Anton Cechov Onkel Wanja Schauspiel in vier Aufzügen * Deutsch von August Scholz Personen * Serebrjakow, Alexander Wladimirowitsch, Professor a. D. Helena Andrejewna, seine Gattin in zweiter Ehe, 27 Jahre alt. Sonja, seine Tochter aus erster Ehe. Wojnizkaja, Maria Wassiljewna, Geheimratswitwe, Mutter der ersten Gattin Serebrjakows. Wojnizki, Iwan Petrowitsch, ihr Sohn. Astrow, Michail Lwowitsch, Arzt. Teljegin, Ilja Iljitsch, verarmter Gutsbesitzer. Marina, eine alte Kinderfrau. Ein Arbeiter. Ein Knecht. * Ort der Handlung: Serebrjakows Gut. Erster Aufzug Garten. Man sieht einen Teil des Wohnhauses samt der Terrasse. Unter einer alten Pappel an der Allee ein Tisch, auf dem der Tee serviert ist. Bänke, Stühle; auf einer der Bänke liegt eine Gitarre. Nicht weit von dem Tische eine Schaukel. – Zeit: drei Uhr nachmittags. Trübes Wetter. Marina, eine aufgedunsene, schwerfällige alte Frau, sitzt mit dem Strickstrumpf vor dem Samowar. Astrow geht auf und ab. Marina schenkt ein Glas Tee ein. Trink, Väterchen! Astrow nimmt zögernd das Glas. Hab' eigentlich keinen Appetit. Marina. Vielleicht trinkst du ein Schnäpschen? Astrow. Danke – ich trinke nicht alle Tage Branntwein. Und dann ist's auch so drückend schwül. Pause. Sag' mal, Altchen: wie lange ist's her, daß wir beide uns kennen? Marina. sinnt nach. Wie lange? Da muß ich erst mal nachdenken … Du bist hier in unsere Gegend gekommen … wann war's doch gleich? … Sonjas Mutter war damals noch am Leben. Durch zwei Winter kamst du damals zu uns … na, das wird also elf Jahre her sein. Nachsinnend. Vielleicht auch schon länger … Astrow. Hab' ich mich seit jener Zeit sehr verändert? Marina. Freilich hast du dich sehr verändert. Damals warst du jung und hübsch, und jetzt bist du eben älter geworden. Auch so hübsch bist du nicht mehr. Na, und dann trinkst du auch gern ein Schnäpschen … Astrow. Ja … in zehn Jahren bin ich wohl ein anderer Mensch geworden. Überarbeitet hab' ich mich, Altchen. Vom frühen Morgen bis in die späte Nacht bin ich auf den Beinen, Ruhe kenn' ich nicht, und wenn ich des Nachts unter meiner Bettdecke liege, schwebe ich beständig in Angst, dass man mich wieder zu einem Kranken holen könnte. Solange wir uns kennen, hab' ich nicht einen einzigen freien Tag gehabt. Wie soll man da nicht alt werden? Und dann ist dieses Leben schon an sich so langweilig, so dumm, so schmutzig … anwidern muss es einen. Rings um dich nichts als Sonderlinge, lauter Sonderlinge; lebt man mit der Gesellschaft zwei, drei Jahre zusammen, wird man selber zum Sonderling, eh' man's merkt. Das unvermeidliche Los! Dreht seinen langen Schnurrbart. Da – wie lang mein Schnurrbart gewachsen ist … was für ein dummer Schnurrbart! Ja, Altchen, auch ich bin ein Sonderling geworden! … Ganz verdummt bin ich, Gott sei Dank, noch nicht, das Gehirn ist immer noch auf seinem alten Fleck – aber die Empfindungen sind sozusagen abgestumpft. Ich habe keinen Wunsch, kein Bedürfnis, und ich liebe niemanden … Du bist vielleicht die einzige, die ich liebe. Küßt ihren Kopf. In meiner Kindheit hatte ich auch eine Kinderfrau – ganz so war sie, wie du bist … Marina Möchtest du vielleicht was essen? Astrow. Danke … In den großen Fasten neulich, in der dritten Woche, fuhr ich nach Malizkoje, wo eine Epidemie herrschte … Flecktyphus war's … In den Bauernhütten lag ein Kranker neben dem andern ... Alles voll Schmutz, voll Gestank, voll Rauch, Kälber und Ferkel lagen mit Menschen zusammen auf der Erde … Den ganzen Tag rannt' ich hin und her, nicht einen Augenblick Ruhe, nicht einen Tropfen zur Erfrischung. Dann komm' ich nach Hause, will mich verpusten – ja, läßt man mich denn dazu kommen? Da haben sie mir den Weichensteller ins Haus gebracht; ich leg' ihn auf den Tisch, um eine Operation an ihm vorzunehmen, und was passiert? Er stirbt mir unter den Händen, in der Narkose! Und wo ich's gerade am wenigsten brauchen kann, beginnt das Gefühl sich in mir zu regen. Und ich bekomme Gewissensbisse, als ob ich den armen Kerl absichtlich getötet hätte … Da saß ich nun, schloß die Augen und dachte so bei mir: ob wohl nach ein-, zweihundert Jahren die späteren Geschlechter, denen wir jetzt den Weg bahnen, auch nur ein freundliches Wort der Erinnerung für uns übrig haben werden? Was meinst du, Altchen? Marina. Menschen werden es dir nicht lohnen, dafür wird Gott es dir lohnen. Astrow. Das hast du schön gesagt … ich danke dir. Wojnizki kommt vom Hause her; er hat nach dem Frühstück ein Schläfchen gemacht; seine Kleider sehen zerknittert aus. Er setzt sich auf eine Bank und rückt seine stutzerhafte Krawatte zurecht. Wojnizki. Ja … Pause. Ja … Astrow. Hast du ausgeschlafen? Wojnizki. Ja … ganz gehörig. Gähnt. Seit der Herr Professor mit seiner Frau Gemahlin hier bei uns lebt, bin ich ganz aus dem Geleise geraten … ich schlafe zur Mittagszeit, esse allerhand merkwürdiges Zeug zusammen, trinke Wein … lauter ungesunde Dinge! Früher hatte ich nicht eine freie Minute, arbeitete in einem fort mit Sonja zusammen, – jetzt heißt es: Adieu, Arbeit! Sonja müht sich ganz allein, und ich schlafe, esse, trinke … Nein, das ist nicht mehr schön! Marina schüttelt den Kopf. Das ist 'ne Wirtschaft! Der Professor steht um zwölf Uhr auf, und der Samowar kocht vom frühen Morgen an und wartet auf ihn. Früher, wie sie noch nicht da waren, aß man immer um ein Uhr zu Mittag, wie's überall Mode ist – und jetzt um sieben. In der Nacht liest der Professor und schreibt, und mit einem Mal, so in der zweiten Stunde, klingelt's … Was ist los? Tee will erhaben! Nun heißt es die Leute wecken und den Samowar aufstellen. Ach, das ist 'ne Wirtschaft! Astrow. Wie lange bleiben Sie denn noch hier? Wojnizki pfeift. Hundert Jahre. Der Professor hat beschlossen, hier seine Residenz aufzuschlagen. Marina. Jetzt zum Beispiel … der Samowar steht schon seit zwei Stunden auf dem Tische, und sie sind spazierengegangen! Wojnizki. Da kommen sie … reg' dich nicht auf, Altchen. Man hört Stimmen; aus der Tiefe des Gartens kommen, von einem Spaziergang zurückkehrend, Serebrjakow, Helena Andrejewna, Sonja und Teljegin. Serebrjakow. Herrlich, herrlich … eine wundervolle Landschaft! Teljegin. Recht bemerkenswert, Exzellenz! Sonja. Morgen zeigen wir dir mal unsere Forsten – ja, Papa? Wojnizki. Herrschaften, bitte zum Tee! Serebrjakow. Schickt mir den Tee in mein Kabinett, meine Lieben, seid so freundlich! Ich muß heute noch etwas tun. Sonja. Unsere Forstwirtschaft wird dir sicher gefallen, Papa! Helena Andrejewna, Serebrjakow und Sonja ab ins Haus; Teljegin tritt an den Tisch heran und setzt sich neben Marina. Wojnizki. Das ist eine Hitze, eine Schwüle – und unser großer Gelehrter geht in Paletot und Galoschen, mit dem Regenschirm in der Hand, und in Handschuhen … Astrow. Er ist eben ein vorsichtiger Herr! Wojnizki. Und sie – wie schön sie ist, wie schön! Nie im Leben hab' ich ein reizenderes Weib gesehen. Teljegin. Nun sagen Sie mal, Marina Timofejewna, was fehlt uns noch zum Glück? Ob ich durch die Felder fahre oder im schattigen Park hier spazierengehe oder mir den gedeckten Tisch betrachte, stets bin ich von unsäglichem Glück erfüllt. Das Wetter ist entzückend, die Vögelchen singen und jubeln, wir alle leben in Frieden und Eintracht – ist das nicht wundervoll? Nimmt ein Glas Tee, das Marina ihm reicht. Dank' Ihnen sehr, dank' Ihnen wirklich von Herzen! Wojnizki schwärmerisch. Diese Augen … ein herrliches Weib! Astrow. Na, nun erzähl' mal was, Iwan Petrowitsch! Wojnizki träg. Was soll ich dir erzählen? Astrow. Gibt's gar nichts Neues? Wojnizki. Nichts. Alles beim alten. Ich bin derselbe, der ich immer war … das heißt: eigentlich nicht derselbe, denn ich stehe jetzt moralisch tiefer, bin ein Faulpelz, der nichts tut, und brumme immerzu, wie'n alter Griesgram. Na, und meine alte Dohle, Mamachen – die schwadroniert immer noch von der Frauenemanzipation. Mit dem einen Auge schielt sie ins Grab und mit dem andern späht sie in ihren gelehrten Scharteken nach der Morgenröte eines neuen Lebens. Astrow. Und der Professor? Wojnizki. Der Professor sitzt genau so wie sonst den ganzen geschlagenen Tag in seinem Kabinett und schreibt. Wie sagt doch der Dichter? »In Falten ganz gekraust die Denkerstirn – entringt er Od' um Ode seinem Hirn; nur schade, jammerschade, daß der Welt – nicht der Poet noch sein Poem gefällt!« Armes Papier! Er sollte lieber seine Selbstbiographie schreiben. Was für ein großartiges Sujet! Ein Professor a. D., verstehst du – ein alter Zwieback – ein gelehrter Stockfisch! … Podagra, Rheumatismus, Migräne, die Leber vor lauter Neid und Eifersucht geschwollen … Und dieser alte Stockfisch lebt auf dem Landgut seiner ersten Frau – nur, weil er muß, natürlich, da seine Mittel ihm nicht erlauben, in der Stadt zu leben. Jammert beständig über sein Unglück, während er in Wirklichkeit vom Schicksal geradezu verhätschelt ist. Nervös. Bedenk' doch mal, was für ein Glück der Kerl gehabt hat! Ein einfacher Küsterssohn, ein Stipendienschlucker, hat sich durch alle gelehrten Grade bis zum Katheder hinaufgedrängelt, ist Exzellenz geworden, hat einen Senator zum Schwiegervater gekriegt usw. usw. Doch das ist schließlich unwichtig. Doch nun weiter: fünfundzwanzig Jahre liest und schreibt der Mensch über die Kunst, und versteht dabei von der Kunst so gut wie gar nichts. Fünfundzwanzig Jahre lang kaut er fremde Gedanken über Realismus, Naturalismus und allerhand sonstigen Unsinn wieder, fünfundzwanzig Jahre lang liest und schreibt er über Dinge, die den klugen Leuten längst bekannt, den dummen aber höchst gleichgültig sind … fünfundzwanzig Jahre lang also hat er nichts weiter getan als leeres Stroh gedroschen – und nun seh' mal einer diesen Eigendünkel, den das hat, diese Ansprüche! Jetzt hat er seinen Abschied genommen – und keine lebendige Seele kennt ihn mehr, im Handumdrehen ist er wie verschollen. Er hat einfach diese fünfundzwanzig Jahre hindurch den Platz eines andern eingenommen. Und nun sieh nur, wie er einherschreitet: wie ein Halbgott! Astrow. Hör' mal, ich glaube, du beneidest ihn bloß! Wojnizki. Gewiß beneide ich ihn. Und was für Erfolge er bei den Frauen gehabt hat! Kein Don Juan könnte sich so vieler Siege rühmen. Seine erste Frau, meine Schwester, dieses schöne, liebenswürdige Geschöpf, das so edelmütig, so großherzig, so rein war wie der blaue Himmel, und mehr Verehrer hatte als er Schüler – die liebte ihn so, wie nur keusche Engel ebenso keusche und schöne Wesen, wie sie selber sind, lieben können. Meine gute Mama, seine Schwiegermutter, vergöttert ihn noch heute, und noch heute flößt er ihr förmlich ein heiliges Grauen ein. Seine zweite Frau, ein schönes, kluges Wesen – du hast sie ja eben gesehen – hat ihn geheiratet, als er schon ein Greis war; sie hat ihm ihre Jugend, ihr Schönheit, ihre Freiheit, ihren Glanz geopfert – weshalb, frag' ich, wofür? Astrow. Ist sie dem Professor treu? Wojnizki. Leider – ja. Astrow. Warum »leider«? Wojnizki. Weil diese Treue unecht ist von Anfang bis zu Ende. Es ist sozusagen eine rhetorische, doch keine logische Treue. Einem alten Mummelgreise, den man nicht leiden mag, die Treue halten, die Stimme der Jugend und das lebendige Gefühl in sich unterdrücken - das ist einfach unmoralisch. Teljegin mit weinerlicher Stimme. Wanja, ich liebe es nicht, wenn du so sprichst. Das ist nicht schon, mein Lieber … Wer seine Gattin oder seinen Gatten betrügt, ist einfach ein ungetreuer Mensch – und der kann auch dem Vaterlande leicht untreu werden! Wojnizki ärgerlich. Schraub' den Wasserhahn zu, Waffelkuchen! Teljegin. Erlaube mal, lieber Wanja. Meine Frau ist mir gleich am ersten Tage nach der Hochzeit mit ihrem Geliebten durchgebrannt, weil mein Äußeres ihr nicht anziehend genug schien. Nun denn – ich habe meine eheliche Pflicht gegen sie seit jener Zeit auch nicht ein einziges Mal verletzt! Ich liebe sie bis auf den heutigen Tag, bin ihr heute noch treu und helfe ihr, soviel ich kann; mein Vermögen hab' ich hingegeben zur Erziehung der Kinderchen, die sie ihrem Geliebten geboren hat. Mein Glück hab' ich verloren, aber mein Stolz ist mir geblieben. Und sie? Ihre Jugend ist entflohen, ihre Schönheit ist mit der Zeit verwelkt, ihr Geliebter ist gestorben … sag', was ist ihr geblieben? Sonja und Helena Andrejewna kommen aus dem Hause; etwas später Maria Wassiljewna, mit einem Buche; sie setzt sich und liest; man reicht ihr Tee, und sie trinkt, ohne hinzusehen. Sonja zu Marina. Oben sind ein paar Bauern … geh' doch mal, Altchen, sprich mit ihnen! Den Tee werd' ich selbst einschenken. Sie gießt Tee ein. Marina ab. Helena Andrejewna nimmt ihre Tasse und trinkt, auf der Schaukel sitzend. Astrow zu Helena Andrejewna. Ich bin zu Ihrem Herrn Gemahl gekommen. Sie schreiben, er sei schwer krank an Rheumatismus und noch irgendwas, und nun stellt es sich heraus, daß er kerngesund ist! Helena Andrejewna. Gestern abend hatte er seine Grillen, klagte über Schmerzen in den Beinen, und heute ist er ganz vergnügt … Astrow. Und ich jage Hals über Kopf dreißig Werst weit hierher. Na, schadet nichts, es war ja nicht das erste Mal. Dafür bleib' ich bis morgen hier bei Ihnen, wenigstens kann ich mich mal ordentlich ausschlafen. Sonja. Das ist ja wunderschön! Es kommt so selten vor, daß Sie einmal bei uns über Nacht bleiben. Sie haben wohl auch noch nicht zu Mittag gespeist? Astrow. Nein, auch das noch