Berthold Auerbach Schwarzwälder Dorfgeschichten – Zweiter Band. Florian und Kreszenz. 1. Mädchen am Brunnen. Am Samstagabend hörte man im Hause des roten Schneiderle von Stube zu Stube singen und trällern, Thüren wurden auf und zu geschlagen, Fenster aufgesperrt, Stühle und Bänke gerückt, man hörte den Kehrbesen walten; aber aus allem hervor tönte der Gesang der klangvollen Mädchenstimme, treppauf und treppab. Kaum war ein Lied geendigt, begann ein andres, lustig und traurig, alles durcheinander. Endlich kam die Sängerin zum Vorschein; es war ein stämmiges, aber im schönsten Ebenmaß gebautes Mädchen. Das grauwollene, gestrickte Wämschen ließ enganliegend die runden, vollen Formen, die sanften Wölbungen des Busens bestimmt und zart hervortreten, die Schürze war halb zurückgesteckt und bildete einen spitzen Winkel. Mit dem Melkkübel in der Hand ging es in den Stall. Jetzt konnte man eines der Lieder genau vernehmen, es lautete: Steig' i auf de Kirschebaum, De Kirsche z'wege net, Haun g'moant, i wott mein Schätzle sehn, I gsieh 'nes aber et. 's isch no nit lang, daß's g'regnet hat, Die Bäume tröpflet no, I haun emol e Schätzle g'hätt, I wott, i hätt' es no. Jetzt ist es aber g'wandret, Dem Unterländle zua, Jetzt haun i wieder en andre – 's ist au e braver Bua. Den Wasserkübel unter dem Arme kam das Mädchen wieder zum Vorschein, es verschloß das Haus und legte den Schlüssel unter die danebenstehende Reisbeige. Der Rathausbrunnen war ausgeschöpft und verschlossen, auch der obere Brunnen war verschlossen und wurde nur vom Soges morgens und abends geöffnet, um daraus je nach der Kopfzahl der Familien das Wasser zu verteilen. Dieser Wassermangel ist ein großer Uebelstand, besonders im hohen Sommer. Unterwegs rief des Anschels Beßle: »Kreszenz, wart, ich geh' mit.« »Komm, mach tapfer. Bis wann kommt denn dein Chusen wieder?« entgegnete Kreszenz »Bis auf unsre Pfingsten, heut über vierzehn Tag'.« »Bis wann macht ihr denn Chasne « »Bis nach Sückes ; du mußt bei meinem Leben auch den ganzen Tag beim Tanz sein, da wollen wir uns auch noch einmal recht lustig machen, wir sind doch immer gut freund gewesen.« »Beßle, du hättest sollen hier bleiben, du hättest sollen den Seligmann heiraten, was man daheim hat, weiß man; so weit ins Elsaß hinein – wie weiter wie g'heiter, sagt man als, wer weiß, wie es dort ist.« »Wie kannst du nur so reden?« erwiderte Beßle, »hab' ich denn mit meinen vierhundert Gulden das Auslesen? und drüben sind das fast tausend Frank, das ist schon eher ein Wort. Und du? bleibst denn du im Dorf? Wenn dein Geometer einmal eine Anstellung kriegt, mußt du nicht auch fort? Ei, hab' ich dir denn auch schon gesagt, mein Chusen ist vorlängst von Straßburg aus mit dem Florian auf den Schramberger Markt gegangen. Der Florian hat, was weiß ich, wie viel, gewiß dreihundert Karlin in seinem Beigürtel gehabt, um Ochsen einzukaufen. Er führt sich wie ein Prinz, und sein Herr vertraut ihm sein ganz Vermögen an; man sagt, er gibt ihm seine Tochter.« »Ich wünsch' ihm Glück und Segen dazu.« »Nu, nu, stell dich nur nicht so, du hast doch den kleinen Finger vom Florian lieber gehabt, als den ganzen Geometer.« »Und wenn auch, er hat nichts, und ich hab' nichts, und zweimal nichts gibt gar nichts, sagt der alt' Schmiedjörgli.« Die beiden Mädchen waren zum Brunnen gelangt, viele standen schon hier und harrten der hohen Obrigkeit. »Weißt auch schon, Kreszenz?« rief des Christians Dorle, »vor einer Stund' ist der Florian wieder kommen; jetzt hast's gut, jetzt kannst zweispännig fahren.« »Du hast's nötig, aufzubegehren,« erwiderte Kreszenz. »du brenndürrer Bohnenstecken, du; du darfst dein Kammerlädle noch so weit aufsperren, es kommt doch keiner.« »So ist's recht,« sagte eine keck aussehende Person, die Leichkäther genannt, weil sie alle Toten im Dorfe einkleidet: sie fuhr sich vergnügt mit der Hand über den Mund und sagte dann weiter: »Wechselt's Ihr nur, Kreszenz, man weiß wohl, in Eurem Hause wird alles gleich bar ausbezahlt.« Sie machte eine leicht verständliche Handbewegung. »Gelt, dir pfupfert's, weil man dir nichts borgte« erwiderte die Bedrängte; »du hast's gut angefangen, Dorle, der da die Zung' zu heben.« »Was brauchst denn aber auch gleich mit dem Dorle so zu balgen?« sagte des Melchiors Lenorle, »es hat's ja nicht so bös gemeint, man darf ja auch einen Spaß machen.« »Ist denn der Florian im Ernst kommen?« fragte Kreszenz leise. »G'wiß!« rief die Leichkäther laut; »gib nur acht, du Hanfkrott, du wirst deinen Kopf nimmer so hoch tragen wie ein Schlittengaul: der Florian wird deinem Geometer schon das Land vermessen.« Der Soges erschien, ein zweiter Moses, der den Töchtern Jethros den Brunnen öffnete; er schien aber um keine zu freien, denn er war nicht besonders freundlich. »Gib der Kreszenz den Rahm vom Wasser, die muß heut noch ihrem Geometer seinen steifen Kragen waschen,« schrie die Käther. »Laß sie schwätzen,« sagte das Lenorle, »man kann ihr nicht weher thun, als wenn man sie allein belfern läßt; sie macht's grad wie die Hund', die bellen einen an, und wenn man seines Weges fortgeht und nichts mit ihnen macht, kehren sie wieder heim und bellen einen andern an, der vorbeigeht. Narr, die möcht' gern ein jedes so schlecht machen, wie sie ist; aber vor dem Florian mußt dich jetzt in acht nehmen, sonst gibt's böse Sachen.« »Ja,« sagte ein andres Mädchen, »er hat viel Geld heimbracht und hat seinem Vater gleich eine goldene Karlin geben. Das Geld wird sich umguckt haben, wie es da in der Stube gewesen ist. Der Alt' ist ja so arm. daß die Mäus' von ihm verlaufen sind.« »Der Florian kann sich fünfmal aus- und ankleiden, so viel schöne Kleider hat er bei sich,« sagte ein drittes Mädchen. »Und er spricht fast lauter französisch.« »Und er hat eine Uhr mit einem Behäng, wo sein ganz Handwerkzeug von Silber dran ist.« »Und ein schwarz Schnauzbärtle hat er zum küssen.« Ein Lärm unterbrach die schnellen Berichte. »Was stoßst mich so?« sagte Käther zu des Kilians Annele; »Narr, ich bin kein reicher Bursch.« »Sei still, du, du bist ja schon zweimal im Spinnhaus gewesen und das dritte Mal steht dir schon auf der Stirn'.« »Wart, ich will dir's auf die Stirn' schreiben,« schrie die Käther und stieß mit ihrem Kübel nach dem Annele; dieses aber hatte den Schlag abgewehrt und gab dafür einen andern zurück. Nun ging's an ein gewaltiges Ringen, die Kübel wurden auf die Erde geworfen, die beiden Kämpfenden faßten sich mit den Händen. Eine Weile sahen die andern müßig zu, dann aber wehrte alles ab, und besonders der Soges schlug hüben und drüben drein. Wie zwei Streithähne, die voneinander gejagt wurden, blickten sich die Feinde noch grimmig an, indem sie ihre Kübel zur Hand nahmen. Das Annele strich sich weinend die Haare aus dem Gesicht, es klagte, daß niemand vor der Käther Ruhe habe und daß die ganze Bürgerschaft dafür sorgen sollte, daß sie auf ewig ins Spinnhaus käme. Die Reihe war endlich an Kreszenz gekommen. Sie trug nun den schweren Kübel auf dem Kopfe, aber noch schwerer war's ihr im Herzen. Große Thränen kugelten über ihre Wangen, aber sie that, als oh der Kübel tropfe, und fuhr immer mit der rechten Hand und mit der Schürze über dessen unteren Rand; sie ahnte wohl, welche Verwirrung die nächsten Tage bringen konnten: hatte ja diese schon in ihrem Herzen begonnen. Zu Hause vollzog sie die Arbeit, ohne mehr einen Ton zu singen. Man wird sich vielleicht wundern, daß auf einmal ein so vornehmer Mann und eine so betitelte Person, wie ein Geometer ist, im Dorfe eine so entschiedene Rolle spielt; man erinnere sich aber, daß diese Geschichte zur Zeit der Landesvermessung vor sich geht: wie dadurch das ganze Land endlich genau abgezirkelt zu Papier gebracht und auch nicht das verborgenste Winkelchen in Wald und Feld vergessen wurde, so ward auch allerorten in das Leben des Volks ein neues Element geworfen. Da kamen auf eine Zeitlang Städter in das Dorf; sie waren nicht Schullehrer und nicht Pfarrer, es waren meist lebenslustige, junge Leute, und welche Bedeutung sie in der Mädchenwelt gewonnen, haben wir bereits ersehen. Die Vollzieher des in staatswirtschaftlicher Hinsicht gewiß sehr zweckmäßigen Unternehmens hießen Geometer. Auf dem Dorfe hießen die Feldmesser eben Feldmesser, zur Erhöhung der Amtswürde sowohl als auch zur Verbreitung griechischer Bildung unter den Bauern hießen die neuen Herren: Geometer. Die Gespielin der Kreszenz hatte einen Obergeometer (oder wie er eigentlich folgerichtig heißen sollte, Hypergeometer) geheiratet und wohnte in Biberach. Dadurch hatte Kreszenz Bekanntschaft mit dem Kollegen bekommen, und die Eltern förderten sie auf alle Weise, denn das war eine herrliche Versorgung. Der rote Schneiderle sah schon im Geiste seine Tochter als Frau Obergeometerin. 2. Dreiviertel auf Mordjo. Es war Nacht geworden, Kreszenz stand in der Küche am Feuer, da kam der Studentle laut dahergeschritten und sagte: »Guten Abend, Kreszenz. Ich will mir ein Packle Sternentubak holen; habt ihr noch davon?« »Ja, geh 'nein, mein' Mutter wird dir geben.« »Ich verhex' dir dein' Supp' nicht, wenn ich ein bißle bei dir bleib',« sagte er laut, ganz leise aber setzte er hinzu: »der Florian ist da, komm nachher ein bißle 'naus, du wirst uns schon hören.« Ohne die Antwort abzuwarten, ging er hinein in die Stube; als er wieder herauskam, war Kreszenz nicht mehr in der Küche. Später hörte man vor dem Hause des roten Schneiderle singen und pfeifen und lachen; es waren die Kameraden, deren seit drei Jahren fehlende Hauptstimme, nämlich die des Florian, jetzt um so eindringlicher erscholl; sie blieben lange, es wollte aber nichts fruchten, da schrie der Peter zum Fenster hinauf: »Kreszenz, da lauft ein' Gans 'rum, ist die nicht dein?« Der Studentle stand hinter der Reisbeige und quakte wie eine Gans. Das Fenster öffnete sich. aber nicht Kreszenz, sondern die Schneiderin sah heraus und sagte: »Treibet eure Späß' vor einem andern Haus.« Mit schallendem Gelächter ging der Studentle wieder auf die Straße. Drinnen in dem Hause aber saß die Kreszenz bei dem Geometer und gab auf alle seine freundlichen Reden nur halbe Antworten; endlich sagte sie, sie sei unwohl, und ging zu Bett. Als die Burschen auf der Straße lange vergebens geharrt hatten, gingen sie nach dem Wirtshause. Auf dem Wege begegnete ihnen Sepple, der Franzosensimpel. Der Studentle faßte ihn an der Brust und rief: » Qui vive? La bourse ou la vie? « Der Angegriffene antwortete unerschrocken: » Paridadoin mullien ,« was in der Sprache des Sepple so viel hieß, als: was willst du? »Das gibt einen Hauptspaß,« jubelte der Studentle, »wir nehmen den Sepple mit, der muß den Geometer spielen. Komm, wir zahlen dir eine Halbe (Maß) Bier.« » Moin paroula goin ,« antwortete der Sepple, was so viel hieß, als: ich will's thun; was für Laute er zusammenfügte, war überhaupt nur das Zufällige, er antwortete dabei auf alles mit Winken oder auch mit grinsendem Lachen. Der Sepple war eigentlich kein ganzer Simpel, sondern nur ein halber, aber dieses Halbe wurde von allen lustigen Leuten im Dorfe zum Ganzen ausgebildet. Wenn einer auf dem Dorfe ein Häkchen hat, so kann man sicher sein, daß es zum Sparren ausgeschmiedet wird; so ging's auch beim Sepple. Er ließ sich das gern gefallen, denn es warf immer einen guten Trunk ab. Man wußte nicht recht, woher beim Sepple der Gedanke gekommen war, daß er alle lebenden Sprachen verstünde. Einige behaupteten: weil er so lange Kindsmagd gewesen und mit den kleinen Kindern in der Allerweltsprache geplaudert habe, habe er etwas davon übrig behalten; die Wahrheit zu gestehen, kümmerte sich niemand um den Grund dieser Sonderbarkeit, genug, man mochte den Sepple anreden, wie man wollte, in einer wirklichen oder gemachten Sprache, er gab immer frischweg Antwort. Dabei verrichtete er aber das Feldgeschäft so gut wie ein anderer; verstand er auch nicht die Sprache der Tiere, so verstanden die Tiere seine Sprache und folgten ihm willig. In der Kirche war der Sepple der einzige, der zu den lateinischen Worten der Messe nickte, als ob ihm das alles ganz sonnenklar wäre. Dieses vierte Mitglied hatte unsere sonst so streng geschlossene Dreibubengesellschaft für heute abend aufgenommen. » Bon soir ,« sagte Florian, als er mit den andern in die Wirtsstube trat, alles grüßte ihn freundlich, beschaute ihn um und um, und einer nickte dem andern zu mit einem Blicke, der vollauf sagte: »Es ist doch ein Staatsmensch, der Florian; ja, wer nicht 'naus kommt, kommt nicht heim.« Einer, der auf der Ofenbank saß, sagte zu seinem Nachbar: »Ja, das ist ein ander Heimkommen, als wie der Schlunkel, der ist jetzt schon zweimal eingestanden – im Zuchthaus, und heut abend ist er heimkommen; wenn wir ihn nur schon wieder los wären.« Florian ließ nun eine gute Flasche Wein für sich und seine Kameraden bringen; dem Sepple, der sich an einen andern Tisch gesetzt hatte, ließ er eine Halbe Bier geben. Als Bärbele das Getränk brachte, sagte er etwas leise, aber doch so, daß es alle hören konnten: » Comme elle est jolie, bien jolie .« » Oui ,« erwiderte der Studentle. Alle Leute in der Stube stießen einander an und pisperten, wie die zwei so gut französisch parlieren konnten. Florian brachte es nun allen Leuten zu, denn diese saßen meist trocken im Wirtshause; der gute Trunk that ihnen wohl, und diese freundliche Empfindung ging auch auf den Florian über. Er schien sein Französisch ziemlich ausgespielt zu haben, denn: »Putz das chandelle « ist doch nur halb. Der Spaß war den lustigen Kameraden verdorben, der Geometer, der im Adler wohnte, war nicht zu Hause. »Bleibst du wieder bei uns, Florian?« fragte Bärbel. » Nous verrons , wir wollen sehen.« »Verzähl uns auch 'was,« sagte Kaspar, der als Wirt auch seine Gäste zu unterhalten suchte. »Bist du denn auch z' Paris g'wesen?« »Freilich,« erwiderte Florian in einem Tone, aus dem ein scharfer Aufmerker wohl die Unwahrheit heraushören konnte, »aber es hat mir nicht gefallen. Am schönsten ist's in Nanzig, da sind Wirtshäuser, die sind ringsum mit Spiegeln ausgetäfelt, die Tisch' sind alle von Marmelstein, und man ißt und trinkt aus lauter Silber; da solltest du einmal sein, du thätest Maul und Augen aufreißen.« Diese Zeichen der höchsten Aufmerksamkeit waren jetzt an Florian, denn der Geometer trat mit seinem beiden Kollegen in die Stube. Sie gingen nach dem Verschlägle, wo der Tisch für sie gedeckt war. Florian ergriff sein Glas, stieß mit seinen beiden Freunden an und sagte: » A votre santé! « Der Kaspar, der so aufmerksam zugehört hatte, war schnell den Eintretenden entgegengegangen und trug ihnen nun ein Licht voraus. Florian zwirbelte seinen Schnurrbart und fragte dabei den Konstantin leise: »Welcher ist's?« »Der schäg, mit denen langen Haar', wo zuerst 'reinkommen ist.« Eine Weile herrschte Stille in der ganzen Stube, man horte nichts als das Klappern der Messer und Gabeln hinter dem Verschlägle. Konstantin begann aber alsbald zu singen: Der Herr Geometer, Der hat krumme Bein! Sie sind halt net gräder, Gezirkelt muß sein. Ein schallendes Gelächter erfüllte plötzlich die Stube, dann aber trat wieder eine Stille ein, auch drinnen im Verschlägle hörte man keinen Laut. Florian stand auf und sagte zum Sepple: » Comment vous portez-vous, monsieur le géomètre? « » Quadutta loing ,« erwiderte der Sepple, der unter erneuertem Gelächter in einem fort kauderwelschte. »Ich gratulier' zu deinem neuen Amt,« sagte Konstantin, indem er den Pinsel vom Schwenkkübel herbeibrachte, »da vermiß mir einmal den Tisch; man braucht keinen Verstand dazu, sonst könnten's gewisse Leute nicht.« Unter immer erneutem Gelächter vollzog der Sepple die Tischvermessung, das Bärbele aber kam herbei und sagte: »Lasset die Possen, machet eure Späß' an einem andern Ort; sei ruhig, Sepple, oder marschier dich.« Der Sepple schlug auf den Tisch und welschte ganz grimmig. Unter der Thüre des Verschlages erschien der Steinhäuser, der zu der Kreszenz ging, seine zwei Kameraden hielten ihn, denn er wollte gerade auf den Burschen los; auch Kaspar suchte ihn zu beruhigen, und als es ihm einigermaßen gelungen war, trat er auf die drei zu und sagte mit größerer Entschiedenheit, als man vermuten mochte: »Ich will euch 'was sagen: in meinem Haus dürfen so Sachen nicht ausgeführt werden, trinket ruhig, was ihr habt, oder ich weis' euch, daß vor der Thür' draußen ist. Ich lass' keine Gäst' beleidigen, jetzt habt ihr's gehört, in meinen vier Wänden bin ich Meister. Es ist mir jeder lieb und wert, aber Ordnung muß sein.« » Juste , schon recht,« sagte Florian, »ich werd' die Leut' schon an einem andern Ort treffen. Hörst du's da drüben, du krummer Bub', wenn du noch einen Tritt zur Kreszenz thust, schlag' ich dir deine krummen Spazierhölzer lahm, nachher kannst dein' Meßstang' als Krück' nehmen.« »Er elender Gesell!« schimpfte Steinhäuser, vor den sich Kaspar als Schild gestellt hatte; Florian wollte auf ihn los und fluchte: »Kotzbluestkreuzmalefiz, foudre de Dieu! « Der Kaspar schleuderte ihn zurück; Konstantin war klug genug und wehrte ab. So verließen nun die drei das Haus, der Sepple folgte ihnen bald nach. Auf der Straße schwuren die drei Kameraden, nie mehr in den Adler zu gehen. Der Florian wollte alsbald noch einmal hinein, er sei dem Adlerwirt noch 'was schuldig geblieben, er müsse ihm 'raus bezahlen. » Kreuz Sack am Bändel , da bleibst,« sagte Konstantin, »bei dir ist noch allfort gleich dreiviertel auf Mordjo. Gib jetzt Frieden, wir wollen den Geometer schon hinlegen, daß er nimmer an die Auferstehung der Beine glauben soll.« Man beruhigte sich, und zum Spaß, da heute nichts mehr anzufangen war, bellte der Studentle noch wie ein geschlagener Hund durch das ganze Dorf und machte dadurch, wie er es nannte, alle Hunde in den Häusern rebellisch. 3. Ein Alltagsleben am Sonntag. Andern Tages kleidete sich Kreszenz nicht sonntäglich an, um nach der Kirche zu gehen, sie klagte über Unwohlsein und blieb zu Hause. Als der Schneiderle aus der Kirche zurückkam und den Aufzug seiner Tochter sah, sagte er: »Was ist das? Still, sag' ich, einmal und millionenmal,« fuhr er fort, ehe noch Kreszenz antworten wollte. »Gelt, dir ist nicht recht just, weil der Florian wieder da ist, und da willst du nicht auf die Straß'? Ich hab' schon gehört, was er nächt mit dem Geometer gehabt hat; jetzt mußt du heut' zum Trotz mit dem Geometer ins Horber Bad. Das sag' ich, ein Wort wie tausend.« »Ich bin krank.« »Nutzt nichts, geh 'nauf und zieh dich an, oder ich mess' dir mit der Ell' da die Kleider an.« »Laß ihn schwätzen,« sagte die Schneiderin, die unterdessen eingetreten war, »das ist grad' den Maus' pfiffen, was er sagt. Kreszenz, wenn dir nicht gut ist, bleib du daheim. Von dem, was er erhauset, hättet ihr kein Fädle auf dem Leib; der Freßsack kann nichts, als alle Tag' dreimal die Füß' untern Tisch stellen und sich füttern lassen wie eine Einquartierung.« Der Schneiderle wollte auf Kreszenz los, seine Frau aber stellte sich vor ihn hin, ballte die Fäuste, und der gestrenge Mann kroch scheu in eine Ecke. Diese Leute kamen eben aus der Kirche, wo sie die Worte: Liebe, Friede und Seligkeit gesungen und gebetet hatten; noch hatten sie das Gesangbuch nicht aus der Hand gelegt, und schon war die häßlichste Zwietracht zwischen ihnen entbrannt. Ueberhaupt sind wir da in ein sonderbares Haus eingetreten. Die Mutter war früher Pfarrköchin gewesen und hatte den Schneiderle etwas schnell geheiratet, Kreszenz war ihr ältestes Kind; außerdem hatte sie noch einen Sohn und eine Tochter. Die Schneiderin ging noch immer städtisch gekleidet und trug bloß die schwarze Bauernhaube; denn bei allem Verschwinden der Bauerntrachten wird es doch schwer dahin kommen, daß die kostspielige Florhaube in Aufnahme kommt. In der ersten Zeit, als die beiden Leute miteinander verheiratet waren, lebten sie gut; denn wo alles vollauf im Hause ist, müssen es gar unverträgliche Menschen sein, wenn sie miteinander keifen sollten. Das nennt man dann, in gebildeten wie in ungebildeten Ständen, die glücklichen, die friedlichen Ehen. Der Schneider arbeitete in seinem Handwerke, und die Frau errichtete ein Kramlädchen, worin Spezereien und andre Waren verkauft wurden. Was ist aber der Mode mehr unterworfen, als die Herrscher der Mode, die Schneider? Der Balthes arbeitete nur für die Herren und für die Juden, die sich auch städtisch tragen; Bauernkleider zu machen, war ihm ein Greuel, denn er war »in Berlin drein gewest«. Neue, junge Konkurrenten hatten sich in dem Dorfe und der Umgegend niedergelassen; Balthes konnte nun oft ganze Tage umherlaufen, ohne Arbeit zu finden. Da verfiel er auf einen spekulativen Gedanken, in dessen zeitweiliger Ausführung wir ihn noch begriffen finden. Im Verein mit dem Anschel Meier, dem Vater des Beßle, reiste er nach Stuttgart, kaufte dort alte Kleider und richtete sie neu her. Besonders aber war er auf die abgetragenen roten Frackröcke der Hofbedienten aus, wozu ihm Anschel verhalf, der aus den Lieferantenzeiten her hohe Bekanntschaften hatte. Die Livreeröcke wurden dann zerschnitten und rote Bauernwesten daraus gefertigt, die im Schwarzwalde noch überall getragen werden. Auch Uniformen der Offiziere wurden gekauft und aus dem roten Unterfutter des Wehrstandes Kleider für den Nährstand gemacht. Man sagt aber, der Anschel habe fast allen Profit an sich zu ziehen und sich noch ein Nebenverdienstchen bei den hohen Verkäufern zu machen gewußt. Von der Zeit an, als Balthes aus der Mode gekommen und Ebbe im Hause eingetreten war, gaben sich die beiden Eheleute kein gutes Wort mehr. Dem Balthes ward, wie man sagt, der Löffel aus der Hand genommen, ehe er genug gegessen hatte. Er war über nichts mehr Meister, er durfte am Sonntag nicht einmal ein Stück Speck zerschneiden und hieß doch der Schneidermeister. Wo er stand oder saß, war er seiner Frau zu viel, sie hatte vollkommen das Heft in Händen, denn sie verreiste jeden Herbst, und nach ihrer Zurückkunft war immer wieder alles flott im Hause. Die Kinder hielten natürlich zur Mutter, denn Balthes war auch mehr in fremden Häusern, als in dem seinigen. Er kam fast nur zum Essen und Schlafen. Jenes ward ihm mit tüchtigen Reden gut gesalzen und dieses durch einen wohlgesetzten Abendsegen versüßt. Kreszenz blickte nun ihren Vater verächtlich an. Da trat der Geometer ein, Vater und Mutter machten freundliche Gesichter und thaten, als ob sie die Liebe selber wären; nur Kreszenz sah betrübt aus, ihre Lippen zitterten. »Gang, mach, Kreszenz, zieh dich hurtig an,« sagte die Mutter. »Herr Geometer, wollen Sie's heut mittag mit uns halten? das thät' mich recht freuen. Es ist eben ein gewöhnlich Essen: Sauerkraut, Knöpfle und ein Speck, es wird Ihnen aber doch schmecken, die Kreszenz hat gekocht.« Ein schätterndes Kichern begleitete fast jedes ihrer Worte, wobei sie sich immer ein bißchen an der Nasenspitze zupfte. Mit aller Kraft seiner Rede, fast mit Zwang bestimmte Balthes den Geometer zur Einwilligung. Er nahm ihm den Hut ab und gab ihm solchen nicht mehr, denn er wußte wohl, daß, wenn der Geometer da war, es nicht nur bei Tisch ohne Zank abging, sondern auch wahrscheinlich eine Halbe Bier geholt würde. In der That wurde auch Kordele, die kleine Tochter, in den Adler geschickt und kam mit einer Flasche unter der Schürze zurück; denn auf dem Lande, wo alles offenkundig ist und man den Leuten sozusagen in den Mund guckt, sucht man auch alles zu verbergen. Kreszenz trug schön geputzt, aber mit verweinten Augen das Essen auf, sie klagte über den Rauch in der Küche. So war alles Lüge bei Tische. Kaum hatte der Geometer halb aufgegessen, legte ihm die Mutter schnell wieder ein gutes Stück auf den Teller. Er dankte sehr für diese Freundlichkeit, denn er merkte nicht, daß die Frau, den verlangenden Augen ihres Mannes folgend, demselben schnell den ersehnten Bissen vor der Nase wegraubte; auch schenkte sie dem Geometer oft ein, weil sie mit Recht fürchtete, ihr Mann würde sonst nicht blöde zugreifen. Nur die Frau und der Geometer führten das Wort bei Tische. Als dieser von der Händelsüchtigkeit des Florian erzählte, errötete Kreszenz, sie holte aber schnell den Katzenteller unter der Ofenbank vor. Als abgegessen war, sagte Balthes: »Nun, Frau, mach auch einen Kaffee.« »Ich für meine Person muß danken,« sagte der Geometer. Die Schneiderin nahm das gern an, denn sie gönnte ihrem Manne keinen Anteil an dem Leckerbissen; sie küchelte dann später einen für sich allein und bröselte etwas dazu. Nach der Mittagskirche ging nun Kreszenz mit dem Geometer spazieren; sie wußte es zu veranstalten, daß sie nicht durch das Dorf, sondern durch die Gärten gingen. Als sie gegen des Jörglis Kegelbahn kamen, schreckte Kreszenz plötzlich zusammen, denn sie sah Florian, wie er hemdärmelig, mit dem Rücken nach dem Wege gekehrt, dort stand. Sie hörte, wie er, ein Stück Geld auf den Boden werfend, rief: »Es gilt sechs Batzen, ich treff' fünf.« Unter dem Vorwande, daß sie etwas vergessen habe, kehrte Kreszenz schnell um, der Geometer folgte ihr kopfschüttelnd. Zu Hause überraschten sie die Mutter unangenehm beim Kaffee. Sie gingen nun durch das Dorf. Florian begnügte sich für diesen Sonntag damit, Aufsehen im Dorfe zu erregen, das gelang ihm in vollem Maße. Alle Leute redeten nur von ihm, von seiner schwarzen Sammetjacke mit den silbernen Knöpfen, von seiner rot- und schwarzgestreiften Freischützenweste und von allen Herrlichkeiten derart, denn die Leute im Dorfe wie in der Stadt haben meistens nichts zu sprechen und sind froh, wenn sich ihnen ein Gegenstand darbietet. Der alte Metzgerle, der Vater des Florian, sammelte den Ruhm seines Sohnes von Mund zu Mund und that das Seine, ihn noch zu steigern. Er konnte immer noch als ein schöner Mann gelten, wie er daherschritt, groß mit gerötetem Antlitze und lustigen, grauen Augen. Er ging hemdärmelig und hatte das Sacktuch in das Armloch der Weste gesteckt, was ihm etwas Eigentümliches gab. So oft er nun jemand begegnete, zog er seine Dose heraus und ließ eine Prise echten Doppelmops nehmen, indem er stets dabei bemerkte: »Den hat mir mein Florian bracht, gelt, es ist ein Staatskerle? So ist keiner auf zwanzig Stund' Wegs. Sein Meister thät ihm auch gleich seine einzige Tochter geben, der Heidenbub' mag aber nicht. Sein Meister löst mehr für Klauen, als drei Horber Metzger für Fleisch, er metzget alle Tage seine acht Kälber und auch zwei oder drei Ochsen. Was meinst?« setzte er dann gewöhnlich hinzu, indem er seine Blätschleskappe Ein rundes ledernes Käppchen, ohne Schild, wie ein Krautblatt geformt, daher Blätschle, so viel als Blättchen. dabei abnahm und wieder aufsetzte, »wie wär's, wenn ich nach Straßburg ging' und das Mädle heiraten thät? wenn es einmal partu einen Großmann will, ist's eins, der jung oder der alt, ich nehm's mit jedem auf.« Bei dem alten Schmiedjörgli, einem kinderlosen Greise von mehr als achtzig Jahren, der immer vor seinem Hause an der Straße saß und sich von den Leuten alles erzählen ließ, hielt sich der alte Metzgerle besonders lange auf. Der alte Schmiedjörgli und die alte Maurita auf der Bruck, das waren die zwei Leute, durch die man etwas im ganzen Dorfe bekannt machen konnte. Der Schmiedjörgli erzählte Gutes und Schlimmes weiter, um andre damit zu necken und um zu zeigen, daß er alles wisse, die Maurita aber erzählte das Freudige, damit sich andre mit freuen, und das Traurige, damit andre mit trauern. Der Schmiedjörgli war der beste Abnehmer für die Prahlereien des Metzgerle. So ging der Sonntag vorüber, und als Kreszenz – es war schon längst Nacht geworden – mit dem Geometer heimkehrte, dankte sie Gott, daß die gefürchteten Händel nicht eingetroffen waren. 4. Wie Florian und Kreszenz sich zum ersten- und zum andernmal wieder sehen. Schon eine Stunde vor Tag stand Kreszenz andern Morgens auf, fütterte ihr Vieh und verrichtete still die Hausarbeit. Sie blickte einmal schmerzlich auf, als sie inne ward, daß sie nicht mehr sang; sie ging hinaus ins Feld. Mit einem Bündel Frühklee auf dem Kopfe kam Kreszenz von der Halde herauf, sie sah herrlich aus, die geschmeidigen Formen ihres Körpers hoben sich straff hervor. Mit der rechten Hand hielt sie den Kleebündel, mit der linken den Rechen, der, über die Schulter gelegt, auch als Stütze der Last diente. Sie ging still und ruhig; die roten Blumen schauten in ihr rotes Antlitz. Nicht weit von des Jakoben Kreuz hörte sie plötzlich die Stimme Florians, der »Grüß Gott, Kreszenz« sagte; sie stand wie festgebannt. »Komm!« fuhr Florian fort, »ich will dir ablupfen.« »Ich bitt' dich, Florian, ich darf mich jetzt da nicht aufhalten, da sehen uns alle Leut'. Guck, du siehst, ich kann mich jetzt nicht wehren, ich kann dir nicht davonspringen: aber wenn du nicht willst, daß ich mein Lebtag kein Sterbenswörtle mehr mit dir red', so geh jetzt fort. Heut abend nach dem Nachtläuten komm zu des Melchiors Lenorle, da will ich dir alles sagen.« »Gib mir nur auch eine Hand.« Kreszenz schlug den Arm über den Rechen und reichte die linke Hand, indem sie tief atmend sagte: »B'hüt di Gott bis heut abend.« Jetzt erst im Weitergehen empfand Kreszenz, wie schwer die Last auf ihrem Kopfe war; sie stöhnte im Weitergehen, als ob sich der Mocklepeter am hellen Tage als erdrückender Geist an sie geklammert hätte. An dem Kreuze legte sie die Last auf die hohe Bank, die zum Auf- und Abladen schwerer Traglasten hier aufgerichtet ist. Bei dem Sinnbilde des Glaubens steht dieser stumme Diener allzeit hilfreich bereit. Zu Füßen dessen, der die schwerste Last auf sich genommen – die Menschen frei und liebend zu machen – legen die Menschen eine Weile ihre Tagesbürde nieder, um dann ausgeruht weiter zu schreiten. Kreszenz blickte lange nach dem Kruzifix, sie wußte aber nicht, daß sie es that, denn in ihr bebte nur die Furcht vor dem Florian, nach dem sie sich nicht umschauen wollte; endlich aber that sie es doch, und ihr Antlitz erheiterte sich sichtbar, als sie den flinken Burschen so durch das Feld dahinwandeln sah. Den ganzen Tag über war Kreszenz ernst und wortkarg. Noch ehe es Nacht war, nahm sie ein Koller, um es, wie sie sagte, dem Walpurgle zum Waschen zu bringen; sie ging aber nicht zu dem Walpurgle, sondern zu dem Lenorle; dieses kam ihr entgegen und sagte: »Geh nur durch die Scheuer, hinten im Garten ist er.« »Geh mit,« bat Kreszenz. »Ich komm' schon, geh nur derweil.« Als Kreszenz unhörbar durch die Scheune in den Garten trat, sah sie den Florian, wie er auf einem Blocke gebückt dasaß und mit einem stilettartigen Messer etwas in das Holz grub; seine langen, schön gescheitelten braunen Haare hingen weit über seine Stirn. »Florian, was treibst?« fragte Kreszenz. Der Angeredete warf das Messer weg, schüttelte sich die Haare zurecht und faßte Kreszenz, küßte und herzte sie; sie widerstand nicht. Endlich aber sagte sie: »Nun, jetzt ist genug, du bist halt grad noch, wie du gewesen bist.« »Ja, aber du nicht.« »Kein Brösele anders. Gelt, du bosgest, weil ich mit dem Geometer geh'? Wir hätten uns ja doch nie heiraten können. In Dienst lassen mich meine Leut' nicht, und bei ihnen bleiben mag ich auch nicht, bis ich graue Haar' krieg'.« »Wenn das so ist, wenn du den Geometer magst, hab' ich nichts mehr mit dir zu reden; das hättest du mir heut morgen sagen können. Ich weiß eine Zeit, da hätt' der König kommen können, dem das ganze Land gehört und der's nicht bloß vermessen hilft, und du hättest gesagt: Groß Dank, mein Florian ist mir lieber, und wenn er nichts hat, als was er auf dem Leib trägt.« »Ei, wie schwätzst du jetzt? was nutzt das? wir können uns ja nicht heiraten.« »Ja, ja, da hört man's, das ist das erzig rot' Schneiderle. Wenn ich dich nur mein Lebtag mit keinem Aug' mehr gesehen hätt', wenn ich nur all' beid' Füß' brochen hätt', eh' ich wieder heim kommen wär'.« »Ei, mach jetzt keine so Sachen, gelt, du lugst mich doch auch als noch freundlich an und lachst ein bißle mit mir, wenn du mir verkommst ?« Mit einem Blick voll heiterer Liebeslust sah Kreszenz Florian an, sie lächelte, aber das Weinen stand ihr näher als das Lachen. Florian hob sein Messer auf, steckte es ein und wollte fortgehen; da faßte Kreszenz seine Hand und sagte: »Trutz mir nicht, Florian, gang, mach, red auch. Lug, ich hab' ja doch den Geometer noch nicht geheiratet, aber laufen lassen kann ich ihn jetzt nicht; meine Leut' thäten mich im Schlaf erwürgen, wenn ich von ihm ließ'. Es dauert aber noch wenigstens zwei, drei Jahr', bis was draus wird, wer weiß, wie's noch geht, kann sein, ich sterb' vorher – das wär' mir das Liebst'.« Die Stimme der Kreszenz stockte. Plötzlich erwachte in Florian ein ganz andres Leben, die unerklärbare Schlaffheit verschwand; er stand da wie neu erwacht, und freudetrunken blickten sich die beiden an. »Lug,« sagte er, »wie ich da gesessen bin und auf dich gewartet hab', ist mir's grad gewesen, wie wenn mir einer alle Glieder zerschlagen hätt'. Ich hab' so darüber nachdenkt, wie elend wir daran sind, und einmal über's andre ist mir's gewesen, wie wenn ich mir mein Messer ins Herz stoßen müßt'. Wenn mir einer unter die Hand kommen wär', ich weiß nicht – und fort mag ich auch nicht, und hier bleiben muß ich, und dich muß ich haben.« »Ja, das wär' schon recht, wir können doch aber nicht auf den alten Kaiser 'nein leben; ich wüßt' wohl einen, der uns helfen könnt', er müßt' es mir thun.« »Red mir nichts von ihm, er darf dich nichts angehen, ich will's nicht, und er geht dich nichts an; du bist deines Vaters Kind, und wer anders sagt, den stech' ich wie ein achttägig Kalb. Guck, mein Vater hat mich schon halb ausgebeutelt, ich hab' aber wohl noch ein Geld; ich bleib' jetzt vorderhand hier und arbeit' auf meines Vaters Meisterrecht. Ich will einmal denen Nordstettern zeigen, was der Florian kann, sie sollen Respekt vor mir haben.« »Du bist ein Schöner,« sagte Kreszenz, »hast mir denn gar nichts mitgebracht?« »Ja doch, da.« Florian langte in die Tasche und gab Kreszenz einen breiten silbernen Ring und ein gemaltes flammendes Herz, darin ein Spruch stand. Nach dem ersten Jubel des Entzückens wollte Kreszenz den Reim lesen, Florian aber sagte: »Das kannst du, wenn ich auch nicht dabei bin, jetzt wollen wir schwätzen.« »Ja, erzähl mir einmal. Ist es wahr, hast du Bekanntschaft mit deines Meisters Tochter in Straßburg?« »Kein Gedanke, ich thät' ja sonst nicht hier bleiben, und hier bleib' ich. Alle Nordstetter müssen sagen: der Florian ist ein Kerle, wie's keinen mehr gibt.« Noch lange blieben die beiden zusammen. Als Kreszenz wieder nach Hause kam, traf sie den Geometer und mußte freundlich und liebreich gegen ihn sein. Mit schwerem Herzen las sie noch spät in ihrem Kämmerlein den Spruch auf dem gemalten Herzen: Besser Stein zur Mauer graben, Als lieben und doch nicht haben. Weinend legte sie das Blättchen in ihr Gesangbuch. Da haben wir nun eines jener Verhältnisse, wie sie zu tausenden in Stadt und Land sich finden, vielleicht nicht so grell, die Farben sind mehr ineinander vertuscht. Kreszenz hatte den Florian gern und wollte doch die Versorgung durch den Geometer nicht drangeben; dort hielt sie die Liebe, hier der Verstand. Es müßte sonderbar zugehen, wenn daraus nicht schweres Unglück entstünde. 5. Was Florian im Dorfe treibt und wie er Haare lassen muß. Florian blieb nun im Dorfe und schlachtete, von dem Meisterrechte seines Vaters Gebrauch machend, ein Rind und bald wieder eines. So gut es auch in der ersten Zeit zu gehen schien, so hatte doch die Herrlichkeit bald ein Ende. Der alte Metzgerle ging mit dem liegengebliebenen Fleische hausieren, er verthat aber oft nicht nur den Profit, sondern auch das Kapital. Die Konkurrenz der bereits ansässigen jüdischen Metzger war trotz der Geschicklichkeit Florians nicht zu besiegen, denn die Juden verkaufen das Fleisch von den Hinterteilen billiger, da sie nach einer Anordnung der Bibel nur das Fleisch der Vorderteile essen dürfen. Ueberhaupt aber ist es auf dem Dorfe fast nicht möglich von einem Handwerke allein ohne Ackerbau zu leben. Zum Ackerbau hatte Florian keine Gelegenheit und noch viel weniger Lust. Er schlachtete nun eine Zeitlang in Gemeinschaft mit einem jüdischen Metzger, aber auch dies hörte bald auf. Nun half Florian den Straßburger Metzgern Ochsen einkaufen. Er verdiente dabei manch schön Stück Geld und machte auch seinen Vater zu einem ganz glückseligen Menschen. Der alte Metzgerle konnte wieder Ochsen ausgreifen und schätzen wie in alten Zeiten, er verjüngte sich wieder. Florian war einer der ersten Burschen im Dorfe. Ungeschickterweise verdarb er es aber mit dem Schultheißen. Dieser ließ, als die fremden Händler da waren, den Florian zu sich kommen und wollte seine Ochsen verkaufen. »Sie wiegen gut vierzehn Zentner,« beteuerte der Schultheiß. »Was sie mehr als elf wiegen, will ich roh fressen,« erwiderte Florian, und das war dumm; denn von diesem Augenblick an war ihm der Schultheiß spinnefeind. Des kümmerte sich aber Florian wenig, er spielte jeden Sonntag den Baron, kegelte immer am höchsten und ließ, wie man sagt, das Garn auf dem Boden laufen. Es ist ein eigen Ding um die Fremdenehre, sie ist gar bald aufgezehrt. Ein Ansehen, das man sich errungen hat, weil man eine ungewöhnliche Erscheinung war, hört auf, sobald die Leute an die Erscheinung gewöhnt sind; sagt man ja, wenn der Regenbogen lang stünde, würde man sich nicht mehr nach ihm umsehen. So erregte auch Florian kein Aufsehen im Dorfe mehr. Erst ein unerwartetes Ereignis zog wieder die Blicke aller auf ihn. Eines Abends stand er mit seinen Kameraden nicht weit vom Adler, der Schultheiß saß mit dem Geometer auf der Bank vor dem Hause. Florian bemerkte, wie sie nach ihm hinschielten, wie der Schultheiß mehrmals mit der Hand über die Oberlippe fuhr, der Geometer unbändig lachte und dabei das Wort Samson aussprach. Florian wußte nicht, was das zu bedeuten habe, es sollte ihm aber bald klar werden. Andern Tages wurde er vor den Schultheiß geladen, von dem wir uns erinnern, daß er einst Unteroffizier gewesen war; er befahl nun dem Florian, ohne Widerrede seinen »Schnurrwichs« herunter zu machen, da er nie Soldat gewesen und es nur den Soldaten erlaubt sei, Schnurrbärte zu tragen. Florian lachte den Schultheiß aus, worauf dieser gewaltig schimpfte, es kam zur Gegenrede, für die Florian in das Gefängnis wandern mußte. Es ist ein gefährlich Ding, einen Menschen, der eigentlich unschuldig ist, ins Gefängnis zu sperren; das stumpft sein Gefühl und seine Scheu ab für Zeiten, wo er vielleicht schuldig ist. Als Florian herauskam, mußte er dem gestrengen Befehle Folge leisten. Mit einer Wehmut ohnegleichen stand er vor dem Spiegel und preßte seine der Haarzier beraubten Lippen zusammen, seine Zähne knarrten, und ein harter Schwur setzte sich in seiner Seele fest. Im ganzen Dorfe sprach man von nichts, als von dem abgemähten Schnurrbart Florians, und jetzt, seitdem er nicht mehr war, lobte ein jeglicher dessen Vorzüge. Dem Florian war es, als ob seine Haut geschält wäre, und als er durch das Dorf ging. beredete ihn ein jeder über sein verändertes Aussehen. So weit war es aber schon mit Florian, daß er sich sogar über dieses Aufsehen freute. Wenn nur die Leute etwas Besonderes an ihm zu bemerken hatten, das war ihm schon genug. Vor dem Hause der Kreszenz ließ er sich am Tage nicht sehen, und als er abends mit ihr zusammenkam und sie ihn auslachte, schwur er, daß der Geometer ihm jedes Haar bezahlen solle. Kreszenz suchte ihn zu begütigen, er schwieg. Wenige Tage darauf wurde der Geometer auf dem Heimwege von Horb des Nachts von drei Burschen überfallen. Sie schleppten ihn in den Wald, und mit dem Rufe: »Auf ihn, er ist von Ulm!« prügelten sie ihn so durch, daß er kaum mehr heimgehen konnte. Einer rief ihm zum Schlusse zu: »Diesmal war's glimpflich, wenn du binnen acht Tagen nicht aus dem Dorf bist, wird dir das Nachtessen noch einmal gewärmt!« Der Geometer glaubte die Stimme Florians zu erkennen. Er suchte nun eine Klage anhängig zu machen, aber die Wahlbewegungen im Dorfe ließen diese zu keinem richtigen Fortgange kommen. Es wurde ein neuer Schultheiß gewählt, die Bartscherung Florians war die letzte Amtshandlung des unteroffizierlichen Schultheißen. Der Buchmaier, der die Leute ungeschoren ließ und unter dessen Regierung auch der Schnurrbart Florians wieder zu erneuter Herrlichkeit aufwachsen durfte, wurde fast einstimmig »gekurt«. Der Geometer verließ mit seinen Kameraden das Dorf und siedelte sich in Mühl an, der rote Schneiderle und der Adlerwirt boten alles gegen diese Auswanderung auf, aber vergebens. Mit Florian war indessen auch eine große Veränderung vorgegangen. Er schien sich mit den Straßburgern überworfen zu haben, denn er war nicht mehr ihr Unterhändler. Auch der alte Metzgerle blieb fast immer zu Hause, er hatte eine neue Erwerbsquelle gefunden, die reichlich floß. Auf seinen Reisen als Ochsentreiber hatte er mit den Schmugglern im Badischen Bekanntschaft gemacht; denn Baden gehörte damals noch nicht zum Zollvereine. Er verkaufte nun die eingeschmuggelten Sachen, besonders Zucker und Kaffee, und stand sich gut dabei. Der rote Schneiderle sah seinen Kramladen durch den geheimen Zwischenhandel vernichtet, und doch war ihrer Kinder wegen Feindschaft und Kontinentalsperre zwischen ihm und dem Metzgerle. Die Frau aber fand einen glücklichen Ausweg: das Haus der Leichkäther ward der neutrale Boden, auf dem man unterhandelte. Die Leichkäther mußte die fremden Waren von dem Feinde für sie aufkaufen. So war auch zwischen den Großmächten ein geheimes Spiel angezettelt. Fast jeden Sonntag wurde Kreszenz durch arge Mißhandlungen gezwungen, ihrem Vater zu folgen und in Mühl oder halbwegs, in Egelsthal, mit dem Geometer zusammenzukommen. Sie war dann wider ihren Willen munter und lustig, und wenn sie lange genug geheuchelt hatte, wurde sie beim Weine wirklich aufgeheitert, so daß der Geometer glaubte, sie hänge noch immer an ihm. Abends aber ging sie immer wieder heimlich mit dem Florian, und wenn sie nach Hause kam, warteten ihrer neue Mißhandlungen. So lebte Kreszenz ein qualvolles Leben, dessen inneren Widerspruch sie aber zu ihrem Glücke nicht erkannte; sie hatte ihr Leben lang nichts als Unwahrheit und Halbheit vor sich gesehen. 6. Florian in Floribus. Florian suchte im Ort etwas zu verdienen, es gelang ihm aber selten. Er wollte nämlich bloß ans seinem Handwerke oder sonst in einem angesehenen Geschäfte arbeiten, die Feldarbeit hielt er unter seiner Würde; lieber wäre er Hungers gestorben, ehe er, wie andre vermögenslose Menschen, Steine auf der Straße geschlagen hätte. Florian wollte nur das thun, was er gerne that, und das können doch die wenigsten Menschen durchführen. Es ergab sich indes bald eine Gelegenheit, wobei Florian Geld und nach seiner Art hohe Ehre gewann. Der Hammeltanz war nahe, große Vorbereitungen wurden dafür getroffen. Der Adlerwirt hatte sich mit Florian und seinen Kameraden wieder ausgesöhnt, denn als Wirt war er Diplomat genug, um den einmal erlittenen Verlust durch den Auszug der Geometer nicht noch durch Ortsfeindschaft zu verdoppeln. Florian schlachtete nun für Kaspar ein Rind und ein Schwein; letzteres auf der Straße, so daß alle Leute bei ihm stehen blieben und dem flinken Burschen zusahen, der in seiner Handwerksthätigkeit allerdings ganz herrlich anzuschauen war. Die Muskeln an seinen bloßen Armen waren so straff und schön, daß man sagen konnte, die Herrschaft über das Leben der Tiere strotzte darin. Er wetzte das Messer mit drei Strichen auf dem Stahl so scharf, daß er ein flatterndes Haar damit durchschneiden konnte. Besonders aber, als es an das Wursthäckeln ging, stand immer ein großer Kreis von Gaffern um ihn her. Florian häckelte mit zwei Beilen, die er so leicht handhabte wie ein Trommler seine Schlägel; auch pfiff er dabei die schönsten Ländler und schlug den Takt dazu. Manchmal machte er sich noch einen besondern Spaß. Er warf eines der Beile hoch in die Luft, häckelte mit dem andern ununterbrochen fort, schnalzte mit der leeren Hand, fing das Beil am Stiele wieder auf und häckelte dann im Takte weiter. Alles schlug die Hände vor Verwunderung zusammen. Der alte Metzgerle sammelte sich den Ruhm seines Sohnes als Nachtisch zu dem Kesselfleisch, das er genossen; bei dem Schmiedjörgli hielt er sich wieder besonders lang auf. »Ich bin doch ein geschlagener Mann,« sagte dieser, »daß meine Unterthanen mir nicht mehr folgen, da muß ich jetzt hocken und muß sehen, wie alles zu dem Florian hinausrennt und ihm zuguckt. Ich gäb' einen Dreibätzner drum, wenn er da neben mir schlachten thät.« »Ja,« ergänzte der alte Metzgerle und rieb sich die Hände, »der Hofmetzger in Stuttgart kann's nicht wie mein Florian. Er hat einmal in Straßburg mit seinen Kameraden gewettet, er woll' vier Kälber und zwei Säu ganz herrichten, ohne das kleinste Mösle an seine Kleider zu bringen – und richtig, er hat's fertig bracht, und sein Schurz und sein Hemd waren noch grad wie der gefallene Schnee.« Florian hatte nun bei allen Leuten so viel zu thun, daß er Tag und Nacht nicht zur Ruhe kam und am Sonntag des Hammeltanzes die Morgenkirche verschlief. Kreszenz hatte dem Geometer eine Zusammenkunft in Egelsthal versprochen, es gelang aber Florian leicht, sie davon abwendig zu machen. Nach der Mittagskirche war Jubel im ganzen Dorfe. Auf dem Schloßhofe waren Pfähle in einem Kreise aufgesteckt, um die ein Seil gebunden war. In der Mitte des Kreises stand ein schöner Hammel mit einem roten Bande geziert, auf dem Tische daneben stand eine blinkende zinnerne Schüssel. Die Musik ging voraus, ein jeder der Burschen, sein Mädchen an der Hand, hinterdrein. An dem Schloßthor war eine Schlaguhr angebracht, und zwar so, daß man sie nicht sehen konnte. Punkt zwei begann der »Freitanz«. Die Musik spielte einen Marsch, die Paare gingen in strenger Ordnung rings um das Seil. Ein altertümlicher Säbel war in einen Pfosten gehackt, einer der Burschen nach dem andern zog ihn heraus und hackte ihn in den nächstfolgenden Pfosten. Als Florian mit Kreszenz an den Säbel gelangte, stellte er die Waffe aufrecht auf seine unteren Zähne und schritt so lange, ohne zu wanken, bis zur nächsten Station. Ein allgemeines »Gucket au!« lohnte diese Keckheit. Die Leichkäther prophezeite, daß Florian den Hammel gewinne. So wandelte nun alles im Kreise, jubelnd und lachend. Als Florian den Säbel wieder in der Hand hielt, schlug es plötzlich drei. Ein allgemeines »Hoch!« erscholl. Das Seil wurde eingerissen und dem Florian der Hammel, das Band und die Schüssel gebracht. Die Mädchen kamen herbei, glückwünschten der Kreszenz und flochten ihr das neue Band in das Haar. »Jetzt ist es g'wiß, ihr krieget euch dies Jahr,« sagte des Melchiors Lenorle. Kreszenz aber sah ihren Vater, der mit geballter Faust vor ihr stand; sie weinte. Mit Musik zog man nun in das Wirtshaus, Florian begann mit Kreszenz den ersten Tanz. Der Buchmaier hatte als Schultheiß eine alte Sitte wieder erneuert. Er beorderte weder den Schützen noch einen Landjäger als Ordnungshalter zum Tanze. Am Vorabende hatte er alle Burschen, die das achtzehnte Jahr zurückgelegt hatten, zusammenkommen und sie zwei sogenannte »Tanzburschen« wählen lassen. Konstantin und des Zimmermanns Valentins Xaver erhielten die meisten » Kuren «, der dritte sollte der sein, der den Hammel gewänne; der Schultheiß hatte sich nur vorbehalten. falls einer der Gewählten der Glückliche wäre, noch einen aus eigener Machtvollkommenheit zu ernennen. Nun war Florian der dritte Tanzbursche, der, wie die andern, ein weißes Band um den linken Arm erhielt. Die drei mußten für die Aufrechthaltung der Ordnung bürgen, jede Störung fiel ihnen zur Last; es kam aber keine vor, denn die Leute lassen sich am liebsten von denen aus ihrer Mitte regieren. Kreszenz war ganz glückselig, sie vergaß den Geometer vollends. So schön als Florian konnte keiner tanzen, selbst der Jörgli nicht; er schlug immer im Takte die Füße zusammen, so daß aller Blicke auf seine schöngewichsten Stöckelstiefel gerichtet waren. Dann rief er manchmal mitten aus dem Tanze heraus: »Hellauf!« Sein ganzes Wesen hob und bewegte sich nach dem Tone der Musik; er war ein ganzer Tänzer. Er wollte keine Minute ruhen, und als die Musik eine Weile aushielt, trat er zu dem Klarinettisten und sagte: »Laß dein dürr Holz rappeln,« worauf der Musikant erwiderte: »Laß was einschenken, daß es quillt.« Florian warf einen Sechsbätzner auf den Tisch. Spät in der Nacht wurde der »Balbiererstanz« ausgeführt, bei dem Florian in seinem vollen Glanze erschien. Es wurde nämlich ein Mensch hereingebracht, der schneeweiß aussah, vorn und hinten einen Höcker hatte und überall mit weißen Tüchern verbunden war; man konnte den Studentle gar nicht mehr erkennen. Die Musik spielte die Weise zu dem Lied: Hol mir den Balbierersknecht, 's ist mir jo gar net reacht. Ein Stuhl wurde in die Mitte des Saales gestellt und der Kranke daraufgesetzt. Der ersehnte Arzt kam herbei, um und um mit Messern behangen, eine große Klammerbrille auf der Nase und eine Perücke von Werg auf dem Kopfe. Ein schallendes Gelächter begrüßte den Eintretenden, es war Florian. Mit possierlichen Sprüngen tanzte er um den Kranken herum, fühlte ihm den Puls, öffnete den Verband am Arme, ließ zur Ader und steckte endlich ein Messer in den Höcker und ließ es darin. Der Kranke fiel tot zu Boden, die Musik ertönte in dumpfen Klagen. Der Arzt sprang verzweifelnd in der Stube umher, raufte sich ganze Ballen seiner Perücke aus und warf sie den Leuten ins Gesicht; die Musik verstummte. Endlich, die Hand an die Stirne legend, besann sich der Gequälte und rief: »Musik!« Wiederum Klagetöne. Er kniete zu dem Kranken nieder, riß ihm den Mund auf und zog unaufhörlich weiße Bändel heraus: aber immer noch lag der Kranke leblos. Jetzt nahm der Arzt ein großes Schoppenglas, füllte es bis an den Rand mit Wein, stellte es auf seine Stirn und legte sich nach dem Takte der Musik neben den Kranken rücklings auf den Boden. Alles hielt den Atem an ob dieses schweren Kunststückes, aber es gelang. Nun wurde dem Patienten das volle Glas bis auf die Neige eingegossen, er schlug um sich, warf die Vermummung ab, Florian that desgleichen, die Musik spielte wieder einen Hopser, des alten Schultheißen Bäbele kam herbeigesprungen und tanzte mit Konstantin, Kreszenz mit Florian; alles war wieder munter und wohlauf. Man hatte mitten in der Lust mit dem Uebel und der Trauer gespielt, mit erneutem Freudejauchzen lebte man wieder auf. Als man sich eine Weile zu Tische setzte, trank und sang, gab Florian ein neues Lied zum besten, das er aus der Fremde mitgebracht hatte; es lautete: Zu Straßburg auf der Schanze, Hatte mich ein Mädchen lieb, Es bracht' mir alle Morgen Einen Kaffee und einen Brief. Den Brief hab' ich erhalten, Den Kaffee aber nicht, Darinnen stand geschrieben: Der Winter ist vor der Thür. Der Winter und der ist kommen, Die Meister werden stolz, Sie sprechen zu den Gesellen: Geh 'naus und spalt mirs Holz. Spalt es mir nicht zu grobe, Spalt es mir nicht zu fein, So kannst du diesen Winter Mein treu' Geselle sein. Der Winter und der ist ume, Die Gesellen werdens frisch, Sie nehmen Stock und Degen Und treten vor Meisters Tisch. »Ach Meister, wir wollen rechnen, Es ist die schönste Zeit, Du hast uns diesen Winter Mit Sauerkraut gespeist.« »Ist dir das Brot zu schwarze, Ich laß es backen weiß, Ist dir dein Bett zu harte –« Hier kamen Verse, über die leider weder Kreszenz noch sonst eines der Mädchen errötete, vielmehr jubelte alles von neuem. Wer mag nun zweifeln, daß Florian der erste Bursch im Dorfe war? Als aber Kreszenz nach Hause kam, mußte sie schwer dafür büßen, daß sie heute die erste Rolle gespielt hatte; die Mutter war krank, und der Vater besaß nun alle Macht im Hause. Kreszenz duldete ohne Murren, sie wußte jetzt sicher, daß sie mit Florian vereinigt würde; hatten sie ja gemeinsam den Preis gewonnen. 7. Es geht scharf bergab. Als die Zeit der Lustbarkeiten vorüber war, hatte auch die Herrlichkeit des Florian ein Ende, er wurde in die Ecke gestellt wie eine gebrauchte Baßgeige; alles ging wieder ruhig an sein Geschäft und sah sich wenig mehr nach den Spaßmachern um. Nur Florian hatte kein rechtes Geschäft und wollte auch keines haben, er lotterte in den Wirtshäusern umher und war auch da bald unwert. Auf dem Lande, wo jedes die häuslichen Verhältnisse des andern kennt, ist es nicht leicht, eine große Rolle zu spielen, wenn man es nicht aufzuwenden hat. Baden war jetzt dem Zollvereine beigetreten, und so war auch zu Hause Schmalhans Koch. Bei alledem ging aber Florian noch immer aufrechten Ganges, stolz und schön geputzt wie in seinen besten Tagen. Nie ging er unsauber einher, und selbst als seine Stiefel fast keine Sohlen mehr hatten, waren sie doch immer schön gewichst. »Man sieht einem auf den Leib, aber nicht in den Magen,« war sein Wahlspruch, und oft sang er das Lied: Jetzt hab' ich noch drei Kreuzer, Ist all mein bares Geld, Dafür laß ich mir waschen Meine Hosen und Gamaschen, Kauf mir Wichs' dazu, Kauf mir Wichs' dazu, Für mein' Stiefel und Schuh. Die Uhr mit dem silbernen Behäng hatte Florian nur noch am Sonntag, das hatte er sich ausbedungen, als er sie bei der alten Gudel versetzte. Der Horber Markt kam, und nun gab es wieder ein Fest für das halbe Dorf. Der alte Metzgerle stand schon seit dem frühen Morgen an des Jakoben Brunnen, alle Bauern, die ihre Ochsen zu Markt trieben, ließen sie von ihm schätzen, und mit großem Wohlbehagen verrichtete er dies Geschäft; es war ihm wieder, als könne er das alles kaufen; auch hoffte er, es würde ihn ein Bauer mitgehen heißen, aber keiner that es. Der arme Mann hatte heute schon so viel gesundes Fleisch unter Händen gehabt, aber seit vierzehn Tagen keinen Bissen Fleisch über den Mund gebracht. Als nun alle seine Mühe vergebens war, wischte er sich seufzend den Schweiß von der Stirn, ging nach Hause, nahm seinen alten Knotenstock und ging auf gut Glück zu Markte, um dort als Unterhändler ein paar Kreuzer zu verdienen. Florian lief im Dorfe umher und war ganz außer sich, er begegnete der Kreszenz, die mit ihrem Vater ebenfalls zu Markte ging, aber er lief schnell an ihnen vorüber; er hatte keinen Heller Geld in der Tasche. Wo er einen Burschen sah, gedachte er ihn um ein Darlehen anzusprechen, aber bald sagte er sich wieder: »Der gibt mir doch nichts, und der hat selber nicht viel, und dann hast du nichts als die Schand'.« So ließ er einen nach dem andern von seinen Bekannten an sich vorübergehen. Er dachte: »Ei, du brauchst ja nicht zu Markte zu gehen, du hast ja nichts dort verloren; es gehen ja noch viel' Leut' nicht. Ja, aber die wollen nicht, und ich kann nicht.« Nun ward es ihm, als verliere er eine unersetzliche Freude, wenn er zu Hause bliebe; es ward ihm, als müßte er gehen, als stünde alles dabei auf dem Spiel. Mit glühenden Wangen und forschenden Blickes ging er durch das Dorf, immer im Selbstgespräch: »Da wohnt der Schmied Jakob, dem hast du's beim Hammeltanz oft zugebracht, ja, aber er gibt dir doch nichts. Dort wohnt der Schreiner Koch, er war auch in der Fremd', zu dem gehst du; es ist eigentlich zum erstenmal, daß du so vertraut mit ihm bist, aber du mußt es doch thun.« Der Schreiner Koch band eben ein Rind von der Krippe los, über Geldmangel klagend, Florian schwieg mit seinem Verlangen. Der Studentle war nicht mehr zu Hause; Florian war schnell entschlossen, er ging zum Adlerwirt, sagte: der Studentle schicke ihn, er solle demselben sechs Kronenthaler leihen; Florian wollte nicht um eine Bagatell bitten. Der Adlerwirt erwiderte: »Ich borg' nichts, das macht die beste Freund' zu Feind'.« – »Du hast recht, ich hab's auch gesagt,« erwiderte Florian grimmig lachend und ging davon. Mit einem schrecklichen Gefühle der Verlassenheit wandelte er umher und dachte: »Wenn man kein Geld hat, ist man doch auch daheim nicht recht daheim.« Schweißtriefend lief er durch alle Gassen, es war ihm, als ob jede Minute, die er versäume, Unwiederbringliches an ihm vorübergehen lasse. Er gedachte nun, wie die großen Herren, Geld von einem Juden zu leihen; auch ihn störten ihre Blicke nicht bei seinen Verschwendungen oder Großthuereien. »Judenschulden sind kein' Schand',« sagte er sich und sprach des Mendles Meierle, das mit einer vollen Geldgurte zu Markte ging, offen um ein Darlehen von einigen Karolin auf hohe Zinsen an; er erhielt eine abschlägige Antwort. Endlich kam er auf den gescheiten Gedanken, nur geradeswegs nach Horb zu gehen und dort zu thun, als ob er sein Geld vergessen oder verloren habe; er ärgerte sich jetzt, daß er den Gedanken nicht früher gehabt, und ging fürbaß. Als er an dem Hause des Schmiedjörgli vorüberging, saß dieser wie gewohnt auf der Bank, er war heute besonders gut aufgelegt, da er durch die Marktgänger Unterhaltung in Fülle hatte. »Wohin so schnell, Florian? Du siehst ja aus, wie wenn dir die ganz' Welt feil wär'!« Florian stutzte und blieb stehen. Er vergaß, daß es eine besondere Freude des Schmiedjörgli war, Leute, die eine schwere Last, einen Sack voll Korn oder einen Kleebündel trugen, eine Weile durch Fragen zu stellen; manche gingen in die Falle, und der Alte freute sich dann doppelt, daß er so los und ledig dasaß, während die andern keuchten. Auch wenn jemand eine schwere Schmerzenslast im Herzen trug, suchte ihn der Schmiedjörgli bei sich aufzuhalten; das war ja die beste Zeit, um etwas zu erfahren. Florian dachte an alles das nicht mehr, denn er fragte: »Wie könnet Ihr denn das wissen?« »Man sieht's dem Strumpf an, wenn das Bein ab ist. Ich weiß wohl, gelt, grad ist die Kreszenz mit ihrer Mutter Mann da vorbei, er bringt sie auch zu Markt.« »Ich hab' kein' Sorgen.« »Ich weiß wohl, man sagt, du seist tüchtig mit ihr verbandelt.« Florian schmunzelte und ging weiter; es war ihm lieb, daß man das Rechte nicht ahnte. An der Hohlgasse sah Florian den Schlunkel, den »verwogenen« Kerl, der schon zweimal im Zuchthause gewesen war, am Raine sitzen und sein Geld zählen; sonst hätte er sich nicht herabgelassen, diesen Menschen nur zu grüßen, jetzt sagte er zuerst halb spaßhaft: »Soll ich dir helfen zählen?« Der Angeredete sah auf und antwortete nicht. Florian setzte sich zu ihm und bat ihn endlich um einen Gulden. Der Schlunkel grinste ihn an, schnürte seinen Lederbeutel fest zu, fuhr sich mit dem Zeigefinger über den Mund und pfiff dabei; Florian aber hielt seinen Arm krampfhaft fest. »Du wirst doch mir das Geld nicht nehmen wollen?« fragte Schlunkel, »zu was brauchst denn so viel Geld?« »Ich muß mir was kaufen.« »Meinetwegen, komm, ich geh' mit nach Horb.« Florian zitterte, lieber wäre er in die Hölle gegangen, als am helllichten Tag mit dem Schlunkel nur zehn Schritte; er sagte daher: »Gib mir nur einen Sechsbätzner, in einer Stund' treff' ich dich im Ritter, da hast's wieder.« Der Schlunkel gab das Geld, und Florian jagte wie der Blitz davon. Unterwegs aber langte er nochmals in seine Tasche, er wußte gar wohl, wie viel er darin hatte, aber er wollte sich dessen nochmals vergewissern. Er drückte die vier Sechser einen nach dem andern durch die Finger, als wollte er mit aller Gewalt aus jedem noch einen zweiten herausdrücken. Pfeifend ging dann Florian über den Viehmarkt hinweg nach dem Krämermarkt in der oberen Stadt. 8. Florian verspielt sich und gewinnt die Kreszenz. Plötzlich blieb Florian stehen, ein Tisch mit Würfeln stand vor ihm, er ging vorbei und betrachtete sich die Pfeifen an der nächsten Bude; bald aber kehrte er wieder um und stellte sich an den Tisch mit dem Vorsatze, nur den andern zuzusehen, wie sie spielten. Einer war besonders glücklich auf Nr. 8. Florian langte in die Tasche und setzte auf die gleiche Nummer drei Kreuzer, er verlor. Schnell setzte er abermals, er verlor wieder. Er kneifte sich auf die Lippen, daß ihm das Blut in den Mund rann: schnell aber sah er sich lächelnd um, damit niemand es merke. Er setzte abermals und verlor bis auf sechs Kreuzer. Er spürte es in den Knieen, wie alle Kraft daraus wich, seine Eingeweide kochten; mit zitternder, fieberheißer Hand warf er seinen letzten Sechser hin und schaute nach der andern Seite, er gewann sein ganzes Geld wieder. Schnell raffte er es ein und dachte innerlich: »So, jetzt hast du mich gesehen, hab' ich doch mein Sach wieder;« dennoch blieb er stehen, es war,. als ob er festgebannt wäre, auch wollte er den Schein vermeiden, so schnell mit seinem Wiedererworbenen davon zu gehen. Wiederum dachte er: »Ich muß doch dem Schlunkel das Geld wieder geben und woher nehmen? Einen Sechser will ich wagen, das andre Geld thu' ich in die rechte Tasch', da herein greif' ich gar nicht.« Er setzte, und nach einer Weile griff er doch in die rechte Tasche und wankte endlich ganz ausgebeutelt vom Tische fort. Mit einer Wehmut und Selbstanklage ohnegleichen lief er nun auf dem Markte umher; da waren tausenderlei Sachen ausgestellt, die für Geld zu haben waren, er aber konnte nach keiner seine Hand ausstrecken. Ein furchtbarer Fluch gegen die Welt trat zuerst über seine Lippen, er wünschte sich, daß er alles zu unterst zu oberst kehren könnte. Wenn man so darüber nachdenkt, möchte man fragen: Ei, warum wettert und flucht denn so ein Mensch wie der Florian? Die Welt hat ihm nichts gethan, er ist selber schuld an seinem Unglück. Aber die meisten Menschen denken eben nichts, sowohl die leichtfertigen, welche Handschuhe anhaben, als die, welche keine anhaben; wenn's ihnen schlecht geht, sind sie eben grimmig. Nur ein Trost blieb Florian: er gelobte sich, in seinem Leben keinen Würfel mehr anzurühren. »Freilich,« sagte er sich wieder, »du hast jetzt gut schwören; wenn die Kuh draußen ist, macht man den Stall zu.« Dennoch fand er einen Trost in diesem Vorsatze. Da begegnete ihm sein Vater, er sah fröhlich aus; Florian eilte auf ihn zu und sagte: »Vater, habt Ihr kein Geld?« »Ich hab' da drei Sechsbätzner bei einem Ochsenhandel verdient, guck.« »Gebt mir zwei davon.« Noch ehe der alte Metzgerle ja oder nein sagen konnte, war Florian mit dem Gelde im Gedränge verschwunden. Wohlgemut ging er nun zwischen den Buden einher, er war von dem sichern Bewußtsein des Besitzes getragen und plauderte bald mit diesem, bald mit jenem. Die Spieltische würdigte er kaum mehr eines Blickes. Bald aber dachte er wieder: »Du hast dein' Sach' blitzdumm angefangen, bist 'rumtappt von einer Nummer auf die andre; da hat's nicht fehlen können, du hast dein Geld verlieren müssen. Soll ich's denn dem Krattenmachergesindel lassen? Ja, du hast ja geschworen, keinen Würfel mehr anzurühren. Ich halt' meinen Schwur, ich geh' dort an den Tisch, wo der Spielhalter den Würfel durch die Schlang' rollen läßt, da rühr' ich nichts an.« Er ging abermals an einen Tisch und spielte zuerst wie die andern um Kreuzer. Er spielte erst überlegt und wich nicht von seinem Plane, behielt die Nummern im Auge, die oft herausgekommen waren, und setzte auf die andern. So spielte er eine Weile, ohne etwas zu gewinnen oder zu verlieren. Nun ward ihm dies langweilig, er setzte höher und auf mehrere Nummern und gewann; er winkte noch andre Bekannte herbei, sie sollten mitthun. Bald aber wendete sich das Glück, und Florian verlor. Jetzt taumelte er auf dem Brette umher, fuhr unschlüssig mit dem Gelde über alle Zahlen und setzte endlich, rückte aber noch, ehe der Wurf geschah, oft wieder weg. Wenn es sich dann ereignete, daß gerade die verlassene Nummer gewann, lachte er laut auf. Das Glück ward ihm immer ungünstiger; er blieb nun wieder wie von Anfang auf bestimmten Nummern. Endlich hatte er wieder den letzten Groschen in der Hand und setzte ihn mit solchem Nachdrucke auf den Tisch, daß alles wankte – abermals verloren. Florian sah still drein, er atmete kaum hörbar, aber in seinem Innern stürmte und tobte es gewaltig; er blieb noch eine Zeitlang am Tische stehen, um seinen Bekannten nicht zu verraten, daß er kein Geld mehr habe, und schlich sich endlich leise fort. Jetzt fluchte und gelobte er nicht mehr, kein guter und kein böser Vorsatz stieg in ihm mehr auf; er ging umher wie ein Körper ohne Seele, ohne Gedanken und Willen, dumpf, ausgebrannt und hohl. Die Musik, die jetzt zum Ohre Florians drang, erweckte ihn erst wieder zum Leben, er stand vor dem Wirtshaus zur Rose. Unter der Hausthüre stand der Franzosensimpel, der auf einen Freihalter wartete. » Drenta marioin! « rief er Florian entgegen, das Zeichen des Trinkens machend, Florian aber schob ihn beiseite und ging hinauf zum Tanze. Von allen Seiten wurde es ihm zugebracht, er nippte nur am Glase und wollte es wieder hinstellen. »Es ist in guter Hand,« rief man ihm zu, was so viel hieß, als: du mußt austrinken. »Hinten hoch! sagen sie drunten am Rhein,« erwiderte dann Florian, auf einen Zug das Glas über dem Kopfe leerend. Durch diese oft wiederholte Ladung fühlte er wieder neues Leben in sich, die verschiedenen Weine regten ihn auf, und er wischte sich den Schweiß von der Stirn. Endlich sah er den Peter, der auf ihn zukommend sagte: »Hast du die Kreszenz gesehen? Drüben im Ritter sitzt sie bei dem Geometer.« Florian leerte schnell noch das Glas seines Freundes und eilte fort. Er freute sich, nun doch etwas zu haben, an dem er seinen Grimm auslassen konnte; er wollte ein Verbrecher sein, sich und alles zu Grunde richten. Auf Nebenwegen, an der alten Apotheke vorbei, wo kein Marktgedränge war, eilte Florian zum Ritter; er rannte die Staffeln hinan und nahm immer drei auf einmal. Wenn nur die Menschen zum Guten auch so rennten wie zum Bösen! Wie oft gehen sie durch Wind und Wetter, über Stock und Stein ihren niederen Gelüsten nach; gilt es aber, die Pflicht oder sonst etwas Gutes zu thun, ist ihnen jedes Windchen zu rauh und jedes Steinchen eine unübersteigliche Mauer. Tief atmend kam Florian im Ritter an. Als Kreszenz ihn sah, eilte sie freudestrahlend auf ihn zu, faßte mit beiden Händen seine zitternde Rechte und sagte: »Gott Lob und Dank, daß ich dich wieder hab', jetzt bin ich wieder ganz dein, grad hab' ich dem Geometer ein für allemal aufgesagt. Es hat schon lang in mir kocht. Jetzt ist's übergelaufen. Guck, ich bin froh, ich weiß mir gar nicht zu helfen, jetzt weiß ich doch wieder, wem ich bin, und dein bin ich, mag daraus werden, was will. Warum machst du denn so ein Gesicht? Bist du denn nicht auch froh, daß das Lugenleben ein End' hat?« Sie rückte ihm das Kappenschild, das ihm in der Aufregung auf die Seite gekommen war, wieder zurecht in die Mitte der Stirne. Florian ließ alles an sich hinreden und mit sich geschehen, es war ihm zu Mute wie einem, der von Lastern und blutigen Greueln geträumt und sich nun plötzlich an der Seite der Liebe und des seligen Friedens erwacht sieht. Er schreckte fast zusammen vor dieser innigen Liebe, die ihn mitten in seiner Verworfenheit begrüßte. Nichts nannte er jetzt mehr sein, als sein armes Leben, das er gern von sich geschleudert hätte; nun ward es ihm wieder etwas wert, da ein andres Leben es so warm umfing. Er lächelte schmerzlich froh und sagte endlich: »Komm, Kreszenz, wir wollen fort.« Kreszenz willfahrte ihm gern, sie schaute aber nochmals lächelnd und fragend auf, als eben ein frischer Walzer gespielt wurde; sie hätte trotz ihrer innigen Freudigkeit doch auch noch gern getanzt, sie wollte es aber nicht aussprechen, nicht sowohl aus Furcht vor Mißverständnis, als weil sie eigentlich froh war, ganz nach dem Willen Florians leben zu können. Nicht weit von der Thüre saß der Schlunkel einsam bei seinem Schoppen, er hatte keinen Kameraden; er brachte es nun dem Florian vertraulich zu, der zu der betroffenen Kreszenz sagte: »Geh einstweilen voraus, ich komm' gleich nach.