Tirso de Molina Die Rivalin ihrer selbst Lustspiel in drei Akten Personen Don Alonso Donna Magdalena , seine Tochter Don Geronimo , sein Sohn Don Melchor Don Luis , sein Vetter Don Sebastian Donna Angela , seine Schwester Ventura , Diener des Don Melchor Isabella , Duenna der Donna Magdalena Santillana , Lohndiener Diener Der Schauplatz ist in Madrid Erster Akt Straße mit der Vorhalle der Kirche de la Vitoria Erster Auftritt Don Melchor (und) Ventura (kommen in Reisekleidern) Don Melchor Ein hübscher Fleck ist dies Madrid. Welch tolles Treiben und Bewegen! Ventura Leon war einst ihm überlegen. Don Melchor Wann? Ventura             In der Zeit des großen Cid. Doch heut strebt Spaniens schöne Welt Zu diesem mächtigen Magneten. Don Melchor Ja, hier muß auf den Schauplatz treten, Wer irgendwie was auf sich hält. Prachtvolle Häuser! Ventura             Rasch zur Beute Fällt hier ein jeder dem Genuß; Ist auch Madrid kein Jordanfluß, Verjüngt es doch die ältsten Leute. Haushalte gibt es hier in Menge, Die, je nachdem der Geldstrom rinnt, An einem Tage schäbig sind, Am andern wieder voll Gepränge. Spitzbuben gibt's hier, die zerlumpt Ankommen wie die Straßenkehrer Und als durchtriebene Vermehrer Des Groschens, den sie ausgepumpt, Von heut auf morgen sich verwandeln So flink aus dem verlornen Sohn In einen feinen Herrn Baron, Als möcht' sich's um ein Wunder handeln. Und Damen gibt's hier, die das Schminken Mit solcher Meisterschaft verstehn, Daß in der Stunde sie mit zehn Verschiedenen Gesichtern winken. Erschreckt drum nicht, wenn Ihr gewahrt An Häusern, Frauen und Gewändern, Daß immerzu sie sich verändern; Dies ist Madrider Lebensart. Don Melchor Zur Messe laß uns gehn. (Nach dem Hintergrund blickend)             Die Straße Gefällt mir gut. Ventura             Paßt aber auf: Hier hält man Liebe feil zum Kauf Im Dutzend, nach Gewicht und Masse. Don Melchor Da ich bisher aus unserm Nest Leon noch nie herausgekommen, Macht mich dies wilde Meer beklommen. Ventura Ein Meer; den Namen haltet fest. Er paßt genau; denn das Gelüste, Hindurchzusegeln, bringt Gefahr, Und mancher scheiterte wohl gar Darin, bevor er kam zur Küste. Die Handelsleute sind Korsaren, Die gierig lauern auf das Schiff, Und jeder Schleier ist ein Riff. Wollt Eure Börse gut verwahren; Sonst strandet sie. Don Melchor             Du blöder Wicht, Wie kann ich auf den Grund geraten Mit sechzigtausend Golddukaten, Die meine Heirat mir verspricht? Denn Eignes bring' ich nicht viel mit. Ventura Nun, immerhin zweihundert Gulden, Die keine großen Sprünge dulden, Nur einen abgemeßnen Schritt. Sich diese Barschaft abzuknappen, Leicht fiel das Eurem Vater kaum, Und haltet Ihr sie nicht im Zaum, Heidi, dann geht sie durch die Lappen. Vermeint Ihr etwa, man versieht Die Börsen ohne Grund mit Schnüren? Die Gäulchen wird zur Flucht verführen, Wer nicht an diesem Zügel zieht. Don Melchor Gehn wir zur Messe jetzt hinein. Wie heißt die Kirche hier mit Namen? Ventura Vitoria; für alle Damen Von Stand und Rang das Stelldichein. Don Melchor Es folgen ihnen ganze Gruppen Vornehmer Herren. Ventura             Jung Madrid: Zierbengel nach dem neusten Schnitt Und Gimpel dieser Modepuppen. Don Melchor Laß uns nicht säumen. Meine Braut Möcht' ich gern heute noch erblicken. Schön, sagt man, sei sie zum Bestricken. Ventura Habt Ihr schon häßlich Gold geschaut? Sie drückt mit solchen Kapitalien Als Mitgift einfach an die Wand Die Helena von Griechenland Und die Lucrezia von Italien. Don Melchor Nein, das ist nicht der Grund, weshalb Ich ihr Gemahl zu werden trachte; Wenn ich das Geld auch nicht verachte, Ich tanze nicht ums goldne Kalb Und würde mich um sie nicht scheren, War' sie nicht schön und tugendreich. Ventura Dann betet nur zu Gott sogleich, Sie mög' in beidem sich bewähren. (Sie gehen in die Kirche) Zweiter Auftritt Don Geronimo, Don Sebastian (kommen von der anderen Seite) Don Geronimo Wir wohnen in demselben Haus; Ich hoff, es wird sich draus gestalten Ein freundschaftlich Zusammenhalten. Don Sebastian Madrid mit seinem Saus und Braus Lebt ja so rasch im allgemeinen, Daß mancher kaum den Nachbar kennt, Von dem nur eine Wand ihn trennt Don Geronimo Dies will mir wohlbegründet scheinen. In einem einz'gen Hause wohnen Gedrängt wie Früchte am Spalier Acht oder zehn Parteien hier Mit hundert und noch mehr Personen. So kommt man oft im ganzen Jahr Einander niemals zu Gesichte. Don Sebastian Hört eine seltsame Geschichte. Nach einem guten Freunde war Ich auf der Suche gestern früh. Sein Haus ist an dem Platz gelegen, Wo riesiger Gebäude wegen Die Luft sich Bahn bricht nur mit Müh'. Ich frag' im Laden: »Wohnt im Hause Don Felix de Bastida?« »Den«, Versetzt man, ,,hab' ich nie gesehn, Auch nie von ihm gehört.« Ich sause Zum ersten Stock hinauf. Ein Saal Erschließt sich mir, wo viele Gäste Zusammen sind beim Hochzeitsfeste, Zu Schüssel greifend und Pokal. Aus ihrer Mitte frag' ich einen Nach meinem Freunde Felix aus, Und der erwidert: »Hier im Haus Gibt es mit diesem Namen keinen.« Zum zweiten Stock steig' ich hinan; Dort hör' ich Schluchzen und Gewimmer: In einem schwarz verhangnen Zimmer Liegt aufgebahrt ein toter Mann, Und während an das Ohr mir hallt Der dumpfe Ton der Klagelieder, Frag' ich nach meinem Freunde wieder Ein Mütterchen, das schluchzend lallt: »Mein Herr, ich habe nie zuvor Den Namen, den Ihr nennt, vernommen.« Schnell, um dem Jammer zu entkommen, Spring' ich zum dritten Stock empor, Treff eine Frau, die einem Kinde Das Leben gibt, gewaltig schreit Und meinen Freund zu gleicher Zeit Beglückwünscht, den ich endlich finde, Dort, wo mit Weib und Kind im Bunde Bereits er wohnt seit einem Jahr. Es boten sich mir also dar Im selben Haus, zur selben Stunde Geburt und Hochzeit und Begräbnis, Wehklagen, Lachen, Trauer, Glück, In jedem Stock ein andres Stück Des Lebens und doch jed Erlebnis Gesondert, weil kein Weg sich bahnt, Um Kenntnis davon auszusenden, Und in den nämlichen vier Wänden Der eine nichts vom andern ahnt. Don Geronimo Jawohl, so unerreichbar weit Ist's nicht bis Rom auf grader Strecke, Wie bis zur nächsten Straßenecke. Don Sebastian Das hat wohl seine Richtigkeit. Doch sagt mir, welche Absicht hat In unser Babel Euch gezogen? Don Geronimo Mich stürzen will ich in die Wogen Der Lebensfreude dieser Stadt. Unlängst kam aus der Neuen Welt Mein Vater heim mit günst'gen Winden, Um Rast für seinen Fleiß zu finden Sowie Verwendung für das Geld, Das er verdient hat in Peru, Und mit dem Gold, das kaum zu zählen, Hier seine Tochter zu vermählen; Mir fällt die andre Hälfte zu, Ein hübscher Brocken. Don Sebastian             Alle Wetter, Wo hat man mehr Genuß davon Als hier? Don Geronimo             Demnächst wird aus Leon Eintreffen ein entfernter Vetter, Den meiner Schwester zum Gemahl Mein Vater gibt, weil unbestritten Der hiesigen Bewerber Sitten Zu locker sind. Don Sebastian             Sehr kluge Wahl. Don Geronimo Und Ihr, was treibt Ihr in Madrid? Don Sebastian Nach einem Amte geht mein Streben, Zumal bei meinem flotten Leben Das Geld mir durch die Finger glitt. Auch ich hab' eine Schwester hier, Die zu Sevilla ward geboren, Doch diesen Wohnsitz hat erkoren, Um nicht zu leben fern von mir; Ein Mädchen, das schon seit den Tagen Der Kindheit jeder, der sie kennt, Die Venus Andalusiens nennt. Obwohl ihr Bruder, muß ich sagen, Daß über eine seltne Summe Von Geist und Schönheit sie verfügt. Don Geronimo 's ist Eure Schwester, das genügt. Don Sebastian Ja, ratsam scheint mir, ich verstumme; Sonst find' ich ihres Lobs kein Ende. Die hat Euch ihren eignen Kopf; Selbst Salomo gilt ihr als Tropf, Wenn er als Freier vor ihr stände. Doch für Thersites nährt sie Flammen, Nennt Lazarus den reichsten Mann, Schaut Prinzen mit Verachtung an Und leugnet rundweg, abzustammen Von Adam; könne doch beileibe, So sagt sie, nicht ihr Ahnherr sein, Wer ohne Scheu tagaus, tagein Ging splitternackt vor seinem Weibe. Don Geronimo Beim Himmel, wunderliche Grillen! Don Sebastian Wohlan, auf gute Nachbarschaft. Don Geronimo Ihr findet mich mit ganzer Kraft Samt meinem Haus zu Eurem Willen. Don Sebastian Die Kirche leert sich schon; fürwahr, Ein Strom von Anmut! Hierzu taugen Die Zungen minder als die Augen. Don Geronimo Kommt, folgen wir der holden Schar. (Beide ab) Dritter Auftritt Don Melchor, Ventura (kommen am der Kirche) Don Melchor Hast du die Messe nicht gehört? Ventura Bin ich ein Türk? Don Melchor             Wo standest du? Ventura Dicht an der Tür von der Kapelle Der Soledad. Ihr aber tratet Bis an die Stufen des Altars, Um in dem allerliebsten Schwärm Ein Turteltäubchen auszusuchen. Don Melchor Ventura, was hab' ich gesehn! Ventura Ihr saht gewiß mit frommer Seele Das rührende Madonnenbild, Das zu den herrlichsten Gemälden Der Hauptstadt zählt. Don Melchor             O wär' doch göttlich Der Ursprung meiner Frömmigkeit, Und möchte jenem Bild sie gelten! Doch fromm, Ventura, machte mich Ein menschlich Bild, ein wundersames, Lebendiges! Ventura             Da haben wir's. Ihr seid verliebt beim ersten Schlag, Beißt richtig auf den ersten Köder! Warum? Weil zu Gesicht Euch kam Ein Lärvchen, eingerahmt von Locken Und mittels Puder weiß gefärbt; Verräterischer Spitzenschleier Und Fächer, der noch andres fängt Als nur den Wind; gesträhltes Haar, In Flechten oberhalb des Scheitels Gleich einem Bollwerk aufgetürmt; Lichtblaues Kopftuch, eine Schärpe, Die quer den Busen überspannt; Gestickte Handschuh', goldnes Armband, Pantöffelchen mit Silberschnallen, Ein seidner Rock, melodisch knisternd, Und in der Hand ein Rosenkranz. Don Melchor Ventura, laß doch deinen Wortschwall, Und bleiben wir bei dieser Hand; Sie nämlich ist es, was ich sah: Nur eine Hand und weiter nichts. Doch was für eine! Welcher Zauber! Wie schwanenweiß! Wie seidenzart! O was für Grübchen! Was für Adern! Und was für Finger, ach, wie schlank! Ventura Und was für adlerscharfe Nägel! Und was für räuberische Klaun! Und was für ein gerupfter Beutel, Wenn Gott kein Rettungsmittel zeigt! Saht Ihr denn nichts von ihrem Antlitz? Don Melchor Wär's unverschleiert auch gewesen, Wie könnt' ich, da mein Aug' entrückt war Durch diesen lautren Blütenschnee, Durch diesen lebenden Kristall Durch … Ventura Und so weiter. Eine Hand, Die der Gestirne Glanz beschämt, Wetteifert mit dem Sphärenschimmer, Der Diamanten läßt erröten Und weiße Lilien verdunkelt. In eine Hand verliebt Ihr Euch Infolge portugies'scher Seife, Die süß ist wegen ihres Honigs Und bitter wegen ihrer Mandeln, Und saht kein Quentchen vom Gesicht, Kein Stück vom Auge, von der Stirn, Nicht einen Schatten von der Nase, Ja, nicht ein Härchen von den Wimpern? Jesus, was für ein Dilettant! Don Melchor Narr, willst du nicht zur Wut mich reizen, Dann laß dies alberne Geschwätz! Ventura Seid Ihr so gründlich schon geliefert? Fahrt fort. Don Melchor             Solch märchenhafte Hand, So weiß und weich und wohlgestaltet, So seelenvoll in der Bewegung, In jedem Finger so beredt, Müßt' einen Marmorblock entzünden. Die Messe hört' ich ihr zur Seite, Und als der Gottesdienst begann, Verließ die Hülle der Kristall, Bot, von des Handschuhs Neid entblößt, Mir Alabaster und Jasmin Und Schnee, in Feuer eingebettet. So klopfte sie an ihre Brust, Zu der herab der Schleier wallte, Sich unenthüllt bekreuzigend. Beim Sanktus aber wurde leider Das Kleinod wieder eingekerkert. All das ein Augenblick; o wären Es doch Jahrhunderte gewesen! Ventura Schluckweise habt Ihr sie verschlungen. Wenn sie nur nicht mit Euch absichtlich Verstecken spielte, diese Hand! – Noch mehr? Don Melchor             Vernimm. Das Auge weidend An ihrem Reiz, gewahrt' ich plötzlich, Wie neben ihr ein Mann, nach Tracht Und Haltung scheinbar ehrenhaft, Mit überraschender Gewandtheit Ihr von der Schnur die Börse schnitt. Schon war ich im Begriff, der Teuren Mit allem Nachdruck beizustehn; Doch um nicht grausam an den Pranger Den Dieb zu stellen, packt' ich fest Ihn bei der Hand, raunt' ihm ins Ohr, Wie seines Aussehns diese Tat Unwürdig sei, nahm dem Verdutzten, Der keines Wortes fähig war, Die Börse fort und gab daraus Ein Goldstück ihm als Finderlohn Für dieses unschätzbare Pfand, Worauf er flugs das Weite suchte. Die Kirche leerte sich allmählich, Und meine schöne Hand, zu Ende Mit ihrem Rosenkranz, wo blieb sie? So fragst du mich. Nun denn, ich bin Entschlossen, hier auf sie zu warten, Wie man in finstern Mitternächten Sehnsüchtig wartet auf den Tag. Ventura Der Teufel hole diese Hand. Zum erstenmal ist's, daß die Liebe Verfiel auf ein so klein Stück Fleisch; Sie gab Euch einen tücht'gen Handschlag. Jedoch bedenkt: wenn diese Hand Ihr sehen werdet in Verbindung Mit einem Eulenangesicht Und einem Vogelscheuchenkörper, Was dann? Don Melchor             Du bist ein Eselskopf. Die waltende Natur verteilt Bei ihren Werken klug die Maße. Drum würde solch vollkommne Hand Sie schänden, wär' damit verknüpft Ein weniger vollkommnes Antlitz. Als Alexander dem Apelles Befahl, in Miniatur zu malen Des Herkules Gigantenleib, Da malte jener nur den Daumen, Den mit der Elle mißt ein Riese. Darf ich drum nicht aus dieser Hand Die Schönheit einer Herrin folgern, Die solche schöne Dienrin hat? Ventura Sehr gut! Ihr führt ein Beispiel an? So hört als Gegenstück ein andres. Durch eine Straße schritt so stolz Und selbstgefällig eine Dame, Als wäre sie der Bürgermeister. Ein Jüngling, der dahinter ging, Verliebte sich in sie von rückwärts, Weil Wuchs und Gang und gar die Anmut, Mit der sie die Pantoffel klappen Und ihre Röcke rascheln ließ, Ihm nichts Geringeres versprach Als eine spanische Sylphide. Doch da bei seinem Näherkommen Den Kopf sie wendet, was erblickt er? Das Antlitz eines Pavians. Der Jüngling schlug ein Kreuz und rief: »Gerechter Gott, so schön von hinten, Und doch von vorn so schauderhaft!« Die Hexe gab ihm drauf zur Antwort: »Wenn Euch mein Rücken so viel besser Gefällt als meine Vorderseite, Mag mich der Herr von rückwärts küssen.