nur zeigen kann: Siehe, es haben andre gelitten wie du, und sie haben gelernt, weiterzuleben. Ist dieses Bewußtsein in dem Bedrängten aufgegangen, so atmet er zum erstenmale wieder im Licht und betritt die erste Stufe der Erlösung. »Ich will Ihnen das schwerste Bekenntnis meines Lebens machen,« sagte der Leibarzt. »Sie?« »Es gab eine Zeit, wo ich die Leichtfertigen, ja die Lasterhaften beneidete; ich neidete ihnen ihren Leichtmut. Ich wollte auch so sein. Wozu sich die Seele belasten mit sittlichen Erwägungen, wenn sich's so gut leben läßt im Zusammenraffen alles dessen, was reizt und lockt?« Der Leibarzt hielt inne, die Königin sah ihn groß an. Er fuhr mit Ruhe fort: »Ich habe mich gerettet und in meiner reichen Erfahrung habe ich gefunden: Jeder Mensch, auch der zum Besten strebende, hat – wenn man so sagen kann – eine Gespensterkammer in seiner Seele; es gab eine Zeit, einen Moment, wo er in Unreinheit verfiel oder doch nahe daran streifte, eine Unthat zu begehen.« Aus langem, stillem Brüten fragte die Königin: »Sagen Sie, gibt es glückliche Menschen auf der Welt?« »Wie meinen Sie das, Majestät?« »Ich meine: Gibt es Menschen, in deren Leben Neigung und Bestimmung vollkommen harmonieren, und die sich dieser Harmonie bewußt sind?« »Ich danke. Ich sehe, Sie befleißigen sich geschlossener Fassung im Ausdruck. Sie wissen, Majestät, ich beurteile einen Menschen wesentlich nach seiner Satzbildung. Es kommt nicht darauf an, sogenanntes Geistreiches vorzubringen, sondern das, was man sagt, klar und bündig.« Die Königin merkte wohl, daß der Freund sie zur Kraft allgemeiner Betrachtung und fester Geschlossenheit führen wollte; schmerzlich lächelnd sagte sie: »Und wissen Sie eine Antwort auf meine Frage?« »Ich glaube. Majestät kennen die Geschichte vom Hemd des Glücklichen?« »Nicht mehr ganz.« »Also kurz gefaßt: Ein König war krank, er konnte nur gesund werden, wenn ihm das Hemd eines Glücklichen verschafft wurde. Man sucht und sucht, und findet endlich einen unsäglich armen und dabei unsäglich glücklichen Menschen und – er hat kein Hemd auf dem Leibe. – Ich, nach meiner Ueberzeugung, drehe die Geschichte um. Wäre ich ein Dichter, ich würde in einer großen Reihe von Bildern von Haus zu Haus, von Stadt zu Stadt, von Land zu Land das Leben der Menschen aufrollen und zeigen: Seht her, da klagt dieser und jener, diese und jene, und sie sind glücklich, oder vielmehr sie sind eben das, was sie sein können. Jedem Menschen ist das Maß seines Glückes in seiner Eigentümlichkeit zugeteilt, er empfindet Glück oder Unglück gleich hoch oder tief, dumpf oder klar. Die Dichter sind die Glücklichsten oder Unglücklichsten, weil sie Glück und Unglück am höchsten empfinden. Jedem ist das Glück gegeben, das seiner Naturnotwendigkeit entspricht, und Unglück ist notwendig, um das Glück zu fühlen, wie wir nur aus dem Schatten das Licht erkennen.« »Sie glauben also, alle Menschen seien glücklich?« »In Wahrheit sind sie es, aber in der Wirklichkeit nicht, weil sie sich nicht mit ihrer Naturnotwendigkeit einigen und immer und überall ihr Glück in dem suchen, was sie nicht haben, oder besser, nicht sind.« »Ich fasse das noch nicht ganz, aber ich werde es zu fassen suchen,« erwiderte die Königin. »Aber sagen Sie mir: kann auch der Schuldbewußte noch glücklich sein?« »Ja, wenn er frei wirkt und schafft und das Bewußtsein seiner Schuld ihn nur verzeihender und thätiger macht. Majestät! Der Irrtum, die Unebenheit, oder das, was man Fehler eines Menschen nennt, ist entweder ein Ueberstrotzendes oder ein Mangel, was sich gewissermaßen als Hautrelief oder Basrelief seiner Natur darstellt. Die Fehler des Ueberquellenden lassen sich durch Erziehung und Erkenntnis ausgleichen, die des Mangels nicht. Die meisten Menschen verlangen aber von ihren Zugehörigen und allen, die sie schön und groß wünschen, daß sie die Mängel ihrer Natur ausfüllen. Das geht nun und nimmer.« Die Königin war lange still. Sie nahm offenbar die Gedanken des Freundes in die Seele. »Auch ich habe einen solchen Basrelieffehler,« sagte sie endlich, »ich weiß es. Ich sehe es als eine Strafe Gottes oder der Natur an, daß mir mit Untreue und Abfall gelohnt werden mußte, weil ich den Glauben meiner Väter hatte aufgeben und einen fremden annehmen wollen. Ich war dem König dadurch schwach und haltlos erschienen, er mußte mich verlassen. Ich wollte abtrünnig werden und werde mit Abtrünnigkeit gestraft.« So rief die Königin und weinte; sie weinte über sich selbst. Gunther blieb still und ruhig. Die Königin betrat die zweite Stufe der Erkenntnis. »Jener Abfall in Gedanken« – begann Gunther nach geraumer Pause, »Majestät wissen, ich habe ihn nie gebilligt – jene Lockerung des Gewohnten war doch auch ein Symptom, daß Majestät sich Ueberzeugungen neu aufbauen müssen, die nicht nur mit Ihrer Natur stimmen, sondern auch aus Ihrer Natur heraustönen. Majestät! Jede klare Erkenntnis, jede Ueberwindung des Schmerzes ist eine Wandlung und Neubildung des Daseins, eine Läuterung, wie man es sonst nennt.« »Ich verstehe,« erwiderte die Königin. »Ja, ich möchte die Weltordnung kennen, ich möchte die Vernunft im menschlichen Geschick verstehen. Warum muß ich das erleben? Macht es mich besser? Bringt es mich zu edlerem Thun? Wäre ich nicht viel besser, wenn mein Leben ungetrübt geblieben? Ich habe die Menschen alle so sehr geliebt. Ach, es war so schön, niemanden auf der Welt zu wissen, der mir feind, und noch schöner, niemand zu wissen, den ich hassen, verabscheuen muß. Und nun? Was soll ich noch thun? Mir ist, als wenn ich zu jedem Schritt über eine Schwelle müßte, darauf eine Leiche liegt. Ich habe keinen freien Schritt mehr in der Welt. Sie sind ein weiser Mann. Helfen Sie mir! Führen Sie mich hinweg über diese entsetzlichen Gedanken!« »Ich bin nicht weise, und wäre ich's, ich könnte es Ihnen nicht geben. Die Alten haben die Sage, daß man die Hesperidenäpfel nur zeigen, aber nicht für andre pflücken kann.« »Wohl! Wohl! Es sei. So antworten Sie mir: Wäre es nicht besser, in Tugend, im Glauben an die Menschen größer, schöner, stärker zu werden?