nicht. Sonja. Dann werden Sie mit uns speisen … wir essen jetzt um sieben Uhr. Trinkt. Der Tee ist ganz kalt. Teljegin. Die Temperatur im Samowar ist schon beträchtlich gesunken. Helena Andrejewna. Tut nichts, Iwan Iwanytsch, wir trinken auch kalt, wenn's sein muß. Teljegin. Ich bitt' um Verzeihung … nicht Iwan Iwanytsch heiß' ich, sondern Ilja Iljitsch! … Ilja Iljitsch Teljegin oder, wie einige Leute mich wegen meines pockennarbigen Gesichtes nennen: Waffelkuchen. Ich hab' seiner Zeit unsere kleine Sonja aus der Taufe gehoben, und Se. Exzellenz, Ihr Herr Gemahl, kennen mich sehr gut. Ich lebe jetzt hier bei Ihnen auf dem Landgut … Ich speise mit Ihnen täglich zu Mittag, wie Sie vielleicht zu bemerken geruhten. Sonja. Ilja Iljitsch ist unser Gehilfe, unsere rechte Hand. Zärtlich. Geben Sie Ihr Glas her, Patchen, ich werde Ihnen noch Tee eingießen. Maria Wassiljewna jäh. Ach! Sonja. Was gibt's denn, Großmamachen? Maria Wassiljewna. Ich hab' versäumt, Alexander zu sagen … wie vergesslich man doch wird daß ich heute einen Brief aus Charkow bekommen habe, von Pawel Alexejewitsch … Er hat seine neue Broschüre geschickt … Astrow. Interessant? Maria Wassiljewna. Sehr interessant, aber zugleich … ich weiß nicht … etwas sonderbar. Er widerlegt jetzt das, was er vor sieben Jahren behauptet hat. Das ist schrecklich! Wojnizki. Ich sehe gar nichts Schreckliches darin. Trinken Sie ruhig Ihren Tee, maman! Maria Wassiljewna. Ich will aber reden! Wojnizki. Wir reden und reden doch nun schon seit fünfzig Jahren und lesen ebenso lange Broschüren. Jetzt wär's endlich Zeit, damit aufzuhören. Maria Wassiljewna. Du scheinst es aus irgendeinem Grunde nicht gern zu hören, daß ich rede. Verzeih, lieber Jean, aber im letzten Jahre hast du dich so verändert, daß ich dich nicht wiedererkenne … Du warst früher ein Mensch von festen Überzeugungen, eine leuchtende Individualität … Wojnizki. O ja! Ich war eine leuchtende Individualität – die nur keinem Menschen Licht brachte ... Pause. Ich – eine leuchtende Individualität! … Man kann wirklich keinen boshafteren Witz über mich machen. Ich bin jetzt siebenundvierzig Jahre alt. Bis zum vorigen Jahre hab' ich ebenso wie Sie meinen Blick mit Ihren scholastischen Nebeln verdunkelt, um nur die Wirklichkeit des Lebens nicht zu sehen … und ich dachte, dass ich gut daran tue. Jetzt aber … o, wenn sie wüßten! Nächtelang schlaf' ich nicht aus Grimm und Ärger darüber, daß ich in so alberner Weise die Zeit verpaßt habe, da ich alles das haben konnte, was mir jetzt mein Alter versagt. Sonja. . Nicht doch, Onkel Wanja, das klingt so traurig! Maria Wassiljewna zu Wojnizki. Du scheinst deinen früheren Überzeugungen Schuld zu geben … aber nicht sie sind schuld, sondern du selbst. Du hast vergessen, daß die Überzeugungen an sich nichts bedeuten, daß sie ein toter Buchstabe sind … du hättest eine Tat vollbringen sollen. Wojnizki. Eine Tat? Nicht jeder ist ein schreibendes Perpetuum mobile, wie Ihr Herr Professor. Maria Wassiljewna. Was willst du damit sagen? Sonja bittend. Großmamachen! Onkel Wanja! Ich bitt' euch! Wojnizki. Ich bin schon still, ganz mausestill, und bitte um Entschuldigung. Pause. Helena Andrejewna. Das Wetter ist wirklich heute prächtig … nicht zu heiß … Pause. Wojnizki. Bei solchem Wetter muß es nett sein, sich aufzuhängen … Teljegin stimmt die Gitarre. Marina geht um das Haus herum und ruft die Hühner. Marina. Zip, zip, zip … Sonja. Altchen, was wollten denn die Bauern? Marina. Immer dasselbe … wegen des Rodelands sind sie gekommen. Zip, zip, zip … Sonja. Was rufst du denn da? Marina. Die scheckige Henne ist mit den Küchlein fort … Daß nur der Habicht nicht über sie gerät … Ab. Teljegin spielt auf der Gitarre eine Polka; alle hören schweigend zu. Ein Arbeiter tritt auf. Der Arbeiter. Ist der Herr Doktor da? Zu Astrow. Mit Verlaub, Michael Lwowitsch, man hat mich nach Ihnen geschickt. Astrow. Woher? Der Arbeiter. Aus der Fabrik. Astrow ärgerlich. Danke ergebenst. Was bleibt mir übrig? Ich muß hin … Sucht mit den Augen seine Mütze. Wirklich ärgerlich, der Teufel mag's holen  Sonja. Wie unangenehm. Aus der Fabrik kommen Sie doch zu Tisch? Astrow. Nein, es wird schon zu spät sein … Er sucht. Wo ist eigentlich … Zu dem Arbeiter. Hör' mal, mein Lieber, hol' mir wenigstens ein Gläschen Branntwein! Der Arbeiter entfernt sich. Wo ist eigentlich … ah, da ist sie! Er hat seine Mütze gefunden. Bei Ostrowski kommt irgendwo ein Mensch »mit großem Schnurrbart und kleinen Fähigkeiten« vor … Der Mensch bin ich, sehen Sie! Na, ich empfehle mich, meine Herrschaften … Zu Helena Andrejewna. Wenn Sie mir mal die Ehre geben wollen, vielleicht mit Sofia Alexandrowna zusammen, werde ich mich aufrichtig freuen. Ich habe nur ein ganz kleines Anwesen, höchstens dreißig Deßjatinen, aber dafür besitze ich, wenn Sie das interessiert, einen wahren Mustergarten und ein Baumschule, wie man sie auf tausend Werst in der Runde nicht wieder findet. Dicht daneben liegt die Kronsforstei … Der Förster ist alt und ewig krank … da hab' ich dann eigentlich die ganze Sorge für den Forst auf dem Halse. Helena Andrejewna. Man sagte mir schon, daß Sie den Wald sehr lieben. Das mag alles recht nützlich sein, was Sie für ihn tun, aber behindert Sie das nicht in Ihrem eigentlichen Berufe? Sie sind doch Arzt! Astrow. Der Himmel allein weiß, was unser eigentlicher Beruf ist. Helena Andrejewna. Und ist's interessant? Astrow. O ja, die Suche ist interessant. Wojnizki ironisch. Sehr interessant. Helena Andrejewna zu Astrow. Sie sind doch noch ein junger Mann, dem Aussehen nach  nu, sagen wir sechs-, siebenunddreißig … Ich glaub's gar nicht, daß es Sie so stark interessiert, wie Sie sagen. Immer nur Wald und Wald … das muß doch eintönig sein! Sonja. Nein, es ist wirklich interessant. Jedes Jahr pflanzt Michail Lwowitsch junge Bäumchen aus, und er hat auch schon einen bronzene Medaille und ein Diplom bekommen. Er arbeitet auch dagegen, daß man den alten Wald gar zu sehr verwüste. Wenn Sie ihn hören, werden Sie ihm vollkommen recht geben. Er sagt, daß die Wälder ein Schmuck der Erde sind, daß den Menschen das Schöne begreifen lehren und ihn für erhabene Stimmungen empfänglich machen. Die Wälder mildern das strenge Klima, in Ländern mit mildem Klima aber braucht der Mensch nicht so viel Kraft auf den Kampf mit der Natur zu verwenden, und darum ist er dort sanfter, liebenswürdiger, schöner, impulsiver. Seine Stimme ist wohlklingender, seine Bewegungen sind graziöser. Wissenschaften und Künste blühen in solchen Ländern, ihre Philosophie predigt die Lebensfreude, die Beziehungen zur Frau sind vom Geiste der Schönheit geadelt … Wojnizki lachend. Bravo, bravo! Das ist alles sehr hübsch gesagt, aber nicht überzeugend, zu Astrow und so wirst du mir schon gestatten, lieber Freund, daß ich wie bisher meine Öfen mit Holz heize und meine Speicher aus Holz baue. Astrow. Du kannst die Öfen ebensogut mit Torf heizen und die Speicher aus Steinen bauen. Ich will nichts weiter sagen, wenn man den Wald aus Not niederschlägt, aber muß er darum verwüstet werden? Die russischen Wälder krachen unter dem Beil, Milliarden von Bäumen gehen zugrunde, das Wild, die Vögel, gehen ihrer Wohnstätten verlustig, die Flüsse versanden und trocknen aus, die herrlichsten Landschaften schwinden für immer dahin – und alles nur darum, weil der Mensch zu gedankenlos und zu träg ist, um sich zu bücken und sein Heizmaterial aus der Erde heraufzuholen. Zu Helena Andrejewna. Habe ich nicht recht, meine Gnädige? Man muß wirklich ein ganz unverständiger Barbar sein, um diese Schönheit, diese Pracht, im Ofen zu verbrennen, um zu vernichten, was man nicht wieder schaffen kann. Der Mensch besitzt Verstand und schöpferische Kraft, um das zu vermehren, wessen er bedarf – bisher jedoch hat er nichts geschaffen, sondern immer nur zerstört. Immer mehr schwinden die Wälder zusammen, das Klima hat sich verschlechtert, und unser Land wird immer armseliger, immer unansehnlicher. Zu Wojnizki. Du siehst mich ironisch an – was ich sage, scheint dir nicht im Ernst gesagt … nun, vielleicht ist's wirklich nichts weiter als eine Schrulle; wenn ich aber an den Bauernwäldchen vorübergehe, die ich vor dem Niederschlagen gerettet habe, oder wenn ich das Rauschen meines jungen Waldes höre, den ich mit meinen eigenen Händen gepflanzt habe – dann sage ich, daß das Klima meines Vaterlandes doch auch ein klein wenig in meiner Gewalt ist, und daß, wenn in tausend Jahren die Menschen sich glücklich fühlen werden, auch ich an der Begründung ihres Glücks ein klein wenig teilhaben werden. Wenn ich eine junge Birke pflanze und dann sehe, wie sie sich im Winde wiegt, dann erfüllt Stolz meine Seele, und ich … Er sieht den Arbeiter, der ihm auf einem Präsentierteller ein Glas Branntwein reicht. Indessen … trinkt es ist Zeit für mich. Das alles ist wohl nur eine Schrulle von mir. Habe die Ehre. Geht nach dem Hause zu. Der Arbeiter ab. Sonja nimmt Astrows Arm und begleitet ihn. Wann werden Sie uns wieder besuchen? Astrow. Ich weiß es nicht … Sonja. Wieder erst in einem Monat? Beide ab ins Haus; Maria Wassiljewna und Teljegin bleiben am Tische; Helena Andrejewna und Wojnizki entfernen sich vom Tische und treten näher der Terrasse hin. Helena Andrejewna. Ihr Benehmen war wieder ganz unmöglich, Iwan Petrowitsch. Was brauchten Sie Ihre Mama mit dem Perpetuum mobile zu ärgern? Und heute beim Frühstück haben Sie wieder mit Alexander gestritten – wie kleinlich das ist! Wojnizki. Wenn ich ihn doch nun mal hasse! Helena Andrejewna. Dazu haben Sie keine Veranlassung. Alexander ist so wie alle anderen … jedenfalls nicht schlechter als Sie … Wojnizki. Wenn Sie sich doch selbst mal beobachteten … wenn Sie Ihr Gesicht, Ihre Bewegungen sehen könnten! Diese Trägheit in Ihrem ganzen Wesen … Diese Unlust am Leben! Helena Andrejewna. Trägheit … Unlust am Leben  – das stimmt vielleicht. Alle Welt redet es mir ja ein. Alle schelten meinen Mann und sehen mich mitleidig an: die Unglückliche, Sie ist die Frau eines Greises! O, ich begreife sie sehr wohl, die Beweggründe dieses Mitleids! Wie sagte doch Astrow vorhin? Ohne Vernunft verderbt ihr euren Wald, daß bald nichts mehr auf Erden davon übrig sein wird. Und ebenso vernunftlos verderbt ihr den Menschen, so daß, dank eurer Bemühungen, es bald auf Erden weder Treue, noch Keuschheit, noch Selbstaufopferung geben wird. Warum könnt ihr ein Weib, das nicht euch gehört, nicht gleichgültig ansehen? Weil in euch allen – der Doktor hat schon recht! – der Zerstörungsteufel steckt. Ihr schont weder Wälder, noch Vögel, noch Weiber, noch einer den andern … Wojnizki. Hm – sie gefällt mir nicht, diese Philosophie! Pause. Helena Andrejewna. Dieser Doktor hat ein müdes, nervöses Gesicht. Ein interessantes Gesicht. Sonja gefällt er offenbar, sie ist in ihn verliebt, was ich wohl verstehen kann. Während wir hier sind, war er bereits dreimal da … ich weiß nicht, ich bin eigentlich schüchtern ihm gegenüber. Noch nie hab' ich so recht vom Herzen weg mit ihm gesprochen, er muß mich für bösartig halten. Ich glaube, Iwan Petrowitsch, wir zwei vertragen uns nur darum so gut, weil wir beide so trostlos langweilige Menschen sind. Wirklich langweilig! Sehen Sie mich doch nicht so an … Sie wissen, ich liebe das nicht. Wojnizki. Kann ich Sie denn anders ansehen, wenn ich Sie liebe? Sie sind mein Glück, mein Leben, meine Jugend! Ich weiß ja, daß meine Aussicht auf Gegenliebe verschwindend gering – beinahe gleich Null ist, aber ich will ja auch nichts weiter, erlauben Sie mir nur, Sie anzusehen, Ihre Stimme zu hören … Helena Andrejewna. Leiser! Man kann Sie ja hören! Sie gehen nach dem Hause zu. Wojnizki geht hinter ihr her. Gestatten Sie mir, von meiner Liebe zu sprechen, jagen Sie mich nicht fort – auch das ist für mich schon ein Glück ohnegleichen … Helena Andrejewna. Sie sind wirklich ein Quälgeist … Beide ab nach dem Hause; Teljegin greift in die Saiten und spielt eine Polka; Maria Wassiljewna macht eine Randbemerkung in der Broschüre. Vorhang. Zweiter Aufzug Speisezimmer im Hause Serebrjakows. – Nacht. – Man hört im Garten den Nachtwächter klopfen. Serebrjakow sitzt in einem Fauteuil am Fenster und schlummert. Helena Andrejewna sitzt, gleichfalls schlummernd, neben ihm. Serebrjakow erwachend. Wer ist da? Sonja, bist du es? Helena Andrejewna. Ich bin's. Serebrjakow. Du, Lenotschka … Ach, dieser unerträgliche Schmerz! Helena Andrejewna. Dein Plaid ist heruntergerutscht. Wickelt ihm die Füße ein. Ich will das Fenster schließen, Alexander  Serebrjakow. Laß nur, es ist mir so heiß … Ich hab' eben ein wenig geschlummert und träumte, mein linkes Bein gehöre nicht mir. Auf einmal erwachte ich von einem heftigen Schmerz. Nein, das ist kein Podagra, sondern Rheumatismus. Wie spät ist's denn? Helena Andrejewna. Zwanzig Minuten nach zwölf. Pause Serebrjakow. Such' mir doch mal morgen früh in der Bibliothek Batjuschkows Gedichte heraus. Wir haben sie doch? Helena Andrejewna. Was? Serebrjakow. Batjuschkows Gedichte solltest du mir morgen früh heraussuchen. Ich erinnere mich doch, daß wir den Band besaßen. Aber sag mal … wie kommt es … daß mir auf einmal das Atmen so schwer wird? Helena Andrejewna. Du bist müde. Schon die zweite Nacht schläfst du nicht. Serebrjakow. Turgenjew soll infolge des Podagras die Brustbräune bekommen haben. Ich fürchte, es wird mir ebenso gehen! Dieses