Heinrich Zschokke Meister Jordan, oder Handwerk hat goldenen Boden. 1. Der Kesselflicker. Wer kennt nicht zu Altenheim , der Hauptstadt des Fürstenthums, den braven Bürger Jonas Jordan , der am Schloßplatze in dem kleinen, alten Eckhause neben dem alten großen palastartigen Gebäude der Gewerbschule wohnt? Ich will Euch seine Geschichte erzählen. Jonas war armer Leute Kind. Sein Vater, Namens Thaddäus , und seines Handwerks ein Spengler, oder Klempner, brachte sich kümmerlich durch. Es fehlte ihm nicht an Fleiß und Ehrlichkeit, aber an Arbeit und Bestellungen. Er verstand sein Handwerk ziemlich; Andere aber verstanden es besser. Das war schlimm; aber noch schlimmer, daß er ein schmuckes Mädchen zur Frau genommen hatte, welche sich gern putzte und damit Geld verputzte; guten Tisch liebte, doch nicht Schaffen im Hause; und lieber bei ihren Kaffeeschwestern, als in Küche und Keller war. So ging Gewerb und Wirtschaft zu Grunde. Als sie starb. hinterließ sie ihrem Mann den kleinen Jonas und Schulden dazu. Thaddäus mußte abzahlen, und seinen Vorrath von Messing und Eisenblech um einen Spottpreis hingeben. Nun arbeitete er ein paar Jahre als Gesell bei andern Meistern; hatte aber davon für sich und sein Kind kaum Salz auf das liebe Brod. Da er sich nicht mehr zu rathen wußte, kam ihm über Nacht ein guter Gedanke. Er ging zu seinem Nachbar, dem Gürtler Fenchel . Der war ein guter, hablicher Mann; nur sah er am Tage das Schnapsglas und des Abends die Wirthshäuser zu gern. Das machte ihm, wie manchem seiner Art, oft den Kopf schwer, aber immer den Beutel leer und täglich der Sorgen mehr. Thaddäus sah wohl voraus, daß auch Fenchels Geschäft den Krebsgang zu nehmen anfing. Darum begab er sich zu ihm und sprach: »Nachbar, ich sehe, Ihr habt der schönen Waaren vollauf, aber der Kunden und Käufer zu wenig. Es will heutiges Tages nicht mehr mit den Handwerkern vorwärts. Die Fabriken im Auslande verkümmern unsern Verdienst; Juden und Handelsreisende streichen in der ganzen Welt herum. Ich bin also der Meinung: Wurst, wider Wurst; kaufe mir heut ein Hausirerpatent; ziehe Land auf Land ab mit meinen letzten Lampen und Löffeln, Kannen und Becken; und, so Ihr wollt und mir billigen Prosit gebet, auch mit Euern Gürtlerwaaren, Knöpfen und Schnallen. So wird Euch und mir geholfen. An Absatz fehlt's nicht, wenn man's den Leuten ins Haus bringt, und sie einen weiten Weg sparen können.« Der Einfall leuchtete dem Meister Fenchel ein. Man ward Handels einig. Nach wenigen Tagen schob Thaddäus einen hohen, bepackten Karren vor sich her; zum Stadtthor hinaus; von Dorf zu Dorf; und neben ihm trabte, baarfuß und lustig, sein kleiner Jonas. Seine Waare fand bald Liebhaber; an gutem Maulwerk fehlte es ihm nicht, sie anzupreisen, wenn sie sich nicht selber lobte. Die Bauernweiber gaben ihm Kessel und Küchengeschirr aller Art zu flicken und zu löthen; Niemand war geschickter, alten Plunder in neuen zu verwandeln. Sein Karren ward einmal ums andere leer und wiedergefüllt; denn er besuchte auch die Jahrmärkte. Der Karren mußte endlich zum Wägelein werden mit einem grauen Eselein davor. Da nannte man ihn nicht mehr den fröhlichen Kesselflicker, sondern den fröhlichen Krämer. Er war aller Orten gern gesehen und Vielen willkommen. Trotz gutem Erwerb und Verdienst lebte jedoch der Krämer so armselig, wie der verlumpteste Kesselflicker. Sommers hielt er sein kärgliches Mahl unter freiem Himmel. Oft genügten Wasser und Brod zur Nahrung; eine Scheune, ein Stall zur Schlafstätte. Niemand wußte, wo er das Geld ließ. Dennoch gediehen Vater und Sohn in ihrem Landstreicherleben wunderbar. Der kleine Jonas , in allem Wetter abgehärtet, blühete wie eine Rose; schlecht genug gekleidet, doch dabei äußerst reinlich gehalten, glich er zwar einem Betteljungen. Aber Almosen zu fordern, oder zu nehmen, verbot ihm der Alte mit großer Strenge. Fast täglich mußt' er das Sprüchlein hersagen, oder anhören: Bettelbrod führt in den Koth; Diebesbrod zum Galgentod; Arbeit hilft aus aller Noth; Denn die Arbeit segnet Gott. »Aber ich bin ja noch klein, Vater,« bemerkte der Bube eines Tages zu diesem Spruch: »Was soll ich denn arbeiten? Und du bleibst ja doch arm, bei aller Arbeit; und der liebe Gott macht nur die vornehmen Leute reich, die nichts schaffen. Ist das ganz recht?« Thaddäus verwunderte sich über die erwachende Weisheit seines Sohnes und war fast um die Antwort verlegen. Doch sagte er: »Ganz recht, vollkommen recht! Du bist ein einfältiger Bube. Der liebe Gott hat darum Reich und Arm gemacht, daß Einer dem Andern diene; der Eine mit Geld diene, der Andere mir Arbeit. Wären alle Menschen reich, so würden ja alle gleich arm sein. Jeder müßte sich seine Schuhe selber machen, und seine Hosen selber flicken. Begreifst du das?« Jonas erwiederte lachend: »Das wäre doch lustig, Vater. Nur, denk' ich, der liebe Gott sollte nicht dem Einen Alles und dem Andern Nichts geben.« »Du verstehst das nicht!« widerlegte ihn der Vater: »Eigentlich gibt Gott den Menschen nichts; er leiht und borgt ihnen nur für die Lebenszeit. Wenn sie sterben, müssen sie Alles wieder herausgeben. Dann liegt der König im Grabe, so nackt und mausekahl, wie der Bettler da. Aber ihre Seelen müssen dann Rechenschaft ablegen, und werden von Gott gefragt, wie sie mit dem Viel oder Wenig, das er ihnen auf Erden geliehen, zum Wohl und Besten ihrer Mitmenschen gehauset haben? Wehe dem, der seine Kräfte, seinen Verstand, sein Geld nur für sich allein benutzte, und wenig oder nichts für das Glück Anderer verwendete! Da wird dann, in einem künftigen Leben, wer hier der Reichste war, oft der Aermste sein, und der Elendeste hier, dort der Herrlichste vor Gott. Verstehst du mich?« Der Knabe nickte mit dem Kopf; entgegnete aber wieder: »Was soll denn aus mir vor dem lieben Gott werden? Ich bin noch zu klein, habe nichts zu erwerben und nichts zu verwenden.« Vater Thaddäus lachte, blieb jedoch die Antwort nicht schuldig. »Siehst du das Rothkehlchen da, mit dem Strohhalm im Schnabel? Es ist viel kleiner, denn du, und arbeitet dennoch und baut seinen Jungen ein Nest. Siehst du die Sperlinge dort auf der Straße, wie sie suchen und picken? Hörst du den Specht im Walde, wie er mit dem Schnabel in die Baumrinde hackt und hämmert? Geh', arbeite für Nahrung und suche, wie diese.« Jonas kratzte sich hinter die Ohren und fragte beinahe weinend: »Ich will wohl, Vater, aber wo denn? und was auch?« »Hörst du Bursch! Wir sind noch im Frühjahr. Suche Schlehen- und Hollunderblüthen, Rosen- und Salbei-Blätter, Majoran, Seidelbast und Thymian, wo du kannst und darfst. Die verkaufen wir den Apothekern. Sammle im Sommer Erd- und Heidel-, Brom- und Himbeeren; die vertrage in die Häuser. Das gibt Geld. Für den Winter sammeln und dörren wir Waldhaar für Sattler und Tapezierer; Weidenruthen zum Korb- und Tellerflechten. Es fallen vom Tische des lieben Gottes für uns tausend Brosamen; die wollen wir auflesen. Das gibt dir Käs aufs Brod und ein Stückchen Fleisch zu den Kartoffeln. Nur angefangen! Ich schaffe dir ein leichtes Kärrlein, und Zubehör.« Der Alte hatte das nicht in den Wind gesprochen. Jonas war ein flinkes, verständiges Bübchen. Die Nutzanwendung folgte der Predigt sogleich. Der Kleine war den ganzen Tag unermüdet auf den Beinen und es ging mit seinem Geschäft nicht gar übel. Denn wo irgend er bei guten Leuten, zu Stadt und Land, mit seinem beladenen Schiebkarren vorfuhr, sah man ihm freundlich ins freundliche Gesicht, und kaufte ihm ab, oft mehr seiner selbst, als der Waare willen. Zuweilen schenkte man ihm noch ein paar Kreuzer, oder abgelegte Kleider dazu, weil er recht schmeichelhaft höflich sein konnte, und weil man seine altklugen Antworten, oder kindlichen Fragen gern hörte. Freilich war's nicht zu vermeiden; er mußte nicht selten viele Tage, vom Vater getrennt, in der Weite umherziehen, und sich durchhelfen, wie er konnte. Doch auch das that ihm gut. Er lernte dabei auf eigenen Füßen stehen und sich gegen Fremde umsichtig benehmen. Und dies freie Umherfahren und Schaffen ward für ihn bald das angenehmste Leben von der Welt. Aber sein größter Festtag war immer, wenn er wieder zum Vater kam. Tag und Ort des Zusammentreffens wußte er jedesmal voraus. Wenn er dann seine kleinen Abenteuer erzählen, die vom Verkauf gelöseten Kreuzer, sogar halbe Guldenstücke vorlegen konnte, und der Vater ihm die Wangen streichelte und ihm gütlich that, hätt' er mit keinem Prinzen in der Welt tauschen mögen. 2. Der Abschied. Die über Erwarten glückliche Erfahrung, welche der alte Thaddäus Jordan mit seinem Sohne machte, führte ihn bald auf den kühnen Gedanken, sein Gewerb noch weiter auszudehnen. Zwar blieb er Kesselflicker und Krämer. Allein er hatte in diesem und jenem Dorfe bettelarme Leute, bedürftige Taglöhner-Familien kennen gelernt, die viel Mühe hatten, ihren Lebensunterhalt zu erschwingen. Diese ermunterte er, sich einen Nebenverdienst zu verschaffen, und er wolle Hand dazu bieten. So ließ er die Einen Federn, Borsten, Lumpen, Knochen und dergleichen einsammeln, die Andern heilsame Kräuter suchen und Wurzeln graben, welche er sie kennen lehrte. Dann kaufte er ihnen die kleinen Vorräthe ab; häufte sie da und hier zusammen und trieb solchergestalt einträglichen Handel mit angesessenen Kaufleuten, Knopfmachern, Messerschmieden, Papiermüllern, Apothekern, Färbern u. s. w. Wer nicht blind war, sah wohl, der Mann strich Geld ein, doch Niemand wußte und erfuhr, wo er es ließ? Er ging wohl sauber, aber grob gekleidet; eben so Jonas. Er, wie dieser, begnügten sich mit geringster Kost; zufrieden, wenn sie satt waren. Bier kam selten über ihre Lippen; Wein niemals; und ein Gläschen Schnapps ward verschmäht, wenn man's auch unentgeltich anbieten wollte. »Der Kerl ist ein Geizhals, ein Filz!« sagten Manche von seinen lumpigten Bekannten: »Er scharrt zusammen, was er vermag, und vergräbt irgendwo den Mammon. Da wäre für unserer Einen ein Schatz zu heben. Wüßte man nur, wo er läge!« – Andere riefen: »Der schlaue Fuchs! Wär' er kein Bruder Lüderlich, würd' er bei der Profession geblieben und nicht Landstreicher geworden sein. Wer weiß denn, in welchem Gaunerwinkel er mit andern Vagabunden in Saus und Braus verbrauset, was er hier zusammenschachert!« Thaddäus ließ die Leute lästern nach Herzenslust, und ging ruhig seinen Weg. Er kannte den Pöbel genugsam. Wer von sich selbst nicht viel Gutes weiß, hält seinen Nächsten für weit schlechter. Thaddäus wußte am besten, was er that, und warum? So oft er in die Stadt kam, legte er seine Baarschaft in die Altenheimer Ersparnißkasse an Zins. Die Gutscheine aber dafür ließ er auf seines Sohnes Namen ausstellen, und bewahrte sie mit väterlicher Sorgfalt. Auch dem Meister Fenchel ward dabei geholfen. Der hatte, durch des Hausirers Fleiß und Redlichkeit, abermals Arbeit in Fülle gewonnen. Er wäre wieder auf einen grünen Zweig gelangt, hätte er nur den Zweig mit Wasser, und nicht mit verzehrendem Branntewein, begossen. So währte es einige Jahre; doch konnt' es nicht ewig so währen. Vater Thaddäus dachte endlich daran, seinen Knaben auch ein Handwerk erlernen zu lassen, um ihn nicht an die herumziehende Lebensart zu gewöhnen. Was in Nothfällen nützt, das nützt nicht jederzeit, so wenig, als Arznei in gesunden Tagen. Er besprach sich mit Freund Fenchel, der sich ganz willig zeigte, den Knaben in die Lehre zu nehmen, und mit dankbarer Gesinnung sogar ausschlug, ein billiges Lehrgeld dafür zu empfangen. Doch daraus ward nichts. Thaddäus zahlte, und machte, Lebens und Sterbens halber, die Sache schriftlich ab. Er war ein Mann, der, wenn er konnte, nichts halb that, und das Sichere und Gewisse lieber, als das Mögliche, in der Hand hatte. Dies abgethan, mußte ihn sein Sohn das letztemal auf einen Hausirerzug begleiten. Ja wohl zum letzten Mal! Denn Thaddäus ward unterwegs sterbenskrank, und ihm mußte es erquickend sein, von kindlichen Händen gepflegt zu werden. Da er sich nicht weiter fortschleppen konnte, ward er auf einem Bauernkarren nach Altenheim gebracht, und ins Spital der Stadt geführt, wo er manchen Tag still und gottergeben auf dem Schmerzensbett lag. Als er am Ende selber fühlte, der Todesengel nähere sich mit leisen Schritten seinem Bette, ließ er den kleinen Jonas aus Fenchels Haus zu sich rufen. Er gab ihm, mit dem Lebewohl, seinen väterlichen Segen. Dabei überreichte er ihm eine kleine versiegelte Büchse und sprach: »Nimm, Jonas, nimm und siehe! Das ist in Sommerglut und Winterfrost sauererworbenes, ehrliches Gut. Das ist dein Erbtheil. Nur zusammengerolltes, leichtes Papier liegt in der Büchse; aber, ich sage dir, schöne tausend Gulden schwer. Darum hüte dich, von dieser Büchse zu reden; zeige sie Niemandem; verbirg sie am heimlichsten Ort. Solchen Bissen dir wegzuschnappen, könnte die unschuldigste Taube zum diebischen Raben werden. Nur nach vollendeten Lehrjahren, früher nicht, darfst du das Siegel erbrechen; und auch dann nicht, wenn du dir anders zu helfen weißt!« Jonas nahm die leichte, blecherne Büchse; küßte bitterlich schluchzend die väterliche Hand, und gelobte in allen Stücken das Geheißene zu erfüllen. »Ich sterbe zufrieden,« fuhr jener fort: »wie ich zufrieden gelebt habe. Leb' und stirb du auch so, mein Kind. Ich will dir dazu das beste Mittel an die Hand geben; es ist probat: Bete und arbeite! – Beten und Arbeiten verschafft in dieser und jener Welt guten Platz.« Doch merke dir: mit aller Arbeit ist's nur halbes Werk. Die andere und schwerste, aber beste Hälfte der Arbeit, heißt Sparen . Was hilft's den Leuten, die vom Morgen bis Abend ein durchlöchertes Faß füllen, das unten ausläuft?« Zuerst spare dir einen Nothpfennig ; denn die Noth kehrt früh, oder spät, in Jedermanns Haus ein. Darum entbehre standhaft alles und jedes Entbehrliche . Ob Wein und Braten, oder Wasser und Brod, – es sieht uns Niemand in den Magen – und man wird doch satt. Hast du also den Nothpfennig gewonnen und geborgen, dann arbeite noch fleißiger; das heißt, spare einen Hülfspfennig für Andere zusammen! Gott hat dich nicht deinetwillen in die Welt gesetzt, sondern für Andere. Wärst du für dich allein erschaffen, hätt' er die Uebrigen nicht gerufen. Hast du den Hülfspfennig errungen und erschwungen, und wendest ihn weise an: dann, Jonas, dann verwandelt sich dein Pfennig für Noth und Hülfe von selbst zum Ehrenpfennig ; dann bist du nicht abhängig von fremder Gnadengunst; bist eigner Herr; Freiherr, mehr denn ein Baron; hast genug geleistet für das Zeitliche.« »Also, mein gutes Kind, bete und arbeite! Beten heißt mit dem lieben Gott innig und eins sein. Man ist aber mit dem Vater im Himmel nicht innig einig, wenn man mit seinen Kindern uneinig ist; sie haßt, sie beneidet, verlästert, betrügt und zum Bösen verführt. Seine Kinder sind die übrigen Menschen. Sei gerecht gegen Alle, und gütig gegen so viele du kannst. Gebet auf der Zunge und Bosheit im Herzen ist kein Bund mit Gott, sondern mit dem Teufel! Gott läßt sich nicht mit glatten Worten, Krokodilsthränen und Versprechungen hintergehen. Was du Löbliches auf Erden verrichtest, das wird dein Nothpfennig im Himmel werden.« »Nun geh! Gottes Segen über dich sei deines Vaters Segen für dich!« Also sprach der alte Thaddäus . Auch von seinem Freund Fenchel nahm er nachher rührende Abschied, und empfahl ihm dringend den armen Jonas. »Es ist nicht nöthig,« erwiederte der Gürtler mit thräenvollen Augen: »Es ist nicht nöthig; denn ich weiß, was ich Eurer Mühwaltung zu verdanken habe. Euerm Kinde soll's vergolten werden.« Thaddäus reichte ihm die matte Hand, und sagte: »Mir ist es wohl bewußt, Ihr seid ein redlicher Mann gegen alle Welt, nur leider gegen Euch selbst nicht. Nehmt mir's nicht übel, daß mir deshalb gar bang um meinen Jonas ist. Ihr und der böse Geist seid schon zu gute Freunde.« Meister Fenchel fuhr erschrocken auf und meinte, der Kranke rede irre. »Was denket Ihr von mir?« rief er: »Der böse Geist? Wer?« »Der Weingeist! « war die Antwort: »Er ist der böseste von allen Geistern. Denn wo er eingeht, geht der Verstand aus. Wein bringt Euch trunkne Freud', und nüchternes Leid; jagt den kleinsten Kummer zum Fenster hinaus, und führt den größten zur Thür herein; macht den Kopf schwer und den Beutel leer. Das richtet unsere Handwerker zu Grunde, daß sie Abends in Kneipen und Schenken lieber dem Wirthe, als Weib und Kind daheim, gefallen wollen. Will's der Wein nicht mehr thun, muß Branntewein heran. Er hat Feuer genug, daß endlich Magen, Herz und Hirn darin verbrennen. Branntewein ist Scheidewasser, das Sehnen und Nerven allmälig durchätzt und zerfrißt, und zuletzt von Ehre und Frieden, Gesundheit und Wohlstand scheidet . Erst heißt's: täglich nur ein Gläschen voll schadet nicht! Nachher heißt's: eine Flasche voll thut mir wohl! Freund Fenchel, hütet Euch. Gebt Ihr dem Teufel ein Haar in die Krallen, er zieht Euch damit recht sanft in den Rachen. Schnapps, sagtet Ihr oft, sei nur langsames Gift, man könne auch alt dabei werden. Und doch ist er Gift und wirkt darum giftig; macht graue Köpfe zu Narrenköpfen, dumpf und stumpf, und kindisch vor der Zeit .« Meister Fenchel sah, schuldbewußt, finster und düster, bei dieser Rede zu Boden. Thaddäus wollte ihn nicht kränken; reichte ihm wieder die Hand und sprach: »Nichts für ungut, lieber Freund; ich meint' es gut. Sterbende aber können nicht lügen.« Drei Tage nach diesem war der gute Alte im Herrn entschlafen und im Ewigen erwacht. 3. Der Lehrbursch. Jonas weinte seinem Vater im Stillen lange nach. Er war nun ein Waisenknabe; ohne Rath und Liebe eines Verwandten; Lehrling und Mündel des Gürtlers. Im Hause desselben lebte für ihn anfangs wenig Freude. Eine alte, böse Magd, die mit aller Welt keifte und zankte, und wenn sie friedlich sein wollte, nur brummte und murrte, regierte und handthierte nach eignem Wohlgefallen. Jonas mußte ihr Holz und Wasser tragen, Schuhe und Teller putzen; bald Fleisch vom Scharren, bald Gemüse vom Markt, oder ein Loth Schnupftabak vom Krämer Wester für ihre Nase holen. Zwei Gürtlergesellen, die beim Meister in Arbeit standen, brauchten ihn ebenfalls zu ihrem Dienst; neckten ihn schadenfroh, wenn sie bei guter Laune waren, oder versetzten ihm Stoße und Püffe, wenn sie eine Grille im Kopfe hatten. Er beklagte sich wohl einmal darüber bei dem Meister. Der aber tröstete ihn mit den Worten: »Das ist Handwerksbrauch , dummer Junge. Ein Lehrknabe muß sich Alles gefallen lassen. Bist du einmal Gesell, machst du es eben so.« Fenchel behandelte ihn unter Allen im Hause am mildesten, und wollte ihm wohl; aber er war ein Mann ohne Erziehung und Unterricht, und im höchsten Grade leichtsinnig. Die Ermahnung des sterbenden Thaddäus hatte großen Eindruck auf ihn gemacht. Er trank wirklich in den ersten Tagen keinen Tropfen Branntewein mehr. Aber nachdem jener zur Erde bestattet worden, nahm er doch wieder ein Schnäppschen; den Tag nachher einen guten Schnapps, und so ging's wieder in die alte Ordnung oder Unordnung hinein. Jonas fügte sich in sein Schicksal. Was konnte er thun? Er gedachte desto öfter der frommen Lehren, die er vom Vater empfangen hatte. Seine einzige Lust und Freude im Hause war Fenchels Kind, die kleine fünfjährige Martha . Wenn er mit ihr spielen konnte, vergaß er wieder alles Herzeleid; und das Kind, um welches sich der Vater fast zu wenig bekümmerte, hatte keine bessere Zuflucht, als zu Jonas. Der Bursch war, als er in die Lehre trat, schon fünfzehn Jahre alt. Er konnte aber noch nicht recht lesen und noch weniger schreiben. Etwas Kopfrechnen hatte er im Hausirerleben gelernt. Er schämte sich, wenn er sah, wie kleinere Buben das besser verstanden. Gern wäre er auch in die Schule gegangen. Er versprach dem Meister, recht fleißig zu sein. Allein die alte Magd konnte ihn in ihrer Wirtschaft nicht missen, und der Meister sagte: »Du sollst ein Gürtler und kein Gelehrter werden«. So blieb's. Kein Wunder, wenn's bei vielen Handwerksleuten rückwärts geht. Ohne Kenntnisse, oft ohne die notdürftigsten, und zu früh aus der Schule weggenommen, werden sie zur Profession gethan; helfen und lernen da maschinenmäßig nachmachen, was Meister und Gesell maschinenmäßig verfertigen, und vermögen es später dann nicht höher damit zu bringen, weil ihnen, zum Bessern, Verstand und Wissen fehlen. So lernte Jonas , was die Uebrigen kannten und konnten; Schnallen und Knöpfe gestalten, vergolden und versilbern; auch Messerhefte, Löffel und Haken, sogar Bleche für Patrontaschen und Mützen der Soldaten bereiten. Das war Alles. »Und das ist genug. um als Ehrenmann dein Brod zu verdienen,« sagte der Meister . Viel Anderes erlernte also der Knabe nicht; allenfalls noch Fluchen und Schwören von den Gesellen, wenn er nicht der Vaterslehren gedacht hätte; und abergläubiges Zeug, Traumdeutungen, Hexen-, Gespenster- und Kobolds-Geschichten, von der alten Magd, wenn nicht der Vater oft darüber gespottet hätte. Als er einmal am Sonntag Abend von einem Spaziergang zurückkehrte und in die Stube trat, sah er sämmtliche Hausgenossen in tiefster Stille um ein häßliches Weib stehen. Es saß am Tisch bei einer dunkel brennenden Lampe, und schlug den Andern die Karten. Es war die bekannte Wahrsagerin zu Altenheim, die graue Natchen . Jonas erschrak vor dem ungewohnten Anblick und wollte sich furchtsam flüchten. Allein man hielt ihn zurück. Auch ihm sollte gewahrsagt werden. Die Alte sah dem Burschen eine Weile starr ins ängstliche Gesicht; legte die Karten aus einander und sprach mit quäkender Stimme: »Vater- und mutterloses Ding, du bist im guten Zeichen geboren; wirst weit umherkommen; großes Ungemach erfahren; doch wird dich dein Stern begleiten. Zwei Freunde begleiten dich. Der Eine weiset dir den rechten Weg; der Andere ist sehr reich. Nach langer Noth wirst du Haus und Hof bekommen; aber auch Feinde. Die zwei Freunde können dir dann nichts nützen. Doch wird dein kleines Haus das große des Andern verschlingen.« Die Prophezeiung fiel dem Knaben um so schwerer aufs Herz, je weniger Sinn darin lag. Die Gesellen hänselten und foppten ihn damit lange Zeit, weil er das Geschwätz der Kartenschlägerin zu glauben schien, und er glaubte wirklich um so steifer und fester daran, weil er sich einbildete, die zwei Freunde schon zu besitzen, deren die weise Frau gedachte. Der Eine derselben war des reichen Goldschmieds Kürbis Sohn; ein Knabe, zwei Jahre älter, als er, dessen Bekanntschaft und Freundschaft er einst bei einer Prügelei gewonnen hatte. Weil Gideon Kürbis , so hieß der Bursch, angesehener Aeltern einziges Kind war, die ihn verhätschelt hatten, trug er die Nase hoch; wollte Alles besser verstehen; war grob, aber auch feige dazu. Weil er jedoch in Wirtshäusern und allerlei Lustparthien immer Geld genug zu verthun hatte, fehlte es ihm nicht an Kameraden, die sich Vieles von ihm gefallen ließen. Wenn es aber sein Maul zu arg trieb, bezahlten sie ihn mit Ohrfeigen und Schlägen. Zufällig war Jonas eines Tages zu solcher Rauferei gekommen, da ihrer drei den jämmerlich schreienden Gideon fuchtelten. Jonas, seiner eignen Stärke und Geschmeidigkeit bewußt, eilte zur Rettung des Uebermannten; sprang, wie eine Katze, dem Stärksten der Schläger in den Rücken; riß ihn rücklings zu Boden, und trieb mit dessen Stecken die andern in die Flucht. Seitdem mußte er sonntäglich den feigen Gideon, vielleicht als Schutzwacht, auf allen Lustwegen begleiten. Das hochmüthige Muttersöhnchen gebrauchte ihn dabei, wie einen Bedienten; schulmeisterte ihn fleißig; that ihm aber mit Pasteten, Kuchen und Braten und dergleichen gütlich. Jonas ließ sich das behagen; so etwas gab's für ihn in Fenchels Hause nicht. Der zweite von den besagten Freunden war der Krämer Wester , bei welchem Jonas bald Schnupftabak für die alte Magd, bald Käse für die Gesellen holen mußte. Es war ein freundlicher, treuherziger Mann, der den alten Thaddäus wohl gekannt hatte, welcher ihm ehemals beim Hausiren oft nützlich geworden war. Darum nahm er sich des verwaiseten Knaben, soviel er konnte, an; ließ ihn in jeder freiem Stunde zu sich kommen, und unterrichtete ihn sogar im Lesen, Schreiben und Rechnen. Da dachte Jonas: »Halt! das ist der, welcher dir den rechten Weg zeigt.« – Er hatte nicht ganz Unrecht. Der Krämer und seine Frau behandelten ihn fast, als wenn er ihr eigenes Kind wäre. So verstrichen fünf Jahre. Dann erhielt er den Lehrbrief; ward in den Gesellenstand aufgenommen, und empfing damit zunftmäßig Recht und Pflicht, die Wanderschaft anzutreten. Dahin ging längst sein Sehnen. Schon ein paar Jahre vor ihm war auch Gideon Kürbis in die Fremde gegangen, oder vielmehr gefahren mit der Post. Nun säumte er nicht, den Habersack zu packen, und aufzubrechen. Die blecherne Büchse des Vater Thaddäus aber nahm er wegen möglicher Reisegefahren nicht mit sich, sondern vertraute sie dem ehrlichen Krämer Wester an beim Abschiednehmen. Er hätte wohl auch zu seinem Meister Fenchel dasselbe Vertrauen gehabt. Allein der Mann hatte sich schon zu sehr dem Trunk ergeben; sein Gewerb und Hauswesen vernachlässigt und konnte kaum noch einen Gesellen mit Arbeit beschäftigen. Das Scheiden von ihm war leicht; desto schwerer von seinem zehnjährigen Kinde, der kleinen Martha . Sie warf sich mit herzzerreißendem Jammer um den Hals des weinenden Jonas, und wollte und konnte ihn nicht loslassen. Sie verlor an ihm ihren Gespielen, ihren einzigen Freund im Hause. »Ade! Ade!« rief Jonas : »Weine nicht, denn Gott ist unser! Leb' wohl, wir sehen uns in wenigen Jahren wieder.« 4. Die Heimkunft des Gesellen. Aber fünf und sechs Jahre vergingen, ehe er vom Wandern heimkehrte nach Altenheim . Und als er, zum Thor hinein, durch die Gassen der Stadt froh einhertrabte, wie verwandelt und fremd stand da Alles vor ihm! Die Straßen schienen enger, die Plätze kleiner geworden. Was jung gewesen, war älter geworden; was alt gewesen, lag im Grabe. Und wie ihn die Leute nicht mehr kannten, so kannte er auch die Leute nicht. Er war stark und kräftig aufgeschossen; sonneverbrannt; hatte indessen viel erlebt und erfahren; sah ernst drein und verständig; doch auch gutmüthig und bescheiden. Sein erster Gang war zum Meiste Fenchel . Er wollte ihn lustig überraschen; dann um einstweilige Herberge anfragen, und in derselben Werkstätte sein Meisterstück anfertigen, wo er als Lehrling das Gürtlerhandwerk gelernt hatte. Das Haus hatte neuen Anstrich erhalten, und große Fenster und Spiegelscheiben. Er klopfte an; traten ein zierlich möblirtes Zimmer und wähnte, am rechten Orte zu sein. »Bleib' Er draußen, und läut' Er!« fuhr ihn ein Herr, mit der Feder hinterm Ohr, an: »Handwerksbursche müßen nicht selbst in der Leute Haus laufen, um den Zehrpfennig zu holen.« Jonas stand verblüfft da. »Um Verzeihung, wohnt Meister Fenchel nicht mehr hier?« Die Antwort war: »Der Gürtler? Der ist schon vor Jahren gestorben. Hier wohnt der Proviant-Commissär Schnurr. Jonas seufzte still. »Gestorben!« und verließ das Haus mit betrübter Seele. Er nahm nun den Weg zur Wohnung des Krämers Wester , nicht ohne heimliche Besorgnisse und Aengsten, auch der möge vielleicht schon in die ewige Ruhe eingegangen sein. Doch wie pochte ihm vor Freuden das Herz, als er in der Ferne den Biedermann, nach dessen Gewohnheit, vor der Glasthür seines Kaufladens stehen sah! Er trat grüßend und schweigend, mit abgezogenem Hut, vor ihn hin. Westen warf einen flüchtigen Blick auf die vom Staub bedeckte Figur, mit dem Ränzel auf dem Rücken und den zerrissenen Schuhen an den Füßen; griff gleichgültig in die Westentasche und reichte ihm eine kleine Münze dar. »Ei, ei, Herr Wester!« rief der Beschenkte lächelnd: »Ich komme nicht um zu fechten. Ist Ihnen Jonas Jordan unkenntlich geworden, oder schon ganz vergessen?