« Ich halt' es nicht für ausgeschlossen, Daß Euch was Ähnliches geschieht. Don Melchor Wenn du die Hand gesehen hättest, Dann würdest du dich nicht erdreisten Zu dieser groben Lästerung. Ventura Ich lästre nur so blinde Liebe. Don Melchor Da kommt sie schon. Drum geh beiseit Und schau von fern die schöne Hand, Von der berührt sich Wassertropfen Alsbald in Perlen wandeln müssen. Vierter Auftritt Vorige. Donna Magdalena (und) Isabel (kommen verschleiert aus der Kirche, die erstere mit der rechten Hand ohne Handschuh, wie jemand, der soeben Weihwasser genommen hat) Isabel Der Diener und die Kutsche stehn Am andern Ausgang. Don Melchor (sich Donna Magdalena nähernd) O Madonne, Die Nacht laßt weichen vor der Sonne; Laßt ihr verhülltes Licht mich sehn. Ein Unglück müßte ja geschehn, Wenn sie, nachdem ihr Zauberzwang Mit Gluten mir das Herz durchdrang, Mich gäbe bittrer Qual zur Beute Und kaum, daß mich ihr Aufgang freute, Mir Kummer brächt' ihr Untergang. Wollt, schöne Sonne, im Erheben Ihr schon dem Dunkel Euch ergeben, So daß mein Hoffen jäh verdorrt, Gleicht Ihr der kargen Sonn' im Nord, Die nur erscheint, um zu entschweben. Ist's nicht genug, daß Ihr verdeckt In eines Schleiers Wolke steckt? Enthüllt Euch, lichte Morgenröte, Damit nicht Euer Geiz ertöte Das Leben, das Ihr selbst geweckt! Donna Magdalena (den Handschuh anziehend) Wähnt Ihr, mein Herr, daß Schmeicheleien Von dieser Art am Platz hier seien, So wißt Ihr nicht, mit wem Ihr sprecht; Ich gab Euch nicht dazu das Recht, Will sie nicht hören noch verzeihen. Ventura (zu Isabel) Sagt, Euer Wohlgeboren, pflegt Auch Ihr so sorgsam Euer Händchen? Erglänzen seine Nagelrändchen, Wenn es die Suppenteller fegt, Das Töpfchen aus dem Zimmer trägt? Laßt Euren Fuß entblößt mich schauen … Ich wollte sagen, Eure Hand. Isabel (gibt ihm eine Ohrfeige) Da, Tölpel! Ventura             Wenn ich recht verstand, Hat dieser Engel mich gehauen. Don Melchor (zu Donna Magdalena) Heut kam ich an mit dem Vertrauen, Den Tag des Glückes hier zu finden; Als ich jedoch gleich einem Blinden, Der plötzlich sehend wird, ihn fand, Da ließ mir diese schöne Hand Rings um mich her den Tag verschwinden. Donna Magdalena Ihr scheint mit Klugheit wohlversehn; Deswegen werdet Ihr verstehn, Wie wenig Ort und Stunde passen. Lebt wohl. Don Melchor             Könnt Ihr mich so verlassen, Dann zwingt Ihr mich, Euch nachzugehn. Donna Magdalena Bewirken würde solch Beginnen, Daß Ihr den guten Ruf verliert, Der einen edlen Ritter ziert Und schwer sich läßt zurückgewinnen. Don Melchor O nein, ich bin nicht so von Sinnen, Um mir zu wünschen, daß verblendet Und überlästig Ihr mich fändet; Euch rückerstatten will ich nur Ein Wertstück, das Euch von der Schnur Mit keckem Schnitte ward entwendet. Nehmt Euer Eigentum denn hin; Seht, ob nichts fehlt, und geht in Frieden, Gleichviel, was mir dadurch beschieden, Daß ich von Euch verzaubert bin. Donna Magdalena Wenn's meine Börse war, darin Ist wenig, was die Müh' des Schnitts Verlohnen könnte. Don Melchor Kein Besitz Auf Erden war' dafür zu teure Entschädigung. (Er reicht ihr eine Börse) Ventura (leise zu Don Melchor)             Herr, das ist Eure! Don Melchor (leise) Schweig, Dummkopf! Ventura (leise)             Welch ein Aberwitz! Don Melchor Sie fiel in eines Räubers Klauen; Ich aber bracht' Euch sie zurück: Gönnt mir als Finderlohn das Glück, Die Sonne wolkenlos zu schauen, Laßt meinem Blick den Himmel blauen, Den keines Schleiers Hülle bleicht; Denn falls er dem Kristalle gleicht, Den Eure Hand mich ließ gewahren, Wird einen Glanz er offenbaren, Den selbst ein Phönix nicht erreicht. Donna Magdalena Nein, das ist meine Börse nicht. Ventura (leise zu Don Melchor) Weil's Eure ist. Don Melchor (leise)             Wirst du wohl schweigen? (Laut) Ertappte Diebe, Herrin, zeigen, Wie Furcht mit Frechheit sich verflicht. Der arme Schelm, den zum Verzicht Ich zwang auf das geraubte Pfand, War wohl im Stehlen so gewandt, Daß er schon eine gute Prise Von Börsen bei sich trug, und diese Wird Euch drum Rechtens zuerkannt. Donna Magdalena Nicht doch, er stahl sie einem Dritten. Durch den Verlust, den ich erlitten, Wird mir kein Recht auf sie gewährt; Denn diese hier ist unversehrt, Und meine war doch abgeschnitten. (Sie zeigt ihm das Stück Schnur, woran die Börse, die sie am Gürtel getragen, befestigt gewesen war) Die halbe Schnur, die mir verblieben, Wollt, bitte, sie genau betrachten, Um auf den Unterschied zu achten, Und stellt nicht blind Euch mir zulieb. Hat diese hier derselbe Dieb Heimtückisch irgendwem entrissen, Dann bringt sie, solltet Ihr nicht wissen, Wem sie gehört, zur Polizei, Damit sie nicht verloren sei Dem, der sie schmerzlich wird vermissen. Jetzt aber laßt mich; schon begann Die Neugier scharf nach uns zu gaffen: Mir Ungelegenheit zu schaffen, Das stünd' Euch wahrlich übel an. Don Melchor Nein, ich, hier selber fremd, ich kann Mich nicht mit fremdem Gut befangen; Drum ist's kein ungerecht Verlangen, Daß Ihr inzwischen sie verwahrt, So lange nur, bis Ihr erfahrt, Wem sie verloren ist gegangen. Donna Magdalena Was für ein lästiges Gebaren! Wohlan, damit Ihr endlich geht, Mir länger nicht im Wege steht, Will Eurem Drängen ich willfahren: Meiner Begleitrin zum Verwahren Gebt sie somit in Gottes Namen. Ventura (leise zu Don Melchor) Zwei ganz besonders strenge Damen. Donna Magdalena Ich habe nichts damit zu tun. (Sie wendet sich zum Gehen) (Don Melchor gibt die Börse Isabel) Ventura (leise) Herr, futsch ist unsre Börse nun: In pace requiescat. Amen. Donna Magdalena (umkehrend) Nur in der Eile noch ein Wort. Sollt' Euch der Zufall dazu führen, Den Eigentümer aufzuspüren, Sagt ihm, daß morgen hier am Ort Ich ihn erwarte. Nun geht fort, Und haltet Ihr auf gute Sitten, So folgt nicht weiter meinen Schritten; Ja, wollt Ihr Euch und mich vor Schmach Behüten, schaut mir auch nicht nach. Um dies möcht' ich Euch dringend bitten. Don Melchor Gehorchen will ich, fällt's auch schwer; Kann ja nach menschlichem Ermessen Ich Euch nicht sehn mehr noch vergessen. Doch bring' ich den Verlierer her, Darf dann auf Eure Wiederkehr Ich warten? Habt Ihr was dagegen? Donna Magdalena Ich komm' um zwei, bloß Euretwegen, Weil Ihr so fein seid und galant. Don Melchor Gebt mir ein Zeichen. Donna Magdalena (von der Rechten den Handschuh abstreifend)             Diese Hand. Don Melchor O Herrlichkeit! Donna Magdalena             Gott geh' Euch Segen! (Sie geht mit Isabel ab) Fünfter Auftritt Don Melchor . Ventura Don Melchor Ventura, diese Aventüre Ist unbezahlbar! Sei nicht töricht Und sag mir keine Albernheiten, Die du als guten Rat verhökerst. Was? Für ein wenig bares Geld Die sieben Himmel einzukaufen Mit ihren sämtlichen Gestirnen Und aller Sonnen Glorienschein, Sprich, ist das nicht der Mühe wert? Ist das nicht billig? Ventura             Ja, deswegen Heißt's: »Billig kommt am teuersten.« Wie wird im Preis die Seife steigen, Nachdem Ihr bloß für einen Blick Auf eine gutgewaschne Hand Zweihundert Gulden drangabt: vierzig Für jeden Finger, lediglich Zum Anschaun und nicht zum Berühren! Wenn davon etwas ruchbar wird, Dann, meiner Seele, lädt man Euch Zu Gast ins Tollhaus von Toledo. Was sollen wir nun ohne Geld Und ohne jene Hand beginnen, Da wir noch nicht zu Mittag aßen, Obwohl der Mittag schon vorbei? Don Melchor Du kecker Schwätzer, wartet nicht Auf mich ein reicher Schwiegervater Mit sechzigtausend Golddukaten? Ventura Und wenn er mittlerweil gestorben? Und wenn die Braut Euch häßlich findet Und schlankweg Euch die Türe weist, Wozu sie doch als Weib imstand ist? Don Melchor Ich häßlich? Ventura             Wegen Eurer Armut. Gibt's einen Affen, einen Uhu, Gibt's einen Haifisch, Alligator, Gibt's einen Popanz oder Satyr, Der eines Bettlers Häßlichkeit Erreicht? Don Melchor             Wär' ich denn minder arm Für eine solche reiche Braut, Wenn ich noch meine Börse hätte Mit lumpigen zweihundert Gulden? Ventura Dann röcht Ihr wenigstens nicht arm, Ein garstig Übel, das schon manche Vermählung in die Brüche gehn ließ. Die Damen unsrer Zeit beschnüffeln Die Taschen ihrer Liebeswerber, Und wenn daraus kein goldner Atem Entströmt, so rümpfen sie die Nase Und kehren sich geekelt ab. Mit diesen wen'gen Gulden hättet Gleichwie mit parfümierten Handschuhn Ihr das Gebrechen überdeckt. Doch wenn Ihr jetzt vor Eurer Braut Blitzblank erscheint, befürcht' ich sehr, Daß bei der Mustrung Euren Duft Sie nicht balsamisch finden wird. Don Melchor Besitz' ich nicht dafür die Börse Der Unbekannten? Wiegt nicht diese Die Schätze beider Indien auf? Ventura Was wollt Ihr wetten, daß darin Im besten Fall sechs Groschen sind? Don Melchor Ach Schnickschnack! Ventura Öffnet und seht nach. Don Melchor (zieht die Börse der Donna Magdalena hervor) Da schau, wie wohlgefüllt sie ist. Ventura Laßt ihr Gewicht mich prüfen. Don Melchor             Nun? Ventura So schwer wie ein verstopfter Bauch, Der Bitterwasser eingenommen. (Don Melchor entnimmt ihr einen in Papier gewickelten Gegenstand) Was ist's? Don Melchor             Ein schwangeres Papier. Ventura Demnach gehört sie keiner Jungfrau. Entbindet es. Don Melchor             Nach dem Gewicht Zu schließen, ist unzweifelhaft Ein großer Edelstem darin. Ventura Eilt Euch; so werden wir erfahren, Ob es ein Bub ist, ob ein Mädchen. Don Melchor (hat einen Stein ausgewickelt) Es ist ein dunkelgrüner Stein, An einem Seidenband befestigt, Und hör, auf dem Papiere steht: »Der Stein wirkt Wunder gegen Reißen.« Ventura O weh, die Krankheit alter Leute. Der Stein verrät, daß die Verhüllte Steinalt ist. Findet Ihr noch mehr? Don Melchor Ja. Ventura             Holt's heraus! Don Melchor (die Gegenstände, die er nennt, hervorholend)             Ein Fingerhut Von Silber. Ventura             Seid vor jenem Finger Nur auf der Hut. Don Melchor             Ein Knäuel Garn. Ventura Womit sie Euch umgarnen wird. Don Melchor Drei Ringelchen aus schwarzem Bernstein Und vier aus Glas. Ventura             Geringe Ringe Für Euch, das Guldengeld für sie! Don Melchor Gewäsch! Ventura             Noch mehr drin? Don Melchor             Weiter nichts. Ventura Der Himmel möge sie so schäbig Bedenken, wie sie uns bedacht hat. Don Melchor So himmlisch hat er sie bedacht, Daß ich die Ringe hier vergöttre, Weil ihre süße Hand sie trug. Sie hat für morgen mich hierher Bestellt, und frohgemut erwart' ich Ein heut mir noch verborgnes Glück. Ventura So glaubt Ihr, daß sie wiederkommt? Don Melchor Wenn sie's doch förmlich mir versprach! Ventura Und die zweihundert Euch zurückgibt? Don Melchor Wenn ich sie nehmen werde, ja. Ventura Zweihundert Prügel würde sie Verdienen, wäre sie so dumm. Don Melchor Hat sie mir nicht die Hand gewiesen Als Bürgschaft? Ventura             Richtiger: die Klaue; Denn Eure Gulden klaute sie. Kommt, suchen wir den Alten auf, Der Lust hat, Euer Schwiegervater Zu werden. Don Melchor             Denk' ich dieses Engels, Wie soll mir dann vor meiner Heirat Nicht schaudern? Ventura             Haben Engel Klauen? Ein Teufel war's. Don Melchor             Es war die Sonne, Bedeckt von Schleiern. – Horch, wer kommt da? Sechster Auftritt Vorige. Don Luis. Don Geronimo. Don Luis (zu Don Geronimo) Wahrhaftig, ja, das ist Don Melchor. Don Melchor Herr Vetter! Ihr der erste Mensch, Dem ich begegne; welch ein Glücksfall! Don Luis Zwei Tage schon erwart' ich Euch; Denn falls Ihr Eurem Brief gemäß Gleich abgereist seid aus Leon, Kommt Ihr verspätet. Don Melchor             Gebt die Schuld Dem ärgerlichen Regenwetter, Don Luis, und nicht meinem Wunsch, Der sich erfüllt, weil ich Euch sehe. Don Luis Hier, Melchor, habt Ihr Euren Schwager; Nein, Euren Bruder sag' ich besser: Denn als ein solcher hat er Euch Erwartet. Don Geronimo             Ja, mit offnen Armen Begrüß' ich Euch und sehr zufrieden, Zu schaun, wie völlig Euer Anstand Mit Eurem Ruf im Einklang steht, Und nur bedaur' ich, daß nicht gleich In unsrem Haus Ihr abgestiegen. Don Melchor Traf ich doch erst soeben ein, Und meine Fremdheit im Gewirr Der vielen Straßen, Plätze, Häuser Mag mich entschuldigen. Don Geronimo             Schon gut. Ich melde meiner Schwester eilends Die frohe Kunde; denn sie harrt Euch längst mit Ungeduld entgegen. Don Melchor Der Lohn für meine Treue. Don Geronimo             Nehmt Vorlieb inzwischen mit Don Luis, Derweil zugleich bei meinem Vater Ich Eures Kommens Bote bin. Auf Wiedersehn. (Ab) Siebenter Auftritt Don Melchor. Ventura. Don Luis Don Luis             Gibt's in Leon Was Neues? Don Melchor Nichts; in gutem Stand Sind Eure Eltern und die meinen. Und Euer schwieriger Prozeß? Don Luis Ich hab' mein Majorat gewonnen. Don Melchor Da wünsch' ich Glück. Don Luis             Wie geht's, Ventura? Ventura Gerädert von den Herbergsbetten, Steifbeinig von dem langen Ritt, Geschwächt vom Trott straßauf, straßab Und um den Inhalt unsres Beutels Durch eine Satanshand erleichtert. Don Melchor (leise zu Ventura) Wirst du den Mund wohl halten, Esel? Don Luis (zu Don Melchor) Bringt Ihr recht viel Verliebtheit mit? Don Melchor Was kann ich Euch darauf erwidern? Verliebt man sich vom Hörensagen? Mir ist nicht klar, weshalb die Liebe Stets blind genannt wird; denn mir scheint. Was sie nicht sah, das schätzt sie nicht. Don Luis Ihr tut mir weh. Don Melchor             Wodurch? Don Luis             Ich ziehe Die Unterdrückung von Gefühlen Und den Verzicht auf Hoffnungen Der eifersücht'gen Feindschaft vor. Ihr seid besitzlos; Eure Braut Hat viel Vermögen. Ich bin reich Und Euer Vetter; darum darf ich In Wettbewerb nicht mit Euch treten. Don Melchor Ihr sprecht in Rätseln. Don Luis             Keineswegs. Die schöne Donna Magdalena Erwartet Euch als ihrer Freiheit Und ihres Hab' und Guts Gebieter Mit redlicher und offner Neigung. Anbeten würd' ich sie, wenn nicht Ihr stündet zwischen ihr und mir. Nun aber werd' ich diese Liebe Mir reißen müssen aus der Brust, Sei's durch Entfernung oder Zeit, Auch wenn es mich das Leben kostet. Don Melchor Herr Vetter, kam ich aus Leon Hierher um dieser Heirat willen, So bin ich doch in meinen Vorteil Nicht so verliebt, daß meine Ehre Luchsäugig nicht in das Geheimnis Eindränge, das Ihr halb enthüllt. Liebt Ihr und werdet Ihr geliebt, So fahrt nur fort; denn ich versprech' Euch, Daß all ihr Geld mir nicht genügt, Um falsche Liebe zu vergolden. Erklärt Euch mir, wenn Ihr mein Freund seid. Don Luis Erklären? Wohl, ich liebe sie. Zieht aber keinen Schluß aus dem, Was ich Euch sage, noch hegt Argwohn, Daß Eure Braut Euch Kränkung zufügt Mit ihrem leisesten Gedanken. Denn, bei des Himmels Licht, sie hat Von meiner Glut noch keinen Funken Mir angemerkt, und in ganz Spanien Kommt keine Tugend ihrer gleich. Glaubt mir, noch heut werd' ich verreisen, Da