verdammte, abscheuliche Alter! Der Teufel mag es holen! Seit ich alt geworden bin, bin ich mir selbst zuwider. Und euch allen muss es doch auch recht lästig sein, mich zu sehen. Helena Andrejewna. Du sprichst von deinem Alter in einem Tone, als ob wir alle daran schuld wären, dass du alt bist. Serebrjakow. Du bist es doch in allererster Reihe, der ich lästig bin! Helena Andrejewna steht auf und setzt sich in einiger Entfernung von ihm wieder hin. Gewiß, du hast ja recht. Ich kann das sehr wohl begreifen. Du bist jung, gesund schön, du willst leben – und ich bin ein Greis, beinahe schon eine Leiche. Zu dumm, daß ich immer noch am Leben bin. Aber wartet nur, ich werde euch bald von der Last befreien. Ich werde die Sache nicht mehr lang hinziehen. Helena Andrejewna. Ich halte es nicht länger aus … Schweig, um Gottes willen! Serebrjakow. Recht so: ich bin schuld daran, daß kein Mensch es mehr aushält, daß alle sich langweilen, alle ihre Jugend opfern – und ich bin der einzige, der das Leben genießt und zufrieden ist. Sehr gut! Sehr gut! Helena Andrejewna. Schweig! Du quälst mich zu Tode! Serebrjakow. Ich quäl' euch alle zu Tode. Natürlich! Helena Andrejewna in Tränen. Das ist unerträglich. Sag' mal – was willst du von mir! Serebrjakow. Nichts will ich! Helena Andrejewna. Nun – dann sei still. Ich bitte dich darum. Serebrjakow. Das ist doch sonderbar: wenn Iwan Petrowitsch etwas sagt oder Maria Wassiljewna, diese alte Idiotin – dann ist alles wunderschön, alle hören zu. Wenn ich aber nur den Mund auftue, fangen sie alle gleich an, sich unglücklich zu fühlen. Selbst meine Stimme finden sie unausstehlich. Nun gut, mag ich immerhin unausstehlich, mag ich ein Egoist, ein Despot sein – aber hab' ich denn nicht mal auf meine alten Tage ein klein wenig Recht darauf, ein Egoist zu sein? Hab' ich das nicht wirklich verdient? Hab' ich, so frage ich dich, wirklich gar keinen Anspruch auf ein ruhiges Alter, auf ein klein wenig Rücksicht von seiten meiner Mitmenschen? Helena Andrejewna. Niemand denkt daran, dir dein Recht streitig zu machen. Das Fenster knarrt, vom Winde bewegt. Der Wind hat sich erhoben, ich werde das Fenster schließen. Schließt das Fenster. Es wird gleich regnen … Niemand, wie gesagt, macht dir deine Rechte streitig. Pause. Der Wächter im Garten klopft und singt ein Lied. Serebrjakow. Sein ganzes Leben im Dienst der Wissenschaft hinopfern, an sein Arbeitskabinett, sein Auditorium, seine ehrenwerten Kollegen gewöhnt sein – und dann mit einem Male, gleichsam über Nacht, hier in diesem Grabgewölbe erwachen, Tag für Tag lauter dumme Menschen um sich sehen, lauter alberne Gespräche anhören … ja, weißt du, das trag' einer mit Gleichmut! … Ich will leben, ich liebe den Erfolg, den Ruhm, das Geräusch – und hier bin ich wie in der Verbannung. Jeden Augenblick nach der Vergangenheit bangen, die Erfolge der andern beobachten und vor dem Tode zittern … nein, das halt' ich nicht aus! Dazu fehlt mir die Kraft! Und da wollen Sie mir noch nicht mal mein Alter verzeihen! Helena Andrejewna. Wart' ein Weilchen, hab' Geduld: in fünf, sechs Jahren werde auch ich alt sein. Sonja kommt herein. Sonja. Du hast doch selbst nach dem Doktor Astrow schicken lassen, Papa – und jetzt, wo er da ist, willst du ihn nicht empfangen. Das ist nicht rücksichtsvoll. Nun haben wir den Herrn umsonst bemüht … Serebrjakow. Was soll mir dein Astrow? Er versteht von der Medizin ebensoviel, wie ich von der Astronomie. Sonja. Aber wir können doch wegen deines Podagras nicht die ganze medizinische Fakultät herkommen lassen! Serebrjakow. Jedenfalls will ich mit diesem Narren nichts zu tun haben. Sonja. Wie du willst. Setzt sich. Mir kann es gleich sein. Serebrjakow. Wie spät ist es jetzt? Helena Andrejewna. Bald ein Uhr. Serebrjakow. Es ist so schwül hier … Sonja, bitte gib mir doch, bitte, die Tropfen da vom Tische! Sonja. Gleich. Reicht ihm die Tropfen. Serebrjakow gereizt. Nicht doch … nicht diese! Gar nichts darf man von euch verlangen! Sonja. Sei doch nicht so launisch, Papa. Ich habe so viele andere Sorgen: morgen wird das Heu eingefahren, da muss ich zeitig aufstehen. Wojnizki kommt, im Schlafrock und mit einer Kerze in der Hand. Wojnizki. Ein Gewitter steigt auf. Es blitzt. Da! Helena und Sonja, ihr geht jetzt schlafen. Ich werde euch ablösen. Serebrjakow erschrocken. Nein, nein! Laßt mich nicht mit ihm allein! Er wird mich totreden! Wojnizki. Aber so laß sie doch auch mal zur Ruhe kommen! Sie schlafen schon die zweite Nacht nicht. Serebrjakow. Gut, dann mögen sie schlafen gehen – aber auch du geh' fort! Ich bitte dich darum. Ich werde dir dafür dankbar sein. Im Namen unserer einstigen Freundschaft, widersprich nicht! Wojnizki lächelnd. Unserer einstigen Freundschaft … einstigen … hm … Sonja. Nicht doch, Onkel Wanja! Serebrjakow zu seiner Gattin. Laß mich nicht mit ihm allein, Liebe! Er wird mich totreden! Wojnizki. Die Sache wird wirklich schon lächerlich. Marina kommt mit einer Kerze. Sonja. Geh' doch schlafen, Altchen! Es ist doch schon spät! Marina. Der Samowar ist noch nicht weggestellt. Hat nichts zu sagen. Serebrjakow. Alle kommen um ihren Schlaf, alle sind erschöpft – nur ich schwelge im Glück! Marina tritt zu Serebrjakow hin, zärtlich. Wie geht's denn, Väterchen? Tut's wieder weh? Ja, ja, meine Beine wollen auch nicht mehr recht folgen! Sie rückt ihm das Plaid zurecht. Das ist schon ein altes Leiden bei Ihnen! Ich weiß noch, wie Sonetschkas Mama ganze Nächte lang nicht schlief … immer hat sie sich darum gegrämt. Sie hatte Sie wirklich schon gar zu lieb, Väterchen!  Pause. Alte Leute sind wie die Kinder, lassen sich gar zu gern bedauern … es will sie aber keiner bedauern. Küßt Serebrjakow auf die Schulter. Komm. Väterchen, komm ins Bett … Komm, Herzchen … ich will dir Lindenblütentee kochen, dir 'ne heiße Kruke für die Füßchen zurechtmachen … zu Gott beten will ich für dich … Serebrjakow gerührt. Komm, meine liebe Marina! Marina. Meine Beine, siehst du, wollen auch nicht mehr recht vorwärts. Führt ihn gemeinsam mit Sonja fort. Ja, die Verstorbene … die hat sich was gegrämt … immer geweint hat sie … Du warst damals noch klein und dumm, Sonjuschka … So recht, Väterchen … so recht! … Serebrjakow, Sonja und Marina ab. Helena Andrejewna. Ich bin wirklich ganz erschöpft. Kaum, daß ich mich auf den Beinen halte. Wojnizki. Sie plagen sich mit ihm herum - und ich mit mir selbst. Das ist schon die dritte Nacht, die ich schlaflos verbringe. Helena Andrejewna. Es wohnt kein Glück in diesem Hause. Ihre Mutter haßt alles – außer ihren Broschüren und dem Professor; der Professor ist beständig in Aufregung – er ist mißtrauisch gegen mich und hat vor Ihnen angst; Sonja ist auf ihren Vater und auf mich böse – schon seit vierzehn Tagen spricht sie nicht mit mir; Sie hassen Ihren Mann und zeigen Ihrer Mutter ganz offen vor allen Leuten Ihre Verachtung; ich bin im höchsten Grade nervös und war heute wohl zwanzigmal nahe daran, zu weinen … Es wohnt kein Glück in diesem Hause … Wojnizki. Lassen wir die Philosophie! Helena Andrejewna. Sie sind doch ein verständiger, gebildeter Mensch, Iwan Petrowitsch – so sollten Sie auch wissen, daß nicht die großen Katastrophen, die Verbrechen, Brände und so weiter die Welt zugrunde richten, sondern all die kleinen Feindseligkeiten und Geschäftigkeiten der Menschen, dieses abscheuliche Gezänk. Ihre Aufgabe sollte es sein, nicht ewig zu brummen, sondern die andern zu versöhnen! Wojnizki. Versöhnen Sie mich erst mit mir selbst! Meine Teure … Er sucht ihre Hand an seine Lippen zu ziehen. Helena Andrejewna. Lassen Sie das! Sie entzieht ihm die Hand. Sehen Sie! Wojnizki. Der Regen ist gleich vorüber, die ganze Natur wird sich erfrischt fühlen und erleichtert aufatmen. Nur für mich allein bedeutet dieses Gewitter keine Erfrischung. Tag und Nacht quält mich der Gedanke, daß mein Leben unwiederbringlich verloren ist. Meine Vergangenheit wurde mit allerhand Narrenspossen vertrödelt … und meine Zukunft ist ohne Zweck und Sinn – einfach entsetzlich! Mein Leben, meine Liebe – was soll ich mit ihnen anfangen, sagen Sie!? Mein Gefühl geht zugrunde wie ein Sonnenstrahl, der in eine Höhle fällt, und auch ich selbst geh' zugrunde. Helena Andrejewna. Wenn Sie mir von Ihrer Liebe sprechen, überkommt mich eine Art Stumpfsinn, ich weiß nicht, was ich Ihnen antworten soll. Verzeihen Sie … ich finde wirklich keine Antwort für Sie. Sie will gehen. Gute Nacht! Wojnizki vertritt ihr den Weg. Und wenn Sie wüßten, wie ich leide bei dem Gedanken, daß neben mir, unter demselben Dache, noch ein zweites Leben zugrunde geht – das Ihrige! Was zögern Sie noch? Welche verfluchte Philosophie kann Sie noch zurückhalten? Begreifen Sie doch, begreifen Sie … Helena Andrejewna sieht ihn durchdringend an. Iwan Petrowitsch, Sie sind betrunken! Wojnizki. Kann sein, kann schon sein … Helena Andrejewna. Wo ist der Doktor? Wojnizki. Dort … in meinem Zimmer übernachtet er. Kann sein … kann schon sein! Kann alles sein! Helena Andrejewna. Warum haben Sie heute wieder getrunken? Wojnizki. Es sieht doch wenigstens so aus, als ob man lebte. Lassen Sie mich trinken, Helena, schelten Sie mich nicht! Helena Andrejewna. Sie haben doch früher nie getrunken und auch nie so viel geredet … Gehen Sie schlafen! Ich langweile mich in Ihrer Gesellschaft. Wojnizki will wieder ihre Hand küssen. Meine Teure! … Meine Herrliche! Helena Andrejewna ärgerlich. Lassen Sie mich in Frieden. Das wird mir zuletzt wirklich widerlich. Ab. Wojnizki allein. Sie ist fort. Pause. Vor zehn Jahren hab' ich sie bei meiner verstorbenen Schwester getroffen. Damals war sie siebzehn und ich siebenunddreißig. Warum hab' ich mich damals nicht in sie verliebt und ihr einen Heiratsantrag gemacht? Die Sache lag doch so nahe! Dann wäre sie jetzt meine Frau … Ja! … Das Gewitter hätte uns beide aus dem Schlafe geweckt – sie wäre ganz erschrocken von dem Donner, und ich würde sie in meinen Armen halten und ihr zuflüstern: »Fürchte dich nicht, ich bin ja da!« O wunderbarer Gedanke – wie herrlich, ich lächle sogar! Doch, mein Gott, ich glaube – es ist nicht mehr ganz klar in meinem Kopfe … Warum muß ich schon so alt sein? Warum will sie mich nicht verstehen? Ihre Rhetorik, ihre flaue Moral, ihre trägen Gedanken über das Zugrundegehen der Welt - das alles ist mir in der Seele zuwider. Pause. O, wie bin ich betrogen! Ich habe diesen Professor, diesen jämmerlichen Podagristen, vergöttert. Ich habe für ihn wie ein Ochse gearbeitet. Ich habe mit Sonja zusammen den letzten Saft aus diesem Gute herausgepreßt. Wie die Hökerweiber haben wir mit Rüböl, mit Erbsen, mit Käse gehandelt und haben uns selber nicht satt gegessen, um nur aus lauter Groschen und Kopeken Tausende aufzuhäufen und ihm zu schicken. Ich war stolz auf ihn und auf seine Wissenschaft, ich lebte, ich atmete durch ihn. Alles, was er schrieb und dozierte, erschien mir genial … Herr Gott – und jetzt? Jetzt ist er pensioniert und nun sieht man erst das Fazit seines Lebens: nicht ein einziges Blatt wird dauernd bleiben von all seinem Wirken, er ist ein Unbekannter, ein Nichts! Eine Seifenblase! Und ich bin betrogen … Astrow tritt ein, ohne Weste und Krawatte; er ist angeheitert; hinter ihm Teljegin mit der Gitarre. Teljegin. Aber es schläft doch alles! Astrow. Spiel' nur. Teljegin beginnt leise zu spielen. Astrow zu Wojnizki. Du bist allein? Die Damen nicht anwesend? Stemmt die Arme in die Seiten und singt: »Hat ein Haus von Betten voll, weiß nicht, wo er schlafen soll!« … Das Gewitter hat mich aus dem Schlafe geweckt, es regnet großartig. Wie spät ist's denn? Wojnizki. Der Teufel mag's wissen. Astrow. Es war mir doch, als ob ich Helena Andrejewnas Stimme gehört hätte! Wojnizki. Sie war eben hier. Astrow. Ein prächtiges Weib! Betrachtet die Fläschchen auf dem Tische. Lauter Medizin und Rezepte aus aller Welt: aus Charkow, aus Moskau, aus Tula … alle Städte des Erdballs hat er mit seinem Podagra belästigt. Ist er wirklich krank, oder simuliert er? Wojnizki. Er ist krank. Pause.. Astrow. Was bist du denn heut' so traurig? Tut dir der Professor so leid, oder was ist's sonst? Wojnizki. Laß mich. Astrow. Vielleicht bist du in die Frau Professor verliebt? Wojnizki. Sie ist meine Vertraute. Astrow. Ah … so weit haltet ihr schon? Wojnizki. »Schon«? Was soll das heißen? Astrow. Eine Frau wird in folgender Reihenfolge die Vertraute eines Mannes: ad 1 – Freundin, ad 2 - Geliebte, ad 3 – Vertraute. Wojnizki. Eine sehr fade Philosophie. Astrow. Meinst du? … Kannst vielleicht recht haben. Ich werde eben fad mit der Zeit. Du siehst, ich bin auch betrunken. Ich betrinke mich durchschnittlich etwa einmal im Jahre – dann werde ich furchtbar frech und zudringlich. Dann ist mir einfach alles schnuppe. Ich mache mich an die schwierigsten Operationen und führe sie tadellos aus; ich entwickle die entwickle die großartigsten Zukunftspläne und halte mich dabei nicht etwa für einen komischen Kauz, sondern bin fest überzeugt, daß ich der Menschheit einen ganz gewaltigen Nutzen bringe … ja, einen ganz gewaltigen! Ich habe dann auch mein eignes philosophisches System – ihr alle, meine Lieben, erscheint mir dann sozusagen als kleine Köfferchen, als Mikroben … Zu Teljegin. He, Waffelkuchen, spiel' mal! Teljegin. Von Herzen gern, mein Lieber … aber begreif' doch: alles schläft im Hause! Astrow. Spiel'! Teljegin fährt ganz leise über die Saiten. Ich möcht' was trinken … ich glaube, es ist noch ein Rest Kognak übriggeblieben. Trinkst du einen mit? Er sieht Sonja, die ins Zimmer tritt. Entschuldigen Sie … ich bin … ohne Krawatte. Entfernt sich rasch. Teljegin hinter ihm ab. Sonja. Du hast wieder mit dem Doktor gekneipt, Onkel Wanja! Haben ein bißchen pokuliert, die gestrengen Herren! Na, beim Doktor ist man's ja gewohnt … aber du, Onkel? In deinen Jahren macht sich das wirklich nicht mehr nett. Wojnizki. Die Jahre haben damit nichts zu tun. Wer kein wirkliches Leben kennt, sucht sich wenigstens ein Trugbild des Lebens vorzuspiegeln. Immer besser als nichts. Sonja. Es regnet Tag für Tag, das Heu verfault uns auf der Wiese – und du unterhältst dich mit Trugbildern des Lebens. Um die Wirtschaft kümmerst du dich gar nicht mehr … Ich muß ganz allein arbeiten, bin schon völlig hin … Erschrocken. Onkel, du hast Tränen in den Augen! Wojnizki. Was  Tränen? Nicht doch!  