« »Die Kindschaft der Seele ist ein Glück, die klare Erkenntnis ein Verdienst und, wie ich glaube, ein notwendiges und haltvolles Glück –« »Sie lenken mich ab. Sie haben den Schlüssel auch nicht.« »Ich habe ihn nicht. Unser Leben ist nichts als harte Notwendigkeit. Duck unter! heißt es – laß es auf dich hereinhageln und stehe fest! Die Sonne kommt wieder. Wir stehen im Bannkreis unsres eigenen kleinen und des allumfassenden Naturgesetzes. Es kreist kein Stern am Firmament für sich und vollzieht selbständig seine Bahn ohne Abirrung, die Gestirne rings um ihn her ziehen an, stoßen ab; aber es gilt, in sich zu verharren. So auch die Menschen.« »Sie geben eine Medizin und hoffen doch allein auf die Heilkraft der Natur.« »Allerdings, Majestät. Das in unsrer Natur gegründete Gesetz allein hilft.« Nach einer Weile fügte er hinzu: »Man kann zu dem momentan Gebeugten nicht von erfrischenden Wanderungen auf den Höhen sprechen, ihn nicht dazu aufrufen. Wenn du können wirst, wirst du wollen; denn der Wille ist das nach außen gewendete Können. Jetzt in der Betroffenheit des ersten Schlages sind Sie, Majestät, noch eingehüllt in die allgemeine Naturmacht, die Sie trägt. Die allgemeine Naturmacht setzt das Dasein fort, bis es wieder zum Leben, zur freien That wird. Meine gute Mutter faßte das in ihrer religiösen Weise in die Worte: ›Wenn Gott nur so lange hilft, bis man sich selber helfen kann‹.« »Ich danke,« sagte die Königin. »Ich danke,« wiederholte sie und schloß die Augen. Fünfzehntes Kapitel. Am selben Morgen, an welchem der König auf dem Jagdschloß mit Bronnen saß, trat der Leibarzt, zur Königin gerufen, ein. Sie lag aufgerichtet auf dem Ruhebett, weiß gekleidet, und sah erschöpft und bleich aus; sie sprach es aus, wie sie voll Zorn sei über sich selbst, über die Eitelkeit und Einbildung, daß sie, eine junge Königin, sich für gut und klug, ja für eine höher bevorzugte Natur gehalten; sie spottete über ihre Albernheit und Eitelkeit. »Wußten Sie von dem, was hier vorging,« fragte sie den Leibarzt. »Nein. Ich konnte es nicht glauben, und jetzt erst verstehe ich den gräßlichen Tod meines guten Eberhard. Ein Vater in solchem Schmerze! – « Die Königin ging nicht auf dieses ein; sie sprach fast zu sich: »Wenn ich mir die Tage zurückrufe, die Stunden, in denen sie sang – ist es möglich, solche Lieder, solche Worte zu singen, von Liebe, Güte, Hoheit, Reinheit und dabei nichts in der Seele, ja schrecklicher als nichts, Falschheit, Heuchelei? Jedes Wort schielt! Dürfen wir Fürsten sein, uns über andre stellen, über andre herrschen, wenn wir uns nicht durch Reinheit und Seelengröße über sie emporheben? Ich bin eine andre geworden seit gestern. Meine Seele lag tief unten auf dem Seegrund und über mir die Wellen des Todes, der Verzweiflung. Nun aber will ich leben. Sagen Sie mir nur, wie man es aushält. Sie sind nun schon so lange hier am Hof und verachten alles; schütteln Sie nicht den Kopf, ich weiß, Sie verachten alles! – Sagen Sie mir, wie hält man das aus? Wie macht man es, daß man doch bleiben, doch leben kann? Sie müssen das Geheimmittel haben. Geben Sie mir's! Das allein wird mich retten.« »Majestät!« versetzte der Arzt, »Sie sind noch in fieberischer, überreizter Stimmung.« »Wirklich? Das also ist Ihre Wissenschaft? Die Fürsten haben recht, wenn sie die Menschen mißbrauchen, denn die Menschen, auch die besten, sind Höflichkeitsschatten! Auf Sie hatte ich alles gesetzt, Sie hatte ich hochgehalten. Und was geben Sie mir? Einen Handschuh, wo ich eine Hand fassen will. Sie lächeln? Ich bin nicht wahnwitzig, ich bin nur aufgewacht. Ich habe die Stunde gelebt, wo mir auf einmal die ganze schöne Welt – ach, sie war so schön! – lauter kriechendes Gewürm, fauler entsetzlicher Grabesmoder ward. O, es ist schrecklich! Ich glaubte, daß es einen freien Menschen gäbe, einen, dem man alles sagen, von dem man alles fordern könnte – Sie sind es nicht. Ach, es gibt nur titeltragende Geschöpfe auf dieser Erde, es gibt keine Menschen!« »Du sollst nicht vergebens an mir gerissen haben,« murmelte Gunther halblaut und erhob sich. »Ich wollte Sie nicht kränken!« rief die Königin. »Ach, so ist's ja, in Kummer und Schmerz verletzen wir gerade unsre Nächsten.« »Beruhigen Sie sich, Majestät!« erwiderte Gunther, sich niederlassend. »Wenn etwas gut an mir ist, so darf ich sagen, ich verweichliche mich nicht. Ich bin hart gegen mich, und darum bin ich es auch gegen andre.« Die Königin schloß die Augen, dann aber schaute sie wieder groß auf und sagte: »Ich fürchte nichts mehr.« Gunther fuhr fort: »Nun denn, so wissen Sie. Keine Phantasie eines Menschen kann ausdenken, wie niederträchtig und jammervoll das Gewirre des Menschenlebens ist, aber auch keiner kann ergründen, wie schön, wie groß, heilig und erhaben trotz alledem. Majestät! Ich bin hier im Schlosse, das eine Welt im kleinen ist, eine Welt für sich. Da ist hingezogen alles, was gräßlich, und alles, was erhaben ist, und – die Blumen blühen und die Bäume grünen und die Sterne schimmern darüber. Auch im Verächtlichsten blüht noch eine Blume, glänzt noch ein Stern. Es fällt ein Tropfen aus der Himmelswolke, er fällt auf die staubige Straße und Staub und Tropfen werden zu Straßenschmutz. Aber für das Auge, das tiefer sieht, ist der Tropfen noch rein, wenn auch fast bis zur Unkenntlichkeit zersplittert und bis zur Untrennbarkeit vereint mit dem trübenden Staub. Doch auch dieses Bild genügt nicht ganz. Kein sinnliches Bild, das uns das Ewige, das uns Gott veranschaulichen soll, trifft ganz zu. Auch im Stäubchen ist Gott. Nur vor unserm Auge ist es Staub, vor dem Auge Gottes ist es so rein wie das Wasser und gleicherweise eine Stätte der Unendlichkeit. Die Menschen alle, die Ihnen so verlogen erscheinen – diese Menschen möchten gern gut sein, wenn es nur nicht so viel Mühe kostete und so manche Entbehrung auferlegte. Die meisten Menschen wollen Tugend gewinnen, aber nicht erwerben; sie möchten gern das große Los in der Morallotterie gewinnen. ›Ach, wenn ich nur ganz gut wäre,‹ klagte mir einmal eine verdorbene Unschuld. Majestät! Der reine Gedanke spricht: Haß und Verachtung sind nicht gut, denn sie schädigen die Seele. Die Kunst des Lebens ist: das Niedrige als niedrig zu erkennen, aber durch Leidenschaft gegen das Gemeine sich nicht selbst zu erniedern. Sie müssen den Haß aus dem Herzen ziehen und Frieden schließen mit dem Geiste. Der Haß zertrümmert die Seele. Sie müssen wissen: Laster und Missethaten sind bei Licht betrachtet gar nicht wirklich, sie sind nichts als Mängel! Sie können tausendfache traurige Folgen haben, aber sie bestehen nicht; die Tugend allein ist eine Wirklichkeit, Stellen Sie sich hier herauf, und es sind nur noch Schatten, die Sie quälen.