« Der Krämer machte große Augen. Als er sich jedoch von der Wirklichkeit der unerwarteten Erscheinung überzeugt hatte, streckte er beide Arme, voll fröhlichen Erstaunens, hoch in die Luft; schüttelte dann dem Freund herzlich die Hand zum Willkommen und führte ihn mit sich ins Haus. Hier empfing Frau Wester den jungen Mann mit nicht geringem Erstaunen und Vergnügen. Sie wies ihm eine saubere Schlafkammer an. Er mußte nun bleiben, und mit ihnen essen, bis er irgend ein anderes Unterkommen gefunden hätte, wo er bei einem Gürtler an seinem Meisterstück arbeiten könnte. Das fand er auch glücklicherweise nach einigen Tagen schon, nachdem er in seinen besten, freilich groben, doch sauber gehaltenen Kleidern, mehrern Meistern Besuch gemacht hatte. Wenn er nun gleich nicht mehr von der Gastlichkeit des Herrn Wester Gebrauch machte, fehlte doch selten in der Woche ein Abendstündchen, welches er nicht bei ihm zubrachte. Da hatte er viel Wunderbares von seinen Reisen zu erzählen, aber auch Vieles von unterdessen in Altenheim vorgefallenen Geschichten zu hören. So vernahm er unter Anderm auch Meister Fenchels bösen Untergang. Dieser Unglücksmensch hatte, durch fortgesetzten täglichen Genuß des Branntweins, Muth, Lust und Kraft zu seinem Gewerb und Beruf verloren; hatte, betrogen von Magd und Gesellen, sein Leben in bitterer Armuth beschlossen und nichts hinterlassen, als Schulden und seine Tochter Martha. Diese sei ins Waisenhaus der Stadt gebracht, und wieder entlassen, sobald sie alt genug war, Mägdedienst zu verrichten. Was seitdem aus ihr geworden, wußte Niemand zu sagen. Das war dem guten Jonas schmerzlich zu hören. Desto erfreulicher klang der Bericht vom Schicksal seines ehemaligen Gefährten Gideon Kürbis . Dieser war gegenwärtig, obgleich nur Goldschmied, ein vornehmer Herr. Er lebte, wie man zu sagen pflegt, auf großem Fuß. Sowohl vom frühzeitig verstorbenen Vater, als seiner Mutter, hatte er ein stattliches Vermögen ererbt. Er war verheirathet; besaß schon zwei Kinder, einen Knaben, Edwin , und eine Tochter, Ida genannt. »Schon diese Taufnamen neuester Mode,« fuhr hier Frau Wester in der Erzählung ihres Mannes fort, ein wenig boshaft dabei lächelnd: »Schon sie sagen Euch, daß Herr und Madame Kürbis zur höhern Region gehören. Auch darf Herr Gideon seine Gemahlin nicht anders, als Rosa nennen, und nicht Rosine. Ihr Vater war ein Weinhändler, und steinreich, aber ein Knauser, Knicker und hartherziger Wucherer. Ich erinnere mich noch, daß sie lange Zeit nur Röcke trug, die ihr der Vater aus abgetragenen Kleidern ihrer Mutter und Großmutter machen ließ. Sie hätte längst einen Mann haben können. An Freiern fehlte es nicht. Die fehlen, wo Geld vorhanden ist, so wenig, wie Ameisen und Fliegen beim Honig und Zucker. Aber keiner schien ihr edel, schön und gebildet genug. Sie war Liebhaberin vom Romanenlesen, und ist's wohl auch heut noch. Wer weiß, auf welchen bezauberten Prinzen sie hoffte?« »Wie kam sie denn zu dem Gideon?« fragte Jonas neugierig: »Meines Wissens hat der in keinem Fall das Pulver erfunden, ob er gleich meint, er habe den Witz scheffelweis eingeschluckt.« Frau Wester zuckte flüchtig die Achseln: »Nun, vermuthlich kam der erwartete Prinz nicht. Jungfer Rosine kam den Vierzigern nahe, wenigstes zehn Jahre älter, denn der Goldschmied, als dieser von der Wanderschaft heimkehrte. Darum kam er ihr ganz annehmlich vor. Nur gegen seinen unpoetischen Namen hatte sie vielleicht auszusetzen. Herr Kürbis konnte ihn jedoch so wenig ablegen, als sie ihr Gesicht. Außer ihrem väterlichen Gut, brachte sie ihm noch eins der größten und schönsten Häuser am Schloßplatz zu, das sie aus der Erbschaft eines Oheims empfangen hatte. Sobald sie Frau vom Hause ward, mußten Kammerjungfer, Köchin, ein eigener Kutscher mit Chaise und zwei prächtigen Pferden angeschafft werden. Es geht da hoch her. Ihr werdet ihn kaum wieder erkennen.« Jonas schüttelte den Kopf und sagte: »Es macht mir bang, den Gideon heimzusuchen; und thät' es doch gern. Aber Kupferkreuzer und holländische Dukaten klingen schlecht zusammen. Er ging schon, als Lehrbursch, auf Storchenfüßen; jetzt stelzt er wahrscheinlich auf Storchenbeinen einher.« 5. Meister Jordan. Es vergingen manche Wochen, ehe Jonas, so ämsig er auch war, die schwere Arbeit vollendet hatte, durch welche er sich den Meisterstand erschwingen sollte. Wie anderer Orten, geschah es, leider, damit auch zu Altenheim . Er mußte nämlich, das war seine Aufgabe, aus freier Hand, auf großer kupferner Platte, und nach gegebener Zeichnung, das fürstliche Familienwappen verfertigen und zierlich vergoldet aufstellen. Es gelang ihm über Erwartung. Er ärntete Lob und ward in die Zunft der Meister aufgenommen. Die Aufnahme wurde mit vielem Gepränge, wunderlichen Ceremonien und nachfolgender Schmauserei, auf gut spießbürgerliche Weise, vollzogen. Das kostete Geld. Gerade, wenn der unbemittelte Handwerksmann sein Weniges zu den ersten Einrichtungen vonnöthen hat, muß er's für eitle Dinge vergeuden. Und was sollte Jonas mit dem theuern Fürstenwappen thun, das Niemand kaufte? Er selbst hatte seiner Zunft Vorstellungen, gegen diesen für den Anfänger nachtheiligen Handwerksbrauch gemacht. Doch vergebens. Man hielt es seinerseits für Ausdruck geheimer Furcht, die Aufgabe nicht lösen zu können; anderseits solchen Aufwand für geeignet, um Meister-Annahme in der Zunft zu erschweren, damit die schon vorhandenen Gürtler, in ihrem Gewerb, weniger Nebenbuhler dulden müßten. Inzwischen hatte Jonas die blecherne Büchse seines Vaters Thaddäus, mit unverletztem Siegel, aus der Hand des ehrlichen Krämers zurück empfangen und, vom Schatz darin, Gebrauch gemacht. Ja, für ihn war es ein Schatz. Man denke sich, daß das Kapital in der Ersparnißkasse, seit zehn Jahren, durch Zinsen und Zinseszinsen zu mehr denn 1600 Gulden angeschwollen war. Er jubelte im Stillen. Aber der Jubel ward nach und nach leiser, als er seinen Reichthum. trotz strenger Sparsamkeit, arg zusammengeschmolzen sehen mußte. Ungerechnet beträchtliche Ausgaben für seine Meisterschaft, für Kleider, Wäsche, Mobilien in der gemietheten Wohnung und Werkstätte, war keine geringe Geldsumme für Anschaffung von Werkzeugen aller Art, Schmelztiegel, Ambos und Drehbank, Stahlplatten, Grabstichel, stählerne Stifte, Hämmer, Meißel, Zangen, Scheeren u. s. w. nöthig; desgleichen für Ankauf von Messing- und Tombakblechen, Kupfer, Silber, Blei, Quecksilber, Firnissen, Schwefel, Borar, Weinstein u. d. andern Bedürfnissen zur Arbeit. Auch einen Lehrburschen, blutarmer Leute Kind, hatte er sich zur Aushülfe unentgeltlich angenommen. Gern hätt' er den Rest seines väterlichen Erbes noch einmal zinstragend gemacht; allein er mußte doch auch für des Leibes Nahrung und Notdurft ein Jahr voraus sorgen. Denn er besaß vor der Hand weder Kunden und Käufer, noch fertige Waare. Dazu kam, daß ihm noch etwas ganz Anderes im Sinn lag, was er lange hin und her erwog, und bei ihm zuletzt schwerer wog, als alles Uebrige. Während er mit seinem Lehrling, von früher Morgenstunde bis spät Nachts, Metallknöpfe und Schnallen, Hafte und Haken, Messerhefte, Löffel und Beschläge aller Gattung verfertigte, gedachte er seines Jugendgefährten, des reichen Gideon Kürbis, den er schon längst hätte besuchen sollen. Er konnte sich ihm vielleicht und seine Waare empfehlen; bei ihm auch etwa die köstliche Wappenplatte an Mann bringen. Eines Sonntags also begab er sich, nach der Morgenpredigt, in das schöne Gebäude am Schloßplatz. Er fühlte sich gleich beim Eintritt unbehaglich und eingeschüchtert Das Großartige, oder Geschmackvolle der Gänge, Pfeiler und breiten Treppen war's nicht, was ihn verlegen machte. Sein gesunder, tüchtiger Verstand sah darin nur baumeisterliches Kunstwerk, Maurer- und Gypser-Arbeit. Aber es scholl ihm ein unsonntägliches Rufen, Zanken, Schimpfen männlicher und weiblicher Stimmen entgegen. Von einem Ladendiener, der ihn zum Zimmer des Herrn Kürbis führte, vernahm er, und der Ladendiener lachte dazu spöttisch: Madame wisse einmal wieder nicht, wo sie den Schrankschlüssel gelassen habe: das Schlüsselsuchen sei nichts Ungewöhnliches im Hause; und nun müßte Alles auf die Beine und suchen helfen. »Saubre Ordnung! Saubre Heiligung des Sonntags!« dachte Jonas, während er vor der Thür des Wohnzimmers warten mußte, bis er vom Diener gemeldet worden. Gern wär' er wieder umgekehrt; denn auch im Zimmer hörte er gellende und barsche Töne des Gezänks zwischen Mann und Frau. »Ah, sieh' da, Meister Jonas!« rief Herr Kürbis ihm mit gezwungener Freundlichkeit beim Eintritt entgegen: »Beste Rosa, es ist der Gürtler Jonas Jordan, übrigens ein recht braver Mann,« fügte er bei, zu seiner Gemahlin gewandt, indem er ihre Hand mit einer gewissen Zärtlichkeit ergriff, als wäre zwischen beiden Liebesleuten nichts vorgefallen. Dann richtete er das Wort wieder an den Eingetretenen: »Und, Notabene! was bringt Euch zu uns, Meister?« Jonas sah mit einigem Verwundern die plötzliche Verwandlung der Gesichter; denn auch Frau Kürbis brachte ihre mütterliche Miene geschwind, zwar nicht ohne Mühe, in breite Falten. »Ei nun, Herr Kürbis,« sprach Jonas: »Ich hätte wohl billig früher kommen können und einen alten Kameraden begrüßen können. Allein . . .« » Kameraden? « unterbrach ihn Kürbis mit einer Geberdung, als sei er durch das Wort unangenehm berührt: »Ja, ja, ich erinnere mich. Aber, Notabene, die Kameradschaft , . . . die Zeiten haben sich unterdessen doch geändert.« Jonas machte einen Bückling und versetzte mit Lächeln: »Allerdings, und die Menschen mehr, als die Zeiten. Ich verstehe. Das Glück ist Ihnen mittlerweile zum Dach hereingeregnet. Gratulire von Herzen. Mich ließ es im Trocknen sitzen. Macht nichts; bin ein junger Anfänger, der reiche Herren, wie Sie sind, zur Kundschaft haben und sich mit seiner Arbeit empfehlen möchte.« »Aber,« fiel Frau Kürbis ein: »es kommen der Leute so viele, die sich bei uns empfehlen wollen.! Man weiß wahrhaftig nicht, wo anfangen und aufhören mit den Leuten? – Doch ich besinne mich. Kommt nur nächste Woche wieder, Meister. Wir brauchen nothwendig für unsre Equipage ein schöneres Pferdgeschirr mit versilberten Platten und Ringen, wenn Ihr dergleichen Arbeit gehörig versteht.« »Laß gut sein, meine Rosa!« redete Herr Kürbis zwischen ein, eh' sie vollenden konnte; streckte dabei seine stattliche Figur vornehm in die Höhe, und richtete mit wohlwollender Gönnermiene und Herablassung vielerlei Fragen an den bescheiden dastehenden ehemaligen Kameraden, über das, was er in der Fremde gelernt, gesehen? Wo er in Arbeit gestanden? Ob er auch in Genf, Lyon, Paris, Berlin gewesen sei? Dabei gab er zu verstehen, er habe in allen diesen Städten gelebt und viel Achtung genossen. Er wäre nicht der Arbeit wegen dahin gereiset, sondern um sich in Handels-Verbindung mit den geschicktesten Juwelieren zu setzen, von denen er nun Waaren bezöge; und um seinen Geschmack zu veredeln, denn so etwas sei in Altenheim reine Unmöglichkeit. Er erzählte von den Theatern, Schauspielerinnen, englischen Kunstreitern in Paris und Berlin. Alles mit behaglicher Selbstzufriedenheit. Der junge Gürtlermeister, der von dem Geschwätz das Wenigste verstand, fühlte bald Langeweile und dachte schon an höflichen Rückzug, als ein Mädchen gemeldet wurde, welches bei Madame Kürbis in Dienst zu treten wünschte. »Ist das Mensch anständig gekleidet?« fragte die Hausherrin . Nach Bejahung der Frage wurde die Angemeldete vorgelassen, und von der Dame mit prüfendem Blick gemustert, indem sie den demüthigen Gruß der schüchternen Bittstellerin mit leichtem Kopfnicken, und deren halblaut gestammelten Wunsch mit Schweigen erwiederte. Es war ein siebenzehnjähriges Mädchen, zwar keine Schönheit und klein von Gestalt, aber von ungemein gefälligem Aeußern und seelenvollem Gesicht. »Wo dienst du gegenwärtig?« war die erste Frage der Frau Kürbis , die ihre strenge Musterung fortsetzt. »Bei Strumpfwirker Kneller zu Reckendorf , zwei Stunden von hier,« antwortete die blöde Kleine. »Das ist ziemlich gemeines Pack. Ich kenne die Leute. Verstehst du auch etwas von dem, was in einer guten Haushaltung nöthig ist? Ich zweifle fast,« äußerte sich die Goldschmieds-Dame weiter. »Ich kann kochen, backen, wischen, waschen, sticken, stricken . . .« erwiderte die Magd. »Das brauch' ich nicht. Eine geschickte Kammerjungfer will ich; und du siehst mir eben nicht danach aus. Was verstehst du vom Nähen?« fiel ihr die Frau hastig in die Rede. »Ich habe auch nähen gelernt, säumen und fälteln, Plattstich, Kettenstich, Kreuzstich, Vor- und Hinterstich,« gab das Mädchen zur Antwort. »Das läßt sich hören, wenn's wahr ist!« versetzte Madame Kürbis . »Ich will mich nach dir erkundigen. Ich bin schon oft von solchen Weibsbildern betrogen, die sich einbildeten, alles Mögliche zu verstehen, und doch hintennach die dümmsten Gänse waren. Wie heißest du? Woher bist du?« »Ich heiße Martha Fenchel, und bin eine Bürgerstochter von hier.« Jonas fuhr beim Hören dieses Namens zusammen. Er drehte dem Goldschmied den Rücken zu und betrachtete mit großen Augen das Mädchen, welches von der Dame noch immer verhört ward. »Ja, bei meinem Leben, sie ist es!« rief er hoch erfreut: »Unverhofft kömmt oft! Nichts für ungut, Frau Kürbis, ich möchte auch ein Wort mitsprechen. Martha, liebe Martha, wo in aller Welt bist du gesteckt? Ich habe dich seit einem halben Jahr gesucht; aller Ecken und Enden nach dir gefragt. Kennst du mich denn nicht mehr? Ich bin ja der Jonas!« Mit dieser Anrede ergriff er die Hand des erschrockenen Mädchens, und zog es an sich. Martha errötete, schaute dem freudigen Mann ins Gesicht und verstummte. »So rede doch, Närrchen. Hast du den Jonas vergessen? Ja, ich merk' es, die Weiber tragen lange Röcke und kurzes Gedächtniß. Aus den Augen, aus dem Sinn!« »Ach, Jonas!« lispelte sie, ihn betrachtend und sich und Alles umher vergessend: »Wie bist Du doch . . . wie sind Sie doch, in der langen Zeit, so groß geworden!« »Was?« rief er und that böse: »Ich bin kein Sie , sondern noch immer dein alter Du . Mach' du mich nicht hoch, denn meine Stubenthür ist niedrig; und vor dem Hoffartsteufel schlag' ich ein gebührliches Kreuz. Komm', wir haben einander jetzt viel zu sagen. Nichts für ungut, Herr und Madame Kürbis. Dies Mädchen soll hier nicht in Dienst treten, und müßt' ich betteln gehen. Leben Sie wohl. Komm', Martha!« Sie sträubte sich einen Augenblick verlegen. »Meister Jonas!« rief mit ernster Miene der Goldschmied , und warf sich dabei in die Brust, indem er den rechten Fuß vorsetzte: »Meister Jonas, ja, ja! Euer Betragen ist gegen allen Anstand, und grob, damit Ihr's wißt!« Man sah es dem friedfertigen Gürtler an, daß er theils durch den stolzen Empfang, der ihm geworden, theils durch Martha's überraschende Erscheinung ungemein aufgeregt sein mochte. Mit trotziger Stimme erwiederte er: »Meister Gideon, ich pfleg's so zu haben: Wie man mir vorfährt, so fahr' ich nach. Ihr könnt den Pariser Tanzmeistern auch noch nicht ins Handwerk der Höflichkeit pfuschern. Versteht Ihr deutsch?« »Wie? was?« rief Herr Kürbis: »Wißt Ihr, wo Ihr Euch befindet? Vor wem Ihr steht? Glaubt Ihr bei Euers Gleichen in einer Herberge zu sein?« »Wenn nicht in der Herberge,« ward ihm die Antwort, »doch bei meines Gleichen. Goldschmied oder Grobschmied, ich kehre dafür nicht die Hand um. Ihr, Meister Gideon, habet mehr Geld als ich; das weiß ich. Vor dem Geld bückt man sich; aber Ihr selber seid kein Geld , nur der Kasten , der's hat.« Hier stämmte Madame Kürbis ergrimmt beide Arme in die Seite und schrie: »Kann man einen unverschämtern Menschen sehen, als den da?« »O ja, Frau Kürbis ,« unterbrach sie Jonas: »Sehet doch nur in den Spiegel!« Jetzt gerieth die Dame in Wuth. Ein Fluß von Schimpfreden brauste aus ihrem Munde. Meister Jordan sah sich nach der Thüre um, suchte mit komischer Eilfertigkeit seinen Hut und rief: »Bewahr' uns Gott, das gibt einen Wolkenbruch! Da hilft kein Regenschirm. Rette sich, wer kann, ins Trockne. Adieu!« – Und damit faßte er Marthas Hand, zog sie mit sich fort und zum Haus hinaus. 6. Lust und Leid. »Wohl hab' ich zu Reckendorf eine böse Meisterin,« sagte Martha , als sie beide auf der Straße standen: »Aber diese ist wohl zehnmal ärger, fürcht' ich. Ich weiß nicht, was anfangen? Bis Pfingsten muß ich noch dort verbleiben.« »Besser im Fegfeuer, Kind, als in der Hölle!« tröstete Jonas und führte sie zu seiner Behausung. um mit ihr sein Mittagsmahl zu theilen. Zwar weigerte sie sich anfangs verschämt, und doch folgte sie gern. Sie hätte so Vielerlei vom Freund ihrer Kinderjahre wissen und erfahren mögen; auch bat er gar zu inständig, nicht zu verschmähen, was ihm die Garküche aufs Tischtuch schicken werde; er wollte sie dann auf dem Heimweg begleiten in ihr Dorf. So gingen sie langsam neben einander durch die Straßen; beide mit Bangigkeit und Freude im Herzen. Ihm gefiel die aufgeblühte, schüchtere Jungfrau gar wohl, und er hätt' es ihr gestanden, wär' er nicht, je öfter er sie ansah, immer blöder geworden. Sie betrachtete ihn von Zeit zu Zeit, doch immer nur flüchtig und nur seitwärts, mit Augen, worin ein Gemisch von Erstaunen, Freude und Zärtlichkeit blitzte. »Aber nein!« rief sie beständig, sich im Plaudern unterbrechend: »Aber nein! wie bist du groß geworden, wie ein ganz Anderer! Jonas, gewiß, es schickt sich für mich nicht; ich darf dich nicht mehr so nennen.« Mit mädchenhafter Verzagtheit trat sie in die Wohnung ihres ehemaligen Gespielen; und in die saubere Wohnstube, wo sie, was sie nicht erwartete, keine Spur von gewohnter Junggesellen-Wirtschaft fand. Es war da hell und freundlich; am Fußboden keine Fleckchen; im Winkel keine Staubwolle. Längs den Wänden sechs Strohsessel; zwei Tische von Weißtannenholz, dazu beim Ofen eine neue Wälderuhr. Zwischen den Fenstern und ihren weißen Umhängen, ein kleiner Spiegel. »Du wohnst hier recht lieblich, Jonas!« sagte sie, indem ihr Blick das Alles schnell überflog: »Wer hält dir das so reinlich und in schönster Ordnung?« Meister Jordan , durch die Frage ein wenig geschmeichelt, antwortete schmunzelnd: »Wer anders, als meines Vaters einziger Sohn?« »Woher nimmst du aber die Zeit?« fragte sie wieder: »Du hast den ganzen Tag mit deiner Arbeit zu schaffen.« Er lachte und erwiederte: »Wer Alles nur immer an den rechten Ort, und Jedes nur zur rechten Zeit thut, hat zum Vielthun im Tage sechszehn Stunden übrig.« Während sein Lehrbursch die Speisen vom Garkoch abholt, führte Meister Jordan den weiblichen Gast auch in seinen engen Waarenladen, in die aufgeräumte Werkstätte, in die leere Küche, und endlich selbst in die Schlafkammer, wo sein und des Lehrlings Bett stand, eins wie das andere von schneeweißem Baumwollenteppich überhangen. Martha ging ganz sachverständig musternd umher, und dachte sich dabei dies und das. Dann lächelte sie ihn an und sagte: »Hör, Jonas, du bist so reich, wie ein Prinz. Du kannst wohl zufrieden sein, mein' ich.« Er zuckte mit einer wunderlichen Miene die Achseln, und seufzte: »Ach, es ist Niemand in der Welt, ohne ein » Aber! « Und wenn das Wörtlein » Wenn « nicht unterm Himmel wäre, säßen wir schon hienieden im Himmel. Auch im Paradiese blieb Adam nicht gern allein.« Martha sah etwas verlegen nach den Fenstern und nach der Thür, als würd' ihr bange, sie wußte nicht warum? Dann hob sie an: »Ich meinte bloß, es sei hier Alles gar wohnlich.« Er ergriff ihre Hand und fragte leise: »Möchtest du hier wohnen, Martha?« »Das Essen steht bereit auf dem Tisch,« sagte der Lehrjunge , indem er durch die offene Kammerthür eintrat; höchst ungelegen für seinen Meister, höchst gelegen für die ängstliche Jungfrau. Man ging ins Zimmer, trat zum Tisch, auf welchem ein Paar Schüsseln dampften, und Jonas verrichtete mit lauter Stimme sein gewohntes Tischgebet; doch diesmal vielleicht nicht mit gewohnter Herzensandacht. Die Gegenwart des mitessenden Burschen ließ die Unterhaltung sehr ins Allgemeine verlaufen. Doch allerlei unwillkürliche Nebengedanken mochten wahrscheinlich wichtiger sein, als die Gespräche. Die weibliche Gesellschaft wirkte, wenigstens auf Meister Jordan, ganz wunderbar. Seine Stube schien ihm wirklich zehnmal schöner geworden, denn sonst; die Speisen schmeckten weit besser; sogar die Sonnenstrahlen glänzten weit festlicher und sonntäglicher durch die Gardinen der Fenster herein. Sobald, nach aufgehobener Mahlzeit, der Knabe sich entfernte, kehrte die frühere Traulichkeit zurück, und Jonas erzählte, wonach schon mehr denn einmal gefragt war, von seinen Fahrten und Geschichten in der Fremde, wie er nun Meisterschaft erworben, aber leider noch bei weniger Arbeit und Kundschaft. Martha ihrerseits wußte viel von ihrem harten Schicksal und dem Tode ihres Vaters zu berichten, und von der strengen Behandlung während des vierjährigen Aufenthalts im Waisenhause. Doch unterließ sie auch nicht, dankbar anzuerkennen, daß sie da in allerlei häuslichen Verrichtungen, in Küchen, Keller und Gartengeschäften, sowie in den mannigfaltigsten weiblichen Handarbeiten Unterricht und Uebung genossen habe, um selbst in den vornehmsten Häusern einen anständigen Dienstplatz annehmen zu können. Freilich solches Glück sei ihr noch nicht zu Theil geworden. Sie wäre um kümmerlichen Lohn bisher immer in wenig bemittelten bürgerlichen Haushaltungen, als Magd, gestanden, und bald durch Grobheit oder Schamlosigkeit der Hausherren, bald durch Bissigkeit und Zanksucht der Frauen fortgetrieben. Das sei auch noch jetzt beim Strumpfwirker Kneller ihr Loos; weshalb sie sich nach einem andern Dienst umsehe. Die freudenarme Vergangenheit und trübe Aussicht in künftige Tage lieferte so reichen Stoff der Verhandlungen, daß er weder in Jordans Stübchen, noch auf dem Wege gen Reckendorf erschöpft werden konnte, wohin der junge Meister Fenchels Tochter begleitete. Beim Abschied ward Abrede getroffen, sich Sonntag um Sonntag wieder zu sehen; doch zur Schonung von Martha's Füßen, oder gutem Namen, nur in den Umgebungen ihres Wohnortes, nicht in der zungenreichen Stadt. Meister Jordan hatte auf dem Heimwege nach Altenheim allerlei schwere Gedanken, wie jeder, der ihm auf der Landstraße begegnete, beim ersten Blick, am wechselnden Spiel seiner Mienen wahrnehmen konnte. Ihn reute und freute Vieles. Es freute ihn, das Kind des unglücklichen Fenchel wiedergefunden zu haben, welches einst, nach Vater Thaddäus Tode, seine erste und beste Freude gewesen war. Ihn freute ihre zarte, niedliche Gestalt, ihr liebherziges natürliches Wesen, der schmeichelnde Klang ihrer Worte, und die fromme, schöne Seele, die in ihren Augen bald betete, bald weinte, bald recht selig lächeln konnte. Aber ihn reute, daß sein Verstand, am Morgen beim Wiedererkennen Martha's, vollkommen das Gleichgewicht verloren hatte; daß er den Goldschmied Gideon in dessen eignem Hause, beim ersten freundschaftlichen Besuch, schwer gekränkt und beleidigt hatte. – Das reute ihn bitterlich. Zwar wußte er sich, zur Entschuldigung des übereilten Betragens, Mancherlei zu sagen; zwar war ihm an Freundschaft und Gunst des stolzen Herrn Kürbis blutwenig gelegen; aber desto mehr an Zufriedenheit mit sich selber, und am Bewußtsein, immer zu thun, was Recht, was Pflicht und Christentum gebieten. Er beschloß auf der Stelle, Buße zu thun; und that sie. Sobald er in die Stadt eintrat und über den Schloßplatz an Gideons Haus vorüber kam, kehrte er ohne Zögern zu diesem ein. »Herr Kürbis und Madame,« sagte er zu ihnen, als er sie am Theetisch beisammen fand: »Ich habe mich am Morgen gegen Sie vergessen: ich will's jetzt am Abend wieder abbitten. Lassen Sie die Sonne nicht über Ihren Zorn untergehen. Sie wissen, hitzig ist nicht witzig; und ich weiß noch immer nicht, wie mir heut das Feuer so schnell ins Dach fuhr. Darum bitt' ich: Vergeben und Vergessen! Friede ernährt, Unfriede verzehrt.« Anfangs wollte das edle Ehepaar den gutmüthigen Bittsteller zur Thür hinausweisen; dann zankten Herr und Frau ihn um die Wette tüchtig aus; dann ließen sie doch seiner Anerkennung ihrer höhern Stellung und Vornehmheit einiges Recht angedeihen; dann endlich wurden sie, eben deswegen, allmälig freundlicher und zuletzt versöhnt. Jonas bemitleidete in seinem Herzen die Menschen, und seelenvergnügt, sie und sich selbst besiegt zu haben, begab er sich nach Hause. 7. Der Freier. Aber, als er in sein Zimmer trat, war es darin ganz und gar nicht mehr so schön, wie am Mittag. Martha hatte es wohnlich genannt; allein es lag um ihn leer und todtenstill. Er ließ sich auf den Stuhl nieder, auf welchem sie gesessen hatte, und erwog in seinen Gedanken Mancherlei, was er schon oft erwogen hatte. Zwar mußte er eingestehen, die Bibel habe das sonnenklarste Recht, wenn sie sagt: »Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei!« Ein Hagestolz bleibt lebenslang ein halber Mensch. Wo aber die andre Hälfte, und zwar die passende, finden? – Das war der Knoten, der so leicht nicht zu lösen war. Im Hause des Krämers Wester hatte man diese Sache mit ihm schon längst und auf alle Weise verhandelt; Frau Wester besonders sich dabei thätig und rathlich erwiesen; denn sie wußte genau, was im Innersten der Haushaltungen von der halben Stadt war und vorging, als wenn sie mit den Augen durch die Mauern sehen könnte. Auch Meister Jordan selber war im Suchen nicht träge gewesen, wie man gewiß einem jungen Mann seines Alters zutrauen darf. Er hatte, so tief er konnte, in die blauen, schwarzen und braunen Augen von mehr, denn einer anmuthigen Bürgerstochter, hineingeschaut und von mehr, denn einer, hatte ihm etwas, wie ein Willkommen, entgegengelächelt. »Ich stehe da unter den Töchtern des Landes, wie in einem Baumgarten,« pflegte er der Frau Wester zu sagen: »Sie blühen insgesammt; die Blüthen gefallen mir wohl, aber ich kenne die Frucht nicht, die daraus wird; die Obstsorte nicht, welche der Baum trägt. Das Spiel des Freiers ist Würfelspiel ums Leben. Ich möcht' es wagen, hätten unsre Handwerker im Allgemeinen nur vernünftigere Erziehung genossen. Was Mann und Frau nicht haben, können sie den Kindern nicht wieder geben. Eine mannbare Tochter, denken sie, ist reifes Obst, das nicht lange liegen kann. Man staffirt die Jungfer, wie eine Stadtdame, aus, immer nach neuester Mode, und schickt sie auf den Tanzboden oder in die Kirche, auf Promenaden, oder in die Komödie, als sei da öffentlicher Mädchenmarkt und Waarenschau. Statt Hosen und Kochlöffel nimmt Mamsell Stickereien zur Hand; statt des Gebetbuchs, den Spiegel; statt in Stall und Keller nachzuschauen, schaut sie durchs Fenster nach Herren; oder klimpert auf dem Klavier und singt dazu, damit auf der Gasse ihre süße Stimme vernommen werde.« »Das ist das Elend von unsern meisten Handwerkertöchtern; sie wollen über ihren Stand hinausfliegen; wollen vornehm sein, oder es werden, um zu faullenzen; verbergen mit Mousselin und Seide ein grobes Hemd; und mit ihren glatten Rosenwangen rauhe Herzensdisteln. – Und was ist das Ende vom Liede?« »Bleiben sie, als alte Jungfern, zurück, lästern und schimpfen sie, wie Rohrsperlinge; werden Kaffeeschwestern voller Gefall- und Gallsucht; endlich alte Betschwestern. die mit dem Himmel liebäugeln, weil auf Erden Niemand mit ihnen liebäugeln mag. Oder gelingt's und fangen sie endlich einen Mann von Vermögen: so schaut der Hochmuth selbst zum Ofenloch heraus, und spannt Hoffart alle Pferde vor. Denn Dreck, wenn er Mist wird, will gefahren sein. – Erangeln sie sich im Männer-Teich, statt eines fetten Karpfen, nur einen magern Gründling: dann, o Ehe! o Wehe! Da gehen sie murrend und schnurrend zu Tisch und Bett; draußen geschniegelt und gebiegelt, im Hause saloppisch und schlappig; der Mann mit Löchern im Strumpf; der Knabe mit zerrissenen Hosen. Arbeiten haben sie in der Singstunde nicht gelernt und Sparen nicht auf dem Tanzboden. Da trägt denn das Weib in der Schürze mehr aus dem Hause, als der Mann mit dem Heuwagen einführen kann.