Unsinn … Du hast mich eben ganz so angesehen wie deine verstorbene Mutter … Küßt ihr voll Rührung Gesicht und Hände. Meine Schwester … meine liebe, gute Schwester … wo ist sie jetzt? Wenn sie wüßte! Ach, wenn sie wüßte! Sonja. Was denn, Onkel? Was wüßte? Wojnizki. Wie traurig, ach … wie schwer! … Nichts weiter … Später mal … Nichts … Ich will gehen … Ab. Sonja klopft an die Tür. Michail Lwowitsch! Schlafen Sie? Ach, bitte, einen Augenblick! Astrow hinter der Tür. Sofort. Nach einer kurzen Pause ins Zimmer tretend, jetzt schon mit Weste und Krawatte. Was befehlen Sie? Sonja. Lieber Herr Doktor, wenn Ihnen das Trinken Vergnügen macht, dann trinken Sie, soviel Sie wollen, aber animieren Sie, bitte, den Onkel nicht dazu. Es schadet ihm. Astrow. Schön. Wir werden nicht mehr trinken. Pause. Ich fahre gleich nach Hause. Abgemacht. Bevor Sie angespannt haben, ist's hell draußen. Sonja. Nicht doch, es regnet ja! Warten Sie bis zum Frühstück! Astrow. Das Gewitter ist vorüber, wir haben nur ein Pröbchen davon abbekommen. Ich fahre. Rufen Sie mich, bitte, nicht mehr zu Ihrem Herrn Papa. Ich sage ihm – es ist Podagra, und er behauptet, es sei Rheumatismus. Ich bitte ihn, sich hinzulegen – und er sitzt. Und heute wollte er überhaupt nicht mit mir reden. Sonja. Er ist verhätschelt. Sucht im Buffet. Wollen Sie einen Imbiß nehmen? Astrow. Wenn ich bitten darf … Sonja. Ich esse gern in der Nacht ein Häppchen. Es muß doch was da sein im Buffet. Man sagt, er habe bei den Frauen große Erfolge gehabt, die Damen hätten ihn verzogen … Da ist Käse, bitte, nehmen Sie! Beide stehen am Buffet und essen Astrow. Ich hab heute nichts gegessen, immer nur getrunken. Ihr Vater hat einen schwierigen Charakter. Er langt eine Flasche aus dem Buffet heraus. Ist's erlaubt? Er gießt sich ein Gläschen voll und trinkt. Wir sind allein, da kann ich mal offen reden. In Ihrem Hause könnte ich's, glaub' ich, nicht einen Monat aushalten – ich würde ersticken in dieser Atmosphäre … Ihr Vater, der ganz in seinem Podagra und seinen Büchern aufgeht, Onkel Wanja mit seiner Hypochondrie, Ihre Großmutter, Ihre Stiefmama endlich ... Sonja. Was ist mit meiner Stiefmama? Astrow. An einem Menschen soll alles schön sein – Gesicht, die Kleider, die Seele, die Gedanken. Keine Frage, daß sie schön ist … aber sie tut doch nichts weiter, als daß sie ißt und schläft, spazierengeht und uns mit ihrer Schönheit bezaubert. Das ist alles. Sie kennt keine Pflichten, andre müssen für sie arbeiten. Ist es nicht so? Und ein müßiges Leben kann niemals rein sein. Pause. Übrigens - vielleicht bin ich zu streng in meinem Urteil. Ich habe keine Befriedigung gefunden im Leben, ganz wie Ihr Onkel Wanja, und so sind wir beide alte Brummbären geworden. Sonja. Sie sind also mit dem Leben unzufrieden? Astrow. Im allgemeinen liebe ich das Leben, aber unser russisches Leben, unser biederes Spießerleben, wie wir es hier auf dem Lande führen – das kann ich nicht leiden, das veracht' ich aus ganzem Herzen. Und was mein eignes, persönliches Leben anlangt, so kann ich, bei Gott, schon gar nichts Erfreuliches darin entdecken. Wenn man in dunkler Nacht durch den Wald schreitet und plötzlich in der Ferne ein Licht erblickt, dann vergißt man alles – die eigne Müdigkeit, und die Dunkelheit und die Dornenzweige, die einem ins Gesicht schlagen … Ich arbeite gewiß – das müssen Sie selbst sagen – wie kein zweiter Mensch im ganzen Bezirk. Das Schicksal spart mir die Dornen nicht, ja ich leide oft unerträglich – aber ich sehe kein Licht, das mir aus der Ferne winkte. Ich erwarte für mich schon längst nichts mehr, ich liebe die Menschen nicht... lange schon liebe ich niemanden … Sonja. Niemanden? Astrow. Nein. Nur für Ihre alte Kinderfrau Marina fühle ich eine gewisse Zärtlichkeit – aus Gewohnheit und alter Bekanntschaft. Unsere Bauern sind mir zu stumpf, zu unterentwickelt und zu schmutzig. Mit der Intelligenz hier ist's schwer zu leben … alle unseren guten Bekannten denken und fühlen so kleinlich, sie sehen nicht weiter, als ihre Nase reicht, mit einem Wort – sie sind dumm. Die wenigen aber, die über den Durchschnitt hinausragen, sind hysterisch, vom Geiste der Analyse, von der Sucht zu reflektieren angefressen .. Sie sind von Weltschmerz und Menschenhaß geplagt, leiden an einer krankhaften Verleumdungssucht, nähern sich den Menschen immer nur von der Seite, sehen jedermann scheel an und dekretieren sofort: »O, das ist ein Psychopath!« oder: »Das ist ein Phrasenheld!« Und wenn sie nicht wissen, was für ein Etikett sie einem auf die Stirn kleben sollen, dann heißt es: »Das ist ein Sonderling.« Ich bin zum Beispiel ein Freund des Waldes – das finden sie sonderbar; ich esse kein Fleisch – auch das ist sonderbar. Eine unmittelbare, keusche, ungezwungene Beziehung zu Menschen und Dingen, die gibt's eben nicht mehr … gibt es einfach nicht. Will trinken. Sonja sucht ihn daran zu hindern. Nicht doch … ich bitte Sie, trinken Sie nicht mehr! Astrow. Warum? Sonja. Es steht Ihnen so gar nicht an! Sie sind ein so netter Mensch, haben eine so angenehme Stimme … Ja, noch mehr – Sie sind wie kein einziger von allen, die ich kenne: Sie sind schön. Weshalb wollen Sie ebenso sein wie all die gewöhnlichen Leute, die da trinken und Karten spielen? O, tun Sie das nicht, ich bitte Sie! Sie klagen immer, daß die Menschen nichts schaffen, sondern obendrein das, was ihnen eine höhere Macht verliehen hat, selbst zerstören … Warum … warum wollen Sie sich selbst zerstören? Das darf nicht sein, um keinen Preis … ich bitte, ich beschwöre Sie! Astrow reicht ihr die Hand. Ich werde nicht mehr trinken. Sonja. Geben Sie mir Ihr Wort darauf! Astrow. Mein Ehrenwort. Sonja drückt ihm fest die Hand. Ich danke Ihnen! Astrow. Basta! Ich bin nüchtern geworden. Sehen Sie doch, ich bin schon ganz nüchtern und werde bis ans Ende meiner Tage so bleiben. Sieht auf die Uhr. Doch nun weiter im Text … wo hielt ich noch? Ach ja … also ich sage: meine Zeit ist vorüber, es ist vorbei mit mir. Ich bin gealtert, abgearbeitet und fad geworden. Die Empfindungen sind abgestumpft, sehen Sie – ich glaube nicht, daß ich mich noch irgend jemandem so recht von Herzen anschließen könnte. Ich liebe niemanden und … werde niemanden mehr liebgewinnen. Was mich noch einigermaßen zu fesseln vermag – das ist die Schönheit. Gegen die bin ich nicht gleichgültig. Wenn zum Beispiel Helena Andrejewna wollte … ich glaube, sie könnte mir in einem Tage den Kopf verdrehen. Aber das ist eben nicht Liebe, nicht Anhänglichkeit … Bedeckt mit der Hand die Augen und fährt zusammen. Sonja. Was ist Ihnen? Astrow. Nichts weiter … Der Kranke fiel mir eben wieder ein, der mir in der Narkose gestorben ist … Sonja. Den sollten Sie doch längst vergessen haben! Pause. Sagen Sie mal, Michail Lwowitsch … wenn ich so einen Freundin hätte oder eine jüngere Schwester, und wenn Sie nun in Erfahrung brächten, daß sie … na, sagen wir mal: Sie liebt – wie würden Sie sich dazu stellen? Astrow achselzuckend. Das weiß ich nicht. Wahrscheinlich gar nicht … ich würde ihr zu verstehen geben, daß ich sie nicht zu lieben vermag, daß mein Kopf von anderen Dingen in Anspruch genommen ist … Doch wenn ich fahren soll, ist's wirklich höchste Zeit. Leben Sie wohl, Verehrte, sonst kommen wir bis in den hellen Tag hinein mit unserm Plaudern nicht zu Ende. Drückt ihr die Hand. Ich gehe durchs Gastzimmer, wenn Sie erlauben, sonst hält mich Ihr Onkel noch zurück. Ab. Sonja allein. Er hat mir nichts gesagt … Sein Herz, seine Seele sind mir noch verschlossen … und doch: warum fühle ich mich so beglückt? Lächelt glücklich. Ich sagte ihm: »Sie sind nett, Sie sind schön, Sie haben eine angenehme Stimme« … War das vielleicht unpassend? Seine Stimme hat so etwas Zitterndes, Liebkosendes … ich höre sie nachklingen in der Luft … Und das, was ich ihm sagte … von der jüngeren Schwester - das hat er nicht verstanden... Ringt die Hände. Wie schrecklich ist's doch, daß ich nicht schön bin! Ach, wie schrecklich! Und ich weiß, daß ich es nicht bin, ich weiß es ganz genau … Am letzten Sonntag, als ich aus der Kirche kam, hörte ich, wie man von mir sprach, eine Frau sagte: »Sie ist gut, sie ist edelmütig – nur schade, daß sie so gar nicht hübsch ist!« … Nicht hübsch ... Helena Andrejewna tritt ein. Helena Andrejewna öffnet die Fenster. Das Gewitter ist vorüber. Wie köstlich die Luft ist! Pause. Wo ist der Doktor? Sonja. Er ist fort. Pause. Helena Andrejewna. Sophie! Sonja. Was? Helena Andrejewna. Wie lange werden Sie mit mir noch schmollen? Wir haben einander doch nichts getan! Warum sollen wir Feindinnen sein? Lassen wir es gut sein … Sonja. Ich hatte die gleiche Absicht … Umarmt Helena. Wir wollen uns gut sein. Helena Andrejewna. Von Herzen gut … Das ist ausgezeichnet. Beide sind gerührt. Sonja. Ist Papa zu Bett? Helena Andrejewna. Nein, er sitzt im Gastzimmer … Da haben wir nun wochenlang nicht miteinander gesprochen - Gott weiß, weshalb … Sieht das offene Buffet. Was ist denn das? Sonja. Michail Lwowitsch hat gefrühstückt. Helena Andrejewna. Da ist ja auch Wein … Kommen Sie, wir wollen Brüderschaft trinken! Sonja. Mit Vergnügen. Helena Andrejewna. Aus einem Glase! Sie gießt ein. Also – auf du und du? Sonja. Auf du und du. Sie trinken und küssen sich. Ich wollte schon längst Frieden schließen, aber es war mir immer peinlich … Weint Helena Andrejewna. Warum weinst du? Sonja. Nichts, nur so … Helena Andrejewna. Sieh doch, sie doch … Weint. Kleine Närrin, hast auch mich zum Weinen gebracht … Pause. Du bist mir böse, weil du meinst, dass ich deinen Vater aus Berechnung geheiratet habe. Wenn du meinen Schwüren glauben willst, dann schwöre ich dir: ich habe ihn aus Liebe geheiratet. Ich verehrte in ihm den großen Gelehrten, den berühmten Mann. Es war eine unechte, künstliche Liebe – damals aber hielt ich sie für echt. Ich fühle mich frei von Schuld. Und du hast mich vom Hochzeitstage an beständig mit deinen klugen, argwöhnischen Augen gequält … Sonja. Nun, Friede, Friede! Laß uns vergessen! Helena Andrejewna. Du darfst nicht so dreinschauen – es steht dir nicht! Man muß Vertrauen haben zu den Menschen, sonst kann man nicht leben  Pause. Sonja. Sag' mir auf Ehre und Gewissen, als Freundin, bist du glücklich? Helena Andrejewna. Nein. Sonja. Ich wußte es. Und noch eine Frage. Sag' mir offen: möchtest du wohl einen jungen Gatten haben? Helena Andrejewna. Was für ein Kind du noch bist! Natürlich möcht' ich das! Lacht. Nun, frag' mich noch irgendwas, frag'! Sonja. Gefällt dir der Doktor? He Ja, sehr. Sonja lacht. Ich mach' wohl jetzt ein recht dummes Gesicht … wie? Er ist jetzt fort - und ich höre immer noch seine Stimme und seine Schritte, und wenn ich nach dem dunklen Fenster da schaue, glaub' ich sein Gesicht zu sehen. Laß mich mal offen reden … aber ich kann dir das nicht so laut sagen, ich schäme mich. Komm in mein Zimmer, dort wollen wir plaudern … Ich seine dir wohl recht albern, wie? … Sag' mir doch irgendwas von ihm … Helena Andrejewna. Was denn? Sonja. Er ist doch so ein kluger Mensch, nicht wahr? Er kann alles, versteht alles … Menschen kuriert er … Bäume pflanzt er … Helena Andrejewna. Die Bäume machen es nicht, so wenig wie die Medizin. Aber, meine Liebe: Er ist ein Talent! Weißt du, was das ist – ein Talent? Das ist ein Mensch, der Kühnheit und Schwung besitzt, der frei in die Welt hinausblickt … Er pflanzt ein Bäumchen und errät schon, was in tausend Jahren daraus geworden sein wird, träumt schon vom Glück der Menschheit … Solche Menschen sind selten, siehst du – die muß man lieben! … Er trinkt und ist manchmal grob … aber was tut das? Ein talentvoller Mensch kann in Rußland nicht rein bleiben. Bedenk' doch mal, was für ein Leben dieser Doktor führt! Die schmutzigen Straße, die Fröste, die Schneestürme, die weiten Entfernungen, das rohe, wilde Volk, die Krankheiten … wie kann ein Mensch, der unter solchen Umständen Tag für Tag schwer arbeitet, bis zu den Vierzigern ein Musterknabe bleiben? Küßt sie. Ich wünsch' dir von Herzen Glück, du verdienst es … Erhebt sich. Ich bin nur eine Episodenfigur, siehst du, und eine langweilige dazu. In der Musik, im Hause meines Gatten, in meinen Herzensromanen – überall, mit einem Wort, war ich nur eine Episodenfigur. Wenn ich dir die Wahrheit sagen soll, Sonja – ich bin sehr, sehr unglücklich! Geht erregt auf und ab. Es gibt für mich kein Glück in dieser Welt … Warum lachst du? Sonja lacht, bedeckt ihr