nach Toledo lange schon Mich Freunde rufen und Geschäfte. Drum habt, Herr Vetter, keine Furcht; Ihr sollt nicht meinethalb verlieren So viel Gewinn und so viel Schönheit. Don Melchor Ich halte das nicht für Gewinn, Was Euch geraten wird zum Schaden; Auch ist mein Wille nicht so frei, Daß er sich lauer Wünsche wegen An Abmachungen binden mag. Hab' Eurer Liebe Gegenstand Ich weder doch bis heut gesehn, Noch darf ich glauben, daß ihr Anblick Erinnerungen mir verdunkelt. Was weiß ich, ob ich jener Dame Gefalle, die von mir Entferntem Sich ein bestimmtes Bild gemacht Und mich vielleicht, wenn sie mich sieht, Verabscheut, weil die Wirklichkeit Mit diesem Bild nicht übereinstimmt? Don Luis, nein, Ihr sollt nicht reisen. Don Luis Kommt mit zu ihr; 's ist Zeit. Ich bete Zu Gott, daß sie Euch nicht gefällt. Don Melchor (leise zu Ventura) Ach, mein Kristall! Ach, meine Sonne! Was kann mit solcher Hand vor Augen Ich sehen, da sie mich geblendet? Ventura (leise) Und Eure Gulden eingesteckt! (Alle ab) Zimmer im Hause des Don Alonso Achter Auftritt Donna Magdalena (im Begriff, ein anderes Kleid anzuziehen) Isabel Donna Magdalena Weißt du's, Don Melchor ist schon hier! Isabel Wenn Euer Bruder wahr gesprochen, Wird bald er an die Türe pochen. Donna Magdalena Bring dieses Kleid in Ordnung mir. Das andre will ich nicht mehr tragen, Weil noch Gedanken haften dran, Die jener fremde junge Mann Mir wachrief. Richte diesen Kragen. Reich mir den Spiegel und den Kamm. Das Haar so recht? Isabel             In solchem Grade, Daß Euer Anblick ohne Gnade In Brand steckt Euren Bräutigam. Donna Magdalena Ach, Isabel, wie macht's mich beben, Daß er mir nahen wird schon heut! Ich bin so wunderlich zerstreut ... Wird er nicht neuen Grund mir geben, Zu denken an den fremden Ritter? War' doch mein Bräutigam wie der! Verlobt mit einem, den bisher Ich nie gesehn – ist das nicht bitter? Wir Mädchen, sind wir denn der Wahl Des Vaters wehrlos untertänig? Isabel Laßt mich die Locke hier ein wenig Nach rückwärts streichen. Donna Magdalena             Ein Gemahl, Den unbesehn ich lieben soll! Muß ich das nicht als Kreuz betrachten? Isabel Der Fremde war nicht zu verachten. Donna Magdalena Ein Edelmann in jedem Zoll. O möchte doch von Wuchs, Gestalt, Kurzum von allen seinen Gaben Don Melchor nur die Hälfte haben! Isabel Vielleicht hat er sie hundertfalt. Donna Magdalena Unmöglich! Solch ein Inbegriff Der Artigkeit! Solch feines Wesen! Ein Ton, so zart und auserlesen! So viel Geschmack und so viel Schliff! Wie könnt' ich solchen Mann verdienen? Ich bat ihn, mir nicht nachzugehn, Noch, wo ich wohne, zu erspähn, Und er, mit den beflißnen Mienen Der Folgsamkeit, ergab sich drein Und blieb am Ort wie angemauert, Gleich einem, der halb hofft, halb trauert, Bloß um gefällig mir zu sein. Sodann … Isabel             Ich weiß nicht, was es frommt, Vergeblich seiner zu gedenken, Wenn, um Euch Herz und Hand zu schenken, Gleich Euer künft'ger Gatte kommt. Donna Magdalena Sind das nicht unsre Hausgenossen? Neunter Auftritt Vorige. Donna Angela. Don Sebastian Don Sebastian Aus Nachbarschaft, mein Fräulein, pflegt, Wenn man sie rechten Sinnes hegt, Getreue Freundschaft zu entsprossen. Schon steh' ich Eurem Bruder nah; Damit jedoch der Bund noch fester Sich füge, laßt mich meine Schwester Euch bringen, Donna Angela. Donna Magdalena Wie sehr ist doch ein Haus zu preisen, Das ein solch edler Herr bewohnt, Und, liebes Fräulein, reich belohnt Ihr mich mit Euren Gunstbeweisen, Donna Angela Da bald Ihr ehelich Euch bindet, Würd' es mich ehren ungemein, Brautführerin für Euch zu sein, Falls dieser Platz noch leer sich findet. Donna Magdalena Den Wunsch mir lest Ihr vom Gesicht, Den ich Euch nicht gewagt zu nennen; Ich bin verwirrt, laßt's mich bekennen. Donna Angela Heiraten – wen verwirrt das nicht? Donna Magdalena Besonders wenn man seines Künft'gen Gestalt und Aussehn noch nicht ahnt. Donna Angela Den Skrupel, der Euch warnend mahnt, Halt' ich für einen höchst vernünft'gen. Ich lehn' es ab, dies Joch zu tragen. Donna Magdalena Ist Eure Schönheit gar so rauh? Donna Angela So tollkühn sein könnt' eine Frau, Zu einem Manne Ja' zu sagen? Don Sebastian Unfaßlich ist mir deine Starrheit. Donna Angela O Jesus, wer so etwas tut, Der muß entweder sehr viel Mut Besitzen oder sehr viel Narrheit. Zehnter Auftritt Vorige. Don Alonso. Don Geronimo, Don Luis. Don Melchor. Ventura Don Alonso Mein Kind, nun magst du deinem Glück Und meinem Eifer Dank erstatten: Er, den ich dir gewählt zum Gatten, Er darf an Wert in jedem Stück Mit deiner Schönheit sich vergleichen. Du siehst ihn, Magdalena, hier. Hast du das kühnste Bildnis dir Von ihm gemalt, es muß erbleichen, Nun er leibhaftig dir sich beut Als aller jungen Männer Krone; Sein teurer Vater kehrt im Sohne Mir wieder, jugendlich erneut. Auf ein Vermögen acht' ich minder Als auf ererbte Tüchtigkeit, Wie sie sein Adel ihm verleiht. Ein Geizhals möge seine Kinder Verschachern um gemeines Gold; Mir aber scheint, mit allen Schätzen Läßt edles Blut sich nicht ersetzen, Das in gesunden Adern rollt. Gib ihm die Hand. Donna Magdalena (leise)             Ach, Isabel, Das ist mein Fremder von heut morgen! Isabel (leise) Er ist's. Befreit von allen Sorgen Winkt Euch die Zukunft strahlenhell. Don Melchor (leise) Ventura, nicht kann ich vergessen Die Zauberhand. Ich seh' zu scharf: Ein häßlich Weib. Ventura (leise)             Welch andre darf Mit dieser sich an Schönheit messen? Was gilt's? Das ist dieselbe Hand, Die Eure Börse hat verschlungen. Don Melchor (leise) Du Saufaus, was für Lästerungen! Ventura (leise) Herr, Ihr verlort ja den Verstand. Don Melchor (leise) Die hier ist höchstens eine Kohle, Gehalten neben den Kristall. Ventura (leise) Ach, Euer Geist kam in Verfall. Don Melchor (leise) Hansnarr, daß dich der Teufel hole! Don Alonso Warum, Don Melchor, sprecht Ihr nicht Mit Eurer Braut? Don Melchor             Um mich zu neigen Vor ihrem Reiz. Der Mund muß schweigen, Wenn Schönheit zu dem Auge spricht. – Verzeiht, mein Fräulein, wenn befangen Die Zunge mir bis jetzt gestockt, Weil mich das Licht zu sehr gelockt, Das schimmernd strömt von Euren Wangen. Sprech' ich drum töricht und verkehrt, Laßt mich auf Eure Nachsicht zählen. Donna Magdalena Was könntet Ihr bei mir verfehlen, Da mir bekannt ist Euer Wert! Don Sebastian (zu Don Melchor) Nehmt meinen Glückwunsch, und erproben Mögt Ihr mich als Euch Untertan. Don Geronimo (zu Don Melchor) Der Herr ist Don Sebastian Und wohnt im zweiten Stockwerk droben Mit seiner Schwester Angela. Don Melchor (zu Don Geronimo) Wie sehr wird's mich zu Dank verpflichten, Wenn er und sie mir Huld entrichten; Denn hier ein Neuling bin ich ja. Don Alonso Ihr seid heut sämtlich meine Gäste. Ventura Gut, daß es was zu schmausen gibt. Don Luis (leise zu Don Melchor) Nun? Seid Ihr nicht bereits verliebt? Don Melchor (leise) Mein Geist weilt fern von diesem Feste. Don Luis (leise) Und ich beneid' Euch ganz unsäglich. Don Sebastian (leise zu Donna Angela) Sag, Schwester, wie er dir gefällt? Donna Angela (leise) Als Junggesell ein Mann von Welt, Als Ehegatte unerträglich. Don Alonso Folgt alle mir! Ventura (zu Don Melchor)             Habt Ihr vernommen? Don Melchor (leise) Ach, schöne Hand, wo kamst du hin? Ventura (leise) Ach, Börse mit den Gulden drin! Don Alonso Komm, Kind. Donna Magdalena             In Kürze werd' ich kommen. (Alle ab, außer Donna Magdalena und Isabel) Elfter Auftritt Donna Magdalena. Isabel Isabel Ihr bleibt zurück? Donna Magdalena             Ja, weil von Bangen Gequält wird mein bedrücktes Herz. Isabel Was hör' ich? Redet Ihr im Scherz? Könnt Ihr des Glücks noch mehr verlangen? Ist in Erfüllung nicht gegangen, Was Ihr gewünscht? Derselbe Mann, Für den Ihr als Entfernten schwärmtet, Um den als Fremden Ihr Euch härmtet, Er tritt hier ein, hält um Euch an! Was also noch vermißt Ihr dann? Donna Magdalena Du bist nicht klug in Liebesdingen, Hast nicht genug Erfahrung noch, Weißt, Isabel, nicht mit den Schlingen Bescheid, in die das Ehejoch Ein armes Weib vermag zu bringen. Was für Don Melchor in mir loht, Der schon so traut mir war, so teuer, Als er den ersten Gruß mir bot, Das ist der Liebe stärkstes Feuer, Und ihn zu meiden wär' mein Tod. Doch welch Vertrauen darf ich hegen, Wenn mich verbindet Priestersegen Mit einem Mann, der solcherart Der ersten Frau, die er gewahrt, Alsbald sich mag zu Füßen legen? Mit einem Mann, der als mein Freier Kommt von Leon hierhergereist Und kurz vor der Verlobungsfeier So flatterhaft ist und so dreist, Daß er entbrennt für einen Schleier Und ohne weitres einer Hand Anbietet seine ganze Seele, Noch eh das Antlitz ihm bekannt? Und fragen kannst du, was mich quäle? Wer gar so leicht gerät in Brand, Wer mit der Hülle sich begnügt, Gleichgültig, ob ihn die betrügt, Sich überpurzelt in Ekstasen Und zu den honigsüßen Phrasen Noch neugemünzte Gulden fügt, Was gibt er denn für Sicherheit Ihr, die fürs Leben sich ihm weiht? Was bürgt mir, daß nicht mit den gleichen Leichtfertigen und lockren Streichen Er fortfährt, wenn er mich gefreit? Daß nicht ein andres Weib aufs neue Beim ersten Blick ihn steckt in Glut Und ich in hoffnungsloser Reue Beweine mein verschwendet Gut Und seine hingeschwundne Treue? Isabel Seid aber doch Ihr ebendie, Der schon ein Schleier Macht verlieh, Sein Herz von Grund aus aufzuwühlen, Auf wen könnt Eifersucht Ihr fühlen? Donna Magdalena Auf mich, mich selber fühl' ich sie. Isabel Und wie gedenkt Ihr die zu heilen? Donna Magdalena Erfüllend mein gegebnes Wort, Will ich zur Kirche morgen eilen Und sehn, ob ich ihn finde dort. Isabel Wie könnt' ihm das Gedächtnis weilen An Euch, die dort er nur geschaut Als Schatten, wenn Ihr ihm als Braut In allem Glanz erschient inzwischen? Das Scheinbild wird sich ihm verwischen, Nun ihn das wahre Bild erbaut. Er hatte sich verliebt, besessen Von einem wunderlichen Wahn, Und jetzt, verändernd seinen Plan, Wird Euch zulieb er Euch vergessen. Donna Magdalena Beweis dafür will ich empfahn! Drum tut mir not ein fremder Wagen Und ein gemieteter Lakai. Isabel Die schaff' ich mühelos herbei. Donna Magdalena Auch will ein Trauerkleid ich tragen. Isabel Weshalb? Donna Magdalena Damit ich sicher sei, Daß niemand mich erkennen mag Am Kleid, wenn mit dem Glockenschlag Ich morgen mit Don Melchor spreche; Denn bringen muß ich's an den Tag, Ob er mit mir die Treu' mir breche. Zweiter Akt Straße vor der Kirche der Vitoria, wie im ersten Akt Erster Auftritt Don Melchor. Ventura Ventura Ist's möglich, daß es Liebe gibt, Die solch ein engelgleiches Fräulein Von höchster Schönheit fahren läßt Für eine zweifelhafte Dame Mit einer runzeligen Hand Von künstlich hergestelltem Weiß, Eh noch von ihr ein Aug' Ihr saht, Nicht wissend, ob sie jung, ob alt, Ob ihre Nase krumm, ob stumpf, Ob klein ihr Mund ist oder zahnlos! Vernarrt man sich in eine Hülse? Was könnt Ihr an dem Spiegel rühmen, Wenn Ihr sein Futteral nur kennt? An einem Weibsbild in der Wickel? Schätzt Ihr die Katze nach dem Sack, Den Sessel nach dem Überzug, Das Zuckerwerk nach seiner Tüte, Das Buch nach seinem Einbanddeckel, Den Degen seiner Scheide nach? Don Melchor Willkommene Gelegenheit Für dich, mir Unsinn vorzuplappern, Indessen ich hier auf sie warte. Ventura Ihr bildet Euch noch immer ein, Sie bring' Euch Eure Börse wieder? Don Melchor Bald wirst du sehn, daß sie mir Wort hält. Ventura Wie kann Euch Donna Magdalena Bloß nicht gefallen? Don Melchor             Frostig ist sie. Ventura, nenne sie mir nicht; Denn jener reizenden Verhüllten Gehört mein Herz, und wenn ihr Antlitz Nur halbwegs ihrer Feenhand Entspricht, wie mein untrüglich Ahnen Mir weissagt, preis' ich mein Geschick. Ventura Und wenn, wie mir mein Ahnen weissagt, Sie Lea wäre statt der Rahel, Das eine Auge wie ein Stern, Das andre wie ein Eierkuchen, Die Lippe türkischblau, bedeckend Ein alchimistisches Gebiß, Das Angesicht so dick belegt Wie von Pastetenbäckerei – Was tut Ihr dann? Don Melchor Wär' das der Fall, Woran ich nimmer glauben kann, So würd' ich Magdalena nehmen: Ist sie nicht schön, ist sie doch reich. Ventura Sie ist nicht halb so reich wie schön. Doch angenommen, jene Nymphe, Von der Ihr so verhext seid, wäre Zwar schöner als der junge Mai, Doch arm … Don Melchor             Undenkbar scheint mir das. Ventura Und wenn's der Zufall dennoch wollte? Don Melchor Dann nahm' ich nach Leon sie mit Und würde dort in stillem Dasein, Das durch der Liebe Bund verklärt wird, Dem Haushalt eine Herrin geben Und meinem Vater eine Tochter. Ventura Da würde der sich diebisch freun! Doch wenn sie nicht so reinlich wäre, Wie's Euer alt Geschlecht verdient? Don Melchor Dir wird auf all dein blöd Getratsch Antwort zuteil, wenn du sie siehst. Ventura Gott gebe, daß sie gar nicht kommt, Und kommt sie doch und ist ein Racker, Daß Euer Schutzgeist früh genug Die Binde von dem Aug' Euch nimmt. Doch seht, Don Luis naht sich dort Mit einer Dame, tief in Trauer Und gleich der unsrigen verschleiert. Don Melchor Auf einen Köder beißen alle. Zweiter Auftritt Vorige. Don Luis. Donna Magdalena (in Trauerkleid und Schleier) Don Luis Verflucht sei, Herrin, wer die Schleier Erfunden hat; denn nur in Spanien Wird man so vieler Hochgenüsse Durch sie beraubt! Ein solch Geschöpf Wagt auf die Straße ganz allein Sich ohne Mutter oder Tante! Beim Himmel, schöne Trauernde, Was für ein Glück, Euch zu begegnen. Zeigt nur ein Auge mir; ja, zeigt Nur von dem einen die Pupille, Da doch vor einer Kirchentür Almosen man erbetteln darf. Donna Magdalena Gott gebe mir, um Euch zu geben. Verzeiht, ich hätte gern gesprochen Mit diesem Herrn. Don Luis             Mit welchem? Donna Magdalena             Dem, Der dort an jenem Pfeiler steht. Don Luis Das ist mein Freund und Anverwandter. Donna Magdalena Wenn Ihr an Höflichkeit ihm gleicht, So gönnt mir Raum, damit ich ihm Vier Worte sagen kann, nicht mehr. Don Luis Wenn Ihr die seid, von der er träumt, Und die das Freien ihm verleidet, So bin ich großen Dank Euch schuldig. Donna Magdalena Ich bitt' Euch, Herr, Euch zu entfernen. Don Luis (nähert sich Don Melchor, spricht mit ihm) Wenn der sich in Gefahr befindet, Der nach dem Sprichwort zwischen Kreuz Hindurchgeht und geweihtem Wasser, Dann, Vetter, trifft auf Euch dies zu. Die Dame, die dort nach Euch auslugt, Will mit Euch sprechen. Seht