« »Ich sehe die Stufe,« sagte die Königin, »helfen Sie mir hinauf!« »Es gibt nur Selbsthilfe. Jeder muß lernen, souverän zu werden; selbst die Königskrone verleiht das nicht. Das Gesetz lehrt: Du bist souverän, wenn du deine Seele nicht von Haß und Verachtung erfüllen und dir damit die Welt rauben lässest, die dir gegeben, sei diese Welt groß oder klein.« »Ich glaubte zu sehr an Tugend und Güte –« »Wohl. Solange man an die Menschen glaubt, kann man getäuscht werden und wird verzweifeln; man will und wird immer nur sehen, was die Menschen für uns sind, nicht, was sie für sich sind. Solange man an die Güte der Menschen glaubt, kann uns das Verkehrte, wo man Gutes erwartete, irre machen. Sobald man aber weiß und erkennt das Göttliche in jedem, das der Träger selbst nicht kennt, ist man geborgen im Höchsten, und die Welt ist dir geborgen im Höchsten.« Die Königin richtete sich rasch auf, sie reichte dem Leibarzt beide Hände und rief: »Sie sind ein Wunderthäter!« »Ein Wunderthäter? Nicht doch, nur ein Arzt, der schon viele fiebernde und viele todesstarre Hände in seiner Hand gehalten. Ja, meine ärztliche Kunst mag Ihnen ein Sinnbild sein. Wir helfen dem Menschen, und fragen nicht, wer er sei, wir helfen ihm zu jeder Tages-, zu jeder Nachtzeit, weil ihm geholfen werden muß – und sei es, daß er dann, wieder gesund geworden, seinen schlimmen Weg weiter wandle. Das Einzelne ist unsre That, das Ganze unser Denken. Wir selber sind Stückwerk, unser Thun ist Stückwerk, das Ganze ist Gott.« »Ich verstehe das, ich glaube es zu fassen. Wir leben aber doch nur im Einzelnen, und wie erträgt man das einzelne schwere Schicksal? Kann man denn im guten genommen – ich meine es im guten – immer außer sich sein?« »Ich weiß, Leidenschaften, Affekte, lassen sich nicht durch Ideen berichtigen; denn sie erwachsen auf verschiedenem Grunde oder vielmehr sie bewegen sich in ganz andern Sphären. Majestät! Es sind wenige Tage her, da habe ich meinem alten Freunde Eberhard die Augen zugedrückt. Er war ein Mann, der zum Höchsten strebte und im Besten lebte, einsam, von der Welt abgewendet; aber nur selten und nie voll gelang es ihm, sein Naturell durch die Idee zu berichtigen. In seiner Sterbestunde schwang er sich hinaus über das Leid, das entsetzliche, das ihm im Herzen brannte um sein Kind: er rief sich Gedanken zu, die er aus der klaren Erkenntnis seiner besten Stunden geschöpft, und starb in ihnen frei und erhoben. Majestät, Sie sollen noch leben und wirken, sich selbst erhöhen und andre. Ich rufe Ihnen eine Stunde in Erinnerung. Dort unter jener Hängeesche, wo Sie, aufgenommen vom reinen Menschentum, sich des armen Kindes erbarmten, das zwiefach hilflos in die Welt gesetzt ist, und ihm die Mutter nicht rauben wollten – den reinen und echten Geist jener Stunde rufe ich in Ihnen an. Damals waren Sie groß und verzeihend, weil Sie noch nichts gelitten; Sie warfen keinen Stein auf Gefallene, Sie liebten und Sie verziehen.« »O Gott!« rief die Königin, »und was ist mir geworden? Das Weib, an dessen Brust mein Kind ruhte, ist der Verworfensten eine. Ich hatte sie geliebt wie die Bewohner einer andern unschuldsvollen Welt, und nun ist mir's klar geworden, sie war die Vermittlerin, eine Heuchlerin ohnegleichen unter der Maske der Naivetät. Ich hatte geglaubt, in der einfachen ländlichen Welt lebt noch die Reinheit und Wahrhaftigkeit – es ist alles verdorben und verkehrt. Die Welt der Naivetät ist schlecht, ja noch schlechter als die der Korruption.« »Ich streite jetzt nicht um die einzelne Person; ich glaube, daß Sie sich in Walpurga irren; aber sei es auch, daß Sie recht haben, so viel ist doch klar: das was man Bildung und was man Unbildung, Glauben oder Unglauben nennt, kann sittlich und unsittlich lassen; die wahre Erkenntnis allein ist die Reinheit, die wiedergewonnene, feste. Erweitern, erheben Sie den Blick und sehen Sie über das Einzelne hinweg und sehen Sie das Ganze; nur im Ganzen ist Versöhnung.« »Ich sehe wohl, wo Sie stehen, aber ich kann nicht hinan; ich kann nicht mit Ihrem Teleskop hinausschauen – immer nur in Ihren blauen Himmel. Ich bin zu schwach. Ich weiß wohl, wie Sie es meinen. Sie sagen: siehe hinweg über diese paar Menschen, über diese Spanne Raum, die man ein Königreich nennt, sie sind nicht mehr als einige Halme im Feld, eine Scholle im All.« Der Arzt nickte zufrieden, aber die Königin fuhr traurig fort: »Ja, aber dieser Raum und diese Menschen – das ist meine Welt. Wenn nicht um uns her – ist die Reinheit dann bloße Phantasie? Wo ist sie?« »In uns,« erwiderte Gunther, »und wenn in uns, überall, und wenn nicht in uns, nirgends. Der steht auf der Vorstufe, der noch etwas verlangt. Das ist die rechte Liebe noch nicht; die rechte Liebe zu den Dingen der Welt und zu ihrem Urgrunde, Gott, hat man erst, wenn man keine Gegenliebe, wenn man nichts dafür verlangt. Du liebst das Göttliche in den Dingen, die sich nicht selbst in ihrer Göttlichkeit erkennen, die versunken und verschüttet sind, unerlöst, wie es die Kirche nennt! diese Liebe zur Gottheit oder zur ewigen reinen Natur ist die höchste Freude, hat mich mein Meister gelehrt und ich habe es in mir gelernt, und Sie, Majestät, sollen es auch und können es. Dieser Park gehört Ihnen; die Vögel, die in ihm wohnen, Luft und Licht, die darin strömen und schaffen, und seine Schönheit gehören nicht Ihnen, sondern mir und jedem, so gut wie Ihnen. Solange man noch im gemeinen Besitz der Welt ist, kann man sie verlieren, sobald man aber in den reinen Besitz der Welt gekommen, kann niemand mehr sie uns rauben. Es gilt, stark zu sein und zu wissen: Haß ist Tod, Liebe allein ist Leben, und so viel Liebe in dir, so viel Leben und Göttlichkeit ist in dir.