Kenelm Chillingly. Erster Band Roman von Edward Bulwer.   Aus dem Englischen von Emil Lehmann.     Leipzig, Ernst Julius Günther. 1873.     Erstes Buch. Erstes Kapitel. Der Baronet Sir Peter Chillingly von Exmundham war der Repräsentant einer alten Familie und ein Grundbesitzer von einiger Bedeutung. Er hatte sich jung verheirathet, nicht aus besonderer Neigung für den Ehestand, sondern auf den Wunsch seiner Eltern, die sich auch der Mühe unterzogen hatten, eine Frau für ihn zu wählen. Ihre Wahl hätte vielleicht besser, sie hätte aber auch schlimmer ausfallen können, was man von der Wahl vieler Männer, die sich ihre Frauen selbst aussuchen, nicht sagen kann. Fräulein Karoline Brotherton war in jeder Beziehung eine passende Partie. Sie hatte ein hübsches Vermögen, das sich sehr nützlich für den Ankauf einiger Pachthöfe erwies, deren Erwerb die Chillinglys schon lange als 2 zur Abrundung ihres Besitzes nothwendig gewünscht hatten; sie war von sehr guter Familie und brachte jene Kenntniß des fashionablen Lebens mit aufs Land, welche junge Damen sich erwerben, wenn sie einen dreijährigen Cursus von Bällen in London durchgemacht haben, um schließlich ehrenvoll unter die Haube zu kommen. Sie war hübsch genug, um dem Stolz eines Ehemannes zu schmeicheln, aber nicht schön genug, um die Eifersucht eines Ehemannes beständig wach zu halten; sie galt für sehr talentvoll, das heißt, ihr Klavierspiel war der Art, daß jeder Musiker, der sie hörte, sagte, sie sei sehr gut unterrichtet, aber kein Verlangen trug, sie zum zweiten Male zu hören; sie malte Aquarell zu ihrem Vergnügen; das Französische und Italienische beherrschte sie mit so vornehmer Eleganz, daß sie, obgleich sie in diesen Sprachen nur ausgewählte Stücke berühmter Autoren gelesen hatte, dieselben mit einem correcteren Accente sprach, als wir ihn bei Rousseau oder Ariost zu vermuthen Grund haben. Was eine junge Dame sich sonst noch aneignen muß, um für hochgebildet zu gelten, maße ich mir zu wissen nicht an, bin aber überzeugt, daß unsere junge Dame allen Anforderungen der besten Lehrer genügt haben würde. Die Partie war nicht nur eine wünschenswerthe, sondern eine glänzende für Sir Peter 3 Chillingly und auch für Fräulein Karoline Brotherton war sie durchaus tadellos. Dieses vortreffliche Ehepaar lebte so glücklich wie die meisten vortrefflichen Ehepaare. Bald nach seiner Verheirathung gelangte Sir Peter durch den Tod seiner Eltern, welchen, nachdem sie ihren Sohn und Erben verheirathet hatten, das Leben nichts mehr bot, was ihm hätte Reiz verleihen können, in den Besitz der Familiengüter; er lebte neun Monate des Jahres auf Exmundham und verbrachte die drei übrigen Monate in London. Lady Chillingly und er gingen sehr gern nach London, weil sie sich in Exmundham langweilten, und gingen sehr gern wieder nach Exmundham zurück, weil sie sich in London langweilten. Mit einer einzigen Ausnahme konnte man die Ehe, wie Ehen nun einmal sind, eine außerordentlich glückliche nennen. In kleinen Dingen ging Alles nach Lady Chillingly's, in großen nach Sir Peter's Willen. Kleine Dinge kommen täglich vor, große vielleicht alle drei Jahre einmal. Nur alle drei Jahre einmal mußte sich Lady Chillingly dem Willen Sir Peter's fügen. In Haushaltungen, in denen ein solches Verhältniß herrscht, geht es friedlich her, und was unserem Paare zum vollen Glücke fehlte, war doch am Ende etwas, dem abzuhelfen in keines Menschen Gewalt stand. Ihre 4 Liebe zu einander war so groß, daß sie sich nach einem Pfande derselben sehnten; vierzehn Jahre lang hatten sie den kleinen Ankömmling vergebens erwartet. Nun ging aber Sir Peter's Grundbesitz in Ermangelung eines männlichen Sprößlings auf einen entfernten Vetter als nächsten Erben über und dieser präsumtive Erbe hatte seit vier Jahren aus seiner Ueberzeugung, daß er in Wahrheit bereits wirklicher Erbe sei, kein Hehl gemacht und hatte, obgleich Sir Peter viel jünger war als er und sich der besten Gesundheit erfreute, seine Erwartung einer baldigen Erbfolge in unliebsamer Weise zu erkennen gegeben. Er hatte seine Zustimmung zu einem Austausch kleiner Stücke Landes, durch welchen Sir Peter von einem benachbarten Grundbesitzer ein Stück guten Ackerlandes gegen einen entferntliegenden Wald, der nichts ertrug als Bündelholz und Kaninchen, mit der groben Erklärung verweigert, daß er, der präsumtive Erbe, ein Freund der Kaninchenjagd sei und daß der Wald ihm in der nächsten Saison, wenn er bis dahin, was sehr möglich sei, in den Besitz desselben gelangt sein werde, sehr willkommen sein würde. Er bestritt Sir Peter das Recht, in gewohnter Weise Holz fällen zu lassen, und hatte ihn deshalb sogar mit einer Klage vor dem Kanzleigericht bedroht. Kurz, dieser präsumtive Erbe 5 war einer von den Menschen, die einen Gutsbesitzer dahin bringen können, sich noch in seinem achtzigsten Jahre in der Hoffnung zu verheirathen, Nachkommenschaft zu erzielen. Aber es war nicht nur der sehr natürliche Wunsch, die Hoffnungen dieses unliebenswürdigen Verwandten zu vereiteln, was Sir Peter das Ausbleiben des kleinen Ankömmlings beklagen ließ. Wiewohl er zu jener Klasse von Landedelleuten gehörte, welchen gewisse politische Schwätzer die anderen Mitgliedern des Gemeinwesens gewährte Intelligenz absprechen, erfreute sich Sir Peter doch einer sehr respectablen Belesenheit und fand großen Geschmack an speculativer Philosophie. Er sehnte sich nach einem natürlichen Erben seines Vorrathes an Gelehrsamkeit und, als ein menschenfreundlich gesinnter Mann, nach einem thätigeren und nützlicheren Spender jener Wohlthaten, welche die Philosophen der Menschheit dadurch erweisen, daß sie sich tüchtig an einander reiben, gerade wie in einem Feuerstein, möge er auch noch so voll Funken sein, diese Funken bis zum jüngsten Tage verborgen bleiben würden, wenn sie nicht mit dem Stahl herausgeschlagen würden. Kurz, Sir Peter sehnte sich nach einem Sohn, der reichlich mit der Kampflust begabt wäre, an welcher es ihm selbst mangelte, welche aber die erste und 6 wesentlichste Eigenschaft für alle nach Ruhm Strebenden und besonders für wohlwollende Philosophen ist. Unter diesen Umständen wird man leicht die Freude begreifen, welche im Herrenhause von Exmundham herrschte und sich auf die ganze Pächterschaft dieses altehrwürdigen Gutes, bei welcher der gegenwärtige Besitzer sehr beliebt und die Aussicht auf jenen präsumtiven Erben mit dem speciellen Absehen auf die Erhaltung der Kaninchen sehr verhaßt war, erstreckte, als der Hausarzt erklärte, daß die gnädige Frau sich in interessanten Umständen befinde, und welchen Höhepunkt diese Freude erreichte, als nach Verlauf der gehörigen Zeit ein Knabe sicher in seiner Wiege thronte. Sir Peter ward an diese Wiege berufen. Er betrat das Zimmer mit geflügelten Schritten und strahlendem Gesicht; er verließ es langsamen Schrittes und mit umwölkter Stirn. Und doch war das Kind kein Ungeheuer; es war nicht mit zwei Köpfen auf die Welt gekommen, wie von einigen Kindern behauptet wird. Es war gebildet, wie neugeborene Kinder es in der Regel sind, war Alles in Allem ein prächtiger schöner Knabe. Und doch hatte sein Anblick auf den Vater einen beängstigenden Eindruck gemacht, wie schon vorher auf die Wärterin. Das kleine Wesen sah so unaussprechlich feierlich aus! 7 Es heftete seine Augen mit einem melancholisch vorwurfsvollen Blick auf Sir Peter; seine Lippen waren zusammengepreßt und die Mundwinkel herabgezogen, wie wenn es unzufrieden über seine künftige Bestimmung nachdächte. Die Wärterin erklärte in einem bangen Flüsterton, es habe, als es das Licht der Welt erblickt, keinen Schrei ausgestoßen, es habe mit der ganzen Würde stillen Kummers von seiner Wiege Besitz genommen. Trauriger und nachdenklicher hätte kein menschliches Wesen aussehen können, das im Begriff gewesen wäre, die Welt zu verlassen. anstatt sie zu betreten. »Hm«, dachte Sir Peter bei sich, als er wieder in seiner einsamen Bibliothek saß, »ein Philosoph, der dieses Jammerthal um einen neuen Bewohner vermehrt, nimmt eine sehr ernste Verantwortlichkeit auf sich.« In diesem Augenblick erklangen die Freudenglocken von dem benachbarten Kirchthurm, schien die Sommersonne in die Fenster, summten die Bienen zwischen den Blumen auf dem Rasen. Sir Peter raffte sich auf. »Am Ende«, sagte er munter, »ist doch das Jammerthal nicht ganz ohne Freude.« 8 Zweites Kapitel. Ein Familienrath versammelte sich in Exmundham, um über den Namen zu berathen, auf welchen dieses merkwürdige Kind in die christliche Gemeinschaft aufgenommen werden sollte. Die jüngeren Zweige dieses alten Hauses bestanden zunächst aus dem verhaßten, einem schottischen Zweige angehörenden präsumtiven Erben mit Namen Chillingly-Gordon. Er war der verwittwete Vater eines einzigen, jetzt dreijährigen Sohnes, der glücklicherweise nichts von der Beeinträchtigung ahnte, welche seinen Aussichten durch die Ankunft des Neugeborenen widerfuhren, was man von seinem caledonischen Vater nicht behaupten konnte. Herr Chillingly-Gordon gehörte zu jenen Leuten, die in der Welt gut fortkommen, ohne daß wir begreifen, weshalb. Seine Eltern starben, als er noch ein Kind 9 war, und hinterließen ihm nichts; aber die Verwendung seiner Familie verschaffte ihm Aufnahme in die Charter-House-Schule, in welcher berühmten Anstalt er sich nicht merklich hervorthat. Nichtsdestoweniger nahm der Staat ihn, sobald er die Schule verlassen hatte, unter seine besondere Obhut und gab ihm die Stelle eines Kanzlisten auf einem öffentlichen Bureau. Und so ging es ihm ferner gut in der Welt und jetzt war er ein Zollcommissär mit einem jährlichen Gehalte von fünfzehnhundert Pfund Sterling. Sobald er sich auf diese Weise in den Stand gesetzt sah, eine Frau zu ernähren, suchte er sich eine aus, die ihm auch bei seiner eigenen Ernährung behülflich war. Sie war die Wittwe eines irischen Pairs mit einem Wittwengehalt von jährlich zweitausend Pfund Sterling. Wenige Monate nach seiner Verheirathung versicherte Chillingly-Gordon das Leben seiner Frau, sodaß er sich für den Fall ihres Todes eine Jahreseinnahme von tausend Pfund Sterling sicherte. Da sie einige Jahre jünger als er und anscheinend von guter Gesundheit war, so erschien der Abzug an seiner Einnahme, den er sich durch die Jahreszahlung für die Versicherung auferlegte, als ein auffallend großes Opfer gegenwärtigen Genusses für künftige Möglichkeitsfälle. Die Folge bewährte seinen Ruf eines scharfblickenden 10 Mannes; denn seine Frau starb im zweiten Jahre ihrer Ehe, wenige Monate nach der Geburt ihres einzigen Kindes an einem Herzleiden, welches den Aerzten verborgen geblieben war, welches aber Gordon in seiner Zärtlichkeit offenbar entdeckt hatte, ehe er ein Leben versicherte, das ihm zu kostbar war, als daß er sich nicht eine Entschädigung für seinen Verlust hätte sichern sollen. Er war also jetzt im Besitz von jährlich zweitausendfünfhundert Pfund Sterling und es ging ihm daher pecuniär sehr gut. Er hatte sich überdies einen Ruf erworben, der ihm eine sociale Stellung gab, die weit höher war als die ihm von dem prüfenden Staate zuerkannte. Er galt für einen Mann von solidem Urtheil und seinen Ansichten über alle privaten und öffentlichen Angelegenheiten wurde Werth beigelegt. Wenn man diese Ansichten kritisch beleuchtete, waren sie nicht viel werth, aber er hatte eine imponirende Art, sie auszusprechen. Fax sagte einmal, noch nie sei jemand so weise gewesen, wie Lord Thurlaw aussehe; Lord Thurlaw aber konnte nicht weiser ausgesehen haben, als es Herr Chillingly-Gordon that. Er hatte eine viereckige Kinnlade und große rothe buschige Augenbrauen, die er mit großem Effect herabzog, wenn er ein Urtheil abgab. Er hatte noch eine andere Eigenschaft, die sein Ansehen bei den Leuten erhöhte, er war 11 ein sehr unangenehmer Mensch; er konnte grob werden, wenn man ihm widersprach, und da die meisten Menschen sich nicht gern grob behandeln lassen, widersprach man ihm selten. Herr Chillingly-Mivers, ein anderes Mitglied eines Nebenzweiges der Familie, war ebenfalls ein wenn auch in anderer Weise ausgezeichneter Mann. Er war ein jetzt etwa fünfunddreißigjähriger Junggeselle, der sich durch seine außerordentliche, mit den feinsten Manieren zur Geltung gebrachte Verachtung aller Menschen und aller Dinge auszeichnete. Er war der Gründer und Haupteigenthümer eines »Der Londoner« genannten Journals, welches kürzlich dieses Princip der Verachtung verkündet hatte, und wie wir kaum zu bemerken brauchen, außerordentlich beliebt bei allen jenen maßgebenden Persönlichkeiten war, die niemand bewundern und an nichts glauben. Herr Chillingly-Mivers galt sich selbst in seinen eigenen und aller übrigen Menschen Augen für einen Mann, der die höchsten Erfolge in jedem Zweige der Literatur hätte erringen können, wenn er geruht hätte, sein Talent einem dieser Zweige zuzuwenden. Aber er geruhte nicht und hatte daher das vollste Recht, den Leuten zu verstehen zu geben, daß, wenn er ein Epos, ein Drama, einen Roman, ein Geschichtswerk oder eine 12 metaphysische Abhandlung geschrieben hätte, man nicht mehr von Milton, Shakespeare, Cervantes, Hume und Berkley reden würde. Er hielt sehr auf die Würde der Anonymität und was er selbst in seinem eigenen Blatte schrieb, konnte niemand mit Bestimmtheit angeben. Aber wie dem auch sei, jedenfalls war Herr Chillingly-Mivers, was Herr Chillingly-Gordon nicht war, ein sehr gescheidter und keineswegs gesellschaftlich unangenehmer Mann. Der Ehrwürdige John Stalworth Chillingly war ein entschiedener Anhänger des sogenannten muskulösen Christenthums Muscular Christianity : halb scherzhafte Bezeichnung einer eigenthümlichen kirchlichen Richtung, welche eine Art Vergötterung mit der Entwickelung der Muskelkraft treibt und daher neben großer Frömmigkeit auf die Uebung alles derartigen Sport großen Werth legt. — Anm. d. Uebers. und überdies ein sehr schönes Exemplar desselben, ein großer stattlicher Mann mit breiten Schultern und stark entwickelten Waden. Einen Deisten, der es gewagt hätte, ihm unter die Augen zu treten, würde er sofort zu Boden geschlagen haben. Der Sieur de Joinville erzählt in seinem Leben Ludwig's des Heiligen, daß eine Versammlung von Geistlichen und Theologen die Juden einer orientalischen Stadt 13 zusammenberief, um mit ihnen über die Wahrheiten des Christenthums zu disputiren, und daß ein Ritter, der im Kriege zum Krüppel geschlagen war und auf Krücken ging, sich die Erlaubniß erbat und erhielt, bei der Debatte zugegen zu sein. Die Juden strömten in Schaaren herbei und alsbald richtete ein Prälat an einen gelehrten Rabbi in mildem Ton die Hauptfrage, ob er an die Göttlichkeit des Herrn glaube. Kaum hatte der Rabbi die Frage mit einem entschiedenen Nein beantwortet, als der fromme Ritter, über eine solche Blasphemie empört, seine Krücke in die Hand nahm, den Rabbi damit zu Boden warf, sich dann unter die übrigen Ungläubigen stürzte und sie, nachdem er sie übel zugerichtet hatte, bald in schmähliche Flucht jagte. Das Benehmen des Ritters wurde dem heiligen König mit der Bitte berichtet, demselben einen gebührenden Verweis zu ertheilen; aber der heilige König gab folgendes weise Urtheil ab: »Wenn ein frommer Ritter zugleich ein sehr gelehrter Geistlicher ist und den Lehren des Ungläubigen mit guten Argumenten entgegentreten kann, so soll er sich gewiß dieser Argumente bedienen; wenn aber ein frommer Ritter kein gelehrter Geistlicher ist und ihm keine Argumente zu Gebote stehen, dann mag der fromme Ritter der Discussion mit der Klinge seines guten Schwertes ein kurzes Ende machen.« 14 Der Ehrw. John Stalworth Chillingly war derselben Ansicht wie der heilige Ludwig, im Uebrigen aber war er ein milder und liebenswürdiger Mann. Er ermunterte die Mitglieder seiner ländlichen Gemeinde zum Cricketspiel und anderen männlichen Uebungen; er war ein geschickter und kühner Reiter, ging aber nicht auf die Jagd, er war ein Freund der Geselligkeit, und sprach der Flasche wacker zu. Aber in literarischen Dingen hatte er einen feinen und friedlichen Geschmack, ganz anders wie man es bei seiner muskulösen christlichen Richtung hätte erwarten sollen. Er war ein großer Freund von Poesie, mochte aber weder Scott noch Byron, die er für oberflächliche Schreier hielt; er behauptete, Pope sei nur ein Versmacher und der größte englische Dichter sei Wordsworth; er machte sich nicht viel aus den alten Classikern und bestritt den französischen Dichtern jedes Verdienst. Von italienischer Poesie verstand er nichts; aber er pfuschte ein wenig im Deutschen und langweilte seine Freunde gern mit Goethe's »Hermann und Dorothea«. Er hatte eine einfache kleine Frau geheirathet, die ihn schweigend verehrte und überzeugt war, daß es kein Schisma in der Kirche geben würde wenn er Erzbischof von Canterbury und damit an seinem rechten Platze wäre, eine Ansicht, in welcher er mit seiner Frau völlig übereinstimmte. 15 Neben diesen drei männlichen Exemplaren der Familie Chillingly war das schöne Geschlecht in Abwesenheit von Lady Chillingly, welche noch das Zimmer hüten mußte, durch drei weibliche Chillinglys, unverheirathete Schwestern von Sir Peter, vertreten. Einer der Gründe, aus denen sie ledig geblieben, war vielleicht, daß sie einander so ähnlich waren, daß ein Freier in Verlegenheit gewesen sein würde, welche von den dreien er wählen solle, und hätte fürchten müssen, daß, wenn er eine wähle, es ihm den nächsten Tag begegnen könne, aus Versehen eine andere zu küssen. Alle drei waren groß, hager, mit langem Hals und einer hübschen Ansammlung von Knochen unterhalb des Halses, alle drei hatten hellblondes Haar, blaßrothe Augenlider, helle Augen und eine bleiche Gesichtsfarbe; alle drei kleideten sich immer ganz gleich und ihre Lieblingsfarbe war ein grelles Grün, in welche Farbe sie auch heute gekleidet waren. Dieser äußern Aehnlichkeit entsprechend würde ein gewöhnlicher Beobachter auch ihre Charaktere und ihre Art zu denken ganz gleich gefunden haben. Alle drei hatten strenge Begriffe von weiblicher Schicklichkeit, benahmen sich tadellos, sehr reservirt und vorsichtig gegen Fremde, sehr zärtlich gegen einander und gegen ihre Verwandten und Lieblinge und sehr gut gegen die Armen, die sie 16 als eine besondere Art von Geschöpfen betrachteten und mit jenem Wohlwollen behandelten, welches die Menschen den stummen Thieren angedeihen zu lassen pflegen. Ihr Geist schöpfte seine Nahrung aus denselben Büchern; was die eine las, lasen auch die anderen. Ihre Lectüre bestand hauptsächlich aus zweierlei Arten von Büchern, nämlich Romanen und solchen Büchern, die sie speciell als gute bezeichneten. Sie hatten die Gewohnheit, mit diesen beiden Arten von Büchern abzuwechseln, heute einen Roman, morgen ein »gutes Buch«, übermorgen wieder einen Roman zu lesen und so fort. So wurde die Phantasie, wenn sie am Montag zu sehr aufgeregt worden war, am Dienstag wieder zu einer mäßigen Temperatur abgekühlt und, wenn sie in Folge dessen am Dienstag zu erfrieren drohte, am Mittwoch wieder durch ein lauwarmes Bad belebt. Ihre Lieblingsromane waren freilich selten geeignet, den geistigen Thermometer bis auf den Siedegrad steigen zu lassen. Die Helden und Heldinnen dieser Romane benahmen sich musterhaft. Damals waren die Romane von James en vogue und die drei Schwestern kamen darin überein, daß das Romane seien, welche ein Vater seinen Töchtern getrost in die Hand geben könne. Aber wenn auch, wie gesagt, ein oberflächlicher 17 Beobachter keinen Unterschied zwischen diesen drei Damen gefunden und mit Bezug auf ihre gewöhnlich grüne Kleidung erklärt haben würde, sie seien einander so ähnlich wie eine Erbse der anderen, so hatte doch jede von ihnen, wie sich bei genauerer Beobachtung ergab, ihre eigene Idiosynkrasie. Fräulein Margarethe, die Aelteste, hatte das Commando; sie führte die gemeinschaftliche Haushaltung, die gemeinschaftliche Kasse und entschied jeden etwa entstehenden Zweifel, ob sie Frau Soundso zum Thee einladen sollten oder nicht, ob Mary entlassen werden solle oder nicht, ob sie den Monat October in Broadstairs oder in Sandgate zubringen sollten. Fräulein Margarethe war in Wahrheit der personificirte Wille der vereinigten Körperschaft. Fräulein Sibylle hatte einen sanfteren Charakter und ein melancholischeres Temperament; sie hatte eine poetische Ader und machte gelegentlich Gedichte, von denen einige, auf Velinpapier gedruckt, Verkaufsgegenstände auf Bazars zu wohlthätigen Zwecken gebildet hatten. Die Grafschaftszeitungen urtheilten, daß diese Gedichte »das volle Gepräge der Eleganz eines gebildeten weiblichen Geistes an sich trügen«. Die beiden anderen Schwestern stimmten darin überein, daß Sibylle das Genie in ihrem Haushalte, daß sie aber wie alle Genies nicht praktisch genug für das Leben sei. 18 Fräulein Sara Chillingly, welche die jüngste von den dreien und eben in ihr vierundvierzigstes Jahr getreten war, wurde von den anderen als »ein liebes Kind, das zwar ein bischen unartig, aber doch ein so herziges Ding sei, daß niemand das Herz haben könne, sie zu schelten«, betrachtet. Fräulein Margarethe sagte, sie sei ein albernes Ding, und Fräulein Sibylle schrieb ein Gedicht auf sie, das die Ueberschrift trug: »Warnung an ein junges Mädchen gegen die Freuden der Welt.« Sie nannten sie alle Sally; die andern beiden Schwestern hatten keine Diminutivnamen. Diese drei Schwestern, welche alle viel älter waren als Sir Peter, bewohnten in der Hauptstraße der Hauptstadt ihrer heimatlichen Grafschaft ein hübsches altmodisches, aus rothen Backsteinen erbautes Haus mit großem Garten. Sie hatten eine jede ein Heirathsgut von zehntausend Pfund Sterling, und der präsumtive Erbe würde, wenn er sie alle drei zugleich hätte bekommen können, sie geheirathet und sich die dreißigtausend Pfund Sterling auf ihren Todesfall durch den Ehecontract gesichert haben. Aber wir sind noch nicht dahin gelangt, das Mormonenthum als gesetzlich anzuerkennen. Indessen, wenn unser socialer 19 Fortschritt sich auf der jetzt betretenen Bahn fortbewegt, wer weiß, welche Triumphe über die Vorurtheile unserer Vorfahren unsere Nachkommen noch feiern werden. 20 Drittes Kapitel. Sir Peter stand vor dem Kamin, überblickte die im Halbkreise vor ihm sitzenden Glieder des Familienrathes und sagte: »Meine Freunde, im Parlament muß, wenn ich nicht irre, bevor irgend eine Discussion über einen Gesetzentwurf stattfindet, dieser Gesetzentwurf eingebracht werden.« Er hielt einen Augenblick inne, klingelte und sagte zu dem eintretenden Diener: »Sagen Sie der Kinderfrau, daß sie das Kind herbringt.« Herr Chillingly-Gordon: »Ich sehe nicht ein, wozu das nöthig ist, Sir Peter. Es bezweifelt wohl niemand von uns die Existenz des Kindes.« Herr Mivers: »Es kann dem Rufe von Sir Peter's 21 Werk nur zum Vortheil gereichen, wenn es sein Incognito bewahrt. Omne ignotum pro magnifico. « Der Ehrw. John Stalworth Chillingly: »Ich kann mich mit der cynischen Leichtfertigkeit solcher Bemerkungen nicht einverstanden erklären. Natürlich müssen wir alle begierig sein, den künftigen Vertreter unseres Namens und Geschlechts in seiner frühesten Kindheit kennen zu lernen. Wer möchte nicht wünschen, den Tigris oder den Nil an seiner Quelle zu betrachten, und wäre diese auch noch so klein.« Fräulein Sally (kichernd): »Hihihi!« Fräulein Margarethe. »Schäme Dich, Du albernes Ding!« Das Kind erscheint auf dem Arme der Wärterin. Alle stehen auf und schaaren sich um dasselbe mit einziger Ausnahme von Herrn Gordon, der nicht mehr nächster Erbe ist. Der Kleine erwidert die Blicke seiner Verwandten mit dem Ausdruck der geringschätzigsten Gleichgültigkeit. Fräulein Sibylle äußert zuerst eine Ansicht über die Eigenschaften des Kindes. In feierlichem Flüsterton sagt sie: »Welch ein himmlisch trauernder Ausdruck! Das Kind scheint sehr betrübt darüber, daß es sich von den Engeln hat trennen müssen.« Der Ehrw. John: »Sehr hübsch gesagt, 22 Cousine Sibylle; aber das Kind muß sich zusammennehmen und sich durch diese sterbliche Welt mit frohem Muth durchschlagen, wenn es einmal wieder zu den Engeln zurück will! Und ich denke, das will es. Ein hübsches Kind!« Er nahm es der Wärterin ab, hob und senkte es, als wolle er es wägen, und sagte heiter: »Ungeheuer schwer! Wenn es einmal zwanzig Jahre alt ist, wird es einem Preisfechter gewachsen sein.« Mit diesen Worten trat er auf Gordon zu, der, wie um zu zeigen, daß er jetzt keinen Theil mehr an den Interessen einer Familie nehme, die ihn durch die Geburt dieses Kindes so schlecht behandelt habe, die »Times« zur Hand genommen und sein Gesicht mit dem großen Blatte bedeckt hatte. Der Pfarrer schlug die Zeitung kurzweg mit der einen Hand beiseite, hielt statt dessen mit der anderen Hand vor die entrüsteten Augen des cidevant nächsten Erben das Kind und sagte: »Küssen Sie es!« »Küssen?« wiederholte Chillingly-Gordon, indem er seinen Stuhl zurückschob. »Küssen! Bah, mein werther Herr! Bleiben Sie mir vom Leibe! Ich habe mein eigenes Kind nie geküßt und werde auch ein fremdes nie küssen. Nehmen Sie das Kind weg. Es ist häßlich, es hat schwarze Augen.« 23 Sir Peter, der kurzsichtig war, setzte seine Brille auf und sah sich das Gesicht des Neugeborenen näher an. »Es ist wahr«, sagte er, »es hat schwarze Augen – sehr merkwürdig, ominös; der erste Chillingly, der je schwarze Augen gehabt hat.« »Seine Mama hat schwarze Augen«, bemerkte Fräulein Margarethe. »Es schlägt nach seiner Mama, es hat nicht die blonde Schönheit der Chillinglys, aber es ist nicht häßlich.« »Ein süßes Kind«, seufzte Sibylle »und so gut, es schreit gar nicht.« »Es hat noch nicht ein einziges Mal geschrieen oder gekräht, seit es geboren ist«, sagte die Wärterin. »Gott segne es!« Sie nahm dem Pfarrer das Kind wieder ab und machte die Rüsche seines Mützchens, die zerknittert war, wieder glatt. »Sie können wieder gehen, liebe Frau!« sagte Sir Peter. 24 Viertes Kapitel. »Ich stimme Tristram Shandy darin bei«, sagte Sir Peter, nachdem er sich wieder vor das Kamin gestellt hatte, »daß unter den schweren Pflichten der Eltern die Wahl des Namens, den ein Kind sein Lebelang tragen soll, eine der schwersten ist. Und das gilt namentlich für die Baronets. Bei einem Pair wird der Vorname nicht genannt; ein Bürgerlicher braucht, wenn sein Vorname häßlich oder lächerlich klingt, denselben nicht zur Schau zu tragen, er kann ihn auf seinen Visitenkarten ganz weglassen und sich auf denselben blos »Herr Jones« statt Herr »Ebenezer Jones« nennen. Bei seiner Unterschrift kann er sich, außer in den Fällen, wo das Gesetz den vollen Vornamen verlangt, nur des Anfangsbuchstabens bedienen, »Ihr ergebener Diener E. Jones« unterschreiben und 25 die Leute glauben lassen, daß E. Eduard oder Ernst bedeute, harmlose Namen die nicht wie Ebenezer die Vorstellung einer Dissenterkapelle erwecken. Wenn man einen Mann mit Namen Eduard oder Ernst auf einer Handlung jugendlichen Leichtsinns ertappt, so haftet darum noch kein unauslöschlicher Makel an seinem Ruf; wenn aber ein Ebenezer sich auf einer solchen Handlung ertappen läßt, wird er als ein Heuchler verschrieen und auf die Welt macht es denselben Eindruck, wie wenn einer von den Frommen plötzlich als gemeiner Sünder entlarvt wird. Aber ein Baronet kann seinem Vornamen nie entgehen. Der Vorname kann nicht verborgen bleiben, kann nicht zu einem Anfangsbuchstaben zusammenschrumpfen, immer stiert er einen voll an; ist er einmal auf den Namen Ebenezer getauft, so heißt er sein Lebelang Sir Ebenezer und ist allen Gefahren dieses Namens unterworfen, wenn er einmal einer der Versuchungen unterliegt, denen selbst Baronets ausgesetzt sind. Aber, meine Freunde, es gilt nicht nur die Wirkung, welche der Klang eines Namens auf Andere übt, in sorgfältige Erwägung zu ziehen, noch wichtiger ist vielleicht die Wirkung, welche der Name eines Menschen auf ihn selbst übt. Einige Namen sind geeignet, ihre Träger anzufeuern und zu ermuthigen, andere, sie zu entmuthigen und zu lähmen; ich selbst bin ein 26 trauriges Beispiel dieser Wahrheit. Seit vielen Generationen wird der Erstgeborene in unserer Familie, wie Sie wissen, auf den Namen Peter getauft. Auf dem Altar dieses Namens hat man mich geopfert. Es hat noch nie einen Sir Peter Chillingly gegeben, der sich in irgend einer Weise vor seinen Genossen ausgezeichnet hätte. Dieser Name hat schwer auf meiner geistigen Spannkraft gelastet. In dem Register berühmter Engländer gibt es, glaube ich, keinen unsterblichen Sir Peter, außer Sir Peter Teaze, und der existirt nur in der Komödie.« Fräulein Sibylle: »Und Sir Peter Lely?« Sir Peter Chillingly: »Dieser Maler war kein Engländer. Er war in Westphalen, das durch seine Schinken berühmt ist, geboren; ich beschränke meine Bemerkungen auf die Söhne unseres Heimatlandes. Ich weiß, daß dieser Name in anderen Ländern nicht die Eigenschaft besitzt, den Genius seines Trägers zu ersticken. Aber woher kommt das? Weil in anderen Ländern der Name etwas anders klingt. Pierre Corneille war ein großer Mann; aber ich frage Sie, ob er als Peter Krähe der Vater der europäischen Tragödie hätte werden können?« Fräulein Sibylle: »Unmöglich!« Fräulein Sally: »Hihihi!« 27 Fräulein Margarethe: »Da ist gar nichts zu lachen, Du albernes Ding.« Sir Peter: »Mein Sohn soll nicht durch den Namen Peter petrificirt werden.« Herr Chillingly-Gordon: »Wenn Narren sich durch den Klang ihres Namens beeinflussen lassen, und ich behaupte nicht, daß Ihr Sohn kein Narr werden wird, Vetter Peter, so nennen Sie ihn doch gleich, wenn Sie wünschen, daß der Bursche die Welt auf den Kopf stellen soll, Julius Cäsar oder Hannibal oder Attila.« Sir Peter (mit unerschütterter guter Laune): »Im Gegentheil, wenn man einem Menschen die Last eines dieser Namen aufbürdet, deren Ruhm zu verdunkeln oder auch nur zu erreichen er verständigerweise nicht hoffen kann, so erliegt er dieser Last. Wenn ein Dichter heutigen Tages John Milton oder Shakespeare hieße, so dürfte er es nicht wagen, auch nur ein Sonett zu veröffentlichen. Nein, die richtige Wahl eines Namens hat die beiden Klippen einer lächerlichen Unbedeutendheit und einer erdrückenden Berühmtheit zu umschiffen. Ich habe deshalb den Familienstammbaum dort an der Wand aufhängen lassen. Lassen Sie uns denselben sorgfältig prüfen und zusehen, ob wir nicht unter den Chillinglys selbst oder den mit ihnen verwandten Familien einen Namen entdecken können, welchen das 28 künftige Haupt unseres Hauses würdig und passend tragen kann, einen Namen, der weder zu leicht noch zu schwer wiegt.« Mit diesen Worten ging Sir Peter, den Uebrigen voran, an die Besichtigung des Familienstammbaums, einer starken Pergamentrolle, an deren oberem Ende sich das Familienwappen befand. Das Wappen war einfach, wie es alte Wappen zu sein pflegen: drei silberne Fische auf azurnem Felde; als Helmschmuck der Kopf einer Meerjungfer. Alle folgten Sir Peter zur Besichtigung des Stammbaums, nur Herr Gordon vertiefte sich wieder in seine »Times«. »Ich habe nie dahinter kommen können, was es eigentlich für Fische sein sollen«, bemerkte der Ehrw. John Stalworth. »Sicher sind es keine Hechte, welche in dem Wappen der Hotofts figurirten und noch grimmig genug auf dem Wappen der Warwickshire-Lucys stehen, um einem künftigen Shakespeare zu schaffen zu machen.« »Ich glaube, es sind Schleien«, sagte Herr Mivers; »die Schleie liebt, aus philosophischer Neigung für eine obscure Existenz, den Aufenthalt in tiefen Löchern und im Schlamm.« Sir Peter: »Nein, Mivers, es sind Weißfische, Fische, die, einmal in einen Teich gebracht, nie wieder 29 ausgerottet werden können. Man mag das Wasser ausbaggern, man mag es ablassen und glauben die Weißfische vertilgt zu haben, vergebens; sie kommen wieder zum Vorschein und sind in dieser Beziehung wirklich ein Sinnbild unserer Familie. Alle Kämpfe und Revolutionen, von denen England seit der Heptarchie heimgesucht ist, haben das Geschlecht der Chillinglys in seinem Besitz unberührt gelassen. Schon die normannische Eroberung ließ sie unangefochten; sie waren ebenso friedliche Vasallen unter Eudo Dapifer, wie sie es unter König Harold gewesen waren; sie nahmen weder an den Kreuzzügen noch an den Kriegen der Rosen, noch an den Bürgerkriegen zwischen Karl I. und dem Parlamente Theil. Wie die Weißfische am Wasser haften und das Wasser an den Weißfischen, so hafteten die Chillinglys an ihren Gütern und die Güter an den Chillinglys. Vielleicht habe ich Unrecht zu wünschen, daß dieser neue Chillingly einem Weißfische etwas weniger ähnlich werden möchte.« »O!« rief Fräulein Margarethe, die, auf einem Stuhle stehend, den Stammbaum durch die Lorgnette betrachtet hatte, »ich sehe unter allen Vornamen keinen schönen außer Oliver.« Sir Peter: »Dieser Chillingly wurde unter Oliver Cromwell's Protectorat geboren und als 30 Compliment für diesen Oliver genannt, wie sein unter der Regierung Jakob's I. geborener Vater auf den Namen Jakob getauft worden war. Die drei Fische schwammen immer mit dem Strom. Oliver! Oliver ist kein übler Name, klingt aber nach radicalen Doctrinen.« Herr Mivers: »Das finde ich nicht. Oliver Cromwell machte mit den Radicalen und ihren Doctrinen kurzen Prozeß. Vielleicht aber können wir einen weniger furchtbaren und revolutionären Namen finden.« »Ich habe es, ich habe es!« rief der Pfarrer. »Hier ist Sir Kenelm Digby, der Venetia Stanley geheirathet hat. Sir Kenelm Digby! Es hat kein schöneres Muster muskulösen Christenthums gegeben. Er focht ebenso gut, wie er schrieb; freilich, er war excentrisch, aber immer ein Gentleman! Nennen Sie den Knaben Kenelm!« »Ein süßer Name!« sagte Fräulein Sibylle. »Er hat so einen romantischen Duft.« »Sir Kenelm Chillingly klingt gut, imposant!« stimmte Fräulein Margarethe zu. »Und«, bemerkte Herr Mivers, »er hat den Vortheil, daß, während er einerseits hinreichend an ausgezeichnete Vorfahren erinnert, um einen guten Eindruck auf das Gemüth des Trägers hervorzubringen und ihn zur Nacheiferung anzufeuern, er doch 31 andererseits nicht der Name einer so gewaltig hervorragenden Persönlichkeit ist, daß jede Nacheiferung ausgeschlossen wäre. Sir Kenelm Digby war unstreitig ein für seine Zeit hochgebildeter und tapferer Herr; wenn man aber an seinen albernen Aberglauben, an sympathetische Pulver und dergleichen denkt, so darf man getrost sagen, daß heutzutage jeder Mensch ihm, ohne etwas Besonderes zu sein, an Einsicht überlegen sein könnte. Ja, lassen Sie uns uns für Kenelm entscheiden.« Sir Peter dachte nach. »Unstreitig«, sagte er nach einer Pause, »unstreitig verbindet sich mit dem Namen Kenelm die Vorstellung von großer Grillenhaftigkeit und ich fürchte, Sir Kenelm Digby war bei der Eingehung seiner Ehe nicht vorsichtig. Die schöne Venetia war nicht besser, als man es von ihr erwarten konnte, und ich würde wünschen, daß mein Sohn sich nicht durch Schönheit blenden ließe, sondern ein Weib von respectablem Charakter und guter Aufführung ehelichte.« Fräulein Margarethe: »Natürlich, eine britische Matrone.« Die drei Schwestern unisono : »Natürlich! Natürlich!« »Aber«, nahm Sir Peter wieder auf, »ich bin selbst grillenhaft, Grillen sind etwas sehr Harmloses, und was die Ehe betrifft, so soll ja das Kind morgen 32 noch nicht heirathen, und wir haben Zeit genug, das zu überlegen. Kenelm Digby war ein Mann, auf den jede Familie stolz sein könnte, und wie Du sagst, Schwester Margarethe, Kenelm Chillingly klingt nicht schlecht, Kenelm Chillingly soll er heißen.« Demgemäß wurde das Kind auf den Namen Kenelm getauft, nach welcher Ceremonie sein Gesicht noch länger wurde, als es vorher schon gewesen war. 33 Fünftes Kapitel. Ehe seine Verwandten ihn wieder verließen, berief Sir Peter Herrn Gordon in seine Bibliothek. »Vetter«, sagte er freundlich, »ich tadle Sie nicht wegen des Mangels an Familienanhänglichkeit, ja selbst an menschlichem Interesse, welches Sie dem Neugeborenen gegenüber zu erkennen geben.« »Mich tadeln, Vetter Peter? Ich glaube nicht, daß dazu Veranlassung ist. Ich gebe so viel Familienanhänglichkeit und menschliches Interesse zu erkennen, wie von mir erwartet werden kann, wenn man die Umstände in Betracht zieht.« »Ich finde es sehr natürlich«, sagte Sir Peter mit seiner gewohnten Milde, »daß das Erscheinen dieses Ankömmlings nach meiner vierzehnjährigen kinderlosen Ehe Ihnen eine unangenehme Ueberraschung bereitet haben muß. Da ich aber viel jünger bin als Sie und Sie 34 nach dem Lauf der Natur überleben werde, so ist doch der Verlust am Ende weniger groß für Sie als für Ihren Sohn, und darüber möchte ich ein paar Worte sagen. Sie kennen zu gut die Bedingungen, an die der Besitz meines Gutes für mich geknüpft ist, als daß Sie nicht wissen sollten, daß ich nicht die gesetzliche Befugniß habe, dasselbe mit einem Vermächtniß für Ihren Sohn zu belasten. Erst mein Sohn wird von den Beschränkungen, an die ich noch gebunden bin, frei. Aber ich beabsichtige von jetzt an jedes Jahr etwas von meiner Einnahme für Ihren Sohn zurückzulegen, und so gern ich einen Theil des Jahres in London zubringe, will ich doch mein Haus in der Stadt jetzt aufgeben. Wenn ich das Alter erreiche, das der Psalmist dem Menschen zutheilt, so werde ich auf diese Weise eine hübsche Summe für Ihren Sohn ansammeln, die er dann als eine Vergütung betrachten kann.« Herr Gordon ließ sich durch diese großmüthige Mittheilung nichts weniger als beschwichtigen. Gleichwohl antwortete er höflicher, als es sonst wohl seine Gewohnheit war: »Mein Sohn wird Ihnen sehr dankbar sein, wenn er je des ihm von Ihnen zugedachten Vermächtnisses bedürfen sollte.« Nach einer kleinen Pause fügte er dann lächelnd hinzu: »Ein großer Procentsatz von 35 Kindern stirbt vor Erreichung des einundzwanzigsten Lebensjahres.« »Allerdings; aber wie ich höre, ist Ihr Sohn ein ungewöhnlich prächtiges Kind.« »Mein Sohn! Vetter Peter, ich habe nicht an meinen, sondern an Ihren Sohn gedacht. Ihrer hat einen großen Kopf. Ich würde mich nicht wundern, wenn es ein Wasserkopf wäre. Ich möchte Sie nicht beunruhigen, aber er kann jeden Tag sterben und in diesem Fall würde sich Lady Chillingly wohl kaum entschließen, ihn zu ersetzen. Sie werden es daher entschuldigen, wenn ich auch ferner ein wachsames Auge auf meine Rechte habe, und so schmerzlich es mir auch ist, muß ich Ihnen doch immer noch das Recht bestreiten, auch nur einen Stecken aus dem Holz in dem Walde zu schneiden.« »Das ist Unsinn, Gordon. Ich bin Besitzer auf Lebenszeit ohne eine die Benutzung einschränkende Klausel und kann alles Nutzholz fällen lassen.« »Ich würde Ihnen rathen, das nicht zu thun, Vetter Peter; ich habe Ihnen schon früher erklärt, daß ich, wenn Sie mich dazu drängen, eine gerichtliche Entscheidung der Sache herbeiführen würde, natürlich in aller Freundschaft. Rechte sind Rechte, und wenn ich dazu gedrängt werde die meinigen zu behaupten, so 36 habe ich doch das Vertrauen zu Ihnen, daß Sie zu liberal gesinnt sein werden, um sich in Ihrer Familienanhänglichkeit an mich und die Meinigen durch ein Erkenntniß des Kanzleigerichts beeinflussen zu lassen. Aber mein Einspänner wartet auf mich. Ich darf den Zug nicht versäumen.« »So leben Sie wohl, Gordon. Geben Sie mir die Hand.« »Die Hand? Gewiß, gewiß. Da fällt mir ein, als ich vorhin am Pförtnerhause vorüber kam, schien mir dasselbe höchst reparaturbedürftig. Ich glaube, Sie haften für Verfall. Leben Sie wohl!« »Dieser Mensch ist doch nur eine verkleidete Bestie«, dachte Sir Peter, als sein Vetter ihn verlassen hatte, »und wenn es schon schwer ist, eine gewöhnliche Bestie dahin zu treiben, wohin sie nicht will, so ist eine solche verkleidete Bestie völlig unlenksam. Aber sein Junge soll nicht unter der Verstocktheit seines Vaters leiden, und ich werde sofort anfangen für ihn zurückzulegen. Am Ende ist die Sache doch wirklich hart für Gordon. Der arme Gordon! Der arme Kerl! Ich will nur hoffen, daß er keinen Prozeß mit mir anfängt. Ich hasse Prozesse. Und selbst der Wurm krümmt sich, besonders ein Wurm, den man vor das Kanzleigericht bringt.« 37 Sechstes Kapitel. Den finsteren Voraussagungen des ci-devant präsumtiven Erben zum Trotz durchlebte der jugendliche Chillingly die ersten Stadien seines Lebens in sicherer, ja würdiger Weise. Er ertrug die Masern und den Keuchhusten mit philosophischem Gleichmuth. Nach und nach lernte er auch sprechen, machte aber von dieser dem Menschen eigenthümlichen Fertigkeit keinen allzu verschwenderischen Gebrauch. In seinen ersten Kinderjahren sprach er so wenig, als ob er frühzeitig in der Schule des Pythagoras auferzogen wäre. Aber offenbar sprach er nur so wenig, um desto mehr zu denken, Er beobachtete scharf und sann tief über das nach, was er beobachtet hatte. Im achten Jahre fing er an, sich lebhafter zu unterhalten, und er war noch nicht älter, als er seine Mutter durch die Frage erschreckte: 38 »Mama, fühlst Du Dich nicht bisweilen durch das Bewußtsein Deiner eigenen Identität überwältigt?« Lady Chillingly – ich war im Begriff zu sagen: stürzte, aber Lady Chillingly stürzte niemals – schlich weniger gelassen, als es ihre Gewohnheit war, zu Sir Peter und sagte, nachdem sie ihm die Frage ihres Sohnes wiederholt hatte: »Der Junge wird lästig, zu klug für eine Frau; er muß in die Schule.« Sir Peter war derselben Ansicht. Aber wo in aller Welt hatte das Kind ein so langes Wort wie »Identität« aufgeschnappt, und wie kam eine so ungewöhnliche und so schwere metaphysische Frage in seinen Kopf? Sir Peter ließ Kenelm kommen und erfuhr, daß der Junge, der nach Belieben in der Bibliothek ein und aus gehen durfte, hier auf Locke's Buch über das menschliche Begriffsvermögen verfallen war und sich mit der Lehre dieses Philosophen von den »eingeborenen Ideen« bereits angelegentlichst beschäftigt hatte. Mit ernsthafter Miene hob Kenelm an: »Ein Bedürfniß ist eine Idee, und wenn ich unmittelbar nach der Geburt ein Bedürfniß nach Nahrung empfand und sofort, ohne daß man es mich lehrte, wußte, wohin ich mich zur Befriedigung dieses Bedürfnisses zu wenden habe, so bin ich doch ganz gewiß mit einer eingeborenen Idee in die Welt gekommen.« 39 Sir Peter wurde, obgleich er ein wenig in der Metaphysik dilettirte, stutzig und kratzte sich den Kopf, ohne eine rechte Antwort in Betreff des Unterschieds von Ideen und Instinkten finden zu können. »Mein Junge«, sagte er endlich, »Du verstehst von dem, worüber Du da sprichst, nichts; setze Dich auf Dein schwarzes Pony und galoppire tüchtig herum und merke Dir, daß Du künftig keine Bücher liest, die nicht ich oder Mama Dir gegeben haben. Lies Du Deinen ›Gestiefelten Kater‹.« 40 Siebentes Kapitel. Sir Peter beorderte seinen Wagen und fuhr zu seinem Vetter, dem Pfarrer. Das Pfarrhaus dieses wackern Geistlichen, des einzigen Vetters, mit welchem Sir Peter sich über seine häuslichen Angelegenheiten zu berathen pflegte, lag wenige Meilen von dem Herrenhause entfernt. Er fand den Pfarrer in seinem Arbeitszimmer, dessen Ausstattung auf andere als geistliche Neigungen hinwies. Ueber dem Kaminsims waren Rappiere, Boxhandschuhe und Fechtstäbe für athletische Uebungen angebracht; Cricketballschläger und Angelruthen füllten die Ecken aus. An den Wänden hingen verschiedene Stahlstiche, ein Portrait von Wordsworth, zu dessen beiden Seiten die Bildnisse berühmter Rennpferde prangten, ferner das Bildniß eines kurzhaarigen Stücks Leicestershire-Rindvieh, mit welchem der 41 Pfarrer, der seine eigene Scholle bebaute und auf seinen fetten Weiden Vieh züchtete, auf der Grafschaftsausstellung einen Preis gewonnen hatte, und zu beiden Seiten dieses Thieres hingen die Portraits von Hooker und Jeremias Taylor. In sehr kleinen Bücherschränken befanden sich sehr schön gebundene Werke vermischten Inhalts. Vor dem offenen Fenster stand ein Einsatz mit Topfgewächsen, die in voller Blüthe prangten. Der Pfarrer war berühmt für seine Blumenzucht. Das ganze Zimmer ließ auf einen sehr ordentlichen und in seinen Gewohnheiten accuraten Bewohner schließen. »Vetter«, sagte Sir Peter, »ich bin gekommen, Sie um Rath zu fragen.« Und darauf berichtete er über die wunderbare Frühreife Kenelm's. »Sie sehen, der Name fängt bereits an, etwas zu stark auf ihn einzuwirken. Er muß in die Schule, aber in welche? In eine öffentliche oder in eine Privatschule?« Der Ehrw. John Stalworth erwiderte: »Es läßt sich sehr viel für und gegen beide Arten von Schulen sagen. In einer öffentlichen Schule würde sich Kenelm wahrscheinlich bald nicht mehr von dem Bewußtsein seiner eigenen Identität überwältigt fühlen, vielmehr würde er wahrscheinlich seine Identität ganz verlieren. Das Schlimmste in einer öffentlichen Schule ist, daß an die Stelle des individuellen eine Art von 42 allgemeinem Charakter tritt. Natürlich kann sich der Lehrer nicht um die besondere Entwickelung der Eigenthümlichkeit jedes Jungen bekümmern. Alle Geister werden in eine große Form gegossen und kommen mehr oder weniger gleichförmig wieder heraus. Ein Schüler von Eton kann gescheidt oder dumm sein, wird aber immer vor allen Dingen ein Schüler von Eton sein. Eine öffentliche Schule reift Talente, aber ihre Tendenz geht dahin, den Genius zu ersticken. Ferner ist eine öffentliche Schule geeignet, bei einem einzigen Sohne, dem Erben eines schönen Gutes, über das er ganz frei wird verfügen können, leichtfertige und extravagante Gewohnheiten zu nähren, und Ihr Gut erfordert eine umsichtige Verwaltung und kann die Solawechsel und Schuldscheine eines Erben nicht vertragen. Im Ganzen bin ich gegen eine öffentliche Schule für Kenelm.« »Nun, so wollen wir uns für eine Privatschule entscheiden.« »Halt«, sagte der Pfarrer, »Privatschulen haben auch ihre Schattenseiten. Man züchtet schwer in kleinen Teichen große Fische. In den Privatschulen sind dem Ehrgeiz enge Schranken gezogen, wird die geistige Energie verkümmert. Die Frau des Schulmeisters mischt sich in die Erziehung und verzieht gewöhnlich die Knaben. Diese Schulen bieten nicht genug zur 43 Entwickelung der Männlichkeit; es gibt da keinen Dienst der Jungen für die Alten und sehr wenig Schlägereien. Ein gescheidter Junge wird da ein Wichtigmacher und ein Junge von schwächerer Begabung wird ein sittsames Mädchen in Hosen. Da ist nichts Muskulöses im System. Der Namensvetter und Nachkomme Kenelm Digby's darf entschieden keine Privatschule besuchen.« »Soviel ich aus Ihrem Raisonnement ersehe«, sagte Sir Peter mit charakteristischem Gleichmuth, »muß Kenelm Chillingly überhaupt keine Schule besuchen.« »Es sieht beinahe so aus«, entgegnete der Pfarrer aufrichtig, »aber wenn ich mir die Sache recht überlege, gibt es einen Mittelweg. Es gibt Schulen, welche die besten Eigenschaften von öffentlichen und Privatschulen in sich vereinigen, die groß genug sind, um die geistige und physische Energie anzufeuern und zu entwickeln, und doch nicht so geartet, daß alle Charaktere in einem Schmelztiegel geschmolzen werden. Da ist zum Beispiel eine Schule, welche in diesem Augenblick einen der ersten europäischen Gelehrten zum Director hat, eine Schule, aus welcher einige der bedeutendsten Männer der jüngern Generation hervorgegangen sind. Der Director sieht auf den ersten Blick, 44 ob ein Junge begabt ist, und bemüht sich demgemäß um ihn. Er ist kein bloßer Lehrer von Hexametern und Sapphischen Strophen. Seine Gelehrsamkeit umfaßt die Kenntniß der gesammten antiken und modernen Literatur. Er ist ein guter Schriftsteller und ein feiner Kritiker, ein Bewunderer von Wordsworth. Er drückt bei den Schlägereien der Jungen ein Auge zu; sie lernen ihre Fäuste gebrauchen und haben nicht die Gewohnheit, schon ehe sie fünfzehn Jahre alt sind, Schuldscheine auf den Todesfall ihrer Eltern auszustellen. Merton-School wäre die Sache für Kenelm.« »Ich danke Ihnen«, sagte Sir Peter. »Es gewährt immer eine große Beruhigung, jemand zu haben, der bei wichtigen Angelegenheiten die Entscheidung für uns übernimmt. Ich selbst kann mich schwer entschließen und lasse mich in gewöhnlichen Dingen willig von meiner Frau lenken.« »Die Frau möchte ich sehen, die mich lenken könnte«, sagte der stämmige Pfarrer. »Sie sind auch nicht der Mann meiner Frau. Und nun lassen Sie uns in den Garten gehen und Ihre Georginen bewundern.« 45 Achtes Kapitel. Der jugendliche Widerleger Locke's wurde nach Merton-School geschickt und erhielt, seinen Verdiensten gemäß, den Platz als Letzter in der zweiten Classe. Als er in den Weihnachtsferien nach Hause kam, war er schwermüthiger als je; sein Gesichtsausdruck ließ auf einen verzehrenden Kummer schließen. Er erklärte jedoch, daß er sehr gern in der Schule sei, und wich allen anderen Fragen aus. Aber früh am nächsten Morgen setzte er sich auf sein schwarzes Pony und ritt nach dem Pfarrhause hinüber. Der ehrwürdige Herr war eben auf dem Hofe, um sich seine jungen Ochsen anzusehen, als Kenelm mit folgender kurzen Anrede auf ihn zutrat: »Ehrwürdiger Herr, ich bin beschimpft worden und ich werde daran sterben, wenn Sie mir nicht 46 dazu helfen können, mich in meinen eigenen Augen zu rehabilitiren.« »Mein guter Junge, rede doch nicht so; komm mit mir in mein Arbeitszimmer.« Sobald sie das Zimmer betreten hatten und der Pfarrer die Thür sorgfältig geschlossen hatte, ergriff er den Jungen am Arm, zog ihn ans Fenster und sah alsbald, daß er etwas sehr Ernstes auf dem Herzen habe. Er faßte ihn sanft unter das Kinn und sagte in heiterem Ton: »Halte den Kopf hoch, Kenelm. Ich bin fest überzeugt, daß Du nichts eines Gentleman Unwürdiges gethan hast.« »Das weiß ich nicht. Ich habe mich mit einem Knaben geprügelt, der sehr wenig größer ist als ich, und er hat mich untergekriegt. Ich habe mich zwar nicht ergeben, aber die anderen Jungen nahmen mich fort, denn ich konnte nicht länger stehen, und der Bengel ist ein großer Prahler, er heißt Butt und ist der Sohn eines Advocaten. Und er hat meinen Kopf unter den Arm gekriegt, und ich habe ihn nach den Ferien wieder gefordert, und wenn Sie mir nicht helfen können, ihn unterzukriegen, so werde ich zu nichts in der Welt mehr gut sein, zu gar nichts; es wird mir das Herz brechen.« 47 »Es freut mich sehr, daß Du ihn gefordert hast. Laß mich einmal sehen, wie Du Deine Faust ballst. Gut, das ist nicht übel. Nun setze Dich in Boxpositur und schlage nach mir – fest – fester! Bah! so geht die Sache nicht. Deine Schläge müssen so scharf wie ein Pfeil fallen. Und das ist nicht die richtige Art zu stehen. Halt – so; fest in den Hüften – auf dem linken Bein ruhen – gut! So, jetzt zieh' diese Handschuhe an und ich will Dir eine Lection im Boxen geben.« Fünf Minuten später blieb die Frau Pfarrerin, die ins Zimmer kam, um ihren Mann zum Frühstück zu rufen, erstaunt an der Thür stehen, als sie sah, wie er in Hemdsärmeln dastand und die Schläge Kenelm's, der wie ein junger Tiger auf ihn losstürzte, parirte. Der gute Pfarrer mochte in jenem Augenblick wohl als ein schöner Typus des »muskulösen Christenthums«, aber nicht jener Art von Christenthum erscheinen, aus welcher man Erzbischöfe von Canterbury macht. »Mein Gott!« stammelte die Frau Pfarrerin und ergriff dann, indem sie nach Frauenart zum Schutze ihres Mannes herbeieilte, Kenelm an den Schultern und schüttelte ihn gehörig. Dem Pfarrer, der ganz außer Athem war, war die Unterbrechung nicht unlieb; er benutzte die Gelegenheit, seinen Rock wieder anzuziehen, 48 und sagte. »Jetzt komm zum Frühstück.« Aber beim Frühstück sah Kenelm noch sehr niedergeschlagen aus und er sprach wenig und aß noch weniger. Sobald die Mahlzeit vorüber war, zog er den Pfarrer in den Garten und sagte. »Es ist mir eingefallen, daß es vielleicht Butt gegenüber nicht recht von mir ist, diese Lectionen zu nehmen, und wenn es nicht recht ist, möchte ich es lieber nicht thun.« »Gib mir die Hand, mein Junge«, rief der Pfarrer entzückt. »Der Name Kenelm ist an Dir nicht weggeworfen. Der natürliche Wunsch des Mannes in seiner Eigenschaft als kämpfendes Thier, eine Eigenschaft, in der er es, glaube ich, allen anderen lebenden Wesen mit Ausnahme der Wachtel und des Kampfhahns zuvorthut, ist, seinen Gegner zu schlagen. Aber der natürliche Wunsch des höchst vervollkommneten Mannes, den wir Gentleman nennen, ist, seinen Gegner in ehrlicher Weise zu schlagen. Ein Gentleman würde sich lieber ehrlich schlagen lassen, als unehrlich schlagen. Ist das nicht Deine Meinung?« »Ja«, erwiderte Kenelm fest und fügte dann, philosophirend hinzu: »Und die Sache hat ihren guten Grund, weil ich, wenn ich einen Burschen auf unehrliche Weise schlage, ihn gar nicht schlage.« »Vortrefflich! Aber angenommen, Du und ein 49 anderer Junge würden in Cäsar's Commentarien oder im Einmaleins examinirt und der andere Junge wäre gescheidter als Du, aber Du hättest Dir die Mühe gemacht, Dich gehörig vorzubereiten, er aber nicht: würdest Du da sagen, Du schlagest ihn auf unehrliche Weise?« Kenelm dachte einen Augenblick nach und sagte dann in entschiedenem Ton: »Nein.« »Was aber für den Gebrauch Deines Gehirns gilt, gilt ebenso gut für den Gebrauch Deiner Fäuste. Verstehst Du mich?« »Ja, Herr Pfarrer, jetzt verstehe ich Sie.« »Zur Zeit Deines Namensvetters, Sir Kenelm Digby, trugen Männer Schwerter und lernten sich derselben bedienen, weil sie im Falle eines Streits mit denselben fechten mußten. Heutzutage ficht, wenigstens in England, niemand mehr mit Schwertern. Wir leben in einem demokratischen Zeitalter, und wenn man sich überhaupt noch schlägt, so ist man auf seine Fäuste angewiesen, und wenn Kenelm Digby fechten gelernt hat, so muß Kenelm Chillingly boxen lernen, und wenn ein Gentleman einen Kärrner, der zweimal so groß ist wie er, aber nicht boxen gelernt hat, gehörig durchwalkt, so ist das kein unehrlicher Kampf, sondern nur eine Exemplification der Wahrheit, daß Wissen Macht ist. 50 Komm morgen wieder her, dann will ich Dir eine zweite Lection im Boxen geben.« Kenelm setzte sich wieder auf sein Pony und kehrte nach Hause zurück. Er fand seinen Vater mit einem Buch in der Hand im Garten umherschlendern. »Papa«, sagte Kenelm, »wie schreibt ein Gentleman einem andern, mit dem er einen Streit hat, wenn er diesen Streit nicht beizulegen wünscht, aber in Betreff desselben etwas zu sagen hat was der andere Gentleman ehrlicher Weise erfahren muß?« »Ich verstehe Dich nicht.« »Nun, ich erinnere mich, daß ich Dich, grad ehe ich in die Schule kam, sagen hörte, daß Du einen Streit mit Lord Hautfort habest, daß er ein Esel sei und daß Du ihm das schreiben wollest. Hast Du ihm nun geschrieben: Sie sind ein Esel? Ist das die Art, wie ein Gentleman an den andern schreibt?