« Betrübt ging Kreszenz weiter und harrte auf der Treppe, drinnen aber sagte der Schlunkel: »Nun, gib mir jetzt mein Geld.« »Ich kann nicht, ich kann mir's ja nicht aus den Rippen schneiden.« »So gib mir das Messer, das du da stecken hast, zum Pfand.« »Ich bitt' dich, wart nur noch bis morgen abend; wenn du's da nicht hast, bezahl' ich dir's doppelt.« »Du hast gut doppelt versprechen, aber wer gibt mir's?« »Ich.« »Willst du morgen abend zu mir kommen?« »Ja.« »Nun, so meinetwegen.« Florian ging schnell weg, als ihn aber Kreszenz fragte: »Was hast du mit dem schlechten Menschen?« ward er so rot wie ein Feuerdieb und erwiderte: »Nichts, er hat mir mein Messer ahhandeln wollen.« »Hast recht, daß du's ihm nicht geben hast, der hätt' einen Mord mit begangen.« Florian schauderte zusammen, es that ihm tief wehe, daß Kreszenz ihm so treuherzig glaubte. 9. Wie ein Thunichtgut und wie ein liebendes Mädchen werden kann. Der zehnte Mensch weiß nicht, wie der elfte lebt. So konnten sich die Leute auch gar nicht denken, wovon der Florian zu essen und zu trinken hatte; er hatte aber auch in der That wenig und ging nun den Studentle um ein Darlehen an. »Ja,« sagte dieser, »Florian, du solltest eben anders leben; das ist kein' Art, so kann das nicht gehen, du mußt dich ändern.« »Das ist jetzt nicht am Ort,« erwiderte Florian. »sag mir das ein ander Mal, wenn ich nicht in Not bin, da geht's eher an; jetzt hilf mir und mach mir keine Vorwürf'.« Die zur Unzeit gemachten Ermahnungen prallten ab und verursachten gerade die entgegengesetzte Wirkung, Florian erschien sich dadurch mehr bemitleidens- als scheltenswert, mehr unglücklich als schlecht. Mit einem gewissen Stolze des Verzeihens wiederholte er seine Bitte, worauf der Studentle erwiderte: »Das geht nicht. Wenn man sich bald verheiratet, ist's aus mit dem Geldverzetteln; du mußt halt allein sehen, wie du's machst.« Der Studentle war nämlich mit des alten Schultheißen Bäbele Bräutigam geworden, obgleich wir uns noch aus der Geschichte des Ivo her erinnern, daß er nicht gar hoch vom Bäbele dachte. Er hatte um des Buchmaiers Agnes gefreit, und, wie vorauszusehen war, einen Korb bekommen; er erzählte nun dies offenkundig. »Denn,« berechnete er, »du mußt bei den Leuten ja als ein Hauptkerl gelten, weil du die Kurasche gehabt hast, um das erste Mädle anzuhalten; drum sollen sie's alle wissen, da werden die reichsten gesprungen kommen.« Sie kamen aber nicht, und er begnügte sich mit dem Bäbele. Bei dem Studentle ging es nun wie bei gar vielen verschwenderischen Menschen: wenn sie auf eigene Strümpfe kommen, werden sie geizig und hart. Es war für Florian allerdings ein Unglück, daß gerade der Studentle sein Hauptkamerad war; er sagte sich nun oft: »Der ist doch kein bißle besser als du, und warum geht's ihm besser?« Er grollte dann immer mehr mit dem Schicksal, ward unglücklich und schlaff. Kreszenz aber war indessen ganz glückselig; so sehr sie auch ihr Vater mißhandelte, weil sie den Geometer aufgegeben, war sie doch durch letzteres eben gerade recht glücklich; ihr Wesen war nicht mehr geteilt, sie gehörte ganz dem an, den sie stets im Herzen getragen. Die traurige Lage Florians blieb Kreszenz nicht verborgen, sie sah kein Verbrechen darin, ihm auf allerlei Weise Hilfe zu verschaffen. Sie entwendete Tabak und andere Sachen aus dem Laden und drang es heimlich dem Florian auf. Anfangs schämte er sich zwar, es anzunehmen, nach und nach aber lehrte er sie, wie sie ihm immer mehr verschaffen sollte, denn er hatte durch den Schlunkel Absatzwege gefunden. Kreszenz gehorchte ihm in allem; es war ihr oft, als hätte ihr Florian über die ganze Welt und alles, was darauf und darin sei, zu gebieten, als müßte ihm ein jedes unterthan sein; es war ihr, als ginge er nur einstweilen so machtentblößt einher, als würde er bald allen zeigen, was er zu bedeuten habe. Sie hoffte, daß der Augenblick bald kommen werde, da er in seinem vollen Glanze dastehe; sie hoffte das so zuversichtlich und vertrauensvoll wie den morgenden Tag, und doch wußte sie nicht, auf was sie hoffte. – Bald aber wurde sie wieder aus ihren Träumen geweckt. Der Schneiderle kam hinter die Entwendung seiner Tochter, und in einer stürmischen Nacht, als der Wind den Regen jagte, verstieß er sie aus dem Hause und drohte ihr, sie den Gerichten zu übergeben, wenn sie wieder käme. Die Mutter lag todkrank danieder und konnte nicht abwehren. Kreszenz wußte sich nicht zu helfen. Sie eilte zum Florian, er war nicht zu Hause. Sie weinte laut, als sie hörte, mit welchem nächtlichen Kameraden er weggegangen war. Sie zog vor dem platzenden Regen den obern Rock über den Kopf, sie hätte sich gern in sich selbst verkrochen; und nachdem sie lange umhergelaufen, ohne es zu wagen, in ein Haus zu gehen, suchte und fand sie endlich bei des Melchiors Lenorle Unterkunft. Alle Versuche, wieder nach Hause zurückkehren zu dürfen, waren vergebens. Kreszenz strickte und taglöhnerte nun für fremde Leute, auch Florian brachte ihr hin und wieder etwas, er war wieder bei Geld. Der Kreszenz aber schauderte es vor jeder Münze, die er ihr gab, als ob Blut daran hinge; sie meinte, aus jedem Gesichte der geprägten Herrscher sähe der Schlunkel heraus. Das Lenorle erlauschte immer die Zeit, wann der Schneiderle mit seinem Zwerchsack nach Horb ging, dann durfte Kreszenz nach Hause schleichen und sich mit allerlei versehen. Auch Florian war oft auf der Lauer, um zu erschauen, wann niemand in der Nähe war, so daß er, seiner Ehre unbeschadet, zu dem Schlunkel schleichen konnte. Ein unvermuteter Widerstand zerriß aber bald diese trübselige Kameradschaft. Der Schlunkel hatte dem Papierer von Egelsthal zwei Hämmel gestohlen. Als nun Florian eines Tages bei ihm war, verlangte er von ihm, daß er die Tiere schlachten und herrichten solle. Sein Stolz, seine Krone war für Florian bisher sein Handwerk gewesen; diese Zumutung beleidigte ihn im Tiefsten, er sagte daher: »Eher schneid' ich dir und mir die Gurgel ab, ehe ich gestohlene Hammel im geheimen schlacht'.« »O du Trallewatsch,« sagte Schlunkel, mit einem gewandten Griffe dem Florian sein Messer aus der Tasche ziehend, »du kommst nicht lebendig aus der Stube, wenn du nicht die Hämmel metzgest oder mir meine zwei Kronenthaler bezahlst.« »Wart, ich will dir!« knirschte Florian, den Schlunkel umfassend, und suchte ihm das Messer zu entreißen. Beide rangen aus aller Macht miteinander, aber keiner wollte unterliegen; da hörte man Geräusch, Florian ließ los und sprang schnell zum Fenster hinaus. Betrübt kam er zu Kreszenz und gestand ihr alles. Ohne ein Wort zu reden nahm sie ihre Granatenschnur samt dem Anhenker vom Halse, zog ihren silbernen Ring von der Hand und reichte es hin. »Was soll ich damit?« fragte Florian. »Du sollst's versetzen oder verkaufen und den schlechten Menschen bezahlen.« Florian umarmte und küßte sie und sagte dann: »Thu du's und bezahl ihn dann; versetz es nur, kannst dich darauf verlassen: ich schaff' dir's wieder.« Kreszenz that, wie ihr befohlen, und brachte das Messer wieder. Florian untersuchte es genau und fand, daß kein Blut daran gewesen; er freute sich innerlich, daß sein Ehrenschmuck nicht mißbraucht worden war. 10. Florian sucht Hilfe und nimmt die nicht, die er findet. »Hör mal,« sagte Florian eines Tages zu Kreszenz, »das Ding muß ein End' nehmen; in die Fremd' gehen kann ich nimmer, deinetwegen nicht, und auch meine Ehr' steht darauf, ich muß es 'nausführen; wie meinst, wenn ich zu dem Pfarrer ging'? Er muß uns ein paar hundert Gulden geben, nachher können wir uns heiraten.« »Du hast ja sonst nichts von ihm wissen wollen.« »Not frißt Hobelspän',« erwiderte Florian. »Willst du mir ein Briefle an ihn mitgeben und es auch von deiner Mutter unterschreiben lassen?« »Wie du willst, du mußt am besten wissen, was zu thun ist; ich thu', was du sagst.« Andern Tages war Florian auf dem Wege zu dem Pfarrer. Trübe Gedanken gingen ihm durch den Kopf, wenn er sich besann, wohin er wandere; die Frische der Bewegung erhellte aber seinen Sinn bald wieder. Er war nun seit vielen Wochen fast nicht mehr aus dem Dorfe gekommen, die trübseligen, engen Verhältnisse und der Kampf mit ihnen hatten ihn stets umschlungen; jetzt durchzog ihn wieder die freie Wanderlust, er fand wieder einen größeren Maßstab des Lebens und sagte sich: »Man kann auch anderswo leben, es muß nicht gerade daheim im Dorfe sein. Ich kann mit meiner Kreszenz glücklich sein, wenn auch der Schmiedjörgli und der Adlerwirt nichts davon wissen; aber Respekt müssen sie vor mir haben, nachher geh' ich. Von dem Gang da darf aber keine Sterbensseel' was erfahren.« Es war gegen Abend, als Florian an seinem Ziele anlangte. Er ging alsbald nach dem Pfarrhause, traf aber niemand als die Haushälterin, eine wohlgenährte, stolze Person; sie suchte ihn auf allerlei Weise auszufragen, er aber sagte immer: er müsse mit dem Pfarrer selber reden. Endlich kam dieser, seine zwei halhgeschorenen Spitzhunde mit Gebell voraus; sie wollten sich nun an Florian machen, er aber blickte sie nur an, und sie krochen in eine Ecke. Nicht umsonst sagten die Leute, daß Florian die Hunde bannen könne; die wildesten, wenn er sie nur scharf ansah, wurden zahm und scheu. Jetzt aber schlug Florian die Augen nieder, da er den Pfarrer gesehen. Es war ein untersetzter, kräftiger Mann, der eine weiße und eine schwarze Halsbinde trug; selbst bis auf die Sommerflecken glich ihm Kreszenz. Dem Pfarrer kam der scheue Blick Florians verdächtig vor, er fragte daher nach seinem Begehr. »Ich muß allein mit Euch reden,« erwiderte Florian. Der Pfarrer hieß ihn in seine Studierstube folgen. Florian übergab den Brief, der Pfarrer las. Florian verfolgte mit scharfem Blicke seine Züge. »Von wem ist der Brief?« fragte der Pfarrer, »ich kenne die Person nicht.« »Ihr kennet doch die rot' Schneiderin? Da hat sie drunter geschrieben, und das Obere ist von ihrer ältesten Tochter. Die rot' Schneiderin liegt auf dem Totenbett, sie wird nimmer aufkommen.« »Thut mir leid. Sagt den Leuten einen schönen Gruß, und wenn ich was für sie thun kann, wird's schon geschehen.« »Und für die Kreszenz wollt Ihr jetzt nicht ein Besonderes thun?« »Ich sehe nicht ein, warum.« »Aber ich seh's ein, Herr Pfarrer. Es soll kein Mensch was davon erfahren, ich will einen Eid schwören und das Abendmahl darauf nehmen, aber helfen müsset Ihr uns, Ihr müsset, oder ich weiß nicht, was aus uns beiden werden soll.« Der Pfarrer suchte in der Tasche nach seinen Schlüsseln, er hatte den rechten gefunden; in der Hand damit spielend, sagte er: »Ich helfe armen Leuten gern, aber ich kann jetzt nur wenig thun.« »So gebet mir fürs andere ein Schriftliches.« Bei diesen Worten schaute der Pfarrer verwirrt: um sich, es war ihm, als hätte er sich verraten, da man eine solche Zumutung an ihn zu stellen wagte; er sagte daher mit sichtbar erzwungener Härte: »Einmal für allemal, die Leut' gehen mich nichts an, und da habt Ihr was für Eure Zehrung.« Er wollte Florian etwas Geld geben, dieser aber warf es ihm vor die Füße und rief: »Ich frag' zum letztenmal: wollt Ihr Euch um Euer Kind, das Euch aus dem Gesicht geschnitten ist, annehmen oder nicht? Ja oder Nein? Ihr seid der Vater von meiner Kreszenz. Ich darf Euch nichts thun, ich will Euch nichts thun, aber, Herr Gott! ich weiß nicht, was ich thu'.« Er langte mit der einen Hand nach dem Messer in der Seitentasche, schnappte mit der andern schnell das Schloß an der Thüre ab und fuhr dann fort: »Ich hab' noch kein unrechtes Stückle Vieh mit dem Messer abthan, aber« – er schäumte und zitterte vor Wut. »Unverschämter Mensch!« schrie der Pfarrer, sich nach dem Fenster flüchtend und es aufreißend. Da ging plötzlich die Wand auseinander, durch die Tapetenthüre trat die Haushälterin ein und sagte: »Die Gemeinderäte und der Schultheiß sind drüben, Ihr sollet gleich 'nüber kommen, Herr Pfarrer.« Florian entsank fast das Messer, der Pfarrer hatte sich hinter die offene Tapetenthür geflüchtet. »Was ist Euer letztes Wort?« fragte Florian nochmals. »Fort aus meinem Haus, oder ich lass' Ihn einstecken, wenn Er nicht gleich gutwillig geht.« Florian öffnete still die Thüre und ging zaudernd und schwankenden Schrittes davon, der letzte Ast am Baume seiner Hoffnung war gebrochen. Einsam wandelte er dahin durch die Nacht, aber schreckliche Gedanken begleiteten ihn. Zu den Sternen aufschauend, sagte er einmal: »Herr Gott im Himmel, hast du denn das gewollt, daß es Menschen geben soll, die ihre Kinder verleugnen müssen, damit sie ins Elend kommen? . . . Es geschieht mir aber recht, warum bin ich nicht bei meinem ersten Gedanken geblieben; er hätt' uns nichts angehen dürfen . . .« Traurig und verwirrt war Florian erst am dritten Tage wieder ins Dorf zurückgekehrt. Es war ihm auf dem Wege so bange zu Mute, als ginge er einer schweren Strafe entgegen, als müsse er dort für etwas büßen, und doch war er sich keines Vergehens bewußt. Als ihm aber zu Hause einige Zwischenträger berichteten, daß man während seiner Abwesenheit gesagt hatte, er sei entflohen, da kochte alles in ihm vor Wut. Er hatte alles daran gesetzt, um seine Ehre im Dorfe zu erhalten, und nun sah er seinen ganzen Ruf so wenig stichhaltig, daß man ihn dessen beschuldigen konnte. Eine tiefe Verachtung gegen die Menschen begann in seiner Seele Wurzel zu schlagen. Am Sonntage, als Florian mit mehreren andern vor dem Adler stand, kam der Buchmaier das Dorf herauf und sagte: »Florian! auf ein Wort, geh ein bißle mit mir, ich hab' dich um einen Rat zu fragen.« »Mit allem Willen, was denn?« fragte Florian mitgehend. »Ich hab' nur vor den Leuten so gesagt; ich thät' gern einmal mit dir reden, aber offenherzig. Wo bist du vergangene Woch' gewesen?« »Das kann ich nicht sagen.« »Nun, wie du willst. Hör 'mal, Florian, du bist ein gescheiter Kerl, du bist ein geschickter Kerl, verstehst dein Handwerk aus dem ff.« »Nun, dahinter muß was stecken, saget's nur frei heraus.« »Ich möcht' halt, daß du's auch zu was Rechtem bringen thätst.« »Es wird schon kommen.« »Hör mich jetzt ruhig an, ich red' jetzt nicht als Schultheiß mit dir, ich red' mit dir, weil ich's gut mit dir mein'. Wenn du so fort hier bleibst, gehst du zu Grund. Auf was wartest du denn hier?« Florian schwieg betroffen, der Buchmaier fuhr nach einer ziemlichen Pause fort: »Ich weiß wohl, wie es ist, es ist grad, wie wenn man aus dem Bett aufstehen soll, wenn man auch noch so hart liegt, man thut's halt nicht gern; wenn man aber nachher auf den Beinen ist, freut man sich doch. Drum folg mir, geh wieder fort. Guck, wenn Krieg wär', thät' ich sagen: Florian, laß dir zweierlei Tuch anmessen, du bringst's zu was; du kannst's aber auch so zu was bringen, du brauchst nicht Menschenmetzger zu werden; aber hier ist deines Bleibens nicht. Fort mußt du.« »Ich kann aber nicht und will aber nicht, ich will sehen, wer mich fortbringt.« »Davon ist kein' Red'. Du brauchst gegen mich nicht stolz thun und nicht aufbegehren. Ich weiß wohl, du hast Bekanntschaft mit der Kreszenz. Such dir dein Glück, wenn dir's gut geht, kannst sie ja holen. Hier aber lebst du in Unehr'.« »Wer sagt das? Wenn Ihr's nicht wäret, Schultheiß, wenn mir das ein andrer sagen thät', ich wollt' ihm weisen; wer kann mir was an meiner Ehr' anhaben?« »Kein Mensch, drum mach, daß du fortkommst.« »Ich kann aber nicht und will nicht.« »Wenn du kein Geld hast, ich will machen, daß man dir aus der Gemeindekasse Reisegeld gibt.« »Gucket, lieber bestehl' ich den Heiligen; lieber leg' ich meine Hand da auf den Block und hack' mir sie selber ab, eh' ich einen Bettel aus der Gemeindekass' in die Hand nähm'.« »Du steckst schon arg darin, du willst zehn Kegel schieben und sind doch nur neun aufgesetzt. Florian, Florian, bedenk, es gibt nicht nur ein Hist und Hott, es gibt auch einen Weg grad aus. Wenn du nicht viel verlangst, will ich dir das Reisegeld geben; ich schenk' dir's nicht, ich leih' dir's nur. An einem jungen Lumpen ist nur die Hälft' verloren, sagt man als, nimm mir's nicht übel.« Florian knirschte die Zähne übereinander und sagte dann: »Ich hab' Euch um nichts angesprochen, und ich thu jetzt, was ich will, es hat mich keiner zu schimpfen.« »Meinetwegen, ich bin fertig, ich hab' dir nichts mehr zu sagen; wenn dich's aber gereut, darfst morgen noch einmal zu mir kommen. B'hüt dich Gott.« Er ging weg und ließ Florian stehen, der sich in seinem Tiefinnersten angegriffen fühlte. Ein lustig Lied pfeifend, ging er dann hinab durch das Dorf, einem jedem ins Antlitz schauend, als wollte er ihn fragen, ob er nicht allen Respekt vor ihm habe. Kreszenz erfuhr nie etwas von der Unterredung mit dem Buchmaier, Florian selber suchte sich die Erinnerung aus dem Sinne zu schlagen. 11. Florian hilft sich selber. Der Herbst war gekommen, das jüdische Laubhüttenfest war vorüber, die Hochzeit des Beßle brachte wieder Musik und Lustigkeit in das Dorf. Auf offener Straße, vor dem Schlosse, unter einem aufgespannten Baldachin wurde die jüdische Trauung vollzogen. Die Bauern, die sich gern eine müßige Weile gönnten, standen gaffend umher, auch Florian und der Schlunkel waren zu sehen. Der letztere zupfte seinen ehemaligen Kameraden am Wams, ihm zuraunend, er habe ihm etwas Wichtiges zu sagen; und als die Trauung vorüber war, schlich er hinter das Schloß in die offene, dunkle Brunnenstube. Nach einer Weile folgte ihm Florian, er wußte selber nicht, warum. Der Schlunkel eilte auf ihn zu, reichte ihm die Hand hin und sagte: »Schlag ein, heute werden wir reiche Leut'.« Florian reichte willenlos die Hand und fragte: »Wieso?« »Grad so,« erwiderte der Schlunkel, einen Hops machend. »Heut morgen ist des Mendles Meierle vom Vaihinger Markt heimkommen, wo er alle seine Gäul' verkauft hat; er muß wenigstens sieben- bis achthundert Gulden heimbracht haben, ich hab' die Leibgurt gesehen, die war so voll wie eine Leberwurst. Du weißt doch mit Würsten umzugehen? Heut abend wollen wir die verschnabelieren. – Vor acht Tagen ist dem Meierle vom Feuergericht sein Backofen weggesprochen worden, weil er da im Winkel steht; er hat ihn abreißen und das Loch mit Backsteinen zumauern lassen. Ich hab' selber dabei geholfen und hab' einen Backstein so gelegt, daß man ihn leicht herausnehmen kann, Huidä! heut abend, wenn alles bei der Chasne ist, schlüpfen wir 'nein und holen uns die Judenwurst.« »Ich nicht,« erwiderte Florian. »Mir auch recht, du kannst dir vom Gemeinderat Geld geben lassen, sie haben dir's ja anbieten lassen; du kannst schon sehen, wie weit du mit springst.« »Woher weißt du das?« »Ich hab' ein Vögele, das erzählt mir alles; Narr, die Spatzen auf dem Dach schwätzen ja davon.« Florian stampfte auf den Boden und biß auf seinen Schnurrbart. Wenn er das ganze Dorf hätte anzünden können, er hätte es in diesem Augenblick gethan. Er sah sich von allen verhöhnt, verlacht, bemitleidet, sein höchstes Strebeziel, vor allen in Ansehen dazustehen, war schmählich in den Staub gesunken. Nun, da er dies verloren, war er zu allem fähig. Er gedachte nicht im entferntesten an die Schwere des Verbrechens, in das er sich einlassen wollte, er wollte beutebeladen fortziehen, da er der Ehre beraubt war; wie erwachend, sagte er: »Ich bin dabei, bis wann?« »So gegen acht, denk' ich.« Florian reichte dem Schlunkel die Hand und ging schnell davon. Als er aus der dunkeln Brunnenstube wieder in das helle Tageslicht kam, taumelte er wie ein Betrunkener; er mußte sich eine Weile an der Wand halten. Singend und pfeifend ging er den ganzen Tag durch das Dorf, er wagte es aber nicht, zur Kreszenz zu gehen, er fürchtete sich vor ihr. Oft war es ihm auch, als ob er schon gestohlen hätte. Er sah alle Leute darum an, ob sie ihm sein Verbrechen ansähen; dann dachte er wieder: es ist eins, sie halten doch nichts auf dich. – Dennoch freute er sich, wenn er sich wieder besann, daß die That noch nicht geschehen sei. Einmal, als er den Buchmaier sah, war es ihm, als müßte er entfliehen; er schämte sich aber seiner Feigheit, wie er es nannte, und schwur, die That zu vollbringen. Als es Feierabend geworden war, kamen die Bauernburschen und Mädchen auch auf den Tanz, und einzelne brachten Hochzeitsgeschenke; nach dem gegenseitigen Herkommen erhielten sie drei Vortänze. Auch Florian war unter den Angekommenen. Die Braut eilte auf ihn zu und sagte: »Bist du auch da? Wo ist denn dein' Kreszenz? Ich kann mir's denken, daß es ihr nicht recht tänzerig ist; mach nur den Ehrlichen an ihr, Florian. Komm, wir wollen zu guter Letzt noch einmal miteinander tanzen.« Florian, der gefeiertste Tänzer, mußte bald wieder innehalten; seine Kniee schlotterten; mit solchen Gedanken im Herzen, wie er hatte, und mit zerrissenen Sohlen an den Füßen, tanzt es sich nicht gut. »Was ist dir? Du hast doch sonst getanzt wie ein Trenderle ?« sagte die Braut, »nun, wir wollen's sein lassen. Es thut mir wahrhaftig in der Seel' leid, daß ich die Kreszenz nicht mehr sehen kann, wir sind immer gut Freund gewesen; wir fahren aber schon morgen ganz früh ab. Kommt jetzt mit, ich will dir ein Stück Hochzeitkuchen für sie geben, bring's ihr und sag ihr Ade von mir.« Florian folgte ihr in die innere Stube, er erhielt dort den Kuchen und ein Glas warmen Wein, das er auf einen Zug leerte; er fühlte wieder neue Kraft durch seine Adern strömen. Sobald er konnte, schlich er sich fort, kehrte bald wieder und ging dann nochmals weg. Der Schlunkel harrte schon mit einer kleinen Leiter hinter dem Hause Meierles, es war kein Licht darin, alles war auf der Hochzeit. Schnell war die Riegelwand eingebrochen, und die beiden schlüpften hinein. Sie erbrachen die Küchen- und Stubenthüre und den Schrank, fanden das Geld, mehrere silberne Löffel und Becher und steckten es schnell zu sich. Florian war der erste, der wieder im Hofe war, der Schlunkel zerrte noch an einem Bettstücke, das durch die kleine Oeffnung nicht heraus wollte. Da kam der Hausherr die Treppe herauf, er sah die Stuben- und Küchenthüre offen; in die Küche tretend, sah er das sich bewegende Bett; er zerrte nun innen an demselben und schrie um Hilfe. Der Schlunkel ließ schnell los, stürzte auf den Boden und brach ein Bein. Florian suchte ihn zu retten, aber er hörte Leute; er flüsterte ihm nur noch schnell zu: »Verrat mich nicht, du kriegst die Hälft',« und entsprang schnell. Der gefänglich eingezogene Schlunkel beharrte bei seiner Aussage, daß er keinen Mithelfer gehabt. Man hatte in dem Hofe ein Stück von dem Hochzeitkuchen gefunden; die Aussagen des Gefangenen widersprachen sich, indem er anfangs nichts davon wissen wollte, später aber sich besann, daß der Kuchen bei den gestohlenen Sachen gelegen habe. Niemand wagte zu ahnen, daß Florian bei der Sache beteiligt sein könnte, auch war er um dieselbe Zeit beim Tanze gesehen worden. 12. Neue Stiefel, die gewaltig drücken. Florian gedachte mit dem Gelde zu entfliehen und Kreszenz nachkommen zu lassen, aber seine Stiefel hielten keine Reise mehr aus. Er ging daher nach der Stadt und kaufte sich ein Paar neue. Wie wohl war es nun Florian, nachdem er lange in zerrissenen Stiefeln umhergegangen, mit niedergekehrtem Blicke jeder kleinen Pfütze ausgewichen war, jetzt wieder einmal aufrecht und trockenen Fußes die schlüpfrigsten Straßen zu wandeln; ein unnennbares behagliches Wohlgefühl durchwärmte ihn, als er scharf auftretend heimkehrte. Nicht lange aber sollte er so sicher auf freiem Fuße einherwandeln. Er hatte zufälligerweise einen durchlöcherten Kronenthaler bei dem Kaufe ausgegeben; ein solcher war von dem Bestohlenen als entwendet bezeichnet worden, und gegen Abend kam der Schultheiß mit dem Schützen und einem Landreiter, um Florian zu verhaften. Der Buchmaier willfahrte ihm, daß man ihn hinten durch die Gärten führte. Auf dem Wege beklagte er sich über sein Unglück und beteuerte seine Unschuld. Die meisten Verhafteten, Schuldige wie Unschuldige, klagen den Polizeiverordneten ihr Leid und beteuern ihre Schuldlosigkeit. Es ist so natürlich, das Menschengefühl derer anzurufen, die wie wandelnde Mauern den Gefangenen umschließen, bis er sich zwischen den feststehenden Mauern von Stein eingeschlossen sieht. Wenn dann der Bedrängte ausgewinselt hat, lautet gewöhnlich die Antwort: das wird sich alles zeigen, das geht uns nichts an. Mit Schmerz sieht der Unglückliche, daß er den von fremder Kraft bewegten Stein gefragt: warum schlägst du mich? daß er das Netz gebeten: hab Erbarmen und laß mich los. Florian hatte zuerst im reinen Naturdrange gesprochen, nach und nach ward er darauf aufmerksam, daß er das Gleiche auch vor dem Richter vorbringen wolle. Er redete daher sehr ausführlich, denn eine Lüge, die man einmal ausgesprochen, bringt man zum zweitenmal um so fertiger und sicherer vor. Man hatte bei Florian bloß ungefähr fünfzig Gulden an Geld gefunden; er wollte dies auf dem Horber Markt im Spiele gewonnen haben. Nächst dem verausgabten durchlöcherten Thaler bildete das im Hofe des Bestohlenen gefundene Stück Hochzeitkuchen die Grundlage der Anschuldigung Florians; mehrere Mädchen hatten zugesehen, als die Braut ihm den Leckerbissen gab. Florian leugnete alles, denn: »Leugnen gilt bei Württemberg«, in diesem allbekannten Satze bestand seine ganze Rechtskunde. Viele Leute im Dorfe, die früher nicht gewagt hätten, etwas Böses von Florian zu denken, berühmten sich jetzt, es schon vor zehn Jahren gesagt zu haben, daß er ein Nichtsnutz sei, und wärmten allerlei Jugendstreiche auf. Florian dachte indes im Gefängnisse auf seine Flucht. In einer Nacht brach er den Ofen ab und schlüpfte durch das Ofenloch hinaus. Auf dieselbe Weise, wie er das Verbrechen begangen, sollte er gerettet werden. Jetzt stand er auf dem Gange; er war verschlossen, und es war lebensgefährlich, so hoch aus dem Fenster zu springen. Er gewahrte einen Besen, der an der Wand stand. Schnell entschlossen öffnete er das Fenster, drückte den Besen in die Ecke, wo der Turm mit dem Nebenhause zusammengebaut war, schwang sich auf den Stiel und rutschte so hinab. Der Nachtwächter hatte es wohl bemerkt, aber er bekreuzte sich dreimal und flüchtete die Staffeln hinauf, denn er hatte den leibhaftigen Teufel auf einem Besen durch die Luft reiten sehen. Florian war nun frei. Er rannte die Straße hinauf, kroch in ein Gewölbe, das zum Abflusse des jenseitigen Bergwassers dient, grub mit den Händen den Boden auf, fand das Geld und eilte damit durch den Wald. Während der Gefangenschaft Florians war die Mutter der Kreszenz gestorben. Alle Leute bestürmten nun den Schneiderle, bis er seine Tochter wieder ins Haus aufnahm. In derselben Nacht, als Florian aus dem Gefängnisse entflohen, erwachte Kreszenz in plötzlicher Angst aus dem Schlafe; sie hatte geträumt, Florian rufe sie zum Tanze, und sie konnte doch ihren Strumpf nicht anziehen, so sehr sie sich auch abmühte. Weinend saß sie nun in ihrem Bette und sprach das Gebet für die armen Seelen im Fegfeuer. Es schlug vier Uhr; sie stand auf und verrichtete alle Hausgeschäfte. Als es kaum tagte, ging sie hinaus in den Wald, um Holz zu sammeln. Seit ihrem Unglück war ihre Thätigkeit übermäßig, es war, als wollte sie das müßiggängerische Leben Florians einbringen. Sie hatte für alle ihre Arbeiten keinen Dank, und doch war fast kein leeres Plätzchen mehr im Hause, so fleißig hatte sie Holz und Tannenzapfen gesammelt. Als sie nun zum Walde kam, fand sie am Saum desselben einen weißen Knopf; sie erkannte ihn, daß er von dem Wamse Florians war; sie verbarg ihn still in ihrem Busen; hinausschauend über die Berge und das Thal, sagte sie so vor sich hin: »Mein Kreuz ist groß, und wenn ich auf den höchsten Berg steig', ich kann's nicht übersehen.« Ohne Holz gesammelt zu haben, kehrte sie wieder heim. Sie weinte und freute sich, als sie Florians Flucht vernahm; sie weinte, denn sie wußte nun, daß er ein Verbrecher war, und sie freute sich, daß er jetzt doch gerettet sei. 13. Die ärgsten Spießruten und die Linderung. Florian war indessen immer weiter geeilt, und als es Nacht wurde, machte er sich aus den Zehentgarben auf dem Felde eine Hütte und schlief darunter. In einer Schenke hatte er ein Messer gestohlen, dafür aber heimlich zwölf Kreuzer in das Salzfäßchen auf dem Tisch versteckt; mit dieser Waffe machte er sich nun in einer Schlucht seinen Schnurrbart herunter. Nichtsdestoweniger wurde er aber, als er die badische Grenze betreten wollte, verhaftet. Jetzt klagte er dem Landjäger sein Unglück nicht mehr, er wehrte sich mit aller Macht und suchte sich frei zu machen; er ward aber niedergeworfen und gefesselt. Die Steckbriefe waren angekommen, und nun wurde er von Amt zu Amt den bewaffneten Landjägern übergeben. Stille, ohne ein Wort zu reden, schritt er dahin, seine rechte Hand und sein rechter Fuß waren zusammengefesselt; er kam sich selber vor wie ein Tier, das zur Schlachtbank getrieben wird. Als er aber, von Sulz kommend, aus dem Empfinger Wäldle trat, sein Heimatsort vor ihm stand, und er nun merkte, daß er in Fesseln mitten durch denselben geführt werden sollte, da warf er sich vor dem Landjäger auf die Kniee und bat ihn weinend, er möchte ihn doch um Gottes willen hinten am Dorfe vorbei nach der Stadt führen. Der Landjäger aber sagte: »Nein!« und Florian schlug sich mit der linken Hand auf die Augen, als ob er sich dieselben ausschlagen wollte, damit er seine Schmach nicht sehe; seine Rechte klirrte machtlos mit der Kette. Florian, der einst so Vielbewunderte, der sich freute, daß die Blicke aller auf ihn gerichtet waren, sollte nun in so traurigem Geleite, mit so schmählichem Schmucke durch das Dorf wandeln. Jetzt wünschte er, daß kein Mensch ein Auge für ihn haben möchte. Als er an des roten Schneiderles Haus vorbeikam, stand Kreszenz an der Reisbeige und hackte Holz. Das Beil entfiel ihrer Hand; eine Minute stand sie erstarrt, dann flog sie mit ausgebreiteten Armen auf Florian zu und lag an seinem Halse; der Landjäger machte sie sanft los. »Ich geh' neben dir durch das Dorf,« sagte Kreszenz, ohne zu weinen; »du sollst dich nicht allein schämen. Thut dir das Eisen weh? Gräm dich nur nicht zu arg.« Florian konnte nicht reden, er winkte nur mit der linken Hand der Kreszenz, sie solle umkehren; sie aber ging nebenher, als wär' sie mit unsichtbarer Kette an Florian gebunden. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht durch das Dorf. Am Adler standen Kaspar und Bärbele vor dem Hause; jener hielt eine Halbe Bier in der Hand und brachte es dem Florian zum Trinken. Der Landjäger duldete das nicht. Florian bat nur, man solle die Kreszenz zurückhalten, und Bärbele ließ nicht nach, bis sie bei ihm blieb. Alles weinte. Weiter ging es nun durch die wohlbekannten Gassen. Der Schmiedjörgli, der des kalten Wetters wegen nicht mehr vor seinem Hause saß, sah zum Fenster heraus und lupfte vor Verlegenheit seine Zipfelkappe. An des Schloßbauern Haus stand der Franzosensimpel und sagte, auf seine Oberlippe deutend: » Mus à loin ringo. « Unwillkürlich zuckte ein schmerzliches Lächeln in den Mienen Florians. Als nun endlich das letzte Haus hinter ihm war, gelobte er sich, nie mehr in seinen Heimatsort zurückzukehren. – Die Gefangenschaft Florians war nun schwerer, er saß wohl wieder auf demselben Turme am Neckarthore, aber in der bestvermauerten Zelle. Oft lugte er durch das Gitter hinaus; wenn er aber einen Nordstetter bemerkte, prallte er wie von einer Kugel getroffen zurück. Nach und nach ließ der Schmerz über sein Los in Florian nach, und er suchte sich nun allerlei Kurzweil zu machen. Er stellte sich einen Strohhalm auf die Stirne und ging eine Weile umher, dann legte er nach und nach mehrere Halme darauf, bis er eine vollständige Hütte aufbauen und wieder abbrechen konnte. Er lernte mit vieler Mühe, sich an den Eisenstäben wagrecht in die Luft halten, er lernte sogar seine beiden Kniee über den Nacken legen. Eines Tages, als Florian durch das Gitter hinaussah, bemerkte er Kreszenz, die nach der Stadt ging; heiße Thränen fielen aus die Eisenstäbe; er konnte sie nicht sprechen, ihr kaum ein Zeichen geben. Als es Nacht geworden war, hörte er mehrmals vor dem Fenster husten, er erkannte Kreszenz und antwortete mit gleichen Zeichen. Kreszenz flocht das rote Band, das sie am Hammeltanze mit ihm gewonnen, aus ihren Haaren, knüpfte ein Steinchen und einen Brief hinein und warf das flatternde Band zu Florian hinauf, der es geschickt faßte; dann ging sie eilig davon. Aus der Ferne aber vernahm Florian den Endreim des Liedes: Das Feuer kann man löschen, Die Liebe nicht vergessen, Das Feuer brennt so sehr, Die Liebe noch viel mehr. Die ganze Nacht konnte Florian kein Auge zuthun, er hatte Nachricht von seiner Kreszenz in der Hand und konnte sie doch nicht lesen. Beim ersten Morgenstrahle stand er am Gitter und las: »Ich weiß nicht, ob der Brief in Deine Hand kommt und unterschreib' mich deswegen nicht. Ich bin in der Stadt gewesen und hab' mir meinen Heimatschein geholt, das Beßle hat mir im Elsaß einen Dienst verschafft; ich geh' übermorgen fort. Ich hab' mir auch ein langes Kleid machen lassen. Mein' Mutter ist gestorben, und mein Vater heiratet das Näher-Walpurgle. Ich brauch' Dir nicht zu sagen, daß ich nie von Dir lass', und wenn Du auch weiß nicht was gethan hätt'st. Wenn Du auch einmal schlecht gewesen bist, Du bist doch nicht schlecht, das weiß ich. Sei nur fromm und geduldig und trag Dein Schicksal, unser Herrgott ist mein Zeug', ich thät' Dir's gern abnehmen. Ich hab' mir auch von Deinem Vater Dein Messer geben lassen, das Du immer so gern gehabt hast, ich hoff', will's Gott, Dich noch einmal in Ehren mit schaffen sehen; gib nur Du auch die Hoffnung nicht auf, denn sonst ist man ganz verloren. Mach Dir keine unnötige Vorwürf' über das, was Du gethan hast, das nutzt jetzt nichts mehr, und sei brav. Von dem ersten Lohn, den ich krieg', lös' ich mir wieder Deinen Ring und meinen Anhenker aus. O! ich hätte Dir noch so viel zu sagen, zehn Schreiber könnten's nicht schreiben. Ich will schließen und verbleibe Deine Getreue bis in den Tod.« Florian fühlte ein nie gekanntes Entzücken, er konnte selig weinen, er sah erst jetzt recht, was er an der Kreszenz besaß, und in allem freute er sich auch wieder, daß ihm sein Messer erhalten war. 14. Ein elendes und lustiges Leben. Auf sechs Jahre kam Florian in das Zuchthaus. Er war fast froh, als man ihm die Sammetjacke auszog und die graue Sträflingsjacke dafür gab, dadurch wurde doch auch sein Liehlingsgewand geschont; er wollte einst wiederum in demselben vor Kreszenz erscheinen. Ueberhaupt kam es Florian vor, als ob er nur acht Tage hier zu bleiben habe. Sein Herz war so voll froher zuversichtlicher Hoffnung, so daß er über die Jahre wie über eine kurze Spanne Zeit hinwegsah. Man mag sagen, was man will, es ist und bleibt doch wahr, in Dingen, die weder die Minderung der Steuern, noch die der Beamtenmacht betreffen, sind sehr viele Regierungen in der That auf das Wohl ihrer Unterthanen bedacht; darum sind auch die Zuchthäuser in unsern Tagen meist ganz gut bestellt; darum, wer nur einmal eine Zeitlang ins Zuchthaus gekommen ist, kann ganz ruhig sein, für ihn ist gesorgt. Schade, daß nicht alle Staatsangehörigen, die Beamten ausgenommen, Sträflinge sind, wie mild und vorsorglich erschienen da viele jetzige Regierungen! Dennoch fühlte Florian bald die Länge der Zeit. Er lernte das Bürstenbinderhandwerk, und nachdem endlich und endlich seine Strafzeit um war, eilte er zu Kreszenz. Er wurde mit offenen Armen empfangen. Kreszenz hatte sich etwas Geld erspart, und nun zogen die beiden als Bürstenverkäufer im Land umher. Bald aber ward Florian dieses Lebens überdrüssig. Sein Lebenswandel zog wiederum das Aufsehen aller an sich, denn er besuchte als Seiltänzer und Kunststückmacher Messen, Märkte und Kirchweihen. Besonders geschickt war er in dem Säbelspiel, da er drei Säbel im Kreise um sich herwarf und sie immer wieder am Griffe auffing, er hatte ja dies schon frühe beim Wursthäckeln geübt. – Kreszenz hielt stets getreulich an ihm, und als er einst vom Seile fiel und ein Bein brach, wartete sie ihn mit der liebendsten Sorgfalt. Nun zog Florian mit einem Würfeltische auf den Märkten und Kirchweihen benachbarter deutscher Länder umher, denn in sein Heimatland mochte er nicht; auch war dort das öffentliche Würfelspiel verboten worden. Deutschland hat das besondere Glück, daß, was in dem einen Lande verboten, in dem andern erlaubt ist; das ist ja das glückliche Ergebnis der vielerlei Regierungen, daß sie auch vielerlei anordnen können. Was wollte Florian anfangen, wenn Deutschland nicht dieses hohen Vorzugs genösse? Das, womit sein Unglück begonnen hatte, war nun sein Gewerbe. Wenn ihn ein solcher Gedanke überfiel, rief er lauter und schärfer, als wollte er sich selbst zum Spiele auffordern; sein bißchen Französisch kam ihm dabei sehr zu statten, denn das hat immer etwas Lockenderes und Vornehmeres für viele Leute. Dann rief er: » Messieurs, faites votre jeu, immer 'ran! immer 'ran! Spielen Sie hier, meine Herren Messieurs . Acht Kreuzer für einen Kreuzer, ein Kreuzer hat acht Junge. La fortune, la fortune, la fortune . Ein Kreuzer ist gar kein Geld, aus nichts hat Gott die Welt erschaffen, aus gar kein Geld wird Geld. Immer 'ran! Messieurs, faites votre jeu .« Oft, wenn Florian an den Kirchweihen abends beim Tanze allerlei Kunststücke machte, und er dann die Burschen so fröhlich tanzen und jubeln sah, fuhr es ihm wie zweischneidige Schwerter durch die Seele: so war er einst gewesen, er selber war der flotteste Bursche und jetzt nichts als ein verachteter Spaßmacher für andere. Wenn er auf solche Gedanken kam, machte er immer um so tollere Späße und überredete sich eine Zeitlang, er mache sie zu seinem eigenen Vergnügen. Von vier Kindern, die Kreszenz geboren, waren nur zwei am Leben geblieben, der älteste Knabe und ein kleines Töchterchen; nie duldete Florian, daß eines derselben seine Späße oder sein Gewerbe mit ansah. Sie mußten immer den Tag über bei den Habseligkeiten in einer Scheune oder in einer Bauernstube bleiben. Kreszenz wagte einst, den Vorschlag zu machen, daß sie um der Kinder willen nach Hause zurückkehren und sich dort als Taglöhner ernähren wollten. »Red mir nicht da davon,« erwiderte Florian zähneknirschend, »keine zehn Gäul' bringen mich die Horber Steig 'nauf. Ich hab' daheim meine Ehr' verloren und nie – nie seh' ich mehr den Nordstetter Kirchturm.« 15. Ein verlorenes Kind und ein wiedergefundener Vater. Zu Braunsbach am Kocher, gerade gegenüber von des Märxles Haus, steht eine Linde, dorthin sah man an einem Sommernachmittage eine wandernde Familie ziehen. Der Vater, ein kräftiger Mann mit einem blauen Ueberhemde und einem vielfach eingedrückten grauen Hute, zog an einem Karren, auf dem eine Scherenschleiferbank und einiges Hausgeräte lagen. Ein brauner magerer Hund von mittlerer Größe war neben ihm angespannt. Die Frau half ebenfalls den Karren den Berg hinaufschieben. Die zwei Kinder folgten hinterdrein und trugen zusammengelesenes Holz in ihren Armen. Als man endlich unter der Linde angelangt war, zog der Mann die um seinen Oberleib geschlungene Gurte ab, warf den Hut auf den Boden, fuhr sich mit der Hand über die schweißtriefende Stirne und setzte sich, mit dem Rücken gegen die Linde gelehnt, auf den Boden. Wir erkennen ihn, trotzdem er sich gewaltig verändert hat; es ist Florian mit seiner Familie. Der Hund hatte sich neben ihm niedergelassen, den Kopf auf beide Vorderfüße gelegt, der Knabe streichelte ihn. »Laß jetzt den Schlunkel, Friederle,« sagte Florian, »mach, hilf deiner Mutter.« Der Knabe ging schnell zu seiner Mutter, er wußte, der Vater war böse, da er den Hund Schlunkel nannte; denn Florian kam immer, wenn er übler Laune war, zu dieser Selbstpeinigung, daß er den neben ihm im Joche Eingespannten mit dem Namen dessen benannte, der ihn ins Unglück gestürzt hatte. Die Mutter hatte indes den Dreifuß und den Kessel vom Wagen genommen, mit dem mitgebrachten Holze Feuer angemacht und Wasser übergestellt. »Gang, sieh, daß du Grundbirnen kriegst,« sagte sie zu Friederle. Dieser nahm einen Topf und ging auf das weiter oben stehende Haus mit dem rot angestrichenen Gebälk zu. Ein bejahrter Mann sah gähnend zum Fenster heraus. »Wollet Ihr nicht so gut sein,« bat Friederle, »und uns Grundbirnen schenken? dur Gott's Wille.« »Woher bist?« fragte der Mann, der ziemlich satt schien. »Mein Vater sagt allemal, von dem Land, wo die Leut' auch hungrig sind.« »Ist der da drunten dein Vater?« »Ja, machet aber nicht so lang, wenn Ihr mir was geben wollet; unser Holz verbrennt sonst.« Der Mann kam herab und öffnete die Thüre, die Nachbarn wunderten sich gar sehr, daß der Petermichel einem Bettelkinde sein Haus öffnete. Friederle kam aber alsbald wieder heraus mit dem Topf voll Kartoffeln und etwas Butterschmalz in einem Schüsselchen. Nun wurde statt bloßer Kartoffeln ein Brei gemacht, und nachdem alles gegessen hatte, bekam der Hund das Geschirr, um das Uebriggelassene aufzulecken. Florian erhob sich und ging durch das Dorf mit dem steten Rufe: »Scherrrre schleife aus Parrrrris!« Friederle aber ging von Haus zu Haus, um Arbeit zu holen, er versprach den besten Pariser Schliff. In der That war auch Florian ein Meister in seinem neuen Geschäfte. Den ganzen Nachmittag stand der Petermichel bei der Scherenschleiferfamilie. Er sah dem gewandten Manne, der so schöne Stückchen pfiff, gerne zu und unterhielt sich auch mit der Frau und den Kindern. Als es Abend wurde, bot er ihnen sogar an, daß sie in seiner Scheune übernachten könnten. Im ganzen Dorfe sagte man: »Das jüngste Gericht kommt, der geizig' Petermichel ist brav geworden.« Und doch wußten die Leute noch nicht alles. Petermichel setzte sich nämlich zu den Fremden in die Scheune und sagte: »Gebet mir euren Buben da, er soll's gut bei mir haben. Wie meinet ihr?« Die Eltern sahen einander an und antworteten nicht, er aber fuhr fort: »Schlafet einmal drüber, ihr könnet euch bis morgen drauf besinnen.« Florian und Kreszenz sprachen viel hin und her in der Nacht und kamen doch zu keinem rechten Entschlusse. Die Mutter wollte, so wehe es ihr auch that, doch das Kind weggeben, damit es was Rechtes vor sich sehe, ordentlich in die Schule gehen und was lernen könne. Florian antwortete wenig und betrachtete sein Kind, das, vom Monde überschienen, sorglos schlief und gar lieblich anzusehen war. »Der wird ein Hauptkerl,« sagte er zuletzt, legte sich auf die andere Seite und schlief ebenfalls. Es mag vielleicht wunderbar erscheinen, daß Petermichel, der für so geizig gilt, auf einmal so gut wird, daß er ein Landstreicherkind annehmen will; es war indes nicht alles pure Güte an dem Petermichel. Er war allein und kinderlos, hatte seine Aecker verpachtet und lebte von seinem Gelde. Nun hatten ihn aber die Kinder seines Bruders, seine einzigen Erben, beleidigt, und er wollte ihnen durch die Annahme eines fremden Kindes eine Brille auf die Nase setzen; außerdem hatte er allerdings eine unerklärliche Zuneigung zu dem muntern Knaben mit den frischen blauen Augen bekommen. Kaum war der Tag angebrochen, da stand Petermichel oben auf der Scheune und schaute hinab, ob die Fremden wach seien. Er rief dann: »Höret, Mann, kommet mit Eurem Weib ein bißle 'raus in mein' Stube, wir wollen jetzt miteinander reden.« Florian und Kreszenz kamen. »Nun wie ist's? Habt ihr euch entschlossen?« fragte Michel. »Ja,« sagte Florian, »ich will's Euch deutsch heraussagen, wir thäten den Buben gern weggeben, heißt das, weil er bei Euch gut aufgehoben wär' und auch was lernen könnt', aber es geht nicht – gelt, Kreszenz, es geht nicht?« »Ja, warum denn?« »Weil uns der Bub in unserm Geschäft so nützlich ist, und wir müssen doch auch leben und unser Mädle auch.« »Hört einmal,« sagte Petermichel, »ich will euch zeigen, daß ich's gut mein', ich geb' euch hundert Gulden, es ist nicht für den Buben, es ist, damit ihr ein andres Geschäft anfangen könnet, einen Geschirrhandel oder so was; hundert Gulden ist ein Wort. Nun, wie ist's?« Die beiden Eltern sahen einander betrübt an. »Schwätz du, ich sag' gar nichts; was du thust, Kreszenz, ist mir recht,« sagte Florian. »Ja, der Bub wird halt nicht wollen; er ist so an uns gewöhnt. Ihr meinet's gut, das ist kein' Frag', aber der Bub kann doch vor Jammer und Heimweh sterben.« »Ich frag' ihn,« sagte Petermichel, ließ die verblüfften Eltern stehen und ging eilends hinab zu dem Kinde. Ohne ein Wort zu reden, blieben Florian und Kreszenz bei einander, sie bangten vor jeder Antwort. Da kam Petermichel mit dem Knaben an der Hand, er winkte den Eltern mit den Augen zu, und Friederle rief: »Ja, ich bleib' da bei unserm Vetter, er gibt mir ein' Geißel und ein Hottogäule.« Kreszenz weinte, Florian aber sagte: »Nun, so wollen wir fort, was einmal sein muß, muß schnell sein.« Er ging hinab, packte die Sachen zusammen und spannte den Hund an. Der Petermichel brachte ihm das Geld. Als alles zur Abreise bereit war, küßte Kreszenz nochmals weinend ihren Sohn und sagte: »Sei brav und folg dem Vetter, geh fleißig in die Schul'; kann sein, bis den Winter kommen wir wieder.« Florian kehrte sich ab, als sein Sohn seine Hand nahm, und zog scharf an, Friederle aber umhalste noch einmal den Hund und nahm zuletzt noch von ihm Abschied. Bis nach Kochersteinsfeld waren die beiden Eltern miteinander gegangen, ohne ein Wort zu reden, ein jedes machte sich und dem andern Vorwürfe, daß es nicht mehr abgeredet und das Kind so leicht weggegeben habe. Hier wurde nun Halt gemacht, und Florian ließ sich zur Aufheiterung einen Schoppen Wein bringen. Nachdem er getrunken, schob er Kreszenz das Glas hin und sagte: »Trink auch.« Sie setzte das Glas an den Mund, stellte es aber laut aufweinend nieder und sagte: »Ich kann nicht trinken, es ist mir grad, wie wenn ich das Blut von meinem Friederle trinken müßt'!« »Laß jetzt das Weibergeheul, hätt'st das früher gesagt. Wir wollen einmal drüber schlafen, bis morgen wird's anders sein.« Gleich als wollten sie sich schnell recht weit von Friederle entfernen, eilten sie nun, ohne anzuhalten, bis Künzelsau. Unterwegs wurde ausgemacht, was man mit dem Gelde anfangen wollte, der Rat Petermichels ward zum Beschluß erhoben. Andern Tags zog man weiter gen Oehringen; plötzlich aber hielt Florian an und sagte: »Was meinst, Kreszenz, wenn wir wieder umkehren thäten und den Friederle holen?« »Ja, ja, ja, komm.« Schnell war der Karren gewendet, und der Hund sprang an Florian hinauf, als wüßte er, wohin es wieder ginge. Nun aber sagte Kreszenz: »Ach Jesus im siebenten Himmel. Er wird ihn uns nimmer geben, es fehlt ein ganzer Gulden an dem Geld; das Nachtlager – und ich hab' dem Lisbethle ein Kleidle gekauft.« »Weiber! Weiber mit eurem Putz!« knirschte Florian, »nun, wir wollen's einmal probieren, fort, zurück, ich hol' meinen Friederle.« Der Hund bellte vor Freude. Wieder war Mittag, als unsere Karawane bei der Linde anlangte. Friederle sprang ihnen entgegen und rief: »Ist schon Winter?« Die Mutter ging hinaus zum Petermichel, legte das Geld auf den Tisch, bat um Verzeihung, daß ein Gulden fehle, und verlangte ihr Kind wieder. Der Pfarrer saß eben bei Petermichel und hatte es fast dahin gebracht, daß er sich mit seinen Bruderskindern aussöhnen und dem angenommenen Kinde nur einen kleinen Teil seiner Habe verschreiben wollte. Als er nun die Frau ansichtig wurde, stand er plötzlich auf und streckte beide Hände empor, er wußte nicht, wie ihm war, aber ihm war ganz fremd zu Mute. Er suchte die Frau zu bereden, ihr Kind doch hier zu lassen, und als er nun auf ihre Stimme aufmerkte, war es ihm, als ob er einen Klang aus alter Zeit vernehme. Petermichel hatte unterdessen den Florian heraufgerufen. Als dieser eintrat und den Pfarrer erblickte, eilte er auf ihn zu, packte ihn an der Gurgel und rief: »Kerl, ich bin froh, daß ich dich wieder hab'.« Kreszenz und Petermichel wehrten ab, der Pfarrer bat mit stockender Stimme den letztern, daß er weggehe, er habe mit den Leuten was zu reden. Petermichel ging. »Heißt du Kreszenz?« fragte der Pfarrer die Frau. »Ja.« »Mein Kind, mein Kind!« sprach der Pfarrer mit erstickter Stimme und warf sich an ihren Hals. Eine Zeitlang war Stille in der Stube, die Männer und die Frau weinten. Der Pfarrer fuhr Kreszenz immer mit der Hand über das Gesicht, dann ließ er die beiden schwören, daß sie nie sagen wollten, in welchen Verhältnissen sie zu ihm stünden; er wolle für sie sorgen, ihnen ein Hauswesen einrichten. Kreszenz sollte nur seiner Schwester Kind sein. – So blieben nun die Landstreicher im Dorfe. Florian handhabte mit großem Fleiß sein ihm treugebliebenes Messer als Metzger. Die Frau des evangelischen Pfarrers, eine tugendstolze Pietistin, will zwar herausgebracht haben, Kreszenz sei die Tochter und nicht das Schwesterkind des Pfarrers, die Leute aber wollen's nicht glauben. Der Hund, ein guter Metzgerhund, heißt nicht mehr Schlunkel, sondern führt seinen ehrlichen Namen Bleß. Alle trüben Erinnerungen an die Vergangenheit sind ausgelöscht Der Lauterbacher. Die Glocke läutete hell; ihre Töne zerflossen sanft in dem lichten Mittag; die Menschen kehrten von ihrer Arbeit heim. Die Männer gingen mit der Mütze in der Hand von den Feldern auf die Straße; die Stimme Gottes hatte sie gerufen, das harte Feldgerät aus der Hand zu legen, heimzukehren und sich zu stärken am Gebete und an irdischer Speise. Ein junger, schlank gewachsener Mann war die Straße von der Stadt heraufgekommen. Er war städtisch gekleidet und hatte einen braun marmorierten Ziegenhainer Stock, in den viele Namen eingeschnitten waren, in der Hand. Als er nun das Dorf so vor sich ausgebreitet sah, blieb er stehen, horchte hin nach dem Geläute und schaute umher in den Wald der blühenden Obstbäume, die das Dorf umdrängten. Er grüßte die Leute, die vom Felde herüber kamen, mit einer besondern Freundlichkeit, ja, als ob er sie kenne. Die Leute dankten herzlich und schauten sich alle nochmals nach ihm um, sie meinten, das müsse einer aus dem Dorfe sein, der aus der Fremde heimkehre; er hatte sie ja so durchdringend angeschaut, und doch kannten sie ihn nicht. Als die letzten Töne der Glocke verklungen waren, als alles auf dem Felde stille, kein Mensch mehr zu sehen war und nur die Lerchen hoch in der Luft jubelten, da setzte sich der Fremdling an den Wegrain, schaute noch lange hinüber nach dem Dorfe, zog endlich eine Brieftasche heraus, und oft wieder um sich blickend, schrieb er hinein: »Griechen und Römer! Wie hoch schallten eure Triumphe, wie schmetterten eure Kriegstrompeten, aber nur das Christentum grub das Erz aus den dunklen Schachten der Erde, ließ es hoch in den Lüften schweben und weithin seinen Klang ausgießen, zur Anbetung, zur Freude und zur Trauer. Wie herrlich mögen die Harfen und Pauken im Tempel zu Jerusalem geklungen haben; aber nicht mehr ein Tempel steht auf der Erde, tausende hieß das Christentum erstehen allerorten.. – Mir war's vorhin, als ob die Glocken erschallten zum Einzuge in meinen neuen Bestimmungsort, als ob die Stimme Gottes mir Willkommen zuriefe. Wohl saht ihr euch verwundert nach mir um, ihr guten Menschen, ihr wußtet nicht, was wir einander werden sollen. O, könnt' ich die Seelen dieser Menschen ganz in meine Gewalt bekommen, ich wollte sie frei machen von ihrem trägen Aberwitze und sie kosten lassen die reinen Freuden des Geistes. – Da wandeln sie aber hin, und gleich dem Tiere, das vor ihnen hergeht, sehnen sie sich nach nichts als nach dem Futter für ihren Mund . . . Das also ist der Ort, wo mein erneutes Leben beginnt; diese Schluchten und Ackerflächen, mit welchen Gedanken wird mein Auge auf ihnen weilen? O, die Erde ist überall schön und freudespendend, wo es Blumen gibt. Und wenn die Menschen mich nicht verstehen, verstehst du mich doch, o ewige Natur, und lächelst mir freundlich zu, wenn ich deinen stillen Offenbarungen lausche . . . Da stehen die Bäume in ihrer Blütenpracht, und drinnen im Dorfe hör' ich das Jauchzen der Kinder, in deren Herzen ich den Lichtstrahl der Bildung werfen soll . . .« Der Schreibende hielt inne; seinen Stock betrachtend, sagte er leise vor sich hin: »Nach allen Gauen hin seid ihr zerstreut, ihr Genossen meiner Jugend; nichts als eure Namen hier sind mir geblieben, und mit ihnen betrete ich die Schwelle meines neuen Lebens, ihr alle begleitet mich im Geiste. Ich sende euch einen Herzensgruß hinaus in den Frühling, möge er euch wiedertönen aus dem Munde der Vögel in den Lüften und eure Seele erquicken!« Rasch stand er auf und schritt durch das Dorf. Wir wissen nun, daß wir den neuen Schullehrer in dem jungen Manne kennen gelernt. Er fragte nach dem Schultheiß, man wies ihn in das Haus des Buchmaiers. Der Buchmaier saß mit seinem zahlreichen Hausgesinde bei Tische, als der Fremde eintrat. Nach herzlichem Willkomm wurde er eingeladen, sich zu Tische zu setzen; der Lehrer dankte. »Ei was?« sagte der Buchmaier, der sich alsbald wieder gesetzt hatte, da er sich beim Essen durchaus nicht stören ließ, »rucket ein bißle zusammen, ihr da. Hurtig, Agnes, hol einen Teller. Da setzet Euch her, Herr Lehrer. Bei uns geht's nicht wie bei den Horbern, die sagen immer: wäret Ihr bälder kommen; wer bei uns zur Essenszeit kommt, muß mithalten. Wo Ihr jetzt hinkommt, kriegt Ihr doch nichts mehr, und da ist gekocht; Ihr müsset halt fürlieb nehmen mit dem, was da ist. Ihr kommt gerade zu einem rechten Schwarzwälderessen: gerührte Knöpfle und Hutzeln.« Agnes hatte einen Teller gebracht, und der Lehrer, um nicht grob zu erscheinen, sich zu Tische gesetzt. »Da, mein' Agnes,« sagte der Buchmaier, nachdem er einen gehäuften Teller voll herausgeschöpft, »die kriegt Ihr in die Sonntagsschul'.« »O, Sie werden wenig mehr zu lernen haben,« sagte der Lehrer, um doch etwas vorzubringen. Das Mädchen heftete den Blick scheu auf den Teller. »Wie! Agnes, red auch, du hast ja sonst dein Maul bei dir; sag, kannst du alles?« »Jo, mit deam Lease do käm' ich schaun no furt, herrentgege mit em Schreiba, do will's halt nimmei reacht gaun, d' Fingere weant oam härt, wemmer d' gahnz Woch' so schaffe muaß.« All die Schönheit des Mädchens verschwand plötzlich vor den Augen des Lehrers, da er diese harte, in groben Lauten vorgebrachte Rede hörte. Nachdem abgespeist und gebetet war, stellte sich einer der Knechte, der bei Tische nicht weit vom Buchmaier gesessen hatte, vor seinen Herrn hin, und indem er sein Messer einsteckte, sagte er: »I will gaun mit de Gäul' naun alloan naus?« »Ja, ich komm' bald nach. Nimm einen Buben mit, der dir den Fuchs führt, der will sich nicht recht eingewöhnen.« »Schätz' wohl, i krieg ihn schaun z'reacht,« sagte der Knecht und ging mit schweren Schritten von dannen. Der Lehrer schüttelte den Kopf. Agnes deckte schnell ab, denn sie eilte, um in der Küche ihre Bemerkungen über den Ankömmling mit den Mägden auszutauschen. »Ein nett' s Bürschle,« sagte die Legat, die älteste Magd und Vertraute der Agnes, »er hat dich anguckt, ich hab' nicht recht gewußt, will er dir ein Tätzle oder ein Schmützle geben. Was meinst, wär' das nicht ein Mann für dich? Er ist noch ledig.« »Lieber möcht' ich ledig bleiben, bis die Kuh einen Batzen gilt, eh' ich den nähm'.« »Hast recht,« sagte eine andere Magd, »der thät' dich auch mit zwei Händ' ins Maul stecken; hast nicht gesehen, der hat ja das Messer in die recht' und die Gabel in die link' Hand genomme und mit zwei Händ' gessen, das hat man sein Lebtag von keinem ehrlichen Menschen gesehen.« »Ja,« sagte eine dritte, »der ist auch noch nicht über seines Vaters Miste 'nauskommen, der hat ja die Knöpfle mit dem Messer verschnitten, statt daß man's verreißt; da sind sie ganz talkig worden. O du Talk! geschieht dir recht, daß du hast so dran würgen müssen.« Während draußen beim Spülen die Mädchen den Lehrer auch nicht ungewaschen ließen, nicht sowohl aus Bosheit, als weil man einmal so begonnen hatte, war drinnen in der Stube die Unterredung des Buchmaiers auch keine sehr erfreuliche. »Der Sprach' nach,« begann er, »scheinet Ihr aus dem Unterland gebürtig?« »Eigentlich nicht, ich bin aus dem Taubergrund.« »Nu, wir nehmen das nicht so genau, was halt unter Böblingen ist, heißen wir das Unterland; wie heißt denn der Ort?« Der Lehrer stockte ein wenig, legte beide Hände auf die Brust und sagte endlich, sich verbeugend: »Lauterbach.« Der Buchmaier stieß ein schallendes Gelächter aus, der Lehrer sah ernst drein; endlich sagte ersterer: »Nichts für ungut, Lauterbach weiß ja jed Kind, das ist ja in dem Lied. Warum habt Ihr denn nicht recht mit 'raus wollen? Das ist ja kein' Schand. Nu, Ihr könnet mir jetzt g'wiß die Wahrheit sagen, warum ist jetzt grad Lauterbach in dem Lied?« »Wer kann das wissen? Es hat wahrscheinlich gar keinen Grund; solche dumme Lieder werden von einfältigen Menschen gemacht, die diesen und jenen Ort nehmen, weil er ihnen gerade in das Metrum, ich wollte sagen, in das Versmaß paßt.« »Ei, das Lied ist gar nicht so dumm, und es hat ein' recht lustige Weisung, ich hör's rechtschaffen gern singen.« »Sie erlauben, daß ich entgegengesetzter Ansicht bin.« »Was ist da viel zu erlauben? Wenn ich's auch nicht erlauben thät, wäret Ihr's doch; nur frei heraus und saget mir einmal: warum?«. »Ich meine: welcher Gedanke, ja nur welcher Sinn liegt in dem Lied: Zu Lauterbach hab' ich mein' Strumpf verloren, Ohne Strumpf geh' ich nicht heim, Jetzt geh' ich halt wieder gen Lauterbach, Kauf mir ein' Strumpf zu mein eim. Das ist nichts als barer Unsinn, und das nennen Sie lustig? Wie kann ein Lied lustig sein, wenn gar kein Gedanke darin ist? Ist die Gedankenlosigkeit Lustigkeit?« »Ja, es mag jetzt sein, wie es will, lustig ist es doch; es paßt: halt so grad, wenn man« – der Buchmaier konnte sich hier nicht mehr recht ausdrücken, er schnalzte nur mit den beiden Händen; dann fuhr er fort: »ich will sagen, wenn man so recht darüber 'naus ist. Wir haben hier einen: den Jörgli, von dem müsset Ihr's einmal hören, dann saget Ihr auch: es gibt nichts Lustigeres. Ein Spaßvogel hat mir einmal berichtet. es müss' nicht ›Strumpf, es müss' Schuh‹ heißen, und deswegen sei von Lauterbach die Red', weil dort auf allen Gassen Schlappen rumliegen. Aber was geht uns jetzt das Lied an? Wir wollen was andres reden. Habt Ihr hier herum auch Bekannte?« »Keinen Menschen.« »Nun, Ihr werdet schon gute Freund' bei uns finden; die Leut' sind zwar hier herum ein bißle grob; es ist nicht so, aber es sieht so aus. Ein bißle spöttisch, das ist wahr, das sind sie, es ist aber nicht bös gemeint, man muß nur tüchtig heimzahlen; und wenn man mit ihnen umzugehen weiß, kann man's um einen Finger wickeln.« »Ich werde gewiß allen Menschen mit Liebe entgegenkommen.« »Ja, was ich hab' sagen wollen, nun müsset Ihr auch die Gemeinderäte und den Bürgerausschuß begrüßen, Ihr müsset sie besuchen; und noch eins, gehet auch zum alten Schullehrer, der jetzt schon fünfundzwanzig Jahr in Ruhestand versetzt ist; er ist ein braver Mann, und es thut ihm wohl. Er ist noch von der alten Welt, aber auch grundgut. Ich bin auch noch bei ihm in die Schul' gangen, freilich weiß ich auch wenig genug. Der letzte Schullehrer hat's mit ihm verdorben, weil er ihn nicht besucht hat; und wenn Ihr ihm einen besondern Gefallen thun wollet, lasset ihn als einmal am Sonntag Orgel spielen. Jetzt will ich Euch Euer' Wohnung zeigen, Eure Sachen sind schon gestern angekommen.« Mißvergnügten Antlitzes ging der Lehrer neben dem Buchmaier durch das Dorf. Er war mit so hohen, überschwenglichen Gedanken hier angekommen und war auf eine so rauhe, harte Wirklichkeit gestoßen. Oft hörte er hinter sich sagen: das ist g'wiß der neu' Schullehrer. Bei der Krone begegnete den beiden der uns wohlbekannte Matthes; er war nun im Bürgerausschuß. Der Buchmaier stellte ihm den neuen Lehrer vor. Einige hatten dies gehört, und nun verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer. Matthes schloß sich den beiden an. So groß war die hinneigende Liebe der Kinder, in deren Herzen der Lehrer einzudringen gedachte, daß sie davonliefen, als sie ihn von ferne sahen. Hie und da blieb aber auch einer der beherzten Knaben stehen und nickte freundlich, ohne die Kappe abzuziehen, aus dem einfachen Grunde, weil er keine auf hatte. Nicht weit von dem Schulhause stand ein hübscher Knabe von sechs bis sieben Jahren. »Komm her, Hannesle,« rief Matthes, »gucket, Herr Lehrer, der ist mein. Nehmet ihn nur recht dazwischen, er kann lernen, aber er mag oft nicht. Gib dem Herrn eine Hand, der ist jetzt dein Herr Lehrer, den mußt du gern haben. Wie sagt man zu einem Fremden?« »Grüß Gott,« sagte der Knabe, herzhaft die Hand reichend. Das Antlitz des Lehrers war wie verklärt, dieser Gruß aus Kindes Munde that ihm gar wohl. Er war jetzt wieder in seinem Paradiese, das unschuldvolle Gemüt eines Kindes wendete sich ihm zu. Er beugte sich zu dem Knaben nieder und küßte ihn. »Willst du mich lieb haben?« fragte er dann. Hannesle sah seinen Vater an. »Willst du den Herrn Lehrer gern haben?« fragte der Matthes. Der Knabe nickte bejahend mit dem Kopf, er konnte nicht mehr reden, denn die Thränen standen ihm in den Augen. Die drei Männer gingen fort; der Knabe sprang eilends, ohne sich umzusehen, nach Hause. Der Buchmaier und Matthes zeigten nun dem Lehrer seine Wohnung. »Da gehört bald ein Weib 'rein,« sagte Matthes, »ein Schullehrer muß eine Frau haben. Wir haben jetzt zum erstenmal einen ledigen; nun, wir haben hier Staatsmädle, Ihr müsset Euch einmal umgucken. Das Best' ist, Ihr nehmet eine aus dem Ort; wenn man nicht aus dem Ort ist und nicht 'rein heiratet, bleibt man halt wildfremd. Hab' ich recht oder nicht, Vetter?« »Vielleicht hat der Herr Lehrer schon eine ausgesucht,« entgegnete der Buchmaier, »und sie mag her sein, wo sie will, sie soll bei uns gut aufgehoben sein.« »Ja, wir halten ihr einen Gegenritt,« sagte Matthes, indem er dachte: der Buchmaier ist doch gescheiter als du. Der Lehrer aber sagte: »Ich hin noch durchaus ledig, ich kann schon noch eine geraume Zeit zusehen.« Innerlich dachte er: lieber eine Aeffin, als so eine vierschrötige Bäuerin zur Frau. »Jetzt müsset Ihr mich verexkusieren,« sagte der Buchmaier, »ich muß ins Feld; ich hab' da einen Gaul im Handel und muß sehen, wie der im Zug ist. Nun, wir sehen uns ja heut abend. B'hüt's Gott dieweil. Gehst mit, Matthes?« »Ja, b'hüt's Gott, Herr Lehrer, und wenn Euch die Zeit zu lang wird, so nehmet's doppelt.« Der Lehrer verstand diese nicht sehr geschickte Redensart des Matthes, die von dem Bilde eines zu langen Fadens genommen ist, nicht ganz. Nachdem hinter den Fortgegangenen die Thüre schon zu war, drückte der Lehrer nochmals an derselben, gleichsam um sich zu vergewissern, daß er jetzt allein sei. Er fühlte sich sehr beklommen und konnte sich doch nicht recht sagen, warum. Endlich fiel ihm die Lauterbacher Geschichte wieder ein. Er sah darin eine grobe und rohe Begegnung, alle ihm sonst erwiesene Freundlichkeit haftete nicht an ihm. So sind die Menschen! Wenn sie sich in gereizter Stimmung befinden, behalten sie immer nur das eine im Sinne, was sie verletzte, und übersehen alles andre noch so Liebreiche. Erst saß der Lehrer lange still, dann erhob er sich, seine Sachen auszupacken. Es heimelte ihn wiederum an, da die gewohnten Gegenstände um ihn her lagen. Bald versank er indes abermals in stilles Brüten, und er dachte bei sich: da bist du nun wie in eine Wildnis versetzt: was dich erfreut und betrübt, ist für diese Menschen gar nicht vorhanden; dein Schultheiß ist eben nichts als ein Bauernschulz. noch stolz auf seine Hoheit. Wohl mag der Geist auch in diesen Menschen schlummern, aber er ist verschüttet. Ich will all meine Kraft zusammenhalten, um mich gegen das Verbauern zu wahren. Tagtäglich will ich mein ganzes Sein aufwühlen, ich will frei bleiben von dem Einflusse meiner Umgebung. Ich habe Lehrer gesehen, die mit dem freien Geiste der Zeit erfüllt in ihr Amt traten, und nach einigen Jahren versanken sie ganz in den Schlendrian, sie waren zu Bauern geworden, selbst ihr Aeußeres war nachlässig und schlapp. – Er schrieb auf ein Zettelchen: Memento! und steckte es an den Spiegel. Endlich raffte er sich auf und ging hinaus auf das Feld, den Weg, den er hereingekommen war. Die Bauern, die hier auf den Aeckern an der Straße arbeiteten, sagten: »Nun, wie geht's, Herr Lehrer? schon eingewöhnt?« Der Lehrer gab kurze, aber freundliche Antworten; diese Zuthulichkeit kam ihm fremd vor und beleidigte ihn fast. Er wußte nicht, daß die Leute ein Anrecht zu derselben zu haben glaubten, weil sie ihn zuerst gesehen hatten, zuerst von ihm begrüßt worden waren. Nach langem Umherschweifen in den Feldern fand er »im Grunde« einen einsam stehenden Holzbirnenbaum von schönem Schlage. Er umwandelte ihn von allen Seiten, bis er den rechten Punkt gefunden hatte. Nun setzte er sich auf einen breiten Markstein und zeichnete. Viele Bauern kamen neugierig herbei und schauten zu. Schnell verbreitete sich von Mund zu Mund das Gerücht: der neue Lehrer schreibt die Bäum' ab. Der Lehrer zeichnete noch den Hügel gegenüber mit dem Haselbusch und der Brombeerhecke, die sich über einen Felsen wand, auch das Feldhäuschen, in dem man das Feldgeschirr aufbewahrt oder bei Unwetter Schutz sucht; zuletzt zeichnete er einen Bauern mit Pferd und Pflug als Staffage. Es neigte sich gegen Abend. Mit beruhigter Seele kehrte der Lehrer heimwärts. Unterwegs schlossen sich ihm mehrere Bauern an; ohne viel Umstände zu machen, hielten sie gleichen Schritt mit ihm und hatten gar viel zu fragen. So unbequem dies dem Fremdling war, so ließ er sich's doch gefallen. Sehr ungeschickt aber war es, daß er auf die Frage: »Nicht wahr, es ist eine schöne Gegend hier herum?« die Antwort gab: »So so, es geht an.« Er dachte, daß sich hier nicht viel Malerisches zu finden scheine und konnte das doch nicht sagen. Da ihm die Plumpheit der Kirchturmspitze aufgefallen war, fragte er: »Wer hat die Kirche gebaut?« Die Leute sahen ihn mit großen Augen an, sie konnten sich gar nicht denken, daß es einmal anders gewesen, daß es eine Zeit gegeben haben könne, da die Kirche noch nicht da war. Zu Hause harrte der Lehrer auf den Buchmaier, der ihn seiner Erwartung nach abholen würde. Es dämmerte, auf der Straße regte sich lebendiges Treiben; nur der Lehrer saß still am offenen Fenster. Er gedachte jetzt lebhafter als je, wie notwendig ihm eine Lebensgefährtin sei, die ihn verstünde, damit er nicht mehr »unter Larven die einzig fühlende Brust« sei. Es war Freitag Abend; die jungen jüdischen Burschen zogen nach ihrer Gewohnheit singend durch das Dorf. Einst war eine Stimme darunter, die jetzt nicht mehr so hell klingt. Man sang mehr Lieder aus den Büchern. Als man an der Wohnung des Lehrers vorüber kam, wurde eben das schöne Lied begonnen: Herz, mein Herz, warum so traurig? Und was soll das Ach und Weh? 's ist ja so schön in fremden Landen! Herz, mein Herz, was fehlt dir denn? Nach und nach verklang das Lied nach dem obern Dorfe zu. Der Lehrer fühlte sich in tiefster Seele bewegt. Er griff nach seiner Geige und spielte den Sehnsuchtswalzer; das waren im Dorfe nie gehörte Klänge. Bald vernahm er, daß sich viele Menschen vor dem Hause gesammelt hatten; sich selbst und die andern zur Lust aufrufend, spielte er dann noch einen neuen muntern Walzer. Jauchzen und Lachen auf der Straße lohnte ihm. Endlich ward es dem Lehrer doch zu lange, er verließ das Haus und fragte den ihm begegnenden Matthes nach dem Buchmaier. »Kommet mit,« sagte Matthes, »im Adler ist er und am Freitag Abend besonders gern.