Euch vor; Denn höchst gefährlich scheint sie mir, Da sie, geschirmt vor der Justiz Durch ihren Schleier, unbedenklich Dem Herzensraub sich widmen kann. Don Melchor Ihr sagt, daß sie mich sprechen will? Don Luis Sie schickt mich, um's Euch zu bestellen. Don Melchor Ventura, das ist meine Dame! Ventura Sie kommt als Requiem gekleidet. Vermutlich eine andre Huldin; Zahllose gibt es in Madrid, Und einen Fremden wittern sie Auf Meilen. Don Melchor             Nein, das ist dieselbe Von gestern; unverkennbar zeichnen Gestalt und Haltung sie mir ab. Vetter, lebt wohl. Don Luis (kehrt zu Donna Magdalena zurück)             Er ist bereit. Ich überlass' ihn, Herrin, Euch; Verdreht ihm gründlich nur den Kopf. Denn an die Seele greift es mir, Von ihm ein Gut verschmäht zu wissen, Das meiner Wünsche Gipfel ist. (Ab) Dritter Auftritt Donna Magdalena. Don Melchor. Ventura Don Melchor Bin ich es, Herrin, den Ihr sucht? Ventura Seid, Herrin, Ihr's, auf die wir warten? Don Melchor Ventura, mach, daß du verschwindest! Ventura Will heißen: mach den Kammerherrn, Der vor der Kammer Wache steht. Donna Magdalena (zu Don Melchor) Erkennt Ihr diese Hand? Don Melchor             Ach, Tag! Ach, Morgenrot! Ach, meine Sonne! Ventura (für sich) Bloß um zu prüfen dies Ach, ach, Begaben wir uns nach Kastilien. (Er zieht sich zurück) Donna Magdalena Ich kam, um Euch mein Wort zu halten. Don Melchor Dürft' ich so sehr auf Eure Gunst Mich wie auf Euer Wort verlassen, Würd' ich das Glanzgestirn erblicken, Das hinter dieser Wolke strahlt. Donna Magdalena Auch trieb das fremde Geld mich her, Das unberechtigt ich empfing Und seinem Eigentümer schulde. Don Melchor Sagt Ihr das einer Seele wegen, Die, weil sie flüchtig ist seit gestern, Von ihrer Leiblichkeit vermißt wird, So geb' ich willig sie verloren. Donna Magdalena Ist es die Eure? Don Melchor             Herrin, ja. Donna Magdalena Wie liederlich von ihr! Wie keck! Sie war's, die mich die ganze Nacht Nicht schlafen ließ, weil sie begierig Erproben wollte, welche Macht Wohl die Gedanken üben können. Obwohl nur Gast, macht zur Gebietrin Sie sich in meinem eignen Haus. Das wäre schlimm für mich geworden, Wenn nicht zum Glück mich heute früh Besucht hätt' eine gute Freundin, Der diese Seele zugehört. Don Melchor Ihr und nicht Euch? Wer hat gewagt, Euch so was vorzulügen? Donna Magdalena             Eine Gewisse Donna Magdalena, Die schön ist, edel, klug und reich. Auf die Gefahr hin, daß Ihr mich Der Neugier zeiht, will ich gestehn, Daß mit Erfolg nach Euch seit gestern Nachforschungen ich angestellt. Ich weiß, daß Ihr hierhergekommen, Um einen Goldfasan zu frein; Denn Eure Liebe wiegt nach Pesos. Ich weiß, daß Ihr Don Melchor heißt, Aus angesehnem Hause stammt, Daß Ihr so arm wie adlig seid, Daß Eure Heirat heute noch Soll durch Vertrag besiegelt werden. Nun seht, wie töricht ist ein Weib, Das eines Fremden übertriebner Und falscher Rede Glauben schenkt. Denn wenn ich, minder gut berichtet, Euch heut, wie gestern meine Hand, Mein Angesicht erblicken ließe, Nicht nur gekränkt, auch noch erkannt, Wie würde dann ich bloßgestellt Und preisgegeben dem Gelächter! Gesegnet sei drum, wer die Schleier Erfand! Don Melchor             Und soll drum der verdammt sein, Den Eure geistgewürzte Sprache Nicht blind für Eure Schönheit macht? Was Ihr von mir erkundet habt, Wohl, das ist wahr, doch wahrer nicht, Als daß ich grenzenlos Euch liebe. Ja, glaubt nur, teuerste Verhüllte: Wenn Ihr so schön seid, wie mein Traum Euch nachgebildet – denn je mehr Der Schleier die geahnten Wunder Mir hehlt, ist meine Lieb' ein Luchs – Dann wird mich keiner andern Gold Und Reiz und kein vereinter Ansturm Des Neides dran verhindern können, Euch anzubeten, zu vergöttern. Wißt, Eure Mitbewerberin, Ich sah sie gestern (wollt verzeihn, Daß ich ihr diesen Namen gebe Und nicht sie meine Feindin nenne); Ich sah sie – doch wie doppelt göttlich Schien beim Vergleich in der Erinnrung Mir Eurer Zauberhand Kristall! Zwar, einer Frau, wenn sie noch gar Abwesend, Übles nachzusagen, Verletzt den ritterlichen Anstand, Den stets ich mir zur Richtschnur nahm. Doch im Vertrauen, unter uns, Ich fand sie weder schön, noch würdig, Mit Euch in Wettbewerb zu treten, Und nicht gebietet mir mein Herz, Daß ich ihr meine Freiheit opfre. Euch gab ich sie dahin; mit Grund Kann die Gefangene verlangen, Der Herrscherin Gesicht zu sehn. Ich fleh' darum; zwingt Euer Argwohn Euch immer noch, mir das zu weigern? Donna Magdalena Fast hättet Ihr mich überredet, Euch zu willfahren … Aber nein; Denn da mich Euer Traum viel schöner Gemalt hat, als ich bin, so fürcht' ich, Die hohe Meinung zu verlieren, In der Euch die Geträumte steht, Wenn ihr die Wirkliche nicht gleichkommt. Doch möcht' ich auch nicht all das Glück, Das mir aus Eurer Liebe winkt, Dadurch gefährden, daß am Ende Durch Nichterblicken sie sich abkühlt. So schwör' ich denn bei meinem Leben, Dem allgemeinen Ruf gemäß, Den ich in dieser Stadt genieße, Daß Donna Magdalena mich An Schönheit weder noch an Reichtum, An Jugend weder noch an Klugheit, An Adel nicht noch Würdigkeit, Euch zu besitzen, übertrifft. Und ward ich so des eignen Ruhmes Verkünderin, der Wettbewerb, Von dem Ihr spracht, mag ausnahmsweis Ein solch Vergehn entschuldigen. Don Melchor Ich schwör' Euch bei dem Himmelslichte, Dem nicht erblickten, doch verehrten, Daß Ihr mir geltet als ein Wunder An Schönheit und daß der Vergleich Mit jener Euch so schwer beleidigt, Wie wenn man Tag vergleicht mit Nacht. Donna Magdalena Dann tut mir eines zu Gefallen: Entledigt Euch der Abmachung Mit dieser Donna Magdalena, Die peinlich mir die Ruhe raubt; Wohnt länger nicht in ihrem Haus Und siedelt über in das meine: Da werden Euch die Augen aufgehn. Don Melchor Ich bin's zufrieden, tausendmal. Und daß Ihr völlig überzeugt seid, Wie wenig Lieb' ich für sie fühle, So hört von mir, daß jener Herr, Der mit Euch kam und Eure Botschaft Mir zutrug, mein Verwandter ist, Und daß für die von mir Verschmähte Sein Herz in hellen Flammen steht. Donna Magdalena Ich wußt' es schon. Don Melchor Bewirken werd' ich, Daß er um sie beim Vater anhält, Und so der beiden Bund vermitteln, Dem zweifellos durch des Don Luis Dreitausend Golddukaten Rente Besondre Festigkeit erwächst. Vierter Auftritt Vorige. Santillana Santillana (zu Donna Magdalena) Die Messe, Herrin, ist beendet Und schon die Kirche menschenleer. Donna Magdalena Ich bin nicht in so großer Eile. Erwartet mich ein wenig abseits. (Sie spricht weiter mit Don Melchor) Santillana (für sich) So eine Umstandskrämerin! Ventura (indem er Santillana beiseite zieht) He, Herr von Dingsda, wollen gnädigst Geruhen Eure Herrlichkeit, Mir tausend Worte zuzuhören? Santillana Ist Eure Exzellenz ein Schwatzmaul? Ventura Wie heißen Hoheit? Santillana             Santillana. Ventura Seit wann steht Ihr bei dieser Dame In Dienst? Santillana             Noch nicht zwei volle Stunden. Eine Duenna mietete Mich als Lakai für eine Kutsche. Ventura So wißt Ihr gar nicht, wer sie ist? Santillana Nein, Euer Gnaden. Ventura Hand aufs Herz? Bei Strafe des bedungnen Lohns Hat man Euch eingeschärft, zu schweigen; Doch seht dies Vierrealenstück, Kraft dessen man Geheimnisse Den Leuten aus der Nase ziehn kann: Sagt, wer sie ist, wenn dies Euch reizt. Santillana (für sich) Solch einen Laffen anzuführen, Ist eine feine Heldentat. Da mich die vier Realen locken, Geh' ich dafür ihm Kinderbrei. (Laut) Viel über mich vermag ein Weinchen, Das ein gewisser Keller birgt, Wozu die vier den Schlüssel haben, Gleichviel, ob meine Herrin schilt. (Er will das Geldstück nehmen, das Ventura ihm vorhält) Ventura Halt! Nur gemach und nicht so stürmisch. Mir schwant so was wie Schelmerei. Santillana Nun gut, ich sag's Euch. Diese Dame Kam, weil sie glüht für diesen Ritter, Hierher, um heimlich ihn zu sprechen, Mit keiner anderen Begleitung Als der von meiner Wenigkeit. Ventura Und hat doch sicher zwanzig Tanten. Santillana Es ist … Ihr dürft es niemand sagen; Nur höchstens, daß Ihr Euren Herrn Von wegen seines Glücks beglückwünscht. Ventura Ziert Euch nicht lang; heraus damit. Santillana Nun denn, es ist die Gräfin … Ventura             Gräfin? Santillana             Von Chirinola. Ventura             Und in China Liegt die Chimärengrafschaft wohl? Santillana Nein, Herr, sie liegt in der Provinz Neapel. Ventura             Chirinola? So? Und diese Chignongräfin, sagt, Wo wohnt sie? Santillana             In der Silvastraße, In einem Haus mit Jalousien Und blauen Gittern. Donna Magdalena (zu Don Melchor)             Meine Trauer, Nach der Ihr sorgend Euch erkundigt, Gilt meinem armen alten Vater, Der gestern starb, und eh die vielen Beileidsbesuche mich daran Verhindern konnten, eilt' ich her Mit einem einzigen Bedienten. Santillana (zu Ventura)             Noch etwas? Ventura             Ja. Santillana Dann also flink. Ventura Hat diese Gräfin einen Mann? Santillana Man sagt, daß sie nach einem angelt, Wie's in der Bauernsprache heißt. Don Melchor (zu Donna Magdalena) Noch einmal bitt' ich, laßt mich sehn, Was meine Lieb' auf Treu und Glauben Anbetet. Donna Magdalena             Ich bin nicht von Stein Und möchte gern von Euch erfahren, Ob ich in Wahrheit, wie mir manche Bereits versichert haben, schöner Als Donna Magdalena bin. Deswegen richtet auf dies Auge Den Blick, das für das andre bürgt. (Sie enthüllt ihm ein Auge) Don Melchor Ein neues Wunder strömt vom Himmel Hernieder, eine Glorie, Die Seele sättigend mit Leben, Das ohne sie verlöschen muß! Ventura (zu Santillana) Lebt wohl, verehrter Würdenträger, Und dieses Geld schreib' ich Euch gut. (Er steckt das Geldstück ein) Santillana (für sich) Das Nachsehn bloß hat ein Lakai, Der sich mit einem Stallknecht einläßt! Don Melchor (rufend) Ventura! Mein Ventura! Ventura             Herr, Was steht Euch zu Befehl? Don Melchor             O schau, Ja, schau den märchenhaften Glanz, Den dieser Morgenstern entsendet, Damit du mir nicht später sagst, Die von mir aufgegebne Braut Sei schöner oder würdiger, In meines Herzens Grund zu wohnen. Ventura Entlodre, triff, besiege, töte, Du blitzeschleudernder Komet, Du Köcher für die Liebespfeile. (Leise zu Don Melchor) So redet man im neusten Stil. Don Melchor O zeigt mir seinen Zwilling noch! Donna Magdalena Sei's drum. (Sie enthüllt ihm das andere Auge) Ventura             Sind das Reliquien, Die man nur einzeln stellt zur Schau? Don Melchor Berückend! Ventura             Augen, ja, schon drück' ich Ein Auge zu als Augenzeuge, Der nach der Börs' euch äugeln sah; Denn augenscheinlich überstrahlt ihr Die fetten Augen auf der Suppe. Donna Magdalena Nun? Meint Ihr, daß nach Billigkeit Sich mit den Augen Eurer Braut Die meinen messen dürfen? Don Melchor             Jesus! Verunglimpft nicht Euch selbst; denn jene Sind gegen diese … Ventura             Lumperei. Donna Magdalena (zu Don Melchor) Für solchen Ausspruch nehmt, ich bitt' Euch, Dies hin als meines Dankes Bürgschaft. (Sie gibt ihm ein Kästchen) Ventura Potz Blitz! Donna Magdalena (zu Ventura)             Und du, nimm diesen Ring. Ventura O Hand, o benedeite Hand! Hand, wenn auch ungestüm für Börsen, So doch für Ringe hold und mild, Handliche Hand für edles Handeln! Das ist die richt'ge Hand, um ihr Die Hand zu reichen, nicht die andre, Die kalt, phlegmatisch ist und schlaff, Bleichsüchtig, träge, trügerisch, Hoffärtig, herrisch, heikel, hart. O Hand von allerhand Gewicht; Denn wie mir der Lakai versichert, Ist's eine hochgeborne Hand. Santillana Schweigt still! Don Melchor             Was hat das zu bedeuten? Ventura Stets kommt die Wahrheit an den Tag. Ihr seid die Gräfin Cirinola; Euer Vasall verriet es mir. Don Melchor Ihr eine Gräfin? Donna Magdalena             Glaubt hiervon Soviel Euch gut dünkt, wenn ich auch Dem Plauderer den Abschied gebe. Santillana (für sich) Sie leistet meiner Lüge Vorschub. Donna Magdalena Auf Eure Treue bauend sag' ich: Lebt wohl! Don Melchor             Sie wird sich Euch bewähren, Bevor der Morgen tagt. Lebt wohl! (Donna Magdalena und Santillana gehen ab) Ventura Herr, diese Hand hat Hand und Fuß. Denkt, eine Grafschaft! Don Melchor             Ich bin selig! (Beide ab) Fünfter Auftritt Donna Angela, Don Sebastian (kommen von der anderen Seite) Don Sebastian Läßt sich davor kein Riegel schieben, Daß dieser Melchor sich vermählt Und Eifersucht zu Tod mich quält? Donna Angela Da mußt du flink sein. Unterschrieben Noch heute werden die Verträge, Und morgen, als am Sonntag, droht Das erste Heiratsaufgebot. Don Sebastian Worauf ich in mein Grab mich lege. Wär' er doch niemals nach Madrid Gekommen! Donna Angela             Ja, falls wohlverstanden Er bleibt in Magdalenas Banden. Don Sebastian Teil dein Gefühl getrost mir mit: Du liebst ihn? Donna Angela             Leider hast du recht. Don Sebastian Darin sogar bist du mir ähnlich. – Der Mensch ist viel zu unansehnlich Für deinen Reiz und dein Geschlecht. Doch schließlich werden diese zwei Vereint, und wir vergehn vor Kummer. Donna Angela Die Liebe raubt mir meinen Schlummer Mit einer solchen Tyrannei, Als ob nicht erst ein einzig Mal Ich ihn gesehn. Don Sebastian             Ich werd' ihn töten. Donna Angela Ein sanftres Mittel ist vonnöten; Denn dieses frommt nicht meiner Qual. Ich lieb' ihn, und durch sein Verderben Würd' ich ja doch erst recht genarrt. Don Sebastian Ist er nur tot und eingescharrt, So wird auch deine Liebe sterben. Auf alle Fälle müssen wir Die Hochzeit zu verhindern trachten. Donna Angela Ich wüßte nicht, wie wir das machten. Don Sebastian Ich werde sagen, daß mit mir Sich Magdalena schon verlobte. Donna Angela Wo nähmest du die Zeugen her? Don Sebastian Ei, Freunde hab' ich, oft erprobte. Donna Angela Ein Aufschub fiele so nicht schwer; Doch reicht's nicht, um den Bund zu brechen. Don Sebastian Wenn die Verzögrung erst gelang, So wird mein Reichtum und mein Rang Dem Vater schon ins Auge stechen. Er ist ein alter Mann, und Geiz Pflegt graue Häupter zu beraten; Ihm sind sechstausend Golddukaten An Rente wohl nicht ohne Reiz. Dazu mein künftig Amt im Staat – So wickle ich ihn um den Finger. Donna Angela Don Melchor ist ein Herzbezwinger. Don Sebastian Das Geld ist's noch in höherm Grad. Was könnte der Versuch uns schaden? Donna Angela Nichts. Das nur sag' ich dir voraus: Nicht wohnen bleib' ich in dem Haus, Wenn