« Trotz solcher Bedenklichkeiten ward ihm Martha doch von Sonntag zu Sonntag lieber. Er dachte stets an sie, und wie artig sie sich, als Hausfrau, ausnehmen würde. Er verhehlte sogar der Frau Wester die wachsende Neigung nicht, und sagte zu ihr: »Wenn irgend wo, passen hier Hut und Kopf gehörig zusammen. Dies oder kein Mädchen hat die beste Erziehung genossen; denn Gott selbst hat sie in der Hochschule des Unglücks erzogen.« Rief dann Frau Wester : »So führt sie lieber heut, als morgen zum Altar!« schüttele er den Kopf und meinte: »Eile mit Weile! Die Gerechtigkeit hat nur den grauen Staar, aber die Liebe den schwarzen. Ich muß das Mädchen genauer kennen, und auch, ob nicht schon ein anderer Vogel in ihrem Herzchen sein Nest hat. Zwar ist Argwohn ein Schelm; aber Vorsicht bewahrt vor Stolpern.« Frau Wester erfuhr leicht, wo in der Stadt Martha sonst im Dienst gestanden; zog überall Erkundigungen über das Betragen der jungen Person ein und theilte mit, was sie erfuhr. Meister Jordan selbst ließ es am Nachforschen nicht fehlen. Sogar mit der Frau des Strumpfwirkers Kneller besprach er sich, unter scheinbarem Vorwand und ohne Martha's Wissen. »Das Weibsstück macht mir Todesverdruß!« klagte Frau Kneller : »Was es anrührt, geht ins Verderben. Einmal fährt in ihren Händen ein irdener Hafen in Stücken; ein anderes Mal zerreißt ihr in der Wäsche ein Bettleinen, das doch schon seit der Hochzeit von meines Mannes Großmutter dauerhaft ausgehalten hatte. Ich glaube, Gott verzeih' mir die schwere Sünde! das häßliche Thier ist verliebt. Einmal hat sie zu viel, ein anderes Mal zu wenig Salz in der Suppe. Einmal die gerösteten Kartoffeln angebrannt; ein anderes Mal den Heringssalat mit Zwiebeln verpestet, die ich nicht essen mag. Dabei bildet sich die dumme Ente ein, sie versteh' es besser, als ich. Einmal, da ich einen Tag fort war, fegt und scheuert sie das Haus von oben bis unten, statt mit Setzlingen und Saubohnen aufs Feld zu gehen. Ein anderes Mal flickt sie, ohne meinen Befehl, den Kindern die Kleider bis spät in die Nacht, und verbrennt mir unnützer Weise das Oel. Kein Tag ohne Aerger! Kein Tag ohne Verdruß! Das Mensch muß mir aus dem Hause, je eher, je lieber!« Jonas hatte genug gehört. Er dachte: »Was der Teufel, ohne es zu wollen, selber loben muß, davor soll ein ehrlicher Mann kein Kreuz schlagen. Martha wird die Meine oder Keine!« Er dachte es nur, sagte es Niemandem; selbst der Hauptperson nicht, von welcher allein die Entscheidung über das Werden von »Meine« und »Keine« abhing. Er führte sie blos bei seinen Freunden Westers ein, die das arme Mädchen für einige Zeit ins Haus aufnahmen, bis ein besserer Platz ausfindig gemacht sein würde. Hier erst lernte er ganz Sinn und Sittigkeit, Fähigkeiten, Fertigkeiten und alle Eigenschaften der braven Dirne kennen, die sie bisher, mit jungfräulicher Schüchternheit, verdeckt gehalten hatte. Keinen Abend in der Woche fehlte er im Plauderstübchen des Krämerladens. Frau Wester hatte Marthen bald zu ihrer Gehülfin nicht nur, sondern zu ihrer Freundin gemacht, und sagte zu Jonas: »Martha ist mir in wenigen Wochen unentbehrlich geworden; frömmer, stillthätiger, zu Allem anschicklicher, als ich. Wenn Ihr sie nicht heirathet, möcht' ich sie fast selber heirathen, und nie wieder von meiner Seite lassen.« Eines Morgens aber sandte Meister Jordan seinen Ladenburschen: »Jungfer Fenchel möge sogleich zu ihm eilen; er habe einen guten Platz für sie gefunden.« – Martha eilte freudig hin. »Du hast mir einen Platz gefunden, lieber Jonas?« fragte sie und reichte ihm dankbar die Hand: »Gottlob! Ich fürchte, unsern Freunden, den lieben Leuten, endlich doch lästig zu werden. Nun sprich doch!« Er sah ihr mit Aengstlichkeit in die frohen, hellen Augen; dann verlegen auf die Erde, und wieder aufwärts gegen die Zimmerdecke, und ringsum nach allen vier Wänden, als suche er Verlornes. »So sprich doch!« wiederholte sie: »Warum schweigst du?« Er sammelte sich, und stammelte blöde: »Es ist . . . aber Martha . . . du mußt mir darum nicht böse werden.« Sie lächelte verwundert: »Jonas, dir? Und ob ich's auch etwa wollte und sollte, vermöcht' ich's?« »Höre, Martha, ich will dir anzeigen . . . ich muß dir sagen . . . ich weiß dir einen Mann, der um deine Hand und dein Herz wirbt, – der sogar . . . der . . .« »O Jonas, schilt mich lieber, aber verspotte mich armes Mädchen nicht!« rief sie erschrocken oder gekränkt, indem sich ihr Gesicht entfärbte und sie sich von ihm abwandte. »Martha, sieh mich an. Er ist gewiß kein schlechter Mensch. Ich führ' ihn dir zu. Ich selbst will ihn dir geben.« »Nein, Jonas, nein! von dir am wenigsten nehm' ich einen Freier an.« »Am wenigsten?« fragte er mit sichtbarer Bestürzung: »Von mir am wenigsten? Und wenn . . . ich weiß nicht . . . wenn ich mich selber dir geben möchte? Martha, sieh mich doch an. Sage mir . . .« Hier entstand eine Stille. Sie stand mit niedergeschlagenen Augen und glühenden Wangen vor ihm, und spielte mit dem Schürzenband. Dann, als sie wieder, wie zweifelnd, aufschaute, die Augen in Thränen, sprach sie mit zitternder Lippe: »Was soll ich denn sagen?« Jonas faßte Muth und flüsterte ihr halblaut zu: »Hast du mich lieb und von Herzen?« Halblaut flüsterte Martha zurück: »Dein Herz weiß es.« »Nimmst du allenfalls auch vorlieb mit trocknem Brod und Salz?« »Lieber Salz von dir, als Thränen von mir.« »Martha, ich will für dich arbeiten; willst du für mich sparen?« » Alles sparen, nur nicht eigene Mühe!« »Wohlan, liebe Seele, hier die Hand; schlag' ein! Willst du die Meine werden?« »War ich's nicht schon vor acht Jahren und mehr? Schon als Kind? Aber . . , nein doch! Es darf nicht sein, Jonas.« Mit erschrockenem Blick schaute er ihr ins Gesicht und fragte: »Nicht sein? Warum nicht?« »Bedenk' es wohl, Jonas. Thu' dir nicht selber weh. Ich bin ohne Aussteuer und Mitgift, ein armes Geschöpf. Jede andere Bürgerstochter in der Stadt reichte dir mit Freuden Hand und Herz und eine gute Morgengabe dazu. Du könntest glücklicher leben.« »O still davon!« rief Jonas , und streckte bittend beide Hände aus: »Still! Ich lebe erst, wenn du mit mir leben willst.« »So lebe! « sagte sie in schamhafter Verwirrung und reicht ihm die Hand. Er ergriff die Hand und zog dabei die Braut an sein Herz, das von ungewohntem Entzücken bebte. Sie weinte an seiner Brust in stiller Seligkeit. 8. Die Traurede. Drei Wochen später war die Verlobung dreimal von öffentlicher Kanzel verkündet. In der vierten traten Jonas und Martha, begleitet von Herrn und Frau Wester vor den Altar, um den Ring ewiger Liebe und Treue zu wechseln. Niemand betrachtete das Brautpaar. Wer betrachtet denn auch Leute, die nichts sind und nichts haben? Doch wer im Vorbeigehen das einfach gekleidete Pärchen beisammen sah, gestand, es müsse ein glückliches sein, einander würdig und lieb; er ihr durch edle Mannhaftigkeit, sie ihm durch weibliche Anmuth. Jonas hatte, zur Feier der Vermählung, ein kleines Festmahl in einem der lieblichsten Lustgärten vor den Thoren von Altenheim angeordnet. Dahin führte er aus der Kirche seine Braut und die beiden Gäste zu einer abgelegenen Laube, von blühenden Jelänger-Jelieber und Weinranken umsponnen. Da stand der Tisch gedeckt, mit Blumenvasen und einem Paar Weinflaschen geschmückt, neben gesunder Hausmannskost. Leckerbissen fehlten. »So ist's eben recht!« rief Jonas , die Braut umarmend: »Nehmt vorlieb, Ihr lieben Gäste. Freudige Herzen, volle Schüsseln, da fehlt nichts mehr! Hochzeit, mit Prunk und Schmaus und Tanz, macht lachende Gäste und gähnende Brautleute. Mancher läßt mehr verkauen an solchem Tage, als sein Geldsack in einem Jahre verdauen kann; und Mancher erbt vom Tanzen hintennach dazu noch das Hinken.« »Klug gesprochen, Meister Jordan! « stimmte Herr Wester wohlgemuth ein: »Das sollten unsere jungen Bürger auswendig lernen, wenn ihr Verstand oft nicht enger, als ihr Beutel wäre. Man setzte sich zu Tisch, und ließ sich's wohl sein, bei lustigen Witzen und Scherzen. Der Krämer und Gürtlermeister schlossen innigere Freundschaft, und tranken Brüderschaft; Frau Wester und Martha umarmten sich, wie Schwestern. Nie hatte man den sonst so ernsthaften Jordan muthwilliger gesehen. Er war unerschöpflich in drolligen Einfällen. Sein ganzes Wesen lag in Wonne aufgelöst. Nur zuweilen, wenn die Andern im fröhlichen Kosen laut waren, verlor er sich in augenblickliches Schweigen und Sinnen. Es war ein Hinaussinnen und frohes Ahnen der Zukunft. »Munter! Munter!« rief ihm Herr Wester zu, als er ihn wieder dasitzen sah, still und träumerisch: »Machst ein Gesicht, Brüderchen, der Wein könnte davon in Flaschen und Gläsern sauer werden. Ich wette, du denkst noch an des Pfarrers Ermahnungen. Sie waren kurz und schlecht ; aufgewärmter, geistlicher Brei, von Amtswegen vor uns ausgeschüttet.« »Mag wohl sein,« erwiederte der Bräutigam lachend: »Unser Pfarrer sieht erst das Geld an und darnach die Waare dafür. Kupferne Münze – kupferne Traureden! Wär' ich diesmal Pfarrer gewesen, meine Stimme hätte anders geklungen.« »Nun, so laß sie doch erklingen, Meister Jordan,« entgegnete der Brautführer: »Siehe, hier ist eine größere, prächtigere Kirche unterm blauen Himmelsgewölbe, als unterm übergypsten Dache des kalten Doms.« »Ja, Jonas, laß sie erklingen!« mahnte Martha: »Ja, dich möcht' ich auch einmal predigen hören! Wir wollen allzumal eine sehr andächtige Gemeinde sein.« »Auf, auf, ihr Leutchen,« setzte Herr Wester hinzu: »Stoßt an. Läuten wir recht hell mit den Gläsern zur Kirche. Seht, der Herr Pastor räuspert sich schon!« Man stieß unter Gelächter an. Meister Jordan am kräftigsten. Dann aber legte er Messer und Gabel beiseite; schob den Teller zurück; nahm feierliche Miene an, und sprach: »So gescheh' es. Weise Thorheit ist noch allezeit besser, denn thörichte Weisheit; auch macht der Chorrock nicht den Priester. Habet auf meine Worte Acht. Und was ich Dir , herzige Martha, sage, das sag' ich mir. Und ihr Andern da drüben, verzuckerter Ernst schmeckt nicht bitterer, als jeder gesellige Scherz.« Er räusperte sich nach diesem Eingang noch einmal, und fuhr fort: »Andächtige Zuhörer, das Sprichwort sagt: Ehestand, Wehestand . Dies sei, zu euerer Erbauung, mein heutiger Text. Zwar heißt's auch: Ehen werden im Himmel geschlossen ; aber, ach! selten; und dann nur in dem Himmel , welchen wir im eigenen frommen Herzen tragen. Die meisten Ehen aber werden beim Rechnungsbuch geschlossen. und nach dem Gewicht der Geldkiste abgeschätzt; andere nach Länge, Höhe und Breite des Stammbaums, des Ranges und Standes gemessen; andere im blinden Siegesrausch gestiftet, da sich die Trunkenen vergöttern, und nachher nüchtern, bereuen, den Teufel angebetet zu haben. Da wird der Ehestand Wehestand; und der erwartete ewige Frühling, ewiger Winter!« »Wahrlich, ich sage Euch, mit Geld kann man Waaren erkaufen, auch Menschen, wie Waaren; aber kein Lebensglück. Geld ist so hartes, so kaltes Metall, daß es die wärmsten Herzen zu erkälten und die weichsten zu verhärten vermag. – Zusammengeleimte Stammbäume aber, und zusammengelöthete Vornehmheiten sind keineswegs vereinigte Seelen , nur Schattenbilder, die zwar in einander fließen, aber weder warm noch kalt machen. – Und Liebesrausch und Sinnentrunkenheit ist nicht des Menschen Vorzug. Er hat's mit allem Vieh in der Brunstzeit gemein.« »Nun zur Nutzanwendung, oder wie in jedem Ungemach des Lebens, die Ehe nie zum Wehe, sondern zum Wohle, und in den schmerzlichsten Stunden, zum Trost diene?« »Schönheit des Mannes, wie des Weibes, ist der natürliche Magnet, welcher beide zusammenzieht, den Mann und das Weib. Ein solcher Magnet kostet uns nichts; es ist nur geliehene Waare, die wir nach wenigen Jahren wieder zurückgeben müssen, an die Zeit , von der wir sie empfingen. Der Magnet zieht stärker zusammen, als er zusammen hält . Schon der Rost der Gewohnheit schwächt die Kraft. Schönheit ist ein geliehenes Ballkleid. Geht die Ballzeit zu Ende, gehört die Maske zum Plunder.« »Aber es gibt eine gewisse Schönheit, durch die wir auf immer gefallen. Sie ist nichts Erborgtes, sondern Errungenes; ist Gewinn unseres Verdienstes, daher unser bleibendes Eigenthum . Ich will's versuchen, meiner Martha bis zum Tode zu gefallen und noch, mit Runzeln im Gesicht, ihr Herz gefesselt zu halten. Theure Braut, versuch' es auch Du gegen mich!« »Dazu müssen wir jedoch nothwendig die Weihe ganz im Stillen vom lieben Gott selbst empfangen. Wir empfangen sie in öftern geheimen Unterredungen mit ihm, das heißt im Gebet; und durch Gottinnigkeit unserer Seele, das heißt durch göttliches Wandeln und Handeln . Hast du die heilige Weihe, dann wird's dir leicht, mir allezeit schön, ja mir lebenslängliche Braut zu sein.« »Dann wirst du, als Frau , so züchtig und jungfräulich-schamhaft bleiben, wie du heut bist als Mädchen . Denn der höchste Reiz des Schönen wirkt aus dem Seltenen, Verborgenen, Geheimnißvollen hervor; Alltägliches löset den Zauber.« »Dann wirst du, als Frau, so innig und eins mit mir in der Welt stehen wollen, wie heut, als Braut. Ja, Martha, wie ich mit Leib und Seele nur dir gehöre, so sei die Meinige; eine Seele in beiden Leibern; mein Gedanke, dein Gedanke; dein Geheimniß, mein Geheimniß; ich dir, du mir, in jeder Stunde, klar und offenbar, wie dem Allwissenden! Dann sind wir Eins , alle übrige Menschen, selbst die besten Freunde, sind für uns nur Nummer zwei . Mißtrauen im Herzen ist das Scheidewasser der Liebe.« »Dann wirst du, als Frau, als Matrone, schön sein, wie du heut bist, als blühende Jungfrau. Das beste Erhaltungsmittel weiblicher Schönheit ist weder Seiden- noch Perlenschmuck, sondern Reinlichkeit und geschmackvolle Ordnung. Das Weib ist die Seele des Hauses; darum spiegelt uns auch immer das Haus, sammt Küche und Keller treu entgegen, was das Weib darin ist. Dann wirst du, als Frau, sprechen, was du mir als Mädchen gesagt hast: Alles sparen, nur nicht eigne Mühe! – Dein Sparen soll dann meiner Arbeit den Segen geben, und der liebe Gott wird uns den seinigen nicht entziehen. Amen!« Der Redner schwieg und verbeugte sich mit komischer Höflichkeit ringsum gegen die Zuhörer. Doch Keiner lachte. Wester, wie verblüfft, blickte ihn stumm und ernst an, als hör' er noch immer Worte. Seine Frau und das Bräutchen saßen mit nassen Augen da. »Lustig, lustig!« rief Jonas. Aber Martha sprang auf, und umschloß ihn weinend mit beiden Armen. »Du hast dich mir zum zweiten Mal angetraut, o du Lieber!« rief sie: » Hier ist meine Kirche, hier der Altar!« Endlich öffnete auch der Krämer langsam den Mund und sprach: »Höre, Jordan, mein Lebtage hätt' ich das nicht hinter dir gesucht. Woher hast deine Gelahrtheit? Hast doch nicht studirt?« »O nein,« versetzte Jonas in heiterer Laune: »In Büchern hab' ich noch nicht halb so viel gefunden, als überall auf den Straßen. Von Zeiten und Leuten lernt man mehr, denn von dem größten Professor.« Eine tiefe Baßstimme klang von außen durch Zweige und Blätter der Laube herein: »Wahrgesprochen, braver Mann!« Hochzeiter und Gäste sahen sich um. Aber der Eigenthümer der Stimme war nicht zu erkennen. Der große Garten wimmelte von Spaziergängern. Man gab sich also ungestört wieder einer herzlichen Fröhlichkeit hin, wie zuvor; doch blieb etwas Feierliches in der Luft zurück, wie man's auch trieb. Da trat ein Fremder in die Laube; ein wohlgekleideter Herr; bat um Verzeihung, und fragte nach dem »Herrn Pfarrer«. Die beiden Frauenzimmer sahen sich einander wunderlich an und dann kichernd. Jonas machte dem Eindringling ungehaltene Miene. Wester hingegen zeigte lachend auf Jonas und sagte: »Wenn's einen Herrn Pfarrer unter uns gibt, so ist's der dort; obgleich sein Priesterrock so braun ist, wie sein Kupfer daheim.« Der Fremde verbeugte sich höflich gegen den vermeinten Geistlichen; legte einen seidenen Geldbeutel vor ihm auf den Tisch und sagte: »Ich habe Befehl, Ihnen für eine gehaltene Traurede Zahlung zu bringen. Nehmen Sie. Ich empfehle mich Ihnen.« Damit verschwand er wieder aus der Laube. Jonas saß ein Weilchen verduzt da; sprang auf und dem Unbekannten nach. Der hatte sich aber im Gewühl der zahllosen Lustwandelnden verloren. »Ist der Mensch ein Narr, oder will er mir die Schellenkappe auflegen?« murmelte Meister Jonas ärgerlich. »Ei, seht doch!« rief Frau Wester erstaunt, indem sie neugierig den Beutel geöffnet hatte: »Ein Hochzeitgeschenk, wie vom Himmel gefallen! Euch regnet das Glück zum Dach herein. Goldstück an Goldstück! Das muß vom Fürsten selber kommen.« Nun ging's ans Beschauen, Befragen und Rathen; doch Keiner lösete das Räthsel. Man trat wißbegierig vor die Laube. Man mischte sich in die Menge der Umherwandelnden. Man durchstrich alle Plätze und Gänge des weitläufigen Gartens und Fürstenparks. Vergeblich alle Mühe. 9. Das neue Ehepaar. »Jetzt schicke dich an, Kindchen, mit mir, nach Art vornehmer Leute, die Hochzeitreise zu machen!« sagte des andern Morgens der junge Ehemann: »Sie soll aber weder lange dauern, noch das kostbare Geschenk des unbekannten Gebers verzehren.« Darauf nahm er seine Martha in den Arm und führte sie in den eignen kleinen Kaufladen; erklärte ihr Namen, Zweck und Preise der zum Verkauf fertigen Arbeiten, und legte ihr das Buch vor, die Verkäufe einzuzeichnen. Von da begab er sich mit ihr in die Werkstätte, und in sein winziges Magazin von Metallen aller Gattung; in den Holzstall, auf den Estrich, in den Keller, und zuletzt in die Küche. Hier glänzten ihr, zierlich in Reih' und Glied, auf Gestellen, irdene, kupferne, zinnerne Teller, Schüsseln, Kochgeschirr für den Bedarf des kleinen Haushalts entgegen. Auf dem saubern Herde loderte schon helles Feuer, vom muntern Lehrknaben angezündet. Martha ließ sich's aber nicht nehmen, mit eigner Hand das erste Frühstück zu bereiten. Auch gestand Jonas, in seinem Leben hab' er keine Morgensuppe mit größerer Lust genossen, als diese. »Heut thu' ich in der Werkstatt keinen Streich!« sagte er: »sondern ich feiere nach Weise lüderlicher Gesellen blauen Montag. Denn es ist unsre Nachhochzeit. Komm, Liebchen. wir haben noch vielerlei zu berathen und zu schwatzen. Du bist nun Königin des Hauses; ich will dich in dein Reich einführen.« Er übergab ihr die Schlüssel zu Schränken, Weißzeug, Kleidern u. s. w. Sie ordnete und wies jedem den schicklichern Platz an. Er zahlte ihr das nach seiner Berechnung erforderliche Geld zur Bestreitung der Wirthschaftsbedürfnisse auf ein Vierteljahr voraus, und versprach es immer so zu halten. Aber dazu legte er ein Heft von zwölf Bogen Papier, um das Jahr hindurch täglich jederlei Ausgabe, auch die kleinste, einschreiben zu können. Das, meinte er, sei unentbehrlich, um immer zu wissen. wie es mit ihren Finanzen stehe, und je nach zwölf Monaten zu erkennen, wie viel jeder Haushaltungsartikel, Brod, Fleisch, Gemüse, Holz, Beleuchtung. Wäsche, Kleidung, Geräth und dergleichen gekostet habe. Ein ähnliches Buch führte er selber über Einnahmen und Ausgaben, die sein Handwerk betrafen. Nach diesen und andern Einleitungen begann folgenden Morgens die bestimmte Tagesordnung der Geschäfte. Früh auf um fünf Uhr, Winters wie Sommers; Betten gemacht; Stuben gereinigt; alle Arbeit zurecht gelegt; um sechs Uhr, nach gemeinschaftlichem Morgengebet, das Frühstück genommen; dann jeder an sein Tagwerk; um zehn Uhr jedem ein Stück Brod, als Zwischennahrung; um zwölf Uhr, nach kurzem Tischgebet, das Mittagsmahl; dann wieder an die Arbeit, bis um sechs Uhr ein leichtes Abendessen, und ein paar Stunden Arbeit, das Tagwerk beschloß. Die neunte Stunde rief zur Schlafkammer. Nur der Sonntag blieb Feiertag; einzig der Andacht und Erholung geweiht. Dies einförmige, thätige, eingezogene Stillleben behagte Allen gar wohl. Martha ging, Westers ausgenommen, zu keinen Besuchen, oder Gesellschaften, und entschlüpfte damit unvermeidlichen Klatschereien und Weiberhändeln. Jonas ahmte andern Meistern nicht nach, außer dem Hause bei Abendtrunk und Kartenspiel Geld zu verstreuen. Statt dessen ließ er von Zeit zu Zeit sich einen kleinen Aufwand nicht verdrießen, seiner jungen Frau und dem gutartigen Lehrling irgend unverhoffte Freude zu machen. Obschon der fleißige Meister mit Hammer und Meißel, Zargen und Stempel, bei Amboß und Schmiedeherd so umzugehen wußte, wie irgend Einer von der Profession, war sein Verdienst und Gewinn doch gering. Das aber schlug ihm den Muth nicht nieder. »Man muß leben,« sprach er: »wie man kann , nicht wie man will . Wer nicht auf den Berg kann, der bleibe im Thal. Drum, Martha, kehren Guldenstücke zu selten bei uns ein, laß uns Kreuzer herbeirufen. Sechszig machen auch einen Gulden.« Wirklich hatte er bald etwas mehr Einnahme, als er nebenbei auch anfing mit kurzer Waare, wie sie der Nadler verkauft, Handel zu treiben; so wie mit selbstverfertigten Riemenschnallen, Sprungfedern, Pfeifendeckeln, niedlichen Drahtketten, Vogelkäfigen, Siebwerk mannigfaltiger Gattung und anderm Kram. Bald bezog er selber, bald die junge Hausfrau, damit die Jahrmärkte in und außerhalb dem Fürstenthum Altenheim, und sie, wie er, kamen nie gänzlich ohne einen gefüllten Beutel von dem Ausfluge zurück. Meister Jordan verstand sich auf die Sache, seit den Tagen des Vater Thaddäus, des Kesselflickens und Hausirens sehr wohl. Die andern Meister sahen freilich verächtlich, oder mitleidig, auf den armseligen Marktfahrer herab und schämten sich beinahe desselben. Er jedoch ließ sie gewähren und dachte in seiner Art: »Besser demüthig gegangen, als hochmüthig gefahren. Ihr Nasenrümpfen macht mich nicht länger, nicht kürzer, als ich bin. Wer eine Leiter hinauf will, muß bei der untersten Sprosse anfangen.« Und er hatte Recht, der Himmel segnete sein unverdrossenes Bemühen. Der Himmel segnete auch die vielgeschäftige Martha. Denn nach Jahresfrist erschien mit großem Geschrei ein fremder und lieber Gast in der Wirtschaft; ein Söhnchen, so hübsch man sich's wünschen konnte. Jonas war darüber in den ersten Tagen voll ausgelassener Freude. Er tanzte; er weinte; er lachte; er betete; er sang. Der kleine Heide mußte ein Christ werden; mußte Veit heißen zu Ehren des Herrn Wester ; der und seine Frau die Taufzeugen wurden. Frischern Muthes ging's dann wieder ans Schaffen. Wohl hatten sich um etwas die Einnahmen gemehrt; zum Theil selbst die Kunden in der Stadt; doch auch die Ausgaben um etwas. Denn nun mußte eine treue Magd zur Hülfe genommen werden, die Hauswesen und Kind besorgte, wenn die junge Frau Meisterin, bald in diesem, bald in jenem Städtchen oder Marktflecken, in gefüllter Bude die Kunstwerke ihres Jonas mit geläufiger Zunge feil bot. Gewöhnlich übernahm die junge Frau diesen Zweig des Gewerbes; denn Erfahrung lehrte, daß sie mit ihrer freundlichen Miene mehr Kauflustige zur Bude heranlockte, als der ernste Mann; obgleich ihre Waare eine und dieselbe war; und daß sie jedesmal mit weit reicherer Aernte zurückkehrte, als er. So mehrte sich von Jahr zu Jahr ihr bescheidener Wohlstand; aber darum nicht der Aufwand. Die alte Häuslichkeit währte nach sieben vollen Jahren fort, wie zur Zeit des ersten Notstandes. »Mütterchen, lieb Mütterchen!« rief er eines Tags. als er im Sonntagsrock zur Thür hereintrat, denn er hatte einen Ausgang gethan. Sie hielt eben den kleinen sechsjährigen Veit im Arm und küßte ihn, weil er ihm vorgesagte Verse über Erwarten schnell auswendig wußte: »Mütterchen, kennst du am Schloßplatz das alte Eckhaus neben dem Hause des Gideon Kürbis? Es gehört dir und dem kleinen Buben da, der dir doch gar nicht lieb ist. Das Haus zwar ist schmal; unten nur Eingang, Wohnstube und bisheriger Tuchladen; doch übrigens geräumig für uns und bequem. Zwar gefällt mir die vornehme Kürbis-Nachbarschaft nicht; aber am volkreichen Schloßplatz ist für unsere Waare ein vorteilhafterer Stand, denn hier in der leeren Nebengasse. Zwar unser an Zins gelegtes schönes Geld fliegt davon; und wir sind aus Gläubigern Schuldner geworden. Nur die Hälfte erst des Kaufpreises hab' ich bezahlt. Aber der Preis war wohlfeil; am Zins sollen Miethsleute mitzahlen. Und Schuldensporne stacheln schärfer zum Sparen an, als goldne. Da hast du Schatten und Licht neben einander. Was meinst du?« Martha fühlte freudiges Schrecken. Wiewohl sie die Angst vor den Schulden nicht verheimlichte, schmeichelte es sie doch nicht wenig, Herrin eines eignen Hauses zu werden. Mit feuchten Augenwimpern lag sie an seiner Brust und sagte: »Was Du thust, das ist wohlgethan; dein Wille war immer der meine. Möge denn Gottessegen auch über der neuen Wohnung walten!« Für eine rührige Hausfrau, wie Martha , ward die Umgestaltung der häuslichen Dinge, der veränderte Platz der Haus- und Küchen- und Kellergeräthe, die neue Stätte jedes Stuhls, jedes Tisches, eine Umgestaltung des Lebens, und jeder Tag dabei ward, wie müde sie auch von den ungewohnten Anstrengungen Abends hinsank, ein Festtag. Er ebenfalls räumte geschäftig aus; sie räumte ein. Fast mehr, denn die Erwerbung der bleibenden Heimath, freute ihn die Lust der Glücklichen an dieser Verwandlung der Umgebungen. Und sein Wohlgefallen hinwieder an den Schöpfungen ihrer geschmackvoll ordnenden Hand, erhöht ihr Glück. Das letzte Stück bei der Umsiedelung trug er selbst zur neuen Behausung fort. Es war der hölzerne Kasten, worin das große fürstliche Wappen im breiten Goldrahmen verwahrt lag; sein Meisterstück. Er hatte es seit drei Jahren nicht wieder angesehen. »Nun denn!« lachte er spottend, als er das kostbare Machwerk vom hohen Gesims aus dem Winkel hervorzog: »du kömmst mir hintennach, wie die alte Fastnacht. Das gebührt dir. Ein prächtiger Quark, ich gesteh' es; leider Geld und Arbeit umsonst daran verschwendet! Was hilft doch ein goldner Galgen. wenn man daran zappelt!« Indem er über den Schloßplatz ging, sein Kunstwerk unterm Arm, und indem ihn im Strahl der Abendsonne die Fenster des fürstlichen Palastes blendend anblitzten, murmelte er: »Richtig, Glanz zu Glanz! dahin gehört der Plunder. Vielleicht macht er der alten Durchlaucht Vergnügen als Geschenk; denn kaufen wird Niemand den Tand.« Der flüchtige Einfall, je länger er ihn mit seiner Martha erwog, fand immer größern Beifall. »Wer weiß,« sagte sie: »wo wir noch einmal der Gnade des Hofes bedürfen!« – »Richtig, eine Hand wäscht dann die andre!« stimmte Jonas ein. Die erste Sonntagsarbeit in der neuen Wohnung ward nun ein ehrfurchtsvoller Brief an den Landesherrn. Er entwarf ihn; Martha schrieb ihn zierlich ab, was sie besser gelernt hatte, als er. Es war der Brief eines guten Bürgers an einen guten Fürsten, kunstlos und treuherzig. Jonas gestand darin sogar ehrlich, daß ihm das Prachtstück im Wege stehe, und zu nichts Besserm tauge, denn wenigstens ein geringer Beweis von Liebe und Ergebenheit eines redlichen Unterthans zu seinem gnädigen Landesherrn zu werden. – So schickte er das Geschenk ab. 10. Das neue Hausschild. Vierzehn Tage später ward ihm ein großes Schreiben der fürstlichen Kammer überbracht. Darin zeigten wenige Zeilen an: daß die allerunterthänigste Gabe mit allergnädigster Zufriedenheit empfangen worden sei, und Seine Durchlaucht geruht habe, dem Gürtlermeister Jonas Jordan das Prädikat » fürstlicher Hof-Gürtlermeister « beizulegen, welches derselbe auch auf seinen Hausschild zu setzen habe. Das bescheidene Ehepaar begriff anfangs gar nicht, was mit der unverlangten Ehrenbezeugung anstellen? Dann brachen beide in herzliches Gelächter über ihre eigne Verlegenheit aus. Denn bisher hatte keines von ihnen an Ausstellung eines Thürschildes gedacht. »Der alte Herr aber hat Recht!« sagte sie: »denn wer weiß denn, daß wir jetzt am Schloßplatz wohnen? So wird's doch aller Welt bekannt, und ein Schild schmückt dazu noch mit den goldenen Buchstaben das ganze Haus.« »Mag sein,« entgegnete er: »Mir wäre jedoch lieber, der Fürst hätte es unterlassen. Bloß Schnurrpfeiferei das, und nichts weiter! Aber, sei es! Zu großen Herren darf man nicht sagen: Ich bin Ich! Man muß sich auch für einen Nasenstüber von ihnen bedanken. Ein Stückchen Band von ihnen im Knopfloch bezahlt ihren tapfersten Männern den Verlust von Arm und Bein.