« Gunther erhob sich und wollte sich entfernen. Es ist genug. Das innere Denken der hohen Frau darf nicht überschüttet werden. Die Königin bat ihn indes mit einem Wink der Hand, noch zu bleiben. Er setzte sich wieder. Lange war es lautlos im Gemach. »Sie können nicht denken,« begann die Königin wieder, »doch, das ist eine der Redensarten, die wir auswendig gelernt haben, ich meine das Gegenteil: Sie können sich denken, welch eine Umwälzung alles das, was Sie mir sagen, in mir machen muß.« »Ich begreife es.« »Lassen Sie mich nur noch einiges fragen. Da, wo Sie stehen und wohin Sie mich führen wollen, ich glaube – nein, ich sehe, ich weiß, daß hier oben ewiger Friede, es ist aber auch so einsam und kalt; ich habe ein Gefühl der Bangigkeit, als würde ich in einem Luftballon in die dünne Atmosphäre hinaufgetragen und es würde immer mehr Ballast ausgeworfen. Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Ich verstehe nicht, wie man den Menschen liebreich nahe sein und ihnen doch nur so von ferne zusehen kann, wie einem Spiel der Naturkräfte. Hier oben verschwindet doch eigentlich jeder Klang und jedes Bild.« »Gewiß, Majestät, es gibt ein Reich des Denkens, in dem Hören und Sehen vergehen muß; da ist nur Denken und nichts andres mehr.« »Ist das aber nicht ein Denken aus dem Tode heraus in das Leben hinein? Ist das etwas andres, als klösterliche Selbsttötung?« »Das gerade Gegenteil. Dort liebt man den Tod oder preist ihn wenigstens, weil nach ihm das Leben erst beginnen soll. Ich gehöre nicht zu denen, die ein andres Leben verneinen; ich sage nur mit meinem Meister: unser Wissen ist ein Wissen vom Leben und nicht vom Tode, und wo mein Wissen aufhört, hört mein Denken auf. Unsre Arbeit, unsre Liebe gehört dem gegenwärtigen Leben. Und weil Gott in dieser Welt ist, in allem, was darin erscheint, und nur in den Dingen, darum haben wir dies Göttliche in allem zu befreien. Das Gesetz der Liebe soll walten. Und was das Naturgesetz in den Dingen, das ist das Sittengesetz und das Recht im Menschen.« »Ich kann mich nicht darein finden, wie Sie die Gotteskraft so in Millionen Teile zersplittern. Wenn man einen Stein in Splitter zerbricht, bleibt jeder Teil noch ein Stein; aber eine Blume, die man zerreißt, da sind die Stücke keine Blume mehr.« »So nehmen Sie dies Bild, obgleich in Wahrheit kein Bild ausreicht. Die ganze Welt, das Firmament und die darauf lebenden Geschöpfe – sie alle sind nicht zerteilt, sie sind eins, sie sind, vor dem Gedanken zusammengeschlossen, die Blume, daraus die Gottesidee duftet, und der Duft, der hinaussteigt, ist in der Blume und haftet an ihr; die Werke aller Dichter, aller Denker, aller Helden sind nur Duftströme, die durch Raum und Zeit dahinschweben. In der Blume selbst haften und sind sie ewig. Nicht im Einzelnen zerteilt ist der ewige Geist da, er ist nur als Einheit in der ganzen Welt, in jedem Wesen, jeder Zelle am Baum, an der Blume. Wer in der Unendlichkeit denkend steht, sieht als die Welt den großen Blumenkelch, daraus der Gedanke Gottes duftet.« Die Königin hielt längere Zeit das Gesicht mit beiden Händen verdeckt. Gunther verließ das Gemach. Sechzehntes Kapitel. Der König kam von der Jagd zurück. Das mutige Wandern über die Berge hatte ihn erfrischt und dazu trug er ein neues Gedankenleben in der Seele. Er hatte bereits alles erfahren, was am See vorgegangen. Das ist nun abgethan, man kann sich nicht mit Vergangenheiten schleppen. Er erfuhr, daß die Königin seit der Schreckensnachricht ihre Gemächer nicht verlassen hatte. Er ließ den Leibarzt rufen. Dieser erstattete ihm Bericht über das Befinden der Königin, und empfahl noch große Schonung. Der König glaubte in Wort und Ausdruck des Leibarztes eine noch strengere Zurückhaltung als sonst zu bemerken; er hätte ihn gern gefragt, was die Königin denke, wie sie sich das traurige Ereignis zurecht gelegt und überwunden habe; aber es war ja die Pflicht des Arztes, ihm das von selbst zu berichten. Endlich entschloß sich der König zu fragen: »Ist die Königin auch im Gemüt ruhig?« »Schön und edel wie immer,« erwiderte der Leibarzt. »Hat sie in diesen Tagen etwas gelesen? Hat sie den Oberhofprediger rufen lassen?« »Ich wüßte nicht, Majestät.« Zum erstenmal war dem König die sonst so bequeme Hofordnung zuwider. Der Leibarzt sollte von selbst sprechen, viel erklären, und nun gab er nur Antwort auf das, was er gefragt wurde, und selbst diese Antworten waren so knapp. »Sie haben auch Schweres erlebt – Sie haben in Graf Eberhard einen alten Freund verloren,« sagte der König. »Der Tote ist mir noch geblieben, wie mir der Lebende war,« erwiderte Gunther. Der König war im Innersten voll Zorn. Er hat sich dem Manne so freundlich nahe gestellt, hat sich nach einem Ereignis aus seinem Privatleben erkundigt, und er bleibt noch immer bei aller angemessenen Form so verschlossen und ablehnend. Ein alter Widerwille gegen den Mann, der inmitten des bewegten Lebens stets etwas Unbewegliches hatte, erwachte wieder im König. Er entließ den Leibarzt mit huldvoller Handbewegung, aber als er wegging, starrte er ihm finster nach. Eine Erkenntnis, die ihm die Wange glühend machte, bestimmte ihn zu einem andern Verfahren. Es ward ihm klar, wie das Grundwesen seines Vergehens darin bestanden habe, daß ein drittes zwischen ihn und seine Gattin gestellt war. Das sollte nicht mehr sein, auch in der besten Weise nicht. Er wollte den Arzt nicht weiter ausforschen über Denken und Empfinden seiner Gattin, unmittelbar und allein soll sie ihm alles sagen. Er fühlte die tiefe Neigung zu ihr und wußte, daß er ihrer aufs neue würdig sei, denn er hatte so vieles in sich überwunden. Der König ließ die Oberhofmeisterin zu sich entbieten. Seit dem traurigen Ereignis hatte der König nur Männer vor sich gesehen, vor