« »Auf Ehre, Kenelm, Du thust sehr sonderbare Fragen. Aber Du kannst nicht früh genug lernen, daß Ironie für den Mann von seiner Bildung das ist, was gemeines Schimpfen für den Pöbel ist, und wenn ein Gentleman einen andern Gentleman für einen Esel hält, so sagt er das nicht grade heraus, sondern gibt es in den höflichsten Ausdrücken, die er nur finden kann, zu verstehen. Lord Hautfort 51 bestreitet mir das Recht, in einem Forellenbach, der über sein Gut läuft, zu fischen. Mir liegt nicht das! an dem Forellenbach; aber mein Recht in demselben zu fischen, ist ganz unbestreitbar. Er war ein Esel, daß er die Sache überhaupt zur Sprache brachte, denn wenn er das nicht gethan hätte, würde ich mein Recht nicht ausgeübt haben. Da er aber mein Recht einmal in Frage gestellt hatte, war ich genöthigt, ihm seine Forellen wegzufangen.« »Und hast Du ihm geschrieben?« »Ja.« »Was hast Du ihm geschrieben?« »Ungefähr Folgendes: Sir Peter Chillingly beehrt sich Seine Lordschaft ganz ergebenst davon in Kenntniß zu setzen, daß er sich in Betreff seines Fischereirechts bei der besten juristischen Autorität Raths erholt hat und daß er auf die gütige Nachsicht Seiner Lordschaft rechnet, wenn er sich die Freiheit nimmt anheimzugeben, ob nicht Lord Hautfort gut thun würde, auch seinerseits seinen Advocaten zu Rathe zu ziehen, bevor er sich entschließt, jenes Recht zu bestreiten.« »Ich danke, Papa, ich verstehe.« Noch an demselben Abend schrieb Kenelm folgenden Brief: »Herr Chillingly beehrt sich Herrn Butt ganz 52 ergrebenst davon in Kenntniß zu setzen, daß er Unterricht im Boxen nimmt und daß er auf die gütige Nachsicht des Herrn Butt rechnet, wenn er sich die Freiheit nimmt anheimzugeben, ob derselbe nicht gut thun würde, auch seinerseits Unterricht zu nehmen, bevor er sich nach den Ferien mit Herrn Chillingly schlägt.« »Papa«, sagte Kenelm am nächsten Morgen, »ich muß an einen Schulkameraden schreiben, der Butt heißt, er ist der Sohn eines Advocaten, der den Titel serjeant Unter den Barristers sind die vornehmsten die serjeants at law . Aus ihrer Mitte werden in der Regel die hohen Richterstellen besetzt. — Anm. d. Ueb. führt. Ich weiß aber nicht, wohin ich meinen Brief adressiren soll.« »Das läßt sich leicht herausbringen,« erwiderte Sir Peter. »Serjeant Butt ist ein bedeutender Mann und seine Adresse wird im Court Guide Court Guide heißt der nicht commerzielle Theil des Londoner Adreßbuchs. Er enthält die Wohnungen der adligen Familien, der Beamten, Advocaten, Militärs, Gelehrten, Lehrer u. s. w. — Anm. d. Ueb. stehen.« Die Adresse war Bloomsbury-Square, London, und Kenelm adressirte seinen Brief dahin. Mit umgehender Post erhielt er folgende Antwort: 53 »Du bist ein unverschämter kleiner Bengel und ich will Dich zu Pappmus hauen.« Robert Butt.« Nach Empfang dieses höflichen Schreibens verschwanden Kenelm Chillingly's Skrupel und er nahm täglich Unterricht im muskulösen Christenthum. Kenelm kehrte mit einer Stirn, von der die Furchen der Sorge gewichen waren, zur Schule zurück und schrieb drei Tage nach seiner Rückkehr an den Ehrw. John: »Geehrter Herr Pfarrer, ich habe Butt besiegt. Wissen ist Macht. Ihr treu ergebener Kenelm. N. S. Jetzt, wo ich Butt besiegt habe, habe ich mich wieder mit ihm vertragen.« Von nun an ging es Kenelm in der Schule sehr gut. Der berühmte Director seiner Schule schrieb Briefe voll seines Lobes an seinen Vater. Als er das sechzehnte Jahr erreicht hatte, war Kenelm Chillingly der Erste in der Schule, und als er dieselbe endlich verließ, brachte er folgenden als »vertraulich« bezeichneten Brief von seinem Orbilius mit nach Hause: »Verehrter Sir Peter Chillingly! Noch nie hat mir die künftige Carrière eines Schülers soviel Sorge 54 gemacht wie die Ihres Sohnes. Er ist so begabt, daß er ohne große Anstrengung ein ausgezeichneter Mensch werden kann. Dabei ist sein Wesen aber so eigenthümlich, daß es ebenso wahrscheinlich ist, er werde der Welt nur als ein kurioser Kauz bekannt werden. Der als Lehrer so ausgezeichnete Doctor Arnold pflegte zu sagen, daß die Verschiedenheit der Knaben untereinander nicht sowohl in dem Grade ihres Talents als ihrer Energie bestehe. Ihr Sohn hat sowohl Talent als Energie, aber doch fehlt ihm etwas, um im Leben Erfolg zu haben; es fehlt ihm die Fähigkeit der Assimilation. Er hat ein melancholisches und daher ungeselliges Temperament; er wird nicht in Gemeinschaft mit Anderen handeln. Es fehlt ihm nicht an Liebenswürdigkeit; die anderen Knaben, besonders die kleineren, haben ihn gern, da er für sie eine Art von Heros ist; aber er hat nicht einen einzigen intimen Freund. Soweit die Schulbildung in Betracht kommt, könnte er sofort auf die Universität gehen und würde sich dort, wenn er tüchtig arbeiten wollte, unfehlbar auszeichnen. Wenn ich mir aber einen Rath erlauben darf, so würde ich Ihnen empfehlen, ihn in den nächsten beiden Jahren etwas mehr von der Welt sehen zu lassen und ihm dadurch Gelegenheit zu geben, sich den rechten Sinn für die praktischen Zwecke des Lebens anzueignen. 55 Schicken Sie ihn zu einem Mann, der sich privatim mit der Ausbildung junger Leute befaßt, der aber kein Pedant, sondern ein Schriftsteller oder ein Weltmann ist und zwar womöglich in London. Mit einem Wort, mein junger Freund ist anders als andere Menschen und ich kann mich der Furcht nicht erwehren, daß er mit Eigenschaften, die ihn befähigen würden, das Höchste in der Welt zu erreichen, nichts erreichen wird, wenn Sie ihn nicht dahin bringen, zu sein, wie andere Menschen sind. Entschuldigen Sie die Offenheit, mit der ich Ihnen schreibe, und setzen Sie dieselbe lediglich auf Rechnung des lebhaften Interesses, welches ich an Ihrem Sohne nehme. Ich verbleibe mit ausgezeichneter Hochachtung Ihr ganz ergebener             William Horton.« Der Inhalt dieses Briefes veranlaßte Sir Peter nicht, einen zweiten Familienrath zu halten; denn es schien ihm nicht, daß seine drei jungfräulichen Schwestern in dieser Angelegenheit irgend einen praktischen Rath zu geben im Stande sein würden. Und was Herrn Gordon anlangte, so hatte dieser Herr, nachdem er wegen der großen Holzfrage einen Prozeß angefangen und denselben verloren hatte, Sir Peter geschrieben, daß er ihn als Vetter verleugne und als Mann verachte, nicht 56 grade mit diesen Ausdrücken, sondern verdeckter und deshalb nur um so bissiger. Aber Sir Peter lud Herrn Mivers auf eine Woche zur Jagd ein und bat den Ehrw. John, sich gleichzeitig bei ihm einzufinden. Herr Mivers traf ein. Die sechzehn Jahre, welche seit der Zeit, wo der Leser seine erste Bekanntschaft gemacht hat, verflossen waren, hatten keine merkliche Veränderung in seiner Erscheinung hervorgebracht. Es war eine seiner Maximen, daß ein Weltmann in seiner Jugend älter, in seinen mittlern Jahren aber und von da an bis zu seinem Tode jünger erscheinen müsse, als er wirklich sei. Und eins der Geheimnisse zur Erreichung dieser Kunst faßte er in folgende Worte zusammen: »Fangt früh an eine Perrücke zu tragen, dann werdet Ihr nie grau.« Unähnlich den meisten Philosophen handelte Mivers nach seinen Lehren und fing in der Blüthe seiner Jugend an eine Perrücke zu tragen, deren Gestalt der Zeit Trotz bot, die nicht gelockt und goldblond, sondern glatt und von indifferenter Farbe war. Von dem Tage an, wo er, grade fünfundzwanzig Jahre alt, diese Perrücke aufsetzte, sah er aus wie ein Fünfunddreißiger. Und so sah er auch jetzt, im Alter von einundfünfzig Jahren noch aus. 57 »Ich denke«, sagte er, »mein Lebelang fünfunddreißig Jahre alt zu bleiben; in diesem Alter bleibt man am besten stehen. Die Leute mögen sagen, ich sei älter, aber ich werde es nicht eingestehen. Niemand braucht sich selbst anzuklagen.« Herr Mivers pflegte noch einige andere Aphorismen in Betreff dieses wichtigen Gegenstandes im Munde zu führen. Einer derselben war: »Man muß nicht krank werden. Sagt den Leuten nie, daß Ihr krank seid, und gesteht es Euch selbst nie ein. Krankheit ist eins von den Dingen, bei welchen ein Mann des Spruches: Principiis obsta eingedenk sein muß. Man beobachte seine Constitution und halte, wenn man die derselben zuträglichsten Lebensgewohnheiten herausgefunden hat, an diesen mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks fest.« Herr Mivers würde auf seinen Morgenspaziergang im Park vor dem Frühstück nicht verzichtet haben, wenn er auch durch das Fahren nach St.-Giles die Stadt London vor einem Brandunglück hätte bewahren können. Ein anderer seiner Aphorismen war: »Wenn man jung bleiben will, muß man in einer großen Stadt leben und niemals länger als ein paar Wochen zur Zeit auf dem Lande zubringen. Man nehme zwei 58 Männer von ähnlicher Constitution im Alter von fünfundzwanzig Jahren, lasse den einen in London leben und eine regelmäßige Art von Clubleben führen, schicke den anderen nach einer fälschlich für gesund gehaltenen ländlichen Gegend, und nun sehe man sich diese beiden Leute an, wenn sie beide ein Alter von fünfundvierzig Jahren erreicht haben. Der Londoner hat noch dieselbe Figur, der Landmann hat einen Bauch; er Londoner hat einen Teint von interessanter Zartheit, die Haut des Landmannes ist grobkornig und sein Gesicht vielleicht mit einem Kropfe geziert.« Ein drittes Axiom lautete: »Man gründe keine Familie; nichts macht einen so alt wie eheliches Glück und Vaterfreuden. Niemals schaffe man sich unnöthige Sorgen und ziehe für seine Lebensinteressen einen möglichst engen Kreis. Warum soll man seinem Reisesack voll Beschwerden noch den Inhalt der Koffer und Hutkasten einer Dame und den für die Kinderstube erforderlichen Fourgon hinzufügen? Man scheue den Ehrgeiz, er macht einem Podagra. Er nimmt dem Leben eines Mannes sehr viel und gibt ihm nichts dafür, was zu besitzen der Mühe werth wäre.« Wieder ein anderes seiner Axiome lautete: »Ein frischer Geist erhält auch den Körper frisch. Man nehme die Ideen des Tages in sich auf und lasse die Ideen 59 von gestern fahren. Was das Morgen anbelangt, so ist es noch Zeit genug, es in Erwägung zu ziehen, wenn es das Heute geworden ist.« Durch die genaue Beobachtung dieser Regeln wohlconservirt, erschien Herr Mivers in Exmundham totus , teres , aber nicht rotundus , ein Mann von mittler Größe, schlank, von grader Haltung, mit feinen Zügen und dünnen Lippen, die ein vortreffliches Gebiß von wohlgebildeten weißen Zähnen, die er nicht dem Zahnarzt verdankte, umschlossen. Um dieser Zähne willen mied er saure Weine, besonders Rheinwein in allen seinen Varietäten, Süßigkeiten und heiße Getränke. Selbst seinen Thee trank er abgekühlt. »Es gibt zwei Dinge im Leben«, sagte er, »die ein Weiser sich um jeden Preis erhalten muß, seine Magenwände und den Email seiner Zähne. Für einige Uebel gibt es Trost, für Magenschwäche und Zahnweh keinen.« Er war Literat und Weltmann und hatte seinen Geist in diesen beiden Beziehungen so gepflegt, daß er in der ersteren Eigenschaft gefürchtet und in der letzteren beliebt war. Als Literat verachtete er die Welt, als Weltmann verachtete er die Literatur, als der Vertreter beider Richtungen verehrte er sich selbst. 60 Neuntes Kapitel. Am Abend des dritten Tages nach der Ankunft des Herrn Mivers saßen er, der Pfarrer und Sir Peter in dem Wohnzimmer des letzteren. Der Pfarrer saß in einem Lehnstuhl beim Kamin, aus einer kurzen Thonpfeife rauchend; Herr Mivers lag ausgestreckt auf dem Sopha und athmete langsam den Duft einer seiner eigenen ausgesuchten Trabucos ein. Sir Peter rauchte nie. Auf dem Tische standen Spirituosen, heißes Wasser und Citronen. Der Pfarrer war berühmt wegen seiner Geschicklichkeit in der Bereitung von Toddy; von Zeit zu Zeit schlürfte er aus seinem Glase und Sir Peter that, wenn auch weniger oft, das Gleiche. Es bedarf wohl kaum der Erwähnung, daß Herr Mivers den Toddy verschmähte; aber neben ihm auf einem Stuhle stand ein großes Trinkglas und eine Karaffe mit geeistem Wasser. Sir Peter hub an: 61 »Vetter Mivers, Sie haben jetzt Zeit gehabt, Kenelm genau zu beobachten und seinen Charakter mit der in dem Briefe des Doctors von ihm gegebenen Charakteristik zu vergleichen.« Mivers antwortete in lässigem Ton: »Jawohl.« »Ich frage Sie als einen Weltmann, was ich nach Ihrer Meinung am richtigsten mit dem Jungen thue. Soll ich ihn zu einem Lehrer schicken, wie der Doctor einen vorschlägt? Vetter John ist nicht derselben Meinung wie der Doctor und hält dafür, daß Kenelm's Sonderbarkeiten in ihrer Art schätzbare Eigenschaften seien, die ihm nicht vorzeitig durch Berührung mit weltlichen Lehrern und Londoner Pflaster ausgetrieben werden sollten.« »Jawohl«, erwiderte Mivers in noch lässigerem Ton als zuvor. Nach einer Pause fügte er hinzu: »Pfarrer John, lassen Sie uns hören, was Sie zu sagen haben.« Der Pfarrer legte seine Thonpfeife beiseite, leerte sein viertes Glas Toddy, warf dann seinen Kopf in der träumerischen Weise des großen Coleridge, wenn er sich einem Selbstgespräche überließ, zurück und hub in einem etwas näselnden Ton in etwa folgender Weise an: »Am Morgen des Lebens –« 62 Bei diesen Worten zuckte Mivers die Achseln, drehte sich auf dem Sopha um und schloß die Augen mit einem Seufzer, wie ein Mann, der sich in das Anhören einer Predigt ergibt. »Am Morgen des Lebens, wenn der Thau –« »Ich wußte, daß der Thau kommen würde«, sagte Mivers. »Trocknen Sie ihn, bitte, ab; es gibt nichts Ungesünderes. Wir sehen voraus, was Sie sagen wollen, und das ist einfach Folgendes: Wenn ein Mensch sechzehn Jahre alt ist, so ist er sehr frisch. Das ist sicher. Fahren Sie fort, weiter!« »Wenn Sie mich mit Ihrem gewöhnlichen Cynismus immerfort unterbrechen wollen, warum haben Sie mich denn zu reden aufgefordert?« sagte der Pfarrer. »Es war ein Versehen, das gebe ich zu. Aber wer in aller Welt konnte auch ahnen, daß Sie in einer so blumenreichen Sprache anfangen würden. Morgen des Lebens! Unsinn!« »Vetter Mivers«, sagte Sir Peter, »Sie sollen ja nicht John's Stil im ›Londoner‹ kritisiren und ich bitte Sie nicht zu vergessen, daß der Lebensmorgen meines Sohnes für seinen Vater etwas sehr Ernsthaftes ist und nicht von einem Vetter in der Knospe geknickt werden darf. Fahren Sie fort, John!« 63 Gutmüthig sagte der Pfarrer: »Ich will meine Ausdrucksweise dem Geschmack meines Kritikers anpassen. Wenn ein Mensch sechzehn Jahre alt und sehr lebensfrisch ist, so entsteht die Frage, ob er so frühzeitig anfangen soll, die der Jugend eigenen Ideen gegen die Ideen zu vertauschen, welche von Rechtswegen dem reifen Mannesalter angehören, ob er anfangen soll sich die Kenntniß der Welt anzueignen, welche Männer von mittleren Jahren erworben haben und lehren können. Ich glaube es nicht. Ich würde es lieber sehen, wenn er noch eine Zeit lang in der Gesellschaft der Dichter verbliebe, noch eine Weile begeisterten Hoffnungen und schönen Träumen nachhinge und sich ein heroisches Ideal formte, welches er als ein Muster vor Augen behalten könnte, wenn er als Mann in die Welt tritt. Es gibt zwei Arten des Denkens für die Bildung des Charakters: die reale und die ideale. Ich möchte den Charakter in der idealen Schule gebildet sehen, um ihn kühner, größer und liebenswürdiger für den Zeitpunkt zu machen, wo er seinen Platz in dem alltäglichen Leben einnehmen wird, das wir das reale nennen. Und deshalb bin ich nicht dafür, daß der Nachkomme Sir Kenelm Digby's in der Zeit zwischen Schule und Universität der Leitung eines in dem Gedränge der Hauptstadt lebenden 64 Weltmannes anvertraut werde, der wahrscheinlich ebenso cynisch sein würde wie Vetter Mivers.« Mivers erwiderte, sich aufraffend: »Bevor wir uns in diesen Sumpf der Controverse zwischen realistischen und idealistischen Akademikern versenken, glaube ich, sollten wir erst darüber im Reinen sein, was Sie später aus Kenelm machen wollen. Wenn ich mir ein Paar Schuhe bestelle, so mache ich mir vorher klar, was für Schuhe es sein sollen, feine Tanzschuhe oder dicksolige Schuhe zum Marschiren, und ich lasse mir nicht vorher von dem Schuster eine Vorlesung über die verschiedenen Zwecke der Locomotion, zu welchen das Leder sich verwenden läßt, halten. Wollen Sie, Sir Peter, Kenelm geschickt machen, sentimentale Gedichte zu fabriciren, so hören Sie auf Pfarrer John; wollen Sie, daß er sich den Kopf mit idyllischem Schnick schnack von unschuldiger Liebe füllt, damit er vielleicht schließlich eine Müllerstochter heirathet, so hören Sie auf Pfarrer John; wollen Sie, daß er als ein alberner Grünschnabel ins Leben tritt, welcher jeden Wechsel über ein mit fünfzig Procent zu verzinsendes Darlehn unterschreiben wird, für welche ein junger Taugenichts ihn Garantie zu leisten bittet, so hören Sie auf Pfarrer John. Kurz, wenn Sie wollen, daß ein begabter Bursche wie Kenelm ein Einfaltspinsel 65 oder ein verliebter Narr, ein leichtgläubiger Tölpel oder ein sentimentaler Weichling werde, so ist Pfarrer John der beste Rathgeber, an den Sie sich wenden können.« »Ich wünsche aber durchaus nicht, daß mein Sohn sich zu einem dieser abgeschmackten specimina entwickele.« »Dann hören Sie nicht auf Pfarrer John und die Discussion hat ein Ende.« »Nein, durchaus nicht. Ich habe noch nicht gehört, was Sie mir zu thun rathen, wenn ich John's Rath nicht befolgen will.« Mivers zauderte. Er schien in Verlegenheit. »Die Sache ist«, sagte der Pfarrer, »daß Mivers den ›Londoner‹ nach einem Princip redigirt, das für ihn selbst maßgebend ist: Alles tadeln, aber sich nie dadurch compromittiren, daß man sagt, wie es besser gemacht werden könne.« »Das ist wahr«, sagte Mivers offen. »Die destructive Tendenz des Geistes vereinigt sich selten mit der constructiven. Ich und der ›Londoner‹ sind von Natur und aus Politik destructiv. Wir können das Gebäude in Schutt verwandeln, aber wir maßen uns nicht an, aus Schutt ein Gebäude aufzuführen. Wir sind Kritiker und, wie Sie richtig bemerken, nicht solche, 66 die sich durch Verbesserungsvorschläge compromittiren möchten, welche wieder von Anderen kritisirt werden könnten. Nichtsdestoweniger will ich um Ihretwillen, Vetter Peter, und unter der Bedingung, daß Sie mir versprechen, wenn ich Ihnen meinen Rath gebe, niemals davon zu reden und, wenn Sie ihn befolgen, es mir niemals zum Vorwurf zu machen, daß derselbe, wie es Rath meistens thut, sehr schlecht ausfällt, von meiner Gewohnheit abgehen und eine Meinungsäußerung riskiren.« »Ich nehme die Bedingungen an.« »Gut denn. Mit jeder neuen Generation entsteht ein neuer Ideenkreis. Je früher ein Mensch die Ideen in sich aufnimmt, welche seine Generation beherrschen werden, einen desto größeren Vorsprung hat er bei dem Wettlauf mit seinen Zeitgenossen. Wenn Kenelm im Alter von sechzehn Jahren die geistige Signatur seiner Zeit versteht, welche die jungen Männer von achtzehn bis zwanzig Jahren erst eben zu begreifen anfangen, wie er, wenn er auf die Universität kommt, finden wird, wird er sich durch seine Fertigkeit im Denken und die Anwendung derselben auf das praktische Leben sehr hervorthun, und das wird ihm in seinem späteren Leben große Dienste leisten. Nun aber haben die Ideen, welche die Masse der heranwachsenden 67 Generation beherrschen, ihre Quelle niemals in dieser Generation selbst. Sie entspringen vielmehr der ihnen vorangehenden Generation, gewöhnlich in einer kleinen, von der großen Majorität, welche sich dieselben später aneignet, vernachlässigten oder verachteten Minorität. Daher muß ein Bursche von sechszehn Jahren, wenn er zu diesen Ideen gelangen will, in nahe Berührung mit einem Geiste gebracht werden, der dieselben zwanzig oder dreißig Jahre früher in sich aufgenommen hat. Ich bin deshalb dafür, daß Kenelm der Leitung eines Mannes anvertraut werde, von welchem er diese neuen Ideen lernen kann. Ich bin ferner dafür, daß diese seine Einführung in die neuen Ideen in der Hauptstadt vor sich gehe. Mit den Empfehlungen, die wir ihm verschaffen können, kann er dort nicht nur mit neuen Ideen, sondern auch mit bedeutenden Männern aller Berufsarten in Berührung kommen. Es ist eine große Sache, bei Zeiten mit gescheidten Leuten zu verkehren. Man eignet sich unmerklich etwas von ihrem Geiste an. Diese Einführung in gute Gesellschaft hat noch einen anderen, nicht geringen Vortheil. Ein junger Mensch lernt da gute Manieren, Selbstbeherrschung und Geistesgegenwart, und er ist, nachdem er unter der Leitung competenter Führer die gute Gesellschaft kennen gelernt und an derselben Geschmack gefunden 68 hat, wenn er dann später als sein eigener Herr ins Leben tritt, viel weniger der Gefahr ausgesetzt, in unangenehme Lagen zu gerathen und an gemeinen Ausschweifungen Gefallen zu finden. So, da habe ich mich ganz außer Athem geredet. Und Sie thäten gut, sich sofort für die Befolgung meines Raths zu entscheiden; denn da ich ein sehr widerspruchsvolles Temperament habe, so kann es leicht geschehen, daß ich morgen dem widerspreche, was ich heute selbst behauptet habe.« Auf Sir Peter hatten die so beredt entwickelten Argumente seines Vetters großen Eindruck gemacht. Der Pfarrer rauchte schweigend seine Thonpfeife, bis Sir Peter ihn zu einer Meinungsäußerung aufforderte, und sagte dann: »In diesem Programm für die Erziehung eines christlichen Gentleman scheint mir sein Beruf als Christ ganz unberücksichtigt gelassen zu sein.« »Die Tendenz der Zeit«, bemerkte Mivers ruhig, »ist dieser Nichtberücksichtigung günstig. Eine rein weltliche Erziehung ist die Reaction gegen eine rein theologische Abrichtung, wie sie sich aus der Abneigung einer christlichen Partei gegen die Lehren einer anderen Partei nothwendig ergeben mußte. Und da diese Antagonisten sich nicht darüber einigen werden, wie Religion gelehrt werden soll, so muß 69 überhaupt gar nicht gelehrt werden, oder die Religion muß dem Unterrichte fern bleiben.« »Das mag sich für ein großes System nationaler Erziehung empfehlen«, sagte Sir Peter, »aber es leidet keine Anwendung auf Kenelm als das Mitglied einer Familie, deren sämmtliche Mitglieder der Staatskirche angehören. Er kann in dem Glauben seiner Voreltern unterrichtet werden, ohne daß ein Dissenter sich dadurch verletzt fühlen könnte.« »Welcher Richtung der Staatskirche soll er denn aber angehören?« fragte Herr Mivers. »Der High Church, der Low Church, der Broad Church, dem Puseyismus, dem Ritualismus oder irgend einer andern Richtung der Staatskirche, die etwa in die Mode käme?« »Bah!« sagte der Pfarrer. »Diese Verhöhnung ist hier sehr übel angebracht. Sie wissen sehr gut, daß ein Verdienst unserer Kirche in dem Geiste der Toleranz besteht, der nicht jede Schattirung einer Ansicht zu einer Ketzerei oder einem Schisma aufbläht. Aber wenn Sir Peter seinen sechzehnjährigen Sohn einem Erzieher anvertraut, der die Religion des Christenthums von seinem Unterrichte ausschließt, so verdient er halb todt geprügelt zu werden; und«, fügte der Pfarrer hinzu, indem er Sir Peter finster mit den 70 Augen musterte und mechanisch seine Manschetten aufschlug, »dann möchte ich ihn selbst prügeln.« »Sachte, John«, sagte Sir Peter zurückweichend, »sachte, mein theurer Vetter. Mein Sohn und Erbe soll nicht als Heide erzogen werden und Mivers spaßt auch nur mit uns. Kommen Sie, Mivers; kennen Sie nicht unter Ihren Londoner Freunden einen Mann, der ein Gelehrter und ein Christ und doch ein Weltmann ist?« »Ein Christ, insofern er der Staatskirche angehört?« »Nun ja.« »Und der Kenelm als Zögling bei sich aufnehmen würde?« »Natürlich, ich thue Ihnen solche Fragen nicht aus bloßer Neugierde.« »Ich kenne jemand, der gerade der rechte Mann für Sie ist. Er sollte ursprünglich Geistlicher werden und ist ein sehr gelehrte Theolog. Er gab den Gedanken, Geistlicher zu werden, auf, als er in Folge des plötzlichen Todes eines älteren Bruders in den Besitz eines kleinen Guts gelangte. Darauf kam er nach London und mußte hier theures Lehrgeld für Welterfahrung bezahlen, das heißt, er war eine generöse Natur, ließ sich leicht betrügen, gerieth in 71 Verlegenheiten, bis endlich sein Gut zum Besten seiner Gläubiger Verwaltern übergeben wurde, die ihm einen Jahrgehalt von vierhundert Pfund Sterling aussetzen durften. Um jene Zeit war er bereits verheirathet und hatte zwei Kinder. Er sah sich in die Nothwendigkeit versetzt, zur Schriftstellerei zu greifen, um sein Einkommen zu verbessern, und wurde einer der fähigsten Mitarbeiter der periodischen Presse. Er vereinigt Gelehrsamkeit mit Eleganz, schreibt vortrefflich, wird von Politikern sehr geschätzt, ist ein vollkommener Gentleman, macht ein angenehmes Haus und sieht die beste Gesellschaft bei sich. Nachdem er sich einmal im Leben hat übers Ohr hauen lassen, soll es jemand schwer werden, ihn zum zweiten Mal zu übervortheilen. Er hat seine Erfahrungen nicht zu theuer erkauft. Es gibt keinen geriebeneren und vollendeteren Weltmann. Die etwa dreihundert Pfund Sterling, die Sie ihm für Kenelm zu bezahlen hätten, würden ihm sehr zu statten kommen. Er heißt Welby und wohnt im Chester-Square.« »Natürlich ein Mitarbeiter des ›Londoner‹«, sagte der Pfarrer sarkastisch. »Jawohl; er schreibt unsere archäologischen, theologischen und metaphysischen Artikel. Was meinen 72 Sie, Sir Peter, wenn ich ihn auf ein paar Tage einlüde, wo Sie ihn dann sehen und selbst beurtheilen könnten?« »Thun Sie das!« 73 Zehntes Kapitel. Herr Welby traf ein und gefiel Allen. Er war ein Mann von dem einnehmendsten Wesen, von leichten und verbindlichen Manieren. Er hatte nichts Pedantisches und doch konnte man bald genug sehen, daß sein Wissen ein weites Gebiet umfasse und auch an nicht wenigen Stellen in die Tiefe gehe. Er entzückte den Pfarrer durch seine Auslegungen des Chrysostomos, er imponirte Sir Peter durch seine Vertrautheit mit der Geschichte des alten Britannien; er gewann Kenelm durch sein bereitwilliges Eingehen auf jene bestreitbarste aller Wissenschaften, die man Metaphysik nennt, während seine Unterhaltung mit Lady Chillingly und den drei Schwestern, welche eingeladen waren, ihn zu treffen, leichterer Art, aber nicht weniger instructiv war. Gleich bewandert in Romanen wie in 74 guten Büchern, gab er den alten Jungfern eine Liste harmloser Werke beider Gattungen; für Lady Chillingly aber hatte er ein wahres Feuerwerk von Anekdoten aus dem fashionablen Leben, die neuesten Bonmots und die letzten Skandalgeschichten in Bereitschaft. In der That war Herr Welby einer jener glänzenden Geister, welche jeder Gesellschaft, in die sie gerathen, zur Zierde gereichen. Wenn er in seinem Innern ein verfehltes Leben beklagte, so verbarg sich doch diese innere Unzufriedenheit hinter einer gleichmüthigen Heiterkeit; er hatte einstmals große und berechtigte Hoffnungen auf eine glänzende Carrière und einen dauernden Ruf als Theolog und Prediger gehegt; das unerwartete Ereigniß, das ihn im Alter von dreiundzwanzig Jahren in den Besitz eines Gutes hatte gelangen lassen, hatte seinem Ehrgeiz eine andere Richtung gegeben. Seine Liebenswürdigkeit war so groß, daß er alsbald in die Mode kam und sich durch sein eigenes heiteres Temperament zu jener geringeren, aber angenehmeren Art von Ehrgeiz verlocken ließ, der sich an den Erfolgen in der Gesellschaft und dem Genuß des Augenblicks genügen läßt. Als seine Verhältnisse ihn nöthigten, seine Einnahme durch den Ertrag literarischer Arbeiten zu verbessern, gerieth er in das Geleise einer journalistischen Thätigkeit und verzichtete auf jeden Gedanken 75 an ein größeres selbstständiges Werk, welches anhaltende Arbeit erfordert, sehr viel Zeit gekostet und vielleicht sehr geringen Gewinn gebracht haben würde. Seine Beliebtheit in der Gesellschaft wurde dadurch nicht vermindert und vielleicht ließ ihn gerade sein allgemeiner Ruf großer Fähigkeiten fürchten, diesen Ruf durch eine größere literarische Arbeit aufs Spiel zu setzen. Er war nicht wie Mivers ein Verächter aller Menschen und aller Dinge, aber er betrachtete Menschen und Dinge, wie ein gleichgültiger, wenn auch wohlwollender Zuschauer sich das Gedränge auf der Straße von den Fenstern eines Salons aus betrachtet. Man konnte ihn nicht blasirt nennen, aber er war durchaus desillusionirt. Sein einst ultraromantischer Sinn war jetzt so ganz in die gleichgültigen Farben des realen Lebens getaucht, daß alles Romantische, wie das Eindrängen schreiender Farben in ein bescheidenes Gewebe, seinen Geschmack verletzte. Er war sowohl in seinen kritischen Grundsätzen wie in seiner Art zu denken und zu handeln ein vollständiger Realist geworden. Aber Pfarrer John bemerkte das nicht; denn Welby hörte den Lobreden dieses Herrn auf die idealistische Schule zu, ohne sich die Mühe zu geben, ihm zu widersprechen. Er war zu indolent geworden, um in der Unterhaltung noch die Debatte zu suchen, und nur 76 noch in seinen Kritiken entwickelte er die Art von Kampflust, in der sich die feine Grausamkeit des Sarkasmus Luft macht. Aus einem von dem Pfarrer und Sir Peter mit ihm angestellten Examen in Betreff seiner kirchlichen Rechtgläubigkeit ging er glänzend hervor. In der dichten Wolke von theologischer Gelehrsamkeit, mit der er sich umhüllte, verschwanden seine eigenen Ansichten hinter denen der Kirchenväter. In Wahrheit war er in der Religion wie in allem Uebrigen Realist. Er betrachtete das Christenthum als einen Typus bestehender Civilisation, dem man gleiche Verehrung zollen müsse wie den übrigen Typen dieser Civilisation, zum Beispiel der Preßfreiheit, dem Repräsentativsystem, der weißen Halsbinde, dem Frack und so weiter. Er gehörte daher der von ihm selbst so genannten eklektisch-christlichen Schule an und accommodirte die Raisonnements des Deismus den Lehren der Kirche, wenn nicht als einem Glauben, doch wenigstens als einer Institution. Schließlich vereinigte er alle Stimmen der Chillingly'schen Familie auf sich und nahm bei seiner Abreise Kenelm behufs seiner Einführung in die neuen Ideen, die seine Generation beherrschen würden, mit sich. 77 Elftes Kapitel. Kenelm blieb anderthalb Jahre bei diesem ausgezeichneten Lehrer. Während dieser Zeit machte er große Fortschritte in gelehrtem Wissen und lernte auch viele bedeutende Leute auf dem Gebiete der Literatur, des Rechts und des öffentlichen Lebens kennen. Er verkehrte auch viel in der fashionablen Welt. Elegante und vornehme Damen, welche mit seiner Mutter in ihrer Jugend befreundet gewesen waren, nahmen sich seiner an, beriethen und verzogen ihn; besonders eine, die Marquise von Glenalvon, welche noch ein besonderes dankbares Interesse für ihn hatte; denn ihr jüngerer Sohn war Kenelm's Schulkamerad in Merton-School gewesen und Kenelm hatte ihn vor dem Ertrinken gerettet. Der arme Junge starb später an der Schwindsucht und ihr Kummer um seinen Verlust 78 machte ihre Zuneigung zu Kenelm nur noch zärtlicher. Lady Glenalvon war eine der Königinnen der Londoner Welt. Obgleich im fünfzigsten Jahre, war sie noch sehr schön; sie war auch sehr talentvoll, sehr gescheidt, sehr gutmüthig, wie es einige dieser Königinnen sind; kurz eine von jenen Frauen, deren Einfluß auf die Ausbildung des Benehmens und des Charakters junger Männer, welche im spätern Leben eine Rolle zu spielen bestimmt sind, unschätzbar ist. Aber es verdroß sie sehr, als sie zu sehen glaubte, daß es ihr nicht gelinge, einen derartigen Ehrgeiz in dem Erben der Chillinglys zu erwecken. Wir wollen hier bemerken, daß Kenelm's äußere Erscheinung sehr gewinnend war. Er war hoch gewachsen und die jugendliche Grazie seiner Glieder verbarg seine außerordentliche physische Kraft, welche mehr auf der eisernen Textur als auf der Mächtigkeit seines Fleisches und seiner Sehnen beruhte. Sein Gesicht entbehrte zwar der jugendlichen Rundung, war aber doch von einer ernsten, finsteren, unheimlichen Art von Schönheit; nicht von künstlerischer Regelmäßigkeit, aber malerisch und eigenthümlich durch seine großen dunklen ausdrucksvollen Augen und eine gewisse unbeschreibliche Vereinigung von Milde und Melancholie in seinem ruhigen Lächeln. Er lachte nie hörbar, aber er hatte 79 einen feinen Sinn für das Komische und sein Auge lachte, wenn seine Lippen schwiegen. Er sagte gelegentlich komische, drollige, unerwartete Dinge, die für humoristisch galten; aber bis auf jenes Aufleuchten der Auges hätte er sie nicht mit weniger Anschein eines absichtlichen Scherzes sagen können, wenn er ein Mönch von La Trappe gewesen wäre und von dem Grabe, das er grub, aufgeblickt hätte, um Memento mori zu sagen. Sein Gesicht wirkte sehr verführerisch. Die Frauen glaubten darin eine Fülle romantischer Gefühle zu erkennen; sie hielten ihn für einen leicht entzündbaren Menschen, dessen Liebe ebenso poetisch wie leidenschaftlich sein müsse. Aber er blieb für alle weiblichen Reize so unzugänglich wie der jugendliche Hippolytus. Er erfreute den Pfarrer durch seine Beibehaltung athletischer Uebungen und erlangte auf dem Faustfechtboden, den er regelmäßig besuchte, einen Ruf als der beste unter den Boxern der eleganten Welt. Er machte viele Bekanntschaften, schloß aber auch jetzt keine Freundschaften; alle jedoch, die viel mit ihm verkehrten, gewannen ihn lieb. Wenn er diese Zuneigung nicht erwiderte, so wies er sie doch auch nicht von sich. Er hatte etwas ungemein Sanftes in der Stimme und im Wesen und besaß den ganzen 80 Gleichmuth des Temperaments seines Vaters; Kinder und Hunde schmiegten sich instinctiv an ihn an. Als Kenelm Herrn Welby verließ, brachte er einen mit den neuen, eben aufgesproßten Ideen reich ausgestatteten Geist nach Cambridge mit. Er setzte die anderen neuen Ankömmlinge in Erstaunen und machte gelegentlich auch die gewaltigen Collegiaten von Trinity und St.-John betroffen. Aber allmälig zog er sich von der Gesellschaft der übrigen Studenten zurück. In der That war er zu alt für seine Jahre, und nachdem er sich in den ausgewähltesten Kreisen der Hauptstadt bewegt, hatten Studentensoupers und Kneipereien nur wenig Reiz für ihn. Er behauptete seinen Ruf als Faustkämpfer bei gewissen Gelegenheiten. Wenn ein schwacher Student sich von einem gigantischen Ruderer hatte einschüchtern lassen, entwickelte er sein muskulöses Christenthum in der nobelsten Weise. Auf dem Gebiete intellectueller akademischer Auszeichnungen that er nicht so viel, wie er wohl hätte thun können. Aber doch bestand er immer mit am besten bei den Collegeprüfungen; er gewann zwei Preise und verließ die Universität mit einem sehr guten »Charakter«. Darauf kehrte er nach Hause zurück, sonderbarer, mürrischer, kurz, weniger wie andere Menschen, als da er Merton-School verließ. Er hatte sich von 81 innen heraus in eine Einsamkeit eingesponnen und inmitten dieser Einsamkeit saß er still und beobachtend wie eine Spinne in ihrem Gewebe. War es natürliche Anlage oder Folge seiner Erziehung durch Lehrer wie Herrn Mivers, der die neuen Ideen dadurch zur Geltung brachte, daß er nichts Vergangenes ehrte, und Herrn Welby, der die Routine des täglichen Lebens der Gegenwart als den wahren Realismus betrachtete und alle Vorstellungen von der Zukunft als idealistisch belächelte, gewiß ist, daß Kenelm's geistige Verfassung sich wesentlich als eine Art von ruhigem Indifferentismus kennzeichnete. Es war schwer, an ihm eins der gewöhnlichen Reizmittel zum Handeln, als da sind Eitelkeit oder Ehrgeiz, Durst nach Beifall oder Verlangen nach Macht, zu entdecken. Für alle weiblichen Reize war er bis jetzt völlig unempfänglich gewesen; er hatte noch nie die Gewalt der Liebe an sich erfahren, aber er hatte viel über die Liebe gelesen, und diese Leidenschaft erschien ihm als eine unerklärliche Verirrung der menschlichen Vernunft und als eine schmachvolle Hingabe des geistigen Gleichmuths, welchen sich ungetrübt zu bewahren die Aufgabe männlicher Naturen sein sollte. Ein von dem berühmten Oxforder Gelehrten Decimus Roach unter dem Titel »Die Annäherung an die Engel« geschriebenes 82 Buch, welches das Lob des Cölibats mit beredten Worten pries, hatte einen so nachhaltigen Eindruck auf sein jugendliches Gemüth hervorgebracht, daß er, wenn er Katholik gewesen wäre, vielleicht Mönch geworden sein würde. Sein leidenschaftlicher Eifer galt der logischen Ergründung der abstracten Wahrheit, das heißt dem, was er für Wahrheit hielt; und da das, was dem Einen als Wahrheit erscheint, einem Anderen unfehlbar für falsch gilt, war diese seine Vorliebe nicht ohne Unbequemlichkeiten und Gefahren, wie man wahrscheinlich aus dem nächsten Kapitel ersehen wird. Inzwischen flehe ich Dich, aufrichtiger Leser, an – nicht als ob irgend ein Leser jemals aufrichtig wäre – Du wollest, um Kenelm's Benehmen in dem folgenden Kapitel richtig zu beurtheilen, Dich erinnern, daß er von neuen Ideen überströmte, welche, wenn sie auf einen tiefen und feindseligen Strom alter Ideen stoßen, nur in eine um so heftiger wallende Bewegung und in ein um so gewaltiger anstürmendes Wogen versetzt werden. 83 Zwölftes Kapitel. In Exmundham hatte es große Festlichkeiten zur Feier der Ehre gegeben, welche der Welt durch die Thatsache, daß Kenelm Chillingly einundzwanzig Jahre in derselben gelebt hatte, widerfahren war. Der junge Erbe hatte an die versammelten Pachter und andere zugelassene Festgenossen eine Rede gehalten, welche keineswegs dazu beigetragen hatte, den Vorgang heiterer zu gestalten. Er sprach mit einer Leichtigkeit und Sicherheit, welche für einen jungen Mann, der zum ersten Mal vor einer großen Versammlung spricht, erstaunlich war. Aber seine Rede war nicht heiter. Der bedeutendste Pachter auf dem Gute hatte in seinem Toast auf Kenelm natürlich auf die lange Reihe seiner Vorfahren Bezug genommen. Er hatte der Verdienste seines Vaters als Mensch und als 84 Gutsbesitzer enthusiastisch gedacht und hatte die glücklichsten Vorzeichen für seine Zukunft theils in seiner Zugehörigkeit zu einer so ausgezeichneten Familie, theils in den vielversprechenden Auszeichnungen, die er auf der Universität erlangt habe, erblickt. In seiner Erwiderung machte Kenelm den ausgiebigsten Gebrauch von jenen neuen Ideen, welche die aufstrebende Generation beherrschen sollten und mit welchen er sich durch das Journal des Herrn Mivers und den Umgang mit Herrn Welby vertraut gemacht hatte. Mit der auf die Vorfahren bezüglichen Seite der Frage machte er kurzen Proceß. Er sagte, es sei merkwürdig, zu beobachten, wie lange eine bestimmte Familie oder Dynastie in irgend einem Winkel der Schöpfung wie eine Reihenfolge von Ernten prosperiren könne, ohne irgend welche höhere geistige Fähigkeiten zu entfalten. »Es ist unbestreitbar wahr«, sagte er, »daß die Chillinglys vom Vater auf den Sohn ungefähr während des vierten Theils der Dauer der Weltgeschichte seit dem Tage der Sündfluth, wie ihn Sir Isaak Newton bestimmt, auf diesem Gute gelebt haben. Aber soweit es sich nach vorhandenen Ueberlieferungen beurtheilen läßt, ist die Welt durch ihre Existenz in keiner Weise klüger oder besser geworden. Sie waren 85 geboren, um so lange wie möglich zu essen, und als sie nicht mehr essen konnten, starben sie. Nicht daß sie in dieser Beziehung um ein Haar weniger unbedeutend gewesen wären als die überwiegende Mehrzahl ihrer Mitmenschen. Die meisten von uns, die wir hier versammelt sind«, fuhr der jugendliche Redner fort, »sind nur geboren, um zu sterben, und der Haupttrost unseres durch die Einräumung dieser Thatsache verletzten Stolzes liegt in der Wahrscheinlichkeit, daß unsere Nachkommen für den Plan der Schöpfung von nicht größerer Bedeutung sein werden, als wir selbst es sind.« Von dieser philosophischen Betrachtung über seine Vorfahren im Besonderen und des Menschengeschlechts im Allgemeinen ging Kenelm dann zu einer völlig leidenschaftslosen Analyse der seinem Vater als Mensch und Gutsbesitzer gespendeten Lobpreisungen über. »Als Mensch«, sagte er, »verdient mein Vater unzweifelhaft alles Lob, das ein Mensch dem andern spenden kann. Aber was ist der Mensch im besten Falle? Ein roher, ringender, unentwickelter Embryo, dessen höchste Begabung darin besieht, daß er ein unbestimmtes Bewußtsein davon hat, daß er nur ein Embryo ist und sich nicht vervollständigen kann, bis er aufhört ein Mensch zu sein, das heißt, bis er ein 86 anderes Wesen in einer anderen Existenzform wird. Wir können einen Hund als einen Hund preisen, weil ein Hund ein vollständiges Wesen und nicht ein Embryo ist. Aber einen Menschen als Menschen preisen und vergessen, daß er nur ein Keim ist, aus welchem schließlich eine ganz andere Gestalt hervorgehen soll, widerspricht ebenso sehr dem der heiligen Schrift gemäßen Glauben an seine gegenwärtige Rohheit und Unvollkommenheit, wie einer psychologischen oder metaphysischen Untersuchung einer geistigen Anlage, die offenbar auf Zwecke berechnet ist, die der Mensch als Mensch nie erfüllen kann. Daß mein Vater ein nicht unvollständigerer Embryo ist als irgend einer der Anwesenden, ist vollkommen wahr; aber das heißt, wie Sie bei näherem Nachdenken erkennen werden, sehr wenig über ihn sagen. Selbst was die vielgepriesene physische Körperbildung von uns Menschen betrifft, so wissen Sie, daß der Bestgestaltete unter uns den neuesten wissenschaftlichen Entdeckungen zufolge nur eine Weiterentwickelung eines abscheulichen behaarten Thieres, wie etwa des Gorillas ist. Und der Urgorilla selbst hatte wieder seinen Urvorvater in einem kleinen, wie eine doppelhalsige Flasche gestalteten Seethier. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden auch wir eines Tages durch eine neu entwickelte Gattung ausgerottet werden. 87 Was die meinem Vater als Gutsbesitzer zugeschriebenen Verdienste anlangt, so kann ich mich bei allem Respekt mit dem ihm so voreilig gespendeten Lobe nicht einverstanden erklären. Denn alle gesunden Denker müssen darin übereinstimmen, daß die erste Pflicht eines Landeigenthümers nicht denen gilt, denen er sein Land verpachtet, sondern der ganzen Nation. Es ist seine Pflicht, darauf zu sehen, daß das Land dem Gemeinwesen den höchstmöglichen Ertrag liefert. Um diesen Zweck zu erreichen, müßte ein Landeigenthümer eine Concurrenz unter den Bewerbern um seine Pachthöfe eröffnen und die höchstmögliche Pachtsumme nehmen, die er nur irgend von verantwortlichen Bewerbern erlangen kann. Bewerberprüfungen heißt die erleuchtete Losung unserer erleuchteten Zeit, selbst bei solchen Berufsarten, bei welchen die Begabung der besten Männer jede Prüfung ausschließen zu müssen scheinen würde. Glücklicherweise ist das Princip der Bewerberprüfung bei der Landwirthschaft der Wahl des tüchtigsten Mannes nicht so entgegen, wie es zum Beispiel bei der Diplomatie sein muß, wo ein Talleyrand wegen seiner Unkenntniß jeder anderen als seiner eigenen Sprache durchfallen würde, und noch mehr bei dem Militär, wo man einem Offizier, der wie Marlborough nicht richtig buchstabiren könnte, die 88 Beförderung versagen würde. Aber bei der Landwirthschaft hat ein Landeigenthümer nur danach zu gehen, wer, im Besitz des größten Kapitals, die höchste Rente zahlen kann und sich der durch die strengsten gesetzlichen Strafen zu erzwingenden Beobachtung eines, von den wissenschaftlich gebildetsten Landwirthen unter Festsetzung von Geldstrafen durch die vorsichtigsten Notare dictirten Pachtcontracts fügen will. Durch Beobachtung eines solchen Verfahrens, wie es die liberalsten Nationalökonomen empfehlen, der noch liberaleren gar nicht zu gedenken, welche leugnen, daß Landeigenthum überhaupt Eigenthum sei, durch die Beobachtung eines solchen Verfahrens, sage ich, thut ein Landwirth seine Pflicht gegen sein Vaterland. Er sichert sich Pachter, welche durch ihr in Folge einer mit den Conten ihrer Banquiers angestellten Bewerberprüfung erwiesenes und von der Sicherheit, die sie zu leisten im Stande sind, gewährleistetes Kapital und durch die Strenge eines von einem Liebig vorgeschlagenen und von einem Chitty in eine gesetzliche Form gebrachten Contracts in den Stand gesetzt werden, den höchsten Ertrag für das Gemeinwesen zu erzielen. Aber auf dem Gute meines Vaters finde ich eine große Menge von Pachtern mit wenig Geschick und noch weniger Kapital, die nichts von einem Liebig wissen und sich 89 gegen einen Chitty sträuben, und kein kindlicher Enthusiasmus kann mich bewegen, wenn ich aufrichtig sein will, zu sagen, daß mein Vater ein guter Landwirth sei. Er hat seine persönliche Zuneigung zu Individuen seinen Pflichten gegen das Gemeinwesen vorgezogen. Die Frage ist nicht, meine Freunde, ob eine Handvoll Pachter wie Ihr ins Armenhaus wandern muß oder nicht. Es handelt sich hier um das Interesse der Consumenten. Producirt Ihr den höchstmöglichen Ertrag an Korn für den Consumenten? Was mich selbst anlangt«, fuhr der Redner mit einer Wärme fort, die in dem Maße stieg, wie die durch seine Worte hervorgebrachte Kälte in der Versammlung sich fühlbarer zu machen begann, »was mich selbst anlangt, so leugne ich nicht, daß ich, dank meinem zufälligen Genuß einer sehr fehlerhaften und engherzigen Art von Unterricht, sogenannte Auszeichnungen auf der Universität Cambridge erlangt habe; aber Sie dürfen diese Thatsache nicht als eine Gewähr dafür betrachten, daß ich auf meiner bevorstehenden Lebenslaufbahn irgend etwas Ersprießliches leisten werde. Die unnützesten Menschen, besonders beschränkte und bigotte, haben schon bisweilen viel höhere Auszeichnungen auf der Universität erlangt, als sie mir zugefallen sind. 90 Ich bin Ihnen nichtsdestoweniger dankbar für die freundlichen Dinge, die Sie über mich und meine Familie gesagt haben; aber ich werde versuchen, dem Grabe, dem wir alle verfallen sind, mit einer ruhigen Gleichgültigkeit gegen Alles, was die Leute von mir während einer so kurzen Reise sagen mögen, entgegenzuwandeln. Und, meine Freunde, je früher wir das Ziel unserer Reise erreichen, desto größer ist unsere Chance, einer großen Menge von Schmerzen, Widerwärtigkeiten, Sünden und Krankheiten zu entgehen. Und so müssen Sie, wenn ich auf Ihre Gesundheit trinke, sich bewußt sein, daß ich Ihnen in Wahrheit eine baldige Befreiung von den Uebeln wünsche, welchen das Fleisch unterworfen ist und welche so regelmäßig mit unseren Jahren zunehmen, daß eine gute Gesundheit kaum vereinbar ist mit der dem Alter eigenen Abnahme der Kräfte. Meine Herren, auf Ihre Gesundheit!« 91 Dreizehntes Kapitel. Am Morgen nach diesen Geburtstagsfestlichkeiten hielten Sir Peter und Lady Chillingly eine lange Berathung über die Eigenthümlichkeiten ihres Erben und die beste Art, ihn zu überzeugen, wie wünschenswerth es sei, daß er entweder sich lebensfrohere Anschauungen aneigne oder wenigstens sich zu populäreren Ansichten bekenne – natürlich, obgleich sie das nicht aussprachen, solchen Ansichten, wie sie mit den neuen Ideen, die sein Jahrhundert beherrschen sollten, vereinbar sein würden. Nachdem sie sich über diesen delicaten Gegenstand verständigt hatten, gingen sie Arm in Arm ihren Erben aufzusuchen. Kenelm frühstückte selten mit ihnen. Er pflegte früh aufzustehen und einsam umherzuschweifen, bevor seine Eltern das Bett verlassen hatten. Das würdige Paar fand Kenelm am Ufer eines 92 Forellenbachs, welcher sich durch den Park schlängelte, sitzend, seine Angelschnur ins Wasser tauchend und dabei gähnend, eine Operation, die ihn sehr zu erleichtern schien. »Macht Dir das Fischen Spaß, mein Junge?« fragte Sir Peter herzlich. »Nicht im mindesten, lieber Vater«, erwiderte Kenelm. »Warum thust Du es dann?« fragte Lady Chillingly. »Weil ich nichts Anderes weiß, was mir mehr Vergnügen machen würde.« »Aha, da haben wir's«, sagte Sir Peter. »Das ganze Geheimniß von Kenelm's Sonderbarkeiten liegt in diesen Worten, liebes Kind; er muß sich amüsiren. Voltaire sagt mit Recht: Amusement gehört zu den menschlichen Bedürfnissen. Und wenn Kenelm sich amüsiren könnte wie andere Leute, würde er auch sein wie andere Leute.« »In diesem Falle«, erwiderte Kenelm ernst, während er eine kleine muntere Forelle aus dem Wasser zog, die sich sofort in Lady Chillingly's Schoß niederließ, »in diesem Falle würde ich mich lieber nicht amüsiren. Ich interessire mich nicht für die Absurditäten anderer Leute. Der Instinkt der Selbsterhaltung zwingt 93 mich an meinen eigenen Absurditäten einiges Interesse zu nehmen.« »Kenelm, ich bitte Dich«, rief Lady Chillingly mit einer Lebhaftigkeit, zu welcher sich ihr ruhiges Wesen selten verstieg, »nimm mir das abscheuliche nasse Ding fort! Lege Deine Angel hin und höre auf das, was Dir Dein Vater sagen will. Dein sonderbares Benehmen gibt uns Grund zu ernsthafter Besorgniß.« Kenelm machte die Forelle von dem Angelhaken los, legte den Fisch in seinen Korb und sagte, indem er seinen Vater mit großen Augen ansah: »Was in meinem Benehmen gibt Ihnen Veranlassung zu Mißvergnügen?« »Nicht Mißvergnügen, Kenelm«, sagte Sir Peter freundlich, »sondern Besorgniß; Deine Mutter hat den rechten Ausdruck gefunden. Du siehst, mein lieber Sohn, daß es mein Wunsch ist, Du möchtest Dich in der Welt auszeichnen. Du könntest diese Grafschaft im Parlamente vertreten, wie es Deine Vorfahren gethan haben. Ich hatte die gestrige Festlichkeit zum voraus als eine vortreffliche Gelegenheit betrachtet, Dich Deinen künftigen Wählern vorzustellen. Beredtsamkeit ist ein in einem freien Lande sehr hochgeschätztes Talent, und warum solltest Du nicht ein Redner werden können? 94 Demosthenes sagt, im Vortrag, im Vortrag und noch einmal im Vortrag bestehe die Kunst der Beredtsamkeit, und Dein Vortrag ist vortrefflich, anmuthig, selbstbewußt, classisch.« »Verzeih' mir, lieber Vater. Demosthenes sagt nicht Vortrag, noch auch Action, wie das Wort gewöhnlich wiedergegeben wird. Er sagt: Agiren oder Bühnenspiel, ὑπόκρισις, die Kunst, vermöge deren jemand in einer angenommenen Rolle eine Rede hält, daher das Wort Hypokrisie! In der Hypokrisie, in der Hypokrisie und noch einmal in der Hypokrisie besteht nach Demosthenes die dreifache Kunst des Redners. Wünschest Du, daß ich ein dreifacher Hypokrit werde?« »Kenelm, schämst Du Dich nicht? Du weißt so gut wie ich, daß es Dir nur vermöge einer bildlichen Auffassung des Ausdrucks möglich ist, dem von dem großen Athenienser gebrauchten Worte die Bedeutung Hypokrisie unterzuschieben. Aber angenommen, es bedeute, wie Du sagst, nicht Vortrag, sondern Agiren, so würde das genügend erklären, warum Du mit Deinem Debüt als Redner keinen Erfolg hattest. Dein Vortrag war vortrefflich, aber Deine Action war mangelhaft. Ein Redner soll gefallen, versöhnen, überreden, voreinnehmen. Von alledem hast Du das Gegentheil 95 gethan, und obgleich Du einen großen Eindruck hervorbrachtest, so war doch dieser Eindruck so entschieden zu Deinen Ungunsten, daß Dich derselbe bei jeder Wahl in England um alle Aussichten gebracht haben würde.« »Soll ich Dich dahin verstehen, lieber Vater«, sagte Kenelm in dem trübselig mitleidigen Tone, in welchem ein Diener der Kirche einen hoffnungslosen, ergrauten Sünder ermahnt, »soll ich Dich dahin verstehen, daß Du Deinem Sohne wohlüberlegte Falschheit als Richtschnur seines Verhaltens empfehlen würdest?« »Wohlüberlegte Falschheit! Du impertinenter Gelbschnabel!« »Gelbschnabel!« wiederholte Kenelm, nicht im Tone der Entrüstung, sondern nachdenklich, »Gelbschnabel! Ein wohlüberlegter Gelbschnabel thut es seinen Eltern nach.« Sir Peter lachte laut auf. Lady Chillingly erhob sich mit Würde, schüttelte die Tropfen von ihrem Rock ab, spannte ihren Sonnenschirm auf und ging stolzen Schritts sprachlos von dannen. »Siehst Du, Kenelm«, sagte Sir Peter, sobald er sich wieder ein wenig gesammelt hatte, »Deine Witze 96 und Launen sind für einen so excentrischen Menschen, wie ich selbst einer bin, recht amüsant, aber durch die Welt kommt man nicht damit. Und wie Du in Deinem Alter und bei der seltenen Gunst, die Dir durch eine frühzeitige Einführung in die wirklich beste Gesellschaft, unter der Leitung eines mit den neuen Ideen, welche die Staatsmänner beherrschen werden, vertrauten Erziehers zu Theil geworden ist, dazu gekommen bist, eine so alberne Rede zu halten, wie Du es gestern gethan hast, ist mir unbegreiflich.« »Lieber Vater, erlaube mir, Dir zu versichern, daß die von mir ausgesprochenen Ideen grade die beliebtesten neuen Ideen sind, nur daß diese Ideen von Anderen in noch deutlicheren oder, wenn Du das Epitheton vorziehst, noch alberneren Ausdrücken als den von mir gebrauchten ausgesprochen werden. Du wirst finden, daß diese Ideen dem öffentlichen Geiste durch den ›Londoner‹ und andere höchst geistreiche liberale Journale eingeflößt werden.« »Kenelm, Kenelm, solche Ideen würden ja die Welt auf den Kopf stellen.« »Neue Ideen haben immer die Tendenz, alte Ideen auf den Kopf zu stellen. Und die Welt ist doch am Ende nur eine Idee, welche mit jedem neuen Jahrhundert wieder auf den Kopf gestellt wird.« 97 »Deine Reden machen mir das Wort Ideen ganz zuwider. Gib Deine Metaphysik auf und studire das reale Leben.« »Grade das reale Leben habe ich bei Herrn Welby studirt. Er ist der Archimandrit des Realismus. Das Leben, das ich nach Deinem Wunsche studiren soll, ist ein Leben des Scheins. Dir zu Gefallen will ich es anfangen. Es ist gewiß sehr amüsant. Das reale Leben ist nichts weniger; im Gegentheil, es ist langweilig.« Und Kenelm gähnte wieder. »Hast Du keine jungen Freunde unter Deinen Universitätsgenossen?« »Freunde? Gewiß nicht. Aber ich glaube, ich habe Feinde, die ja denselben Zweck erfüllen wie Freunde, nur daß sie sich einem nicht ganz so unangenehm machen.« »Willst Du damit sagen, daß Du in Cambridge ganz einsam gelebt hast?« »Nein, ich verkehrte sehr viel mit Aristophanes, Kegelschnitten und Hydrostatik.« »Bücher sind eine trockene Gesellschaft.« »Aber wenigstens harmloser als feuchte Gesellschaft. Hast Du Dich je betrunken, Vater?« »Betrunken?« »Ich habe es einmal in Gesellschaft der jungen 98 Genossen versucht, die Du mir als Freunde empfehlen möchtest. Ich glaube nicht, daß es mir gelungen ist; aber ich wachte am nächsten Morgen mit Kopfschmerzen auf. Das reale Leben auf der Universität ist überreich an Kopfschmerzen.« »Kenelm, mein Junge, eine Sache ist mir klar: Du mußt reisen.« »Wie Du willst. Marcus Antoninus sagt, einem Steine sei es ganz gleichgültig, ob er hinauf oder herunter geworfen werde. Wann soll ich abreisen?« »Sehr bald. Natürlich bedarf es Vorbereitungen dazu; Du müßtest einen Begleiter auf der Reise haben. Ich meine nicht einen Erzieher; Du bist zu gescheidt und zu solid, um eines solchen zu bedürfen; eine angenehme, verständige, mit guten Manieren versehene junge Person Deines Alters.« »Meines Alters – männlich oder weiblich?« Sir Peter gab sich die größte Mühe, die Stirn zu runzeln. Das Aeußerste, was er fertig brachte, war, daß er erwiderte: »Weiblich? Wenn ich sagte, Du seiest zu solid, um eines Erziehers zu bedürfen, so war es, weil Du bis jetzt wenig Anlage zu haben schienst, Dich durch weibliche Lockungen von Deinem Wege ablenken zu lassen. Darf ich fragen, ob Du in Deine übrigen Studien auch das Studium mit 99 einbegriffen hast, welches noch kein Mensch völlig beherrscht hat, das Studium der Frauen?« »Gewiß. Hast Du etwas dagegen, wenn ich noch eine Forelle fange?« »In Gottes oder auch ins Teufels Namen fange Deine Forelle. Also Du hast die Frauen studirt. Das hätte ich nie gedacht. Wo und wann hast Du denn dieses Gebiet der Wissenschaft betreten?« »Wann? Seit meinem zehnten Jahre ununterbrochen. Wo? Zuerst in Deinem Hause und dann auf der Universität. Pst! Es beißt einer an.