« Das Schild ward also verfertigt und aufgehängt. Meister Jordan hatte den Malerlohn nicht zu bereuen. Schon der Besitz eines Hauses am Schloßplatz und dann darin der reich mit glänzenden Waaren ausgezierte Laden, brachten den bisher wenig beachteten Mann in Ruf einer Zutrauen erwerbenden Gehäbigkeit. Und nun gar dazu den Titel eines »fürstlichen Hof-Gürtlermeisters!« Das brachte die Eifersucht sämmtlicher Meister seiner Profession in Harnisch. Sie machten scheele Gesichter, so oft sie das Schild erblickten; höhnten und spöttelten darüber unter einander; konnten nicht begreifen, wie solch ein armseliger Schlucker zu der Auszeichnung gelangt sein möge; und jeder glaubte von sich, er hätte wohl eher den Vorzug verdient. Jeder aber ward zugleich fortan mit Jonas zuthunlicher und kameradlicher, weil man sich einbildete, er stehe bei Hofe in besondern Gunst. Jeder schüttelte ihm im Begegnen kräftiger die Hand; erkundigte sich nach Wohlbefinden von Frau und Kind, und strafte ihn mit Vorwürfen, daß er sich nie, in ihrer Gesellschaft Abends, auf der Zunft, oder bei dem und diesem Gastwirth, sehen lasse. Auch Herr Gideon Kürbis nahm nicht länger Anstand, den höflichen Nachbarschaftsbesuch zu erwiedern, welchen Jonas und Martha dem reichen Goldschmied längst abgestattet hatten. »Ja, ja!« rief er bei seinem Eintritt, indem er umherschaute: »Das ist hier eine ganz schmucke, schickliche Wohnung für Euch. Ich hoffe, wir werden gute Nachbarn werden, Meister Jordan. Es freut mich, wenn unsre Kinder mit einander spielen. Freilich, mein Edwin ist achtzehnjährig; künftiges Jahr, Notabene! geht er auf die Universität. Er muß Jura studiren. Aus ihm wird mit der Zeit etwas werden. Euer Veit hingegen paßt noch ganz zu meiner kleinen Ida. Und, Notabene, daß ich's nicht vergesse, gratulire, Herr Hofgürtler, zur neuen Würde.« Jonas verbarg das Gesicht schalkhaft und sagte: »Was mehr? Ein Flicken von Seidensammet auf einem schäbigen Zwillichkittel.« »Hm!« versetzte Herr Gideon und warf den Kopf etwas zurück: »Nicht also! Ehre geht über Alles.« »Und Ehrlichkeit noch über Ehre!« erwiederte der Hofgürtler . »Davon sprech' ich nicht, Meister Jordan. Ich meine nur, überall gibt ein Titel doch mehr Respekt et cetera .« »Ueberall, Herr Kürbis, wo man lieber den Einband, als das Buch, ansieht. Man soll sich aber in die liebe Narrenwelt schicken, wenn man nicht beständig das Pritschholz der Hanswurste auf dem Rücken fühlen will.« »Ihr seid immer noch der wunderliche Kauz, wie vor Zeiten, Meister. Ja, ja, Ihr müßt jetzt andere Sprache führen; andern Ton annehmen.« »Sehen Sie, Herr Kürbis, wenn man den Hahn im Hühnerhof auch Truthahn nennt, oder wohl gar Vogel Strauß: er kräht dennoch, nach wie vor, wie ein Hahn.« Der edle Gideon , welcher sich von jeher gefiel, den ehemaligen Jugendgenossen, als Unwissenden zu hofmeistern und Geistesüberlegenheit fühlen zu lassen, schüttelte unzufrieden den Kopf und suchte ihn eines Bessern zu belehren. »Ihr dürfet,« fuhr er nach einer langen, wohlgesetzten Rede fort: »Ihr dürfet, zum Exempel, anständiger Weise nicht mehr mit der Schürze und aufgestreiften Hemdärmeln, über die Gasse laufen. Wenn das Se. Durchlaucht erfahren sollte! Auch, und das begreift Ihr wohl selbst, wär' es sehr unangemessen, wenn ein Herr Hofgürtler, wie ein hausirender Jude, mit Kram auf dem Karren, bald hierhin, bald dorthin, zu Markt führe. Das wäre ja ein Schimpf für Euch!« »Schimpf! Pah!« rief Jonas: »Man muß die alten Schuhe nicht wegwerfen, bevor man neue hat.« »Ihr vergeßt,« warf Gideon ein: »daß Titel doch immer eine gewisse Bedeutung geben.« »Ei was!« rief Jonas ärgerlich: »Alles muß in der Welt seinen Namen haben von Adams Zeiten her; aber Titel sind Schatten des Namens und kaum das; nur Schatten eines Schattens. Dergleichen Ehre ist ein Schaugericht, davon keine Fliege satt wird. Vor Geld ziehen die Leute den Hut am tiefsten ab; das ist auch Ehre.« »Mag sein, wenn man's eben hat!« sprach Herr Gideon und zupfte die Hemdkrause etwas weiter vor, indem er die Goldringe an den Fingern funkeln ließ. Darauf trat er vertraulich näher, und sagte, den Kopf bedeutsam auf- und abwiegend: »Es fällt mir eben ein, . . . wie dünkt es Euch, . . . zum Exempel, wenn ich fürstlicher Hof-Goldschmied et cetera , werden könnte? Es wäre mir, Notabene! aus gewissen Gründen nicht ganz unlieb. Sagt, wie habt Ihr Eure Sache so klug bei Hof angestellt?« Meister Jordan, den das lange und leere Geschwätz in der Arbeit hinderte, und den die eitle Hoffart des Mannes nicht wenig anwiderte, antwortete kurz: »Ei man wirft nur einen nichtsnutzigen Strohwisch in die Höhe, dann regnen Stoppeln zurück. Nun wissen Sie's!« Der Goldschmied ließ sich durch die seltsamen Antworten des Murrkopfs gar nicht zurückschrecken. Er fuhr in seinen Forschungen unermüdlich fort. Der Hofgürtler hinwieder, der nicht die mindeste Lust hatte, ihm oder andern Neugierigen zu beichten, was seine Haussachen anging, fertigte ihn eben so beharrlich mit räthselhaften Sprüchen ab. Denn es gehörte zu seiner und Martha's Hauspolitik, keinen Fremden in ihre besondern Verhältnisse, auch nicht in die unbedeutendsten einzuweihen, um jeder Klatscherei zu entkommen. Das war inzwischen so leicht nicht. Denn gerade dies zurückhaltende Wesen und daß man von den beiden Leutchen nicht zu reden wußte, gab am meisten zu reden. Es verbreitete sich plötzlich das Gerücht, Jonas sei ein Glückskind; überreich geworden; habe das große Loos der Frankfurter Lotterie gewonnen; Haus und Titel gekauft; große Kapitalien außer Landes an Zins stehen. Das sei das ganze Geheimniß, und der Mann nebenbei ein schlauer Fuchs, ein Knicker, ein Filz, der nie genug habe, der Frau und Kind hungern lasse, und jedes Schwefelhölzchen zwölfmal spalte. Wenn Martha solcherlei Geschwätz vernahm, ward sie oft empfindlich. Er aber lachte und sagte: »Nicht doch, Herzchen, warum grämst du dich? Ich bin den Leuten dankbar, daß sie mit christlicher Liebe uns nur Worte nachwerfen, nicht Steine. Es ist mit dem Mundloch am Kopf, wie mit dem Spundloch am Faß. Geht der Zapfen auf, fährt kein besserer Wein heraus, als der im Faß. Gönne also den Schwätzern die Lust am Lästern, wie den Gänsen das Zischen und den Hunden das Bellen. Gegen Cholera und Pestilenz sind Heilmittel erfunden, aber noch keins gegen ein böses Maul. Gib dich also zufrieden; Kaiser und König müssen's eben so thun. »Heut ist die Reihe an uns, morgen sind wir vergessen und schießt man nach andern Scheiben. Das ist das Beste vom Ganzen.« Schlecht und recht lebte der Hofgürtler mit seiner Frau, nach wie vor; thätig in Werkstatt und Laden, auf Messen und Märkten. Und doch vergingen Jahr um Jahr, eh' an der Geldschuld vom Hause der letzte Gulden bezahlt werden konnte. Fröhliche und traurige Tage wechselten. Sie wurden, die einen wie die andern, mit Dank gegen Gott empfangen. Am schmerzlichsten war für die kleine Familie der Verlust ihrer einzigen Freunde, mit denen sie von jeher am vertrautesten gelebt hatten. Frau Wester starb nämlich an den Folgen des Kindbettes, als sie ihrem Gatten das erste Töchterlein geschenkt hatte. Seitdem kränkelte auch er, von stillem Gram verzehrt, und heimlichen Nahrungssorgen gedrückt. Dann, was man erst spät erfuhr, war der größte Theil seines Vermögens durch Bürgschaften verloren gegangen, zu denen er sich allzu unbehutsam oder zu gutmüthig, gegen leichtsinnige Personen verpflichtet hatte. Als er, vier Jahre nach dem Tode seiner Frau, ihr in die Ewigkeit folgte, hinterließ er nichts, als sein unmündiges Kind und einige Schulden. Meister Jordan zahlte diese für seinen Freund; und Martha nahm das Töchterlein zu sich, dessen Pathin sie geworden. Herr Wester war ruhig, ja freudig aus diesem Leben geschieden, weil er seine kleine Christiane nun wohl aufgehoben wußte. 11. Der Sohn des Handwerkers. Indessen war auch der eigne Sohn des Hauses herangewachsen, ein hübscher, kernhafter Bursch, schlank und schmiegsam, mit dunkelbraunem Krauskopf, blauen Schalksaugen, und einem Gesicht, gegen welches wohl manches Mädchen das ihrige gern vertauscht haben würde. Es schien fast, als habe die Natur für ihn, von Vater und Mutter nur das Schönste ausgewählt! Dabei war er einfach, in strenger Zucht erzogen; der Hausordnung pünktlich unterthan; ein Spreuersack des Nachts sein Bett; am Tage leichtes Gewand, Winters und Sommers, sein Kleid; gegen Wind und Wetter abgehärtet; oft, als zarter Knabe schon, ohne Schonung, nur mit einem Stück Brod im Sack, über Feld geschickt, Bestellungen auszurichten. Unwahrheit ward ihm als das schwerste Verbrechen, Entbehren können, als die größte Ehre angerechnet. Er glich in seinem Aeußern vollkommen einem Gassenbuben, und doch sah man ihn nie sich mit Buben auf den Gassen umhertreiben. Er hatte keine Altersgenossen zu Gespielen, als welche der Vater ihm gestattete. Die Leute in Altenheim nannten das Rohheit, Tirannei. Jeder Handwerker, bemittelt oder unbemittelt, glaubte seine Kinder besser zu erziehen, und sparte dafür kein sauererworbenes Geld; selbst nicht Schulden. In erster Kindheit müssen die lieben Kleinen stets aufgeputzt erscheinen; nicht ganz hinter der Mode zurückbleiben, um andern Kindern nicht an Schönheit nachzustehen. Waren sie alt genug, die Schule zu besuche, ließ mau ihnen schon mehr Freiheit. Die kleinen Mädchen hatten sogar Kinderbälle und Soireen; Musik- und Tanzmeister. Waren sie vierzehnjährig, konnten sie sich schon, wie Salondamen, geberden; feine Spitzenarbeiten und Stickereien verfertigen; über die Toilette anderer Frauenzimmer kunstrichtern; über gewisse Herzensgeheimnisse unter einander kichern; auch recht artig liebäugeln und sogar Romänchen spielen, so niedliche, wie sie dergleichen je gelesen haben mochten. Anders und derber verfuhr man mit den Knaben. Freilich, so lange sie in die Schule gehen mußten, wollte man ihnen nicht wehren, auf den Straßen umherzujagen, und dumme Streiche zu machen. Jeder Vater gedachte dabei seiner eigenen Jugend. Und wenn das Bürschchen etwa dazu noch schwören und fluchen lernte, wie ein Soldat; oder eine Pfeife oder Cigarre ganz ehrbar schmauchen und einen Schnapps Branntewein herzhaft wegtrinken konnte, lachte man sich über den kleinen Affen todkrank. Aber im fünfzehnten Jahre oder im sechzehnten ward er aus der Schule genommen, mochte er gehörig lesen, schreiben und rechnen können, oder nicht. Da ward er zum Handwerk gethan; lernte es treiben, so gut oder schlecht, wie es der Meister verstand; nebenbei auch von den Gesellen zuweilen Zotenreißerei und Schelmenstückchen aller Art. Ward er endlich selber Gesell, ging's in die Fremde. In der Regel kam er aus derselben ohngefähr so klug und geschickt zurück, als er hineingewandert war. Es wird dies nur beiläufig hier angeführt, um zu erklären, warum in Altenheim die Handwerksleute, ungeachtet ihres Aufwandes und Großthuns, zu Hause gewöhnlich übel standen und viele derselben zu Grunde gingen; nach Amerika auswanderten, oder kleine Bedienungen und Anstellungen suchten; oder zuletzt auch im Armenhause vorlieb nahmen. Mochte man spötteln und tadeln, wie man wollte, Meister Jonas ließ sich von seiner Art und Weise nicht abwendig machen. Er dachte oft an Vater Thaddäus . Er wollte nicht schlechter sein, denn derselbe. Darum erzog er seinen Veit ebenfalls, wie er erzogen war. Und der Knabe gedieh, bei dieser Zucht, an Leib und Seele; fleißig in der Schule, fleißig in der Werkstatt; anstellig in jederlei Verrichtung; mit allen Menschen wohl an. Nachdem Veit sein sechzehntes Jahr vollendet hatte, wurde er zum Lehrling des Gürtlerhandwerks aufgenommen. Er saß damals schon in einer der obern Klassen des Altenheimer Gymnasiums, und nicht ohne Auszeichnung unter seinen Mitschülern durch Fähigkeit und Lernbegierde. Jonas, der zu seiner Zeit wenig Weisheit aus der Schule heimgebracht hatte, und kaum die Namen Mathematik, Algebra, Physik, Chemie u. dgl. kannte, war aber darum kein Mann vom gewöhnlichen Schlage jener Handwerker, die ihre Söhne so zeitig, als möglich, den öffentlichen Unterricht entziehen, und sich in ihrer Dummheit gar klug dünken, wenn sie sagen: »Mein Bursch soll nicht überstudieren, sondern werden, wie ich. Ich bin auch kein Gelehrter. Man kann nicht zweierlei Dinge mit einander treiben. Ein gelehrter Professionist taugt am Ende weder zu einer Profession, noch zu einem Professor.« Veit mußte während seiner vier Lehrjahre immerfort, nach wie vor, die Schule besuchen, und dabei in den Freistunden tapfer in der Werkstatt bei seinem Vater schaffen. Er konnte das, ohne darum Pfuscher und Stümper in seinem eigentlichen Beruf zu werden. Denn schon, als er zum Lehrburschen gemacht ward, verstand er durch früheres bloßes Zuschauen von der Arbeit so viel, als ohngefähr ein gemeiner Gesell. Es war gar kein Wunder. Seit zwölftem Jahre schon hatte er, außer der Schulzeit, dem Vater in der Werkstatt helfen müssen, und dadurch Handfertigkeit und Kenntniß in den Geschäften bekommen; während Andre seines Alters und Standes, sobald sie der Schulmeister Abends entlassen hatte, in der Stadt umherliefen, mit einander rauften, die Fremden neckten, oder andre Possen trieben. Ja was noch mehr war, Veit, weil er gut zeichnen konnte, entwarf in seinen Lehrjahren schon für seinen Vater neue Muster zu Waaren mit erhabnen Figuren, zu durchbrochenen Knöpfen, und anderm Schmuckwerk. Weil er gründlichere Kenntniß von Metallen und ihren chemischen Verwandtschaften, von Erdarten, Säuren, Salzen und Wirksamkeiten der Naturkräfte besaß, konnte der Lehrjunge nicht selten sogar die Gesellen zurechtweisen, sobald sie sich ungeschickt benahmen. Wenn sie irgend eine schwierige Form nicht in erforderlichem Ebenmaß herauszubringen verstanden, hin und her probierten, maßen, in Papier ausschnitzelten, hatte er's auf der Stelle, vermittelst einer einfachen mathematischen Formel, berechnet, und fertig. Diese Geschicklichkeit des Sohnes kam dem Vater in einem sehr unerwarteten Falle wohl zu statten. 12. Die große Lieferung. Eines Morgens trat ein fürstlicher Kanzleidiener zu Jonas ins Zimmer, und trug ihm auf, sogleich vor dem geheimen Kabinetsrath Herrn Grafen von Salm zu erscheinen. Jonas warf sich unverzüglich in die Sonntagskleider; und nachdem ihn Martha vorher, mit weiblicher Sorgfalt von Kopf zu Fuß gemustert hatte, ob sich ihr Männchen auch wohl mit Ehren vor einem so hochgestellten Herrn zeigen dürfe, begab er sich etwas scheu und etwas neugierig ins Schloß. Der Kabinetsrath , nachdem er die ein wenig linkischen, wiederholten Verbeugungen des Eintretenden mit leichtem Kopfnicken erwiedert hatte, schritt ohne Zaudern zur Sache, mit der Anzeige: Dieweil er, Meister Jordan, Hof-Gürtlermeister sei, wär' er, auf Befehl Sr. Durchlaucht zuerst einberufen, in einer sein Fach beschlagenden Angelegenheit Auskunft zu ertheilen. Der bisherige Vertrag mit der Fabrik zu Florburg wegen Lieferung von Blechen für Tschakos, Patrontaschen, Uniformknöpfe, Pferdegeschirre, Beschläge der Pistolen, Gewehre, Säbel, Degen u. s. w. der fürstlichen Truppen sei schon seit einigen Jahren abgelaufen, und aller Vorrath erschöpft. Es müsse ein neuer Vertrag abgeschlossen werden, und daher entstehe die Frage . . . Hier brach der Kabinetsrath plötzlich ab und sah dem Meister Jordan scharf ins Gesicht. Dieser, dem vorher das Herz aus Angst klopfte, fühlte es jetzt noch heftiger in Hoffnung und Freude pochen. Aber er verwunderte sich nicht wenig, als der Herr Graf ihn fragte: »Seid Ihr nicht derselbe, – wie ist mir denn? – dem ich, es sind viele Jahre seitdem, in einem Garten einmal zu seiner Hochzeit eine Geldbörse gegeben habe?« »Weiß nicht, ob's eben Ihre Exzellenz war, oder wer anders?« antwortete Jonas: »Aber ja, ich empfing den Beutel mit Goldstücken beim Essen in der Laube; und suchte nachher den gütigen Geber vergeblich in allen Winkeln des großen Gartens stundenlang. Es mögen wohl zwanzig Jahre her sein, oder . . . nein, nein! Mein Sohn Veit hat erst achtzehn. Ihre Exzellenz, ich muß es sagen, hat ein gutes Gedächtniß.« »Die Kreuznarbe da, an Eurer rechten Stirnseite, brachte mich auf die erste Spur!« sagte der Kabinetsrath lachend, und verließ das Zimmer, als Jonas eben im Begriff war, zu berichten, wie er als Kind beim Hausirerleben zu der Kreuznarbe gekommen sei. Nach einer Weile kehrte der Graf zurück, begleitet von einem betagten, wohlbeleibten Herrn, dessen heiteres, volles Gesicht die wohlwollendste Gutmüthigkeit aussprach. Jonas erkannte ihn sogleich und verbeugte sich fast bis zur Erde. Es war der regierende Fürst, der vortrat. Der geheime Kabinetsrath blieb ehrfurchtsvoll seitwärts einen Schritt hinter ihm. »Aha! treff' ich Euch endlich, Herr Pfarrer!« lachte der Fürst: »Ich habe Eure ganze Traurede von Anfang bis zu Ende hinter dem Busch oder Hag gehört, und noch lange meine Lust daran gehabt. Hättet Ihr Theologie studiert, ich hätt' Euch damals zu meinem Hofprediger gemacht, statt zum Hofgürtler. Nun, ich glaube, Ihr seid ein ganz gescheider und geschickter Mann. Denn das hübsche Wappenschild, das . . . irr' ich nicht, so bin ich wohl gar noch Euer Schuldner. Nun, laßt's gut sein. Vielleicht werden wir wegen der Lieferung, von der Ihr gehört habt, Handels einig; dann soll's Euer Schade nicht sein. Doch müßt Ihr auch nicht den meinigen verlangen. Beantwortet meine Fragen bestimmt und aufrichtig, wie es einem ehrlichen Manne geziemt.« Jonas wiederholte seine stummen Verbeugungen. »Ich könnte,« fuhr der Fürst fort: »Ich könnte auch die Waaren im Ausland verfertigen lassen. Das leidet keine Schwierigkeit. Was denkt Ihr dazu?« »Ei nun,« antwortete Meister Jordan: »ich denke, Ihre Durchlaucht beliebt ein wenig zu scherzen. Ein so weiser Regent, wie Sie sind, gnädigster Herr, nimmt nicht das Geld der Unterthanen und schickt es in andere Länder für Dinge, die er eben so gut im eigenen Staat erhalten kann. Ein so gütiger Landesvater, wie Ew. Durchlaucht, ich sage das ohne Schmeichelei, wird seinen armen Kindern nimmermehr Verdienst und Brod entziehen, um es Fremden zuzuwerfen.« Der Fürst lachte herzlich bei dieser Rede und sagten »Da haben wir's! Er predigt meisterlich. Allein, Herr Pfarrer, es kömmt darauf an, ob die Handwerker im Fürstentum so gute Waare zu liefern vermögen, wie anderwärts.« »Gnädigster Herr, das hängt von einer Probe ab.« »Allerdings. Ich weiß, unsere Leute hier verfertigen solide, dauerhafte Arbeit; aber gewöhnlich plump, geschmacklos, oft recht unverständig. Wie geht's zu, daß die Fabriken ihre Waare netter und wohlfeiler geben, und überhaupt Vieles besser zu leisten verstehen, als unsere meisten Handwerksleute?« »Weil in den Fabriken,« erwiederte Jonas achselzuckend: »Leute angestellt sind, die an höhern Schulen mehr gelernt haben, als unser Einer zu lernen Gelegenheit hat.« »Zum Henker!« rief der Fürst: »Warum lernt Ihr nichts?« »Ihre Durchlaucht, aus einfachem Grund: Geld, oder Gelegenheit fehlen, und die hiesigen Schulen dazu sind schlecht. Ja, gnädigster Herr, rund heraus gesagt, schlecht . Da müssen unsre Söhne lateinisch und hebräisch, griechisch und chaldäisch lernen, wie man vor tausend Jahren sprach; aber nichts von dem, was jetziger Lebens- und Weltverkehr nöthig macht, kein englisch, oder italienisch, oder französisch. Da sind unsere Knaben mit Einrichtungen, Geschichten, Thürmen und Mauern vom alten Aegypter- und Römerland, Babylon und Mesopotamien bekannter, denn mit ihrem eigenen Vaterlande; gerade, als lebten wir noch vor etlichen hundert Jahren, und nicht heut in dieser Welt. Mag's gut sein für Gelehrte, die nichts Besseres zu thun haben; für Advokaten und Pfarrer, Doktoren und Professoren. Aber deren sind eine kleine Zahl; dagegen der Handwerks- und Gewerbsleute und Landwirthe desto mehr. Die sollten zu ihrem und des Landes Nutzen, statt der Schulfuchsereien, mehr vom Rechnen und Messen, von Kräften und Arten der Elemente, der Metalle und Kräuter wissen. Ja, gnädigster Herr, ich hab' auch einen Sohn. Hätte der nicht zu Hause für sich aus Büchern mehr gelernt, als in der lateinischen Stadtschule, er wäre ein armer Tropf.« Der Fürst ließ ihn willig reden; nickte zuweilen dazu, oder warf seitwärts dem Kabinetsrath einen bedeutsamen Blick zu. »Die Sache läßt sich in Ueberlegung ziehen!« sprach er. »Aber, was meint Ihr, wenn ich Euch die ganze Lieferung übergebe? Ich habe Vertrauen zu Euch.« »Ich danke Ihrer Durchlaucht dafür, doch den Vorzug verdien' ich nicht. Viele meiner Mitmeister verstehen sich auf die Profession gewiß nicht schlechter, denn ich. Man würde das nur Herrengunst nennen und mich anfeinden. Lieber nichts, als Haß. Ein freundlich Gesicht ist allzeit das beste Gericht, pflegt man zu sagen.« Der Fürst klopfte ihm auf die Schulter und sprach: »Bieder und brav, Meister Jordan! Aber was wäre Euer Vorschlag?« Jonas schwieg sinnend ein paar Augenblicke und antwortete darauf: »Wenn Ihre Durchlaucht es gnädig aufnimmt, möcht' ich mir erlauben, den möglichst billigsten Preis aller begehrten Artikel einzugeben, wenn man mir nur vorher bekannt macht, von welcher Gattung, Güte, Form und Menge von jeder Sorte verlangt wird. Hernach könnte die ganze Lieferung öffentlich ausgeschrieben und den Mindestbietenden zugeschlagen werden, mit Vorbehalt der Waarenprüfung durch Sachkundige.« »Verständig gesprochen!« rief der alte Fürst und entließ endlich, nach mancherlei andern Reden, den Meister, dem, sobald er das Schloßthor hinter sich sah, zu Muthe ward, als wär' er selber Fürst geworden. Er hatte seiner Hausfrau und dem Veit viel zu erzählen. Wirklich empfing er nach einigen Wochen das Verzeichniß vom Umfang der gesammten Lieferung, welche, nachdem er die genaue Angabe der Preise eingereicht hatte, für die, welche die Lieferung übernehmen wollten, in den öffentlichen Blättern kund gemacht wurde. Auswärtigen Bewerben blieb einstweilen der Zutritt untersagt. Die inländischen gerieten nun unter sich in eifersüchtige Bewegung. Einige versammelten sich, um das Geschäft gemeinsam zu behandeln. Andere horchen umher, wie wohlfeil dieser oder jener die Waare zu geben gedächte. Zuletzt wurden sie allesamt uneinig. Jeder handelte für sich, und übersandte in bestimmter Zeitfrist, seine Eingabe an die fürstliche Rechnungskammer. Martha und Jonas zitterten ängstlich dem großen Tag der Entscheidung entgegen; aber sie fielen einander lautlos um den Hals, als der Kammerbote ein fürstliches Reskript überbracht hatte, kraft dessen dem Hofgürtler die Lieferung anvertraut wurde. Martha wankte hinüber in ihre Kammer; Jonas folgte ihr. Sie lag auf den Knien, im Dankgebet zu Gott, leise betend, still weinend. Er knieete neben ihr, und sein Auge fand endlich Thränen, sein Herz die gewohnte Ruhe wieder. Denn nun war ihnen geholfen und Aussicht geworden, die alte Schuldenlast des Hauskaufs abwälzen und freiere Tage erleben zu können. Wohl hatte sich der Verdienst vom Gewerbe bisher sehr verbessert; doch bei weitem nicht zur Genüge. Neben Bedarf für Wirtschaft und Werkstatt, rafften die Zinszahlungen das Beste hinweg, nicht weniger auch Anschaffung kostbarer Bücher für den fleißigen Veit und, neben dem Schullohn, für ihn auch der Unterricht, welchen er bei zwei Privatlehrern genoß. Darin sah man den Meister Jordan nie knausern. »Ein Schatz in Kopf und Herzen bewahrt,« sagte er oft: »ist sicherer, als Geld in eisernen Kisten gespart.« Eilfertig macht' er sich ans große Unternehmen. Er empfing, nach Abschließung des Vertrages, Vorschüsse durch die Regierung zum Ankauf beträchtlicher Vorräthe von Metallen, Materialien und Werkzeugen. Er stellte Gesellen in hinlänglicher Zahl, und verdienstlose Meister in der Stadt, zur Mitarbeit, an. Veit half dabei tüchtig; unterrichtete; zeichnete vor. Martha gab Messen und Märkte auf; führte Rechnungswesen und Briefwechsel. Jonas leitete das Gesammte, mit scharfem Blick auf das Ganze und Einzelne, im Thun und Lassen aller. Das fruchtete. In weniger, als anderthalb Jahren, war die volle Lieferung beendigt und zur Zufriedenheit der hohen Landesbehörden gereichend; Meister Jordan schuldenfrei, ein nun wohlhabender, geachteter und beneideter Bürger. Er hielt mehrere Gesellen. Seine Kundschaft hatte sich von allen Seiten gemehrt, und sein Waarenladen den besten Ruf gewonnen. Demungeachtet blieb er der schlichte, einfache Mann, wie er bisher gewesen; sehr eingeschränkt und eingezogen; vom Morgen bis Abend an der Arbeit, als wär' er noch Anfänger. Andre Bürger thaten neben ihm, wie große Herren. Er hingegen meinte: »Wer auf ebner Erde bleibt, fällt nicht tief.« 13. Die Wahrzeichen für wandernde Handwerksbursche. Veit war indessen zwanzig Jahre alt geworden, und Gesell. Er sollte auf die Wanderschaft gehen. Dem jungen Burschen ward's dabei eng und schwer ums Herz. obgleich er sich aufs Reisen freute. Aber mit Vater und Mutter war er, wie zusammengewachsen; und, von ihnen getrennt, noch athmen zu können, konnte er kaum glauben. Und die muntere Christiane im Hause, Krämer Westers Tochter, galt ihm, wie eine liebe, kleine Schwester; und – eine andre dann, außer dem Hause, die er Niemandem nannte, wie noch viel mehr. Fast jeden Sonntag, besonders in den zwei letzten Jahren, brachte er in der Familie des Herrn Kürbis zu, wo man ihn gern sah. Denn er war ein bescheidener, gefälliger junger Mensch; fast zu hübsch für einen Gürtlergesellen, glaubte Madame Rosine oder Rosa Kürbis . Ida, ihre Tochter, glaubte es auch. Das Mädchen war sechzehn Jahr alt, und machte also Anspruch auf Urtheil. Sie benahm sich gegen alle Welt sehr nein und vornehm, aber gegen den artigen Veit gar nicht. Sie wollte auch keine Jungfer mehr sein, sondern Mademoiselle oder Fräulein heißen; hingegen von Veit hörte sie sich lieber Ida nennen und unter vier Augen blieb es auch zwischen beiden beim Du und Du der Kinderjahre. Sie hatte nichts an ihm auszusetzen, als seine Unbekanntschaft mit ihren Lieblingsdichtern; seine Blödigkeit und Entbehrung aller schwärmerischen Gefühle für das Erhabene und Schöne. Darum las sie ihm, um seinen Geschmack auszubilden, die gelungensten Stellen aus ihren Lieblingsbüchern vor; oder spielte und sang, um ihn empfindsamer zu machen, was sie auf dem Klavier gelernt hatte. Sie unterrichtete ihn in Vielem, sogar mehr, als dem guten Jungen zu seinem Frieden diente. Daraus erklärt es sich, warum es ihm so schmerzlich fiel, in die Fremde zu ziehen und sich von allen seinen Himmeln loszureißen. Und doch mußte es sein. Es war ein hartes Scheiden. Am Abend vor der Abreise schloß ihn Vater Jonas noch einmal in seine Arme, drückte ihn fest an seine Brust und sprach: »Höre, Veit, Du bist ein guter Bursch, bleib' Dir, bleib' Deinen Aeltern, bleib' Gott getreu; dann ist Alles gut! – Ich will Dir aber noch guten Rath auf den Weg mitgeben. Setz' Dich zu mir, Höre mich.« Veit nahm einen Strohsessel. Ihm zur Seite saß die tiefbewegte Mutter, die seine Hand fest in der ihrigen hielt; vor ihm der Vater, der nun also sprach: » Handwerk , sagt's Sprüchwort: hat goldenen Boden ; doch nicht jeder versteht ihn zu legen. Das lerne! Vielen Handwerkern fehlt hier zu Lande Lust, Trieb und Geschick, ihr Gewerb zu verbessern . So was muß man in der Fremde suchen und lernen.« »Um mit Nutzen zu reisen, mußt du unterwegs nichts sehen, wovon du nicht das Wie? und Wozu? erfährst. Wer andere reiset, ist nur, wie im Schlaf, durch die Welt gelaufen, und hat draußen grüne Bäume, bunte Häuser, und zweibeinige Menschen gesehen, was er daheim auch findet. Ich habe Handwerksbursche gekannt, die von großen Städten nichts zu sagen wußten, als das Wahrzeichen , in Straßburg das große Münster, in Basel den Lallenkönig.