uns die zwei zur Hochzeit laden. Don Sebastian Wohlan, ich schmiede gleich das Eisen. Donna Angela Vor allem treibe Zeugen auf. Don Sebastian Was steht nicht in Madrid zu Kauf? Hier gibt's Betrug zu allen Preisen. Donna Angela Gern schieß' ich zu, wenn's nötig ist, Was ich vermocht, mir zu ersparen. Don Sebastian Ich hoffe billiger zu fahren. Kehr heim; ich folg' in kurzer Frist. (Ab) Sechster Auftritt Donna Angela. Ventura Ventura Verzeihung, kam Euch zu Gesicht Don Melchor? Weh mir armem Toren! Er ging mir unterwegs verloren. Donna Angela Ihr dient ihm? Ventura             Ja. Donna Angela             Beeilt Euch nicht. Ventura Er wird mich suchen. Donna Angela             Hört mich an. Ventura             Ihr wünscht? Donna Angela Ihr heißt? Ventura             Ventura. Donna Angela             Prächtig. Seid Ihr ein Mensch, der klug bedächtig Ein streng Geheimnis wahren kann? Ventura Ich bin wie eine Gruft verschwiegen. Donna Angela Nehmt diesen Ring; er sei das Pfand. Ventura Noch eine zweite Wunderhand! (Für sich) Mein guter Stern ist aufgestiegen. Da man mich rings umringt mit Ringen. (Laut) Held Alexander drückte schon, Um seinem Freund Hephästion Dadurch das Schweigen beizubringen, Den Siegelring auf seinen Mund; Doch daß er sich darauf beschränkte Und ihm den Siegelring nicht schenkte, Gibt ihn als einen Knicker kund. Hingegen ich, der ihn empfing, Ich will mich seiner würdig zeigen, Und um auf jeden Fall zu schweigen, Werd' ich den Finger mit dem Ring Zusammen in den Mund mir stecken; Dann muß ich stumm sein ohnehin. Donna Angela Wißt Ihr, Ventura, wer ich bin? Ventura Ihr seid geschaffen, Glut zu wecken. Donna Angela Meint Ihr, den Wettstreit könnt' ich wagen Mit Melchors Braut in Anbetracht Der Liebe? Ventura             Wie dazu gemacht Seid Ihr, sie aus dem Feld zu schlagen. Donna Angela Doch ist nicht Donna Magdalena Ans Herz gewachsen Eurem Herrn? Ventura Er ist von Liebe grad so fern Als wie Paris von Cartagena. Donna Angela Kam er hierher nicht ihretwegen? Und dennoch liebt er sie nicht recht? Ventura Genau wie einen Henkersknecht, Der käm', ihn auf den Block zu legen. Mit einer größern Zahl von Fehlern Fand er behaftet seine Braut, Als man bei blinden Gäulen schaut Und alten Weibern in Spitälern. Nie wird er sich mit ihr vermählen, Würd' er dadurch auch Persiens Schah. Donna Angela Wozu dann aber ist er da? Ventura (für sich) Ich muß ihr alles wohl erzählen. (Laut) Weil hier zu besserer Verbindung Es eine schöne Durchlaucht gibt. Donna Angela Durchlaucht? Ventura             Ja, Durchlaucht. Donna Angela             Und er liebt Sie sehr? Ventura             Mit stürmischer Empfindung. Donna Angela Wer ist sie? Ventura             Eine Gräflichkeit, Mit einer Hand, die gleich vom Stapel Ihm ließ das Königreich Neapel, Und einem Aug', das Flammen speit. Mir aber gab sie feierlich Den Ring hier. Donna Angela             Und wie ist ihr Name? Ventura Bei mir nennt diese hohe Dame Die Gräfin mit der Börse sich. Donna Angela Wo liegt denn ihre Grafschaft? Ventura             Mangelt Nicht mein Gedächtnis, liegt sie nah Der Kirche der Vitoria. Denn eine Gräfin ist's, die angelt. Donna Angela Ihr sprecht im Scherz. Ventura             Bei meinem Leben Ihn hat erfüllt mit Liebesweh Das schönste Auge, das ich je Gesehn (wollt gnädigst mir vergeben), Und eine Hand, wie zur Empfehlung Der Zypernseife fleckenfrei. Sie gab uns heut ihr Wort, sie sei Bereit zu baldiger Vermählung, Gesetzt, er läßt die andre schießen Und bleibt in ihrem Hause nicht. Jetzt habt Ihr gründlichen Bericht; Doch, Herrin, laßt's Euch nicht verdrießen. Denn Eure Liebe wird Euch seine Zuwenden, wenn er sie erkannt, Weil ihm die Gräfin nur die Hand Und ein paar Augen, erst das eine, Sodann das zweite vorgerückt. Zeigt ihr hingegen ihm die Nase, Die wie ein Röschen in der Vase Blühduftig Euer Antlitz schmückt, Zeigt ihm den Mund mitsamt den Zähnen Und Eure Mitgift obendrein, Dann – jede Wette geh' ich ein – Vergißt er nicht nur Magdalenen, Nein, auch die Gräfin; habt nur acht. (Für sich) Du hast zu viel geschwatzt, mein Junge. Doch dieser Ring hat mir die Zunge, Weiß Gott, aus Rand und Band gebracht. (Ab) Siebenter Auftritt Donna Angela (allein) Donna Angela Mehr brauch' ich nicht, um zu erlangen, Daß man die Hochzeit noch verschiebt. Wie dürfte, wer so heftig liebt Wie ich, vor einer Kriegslist bangen? Ob diese Gräfin auch mir Plagen Erneuter Eifersucht verschafft – Gewinnt man Zeit, gewinnt man Kraft. Gleich will ich's meinem Bruder sagen. (Ab) Achter Auftritt Zimmer im Hause des Don Alonso Donna Magdalena (in einem anderen Kleid). Isabel Donna Magdalena Horch, Isabel, wie's mit mir steht: Ich bin geliebt und bin verschmäht, Ich bin verabscheut und gefeiert, Ein Schreckgespenst und ein Magnet! Ich mach' ihn, sieht er mich verschleiert, Vor Liebe seufzen, und zwar tüchtig, Und scheuch' ihn, sieht er mich enthüllt; Er stellt mir nach, ist vor mir flüchtig, Und so von Widerstreit erfüllt, Bin auf mich selbst ich eifersüchtig. Mißfällig ist ihm diese Hand Und setzt ihn doch zugleich in Brand; Er sucht mich, um mich preiszugeben, Verstößt mich, um nach mir zu streben. Die Augen, die er häßlich fand, Preist er als schön; dasselbe Ziel, Nach dem er jagt, will er verlassen, Und Einbildung vermag so viel, Daß eines Schleiers Faltenspiel Entscheidet Lieben oder Hassen. Um unsre Trauung zu erreichen, Geht er auf unsre Trennung aus, Und um zu kommen in mein Haus, Will er aus meinem Haus entweichen. Ich bin verdammt, ihm nachzuschleichen Als Schatten und als leerer Schein; Was ich gewinne, büß' ich ein; Das Glück wird mir vom Leid vertrieben; Weil er mich liebt, muß ich ihn lieben, Weil er mich fortwirft, gram ihm sein. Nun, Isabel, gib mir Bescheid: Hast je von so was du vernommen? Isabel Nein, das ist noch nicht vorgekommen. Doch scheint mir, daß Ihr töricht seid, Seh' ich in eifersücht'gern Neid Euch selber gegen Euch entbrennen. Vom Widerstreit versetzt in Pein, Gebt Ihr Euch doch nicht zu erkennen Und wollt, statt eine Frau zu sein, Fortfahren, Euch in zwei zu trennen. Ihr legt ihm deutlich an den Tag, Daß Ihr ihn liebt, obwohl die Wohnung Er nicht mehr mit Euch teilen mag Und weder Rücksicht kennt noch Schonung. Zerreißen soll er den Vertrag, Das Euch gegebne Jawort brechen Verlangt Ihr; bringt Euch das Gewinn? O nein, zur Strafe seiner Schwächen Sucht als besiegte Siegerin Euch lieber an Euch selbst zu rächen. Donna Magdalena Bedenk, so standhaft ihn zu schauen In seiner Liebe, macht mich toll, Und da sie hoch und höher schwoll, So wuchs mit ihr auch mein Vertrauen. Drum sei nicht allzu sorgenvoll, Wenn nach des Schicksals hartem Schluß Hartnäckig um sein Herz das meine Krieg mit sich selber führen muß, Weil ich ja doppelt bin zum Scheine, Wenngleich in Wirklichkeit nur eine. Einbildungen sind unerläßlich Zur Liebe; sieht sie mich geteilt, Die eine schön, die andre häßlich, Wo wär' ein Mittel, das mich heilt, Wenn Eifersucht mich drum ereilt? Denn da doch beide mich enthalten, Muß ich nach innerstem Gebot Einstehn für beide bis zum Tod, In Freud' und Traurigkeit zerspalten. Die, welcher seine Schwüre galten, Sie schuldet ihm dafür Beschenkung, Und welcher schmählich er entflohn, Mit Rache muß ihn die bedrohn; Drum zahl' ich Werbung ihm und Kränkung Mit meiner Treu' und meinem Hohn. Wohl werd' ich ewig nach ihm schmachten Und werde doch zu gleicher Zeit Zu rächen wissen sein Verachten Und mein daraus entsprungnes Leid. Isabel So treibt Ihr, mit Euch selbst im Streit, Noch schroffrem Widerspruch entgegen. Donna Magdalena O Gott, in solcher dunklen Schlucht Vermag allein mit voller Wucht Ein Herz in Hälften zu zerlegen Der Messerschnitt der Eifersucht. Neunter Auftritt Vorige. Don Alonso. Don Geronimo. Donna Angela. Don Sebastian Donna Angela (zu Don Alonso) Sein Diener hat es eingestanden, Und andere bestätigen, Daß man ihm auf die Sprünge kam. Don Sebastian Mir haben's mehrere gesagt; Ich hab's jedoch nicht glauben wollen, Bis ich mit eignen Augen sah, Was Euch zum Schabernack sich zuträgt. Sie haben sich bereits das Wort Gegeben (ich vermute, schriftlich) Und hätten sich schon heut vermählt, Wenn nicht des alten Grafen Tod Sie noch zu kurzer Säumnis zwänge. Glaubt nur, ich fühle jedes Unglück, Das Euch als unsern Hausgenossen Betrifft, wie wenn es mir geschehn wär'. Erstickt im Keime diesen Schaden; Denn laßt Ihr ungehemmt ihn wuchern, Dann wächst er glatt Euch übern Kopf. Don Alonso Don Melchor hätte sich so plötzlich Verliebt? Erst gestern eingetroffen Und heut verlobt in aller Form! Klingt das nicht äußerst unwahrscheinlich? Don Sebastian Wißt Ihr so sicher, welches Endziel Ihn aus Leon hierhergeführt hat Und was er für geheime Schliche Verkleidet und versteckt betrieb? Don Geronimo Hätt' er vor der Vitoria Mich und Don Luis nicht getroffen, So hätt' er schwerlich uns besucht, Und darum halt' ich's für die Wahrheit, Was Don Sebastian behauptet. Don Alonso (zu Don Sebastian) Nun ja, wenn Ihr's mit Augen saht, Wie dürft' ich zweifeln? Dies Madrid Steckt voll von Trug und Hinterlist. – Ich duld' ihn keine Stunde länger Im Hause, Magdalena. Donna Magdalena             Vater, Vielleicht besitz' ich die Gewißheit Von dem, was Ihr in Zweifel zogt. Don Melchor, unser Landsmann, allen, Die mir bisher begegnet sind, An Geist und Anspruch auf die reichsten Und schönsten Frauen überlegen, Ist in Erwartung einer Grafschaft. Don Alonso Du weißt es auch schon? Donna Magdalena             Wollte Gott, Ich hätte mich hierin getäuscht. Doch seine Braut erzählte heut Vor der Vitoria mir alles, Da sie mir eng befreundet ist. Sie sagte mir, daß ein Don Melchor, Zwar arm, jedoch von edler Abkunft Und aus Leon hier angelangt Um einer andern Heirat willen, In einer Stunde mehr bei ihr Erreicht hat, als in vielen Jahren Ein andrer könnte. Gegenseitig Gefielen beide sich so gut, Daß schon sein Anblick ihre Trauer Um ihres Vaters Tod alsbald In eitel Frohsinn wandelte. Sie wußte nicht, wie sehr ich selbst Im Spiel war, und ich hielt's für ratsam, Mich zu verstellen, um die Wahrheit Vollständig an das Licht zu ziehn. Am Ende hat auf nächsten Sonntag Sie mich zur Hochzeit eingeladen, Die wegen ihrer Trauer ganz Im stillen vorgeht. Don Alonso             Schnelle Hochzeit! Was ist denn das für eine Gräfin? Donna Magdalena Das darf ich heut noch nicht verraten, Da sie mir Schweigen auferlegte, Bis alles abgeschlossen ist. Don Geronimo Bei Gott, wenn er nicht einsehn wird, Wie grausam er sich selber züchtigt Mit diesem albernen Betrug … Don Alonso Warum erregst du dich, mein Sohn? Kann Magdalena viel verlieren An einem Mann, der gestern ankommt Und binnen vierundzwanzig Stunden Sich flugs verliebt, verlobt, vermählt? Donna Magdalena Sie hat besonders schöne Hände, Hat Augen, die bezaubernd sind; Er liebt auch ihre hohe Stellung Und lechzt, ihr Paladin zu sein. Nun also, mög's ihm wohl bekommen; Denn ohne Mißgunst und Bedauern Gönn' ich ihm diese beßre Wahl. Don Alonso Fürwahr, ein unerhörter Fall! Schlecht zahlt er mir die Freundschaft heim, Die mich verband mit seinem Vater; Da haben wir die heut'ge Jugend. Fahr' er denn meinetwegen hin. Ich werde dir, mein gutes Kind, Statt seiner einen wohlgebornen Und wohlerzognen Gatten suchen. Don Sebastian Wenn diesen Namen ich verdiene, So war' es hohe Schicksalsgnade Für mich, statt Euer Hausgenosse In Zukunft Euer Sohn zu heißen. Sechstausend Golddukaten Rente Hab' ich alljährlich zu verzehren, Wozu mein liebend Herz noch kommt. Don Alonso Ich rechne dieses Angebot Zur Ehre mir, wenngleich zunächst Ich die Verhandlungen darüber Vertag' auf schicklichere Zeit. Mag nun der neugebackne Graf Sich seinen Glückwunsch holen kommen; Er wird von mir kein Wort des Vorwurfs Vernehmen über seinen Streich. Zehnter Auftritt Vorige. Don Melchor. Ventura Don Melchor (leise zu Ventura) Ich muß geziemend Abschied nehmen. (Zu Don Alonso) Heut, edler Herr, traf unverhofft Ein Hauptmann aus Leon hier ein, Der mir verwandt ist und befreundet. Er will in Talavera sich Vermählen und braucht Heiratszeugen, Die seinen Rang bekräftigen. Weil ich ihm bei des Weges Kürze Gefolgschaft nicht gut weigern kann, So möcht' ich Euch um Urlaub bitten Und Euch, mein Fräulein, um Geduld. Don Alonso Ihr seid ein tadelloser Hofmann, Don Melchor. Reist mit Gott und bringt, Wenn Ihr zurückkehrt, wohlbedachte Glückwünsche mit für Magdalena, Denn trotz der knappen Frist vermut' ich, Daß Ihr an eines Gatten Seite Mein Kind getröstet wiederfindet. (Ab) Don Geronimo Die Reise wird noch kürzer sein, Don Melchor, als Ihr vorgegeben. Liegt doch nur ein paar Straßen weit Von hier der Gasthof, dem zugunsten Ihr unserm Haus den Rücken kehrt. Einstweilen aber wünsch' ich Glück Sowohl zum Titel wie zur Heirat. (Ab) Ventura (leise zu Don Melchor) Dem hat ein Zaubrer was gesteckt. Don Sebastian Nehmt meinen Glückwunsch ebenfalls, Wenn das Vergnügen, Euch zu kennen, Mir gleich erst gestern ward zuteil. Erfreut Euch hundert Jahre lang An Eurer Gräfin. (Ab) Donna Angela             Wenn es nicht Sich durch die Heimlichkeit verbietet, Zeigt uns den Tag der Hochzeit an, Damit wir Anteil nehmen können. (Ab) Ventura Was, Isabel, ward aus der Wäsche, Die gestern ich in einem Bündel Dir gab? Zwei Hemden und ein Kragen … Isabel Man trug sie heut hinab zum Fluß. Lauft hurtig zu der Wäscherin; Denn falls auch Ihr in Bälde schon Euch zu vermählen denkt, so müßt Ihr sauber gehn, wenn auch zerrissen. Und Euer Gnaden möge noch Erleben, Eurer Kinder Enkel Zum Teil als Herzöge zu sehn, Zum andern Teil als Erzbischöfe. (Ab) Elfter Auftritt Donna Magdalena. Don Melchor. Ventura Donna Magdalena Glückwünsche habt, verehrter Herr, Von allen Seiten Ihr empfangen. Bloß ich, der gegenteil'gen Ansicht, Sprech' Euch hiermit mein Beileid aus Zum anberaumten Hochzeitsfest. Vor einer Stunde sagte mir Die Gräfin, die mit mir sehr innig Befreundet ist, daß aus Italien Heut einer ihrer Vettern eintraf Und daß die Erbschaft ihrer Güter Gefährdet wird, wenn fraglichem Enrico sie das Wort nicht hält, Sie wolle seine Gattin werden. Genötigt sieht sie sich darum, Sich unverzüglich einzuschiffen In Barcelona, heißt es auch, Die Seefahrt gelte für bedenklich, Weil im Bereich der ganzen Küste Sich maurische Korsaren tummeln. Sie trug mir auf, in ihrem Namen Euch ihren Abschiedsgruß zu sagen, Und