Gesicht mit den Händen. Ich bin so glücklich … so glücklich! Helena Andrejewna. Ich möcht' etwas spielen … ich habe solche Lust, ein wenig zu musizieren … Sonja. Spiel'! Umarmt sie. Ich kann nicht schlafen ... Spiel'! Helena Andrejewna. Dein Vater schläft nicht. Wenn er krank ist, regt ihn die Musik auf. Geh, frag' ihn. Wenn er nichts dagegen hat, spiele ich. Geh! Sonja. Gleich. Ab. Im Garten hört man das Klopfen des Wächters. Helena Andrejewna. Ich habe schon lange nicht mehr gespielt. Ich werde spielen und weinen, weinen wie eine Närrin. Zum Fenster hinaus. Bist du's, Jefim, der da eben klopfte? Stimme des Nachtwächters. Ich bin's. Helena Andrejewna. Laß das Klopfen, der gnädige Herr ist krank. Stimme des Nachtwächters. Gleich geh' ich. Pfeift die Hunde herbei. Heda, Maltschik, Schutschka! Sonja kommt zurück. Er erlaubt es nicht. Vorhang. Dritter Aufzug Gastzimmer in Serebrjakows Hause. Drei Türen - je eine rechts, links und in der Mitte. Mittag. Wojnizki, Sonja sitzt, und Helena Andrejewna, die, in Nachdenken versunken, auf der Bühne auf und ab geht. Wojnizki. Der Herr Professor haben den Wunsch ausgesprochen, wir möchten uns heute um ein Uhr mittags alle in diesem Gastzimmer versammeln. Sieht auf die Uhr. Noch eine Viertelstunde fehlt. Er will vermutlich die Welt mit irgendeiner Enthüllung überraschen. Helena Andrejewna. Eine geschäftliche Angelegenheit wahrscheinlich. Wojnizki. Der befaßt sich nicht mit geschäftlichen Angelegenheiten. Blödsinniges Zeug schmieren, räsonieren und eifersüchtig sein, das ist sein Tagewerk. Sonja vorwurfsvoll. Aber Onkel! Wojnizki. Gut, gut … ich tu's nicht wieder. Zeigt auf Helena Andrejewna. Nin sieh dir mal unsere Gnädige an: geht hier spazieren und regt sich auf vor lauter Faulheit! Wie nett! Wie lieb! Helena Andrejewna. Sie müssen den ganzen Tag brummen und nichts als brummen. Daß sie dessen nicht überdrüssig werden! Schwermütig. Ich sterbe vor Langeweile – weiß wirklich nicht, was ich tun soll! Sonja achselzuckend. Hier gäbe es genug zu tun, wenn du nur wolltest … Helena Andrejewna. Zum Beispiel? Sonja. Beschäftige dich in der Wirtschaft, unterrichte die Bauernkinder, besuch' die Kranken im Dorfe! Ist das nicht genug? Wie ihr noch nicht hier wart, du und Papa, sind wir oft mit Onkel Wanja zusammen auf den Markt gefahren, um mit Mehl zu handeln. Helena Andrejewna. Das versteh' ich doch nicht – und dann ist's auch uninteressant. Bauernkinder unterrichten, sagst du, und Bauern kurieren … das kommt doch nur in den modernen Tendenzromanen vor! Wie soll ich jetzt auf einmal anfangen zu unterrichten oder zu kurieren? Sonja. Siehst du – und ich versteh' wieder nicht, wie man sowas nicht tun kann! Fang nur an … wirst dich schon dran gewöhnen! Umarmt sie. Nicht so grämlich, meine Liebe! Lacht. Du langweilst dich, findest nichts zu tun – und Langeweile und Müßiggang sind ansteckend. Sieh doch: Onkel Wanja tut jetzt rein gar nichts mehr, schleicht nur immer hinter dir her wie ein Schatten, und auch ich habe alles liegen lassen und komme hierher gelaufen, um mit dir zu plaudern. Ganz faul bin ich geworden, hab' zu gar nichts mehr Lust. Doktor Astrow war früher sehr selten bei uns, höchstens einmal im Monat, und ließ sich niemals halten – und jetzt kommt er alle Tage, kümmert sich um keinen Wald, um keine Medizin. Du mußt eine Zauberin sein. Wojnizki. Was quälen Sie sich denn? Lebhaft. Seien Sie doch klug, meine Holde, Schöne! In Ihren Adern fließt Nixenblut – so spielen Sie doch mal die Nixe! Leben Sie sich wenigstens einmal im Leben frei aus, verlieben Sie sich schleunigst bis über die Ohren in irgendeinen Wassermann … und dann plumps! mit dem Kopfe voran in die Tiefe, daß der Herr Professor und wir alle nur so die Hände zusammenschlagen! Helena Andrejewna. Lassen Sie mich in Frieden! das ist grausam! Will gehen. Wojnizki hält sie zurück. Nun, nun, meine Teure, verzeihen Sie … Ich bitt' um Verzeihung. Küßt ihr die Hand. Friede! Helena Andrejewna. Ein Engel könnte die Geduld verlieren, das müssen Sie doch zugeben! Wojnizki. Zum Zeichen der Versöhnung und des Friedens hol' ich Ihnen jetzt gleich ein Rosenbukett; heut' morgen schon hab' ich's für Sie abgeschnitten … Herbstrosen sind's - prächtige, traurige Rosen … Ab. Sonja. Herbstrosen – prächtige, traurige Rosen … Beide sehen zum Fenster hinaus. Helena Andrejewna. Nun ist der September schon da. Wie werden wir hier nur den Winter verbringen? Pause. Wo ist der Doktor? Sonja. Im Zimmer, bei Onkel Wanja. Er schreibt da irgend etwas. Gut, daß der Onkel fort ist … ich muß mit dir reden … Helena Andrejewna. Wovon? Sonja. Wovon? … Sie legt ihren Kopf an Helenas Brust. Helena Andrejewna. Nun, schon gut … ich weiß schon … Sie streichelt ihr Haar. Sonja. Ich bin nicht hübsch … Helena Andrejewna. Du hast sehr schönes Haar. Sonja. Nein, nein! Sieht sich um und sucht in den Spiegel zu sehen. Nein! Wenn ein Mädchen nicht hübsch ist, sagt man ihm: »Du hast schöne Augen, du hast schönes Haar« … Ich liebe ihn schon sechs Jahre lang, liebe ihn mehr, als ich je meine Mutter geliebt habe; in jedem Augenblick glaube ich seine Stimme zu hören, spür' ich den Druck seiner Hand; ich schaue erwartungsvoll nach der Tür, denke jeden Moment, daß er eintreten wird. Und immer wieder, siehst du, komm' ich zu dir, um mit dir von ihm zu plaudern. Jetzt ist er jeden Tag hier – aber er hat keinen Blick für mich … er sieht mich gar nicht … Das ist eine solche Qual! Ich habe keine Hoffnung … nicht die geringste, nein, nein! Verzweifelt. O Gott, gib mir doch Kraft! … Die ganze Nacht habe ich gebetet … Ich trete oft an ihn heran, spreche ihn selber an, sehe ihm in die Augen … Ich besitze gar keinen Stolz mehr, gar keine Kraft, mich zu beherrschen … ich hielt's nicht länger aus und erzählte es gestern Onkel Wanja, daß ich ihn liebe … Die ganze Dienerschaft weiß es, daß ich ihn liebe. Alle wissen es. Helena Andrejewna. Und er? Sonja. Er bemerkt nichts … weiß nichts … Helena Andrejewna nachdenkend. Ein sonderbarer Mensch … Weißt du was? Gestatte mir, daß ich mit ihm rede … Natürlich ganz vorsichtig, nur andeutungsweise … Pause. was willst du noch länger in Ungewissheit schweben? … Gestatte es! Sonja nickt bejahend mit dem Kopfe. Helena Andrejewna. Ausgezeichnet! Entweder liebt er dich, oder er liebt dich nicht – das ist nicht schwer zu erfahren. Beunruhige dich gar nicht, mein Täubchen, hab' keine Angst … ich werde ihn so geschickt ausfragen, daß er's gar nicht merkt. Wir brauchen ja nur zu wissen: ja – oder nein? Pause. Im Verneinungsfalle soll er nicht mehr hierher kommen … einverstanden? Sonja nickt bejahend mit dem Kopfe. Helena Andrejewna. Du wirst es leichter tragen, wenn du ihn nicht mehr siehst. Wir wollen es nicht auf die lange Bank schieben, wollen ihn gleich jetzt ins Verhör nehmen. Er wollte mir irgendwelche Zeichnungen und Pläne zeigen … geh', sag' ihm, ich wünschte ihn zu sehen. Sonja in heftiger Bewegung. Du wirst mir die ganze Wahrheit sagen? Helena Andrejewna. Gewiß, natürlich. Ich meine, daß die Wahrheit, welcher Art sie auch sein mag, doch weniger schrecklich ist als die Ungewißheit. Verlaß dich ganz auf mich, Kind. Sonja. Ja, ja … ich werde sagen, daß du seine Pläne sehen willst. Geht, bleibt jedoch vor der Tür stehen. Nein, die Ungewißheit ist besser … es bleibt doch immer noch ein Hoffnungsschimmer … Helena Andrejewna. Wie meinst du? Sonja. Nichts. Ab. Helena Andrejewna allein. Es gibt nichts Peinlicheres, als ein fremdes Geheimnis zu wissen und doch nicht helfen zu können. Nachdenklich. Er ist in sie nicht verliebt, das ist klar - aber weshalb sollte er sie nicht heiraten? Sie ist nicht hübsch, doch für einen Landarzt, noch dazu in seinen Jahren, wäre sie eine prächtige Frau. Sie ist klug, gut, keusch … nein, nein … das geht nicht, das geht nicht … Pause. Ich kann das arme Mädchen wohl begreifen. Mitten in dieser verzweifelten Langenweile, wo ihr statt wirklicher, lebendiger Menschen immer nur eine Art graue Flecke begegnen, wo sie nichts als Gemeinheiten hört, wo man sich nur mit Essen, Trinken, Schlafen beschäftigt, taucht ab und zu ein Mensch auf, der den andern nicht gleicht, ein hübscher, interessanter, einnehmender Mann, – wie der helle Mond im nächtlichen Dunkel. sich dem Zauber eines solchen Menschen hinzugeben, ganz im selbstvergessen … es scheint fast, ich selbst hab' mich ein wenig hinreißen lassen. Jawohl, ich langweile mich ohne ihn … ich lächle, wenn ich an ihn denke … Dieser Onkel Wanja sagt, in meinen Adern fließe Nixenblut … »Leben Sie sich einmal im Leben frei aus« … Nun, vielleicht wär' dies das Richtige … Frei wie ein Vogel davonfliegen, fort von euch allen, eure verschlafenen Gesichter nicht mehr sehen, euer Geschwätz nicht mehr hören, überhaupt vergessen, daß ihr alle auf der Welt existiert … Aber ich bin zu feig dazu, zu zimperlich … Da kommt er nun alle Tage her, und ich errate, weshalb er kommt – und schon fühle ich mich schuldig, bin bereit, vor Sonja in die Knie zu sinken, um Verzeihung zu bitten, zu weinen … Astrow tritt ein, mit einer Kartenzeichnung. Astrow. Guten Tag! Reicht ihr die Hand. Sie wünschten meine Zeichnerei zu sehen? Helena Andrejewna. Sie versprachen gestern, mir Ihre Arbeiten zu zeigen … Haben Sie jetzt Zeit? Astrow. O, gewiß. Er breitet auf einem Spieltisch seine Zeichnung aus und befestigt sie mit Reißnägeln. Wo sind Sie geboren? Helena Andrejewna hilft ihm bei den Zeichnungen. In Petersburg. Astrow. Und wo haben Sie Ihre Ausbildung erhalten? Helena Andrejewna. Auf dem Konservatorium. Astrow. Dann wird Sie das hier wenig interessieren. Helena Andrejewna. Weshalb? Ich kenne allerdings die ländlichen Verhältnisse nicht … aber ich habe doch viel darüber gelesen. Astrow. Ich habe hier im Hause meinen eigenen Arbeitstisch … im Zimmer von Iwan Petrowitsch. Wenn ich mal in meiner Sklavenarbeit ganz schlaff und stumpf geworden bin, dann lass' ich alles liegen und eile hierher, um mich ein, zwei Stunden mit dieser Spielerei da zu beschäftigen … Iwan Petrowitsch und Sophia Alexandrowna klappern mit ihrer Rechenmaschine, und ich sitze neben ihnen an meinem Tische und male …und es ist mir so mollig, so friedlich zu Mute, und die Grille zirpt. Aber dieses Vergnügen kann ich mir nur selten leisten, höchstens einmal im Monat … Zeigt auf der Karte. Nun sehen Sie mal, bitte, hier … Das ist die Karte unseres Kreises, wie er vor fünfzig Jahren war. Das Dunkelgrün und Hellgrün bezeichnet die Wälder; die Hälfte des gesamten Areals ist hier noch mit Wald bedeckt. Wo auf dem Grünen die roten Netzlinien sind, wurden Hirsche und Rehe gehegt. Ich habe hier die Flora wie die Fauna angedeutet. auf dem See da gab es Schwäne, Enten, Gänse, Vogelwild aller Art in schwerer Menge, daß der Himmel davon schwarz war. Neben Dörfern und Weilern, sehen Sie, existierten da und dort Kolonien und Einzelhöfe, altgläubige Klöster und Wassermühlen … Rinder und Pferde waren massenhaft vorhanden – das sehen Sie hier an der blauen Schraffierung. In diesem Bezirk zum Beispiel ist die blaue Farbe besonders stark aufgetragen; da gab es ganze Herden von Pferden, auf jeden Bauernhof kamen drei Pferde. Pause. Nun sehen Sie hier, weiter unten – die Zustände vor fünfundzwanzig Jahren. Da finden Sie nur noch ein Drittel des Flächenraumes bewaldet. Rehwild gibt es nicht mehr, wohl aber noch Rotwild. Die grüne und rote Farbe erscheint schon ziemlich blass. Und so weiter, und so weiter. Gehen wir nun hier zu der dritten Darstellung über: sie zeigt uns den Kreis, wie er jetzt ist. Die grüne Farbe erscheint nur hier und da, nirgends im Zusammenhang, sondern immer nur in einzelnen Flecke; das Rotwild, die wilden Schwäne, die Auerhähne, die wir früher hier hatten – alles ist verschwunden. Von den einstigen Kolonien, Höfen, Klöstern, Mühlen, ist nicht eine Spur mehr vorhanden. Mit einem Wort: das Bild einer stetig fortschreitenden, unverkennbaren Entartung, die allem Anschein nach in höchstens zehn bis fünfzehn Jahren eine vollständige sein wird. Sie werden mir einwerfen, daß es sich hier um Kultureinflüsse handelt, daß die alten Lebensformen naturgemäß den neuen weichen müssen. Gewiß, ich begreife, wenn an stelle dieser ausgerotteten Wälder Chausseen, gewerbliche Anlagen, Fabriken, Schulen getreten wären, wenn das Volk gesünder, reicher, gebildeter geworden wäre – aber nichts von alledem ist zu sehen! Wir haben in unserem Kreise dieselben Sümpfe, dieselbe Mückenplage, dieselben grundlosen Wege, Brände, Epidemien, Typhus, Diphtheritis, Not und Elend … Wir haben es hier mit einer Entartung zu tun, die als natürliche Folge eines Mangels an Kraft im Kampf ums Dasein erscheint; einer Entartung, die in Trägheit, Unwissenheit und gänzlichem Mangel an Selbstbewußtsein wurzelt. Sie führt, den von Hunger, Frost und Krankheit geschwächten Menschen dahin, daß er, um den ihm noch verbliebenen Lebensrest zu fristen und seine Kinder vor dem Untergang zu bewahren, ganz instinktiv und unbewußt nach allem greift, womit er nur Hunger und Kälte abwehren kann, wobei er, ohne an das Morgen zu denken, alles schonungslos zerstört  Fast alles ist schon zerstört und noch nichts als Ersatz dafür neu geschaffen. Kühl. Doch ich sehe an Ihrem Gesichte, daß der Gegenstand Sie nicht interessiert. Helena Andrejewna. Ich verstehe so wenig von den Dingen. Astrow. Da gibt's nichts zu verstehen, es ist für Sie einfach