« Der Lehrer fand es zwar nicht recht, daß der Schultheiß so bei den andern im Wirtshaus saß, er ging indes doch mit. Im Adler traf er große Gesellschaft und eifriges Gespräch. Die Juden, die großenteils die ganze Woche nicht zu Hause sind, saßen hier unter ihren christlichen Mitbürgern und tranken; nur mit dem einzigen Unterschiede, daß sie, weil Sabbat war, nicht dabei rauchten. Eine Weile herrschte Stille, als der Lehrer in die Stube trat; aber bald nach dem Willkomm, und nachdem der Buchmaier neben sich Platz gemacht, fuhr dieser fort: »Wie gesagt, der Thiers hat mit einem fetten Stück Deutschland Frankreich schmälzen wollen; pros't Alter, dir hat man die Supp' versalzen, du wirst nimmer so schleckig sein. Was meinet Ihr, Herr Lehrer?« »Sie haben ganz recht, nur sollten wir auch das Elsaß wieder haben.« »Ja, mornemorgen , aber die Elsässer wollen nicht. Wie ich das letzte Mal in Straßburg gewesen bin, hab' ich mich in die Seel' 'nein geschämt, wie sie mich gefoppt haben, ob wir nicht wieder bald falsch Geld haben, das kein' Heimat hat? Ein rechtschaffener Mann hat mir gesagt: die Beamten von drüben, die wären lieber deutsch, bei uns sind sie am besten bezahlt, sind versorgt auf Kinder und Kindeskinder, und haben Ruh', aber drüben ist das anders; die Beamten machen das nicht aus. Und wenn's deutsch würd', wer sollt's kriegen? Ein Sohn von dem falschen Sechser? Es ist, glaub' ich, noch einer da? Oder ein verlegtes hannoverisch Zehnguldenstück? Man thät's aber nicht einem geben, man thät's verschnipfeln; sie haben ja den Ueberrhein in drei Teil verschnitzelt, damit man's auch recht weiß, daß er deutsch ist.« Der Lehrer saß in stummem Erstaunen nach dieser Rede des Buchmaier; da begann ein starker, wohlbeleibter Mann, dessen städtische Kleidung und eigentümliche Redeweise den Juden nicht verkennen ließ: »Ja, und die vielen Juden im Elsaß ließen sich eher massakrieren, ehe sie deutsch werden thäten; drüben sind sie vollkommen gleich mit den christlichen Bürgern; wir, wir bezahlen alle Steuern gleich, werden Soldaten wie die Christen und haben doch nur die halben Rechte.« »Hast recht, Mendle, kriegst aber nicht recht,« erwiderte der Buchmaier. Eine Pause entstand, nach welcher der Buchmaier wiederum begann: »Herr Lehrer, was haltet Ihr von den Tierquälervereinen? Kann man mir befehlen, wie ich mit meinem Eigentume umzugehen hab'? Darf man mich dafür strafen?« Der Lehrer sah hierin wiederum nichts als die Roheit dieser Menschen; mit großem Eifer verteidigte er daher die Polizeimaßregeln wegen Mißhandlung der Tiere; der Buchmaier aber entgegnete: »In der Stadt, da kann's meinetwegen nötig sein, daß man die Leut' ermahnt, das Vieh zu schonen, aber strafen kann man's nicht. So ein Kutscher oder Kutschersknecht, oder so ein Livreebeamter, ich will sagen Livreebedienter, der hat kein' rechte Lieb' zum Vieh, es ist oft gar nicht einmal sein eigen, und davon, daß er's aufgezogen hat, ist gar nicht zu reden. Bei uns aber, ich hab' schon gesehen, daß die Leut' mehr heulen, wenn ihnen ein Rind draufgeht, als wenn ihnen ein Kind stirbt.« »Die Herren sollten zuerst die Bauern besser behandeln,« sagte Matthes. »Der alt' Amtmann, der hat seinem Hund die besten Wörtle geben und die Bauern nur so angeschnauzt; sie sollten zuerst einen Verein stiften, daß keiner mehr Er zu einem Bauern sagt.« »Ja,« sagte der Buchmaier, »die Hauptsach' ist, die Amtleut' wollen jetzt gern auch über das Vieh regieren. Ihr werdet sehen, wenn's so fort geht, wird man über zehn Jahr einem befehlen, was er auf seinem Acker säen darf und wann er ihn brachlegen muß; man kann ja auch seine Aecker quälen und kann ihnen zuviel zumuten.« »Wenn die Menschen nicht so vernünftig sind,« sagte der Lehrer, »das gehörige Maß in allen Dingen zu halten, so ist der Staat verpflichtet, das Gute durch Strafen einzuführen.« »Nein und neunundneunzigmal nein!« rief der Buchmaier, hielt aber plötzlich inne; sei es, daß er seiner Heftigkeit den Zügel halten wollte, oder daß er in der That nichts vorzubringen wußte. Er trank in langsamen Zügen, währenddessen ein Mann mit gerollten, weißen und schwarzen Haaren, so was man Kümmel und Salz nennt, auf hochdeutsch sagte: »Man kann die Menschen dafür strafen, wenn sie schlecht handeln, aber man kann sie nicht zwingen, gut zu sein; eine durchs Gesetz erzwungene Güte ist auch keine Güte mehr.« »Hat recht,« sagte der Buchmaier auf die Rede des Mannes, dessen Rede trotz des Hochdeutschen in dem singenden Tone des jüdischen Dialekts gesprochen war. Der Lehrer aber ging nicht darauf ein. Es ist nicht wahrscheinlich, daß er, wie die gelehrten Herren pflegen, auf die Gegenrede eines Juden that, als ob sie nicht vorgebracht worden wäre; vielmehr betrachtete er nur den Buchmaier als seinen Gegner, er fragte diesen: »Glauben Sie, daß der Staat ein Recht hat, die Leute durch Strafen zu zwingen, ihre Kinder in die Schule zu schicken?« »Freilich, freilich.« »Ja warum denn?« »Weil das in der Ordnung ist.« »Ja, man hat doch aber kein Recht, die Leute zu zwingen, daß sie gut seien.« »Man kann's aber strafen, wenn sie schlecht sind, und wer sein Kind nicht in die Schul' schickt, der handelt schlecht. Ist's nicht so?« schloß der Buchmaier zu dem gewendet, der vorhin das Wort für ihn ergriffen hatte. »Gewiß,« erwiderte dieser. »Der Staat ist der Vormund derer, die nicht selber für sich sorgen und sich nicht wehren können. Wie er die Pflicht hat, sich um ein Kind anzunehmen, wenn ihm die Eltern sterben und so durch den Tod nicht mehr für dasselbe sorgen können, so muß er auch solche, die durch Dummheit oder Schlechtigkeit ihre Kinder vernachlässigen, durch Strafen zu ihrer Pflicht zwingen.« »Hat recht, hat rechtschaffen recht,« sagte der Buchmaier triumphierend. Ohne sich an den, wie ihm schien, unberufenen Redner zu wenden, doch auch ohne ihn zu vermeiden, sagte der Lehrer: »Wenn der Staat der Vormund der Unmündigen ist, derer, die sich nicht selber helfen und wehren können, so hat er auch die Herrschaft über das Vieh, das in gleichem Falle ist wie die Kinder.« »Aepfelstiel und Birenschnitz, wie kommen die Rüben in den Sack? Das ist gar kein Vergleich,« sagte der Buchmaier lachend. »Herr Lehrer, nichts für ungut, aber da habt Ihr Euch vergaloppiert. Ich hab' zu Haus ein Waisenrind, das arme Tierle hat kein' Vater und kein' Mutter mehr, ich muß bigott morgen den Gemeinderat zusammenkommen lassen, man soll ihm einen Vormund setzen.« Ein schallendes Gelächter erdröhnte in der ganzen Stube. Der Lehrer gab sich alle Mühe, seine Ansicht näher zu begründen, aber er konnte nicht mehr zu einer ordentlichen Auseinandersetzung kommen. Die ganze Versammlung war seelenfroh, daß das zu ernste Gespräch endlich eine lustige Wendung genommen hatte. Nur so viel vermochte er darzulegen, daß er weit entfernt sei, die Kinder und das Vieh in eine Reihe zu stellen. »Davon ist keine Red',« sagte der Buchmaier, »Ihr habt ja des Matthesen Hannesle einen Kuß geben, das thut man keinem Vieh. Aber jetzt ist mir's, wie wenn ich eine dreifache Versicherung hätt', daß das mit den Tierquälervereinen nichts ist, als den Hühnern die Schwänz' 'naufbinden, sie tragen's schon allein oben.« Die Heiterkeit steigerte sich nun immer mehr, überall öffneten sich die Schleusen eines nicht immer sehr wählerischen Witzes. Der Lehrer war nicht dazu aufgelegt, sich davon fortreißen zu lassen, vielmehr ward er im Tiefinnersten verstimmt. Mit jenem quälenden Gefühle, vor mehreren seine Ansicht ausgesprochen zu haben, ohne sie ganz dargelegt zu haben und ohne ganz gehört worden zu sein, verließ der Lehrer nun bald das Wirtshaus. Er sah es wohl ein, wie schwer es ist, eine Versammlung von Erwachsenen in der gründlichen Erforschung eines Gedankens zu leiten und ihn durchzukatechisieren; bald aber verließ er diese Betrachtung wieder und ward überzeugt, daß er hier die Roheit: getroffen, die nicht in der eckigen und derben Natürlichkeit, sondern in der selbstgefälligen Mißachtung der Bildung und der verfeinerten Ansichten besteht. Er war sehr betrübt. Der Vorsatz: sich nur der bildsamen Kindheit und der reinen Natur hinzugeben, befestigte sich stets mehr in ihm. Andern Tages, es war Samstag, machte der Lehrer die Besuche bei den Gemeinderäten, er traf aber keinen zu Hause. Er ging nun zuletzt zu dem alten Schullehrer, man wies ihn nach einem Garten am Wege. Hier waren die Beete nach der Schnur schon geordnet und mit Bux eingefaßt; der üppige Buchenzaun, der das Ganze einhegte, war schön geschoren, und nach genau abgemessenen Zwischenräumen erhob ein Stämmchen nach dem andern seine gerundeten Zweige über den Hag. In der Mitte war ein Rondell, um welches ein mehrere Schuh hoher Bux einen natürlichen Kübel bildete, Blumen aller Art knospeten und blühten. Man vernahm hinten am Garten, in der Nähe der Laube, ein Gespräch. Der Lehrer trat auf die beiden Männer zu, und seinen Hut abziehend sagte er: »Kann ich den Herrn Schullehrer sprechen?« »Wir sind zwei für einen, he, he,« sagte der alte Mann, der hemdärmelig die Hacke in der Hand hielt. »Ich meine den alten Herrn Lehrer.« »Das bin ich, und das ist der Judenlehrer, he, he,« erwiderte der Mann mit der Hacke, auf seinen sabbatlich geputzten Nebenmann deutend. »Das ist mir lieb, daß ich Sie auch hier treffe. Haben wir uns nicht gestern gesprochen?« »Als Sie mit dem Schultheißen sprachen.« Der alte Mann warf die Hacke weg, that die Pfeife aus dem Munde, griff schnell nach seinem Rocke und wollte ihn anziehen; unser Freund aber verhinderte dies. »Wir brauchen voreinander keine Umstände zu machen,« sagte er, »wir sind ja Kollegen, ich bin der neue Lehrer. Gehört der Garten Ihnen eigen?« »He, he, wem denn? Ja,« erwiderte der Alte; alle seine Reden waren mit einem aus tiefer Brust geholten Lachen begleitet. »Grüß Gott in Nordstetten,« setzte er hinzu und reichte dem Angekommenen die Hand; diesem war es, als ob er die eiserne Hand Berlichingens fasse, so hart war sie anzufühlen. Der jüdische Lehrer stand in Verlegenheit da, seine gefalteten Hände aufeinander reibend. Er wußte nicht, sollte er dem Angekommenen die Hand reichen oder nicht. Er fürchtete, zudringlich zu erscheinen, da man ihn nicht aufgesucht hatte; sodann fühlte er sich auch durch diese Nichtbeachtung beleidigt, er glaubte sich durch Zuvorkommenheit etwas zu vergeben. Diese beiden Gefühle – Furcht vor Zudringlichkeit und Mißachtung auf der einen, und vor zu weit getriebener Empfindlichkeit auf der andern Seite – das sind die beiden Schächer, zwischen denen der Jude im gesellschaftlichen Leben gekreuzigt ist, sie bleiben es so lange, als seine Stellung in der menschlichen Gesellschaft keine gesicherte und vor Mißdeutungen geschützte ist. Wie alle gebildeten Juden aus der älteren Generation hatte der jüdische Lehrer die Sätze der Schrift genau inne, er gedachte der Bibelstelle: »Liebet den Fremden, denn ihr waret selbst Fremde im Lande Aegypten,« und »Betrübe den Fremden nicht, denn du weißt, wie es ihm zu Mute ist.« Er gedachte der Freude, die ihm vor Jahren ein freundliches Entgegenkommen bereitet hatte. So stand er nun da, seine Lippen bewegten sich still, alle seine Gesichtsmuskeln zuckten. Er trat endlich auf den Angekommenen zu, reichte ihm die Hand und hieß ihn mit besonderer Herzlichkeit willkommen. Der Fremde sagte: »Sie können mir gewiß viel Anleitung gehen, meine Herren, über mein Verhalten dahier; ich bin hier so ganz fremd.« »Ich kann mir das noch recht gut denken,« nahm der jüdische Lehrer das Wort, »ich war auch bloß auf Verfügung des Konsistoriums hierher gekommen und kannte keinen Menschen. Ich wünschte mir oft, ich hätte eine Zeitlang inkognito dableiben können, um die Charaktere der Eltern genau zu beobachten, und ohne die Eltern, wissen Sie wohl, ist auch bei den Kindern nichts auszuführen. Bei mir war noch der besondere Umstand, daß ich vor fünfundzwanzig Jahren zum erstenmal eine geordnete Schule einzurichten hatte, was die Juden damals noch gar nicht kannten. Ich kam mir in der ersten Zeit vor, als wär' ich in eine fremde Welt verzaubert.« »Nun, du hast dich bald verzaubern lassen und hast das schönst' Mädle aus dem Ort geheiratet, he, he, und das war auch recht,« erwiderte der alte Mann. Zu unserm Freunde gewendet fuhr er fort: »Ihr müsset halt auch ein Mädle aus dem Ort heiraten.« Unser Freund fuhr so bestürzt zurück, daß er in ein wohlgeglättetes Beet trat; es war ihm, als hätte sich alles gegen ihn verschworen, um ihn zu verkuppeln. Nachdem er sich über die angerichtete Zerstörung entschuldigt, sagte er: »Ich meine nur über mein Verhältnis zu den Eltern und den Kindern.« »Nur recht streng,« sagte der Alte, die zertretene Stelle wieder aufhäckelnd. »Von dem neuen Schulwesen versteh' ich nichts, da fragt man die Kinder: wer hat den Stuhl gemacht? als wenn man das nicht schon von selber wüßt'; da lautieren sie b. k. l. m. wie die Stummen, es gibt gar kein ABC mehr.« »Sie meinen also recht streng?« erwiderte ablenkend unser Freund. »Ja. Wie die Mannen im Dorf 'rumlaufen, ist keiner da, der es nicht aus dem Salz von mir kriegt hat, und sag du, ob sie nicht noch heutigestags allen Respekt vor mir haben?« »Ganz gewiß,« sagte der jüdische Lehrer lächelnd. Der Alte fuhr fort: »Und wenn eine Lustbarkeit im Dorf ist, da darf man nicht den vornehmen Herrn spielen, der sich's eine Weile so anguckt, wie das dumme Volk auch lustig sein kann; nein, da muß man auch mitthun. Kreuz Himmel! Ich hab' die tollsten Streich mitgemacht, den Balbiererstanz, den haben sie von mir gelernt, und den Siebensprung, den hab ich mit meiner Gret immer vorgetanzt; es juckt mich noch in den Beinen, wenn ich daran denk'.« »Sie waren aus der Gegend, Sie konnten schon eher so etwas mitmachen.« »Ich bin nicht aus der Gegend. Anno fünf ist hier erst württembergisch geworden, damals war alles vorderösterreichisch. Ich bin bei Freiburg daheim.« »Sie haben wohl viel erlebt?« »Das will ich meinen. Die Leut', die jetzt dreißig Jahr' alt sind, die wissen gar nichts von der Welt, da geht alles glattweg, wie auf der Kegelbahn. So ein Lehrer, ich mein' Euch nicht mit, aber was weiß denn jetzt so einer? Wo ist er in der Welt gewesen? In den Büchern ist er gesteckt. Da geht alles jetzt seinen geweis'ten Weg, eins, zwei, drei, Schüler, Seminarist, Lehrer. Ich war Soldat, ich war Musikant, ich war Schreiber auf dem Amt in vielerlei Herren Ländern. Ich hab' Russen und Franzosen und Sachsen und alles Teufelszeug mit durchgemacht. Ich hab' hier im Ort ein Buch angefangen gehabt und mit der schönsten Fraktur, und denket nur einmal, grad wie ich beim F bin, kommen die Teufelsfranzosen; da war's aus, die haben Fraktur mit einem gesprochen.« Nun erzählte der Alte, auf die Haue gestützt, seine zwei Hauptgeschichten: wie er nämlich einen Topf mit zweihundert Gulden im Keller vergraben hatte, den die Franzosen doch fanden; wie er im grimmkalten Winter den Pfarrer nach Egelsthal begleitete, um einer alten Frau die letzte Oelung zu geben, unterwegs ihnen ein Kosake begegnete und dem Lehrer die fuchspelzenen Handschuhe auszog. Er war eben an einer ausführlichen Beschreibung der Handschuhe, als es elf Uhr läutete: man verließ den Garten. Unser Freund ging noch im Geleite seines jüdischen Amtsgenossen bis zum Adler, dort hatte er sich zur Kost eingedungen. Am andern Morgen erwarb sich der Lehrer viel Lob durch sein Orgelspiel. Aus einzelnen Gruppen, die sich nach der Kirche gebildet hatten, hörte er mehrmals den Ausspruch: »Er kann's fast gar wie der alt' Lehrer.« Er ging nun zu diesem und bot ihm das Orgelspiel für die Mittagskirche an. Der alte Mann lachte ganz überselig und sagte endlich, wie immer in schnell abgestoßenen Sätzen sprechend: »Ja, sie können was lernen, die jungen Leut', wenn sie wollen. Ich war dritthalb Jahr Unterorganist im Münster in Freiburg, he, he. Ja, der früher' hochmütig' Professor hat mich aus der Kirch' vertrieben, ich hin ein ganz Jahr nicht 'neingegangen, ich hab' dem sein Gequicks nicht hören können, und später bin ich nur zum Amt und zur Predigt: beim Singen hab' ich davonlaufen müssen.« Der alte Lehrer spielte nun mittags die Orgel, aber er machte mit dem heiligen Instrumente so lustige Sprünge, daß der junge Mann oft den Kopf schüttelte; auf dem Antlitze aller andern Anwesenden aber leuchtete zufriedene Heiterkeit. Die Freundlichkeit gegen den alten Lehrer erregte dem neuen vieles Lob; darüber aber, daß er die Gemeinderäte am Werktage besucht hatte, da sie doch nicht zu Hause waren, ward ihm ebenso vieler Tadel. Von beiden kam ihm nichts zu Ohren. Montags begann die Schule. Der Pfarrer, ein freundlicher und edel denkender Mann, führte den neuen Lehrer mit einer gehaltvollen Rede im Beisein des ganzen Gemeinderats und Bürgerausschusses in seinen Wirkungskreis ein. Von dem Tage an, da die Schule begonnen hatte, aß der Lehrer nicht mehr im Wirtshause; das laute Leben und die Gespräche dort störten ihn, er wollte, nachdem er die Schar der Kinder entlassen, ganz allein sein. Ueberhaupt zog er sich ganz in sich zurück, er verrichtete sein Amt gewissenhaft, pflog aber mit niemand Umgang; nur bisweilen ging er mit dem jüdischen Lehrer oder mit dem alten spazieren. Ueber den Charakter des letzteren war er bald einig, der Geistesrichtung des ersteren aber, in der die staatlichen und sittlichen Angelegenheiten seiner Glaubensverwandten im Vordergrunde standen, konnte er keine entsprechende Teilnahme widmen. Mit den übrigen Leuten im Orte, selbst mit dem Buchmaier, stand der Lehrer noch so fremd wie am Tage seiner Ankunft. Er ging nie ins Wirtshaus und gesellte sich nie zu den abendlichen Kreisen, die sich vor den Häusern bildeten. Waren die Schulstunden zu Ende, schweifte er einsam durch Wald und Feld, zeichnete oder schrieb in sein Taschenbuch, und wenn es Nacht war, musizierte oder las er. Da wir die Zeichnungen nicht vorlegen und die Musik nicht wieder aufspielen können, so mögen hier die Taschenbuchbemerkungen eine Stelle finden, unter dem Titel, den ihnen der Lehrer selbst gab: Feldweisheit von Adolf Lederer . (Im Grase liegend.) Bei allen Wiederbelebungen, in allem neuen Dasein sind Rückständigkeiten mitten darunter gemischt. Wenn man das Wiesengrün des Frühlings genau betrachtet, liegt viel verdorrtes überjähriges Gras zwischen und unter dem grünenden; es muß verfaulen und zum Dünger für das neue Leben werden. Da schreien dann die Thoren: es ist kein Frühling, es kann auch keiner kommen, seht hier die dürren Halme! Ist es nicht auch im ganzen Leben des Geistes so? . . . ist der alte Schullehrer nicht auch so ein Stück dürres Gras? . . . Mir ist die ganze Natur ein Sinnbild des Geistes; ich meine immer, sie sei nur die Larve, hinter der das Geistesantlitz steckt. Die armen Bauern! sie leben mitten in der freiesten Natur wie in einem toten Hause, sie sehen in all den Feldern und Wäldern nur den Ertrag, die Zahl der Garben, die Säcke Kartoffeln, die Klafter Holz; ich aber schlürfe den Geistesduft der Schönheit, der darüber schwebt. Ich will hinwegsehen über die Menschen, die da mitten unter diesem glanzvollen Leben lichtlos einherwandeln, ich will mich erheben über all das niedere klägliche Treiben und wie die Biene hier aus der unanfaßbaren Distel Honig saugt, die dem Esel bloß zum derben Futter wird, so will ich den Honigseim des Geistes aus allem ziehen. Steh mir bei, du ewiger Geist und laß mich nicht denen gleich werden, die an der Scholle haften, bis die Scholle über ihren Sarg rollt; und ihr! ihr großen Geister meiner Nation, deren Werke mich hierher begleitet, stärket mich und laßt mich stets zu euren Füßen sitzen. Jeder Acker hat seine Geschichte. Wüßte man die Wandlungen, die ihn aus der einen Hand in die andre gebracht, die Schicksale und Gefühle derer, die ihn bearbeitet, es wäre die Geschichte des Menschengeschlechts: sowie seine geologische Bildung, tief hinab bis zum Mittelpunkt der Erde aufgedeckt, die Geschichte des Erdballs aufzeigte. Alles auf der Welt wird zur Nahrung oder zum sonstigen Verbrauch und Genuß für ein andres; nur der Mensch eignet sich alles an, er selber aber steht frei über der Erde, bis sie ihren Mund aufthut und seinen Leichnam verschlingt. Ich bin da auf eigene Weise zu dem trivialen Gedanken gelangt, daß der Mensch der Herr der Erde ist; aber nur das ist Wahrheit, eigene Erkenntnis, was wir auf eigentümliche Weise wiederfinden. Ich habe einmal gehört und gelesen, daß nur da, wo die Anzahl der nützlichen Haustiere die der Menschen übersteige, ein behaglicher und glücklicher Zustand des allgemeinen Besitztums sei. Ist das wohl eine geistige Lehre, daß die Zahl der Unvernünftigen die der Vernünftigen übersteigen müsse? Es wäre schrecklich, wenn es so wäre, und doch . . . Es ist entschieden, daß die Bildung der Menschheit erst mit dem Ackerbau und durch denselben begonnen hat. Solange die Menschen ihre Nahrung nur suchten, sei es durch Jagen, Fischen und dergleichen, standen sie noch fast den Tieren gleich. Erst als sie begannen, sich die Nahrung vorzubereiten, indem sie das natürliche Wachstum beobachteten und lenkten, indem sie pflanzten und pflegten, hielten sie an einem bestimmten Boden fest, mußten sie die Gesetze der Natur erforschen und entdecken, Einfluß auf das Leben der Außenwelt und ihrer Innenwelt gewinnen. Der Ackerbau ist die Wurzel aller Bildung in der Welt, aber die Ackerbauer selber haben die wenigste Frucht davon. Muß das so sein? Auf der schwankenden Blume, die vom Winde geschüttelt wird, klammert sich die Biene fest und saugt emsig den Honig: so auch genießet der Mensch das schwankende Erdenleben, und der Boden zittert unter ihm. (Am Buchsee.) Ein Himmelstropfen, der in ein stehendes Wasser fällt, bildet eine Weile ein Bläschen, dann zerplatzt er und vermengt sich mit dem Sumpfe; in den lebenden Strom gefallen, wird er selbst ein Teil der lebendigen Welle. Ist mein Dasein ein solcher Tropfen? Ich will, daß ich in einen lebendigen Strom aufgehe, es muß so sein . . . Alle Vögel fliehen den Regen, nur die Schwalben flattern lustig darin. Es erregt mir oft ein sonderbares Gefühl, daß, wenn ich hinausgehe in das Feld, um mir körperlich erquickliche Ermüdung zu holen, die Leute von der Arbeit ermüdet heimkehren: es ist mir da oft, als müßt' ich mich schämen, daß ich jetzt spazieren gehe. Nur am Abend und am Morgen bemerkt man den schnellen Wechsel des Lichts; dieser ist aber den ganzen Tag aufsteigend bis zum Mittag und von da absteigend ebenso. Ist nicht bei der Entwickelung des Menschengeistes das gleiche der Fall? So oft ich auch schon den Sonnenuntergang betrachtet, nie war er gleich; das ist die unendliche Mannigfaltigkeit der Natur, darum ist sie auch ewig schön und neu. Beim Sonnenuntergang glaubt man immer, von der Stelle, wo man steht, bis nach Westen hin reicht das Abendrot, da ist noch Licht, rückwärts gekehrt erscheint alles dunkel; diejenigen aber, die weiter hinten stehen, glauben, es reiche nur noch bis zu ihnen. So bemißt jeder den Horizont nach seinem Standpunkte, und wer das untergehende Licht betrachtet, glaubt, es reiche nur noch bis zu ihm. Warum ist ein Sonnenuntergang für die meisten Menschen ansprechender als ein Sonnenaufgang? Ist es, weil diesen die wenigsten oft sehen, oder weil das Verschwindende, das Sterbende näher zu uns spricht? Ich glaube nicht. Beim Sonnenuntergang erhält das Schauspiel einen zart geheimnisvollen Abschluß in der Nacht und der darauf folgenden Ruhe; der Sonnenausgang aber hat keinen Abschluß, ihm folgt das helle Licht, die Unruhe und das lärmende Gewühl des Tages. Schön ist das Sterben! o, ich sehne mich . . . (Hinterm Schloßhag.) Wenn man einen Pfosten in die Erde rammt, muß man die einzugrabende Spitze brennen, damit sie nicht faule; wen die Flamme des Geistes berührt, der kann nicht sterben. Aus der Haut des einen Tieres schneidet man das Riemenwerk für Zaum und Zügel und die Einjochung des andern. Die Anwendung ist leicht. Wenn man jemand einen Weg zu kurz angibt, ermüdet er doppelt; dies kommt wohl von der stets gespannten Erwartung, am Ziele zu sein. Ich habe mir den Weg zu meinem Lebensziele auch zu kurz gedacht. Beim Mähen darf man nur kleine Schritte machen und gradaus. Je dünner der Klee steht, um so müder wird man beim Mähen; da fährt man mit der Sense auf dem harten Boden herum und in die Luft hinaus und hat am Ende nichts erschafft. Wie vieldeutig ist das. Vom Futter und allem, was man grün heimthut, entrichtet man keinen Zehnten. Beim Kornschneiden muß man die abgeschnittene Frucht stets hinter sich legen, da ist Raum dafür, vorwärts stehen die neuen Halme, die zu schneiden sind; so muß es auch mit unseren fertigen Thaten sein, wir müssen sie aus unserm Gesichtskreise legen und das vor uns stehende Neue in Angriff nehmen. Wenn ich von ferne die bald sich erhebenden, bald sich niederbeugenden Schnitter ansehe, ist es mir oft, als ob sie ein zeremoniöses Gebet verrichteten. Da wird der neue Zaun am Schloßgarten mit grüner Oelfarbe angestrichen. Dürres Holz fault in Wind und Wetter, wenn man es nicht mit Farbe bekleidet. Die Natur hat über alle ihre Geschöpfe eine schützende Oberhaut ausgebreitet; die Menschen aber reißen die natürlichen Rinden und Glasuren ab, dann müssen sie eine künstliche auftragen. Ist die Bildung vielleicht nichts als eine Oelfarbe, die den natürlichen Schmelz ersetzt? Nein, sie ist erhöhte, sie ist die wahre Natur; diese Menschen, wie sie hier sind . . . Der alte Zimmermann Valentin ist so vergeßlich, er geht mit der Peitsche über der Schulter seinen Weg und sagt immer vor sich hin: Hio! ohne zu merken, daß seine Kühe schon dreißig Schritte hinter ihm einen andern Weg gegangen sind. Ergeht es nicht auch manchen Herrschern gerade so? In einem Garten an der Straße steht eine Trauerweide, deren Aeste in allerlei Ellipsen, Zirkel, schiefe und rechte Winkel zusammengebunden wurden und nun so ineinander verwachsen sind. Ja, die Aeste des Trauerbaumes, die Zweige des Schmerzens sind am leichtesten zu biegen, da lassen sich die Menschen gar wunderlich verschnörkeln; aber die zähe Naturkraft macht die herben Krümmungen von neuem ausschlagen. Warum nur die Bauern die verschnörkelte Natur so lieben? warum sie die Trauerweide, den schönsten aller Bäume, so mißhandeln? Vielleicht liegt es tief in der menschlichen Natur, mit dem, was das ganze Jahr die ernsteste Beschäftigung darbeut, auch einmal zu spielen . . . (Am Kreuz im Schießmauernfeld.) Ich habe früher nie über Juden nachgedacht, obgleich in meinem Geburtsorte auch Juden wohnten; ich erinnere mich nur, daß ich als kleines Kind auch die Judenknaben meines Alters verhöhnte und, wenn ich konnte, schlug. Es kömmt uns nicht ein, über unser Verhältnis zu den Juden nachzudenken, sowenig wir über unser Verhältnis zu den Pferden nachdenken. Im Gegenteil, durch die Bibel bekömmt jedes Christenkind die Empfindung, daß ihm jeder einzelne Jude etwas Böses gethan. Ein geheimnisvoller Abscheu setzt sich dann in der Seele des Kindes fest: ich dachte mir immer alle Juden räudig; ein Kind kann ein Tier liebkosen, nie aber einen Juden. Hier habe ich Gelegenheit, oft mit Juden zu verkehren. Der jüdische Lehrer ist ein vorurteilsfreier Mann von Bildung, wie ich noch selten einen getroffen. Er weiß mehr von der Theologie als von den Naturwissenschaften. Ist das bei allen Juden so? In seinem Unterricht ist mehr Geistreiches, weniger Methode und Stetigkeit; das ist für minder begabte Kinder nicht gut. Als ich zum erstenmal die Synagoge besuchte, war es mir ganz eigen zu Mute: hier, in die schwarzen deutschen Tannenwälder haben sich diese hebräischen Worte vom Libanon verloren, und doch, ist nicht auch unsere Religion von dort her? Noch mehr, das alte Rom konnte die Deutschen nicht besiegen, sie nicht römisch reden lehren, das neue vollbrachte es; hier auf den fernen Bergen ertönt allsonntäglich in der Kirche die römische Sprache. Meinem Hause gegenüber ist der sogenannte Brandplatz: dort stand das Haus, in dem eine ganze jüdische Familie, Großmutter, Schwiegertochter und fünf Enkel, verbrannt sind; jetzt spielen die Kinder am liebsten auf dieser Stätte, eine solche Ruine bietet sonst seltene Verstecke. An den schwarzen Wänden klettern die rotwangigen Buben umher und tollen und jubeln. So baut sich überall schnell neues Leben auf; wo die Flammen einst gewütet, tummelt sich sorglos das junge Geschlecht. Es ist auch in der Weltgeschichte so. Drinnen im Dorfe haben sie heute den Hammeltanz aufgeführt. Solche Dinge passen nicht mehr in unsre Zeit, sie gehören in das Mittelalter. Da sah wohl der Gutsherr vom Schloßerker herab der Fröhlichkeit seiner Leibeigenen zu; er hatte ihnen den Hammel und die Schnur geschenkt und steuerte wohl auch das gewinnende Paar mit einem kleinen Lehen aus. Jetzt hat das alles keine Bedeutung mehr, man sollte es abschaffen. Manchmal verliert sich von der Tanzmusik drinnen im Dorfe ein Klang zu mir heraus in das Feld; nur die schmetternden Töne der großen Trompete sind es, die ich abgerissen vernehme. So auch stehen diese Bauern fern von der großen Harmonie der Geisteswelt; nur wenn die große Trompete erschallt, oder die große Trommel gerührt wird, dringt ein abgerissener Klang zu ihnen, und sie schreiten eine Weile im Marschtakte der Zeit. Von dem lieblichen Adagio, von dem friedlichen Zusammenklingen wissen und hören sie nichts. Es ist gut, daß immer noch Plätzchen auf der Welt sind, die niemand gehören, wo die Armen ihr Gras sammeln können; das sind die Raine, Anwände, oder wie man sie nennen mag. Wo aber der Fuß des Menschen kaum mehr einen Halt findet, da klettert noch die Ziege, die Genossin der Armen, umher, um sich ein frisches Kraut oder ein schmackhaftes Läublein zu holen. An den Holztagen dürfen die Armen von den grünenden Bäumen sich die dürren Aeste aneignen. Ich habe einmal die schöne Deutung gelesen, daß die gütige Natur dieses Gewohnheitsrecht aufstellte und von ihrem reichen Tische den Armen abgibt. Die Armen und das dürre Holz – – Auch das Unkraut in den Kornfeldern gehört niemand, das jäten die Armen aus, und es ist nahrhaftes Futter; fragst du nun noch: wozu das Unkraut? Vielleicht ist es auch mit vielem andern so . . . Diese Blätter sind die Ausbeute von dreien Monaten, während welchen der Lehrer in den Feldern umherschweifte. Sie hatten ihm manche üble Nachreden zugezogen, denn die Leute konnten gar nicht begreifen, was er immer einzubuchen habe, und sie erschöpften sich in allerlei Vermutungen. Man wird bemerkt haben, daß er auch manche Erkundigung über Gewöhnliches einzog, das ihm noch neu war; die Leute sahen ihn groß an und schüttelten die Kopfe, sie konnten gar nicht begreifen, wie man so etwas nicht wissen könne. Es ist gewiß schon vielen begegnet, daß, wenn sie einen Bauern um den Weg nach dem nächsten Orte befragten, der Angeredete stutzte, weil er glaubte, man necke ihn, dann aber eine Erklärung gab, die auf der Voraussetzung beruhte, daß man die Oertlichkeiten kenne. Es geht aber auch vielen Gebildeten so: weil ihnen ihr gewohnter Gesichts- und Ideenkreis klar ist, meinen sie, das begriffe jeder, und sie verständigen sich nur halb. Der Lehrer war im Dorfe noch so unbekannt, daß niemand seinen Namen wußte. Eines aber hatte jeder erfahren, nämlich, daß der Lehrer aus Lauterbach sei; hieran heftete sich nun die Spottsucht, man wollte es ihn entgelten lassen, daß er so stolz und zurückgezogen war. Abends, wenn die Burschen wußten, daß der Lehrer zu Hause war, rotteten sie sich vor seinen Fenstern zusammen und sangen unaufhörlich den Lauterbacher. Weil man auch wußte, daß er ein strenger Verteidiger des Vereins gegen Tierquälerei war, wurde ein gewöhnliches Lied zum Draufsetzen oft gesungen, es lautete: Jetzt ischt das Liadle aus, Jetzt speir i do e Maus: Such i 'rum und find se, Nem i e Messer und schind se, Stich ihr d'Augen aus – No haun i e blinde Maus. Diese »Gemeinheit« ärgerte den Lehrer. Er wußte aber noch immer nicht, was alles das zu bedeuten habe, bis sich endlich der Studentle zu den Burschen gesellte; obgleich er verheiratet war, stand er doch bei jedem mutwilligen Streiche obenan. Er brachte nun einen neuen Vers, der oft wiederholt wurde: Z' Lauterbach bin ich so stolz geborn, Stolz, das ist meine Manier; Ei, wär' ich doch wieder in Lauterbach, Da wär' ich in meinem Revier. Jetzt merkte der Lehrer, was diese Zusammenrottungen zu bedeuten hatten; in seiner tiefsten Seele trauerte er, daß diese Menschen, denen er doch nur wohlwollte, ihn so mißhandelten. Drinnen trauerte der Lehrer, draußen aber wurde das Gejubel immer lauter. Da raffte er sich auf, er wollte an das Fenster treten und ein Wort der Verständigung sprechen; glücklicherweise fiel aber sein Blick auf die Geige, er nahm sie von der Wand und spielte frischweg die Melodie des ihn verfolgenden Liedes. Drunten horchte man still auf, nur verhaltenes Kichern ließ sich vernehmen; aber der Gesang begann bald wieder, und der Lehrer begleitete ihn mit der Geige, so oft man auch wieder anfing. Endlich trat er an das Fenster und sagte hinaus: »So, hab' ich's recht gemacht?« »Ja,« erscholl die allgemeine Antwort, und von diesem Abende an blieb der Lehrer von dem Liede verschont, denn man wußte, daß es ihn nicht mehr ärgere. Von dieser Zeit an nahm sich indes der Lehrer vor, freundlicher und gesprächsamer gegen die Leute zu sein; er erkannte, daß er nicht nur in der Schule, sondern auch außer derselben Pflichten gegen die Menschen habe, mit denen er gemeinsam lebte. Die Ausführung dieses Vorsatzes wurde ihm bald treulich belohnt. Eines Sonntags nach der Mittagskirche ging er durch die am Hügel gelegene Straße, »Bruck« genannt. Da sah er eine alte Frau vor einem Hause sitzen, sie hatte die Hände ineinander gelegt, und ihr Kopf wackelte; er sagte freundlich: »Guten Tag! Nicht wahr, der Sonnenschein thut Ihnen gut?« »Dank schön, lieber Mensch,« erwiderte die Alte, oft mit dem Kopfe nickend. Der Lehrer blieb stehen. »Sie haben schon manchen Sommer erlebt,« sagte er. »Achtundsiebenzig, es ist ein' schöne Zeit, siebzig Jahr ein Menschenleben, heißt es in der Schrift. Es ist mir oft, wie wenn mich der Tod vergessen hätt'; nun, unser lieber Herrgott wird mich schon holen, wenn's Zeit ist, er weiß wohl, ich verlauf' ihm nicht.« »Sie können aber doch noch immer gut fort?« »Nimmer recht – der Krampf – aber das thut gut,« sie zeigte auf die grauen Fädchen, die sie um die beiden Arme gebunden hatte, an denen die Venen geschwollen waren. »Was ist denn das?« »Ei, das hat eine reine Jungfrau gesponnen, des Morgens nüchtern mit ihrem Munde und hat drei Vaterunser dabei gebetet. Wenn man das unbeschrieen um den Arm thut und dabei neunmal das Gebet in unsres Herrgotts heilige drei Nägel sagt, so stillt's den Krampf, ich muß soviel husten,« sagte sie, wie zur Entschuldigung ihrer oft unterbrochenen Rede auf ihre Brust deutend. »Wer hat denn die Fäden gesponnen?« fragte der Lehrer. »Ei, mein' Hedwig, mein Enkele, kennet Ihr denn die nicht? Wer sind Ihr denn?« »Ich hin der neue Lehrer.« »Und da kennet Ihr mein' Hedwig nicht? Sie ist ja eine von den Kirchensängerinnen. Sag mir nur auch ein Mensch, was das für eine Welt ist, da kennt der Lehrer die Kirchensängerinnen nicht mehr. Ich bin auch Kirchensängerin gewesen, man hört mir's jetzt nimmer an mit meinem Husten; ich bin ein sauberes Mädle gewesen, ja, ich hab' mich dürfen sehen lassen, und alle Jahre war das Jahressen, da war der Pfarrer und der Schulmeister dabei: o! wie sind da g'spässige Lieder gesungen worden, der bayrische Himmel und so Sachen, das ist jetzt auch nimmer; ja, die alt' Welt ist eben aus und vorbei.« »Sie haben wohl Ihr Enkelchen sehr lieb?« »Es ist ja das jüngst'! O! mein' Hedwig, die ist doch eine von der alten Welt, die hebt mich und legt mich, und da ist kein unschön Wörtle; ich wollt's ihr gunnen, daß ich bald sterben thät, sie muß soviel daheimbleiben wegen meiner, und wenn ich gestorben bin, will ich auch recht für sie beten im Himmel.« »Sie beten wohl recht viel?« »Ja, was kann ich besseres thun? Mit dem Schaffen ist es aus. Ich kann auch ein Gebet, das die Seelen vom Mond gerad in den Himmel bringt und daß die Seelen gar nicht ins Fegfeuer brauchen. Die heilig' Mutter Gottes hat einmal zu Gott Vater gesagt: Lieber Mann, ich kann das nimmer hören, wie die armen Seelen im Fegfeuer schreien und heulen, es geht mir durch Mark und Bein, und da hat er gesagt. Nu meinetwegen, du darfst ihnen helfen. Und da ist in dem Tirol einem Mann, der acht Kinder gehabt hat, sein' Frau gestorben, und da hat er eben ganz schrecklich gejammert, wie man sie auf den Kirchhof tragen hat, und da ist alle Morgen die Mutter Gottes kommen, hat die Kinder gestrählt und gewäschen und die Betten gemacht, und da hat der Mann lang nicht recht gemerkt, wer das thut, und da ist er endlich zum Pfarrer gangen, und da ist der ganz früh mit dem Heilig kommen, und da hat der gesehen, wie die Mutter Gottes zum Fenster 'naus ist, schneeweiß, und da ist das Gebet auf der Simse gelegen, und da hat man da ein' Kirch' hingebaut.« »Dieses Gebet kennen Sie?« fragte der Lehrer, sich neben der Alten auf die Bank setzend. »Ihr müsset nicht so Sie sagen,« begann die Alte, vertraulicher werdend, »das ist nicht der Brauch.« »Habt Ihr noch mehr Enkel?« fragte der Lehrer. »Noch fünf und auch vierzehn Urenkel, und von meinem Konstantin krieg' ich auch bald eins. Kennt Ihr meinen Konstantin nicht? Der hat auch gestudiert; er ist ein Wilder, aber ich hab' nichts über ihn zu klagen, gegen mich ist er alleweil gut.« Plötzlich kam hinter dem Hause hervor ein Mädchen, dem ein schneeweißes Huhn auf dem Fuße folgte. »Hent Ihr guata Roat, Ahne?« fragte das Mädchen im Vorübergehen, es schaute kaum eine Weile auf. Der Lehrer war so betroffen, daß er unwillkürlich aufstand und nach der Mütze griff. »Ist dies Euer Enkelchen?« fragte er endlich. »Freilich.« »Das ist ja prächtig,« sagte der Lehrer. »Nicht wahr, es ist ein saubers Mädle? Der alt' Schmiedjörgli sagt ihm immer, wenn es das Dorf hineinkommt, es wär' grad' wie sein' Ahne. Der Schmiedjörgli ist noch der einzig von denen jungen Bursch, mit denen ich getanzt hab'; jetzt ist es grad, wie wenn wir hundert Stund' voneinander wären, er sitzt drinnen im Dorf und kann nicht zu mir kommen, und ich nicht zu ihm; wir müssen halt warten, bis wir halbwegs auf dem Kirchhof zusammenkommen, und da treff' ich die ganz' alt' Welt, und im Himmel, da geht's erst recht an. Mein guter Hansadam muß lange warten, bis ich zu ihm komm', die Zeit wird ihm lang werden.« »Euch haben gewiß alle Leut' im Dorfe gern,« sagte der Lehrer. »Wie's in den Wald 'neinhallt, hallt's 'raus. Wenn man jung ist, möcht' man gern alle Leut' auffressen, die einen aus Lieb' und die andern aus Aerger; wenn man alt ist, da läßt man einem jeden sein Sach'. Ihr glaubet's gar nicht, was die Leut' hier so gut sind, Ihr werdet's auch noch erfahren. Seid Ihr denn auch schon viel in der Welt 'rumkommen?« »Fast gar nicht. Mein Vater war auch Schullehrer, er starb, als ich kaum sechs Jahr alt war, bald darauf starb auch meine Mutter; ich wurde nun in das Waisenhaus gebracht, blieb dort, zuerst als Zögling, dann als Inzipient und Hilfslehrer, bis ich diesen Frühling hierher versetzt wurde. Ja, liebe, gute Frau, es ist ein hartes Los, wenn man sich kaum mehr erinnert, daß einen die Hand der Mutter berührt hat.« Die Hand der alten Frau streifte ihm plötzlich über das Gesicht, es war dem Lehrer in der That, als ob ihn eine höhere Macht berührte, er saß da mit geschlossenen Augen, und die Augäpfel zitterten und bebten, die Wangen glühten; wie erwachend faßte er die Hand der Alten und sagte: »Nicht wahr, ich darf Euch auch Großmutter heißen?« »Rechtschaffen gern, du guter, lieber Mensch, es kommt mir auf ein Enkele mehr oder weniger nicht an, und ich will's probieren und will dir deine Strümpf' stricken, bring mir auch die zerrissenen.« Mit einem erhabenen Wohlgefühl saß nun der Lehrer bei der alten Frau, er wollte gar nicht weggehen. Die Vorübergehenden staunten, daß der stolze Mensch sich so vertraulich mit der alten Maurita unterhielt. Endlich kam ein Mann aus dem Hause, die Augen reibend, sich reckend und streckend. »Hast ausg'schlafen, Johannesle?« fragte die Alte. »Ja, aber mein Kreuz thut mir noch sträflich weh von dem Schneiden.« »Es wird schon wieder gut, unser Herrgott läßt einem vom Schaffen keinen Schaden zukommen,« erwiderte die Mutter. Der Lehrer dachte daran, wie ihm das Bücken der Leute als ein zeremoniöses Gebet vorgekommen war. Nach gegenseitigen Begrüßungen begleitete er nun den Johannesle hinaus in das Feld. Johannesle liebte eine Unterhaltung, bei der man nichts zu trinken brauchte und die auf diese Weise nichts kostete; er war daher entzückt von der Liebenswürdigkeit und Gescheitheit des Lehrers, denn dieser hörte ihm aufmerksam zu: die Darlegung seines Hauswesens, die Geschichte des Konstantin und noch vieles andre. Am Abend erzählte Johannesle allen Leuten, der Lehrer sei gar nicht so ohne, er könne nur nicht recht mit der Sprache heraus, er könne den Rank nicht kriegen . Der Lehrer aber schrieb, als er nach Hause kam, in sein Taschenbuch: »Die Frömmigkeit allein erhält den Menschen auch noch im Alter liebenswürdig, ja, sie macht heilig und anbetungswert, die Frömmigkeit ist die Kindheit der Seele; wenn fast wieder das Kindischwerden hervortritt, verbreitet sie eine anmutige glorienhafte Milde über das ganze Wesen. Wie hart, herb und häßlich sind genußsüchtige, selbstsüchtige Menschen im Alter, wie erhaben war diese Frau selbst in ihrem Aberglauben!« Noch etwas andres schrieb der Lehrer in sein Taschenbuch, aber er strich es alsbald wieder aus. In herber Selbstanklage saß er lange einsam, endlich ging er hinaus auf die Straße, sein Herz war so voll, er mußte unter Menschen sein; der Gesang der Burschen, der weithin schallte, durchzitterte seine Brust, und er sagte: »Wohl mir, es ist gekommen, daß der Gesang der Menschen mich noch tiefer faßt, als der Gesang der Vögel; ich höre den brüderlichen Ruf. O Gott! ich liebe euch alle!« So wandelte er noch lange durch das Dorf, im Herzen traulich zu allen sprechend, aber kein Wort kam über seine Lippen. Ohne zu wissen, wie es gekommen war, stand er plötzlich vor dem Hause Johannesles in der Bruck: alles still ringsum, nur aus der untern Stube, wo die Leibgedingwohnung der Großmutter war, vernahm man eintöniges Murmeln von Gebeten Erst spät in der Nacht kehrte der Lehrer heim, alles war still, nur hier und dort vernahm man das leise Wispern zweier Liebenden. Als er endlich in seine Stube eintrat, wo niemand war, der ihm auf seine Reden eine Antwort gab, der nach ihm aufschaute und ihm gleichsam sagte: freue dich, du lebst, und ich lebe mit dir – da betete er laut zu Gott: »Herr. laß mich das Herz finden, das mein Herz versteht.« Am andern Tage wußten die Kinder gar nicht, warum der Lehrer heute so überaus fröhlich dreinsah. In der Zwischenstunde schickte er des Matthesen Hannesle in den Adler und ließ sagen, man brauche ihm das Essen nicht zu schicken, er wolle selbst hinkommen. Es war mißlich, daß der Lehrer sich mit so hochfliegenden Gedanken dem Leben um ihn her näherte; er konnte sich wohl zurückhalten, seine eigenen Empfindungen den andern mitzuteilen, dem aber konnte er nicht steuern, daß ihm manches Häßliche und Widrige vor die Augen gerückt wurde. In der Wirtsstube traf er das Bärbele, das in der Schenke stand, im eifrigen Gespräch mit einer andern Frau. »Gelt,« sagte Bärbele, »sie haben dir gestern abend den deinen wüst heimbracht, er hat stark auf ein' Seite geladen gehabt; wenn ich's gesehen hätt', daß sie ihm Branntwein ins Bier schütten, ich hätt' scharf ausgefegt.« »Ja,« sagte die Frau, »er war ganz erbärmlich zugerichtet, er war grad wie ein voller Sack.« »Ja, und du sollst dich noch so schön bedankt haben; was hast denn gesagt? Sie haben so gelacht, es hat gar kein End' nehmen wollen.« »Ich hab' halt gesagt, sag' ich: Ich dank' schön, ihr Mannen, vergelt's Gott. Da haben sie mich gefragt: für was denn? Da hab' ich gesagt, sag' ich: Bedankt man sich ja, wenn man einem ein' Wurst bringt, warum wird man sich nicht für ein' ganze Sau bedanken?« Der Lehrer legte die Gabel weg, als er diese Roheit vernahm; bald aber aß er wieder weiter, indem er lächelnd darüber nachdachte, wie das Unglück und die Leidenschaft so oft witzig mache. Bei allen Gefühlsverletzungen, die der Lehrer durch die Art und Weise der Bauern empfand, wendete er sich aber nicht mehr an die Mutter Natur, sondern an die Großmutter Maurita, die ihm über die Art, wie die Menschen hier lebten, manchen Aufschluß gab. Viele Leute sagten daher, die alte Frau habe den Lehrer behext. Dem war aber nicht so. So gerne er sich auch an ihrem liebevollen Herzen erlabte, konnte man doch eher sagen, die Hedwig hätte es ihm angethan, obgleich er sie nur einmal gesehen und noch kein Wort mit ihr gesprochen hatte. »Hent Ihr guate Roat, Ahne?« Diese Worte wiederholte er sich oft, sie klangen ihm so innig, so melodisch, trotzdem sie in dem derben Dialekte gesprochen waren, ja, dieser selber hatte eine gewisse Milderung und Anmut dadurch erhalten. Mit aller Macht seiner früheren Vorsätze stemmte sich unser Freund gegen die Hinneigung zu einem Bauernmädchen, aber wie es immer geht, die Liebe findet Auswege genug; so sagte sich auch der Lehrer: »Gewiß ist sie das wiedergeborene Ebenbild der guten Großmutter, nur frischer, von der Sonne der neuern Zeit durchleuchtet. Hent Ihr guate Roat, Ahne?« Eines Abends saß der Lehrer wiederum bei der Alten, da kam das Mädchen hochgeröteten Antlitzes mit der Sichel in der Hand vom Felde heim, seine Schürze hielt es behutsam aufgeschlagen; es trat nun zur Großmutter und reichte ihr aus der Schürze die in Haselblätter eingehüllten Brombeeren. »Du weißt doch, was der Brauch ist, Hedwig, zuerst wartet man den Fremden auf,« sagte die Großmutter. »Langet naun zua, Herr Lehrer,« sagte das Mädchen frei aufschauend; der Lehrer nahm errötend eine Brombeere. »Iß auch mit,« sagte die Großmutter. »I dank, esset's naun ihr miteinander, 's soll euch wohl bekommen.« »Wo hast's denn brochen?« fragte die Großmutter. »Neabe aunserm Acker im Grund, Ihr kennet jo die Heck,« sagte das Mädchen und ging in das Haus. Es war dem Lehrer ganz eigen zu Mute, daß von der Hecke, die er am ersten Mittage seines Hierseins gezeichnet, ihm Hedwig jetzt die reife Frucht brachte. Hedwig kam bald wieder aus dem Hause, die weiße Henne folgte ihr auf dem Fuße. »Wohin so schnell wieder, Jungfer Hedwig?« fragte der Lehrer, »wollt Ihr Euch nicht ein wenig zu uns setzen?« »Ich dank' schön, ich will noch bis zum Nachtessen ein bißle 'nüber zum alten Lehrer.« Hedwig sprach zwar immer ganz im Dialekt, zum bessern Verständnis geben wir es aber möglichst hochdeutsch wieder. »Wenn's erlaubt ist, begleit' ich Euch,« sagte unser Freund, und ohne eine Antwort abzuwarten, ging er mit. »Kommet Ihr oft zum alten Lehrer?« »Freilich, er ist ja mein Vetter, sein Weib ist die Schwester von meiner Ahne gewesen.« »So, das freut mich herzlich.« »Warum? Habt Ihr mein' Bas' gekannt?« »Nein, ich mein' nur so.« Man war an dem Garten des alten Lehrers angelangt, Hedwig schloß schnell die Gartenthüre hinter sich und ließ die Henne draußen, die wie eine Schildwache hier harrte. »Wie kommt's,« fragte der Lehrer, »daß Euch das Huhn so nachläuft? Das ist ja etwas ganz Seltenes.« Hedwig stand verlegen da und zupfte an ihren Kleidern. »Dürfet Ihr mir's nicht sagen?« fragte der Lehrer wieder. »Ja, ich darf, ich kann, aber – Ihr dürfet mich nicht auslachen und müsset mir versprechen, daß Ihr's nicht weiter saget; sie thäten mich sonst foppen.« Der Lehrer faßte schnell die Hand des Mädchens und sagte: »Ich versprech's Euch hoch und heilig.« Er ließ die Hand nicht mehr los, und verlegen zur Erde schauend, sagte das Mädchen: »Ich, ich hab', ich hab' das Hühnle an meiner Brust ausgebrütet; die Gluckhenn' ist verscheucht worden, und da hat sie die Eier liegen lassen, und wie ich das einzig Ei'le gegen das Licht gehalten hab, hab' ich gesehen, daß schon ein Köpfle drin ist, und da hab' ich's halt zu mir genommen . . . . Ihr müsset mich nicht auslachen, aber wie das Hühnle 'rauskommen ist, da hab' ich mich vor Freud' gar nicht zu halten gewußt; ich hab' ihm ein Federbettle gemacht, hab' ihm Brot gekaut und hab's geäzt, und es ist schon am andern Tag auf dem Tisch 'rumgelaufen. Es weiß niemand was davon, als mein' Ahne. Da ist mir jetzt das Hühnle so treu, wenn ich in's Feld geh', muß ich's einsperren, daß es mir nicht nachlauft. Geltet, Ihr lachet mich nicht aus?« »Gewiß nicht,« sagte der Lehrer und ging noch eine Strecke Hand in Hand mit Hedwig, dann aber verwünschte er die Ordnungsliebe und Sparsamkeit des alten Lehrers, der den fernern Weg so eng gemacht hatte, daß nicht zwei nebeneinander gehen konnten. Unser Freund war sehr erzürnt, als der alte Schullehrer mit ungewöhnlich schnellem Lachen den beiden Ankommenden zurief: »Kennet ihr schon einander? Hab' ich dir's nicht schon lang gesagt, Hedwig, du mußt einen Schullehrer kriegen.« Dieses unzeitige Anfassen einer kaum knospenden Blüte that unserm Freunde in tiefster Seele weh, doch er bemeisterte seine Empfindlichkeit und schwieg; er staunte aber, daß Hedwig, als ob nichts gesagt worden wäre, begann: »Vetter, Ihr müsset morgen Eure Sommergerste in den Holzschlägeläckern schneiden, sie ist überzeitig und fällt sonst ganz um.« Es wurde wenig gesprochen, Hedwig schien sehr müde, sie setzte sich auf die Bank vor einem Baume. Die beiden Lehrer sprachen nun miteinander, aber unser junger Freund sah das Mädchen dabei immer so durchdringend an, daß es sich mehrmals mit der Schürze über das Gesicht fuhr: es meinte, es müsse in der Küche, als es die Kartoffeln ans Feuer gestellt hatte, sich rußig gemacht haben. Unser Freund hatte aber ganz andre Dinge zu bemerken. Es fiel ihm jetzt zum erstenmal auf, daß Hedwig mit dem linken Auge ein wenig schielte; dies war aber keineswegs unangenehm, vielmehr gab es dem Ausdrucke etwas Weiches und Scheues, was zu der übrigen Bildung des Gesichtes wohl paßte; die feine schlanke Nase, der überaus kleine Mund mit den kirschroten Lippen, die runden, zartroten Wangen – die Blicke des jungen Mannes ruhten mit Wohlgefallen darauf. Endlich, da er seinem Kollegen mehrere verkehrte Antworten gegeben hatte, merkte er, daß es Zeit zum Gehen sei; er verabschiedete sich, und Hedwig sagte: »Gut' Nacht, Herr Lehrer.« »Erhalte ich nicht auch noch eine Gutnachthand?« Hedwig versteckte schnell beide Hände hinter dem Rücken. »Bei uns fragt man nicht, bei uns nimmt man sich die Hand, he, he,« sagte der alte Lehrer. Unser Freund ließ sich diese Weisung nicht zweimal geben, er sprang hinter den Baum, um die Hand Hedwigs zu fassen, diese aber wendete ihre Hände schnell nach vornen. Der Lehrer getraute sich nicht, mit ihr zu ringen, und so sprang er noch mehrmals vor und rückwärts, bis er zuletzt stolperte und vor Hedwig niederfiel; sein Haupt lag in ihrem Schoße auf ihrer Hand, schnell besonnen drückte er einen heißen Kuß auf diese Hand und nannte sie im Geiste sein. So blieb er eine Weile, ohne sich zu erheben, bis endlich Hedwig mit beiden Händen seine Wangen bedeckend ihn emporhob; verworren um sich schauend, sagte sie: »Stehet auf, Ihr habt Euch doch nichts gethan? Gucket, das kommt von denen Späß'; Ihr müsset Euch nur von meinem Vetter da nichts anlernen lassen.« Der Lehrer stand auf, und Hedwig bückte sich schnell nieder, um ihm mit der innern Seite ihrer Schürze die beschmutzten Kniee zu reinigen; der Lehrer aber duldete das nicht, sein Herz pochte schnell, da er diese demutvolle Bescheidenheit sah. Bald stand er wieder gesäubert da und sagte Hedwig abermals gute Nacht; sie blickte zur Erde, weigerte ihm aber ihre Hand nicht mehr. Schwebenden Ganges ging der Lehrer dahin, es war, als ob er den Boden kaum berührte, als ob eine höhere Macht ihn trüge; ein unnennbares Kraftgefühl durchströmte sein innerstes Mark, ihm war leicht und frei, alle Leute schauten ihn verwundert an, denn er lächelte ihnen ganz offen zu. – So schnellem Wechsel ist aber ein Menschengemüt hingegeben, daß bald nach dem ersten Jubel der Lehrer in trüber Selbstanklage zu Hause saß: »Du hast dich von einer Leidenschaft zu schnell hinreißen lassen,« sagte er sich. »Ist das die Festigkeit? An ein ungebildetes Bauernmädchen hast du dich hingegeben, weggeworfen. – Nein, nein, aus diesem Antlitze spricht die Majestät einer zarten, sanften Seele.« Noch mancherlei Gedanken stiegen in ihm auf, er kannte jetzt das Bauernleben, und noch spät schrieb er in sein Taschenbuch: »Das silberne Kreuz auf ihrem Busen ist mir ein schönes Sinnbild der Heiligkeit, Unnahbarkeit und Unberührtheit.« Hedwig aber hatte zu Hause keinen Bissen zu Nacht gegessen, ihre Leute zankten, sie habe zuviel geschafft, sie habe gewiß noch dem Lehrer in der Gartenarbeit geholfen; sie verneinte und machte sich bald zu ihrer Großmutter, mit der sie in einem Zimmer schlief. Noch lange nach dem Nachtgebet sagte sie, als sie die Großmutter husten hörte und nun wußte, daß sie auch noch wach sei: »Ahne, was hat denn das zu bedeuten, ein Kuß auf die Hand?« »Daß man die Hand gern hat.« »Weiter nichts?« »Nein.« Wieder nach einer Weile sagte Hedwig: »Ahne.« » Wasele ?« »Ich hab' was fragen wollen, ich weiß aber nimmer.« »Nun, so schlaf jetzt, du bist müd; wenn's was Guts ist, wird's morgen früh auch nicht zu spät sein; es wird dir schon einfallen.« Hedwig wälzte sich aber schlaflos im Bett umher. Sie überredete sich, daß sie nicht schlafen könne, weil sie den Hunger übergangen habe; sie würgte nun mit aller Gewalt ein Stück Brot hinab, das sie für alle Gefahren bereit gehalten hatte. Der Lehrer war indes auch mit sich ins reine gekommen. Anfangs hatte er sich vorgenommen, sich selber und seine Neigung zu prüfen, eine Zeitlang Hedwig gar nicht mehr zu sehen; endlich aber gelangte er doch zu dem weisern und erfreulichern Entschlusse, Hedwig im Gegenteil recht oft zu sehen und ihre Geistesbildung auf allerlei Weise zu prüfen. Andern Tages ging er nun zu seinem alten Kollegen und forderte ihn zum Spaziergange auf; er sah es wohl, schon um Hedwigs willen mußte er hier in ein näheres Verhältnis treten. Der alte Mann ging eigentlich nie spazieren, die Gartenarbeit verschaffte ihm Bewegung genug; die Einladung unsres Freundes erschien ihm jedoch als Ehrenbezeigung; und er ging mit. Es war auffallend, wie wenig Gesprächsstoffe bei dem alten Manne Feuer fingen; sie waren immer wieder ebenso schnell aus als seine Pfeife, für die er alle fünf Minuten Feuer schlug. Von Hedwig wollte der junge Mann nicht unmittelbar sprechen, aus den Bestrebungen des Alten selber wollte er schon manches schließen. »Leset Ihr auch bisweilen noch etwas?« fragte er daher. »Nein, fast gar nichts, es kommt mir auch doch nichts dabei heraus; wenn ich auch alle Bücher auswendig könnte, was hätt' ich davon? Ich bin pensioniert.« »Ja,« erwiderte der junge Mann, »man vervollkommnet seinen Geist doch nicht bloß um des äußern Nutzens willen, den man daraus ziehen mag, sondern um ein erhöhtes, inneres Leben zu gewinnen, um immer tiefer und klarer zu schauen. Alles auf Erden und zumal das höhere Geistesleben muß zuerst Zweck für sich –« Der Alte schlug sich mit großer Gemütsruhe Feuer, unser Freund hielt mitten in einer Auseinandersetzung inne, die ihm erst seit kurzem aufgegangen war. Eine Weile schritten die beiden wortlos nebeneinander, dann fragte der jüngere wieder: »Nicht wahr, aber Musik macht Ihr immer gern?« »Das will ich meinen, da sitz' ich oft halbe Nächt' und feile, da brauch' ich kein Licht, verderb' mir die Augen nicht, hab' Unterhaltung und brauch' keinen Menschen dazu.« »Und Ihr vervollkommnet Euch darin, soweit Ihr könnt?« »Warum nicht? Gewiß.« »Ihr habt doch aber auch keinen Nutzen davon,« sagte der junge Mann. Der Alte schaute ihn verwundert an; jener aber fuhr fort: »Wie Euch die Musik und Eure Ausbildung darin Freude bereitet, ohne daß Ihr einen Nutzen davon wollt, so könnte und sollte es wohl auch mit dem Lesen und der Geistesbildung sein; aber es geht hiermit oft gerade so wie vielen Leuten, die sich nicht mehr mit der gehörigen Sorgfalt kleiden, weil sie niemanden haben, auf dessen Gefallen sie ein besonderes Gewicht legen. Ich hörte vorgestern, wie ein junger Bursche einer jungen Frau über ihren nachlässigen Anzug Vorwürfe machte. ›Ei,‹ sagte sie, ›was liegt jetzt da dran? Ich bin jetzt schon verkauft, der mein' muß mich halt haben, wie ich bin.‹ Als ob man sich eines äußern Zweckes, nur andrer wegen sorgfältig kleide, und nicht, weil es die eigene Natur, die Selbstachtung verlangt. So geht es auch vielen mit der Geistesbildung; weil sie solche bloß des äußern Zweckes wegen betrieben, lassen sie davon ab, sobald der nächste Zweck erreicht oder nicht mehr da ist. Wer aber seine geistige Natur, seinen geistigen Leib, wenn ich so sagen kann, achtet und schätzt, wird ihn immer schön und rein erhalten und ihm stets mehr Kraft zu geben suchen.« Der junge Mann erkannte erst jetzt, daß er eigentlich ein lautes Selbstgespräch gehalten hatte; er fürchtete indes nicht, den Alten beleidigt zu haben, denn er sah dessen vollkommene Gleichgültigkeit. Mit schwerem Herzen erkannte er von neuem, wie mühevoll es sei, die höhern allgemeinen Gedanken und Anschauungen an Mann für Mann zu verzapfen. »Wenn der alte Lehrer so harthäutig ist, wie wird es dir erst bei den Bauern gehen,« dachte er. So schritten sie eine stille Weile dahin, bis der jüngere wieder begann: »Meinet Ihr nicht auch, daß man in unsrer Zeit viel frommer, oder wenigstens grad so fromm ist, als in der alten Zeit?« »Frommer? Ins Teufels Namen, man war in der alten Zeit auch nicht letz , aber man hat nicht so viel Aufhebens, so viel Geschmus davon gemacht; z'litzel und z'viel verdirbt alle Spiel, he, he.« Wieder war Stille. Endlich fand der junge Mann den rechten Gegenstand, indem er fragte: »Wie war's denn in früheren Zeiten mit der Musik?« Da lebte der Alte ganz auf, er hielt Zunder und Stahl in der Hand, ohne sich Feuer zu schlagen, denn er sagte: »Das ist heutigestags nur noch ein Gedudel. Ich war dritthalb Jahr' Unterorganist im Münster zu Freiburg, Herr! Das ist eine Orgel, ich hab' den Abt Vogler drauf gehört, im Himmel kann's nicht schöner sein, als der gespielt hat. Hernach hab' ich auch auf mancher Kirchweih aufgespielt. Früher hat man meist Geigen gehabt, auch eine Harf' und ein Hackbrett, jetzt haben sie nichts als Blasinstrumente: große Trompeten, kleine Trompeten, Klappentrompeten, alles nichts als Wind und viel Geschrei. Und was verdient jetzt so ein Musikant bei einer Kirchweih? Vorzeiten waren drei Mann vollauf, jetzt müssen's sechs, sieben sein; sonst waren kleine Stuben, kleiner Baß und groß Geld, – jetzt große Stuben, großer Baß und klein Geld. Ich bin einmal mit zwei Kameraden im Schappacherthal 'rumzogen, da sind uns die Federnthaler von allen Seiten zugeflogen. Einmal haben sich zwei Orte schier totgeschlagen, weil mich ein jedes hat zur Kirchweih haben wollen.« Nun erzählte der Alte eine seiner Hauptgeschichten, wie ihn nämlich ein Ort wegen seines guten Geigenspiels als Lehrer angenommen, die Regierung aber einen andern mit Dragonern einsetzen wollte, wie das ganze Dorf revoltierte, so daß es am Ende doch bei seiner Bestallung blieb. »Hat denn Euer Ansehen als Lehrer nicht darunter gelitten, wenn Ihr auf den Kirchweihen spieltet?« fragte der junge Mann. »Im Gegenteil, ich hab' hier im Ort mehr als fünfzigmal gespielt, und Ihr werdet keinen sehen, der nicht die Kapp' vor mir lupft.« Der Redefluß des Alten war in ununterbrochenem Gange, bis man wieder in den Garten zurückgekehrt war; unser Freund harrte aber umsonst auf die Ankunft Hedwigs, sie kam nicht. So ward doch der anfängliche Vorsatz erfüllt, er sah Hedwig eine lange, lange Zeit nicht, nämlich einen ganzen Tag. Andern Tages ging unser Freund wieder allein in das Feld, er sah den Buchmaier auf einem großen, breiten Acker mit einem Pferde, das vor eine Art Walze gespannt war, arbeiten. »Fleißig, Herr Schultheiß?« sagte der Lehrer; er hatte sich nun schon die bräuchlichen Anreden gemerkt. »So a bißle,« erwiderte der Buchmaier und trieb seinen Gaul noch bis ans Ende des Feldes nach dem Wege zu, dann hielt er an. »Ist das der Fuchs,« fragte der Lehrer, »den Ihr selben Tag, als ich angekommen bin, eingewöhnt habt?« »Ja. der ist's, das freut mich, daß Ihr auch daran denket; ich hab' gemeint, Ihr denket allfort bloß an Eure Geschriften. Gucket, mit dem Gaul ist mir's ganz besonders gangen. Ich hab' meinem Oberknecht seinen Willen gelassen und hab' ihn gleich anfangs zweispännig eingewöhnen wollen, aber es ist nicht gangen. So ein Füllen, das sein Lebtag noch kein Geschirr auf dem Leib gespürt hat, das schafft sich ab und zieht und thut und bringt doch nichts Rechts zuweg; wenn es scharf anzieht und mit den Sträng' ein bißle vor ist, so macht es den Nebengaul nur irre, daß er gar nichts mehr thut und nur so neben her lottert; wenn man's allein hat, so lernt es stet thun und zappelt sich nicht so für nichts ab. Wenn ein Gaul einmal allein gut ist, nachher geht er auch selbander gut, und man kann schon eher 'rauskriegen, wie stark der Nebengaul sein muß.« Aus mancherlei Anwendungen, die der Lehrer von dieser Rede machte, sagte er nur diese laut: »Es geht auch bei den Menschen so: zuerst muß man für sich allein etwas gewesen sein, ehe man in Gemeinschaft gut arbeitet und tüchtig ist.« »Daran hab' ich noch nicht dacht, aber es ist wahr.« »Ist das die neue Säemaschine, die Ihr da habt? Was säet Ihr denn?« »Raps.« »Findet Ihr es nun mit der Maschine nützlicher, als mit der früheren Art zu säen?« »Wohl, es wird gleicher, ist aber nur für große Aecker; Bauern, die nur ein klein Schnipsele haben, das man wohl mit einer Handvoll überlangen kann, die säen besser mit der Hand.« »Ich muß gestehen, für mich hat das Säen mit der Hand etwas Ansprechendes; es liegt eine sinnige Deutung darin, daß das Samenkorn zuerst unmittelbar in der Hand des Menschen ruht, dann hingeschleudert eine Weile frei in der Luft schwebt, bis es von der Erde angezogen in den Boden fällt, um zu verwesen und neu aufzugehen. Findet Ihr das nicht auch?« »Es kann sein, ich merk' aber eben erst, daß man den Säespruch nicht mehr gut sagen kann mit der Maschine; nun, man kann's doch dabei denken.« »Welchen Säespruch?« »Früher hat man, wie man das Saatkorn so aus der Hand gestreut hat, dabei gesagt: Ich säe diesen Samen Hier in Gottes Namen, Für mich und die Armen.« »Dieser Spruch sollte nicht aufhören.« »Ja, wie gesagt, man kann's ja auch so denken, oder auch sagen; es ist eben nützlicher mit der Maschine.« »Finden solche neue Erfindungen hier leicht Eingang?« »Nein. Wie ich zum erstenmal meine Ochsen jeden in ein besonder Joch gespannt hab', ist das ganze Dorf nachgelaufen; wie ich nun gar das Ding da vom landwirtschaftlichen Fest heimbracht hab' und zum erstenmal mit 'naus bin, da haben mich die Leute für närrisch gehalten.« »Es ist doch traurig, daß die Verbesserungen so schwer bei dem gewöhnlichen Volke Eingang finden.« »Oh, Fuchs, oha!« schrie der Buchmaier seinem unruhig scharrenden Pferde zu; dann es fester haltend, fuhr er fort: »Das ist gar nicht traurig, Herr Lehrer, im Gegenteil, das ist recht gut. Glaubet mir, wenn die Bauersleut' nicht so halsstarrig wären und jedes Jahr das Versucherles machen thäten, das die studierten Herren aushecken, wir hätten schon manches Jahr hungern müssen. Oha, Fuchs. Ihr müsset Euch in der Landwirtschaft ein bißle umsehen, ich will Euch ein paar Bücher geben.« »Ich will zu Euch kommen, ich sehe, das Pferd will nicht mehr stillhalten; ich wünsch' gesegnete Arbeit.« »B'hüt's Gott,« sagte der Buchmaier, über den letzten Gruß lächelnd. Der Lehrer ging seines Weges, der Buchmaier fuhr in seiner Arbeit fort. Kaum war aber jener einige Schritte entfernt, als er den Buchmaier den Lauterbacher pfeifen hörte, er schreckte ein wenig zusammen, denn er war noch nicht frei von Empfindlichkeit und war geneigt, dies für Spott zu halten; bald aber sagte er sich wieder: der Mann denkt gewiß nichts Arges dabei – und darin hatte er recht, denn der Buchmaier dachte nicht nur nichts Arges, sondern gar nichts dabei, die lustige Weise war ihm eben so in den Mund gekommen. In einer Feldschlucht, wo er sich zuerst umgesehen, ob ihn niemand bemerke, schrieb der Lehrer in sein Taschenbuch: »Die stetige und fast unbewegliche Macht des Volkstums, des Volksgeistes, ist eine heilige Naturmacht; sie bildet den Schwerpunkt des Erdenlebens, und ich möchte wiederum sagen, die vis inertiae im Leben der Menschheit. Welchen unglückseligen Schwankungen wäre die Menschheit hingegeben, wenn alsbald jede sittliche, religiöse und wirtschaftliche Bewegung die der Gesamtheit würde! Erst was die Schwankung verloren, erst was Stetigkeit, ich will sagen, was ruhige Bewegung geworden, kann hier einmünden; hier ist das große Weltmeer, das sich in sich bewegt . . . Ich will das Leben und die Denkweisen dieser Menschen heilig achten, aber ich will es versuchen . . .« Was der Lehrer versuchen sollte, war hier nicht ausgedrückt, aber er hatte auf glückliche Weise an manchen Enden des Dorflebens angeknüpft. Hedwig sprach er mehrere Tage nicht, er sah sie wohl einigemal, als er bei der Großmutter war, aber sie schien sehr beschäftigt und huschte nur immer mit kurzen Reden vorbei, ja, sie schien ihm fast auszuweichen; er wartete in Geduld eine Zeit der Ruhe ab. Wohl bewegte die Liebe zu dem Mädchen mächtig sein Herz, aber auch die ganze Welt des Volkstums, die sich ihm aufschloß, schwellte ihm die Brust. Er ging oft wie traumwandelnd umher, und doch hatte er noch nie so sicher und fest im Leben gestanden als eben jetzt. Manche Trübsal und Störung erfuhr auch der Lehrer durch den Studentle. Dieser war begierig, zu erfahren, was der Lehrer mit seiner Großmutter zu »basen« habe; er gesellte sich daher mehrmals zu den beiden. Wenn ein tieferer Gemütston angeschlagen wurde, fuhr er mit lustigen Spöttereien drein. Als der Lehrer fragte: »Großmutter, gehet Ihr gar nie in die Kirche?« erwiderte der Studentle schnell: »Ja, Großmutter, Euch gedenkt's vielleicht noch, wer die Kirch' gebaut hat; der Herr Lehrer möcht's gern wissen, er will aber doch die Kirch' im Dorf lassen.« »Sei still, du,« entgegnete die Großmutter, »wenn du was nutz wärest, wärst du jetzt Meister in der Kirch' und wärst Pfarrer.« Zu dem Lehrer gewendet, fuhr sie fort: »Schon seit fünf Jahren bin ich nicht in der Kirch' gewesen, aber am Sonntag merk' ich schon daheim am Läuten, wenn das Heilig gezeigt wird und wann die Wandlung ist; da sag' ich dann die Litanei allein. Alle Jahr zweimal kommt der Pfarrer und gibt mir das Abendmahl; er ist gar ein herziger Mann, unser Pfarrer, er kommt auch sonst zu mir.« »Meinet Ihr nicht, Herr Lehrer,« begann der Studentle, »daß meine Großmutter eine Aebtissin comme il faut wäre?« Die Großmutter schaute den beiden verwundert ins Gesicht, da sie so fremde Worte über sich hörte, sie wußte nicht, was das zu bedeuten habe. »Allerdings,« sagte der Lehrer, »aber ich glaube, daß sie auch eben so fromm sein und eben so selig werden kann.