denen derartiges leichter zu nehmen, ja kaum zu berühren ist; jetzt stand ihm zum erstenmal wieder eine Frau vor Augen, und zwar eine solche, die mit der Orthodoxie der Hofformen einen edlen Geist verband. Der König war haltungsvoll gegen die Oberhofmeisterin, während im Innersten sein Herz zitterte. »Wir haben Schweres erlebt,« sagte er ihr. Die Oberhofmeisterin wußte mit geschickten Wendungen über alles Geschehene hinwegzugehen und jede Erörterung des Königs abzulenken, denn es ist durchaus ungehörig, daß die Majestät sich rechtfertige oder gar sich schwach und betroffen zeige, und es ist Pflicht der nächsten Umgebung, alles Unangenehme und Scharfe mit Anstand abzuglätten. Der König verstand diese sorgfältige Wendung. Er fragte, ob die Oberhofmeisterin in diesen Tagen oft bei der Königin gewesen und wer jetzt den Dienst habe. Gräfin Brinkenstein erzählte, daß sie nur einmal bei der Königin gewesen, die ihr einen Wunsch in Bezug auf Se. Königliche Hoheit den Kronprinzen ausgesprochen habe. »Ja, wie geht's dem Prinzen?« fragte der König. In diesen ganzen Tagen hatte er kaum an seinen Sohn gedacht, und es durchzuckte ihn wie ein neues Bewußtsein, daß er einen Sohn habe. »Vortrefflich,« erwiderte die Oberhofmeisterin, und nannte die Hofdamen und die Kammerherren, die jetzt Dienst bei Ihrer Majestät der Königin hatten. Niemand hatte sie in diesen Tagen gesehen, nur die Kammerfrau Leoni war stets bei ihr und der Leibarzt hatte stundenlang mit ihr sich unterhalten. Der König ließ sich den Prinzen in seine Gemächer bringen. Er küßte den Knaben, der mit seinen feinen vollen Händchen ihm im Gesichte spielte. »Du sollst mit Ehrerbietung deines Vaters gedenken – könnte ich nur auch das eine fortwischen,« sprach er in sich hinein. Wie von der Berührung des Kindes neugestärkt, wollte er zu seiner Gattin sich begeben, aber Schnabelsdorf hatte sich zum Vortrag melden lassen. Der König mußte ihn empfangen. Der Ministerpräsident berichtete, daß nunmehr das Ergebnis sämtlicher Wahlen bekannt sei; er werde einen schweren Stand haben, da sich eine Mehrheit für die Opposition ergeben. Der König zuckte die Achseln und sagte: »Man muß die Ereignisse abwarten.« Schnabelsdorf sah staunend diese Gleichgültigkeit. Was ist vorgegangen? »Es ist nur eine einzige Nachwahl nötig,« sagte er, »Majestät wissen, daß der verstorbene Graf Eberhard Wildenort zum Abgeordneten gewählt war.« »Ich weiß, ich weiß,« sagte der König. »Wozu das?« Schnabelsdorf sah zu Boden und fuhr fort: »Wie ich höre, wird der Generaladjutant Eurer Majestät, Oberst von Bronnen, der schon früher im Wurf war, nunmehr dort als Kandidat aufgestellt.« »Bronnen wird die Kandidatur ablehnen,« sagte der König. Schnabelsdorf verbeugte sich wiederum, kaum merklich. Er ahnte, was vorgeht. Der König ließ sich nun noch das Nötigste berichten, bat aber Schnabelsdorf, recht kurz zu sein. Schnabelsdorf war sehr kurz. Der König entließ ihn. Er wollte Schnabelsdorf die neugewählte Kammer eröffnen lassen. Wenn dann die Mehrheit, wie sicher zu erwarten, sich gegen ihn ausspricht, wird Bronnen ein neues Ministerium bilden. Es war kein geringer Kampf, den der König mit sich auszukämpfen hatte, indem er das, was selbstherrlicher Beschluß sein sollte, nun als Nachgiebigkeit gegen den Volkswillen sich darstellen ließ. Aber er selbst erkannte es als das erste wirkliche Zeichen seiner Unterordnung unter das Gesetz, er wollte seinen höchsten Ruhm darin finden, dem geprüften Willen des Volkes den Ausdruck zu geben. Treu und frei – der neue Wahlspruch stand wieder vor seiner Seele. Er sammelte sich in Ruhe, um zu seiner Gemahlin zu gehen. Siebzehntes Kapitel. Die Königin hatte vernommen, daß der König zurückgekehrt war, und die Ruhe und Fassung, die sie gewonnen hatte, schien verschwunden. Solang der König räumlich fern war, glaubte sie sich fest in der Betrachtung von der Höhe des Gedankens, jetzt aber, da er nahe war, zitterte sie in der Furcht, ihm vor Augen zu treten; die gekränkte Empfindung rüttelte an den so mühsam und kaum befestigten Grundsätzen. Es war schon Nacht, als die Königin die Stimme ihres Gemahls im Vorzimmer hörte; er wolle sie sehen, sagte er, auch wenn sie schliefe. Er trat leise ein. Sie hielt gewaltsam die Augen geschlossen und zwang sich zu ruhigem Atmen. Es war die erste Heuchelei ihres Lebens; sie hatte nur Schlaf zu heucheln, und wie oft hatte der, der jetzt vor ihr stand, Innigkeit und Treue geheuchelt ... Ihr Atem ging schwer. Sie bedurfte aller Kraft, sich ruhig zu halten. Das Grausen des Scheintodes kam über sie. Sie lag regungslos mit gefalteten Händen, und vor ihr stand ihr Gatte. Sie meinte, seinen sorgenvollen liebenden Blick zu spüren – aber was ist hier Liebe und Sorglichkeit? Sie spürte den Atem aus seinem Munde; sie fühlte, wie seine Finger sich an ihren Puls legten, und sie bewegte sich nicht; sie fühlte einen Kuß auf ihre Hand, und sie bewegte sich nicht; sie hörte, wie er zu Madame Leoni sagte: »Sie ist gottlob ganz ruhig. Sagen Sie nicht, daß ich hier war« – sie hörte seine Worte und seinen leisen Schritt, wie er nun hinaus ging, und sie bewegte sich nicht; und um auch vor der Kammerfrau nicht zu gestehen, daß sie geheuchelt, mußte sie sich noch schlafend stellen und durfte von allem Geschehenen nichts wissen. Im Vorzimmer sagte der König zur Kammerfrau Leoni: »Ich danke Ihnen, liebe Leoni.« »Majestät!« erwiderte Frau Leoni, sich tief verbeugend. »Sie haben sich in diesen Tagen der Königin wieder neu bewährt, ich werde Ihnen das nicht vergessen. Es ist mir ein Trost, die Königin von solcher Sorgfalt umgeben zu wissen. Und, liebe Leoni, thun Sie nur alles, um der Königin recht viel Ruhe zu schaffen, und wenn die Königin etwas Besonderes wünscht, wovon Sie glauben, daß die Hofdamen und die Oberhofmeisterin nichts zu wissen brauchen, so wenden Sie sich an mich. Hat die Königin viel gesprochen in diesen Tagen?« »O ja, leider zu viel, davon ist sie eben so matt – stundenlang, unaufhörlich.« »Hat sie mit Ihnen so viel gesprochen?« »O nein.« »Also mit dem Leibarzt?