uninteressant. Helena Andrejewna. Wenn ich offen sein soll – ich war mit meinen Gedanken nicht bei der Sache. Verzeihen Sie ,,, aber ich muß Sie einem kleinen Verhör unterwerfen, und ich bin in Verlegenheit, wie ich anfangen soll. Astrow. Einem Verhör? Helena Andrejewna. Ja, einem Verhör, doch … einem ziemlich unschuldigen. Lassen Sie uns Platz nehmen! Sie setzen sich. Die Sache betrifft eine junge Dame. Wir wollen ohne Umschweife reden, als ehrenhafte Leute, als Freunde. Wir wollen davon reden und es dann vergessen. Ja? Astrow. Ja. Helena Andrejewna. Es handelt sich um meine Stieftochter Sonja. Gefällt sie Ihnen? Astrow. Ja … ich schätze sie hoch. Helena Andrejewna. Gefällt Sie Ihnen als Weib? Astrow zögernd. Nein. Helena Andrejewna. Noch zwei, drei Worte - dann sind wir fertig. Haben Sie nichts bemerkt? Astrow. Gar nichts. Helena Andrejewna faßt seine Hand. Sie lieben Sie nicht, an Ihren Augen seh' ich's  Sie leidet schwer … Nehmen Sie Rücksicht darauf und … kommen Sie nicht mehr her! Astrow erhebt sich. Meine Zeit ist vorüber … Und dann … ich habe doch niemals … Zuckt mit den Achseln. Wie hätt' ich überhaupt … Helena Andrejewna. Pfui, was für ein unangenehmes Gespräch! Ich bin so in Wallung geraten, als hätt' ich eine Last von tausend Pud zu schleppen. Nun, Gott sei Dank, jetzt ist's erledigt. Wir wollen es vergessen, als ob wir nie davon gesprochen hätten, und … Sie kommen von heute an nicht mehr her. Sie sind ein verständiger Mensch, Sie werden begreifen … Pause. Ich bin sogar ganz rot geworden. Astrow. Wenn Sie mir vor einem oder zwei Monaten davon gesprochen hätten, würde ich mir die Sache vielleicht noch überlegt haben, aber jetzt … Zuckt die Achseln. Wenn sie darunter leidet, dann muß ich natürlich … Nur eines begreife ich nicht: wozu bedurfte es eigentlich dieses Verhörs? Sieht ihr in die Augen und droht mit dem Finger. Sie sind … schlau! Helena Andrejewna. Was soll das heißen? Astrow lacht. Wirklich schlau! Zugegeben, daß Sonja leidet, was ich schon glauben will – was wollten Sie dann mit diesem Verhör? Läßt sie nicht zu Worte kommen, lebhaft. Machen Sie, bitte, kein so erstauntes Gesicht, Sie wissen sehr gut, weshalb ich jetzt alle Tage hierher komme, liebe kleine Spitzbübin, sehen Sie mich nicht so an … ich bin ein alter, erfahrener Fuchs … Helena Andrejewna verwirrt. Spitzbübin? Ich verstehe nicht … Astrow. Sie schöner, glatter, Iltis … Sie brauchen Opfer! Einen ganzen Monat lauf' ich Ihnen schon nach, bin ganz versessen auf Sie – und das gefällt Ihnen, gefällt Ihnen ausnehmend gut … na, also … ich bin besiegt, das wußten Sie auch ohne Verhör. Kreuzt die Arme über der Brust und beugt seinen Kopf. Ich erkläre mich für überwunden - bitte, fressen Sie mich! Helena Andrejewna. Sie haben den Verstand verloren! Astrow lacht durch die Zähne. Sind Sie aber zimperlich! Helena Andrejewna. O, ich bin besser und ehrenhafter, als Sie glauben! Das schwör' ich Ihnen! Will fortgehen. Astrow vertritt ihr den Weg. Ich nehme heut' für immer von diesem Hause Abschied, aber … er nimmt ihre Hand und sieht sich um  … wo werden wir uns wiedersehen? Sagen Sie rasch: wo? Man wird kommen … sagen Sie doch: wo? … Leidenschaftlich. Was für ein wunderbares, herrliches Weib! … Einen einzigen Kuß … Nur Ihr köstlich duftendes Haar lassen Sie mich küssen … Helena Andrejewna. Ich schwöre Ihnen … Astrow fällt ihr ins Wort. Wozu schwören? Das ist gar nicht nötig … lassen wir alle überflüssigen Worte … O, wie schön sind Sie! Diese Hände! Küßt ihre Hände. Helena Andrejewna. Hören Sie endlich auf … gehen Sie … Entzieht ihm ihre Hände. Sie haben sich vergessen … Astrow. So sagen Sie doch endlich, wo wir uns morgen treffen wollen. Faßt sie um die Taille. Du siehst, es ist unvermeidlich, wir müssen uns sehen. Er küßt sie; in diesem Augenblick tritt Wojnizki mit dem Rosenbukett ein und bleibt in der Tür stehen. Helena Andrejewna sieht Wojnizki nicht. Verschonen Sie mich … Lassen Sie mich los … Sie legt ihren Kopf an Astrows Brust. Nicht doch! Sie will gehen. Astrow hält ihre Taille umfaßt. Komm morgen nach der Försterei … um zwei Uhr … Ja? Ja? Wirst du kommen? Helena Andrejewna sieht Wojnizki. Lassen Sie mich gehen! Geht in heftiger Bestürzung ans Fenster. Das ist schrecklich! Wojnizki legt die Blumen auf einen Stuhl, wischt sich erregt Gesicht und Nacken mit dem Taschentuch. Macht nichts … hm … Macht weiter nichts … Astrow scherzt verlegen. Schönes Wetter heute, ja, mein sehr verehrter Iwan Petrowitsch! Heut' morgen sah es ganz nach Regen aus … und jetzt haben wir den schönsten Sonnenschein. Ein prächtiger Herbst, kann man sagen … Die Wintersaat steht großartig. Rollt seine Zeichnung zusammen. Schade nur, daß die Tage immer kürzer werden. Ab. Helena Andrejewna tritt rasch an Wojnizki heran. Sorgen Sie dafür … machen Sie Ihren ganzen Einfluß geltend, daß ich noch heute mit meinem Gatten von hier abreisen kann. Hören Sie? Noch heute! Wojnizki wischt sich das Gesicht ab. Wie? Na ja … schön … Ich hab' alles gesehen, alles … Helena Andrejewna nervös. Hören Sie? Ich muß noch heute von hier fort! Serebrjakow, Sonja, Teljegin und Marina treten ein. Teljegin. Ich bin selber nicht ganz auf dem Posten, Exzellenz. Schon seit zwei Tagen bin ich unpäßlich. Ein sonderbarer Schmerz im Kopfe … Serebrjakow. Wo sind die andern? Ich liebe dieses Haus nicht … es ist wie ein Labyrinth. Sechsundzwanzig große Zimmer– da verlieren sich die Menschen, nie kann man jemanden finden Es klingelt. Ruft doch mal Maria Wassiljewna und Helena Andrejewna her! Helena Andrejewna. Ich bin da. Serebrjakow. Bitte die Herrschaften, Platz zu nehmen! Sonja tritt auf Helena zu, ungeduldig. Was hat er gesagt? Helena Andrejewna. Später! Sonja. Du zitterst! Du bist so erregt … Sieht ihr forschend ins Gesicht. Ich verstehe. Er hat gesagt, daß er nicht mehr zu uns kommen wird … ja? Pause. Sag's mir: ja? Helena Andrejewna nickt bejahend mit dem Kopfe. Serebrjakow zu Teljegin. Mit meiner Krankheit werde ich allenfalls noch aussöhnen, was ich aber nicht vertragen kann, das ist dieser ganze Zuschnitt des Landlebens. Ich habe immer das Gefühl, als sei ich von der Erde auf irgendeinen fremden Planeten gestürzt. Nehmen Sie gefälligst Platz, meine Herrschaften! Sonja! Sonja hört ihn nicht – sie steht, den Kopf traurig auf die Brust gesenkt, da. Sonja! Pause. Sie hört nicht. Zu Marina. Auch du, liebe Amme, nimm Platz. Marina setzt sich und strickt an ihrem Strickstrumpf weiter. Ich bitte recht sehr, meine Herrschaften, schenken Sie dem Gegenstande der Debatte eine recht lebhafte Aufmerksamkeit! Er lacht. Wojnizki immer noch erregt. Ich bin vielleicht hier nicht nötig? Ich kann wohl gehen? Serebrjakow. Nein, mein Lieber … du bist hier nötiger als alle andern! Wojnizki. Was wünschen Sie denn von mir? Serebrjakow. »Sie«? Was bist du wieder so ärgerlich? Pause. Wenn ich dir Anlaß dazu gegeben habe, dann entschuldige nur, bitte. Wojnizki. Laß doch diesen Ton … gehen wir gleich auf den Kern der Sache ein. Um was handelt es sich? Maria Wassiljewna tritt ein. Serebrjakow. Da ist ja auch maman. Ich beginne also, meine Herrschaften. Pause. Ich habe Sie versammelt, um Ihre Hilfe und Ihren Rat zu erbitten, und da ich Ihre stets bewährte Liebenswürdigkeit wohl kenne, so hoffe ich, beides zu erhalten. Ich bin ein Gelehrter, ein Büchermensch, und war dem praktischen Leben stets fremd. Nie habe ich der Fingerzeige sachverständiger Leute entraten können, und so wende ich mich auch diesmal vertrauensvoll an dich, lieber Iwan Petrowitsch, an Sie, mein werter Ilja Iljitsch, an Sie, maman , und an all die andern. Die Sache ist die, daß uns alle das gleiche Schicksal erwartet – alle stehen wir in Gottes Hand. Ich bin alt und krank, und so halte ich es denn für geboten, meine Vermögensverhältnisse zu regulieren, soweit dabei meine Familie in Betracht kommt. Mein Leben neigt sich dem Ende zu, an mich denke ich dabei nicht, aber ich habe eine junge Frau und eine unverheiratete Tochter. Pause. Hier auf dem Lande kann ich nicht länger leben. Wir sind fürs Dorfleben nicht geschaffen. In der Stadt aber können wir von dem Ertrag dieses Gutes nicht existieren. Wenn wir, nehmen wir mal an, den Wald verkaufen, so ist das eine außerordentliche Maßnahme, die wir leider nicht in jedem Jahre wiederholen können. Wir müssen also auf solche Maßnahmen bedacht sein, die uns eine regelmäßige, mehr oder weniger sichere Einnahme garantieren. Ich habe mir nun eine solche Maßnahme ausgedacht und habe die Ehre, sie Ihrer Begutachtung zu unterbreiten. Ich übergehe die Details und werde mich nur an die Hauptpunkte halten. Unser Gut wirft durchschnittlich nicht mehr als zwei Prozent ab. Ich mache den Vorschlag, es zu verkaufen. Wenn wir die Summe, die wir dafür erhalten, in zinstragenden Papieren anlegen, werden wir vier bis fünf Prozent bekommen können; ja, ich glaube, es wird sich sogar ein Überschuß von ein paar Tausend Rubeln ergeben, der es uns ermöglicht, einen kleinen Sommersitz in Finnland zu kaufen. Wojnizki. Halt mal … Ich glaube, ich habe mich verhört. Wiederhole doch noch mal, was du gesagt hast! Serebrjakow. Das Geld soll in zinstragenden Papieren angelegt und der Überschuß zum Ankauf eines Sommersitzes in Finnland verwandt werden … Wojnizki. Das mein' ich nicht … Du hast noch etwas anderes gesagt … Serebrjakow. Ich schlage vor, das Gut hier zu verkaufen. Wojnizki. Ganz recht, das mein' ich. Du willst also das Gut verkaufen … ausgezeichnet, eine phänomenale Idee. Und wo soll ich dann auf dein Geheiß mich verkriechen … ich und meine alte Mutter, und deine Tochter Sonja? Serebrjakow. Ds werden wir alles in Erwägung ziehen, wenn's Zeit ist. Es geht nicht alles auf einmal. Wojnizki. Halt, alter Freund. Es scheint, daß ich bisher auch nicht ein Fünkchen gesunden Menschenverstand besessen habe. Bisher war ich nämlich so töricht, zu glauben, daß dieses gut Sonjas Eigentum ist. Mein verstorbener Vater hat es als Mitgift für meine Schwester gekauft. Ich war bisher so naiv, unsere Gesetze nicht auf türkische Manier auszulegen, und glaubte, das Gut sei von der Schwester auf Sonja vererbt. Serebrjakow. Allerdings, das Gut gehört Sonja. Wer bestreitet das? Ohne Sonjas Einwilligung würde ich mich nicht entschließen, es zu verkaufen. Ich habe diese ganze Transaktion auch nur im Interesse Sonjas geplant. Wojnizki. Das ist mir unfaßbar, unfaßbar! Entweder bin ich verrückt geworden oder … oder … Maria Wassiljewna. Jean, widersprich Alexander nicht! Glaub mir's, er weiß besser als wir alle, was recht oder nicht recht ist! Wojnizki. Nein, nein … gebt mir einen Schluck Wasser! Er trinkt Wasser. Sagt, was ihr wollt, was ihr wollt! Serebrjakow. Ich begreife nicht, warum du dich so aufregst! Ich behaupte ja nicht, daß mein Projekt ein ideales ist. Wenn es von Ihnen allen mißbilligt wird, meine Herrschaften, dann will ich nicht darauf bestehen. Pause. Teljegin. Ich für meinen Teil hege vor der Wissenschaft nicht nur die größte Hochachtung, Exzellenz, sondern habe auch gewisse verwandtschaftliche Beziehungen zu ihr. Der Schwager meines Bruders Grigori nämlich, Konstantin Trofimowitsch Lakedaimonow, war, mit Verlaub zu sagen, Magister … Wojnizki. Schwatze nicht, Waffelkuchen … wir reden hier von geschäftlichen Angelegenheiten … Später kannst du erzählen … Zu Serebrjakow, auf Teljegin deutend. Frag' ihn doch mal, das Gut ist ja von seinem Onkel gekauft. Serebrjakow. Ach, was ist da zu fragen? Wozu? Wojnizki. Dieses Gut wurde für fünfundneunzigtausend Rubel – nach damaligem Gelde – gekauft. Mein Vater bezahlte nur siebzigtausend, es blieb eine Schuld von fünfundzwanzigtausend Rubeln. Nun bitt' ich mal zuzuhören … Das Gut hätte nicht gekauft werden können, wenn ich nicht zugunsten meiner Schwester, die ich innig liebte, auf meinen Anteil an der Erbschaft verzichtet hätte. Ja, nicht genug daran … ich habe zehn Jahre lang gearbeitet wie ein Pferd und habe die ganze Schuld abgetragen … Serebrjakow. Ich bedaure, daß ich diese Auseinandersetzung veranlaßt habe. Wojnizki. Nur infolge meiner persönlichen Bemühungen ist das gut nun schuldenfrei und in gutem Stande. Und jetzt, wo ich alt geworden bin, will man mich hier mit Fußtritten zum Tempel hinausjagen! Serebrjakow. Ich weiß gar nicht, worauf du eigentlich abzielst! Wojnizki. Fünfundzwanzig Jahre lang hab' ich dieses Gut verwaltet , habe gearbeitet, hab' dir dein Geld auf Heller und Pfennig geschickt, wie der gewissenhafteste Verwalter … und während dieser ganzen Zeit hast du mir nicht ein einziges Mal »Danke schön!