« »Gucket Ihr's, Ahne,« sagte der Studentle frohlockend, »der Herr Lehrer sagt's auch, daß die Pfarrer kein Brösele mehr sind als andre Menschen.« »Ist das wahr?« fragte die Alte betrübt. »Ich meine so,« begann der Lehrer, »es können ja alle Menschen selig werden, aber ein echter Geistlicher, der fromm und gut ist und eifrig für das Seelenheil seiner Nebenmenschen sorgt, der hat eine höhere Stufe.« »Das mein' ich auch,« sagte die Alte. Dem Lehrer stand der Angstschweiß auf der Stirn, der Studentle aber fragte wieder: »Sind Ihr nicht auch der Meinung, Herr Lehrer, daß die Geistlichen heiraten sollten?« »Es ist Kirchengesetz, daß sie nicht heiraten dürfen, und wer bei vollem Bewußtsein Geistlicher geworden ist, muß sein Gesetz halten.« »Das mein' ich auch,« sagte die Alte mit großer Heftigkeit, »die, wo heiraten wollen, das sind Fleischteufel, und man heißt's Geistlich und nicht Fleischlich. Ich will Euch was sagen, gebet dem da kein' Antwort mehr, lasset Euch Euer gut Gemüt nicht verderben, der hat heut wieder seinen gottlosen Tag, er ist aber nicht so schlecht, wie er sich stellt.« Der Studentle sah, daß bei seiner Großmutter nichts auszurichten war, und ging mißmutig davon, auch der Lehrer entfernte sich bald; wieder war ihm ein schönes zartes Verhältnis hart angefaßt worden. Erst zu Hause gelangte er zur Ruhe und stählte sich gegen die unvermeidlichen Eingriffe von außen. Am Sonntag gelang es unserm Freunde endlich wieder, Hedwig in Ruhe zu sprechen; er traf sie bei dem alten Lehrer im Garten, sie saß mit ihm auf der Bank, die beiden schienen nichts gesprochen zu haben. Nach einigen gewöhnlichen Redeweisen begann der Lehrer: »Es ist doch eine hohe erhabene Sache, daß der siebente Tag durch die Religion geheiligt und aller Arbeit ledig ist; wenn wir uns vorstellen, daß das nicht so wäre, die Leute würden vor übermäßiger Anstrengung sterben. Wenn man in dieser hohen Erntezeit z. B. Tag für Tag ohne Unterlaß arbeiten würde, bis alles vollbracht wäre, niemand könnte es aushalten.« Hedwig und der alte Mann sahen zuerst über diese Rede verwundert drein, dann aber sagte Hedwig: »Ihr sind wohl schon hier gewesen, wie's der Pfarrer in der Heuet erlaubt hat, daß man am Sonntag das Heu wenden darf, weil es so lange geregnet hat und alles erstickt wär'. Ich bin auch mit 'naus ins Feld, aber es ist mir gewesen, wie wenn jede Gabel voll Heu doppelt so schwer sei; es ist mir gerad' gewesen, wie wenn mich einer am Arm halten thät, und den andern Tag und die ganz' Woch' war mir's, wie wenn die ganze Welt verkehrt wär' und schon ein Jahr lang kein Sonntag mehr gewesen sei.« Freudestrahlend blickte der Lehrer Hedwig an, ja, das war die Großmutter; zu dem alten Manne gewendet, sagte er aber: »Ihr müsset Euch noch der Zeit erinnern, als man in Frankreich die Dekaden einführte.« »Dukaten? die kommen ja aus Italien.« »Ich meine Dekaden. Man verordnet nämlich, daß nur alle zehn Tage ein Ruhetag sein solle, da wurden ebenfalls alle Menschen krank. Die Zahl Sieben wiederholt sich auf eine geheimnisvolle Weise in der ganzen Natur und darf nicht verrückt werden.« »Das war ja verrückt, alle zehn Tage einen Sonntag, he, he,« sagte der alte Mann. »Wisset Ihr auch die Geschicht' von dem Herrn, wo in der hiesig' Kirch' in Stein gehauen ist mit dem Hund?« fragte Hedwig. »Nein, erzählet sie.« »Das war auch so einer, der den Sonntag nicht heilig gehalten hat. Es war ein Herr –« »Der Herr von Isenburg und Nordstetten,« ergänzte der Alte. »Ja,« fuhr Hedwig fort, »man sieht in Isenburg nur noch ein paar Mauern von seinem Schloß; der hat nun auch nichts auf keinen Sonntag und keinen Feiertag gehalten und hat nichts auf der Welt lieb gehabt als seinen Hund, der war so groß und bös wie ein Wolf. Am Sonntag und Feiertag hat er die Leut' zwungen, daß sie haben alles schaffen müssen, und wenn sie nicht gutwillig gangen sind, ist der Hund von ihm selber auf sie gesprungen und hat sie schier verrissen, und da hat er, der Herr, gelacht und hat dem Hund den Namen Sonntag geben. Er ist nie in die Kirch' gangen als ein einzigmal, wie man sein' einzig' Tochter kopuliert hat; er hat den Hund, wo Sonntag geheißen hat, mit in die Kirch' nehmen wollen, der ist aber nicht dazu zu bringen gewesen und hat sich vor der Kirch' auf die Schwell' hingelegt, bis sein Herr wieder 'rauskommen ist. Wie nun der 'rausgeht, stolpert er über den Hund, fällt hin und ist maustot, und da ist auch sein' Tochter gestorben, und die sind jetzt beide mitsamt dem Hund in der Kirch' in Stein gehauen. Man sagt, der Hund sei der Teufel gewesen, und sein Herr hab' sich ihm verschrieben gehabt.« Der Lehrer suchte zu beweisen, daß diese Sage sich erst durch das Vorhandensein des Denkmals gebildet habe, daß die Adeligen sich gern mit Wappentieren abbilden lassen u. s. w.; er fand aber wenig Anklang und schwieg. Niemand war geneigt, das Gespräch fortzusetzen. Hedwig machte mit ihrem Fuße ein Grübchen in den Sand, der Lehrer nahm hier zum erstenmal Gelegenheit, die Kleinheit ihres Fußes zu bemerken. »Leset Ihr nicht auch mitunter am Sonntag?« begann er so vor sich hin; niemand antwortete; er blickte Hedwig bestimmt an, worauf sie erwiderte: »Nein, wir machen uns so Kurzweil.« »Ja, womit denn?« »Ei, wie Ihr nur so fragen könnet; wir schwätzen, wir singen, und hernach gehen wir spazieren.« »Nun, was sprechet Ihr denn?« Das Mädchen lachte laut und sagte dann: »Das hätt' ich mein Lebtag nicht denkt, daß man mich das fragt. Geltet, Vetter, wir besinnen uns nicht lang drauf? Jetzt wird bald mein Gespiel', des Buchmaiers Agnes, kommen, da werdet Ihr nimmer fragen, was man schwätzt, die weiß eine Kuhhaut voll.« »Habt Ihr denn noch gar keine Bücher gelesen?« »Ja freilich, das G'sangbuch und die biblisch' G'schicht'.« »Sonst nichts'?« »Und das Blumenkörble und die Rosa von Tannenburg.« »Und noch?« »Und den Rinaldo Rinaldini. Jetzt wisset Ihr alles,« sagte das Mädchen, mit beiden Händen über die Schürze streifend, als hätte es sein gesamtes Wissen jetzt vor dem Lehrer ausgeschüttet; dieser aber fragte wieder: »Was hat Euch denn am besten gefallen?« »Der Rinaldo Rinaldini, 's ist jammerschad', daß das ein Räuber gewesen ist.« »Ich will Euch auch Bücher bringen, da sind viel schönere Geschichten darin.« »Erzählet uns lieber eine, aber auch so eine recht grauselige; oder wartet lieber, bis die Agnes auch da ist, die hört's für ihr Leben gern.« Da kam ein Knabe und sagte dem alten Lehrer, er solle sogleich zum Bäck kommen und seine Geige mitbringen, des Bäcken Konrad habe einen neuen Walzer bekommen; schnell erhob sich der Alte, sagte: »Wünsch' gute Unterhaltung,« und ging von dannen. Als nun der Lehrer mit Hedwig allein war, erzitterte sein Herz; er wagte es nicht, aufzuschauen. Endlich sagte er so vor sich hin: »Es ist doch ein recht guter alter Mann.« »Ja,« sagte Hedwig, »und Ihr müsset ihn erst recht kennen. Ihr müsset es ihm nicht übel nehmen, er ist gegen alle Lehrer ein bißle bös und brummig; er kann's noch nicht verschmerzen, daß er abgesetzt worden ist, und da meint er, ein jeder, der jetzt als Lehrer hierher kommt, der sei jetzt gerad' dran schuld, und der kann doch nichts dafür, das Konsistore schickt ihn ja. Es ist eben ein alter Mann, man muß Geduld mit den alten Leuten haben.« Der Lehrer faßte die Hand des Mädchens und blickte es innig an; dieses liebende Verständnis fremden Schicksals belebte seine ganze Seele. Plötzlich fiel ein toter Vogel vor den beiden nieder, sie schreckten zusammen; Hedwig bückte sich aber alsbald und hob den Vogel auf. »Er ist noch ganz warm,« sagte sie, »du armes Tierle, bist krank gewesen und hat dir niemand helfen können; es ist nur eine Lerch', aber es ist doch ein lebigs Wesen.« »Man möchte sich gern denken,« sagte der Lehrer, »ein solcher Vogel, der singend himmelan steigt, müßte beim Sterben gleich in den Himmel fallen; er schwebt so frei über der Erde, und nun berührt ihn der Tod, und von der Schwerkraft der Erde angezogen, fällt alles immer wieder zur Erd' hernieder.« Hedwig sah ihn groß an, diese Worte gefielen ihr, obgleich sie dieselben nicht recht begriff; sie sagte nach einer Pause: »'s ist doch arg, daß sich seine Verwandten, seine Frau oder Kinder gar nichts um ihn kümmern und ihn nur so 'rabfallen und liegen lassen; es kann aber auch sein, sie wissen noch gar nicht, daß er gestorben ist.« »Die Tiere,« sagte der Lehrer, »wie die Kinder verstehen den Tod nicht, weil sie nicht über das Leben nachdenken; sie leben bloß und wissen nichts davon.« »Ist das auch g'wiß so?« fragte Hedwig. »Ich meine,« erwiderte der Lehrer. Hedwig erörterte die Sache nicht weiter, wie sie überhaupt nicht gewohnt war, anhaltend etwas zu ergründen; der Lehrer aber dachte: hier sind die Elemente einer großen Bildungsfähigkeit, hier ist schon der Stamm eines selbständigen Geistes. Den Vogel aus des Mädchens Hand nehmend, sagte er dann: »Ich möchte diesen Bewohner der freien Lüfte nicht in die dunkle Erde versenken, hier an diesen Baum möchte ich ihn heften, damit er im Tode in einzelne Stücke verfliege.« »Nein, das gefällt mir nicht; an des Buchmaiers Scheuer ist eine Eul' angenagelt, und ich möcht's allemal, wenn ich vorbeigeh', 'runter nehmen.« Stille begruben nun die beiden den Vogel. Der Lehrer, der heute so glücklich in seinen Entdeckungen war, ging schnell einen Schritt weiter; er wollte erproben, wie weit sich Hedwig einer feinern Bildung fügen würde. »Ihr sagt so gescheite Sachen,« begann er, »daß es jammerschade ist, daß Ihr das holperige Bauerndeutsch sprecht, Ihr könntet es sicherlich auch anders, und das würde Euch viel besser anstehen.« »Ich thät mich in die Seel' 'nein schämen, wenn ich anders reden thät, und es versteht mich ja auch ein jedes.« »Allerdings, aber gut ist gut, und besser ist besser. In welcher Sprache betet Ihr denn?« »Ei, wie's geschrieben steht, das ist ganz was anders.« »Keineswegs, wie man mit Gott redet, sollte man auch mit den Menschen reden.« »Das kann ich halt nicht, und das will ich auch nicht. Gucket, Herr Lehrer, ich wüßt' ja gar nichts mehr zu schwätzen, wenn ich mich allemal besinnen müßt', wie ich schwätzen soll; ich thät mich vor mir selber schämen. Nein, Herr Lehrer, Euer Wort auf ein seiden Kissen gelegt, aber das ist nichts.« »Saget doch nicht immer Herr Lehrer, saget auch meinen Namen.« »Das kann wieder nicht sein, das geht nicht.« »Ja warum denn?« »Es geht halt nicht.« »Es muß doch einen Grund haben, warum?« »Ei, ich weiß ja Euern Namen nicht.« »So? Ich heiße Adolf Lederer.« »Also, Herr Lederer, das ist fast gleich, Herr Lederer oder Herr Lehrer.« »Nein, heißet mich Adolf.« »Ach, machet jetzt keine so Sachen; was thäten denn die Leut' sagen?« »Daß wir uns gern haben,« sagte der Lehrer, die Hand des Mädchens an sein Herz drückend, »habt Ihr mich denn nicht auch lieb?« Hedwig bückte sich und brach eine Nelke. Da öffnete sich die Gartenthüre. »Gott sei's getrommelt und gepfiffen, daß ich erlöst bin,« rief des Buchmaiers Agnes. »Guten Tag, Herr Lehrer! Hedwig sei froh, daß du nimmer in die Christenlehr' brauchst. Herr Lehrer, das solltet Ihr machen, daß so große Mädle nimmer drein müssen; freilich mich nutzt's wenig mehr, ich komm' schon nächsten Herbst draus.« »Schenkt mir doch die Nelke,« sagte der Lehrer mit zart bittendem Tone zu Hedwig; sie gab ihm mit errötendem Antlitze die Blume, und er drückte sie als Zeichen der Erwiderung seiner Liebe inbrünstig an seine Lippen. »Du würdest schön ankommen,« sagte Agnes, »wenn der alte He he sehen thät, daß du eine Blum' abbrochen hast; 's ist gut; drinnen sitzt er beim Bäck und spielt den neuen Walzer. Den wollen wir aber auch rechtschaffen tanzen an der Kirchweih'. Ihr tanzet doch auch, Herr Lehrer?« »Ein wenig, aber ich hab' mich schon lange nicht geübt.« »Probieren geht über Studieren, lalalalala,« trällerte Agnes, im Garten umherhüpfend, »was machst du für ein Gesicht, Hedwig? Komm!« Sie riß Hedwig, die ihrer Gewalt nicht widerstehen konnte, ebenfalls mit sich fort; sie waren aber so ungeschickt, daß sie in ein Beet traten. Agnes lockerte singend den Boden wieder auf und sagte dann: »Jetzt komm, mach fort, wir wollen aus dem Garten 'naus, wo man sich nicht regen kann; die andern Mädle sind alle schon draußen im Kirschenbusch, und er wartet gewiß schon lang auf uns.« »Wer?« fragte der Lehrer. »Ei, er,« erwiderte Agnes, »wenn Ihr mit wollet, könnet Ihr ihn umsonst sehen; wir werden Euch doch nicht zu gering sein, daß Ihr mit uns gehet?« Der Lehrer faßte die Hand der Agnes, und sie festhaltend, gleich als hielte er die der Hedwig, ging er mit den beiden in das Feld. Draußen, wo der Weg nach dem Daberwasen geht, an der Hanfdarre, saß ein kräftiger, wie eine Tanne grad und schlank gewachsener Mann; der Lehrer erkannte in ihm den Oberknecht des Buchmaiers, der, als er die drei so daher kommen sah, aufsprang und wie festgebannt stehen blieb; Trotz und Wehmut sprach aus seinem ganzen Wesen; sein Antlitz erheiterte, seine Faust entballte sich aber, als Agnes fröhlich auf ihn zuschritt. Der Lehrer grüßte den Thaddä; so hieß der Oberknecht, mit besonderer Freundlichkeit. So schritten nun die beiden Paare vergnügt nebeneinander. Um dem Thaddä seine Vertraulichkeit zu bezeigen, sprach der Lehrer viel von dem Fuchsen und wie er sich in den Zug eingewöhne. So war nun gekommen, was der Lehrer nie vermuten mochte: er hatte ein Bauernmädchen zur Geliebten und einen Bauernknecht zum Kameraden. Bald ging Thaddä mit Agnes voraus und der Lehrer mit Hedwig Hand in Hand hinterdrein. Unter traulichen Gesprächen schritt man des Weges dahin. Tief erfuhr es nun der Lehrer, daß man wohl viel miteinander sprechen kann, ohne gerade Bücher gelesen zu haben. Nicht weit von dem Katzenbrunnen, aus dem der Sage nach die Hebammen die Kinder holen, setzte man sich an einen Rain, und nun wurde gesungen. Der Lehrer erfreute sich inniglich an der schönen Altstimme Hedwigs, Thaddä begleitete den Gesang trefflich, und der Lehrer empfand es zu seiner großen Betrübnis, daß er so wenig von den Volksliedern kannte; bei seiner musikalischen Bildung faßte er indes die einfachen Weisen schnell und begleitete sie in tiefem Baß. Mit strahlendem Antlitze nickte ihm Hedwig Beifall zu. Oft aber mußte er auch bei einer unerwarteten Wendung der Melodie, die dazu diente, den schroffen Gedankensprung oder die Ungleichheit des Silbenmaßes auszugleichen, innehalten; dann ermunterte ihn Hedwig mit ihren Blicken, die so viel sagten als: sing nur mit, wenn's auch nicht ganz gut geht. So vereinte der Lehrer seine Stimme mit denen der dörflichen Sänger. Jetzt war es so weit gekommen, daß er nur den Ton und die Bauern das Wort und den Gedanken hatten. Man sang: Bald gras' ich am Neckar, Bald gras' ich am Rhein, Bald hab' ich ein Schätzle, Bald bin ich allein. Was hilft mich das Grasen, Wenn d' Sichel nicht schneid'? Was hilft mich ein Schätzle, Wenn's nicht bei mir bleibt? Und soll ich denn grasen Am Neckar, am Rhein, So werf' ich mein schönes Goldringlein hinein. Es fließet im Neckar Und fließet im Rhein, Soll schwimmen hinunter Ins tiefe Meer 'nein. Und schwimmt das Goldringlein, So frißt es ein Fisch, Das Fischlein soll kommen Auf Königs sein Tisch. Der König thut fragen. Wem's Ringlein soll sein: Da thut mein Schatz sagen: Das Ringlein g'hört mein. Mein Schätzlein thut springen Bergauf und bergein, Thut wieder mir bringen Mein Goldringelein. Kannst grasen am Neckar, Kannst grasen am Rhein, Wirf du mir nur nimmer Das Ringlein hinein. Nach einer Weile drückte Thaddä Agnes näher an sich, und sie sangen: Mädle, ruck, ruck, ruck An meine rechte Seite, I hab' dich gar zu gern, I kann di leide. Wann die Leut' et wär'n, No müschtst mein Schätzle wär'n, Wär'n die Leut' et g'west, So wärst mein Weible jetzt. Mädle, ruck u. s. w. Mädle, guck, guck, guck In meine schwarze Auge, Du kannst dein lieble Bildle drin erschaue; Ja, guck du nur 'nein, Du muscht drinne sein, Du muscht bei mir bleibe, Muscht mir d' Zeit vertreibe. Mädle, guck u. s. w. Mädle, du, du, du Muscht mir den Trauring gebe, Sust liegt mir wahrlich Nix mehr an mei'm Lebe. Wann i di net krieg, No zieh' ni fort in Krieg; Wann i di net hab', No wurd' mir d' Welt zum Grab. Mädle, du u. s. w. Noch gar viele andre, meist traurige Lieder wurden gesungen, obgleich die Sänger heiter und frohen Mutes waren. Wie der Brunnen zu ihren Füßen fortquoll und leise durch die Felder dahinrieselte, so schien auch der Liederquell unerschöpflich. Der Lehrer war wie in eine neue Welt versetzt. Wohl hatte er schon früher die kindlich zarte Empfindungs- und Denkweise des Volksliedes kennen gelernt, aber er hatte sie nur gekostet, wie man an reich besetzten Tafeln die Walderdbeeren ihres eigentümlichen Duftes wegen den künstlich gehegten und gepfropften vorzieht, sie aber doch mit Zucker und Wein verzehrt; hier aber war er selbst in den Erdbeerenschlag gekommen, und nicht in Haufen genossen, sondern einzeln frisch vom Strauche gepflückt, schmeckte die Frucht noch ganz anders. Die tiefe Urkraft des Volksliedes erschloß sich unserm Freunde in ihrer ganzen Herrlichkeit, er sah sich liebend umfangen von der edeln, majestätischen Herrlichkeit des deutschen Volksgemüts, und die liebliche Vertreterin desselben saß in trauter Zuneigung an seiner Seite. Er gelobte sich, ein Priester dieses heiligen Volksgeistes zu werden. Als er abends mit Hedwig heimkehrte und sie vor der Großmutter standen, faßte er ihre Hand, drückte sie an sein Herz und sagte: »Nicht zu mühseliger Arbeit sollt Ihr für mich Eure Hände erheben, sondern für das, was ihnen gebührt, zum Segnen.« Mehr konnte er nicht sprechen, und er ging rasch von dannen. Im ganzen Dorfe sprach man am Abend von nichts als davon, daß der Lehrer mit des Johannesles Hedwig Bekanntschaft habe. Unser Freund, der früher immer so gern und fast ausschließlich allein gewesen war, konnte jetzt, wenn er seine Schulstunden beendet hatte, fast keine Viertelstunde mehr allein ausdauern, in seinem Hause oder außer demselben. Von all den Büchern, die er bei sich hatte, paßte ihm keines zu seiner Stimmung, und wollte er etwas in sein Taschenbuch schreiben, erschien es ihm so nackt und nichtig, daß er es alsbald wieder durchstrich. Im Felde konnte er es zu keinem Gedanken und zu keiner Zeichnung mehr bringen, er sprach mit jedem, der ihm begegnete oder am Wege arbeitete; die Leute waren freundlich gegen ihn, denn seine offene Seele war auf sein Antlitz herausgetreten. Oft aber stand er auch bei den Leuten und sah träumerisch lächelnd vor sich hin, ohne ein Wort weiter zu sprechen; es war, als könne er nicht weggehen, als fürchte er sich, wieder in seine trübe Verlassenheit und Vereinsamung hinausgestoßen zu werden, als müsse er sich an jeden, wer er auch sei, fest anklammern. Einst sah er Hedwig auf dem Felde schneiden, er eilte zu ihr, machte sich aber alsbald wieder fort; es war ihm eine unüberwindlich mißliche Empfindung, so allein arbeitslos unter den Emsigen dazustehen, und doch verstand er nichts von der Feldarbeit und wußte, wie ungeschickt er sich dabei anstellen würde. Die Hoheit Hedwigs erschien ihm nicht erniedrigt, vielmehr erhöhter durch ihre Arbeit. Im Weggehen sagte er vor sich hin: »Nur Hostien, nur Himmelsbrot sollte man aus der Frucht bereiten, deren Halme sie geschnitten.« Bei der Großmutter saß er oft in Zerstreuung, und nur wenn sie von ihren Eltern und Großeltern erzählte, gewann sie seine volle Aufmerksamkeit; es that ihm so wohl, an diesem Familienbaume hinaufzuklettern in die Geschichte der Vorzeit. Der Großvater der Alten hatte den Türkenkrieg unter Prinz Eugen mitgefochten, und sie wußte noch gar viel von ihm zu erzählen. Manchmal sagte die Alte, jedoch ohne Klage, sie spüre es wohl, sie würde diesen Winter alle ihre Vorfahren wiedersehen. Er suchte ihr solche Gedanken auszureden, was ihm nicht schwer fiel; er suchte sie dahin zu bringen, daß sie von der Kindheit Hedwigs erzählte: wie sie in einem Glückshäubchen geboren ward, ihre Mutter aber bald darauf starb, wie Hedwig sich schon als kleines Kind grämte, daß ihre Puppe mit offenen Augen schlafen mußte, und sie daher nachts ihr mit Papierchen die Augen zuklebte. Wenn sie so sprach, da leuchtete das Auge des jungen Mannes und das der Alten von derselben Glorie, wie zwei nachbarliche Wellen, von demselben Mondstrahle durchglitzert. Ueber Hedwig finden wir nichts im Taschenbuche, aber durch die Erinnerungen der Alten und andre Erfahrungen angeregt sind wohl folgende Worte: »Man denkt sich wohl gern, man könnte mit einem Katechismus der gesunden Vernunft hinaustreten unter das Volk und es alsbald bekehren; hier aber ist überall heiliger Boden der Geschichte, wir müssen die Fußstapfen der Vergangenheit aufsuchen. Traurig, daß unsre Geschichte zerrissen und zerstückt ist . . . wo anknüpfen? . . .« Bei dem Buchmaier war der Lehrer von nun an auch oft, er studierte eifrig die Landwirtschaft und erfreute sich an den kernigen Gedanken des Buchmaiers, trotz ihrer Derbheit; je heimischer er aber im Hause des Buchmaiers wurde, um so fremder schien er in dem Hause Johannesles zu werden, er selber war noch wie zuvor, aber Hedwig wich ihm sichtbar aus und grüßte ihn im Vorbeigehen immer scheu und zaghaft. Eines Abends kam Hedwig weinend zu Agnes und sagte: »Denk nur, mein Wilder will's nicht leiden.« »Was denn?« »Nun, daß der Lehrer zu mir geht. Mein Konstantin hat gesagt, wenn ich mich noch einmal mit dem Lauterbacher sehen ließ, nachher schlag' er mich und ihn krumm und lahm; du weißt ja, er bosget, weil er mit deinem Vater so gut ist.« »Das ist ein Kreuz. Was ist denn jetzt da zu machen?« »Sag dem Lehrer, wenn er kommt, er soll nicht bös sein und soll doch weniger in unser Haus kommen, ich könnt' nicht anders, ich darf nicht mit ihm reden. Ich thät mir nicht viel daraus machen, wenn mein Bruder auch grob wär', aber wenn er ihn beleidigen thät, und er ist's wohl imstande, daß er ihm vor allen Leuten einen Disrespekt anthut, ich thät mich in den Tod 'nein grämen.« »Laß jetzt das Trauern,« erwiderte Agnes, »ich sag' ihm doch von all dem kein Wörtle.« »Warum?« »Darum, o, du verliebte Dock! Meinst, ich bericht' ihm das, daß er nachher meint, man dürf' den Nordstetter Mädle nur so pfeifen, nachher kommen sie einem nur so nachgesprungen?« »Das glaubt er gewiß nicht.« »Ich laß es aber nicht darauf ankommen, jetzt, ich bleib' dabei, ich sag' ihm gar nichts von dir; er muß mit mir davon anfangen. Laß mich nur machen, ich krieg' ihn schon dran. Huididä juh! Und wenn's dann so recht bei ihm pfupfert, will ich sagen: es kann sein, es läßt sich vielleicht möglich machen, ich will die Hedwig dazu überreden, daß ihr vielleicht am Sonntag bei mir zusammenkommet, ich will dann schon sehen, oh man die Biren schütteln kann und wie man mit ihm dran ist.« »Ja, du kannst's machen, wie du willst, ich kann dich nicht zwingen, aber da . . . bitt' ich mir aus, plagen darfst ihn nicht; Narr, er ist einer von denen Menschen, die sich über alles so viel Gedanken machen, ich hab' das schon gemerkt, und da könnt' er betrübt sein und könnt' nicht schlafen.« »Das weißt du schon alles? Woher denn?« »Woher?« sagte Hedwig, »ich denk' halt so, er macht sich so allerlei Gedanken, es geht mir auch oft so.« »O, du guter Himmel. Sei nur ruhig, ich thu' ihm nichts an Leib und Leben; so ein Lehrer hält so viel Prüfungen sein ganz Leben, jetzt will ich auch einmal eine mit ihm halten, ich will sehen, ob er gescheit ist.« »Das ist er.« »Wenn er gut besteht, darf ich ihm einen Kuß geben?« »Meinetwegen.« »Mach jetzt kein' so Gesicht, ein' fröhliche Lieb' muß man haben und keine mauderige. Denk nur, am Sonntag hat der Pfarrer gefragt: Wie muß man Gott lieben? und da hab' ich frischweg gesagt: Lustig, und da hat er geschmunzelt und hat eine Pris' genommen und hat gesagt: Das ist recht – du weißt ja, wie er's macht, er sagt zu allem, wenn's nicht ganz blitzdumm ist: das ist recht, aber nachher erklärt er's einem, und da kommt was ganz anders 'raus – da hat er eben gesagt: man muß Gott wie seinen Vater lieben, mit Ehrfurcht, und da hab' ich gesagt: Man kann seinen Vater ja auch lustig lieben, da hat er wetterlich gelacht und hat sein' Dos' verkehrt aufgemacht, daß aller Tabak auf den Boden gefallen ist, und da haben wir alle zusammengelacht; Alleweil e bisle lustig Und alleweil e bisle froh,« so schloß Agnes singend und zog Hedwig hinaus in den Garten, wo sie die ausgebreiteten Linnen in große Falten zusammenzog, um sie ins Haus zu tragen, indem sie dabei erklärte, daß das zu ihrer Aussteuer sei. Am andern Abend, um die Zeit, da der Lehrer gewöhnlich kam, harrte Agnes vor dem Hause; aber alle ihre Pläne von lustigen Neckereien verflogen, als sie bei der Erwähnung Hedwigs das schmerzliche Zucken in dem Antlitze des Lehrers sah und er ihr seinen Kummer dann treuherzig erzählte. Sie erklärte ihm nun die Parteiungen in der Gemeinde: der Studentle, als Schwiegersohn des ehemaligen unteroffizierlichen Schultheißen, gehörte natürlich zu dessen Partei, die jeden mit dem Buchmaier Vertrauten als offenen Feind ansah; dazu kam, daß der Studentle voll Gift und Galle war, weil auf Betreiben des Buchmaiers der Matthes statt seiner in den Bürgerausschuß gekommen war. »Es ist ein Kreuz,« schloß Agnes die Auseinandersetzung der Dorfpolitik, »ich hab' mir's so schön ausdenkt, daß wir bei der Kirchweih miteinander auf den Tanz gehen. Wartet aber nur, der Studentle ist mir nicht studiert genug, und der Thaddä muß auch mithelfen und raten.« Der Lehrer verbat sich dies, Agnes sah ihn groß an, versprach ihm aber doch, er solle Sonntags Hedwig bei ihr sehen; sie wolle sich krank stellen und ihnen zu Gefallen beim schönsten Wetter nicht ausgehen. In sein Taschenbuch schrieb der Lehrer noch spät am Abend: »Wie leicht ist es, sich rein im Gebiete des Geistes zu halten, sich da eine Welt und einen Himmel aufzubauen; kaum aber nähert man sich dem wirklichen Leben, wird man hineingerissen in den Strudel der Tageszwiste, der grollenden, widerstrebenden Strömungen. Ich wollte mich hineinbegeben in das einige Leben dieses Dorfes, nun stehe ich mitten in der Parteiung, meine tiefsten Herzensneigungen werden mit hinein verschlungen.« Agnes hielt Wort. Die geheime Zusammenkunft der beiden Liebenden erschloß ihre Herzen um so schneller und rückhaltsloser. Da war an kein Widerstreben mehr zu denken, man hatte sich ja verborgen gesucht und gefunden. Nach dem ersten Austausch der beiderseitigen Betrübnis erwachte in Hedwig der frische Lebensmut wieder schneller als in dem Lehrer. »Ist es denn wahr,« fragte sie, »daß Ihr von Lauterbach seid?« »Allerdings.« »Ja, warum habt Ihr's denn verleugnen wollen? Das ist ja kein' Schand'!« »Ich hab' es nie verleugnet.« »Es ist doch grausam, wie die Leut' lügen können. Da haben sie hier ausgesprengt, Ihr wäret deswegen so allein wie ein verscheucht' Hühnle 'rumgelaufen, weil Ihr gemeint hättet, man foppt Euch, weil Ihr von Lauterbach seid. Und wenn Ihr von Tripstrill wäret, Ihr wäret doch –« »Nun, was wäre ich?« »Ein lieber Mensch,« sagte Hedwig, ihm die Augen zuhaltend; er aber umfaßte, küßte und herzte sie und sagte dann endlich: »Sei nur ruhig, du Liebe, Gute, es wird schon alles noch gut gehen.« Ohne sich aus seinen Armen zu erheben, sagte Hedwig doch: »Ihr müsset nicht so sein.« Der Lehrer aber küßte und herzte sie von neuem, und sie sagte wieder: »Nun, jetzt schwätzet auch, erzählet mir was; wie ist's Euch denn gangen? Ihr schwätzet ja gar nichts.« Der Lehrer nahm ihre Hand und drückte sie an seinen Mund; gleich als wollte er jedes Wort darin versiegeln, Hedwig deutete es wenigstens so, denn sie begann abermals: »Nein, Ihr müsset schwätzen, ich hör' Euch so gern zu, und mein' Ahne sagt's auch als, er hat so herzige Worte; mein' Ahne hat Euch rechtschaffen gern.« »Sag doch du!« das waren die einzigen Worte, die der Lehrer hervorstammeln konnte. »Du, du, du, du, du,« sagte Hedwig sich niederbeugend und den Kopf schüttelnd, als ob sie mit einem Kinde spielte; der Lehrer blickte sie mit Freudenthränen an, und als sie das bemerkte, sagte sie: »Warum greinen? Es ist noch nichts verloren, und mein Konstantin soll nur aufpassen, ja, was meint der? Ich will schon sehen, wer Meister wird, ich bin kein Kind mehr.« Ungeachtet sie so sehr gegen das Weinen gesprochen hatte, flossen doch auch ihr die Thränen aus den Augen, sie trocknete sie aber schnell und fuhr fort: »Komm, jetzt wollen wir alles vergessen, und was ist denn auch? Wenn's Gott's Willen ist, kriegen wir einander doch. Es ist mir immer, wie wenn alles zu schön g'wesen wär', wenn alles so den geraden Lauf gehabt hätt'. Ich weiß nicht, wie's kommen ist, aber wie ich selben Sonntag, wo man bei meiner Ahne gesessen ist, ums Hauseck 'rumkommen bin, da ist mir's grad' g'wesen, wie wenn mir einer mit einer feurigen Hand ins Gesicht langen thät; nein, noch ganz anders, ich kann's gar nicht sagen wie.« »Ja, von jenem Augenblicke an liebte ich dich.« »Nichts davon schwätzen,« sagte Hedwig, mit strahlendem Auge ins Antlitz ihres Geliebten schauend, es war, als scheute sie jedes Wort, da sie nach Art der Bauernmädchen um so weniger das Wort Liebe aussprach, je mehr sie liebte; »von was anderm,« ergänzte sie; sie war es aber auch zufrieden, als sie so schweigend nebeneinander saßen und kein Laut in der Stube vernommen wurde als das Girren der Turteltauben im Käfig und der eintönige Pendelschlag der Schwarzwälder Uhr. Endlich trat Agnes, die wohlweislich weggegangen war, wieder ein. Hedwig sagte anflehend: »Mach du, daß er red't, da sitzt er und guckt mich nur an.« Als im Vorbeigehen ihr Blick in den Spiegel streifte, wendete sie sich schnell ab, sie kam sich ganz wie eine andre Person vor, so fremd war ihr Aussehen. Der Lehrer saß unbewegt da, wie wenn er mit offenen Augen träumte. Agnes sang, in der Stube umherhüpfend und mit den Fingern schnalzend: Und i woaß et, wie's kommen thut, Wann's Schätzle i seh, Und da möcht' i gern schwätze, Und 's will halt et gehn. Noan, noan und – jo, jo – Und – i moan, und – i muaß Ist oft unser ganzer verliebter Diskurs. Auf den Lehrer zutretend und ihn am Arme schüttelnd, sagte sie: »Wie? Was? Holz her! aufg'richt't. Z' Lauterbach hab' ich mein'n Strumpf verlor'n.« Tanzend zog sie ihn nun in der Stube umher. Nun war wieder alles Leben und Freude, Thaddä kam dazu. Im großen Rate wurde der staatskluge Beschluß gefaßt, daß, wenn bis zur Kirchweihe die Konstantinischen Wirren noch nicht ausgeglichen wären, Thaddä mit Hedwig und der Lehrer mit Agnes zum Tanze gehen sollten. Noch lange saß man traulich beisammen, die Vorfreuden der Zukunft kostend. Endlich forderte Agnes den Lehrer auf, ihr zum Lohne eine Geschichte zu erzählen; die Bitten aller vereinigten sich mit der ihrigen. Dem Lehrer aber stand der Kopf nicht dazu, er wollte nach Hause gehen und ein Buch holen; das wurde aber nicht geduldet, er sollte nur von selber frischweg erzählen. Gewaltsam seine Gedanken sammelnd, begann er endlich die Geschichte der schönen Magelone. Anfangs sprach er die Worte tonlos, fast ohne zu wissen, daß er sie sprach; er hielt die Hand Hedwigs in der seinen. Nach und nach schloß er die Augen wieder und redete sich ganz in das Zauberland hinein, die Zuhörer hingen mit strahlendem Blicke an seinem Munde, und Hedwig jauchzte innerlich. Als der Lehrer geendet, faßte ihn Agnes mit beiden Händen am Kopfe, schüttelte ihn und sagte: »Es ist doch ein ganzer Bursch!« Sich umwendend, fragte sie dann: »darf ich ihm jetzt den Kuß geben, Hedwig?« »Rechtschaffen.« Agnes machte schnell Gebrauch von der Erlaubnis, und der Lehrer sagte dann: »Wir wollen Freunde sein,« und reichte dem Thaddä die Hand. Als er fortging, begleitete ihn Thaddä und sagte auf der Treppe: »Herr Lehrer, ich hab' ein' Bitt', ich will Euch auch einen Gefallen thun; ich kann gut lesen, wolltet Ihr mir nicht auch so ein Geschichtenbuch leihen?« »Recht gern,« sagte der Lehrer, die Hand seines Freundes zum Abschiede drückend. – Nächst der Umwandlung seines Herzens, oder vielmehr der glücklichen Entfaltung desselben, hatte die Liebe Hedwigs noch einen besonderen Einfluß auf den Lehrerberuf unseres Freundes; denn alles in ihm rang stets nach Einheit. Er hatte die süßen Worte Hedwigs so freudig aufgenommen, daß er sogar die Form derselben liebgewann. Er gedachte nun den Dialekt zu studieren und ihn beim Unterrichte als Grundlage der Denk- und Sprechweise zu benützen. Er wendete sich deshalb an den alten Lehrer um Schriften im oberschwäbischen Dialekte; dieser holte ihm sein Lieblingsbuch, ja fast sein einziges, und band es ihm auf die Seele; es waren die Dichtungen Sebastian Sailers. Jetzt erst lernte der Lehrer manche Besonderheit des hieländischen Bauernlebens recht verstehen, er erkannte die Derbheit und die Begierde, sich sogar mit dem Heiligsten und Unnahbaren lustig zu machen. Die Rolle eines vierschrötigen Dorfschultheißen, die hier ein geistlicher Dichter Gott Vater spielen ließ, befremdete ihn sehr; der alte Lehrer aber erklärte ihm, daß das der Heiligkeit der Religion nichts geschadet habe. »Früher,« sagte er, »wo man noch fromm gewesen ist und nicht bloß maulfromm, da hat man sich schon eher einen Spaß mit Gott erlauben dürfen; jetzt aber verträgt's kein Schnauferle mehr, sonst geht ihnen gleich das Licht aus, drum müssen sie jetzt so heilig thun. Ich hab' als in der Kirch' die lustigste Musik gemacht, wie mir's nur eingefallen ist.« Unser Freund war indes doch der Ansicht, daß sich auch Religionsspötterei aus dem vorigen Jahrhundert in diese Dichtungen gemischt habe, er behielt das aber für sich und ließ sich von dem Alten erklären, wie diese Stücke früher zur Fastnacht aufgeführt wurden. Besonders ausführlich mußte er sich von dem Alten den Anzug beschreiben lassen, den er einst als Lucifer getragen hatte. »Die neue Bildung hat dem Volke viel, unendlich viel genommen; was hat sie ihm von wirklichen Freuden dafür gegeben? – – Kann ihm ein Ersatz werden? und wie? . . . .« Diese Worte finden sich aus der eben genannten Zeit in dem Taschenbuche unseres Freundes. Eine mächtige Bewegung hatte sein ganzes Wesen ergriffen. Eines Tages kam der Buchmaier zu ihm und forderte ihn auf, bald Ortsbürger zu werden, indem ihm dann die Stelle des verstorbenen Gemeindeschreibers sicher sei. Der Lehrer faßte freudig die breite Hand des Buchmaiers: »Jetzt,« sagte er, »jetzt könnet Ihr im ganzen Dorf Frieden stiften, ihr müsset meinem Schwa– ich will sagen dem Studentle, zu dieser Stelle verhelfen, er kann sie vollkommen versehen.« Der Buchmaier lächelte, wollte aber doch nicht darauf eingehen; auf die eindringlichen Reden des Lehrers versprach er endlich, sich aller Einwirkung bei der Wahl zu enthalten. Der Lehrer eilte, den Stand der Dinge dem Studentle bekannt zu machen; dieser aber that stolz und sagte: er wisse noch nicht, ob er eine solche Stelle annehme; indes dankte er dem Lehrer für seine Freundlichkeit, und so waren gewissermaßen die Vorbedingungen eines Friedens zwischen den beiden Parteien festgestellt. Die Kirchweihe war gekommen, die beiden Liebespaare gingen verabredetermaßen zum Tanze. Jetzt stand der Lehrer nicht mehr draußen im Felde, während drinnen im Dorfe alles jubelte und tanzte, er selber war mitten unter dem tollen Lärm; noch aber war er nicht ganz dabei. Die beiden Tage der Kirchweihe war er fast immer auf dem »Tanzboden«, nur manchmal ging er mit Hedwig und Agnes hinaus ins Feld, um dann neugestärkt wieder zurückzukehren. Oft durchzuckte ihn auch ein tiefer Schmerz, wenn er eines der unreinen Lieder vernehmen mußte; er hätte dann gerne sich und Hedwig die Ohren verstopft. Der Gedanke befestigte sich in ihm, auf die Lieder vor allem seine Wirksamkeit und seinen Einfluß zu üben; er hatte sich die Gunst der jungen Bursche durch die Teilnahme an ihrer Lustbarkeit gewonnen, hieran wollte er nun anknüpfen. Bis zum Kehraus hatte er zwei Nächte lang ausgehalten, am dritten Tage aber, als die Kirchweih feierlich begraben wurde, konnte er sich nicht dazu bringen, auch dies mitzumachen; er stand vor seinem Hause und sah, wie die Burschen dahinzogen, die Musik mit einem Trauermarsche voraus; dazwischen sang man halb weinerlich: O Kirwe, bleib au no mai do, O Kirwe, laß nimmermai no, Drunten im Flecke Will d' Kirwe verrecke: O Kirwe, bleib au no mai do, O Kirwe, laß nimmermai no. Ein Schragen, auf dem zerbrochene Flaschen, Gläser, Stuhlbeine lagen, wurde feierlich geleitet, und draußen auf der Hochbux wurden diese Zeichen der Vergnüglichkeit in ein Grab gescharrt, Wein in dasselbe geschüttet und Trauerreden dabei gehalten. – Trauer und Freude wechselten bald nach der Kirchweihe im Hause Johannesles. Konstantin war zum Gemeindeschreiber erwählt worden, der Lehrer hatte offen um Stimmen für ihn geworben. Nun war der Friede zwischen den Parteien hergestellt, und der Studentle näherte sich dem Lehrer mit Freundschaft; dieser ging in seiner Herzensfreude so weit, daß er dem Studentle das »Du« anbot. Der neu ernannte Gemeindeschreiber ließ nicht nach, man mußte sogleich ins Wirtshaus und nach echter Studentenweise, das Glas in der Hand und die Arme verschlungen, »Smollis« trinken. Der Studentle war es aber dann auch, der im Familienrate das Wort für den Lehrer nahm und seine Bewerbung um Hedwig nachträglich unterstützte. Der »Verspruch« der beiden Liebenden wurde nun gefeiert: vor den Augen des Vaters und des Bruders, des alten Schultheißen und des Buchmaiers, den der Lehrer von seiner Seite geladen, reichten sie sich die Hand. Hedwig ging bald mit ihrem Bräutigam aus der Stube, auf der Hausflur umarmte sie ihn, und nun zum erstenmal sagte sie: »Ich hab' dich rechtschaffen lieb.« Dann gingen sie hinab zur Großmutter, die krank im Bette lag; sie knieten an ihrem Bette nieder. »Er ist jetzt auf ewig mein,« sagte Hedwig, mehr konnte sie nicht vorbringen. Die Großmutter breitete ihre Hände über die beiden Liebenden aus und murmelte leise ein Gebet, dann sagte sie: »Stehet auf, das ist nichts, so knien; man darf vor niemand knien, als vor Gott. Ich sag's ja, ich bin der Bot', der im Himmel anzeigen muß, daß ihr euch habt. Lehrer, wie heißt denn dein' Mutter? Ich will gleich zu ihr, wenn ich 'naufkomm', und auch zu deinem Vater, und da nehm' ich meinen Hansadam, meine Geschwister und meine Eltern mit und auch meine drei Enkele, wo gestorben sind, und da setzen wir uns zusammen hin und schwätzen von euch und beten für euch, und da muß es euch gut gehen. Hedwig, ich vermach' dir meinen Anhenker, drinnen im Schränkle wirst ihn finden, und da ist auch noch mein Kränzle von meiner Hochzeit dabei; heb's auf, es wird dir Segen bringen, und laß deine Kinder nach der Tauf' dran riechen. Und wenn ihr auch bald nach meinem Tod Hochzeit machet, da müsset ihr doch Musik haben. Höret ihr's? Ihr sollet nicht so lang um mich trauern, und den Siebensprung, den tanzet ihr für mich; ich will auf euch 'runtergucken mit Freuden, und droben feiert die ganz' Familie auch die Hochzeit.« Die Brautleute suchten ihr die Todesnähe auszureden, sie aber erwiderte: »Es ist mir allfort, wie wenn mich ebber am Arm zupfen und sagen thät: Jetzt komm, es ist Zeit; es ist aber noch nicht stark genug, es muß noch stärker kommen. Müsset nicht greinen, das ist nichts; warum denn? ich bin gut aufgehoben. Ich dank' unserm Heiland, daß er mich's hat erleben lassen, daß mein' Hedwig einen braven Mann kriegt. Haltet euch nur in Ehren. Hedwig, er ist ein G'studierter, die haben oft Mucken im Kopf, ich weiß das von meiner Schwester her; du mußt Geduld mit ihm haben; denen G'studierten gehen oft ganz andre Sachen im Kopf 'rum, und da lassen sie's am Unrechten 'naus. Lehrer, und du mußt mein' Hedwig, mein' lieb' Hedwig –« Sie konnte nicht weiter reden, das Mädchen lag weinend an ihrem Halse. Die Großmutter hatte ganz geläufig gesprochen, ihr Husten war vollkommen verschwunden, jetzt aber sank sie ermattet in die Kissen zurück; die Brautleute standen traurigen Antlitzes vor ihr. Endlich erhob sie sich wieder und sagte: »Hedwig, hol mir des Valentins Christine, sie soll bei mir bleiben; ich sterb' heut noch nicht. Du darfst heut den ganzen Tag nicht mehr zu mir kommen; gehet miteinander und seid recht lustig, versprechet mir's, daß ihr recht lustig sein wollet.« Der Lehrer ließ Hedwig zurück und holte die uns wohlbekannte Christine. Nun mußten sich die beiden entfernen; aber ihr Herz erzitterte noch immer in Wehmut, bis sie bei des Buchmaiers Agnes gewesen waren, die durch allerlei Munterkeiten ihre Seele erheiterte. Dann gingen sie hinaus in das Feld; das weiße Huhn folgte ihren Fußstapfen, es war jetzt Herbst, man brauchte es nicht mehr einzusperren. Vom frischen, belebenden Hauche der Natur angeweht, erwachte in den beiden eine hohe, himmlische Freude; um sie her pflückte der Herbst die gelben Blätter, in ihnen aber lebte ein neuer, nie geschauter Frühling. Andern Tages verlangte die Großmutter nach der letzten Oelung. Der Lehrer nahm dem Meßner den Dienst ab und ging mit der Laterne in der Hand dem Pfarrer voraus; ein großer Teil der Gemeinde blieb an der Thüre stehen und betete, während drinnen Maurita »versehen« wurde. Der einzige Gedanke, der den Lehrer bei dieser Handlung beherrschte, war: Möchten doch die Freidenkenden ebenso zuversichtlich hinübergehen in den Tod. – Mit offenen, glänzenden Augen empfing Maurita das Abendmahl, dann kehrte sie sich nach der Wand zu, sie sprach nicht mehr; und als man nach einer Weile nach ihr umschaute, war sie tot. Mit stiller, andächtiger Wehmut, ohne lautes Weinen und Wehklagen wurde Maurita begraben. Alles im Dorfe trauerte. Selbst der alte Schmiedjörgli sagte mit ungewohntem Ernste: »Es thut mir von Herzen weh, daß sie tot ist; nun, jetzt kommt's an mich.« Als der Lehrer von dem Begräbnisse nach Hause, d. h. zu Hedwig kam, umfaßte ihn diese weinend und sagte: »Jetzt bist du mir doppelt nötig, ich hab' kein' Ahne nicht mehr.« Dem Lehrer ward das Dorf von nun an noch einmal so wert und eigen, er hatte ein neues Leben darin gefunden und einen lieben Toten darin begraben. So hätten wir denn die gute Maurita bis zum andern Leben und den Lehrer bis zu einem neuen Leben begleitet. Wir können der guten Großmutter nicht in den Himmel nachfolgen und wollen noch eine Weile zusehen, welch ein Leben der Lehrer auf Erden führt. Im ganzen Dorfe hatte seine Verlobung Jubel und Freude erregt; selbst unter den Kindern, die auf dem Brandplatze spielten, gab es lebhafte Verhandlung, da das eine und das andere seine Verwandtschaft mit Hedwig und hierdurch mit dem Lehrer darthun wollte. Der Johannesle hatte sonst wenig Freunde im Dorfe, aber über das neue Ereignis freute sich alles. Jeder kam dem Lehrer entgegen, gab ihm die Hand und sagte: Ich wünsch' Glück und Segen; jeder wußte etwas Liebes und Gutes von Hedwig zu erzählen. Männer und Frauen, die sonst vielleicht im Leben nicht dazu gekommen wären, so zutraulich mit dem Lehrer zu sprechen, standen jetzt bei ihm wie alte Bekannte. Der Matthes kam zu ihm ins Haus, schüttelte ihm wacker die Hand und sagte: »Ich war halt doch der, wo's prophezeit hat, daß es so gehen wird; wisset Ihr noch? Ihr hättet mir weiß nicht was schenken mögen, Ihr hättet mir kein' größere Freud' machen können. Wenn der alt' Lehrer stirbt, krieget Ihr auch die zwei Aecker, die er in Nutznießung hat; es sind gute Aecker, und Ihr dürfet mir's nur sagen, ich schaff' Euch gern ein paar Tag drauf.« Dem Lehrer that diese Zuthunlichkeit der Leute doppelt wohl, er erkannte ihr gutes Herz daraus und fühlte auch, wie er jetzt weit sicherern Boden gewonnen habe, um in das Leben aller dieser Menschen einzugreifen. Die Menschen sind es nicht mehr gewohnt, daß man aus allgemeiner Liebe sich ihnen naht, ihnen frei und froh ins Auge schaut, sie zu erquicken, zu erfreuen, zu erheben trachtet. Sie wurden schon oft betrogen und getäuscht und meinen nun immer: man müsse etwas Besonderes dabei haben, dahinter müsse etwas stecken; ja, sie erlauben einem nur, sie ohne Scheu zu lieben, wenn man mit ihnen blutsverwandt oder verschwägert ist. Der Winter kam mit starken Schritten in das Dorf; die Menschen blieben zu Hause und genossen die Früchte ihres Fleißes, die sie bei sich eingesammelt hatten; Dreschen und bisweilen Dünger hinausführen war noch das einzige Geschäft. Als abgedroschen war, herrschte Stille im ganzen Dorfe. Nur hie und da hörte man einen fremden Hausierer durch die Gassen rufen: »Spindla, Weiber, Spindla!« Der Schnee wirbelte, niemand verließ gern die warme Stube. Da schlich am hellen Tage ein böser Geist auf leisen Sohlen durch das Dorf, es war: die Langeweile. Und wen der Geist ansah, der mußte gähnen oder zanken und Händel suchen. Die Zeit der Ruhe war keine Zeit der Erholung, denn die Leute wußten nicht, wie sie das lästige Ungeheuer, die Zeit, totschlagen sollten. Junge Männer und ledige Bursche saßen oft ganze Tage im Wirtshause und kartelten; man schien aber doch an der überlangen Zeit noch nicht genug zu haben, denn man harrte bis zur letzten Minute der Polizeistunde aus. Andere gingen frühe zu Bette und verschliefen ihr Leben, wieder andre wandelten schlechte Wege. Man sagt: Müßiggang ist aller Laster Anfang; das erste, was daraus hervorgeht, ist Langeweile; da weiß man nicht, wo man sich hinthun soll. Nur arbeitsame Menschen sind aus sich heraus fröhlich, friedfertig und gut, Müßiggänger aber werden zur Trunk- und Spielsucht verleitet, werden ärgerlich, zänkisch, ränkesüchtig und schlecht. Darum hausen in vielen vornehmen Ständen Laster aller Art. Während nun der größte Teil der Leute im Dorfe nur ein halbes Leben führte, war dem Lehrer ein doppeltes Dasein aufgegangen. Man hat schon oft gesehen, daß ein Mensch aus einem heftigen Fieber auch körperlich um einige Zoll größer aufstand; so war in unserm Freunde, während er mit fliegenden Pulsen das Leben Hedwigs in sich aufnahm, auch die Erkenntnis des Volkstums schnell, ja fast wunderbar gereift. Wie er einst den »Geistesduft der Schönheit schlürfte«, der über die äußere Natur ausgeströmt ist, und die rohe Benützung den andern überließ, so erkannte er jetzt in einem jeden ein höheres Dasein, er war ihm ein Vertreter des heiligen und ewigen Volksgeistes. Edler, als er sich selbst erschien, erschaute er nun jeden Einzelnen, denn er suchte, erkannte und liebte die reinere Kraft und Weihe in ihm. Er stellte einen jeden höher, als er sich selbst achtete, denn er achtete das höhere Selbst in ihm. Er stand da als ein Mann, der das innerste Wesen aller um sich her erkannte. Mit mutigem Entschlusse ging er nun daran, sie die »Freuden des Geistes kosten zu lassen«; er war jetzt gereift genug, durch die äußerliche Schale hindurchzudringen. So saß er nun oft abends im Wirtshause und las die Zeitung vor; er hatte viel zu berichtigen, denn der Studentle, an den man sich früher gewendet hatte, liebte es, den Leuten die verkehrtesten Dinge aufzubinden. Ein kleiner Kreis hatte sich um den Lehrer gesammelt, andere saßen an den Tischen und spielten, oft aber horchten sie auch hin nach dem, was der Lehrer vortrug, und mancher Rams ging verloren, mancher legte die Kreide nicht an den bezeichneten Ort und erhielt einen Strich. Die Männer gewannen nach und nach Zutrauen zu dem Lehrer und sprachen sich unverhohlener aus. Trotz seiner innigen Liebe ward es unserm Freunde doch schwer, sich ganz in die Weise dieser Menschen zu versetzen. Es ist leicht gesagt: ich liebe das Volk! Aber jederzeit persönlich bereit sein, auf allerlei Seltsamkeiten einzugehen, ohne sich an oft häßlichen Angewohnheiten und verhärteten Sitten zu stoßen, bald als Freund in beliebige Abschweifungen eingehen, bald als liebende Mutter sich selber keine Ruhe gönnen und mit Wonnelächeln jedem neuen Worte lauschen – dazu gehört eine Selbstentäußerung, ein Hinausgeben der eigenen Persönlichkeit, die nur der echten Liebe möglich ist. Dank der gesunden Erkenntnis, sie war in unserm Freunde. Eines Abends begann Matthes: »Herr Lehrer, ich muß jetzt dumm fragen, aber warum heißt denn auch die Zeitung: Schwäbischer Merkur und nicht Schwäbischer Merker, so soll's doch heißen, weil er aus alles aufmerkt, oder heißt's auf Hochdeutsch Merkur?« »Du hast den Alten auf dem Nest gefangen,« sagte der Studentle, »du hast ganz recht, Matthes, die in Stuttgart verstehen nichts. Narr, ich thät an deiner Stelle 'nabgehen und thät's ihnen sagen, du kriegst gewiß das Präme.« Der Lehrer aber erklärte, daß Merkur der Götterbote und der Gott des Handels im alten Griechenland gewesen sei. »Ja, wie kommt denn der aber jetzt dazu, schwäbisch zu heißen?« fragte Matthes wieder. »Das hat man eben so gemacht,« erwiderte der Lehrer; er hatte selber noch nie darüber nachgedacht. »Ich muß jetzt auch noch was fragen,« begann Hansjörg. »Haben denn die Griechenländer an mehr als an einen Gott geglaubt?« »Freilich,« erwiderte der Studentle, »der ein' hat gemistet und der ander' gesät, der ein' hat geregnet und der ander' donnert; für ein' jed' Sach' einen besondern Gott oder eine Göttin. Die Griechen haben sogar ihren Göttern erlaubt, daß sie heiraten.« »Es werden halt Heilige oder Engel gewesen sein,« sagte der Maurer Wendel, »oder so Schutzpatronen; sie müssen doch einen Oberherrn gehabt haben. sonst wär's ja eine Gaukelfuhre, zum Kranklachen so dumm.« »Du hast den Turm von Babylon auch nicht mitgebaut, Maurer,« bemerkte der Studentle; »freilich haben sie einen Oberherrn gehabt, einen Staatskerl, er hat nur ein eifersüchtig Weib gehabt, die hat ihm viel zu schaffen gemacht. Jetzt sag' du, Lehrer, ob's wahr ist oder nicht, sie glauben mir sonst wieder nichts.« Der Lehrer sah zu seinem großen Leidwesen, daß er durch das Du seinem Schwager eine Stellung sich gegenüber eingeräumt hatte, die manches Nachteilige brachte; er faßte sich indes schnell wieder und gab den Bauern eine Uebersicht der griechischen Götterlehre. Er erzählte dabei einige Wundergeschichten, die viel Aufmerksamkeit erregten. Es kam ihm selber sonderbar vor, daß er hier in einer von Tabaksrauch erfüllten Schwarzwälder Dorfschenke die griechische Götterschar herbeizog. Alles das hatte der Schwäbische Merkur gethan. Viele Mühe kostete es, den Bauern auszureden, daß die Griechen doch »blitzdumm« gewesen seien. Er erzählte ihnen von dem frommen und weisen Sokrates und seinem Martertode. »Dem ist's ja grad gangen wie unserm Heiland,« sagte Kilian von der Froschgasse. »Allerdings,« erwiderte der Lehrer. »Wer eine neue, heilbringende Wahrheit gradaus an Mann bringen will, der muß dafür ein Kreuz auf sich nehmen.« Der Lehrer seufzte hierbei, er hatte diese Worte nicht ohne Nebenbeziehung gesagt, denn er fühlte wohl, wie schwer ihm die Aufgabe würde, die er sich gestellt. Als die Männer weggingen, sagte einer zum andern: »Das war doch einmal ein schöner Abend, da lernt man doch was dabei, und die Zeit geht 'rum, man weiß nicht wie.« Der Lehrer hatte sich vorgenommen, den Bauern etwas aus der griechischen Göttergeschichte vorzulesen; glücklicherweise kam ihm aber am folgenden Abend ein ganz anderes Buch, nämlich eine deutsche Sprichwörtersammlung, in die Hand. Als er nun in die Wirtsstube trat, zog er das Buch aus der Tasche und sagte: »Da will ich euch einmal 'was vorlesen.« Die Leute machten unwillige Gesichter, sie hatten einen tiefen Widerwillen gegen Bücher. Der Matthes gewann am ersten das Wort und sagte: »Erzählet uns lieber, Herr Lehrer.« »Ja, ja, erzählen, nicht lesen,« hieß es allgemein. »Höret nur einmal ein wenig zu,« sagte der Lehrer, »wenn's nicht gefällt, könnt ihr ohne Scheu sagen, ich soll aufhören.« Immer Pausen machend, begann nun der Lehrer die Sprichwörter zu lesen. »Ei, das sagt ja der Schmiedjörgli – und das ist ja des Brunnenbasches Red' – das hat die alt' Maurita immer gesagt – und das ist dein Wort, Andres, Michel, Caspar,« so hieß es von allen Seiten. Die Spieler hatten ihre Karten weggelegt und sich den Zuhörern beigesellt, denn manchmal erscholl auch ein lautes Gelächter, wenn ein derber Kernspruch vorkam. Der Lehrer konnte sich den Triumph nicht versagen, die Frage zu stellen: »Soll ich weiter lesen?« »Ja, bis mornemorgen,« hieß es von allen Seiten, und der Kilian von der Froschgaß sagte: »Das muß ein grundgescheiter Mann gewesen sein, der das Buch gemacht hat, der hat alles gewußt, das war gewiß einer von den alten Weisen.« »Ja, das sind deine Leut', Kilian,« hieß es aus einer Ecke. »Seid jetzt still,« hieß es von andern Seiten. »Herr Lehrer, leset weiter.« So geschah. Manchmal kamen auch Berichtigungen und Zusätze vor, und es that dem Lehrer leid, daß er sie nicht aufschreiben durfte; er scheute dies, denn er fürchtete mit Recht, dadurch die Offenherzigkeit der Leute befangen zu machen. Ein wucheriges Leben war unter allen, eine nie empfundene Freude, hier ihre ganze Weisheit auf einem Haufen wieder zu finden. Auch Streit über die richtige Deutung und die Wahrheit des einen und andern Sprichworts entspann sich unter einzelnen, in welchen sich der Lehrer wohlweislich nicht mischte. Einige bedrängten dann die Streitenden, sie sollten jetzt nur aufhören, andere den Lehrer, er solle nur weiter lesen. So waren alle voll Feuer, und unser Freund fand eine wohlige Genugtuung darin, es entzündet zu haben. Als er am andern Abend wieder kam, waren mehr Bauern als gewöhnlich versammelt; sie fürchteten sich nicht mehr vor einem Buche, sondern umdrängten ihn alle und fragten: »Habt Ihr wieder so was Schöns wie gestern?« »Ja,« sagte der Lehrer und zog ein Buch heraus; aber diesmal ging es nicht so leicht ab, es war Unkraut unter dem Weizen; der Studentle hatte ihn gesäet, denn er hatte einen Widerwillen gegen allen aufkommenden Ernst. Mit einigen jungen Burschen, die er gewonnen, saß er an einem Tische, und sie begannen laut zu singen; der Lehrer wußte sich nicht zu helfen. Da sagte der Matthes: »Hör einmal, Konstantin. schämst du dich nicht – du bist jetzt Gemeindeschreiber –, daß du so Sachen machst?« »Ich hin für mein Geld da und thu', was ich will,« er widerte der Studentle, »und Vorlesen gehört nicht ins Wirtshaus.« Ein Murren entstand. »Still,« rief Matthes, »keine Händel, da ist leicht geholfen. Adlerwirt, ich spring' schnell heim und hol' Holz, und da machen wir Feuer in die obere Stub'. Wer zuhören will, der geht mit 'rauf, und wer nicht will, kann da bleiben.« »Ich hol' schon,« sagte Thaddä, der diesen Abend auch gekommen war, und machte sich rasch auf den Weg. In der oberen Stube glühte der Ofen bald, denn Thaddä wollte durch Nachschüren um kein Wort kommen; der Matthes setzte sich neben den Lehrer und putzte ihm das Licht. Der Lehrer las das Goldmacherdorf von Zschokke. Trotz seines edlen Gehaltes hatte das Buch doch nicht die Wirkung, die der Lehrer wohl mit Recht erwartet hatte; es griff so unmittelbar an das Bauernleben, daß ein jeder seinen Maßstab ohne Scheu an die getroffenen Einrichtungen anlegte. Es würde zu weit führen, wenn hier alle ausgesprochenen Urteile wiederholt werden sollten. Allemal, wenn der Ausdruck vorkam: »Oswald öffnete seinen Mund und sprach,« lächelte der Buchmaier, denn dieser Bibelton mißfiel ihm sehr. Manche Rede ging spurlos vorüber, manche traf aber auch den Nagel auf den Kopf, so daß die Leute einander ansahen und nickten. Sonderbar! als zu Ende gelesen war, stellte sich heraus, daß die meisten Leute für das Dorf gegen den Oswald Partei ergriffen hatten. Der Matthes traf zuerst den Grund dieses Widerspruchs, indem er sagte: »Mir gefällt's nicht, daß der Oswald so allein alles gut machen will und muß.« »Und ich möcht' sagen,« begann Thaddä, »ich möcht' ihm seinen Federbusch und seinen Stern 'runterreißen; er ist ein braver Kerl, er braucht das nicht.« »Hast recht,« sagte der Buchmaier, »er spielt überhaupt zu viel den Herrn, und sein Erbprinz da, zu was braucht man den? Aber ich bin dir grad in die Red' gefallen, Andres, du hast was sagen wollen; 'raus mit den wilden Katzen.« »Ich mein', der Oswald wär' ein Häfelesgucker; daß er so viel vom Kochen versteht, hat mir nicht gefallen.« »Und ich mein',« sagte Kilian, »die Bauersleut' seien viel zu dumm hingestellt; so arg ist's nicht.« »Ja, du bist doch auch ein Schriftgelehrter,« sagte Hansjörg. Alles lachte. »Jetzt mein' Meinung ist,« sagte der Maurer Wendel, »das Dorf ist zuerst viel zu schlecht und nachher viel zu gut; ich kann's nicht recht glauben, daß es an einem Orte so ist.« »Mich verdrießt am meisten,« sagte der Buchmaier, »daß zuletzt auch noch ausgemacht wird, was man für Kleider tragen darf. Das ist grad wie mit dem Tierquälerverein, das muß man einem jeden selber überlassen. Und einmal hab' ich das Lachen kaum mehr verhalten können, wie der Oswald in seiner Uniform und mit dem Federhut all' die zweiunddreißig Mann einen nach dem andern umarmt; potz Blitz, das ist ein Geschäft!« Der Lehrer zeigte nun, daß das Buch schon vor vielen Jahren geschrieben sei und alte Zustände behandle, daß es ein edles Buch sei, das viele beherzigenswerte Lehren enthalte. Er bewies, wie sehr nötig noch oft das äußere Ansehen, Geld, Uniform und dergleichen sei, um guten Absichten Eingang zu verschaffen, und schloß, daß man unrecht thue, wegen einzelner Kleinigkeiten so hart über das Ganze herzufahren. »Davon ist kein' Red',« sagte der Buchmaier. »Wenn ich den Mann, der das Buch geschrieben hat, einmal sehen thät, ich thät den Hut vor ihm ab, lieber als vor dem größten Herrn, und ich thät sagen: du bist ein rechtschaffener Herzmensch, du meinst's recht gut mit uns, so ist's.« Als man sich endlich zum Fortgehen anschickte, stieß Thaddä den Matthes an und sagte leise: »Sag's nur jetzt, sonst lauft wieder alles auseinander.« »Wie meinet ihr, ihr Mannen,« begann Matthes, »wie wär's, wenn der Herr Lehrer so gut sein wollt' und uns jed' Woch' ein paar Abend so vorlesen thät?« »Ja, das wär' prächtig,« riefen alle. »Ich bin gern bereit,« sagte der Lehrer; »wir wollen morgen Mittag zusammenkommen, etwa im Schulzimmer; unterdessen kann sich jeder über den Verein besinnen und Vorschläge machen.« »Ja, so ist's recht,« hieß es allgemein, und man trennte sich mit großem Behagen. Andern Tages wurde die Versammlung gehalten; sie war stürmisch. Der Lehrer hatte mit dem Buchmaier einen Entwurf der Vereinsordnung aufgesetzt. Ein Punkt nach dem andern wurde verlesen und jedesmal eine Weile innegehalten. Da entstand dann allgemeines Zwiegespräch; man meinte, die Leute hätten alle etwas zu bemerken; aber aufgefordert, ihre Ansichten mitzuteilen, schwiegen sie; nur Matthes, Hansjörg, Kilian und Wendel ergriffen laut das Wort. Ein allgemeiner, furchtbarer Sturm entstand aber, als verlesen wurde: »So lange die Leseabende dauern, darf während derselben nicht geraucht werden.« Das allgemeine Murren wollte gar nicht aufhören, bis endlich der Buchmaier das Wort ergriff, indem er dem Lehrer dabei zuwinkte, wie wenn er sagen wollte: »Hab' ich nicht prophezeit? Ich kenn' meine Leut'.« Er begann laut: »Ich mein', man streicht das Gesetz vom Rauchen ganz weg.« »Ja, ja,« erscholl es allgemein, wie aus einem Munde. Der Buchmaier aber fuhr fort: »Wer also das Rauchen nicht lassen kann, der soll in Gott's Namen rauchen; es wird aber dem Lehrer schwer werden, in dem Dampf zu lesen, und wenn er eben aufhören muß, so hört er auf, es kann's ihm keiner verübeln. Aber das wollen wir doch feststellen: wer zu rauchen angefangen hat und die Pfeif' geht ihm aus, der darf sie nimmer anzünden, bis das Lesen aus ist; er kann dieweil schlafen, wenn er die Augen nicht aufhalten kann, aber schnarchen darf keiner.« Ein schallendes Gelächter entstand, nach welchem der Buchmaier fortfuhr: »Vom Rauchen thun wir also gar kein Wörtle ins Gesetz, und auch das wollen wir nur so mündlich ausmachen: wenn das Lesen vorbei ist, soll einem jeden ein besonder Licht aufgehen, er soll sich mit einem Papierle sein' Pfeif' anstecken. Ist's so recht oder nicht?« »Ja, so ist's recht.« »Und wer schwätzen will, muß die Pfeif' 'rausthun,« rief eine Stimme; man wußte nicht, von wem sie kam; der bescheidene Redner hat sich bis heute nicht entdeckt. Eine fernere Beschlußnahme machte noch viel Hin- und Herreden, nämlich über den Ort der Zusammenkunft. Da fast samtliche Gemeinderäte anwesend waren, wurde das große Vorzimmer im Rathause dazu bestimmt, denn der Lehrer hatte aus richtigem Takte gegen die Erwählung des Schulzimmers Einsprache gethan. Auf den Vorschlag Hansjörgs wurde festgesetzt: daß jeder, der wolle, seinen Schoppen Bier vor sich haben dürfe, aber nicht mehr. Dieser Vorschlag gewann dem Hansjörg so viel Gunst, daß er nebst Kilian und Matthes in den Ausschuß des Lesevereins gewählt wurde. Noch gar viele Schwierigkeiten waren zu überwinden, bis der Verein im regelmäßigen Gange war; aber eine Schar Begeisterter hatte sich um den Lehrer gebildet, die ihm in allem beistand, wozu besonders Matthes und Thaddä gehörten. Es war dem Thaddä nur leid, daß er nicht eine recht schwere Arbeit für den Lehrer thun konnte, er wäre gern für ihn ins Feuer gelaufen. – Dagegen hatte der Verein auch zwei heftige Feinde an dem Adlerwirt und dem Studentle. Jener sah seine Wirtschaft beeinträchtigt und schimpfte sehr auf den Lehrer, der, seitdem er Bräutigam geworden, auch nicht mehr bei ihm, sondern bei seinem Schwiegervater in Kost war; der Studentle aber witterte in allem Frömmelei, er sagte offen: sein Schwager sei ein Betbruder, er wolle die Leute nur kirren; man werde schon sehen, wo das hinausgehe. Gleichwie oft eine Staatsregierung die Demagogen zu Beamten macht und so für sich gewinnt, so machte der Lehrer den Studentle zum abwechselnden Vorleser. Nun, da er eine Rolle spielte, die seinem Stolze schmeichelte, ward er zum eifrigsten Anhänger des Vereins. So lernte der Lehrer nach und nach die Menschen verstehen und lenken. Den alten Lehrer und den jüdischen Lehrer suchte unser Freund ebenfalls für den Verein zu gewinnen; ersterer aber war nicht dazu geneigt, um so eifriger und selbstthätiger aber der letztere. Auch mehrere Juden, die als Ackerbauern und Handwerker stets zu Hause waren, nahmen lebhaften Anteil. Die Auswahl der Bücher war schwierig. Unser Freund merkte bald, daß das Belehrende oder unmittelbar sittliche Zwecke Verfolgende nicht ausschließlich vorherrschen dürfe. Ohne daher die Sache zur bloßen Unterhaltung zu erniedrigen, wurden Abschnitte aus der Limpurger Chronik, Gedichte von Gleim, das Leben Schubarts, Mosers, Franklins \&c. vorgelesen. Besonders viel Freude machte auch die Geschichte von Paul und Virginie und Wallensteins Lager, dem einige Abschnitte aus dem Simplizissimus beigefügt wurden. Am meisten aber horchte alles auf, als der Lehrer, der Studentle und der jüdische Lehrer »Hedwig, die Banditenbraut, von Körner« lasen; das Abenteuerliche, Salbungsvolle griff tief ein. Als das Stück zu Ende gelesen war, fragte Matthes: »Wie ist es denn mit den Räubern im Keller gegangen? Sind sie verbrannt, oder hat man sie gerichtet?« Der Lehrer mußte über diese teilnehmende Frage lachen, er wußte aber keine Antwort; vielleicht ist einer der Leser so gut und läßt ihm eine zukommen. Mitunter wurden auch die alten Volksbücher gelesen, und besonders die Schildbürger erregten großen Jubel. Allgemeine Bemerkungen in sein Taschenbuch einzutragen, dazu hatte der Lehrer nur selten Zeit und Stimmung; was er dachte, gab er sogleich den Männern preis, und was er dachte und fühlte, offenbarte er Hedwig, und es war ihm genug, es so ausgesprochen zu haben. Dennoch finden wir einige Bemerkungen in den früher angezogenen Blättern: »Wenn ich diese Blätter ansehe, ist es mir oft, als war ich früher ein sonderbarer Egoist; ich habe die Welt nur in mich aufzunehmen, nicht mich an sie hinauszugeben getrachtet. Was ist all' die eigensüchtige Verfeinerung der Gefühle gegen einen einzigen Gedankenfunken, in eine fremde Seele geworfen? Das ist tausendmal mehr wert als alle noch so sinnreich schwelgerischen Betrachtungen. Es ist gut und war wohl nötig, daß ich diese hinter mir habe . . . .« »Wie gar leicht ist es, groß, vornehm und gelehrt zu erscheinen, wenn man sich vom Volke zurückzieht, sich einen besondern Palast des Wissens und Denkens auferbaut, eine Burg auf hoher Bergesspitze, fern von den Thalbewohnern. Steigt man aber herab zu den Menschen in den Niederungen, lebt man mit ihnen und für sie, da erfährt man's oft, wie man bisweilen die einfachsten Dinge nicht weiß, die besten Gedanken nicht ahnt. Ich habe einmal gelesen, daß es Fürsten gibt, die sich dem Volke nie oder nur selten zeigen; da ist es freilich leicht, sich mit Majestät zu umhüllen.« »Es ist tief bezeichnend und wohl sinnbildlich, daß die Schriftsprache Wort und Begriff Bauer noch nicht bestimmt zu deklinieren weiß: der Bauer, des Bauern und – des Bauers.« »Wie der Atem der Erde und des Meeres aus den höhern Regionen wieder als erfrischender und befruchtender Regen herniederträufelt, so kann und muß auch der Volksgeist, sein Denken und Fühlen aus der höheren Region des Schriftentums wieder herabgelenkt werden in seinen Ursprung, das Volksgemüt.« »Gewiß war mancher der berühmten griechischen Helden nicht gebildeter, so was man eigentlich gebildet nennt, als mein Hansjörg, Kilian, Matthes, Thaddä, Wendel und viele andere, von dem Buchmaier gar nicht zu reden; aber durch die öffentlichen Staats- und Rechtsverhältnisse, durch das öffentliche Kunstleben, durch den Gottesdienst, der aus dem innersten Kern des Volkslebens hervorgegangen, war eine Masse von Gedanken, Gefühlen, Anschauungen und zarten Regungen in der Luft. Die Leute lernten und hörten nicht wie wir bloß biblische Geschichten, Erzählungen von Menschen, die in ganz andern Verhältnissen gelebt und keinen unmittelbaren Vergleich zulassen. Sie hörten von Vorfahren, die ähnlich gelebt wie sie selber, so und so gehandelt, so und so gedacht; einzelne Aussprüche und Anekdoten erbten sich fort von Geschlecht zu Geschlecht; alles das ging ihnen nahe, und wo es drauf und dran kam, waren die Nachkommen Helden und großsinnige Menschen wie ihre Vorfahren. Uns aber ist die Geschichte eines fremden verlorenen Volkes, des jüdischen, die heilige geworden, nicht die Geschichte unserer Nation . . . . Die Griechen kannten ihren Homer auswendig, er gab ihnen Sprüche und Bilder, die auf ihr Leben paßten; wir Deutschen haben noch keinen, der uns ganz das wäre; Schiller ist nicht für die ganze Nation in allen Bildungsschichten. Wir haben aber eine Nationalweisheit in den Sprichwörtern, die sich unabhängig vom Alten und Neuen Testament gebildet hat. Wir haben das Nationalgemüt in schönster Fassung im Volksliede; das hatten die Griechen nicht.