« Und eine andere Forelle verließ ihr heimathliches Element und sprang Sir Peter auf die Nase, von wo sie feierlich in den Fischkorb gebracht wurde. »Im Alter von zehn Jahren und in meinem Hause? Die dreiste Dirne Jane, das Hausmädchen?« »Jane? Nein, Vater. Pamela, Fräulein Byron, Clarissa, weibliche Figuren in Richardson, der nach Doctor Johnson die Leidenschaften lehrte, um zur Tugend zu ermahnen. Ich will um Deinetwillen hoffen, daß Doctor Johnson sich mit dieser Behauptung nicht geirrt hat, denn ich habe alle diese Frauenzimmer des Nachts in den von Dir allein bewohnten Zimmern gefunden.« »Ah!« sagte Sir Peter. »Ist das Alles?« 100 »Alles, dessen ich mich aus meinem zehnten Jahre erinnere«, erwiderte Kenelm. »Und bei Herrn Welby und auf der Universität«, fuhr Sir Peter schüchtern fort, »war Deine Bekanntschaft mit dem weiblichen Geschlecht da noch derselben Art?« Kenelm schüttelte den Kopf. »Viel schlimmer; auf der Universität waren sie wirklich sehr unartig.« »Das kann ich mir denken und das kann auch bei einer solchen Menge von jüngen Leuten, die ihnen nachlaufen, nicht wohl anders sein.« »Sehr wenige Studenten laufen den Frauenzimmern, von denen ich rede, nach; sie gehen ihnen vielmehr aus dem Wege.« »Desto besser.« »Nein, lieber Vater, desto schlimmer; ohne vertraute Bekanntschaft mit diesen Frauenzimmern nützt es überhaupt wenig, auf die Universität zu gehen.« »Erkläre Dich näher.« »Jeder Mensch, der eine klassische Erziehung erhält, wird in ihre Gesellschaft eingeführt: Pyrrha und Lydia, Glycera und Korinna und noch viele andere, alle von derselben Art; und dann die Frauenzimmer im Aristophanes; was meinst Du zu denen, Vater?« »Hast Du nur mit Frauenzimmern, die vor zwei- 101 bis dreitausend Jahren oder, was noch wahrscheinlicher ist, nie gelebt haben, vertrauten Umgang gepflogen? Hat nie ein reales Weib Deine Bewunderung erregt?« »Reale Frauen? Niemals bin ich einer begegnet. Mir ist nie ein Weib vorgekommen, die nicht ein Scheinwesen gewesen wäre, ein Scheinwesen von dem Augenblick an, wo man sie lehrt sich hübsch benehmen, ihre Gefühle verbergen und mit den Augen flunkern, wenn sie es nicht mit Worten thut. Aber wenn ich das Scheinleben kennen lernen soll, muß ich mir auch vermuthlich die Scheinweiber gefallen lassen.« »Hast Du eine unglückliche Liebe gehabt, daß Du so bitter von dem andern Geschlecht sprichst?« »Ich spreche nicht bitter von dem Geschlechte. Frage jedes Weib aufs Gewissen, und es wird bekennen, daß es ein Scheinwesen ist, immer gewesen ist, immer sein wird und stolz darauf ist.« »Ich bin nur froh, daß Deine Mutter Dich nicht hört. Du wirst bald genug anders denken. Inzwischen, um wieder von dem anderen Geschlecht zu reden, gibt es keinen jungen Mann Deines Standes, mit welchem Du reisen möchtest?« »Nein; ich wüßte keinen, mit dem ich reisen möchte. Ich hasse das Zanken.« 102 »Wie Du willst. Du kannst doch nicht ganz allein reisen; ich werde Dir also einen guten Reisediener aussuchen. Ich werde noch heute wegen der Vorbereitungen nach London schreiben und in etwa acht Tagen, hoffe ich, wird Alles bereit sein. Was Du während der Reise brauchen willst, kannst Du selbst bestimmen. Du bist nie extravagant gewesen, und, Junge, ich liebe Dich. Amüsire Dich, genieße Dein Leben und kehre, von Deinen Sonderbarkeiten geheilt, aber mit unbefleckter Ehre zurück.« Sir Peter beugte sich vor und küßte seinen Sohn auf die Stirn. Kenelm war gerührt; er stand auf, legte seinen Arm um den Hals seines Vaters und sagte in einem zärtlich gedämpften Ton: »Wenn ich mich je versucht fühlen sollte, eine niedrige Handlung zu begehen, so möge ich mich erinnern, wessen Sohn ich bin, das wird mich davor bewahren.« Mit diesen Worten entzog er sich der Umarmung seines Vaters und ging, ohne weiter an seine Angel zu denken, einsam seines Weges am Ufer des Baches hin. 103 Vierzehntes Kapitel. Unser junger Freund verfolgte den Lauf des Baches bis an die Grenze des Parks. Hier hatte ein früherer Besitzer, der die Geselligkeit liebte, auf einer rasenbedeckten Anhöhe eine Art von Pavillon erbauen lassen, von dem aus man eine hübsche Aussicht auf die darunterliegende Landstraße hatte. Mechanisch stieg der Erbe der Chillinglys die Anhöhe hinan, setzte sich in den Pavillon und stützte nachdenklich das Kinn auf die Hand. Selten betrat ein menschlicher Fuß das Gartenhäuschen, seine regelmäßigen Bewohner waren Spinnen. Von diesen fleißigen Insekten enthielt es eine wohlangebaute Kolonie. Ihre vom Staube geschwärzten und mit den Flügeln, Beinen und Skeletten manches unglücklichen Reisenden 104 geschmückten Gewebe bedeckten die Ecken und das Fenstergesims, bildeten eine Guirlande um den zerbrechlichen Tisch, auf welchen Kenelm seinen Arm stützte, und beschrieben geometrische Figuren wie Kreise und Rhomboiden zwischen dem Gitterwerk, welches die Lehnen ehrwürdiger Sessel bildete. Eine große schwarze Spinne, die wahrscheinlich die älteste Bewohnerin war und die den besten Platz am Fenster inne hatte, wo sie sich immer bereit hielt, jedem geflügelten Reisenden, der sich versucht fühlen möchte, von der Landstraße her hier einzukehren, um eine kühle Rast zu halten, einen perfiden Willkomm zu bieten, stürzte bei dem Eintritt Kenelm's aus der Tiefe ihres Verstecks hervor und blieb inmitten ihres Gespinnstes, den Blick starr auf ihn gerichtet, regungslos sitzen. Sie schien nicht ganz sicher zu sein, ob der Fremde zu groß für sie sei oder nicht. »Es ist ein wunderbarer Beleg für die Weisheit der Vorsehung«, dachte Kenelm, »daß, so oft ein große Anzahl von Geschöpfen ein Gemeinwesen oder eine Corporation bildet, sich ein geheimes Element der Uneinigkeit in das Herz der die Gesammtheit bildenden Individuen einnistet und sie verhindert, freudig und erfolgreich für ihr gemeinsames Interesse zusammenzuwirken. Die Flöhe würden mich aus 105 dem Bett gezogen haben, wenn sie einig gewesen wären, sagte der große Curran; und unzweifelhaft würde ich, wenn alle dieses Gemeinwesen bildenden Spinnen gleichzeitig auf mich losgingen, ihrem vereinigten Angriffe zum Opfer fallen. Aber die in einer Gegend sich zusammenfindenden Spinnen können sich, obgleich sie einer und derselben Race angehören und von denselben Instinkten beseelt sind, nicht einmal über einen Angriff gegen einen Schmetterling einigen; jede sucht ihren eigenen Vortheil und nicht den des Gemeinwesens. Und wie vollständig gleicht doch das Leben jedes Wesens darin dem Kreise, daß es einen anderen Kreis nie in mehr als einem Punkte berühren kann. Ja, ich zweifle, ob zwei Wesen sich auch nur in diesem einen Punkte berühren; jedes Atom ist von jedem anderen durch einen Zwischenraum getrennt; das Ich ist immer egoistisch. Und doch gibt es bedeutende Lehrer auf dem Gebiete der neuen Ideen, welche uns glauben machen möchten, daß die arbeitenden Klassen der ganzen civilisirten Welt jeden Unterschied der Race, des Glaubens, des Verstandes, der persönlichen Neigungen und Interessen aufheben und Alles zu einem gemeinsamen, für Alle bereiten Vorrath verschmelzen könnten!« Bei dieser Betrachtung hielt Kenelm plötzlich in 106 seinem Selbstgespräch inne, lehnte sich zum Fenster hinaus und blickte auf die Landstraße. Es war eine sehr schöne, grade und ebene, durch in regelmäßigen Zwischenräumen erhobenes Wegegeld vortrefflich in Stand gehaltene Chaussee. Ein frischer Rasenrand faßte sie zu beiden Seiten ein und unterhalb des Pavillons hatte ein wohlwollender Vorfahre Kenelm's einen kleinen Trinkbrunnen zur Erfrischung der Wanderer herrichten lassen. Dicht neben dem Brunnen stand auf einer Erhöhung eine von einer großen Weide überschattete rohe Steinbank, von der aus man einen weiten Ausblick auf Kornfelder, Wiesen und ferne Hügel hatte, die von mildem Sonnenlicht übergossen dalagen. Auf dieser Landstraße passirten nach einander ein Bauerwagen, in welchem eine alte Frau, ein hübsches Mädchen und zwei Kinder auf Stroh saßen; ein stattlicher Pachter, der in seinem Einspänner zu Markte fuhr; drei kleine Wagen, auf welchen Güter nach der nächsten Eisenbahn gebracht wurden; ein hübscher junger Mann zu Pferde in Begleitung einer hübschen jungen Dame, von einem Stallknechte gefolgt. Man sah leicht, daß der junge Mann und die junge Dame ein Liebespaar waren. Das zeigten seine glühenden Blicke, der ernste Ausdruck um seinen Mund, der sich nur öffnete, um allein für sie bestimmte Worte zu 107 flüstern, ihre gesenkten Augen und ihr Erröthen. »Ach, sie haben keine Ahnung von dem Loose, das ihrer harrt!« murmelte Kenelm vor sich hin. »Welche Qualen bereiten diese unglücklichen Opfer ihrer Leidenschaft sich selbst und ihren Nachkommen! Wenn ich ihnen doch Decimus Roach's ›Annäherung an die Engel‹ leihen könnte!« Jetzt wurde die Landstraße einige Minuten lang einsam und still und alsbald vernahm Kenelm zu seiner Rechten ein munteres Lied, das von einer wohlklingenden Stimme mit auffallend deutlicher Aussprache, sodaß Kenelm die Worte genau verstehen konnte, halb gesungen, halb recitirt wurde. Sie lauteten wie folgt: »Der schwarze Karl blickt vom Hause her, Er blickt in des Waldes Hain, Da trabt, seine Hunde voran, daher Der Ritter von Nierenstein. Mit Gesang, mit Gesang, mit lust'gem Gesang, Zum Walde heraus, die Hunde voran, Trabt der Ritter von Nierenstein.« Eine so englische Stimme, die ein so deutsches Lied sang, erregte Kenelm's ganze Aufmerksamkeit, und als er seine Blicke die Landstraße abwärts schweifen ließ, sah er aus dem Schatten der Buchen, welche die Parkumzäunung überhingen, eine Gestalt hervortauchen, die nicht ganz zu der Vorstellung von dem Ritter von 108 Nierenstein stimmte. Nichtsdestoweniger war die Gestalt malerisch genug. Der Mann war in einen etwas fadenscheinigen Anzug von grünem Tuch gekleidet, trug auf dem Kopfe einen hohen Tirolerhut und auf dem Rücken ein Ränzel. Begleitet war er von einem Spitz, der ersichtlich einen schlimmen Fuß hatte, aber sein Bestes that, als tüchtiger Jäger zu erscheinen, indem er seinem Herrn einige Schritte voranhumpelte und in den Hecken nach Ratten, Mäusen und anderem solchen kleinen Gethier herumschnüffelte. Grade in dem Augenblick, wo der Wanderer den Schlußrefrain seines Liedes beendet hatte, erreichte er den Brunnen und begrüßte denselben mit einem Ausruf der Freude. Er ließ den Tornister von seinem Rücken gleiten und füllte den eisernen Becher, der an dem Brunnen befestigt war; dann rief er den Hund bei dem Namen Max und hielt ihm den Becher zum Trinken hin. Erst nachdem das Thier seinen Durst gestillt hatte, trank auch sein Herr. Dann nahm er seinen Hut ab, benetzte sich das Gesicht und die Schläfe und setzte sich auf die Bank, während der Hund sich auf den Rasen zu seinen Füßen lagerte. Nach einer kleinen Pause fing der Wanderer in einem leiseren und langsameren Ton wieder an, seinen Refrain zu singen, und ging dann in ruckweisen Absätzen dazu 109 über, eine neue Stanze auf den Refrain folgen zu lassen. Offenbar versuchte er es, entweder sich derselben zu erinnern oder sie neu zu erfinden, und es klang mehr nach der letzteren und schwierigeren Geistesthätigkeit. »Du zu Fuß, Du zu Fuß, Ritter Karl?« er sprach »Und nicht wie sonst hoch zu Roß?« »Hoch zu Roß – hm – Roß?« »Zu heftig für mich war des Unglücks Schlag, Meinem Pferd gab's den Todesstoß.« »So wird's gehen, so ist's gut!« »Das nennt er gut? Der ist leicht befriedigt!« murmelte Kenelm vor sich hin. »Aber solche Wanderer passiren nicht alle Tage die Landstraße; ich muß mit ihm reden.« Mit diesen Worten ließ er sich sachte zum Fenster hinaus, stieg den Hügel hinab, trat durch ein verdecktes Pförtchen auf die Landstraße und stellte sich leise unter das Laubdach der Weide hinter den Wanderer. Der Mann war jetzt still geworden. Vielleicht war er des Reimens müde, oder es war bei ihm an die Stelle des Versemachens jene Art von Träumerei getreten, wie sie bei Leuten, die sich mit Versemachen befassen, so gewöhnlich ist. In der That aber hatte die liebliche Aussicht seinen Blick gefesselt, der sich ganz in die Betrachtung der Waldlandschaft 110 versenkte, die sich bis zu der Hügelreihe, auf welcher der Himmel zu ruhen schien, erstreckte. »Ich möchte wohl die übrigen Verse der deutschen Ballade hören!« sagte plötzlich eine Stimme. Der Wanderer wandte sich erschreckt um und zeigte Kenelm ein Gesicht von reifster Männlichkeit, umrahmt von vollen Locken und einem Bart von dunklem Braun, mit klaren blauen Augen und einem wunderbaren, unsagbaren Reiz sowohl der Züge als des Ausdrucks, der heiter und offen war und dabei eines gewissen achtunggebietenden Adels nicht entbehrte. »Verzeihen Sie die Unterbrechung«, sagte Kenelm, indem er den Hut zog; »aber ich habe Ihre Recitation mit angehört; ich vermuthe, daß Ihr Verse aus dem Deutschen übersetzt sind, wenn ich mich auch keiner ähnlichen aus den mir zufällig bekannten deutschen Volksdichtungen erinnere.« »Die Verse sind nicht übersetzt«, erwiderte der Wanderer. »Ich war nur bemüht, einige Gedanken an einander zu reihen, die mir an diesem schönen Morgen durch den Kopf gingen.« »Sie sind also ein Dichter?« fragte Kenelm, indem er sich neben ihn auf die Bank setzte. »Ich wage nicht mich einen Dichter zu nennen. Ich bin ein Versemacher.« 111 »Ich verstehe den Unterschied. Viele sehr geschätzte Dichter unserer Zeit sind außerordentlich schlechte Versemacher. Ich für mein Theil könnte sie mir viel leichter als gute Dichter vorstellen, wenn sie gar keine Verse machten. Aber darf ich die Ballade nicht zu Ende hören?« »Ach, leider ist die Ballade noch nicht fertig. Die Fabel, die ich behandle, ist ziemlich lang und meine Schwingen sind sehr kurz.« »Das spricht sehr zu Ihren Gunsten und hat nichts mit der Poesie, wie sie jetzt Mode ist, gemein. Sie scheinen mir in dieser Gegend nicht heimisch zu sein. Haben Sie und Ihr Hund noch eine weite Reise vor?« »Ich habe jetzt Ferien und schweife den Sommer hindurch umher. Ich reise weit, denn ich habe lange Zeit, bis zum September. Das Leben im Grünen ist sehr lustig.« »Wirklich?« fragte Kenelm sehr naiv. »Ich hätte gedacht, Sie müßten schon lange vor September der Felder, des Hundes und Ihrer selbst sehr überdrüssig werden. Aber freilich haben Sie eine Quelle der Unterhaltung im Versemachen und das scheint ja für alle, die sich damit befassen, von jeher eine sehr angenehme und absorbirende Beschäftigung gewesen zu sein, 112 von unserem alten Freunde Horaz, der auf seinen Sommerstreifereien durch die wasserreiche Waldlandschaft des alten Tibur die steife alcäische Strophe zu anmuthigen Versen verwandte, bis zu Cardinal Richelieu, der sich in den freien Momenten, die ihm das Abhauen adliger Köpfe übrig ließ, mit der Anfertigung französischer Reime befaßte. Für das Vergnügen des Versemachers selbst scheint nicht viel darauf anzukommen, ob die Verse schlecht oder gut sind, denn Richelieu fand an seiner Beschäftigung ebenso viel Geschmack wie Horaz, obgleich seine Verse nichts weniger als horazisch waren.« »In Ihrem Alter, mein Herr, und bei Ihrer Erziehung –« »Sagen Sie Bildung, das ist der moderne Ausdruck.« »Gut, bei Ihrer Bildung müssen Sie auch Verse gemacht haben.« »Lateinische Verse ja, und gelegentlich auch griechische. Dazu wurde ich auf der Schule gezwungen; aber es amüsirte mich nicht.« »Versuchen Sie es doch einmal in unserer Sprache.« Kenelm schüttelte den Kopf. »Nein – Schuster bleib' bei Deinem Leisten.« »Nun gut, lassen wir das Versemachen auf sich beruhen. Finden Sie nicht Vergnügen an solchen 113 einsamen Sommerwanderungen, wo man ganz mit der Natur lebt, Vergnügen daran, den ewigen Wechsel ihres Antlitzes, ihr Lachen, ihr Lächeln, ihre Thränen, ja ihr Stirnrunzeln zu beobachten?« »Wenn ich annehmen muß, daß Sie unter der Natur eine mechanische Reihe äußerer Phänomene verstehen, so protestire ich dagegen, daß Sie von einem Mechanismus wie von einer Person weiblichen Geschlechts reden – ihr Lachen, ihr Lächeln und so weiter. Ebenso gut könnte man von dem Lachen und dem Lächeln einer Dampfmaschine sprechen. Aber um wieder verständig zu reden, ich gebe zu, daß einsames Umherstreifen bei schönem Wetter und in einer hübschen Gegend seinen Reiz hat. Sie sagen, Sie seien jetzt auf einer Ferienreise begriffen; ich darf daher wohl annehmen, daß Sie eine praktische Thätigkeit haben, welche sonst Ihre Zeit in Anspruch nimmt?« »Jawohl. Ich bin nicht geradezu ein Müßiggänger. Ich arbeite bisweilen, wenn auch nicht so fleißig, wie ich sollte. Ernst ist das Leben, wie der Dichter sagt. Aber ich und mein Hund haben uns jetzt ausgeruht und da ich noch einen weiten Marsch vor mir habe, muß ich Ihnen Lebewohl sagen.« »Ich fürchte«, sagte Kenelm mit einer ernsten und anmnthigen Urbanität in Ton und Wesen, die ihm 114 gelegentlich zu Gebote stand und die in ihrer Verschiedenheit von rein conventioneller Höflichkeit einen eigenthümlichen Zauber übte, »ich fürchte, Sie durch eine Frage verletzt zu haben, die Ihnen inquisitorisch, vielleicht gar impertinent erschienen sein muß; verzeihen Sie mir; ich begegne so selten jemand, der mich interessirt. Sie aber interessiren mich.« Mit diesen Worten reichte er seine Hand dem Wanderer, der sie sehr herzlich schüttelte. »Ich müßte ja ein wahrer Tölpel sein, wenn ich mich durch Ihre Frage verletzt fühlte. Der Vorwurf der Impertinenz trifft vielleicht eher mich, wenn ich mir, auf mein höheres Alter gestützt, herausnehme, Ihnen einen Rath zu ertheilen. Verachten Sie nicht die Natur oder betrachten Sie sie nicht wie eine Dampfmaschine; Sie werden an ihr eine sehr angenehme und umgängliche Freundin finden, wenn Sie vertrauten Umgang mit ihr pflegen wollen. Und ich kenne in Ihrem Alter und bei Ihren starken Gliedern keine bessere Art, das zu thun, als sich ein Ränzel auf den Rücken zu schnallen und wie ich den Wanderstab in die Hand zu nehmen.« »Ich danke Ihnen für Ihren Rath, mein Herr, und ich hoffe zuversichtlich, daß wir uns wieder begegnen und unsere Ideen über das Ding austauschen 115 werden, welches Sie Natur nennen, ein Ding, welches die Wissenschaft und die Kunst offenbar nie mit demselben Auge ansehen. Wenn die Natur für einen Künstler eine Seele hat, nun, so hat eine Dampfmaschine auch eine solche. Die Kunst stattet alle Materie, die sie betrachtet, mit einer Seele aus; die Wissenschaft verwandelt Alles, was schon mit einer Seele ausgestattet ist, in Materie. Leben Sie wohl, mein Herr.« Mit diesen Worten kehrte Kenelm plötzlich in den Park zurück, während der Wanderer schweigend und nachdenklich seines Weges ging. 116 Fünfzehntes Kapitel. Kenelm lenkte seine Schritte unter dem Schatten seiner altererbten Bäume wieder heimwärts. Man sollte denken, sein Weg längs des Rasens und am Ufer des geschwätzigen Baches hin hätte angenehmer und mehr geeignet sein müssen, friedliche Gedanken zu pflegen, als die breite, staubige Landstraße, auf welcher der Wanderer, den er eben verlassen hatte, seines mühseligen Weges weiter ging. Aber ein der Träumerei ergebener Mensch bildet sich seine eigenen Landschaften und färbt sich seinen Himmel selbst. »Ich habe schon lange das sonderbare Verlangen gehegt«, sagte Kenelm zu sich, »aus mir selbst herauszugehen, so zu sagen, mich in die Haut eines anderen Menschen zu stecken und mir ein wenig Abwechslung 117 und Emotion zu verschaffen. Unser Ich ist immer dasselbe Ich und darum gähne ich so oft. Aber wenn ich mich nicht in die Haut eines anderen Menschen stecken kann, so ist das Nächstbeste, was ich thun kann, mich mir selbst so unähnlich wie möglich zu machen. Laß einmal sehen, was mein Ich ist. Mein Ich ist Kenelm Chillingly, Sohn und Erbe eines reichen Mannes. Aber ein Bursche mit einem Ränzel auf dem Rücken, der in Wirthshäusern an der Landstraße schläft, hat durchaus nichts mit Kenelm Chillingly gemein, besonders wenn er sehr knapp an Geld und gelegentlich um eine Mahlzeit verlegen ist. Aber vielleicht sieht ein solcher Bursche die Dinge heiterer an; trübseliger kann er sie nicht ansehen. Muth, mein Ich! Du und ich müssen es nur versuchen.« Während der nächsten zwei Tage fand man Kenelm ungewöhnlich liebenswürdig. Er gähnte viel weniger häufig, ging mit seinem Vater spazieren, spielte mit seiner Mutter Piquet, kurz, war mehr wie andere Menschen. Sir Peter war entzückt; er schrieb diese glückliche Veränderung den Vorbereitungen zu, die er für eine standesgemäße Reise Kenelm's machte. Der stolze Vater stand in eifriger Correspondenz mit seinen reichen Londoner Freunden, von denen er sich Empfehlungsbriefe für Kenelm an alle europäischen Höfe 118 zu verschaffen suchte. Koffer mit allen erdenklichen modernen Einrichtungen wurden bestellt; ein erfahrener Kurier, der alle Sprachen sprechen und nöthigenfalls französische Gerichte kochen konnte, wurde aufgefordert, seine Bedingungen zu stellen. Kurz, alle durch den Eintritt eines jungen Patriciers in die Welt gebotenen Arrangements nahmen den besten Fortgang, als Kenelm Chillingly plötzlich mit Hinterlassung des folgenden Briefes auf Sir Peter's Schreibtisch verschwand. »Theuerster Vater! Deinen Wünschen gehorsam reise ich ab, um das reale Leben und reale Menschen oder die besten Imitationen derselben aufzusuchen. Verzeih' mir, darum bitte ich Dich inständigst, wenn ich diese Aufsuchung auf meine eigene Art beginne. Ich habe für jetzt Damen und Herren genug gesehen, sie müssen sich in der ganzen Welt einander ziemlich ähnlich sein. Du wünschest, daß ich mich amüsire. Ich will versuchen, ob es möglich ist. Damen und Herren sind nicht amüsant; je fashionabler und eleganter sie sind, desto insipider finde ich sie. Lieber Vater, ich gehe, Abenteuer zu suchen, wie Amadis von Gallien, wie Don Quixote, wie Gil Blas, wie Roderick Random, kurz, wie die einzigen realen 119 Menschen, die reales Leben gesucht haben, die Menschen, welche nur in Büchern existiren. Ich wandere zu Fuß und allein. Ich habe mich mit mehr Geld versehen, als ich von Rechtswegen ausgeben sollte, weil jeder Mensch seine Erfahrungen erkaufen muß und das Lehrgeld theuer ist. Ich habe fünfzig Pfund in Banknoten in mein Taschenbuch und fünf Sovereigns und siebzehn Schillinge in meine Börse gesteckt. Diese Summe müßte für ein Jahr reichen; aber ich fürchte, meine Unerfahrenheit wird mich in einem Monat darum bringen, wir wollen sie daher für nichts rechnen. Da Du mich aufgefordert hast, selbst zu bestimmen, was ich brauchen will, so bitte ich Dich freundlichst, schon heute Deinem Banquier aufzugeben, meine Anweisungen bis zum Belaufe von fünf Pfund und ferner monatlich zu demselben Belaufe, also jährlich bis zum Belaufe von sechzig Pfund zu honoriren. Mit dieser Summe kann ich nicht verhungern, und wenn ich mehr brauche, so wird es mich vielleicht amüsiren, mir das durch Arbeit zu verschaffen. Bitte, schicke mir niemand nach, stelle keine Nachforschungen an, bringe das Haus nicht in Aufruhr und mache mich nicht zum Gespräch der Gegend durch irgend welche Erwähnung meines Planes oder Deines Erstaunens 120 darüber. Ich werde nicht verfehlen, Dir von Zeit zu Zeit Nachricht von mir zu geben. Du wirst selbst am besten beurtheilen können, was Du meiner lieben Mutter mittheilen willst. Wenn Du ihr die Wahrheit sagst, was ich natürlich thun würde, wenn ich ihr überhaupt etwas davon sagte, so wäre mein Zweck dadurch thatsächlich vereitelt und meine Person würde zum Gespräch in der ganzen Grafschaft werden. Ich weiß, Du hältst es nicht für unmoralisch, die Unwahrheit zu sagen, wenn sie zufällig nützlich ist, wie sie das ja in diesem Falle sein würde. Ich beabsichtige ein bis anderthalb Jahre fortzubleiben; wenn ich meine Reise noch weiter fortsetze, soll es in der von Dir gewünschten Weise geschehen. Dann will ich meinen Platz in der eleganten Gesellschaft einnehmen, mich wegen aller Kosten an Dich wenden und für meine eigene Rechnung flunkern, so viel es jene von Illusionen beherrschte und von Scheinwesen bevölkerte fictive Welt nur irgend verlangt. Gott behüte Dich, lieber Vater! Verlasse Dich darauf, daß, wenn ich in irgend eine schlimme Lage gerathen sollte, in der man eines Freundes bedarf, ich mich an Dich wenden werde. Bis jetzt habe ich 121 keinen anderen Freund auf der Welt und mit Vorsicht und Glück werde ich vielleicht der Heimsuchung eines solchen entgehen. Dein Dich zärtlich liebender Kenelm. N. S. Lieber Vater, ich öffne meinen Brief in Deiner Bibliothek, um noch einmal zu sagen: Gott behüte Dich! und Dir zu erzählen, wie zärtlich ich Deine alten Handschuhe von Biberfell, die ich auf Deinem Tische fand, geküßt habe.« Als Sir Peter diese Nachschrift gelesen hatte, nahm er seine Brille ab und trocknete sie; die Gläser waren sehr feucht geworden. Dann versank er in tiefes Nachdenken. Sir Peter war, wie ich bereits erwähnt habe, ein gelehrter Mann; er war auch in einigen Beziehungen ein verständiger Mann und er hatte ein sehr sympathisches Verständniß für die humoristische Seite des grillenhaften Charakters seines Sohnes. Aber was sollte er Lady Chillingly sagen? Diese Dame hatte sich durchaus nichts zu Schulden kommen lassen, was sie des Vertrauens ihres Gatten in einer ihren einzigen Sohn betreffenden Angelegenheit hätte berauben können. Sie war eine tugendsame Matrone von 122 tadelloser Reinheit der Sitten, von würdevollem und echt freifraulichem Benehmen. Wer sie zum ersten Male sah, mußte sie unwillkürlich »Frau Baronin« anreden. Durfte eine solche Frau bei irgend einer Familienangelegenheit zurückgesetzt werden? Sir Peter's Gewissen antwortete laut: Nein. Als aber Sir Peter sein Gewissen beschwichtigt hatte und nun die Frage als Weltmann erwog, mußte er sich sagen, daß es das denkbar Thörichtste sein würde, was er thun könne, wenn er Lady Chillingly den Inhalt des Briefes seines Sohnes mittheilen wollte. Wenn Lady Chillingly erfahren hätte, daß Kenelm mit der schon in seinem Namen liegenden Familienwürde durchgegangen sei, so hätte sie sich durch keine Autorität eines Ehemannes, es wäre denn, daß dieser Ehemann sich eines solchen Mißbrauchs seiner Gewalt schuldig gemacht hätte, wie er die Klage einer Ehefrau auf Trennung von Tisch und Bett begründet, abhalten lassen, alle Stallknechte nach allen Richtungen hin mit dem strengen Befehl auszuschicken, den Davongelaufenen todt oder lebendig wieder einzubringen. Die Mauern würden sich mit Anschlagszetteln bedeckt haben, auf denen zu lesen gestanden hätte: Vermißt u. s. w.; die Polizei würde ihre geheimen Instructionen von Stadt zu Stadt 123 telegraphirt haben und dieser Skandal würde Kenelm Chillingly sein Lebelang nachgegangen sein. Sein Lebelang würde man, unter verstohlenen Andeutungen von verbrecherischen Neigungen und bedenklichen Geistesstörungen, auf ihn als auf den Mann, der einmal verschwunden war, mit Fingern gedeutet haben. Und verschwinden und wieder erscheinen, anstatt ermordet zu sein, ist das Verächtlichste, was ein Mensch thun kann. Alle Zeitungen bellen ihn an, Phylax, Ami und wie sie alle heißen mögen[; im] Namen des öffentlichen Anstandes fordert man strenge Rechenschaft über die unschickliche Thatsache einer unversehrten Existenz und keine Erklärung wird genügend befunden. Das Leben ist gerettet, aber der gute Ruf für immer dahin. Sir Peter ergriff seinen Hut und ging von dannen, nicht um zu überlegen, ob er dem Weibe seines Herzens etwas vorflunkern solle oder nicht, sondern um zu überlegen, welcher Art von Flunkerei das Herz seines Weibes am zugänglichsten sein würde. Ein paar Gänge hin und her auf der Terrasse genügten Sir Peter, um über die beste Lüge mit sich ins Reine zu kommen; ein Beweis, daß er ein alter Praktikus im Flunkern war. Er trat wieder ins Haus, ging in Miladys gewöhnliches Wohnzimmer und sagte zu ihr im Tone 124 sorgloser Heiterkeit: »Mein alter Freund, der Herzog von Clareville, ist eben im Begriff, mit seiner Familie eine Reise nach der Schweiz anzutreten; seine jüngste Tochter, Lady Jane, ist ein hübsches Mädchen und wäre keine üble Partie für Kenelm.« »Lady Jane, die jüngste Tochter, mit blondem Haar, die, als ich sie zuletzt sah, ein reizendes Kind war und mit einer niedlichen Puppe spielte, die ihr die Kaiserin Eugenie geschenkt hatte? Die wäre wirklich eine gute Partie für Kenelm.« »Es freut mich, daß Du meiner Meinung bist. Wäre es nicht eine gute Gelegenheit, diese Verbindung vorzubereiten. und überhaupt eine vortreffliche Sache für Kenelm, wenn er den Continent als Mitglied der Reisegesellschaft des Herzogs besuchte?« »Gewiß wäre es das.« »Dann bist Du auch sicherlich mit dem, was ich gethan habe, einverstanden. Der Herzog reist übermorgen ab und ich habe Kenelm ohne weiteres mit einem Brief an meinen alten Freund nach London geschickt. Du wirst verzeihen, daß er, ohne von Dir Abschied zu nehmen, fortgegangen ist. Du weißt ja, er ist bei aller kindlichen Liebe ein sonderbarer Mensch. Als ich ihn daher für die Sache gewonnen hatte, schmiedete ich das Eisen, solange es noch heiß war, 125 und schickte ihn diesen Morgen um neun Uhr mit dem Kurierzuge nach London, aus Furcht, er möchte, wenn ich ihm noch irgend Zeit ließe, wieder auf andere Gedanken kommen.« »Was? Kenelm ist schon fort? Gerechter Gott!« Sir Peter schlich sachte zum Zimmer hinaus, ließ seinen Kammerdiener kommen und sagte: »Ich habe den jungen Herrn nach London geschickt. Packen Sie ein, was er an Kleidern wahrscheinlich brauchen wird, so daß ihm dieselben sofort geschickt werden können, sobald er sie verlangt.« Und so bewahrte der Wahrheitsfreund par excellence , Kenelm Chillingly, vermöge einer verständigen Verletzung der Wahrheit von seiten seines Vaters, die Ehre seines Hauses und seinen eigenen Ruf vor dem giftigen Hauch des Skandals und vor einer polizeilichen Untersuchung. Er wurde nicht »der Mann, der einmal verschwunden war«. 126 Zweites Buch. Erstes Kapitel. Kenelm Chillingly hatte das väterliche Haus vor Tagesanbruch, noch ehe jemand im Hause aufgestanden war, verlassen. »Unstreitig«, sagte er, als er längs der einsamen Heckenwege dahinwanderte, »unstreitig beginne ich meine Bekanntschaft mit der Welt, wie die Dichter das Dichten beginnen, als Nachahmer und Plagiator. Ich ahme einen wandernden Versemacher nach, wie er ohne Zweifel mit der Nachahmung eines anderen Versemachers angefangen hat. Aber wenn etwas in mir ist, so wird es sich schon in einer originellen Form herausarbeiten. Und am Ende ist doch der Versemacher nicht der Schöpfer von Ideen. 127 Zu Fuß auf Abenteuer ausgehen, ist eine Idee, deren Ursprung sich in eine mythische Vergangenheit verliert. Hercules zum Beispiel gelangte als Wanderer in den Himmel. – Wie einsam die Welt zu dieser frühen Stunde ist! Und ist nicht eben deshalb diese Stunde von allen Stunden des Tages die schönste?« Er stand still und blickte um sich und über sich. Es war mitten im Sommer. Die Sonne ging eben über sanft aufsteigenden Hügeln an einem wolkenlosen Himmel auf. Die Hecken glitzerten von Thautropfen. Aus den grünen Aehren eines Kornfeldes erhob sich eine einsame Feldlerche und weckte mit ihrer Stimme die anderen Vögel. Nicht lange und das fröhliche Concert nahm seinen Anfang. Ehrfurchtsvoll entblößte Kenelm das Haupt und verneigte sich stumm, zum Zeichen seiner Huldigung und seines Dankes. 128 Zweites Kapitel. Gegen neun Uhr betrat Kenelm eine mehrere Stunden von dem Hause seines Vaters entfernt liegende Stadt, nach der er sich absichtlich begeben hatte, weil er in dieser Stadt, wenn überhaupt, doch nur von Ansehen bekannt war, sodaß er hier die nöthigen Einkäufe machen konnte, ohne besondere Aufmerksamkeit zu erregen. Sein Reisecostüm bestand in einem Jagdanzug, den er gewählt hatte, weil er besonders einfach und am wenigsten geeignet war, ihn als Gentleman zu verrathen. Aber doch lag in dem Schnitt dieses Anzuges etwas Distinguirtes und jeder Arbeiter, dem er auf seinem Wege begegnet war, hatte den Hut vor ihm gezogen. Wer anders als ein Wildhüter oder ein Herr, der sich Erlaubniß zum Jagen verschafft 129 hat, trägt auch wohl Mitte Juni oder überhaupt einen Jagdanzug! Kenelm trat in einen großen Laden mit fertigen Kleidern und kaufte sich einen Anzug, wie ihn etwa ein kleiner Grundbesitzer oder kleiner Pachter am Sonntage tragen würde, ein dickes grobes Oberkleid von Tuch, halb Rock, halb Jacke, mit dazu passender Weste, starke manchesterne Hosen, ein schmuckes buntes Halstuch, etwas weiße Wäsche und wollene Socken, die zu dem übrigen Anzug paßten. Er kaufte sich ferner ein ledernes Ränzel, das grade groß genug war, um diese Garderobe und einige Bücher, die er mit seinen Kämmen und Bürsten in die Taschen gesteckt hatte, in sich aufzunehmen, denn unter all seinen Reiseutensilien zu Hause befand sich kein Ränzel. Nachdem er diese Einkäufe gemacht und bezahlt hatte, ging er rasch durch die Stadt und machte erst wieder Halt vor einem kleinen, vor der Stadt gelegenen Wirthshause, welches ihn durch ein Schild anlockte, auf welchem zu lesen stand: »Erfrischung für Menschen und Vieh.« Er trat in ein kleines Zimmer mit sandbestreutem Fußboden, das er um diese Stunde ganz für sich allein haben konnte, verlangte Frühstück und verzehrte den größten Theil eines Laib Brodes mit ein paar harten Eiern. 130 So gestärkt setzte er seinen Marsch fort und bog in ein dichtes, neben der Landstraße hinlaufendes Gehölz ein; hier vertauschte er die Kleider, mit denen er von Hause gekommen war, gegen die eben eingekauften und versenkte mit Hülfe von ein paar schweren Steinen die abgestreiften Kleider in einen kleinen tiefen Teich, den er glücklicherweise in einem im Winter von Schnepfen frequentirten Dickicht fand. »Jetzt«, sagte Kenelm, »fange ich wirklich an zu glauben, daß ich aus mir herausgegangen bin. Ich stecke in der Haut eines anderen Menschen; denn was ist am Ende eine Haut anders als die Hülle einer Seele und was ist Kleidung anders als eine anständigere Haut? Ihrer eigenen natürlichen Haut schämt sich jede civilisirte Seele. Es ist für jeden, der nicht der niedrigsten Gattung der Wilden angehört, der höchste Grad von Unschicklichkeit, seine Haut zu zeigen. Wenn die reinste, jetzt auf der Erde lebende Seele, die des römischen Papstes oder des Erzbischofs von Canterbury, sich mit ihrer ihr von der Natur verliehenen Haut unverhüllt auf der Straße zeigen wollte, so würde sie verhaftet, von der Gesellschaft zur Unterdrückung des Lasters verfolgt und wegen Verletzung des öffentlichen Anstandes zu einer Gefängnißstrafe verurtheilt werden. 131 Ich stecke also entschieden in der Haut eines anderen Menschen. Kenelm Chillingly, ich verharre nicht mehr: Ganz der Ihrige, sondern: Ich ersterbe in tiefster Ehrfurcht Ihr gehorsamster Diener.« Mit leichtem Schritt und in gehobener Stimmung sprang der so verwandelte Wanderer aus dem Walde wieder auf die staubige Landstraße. Etwa eine Stunde war er so marschirt und nur wenigen anderen Reisenden begegnet, als er plötzlich zu seiner Rechten die lauten schrillen Töne einer jungen Stimme vernahm. »Hülfe, Hülfe! Ich will nicht mit Dir gehen, ich sage Dir, ich will nicht!« Grade vor ihm stand neben einem Zaunthor ein nachdenklicher grauer, vor ein zierliches Gig gespannter Gaul. Der Zügel hing lose über dem Hals des Gauls. Das Thier war offenbar gewöhnt, auf Geheiß ruhig stehen zu bleiben, und in diesem Augenblick eines solchen Befehles froh. Die Rufe »Hülfe! Hülfe!« ertönten wieder, untermischt mit noch lauteren, von einer rauheren Stimme ausgestoßenen Tönen der Wuth und der Drohung. Offenbar war es nicht der Gaul, der diese Töne ausstieß. Kenelm blickte über das Zaunthor und sah auf 132 einem wenige Schritte entfernten Grasplatz einen gut gekleideten Knaben, welcher sich heftig gegen einen dicken Mann von mittleren Jahren, der ihn am Arm gepackt hielt und mit sich zu schleppen suchte, wehrte. Alsbald regte sich in Kenelm die bei einem Namensvetter des tapfern Sir Kenelm Digby natürliche Ritterlichkeit. Er schwang sich über das Zaunthor, packte den Mann und rief: »Schämen Sie sich! Was thun Sie dem armen Jungen? Lassen Sie ihn gehen!« »Was zum Teufel geht das Sie an?« rief der dicke Mann mit funkelnden Augen und vor Wuth schäumenden Lippen. »Was? Sind Sie der Schuft? O ja, kein Zweifel. Warten Sie nur, Sie Hansnarr!« Und während er noch mit der einen Hand den Knaben gepackt hielt, holte der dicke Mann mit der andern Hand zu einem Schlage nach Kenelm aus, vor dem nur die seltene Gewandtheit im Boxen und die natürliche Behendigkeit des jungen, so plötzlich angegriffenen Mannes seine Augen und Nase schützen konnten. Jetzt aber zog der dicke Mann den Kürzeren; Kenelm parirte den Schlag und gab ihn mit einem geschickten Manöver des rechten Fußes nach cornischer Manier zurück und – procumbit humi bos! Zappelnd lag der dicke Mann auf dem Rücken. Der so erlöste 133 Knabe ergriff Kenelm am Arm und rief, indem er ihn eiligst mit sich zu ziehen suchte: »Kommen Sie, kommen Sie, ehe er wieder aufkommt. Retten Sie mich! Retten Sie mich!« Noch ehe Kenelm sich von seinem Erstaunen erholen konnte, hatte der Junge ihn an das Zaunthor geschleppt und sprang in das Gig, indem er mit schluchzender Stimme rief: »Steigen Sie ein, steigen Sie ein, ich kann nicht fahren. Steigen Sie ein und fahren Sie! Rasch, rasch!« »Aber –« fing Kenelm an. »Steigen Sie ein oder ich werde wahnsinnig!« Kenelm gehorchte, der Junge gab ihm die Zügel in die Hand, behielt aber selbst die Peitsche und applicirte sie fleißig dem Gaul. Der Gaul trabte davon. »Halt! Halt! Diebe! Spitzbuben! Halloh!« rief eine Stimme hinter ihnen her. Kenelm drehte sich unwillkürlich um und sah, wie der dicke Mann auf dem Zaunthor sitzend wüthend gestikulirte. Aber er sah das nur im Fluge; denn als der Junge im nächsten Augenblick wieder mit der Peitsche auf den Gaul einhieb, fing dieser an wahnsinnig zu galoppiren, sodaß das Gig rüttelte, stieß und schwankte, und erst nachdem sie eine gute Strecke zurückgelegt hatten, gelang es Kenelm, sich in den Besitz der Peitsche zu setzen und 134 den Gaul so zu beruhigen, daß er einen vernünftigen Trab annahm. »Junger Herr«, sagte Kenelm jetzt, »wollen Sie vielleicht die Güte haben, mir eine Erklärung zu geben?« »Nachher; jetzt nur zu! So ist's brav! Sie sollen auch gut dafür bezahlt werden – gut und reichlich.« Kenelm sagte feierlich: »Ich weiß, daß im wirklichen Leben Dienstleistung und Bezahlung naturgemäß einander entsprechen. Aber wir wollen von der Bezahlung absehen, bis Sie mir gesagt haben werden, worin die Dienstleistung bestehen soll. Und fürs erste, wohin soll ich Sie fahren? Wir kommen gleich an eine Stelle, wo sich drei Wege kreuzen; welchen von diesen dreien soll ich einschlagen?« »Das weiß ich nicht; da ist ein Wegweiser. Ich will nach . . .; aber es ist ein Geheimniß; Sie dürfen mich nicht verrathen. Versprechen Sie – schwören Sie es mir.« »Ich schwöre nur, wenn ich leidenschaftlich aufgeregt bin, was, wie ich leider sagen muß, sehr selten vorkommt, und ich verspreche nichts, ehe ich nicht weiß, was ich versprechen soll; auch werde ich nicht ferner weggelaufene Jungen in anderer Leute Gig kutschiren, wenn ich nicht weiß, daß ich sie nach einem sicheren 135 Orte bringe, wo ihre Papas und Mamas sie in Empfang nehmen können.« »Ich habe keinen Papa und keine Mama«, sagte der Knabe in kläglichem Ton mit bebenden Lippen. »Armer Junge! Vermuthlich ist die dicke Bestie Ihr Schullehrer und Sie laufen aus Furcht vor einer Tracht Schläge davon?« Der Junge brach mit einer Silberstimme in ein helles, lustiges Lachen aus, das Kenelm bis ins Herz drang. »Nein, er wollte mich nicht schlagen; er ist kein Schullehrer; er ist etwas Schlimmeres!« »Ist es möglich? Was ist er denn?« »Ein Onkel.« »Ho, ho! Onkel sind sprichwörtlich grausam, waren das auch schon in der classischen Zeit, und Richard III. war der einzige classisch Gebildete in seiner Familie.« »Was! Klassisch und Richard III.?« sagte der Junge erstaunt, indem er den Fuhrmann aufmerksam ansah. »Wer sind Sie? Sie reden ja wie ein Gentleman?« »Ach, ich bitte um Verzeihung. ich will es nicht wieder thun, wenn ich es irgend vermeiden kann.« 136 »Jetzt fange ich wirklich an mich zu amüsiren«, dachte Kenelm. »Was es doch für ein Segen ist, in der Haut und auch in dem Gig eines andern Menschen zu stecken!« Dann sagte er laut: »Hier sind wir bei dem Wegweiser. Wenn Sie Ihrem Onkel entlaufen wollen, so ist es Zeit, mich davon in Kenntniß zu setzen, wohin Sie laufen wollen.« Bei diesen Worten lehnte der Junge sich zum Gig hinaus und sah nach dem Wegweiser. Dann klatschte er vergnügt in die Hände. »Ganz in Ordnung! Das dachte ich mir wohl. Nach Tor-Hadham achtzehn Miles. Das ist der Weg nach Tor-Hadham.« »Was? Meinen Sie, ich soll Sie den ganzen Weg fahren, achtzehn Miles?« »Ja.« »Und zu wem wollen Sie?« »Das will ich Ihnen nachher sagen. Fahren Sie zu, nur zu, bitte. Ich kann nicht selbst fahren; ich habe es nie in meinem Leben gethan; sonst würde ich Sie nicht bitten. Bitte, bitte, verlassen Sie mich nicht! Wenn Sie ein Gentleman sind, so werden Sie es nicht thun, und wenn Sie kein Gentleman sind, so habe ich zehn Pfund in meiner Börse, die Sie haben sollen, wenn Sie mich wohlbehalten nach Tor-Hadham 137 bringen. Zaudern Sie nicht. Mein ganzes Leben steht auf dem Spiel!« Und der Knabe fing wieder an zu schluchzen. Kenelm lenkte das Pony auf den Weg nach Tor-Hadham und der Junge hörte auf zu schluchzen. »Sie sind ein guter, lieber Mensch«, sagte der Junge, sich die Augen trocknend. »Ich fürchte, ich veranlasse Sie zu einem sehr großen Umweg.« »Ich habe keinen bestimmten Weg und gehe ebenso gern nach Tor-Hadham, das ich nie gesehen habe, wie irgendwo anders hin. Ich bin nur ein unstäter Wanderer.« »Haben Sie auch Ihren Papa und Ihre Mama verloren? Nun, Sie sind ja nicht viel älter als ich.« »Kleiner Herr«, sagte Kenelm feierlich, »ich bin eben mündig geworden und Sie sind vermuthlich kaum vierzehn Jahre alt.« »Wie amüsant«, rief der Junge plötzlich. »Ist es nicht amüsant?« »Es wird gar nicht amüsant sein, wenn ich zum Zuchthaus verurtheilt werde, weil ich Ihrem Onkel sein Gig gestohlen und seinen kleinen Neffen um zehn Pfund beraubt habe. Beiläufig, Ihr zorniger Verwandter wollte jemand anders zu Boden werfen, als er nach mir schlug. Er fragte: Sind Sie der Schuft? 138 Bitte, wer ist der Schuft? Es ist offenbar jemand, der Ihr Vertrauen besitzt.« »Schuft! Er ist der ehrenwertheste, edelste – aber darauf kommt es jetzt nicht an; ich will Sie mit ihm bekannt machen, wenn wir nach Tor-Hadham kommen. Geben Sie dem Pony die Peitsche, es kriecht ja.« »Es geht bergauf. Ein guter Mensch schont sein Vieh.« Mit keiner Kunst und Beredtsamkeit vermochte Kenelm seinem jungen Begleiter eine weitere Auskunft, als er bisher erhalten hatte, zu entlocken, und als die Reise zu Ende ging und sie sich ihrem Ziele näherten, versanken beide in Schweigen. Kenelm dachte ernsthaft darüber nach, wie seine am ersten Tage in der Haut eines Anderen gemachte Erfahrung vom wirklichen Leben seine eigene Haut in einige Gefahr gebracht habe. Er hatte offenbar einen respektablen und wohlhabenden Mann zu Boden geworfen, hatte den Neffen dieses Mannes mit sich genommen und hatte sich Hab und Gut dieses Mannes, das heißt, sein Gig und sein Pferd angemaßt. Wegen alles dessen würde er sich vor einem Friedensrichter vielleicht rechtfertigen können. Aber wie? Nur wenn er seine frühere Haut anzog und sich dazu bekennen wollte, 139 Kenelm Chillingly, ein ausgezeichneter preisgekrönter Student, Erbe eines nicht unedlen Namens und eines Jahreseinkommens von etwa zehntausend Pfund zu sein. Aber was für einen Skandal würde das geben, und das ihm, der allen Skandal verabscheute! Vulgär gesprochen, was für einen Spectakel, und das um ihn, der leugnete, daß auch nur das Wort Spectakel bei irgend einem Classiker vorkomme. Er würde erklären müssen, wie er dazu gekommen sei, sich zu verkleiden, geflissentlich zu verkleiden in einen Anzug, wie ihn nie der Sohn und Erbe eines Baronets, selbst wenn dieser Baronet sich keiner Ahnen erfreut und nur auf Empfehlung eines Premierministers von seinem Souverän über den Rang eines gewöhnlichen Herrn erhoben wäre, getragen hätte; er müßte denn schon als Goldgräber davongelaufen sein. War das eine Position, in welche sich der Erbe der Chillinglys, einer ausgezeichneten Familie, deren Wappen aus der ersten authentischen Periode englischer Wappenkunde unter Eduard III. als drei Fische auf azurnem Grunde datirte, gebracht sehen konnte, ohne daß damit dem kalten und alten Blut der drei Fische ein schlimmer Makel angeheftet würde? Und dann, abgesehen von den drei Fischen, nur ihn, Kenelm persönlich anlangend, welche Demüthigung! 140 Er hatte die wohlüberlegten Vorbereitungen seines hochachtbaren Vaters für seinen Eintritt in die wirkliche Welt beiseite geschoben; er hatte sich eigensinnig seinen eigenen Weg unter seiner eigenen Verantwortlichkeit gewählt, und nun, nachdem kaum der erste Tag vorüber war, in welche verfluchte Verlegenheit hatte er sich gebracht! Und was konnte er zu seiner Entschuldigung anführen? Daß ein unglücklicher kleiner Junge, der abwechselnd schluchzte und kicherte, doch gescheidt genug gewesen war, Kenelm Chillingly um seinen kleinen Finger zu wickeln, ihn um den Finger zu wickeln, der sich für so viel klüger hielt als seine Eltern, der sich auf der Universität ausgezeichnet hatte; einen Mann von dem ernstesten Temperament, von so seinem kritischen Geist, daß es kein Gesetz der Kunst oder der Natur gab, an welchem er nicht einen Mangel entdeckte. Daß der sich so verfahren konnte, war, gelinde gesagt, ein unbehaglicher Gedanke. Der Knabe selbst hatte, wenn Kenelm von Zeit zu Zeit verstohlen nach ihm blickte, etwas Kobold- und Irrlichtartiges. Bisweilen lachte er laut, bisweilen weinte er ruhig vor sich hin; bisweilen, wenn er weder lachte noch weinte, schien er in Gedanken versunken. Zweimal, als sie sich Tor-Hadham näherten, stieß Kenelm den Jungen an und sagte: 141 »Mein Junge, ich muß mit Dir reden«, und beide Male antwortete der Junge, indem er seinen Arm zurückzog, träumerisch: »Still, ich denke nach.« Und so fuhren sie mit ihrem sehr ermüdeten Gaul in die Stadt Tor-Hadham ein. 142 Drittes Kapitel. »Jetzt, mein junger Herr«, sagte Kenelm in einem ruhigen, aber sehr peremptorischen Tone, »jetzt, wo wir in der Stadt sind, sagen Sie mir, wohin soll ich Sie bringen, damit wir uns dort, es sei nun, wo es wolle, Lebewohl sagen.« »Nein, nicht Lebewohl, bleiben Sie noch ein wenig bei mir. Ich fange an mich zu fürchten und ich stehe so allein.« Bei diesen Worten legte der Knabe, der bisher bei der leisesten Berührung Kenelm's scheu zurückgewichen war, seinen Arm in den Kenelm's und schmiegte sich zärtlich an ihn. Ich weiß nicht, was meine Leser bisher von Kenelm Chillingly gedacht haben; ich kann ihnen aber versichern, daß es bei all seiner krausen Grillenhaftigkeit 143 ein untrügliches Mittel gab, sich den Weg zu seinem Herzen zu bahnen. Man brauchte nur schwächer als er zu sein und ihn um seinen Schutz zu bitten. Er wandte sich plötzlich um, vergaß ganz die Eigenthümlichkeit seiner Lage und erwiderte: »Du kleines Ungeheuer, ich will gehängt werden, wenn ich Dich verlasse; aber ein wenig Mitleid müssen wir auch mit dem Gaul haben; um seinetwillen sage mir, wo wir Halt machen sollen.« »Das weiß ich wahrhaftig nicht; ich bin noch nie hier gewesen. Lassen Sie uns in einem respektablen ruhigen Gasthof einkehren. Fahren Sie langsam; wir wollen uns nach einem umsehen.« Tor-Hadham war eine große Stadt, zwar nicht dem Namen nach die Hauptstadt der Grafschaft, wohl aber factisch durch die Bedeutung ihres gewerblichen Verkehrs und des regen in ihr herrschenden Lebens. Die grade Straße, durch welche der Gaul so langsam dahinschritt, als zöge er einen Triumphwagen durch die via sacra , bot ein bewegtes Bild dar. Die Läden hatten elegante Schaufenster mit Spiegelglasscheiben; auf der Straße war ein lebhaftes, nicht nur geschäftliches, sondern auch vergnügliches Treiben, denn ein großer Theil der Vorübergehenden bestand aus elegant gekleideten, zum guten Theil jungen und nicht wenigen 144 hübschen Vertreterinnen des schönen Geschlechts. Erst vor zwei Tagen war ein Regiment Husaren in die Stadt gelegt, und zwischen den Offizieren dieses glücklichen Regiments und dem schönen Geschlecht in dieser gastlichen Stadt bestand ein natürlicher Wetteifer, wer von beiden dem anderen tiefere Wunden beibringen werde. Die Ankunft dieser Helden, deren Beruf es mit sich bringt, daß sie überall die feindlich gesinnte Bevölkerung vermindern und die freundliche vermehren, gab den jungen Leuten der Gesellschaft, die gern gemeinschaftliche Vergnügungen arrangirten, einen neuen Anstoß zur Veranstaltung von Bogenschießen, Büchsenschießen, Concerten und Bällen, die sämmtlich auf Anschlagszetteln angekündigt wurden, welche an die Mauern geklebt und in den Schaufenstern aufgehängt waren. Der Junge blickte vom Wagen eifrig umher und prüfte mit besonderer Aufmerksamkeit diese Anschlagszettel, bis er endlich in großer Aufregung ausrief: »O ich hatte Recht, da ist er!« »Was ist da?« fragte Kenelm. »Der Gasthof?« Sein Begleiter gab ihm keine Antwort, Kenelm aber gewahrte, als er den Augen des Jungen folgte, einen ungeheuren Anschlagszettel. »Morgen den — ten dieses Monats erste Vorstellung in dieser Saison. 145 Richard III., Trauerspiel in fünf Aufzügen von Shakespeare. Richard III.: Herr Compton als Gast.« »Fragen Sie doch einmal, wo das Theater ist«, flüsterte ihm der Knabe mit abgewandtem Gesichte zu. Kenelm hielt an, erkundigte sich und erhielt die Weisung, in die erste Straße rechts einzubiegen. Einige Minuten später präsentirte sich ihnen der Portikus eines häßlichen, verfallenen, dem Dienst der dramatischen Musen gewidmeten Gebäudes an der Ecke eines trübseligen, verlassenen Gäßchens. Die Mauern waren mit Theaterzetteln bedeckt, auf welchen der Name Compton in gigantischen Lettern prangte. Der Knabe seufzte. »Jetzt«, sagte er, »lassen Sie uns einen hier in der Nähe belegenen Gasthof aufsuchen.« Außer einigen kleinen Schenken von zweifelhaftem Aussehen wollte sich indessen kein Gasthof finden, bis sich endlich in ziemlicher Entfernung vom Theater und auf einem sauberen, altmodischen, menschenleeren Platz ein schmuckes, frisch geweißtes Haus zeigte, über dessen Thür sich auf einem Schilde in großen, schwarzen, finsterblickenden Lettern das Wort Mäßigkeitshotel befand. »Halt«, sagte der Junge, »glauben Sie nicht, daß das für uns passen würde? Es sieht ruhig aus.« »Es könnte nicht ruhiger aussehen, wenn es ein Grab wäre«, erwiderte Kenelm. 146 Der Junge griff in die Zügel und brachte den Gaul zum Stehen. Der Gaul war in einem Zustande, daß die leiseste Berührung hinreichte, ihn zum Stehen zu bringen, wiewohl er den Kopf mit einer etwas kläglichen Geberde umdrehte, als ob er zweifle, ob auch die Gewährung von Heu und Korn sich mit dem Reglement eines Mäßigkeitshotels vertrage. Kenelm stieg ab und ging ins Haus. Eine sauber gekleidete Frau erschien hinter einer Art von Gläserschrank, welcher den Schenktisch bildete, sofern man bei diesem Ausdruck von den herzerfreuenden Getränken absieht, welche von dem beau idéal eines Schenktisches unzertrennlich sind und sich an deren Stelle zwei große Karaffen mit kaltem Wasser und Wassergläsern à discretion , sowie verschiedene zinnerne Teller mit dünnem Biscuit und Sandtorte hinzudenkt. Diese sauber gekleidete Frau fragte ihn höflich, was ihm zu Befehl stehe. »Befehl«, antwortete Kenelm mit seinem gewöhnlichen Ernst, »ist nicht der Ausdruck, den ich selbst gewählt haben würde; aber mein Pferd, ich meine das Pferd da draußen, würden Sie durch einen Platz im Stall und ein Bündel Hafer und den jungen Herrn dort und mich durch ein Zimmer und ein Mittagessen zu lebhaftem Danke verpflichten.« »Mittagessen!« wiederholte die Wirthin, »Mittagessen.« 147 »Ich bitte tausendmal um Verzeihung, Madame, aber wenn das Wort Mittagessen Sie choquirt, so nehme ich es zurück und sage statt dessen: etwas zu essen und zu trinken.« »Zu trinken? Dies ist nur ein Mäßigkeitshotel, mein Herr.« »O, wenn hier nicht gegessen und getrunken wird«, rief Kenelm grimmig, denn er war entsetzlich hungrig, »so empfehle ich mich Ihnen.« »Warten Sie doch, Herr! Allerdings wird hier gegessen und getrunken, aber wir sind sehr einfache Leute, wir erlauben keine geistigen Getränke.« »Auch nicht ein Glas Bier?« »Nur Gingerbeer. Alcohol ist streng untersagt; wir haben Thee, Kaffee und Milch, aber die meisten unserer Gäste ziehen reines Wasser vor. Mit Speisen können wir allen bescheidenen Ansprüchen genügen.« Kenelm schüttelte den Kopf und wollte eben wieder fortgehen, als der Knabe, der vom Wagen gesprungen. war und die Unterhaltung mit angehört hatte, ungestüm ausrief: »Was soll das heißen? Wer verlangt hier geistige Getränke? Wasser genügt uns vollkommen. Und was das Essen anlangt, so geben Sie uns, was Sie haben, Madame, geben Sie uns ein Zimmer, ich bin so müde.« Die letzten Worte sprach er in 148 einem einschmeichelnd bittenden Ton und so allerliebst, daß die Wirthin ihrerseits sofort ihren Ton änderte und indem sie vor sich hin murmelte: »Der arme Junge«, und noch leiser: »Was er für ein hübsches Gesicht hat«, ihm zunickte und auf einer sehr sauberen altmodischen Treppe voranging. »Aber wohin sollen wir mit dem Pferde und dem Gig?« fragte Kenelm, welchem bei dem Gedanken, wie übel dem Pferde und seinem Herrn mitgespielt sei, das Gewissen schlug. »O, für das Pferd und das Gig, Herr, finden Sie etwas weiterhin in Jukes' Miethstall Platz. Wir selbst haben kein Gelaß für Pferde, unsere Kunden halten selten welche; aber Sie finden die beste Unterkunft bei Jukes. Kenelm führte das Pferd nach dem so empfohlenen Miethstall und blieb dort, bis das Tier zum Abkühlen herumgeführt, gut abgerieben und vor einem halben Bündel Hafer behaglich etablirt war; denn Kenelm Chillingly war ein gegen die Thiere human gesinnter Mensch. Dann kehrte er mit einem riesigen Appetit nach dem Mäßigkeitshotel zurück und wurde hier in ein kleines Zimmer geführt, auf dessen Fußboden in der Mitte ein Stückchen Teppich lag, in welchem sechs kleine Rohrstühle standen und an dessen 149 Wänden Kupferstiche hingen, welche die mannichfachen Wirkungen berauschender Getränke auf verschiedene menschliche Individuen darstellten, von denen einige Gespenstern, andere bösen Geistern glichen und die sämmtlich jämmerlich heruntergekommen aussahen, während im schärfsten Contrast damit sich auf anderen Blättern glückliche Familien, lächelnde Mütter, behäbige Väter und rosige Kinder als Exemplification des glückseligen Zustandes der Mitglieder des Mäßigkeitsvereins zeigten. Indessen zog ein Tisch mit einem fleckenlosen Tischtuch und zwei Gedecken vor allem Kenelm's Aufmerksamkeit auf sich. Der Knabe stand am Fenster und betrachtete sich anscheinend ein kleines, vor demselben stehendes Aquarium, das die gewöhnliche Gesellschaft von kleinen Fischen, Würmern und Insekten enthielt, welche sich der Genüsse der Mäßigkeit in dem eigentlichen Elemente derselben, natürlich nebst einer gelegentlichen gegenseitigen Verzehrung, erfreuten. »Was werden sie uns zu essen geben?