« »Ja wohl. Verzeihen, Majestät, aber ich meine, seine Apotheke besteht in Worten.« Der König erinnerte sich, daß Madame Leoni der Königin, mehr aber noch dem Leibarzt gram geworden, weil nicht sie zur Aja des Kronprinzen ernannt wurde, sondern Frau von Gerloff; er war nicht gesonnen, sich das zu nutze zu machen; er sagte daher nur: »Der Arzt, liebe Leoni, muß der Vertraute sein.« »Gewiß, Majestät – aber unsre erhabene Königin ist so schwermütig, und da thäte es wohl besser, wenn man sie erheiterte, daß sie lachte, und nicht immer so schwere und entsetzliche Dinge mit ihr spräche. Majestät verkennen mich gewiß nicht, aber ich möchte unsrer erhabenen Königin gern beistehen, und ihr einziger und bester Beistand sind Sie, Majestät, und wer da irgend sich dazwischendrängt, der thut nicht gut.« Dem König ward es bang. Er hat sich nie mit Spionieren abgegeben, und jetzt, wo er sich gereinigt und erhoben fühlte, war es ihm doppelt zuwider. Dennoch sagte er: »Bitte, erzählen Sie, was ist denn geschehen?« »Ach, Majestät! Ich möchte lieber sterben, ehe ich ein Unrecht an meiner erhabenen Herrin begehe; aber ich thue gewiß kein Unrecht, es soll ihr ja nur helfen.« »Vertrauen Sie mir nur alles,« sagte der König leise – er hörte selbst nicht gern, was er sagte – »ebenso unwürdig, als es Ihrer wäre, hin und her zu tragen, ebensowenig würde ich es je gestatten oder verlangen; aber es ist gut, wenn ich weiß, wie man der Königin aus ihrer jetzigen Verwirrung helfen kann, und dazu muß ich wissen, was ihr zugetragen wird und wie die Dinge besprochen werden.« »Das ist's ja, Majestät,« erwiderte Madame Leoni, und nachdem sie nochmals um Entschuldigung gebeten, besonders wegen der unschönen Worte, gab sie einen Bericht, wie der Leibarzt von der Entstehung des Straßenschmutzes gesprochen, wie ein reiner Tropfen aus der Himmelswolke sich mit dem Staub auf der Straße vermengt, und dann sei von Bildhauerei die Rede gewesen, von Hautrelief und Basrelief. Frau Leoni konnte nur unzusammenhängenden Bericht geben, aber der König wußte genug. Achtzehntes Kapitel. Am Morgen ließ der König seiner Gemahlin melden, daß er sie sprechen müsse. Er eilte zu ihr. Sie waren beide allein im Gemach. Der König wollte seine Gemahlin umarmen. Sie bat ihn, sich auf einen Stuhl zu setzen. »Wie du willst,« sagte er in sanftem Tone; er war entschlossen, in Aufrichtigkeit und Liebe wieder ihre ganze Seele zu gewinnen. »Willst du zuerst sprechen, oder soll ich?« fragte er nach einer Weile. Sie erschrak vor seiner hellen Stimme. Sie sah sein frisches Aussehen und wurde noch blasser. Sie legte die Hand aufs Herz. Sie konnte noch nicht sprechen. »Gut, so laß mich reden. Mathilde! Wir haben uns gewonnen in aufrichtiger Liebe. Ich bekenne offen, ich habe schwer gefehlt, an dir und an andern. Nun bitte ich dich: glaube an meine herzliche Umkehr und sei nicht klein.« »Nicht klein? Ja wohl, ich weiß es! Ihr großen Seelen, euch ist die Sittlichkeit nur Engherzigkeit; ihr seid weite große Herzen, weltumfassende, und ich bin ein borniertes Wesen, ach, gar so borniert!« »Mathilde, sprich nicht so, ich wollte dich nicht verletzen.« »O nein, du wolltest mich nicht verletzen, gewiß nicht, nie.« »Mathilde, das ist der Ton nicht, in dem wir wieder den reinen Accord finden. Verlange etwas von mir, als Zeichen meiner Umkehr. Du hast das Recht. Ich schwöre dir –« »Schwöre nicht! Ich beklage dich. Du hast nichts, wobei du schwören kannst. Schwöre beim Haupt deines Kindes – an der Wiege dieses Kindes hast du mit ihr Blicke und Worte der Untreue –« »Die Zukunft soll alles Vergangene vergessen machen.« »Gut. Erlaß eine königliche Botschaft: die Welt und meine Gemahlin vor allem sollen vergessen, daß je eine Gräfin Irma gelebt! So ist mein königlicher Wille.« Der König sah staunend auf seine Gattin. Ist das das zarte empfindsame Wesen? Was ist aus ihr geworden? »Laß die Toten ruhen,« brach er endlich hervor. »Aber die Toten lassen uns nicht ruhen. Sie sieht mich an aus deinem Auge, sie spricht mich an aus deinem Mund, sie rührt mich an mit deiner Hand, denn deine Hand, dein Mund, dein Auge waren ihr.« »So will ich mich wieder entfernen, bis du Fassung gewonnen.« »Nein, bleib, ich habe Fassung. Oder willst du mich nicht hören?« »Ich höre,« sagte der König, sich wieder setzend. »Sprich.« »So wisse denn: du hast ein Heiligtum verwüstet, darin du als Angebeteter standest, wie es schöner und herrlicher nie auf Erden war. Ich darf dir das jetzt sagen, denn der Tempel ist nicht mehr und du bist nicht mehr darin. Ich wollte eins mit dir sein, in allem, in jedem Atemzug, in jedem Wort, in jedem Blick, im Aufschauen zu dem Höchsten sollte unser Blick einig sein. Darum wollte ich dir meinen Glauben opfern –.« »Du willst abrechnen? So bedenke: das Opfer, das du mir bringen wolltest, verlangte ich nicht; es wäre eine Last für mich geworden. Von einem Opfer ist hier nicht die Rede.« »Gut, ich will nicht mehr daran denken. Ich wollte dir nur sagen, daß das, was ich für ein Opfer hielt, zu einer Schwäche vor deinen Augen wurde. Ich rede nicht mehr davon. Aber du hast mit meiner Freundin, mit der, die ich dafür hielt, in Untreue gelebt. Ich weiß, wie es in der Welt ist. Die Steigeneck, die dein Vater –« »Beleidige meinen Vater nicht! Mir darfst du sagen, was du willst – nur beleidige meinen Vater nicht.« »Ich beleidige ihn nicht, ich ehre ihn. Er war sittlich und rein gegen dich, fern von Schönthuerei, Lüge, Heuchelei und Verrat.« »Wer spricht hier?« unterbrach der König. »Ist das meine Gemahlin, ist das eine Königin, die solche Worte spricht?