trocknete der Augen Perlen Mit jener Hand von Elfenbein, Mit deren glattem Schmelz verglichen Die meine Gips ist oder Kohle Wie die von einer Negerin. Ventura (leise zu Don Melchor) Zum Henker, was für spitze Stacheln! Donna Magdalena Daß nicht sich Männer schwarz dran färben, Die selbst nicht echt von Farbe sind, Verschon' ich sie mit dieser Hand Und leiste nicht für Gräfinnen Ersatz, die glühn, derweil ich kalt bin. Mein Vater sucht mir einen Gatten, Und seinem Willen folg' ich blind. Ihr wart – es tut mir leid, Herr Ritter – Berufen, doch nicht auserwählt. (Sie macht ihm eine tiefe Reverenz und geht ab) Zwölfter Auftritt Don Melchor. Ventura Ventura Als Graf in Unterwams und Strümpfen Bleibt Ihr zurück. Beim heil'gen Christ, Die hartgesottene Verhüllte, Die hat uns übel mitgespielt. Da steht Ihr wie der Ochs am Berg, Von Gott verlassen und vom Teufel, Weil abgeblitzt bei allen zwein. Um unsre Zeche zu bezahlen, Verkauft, was Ihr an Geldwert habt, Samt diesen Ringen, wenn sie nicht So falsch sind wie der beiden Herz. Don Melchor Heimreisen werd' ich nach Leon. Ventura Herr, was dort wollt Ihr, gründlicher Geduckt als ein begossner Pudel Mit keiner Braut und keiner Börse? Don Melchor Das Glück, das ich genoß, war kurz. Entfliehn wir diesem Labyrinth, Wo man, sobald man sich verlobt, Zu gleicher Zeit verwitwet. Jesus, Was wird aus mir! Ventura             Jawohl, so geht's Hier Neulingen, die gleich Raketen Aufschießen und als Aschenrest Erledigt in die Pfütze fallen. Don Melchor Hinweg! Madrid sieht mich nicht wieder. Dritter Akt Gastzimmer in einer Herberge Erster Auftritt Don Melchor (und) Ventura (im Aufbruch begriffen) Don Melchor Nun? Ist der Bursche da? Ventura             Mit zwei Mauleseln von so magrem Leibe, So spindeldürr, daß, wer zur Scheibe Sie nimmt, unfehlbar schießt vorbei. Don Melchor Befestige mir diese Sporen. Ventura Bleibt's beim Beschluß? Auf und davon Und wieder heimwärts nach Leon? Don Melchor Ventura, was ich auch verloren, Ich bin ein sorgenfreier Mann, Nicht mehr ein sorgenvoller Freier. Ventura Daß Euch die Dame mit dem Schleier Geliebt hat, zeigt das Kästchen an, Das Euch sie heut als Bürgschaft gab Mit zweiunddreißig Diamanten; Wer so die neuesten Bekannten Beschenkt, geht nicht am Bettelstab. Der Juwelier will beim Verkauf Dafür uns ohne Widerstreben Sechshundert Golddukaten geben. Don Melchor Nicht doch, ich hebe sie mir auf Als Angedenken an die holde, Mir so verhängnisvolle Hand, Die rasch erschien und rasch verschwand. Ventura Herr, besser macht Ihr sie zu Golde. Den Wert von Diamanten hat Man in Leon noch nicht erfahren. Don Melchor Tropf, ist's ein Wohnort von Barbaren? Ventura Nein, eine Bergbewohnerstadt. Was gilt's? Für Glas hält man sie dort. Und sagt mir doch: Auf welche Weise Schafft Ihr das Geld Euch für die Reise? Für die zwei Ringe gab sofort Der Juwelier mir dreißig Gulden; Doch die behalt' ich als den Lohn, Den Ihr mir schuldet lange schon. Don Melchor Ich werd' ihn dir nicht lang mehr schulden. Leih mir nur bis Leon das Geld, Worauf ich's dir sofort ersetze. Ventura Habt Ihr dort Gulden oder Schätze, Wodurch Ihr, Herr, mich sicherstellt? (Er zieht ihm die Sporen an) Doch Spaß beiseite, jedes Stück Von mir und meinem Geld ist Euer; Nur wär's ein kläglich Abenteuer, Kämt Ihr nach Hause so zurück, Daß Euch die nämlichen verhöhnen, Die kürzlich Euch in unserm Nest Zur Brautfahrt und zum Hochzeitsfest Beglückwünscht in den höchsten Tönen. Daß Eure Gräfin heimgekehrt Nach Chirinola, bleibt verdrießlich; Doch Eurer Liebe war ausschließlich Die schöne Magdalena wert. Sie fand sich so zurückgesetzt, Daß kaum sie sich enthielt, beim Sprechen In helle Tränen auszubrechen. Am klügsten ist's, Ihr macht noch jetzt Linksum, entschuldigt Euch beim Alten Und ruft des Bruders Beistand an; Auch sie wird Euch vergeben dann, Und wie zuvor wird Friede walten. So kann sich heut noch alles das, Was längst Ihr angestrebt, erfüllen, Und der Betrug in Schleierhüllen Fahr' unsrethalb zum Satanas. Don Melchor Ja, wäre sie nur halb so schön Wie meine Gräfin und durchdrungen Mein Herz nicht von Erinnerungen, Die der Entschwundnen Reiz erhöhn, Dann würd' ich deinen Rat erwägen. Ventura Zwei Augen, eine Hand, jedoch Vom übrigen kein Nasenloch! Der Magdalena Reiz hingegen Ist groß genug, um regelrecht Ein Dutzend Trojas anzuzünden Und zwanzig Male zu begründen Den Stammbaum für ein neu Geschlecht. Doch seid Ihr nicht für sie zu haben, So wär' noch ihre Nachbarin, Die liebevoll Euch trägt im Sinn Und außer ihren sonst'gen Gaben Viel Bares mitbringt. Don Melchor             Alle sind, Mit meiner Fee verglichen, Drachen. Ventura Nun gut, nichts mehr von Hochzeitmachen, Und heimwärts nach Leon geschwind! Flugs werd' ich unsre Bündel schnüren. – Ihr seid, weiß Gott, absonderlich. Don Melchor Gewöhn dir ab, in Sachen dich Zu mengen, die dich nicht berühren. Zweiter Auftritt Vorige. Santillana Santillana Ist hier ein Edelmann zu treffen, Der kürzlich aus Leon kam? Ventura (leise zu Don Melchor)             Ei, Das ist wahrhaftig der Lakai Der Gräfin, Herr. Don Melchor (leise)             Willst du mich äffen? (Zu Santillana) Der bin ich. Santillana             Euren linken Fuß, Erhabner Ritter, laßt mich küssen, Um Euch zu bieten in Ergüssen Der tiefsten Ehrfurcht meinen Gruß. Ventura Ein Teufelskerl. Santillana             Erlaubt hiernach, Mich meines Auftrags zu entladen: Durchlaucht die Gräfin, Euer Gnaden, Die heute morgen mit Euch sprach, Schickt Euch dies Briefchen und zugleich Mit diesem noch ein Angebinde, Das ich als königlich empfinde, Besitzt sie auch kein Königreich. Don Melchor Ist denn die Gräfin in Madrid? Santillana Wo sonst? Ventura (leise zu Don Melchor)             Da scheint was nicht geheuer. Don Melchor Gib ihm ein Goldstück. Ventura             So viel Steuer Für den? Santillana Das ist Euch wohl ein Schnitt Ins Herz? Ventura             Ein Goldstück? Ich erblasse. Dem gönn' ich bloß ein Kopfstück. Don Melchor             Sei Nicht abgeschmackt und gib ihm zwei. Santillana (zu Ventura) Nehmt Ihr das Geld aus eigner Kasse? Das sind wohl meine vier Realen? Ventura (leise zu Don Melchor) Der ganze Preis, den ich empfing Vom Händler für den einen Ring! Falls weiter wir so gut bezahlen, Sind bald wir nackt bis auf die Haut. (Er gibt Santillana Geld) Da nimm, du Gauner, und zerspringe! Don Melchor (in den Brief schauend) Ventura, was für Wunderdinge! Ventura Ein günst'ger Brief? Don Melchor             Ich lese laut. (Er liest) »Um Eure Liebe zu prüfen, habe ich eine Reise erdichtet, die ich nicht zu unternehmen gedenke, und eine Heirat, die mir fern liegt. Da Ihr trotzdem fortfahrt, Donna Magdalena zu verschmähen, will ich Euch für meine eifersüchtige Anwandlung schadlos halten und werde Euch an der gewohnten Stelle erwarten. Zum Ersatz Eurer Auslagen für den Heimweg, von dem ich Euch abzustehen bitte, sende ich Euch durch den Überbringer zweitausend Gulden sowie Wäsche und Süßigkeiten. Erkennt darin den Dank meines Herzens für Eure Treue und Standhaftigkeit.                             Die Gräfin.« Fort mit den Stiefeln, mit den Sporen! Fort mit den Satteltieren! Ventura             Fort Mit ihnen! Ich gehorch' aufs Wort. – Zweitausend! Traut man seinen Ohren? Welch goldnes Vlies, welch Kaperschiff, Welch voller Beutel eines Krämers, Welch Geldspind eines Zinsennehmers, Welch eines Räubers kühner Griff Kann sich vergleichen unsrer Beute? Don Melchor Die Gräfin hat die Heirat nur Erdichtet! Ha, die Gräfin fuhr Durchaus nicht nach Neapel heute! Sie will mich sehn, sich mein erbarmen! Ventura Zweitausend Gulden bares Gold! Komm her, du alter Trunkenbold; Ich muß dich küssen, dich umarmen! Santillana Hinweg mit Euch! Seid Ihr besessen? Zum Teufel geht mit Eurem Kuß! Ich hab' an Zeit nicht Überfluß. Ventura Goldstücke gab ich zwei; statt dessen Zweitausend Gulden! Schilt nur, schilt; Ich muß dir mit zweitausend Hulden Vergelten deine goldnen Gulden, So wahr dies Geld für gültig gilt. Santillana (zu Ventura, der nicht aufhört, ihn zu umarmen) Ich bring' Euch, wenn Ihr zu Verstand Nicht kommt, in eine Tollhauszelle. Don Melchor (nochmals den Brief lesend) »Ich werd' Euch an gewohnter Stelle Erwarten.« O geliebte Hand, Ist das kein Traum? Ich seh' dich wieder! Ventura Wo kamen die Geschenke hin? Santillana Die trug mir eine Schaffnerin; Sie geht im Hausflur auf und nieder Und hütet Backwerk, Wäsche, Geld, Um sie vor Dieben zu bewahren. Don Melchor Ruf sie herein; ich muß erfahren, Ob sich's auch wirklich so verhält Und ob zum Glück ich auserkoren. Bejaht sie's, schenk' ich ihr zum Lohn Den ganzen Kram. Ventura             Ich gehe schon. Ach, Herr, ich bin wie neugeboren! (Ab) Dritter Auftritt Don Melchor. Santillana Don Melchor (in den Brief versunken) O Gräfin meiner Seele! Santillana (Ventura nachschauend, für sich)             Krank Bin ich von dieses Lümmels Küssen. Ich hätt' ihn glatt ermorden müssen. Don Melchor (lesend) »Erkennt drin meines Herzens Dank Für Eure Treu'!« Vor Wonnebeben Ist mir's im Kopfe wirr und kraus. Vierter Auftritt Vorige. Ventura Ventura Sie blieb verhüllt und kniff mir aus, Doch hat ein Säckchen mir gegeben, Und zwar – es stimmt aufs Haar genau – Mit den zweitausend Gulden drinnen, Drei Körbe voll der feinsten Linnen Aus Holland, zart wie Morgentau, Und Süßigkeiten, köstlich schmeckend; Ich habe sie versucht bereits. Doch ihr Gesicht mit gleichem Geiz Wie ihre Herrin mir versteckend, Sprach sie: »Herr Page, wollt bekunden Dem Grafen Melchor, Eurem Herrn, Er möge folgen seinem Stern.« Und wie der Blitz war sie verschwunden. Don Melchor Auf denn zu der Vitoria! Ventura Mit Stiefeln und mit Sporen? Don Melchor             Freilich; Denn wär's nicht einfach unverzeihlich, Wollt' ich sie warten lassen da? Ventura Sie dienen Euch nunmehr zum Ritte Gen Himmel. Don Melchor             Schnell! Ventura             Ich bin dabei. (Zu Santillana) O du gesegneter Lakai! Santillana Nur keine Küsse mehr, ich bitte. (Alle ab) Straße vor der Kirche der Vitoria Fünfter Auftritt Donna Angela. Isabel Isabel Hier ist der Platz, den ich Euch nannte, Und gern will ich Euch dienlich sein Zur Stillung Eurer Liebespein, Die sich vertrauend an mich wandte. Zwar wird es meine Herrin kränken, Was insgeheim ich für Euch tu'; Doch überhäuft hat immerzu Mich Euer Bruder mit Geschenken, Und drum bei seinen Heiratsplänen Ihm beizustehn fühl' ich die Pflicht; Doch die Verlobung kann er nicht Vollziehn mit Donna Magdalenen, Solang Don Melchor in den Banden Der Gräfin leidenschaftlich brennt Und nicht mit List man beide trennt. Donna Angela Wie? Hab' ich denn nicht recht verstanden? Ist nicht die Gräfin abgereist, Um, wie vorhin ich hört' erzählen, Sich ihrem Vetter zu vermählen? Isabel Dies zeigt Euch ihren schlauen Geist. Es war ein Trug, um zu erproben, Ob er nicht meine Herrin liebt Und ihren Fesseln sich ergibt. Doch als er drauf in jähem Toben Die Heimkehr nach Leon betrieb Und Magdalenas Jugendblüte Mißachtete, für ihre Güte Und Klugheit unempfindlich blieb, Beschloß die Gräfin, wie soeben Herauszuschnüffeln mir geglückt, Ihm, dessen Treue sie berückt, Vor dem Altar die Hand zu geben. Sie hat ihm, als er wegzureiten Grad willens war, als Liebespfand Zweitausend Gulden übersandt Nebst Linnenzeug und Süßigkeiten. Hier, wo wir stehen, ist der Ort, Wo sie nachher ihm will begegnen, Und morgen soll den Bund schon segnen Des Priesters feierliches Wort. Donna Angela Das wär' mein Tod! Isabel             O nein, gebt acht: Ihr werdet Euer Leben fristen, Folgt Ihr nur den Indianerlisten, Die mein Gehirn für Euch erdacht. Ein Trauerkleid legt schleunigst an Und kehrt hierher zurück verschleiert; Die Dame, die er liebt und feiert, Sieht fraglos er in Euch sodann. Denn was als göttlich er gepriesen An seiner Liebe Gegenstand, War nur ein Aug' und eine Hand; Mehr hat sie ihm nicht vorgewiesen. Zeigt ihm nun Eure, die der ihren An Glanz nicht weicht, und seid bemüht, Ihm, was in Eurem Herzen glüht, Mit schönen Reden zu verzieren. Da nichts er von der Gräfin Zügen Gesehn, wird, wenn Ihr Euch enthüllt, Sein Schönheitstraum, durch Euch erfüllt, Zum eignen Vorteil ihn betrügen; Und wird die Täuschung aufgehellt, Dann, haltlos von Euch hingerissen, Wird er dem Schicksal Dank nur wissen; Die Gräfin aber ist geprellt. Donna Angela Das Wagnis wär' zu toll. Doch nein; Droht unsrem Leben unaufhaltsam Ein großes Unheil, muß gewaltsam Wie dies das Gegenmittel sein. Ich bin entschlossen, deine List Zu meiner Rettung anzuwenden, Und will dir eine Mitgift spenden, Die deines Scharfsinns würdig ist. Isabel So nehmt auch ein Erkennungszeichen, Das den Erfolg Euch sichern soll: Die Börse hier, von Gulden voll. Der Gräfin sie zu überreichen, Als er zum erstenmal sie sprach, War dem Don Melchor angelegen; Wieso dann und auf welchen Wegen Ich sie bekam, davon hernach. Hängt sie an Eure Gürtelschnur Und zögert nicht, Euch umzukleiden. Das Spiel darf keinen Aufschub leiden, Sonst hättet Ihr das Nachsehn nur. Donna Angela Und müßte mich zu Tode grämen. Don Melchor, grausamer Tyrann, Maßlose Liebe spornt mich an Zu so verwegnem Unternehmen. (Ab) Sechster Auftritt Isabel (allein) Isabel Mein Doppelwerk, nun wird's gelingen. Wenn Angela den Melchor nimmt, Kann ich Sebastian bestimmt Ans Ziel bei Magdalena bringen. Aufhalten will ich sie zu Hause; So schaff ich durch den Zeitgewinn, Daß ihre Nebenbuhlerin Ihr obsiegt in der Zwischenpause. (Ab) Siebenter Auftritt Don Melchor, Don Luis (kommen von der anderen Seite) Don Luis Ich glaubt' Euch längst schon auf dem Pfad Zur Vaterstadt. Don Melchor             Ein Wink der Liebe Ist schuld, wenn ich den Ritt verschiebe. Die Dame mit dem Trauerstaat, Die gestern hier am Ort Ihr saht, Sie kehrt heut wieder. Don Luis             Alle Wetter, War das denn nicht die Gräfin? Don Melchor Ja. Don Luis             Die, denk' ich doch, ist jetzt beinah Schon in Neapel. Don Melchor             Nein, Herr Vetter; Sie blieb um meinetwillen da. Don Luis So mögt Ihr mein Glückauf empfahn. Doch ich bin trotzdem abgetan Und vor Verdruß schon halb gestorben, Nachdem sich Don Sebastian Um Magdalena hat beworben, Ihr Bruder Don Geronimo Zugleich um Angela. Der Alte Macht nicht nur keine Vorbehalte, Nein, ist darüber herzlich froh. Ich aber flamme lichterloh Bei diesem Bund