« fragte Kenelm. »Es müßte nachgrade jetzt fertig sein.« Mit diesen Worten zog er heftig an der Glocke. Der Junge trat vom Fenster zurück, und dabei frappirte Kenelm die Anmuth seiner Tournüre und sein Gesicht, das ohne Hut sehr viel hübscher aussah und 150 dessen durch Ruhe und frisches Wasser von Hitze und Staub befreiter zarter Teint jetzt erst recht sichtbar wurde. Es war ein außerordentlich hübscher Junge, der, einmal zum Manne herangewachsen, gewiß viele Frauenherzen erobern würde. Mit einer gewissen Miene anmuthiger Ueberlegenheit, wie sie ein höherer Rang, es wäre denn ein königlicher, selten verbürgt und wie sie vor allem dem höheren Alter gut steht, trat dieser junge Mensch an den vornehmen Erben der Chillinglys heran, reichte ihm die Hand und sagte: »Mein Herr, Sie haben sich außerordentlich gut gegen mich benommen und ich sage Ihnen meinen herzlichen Dank dafür.« »Ew. königliche Hoheit sind äußerst gnädig«, erwiderte Kenelm Chillingly mit einer tiefen Verbeugung; »aber haben Sie das Mittagessen beordert? Und was werden wir bekommen? Auf das Klingeln scheint hier niemand zu hören; da es ein Mäßigkeitshotel ist, sind wahrscheinlich alle Dienstboten betrunken.« »Warum sollen sie denn in einem Mäßigkeitshotel betrunken sein?« »Warum? Weil man ganz allgemein behaupten kann, daß Leute die sich öffentlich das Ansehen von etwas geben, in Wahrheit das Gegentheil von dem sind, was zu sein sie vorgeben. Ein Mann, der sich für einen Frommen ausgibt, ist sicherlich ein 151 Sünder, und ein Mann, der sich rühmt, ein Sünder zu sein, hat sicherlich ein Stückchen schwachen, weinerlichen, greinenden Frömmlerthums an sich. Männliche Rechtschaffenheit, gleichviel ob sie mit Frömmigkeit oder Sündhaftigkeit gepaart ist, etikettirt sich weder als Frömmigkeit noch als Sündhaftigkeit. Stelle Dir vor, daß der heilige Augustinus sich selbst als Frommen oder daß Robert Burns sich als Sünder bezeichnet hätte, und Du kannst es mir aufs Wort glauben, mein Junge, obgleich Du die Gedichte von Robert Burns wahrscheinlich und die Bekenntnisse des heiligen Augustinus gewiß nicht gelesen hast, daß diese beiden Leute sehr brave Burschen waren; und bei etwas anderer Erziehung und Erfahrung hätte Burns die Bekenntnisse und Augustinus die Gedichte geschrieben haben können. – Ihr himmlischen Mächte, ich sterbe vor Hunger! Was hast Du uns zu essen bestellt und wann kommt es?« Der Junge, der schon, als sein langer Begleiter in groben Beinkleidern und buntem Halstuch so patronisirend von Robert Burns und dem heiligen Augustinus sprach, seine großen nußbraunen Augen ungeheuer weit geöffnet hatte, antwortete jetzt mit einer etwas beschämten, gleichsam Abbitte thuenden Miene: »Es thut mir leid, aber ich habe nicht an das Mittagessen gedacht. 152 Ich habe nicht so viel Rücksicht auf Sie genommen, wie ich wohl hätte nehmen sollen. Die Wirthin fragte mich, was wir haben wollten. Ich sagte: »Was Sie wollen und die Wirthin murmelte etwas von« – Hier zögerte der Junge. »Nun, von was? Von Hammelcoteletts?« »Nein. Von Blumenkohl und Reispudding.« Kenelm Chillingly fluchte nie und gerieth nie in Wuth. Wo menschliche Wesen von gröberem Stoff fluchten oder in Wuth geriethen, machte er seinem Unmuth in einem so pathetisch-melancholischen und trübseligen Gesichtsausdruck Luft, daß es das Herz eines hyrkanischen Tigers hätte erweichen müssen. Mit einem solchen Gesicht sah er jetzt den Jungen an und sank, indem er vor sich hin murmelte: »Blumenkohl! Hungertod!« auf einen der Rohrstühle und fügte ruhig hinzu: »Da baue einer auf menschliche Dankbarkeit!« Der Junge fühlte sich offenbar durch die bittere Milde dieses Vorwurfs ins tiefste Herz getroffen. Mit fast vor Thränen erstickter Stimme stammelte er: »Bitte, verzeihen Sie mir, ich war undankbar. Ich will hinunterlaufen und sehen, was es gibt«; indem er dem Worte die That folgen ließ, verschwand er. Kenelm blieb regungslos auf seinem Stuhle sitzen; er war in eine jener Träumereien oder vielmehr 153 Vertiefungen des inneren und geistigen Seins versunken, in welchen sich, wie man sagt, das Bewußtsein des indischen Derwisches infolge verlängerten Fastens concentriren kann. Der Appetit aller Männer von kräftiger Muskulatur ist viel zu stark, als daß irgend welche Quantität von Blumenkohl und Reispudding ihn befriedigen könnte. Einen Beleg dafür liefert Hercules selbst, dessen Verlangen nach substantieller Nahrung den classischen Poeten einen unerschöpflichen Stoff zu Scherzen bot. Ich will zwar nicht behaupten, daß Kenelm Chillingly den thebanischen Hercules im Kampfe oder im Essen besiegt haben würde; aber sicher ist, daß, wenn er sehr kampflustig oder sehr hungrig war, Hercules des Aufgebotes seiner ganzen Kraft bedurft haben würde, um es mit ihm aufzunehmen. Nach einer Abwesenheit von zehn Minuten kam der Junge strahlend zurück. Er klopfte Kenelm auf die Schulter und sagte in scherzendem Ton: »Ich habe ein ganzes Rippenstück in Coteletts zerschneiden lassen; dazu bekommen wir den Blumenkohl und einen ungeheuren Reispudding und außerdem noch Eier und Speck. Seien Sie guten Muthes, es wird gleich aufgetragen.« »Ah!« sagte Kenelm. »Es sind gute Leute, sie wollten Sie nicht karg behandeln, aber es scheint, daß die meisten ihrer Kunden 154 von Gemüsen und Mehlspeisen leben. Es gibt hier eine auf das Princip dieser Ernährung gegründete Gesellschaft; die Wirthin sagt, es seien Naturforscher.« Bei dem Worte Naturforscher erwachte in Kenelm die Kampflust wie in einem alten Jäger, wenn der Jagdruf bei der Fuchshetze erschallt. »Naturforscher«, sagte er, »ja, schöne Naturforscher! O, die Ignoranten, die nicht einmal die Structur des menschlichen Zahnes kennen. Siehst Du, mein Junge, wenn von dem gegenwärtigen Menschengeschlecht nichts auf der Welt übrig bliebe, wie es nach der Versicherung einer großen Autorität nächstens einmal der Fall sein wird – und das wird eine famose Aufräumung geben – wenn, sage ich, von dem Menschen nichts übrig bleiben würde, als Fossilien seiner Zähne und seiner Daumen, würde ein Naturforscher der überlegenen Race, welche auf den Menschen folgen wird, aus jenen Ueberresten sofort alle charakteristischen Eigenschaften und die ganze Geschichte des Menschen ersehen können; er würde, wenn er den fossilen Daumen mit den Klauen eines Adlers, den Tatzen eines Tigers und dem Huf eines Pferdes vergliche, sagen, der Besitzer dieses Daumens müsse der Herr über alle Geschöpfe mit Klauen, Tatzen und Hufen gewesen sein. Man kann einwenden, auch das Affengeschlecht habe Daumen. Man vergleiche den Daumen 155 eines Affen mit dem eines Menschen und frage sich, ob wohl der größte Affendaumen die Westminsterabtei hätte erbauen können. Aber selbst die Daumen sind nur ein schwacher Beweis für die Existenz des Menschen im Vergleich mit seinen Zähnen. Sieh Dir einmal seine Zähne an!« Bei diesen Worten sperrte Kenelm den Mund so weit wie irgend möglich auf und präsentirte zwei Halbkreise von Elfenbein, die so unübertrefflich gut zum Kauen eingerichtet waren, daß der größte Zahnkünstler an der Möglichkeit, diese Zähne nachzubilden, verzweifelt sein würde. »Ich sage, sieh Dir seine Zähne an!« Der Junge fuhr unwillkürlich zurück. »Sind das die Zähne eines elenden Blumenkohlfressers? Oder hat der Besitzer menschlicher Zähne sich nur mittels farinöser Nahrung zu dem Range des höchsten Zerstörers der Schöpfung aufgeschwungen? Nein, mein Junge, nein!« fuhr Kenelm fort, indem er den Mund schloß, dabei aber auf das Kind zuging, das bei jedem seiner Schritte weiter nach dem Aquarium hin zurückwich, »nein, der Mensch ist der Herr der Schöpfung, weil er von allen erschaffenen Wesen die größte Mannichfaltigkeit und die größte Anzahl erschaffener Dinge verzehrt. Seine Zähne beweisen, daß der Mensch auf jedem Boden von der heißen bis zur kalten Zone leben kann, weil er alles das, was andere 156 Geschöpfe nicht essen können, essen kann. Das beweist die Formation seiner Zähne. Ein Tiger kann Wild essen, das kann der Mensch auch, aber ein Tiger kann keinen Aal verzehren und der Mensch kann es. Ein Elefant kann Blumenkohl und Reispudding essen, das kann der Mensch auch; aber ein Elefant kann kein Beafsteak essen und der Mensch kann es. In Summa, der Mensch kann überall leben, weil er dank der Formation seiner Zähne alles essen kann!« schloß Kenelm und machte dabei einen ungeheuern Schritt auf den Jungen zu. »Der Mensch ißt, wenn ihm alle übrige Nahrung ausgegangen ist, seinen Nebenmenschen.« »O nein! Sie machen mir bange«, sagte der Junge. »Aha!« fuhr er mit dem heiteren Gefühl der Befreiung fröhlich fort, »da kommen die Hammelcoteletts!« Ein wundervoll sauberes, wohlgewaschenes oder richtiger wohl ausgewaschenes, mittelalterliches Stubenmädchen erschien jetzt mit einer Schüssel in der Hand. Sie stellte die Schüssel auf den Tisch, nahm den Deckel ab und sagte in einem höflichen, wenn auch kalten Ton, wie eine Person, die von Salat und kaltem Wasser lebt: »Es thut der Frau Wirthin leid, daß sie Sie 157 hat warten lassen, aber sie glaubte, Sie wären Vegetarier.« Nachdem Kenelm seinem jungen Freunde ein Hammelcotelett vorgelegt hatte, bediente er sich selbst und erwiderte, ohne eine Miene zu verziehen: »Bestellen Sie der Frau Wirthin, daß, wenn Sie uns nur Gemüse gegeben hätte, ich Sie aufgegessen haben würde. Sagen Sie ihr, daß der Mensch, wenn auch theilweise Grasfresser, doch hauptsächlich Fleischfresser sei. Sagen Sie ihr, daß das Schwein, wenn es auch Kohl und dergleichen frißt, doch, wenn es eines Kindes habhaft werden kann, das Kind frißt. Sagen Sie ihr«, fuhr Kenelm, der jetzt schon bei seinem dritten Cotelett angelangt war, fort, »daß es kein Thier gibt, dessen Verdauungsorgane mit denen des Menschen größere Aehnlichkeit haben als das Schwein. Fragen Sie sie, ob irgend ein kleines Kind im Hause ist, und wenn das der Fall, so würde ich ihr im Interesse des Kindes rathen, uns noch mehr Coteletts zu schicken.« Selbst der schärfste Beobachter konnte selten ganz sicher sein, ob Kenelm Chillingly im Scherz oder im Ernst rede. Das arme Hausmädchen zauderte einen Augenblick und versuchte schwach zu lächeln. Kenelm erhob seine dunklen Augen mit einem unaussprechlich tiefen und traurigen Blick zu ihr und sagte in 158 melancholischem Ton: »Es sollte mir so leid thun um das Kind. Bringen Sie die Coteletts!« Das Stubenmädchen verschwand. Der Knabe legte Messer und Gabel hin und sah Kenelm mit einem durchdringenden und forschenden Blick an. Kenelm legte, ohne auf diesen Blick zu achten, dem Jungen das letzte Cotelett auf seinen Teller. »Nicht mehr«, rief der Junge lebhaft und legte das Cotelett wieder in die Schüssel. »Ich bin fertig, ich habe genug gegessen.« »Junge, Du lügst!« sagte Kenelm. »Du hast nicht genug gehabt, um Leib und Seele zusammenzuhalten. Iß das Cotelett oder ich haue Dich zusammen. Was ich sage, das thue ich auch.« Der Junge fühlte, daß er sich fügen müsse, aß schweigend das Cotelett, sah Kenelm wieder an und dachte bei sich: »Ich bin bange.« In diesem Augenblick trat das Stubenmädchen wieder ein und brachte eine frische Schüssel mit Coteletts und eine andere mit Speck und Eiern, denen bald darauf ein in einer zinnernen Schüssel gebackener Reispudding folgte, der groß genug gewesen wäre, sämmtliche Schüler einer Armenschule zu sättigen. Als die Mahlzeit beendigt war, schien Kenelm die gefährlichen Eigenschaften der fleischfressenden Thiere 159 vergessen zu haben; er streckte träge die Beine von sich und schien so harmlos wiederzukäuen wie das häuslichste grasfressende Thier.« Da sagte der Junge etwas schüchtern: »Darf ich Sie noch um eine Gefälligkeit bitten?« »Soll ich noch einen Onkel zu Boden schlagen oder noch ein Gig und einen Gaul stehlen?« »Nein. Die Sache ist sehr einfach; es handelt sich nur darum, die Adresse eines sich hier aufhaltenden Freundes von mir auszufinden und ihm, wenn Sie ihn aufgefunden haben, ein Billet von mir zu geben.« »Ist die Sache eilig? Nach der Mahlzeit soll man ruhen, sagt das Sprichwort, und Sprichwörter sind so weise, daß niemand ihren Urheber errathen kann. Man hält sie für Bruchstücke der Philosophie der Antediluvianer, die in einem in der Arche Noäh geretteten Paket auf uns gekommen sind.« »So? Wirklich?« fragte der Junge ernsthaft. »Wie interessant! Nein, bei meiner Commission kommt's auf eine Stunde nicht an. Glauben Sie, daß es vor der Sündfluth auch schon Theaterstücke gegeben hat?« »Theaterstücke? Ganz gewiß. Menschen, die tausend oder zweitausend Jahre alt wurden, hatten Zeit, Alles zu erfinden und zu verbessern, und damals konnte ein 160 Theaterstück auch seine rechte Länge haben. Damals wäre es nicht nöthig gewesen, die ganze Geschichte Macbeth's von seiner Jugend bis zu seinem höchsten Alter in einen albernen dreistündigen Aufzug zusammenzudrängen. Bei einer Darstellung dieses interessanten Schotten kann man keinen Zug von echt menschlicher Natur entdecken, weil der Schauspieler auf der Bühne immer erscheint, als wenn er in demselben Alter gestanden hätte, da er Duncan ermordete und da er im Herbste seines Lebens von Macduff gefällt wurde.« »Glauben Sie, daß Macbeth jung war, als er Duncan ermordete?« »Ohne Zweifel. Kein Mensch begeht jemals ein erstes gewaltthätiges Verbrechen wie Mord nach dem dreißigsten Jahre; wenn er früher anfängt, kann er es bis zum höchsten Alter fortsetzen. Aber die Jugend ist die rechte Zeit zum Beginn solcher falschen Berechnungen, welche aus unvernünftigen Hoffnungen und dem Gefühl physischer Stärke hervorgehen. So liest man in den Zeitungen, daß die Männer, die ihre Geliebten ermorden, gewöhnlich in dem Alter von zweiundzwanzig bis sechsundzwanzig Jahren stehen, und Leute, die aus andern Motiven als Liebe, aus Rache, Habsucht oder Ehrgeiz morden, thun das gewöhnlich im Alter von achtundzwanzig Jahren, in Jago's Alter. Mit 161 achtundzwanzig Jahren schließt gewöhnlich die Zeit, wo man sich seiner Mitmenschen energisch entledigt. Preisfechter pflegen nach diesem Alter abzufallen. Ich nehme an, daß Macbeth ungefähr achtundzwanzig Jahre alt war, als er Duncan ermordete, und etwa zwischen vierundfünfzig und sechzig, als er über den Mangel an den Bequemlichkeiten des höheren Alters zu jammern anfing. Aber können die Zuhörer bei einer dreistündigen Aufführung diesen Unterschied jemals begreifen? Oder unternimmt es jemals ein Schauspieler, dem Publikum diesen Unterschied vor Augen zu führen und im ersten Act als achtundzwanzigjährig, im fünften aber als sechzigjährig zu erscheinen?« »Daran habe ich nie gedacht«, sagte der Junge, den diese Bemerkungen offenbar interessirten. »Aber ich habe ›Macbeth‹ nie gesehen. Ich habe ›Richard III.‹ gesehen; ist das nicht hübsch? Schwärmen Sie nicht fürs Theater? Ich schwärme dafür. Ein Schauspieler muß ein köstliches Leben führen!« Kenelm, der bisher mehr mit sich selbst als mit seinem jugendlichen Begleiter gesprochen hatte, wurde jetzt aufmerksam, sah den Jungen mit einem durchdringenden Blick an und sagte: »Ich sehe, Du bist ein Theaternarr. Du bist von Hause weggelaufen, um Schauspieler zu werden, und 162 es sollte mich nicht wundern, wenn dieses Billet, was ich für Dich abgeben soll, an den hiesigen Theaterdirector oder einen von seiner Gesellschaft gerichtet wäre.« Das junge Gesicht, auf welches Kenelm's schwarzes Auge geheftet war, wurde sehr roth, nahm aber einen sehr festen und mißtrauischen Ausdruck an. »Und wenn dem so wäre, würden Sie dann das Billet nicht abgeben?« »Was! Einem Kinde in Deinem Alter, das von Hause weggelaufen ist, behülflich dazu sein, ohne Erlaubniß seiner Verwandten auf die Bühne zu gehen? Gewiß nicht.« »Ich bin kein Kind; aber das gehört nicht hierher. Ich will keinenfalls ohne Erlaubniß der Person, die ein Recht hat, meine Handlungen zu bestimmen, auf die Bühne gehen. Mein Billet ist nicht an den Theaterdirector und auch nicht an ein Mitglied seiner Gesellschaft, sondern an einen Herrn gerichtet, der die Güte hat, hier einige Male aufzutreten, einen vollkommenen Gentleman, einen großen Schauspieler, meinen Freund, den einzigen Freund, den ich auf der Welt habe. Ich bekenne es offen, ich bin so von Hause weggelaufen, damit er das Billet bekomme, und wenn Sie es ihm nicht geben wollen, so wird es jemand anders thun!« Bei diesen Worten war der Junge aufgesprungen 163 und stand aufrecht neben dem liegenden Kenelm, mit bebenden Lippen, mit thränenerfüllten Augen, aber mit festem und entschlossenem Ausdruck. Offenbar war es nicht Mangel an Willenskraft, wenn es diesem Jungen in der Welt nicht so ging, wie er wollte. »Ich will Dein Billet abgeben«, sagte Kenelm. »Hier ist es; geben Sie es in die Hände dessen, an den es adressirt ist – Herrn Herbert Compton.« 164 Viertes Kapitel. Kenelm ging nach dem Theater und fragte bei dem Thürsteher nach Herrn Herbert Compton. Dieser Beamte erwiderte: »Herr Compton spielt heute Abend nicht und ist auch nicht im Hause.« »Wo wohnt er?« Der Thürsteher deutete auf einen Krämerladen an der gegenüberliegenden Seite der Straße und sagte kurz. »Da – Privateingang – klopfen und klingeln Sie.« Kenelm that, wie ihm geheißen war. Ein unordentlich aussehendes Dienstmädchen öffnete die Thür und antwortete auf seine Frage, daß Herr Compton zu Hause, aber beim Abendessen sei. »Es thut mir leid, wenn ich ihn störe«, sagte Kenelm mit erhobener Stimme, denn er hörte in einem an der linken Seite 165 des Vorplatzes liegenden Zimmer ein Geklapper von Messern und Tellern; »aber ich muß ihn sogleich in Geschäften sprechen«, und bei diesen Worten schob er das Mädchen beiseite und trat ohne weiteres in den anstoßenden Speisesaal. Vor einem saftigen, stark nach Zwiebeln riechenden geschmorten Stück Fleisch saß in sehr bequemer Haltung in Hemdsärmeln und ohne Halstuch ein sehr hübscher Mann mit kurz geschnittenem Haar und glatt rasirtem Gesicht, wie es sich für einen Schauspieler ziemt, der Perrücken und Bärte in allen Farben und Formen zu seiner Verfügung hat. Der Mann war nicht allein; ihm gegenüber saß eine vielleicht einige Jahre jüngere Dame mit etwas verblühtem Teint, aber noch hübsch, mit einem recht für die Bühne passenden Ausdruck und einem Kopf voll blonder Locken. »Ich habe wohl die Ehre, Herrn Compton vor mir zu sehen«, sagte Kenelm mit einer feierlichen Verbeugung. »Ich heiße Compton; haben Sie mir etwas vom Theater zu bestellen oder was wünschen Sie von mir?« »Ich? Nichts!« erwiderte Kenelm und fuhr dann, indem er seine von Natur schon so melancholisch klingende Stimme noch tiefer sinken ließ, in einem 166 bedeutungsvoll tragischen Tone fort: »Wer etwas von Ihnen wünscht, das mögen Sie aus diesem hier ersehen.« Mit diesen Worten legte er den Brief, mit dessen Uebergabe er betraut war, in Herrn Compton's Hände und fügte dann mit gesenkten Armen und gefalteten Händen in der Stellung Talma's als Julius Cäsar noch hinzu: Qu'en dis-tu, Brute? « War es das finstere Aussehen und die ehrfurchtgebietende Redeweise oder die ὑπόκρισις des Boten oder der Anblick der Handschrift auf der Adresse des Briefes, Herrn Compton's Gesicht nahm plötzlich eine betroffene Miene an und seine Hand schien unentschlossen, als wage sie es nicht, den Brief zu öffnen. »Nimm doch keine Rücksicht auf mich, lieber Freund!« sagte die Dame mit den blonden Locken in einem Tone sauersüßer Freundlichkeit. »Lies doch Dein Billetdoux; laß den jungen Mann nicht warten, mein Engel« »Unsinn, Mathilde, Unsinn! Ein schönes Billetdoux. Wahrscheinlich eine Rechnung vom Schneider Dux. Entschuldige mich einen Augenblick, liebes Kind; folgen Sie mir, mein Herr!« Mit diesen Worten stand er, noch immer in Hemdsärmeln, auf, verließ das Zimmer, ging Kenelm voran über den Vorplatz in ein an der gegenüberliegenden Seite desselben 167 liegendes kleines Zimmer und überflog hier bei dem Licht einer von der Decke herabhängenden Gaslampe rasch den, wie es schien, sehr kurzen Brief, der ihm gleichwohl verschiedene Ausrufe entlockte. »Guter Gott! Wie entsetzlich albern! Was ist dabei zu machen?« Dann steckte er den Brief in die Hosentasche und heftete auf Kenelm ein Paar glänzend schwarze Augen, die er aber bald vor dem festen Blick dieses mürrischen Abenteurers wieder senken mußte. »Sind Sie im Vertrauen der Person, welche diesen Brief geschrieben hat?« fragte Herr Compton in einiger Verwirrung. »Ich bin nicht der Vertraute dieser Person«, antwortete Kenelm, »aber augenblicklich bin ich ihr Beschützer.« »Beschützer?« »Beschützer.« Herr Compton maß den Boten abermals mit den Blicken; er wurde, als ihm jetzt die gladiatorenhaft entwickelten Körperformen dieses dunkeln Fremden klar vor die Augen traten, bedeutend bleicher und wich unwillkürlich in der Richtung des Glockenzuges zurück. »Nach einer kurzen Pause sagte er: »Ich werde hier gebeten, die fragliche Person zu besuchen. Darf ich darauf rechnen, daß, wenn ich dieser Aufforderung 168 Folge leiste, die Zusammenkunft ohne alle Zeugen stattfinden wird?« »Soweit es auf mich ankommt, ja, unter der Bedingung, daß kein Versuch gemacht wird, die Person aus dem Hause zu entfernen.« »Gewiß nicht, gewiß nicht! Ganz im Gegentheil!« rief Herr Compton mit ungekünstelter Emphase. »Ich will also in einer halben Stunde kommen.« »Ich will Ihre Bestellung ausrichten«, sagte Kenelm mit einer leichten, aber höflichen Verbeugung; »und verzeihen Sie mir, wenn ich Sie daran erinnere, daß ich mich den Beschützer der fraglichen Person genannt habe und daß, wenn die Jugend und Unerfahrenheit dieser Person im mindesten gemißbraucht oder Plänen einer Entführung von Haus und Familie die leiseste Ermunterung zu Theil würde, das Theater eine ihrer Zierden verlieren und Herbert Compton von der Bühne verschwinden würde.« Mit diesen Worten verließ Kenelm den Schauspieler, der wie versteinert stehen blieb. Als er zur Hausthür hinausging, rannte ein Bursche mit einer Hutschachtel so gegen ihn an, daß er beinahe umfiel. »Dummer Kerl!« schrie der Bursche. »Können Sie nicht sehen, wo Sie hintreten? Geben Sie das an Frau Compton.« 169 »Ich würde die Bezeichnung, mit der Sie mich beehren, verdienen, wenn ich den Dienst, für den Sie bezahlt werden, umsonst leisten wollte«, erwiderte Kenelm und ging seines Weges. 170 Fünftes Kapitel. »Ich habe meinen Auftrag ausgerichtet«, sagte Kenelm, als er zu seinem Reisegefährten zurückkehrte. »Herr Compton läßt Dir sagen, er werde in einer halben Stunde hier sein.« »Haben Sie ihn gesprochen?« »Natürlich; ich versprach ja, Deinen Brief nur ihm selbst zu übergeben.« »War er allein?« »Nein, er war beim Abendessen mit seiner Frau.« »Seiner Frau? Was wollen Sie damit sagen? Er hat keine Frau.« »Der Schein trügt. Er war wenigstens mit einer Dame zusammen, die ihn in einem so hämischen Ton ›lieber Freund‹ und ›mein Engel‹ nannte, als wenn sie seine Frau wäre, und als ich aus der Hausthür trat, 171 sagte mir ein Bursche, der mich anrannte, ich möge eine Hutschachtel an Frau Compton geben.« Der Junge wurde todtenbleich, schwankte ein paar Schritte zurück und sank in einen Stuhl. Das bestärkte Kenelm in einem Verdacht, der bereits während seiner Abwesenheit in seinem forschenden Geiste aufgetaucht war. Sachte trat er auf den ihm vom Schicksal aufgedrängten Genossen zu, rückte sich einen Stuhl heran und flüsterte ihm leise zu: »So geberdet sich kein Knabe. Wenn Sie betrogen oder mißleitet sind und ich Ihnen irgendwie rathen oder helfen kann, so rechnen Sie auf mich, wie Frauen unter solchen Umständen auf Männer von Ehre rechnen dürfen.« Der Junge sprang auf und durchmaß das Zimmer mit schwankenden Schritten, während sich auf seinem Gesichte ein Kampf der Leidenschaften, den er vergebens zu verbergen suchte, spiegelte. Plötzlich stand er still, ergriff Kenelm's Hand, drückte sie krampfhaft und sagte mit einer fast von Thränen erstickten Stimme: »Ich danke Ihnen, Gott segne Sie. Aber jetzt lassen Sie mich, bitte, allein. Ich muß auch allein sein, wenn ich mit diesem Manne spreche. Vielleicht, daß doch noch ein Mißverständniß obwaltet. Gehen Sie.« 172 »Versprechen Sie mir, das Haus nicht zu verlassen, bis ich zurückkomme?« »Ja, das verspreche ich Ihnen.« »Und wenn die Sache sich verhält, wie ich fürchte, wollen Sie sich dann von mir rathen lassen?« »Der Himmel sei mir gnädig, wenn es sich so verhält! Wem anders sollte ich mich dann wohl anvertrauen? Gehen Sie, gehen Sie!« Kenelm war gleich darauf wieder auf der Straße, wo sich das Licht der Gaslaternen mit dem Schein des in der Sommernacht leuchtenden Mondes vermischte. Er ging mechanisch weiter, bis er an das Ende der Stadt gelangte. Hier machte er Halt, setzte sich auf einen Meilenstein und überließ sich folgenden Betrachtungen: »Mein lieber Kenelm, du bist in einer noch schlimmeren Patsche, als in der ich dich vor einer Stunde glaubte. Du hast dir jetzt offenbar ein Weib aufgeladen. Was in aller Welt willst du mit ihr anfangen? Ein entlaufenes Weib, das – so wunderlich und widersprechend geht es im menschlichen Leben her – in der Absicht, mit einem Andern davonzulaufen, statt dessen mit dir davongelaufen ist. Welcher Sterbliche kann darauf hoffen, ungefährdet durchs Leben zu gehen? Nichts lag mir, als ich diesen Morgen aufstand, ferner, als daß mich, bevor der Tag zu Ende ginge, das 173 andere Geschlecht in irgend welche Ungelegenheit bringen könne. Wenn ich Anlage hätte, mich zu verlieben, so könnten die Parzen berechtigt erscheinen, mich in diese Falle zu locken, so aber haben diese sich in Alles mischenden alten Jungfern dazu durchaus kein Recht. Mein lieber Kenelm, glaubst du, du könntest dich je verlieben? Und wenn du dich verliebtest, glaubst du, du könntest dich noch mehr zum Narren machen, als du es schon jetzt thust?« Kenelm war in der mit sich selbst gehaltenen Berathung noch nicht zu einer Entscheidung über diese verwickelte Frage gelangt, als die Klänge einer sanften Musik an sein Ohr drangen. Es waren nur die Töne eines Saiteninstruments, die vielleicht dünn und klimperig geklungen haben würden, wenn nicht die Nacht so still gewesen und der Musik jene eigenthümliche Fülle verliehen hätte, die sie gewinnt, wenn sie in vollkommen ruhiger Luft erschallt. Im nächsten Augenblick ließ sich aus der Ferne eine das Instrument begleitende Singstimme vernehmen. Es war eine volle schöne Männerstimme, aber die Worte blieben Kenelm unverständlich. Unwillkürlich ging er der Richtung nach, von welcher her die Töne erklangen; denn Kenelm Chillingly hatte eine für Musik empfängliche Seele, wenn er es auch selbst nicht recht wußte. Er kam an 174 einen Rasenplatz, auf welchem eine einsame Ulme und darunter eine Ruhebank für Wanderer stand. Diesen Rasenplatz umgaben in einem weiten Halbkreise theils Läden, theils der Kaffeegarten eines hübschen ländlichen Wirthshauses. An den zerstreut im Garten stehenden Tischen saßen in Gruppen ruhige Gäste, die offenbar der Klasse kleiner Ladeninhaber und besserer Handwerker angehörten. Sie sahen höchst anständig und respektabel aus und hörten der Musik mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Das thaten auch viele, die vor den Thüren ihrer Läden standen oder an den offenen Fenstern der oberen Stockwerke saßen. Auf dem Rasen, ein wenig vor dem Ruhesitz, aber noch unter dem Schatten des Baumes, stand der Musikus und in diesem Musikus erkannte Kenelm den Wanderer, durch dessen Unterhaltung die Lust zu seiner Fußwanderung, die ihn schon jetzt in eine so unangenehme Lage gebracht hatte, in ihm geweckt worden war. Das Instrument, auf welchem der Sänger sich begleitete, war eine Guitarre, und was er sang, war offenbar ein Liebeslied, obgleich Kenelm den eigentlichen Sinn des Liedes, das eben zu Ende ging, nicht vollständig erfassen konnte. Aber er hörte genug, um zu gewahren, daß die Worte wenigstens von jener Plattheit, welche Straßenliedern gewöhnlich anhaftet, frei und 175 doch einfach genug waren, um einer sehr anspruchslosen Zuhörerschaft zu gefallen. Als der Sänger geschlossen hatte, erschallten keine Beifallsrufe; aber die Zuhörer waren ersichtlich von einem Gefühl bewegt, wie es uns ergreift, wenn etwas, was allgemeine Freude erregt hat, plötzlich aufhört. Jetzt trat auf einmal der weiße Spitz, der sich bisher unter der Ruhebank verborgen gehalten hatte, mit einem kleinen zinnernen Teller zwischen den Zähnen vor, näherte sich, nachdem er sich nachdenklich umgesehen hatte, als ob er sich überlege, wem von den Zuhörern er die Ehre erweisen wolle, den ersten Beitrag zu der allgemeinen Sammlung spenden zu dürfen, mit ernster Miene Kenelm, setzte sich auf seine Hinterbeine, starrte ihn an und präsentirte ihm den Teller. Kenelm warf einen Schilling darauf und der Hund ging mit dankbarem Blick seines Weges weiter nach dem Kaffeegarten. Kenelm trat auf den Sänger zu, zog den Hut vor ihm – denn er war auf seine Weise ein sehr höflicher Mann – und sagte, indem er sicher darauf rechnete, daß der Fremde, dem er nur einmal in seinem Leben begegnet war, ihn in seiner veränderten Kleidung nicht wiedererkennen würde: »Schön nach dem Wenigen, was ich gehört habe, 176 zu urtheilen, singen Sie sehr gut, mein Herr. Darf ich fragen, von wem die Worte sind?« »Sie sind von mir«, antwortete der Sänger. »Und die Melodie?« »Auch von mir.« »Ich mache Ihnen mein Compliment; ich hoffe, Sie finden bei diesen Manifestationen Ihres Genius Ihre Rechnung.« Der Sänger, der bisher nur den bäurischen Anzug des Fragenden eines flüchtigen Blickes gewürdigt hatte, heftete jetzt seine Augen fest auf Kenelm und sagte lächelnd: »Ihre Stimme verräth Sie, Herr, wir sind uns schon einmal begegnet.« »Allerdings, aber damals habe ich Ihre Guitarre nicht bemerkt und, obgleich ich Ihr poetisches Talent kennen lernte, nicht vermuthet, daß Sie sich dieser primitiven Methode, dasselbe zur Geltung zu bringen, bedienen.« »So wenig, wie ich voraussah, daß ich das Vergnügen haben würde, Ihnen noch einmal in der Gestalt eines Bauerburschen zu begegnen. Pst! Lassen Sie uns jeder des anderen Geheimniß bewahren. Ich bin hier in der Gegend unter dem Namen des wandernden Troubadours bekannt.« »In der Eigenschaft eines Troubadours rede ich 177 Sie an. Wenn meine Frage nicht unbescheiden ist, kennen Sie auch Lieder, welche die Sache von der entgegengesetzten Seite auffassen?« »Welche Sache? Ich verstehe Sie nicht, mein Herr.« »Das Lied, das Sie vorhin sangen, schien zum Lobe jenes Liebe genannten Scheinwesens gedichtet zu sein. Glauben Sie nicht, daß Sie etwas sagen könnten, was neuer und wahrer wäre, wenn Sie diese Abirrung von der Vernunft mit der gebührenden Verachtung behandelten?« »Nicht, wenn ich mir meine Reisekosten damit verdienen will.« »Wie, ist denn die Thorheit so populär?« »Sagt Ihnen das nicht Ihr eigenes Herz?« »Nicht im mindesten, eher das Gegentheil. Ihre Zuhörer da scheinen Leute zu sein, die von ihrer Hände Arbeit leben und daher wenig Zeit für ein solches müßiges Spiel der Phantasie haben können; denn wie Ovid, ein Dichter, der über diese Dinge viel geschrieben und sich der vertrautesten Bekanntschaft mit ihnen gerühmt hat, treffend bemerkt: Müßiggang ist aller Liebe Anfang. Können Sie nicht etwas zum Lobe eines guten Mittagessens singen? Jeder Mensch, der stark arbeitet, erfreut sich eines guten Appetits.« 178 Der Sänger sah Kenelm wieder mit einem forschenden Blicke an, war aber, als er in dem ernsten Gesicht, das er vor sich hatte. nicht die leiseste Spur von Humor entdeckte, in einiger Verlegenheit, was er antworten solle, und schwieg deshalb. »Ich sehe«, nahm Kenelm wieder auf, »daß meine Bemerkungen Sie überraschen, sie werden das aber nicht mehr thun, wenn Sie etwas mehr darüber nachdenken. Ein anderer, mehr als Ovid reflectirender Dichter hat gesagt, die Welt werde durch Liebe und Hunger regiert. Aber dem Hunger fällt unzweifelhaft der Löwenantheil an dieser Regierung zu. Und wenn ein Dichter das, was er sich zur Aufgabe macht, nämlich die Natur wiederzugeben, wirklich ausführen will, so müßten sich seine Verse zum größeren Theil mit dem Magen beschäftigen.« Bei diesen Worten legte Kenelm, den sein Gegenstand zu erwärmen anfing, seine Hand vertraulich auf die Schulter des Sängers und seine Stimme nahm einen nahezu enthusiastischen Ton an. »Sie werden mir zugeben, daß ein Mensch, der sich eines normalen Gesundheitszustandes erfreut, sich nicht jeden Tag verliebt, während er bei normalem Gesundheitszustande jeden Tag hungrig ist. Ja, in jenen jungen Jahren, in welchen der Mensch, wie Ihr Dichter behauptet, für die Liebe am empfänglichsten 179 sein soll, ist er so entschieden zum Hunger geneigt, daß kaum weniger als drei Mahlzeiten täglich hinreichen, seinen Appetit zu befriedigen. Sie können einen Menschen Monate lang, Jahre lang, ja sein Leben lang, von seiner ersten Kindheit an bis zu dem höchsten Alter, welches er nach Cornwall Lewes erreichen kann, einsperren, ohne ihm die Möglichkeit zu geben, sich jemals zu verlieben. Aber wenn Sie ihn auch nur eine Woche lang einsperren, ohne ihm Nahrung zu reichen, so finden Sie ihn am letzten Tage der Woche mausetodt.« Nach diesen Worten sank der Sänger, der Schritt für Schritt vor dem stürmisch andrängenden Redner zurückgewichen war, auf die Bank unter der Ulme und sagte pathetisch: »Mein Herr, ich muß vor Ihren Argumenten die Segel streichen. Wollen Sie nun gefälligst aus Ihren Prämissen den Schluß ziehen?« »Mein Schluß ist einfach dieser, daß auf ein menschliches Wesen, welches sich um Liebe kümmert, tausend kommen, welche für die Reize eines Mittagessens empfänglich sind, und wenn Sie der populäre Minnesänger oder Troubadour des Tages sein wollen, so appelliren Sie an die Natur. Lassen Sie alle die abgenutzten Phrasen von rosigen Wangen beiseite und rühren Sie die Saiten ihrer Leier zu einem Loblied auf das Beefsteak.« 180 Der Hund, der schon seit einigen Minuten an die Seite seines Herrn zurückgekehrt war und, seinen mit Kupfermünzen wohlgefüllten Teller zwischen den Zähnen, auf seinen Hinterbeinen saß, ließ jetzt, mit Recht ungehalten über die Unaufmerksamkeit, die ihn so lange in seiner künstlichen Stellung zu verharren zwang, den Teller fallen und knurrte Kenelm an. In demselben Augenblicke machten sich Zeichen der Ungeduld unter den Zuhörern im Kaffeegarten bemerklich. Sie wollten für ihr Geld noch ein Lied hören. Der Sänger erhob sich und schickte sich an, dieser Aufforderung zu entsprechen. »Entschuldigen Sie mich, mein Herr, aber ich muß –« »Wieder singen?« »Ja.« »Und von dem von mir vorgeschlagenen Gegenstand?« »Das nun freilich nicht.« »Was, wieder Liebe?« »Ich fürchte, es wird nichts Anderes werden.« »Dann wünsche ich Ihnen einen guten Abend. Sie scheinen ein gut unterrichteter Mann zu sein, desto mehr sollten Sie sich schämen. Vielleicht begegnen wir uns noch einmal wieder auf unseren Streifereien und können dann die Frage gehörig durchdiscutiren.« 181 Kenelm zog den Hut und ging seines Weges. Noch ehe er die Straße erreicht hatte, drang die liebliche Stimme des Sängers wieder an sein Ohr; aber das einzige Wort, das er in der Entfernung unterscheiden konnte, war das am Schluß des Refrains ausklingende Wort »Liebe«. »Paperlapap«, sagte Kenelm. 182 Sechstes Kapitel. Als Kenelm wieder in die Straße einlenkte, in welcher sich das Mäßigkeitshotel befand, huschte eine malerisch in einen spanischen Mantel gehüllte Gestalt eilig an ihm vorüber, aber doch nicht eilig genug, um nicht von ihm als der Tragöde erkannt zu werden. »Hm«, murmelte Kenelm vor sich hin, »eine sehr triumphirende Miene macht der, scheint mir, nicht. Ich fürchte, er hat sich bös herunterkanzeln lassen müssen.« Der Junge, wenn wir Kenelm's Reisebegleiter noch so nennen dürfen, stand an den Kaminsims gelehnt, als Kenelm wieder in das Eßzimmer trat. In der selbstvergessenen Haltung, in den schmachtenden, thränenlosen Augen des Knaben drückte sich eine tiefe Niedergeschlagenheit aus. »Mein liebes Kind«, sagte Kenelm in dem sanftesten 183 Tone seiner melancholischen Stimme, »vertrauen Sie mir nichts an, was Ihnen mitzutheilen peinlich sein könnte. Aber lassen Sie mich hoffen, daß Sie jeden Gedanken, jemals auf die Bühne zu geben, ganz aufgegeben haben.« »Ja«, lautete die kaum hörbare Antwort. »Jetzt bleibt also nur noch die Frage, was sollen nur thun?« »Das weiß ich wirklich nicht, und es kümmert mich auch nicht.« »Dann überlassen Sie es also mir, das zu wissen und mich darum zu kümmern. Nehmen Sie also einen Augenblick als wahr an, was eine der größten Lügen dieser lügnerischen Welt ist, nämlich, daß alle Menschen Brüder sind, und betrachten Sie mich als einen älteren Bruder, der Sie berathen und beaufsichtigen wird, wie er es mit einer unbesonnenen jüngeren Schwester thun würde. Ich kann mir sehr gut denken, wie die Sache zusammenhängt. Sie haben wahrscheinlich Herrn Compton als Romeo oder Richard III. bewundert und haben ihn dann als Herrn Compton kennen gelernt. Er hat Sie zu dem Glauben verleitet, daß er unverheirathet sei, und in einem Augenblick romantischer Schwärmerei sind Sie mit der Absicht, auf die Bühne zu gehen und Frau Compton zu werden, fortgelaufen.« 184 »Ach!« rief das Mädchen – da wir doch nun einmal ihr Geschlecht nicht länger verhehlen können – »ach«, rief sie leidenschaftlich aus, »was für eine Thörin bin ich gewesen! Nur denken Sie nicht schlechter von mir, als ich es verdiene. Der Mann hat mich betrogen; er dachte nicht, daß ich ihn beim Worte nehmen und ihm hierher folgen würde, sonst würde seine Frau sich nicht haben blicken lassen. Ich würde nicht erfahren haben, daß er eine Frau hat und – und –« Hier versagte ihr die Stimme. »Aber jetzt, wo Sie hinter die Wahrheit gekommen sind, lassen Sie uns dem Himmel danken, daß er Sie vor Schande und Elend bewahrte. Ich muß sofort ein Telegramm an Ihren Onkel abschicken, sagen Sie mir seine Adresse.« »Nein, nein.« »Von einem Nein kann hier nicht die Rede sein, mein liebes Kind. Ihr Ruf und Ihre Zukunft müssen gerettet werden. Ueberlassen Sie es mir, Ihrem Onkel Alles zu erklären. Er ist Ihr Vormund; ich muß nach ihm schicken, ja, ja, da gibt es keine Wahl. Wenn Sie mich auch jetzt hassen, weil ich Ihnen Zwang anthue, so werden Sie mir nachher nur desto dankbarer sein. Und lassen Sie sich das gesagt sein, mein junges Fräulein: wenn es Ihnen peinlich ist, 185 Ihren Onkel wiedersehen und seine Vorwürfe anhören zu müssen, jeder Fehler zieht seine Strafe nach sich. Tapfere Naturen unterziehen sich dieser Strafe, mit welcher sie ihre Schuld zum Theil wieder gutzumachen hoffen, mit heiterem Muth. Sie sind tapfer. Ergeben Sie sich in Ihr Schicksal und seien Sie in Ihrer Ergebung getrost.« In Kenelm's Stimme und Wesen lag etwas so Freundliches und zugleich Gebietendes, daß das wunderliche Geschöpf, mit welchem er es hier zu thun hatte, sich ihm gefangen geben mußte. Sie gab ihm die Adresse Ihres Onkels: Herr John Bovill, Oakdale bei Westmere, und heftete dann einen traurigen Blick auf ihren jungen Rathgeber, indem sie in einem pathetischen, aber doch einfachen und traurigen Tone sagte: »Wollen Sie mich nun mehr achten, oder vielmehr, wollen Sie mich weniger verachten?« Sie sah bei diesen Worten so jung, ja, so ganz wie ein Kind aus, daß Kenelm mit einem väterlichen Gefühle die Lust überkam, sie auf seinen Schooß zu ziehen und ihre Thränen wegzuküssen. Aber er drängte diesen Antrieb weislich zurück und sagte mit einem melancholischen Lächeln: »Wenn menschliche Wesen sich einander verachten wollten, weil sie jung und thöricht sind, so könnten wir 186 ja nur wünschen, daß der Zeitpunkt, wo wir von einer höheren Race, die uns auf Erden folgen wird, ausgerottet werden, recht nahe sein möge. Jetzt sage ich Ihnen Lebewohl, bis Ihr Onkel kommt.« »Wie! Sie wollen mich hier allein lassen?« »Ja; meinen Sie nicht, daß Ihr Onkel, wenn er mich jetzt, wo ich weiß, daß Sie seine Nichte sind, unter demselben Dache mit Ihnen fände, ein Recht hätte, mich zum Fenster hinauszuwerfen? Erlauben Sie mir selbst für meinen Theil die Vorsicht zu üben, die ich Ihnen predige. Bitten Sie die Wirthin, Ihnen ein Zimmer anzuweisen, schließen Sie sich ein, gehen Sie zu Bett und weinen Sie nicht mehr, als unerläßlich ist.« Kenelm nahm seinen Tornister, den er in eine Ecke des Zimmers hingelegt hatte, auf den Rücken, erkundigte sich nach dem Telegraphenamt, expedirte ein Telegramm an Herrn Bovill, ließ sich im Commercialhotel ein Zimmer geben und schlief ein, indem er die verständigen Worte vor sich hinmurmelte: »Rochefoucauld hatte vollkommen Recht, als er sagte, sehr wenige Menschen würden sich verlieben, wenn sie nicht so viel davon reden gehört hätten.« 187 Siebentes Kapitel. Kenelm Chillingly stand, wie es seine Gewohnheit war, mit der Sonne auf und begab sich alsbald nach dem Mäßigkeitshotel. In diesem der Mäßigkeit gewidmeten Hause schien noch Alles in Morpheus' Armen zu liegen. Er ging nach dem Miethstall, wo er den grauen Gaul gelassen hatte, und hatte das Vergnügen, dieses Thier, dem gestern so übel mitgespielt war, in dem Moment zu treffen, wo ihm eine gesunde Abreibung zu Theil wurde. »Das ist recht«, sagte er zu dem Stallknecht, »ich freue mich, zu sehen, daß Sie so früh aufstehen.« »Ja«, sagte der Stallknecht, »der Herr, dem das Pony gehört, hat mich heute Morgen um zwei Uhr aufgeklopft und war sehr froh, das Thier wieder auf frischem Stroh liegen zu sehen.« 188 »O, ein dicker Herr, nicht wahr? Er ist wohl im Hotel abgestiegen?« »Ja, dick genug und ein sehr heftiger Herr noch dazu. Er kam in einem gelben Wagen mit zwei Postpferden, klopfte die Leute im Mäßigkeitshotel auf, klopfte dann mich auf, um nach dem Pferde zu sehen, und war sehr böse, daß er im Hotel keinen Grog bekommen konnte.« »Das glaube ich wohl. Ich wollte, er hätte Grog bekommen; es hätte ihn vielleicht in bessere Laune versetzt. Das arme Ding«, murmelte Kenelm im Fortgehen, »ich fürchte, sie kann sich auf eine gehörige Lection gefaßt machen und dann werde ich wohl an die Reihe kommen. Aber er muß doch ein guter Kerl sein, daß er so mitten in der Nacht gleich zu seiner Nichte kommt.« Ungefähr um neun Uhr präsentirte sich Kenelm wieder im Mäßigkeitshotel, fragte nach Herrn Bovill und wurde von dem zimperlichen Hausmädchen in das Wohnzimmer geführt, wo er Herrn Bovill freundschaftlich beim Frühstück mit seiner Nichte sitzend fand, die natürlich noch in Knabenkleidern war, da sie keine andere Garderobe bei sich hatte. Zu Kenelm's großer Beruhigung stand Herr Bovill mit strahlendem Gesicht vom Tische auf, streckte ihm die Hand entgegen und sagte: 189 »Mein Herr, Sie sind ein Gentleman, nehmen Sie Platz; nehmen Sie Platz und frühstücken Sie mit uns.« Und sobald das Hausmädchen das Zimmer verlassen hatte, fuhr der Onkel fort: »Ich habe von diesem jungen Einfaltspinsel gehört, wie gut Sie sich benommen haben. Die Sache hätte schlimmer werden können, mein Herr.« Kenelm verneigte sich und schnitt sich schweigend von dem vor ihm liegenden Brod ein Stück ab. Dann aber überlegte er sich, daß er sich doch wohl bei dem Onkel entschuldigen müsse, und sagte: »Ich hoffe, Sie verzeihen mir mein unglückliches Mißverständniß, daß ich –« »Sie haben mich zu Boden geschlagen oder vielmehr haben mir ein Bein gestellt. Aber jetzt ist Alles in Ordnung. Elsie, gib dem Herrn eine Tasse Thee. Ein allerliebster kleiner Taugenichts, nicht wahr? Und ein gutes Kind trotz ihrer Dummheiten. Es ist meine eigene Schuld, warum habe ich sie ins Theater gehen und mit Fräulein Lockitt, einer närrischen alten Jungfer, die fürs Theater schwärmt und die was Besseres hätte thun sollen, als das Kind zu all dem Unsinn verleiten, vertraulich verkehren lassen.« »Nein, Onkel«, rief das Mädchen in entschlossenem 190 Ton, »Du darfst ihr, Du darfst niemand außer mir die Schuld geben.« Kenelm richtete seine dunkeln Augen wohlgefällig auf das Mädchen und sah, daß sie die Lippen fest geschlossen hatte; ihr Ausdruck trug das Gepräge nicht des Kummers oder der Scham, sondern concentrirter Entschlossenheit. Als aber ihre Augen den seinigen begegneten, nahmen sie plötzlich einen sanften Ausdruck an und sie erröthete bis an die Stirn. »O!« sagte der Onkel, »das sieht Dir recht ähnlich, Elsie, immer bereit, die Schuld anderer Leute auf Deine Schultern zu nehmen. Nun, nun, wir wollen nicht weiter davon reden. Nun, mein junger Freund, was treibt Sie denn dazu, zu Fuß das Land zu durchschweifen? Wie? Eine jugendliche Laune?« Während er das sagte, maß er Kenelm sehr scharf mit dem intelligenten Blick eines Mannes, der gewohnt ist, die Gesichter der Leute, mit denen er sich unterhält, zu beobachten. Herr Bovill war in der That ein so schlauer Geschäftsmann, wie man sie selten an der »Börse« trifft. »Ich reise zu Fuß, weil es mir Vergnügen macht«, antwortete Kenelm, der sich instinctiv zur Behutsamkeit aufgefordert fühlte, kurz. »Natürlich thun Sie's zu Ihrem Vergnügen«, rief 191 Herr Bovill heiter lachend. »Aber wie es scheint, lassen Sie sich auch Wagen und Pferd gefallen, wenn Sie sie umsonst bekommen können. Hahaha! Verzeihen Sie, es ist nur ein Scherz.« Damit brachte Herr Bovill, noch immer in vortrefflicher Laune, die Unterhaltung auf andere Gegenstände, auf Ernteaussichten, Kornhandel, den Geldmarkt im Allgemeinen, Politik und den Zustand der Nation. Kenelm fühlte, daß er sondirt und ausgeholt werden solle, und antwortete nur durch einsilbige Interjectionen, die meistens seine Unwissenheit in Betreff der berührten Gegenstände ausdrücken sollten, und wenn der philosophische Erbe der Chillinglys es überhaupt für zulässig gehalten hätte, über etwas in Erstaunen zu gerathen, würde er sicherlich sehr überrascht gewesen sein, als Herr Bovill am Schluß der Unterhaltung ihm auf die Schulter klopfte und im Tone großer Befriedigung sagte: »Grade wie ich es mir gedacht habe; Sie verstehen nichts von diesen Dingen; Sie sind von Geburt und Erziehung ein Gentleman, Ihre Verkleidung nützt Ihnen nichts. Elsie halte Recht. Liebes Kind, laß uns ein paar Minuten allein; ich habe unserm jungen Freunde etwas zu sagen. Du kannst Dich inzwischen fertig machen, mit mir auszugehen.« Elsie stand auf und ging gehorsam nach der Thür. 192 Hier machte sie einen Augenblick Halt, drehte sich um und sah Kenelm schüchtern an. Er war, als sie aufstand, instinktmäßig auch aufgestanden und hatte einige Schritte nach der Thür gethan, als wolle er dieselbe für sie öffnen. So begegneten sich ihre Augen. Er wußte sich ihren scheuen Blick nicht zu erklären. In diesem Blick lag Zärtlichkeit, Demuth, Bitte um Verzeihung; ein an weibliche Eroberungen gewöhnter Mann hätte denken können, es liege noch mehr, es liege etwas darin, was den Schlüssel zu Allem enthalte. Aber dieses Mehr war für Kenelm eine unverständliche Sprache. Als die beiden Männer allein waren, setzte sich Herr Bovill wieder und forderte Kenelm durch eine Handbewegung auf, dasselbe zu thun. »Jetzt, junger Mann«, sagte der erstere, »können wir ungenirt mit einander reden. Ihr gestriges Abenteuer ist vielleicht das Glücklichste, was Ihnen hätte begegnen können.« »Ich bin ganz zufrieden, wenn ich Ihrer Nichte irgendwie habe nützlich sein können. Aber ihr eigener verständiger Sinn würde sie geschützt haben, auch wenn sie allein gewesen und, wie sie es sicherlich gethan haben würde, herausgefunden hätte, daß Herr Compton sie absichtlich oder unabsichtlich zu dem Glauben verleitet habe, er sei unverheirathet.« »Hol' der Henker Herrn Compton! Mit dem sind 193 wir fertig. Ich bin ein einfacher Mann und komme gleich zur Hauptsache. Sie haben meine Nichte entführt; mit Ihnen ist sie in diesem Hotel angekommen. Als nun Elsie mir erzählte, wie gut Sie sich benommen haben und daß Ihre Sprache und Ihr Benehmen die eines wahren Gentleman seien, war ich entschlossen. Ich kann mir recht gut denken, wer Sie sind; Sie sind der Sohn eines Gentleman, vermuthlich ein Student, der nicht an Geldüberfluß leidet; Sie haben sich mit Ihrem Alten gezankt und er hält Sie kurz. Unterbrechen Sie mich nicht. Also, Elsie ist ein gutes hübsches Mädchen und wird, wie die Frauen einmal sind, eine gute Frau werden. Und, passen Sie auf, sie hat zwanzigtausend Pfund. Verlassen Sie sich auf mich, und wenn Sie nicht gern wollen, daß Ihre Eltern etwas davon erfahren, bis die Sache abgemacht ist, und sie nur nachher dazu gebracht werden können, Ihnen zu verzeihen und Ihnen ihren Segen zu geben, so sollen Sie Elsie heirathen, ehe Sie sich's versehen.« Zum ersten Male in seinem Leben war Kenelm Chillingly erschrocken und betroffen. Er ließ die Unterlippe hängen, seine Zunge war wie gelähmt, das Haar stand ihm; wenn es das überhaupt je thut, zu Berge. Endlich gelang es ihm nach übermenschlicher Anstrengung das einzige Wort »heirathen« hervorzukeuchen. 194 »Ja, heirathen. Wenn Sie ein Gentleman sind, so sind Sie dazu verpflichtet. Sie haben meine Nichte compromittirt, mein Herr, ein respectables, tugendhaftes Mädchen, eine Waise, die aber nicht schutzlos dasteht. Ich wiederhole es, Sie haben sie mir mit einem gewaltsamen Angriff aus dem Arm gerissen. Sie sind mit ihr davongelaufen; und was würde die Welt davon sagen, wenn sie es erführe? Würde sie an Ihr vorsichtiges Benehmen glauben, an ein Benehmen, das nur aus der Achtung zu erklären ist, die Sie für Ihre zukünftige Frau empfanden? Und wo wollen Sie eine bessere Frau finden? Wo wollen Sie einen Onkel finden, der sich von seinem Mündel und zwanzigtausend Pfund trennt, ohne auch nur zu fragen, ob Sie einen Sixpence haben? Und das Mädchen hat sich in Sie vergafft, das sehe ich ganz deutlich. Würde sie sonst wohl den Schauspieler so leicht aufgegeben haben, wenn Sie nicht ihr Herz geraubt hätten? Und möchten Sie dieses Herz brechen? Nein, junger Mann, Sie sind kein Schurke, geben Sie mir die Hand.« »Herr Bovill«, sagte Kenelm, der seinen gewohnten Gleichmuth wiedergefunden hatte, »ich fühle mich durch Ihren ehrenvollen Antrag unaussprechlich geschmeichelt und ich leugne nicht, daß Fräulein Elsie einen viel besseren Mann als mich verdient. Aber ich habe 195 ein unüberwindliches Vorurtheil gegen den Ehestand. Wenn es einem Mitgliede der Staatskirche erlaubt ist, gegen einen vom Apostel Paulus geschriebenen Satz zu remonstriren – und ich sollte denken, das müßte einem einfachen Laien freistehen – wenn hervorragende Mitglieder der Geistlichkeit die ganze Bibel so rücksichtslos kritisiren, als wenn es die Geschichte der Königin Elisabeth von Herrn Froude wäre, so würde ich mein Bedenken gegen die Lehre äußern, daß »Heirathen besser ist als Brunst leiden«; ich für meinen Theil würde es vorziehen, Brunst zu leiden. Mit solchem Gefühle würde es Jedem, der auf die Würde eines Gentleman, welche Sie mir zuerkennen, Anspruch macht, schlecht anstehen, einen Mitmenschen als Schlachtopfer an den Altar zu führen. Was aber Ihre Bemerkung betrifft, daß Fräulein Elsie compromittirt sei, so erinnere ich Sie daran, daß ich Sie in meinem Telegramm anwies, hier im Hotel nach einem jungen Herrn zu fragen, und daß daher kein Mensch etwas von ihrem Geschlecht weiß, wenn Sie es nicht bekannt machen. Und –« Hier wurde Kenelm plötzlich durch einen leidenschaftlichen Wuthausbruch des Onkels unterbrochen Er stampfte mit den Füßen, der Schaum trat ihm beinahe vor den Mund, er ballte die Faust und hielt sie Kenelm drohend vor die Augen. 196 »Herr, Sie machen sich über mich lustig. John Bovill ist aber nicht der Mann, der so mit sich umspringen läßt. Sie sollen das Mädchen heirathen. Ich will sie nicht wieder auf dem Halse haben, daß sie mir mein Leben verbittert mit ihren Grillen und Sparren. Sie haben sie genommen und Sie sollen sie behalten, oder ich schlage Ihnen die Knochen im Leibe entzwei.« »Schlagen!« sagte Kenelm resignirt, nahm aber gleichzeitig wieder eine bedrohlich abwehrende Haltung an, welche auf die Kampflust seines Anklägers abkühlend wirkte. Herr Bovill sank in seinen Stuhl zurück und trocknete seine Stirn. Kenelm wußte den eben errungenen Vortheil schlau zu verfolgen und appellirte alsbald in mildem Tone an das Urtheil des Herrn Bovill: »Wenn Sie sich wieder im Besitz Ihrer gewöhnlichen heiteren Laune befinden werden, Herr Bovill, so werden Sie einsehen, in welchem Grade Ihr höchst entschuldbarer Wunsch, das Glück Ihrer Nichte zu gründen und, darf ich hinzufügen, das, was Sie selbst als ein entsagendes und wohlerzogenes Benehmen von meiner Seite qualificiren, zu belohnen, Sie zu einem falschen Urtheil verleitet hat. Sie wissen nichts von mir. Ich könnte ja ein Betrüger oder Schwindler sein, ich könnte alle erdenklichen schlechten Eigenschaften 197 haben und doch wollen Sie sich mit meiner Versicherung oder vielmehr Ihrer eigenen Annahme, daß ich ein geborener Gentleman sei, begnügen und mir daraufhin Ihre Nichte mit ihren zwanzigtausend Pfund geben. Sie laboriren da an einer momentanen Geistesstörung. Erlauben Sie mir, Sie allein zu lassen, um sich von Ihrer Aufregung zu erholen.« »Halt, Herr«, sagte Herr Bovill in einem plötzlich veränderten, verdrossenen Ton. »Ich bin nicht ganz so verrückt, wie Sie glauben. Aber ich bin allerdings wohl zu heftig und zu grob gewesen. Gleichwohl verhält sich die Sache so, wie ich gesagt habe, und ich sehe nicht ein, wie Sie sich als Ehrenmann davon losmachen wollen, meine Nichte zu heirathen. Der Fehler, den Sie durch Ihr Davonlaufen mit ihr begangen haben, war ohne Zweifel von Ihrer Seite unbeabsichtigt; aber doch haben Sie ihn begangen, und angenommen, der Fall käme vor eine Jury, so würde er sich für Sie und Ihre Familie häßlich gestalten und nur durch eine Heirath würden Sie die Sache wieder gut machen können. Kommen Sie, kommen Sie! Ich bekenne, daß ich zu geschäftsmäßig verfahren bin, als ich sogleich mit der Thür ins Haus fiel, und ich sage nicht mehr: Heirathen Sie meine Nichte auf der Stelle! Sie haben sie bis jetzt nur verkleidet und in einer falschen 198 Position gesehen. Besuchen Sie mich in Oakdale, bleiben Sie einen Monat bei mir, und wenn Sie sie nach Verlauf dieser Zeit nicht gern genug mögen, um ihr einen Heirathsantrag zu machen, so will ich Sie loslassen und nicht mehr von der Sache reden.« Während Herr Bovill so sprach und Kenelm ihm zuhörte, hatte keiner von beiden bemerkt, daß die Thür sich geräuschlos geöffnet hatte und Elsie auf der Schwelle stand. Plötzlich trat sie, noch ehe Kenelm antworten konnte, in die Mitte des Zimmers, richtete sich mit ihrer kleinen Gestalt hoch auf und rief mit glühenden Wangen und bebenden Lippen: »Onkel, schämst Du Dich nicht?« und fuhr dann zu Kenelm gewandt in einem angstvoll gereizten Ton fort: »O glauben Sie nicht, daß ich irgend etwas davon gewußt habe!« Sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen und stand schweigend da. Alle Ritterlichkeit, die Kenelm mit seinem Taufnamen empfangen hatte, regte sich in ihm. Er sprang auf, beugte das Knie vor ihr, ergriff eine ihrer Hände und sagte: »Ich bin so fest überzeugt, daß die Worte Ihres Onkels Ihnen fremd sind, wie ich überzeugt bin, daß Sie ein reines, hochherziges Mädchen sind, auf dessen Freundschaft ich stolz sein werde. Wir treffen uns wieder.« Dann ließ er ihre Hand los und wandte 199 sich wieder an Herrn Bovill. »Herr, Sie sind der Ihnen anvertrauten Obhut Ihrer Nichte unwürdig. Wären Sie das nicht gewesen, so würde sie keine Unvorsichtigkeit begangen haben. Wenn sie irgend eine weibliche Verwandte hat, so übergeben Sie dieser die Obhut über Ihre Nichte.« »Gewiß habe ich eine solche Verwandte«, rief Elsie, »die Schwester meiner verstorbenen Mutter; zu der laß mich gehen.« »Die Person, die eine Schule hält!« sagte Herr Bovill höhnisch. »Warum denn nicht?« fragte Kenelm. »Sie wollte ja nie dahin. Ich schlug es ihr vor einem Jahre vor, aber da wollte die Zierpuppe nicht in eine Schule gehen.« »Aber jetzt will ich, Onkel.« »Nun gut, das soll Dir werden. Und ich hoffe, Du wirst auf Wasser und Brod gesetzt werden. Du Närrin hast Dir Dein eigenes Spiel verdorben. Herr Chillingly, jetzt, wo das Fräulein sich selbst verlassen hat, kann ich Ihnen beweisen, daß ich nicht der verrückte Narr bin, für den Sie mich gehalten haben. Ich war bei der Festversammlung, die zu Ehren Ihrer Mündigkeitserklärung stattfand, zugegen, mein Bruder ist einer von den Pachtern Ihres Vaters. Bei 200 unserer ersten Begegnung erkannte ich in meiner Aufregung und wegen Ihrer Verkleidung Ihr Gesicht nicht sogleich; als ich aber nach Hause ging, fiel mir ein, daß ich dasselbe Gesicht schon einmal gesehen haben müsse, und als Sie heute ins Zimmer traten, erkannte ich es sogleich. Es war ein Wettkampf zwischen uns, wer den andern schlagen würde. Sie haben mich geschlagen und zwar dank dieser Närrin. Wenn sie mir nicht einen Stock ins Rad gesteckt hätte, so hätte sie eine Lady werden können. Ich empfehle mich Ihnen.« »Herr Bovill, Sie haben mir vorhin Ihre Hand geboten, geben Sie mir jetzt Ihre Hand und versprechen Sie mir mit der Treue eines ehrenwerthen Kämpfers gegen den andern, daß Fräulein Elsie, wenn sie es wünscht, gleich zu ihrer Tante, der Schullehrerin, soll. Ich will Ihnen etwas sagen, mein Freund«, und nun flüsterte er Herrn Bovill ins Ohr: »Ein Mann kann nie mit einem Weibe fertig werden. Ein kluger Mann überläßt ein Mädchen, bis sie heirathet, weiblicher Obhut; wenn sie heirathet, so wird sie mit ihrem Manne fertig und dann hat die Sache ein Ende.« Kenelm ging fort. »O weiser junger Mann!« murmelte der Onkel. »Liebe Elsie, wie kann ich mit Dir in diesem Anzuge zu Deiner Tante gehen?« 201 Elsie fuhr, die Augen fest auf die Thür, aus welcher Kenelm verschwunden war, gerichtet, wie aus einer Verzückung auf. »In diesem Anzug«, sagte sie verächtlich; »kann man diesen Anzug in einer Stadt, wo es Läden gibt, nicht umtauschen?« »Weiß Gott!« murmelte Herr Bovill, »der junge Mensch ist ein zweiter Salomo, und wenn ich mit Elsie nicht fertig werden kann, so wird sie schon mit ihrem Manne fertig werden, das heißt, wenn sie einen kriegt.« 203 Achtes Kapitel. »Bei den Mächten, die über der Unschuld und über dem Cölibat wachen, da bin ich mit genauer Noth davongekommen,« dachte Kenelm Chillingly bei sich. »Und wer weiß, wenn das amphibische Wesen statt in Knabenzeug in Mädchenkleidern gesteckt hätte, als sie wie eine dea ex machina plötzlich erschien, ob nicht meine Wappenfische heißes Blut bekommen hätten. Freilich läßt es sich schwerlich annehmen, daß ein junges Mädchen, das noch gestern in Herrn Compton bis über die Ohren verliebt war, ihre Neigung heute mir hätte zuwenden können. Und doch sah sie danach aus, und das beweist entweder, daß man nie dem 204 Herzen oder daß man nie den Blicken eines Weibes trauen darf. Decimus Roach hat Recht. Ein Mann darf nie müde werden, die Frauen zu fliehen, wenn er danach strebt, sich den Engeln zu nähern. Diese Betrachtungen machte Kenelm Chillingly, als er der Stadt, in welcher so schwere Versuchungen an ihn herangetreten waren, den Rücken gekehrt hatte und nun seines einsamen Weges längs eines Fußsteiges ging, der sich durch Wiesen und Kornfelder schlängelte und die Entfernung bis zu einer durch ihre Kathedrale berühmten Stadt, in welcher er zu übernachten beabsichtigte, um eine gute Stunde abkürzte. So war er mehrere Stunden gewandert und die Sonne fing schon an sich in der Richtung der im Westen in blauer Ferne liegenden Hügel zu senken, als er an das Ufer eines rauschenden, von schmalblätterigen Weiden und dem zitternden Laub italienischer Silberpappeln überschatteten Baches gelangte. Angelockt von der Ruhe und Kühle dieses anmuthigen Plätzchens, warf er sich an dem Ufer nieder, nahm aus seinem Ränzel einige Brodrinden, mit denen er sich vorsichtigerweise versehen hatte, tauchte dieselben in das reine Naß, das über dem Kieselbett dahinfloß, und genoß eins jener köstlichen Mahle, für welche Epikuräer ihre Gelage hingeben würden, wenn sie dafür den gesunden 205 Appetit der Jugend eintauschen könnten. Dann überließ er sich, am Ufer auf wilden Thymian gebettet, der am besten in bewässertem Waldesdickicht gedeiht, jenem Zwischenzustande von Denken und Träumen, den wir Träumerei nennen. Aus geringer Entfernung vernahm er den leisen, ruhigen Klang einer mähenden Sense und die Luft küßte seine Stirn mit dem würzigen Duft frisch gemähten Heus. Aus dieser Träumerei wurde er plötzlich durch einen sanften Schlag auf die Schulter aufgeschreckt, und als er sich lässig umwandte, sah er vor sich ein gutmüthiges, heiteres Gesicht auf einem Paar derber Schultern und hörte eine frische und gewinnende Stimme sagen: »Junger Mensch, wenn Sie nicht zu müde sind, wollen Sie mir helfen mein Heu einbringen? Wir sind sehr knapp an Arbeitern und ich fürchte, wir bekommen bald Regen.« Kenelm stand auf, schüttelte sich, betrachtete den Fremden mit ernstem Blick und erwiderte in seiner gewohnten sententiösen Weise: »Der Mensch ist geboren, seinem Nebenmenschen zu helfen, besonders Heu einzubringen, solange die Sonne scheint. Ich stehe Ihnen zu Diensten.« »Sie sind ein braver Bursche und ich bin Ihnen sehr dankbar. Sehen Sie, ich hatte auf einen Trupp 206 umherziehender Mäher gerechnet, aber sie sind mir von einem andern Pachter weggekapert. Hier geht der Weg.« Mit diesen Worten ging er, von Kenelm gefolgt, durch eine Lichtung im Gebüsch voran, nach einer großen Wiese, von der ein Stück noch abzumähen war, während auf dem größeren Theile Männer und Frauen damit beschäftigt waren, das abgeschnittene Gras zum Trocknen auszubreiten. Unter diesen fand sich Kenelm bald in Hemdsärmeln wie die Uebrigen, aber mit seinem gewöhnlichen melancholischen Ausdruck der Resignation damit beschäftigt, das Gras auszubreiten. Obgleich anfänglich ein wenig ungeschickt in der Handhabung der ihm fremden Geräthschaften, fand er sich doch in kurzer Zeit vermöge seiner Vertrautheit mit allen athletischen Uebungen, durch welche er die unschätzbare Eigenschaft der Gewandtheit erworben hatte, so gut damit zurecht, daß er sich bald durch die Behendigkeit und Präcision auszeichnete, mit welcher er seine Arbeit verrichtete. Etwas – war es nun sein Gesicht oder war es der Reiz der Fremdheit – zog die Aufmerksamkeit des weiblichen Theiles der Mäher auf ihn, und ein sehr hübsches Mädchen, das näher bei ihm stand als die Uebrigen, versuchte eine Unterhaltung mit ihm anzuknüpfen. »Das ist Ihnen wohl etwas Neues«, sagte sie lächelnd. 207 »Nichts ist mir neu«, antwortete Kenelm in feierlich trübem Ton. »Aber erlauben Sie mir die Bemerkung, daß, wenn man eine Sache gut thun will, man nur eins zur Zeit thun darf. Ich will jetzt Heu machen und mich nicht unterhalten.« »Nun, nun«, rief das Mädchen höchst erstaunt aus und wandte sich, indem sie ihr hübsches Köpfchen in den Nacken warf, ab. »Ich möchte wohl wissen, ob die Dirne einen Onkel hat«, dachte Kenelm. Der Pachter, der selbst mit Hand anlegte und von Zeit zu Zeit in seiner Arbeit innehielt, um sich umzusehen, nahm Kenelm's tüchtiges Behaben beifällig wahr und trat bei Eintritt des Feierabends an ihn heran, um ihm herzlich die Hand zu schütteln, in die er ein Zweischillingstück gleiten ließ. Der Erbe der Chillinglys starrte dieses Honorar an und drehte es mit dem Daumen und Zeigefinger der linken Hand um. »Ist es nicht genug?« fragte der Pachter gekränkt. »Verzeihen Sie«, antwortete Kenelm, »aber die Wahrheit zu gestehen, es ist das erste Geld, das ich je mit meiner Hände Arbeit verdient habe, und ich betrachte es mit ebenso viel Neugierde wie Ehrfurcht. Aber wenn Sie es mir nicht übel nehmen wollen, ich hätte lieber gehabt, daß Sie mir statt des Geldes etwas 208 zu essen angeboten hätten; denn ich habe seit heute Morgen nichts als Brod und Wasser genossen.« »Sie sollen das Geld und etwas zu essen dazu haben, mein Junge«, sagte der Pachter freundlich. »Und wenn Sie bleiben und mir helfen wollen, bis ich mein Heu völlig eingebracht habe, so kann meine gute Frau Ihnen, glaube ich, ein besseres Bett geben, als Sie eins in der Dorfschenke bekommen, wenn Sie dort überhaupt eins finden.« »Sie sind sehr gütig. Aber bevor ich Ihre Gastfreundschaft annehme, erlauben Sie mir eine Frage. Haben Sie Nichten bei sich?« »Nichten!« wiederholte der Pachter, indem er die Hände mechanisch in die Hosentaschen senkte, als ob er dort etwas suche. »Nichten bei mir! Was wollen Sie damit sagen? Ist das etwa ein neumodischer Ausdruck für Kupfer?« »Nicht für Kupfer, wenn auch vielleicht für Blech. Aber ich sprach ganz unfigürlich. Ich bin gegen Nichten aus abstracten Principien, deren Richtigkeit mir die Erfahrung bestätigt hat.« Der Pachter starrte ihn an und dachte bei sich, mit der geistigen Gesundheit seines neuen Freundes sei es wohl nicht ganz so gut bestellt wie mit seiner physischen, erwiderte aber lachend: »Dann können Sie 209 sich beruhigen; ich habe nur eine Nichte und die ist an einen Eisenhändler verheirathet und wohnt in Exeter.« Als sie das Pachterhaus betraten, führte Kenelm's Wirth ihn direct in die Küche und rief einer stattlichen Frau von mittleren Jahren, die neben einem kräftigen Mädchen am Herde beschäftigt war, in herzlichem Tone zu: »Halloh, Alte, ich bringe einen Gast mit, der sein Abendessen wohl verdient hat, denn er hat für zwei gearbeitet, und dem ich auch ein Bett versprochen habe.« Die Pachtersfrau drehte sich rasch um. »Zum Abendessen soll er herzlich willkommen sein; ob ich ihm ein Bett geben kann«, sagte sie in zweifelndem Ton, »weiß ich nicht.« Bei diesen Worten aber heftete sie ihre Augen auf Kenelm und fand sein Aussehen so ganz anders, als sie es bei einem umherziehenden Mäher erwartet hatte, daß sie unwillkürlich einen Knix machte und sich in verändertem Ton verbesserte: »Der Herr soll das Fremdenzimmer haben; aber es wird eine Weile dauern, bis es in Ordnung ist. Du weißt, John, die Möbel sind alle überzogen.« »Nun, Frau, dazu wird ja noch Zeit genug sein, er wird ja nicht ins Nest kriechen, ehe er zu Abend gegessen hat.« 210 »Gewiß nicht«, sagte Kenelm, dem ein sehr angenehmer Duft in die Nase stieg. »Wo sind die Mädchen?« fragte der Pachter. »Sie sind vor fünf Minuten hinaufgegangen, um sich zum Abendessen in Ordnung zu bringen.« »Was für Mädchen?« stammelte Kenelm, indem er nach der Thür zurückwich. »Ich hatte verstanden, Sie hätten keine Nichten.« »Die habe ich auch nicht; ich habe aber nicht gesagt, daß ich keine Töchter hätte. Sie fürchten sich doch nicht vor ihnen, wie?« »Mein Herr«, erwiderte Kenelm, indem er einer directen Beantwortung der Frage ebenso höflich wie klug aus dem Wege ging, »wenn Ihre Töchter ihrer Mutter gleichen, so können Sie nicht behaupten, sie seien nicht gefährlich.« »Gehen Sie«, rief der Pachter, dem die Antwort sehr zu gefallen schien, während seine Frau erröthend lächelte, »gehen Sie, das ist ja eine so verbindliche Redensart, als wollten Sie hier in der Grafschaft gewählt werden. Sie scheinen mir nicht unter Mähern aufgewachsen zu sein, und vielleicht habe ich mich gar gegen einen Vornehmeren zu frei benommen.« »Wie?« fragte der höfliche Kenelm. »Wollen Sie 211 damit zu verstehen geben, Sie seien mit Ihren Schillingen zu freigebig gewesen? Es thut mir leid, wenn Sie das bereuen, aber ich glaube nicht, daß Sie Ihre Schillinge wiederbekommen. Ich habe nicht so viel von der Welt gesehen wie Sie, aber nach meiner Erfahrung hat man, wenn man sein Geld einmal, gleichviel ob an Vornehmere oder Geringere, weggegeben hat, keine Aussicht, es je wiederzubekommen.« Ueber diesen Ausspruch wollte sich der Pachter todt lachen; seine Frau kicherte und selbst die Magd grinste. Kenelm, der wie gewöhnlich keine Miene verzog, dachte bei sich: »Der Witz besteht in dem epigrammatischen Ausspruch eines Gemeinplatzes und die geistloseste Bemerkung über den Werth des Geldes ist einer beifälligen Aufnahme fast ebenso sicher wie die geistloseste Bemerkung über den Unwerth der Frauen. Ich habe da eben wahrhaftig, ohne es zu wissen, einen Witz gemacht.« In diesem Augenblick berührte ihn der Pachter an der Schulter, berührte ihn und klopfte nicht, wie er es noch vor zehn Minuten gethan haben würde – und sagte: »Wir dürfen meine Frau nicht stören, sonst bekommen wir nichts zu essen. Ich will eben nach den Kühen sehen. Verstehen Sie etwas von Kühen?« 212 »O ja, Kühe produciren Sahne und Butter. Die besten Kühe sind die, welche mit den geringsten Kosten die beste Sahne und die beste Butter produciren. Wie aber die beste Sahne und die beste Butter so billig herzustellen sind, daß sie umsonst auf dem Frühstückstisch des armen Mannes erscheinen können, das ist eine Frage, die von einem reformirten Parlamente und einer liberalen Verwaltung gelöst werden muß. Inzwischen lassen Sie uns das Abendessen nicht verzögern.« Der Pachter und sein Gast verließen die Küche und traten auf den Hof. »Sind Sie völlig fremd in dieser Gegend?« »Völlig.« »Wissen Sie auch nicht einmal meinen Namen?« »Nein, außer daß ich Sie von Ihrer Frau John rufen gehört habe.« »Mein Name ist John Saunderson.« »O, Sie stammen also aus dem Norden? Deshalb sind Sie auch so verständig und schlau. Namen die auf »son« endigen, werden meistens von Abkömmlingen der Dänen geführt, welchen König Alfred gesegneten Andenkens nicht weniger als sechzehn englische Grafschaften überwies, und wenn bei den Dänen einer jemandes Sohn genannt wurde, so ist das ein 213 Zeichen, daß sein Vater etwas zu bedeuten gehabt hatte.« »Das habe ich weiß Gott noch nie gehört.« »Wenn ich geglaubt hätte, daß Sie es schon einmal gehört hätten, würde ich es nicht gesagt haben.« »So, jetzt habe ich Ihnen meinen Namen gesagt, wie heißen Sie denn?« »Ein weiser Mann thut Fragen und ein Narr beantwortet sie. Nehmen Sie einen Augenblick an, ich sei kein Narr.« Pachter Saunderson kratzte sich hinterm Ohre und sah verlegener aus, als es dem Abkömmling eines von König Alfred im Norden Englands begüterten Dänen wohl anstand. »Hol's der Henker!« sagte er endlich, »aber ich denke, Sie sind auch aus Yorkshire.« »Der Mensch, der das eingebildetste aller Geschöpfe ist, nimmt für sich das Vorrecht des Denkens in Anspruch und gesteht den übrigen Thieren nur die niedrige mechanische Operation, die er Instinkt nennt, zu. Aber da der Instinkt unfehlbar ist, während die Gedanken meistens in die Irre gehen, so hat der Mensch sich nach seiner eigenen Begriffsbestimmung keines großen Vorzugs zu rühmen. Wenn Sie sagen, Sie denken, 214 und es damit für ausgemacht halten, daß ich aus Yorkshire bin, so irren Sie. Ich bin nicht aus Yorkshire. Können Sie, wenn Sie sich auf Ihren Instinkt beschränken, errathen, wann wir zu Abend essen werden? Die Kühe, nach denen Sie eben sehen wollen, wissen ganz genau den Augenblick, wo sie gefüttert werden sollen.« Der Pachter, der sich seiner Ueberlegenheit über den Gast, den er mit einem Abendessen regaliren wollte, wieder bewußt ward, erwiderte: »In zehn Minuten.« Nach einer Pause fuhr er dann in einem Ton der Entschuldigung, wie wenn er fürchte, für vornehmthuerisch gehalten zu werden, fort: »Wir essen nicht in der Küche zu Abend; mein Vater hat es gethan und ich auch noch bis zu meiner Verheirathung; aber meine Beß, die freilich eine so gute Pachtersfrau ist, wie es je eine gegeben hat, war die Tochter eines Kaufmanns und war anders erzogen. Sehen Sie, sie hat mir ein hübsches Sümmchen mitgebracht; aber wenn sie das auch nicht gethan hätte, so hätte ich doch nicht haben mögen, daß ihre Familie hätte sagen können, sie sei durch mich niedriger gestellt worden, und so essen wir jetzt im Wohnzimmer zu Abend.« Kenelm erwiderte: »Die Hauptsache ist, daß wir überhaupt zu Abend essen. Das zugegeben, kann man 215 behaupten, daß ein Mann, der lieber in seinem Wohnzimmer als in seiner Küche zu Abend ißt, auch mehr Aussicht hat, im Leben fortzukommen. Inzwischen sehe ich hier einen Brunnen; während Sie zu den Kühen gehen, will ich hier bleiben und meine Hände in Unschuld waschen.« »Halt! Sie scheinen mir ein schlauer Bursche zu sein und sind sicher kein Narr. Ich habe einen Sohn, einen guten schmucken Jungen; aber er ist eingebildet, dünkt sich was Besseres als wir Uebrigen und hat keine geringe Meinung von sich. Sie würden mir einen Dienst leisten und ihm auch, wenn Sie ihn ein bischen ducken wollten.« Kenelm, der schon damit beschäftigt war, den Pumpenschwengel energisch in Bewegung zu setzen, antwortete nur mit einem gnädigen Kopfnicken. Aber wie er selten eine Gelegenheit zu einer Betrachtung vorübergehen ließ, so dachte er auch jetzt, während er sein Gesicht in dem aus der Röhre fließenden Wasserstrahl wusch: »Man darf sich nicht wundern, daß jeder Niedriggestellte es so angenehm findet, einen Höhergestellten zu ducken, wenn ein Vater einen Fremden bittet, seinen eigenen Sohn zu ducken, blos weil er eine zu hohe Meinung von sich hat. Auf diesem Principe der menschlichen Natur beruht es, daß die Kritik 216 klüglich ihre Ansprüche auf den Rang einer analytischen Wissenschaft aufgibt und zu einem lucrativen Geschäfte wird. Sie verläßt sich dabei auf das Vergnügen, das ihre Leser darüber empfinden, wenn sie einen Mann geduckt sehen.« 217 Neuntes Kapitel. Es war ein hübsches, schmuckes Pachterhaus, wie es gut zu zwei- bis dreihundert Ackern Landes von leidlichem Boden paßte, die leidlich von einem thätigen altmodischen Pachter bewirthschaftet wurden, der zwar weder Mähmaschinen noch Dampfpflüge zur Anwendung brachte, noch auch in chemischen Experimenten pfuschte, aber doch ein angemessenes Kapital in sein Land steckte und dieses Kapital sehr gut verzinste. Das Abendessen war aufgetragen in einem geräumigen, wiewohl niedrigen Wohnzimmer, mit einer Glasthür, die jetzt ebenso offen stand, wie alle die Gitterfenster, welche auf einen kleinen Garten hinaussahen, der in einem üppigen Flor jener alten englischen Blumen prangte, die heutzutage aus anspruchsvolleren, aber nicht entfernt so schön duftenden Gärten verbannt 218 sind. In einem Winkel desselben stand eine Geißblattlaube und ihr gegenüber eine Reihe von Bienenkörben. In dem Zimmer selbst wehte eine behagliche Atmosphäre und herrschte jene Art von Eleganz, welche auf das Walten des Genius weiblichen Geschmacks deutet. An der Wand hing an blauen Bändern ein Büchergestell mit zierlich gebundenen kleinen Büchern; auf allen Fenstersimsen standen Blumentöpfe; es fehlte auch nicht an einem kleinen Klavier; an den Wänden prangten theils Kupferstiche mit Portraits von Grafschaftsmagnaten und preisgekrönten Ochsen, theils Mustertücher, auf denen moralische Verse und die Namen und Geburtstage der Großmutter, der Mutter, der Frau und der Töchter des Pachters in Wolle gestickt waren. Ueber dem Kaminsims hing ein kleiner Spiegel und über demselben ein Fuchsschwanz als Trophäe, während in einer Ecke des Zimmers ein mit Gefäßen von altem englischen und indischem Porzellan reich gefüllter Glasschrank stand. Die Familie bestand aus dem Pachter, seiner Frau, drei munteren Töchtern und einem blassen, schlanken Burschen von etwa zwanzig Jahren, dem einzigen Sohne, der keine Lust hatte, Landmann zu werden; er war in einer höheren lateinischen Schule erzogen und hatte hohe Begriffe von der Entwickelung des 219 menschlichen Geistes und den Fortschritten unseres Zeitalters. Kenelm war, obgleich einer der ernstesten Sterblichen, doch einer der wenigst schüchternen; in der That ist Schüchternheit in der Regel das Symptom einer sehr regen Eigenliebe; von dieser besaß aber der jugendliche Chillingly kaum mehr als die drei Fische seines altererbten Wappens. Er fühlte sich bei seinen Wirthen vollkommen zu Hause, hatte jedoch wohl Acht, seine Aufmerksamkeiten so gleichmäßig unter die drei Töchter zu vertheilen, daß kein Verdacht besonderer Bevorzugung einer derselben gegen ihn aufkommen konnte. Eine Mehrzahl, dachte er, besonders eine ungleiche, gewährt ihren Schutz. Weder die drei Grazien noch die neun Musen haben sich je verheirathet. »Sie lieben gewiß die Musik, meine jungen Damen«, sagte Kenelm, indem er nach dem Klavier sah. »Ja, ich liebe sie sehr«, erwiderte die Aelteste, indem sie für die Schwestern mit antwortete. »Die Zeiten haben sich geändert«, sagte der Pachter, der eben dem Fremden gekochtes Ochsenfleisch und Rüben auf seinen Teller häufte. »In meiner Jugend ließen nur große Pachter ihre Töchter Klavier lernen und schickten ihre Söhne in eine gute Schule. Jetzt sind wir kleinen Leute dafür, unseren Kindern 220 ein paar Stufen höher auf der Leiter hinauf zu helfen.« »Die Bildung des Volkes schreitet fort«, sagte der Sohn mit dem Nachdruck eines Weisen, der den Schatz der Philosophie um einen originellen Gedanken bereichert. »Unzweifelhaft besteht jetzt ein größeres Gleichmaß der Bildung als unter der vorigen Generation«, sagte Kenelm; »Leute aus allen Ständen sprechen dieselben Gemeinplätze in sehr ähnlichen Satzformen aus. Und in dem Maße, wie sich die Demokratie des Geistes erweitert, breiten sich auch, wie mir ein ärztlicher Freund versichert, Leiden, welche früher auf die Aristokratie – was das Wort eigentlich heißt, weiß ich nicht – beschränkt waren, unter den unteren Volksklassen aus, tic douloureux und andere Nervenleiden kommen jetzt massenhaft vor und das menschliche Geschlecht wird, wenigstens in England, schwächer und zarter. Es gibt eine Fabel von einem Mann, der in seinem höchsten Alter ein Grashüpfer wurde. England wird sehr alt und nähert sich augenscheinlich dem Grashüpferstadium seiner Entwickelung. Vielleicht essen wir nicht so viel Ochsenfleisch wie unsere Voreltern. – Darf ich Sie um noch ein Stück bitten?« Kenelm's Bemerkungen gingen etwas über den Horizont seiner Zuhörer. Aber der Sohn, der sie als eine 221 Beschimpfung des erleuchteten Zeitgeistes auffaßte, erröthete und sagte mit zusammengezogenen Brauen: »Ich hoffe, Sie sind kein Feind des Fortschritts, mein Herr.« »Das kommt darauf an. So zum Beispiel ziehe ich es vor, hier zu bleiben, wo ich mich wohl befinde, als weiter zu marschiren und schlechter aufgehoben zu sein.« »Wohl gesprochen!« rief der Pachter. Der Sohn, der es nicht der Mühe werth hielt, von dieser Unterbrechung Notiz zu nehmen, nahm Kenelm's Bemerkung höhnisch auf. »Sie verstehen wohl unter schlechter aufgehoben sein mit der Zeit fortschreiten?« »Ich fürchte, es bleibt uns nichts Anderes übrig, als mit der Zeit fortzuschreiten; aber wenn wir an jenem Punkt anlangen, wo jedes weitere Fortschreiten alt werden heißt, so sollten wir es nicht beklagen, wenn die Zeit so freundlich sein wollte, still zu stehen; und alle guten Aerzte kommen darin überein, uns zu rathen, nichts zur Beschleunigung der Zeit zu thun.« »In unserem Lande macht sich kein Altwerden bemerklich, mein Herr, und wir stehen Gott sei Dank nicht still.« »Das thun Grashüpfer nie; sie hüpfen und springen und machen immer, was sie für Fortschritte halten, bis sie, wenn sie nicht ins Wasser springen und 222 vorzeitig von einem Karpfen oder Frosch verschluckt werden, an der Erschöpfung sterben, welche unausgesetztes Hüpfen und Springen bewirkt. – Darf ich Sie um etwas Reispudding bitten, Frau Saunderson?« Der Pachter sah, wiewohl er Kenelm in seiner metaphorischen Art zu argumentiren nicht ganz zu folgen vermochte, mit Entzücken, daß sein weiser Sohn verdutzter aussah als er selbst, und rief sehr vergnügt: »Robert, mein Junge, unser Gast ist Dir doch ein bischen überlegen.« »O nein!« entgegnete Kenelm bescheiden, »aber ich glaube aufrichtig, daß Herr Robert ein weiserer und gewichtigerer Mann und weiter entfernt von dem Grashüpferzustande sein würde, wenn er weniger nachdenken und mehr Pudding essen wollte.« Als das Abendessen vorüber war, offerirte der Pachter Kenelm eine mit dem schlechtesten Kneller gestopfte Thonpfeife, welche dieser Abenteurer mit seiner gewohnten Ergebung in die Leiden des Lebens annahm, und die ganze Gesellschaft mit Ausnahme von Frau Saunderson schlenderte in den Garten. Kenelm und Herr Saunderson setzten sich in die Geißblattlaube; die Mädchen und der Anwalt des Fortschritts blieben vor derselben und den Blumenbeeten des Gartens stehen. Es war eine ruhige, herrliche 223 Nacht, am Himmel glänzte der Vollmond. Der Pachter rauchte, den Blick auf seine Heufelder gerichtet, still vergnügt seine Pfeife. Kenelm legte seine Pfeife nach dem dritten Zuge beiseite und sah sich verstohlen nach den drei Grazien um. Sie bildeten eine hübsche Gruppe, wie sie dicht neben einander vor den stillgewordenen Bienenkörben, die beiden jüngeren sich mit den Armen umschlingend, auf der Raseneinfassung eines Blumenbeetes saßen, während die ältere, deren nußbraunes Haar der Mond beschien, hinter ihnen stand. Der junge Saunderson ging ruhelos allein den Kiesweg auf und ab. »Es ist sonderbar«, dachte Kenelm brütend bei sich, »daß Mädchen nicht übel anzusehen sind, wenn man sie collctiv, zwei oder drei dicht neben einander betrachtet, während, wenn man eine aus dem Bündel aussondert, man zehn gegen eins wetten kann, daß sie häßlich ist wie die Nacht. Ich möchte wohl wissen, ob der bukolische Grashüpfer, der so für das Hüpfen und Springen, das er Fortschritt nennt, schwärmt, das Mormonenthum als einen der Beweise für das Fortschreiten der Civilisation bezeichnet. Es läßt sich sehr viel für das Heirathen einer ganzen Menge von Weibern sagen, wie man sich wohl eine ganze Menge 224 billiger Rasirmesser auf einmal kauft. Denn da hat man immer die Chance, unter einem Dutzend wenigstens ein gutes zu finden. Und ebenso muß ein ganzes Bouquet von bunten Blumen mit hier und da einem verwelkten Blatt für das Auge angenehmer sein als ein einziges eintöniges Frauengesicht. Aber ich fürchte, das sind unartige Betrachtungen. – Pachter«, sagte er laut, »ich vermuthe, Ihre vornehmen Töchter sind zu schön, um Ihnen viel an die Hand zu gehen. Ich habe sie nicht unter den Mähern bemerkt!« »O, sie waren da, aber für sich im Hintergrunde des Feldes. Ich wollte nicht, daß sie sich unter all die anderen Mädchen mischen sollten, unter denen viele Fremde von anderen Orten sind. Ich weiß nichts gegen sie, aber auch nichts für sie, und so habe ich es für ebenso richtig gehalten, daß meine Mädels für sich bleiben.« »Ich sollte denken, es wäre richtiger gewesen, Ihren Sohn von denselben getrennt zu halten, den ich im dichtesten Gedränge jener Menge gesehen habe.« »Nun«, sagte der Pachter nachdrücklich, indem er die Pfeife aus dem Munde nahm, »ich glaube, Mädchen, die, wenn auch ohne ihre Schuld, nicht gut erzogen sind, können jungen Burschen nicht so viel Schaden thun wie wohlerzogenen Mädchen, wenigstens meint 225 meine Frau das. Halte wohlgeartete Mädchen fern von schlechtgearteten, sagt sie und die gutgearteten werden nie auf schlechte Wege gerathen. Und Sie werden finden, daß daran etwas Wahres ist, wenn Sie einmal Töchter haben, die Sie in Acht nehmen müssen.« »Ohne diesen Zeitpunkt abzuwarten, der, wie ich zuversichtlich hoffe, nie eintreten wird, kann ich schon jetzt die Weisheit der Bemerkung Ihrer vortrefflichen Frau erkennen. Ich selbst bin auch der Meinung, daß ein Weib seinen Mitschwestern leichter zu nahe treten kann als uns Männern; denn ohne irgend einem zu nahe zu treten, kann ja ein Weib gar nicht existiren.« »Aber auch nicht, ohne etwas Gutes zu thun«, sagte der joviale Pachter, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug. »Wie wären wir wohl daran ohne die Frauen?« »Nach meiner Ansicht viel besser. Adam war rein wie Gold und hatte nie eine Gewissens- oder Magenbeschwerde, bis Eva ihn verführte, rohe Aepfel zu essen.« »Junger Mann, Sie haben eine unglückliche Liebe gehabt, das ist mir jetzt klar. Darum sehen Sie auch so bekümmert aus.« 226 »Bekümmert? Haben Sie je einen unglücklich Liebenden gesehen, der weniger bekümmert aussah, wenn er Pudding aß?« »Hoho! Sie führen eine gute Klinge beim Essen, das will ich Ihnen gern bezeugen.« Bei diesen Worten wandte sich der Pachter um und starrte Kenelm mit einem nachdenklich forschenden Blick an. Nachdem er das eine Weile gethan, fing er in einem etwas respektvolleren Ton wieder an: »Wissen Sie, daß Sie mir etwas räthselhaft vorkommen?« »Das wundert mich nicht, ich komme mir wahrhaftig selber räthselhaft vor. Fahren Sie fort.« »Wenn ich an Ihren Anzug denke und – und –« »Die beiden Schillinge, die Sie mir gegeben haben?« »Möchte ich Sie für den Sohn eines kleinen Pachters halten, wie ich einer bin. Aber jetzt muß ich aus Ihren Reden schließen, daß Sie so etwas von einem Studenten sind oder doch jedenfalls ein Gentleman. Ist es nicht so?« »Mein lieber Herr Saunderson, als ich meine Reise unternahm, was noch nicht lange her ist, geschah es mit der entschiedendsten Abneigung dagegen, die Unwahrheit zu sagen. Aber ich zweifle, ob ein Mann lange in dieser Welt leben kann, ohne sich zu 227 überzeugen, daß die Fähigkeit des Lügens ihm als ein unentbehrliches Mittel der Selbsterhaltung von der Natur verliehen worden ist. Wenn Sie mir Fragen in Betreff meiner Person thun, so werde ich Ihnen unfehlbar etwas vorlügen. Es ist daher vielleicht das Beste für uns beide, wenn ich Ihnen für das Bett, das Sie mir angeboten haben, danke und mein Haupt heute Nacht unter eine Hecke lege.« »Bah! Ich verlange nicht mehr von den Angelegenheiten eines Menschen zu wissen, als er mir zu sagen für gut findet. Bleiben Sie hier und helfen Sie uns, bis das Heu eingebracht ist. Und hören Sie, mein Junge, es freut mich, daß Sie sich aus den Mädchen nichts zu machen scheinen, denn ich habe bemerkt, wie eine sehr hübsche Dirne mit Ihnen zu schäkern versuchte, und die kann Sie, wenn Sie sich nicht in Acht nehmen, in Ungelegenheiten bringen.« »Wie das? Will Sie ihrem Onkel entlaufen?« »Onkel! Du lieber Gott, bei dem wohnt sie nicht! Sie wohnt bei ihrem Vater und ich habe nie gehört, daß sie weglaufen will. Jessie Wiles, so heißt sie, ist, glaube ich, ein sehr gutes Mädchen und Jedermann hat sie gern, vielleicht ein bischen zu sehr; aber sie weiß, daß sie schön ist, und läßt sich gern bewundern.« »Das thut jedes Weib, gleichviel ob es schön ist 228 oder nicht. Aber ich verstehe noch nicht recht, wie Jessie Wiles mich in Ungelegenheiten bringen könnte.« »Weil es einen dicken plumpen Gesellen gibt, der so verliebt in sie ist, daß er beinahe den Verstand darüber verloren hat, und wenn der sich einbildet, ein Anderer thue zu schön mit ihr, so haut er ihn zu Brei. So, mein junger Freund, nun wehren Sie sich Ihrer Haut.« »Hm! Und was sagt das Mädchen zu diesen Beweisen der Liebe? Liebt sie den Mann nur umso mehr, weil er andere Bewunderer zu Brei schlägt?« »O nein, das arme Kind kann ihn nicht vor Augen sehen. Aber er schwört, sie soll keinen Anderen heirathen und wenn er darum gehängt werden sollte. Um Ihnen die Wahrheit zu sagen, ich habe Jessie im Verdacht, daß, wenn sie mit Anderen ein bischen zu leicht zu schäkern scheint, sie das nur thut, um den Argwohn dieses Bramarbas von dem einzigen Manne abzulenken, aus dem sie sich, glaube ich, etwas macht, einem armen, kränklichen jungen Burschen, der durch einen Unfall zum Krüppel geworden ist und dem Tom Bowles mit seinem kleinen Finger das Gehirn ausschlagen könnte.« »Das ist wirklich interessant«, rief Kenelm, den die Erzählung etwas aufgeregt zu haben schien. 229 »Ich möchte diesen fürchterlichen Freier wohl kennen lernen.« »Dazu können Sie leicht genug kommen«, sagte der Pachter trocken. »Sie brauchen nur nach Sonnenuntergang einen Spaziergang mit Jessie zu machen, und Sie werden so viel von Tom Bowles kennen lernen, daß Sie es schwerlich in einem Monat wieder vergessen werden.« »Ich bin Ihnen für Ihre Mittheilung sehr verbunden«, sagte Kenelm in leisem, nachdenklichem Ton. »Ich denke, sie soll mir zu statten kommen.« »Das hoffe ich. Es sollte mir leid thun, wenn Sie zu Schaden kämen; denn Tom Bowles in einem seiner Wuthanfälle in die Hände fallen, ist so schlimm, wie einem wüthenden Stier begegnen. Jetzt aber, da wir früh aufstehen müssen, will ich noch einmal nach den Ställen sehen und dann zu Bett gehen, und ich rathe Ihnen, dasselbe zu thun.« »Ich danke Ihnen für diesen Wink. Ich sehe, die jungen Damen sind schon hineingegangen. Gute Nacht!« Als Kenelm durch den Garten ging, begegnete er dem jungen Saunderson. »Ich fürchte«, sagte der Jünger des Fortschritts, »Sie haben den Alten furchtbar langweilig gefunden. Worüber haben Sie mit ihm gesprochen?« 230 »Ueber Mädchen«, erwiderte Kenelm. »Das ist freilich immer ein furchtbarer, aber nicht nothwendig ein langweiliger Gegenstand.« »Mädchen! Der Alte soll über Mädchen gesprochen haben! Sie spaßen.« »Ich wollte, ich könnte spaßen; aber darauf habe ich mich, solange ich auf der Welt bin, nie verstanden. Schon in der Wiege fühlte ich, daß das Leben eine sehr ernste Sache sei und keinen Spaß gestatte. Ich erinnere mich noch zu gut meiner ersten Dosis Ricinusöl. Auch Sie, Herr Robert, haben unzweifelhaft dieses Mittel der Vorbereitung für die Süßigkeiten des Lebens geschlürft. Ihre Mundwinkel haben sich noch nicht wieder von jenen strengen Falten erholt, in welche sie jenes Mittel herabzog. Wie ich, sind Sie von ernstem Temperament und nicht leicht zu Scherzen aufgelegt. Ja, ein Enthusiast für den Fortschritt ist nothwendigerweise mit dem gegenwärtigen Stande der Dinge unzufrieden. Und eine chronische Unzufriedenheit wird durch die augenblickliche Erleichterung eines Scherzes nur unangenehm berührt.« »Bitte, reden Sie nicht so laut«, sagte Robert, indem er seinen lehrhaften Ton herabstimmte, »und sagen Sie mir grade heraus, hat mein Vater nichts Besonderes über mich gesagt?« 231 »Kein Wort! Die einzige Person männlichen Geschlechts, von der er etwas Besonderes gesagt hat, war Tom Bowles.« »Wie, von Prügel-Tom, dem Schrecken der ganzen Gegend? Ach, ich kann mir denken, der Alte ist bange, daß Tom mir einmal auf den Pelz kommt. Aber Jessie Wiles ist keinen Streit mit dieser Bestie werth. Es ist ein wahrer Skandal von der Regierung –« »Wie! Hat die Regierung es versäumt, den Heroismus Tom Bowles' zu würdigen oder vielmehr die Ausschreitungen seines Feuereifers zu zügeln?« »Unsinn! Es ist ein Skandal, daß die Regierung seinen Vater nicht gezwungen hat, ihn in die Schule zu schicken. Wenn der Unterricht allgemein wäre –« »So glauben Sie, würde es keine Bestien im Besonderen geben. Vielleicht haben Sie Recht, aber in China ist der Unterricht ebenso allgemein wie die Bastonnade. Ich habe aber von Ihnen verstanden, daß das Zeitalter der Aufklärung im vollsten Fortschritt begriffen sei.« »Ja, in den Städten, aber nicht in diesen zurückgebliebenen ländlichen Districten, und das bringt mich auf den eigentlichen Punkt. Ich fühle mich hier verloren und unnütz. Ich habe etwas in mir, mein Herr, und das kann nur in der Berührung mit 232 gleichstehenden Geistern herauskommen. Thun Sie mir daher einen Gefallen – wollen Sie?« »Mit dem größten Vergnügen.« »Geben Sie dem Alten einen Wink, daß er nach der Erziehung, die ich genossen habe, nicht von mir erwarten dürfe, daß ich den Pflug ziehe und Schweine füttere, und daß mein Platz in Manchester sei.« »Warum in Manchester?« »Weil ich dort einen Verwandten habe, der Kaufmann ist und mich zum Commis nehmen würde, wenn nur der Alte seine Zustimmung geben wollte. Und Manchester regiert England.« »Herr Robert Saunderson, ich will mein Bestes thun, Ihnen zur Erfüllung Ihrer Wünsche behülflich zu sein. Wir leben in einem Lande der Freiheit und jeder Mensch sollte seinen eigenen Weg gehen dürfen, sodaß, wenn er dabei schließlich auf den Hund kommt, er das doch ohne die Verstimmung thut, die nothwendig durch das Bewußtsein hervorgerufen wird, von einem Anderen in diesen Zustand versetzt worden zu sein. Er hat dann niemand anzuklagen als sich selbst. Und das, Herr Robert, ist ein großer Trost. Wenn wir in eine Patsche gerathen und Andere anklagen, werden wir unwillkürlich ungerecht, tückisch, lieblos, boshaft, vielleicht rachsüchtig. Wir überlassen uns 233 Gefühlen, die geeignet sind, unsern ganzen Charakter zu verderben. Aber wenn wir nur uns selbst anklagen, werden wir bescheiden und reumüthig. Wir werden nachsichtig gegen Andere. Und Selbstanklage ist in der That eine heilsame Gewissensübung, welche ein wirklich guter Mensch jeden Tag seines Lebens vornimmt. Und jetzt, wollen Sie mir das Zimmer zeigen, in welchem ich schlafen und für einige Stunden vergessen soll, daß ich überhaupt am Leben bin, das Beste, was uns in dieser Welt widerfahren kann, mein lieber Herr Robert! Solange wir noch in dem Augenblick, wo wir den Kopf aufs Kissen legen, Alles vergessen können, steht es noch nicht ganz schlimm mit uns.« Die beiden jungen Männer gingen freundschaftlich Arm in Arm zusammen ins Haus. Die Mädchen hatten sich schon zurückgezogen, aber Frau Saunderson war noch auf, um ihren Gast in das Fremdenzimmer zu führen. Es war ein hübsches Zimmer, das vor zwanzig Jahren bei der Verheirathung des Pachters auf Kosten von Frau Saunderson's Mutter, die es selbst bewohnen wollte, so oft sie zum Besuch käme, möblirt worden war und das mit seinen Dimity-Gardinen und geblümten Tapeten noch heute so frisch und neu aussah, als wäre es erst gestern decorirt und möblirt worden. 234 Als Kenelm allein war, entkleidete er sich; bevor er sich ins Bett legte, entblößte er seinen rechten Arm, spannte denselben und betrachtete mit ernster Miene seine Muskulatur, indem er mit der linken Hand über den Muskelballen des rechten Oberarms hinfuhr. Augenscheinlich befriedigt von der Größe und Festigkeit dieser für den Faustkampf so wichtigen Protuberanz, seufzte er leise vor sich hin: »Ich fürchte, ich werde Tom Bowles unterkriegen müssen.« Fünf Minuten später war er eingeschlafen. 235 Zehntes Kapitel. Am nächsten Tage wurde man mit dem Mähen fertig und ein großer Theil des Heus wurde auch noch eingefahren, um aufgestapelt zu werden. Kenelm that seine Arbeit mit demselben lobenswerthen Eifer, den Herr Saunderson schon am vorigen Tage so beifällig beobachtet hatte. Statt aber, wie gestern, die Bekanntschaft von Fräulein Jessie Wiles zurückzuweisen, richtete er es heute so ein, daß er gegen Mittag in die Nähe dieser gefährlichen Schönheit zu stehen kam, und alsbald fing er eine Unterhaltung mit ihr an. »Ich fürchte, ich bin gestern etwas grob gegen Sie gewesen und ich bitte Sie um Verzeihung.« »O«, antwortete das Mädchen, »ich müßte Sie um Verzeihung bitten, daß ich mir die Freiheit 236 genommen habe, Sie anzureden. Aber ich dachte, Sie würden sich fremd fühlen, und ich meinte es gut.« »Davon bin ich überzeugt«, erwiderte Kenelm, während er ritterlicher Weise ihre Portion Heu gleichzeitig mit der seinigen zusammenharkte, »und ich möchte gern, daß wir gute Freunde wären. Es wird gleich Mittag sein; Frau Saunderson hat mir die Taschen mit vortrefflichen Butterbroden mit Ochsenbraten gefüllt, wollen Sie nicht, anstatt nach Hause zu gehen, hier mit mir meine Mahlzeit theilen?« Das Mädchen schwankte und schüttelte dann ablehnend den Kopf. »Fürchten Sie, daß die Leute darüber reden werden?« Jessie warf die Lippe mit einer kleinen höhnischen Miene auf, die ihr sehr gut stand, und sagte: »Ich mache mir nicht viel daraus, was die Leute sagen, aber wäre es nicht unrecht?« »Nicht im mindesten. Lassen Sie mich Sie darüber beruhigen. Ich bleibe hier höchstens ein paar Tage, wir werden uns wahrscheinlich nie wiedersehen; aber es sollte mich freuen, wenn ich Ihnen, ehe ich fortgehe, einen kleinen Dienst erweisen könnte.« Während des Sprechens hatte er mit seiner Arbeit inne gehalten und betrachtete sich jetzt, auf seine Harke 237 gestützt, zum ersten Mal die schöne Mäherin genau. Ja, sie war wirklich sehr hübsch, so hübsch, wie man selten ein Mädchen findet. Sie trug ihr reiches braunes Haar zierlich aufgesteckt und darüber einen Strohhut, den sie ohne Zweifel selbst geflochten hatte; denn man kann behaupten, daß nichts die Landmädchen auf Liebeständeleien so wohl vorbereitet als ihre Geschicklichkeit im Strohflechten. Sie hatte große, sanfte, blaue Augen, feine Züge und einen blühend gesunden und dabei so reinen Teint, wie ländliche Schönheiten ihn sich selten vor den Einflüssen von Wind und Sonne bewahren. Sie lächelte und erröthete leicht, als er sie so scharf ins Auge faßte und warf ihm, aufblickend, einen milden, vertrauensvollen Blick zu, der einen Philosophen bezaubern und einen Roué hätte reizen können. Und doch fühlte Kenelm, vermöge jenes intuitiven Erfassens der Charaktere, welches oft um so zuverlässiger ist, je weniger es durch die Zweifel und Bedenken einer erworbenen Erfahrung getrübt wird, sofort, daß die vielleicht unbewußte Koketterie dieses Mädchens mit kindlicher Unschuld gepaart sei. Er senkte seine Blicke und schloß sie so zärtlich in sein Herz, als ob sie ein Kind gewesen wäre, das dieses Herz um Schutz angefleht hätte. »Da hilft nichts«, dachte er bei sich, »ich muß 238 Tom Bowles unterkriegen; doch halt, am Ende hat sie ihn doch gern. – Aber nicht wahr«, fuhr er laut fort, »Sie begreifen nicht, wie ich Ihnen einen Dienst leisten kann? Bevor ich mich näher erkläre, lassen Sie mich Sie fragen, wer von den Männern hier auf dem Felde ist denn Tom Bowles?« »Tom Bowles!« rief Jessie erbleichend in einem Ton besorgten Erstaunens und sah sich dabei rasch um. »Sie haben mich erschreckt, Herr, aber er ist nicht hier, er arbeitet nicht auf dem Felde. Was wissen Sie denn von Tom Bowles?« »Theilen Sie mein Mahl mit mir und ich will es Ihnen erzählen. Sehen Sie, da ist ein stilles Plätzchen in jenem Winkel unter dem Rothdorn bei dem kleinen Teich. O, da hören sie grade mit der Arbeit auf; ich will rasch eine Kanne Bier holen und dann darf ich mich da zu Ihnen setzen, nicht wahr?« Jessie schwieg einen Augenblick, wie wenn sie noch zaudere; dann aber blickte sie wieder zu ihm auf und sprach, durch die ernste Güte seines Ausdrucks völlig beruhigt, ein kaum hörbares Ja und ging auf den Rothdorn zu. Die Sonne stand jetzt senkrecht über ihren Häuptern. Der Zeiger an der Uhr des über die Hecken ragenden Kirchthurms zeigte ein Uhr, alle Arbeit ruhte 239 und es ward plötzlich ganz still; einige von den Mädchen gingen nach Hause; die, welche blieben, gesellten sich zu einander, getrennt von den Männern, die sich unter den Schatten eines großen, aus einer Hecke hervorragenden Eichbaums begaben, wo Bier und Trinkkannen ihrer warteten. 240 Elftes Kapitel. »Und nun«, sagte Kenelm, als die beiden jungen Leute unter dem Rothdorn neben dem kleinen Teiche, der hier am Rande mit hohem Schilf bewachsen war, über welches der laue Sommerwind mit anmuthigem Geräusch hinwehte, sitzend ihr einfaches Mahl beendet hatten, »und nun will ich mit Ihnen von Tom Bowles reden. Ist es wahr, daß Sie diesen tapferen jungen Burschen nicht mögen? Ich sage jung, weil ich das als selbstverständlich annehme.« »Ihn mögen? Ich kann ihn nicht vor Augen sehen.« »War Ihnen sein Anblick immer so verhaßt? Sie müssen ihm doch früher einmal ein Recht gegeben haben, zu glauben, daß das nicht der Fall sei?« Das Mädchen schwieg verlegen und nahm eine 241 Narzisse vom Boden auf, die sie erbarmungslos zerpflückte. »Ich fürchte, Sie lieben es, mit Ihren Bewunderern umzugehen, wie Sie es mit dieser unglücklichen Blume thun«, sagte Kenelm in einem etwas strengen Ton. »Aber in die Blume versteckt sich bisweilen der Stachel einer Biene. Ich sehe an Ihrem Gesicht, daß Sie Tom Bowles erst gesagt haben, Sie haßten ihn, nachdem seine Liebe zu Ihnen ihn schon um seinen Verstand gebracht hatte.« »Nein, so schlimm habe ich es nicht gemacht«, sagte Jessie, die sich gleichwohl etwas zu schämen schien. »Aber ich habe mich albern und dumm benommen, das gebe ich zu, und als er zuerst Notiz von mir nahm, gefiel mir das, ohne daß ich viel darüber nachgedacht hätte, weil – sehen Sie, Herr Bowles – und sie betonte das »Herr« – steht höher als so ein armes Mädchen wie ich. Er ist ein Handwerker und ich bin nur eines Schäfers Tochter, das heißt, mein Vater ist eigentlich mehr als ein bloßer Schäfer, Herrn Saunderson's Aufseher über das Vieh. Aber ich habe die Sache nie ernst genommen und auch nicht geglaubt, daß er es thäte – das heißt, zuerst.« »Also Tom Bowles ist ein Handwerker. Was hat er für ein Handwerk?« 242 »Er ist Hufschmied, Herr.« »Und wie ich höre, ein sehr hübscher junger Mann.« »Das weiß ich nicht; er ist sehr groß.« »Und was hat ihn Ihnen verhaßt gemacht?« »Was ihn mir zuerst verhaßt gemacht hat, war, daß er meinen Vater insultirte, der ein sehr ruhiger, schüchterner Mann ist, und ihm, ich weiß nicht womit drohte, wenn mein Vater mich nicht zwänge, gut Freund mit ihm zu sein. Mich zwingen! Aber Herr Bowles ist ein gefährlicher, tückischer, leidenschaftlicher Mensch – lachen Sie mich nicht aus, Herr, in einer Nacht träumte mir, er ermorde mich. Und ich glaube, das thut er auch noch, wenn er hier bleibt, und seine Mutter glaubt das auch und möchte, daß er fortginge; aber er will nicht.« »Jessie«, sagte Kenelm sanft, »ich habe Ihnen gesagt, ich möchte gern, daß wir gute Freunde seien. Glauben Sie, daß Sie mich als Freund brauchen können? Ich kann nie mehr als Ihr Freund werden, aber das wäre ich gern. Können Sie Vertrauen zu mir als einem Freunde fassen?« »Ja«, antwortete das Mädchen mit fester Stimme, und als sie jetzt wieder zu ihm aufschaute, waren ihre Blicke frei von jeder Koketterie, nur Unschuld, Offenheit und Dankbarkeit spiegelten sich in ihnen. 243 »Gibt es keinen anderen jungen Mann hier, der sich höflicher um Sie bewirbt als Tom Bowles und den Sie wirklich von Herzen lieben könnten?« Jessie sah sich nach einer anderen Narzisse um und begnügte sich, als sie keine finden konnte, mit einer blauen Glockenblume, die sie aber nicht in Stücke zerriß, sondern mit der Hand zärtlich liebkoste. Kenelm heftete seine Blicke auf ihr reizendes Gesicht, in seinen Augen lag dabei etwas, was selten darin zum Vorschein kam, etwas von jener unreflectirten, unaussprechlichen Menschenliebe, welche Schulphilosophen erbarmungslos verurtheilen. Hätten gewöhnliche Sterbliche, Ihr und ich, in diesem Augenblick durch die Blätter des Rothdorns geblickt, wir würden je nach unseren verschiedenen Temperamenten geseufzt oder die Stirn gerunzelt haben, aber wir würden alle, gleichviel, ob in boshaftem oder in neidischem Tone, gesagt haben: »Glückliches Liebespaar!« und würden uns dabei alle gleich gründlich geirrt haben. Aber doch läßt sich die Thatsache nicht in Abrede stellen, daß ein hübsches Gesicht unbilligerweise sehr im Vortheil ist gegen ein häßliches. Und sehr zur Unehre von Kenelm's Philanthropie sei es gesagt, man darf mit Grund bezweifeln, ob er, wenn Jessie Wiles von der Natur mit einer Stülpnase und einem schielenden 244 Auge ausgestattet gewesen wäre, ihr seine Freundschaftsdienste angeboten oder an einen Kampf mit Tom Bowles um ihretwillen gedacht haben würde. Aber es lag keine Spur von Neid oder Eifersucht in dem Tone, mit dem er sagte: »Ich sehe, daß es einen gibt, den Sie lieben und heirathen möchten und daß Sie die Narzisse und die blaue Glockenblume sehr verschieden behandeln. Wer und was ist der junge Mann, den die blaue Glockenblume vorstellt? Bekennen Sie!« »Wir sind mit einander aufgewachsen«, sagte Jessie, mit noch immer gesenktem Blick, und indem sie die Blätter der Glockenblume zu glätten fortfuhr. »Seine Mutter wohnte Haus an Haus mit uns, und meine Mutter hatte ihn sehr gern und mein Vater auch, und als ich noch nicht zehn Jahre alt war, pflegten sie zu lachen, wenn der arme Will mich seine kleine Frau nannte.« In diesem Augenblick fingen die Thränen, die schon eine Weile in Jessie's Auge standen, über die Blume zu rinnen an. »Aber jetzt will mein Vater nichts davon hören und es kann nicht sein, und ich habe es versucht, mir etwas aus einem Anderen zu machen, aber ich kann nicht, und das ist die Wahrheit!« »Aber warum? Ist er krank geworden? Oder hat er sich aufs Wildern gelegt oder sich dem Trunk ergeben?« 245 »Nein, nein, nein, er ist ein so guter und solider Mensch, wie es je einen gegeben hat. Aber, aber –« »Nun – aber?« »Er ist jetzt ein Krüppel und ich habe ihn deshalb nur um so lieber.« Bei diesen Worten fing Jessie heftig zu schluchzen an. Kenelm war sehr gerührt und verhielt sich weislich schweigend, bis sie wieder ein wenig zu sich gekommen war. Dann aber fragte er ihr sanft ab, daß Will Somers, der bis dahin ein gesunder und starker Bursche gewesen war, in seinem siebzehnten Jahre von einem hohen Gerüste herabgefallen und dabei so schwer zu Schaden gekommen sei, daß er gleich ins Hospital habe gebracht werden müssen. Als er aus dem Hospital entlassen worden, sei er durch den Sturz und durch die lange Krankheit, die der Unfall nach sich gezogen habe, nicht nur auf Lebenszeit zum Krüppel, sondern so schwächlich geworden, daß er zur Arbeit außer dem Hause und zu dem harten Leben eines Landmanns nicht mehr tauglich gewesen sei. Er war der einzige Sohn einer Wittwe und die einzige Beschäftigung, womit er sie ernähren konnte, war sehr prekärer Natur. Er hatte sich auf das Korbmachen gelegt, und obgleich er nach Jessie's Versicherung sehr geschickt und hübsch arbeitete, gab es doch in der Gegend nur wenige 246 Abnehmer für seine Arbeiten. Und ach, selbst wenn Jessie's Vater sich dazu hätte entschließen wollen, seine Tochter dem armen Krüppel zur Frau zu geben, wie konnte er genug verdienen, um eine Frau zu ernähren! »Und«, sagte Jessie, »ich bin doch noch immer so glücklich, wenn ich am Sonntag des Abends mit ihm ausgehen oder bei ihm und seiner Mutter sitzen kann; denn wir sind beide jung und können warten. Aber daran darf ich jetzt nicht mehr denken, denn Tom Bowles hat geschworen, daß, wenn ich es thue, er ihn vor meinen Augen schlagen will, und Will ist stolz, und es würde mir das Herz brechen, wenn ihm um meinetwillen ein Leid geschähe.« »Was Herrn Bowles betrifft, so wollen wir jetzt nicht weiter an ihn denken. Aber wenn Will sich selbst und Sie ernähren könnte, da würde doch Ihr Vater nichts dagegen haben und Sie auch nicht, daß Sie den armen Krüppel heiratheten, nicht wahr?« »Mein Vater würde nichts dagegen haben und ich, wenn es nicht wäre, weil ich nicht ungehorsam gegen meinen Vater sein darf, ich heirathete ihn morgen. Ich kann ja doch arbeiten.« »Jetzt gehen Sie wieder an die Arbeit, aber wenn der Feierabend kommt, lassen Sie mich mit Ihnen 247 nach Hause gehen und zeigen Sie mir Will's Häuschen und Herrn Bowles' Laden oder Schmiede.« »Aber Sie werden doch nicht Herrn Bowles irgend etwas davon sagen? Er würde sich nichts daraus machen, daß Sie ein Gentleman sind, wie ich jetzt sehe, daß Sie einer sind, Herr, und er ist gefährlich, o, so gefährlich und so stark!« »Seien Sie ohne Sorge«, sagte Kenelm in einem Ton, der dem Lachen näher war als irgend einer, den er seit seiner Kindheit von sich gegeben hatte; »aber wenn Feierabend ist, warten Sie ein paar Minuten auf mich an jenem Gitter.« 248 Zwölftes Kapitel. Kenelm sprach auf dem Felde nicht mehr mit seiner neuen Freundin; als aber der Feierabend eintrat, sah er sich nach dem Pachter um, um sich bei ihm zu entschuldigen, daß er nicht sogleich bei dem Abendessen der Familie erscheinen werde. Indessen sah er weder Herrn Saunderson noch seinen Sohn. Beide waren auf dem Hof, wo die Heuschober aufgestapelt wurden, beschäftigt. Kenelm, dem es gar nicht unlieb war, seiner Entschuldigung und der Fragen, zu denen dieselbe Veranlassung geben möchte, überhoben zu sein, zog daher seinen Rock an, den er beiseite gelegt hatte, und ging, Jessie, die ihn am Zaunthor erwartet hatte, verabredetermaßen zu treffen. Neben einander hergehend, folgten sie dem Strom der Dorfbewohner, die langsam nach Hause gingen. Es war ein echtes altes 249 englisches Dorf, das weder mit Phantasie- oder Musterarbeiterhäuschen verziert war, noch auch das Gepräge der Dürftigkeit und des Schmuzes an sich trug. Vor ihnen erhob sich die graue gothische Kirche auf dem Hintergrunde der purpurnen Wolken, hinter welchen die Sonne untergegangen war, und umgeben von den Feldern des halb zum Vorschein kommenden Pfarrhauses; dann kam die Gemeindewiese mit dem hübschen Schulhaus und darauf folgte eine lange, aus zerstreuten geweißten, inmitten kleiner Gärtchen liegenden Häuschen gebildete Straße. Während sie auf ihrem Wege begriffen waren, ging der Mond in voller Pracht auf und beleuchtete den vor ihnen liegenden Weg mit seinem silbernen Schein. »Wem gehört das Dorf?« fragte Kenelm. »Ich sollte denken, es müßte ein guter und wohlhabender Mann sein.« »Ja, es gehört dem Squire Travers, der ein großer Herr und, wie die Leute sagen, sehr reich ist. Aber sein Landsitz liegt eine gute Strecke vom Dorfe entfernt. Sie können ihn sehen, wenn Sie hier bleiben; denn er gibt Sonnabend ein Erntefest und Herr Saunderson und alle seine übrigen Pachter gehen dann hin. Es ist ein schöner Park, und Fräulein 250 Travers ist reizend anzusehen. O, sie ist ein Engel!« fuhr Jessie in einem ungezierten Ausbruch der Bewunderung fort; denn Frauen sind empfänglicher für die Reize ihrer Mitschwestern, als die Männer es ihnen zutrauen. »Ist sie so hübsch wie Sie?« »O, hübsch ist nicht das Wort. Sie ist tausendmal schöner!« »Das wäre!« sagte Kenelm ungläubig. Es entstand eine Pause, die nur durch einen raschen Seufzer Jessie's unterbrochen wurde. »Warum seufzen Sie? Sagen Sie es mir!« »Ich dachte daran, daß etwas sehr Geringes Menschen glücklich machen kann, daß aber dieses sehr Geringe auf die eine oder andere Art immer ebenso schwer zu erlangen ist, wie wenn man sein Herz an etwas Großes hängt.« »Das ist sehr weise gesprochen. Jeder verlangt nach irgend etwas Kleinem, für das vielleicht kein Anderer einen Pfifferling geben würde. Aber was ist denn das sehr Geringe, um dessentwillen Sie seufzen?« »Frau Bawtrey möchte ihren Laden gern verkaufen; sie wird alt und leidet an Krämpfen und kann keinen Käufer finden, und wenn Will den Laden hätte 251 und ich ihn halten könnte – aber was nützt es, daran zu denken!