« gesagt. Die ganze Zeit über, bis auf den heutigen Tag, hab' ich von dir ein Gehalt von fünfhundert Rubeln jährlich bezogen - ein wahres Lumpengeld! – und nicht ein einziges Mal kamst du auf den Gedanken, mir auch nur einen Rubel zuzulegen. Serebrjakow. Aber, mein lieber Iwan Petrowitsch, wie konnt' ich denn das alles ahnen! Ich bin ein unpraktischer Mensch und verstehe nichts von diesen Dingen. Du hättest dir doch selbst so viel zulegen können, wie du wolltest! Wojnizki. Gewiß, warum hab' ich nicht gestohlen? Verachten solltet ihr mich alle deshalb, weil ich nicht gestohlen habe! Das wäre das einzig Richtige gewesen, dann stände ich jetzt nicht als Bettler da! Maria Wassiljewna streng. Jean! Teljegin heftig bewegt. Wanja, mein lieber, guter Freund … nicht doch, nicht doch … Ich zittre am ganzen Leibe … Warum das gute Einvernehmen zerstören? Küßt ihn. Laß gut sein! Wojnizki. Fünfundzwanzig Jahre lang hab' ich mit meiner Mutter zusammen wie ein Maulwurf in diesen vier Wänden gesessen … Alle unsere Gedanken und Gefühle gehörten dir allein. Am Tage sprachen wir von dir und deinen Arbeiten, wir waren stolz auf dich, nannten deinen Namen mit Andacht; die Nächte schlugen wir damit tot, daß wir Journale und Bücher lasen, in denen von dir die Rede war … Teljegin. So laß doch gut sein, Wanja, laß doch gut sein … Ich kann's nicht hören … Serebrjakow aufgebracht. Ich begreif' gar nicht, was du willst … Wojnizki. Du warst für uns ein Wesen höherer Art, wir konnten deine Aufsätze auswendig hersagen … Jetzt aber sind mir die Augen aufgegangen! Ich bin sehend geworden! Du schreibst über Kunst – und hast keine Ahnung von der Kunst! Alle deine Arbeiten, die ich früher so schätzte, sind nicht einen kupfernen Groschen wert! Du hast uns Sand in die Augen gestreut! Serebrjakow. Herrschaften! Stopfen Sie ihm endlich den Mund … sonst geh' ich! Will gehen. Helena Andrejewna. Iwan Petrowitsch, ich verlange, daß Sie schweigen! Hören Sie? Wojnizki. Ich werde nicht schweigen! Vertritt Serebrjakow den Weg. Wart', mein Lieber, ich bin noch nicht fertig! Du hast mein Leben zugrunde gerichtet! Ich habe nicht gelebt, nicht gelebt! Dir danke ich's, daß ich die besten Jahre meines Lebens zerstört und verloren habe! Du bist mein schlimmster Feind! Teljegin. Ich kann nicht … ich kann nicht … Ich geh' … Ab in heftiger Erregung. Serebrjakow. Was willst du von mir? Wer gibt dir das Recht, mit mir in solchem Tone zu reden? Das ist ja abscheulich! Wenn das Gut dir gehört, dann nimm's doch, ich bedarf seiner nicht! Helena Andrejewna. Ich will diese Hölle sofort, noch in dieser Minute verlassen! Schreit. Ich kann's nicht länger ertragen! Wojnizki. Ein verlorenes Leben! Ich besaß Talent, ich war klug, unternehmend. Unter normalen Verhältnissen wär' ich vielleicht ein Schopenhauer, ein Dostojewski geworden … So bin ich versimpelt, ganz und gar! Mütterchen, ich bin ganz verzweifelt, ich verlier' den Verstand! Mütterchen! Maria Wassiljewna. Höre auf Alexander! Sonja kniet vor Marina hin und schmiegt sich an sie an. Altchen! Altchen! Wojnizki. Mütterchen! Was soll ich tun? Nein laßt, laßt … sprecht nicht! Ich weiß selber, was ich zu tun habe! Zu Serebrjakow. Du sollst an mich denken! Ab durch die Mitte. Maria Wassiljewna folgt ihm. Serebrjakow. Herrschaften, was soll das alles bedeuten?! Retten Sie mich vor diesem Verrückten! Ich kann nicht mit ihm unter einem Dache leben! Der Mensch wohnt hier fast Wand an Wand neben mir! … Mag er ins Dorf übersiedeln, oder in den Seitenflügel - meinetwegen will ich mich auch ausquartieren, aber in einem Hause kann ich mit ihm nicht länger bleiben … Helena Andrejewna. Wir reisen noch heut' von hier ab. Wir wollen sofort unsere Sachen packen! Serebrjakow. Ein ganz abscheulicher Mensch! Sonja kniet immer noch; nervös, mit Tränen im Auge, zu ihrem Vater. Man muß Mitleid haben, Papa! Wir sind beide so unglücklich, ich und Onkel Wanja. Hält ihre Bewegung gewaltsam zurück. Man muß Mitleid haben! Denk' doch an frühere Tage zurück … wie oft haben Onkel Wanja und die Großmutter ganze Nächte hindurch für dich Bücher übersetzt und deine Manuskripte abgeschrieben ... ganze, ganze Nächte lang! Und wir beide, ich und Onkel Wanja, wir haben gearbeitet, ohne uns Ruhe zu gönnen, wir haben uns gefürchtet, auch nur eine Kopeke für unsere Person auszugeben, alles haben wir dir geschickt … Wir haben unser Brot nicht umsonst gegessen! Ich würde nie davon gesprochen haben, nie – aber du mußt gegen uns gerecht sein, Papa. Du mußt uns begreifen und – Mitleid haben … Helena Andrejewna bewegt. Alexander, um Gottes Willen, sprich dich mit ihm aus! … Ich bitte dich darum! Serebrjakow. Schön, ich will mich mit ihm aussprechen … Ich werfe ihm durchaus nichts vor, ich bin nicht böse auf ihn … aber ihr müßt zugeben, daß sein Betragen zum mindesten recht sonderbar war. Laßt mal, ich will zu ihm gehen … Ab durch die Mitte. Helena Andrejewna. Sei so mild wie möglich gegen ihn, beruhige ihn … Ab hinter ihm. Sonja lehnt sich an Marina an. Altchen, liebes Altchen. Marina. Laß gut sein, Kindchen! Die Gänseriche werden ein Weilchen schnattern, und dann wieder aufhören … Werden schnattern und aufhören … Sonja. Altchen! Marina streichelt Sonjas Kopf. Du zitterst ja wie im Fieber! nun, nun … Gott ist gnädig. meine kleine Waise. Etwas Lindenblütentee oder Himbeersaft … und es wird vorübergehen … Gräm' dich nicht, Schätzchen … Ärgerlich nach der Mitteltür hin. Wie sie wütend geworden sind, die Gänseriche … daß ihr den Pips kriegt … Ein Schuß hinter der Szene; man hört Helena Andrejewna aufschreien; Sonja fährt zusammen. Marina. Hört doch nur … daß euch …! Serebrjakow stürzt, wankend vor Schrecken, auf die Bühne; hinter ihm in der Türe Helena Andrejewna und Wojnizki, miteinander ringend. Serebrjakow. Haltet ihn fest! Haltet ihn! Er ist verrückt geworden! Helena Andrejewna in der Tür, sucht Wojnizki einen Revolver zu entreißen. Her damit! Geben Sie her, sag' ich Ihnen! Wojnizki. Lassen Sie los, Helena! Lassen Sie mich los! Macht sich von ihr los und sucht Serebrjakow mit den Augen. Wo steckt der Kerl? Ha, da ist er! Schießt auf Serebrjakow. Bauz! Pause. Nicht getroffen? Wieder daneben?! Zornig. Das soll der T … T … Teufel holen! Schleudert den Revolver auf den Boden und sinkt kraftlos in einen Stuhl. Serebrjakow ist wie betäubt; Helena Andrejewna lehnt sich an die Wand, ihr ist übel. Helena Andrejewna. Bringt mich fort von hier, oder … schlagt mich tot … nur hier bleiben kann ich … kann ich nicht länger! Wojnizki verzweifelt. O, was hab' ich getan, was hab' ich getan! Sonja leise. Altchen! Altchen! Vorhang. Vierter Aufzug Zimmer von Iwan Petrowitsch, zugleich Schlafzimmer und Gutskontor. Am Fenster ein großer Tisch mit Geschäftsbüchern und Papieren aller Art, ferner ein Spind, ein Regal, Gewichte. Ein kleiner Tisch für Astrow, darauf Zeichenutensilien, Farben usw. daneben lehnt eine Mappe. Ein Käfig mit einem Star. An der Wand eine Karte von Afrika, die offenbar hier ganz zufällig hängt. Ein großer, mit Wachstuch überzogener Diwan. Links eine Tür, die nach den übrigen Zimmern führt; rechts eine Tür nach dem Hausflur; neben der Tür rechts eine grobe Decke, damit die Bauern den Fußboden nicht verunreinigen. – Herbstabend. – Stille. Teljegin. und Marina. sitzen einander gegenüber und wickeln Wolle auf. Teljegin. Schneller, schneller. Marina Timofejewna … man wird uns gleich zum Abschiednehmen rufen. Es ist schon befohlen, die Pferde anzuspannen. Marina beeilt sich beim Aufwickeln. 's ist nicht mehr viel übrig. Teljegin. Nach Charkow fahren sie – dort wollen sie leben. Marina. 's ist besser so. Teljegin. Haben die einen Schreck bekommem! Helena meinte … nachahmend: »Nicht eine Stunde länger bleib' ich hier … nur fort, fort … Wir wollen nach Charkow fahren, uns da umsehen und dann unsere Sachen abholen lassen.« Ganz ohne Gepäck fahren sie – es sollte wohl nicht sein … Marina Timofejewna, daß sie hier bei uns bleiben … Es sollte nicht sein … Marina. 's ist besser so. 's war 'ne Schande, das Gezänk vorhin, und das Schießen. Teljegin. Das war eine Szene, des Pinsels Aiwasowskis würdig. Marina. So was mußt' ich noch erleben! Pause. Jetzt werden wir wieder leben wie früher. Morgens um acht der Tee, um ein Uhr das Mittagessen, und abends werden wir eben zum abend essen; alles, wie sich's gehört, wie's menschliche Sitte ist … auf Christenart. Seufzt. Wie lange ist's her, daß ich arme Sünderin keine Nudeln gegessen hab'! Teljegin. Ach, ja – Nudeln haben wir schon lange nicht gehabt. Pause. Schon Gott weiß wie lange … Denk' dir mal, Marina Timofejewna … heute früh ging ich durchs Dorf, da rief der Krämer hinter mir her: »Heda, du, Gnadenbrotesser!« Das war mir eine bittere Pille, kann ich dir sagen! Marina. Mach' dir nichts draus, Väterchen! Wir sind alle Gnadenbrotesser beim lieben Gott. Weder du, noch Sonja, noch Iwan Petrowitsch – keiner sitzt da, ohne was zu tun, alle arbeiten wir! Alle! … Wo ist Sonja? Teljegin. Im Garten. Sie sucht Iwan Petrowitsch, mit dem Doktor zusammen. Sie fürchten, daß er sich was antun könnte. Marina. Und wo ist denn seine Pistole? Teljegin flüstert. Ich hab' sie im Keller versteckt! Marina lächelnd. Das war recht. O, die Sünde! Wojnizki und Astrow kommen vom Hofe. Wojnizki. Laß mich! Zu Marina und Teljegin. Geht hier fort, laßt mich wenigstens eine Stunde lang allein! Ich kann die Bevormundung nicht leiden. Teljegin. Ich geh' schon, Wanja! Schleicht auf den Zehenspitzen hinaus. Marina. Alter Gänserich … ho ho ho! Nimmt die Wolle auf und geht. Wojnizki zu Astrow. Laß mich allein. Astrow. Mit dem größten Vergnügen. Ich hätte ohne dies längst wegfahren sollen, aber ich wiederhole nochmals: ich fahr' nicht eher, als bis ich das Ding habe, das du mir weggenommen hast. Wojnizki. Ich habe dir nichts weggenommen. Astrow. Im Ernst gesprochen – halt mich nicht auf! Ich bin längst auf dem Sprunge, zu fahren. Wojnizki. Wirklich, ich habe dir nichts genommen. Beide setzen sich. Astrow. so … nun, ich werde noch ein Weilchen warten … und dann werden wir eben, mit deiner werten Erlaubnis oder auch ohne diese, Gewalt anwenden. Wir werden dich binden und dir die Taschen revidieren. Ich sage das in allem Ernst. Wojnizki. Ganz, wie dir beliebt. Pause. Sich so dumm anzustellen – zweimal zu schießen und nicht ein einziges Mal zu treffen! Das werde ich mir nie verzeihen! Astrow. Wenn du schon so schießlustig warst, dann hättest du dir selber 'ne Kugel vor den Kopf schießen sollen. Wojnizki achselzuckend. Das ist doch merkwürdig! ich habe einen Mordversuch begangen, und man arretiert mich nicht, man macht mir nicht den Prozeß! Man hält mich also für verrückt. Lacht hämisch. Ich bin verrückt, nicht verrückt aber sind jene Leute, die in der Verkleidung eines Professors, eines gelehrten Magiers, ihre Talentlosigkeit, ihren Stumpfsinn, ihre himmelschreiende Herzlosigkeit verbergen. Nicht verrückt sind diejenigen, die einen alten Mann heiraten und ihn dann offen vor aller Welt betrügen. Ich hab's ja gesehen, ganz genau gesehen, wie du sie umarmt hast! Astrow. Allerdings hab' ich sie umarmt, und du … dreht ihm eine Nase  … hast das Nachsehen. Wojnizki. Ich weiß jetzt, wer verrückt ist: die Erde, die solche Menschen, wie ihr seid, noch trägt – die ist verrückt. Astrow. Jetzt redest du Unsinn. Wojnizki. Ich bin verrückt, bin unzurechnungsfähig – also hab' ich ein Recht darauf, Unsinn zu reden. Astrow. Das ist ein alter Witz. Du bist nicht verrückt, sondern einfach ein komischer alter Kauz. Ein Hansnarr sozusagen. Früher hielt auch ich jeden Sonderling gleich für krank, für nicht normal, und jetzt bin ich der Meinung, daß der normale Zustand des Menschen eben darin besteht, ein Sonderling zu sein. Du bist durchaus normal. Wojnizki bedeckt sein Gesicht mit den Händen. Ich schäme mich. O, wenn du wüßtest, wie ich mich schäme! Dieses scharfe, stechende Gefühl der Scham ist mit keinem andern Gefühl zu vergleichen. Schwermütig. Es ist unerträglich! Beugt sich über den Tisch. Was soll ich tun? Was soll ich tun? Astrow. Nichts sollst du tun. Wojnizki. Zeig' mir einen Ausweg! O, mein Gott … ich bin siebenundvierzig Jahre alt; wenn ich, sagen wir, bis zum sechzigsten Jahre lebe, dann bleiben mir noch dreizehn Jahre. Das ist eine endlos lange Zeit! Wie werde ich diese dreizehn Jahre zubringen? Was werde ich tun, wie diese langen Jahre ausfüllen? O, wenn's doch möglich wäre, verstehst du … er drückt krampfhaft Astrows Arm  … diesen Lebensrest irgendwie auf eine neue Art zu verbringen! Eines schönen, stillen Morgens aufzuwachen und zu fühlen, daß ein neues Leben begonnen hat, daß malles Vergangene vergessen, wie Rauch verflogen ist! Er weint. Ein neues Leben zu beginnen … o sag' mir, wie ich's, womit ich's beginnen soll … Astrow unwillig. Ach was, dummes Zeig! Was heißt da noch neues Leben! Wir beide, ich und du, können ruhig abtanzen, für uns gibt's nichts mehr zu hoffen … Wojnizki. Meinst du? Astrow. Ich bin fest davon überzeugt. Wojnizki. Gib mir irgendwas … Zeigt nach dem Herzen. Es sticht mich hier so … Astrow ärgerlich. Hör' endlich auf, Mensch! In sanfterem Tone. Die Leute, die hundert, zweihundert Jahre nach uns leben und uns auslachen werden, weil wir unser Leben auf eine so dumme und abgeschmackte Art totgeschlagen haben – die werden vielleicht ein Universalmittel erfinden, wie man glücklich werden kann; aber wir … wir beide, ich und du, haben nur die eine Hoffnung: daß, wenn wir in unsern Gräbern liegen, Visionen unsheimsuchen werden … möglicherweise sogar angenehme Visionen! Seufzt. Ja, Bruder! Im ganzen Kreise gab es nur zwei anständige und intelligente Leute: ich und du. Aber in kaum zehn Jahren hat dieses verruchte Spießerleben uns ganz auf den Hund gebracht; es hat mit seinen fauligen Ausdünstungen unser Blut vergiftet, und wir sind ebensolchen faden Kerle geworden wie alle andern. Lebhaft. Aber nun halt' mich nicht länger hin, gib heraus, was du mir weggenommen hast! Wojnizki. Ich habe dir nichts weggenommen! Astrow. Du hast aus meiner Reiseapotheke ein Büchschen mit Morphium weggenommen. Pause. Hör' mal, wenn du durchaus um jeden Preis aus diesem Dasein scheiden willst, dann geh' in den Wald und schieß dich dort tot. Das Morphium