« »Wie man oft aus Gesichtszügen eines Menschen auf dessen Gemüthsart schließen kann: so haben auch Länder und Städte ihre prophetischen Gesichtszüge. Dies sind die eigentlichen Wahrzeichen , die jeder wandernde Handwerksbursch beobachten soll. Die helfen ihm auf die Spur, was er zu erwarten hat.« »Findest du in einer Stadt viel Wirthshäuser, Wein-, Bier- oder Schnappsschenken: so verlaß dich darauf, da gibt's viel lustige Gesellen; aber am Zahltag betrübte Gesichter und selten häusliches Glück.« »Kömmst du in eine Stadt, wo Misthaufen auf den Straßen liegen: so zähle nicht viel auf Arbeit bei einem Meister. Denn die Bürger sind dort ehrsame Bauern in Perrücken.« »Wo die Glocken allzuoft läuten und Sonn- und Festtage kein Ende nehmen, versieh dich mit kleiner Münze: denn du wirst sie für die Bettler brauchen.« »Fahren am Tage prächtige Karrossen durch die Straßen, aber fehlen des Abends die Straßenlaternen: so gleicht die Stadt einer gernschönen Dirne, die unter seidenen Kleidern ein zerrissenes Hemd trägt.« »Wo die Alten daheim arbeiten, und die jungen Herren in den Wochentagen mit den Bürgertöchtern Lustparthien machen, kannst du Bankerotte prophezeien.« »Schließe nicht von vielen Kirchen und hohen Thürmen eines Ortes auf viele und hohe Frömmigkeit daselbst; nicht von reichen Kleidern auf reiches Vermögen der Leute; nicht von Ordensbändern auf Verdienst ihrer Träger. Das und dergleichen sind Aushängeschilder; Wirtshäuser haben solche nicht allein in der Welt.« »Wo dir stolze Denkmale entgegenprangen, dem und diesem zu Ehren, glaube nicht, sie sollen den und diesen verewigen, sondern Monumente der Eitelkeit derer sein, welche sie errichtet haben.« »Wo du dem Bauer nicht schon mit Sonnenaufgang bei der Feldarbeit begegnest, sitzen gewiß Abends viele beim Bier und Branntewein beisammen, lange nach Sonnenuntergang.« »Wo die Landleute grob und unhöflich sind, hat der Ochs an der Krippe bessere Lehre gegeben, als der Schulmeister; wo sie aber zu demüthig kriechen und hinterrücks tückisch grinsen: da hauset in der Gegend, glaub' mir's, ein böser Geist, irgend ein tirannischer Dorfkaiser.« »Hast nicht nöthig um die Ringmauern der Stadt zu gehen, oder auf den Thurm zu steigen, um zu wissen, wie groß sie sei. Sie ist gewiß klein, wenn sich die Leute viel grüßen und abgegriffene Hüte tragen. Wächst aber Gras in den Gassen, so geh' deines Weges. Du findest schwerlich bei einem Meiste Arbeit, weil Handel und Wandel todt liegen.« »Wo man keine Gesetze hat, bist du vogelfrei; da verlaß dich im Notfall auf deine Faust. Wo der Gesetze zuviel sind, und du bei jedem Schritt auf eine Verordnung stoßest: da nimm du beizeiten Reißaus. Dir passen Polizeidiener und Advokaten an allen Ecken auf.« »Kömmst du in ein Land, wo nicht jedes Städtchen seinen eigenen Galgen, hingegen eigene Schul- und Armenhäuser hat; wo nicht jedes Dorf weite Almenden, hingegen gutgedüngte Aecker hält; wo die Landstraßen nicht mit Bettlern, aber mit Obstbäumen bepflanzt sind; wo Advokaten, Doktoren und Schenkwirte über schlechte Zeiten klagen: da, Veit, da ruhe aus; die Leute haben Kopf und Herz am rechen Fleck.« »Siehst du zwischen prachtvollen Palästen viel altersschwache Häuser mit gebrochenen oder blinden Fensterscheiben, und fallsüchtige Hütten: da schlag' ein Kreuz und geh' vorüber.« »Ich habe dir jetzt genug gesagt; nicht daß ich dir Alles gesagt hätte. Aber du kennst nun ungefähr die wirklichen Wahrzeichen , die ich meine.« »Folge meinem Rath. Wohin du kömmst, frage viel, aber antworte wenig . Stelle dich unwissender, als du bist, und man wird dich gern unterrichten.« »Lobe jedes Lobenswerthe; aber tadle nicht jedes Tadelnswerthe, und du wirst alle Herzen gewinnen, wenn's dir darum zu thun ist.« »Sei auf der ganzen Reise fromm, fleißig, sparsam, – bescheinen, wißbegierig, verschwiegen, – dienstgefällig, beharrlich, muthig. So wirst du einst heimkommen zu deinen Aeltern, als ein ganzer Mann, frömmer, klüger, tüchtiger in Rath und That.« 14. Der verständige Wandergesell. In frühester Morgendämmerung andern Tages machte sich Veit auf, das väterliche Haus zu verlassen, und warf das Ränzel über die Schultern. – Noch glänzte der Mond zwischen einzelnen Sternen. Noch schliefen Vater, Mutter, Christiane. Er wollte den Schmerz des Abschieds nicht erneuern. Auch stand ihm noch ein anderes Lebewohl bevor, von welchem Niemand wissen sollte. Ida hatte es gefordert. Vielleicht hätte Jonas seinem Sohn, unter andern guten Lehren, auch die Warnung mit auf den Weg geben können, im Verkehr mit Personen andern Geschlechts Ruhe und Besonnenheit zu bewahren, und nicht ein anfängliches Wohlgefallen zur entschiedenen Neigung, und die Neigung zur verblendenden Leidenschaft auflodern zu lassen. Vielleicht aber hatte er das Warnen wohlbedächtig unterlassen, um nicht selber des jungen Menschen Lüsternheit nach einer Gefahr zu wecken, die diesem noch unbekannt sein mochte; oder er maß die Verständigkeit des Sohnes nach der seinigen ab. Weil er nichts argwohnte, hatte er geschwiegen. Selbst Martha hatte nichts Bedenkliches wahrgenommen, während Frauen sonst in dergleichen Angelegenheiten Sperberaugen haben. Wo die Gärten des Goldschmieds und des Hofgürtlers hinter ihren Häusern zusammenstießen, stand schon die kaum sechszehnjährige Ida im leichten Gewande, ihren Liebling erwartend. Wie geflügelt schwang sich Veit über den Hag, an ihren Busen, an ihre Lippen; und sie umfing ihn mit einer Innigkeit, daß ihm ward, als würde sein ganzes Wesen zur Flamme. Lange seufzten sie einander leise nur ihre Namen zu, dann flüsterten sie einander weinend ihr gegenseitiges: »Vergiß mein nicht!« dann Schwüre und Gelübde, sich ewig anzugehören und treu zu bleiben bis in den Tod. Dem guten Veit schien es in diesem Augenblicke leichter, Alles, selbst Vater und Mutter zu entbehren und ganz zu verlieren, als die Einzige, ohne welche ihm das Weltall ein todtes Nichts blieb. Ida riß sich zuerst von ihn. los. Er taumelte betrübt und gedankenlos durch die leeren Straßen zum Thore der Stadt. Dort im Freien weinte er seinen Schmerz aus, und beschloß, nach kürzester Wanderschaft heimzueilen, um für immer seiner Geliebten eigen zu werden. Die Thränen versiegten endlich. Wie im Sonnenglanz die Landschaft rings aufleuchtete, ward es auch heller und ruhiger in seinem Herzen. Zerstreuungen unterwegs, Gedanken an die Zukunft, an mögliche Begegnisse und Abenteuer auf der Reise, wie sie die Phantasie vorspiegelte, beschäftigten ihn allmälig lebhafter. Er sah gelassener ins Vergangene. Nun von den Schutzengeln seiner Tage, von Vater und Mutter auf lange Zeit getrennt, wurden ihm beide theurer, als je zuvor. Zwar Ida stand mit ihnen noch auf gleicher Linie. Doch wenn er zuweilen an seine einstige Heimkunft dachte und was, nach Jahr und Tag, im Vaterhause vorgefallen sein könne, und wen er vielleicht vermissen würde, dann rief es in ihm: »Nur meine Herzensältern, nur Euch möcht' ich nicht verlieren!« Selbst Ida's Bild trat zurück. Und wenige Tage später, wenn er sich der Abschiedsstunde im Garten, und seines damaligen Jammers erinnerte, ward er fast unwillig über sich. Es dünkte ihn, er habe einen bösen Rausch, einen Anfall von Wahnsinn gehabt. Ueber seine Reiseschicksale schrieb er, von Zeit zu Zeit, nach Hause; und jedesmal, so oft er den Aufenthaltsort änderte. Denn die Aeltern wollten stets unterrichtet bleiben, wo er sich befinde, um ihm im Fall der Noth hülfreich werden zu können. Meister Jordan hatte ihn mit mäßigem Reisegeld ausgestattet; reichlicher wahrscheinlich die sorgliche Mutter. So lang er's vermochte, verweilte er nirgends länger in den Städten, als nöthig war, ihre Sehenswürdigkeiten kennen zu lernen. Nur in Nürnberg, dann in München brachte er mehr, denn ein volles Jahr zu. Darauf begab er sich nach England, wo er sogleich in einer großen Fabrik zu London Arbeit fand. Nichts befremdete den Vater Jonas aus Veits Berichten so sehr, als daß der fahrende Gesell fast in jeder Stadt das Handwerk wechseln konnte, und bald bei einem Gelbgießer, bald bei einem Gürtler, bald bei einem Rothgießer Anstellung hatte. »Daß mir der Bursch mit seinem Allerleitreiben nur kein Pfuscher wird!« rief er zuweilen: »Neunerlei Handwerk macht neun Bettler. Drum sag' ich: Schuster bleib' beim Leisten! Wo nimmt der Junge seine Kunststücke her! Bei mir hat er sie nicht gelernt.« Veit aber war keiner von den Handwerksburschen gemeinen Schlages, die da wandern, um zu wandern; blauen Montag feiern; bei Kartenspiel, Wein, und Bierkrügen den Wochenverdienst verthun, und hintenher von Haus zu Haus fechten gehen; viel sehen und nichts davon verstehen. Er, zu wenigen Bedürfnissen gewöhnt, verließ keine Stadt, ohne einen hinreichenden Zehrpfennig erarbeitet und erspart zu haben; hatte keinen Feierabend, ohne ihn bei einem lehrreichen Buche zuzubringen, oder mit Besichtigung von vorhandenen Glocken-, Stück- und Bildgießereien, von Kunstkabineten oder Modellkammern polytechnischer Anstalten. Und wo er etwas sah, davon er nicht Grund und Zweck begriff, wagte er bescheidene Fragen. Dann schrieb er es in sein Tagebuch ein. Weil er im Fragen Kenntniß verrieth, die an einem Handwerksburschen befremdeten, ließ man sich gern mit ihm ein und stillte seine Wißbegier. So gerieth er vielmals mit erfahrenen Männern, selbst mit manchen berühmten, in eine Bekanntschaft, die ihm großen Nutzen brachte. Wohl spotteten und höhnten die übrigen Gesellen den Bruder Altenheimer, den gelehrten Gürtler, tapfer aus. Er ließ sie spotten und höhnen; blieb gegen sie gefällig und dienstfertig; aber wußte die unsaubern Geister immerdar in angemessener Ferne von sich zu halten. »Täglich mehr überzeug' ich mich,« schrieb er einmal an seinen Vater, »daß das zunftmäßig gebotene Wandern der Gesellen für die wenigsten von großem Vorteil, für viele verderblich sei. Wie sollen diese Menschen, meist von verwahrloster Erziehung, in ihrem Berufe höhere Vollkommenheit erlangen, wenn sie dafür, in Schule und Haus, ohne Vorbereitung gelassen sind? Niemandem kömmt etwas in den Sinn, wofür er keinen Sinn offen hat. Von einem Herbergevater kehren sie beim andern ein; von einer Werkstatt in die andere, und finden überall den Schlendrian, das mechanische, geistlose Arbeitsleben wieder, wie in der ersten, wo sie, als Lehrlinge, zu ihrer Profession abgerichtet worden sind. Höchstens gewinnen sie durch Uebung Handfertigkeit; dann und wann lauern sie da und hier ihren Meistern einen Kunstgriff, ein Rezept ab, was er eifersüchtig geheim hält. Damit dünken sie sich etwas.« »Selbst der Charakter solcher Landläufer wird nicht selten im Umgang mit ihres Gleichen verwüstet. Sie lernen Saufen und Raufen, Spiel und Unzucht mit schlechten Weibern, Komplotiren und Räsonniren. Hat's schlimme Folgen, machen sie sich aus dem Staube; lachen die Polizei aus und lassen verführte Mädchen sitzen. Viele kommen, wie äußerlich ehrbar sie thun mögen, schlechter heim, als sie weggingen. Viele gehen zu Grunde, ehe sie die Heimath wiedersehen.« »Glaubet es, Herzensvater, nur Wenigen wird die Wanderzeit zur rechten Schule des Lebens, in welcher bei häufigem Wechsel guter und schlimmer Tage, der Kopf einen Schatz von Erfahrungen, die Denkart Festigkeit und Stärke, das Herz Edelmuth und Gottvertrauen annimmt. Nur Wenige, welche aber schon wissenschaftlichere Bildung mitbringen, können für ihr Berufsfach Werthvolleres erobern; ihre Einsicht erweitern, und Erfindungen und Entdeckungen, die im Gebiet anderer Gewerbe und Künste gemacht sind, in ihre eigene Profession herüberziehen und benutzen.« Es scheint in der That, daß Veit dies Herüberziehen und Benutzen meisterlich verstand. Jonas mochte den Sinn dieser merkwürdigen Worte wohl nicht ganz begriffen haben, weil er selber in seiner Jugend übel geschult worden war, und wenig von neuen Erfindungen und Entdeckungen in andern Gebieten wußte. Er würde schwerlich sonst ausgerufen haben: »Wo nimmt der Junge seine Kunststücke her? Bei mir hat er sie nicht gelernt.« Er hätte sich nicht so sehr verwundert, daß sein Sohn zu London in einer großen Fabrik von Guß- und Metallwaren, nicht nur baldige, sondern, wegen seiner Brauchbarkeit, sehr vorteilhafte Anstellung erhalten hatte. Und wenn er daran hätte zweifeln wollen, würde ihn ein Brief überzeugt haben, den er anderthalb Jahre später, und zwar aus Paris, empfing, welchem Veit eine englische Banknote von 200 Pfund (das ist von circa 2200 fl.) beigelegt hatte. »Ich gestehe,« meldete er, »daß ich meinen bisherigen Herrn, Sir Francis Dalton, und das schöne London, ungern verließ. Er aber drang so lebhaft in mich, die Stelle in den Gießereien des Herrn Bellarme bei Paris, seines in größter Verlegenheit befindlichen Freundes, anzunehmen, daß ich endlich nachgab.« »Herr Bellarme und seine liebenswürdige Gemahlin empfingen mich ungemein gütig. Er, ein angesehener Gutsbesitzer, zugleich Inhaber einer ausgedehnten Gießerei von Glocken, allerlei Bildwerken und den mannigfaltigsten Luxusartikeln in Bronze, daneben einer prächtigen Wahlniederlage in Paris, ist kränklich. Ich glaube, er leidet an der Schwindsucht. Sein bisheriger Handlungsgenoß hatte sich von ihm getrennt, und die ganze, weitläufige Geschäftsführung lastete nun auf ihm. Im vollen Vertrauen auf die Empfehlungen von Sir Francis, hat er sie mir übertragen. Er schien anfangs, wegen meiner Jugend, etwas mißtrauisch; auch war die Aufgabe keineswegs leicht. Aber ich verlor den Muth nicht, und beziehe jetzt weit bedeutendern Gehalt, als in London, wo ohnehin, was man zum Leben braucht, weit theurer ist, denn hier.« »Sir Francis beschenkte mich bei der Abreise mit einer kostbaren, goldenen Repetiruhr, und seine Gemahlin mit einem Brillantenring. Die Diamanten aber verkauft' ich. Dergleichen Schmuck zu tragen, geziemt mir nicht. Auch die Uhr verwandele ich in Geld, denn ich trage doch keine lieber, als die Ihr, meine Herzensältern, einst am Weihnachtsmorgen mir unter den lichterreichen Baum gelegt habt. Den Ertrag von diesen und andern Geschenken und Ersparnissen in London send' ich euch nun hiebei. Verwendet dies geringe Zeichen meiner Dankbarkeit nach euerm Gefallen und zu euerm Nutzen.« Bei dieser Stelle schüttelte Meister Jordan den Kopf, und rief, innig bewegt, dennoch aber wie zürnend, indessen über Martha's Wange eine Thräne mütterlicher Zärtlichkeit schlich: »Nein, nein! mit nichten! Was denkt auch der Narr? Er wird's selber noch brauchen, der Einfaltspinsel. Wart' er nur, bis er ans Meisterstück kömmt! Was mich absonderlich an der Geschichte freut, ist seine Genügsamkeit und Demuth. Er schämt sich seiner alten, silbernen Taschenuhr nicht. Das würde nicht Jeder thun. Es gehören starke Beine dazu, die ungewohntes Glück tragen sollen. Die hat der Bursch.« 15. Der Geburtstag. Aber Meister Jonas hatte sie auch. Obgleich sich sein Wohlstand sichtbar mehrte; obgleich er für die Stadt und anderwärts, für den Hof und die fürstlichen Truppen Arbeit vollauf hatte, und, Jahr aus, Jahr ein, fünf Gesellen hielt; obgleich seine Gewerkschaft ihn sogar mit der Würde eines Zunftmeisters beehrte: änderte er doch nichts in der hergebrachten, fast ärmlichen Hausordnung und Lebensweise. Sehr einfache, gesunde, wohlbereitete Kost; anständige, keineswegs köstliche, oder zum Putz dienende Kleidung; hohe Sauberkeit aller Zimmer und Gerätschaften hätten glauben lassen können, er sei mit den Seinigen ein streng frommer Herrnhuter. Viele minder bemittelte, und dennoch mehr für den Haushalt verwendende Bürger, selbst manche seiner Gesellen, beschuldigten ihn fortwährend des Geizes. Sie thaten ihm Unrecht. In notleidenden Häusern war seine Helfershand nicht unbekannt; und, wurden zu gemeinnützigen Anstalten und löblichen Stiftungen im Lande freiwillige Steuern gesammelt, sah man den Hofgürtler freigebiger, als viele der reichen, vornehmen Herren, die in Kutschen fuhren. Nur einmal im Jahre pflegte er von seiner Spärlichkeit Ausnahme zu machen. Das war an seinem, oder Martha's, an Veits, oder Christianens Geburtstag. Da mußte alle Arbeit eingestellt werden; da durften Wein und Braten nicht auf dem Tisch fehlen, da erfreute jeden von den Hausgenossen ein Geschenk, und bis zum Abend wechselten Vergnügungen jeder Art mit einander ab. Sein zweiundfünfzigstes Geburtsfest fiel gerade auf einen Sonntag, aber begann für ihn mit einem großen Schrecken. Er war vor dem Frühstück noch in eine Werkstätte gegangen, um noch da und hier aufzuräumen. Er sang für sich, wie er jeden Tag that, mit lauter Stimme ein Morgenlied: »Wach' auf, mein Herz, und singe Dem Schöpfer aller Dinge, Dem Geber alles Guten . . .« Da unterbrach ihn plötzlich ein durchdringender Schrei aus der Wohnstube. Es war die Stimme seiner Martha. Er fuhr zusammen, in allen Gliedern zitternd; ihm ahnete Unglück. Er schleuderte hastig fort, was er in der Hand trug, und wollte hinaus, Beistand zu bringen, als die vierzehnjährige Christiane mit bleichem Gesicht zur Thür hereinstürzte. »Was gibt's?« schrie er: »Was ist begegnet . . .?« »Komm, komm!« rief die erschrockene Christiane: »Es ist ein fremder Mann ins Haus gedrungen und hat in der Wohnstube die Mutter . . .« Er wollte nichts hören. Er sprang davon, dem Wohnzimmer zu und blieb starr und stumm vor Erstaunen in der geöffneten Thür stehen. Denn ein schlanker, junger Herr, im Überrock, aber vollkommen nach der Mode gekleidet, hielt, mit der Inbrunst des feurigsten Liebhabers, die weinende Martha in seinen Armen fest und bedeckte sie mit Küssen. »Was? Was?« schrie und lärmte Jonas: »Du Erzschelm, du Donnersschelm! wie hast du mich erschrecken mögen!« und dabei fiel er dem Fremden um den Hals, den auch Martha fest umschlungen hielt. Christiane, die in einem Winkel stand, Alle weinen sah, und nicht begriff, was da vorging, weinte und schluchzte lauter, denn Alle. »Schäme dich, Mädchen! warum weinen? Kennst du ihn denn nicht?« rief Vater Jordan mit freudeleuchtendem Antlitz, indem er sich die Augen wischte und das furchtsame Mädchen beim Arm ergriff: »Es ist ja Veit! Es ist ja dein Bruder! Her mit dir, Närrchen! Her, und küss' ihn!« Der Taumel der ersten Ueberraschung und Entzückung, in welchem Alle durch einander sprachen, ohne sich zu hören, Antworten mit Fragen und Fragen mit Umarmungen unterbrachen, war nicht sobald zu Ende. Nur nachdem man sich endlich um den Tannentisch zum Frühmahl gesetzt hatte, und man sich gegenseitig näher ins Auge faßte, entstand augenblickliche Stille angenehmer Verwunderung oder Bewunderung. Veit bemerkte mit Vergnügen, fünf Jahre hätten nichts von der Kraft und Frische des Vaters geraubt, ihm noch kein Haar gebleicht; hätten der Mutter, wiewohl sie in die Vierziger getreten, die anmuthige Fülle, Farbe und Rührigkeit eines jungen dreißigjährigen Weibchens gelassen; nur Christiane sei mit ihren vierzehn Jährchen, ihrem Blondköpfchen und blauen Augen fast zu hübsch und groß geworden. Hingegen staunten die Uebrigen Veits männliche Schönheit und Stärke, den üppigen Gliederbau desselben, das Edle an, was aus all' seinen Geberdungen und Bewegungen, das Sinnige, Geistvolle, was aus seinen Augen leuchtete. »Höre, Bursch!« äußerte sich Jonas , der ihn mit väterlichem Wohlgefallen beobachtete: »Du scheinst mir für einen Veit Jordan fast zu gelehrt, zu fein und schmuck. Welcher Drechsler hat aus so grobem Holz ein so nettes Möbel schnitzeln können?« Nun mußte Veit erzählen, aber den ganzen Tag erzählen; jede Einzelnheit von seinen Reisen, Bekanntschaften, Arbeiten und Meistern; was er Gutes und Böses erfahren; was er gelernt und Merkwürdiges in fremden Landen gesehen. Nur mit einer seiner Nachrichten konnten sie sich insgesammt nicht versöhnen, und sie warf einen traurigen Schatten über alle andern, nämlich, daß viele und wichtige Geschäfte ihm nicht erlaubten, länger, denn nur wenige Wochen, im Hause der Aeltern zu verweilen. Herr und Frau Bellarme hätten ihn nur ungern und mit Furcht entlassen. Die schwächliche Gesundheit des Erstern fange an so bedenklich zu werden, daß sich derselbe durchaus nicht viel mit der Masse seiner Angelegenheiten befassen dürfe. Beide hegten seit Jahresfrist so unbedingtes Vertrauen zu seiner Geschäftskunde und Ehrlichkeit, daß sie ihn nun zum Teilnehmer und Handelsgefährten im Waarenverkehr und Gewerbe der Gießerei angenommen hätten. Herr Bellarme gebe dazu fortan nur seine Kapitalien; Veit seine Kenntnisse, Sorgen und Anstrengungen. »Nun, Bursch,« rief der Vater Jordan fröhlich aus, und schüttelte dem Erzähler tüchtig die Hand: »das könnte mich fast trösten. Von dir kann man also nicht sagen: Mehr Glück als Verstand! Komm, ich muß dich noch einmal küssen. Du hast mir einen Geburtstag gegeben, wie ich mein Lebelang keinen wohligern gefeiert habe.« Auch Veit vernahm nun von den Seinigen jedes Begebniß, großes und kleines, welches im Hause, in der Stadt, am Hofe während seiner Abwesenheit vorgefallen sein mochte. Aber wovon er am liebsten gehört hätte, das wagte er kaum zu fragen; und wenn er fragte, ward es nur gar zu oberflächlich abgethan. Oft trat er den Tag über ans Fenster; oft sah er hinaus. Er war so nah' bei Ida. Nicht hundert Wegstunden, nur eine Scheidemauer der Gebäude, trennte ihn von ihr. Er sah die geliebte Gestalt nirgends. 16. Die Familie Kürbis. Abends erst, während Martha und Christiane draußen alle Hände voll zu schaffen hatten, gewann Veit Gelegenheit, den Vater über das einläßlicher zu machen, was die Bewohner des Nachbarhauses betraf. Er fürchtete, die reiche und schöne Ida möge inzwischen Eroberung eines Andern geworden sein. Ihr Andenken war in seinem Herzen unvergänglich geblieben. Und vielleicht hatte dies Andenken nicht wenig dazu beigetragen, daß er unermüdet nach dem Vollendetsten rang, um sich zu einem Wohlstand aufzuschwingen, in welchem er einst der reichen Erbin seine Hand anbieten könnte; oder daß er lockenden Verführungen entwichen war, die einen Jüngling von äußerer Annehmlichkeit, und im ersten Aufblühen und Aufglühen der Kräfte und Gefühle, so leicht umgarnen. Vielleicht gibt es wirklich für einen jungen Menschen von guter Erziehung kaum einen mächtigern Schutzgeist der Gemüthsreinheit und Unschuld, nächst dem Gedanken an Vater und Mutter, als die erste Liebe zu einem weiblichen Wesen, in dessen Heiligkeit er sich selber heiligen möchte. »Nun, was hast du doch immer nach den Kürbisleuten zu fragen?« sprach Vater Jonas: »Was die angelangt, geht's und geht's bei ihnen im Alten. Und daß Frau Rosine mit großer Pracht begraben worden ist, – hab' ich dir vor zwei Jahren nach London geschrieben. Man sagt, sie habe ihre Gesundheit mit Torten, Makronen, Bonbons und andern Leckereien verdorben. Zucker- und Pastetenbäcker mußten ihr alltäglich einen Korb voll Naschwerk schicken. Doch war sie auch schon alt; in ihren Sechszigern; zum mindesten zehn Jahre älter, als ihr Mann. Das ist verkehrte Welt! Altes und junges Fleisch taugen nicht in gleichen Kessel zusammen. Merk' dir das, Veit! Zehn Jahre jünger, als du, muß die Braut sein, die du mir zur Schwiegertochter geben willst.« Veit lächelte, und machte im Stillen eine geschwinde Berechnung zwischen seinen fünfundzwanzig und Ida's zwanzig Jahren. »Was nun den Gideon Kürbis betrifft,« fuhr der Berichterstatter fort: »thut er noch immer breitbeinig, wie der reiche Mann im Evangelium, trotz mancher Unfälle Ein Unfall ist freilich noch kein Unglück, sollte aber die Menschen witzigen. Es müssen ansehnliche Summen sein, um die er durch Ladendiener, Schreiber und Kommissionärs betrogen oder bestohlen ist, weil der gute Tropf Katzen zum Speck stellte, ihn zu hüten. Neben offenen Kisten kann auch der Frömmste zum Schalk werden. Doch hätte der Narr darum nicht seine Profession an den Nagel hängen und den Uhrenhandel aufgeben sollen. Ich hab' es ihm abgerathen. Was half's? Er hält sich für den Mann, der die Weisheit Salomonis im Sack hat. Meinethalben! Jedem Narren gefällt seine Kappe, und Jedem Fantasten riecht sein Schmutz besser, als eine Pomeranze.« »Doch geht's ihm deshalb noch nicht übel?« fragte Veit zwischen ein. »Ich weiß nicht,« lautete die Antwort: »Der Seiler macht seine Sache am besten, wenn's brav hinter sich geht; aber kein Goldschmied und kein Kapitalist. Auch will man wissen, der Herr Sohn, der Notar, verursache dem Papa nicht geringe Ausgaben und Kosten.« »Wo lebt der Edwin?« »Immer noch zu Oltenstadt, als Notarius, mit einem großen Geschäftsbüreau. Gegenwärtig ist er eben zum Besuch hier.« »So werd' ich ihn morgen also sehen.« »Und wirst nichts Besseres an ihm sehen, Veit, denn Jedermann und ich selber, als er uns neulich besuchte; einen der Alltagsburschen, wie sie heutigen Tags dutzendweis im Modefrack und Modebart auf den Gassen laufen; einen Laffen, der nichts weiß und will, als sich selbst; einen Kerl, der sonst für nichts Interesse hat, ohne Meinung; der mit allen Winden segelt; Kluges und Albernes durch einander schwatzt; gleichgültig gegen Recht und Unrecht, nirgends Wahrheit sieht, und wenn sie ihm hell und heiß in die Augen flammt; ein Mensch. gegen Gutes und Böses, gegen Ehre und Schande gleichgültig; der ein wächsernes Mäntlein trägt, und dann Alles darüber herunterlaufen läßt, was kömmt. Kurz, er ist nichts, als ein abgeschliffener Knopf, eine abgegriffene Kupfermünze, ohne Gepräge; eine Null, die, als Zahl figuriren will.« »Sein Vater hat also wenig Freude an ihm?« »Desto mehr der Sohn am Vater, dessen Kasse seine Goldgrube ist. Ich glaube, der Edwin ist nur hier erschienen, weil ihn die Gläubiger wieder ärger beißen, als die Flöhe den Hund.« »Ist er verheiratet?« »Das eben nicht. Er heirathet überall herum, wo kein Licht brennt. Ihm ist kein Weibsbild schlecht genug, und seiner Schwester Ida kein Mann gut genug.« »Vielleicht« – dachte Veit bei sich: »vielleicht erwartet sie mich!« – Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und sagte: »Es wird ihr nicht an Anbetern fehlen.« »Daran leidet sie nicht noth. Eine ehrliche, häusliche Erziehung hat das arme Ding nie empfangen. Man schickte sie in eine französische Anstalt für Töchter, damit sie parliren, trilleriren, kokettiren lerne. Das Haus nebenan ist seit Jahr und Tag umschwärmt, wie ein Bienenkorb. Sitzen wird sie nicht bleiben. Armer Bauern Kälber und reicher Herren Töchter werden nicht alt. Und am Ende aller Enden gelten Dublonen auch als Schönpflästerchen. Uebrigens ist Mamsell Ida ein hübsches Dämchen; Schade nur, daß sie es selber weiß. Sie zählt erst etwa zwanzig Jährchen. Schade nur, daß aus Jährchen endlich Jahre werden!« Es war nicht das Angenehmste, was Veit hören mußte. Doch kannte er des Vaters Stimmung gegen die Nachbarn. Nur Eins tröstete ihn. Er vernahm auch, daß Ida sich im Vorbeigehen zuweilen nach ihm erkundigt habe. Vergessen war er also doch von ihr keineswegs. Er säumte nicht, sogleich andern Tags sich bei der Nachbarfamilie melden zu lassen und seinen Besuch abzustatten. Er fand Herrn Kürbis , beim Eintritt in das geschmackvoll Zimmer desselben, geschäftig, eine Menge auf dem Tisch liegender Papiere zusammen zu wischen und in eine Schublade des Sekretärs von glänzendem Mahagoniholz eilfertig zu verbergen. Veit sah wohl, es waren Lottolisten und bunte Billets von Klassen-, Zahlen- und Güterlotterien. Der Notar Edwin ging mit sorgloser Miene pfeifend auf und ab; unterbrach sich aber schnell und empfing den Ankommenden mit ungemeiner Freundlichkeit und einem halben Dutzend Fragen, auf die er aber weiter keine Antwort zu erwarten schien. »Ei, ei!« rief Herr Kürbis , indem er sich vom Tisch, schwunghaften Ganges, gegen Veit bewegte: »Willkommen, Herr Jordan! Von der Wanderschaft glücklich zurück! Ja, ja, so geht's in der Welt. Sie sind indessen groß, stark und mannhaft geworden, et cetera . Das läßt sich nicht läugnen; ja, ja! und Notabene! viel gesehen, viel erlebt seit vier, fünf und sechs Jahren.« Ehe Veit zum Wort kommen konnte, fiel der Notar seinem Vater in die Rede, mit der Bemerkung: »Sie haben ganz verdammt schönes Kraushaar, lieber Jordan. Warum lassen Sie sich nicht Backen- und Kinnbart wachsen? Das stände zu dem Gesicht nicht übel.