« Bald nach der Stiftung des Lesevereins hatte der Lehrer auch einen Gesangverein aufgebracht; außer einigen jungen Männern hatten sich fast alle ledigen Burschen hiezu versammelt. Der Adlerwirt ward hiedurch versöhnt, denn der Gesangverein wurde in seine obere Stube verlegt. Obgleich unser Freund das Ganze im stillen leitete, überließ er doch die sichtbare Regierung dem alten Lehrer, der zu diesem Zwecke trefflich zu verwenden war. Klugerweise wurden hauptsächlich Volkslieder eingeübt. Die Leute freuten sich gar sehr, ihr Eigentum hier verschönert in seiner Vollständigkeit wieder zu erlangen, denn fast niemand im Dorfe kannte mehr von einem Liede alle »Gesätze«. Nach und nach wurden auch einige neue Lieder gelernt, sehr behutsam, aber nichts desto minder nachdrücklich Ton- und Taktübungen gehalten und sogar die Noten einstudiert. Wie bei dem Leseverein der Gegenkampf des Studentle, so war hier die Anmaßung des Jörgli zu überwinden, denn dieser wollte als berühmter Sänger sich geltend machen und die Hauptperson spielen; dabei aber verhöhnte er jede taktmäßige Einübung. Es gelang nicht, den Jörgli ganz zu gewinnen, er schied aus, und der Verein drohte zu zerfallen. Die guten Folgen desselben hatten sich schon offenbar kund gegeben; viele gemeine, unzüchtige Lieder wurden von den besseren verdrängt, wenn auch vorerst nicht, weil diese besser, sondern weil sie neu waren. So gewannen doch Worte und Klänge aus reineren Regionen Raum und weckten manchen zarteren Wiederhall in den Gemütern. Nun aber sprengte der Jörgli überall aus, der Lehrer wolle den großen Leuten Kinderlieder einlernen; es sei eine Schande für einen erwachsenen Menschen, solche zu singen; er gewann bald ziemlichen Anhang, und wenn auch noch einige dem Vereine treu blieben, so waren das doch nur wenige. Der Thaddä wollte den Jörgli tüchtig durchprügeln, der Buchmaier aber fand ein gelinderes Mittel zur Aufrechterhaltung des Vereins. Er lud nämlich den Pfarrer und alle bisherigen Mitglieder des Vereins mit Ausnahme des Jörgli zum Nachtessen am Sylvesterabend bei sich ein, dadurch gewann alles wieder neues Leben. Der Pfarrer hatte den Lehrer in seinen Bestrebungen ganz gewähren lassen, denn er war keiner von jenen, die alles in ihrer Hand haben und von sich ausgehen lassen wollen. Am Sylvesterabend war nun großer Jubel beim Buchmaier, man trank, sang und scherzte. »Herr Lehrer,« sagte der Buchmaier einmal, »wenn Ihr geheiratet habt, müsset Ihr auch einen Mädchengesangverein stiften.« »Junge Weiber dürfen aber auch dabei sein,« rief Agnes. »Ja, da müsset Ihr aber in einem Trumm fort singen lassen, sonst schwätzen sie dem Teufel ein Ohr weg.« Manches Hoch wurde ausgebracht. Sonst ganz blöde Burschen wagten es hier vor Pfarrer, Lehrer und Schultheiß ein öffentliches Wort zu sprechen. Zuletzt ergriff Thaddä das Glas und rief: »Unser Herr Lehrer soll leben Und sein' Hedwig daneben!« Hoch! und abermals Hoch ertönte, es wollte fast gar nicht enden. Mit Hedwig lebte der Lehrer im innigsten Verständnisse; sie leistete seinen Bildungsbestrebungen willig Folge, da er es nicht mehr darauf abgesehen hatte, ihre Natur umzumodeln, sondern nur, sie frei zu entwickeln. Anfangs erging es dem Lehrer bei Hedwig sonderbar. Wenn er ihre Seele auf allgemeine Gedanken und Ansichten hinlenken wollte, machte er bei allem große Vorreden und Einleitungen; er sagte: so und so meine er es, und sie solle ihn recht verstehen. Da sagte einst Hedwig: »Hör' mal, wenn du mir was zu denken gibst oder sonst 'was anbringen willst, sag's doch grad 'raus, mach' kein so Schmierale drum 'rum, ich will dir nachher schon sagen, ob ich's versteh', oder ob ich's nicht mag.« Der Lehrer that dieses letzte Bruchstück seines vereinsamten, bloß innerlichen Lebens ab und lebte froh und gemeinsam mit Hedwig. Selbst auf die Schule verbreitete sich bald der neu erwachte Geist des Lehrers. Er knüpfte seine Erzählungen und Beispiele geschickt an die nächste Umgebung an; emsig sammelte er an einer Geschichte des Dorfes, um sie künftig zum Anknüpfungspunkt und zur Veranschaulichung der Geschichte des Vaterlandes zu benutzen. Manche kluge Leute wollen zwar behaupten, der Eifer des Lehrers werde bald erlahmen, wir aber dürfen vertrauensvoll das Beste hoffen. Der Frühling nahte, die Glocken wanderten nach Rom, um dort die Geschichte des Dorfes zu berichten, es ist gewiß, daß sie von dem vergangenen Winter weniger Sünden zu berichten hatten. Ostern war vorüber, und nun war der Tag der Hochzeit da; er war auf den Jahrestag festgesetzt, an welchem der Lehrer zuerst in das Dorf gekommen war. Am Vorabende ging Hedwig zu dem alten Lehrer und bat ihn, morgen auch ein recht schönes Vorspiel zu machen, da er die Orgel in der Kirche zu spielen hatte. Der alte Mann lachte in sich hinein und sagte: »Ja, du wirst dich freuen.« Am andern Tag ging es mit Musik zur Kirche. Hedwig gleichgeschmückt mit ihrer Gespiele, der Agnes, der Lehrer ebenso mit einem Strauße geziert, wie sein Gespiele, der Thaddä; der Buchmaier, der Johannesle und der jüdische Lehrer hinter ihnen. – Als alles versammelt war, begann der alte Lehrer das Vorspiel. Auf dem Antlitze eines jeden schwebte ein Lächeln, denn der alte Spaßmacher hatte den Lauterbacher Hopser sehr geschickt in das Vorspiel verwebt. Gleich darauf begann der Gesangverein in würdiger Haltung das schöne Lied: »Heilig ist der Herr \&c.« Mit freudigem Ernste wurde das Ehebündnis geschlossen. – Es sei gesegnet. Sträflinge. Ein Sonntagmorgen. Wir sind im Dorfe. Alles ist still auf der Straße, die Häuser sind verschlossen, da und dort ist ein Fenster offen, es schaut aber niemand heraus. Die Schwalben fliegen nah am Boden und haben niemand auszuweichen. Auf dem Brunnentroge am Rathause sitzen andre Schwalben, trinken und schauen sich klug an und zwitschern miteinander und halten Rat, als ob das Dorf nur ihnen allein gehöre. Vornehme Bachstelzen trippeln herzu und schwänzeln davon und schweigen still, als wollten sie damit kundgeben, sie wüßten schon alles und noch viel besser. Nur eine Schar Hühner hat sich um die Schwalben versammelt und lauscht begierig ihren Reden. Sie hören wohl von freiem Wiegen in den Lüften, von Ziehen übers Meer und nach fernen Landen; denn sie heben und dehnen oft ihre Flügel und lassen sie wieder sinken und schauen trauernd auf, gleich als wüßten sie nun wieder aufs neue, daß sie stets am Boden haften und fremden Schutz bei Menschen suchen müssen. Besonders eine kohlschwarze Henne mit rotem Kamme hebt und senkt ihre Flügel oft und oft. Eine Gluckhenne wandelt das Dorf hinauf, sich stolz prustend im Kreise ihrer Söhne und Töchter, die sie durch stete Ermahnungen um sich versammelt hält und mit ihrem Funde ätzt. Sie will nichts von freiem Wiegen in den Lüften, von der Sehnsucht nach der Ferne. Eine wundersame Stille liegt auf dem ganzen Dorfe. Die Menschen haben die getrennten Wohnungen verlassen und sich in dem einen Hause dessen eingefunden, der sie allesamt eint. Die zerstreut schweifenden Blicke, die nur das Eigene suchen, heben sich jetzt vereint zu dem Unsichtbaren, der alles sieht und dem alles eigen ist. Da steht die Kirche auf dem Berge, der einst befestigt war und um dessen Mauern jetzt blühende Reben ranken. Die Kirche war einst die Burg für alle Not des Lebens. Kann und wird die frei stehende, äußerlich unbefestigte Kirche der freie Hort alles neuen Menschendaseins werden? Eben verhallt der letzte Ton der Orgel, treten wir ein in die Kirche. Der Geistliche besteigt die Kanzel. Husten und Zurechtsetzen in der ganzen Gemeinde, denn niemand will den Verkünder des höheren Geistes im Flusse seiner Rede stören. Der Geistliche ist kein alter Mann, er steht in den besten Jahren. Nicht bloß um graue Locken schwebt die Glorie der innern Befreiung von Eigensucht; die Milde mögt ihr da wohl öfter finden, aber oft nicht mehr jenen lebendigen Feuereifer für die Menschheit. Der Glaube an den Himmel hat oft den Glauben an die Erde verdrängt. Nachdem der Geistliche still, in sich zusammengeschauert, verhüllten Antlitzes das leise Gebet gesprochen, erhob er freudig sein Haupt und sprach den Text: »Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken.« Lukas 5, 31. Er zeigte zuerst, wie die geistige Gesundheit das wahre Leben, wie sie eins ist mit Tugend und Rechtschaffenheit; Sünde und Krankheit dagegen das Leben verunstaltet. Gleichwie in der Krankheit die natürlichen Kräfte des Menschen einen falschen Weg genommen, so auch in der Sünde. Denn Sünde ist Verirrung. Mit besonderem Nachdruck hob er dieses letztere wiederholt hervor und ermahnte zur milden Betrachtung des Sünders, zur Pflege für seine Heilung. Er zeigte, wie leicht die Sünde einen Schlupfwinkel findet im verschlungenen Geäder des menschlichen Herzens, um bald als Leidenschaft, bald als listige Bethörung alles aus dem Wege des Rechten zu verdrängen. Denn es ist kein Mensch, der nur Gutes thäte und nicht sündigte. Er zeigte, wie erquickend es ist, uns das tröstliche Bild des reinen Menschen ohne alle Sünd' und Fehle zu vergegenwärtigen, der uns vorschwebt, um alle Schuld zu tilgen, indem er uns anleitet, ihm nachzufolgen. Er zeigte, wie darum jeder, der in irgend einer Weise sich von Sünde rein fühle, in dieser teilweisen Reinheit die Verpflichtung habe, der Erlöser des andern, des in Sünde Versunkenen zu werden. Er muß dessen Fehl auf sich nehmen und zu sühnen trachten. »Ihr alle,« sprach er dann, »ihr alle, die ihr in Freiheit wandelt, die ihr an eurem Tische sitzt und ungehindert hinauf schreitet unter Gottes freien Himmel – gedenket einen Augenblick des armen Eingekerkerten, auf dessen Antlitz seit Jahren kein Blick der Liebe geruht. Da sitzt er, und sein Auge starrt hin nach den steinernen Mauern, seine Worte prallen ungehört zurück. Und wenn er hinausgeführt wird unter seine Genossen, welch eine traurige Gesellschaft! »Die große menschliche Gesellschaft hat ihn einsam seiner Not, seiner Verzweiflung, seinem Irrtum überlassen; keine hilfreiche Hand bot sich ihm dar, kein liebreiches Wort beschwichtigte seine Seele. Er stand vielleicht allein, allein mit seinem verworrenen Herzen. Erst als er der offenkundigen Sünde verfiel, erst da merkte er's, daß er nicht allein sei; die menschliche Gesellschaft faßte ihn mit gewaltigen Armen und hielt ihn zur Sühne fest. »Und wenn er nun wieder zurückkehrt unter die freien Menschen, was ist sein Los? Die früher keinen Blick auf ihn richteten, sehen jetzt mit Verachtung, mit Mißtrauen oder unthätigem Mitleid auf ihn herab und verfolgen ihn auf Schritt und Tritt. Was soll aus ihm werden? »Du, der du hier in Freiheit sitzest, frage dich: wie oft du nahe daran warst, ein Verbrecher zu werden, wie nur die höhere Macht, die in dich gepflanzt ist und über dich herrscht, dir die Werkzeuge des Verderbens entzog und aus der Hand nahm. Darum hab' Mitleid mit dem Sünder, leide mit ihm, opfere dich für ihn, und es wird dir vergeben.« Dies und noch vieles andere sprach der Pfarrer mit tiefer Erschütterung. Er wagte einen gefährlichen, aber zur lebendigen Eindringlichkeit doch oft notwendigen Versuch und stellte sich selbst mitten in die Betrachtung, indem er erzählte: »Ich wurde als armer Schüler eines Mittags im Hause eines Reichen gespeist. Sonst litt ich die bitterste Not. Da stand ich nun allein im Speisezimmer und wartete bis zur Essenszeit. Um mich her glitzerte und schimmerte das Silbergerät, es flimmerte mir vor den Augen, wie wenn ich berauscht wäre. Plötzlich blitzt mir der Gedanke durch die Seele: nur einige solcher Stücke können deiner Not auf lange abhelfen, und – niemand sieht dich. Ein unwiderstehlicher Reiz zog mich zum Korbe hin, wo das Silber aufgeschichtet lag; ich griff hinein, wie wenn jemand meine Hand hineinstieße. Da war mir's aber plötzlich, als könnte ich meine Hand nicht bewegen, ich konnte nicht lassen und nicht nehmen. Der Angstschweiß rann mir von der Stirn, und ich schrie laut: Hilfe. Hilfe! Ich wollte Menschen herbeirufen, um durch sie von der Sünde abgezogen zu werden. Ein alter Diener eilte herzu, und ich erzählte ihm weinend alles. Er tröstete mich in meiner unbeschreiblichen Pein und hat in der Folge selbst und durch andere dafür gesorgt, daß ich keine Not mehr litt.« Die Bemerkungen, die der Pfarrer hieran knüpfte, und die Aufforderung, daß jeder in gleicher Weise die Versuchungen seines Lebens sich vergegenwärtige, gingen unmittelbar ans Herz. Bei der längern Pause, die er jetzt machte, sah er manche gefalteten Hände zittern, manchen hinter dem vorgehaltenen Hute sein Antlitz bergen, manche Hand eine Thräne aus den Augen wischen, die dann wieder leichter aufschauten. Keiner aber blickte auf den andern, jeder hatte genug mit sich zu thun. Nach dem Schlußgebet erzählte der Pfarrer in schlichtem Tone: »Es hat sich in der Hauptstadt ein Verein von wohldenkenden Männern gebildet, der sich die Aufgabe stellt, für das Fortkommen und die Besserung derer zu sorgen, die aus den Straf- und Arbeitshäusern entlassen werden. Das ist ein heiliges und gottgefälliges Werk. Wer beitreten und mitwirken will, kann nach der Mittagskirche zu mir kommen und das Nähere erfahren. Besonders aber möchte ich euch bitten, daß einer oder der andere von euch solch einen Entlassenen als Knecht oder Magd zu sich ins Haus nehme. Ich brauche euch nicht zu ermahnen, daß ihr die Gefallenen nicht gar zu zärtlich und weichherzig behandeln sollt. Wir kennen einander. Ich fürchte nicht, daß ihr allzugroße Sanftmut habt.« Ein Lächeln zuckte auf den Angesichtern der Versammelten, das aber die Andacht nicht niederdrückte, sondern eher erhob. Der Pfarrer fuhr nach kurzem Innehalten fort: »Ihr müßt euch aber genau prüfen, ob ihr die Kraft in euch fühlt, diese Gefallenen liebevoll zu behandeln; denn ein Unglücklicher bedarf doppelter Liebe, und zwiefach gesegnet ist, der sie zu geben vermag. Der Herr erleuchte und erhebe euern Sinn und begnadige uns alle, daß wir uns nicht in Sünde verirren. Amen.« Als die Kirche zu Ende war, drängte sich alles mit ungewohnter Hast heraus. Viele reckten und streckten sich, als sie die Thüre hinter sich hatten; die Predigt hatte sie so gepackt, daß sie sich in allen Gliedern wie zerschlagen fühlten; es war ihnen schwül geworden, und sie holten jetzt wieder frei Atem. Allerlei Gruppen bildeten sich. Da und dort sprach man alsbald von verschiedenen Dingen, die meisten von der Predigt und dem rechtschaffenen Pfarrer. Der Webermichel aber behauptete, er predige nicht genug aus Gottes Wort, und der Bäck, der, wenn seine Frau nicht dabei war, auch gern etwas drein redete, bemerkte gar pfiffig, er habe bald gemerkt, zu welchem Loch der Pfarrer hinauswolle. Ein mutwilliger Bursche raubte einem Mädchen den Strauß von Gelbveigelein und Rosmarin vom Busen, schrie dabei: »Hilfe! Hilfe!« und rannte mit der Beute davon. Sonst aber hallten in den meisten Gemütern noch die vernommenen Worte nach. Konrad, der Adlerwirt, ging still dahin und redete kein Wort; er hielt auf dem ganzen Wege den Hut in der Hand, als wäre er noch in der Kirche. Bärbele war ihrem Manne vorausgeeilt, um den Mittagstisch herzurichten. An einem andern Sonntage wäre es nicht ohne Hallo abgegangen, wenn wie heute das Essen nicht gleich nach der Kirche fertig gewesen. Jetzt aber legte Bärbele, ohne ein Wort zu sagen, Gesangbuch und Rosenkranz auf den Fenstersims (denn man braucht beides heute mittag nochmals), zieht seinen Mutzen (Jacke) aus und hilft der Magd ohne ein »Schelterle« das Essen fertig machen. Man saß endlich wohlgemut bei Tische, und es schmeckte allen wohl, denn wenn ein reiner Gedanke durch die Seele gezogen, ist es, als ob der ganze Mensch wie mit frischem Leben durchströmt wäre; jede Speise, die er zu Munde führt, ist wie gesegnet, man ist mit allem froh und zufrieden. Wo ein guter Geist mit zu Tische sitzt und in den Menschen lebt, da wandelt er das Wasser des Alltagslebens in duftenden Festwein. In wie viel tausend Kirchen wird allsonntäglich mit hochgezwängter Stimme gepredigt, aber wie selten ertönt ein reinerer Klang, der, aus der Tiefe kommend, in den Tiefen der Herzen nachhallt! Es ist aber auch bekannt, wie oft die Menschen, wenn sie gesättigt sind, eine ganz andere Sinnesart haben, als da sie noch hungrig waren. Und da es auch gut ist, daß man nach Tische eine Weile ruht, so wollen wir die Folgen der Frühpredigt erst nach einer Pause weiter betrachten. Nachwirkungen der Frühpredigt. So lind und frisch es auch in den Mittagsstunden draußen in Wald und Feld ist, so wandeln doch nur wenig »Mannen« hinaus, und auch diese kehren bald zurück, bis endlich alles in der raucherfüllten niedern Stube zum Adler beisammen ist. Es mag auffallend erscheinen, daß auf dem Lande freie Trinkplätze so selten sind, wo man im Schatten der Bäume unter freiem Himmel seinen Schoppen in Frieden genießt. Aber erstlich fühlen sich die, welche die ganze Woche draußen sind, behaglicher unter Dach und Fach, und sodann vereinzelt das Zusammentreffen im Freien: der Raum ist unbeschränkt, man rückt nicht so nahe zusammen, das Wort des einzelnen verhallt leicht, weil es nicht, von den Wänden eingeschlossen, zu allen dringt. Wir müssen uns also schon dazu bequemen, in die Wirtsstube einzutreten. Um den runden Tisch in der Ecke sitzen viele. Konstantin, Matthes und der Buchmaier lesen die Zeitung, von der heute drei Blätter auf einmal angekommen sind. Sie teilen mit, was ihnen von Belang scheint und worüber sie etwas zu sagen haben. Es sind oft Bemerkungen, die den Nagel auf den Kopf treffen, oft aber auch Schläge in die Luft. Denn heutigentags, wo man es meist darauf anlegen muß, den leitenden Grundgedanken zwischen den Zeilen herauslesen zu lassen, ist es für den Uneingeweihten fast unmöglich, das Rechte zu finden. Das Gespräch verlor sich nach allen Seiten hin; es möchte lehrreich sein, solches weiteren Kreisen mitzuteilen, wir müssen uns aber an das nahegerückte Interesse des Tages halten. Der Adlerwirt ist auch dieser Ansicht; man sieht ihm an, daß er etwas auf dem Herzen hat; er sagt daher, als einmal Stille eintrat: »In der Zeitung steht auch die Geschicht' von dem Sträflingsverein.« »Lies vor!« hieß es von allen Seiten. »Lies du!« sagte Konstantin und gab seine Zeitung dem Matthes. »Ich will nichts davon. Gegen ganz schlechte Menschen da thun sie jetzt gar liebreich: da ist's wohlfeil gut sein. Dabei kann man den Kamm noch recht hoch tragen. Die Heiligenfresser und Beamtenstübler haben da nebeneinander feil, und wisset ihr was? Gnadenpülverle auf Stempelbogen.« »Oha, Brüderle, du hast einen Pudel geschoben ,« erwiderte der Buchmaier; »da ist der Doktor Heister auch mit unterschrieben, und wo der ist, da darf man mit all' beiden Händen zulangen. Und wenn auch noch Hochmutsnarren dabei sind, der Verein ist gut. Mag einer sonst thun, was er will, wenn er was Rechtschaffenes thut, so ist das halt rechtschaffen.« »Das mein' ich auch,« sagte Konrad der Adlerwirt und las vor. »Da ist kein Salz und kein Schmalz in der Anzeig,« bemerkte Matthes; »die sollten unsern Pfarrer haben, der hätt's anders geben, daß das Ding Händ' und Füß hätt'. Wenn ich einen Knecht bräucht', ich thät' gleich einen nehmen.« »Ich auch,« riefen viele. »Und ich nehm' einen,« sagte Konrad. »Wenn du das nicht gesagt hätt'st, wär's gescheiter gewesen,« entgegnen der Buchmaier, »da hätt's niemand gewußt, und jetzt sieht ihn ein jedes drauf an.« Konrad kratzte sich ärgerlich hinter dem Ohre. Der Schullehrer trat ein, und der Buchmaier sagte zu ihm: »Du kommst wie gerufen. Kannst du uns nicht sagen, was das mit dem pensylvanischen Schweigstumm ist, oder wie man's heißt? Ich bin ganz dumm von dem, was da die Zeitung drüber sagt.« »Es gibt zweierlei Strafsysteme oder Strafarten,« sagte der Schulmeister; »Auburn –« »Nicht so!« unterbrach ihn der Buchmaier, der heute etwas ärgerlich schien; »mach' jetzt all' deine Bücher zu und sag's gradaus.« Jener erklärte nun die Zellengefängnisse mit ihrer Sprachlosigkeit. Alles eiferte mit großer Heftigkeit gegen das Schweigstumm, wie sie es nannten, und der Buchmaier wurde so grimmig, daß er sagte: »Wenn ich Herrgott wäre, dem Mann, der das einsam stumme Gefängnis erfunden hat, dem ließ' ich nur all' Woch' zweimal die Sonn' scheinen.« Der Lehrer wollte die Heftigkeit mildern, indem er berichtete, daß viele edle und gelehrte Männer für diese Strafart gestimmt hätten. Er fand aber kein Gehör. Endlich traten mehrere Schreiber in die Wirtsstube. Das Gespräch erhielt eine andere Wendung und leise Fortsetzung. Man ging bald auseinander. Der Armenadvokat und sein Freund. In einer Gartenlaube der Residenz saßen am selben Nachmittage zwei Männer von gleichem Alter, der eine aber trug einen Orden im Knopfloch. Eine Magd brachte Kaffee und Zigarren. »Wo hast du denn das schöne Dienstmädchen hingebracht, das vor zwei Jahren in deinem Hause diente?« fragte der Ordensmann seinen Gastfreund, den Doktor Heister; »das war ein frisches Naturkind, immer fröhlich, mit Gesang die Treppe auf und ab. Es kam mir wie ein heller, reiner Tautropfen vor; ist eau de mille fleurs daraus geworden? Wie hieß es doch?« »Magdalene. Das ist eine unglückliche Geschichte. Ich kann's noch kaum glauben, daß das brave Kind gestohlen hat, und doch ist es so. Während ich in Angelegenheiten eines Mündels in Berlin war, haben sie sie hier ins Zuchthaus gebracht.« »Also du lieferst auch Rekruten zu deinem Verein? Ich werde nun auch wieder eine solche Unschuld zu Gesicht bekommen, die ich unter den Händen hatte, als ich noch Bezirksrichter war. Es war ein Postillon; er hat einen Ehemann, der ihm im Wege stand, in den Graben geworfen und so traktiert, daß er nach vierzehn Tagen für die Ewigkeit genug daran hatte. Das ist ein durchtriebener Schlingel. Ich habe ihn aber hintergebunden und habe ihm auf hohe Verordnung einige Dosen Kontumazialprügel wegen frechen Leugnens applizieren lassen. Das hat ihn mürbe gemacht. Es ist nicht anders fertig zu werden mit dem Gesindel. Ich will nur sehen, was der Verein mit ihm anfangen wird; er hat sich auch gemeldet.« »Es freut mich innig,« erwiderte der Doktor, »daß du die Sache des Vereins so nachdrücklich gefördert hast durch das Rundschreiben an die Bezirksgerichte und die Pfarrämter.« Der Regierungsrat, denn ein solcher war der Ordensmann, sah geschmeichelt mit dem Kopfe nickend auf seine schönen Sommerstiefeletten und sagte: »Der Verein soll auch die Vorteile unserer geregelten Staatsordnung genießen. Während wir hier sitzen,« fuhr er fort, sich auf dem Stuhle schaukelnd, »ist oder wird von allen Kanzeln des ganzen Landes das Evangelium der armen Sünder verkündet. Hu! wie werden die Thränenbeutel ausgepumpt werden. Das wird den Leuten wohlthun in diesen warmen Tagen, es ist auch eine Kur. Aber das mußt du doch gestehen, daß unser Staatsleben ineinander greift wie ein Uhrwerk. Wenn ich hier einen Druck an der Staatsmaschine anbringe, bewegt sich eine Feder im entlegensten Dorfe.« »Ob das ein Glück ist?« »Du bist und bleibst der ewige Opponent. Ihr Leute wollt das Gute nicht sehen. Was hättet ihr denn gehabt ohne den Amtsweg? Einen Winkel im Zwischenreich der Landeszeitung –« »Lassen wir das. Du kannst dich nicht bekehren, sonst müßtest du mit deinem Schicksal unzufrieden sein und einen großen Teil deiner mühevollen Arbeit für nichtig achten. Drum lassen wir das. Du verdienst allen Dank, daß du den Verein so rasch zu stande gebracht. Du mußt ihn gut bevorwortet haben.« »Gut bevorwortet?« lachte der Regierungsrat und hielt das eben entbrannte Zündhölzchen so lange in der Hand, bis er es an den Fingern spürte und wegwarf; »gut bevorwortet? Da sieht man wieder euch unpraktische Weltverbesserer. Ihr glaubt, mit Ideen führt man die Sachen durch. Diplomatie, Freund, Diplomatie ist's, die euch fehlt; ohne diese kommt ihr nie zu etwas. Ich für meine Person gestehe, daß ich gar keinen Penchant für euern Verein habe. Es ist jetzt ein wehmütiger Humanitätsrappel über die Welt gekommen, der das Leben horribel ennuyant macht. Ich habe nun einmal kein Spitalherz und will auch keines haben. Als die Vereinssache im Kollegium vorkam – ich war Referent – zuckte ich mitleidig die Achseln. Der Präsident ist gar kein böser Mann, nur ist ihm angst und bang vor allem Neuen; es ist ihm unheimlich. Es war aber auch gefehlt von euch, daß lauter prononzierte Liberale sich an die Spitze stellten.« »Warum? Die Sache hat ja nichts mit Politik zu schaffen.« »Allerdings. Glaubt ihr, man wird euch Gelegenheit geben, euch als Wohlthäter der Menschheit hinzustellen und unter den Proletariern Partei zu gewinnen?« »Nun? Wie ging die Sache denn doch durch?« »Wie gesagt, ich zuckte die Achseln, und das Finale meines Referats war: Wie werden sich die Herren die Finger verbrennen! Wie werden sie einsehen lernen, daß sich die Welt nicht nach ihren Utopien konstituieren läßt. Das gäbe eine gute Schule für sie. Der Präsident lächelte. Nun war die Sache gewonnen. Ich erklärte noch, daß, falls der Verein die Genehmigung erhalte, ich bereit sei, als Regierungsbevollmächtigter demselben zu präsidieren und ihn zu überwachen. So wurde euch die Sache gewährt, um euch einen Possen damit zu spielen.« »Welchen Grund hattest du aber, eine so feine Intrigue anzulegen für eine Sache, die dich nicht interessiert?« Der Regierungsrat faßte die Hand des Advokaten und sagte: »Du bist und bleibst eine ehrliche Haut, aber auch dir gegenüber mußte ich intriguieren. Seitdem ich von der Kreisregierung hieher versetzt wurde, thut es mir immer leid, daß unsere beiderseitige öffentliche Stellung eine vertrautere Sozialität fast nicht zuläßt; die Parteiungen haben alles zerrissen. Lache nicht! In der Verbrecherkolonie finden wir einen Indifferenzpunkt, wo wir uns aneinander anschließen, ohne daß einer sich bei seiner Partei zu kompromittieren braucht. Wir haben in Heidelberg den Freundschaftsbund geschlossen, er soll aufrecht erhalten werden. Nicht wahr, alter Cherusker, wir bleiben die Alten?« Die beiden Jugendfreunde drückten sich die Hände. Dem Advokaten kam diese Mischung von Treuherzigkeit und Schlauheit, die er eben vernommen, doch sonderbar vor; er wendete sich indes immer gern nach der idealen, sonnenbeschienenen Seite an der Frucht des Lebensbaumes und erwiderte: »Wir haben noch so viele Berührungspunkte, noch so viel gemeinsames Streben, daran wollen wir uns halten, das andere beiseite liegen lassen.« »Ja, das wollen wir.« »Du bist auch besser, als du dich gibst,« bemerkte Heister. »Was besser? Alle Menschen sind Egoisten. Alles Uneigennützige geschieht aus Eitelkeit, Langeweile oder Gewohnheit. Freilich, du bist eine exceptio idealis , darum verzeihe ich dir deine Demagogie.« »Nein, ich will kein Privilegium. Ich glaube, daß noch zu keiner Zeit so viel Menschen waren, deren ausdauerndes Streben dem Gemeinwesen gilt, deren Leid' und Freud' vornehmlich aus den Zuständen des Vaterlands seine Nahrung empfängt. Ein seltener Opfermut bewegt die heutige Welt; leider findet er kaum eine Gelegenheit, sich anders als im Hoffen und Dulden zu bewähren –« »Gelegenheit macht Diebe. Wir kommen da an einen Punkt, über den wir uns nie vereinigen werden – transeat .« Eine Weile herrschte Stille; beide Männer schienen innerlich nach den Einheitspunkten zu forschen, die sie so bereitwillig voraussetzten. Es war eine peinliche Pause. So erquickend es für die Seele ist, wenn zwei Freunde lautlos beieinander sitzen, sich und den andern still in der Seele hegen, nach fernen Gedankenwelten schweifend doch beieinander sind, jeder in dem andern ein sichtbares Jenseits erkennt, ebenso schmerzlich ist das innere Suchen und Stöbern, einander friedlich zu begegnen. Der Regierungsrat nahm zuerst wieder das Wort, indem er sagte: »Auch die Poesie ist uns heutigestags geraubt. Der schöne Gott Apollo ist zum kranken Lazarus voll Wunden und Beulen geworden. Die Poeten führen uns heute immer in die schlechteste Gesellschaft. Freigeister und Pietisten blasen aus einem Loch und proklamieren diese heitere, sonnige Welt als ein Jammerthal. Du warst doch auch einmal ein Stück Poet, was sagst du dazu?« »Diese Poesie der modernen Welt ist ein Kind des Schmerzes, selbst die harmloseste ist das freie Aufatmen der vorher gedrückten Brust. Ich sehe einen großen Fortschritt darin, daß selbst die Poesie jene falsche Idealität aufgegeben hat, welche die wirkliche Welt ignorierte oder nicht in sie einzugreifen wagt. Eine Idee muß Wirklichkeit werden können, oder sie ist eine eitle Seifenblase. Nun betrachte die Armen und Elenden –« »Gut, daß Sie kommen!« rief der Regierungsrat, einer stattlichen, schönen Frau entgegengehend; »Ihr guter Mann hätte mich sonst noch zum Dessert durch alle Höhlen der Armut gejagt.« Das Gespräch nahm nun eine heitere, spielende Wendung, denn der Regierungsrat liebte es, die Frauen durch zierliche Redeblumen zu ergötzen; den Ernst des Lebens entfernte er gern aus ihren Augen. Darin bestand seine Frauenachtung. Er sprach sodann von seinem Rokoko-Ameublement, das ihm mit Frau und Kind bald nach der Stadt folgen würde, und bemerkte mit ausführlicher Sachkenntnis, wie das echte Alte alles neu Fabrizierte weit hinter sich lasse, da die Arbeiter Geduld und Kunstfertigkeit zu diesen feinen Schnitzeleien nicht mehr haben. Er hatte Schränke, Stühle und Krüge aus alten Ritterburgen und von den Speichern der Bauernhäuser um einen Spottpreis zusammengekauft und wußte manche lustige Geschichte davon zu erzählen. Der Advokat sah bisweilen schmerzlich drein, denn er fühlte es tief, daß der Riß zwischen ihm und seinem Jugendfreunde nur notdürftig überkleistert war. Man trennte sich bald. Der Advokat machte sich noch daran, die Papiere eines Klienten zu ordnen, für den er andern Tages eine Reise antreten wollte. Selbst bei der Arbeit konnte er den Gedanken an seinen verlorenen Jugendgenossen nicht los werden; dabei erkannte er wieder aufs neue, daß selbst die rein humanen Bestrebungen keine Einigung zulassen, wenn der sittlich-politische Hintergrund ein anderer ist. Der Verein und seine Zöglinge. Wenige Tage darauf saßen in der Hauptstadt fünf Männer um einen Tisch, Aktenbündel und mit Siegel versehene Zeugnisse vor ihnen. »Es zeigt sich noch wenig Eifer für unser Wirken,« begann der Vorsitzende. »Auf unsern Aufruf haben sich nur zwei zur Annahme von Sträflingen erboten. der eine unser würdiges anwesendes Mitglied, Herr Fabrikant Hahn, der andere ein schlichter Wirt vom Walde; wir haben ihn herbeschieden.« Er klingelte, und der Diener trat mit Konrad ein. Die Zeugnisse der aus der Strafanstalt Entlassenen lauteten in Betracht der Umstände ziemlich günstig. Wie war ihnen nun aber fortzuhelfen? Besonders mit einem Schreiber, der wiederholte Namensfälschungen verbüßt hatte, wußte man nichts anzufangen. Unter den fünf Sträflingen, die dem Vereine ihre Zukunft anvertraut hatten, wurde auch ein ehemaliger Postillon genannt. »Den will ich nehmen,« sagte Konrad. Während man nun seine Obliegenheiten auseinandersetzt, verfügen wir uns in das andere Zimmer zu denen, die hier harren, was drüben über sie verfügt wird. Zwei, in bereits vorgerücktem Alter, mit verschmitzten Gesichtern, gehen in lebhaftem Gespräch auf und ab. Ein hagerer Mensch in vertragenem schwarzen Frack steht am Fenster, haucht die Scheiben an, macht mit dem rechten Zeigefinger sehr künstlich verschlungene Namenszüge mit allerlei Schnörkeln und verwischt sie immer schnell wieder. Ein vierter sitzt in der Ecke und betet, wie es scheint, sehr eifrig aus einem frisch eingebundenen Gebetbuche. Nicht weit davon sitzt der fünfte, ein schlanker und kräftiger junger Mann, und hält das Gesicht mit beiden Händen bedeckt. »Was willst du machen, Frieder?« fragte mit dicker Stimme einer der Wandelnden seinen Kameraden. Dieser blieb stehen, hielt eine Flocke seines grauen Bartes, der das ganze Gesicht einrahmte, in der Hand; in seinem zerwühlten, faserigen, wie aus Tannenholz gehauenen Antlitze hoben sich die Muskeln in raschen Zuckungen. Er zwinkerte mit den klugen grauen Augen und erwiderte: »Ich hab' mein' Resolution, und da beißt kein' Maus keinen Faden davon: eine Anstellung will ich und auf lebenslänglich und mit Pension; krieg' ich das nicht, schmeiß' ich ihnen den Bettel vor die Thür. Guck, ich wünsch mir kein Kapital und keine Güter, weiter nichts als eine Anstellung. Wenn so ein Vierteljährle 'rum ist, kommt der Amtsdiener und legt das Geld auf den Tisch, lauter blanke harte Thaler. Sei's Sommer oder Winter, Hungerjahr oder wie's will, wenn's Vierteljährle 'rum ist, hat man sein Gewisses. Man hat sich nicht zu quälen und nicht zu sorgen, man geht so den Trumm fort, und wenn's Vierteljährle 'rum ist, brauchst du nicht einmal zu pfeifen, da ist ein Säckle voll Geld da. Der Staat muß für mich sorgen, und das ist das Beste. – Aber das will ich dir noch sagen, ich dreh' dir den Kragen 'rum, wenn du das vorbringst, was ich dir jetzt sag'. Ich will allein. Und du verstehst's ja auch gar nicht –« »Brauchst nicht sorgen,« unterbrach ihn der andre und verzog sein knolliges Gesicht zum Lachen; »ich will weiter nichts, als daß sie mir genug zu essen geben und auch das Trinken nicht mankiert. Dann will ich meinetwegen ehrlich sein. Narr, aus Uebermut stiehlt man nicht.« Frieder trat auf den Betenden zu und sagte: »Bitt mir eine Anstellung aus, du Heiliger. Ich will einen Handel mit dir machen: laß mir's hüben für dich gut gehen, drüben kannst du mein Teil auch noch haben.« Der Betende legte sein Buch nieder und begann mit salbungsvoller Stimme: »Du wirst von Stufe zu Stufe sinken und fallen, Frieder, weil du nicht einsiehst, wie sehr der Herr uns begnadigte, da er uns sinken ließ, damit wir uns um so höher erheben.« »Dank für dein' Gnad', ich will ja nicht hoch, ich will ja nur fest angestellt sein. Richt't euch,« fuhr er fort, auf den jungen Mann mit verdecktem Angesicht losgehend und ihn schüttelnd; »sei nicht so traurig, du. Da hast mein' Hand drauf, wenn ich Oberpostgaul werde, ich will sagen Oberpost . . . oder so was, das geheime schenk' ich ihnen, da wirst du mein Leibkutscher.« Der Ermunterte regte sich nicht und antwortete nicht, und Frieder bemerkte wieder: »An dem da haben sie ein Meisterstück gemacht. Mir hat einmal die Hebamm' das Züngle gelöst, ich kann's nimmer binden. Es ist doch aber ein' schöne Sach' um ein Zuchthaus, da ist alles gleich, und wenn einer auch ein noch so hochnasiger Schreiber ist,« schloß er mit einem Seitenblick. Der Schreiber kehrte sich um; auf seinen eingefallenen Wangen glühte Zorn und Verachtung. Der Diener berief die Harrenden vor den Vorstand. Der Betende nahm sein Buch unter den Arm und fixierte sich die lammfromme Miene im Gesichte, um sie beizubehalten. Der Schreiber verlöschte noch schnell einige Namenszüge und knöpfte den Rock zu. Der Verdeckte erhob sich mit schwerem Tritte, er sah bei aller jugendlichen Spannkraft wie geknickt aus, und hatte die Unterlippe zwischen den Zähnen eingekniffen. Unter der Thüre verbeugte sich noch Frieder vor dem Schreiber und sagte: »Sie habenden Vortritt, spazieren Sie voran, Herr von Federkiel, Graf von Papierhausen, Fürst von Tintenheim, König von –« Der Schreiber schritt stolz an Frieder vorüber, der aber mit seinen Standeserhöhungen nicht eher endete, als bis sie an der Thüre des Sitzungszimmers waren. Vor dem Vereinsausschusse drängte sich indes Frieder vor und offenbarte, noch ehe man ihn fragte, sein Begehr, ohne aber wie vor wenigen Minuten die Motive so bündig vorbringen zu können. Es ging ihm dabei wie manchen Rednern, die nach ausführlicher Vorbereitung und privater Darlegung, wenn's drauf und dran kommt, ungeschickt aufs Ziel lostappen, ohne den Weg zu demselben nochmals fest zu durchschreiten. Er kam dadurch in den Nachteil, daß er bloß als anmaßend erschien. Als man seinem Begehr nicht willfahrte, verließ er trotzig die Versammlung. Die Vorstandsmitglieder sahen sich nach dieser ersten Begegnung verwundert an, der Regierungsrat lächelte hinüber zu seinem Freunde, dem Doktor Heister. Konrad unterbrach zuerst die eingetretene Stille, indem er auf den Schlanken losging, den er sogleich als den Postillon erkannt hatte und sagte: »Willst du mit mir gehen, das Vieh versorgen, im Feld schaffen und den Fuhrleuten vorspannen?« Der Angeredete hielt die Lippen noch immer zusammengekniffen und sah Konrad stier an. Erst als man die Frage zum drittenmal wiederholte, erwiderte er: »Ja, wenn sonst keiner von den Kameraden da ins Dorf kommt; allein.« Schnell schlüpfte seine Unterlippe wieder zwischen die Zähne. Man ging wie natürlich leicht auf die gestellte Bedingung ein und war froh, vorerst einen untergebracht zu haben. Der Schreiber und der aus Hunger Stehlende traten nach vielem Widerstreben bis auf weiteres in Hahns Fabrik ein. Der Fromme wollte Pfründner in einem Versorgungshause werden, um ganz seiner Seele zu leben. Da man ihm dies nicht gewähren konnte, verließ er mit einem Segenswunsche die Versammelten. Konrad verließ mit seinem Knecht das Haus. Auf der Straße begann er folgendermaßen: »Wie heißt du?« »Jakob.« »Brauchst mir dein' Geschicht' nicht erzählen, sei nur jetzt brav. Du hast gesehen, wo der krumme Weg hinführt.« Jakob antwortete nicht. »Hast du schon was gessen?« fragte Konrad wieder. »Ja,« lautete die Antwort aus fast verschlossenem Munde. Im Wirtshause ging Jakob schnell in den Stall zu den Pferden. Er streichelte und klatschte sie in einem fort. Es that ihm gar wohl, wieder mit Tieren zusammen zu sein. Seit drei Jahren war er einsam oder unter Menschen, die seine Vorgesetzten waren und bei aller Güte doch stets vor allem den Verbrecher in ihm sahen. Jetzt war es ihm gar eigen zu Mute, daß er nun doch wieder bei Tieren war; etwas von der Unschuld der Welt sprach ihn daraus an. Das verlangte auch keine Rede und keine Antwort. Jakob wünschte, daß er mit gar keinem Menschen und nur mit den Tieren zu leben hätte. Wie leuchtete sein Angesicht, als er mit seinem Herrn rasch dahinfuhr; er, der seit Jahren in einen kleinen Raum eingefangen war, rollte jetzt wie im Fluge an Bäumen und Feldern und durch Dörfer dahin. Auch jetzt noch sprach Jakob wenig, und nur, als ihn Konrad bedeutete, daß der Gelbbraune nicht Fuchs, sondern Brauner heiße, antwortete er: »Schon recht.« Als man unterwegs einkehrte und Jakob sein Essen erhielt, nahm er sich dies mit in den Stall und verzehrte es bei den Tieren. Jakob im Dorfe. Es ist eine seltsame Empfindung, wenn man in einen Ort kommt, wo man keinen Menschen kennt, wo man aber selber von allen gekannt ist, und zwar wie Jakob nicht von der vorteilhaftesten Seite. Berühmte Männer können sich vom Gegenteil aus eine Vorstellung davon machen. Still und emsig vollführte Jakob die ihm obliegenden Arbeiten, fast immer noch mit eingekniffener Unterlippe. Nie sah man ihn lachen, nie nahm er zuerst das Wort. Wenn er ins Feld ging, bot er niemand die Zeit, und wenn die Leute ihn grüßten, dankte er kaum hörbar. Nach und nach verbreitete sich das Gerücht, es sei im Oberstüble bei Jakob nicht recht geheuer; doch hatte noch niemand etwas Närrisches an ihm gesehen, er verrichtete die Feldarbeit und versorgte das Vieh pünktlich, ließ kein Löckle Heu und kein Körnle Hafer verloren gehen. Nie gesellte er sich abends zu den singenden und scherzenden Burschen. Selbst wenn er allein war, hörte man ihn nicht singen und nicht pfeifen, was doch jeder thut, der nicht einen Kummer im Herzen oder schwere Gedanken im Kopfe hat. Die Frühlingssonne hatte den im Kerker Gebleichten bald wieder gerötet. Die Mädchen bemerkten im stillen unter sich, daß des Adlerwirts Knecht fünf rote Bäckle habe, zu den gewöhnlichen noch eins auf dem Kinn und zwei an den Stirnbuckeln. Bei alledem blieb sich Jakob in seiner sonstigen Art gleich. Der Buchmaier, dem das verschlossene Wesen des Unglücklichen sehr zu Herzen ging, gesellte sich mehrmals zu ihm und suchte ihn auf allerlei Weise redselig zu machen. Jakob aber gab nur knappe Antworten und blickte dabei immer wie verstohlen und zusammengeschreckt auf den Buchmaier. Auch der Pfarrer konnte mit seinen liebreichen und eindringlichen Ermahnungen nicht viel aus Jakob herauskriegen. Auf eine lange Rede von Vergebung und Gnade, die der Pfarrer einst auf seiner Stube an ihn gehalten, erwiderte Jakob nichts, sondern ging an den Tisch, nahm die Bibel, blätterte darin und hielt endlich den Finger starr auf eine Stelle. Der Pfarrer las, es waren die ersten Worte im Evangelium Johannes: »Im Anfang war das Wort.« Jakob schlug sich auf den Mund und sah den Pfarrer fragend an, dieser verstand: man hatte dem Armen das Wort entzogen, jenes edle Band, das die Menschen miteinander und mit Gott vereinigt. Jede freie Rede seiner Lippen erschien ihm wie ein Hohn gegen den Armen, und er gedachte zum erstenmal recht lebendig jener empörenden Tyrannei, da man das öffentliche Wort bindet und fesselt. Jakob wendete sich ab und that, als ob er sich mit seinem Tuche den Schweiß abtrockne, in der That aber wischte er sich die Thränen ab, die er zu verbergen trachtete. Der Pfarrer stand vor ihm und betrachtete ihn mit thränenerfüllten Augen; er faßte seine Hand und sprach ihm Mut und Trost zu. Jakob gestand zum erstenmale in Worten, wie beklommen seine Seele sei. Das erleichterte ihn. Er ging befreiter von dannen und grüßte den Schullehrer, der ihm auf der Treppe begegnete, aus freien Stücken. Im Adler war Jakob auch oft Gegenstand des Gesprächs, und der Buchmaier bemerkte: »Man mag mir sagen, was man will, man hat kein Recht dazu, einem Menschen, und wenn er auch das ärgste gethan hat, das Sprechen zu verbieten. Weiß wohl, die Leute meinen's gut, sie wollen die Menschen bessern, aber das heißt man zu Tod kurieren.« »Herr Gott!« rief Matthes, »wenn ich dran denk', daß mir's so gehen könnt', ich thät an jedem, der mir unter die Händ' käm', einen Mord begehen, daß man mir den Hals abschneiden thät'; nachher wär's ja ohnedem aus mit dem Schwätzen.« Noch viel andre derartige Reden fielen, und Jakob war lange der Gegenstand des Gesprächs, bis man sich an ihn gewöhnte und nicht mehr an ihn dachte. Desto mehr aber dachte Jakob für sich, so wenig das auch früher seine Gewohnheit war. In der ersten Zeit nach seiner Befreiung war er sich wie betäubt vorgekommen; er griff sich oft nach der Stirn, es war ihm, wie wenn man ihn mit einem schweren Hammer auf den Kopf geschlagen hätte. Er träumte wie halb schlafend in die Welt hinein. Jahrelang in einsamer Zelle sitzen, ohne eine Menschenseele, der man die flüchtigen und unscheinbaren, wie tieferen Regungen der Seele mitteilt – das ist eine Erfindung, würdig einer lendenlahmen Zeit, der das Verbrechen über den Kopf wächst und die es zu ausgemergelter Frömmelei zu verwandeln trachtet. Drängt die quellende Thatkraft zurück, sperrt die scheußlichen Dämonen ein in die Brust eines Menschen, daß sie sich ineinander krallen, sich zerren und rufen; gebt acht, daß ja keiner entkommt und in eure mit Latten umfriedete Welt eindringt, – schickt dann euren Pfaffen, sein Opfer ist bereit, wenn ihm nicht der gütige Dämon des Wahnsinns zuvoreilt. Jakob war ein Mensch leichten Sinnes gewesen, sein Kopf war nie zu eng für seine Gedanken, er wußte kaum, daß er solche hatte; er sprach sie bald aus oder zerstreute sie. Jetzt aber hatte er jahrelang still in einsamer Zelle gesessen, und Geister kamen, von denen er nie gewußt, und grüßten ihn wie alte Bekannte und tanzten einen tollen, sinnverwirrenden Reigen. Was nützte es ihm, daß er sorgfältig die Borsten zählte, die er bei seinem neuen Handwerke verarbeitete, daß er die Zahlen laut hersagte, daß er betete, daß er mit dem Hammer aufschlug? Die flüchtigen Dämonen wichen nicht und waren nirgends zu fassen. Sie lugten in der Dämmerung fratzenhaft unter dem Stuhle hervor, kollerten auf dem Bette, kletterten an den Wänden hin und spielten mit dem Gepeinigten und nährten sich mit dem Angstschweiß auf seiner Stirne. Die gesunde Natur Jakobs hatte den Verderbern standgehalten. Als Jakob aus dem einsamen Gefängnisse zuerst wieder in die Gesellschaft seiner Schicksalsgenossen gebracht wurde, war er traurig und blöde. Die lebendigen Menschen erschienen ihm lange wie Geister mit erlogener Lebensgestalt. Und als er zu den freien Menschen zurückkehrte, war ihm die Welt: wie aufgelöst, wie chaotisch ineinander zerflossen; er konnte sich nicht drein finden und lebte einstweilen so in den Tag hinein und arbeitete ohne Unterlaß. Er kam sich wie ein längst Verstorbener vor, der unversehens wieder in die Mitte der Lebenden versetzt wird, der sich die Augen reibt und nicht fassen kann, wozu die Menschen rennen und jagen, was sie zusammenhält, daß sie nicht feindselig auseinanderstieben. Er hatte ehedem nach Neigung und Lust, und von den Pflichten des Tages gehalten, im Zusammenhange der Welt gelebt; er war durch ein Verbrechen schmerzhaft ausgejätet worden, er konnte nirgends mehr recht einwurzeln. Das Rätsel des Weltzusammenhanges stand hier vor der Seele eines Menschen, der nie etwas davon geahnt. Mehrmals kam Jakob der Gedanke des Selbstmordes, der plötzlich aus all dem Wirrwarr lostrennt; aber so oft ihm der Gedanke kam, ballte er beide Fäuste, knirschte vor sich hin und sagte: »Nein!« Wohl hatte ihm der Pfarrer den weltbezwingenden Spruch ins Herz gelegt und gedeutet: Gott ist die Liebe! Er ist jener geheimnisvolle Punkt, der jedes Wesen zwingt, in sich fest zu stehen und zu leben, der alle Kreaturen in sich und miteinander zusammenhält, der mitten in Kampf und Not die ewige Harmonie zeigt, in die wir einst alle aufgehen. – Jakob hörte die ausführliche Deutung beruhigt an, sie that ihm wohl, aber er konnte sie nicht auf sich anwenden, nicht die Welt um sich her damit beherrschen und verklären. Wo zeigte sich ihm diese Liebe in den Thaten der Menschen? Jakob hatte einst in seiner Kindheit gehört, wie wilde Männer, in Bärenhäute gehüllt, zuerst in diese Gegend gekommen und sie angebaut hatten. Wenn er jetzt ins Feld ging, war es ihm sonderbarerweise oft, als sähe er einen jener ersten Wilden mit der Bärenhaut und der unförmlichen Axt in den Wald schreiten und die Bäume fällen; er sah ihn bei hellem lichtem Tage und in seinen Träumen. Welch ein tausendfältiges Leben bewegte sich jetzt auf dem kleinen Raume, den einst nur die Tiere des Waldes beherrscht hatten! Er sah, wie nach und nach die Söhne und Töchter sich ansiedelten, Fremde herzukamen; sie nahmen Steine und setzten sie als Markzeichen zwischen ihre Felder, sie bauten ein großes Haus und stellten einen Mann hinein, der mit lauten Worten ihr Gewissen wach erhalte, sie setzten einen andern hin zum Richter über ihren Streit, und diese beiden behielten fortan allein das Wort, – aus dem Ofenloch, in das man das unartige Kind sperrte, ward ein großes Gefängnis . . . Jakob war auf einem Umwege in die wirkliche Welt zurückgekehrt; sie wird ihn bald wieder fassen und festhalten. Wer mag es aber den Leuten verdenken, daß sie den Kopf über einen Menschen schütteln, von dem sie kaum ahnten, wie er in Gedanken weit weg von ihnen allein war? Zwei Genossen. Der Adlerwirt und seine Leute saßen eines Mittags in der Erntezeit bei Tisch. Es wurde fast gar nicht gesprochen, denn die Essenszeit dient zugleich als Ruhepunkt, und in diesen Kreisen ist das Sprechen eine Arbeit; man wird nicht finden, daß es nur als etwas Beiläufiges einem andern Thun sich zugesellt, die Seele wendet sich ihm ganz zu, und die fast immer begleitenden Bewegungen ziehen den Körper nach. Bärbele, die Adlerwirtin, sagte, als man eben abräumte: »Der Bäck hat heut eine neue Magd kriegt, sie ist im Zuchthaus gewesen und ist ihm von dem Verein übergeben worden. Die dauert mich im Grund des Herzens, die kommt vom Prügele an den Prügel, ich mein' –« Konrad stieß seine Frau an, sie solle still sein, und winkte mit den Augen nach Jakob. Durch das plötzliche Abbrechen und die eintretende Stille gewannen die Worte Bärbeles erhöhte Bedeutsamkeit; jedes sprach sie gewissermaßen im stillen nach. Jakob schien indes wenig davon berührt, er schnitt sich einen tüchtigen »Ranken« Brot, steckte ihn zu sich, klappte sein Taschenmesser zu und verließ schon bei den letzten Worten des Schlußgebets das Zimmer. Die Rücksichtnahme durch das plötzliche Verstummen ärgerte ihn mehr als die vernommenen Worte; er wollte, daß man von seinen Schicksalsgenossen in seinem Beisein ohne Rückhalt spreche. Dieses Verstummen bewies ihm, daß man ihn noch nicht für gereinigt hielt; er zürnte. So verletzlich und anspruchsvoll ist ein gedrücktes Gemüt. Kaum war Jakob eine Weile fort, als sich die Thür wieder öffnete; ein fremder Mann, der einen Quersack über der Schulter trug, zerrte Jakob am Brusttuche nach. »Komm mit,« rief er, »du mußt ein Bufferle mittrinken. Sind wir nicht alte Bekannte? Haben wir nicht drei geschlagene Jahr' miteinander im Gasthof zum wilden Mann logiert?« Jakob setzte sich endlich verdrossen auf die Bank. Der Fremde ist uns gleichfalls bekannt, es ist der wohlgemute Frieder. Jakob war auch jetzt noch schweigsam, sein Kamerad ersetzte seine Stelle vollauf. »Bist noch immer der Alte, hm! hm!« sagte er; »hältst das Maul wie ein **scher Landstand – Guck, ich hab' heut schon mehr geschwätzt als sieben Weiber und drei Professor. Ich bin aber auch jetzt bei denen, die das große Wort führen. Was meinst, was ich da drin hab'? Lauter Purvel« (Pulver). Er öffnete seinen Sack und warf eine große Masse von – Lumpen heraus: »Lug, da draus macht man Papier, und da drauf exerzieren ganze Regimenter von schwarzen Jägern. Ich muß das Lumpenvolk da zusammentreiben, sonst können meine Herren keinen Krieg führen, und Krieg muß sein, alles muß untereinander. Es geschieht ihnen recht. Warum haben sie mir keine Anstellung geben.« »Was brauchst aber soviel schwätzen bei deinem Lumpensammeln?« fragte Bärbele. »Das ist das allerschwerste Geschäft,« erwiderte Frieder; »du glaubst nicht, wie die Leut' an ihren Lumpen hangen. Wenn alles noch so kreuzweis zerrissen und zerfetzt ist, wollen sie's doch nicht hergeben; sie meinen immer: es wär' noch ein bravs Lümple dabei, das man noch zu was brauchen kann, zum Ausflicken oder Charpie daraus zu zupfen. Her damit, sag' ich, wenn auch noch ein gut Lümple dabei ist, schad't nichts, eingestampft muß werden. Lumpenbrei. Jetzt hol noch ein Bufferle und denk derweil drüber nach, daß du das Taufen vergißst.« Frieder leerte schnell noch auf einen Zug den Rest; Jakob wollte aber nicht mehr trinken, als die zweite Ladung kam. »Was?« rief Frieder, »du willst keinen Schnaps trinken? Ja, du hast recht, ich sag's auch: das Best' auf der Welt ist Wasser und – Geld genug und – Gesundheit. Freilich, das Schnapstrinken ist eine Sünd', aber ich muß es thun. Guck, jeder Mensch muß ein' Portion Sünden und ein' Portion Schnaps trinken, soviel eben auf sein Teil kommt. Ich trink' jetzt aus Frömmigkeit: für meine Mitmenschen. Ich bin mit meinem Teil fertig, und jetzt trink' ich für andre. Es soll dir wohl bekommen, Jakob, das ist dein Teil!« schloß Frieder und nahm einen tüchtigen Zug. Jakob sprach noch immer nicht, und jetzt endlich sagte er aufstehend, daß er ins Feld müsse. Frieder machte sich schnell auf, um ihn zu begleiten. Frieder war im ganzen Dorfe bekannt wie bös Geld; er sprach jedermann an und hielt Jakob dabei an der Hand. Diesem war es gar erschrecklich zu Mute, daß er mit einem so allbekannten Gauner vor den Leuten erscheinen mußte; er sagte sich aber wieder: du bist ja selber ein Gezüchtigter und wie würde dir's gefallen, wenn man dich meidet? Er duldete daher die Vertraulichkeit Frieders. Der Studentle begegnete ihnen und fragte: »Lebst auch noch, alter Sünder?« »O du!« entgegnete Frieder, »mit deinen Knochen werf' ich noch Aepfel vom Baum 'runter.« Konstantin lachte und fragte wiederum: »Was treibst denn jetzt?« »Lumpensammeln.« »Geht's gut dabei?« »'s ging schon, aber die verdammten Juden verderben den Handel. Wenn die Regierung was nutz wär', müßt sie den Juden das Lumpensammeln verbieten.« Jakob war während dieses Gesprächs fortgegangen, und Frieder rannte ihm nach. An dem Bäckenhaus lehnte sich ein Mädchen aus der Halbthüre, es ward »ritzerot«, als es die beiden sah. Jakob blickte das Mädchen scharf an, sah aber gleich darauf zur Erde. Frieder pfiff unbekümmert ein Lied vor sich hin. Erst am letzten »einzecht« stehenden Hause des Dorfes wurde Jakob seinen Gefährten los, der zu dem hier wohnenden Hennenfangerle ging. Die alte Frau, die diesen Beinamen hatte, war als Hexe verschrieen, obgleich niemand mehr recht daran glaubt; soviel war gewiß: gestohlenes Gut, das in ihre Hände kam, war wie weggehext. Jener Name rührt allerdings von etwas Dämonischem her, das der Frau innewohnte: sie konnte mit ihrem Blicke die Hühner bannen, daß sie sich wie vor einem Habicht zusammenduckten und greifen ließen. Gerupfte Hühner kennt kein Mensch mehr, und zu Asche verbrannte Federn zeigen keine besonderen Farben. Dieser Geruch verbrannter Federn mochte auch immer die Hühner erschrecken, wenn das Hennenfangerle sich ihnen näherte, so daß sie laut aufgackerten. Die Leute ließen die alte Frau in Ruhe, denn sie war ihnen unheimlich; man sagte, sie werde deshalb so alt, weil sie sich nur von Hühnersuppe nähre. Man traf Vorsorge, verfolgte sie aber nicht weiter, wenn sie sich unversehens ihren Tribut holte. Die Luft beengt den Atem hier im Hause; lassen wir Frieder allein bei seiner Vertrauten. Draußen im Felde, wo Jakob den Klee mit seinen verdorrten Blumen mäht, da ist's freier. Wie stattlich sieht Jakob aus bei dieser Arbeit, wie schön sind seine Bewegungen. Von allen Feldarbeiten ist das Mähen die schönste und am meisten kräftigende. Da bückt man sich nicht zu Boden, da steht man stolz und frei, und im weiten Umkreis fallen die Halme nieder. Wir können aber Jakob nichts helfen, denn das Mähen will wohl gelernt und geübt sein, und die Schichten müssen liegen bleiben, wo sie gefallen sind, bis sie ganz verdorren. Könnten wir ihm nur in seinen Gedanken helfen! Die Sense scheint heute nicht recht scharf und Jakob etwas mißmutig. Das Zusammentreffen mit Frieder peinigt ihn, aber noch etwas anderes, er weiß nicht recht was. So oft er den Wetzstein nimmt und die Sense schärft – und das geschieht oft – denkt er an das Mädchen, wie es zur Halbthüre herauslehnte und wie es errötete; er hat herzliches Mitleid mit. Jakob war kein Neuling in der Welt, er wußte, wie Unglück und Verbrechen kein Alter und kein Geschlecht verschont, aber jetzt war es ihm, als ob er's hier zum erstenmal erführe. Ein Mädchen mit dem Stempel des Verbrechens auf der Stirn ist doppelt und ewig unglücklich; was soll aus ihm werden? – Jakob mähte, um seine Gedanken los zu werden, so emsig fort, daß er unvermerkt einen scharfen Schnitt in den Stamm eines Bäumchens machte, das mitten im Klee stand. Nun hatte er Grund genug zum Wetzen. Die lustige Magd. Am Sonntagnachmittag saß Jakob bei einem Fuhrmann in der Stube; sie hatten einen Schoppen Unterländerwein vor sich stehen. Konrad sah zum Fenster hinaus und sagte jetzt: »Bäckenmagd, komm rein mit deinen Mitschele.« Das Mädchen trat ein, es trug einen Korb voll »mürben« Brotes auf dem Kopfe. Wie es jetzt den Korb abnahm und frei vor sich hinhielt, erschien es in seiner gedrungenen Gestalt gar anmutig. Das kugelrunde ruhige Gesicht sah aus, wie die Zufriedenheit selber, seltsam nahmen sich dabei die weit offenen hellblauen Augen mit den dunkeln Wimpern aus; es schien eine Doppelnatur in diesem Gesichte zu hausen. Ein kleines unbändiges Löckchen, das senkrecht mitten auf die Stirne herablief, suchte das Mädchen in das braune Haargeflecht zu schieben, aber es gelang nicht. Man sah es wohl, das wilde Löckchen, das sich nicht einfügen ließ, war sorgfältig gekräuselt und zur Zierde gestaltet; es gab dem ganzen Anblicke des Gesichts etwas Mutwilliges. So erschien es wenigstens Jakob, als das Mädchen auch zu ihm kam und ihm Brot zum Verkaufe anbot, und er fuhr wie erschreckt zusammen. Er griff nach dem Glase, als wollte er es dem Mädchen reichen, schüttelte aber zornig schnell mit dem Kopfe und – trank selber. Der alte Metzgerle, der auf der Ofenbank saß und auf einen Freitrunk harrte, suchte sich einstweilen die »Langzeit« zu vertreiben, indem er das Mädchen neckte. Er sagte, auf die Locke deutend: »Du hast einen abgerissenen Glockenstrang im Gesicht, es muß einmal tüchtig Sturm geläutet haben bei dir.« Das Mädchen schwieg, und er fragte wieder: »Sind deine Mitschele auch frisch?« »Ja, nicht so altbacken wie Ihr,« lautete die Antwort. Alles lachte, und der Metzgerle begann wieder: »Wenn du noch dreißig Jahre so bleibst, gibst du ein schön alt Mädchen.« Rasch erfolgte die Gegenrede: »Und wenn Ihr eine Frau krieget, nachher bekommt der Teufel eine Denkmünz', daß er das Meisterstück fertig bracht hat.« Schallendes Gelächter von allen Seiten unterbrach eine Zeitlang das Reden, und als der Metzgerle wieder zu Wort kommen konnte, sagte er: »Man merkt's wohl, du bist anders als aufs Maul gefallen.« »Und Euch wär's gut, wenn Euch was ins Maul fallen thät', nachher ließet Ihr auch Eure unnützen Reden. Wie? Will niemand mehr was kaufen? Ich muß um ein Haus weiter.« Mit diesen Worten verließ das Mädchen die Wirtsstube. Jakob schaute ihm halb zornig, halb mitleidsvoll nach. Er machte sich jetzt Vorwürfe, daß er von allen Anwesenden die Magd am unwirschesten behandelt habe; er hatte kein Sterbenswörtlein mit ihr gesprochen. Dann sagte er ich wieder: »Aber sie geht dich ja nichts an, du hast ja nichts mit ihr zu teilen, nichts, gar nichts.« Man sprach nun viel von der Magd, und daß sie so lustig sei, als ob sie ihr Lebtag über kein Strohhälmle gestrandelt wäre. Der Metzgerle bemerkte: »Die hat große blaue Glasaugen wie ein mondsüchtiger Gaul, die sieht im Finstern.« In Jakob regte sich eine Teilnahme für das Mädchen, die er sich nicht erklären konnte. Er überlegte, ob es wirklich so grundverderbt sei, oder nur so leichtfertig thue; der Schluß seines Nachdenkens hieß aber immer wieder: »Sie geht dich ja nichts an, nichts, gar nichts.« So oft nun Jakob der Magdalene – so hieß das Mädchen – auf der Straße oder im Felde begegnete, wendete er seinen Blick nach der andern Seite. Der Hammeltanz wurde im Dorf gefeiert, im Adler ging es hoch her. Jakob versah die Dienste eines Kellners, auch Magdalene half bei der Bedienung. Da man nur in den Pausen beschäftigt war, so hätte Jakob wohl einen Tanz mit Magdalene machen können; er forderte sie aber nie auf, und sie schien diese Unhöflichkeit kaum zu bemerken. Wenn er nicht umhin konnte, etwas mit ihr zu sprechen, lautete Ton und Wort immer so, als ob er sich gestern mit ihr gezankt, als ob sie ihm schon einmal etwas zu leid gethan hätte. Magdalene blieb dabei immer gleichmäßig froh und guter Dinge. Aufhelfen. Eines Tages ging Jakob ins Feld, da sah er Magdalene vor einem Kleebündel stehen; sie hielt die Hand vor die Stirn gestemmt und schaute sich weit um nach jemand, der ihr aufhelfe. Jakob war es jetzt plötzlich, als ob sie einem Menschen ähnlich sehe, den er gern aus seiner Erinnerung verbannt hätte; er schüttelte den Kopf wie verneinend und ging vorbei; kaum war er aber einige Schritte gegangen, als er sich wieder umkehrte und fragte: »Soll ich aufhelfen?« »Ja, wenn's sein kann.« Jakob hob Magdalenen die schwere Last auf den Kopf, dann reichte er ihr die Sense. Magdalene dankte nicht, aber sie blieb wie festgebannt stehen. »Da hast ein' schwere Traget, das hättst du nicht allein aufladen können,« sagte Jakob. »Drum hab ich auch gewartet, bis einer kommt. Dazu ist es ja, daß mehr als ein Mensch auf der Welt ist, daß einer dem andern aufhilft. Man kann doppelt soviel tragen, wenn man sich nicht selber aufladen muß.« »Du bist gescheit. Warum bist du denn allfort so lustig und machst vor den Leuten Possen?« fragte Jakob. »Narr, das ist Pfui-Courage,« erwiderte Magdalene. »Es kann's kein Mensch auf der Welt schlechter haben als ich: die halb' Nacht am Backofen stehen und verbrennen, den Tag über kein' ruhige Minut' und nichts als Zank und Schelten, und wenn ich was nicht recht thu', da heißt's gleich: Du Zuchthäuslerin, du . . . Da ist kein Wort zu schlecht, das man nicht hören muß. Es ist kein' Kleinigkeit, so einen Korb voll Brot zum Verkauf herumtragen und oft kein' Bissen im Magen haben. Wenn dein' gut' Meisterin, die Adlerwirtin, nicht wär', die mir allbot was zuschustert, die Kleider thäten mir vom Leib abfallen. Ich weiß nicht, ich hab' das noch keiner Menschenseel' so gesagt; aber ich mein' als, dir dürft' ich's sagen, du mußt's wissen, wie's einem ums Herz ist. Ich bin nicht so aus dem Häusle, wie ich mich oft stell'. Fortlaufen darf ich nicht, sonst heißt's gleich, die ist nichts nutz, und zu Tode grämen mag ich mein jung Leben auch nicht, und . . . da bin ich halt lustig. Es gibt einem doch niemand was dazu, wenn man sich das Herz abdruckt; es laßt ein jedes das andre waten, wie's durchkommen mag. Ich weiß gewiß, es muß mir noch besser gehen. Ich bin vom Fegfeuer in die Höll' kommen, es kann nicht ewig währen, ich muß einmal erlöst werden. Ich weiß nicht, warum mich unser Herrgott so hart straft; was ich than hab', kann dem rechtschaffensten Mädle passieren. Ich mein' als, ich muß für mein' Mutter büßen, weil sie meinen Vater genommen hat.« – So schloß Magdalene lächelnd und trocknete sich große Thränen ab. Jakob sagte: »Genug für jetzt. Du hast schwer auf dem Kopf, mach, daß du heimkommst. Vielleicht sehen wir uns ein andermal wieder, oder . . . heut abend, oder . . . morgen.« Jakob ging rasch davon, als hätte er etwas Schlimmes begangen. Auch fürchtete er in der That, auf freiem Felde mit Magdalene gesehen zu werden; er kannte die Blicke und Worte der Menschen in ihrem Tugendstolze. Jakob kehrte sich bald um und sah Magdalenen nach, bis sie zwischen den Gärten verschwand und man nur noch den Kleebündel zwischen den Hecken sich fortbewegen sah. Bei der Arbeit beunruhigte ihn immer der Gedanke, welch ein Verbrechen wohl Magdalene begangen habe; er hätte sie gern ganz unschuldig gewußt, nicht um seinetwillen, gewiß nicht; nur um ihretwillen, damit sie so harmlos leben könne, wie es für sie paßte. Jakob hatte sich vorgesetzt, fortan allein und getrennt von aller Welt sein Leben fortzuführen; er hatte nicht Freunde und nicht Verwandte auf dieser Welt. Er hatte einst gewaltsam eingegriffen in die gewohnte Ordnung oder Unordnung der Gesellschaft, und die Gesellschaft trennte ihn aus ihrer Mitte und gab ihn der Einsamkeit preis. So schmerzhaft auch diese Vereinsamung war, sie ward ihm jetzt fast eine liebe Gewohnheit. Zurückgekehrt in die Genossenschaft der Menschen, blieb er aus freien Stücken allein und frei, ließ sich von keinem Bande der Neigung und Vereinigung mehr fesseln. Jetzt schien es unverhofft über ihn zu kommen; er wehrte sich mit aller Macht dagegen. Er war nicht leichten Sinnes genug, um sich sorglos einem Verhältnisse hinzugeben; er gedachte alsbald des Endes. Das Leben hatte ihn gewitzigt. Wie stürmten jetzt diese Gedanken, bald klarer, bald verworrener durch die Seele Jakobs. Das aber ist der Segen der schweren Leibesarbeit, daß sie die marternden Gedanken alsbald niederkämpft; das ist aber auch ihr uralter Fluch, daß sie sie nicht frei ansteigen läßt in die Klarheit, um dort den Sieg zu holen. Wieviel tausend Gedanken ruhen gedrückt und verkrüppelt hinter der Stirn, die jetzt die schwielige Hand bedeckt; wieviel peinigende fliehen aber auch, wenn diese Hand sich regt. Jakob empfand beides. Anfangs wollte Jakob den Entschluß fassen, nie mehr irgend ein Wort mit Magdalene zu reden. Mit seiner früheren Bannformel »sie geht dich nichts an« wollte er das Wogen seines Innern beschwichtigen; aber diese Formel war schon längst nicht mehr wahr, schon damals nicht, als er noch kein Wort mit Magdalene gesprochen hatte. Wendete er den Blick auch ab, wenn er an ihr vorbeiging, im Innern hegte er doch eine tiefe Teilnahme für sie. Wie klug ist aber die stille Neigung, die sich vor sich selbst verhüllt! Jakob kam endlich mit sich überein, daß Magdalene seiner als Stütze bedürfe; er konnte sich ihr nicht entziehen. Sie hat ja selbst gesagt: man trägt leicht eine doppelte Last, wenn ein andrer aufhilft. Jakob gehörte der Welt wieder an. Er ließ sich freiwillig einfügen, freiwillig, und doch von einer höheren Macht getrieben. Er fühlte sich frisch und kräftig bei diesem Entschlusse, denn er trat durch denselben wieder in den Einklang mit sich und der Welt. Das jedoch gelobte er sich hoch und heilig, daß er auf der Hut sein wolle; vor acht Tagen, mindestens aber vor Sonntag, das heißt, vor übermorgen, wollte er Magdalene nicht sprechen. Wie leicht aber wirft ein Mann den Liebesfunken in die Seele eines Mädchens und geht dann sorglos hin, sein selbst und des andern vergessend, während es dort weiter glimmt und zur Flamme auflodert. Magdalene war nach Hause gegangen, und ihr Angesicht lächelte. Sie hatte gar keine Gedanken, es war ihr nur wohl; sie wußte nichts von der Last auf ihrem Kopfe. In der Scheune stand sie noch eine Weile so still, gleich als wollte sie die Stimmung noch festhalten, die jetzt in dieser Lage in ihr lebendig war; dann aber warf sie den Kleebündel weit vor sich hin, strich sich die Haare zurecht und ging an die Küchenarbeit. Das Belfern der Bäckenfrau fand heute gar keinen Widerpart, Magdalene war geduldig wie ein Lamm. Träumerisch sah sie in das lodernde Feuer und dachte an alles und an nichts. Einmal sprang sie plötzlich auf, wie wenn sie gerufen worden wäre, rannte die Treppe hinauf in ihre Schlafkammer, betrachtete mit Wohlgefallen ihre neue Haube mit dem hohen von schwarzem Felbel überzogenen Draht, auch das schöne weiße Goller mit den Hohlfalten probierte sie an, legte alles schnell wieder in die Truhe, schaute eine Minute in sich vergnügt zum Dachfenster hinaus nach dem blauen Himmel und eilte wieder, ebenso schnell als sie gekommen war, zurück an den Herd. Wie staunte sie aber, als Jakob am Abend und am andern Tage ohne Gruß an ihr vorüberging. Mit Thränen in den Augen zog sie am Sonntagnachmittag das schöne Goller an und setzte die neue Haube auf; sie wischte hastig den halbblinden kleinen Spiegel ab, der allein die Schuld tragen sollte, daß man nicht recht sehen konnte. Des Kindes Sühne. Lange saß Magdalene angekleidet auf der Truhe, die all ihre Habseligkeiten verschloß, dann aber ging sie hinab; die Treppe knarrte unter ihren schweren Tritten. Sie setzte sich auf die Staffel vor dem Hause und ließ ihre Gedanken spazieren gehen, sie selber wollte ruhen. Nicht lange dauerte diese Ruhe. Jakob kam das Dorf herab, er grüßte sie – und ging vorüber. Jetzt ließ sie ihre Gedanken nicht mehr allein spazieren gehen, ihr ganzes Wesen folgte ihnen nach, und sie gingen mit Jakob. Dabei saß sie ruhig auf der Staffel. Kaum hörbar, und ohne es selbst zu wissen, sang sie das Lied: Was hab' ich denn meinem Feinsliebchen gethan? Es geht: ja vorüber und schaut mich nicht an? Es schlägt seine Aeuglein wohl unter sich Und hat einen andern viel lieber als mich. Es paßte wohl nicht; wer aber weiß, wie die Regungen und Erinnerungen der Seele sich ineinander verschlingen? Wie oft läuft ein fremder Gedanke nebenher, während das Herz ganz erfüllt ist von dem Ereignis des Augenblicks! Besser aber paßte ein andrer Vers, der nun auch folgte: Die stillen, stillen Wasser, Sie haben keinen Grund, Laß ab von deiner Liebe, Sie ist dir nicht gesund. Der alte Metzgerle kam nun ebenfalls das Dorf herab. Magdalene fürchtete sich gerade jetzt vor seinen Späßen; sie ging schnell in das Haus und nahm ihren früheren Sitz erst wieder ein, als der Spaßvogel vorüber war. Was läßt sich da nicht alles träumen an einem sonntäglichen Sommernachmittage! Viel tausend Jünglinge und Jungfrauen treten zu einander, und ihr Schicksal beginnt erst von dem Augenblicke, da sich die Strahlen ihrer Augen ineinander schlingen; sie haben sich nichts zu berichten, als harmlose, halbverschleierte Kindererinnerungen. Ihr Leben beginnt: erst jetzt, es beginnt als ein gemeinsames, und selig! wenn es so endet. Wie ganz anders diese beiden hier! Ein herbes Geschick lastet auf ihnen, und sie tragen seine unauslöschlichen Brandmale. Darum zittern und zagen sie und schleichen bang umher. Die Wunden müssen noch einmal aufgerissen werden vor den Augen des andern; sie quälen sich jetzt zwiefach, da sie vorahnen wollen, was den andern bedrückt, und doch kein Ziel finden. Da kommt Jakob wieder denselben Weg, er muß um das ganze Dorf gegangen sein. Magdalene schaute nieder in den Schoß, aber sie sah doch Jakob immer näher kommen, und jetzt ging er langsamer, und jetzt sagte er halb vor sich hin: »Heut abend nach dem Nachtläuten hinterm Schloßhag.