vor Höllenpein Und kann dafür, weiß Gott, nicht bürgen, Friedlich mein Leid hinabzuwürgen. Wem könnt' ich sonst als Euch allein Abtreten meinen Edelstein? Don Melchor Das braucht Euch nicht den Schlaf zu stören. Noch einmal seid versichert, nie, Solang ich lebe, nehm' ich sie, Sollt' auch ganz Indien ihr gehören. Die Augen, die mich hold betören Mit ihrer himmlischen Gewalt, Sie sind ja nun mein eigen bald; Doch jene können mir nicht taugen; Denn sie sind schläfrig, sind es Augen, Und sind es Sonnen, sind sie kalt. Don Luis Ich hör' Euch gerne sie verklagen; Denn das erweckt mir Wohlbehagen. Und dennoch, während süße Frucht Für Euch die süßen Augen tragen, Krank' ich an bittrer Eifersucht. (Ab) Achter Auftritt Don Melchor. Ventura. (Dann) Donna Angela (in Trauerkleid und Schleier wie Donna Magdalena) Ventura He, schaut nur her! Dort ist bereits Im Anzug unsre goldne Gräfin; Denn wer zweitausend Gulden herschenkt, Hat diesen Titel sich verdient. Da seht, sie macht Euch Reverenzen Und Knickse schon; drum kniet vor ihr. Don Melchor O göttliche Gebieterin, Wann endlich wird die Morgendämmrung Das finstere Gewölk durchbrechen? Wann wird mir nach so langer Nacht Zu meinem höchsten Glück der Himmel Den Vorhang aufziehn für den Tag? Ventura Wann, sonnengleiche Nähterin Von Chirinola, die das Weißzeug Für uns genäht mit Sonnenstichen, Wann streift Ihr Eure Hüllen ab Und laßt Euch vor uns beiden sehn Entblößt im Leibchen oder Hemdchen? Don Melchor Pack dich, Ventura! Ventura             Jeder Vogel Singt, wenn die Morgenröte naht, Sowohl der Stieglitz wie der Spatz. Darf da nicht auch ein Diener zwitschern, Wenn er ein lockrer Vogel ist? Don Melchor Hinweg! Ventura             So werde mittlerweil Ich an den Süßigkeiten picken. Donna Angela Ich bracht' Euch wohl um Euren Schlaf Durch meine vorgeschützte Reise, Den Prüfstein Eurer Festigkeit Und die Bewährung meines Siegs? Don Melchor So ist's; jedoch wer möchte nicht Gern eine schlechte Nacht verbringen Um einen solchen heitren Tag? Donna Angela Solang in Spanien Ihr zurückbleibt, Ist nicht zur Reise nach Italien Die fähig, die so sehr Euch liebt; Denn Liebe, fern von dem Geliebten, Gleicht einer Seele ohne Körper. Don Melchor Zum Dank für so viel Gnade laßt Mich dieses Schnees Reinheit küssen. Ventura Ja, laßt von dieser Buttermilch Den blendend weißen Rahm ihn schlecken, Und zwar, eh sie geronnen ist. Donna Angela Die Hand ist nicht für jeden Tag; Genug, wenn ich ein Aug' entschleire Als Zins vom Liebeskapital. Don Melchor Das heißt in Gold mir ausbezahlen, Was ich in Silber angelegt. Ventura Wohl, heut wird reichlich einkassiert, Falls Augen, inbegriffen Wimpern, Gangbare Münze sind. Jedoch Entweder täuscht mein Blick mich, oder Dies ist das Auge nicht von gestern; Denn das erschien mir dunkelbraun, Und heut hat sich's in Blau gekleidet. Don Melchor Schweig, Dummkopf! Ventura Wahrlich, die Pupille Von gestern glich der Schlehdornfrucht, Und die sieht aus wie ein Türkis! Nur darf Euch, Herr, das nicht beirren; Kam doch von Deutschland her ein Meister, Der auf Bestellung Augen färbt, Wie andre Bart und Haare färben. Don Melchor Hört nicht auf diesen Narren, Gräfin. Ich traue dem Erinnrungsbilde, Das Ihr in meine Seele grubt, Und weiß daher: dies ist das Auge, Das ich vergöttre. Doch was seh' ich? Noch eine andere in Trauer? Ventura Vermutlich sind es Zwillinge. Neunter Auftritt Vorige. Donna Magdalena (in Trauerkleid und Schleier) Donna Magdalena Einzig auf Euren edlen Anstand Stützt' ich das gläubige Vertrauen, Das ich, Don Melchor, Euch erwies. Doch da so schnell Ihr mich enttäuscht, Vorgestern angelangt und heute Den Platz, den ich für meinen hielt, Schon andern Schleiern überlassend, Und Euch um einer Laune willen Handgreiflichen Verrat erlaubt, So werd' ich nach Italien reisen. Erfreut Euch an dem neuen Stern In Ewigkeit; ich bin gewitzigt Und weiß nun ein für allemal, Was Männer hierzulande taugen. (Sie tut, als wolle sie gehen) Don Melchor O Herrin, teure Herrin, wartet! Verübelt nicht in raschem Groll Mir die Verwirrung einer Liebe, Die weder Euch verkennen will Noch kränken. Seid Ihr meine Gräfin? Donna Magdalena Die hielt sich für die Eurige, Die nun ersieht aus Euren Zweifeln, Daß Ihr ein schwach Gedächtnis habt. Wie hurtig habt Ihr mich vergessen! Lebt wohl! Don Melchor             Weh mir! Geliebte Gräfin, Geht so nicht fort; sonst werd' ich toll. Donna Angela Gräfin? O schändlicher Betrüger! So gibt's noch eine andre Gräfin Hier in Madrid, zu deren Füßen Ihr Euch gelegt? Ventura             Es scheinen mir Die Gräfinnen hier wild zu wachsen. Donna Angela Dem Himmel Dank, daß meine Freiheit, Gleichviel, ob es mich Tränen kostet, Noch einen Rückzug offen hat. Für möglich hätt' ich's nicht gehalten, Daß in den Leoneser Bergen Nicht minder tief als in der Hauptstadt Betrügerei sich eingenistet. Wie weise war doch meine Scheu, Mein Angesicht Euch zu verhüllen! So blieb mein Einsatz noch gering: Ihr kennt zum Glück nicht meinen Namen Noch meine Wohnung. Liegt Euch dran, Darüber etwas zu erfahren, So schreibt mir morgen nach Neapel; Denn dort erreichen Briefe mich. Lebt wohl! (Sie tut, als wolle sie gehen) Don Melchor             O Gräfin meines Herzens, Bleibt! Hört mich an! – Welch Blendwerk führt Voll Tücke mich im Kreis herum? Ventura Das Zuckerwerk von Chirinola. Donna Angela Erinnrungen will ich nicht wecken, Die mir die Reise trüben müßten. Hier diese Börse gabet Ihr Vorgestern mir zur Aufbewahrung; Da der Besitzer vor mir steht (Obwohl sie kaum Euch fehlen wird, Nachdem ich mit zweitausend Gulden Mich losgekauft) , so nehmt und braucht sie Für irgendeinen frommen Zweck, Falls Ihr sie nicht verwenden wollt, Um Gräfinnen damit zu ködern, Wenn Ihr sie bei der Messe trefft. Ich würde meiner Wege gehn Mit leichtrem Herzen, könnt' ich Schwefel Euch in die Süßigkeiten mischen Und in die Wäsche nach dem Beispiel Von Deïanira schwärend Gift, Um eines derart falschen Mannes Undankbarkeit zu züchtigen. Donna Magdalena Welch unerhörtes Gaukelspiel! Ihr eine Gräfin aus Neapel? Ihr hättet in der Kirche dort, Durch die Verschleirung unerkennbar, Vorgestern dieses Handels Anfang Herbeigeführt? Ihr wärt's gewesen, Die dem Don Melchor Geld und Wäsche Und Süßigkeiten zugeschickt? Donna Angela Ob Ihr auch leugnet, ist's doch klar, Daß, wie durch Trauerkleid und Schleier Mein Aussehn Ihr Euch angeeignet, Ihr nun mit fremden Liebesgaben Zu Glanz Euch zu verhelfen sucht. Ich wünsche viel Erfolg dazu. (Zu Don Melchor, ihm, die Börse vorhaltend) Denn falls Euch dies Beweisstück nicht Genügt zur völligen Gewißheit, So wird es vor Gericht mich rächen. Ventura Fraglos, die dort ist überführt. Don Melchor (zu Donna Angela) Wer könnte wohl, verehrte Gräfin, Bei solchem schlagenden Beleg Noch irgendwelche Zweifel hegen? Zu Euren Gunsten spricht mein Herz Den Richterspruch, wenn auch vernichtend Er Eure Gegnerin beschämt. (Zu Donna Magdalena) Ja, leider, unbekannte Herrin, Vermag ich nicht, Euch zu verhehlen, Daß wegen dieses schlechten Spaßes Mein Urteil Euch verdammen muß. Der Vorsatz, über mich Euch lustig Zu machen, ist mithin gescheitert; Der Pfeil prallt auf Euch selbst zurück. Geht heim, die Wunde zu verbinden. Ventura Schluckt es hinunter, Euer Gnaden. Dies Schelmenstück befähigt Euch Zur Doktorwürde der Verschmitztheit. Donna Magdalena (für sich) Ich bin verloren. Ist dies alles Kein wüster Traum, so muß ich aufschrein, Selbst wenn es meinen Ruf bedroht. (Laut) Umsonst nicht sind wir in Madrid: Aus meinem Haus hat hinterlistig Man diese Börse mir entwendet. Ich muß, Don Melchor, sehr bedauern, Daß Ihr mein Antlitz nicht gesehn; Sonst wüßtet Ihr, wer Euch betrügt. Doch wartet; kennt Ihr dieses Auge? Don Melchor O Sonnenball! O meiner Sehnsucht Wegweiser! Meiner Hoffnung Pol! Ob ich es kenne! Ventura Fangen wir Den Scherz von vorne wieder an? Im Wettstreit liegen Aug' und Börse; Hol' doch der Teufel alle zwei. Donna Magdalena Erinnert Ihr Euch noch der Enden, Die baumelten an meiner Schnur, Nachdem sie jener Dieb durchschnitten? Don Melchor Zwei waren's von Perlmutterfarbe. Donna Magdalena Sind's diese? Don Melchor             Herrin, ja, sie sind's. Donna Magdalena Nun wohl, danach beurteilt, wer, Auf Euch mißgünstig oder mich, Den Wirrwarr schuf, der mich beleidigt. Donna Angela Die beiden Schnüre für die Börse, Die mir, ich weiß nicht wer, zerschnitt, Als ich die Messe neulich hörte, Hab' ich zu Haus mir aufgehoben, Und diese da sind nachgemacht. Kein großes Kunststück; Seide gibt's Ja doch genügend in Madrid. Don Melchor Was sagst du nur dazu, Ventura? Ventura Daß unsre Gräfin ein Vielliebchen Gewesen oder eine Schale Mit zwei Kastanien oder auch Aus einem Ei stammt mit zwei Dottern. Don Melchor Ein höchst verwickeltes Problem! Zwei Wege winken mir, und ich Weiß, unentschieden in der Mitte, Nicht, welchen ich betreten soll. Jedoch die Hand, an der zuerst Sich meine Glut entzündete, Hat ins Gedächtnis meiner Seele Sich unauslöschlich eingeprägt. Zeigt, meine Damen, alle beide Die eure mir, und jene Hand Sei Siegrin, die von meiner Liebe Gebietrisch fordert, sie zu küssen. Donna Magdalena Ich bin's zufrieden. Donna Angela             Ich desgleichen. Zehnter Auftritt Vorige. Don Geronimo, Don Sebastian (sind im Hintergrund erschienen und sprechen dort miteinander) Donna Magdalena (für sich) O Gott, mein Bruder! Wenn er mich Erkennt, wird er in Wut geraten. Donna Angela (für sich) Mein Bruder ist das! Sein Erscheinen Macht einen Strich mir durch die Rechnung. Donna Magdalena Nun halb und halb war ich bereit, Durch meiner schwer gekränkten Hand Vorzeigung diesen Spuk zu scheuchen; Indessen Ihr verdient es nicht. Lebt wohl! (Ab.) Donna Angela             Wenn ihre Hand und meine Sich zum Vergleich geboten hätten, War' mein der Sieg; jedoch sie ging Vorher schon überwunden fort, Und ich, im Innersten verletzt Von Eurer glaubensschwachen Liebe, Hab' keine Lust mehr, sie zu zeigen, Und morgen reis' ich nach Italien. (Ab) Elfter Auftritt Don Melchor, Ventura (vorn). Don Geronimo, Don Sebastian (im Hintergrund) Ventura Was wollt Ihr nun? Soll ich die zwei Maulesel wiederum bestellen? Was steht und starrt Ihr wie versteinert? Schert um die Weiber Euch nicht mehr; Wir haben ja zweitausend Gulden. Don Melchor Hat jemand je so was erlebt? Ventura Wer weiß, ob's Unglück ist, ob Glück. Doch dort steht Don Geronimo Mit seinem Nachbar; sprecht mit ihnen, Falls Euch mit ihnen zu versöhnen Ihr jetzt geneigt seid. Ihre Schwestern Vergöttern Euch; drum werbt um sie. Wo nicht, laßt uns beiseite gehn. Don Geronimo (zu Don Sebastian) Ich bitt' Euch, redet nicht von Mitgift; Denn meine Liebe sieht ausschließlich Auf all die Schätze der Natur, Die Donna Angela besitzt. Schon sind entworfen die Verträge, Durch die der Liebe heilig Band Auf immer unsre beiden Schwestern Mit ihren beiden Brüdern eint. Don Sebastian Nehmt meinen ungemeßnen Dank Für diese Botschaft, die von schweren Beklemmungen mein Herz befreit. Don Geronimo (Don Melchor gewahrend) Ist das nicht der zukünft'ge Graf? Don Sebastian Er selbst, obwohl ich fest geglaubt, Er sei schon über alle Berge. Don Geronimo Um Worte nicht mit ihm zu wechseln, Die leicht in Taten umgewandelt Des Degens Sprache nach sich ziehn, Tu' ich, als ob ich ihn nicht sehe. Don Sebastian Sehr richtig. Gehn wir. (Beide ab) Zwölfter Auftritt Don Melchor. Ventura Ventura             Sie bemerkten Euch gar nicht oder taten so. Don Melchor Hat je die kühnste Phantasie Solch unwahrscheinliche Geschichte Gezeitigt wie die meinige? Ventura Ha, wenn ich bloß ein Dichter wäre, Ich würde draus im Handumdrehn Die prächtigste Komödie machen! Dreizehnter Auftritt Vorige. Santillana Santillana Die Gräfin, meine Herrin, läßt, Obwohl sie höchst erzürnt von hier Sich fortbegeben, Euch bestellen, Ihr möchtet heute nacht um elf In jener Straße sein, in der Das Haus der Euch bekannten Dame, Der Donna Magdalena, liegt. Denn wegen einer Zwistigkeit Mit jenem Herrn, der nach Italien Ihr das Geleit soll geben, bangt sie, Zurückzukehren in ihr Haus, Und bleibt somit in jenem andern. Sie will Euch dort auf dem Balkon, Der nach der Seitengasse geht, Erwarten, um mit Euch zu sprechen. Doch Donna Magdalena darf Nichts wissen, sonst entstünde draus Ein peinlicher Zusammenprall. Auf Antwort legt sie kein Gewicht. Geht Ihr, so polstert gegen Schnupfen Euch aus mit einer halben Maß Von Schnaps und zwei gesteppten Westen. (Ab) Vierzehnter Auftritt Don Melchor. Ventura Don Melchor Hört noch … vernehmt noch … Ventura             Er ist taub. Don Melchor Wie dünkt dich das? Ventura             Geht nicht! Ich fürchte, Daß Donna Magdalenas Bruder Und Vater einen Hinterhalt Euch legen. Don Melchor             Doch zu welchem Zweck? Ventura Um Euch erbarmungslos zur Ehe Mit ihr zu schleifen. Don Melchor             Wenn du hörtest, Daß nun mit Don Sebastian Sie sich vermählen soll! Ventura             Kann sein. Nur scheint es mir, daß einer Gräfin, Wenn sie zu Haus nicht will verweilen, Gasthöfe zur Verfügung stehn. Verdrossen, weil Ihr seine Schwester Verschmäht, ging Don Geronimo, Als ob er Euch nicht kenne, stumm An Euch vorbei. Drum seht Euch vor. Don Melchor Wenn mich die Gräfin ruft, so gibt es Für mich nicht Vorsicht und nicht Furcht. Wüßt' ich nur, welche von den beiden Mich ruft – die erste oder zweite? Ventura Der Teufel werde daraus klug! (Beide ab) Eine Gasse. Vorn rechts das Haus des Don Alonso Fünfzehnter Auftritt (Nacht. – Auf dem Balkon) Donna Magdalena (in einem anderen Kleid), Isabel (mit der Börse des Don Melchor in der Hand) Isabel Hier ist Don Melchors Börse. Nie Hab' ich sie aus der Hand gelassen. (Für sich) Zum Glück bracht' Angela mir sie Beizeit zurück. Donna Magdalena             Ich kann's nicht fassen. Denn zum Verwechseln glich ihr die, Mit der ihn jene Frau betrogen, Die ganz wie ich ging angezogen Bis auf den Schleier, den sie trug, Und so mein Hoffen mir zerschlug. Durch ihre Zeugnisse bewogen, Hielt er die Lügnerin für mich. Sie gab von unserm Liebesbunde Mit jeder Einzelheit ihm Kunde, Vom Zeitpunkt, da zuerst er sich Mir nahte, bis zu jener Stunde: Was in der Kirche sich begeben; Wie dort man mir die Schnur zerschnitt; Wie er den Schleier wegzuheben Mich bat; wie dann ich ihm entglitt, Er sich bereitete zum Ritt Und welch Geschenk ich ihm gesandt; Sie