« »Von welchem Laden reden Sie?« »Von diesem hier!« »Wo denn? Ich sehe keinen Laden.« »Und doch ist es der einzige Laden im Dorf, da, wo das Postamt ist.« »Ach, ich sehe da etwas am Fenster, was aussieht wie ein rother Mantel. Was wird denn da verkauft?« »Alles, Thee und Zucker, Lichter und Shawls, Kleider und Mäntel, Mausefallen und Briefpapier; und Frau Bawtrey kauft dem armen Will seine Körbe ab und verkauft sie ein gut Theil theurer, als sie sie bezahlt!« »Es scheint ein nettes Häuschen mit Feld und Obstgarten dahinter.« »Ja, Frau Bawtrey bezahlt acht Pfund jährliche Miethe; aber das bringt der Laden reichlich ein.« Kenelm antwortete nichts. Beide gingen schweigend weiter und hatten eben die Mitte der Dorfstraße erreicht, als Jessie aufblickend einen leisen Schrei ausstieß, entsetzt zusammenfuhr und plötzlich still stand. Kenelm's Auge folgte dem ihrigen und sah in einer Entfernung von einigen Schritten an der 252 gegenüberliegenden Seite ein kleines rothes Backsteinhaus mit daran stoßendem strohbedecktem Schuppen, inmitten eines weiten Hofes, an dessen Pforte ein Mann gelehnt stand, der aus einer kleinen Thonpfeife rauchte. »Es ist Tom Bowles«, flüsterte Jessie und legte ihren Arm unwillkürlich in den Kenelm's, zog ihn dann aber wie nach einer Ueberlegung wieder zurück und sagte noch immer flüsternd: »Kehren Sie jetzt um, Herr, bitte!« »Das fällt mir nicht ein! Ich will ja Tom Bowles kennen lernen. Pst!« Denn eben hatte Tom Bowles seine Pfeife weggeworfen und kam quer über die Straße langsam auf sie zu. Kenelm maß ihn aufmerksam mit den Augen. Es war eine gewaltige Gestalt; er war nicht ganz so groß wie Kenelm, aber doch von mehr als mittlerer Größe und hatte einen herkulischen Oberkörper; die unteren Extremitäten schienen nicht gleich ausgebildet, der Gang hatte etwas Träges, Schleppendes. Während er herankam, fiel das Mondlicht auf sein Gesicht, es war ein schöner Kopf. Er war barhaupt und sein hellbraunes Haar war dichtgelockt. Seine Gesichtsfarbe war gesund; seine Züge hatten etwas Adlerartiges; er mochte sechs- bis siebenundzwanzig Jahre alt sein. Je näher 253 er aber herankam, desto mehr verschwand der günstige Eindruck, den seine Erscheinung im ersten Augenblick auf Kenelm hervorgebracht hatte, denn der Ausdruck seines Gesichts veränderte sich jetzt und wurde wild und finster. Kenelm war noch im Gehen begriffen und Jessie ging an seiner Seite, da trat Bowles plump zwischen sie, ergriff den Arm des Mädchens mit der einen Hand, machte mit der anderen eine drohende Bewegung gegen Kenelm, dem er voll ins Gesicht sah, und sagte mit einer tiefen, lauten Stimme: »Wer seid Ihr?« »Laßt das junge Mädchen in Ruhe, ehe ich es Euch sage.« »Wenn Ihr nicht ein Fremder wärt«, antwortete Bowles, der einen Wuthanfall gewaltsam niederzudrängen schien, »so läget Ihr dafür in der Gosse. Aber Ihr wißt vermuthlich nicht, daß ich Tom Bowles bin und nicht leide, daß das Mädchen, das mir gefällt, mit einem anderen Manne geht. Geht also Eurer Wege.« »Und ich lasse keinen Mann ein Mädchen, das neben mir geht, gewaltsam anfassen, ohne ihm zu sagen, daß er eine Bestie ist und daß ich nur warte, bis er seine beiden Hände frei hat, um ihn zu lehren, 254 daß er es nicht mit einem armen Krüppel zu thun hat.« Tom Bowles traute seinen Ohren nicht. Starres Staunen ließ im ersten Augenblick kein anderes Gefühl bei ihm aufkommen. Mechanisch ließ er Jessie los, die wie ein freigelassener Vogel davonlief. Aber sie dachte offenbar mehr an die Gefahr, in welcher ihr neuer Freund schwebte, als an ihre eigene Sicherheit; denn anstatt in dem Hause ihres Vaters Schutz zu suchen, lief sie zu einer Gruppe von Arbeitern, die vor der in der Nähe befindlichen Schenke standen, und kehrte mit diesen Verbündeten alsbald an die Stelle zurück, wo sie die beiden Männer gelassen hatte. Die Arbeiter, bei denen Jessie wie bei allen Dorfbewohnern sehr beliebt war und die sich durch ihre Anzahl stark fühlten, überwanden ihre Scheu vor Tom Bowles und kamen halb laufend, halb gehend, wie sie hofften, noch zeitig genug an, um sich ins Mittel zu legen und die Knochen des harmlosen Fremden vor dem furchtbaren Arm zu bewahren. Inzwischen hatte sich Bowles von seinem ersten Erstaunen erholt. Jessie's Flucht schien er gar nicht bemerkt zu haben, denn er hielt den rechten Arm noch immer nach der Stelle hin ausgestreckt, wo sie gestanden hatte, holte aber mit dem Rücken der linken rasch 255 nach Kenelm's Gesicht aus und brummte dabei verächtlich: »Du sollst sehen, daß eine Hand für Dich genug ist« Aber so rasch er auch ausgeholt hatte, Kenelm packte doch noch rechtzeitig den erhobenen Arm grade über dem Ellbogen, sodaß der Schlag in die Luft fuhr und stellte in demselben Augenblick seinem stämmigen Gegner mit dem rechten Knie und Fuß so geschickt ein Bein, daß er zappelnd zu Boden fiel. Die Bewegung war so plötzlich und die moralische und physische Betäubung, die sie bewirkte, so nachhaltig, daß wohl eine Minute verging, ehe Tom Bowles sich wieder aufrappelte. Während der nächsten Minute aber stand er da und starrte seinen Gegner mit einem unbestimmten Gefühl, einer abergläubischen Scheu an. Denn es ist eine merkwürdige Beobachtung, daß, wie wild und furchtlos ein Mensch oder ein wildes Thier auch sei, doch beide, wenn sie bis dahin nur Sieg und Triumph gekannt haben, noch nie auf einen Feind gestoßen sind, der es mit ihnen hätte aufnehmen können, bei der ersten Niederlage, die sie, namentlich von einem verachteten Gegner, erfahren, ganz fassungslos und fast gelähmt werden. Aber als Prügel-Tom sich allmälig wieder erholte, sich seiner Stärke wieder bewußt wurde und sich erinnerte, daß dieselbe für einen 256 Augenblick durch den geschickten Streich eines Ringers und nicht durch die ebenbürtige Kraft eines Boxers lahm gelegt worden sei, verschwand die Scheu und Tom Bowles war wieder ganz er selbst. »O, das ist also Eure Manier«, sagte er. »Hier kämpfen wir nicht mit unsern Hacken wie die Leute in Cornwallis und wie die Esel; wir kämpfen mit unsern Fäusten, junger Mensch! Und wenn Ihr doch einmal einen solchen Kampf haben wollt, nun gut, so soll er Euch werden.« »Die Vorsehung«, antwortete Kenelm feierlich, »hat mich in dieses Dorf geschickt, ausdrücklich zu dem Zweck, um Tom Bowles unterzukriegen. Das ist eine besondere, Euch gewährte Gnade, wie Ihr noch einmal selbst erkennen werdet.« Abermals durchzuckte ein Gefühl ehrfurchtsvoller Scheu, wie es der Demagoge des Aristophanes empfunden haben mag, als ihm der Wurstmacher Trotz bot, das tapfere Herz Tom Bowles'. Unbehaglich waren ihm die Unheil verkündenden Worte und noch unbehaglicher der finstere Ton, in welchem Kenelm sie gesprochen hatte. Aber er war entschlossen, wenigstens dieses Mal vorsichtiger an den Kampf zu gehen, als er es anfänglich für nöthig gehalten hatte; bedächtig zog er seine schwere wollene Jacke und Weste aus, 257 streifte seine Hemdärmel auf und ging dann langsam auf seinen Feind los. Auch Kenelm hatte noch bedächtiger seinen Rock ausgezogen, denselben als ein neues und einziges Kleidungsstück vorsichtig zusammengefaltet und unter die Hecke gelegt und entblößte nun seine Arme, die zwar mager und im Vergleich mit der gewaltigen Muskulatur seines Gegners fast schwächlich erschienen, aber fest und sehnig waren wie die Hinterbeine eines Hirsches. In diesem Augenblick langten die von Jessie geführten Arbeiter an und waren eben im Begriff, sich zwischen die Kämpfenden zu werfen, als Kenelm sie fortwinkte und ruhig und nachdrücklich sagte: »Stellt Euch im Kreise um uns her, liebe Freunde, und seht zu, daß der Kampf von meiner Seite ehrlich geführt wird. Ich bin überzeugt, daß auch Herr Bowles ehrlich kämpft. Er ist groß genug, um kleine Mittel zu verschmähen. Und jetzt, Herr Bowles, ein Wörtchen mit Ihnen in Gegenwart Ihrer Nachbarn. Ich werde nichts Unhöfliches sagen. Wenn Sie etwas grob und ungestüm sind, so ist ein Mann – wenigstens habe ich das immer sagen gehört – nicht immer Herr seiner selbst, wenn er mehr, als er sollte, an ein hübsches Mädchen denkt. Aber ich kann, selbst bei dieser Mondbeleuchtung, Ihr Gesicht, wenn es auch jetzt eine etwas 258 verdrießliche Miene macht, nicht ansehen, ohne überzeugt zu sein, daß Sie im Grunde ein braver Mensch sind und daß Sie, wenn Sie Ihr Wort auf etwas geben, es auch halten. Ist dem so?« Einige der Umstehenden murmelten zustimmend; die übrigen schlossen in schweigendem Erstaunen ihren Kreis noch dichter. »Was soll all das Honig um den Bart Schmieren?« sagte Tom Bowles mit etwas unsicherer Stimme. »Was es soll? Einfach Folgendes: Ich bitte Sie, mir vor diesen Ihren Nachbarn zu versprechen, daß Sie, wenn ich Sie in unserem bevorstehenden Kampf schlage, Jessie Wiles weder mit Worten noch mit Handlungen molestiren oder ihr etwas in den Weg legen wollen.« »Eh!« brüllte Tom, »wollt Ihr etwa allein mit ihr zu thun haben?« »Nehmen Sie das an, wenn Sie Lust haben. Und ich verspreche Ihnen meinerseits, daß ich, wenn Sie mich schlagen, diesen Ort, sobald ich wieder wohl genug dazu bin, verlassen und nie wieder herkommen will. Wie? Sie zaudern, das zu versprechen? Fürchten Sie wirklich, daß ich Sie unterkriegen werde?« »Ihr! Ich würde ein Dutzend von Eurer Sorte zu Staub zermalmen!« 259 »In diesem Fall können Sie ja getrost das Versprechen geben. Kommen Sie, es ist ein ehrlicher Handel. Ist es nicht so, Ihr Nachbarn?« Durch Kenelm's gutmüthiges Wesen und durch ihren natürlichen Gerechtigkeitssinn für ihn gewonnen, stimmten die Umstehenden wie aus einem Munde freudig zu. »Komm, Tom«, sagte ein alter Bursche, »der Herr kann nicht besser reden und wir werden alle glauben, Du fürchtest Dich, wenn Du noch länger zögerst.« In Tom's Gesicht spiegelte sich ein innerer Kampf ab; aber endlich brummte er: »Gut, ich verspreche es, das heißt, wenn er mich schlägt.« »Gut«, sagte Kenelm, »Ihr hört es, Nachbarn, und Tom Bowles könnte sich mit seinem schönen Gesicht nicht länger unter Euch blicken lassen, wenn er sein Wort bräche. Geben Sie mir die Hand darauf.« Prügel-Tom gab Kenelm verdrossen die Hand. »Gut so, das nenne ich echt englisch«, sagte Kenelm, »Alles fix und muthig und ohne Tücke. Weicht etwas zurück, liebe Freunde, und macht uns Platz!« Die Männer traten alle zurück; und als Kenelm sich in Positur setzte, zeigte sich in seiner ganzen Haltung eine Elasticität, welche alsbald die nervige Kraft seines Körperbaues deutlicher hervortreten und Tom 260 mit seinem schweren Oberkörper in unvortheilhaftem Contrast plump und ungelenk erscheinen ließ. Die beiden Männer maßen sich etwa eine Minute lang gegenseitig mit scharfem und festem Blick. Toms Blut fing zu wallen an und auch Kenelm empfand bei all seiner äußeren Ruhe jenes stolze Herzklopfen, welches die wilde Kampflust hervorruft. Tom holte zuerst aus; sein Schlag wurde von Kenelm parirt, aber nicht erwidert; dasselbe war mit einem zweiten und dritten Schlage der Fall. Kenelm, der sich offenbar auf der Defensive hielt, machte sich für diese Strategie alle Vortheile seiner längeren Arme und seiner größeren Beweglichkeit zu Nutze. Vielleicht wollte er sich erst über das Maß der Geschicklichkeit seines Gegners Gewißheit verschaffen, oder versuchen, wie lange sein Athem vorhalte, bevor er sich den Chancen eines Angriffs aussetzte. Tom, den es wüthend machte, daß Schläge, die einen Ochsen hätten zu Boden werfen müssen, so ihr Ziel verfehlten, und in dem eine dunkle Vorstellung davon auftauchte, daß er es hier mit einer mysteriösen Geschicklichkeit zu thun habe, welche seine rohe Kraft wirkungslos mache und ihn auf die Dauer vielleicht überwältigen werde, gelangte rasch zu dem Schluß, daß er diese rohe Kraft sobald wie möglich zur Geltung bringen müsse. Demgemäß zog er sich nach drei Gängen, 261 bei welchen er, ohne die Parade seines Gegners ein einziges Mal durchbrochen zu haben, einige leichte Püffe auf Nase und Mund erhalten hatte, einige Schritte zurück und stürzte dann wie ein Stier auf seinen Gegner, wie ein Stier, sage ich, denn er fuhr mit gesenktem Kopf, die Fäuste als Hörner voran, gewaltig auf ihn los. Durch dieses Manöver erreichte er aber nichts, als daß sein Kopf sich zwischen Kenelm's linker Seite und dessen linkem Arm wie in einer Schraube fing, sodaß Kenelm es in seiner Gewalt gehabt hätte, das nun schutz- und hülflose Gesicht mit seiner rechten Faust unbarmherzig zu zerprügeln. Es ist das eine Lage, in welche sich die rohe Ueberlegenheit der Kraft bei Faustkämpfen nicht selten bringt und in der sie von der disciplinirten Ueberlegenheit eines geschickteren Gegners selten geschont wird. Kenelm hielt mit erhobener rechter Faust einen Augenblick inne, befreite dann durch Loslassen des linken Arms den Kopf des Gegners aus seiner Schlinge, gab ihm einen freundschaftlichen Schlag auf die Schulter und sagte, zu den Zuschauern gewandt, im Tone der Entschuldigung: »Es wäre ein Jammer, ihm sein schönes Gesicht zu verderben.« Tom's gefährliche Lage war allen so klar und der gutmüthige Verzicht auf den Vortheil, den diese Lage dem Gegner gab, erschien so großmüthig, daß die 262 Arbeiter in ein Hurrahgeschrei ausbrachen. Tom selbst kam sich vor, als werde er wie ein Kind behandelt, und als er sich jetzt herumdrehte und sich wieder sammelte, fiel sein Blick leider auf Jessie's Gesicht. Sie stand da mit vor sprachlosem Entsetzen geöffnetem Munde; er aber bildete sich ein, ihr geöffneter Mund bedeute ein geringschätziges Lächeln. Und jetzt wurde er fürchterlich. Er focht wie der Stier, der in Gegenwart der jungen Kuh kämpft, die, wie er nur zu gut weiß, sich auf die Seite des Siegers schlagen wird. Wenn Tom noch nie mit einem von einem Preiskämpfer unterrichteten Gegner gekämpft hatte, so hatte Kenelm noch nie einer Körperkraft gegenübergestanden, welche, wenn ihr nicht eben jener Unterricht gefehlt hätte, seine Kraft überwunden haben würde. Er durfte sich jetzt nicht länger auf der Defensive halten, er konnte jetzt nicht mehr wie ein geschickter Fechter mit den gewaltigen Schmiedehämmern dieser Arme spielen. Diese Hämmer durchbrachen jetzt seine Parade, sie fielen ihm dröhnend auf die Brust wie auf einen Ambos. Er fühlte, daß, wenn diese Schläge seinen Kopf träfen, er ein verlorener Mann sei und daß die Schläge, die er auf die Brust seines Gegners fallen ließ, so wirkungslos seien wie die Streiche eines Spazierstocks auf das Fell eines Rhinoceros. Aber jetzt fingen seine 263 Nüstern zu schnauben, seine Augen zu funkeln an. Kenelm Chillingly hatte aufgehört der Philosoph zu sein. Krachend fiel sein Schlag, ganz anders als die in der Irre umherfahrenden, unsicher treffenden Schläge Tom Bowles', genau auf die ins Auge gefaßte Stelle, wie der Büchsenschuß eines Tirolers oder eines englischen Schützen in Aldershot, mit der ganzen Energie, welche ihm die Concentration der Muskel- und Geisteskraft auf einen Zweck verlieh; krachend fiel der Schlag grade auf die zwischen den Augen liegende Stelle der Stirn und unmittelbar darauf, mit der Schnelligkeit eines Blitzes, folgte ein anderer, weniger gewaltiger, aber noch lähmenderer Schlag mit der linken Faust grade auf die Stelle, wo das linke Ohr mit dem Hals und dem Kinnbackenknochen zusammentrifft. Bei dem ersten Schlag hatte Tom Bowles geschwankt und getaumelt, bei dem zweiten fuhr er mit den Händen in die Luft, sprang auf, als ob ihn ein Schuß ins Herz getroffen hätte, und fiel dann wie eine schwere, leblose Masse vornüber zu Boden. Die Zuschauer drängten sich entsetzt an ihn heran. Sie hielten ihn für todt. Kenelm kniete vor ihn hin, fuhr rasch mit der Hand über Tom's Lippen, Puls und Herz und sagte dann wieder aufstehend demüthig und als ob er sich entschuldigen wolle: »Wenn er nicht 264 einen solchen Riesenkörper hätte, würde ich meinen zweiten Schlag nie riskirt haben, das versichere ich Euch auf meine Ehre. Für jeden von der Natur nicht so wundervoll ausgestatteten Menschen würde der erste Schlag hingereicht haben. Hebt ihn sachte auf und bringt ihn nach Hause. Sagt seiner Mutter einen freundlichen Gruß von mir, daß ich morgen hinkommen werde, um ihn und sie zu besuchen. Und, halt, trinkt er manchmal zu viel Bier?« »Nun«, sagte einer der Arbeiter, »trinken kann Tom schon gehörig.« »Ich dachte es mir wohl. Er hat zu viel Fleisch für seine Muskeln. Gehe einer zu dem nächstwohnenden Doctor. Wollt Ihr? Gut, macht Euch rasch auf den Weg, mein Junge. Gefahr ist nicht vorhanden. Vielleicht muß ihm zur Ader gelassen werden.« Tom Bowles wurde von vier der stärksten Männer sachte aufgehoben und nach Hause gebracht, ohne daß er ein Zeichen von Bewußtsein von sich gegeben hätte; sein Gesicht sah, wo es nicht mit Blut befleckt war, sehr bleich und ruhig aus, nur vor dem Munde stand ihm ein wenig Schaum. Kenelm zog seine Hemdärmel wieder herab, seinen Rock an und wandte sich nach Jessie um. 265 »Nun, meine junge Freundin, zeigen Sie mir Will's Häuschen.« Bleich und zitternd kam das Mädchen auf ihn zu. Sie wagte nicht zu reden. Der Fremde war für sie zu einem neuen Menschen geworden. Vielleicht flößte er ihr kein geringeres Entsetzen ein, als es Tom Bowles gethan hatte, aber sie ging mit beschleunigten Schritten an dem Wirthshaus vorüber, bis sie an das andere Ende des Dorfes gelangte. Kenelm ging neben ihr und murmelte etwas vor sich hin. Jessie hörte seine Worte, verstand aber zum Glück nicht den Sinn; denn sie wiederholten einen jener bittern Vorwürfe gegen ihr Geschlecht, als die Hauptquelle alles Kampfes, Blutvergießens und überhaupt alles Unglücks, von denen die Schriften der classischen Autoren voll sind. Nachdem er seine üble Laune durch die Erinnerung an die Lehren der Alten beschwichtigt hatte, wandte sich Kenelm endlich an seine schweigende Begleiterin und sagte freundlich, aber ernst: »Herr Bowles hat mir sein Versprechen gegeben und es ist nur billig, wenn ich jetzt auch von Ihnen ein Versprechen verlange. Hören Sie, was ich verlange: Denken Sie nur, wie leicht ein so hübsches Mädchen wie Sie die Ursache des Todes eines Mannes sein kann. Hätte Bowles mich an den Stellen 266 getroffen, wo ich ihn getroffen habe, ich brauchte jetzt keinen Arzt mehr.« »O«, stöhnte Jessie schaudernd, indem sie sich das Gesicht mit beiden Händen bedeckte. »Und abgesehen von dieser Lebensgefahr, bedenken Sie, daß ein Mann nicht nur auf den Kopf, sondern auch ins Herz tödtlich getroffen werden kann und daß ein Mädchen, welches, gleichviel, was ihr dabei zur Entschuldigung dient, vergißt, wie viel Elend und wie viel Schuld sie durch ein Wort von ihren Lippen und durch einen Blick aus ihren Augen heraufbeschwören kann, viel zu verantworten hat. Bedenken Sie das und versprechen Sie mir, daß Sie, gleichviel, ob Sie Will Somers heirathen oder nicht, nie wieder einem Manne Veranlassung geben wollen, zu glauben, daß Sie ihm gut sein könnten, wenn Ihnen nicht Ihr eigenes Herz sagt, daß Sie das wirklich können. Wollen Sie mir das versprechen?« »Das will ich, das will ich mit Freuden.« Die Stimme der armen Jessie versagte ihr vor Schluchzen. »So, so, liebes Kind; ich verlange nicht von Ihnen, daß Sie nicht weinen sollen, weil ich weiß, wie gern Frauen weinen, und in diesem Falle thut es Ihnen gut. Aber hier sind wir am Ende des Dorfes; wo ist denn Will's Häuschen?« 267 Jessie blickte auf und wies auf ein kleines, einzeln stehendes, mit Stroh bedecktes Haus hin. »Ich würde Sie bitten, mit mir hineinzugehen und mich vorzustellen, aber das möchte zu sehr danach aussehen, als wollte ich über den armen Tom Bowles triumphiren. Schlafen Sie also wohl, Jessie, und verzeihen Sie mir meine Predigt.« 268 Dreizehntes Kapitel. Kenelm klopfte an die Thür des Häuschens und eine schwache Stimme rief: »Herein!« Er bückte sich und trat über die Schwelle. Seit seiner Begegnung mit Tom Bowles konnte er diesem unglücklichen Liebhaber seine Sympathie nicht versagen, denn es ist nur natürlich, daß wir einen Menschen, den wir besiegt haben, lieben; und er war keineswegs für Jessie's Liebe zu einem Krüppel zum voraus günstig gestimmt. Als aber zwei sanfte, klare, dunkle Augen und ein bleiches intelligentes Gesicht, mit jenem unaussprechlich feinen Ausdruck, welchen eine zarte Gesundheit namentlich jungen Leuten so oft verleiht, seinem ruhigen Blick begegneten, war sein Herz alsbald für den Nebenbuhler Tom's gewonnen. 269 Will Somers saß am Kamin, in welchem trotz der Wärme des Sommerabends noch einige Kohlen glimmten; neben ihm stand ein ungehobelter kleiner Tisch, auf welchem Weidenzweige und geschälte weiße Späne neben einem offenen Buche lagen. Seine bleichen, schlanken Hände arbeiteten an einem halbvollendeten kleinen Korbe. Seine Mutter war eben damit beschäftigt, das Theegeschirr von einem andern, am Fenster stehenden kleinen Tische wegzuräumen. Will stand nach der auf dem Lande herrschenden guten Sitte bei dem Eintritt des Fremden auf; die Mutter, eine magere, kleine Frau mit einem milden, ergebenen Gesicht, sah sich erstaunt um und machte einen Knix. Das Häuschen war sehr sauber gehalten, wie es in den meisten Bauerhäuschen der Fall ist, wo die Frau nach ihrem Belieben schalten kann. Auf der der Thür gegenüber stehenden Anrichte aus Tannenholz war das bescheidene irdene Geschirr aufgestellt. An den geweißten Wänden prangten colorirte Blätter, hauptsächlich Darstellungen biblischer Gegenstände aus dem neuen Testament, so zum Beispiel der verlorene Sohn in blauem Rock und gelben Hosen, mit auf die Hacken herabhängenden Socken. In einer Ecke des Zimmers stand ein Haufen Körbe von verschiedener Größe und in einer 270 andern ein Bücherschränkchen, ein Zimmerzierrath, den man in Bauerhäusern viel seltener findet als bunte Bilder und glänzendes Geschirr. Natürlich konnte Kenelm das nicht Alles im Einzelnen mit einem Blick umfassen. Aber wie der an Verallgemeinerung gewöhnte Geist eines Menschen wunderbar rasch zu einem richtigen Schluß gelangt, während ein nur an Einzelnheiten zu haften gewöhnter Geist wunderbar langsam zu irgend welchem Schluß überhaupt gelangt und, wenn er dazu gelangt, meistens falsch urtheilt, so urtheilte Kenelm vollkommen richtig, als er zu folgendem Schluß gelangte: Ich befinde mich hier unter einfachen englischen Bauern; aber aus irgendeinem durch die relative Höhe der Löhne nicht hinreichend zu erklärenden Grunde habe ich es hier mit besonders guten Exemplaren dieser Klasse zu thun. »Verzeihen Sie, daß ich zu dieser Stunde bei Ihnen eindringe, Frau Somers«, sagte Kenelm, der seit seiner frühsten Jugend zu vertraulich mit Bauern verkehrt hatte, um nicht zu wissen, wie rasch sie, wenn sie an ihrem häuslichen Herde sitzen, in dem Benehmen eines Fremden die ihnen erwiesene Achtung herausfühlen und wie empfindlich sie gegen den Mangel dieser Achtung sind, »aber ich bleibe nur kurze Zeit 271 hier im Dorfe und möchte nicht gern fortgehen, ohne die Körbe Ihres Sohnes, von denen ich viel gehört habe, gesehen zu haben.« »Sie sind sehr gütig, mein Herr«, sagte Will mit einem wohlgefälligen Lächeln, das sein Gesicht wunderbar verklärte. »Ich habe nur wenige einfache Sachen hier; feinere Arbeit mache ich meistens nur auf Bestellung.« »Sehen Sie«, sagte Frau Somers, »hübsche Arbeitskörbe und dergleichen Sachen nehmen viel mehr Zeit weg, und wenn er so etwas nicht auf Bestellung macht, so ist es sehr die Frage, ob er es verkauft. Aber bitte, setzen Sie sich doch, Herr« – mit diesen Worten rückte Frau Somers einen Stuhl für ihren Gast heran – »ich will rasch hinauslaufen und den Arbeitskorb holen, den mein Sohn für Fräulein Travers gemacht hat. Er soll morgen abgegeben werden und ich habe ihn weggestellt, damit nichts damit passirt.« Kenelm setzte sich, rückte seinen Stuhl nahe an den Will's heran und nahm den halbvollendeten Korb, den der junge Mensch bei seinem Eintritt auf den Tisch gestellt hatte, in die Hand. »Dies scheint mir sehr hübsch und fein gearbeitet«, sagte Kenelm, »und die Form verspricht so elegant zu 272 werden, daß der Korb, wenn er fertig ist, jeder Dame gefallen muß.« »Dieser ist für Frau Lethbridge«, sagte Will; »sie wollte etwas zum Aufbewahren von Karten und Briefen haben und ich habe die Form nach einem Buche mit Zeichnungen gewählt, das Herr Lethbridge so gut war, mir zu leihen. Kennen Sie Herrn Lethbridge, mein Herr? Er ist ein sehr guter Mann.« »Nein, ich kenne ihn nicht, wer ist er?« »Unser Pfarrer, Herr. Hier ist das Buch.« Zu Kenelm's Ueberraschung war es ein Werk über Pompeji und enthielt Holzschnitte nach den Geräthschaften und Ornamenten, Mosaiken und Fresken, die man in jener merkwürdigen kleinen Stadt gefunden hat. »Aha! da ist ja Ihr Modell«, sagte Kenelm, »eine sogenannte Patera und zwar eine wunderschöne. Sie copiren sie viel treuer, als ich es in einem Korbgeflecht nach dem Original in Bronze für möglich gehalten haben würde; aber Sie sehen wohl, daß die Schönheit dieser kleinen Schale wesentlich auf den beiden auf dem Rande sitzenden Tauben beruht; dieses Ornament können Sie in Ihrem Material unmöglich herstellen.« »Frau Lethbridge meinte, man könne vielleicht zwei ausgestopfte Kanarienvögel auf den Rand des Korbes setzen.« 273 »Meinte sie das? Du lieber Gott!« rief Kenelm aus. »Aber das wollte mir nicht recht gefallen«, fuhr Will fort, »und ich habe mir die Freiheit genommen, es Frau Lethbridge zu sagen.« »Warum gefiel es Ihnen nicht?« »Nun, ich weiß nicht recht, aber es kam mir vor, als wäre das nicht das Richtige.« »Es wäre von dem schlechtesten Geschmack gewesen und würde den Effect Ihrer Flechtarbeit ganz verdorben haben. Ich will versuchen, Ihnen zu erklären, warum. Sie sehen hier auf der nächsten Seite eine Zeichnung nach einer sehr schönen Statue. Natürlich soll diese Statue eine Darstellung der Natur sein, aber der idealisirten Natur. Sie wissen nicht, was dieses schwere Wort ›idealisirt‹ bedeuten soll, und sehr wenige Leute wissen das. Es bedeutet die künstlerische Ausführung von etwas in Gemäßheit der Idee, welche sich der Geist eines Menschen von etwas in der Natur bildet. Dieses Etwas in der Natur muß selbstverständlich sorgfältig studirt sein, bevor der Mensch an die künstlerische Ausführung seiner Idee gehen kann. Der Künstler zum Beispiel, welcher jene Statue gemacht hat, muß die Verhältnisse des menschlichen Körpers gekannt haben. Er muß Studien nach 274 verschiedenen Theilen desselben, nach Köpfen und Händen, Armen und Beinen und so weiter gemacht haben, und nachdem er das gethan hat, stellt er alle seine verschiedenen Studien nach einzelnen Theilen zusammen, sodaß sie ein neues Ganzes bilden, welches bestimmt ist, einer in seinem eigenen Geiste gebildeten Idee Gestalt zu verleihen. Können Sie mir folgen?« »Zum Theil, Herr; aber ganz klar ist mir die Sache noch nicht.« »Das ist ganz natürlich; aber Sie werden sich schon zurecht finden, wenn Sie noch einmal überdenken, was ich sage. Wenn ich nun, um diese Statue, die aus Metall oder Stein besteht, natürlicher zu machen, ihr eine Perrücke von wirklichem Haar aufsetzte, würden Sie da nicht auf der Stelle fühlen, daß ich das Werk verdorben hätte, daß das, wie Sie es klar ausdrücken, nicht das Richtige sein würde, und daß ich, statt das Kunstwerk natürlicher zu machen, es lächerlich unnatürlich gemacht hätte, indem ich dem Geiste des Beschauers unverständigerweise den Contrast zwischen dem realen, durch eine Perrücke von Haar dargestellten Leben und dem durch eine in Stein oder Metall verkörperte Idee dargestellten Kunstwerke aufgedrängt haben würde. Je höher das Kunstwerk, das heißt, je höher die Idee, welche es als eine neue Combination der der Natur 275 entnommenen Einzelnheiten darstellt, steht, desto mehr wird es herabgesetzt oder verdorben durch den Versuch, ihm eine Art von Realität zu verleihen, welche nicht zu den zu seiner Herstellung verwendeten Materialien stimmt. Und diese Regel ist anwendbar auf jedes noch so bescheidene künstlerische Thun. Ein paar ausgestopfte Kanarienvögel auf dem Rande einer Imitation, Korbgeflecht einer griechischen Trinkschale, würden grade so geschmacklos sein wie eine Perrücke aus dem Friseurladen auf dem Kopf einer Marmorstatue des Apollo.« »Ich verstehe«, sagte Will, den Kopf wie brütend gesenkt, »ich glaube wenigstens zu verstehen, und ich bin Ihnen sehr dankbar, mein Herr.« Frau Somers war mit dem Arbeitskorb schon lange wieder heruntergekommen, blieb aber mit demselben in der Hand stehen und wagte es nicht den Herrn zu unterbrechen, sondern hörte seinem Vortrage mit so viel Geduld und so wenig Verständniß zu, als wäre es eine der Controverspredigten über Ritualismus, mit welchen Herr Lethbridge bei großen Gelegenheiten seine Gemeinde beehrte. Als Kenelm jetzt seine kritische Vorlesung beendigt hatte, aus welcher gewisse Poeten und Novellisten, die es fertig bringen, das Ideal durch den Versuch zu carikiren, Perrücken von wirklichem Haar auf die Köpfe 276 von Marmorstatuen zu setzen, ein paar nützliche Winke entlehnen könnten, wenn sie sich so weit herablassen wollten, was freilich nicht wahrscheinlich ist, und nun gewahr wurde, daß Frau Somers neben ihm stand, nahm er ihr den Korb ab, der verschiedene Fächer für die von Damen bei ihren Handarbeiten gebrauchten Geräthschaften enthielt und wirklich sehr hübsch und elegant war, und ertheilte demselben ein wohlverdientes Lob. »Die junge Dame will ihn selbst noch mit Seide füttern und eine Bandrüsche darum nähen«, sagte Frau Somers stolz. »Die Bandrüsche wird doch nichts verderben, Herr?« sagte Will in fragendem Ton. »Durchaus nicht. Ihr natürliches Gefühl für das Angemessene sagt Ihnen, daß Bänder ganz gut zu Stroh und einem leichten Strohgeflecht wie dieses passen, wogegen Sie an jenen groben Packkörben, die da in der Ecke stehen, keine Bänder anbringen würden. Aehnliches zu Aehnlichem! Für jene Körbe paßt ein dicker Strick, grade wie ein Dichter, der seine Kunst versteht, in Gedichten, welche zierlich sein und für einen eleganten Salon passen sollen, zierliche Ausdrücke verwendet und sich dagegen sorgfältig scheut, solche Worte an die Stelle eines derben Ausdrucks in solchen Gedichten zu 277 verwenden, welche bestimmt sind, stark und trotz rauher Behandlung unterwegs in weite Ferne zu wirken. Aber Sie müßten wirklich mit dieser Phantasiearbeit viel mehr Geld verdienen, als Sie es als Tagelöhner können.« Will seufzte. »Nicht in dieser Gegend, Herr. Vielleicht in einer Stadt.« »Warum ziehen Sie dann nicht nach einer Stadt?« Der junge Mensch erröthete und schüttelte den Kopf. Kenelm wandte sich, wie um an sie zu appelliren, nach Frau Somers um. »Ich werde gern überall hingehen, wo es am besten für meinen Jungen ist, Herr. Aber –« Hier hielt sie inne und eine Thräne tropfte ihr über die Wange. »Ich fange jetzt an, etwas bekannt zu werden«, begann Will in einem heiterern Ton wieder, »und die Arbeit wird schon kommen, wenn man nur ein bischen Geduld hat.« Kenelm hielt es weder für höflich noch für discret, sich bei dieser ersten Begegnung noch weiter in Will's Vertrauen einzudrängen, und er fing an, mehr, als er es anfänglich gethan hatte, nicht nur den dumpfen Schmerz der bei seinem Zweikampf erhaltenen Quetschungen, sondern auch eine Müdigkeit zu fühlen, welche 278 sich durch ein in freier Luft vollbrachtes Tagewerk nicht hinreichend erklärte. Er verabschiedete sich daher etwas plötzlich mit der Erklärung, daß er sehr gern in den Besitz einiger Proben von Will's Erfindungsgabe und Geschicklichkeit gelangen und wieder vorkommen oder schreiben werde, um nähere Weisungen zu geben. Grade als er auf seinem Rückwege in die Nähe von Tom Bowles' Hause kam, sah Kenelm, wie ein Mann ein an der Pforte angebundenes Pony bestieg und einige Worte mit einer respectabel aussehenden Frau wechselte, bevor er davonritt. Er wollte eben an Kenelm vorüberreiten, ohne von ihm Notiz zu nehmen, als dieser philosophische Landstreicher ihn mit den Worten anhielt: »Wenn ich mich nicht irre, mein Herr, sind Sie der Doctor. Es steht doch nicht schlimm mit Herrn Bowles?« Der Doctor schüttelte den Kopf. »Das kann ich noch nicht sagen. Er hat einen häßlichen Schlag an einer Stelle.« »Es war grade unter dem linken Ohr. Ich hatte nicht genau dahin gezielt; aber unglücklicherweise machte Bowles in dem Augenblick eine kleine Seitenbewegung mit dem Kopf, vielleicht in der Ueberraschung über einen unmittelbar vorhergehenden Schlag zwischen den 279 Augen, und so bekam er, wie Sie sagen, einen häßlichen Schlag. Aber wenn dieser Schlag ihn von der Gewohnheit kurirt, andern Leuten, die es weniger vertragen können, häßliche Schläge zu versetzen, so wird vielleicht Alles zu seinem Besten ausschlagen, wie gewiß auch Ihr Schullehrer gesagt hat, als er Sie durchprügelte.« »Gerechter Gott! Sind Sie der Mann, der mit ihm gekämpft hat – Sie? Das kann ich mir nicht denken.« »Warum nicht?« »Warum nicht! Soweit ich es bei dieser Beleuchtung beurtheilen kann, muß Tom Bowles, wenn Sie auch ein hochgewachsener Bursche sind, ein viel schwereres Gewicht haben als Sie.« »Tom Spring war der Vorkämpfer Englands und nach den Berichten über sein Gewicht, welche die Geschichte uns in ihren Archiven aufbewahrt hat, wog Tom Spring leichter als ich.« »Aber sind Sie ein Preisfechter?« »Ich bin das grade so gut wie irgend etwas Anderes. Aber um wieder auf Herrn Bowles zurückzukommen, haben Sie ihm zur Ader lassen müssen?« »Ja; er war ganz oder doch nahezu bewußtlos, als ich kam. Ich habe ihm ein paar Unzen Blut 280 abgelassen, und er ist jetzt Gott Lob wieder bei Bewußtsein, muß aber sehr ruhig gehalten werden.« »Gewiß; aber ich hoffe, er wird morgen wohl genug sein, um mich sehen zu können.« »Das hoffe ich auch, wenn ich es auch noch nicht bestimmt sagen kann. Ein Streit über ein Mädchen – wie?« »Ueber Geld war es nicht. Und ich glaube, wenn es kein Geld und keine Weiber in der Welt gäbe, würde es auch keinen Streit und sehr wenige Doctoren geben. Gute Nacht. Herr!« »Es ist etwas bei mir sehr Auffallendes«, sagte Kenelm, als er jetzt die Gartenpforte zu Herrn Saunderson's Heimwesen öffnete, »daß ich, obgleich ich den ganzen Tag nichts zu essen bekommen habe als ein paar jämmerliche Butterbröde, nicht den mindesten Hunger verspüre. Ein solcher Stillstand in der Erfüllung ihrer gesetzlichen Pflichten von seiten der Verdauungsorgane ist bei mir noch nie vorgekommen. Das ist unheimlich und muß etwas Besonderes zu bedeuten haben.« Als Kenelm ins Wohnzimmer trat, saß die Familie, obgleich sie mit dem Abendessen längst fertig war, noch um den Tisch. Bei Kenelm's Eintritt standen sie alle auf. Der Ruf seiner Thaten war ihm 281 vorangegangen. Er unterbrach die Glückwünsche, Complimente und Fragen, mit welchen der gutmüthige Pachter ihn bestürmte, durch einen melancholischen Ausruf: »Aber ich habe meinen Appetit verloren! Keine Ehren können mich dafür entschädigen. Lassen Sie mich ruhig zu Bett gehen, vielleicht daß die Natur mich in dem Zauberreich des Schlafes durch den Traum eines Abendessens wiederherstellt.« 282 Vierzehntes Kapitel. Kenelm stand zeitig am nächsten Morgen auf; er fühlte sich noch etwas steif und unbehaglich, aber doch hinreichend wiederhergestellt, um heißhungerig zu sein. Glücklicherweise war eine der jungen Damen, unter deren besonderer Obhut die Milchkammer stand, bereits auf und verhalf dem verhungernden Helden zu einer großen Schale mit Brod und Milch. Dann schlenderte er nach dem Heufelde, wo es jetzt nur noch sehr wenig zu thun gab und wo außer ihm nur noch wenige Arbeiter beschäftigt waren. Jessie war nicht da und das war Kenelm lieb. Um neun Uhr war er mit seiner Arbeit fertig und der Pachter mit seinen Leuten auf dem Hof damit beschäftigt, die Heuschober zu vollenden. Kenelm, dem verschiedene Besuche am Herzen lagen, stahl sich unbemerkt davon. 283 Sein erster Besuch galt dem von Frau Bawtrey gehaltenen Laden, den Jessie ihm gezeigt hatte und wo er unter dem Vorwande, ein buntes Halstuch kaufen zu wollen, eintrat. Dank seiner gewohnten Höflichkeit war er bald in einer vertraulichen Unterhaltung mit der Ladeninhaberin begriffen. Sie war eine kränkliche kleine alte Dame, die mit dem Kopf wackelte, als wäre sie gelähmt, und ein wenig taub, aber noch von früher her, wo ihr die Schlauheit zur zweiten Natur geworden war, schlau und scharf. Sie wurde sehr mittheilsam und sprach offen von ihrem Wunsch, den Laden aufzugeben und den Rest ihrer Tage mit einer gleich ihr verwittweten Schwester in einer benachbarten Stadt zu verleben. Seit sie ihren Mann verloren, brächten ihr das zum Laden gehörige Wiesenland und der Obstgarten nichts mehr ein und machten ihr nur Schererei und Mühe. Und auch die Sorge für den Laden sei ihr lästig. Aber der Miethcontract, den ihr Mann zu billigen Bedingungen auf einundzwanzig Jahre mit dem Gutsherrn abgeschlossen, habe noch zwölf Jahre zu laufen, und sie müßte eine Prämie für die Uebertragung und einen Käufer für ihr Ladeninventar haben. Kenelm brachte sie bald dahin, ihm die Summe zu nennen, die sie für Alles verlange; es waren fünfundvierzig Pfund. 284 »Sie reflectiren doch nicht selbst darauf?« fragte sie, indem sie ihre Brille aufsetzte und ihn einer scharfen Musterung unterwarf. »Vielleicht doch, wenn man sein anständiges Auskommen dabei finden könnte. Führen Sie Buch über Ihre Einnahmen und Ausgaben?« »Das versteht sich, Herr«, sagte sie stolz. »Ich habe die Bücher schon bei Lebzeiten meines lieben Mannes geführt, und der wußte es Ihnen herauszufinden, wenn es auf einen Heller nicht stimmte, denn er war als Junge auf einem Advocatenbureau gewesen« »Und warum hat er das Advokatenbureau verlassen und einen kleinen Laden gehalten?« »Nun, er war als Pachterssohn in dieser Gegend geboren und hatte immer Sehnsucht nach dem Lande und – und überdies –« »Nun?« »Ich will Ihnen die Wahrheit sagen; er hatte angefangen zu viel zu trinken, und er war ein braver Mensch und wollte sich das abgewöhnen und trat dem Mäßigkeitsverein bei; aber das war zu schwer für ihn, denn er konnte sich nicht von der Gesellschaft entwöhnen, die ihn zum Trinken verführte, und als er nun einmal hier in die Gegend kam, um seine Eltern zu Weihnacht zu besuchen, fand er ein bischen Gefallen 285 an mir, und mein Vater, welcher Schulze des Squire Travers war, war eben gestorben und hatte nur wenig Geld hinterlassen. Und so kamen wir zu einander und bekamen dieses Haus mit dem Stück Land vom Squire zu einer sehr billigen Miethe, und mein lieber Mann, der eine gute Erziehung genossen hatte und sehr angesehen war und jetzt, wo er eine Frau hatte, die ihn in Ordnung hielt, nie wieder in Versuchung kam zu trinken, hatte eine Menge kleine Dinge zu thun. Er konnte beim Holzmessen helfen und verstand etwas vom Drainiren und führte den Pachtern hier in der Gegend ihre Bücher, und wir hielten Kühe und Schweine und Federvieh, und so ging es uns sehr gut, besonders da der Herr uns gnädig war und uns keine Kinder schenkte.« »Und was bringt der Laden jährlich ein, seit Ihr Mann todt ist?« »Das können Sie am besten selbst beurtheilen. Wollen Sie sich mein Buch ansehen und einen Blick auf das Feld und die Apfelbäume werfen? Die sind freilich vernachlässigt, seit mein guter Mann todt ist.« Eine Minute später saß der Erbe der Chillinglys in einem netten kleinen Hinterzimmer, mit einer hübschen, wenn auch beschränkten Aussicht auf den Obstgarten und die dahinter liegende Grasfläche, über Frau 286 Bawtrey's Hauptbuch gebeugt. Da jetzt einige Kunden, die Speck und Käse zu kaufen wünschten, in den Laden kamen, überließ ihn die Alte seinen Studien. Obgleich er mit solchen Studien nicht vertraut war, brachte er doch wenigstens seine allgemeine Klarheit des Kopfes und jenes rasche Erfassen wichtiger Punkte mit, welche die meisten Männer besitzen, deren Geist in irgendeiner Weise geschult worden ist, und welche gewöhnt sind, aus vielen von mannichfaltigen Gegenständen handelnden Büchern den Kern und das Mark auszuziehen. Das Ergebniß seiner Untersuchung fiel befriedigend aus; der jährliche Ertrag des Ladens allein stellte sich, nach dem Durchschnitt der letzten drei Jahre auf etwas über vierzig Pfund. Er klappte das Buch zu, stieg durchs Fenster in den Obstgarten und ging von hier weiter nach dem anstoßenden Stück Grasland. Beide waren in der That sehr vernachlässigt; die Bäume mußten beschnitten, das Feld gedüngt werden; aber der Boden war gut und die Fruchtbäume trugen reichlich, hatten das rechte Alter und sahen meistens, wenn auch vernachlässigt, doch gesund aus. Mit dem raschen Blick eines auf dem Lande geborenen und erzogenen Mannes, der, ohne es selbst zu wissen, doch manchen Brocken landwirthschaftlicher Kenntnisse aufgelesen hat, 287 überzeugte sich Kenelm bald, daß das Land bei richtiger Behandlung die Miethe, die Steuern, die Zehnten und alle Nebenausgaben überreichlich decken und dem Besitzer den Ertrag des Ladens als reines Einkommen lassen würde. Und dieser Ertrag konnte, wenn tüchtige junge Leute dem Laden vorstanden, unzweifelhaft noch vermehrt werden. Kenelm hielt es nicht für nothwendig, jetzt sofort wieder zu Frau Bawtrey zurückzukehren, und machte sich auf den Weg zu Tom Bowles. Die Hausthür war verschlossen. Auf sein Klopfen wurde sie von einer hochgewachsenen, starken, auffallend hübschen Frau, die etwa fünfzig Jahre zählen mochte, ihr Alter aber auf ihren breiten Schultern leicht trug, rasch geöffnet. Sie war in sehr anständige Trauer gekleidet; ihr braunes Haar war einfach geflochten unter einer sauberen, eng anliegenden Mütze. Sie hatte eine Adlernase und sehr regelmäßige Züge; ihr ganzes Wesen hatte etwas Majestätisches, an eine Cornelia Erinnerndes. Sie hätte bis auf ihren hellen, angelsächsischen Teint zu einem Modell für jene römische Matrone dienen können. »Was ist Ihnen gefällig?« fragte sie in einem kalten und etwas strengen Ton. »Madame«, antwortete Kenelm, indem er den Hut 288 zog, »ich komme, Herrn Bowles zu besuchen, und hoffe aufrichtig, daß er wohl genug ist, mich zu empfangen.« »Nein, Herr. Er ist dazu nicht wohl genug; er liegt zu Bett und muß sich ruhig verhalten.« »Darf ich Sie gleichwohl bitten, mich einzulassen? Ich möchte gern mit Ihnen, die Sie, wenn ich nicht irre, seine Mutter sind, ein paar Worte reden.« Frau Bowles zögerte einen Augenblick wie zweifelnd; es entging ihr aber nicht, daß Kenelm's Wesen etwas Vornehmeres habe als sein Anzug, und in der Meinung, daß der Besuch auf das Gewerbe ihres Sohnes Bezug haben könne, öffnete sie die Thür weiter, trat beiseite, um ihm den Vortritt zu lassen, und bat ihn, als er in der Mitte des Wohnzimmers stand, sich zu setzen, wobei sie sich, um ihm mit gutem Beispiel voranzugehen, selbst setzte. »Madame«, sagte Kenelm, »lassen Sie es sich nicht leid sein, mich eingelassen zu haben, und denken Sie nicht schlimm von mir, wenn ich Ihnen mittheile, daß ich die unglückliche Ursache des Unfalls bin, welcher Ihren Sohn betroffen hat.« Frau Bowles sprang entsetzt auf. »Sie sind der Mensch, der meinen Sohn besiegt hat?« »Nein, Madam, sagen Sie nicht, ich habe ihn 289 besiegt. Er ist nicht besiegt. Er ist so tapfer und so stark, daß er leicht mich besiegt haben würde, wenn nicht ein für mich glücklicher Zufall es so gefügt hätte, daß ich ihn zu Boden warf, ehe er Zeit hatte, mir das zu thun. Bitte, Madame, setzen Sie sich wieder und hören Sie mir einige Augenblicke geduldig zu.« Frau Bowles gehorchte schweigend mit einem tiefen Athemzug der Entrüstung aus ihrem junoartigen Busen und mit einer großartig hochmüthigen Miene, welche zu ihren Adlerzügen gut paßte. »Sie werden zugeben, Madame«, fing Kenelm wieder an, »daß dies bei weitem nicht der erste Fall ist, wo Herr Bowles mit einem andern Mann handgemein geworden ist. Habe ich nicht recht mit dieser Annahme?« »Mein Sohn ist sehr heftig«, erwiderte Frau Bowles mit Widerstreben, »und die Leute sollten ihn nicht reizen.« »Sie geben also die Thatsache zu«, sagte Kenelm, ohne sich irre machen zu lassen, aber mit einer höflichen Neigung des Kopfes. »Herr Bowles ist schon oft in solche Streitigkeiten verwickelt gewesen und bei allen war er offenbar immer der Anstifter; denn Sie werden wissen, daß er kein Mann ist, mit dem irgend ein anderer einen Streit würde anfangen wollen. Und doch 290 waren Sie bei diesen kleinen Vorfällen, wenn Herr Bowles die Person, die ihn gereizt hatte, sagen wir, halbtodt geschlagen hatte, gegen diese Person nicht aufgebracht, nicht wahr? Ja, wenn der Betreffende der Pflege bedurft hätte, würden Sie ihm unfehlbar diese Pflege haben angedeihen lassen.« »Pflege? Das weiß ich nicht«, sagte Frau Bowles, die ihre würdige Haltung nicht mehr ganz behaupten zu können schien, »aber gewiß würde er mir sehr leid gethan haben. Und was Tom betrifft, so kann ich wohl sagen, er ist so arglos wie ein Kind; er hätte sich mit jedem Menschen, wenn er ihn auch noch so bös geschlagen hätte, wieder vertragen.« »Genau so habe ich es mir gedacht, und wenn der Gegner getrotzt hätte und sich nicht hätte vertragen wollen, so würde Tom ihn einen schlechten Kerl genannt und Lust verspürt haben, ihn noch einmal zu schlagen.« Frau Bowles' strenger Ausdruck machte einem vornehmen Lächeln Platz. »Nun also«, fuhr Kenelm fort »ich ahme Herrn Bowles nur bescheiden nach, indem ich herkomme, um mich mit ihm zu vertragen und ihm die Hand zu drücken.« »Nein, Herr, nein«, rief Frau Bowles erbleichend 291 mit leiser Stimme. »Daran dürfen Sie nicht denken. Es sind nicht die Schläge, von denen wird er sich rasch genug erholen, aber sein Stolz ist verletzt, und wenn er Sie sähe, möchte es zu nichts Gutem führen. Aber Sie sind ein Fremder und gehen fort, gehen Sie bald, gehen Sie ihm aus dem Wege, bitte!« Und dabei rang die Mutter ihre Hände. »Frau Bowles«, sagte Kenelm mit plötzlich verändertem, so ernstem und beweglichem Ton und Ausdruck, daß Beides sie beschwichtigte und mit ehrfurchtsvoller Scheu erfüllte, »wollen Sie mir nicht helfen, Ihren Sohn vor den Gefahren zu schützen, in welche sein leidenschaftliches Temperament und sein verderblicher Stolz ihn jeden Augenblick stürzen können? Ist es Ihnen noch nie eingefallen, daß sie die Ursache furchtbarer Verbrechen sind, die furchtbare Strafen nach sich ziehen, und daß die Gesellschaft sich gegen eine von wilden Leidenschaften gestachelte rohe Kraft durch Galeeren und Galgen schützt?« »Herr, wie dürfen Sie –« »Halt! Wenn ein Mann in einem Anfall unbezähmbarer Wuth einen andern tödtet, so ist das ein Verbrechen, welches zwar durch das eigene Gewissen schwer gestraft, aber vom Gesetz, welches es nur Todtschlag nennt, mild beurtheilt wird; aber wenn sich 292 ein Motiv wie Eifersucht oder Rache für die Gewaltthat angeben läßt und kein Zeuge vorhanden sein sollte, der beweisen kann, daß die Gewaltthat nicht mit Vorbedacht geschah, dann nennt das Gesetz ein solches Verbrechen nicht Todtschlag, sondern Mord. War es nicht dieser Gedanke, der Sie mich so dringend bitten ließ: Gehen Sie bald, gehen Sie ihm aus dem Wege?« Die Frau antwortete nicht, sondern sank in ihren Stuhl zurück und rang nach Athem. »Nein, Madame«, nahm Kenelm sanft wieder das Wort, »fürchten Sie nichts. Wenn Sie mir helfen wollen, so bin ich überzeugt, daß ich Ihren Sohn vor einer solchen Gefahr schützen kann, und ich bitte Sie nur, mich ihn retten zu lassen. Ich bin überzeugt, daß er ein von Grund aus guter und edler Mensch und werth ist, gerettet zu werden.« Bei diesen Worten ergriff er ihre Hand. Sie überließ sie ihm und erwiderte seinen Händedruck, denn all ihr Stolz löste sich in Thränen auf. Endlich, als sie wieder reden konnte, sagte sie: »Es ist Alles wegen des Mädchens. Er war nicht so, bis sie ihm zu Gesicht kam und ihn halb von Sinnen brachte. Seitdem ist er gar nicht mehr derselbe Mensch, mein armer Tom!« »Wissen Sie, daß er mir und zwar vor seinen 293 Dorfgenossen sein Wort gegeben hat, Jessie Wiles, wenn er bei unserm Kampf den Kürzeren ziehen sollte, nie wieder zu belästigen?« »Ja, das hat er mir selbst gesagt, und das ist es grade, was ihn jetzt drückt. Er brütet und brütet und murmelt vor sich hin und will sich nicht trösten lassen, und ich fürchte, er sinnt auf Rache. Und ich bitte Sie nochmals flehentlich, gehen Sie ihm aus dem Wege.« »Er sinnt nicht auf Rache gegen mich. Glauben Sie wirklich, daß, wenn ich fortginge und mich nicht wieder blicken ließe, das Mädchen seines Lebens sicher sein würde?« »Was! Mein Tom ein Mädchen tödten!« »Lasen Sie in Ihrer Zeitung nie von einem Manne, der seinen Schatz oder das Mädchen, welches sich weigerte, sein Schatz zu werden, umgebracht hat? Jedenfalls können Sie selbst diese seine wahnsinnige Bewerbung nicht billigen. Wenn ich recht verstanden habe, so haben Sie gewünscht, Tom möchte das Dorf für einige Zeit verlassen, bis Jessie, sagen wir, verheirathet oder ganz von hier fortgezogen wäre.« »Ja, das ist wahr. Ich habe das gewünscht und oft dafür gebetet, sowohl um ihret- als um seinetwillen. Und ich weiß wahrhaftig nicht, was wir 294 anfangen sollen, wenn er bleibt, denn er hat schon viele Kunden verloren. Der Squire hat ihm seine Kundschaft entzogen und viele Pachter desgleichen, und es war ein so schönes Geschäft zu Lebzeiten seines guten Vaters! Und wenn er nur gehen wollte, so würde ihn sein Onkel, der Thierarzt in Luscombe, zum Compagnon machen, denn er hat keinen eigenen Sohn und weiß, wie geschickt Tom ist. Es gibt keinen Menschen, der sich besser auf das Kuriren von Pferden und Kühen versteht.« »Und wenn Luscombe ein großer Ort ist, so muß doch wohl das Geschäft dort einträglicher sein als hier, selbst wenn Tom seine Kundschaft wieder bekäme, nicht wahr?« »O ja! Fünfmal so einträglich, wenn er nur hingehen wollte; aber er will nichts davon hören.« »Frau Bowles, ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihr Vertrauen, und ich bin überzeugt, daß jetzt, nachdem wir diese Unterhaltung gehabt haben, Alles glücklich enden wird. Ich will jetzt nicht weiter in Sie dringen. Tom wird doch wohl vor heute Abend nicht ausgehen dürfen.« »Ach Herr, es scheint fast, als ob er gar nicht anders ausgehen möchte, als um etwas Furchtbares zu vollbringen.« 295 »Muth! Ich will heute Abend wieder vorsprechen, und dann bringen Sie mich hinauf zu Tom und lassen mich mit ihm allein, daß ich Freundschaft mit ihm schließe, wie ich es mit Ihnen gethan habe. Inzwischen sagen Sie ihm kein Wort von mir.« »Aber –« »Frau Bowles, ›aber‹ ist ein Wort, das manchen warmen Impuls abkühlt, manchen freundlichen Gedanken ertödtet und manche brüderliche That im Keime erstickt. Niemand würde je seinen Nebenmenschen wie sich selbst lieben, wenn er auf alle die Aber hören wollte, die sich für die Nichtbefolgung dieses Gebots vorbringen lassen.« 296 Fünfzehntes Kapitel. Kenelm lenkte jetzt seine Schritte dem Pfarrhause zu, aber als er sich den dazu gehörigen Ländereien näherte, begegnete er einem Herrn, dessen Anzug so unverkennbar der eines Geistlichen war, daß er stehen blieb und sagte: »Habe ich die Ehre, Herrn Lethbridge vor mir zu sehen?« »Das ist mein Name«, erwiderte der Geistliche wohlgefällig lächelnd. »Kann ich etwas für Sie thun?« »Ja, sehr viel, wenn Sie mir erlauben wollen, über einige Mitglieder Ihrer Gemeinde mit Ihnen zu sprechen.« »Meine Gemeinde! Ich bitte um Vergebung, aber Sie sind mir und, ich sollte denken, auch meiner Gemeinde völlig fremd.« 297 »Ihrer Gemeinde nicht; ich bin ganz zu Hause in derselben und ich glaube aufrichtig, daß Ihre Gemeinde nie einen dienstbeflisseneren, beschäftigteren Müßiggänger, der sich so in ihre privatesten Angelegenheiten gemischt hätte, gekannt hat als mich.« Herr Lethbridge sah ihn starr an und sagte dann nach einer kurzen Pause: »Man hat mir von einem jungen Mann erzählt, der bei Herrn Saunderson gewohnt hat und in diesem Augenblick den Gegenstand aller Unterhaltungen bildet. Sie sind –« »Dieser junge Mann. Leider!« »Ja«, sagte Herr Lethbridge freundlich. »Ich selbst kann freilich als ein Diener des Evangeliums Ihren Beruf nicht billigen und würde, wenn Sie es nicht übel nehmen wollten, versuchen Sie davon abzubringen; aber doch kann ich, wenn ich ehrlich sein will, diesen Act der Befreiung eines armen Mädchens von der skandalösesten Verfolgung und die Verabreichung einer wenn auch groben Lection an eine wilde Bestie, die seit lange eine Schmach und ein Schrecken der Gegend gewesen ist, nicht verdammen. Das moralische Gefühl eines Gemeinwesens trifft in der Regel das Richtige – Sie werden von dem ganzen Dorfe gepriesen. Unter den obwaltenden Umständen will auch ich Ihnen mein Lob nicht vorenthalten. Als Sie diesen 298 Morgen erwachten, waren Sie ein berühmter Mann. Warum seufzen Sie darüber?« »Lord Byron war, als er eines Morgens erwachte, ein berühmter Mann, und die Folge davon war, daß er sein Lebelang darüber seufzte. Wenn es zwei Dinge gibt, die ein weiser Mann vermeiden sollte, so sind es Berühmtheit und Liebe. Der Himmel schütze mich vor beiden.« Der Pfarrer sah ihn wieder erstaunt an; da er aber von mitleidiger Natur und geneigt war, Alles die Menschheit Betreffende mild zu beurtheilen, sagte er mit einer leichten Neigung des Kopfes: »Ich habe immer gehört, daß die Amerikaner im Allgemeinen sich des Vortheils einer besseren Erziehung erfreuen als wir in England und daß literarische Bildung dort unendlich viel verbreiteter ist als bei uns; und doch, wenn ich Jemand, dessen Beruf in diesem Lande nicht in dem Ansehen hoher geistiger und ethisch-philosophischer Bildung steht, Lord Byron citiren und Gefühle äußern höre, die mit dem Ungestüm unerfahrener Jugend im Widerspruch stehen, in denen aber sehr viel liegt, was sie in den Augen eines nachdenkenden Christen, der von der Nichtigkeit der dem menschlichen Herzen begehrenswerthesten Dinge durchdrungen ist, empfehlenswerth erscheinen läßt, so bin ich 299 überrascht, und, mein lieber junger Freund, Ihre Erziehung, dünkt mich, müßte Sie zu etwas Besserem geschickt machen.« Eine der Maximen Kenelm Chillingly's war, daß ein verständiger Mann sich über nichts wundern dürfe; aber hier war er, um mich eines vulgären Ausdrucks zu bedienen, verblüfft und mußte sich auf das Niveau gewöhnlicher Geister herablassen und einfach erklären: »Ich verstehe Sie nicht.« »Ich sehe«, nahm der Geistliche mit sanftem Kopfschütteln wieder das Wort, »daß, wie ich es mir immer gedacht habe, in der vielberühmten Erziehung der Amerikaner die Elementarbegriffe von dem, was nach den Lehren des Christenthums Recht und Unrecht ist, weniger verbreitet und als bei unseren niederen Volksklassen. Ja, mein junger Freund, Sie mögen Dichter citiren, Sie mögen mich durch Ihre den Lehren heidnischer Dichter entlehnten Bemerkungen über die Nichtigkeit menschlicher Berühmtheit und menschlicher Liebe in Erstaunen setzen und doch nicht begreifen, mit welchem Mitleid und, nach der Ueberzeugung der meisten gutdenkenden Menschen, mit welcher Verachtung ein Mensch, der Ihr Gewerbe betreibt, betrachtet wird.