« »Es sind nicht meine Worte, sie sollten's nicht sein, du hast mir sie aufgezwungen. Doch – streiten wir nicht um Worte. Dein Vater hat einer Fremden, die draußen lebte, die seine Frau nicht kannte, seine Neigung zugewendet – das ist Sittlichkeit und Tugend gegen dein Verfahren ... »Du brachst die Treue mit meiner Freundin, mit der, die mir stündlich zur Seite war. Wir sprachen, wir dachten gemeinsam, von Gott, von Liebe, von den Sternen, von Baum und Berg und Thal, wir schauten miteinander die Werte der Kunst, wir sangen und musizierten – und das konntet ihr beide neben mir, ins innerste Heiligtum alles höheren Lebens eintreten ... Ihr habt mir alles verwüstet, den Himmel, die Erde, alle höchsten Gedanken im Herzen, alle reinsten Worte im Munde. Ich möchte den Tag kennen, an dem ihr es zu wagen begonnen, mit Blick und Wort falsches Spiel zu spielen. Bei jedem Kuß, den du ihr gabst, mußtest du immer sagen: Ach, meine Frau – wie unglücklich bin ich – sie ist so klein – gar so sehr – nicht großartig ... Sprich nicht! So viel verstehe ich, nie kann ein Mann oder eine Frau die Hand eines andern in Liebe berühren, ohne damit zu sagen: ich bin im Elend! – Was ich dir jetzt sage, spricht nicht Haß und Rache, nur die Gerechtigkeit aus mir. So lange ich dich noch liebte, konnte ich dich hassen, jetzt richte ich dich nur. Du sollst die Folgen deines Thuns tragen. Das ist Gerechtigkeit. Ich bejammere und beklage dein Los. Wie willst du dich noch je am Wald erfreuen – und eine durch dich Schuldbeladene jagte durch den Wald in den Tod! Wie willst du dein Auge noch am See erquicken – da drin hat sie die Sünde versenkt! Die ganze Welt ist dir vernichtet. Du armer Mann! Die Feder muß zittern in deiner Hand, wenn du künftighin ein Todesurteil unterschreiben sollst – du hast selbst gemordet, Tote und Lebende. Schreibe Begnadigung! Wer begnadigt dich, du von Gottes Gnaden?« »Mathilde, ich hatte geglaubt, daß alles Unziemliche selbst im Worte dir unmöglich wäre.« »Das hast du geglaubt? Und was nennst du für dich unziemlich?« »Sprich weiter! Sprich weiter!« sagte der König, als jetzt die Königin tief aufatmend innehielt. Er sah das lodernde Feuer, das sein Liebstes verzehrte und sah doch die Schönheit der Flamme. So wunderbar sind die Doppelgriffe in der menschlichen Seele, daß den König plötzlich inmitten von Empörung und Zerknirschung der Gedanke anmutete, welch eine Kraft seiner Gattin innewohne; das hatte er nie geahnt, sie ist größer und mächtiger, als er glaubte, und in seinem Zuruf lag etwas wie ein Ton der Anerkennung aus dem Bewußtsein überlegener Kraft. Das empörte die Königin doppelt. Mit gewaltsamer Ruhe fuhr sie daher fort: »Man kann von niemand, von keinem Fürsten, auch von dir nicht verlangen, daß du ein Genie seiest; aber daß du ein rechtschaffener Mann, Gatte und Vater seiest – das kann jeder von dir verlangen; du kannst es sein, so gut wie jeder Bauer, jeder Taglöhner.« Schmerz und tiefer Unwille malten sich auf dem Gesicht des Königs. »Mathilde,« begann er endlich mit bewegter Stimme, »Mathilde, bedenke es wohl, – ich spreche nicht davon, was du mir – bedenke nur, was du dir selbst anthust mit diesen Worten!« »Mir? Ich hab's bedacht, ich weiß, alle die tausend kleinen Freuden des Lebens sind mir von nun an geraubt. Ich trage eine ewige Last, die mir nur der Tod abnimmt. Ich weiß das. Aber ich habe auch mit mir selbst kein Mitleid. Wo die Liebe tot ist, muß die Gerechtigkeit herrschen!« »Die Liebe, die sterben konnte, war keine Liebe.« »Streiten wir nicht, wir verstehen einander nicht mehr. So höre noch mein einziges und unverbrüchliches Wort! Was bleibt mir? Selbst verächtlich zu werden oder dich zu verachten. Hier stehe ich,« sie richtete sich auf, sie erschien größer, und dunkle Röte übergoß sich über ihr Antlitz, »hier stehe ich und spreche das Wort aus: Ich verachte dich! – – Ich werde mit dir leben, neben dir, so lange Leben in diesem Leib – aber ich verachte dich. Das wisse! Und nun geh! Ich werde heut abend beim Hoffest mit dir erscheinen – du sollst über keine Formlosigkeit zu klagen haben. Ich habe dich einmal ganz geliebt – das bleibt mein, du bedarfst dessen nicht.« Der König erhob sich. Er wollte sprechen, aber er brachte lange kein Wort hervor. »Weiß noch jemand von deiner Gesinnung gegen mich?« fragte er endlich, seine Stimme war heiser. »Nein. Wir sind es unserm Sohne schuldig, daß niemand davon wisse.« »Mathilde, ich hätte nie geglaubt, daß du so mit mir reden könntest. Das kommt nicht aus dir. Es hat sich ein andrer zwischen uns gedrängt. Wer hat dich gelehrt, so zu sein und so zu reden?« »Du selbst bist mein großer Lehrmeister. Du hast mich statt Liebe Haß, statt Anbetung Verachtung gelehrt.« »Weiß dein Freund, der Leibarzt, nichts von dem, was du mir hier anthust?« »Ich kann dir nicht schwören. Du kannst keinen Eid mehr glauben. Aber das sage ich: wüßte Gunther davon, daß ich mich von der Leidenschaft meiner vergangenen Liebe zu dir hinreißen ließ – wüßte er das, es würde ihn tief schmerzen: denn Zorn und Haß und Rache sind seinem großen Wesen fremd.« »Dieses große Wesen kann klein gemacht werden!« »Du wirst – du willst mir doch nicht den einzigen Freund rauben? Ich beschwöre dich, ich will dich um nichts mehr bitten mein ganzes Leben lang, ich will dir gehorchen und unterthan sein – Liebe kann ich dir nicht mehr bieten – ich bitte dich nur um dies eine: laß mir den einzigen Freund!« »Den einzigen Freund? Ich kenne diesen Titel nicht. So viel ich weiß, ist das keine Hofcharge.« »Auf den Knieen will ich dich bitten, kränke ihn nicht. Laß ihn mir. Er ist groß, rein und erhaben; er ist's, der mich noch mit dem Leben zusammenhält.« Die Königin wollte sich vor dem König auf die Kniee werfen. Der König berührte sie – sie zuckte zusammen und richtete sich auf. »Sei stolz!« rief jetzt der König. »Sei es! Trage die Folgen! Sei die Erhabene, der reine Tropfen aus der Himmelswolke, der sich mit mir, dem Straßenstaub, vereinigt und verunreinigt.« Die Königin schaute verwirrt auf. Was ist das? So die Worte des edlen Mannes hinterbracht und so verdreht? Es wirbelte ihr vor den Augen. »Sei, was du willst!« fuhr der König fort. »Sei allein und suche den Halt in dir.