aber gib her, sonst entsteht allerhand Gemunkel und Gerede, und die Leute glauben am Ende, ich hätte dir das Zeug gegeben … Ich hab schon genug daran, daß ich dich sezieren muß … Meinst du, das wäre interessant? Sonja kommt herein. Wojnizki. laß mich! Astrow zu sonja. Sonja Alexandrowna, Ihr Onkel hat aus meiner Reiseapotheke ein Büchschen mit Morphium entwendet und gibt es nicht zurück. Erklären Sie ihm doch bitte, daß da … na, sagen wir, nicht verständig ist. Und dann hab' ich auch keine Zeit, ich muß fahren. Sonja. Onkel Wanja, hast du das Morphium genommen? Astrow. Er hat es genommen. Ich weiß es ganz genau. Sonja. Gib es zurück, Onkel. Warum jagst du uns solche Angst ein? Zärtlich. Gib's heraus, Onkel Wanja! Ich bin vielleicht noch unglücklicher als du und gebe mich doch nicht der Verzweiflung hin. Ich dulde und werde dulden, bis mein Leben von selbst erlischt … Auch du, Onkel, such' dein Schicksal zu tragen. Pause. Gib's heraus! Küßt ihm die Hände. Guter, lieber, herziger Onkel, gib's her! Sie weint. Du bist so gut, du wirst mit uns Mitleid haben und es zurückgeben. Lerne dulden, Onkel! Lerne dulden! Wojnizki holt aus der Tischschublade die Morphiumbüchse und gibt sie Astrow. Da, nimm's! Zu Sonja. Aber wir müssen nur rasch an die Arbeit, rasch etwas tun, sonst halt' ich's nicht aus … Sonja. Ja, ja, arbeiten! Sobald wir nur unsern Lieben das Geleit gegeben haben, setzen wir uns an die Arbeit … Blättert nervös unter den Papieren auf dem Tische. Alles ist vernachlässigt, alles in Unordnung geraten … Astrow legt die Büchse in seine Apotheke und schnallt die Riemen zu. So … jetzt können wir uns auf den Weg machen. Helena Andrejewna hereinkommend. Wie, Sie sind hier, Iwan Petrowitsch? Wir fahren gleich. Gehen Sie zu Alexander, er will Ihnen etwas sagen. Sonja. Komm, Onkel Wanja! Faßt Wojnizki unter den Arm. Wir wollen zu Papa gehen. Ihr müßt euch beide wieder versöhnen – es ist unbedingt nötig. Sonja und Wojnizki ab. Helena Andrejewna. Ich reise ab. Reicht Astrow die Hand. Leben Sie wohl! Astrow. Schon? Helena Andrejewna. Der Wagen hält bereits vor der Tür. Astrow. Leben Sie wohl! Helena Andrejewna. Sie haben mir heute versprochen, daß Sie dieses Haus in Zukunft meiden werden. Astrow. Ich hab's nicht vergessen … ich fahre gleich. Pause. Sie haben wohl Angst bekommen? Faßt ihre Hand. Ist's denn so schlimm? Helena Andrejewna. Ja. Astrow. Bleiben Sie doch … wie? Morgen in der Försterei … Helena Andrejewna. Nein … Die Sache ist bereits entschieden … Und weil eben die Abreise entschieden ist, darum trete ich Ihnen so tapfer entgegen … Nur um eins bitte ich Sie: denken Sie besser von mir! Ich möchte, daß Sie mich achten. Astrow. Ach … Macht eine ungeduldige Bewegung. Bleiben Sie, bitte. Sie haben doch sonst nichts zu tun auf dieser Welt, haben kein Lebensziel, keine Aufgabe, die Sie in Anspruch nähme, und werden früher oder später doch von Ihren Gefühlen hingerissen werden. Das ist unausbleiblich. Warum soll das nun gerade in Charkow oder Kursk geschehen, warum nicht hier, im Schoß der Natur? Es ist so poetisch hier, selbst der Herbst ist so schön … Wir haben die Försterei hier, verfallene Meiereien im Geschmack Turgenjews … Helena Andrejewna. Wie komisch Sie doch sind! Ich bin böse auf Sie, und dennoch … werde ich mit Vergnügen an Sie zurückdenken. Sie sind ein interessanter, origineller Mensch. Ich werde Sie ja nie mehr wiedersehen, warum soll ich's dann verbergen? Ich habe mich in Sie ein klein wenig verguckt … nun, reichen wir uns die Hände und scheiden wir als Freunde … Behalten Sie mich in gutem Andenken. Astrow hat ihr die Hand geschüttelt. Gut, so reisen Sie denn … Nachdenklich. Ein merkwürdiges Geschöpf sind Sie doch: auf der einen Seite sind Sie gutherzig und nicht ohne Seele, auf der andern ist etwas so Absonderliches in Ihrem Wesen. Da sind Sie nun mit Ihrem Gatten hierher gekommen – und all die arbeitsamen, emsigen Leute,die hier ihrem Tagwerk nachgingen, hatten nichts Eiligeres zu tun, als ihre Arbeit hinzuwerfen und sich nur noch für das Podagra Ihres Gatten und für - Sie zu interessieren. Sie beide – er wie Sie – haben uns mit Ihrer Müßiggängerei angesteckt. Ich habe mich hinreißen lassen, habe einen ganzen Monat hindurch nichts getan – und inzwischen gingen meine Patienten an ihren Krankheiten drauf, und in meinen Pflanzungen weideten die Bauern ihr Vieh … Wo Sie beide auch hintreten mögen – überall pflanzen Sie den Keim der Zerstörung … Ich sage das natürlich nur im Scherz, aber es bleibt doch immer … sonderbar, und ich bin überzeugt, daß, wenn Sie länger dablieben, Sie hier noch eine große Verwüstung anrichten würden. Ich würde zugrunde gehen, doch auch Sie würden am Ende … nicht gut dabei fahren. Nun, reisen Sie also. Finita la comedia! Helena Andrejewna nimmt von seinem Tische einen Bleistift und versteckt ihn rasch. Diesen Bleistift nehme ich mir zum Andenken mit. Astrow. Wie seltsam! … Da sind wir miteinander so gut bekanntgeworden, und nun sollen wir uns auf einmal nie wieder sehen! … So geht's auf der Welt … Dieser Onkel Wanja mit seinem Bukett … Doch jetzt, zum Abschied … erlauben Sie mir wohl … einen Kuß, ja? Er küßt sie auf die Wange. Na, also … so sit's recht! Helena Andrejewna. Ich wünsche Ihnen alles Gute. Sieht sich um. Komme, was da wolle - einmal im Leben! Umarmt ihn leidenschaftlich, dann reißen sich beide rasch voneinander los. Jetzt muß ich fort. Astrow. Reisen Sie, so rasch wie möglich. Steigen Sie in de Wagen – und heidi! Helena Andrejewna. Es scheint, sie kommen hierher. Beide horchen. Astrow. Finita. Serebrjakow, Wojnizki, Maria Wassiljewna mit einer Broschüre, Teljegin und Sonja treten ein. Serebrjakow zu Wojnizki. Also: Wer noch einmal davon redet, der soll verwünscht sein. Ich hab' in diesen wenigen Stunden so viel erlebt und durchdacht, daß ich zu Nutz und Frommen der kommenden Geschlechter einen ganzen Traktat darüber schreiben könnte, wie man leben soll. Ich nehme deine Entschuldigungen gern entgegen und bitte dich meinerseits um Entschuldigung. Verzeih! Sie küssen sich dreimal. Wojnizki. Du wirst dein Geld immer pünktlich bekommen, wie bisher. Alles soll beim alten bleiben. Helena Andrejewna umarmt Sonja. Serebrjakow küßt Maria Wassiljewna die Hand. Maman! Maria Wassiljewna küßt ihn. Alexander … lassen Sie sich doch bitte wieder photographieren und schicken Sie mir Ihr Bild! Sie wissen, wie teuer Sie mir sind. Teljegin. Leben Sie wohl, Exzellenz! Behalten Sie uns in gutem Angedenken! Serebrjakow küßt seine Tochter. Adieu … Lebt alle wohl! Reicht Astrow die Hand. Ich danke Ihnen für Ihre liebenswürdige Gesellschaft … Ich achte Ihre Denkweise, Ihre Tendenzen und Ansichten, aber erlauben Sie einem alten Manne jetzt, beim Abschiednehmen, ein freies Wort: man muß handeln, Herrschaften, man muß handeln! Auf die Taten kommt es an, nicht auf die Worte! Allgemeines Sichverneigen. Ich wünsch' Ihnen alles Gute! Ab; hinter ihm Maria Wassiljewna und Sonja. Wojnizki küßt Helena Andrejewna lange die Hand. Leben Sie wohl … verzeihen Sie … Wir werden uns nie mehr sehen … Helena Andrejewna ganz aufgelöst. Leben Sie wohl, mein Lieber! Küßt seinen Kopf und geht ab. Astrow zu Teljegin. Sag' doch draußen, Waffelkuchen, daß ich auch gleich meinen Wagen haben möchte. Teljegin. Sofort, mein lieber Freund. Ab. Astrow nimmt seine Zeichenutensilien vom Tische und legt sie in den Reisekoffer. Warum gibst du ihnen denn nicht das Geleit? Wojnizki. Laß sie nur fahren, ich … ich kann nicht. Es ist mir so schwer ums Herz. Jetzt heißt es, so rasch wie möglich etwas vornehmen … arbeiten, arbeiten! Wühlt in den Papieren auf dem Tische. Pause. Man hört Schellengeläut. Astrow. Sie sind fort. Der Professor ist jedenfalls sehr froh darüber. Den bringen, glaub' ich, zehn Pferde nicht wieder her. Marina tritt ein. Sie sind fort. Nimmt in einem Sessel Platz und strickt. Sonja tritt ein. Sie sind fort. Trocknet sich die augen. Gott gebe es, daß es zum Guten ausschlägt! Zum Onkel. Nun wollen wir aber rüstig ans Werk gehen, Onkel! Wojnizki. Arbeiten, arbeiten … Sonja. Schon sehr, sehr lange ist's her, daß wir hier zusammen an dem Tische gesessen haben. Zündet die lampe auf dem Tische an. Die Tinte scheint eingetrocknet zu sein. Nimmt das Tintenfaß, geht an das Spind und gießt Tinte ein. Ich bin so traurig darüber, daß sie fort sind. Maria Wassiljewna tritt langsam ein. Sie sind fort. Setzt sich und liest in einer Broschüre. Sonja setzt sich an den Tisch und blättert in einem Kontobuch. Vor allem wollen wir die Konten ausschreiben, Onkel Wanja. Wir sind mit allem im Rückstand. Heute wurde wieder nach den Rechnungen geschickt. Ans Werk also: Du schreibst immer die eine Rechnung, und ich die andere. Wojnizki schreibt. »Rechnung … für Herrn … Beide schreiben schweigend. « Marina gähnt. Ah-h-h … ich bin müde. Astrow. Diese Stille … Die Federn kratzen, die Grille zirpt. Es ist so warm, so mollig … Man hat wirklich keine Lust fortzugehen! Man hört Schellengeläut. Der Wagen fährt vor … ich muß also Abschied von euch nehmen, meine lieben Freunde, Abschied von meinem Tisch, und heidi! Legt seine Zeichnung in eine Mappe. Marina. Was hast du es denn so eilig? Bleib doch! Astrow. Es geht nicht. Wojnizki schreibt. »… bleiben von der alten Schuld zwei Rubel fünfundsiebzig Kopeken …« Ein Knecht tritt ein. Knecht. Michail Lwowitsch, der Wagen steht bereit. Astrow. Ich hab's gehört. Reicht ihm die Reiseapotheke, den Koffer und die mappe. Da, trag das in den Wagen – aber sieh zu, daß du mir die Mappe nicht drückst! Knecht. Sehr wohl … Ab. Astrow. Nun, meine lieben Freunde … Schickt sich an, Abschied zu nehmen. Sonja. Wann sehen wir uns wieder? Astrow. Jedenfalls nicht früher als im Sommer. Im Winter kaum … Natürlich, wenn etwas vorfällt, dann lassen Sie mich's wissen, dann komm' ich. Drückt allen die Hände. Herzlichen Dank für Brot und Salz, für Eure Liebenswürdigkeit – mit einem Wort, für alles. Er tritt an Marina heran und küßt sie auf den Kopf. Leb' wohl, Alte! Marina. Wartest du nicht mal bis zum Tee? Astrow. Nein, liebes Altchen, ich danke. Marina. Vielleicht ein Schnäpschen gefällig? Astrow unentschlossen. Wenn ich bitten darf … Marina ab. Astrow nach einer pause. Mein Handpferd lahmt ein bisschen. Gestern hab' ich's bemerkt, als Petruschka es zur Tränke führte. Wojnizki. Laß es frisch beschlagen. Astrow. ich muß in Roschdestwennoje zur Schmiede fahren – unbedingt … Tritt an die Karte von Afrika heran und betrachtet sie. Muß es hier jetzt heiß sein – schrecklich! Wojnizki. Das ist schon möglich! Marina kommt mit einem Präsentierbrett zurück, auf dem sich ein Gläschen Branntwein und ein Brot befindet. Trink! Astrow trinkt den Branntwein. Wohl bekomm's dir, Väterchen! Verbeugt sich tief. Und nun verbeiß etwas Brot! Astrow. Danke, nicht nötig … Also nochmals: ich wünsche euch alles Gute. Zu Marina. Begleit' mich nicht, Altchen … es ist nicht nötig. Ab; hinter ihm Sonja mit einer Kerze, um ihm das Geleit zu geben; Marina nimmt in ihrem Sessel Platz. Wojnizki schreibt. »Am 2. Februar 20 Pfund Fastenöl … am 16. Februar wieder 20 Pfund Fastenöl … Gerstgraupe …« Pause; man hört Schellengeläut. Marina. Er ist fort. Pause; Sonja kommt zurück und stellt die Kerze auf den Tisch. Sonja. Er ist fort … Wojnizki. Macht fünfzehn … fünfundzwanzig … Sonja setzt sich und schreibt. Marina gähnt. Ach, was für Sünder sind wir doch … Teljegin tritt ein, auf den Zehen, setzt sich auf einen Stuhl neben der Tür und spielt leise auf der Gitarre. Wojnizki zu Sonja, deren Haar streichelnd. Mein Kind, mir ist so schwer ums Herz! Ach, wenn du wüßtest, wie schwer! Sonja. Was soll man schon tun – man muß leben! Pause. Und wir werden leben, Onkel Wanja, eine lange, lange Reihe von Tagen und von langen Abenden werden wir erleben; geduldig werden wir die Prüfungen ertragen, die uns das Schicksal sendet; wir werden für andere arbeiten, jetzt und in unsern alten Tagen, ohne Rast, und wenn dann unsere Stunde kommt, werden wir in Demut sterben, und dort, im Jenseits, werden wir sagen, daß wir gelitten haben, daß wir geweint haben, daß unser Los bitter war, und Gott wird sich unser erbarmen, und dann werden wir beide, Onkel – du und ich, lieber Onkel – in ein herrliches, schönes, freudenreiches Leben eingehen, wir werden frohlocken und auf unser einstiges Ungemach mit einem milden Lächeln zurückschauen – und werden ausruhen. Ich glaube daran, Onkel, ich glaube heiß, leidenschaftlich … Sie kniet vor ihm hin und legt ihren Kopf an seine Brust; mit müder Stimme Wir werden ausruhen! Teljegin spielt leise auf der Gitarre. Wir werden ausruhen! Wir werden die Engel singen hören, wir werden den Himmel in seiner ganzen Herrlichkeit sehen, werden sehen, wie alle irdischen Übel, alle unsere Leiden in unbegrenztem Mitleid aufgehen, das die Welt erfüllen wird, und unser Leben wird so still, so mild, so süß werden – wie eine Liebkosung. Ich glaube, glaube … Wischt ihm mit ihrem Taschentuch die Tränen aus den Augen. Armer, armer Onkel Wanja, du weinst … Durch Tränen. Du hast in deinem Leben die Freude nicht kennengelernt, aber hab' nur Geduld, Onkel Wanja, hab' Geduld … Wir werden ausruhen … Umarmt ihn. Wir werden ausruhen! Man hört den Nachtwächter klopfen; Teljegin spielt leise, Maria Wassiljewna macht Notizen auf den Rändern der Broschüre; Marina strickt. Wir werden ausruhen! * Der Vorhang sinkt langsam.