« »Habe ich ein Gewerbe?« fragte Kenelm. »Das 300 zu hören freut mich sehr. Was ist denn mein Gewerbe? Und warum soll ich ein Amerikaner sein?« »Ich werde doch nicht falsch berichtet sein? Sie sind der Amerikaner – ich habe den Namen vergessen – der herübergekommen ist, um mit dem Vorkämpfer Englands um den Kampfpreis des Gürtels zu ringen. Sie schweigen, Sie lassen den Kopf hängen. Durch Ihre Erscheinung, Ihre langen Glieder, Ihren ernsten Ausdruck und Ihre augenscheinlich gute Erziehung bestätigen Sie meine Vermuthung in Betreff Ihrer Heimat. Durch Ihre Tapferkeit haben Sie eine Probe Ihrer professionellen Geschicklichkeit abgelegt.« »Ehrwürdiger Herr«, sagte Kenelm mit seinem unaussprechlich ernsten Ausdruck, »ich reise, um die Wahrheit zu suchen und allem Scheinwesen zu entfliehen; aber einem, der so anders erscheint, als er ist, wie es mit mir selbst der Fall ist, bin ich noch nicht begegnet. Vergessen Sie mich nicht in Ihren Gebeten. Ich bin weder Amerikaner noch Preisfechter. Ich ehre den ersteren als den Bürger einer großen Republik, der sein Bestes zum Gelingen eines gouvernementalen Experimentes thut, bei welchem er finden wird, daß grade das Gedeihen, welches er zu schaffen bestrebt ist, früher oder später sein Experiment vereiteln wird. Ich ehre den letzteren, weil Kraft, Muth und 301 Mäßigkeit, diese Hauptzierden der Könige und der Helden, für den Preisfechter unerläßliche Eigenschaften sind. Aber ich bin weder das Eine noch das Andere. Und Alles, was ich von mir sagen kann, ist, daß ich zu jener sehr unbestimmten Klasse gehöre, die man gemeiniglich englische Gentlemen nennt und daß ich nach meiner Geburt und meiner Erziehung ein Recht habe, Sie als solcher zu bitten, mir die Hand zu geben.« Herr Lethbridge sah ihn wieder erstaunt an, richtete den Kopf auf, verneigte sich und reichte Kenelm die Hand. »Sie werden mir jetzt gestatten, mit Ihnen über die Mitglieder Ihrer Gemeinde zu reden. Sie interessiren sich für Will Somers und ich auch. Er ist geschickt und erfinderisch. Aber es scheint hier keine genügende Nachfrage nach seinen Körben zu sein und er würde ohne Zweifel in einer Stadt hier in der Nähe besser fortkommen. Warum will er nicht fort von hier?« »Ich fürchte, der arme Will würde sich vor Sehnsucht verzehren, wenn er das hübsche Mädchen, für das Sie so ritterlich mit Tom Bowles gekämpft haben, nicht mehr sehen könnte.« »Ist der unglückliche Mensch also wirklich in Jessie 302 Wiles verliebt und glauben Sie, daß sie ihn wirklich wieder liebt?« »Davon bin ich überzeugt.« »Und würde sie ihm eine gute Frau werden? Das heißt, so gut, wie Frauen werden können?« »Eine gute Tochter pflegt auch eine gute Frau zu werden, und wir haben hier am Ort keinen Vater, der ein besseres Kind hätte, als es Jessie für ihren Vater ist. Sie ist wirklich ein vorzügliches Mädchen. Sie war die beste Schülerin in unserer Schule und meine Frau hält sehr viel auf sie. Aber sie hat etwas Besseres als bloßen Verstand, sie hat ein vortreffliches Herz.« »Was Sie sagen, bestätigt meinen eigenen Eindruck. Und der Vater des Mädchens hat gegen Somers nichts einzuwenden, als daß er besorgt, Will könne Frau und Kinder nicht gehörig ernähren?« »Er kann sonst nichts gegen ihn einzuwenden haben, außer was ebenso sehr für alle übrigen Bewerber gelten würde. Ich meine seine Furcht, daß Tom Bowles ihr irgend etwas zu Leide thun möchte, wenn er erführe, daß sie einen Anderen heirathen wolle.« »Halten Sie also Tom Bowles für einen durchaus schlechten und gefährlichen Menschen?« »Durchaus für schlecht und gefährlich und noch schlimmer, seit er sich dem Trunk ergeben hat.« 303 »Vermuthlich hat er sich erst dem Trunk ergeben, seit seine Liebe für Jessie Wiles ihm den Kopf verdreht hat?« »Ich glaube, ja.« »Aber, Herr Lethbridge, haben Sie nie auf diesen gefährlichen Menschen zu wirken versucht?« »Natürlich habe ich das versucht, aber nur um mich insultiren zu lassen. Er ist eine gottlose Bestie und ist seit Jahren nicht in der Kirche gewesen. Er scheint etwas von jener schlechten Bildung aufgeschnappt zu haben, wie sie sich wohl in ungläubigen Schriften findet, und ich zweifle, ob er überhaupt irgend welche Religion hat.« »Der arme Polyphem! Kein Wunder, daß seine Galatea sich vor ihm fürchtet.« »Der alte Wiles ist entsetzlich ängstlich und hat meine Frau gebeten, Jessie eine Stelle als Dienstmädchen an einem anderen Orte zu verschaffen. Aber Jessie konnte den Gedanken, von hier fortzugehen, nicht ertragen« »Aus demselben Grunde, aus welchem Will Somers so sehr an dem heimatlichen Boden hängt?« »Meine Frau glaubt es.« »Glauben Sie, daß, wenn man Tom Bowles von hier fortbringen könnte und Jessie und Will sich 304 heiratheten, sie sich als Nachfolger von Frau Bawtrey, wenn Will noch den Ertrag seiner Korbflechterei zu dem des Ladens und des Stück Landes hinzubrächte, gut ernähren könnten?« »Gut ernähren? Ganz gewiß! Sie würden ganz reich sein. Ich weiß, daß der Laden sehr viel Geld einzubringen pflegte. Die alte Frau kann natürlich dem Geschäft nicht mehr ordentlich vorstehen, aber sie hat noch immer eine gute Kundschaft.« »Will Somers scheint eine zarte Gesundheit zu haben, aber vielleicht würde sich dieselbe bessern, wenn er sich weniger Sorge wegen seines Unterhalts zu machen und nicht mehr zu fürchten brauchte, Jessie zu verlieren.« »Das würde eine wahre Lebensrettung für ihn sein, mein Herr.« »Dann«, sagte Kenelm mit einem tiefen Seufzer und einem wahren Leichenbittergesicht, »fürchte ich, daß ich, obgleich ich selbst nur tiefes Mitleid für jene Störung unseres geistigen Gleichgewichts empfinde, welche die Leute Liebe nennen, und obgleich ich daher der letzte wäre, der die Sorgen und Mühen, welche die Ehe über ihre Opfer bringt – nicht zu reden von den Leiden derjenigen, welche durch die Ehe in eine schon zu stark bevölkerte Welt gesetzt werden – noch 305 vermehren möchte, doch das Mittel werden muß, diese beiden Liebesvögel in einen Käfig zu bringen. Ich erkläre mich bereit, den Laden mit Zubehör für die jungen Leute zu kaufen, unter der Bedingung, daß Sie es freundlichst übernehmen wollen, die Zustimmung von Jessie's Vater zu ihrer Verbindung zu erwirken. Was Tom Bowles betrifft, so übernehme ich es, die beiden und das Dorf von dieser überreichen Natur zu befreien, welche eines größeren Feldes zur Bethätigung ihrer energischen Kraft bedarf. Verzeihen Sie, wenn ich Sie bitte, mich nicht zu unterbrechen; ich bin mit dem, was ich zu sagen habe, noch nicht zu Ende. Darf ich Sie fragen, ob es hier im Dorfe auch eine böse Welt gibt?« »Die böse Welt – o ich verstehe! Natürlich, wo es nur eine Frau mit einer Zunge zum Schwatzen gibt, da gibt es auch eine böse Welt.« »Und würde nicht die böse Welt, in Betracht, daß Jessie sehr hübsch ist und daß ich bei einem Spaziergang mit ihr mit Herrn Tom Bowles handgemein geworden bin, kopfschüttelnd behaupten, es sei wohl nicht reine Mildthätigkeit, die den Fremden so liberal gegen Jessie Wiles gemacht habe? Wenn aber Sie Frau Bawtrey das Geld für den Laden bezahlen und alle erforderlichen Arrangements gütigst übernehmen 306 wollten, so würde die böse Welt gegen niemand etwas sagen können.« Herr Lethbridge starrte Kenelm's feierliches Gesicht mit sprachlosem Staunen an. »Mein Herr«, sagte er nach einer langen Pause, »ich weiß kaum, wie ich meiner Bewunderung für eine Großmuth Ausdruck geben soll, die so edel und umsichtig und überdies gepaart ist mit einer Delicatesse und einer Weisheit, welche – welche –« »Bitte, mein werther Herr, machen Sie nicht, daß ich mich meiner noch mehr schämen muß, als ich es schon thue, schämen muß wegen einer Einmischung in Liebeshändel, die meinen Ansichten über die beste Art, sich den Engeln zu nähern, so sehr widerspricht. Um das Geschäft zum Abschluß zu bringen, ich halte es für das Beste, wenn ich Ihnen die Summe von fünfundvierzig Pfund, für welche Frau Bawtrey sich bereit erklärt hat, ihren Miethcontract und ihr Inventar abzutreten, sofort übergebe; aber natürlich werden Sie nichts davon bekannt werden lassen, bis ich und Tom Bowles fort sind. Ich hoffe, ich werde ihn morgen fortbringen können; aber ich werde diesen Abend erfahren, bis wann mit Sicherheit auf seine Abreise zu rechnen ist, und bis er fort ist, muß ich hier bleiben.« Während er sprach, nahm Kenelm Banknoten zu 307 dem erwähnten Belaufe aus seiner Brieftasche und händigte sie Herrn Lethbridge ein. »Darf ich wenigstens nach dem Namen des Mannes fragen, welcher mich mit seinem Vertrauen beehrt und welcher Mitglieder meiner Heerde so glücklich machen will?« »Ich wüßte eben nichts dagegen, Ihnen meinen Namen zu sagen, ich wüßte aber auch nichts dafür. Sie erinnern sich des Rathes Talleyrand's: Wenn Du zweifelhaft bist, ob Du einen Brief schreiben sollst oder nicht, so thu' es nicht. Dieser Rath ist auf viele Zweifel im Leben, auch abgesehen vom Briefschreiben, anwendbar. Leben Sie wohl, mein Herr!« »Ein höchst merkwürdiger junger Mann« murmelte der Pfarrer vor sich hin, während er der allmälig verschwindenden Gestalt des hochgewachsenen Fremden nachsah, »und«, fuhr er dann kopfschüttelnd fort, »ein rechtes Original.« Er begnügte sich mit dieser Lösung des Problems dieser eigenthümlichen Natur. Möge auch der Leser sich daran genügen lassen. 308 Sechzehntes Kapitel. Nach dem Mittagsessen mit der Familie, bei welchem der Gast des Pachters einen selbst für ihn ungewöhnlichen Appetit entwickelte, folgte Kenelm seinem Wirth nach dem Hof, auf welchem die Heuschober aufgestellt waren, und sagte: »Mein lieber Herr Saunderson, obgleich Sie keine Arbeit mehr für mich haben und ich Ihre Gastfreundschaft nicht länger mißbrauchen sollte, würde ich Ihnen doch sehr dankbar sein, wenn Sie mir erlauben wollten, noch einen oder zwei Tage bei Ihnen zu bleiben.« »Mein lieber Junge«, rief der Pachter, in dessen Achtung Kenelm seit seinem Sieg über Tom Bowles noch unendlich gestiegen war, »bleiben Sie, solange Sie wollen, wir werden uns alle freuen und bedauern, wenn Sie fortgehen. Auf alle Fälle müssen Sie bis 309 über Sonnabend bleiben; denn Sie sollen mit uns zum Erntefest beim Squire gehen. Sie werden da einen hübschen Anblick haben, und meine Mädchen rechnen schon auf einen Tanz mit Ihnen.« »Sonnabend – übermorgen? Sie sind sehr gütig, aber Lustbarkeiten sind nicht eben meine Sache und ich glaube, ich werde schon unterwegs sein, ehe Sie zu dem Erntefest aufbrechen.« »Bah, Sie müssen bleiben und ich sage Ihnen, junger Mensch, wenn Sie mehr zu thun haben wollen, so habe ich eine Arbeit, die ganz für Sie paßt.« »Und die wäre?« »Meinen Pflüger durchwalken; er ist diesen Morgen insolent gegen mich gewesen und ist nach Tom Bowles der stärkste Mensch in der Grafschaft.« Bei diesen Worten lachte der Pachter herzlich und freute sich seines eigenen Witzes. »Danke ergebenst«, sagte Kenelm, indem er sich seine gequetschten Stellen rieb. »Ein gebranntes Kind scheut das Feuer.« Unser junger Freund wanderte allein in die Felder. Das Wetter wurde trübe und es drohte zu regnen. Die Luft war ungewöhnlich still; die sonnenlose Landschaft trug das Gepräge trübseliger Einsamkeit. Kenelm gelangte an das Ufer des Baches, nicht 310 weit von der Stelle, wo der Pachter ihn zuerst gefunden hatte. Hier setzte er sich nieder, stützte den Kopf auf die Hand und heftete seine Blicke auf das stille dunkle Wasser, das traurig dahinfloß; Kummer beschlich sein Herz und gab seinen Gedanken eine trübe Färbung. »Ist es denn wahr«, sagte er laut zu sich, »daß ich geboren bin, ganz allein durchs Leben zu gehen, ohne nach einer schwesterlichen Hälfte meiner selbst zu begehren, daß ich nicht einmal an die Möglichkeit einer solchen Vereinigung glaube, daß ich vor dem bloßen Gedanken an dieselbe zurückschrecke und diejenigen, die danach seufzen, halb verhöhnen, halb verlachen muß? Sie seufzen nach etwas Unerreichbarem, ebenso gut könnten sie den Mond herabsehnen. Und doch, wenn andere Männer danach seufzen, warum liegt denn mir die Sache so fern? Wenn die Welt eine Bühne ist und alle Männer und Frauen in derselben nur Schauspieler, soll ich allein den einsamen Zuschauer abgeben, der keine Rolle in dem Drama spielt und kein Interesse an dem Verlauf desselben nimmt? Ohne Zweifel gibt es Viele, die so wenig wie ich nach der Rolle des Liebhabers trachten, der eine klägliche Ballade auf die Augenbrauen seines Liebchens dichtet, aber dann verlangen sie doch nach einer andern 311 Rolle, zum Beispiel nach der des Soldaten, ›mit dem Bart wie ein Leopard‹, oder der des Richters, ›mit dem runden Bäuchlein, das fette Kapaunen gemästet‹. Aber mich beseelt kein Ehrgeiz, ich trage kein Verlangen, weder Carrière zu machen, noch zu glänzen. Ich möchte weder Oberst noch Admiral, noch Parlamentsmitglied, noch Alderman sein; ich sehne mich nicht nach dem Ruf eines Witzlings oder eines Dichters oder eines Philosophen oder eines beliebten Gesellschafters oder eines Hauptschützen bei einem Büchsenschießen oder bei der Jagd. Es ist nicht anders! Ich bin der einzige müßige Zuschauer und habe nicht mehr Interesse an der thätigen Welt als ein Stein. Es ist eine schauerliche, phantastische Grille von Goethe, daß wir ursprünglich alle Monaden waren, kleine in der Atmosphäre umherschwirrende gesonderte Atome, die hierhin und dorthin von Kräften, über die wir keine Herrschaft hatten, besonders durch die Anziehung anderer Monaden getragen wurden, sodaß eine Monade, von Schweinemonaden getrieben, sich zu einem Schwein krystallisirt, eine andere, von heroischen Monaden gedrängt, ein Löwe oder ein Alexander wird. Nun ist es ganz klar«, fuhr Kenelm fort, indem er seine Stellung veränderte und das rechte Bein über das linke schlug, »daß eine für einen andern Planeten bestimmte 312 oder geeignete Monade auf ihrem Wege zu dieser Bestimmung einem Strom anderer erdwärts schwebender Monaden begegnen und von diesem Strome aufgefangen und so fortgewirbelt werden kann, daß sie ihre ganze Bestimmung und den eigentlichen Schauplatz ihrer Wirksamkeit verfehlt und sich zu einem menschlichen Wesen conglomerirt hier niederlassen muß. Das ist wahrscheinlich mein Loos gewesen. Meine für eine andere Region des Weltraums bestimmte Monade ist hier auf die Erde gefallen, wo sie sich nie zu Hause fühlen, sich nie mit andern Monaden amalgamiren und nicht begreifen kann, warum diese anderen in einer fortwährenden krampfhaften Unruhe leben. Ich bekenne so wenig zu wissen, warum die Gemüther menschlicher Wesen so rastlos aufgeregt über Dinge sind, die ihnen eingestandenermaßen mehr Pein als Vergnügen verursachen, wie ich es verstehe, warum dieser Schwarm von Mücken, der so kurze Zeit zu leben hat, sich nicht einen Augenblick Ruhe gönnt, sondern auf und ab fliegt, aufwärts und niederwärts, wie auf einer Schaukel, und solchen Lärm über seine Wechselbewegungen von unten nach oben und von oben nach unten macht. Und doch würde vielleicht auch meine Monade auf einem andern Planeten mit verwandten Monaden so zufrieden und so albern gehüpft und 313 gesprungen und getanzt und geschaukelt haben, wie es die Monaden der Menschen und Mücken in diesem mir fremden Jammerthal thun.« Kenelm war eben bei dieser conjecturalen Lösung der ihn beschäftigenden Schwierigkeiten angelangt, als er eine Stimme vernahm, die sang oder sich vielmehr in jener zwischen Recitativ und Gesang liegenden rhythmisch modulirten Weise bewegte, welche so angenehm wirkt, wenn die Intonation rein und musikalisch ist. Das war sie in diesem Falle und kein Wort des folgenden Gesanges entging Kenelm's Ohr. Zufriedenheit.         Zu Zeiten hört des Lebens Kummer auf. Die Bienen schwirren durch die Luft ohn' Hast, Das Bächlein singt in plätschernd ruh'gem Lauf Den Hänfling und die Lerch' zur sanften Rast. Im Fluß ihr Wellen friedlich gleitet hin, Wie nah' ihr auch des Meeres Wogen seid. Ich wandre durch die Welt so weit, so weit! Zufriedenheit hat doch nicht Raum darin. O Seele, sage nie, die Welt sei weit, So eng nicht sind des Bächleins Ufer hier. Du nur bist unbegrenzt nach jeder Seit'; Zufriedenheit hat nimmer Raum in dir. Als der Gesang zu Ende war, richtete Kenelm sich auf. Aber die Ufer des Baches zogen sich dergestalt 314 in einer Schlangenlinie dahin und waren so dicht mit Gebüsch bewachsen, daß der Sänger ihm einige Minuten lang unsichtbar blieb. Da plötzlich trat aus dem vor ihm liegenden Gebüsch und wenige Schritte von ihm der Mann, dem er das Lob des Beefsteaks als poetischen Vorwurf statt der Liebe empfohlen hatte, welche der Minnegesang in seinem uralten Irrthum besingt. »Ah!« sagte Kenelm halb aufstehend, »da treffen wir uns wieder. Das ist ja schön. Haben Sie je dem Kukuk zugehört?« »Haben Sie«, entgegnete der Troubadour, »je die Gegenwart des Sommers empfunden?« »Erlauben Sie mir, Ihnen die Hand zu reichen. Ich bewundere die Frage, mit welcher Sie die meinige parirt und zurückgeschlagen haben. Wenn Sie nicht eilig haben, setzen Sie sich doch zu mir und lassen Sie uns ein wenig plaudern!« Der Troubadour verneigte sich und ließ sich am Ufer neben Kenelm nieder. Sein Hund, der jetzt eben aus dem Schilf hervortauchte, näherte sich mit ernsthafter Miene Kenelm, der ihn noch ernsthafter wieder ansah, setzte sich dann schwanzwedelnd auf die Hinterbeine und horchte mit aufrecht stehenden Ohren auf ein Geräusch in dem nahen Schilf, offenbar im 315 Zweifel darüber, ob dasselbe von einem Fisch oder einer Wasserratte herrühre. »Ich habe aber meine Frage, ob Sie je dem Kukuk zugehört haben, nicht aus müßiger Neugierde gethan. Denn oft geschieht es an Sommertagen, wenn man grübelnd dasitzt, daß eine Stimme gleichsam aus der innersten Seele der Natur ertönt – so fern ist sie und doch so nahe! – die sehr beruhigende und wohlklingende Töne vernehmen läßt, sodaß man sich versucht fühlt, unüberlegter- und thörichterweise zu sagen: Die Natur antwortet mir. Der Kukuk hat mir diesen Streich oft genug gespielt. Ihr Gesang ist eine bessere Antwort auf die Fragen, mit denen ein Mensch sich grübelnd quält, als er sie je von einem Kukuk erhalten kann.« »Das bezweifle ich«, erwiderte der Troubadour. »Gesang ist im besten Falle doch nur das Echo einer aus der innersten Seele der Natur ertönenden Stimme. Und wenn der Kukuksruf Ihnen als eine solche Stimme erschien, so war derselbe, wenn Sie seine Sprache richtig zu deuten verstanden hätten, vielleicht eine wahrere Antwort auf Ihre Frage, als ein Mensch sie geben kann.« »Mein guter Freund«, antwortete Kenelm, »was Sie da sagen, klingt ganz hübsch und spricht eine 316 Empfindung aus, welches von gewissen Kritikern so erweitert ist, daß sie zur unbegrenzten Domäne der Dickköpfe geworden ist, die in der vulgären Sprache Blödwitz heißt. Aber obgleich die Natur nie schweigt, obgleich sie das Privilegium ihres Alters dazu mißbraucht, widerwärtig geschwätzig und klatschsüchtig zu sein, kann sie doch nie auf unsere Fragen antworten, sie hat kein Verständniß für Argumente, sie hat Mill's Logik nicht gelesen. Kurz, die Natur hat, wie ein großer Philosoph treffend gesagt hat, keinen Geist. Jeder, der sich an sie wendet, ist genöthigt, ihr für einen Augenblick seinen eigenen Geist aufzudrängen, und wenn sie eine Frage beantwortet, die sein Geist an sie richtet, so geschieht das papageienartig mit einer Antwort, die wieder sein eigener Geist ihr in den Mund gelegt hat. Und da der Geist jedes Menschen von dem jedes anderen verschieden ist, so bekommt auch jeder Mensch eine andere Antwort. Die Natur ist ein altes Lügenweib.« Der Troubadour lachte herzlich und sein Lachen klang so anmuthig wie sein Gesang. »Die Dichter würden sehr viel verlernen müssen, wenn sie die Natur in diesem Lichte betrachten müßten.« »Das trifft zu für die schlechten Dichter und bei 317 diesen wäre das Verlernen nur um so besser für sie und für ihre Leser.« »Studiren denn die guten Dichter nicht die Natur?« »Gewiß studiren sie die Natur, wie die Aerzte die Anatomie studiren, wenn sie todte Körper seciren. Aber der gute Dichter betrachtet wie der gute Arzt dieses Studium lediglich als das unentbehrliche A-B-C und nicht als das Allumfassende, welches ihm zur erfolgreichen Uebung seiner Kunst unerläßlich ist. Ich nenne den noch keinen guten Arzt, der ein Buch mit mehr oder weniger genauen Einzelnheiten über Fibern, Nerven und Muskeln füllt, und ich nenne den keinen guten Dichter, der ein Inventar des Rheins oder des Thals von Gloucester aufnimmt. Ein guter Dichter ist wie ein guter Arzt nur der, welcher den lebendigen Menschen versteht. Was ist das Wesen der dramatischen Poesie, welche Aristoteles mit Recht am höchsten stellt? Ist sie nicht die Poesie, in welcher alle Naturbeschreibung nothwendigerweise sehr kurz und allgemein gehalten sein muß, in welcher auf die äußere Gestalt des Menschen so wenig ankommt, daß sie mit jedem Schauspieler, der die Rolle gibt, wechselt? Ein Hamlet kann blond oder dunkel, ein Macbeth untersetzt oder hochgewachsen sein. Das Verdienst der 318 dramatischen Poesie besteht darin, daß sie an die Stelle der sogenannten Natur, das heißt, der äußeren und materiellen Natur, intelligente und fühlende, aber so rein immaterielle Geschöpfe setzt, daß man von ihnen sagen kann, sie seien ganz Geist und Seele; sie begnügen sich mit dem zeitweiligen Darlehn irgend eines gerade vorhandenen Körpers, wie ihn die Schauspieler leihen können, um sich den Zuhörern faßbar und sichtbar zu machen, bedürfen aber keines solchen Körpers, um faßbar und sichtbar für den Leser zu sein. Die höchste Art der Poesie ist daher diejenige, welche am wenigsten mit der äußeren Natur zu thun hat. Aber die Poesie jeden Grades kann ihr mehr oder weniger wahres und großes Verdienst haben, je nachdem sie der Natur das einflößt, was sie nicht besitzt: Vernunft und Seele.« »Ich bin wenig geneigt, anzuerkennen«, sagte der Troubadour, »daß eine Form der Poesie praktisch höher stehe als eine andere, das heißt, insofern diese Anerkennung mich nöthigen würde, den Dichter, welcher die von Ihnen als die höchste bezeichnete Gattung mit einigem Erfolge cultivirt, über den Dichter zu stellen, der eine von Ihnen als sehr untergeordnet bezeichnete Gattung mit einem viel durchgreifenderen Erfolge cultivirt. In der Theorie mag die dramatische Poesie 319 höher stehen als die lyrische und das ›Gerettete Venedig‹ ist ein sehr schönes Schauspiel; aber ich halte Burns für einen größeren Dichter als Otway.« »Das ist er vielleicht, ich kenne aber auch keinen lyrischen Dichter, wenigstens unter den modernen, der die Natur weniger als die rein äußerliche Gestalt der Dinge behandelt oder ihren Körper leidenschaftlicher mit seinem eigenen Herzen erfüllt, als es Robert Burns thut. Glauben Sie, daß, wenn ein Grieche in einer Verirrung seiner Vernunft oder seines Gewissens die weissagenden Eichenblätter von Dodona befragte, die Eichenblätter ihm antworteten? Glauben Sie nicht vielmehr, daß die von seinem Geiste ausgehende Frage von dem Geiste seines Priesters, seines Nebenmenschen beantwortet wurde, welcher die Eichenblätter lediglich zum Werkzeug der Mittheilung machte, wie Sie und ich etwa ein Blatt Schreibpapier zu einem solchen Werkzeug machen würden? Ist nicht die Geschichte des Aberglaubens eine Chronik der thörichten Versuche der Menschen, die Natur zum Antworten zu bringen?« »Aber«, sagte der Troubadour, »ich meine irgendwo gehört oder gelesen zu haben, daß die Experimente der Wissenschaft die Antworten der Natur auf die von Menschen an sie gestellten Fragen sind?« »Sie sind die Antworten, welche des Menschen 320 eigener Geist ihr unterschiebt, weiter nichts! Sein Geist studirt die Gesetze des Stoffs und macht bei diesem Studium Experimente mit dem Stoff; durch diese Experimente gelangt sein Geist in Gemäßheit seiner vorher erworbenen Kenntnisse oder seiner natürlichen Schärfe der Auffassung zu seinen eigenen Schlüssen, und so entstehen die Wissenschaften der Mechanik, der Chemie und so weiter. Aber der Stoff selbst gibt keine Antwort. Die Antwort ist verschieden je nach dem Geiste, der die Frage stellt, und der Fortschritt der Wissenschaft besteht in der fortwährenden Berichtigung der Irrthümer und Verkehrtheiten, welche vorangehende Geister für die richtige, ihnen von der Natur gegebene Antwort hielten. Es ist das Uebernatürliche in uns, nämlich der Geist, der allein den Mechanismus des Natürlichen, nämlich des Stoffs, errathen kann. Ein Stein kann nicht einen Stein befragen.« Der Troubadour erwiderte nichts und es entstand eine lange Pause, die nur durch das Gesumme der Insekten, das Geplätscher der vorüberfließenden Wellen und das Rauschen des Windes unterbrochen wurde. 321 Siebzehntes Kapitel. Endlich brach Kenelm das Schweigen mit den Worten des Dichters:                     »Rapiamus, amici, Occasionem de die, dumque virent genua, Et decet, obducta solvatur fronte senectus!« »Ist das nicht ein Citat aus Horaz?« fragte der Troubadour. »Jawohl, und ich habe die Stelle mit der hinterlistigen Absicht citirt, um zu sehen, ob Sie nicht eine sogenannte classische Erziehung genossen haben.« »Ich hätte mich einer solche Erziehung erfreuen können, wenn mich nicht mein Geschmack und mein Schicksal in meinen Knabenjahren den Studien entzogen hätten, deren Werth ich damals nicht begriff. Aber ich habe ein bischen Latein in der Schule 322 aufgeschnappt, und seit ich die Schule verlassen, habe ich es von Zeit zu Zeit versucht, mich, wie ich zu meiner Schande gestehen muß, namentlich mit Hülfe englischer Uebersetzungen, mit den populärsten alten Dichtern ein wenig bekannt zu machen.« »Ich bin gar nicht sicher, ob es für Sie, der Sie selbst Dichter sind, ein Vortheil sein würde, eine todte Sprache so gut zu wissen, daß ihre Formen und Wendungen sich, wenn auch vielleicht unbewußt, in die Formen und Wendungen der lebenden Sprache, in welcher Sie dichten, eindrängen würden. Horaz wäre vielleicht ein noch besserer Dichter geworden, wenn er nicht Griechisch besser verstanden hätte, als Sie Lateinisch verstehen.« »Es ist jedenfalls sehr artig von Ihnen, das zu sagen«, antwortete der Sänger mit einem gefälligen Lächeln. »Sie würden noch artiger sein«, sagte Kenelm,. »wenn Sie mir eine impertinente Frage verzeihen und mir sagen wollten, ob Sie um einer Wette willen wie ein Homer als wandernder Troubadour durchs Land ziehen und diesem intelligenten Vierfüßler, Ihrem Begleiter, erlauben, Pfennige in einem Teller zu sammeln, den er im Munde trägt?« »Nein, es handelt sich nicht um eine Wette; es ist eine Grille von mir, die Sie, wie ich aus Ihrer 323 Unterhaltung schließe, begreiflich finden werden, da Sie offenbar selbst etwas grillenhafter Natur sind.« »Soweit es sich dabei um eine Grille handelt, können Sie meiner Sympathie versichert sein.« »Nun denn, obgleich ich einen Beruf habe, dessen Betreibung mir ein bescheidenes Einkommen sichert, so ist doch Dichten meine Leidenschaft. Wenn es immer Sommer wäre und ich immer jung bliebe, so würde ich gern mein Lebelang singend durch die Welt ziehen. Aber ich habe es nie gewagt, etwas von meinen Versen zu veröffentlichen. Wenn sie todtgeschwiegen würden, so würde mir das schmerzlicher sein, als es solche Wunden der Eitelkeit für einen bärtigen Mann sein sollten; und wenn sie angegriffen oder lächerlich gemacht würden, so könnte mir das in meiner bürgerlichen Existenz großen Schaden thun. Diese letztere Erwägung würde, wenn ich ganz allein in der Welt stände, von keinem großen Gewicht für mich sein; aber es gibt Andere, um deretwillen ich gern ein Vermögen erwerben und meine Stellung im Leben behaupten möchte. Vor vielen Jahren, es war in Deutschland, begegnete ich einem deutschen Studenten, der sehr arm war und sich sein Brod damit erwarb, daß er durchs Land zog und den Leuten zur Guitarre etwas vorsang. Er ist seitdem ein sehr populärer Dichter 324 geworden und er hat mir versichert, er habe das Geheimniß dieser Popularität dadurch gefunden, daß er während seiner Wanderjahre als Sänger fortwährend den Geschmack des Volkes habe zu Rathe ziehen müssen. Sein Vorgang machte mir großen Eindruck. So kam ich dazu, dieses Experiment zu machen, und seit mehreren Jahren habe ich einen Theil des Sommers regelmäßig in dieser Weise zugebracht. Auf meinen Touren bin ich, wie ich Ihnen, glaube ich, schon früher erzählt habe, nur als wandernder Troubadour bekannt. Ich nehme die bescheidenen Geldstücke, die man mir gibt, als einen Beweis dafür entgegen, daß ich mir doch einige Anerkennung erwerbe. Arme Leute würden mich nicht bezahlen, wenn ich ihnen nicht gefiele; und die Gesänge, die ihnen am besten gefallen, sind in der Regel die, welche auch ich am liebsten habe. Uebrigens ist meine Zeit nicht weggeworfen; nicht nur die Gesundheit des Körpers, sondern auch die des Geistes gewinnt dabei, so erfrischend wirken Monate heiteren Wanderns und mannichfacher Abenteuer auf den gesammten Strom unserer Ideen.« »Ja, die Abenteuer sind mannichfach genug«, sagte Kenelm in etwas kläglichem Ton; denn er fühlte, als er seine Stellung veränderte, ein unangenehmes Zwacken seiner gequetschten Muskeln. »Aber finden Sie nicht, 325 daß die Urheber alles Bösen, die Weiber, bei Abenteuern immer ihre Hand im Spiele haben?« »Natürlich!« rief der Troubadour laut lachend. »Im Leben wie auf der Bühne ist das Interesse des Weiberrocks immer das stärkste.« »Darin bin ich nicht Ihrer Meinung!« sagte Kenelm trocken. »Und es scheint mir, als ob Sie sich da einer bei der Masse beliebten, aber Ihrer nicht würdigen Redensart bedienten. Aber dieses warme Wetter nimmt einem die Lust zum Disputiren und ich gebe zu, daß ein Weiberrock, vorausgesetzt, daß er roth ist, in einem Bilde wohl ein coloristisches Interesse in Anspruch nehmen kann.« »Nun, junger Herr«, sagte der Troubadour aufstehend, »der Tag geht zu Ende und ich muß Ihnen Adieu sagen; wenn Sie das Land durchstreifen müßten wie ich, würden Sie wahrscheinlich zu viele Mädchen sehen, um nicht die Stärke des Weiberrocksinteresses auch außer auf Bildern begreifen zu lernen, und wenn wir uns wiedertreffen, schreiben Sie vielleicht auch Liebesverse wie ich.« »Nachdem Sie eine so unbegründete Conjectur ausgesprochen haben, trenne ich mich weniger ungern von Ihnen, als ich es sonst vielleicht thun würde. Aber ich hoffe, wir treffen uns wieder.« 326 »Ihr Wunsch ist mir sehr schmeichelhaft; aber sollte es der Fall sein, so respectiren Sie, bitte, das Vertrauen, das ich in Sie gesetzt habe, und betrachten Sie mein wanderndes Troubadourthum und den Teller meines Hundes als geheiligte Geheimnisse. Für den Fall, daß wir uns nicht wiedertreffen sollten, ist es nur eine vorsichtige Zurückhaltung meinerseits, wenn ich Ihnen meinen richtigen Namen und meine Adresse nicht sage.« »Dadurch beweisen Sie die Vorsicht des gesunden Menschenverstandes, die sich bei Verehrern von Versen und Weiberrocksinteressen selten findet. Wo haben Sie Ihre Guitarre gelassen?« »Ich führe dieses Instrument auf meinen Wanderungen nicht mit mir; es wird mir von Stadt zu Stadt unter einem angenommenen Namen nachgeschickt, zusammen mit anderen Kleidern als diese, für den Fall, daß ich einmal Veranlassung haben sollte, meine Rolle als wandernder Troubadour aufzugeben.« Die beiden Männer trennten sich mit einem herzlichen Händedruck von einander, und als der Troubadour seines Weges längs des Ufers dahinschritt, schien sein Gesang dem Bache ein lebendigeres Gemurmel und dem Schilf weniger klagende Seufzer zu entlocken. 327 Achtzehntes Kapitel. Einsam und brütend saß der zum ersten Mal geschlagene Held von Hunderten von Zweikämpfen auf seinem Zimmer. Es war jetzt Zwielicht; aber die Läden waren den ganzen Tag halb geschlossen gewesen, um die Sonne, die Tom Bowles früher noch nie unwillkommen gewesen war, auszuschließen, und sie blieben auch jetzt noch halb geschlossen und machten so das Zwielicht noch dämmeriger, bis der früh aufgehende Herbstmond seine Strahlen durch die Spalten der Läden ins Zimmer sandte und eine silberne Spur auf den Fußboden zauberte. Der Kopf des starken Mannes hing ihm auf die Brust herab; seine starken Hände ruhten energielos auf seinen Knieen; seine Haltung trug das Gepräge äußerster Niedergeschlagenheit und Abspannung. Aber in 328 dem Ausdruck seines Gesichts waren die Anzeichen eines gefährlichen und ruhelosen Sinnens erkennbar, welche nicht sein finsteres Aussehen, wohl aber die Ruhe seiner Haltung Lügen straften. Seine Stirn, die in ihrer herausfordernden Kühnheit gewöhnlich offen und frei, war jetzt von tiefen Furchen durchzogen und lag in finsterem Unmuth über seinen gesenkten, halbgeschlossenen Augen. Seine Lippen waren so fest zusammengepreßt, daß das Gesicht nicht mehr rund erschien und die schweren Kinnbackenknochen scharf hervorstachen. Dann und wann öffneten sich die Lippen zwar, um einen tiefen ungeduldigen Seufzer auszustoßen, schlossen sich aber ebenso rasch wieder. Tom Bowles befand sich in einer jener Lebenskrisen, welche alle die Elemente, die das frühere Selbst eines Menschen ausgemacht haben, in völlige Anarchie versetzen, in welchen der Böse sein Werk beginnen zu wollen und den Sturm zu lenken scheint, in welchem ein roher ungebildeter Geist, der bis dahin noch nie einen verbrecherischen Gedanken gehegt hatte, das Verbrechen aus einem Abgrunde aufsteigen sieht, es als einen Feind erkennt und sich demselben doch wie einem Verhängniß beugt, sodaß, wenn ein zum Galgen verurtheilter Unglücklicher im letzten Augenblick schaudernd an den Moment zurückdenkt, »der zwischen zwei 329 Welten zitterte«, der Welt des Unschuldigen und der Welt des Schuldigen, er zu dem heiligen, hochgebildeten, vernünftigen, leidenschaftslosen Priester, der ihn beichten läßt und ihn Bruder nennt, sagt: »Der Teufel hat mich dazu verführt.« In diesem Augenblick öffnete sich die Thür, auf der Schwelle stand seine Mutter, der er nie einen Einfluß auf seine Handlungsweise gestattet hatte, obgleich er sie in seiner rauhen Weise herzlich liebte, und der verhaßte Nebenmensch, den er todt zu seinen Füßen zu sehen wünschte. Die Thür schloß sich wieder, die Mutter war fortgegangen, ohne ein Wort zu sagen, denn ihre Thränen erstickten ihre Stimme, sein Nebenmensch war allein mit ihm. Tom Bowles blickte auf, er erkannte den Besucher, die Furchen von seiner Stirn verschwanden und er rieb sich seine gewaltigen Hände. 330 Neunzehntes Kapitel. Kenelm Chillingly rückte sich schweigend einen Stuhl dicht an Tom heran und legte seine Hand schweigend auf die seines Gegners. Tom Bowles nahm Kenelm's Hand in seine beiden Hände, hielt sie neugierig an das Mondlicht, betrachtete sie, wog sie, schleuderte sie dann mit einem Ausruf, der halb wie Stöhnen, halb wie Lachen klang, als ein ihm feindliches, aber verächtliches Ding von sich, stand auf, verschloß die Thür, setzte sich wieder auf seinen Stuhl und sagte in trotzigem Ton: »Was wollen Sie jetzt von mir?« »Ich will Sie um eine Gefälligkeit bitten.« »Gefälligkeit!« »Die größte, die ein Mensch von einem andern 331 erbitten kann – Freundschaft. Sie sehen, mein lieber Tom«, fuhr Kenelm fort, indem er sich's ganz bequem machte, den einen Arm auf die Lehne von Tom's Stuhl legte und die Beine behaglich von sich streckte, wie man es vor seinem eigenen Kamine zu thun pflegt, »Sie sehen, mein lieber Tom, daß Männer wie wir, die jung und unverheirathet sind und nicht übel aussehen, Liebchen in Fülle finden können. Wenn die eine uns nicht mag, so wird uns schon eine andere mögen; Liebchen wachsen überall wie Nesseln und Disteln. Aber das Seltenste im Leben ist ein Freund. Jetzt sagen Sie mir aufrichtig: Sind Sie auf Ihren Wanderungen je in ein Dorf gekommen, wo Sie nicht einen Schatz hätten finden können, wenn Sie nach einem solchen Verlangen getragen hätten? Und wenn Sie einen solchen Schatz gefunden und ihn wieder verloren hätten, glauben Sie, daß es Ihnen die geringste Schwierigkeit gemacht haben würde, einen andern zu finden? Aber haben Sie außerhalb Ihrer eigenen Familie in der weiten Welt je einen echten Freund gefunden? Und wenn Sie einen solchen Freund gefunden hätten, einen Freund, der Ihnen in allen Lebenslagen beistehen, Ihnen Ihre Fehler ins Gesicht sagen und Sie hinter Ihrem Rücken für Ihre guten Eigenschaften loben, kurz, der Alles, was in seiner Macht stände, thun 332 würde, um Sie vor einer Gefahr zu warnen, und falls Sie wirklich in eine solche Gefahr gerathen wären, Alles aufbieten würde, Sie wieder aus derselben zu befreien, ich sage, wenn Sie einen solchen Freund gefunden und wieder verloren hätten, glauben Sie, daß Sie, und wenn Sie Methusalem's Alter erreichten, einen zweiten finden könnten? Sie antworten mir nicht. Sie schweigen. Nun, Tom, ich bitte Sie, mir ein solcher Freund zu sein und ich will Ihnen ein solcher Freund sein.« Tom fand sich durch diese Anrede so völlig außer Fassung gebracht, daß er wie sprachlos dasaß. Aber ihm war zu Muthe, als ob ein Sonnenstrahl durch die finsteren Wolken in seiner Seele bräche. Endlich aber stellte sich die zurückgedrängte Wuth, wenn auch mit schwankenden Schritten, wieder bei ihm ein und er brummte zwischen den Zähnen: »Ein schöner Freund, wahrhaftig, der mir mein Mädchen raubt. Gehen Sie Ihrer Wege!« »Sie war so wenig Ihr Mädchen, wie sie das meinige war oder je werden kann.« »Was, Sie sind nicht hinter ihr hergewesen?« »Ganz gewiß nicht. Ich gehe von hier nach Luscombe und bitte Sie, mit mir zu kommen. Glauben Sie, daß ich Sie hier lassen will?« 333 »Was geht das Sie an?« »Sehr viel. Die Vorsehung hat mir gestattet, Sie vor dem schwersten Kummer, den es geben kann, zu bewahren. Denn denken Sie nur, kann es einen schwerer zu verwindenden Kummer geben, als Sie ihn erlebt haben würden, wenn Sie an Ihrem Wunsche festgehalten, wenn Sie ein Mädchen gezwungen oder durch Furcht dahin gebracht hätten, Ihre Lebensgefährtin zu werden, bis der Tod Sie getrennt hätte, wenn Sie sie immer so geliebt hätten, sie Ihnen Ihr Leben lang geflucht hätte und Sie sich Tag und Nacht hätten sagen müssen, daß gerade Ihre Liebe sie unglücklich gemacht habe, und wenn ihr Unglück Sie wie ein böser Geist unablässig verfolgt hätte? Vor diesem Kummer habe ich Sie bewahrt. Möge die Vorsehung mir gestatten, mein Werk zu vollenden und Sie auch vor dem unsühnbarsten aller Verbrechen zu bewahren. Rufen Sie sich die Gedanken vor die Seele, welche den ganzen Tag über und nicht am wenigsten in dem Augenblick, wo ich Ihre Schwelle betrat, in Ihnen aufstiegen, Ihre Vernunft gefangen nahmen und Ihr Gewissen stumm machten, und dann legen Sie die Hand aufs Herz und sagen Sie, wenn Sie können: Mich trifft nicht der Vorwurf, von einem Morde geträumt zu haben.« 334 Der unglückliche Mensch sprang auf und richtete sich drohend empor, brach aber, als er Kenelm's ruhigem, festem, mitleidigem Blick begegnete, nicht weniger plötzlich wieder zusammen, sank zu Boden, bedeckte sein Gesicht mit den Händen und stieß einen furchtbaren, halb schluchzenden, halb heulenden Schrei aus. »Bruder«, sagte Kenelm, indem er neben ihn hinkniete und seinen Arm um die wogende Brust des Mannes schlang, »es ist jetzt vorüber, mit diesem Schrei ist der Dämon, der Dich irregeführt hat, für immer von Dir gewichen.« 335 Zwanzigstes Kapitel. Als Kenelm etwas später das Zimmer verließ und zu Frau Bowles hinunterkam, sagte er in heiterem Ton: »Alles in Ordnung, Tom und ich haben ewige Freundschaft geschlossen. Uebermorgen, Sonntag, gehen wir mit einander nach Luscombe; schreiben Sie, bitte, ein paar Zeilen an Tom's Onkel, um ihn auf dessen Besuch vorzubereiten, und schicken Sie seine Kleider voraus; denn wir wollen zu Fuß gehen und uns bei Zeiten in der Frühe auf den Weg machen. Jetzt gehen Sie hinauf und reden Sie mit ihm; er bedarf der zärtlich beschwichtigenden Zusprache einer Mutter. Er ist ein grundbraver Mensch und wir werden eines Tages noch alle stolz auf ihn sein.« Auf seinem Rückwege nach dem Pachthause begegnete Kenelm Herrn Lethbridge, der zu ihm sagte: »Ich 336 komme von Herrn Saunderson, wo ich Sie gesucht habe. Bei der Unterhandlung über Frau Bawtrey's Laden bin ich auf ein unerwartetes Hinderniß gestoßen. Nachdem ich Sie diesen Morgen gesprochen hatte, traf ich Herrn Travers' Schulzen, der mir sagte, daß ihr Miethcontract ihr nicht das Recht gibt, ohne Genehmigung des Squire wieder zu vermiethen, und daß, da das Haus ursprünglich zu sehr billigen Bedingungen an einen respectablen und von Herrn Travers begünstigten Miether überlassen worden ist, Herr Travers schwerlich die Uebertragung des Miethcontracts auf einen armen Korbmacher gutheißen, kurz, daß er zwar Frau Bawtrey's Rücktritt annehmen, dies aber nur zu Gunsten eines Reflectanten, dem er gefällig zu sein wünscht, thun wird. Nach dieser Mittheilung ritt ich sofort nach dem Herrenhause hinüber und sprach Herrn Travers selbst. Aber er war taub für meine Verwendung. Alles, wozu ich ihn bringen konnte, war, daß er sagte: ›Lassen Sie den Fremden, der sich für die Sache interessirt, herkommen und mit mir darüber reden. Ich möchte den Mann wohl sehen, der diese Bestie Tom Bowles durchgewalkt hat; wenn er mit dem fertig geworden ist, so bringt er mich vielleicht auch herum. Bringen Sie ihn morgen Abend zu meinem Erntefest mit.‹ Wollen Sie mit mir kommen?« 337 »Ja«, sagte Kenelm widerstrebend; »wenn er mich aber nur eingeladen, um eine gemeine Neugierde zu befriedigen, so werde ich schwerlich viel Aussicht haben, Will Somers zu dienen. Was meinen Sie dazu?« »Der Squire ist ein guter Geschäftsmann, und wiewohl ihn Niemand ungerecht oder habsüchtig nennen kann, ist er doch für menschenfreundliche Regungen wenig zugänglich und wir müssen zugeben, daß ein kränklicher Krüppel wie der arme Will kein sehr wünschenswerther Miether ist. Wenn die Sache daher lediglich von dem Erfolge Ihrer Unterhaltung mit dem Sauire abhinge, so würde ich dem Ausgange mit nicht sehr sanguinischen Hoffnungen entgegensehen. Aber wir haben einen Verbündeten in seiner Tochter. Sie hält sehr viel auf Jessie Wiles und ist sehr gütig gegen Will. Und überhaupt gibt es kein anmuthigeres, wohlwollenderes, sympathischeres Wesen als Cecilia Travers. Sie hat großen Einfluß auf ihren Vater und durch sie können Sie ihn vielleicht gewinnen.« »Ich habe eine specielle Abneigung gegen jede Berührung mit Frauen«, sagte Kenelm mit rücksichtsloser Derbheit. »Geistliche verstehen es, mit ihnen fertig zu werden. Sie, mein werther Herr, sind sicherlich besser dazu geeignet als ich.« »Erlauben Sie mir gegen die Richtigkeit dieser 338 Behauptung bescheidene Zweifel zu hegen. Man wird nicht sehr leicht mit einem Mädchen fertig, wenn man die Last der Jahre auf seinem Rücken fühlt. Wenn Sie aber je der Hülfe eines Geistlichen bedürfen sollten, um Ihre eigene Werbung zu einem glücklichen Abschluß zu bringen, so werde ich mich unendlich freuen, in meiner Eigenschaft als Geistlicher die verlangte Ceremonie zu vollziehen.« » Dii meliora! « sagte Kenelm feierlich. »Es gibt Leiden, die zu ernster Natur sind, um sie auch nur scherzend zu berühren. Was Fräulein Travers betrifft, so erfüllt mich grade das, was Sie von ihrer Menschenfreundlichkeit sagen, mit Grausen. Ich weiß zu gut, wie ein menschenfreundliches Mädchen beschaffen ist: überbeflissen, ruhelos, nervös, mit einer Stulpnase und einer Masse Tractätchen in der Tasche. Ich werde nicht zu dem Erntefest gehen.« »St!« sagte der Pfarrer leise. Eben gingen sie an Frau Somers' Häuschen vorüber, und während Kenelm gegen menschenfreundliche Mädchen declamirte, blieb Herr Lethbridge vor dem Häuschen stehen und blickte verstohlen durchs Fenster. »St, kommen Sie her – sachte.« Kenelm that, wie ihm geheißen war, und sah durchs Fenster. Will saß auf seinem Stuhle, Jessie Wiles 339 hatte sich zu seinen Füßen niedergesetzt, hielt seine Hand mit ihren beiden Händen und blickte zu ihm auf. Nur ihr Profil war sichtbar, aber der Ausdruck desselben war unaussprechlich sanft und zärtlich. Sein Gesicht, das zu ihr herabgeneigt war, hatte einen tieftraurigen Ausdruck, ja, die Thränen rollten ihm über die Wange. Kenelm horchte und hörte sie sagen: »Rede nicht so, Will, Du brichst mir das Herz, ich bin Deiner nicht würdig.« »Pfarrer«, sagte Kenelm, als sie zusammen weitergingen, »ich muß doch zu dem verwünschte Erntefest gehen. Ich fange an zu glauben, daß etwas Wahres an dem ehrwürdigen Gemeinplatz von der Liebe in der Hütte ist. Und Will Somers muß rasch heirathen, damit er gehörige Zeit hat, seinen Schritt zu bereuen.« »Ich sehe nicht ein, warum ein Mann es bereuen soll, ein gutes Mädchen, das er liebt, geheirathet zu haben.« »Antworten Sie mir aufrichtig: Sind Sie nie einem Manne begegnet, der es bereut hätte, geheirathet zu haben?« »Gewiß und zwar sehr oft.« »Gut, bitte, denken Sie wieder nach und antworten Sie mir ebenso aufrichtig. Sind Sie je einem 340 Manne begegnet, der es bereut hätte, nicht geheirathet zu haben?« Der Pfarrer sann nach und schwieg. »Herr«, sagte Kenelm, »Ihr Schweigen beweist Ihre Redlichkeit und ich respectire sie.« Mit diesen Worten ging er davon und ließ den Pfarrer stehen, der ihm laut nachrief: »Aber – aber –« 341 Einundzwanzigstes Kapitel. Herr Saunderson und Kenelm saßen in der Laube, jener seinen Grog schlürfend und seine Pfeife rauchend, dieser mit einem ernsten und doch zerstreuten Blick, als ob er es versuchen wolle, die Sterne der Milchstraße zu zählen, zu dem sommerlichen Nachthimmel aufschauend. »Haha!« sagte Herr Saunderson, der eben mit der Begründung einer Behauptung zu Ende war, »Sie sehen es jetzt ein, nicht wahr?« »Einsehen? Durchaus nicht. Sie erzählen mir, daß Ihr Großvater und Ihr Vater Pachter waren und daß Sie selbst seit dreißig Jahren Pachter sind, und aus diesen Vordersätzen ziehen Sie den unlogischen und irrationellen Schluß, daß deshalb auch Ihr Sohn Pachter werden müsse.« 342 »Junger Mann, Sie mögen sich für sehr klug halten. weil Sie auf der Universität gewesen sind und eine Masse von Gelehrsamkeit von da mit fortgenommen haben –« »Halt«, sagte Kenelm. »Sie nehmen es als ausgemacht an, daß eine Universität gelehrt sei.« »Nun ja, das nehme ich an.« »Aber wie kann sie gelehrt sein, wenn die, welche von ihr abgegangen sind, die Gelehrsamkeit mit fortgenommen haben. Wir lassen sie alle hinter uns in der Obhut der Lehrer. Aber ich weiß, was Sie sagen wollten: daß ich, weil ich mehr Bücher gelesen habe, mir darum keine Airs geben und mir einbilden dürfe, das Leben besser zu kennen als ein Mann von Ihren Jahren und Ihrer Erfahrung. Das gebe ich als allgemeine Regel zu. Aber zieht es nicht jeder noch so gescheidte und geschickte Arzt vor, wenn es sich um seine eigene Gesundheit handelt, sich bei einem andern Arzte, und wäre derselbe auch eben erst in die Praxis eingetreten, Raths zu erholen? Und wenn man erwägt, daß die Doctoren als Körperschaft betrachtet ungeheuer gescheidte Kerle sind, sollte es da nicht gerathen sein, das von ihnen gegebene Beispiel zu befolgen? Beweist es nicht, daß kein noch so weiser Mann ein competenter Richter über einen Fall ist, der 343 ihn selbst betrifft? Nun ist der Fall Ihres Sohnes in der That Ihr eigener Fall. Sie sehen denselben durch das Medium Ihrer Neigungen und Abneigungen und bestehen darauf, einen viereckigen Pflock in ein rundes Loch zu drängen, weil Sie, der Sie ein runder Pflock sind, sich in einem runden Loch behaglich fühlen. Das nenne ich nun irrationell.« »Ich sehe nicht ein«, sagte der Pachter verdrossen, »was mein Sohn für ein Recht hat sich einzubilden, daß er ein viereckiger Pflock sei, wenn sein Vater, sein Großvater und sein Urgroßvater runde Pflöcke gewesen sind, und es ist gegen die Natur aller Geschöpfe, nicht ihrer Gattung zu folgen. Ein Hund ist ein Jagdhund oder ein Schäferhund, je nachdem seine Vorfahren Jagdhunde oder Schäferhunde waren. He«, rief der Pachter triumphirend, indem er die Asche aus seiner Pfeife klopfte, »nun habe ich Sie doch wohl zum Schweigen gebracht, junger Herr, nicht wahr?« »Nein, denn Sie sind von der Voraussetzung ausgegangen, daß die Gattungen sich nicht gekreuzt haben. Wenn Sie aber den Fall setzen, daß ein Schäferhund eine Jagdhündin heirathet, sind Sie sicher, daß sein Sohn nicht mehr von der Jagdhündin als von dem Schäferhunde an sich haben wird?« Herr Saunderson suchte durch das Stopfen 344 seiner Pfeife Zeit zu gewinnen und kratzte sich den Kopf. »Sie sehen«, fuhr Kenelm fort, »daß Sie selbst Ihre Gattung gekreuzt haben. Sie haben die Tochter eines Kaufmanns geheirathet, und vermuthlich waren ihr Großvater und ihr Urgroßvater auch Kaufleute. Nun arten aber die meisten Söhne nach der Mutter und daher artet Herr Saunderson junior nach seiner Gattung auf der weiblichen Seite und kommt auf die Welt als ein viereckiger Pflock, der sich nur in einem viereckigen Loch behaglich fühlen kann. Es hilft Ihnen nichts, noch weiter zu argumentiren, Pachter; Ihr Junge muß zu seinem Onkel und damit hat die Sache ein Ende.« »Bei Gott!« sagte der Pachter, »Sie scheinen zu glauben, daß Sie mich um meinen Verstand reden können.« »Nein, aber ich glaube, daß, wenn es nach Ihrem Wunsche ginge, Sie Ihren Sohn zu etwas bewegen würden, was ihn schließlich ins Arbeitshaus brächte.« »Was? Wenn er an der Scholle haften bliebe wie sein Vater vor ihm?« »Lassen Sie einen Mann an der Scholle haften und die Scholle wird an ihm haften, nun lassen Sie aber einen Mann am Koth haften, so wird auch der 345 Koth an ihm haften. Sie bewirthschaften Ihren Pachthof mit Ihrem Herzen, Ihr Sohn aber würde ihn nur mit seinen Füßen bewirthschaften. Muth! Sehen Sie nicht, daß die Zeit ein Carrousel ist und daß Alles wieder auf denselben Fleck zurückkommt? Jeden Tag verläßt einer das Land und geht ins Geschäft. Nach und nach wird er reich und dann ist es sein größter Wunsch, wieder aufs Land zurückzukehren. Er verließ es als der Sohn eines Pachters und kehrt als Squire dahin zurück. Ihr Sohn wird, wenn er fünfzig Jahre alt ist, seine Ersparnisse in Land anlegen und wird selbst Pachter haben. Du lieber Gott, wie wird der sie zwiebeln! Ich würde Ihnen nicht rathen, einen Hof von ihm zu pachten.« »Darauf kann er lauern«, sagte der Pachter. »Er würde einen ganzen Apothekerladen auf meine Brachfelder ausschütten und das Fortschritt nennen.« »Lassen Sie ihn auf seinen Feldern doctern, wenn er seine eigenen Pachthöfe hat, und hüten Sie sich, daß er die Ihrigen nicht in seine chemischen Klauen bekommt. Kommen Sie, ich will ihm sagen, daß er seine Sachen packen und nächste Woche zu seinem Onkel gehen soll.« »Nun meinetwegen«, sagte der Pachter in einem 346 resignirten Ton, »so ein eigensinniger Mensch muß nun einmal seinen Willen haben.« »Und das Beste, was ein verständiger Mann thun kann, ist, einem solchen Starrkopf nicht im Wege zu sein. Herr Saunderson, reichen Sie mir Ihre rechtschaffene Hand. Sie sind einer von den Männern, welche die Söhne guter Väter an diese erinnern, und ich denke an meinen Vater, wenn ich sage: Gott segne Sie!« Kenelm sagte dem Pachter gute Nacht und kehrte ins Haus zurück, wo er Herrn Saunderson junior auf seinem Zimmer aufsuchte. Er fand den jungen Mann noch auf, bei der Lectüre einer beredten Abhandlung über die Emancipation des menschlichen Geschlechts von jeder tyrannischen Controle, sei sie nun politischer, socialer, geistlicher oder häuslicher Art. Der Bursche blickte verdrossen auf und sagte, als er Kenelm's melancholischem Gesichte begegnete: »Ah, ich sehe! Sie haben mit dem Alten gesprochen. Er will aber nichts davon hören.« »Vor allem«, antwortete Kenelm, »erlauben Sie mir, Ihnen, da Sie sich doch so viel auf Ihre höhere Erziehung zu gute thun, zu rathen, Ihre Muttersprache in den Werken der älteren Autoren zu studiren, welche trotz des Fortschritts unserer Zeit noch immer 347 von höhergebildeten Männern geschätzt werden. Niemand, welcher sich dieses Studiums befleißigt, ja Niemand, welcher die zehn Gebote in unserer Sprache studirt hat, begeht den Mißgriff zu glauben, daß ›der Alte‹ ein synonymer Ausdruck für Vater sei. Zweitens müssen Sie, da Sie auf die höhere Bildung Anspruch machen, welche das Ergebniß einer höheren Erziehung ist, lernen, sich selbst besser zu kennen, bevor Sie sich zu einem Lehrer der Menschheit aufwerfen. Entschuldigen Sie die Freiheit, die ich mir nehme, weil ich es wahrhaft gut mit Ihnen meine, wenn ich Ihnen sage, daß Sie für jetzt noch ein eingebildeter Narr, kurz das sind, wofür ein Junge den andern einen Esel schilt. Aber wenn Jemand einen schwachen Kopf hat, so kann er doch das durchschnittliche Gleichgewicht der Menschheit dadurch wiederherstellen, daß er den Reichthum des Herzens vermehrt. Versuchen Sie den des Ihrigen zu vermehren. Ihr Vater erklärt sich unter Aufopferung all seiner Lieblingswünsche damit einverstanden, daß Sie Ihre Laufbahn selbst wählen. Das ist eine schmerzliche Prüfung für den Stolz und die Liebe eines Vaters und wenige Väter bringen solche Opfer mit guter Grazie. So habe ich mein Ihnen gegebenes Versprechen gelöst und Ihren Vater zu Gunsten Ihrer Wünsche umgestimmt, weil ich sicher 348 bin, daß Sie ein sehr schlechter Landwirth geworden wären. Es kommt jetzt auf Sie an zu zeigen, daß Sie ein sehr guter Kaufmann werden können. Sie sind mir und Ihrem Vater gegenüber moralisch verpflichtet, Alles aufzubieten, um das zu werden, und inzwischen überlassen Sie die Aufgabe, die Welt auf den Kopf zu stellen, denen, die kein Geschäftslokal in derselben haben, das bei dem allgemeinen Umsturz draufgehen würde. Und damit gute Nacht!« Diesen Worten der Ermahnung, sacro digna silentio , hörte Saunderson junior mit herabhängender Unterlippe und mit Augen zu, die wie von einem Zauber gebannt vor sich hinstarrten. Ihm war zu Muthe wie einem kleinen Kinde, dem die Wärterin einen raschen Schlag versetzt hat und das von dieser Manipulation so überrascht ist, daß es nicht weiß, ob es ihm wehgethan hat oder nicht. Eine Minute nachdem Kenelm das Zimmer verlassen hatte, erschien er wieder an der Thür und sagte in einem versöhnlichen Flüsterton: »Nehmen Sie es sich nicht zu Herzen, daß ich Sie einen eingebildeten Narren und einen Esel genannt habe. Diese Ausdrücke sind ohne Zweifel ebenso anwendbar auf mich selbst. Aber es gibt einen noch eingebildeteren Narren und einen noch größeren Esel, als einer von uns 349 beiden es ist, und das ist das Zeitalter, in welchem geboren zu sein wir das Unglück haben, ein Zeitalter des Fortschritts, Herr Saunderson junior, ein Zeitalter der Wichtigmacher.