« Er zog an dem Trauring an seiner Hand. Der Ring löste sich schwer, das ganze Gesicht des Königs wurde rot, indem er gewaltsam zog. Endlich brachte er ihn über den Knöchel. Ohne weiter ein Wort zu sagen, legte er den Trauring auf den Tisch vor der Königin. Er ging nach der Thür; eine Sekunde noch stand er still, wie lauschend: sie ruft ihn, er ruft ihr zu, ein Wort aus tiefster Seele, ein erlösendes. Die Königin schaute ihm nach. Wird er sich nicht umwenden? nicht noch einmal in seiner zum Herzen dringenden Stimme rufen: verzeihe mir. Die Liebe, die noch in ihr waltete, wollte sie vorwärts drängen, ihm nach. Es war ein kurzer Augenblick, in dem der König anhielt und die Königin unwillkürlich die Arme nach ihm vorwärts streckte – der Augenblick entschwand, der König ging. Die Königin ging und starrte auf den Thürvorhang. Dann sank sie zurück auf das Sofa und weinte. Sie weinte lange. Neunzehntes Kapitel. Die Königin war nun doppelt unglücklich; sie hatte den unsäglichen Schmerz um die verlorne Liebe und sie hatte sich noch dazu in häßliche und gehässige Leidenschaften verleiten lassen. Die freie Erhabenheit, in der sie sich durch die Anrufungen Gunthers gefühlt hatte, war von ihr gewichen. Und nun, da die herzzerschneidende Trennung vollbracht war, nun war es wie der Eintritt eines Todes, den man vorausgesehen; alles Vorausdenken hilft nichts, die erfolgte Thatsache bringt neues, ungeahntes Wehe. Die Königin ging nach den Gemächern des Kronprinzen. Sie kam am Kabinett des Königs vorüber. Sie stand eine Weile still. Wie, wenn sie nun hier einträte, die Arme um ihn schlänge und sagte: es soll alles vergessen sein. Du bist ja auch unglücklich, ich will dir tragen helfen? Sie ging vorüber, sie fürchtete, wiederum nur als schwächlich und weichmütig zu erscheinen, und sie wollte stark sein. Als sie ihr Kind sah, strahlte ihr Auge wieder hell. Das Kind hatte die schmerzlich ringende, die weinende Mutter nicht gesehen; jetzt war sie wieder bei ihm. Eine Stimme, die sie kaum hören wollte, sagte ihr: auch er wird jetzt hierher kommen. Sie zitterte. Sie hörte, daß der König den Prinzen schon heute zu sich hatte bringen lassen. Sie wartete lange, sie küßte das Händchen des Knaben und schaute oft um, ob sein Vater nicht komme. Er kam nicht. Der König saß in seinem Kabinett und hielt sich die brennende Stirn. Er hat einen entscheidenden Wendepunkt seines Lebens betreten, jetzt sollte er nicht noch von persönlichem Seelenjammer bedrückt werden. Er hat bereut, nun ist's genug. Er ist entschlossen, sich zu ändern, das ist mehr als genug. Wozu noch das Anklagen und Strafen? Tiefer Zorn über seine Gemahlin stieg ihn ihm auf. Sie ist klein und rachgierig. – Nein – klein nicht! Es ist eine Macht in ihr, die er nie geahnt hätte. Er fühlte tief die schwere Sünde, solch eine Gattin hintergangen zu haben. Noch ist ein Etwas in ihm, das die Strafe als eine Beleidigung seiner hohen Stellung ansehen will. Und in dieser Zertrümmerung seines persönlichen Daseins soll er nun die Selbstverleugnung üben, das Leben im großen ganzen neu zu gestalten? Nur ein in sich versöhntes und befriedigtes Herz kann versöhnend und befriedigend wirken. Trotz und Mißmut wollen ihn bereden, nun abzulassen von der begonnenen Umkehr, sie wird doch nicht gerecht erkannt, von seiner Nächsten, von seiner Gattin nicht. So sitzt er lange dumpf und schwer. Endlich richtet er sich empor und ein Ausdruck von Trotz und Festigkeit tritt in sein Antlitz. Er ist entschlossen, das Gute zu vollführen ohne Anerkennung, ja mitten in Verkennung; die beste Kraft seines Wesens tritt siegesmächtig hervor: aus sich und um der Selbstehre willen wird er vollbringen, was er als richtig erkannt, und dies Glück soll ihm Ersatz bieten für das verlorene Liebesglück ... Am Abend war große Cour. Die Verlobung der Prinzessin Angelique mit dem Fürsten Arnold wurde offiziell gefeiert. Die Königin erschien am Arm ihres Gemahls, überallhin freundlich und mild grüßend. Sie sah angegriffen aus, aber nicht minder schön. Niemand sah etwas vom Zerfall des fürstlichen Paares, so wenig jemand das Fehlen des Ringes an der Hand des Königs bemerkte. Der König sprach mit großer Selbstbeherrschung zutraulich mit der Königin und sie antwortete ihm in derselben Weise. Oft aber war's ihr, als müsse sie ihn fragen: Ist denn nichts vorgefallen? Dann schaute sie wieder scheu um in den großen Sälen, als müsse plötzlich die Totengestalt Irmas erscheinen, schneeweiß in nassen Gewändern. Als der König mit seiner Gattin am Arme den Rundgang durch die Säle vollendet hatte, begrüßte er Bronnen überaus herzlich und verweilte lange mit ihm in lebhafter Unterhaltung. Die Königin sah es staunend. Sie wußte, daß Bronnen im stillen Irma verehrt, ja sogar um ihre Hand geworben hatte. Was ist geschehen, daß der König sich so nahe mit diesem Manne befreundet und ihn vor dem ganzen Hofe auszeichnet? Es gab keine Gelegenheit, darüber Erkundigungen einzuziehen. Das ganze Sommerschloß war erleuchtet, auf der Terrasse brannten die bunten Lampen, im Park waren Pechpfannen aufgestellt, die hellen Schein in die Spätsommernacht hinauswarfen, das Musikkorps vom Regiment des Fürsten Arnold spielte muntere Weisen auf, Lichtglanz und Musikklänge drangen weit hinaus ins Thal und bis zu den Bergen, wo auf einsamen Höhen die Menschen leben. Die Königin begegnete dem Leibarzt, sie sprach nur einige flüchtige Worte mit ihm. Der König grüßte ihn im Vorübergehen freundlich. Er wird mir das nicht anthun – tröstete sich die Königin. Es lag etwas eigentümlich Scheues in ihrem Auge, wenn ihr Blick auf den Leibarzt fiel; das bemerkte der König einmal und er nickte. Die Königin fühlte, daß Gunther mit ihr unzufrieden sein müsse, sie hatte nicht nach den Gesetzen gehandelt, die aus seiner Lehre flossen. Am andern Tag ging das Gerücht durch die Residenz, der Leibarzt habe seine Entlassung genommen. Die Regierungszeitung brachte am Abend neben den Hofnachrichten von den Verlobungsfestlichkeiten die Mitteilung: Se. Majestät der König haben in Gnaden geruht, Allerhöchst ihrem Leibarzt, dem Geheimrat Gunther, auf dessen Gesuch die Entlassung aus dem Staatsdienst zu gewähren und ihm zum Zeichen Ihrer Zufriedenheit das Komturkreuz des ** Ordens zu verleihen. Unter den Privatanzeigen stand: Meinen Freunden sage ich Lebewohl. Ich ziehe nach meiner Vaterstadt * im Gebirge. Dr. Wilhelm Gunther, Geheimrat und Sr. Majestät des Königs Leibarzt a.D.