« – Dies gesprochen, machte er linksum, trat ans Fenster, eine Arie trällernd, und musterte, was über den Schloßplatz ging. Die Unterhaltung, bei der sich der Sohn des Gürtlers unbehaglich fühlte, dauerte in diesem Ton geraume Zeit fort. Er benahm sich dabei jedoch mit geselliger Gewandtheit, obgleich ihm zu Muthe war, als sei er entweder zur unrechten Stunde gekommen, oder, als Handwerksgesell, in diesem vornehmen Hause ein wenig anstößig. Ida war, in Gesellschaft einiger Freundinnen und eines polnischen Grafen Zarinsky , verreist, um einige Wochen auf dem Landgute eines Mousselinfabrikanten zu verleben. Unerfreulicheres konnte es für den armen Veit nicht geben. In der Hoffnung, sich dem Vater und Bruder bedeutsamer zu machen, erzählte er ihnen von seiner gegenwärtigen Stellung in Frankreich an der Spitze eines der ersten Geschäftshäuser. Die beiden Zuhörer ließen es nicht an Verwunderung und Glückwünschen fehlen. Herr Kürbis machte mancherlei Notabene's dabei, und sein Sohn spielte zwischenhinein mit einer jungen Katze auf dem Sofa. Veit verließ endlich, ziemlich übelgelaunt, beide Herren. Er suchte und fand aber seinen Frieden bald wieder in der Mitte der Seinigen. Hier ersetzte ihm die herzliche Liebe seines Vaters, die Zärtlichkeit der Mutter, die schwesterliche Anhänglichkeit Christianens Alles, – nur nicht Ida's Abwesenheit. Schon fürchtete er, sie während der kurzen Frist seines Aufenthalts nicht wiedersehen zu können; oder, was noch schlimmer war, sie auf immer verloren zu haben. Denn unter ihren Verehrern war auch der polnische Graf, der, wie er hörte, der am meisten Begünstigte, ein schöner Mann und Eigenthümer großer Güter im Herzogthum Warschau sein sollte. Nach drei Wochen kehrte die sehnsuchtsvoll Erwarte zurück, und Veit, der höflicher Weise, wenn auch mit großer Ueberwindung, nie unterlassen hatte, dem gewesenen Goldschmied Aufwartung zu machen, ward, als alter Bekannter, zur Abendgesellschaft eingeladen. Er ging mit beklommenem Herzen. Er fand im reichgeschmückten Saale eine glänzende Versammlung ältere und jüngerer Herren und Frauenzimmer. Und aus der Mitte derselben trat ihm schöner, als er sie in seinen süßesten Träumen gesehen, Ida entgegen. Beide verneigten sich stumm gegen einander; beide sich mit Bewunderung anstaunend. Eine reizende Glut überflog Ida's Gesicht; ihre Augen blitzten ihn, wie geheimes Entzücken, wunderbar an. Doch ehe er sich gesammelt hatte, lachte sie, und sagte: » Mon Dieu , Herr Jordan, ich hätte Sie kaum erkannt. C'est admirable! Erlauben Sie, daß ich Sie der Gesellschaft vorstelle. Meine Herren und Damen, ein Nachbar, ein ehemaliger Spielkamerad; jetzt Vorsteher einer großen Glockengießerei bei Paris.« Der gute Veit hatte bei diesen Worten die Empfindung, als sei er aus einem heißen Dampfbad jählings in eiskaltes Wasser gefallen. Er that sich Gewalt an; unterhielt sich mit dem und diesem, während Ida leichtfüßig umher flatterte, tändelte und scherzte; dabei auch zuweilen verstohlen nach dem hübschen Jugendkameraden herüberschielte, und dann und wann mit ihm, doch nie allein, flüchtiges Gespräch führte. Sie schien ihn zu suchen und zu meiden. Während die ältern Herren und Frauen Hazardspiele begannen, sammelten sich die jüngern um das Fortepiano, wo sie sang, vom Grafen Zarinsky mit der Flöte begleitet, einem Mann von einschmeichelnder Gestalt und feinem Weltton. Der Abend verging dem jungen Jordan in schwerer Langeweile; aber wie dieser, auch noch mancher andre. Denn wie liebenswürdig sich Ida gab, er fand und sprach sie nie allein; und wie gegen ihn, benahm sie sich ohne Unterschied gegen jeden Andern. Anfänglich dünkte ihn das Betragen des Mädchens nur sonderbar, eine Art Verstellung. Bald jedoch machte es ihn niedergeschlagen; dann empörte es seinen Stolz; zuletzt trat an die Stelle des Unwillens fast ein Erkalten seiner Leidenschaft. Und doch, als die Zeit herannahte, in der er Altenheim wieder verlassen sollte, äußerte er ihr auf einem Balle, da sie, vom Tanze ermüdet, zufällig allein saß, die Frage, ob er sie vor seiner Rückkehr nach Frankreich nicht mehr ohne Zeugen spreche dürfe? Sie schien ein wenig erschrocken, als sie von seiner baldigen Abreise hörte; flüsterte ihm aber sogleich gefällig zu: »Besuchen Sie mich morgen vor acht Uhr früh. Das Kammermädchen wird Sie zu mir führen.« Er erschien zur bestimmten Stunde. Sie war allein und in ihrem leichten, weißen Morgengewande reizender, denn sie sich ihm je, im vollen Schmuck der Toilette, gezeigt hatte. Nun sprach er mit wieder erglühender Leidenschaft von den frühern, glücklichen Tagen ihrer Liebe; von ihren Gelübden; vom Schmerz jener Augenblicke ihrer Trennung im Garten. »Und darf ich,« fügte er hinzu, indem er ihre Hand ergriff: »darf ich's noch wagen, Sie, wie damals meine Ida zu nennen, mein Du?« Sie blickte ihn mit einiger Verlegenheit erröthend an, und sagte lächelnd: »Unter vier Augen, mon cher , warum denn nicht? Ach, Veit, vor fremden Ohren schickt sich's nicht. Wir sind keine Kinder mehr! Aber Veit, du bist unterdessen ein bon garçon geworden. Wie steht's jetzt mit deinem Herzen da?« »Wie sonst,« antwortete er und legte die Hand auf seine Brust: »Treu und rein, dein Eigentum, wie sonst!« Sie lachte ungläubig und erwiederte: » Mon Dieu! Was für ehrliche Augen er dazu machen kann! Geh', geh', ich traue dir nicht, Schelm.« Er betrachtete sie bang und zweifelnd, und lispelte: »Ida, sprich offen. Bin ich dir noch lieb, wie einst?« » Voilà! « rief sie lachend und verschämt: »Das ist eine Gewissensfrage, und deutsch und rund herausgefragt. Aber der junge Herr weiß wohl, man kann ihm darum nicht böse werden.« »Ida, liebe Ida!« fuhr er in gleichem Ton und ernster fort: »Sei offen. Dein Herz, ist's noch frei?« » Si vous voulez , vogelfrei!« rief sie, hell auflachend, wie über einen witzigen Einfall: »Und, was weiter, mein kleine Adonis?« »Aber, theure Ida, darf ich von deinem Vater, – darf ich deine Hand vor dem Altare . . .« Sie fiel ihm plötzlich in die Rede und legte ihre Hand auf seinen Mund: »Still, still! Sei kein Kind. Graf Zarinsky hat ohnehin eifersüchtige Mucken. Du kennst mein Verhältniß. Unsre Verlobung, ich meine Zarinsky's mit mir, kann noch nicht öffentlich deklarirt werden. Er erwartet noch die Einwilligung seiner etwas stolzen Aeltern in Polen. Du siehst, zurück kann ich nicht, mein hübscher Junge.« »Du also dem Grafen Zarinsky!« stammelte Veit mit zitternder Lippe: »Unser Gelübde also gebrochen! – Du hast ein Herz gebrochen, Mädchen.« »Nein, nein!« flüsterte sie ihm ins Ohr: »Es kann beim Alten bleiben. Was schadet's denn, wenn ich dich dennoch lieb habe? Warum machst du dazu so jämmerliche Miene? Du begleitest uns, als Hausfreund, als Verwalter unserer Güter, nach Polen; und dann . . .« Sie lächelte schalkhaft; lehnte sich schmeichelnd an ihn und flüsterte: »Mein Liebling bist du und bleibst du; und dann, Veit, . . .« Er drängte mit düsterm Gesicht sie von sich, und murmelte: »Ich versteh' dich! – nun sind wir geschieden! Laß mich nichts weiter hören.« Er ging wie gelähmt zu einem Marmortisch, seinen Hut zu nehmen. Sie eilte ihm nach, hielt ihn bei der Hand, zog ihn gegen sich und fragte mit traulicher Miene: »Warum doch so böse? Es ist ja im Grunde von meiner Seite nur mit Zarinsky eine Art Convenienz-Mariage. Was ist's denn mehr? Warum darf ich dir, warum darfst du mir nicht gehören? Laß uns aber vorsichtig zu Werke gehen.« »Abscheulich!« rief er zornblitzenden Auges und riß seine Hände aus den ihrigen, wie von Ekel ergriffen: »Mich betrügen, ihn betrügen! Verzeih's dir Gott. Ich verachte dich.« Er wandte den Rücken und ging davon, die Thür hinter sich zuschmetternd. 17. Der Glückswechsel. Er lief den ganzen Morgen im Fürstenpark und außer den Thoren umher, um sich wieder zu beruhigen. Eine solche Verwandlung des vormals so reinen, unschuldigen, wenn auch eiteln und schwärmerischen Geschöpfs hatte er für Unmöglichkeit gehalten. Dieselbe schöne Ida, schöner noch denn sonst, die er, seit fünf Jahren, wie eine Heilige verehrt und geliebt hatte, war ihm, als gefallener Engel, wieder erschienen; leichtsinnig, gewissenlos, stolz und kokett, selbst der Niederträchtigkeit fähig. Nun ward ihm der Aufenthalt in der Vaterstadt unerträglich. Es war ihm, wie Tröstung in seinem Seelenschmerz, daß er nur noch wenige Tage zu verweilen hatte, wie weh ihm auch die abermalig Trennung vom Vaterhaus that. Er weigerte sich, der Familie Kürbis einen Abschiedsbesuch zu geben, als ihn Mutter Martha an die Pflichten der Höflichkeit erinnerte. »Nein,« sagte er: »wollest mich dieser Pflicht entlassen, Herzensmütterchen. Ich habe bei jenen Leuten des Schlechten und Schändlichen zu viel erfahren und erlebt. Mag Herr Kürbis, ein hochmüthiger Thor, sein Vermögen in Glanz und müßigem Wohlleben verzehren; das ist nicht das kleinste der Uebel, welches er vielleicht dereinst zu bereuen hat. Seine Kinder sind, glaub' ich, schlimmer und verdorbener, als er je gewesen sein kann. Sie sind,« fuhr er mit ausbrechender Heftigkeit fort: »sie sind grundverdorbene Menschen. In tiefster sittlicher Verwesung stinken sie mich an.« Martha suchte, mit der ihr eignen Gutherzigkeit, seinen Ungestüm zu sänftigen und sein hartes Urtheil zu mildern. »Uebrigens, lieber Veit,« fügte sie zum Schluß ihrer Ermahnung bei: »sind die meisten Handwerker in Altenheim um kein Haar besser. Haben sie auch nicht ein Vermögen, wie unser Nachbar, treiben sie doch mit der größten Unbesonnenheit eine Wirthschaft, die ihren Kräften nicht angemessen ist. Wenige legen, um die Zukunft sorgsam, etwas Geld von ihrem Verdienst zurück. Sie haben es für Komödien, Konzerte, Wirthshäuser und Gastereien erarbeitet. Die Söhne, schon als kleine Buben verhudelt und versudelt, läßt man verwahrlost verwildern und bekümmert sich kaum um ihre losen Streiche und Liederlichkeiten. Daraus gibt's zuletzt arbeitsscheue Tagdiebe, Soldaten, armselige Schreiber, Auswanderer, Landstreicher, wohl gar Züchtlinge. Ach, nicht diese Unglücklichen, sondern deren Aeltern verdienen bestraft zu werden. Und was soll ich von Ida und vielen unsrer Bürgerstöchter sagen? Sieh' sie doch nur Sonntags an, wie sie nach der neuesten Mode geputzt herum spazieren; sich ins Theater, oder zum Tanzboden führen lassen, und ohne mütterliche Aufsicht da bis nach Mitternacht schwärmen und walzen. Die Mutter und Magd müssen arbeiten im Hause; die Jungfer Tochter aber darf sich die zarten Hände nicht verderben, sitzt nähend oder strickend im Zimmer und schaut über das Strickzeug hinaus in ein Buch, das sie sich aus Leihbibliotheken geholt hat. Wie kann's denn da anders geschehen, als daß unsre bürgerlichen Haushaltungen nach und nach verderben, während Fremde, die sich bei uns mit ihrem Handwerk niederlassen, und häuslicher und verständiger sind, in die Höhe kommen?« »Das ist's!« stimme hier Vater Jonas ein: »das ist's, was ich eben vom Goldschmied Gideon sagen wollte. Da heißt's wohl, wie der Vater, so der Sohn; wie die Mutter, so die Tochter. Art läßt nicht von Art, und ein Apfel fällt nich weit vom Stamm. Ja, Veit, hast Recht; der Nachbar wird es früh oder spät bereuen. Wer schlechte Kinder zieht, bindet sich selbst eine eiserne Ruthe. Jetzt sind ihm Edwin und Ida über den Kopf gewachsen, und sie führen ihn am Gängelband, weil er sie nicht daran geführt hat. Man muß den Baum biegen, so lange er noch jung ist. Ich hab' es von zuverlässiger Hand, daß der Herr Notar Edwin in bösen Schuhen geht, und Gefahr läuft, wenn er gewisse Gelder nicht zurückzahlen kann, die man ihm anvertraut hatte, im Zuchthause freie Kost und Wohnung zu finden. Jetzt hat Mamsell Ida, zum Glück jedoch, den polnischen Grafen an ihrer Angelruthe aufgefischt; der muß nun natürlich aus aller Noth helfen. Ich gönn' es den Leuten von Herzen, wenn es ihnen wohlgeht. Aber der arme Tropf, der Gideon, hätte das Sprüchlein selber lernen sollen: Gute Zucht, gute Frucht! Vermutlich fand die selige Frau Kürbis das nicht in ihren Rittergeschichten und Liebeshistorien aufgezeichnet.« Veit ließ sich nicht mehr bereden, die ehemalige Geliebt wieder zu sehen. Sie glich ihm einem in Engelsgestalt verlarvten Teufel. Ihre Treulosigkeit, ihre Heuchelei, mit der sie Alles um sich her täuschte und buhlerisch verführte, hätte ihm das ganze weibliche Geschlecht verächtlich machen können, würde ihn nicht die unwandelbare Gemüthsreinheit seiner vortrefflichen Mutter und der kindlich fromme Geist Christianens, die ganz Ebenbild Martha's ward, erinnert haben, daß es Ausnahmen gebe, und ein reines Saatfeld nicht, wegen einigen Unkrauts zwischen den Halmen, einer Wüste gleich stehe. Er schied nach wenigen Tagen aus den Armen seiner Lieben und verhieß wenigstens alljährlich einmal wieder bei ihnen im Vaterhause zu erscheinen. Aber, wie in der Welt Vieles, was wir, unsers festen Willens, nur nicht unserer Zukunft gewiß, beschließen, blieb auch hier Verheißung und Vorsatz unerfüllt. Herr Bellarme hatte, da Veit die Reise nach Altenheim unternahm, an Gesundheit scheinbar so weit wiedergewonnen, daß man völlige Genesung kaum bezweifeln mochte. Auch war Veit, während er im Schoos seiner Familie lebte, keine Woche ohne briefliche Nachrichten durch Frau Bellarme gelassen. Sie beruhigte ihn, und äußerte keine andere Klage, als über seine Abwesenheit, welche ihr und ihrem Gemahl, in der ländlichen Einsamkeit, jeden Tag empfindlicher sei. Bei seiner Rückkunft aber fand er das schöne Landhaus in der Nähe der Gießereien leer. Herr Bellarme hatte sich mit seiner jungen Gattin, den Tag vorher, nach Paris begeben, um dortigen berühmten Aerzten näher zu sein. Hier aber verschlimmerten sich die Umstände des Kranken wieder. Nur durch Kunst der Aerzte wurde sein Leben noch vierzehn Monate lang kärglich erhalten. Dann starb er. Veits Thätigkeit. bisher schon im Uebermaß durch ausschließliche Führung der Arbeiten in Gießereien, Pariser Waarenlagern und Handelskorrespondenzen in Anspruch genommen, ward durch Herrn Bellarme's Tod aufs Höchste gesteigert. Denn es erschienen nun noch Verwandte und gerichtliche Beistände der jungen Wittwe. Kassen, Rechnungsbücher, Briefschaften, Vorräthe der Materialien und fertige Waaren wurden genau untersucht. Und wiewohl Alles zuletzt in vollkommener Richtigkeit befunden ward, so daß Veit ein wohlverdientes Lob und Vertrauen ärntete, ward doch seine eigene Gesundheit dabei etwas leidend. Nach all diesen Unruhen und Beschwerlichkeiten würde er sich gern, durch eine Erholungsreise zu den Aeltern, erquickt haben. Allein, ungerechnet die Wahrnehmung seines eignen Interesses in der weitläufigen Geschäftsverwaltung, und umgerechnet die auf ihm ruhende Verantwortlichkeit in Bezug auf den Handlungsantheil der Wittwe, fand er sich bald noch durch Pflichten der Dankbarkeit gebunden, sich selbst und seine Wünsche zu vergessen. Denn Herr Bellarme hatte ihm, in seinem letzten Willen, ein Legat von 5000 Francs vermacht, mit der Bitte und Bedingung, daß er der hinterlassen en Wittwe nicht nur treuen Beistand leisten, sondern sich auch von ihr und dem ganzen Geschäftsverkehr nicht trennen solle, ohne ausdrückliche und freie Zustimmung derselben. Veit glaubte schwerlich eine vorteilhaftere Lage für die Zukunft finden zu können, als ihm hier zu Theil geworden war. Er gab mündliche und schriftliche Einwilligung in das Verlangen des Verstorbenen und übersandte, wie er schon mit frühern Ersparnissen gethan, auch jene beträchtliche Summe des Vermächtnisses seinen Aeltern. Bald nach diesem empfing er vom Vater Jonas einen Brief, dessen unerwarteter Inhalt ihn hart erschütterte. »Was ich mit bangem Herzen längst besorgte, es werde kommen,« hob das Schreiben an: »es ist gekommen. Es ist vorbei mit dem armen Gideon. Alles liegt zusammengestürzt. Die ganze Stadt ist voll von der Unheilsgeschichte. Ich selbst und die Mutter können uns, nach acht Tagen noch nicht, vom ersten Schrecken erholen. Ich will's dir aber der Reihe nach erzählen. Ein Unglück, lieber Veit, kömmt selten allein. Viele brave Haushaltungen sind mit ins Verderben gerissen. Wenn ein stolzer Thurm umfällt, zerschlägt er manches demüthige Dach. Mir ist ebenfalls ein Stein davon aufs Bein gefallen.« »Zuerst, es mögen vier Wochen sein, erhielt man aus Oltenstadt Kunde, der Notar Edwin habe sich bei Nacht und Nebel aus dem Staube gemacht. Ich hatte also errathen, daß er, als du ihn voriges Jahr in Altenheim sahst, bloß gekommen war, Hülfe bei seinem Vater zu suchen. Wie lustig der Vogel auch sonst pfeift, man sieht's ihm an, wenn er mausert. Der alte Kürbis ließ sich noch einmal breit schlagen durch schöne Worte und Versprechungen des Herrn Sohns und streckte ansehnliche Summen vor, um ihn bei Ehren zu behalten. Das dauerte ein Jahr, da war Alles verputzt und fremdes Geld dazu. Gideon konnte nichts mehr geben. Edwin hatte viele Leute betrogen. Er nahm Reißaus. Niemand weiß, wohin er gegangen ist; man sagt, nach Amerika.« »Obwohl der alte Kürbis überreif zur Fäulniß war, wollt' er's doch nicht gelten lassen. Er setzte seine Großthuerei und Blaudunstmacherei bis auf die letzte Stunde fort, um bei Kredit zu bleiben. Vermutlich hoffte er noch auf das große Loos der Lotterie, wie mancher Narr, der sein letztes Hemd ins Leihhaus trägt, um sich damit eine Million zu gewinnen. Es regnete ihm von allen Seiten eine Menge Nieten und nur einzelne kleine Gewinnste daneben. Es spielen sich eher zehn arm, als einer reich. Er aber gab das Spiel nicht auf. Das beschleunigte seinen Untergang. Man soll das Glück wohl suchen, nur nicht versuchen.« »Die Entweichung des Notars, der mit Steckbriefen verfolgt ward, erregte gegen den Vermögensstand des Vaters Argwohn. Die Gläubiger drängten sich zu, wurden aber von großen Worten nicht satt, wenn ihm schon dabei das Maul ging, wie der Bachstelze der Schwanz. Auch ich lief endlich zu ihm, und fragte: »Wo ist mein Löffel? Folgenden Tages erklärte er sich bankerot.« »An dem gleichen Tage war der adelige Herr, der Graf Zarinsky, mit Mamsell Ida verschwunden, man wußte nicht warum und wohin? Vermutlich hatten sie Unrath verspürt und keine Neigung gehabt, den schiffbrüchigen Gideon auf Unkosten ihres Vermögens zu retten. Genug, sie sind fort; ohne Zweifel nach Polen, und leben dort gute Tage, während des Vaters Fluch und Verzweiflung ihnen auf den Fersen folgt. Nimmermehr hätt' ich diese Ida solcher Verruchtheit fähig gehalten.« »Um unsre achttausend Gulden, die auf Gideons Hause stehen, laß dir nicht bange sein. Sie haben auf jeden Fall den Vorzug der ersten Hypothek. Und doch ärgert's mich, daß ich unsrer Beiden sauer erworbenes Geld da angelegt habe, und mich durch Zins von fünf Prozent blenden ließ. Noch ist Alles versiegelt. Künftige Woche soll die Versteigerung sämmtlicher fahrenden und liegenden Habe des Falliten beginnen. Man spricht davon, es werde für ihn wahrscheinlich noch etwas übrig bleiben, um nicht verhungern, oder den Bettelstab nehmen zu müssen.« 18. Die Zunftversammlung. Wie scharf auch und bitter Meister Jordan von jeher über die unverständige Wirthschaft der Goldschmieds-Familie geurtheilt haben mochte; jetzt gedacht' er nicht länger der Thorheiten, durch welche so großes Unglück entstanden war. Gideon Kürbis wagte nicht mehr, sich öffentlich zu zeigen. Er war die Zielscheibe des Lästerns und Höhnens der gesammten Stadt geworden. Herren und Damen, denen er, in seinen guten Tagen, gute Tage gemacht hatte, die seine beständigen Gesellschafter und Freunde gewesen waren, thaten jetzt sehr unwillig, als hätte er sie beleidigt und betrogen. »Würden wir gewußt haben,« sagten sie: »daß es eigentlich so um ihn stände, daß er es so hirnlos triebe, wir hätten uns geschämt, einen Fuß über seine Schwelle zu setzen!« – Die, welchen er Geld entliehen, oder abgekaufte Waaren noch nicht bezahlt, und die nun ihren Verlust voraussahen, überhäuften ihn mit den ärgsten Verwünschungen, wie einen Erzbösewicht, der in's Zuchthaus gehöre. – Andre, denen sein Glück und Glanz bisher ein Dorn in den neidischen Augen gewesen war, machten sich tapfer über seinen Fall lustig, weil er nun tiefer, als sie selbst, im Koth lag. – Andre, die sonst seinen Geldstolz getadelt, ihm ein böses Ende prophezeit hatten, konnten jetzt nicht des Vergnügens satt werden, ihre eigene Weisheit zu preisen, und wie oft sie gesagt hätten: Hochmuth kömmt vor dem Fall. Der arme, von aller Welt verlassene Kürbis, mußte nun natürlich sein schönes Haus verlassen und, was er irgend besaß, zur Verfügung der Gläubiger stellen. Aber Nachbar Jonas ging voll Erbarmens zu ihm, und sprach: »Meine Frau hat Euch ein zwar kleines, doch nettes Stübchen in meinem Hause bereitet. Kommt, wohnet bei uns und nehmet mit unsrer gewohnten Hausmannskost vorlieb. Wir sind ja alte Freunde und Nachbarn.« Gideon saß dumpf und stumpf da, brach bei diesen Worten in lautes Weinen aus, stand auf und folgte, ohne ein Wort über die Lippen bringen zu können, seinem freundlichen Tröster. Es dauerte weit über ein halbes Jahr hinaus, ehe das verwickelte Schuldengeschäft entstrickt ward. Gideon erhielt vom ehemaligen Besitzthum nichts mehr, denn die wenigen Kleider, welche er am Leibe getragen hatte, als ihn Jonas bei sich aufnahm. Alles ward den Meistbietenden verkauft. Nur das große, leere Haus, und der weite Hof- und Gartenplatz dahinter, fand keine Käufer. Es war für Jedermann zu kostbar und prunkhaft. So blieb zuletzt jenen Gläubigern, denen die öden Gebäulichkeiten unterpfändlich verhaftet waren, anheimgestellt, nach Belieben darüber zu schalten. Zwar traten diese Herren oft mit einander zusammen, sich zu berathen. Keiner wollte verlieren, und so wurden sie nie einig. Von dem entwichenen Notar Edwin vernahm man gar nichts mehr; eben so wenig von dessen Schwester Ida und dem polnischen Grafen. Die Geschichte, nachdem sie sattsam genug an Thee- und Kaffee-, Wein-, Bier- und Branntwein-Tischen durchgeschwatzt war, wurde vergessen. Andre Vorfälle kamen unterdessen an die Tagesordnung, die neuen Stoff zur Unterhaltung boten. Das meiste Aufsehen und Geräusch in der Bürgerschaft machte die fürstliche Einberufung von den Zunftmeistern sämmtlicher Handwerker im ganzen Lande. Sie mußten sich auf dem Stadt-Rathhause zu Altenheim versammeln. Niemand konnte errathen, zu welchem Zweck? Auch Meister Jonas Jordan durfte dabei nicht fehlen. In der neugierigen und zahlreichen Versammlung der Meister erschien der geheime Kabinetsrath, Graf von Salm . In langer und wohlgesetzter Rede sprach er von der väterlichen Fürsorge des Landesfürsten und dessen hohem Wohlwollen gegen seine treuen Unterthanen überhaupt, wie insbesondere auch gegen den edeln Handwerksstand. Dann eröffnete er, aus Auftrag Sr. Durchlaucht, die Frage zur gemeinsamen Berathung: Wie das Gewerbwesen im Lande wieder in bessern Flor und Aufschwung gebracht werden könne, indem die Handwerker überall in sichtbar fortschreitenden Verfall gerathen seien? Dem müsse nothwendig, zum allgemeinen Besten, abgeholfen werden. – (Die ganze Versammlung äußerte, bei diesen Worten, stillen Beifall. In jedem Gesichte that sich schon frohe Lust kund, guten Rath mitzutheilen.) – In Frankreich, in der Schweiz, in Preußen, in andern Staaten, hieß es in der Rede weiter: wäre das bisherige Zunftwesen aufgehoben und statt dessen Gewerbsfreiheit eingeführt. Frage bleibe, ob solches im hiesigen Fürstentum, und unter welchen Bedingungen, thunlich sei? – (Fast in sämmtlichen Gesichtern der Zunftmeister las mau Bestürzung und hohe Unzufriedenheit.) »Wenigstens ist so viel gewiß, meine Herren,« sagte der Kabinetsrath am Schlusse seines Vortrages: »daß Zünfte und Gilden, welche vorzeiten, als noch leibeigene Knechte und Mägde für ihre Herrschaften das Nötige verfertigten, durch ihre Einrichtungen die Gewerbe verfeinerten und künstlicher machten; ich sage, daß solche Zunft- und Gilden-Einrichtungen nicht mehr das Gleiche in unsern Tagen leisten können. Denn durch Fortschritt der Künste und Wissenschaften, ist eine Menge neuer Gewerbe, mechanische Kunstanstalten und Fabriken emporgegangen. Die Handwerke kommen entschieden dabei zu kurz, weil sie unvermögend sind, mit jenen in Güte, Zierlichkeit und Wohlfeilheit der Waare zu wetteifern.« »Sollen, können wir die Einfuhr besserer fremder Artikel verbieten? Sollen wir unsern Handwerkern das Monopol und Vorrecht geben, allein dergleichen Arbeiten zu verfertigen, und hinwieder die gesamt Bevölkerung zwingen, ihnen solche abzukaufen? Das wäre Ungerechtigkeit gegen Alle , zu Gunsten weniger Einzelnen . Das Publikum ist nicht für Handwerker vorhanden, sondern Handwerker sind für das Publikum da.« »Meine Herren, es haben sich die Zeiten und gesellschaftlichen Zustände gewaltig geändert. Vor Alters waren die meisten Landbauer auch noch leibeigene Knechte und Mägde. Heutzutage aber haben sie gleiche bürgerliche Rechte und Pflichten, wie die Städter. Ein Handwerker kann jeden Tag, wenn er Lust und Vermögen dazu hat, die Profession verlassen, und Landwirth werden. Warum soll nicht ein Landwirth eben so gut in seinem Dorfe ein Handwerk, oder anderes Gewerb treiben dürfen, wenn er Lust und Geschicklichkeit genug dazu besitzt?« »Sind die Dörfer nur zur Bereicherung der Städte vorhanden? Sollen sie ihr Vieh, ihre Feldfrüchte dahin zu Markte führen, ihre Bedürfnisse da von Handwerkern und Krämern holen, um es den Städtern bequemer und wohlfeiler zu machen? Warum sollen Dörfer nicht ebenfalls, wenn sie es erforderlich glauben, Handwerker und Krämer haben?« »Ich kenne alle Vorzüge und Vortheile, welche das Zunftwesen, ohne Widerspruch, noch heutiges Tages mit sich führt; aber ich kenne auch das Entbehrliche, Widerrechtliche und selbst Nachtheilige desselben in unsern Tagen. Es ist daher wohl eine ernste, für unser Vaterland wichtige Frage: was hier Zweckmäßiges zu wünschen und zu thun sei? Eine allerdings schwierige Aufgabe, die nur mit großer Umsicht und Vorsicht gelöst werden darf. Meine Herren, laut Befehl unsers gnädigsten Herrn und Fürsten leg' ich sie Ihnen zur Berathung vor. Ich fordere Sie auf, mir Ihre Ansichten darüber auszusprechen.« Der geheime Kabinetsrath schwieg. Die Anwesenden schwiegen gleichfalls. Einige starrten verlegen vor sich nieder und dachten allerlei durch einander, oder dachten nichts. Andere sahen sich fragend an, als wollten sie des Nachbars Meinung aus dessen Gesicht hervorlesen. Vielen ward bei der anhaltenden, peinlichen Stille ganz bangmüthig. Sie rutschten her und hin auf den Stühlen. Weil Niemand den Mund öffnete, indessen der fürstliche Abgeordnete erwartungsvoll dastand und seine Blicke, mit wachsender Ungeduld, bald auf diesen, bald auf jenen fallen ließ, heftete er zuletzt die Augen auf den Hofgürtler, dessen Redegabe ihm wohlbekannt war. »Herr Zunftmeister Jordan,« sagte er: »ich lade Sie, als einen erfahrenen Mann, ein, Ihre allfälligen Gedanken über den Gegenstand äußern zu wollen.« Jonas räusperte sich, erhob sich darauf etwas langsam vom Sitz und sprach: »Das ist ein kitzlicher Punkt, Excellenz. Man mag die Sache wenden, wie man will, sie hat rundum Stacheln, wie der Igel. Drum, merk' ich wohl, will Niemand anfassen. Ich verdenk' es Keinem. Denn, Exzellenz, es steht dabei viel auf dem Spiel, und Vorsicht ist besser, sag' ich, denn hintenher die Nachsicht. Freilich läßt sich sowohl Mancherlei dafür, als dagegen reden; beweist doch auch ein Pfarrer dem andern aus der gleichen Bibel das Gegentheil, von dem was er sagt. Daher, denk' ich, Eile mit Weile habe hier guten Platz. Man weiß, schneller Rath nur selten gerath! Mein unmaßgeblicher Vorschlag würde deshalb sein, diese bedenkliche Angelegenheit durch die hier versammelten Meister an ihre Zünfte gelangen zu lassen. Viel Köpfe zwar viel Sinne; aber man liest dennoch den besten Sinn aus allem Unsinn hervor. Guter Rath kömmt über Nacht. Most muß immer gegohren haben, eh' er Wein gibt.