« Magdalene antwortete nicht; als sie aufschaute, war Jakob fort. Wie glänzte jetzt ihr Angesicht voll Freude; sie wußte, daß er sie auch lieb habe. Bald aber ging das Trauern wieder an. »Was muß er nur von dir denken,« sprach sie zu sich, »daß er dir so gradaus befiehlt, wie wenn's so sein müßt'. Nein, ich laß mir nicht befehlen, und ich bin kein so Mädle, das einem nachlauft. Nein, er soll rechtschaffen von mir denken. Du kannst lang warten, bis ich komm'. Und noch dazu auf dem finstern Platz, wo's einem gruselt. Und was soll ich für eine Ausred' nehmen? Ich bin noch nie nach dem Nachtläuten fort. Und er hätte wohl eine Weil dableiben können, daß man's besser ausgemacht hätt'. Nein, ich will nicht. Zehn Gäul bringen mich nicht an den Schloßhag.« »So ist's recht,« unterbrach jetzt der Metzgerle das nur in einzelnen Lauten vernehmbare Selbstgespräch, »so ist's recht, dein Raffele muß immer gehen; wenn niemand da ist, schwatzst du mit dir selber, da hast du schöne Gesellschaft.« Bei diesen Worten setzte er sich hart neben Magdalene, sie aber gab ihm einen gewaltigen Stoß, daß er fast von der Staffel fiel. Sie zog den Schlüssel an der Hausthüre ab und ging auch fort. Sie war heute gar nicht zum Scherzen aufgelegt. Als es Abend zu werden begann, ward es Magdalene wieder bang zu Mute; es that ihr doch weh, daß sie so fest beschlossen hatte, nicht nach dem Schloßhag zu gehen. »Er wird gewiß bös sein, und er hat recht; aber ich bin unschuldig, warum ist er so ungeschickt und . . .« So dachte sie wieder und stellte sich an die Hausthüre: sie hatte keine Ruhe mehr zum Sitzen. Als die Abendglocke läutete, ging sie hinein und schaute nach den Hühnern, ob sie alle da wären. Richtig, die schöne schwarze Henne, die jeden Tag, den Gott gibt, ein Ei legt, die fehlt. Es ist jammerschad; nein, die muß gesucht werden, die muß wieder herbei. Alle Nachbarn werden gefragt, niemand weiß Auskunft; aber das Hennenfangerle haben viele heut hier vorbeigehen sehen. Sonst versteckten sich die Leute, die ihr Eigentum wieder haben wollten, bei solchen Gelegenheiten in der Nähe vom Hause des Hennenfangerle, warteten auf seine Heimkunft und nahmen ihm die Beute wieder ab. Magdalene weiß aber auf andern Plätzen zu suchen: beim Rathause oder auf dem Schloßplatze – ja, auf dem Schloßplatze, da ist sie gewiß. – Nichts kommt auf den Lockruf herbei. Dort unten ist der Schloßhag, und wie im Fluge ist Magdalene dort. Zehn Gäul' bringen sie nicht an den Schloßhag, und jetzt war sie der verlorenen Spur einer Henne dahin gefolgt! Niemand ist da. Magdalene steht ruhig am Zaune, sie hört das Summen und Schwirren in der Luft, das Zirpen des Heimchens in der Schloßmauer, und wie es in der Brunnenstube quillt und quallt. Hinter des Schloßbauern Haus bellt der Hund, in der Ferne singen die Burschen, und ein Juchhe steigt wie eine Rakete in die Luft. Der Holunder duftet stark, Johanniswürmchen fliegen umher wie verspätete Sonnenfunken. Jenseits aus dem Hochdorfer Berge steht eine langgestreckte dunkle Wolke, Blitze zucken daraus hervor; das Wetter kann sich hier heraufziehen. Endlich – der Zaun geht auseinander, dort wo er mit dürren Dornen ausgeflickt ist; Jakob kommt hervor. »Wartest schon lang?« fragte er. »Nein . . . ich . . . ich hab' mein' schwarze Henn' gesucht.« Und nun erklärte Magdalene, wie sie eigentlich nicht habe kommen wollen, alles, was sie seit Mittag gedacht hatte, oder doch die Hauptsache, wie sie meinte. Jakob gab ihr recht und berichtete gleichfalls, wie ihm die Bestellung fast unwillkürlich aus dem Munde gekommen sei; er habe etwas sagen wollen, und da sei's so geworden. Magdalene rollte ihre Schürze mit beiden Händen zusammen und sagte nach einer Weile: »Drum wird's auch am gescheitsten sein, wir gehen jetzt gleich wieder. Und es ist auch wegen den Leuten.« »Das wär' eins,« erwiderte Jakob, »die Leut' denken doch nichts Gutes, von dir nicht und von mir nicht. Jetzt sind wir einmal da, jetzt wollen wir auch ein bißle bei einander bleiben.« Nun wurde beiderseits erzählt, wie man seit vorgestern gelebt. – Endlich fragte Jakob, indem er einen Zweig vom Zaune abriß, nach dem Schicksal Magdalenens. Magdalene fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, stützte dann die Wange auf die Hand und erzählte: »Von meinen Eltern kann ich dir nicht viel berichten, sie sollen früher ein schönes Vermögen gehabt haben, von meiner Mutter her; sie sind aber zuviel von einem Ort in den andern zogen und auch durch sonst Sachen – seitdem ich halt denken mag, sind sie arm gewesen. Mein' Mutter war früher an einen Vetter von meinem Vater verheiratet, und sie ist bald gestorben, und ich bin ins Waisenhaus kommen, weil mein Vater sich gar nichts um mich kümmert hat. Ich bin zu dem Schullehrer in Hallfeld than worden. Ich kann's nicht anders sagen, ich hab's gut gehabt; er ist ein grundguter Mann, sie ist ein bißle scharf, aber das war mir gesund, ich bin ein Wildfang gewesen. Mein Vater ist auch all Jahr ein paarmal kommen, und der Schullehrer hat ihm zu essen geben und hat ihn geehrt, wie wenn's ein Anverwandter wär'. Der Lehrer hat mich allfort ermahnt, ich soll meinen Vater ja nicht vergessen und soll ihm gut sein; und auf Neujahr hab' ich ihm allemal einen schönen Brief schreiben müssen und hab' ihm als ein paar Strümpf geschickt. Der Lehrer hat die Woll' dazu aus seinem Sack bezahlt. Wie ich vierzehn Jahr alt worden hin, hab' ich einen guten Dienst kriegt in der Stadt als Kindsmädchen; da war ich drei Jahr. Ich hätt' ein schön Geld verdient, wenn nicht all paar Wochen mein Vater dagewesen wär', und da hab' ich ihm alles geben müssen, was ich gehabt hab'. Wenn ich nicht Kleider geschenkt bekommen hätt', ich hätte mir keine anschaffen können. Da sind die zwei jüngsten Kinder an der Ruhr gestorben, und ich war überzählig im Haus. Die Leut' haben mich aber gern gehabt und haben mich das Kochen lernen lassen, und da hab' ich einen prächtigen Dienst bekommen bei dem Doktor Heister. Ich bin doch mein Lebtag unter fremden Leuten gewesen, und es ist mir nichts zu schwer, aber da war ich wie im Himmel. Wenn man so in ein fremd Haus kommt in Dienst: man kennt die Leut' nicht, man schafft sich ab und weiß nicht, ob man's recht macht, und wenn man der Herrschaft was Besonderes thun will, kann man grad einen Unschick machen. Bei dem Heister aber, da war alles gut. Es ist mir oft gewesen, wie wenn ich das Haus so eingerichtet hätt', und alles war so hell und so schön wie geblasen und mein Küch' wie eine Kapelle. Der Doktor und seine Frau waren zwei einzige Leut' und keine Kinder, und da war noch ein Bedienter neben mir und alle Samstag eine Putzerin, und wir haben auserm Haus gewaschen.« »Mach's ein bißle kürzer, zu was brauch' ich das alles wissen?« drängte Jakob. »Ja, das gehört alles dazu, paß nur auf. Nun ist mein Vater auch alle paar Wochen wiederkommen, und jetzt hab' ich ihm selber können zu essen geben bis genug, und mein' Herrschaft hat ihm ein Glas Wein 'rausgeschickt. Der Herr Doktor hat aber bald gemerkt, was mein Vater will und wie's mit ihm steht, und da hat er mir's einmal vorgehalten und hat gesagt, daß er die Sach ändern will, und da hab' ich gesagt: wie's der Herr Doktor machen, wird's gut sein. Von dem an hab' ich keinen Lohn mehr bekommen, und die Trinkgelder hab' ich auch abliefern müssen, und das ist alles auf die Sparkasse tragen worden, und ich hab' das Büchle bekommen, da steht alles drin. Nun ist der Herr Doktor verreist, weit bis nach Rußland zu, für ein Waisenkind, das sie um sein Vermögen betrügen wollen. Er ist ein Vater der Witwen und Waisen. Nun, das hab' ich vergessen: der Bediente, der neben mir war, das war ein wüster Mensch; der hätt' mich schon lang gern fortgedrückt, weil ich nichts von ihm gewollt hab'. Er hat gewiß auch die Geldroll' gestohlen, die von des Herrn Tisch wegkommen ist, mit fünfundsiebzig Gulden drin. Nun, wie der Herr fort war, da ist gleich den andern Tag mein Vater da, wie wenn's ihm ein Vöglein pfiffen hätt'. Selben Tag haben wir Fremde gehabt, den Bruder von der Frau und noch andre Gäste. Ich steh' nun grad am Spülstein und wasch' das Silber, da kommt mein Vater her und sagt: Gib mir Geld. Ich sag', ich kann nicht, und da seh' ich, wie er zwei Löffel nimmt und will sie einstecken; ich halt' ihm sein' Hand und ring' mit ihm, er ist stärker als ich. Der Bediente kommt eben und bringt das Kaffeegeschirr, ich will keinen Lärm machen, und fort ist mein Vater. Ich renn' ihm nach bis an die Eck', ich seh' ihn noch, und jetzt verschwindet er; ich kann in dem Aufzug wie ich geh', nicht durch die Straßen, und daheim ist alles offen, und das Silber steht in der Küch'. Ich renn' heim und stoß' das Blech am Gußstein 'naus und sag': ›Da sind mir zwei Löffel 'nunter, und ich will sie mir am Lohn abziehen lassen.‹ Der Bediente läßt den Abguß aufbrechen, man findet aber keine Löffel. Ich sag': ›Ich weiß nicht, wo sie hinkommen sind,‹ und da, da hat mein Unglück angefangen. Der Bediente hat's schnell auf der Polizei anzeigt, er hat sich rein machen wollen wegen der Geldroll', und nach zwei Tagen sind die Löffel wiederkommen, und der Silberarbeiter hat genau angeben, daß er sie von meinem Vater kauft hat. Wenn man einmal ins Lügen 'neinkommt, da ist's grad, wie wenn man einen Berg 'runter springt; man kann sich nicht mehr halten. Der Bediente hat alles angezettelt gehabt. Die gut' Frau Doktorin hätt' die Sach' gern vertuscht, aber es ist nicht mehr angegangen: die Sach' hat einmal den Lauf bei den Gerichten. Ich steh' in der Küch', und da kommen zwei Polizeidiener, ich muß mit ihnen 'naus in mein' Kammer und muß mein' Kist aufmachen und krusten sie drin 'rum und reißen alles 'raus und thun, wie wenn's lauter Lumpen wären, und jetzt muß ich mit ihnen ins Kriminal. Ich weiß bis auf diese Stunde nicht, warum ich nicht gestorben bin vor Kummer und Schand'. Gestern hab' ich wegen meinem Küchenkleid meinem Vater nicht nachspringen wollen; hätt' ich's nur than, so bräucht ich mich jetzt nicht so da führen lassen. Du lieber Gott, wie ist mir's da gewesen! Ich hab' gemeint, alle Leut', die mich ansehen, hängen sich an meine Kleider, und es war mir so schwer, und doch hin ich fortkommen, und ich hab' mir das Gesicht zugehalten, und doch hab' ich gesehen, wie alle Leute stehen bleiben und nach mir umschauen und dann wieder ruhig fortgehen, und der und jener hat gefragt: ›Was hat sie than?‹ – So hab' ich die Menschen zum letztenmal gesehen, die frei 'rumlaufen dürfen. Was geht sie ein armes Mädchen an, das von Polizeidienern geführt wird? Was soll ich dir viel von meinem Gefängnis erzählen? Sie haben von mir wissen wollen, wo die Fünfundsiebzig-Guldenroll' ist; ich hab' hoch und heilig geschworen, daß ich nichts davon weiß, aber sie haben mir nichts glaubt. Die Löffel hab' ich eingestanden. Hätt' ich sollen meinen Vater ins Unglück bringen? Ich hab' ihm ja jed' Neujahr geschrieben, daß ich ihm mein Leben verdank' und daß ich's ihm auch opfern will, wenn's nötig ist. Und ich hab' mir auch Vorwürf' gemacht, daß ich mein Geld auf Zinsen gelegt hab' und mein Vater hat derweil Not gelitten. Kurzum, ich bin ins Spinnhaus kommen.« So hatte Magdalene erzählt, und die beiden waren lange still, bis Jakob fragte: »Wo ist denn jetzt dein Vater?« »Ich weiß es nicht.« Jakob faßte ihre Hand, ein doppelzackiger Blitz leuchtete von jenseits und Jakob sagte: »Du hast's gut, du bist unschuldig, aber ich – mein' Geschicht' ist ganz anders.« »Das schad't nichts,« erwiderte Magdalene, »du hast dafür büßt, und ich seh' dir's an den Augen ab, du hast doch ein gut Gemüt.« Wiederum leuchtete es hell von jenseits und hell aus den Augen der beiden. Das war ein grelles, seltsames Licht, mit dem der Blitz über die Angesichter der beiden streifte; sie schauten sich an und standen wie in glühroten Flammen; und doch war es im selben Augenblicke wieder fahl und grünlichweiß, totenartig. Sie drückten die Augen zu. Jakob umarmte Magdalene und preßte sie fest an sich. »Du bist ein prächtig Mädle, wenn ich nur ein andrer Bursch wär'!« stöhnte Jakob. »Es ist schon spät, und ich muß gehen,« sagte Magdalene, »und ich hab' mein' Henn' doch nicht gefunden.« »Ja,« sagte Jakob, »schlaf wohl und wir sehen uns schon mehr und . . . hab Geduld mit mir. Gut' Nacht.« Er schlüpfte jetzt nicht mehr mühselig durch die Lücke des Zauns, er sprang behend über den ganzen weg. Magdalene ging sinnend heimwärts; sie vergaß, ihre Henne zu locken. Am andern Morgen fand sich die schwarze Henne bei den Kühen im Stall eingesperrt. Es ist nicht bekannt, wie sie dahin gekommen, und ob jemand davon gewußt. Eine erste Liebe und eine zweite. Wonnig schaute Magdalene andern Morgens zum Fenster hinaus, der Himmel war schön blau, sie hätte hineinfliegen mögen, so leicht war's ihr. Die Luft war frisch und klar, auf dem Nußbaum in des Jakoben Garten glitzerten die Tropfen, es hatte heute nacht stark gewittert. Magdalene hatte den Sturm und das Gewitter verschlafen. Träumerisch hörte sie dem Buchfinken auf der Dachfirste gegenüber zu, der auch schon so früh auf war und schon was zu singen hatte; sie wollte ihn nachahmen und necken, verstand es aber nicht. Sie ging an die Arbeit und sang beim Holzhereintragen, im Stall und in der Küche, bis die Bäckenfrau durch das Schiebfensterchen rief, sie sollte still sein, man könnte ja nicht schlafen. Sie war still, aber innerlich war sie den ganzen Tag voll Jubel und Seligkeit; es kam ihr immer vor, als ob heut nochmals Sonntag sein müßte. Auf dem Speicher und in der Küche faltete sie oft die Hände und drückte sie fest aufeinander; sie sprach kein Wort, aber ihre ganze Seele war ein Gebet voll Dank und Liebe. Jetzt eilt sie hinaus in ihre Kammer, aber sie sieht nicht mehr nach der schönen Haube und dem weißen Goller, sondern nach ihrem Sparbüchlein, das ihr Doktor Heister frei gemacht hatte. Sie drückt das Büchlein ans Herz und liest darin: sie hat mehr als hundert Gulden ausstehen und das schon bald vier Jahre. Sie kann gut Kopfrechnen, kann aber doch die Zinsen nicht vollständig herausbringen, weil noch etwas am Jahr fehlt und das Geld auch nach und nach eingelegt wurde. Es ist zwar eine Zinsrechnung beigedruckt, aber da kann man jetzt nicht draus klug werden. Sie überlegt, oh es nicht besser sei, wenn sie das Büchlein Jakob zur Aufbewahrung gebe; ein Mann kann eher darauf acht haben. Es wird ihr auf einmal angst und bang, das Büchlein könne abhanden kommen: sie legt es zuunterst der Truhe, und verschließt sie sorgfältig. Sie überlegt, was man mit dem Gelde anfange. Ein Aeckerchen zu kaufen, dafür langt's nicht und trägt's nicht genug; ja, das ist's: ein gutes Pferd und ein Wägelchen, das kriegt man dafür. Jakob kann gut mit dem Fuhrwerk umgehen, er fährt all' Woch' zweimal als Bote nach der Hauptstadt und hat einen schönen Verdienst. Freilich, das ist dumm, daß er soviel von Haus weg ist, aber es geht nicht anders, und er kommt ja wieder, und die Freud' ist um so größer. Mit einem Wort, es war Magdalenen »wieseleswohl«. Jakob war auch schon früh auf, er spannte einem Frachtfuhrmann vor. Er war auf dem Wege wieder sehr wortkarg, ging immer neben seinem Pferde und wehrte ihm die Bremsen ab. Da lächelte er einmal halb schmerzlich vor sich hin, denn er dachte: »Ich bin auch so ein Gaul, der im heißen Sommer den Frachtwagen ziehen muß und an den sich noch obendrein die Bremsen hängen, ihn stechen und plagen und ihm das Blut aussaugen.« – Während er so dachte, hatte er vergessen, auf das Tier zu achten, das nun von den fliegenden Quälern wie übersät war. Oben an der Steige im Walde wurde Halt gemacht. Jakob spannte sein Pferd ab. Der nächtige Sturm hatte hier tapfer gerast. Drinnen bei den Menschenkindern in ihren festgezimmerten Behausungen, da weiß er nichts zu fassen, und er packt nur im Mutwillen einen losen Fensterladen und klopft an, die Schläfer gemahnend, daß er wache. Draußen aber, da ist sein Reich. Er läßt das Korn aufwogen, eilt rasch fort: nach dem Walde, weckt die schlafenden Bäume, daß sie rauschen und brausen wie das ewige Meer, von dannen er kommt, daß die sangfertigen Kehlen der Bewohner der Lüfte verstummen und denen gleich seien, die in der Tiefe der Wellen hausen; denn ein einziger vom Unsichtbaren ausgehender Odem beherrscht alles. Das muß ein lustig Leben hier gewesen sein! Und wie dann der Sturm entflohen war und die segenbringende Wolke alles Leben erquickte! Darum jubilieren auch die Vögel so lustig in den Zweigen, und die Lerche steigt, auf sich selbst ruhend, hoch auf, gleich einem Gebete. Dem alten Eichbaum am Wege, dessen Wurzeln gleich einer mächtig ausgebreiteten Riesentatze sich in die Erde graben, ist ein schöner junger Ast abgeknackt worden. Solch junger Nachwuchs taugt nicht mehr für den knorrigen Alten, das hat ihn der Sturm gelehrt. Auf dem Stumpfe des geknickten schlanken Astes sitzt ein Buchfink und singt fröhlich in den Morgen hinein; er lockt wohl seinen Gefährten. Ist der vielleicht der drinnen im Dorf auf dem Dachfirste? Jakob war schon sehr müde, sitzlings kehrte er auf seinem Pferde heimwärts. Im Vorbeireiten riß er sich ein Birkenblatt vom Baume, legte es zwischen die Lippen, und nun merkte man erst, wie vielerlei Weisen, lustige und traurige, Jakob im Kopfe hatte. Der Ton, den er durch das »Blätteln« hervorbrachte, glich dem eines schrillen Instrumentes, nur entfernt mit einem hochgezwängten Klarinettenton zu vergleichen, dabei war er aber der leisesten und zartesten Biegungen fähig. Besonders künstlich war, wie Jakob den Klang des Posthorns mit seinem eigentümlichen Zittern nachahmte. Seitdem Jakob in das Dorf gekommen, war dies zum erstenmal, daß er etwas von seinem Melodienschatze preisgab. Im Innern war es ihm aber gar nicht »singrig« zu Mut. Er machte sich grausame Vorwürfe über sein gestriges Benehmen, er ist weiter gegangen, als er wollte; er hat ein fremdes Leben an sich geschlossen, und doch ist ihm sein eigenes zur Last. Er sieht Qual und Kummer von neuem über sich kommen. Er gedenkt einer Vergangenheit – das Blatt entfällt seinem Munde, er fängt es noch glücklich mit der Hand auf und blättelt weiter. Er kam sich jetzt doppelt verächtlich vor, da er so hilflos und verlassen ein so herrliches Mädchen mit Gewalt von sich stoßen mußte. Und doch muß es so sein – das war der Schluß seiner Ueberlegungen. Als er heimkam, bemerkte er, daß er das »Zielscheit« verloren hatte. Er rannte nun nochmals den Weg hin und zurück, für den er vorhin zum einmaligen Gehen zu müde war; aber vergebens, er fand das Verlorene nicht wieder. Alles, was er heute unternahm, ging ihm »hinterfür«, und selbst die Tiere waren wie verhext. Er trat den Braunen mit den Füßen, weil er sich nicht alsbald schirrgerecht an die Deichsel gestellt hatte; heute zum erstenmal wurde er von Konrad tüchtig ausgezankt, Jakob ließ sich's aber nicht gefallen, sondern erwiderte scharf und bestimmt: der Adlerwirt könne ihn ja auf Michaeli fortschicken, oder morgen oder gleich heut, es sei ihm alles eins. Konrad schwieg, denn so arg hatte er's nicht gemeint. So sind aber die Menschen; sowohl die, welche man Herren heißt, als auch die, welche wirkliche Knechte genannt werden. Wenn ihnen etwas quer gegangen ist und sie in Verstimmung bringt, da zerren und reißen sie an allen Banden, die sie mit andern verknüpfen; sie wollen noch unglücklicher, sie wollen losgetrennt und allein sein, damit niemand die Befugnis habe, sie ins klare zu bringen, weil sie nur im unklaren zu ihrer Verstimmung berechtigt sind. Jakob wäre es noch besonders lieb gewesen, wenn ihn sein Herr beim Worte genommen hätte; er selber wollte nichts dazu thun, aber eine fremde Gewalt sollte ihn fortdrängen aus allen seinen jetzigen Verhältnissen, aus all dem Wirrwarr, den er hereinbrechen sah. Jakob war sehr unglücklich. Ein Schauer überkam ihn voll süßer Wehmut, wenn er an Magdalene dachte; sie konnte ihm sein Leben wieder aufhellen, und doch war auch sie gebrandmarkt, vor den Augen der Welt wenigstens. Sie waren beide arm – was sollte daraus werden? Er überlegte nun, daß er eigentlich noch gar keine Verpflichtung gegen Magdalene habe, alles war noch zu trennen; um dieses vollends zu bewirken, wollte er ihr berichten, wer er sei. Mit diesem Vorsatze ging er den andern Abend zu Magdalene in die Scheune, wo sie kurz Futter schnitt. Sie setzten sich auf einen Kleebündel, und Jakob erzählte: »Ich hab' kein' Jugend gehabt, ich kann dir nichts davon erzählen. Not und Elend macht vor der Zeit alt. Ich bin ein vaterloses Kind. Weißt du, was man da auszustehen hat? Von den Alten und von den Jungen? Der Schullehrer hat einen seinesgleichen aus mir machen wollen, ich will aber nicht. Eine Viertelstunde von meinem Ort, da ist die Post, da war ich immer und hab' geholfen. Ich hab' zu essen bekommen, und die Reisenden haben mir auch oft was geben; ich hab' aber nie einen angesprochen. Ich närrischer Bub hab' gemeint, es kommt einmal ein König mit einer goldnen Kron' auf, und der nimmt mich mit und macht mich glücklich. Ich hab' allerlei dumme Geschichten im Kopfe gehabt und hab' auch gemeint, der müss' kommen, von dem mein' Mutter nicht gern spricht, und hab' allen Menschen in die Augen gesehen. – Fort, es ist jetzt alles vorbei . . . Wie ich vierzehn Jahr alt war, hab' ich das Postkärrele bekommen, und was meinst, wie wohl mir's war, wie ich den gelben Rock hab' anziehen dürfen und den Glanzhut aufsetzen? Das war die glücklichste Zeit, die ich in meinem Leben gehabt hab'. Hurra! Wie bin ich dahin gefahren auf meinem zweirädrigen Kärrele, ich war allein und hab' selber kutschiert, jetzt war ich König. Mein Herr hat mich einmal geschlagen, weil der Gaul gefallen ist und hat sich beide Vorderfüß' aufgeschürft. Am nächsten Ziel bin ich fort und bin Kutscher in der Stadt geworden. Nach zwei Jahren hin ich fort. Warum? Das gehört nicht daher. Ich bin nun Postillon in R. geworden. Jetzt war mir's erst wieder wohl. Mein Posthörnle, das war mein' Freud'. Ich hab' manches Trinkgeld über die Taxe von den Reisenden bekommen, weil's ihnen gar wohl gefallen hat. Wenn ich nachts durch den Wald heimgeritten bin, da war mir's, wie wenn die Bäum' sagen thäten: fang jetzt einmal an, spiel einmal eins auf, wir warten schon lang. Und da hab' ich viel besser geblasen, als ich's eigentlich kann, und die Bäum' haben sich selber vor Freude geschüttelt im Mondlicht, und der Wald hat selber zu blasen angefangen, und ich hab' nicht mehr aufhören können, und eins hat das andre nicht ruhen lassen, und es war mir, wie wenn ich mein Lebenlang, hundert Jahr so fortreiten sollt', und mein' Gäul' sind so still und fromm dahin gangen, und ich selber war fromm und lustig, und alles war prächtig.« Jakob hielt eine Weile inne, biß scharf auf die Lippen, dann fuhr er fort: »Ich bin jetzt nur noch der halb' Kerle, der ich war. Ich darf's jetzt schon sagen, ich bin's ja nicht mehr, ich war ein ganzer Bursch. Die ganze Welt hat mich lieb gehabt, und ich hab' sie wieder lieb gehabt; ich hab' nicht gewußt, was Kummer ist, und alles hat mir freundlich gelacht, wenn ich's angesehen hab'. Es ist vorbei . . . Mein Unglück hat in dem Haus schräg gegenüber von der Post gewohnt, und das war die Frau von dem Kupferschmied, und die allein hat nicht gelacht und hat die Augen niedergeschlagen, wenn sie mich gesehen hat. Was ist da viel zu sagen? Wir haben einander gern bekommen. Jetzt war ich im Fegfeuer, und ich hab' Tag und Nacht kein' Ruh' mehr gehabt. Guck, wenn unser Herrgott einen mit der siebenten Höll' strafen will, da soll er ihn nur in eine Ehefrau verliebt machen. Ist man brav, da möcht' man verbrennen, ist man nicht brav, da hat einen der Teufel und sein' Großmutter am Bändel und läßt einen nicht ruhen und nicht rasten und gönnt einem kein' fröhliche Minut. Wenn ein Bursch eine Ehefrau gern hat, sollt' er sich nur gleich einen Stein um den Hals hängen und sich ins Wasser schmeißen, wo's am tiefsten ist. Oder ein guter Freund sollt's ihm thun, wenn er selber nicht will. Es gibt kein andres Rettungsmittel. Die Kupferschmiedin war siebzehn Jahr alt, wie sie geheiratet hat. Sie hat damals noch nicht gewußt, was das zu bedeuten hat; sie hat's zu spät erfahren. Der Kupferschmied war ein schlechter Gesell und hat sein' Freud' dran gehabt, sie zu peinigen. Er ist fast den ganzen Tag bei uns in der Wirtsstub' gesessen und hat da gelumpt. Einmal hör' ich, wie er zum Doktor sagt: ›Doktor, könnet Ihr mir nicht helfen? Mein' Frau liegt mir nicht recht und steht mir nicht recht.‹ – ›Warum – wo fehlt's?‹ fragt der Doktor und der Schmied sagt: ›Sie sollt' halt auf dem Kirchhof liegen und im Kirchbuch stehen.‹ Alles hat gelacht, ich wär' gern hin und hätt' ihm den Kragen 'rumgedreht. Er muß mir so was angesehen haben und nimmt einen harten Thaler aus der Tasch', wirft ihn auf den Tisch und sagt: ›Jakob, den kriegst du zum Trinkgeld, wenn du mir mein Weib abnimmst.‹ Ich hab' Angst vor mir selber bekommen, ich hab' nichts sagen können und bin 'naus in den Stall und hab' mir gewünscht, wenn ich nur ein Gaul wär' oder gestorben. Ich hab' mir heilig vorgenommen, gar nicht mehr nach der Kupferschmiedin umzuschauen; aber es ist nicht gangen. Am Sonntag drauf kommt gegen Abend eine Extrapost, ich spann' an und fahr' mit fort. Es waren zwei prächtige Leutle drin, ein junges Ehepaar, und die haben sich so gern gehabt, und sie hat immer gewollt, er soll rauchen, und er hat gesagt, es sei ihm so feierlich zu Mut, er könne jetzt nicht; und da haben sie die Handschuh' auszogen und haben sich die Hand geben, und er hat ihre Hand an den Backen gehalten, und sie sind still gewesen. – Ich hab' schon seit vielen Tagen nichts weiter als das Signal geblasen, und jetzt war mir's, wie wenn mir einer das Posthorn an den Mund legt', und ich hab' aufgespielt, daß es eine Art gehabt hat, und wie ich absetz', haben die beiden Eheleut' in die Händ' klatscht und haben sich nachher küßt. Wie wir den Berg oben sind und die Sonn' ist drüben so schön untergangen, da sagt' er wieder: ich soll noch ein Stückle blasen, und ich hab's gethan, und hab' nicht mehr aufgehört, bis wir auf der Station waren, und da hab' ich einen harten Kronenthaler Trinkgeld bekommen. Ich füttre nun und mach' mich auf den Heimweg, die beiden Leutle grüßen noch zum Fenster heraus, und sie ist noch schöner ohne Hut. Ich bin fast immer die Steig hinauf neben meinen Gaul' gangen, aber heut waren mir die Stiefel wie Zentnerstein an den Füßen. Es war mir, wie wenn ich im tiefen Wasser ging'; ich hab' mich nicht regen können. Mein Sattelgaul guckt mich verwundert an, wie ich jetzt schon aufsteig'. In Steinsfeld ist Kirchweih. Ich bind' meine Gäul' am Haus an und geh' auch 'nauf zum Tanz. Der Kupferschmied ist auch da und thut wie ein lediger Bursch; ich hab' mich nicht viel bekümmert und hab' mich in eine andre Stub' gesetzt. Heut zum erstenmal hab' ich's gespürt, daß ich viel geblasen habe, ein Schoppen langt nicht; ich trink' mehr, ich hab' ja auch mehr als dreifaches Trinkgeld. Jetzt hin ich grausam traurig geworden. Da sind die Burschen alle, und jeder hat seinen Schatz, und jeder darf ihn zeigen, und ich – ich hätt' mir gern ins Gesicht geschlagen. Ich hab' mein Schicksal verflucht und hab' mir vorgenommen, die Sach' zu ändern, und wenn ich meinen Dienst aufgeben muß. Es ist schon gegen Zwölfe, wie ich heimreit', und die Bäum' am Weg haben getanzt, und die Stern' haben mich wie zum Spott anblinzelt, und ich hab' an die beiden Eheleut' dacht und an daheim und an alles, und der Kopf hat mir geturmelt, und mein Horn hat auch den Teufel im Leib und will nimmer. Wie ich in den Wald komm', da geht der Kupferschmied am Weg; ich nehm' mein' Peitsch und thu' ein Fitzerle nach ihm, nur zum Spaß, er aber schimpft, was er vermag, und geht auf mich los. Ich 'runter, ihn tüchtig durchklopfen und in den Graben schmeißen: das war alles eins. »Mein' Gäul', die sonst ruhig stehen bleiben wie die Lämmer, waren davon gegangen, ich muß ihnen schnell nach und hol' sie richtig ein, dort, wo's wieder den ›Stich‹ hinaufgeht. Tags darauf hör' ich, daß der Kupferschmied krank im Bett liegt, er sei auf einen Stein gefallen und sei die ganze Nacht mit den Füßen im Wasser gelegen. Jetzt ist mir's doch bang worden, und ich hab' dacht, das wär' nun die best' Zeit, um auf und davon zu gehen; aber der Teufel hat mich am Narrenseil gehabt und hat mir allerlei vorgemacht. Der Schmied hat scheint's die Sach' von Anfang nicht bekennen wollen. Samstag morgens hat mich der Schütz und ein Landjäger aus dem Bett geholt und sie haben mich auf den Turm gesperrt. Ich sag' nichts davon, wie mir's da gewesen ist. Der Thorwart hat mir gesagt, der Schmied läg' am Sterben. Wie ich nun so jeden Tag gehört hab', wie's geht, einmal schlimmer, einmal besser – du kannst dir nicht vorstellen, wie mir's da ums Herz war. Im Gefängnis hab' ich geweint, wie ein Kind, vor dem Richter war ich stolz und hab' alles geleugnet. Er war gar scharf. Ich hab' in der Nacht kein Aug' zuthun können, und wenn ich ja hab' schlafen wollen, da bin ich wieder aufgewacht; um zwei Uhr da kommt: der Postwagen grad' durch das Thor, wo ich drauf sitz', den hab' ich geführt, und jetzt war mir's allemal, wie wenn mir der Wagen über den Leib wegging', so hat mich's geschnitten, und der weiße Spitzhund hinten auf dem Packkasten hat bellt und hat mich ausgelacht. Nach vier Wochen ist der Schmied gestorben, wie sie sagen, an der schleichenden Hirnentzündung. Jetzt hätt' ich's gern eingestanden, ich kann aber nicht mehr, ich bin sonst verloren, und der Richter war fuchsteufelswild. Jetzt kommt das Aergste –« sagte Jakob und ballte beide Fäuste – »Ich hab' Prügel bekommen. Was ich da dacht hab', wie ich dagelegen bin und die ganze Welt hat auf mich losgeschlagen – unser Herrgott wird mir's verzeihen, aber die Welt, wenn ich hätt' anzünden können, ich hätt's than, und wenn sie mir das Paradies schenken, ich kann nicht mehr froh sein, so lang ich unter Menschen bin.« Jakob war still, sein Atem ging rasch; Magdalene strich ihm mit der Hand über die Stirn, und er fuhr fort: »Ich hab' alles eingestanden, mehr, als ich than hab', ich hab' wollen köpft sein; nur fort, nur schnell. Kurzum, weil ich trunken gehabt hab' und auch sonst noch, ich weiß nicht warum, hab' ich nur fünf Jahr' Zuchthaus kriegt. Ich bin da Jahre lang allein gesessen. Was meinst, was einem da in Kopf kommt, wenn man keinen Menschen sieht und hört und spricht? Ich muß einen festen Hirnkasten haben, daß er nicht versprungen ist. »Siehst du, so bin ich. Ich hab' einen Menschen aus dem Leben geschafft, hab' kein' Freud' mehr an der Welt, hab' niemand mehr gern, mag nicht mehr. Ich bitt' dich,« fuhr er fort, die Hand Magdalenens fassend, »ich bitt' dich, laß du mich auch; wer mich anrührt, hat Unglück.« Magdalene saß lange still, endlich fragte sie: »Wie geht's denn der Schmiedin? weißt nichts?« »Freilich. Sie hat schon lang wieder geheiratet, den Bachmüller; sie war eine Scheinheilige, ich hab' böse Sachen erfahren.« ».Es ist dir doch recht schlecht gangen,« begann Magdalene wieder, »aber du bist doch gut, und es wird dir gewiß auch noch gut gehn.« Sie konnte vor Weinen nicht weiter reden. Plötzlich stand Jakob straff auf. Es war ihm zu Mute, als ob er eine große Last abgelegt hätte; er fühlte sich so leicht und frei. »Und wenn mir's gut geht, so mußt du auch dabei sein,« sagte er mit einer ganz andern Stimme als bisher. Er hob Magdalene in seinen Armen empor und trug sie wie ein Kind umher; endlich gab er ihren Bitten nach und ließ sie herunter. Als sie auf dem Boden stand, sagte sie: »Nein, ich möcht' dich auf den Händen tragen, damit du alles vergissest; gib nur acht, es wird schon.« Jetzt erst waren die beiden selig. Von nun an scheute sich auch Jakob nicht mehr, vor aller Augen mit Magdalene zu sprechen und sie zu besuchen. Besonders oft standen sie hinter dem Hause beim Backofen. Das Verhältnis der beiden Sträflinge reizte aber die Spottlust im Dorfe. Als sie eines Abends so beisammen standen, hörten sie die Burschen nicht weit davon singen: Und des Hudelmanns Tochter Und des Bettelbuben Jung', Sie tanzen miteinander Im Holdergäßle 'rum. Der Sudelmann steht daneben Und lacht überlaut: Der Herr sei gelobet, Meine Tochter ist Braut. Das erste Gefühl Jakobs, als er diesen Sang hörte, war nicht Zorn, sondern Trauer über die Menschen; so sehr hatte er sich geändert. Nach wenigen Tagen hatte auch die Spottlust ihr Genüge, und man ließ die beiden Liebenden ungekränkt. Jakob hätte nun gern etwas Großes, etwas Gewaltiges gethan, um seine Wiedergeburt, seine Rechtschaffenheit zu bethätigen und das Glück zu erringen. Aber wo war ein Raum für ihn? Er arbeitete für zwei Mann, aber was nützte das? Er konnte jahrelang arbeiten, pünktlich und gewissenhaft sein; ein einziger Fehler zerstörte wieder alles, frischte das Brandmal wieder auf, das durch eine einzige That seinem Leben aufgedrückt und nie zu tilgen war, weder aus seinem Gedächtnisse, noch aus dem der Menschen. Er stand wieder einmal oben auf dem Berge und sah den abgeknickten Ast an der Eiche, der jetzt verdorrt war. Im Innern Jakobs sprach es: »Wie viel Jahre braucht so ein Ast, um zu wachsen, und ein einziger Sturmwind, ein einziger Axthieb knackt ihn in einem Augenblick ab . . . Was thut's? Wenn nur der Stamm gesund bleibt, der Saft strömt der Krone zu.« Eine unwandelbare Zuversicht lebte in Jakob. Er trauerte wohl noch oft, es waren die Nachschauer eines langen Gewitters. Die Sonne stand schon hoch und hell am Himmel. Einen Schmerz aber konnte Jakob nicht verwinden, ohne ihn Magdalene mitzuteilen. Er fragte sie nach ihrem Vater, sie wußte nichts von ihm. »Guck,« sagte er dann, »es ist jetzt kein' Red' mehr davon, daß wir voneinander lassen; aber tief thut mir's weh, daß wir so allein stehen, gar keine Familie haben. Ich hab' mir früher als dacht, wenn ich einmal heirat', da möcht' ich in eine große Familie hinein. So ein alter Schwiegervater und eine dicke Schwiegermutter, und recht viel Schwäger und Schwägerinnen, und Vaters Brüder und Schwestern, und so alles, das muß prächtig sein. Und wenn's auch arme Leut' sind, die einem nicht aufhelfen können, und einem auf dem Hals liegen, man hat doch recht viel' Menschen, die einem angehören und einem doch beistehen können in allen Sachen. So ohne Familie ist man wie ein Baum auf einem Berg, der steht allein und verlassen; wenn ein Wind kommt, packt er ihn von allen Seiten und läßt ihm lang keine Ruh. In einer Familie aber ist man wie in einem Wald; kommt auch ein Sturm, so hält man's miteinander aus, und man hält zusammen. Was meinst du dazu? Hab' ich recht?« »Freilich,« seufzte Magdalene, »aber alle Menschen sind ja verwandt miteinander, wenn man's auch nicht so heißt, und . . . und . . . ich weiß nicht, wie ich's sagen soll: die rechte Lieb' ist doch, die man zu Leut' hat, die nicht verwandt heißen; das ist viel mehr. Und glaub' mir, ich hab' mein Lebtag die Gutthaten der Menschen genossen; es gibt viele, die mich alle gern haben, mehr als Verwandte; denk nur an den Schullehrer und an den Doktor Heister und an alle, die so sind, und das ist unser' Familie, und die ist groß.« Eine Nacht im Freien. Es geht ein tiefes Wehe durch das Herz der Menschheit, daß es erzittert in namenlosen Schauern. Es ist kein Mensch auf Erden, der das Heiligtum seines Wesens rein und frei und ganz hinwegtrüge über diese kurze Spanne Zeit. Abfall und Schmerz ist sein Los, und aus ihnen steigt er aus, ringt nach Wiedervereinigung, nach seligem Leben. Das Menschentum wird aus Schmerzen geboren. Muß das sein? Sollen wir nicht aus den lichten Höhen der Freude und des Einklangs eingehen in die Ewigkeit, als ganze, volle, reine Menschen? Die Flammen der Liebe und der Begeisterung! Sie haben Genien gezeugt und Ungeheuer. Wir alle, die wir hier sind und waren, wir sind schon hinabgestiegen zur Hölle in der Tiefe unsrer Brust, und wohl uns, wenn wir wieder erstanden sind zum freien, heitern Licht; aber mitten im Anschauen des Lichts hüpfen noch oft schwarze, nächtige Schlangen vor unserm Auge – wir können nicht fassen das volle Licht. Da sitzt ein einfältiger Knecht, und auf ihn hat sich die ganze Schwere des Menschentums gelagert. Der Himmelsbogen spannt sich so glänzend über die weite, reiche Erde, ihr Saft nährt von Geschlecht zu Geschlecht, und da und dort in allen Winkeln sitzen die Menschen und trauern, und ihre Brust hebt ungestillte Sehnsucht. Sehen wir, wie es Jakob ergeht. Er sitzt auf dem Stein vor dem Stalle. Er, der sonst so Ruhelose, kann jetzt oft stundenlang hinsitzen und nichts thun und nichts reden; aber es ist nicht mehr die alte Schwermut, die träg und eintönig seine Seele erfüllte: alles hüpft in ihm vor Freude, und er sitzt still, wie magnetisch festgebannt, und läßt es in sich walten wie eine stille Musik. Er ist glücklich. Er hat sich selber wieder, indem er ein andres Herz gefunden, er lebt in sich vergnügt, denn er lebt für ein andres. Es ist Samstag abend. Der Sommer ist heiß, das ist ein Jahr, in dem die Schlehen reif werden. Auf dem ganzen Dorfe liegt's wie der heiße Atem eines Ermüdeten. Die Sonne stieg purpurn hinab und schaute noch einmal in die glühroten Angesichter der Menschen; es war, als ob auch sie, müde nach sechs Tagewerken, sich des kommenden Tages freue, da sie allein draußen über Feld und Wald stehen und keine undankbaren Klagen von Menschenstimmen hören solle. Durch die Gassen jauchzen und jubeln die Kinder und sind unbändig. Wenn die Sonne hinabsinkt, verspürt das junge Erdenkind eine wundersame Erregung, als ob es mitfühlte den Schauer, der über die Erde zittert, wenn sie den letzten Sonnenstrahl in sich saugt. Männer und Frauen sitzen vor den Thüren und lassen die arbeitsschweren Hände rasten; um so behender aber regen sich die Zungen zu allerlei Gerede, gutem und bösem. Aus den Ställen vernimmt man abgerissenes Brummen der Tiere, das ist ihr Abendgespräch. Neben Jakob streckt der Rappe den Kopf zum Stallfenster heraus, horcht still hinein in die Nacht und bläst die Nüstern weit auf. Aus dem obern Dorfe herab hört man das Singen der Burschen. Sie gehen noch gemeinsam und lassen noch gemeinsame Worte erschallen, aber bald zerstreuen sie sich, denn es ist heute Samstag abend, und an manches Fensterlein wird geklopft, und da findet schon jedes die Worte, die ihm allein taugen. Still und immer stiller wird es aus den Gassen, die Menschen sind schlafen gegangen. Droben wölbt sich der sternglitzernde Himmel, und still fließt das Mondlicht von der Blechkuppel des Kirchturmes. Drunten aber sitzt ein Mensch, und sein Herz pocht einsam, und um ihn wehen Gedanken, die nicht die seinen, sie kommen von fern und weben um ihn, wie der Mond in sein Antlitz strahlt, still erglänzt auf Stirn und Wangen und wieder abgleitet. Droben funkeln die Sterne, frei hinausgestellt von Gottes Hand, und sie wandeln unhörbar ihre gemessene Bahn. Millionen Augen, längst geschlossen, schauten hier hinauf; Millionen werden aufschauen, und keines dringt in den Grund. Die Erde lebt, die Sterne leben, ihre Worte sind glitzernde Strahlen, Lichtboten rauschen durch die Welten. Willst du sie fassen, du lallendes Kind an der Mutterbrust? Willst du verstehen den Blick des Vaters und seine strahlenumwundenen Gedanken? – Laß ab, o Erdenkind, dein Zagen und Bangen; über eine Weile öffnet dir der Tod die Pforten des Wunders. Jakob seufzt tief auf, er geht in den Stall, gibt den Pferden über Nacht, und jetzt steht er an die Thürpfoste gelehnt, er findet keine Ruhe. Leichtbeschwingter Geist! Flieg auf und wiege dich frei über Berg und Thal, über Wald und Bach, schwimme hin in die Wellen des Mondlichts und schau in die Wipfel der Bäume, wo die Vögel wohlig ruhen, und in den Spiegel des Sees, drin die Sterne sich beschauen. Sei selig und frei. O! wie schwer haftet die Sohle am Boden! Mitternacht ist nahe, Jakob geht durch das Dorf; wohin – er weiß es selber nicht, nur soviel ist gewiß, daß er sich nach nichts sehnt; er ist nicht mehr er selber, er ist wie aufgelöst in das All. Der Mond zieht allewege mit, immer voller, immer tiefer. Wie lautlos ringsum, wie eine Pause in dem endlosen Rauschen der Weltakkorde, drin das Herz aufatmet und sich sammelt. Träume steigen unhörbar aus und ein über den Hütten. Dort stöhnt eine Brust von Qual, und dort lächelt ein Antlitz von Wonne. Bald stöhnt deine Brust, bald lächelt dein Antlitz nicht mehr – es kommt der ewige Schlaf. Jakob ging immer weiter und weiter. Er schaute sich nicht um, er gedachte der Nächte, die er im Kerker verbracht, in denen er eingesargt, abgestorben war in der großen weiten Welt; er streckte die Arme weit aus, als wollte er tasten, ob nirgend eine Wand wäre; er wandelte jetzt frei umher, und doch zog es ihn fast willenlos fort. Als fühle er's, daß er jetzt am letzten Hause sei, schaute er auf. Oben zur Dachkammer in des Hennenfangerles Haus grinste ein teuflisches Angesicht in die Nacht hinein. War das nicht Frieder? Jakob eilte, wie von Dämonen gegeißelt, weiter. Dort an dem Weiher steht die einsame Pappel, ihr Stamm ist gebeugt, als wollte sie sich niederlegen zur Erde. Welch seltsame Zeichen dort im Schatten? Wird ein Geist heraustreten und alle Lohe des Herzens löschen oder hellauf lodern machen? Wo seid ihr, wundersame Gestalten, die ihr den nächtlichen Reigen tanzet? Weiter schreitet Jakob durch die Wiesen ins Feld. Der Sturm hat das Korn niedergetreten, und es dorrt demütig geduldig, bis der Herr der Erde, der Mensch, die Sichel anlegt und es einheimst. Ein rötlicher Schimmer liegt auf den Kornhalmen, gleich als funkelten die eingesogenen Sonnenstrahlen fort und fort. Wie nächtig ragen die Bäume hinein in den blaugeschliffenen, glitzernden Krystall des Himmels. Die Wolken, vom Monde durchströmt, ruhen angeglüht zwischen Sonnenaufgang und Niedergang. Wo ist die Nacht? . . . Dort im dunkeln Walde, dort hat sie sich niedergesenkt und ruht. Wie schlüpfen die Mondstrahlen durch das Gezweige und ruhen auf den Blättern und gleiten hinab auf den Boden und schlummern auf weichem Moose. Tief unten aber gräbt der Baum seine Wurzeln hinab und saugt den Saft und schickt ihn hinauf in die Blätter, drauf die Strahlen ruhen, daß sie miteinander kosen in lautloser Verschwiegenheit, was im Dunkeln geschlummert und was im Lichte herniederstieg; und jedes Blatt ist ein Hochzeitsbette. Jakob legte sich unter die Buche an der Halde. Er will die Augen schließen, und es ist ihm, als läge er tief unten im Meeresgrunde, und über ihm rauschten die Wellen und schwämmen Geschöpfe ohne Zahl. Welch ein Klingen in den Lüften, Himmel und Erde liegen in stiller Umarmung; welch flüsternde Lebensstille im Aether. – Eine Blume verwelkt, eine andre springt auf, ein Mensch ist geboren, ein Mensch ist vergangen. Jakob richtet sich auf, rückt rasch seine Mütze zurecht: er gedenkt, den Kopf wieder auf die Hand niedergesenkt, wie einsam er ist. Er will fort; was zögert er? Die Augen gehen auf und zu, die Arme heben sich und sinken nieder . . . . Am Fenster Magdalenens pocht es leise. »Wer ist da?« »St. Jakob.« »Um Gottes willen, was willst du?« Er antwortete nicht und stieg durch das geöffnete Fenster, er hatte die Mütze tief in die Stirn gedrückt; er gab Magdalene keinen Kuß und schlich leise durch die Kammer die Treppe hinab. Nach geraumer Weile kam er wieder und verließ lautlos die Kammer auf dem Wege. wo er gekommen war. Magdalene schaute hinaus in die Nacht. Ein Wimmern und Wehklagen zog durch die Luft, und nach einer Weile schlich eine schwarze Katze oder ein Marder über die Dachfirste am Hause gegenüber . . . . Die Lerche hatte schon längst den ersten Sonnenstrahl gegrüßt und sich ihm entgegengeschwungen, die Vögel jubilierten schon lange in den Zweigen, die Käfer summten, die Bienen und Schmetterlinge flogen umher – endlich erwachte Jakob. Er rieb sich verwundert die Augen, er konnte sich nicht entsinnen, wo er war, wie er daher gekommen. Nach und nach wurde es ihm klar, und sein Auge glänze so hell wie die Tautropfen auf Blatt und Halm. Jeder Nerv in ihm spannte sich in Frohmut, etwas von der allbelebenden, geheimnisvollen Kraft der Mutter Erde durchströmte ihn. Er war wie neugeboren und sprang mutig hinein in den jungen Tag. Wenn man nach einer solchen Nacht und einem solchen Morgen nur etwas Außerordentliches vollbringen könnte, eine That für die Ewigkeit. Wie klein und zerstückelt ist da all das gewöhnliche Thun und Treiben! Jakob eilte mit Herzklopfen nach Hause, er wußte nicht, welche Stunde am Tag es war. Erst als er sich dem Dorfe näherte und die Ziffer an der Turmuhr erkennen konnte, ging er langsam, still und fromm. Am ersten Hause des Dorfes schreckte er zusammen. »Guten Morgen, Jakob, woher schon so früh?« rief eine gellende Stimme, es war die des Hennenfangerle, das zum Fenster herausschaute. Jakob antwortete nicht und ging rasch. Die Hexe hatte ihn zuerst gegrüßt, das gab einen bösen Tag. Zu Hause traf Jakob große Verwirrung. Ein Fuhrmann wartete schon seit einer Stunde auf Vorspann; der Adlerwirt, aus seinem Schlafe gestört, schalt mit allem Nachdrucke. Der Rappe hatte sich über Nacht im Stalle losgerissen und hatte den Braunen geschlagen, neben dem er sonst friedlich an der Deichsel ging, hatte den Futterkasten zertrümmert und allerlei Untereinander angerichtet. Das war ein schöner Morgen nach einer solchen Nacht. Eben als Jakob vorspannen wollte, kamen der Schultheiß und der Schütz und verhafteten ihn. Dem Bäck wären heut nacht achtzig Gulden aus dem Eckschrank gestohlen worden. Der Nachtwächter hatte jemand zu Magdalene hineinsteigen sehen, das Bett Jakobs war unberührt – er war der Dieb. Anfangs lachte Jakob aus vollem Halse. Man hatte ihn noch nie lachen gehört, und das klang jetzt wie der teuflischste Spott. Bald aber lachte er nicht mehr, sondern schlug mit Riesenkraft um sich, als man ihn packen wollte; er hatte die Kraft eines Rasenden. Er faßte den Schütz und den herbeigekommenen Kilian am Halstuch und würgte sie, daß sie kirschbraun aussahen; er hätte sie erdrosselt, wenn nicht neue Hilfe gekommen wäre. Nur mit Mühe gelang es fünf Mann, ihn niederzuwerfen und zu binden. Jetzt war er im Stall eingesperrt und gebunden. Magdalene wußte nichts von alledem. Sie war betrübt aufgestanden und wollte eben die Hühner herauslassen; keines kam hervor, der Marder hatte sie allesamt erwürgt. Sie konnte nicht ins Haus eilen und die Unglücksbotschaft verkünden, denn auch zu ihr kamen der Schultheiß und der Schütz und verhafteten sie. Sie folgte still der Weisung. Das ganze Dorf war in Alarm, alles schimpfte und fluchte über das fremde Gesindel, das nur ein Ableger einer großen Bande sein sollte; wo etwas fehlte, sollten es die beiden entwendet haben. Jakob und Magdalene wurden von den herbeigeholten Landjägern zur Stadt geführt. Sie waren zehn Schritte voneinander getrennt. Jedes hatte seinen besondern Begleiter. Drinnen im Dorfe läuteten die Glocken zum erstenmal zur Kirche, sie klangen so hell, als ginge es zum Traualtare – das sind böse Brautführer zur Seite. Der rechte Mann. Magdalene war bald wieder aus dem Gefängnisse entlassen worden; sie konnte weder für, noch gegen Jakob zeugen, sie hatte den Eingestiegenen nicht erkannt; ihre eigene Schuldlosigkeit aber war offenbar. Wie traurig kehrte sie in das Dorf zurück. Der Bäck wollte sie nur noch bis zum »Ziele« behalten, der Pfarrer machte ihr herbe Vorwürfe und sagte: er müsse die Sache an den Verein berichten, dessen Stelle er hier vertrete. Arm und verlassen war Magdalene, und doch fand sie einen Trost darin, Jakob ihr Sparkassenbüchlein gegeben zu haben; man mußte das bei ihm gefunden haben, und sie glaubte, er würde eher frei, wenn er das Entwendete damit zurückerstatte. Sie sagte das dem Bäck und bat ihn, ein gutes Wort einzulegen, der aber bedeutete sie: »Die Sache hat ihren Lauf, da ist nichts mehr zu machen. Du bist jedenfalls um dein Geld, das fressen die Prozeßkosten. Geschieht dir recht.« Eine Hoffnung erhob Magdalenen wieder. Bärbele, die Adlerwirtin, versprach ihr, sie in Dienst zu nehmen. Nun hatte sie doch wieder einen »Unterschlupf« für den Winter, aber sie mußte im Dorf bleiben, und wie gern wäre sie fort. Die ihr euer Leben lang behütet und umschirmt im Familienkreise aufgewachsen, denen eine liebende Hand alles versorgte und schmückte, vom ersten Kinderhemdchen an bis zur hochschwellenden, erwartungsreichen Aussteuer, die ihr nie allein und frierend draußen gestanden in der weiten Welt, und nirgend ein Herz, das bangend und verlangend nach euch ausschaut – ihr könnt es kaum ermessen, was sich in der Seele eines Mädchens aufthut, dem seit dem ersten Gedanken zugerufen ward: dein Schicksal ist in deine Hand gegeben, du gehörst und hast niemand, du bist allein; alle Liebe und allen Lebensunterhalt mußt du erobern, du kannst jede Minute ausgestoßen werden und bist fremd; kein unauflösliches Familienband umschlingt dich über alle Irrungen und Wechsel des Lebens hinweg. So ohne Anhang und ohne Abhängigkeit zu leben, ist wohl auch eine Freiheit, aber dem jugendlichen Herzen, zumal dem eines Mädchens, thut es wohl, zu gehorchen, einem fremden Willen die Verantwortlichkeit für die Lebenswendungen anheimzustellen. Darum hatte Magdalene sich von ihrem Vater ausbeuten lassen; darum gehorchte sie dann so freudig der Fürsorge Heisters und wollte sie Jakob dienen, seine Schwermut und seine Launen ertragen als eine demütige Magd; hatte sie doch einen lieben Menschen, der ihr und dem sie angehörte. Jetzt war sie wieder ganz allein. Sie wendete sich zum Vater aller Menschen, sie wollte mit aller Macht seine Hand fassen, er sollte sie führen, sie wollte ein Zeichen, einen bestimmten Befehl, was sie thun solle; sie hatte ja rechtschaffen gelebt. Sollte sie alle Gedanken von Jakob ablösen? Sie konnte nicht. Die sie so zerknirscht in der Kirche liegen sahen, hatten Mitleid mit ihrer Reumütigkeit; aber niemand half ihr, selbst der Pfarrer nicht, der ihr zürnte, weil sie ihre Unschuld beteuerte. Magdalene ging abgehärmt umher; sie hoffte, bald durch den Tod erlöst zu werden. Der Herbstwind spielte mit den abfallenden Blättern und ließ sie erst im Tode fühlen, wie frei es sich wiegt in den Lüften. Im Schicksal Jakobs war noch immer nichts entschieden, nur quälte ihn neben dem Untersuchungsrichter auch noch der Thorwart mit seiner zudringlichen Frömmigkeit. Der Gute! Wir kennen ihn noch von der Szene im Vorzimmer des Vereins. Er hatte mit Ruhe und einzig durch salbungsvolle Reden sein Ziel erreicht. Die sehr mächtige Partei der Frommen hatte ihm diesen Posten verschafft, und er wirkte in ihrem Geiste, predigte von Entsagung und einziger Hoffnung auf Jenseits und befand sich dabei recht wohl und reichlich genährt von seiner Besoldung hienieden. Jakob konnte um so leichter seinen Anmahnungen widerstehen, da er sich vollkommen schuldlos fühlte, und doch kam bisweilen auch über ihn das trübe Herbstgefühl von draußen. Er wollte Erquickung in den aufgedrängten Traktätchen suchen, aber diese Blätter waren gleichfalls herbstlich welk und priesen den Winter, den Tod aller Natur, als das einzig wahre Leben. Eines Mittags ging Magdalene vor das Dorf hinaus nach der Hanfbreche. Der Nebel hatte sich gesenkt und glitzerte auf Gras und Stoppeln, eine erfrischend feuchte Luft wehte; die wilden Buben hatten da und dort eine Lücke in den Zaun gerissen, um schneller einen vergessenen Apfel vom Baume zu werfen: von allen Seiten hörte man Schellengeläute der weidenden Kühe und Peitschenknallen der Hüter; oben an der Halde stand ein Knabe mit der Peitsche neben einem Feuer und sang lustig in die Welt hinein, von fernher hörte man das Knattern der Hanfbrechen; im Buchwäldle knallte ein Schuß, und angstvoll zwitschernd flog hier aus der Hecke ein Schwarm feiger Spatzen, die doch niemand eines Schusses wert erachtete. Bunt schwärmte es noch überall draußen, als müßte man sich tummeln, ehe der gestrenge Herr, der Winter, hier seine weiße Decke auflegt und niemand zu Gaste kommen darf, als seine Hauspfaffen, die Raben, die jetzt schon in großer Schar dort auf dem Kirschbaume sitzen, still über die Zukunft des Reiches Rat halten und den Krähen in ihrer Lakaienlivree und den leichtfertigen Spatzen ihre Gunst und das Gnadenbrot verheißen. Die klugen und sicheren Raben! Sie lassen sich nicht schrecken, sie wittern die Tragweite eurer Waffen, sie lassen euch nahe herankommen und weichen erst dann ruhig aus, und kaum habt ihr den Rücken gewendet, sind sie wieder da. Die klugen und edelsinnigen Raben! Sie stehlen, was blinkt und gleißt und das Menschenauge erfreut, und tragen es fort in ihre dunkeln Nester; nicht, daß sie sich selber dessen erfreuen, sondern nur, daß es die Menschen entbehren. Die klugen und freien Raben! Sie kennen nicht Vater- und nicht Muttergefühl. Das wäre nun so recht ein Tag zu stillen, endlosen Träumereien, Magdalene ist aber nicht dazu aufgelegt; sie dachte nur eine Weile darüber nach, warum man von Rabenvater und Rabenmutter spricht, und schritt dann rasch zur Hanfbreche. Beim Hanfbrechen hilft immer eine große Anzahl dem, der grade heute an der Reihe ist. Der Hanf wird über dem in den Rain gegrabenen Herd, die Darre, noch schnell gedörrt und dann zwischen der einfachen Walke auf scharfschneidigem Holze zu Werg verarbeitet. Je toller das Geklapper der vielen Brechen ist, um so mehr fühlt man sich ermutigt, seine Stimme laut zu erheben zu allerlei Gespräch. Da wird denn auch manches Verhältnis und mancher Charakter tüchtig zu Werg verarbeitet, daß die Häcksel davonfliegen. Magdalene hatte sich mit ihrer Hanfbreche an das äußerste Ende gestellt, und man ließ sie in Ruhe, sie war zu unglücklich für den Spott; auch war des Kilians Lenorle, für die man heute arbeitete, ihre Beschützerin. Bald aber wurde sie aus ihrer Ruhe herausgerissen. Es ist ein altes Herkommen der Hanfbrecherinnen, daß jeder, der des Weges daher kommt, ihnen ein Trinkgeld geben muß. Sie gehen dem Ankommenden entgegen, »fangen ihn im Hanf« und streuen ihm Häckerling vor die Füße, und wenn er nichts geben will, so wünschen sie ihm, daß er nie ruhig im Bett liegen könne, sondern immer Häckerlinge spüre; die andern kommen dann herbei und überstreuen ihn von allen Seiten mit Häckerling. Eben sah man einen Mann des Weges kommen, alles lachte, es war Frieder. Magdalene, die zuletzt gekommen war, mußte ihm »streuen«, wie man's nennt, sie wollte nicht; nur als das heftige Schelten aller ausbrach, verstand sie sich dazu. Sie ging Frieder weit entgegen, weiter als Sitte war, und sagte, mit niedergeschlagenen Augen den Häckerling wegwerfend: »Vater, gebt mir was, daß ich Ruh' hab'.« Frieder griff in die Tasche und gab ihr einen ganzen Sechsbätzner. Das war nun ein Hallo, als das Geld kam. Man ließ es auf einen Stein fallen, es klang wirklich echt; alsbald wurde ein Knabe fortgeschickt, um Wein zu holen. Frieder hatte sich wieder davongemacht, und Magdalene arbeitete still fort. War Frieder wirklich ihr Vater? Leider war er's. Jakob hatte recht, da er damals, als er Magdalene neben dem Kleebündel im Felde stehen sah, eine Aehnlichkeit zwischen ihr und Frieder bemerkte. Seitdem Frieder jene Löffel genommen und Magdalene mit ihm gerungen hatte, seitdem hatte sie kein Wort mit ihm gesprochen. Sie hatte ihn zum erstenmale wiedergesehen, als er damals mit Jakob ging; sie war im tiefsten erschrocken, und wie durch ein geheimes Einverständnis thaten nun die beiden, als ob sie sich nicht kennten. Einmal am Brunnen hatte er mit den andern Mädchen gescherzt und redete auch Magdalene an, sie aber antwortete nicht und ging davon. Um nun das Maß alles Unglücks voll zu machen, war jetzt auch Frieder wieder in das Dorf gekommen; Magdalene hatte mit ihm gesprochen, sie konnte sich ihm nicht mehr entziehen. Jetzt hatte sie wiederum jemand, der ihr für alle Zeiten angehörte. Magdalene war tief traurig. Als sie am Abend Reisig hackte hinter dem Hause, kam Frieder freundlich auf sie zu und sagte: »Guten Abend, Magdalene.« Sie stand wie festgebannt, das Küchenbeil ward ihr plötzlich so schwer, daß sie es nicht mehr aufheben konnte. Sie ließ Frieder reden, was er wollte; sie hörte ihn nicht und stierte ihn grausenhaft an. Regungslos stand sie da. Plötzlich fuhr es ihr wie eine wilde Ahnung durch die Seele; sie hob das Beil empor und stand wie ein Racheengel da und rief: »Gebt das Geld her! Ihr habt es dem Bäck gestohlen.« Sie riß mit der linken Hand dem Frieder die Mütze vom Kopfe; an dieser hatte sie ihn wieder erkannt, er hatte sie jenen Abend tief in die Stirne gedrückt. Furchtbar drohend stand sie da, und ihre Lippen bebten. Frieder grinste sie höhnisch an und sagte: »Probier's nur, hau zu, hack mir das Beil in den Kopf, da, mach schnell; du bist ja in erster Ehe zur Welt kommen, im Kirchenbuche bin ich ja doch dein Vater nicht.« Magdalene ließ die Arme sinken. Sie raffte schnell das kleingehackte Reisig zusammen und ging ins Haus. Frieder hob die weggeworfene Mütze auf, ballte sie wie fluchend in der Hand zusammen und ging gleichfalls davon. Neue Ueberraschung! Ist der innerste Wunsch Magdalenens Wirklichkeit geworden? Dort kommt der Doktor Heister mit dem Buchmaier das Dorf herab; an ihn hatte Magdalene just gedacht, er konnte all die Wirrnis lösen, und – jetzt floh sie vor seinem Anblick in das Haus und stand in der Küche und hatte keinen Atem, das Feuer anzublasen; die Thränen brannten in ihren Augen und wollten sich doch nicht lösen. Sie stand da und hielt sich die Stirn, alles war ihr wie ein Traum: daß sie mit ihrem Vater gesprochen, daß Heister da war. – Eins aber stand fest: Frieder hatte sie von neuem ins Unglück gebracht. Das erkannte sie mit innerster Zuversicht. Die Schnalle an der Mütze war ihr schon damals in der Nacht aufgefallen. Für sich selber durfte sie ein fremdes Verbrechen büßen, aber Jakob durfte sie nicht dulden lassen. Was aber anfangen? – Dort der Vater, hier der Geliebte. Kalter Schauer und fliegende Hitze machten sie erbeben. Sie blies so heftig in das Feuer, daß sie das wilde Löckchen versengte. Nach dem Abendessen machte sie sich eine Ausrede und ging in den Adler in die Küche. Sie mußte Gewißheit haben, ob Heister hier sei; sie traute sich nicht recht. Sie schaute durch das Schiebfensterchen in die Stube, und – neues Wunder! Sie sah den Regierungsrat, den freundlich stolzen Mann, der früher so oft bei Heisters gewesen war. Bärbele, die Adlerwirtin, bestätigte aber auch, daß Heister da sei und soeben Pfannkuchen bestellt habe. Magdalene freute sich, angeben zu können, daß er sie gern recht dünn und »rösch« gebacken esse; sie half schnell mit und rührte den Teig noch recht tüchtig durcheinander, damit das Gebäck auch »luck« sei, und sie ließ nicht nach, bis man noch zwei Eier dazu that. Als endlich aufgetragen wurde, sagte sie Bärbele, es solle »dem Herrn« berichten, daß sie da sei und notwendig mit ihm zu reden habe. Kaum hatte sie dies vorgebracht, wollte sie es widerrufen, es war aber zu spät; Bärbele stand bereits unter der offenen Thür, durch welche jetzt der Regierungsrat in die Küche kam und um ein Reisig bat, seine Pfeife auszuräumen, obgleich das eigens hierzu dienende Instrument, die sogenannte Amtspflege, drinnen in der Stube stand. Er stutzte, als er Magdalene sah, und sie am Kinn fassend, sagte er: »Du siehst ja recht übel aus. Nicht wahr, in der Stadt ist's doch besser?« Magdalene wollte vor Furcht und Scheu in den Boden sinken, aber Arbeit hilft aus allen Verlegenheiten. Sie nahm schnell der Magd die Gabel ab und wendete den Pfannkuchen in dem brodelnden Schmalze, indem sie dabei sagte: »Man muß sich an alles gewöhnen, Herr Oberamtsrichter.« Der Regierungsrat, dessen Beorderung noch nicht bis zu Magdalene bekannt geworden war, entfernte sich bald und sagte noch zum Abschiede: »Ich will dem Doktor Heister sagen, daß du da bist, ich will ihn herausschicken; oder willst du hereinkommen?« »Ach nein, nein.« Das machte sich nun allerdings gut, denn Bärbele hatte den Mut nicht, den Auftrag auszurichten; auch fand sie es unschicklich. Nun aber ward es Magdalene plötzlich höllenangst. Sie hatte sich so sehr darauf gefreut, den edlen Mann wiederzusehen, Trost und Hilfe bei ihm zu suchen, und jetzt ergriff sie namenlose Furcht. Sie eilte rasch aus der Küche fort, die Treppe hinab und nach Hause. Sie hätte allerdings auch vergebens gewartet; denn drinnen in dem Verschlägle – der Honoratiorenstube, die durch eine Bretterwand von der großen Wirtsstube getrennt war – sagte der Regierungsrat: »Ich habe soeben die lustige Magd gesehen, die vor einigen Jahren bei dir diente. Es ist jämmerlich, wie sie aussieht. Draußen in der Küche steht sie. Sie hat ihrem Herzallerliebsten, dem schmucken Postillon, zu einem Diebstahle verholfen. Es gibt allerlei Konnexionen in der Welt. Erinnerst du dich noch des Burschen? Der wollte, daß kein andrer Sträfling außer ihm ins Dorf komme, der traute den wilden Katzen nicht. Unser Land wäre aber zu klein, wenn man jeden wilden Schößling in ein besonderes Terrain versetzen wollte; wir müßten die Prairien von Südamerika haben.« »Das wäre nicht nötig,« erwiderte Heister. »Bis auf die Verbrecher erstreckt sich das Uebel, das aus der Zerstückelung Deutschlands kommt. In einem großen einheitlichen Lande ist es einem Menschen, der einen Fehltritt begangen hat, leichter möglich, fern von dem Schauplatze seines Falles und doch innerhalb des Vaterlandes, bewacht und doch ungekannt, ein neues Leben zu beginnen.« »Deliziös!« rief der Regierungsrat, »du kannst Aufsehen damit machen, du kannst ein Patent darauf lösen, diesen teleologischen Beweis von dem notwendigen Dasein der deutschen Einheit gefunden zu haben.« Eine längere Pause trat ein. Man merkte es, die beiden Freunde – so nannten sie sich noch immer – waren verstimmt, sich hier gefunden zu haben. Sie verhehlten einander den Zweck ihrer Reise, und doch wußte jeder den des andern. »Meine Herbstfahrt liefert mir prächtige Ausbeute,« begann der Regierungsrat wieder. »Ich habe ganz magnifike Kabinettstücke aus der Rokokozeit gefunden und für einen Spottpreis gekauft. Ich kann jetzt noch ein viertes Zimmer nach dem Geschmack der Renaissance möblieren.« Heister lächelte innerlich über die Verschlagenheit seines Freundes, aber er fühlte heute auch die Lust, diplomatisch mit ihm zu spielen, wie die Katze mit der Maus. Er fühlte sich so sicher in seiner wirklichen Sendung und schob eine andere in den Vordergrund, indem er vorgab, als Ausschußmitglied des Vereins für entlassene Sträflinge die Gegend zu bereisen, um nach den Pflegbefohlenen zu sehen. So spielten die beiden Freunde Versteckens miteinander, daß der Buchmaier, der dabei saß, verwundert drein sah. »Ah,« nahm der Regierungsrat wieder das Wort, »bald hätte ich vergessen, dir zu gratulieren. Herr Direktor; du bist ja in das Direktorium der Eisenbahn gewählt worden. Da sieht man eben doch, wo ihr Liberale hinauswollt. Drum habt ihr's dahin gebracht, daß die Eisenbahn nicht Staatseigentum wird, damit ihr auch Aemter zu vergeben habt und auch Titel. Nicht wahr, so ein Titel schmeckt doch gut?« »Allerdings,« erwiderte Heister, zwar lächelnd, aber doch etwas gereizt, »wir haben es auf den Ruin der Titel abgesehen; der Nimbus fällt. Und dann: euer allmächtiger Staat soll nicht noch neue Macht aufhäufen, um wieder von oben bis herunter durch Aemtchen und Versorgungen einen ganzen Troß kirre zu machen.« »Da sieht man wieder euch Kurzsichtige, die ihr euch Liberale nennt,« entgegnete der Regierungsrat. »Mag der Staat nicht so sein, wie er sollte – was ich gern in manchen Beziehungen zugebe – so verkennt ihr doch alle Prinzipien des Staatslebens, wenn ihr darauf ausgeht, die Staatsmacht zu schmälern und zu spalten. Bekommt ihr einmal einen Staat, wie ihr ihn wollt, so habt ihr mit diesen Grundsätzen ein hölzernes Schwert, das nicht hauen und nicht stechen kann. Man kann freisinniger sein als ihr, wenn man auch nicht mit euch übereinstimmt, ja man muß das; die Staatsmacht ist das Höchste.« »Sagen Sie Beamtenmacht,« schaltete der Buchmaier halblaut ein. Der Regierungsrat schien sich auf keine weiteren Erörterungen einlassen zu wollen; er stand wie unabsichtlich auf und machte wieder seinen Rundgang durch die große Wirtsstube und die Küche. Heister und der Buchmaier saßen mißvergnügt bei einander, und der letztere sagte: »Der Regierungsrat ist auch kommen, um sich von unserm Bezirk zum Landstand wählen zu lassen.« »Weiß wohl,« entgegnete Heister, »aber weil er vor mir hinterm Berg hält, sag' ich auch nichts.« »Der Oberamtmann hat auch schon viel Stimmen für den Regierungsrat im Sack,« berichtete der Buchmaier; »es sind diesmal zu viel Schultheißen Wahlmänner geworden. Der Oberamtmann hat die Schultheißen immer in der Hand, die laufen ihm nicht davon; er kann sie schon drücken, wenn er will. Und dann heißt es auch, wir bekommen eine Seitenbahn, wenn wir den Regierungsrat wählen.« »Larifari.« »Er scheint gar nicht dumm,« bemerkte der Buchmaier wieder; »was er da vorhin gesagt hat, ist doch gar nicht so uneben, wenn ich auch wohl weiß, zu welchem Loch er 'naus will.« »Zu welchem Loch – Durch das leere Knopfloch zu einem neuen Orden,« ergänzte Heister lachend. »Das arme Knopfloch! sperrt das Maul auf und ist so hungerig, und es will doch nichts hereinfliegen. Ein Bändelesfutter wär' ihm zu gunnen.« Dieser Ton schlug beim Buchmaier an, er lächelte vergnügt, und Heister fuhr fort: »Laßt euch doch von ein paar feingedrehten Redensarten nicht am Narrenseil herumführen. Der Mann hat seinen hochroten Orden aus dem Knopfloch und die hochroten Redensarten aus dem Munde gethan und thut ganz schlicht gegen euch. Ihr habt's ja selber gesagt: er spricht von Staatsmacht und meint Beamtenmacht. Wir wollen auch, daß der Staat stark sei; aber er soll's nur dadurch sein, daß er die Aufsicht über die Macht führt, die in Händen der Bürger liegt.« Heister setzte nun noch weitläufig auseinander, welche Kraft einem gegliederten Staate innewohne, der aus selbständigen Genossenschaften und Vereinen erwachse. Wir sehen, welche Bewegungen im Dorfe vorgehen. Wer wird mitten in den Wahlkämpfen noch des unglücklichen Mädchens und des eingekerkerten Knechtes gedenken? Und doch – so wunderbar verschlingen sich die Fäden des Lebens – sollte dadurch die traurige Geschichte ihr Ende finden. Der Regierungsrat kam plötzlich wieder in die Herrenstube und sagte: »Da draußen geht's wild her. Der Stellenjäger, der Frieder, führt das große Wort. Ich müßte alle kriminalistische Witterung verloren haben, wenn der nicht frisch gestohlenes Gut in der Tasche hat.« Die drei waren still und horchten hin, wie Frieder draußen rief: »Adlerwirt, bring mir einen Ueberrheiner, der Wein da schmeckt ja nach nichts, der schmeckt just, wie wenn man die Zung' zum Fenster 'naus streckt.« Als der bessere Schoppen kam und schnell auf einen Zug geleert ward, rief Frieder abermals: »Adlerwirt, hast kein'n Hund da?« »Warum?« fragte Konrad. »Narr,« schrie Frieder hell auflachend: »ich hab' so viel Kronenthaler, ich möcht' sie gerad' einem Hund zu fressen geben. Mehlwürmer! Mehlwürmer!