« 350 Drittes Buch. Erstes Kapitel. Wenn es auf der Welt ein Mädchen gab, welches dazu geschaffen schien, Kenelm Chillingly mit den süßen Beschwerden der Liebe und den anmuthigen Zwistigkeiten des ehelichen Lebens auszusöhnen, so hätte man allen Grund gehabt anzunehmen, Cecilia Travers sei dieses Mädchen. Sie hatte ihre Mutter in früher Kindheit verloren und stand als einzige Tochter in einem Alter, in welchem die meisten Mädchen noch ihre Puppen zu Bette bringen, dem Haushalte ihres Vaters vor und hatte sich dadurch zeitig jenes Gefühl der Verantwortlichkeit und die Gewöhnung, sich auf sich selbst zu verlassen, angeeignet, welche selten verfehlt, dem Charakter einen gewissen Adel zu verleihen, wenn sie auch fast ebenso oft bei Frauen um den Preis zarter Weiblichkeit erkauft wird. 351 Bei Cecilia Travers aber hatte jene Gewöhnung nicht diese Wirkung geübt, weil sie so durchaus weiblich war, daß selbst die Handhabung ihrer Macht ihrem Wesen nichts Männliches zu geben vermochte. Ihre innerste Natur war so ganz Süßigkeit, daß, in welcher Richtung auch immer ihr Geist wandern und arbeiten mochte, er immer Honig bereitete. Sie hatte einen Vortheil vor den meisten Mädchen in gleicher gesellschaftlicher Stellung voraus: sie war nicht gelehrt worden, die Anlagen zu höherer Bildung, welche ihr die Vorsehung verliehen hatte, in den unfruchtbaren Nichtigkeiten zu vertändeln, die man weibliche Talente nennt. Sie malte nicht Figuren in dürftigen Wasserfarben, sie hatte nicht Jahre ihres Lebens auf die Erlangung der Fähigkeit verwandt, einem höflichen Auditorium die Qual des Gesanges italienischer Bravourarien zu bereiten, welche sie von jeder Sängerin von Profession in irgend einem Concertsaal der Hauptstadt besser singen hören konnten. Ich fürchte, sie hatte keine andern weiblichen Talente als die, mit welchen die Näherin und die Stickerin ihr tägliches Brod verdienen. Diese Art von Arbeit that sie gern und geschickt. War aber Cecilia nicht nutzlos von Privatlehrern geplagt worden, so war sie doch besonders begünstigt 352 gewesen durch die von ihrem Vater getroffene Wahl einer Erzieherin, was übrigens seinerseits auch kein großes Verdienst war. Er hatte ein Vorurtheil gegen eigentliche Gouvernanten, und es traf sich glücklich, daß zu seinen Familienbekanntschaften eine gewisse Frau Campion gehörte, eine Dame von nicht gewöhnlicher Bildung, deren Gatte eine hohe Stellung in der Verwaltung bekleidet und zu seiner eigenen großen Genugthuung eine sehr schöne Einnahme ganz verbraucht hatte, sodaß er bei seinem Tode zum großen Erstaunen Anderer keinen Heller hinterlassen hatte. Glücklicherweise waren keine Kinder da, für die hätte gesorgt werden müssen. Der Wittwe wurde von der Regierung eine kleine Pension bewilligt, und da sie das Haus ihres Mannes zu einem der angenehmsten in London gemacht hatte, erfreute sie sich einer solchen Beliebtheit, daß sie von zahlreichen Freunden auf deren Landsitze eingeladen wurde. Unter diesen befand sich auch Herr Travers. Sie kam zu ihm mit der Absicht, vierzehn Tage zu bleiben. Nach Verlauf dieser Zeit hatten sie und Cecilia sich so an einander attachirt und war ihre Gegenwart ihrem Wirthe so angenehm und so nützlich geworden, daß er sie dringend bat, ganz bei ihm zu bleiben und die Erziehung seiner Tochter zu übernehmen. Nach einigem Zögern 353 willigte Frau Campion dankbar ein, und so hatte Cecilia sich von ihrem achten Jahre an bis zum gegenwärtigen Augenblick, wo sie neunzehn Jahre alt war, des unschätzbaren Vortheils erfreut, in der beständigen Gesellschaft einer Frau von reich gebildetem Geist zu leben, welche gewöhnt gewesen war, die besten Urtheile über die besten Erzeugnisse der Literatur zu hören, und welche mit einer nicht geringen literarischen Bildung die feinsten Manieren und jene Art von klugem Urtheil verband, welches das Ergebniß eines regelmäßigen Verkehrs mit einem intelligenten und anmuthig weltklugen gesellschaftlichen Kreise ist, sodaß Cecilia selbst, ohne im mindesten gelehrt oder pedantisch zu sein, eins jener seltenen jungen Mädchen wurde, mit welchen ein gebildeter Mann sich wie mit geistig Gleichstehenden unterhalten kann, von welchen er ebenso viel empfängt, als er mittheilen kann, während ein Mann, der, ohne sich viel aus Büchern zu machen, doch die Reize eines feingebildeten weiblichen Wesens zu schätzen weiß, in ihrer Gesellschaft das Vergnügen genoß, sich in seiner Muttersprache mit ihr unterhalten zu können, ohne Gefahr zu laufen, hören zu müssen, daß dieser oder jener Prediger ein Wichtigmacher sei oder daß ein Gartenfest furchtbar amüsant gewesen sei. Mit einem Wort, Cecilia war eins von jenen 354 Mädchen, welche der Himmel zur helfenden Genossin eines Mannes erschaffen hat, welche, wenn ihr Mann reich und in hoher gesellschaftlicher Stellung wäre, als seine Genossin über diesen Reichthum und diese Stellung neuen Glanz verbreiten und den Genuß derselben durch die Erfüllung der durch sie gebotenen Pflichten erhöhen würde, und welche nicht minder, wenn der von ihr erwählte Gatte arm wäre und mit dem Leben ringen müßte, ihn ermuthigen, aufrecht erhalten und besänftigen, ihm einen Theil seiner Bürde abnehmen und die Bitterkeit des Lebens mit der für Alles entschädigenden Anmuth ihres Lächelns lindern würde. Cecilia hatte bis jetzt noch wenig an Liebe und Liebhaber gedacht. Sie hatte sich noch nicht einmal eins jener Ideale gebildet, welche den meisten Mädchen, wenn sie heranreifen, vorzuschweben pflegen. Aber von zwei Dingen war sie innerlich durchdrungen: daß sie niemals ohne Liebe würde heirathen können und daß, wenn sie einmal liebe, es für ihr ganzes Leben sein werde. Und nun will ich diese Skizze mit einem Bilde der Erscheinung des Mädchens beschließen. Sie ist eben aus ihr Zimmer gegangen, nachdem sie die Vorbereitungen für die Festlichkeit getroffen hat, welche ihr Vater seinen Pachtern und ländlichen Nachbarn zu geben im Begriff steht. Sie hat ihren 355 Strohhut beiseite gelegt und den großen Korb, den sie von Blumen geleert hat, niedergesetzt. Sie steht still vor dem Spiegel, um die rauh gewordenen Flechten ihres Haares wieder zu glätten, ihres kastanienbraunen, seidenweichen, üppigen Haares, das noch nie mit Haaröl in Berührung gekommen ist. Ihr Teint, der gewöhnlich jene milde Frische hat, welche zur Blässe neigt, ist jetzt durch Bewegung und die Einwirkung der Sonne von blühendem Roth. Ihre Züge sind fein und weiblich, ihre Augen dunkel und mit langen Wimpern besetzt, ihr Mund von eigenthümlicher Schönheit, mit einem Grübchen zu beiden Seiten und jetzt eben halb geöffnet durch ein von einer angenehmen Erinnerung hervorgerufenes Lächeln, wobei kleine wie Perlen glänzende Zähne zum Vorschein kommen. Aber der eigenthümliche Reiz ihres Gesichts besteht in einem Ausdruck heiterer Glückseligkeit, jener Art von Glückseligkeit, die uns anmuthet, als wäre sie nie von einem Kummer unterbrochen, nie von einer Sünde gestört worden, jener heiligen Glückseligkeit, die das Theil der Unschuldigen, das von einem friedlichen Herzen und einem reinen Gewissen zurückgestrahlte Licht ist. 356 Zweites Kapitel. Es war ein lieblicher Sommerabend, an welchem das ländliche Fest des Squire stattfand. Herr Travers hatte mit einigen Logirgästen des Festes wegen früh zu Mittag gegessen und stand jetzt mit ihnen kurz vor sechs Uhr auf dem Rasen. Das Haus war von unregelmäßiger Bauart. Zu verschiedenen Zeiten, von der Regierung Elisabeth's bis zu der Victoria's waren Veränderungen mit demselben vorgenommen oder neue Theile angebaut worden. An dem einen Ende, dem ältesten Theil, befand sich ein Giebel mit gothischen Fenstern; an dem andern Ende, dem neuesten Theil, ein Flügel mit flachem Dach und mit modernen, bis auf den Boden reichenden Fenstern; der dazwischen liegende Bau war zum großen Theil durch eine mit Schlingpflanzen bewachsene Veranda verdeckt. 357 Der Rasen bildete eine geräumige, nach Westen gelegene Fläche, in deren Hintergrund ein grüner, sanft ansteigender Hügel lag, dessen Gipfel die Ruinen einer alten Abtei krönten. An der einen Seite des Rasens zog sich ein ursprünglich von Repton angelegter Blumengarten hin. An den gegenüber liegenden Ecken des Rasens waren zwei große Zelte errichtet, das eine zum Tanzen, das andere für das Abendessen. Nach Süden hin, wo die Aussicht frei war, blickte man auf einen alten englischen Park, der nicht grade von der vornehmsten Art, nicht von alten Alleen durchschnitten oder mit nutzlosem Farrenkraut als Lager für das Wild bekleidet, vielmehr der Park eines umsichtigen Landwirths war, der das Nützliche mit dem Angenehmen vereinigt. Der Rasen darin war gehörig drainirt und gepflegt, sodaß junge Ochsen in unglaublich kurzer Zeit darauf gemästet werden konnten; der Anblick des Ganzen wurde durch verschiedene, mit Drahtgittern umzäunte Plätze einigermaßen beeinträchtigt. Herr Travers war ob seiner geschickten Bewirthschaftung und der vortheilhaftesten Verwendung des Bodens überhaupt berühmt. Er war noch ein Kind gewesen, als er in den Besitz seines Gutes gelangte, und hatte sich so der von Jahr zu Jahr wachsenden Ersparnisse, wie sie eine lange Unmündigkeit mit sich bringt, zu 358 erfreuen gehabt. Im Alter von achtzehn Jahren war er bei den Garden eingetreten und war, da er über mehr Geld zu verfügen hatte als die meisten seiner Genossen, wenn sie auch vielleicht vornehmer und die Söhne reicherer Leute waren, viel umworben und viel geplündert worden. Im Alter von fünfundzwanzig Jahren war er einer der Löwen des Tages, besonders berühmt wegen seiner rücksichtslosen Verwegenheit, wo immer es ein gefährliches Unternehmen galt, bei dem Ehre zu holen war; ein Wettrenner, dessen Wagnisse ruhigen Leuten die Haare zu Berge stehen machten; ein Reiter, der Sprünge machte, welche mancher kühne Jäger sorgfältig vermieden haben würde. Gleich bekannt in Paris und in London, war er von Damen bewundert worden, deren Lächeln ihm Duelle zugezogen hatte, von welchen noch jetzt rühmliche Narben auf seinem Gesichte erzählten. Niemals schien Jemand noch vor dem dreißigsten Jahre sicherer seinem Ruin entgegenzugehen; denn als er das siebenundzwanzigste Jahr erreicht hatte, waren bereits alle während seiner Minorität angesammelten Ersparnisse draufgegangen, sein Gut, das bei Eintritt seiner Mündigkeit kaum dreitausend Pfund Sterling jährlich einbrachte, aber völlig schuldenfrei war, über und über belastet. Seine Freunde fingen an die Köpfe zu schütteln 359 und ihn »armer Kerl« zu nennen; aber bei all seinen Fehlern und bei all seiner Ausgelassenheit hatte Leopold Travers sich doch von den beiden Lastern, von denen ein Mann sich nicht leicht wieder losmacht, völlig frei gehalten. Er hatte nie getrunken und nie gespielt. Seine Nerven waren nicht zerrüttet, sein Gehirn nicht verdummt. Es war noch eine Fülle von geistiger und körperlicher Gesundheit in ihm. In der kritischen Periode seines Lebens heirathete er aus Liebe und seine Wahl war eine höchst glückliche. Das Mädchen seines Herzens hatte kein Vermögen, aber auch, obgleich schön und von vornehmer Familie, keinen Sinn für ein verschwenderisches Leben und kein Verlangen nach anderer Gesellschaft als der des Mannes, den sie liebte. Als er daher zu ihr sagte: »Laß uns auf dem Lande leben und nach besten Kräften versuchen mit einigen hundert Pfund auszukommen, zurückzulegen und das Gut schuldenfrei zu machen«, stimmte sie freudig zu. Und nun erschien es allen fast wie ein Wunder, wie dieser wilde Leopold Travers sich häuslich niederließ, wie er sein eigenes Land mit seinen Leuten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang wie ein kleiner Pachter bewirthschaftete, wie er es möglich machte, die Zinsen seiner Hypothekschulden zu bezahlen und sich über Wasser zu halten. Nach 360 einigen Lehrjahren in dieser Schule der Sparsamkeit, während deren er sich regelmäßige Lebensgewohnheiten aneignete und seinen Charakter stählte, wurde Leopold Travers plötzlich wieder reich durch seine Frau, die er so verständiger Weise ohne andere Mitgift als ihre Liebe und ihre Tugenden geheirathet hatte. Ihr einziger Bruder, Lord Eagleton, ein schottischer Pair, war mit einer jungen Dame verlobt gewesen, die für ein großes Loos in der Heirathslotterie galt. Die Partie ging unter sehr ungünstigen Umständen zurück; man erwartete aber, daß der junge, hübsche und liebenswürdige Lord baldigst in einer anderen Verbindung Trost suchen werde. Man hatte sich jedoch geirrt; er fing an zu kränkeln, starb als Junggeselle und hinterließ seiner Schwester Alles, was er dem entfernten Verwandten, der seinen Grundbesitz und seinen Titel erbte, zu entziehen vermochte, eine schöne Summe, welche nicht allein hinreichte, die auf Neesdale-Park haftenden Hypothekschulden abzuzahlen, sondern ihrem Besitzer noch einen Ueberschuß ließ, welchen er vermöge seiner jetzt erworbenen landwirthschaftlichen Erfahrungen mit außerordentlichem Erfolge auf die allgemeine Verbesserung seines Guts zu verwenden im Stande war. Er ersetzte alte verfallene Pachterwohnungen durch Neubauten, welche nach den bewährtesten 361 Principien errichtet wurden, kaufte verschiedene unordentliche und unzuverlässige Pachter ab oder pensionirte sie, legte verschiedene kleine Höfe zu großen Höfen, wie sie seinen Bauten entsprachen, zusammen, kaufte hier und da kleine Strecken Landes, die für die anstoßenden Höfe gut zu benutzen waren und seinen gesammten Grundbesitz noch besser abrundeten, ließ nutzlose Waldungen, welche den Werth nahegelegenen Ackerlandes dadurch verminderten, daß sie Sonne und Luft absperrten und Legionen von Kaninchen beherbergten, ausroden, schaffte sich dann unternehmende und bemittelte Pachter und konnte so seine ursprüngliche Pachteinnahme mehr als verdoppeln und den Marktwerth seines Grundbesitzes mehr als verdreifachen. Zugleich mit dieser Verbesserung seiner Vermögensverhältnisse trat er aus dem ungastlichen und ungeselligen Dunkel, zu welchem ihn seine frühere Armuth gezwungen hatte, hervor, nahm thätigen Antheil an den Grafschaftsangelegenheiten, erwies sich als ein vortrefflicher Redner in öffentlichen Versammlungen, unterschrieb reichlich zu Jagden und betheiligte sich gelegentlich daran als ein weniger kühner, aber weiserer Reiter denn ehedem. Kurz, wie Themistokles sich rühmte, einen kleinen Staat groß machen zu können, so konnte Leopold Travers sich mit gleichem Rechte rühmen, durch 362 seine Energie, sein Urtheil und das Gewicht seines persönlichen Ansehens sich als Besitzer eines Gutes, welches bei seiner Uebernahme desselben zu den Gütern dritten Ranges in der Grafschaft gehört hatte, zu einer so geachteten Persönlichkeit aufgeschwungen zu haben, daß kein Edelmann in der Grafschaft gegen seinen Willen ins Parlament hätte gewählt werden können und daß er selbst, wenn er sich um einen Parlamentssitz hätte bewerben wollen, ohne Kosten gewählt worden sein würde. Aber er erklärte, als man ihn bat, sich als Wahlcandidaten aufstellen zu lassen: »Wenn ein Mann sich einmal ganz der Bewirthschaftung und Verbesserung seines Grundbesitzes gewidmet hat, so hat er weder Zeit noch Herz für irgend etwas Anderes. Ein Gut ist eine Einnahmequelle oder ein Königreich, je nachdem der Besitzer es auffaßt. Ich fasse es als ein Königthum auf und kann nicht roi fainéant mit einem Verwalter als Majordomus sein. Ein König geht nicht ins Haus der Gemeinen.« Drei Jahre nach dieser Erhebung auf der gesellschaftlichen Stufenleiter erkrankte Frau Travers an einer Lungenentzündung und starb nach wenigen Tagen. Leopold verwand ihren Verlust nie ganz. Obgleich noch jung und schön, wies er doch den Gedanken an 363 die Verbindung mit einer andern Frau mit ruhigem Hohn von sich. Er war ein zu männlicher Charakter, um mit seinem Kummer zu paradiren. Nur in den ersten Wochen verschloß er sich in seinem Zimmer und vermied jede Berührung mit der Außenwelt so sehr, daß er selbst seine Tochter nicht sehen wollte. Aber eines Morgens erschien er wieder wie gewöhnlich auf dem Felde, und von diesem Tage an nahm er seine alten Gewohnheiten und allmälig auch den herzlichen, gastfreundlichen Verkehr wieder auf, durch den er sich, seit er reich geworden, ausgezeichnet und beliebt gemacht hatte. Gleichwohl fühlten die Leute, daß der Mann verändert sei; er war schweigsamer, ernster geworden; wenn er auch wie immer gerecht gegen alle war, so neigte er sich doch einer härteren Auffassung der Dinge zu, während er zu Lebzeiten seiner Frau die mildere Seite hervorzukehren pflegte. Für einen Mann von starkem Willen ist vielleicht der regelmäßige Verkehr mit einer liebenswürdigen Frau besonders wünschenswerth bei solchen Gelegenheiten, wo der Wille die Güte seiner Beschaffenheit grade durch die Leichtigkeit beweist, mit welcher er sich beugen läßt. Man kann wohl sagen, daß Leopold Travers einen solchen Verkehr in dem vertrauten Umgang mit seiner eigenen Tochter hätte finden können. Aber sie war 364 noch ein reines Kind, als seine Frau starb, und sie wuchs zu unmerklich zur Jungfrau heran, als daß er die Veränderung hätte inne werden können. Ueberdies kann eine Tochter einem Mann, der in seiner Frau sein Alles gefunden hat, nie deren Stelle ersetzen. Grade der pflichtschuldige kindliche Respekt schließt ein rückhaltloses Vertrauen aus und eine Tochter kann einem Mann nicht die beständige Genossin sein, die ihm seine Frau war. Jeden Tag kann ein Fremder erscheinen und sie ihm fortnehmen. Wie dem auch sei, Leopold Travers gestand Cecilia nicht den sänftigenden Einfluß zu, den ihre Mutter auf ihn geübt hatte. Er liebte sie, war stolz auf sie und ging bereitwillig auf ihre Wünsche ein; aber dieses Eingehen hatte seine sehr bestimmten Grenzen. Was sie für sich verlangte, gestand er ihr ohne weiteres zu; was sie in Angelegenheiten, die ihrer Natur nach unter weiblicher Obhut stehen, in Betreff des Haushaltes, der Dorfschule, der Almosenempfänger wünschte, konnte auf seine mildeste Berücksichtigung rechnen. Aber so oft sie von einem Untergebenen außer dem Hause, der sich etwas hatte zu Schulden kommen lassen, oder von einem kleinen, mit seiner Rente rückständigen Pachter gebeten wurde, sich zu seinen Gunsten zu verwenden, setzte Herr Travers ihrem Versuche, sich ins Mittel zu legen, 365 regelmäßig ein festes, wenn auch in mildem Ton ausgesprochenes Nein entgegen und begleitete dasselbe mit einem Aphorismus des Inhalts, daß es in der Welt keine strenge Gerechtigkeit, keine Ordnung und Disciplin geben würde, wenn ein Mann den Bitten einer Frau in irgend einer geschäftlichen Angelegenheit zwischen Männern nachgäbe. Man sieht also, daß Herr Lethbridge den Werth der Bundesgenossenschaft Cecilia's in der Unterhandlung betreffs der Uebertragung des Ladens von Frau Bawtrey überschätzt hatte. 366 Drittes Kapitel. Wenn Du, lieber Leser, nachdem Du eben vernommen, was ich über das Leben und die geistige Natur von Leopold Travers mitgetheilt habe, ihm in diesem Augenblick, wo er den Mittelpunkt der ihn auf seiner Terrasse umgebenden Gruppe bildet, vorgestellt würdest, so würdest Du wahrscheinlich überrascht sein, ja vielleicht zu Dir selbst sagen: So habe ich mir den Mann durchaus nicht gedacht. In dieser schlanken Gestalt von noch nicht mittler Größe, in diesem hübschen Gesicht, das im Alter von achtundvierzig Jahren eine fast weiblich schöne Zartheit der Züge und des Teints zeigt und dessen friedlicher, ruhiger Ausdruck auf den ersten Blick die Vorstellung fast weiblicher Milde erweckt, würde es schwer gewesen sein, den Mann zu erkennen, der in seiner Jugend wegen seiner 367 waghalsigen Kühnheit berühmt gewesen war, der sich in reiferen Jahren durch solide Besonnenheit und zielbewußte Entschlossenheit ausgezeichnet hatte und den in seinen Fehlern wie in seinen Tugenden ein entschieden männliches Wesen charakterisirte. Herr Travers hörte eben einem jungen Manne von etwa zweiundzwanzig Jahren zu, dem ältesten Sohn des reichsten Edelmannes in der Grafschaft, der sich bei den nahe bevorstehenden allgemeinen Wahlen als Grafschaftscandidat zu präsentiren gedachte. Herr George Belvoir war hochgewachsen, zur Beleibtheit geneigt und hatte alle Aussicht, bei den Wahlen auf seine Hörer einen guten Eindruck zu machen. Er hatte die Art von sorgfältiger Erziehung genossen, welche ein englischer Pair meistentheils dem Sohne angedeihen läßt, der einst seinen Namen zu tragen und damit die Verantwortlichkeit seiner hohen Stellung zu übernehmen bestimmt ist. Wenn älteste Söhne oft keine so große Rolle in der Welt spielen wie ihre jüngeren Brüder, so hat das seinen Grund nicht etwa darin, daß sie weniger gut erzogen wären, sondern darin, daß sie weniger treibende Motive zum Handeln haben. George Belvoir war wohlbelesen, besonders in den Wissenszweigen, deren Kenntniß einem künftigen Gesetzgeber noth thut, Geschichte, Statistik, 368 Nationalökonomie, soweit diese unglückliche Wissenschaft mit dem landwirthschaftlichen Interesse vereinbar ist. Er hatte auch gute Grundsätze, einen stark ausgeprägten Sinn für Disciplin und Pflicht und war in der Politik bereit, Alles, was von seiner Partei ausging, energisch als das Rechte zu vertreten und Alles, was von der anderen Partei ausging, als Unrecht zu verwerfen. Jetzt war er noch etwas laut und lärmend in der Art, seine Ansichten geltend zu machen, wie es junge eben von der Universität gekommene Männer gewöhnlich sind. Es war Herrn Travers' geheimer Wunsch, daß George Belvoir sein Schwiegersohn werden möchte, nicht sowohl wegen seines Reichthums und Ranges, wenn auch diese Vorzüge einem so praktischen Manne wie Leopold Travers keineswegs verächtlich erschienen, als wegen persönlicher Eigenschaften, welche einen vortrefflichen Ehemann zu verheißen schienen. Frau Campion und drei Damen, die Frauen benachbarter Gutsbesitzer, saßen auf Bänken von Drahtgeflecht dicht vor der Veranda, aber noch von deren duftenden Laubgewinden beschattet. Cecilia stand in einer kleinen Entfernung von ihnen, über einen Terrier mit langem Rücken, den sie auf seinen Hinterbeinen zu stehen lehrte, gebeugt. 369 Aber eben trafen die Gäste ein. Wie plötzlich hat sich der grüne Plan, der noch vor zehn Minuten so einsam dalag, gefüllt und belebt! Der Park bot jetzt in der That ein sehr lebendiges Bild dar: Gesellschaftswagen, Chaisen und Einspänner folgten sich in einer ununterbrochenen Reihe auf dem sich schlängelnden Wege; Fußgänger drangen von allen Seiten her in Schwärmen auf das Haus zu. Die Heerden von Rindern, Schafen und Ziegen in ihren verschiedenen Umzäunungen unterbrachen sich in ihrer Beschäftigung des Grasfressens, um die ungewohnten Eindringlinge anzustarren; aber das ordnungliebende Wesen des Wirthes flößte auch den roheren unter seinen Gästen Respekt für Ordnung ein; selbst die wildesten Jungen versuchten es nicht, über die Zäune zu steigen oder hindurchzukriechen; alle gingen einer nach dem andern durch die Tourniquets, welche von einer umzäunten Wiese zur andern führten. Herr Travers sagte zu George Belvoir gewandt: »Da sehe ich des alten Pachters Steen gelbes Gig. Achten Sie wohl auf das, was Sie zu dem sagen, George. Er steckt voll Launen und Grillen, und wenn Sie einmal etwas sagen, was ihm gegen den Strich ist, wird er es Ihnen nachtragen wie ein rachsüchtiger Papagei. Aber er ist der Mann, der Ihnen bei der 370 Wahl secundiren muß. Kein anderer Pachter gilt so viel bei seinen Standesgenossen.« »Wenn Herr Steen der beste Mann ist, um mir bei der Wahl zu secundiren«, sagte George, »so ist er wohl ein guter Redner?« »Ein guter Redner ist er allerdings in gewissem Sinn. Er sagt nie ein Wort zu viel. Das letzte Mal, als er dem Manne, dessen Nachfolger Sie jetzt werden wollen, secundirte, hielt er folgende Rede: ›Wähler, seit zwanzig Jahren bin ich einer der Preispachter bei unserer Grafschafts-Viehausstellung gewesen; ich weiß ein Thier vom andern zu unterscheiden. Wenn ich mir die Exemplare ansehe, die hier heute vor uns stehen, muß ich sagen, keins von ihnen ist in seiner Art so gut, wie ich es anderswo gesehen habe; aber wenn Ihr Sir John Hogg wählt, so könnt Ihr Euch getrösten, nicht grade nach der schlechtesten Sau gegriffen zu haben!‹« »Wenigstens«, sagte George, nachdem er über dieses Beispiel schmuckloser Beredtsamkeit gelacht hatte, »wenigstens läßt sich Herr Steen bei seiner Empfehlung eines Candidaten keine Schmeicheleien zu Schulden kommen. Aber welchen Eigenschaften verdankt er denn sein großes Ansehen bei den Pachtern? Ist er ein besonders ausgezeichneter Landwirth?« 371 »Was Sparsamkeit betrifft; ja, im Schritthalten mit den Fortschritten der Zeit aber nicht! Er sagt, alle kostspieligen Experimente seien gut für vornehme Landwirthe. Er ist eine Autorität für andere Pachter, erstens, weil er ein sehr scharfer Kritiker ihrer Grundherren ist, zweitens, weil er seinem eigenen Grundherrn gegenüber seine Unabhängigkeit strengstens zu behaupten weiß, und drittens, weil man von ihm glaubt, daß er sich mit der politischen Bedeutung von Fragen, die das Interesse der Grundbesitzer berühren, gründlich beschäftigt habe, und weil er mehr als einmal von Commissionen beider Häuser des Parlaments über solche Fragen als Sachverständiger vernommen worden ist. Da kommt er her. Merken Sie sich, wenn ich Sie mit ihm allein lasse: erstens, daß Sie sich zu vollständiger Unwissenheit in Bezug auf praktische Landwirthschaft bekennen müssen. Nichts empört ihn mehr als die Anmaßung, ein selbstwirthschaftender Gentleman, wie ich einer bin, sein zu wollen. Zweitens, daß Sie ihn um seine Ansicht über die Veröffentlichung statistischer Angaben in Betreff landwirthschaftlicher Verhältnisse befragen und dabei bescheidentlich zu verstehen geben müssen, daß Sie, soweit Sie es zu benrtheilen vermögen, der Ansicht sind, daß inquisitorische Nachforschungen über die Geschäfte eines 372 Mannes den Principien der britischen Verfassung widersprechen. Und auf Alles, was er etwa über die Pflichtversäumniß der Grundherren im Allgemeinen und Ihres Vaters im Besonderen sagt, erwidern Sie nichts, sondern hören mit einer Miene melancholischer Beistimmung zu. – Wie geht es Ihnen, Herr Steen, und was macht Ihre Frau? Warum haben Sie sie nicht mitgebracht?« »Meine gute Frau liegt wieder auf der Nase, Herr Travers. Wer ist der junge Mann?« »St! Lassen Sie mich Ihnen Herrn Belvoir vorstellen.« Herr Belvoir reicht dem Pachter die Hand. »Nein, mein Herr!« ruft Steens, indem er beide Hände auf den Rücken legt. »Nehmen Sie es nicht übel, junger Herr, aber ich gebe meine Hand nicht bei der ersten Begegnung einem Mann, der eine Stimme aus derselben herausschlagen möchte. Nicht daß ich irgend etwas gegen Sie wüßte, aber wenn Sie ein Freund der Pachter sind, Kaninchen sind es nicht; und Ihr Herr Vater ist ein großer Beschützer der Kaninchen.« »Da irren Sie sich wirklich«, ruft George mit leidenschaftlichem Ernst. Herr Travers stößt ihn an, als wolle er sagen: »Schweigen Sie!« George verstand 373 den Wink und ließ sich demüthig von Herrn Steen durch die einsamen Anlagen führen. Die Gäste erschienen jetzt in immer größerer Menge. Sie bestanden nicht nur aus Travers eigenen Pachtern, sondern auch aus Pachtern mit ihren Familien, die drei Stunden im Umkreise des Parks wohnten, und aus einigen wenigen Mitgliedern des benachbarten Adels und der Geistlichkeit. Auf die Arbeiter war es bei diesem Feste nicht abgesehen. Denn Herr Travers hatte eine specielle Abneigung gegen die Sitte, Bauern zur Fütterungszeit zur Schau zu stellen, als ob sie eine Heerde von gezähmten Thieren einer niederen Gattung wären. Wenn er seinen Bauern ein Fest gab, so machte er es ihnen auf ihre Weise behaglich, und Bauern fühlen sich behaglicher, wenn sie nicht nöthig haben, sich begaffen zu lassen. »Nun, Lethbridge«, sagte Herr Travers, »wo ist der junge Gladiator, den Sie mir mitzubringen versprachen?« »Ich habe ihn mitgebracht und er ging noch vor einer Minute an meiner Seite. Er ist mir plötzlich entwischt – abiit, evasit, erupit . Ich sah mich eben vergebens nach ihm um, als Sie auf mich zutraten.« »Ich hoffe, er hat unter meinen Gästen niemand gesehen, dem er entfliehen möchte.« 374 »Das will ich nicht hoffen«, antwortete der Pfarrer in zweifelndem Ton. »Er ist ein sonderbarer Mensch, aber ich glaube, er wird Ihnen gefallen, das heißt, wenn wir ihn finden. Ah, Herr Saunderson, wie geht es Ihnen? Haben Sie Ihren Gast nicht gesehen?« »Nein, Herr, ich komme eben erst. Meine Frau, Herr Travers, und meine drei Töchter, und dies ist mein Sohn.« »Seien Sie mir alle herzlich willkommen«, sagte der Grundherr im freundlichsten Ton. »Und«, fuhr er zu Saunderson junior gewandt fort, »ich hoffe, Sie tanzen gern? Suchen Sie sich eine Tänzerin, wir wollen den Ball gleich beginnen lassen.« »Ich danke Ihnen, Herr Travers, aber ich tanze nie«, sagte Saunderson junior mit einer Miene strenger Erhabenheit über eine Unterhaltung, welche die fortschreitende Bildung als veraltet verurtheilte. »Dann werden Sie weniger zu regrettiren haben, wenn Sie einmal alt geworden sind. Aber die Musik fängt zu spielen an, wir müssen uns ins Zelt begeben. George«, rief Herr Travers George Belvoir zu, der sich von Herrn Steen losgemacht hatte und eben wieder erschienen war, »wollen Sie Cecilia, mit der Sie ja, glaube ich, zur ersten Quadrille engagirt sind, den Arm geben?« 375 »Ich hoffe«, sagte George zu Cecilia, als er sie ins Zelt führte, »daß Herr Steen kein Durchschnittsexemplar der Wähler ist, bei denen ich mich zu bewerben habe. Ob er in der Ehrfurcht für seine eigenen Eltern erzogen ist, wage ich nicht zu sagen, aber er scheint es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, mich zu lehren, die meinigen nicht zu ehren. Nachdem er meinen Vater auf die ungegründete Behauptung hin, daß er Kaninchen mehr liebe als Menschen, moralisch vernichtet hatte, fing er an meine unschuldige Mutter wegen ihrer religiösen Ansichten anzugreifen und fragte mich, wann sie zur katholischen Kirche übergehen werde, indem er diese Frage auf die Behauptung stützte, daß sie ihre Kundschaft einem protestantischen Krämer entzogen und einem katholischen zugewandt habe.« »Das sind günstige Anzeichen, Herr Belvoir. Herr Steen leitet eine beabsichtigte Freundlichkeit immer mit sehr viel unhöflichen Reden ein. Ich bat ihn einmal, mir sein Pony zu leihen, da mein eigenes plötzlich lahm geworden war, und er benutzte diese Gelegenheit, mir zu sagen, daß mein Vater ein Betrüger sei, weil er sich anmaße, etwas vom Vieh zu verstehen, daß er ein Tyrann sei, der seine Pachter schraube, um einer verschwenderischen Gastfreundschaft fröhnen zu können, und gab dabei zu verstehen, daß wir es als 376 eine große Gnade zu betrachten haben würden, wenn wir nicht noch einmal dahin kämen, uns an ihn wenden zu müssen, nicht wegen eines Ponys, sondern wegen einer Gemeindeunterstützung. Ich verließ ihn entrüstet, aber er schickte mir das Pony. Ich bin überzeugt, er wird Ihnen seine Stimme geben.« »Inzwischen ermuthigt es mich, glauben zu dürfen, daß Ihre Wünsche mich begleiten«, sagte George, mit einem schwachen Versuch, galant zu sein, als sie jetzt die Quadrille zu tanzen anfingen. »Wenn die Damen, wie Mill es empfiehlt, ihre Stimmen abzugeben hätten, nun, dann –« »Nun, dann würde ich stimmen wie Papa«, sagte Cecilia anspruchslos. »Und wenn die Frauen Stimmrecht hätten, würde es, fürchte ich, schlecht um den Frieden eines Hauses stehen, in welchem sie nicht stimmten, wie es das männliche Haupt der Familie wünschen würde.« »Aber ich glaube doch am Ende«, sagte der Bewerber um einen Parlamentssitz ernsthaft, »daß die Freunde des weiblichen Stimmrechts dasselbe auf solche Frauen beschränken würden, die nicht unter männlicher Obhut stehen, Wittwen und alte Jungfern, die kraft des Rechts ihres unabhängigen Grundbesitzes stimmen würden.« 377 »Auch in diesem Fall«, sagte Cecilia, »glaube ich, würden sie sich noch immer nach der Ansicht eines Mannes, zu dem sie Zutrauen hätten, richten, oder wenn sie das nicht thäten, eine sehr alberne Wahl treffen.« »Sie unterschätzen die Einsicht Ihres Geschlechts.« »Das hoffe ich nicht. Werden Sie die Einsicht der Männer unterschätzen, weil die klügsten Männer bei den überwiegend meisten Dingen des täglichen Lebens sagen: Das überlassen wir besser den Frauen? Aber Sie passen nicht auf, Sie sind an der Reihe, cavalier seul .« »Beiläufig«, sagte George in der nächsten Tanzpause, »kennen Sie einen Herrn Chillingly, den Sohn Sir Peter's von Exmundham in Westshire?« »Nein. Warum fragen Sie mich das?« »Weil es mir vorkam, als ob sein Gesicht im Fluge an mir vorübergekommen wäre; es war grade in dem Augenblick, als Herr Steen mich mit sich in die Anlagen zog. Aber nach dem, was Sie sagen, muß ich annehmen, daß ich mich geirrt habe.« »Chillingly? Ganz richtig; gestern bei Tische sprachen einige Herrn von einem jungen Mann dieses Namens, der wahrscheinlich bei der nächsten Wahl als Candidat für Westshire auftreten werde, der aber bei 378 Gelegenheit seiner Mündigkeitserklärung eine sehr unpopuläre und excentrische Rede gehalten habe.« »Eben derselbe – ich war mit ihm zusammen auf der Universität – ein wahres Original. Er gilt für gescheidt, gewann mehrere Preise, bekam beim Examen einen guten Grad und würde, wie es allgemein hieß, einen noch viel höheren Grad davongetragen haben, wenn nicht eine seiner schriftlichen Arbeiten versteckte Scherze über den Gegenstand oder über die Examinatoren enthalten hätte. Es ist ein gefährliches Ding, im praktischen, besonders im öffentlichen Leben den Humoristen zu spielen. Man sagt, Pitt habe von Natur sehr viel Witz und Humor besessen, habe aber in seinen parlamentarischen Reden weislich jede Spur davon unterdrückt. Es sieht Chillingly recht ähnlich, die Festlichkeiten zu Ehren seiner Mündigkeit, ein Ereigniß, das in seinem ganzen Leben nicht wiederkehren kann, ins Lächerliche zu ziehen.« »Es wäre ein Beweis von schlechtem Geschmack, wenn er es absichtlich gethan hätte«, sagte Cecilia. »Aber vielleicht ist er nicht verstanden worden oder hat die Äußerungen unversehens gethan.« »Nicht verstanden, das wäre möglich, aber unversehens, nein. Er ist der kühlste Mensch, der mir je vorgekommen ist. Nicht daß ich ihm sehr oft begegnet 379 wäre. In Cambridge lebte er zuletzt sehr einsam. Man behauptete, er studire sehr viel. Aber ich bezweifle das, denn meine Zimmer lagen gerade über den seinigen, und ich weiß, daß er viel öfter aus als in dem Hause war. Er schweifte viel in der Gegend umher. Ich bin ihm, wenn ich von der Jagd zurückgeritten kam, auf Feldwegen meilenweit von der Stadt entfernt begegnet. Er liebte das Wasser und war ein ausgezeichneter Ruderer, lehnte es jedoch ab, zu unserm Universitätsclub zu gehören; wenn aber je eine Schlägerei zwischen Studenten und Bootsleuten stattfand, so war er sicherlich dabei. Ja, er war wirklich ein sehr sonderbarer Mensch, voll von Widersprüchen! Denn einen milderen, ruhigeren Kameraden, als er im gewöhnlichen Leben war, konnte es nicht geben; und was die Scherze betrifft, die er sich in seinen schriftlichen Arbeiten fürs Examen erlaubt haben soll, so würde schon sein Gesicht allein hingereicht haben, ihm bei jeder unparteiischen Jury eine Freisprechung von dieser Anklage zu erwirken.« »Sie entwerfen da ein ganz interessantes Bild von ihm«, sagte Cecilia. »Ich wollte, wir kennten ihn; es möchte der Mühe werth sein.« »Und wenn Sie ihn einmal gesehen hätten, würden Sie ihn nicht leicht wieder vergessen, mit seinem 380 dunkeln, schönen Gesicht, seinen großen melancholischen Augen und mit einer jener mageren schlanken Gestalten, bei welchen ein Mann seine Kraft verborgen halten kann, wie ein betrügerischer Billardspieler sein Spiel verbirgt.« Während dieser Unterhaltung hatte der Tanz aufgehört und unser Paar ging jetzt auf dem Rasen mitten im Gedränge der Gäste langsam auf und ab. »Wie gut Ihr Vater diesen Landleuten gegenüber die Rolle des Wirthes spielt!« sagte George mit geheimem Neide. »Sehen Sie doch, wie ruhig er es dem schüchternen jungen Pachter da behaglich macht und wie freundlich er jetzt der lahmen alten Dame beim Niedersetzen auf die Bank behülflich ist und wie er ihr einen Schemel unter die Füße setzt. Der würde es verstehen, sich bei den Wahlen zu bewerben! Und wie jung er noch aussieht und wie fabelhaft hübsch!« Dieses letztere Compliment sprach George aus, als Travers, nachdem er es der alten Dame bequem gemacht hatte, auf die drei Fräulein Saunderson zugetreten war und ihnen die Huld seines Lächelns gleichmäßig zu Theil werden ließ, anscheinend ohne etwas von den bewundernden Blicken zu merken, welche manche andere ländliche Schöne ihm zuwarf, während er vorüberging. Das ganze Wesen des Mannes hatte 381 etwas unbeschreiblich Feines, eine natürliche Anmuth, ohne eine Spur von jener Affectation forcirter Herzlichkeit oder herablassender Höflichkeit, welche nur zu oft die wohlgemeinten Bemühungen der Großen, sich Personen von niedrigerer Lebensstellung und Bildung anzubequemen, charakterisirt. Es ist ein großer Vortheil für einen Mann, wenn er seine Jugend in jener gleichheitlichsten und gebildetsten aller Demokratien, der besten Gesellschaft großer Hauptstädte, verlebt hat. Und mit diesem erworbenen Vortheil verband Leopold Travers die angeborenen Eigenschaften, welche den Menschen gefallen. Später am Abend redete Travers Lethbridge wieder mit den Worten an: »Ich habe mich mit Saundersons viel über den jungen Mann unterhalten, der uns den unschätzbaren Dienst geleistet hat, die wilde Bestie in Ihrer Gemeinde, Tom Bowles, abzustrafen, und Alles, was ich höre, hat das Interesse, welches schon Ihr Bericht mir eingeflößt hatte, noch so erhöht, daß ich in der That sehr gern seine Bekanntschaft machen würde. Hat er sich noch nicht wieder blicken lassen?« »Nein, ich fürchte, er ist fortgegangen. Aber in diesem Fall, hoffe ich, werden Sie seinen großmüthigen Wunsch, meinem armen Korbmacher zu dienen, in wohlwollende Erwägung ziehen.« 382 »Drängen Sie mich nicht. Es fällt mir so schwer, Ihnen eine Bitte abzuschlagen. Aber ich habe meine eigene Theorie in Betreff der Verwaltung eines Guts, und mein System läßt keine Vergünstigung zu. Ich würde mich darüber gern gegen den jungen Fremden selbst näher aussprechen. Denn ich halte Muth so sehr in Ehren, daß es mir unangenehm wäre, wenn ein so tapferer Mensch diese Gegend unter dem Eindrucke verließe, Leopold Travers sei ein unliebenswürdiger Flegel. Vielleicht aber ist er noch nicht fort. Ich will einmal selbst sehen, ob ich ihn nicht finde. Bitte, sagen Sie Cecilia, daß Sie jetzt genug mit dem Adel getanzt habe und ich dem Sohn von Pachter Turby, einem hübschen jungen Menschen und einem vorzüglichen Reiter, gesagt habe, ich erwarte von ihm, er werde meiner Tochter zeigen, daß er ebenso gut tanzen wie reiten könne!« 383 Viertes Kapitel. Mit diesen Worten verließ Travers Lethbridge und begab sich raschen Schrittes nach dem einsameren Theil des Gartens. Er fand den Gesuchten nicht in den Gängen der Anlagen und nahm nun, indem er ganz um sein Gut herumging, seinen Rückweg nach dem Rasen durch eine abgelegene kleine Felsschlucht hinter dem Zelte, welche zu einer Farrenanpflanzung benutzt worden war. Hier blieb er plötzlich stehen; denn vor ihm saß auf einem grauen Felsstück, das Gesicht ganz vom Monde beleuchtet, ein Mann, der mit ruhigem und melancholischem Auge nach oben blickte und offenbar in tiefes Nachdenken versunken war. Travers, der sich der Beschreibung des Fremden, wie sie Herr Lethbridge und Saundersons ihm 384 gegeben hatten, erinnerte, war sofort überzeugt, daß er ihn endlich hier gefunden habe. Er trat sachte auf ihn zu, und Kenelm, denn niemand anders war es, der durch die hohen Farrenkräuter sehr verdeckt war, sah ihn nicht eher, bis sich eine Hand auf seine Schulter legte und er nun, als er sich umwandte, vor sich ein Gesicht mit gewinnendem Lächeln sah und eine angenehme Stimme vernahm. »Ich irre mich wohl nicht«, sagte Leopold Travers, »wenn ich annehme, daß Sie der Herr sind, den Herr Lethbridge mir vorzustellen versprochen hat und der bei meinem Pachter Herrn Saunderson zum Besuch ist?« Kenelm stand auf und verbeugte sich. Travers sah sofort, daß das die Verbeugung eines Mannes von seiner gesellschaftlicher Bildung sei und nicht zu dem Sonntagscostüm eines kleinen Pächters passe. »Nein«, sagte er, »lassen Sie uns sitzen.« Damit setzte er sich auf das Felsstück und machte neben sich Platz für Kenelm. »Vor allem«, begann Travers wieder, »muß ich Ihnen für den Dienst danken, den Sie uns dadurch geleistet haben, daß Sie die brutale Gewalt, welche lange Zeit die Gegend hier tyrannisirt hat, zu 385 Boden geworfen haben. In meiner Jugend habe ich oft schmerzlich empfunden, wie sehr man durch zu kleinen Wuchs und mangelnde Muskelkraft in den häufigen Fällen im Nachtheil ist, wo es sehr erwünscht sein würde, durch Anwendung der primitiven Waffen des Menschen einem Streite ein Ende zu machen oder ein indolentes Benehmen zu züchtigen; aber niemals habe ich meine körperliche Schwäche mehr beklagt als bei verschiedenen Gelegenheiten, wo ich meinen kleinen Finger darum gegeben hätte, wenn ich im Stande gewesen wäre, Tom Bowles durchzuprügeln. Es war eine ebenso große Schande für mein Gut, daß es so lange von diesem Eisenfresser unsicher gemacht werden konnte, wie es für den König von Italien ist, daß er mit all seinen Armeen nicht im Stande ist, des Brigantenthums in Calabrien Herr zu werden.« »Verzeihen Sie, Herr Travers, aber ich gehöre zu jenen seltenen Menschen, die nicht gern schlecht von ihren Freunden reden hören. Herr Thomas Bowles ist ein specieller Freund von mir.« »Was!« rief Travers entsetzt. »Freund? Sie scherzen.« »Sie würden mich keines Scherzes für fähig halten, wenn Sie mich kennten. Aber Sie haben es doch sicherlich selbst erfahren, daß es wenige Freunde gibt, 386 die man herzlicher liebt und die man sorgfältiger respectiren muß als den Feind, mit dem man sich eben wieder vertragen hat.« »Wohl gesprochen und ich erkenne Ihre Zurechtweisung als verdient an«, sagte Travers mehr und mehr überrascht. »Ich habe gewiß weniger Recht als Sie, schlecht von Herrn Bowles zu reden, da ich nicht den Muth gehabt habe, mich mit ihm zu schlagen. Um auf einen weniger verfänglichen Gegenstand zu kommen – Herr Lethbridge hat mir von Ihrem liebenswürdigen Wunsche, einem jungen Paar in seiner Gemeinde, Will Somers und Jessie Wiles, zu dienen, und von Ihrem großmüthigen Anerbieten gesagt, das Geld, welches Frau Bawtrey für die Uebertragung ihres Miethcontracts verlangt, zu bezahlen. Zu dieser Abmachung aber bedarf es meiner Zustimmung und diese Zustimmung kann ich nicht geben. Soll ich Ihnen sagen, warum?« »Bitte, thun Sie das. Vielleicht lassen sich Ihre Gründe bestreiten.« »Jeder Grund läßt sich bestreiten«, sagte Travers, den die ruhige Sicherheit eines jungen Fremden, der einem erfahrenen Grundbesitzer gegenüber die Principien der Verwaltung seines eigenen Gutes im voraus für bestreitbar erklärte, ergötzte. »Indessen will 387 ich Ihnen meine Gründe mittheilen, nicht um darüber zu streiten, sondern um mich wegen meines anscheinenden Mangels an Höflichkeit gegen Sie zu rechtfertigen. Es war eine sehr schwierige Aufgabe für mich, die Einnahme meines Gutes auf die Höhe seines wahren Werthes zu bringen. Um das zu erreichen, habe ich mich genöthigt gesehen, ein einheitliches System in gleicher Weise auf meinen größten wie auf meinen kleinsten Pachthöfen zur Anwendung zu bringen. Dieses System besteht darin, daß ich mir die besten und sichersten Pachter, die ich finden kann, sichere und sie den von einem Taxator, zu dem ich Vertrauen habe, berechneten Pacht bezahlen lasse. Mit diesem auf meinem Gute allgemein zur Anwendung gebrachten System ist es mir, nachdem es anfänglich mit großer Unpopularität zu kämpfen gehabt, endlich gelungen, die öffentliche Meinung dieser Gegend auszusöhnen. Die Leute fingen damit an zu sagen, ich sei hart, jetzt erkennen sie an, daß ich gerecht bin. Wenn ich ein einziges Mal einer menschenfreundlichen Regung oder einem Wunsche der Begünstigung nachgebe, so hebe ich mein ganzes System aus den Angeln. Jeden Tag gelangen rührende Bitten an mich. Lord Zweistern, ein leidenschaftlicher Politiker, quält mich, einen leerstehenden Pachthof einem Pachter zu geben, weil er ein 388 vortrefflicher Wahlagitator ist und immer fest für die Partei gestimmt hat. Frau Vierstern, eine höchst menschenfreundliche Dame, bittet mich flehentlich, einem anderen Pachter nicht zu kündigen, weil er in zerrütteten Verhältnissen ist und eine große Familie hat; vielleicht sehr gute Gründe, um mich zu bestimmen, Nachsicht wegen einer rückständigen Pachtzahlung mit ihm zu haben oder ihm ein Ruhegehalt zu bewilligen, aber die schlechtesten Gründe von der Welt, um ihn noch ferner sich selbst und mein Land ruiniren zu lassen. Nun hat die Frau Bawtrey ein kleines Haus von mir auf eine Reihe von Jahren zu der zu geringen Miethe von acht Pfund jährlich. Sie verlangt fünfundvierzig Pfund für die Uebertragung; sie kann aber den Miethcontract nicht ohne meine Zustimmung übertragen, und ich habe die Auswahl unter einer großen Anzahl von zuverlässigen Miethern, die mir die immer noch mäßige Summe von zwölf Pfund zu zahlen bereit sind. Es convenirt mir besser, ihr selbst die fünfundvierzig Pfund zu bezahlen, die mir der künftige Miether ohne Zweifel wenigstens theilweise zurückzahlen wird, und wenn er es nicht thäte, so würde die Erhöhung der Miethsumme doch immer eine gute Verzinsung dieser Ausgabe repräsentiren. Nun nehmen Sie zufällig bei Ihrem vorübergehenden Aufenthalt im Dorfe ein 389 sentimentales Interesse an der Liebe eines hülfsbedürftigen Krüppels, dessen äußerster Fleiß ihn doch nur vor einer Gemeindeunterstützung hat bewahren können, und eines albernen Mädchens, das keinen Heller hat, und Sie verlangen von mir, daß ich diese sehr unsichern Miethsleute anstatt zuverlässigerer acceptire und zwar zu einer Miethe, die ein Drittel unter dem Marktwerth steht. Angenommen, ich ginge auf Ihre Bitte ein, was sollte wohl aus meinem Ruf praktischer, geschäftsmäßiger Gerechtigkeit werden? Ich würde das System, nach welchem mein ganzes Gut verwaltet wird, durchbrechen, meine Freunde und Nachbarn zu allen Arten von Bittgesuchen gradezu auffordern und mich in die Lage bringen, diese Bittgesuche consequenterweise nicht mehr abschlagen zu können, nachdem ich gezeigt hätte, wie leicht ich von einem Fremden, den ich vielleicht nie wiedersehen werde, zur Nachgiebigkeit zu bewegen sei. Und sind Sie schließlich so sicher, daß Sie, wenn es Ihnen gelänge, mich zu überreden, wirklich den guten Zweck, den Sie im Auge haben, erreichen würden? Es ist ohne Zweifel ein sehr angenehmer Gedanke, ein junges Paar glücklich zu machen. Aber wenn es dem jungen Paar nicht gelingen sollte, sich mit dem kleinen Laden, in den Sie es verpflanzen wollen, zu erhalten – und nichts ist 390 wahrscheinlicher, denn Bauern werden selten gute Ladeninhaber – und wenn es sich dann mit einer Schaar von Kindern einzig und allein nicht auf den Arm eines starken Arbeiters, sondern auf die zehn Finger eines kränklichen Krüppels angewiesen fände, der hübsche Körbe macht, für die aber hier in der Gegend nur geringe und precäre Nachfrage ist, würden Sie da nicht dem Paare, das Sie glücklich zu machen wünschen, zu einem sicheren Elende verholfen haben?« »Ich verzichte auf jedes Gegenargument«, sagte Kenelm mit einer so demüthigen und niedergeschlagenen Miene, daß sie einen Eisbär oder ein Geschwornengericht erweicht haben würde. »Ich überzeuge mich mehr und mehr, daß von allen Scheindingen in der Welt Menschenfreundlichkeit das größte ist. Es scheint so leicht, Gutes zu thun, und ist doch in der That so schwer. Ueberall in dieser abscheulichen civilisirten Welt rennt man mit dem Kopf gegen ein System. Ein System, Herr Travers, ist des Menschen servile Nachahmung der blinden Tyrannei, dessen, was wir in unserer Unwissenheit Naturgesetze nennen, ein mechanisches Etwas, durch welches die Welt mit der Grausamkeit allgemeiner Principien unter der äußersten Mißachtung der Wohlfahrt des Individuums 391 regiert wird. Nach den Naturgesetzen fallen die Geschöpfe über einander her und große Fische fressen kleine nach einem System. Die Sache ist nichtsdestoweniger hart für den kleinen Fisch. Jede Nation, jede Stadt, jedes Dorf, jeder Stand hat ein System, demzufolge auf eine oder die andere Weise immer ein Teich voll von Fischen ist, von denen eine große Menge untergeordneter dazu beitragen, die Größe eines überlegenen Fisches zu vermehren. Es ist ein müßiges Wohlwollen, einen einzelnen Gründling dem Rachen eines Hechtes entreißen zu wollen. Da habe ich gethan, was ich für die einfachste Sache von der Welt hielt, ich habe einen Herrn, der offenbar ebenso gutmüthig ist wie ich, gebeten, einer alten Frau zu erlauben, ihr Haus einem braven jungen Paar zu überlassen, und habe die von ihr geforderte Summe aus eigenen Mitteln bezahlt. Und nun finde ich, daß ich damit gegen ein System verstoße und alle die Gesetze übertrete, durch welche eine Einnahme vermehrt und ein Gut verbessert wird. Herr Travers, Sie haben keinen Grund, es zu bedauern, daß Sie Tom Bowles nicht geschlagen haben. Sie haben seinen Sieger geschlagen und ich gebe jetzt jeden Traum einer weiteren Einmischung in die Naturgesetze auf, welche das Dorf regieren, das ich vergebens besucht habe. Ich hatte 392 beabsichtigt Tom Bowles aus dieser ruhigen Gemeinde zu entfernen. Ich werde es ihm jetzt überlassen, zu seinen früheren Gewohnheiten zurückzukehren, Jessie Wiles zu heirathen, was er sicherlich thun wird, und –« »Halt!« rief Herr Travers. »Glauben Sie wirklich, daß Sie Tom Bowles veranlassen können, das Dorf zu verlassen?« »Ich hatte ihn bereits veranlaßt, das zu thun, vorausgesetzt, daß Jessie Wiles den Korbmacher heirathen würde, aber davon kann ja jetzt nicht mehr die Rede sein; ich bin verpflichtet, ihm das zu sagen, und er wird bleiben.« »Und wenn er fortginge, was würde aus seinem Geschäft werden? Seine Mutter könnte es nicht fortführen. Sein kleines Grundstück ist ein Freigut, das einzige Haus im Dorfe, das mir nicht gehört, sonst würde ich ihn längst ausgetrieben haben. Würde er mir das Haus verkaufen?« »Wenn er bleibt und Jessie Wiles heirathet, nicht. Aber wenn er mit mir nach Luscombe geht und sich in dieser Stadt als Associé seines Onkels niederläßt, so würde er, glaube ich, nur zu froh sein, ein Haus zu verkaufen, an welches sich für ihn keine angenehmen Erinnerungen knüpfen können. Aber was dann? 393 Sie werden doch Ihr System nicht um einer elenden Schmiede willen verletzen wollen?« »Es würde keine Verletzung meines Systems sein, wenn ich, anstatt einer menschenfreundlichen Regung nachzugeben, ein vortheilhaftes Geschäft machte, und um Ihnen die Wahrheit zu gestehen, möchte ich sehr gern die Schmiede mit dem dazu gehörigen Stück Land kaufen.« »Das ist jetzt Ihre Angelegenheit, Herr Travers, nicht die meinige. Ich werde mir keine weitere Einmischung anmaßen. Ich gehe morgen von hier fort, sehen Sie zu, ob Sie mit Herrn Bowles verhandeln können. Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.« »Nein, junger Mann, ich kann Sie nicht so von mir gehen lassen, Sie haben es abgelehnt, mit zu tanzen, Sie werden aber doch wenigstens mit uns zu Abend essen. Kommen Sie!« »Ich danke Ihnen von Herzen, aber ich muß es ablehnen. Ich bin einzig und allein wegen der Angelegenheit, welche durch Ihr System abgemacht ist, hierher gekommen.« »Ich bin aber nicht sicher, daß sie abgemacht ist.« Bei diesen Worten legte Travers seinen Arm in den Kenelm's und sagte, indem er ihm grade ins 394 Gesicht sah: »Ich weiß, daß ich mit einem Gentleman von einem dem meinigen mindestens gleichen Range rede; da ich aber das traurige Privilegium genieße, der ältere von uns beiden zu sein, halten Sie es nicht für eine unzulässige Anmaßung, wenn ich Sie frage, ob Sie etwas dagegen haben, mir Ihren Namen zu sagen? Ich möchte Sie gern meiner Tochter vorstellen, die sich sehr lebhaft für Jessie Wiles und Will Somers interessirt. Aber ich darf es nicht wagen, ihre Phantasie dadurch zu entzünden, daß ich Sie als einen verkleideten Prinzen vorstelle.« »Herr Travers, Sie drücken sich mit ausgezeichneter Delicatesse aus. Aber ich trete eben ins Leben ein und ich möchte meinem Vater nicht gern die Kränkung bereiten, meinen Namen mit einem entschiedenen Mißerfolg zu verknüpfen. Nehmen Sie an, ich wäre ein anonymer Mitarbeiter, sagen wir des ›Londoner‹, und ich hätte eben dieses höchst geistreiche Blatt durch den schwachen Versuch einer gutmüthigen Kritik oder des Ausdrucks eines großmüthigen Gefühls in Miscredit gebracht. Wäre das eine passende Gelegenheit, die Maske abzuwerfen und mich vor einer spöttischen Welt als den albernen Verletzer eines anerkannten Systems zu präsentiren? Müßte ich nicht in einem so ungünstigen Augenblick mehr als je wünschen, mein 395 unbedeutendes Ich in die geheimnißvolle Bedeutung zu hüllen, welche der kleinste Singular erhält, wenn er sich zu einem Plural macht und nicht als Ich, sondern als Wir spricht? Wir sind unempfänglich für die Reize junger Damen; Wir lassen uns nicht durch Abendessen bestechen; Wir haben wie die Hexen in Macbeth keinen Namen auf Erden; Wir vertreten die größte Weisheit der größten Zahl; Wir thun das nach einem bestimmten System; Wir grüßen Sie, Herr Travers und verabschieden Uns in Unserer unangreifbaren Position.« Bei diesen Worten stand Kenelm auf, nahm seinen Hut mit einem majestätischen Gruß ab und setzte ihn wieder auf, trat an den Ausgang des Farrenkrautgestrüpps und fand sich plötzlich George Belvoir gegenüber, welchem mit einer Menge von Gästen die reizende Gestalt Cecilia's folgte. George Belvoir ergriff Kenelm's Hand und rief: »Chillingly! Ich habe mich also nicht geirrt.« »Chillingly!« wiederholte Leopold Travers. »Sind Sie der Sohn meines alten Freundes Sir Peter?« So entdeckt und umringt verlor doch Kenelm seine gewohnte Geistesgegenwart nicht; er wandte sich zu Leopold Travers um, der jetzt dicht hinter ihm stand, und flüsterte ihm zu: »Wenn mein Vater Ihr Freund 396 war, beschimpfen Sie seinen Sohn nicht. Sagen Sie nichts von meinem Mißerfolg. Gehen Sie von Ihrem System ab und lassen Sie Will Somers den Nachfolger von Frau Bawtrey werden.« Dann kehrte er sich wieder nach Belvoir um und sagte ruhig: »Ja, wir haben uns schon einmal gesehen.« »Cecilia«, sagte Travers, der jetzt dazwischen trat, »ich schätze mich glücklich, Dir in Herrn Chillingly nicht nur den Sohn eines alten Freundes, nicht nur den irrenden Ritter, von dessen edlem Benehmen zu Gunsten Deines Schützlings Jessie Wiles wir so viel gehört haben, sondern den Mann vorzustellen, der durch seine beredten Argumente in einer Angelegenheit, in der ich mich für unfehlbar hielt, mein besseres Urtheil mit Erfolg bekämpft hat. Sage Herrn Lethbridge, daß ich Will Somers als Miether von Frau Bawtrey's Haus acceptire.« Kenelm ergriff die Hand des Gutsherrn mit Herzlichkeit. «Möchte es in meiner Macht stehen, Ihnen allen entgegenstehenden Systemen zum Trotz etwas Freundliches zu erweisen!« »Herr Chillingly, geben Sie meiner Tochter den Arm, Sie werden doch jetzt nichts dagegen haben, am Tanze Theil zu nehmen?« Ende des ersten Bandes.