« Die Zunftmeister nickten Beifall und Zustimmung. Niemand wollte nach ihm das Wort nehmen. So ward der Antrag des Hofgürtlers einmüthig zum Beschluß erhoben und die Versammlung aufgelöst. 19. Die Gewerbsfreiheit. In Furcht und Zweifel verließen die ehrsamen Vorsteher der Zünfte das finstre Rathhaus. Als sie aber vor demselben eine Menge neugieriger Lehrlinge, Gesellen und Meister zusammengelaufen sahen, ward ihr Schritt feierlicher. Jeder Einzelne ward sich seiner Wichtigkeit bewußter, wegen Staatsangelegenheiten, vom Fürsten berufen und beraten zu sein. So bildeten sie einen stattlichen Zug, in ihren Sonntagskleidern mit dazu gehörenden Sonntagsmienen, durch die Haufen der Frager; links und rechts grüßend, vom Geheimniß der Verhandlungen keine Sylbe andeutend. Desto williger hingegen ließ man zu Hause die Zunge frei über das, was Graf Salm gesprochen; was man ihm hätte antworten sollen; was Zunft um Zunft antworten müsse. Noch lauter ging's Abends bei den Herbergevätern, im Rathskeller, in Wirthshäusern und Schenkstuben zu, wo sich die redseligen Meister, in altüblicher Weise, nach des Tages Last bei Wein und Bier zu erquicken pflegten. Die Wirthe hatten von ihren Gästen diesmal stärkere Einnahmen als gewöhnlich. »Was?« schrie hier der Eine: »Was will man uns noch den letzten, hungrigen Bissen vor dem Munde wegnehmen, und jeden Lumpen in unsern mühsam erlernten Beruf hereinpfuschern und uns die wenigen Kunden wegstehlen lassen?« »Was?« schrie der Andre: »Wir Stadtbürger, wir sollen mit dem Bauervolk über gleichen Kamm geschoren werden? Will man die Welt umkehren, aus Dörfern Städte und aus unsern Städten Dörfer machen? Ist auch noch Gerechtigkeit im Lande?« »Was?« schrie ein Dritter: »Nein, unsre alten Rechtsame, unser Erbgut von den Vätern, darf Niemand rauben, wenn man nicht alle Ordnung im Lande über den Haufen werfen will. Was Ordnung ist, sind Standesunterschiede; Lehrstand, Wehrstand, Nährstand. Jeder hat sein Recht und Vorrecht. Warum will man uns Bürgern und Handwerkern das den Städten von jeher gebührende Recht und Ansehen entreißen? Warum fängt man nicht bei geistlichen Herren an? Warum schafft man nicht die Vorzüge des Adels, die Vorrechte der Geburt ab?« In allen Häusern gab es nun Gerede und Gelärme, Streit und Zank. In kurzer Zeit nahm Vornehm und Gering an der Frage über Gewerbsfreiheit Antheil. Es war fast, als sei ein Aufstand, oder kleiner Bürgerkrieg vor der Thür. Die Handwerker mußten auch daneben viel Mißbeliebiges hören. Man warf ihnen bald ihre willkürlichen, theuern Warenpreise vor; bald, das Plumpe, Geschmacklose, oft nicht einmal Haltbare ihrer Arbeit; bald, ihr Grollen und grobes Trotzen, wenn man sich von einem weg, an einen andern Meister wende; bald, daß sie ihre Kunden oft über Gebühr lange warten ließen. ehe sie das Bestellte lieferten; bald, daß sie ihnen übergebne Lehrknaben, statt im Handwerk, lieber im Knechts- und Magdsdienst brauchten und Pfuscher bildeten. Wie in allen Zungengefechten zu geschehen pflegt, glaubte jeder für seine Person und Meinung den Sieg davon tragen zu müssen. Inzwischen wurden die Meister nach wenigen Wochen wieder auf ihre Zünfte zusammenberufen, um die Anfragen der Landesregierung zu beantworten. Da gab es viele Worte und lange Reden, von Morgen bis Abend, weil keiner erschienen sein wollte, ohne gesprochen zu haben. Im Grunde sehr unnöthige Mühe, weil die große Mehrheit schon vorher einverstanden war, was man thun wolle. Und so ward von gesammten Zünften der einmüthige Beschluß gefaßt, in allerunterthänigster Bittschrift dem Landesherrn die Gefahren jeglicher Neuerung im gegenwärtigen Verhältniß des Handwerksstandes vorzustellen; Höchstdesselben Aufmerksamkeit auf die Verarmung der Mittelklassen des Volks in solchen Ländern, wo Gewerbfreiheit eingeführt sei, hinzulenken; und Se. Durchlaucht allerdemüthigst anzuflehen, die bisherigen Einrichtungen und Rechtsame des Zunftwesens, nach dem Beispiel seiner glorreichen in Gott ruhenden Vorfahren, zu erhalten und zu beschirmen, wie sie eben noch seien. Meister Jonas war freilich etwas abweichenden Sinnes gewesen, und hatte, als Vorsteher, seine Zunftgenossen daran erinnert: man solle die Sache nicht kurzweg übers Knie abbrechen, sondern mit der Regierung markten, die gewiß nicht ohne Ursache anfrage; man solle Mißbräuche abthun, um den Brauch zu behalten, und den alten Rock ausbürsten, um ihn mit Ehren noch länger tragen zu dürfen. Aber er sah wohl, Niemand hatte Ohren dafür. So schwieg er, und dachte: Es ist mit Narren kein Kind zu taufen; sie verschütten es lieber mit dem Bade. Die Bittschrift der Zünfte ward dem Fürsten überreicht. 20. Die geheime Berathung im Fürstenschloß. Eines Abends, schon ziemlich spät, wurde der Hofgürtler ins Schloß berufen. Man führte ihn in ein blendend erleuchtetes Prachtzimmer, wo er den Fürsten selbst an einem Tischchen, im Lehnstuhl sitzend, erblickte; den Kabinetsrath an seiner Seite stehend; und, ohnfern von Beiden, einen Schreiber, die Feder in der Hand, vor einem mit Akten beladenen Tische. »Ei, ei, Herr Zunftmeister,« redete ihn beim Eintritt der Fürst an, und that, wie wenn er ungehalten wäre: »das hätt' ich von Eurer Weisheit nicht erwartet. Also auch Ihr habt jene famose Bittschrift unterzeichnet?« Mit tiefster Verbeugung erwiederte, ohne Verlegenheit, der Hofgürtler, der wohl sah, sein Landesherr meine es nicht so böse: »Ich unterschrieb nicht in meinem Namen, sondern pflichtgemäß Namens meiner Zunft.« »Nun, das lass' ich gelten. Ihr seid ein gescheiter Mann, das weiß ich. Drum ließ ich Euch rufen. Ich möchte über unsre Angelegenheit das Gutachten eines braven, sachkundigen Professionisten hören, der am besten wissen kann, was Noth thut und gethan werden darf. Doch, merkt wohl, ich will hier nicht mit dem Herrn Zunftmeister sprechen, sondern mit dem mir wohlbekannten, ehrlichen Meister Jordan, meinem Hofgürtler. Ich zweifle nicht, Ihr habt für Euch in der Stille die Sache genugsam überlegt.« »Wie es unser Einer vermag, Ihre Durchlaucht. Wenn Feuer geblasen wird, denkt man auch daran, wie am besten löschen?« »Wohlan denn, Meister, der Brand ist da, wo wollt Ihr die Spritzen anlegen? Bei dem jetzigen Stand der Dinge klagt das Publikum über Zwang, den es von den Handwerkern dulden muß; über Verarmung vieler Menschen, die etwas erwerben wollen, denen man keine Mittel und Wege dazu offen läßt. Man verlangt unbedingte Gewerbsfreiheit. Von der andern Seite jammern und lärmen die Professionisten, daß sie brodlos werden, wenn man ohne Unterschied Jedermann Handwerkern läßt; daß sie, bei Einführung von Gewerbsfreiheit, insgesamt an den Bettelstab kommen müssen, und daß das Publikum selber den größten Schaden davon tragen werde, wenn es von Stümpern betrogen wird. Drum verlangen Eure Zünfte unbedingte Aufrechthaltung ihrer Rechtsame. Welchen Weg hier nun einschlagen? Links, oder rechts?« »Mitten durch, gnädigster Herr! Zunftwesen und Gewerbsfreiheit müssen neben einander bestehen. Mittelstraß ist die beste Straß! Wär' ein einziges unbedingtes Etwas unterm Himmel, ich glaube, es würde die ganze Welt in sich verschlucken. Drum gibt es in keinem Land ein unbedingtes Recht und keine unbedingte Freiheit.« »Weise gesprochen, Meister! Ich mach' Euch am End aller Dinge noch zu meinem Hofphilosophen, wenn dergleichen Leute einmal Mode werden, etwa wie Hofsänger und Hoftänzer. Nun sagt mir nur, wie Gewerbsfreiheit und Zunftzwang mit einander verbinden? Das ist ja sonnenklarer Widerspruch!« »Man muß sie nur beide zähmen und zusammen gewöhnen, Ihre Durchlaucht, wie zwei böse Gäule, die nicht gewohnt sind, mit einander den gleichen Karren zu ziehen. Aber, gnädigster Herr, wenn ich's sagen darf, mit großer Vorsicht, langsam! Allzugeschwind fahren bricht das Rad; allgemach kömmt man auch weit.« »So spannet die bösen Gäule einmal zusammen, Meister, und sagt, wie sie dressiren, daß sie nicht etwa gar den Karren umwerfen,« sagte der alte Fürst herzlich lachend: »Thut, als säßet Ihr auf meinem Stuhl, oder Thron, und hättet das Land zu regieren.« »Ach, Ihre Durchlaucht geruhen gnädigen Scherz zu treiben. Leichter könnt' ich unsere Hauptkirche, sammt Thurm, durchs Stadtthor tragen. Indessen, weil Höchst Sie befehlen, will ich meine Gedanken sagen, ob sie gleich einfältig sein mögen. Aber, wie das Garn, so natürlich auch das Tuch.« »Also zur Sache, Meister Jordan.« »Meinerseits würd' ich den Zunftzwang abschaffen, aber nicht das Zunftwesen; und würde Gewerbsfreiheit gestatten, doch keine Gewerbs-Zügellosigkeit. Ich würde in Dörfern, wie Städten, Niederlassung von Handwerkern gestatten, ansäßigen Fremden, wie Landeskindern. Die könnten schaffen und Hausirer umherschicken, wie sie Lust hätten. Nur sollte Niemand Profession treiben, ohne von der Regierung ein Patent dafür zu haben; und Niemand sollte hausiren dürfen, als wer von einem patentirten Handwerker dazu für dessen selbstverfertigte Waare angestellt ist. Das wäre Eins!« »Keiner aber sollte dann von der Regierung ein Patent empfangen, der nicht vorher von einer inländischen Zunft Zeugniß vorlegen könnte, er verstehe sein Handwerk aus dem Fundament und sei ein tüchtiger Gesell, mit genügendem Lehrbrief versehen. Um als Gesell ausgeschrieben zu werden, muß er ein Probestück machen, das verkaufbar und nicht überköstlich ist. Wird der Lehrling auf diese Weise Gesell: so zahlt er nur Einschreibgebühr; aber keine Schmausereien, keine Schnurrpfeifereien, wie heutzutage beim Meisterstückmachen geschieht. Sodann steht ihm frei, ob er noch auf Wanderschaft gehen, oder sich auf seine Faust hin irgendwo ansäßig machen und ein Patent fordern will. Hat er das Patent, so ist er dadurch Meister. Sein Gesellenstück war sein Meisterstück. Es muß künftig schwerer sein, Gesell, als heutiges Tages Meister, zu werden. Das wäre Nummer zwei!« »Nun aber gelang' ich zur Hauptsache, zum Grundübel, an welchem der Handwerksstand erkrankt, daß er in immer größere Armuth und Verachtung übergeht. Taugt die Saat nichts, wie soll daraus Frucht werden? Da nimmt man bei uns den Jungem aus der Schule, eh' er was Rechts gelernt hat; thut ihn zu früh in die Lehre, wo er dann vergißt, was er aus der Schule mitgebracht hat; spricht ihn nachher frei, macht ihn zum Gesellen, fragt nicht, wie viel er versteht? sondern wie viel Jahre er in der Lehre gestanden? So ist der Gesell gewöhnlich nur ein erwachsener Lehrbursch, der nicht mehr die Stuben wischen muß, und nach Jahren ein paar Handgriffe erlernt und eingeübt hat. Dann zieht er zu andern Meistern, in andern Städten umher; schnappt ein paar Handgriffe mehr auf, wird Meister, und bleibt Stümper in der Profession sein Lebenlang.« Hier regte sich der Kabinetsrath beifällig und äußerte gegen den Fürsten: »der Mann hat, glaub' ich, den Nagel diesmal auf den Kopf getroffen.« Auch der Fürst war ernster geworden, und mahnte den Meister fortzufahren. »Wenn ich Herr wäre,« sagte dieser: »es sollte mir kein Knabe vor seinem zwanzigsten Jahre aus der Schule genommen und ins Handwerk gethan werden, bis er auch, je nach Bedarf seines künftigen Berufs, das Nöthigste in der Zeichnungskunst, desgleichen das zu Handwerkszwecken Nützliche und Unentbehrliche aus der Mathematik, aus der Mechanik, Schmelzkunst und Anderm inne hat. Er soll in keine Werkstatt zugelassen werden, ohne vorherige Prüfung und vorgelegtes Zeugniß. Je mehr er aus der Schule zum Handwerk herüber trägt, um so mehr trägt ihm nachher die Aernte vom Handwerk ein.« »Ihr treibt es zu weit, Meister Jordan!« fiel ihm der Fürst in die Rede: »Wo sollen Eure Lehrburschen all' die Gelehrsamkeit nehmen?« »Wo sie die Fabrikanten nehmen, Ihre Durchlaucht. Ja, die wahren Handwerker unserer Zeit sind die Fabrikanten. Wir übrigen sind nur des Handwerkes Handlanger, weil heutiges Tages Handwerk auch Kopfwerk geworden ist. Fabrikanten, Chemiker, Mechaniker u. s. w. haben Gewerbschulen ; Kaufleute ihre Handlungsschulen ; Offiziere ihre Militärschulen ; reiche Landwirthe ihre Ackerbauschulen ; Schulmeister ihre Lehrerseminarien ; Maurer und Zimmerleute Bauschulen . Für Alle trägt der Staat Sorge; für die Handwerker aber zu wenig. oder gar keine. Dann wundert man sich über unsre Verarmung. Drum thut bessere Handwerksordnung Noth und verständigere Aufstellung des Zunftwesens.« »Hört, guter Freund,« sagte der Fürst: »nach all' den schönen Dingen, die ich gehört habe, dünkt mich das Zunftwesen ganz überflüssig zu werden.« »Ew. Durchlaucht halte mir zu Gnaden, Ordnung erhält die Welt. Es gibt kein Regiment Soldaten ohne Tambour und Obersten. Man könnte sich freilich auch einander, ohne diese, todtschlagen.« Der alte Herr im Lehnstuhl lächelte. »Nun, wie denn würdet Ihr das Handwerker-Regiment aufstellen? Zunftwirthschaft neben wenn auch bedingter Gewerbsfreiheit! Da liegt der Knoten, den man lösen soll.« »Erstens, gnädigster Herr, sollte man freie und zünftige Handwerker scheiden. Gewerbe, die jeder ohne große Kunst treiben kann, der zwei Hände und zwei Augen hat, gebe man Jedem frei, weil sie schon frei in den meisten Häusern getrieben werden. Dahin zähl' ich Barbierer und Frisierer, Seifensieder, Lichtzieher, Gärtner, Bäcker, Köche u. s. w. Die machen also die Freiparthie aus. Zweitens, die übrigen Handwerker, nämlich die vom rechten Schrot und Korn, in Städten und Dörfern einer Provinz oder eines Bezirks, bilden zusammen eine Großzunft, also ein Bataillon, mit dem Obermeister an der Spitze. Diese Großzunft zerfällt in Gilden oder Zünfte, das heißt Kompagnien, mit einem Zunftmeister. In jeder dieser Zünfte sind diejenigen Gewerbe zusammen gethan, die einander mehr oder weniger verwandt stehen; zum Beispiel: Roth-, Gelbgießer und Gürtler in der einen; Maurer, Gypser, Steinmetze, Stukaturarbeiter in der zweiten u. s. w.« »Ich verstehe!« unterbrach ihn der Fürst : »Allein, ich frage, wozu denn noch dies Zunftwesen?« »Ich meine, gnädigster Herr, um im Guten Maß und Ziel zu halten und um in die Gewerbsfreiheit Ordnung zu bringen. Maß ist in allen Dingen gut. Warum soll nicht Professionisten, die zwar verschiedene, aber doch einander nahe stehende, Handwerk treiben, erlaubt sein, mehrere solcher Gewerbe zugleich zu treiben? Warum nicht der Schreiner auch Glaser, der Glaser auch Schreiner, oder der Glockengießer auch Gürtler und der Gürtler Glockengießer sein dürfen? – Gut! Allein er werde in seiner Zunft nur für diejenige Gattung des Gewerbes eingeschrieben, und von der Regierung patentirt, in welcher er sich durch Kenntniß, Geschicklichkeit und Probestück aus der Lehrlings-Werkstätte, tüchtig erwiesen hat. Darüber sollen die Zünfte richten. Die Zünfte sollen auch über unerlaubtes Hausiren mit Waaren ihrer Gewerbsarten wachen; sollen, als Sachkundige, Klagen wegen schlechter Arbeit, oder Waarenverfälschung begutachten, und dergleichen mehr. – Hinwieder die versammelte Großzunft einer Provinz, oder eines Bezirks, hat nur die allgemeinen Gewerbsangelegenheiten, Vorschläge und Wünsche, die der Regierung vorzulegen sind, Streitigkeiten über Gewerbssachen in einzelnen Zünften, und dergleichen zu untersuchen, und, wie sich's trifft, zu entscheiden. So kann Jeder zu Stadt und Land Handwerke treiben; und das ist Gewerbsfreiheit . So ist das Publikum vor Pfuscherarbeit und Betrug gesichert; und das nenn' ich Ordnung! So allein wird der Handwerksstand wieder ein Ehrenstand, der nicht bloß durch die Hand, sondern durch Kenntniß, Kunst und Scharfsinn seinen goldenen Boden gründet und mit den Fabriken in Wettkampf treten kann.« Weil Jonas hier schwieg, rief der Fürst: »Weiter, weiter!« und legte ihm neue Fragen vor. Jener gab seine Antworten; aber von nun an mit vieler Behutsamkeit; denn er nahm wahr, daß der Sekretär ihm Wort um Wort nachschrieb. Das Gespräch dauerte bis in die Nacht. 21. Die Sonntagsschule. Seit dieser Unterredung verflossen Jahr und Tag. Weder der regierende Fürst, noch der Graf Salm ließen den Hofgürtler wieder in das Schloß rufen. Jonas war dessen sehr zufrieden. »Weiß man doch nie,« sagte er: »ob man da Donnerwetter oder Sonnenschein trifft? Herrengunst, flüchtiger Dunst! In der Ferne leuchten uns Fürsten schön entgegen; tritt man ihnen aber zu nahe, verbrennt man sich leicht. Besser zu Hause eigner Herr sein, als Knecht mit Stern und Ordensband anderswo Und wer Herr seiner selbst ist, der ist mehr als ein König, welcher Herr von Allem, nur keiner von sich ist.« Mit diesen Grundsätzen lebte er glücklich, stets genügsam; bei Arbeit fröhlich; fromm zwischen Gesellen und Lehrknaben; ehrlich gegen Kunden; friedlich und freundlich mit Bürgern und Handwerksgenossen. Martha und Christiane wetteiferten, ihm Stille und Einförmigkeit des häuslichen Lebens zu versüßen und zu vermannigfaltigen. Er hinwieder kannte keine größere Lust, als den herzliebenden Geschöpfen Freude mit Freuden zu vergelten. Den tiefgebeugten Gideon Kürbis erheiterte er, wie er konnte, und alle Hausgenossen folgten seinem Beispiele. Auch ließ er ihn nicht unbeschäftigt, weil, wie er zu sagen pflegte, Müßiggang seelenkrank mache, und den Leuten seltsame Gedanken in den Kopf bringe. Nur eins ließ ihn nicht ganz ohne Sorg' und Unmuth; das war das immer noch ungewisse Schicksal seines bescheidenen Vermögens. Unfruchtbar und zinslos mußte es da liegen, bis Gideons großes Haus einmal einen reichen Käufer fand. Allein es fand sich keiner. Es ward wiederholt und umsonst feil geboten. Die Gläubiger besprachen sich oft zusammen. Einer ermunterte den Andern zur Uebernahme des Ganzen. Jeder wollte sich dafür Abzug von seiner Schuldforderung gefallen lassen. Es war umsonst. Der öde, palastartige Prachtbau verschlechterte sich inzwischen und verlor an Werth, je länger er unbewohnt und verwahrlost dastand. Am meisten drängten die Antheilhaber den Meister Jordan, den riesigen Leichnam eines schönen Wohnhauses an sich zu ziehen, weil er doch Nachbar desselben, und sein altes Eckhaus daneben kaum noch für sein Gewerbe geräumig genug sei. Um der Sache endlich abzukommen, ergaben sie sich darein, die Hälfte ihrer Forderung fahren zu lassen und für Auszahlung, oder Verzinsung des Uebrigen, die billigsten Bedingungen zu gewähren. Da rieth selbst Veit, welchem Jonas seine Noth nach Frankreich geschrieben, zu dem guten Wagstück, und sandte, als Beitrag dazu, den gesammten Erwerb, welchen er, aus der Handels-Gemeinschaft mit der Wittwe Bellarme, erübrigt hatte. »Mir wenigstens scheint diese Spekulation keine übelberechnete,« schrieb Veit: »denke daran, lieber Vater, daß auch ich eines Platzes bedarf, wenn ich einmal nach Altenheim zurückkehren müßte. Und wer weiß, ob ich nicht bald genug dazu gezwungen sein werde? Denn meine hiesigen Verhältnisse gestalten sich täglich zweifelhafter und unangenehmer. Ich sehne mich hinweg von hier aus triftigen Gründen, die ich verhehlen will und muß. Wo würd' ich aber einen schönern Wohnsitz finden, als dicht bei Vater und Mutter!« So schlug Jonas ein und der Kauf ward geschlossen. Zwar konnten sich weder er noch Martha entschließen, ihre kleinen heimathlichen Stuben und Kämmerlein zu verlassen, in welchen jede Stelle, jeder Winkel sie mit theuern Erinnerungen festhielt. Doch gefiel es ihnen, sich's darin bequemer zu schaffen, und ins neue Gebäude Werkstatt, Waarenvorräthe, Handelsladen und Schlafstellen der Gesellen zu verlegen. Auch der alte Gideon mußte dort wieder Wohnung nehmen in einem seiner ehemaligen, freilich nun alles Prunkes entbehrenden Zimmer. »Sieh',« sagte Martha zu ihrem Manne, als er mit untere geschlagenen Armen dastand, und die Veränderungen betrachtete, welche sie geschäftig ausgeführt hatte: »so ist's nun doch erfüllt, was Dir, als Knaben, einst die graue Natchen geweissaget hat. Dein kleines Haus werde das große eines reichen Mannes verschlingen. Mein Vater hat mir einigemal davon erzählt. Doch, das Glück, was sie ihm und einigen Andern verhieß, ist leider nicht erschienen.« Jonas nahm das Weibchen in den Arm, über diese Worte lachend, und versetzte: »Daß doch der gesundeste Menschenverstand, zumal bei euch Frauen, im Augenblick zum Narren werden kann, wenn von hundert Dingen ganz zufällig ein einziges dem prophezeiten halb und halb ähnlich sieht. Die alte Hexe hat wahrscheinlich dem Herrgott nicht in die Karte geschaut, als sie die ihrige anschielte. Gott führt die Seinen wunderlich; sagt's aber nicht voraus; sonst hätte alles Verwundern ein Ende, und wir wären so klug wie er. Nein, nein; laß den Aberglauben fahren! Umgekehrt, ich fürchte, das große Haus könne das kleine verschlucken. Man muß nicht jauchzen, bis man über den Graben ist. Große Noth und großes Glück haben beide große Tück.« Wirklich verursachte das Besitzthum, wenn es auch Marthens Eitelkeit schmeicheln mochte, dem bedächtigen Hofgürtler mehr, denn eine sorgenschwere Stunde. Veit konnte noch lange Zeit in der Ferne wohnen; unterdessen sich keine Miethsleute für die vielen Säle, Zimmer und Nebengebäude meldeten. Die Zinsen waren lästig, und nicht weniger die Kosten, Alles in baulichem Stand zu erhalten. Inzwischen trat ein Ereigniß ein, welches ihn wieder zerstreute. Es erschien nämlich die längst erwartete, oder gefürchtete, landesherrliche Verordnung in Handwerkssachen, welche, mit Abänderung des bisherigen Zunftwesens, ausgedehntere Gewerbsfreiheit aufstellte. Das gab im Lande fast eine Revolution. Jeder sprach darüber, als verstehe er die Sache am besten. Was dieser lobte und wünschte, tadelte und verwünschte jener. Man stritt und zankte, lachte und wehklagte, wie in solchen Fällen zu geschehen pflegt. Mancher von den Vorschlägen, welche Jonas vor dem Fürsten geäußert hatte, war in der Verordnung aufgenommen worden, besonders das Patentiren, weil es für die Staatskasse einträglich werden konnte. Aber nichts desto weniger gehörte Jonas zu denen, welche ebenfalls eine Umwälzung in Handwerkssachen, wie diese, mißbilligten. Auch verhehlte er seine Unzufriedenheit keineswegs, als ihn mehrere Zunftmeister beriethen, ob man nicht dem Fürsten abermals eine Bittschrift einreichen solle? »Nein, Ihr Herren, das unterlasset!« sprach er: »Es ist einmal so der Welt Lauf; die Großen richten die Suppe an, die Kleinen müssen sie ausessen. Und haben sie einmal geirrt, so irren sie gern noch einmal darin, daß sie nicht wollen geirrt haben. Zwar unser bisheriges Zunft- und Handwerkswesen taugte weder für uns noch für das Land. Jetzt aber, um's zu bessern, hat die Regierung den Flicklappen neben das Loch gesetzt; dem Staat mit frischen Einkünften geholfen, aber dem Volke neue Wege gebahnt, durch Pfuschereien zu verarmen. Die Hauptsache fehlt, die lebendige Seele des Ganzen, Veranstaltung besserer Vorbildung und zweckmäßigern Unterrichts unserer Knaben! Da, Ihr Herren, da steckt der Wagen im Koth! – Doch muß man wohl fünf grade sein lassen. Also keine Bittschrift mehr. Zuviel Gewicht übertreibt die Uhr. Nehmen wir, was wir nicht abschlagen dürfen. Was dem Einen leidig ist, ist dem Andern freudig. Selah.« Die neue Ordnung der Dinge ward unter Murren und Seufzen der Handwerker eingeführt. Inzwischen fanden dennoch viele von ihnen großen Trost, als bei Auflösung der bisherigen Gilden und Zünfte, deren seit Jahrhunderten gesammeltes Gut unter die gegenwärtigen Genossen vertheilt werden durfte. Umsonst eiferte Meister Jordan aus allen Kräften gegen die Versplitterung des Vermögens; umsonst schrie er: »Reißet den Pfeiler nicht ein, der noch Wohlstand und Ehre der Handwerkerschaft stützen kann. Baut lieber Schulen daraus! Baut Gewerbschulen für Eure Söhne, daß sie tüchtiger und geschickter, denn wir Alle, den fremden Ellenreitern und englischen Waarenkrämern Spitze bieten können. Macht das Handwerk zum Kopfwerk, sag' ich hunderttausendmal, oder Ihr findet den goldnen Boden der Alten nicht wieder.« Man lachte ihn aus. Jeder strich sein Geld ein, und dachte: »Was will der Narr mit Schulen? Baarschaft in der Hand ist besser, als gelehrter Kram im Kopf. Den lassen wir den Gelehrten. Ich behalte das Meinige. Selber essen macht feist!« Seit langer Zeit hatte nichts so sehr den gewohnten Frohsinn und Gleichmuth des gutherzigen Jordan niedergeschlagen, als dieser Unverstand und Eigennutz, diese gemüthstodte Gleichgültigkeit seiner Mitbürger, gegen das Eine, was Allen noth that. Noch hoffte er auf ein volksfreundliches, weises Einwirken der Landesregierung zur Gründung von Lehranstalten für junge Handwerker; er hoffte vergebens. Man konnte ja kaum die erforderlichen Ausgaben alle für Schloßverschönerungen, Bildergalerien, Monumente, Hoffeste, reisende Virtuosen und andre dergleichen dringende Bedürfnisse bestreiten. »Sage mir, Herzens-Jonas, was kränkt Dich? Warum doch so still und finster?« fragte ihn an einem Feierabend Martha und streichelte seine Wange. »Ich war's; und bin's nicht mehr!« antwortete er; und indem er Marthen zu sich auf den Schoos zog, fuhr er fort: »Höre, Lieb-Mütterchen, ich bin mit mir im Reinen; habe im Hausbuch zusammengerechnet, was sich erübrigen läßt. Und es geht, sag' ich! Nicht wahr, du, ich, Christiane, haben für ein paar Jahre keine neuen Kleider vonnöthen? Auch, denk' ich, dreimal Fleisch in der Woche, statt täglich, sind für uns genug. Veit, will ich hoffen, wird auch ein gutes Werk thun. So kömmt's auf ein paar Hundert Gulden, und die sollen uns nicht schmerzen. Ich hab's schon mit Veits altem Lehrer besprochen. Der ist dir ein Mann nach dem Herzen Gottes! Ich gebe den großen Tanzsaal in Gideons Hause dazu, und Zimmer so viel, als zur Bequemlichkeit dienen.« Martha starrte ihm lachend in die Augen und rieb mit der Fingerspitze auf seiner Stirn herum: »Ist's auch hier im Oberstübchen ganz richtig? Willst Du Bälle, Soireen, Kränzchen, Pikeniks geben? Was hat der alte Professor dabei zu schaffen? Er kann ja nicht tanzen. Was hast du vor? »Was? Eine Sonntagsschule für Lehrlinge und Gesellen will ich anlegen. Vielleicht gibt der Stadtrath Bänke, Tische und Tafeln dazu. Die Entschädigung der Lehrer für einige Unterrichtsstunden in der Woche wird mich nicht erdrücken. Lineale, Rechentafeln, Dintefässer kauf' ich, oder bettl' ich zusammen. Ja, betteln ,« rief Jonas wie begeistert: »betteln will ich gehen, Martha, für die Söhne unserer Spießbürger, daß sie nicht selber einst den Bettelstab ergreifen müssen. Und wie unwerth es immerhin mache, Brosamen unter Tischen der Reichen zusammenzulesen; ich will mich stolz dabei fühlen, wie ein König. Die Bettlerthat ist eine Königsthat.« »Und Gott wird,« sagte Martha , indem sie jetzt voller Rührung ihren Arm fester um den Hals des Mannes schlang und einen Kuß auf seine Stirn drückte: »Gott wird die Krone seines Segens auflegen.