« kreischte er taumelnd. »Ich hab' sie dem Bäck aus der Nas zogen.« Er schlug das Glas auf den Tisch, daß ihm die Scherben in die Hand schnitten, er stampfte gewaltig auf den Boden, fuhr sich mit beiden Händen in die Haare und zerrte sich zähneknirschend und schrie, obgleich ihn niemand fassen wollte: »Weg da, weg da! Rühr mich keiner an, oder ich schneid' ihm die Gurgel ab. Himmel heilig, weg! drei Schritt vom Leib, sag' ich!« Er starrte stier drein, dann ließ er die Hände fallen, der Kopf sank immer tiefer, er legte ihn auf den Tisch, als wollte er einschlafen; seine Schultern schüttelte er noch immer abwehrend, als fasse ihn jemand. Der Buchmaier, der Regierungsrat und Heister waren in die große Wirtsstube getreten. Heister wurde schnell alles klar. Er kannte Frieder als den Vater Magdalenens. Niemand als dieser hatte das Geld gestohlen. In seinem Rausche wurde Frieder fortgebracht. Er hatte sich nur gegen die Angreifer in seinen Gedanken gewehrt; gegen die wirklichen war er ganz willig, soweit in seinem Zustande von Willen die Rede sein konnte. Andern Tages wurde Frieder nach der Stadt geführt. Er verlangte, vorher noch einmal zu Magdalene gebracht zu werden, er habe ihr vieles zu sagen. Magdalene hörte und sah ihn aber nicht, sie lag in Fieberphantasieen und rief nur bisweilen aus dem Traume: »Das Beil weg, das Beil weg . . . . Hauet dem Marder in den Kopf . . . der Rab' hat die Löffel . . .« Heister stand mit Thränen in den Augen an ihrem Lager. Frieder bekannte ihm auch sein früheres Verbrechen, und daß Magdalene vollkommen schuldlos. Jakob wurde nun frei, Frieder kam an seine Stelle. Wie ein siegreicher Held wurde Jakob im Dorfe empfangen. Alles drängte sich zu ihm heran, alles faßte seine Hand; man nannte ihn einen braven, wackern Menschen und war überaus liebreich. Man lobte ihn fast noch mehr, als man berechtigt war, denn niemand kannte genau die Tiefe seines Wesens; aber jedes hatte ihm etwas abzubitten und kam ihm nun mit doppelter Liebe entgegen. Heister nahm sich Jakobs an wie ein Bruder, und dieser sah jetzt selber ein, wie recht Magdalene gehabt hatte, da sie immer behauptete: es gibt eine Einigung des Menschen über die Familie hinaus – die freie, rein menschliche Liebe. Magdalene erkannte Jakob und Heister nur einmal einen Augenblick, dann verfiel sie wieder in ihre Fieberphantasieen und träumte vom Marder mit der Mütze, vom Kopfspalten und vom Beil. In der ganzen Gegend gewann es Heister alle Herzen, daß er die Unschuld so ans Tageslicht gebracht hatte. Er war allen bereits als freigesinnter Mann bekannt, jetzt war er ihnen durch sein menschenfreundliches Wesen in den beschränkteren Lebensverhältnissen näher getreten. Die politische Freisinnigkeit zeigte sich allen in ihrem ursprünglichen Kern: der Humanität. Die Sage verbreitete noch zum Ueberflusse, daß Heister hauptsächlich zur Befreiung der Unschuldigen in das Dorf gekommen sei, da er das Rechte schon lange geahnt habe. Mit großer Stimmenmehrheit wurde Heister zum Abgeordneten gewählt, und er vertritt die Rechte des Volkes mit nachdrücklichem Freimute. Und Frieder? Wir müssen zu ihm ins Gefängnis dringen, werden aber wenig erkunden; er, der Feind alles Schweigens, regt jetzt kaum die Lippen zu einem Worte. Es muß noch ein schweres Verbrechen auf ihm lasten, denn bisweilen knirscht er doch vor sich hin: »Pfui, alter Schindersknecht, hast dir selber den Strick um den Hals dreht; hast's gelernt, thu's recht. Weinheber, pfui!« Am zweiten Tage nach der Einkerkerung Frieders fuhr in aller Frühe ein zweiräderiger Karren, dran ein mageres Pferd gespannt war, durch das Thal der Universitätsstadt zu. Auf dem Karren lag eine lange Kiste, und drinnen war die Leiche Frieders. Er hatte sich im Gefängnis erhängt. Schwere, geheimnisvolle Verbrechen hat er mit hinübergenommen. Bald hoch in den Lüften, bald nahe geleiteten Raben den Karren. Ihr Krächzen war der einzige Klagelaut, den man vernahm. Das Fuhrwerk ging ihnen zu träge, und sie flogen voraus und setzten sich auf einen hervorragenden Tannenast, ließen das Gefährt einen Vorsprung gewinnen und folgten dann immer mit Krächzen wieder nach. Oder waren es Kameraden, die sie anrufen mußten und die ablösten? Der Fuhrmann wenigstens glaubte steif und fest, es wären dieselben, die ihm bis zum Thore der Stadt folgten. Frieder hatte geheimnisvolle Verbrechen mit sich erdrosselt. Die Gelehrten durchforschten jede Ader seines Körpers, das Geheimnis seines Lebens fanden sie aber nirgends. Ein freundlicher Genius hatte Magdalene in Fieberphantasieen versenkt; sie verschlief Leid und Freud der letzten Tage. Als sie nach mehreren Wochen genas, nahm Heister sie wieder zu sich in die Stadt. Sie ward wieder das selige, frohe Kind von ehedem und lebt in der Meinung: Frieder sei eines natürlichen Todes gestorben. Magdalene hatte keine Ruhe, bis Heister Jakob eröffnete, in welcher Beziehung sie zu Frieder gestanden. Er zuckte schmerzlich zusammen über dieses letzte grausame Geschick, überwand es aber mit seltenem Gleichmute, zu dessen Gewinnung ihm noch eine neue Ueberraschung verhalf. Als Frau Heister in die Küche trat, erkannte er augenblicklich in ihr jene junge Frau wieder, die er an jenem Schicksalsabende mit seinen Stücklein so erfreut hatte; sie war ihm im Gedächtnis geblieben, Heister hatte er nicht erkannt. Ein freundliches Erinnerungsband wurde nach gegenseitiger Mitteilung dadurch wieder fester geknüpft. Das Idyll an der Eisenbahn. Wie klein und eng ist oft das Endziel nach großer und weiter Lebensbahn voll harter Kämpfe. So im hochfliegenden, dem Allgemeinen zugewendeten Streben, so im niederen, beschränkten Dasein. Und am Ende – zwei Schritt Erde, ein vergessener Hügel, der bald wieder der Fläche gleich wird. Wie friedlich müßten die Menschen sich Raum gönnen, wenn sie des Endes gedächten. Das aber ist der Segen, den wir aus dem Irren und Drängen ins Weite empfangen, daß wir im winzigsten Raume die Unendlichkeit erfassen lernen; über der engsten Spanne Erde wölbt sich das Himmelszelt, und im kleinsten Thun stehen wir mitten inne in der Thätigkeit des Alls. Wir lernen schon hienieden eingehen in das All, in das wir einst aufgehen. Am Saume des Eichenwaldes, dort wo der Blick über die weite Wiesenebene hinausschweift bis jenseits zu den waldgekrönten Bergen, von denen eine Burgruine niederschaut: dort steht ein kleines Haus, dessen Gebälk noch in frischer hellbrauner Farbe glänzt; es ist mit dem Giebel dem Thale zugekehrt, das Dach ragt weit vor, drei Eichenstämme tragen den Söller mit hölzerner Brüstung, drauf Nelken und Gelbveiglein blühen. Das ist das Haus eines Bahnwärters, denn hier nebenan ziehen sich die Schienen in kühngeschweiftem Bogen durch das Thal. Die nüchterne Gewinnsucht hat es Verschwendung gescholten, daß man diese Häuser so zierlich errichtet, aber der uneigennützige Schönheitssinn hat gesiegt. Diese Häuser sind Musterbilder ländlicher Wohnungen geworden, sie stehen im Einklang mit der Landwirtschaft als Zierde derselben. Schon finden sie hier und da Nachahmung in den Dörfern und drängen sich mitten unter die charakterlosen Wohnungen mit den starren, kahlen Wänden ohne Handhabe, die aus der Stadt sich herübersiedelten. Die Einwohner der schönen Wärterhäuschen scheinen dieselben auch in Ehren zu halten, denn nirgends fehlt ein kleiner Blumengarten mit Blüten aller Art, der dem abseits sich hinziehenden Kartoffelfelde abgekargt wird. Wenn ihr von der Hauptstadt aus auf der Eisenbahn dahinrollt, an den Feldern vorbei, die sich vor dem schnellen Blicke wie ein Fächer ausbreiten und zusammenlegen; wenn ihr sehet, wie die Pferde auf dem Felde sich bäumen, ungewiß, ob sie jauchzen oder zürnen ihrem Nebenbuhler, dem schnaubenden Dampfroß; wenn ihr sehet, wie der Ackersmann eine Weile die Hacke ruhen läßt, euch nachschaut und dann wieder emsig die Scholle wendet, die ihn festhält; wenn ihr dann immer rascher dahinbrauset und das Dampfroß schrillend jauchzt, dann wendet schnell einen Blick nach jenem Wärterhäuschen am Saume des Waldes. Dort steht ein Mann kerzengerade und hält die zusammengewickelte Fahne; unter dem Hause steht eine Frau und hat ein kleines Kind auf dem Arm, das die Hände hinausstreckt ins Weite. – Grüßt sie! Es ist Jakob und Magdalene, die ihren erstgeborenen Sohn, den Paten Heisters, auf dem Arme trägt. Wenn dann die rollenden Wagen vorbeigesaust sind und man hört sie nur noch in der Ferne, die hastig keuchende Welt ist dahin und endlich Stille ringsum, da steckt Jakob die Fahne auf den Pfosten, grüßt sein Weib und lacht mit dem Kinde und arbeitet dann fleißig auf dem Felde. Das selig stille Glück stirbt nicht aus, es siedelt sich hart neben den unbeugsam eisernen Geleisen der neuen Zeit an. Erdmute. Gottfried von Hollmaringen. »Der Cyprian hat heute das Sonnenwirtshaus in Leutershofen gekauft,« berichtete der Oberknecht des Schultheißen Gottfried von Hollmaringen, als dieser am Abend mit Kindern und Gesinde bei Tische saß. »Woher weißt's?« fragte der Schultheiß. »Bin beim Weinkauf gewesen. Geht lustig her. Sitzen gewiß noch bei einander.« »Wie teuer hat er gekauft?« »Haus und Aecker für siebentausend Gulden und zweihundert Gulden Schlüsselgeld für die Frau. Soll billig sein, sagen alle Leut'.« Weiter wurde bei Tisch nicht gesprochen. Erst als der Sohn, die beiden Töchter und das Gesinde die Stube verlassen hatten, sagte die Frau: »Laß dich's nicht zu arg verdrießen, daß dein Schwager dir gar nichts von seinem Vorhaben gesagt hat –« »Ist schon lang mein Schwager nicht mehr. Das Kind ist tot: die Gevatterschaft hat ein End'.« »Deiner Schwester Kind lebt ja noch.« »Freilich, freilich, das paßt jetzt nicht, aber ich will ihm doch zeigen, wer ich bin; bin ich sein Schwager nicht mehr, so bin ich doch noch der Gottfried von Hollmaringen, und er soll mir nicht mit Unrecht vorgeworfen haben, mir reißt man nichts aus der Hand, ich halt' fest wie eine Beißzang. Ich hab' jetzt eine Staatsbeißzang, und die ist das Gesetz; das Muttergut von meiner Schwester Kind darf er nicht mit ins Ausland nehmen, morgen am Tag schieb' ich ihm einen Riegel vor.« Während Gottfried noch sprach, rollte ein Wagen mit lärmenden Insassen die Straße herauf, Gottfried steckte den Kopf zum kleinen Schiebfensterchen hinaus und erkannte trotz der Nacht an den Pferden und an den lärmenden Stimmen den Cyprian mit seinen Schmarotzern, die weiter oben im Dorf vor einem stattlichen Haus anhielten, unter Geschrei und Lachen nach Laternen riefen, und als diese und funkelnde Lichter kamen, erneute sich der Lärm, der doppelt laut durch das stille schlafende Dorf drang. »Du hast einen Rausch wie ein Haus.« »Nein, jetzt wie zwei Häuser,« hörte man rufen, und ein Mann wurde in den erleuchteten Hausflur getragen. »Du solltest noch zu ihm hinausgehen, er wird ja zum Kinderspott, wie er's treibt,« sagte die Frau, als Gottfried tief aufatmend sich in die Stube zurückwendete. »Hat bis morgen Zeit,« erwiderte Gottfried, »ihr Weiber meinet immer, der morgige Tag lauft davon.« »Wenn du dein Schwesterkind ins Haus nehmen willst, mir ist's rechtschaffen recht; das Kind verkommt so in dem Durcheinander und bei der herben Stiefmutter.« »In gutem läßt er mir das Muttergut nicht und läßt er mir auch das Kind nicht. Mein' Sach' ist jetzt nur, dafür zu sorgen, daß meiner Schwester Kind nicht in Armut kommt; wie es ihm sonst geht, dafür muß Gott sorgen, und die Verstorbene wird über es wachen –« Der feste Ton des gelassenen Mannes hatte bei diesen letzten Worten etwas Bebendes, er fuhr sich mit der Hand über das ganze länglich schmale Antlitz, stand auf und ging mit schweren Schritten nach der dunklen Kammer, sich zu Bett zu legen. Cyprian hatte vor Jahren die einzige Schwester Gottfrieds geheiratet, von der ein einziges Kind übrig geblieben war, das den Namen der Verstorbenen, Erdmute, trug. Seit der Wiederverheiratung Cyprians lebten die Schwäger in einem lauen Verhältnis, das dadurch noch fremder wurde, weil Cyprian sich einem gewissen unruhigen, Zerstreuung suchenden Leben hingab, und mit Menschen umging, die sich nicht zur Gesellschaft eines reichen Bauern schickten; ja, er kegelte oft ganze Sonntagnachmittage mit halbwüchsigen Burschen, denen Geld abzugewinnen noch mehr Schande war, als es an sie zu verlieren. Wenn Gottfried seinem Schwager in dem Marktflecken Leutershofen auf dem Kornmarkt oder im Wirtshaus begegnete, grüßten sie einander und wechselten auch manchmal eine Rede, aber offenbar mehr der Leute wegen: sie saßen dann an gesonderten Tischen, jeder bei seiner Kameradschaft, und daheim im Dorf wichen sie einander wie auf Verabredung aus. Man sagte, die Frau Cyprians sei an dieser Mißhelligkeit schuld, da sie es nicht dulden wollte, daß Cyprian in der gewohnten Abhängigkeit von Gottfried keinen Pferdekauf, überhaupt nichts unternahm, ohne die Entscheidung des Schwagers einzuholen. Cyprian haßte aber seinen Schwager von selbst, und der Haß wächst auf dem verschiedenartigsten Grund und Boden. Einst war Cyprian stolz darauf gewesen, mit Gottfried verschwägert zu sein, jetzt war er voll Aerger, daß immer nur von Gottfried die Rede war, daß jeder im Dorf und auswärts nur so viel Geltung hatte, als Gottfried ihm zukommen ließ. Der Hauptgrund des Hasses war aber, daß Gottfried immer reicher wurde, während Cyprian trotz seiner Arbeitsamkeit, so oft er einen außergewöhnlichen Vorteil zu erringen hoffte, fast immer Schaden erlitt; er wollte in Kauf und Verkauf seinen eigenen Weg und nicht Gottfried nachgehen wie die andern, meist aber schlug das bös aus. Mit der Wohlhabenheit Gottfrieds wuchs auch Cyprians Haß gegen denselben, und während man Gottfried äußerst genau, ja karg nennen konnte, schalt ihn Cyprian geizig, habsüchtig und blutsaugerisch, und es gab gute Leute genug, die diese Aeußerungen Cyprians dem Gescholtenen mit der üblichen Zuthat hinterbrachten. Das stille abgelegene Dorf, in dem noch nach der reichen Bauern Art ein jeder abgeschlossen für sich lebte, schien aber auch keine rechte Heimat mehr für Cyprian; er saß oft ohne erkennbaren Grund tagelang in der diesseitigen Amtsstadt oder in dem Marktflecken des Grenzlandes, und wenn er in die Wirtsstuben trat, wußte man bereits, was er zu trinken begehrte, und brachte es ihm ungeheißen; besonders ein roter Unterländer, den der Sonnenwirt »Weiberzorn« getauft hatte, schien eigens für Cyprian gewachsen. Man erzählte, daß er einst den Erlös von einem ganzen Wagen voll Bretter in der Sonne vertrunken und verspielt habe, und als er abends heimging, rief er: »Machet das Hofthor auf, es will ein Wagen voll Bretter 'naus.« Ein andermal ließ er in gleicher Weise den Erlös von einem Kalbe draufgehen, und bei jedem frischen Schoppen, der kam, blöckte er wie ein Kalb: »Mäh, mäh.« Solche Geschichten verbreiteten wohl den Ruhm seines lustigen Witzes; Cyprian war aber noch klug genug, um auch zuerkennen, daß Ehre und Ansehen sich daran verzehren. Noch war es von geringer Bedeutung, was er eingebüßt hatte, denn ein wohlbestelltes Gut vermag manches auszutragen. Cyprian legte sich oft wochenlang jede Entbehrung auf, arbeitete unablässig und sprach mit niemand, aber eben diese gewaltsame Zurückhaltung verleitete ihn bei der ersten Veranlassung wieder zu einem Rückfall. Endlich hatte er es herausgebracht, daß nur die Einsamkeit und Abgeschiedenheit des Ortes ihn hinausziehe; hätte er kameradschaftliche Ansprache in der Nähe, wäre er in einem Orte, wo er selber als der Erste gälte und nicht alles Gottfriedische Unterthanen, und hätte er gar ein eigenes Wirtshaus, so müßte es von selbst kommen, daß er wieder der Alte war, ja, noch höher stieg. Darum hatte er die Sonne gekauft und sich beim Weinkauf der unbändigen Trinklust hingegeben, denn er hatte gesagt: »Das soll mein letzter Rausch sein. Es thut doch weh, auf ewig Abschied davon zu nehmen, aber es muß sein; ein Wirt, der allezeit halb duselig 'rumlauft, der ist der Garnichts; einen Schluck für den Durst darf man trinken, aber mehr nicht. Komm her, letzter Ueberdurst, allerletzter und allerallerletzter.« Am frühen Morgen schaute Gottfried zum Fenster oder vielmehr zum Eisengitter hinaus, denn das Haus Gottfrieds war eines der ältesten im Dorfe, und alle seine Fenster waren mit ausgetieften starken Eisengittern versehen. Man hatte ihm oft geraten, diesen Ueberrest der alten unsichern Zeit doch abzuthun, er ließ sich aber nicht dazu bewegen, er fand in dieser Vergitterung nicht nur eine Zierde des Hauses, sie war ihm selber auch anständig, und man kann fast sagen, sie hatte sich seinem Charakter aufgeprägt, sein Ausblick in die Welt hatte etwas Feindseliges, er war allezeit auf räuberische Anfälle gefaßt und dagegen geschützt, und in dieser Sicherung gegen die feindliche Welt war sein Blick auch ohne das faßbare Gitter stets von einer geistigen Schutzwehr durchschnitten. Es konnte sich nie jemand rühmen, daß er ihn ganz in der Hand gehabt habe. Jetzt sah Gottfried den Cyprian schon hemdärmelig bei der Arbeit, er richtete sein Bernerwägelchen her, spielend hob er es mit der Winde in die Höhe, hängte bald dieses, bald jenes Rad aus, salbte die Achsen und brachte mit einem leichten Griffe das Rad in Schwung, daß es noch lange sich um und um drehte. Man sah an seinem ganzen rüstigen Gebaren, daß er entschlossen schien, das Leben frisch und von vorn anzufangen. Cyprian war einer der schönsten Männer der Gegend, groß, stark gebaut, vollen runden Antlitzes mit dunklen Augen voll stillen Feuers, glatter weißer Stirne und braunen, von selbst geringelten Haaren. Wenn er lächelte und die weißen Zähne sichtbar wurden, lag eine feine Anmut in seinem Ausdrucke, wobei er die »Hundsaugen«, wie sie der alte Gottfried genannt hatte, halb verdeckte, was ihm etwas Schelmisches und doch Gutmütiges gab. »Bläsi« (Blasius), rief jetzt der zum Fenster hinausschauende Gottfried seinem kaum der Schule entwachsenen Sohn zu, der im Hofe die Ochsen einjochte, »Bläsi, geh hinaus zum Vetter Cyprian und sag ihm, ich laß ihn fragen, ob er nicht zu mir kommen will.« Bläsi band den Riemen fest, ließ das andre Halbjoch leer und ging das Dorf hinaus. Er war ein besonders schlanker Bursch, wie er dahinschritt, und in den schwarzen ledernen Hosen und den hohen Stiefeln sah er zwar etwas steif, aber knappenhaft aus. Als er Cyprian die Botschaft ausrichtete, sagte dieser lachend und den Kopf zurückwerfend: »Sag deinem Vater, er hat grad so weit zu mir, wie ich zu ihm.« Bläsi ballte die Faust und preßte die runden Lippen zusammen, als er das Dorf herabschritt. Er kündigte dem Vater die Antwort und sagte, indem er den zweiten Ochsen einjochte: »Zu dem laß ich mich nicht mehr Boten schicken.« Gottfried befahl nun, daß auch ihm das Bernerwägelein hergerichtet werde; er hatte die Angelegenheit mit Cyprian gütlich beilegen wollen, jetzt blieb es beim Rechtswege. Noch wirbelte der Staub auf der Straße vom raschen Bernerwägelein Cyprians, als Gottfried hinter ihm drein fuhr. Ein jeder hatte leeren Platz neben sich, aber unsichtbar saß neben jedem der zum Feind gewordene Schwager, denn einer hegte Zornesgedanken gegen den andern. Gottfried schämte sich, den Zerfall durch die Dörfer kundzugeben, durch die man fuhr; er ließ Cyprian einen Vorsprung. Erst auf der Treppe des Amtsgerichtes begegneten sie einander, Cyprian kam herab, während Gottfried hinaufstieg; sie gingen stumm aneinander vorüber, aber kaum war Gottfried einige Stufen gegangen, als er sich umkehrte und in sanftem Tone sagte: »Cyprian, laß gut mit dir reden.« »Ich hab' nie was Böses gezeigt.« »Komm ins Wirtshaus, da wollen wir's ausmachen.« »Was hast denn?« »Gib mir das Kind. Laß mir die Erdmute.« »Und weiter willst nichts?« »Nichts für mich.« »Für wen denn?« »Für das Kind. Thu's denen unterm Boden nicht an, daß ich dich vor Gericht zwingen muß, das Muttergut herauszugeben.« »So? Du kannst mich zwingen?« »Ich will ja nicht.« »Will du nur.« »Thu's in gutem, es ist ein' Schand' vor Gott und den Menschen. Du wanderst aus, das Kind ist bei uns heimatberechtigt –« »Du hast auch nicht alle Gesetze im Kopf; das Kind ist des Vaters.« »Kann sein, aber das Muttergut muß sichergestellt werden bei uns; thu's freiwillig, und ich laß da oben die Thüre zu.« »Mach du sie nur auf.« »Cyprian,« sagte Gottfried mit bewegter Stimme, »es ist das letzte Wort, das ich mit dir red', überleg's zweimal.« »Du kannst mir dreimal zum Teufel gehen. Was mein ist, hältst du nicht hinter deinem Eisenkrems,« höhnte Cyprian. »Und du stirbst noch einmal (als Gefangener) hinter einem andern Eisenkrems,« knirschte Gottfried voll Zorn. Laut lachend ging Cyprian davon. Er schaute nicht mehr um, und Gottfried öffnete die Thüre der Gerichtsstube. Der Gottfried von Hollmaringen war der Mann, der das, was er einmal wollte, unablässig ausführte. Er brachte es dahin, daß die Auswanderung Cyprians hinterhalten, sowie die beabsichtigte freiwillige Versteigerung von Cyprians Haus und Hof wieder rückgängig wurde. Ueber dieses letztere war Cyprian besonders ingrimmig. Er hatte die Felder samt dem stehenden Erträgnis verkaufen wollen, was allerdings zum besseren Erlöse von nicht geringer Bedeutung gewesen wäre, jetzt mußte er ernten und dreschen und pflügen und säen, und wollte doch nichts mehr von alledem, und dazu hatte er noch ein Wirtshaus und Güter in Leutershofen, das Haus stand leer, und um die Ernte wurde er halb betrogen. Immer mußte er auf dem Wege hin und her sein und dazu noch vor Amt. Um all das Ungemach zu vergessen, mußte jetzt Cyprian den Wein zu Hilfe nehmen, aber beim Glase und am nüchternen Morgen schalt er auf Gottfried, der ihn zu Grunde richte. Gottfried grenzte von jeher mit seinen Aeckern an viele Nachharn, er durfte sich rühmen, daß er nie mit jemand einen Streit gehabt; in diesem Jahre hatte er, wo er an Cyprian grenzte, immer die ärgsten Händel, die natürlich auch von den beiderseitigen Dienstleuten aufgenommen und gehörig ausgebeutet wurden. So war aus dem anfangs nur abwendigen und störrischen Cyprian ein grimmiger Feind geworden. Gottfried aber ging ruhig seines Weges, er verbot in seinem Hause, daß man der bösen Nachreden Cyprians erwähne, ja, er that nichts dagegen, als Cyprian ihn einmal selbst öffentlich beschimpfte; er wollte ihn nicht weiter ins Unglück bringen, er hatte seiner Pflicht genügt und blieb im übrigen ruhig und gelassen. Die Feindeskinder und der Schwester Ehrenschmuck. Es gibt ein altes Kinderspiel, das überall und zu allen Zeiten unter den verschiedensten Namen verbreitet ist; man wirft einen flachen Kiesel oder einen Scherben wagrecht über die Oberfläche eines Wassers, daß der Stein das Wasser nur berührend oft und oft weiter hüpft, bis er endlich untersinkt. Das nennt man hierzulande: Bräutle lösen, und man hat dafür die Deutung, daß es sinnbildlich die feine, nicht so leicht zu erhaschende, hüpfende und tänzelnde Art der Braut darstelle, die lange neckisch sich verhält, bis sie doch endlich, dem Naturgesetz folgend, vom Strom des Lebens bewältigt wird. Mag dies die entsprechende Deutung sein oder nicht, gewiß ist, daß Knaben und Mädchen mancherlei Scherz damit treiben; Bläsi, der am Weiher bei der Hanfbreche mit andern Kindern dies Spiel oft trieb, verstand es, den Stein am meisten auffliegen zu machen, und Cyprians Erdmute, die die Kinder ihm als Braut zugeteilt, mußte oft hören, daß sie lange tanzen müsse. In der That behandelte Bläsi sein Geschwisterkind mit brüderlicher Aufmerksamkeit und hatte nichts dagegen, wenn man sie seine Braut nannte. Jetzt, da die Väter so feindselig geworden, war das anders. Es ist eine seltsame, aber vielfach bewährte Erfahrung, daß die Kinder verfeindeter Verwandter den Familienzwist in eigentümlicher Weise aufnehmen und leicht auf die Spielplätze übertragen. Der kleinen zehnjährigen Erdmute, die ein derbes braunes Kind mit den dunklen Augen des Vaters war, hatte man das Haus des Ohms Gottfried strenge verboten, sie durfte es nicht mehr betreten und niemand aus demselben grüßen, ja, sie hörte Tag und Nacht die häßlichsten Worte über den Oheim und wußte nicht anders, als er wolle ihren Vater an den Galgen bringe Eine ältere Magd im Hause, die noch bei der verstorbenen Mutter gedient hatte, Traudle (Gertraude) genannt, suchte ihr zu erklären, was eigentlich vorging; aber das Kind begriff natürlich nur die Feindseligkeit im allgemeinen und liebte über alles seinen Vater, der jederzeit so gut und liebreich war, und jetzt war noch dazu, ohne daß Erdmute den Zeitpunkt merkte, auch die Mutter mild und sanft gegen sie, sie kleidete sie immer besonders sauber an und hieß sie manchmal: »liebs Erdele.« Wenn Erdmute an dem Hause des Oheims vorüberging, schaute sie zur Erde und schüttelte zornig mit dem Kopfe, als wollte sie damit sagen: ich grüße euch doch nicht. Stundenlang saß sie mit ihrem Strickzeug auf der Steinbank vor dem Hause und schaute nur manchmal hinab nach dem Hause des Oheims, und dann stieß sie mit der Faust vor sich hin und verzog das Gesicht zu eigentümlichem Trotz, und ihr ganzes Wesen sprach: warum seid ihr so bös? Das ganze Haus erschien ihr so stachelig, starr und finster wie die Eisengitter vor den Fenstern, die auch so trotzig auf die Straße schauten. Des Nachbars Klaus, ein lahmer Knabe, der an Krücken ging, saß oft bei Erdmute und wußte ihr viel zu erzählen, wie tückisch der Bläsi sei, denn so klein der Klaus war, gab ihm doch seine Eifersucht auf Bläsi manchen großen Gedanken ein. Bläsi ging an Erdmute vorüber, als ob sie nicht da wäre. Er hatte ihr einmal heimlich Kirschen geschenkt, sie aber warf sie auf die Straße, daß die Gänse sie aufschnabelten. Bei den Spielen zog sich Bläsi oder Erdmute alsbald zurück, wenn eines sah, das das andre unter den Teilnehmenden war. Den Cyprian haßte Bläsi so sehr, daß er einmal wochenlang einen Stein bei sich trug, um ihn dem Cyprian an den Kopf zu werfen, wenn er ihn schlagen wolle. So war der Familienzwist bis tief in die Kinder gedrungen. Mit den abfallenden Blättern kam auch ein großer Stempelbogen ins Dorf, der das letzte Erkenntnis in dem Rechtsstreite zwischen Cyprian und Gottfried brachte: es lautete zu Gunsten des letzteren. Die Versteigerung wurde nun anberaumt, aber die Hollmaringer sind stolze, wohlhäbige Bauern, sie lassen es nicht leicht dazu kommen, daß sich ein Fremder durch Güterankauf bei ihnen ansäßig mache, sie sind froh, wenn einmal ein Acker bei ihnen käuflich wird, um das eigene Gut zu vergrößern oder ein Kind dadurch im Ort zu behalten. Es fehlt daher in Hollmaringen meist an fremden Käufern, und die Helfershelfer, die Cyprian aufgestellt hatte, brachten nur wenig zu stande; man ließ ihnen einige Güter zuschlagen, vollkommen sicher, daß sie sie bald wieder verkaufen müßten. Das Haus und den größten Teil der Güter erwarb Gottfried unter dem Namen eines Scheinkäufers, und Cyprian war aufs neue ergrimmt, als er dies merkte. Obgleich er die Sitte des Dorfes kannte und dabei einen erklecklichen Kaufpreis erzielte, glaubte er sich doch übervorteilt, und bei dem Weine, der damals noch während der Güterversteigerung getrunken wurde, machte er seinem Groll auf das ganze Dorf und vor allem auf Gottfried Luft. Man ließ ihn schimpfen, wie er wollte, er war nicht mehr ebenbürtig, und man verzieh ihm leicht seinen Unmut darüber. Ein namhafter Teil des Kaufschillings blieb als unantastbare Hypothek zur Sicherung des Muttergutes für Erdmute stehen. Um den nicht aus der Fassung zu bringenden Gottfried zu kränken, kündigte Cyprian an, daß er tags darauf mit dem Hausrat auch einen vollständigen Hochzeitsanzug, und zwar den seiner verstorbenen Frau, verkaufe. Alles sah auf Gottfried, und nur die gedungenen Steigerer Cyprians tranken noch von seinem Weine, alle andern gingen still ohne den üblichen Johannistrunk davon. Am andern Tag, bei der Versteigerung des Hausrats, war Gottfried fast das einzige Mannsbild unter den versammelten Frauen, und erst gegen das Ende wurde in der That der Ehrenschmuck der Verstorbenen zum Ausgebot gebracht. Man sah und hörte Gottfried nicht an, was in ihm vorging, als er ein Stück des Gewandes nach dem andern zu hohem Preise erwarb. Er machte sein Anbot immer mit gleicher ruhiger Stimme. Es war noch ein Gewand aus der ehrenfesten Bauernzeit, das sich schon auf das zweite Geschlecht vererbt hatte. Der kleine runde Strohhut mit gewässerten schwarzen Knüpfbändern mit roten Wollrosen verziert, die roten Zopfbänder, die schwarzsamtne, auf dem Rücken weit ausgeschnittene Jacke, der sogenannte Schoben, das Scharlachmieder mit den silbernen Nesteln und Kettchen, der aus Silberdraht und Felbelschnüren gedrehte Gürtel, ein besonderer, nur an Ehrentagen getragener Schmuck, der blaue faltige Rock mit den verschiedenfarbigen Einfassungen, die feine weiße Schürze, die roten Strümpfe und Stöckleschuhe, alles das erwarb Gottfried eines nach dem andern und legte es wieder mit Andacht in die kenntlichen Falten, da es der Ausrufer auseinandergerissen hatte. Er sprach kein übriges Wort und nur den jedesmaligen Kaufpreis. Als aber jetzt wieder ein Stück Hausrat an die Reihe kam, gebot er Stille und fragte den Ausrufer: »Ist die siebenfache Granatenschnur mit dem Schwedendukaten nicht auch dabei?« »Den Halsschmuck hab' ich,« lachte Cyprian, »ich hab' mir ihn durch die Gurgel laufen lassen.« Gottfried knüpfte still das Erstandene in ein weißes Tuch und ging damit fort. Vor dem Hause traf er die kleine Erdmute, sie saß auf der Steinbank und weinte. »Was ist? Hat dir jemand was than?« fragte er, die Hand auf das Haupt des Kindes legend; das Kind antwortete nicht, und er fuhr fort: »Kann mir's denken, daß dir in dem Durcheinander bang ist; es sieht sich niemand nach dir um. Hast du denn was zu Mittag gegessen?« Das Kind nickte bejahend, und abermals sagte Gottfried: »Möcht' dir gern noch anders helfen, aber ich kann nicht. Sei nur geduldig und folgsam und halt dich brav, und wenn du groß bist und so brav wie dein' Mutter selig, schau, da drin ist ihr schönstes Gewand, aber brav mußt du sein, und denk, du hast noch einen Abnehmer in der Welt, du verstehst das jetzt noch nicht, aber du wirst's schon kennen lernen. Jetzt heul nicht mehr und laß dir's nicht verbieten, und komm auch noch zu mir, eh du fortgehst. Jetzt heul nicht mehr.« Gottfried ermahnte das Kind zur Fassung, und ihm selber quollen trotz aller Gegenwehr Thränen aus den Augen, und er trocknete sie mit einem Zipfel der Schürze ab, die aus dem Bündel hervorhing; das Ehrengewand der Seligen saugte seine Thränen auf. Er gewann schnell wieder seinen Halt, denn Traudle kam aus dem Garten herbei, sie gab Erdmute mehrere Zwetschgen, und hier bewährte sich wieder, daß Zukunftsversprechungen bei einem Kinde nichts verschlagen, die gegenwärtigen Zwetschgen wirkten mehr als der versprochene Ehrenschmuck vom Oheim. Erdmute war heiter, und Gottfried sagte Traudle, daß sie jedes Jahr ein Weihnachtsgeschenk von ihm zu erhalten habe, solange sie bei Cyprian bleibe und auf das Kind acht habe. Traudle versprach es, schon um der Verstorbenen willen. »Ich habe mein Kind meiner Schwester in Lichtenhardt geben müssen,« setzte sie hinzu, »ich will die Erdmute für das meinige ansehen.« Traudle war eigentlich die Schwägerin Cyprians zu nennen, denn sie war mit ihrem Kinde die Hinterlassene seines Bruders. Dieser, ein weit bekannter, übermütiger Geselle, war bei einer Hochzeit in Isenburg ertrunken. Der Wirt hatte vier überzählige Gläser Glühwein an einen Tisch gebracht, da rief der Bruder Cyprians: »Nur her, sie sind alle mein,« und als er heimwärts ging, verfehlte er den Weg und ertrank. Als die Schwester Gottfrieds heiratete, nahm sie Traudle zu sich ins Haus, und so war sie in demselben verblieben und hatte sogar über Cyprian eine gewisse Gewalt. Cyprian verbot es streng, daß Erdmute noch im Hause des Oheims Ade sagte, er hatte nichts mehr, womit er Gottfried kränken konnte, als dieses, und er wollte es ausnutzen. Gottfried hatte ihm die Freude des Umzuges durch den Rechtsstreit und durch die Verluste verdorben, er zwang sich nun zu übertriebener Lustigkeit beim Abschied. Als er aber am Hause Gottfrieds vorüberfuhr und auf der Fensterstange vor den Eisengittern den Ehrenschmuck hängen sah, den man lüftete, wurde er plötzlich still und schaute nach den Kindern, die hinter ihm saßen, unter ihnen Erdmute. Die Sonne geht auf und steht im Mittag. In der Sonne zu Leutershofen schien Cyprian erst recht zu blühen und sich zu entfalten. Er hatte trotz aller Verzögerung doch noch immer einen schicklichen Kauf gemacht, die weiten Räume des Hauses thaten ihm wohl und das allzeit rührende Leben darin noch mehr. Die ganze Art des lebhaften gewerbsamen Ortes sagte ihm zu, und er beteuerte oft, hier wisse man doch auch, daß man auf der Welt sei; in einem Dorfe wie Hollmaringen sei man schon bei lebendigem Leib halb gestorben. Hier bekam man jeden Tag bei mehreren Bäckern frisches Brot. Jeden Abend Schlag acht Uhr und jeden Morgen punkt halbsechs rollte der Eilwagen durch den Flecken, und an Sommerabenden, besonders aber am Samstagabend, blies der Postillon jedesmal durch den ganzen Ort, denn die Kinder liefen behende neben ihm her und ließen nicht ab, bis das Posthorn ertönte und jauchzten und hüpften bei den Klängen, und die Eltern, die vor dem Hause sitzend Feierabend hielten, schauten fröhlich auf. Leutershofen war nicht nur ein Marktflecken an der Staatsstraße mit einer Schranne von nicht geringer Bedeutung, es war auch glücklich zwischen zwei Bergen gelegen; kamen die Fuhren vom Thal herauf, so mußten sie hier neuen Vorspann nehmen, vor dem Hause standen fast allezeit mehrere mit Blahen überzogene Frachtwagen, und während die Pferde an den fliegenden Krippen fraßen und die Sperlinge bei ihnen schmarotzten, saßen die blauhemdigen Fuhrleute in der Wirtsstube und labten sich an Speise und Trank, und Cyprian that ihnen Bescheid; den roten sogenannten Weiberzorn ließ Cyprian nie ausgehen. Die Frau erwies sich als emsige Wirtin, und Traudle war bald die beliebteste und gesprächsamste Kellnerin, soweit eine dem Fuhrmann beim Eintritt Peitsche und Hut abnimmt und im Aufsagen der vorrätigen Speisen und Getränke dieselben lobend schmackhaft machen kann. Auch Kutschen mit vornehmen Reisenden wurden bisweilen von der Sonne, die Cyprian hatte neu vergolden lassen, angezogen, und Cyprian verstand es, die Landeszeitung mit einigen Worten zu bringen, die den Mitteilsamen leicht zu einem Gespräche anregten. Die Haupternte der Woche war aber immer am Tage des Kornmarktes; da war am Tag ein Lärmen und Rufen in der großen Wirtsstube, lauter als auf dem Markte selber, und waren die Kornpreise hoch gestiegen, hörte das Schlemmen bis tief in die Nacht nicht auf, der einfache Landwein galt nichts mehr, warmer Würzwein mußte her und oft sogar Ueberrheiner und Champagner. Cyprian ließ es natürlich nicht fehlen, sich auch bisweilen als uneigennütziger Wirt zu zeigen, und kaum ein Jahr war vergangen, als sein Gesicht so breit war wie die Sonne in seinem Schilde. Er lachte viel und besonders, wenn man ihn wegen seiner Breite neckte, und sagte dann oft: das käme nicht vom Essen und Trinken. sondern davon, daß er den Mauskopf – diesen Unnamen hatte Gottfried – nicht mehr vor Augen sehe. In der That kamen die Hollmaringer wenig und, was Gottfriedisch war, gar nicht in die Sonne, sondern hielten ihre Einkehr im Ochsen. Cyprian hatte fast allezeit sechs Roß auf der Straße als Vorspann, und drei Jahre lang übernahm er die Haberlieferung für die Kavallerie zweier Garnisonsstädte; er mußte aber seine Rechnung nicht dabei gefunden haben, denn er wollte nichts mehr davon wissen. Erdmute war in dieser steten Fürsorge für andre wenig beachtet der Schule entwachsen, nur Traudle nahm sich ihrer an und tröstete sie oft, wenn sie darüber klagte, daß der Ohm Gottfried und Bläsi ohne Gruß am Hause vorüberfuhren und sich gar nicht um sie kümmerten; sie selber durfte sich ihnen nicht nahen, denn der Vater hatte ihr das Härteste angedroht, wenn er solches erführe, und der Vater war doch nächst Traudle ihre einzige Stütze und gab ihr verstohlen manchmal ein gutes Wort. Sonst wurde sie viel gescholten, denn sie sollte jetzt die Gäste bedienen helfen, sie aber war schüchtern und verscheucht, wurde über und über rot bei jedem Wort, das ein Fremder ihr sagte, und doppelt, wenn er dann erklärte, daß dieses Erröten sie noch schöner mache, was sie eigentlich schon sei. In der Angst vor den Fremden und vor den eigenen Angehörigen ließ sie oft volle Gläser und Flaschen aus der Hand fallen und hatte darob böse Zeit. Traudle tröstete sie wohl beim Schlafengehen, indem sie ihr alte Märchen erzählte von Kindern, die viel hätten leiden müssen und dann eine Krone errungen. Erdmute wußte zwar nicht, woher die Krone kommen sollte, aber diese Geschichten trösteten, ein unnennbarer Zauber stieg aus diesen Wundermären in das Herz, und wie ein kleines Kind bat sie oft Traudle am Abend, ihr noch mehr solcher Geschichten zu erzählen. Der Vater erlöste sie endlich aus der Wirtsstube und dem unmittelbaren beständigen Verkehr mit der harten Mutter. Eines Sonntags, nachdem Erdmute den Weiberzorn zu einer Wahrheit gemacht, da sie eine Flasche des roten Weines einer fremden Dame über das weiße Kleid schüttete, sagte der Vater am Abend im Familienrate: »Ich sehe schon, Erdmute, du bist Gottfriedisch, was denen nachschlagt, paßt nicht unter Menschen, nur unter Vieh, und aufs Feld. Von morgen an hast du nichts mehr in der Stube zu thun, du versorgst mit dem Knecht und der Magd unser Bauernwesen. Ist dir's recht?« »Ja. Ich dank', Vater.« Die Frau wollte diese neue Anordnung nicht gestatten, man würde es ihr aufbürden, daß sie das Kind gegen die ihrigen zurücksetze, aber Cyprian blieb fest. Von nun an war Erdmute überaus heiter, der Knecht und die Magd berichteten, man habe gar nicht gewußt, welch ein lustiger Vogel die Erdmute sei; sie trällere den ganzen Tag und wisse beim Ausruhen gar wunderbare Geschichten zu erzählen, daß man sich wie in einer andern Welt vorkäme, und jede Arbeit gehe ihr so flink von der Hand, als hätte sie schon jahrelang die schwersten Geschäfte verrichtet. Erdmute wurde sonnverbrannt, aber dabei stark und groß, sie hatte gar nichts vom Vater als die braunen Augen mit dem breiten stillen Feuer, im übrigen schien sie ganz der Mutter nachzuarten. Am Markttage, wenn's im Hause lustig herging, war Erdmute fast immer betrübt. Es waltete ein eigener Zufall, daß, sowie sie einen Schritt ans dem Hause ging, sie immer Bläsi begegnete, er fuhr, ritt oder ging immer an ihr vorüber, als ob es ihm ein Geist verraten hätte, daß sie kommen würde; Die beiden gingen rasch aneinander vorüber, ohne zu grüßen; anfangs war es das strenge Verbot des Vaters, was Erdmute davon abhielt, bald aber setzte sich eine selbständige Feindseligkeit in ihr fest und ebenso in Bläsi. In Hollmaringen sagte dann Bläsi am Abend zu seiner Schwester, die einen Sohn des Rodelbauern geheiratet: hatte und im Hause Cyprians wohnte: »Es ist doch unerhört, die Erdmute ist doch meine einzige Verwandte und geht an mir vorüber wie an einem Stock; ich sag's ihr aber nächstens einmal, sie geht mich gar nichts an, sie ist meine Verwandte nicht.« Fast ganz dasselbe sagte dann Erdmute am Abend dem Traudle, und wenn diese dann eine künftige Liebe daraus deuten wollte, wehrte sie sich mit aller Macht dagegen und beteuerte, ihr nie mehr von Bläsi zu sprechen; dennoch konnte sie sich nicht enthalten, ihr oft und oft zu erzählen, wie grimmig sie heute den Bläsi angesehen, daß er die Augen habe niederschlagen müssen. Einmal erzählte sie sogar, daß Bläsi ihr habe zusprechen wollen, sie aber sei davon. gelaufen und habe sich nicht an ihn gekehrt Cyprian war oft unwirsch, er mußte mancherlei geheimen Kummer haben, und nur einen sprach er laut aus: es ärgerte ihn, daß er sein ältestes Kind, das er innig liebte, aus seiner Nähe hatte verdrängen lassen und manche üble Nachrede sich dadurch zugezogen hatte. Er wollte Erdmute wieder im Hause um sich haben, aber sie willfahrte ihm nicht. Hinter dem Schenkgitter suchte er über mancherlei Vergessenheit zu trinken und brachte dadurch neues Ungemach zu Tage. Das Gelübde, daß der Rausch beim Weinkauf des Hauses der allerletzte sein sollte, war schon längst übertreten und nicht mehr in Erinnerung. Erdmute sah den Zerfall im Hause wohl, und so wehe es ihr that, den Vater sich allein zu überlassen, sie hielt sich jetzt doppelt gern in Feld und Stall auf, und selbst im Winter saß sie meist still in der Stube an der Kunkel. Es kamen manche Freier, die um Erdmute anhielten, der Vater wies sie alle ab, und wenn sich einer dem Mädchen selber näherte, wußte der Vater so viel Verdorbenheit und Schlechtigkeit von einem jeden zu sagen, daß Erdmute gern darein willigte, jeden von sich zu entfernen. Auch Traudle half dem Vater dabei, denn sie nährte unablässig die Hoffnung, daß Erdmute den Bläsi heiraten und sie wieder nach Hollmaringen zurückbringen müsse. Die Sonne geht nieder. Ein lustig grünender Baum, dem plötzlich und auf immer der Bach abgegraben wird, der seine Wurzeln tränkte, kann von seinem Schmerze nichts kundgeben, und er verdorret still; der Mensch aber, auch der an die Scholle gebundene, kann doch klagen und schelten, wenn er verkümmert, und kann einen Versuch machen, ob er neuen Boden gewinne. Die Eisenbahn, die durch das Schwabenland gezogen wurde, beschäftigte alle Gemüter landauf und landab; man schalt darüber, man stritt hin und her, und die Klügeren lachten ob der neuen Mode, die auch wieder aufhören würde, wie viele andre. Die Eisenbahn wurde vollendet, allerlei Fabelhaftes ward erzählt, und es zeigte sich, daß sie einen guten Teil des Verkehrs auch der weit abgelegenen, durch Leutershofen führenden Landstraße entzog. Der Vorspann wurde geringer, aber Cyprian fand ein neues Mittel, er kaufte einen im Ort nie gesehenen Stellwagen und ließ ihn jede Woche zweimal regelmäßig nach der Hauptstadt gehen; er sicherte sich dadurch seinen stetigen Verdienst und eine nicht unergiebige Einkehr in seinem Wirtshause; aber kaum ein Jahr war vorüber, als neues Mißgeschick sich an ihn herangrub. Die ganze neue Straßenbaukunst gewann durch die Erfahrungen bei der Eisenbahn eine veränderte Gestalt; hatte man ehemals die Straßen über Berge geführt, so scheute man jetzt einen Umweg nicht, wenn man nur die Straße möglichst eben legen konnte. Die neue Welt will im Trabe fahren und nicht mühselig über Berge kriechen. Die Jahrhunderte alte Heerstraße wurde brach und eine neue im Thale gelegt und durch Dämme geschützt. Ganz Leutershofen, besonders aber der Sonnenwirt, empfand die unausweichliche Brache, und doch mußte man noch alles in stand halten, um plötzlich aufzuhören. An den Tagen des Kornmarktes äußerte sich die neue Gestaltung der Verhältnisse besonders in hässigen Neckereien mit den Einwohnern von Bieringen, Isenburg u. s. w.; das waren Dörfer, die man ehemals gar nicht oder nur mit Spott über ihre Abgelegenheit genannt hatte, aber die neuen Weltmänner ließen es an überhebenden Anzüglichkeiten gegen die vormals stolzen Dörfer an der Landstraße nicht fehlen. Cyprian suchte aus seinem Mißgeschick den letzten Vorteil zu ziehen, er übernahm mehrere hundert Klafter Steinfuhren in Accord für den Straßenbau und rüstete dazu Knechte, Roß und Wagen; aber es scheint oft, als ob sich eine Tücke des Schicksals, wenn es sich einmal feindlich gestellt, in allem erweise: Cyprian erlitt so viel Schaden an Pferden, Wagen und Geschirr, daß er sich einen namhaften Verlust zuzog. Nun dachte er daran, sein Anwesen zu verkaufen und sich im Thale anzusiedeln, aber es wollte sich für beides kein sogenannter Schick finden. Endlich wollte er wieder ganz Bauer werden und ging mit Eifer ins Feld, aber er war, wie er sonst oft neckend eingestanden hatte, »zu mast« geworden; bei der kleinsten Hantierung versetzte es ihm den Atem und rann ihm der Schweiß von der Stirne. Nun ließ er endlich alles kommen, wie es kommen mag. Die Thalstraße war fertig, und in dem Sonnenwirtshause mit den weiten, zur Aufnahme vieler Menschen hergerichteten Räumen war es doppelt öde. Das Sprichwort sagt, daß man sich ob der leeren Krippe leicht zankt; das bewährte sich nun. Der Sonnenwirt hatte aber manchen Tröster im unterirdischen Dunkel, der ihm die Zeit kürzen und vergessen half. Stunden-, ja tagelang lag er im offenen Fenster, das rote Taschentuch als Polster untergeschoben, und schaute träumend hinaus ins Freie; er hoffte, es müsse endlich ein schicklicher Käufer kommen, denn er hatte das Anwesen wiederholt in den Zeitungen ausgeboten, um es aus freier Hand zu verkaufen. Was er dann beginnen wollte, das überließ er der Zukunft. Wie öde und leer war jetzt der große freie Platz vor dem Hause! Man hörte nichts als das Plätschern des allzeit rinnenden großen Röhrbrunnens, die fliegenden Krippen, ehedem den Fuhrleuten zur schnellen Fütterung bereit, lagen wie müde und mancher Beine beraubt bei zerbrochenen Flaschen in einem Winkel, und das ganze Dorf war still, am hellen Tag wie eingeschlafen. Jetzt gab es keinen Kornmarkt mehr, jetzt bekam man nicht mehr täglich frisches Brot, kein Posthorn schallte mehr unter jauchzenden und springenden Kindern durch die Gassen. Cyprian sah dem Zerfall des ganzen Hauswesens mit einer Gleichgültigkeit entgegen, wie sie Uebertäubung und das dämmernde Bewußtsein des unabänderlichen Einsturzes so oft erzeugt. Die Frau, von jeher leichtfertigen Sinnes, machte sich von den guten Tagen noch zu nutze, so viel man vermochte, und da Schelten und Zanken mit ihrem Manne nichts half, wollte sie noch mitgenießen, solange sich etwas vorfand; von Fässern und Bütten waren die Reifen gesprungen, und sie kochte mit den bequemen Brettern. Zwei Aecker waren verkauft, andre verpfändet, man zehrte sich auf, solange etwas da war. Cyprian redete sich noch ein, daß er freiwillig verkaufen wolle, während er täglich mehr dem Schicksal entgegenging, von Haus und Hof gesetzt zu werden. Er gab die Gastwirtschaft nicht auf und bezahlte die Steuern dafür, ohne so viel einzunehmen, als diese betrugen; er glaubte des künftigen Verkaufes wegen das Gewerbe, wenn auch nur notdürftig, erhalten zu müssen. Mitunter bekam er noch ein Fäßchen Branntwein oder halbsauren Wein zu hohen Preisen geborgt, in der Regel aber war der Keller leer, und wenn ein Handwerksbursche, der ab der Straße durch die Dörfer zog, in der Sonne einkehrte, wurde Traudle zu dem Ochsenwirt geschickt, um von dort unter der Schürze verborgen das Verlangte zu holen, und Cyprian sagte dem Harrenden, wie sich selbst verhöhnend: »Mein Keller ist ein bißle weit weg.« Nach und nach ging Cyprian weiter und verkaufte, was nicht niet- und nagelfest im Hause war: Gestern verspeiste man einige Stühle, heute einen Tisch, morgen Gläser, Pfannen, Pferdegeschirr u. s. w. Oft mußte Traudle, meist aber Erdmute, wenn es Nacht war, vom Vater begleitet, kleinere Gegenstände und Bettstücke nach der Stadt tragen. Das waren schwere Gänge, der Vater jammerte allzeit und wünschte sich den Tod, und war er auch auf dem Heimwege nach der Einkehr im Wirtshause wohlgemuter, bei der geringsten Anregung konnte er über sein Schicksal weinen und ließ sich nur mit Mühe beruhigen. Seltsamerweise, aber nicht ohne Grund, hatte Erdmute seit dem Zerfalle des Hauses lauter gute Tage, selbst die Mutter schalt sie selten und war oft freundlich gegen sie. Diese Frau war immer wieder heiter, wenn zeitweilig Fülle in das Haus einzog. Erdmute empfand die ökonomische Auszehrung im Hause oft schwer, und es war ihr, als müßte die Decke über ihr einstürzen; aber das Gefühl, daß sie nun liebreich gehegt und die erste im Hause war, ließ sie manchmal wieder alles vergessen. An dem Tage, als von Obrigkeits wegen das goldglänzende Schild am Hause eingezogen und die Gant verkündet wurde, weinte alles, groß und klein, und ließ sich den ganzen Tag nicht am Fenster und nicht auf der Gasse sehen, und zum erstenmal hörte Erdmute, daß sie allein die Stütze und Hoffnung des Hauses sei. Am Abend erklärte ihr Traudle, was das zu bedeuten habe, und warnte sie, sich auch zu Grunde zu richten, sie könne doch den andern nicht helfen. Schon bevor die Ganterklärung eingetreten war, hatte Erdmute sich dazu verstehen müssen, zur Nachtzeit viele Habseligkeiten aus dem Hause zu schaffen und bei Bekannten unterzubringen; jetzt, nach dem Ganterkenntnis, ging es im Hause erst recht an ein Ausrauben desselben, als wäre es ein fremdes und feindliches. Die Behörde hatte zwar aufgeschrieben, was sich vorfand, aber es gab doch noch manches beiseite zu schaffen, und endlich wurden sogar auf dem Speicher die Böden ausgehoben und die Bretter verkauft. Cyprian hatte es klug dahin gebracht, daß sich die Gant in die Länge zog; und er schien nie glücklicher gelebt zu haben als eben jetzt, seine Gläubiger mußten ihn erhalten, er zehrte, wie man es nennt, von der Masse, er lebte fast wie ein Beamter von seiner Besoldung; aber auch dies nahm ein Ende, und im Frühling, als Erdmute zwanzig Jahre alt wurde, mußte sie mit den Eltern und Geschwistern in eine kleine Leibgedingwohnung ziehen. Cyprian wollte Traudle aus dem Dienst entlassen, aber auf die Bitte Erdmutes behielt er sie, er sprach es aus und zeigte es auch, daß er Erdmute zulieb alles thue. Man riet Cyprian, er möge sich doch mit Gottfried in Hollmaringen aussöhnen und nachgeben; wenn man Feuer wolle, müsse man es in der Asche suchen; aber Cyprian wollte davon nichts wissen, er sagte, daß er übers Jahr in die neue Welt auswandere. Der Ohm Gottfried von Hollmaringen kam einmal und ließ Erdmute zu sich ins Wirtshaus rufen. Cyprian stellte ihr jetzt frei, oh sie einen Mann besuchen wollte, der ihren Vater keines Wortes würdige und eigentlich an seinem Unglück schuld sei, wobei er den Verlust, den er bei seinem Umzug gehabt, noch sehr vergrößerte. Erdmute verneinte, und nun kam Gottfried zu Cyprian in seine Stube, er schaute sich hin und her um und sagte zu Erdmute, ohne Cyprian zu grüßen, er habe kein Geheimnis vor dem Vater und wolle sie nur fragen, ob sie zu ihm ziehen wolle, seine zweite Tochter verlasse nun auch das Haus. Erdmute erklärte, daß sie bei ihrem Vater bleibe, und als Gottfried sie zur Hochzeit seiner jüngsten Tochter einlud, lehnte sie auch dies ab; sie war dem Manne gram, der ihrem Vater kein Wort gönnte, weil er jetzt in Armut war. Ein geschmücktes Opfer. Das war ja wie aus den alten glücklichen Märchen, als Erdmute an ihrem einundzwanzigsten Geburtstage in ihrer Dachkammer erwachte und ein blinkendes Geschmeide vor ihren Augen schweben sah, aber der es ihr darreichte, war kein Zauberer und kein Geist, sondern der Vater, der es ihr selber um den Hals nestelte und stumm weinend sie küßte. »Was ist denn? was ist denn?« fragte Erdmute noch halb träumend. Der Vater setzte sich zu ihr auf den Rand des Bettes, und tief atmend begann er: »Das ist das Geschmeide deiner Mutter selig, das hab' ich nicht hergegeben, in keiner Not, das ist so bestimmt gewesen, das sollst du heut haben. Heut vor einundzwanzig Jahren –« In Erinnerungen verloren, konnte der starke Mann nicht mehr weiter reden und weinte laut. »Habt Ihr nicht den Ehrenschmuck meiner Mutter verkauft? Deswegen ist Euch ja der Ohm Gottfried so feind?« fragte Erdmute. »Ich hab' die Kleider verkauft, um den Mauskopf zu ärgern, und sie wären doch vermodert, aber den echten Ehrenschmuck hab' ich doch behalten. Schau, Erdmute,« und Cyprian faßte ihre Hand, »du bist mein liebes Kind, du bist mein einziges Kind, mein einziges . . . du bist mir ans Herz gewachsen wie keines sonst . . . du weißt's, wenn ich dir's auch nicht oft: sag' –« »Ja, ja, Vater, das weiß ich.« »Schau, du kannst aus mir machen, was du willst, einen Bettelmann oder einen Ehrenmann, oder einen, der sich selbst ums Leben bringt.« »Was kann ich denn thun?« »Hör' ruhig zu, hör' nur. Schau, du wirst heute großjährig, und du kannst dir den Himmel auf Erden verdienen, du ziehst dein Vermögen an dich, es bleibt dir, ich nehm' dir keinen Groschen davon, als was wir zur Reise brauchen, drüben können wir uns schon selber helfen. Verstehst mich? Verstehst, was ich mein'?« »Ja, ja, das thu' ich von Herzen gern, das Traudle hat das schon lang geahnt und hat mich bereden wollen, ich soll's nicht thun, aber ich thu's doch, da habt Ihr mein' Hand drauf. Machet nur, daß niemand was davon erfährt –« »Nicht so, liebes Kind, das geht nicht. Du mußt vor Gericht dein' Sach verlangen, du kannst's jetzt –« »Könnet Ihr nicht das für mich?« »Nein, du mußt selber, und es hat gar kein' Gefahr dabei, du brauchst kein' Angst haben. Nur mußt fest bleiben. Wirst sehen, sie werden alle kommen und werden sagen, dein Vater ist ein Lump, und er verputelt dein Vermögen auch noch, und so und so. Du mußt dich nicht abspenstig machen lassen, von Gutem und von Bösem nicht. Kannst das? Du kannst, wenn du willst und wenn du daran denkst, daß du deinen Vater und die Deinigen von Schand' und Tod errettest –« »Ja, ich kann's, Ihr werdet sehen, ich kann's, ich thu' den Ehrenschmuck an und halt' ihn in der Hand, und da wird mir kein Wort im Hals stecken bleiben. Verlasset Euch darauf.« »Schwör' mir: So wahr wie dir dein' Mutter im Himmel beistehen soll, daß du fest bleiben willst.« »Ich brauch' nicht schwören. Lasset mich's so ausführen. es ist mir leichter. Trauet Ihr denn Eurem Kind nicht?« Cyprian verbarg sich mit der Hand rasch die Augen und sagte schnell: »Alles, alles, du liebes, gutes Kind.« Er sagte ihr noch, daß sie das Halsgeschmeide verborgen halten müsse, da sonst niemand etwas davon wisse und er seinen Stolz darein setze, für schlechter zu gelten, als er sei. Als Cyprian zu seiner Frau in die Stube kam, sagte er zu ihr: »Das ist ein Kind, das ist ein wahrer Engel, ich bin's nicht wert, daß ich so ein Kind habe.« Die Frau lachte in sich hinein. An diesem Tag ging es festlich und vollauf bei Cyprian her, fast wie in seinen besten Zeiten, und Erdmute war der gefeierte Mittelpunkt von allem, selbst ihre Geschwister, die sonst nur Boshaftigkeiten an ihr ausübten, waren heute freundlich und dankbar ob des Kuchens, den sie durch die Schwester erhielten. Tags darauf geleitete der Vater selber Erdmute bis gen Hollmaringen; er sprach wenig. nur manchmal schärfte er der Tochter noch ein, wie sie sich seinen abwendigmachenden Feinden gegenüber zu benehmen habe. Er wollte Erdmute wiederholt die Anleitung geben, daß sie sagen möge, der ganze Plan ginge von ihr aus, und es habe ihr niemand einen Gedanken davon eingeflößt, aber Erdmute sagte: »Vater, das geht nicht, ich komm' viel besser durch, wenn ich bei der Wahrheit bleib'. Und was brauchen wir denn da leugnen und verhehlen? Es ist ja in der Ordnung, daß das Kind dem Vater folgt; da kann kein Mensch was davon loshauen.« Wenn der Vater, den Blick zur Erde geheftet, gramvollen Antlitzes so dahinschritt, betrachtete ihn Erdmute oft mit stillem Mitleid, und sie freute sich wieder, daß es ihr gegeben sei, alles wieder gutzumachen, und sie gedachte mitten in ihrem praktischen Vorhaben der Märchen, wo die Kinder ausziehen, um das Lebenskraut für den kranken Vater zu holen und mit Mut allerlei Fährlichkeiten bestehen. Als man Hollmaringen auf der breiten Ebene vor sich sah, und der Weg von der alten Hauptstraße nach dem Dorfe abbog, stand der Vater still und sagte, daß er wieder umkehre und in Seebrunn im Rößle, dem ersten Hause des Dorfes gegen Hollmaringen, auf die Rückkehr Erdmutes warten wolle. »Du weißt alles,« sagte er, »und geh in Gottes Namen.« Er setzte sich an den Wegrain und preßte die gefalteten Hände auf den Schlehdornstock zwischen seinen Knieen. Als er nach geraumer Zeit wieder aufschaute, sah er Erdmute dem Dorfe zugehen, sie wendete sich nicht mehr um und schritt ruhig fürbaß, und plötzlich wurde dem Vater schwer bange: dort ging sein Kind, und was es unternahm, entschied für ihn über Leben und Tod; wenn die Verwandten das Mädchen überredeten und gleich zurückbehielten, war er verloren – es war jetzt großjährig und konnte über sich schalten, wie es wollte. Wankenden Schrittes und oft stille stehend, kehrte Cyprian um, die Welt war frühlingsgrün, voll Sonne und Lerchensang, aber der von schweren Sorgen Bedrückte ist in ihr wie in einem Kerker, Kummer und Qual durchschneiden jeden Ausblick wie Eisenstäbe am Kerkerfenster. Erdmute ging indes ihres Weges wie in einer Verzückung, die Menschen auf den Feldern und auf dem Wege kannten sie nicht, aber jeder Baum, jede Hecke, jeder Graben grüßte sie mit tausend halbvergessenen Kindeserinnerungen, und sie selbst schaute umher mit großen, verwundert dreinblickenden Augen, wie ein Kind, das aus dem Schlaf erwacht; die Lerchen jubelten, die Bäume blühten, die Sonne schien so hell, und im Herzen des Mädchens lebte, ihr selbst unbewußt, der beglückende Gedanke, daß sie einer rechtschaffenen That entgegenging, und ihr ganzes Sein war von Freude übervoll. Sie ging dahin, als würde sie von einem unsichtbaren Wesen an der Hand geführt, und plötzlich stand sie still, und eine tiefe Trauer schlich sich in ihr Herz, daß sie nicht hier bleiben sollte, wo sie so ganz, wo sie allein daheim war. »Und du bleibst ewig da,« sagte sie fast laut vor sich hin, sie wußte nicht, woher es kam. Da sah sie den von einem Buchenzaune umfriedeten Gottesacker. Jetzt wußte sie, was hier so wunderbar zu ihr sprach; sie ging in den Friedhof, sie las die Inschriften vieler Kreuze, und es wurde ihr ganz wirr von dem endlosen Sterben der Menschen, das hier von Schritt zu Schritt zu ihr sprach. Da las sie, im Tiefsten erschreckt, auf einem halb eingesunkenen Kreuz ihren eigenen Namen: es war das Grab ihrer Mutter, sie sank vor ihm nieder und lag lange, das Haupt in das frische Gras gedrückt. Endlich richtete sie sich starren Blickes auf, sie konnte nicht weinen, und doch war ihr ganzes Herz voll tiefer Trauer, sie legte die Hand auf das Grab, als faßte sie die Hand der Mutter, und schaute in die weite Welt. Die Lerchen über ihr jubelten, ein Buchfink schmetterte seinen hellen Sang von einer Trauerweide, deren junges Laub im Sonnenschein glitzerte, ein Säuseln zog durch die einsamen Föhren, die da und dort standen, und Schmetterlinge flogen hin und her. – Sie raufte einige Grashalme und wilden Thymian vom Grabe, steckte sie in ihren Busen und schritt fest davon. Durch das Dorf ging sie, ohne umzuschauen und ohne jemand zu grüßen. Mittag war vorüber, und die Leute gingen wieder ins Feld; nur vor ihrem elterlichen Hause hemmte sie ihren Schritt und sah lange an dem Hause hinauf und auf die Steinbank, wo sie als Kind so oft gesessen. Es war alles im alten Stand, und nur des Nachbars Klaus, der an Krücken ging, war in den zehn Jahren ein großer Bursche geworden und strickte eine wollene Jacke auf der Steinbank, und in dem Garten war eine neue Scheune gebaut. Eben als Erdmute den Klaus grüßen wollte, trat Bläsi mit einem Pferdekummet auf der Schulter aus der Hausthüre; er erkannte Erdmute trotz des großen weißen Tuches, mit dem sie ihr Gesicht fast verhüllt hatte, und sagte: »So? Bist auch hiesig? Willst jetzt bei uns bleiben?« »Nein,« antwortete Erdmute und ging weiter, es kränkte sie, daß Bläsi ihr weder die Hand reichte, noch eigentlich ein freundlich Wort sagte. Als sie die Treppe im Hause des Oheims Gottfried hinan ging, war es ihr, als müßten ihr die Kniee brechen, aber sie faßte sich, denn sie ahnte, daß sie sich ihr Vorhaben leichter gedacht, als es war. Der Oheim Gottfried, der in Papieren lesend am Tische saß, stand nicht auf, aber er streckte ihr die Hand entgegen zum Willkomm und sagte: »Das ist brav, daß du doch zur Einsicht kommen bist! du bist bei uns so gut und besser aufgehoben als bei deinem Vater. Du mußt in diesen Tagen großjährig werden, halt, heut haben wir den zwölften Mai, gestern ist's gewesen, wo du's geworden bist, du kannst jetzt mit dir machen, was du willst.« »Ja, deswegen bin ich da, und ich hab' Euch sagen wollen –« Erdmute konnte nicht ausreden, denn die Frau, die ebenfalls die Hand gereicht hatte, schnitt ihr das Wort ab, indem sie sagte: »Du kannst hernach erzählen. Zuerst mußt was essen. Wärst ein' halbe Stund' früher kommen, hättest's gleich mit halten können. Rosel!« rief sie laut, ein schlankes Mädchen kam in die Stube, das nach Vorstellung der Mutter Erdmute herzlich bewillkommte, aber auch hier unterbrach die Mutter jedes weitere Reden und sagte: »Rosel, wärme schnell die Leberspatzen, die von heut mittag überblieben sind, thu noch einen Löffel Schmalz daran und schlag der Base ein paar Eier ein.« Erdmute wollte danken, aber man hörte nicht darauf, und trotz der Ermüdung und des unleugbaren Hungers fühlte sie plötzlich eine Sättigung, und es war ihr, als müßte sie auf und davon rennen. Diese zutrauliche, herzinnige Weise der Menschen, die sie bisher für Feinde und Unholde gehalten, dieses Entgegenkommen von Menschen, bei denen sie sich vergessen geglaubt, das Gefühl, bei Verwandten zu sein, die jede Liebe und Güte als selbstverständliche Sache hinnehmen, und dazu der Gedanke, daß sie mit einem Vorhaben gekommen, das ihnen entgegen war, alles das preßte ihr die Kehle zusammen. Der Oheim raffte die Papiere zusammen und sagte, daß er in einer Stunde wiederkomme, er müsse in die Gemeinderatssitzung. Erdmute stand auf und grüßte demütig, als er wegging, reden konnte sie nicht. Als die Rosel, von der die Mutter erzählte, daß sie in acht Tagen Hochzeit mache, das Essen brachte, wollte Erdmute durchaus nichts davon annehmen. Es gibt eine alte Sage, daß man von verführenden Geistern nicht Speise und Trank genießen darf, sonst ist man in ihrem Bann. Erdmute kannte diese Sage, und sie kam sich wie in einem Zauberkreis vor; aber hier waren gute Geister, und sie wollte nur nichts annehmen. weil sie dann bei der ausbrechenden Feindseligkeit undankbar war. Die Frau ließ indes nicht nach und wiederholte ihr, sie müsse ihr verscheuchtes Wesen ablegen, sie sei hier unter Menschen, die es gut mit ihr meinen, und staunend hörte Erdmute, daß man hier alles von ihrem Leben wußte, und errötend hörte sie ihr Lob, daß sie eine so tüchtige Bäuerin geworden und sich nicht auch dem »Wirteln« ergeben habe, das der schweren Arbeit entwöhne. Jetzt weinte Erdmute, die sonst nie Thränen vergoß, übermäßig; alles, was sie heute erlebt, drängte sich plötzlich überquellend zusammen. Die Frau suchte sie mit den besten Worten zu beruhigen, und die Rosel sagte, sie müsse ihre Kranzjungfer bei der Hochzeit sein. Erdmute erklärte. daß sie nur dem Oheim sagen könne, was ihr das Herz bedrücke. Als der Oheim Gottfried, der im Gemeinderat auch das Amt des Waisenpflegers hatte, zurückkam, öffnete er einen Schrank, nahm mehrere mit Stempeln versehene Papiere heraus und sagte: »Du wirst auch wissen wollen, wie es mit deinem Vermögen steht; das sind die Hypotheken, dreitausend vierhundert Gulden ist's gewesen, und so ist's geblieben, dein Vater hat jedes Jahr, auch wie's ihm noch gut gangen ist, die Zinsen erhoben. Wenn du einen rechtschaffenen Mann kriegst, der was hat, so ist das ein guter Zuschuß, daß ihr gut hausen könnet.« »Ich denk' nicht daran, Vetter.« »Wird schon kommen.« »Nein, höret mich gut: an, Vetter.« »Ja, ja, red du nur.« »Schaut, Vetter, ich bin . . . ich soll . . . ich will . . . Ja, ich soll mein Vermögen holen.« »So? Das glaub' ich, daß das dein Vater will.« »Und ich auch.« »Aber ich nicht.« Gottfried that die Papiere wieder in den Schrank, ließ den Riegel zweimal in die Schließe fallen und knüpfte das Lederband, daran der Schlüssel befestigt war, wieder in das Westenknopfloch. Erdmute saß still da. »Was möchtest denn mit dem Geld machen?« fragte Gottfried. »Meinem Vater damit aushelfen.« »Daß es der Lump auch noch verfressen und versaufen kann?« Erdmute erhob sich, sie hielt das Halsgeschmeide in der Tasche fest in der Hand, und mit starker Stimme sagte sie: »Vetter, das leid' ich nicht. Mein Vater ist so gut wie einer, und die, wo ihn verschimpfen, die haben's verschuldet, wenn was nicht recht an ihm ist.« »Ich seh' schon, dein Vater hat dich auch verdorben.« »Und wenn's so ist und wenn's wahr war', wer ist dran schuld? Mein Vater nicht allein. Ihr, ja, Ihr seid daran schuld. Ihr hättet die Feindschaft aufgeben und dafür sorgen müssen, daß Eurer Schwester Kind nicht verdorben wird; aber mit dem großen Wagen vorbeifahren, wo der Schwester Kind der Pudel im Haus ist, da hat man sich auch nichts zu berühmen.« Gottfried stand starr, er sah zum erstenmal in seinem Leben seine Rechtschaffenheit angegriffen, er konnte eine gewisse innere Stimme nicht verleugnen, welche die Berechtigung dazu anerkannte, aber doch war er dem gram, wer das aussprach. Er war nahe daran, seine Gelassenheit aufzugeben, aber schnell fand er wieder die Fassung und sagte, bitter lächelnd: »Das hat dir dein Vater auch eingeblasen.« »Nein, nein, was ich red', das sind meine Gedanken, die ich tausendmal im stillen gehabt hab'. Aber ich will Euch keinen Vorwurf machen und machet Ihr mir auch keine. Ich hab' heut Gutes in Eurem Haus gehabt, ich möcht' gern, wenn ich fortgeh', in gutem an meine Verwandten zurückdenken.« »Wo willst denn hin?« »Nach Amerika, mit meinem Vater und meinen Geschwistern. Ihr saget, ich hätt' ein schönes Vermögen; ich will nicht im Reichtum leben, wenn mein Vater ein Bettelmann ist –« »Und noch einmal wird, wenn er das deinige auch noch verthan hat. Ich seh', man kann gescheit mit dir reden, und du hast ein gutes Herz, du verleugnest dein' Mutter selig nicht, die hat mich für brav gehalten, du denkst anders, ich will dir nichts darüber sagen, aber besinn' dich nur, laß dich dünken, es redet ein andrer zu dir: wie soll denn ein Mann, der mit einem größeren Vermögen in seinen besten Jahren alles durchgebracht hat und keinen Unglücksfall gehabt hat, er mag sagen, was er will, wie soll der jetzt auf einmal fleißig und haushälterisch werden? Du bist noch in jungen Jahren, du hast das Leben erst vor dir, du darfst dich nicht ins Unglück stürzen für einen, der schon mit fertig ist. Besinne dich wenigstens noch ein Jahr, oder so lang du willst, du kannst bei mir bleiben, oder wo du magst.« Es war zum verwundern, mit welcher Festigkeit und raschen Entgegnung Erdmute allen Einwänden standhielt, und endlich brachte Gottfried das Ehrengewand der Verstorbenen und erklärte mit bebender Stimme, wie Cyprian das verkauft und wie er es erworben habe, um es einst Erdmute zu ihrem Ehrentage zu geben, und als Erdmute bestritt, daß der Vater den Ehrenschmuck verkauft, stampfte Gottfried auf den Boden ob dieser Starrheit, aber noch einmal faßte er sich und beschwor sie beim Andenken an die Selige, ihm und nicht dem Vater zu Willen zu sein. Und als Erdmute noch immer standhaft blieb, veränderten sich plötzlich seine Mienen, mit heiserer Stimme schrie er: »Gut, so geh, so geh; aber das schwör' ich dir, du verleugnest mich, ich verleugne dich auch, auf ewig, aus ewig. Du bist tot für mich, begraben und Gras drüber. Geh –« Plötzlich brach sich seine Stimme, er konnte nicht weiterreden; die Frau, die mit Bläsi und den beiden Töchtern in der Küche zugehört hatte, kam herbei und klagte, daß das Uebel, das Gottfried schon einmal gehabt, wiedergekehrt sei, aber Gottfried winkte mit der Hand, daß Erdmute hinaus solle, und sie verließ das Haus. Niemand grüßte, niemand geleitete sie. Als ginge sie schon auf schwankendem Schiffe, so schritt Erdmute das Dorf hinaus, sie schaute sich nicht um und ging unaufhaltsam, bis sie da, wo der Weg auf die Hauptstraße geht, unter dem blühenden Apfelbaum am Wegweiser sich niedersetzte. Sie schaute nicht auf und antwortete nicht dem Gruße der Weiber, die mit Bündeln Unkraut aus den Saatfeldern kamen. Es blüht der Baum, wo der Weg sich trennt. »Das ist gut, daß ich dich da noch find',« sagte plötzlich eine Stimme, Erdmute schaute auf, es war Bläsi, der vor ihr stand, hochglühenden Antlitzes und mit einem seltsamen Ausdruck in den Mienen. »Schickt dich dein Vater, und hast du mir von ihm was zu sagen?