wolle nach Italien reisen Und, daß sie Gräfin ist, beweisen. Nun sag, ob Circe auferstand Und neue Zauberkunst erfand. Isabel Wer mag sie sein? Donna Magdalena             Ihr unterlegen Bin ich, soviel steht fest. Isabel             Bedenkt: Könnt, wenn Euch eine andre kränkt, Ihr Neid noch auf Euch selber hegen? Donna Magdalena Gerade dieser andern wegen Bin mit mir selber ich im Streite; Denn weil doch ich die Gräfin bin Und er sich meiner Gegnerin Als dieser selben Gräfin weihte, Hab' ich mich selbst als Feind zur Seite. Liebt Melchor nicht in der Gestalt Der Gräfin mich? Isabel             Das liegt zutage. Donna Magdalena Und nicht wahr, jene Fremde galt Ihm auch als Gräfin? Isabel             Ohne Frage. Donna Magdalena Drum, wenn die nämliche Gewalt Sein Liebesglühn heraufbeschwor Und er in jener mich erkor, Die dieses Feuer angezündet, Ist dann für mich nicht nach wie vor Die Eifersucht auf mich begründet? Laß jene nur ihm fälschlich sagen, Sie sei die Magdalena, dann Belegt er, in die Flucht geschlagen, Wie mich auch sie mit Acht und Bann. Nun frag' ich: Hört sich das nicht an Wie lächerliche Narretei? Weil ich, nur ich, in dreierlei Verschiednen Formen ihm erscheine, So hege, nur geliebt als eine, Ich Eifersucht auf alle drei. Isabel Ein Schaukeln zwischen Traum und Wahn! Wozu noch kümmert Euch das Gestern, Da heute der Verlobungsplan Vereint zwei Brüder und zwei Schwestern? Donna Magdalena Bei mir ist diese Müh' vertan. Spät ist es, und die Nachtluft kühlt. Sag nur, wenn sie nach mir verlangen, Ich hätte mich nicht wohl gefühlt Und war' deshalb zu Bett gegangen. Isabel Wollt Ihr noch weiter Grillen fangen? Donna Magdalena Du hörst, ich will mich schlafen legen. Geh nur voraus. Isabel             Ganz, wie Ihr meint. (Ab) Donna Magdalena (allein) Nein, wachen will ich seinetwegen, Und wachend harr' ich ihm entgegen, Ihm, dem Geliebten, ihm, dem Feind. (Ab) Sechzehnter Auftritt Don Melchor (und) Ventura (in Mänteln) Don Melchor Dies hier ist die bewußte Straße, Und dort erblick' ich den Balkon, Der mit dem blühenden Gerank Auch meine Hoffnung blühen läßt. Ventura Ich aber finde, daß die Straße Nicht grade blüht von Sauberkeit. Hier braucht man dicke Doppelsohlen. Don Melchor Was ist die Uhr? Ventura             Es geht auf elf. Die Nacht riecht gut; denn mit dem Hauch Der Blumen mischt sich ein Gedüft Von parfümierten Frauenkleidern. Don Melchor Die Dunkelheit ist mir erwünscht. Ventura Mond und Gestirne zeigen uns Ein halbes Auge nur, genau Wie unsere zwei Gräfinnen. Don Melchor Oh, welche bet' ich an von beiden? Wenn etwa diese, die mich rief, Die falsche wäre, müßt' ich da Nicht rasend werden? Ventura             Nach den Zeichen Zu schließen, sind sie beide echt. Don Melchor Daß Fraun in Schleiern sich einander So täuschend ähnlich machen können! Siebzehnter Auftritt Vorige. Donna Magdalena (erscheint auf dem Balkon) Ventura Seht, vom Geländer des Balkons Hebt sich was ab wie ein Gesicht; Das Streifchen Mondschein dient als Spürhund. Don Melchor Ja, du hast recht. Donna Magdalena             Ist das Don Melchor? Don Melchor Seid Ihr es, schöne Trauernde? Donna Magdalena Dämpft Eure Stimme; tretet näher. Denn ich bin hier in fremdem Haus. Don Melchor Wann wird mein Himmel unbewölkt Sich zeigen? Donna Magdalena             Wenn ich weniger Erzürnt sein werd' und mehr versichert, Daß nicht bei Euch den Vorrang haben Verhüllte Mitbewerberinnen. Gesteht, Ihr kennt sie lange schon, Die mich verdrängt hat. Don Melchor             Seid gewiß: Nie hätte, wenn ich sie gekannt, Geliebt, sie so mit mir gespielt Noch ich mit Euch. Donna Magdalena             Ist sie sehr schön? Don Melchor Ich weiß es nicht; jedoch ich muß Es stark bezweifeln. Donna Magdalena             Gut, ich will Euch Vergeben, wenn Ihr Buße tut. Don Melchor Die Buße setzt ja Schuld voraus, Und ich bin keiner mir bewußt. Wenn aber, Teure, wer Vergebung Empfängt, hierfür dem, der sie spendet, Die Hand in Demut küßt, so dürft Ihr um dies Recht mich nicht verkürzen. Gönnt meinen Lippen solchen Rausch. Donna Magdalena Zu hoch ist der Balkon vom Boden, Als daß Ihr sie erreichen könnt. Don Melchor Nichts ist zu hoch für meine Liebe. Ventura, mein Ventura, komm. Ventura Wie sanft Ihr meinen Namen säuselt! Beweis, wie nötig Ihr mich braucht. Don Melchor Stell dich hierhin! Ventura             Weshalb, zum Kuckuck? Don Melchor Damit ich eines Cherubs Hand Erreichen kann, sei du der Atlas, Der mich auf seinen Schultern trägt. Ventura Ei, mögt Ihr eines Hufschmieds Bank Euch suchen oder eine Stute; Mein Buckel ist dafür zu schad. Don Melchor Erweis mir diesen Liebesdienst. Ventura Ich Euer Sockel? Nicht einmal Im Scherz, bei Gott! Don Melchor             Du machst mich böse! Ventura Wählt Euch ein ander Turngerät. Don Melchor Und wenn ich dieses Kleid dir schenke? Ventura Dies Kleid? Weswegen habt Ihr das Nicht gleich gesagt? Don Melchor             Komm, stell dich hin! Ventura Dann also los; steigt auf und küßt. Ich stehe schon auf allen vieren. Don Melchor (steigt auf seine Schultern) Oh, meine schöne Feenhand, Wie süß, wie hold, wie zart, wie lieblich Nährst du mein durstig Herz! Ventura             O Klumpen, Was hast du bloß für ein Gewicht! Don Melchor Ich bin der Sklave dieser Hand! Donna Magdalena Sobald Ihr sie die Eure nennt, Was wär' imstand, uns anzufechten? Don Melchor Welch leichte Last wird sie mir sein! Ventura Und ich, welch eine schwere trag' ich! (zu Don Melchor) Sandsack, zum Henker, mach ein Ende; Denn du wiegst mehr als eine Schuld. Mir ist, bin ich auch sonst nicht krumm, Wie einer Mettwurst in der Presse. Don Melchor Mein Himmelszelt, mein Licht, mein Ruhm! Ventura Mein Mühlstein, mein Gebirg, mein Alpdruck! Zur Hölle fahr' die Langmut hin! Er kost auf Kosten meiner Knochen! (Er läßt sich fallen, so daß auch Don Melchor herunterfällt) Don Melchor Ha, Schurk! Ventura             Ihr wolltet auf mir wohnen; Ich aber bin ein Mietsmaulesel, Der, wenn er müde ward, sich hinlegt. Don Melchor Bei Gott, wenn ich nicht glauben müßte … Ventura Glaubt oder glaubt es nicht, für Klötze Von über sieben Zentner Blei Gibt's weder Schultern noch Geduld. Donna Magdalena Und nun, mein teuerster Don Melchor, Obwohl's mir lieber wär', mein Leben Als Euch zu lassen, darf ich Euch Nicht länger täuschen. Unerläßlich Ist meine Reise nach Italien; Denn lästige Verpflichtungen, Von denen meine Erbschaft abhängt, Gebieten leider mir die Heirat Mit meinem Vetter; obendrein Drängt eines Oheims Härte mich Zur äußersten Beschleunigung. Um Euretwillen blieb ich heute Noch hier; doch morgen muß ich fort. Ach, könnt' ich auch von der Erinnrung Mich lösen, die bei Euch verharrt! Weil aber dies in meiner Macht Nicht steht und Donna Magdalena, Die meine treuste Freundin ist, Euch liebt, so möcht' ich ihr entrichten, Was ich ihr an Erkenntlichkeit Für ihre Güte schuldig bin. Sie, deren Schönheit ihren Reichtum Noch übertrifft, vergöttert Euch Und bat mich flehentlich, ein Wort Zu ihren Gunsten einzulegen. Deswegen kam ich in ihr Haus; Denn für mein bittres Herzeleid Wüßt' ich mir keinen bessern Trost, Als wenn bei einem solchen Freunde Mir eine solche Freundin folgt. Zahlt ihr die seltne Treue heim, Indem Ihr so zugleich als Ritter Mir meinen letzten Wunsch erfüllt. Don Melchor Ist es denn sicher? Läßt mein Unstern In einem einz'gen Augenblick Mich Euch gewinnen und verlieren? Ist's wahr, daß Ihr von mir begehrt, Was schlimmer als der Tod mir scheint? Ach, gegen Euch ist Schönheit häßlich, Und dennoch übt Ihr im Bewußtsein, Daß ich in grenzenloser Liebe, In hingegebenem Gehorsam Der Eure bin, so harten Zwang? Nun wohl, wenn Ihr darauf besteht, Werd' ich zwar tun, was Ihr gebietet; Jedoch, ich sag' es Euch voraus, Daß dann der Schritt in diese Ehe Zugleich der in mein Grab wird sein. Donna Magdalena Ein musterhafter Liebender! Ich glaube nur, Ihr seht zu schwarz Und werdet Euch an sie gewöhnen. Ich rufe sie, damit Ihr Euch Die Hände reicht durch das Geländer. Ihr seid doch einverstanden? Don Melchor             Ich? Ja, wie mit meinem Todesurteil. Donna Magdalena Sprecht, bitt' ich Euch, recht zart mit ihr Und knausert nicht mit Artigkeiten. Don Melchor Die Zunge zwar kann sich verstellen, Das Herz hingegen kann es nicht. Donna Magdalena Wie? Wollt Ihr nicht zur Frau sie nehmen? Don Melchor Nur, wenn Ihr es nicht anders tut. Donna Magdalena Treuloser! Oh, warum auch glaubt' ich An eine Liebe, die wie Glas Beim ersten Stoß in Stücke geht! Ein einz'ger Rutenstreich genügt, Zu dem Geständnis Euch zu bringen, Daß eine Reise, die man vorgibt, Sofort Euch wankelmütig macht. Statt einer solchen Wetterfahne Wähl' ich gescheiter einen Mann, Auf dessen Stetigkeit Verlaß ist. Don Melchor Mein Licht, mein Leben, meine Gräfin … Verschwindet nicht! Verweilt noch! Hört mich! Donna Magdalena Was wollt Ihr? Don Melchor             Könnt' es Euch verletzen, Daß Eurer eignen Weisung nach, Um Euren Unmut zu vermeiden, Ich in den sauren Apfel biß? Hab' ich ausdrücklich nicht erklärt, Ich tät' es nur, wenn Ihr's befehlt? Donna Magdalena Seit wann befiehlt ein Weib im Ernst, Und müßte sie nach Indien reisen, Ihrem Geliebten, daß er sich Verloben soll mit einer andern? Auf Einwendungen wartet' ich, Auf Schilderungen ihrer Fehler, Die meine Bitte widerlegen Und meine Liebe steigern sollten. Ich hofft', aus Eurem Mund zu hören, Daß dieser Heirat Euer Tod Vorausgehn wird und nicht erst folgen. Statt dessen … Don Melchor             Liebste, haltet ein, Und wenn ich Euch gekränkt, entschuldigt. Ich schwör' Euch bei der Göttlichkeit, In der Ihr meiner Liebe vorschwebt, Daß es für mich kein ärgres Scheusal Als Donna Magdalena gibt. Auch wenn Ihr nach Neapel geht Und sie mir alles Gold verhieße, Das in dem Schoß der Erde ruht, Ich würde dennoch nimmermehr … Donna Magdalena (tut, als spräche von innen ihr anderes Ich) Was geht hier vor? (Mit ihrer vorigen Stimme) Komm, liebe Freundin. Hier ist Don Melchor, der trotz allem, Was ich zu deinen Gunsten sprach, Mit tausend Schmähungen dich lästert. Wenn du sie hören willst, so laß Dir von ihm selbst sie wiederholen. Ich aber will nun schlafen gehn; Denn morgen muß ich früh heraus Zum Antritt meiner großen Reise. (Sie zieht sich einen Augenblick zurück und kommt dann wieder, um den Anschein zu erwecken, daß die Gräfin ging und Donna Magdalena an ihre Stelle getreten ist) Ihr, der von einer edlen Dame Schlecht redet hinter ihrem Rücken, Obwohl Ihr bei so wenig Anstand Nicht im geringsten sie verdient, Ihr habt bei mir wie bei der Gräfin Den Rest von Zutraun eingebüßt. Wie wärt Ihr auch dazu befähigt, Mich recht zu schätzen? Wie der Blinde Nichts von der Farbe, so versteht Von Schönheit nichts ein Leoneser. Sucht in dem heimischen Gebirg Euch eine derbe Bäurin aus; Denn die wird besser zu Euch passen. (Sie geht ab und schließt geräuschvoll das Balkonfenster) Achtzehnter Auftritt Don Melchor. Ventura Ventura Sie hat das Fenster zugemacht, Hier wächst für Euch kein Weizen mehr. Don Melchor Ich bin wie vor den Kopf geschlagen. Neunzehnter Auftritt Vorige. (Aus der Haustür kommen) Don Alonso, Don Geronimo, Don Sebastian, Diener (mit Lichtern) Don Alonso Hier auf der Straße sprach ein Mann Zu Magdalena, sagst du mir? Don Geronimo Das halt' ich aufrecht. Ventura (zu Don Melchor)             Faule Fische! Herr, machen wir uns aus dem Staub, Wenn Ihr nicht Lust auf Prügel habt. Don Sebastian Dort steht er noch. Don Alonso             Das ist Don Melchor! Don Geronimo Ich bring' ihn um! Ventura             Wir sind erwischt. Gelobt sei Gott, wenn das gut abläuft. Don Alonso (zu Don Melchor) Seid Ihr von Sinnen, daß Ihr kommt, Um insgeheim bei Nacht zu sprechen Mit einer Dame, die bei Tag Als ihr Verlobter Ihr zurückwiest? Don Melchor Nicht doch; Ihr täuscht Euch, wenn Ihr wähnt, Ich hätte dieses Haus umkreist Für Donna Magdalena. Don Alonso             So? Für wen denn anders? Don Melchor             Für die Gräfin, Weil Euer Haus die letzte Nacht Vor ihrer Reise sie beherbergt. Don Alonso Mein Haus beherbergt eine Gräfin? Don Melchor Ja. Don Alonso             Beispiellose Hirnverbranntheit! Don Melchor Bestreitet Ihr, daß eben jetzt Sie vom Balkon aus mit mir sprach? Don Alonso Ausflüchte sind das, um den Schimpf, Den Ihr mir angetan, zu hehlen. (Er will den Degen ziehen) Ventura Laßt stecken. Ich beeid' es Euch, Mein Herr spricht wahr. Vor zehn Minuten Hat er der Gräfin mit der Börse Auf dem Balkon die Hand geküßt, Wobei ich ihm als Schemel diente. Don Alonso Begreif's, wer kann! Zwanzigster Auftritt Vorige. Donna Angela (aus der Haustür) Donna Angela             Ja, meine Herren, Ich war's, die mit des Schleiers Hilfe Vorgestern, von Don Melchors Anmut Bezaubert, mich als Gräfin ausgab, Und heut hab' ich ihm als Verlobte Dort vom Balkon die Hand gereicht. Don Sebastian Was sagst du da? Donna Angela             Daß meine Wahl Von dir nicht abhängt. Don Melchor             Ihr die Gräfin?! Don Sebastian Bevor ich das gestatte … Einundzwanzigster Auftritt Vorige. Donna Magdalena (aus der Haustür). Isabel, Santillana (folgen ihr) Donna Magdalena             Halt! Falsch ist, was Angela behauptet, Um bei Don Melchor widerrechtlich Mich zu verdrängen; denn die Gräfin Bin ich, zwar nicht nach meinem Titel, Jedoch nach seiner Einbildung. Mich, die er unverhüllt verwarf, Hat er verschleiert angebetet. Als meine Zeugen ruf ich auf Die Schnüre hier und hier die Börse, Hier Isabel und den Lakaien. Santillana Es ist die Wahrheit, klipp und klar. Isabel Zu deutlich, Donna Angela, Sind die Belege; fügt Euch drein. Donna Magdalena (zu Don Melchor) Und als die letzte Zeugin soll Euch, Melchor, diese Hand beschämen, Die, zum Zenit von Euch erhoben, Der Anfang Eurer Liebe war Und die da droben Ihr geküßt. Kennt Ihr sie wieder? Don Melchor             Ach, ich Tor! Ich zehnfach blinder, blöder Tor! Ventura Mein Herr gelangt zur Selbsterkenntnis. Don Alonso Gott will es, Don Sebastian. Was bleibt uns übrig? Don Sebastian             Mir der Neid Und Don Geronimo als Gatte Dir, Schwester. Donna Angela (leise)             Mangels von was Beßrem. Don Melchor (zu Donna Magdalena) Verzeihst Du mir? Donna Magdalena             Du böser Liebster, Wie war ich auf mich eifersüchtig! Don Melchor Bei meinem Leben, nie und nimmer Sollst du's auf eine andre sein.