« erwiderte Erdmute und wollte aufstehen; es durchschauerte sie aber, als Bläsi jetzt zum erstenmal sie berührte, indem er sie am Arm faßte und sie sitzen bleiben hieß mit den Worten: »Bleib du nur, es schickt mich niemand, ich komm aus mir allein und hab' aus mir allein mit dir zu reden. Willst du mich ordentlich und geduldig anhören und mich ausreden lassen?« »Du hast noch kein' Prob', daß ich nicht alles mit Ruhe anhöre, was man mit Ruhe anhören kann.« »Magst meinetwegen recht haben,« sagte Bläsi, sich neben sie setzend, »laß jetzt die alten Sachen vorbei sein, ich hab' andres mit dir zu reden. Guck, hundertmal hab' ich mir gewünscht, wenn ich nur auch so ruhig wie jetzt mit dir reden könnt', hundertmal hab' ich gedenkt, unser Herrgott muß barmherzig und übergut sein, daß er uns nicht dafür straft, weil die nächsten Anverwandten so in Feindschaft miteinander leben, hundertmal, wenn ich dir begegnet bin, hab' ich dich anhalten wollen, aber du bist immer so trutzig und stolz gewesen –« »Ich? stolz?« schaltete Erdmute mit bitterm Lächeln ein. Bläsi fuhr fort: »Du bist von Vaters Seite mein' einzige Anverwandte, und es hat mir das Herz im Leib herumgedreht, wenn ich dich gesehen hab' und dich nicht hab' anreden dürfen. Und mein Vater auch, er redt nicht viel, aber er ist grundgut, du kennst ihn nicht, und dein Vater –« »Sag' nichts, es ist recht, daß du deinen Vater lobst, und ich will dir alles glauben, aber mein Vater ist auch mein Vater, und ich laß nichts auf ihn kommen –« »Eben das, wie ich das gehört hab', hab' ich noch mehr Respekt vor dir kriegt. Aber das haben wir jetzt nicht auszumachen. Wir sitzen jetzt da bei einander, wie wenn wir beide keine Eltern hätten und ganz allein auf der Welt wären, so ist mir's, wie's dir ist –« Bläsi hielt inne und trocknete sich den Schweiß von der Stirn; vor sich niederschauend, fragte Erdmute: »Warum hast mir denn kein gut Wort geben, wie ich ins Dorf kommen bin?« »Weil ich gemeint hab', du bleibst bei uns, und da hätt' sich schon schickliche Zeit gefunden, und ich hab' dir auch nichts im voraus geben wollen . . . . Du hast mich dein Leben lang geplagt genug, von damals an, wo du mir die Kirschen nachgeworfen hast, ich hab' dir's eintränken wollen –« Die gekrümmte linke Hand auf Kinn und Unterlippe gedrückt, schaute Erdmute den Bläsi mit flüchtigem Lächeln an, dann fragte sie: »Warum bist denn jetzt anders?« »Weil du jetzt alles wieder auseinander sprengst, weil du in Feindschaft davon gehen willst. Das ist nicht recht, das ist nicht brav, das . . . das leid' ich nicht. Du gehörst zu uns und nicht zu denen in Leutershofen, und du sollst uns nicht nachsagen, wir hätten dich verstoßen –« »Das sag' ich nicht, und es wär' ja auch gelogen.« »Das mein' ich auch nicht, du verwirrst mir ganz meine Worte, du redest mir so drein, daß ich nimmer weiß, wo ich steh' –« »Gut, ich will ganz still sein, so red du allein.« Sich die Hände reibend und eine gewaltsame Bedächtigkeit erraffend, begann Bläsi wieder: »Du sollst dich eben an uns halten, ich will nichts von den Deinigen sagen, so viel siehst aber doch, daß wir ganz andre Leute sind, und du solltest dich freuen, daß du so einen Anhang hast. Sag, hab' ich nicht recht?« »Freilich, aber wenn mein Vater im Zuchthaus säß', ich möcht' doch bei niemand in Gnade sein, ich thät' dienen und behielt' mein' Ehr für mich.« »Das ist in Ordnung, den Stolz, den hast du doch nur von unsrer Familie, du gehörst doch zu uns, aber du brauchst nicht dienen, im Gegenteil. Wenn man nur wüßt', oh du . . . ich hab' dich von Herzen lieb, und ich laß' dich nimmer davon –« Er umschlang ihren Hals und drückte einen Kuß auf ihre Lippen, aber sie entwand sich ihm. »Hast du mich denn nicht auch lieb? Warum weinst denn jetzt? Warum weinst?« fragte Bläsi mit bebender Stimme. »O Bläsi,« begann Erdmute endlich, »das ist nicht recht, das ist gefrevelt, wir müssen scheiden, auf ewig scheiden, das darf nicht sein.« »Was darf nicht sein?« »Ich hab' mir's nie gestehen wollen, und jetzt darf ich's auch nicht, denk du lieber, ich sei schon lang gestorben.« »Das will ich aber nicht. Sag's frei, magst mich oder nicht?« »Ach Gott, ich kann dir's nicht sagen, wie lieb –« Sie umhalste ihn, und lange hielten sie sich fest in den Armen, die ganze Welt war vergessen, und sie hörten nichts als das Klopfen ihrer Herzen und sahen nichts als das eine in das Auge des andern. Bläsi gewann zuerst wieder das Wort: »Willst du jetzt noch einmal heim?« »Ich muß ja, ich muß.« »Es ist auch gut. Mein Vater ist grimmig gegen dich, wie ich ihn noch nie gesehen hab', aber das wird sich schon geben. Hast denn gar nichts geahnt, wie du zu uns kommen bist?« »Ich weiß nicht, wie ich gegen das Dorf kommen bin, ist mir's gewesen, wie wenn mich der Boden festhalten thät', und dann bin ich dadrüben gewesen auf dem Grab meiner Mutter, und in deinem Haus ist mir's so heimelig gewesen, und es ist mir allerlei durch den Kopf gangen, aber wie ich gehört hab', daß man auf meinen Vater schimpft, da ist mir wieder alle Gelust vergangen; ich bleib' in keinem Haus, wo man so über meinen Vater redet, er hat das beste Herz von der Welt, freilich schwach ist er, aber er muß selber am meisten darunter leiden, und es hat keiner das Recht, darüber zu schimpfen. Jetzt, Bläsi, jetzt mußt du mir helfen, ich weiß nicht mehr, wo ich bin und was ich zu thun hab'.« Mit stolzem Selbstgefühl seiner Männlichkeit erklärte Bläsi, daß er sich das schon ausgedacht habe. Erdmute solle ihrem Vater das Geld für die Ueberfahrtskosten geben und mit dem übrigen nach Hollmaringen kommen, dann sei beiden Teilen geholfen. Statt diesen Vorschlag, wie Bläsi erwartet hatte, als klug zu loben, sagte Erdmute: »Ich möcht' ihm lieber alles lassen, ich will gar nichts mehr mit Geld zu thun haben, es graust mir davor; andre Mädle haben gar nichts damit zu schaffen, und ich muß mich so viel mit 'rumplagen.« Bläsi fand das letztere richtig, wenn er auch nur halb den Widerwillen Erdmutes anerkannte; er wiederholte ihr, daß sie großjährig sei und daß es eine Sünde wäre, das Geld an Cyprian zu verschleudern. Mitten im sonnigen Erleuchten der Liebe Erdmutes zog plötzlich eine verfinsternde Wolke darüber; sie hatte zu oft und jahrelang von dem Geize der Gottfriedischen reden hören, und sie sah auch Bläsi davon befangen. Wenn es nicht wäre, warum will er nicht dem Vater alles geben, um sie zu retten? Bläsi deutete die Veränderung ihres Antlitzes und ihr Verstummen anders. Er riet Erdmute, da sie sich vor dem Austrage der Sache fürchte, wieder ins Dorf zu seiner verheirateten Schwester zurückzukehren und ihm allein oder seinem Schwager alles zu überlassen. Das wollte und konnte Erdmute nicht, sie mußte mit ihrem Vater allein zurechtkommen, sie durfte auch sein Vertrauen auf ihre Rückkehr nicht getäuscht haben; mußte er nicht an der Welt verzweifeln, wenn sie, seine letzte Hoffnung, ihn hinterlistig verließ? Oder wollte sie auch Bläsi beweisen, daß sie für sich allein Kraft genug besaß? Noch einmal siegte die überströmende Macht jugendlicher Liebe, und mit dem Rufe: »Es gibt gar kein Geld in der Welt, horch, wie der Fink da über uns lustig ist und hat keinen Kreuzer im Sack,« umhalste sie abermals den Bläsi, und tausend Erinnerungen und Begegnungen wurden ausgetauscht und gelacht und gejubelt, und sie erfanden verschiedene Küsse, der eine war für den Vetter, der andre war für den Bräutigam, der eine war für die Base, der andre für die Braut. Bald mußte Bläsi aufstehen, des Weges daherkommen, grüßen und ein Gespräch anknüpfen, wie es früher hätte sein sollen, bald mußte Erdmute die gleiche Rolle spielen, und sie verstand es noch viel scherzhafter, und dann saßen sie wieder beisammen und hielten sich umschlungen, und dann hieß es: »Jetzt ist wieder ein Jahr vorbei,« und noch eines wurde gespielt und immer wieder. Die Sonne sank nieder, als Bläsi sagte: »Siehenundsiebenzig Jahr möcht' ich so leben.« »Und hernach laß' ich mir noch was dreingeben,« lachte Erdmute. Bläsi bedauerte, daß er nichts habe, das er ihr als Liebesangedenken geben könne, aber er versprach ihr, wenn sie zur Hochzeit der Rosel komme, ihr einen goldenen Ring zu geben. »Silber oder Gold ist mir eins,« scherzte Erdmute. »Das Wort gilt,« bestätigte Bläsi, und wie erschreckt fuhr sie zusammen vor diesem Zusatz; hatte sie nicht ihrem Vater auch das Wort gegeben, fest und standhaft zu bleiben? Durfte sie auf das Wort eines andern, durfte man auf ihr Wort mehr trauen? Wie das immer nach gewaltigen Erregungen der Fall ist, hielten sich Bläsi und Erdmute still Hand in Hand. Sie gingen die verödete Landstraße, und Bläsi betrat gern die spitzen, zerschlagenen Steine und ließ ihrem Fuß das glatte Geleise. Erdmute hatte ihm gesagt, daß ihr Vater in Seebronn auf sie warte. Bläsi wollte mitgehen, er wollte ihr Beistand sein, aber sie wehrte ab, und Bläsi mußte ihr sogar heilig geloben, sich nicht drein zu mischen und nicht nach Leutershofen zu senden oder zu kommen; sie fürchtete durch die Einmischung der Gottfriedischen von ihrem Vater das Härteste und wollte auch alles selbst vollenden. Dagegen mußte sie Bläsi versprechen, nicht mehr zu Fuß, sondern in einem Bernerwägelein, wie es sich für sie schickte, nach Hollmaringen zu kommen. Erst vor dem Dorf schieden sie, es war, als könnten sie sich nicht trennen, und immer aufs neue sagten sie einander Lebewohl und hielten doch die Hand fest. Es schien, als ob Bläsi noch etwas zu sagen hätte, das er nicht auf die Lippen bringen konnte; er wollte Erdmute nicht von sich lassen, diese aber hörte am ersten Hause des Dorfes, welches das Wirtshaus war, die laute Stimme ihres Vaters; sie drängte Bläsi fort und ging hinauf. Bläsi kehrte heim, denn auch er hatte einen Vater zu fürchten. Ein Seelenlicht. Tag um Tag verging, man hörte nichts von Erdmute. Am Abend vor der Hochzeit seiner Schwester, als die ganze Familie sich im Hause Gottfrieds versammelte und jene stille Lust alle Herzen belebte, die auf der Schwelle eines freudigen Ereignisses so still wonnig macht, da war auch Bläsi nicht unter den Versammelten zu sehen, er war allein und gedankenvoll den Weg gegen Seebronn hinausgegangen, er saß unter dem Apfelbaum am Wegweiser, von dem jetzt die Blütenblätter abfielen und die Straße und den Rain wie zum Einzug einer Freude schmückten. Bläsi ging weiter bis gegen Seebronn, er hielt den Ring in der Hand, mit dem er Erdmute schmücken wollte, aber sie kam nicht, und doch hatte er sie für heute so sicher erwartet; er wollte weiter und immer weiter wandern bis nach Leutershofen, ein unendliches Verlangen trieb ihn, und doch kehrte er wieder um, er wollte die Freude im Elternhause durch sein Ausbleiben nicht stören. Er fand noch alles, was anverwandt war, versammelt, man labte sich jetzt an der kommenden Freude wie an dem Dufte der frischen Kuchen, der das ganze Haus durchdrang; der Genuß selber gehörte dem morgenden Tage. Bläsi erwiderte kein Wort, als seine Schwester ihm sagte, daß sie ihm zum letztenmal sein Sonntagsgewand herrichte und wie er sie nun oft vermissen werde, denn sie heiratete einen Holzhändler im Enzthale. Bläsi war seiner ganzen Umgebung entrückt, er musterte die Anwesenden alle nacheinander, nur um aufs neue zu sehen, daß Erdmute nicht unter ihnen war und niemand sie vermißte, als er allein. Als man ihn damit neckte, daß nun das Heiraten an ihn käme und daß er sich umschauen müsse, antwortete er nichts, und mancher strahlende Mädchenblick, der sich auf ihn heftete, wendete sich unerwidert wieder ab. Am Morgen, als Wagen an Wagen den Bräutigam und seine Familie, sowie die auswärtigen Anverwandten des eigenen Hauses brachte, ging Bläsi wie verloren hin und her und hatte für niemand einen rechten Gruß. Er zwang sich beim Tanze zur Lustigkeit, aber man sah, daß es ihm nicht ernst damit war und doch ahnte niemand außer der verheirateten Schwester im Dorf, was mit ihm vorging. Beim Abschiede der Rosel weinte Bläsi am meisten. Wenn er im Dorf oder auf dem Felde war und ein Wagen die Straße daherrollte, rannte er ihm aus dem Hause oder vom Acker mit pochendem Herzen entgegen; es konnte nicht anders sein, Erdmute mußte kommen, aber immer waren es fremde Menschen, die des Weges kamen und staunend auf den Burschen sahen, der bei ihrem Anblick wieder zurück rannte. Oft und oft nahm sich Bläsi vor, sich um kein Wagengeräusch mehr zu kümmern, aber sobald er wieder ein rasches Rennen hörte, ließ es ihn nicht an der Stelle, und nur noch diesmal und diesmal wollte er sich's gestatten, bis er auch endlich davon abließ. Da brachte eines Morgens die Landeszeitung, die Gottfried als Schultheiß – oder wie der neue Kanzleistil heißt, als »Gemeindevorstand« – halten mußte, eine erschreckende Kunde ins Haus, denn eine gerichtliche Anzeige forderte alle Gläubiger Cyprians auf, sich zu melden, da er nach Amerika auswandern wolle, fügte aber sogleich bei, daß niemand auf Zahlung hoffen dürfe, da Cyprian auf Kosten seines Kindes erster Ehe auswandere. Während Gottfried dies in der Stube las, war Traudle zu Bläsi in den Stall gekommen und brachte ihm den letzten Abschiedsgruß von Erdmute, sie war mit dem Vater nach dem Seehafen vorausgeeilt, die übrige Familie sollte erst nach der gesetzlichen Frist nachkommen. Traudle erzählte viel, wie schwer Erdmute der Abschied geworden sei, und doch wußte sie, die allzeit die Vertraute gewesen, nicht anzugeben, warum sich Erdmute doch noch zur Auswanderung bewegen lassen. Traudle war nun auch verlassen in der Welt, sie bat, bei Gottfried bleiben zu dürfen, aber dieser wollte nichts mehr von jemand wissen, der ihn an Erdmute erinnerte. Traudle ging zu ihrer Tochter nach Lichtenhardt, sie hatte sich's nie gedacht, daß sie wieder nach dem Dorf zurückkehren müsse, das so arm und abgeschieden war, daß man sich überall scheute, sich als von dort gebürtig zu nennen. Draußen in der Bauernwelt, die man von Lichtenhardt aus bewundernd ansah, galt nun Traudle auch nichts mehr, seitdem Erdmute verschwunden war. Cyprian mußte seinen Plan schon lange vorbereitet haben. Auf Grund einer gerichtlich anerkannten Vollmacht Erdmutes hatte er die Hypotheken an einen Unterhändler verkauft, der nicht ohne namhafte Abzüge bares Geld dafür gegeben. Der Tag, an dem Gottfried die zweimal verschlossenen Hypotheken herausgab, war ein trauriger. Aber nicht nur um den Verlust des Geldes, sondern auch um das verlorene Schwesterkind mußte eine tiefe Wehmut im Herzen Gottfrieds wohnen. Er legte zur Verwunderung aller, die es bemerkten, Trauerflor um die Abgeschiedene an und sprach wochenlang von Erdmute nie anders als von einer Verstorbenen. Gottfried war ein Mann von zäher Selbständigkeit, der keinerlei fremden Einfluß kannte; man schalt ihn ob dieser seltsamen und selbst auferlegten Trauerzeichen, man warnte ihn, daß er damit Gott versuche, der, um ihn zu strafen, Ernst machen und ihm ein wirkliches Leid, einen Trauerfall zuschicken werde; er beharrte und ließ sich nur zu der Erklärung herbei: entweder sei ihm noch eines tot oder lebendig, er wolle nichts davon, daß eines für ihn da sei, von dem er nichts wisse; Erdmute sei für ihn tot, ob sie auch noch in Amerika lebe, das gehe ihn nichts an, für ihn sei sie tot, und in seinem Hause durfte sie keiner mehr anders nennen. Vielleicht wollte Gottfried mit diesem eigenartigen Starrsinn doch noch etwas andres. Nach einigen Wochen legte er den Trauerflor ab, aber eine gedrückte Stimmung im Hause blieb und wollte nicht schwinden. Rosel, die das Haus erheitert hatte, war nicht mehr da, und Bläsi wurde von Tag zu Tag stiller und in sich gekehrter. Er hatte um Erdmute kein äußeres Trauerzeichen angethan und keines abgelegt, ja, er vor allen war dem Vater über beides am meisten gram, denn er ahnte, daß diese gewaltsame That ihm besonders galt. Gottfried hatte seinem Sohn allmählich das ganze Bauernwesen in die Hand geben wollen, aber Bläsi fragte ihn jetzt um jedes Vorhaben und wußte sich nicht zu raten und zu helfen. Er war im eigenen elterlichen Hause wie ein Knecht, der erst an diesem Tag in Dienst getreten war. Sonst hatte Bläsi die meisten Amtsschreibereien für den Vater gemacht, und dieser war zufrieden mit der runden Fassung des Sohnes; jetzt mußte der Vater ihm jedes Wort in die Feder diktieren, und dabei schrieb er oft noch Verkehrtes. Die Eltern sprachen über das veränderte Wesen ihres Sohnes, der es nicht in Abrede stellte, als man ihm laut vorwarf, daß er bei Erdmute am Wegweiser gesessen und sie geküßt habe. Der Vater drohte ihm das Härteste, wenn er nur noch mit einem Gedanken an Erdmute denke, ja, er steigerte seinen Haß gegen »die Verstorbene« zu den höchsten Verwünschungen, und jetzt zeigte sich, daß er mehr um Bläsis willen Trauer um Erdmute angelegt hatte. Er ging sogar noch weiter und zündete am Tage Allerseelen zwei Lichter auf dem Grabe seiner Schwester an. Endlich fand er das beste Mittel, jeden Funken in Bläsi zu töten, er faßte einen festen Entschluß, und Bläsi mußte gehorchen; er verlobte ihn mit der schmucken Tochter des Kirchengutsverwalters, des sogenannten Heiligenpflegers von Seebronn. Bläsi hatte ehedem eine Neigung zu dem Mädchen gezeigt, das aber für Gottfried weit unter seinen Anforderungen stand; jetzt drang er selbst auf die Verlobung, und alles sagte, der Gottfried habe seine alte Art ganz verändert. und das Lob, das er jetzt hören mußte, war weit mehr ein Tadel, denn er vernahm dabei, was man ehedem von ihm gehalten. Es gab wohl nie einen weniger aufgeweckten Bräutigam als Bläsi. Er that alles, was Vater und Mutter ihm sagten, mehr aber auch nicht. Denselben Weg, den er mit Erdmute gegangen, ging er nun zu seiner Braut, und wenn er zu ihr kam, mußte er sich immer erst erinnern, was er sei und was er hier zu thun habe. Die Leute schüttelten oft den Kopf über sein seltsames Wesen. Als ihn einst seine Braut eine große Strecke Wegs heim geleitete und unter dem Apfelbaum am Wegweiser sich niedersetzen wollte, schrie er mit entsetztem Angesichte: »Nicht, nicht, nicht, da sitzt ein Geist,« und fort rannte er. Andern Tages kam der Heiligenpfleger von Seebronn, brachte die Brautgeschenke wieder zurück und löste das geschlossene Band, da Bläsi irrsinnig sei. Eine tiefere Kränkung hätte Gottfried nicht erfahren können, als daß man seinen Sohn abwies und ihm solches nachsagte. Er redete fortan kein übriges Wort mehr mit Bläsi, der die Auflösung seines Bräutigamstandes aufnahm, als ob das ihn gar nichts anginge, er blieb still und schaute immer träumend drein. Sein Schwager war der einzige, dem er sich anschloß, er arbeitete lieber für ihn als im elterlichen Hause, und wenn man nach dem Kornmarkt fuhr, der jetzt nach der Stadt verlegt war, leistete er am liebsten Knechtsdienste und blieb bei den Pferden. Dabei sah er in gleicher Weise wie vordem frisch und jugendlich aus, nur hatte er die seltsame Angewohnheit, daß er auf manche Anrede nichts antwortete, sondern nur still wehmütig lächelte. So vergingen drei Jahre. Als einst in der Zeit der beginnenden Heuernte Bläsi seine Pferde auf dem Marktplatz in der Stadt tränkte, da kam Traudle zu ihm und winkte ihm schon von fern, er sah sie kommen, aber er rührte kein Glied und dankte nicht ihrem Gruße. »Gottlob, daß du da bist,« rief Traudle. Bläsi sah, daß seine Pferde die triefenden Mäuler aus dem Troge hoben, er pfiff ihnen, aber sie soffen nicht mehr, und er führte sie in das Wirtshaus zurück. Traudle konnte vor raschem Atem nicht sprechen, sie ging neben ihm her und sagte: »Bläsi, wach auf, Schlafenszeit ist vorbei.« Er sah sie kaum an und band die Pferde wieder an die Krippe. »Hörst mich denn gar nicht? Ich hab' dir was Gutes zu sagen, an das kein Mensch denkt. Um Gottes willen, bist denn wirklich hintersinnt?« fragte Traudle mit steigender Angst und prallte scheu zurück, als Bläsi sie durchbohrend anschaute. »Was willst von mir? Was hast?« fragte er endlich. »Hinter der oberen Mühle am Bachsteg wartet ein Mädle auf dich und hat mich zu dir geschickt. Sag, thut dir's nichts, wenn ich dir sag', wer es ist? Sag's doch. Es ist ein Mädle, es bringt dir Botschaft von der Erdmute.« Als ginge plötzlich die Sonne auf, so hell wurde das Antlitz Bläsis, er faßte Traudle am Arm, daß sie laut aufschrie. »Wo ist das Mädle – Wo?« fragte er. »Komm mit.« Er ging raschen Schrittes neben Traudle, und als sie über den Steg kamen, sah er eine verhüllte Frauengestalt mit einem weißen Kopftuche und einem Bündel auf dem Rücken, ähnlich wie sie aus der Umgegend auf Wallfahrten ziehen. Die Gestalt saß unter dem Weidenbaum in sich zusammengekauert, jetzt richtete sie das Haupt empor, ein braunes Auge leuchtete, die Gestalt richtete sich auf, und Bläsi rief: »Bist du nicht? . . . Heiliger Gott im Himmel, du bist's.« Ein Freudenschrei ertönte, den das gewaltige Rauschen des Stromes nicht verdecken konnte. Erdmute und Bläsi lagen einander in den Armen. An den rauschenden Wellen. »Glaub nicht, daß ich kein rechter Mann bin, ich kann nicht anders, ich muß weinen, du glaubst nicht, wie viel tausend Thränen mir ins Herz gesunken sind. Es wird mir so leichter. Laß nur.« So beruhigte Bläsi, da Erdmute seine ins Unfaßliche gehende Erregung beschwichtigen wollte, »ich freu' mich nur, daß ich dich gleich erkannt habe, du hast dich ganz verändert, aber deine Augen, die sind's noch. Jetzt sag, wie ist's denn möglich? Ist's denn wahr, daß du da bist? Wie hat's denn nur sein können? Sind's denn schon drei Jahr, seit du fort bist, oder ist es seit gestern?« So oft auch Erdmute beginnen wollte, ihre Geschichte zu erzählen, sie wurde immer wieder unterbrochen von Ausrufungen der Liebe und Verwunderung. Endlich verbot sie jede Zwischenrede und begann: »Da an dem Platz, wo wir jetzt sind, da hat mein großes Unglück angefangen, da hat sich mein Vater ins Wasser stürzen wollen, wenn ich nicht mit ihm geh', und wahr bleibt's, wie's auch kommen ist, ich bin doch seine einzige Freud' auf der Welt, und unterwegs hat er mir all' Stund gedankt, daß ich ihn nicht verlassen habe. O Bläsi, glaub mir und thu mir die Liebe und zweifle nicht daran, ich will dir's zeitlebens vergelten, er ist an dem, was mir geschehen ist, so unschuldig wie du; nur das ist sein Unrecht: er hat mir die Höll' vorgestellt, wenn ich zu euch komm', und wie dein Vater dich zu tot plagt, und dir zulieb, und ich kann's jetzt selber nimmer begreifen, wie mir's gewesen ist, und ich hab' auch gedenkt, du nimmst's vielleicht doch leichter, und mein Vater hat sonst niemand, der ihm ein gutes Wort gönnt, die Großen und die Kleinen fahren alle auf ihn hinein, wenn er ein Wort sagt, und da bin ich halt fort, und es ist mir immer gewesen, wie wenn das doch nicht ernst wär', und ich käm' morgen wieder heim, und doch sind wir immer weiter gefahren, hundert und hundert Meilen Wegs, bis wir an dem großmächtigen Meer Halt gemacht haben, man heißt den Ort Antwerpen. Wir haben lang da bleiben müssen, bis die anderen nachkommen sind, und mein Vater hat mir jeden Kreuzer verrechnet, den er ausgeben hat, und ich hab' unser Geld immer bei mir tragen müssen, der Vater hat's nicht zugeben, daß ich's in einen Schrank verschließ', und er selber hat's auch nicht genommen; da bin ich dir immer herumgelaufen, so geplagt, und ich hab' fast gar nicht gehen können und mein Herz ist mir noch viel tausendmal schwerer gewesen, und ich hab' mich oft fast hintersinnt, und ich hab' herausbringen wollen, warum gerad ich das alles durchmachen muß, und hab's doch nicht gefunden. Unter dem Durcheinander von den Schiffen und den Menschen ist mir so sterbensbang gewesen, und wenn's kein' Sünd' gewesen wär', ich wär' ins Wasser gesprungen, und wenn ich alles Geld von der Welt hält' mit mir nehmen und ins Meer versenken können, ich wär' doch und noch viel lieber hineingesprungen. Das Geld ist doch an allem Unglück in der Welt schuld.« Bläsi schüttelte abwehrend den Kopf, und Erdmute fuhr fort: »Wie die Frau mit den Geschwistern kommen ist, da hab' ich mein Geld in meine Truhe thun dürfen, und es ist immer eines als Wache dabei blieben. Einmal komm' ich dazu, wie der Vater mit der Frau fürchterliche Händel hat, wie ich dazu komm', sind sie plötzlich still, und der Vater hat mich nachher, wie wir allein gewesen sind, gewiß eine Stunde bei der Hand gehalten und mir alles Liebe und Gute gesagt und geweint. Damals ist mir das nicht besonders aufgefallen, aber nachher hab' ich dran denken müssen, was das alles zu bedeuten gehabt hat. Am Morgen vor der Abfahrt, wie wir alle auf dem Schiff sind, schickt mich mein' . . . mein' Mutter noch einmal in die Stadt, ich soll einen Sack Erbsen holen, den wir im Wirtshaus haben liegen lassen; mein Vater will gehen, aber sie leidet's nicht, und er ist leider Gottes auch nicht ganz bei sich gewesen; auf das Schiff zu gehen, ist ihm doch gar hart geworden, und er hat sich durch den Wein den Jammer vertreiben wollen. Wie ich vom Schiff absteig', welscht einer mir vor, aber ich versteh' ihn nicht. Ich geh' in die Stadt, ich find' den Sack nicht, es will niemand was davon wissen, daß er liegen blieben sei; ich geh' wieder ins Schiff – Bläsi, ich hab' ins Wasser springen wollen, das Schiff ist fort, und ich bin allein da, allein, ausgesetzt, verlassen und verstoßen. Bläsi, kannst dir denken, wie mir's da gewesen ist . . . Die Leute haben gemerkt, was mit mir geschehen ist, und sie haben mich vom Boden aufgerichtet, wo ich hingefallen bin, und da war auch ein Deutscher und der hat mich getröstet, und hat mir versprochen, er will mir helfen, daß ich den Meinigen nachreisen kann. Da bin ich gesessen am Boden und hab' nicht reden können und nicht gehen, und die Leute haben mir Silben und Kupfermünzen in den Schoß geworfen. Noch einmal Geld und immer Geld! Was will denn ich noch davon – Ich will sterben. Sie haben mich in die Stadt geführt; wie ich erwacht bin, haben sie mir gesagt, daß ich lang geschlafen hätt'. Das Traudle hat mir oft Geschichten erzählt von Kindern, die von ihren harten Eltern im wilden Wald im tiefen Schnee ausgesetzt worden sind; aber schwerer als mir ist's gewiß keinem geworden, und ich bin dir so verlassen und unbeholfen gewesen, wie ein kleines Kind, das kaum sagen kann, wie sein Vater heißt. Der Deutsche, es ist ein Jud' gewesen, der selber Auswanderer hinüberschickt, hat mich umsonst übers Meer bringen wollen, ich hab' aber nicht gewollt, ich hab' bei ihm im Haus ein Jahr gedient, und er und die Frau, sie ist auch eine Schwäbin, sind gut gegen mich gewesen, aber ich bin doch fort, und bei Köln bin ich krank worden, und da bin ich wieder in Dienst gangen zu einem Bauer, und jetzt bin ich da. Ich hab' geglaubt, du bist schon lang verheiratet, Bläsi, und ich hab' bei dir dienen wollen, und da bin ich zuerst zum Traudle, das hat auch Trauer, sein' Tochter ist ihm gestorben, und wir haben einander getröstet, so gut wir haben können, und sie hat gesagt: du hättest dir mein Weggehen so arg zu Herzen genommen, daß du hintersinnt seist, und da hab ich dir helfen wollen –« »Und du hast mir geholfen, und ich weiß gewiß, ich wär' gestorben, wenn du nicht kommen wärst –« »Jetzt sag aber, Bläsi, was soll ich jetzt anfangen?« »Du gehst mit in mein Elternhaus.« »Nein, so nicht, das geht nicht.« »Hast auch recht, ich weiß schon einen Ausweg, ja, das ist gescheiter. Du hast ja im Feld schaffen können. Kannst's noch ordentlich?« »Freilich, ich hab' mich ja mit dem Traudle über die Sommerzeit verdingen wollen. Ach! ich hab' nicht glaubt, daß ich mit dir wieder zusammen komm', und doch, wenn ich sagen soll –« »Was? Was thätest du sagen?« »Daß das Traudle recht gehabt hat. Ich bin wieder heimezu und hab' doch kein' Heimat, und da bin ich zum Traudle und bin grad recht kommen, ihm in seiner Not beizustehen, seine Tochter ist ihm gestorben, und da haben wir eines über das andre weinen können. Aber davon hat man nicht gessen, im Gegenteil, mich macht das Weinen viel hungriger –« »Hast denn heut schon was gessen?« »Jawohl, schau, da hab' ich noch Brot im Sack. Du hast doch ein gutes, gutes Herz, das hab' ich immer gewußt, und ich hab' denkt, du wärst schon lang verheiratet; am selben Abend, wo ich von dir geschieden bin, hab' ich gehört, daß du mit des Heiligenpflegers Tochter von Seebronn dich versprechen wirst –« »Und warum bist denn doch wieder kommen?« »Hundertmal hab' ich mir das auch auf dem Wege gesagt: du kannst euch beide noch unglücklicher machen. Und doch hin ich mit dem Gedanken immer weiter gangen, und ich hätt' gern dir Gutes gethan und dir gedient und deinem Vater auch, er hat es doch auch gut mit mir gemeint –« »Ja, das hat er, und er hat Trauerflor um dich angelegt und hat gesagt: du seist gestorben, und man darf nicht anders von dir reden als von einer Verstorbenen.« Erdmute weinte laut, als sie dies hörte, Traudle aber trat herzu und schalt Bläsi, als er der Verlassenen das Herz noch schwerer mache, das Reden solle jetzt einmal ein Ende haben, er solle sich als Mann zeigen und fest auftreten. Mit einer Heiterkeit des Antlitzes, die gar nicht zu seinem Vorschlage paßte, die ihm aber die Freude über seinen Einfall aufprägte, erklärte nun Bläsi: »Ich glaub' nicht, daß dich jemand im Ort kennt, Erdmute, und so mit dem Tuch nun gar nicht, und du mußt dich nicht kennen lassen, von keinem. Traudle, wie hat dein' Tochter geheißen?« »Regele« (Regina), antwortete die Gefragte mit einem tiefen Seufzer. »Gut. Kennt man deine Tochter in Hollmaringen?« »Nein, sie ist nie in Hollmaringen gewesen, mein' Schwester hat sie angenommen gehabt, weil sie selber kein Kind hat. Wenn ich die Erdmute anseh', mein' ich noch immer, mein Regele lebt, und sie haben's in Lichtenhardt auch gesagt, daß sie sich gleich sehen. Warum sollen sie auch nicht? Sie sind ja Bruderskinder.« »Um so besser,« sagte Bläsi, »Erdmute, du heißt jetzt Regele und bist jetzt Traudles Tochter.« »Ja, ich hab' sie so lieb wie mein Kind, und sie ist's auch mehr als mein eigenes gewesen,« sagte Traudle, sich die Augen reibend, und Bläsi fuhr fort: »Schon recht. Ich nehme euch also als Taglöhner, und du, Regele, machst, daß sich mein Vater an dich gewöhnt. Nehmet euch ja in acht, daß ihr euch in nichts verratet, bis es Zeit ist, bis ich's euch sag', es wird sich schon finden.« »Ja, beim Auskehren findet sich alles wieder,« scherzte Erdmute, und wehmütig lächelnd sagte Traudle: »So ist's recht. Wenn du mein Regele sein willst, mußt du lustig sein, lustiger ist kein Geschöpf auf der Welt gewesen.« »Ich glaub', daß ich die Kunst auch kann,« bestätigte Erdmute. Bläsi trug den beiden Frauen noch auf, zu Fuß nach Hollmaringen zu gehen, er könne sie nicht mit auf den Wagen nehmen, weil er sich zu verraten fürchte. Leise ins Ohr sagte er Erdmute: »Grab ein bißle am Apfelbaum beim Wegweiser auf der Ackerseit', du wirft was finden, nimm es zu dir.« Ein eigener schelmischer Zug schwebte auf seinem Antlitz, als er dann laut »Regele« bat, ihn nicht zu verkennen, wenn er auch manchmal barsch und grob gegen sie sei, und als eben ein Hollmaringer vorüber ging, übte er das sogleich und wiederholte in polterndem Ton die Bedingungen, unter denen er die beiden Taglöhnerinnen in Dienst nahm, und ging davon. Der Heimgang der Verhüllten. Erschien Bläsi seinem Schwager, mit dem er heimwärts fuhr, als ein Wunder, so erschien ihm die ganze Welt und er selber sich noch mehr als ein solches. War's denn möglich, war's nicht ein Traum, daß Erdmute wieder da war? Er schrak zusammen, als er diesen Namen in sich hineindachte, als hätte er sich verraten, und leise vor sich hin sagte er: »Regele.« Die beiden Frauen gingen barfuß den Weg neben der Straße und trugen ihre Schuhe auf den Rückenbündel geknüpft; Bläsi deutete schon von fern mit der Peitsche nach ihnen und fragte seinen Schwager: »Was meinst, daß mein Vater dazu sagen wird, daß ich sie gedingt habe?« »Der wird sich freuen, daß du wieder so hellauf bist und dich auch wieder von selbst um etwas annimmst und Mut hast.« Bläsi knallte mit der Peitsche, als er an den beiden Frauen vorüberfuhr, die still grüßten, er knallte fort und fort hin und her, das war ja das einzige Freudenzeichen, das er, ihnen allein verständlich, kundgeben konnte, und Erdmute verstand die innere Musik, die aus diesem unmelodischen Knallen heraustönte. Sie ging den stundenlangen Weg still mit Traudle, und nur manchmal klagte sie über die Beschwerlichkeit des Gehens: »Ich bin die halbe Welt ausgewandert, und jetzt ist mir's, als ob mir bei jedem Schritt die Kniee brechen.« Sie hatte heute schon zu viel erlebt, um noch bei rüstiger Kraft zu sein. Traudle wollte auf Bläsi schelten, daß er sie nicht mit auf den Wagen genommen, aber sie mußte auf die Einreden ihrer Begleiterin bald schweigen. Als man am Wegweiser beim Apfelbaum anlangte, rannte Erdmute ihrer Begleiterin vorauf, grub nach Anweisung Bläsis an dem Baume und fand einen silbernen Ring von jener Art, wie sie ein Bursche seinem Mädchen als Verlobungsring gibt. Sie steckte ihn an den Finger und küßte ihn, und Traudle war die erste, die ihr glückwünschte: sie hatte bis jetzt doch noch an Bläsi gezweifelt, nun war auch sie bekehrt. Erdmute erzählte, wie sie hier einst mit Bläsi gesessen, und lichte Freude durchströmte sie; als sie wieder aufstand, war sie voll frischer Kraft, daß sie fliegen zu können glaubte. Noch einmal mußte sie von der Wehmut sich bewältigen lassen; sie schaute hinüber nach jener Buchenumhegung, daraus die schwarzen Kreuze schauen, sie durfte jetzt nicht dort sich niederwerfen, sie war eine andre, und sie war eine Bettlerin, die barfuß und demütig in ihre Heimat einzog. Sie hatte sich vor dem Dorfe die Schuhe anziehen wollen, aber Traudle hatte sie bedeutet, daß sich das für eine Taglöhnerin nicht schicke und ihr übel ausgedeutet würde. Sie schaute kaum auf, als sie durch die Gassen ging, und wendete gewaltsam den Blick ab, als sie zum Elternhause kam. Der Klaus saß wieder auf der Steinbank und strickte, er stierte sie an, der Knäuel unter dem Arme entfiel ihm, er erkannte sie nicht, und doch wäre das Gegenteil Erdmute jetzt lieb gewesen, denn sie zitterte im Herzen vor all der Verstellung, die sie üben sollte; sie sollte den Menschen nahen, die ihr allein auf Erden geblieben waren, und doch keine Hand nach ihnen ausstrecken, kein Liebeswort ihnen sagen. Die Schultheißin hieß Traudle und deren Tochter willkommen und gab ihnen auf der Hausflur zu essen; aus der Stube hörte man die laute Stimme Gottfrieds, der den Streit zweier Männer zu schlichten suchte. Bläsi ging an den beiden Frauen, die aus dem Schoße aßen, vorüber und sagte: »Gsegn' es Gott. Traudle, ich glaub', dein' Tochter ist ein bißle heikel, red ihr zu, daß sie essen soll, ihr krieget nichts mehr bis auf den Abend, und ihr könnet gleich mit mir hinausfahren und helfen Heu einthun.« Erdmute aß mit gutem Appetit, und die Schultheißin lobte sie nachher besonders, weil sie so schnell Bescheid im Hause wußte, das Geschirr spülte und an seinen Platz stellte, ehe man sich's versah. Bläsi stand aufrecht im Wagen, und Traudle und Erdmute fuhren mit ihm hinaus auf die Wiese, er schalt Erdmute bei der Arbeit ob ihrer Langsamkeit und sagte: »Du sollst Lahmele heißen, nicht Regele.« Er fand sich besser in seine Rolle als Erdmute, er hatte es freilich auch leichter. Man brachte das Heu rösch und unverregnet unter Dach, und als plötzlich zwei Mäher krank wurden, hatte Erdmute noch einen besonderen Triumph: sie mähte mit Bläsi und dem Knechte in gleicher Linie und blieb nie zurück. Gottfried, der, wie der Schwager vorausgesagt hatte, sich an der entschlossenen Thätigkeit Bläsis freute, ließ auch einen Teil dieses Gefühls auf die neuen Taglöhnerinnen übergehen und ermahnte Bläsi, nicht zu strenge gegen sie zu sein. Er lachte, da ihm die Mutter sagte, die Tochter Traudles sei Bläsi nicht gleichgültig, eben weil er so viel mit ihr zanke: er kannte seinen stolzen Sohn viel besser. Die ganze Woche und selbst am Sonntag kam man nicht zu Ruhe und Besinnung, man war immer in Bedrängnis vor dem drohenden Wetter, und nur beim Essen im Felde wechselte man einige Worte. Da sagte der Knecht einmal: »Das Vieh geht doch in allem voraus, das kriegt das erste vom Feld, und nachher kommen erst die Menschen mit ihrem Futter dran.« »Das gehört sich auch,« sagte Erdmute, »wenn man zuerst für andre gesorgt hat, dann kommt man erst an sich selber, und die Kühe und Ochsen fressen das Heu für uns, wir kriegen's nachher als Milch und Butter und Fleisch.« »Und die Gäul?« sagte Bläsi. »Die sind unsre Arme, die müssen für uns Pflug und Wagen ziehen.« »Dein Maul braucht keinen Wetzstein,« lachte der Knecht, und Bläsi nickte still zu Erdmute. Am zweiten Sonntag sprach Gottfried das erste Wort mit Erdmute: »Mädle, ich hab' heut dein' Stimm' in der Kirche aus allen herausgehört, du hast was Besonderes, ich weiß nicht, was.« Erdmute sah ihn groß an, hatte sie die Stimme ihrer Mutter, und hatte diese den Bruder so angesprochen? Wie gern hätte sie alle Vermummung abgelegt, aber sie durfte nicht, und immer mußte sie denken, daß dieser Mann Trauer um sie wie um eine Tote angelegt; sie hatte schon einmal durch die Erregung seiner Heftigkeit ihn an den Rand des Grabes gebracht, sie durfte nichts mehr wagen. Am Abend in der Dämmerung ging Erdmute mit Traudle durch das Dorf, diese kannte jedermann und hatte überall eine Ansprache, und Erdmute stand dabei so verlassen, und es schnitt ihr durch die Seele, wenn sie hören mußte, daß sie die Tochter Traudles sei. Verleugnete sie ihre Mutter? Sie kam sich beständig wie eine Diebin vor und gab nur wenig Antwort, und die Spielplätze ihrer Kindheit betrachtete sie mit verstohlenem Blick. Bläsi hatte ihr doch Schweres auferlegt, aber sie vertraute ihm und wollte ausharren. An ihrem elterlichen Hause stand sie lange bei der Schwester Bläsis und konnte sich kaum enthalten, sie nicht als Base zu begrüßen. War denn diese ganze Mummerei nicht unnötig und grausam? Aber Bläsi sollte sehen, daß sie ihm unbedingt gehorchte. Die jungen Burschen und Mädchen zogen singend durch das Dorf, die Schwester Bläsis verkündete mit Jubel, daß dieser seit Jahren zum erstenmal wieder unter ihnen war. Erdmute seufzte still, und immer wieder kam die unlösliche Frage, warum gerade ihr allein ein so schweres Los beschieden war. Der Dorfschütz klingelte und verkündete, daß am morgenden Tage die Ernte beginne und ein jeder vor allem Wege schneiden müsse, damit der Nachbar seine Frucht ohne Schaden des andern heimbringen könne. Das Dorf schlief bald, denn mit der Morgensonne mußte alles wach sein. »Man sollte eigentlich gar keinen Menschen lieb haben,« sagte Erdmute beim Schlafengehen zu Traudle, »wenn man so sieht, wie sie weiter leben, wenn man fort ist, und gar nicht mehr an einen denken, als wär' man nicht da gewesen.« »Das kannst von deinem Bläsi nicht sagen.« »Nein, gottlob nicht, aber sprich nicht so laut. Gut Nacht.« Erdmute war die erste im Hause und schlich unhörbar wie ein Geist umher, alles ordnend und zurechtlegend, und hier zum erstenmal, seit sie in das Haus gekommen war, überraschte sie Bläsi beim Brunnen, als sie Wasser holte. Sie klagte ihm leise, wie schwer ihr die Verleugnung ihres Namens und Lebens werde; aber Bläsi getröstete sie, daß das der einzige Weg sei, seinen Vater zu gewinnen, der sie auf ewig aus seinem Herzen verstoßen; wenn auch alles sich wieder ausgleichen ließe, so werde er doch nur durch das äußerste Mittel ihr verzeihen, daß sie ihr Muttergut verschleudert habe. Noch heute könne er in mächtigen Zorn geraten, wenn er auf einen Acker komme, der Erdmute gehören sollte und der nun in fremdem Besitze sei. Erdmute wagte es kaum, leise ein Wort über diese zähe Habsucht zu äußern, da faßte sie Bläsi mit starker Hand und sagte, daß er nie an den verschwenderischen Leichtsinn ihres Vaters gedenken wolle, daß sie dafür aber auch seinem Vater nichts Böses nachtragen und ihn ehren und hochhalten müsse. Erdmute versprach das gern und bat nur, daß sie sich der Mutter oder der Schwester zu erkennen geben dürfe, es drücke ihr das Herz ab, daß sie mit niemand von sich selber reden könne. Auch hiergegen bestand Bläsi darauf, daß es ihr genügen solle, wenn er allein wisse, wer sie sei, sie brauche sonst niemand; und hingegeben in treuer Liebe, sagte Erdmute. daß sie gern Buße thue, weil sie ihn verlassen hatte, daß sie ihm allein angehöre und ihn fortan um nichts mehr bitten wolle, bis er selber finde, daß es Zeit sei. In stiller Umarmung hielten sich die beiden Liebenden, bis daß der Morgenstern am Himmel erblich. Die neue Ruth. Das ganze Jahr ist der Feldbau eine in gleichmäßigem Schritt gehaltene stetige Arbeit. In der Heuet, noch mehr aber in der Ernte wird sie plötzlich zur Leidenschaft, es ist ein gehetztes Treiben, jede Stunde, jede Arbeitskraft, jedes Fahrzeug ist unersetzlich, man jagt im Galopp auf klapperndem Wagen die Straße hinauf, biegt feldein, wo die Räder sich still umdrehen, fährt knallend mit geladenem Wagen ins Haus zurück, um dann aufs neue hinauszueilen, wo die gebundenen Garben harren. Selbst die Essenszeit, der sonst so gewissenhaft eingehaltene Ruhepunkt, ist draußen im Felde von Hast nicht frei, so sehr man sich auch gegenseitig ermahnt, die Hast nicht aufkommen zu lassen. Das aber ist ein schönes Kennzeichen der Menschennatur, daß das Herz sich um so freudiger bewegt inmitten aller Arbeitsmühen, daß ein gutes und heiteres Wort nie erfrischender in die Seele fällt, daß ein Bissen nie besser mundet, daß man nie mehr zu einer, wenn auch flüchtigen, doch innigen Begegnung mit den Nebenmenschen aufgelegt ist, als bei solcher angespannten Thätigkeit. Alle Tugenden und Lebensfreuden sprießen frei in ihr auf, und jener uralte Fluch ist zum Segen verwandelt, erst durch die Arbeit ist der Mensch zum Menschen geworden. Wie der Morgentau erfrischend auf Busch und Halm lag, so ruhte auch ein erquickliches Gefühl im Herzen aller, die vom Hause Gottfrieds mit den Sicheln hinausschritten in das Feld. Bläsi ging voran mit den Männern, die Frauen hinter ihnen drein mit Körben und Krügen an der Hand. Man ging eine geraume Strecke wortlos, da machte ein Scherz Traudles alles lachen. Sie sagte: »Wann sind die Bauern am stärksten?« Niemand wußte eine Antwort, und Traudle erklärte: »Vor der Ernt', da können sie all ihre (wenige) Frucht auf dem Buckel in die Mühle tragen.« Es bedurfte nur dieses leisen Anstoßes, um die allen innewohnende Heiterkeit Schlag auf Schlag zur Offenbarung zu bringen. Andre schlossen sich der Gruppe eine Strecke Weges an, und das Lachen und Necken tönte hell über die schnittreifen Feldbreiten. Als die Gottfriedischen in die Nähe des Gerstenackers kamen, der zuerst angeschnitten werden sollte, schimpfte der Knecht, weil der Anwänder (Nachbar), es war der Vater des lahmen Klaus, keine Anstalt getroffen, daß man durch seinen Acker auf den eigenen kommen konnte. »Wir machen Luft,« sagte Erdmute und legte zuerst ihre Sichel an die Aehren, und Bläsi bestätigte: »Sie hat recht; zuerst für einen andern arbeiten, das bringt Segen.« Es konnte kein besseres Liebeswort Bläsis geben, als daß er das, was Erdmute früher ausgesprochen, hier sogleich anwendete. Fast nur in langsamerem Schritte weiter schreitend, legte man nun einen breiten Weg durch den Acker des Anwänders nieder, bis man zu dem eigenen kam. Die Frauen schnitten immer zwischen den Männern drein den schrägen etwas schmäleren Streifen, den sie zwischen einander stehen ließen, sie selber mit ihrer stärkeren Kraft nahmen größere Breiten, oder wie man hier zu Lande den Ausschnitt nennt, den ein jeder macht, einen größeren Jaun. Erdmute, die zwischen Bläsi und dem Knechte war, legte mit einer Leichtigkeit und Behendigkeit die Aehren nieder, daß es schien, als habe sie eine Zaubersichel; sie kam den andern vorauf, vollendete zuerst den Jaun und rief, die Sichel hochhebend: »Juchhe!« daß es weithin schallte und von andern Feldern erwidert wurde. Traudle erhob sich auch und sagte: »Duss (draußen) ist's, hat seller (jener) Pfarrer gesagt, und hat das Amen vergessen.« Alles lachte, und nun ging es rückwärts, und so oft man an das Ende eines Jauns kam, ging das Schneiden viel schneller, weil alles zusammenrückt, und es wurde gearbeitet, als würde geraubt, und das Sprechen der Genossen, die durch keine Scheidewand getrennt waren, nahm einen frischen Anlauf, bis es allmählich wieder verstummte und man nichts hörte, als das Schneiden der Sichel und manchmal einen Seufzer über Rückenweh. Man spottete einmal über Erdmute, die die Stoppeln höher stehen ließ als die andern, sie aber sagte: »Wenn man dem Acker die Halme nicht zu kurz nimmt, dann ist er halb gefüttert und trägt das nächste Mal um so besser.« Dieses Wort vernahm der ungehört herbeigekommene Gottfried und sah bitter drein. Deutete er dies vielleicht als Anwendung auf seine Genauigkeit? Man setzte sich zum Morgenimbiß, den eine Magd herbeigebracht hatte. Traudle konnte sich nicht enthalten, über das schlechtgebackene Brot die spöttische Bemerkung zu machen: »Es gibt verschimmelte Bauern, die verderben die Gottesgabe und lassen schlechtes Brot backen, damit es einem wie ein Kieselstein im Magen liegt.« Alles schwieg, aber Erdmute schnitt sich ein gutes Stück ab und sagte dabei halb singend: »Laible, du mußt Rübele heißen, Rübele, du mußt gessen sein.« Gottfried betrachtete genau die Spalten an den Aehren des benachbarten Kornackers, denn es gilt als alte Regel: je mehr Spalten da, wo der Strohhalm beginnt, taub sind, um so teurer wird das Korn. Er nickte zufrieden. Ein Storch flog über die Schnitter weg, und sich zurücklegend und in den Himmel schauend, sagte Erdmute: »Ich möcht' nur wissen, wie der Vogel da oben auf uns 'runterguckt, wie sich da alles tummelt; es muß ihm doch sein, wie wenn wir in einen Ameisenhaufen schauen.« Gottfried ging brummend davon, er kam wenig aufs Feld, er hatte meist mit seinen Amtsgeschäften zu thun und überließ Bläsi gern die Meisterschaft, und die jungen Leute waren doppelt lustig, wenn er wegging. Am Mittag kam der wohlausgerüstete Korb. Man saß am Raine, die Sonne im Rücken, und Erdmute mußte allzeit den Obstmost in den zinnernen Becher einschenken, der von Hand zu Hand ging. Man kam den ganzen Tag nicht ins Dorf und schnitt unaufhörlich, bis der Abendtau auf die Felder sank und nur noch die Goldammer von den Obstbäumen pfiff, und die Stare in Haufen aufflogen. Der Vollmond kam mit rötlichem Scheine hinter den Bergen hervor, und im Heimgehen sagte Erdmute: »Mir ist's immer wunderig, daß man gar nichts davon hört, wenn der Mond kommt, daß er auf einmal so still da ist.« Es lebte ein eigener regsamer Geist in dem Mädchen, und Bläsi pries im stillen doppelt sein Geschick, daß es ihm so wunderbar wiedergegeben war. Tag um Tag verging, und die Heiterkeit blieb sich gleich wie das ständige Wetter. Am Abend hörte man im Dorfe nichts als Futterschneiden und Dengeln. Erdmute half das Vieh versorgen, auf das man jetzt doppelt acht haben mußte, und war ebenso behend in der Küche und in der Stube. Gottfried betrachtete sie oft mit freundlichem Blick, und einmal sagte er ihr sogar: »Wenn mein Bläsi geheiratet hat, kannst du als Magd bei uns bleiben. Du bist anstellig.« Erdmute antwortete nichts. Zum Garbeneinführen kam Gottfried immer ins Feld, und die Sammelten betrachtend, schätzte er immer richtig, wie viel Garben es gebe, damit man wisse, wie viel Wagen man nehmen solle und keine Zeit verliere. Die Mädchen sammelten den Männern die Aehren in die Wieden, Erdmute hatte immer das beste Augenmaß, sie durfte nie etwas ab- oder zuthun, und ihre Garben lagen immer wie nach der Schnur gemessen in geradlinigen Gassen. Erdmute sah schön aus, wenn sie das Korn in ihren beiden Armen hoch hielt und die Aehren über ihrem Haupte wallten, ihr Kopf war allzeit verhüllt; sie war nur mit dem roten Leibrocke bekleidet, und von den Hüften bis zum Hals geschlossen, bedeckte das Hemd die anmutigsten Formen, die sich beim Heben und Beugen leicht und frei ausprägten. Das bemerkte sogar der alte Gottfried. Trotz seiner vorgerückten Jahre hob Gottfried mit Leichtigkeit die Garben auf den Wagen, nur beim Einstemmen und Ausheben sah man ihm eine Mühe an; hatte er die Garbe hoch, so trug er sie leicht, wenn aber Bläsi die Garben aufnahm, war es, als ob sie sich von selbst vor ihm erhöben. Das war ein Leben auf dem Felde! Es war, als ob die zahllosen Fuhrwerke aus dem Boden wüchsen, die Mädchen glühten, die Burschen knallten mit den Peitschen, man lieh einander Wieden, man rief einander an beim Ein- und Ausfahren, lobte, Gott dankend, die Schwere der Garben und trank einander zu. In solcher Zeit ist alles Leid und alle Sorge eine Weile vergessen, und die Menschen sind zu einander wie Brüder auf der Mutter Schoß. Der Besitzer großer Ackerbreiten und der Taglöhner, der nur einen kärglichen Lohn davonträgt, sind eine Weile gleich, denn die Arbeit macht gleich, und das Mahl auf dem Boden und der Trunk aus demselben Becher wird zum selbstgeheiligten Liebesmahle. Der alte Gottfried that seinen Arbeitern manche Handreichung, er saß bei ihnen, sprach mit ihnen und kannte keinen Stolz mehr. Er scherzte sogar mit Traudle von alten Zeiten, da sie beide noch jung waren, und Traudle war mehrmals nahe daran, ihm alles zu sagen; aber sie wollte doch Bläsi nicht vorgreifen, und am Abend drängte sie diesen oft, daß er dem gefährlichen Spiel ein Ende mache, da gerade jetzt die entsprechende Weichheit und ein gewisses gesättigtes Wohlwollen in Gottfried war, aber Bläsi war weit entfernt, inmitten der Ernte eine solche Bewegung zu veranlassen, und so mußte man sich still gedulden. Bläsi war überhaupt wie einer, der in gewaltiger Anstrengung eine Thüre aufgedrückt hat, und nun fast ratlos dasteht und nicht weiß, was und wie er beginnen soll. Er wollte ruhig abwarten, und er hatte dabei ein gut Teil von jener Angewöhnung des Bauernlebens, die in allen Dingen gern Wachstum und Reife abwartet und sich nicht leicht überstürzt. Es kamen Regentage, und man drosch einstweilen in den Scheunen, und die Hühner gackerten dazu und erhaschten manches aufspritzende Körnlein. Bläsi drosch immer in dem Trupp mit Erdmute. Es kamen schwere sorgenvolle Tage und Nächte, man hörte von Hagel im Unterland, und ein säuselnder Regen, der nur manchmal in starkes Platzen überging, wollte nicht enden. Man hat vieles geschnitten draußen liegen und bangte darum, daß es auswachse, und auch wenn die Sonne wiederkommt, trocknete es nicht so leicht als das Stehende. Gottfried ging immer brummend umher, und auch Bläsi war betrübt; Erdmute wollte ihn durch Scherz erheitern, aber er verwies ihr das, und es schnitt ihr tief durch die Seele, als er sagte: »Es scheint, du weißt nicht, wie weh es thut, wenn das Sach vor der Thüre zu Grunde geht.« Hielt sie Bläsi für nicht haushälterisch, und mußte sie immerdar darunter leiden, daß sie aus einem verkommenen Hause kam? Das wollte sie nicht, lieber wollte sie alles wieder verlassen. Schön ist ein Sommermorgen nach ausgeregneten Tagen, ein leichter schwüler Dampf steigt auf von der reichgetränkten Erde, die Berge, die lange verhüllt waren, steigen in bläulichem Duft hervor, die Vögel singen und jubeln, die Sonne zeigt aufs neue ihre nie versiegende Kraft, und die Menschen atmen wieder frei auf! Die Kümmernis war verschwunden, es ging aufs neue an die rüstige, fröhliche Arbeit, und es zeigte sich, daß die Sorge übertrieben war. Als Erdmute einmal abgesondert von den übrigen dem Bläsi die Aehren in die Wieden trug, sagte sie: »Ich kann nichts lange nachtragen, ich muß dir sagen, ich bin dir noch bös, weil du mir beim Dreschen das böse Wort gesagt.« »Weiß schon, aber du darfst das nicht übel aufnehmen, du mußt auf alles bedachter sein, du hast ein bißle einen leichten Sinn, du kannst nichts dafür, du bist's gewohnt –« »Aber solche Vorwürfe bin ich nicht gewohnt. Ich will's nicht leugnen, ich mach' mir vielleicht zu wenig Sorgen, ich will das gern annehmen, aber du übertreibst's auch, siehst ja jetzt, daß es nicht so arg ist. Ich will gern von dir lernen, aber du mußt auch von mir, glaub mir, das ist auch nötig.« »Gib noch einen Armvoll her, es geht noch in die Wiede,« endete Bläsi, und der Friede war abgeschlossen. Im weiteren stillen Arbeiten wollte er zwar anfangs die Mahnung Erdmutes verwerfen, aber er war ehrlich genug, ihr doch recht zu geben, und es war ihm eine Freude, ihr recht geben zu können. Diesseits der Regentage war Emsigkeit und Heiterkeit auf dem Felde noch eine verdoppelte. Selbst der allzeit finstere Gottfried sagte einmal seiner Frau, so lustig sei noch nie eine Sommerzeit gewesen, und er befahl ihr, daß sie bei der Sichelhenkete auch nicht sparen solle. Mit der hohen Erntezeit hörte das Bedrängen der Arbeit nicht mehr auf. Es ging ans neue Einbauen der kaum befreiten Aecker. Männer und Frauen hielten sich an verschiedene Arbeit, diese mußten Hanf jäten, den Samen ausklopfen, spreiten und im Weiher einweichen und dazwischen die Ernte unter dem Boden halten, Kartoffeln und Rüben einthun und der hundertfältigen kleinen Thätigkeit obliegen, die ein ausgebreitetes Feldgeschäft mit sich bringt. Bläsi hatte meist mit dem Einsäen zu thun und kam müde nach Haus, denn das Säen gehört zu den beschwerlichsten Arbeiten: ein bis zwei Simri Saatfrucht vor sich hertragen, in dem schweren Boden, wo man kaum die Füße heben kann, sich in gleichmäßigem Schritt und gerader Linie halten und dabei allzeit einen gleichmäßigen Wurf thun – wenn Bläsi abends heimkam, schlief er bald ein, und es war nicht abzusehen, wann die Angelegenheit mit Erdmute enden sollte. Man schnitt eines Tages wieder gemeinsam den Späthaber an dem Hubelberg, die Blätter an den Bäumen fingen schon an zu vergilben, an den Bergen hingen Wolkenflocken, und ein leiser Herbstduft wob über den Feldern; da kam Gottfried mit einem fremden Herrn zu den Schnittern auf das Feld. Erdmute mußte ihn auf den Wunsch der Genossen nach altem Brauche »ins Weisch fangen«. Sie nahm eine Handvoll Aehren, wand sie dem Fremden um den Arm, legte ihm die Sichel auf die Schulter und sprach: Den Weg bin ich gegangen, Den Herrn hab' ich gefangen, Das Brot wird sich gesegnen, Der Herr wird sich auslösen. »Wenn du mich ins Weisch fangst, kriegst du auch was,« sagte Gottfried in ungewohnter Leutseligkeit. Als ihm nun Erdmute die Hand auf die Schulter legte, bebte er zusammen. Spürte er vielleicht die Blutsverwandtschaft? Er war wenigstens so verwirrt, daß er dem Teilungskommissar – denn dies war der fremde Herr – nur ordnungslose Auskunft geben konnte über die Art, wie der Zerstückelung der Güter ein Ende gemacht und durch Tausch u. s. w. wieder abgerundete Ackerflächen zusammengelegt werden sollten. Auf den Abend war die Sichelhenkete anberaumt, und Gottfried sagte dem Bläsi, daß er die fremden Taglöhner ablohnen und fortschicken wolle. Bläsi widersprach und sagte, daß man die Lichtenhardter noch behalten müsse. »Hast denn was mit dem Mädle?« fragte der Vater. »Ich geb' Euch mein heilig Wort, ich hab' nichts mit des Traudles Tochter,« erwiderte Bläsi, und der Vater willfahrte ihm gern, er hatte ja Freude genug, daß sein verdüsterter Sohn ihm so heiter und frisch wieder erstanden war. Bräutle lösen und Allerseelen. Warum zögerte nur Bläsi mit der Offenbarung des Geheimnisses? Ihm bangte doch davor, denn er kannte die eiserne Härte des Vaters, er hatte auf irgend einen begünstigenden Zufall gehofft, aber der war nicht eingetreten, und wie das so geht, allmählich erwuchs ihm ein neuer Gedanke. Viele Menschen sind oft am stolzesten auf Ereignisse und Gedanken, die ihnen im Laufe der Zeit erwuchsen, und bereden dann sich und andere, das dies ihre ursprüngliche, genau berechnete Absicht war. So beredete sich auch Bläsi, daß er die lange Verborgenheit erzielte, um den haushälterischen Sinn Erdmutes zu prüfen und in ihr zu pflanzen; denn so tief und innig auch seine Liebe zu Erdmute war, er war doch noch Gottfriedisch genug, um jede leichtfertige Vergeudung, ja sogar die bloße Sorglosigkeit als das ärgste Uebel zu fürchten, und man konnte nicht wissen, was noch Erdmute von der Gewohnheit ihres elterlichen Hauses anhange. Erdmute hatte ihn nur das eine Mal am Morgen vor der Ernte um Lösung des Geheimnisses gebeten, sie schwieg fortan und harrte geduldig. Um so drängender war Traudle. Sie schilderte die Gefahr, daß jemand von Lichtenhardt komme und sage, daß ihre Tochter tot sei, sie schilderte ihre Qual und die Erdmutes in den grellsten Farben und wollte keinen Zweck der Zögerung anerkennen. Ja, seit einigen Wochen wuchs die Sorge, daß das Geheimnis auf ungeschickte Weise offenbar würde, das sich so wunderbar lange erhalten hatte; der lahme Klaus mußte Erdmute halb erkannt haben, denn er lauerte ihr oft auf und lief an seinen Krücken ihr nach und fragte sie, ob sie nichts von Erdmute wisse; diese wies ihn barsch ab, aber sie weinte darüber im stillen. Das Unglück kennt einander, nur Klaus hatte sie erkannt, und sie wich ihm nun aus und verbarg sich vor ihm; aber erst, als Traudle ihn bat, ihr Kind in Ruhe zu lassen, ließ er ab, sie zu verfolgen. Die Sichelhenkete war in Lustigkeit vorüber. Gottfried hatte die Taglöhner für die bisherige Arbeit abgelohnt, und Erdmute als »Weischgefangener« noch ein besonderes Geschenk gemacht. Jetzt kam Traudle mit erneuertem Drängen, aber Bläsi ging zu Erdmute, die im Keller Kraut einschnitt, und fragte sie, was sie mit ihrem Gelde mache. »Ich hab's bis auf zwei Gulden dem Traudle geschenkt,« erwiderte sie, und Bläsi geriet darob in gewaltigen Zorn und schalt über Verschwendungssucht und böse Gewohnheiten. Erdmute ließ ihn austoben. dann erklärte sie ihm, daß sie ebenso gern arm sein möchte, als in Reichtum kommen, und dieses sei ihr nur darum erwünscht, damit sie anderen ohne Schmälerung des Besitztumes Gutes thun könne; dürfe sie das nicht und vertraue ihr Bläsi nicht, daß sie haushälterisch sei, so verließe sie lieber in dieser Stunde das Haus und zöge wieder in die weite Welt und wolle niemand sagen, wer sie sei. Nun ging es an ein abermaliges und gründliches Erörtern der beiderseitigen Geldschätzung, und Bläsi, der Erdmute hatte bekehren wollen, mußte selber bekennen, daß bei der Art, wie man in seinem elterlichen Hause allzeit in Angst und Sorge sei, man kein Vermögen besitze, sondern davon besessen sei, und daß es ein Taglöhner besser habe als ein Reicher, der immer den Geldschlüssel ans Herz gebunden habe. Bläsi verstand diese letzte Wendung wohl, und er bat Erdmute nur, seinen Vater nichts merken zu lassen, daß er und sie andern Sinnes seien. Mit Freude gab ihm Erdmute die Hand darauf und versöhnte ihn zuletzt noch völlig, indem sie sagte: »Ich will dir's nur gestehen, ich hab' mein Geld noch und hab' dem Traudle nur zwei Gulden geschenkt; aber weil du mich so mißtrauisch gefragt hast, hab' ich grad' umgekehrt gesagt; du mußt an mich glauben, ungefragt, wie ich an dich; ich mein', ich hab' dir's bewiesen.« »Ja, und jetzt ist alles gut und schön, und am Allerseelentag kommt's erst recht. Meiner Schwester hab' ich zur Vorsorge alles gesagt, und du sollst, wenn's Abend wird, zu ihr kommen. Es geht was vor. Sei gefaßt.« Im eigenen elterlichen Hause fand sich Erdmute zuerst wieder daheim und erkannt, und es war das größte Lob, das ein Gottfriedisches aussprechen konnte, als die Schwester sagte: »Mein Bruder macht ein größer Glück an dir, als wenn du dein Vermögen doppelt und dreifach noch hättest.« Als andern Tages Erdmute mit vielen andern Frauen beim Hanfbrechen am Weiher war, kam auch Bläsi und bezahlte gern das übliche Lösegeld, das ein Mann geben muß, der den Frauen bei dieser Arbeit in den Weg kommt. Viele Knaben sprangen hier umher, die sich Peitschen flochten und das Bräutlelösen am Weiher spielten; als wäre er selber noch ein Kind, nahm auch Bläsi dieses Spiel auf, und alles staunte und jubelte über seine Geschicklichkeit. Im Uebermute seines beseligenden Geheimnisses und in der kecken Lust, es zu verraten, rief er: »Das hab' ich vor vielen Jahren mit der Erdmute gespielt, sie hat lang auf dem Wasser getanzt, endlich ist sie doch untergeplumpst.« Niemand verstand ihn als Erdmute und die Schwester, die anderen sahen einander staunend an, und ihre Blicke sagten: jetzt hat man gemeint, er wär' geheilt, und jetzt ist er doch wieder nicht recht im Kopf. – Ein stiller, sonnenloser Tag brach an, der Himmel war weißlichgrau und die Erde auch, denn ein Winterreif lag auf Gras und Scholle und auf den Spitzen der Wintersaat. In jener Buchenumzäunung vor dem Dorfe brannten Hunderte von Lichtern auf den schwarzen Kreuzen, kein Windhauch wehte, und die Lichter brannten unbewegt; auf einem Kreuze flammten zwei Lichter, und darunter stand der Name: Erdmute. Die Lebenden gingen zwischen den Gräbern der Abgeschiedenen umher, niemand sprach ein lautes Wort, nur leise Gebete wurden gemurmelt, die Lebenden selber glichen umwandelnden Geistern, und mancher mußte denken, daß er übers Jahr vielleicht auch hier unter dem bereiften Boden liege und ein Licht brennt zu seinen Häupten. Auch Gottfried wandelte hin und her, er hatte Gräber von Eltern und Kindern und von der Schwester hier. Als er sich diesem wieder nahte, lag eine Frauengestalt auf demselben ausgestreckt und schluchzte, daß es ihr den ganzen Körper zusammenschüttete. War das nicht die Tochter Traudles, zum erstenmal barhäuptig? »Was hast du da? Was geht dich das Grab an?« fragte Gottfried. Dringt das Antlitz der Verdorbenen aus der Erde? Mit bleichen Lippen fragte Gottfried noch einmal: »Du bist –« »Ja, ich bin die Erdmute, Eurer Schwester –« Lautlos sank Gottfried auf den Boden, alles sprang herbei, man trug ihn erstarrt davon, eine Leiche vom Kirchhofe. Weinend ging Erdmute hinterdrein, ihr entgegen kam Bläsi mit seiner Schwester, und sie sahen mit Entsetzen, was geschehen war. Bläsi hatte heute dem Vater auf dem Kirchhof alles sagen wollen, nur so glaubte er ihn erweichen zu können; Erdmute arbeitete auf dem Kartoffelfelde beim Wegweiser und sollte warten, bis man sie holt, aber es duldete sie nicht, sie lief vorzeitig hin, und so geschah, was wir erfahren. Inmitten des Jammers um Gottfried, den jetzt wieder alles lobte, erfuhr man, daß die vermeintliche Tochter Traudles des Cyprians Erdmute sei, an die niemand mehr gedacht. Man wollte es nicht glauben, daß sie schon einen ganzen Sommer im Dorf war, das schien unmöglich, und die Gruppen der Neugierigen und Teilnehmenden wechselten zwischen dem Hause Gottfrieds und dem Cyprians, wo die Rodelbäuerin Erdmute zu sich genommen und in die Kammer eingeschlossen hatte. Nach einer Stunde, in der Erdmute die höchsten Qualen ihres Lebens durchmachte, kam die Rodelbäuerin zu ihr und verkündete, daß man den Vater wieder zum Leben gebracht habe, daß ihm aber die Stimme versage. Bald darauf kam auch Bläsi mit der Nachricht, daß der Vater spreche, nur sage er, er müsse sterben, weil seine Schwester ihm erschienen sei. Erdmute war trostlos, weil sie nicht aus dem Hause durfte und nichts thun konnte zur Abwendung des großen Leids, das sie über die Familie gebracht, aber Bläsi tröstete sie und sagte: »Wir haben's verschuldet, ich besonders, es ist sündlich gewesen, dich so lang hinzuhalten. Mach dir nur keine Vorwürfe, und niemand soll sie dir machen.« Die Rodelbäuerin ging wieder hinab ins Elternhaus, und bald kam an ihrer Stelle die Schultheißin und umarmte Erdmute innig, und seltsam äußerte sich ihr Herz, indem sie Erdmute schalt, daß sie sich nicht schon lang zu erkennen gegeben; sie könne nichts dafür, daß sie sie als Taglöhnerin behandelt habe. Das erste, das wieder Heiterkeit gewann, die Ohnmacht Gottfrieds für vorübergegangen ansah und sich an der Wichtigkeit seiner Bedeutung freute, war Traudle, und sie wiederholte oft, ihr wäre jetzt so leicht, als wenn eine schwere Last von ihr genommen wäre. Der lahme Klaus saß auf der Steinbank vor dem Hause und rühmte sich seiner Klugheit, daß er allein Erdmute erkannt habe. Er beklagte sich bitter, daß man nie genug anerkenne, wie er gescheiter sei als alle im Dorfe; aber als der erste Schreck vorüber war, neckte und hänselte man ihn nur über seine Weisheit. Erdmute indes ließ ihn zuerst vor allen zu sich heraufrufen und reichte ihm die Hand, und nun hatte er doch noch seinen Lohn. Man konnte dem alten Gottfried nur schwer begreiflich machen, daß, die er gesehen, die lebendige Erdmute sei. Er schüttelte immer mit dem Kopfe, endlich schien er es doch zu fassen, denn er sagte: »Ich hätt' eher geglaubt, daß die Tote wieder aufersteht, als daß die aus Amerika kommt.« Er verlangte, Erdmute zu sehen, aber man willfahrte ihm erst andern Tages, und er selber befahl, daß man ihr das alte Ehrenkleid bringe, sie solle in diesem zu ihm kommen. Das ganze Dorf lief zusammen, als Erdmute mit dem Ehrenkleid ihrer Mutter angethan und mit dem Halsgeschmeide geziert, das sie treulich bewahrt hatte, nach dem Hause Gottfrieds ging. Sie küßte die zitternden Hände des Oheims, der lange nichts reden konnte; endlich sagte er, auf die siebenfache Granatenschnur mit dem Schwedendukaten deutend: »Wer hat dir das geben?« »Mein Vater.« »Hast du sonst noch was von deinem Muttergut gerettet?« »Nein.« Gottfried legte die Augen zu und schwieg, da trat Bläsi vor und sagte: »Sie braucht jetzt nichts mehr, sie hat wieder Vater und Mutter am Leben; es fehlt ihr nichts mehr –« »Als ein Mann,« ergänzte Traudle. »Und den hat sie auch,« begann Bläsi wieder, »den Ring da an der Hand trägt sie von mir, der ist auch aus dem Grab auferstanden.« Er erzählte, wie er den Ring vergraben gehabt, Gottfried nickte still . . . Sobald der Dispens eingetroffen war, noch vor der Fastenzeit, wurde die Hochzeit Erdmutes und Bläsis gefeiert, und Gottfried, der viel daheim sitzen mußte, hatte es am liebsten, wenn Erdmute bei ihm blieb; er sprach wenig, aber ihre Nähe that ihm wohl. Im Frühling wurde das Hans neu verputzt und wenigstens ein Eisengitter abgethan. Gottfried gab Erdmute recht, daß er so besser auf die Straße sehen könne. Ein Brief an Gottfried aus der neuen Welt von Cyprian vollendete noch im zweiten Sommer die Sühne. Cyprian klagte bitterlich um das verlorene Kind, beteuerte seine Unschuld und zwar, wie er oft wiederholte, im Angesicht des Todes. Er mußte im Innersten zerbrochen sein, denn er bat Gottfried um Verzeihung für all die Unbill, die er ihm angethan, und immer wieder sprach er von seinem nahen Tode. Gottfried schrieb selbst einige Worte zu dem Brief Erdmutes, worin sie alles Geschehene erzählte. Es ist aber nicht bekannt worden, ob der Brief Cyprian noch am Leben traf. Am Wegweiser unter dem Apfelbaum errichtete Bläsi eine Steinbank und ließ den Namen Erdmute darauf eingraben, und an sommerlichen Sonntagsnachmittagen erschallt es allzeit hier von Lachen und Singen der jungen fröhlichen Welt.