« Ihr Wort ward erfüllt. Denn in kurzer Zeit hatte er für sein jugendfreundliches Unternehmen unerwartet eine so reiche Aernte von Beiträgen beisammen, daß auf sechs Jahre hinaus der Bestand desselben vollkommen gesichert ward. Absichtlich war er vor den Thüren seiner meisten Handwerksgenossen vorübergegangen; eben so vor den Thüren der andächtigen Frömmler, welche Steuern zur Beförderung des Christenthums nach Ost- und Westindien schickten, und in Altenheim verarmte Christenfamilien ohne Rath und Hülfe ließen; desgleichen vor den Thüren reicher Prasser und vornehmer Großthuer. Als er aber den Umgang vollbracht hatte, und er zur Ausführung des Werkes schritt: siehe, da meldeten sich beschämt auch die übrigen Handwerker mit ihrer Gabe; und die Andächtler und die großthuerischen Herren kamen, weil sie gern den Ruhm der Gemeinnützigkeit hatten und ihre Namen dabei genannt hören wollten. Selbst der Fürst sandte endlich ungebeten einige Hundert Gulden, und, zur Belohnung oder Belobung des löblichen Hofgürtlers, ihm dazu noch die Ernennung zum Obermeister von der Großzunft der Provinz. Jonas nahm das fürstliche Almosen mit dankbarer Demuth an; aber nicht die ihn ehren sollende Ernennung. Er lehnte sie ab; man weiß nicht, warum? Die Schule für künftige, oder wirkliche, Handwerkslehrlinge und für in- und ausländische Gesellen ward ohne Feierlichkeiten eröffnet. Jonas war kein Freund davon. Nicht nur an Sonntags-Nachmittagen, sondern auch zweimal in der Woche, während einiger Abendstunden, wurde unentgeltlicher Unterricht ertheilt und zahlreich besucht. Herr Gideon Kürbis freute sich dabei durch ein Ehrenamt in seinem ehemaligen Hause neu bethätigt zu erscheinen. Er mußte nämlich Aufsicht über Reinlichkeit und Ordnung der Zimmer, über die materiellen Bedürfnisse, und über Anzeichnung anwesender und abwesender Schüler führen. Mehrere Lehrer, einige gegen Bezahlung, einige freiwillig, ertheilten den lernbegierigen Jünglingen, wie es der Mangel ihrer Kenntniß, oder ihr Beruf erheischte, Unterricht in der Schreib-, Rechnen- und Zeichnungskunst; in der Lehre von der Macht der Naturkräfte, von Luftarten und Säuren, von Eigenschaften der Holzarten, Steine, Metalle und Salze; von Messung der Flächen und Körper; doch von Allem durchaus nur, was für den Gewerbsmann in der Anwendung brauchbar sein konnte und Alles sogleich in Anwendung und Wirklichkeit dargestellt. Auch zum vierstimmigen Männergesang ward Anleitung gegeben. So verminderten und verloren sich allmälig, in Wirthshäusern und Herbergen, Saufgelage und Schlägereien der Handwerksbursche. Diese fingen bald an sich ihrer selbst würdiger zu betragen. Statt sonstiger roher Zoten- und Zechlieder, erhoben Männerchöre ihre Stimmen zum Preise des höchsten Wesens, der Natur und des Vaterlandes. Das war aber noch nicht Alles. Es ward durch Geschenke aus Privatbibliotheken nach und nach eine schöne Sammlung von nützlichen und leichtverständlichen Büchern über Gewerbs- und Naturkunde, von lehrreichen Lebens- und Reisebeschreibungen veranstaltet. Davon nahmen die fleißigern Schulgenossen nach Hause, um sich in arbeitlosen Stunden darin zu unterhalten. Zuletzt schaffte Jonas nicht nur eine ganze Reihe von Modellen und Gestellen aller Gattung herbei, sondern – durch Uebung war er Meister im Betteln geworden – auch eine große Menge Musterstücke von den verschiedensten Waaren und Stoffen. Der alte Gideon stieg solchergestalt noch zur Würde eines Bibliothekars und Inspektors technologischer Sammlungen empor. Es that ihm im Herzen wohl. An einem Abend, da ihn der Gesang des jugendlichen Männerchors ungewöhnlich tief bewegt hatte, trat er mit thränenfeuchten Augen zum fröhlichen Jonas, drückte ihm die Hand und sprach: »Ja, ja, Herr Jordan, auf diese Weise gewinnt, wie Ihr immer sagt, das Handwerk wieder goldenen Boden , et cetera . Ihr habt Recht, ja, ja! vollständig Recht! Notabene! Wär's mir in der Jugend so geboten, ach, aus mir würde ein andrer Mann geworden sein!« 22. Die Versuchung. Veit vernahm aus frohlockenden Briefen seines Vaters, denen die Mutter nie unterließ, ein Postskript beizufügen, den guten Gang des guten Werks. Auch er steuerte reichlich bei, und gern. Aber er war, inmitten seiner großen und gewinnvollen Geschäfte, nicht lebensfroh, und war es seit langem nicht mehr. Es fehlte ihm nicht an Vergnügungen und Zerstreuungen. Die junge Wittwe Bellarme hatte das Möglichste gethan, ihm den Aufenthalt bei sich zu versüßen; sie hatte bald zu viel gethan. Der zu männlicher Kraft und Anmuth aufgeblühte Jüngling war, schon als ihr Mann noch lebte, ihr Liebling gewesen; und als sie sich mit Trauerkleidern schmückte, schmückte sie sich für ihn am liebsten, und wünschte, er wäre noch etwas mehr, als Liebling. Seine ehrfurchtsvolle Zurückhaltung kränkte sie. Für ihn lebte sie auf dem Lande, und hatte sie, unter den schwarzen Rauchwolken der Schmelzhütten, die Herrlichkeit der Weltstadt Paris vergessen. Nach verflossener Trauerzeit hatten ihre Augen, statt der Wehklage um den früh entrissenen Gatten, eine andere Sprache gelernt. Veit verstand die zärtlich flammenden Blicke wohl, die heimlich sagten, fragten, baten, was die Lippen verschwiegen: aber antworten mochte er nicht. Es fehlte der Frau Bellarme nicht an Verehrern, entzückten Besuchern und Versuchern. Sie galt als eine der reichsten Parthien. Doch Veit trug das Einmal-Eins im Kopf, nicht im Herzen. Sie war ein schönes Weib, reizend, von der mit rabenschwarzen Locken umflatterten, lichten Stirn herab, bis zu den kleinen Füßen. Sie war geistvoll, witzig, lebhaft, ein feuriges Kind des südlichen Frankreichs, mit einschmeichelndem Weltton; verführerisch in jeder ihrer Bewegungen. Aber sie wußte das; sie legte Werth darauf; erwartete dafür Bewunderung; und hatte daneben auch kleine, eigensinnige Launen, schnell gereizte Empfindlichkeit, zuweilen sogar ein wenig aufbrausendes Wesen. Der junge Jordan hatte nur einmal geliebt, und nie wieder. Seit ihn Ida schmerzlich getäuscht hatte, blickte er selten ein Frauenzimmer, ohne stillen Argwohn, an. Nur seine Mutter, in ihrer anspruchlosen Holdseligkeit, in ihrem frommen Gleichmuth, in ihrem geräuschlosen, immer regen, und treuen Sorgen und Streben für häusliches Glück, war für ihn Urbild weiblicher Würde und Hoheit geblieben. Frau Bellarme. auch von den schönsten und geschmackvollsten ihrer Ballkleider umflossen, von den köstlichsten Perlen und Brillanten umglänzt. stand weit unter der Gürtlerfrau, im wohlfeilen und einfachen, doch saubern Hauskleide. Diese scheinbare Gefühllosigkeit oder Schüchternheit des hübschen Krauskopfs steigerte die leidenschaftlichen Gefühle der Frau Bellarme für ihn nur höher. Jeder Blick ihrer schwarzen Augen, jeder Druck der Hand, jeder zurückgedrängte Seufzer, der aus ihrem Busen aufzitterte, sagte ihm: Ich liebe! Als er sie einst nach Paris begleiten mußte, zum Brautball und Namensfest einer ihrer Freundinnen, und sie unter sonnenhellen Kristallleuchtern des Ballsaales, im berauschenden Strom der Musik. durch die langen Reihen der Tänzer mit ihm dahin wirbelte; sie ihn, er sie umfassend; fühlte sie ihr ganzes Wesen erglühen. Nach beendigtem Walzer, mit ihm in ein Nebenzimmer tretend. um einen kühlenden Trunk Wassers zu nehmen, sank sie ihm an die Brust und ihre Lippen brannten an den seinigen. »O mein einziger Freund,« lispelte sie: »mein Jordan, mein Leben, was hast Du aus mir gemacht? Ich lebe und sterbe die Deine!« Durch die schwärmerische, oder wilde Zärtlichkeit des Weibes mehr betroffen, als bezaubert, deutete er warnend auf die Saalthür. Diese öffnete sich den gleichen Augenblick. In stummer Verwirrung gingen beide zu den Tanzenden zurück; beide mit ungleichen Gefühlen. Sie in Scham und Furcht und liebender Hoffnung zitternd; er abgestoßen auf immer von ihr durch die Zudringlichkeit, welche allen Adel des weiblichen Wesens entweihte. Sein kühles, besonnenes Betragen am ganzen Abend schien ihr die liebenswürdigste Blödigkeit eines unerfahrnen Jünglings. Seine Ruhe, sein Ernst in den folgenden Tagen aber, sein absichtliches Meiden jeder Berührung mit ihr, schien ihr bald empörender, stolzer Undank. Doch schwankte sie noch in Zweifeln, als es ihr endlich gelang, mit ihm unter vier Augen Erklärung gegen Erklärung zu wechseln. Als er ihr, neben schmeichelhaftesten Verbindlichkeiten, bloß von Hochachtung und ehrerbietiger Freundschaft sprach, als sie ihre längst für ihn gehegten Empfindungen, er hinwieder seine unwandelbaren Grundsätze äußerte: wandte sie ihm jählings den Rücken zu und verließ ihn, Glut im Gesicht und Thränen im Auge. Es war nicht Glut der Scham, sondern des inbrünstigen Hasses; es waren nicht Thränen des Schmerzes, sondern zornigen Stolzes. Mit dieser entscheidenden Stunde endete zwischen Beiden jeder gesellige Umgang und Verkehr. Sie wohnten im gleichen Hause, und begegneten sich selten. So oft sie einander nicht ausweichen konnten, war jede Bewegung der unversöhnlichen Dame eine Beleidigung für den ehemaligen Günstling. Sie begab sich bald darauf nach Paris und wußte von da aus, durch ihre Agenten und Diener und Buchhalter, ihm der ewigen Plagereien und ärgerlichen Widersprüche in Geschäftsdingen so viele anzuzetteln, daß er einsehen mußte, seines Bleibens könne hier nicht länger sein. Auch legte man ihm selber nahe, es sei, des Friedens willen, eine Auseinandersetzung der gemeinsamen Angelegenheiten, mit dem Sachführer der Frau Bellarme, und Trennung am geratensten. Ohne Zögern und Bedenken willigte er ein. Doch verfloß fast ein halbes Jahr mit Aufnahme der Waarenvorräthe, mit Untersuchungen des Rechnungswesens und Scheidung der gegenseitigen Ansprüche. Daneben kamen der verwickelten Fälle mehr denn einer zum Vorschein, deren Lösung nur in Prozessen gesucht werden konnte. Es blieb nicht verschwiegen. daß Frau Bellarme selbst die Geschäftigste war, mit schadenfroher Lust, wo sie konnte, die Fäden zu verwirren. Veit jedoch ließ sich lieber Nachtheil und Ungerechtigkeit gefallen, statt zweifelhaftes Recht vor Gerichten auszufechten. Er berichtete den plötzlichen Wandel seines Schicksals, mit allen Umständen nach Hause. Zwar klagte er bitter über verschiedene Verluste und unbilliges Verfahren der Frau Bellarme, oder ihrer Sachführer. Aber er verhehlte auch nicht, daß er im Bewußtsein der Unschuld zufriedener sei, unverdiente Kränkungen zu dulden, als Andern zu verursachen. Fast mehr noch, als das eigne Gewissen, tröstete ihn der Beifall der Aeltern. »Hast wohlgethan, mein braver Junge!« schrieb ihm Vater Jonas: »Komm heim, wir erwarten dich mit Ungeduld. Undank ist der Welt Lohn. Nun man dich gebraucht hat, stellt man dich hinter die Thür. Dacht' ich mir's doch gleich anfangs, daß es zwischen dir und der Wittwe kein gutes Ende nehmen werde. Es ist gewißlich wahr: junger Wittwen ledige Haut schreit nach Hochzeit überlaut. Wie fromm und züchtig sie immerhin nach ihres Mannes Tod gethan, du hast's erfahren, wie eine aus Noth frischgebackne Tugend unverdauliche Waare bleibt. Sobald Keuschheit einmal zum Tanz gehen will, tanzt sie auf gläsernen Schuhen. Freilich hättest du mit der Dame ein vornehmer Herr werden können; aber besser, du bist ein freier Herr geblieben. Wer bei wenigem Gut eine reiche Braut nimmt, ist nachher doch nur erster Kammerdiener seiner Frau.« »Unsre neue Handwerksschule steht im Blüthenglanz. Sie wird dich freuen. Aber es ist noch viel zu thun übrig. Drum komm' zurück und hadre nicht mit Advokaten; sie sind die schlimmsten Taschenspieler. Ein magerer Vergleich macht satter, als ein fetter Prozeß.« 23. Der Sündenlohn. Mehr, denn drei Jahre lang, war Veit vom Vaterhause entfernt gewesen. Wie freute er sich, es wieder zu erblicken, und fortan Freude und Stütze seiner Aeltern zu werden, denen sich schon die Tage des Alters naheten. Jetzt noch standen sie in voller Kraft des Lebens, der Vater hoch in den Fünfzigern, die Mutter in den Vierzigern. Bald endlich hielt ihn nichts mehr zurück. Das Geschäft der Auseinandersetzung mit Frau Bellarme war vollständig abgethan, sein gesammtes Vermögen in gute Wechsel verwandelt; der Koffer gepackt. Da empfing er noch, wenige Tage vor der Abreise, einen Brief, der sein Gemüth in ungewöhnliche Bewegung brachte. Erstaunen, Schmerz und Mitleiden wechselten, während des Lesens in ihm. Der Brief kam aus einer kleinen Stadt am Rhein. Er kam von Ida , die sich noch Ida Kürbis unterschrieb, statt Gräfin Ida Zarinsky, wie man hätte glauben sollen. Es lautete darin folgendermaßen: »Ich weiß nicht, o Unvergeßlicher. ob ich Du oder Sie sagen soll? Du nennt dich täglich mein Herz; Du nenne ich dich in den süßesten meiner Träume. Aber, wie ich von einem durchreisenden Herrn vernehme, der Sie kennt, der mir von Ihnen viel erzählen mußte, – Sie sind in hohem Wohlstand; Sie sind reich, und ich dürftig, verlassen, krank, der Verzweiflung und dem Grabe nah. Jener Betrüger und Verräther, jener Zarinsky, der mir Unschuld, Ehre, Vermögen und theuren Vater, der mir meine ganze Zukunft raubte, war ein lüderlicher Abenteurer, ein Komödiant, ein Spieler. Zu Prag ließ er mich, wenige Monden nach unserer Flucht von Altenheim, treuloser und diebischer Weise im Stich. Meine letzten Kleinodien, meine ganze Baarschaft nahm er mit sich. Wohin er damit gekommen ist, hat man nie erfahren. Eben so unbekannt ist mir das Schicksal meines Bruders geblieben. Er soll, heißt es, im Elsaß wegen eines Verbrechens, gefangen und nach Toulon auf die Galeeren geführt worden sein.« »Nun sitz' ich trauernd da, eine reuige Sünderin in Thränen, eine büßende Magdalena! Ach, wie manche brave, aber eitle Bürgerstochter, die über ihren Stand hinauswollte, wie ich, ließ sich durch Schmeicheleien und Schwüre vornehmer junger Herren verblenden und verführen! Ach, hätt' ich, edler Freund, Ihren Winken gefolgt! Hätt' ich einen ehrlichen, fleißigen, wenn auch armen Handwerksmann geheirathet, jetzt würd' ich eine glückliche Hausfrau sein. Freilich, meine lieben Aeltern – – Doch nein, ich will sie nicht anklagen. Ich trage alle Schuld. O hätt' ich dich, du Liebling meiner Kindheit, du noch immer der Engel meines Lebens – – aber ich darf nicht. Ich will schweigen. Mein Himmel ist verloren.« »Und dennoch wend' ich mich im Kummer eines zerrissenen Herzens noch an Sie, Engel meiner Kindheit; an Sie, den das Glück wunderbar begünstigt hat. Helfen Sie mir. Ich wohne hier im Städtchen bei einer frommen, ehrwürdigen Matrone, Madame Schlakker, die sich meiner mütterlich angenommen hat. Sie will mich in ein wohlthätiges Frauenstift einkaufen, wo ich meine Tage in frommen Uebungen der Andacht, und von der sündigen Welt abgeschieden, leben könnte. Nur fehlen mir noch zur Einkaufssumme 1000 fl. – Helfen Sie der armen Ida, die Sie einst Ihre Ida nannten. Sie sind reich. Bist du aber auch noch der gutherzige, zärtliche, liebenswürdige Veit von ehmals? O, verlaß mich nicht in meiner Noth! Antworte mir!« – – Der Brief war noch länger. Er schloß mit Klagen und Gebeten zu Gott. Einige leichte blasse Flecken auf dem Papiere schienen der Nachlaß dabei geweinter Thränen zu sein. Veit, nach kurzem Ueberlegen, entschloß sich, ihr, die doch die Liebe seiner frühern Jahre gewesen, und nun durch Hochmuth der Aeltern und eigenen Leichtsinn eine der Unglücklichsten ihres Geschlechts geworden war, Hülfe zu bringen. Statt ihr die verlangte Summe durch die Post zu übersenden, zog er vor, einen kleinen Umweg auf der Reise zu machen, die Unglückliche selbst noch einmal zu sehen, und, genauer von ihren gegenwärtigen traurigen Verhältnissen unterrichtet, ihr ein erträgliches Loos für die Zukunft zu bereiten. Mit diesem menschenfreundlichen Vorsatz reiste er nach Paris, um der Frau Bellarme einen Abschiedsbesuch zu geben, den sie aber abwies. Darauf ging er über den Rhein nach Deutschland. Sobald er das von Ida bezeichnete Städtchen erreicht hatte, begab er sich, obgleich es schon spät am Tage war, in die Wohnung der Dame Schlakker. Es war dies ein altes zusammengeschrumpftes Mütterchen, welches in ihrem von allerlei Dünsten durchdufteten, kleinen Kramladen saß, Tabak, Käse, Butter, Theer, Oel und Kerzen feil zu haben. Er hatte sich von der »frommen, ehrwürdigen Matrone« eine ganz andere Vorstellung gemacht. »Was geht mich das lüderliche Weibsstück an?« fuhr sie belfernd auf, sobald er den Namen Ida Kürbis nannte: »Ich habe die Dirne längst aus dem Hause gejagt. Sie ist mir zur Stunde noch sieben Gulden fünfzehn Kreuzer schuldig. Ich habe aber Arrest auf ihren Lohn legen lassen. Ich bin eine ehrliche Frau, und dulde bei mir im Hause keine Schandwirthschaft. Packen Sie sich, Herr. Suchen Sie die wüste Kreatur anderswo.« Der arme Veit war nicht wenig über einen so unhöflichen Empfang und über dergleichen harte Aeußerungen gegen die schöne Tochter des Herrn Gideon betroffen. Er blieb jedoch gelassen: vermuthete bloßes Mißverständniß und versuchte sich deutlicher zu erklären. Allein die mürrische Alte fertigte ihn kurz ab, und deutete mit der dürren Hand auf die Hausthür, indem sie sagte: »Ist Ihnen an der Mamsell so gar gelegen, dann suchen Sie sie in ihrer Wohnung beim Schneider Läpplein in der stänkrigen Rosengasse auf. Jetzt aber ist sie nicht zu Hause, sie spielt diesen Abend auf dem Theater.« Mehr erfuhr er nun nicht. Er konnte, was er gehört hatte, durchaus nicht glauben. Es stand in zu rohem Widerspruch mit dem Briefe, welche ihm Ida, die »büßende Magdalena«, geschrieben. Er ging verlegen und verdrossen durch die Gassen, und ließ sich den Weg zum Theater zeigen, wo eine Bande wandernder Schauspieler dem genügsamen Publikum der Stadt ihre Kunststücke zeigte. Er kam noch zum letzten Aufzug und sah gleich bei seinem Eintritt ein junges auf der Bühne herum hüpfendes Mädchen, welches in der fröhlichsten Mode-Unschuld dem zankenden Oheim gestand, statt eines Anbeters ein volles halbes Dutzend zu haben. So wenig Veit, eine Stunde vorher, im Laden der ehrwürdigen Käsekrämerin, seinen Ohren geglaubt hatte, eben so wenig verließ er sich jetzt auf seine gesunden Augen. Er drängte sich der Schaubühne näher. Aber die im Flitterputz Umhergaukelnde – sie war es, sie blieb es. Das Herz zog sich krampfhaft in seiner Brust zusammen. Er erwartete die Komödiantin, nach Beendigung des Stücks, am Ausgang des Gebäudes. Denn sprechen wollte er sie. Aber als sie erschien, vertrat ihm ein dicker Dragoner-Offizier den Weg. Der Offizier blieb an ihrer Seite, und zog sie endlich, nachdem sie einigen Widerstand geleistet, mit sich in ein Haus. Voller Entsetzen, Bekümmerniß und Abscheu, begab sich Veit in seinen Gasthof. Er verlangte nicht weiter, die Entehrte, die Tiefgesunkene zu sprechen. Und doch, andern Morgens, änderte er den Sinn. Es war ja noch Möglichkeit, das unglückliche Geschöpf vom gänzlichen Seelenverderbniß zu retten. Selbst jener Brief, wenn auch aus Lügen und schönen Worten zusammengesetzt, schien noch auf solche Möglichkeit hinzudeuten. Er wollte ihre Schulden bezahlen und sie überreden, mit ihm nach Altenheim und in die Arme ihres Vaters zurückzukehren. So suchte er ihre Wohnung auf. Er trat in ihr Zimmer, wo er sie in nachlässig umgeworfenen, schmutzigen Nachtkleidern, beim Auswendiglernen einer ihrer Rollen, fand. Sie sprang bei seinem Anblick erschrocken auf und starrte ihn einige Augenblick sprachlos an. Doch faßte sie sich bald, eilte ihm mit schauspielerhafter Begeisterung entgegen, umschlang mit beiden Armen seinen Nacken und rief: »Süßer Junge! Du selber? Gott, welche Seligkeit!« Er schob sie sanft von sich und betrachtete sie eine Zeit lang voll stummen Mitleids. Die Jugendfrische war von ihr gewichen. Aus den eingesunkenen Augen leuchtete nur noch leichtfertig-frecher Sinn. Die Züge des bleichgelben Gesichts waren noch die ehemaligen; aber von wüster Lebensweise schärfer gegraben und entstellt; die weiland blühenden Rosenwangen etwas hohl und deren sonst glatte, zarte Haut, vom Bleiweiß, oder anderer Schminke zerfressen. »Arme Ida!« seufzte er endlich: »wie verwandelt find' ich dich wieder! Nein! Dich so zu erblicken, hab' ich nicht erwartet.« »Nicht wahr?« erwiederte sie, und ließ mit einem Seufzer den Kopf klagend zur Seite niederhangen, als bemitleide sie sich selber: »Nicht wahr? Auch mein Aeußeres hat sich sehr verändert? Ja, ich bin schwer von Gott gestraft.« »Am Aeußern wäre wohl wenig gelegen, antwortete er mit trauerndem Ernst: »Auch Krankheit, auch Jahre konnten das verderben. Aber, Ida, du hast mehr als den vergänglichen Schmuck der Jugend verloren. Du hast deine Ehre verloren, armes Mädchen, und mit ihr die Scham. Du überließest dich einem Verführer, und wolltest selbst mich verführen. Du hast deinen armen Vater in der Noth verlassen und vergessen, und ziehst nun umher in der Welt, heimathlos; bietest Wüstlingen, wie gestern Abend dem Dragoner, Ueberbleibsel der zerstörten Reize feil. Du lebst also gewissenlos und reuelos in Ausschweifungen fort, dich und Alle betrügend. Selbst dein Brief, in dem du mich um Beistand anriefst, und dessentwillen ich hieher eilte, war, wie ich seit gestern erfahren, Heuchelei. Ich, dessen Abgott du einst warst; ich, der dich nie vergessen konnte, ich, der . . .« »Höre auf mit deinen Vorwürfen!« rief sie, indem Thränen in ihre Augen traten: »Ich weiß es, ja, ich habe gegen dich gefehlt. Sei wieder, wie sonst, mein guter, lieber Junge. Hätte ich vermuthen können, daß du dich selber hieher bemühen würdest, ich würde nicht das geschrieben. sondern gerade herausgesagt haben: Hilf mir. ich bin arm, wie eine Kirchenmaus; stecke bis über die Ohren in Schulden; habe kein Reisegeld, nicht einmal die nothdürftige Garderobe, um bei einer bessern Schauspielergesellschaft Engagement zu suchen. Nein, nein, nein, du, guter Veit, beurtheilst mich hart, sehr hart. Aber Unglück über Unglück, wie ich erfahren habe, . . .« »Das eben ist das Schreckliche,« unterbrach sie der junge Mann: »daß selbst die Gewalt des Unglücks dir nicht Muth, nicht Kraft zu edlerer Erhebung geben konnte: selbst die Gottesstrafe an dir fruchtlos verloren ging!« »Predige nicht,« entgegnete sie, ihn schelmisch anlächelnd: »Ich weiß deine schönen Sachen alle auswendig, du kennst aber meine Geschichte nicht ganz. Setz' dich ein wenig zu mir, höre mich an. Ich will dir Alles ehrlich erzählen, und du wirst anders von mir denken lernen.« Sie zog ihn mit der Hand zu sich auf ein halb zerrissenes Sofa, von welchem sie in der Geschwindigkeit einige Kleider und unreine Wäsche weggeräumt hatte. Dann erzählte sie, mit geläufiger Zunge, bald weinend, bald lachend, wie es der Text eben mit sich brachte, von ihren Abenteuern und Erlebnissen. Das Wesentliche davon war: Sie sei aus Furcht vor den Folgen ihres unvorsichtigen Umgangs mit dem Zarinsky, und weil sie deutlich den Bankerot ihres Vaters vorausgesehen, mit dem schlauen Verführer entflohen. Beide wären, als Eheleute, gereist, als vornehme Herrschaft, mit männlicher und weiblicher Dienerschaft, bis das Geld zu Ende gegangen. Dann, statt auf die polnischen Güter zu gehen, habe ihr Zarinsky die Wahrheit gestanden, er sei kein Graf, sondern Schauspieler von Profession. Nur Liebe habe ihn vermocht, sie so lange zu täuschen. Beide hätten endlich Aufnahme bei einem deutschen Theater gefunden. Zarinsky sei in seinen Rollen, wie an den Spieltischen, glücklich gewesen; gegen sie selbst sehr artig, nicht einmal eifersüchtig. Er selber habe ihr reiche Anbeter zugeführt, die von ihr schön gepflückt worden wären. Als er sie endlich in Prag um ihre paar Diamanten und Geldbörsen betrogen und bestohlen und sie heimlich verlassen, sei ihr natürlich nichts anders übrig geblieben, als von guter Herren Gunst zu leben und von einem Theater zum andern zu gehen. Sie habe, sie müsse es gestehen, dennoch auch angenehme Zeiten gelebt; viele Freunde gehabt; bis sie von einer häßlichen Krankheit heimgesucht, nach langsamer Genesung, in die dürftigsten Umstände gerathen sei. Und in diesen befinde sie sich leider noch jetzt. Veit hörte die ekelhaften Geständnisse mit um so größerm Widerwillen, weil sie ihre bisherige Lebensweise nichts weniger, als bereute, sondern die Schule ihres Elends und ihrer Vergehungen, auf Niederträchtigkeit der Männer und auf ihr unverdientes, widerwärtiges Schicksal warf. Sie habe, meinte sie, nicht anders in ihrer Lage handeln können. »Nicht wahr, mein süßer Junge,« schloß sie ihre Rede: »Du rettest diesmal deine Ida aus der Noth? Ja, ich bin noch deine Ida! Könnt' ich dir nur noch gefallen. Wie bist du so kräftig, männlich schön geworden! Du Schelm, du hast gewiß indessen auch dein paar Dutzend Pariser Göttinnen gehabt!« Sein Gesicht verfinsterte sich bei ihrer Frechheit. Er stand auf und sagte mit strengem Ton zu ihr: »Rede nicht mit mir die Sprache einer feilen Dirne. Ich erkenne dich nicht mehr. Willst du gerettet sein: werd' ich dich retten. Ich nehme dich mit mir nach Altenheim, zu deinem Vater. Wir werden für deinen Unterhalt dort sorgen; dir Gelegenheit zu ehrlichem Erwerb verschaffen; du wirst wieder . . .« »Halt ein!« fiel sie ihm mit höhnischem Lächeln ins Wort: »Das fehlte mir noch! Unter Philistern und Spießbürgern zur Schau ausgestellt werden; wohl gar Küchenmagd, oder Schneiderin werden! Geh, geh, daraus wird nichts! Muthe mir nicht zu, eine Künstlerin in solchem Grade zu erniedrigen. Lieber verhungern, mein gottesfürchtiger Kapuziner!« »Beklagenswürdiges Geschöpf!« rief er: »Du stehst niedriger und verworfener, als das ärmste Bettlermädchen, welches noch Schamgefühl, Unschuld und Ehre bewahrt hat.« »Mein schöner Herr,« erwiederte sie und klopfte ihm leise auf die Wange: »werden Sie nicht böse, wenn ich mich der Ehre schäme, die Sie mir mit Ihrem Vorschlag verschaffen wollen. Nein, Veit, nein, holder Junge, sei nicht böse! Ich weiß, du bist eine liebe, ehrliche Haut, und kannst mich nicht im Stich lassen. Auf einige Hundert Gulden kömmt's dir nicht an. Du bist reich und alte Liebe rostet nicht.« Mit diesen Worten schmiegte sie sich liebkosend ihm an, und ihre Lippen nahten sich den seinigen. Er aber entzog sich ihr mit Grausen; warf zwei Goldstücke auf den Tisch, und sagte, indem er zur Thür hinausging: »Du bist verloren! Auch nicht einmal so viel bist du werth.« Sie rannte ihm nach und schrie ärgerlich: »Du Filz, behalt' dein Almosen! Was soll mir der Quark?« »Du wirst noch geringere Almosen vor den Thüren mit Thränen suchen!« rief er zurück und ging. 24. Gespräch auf der Landstraße. Vom schwersten Mißmuth gedrückt, befand er sich wieder im Gasthof. Er mochte keinen Augenblick länger in der Stadt verweilen, die für ihn ein Schauplatz des gräßlichsten Begegnisses in seinem jungen Leben geworden war. Hätte er die Tochter des Goldschmieds auf dem Sterbebett gefunden, der Anblick würde ihn nicht so qualvoll erschüttert haben. Noch manche Tagreise von Altenheim entfernt, übergab er seine Koffer der Post; füllte seinen leichten Habersack mit dem Nöthigsten; warf ihn über den Nacken und setzte seinen Weg zum Thor hinaus, als rüstiger Fußgänger, fort. Er empfand das Bedürfniß, sich zu zerstreuen und zu vergessen. Darum wählte er, auf deutschem Boden, wieder die lang entbehrte Lust harmlosen Lebens eines wandernden Handwerksburschen. Der Morgen war frisch; die Gegend zwischen Saatfeldern, Hügeln und Eichenwaldungen anmuthig; – aber er konnte Ida, die Tiefgesunkene und Verwüstete, nicht vergessen. »Und gleich ihr, wie manche dieser Unglückseligen hab' ich schon gefunden!« dachte er: »Das ist der sittliche Mord, welchen Aeltern an ihren Kindern begehen. Das künftige Loos einer Tochter ist schwerer vorauszusehen, als das eines Knaben; und doch wird, auf alle Fälle und Unfälle des Lebens, für eine Tochter weniger Bedacht genommen, als für einen Sohn! – Arme Ida! Deine Schönheit ward dir durch der Aeltern Affenliebe und Eitelkeit zum Fluch. Statt dich vorzubereiten, einen braven Mann dereinst und ein ganzes Hauswesen, durch Religiosität, Thätigkeit, Ersparnißkunst, Reinlichkeit und Ordnungsliebe glücklich zu machen, gutes Gesinde zu erziehen und der Kinder unschuldige Herzen zu behüten; lehrte man dich Hoffart treiben, dich zieren, verstellen, kokettiren, tanzen, musiziren, deklamiren, Romane spielen, über Andre witzeln und spötteln, um nachher selber Gegenstand des Spottes, oder Mitleids, nun des Abscheu's zu sein. Und Mütter selbst sind es, welche ihrer unerfahrenen Töchter Herz und Verstand vergiften. Arme Ida!« Veit, der sich in der Niedergeschlagenheit des Gemüthes diesen und ähnlichen Gedanken überließ, ward darin durch eine, mit zierlicher Perlenstickerei glänzende Brieftasche gestört, die vor ihm im Staube der Landstraße lag. Er hob sie auf, säuberte sie und warf den Blick nach allen Seiten umher, vielleicht zu entdecken, wer sie verloren haben möge? Wirklich ward er vor sich, aber in ziemlicher Ferne, einen einzelnen Fußgänger gewahr, der bald stille stand, bald weiterging, bald umkehren zu wollen schien. Veit verdoppelte seinen Schritt, bis er den Reisenden erreichte. Es war ein wohlgewachsener Herr, von angenehmen Gesichtszügen, den Vierzigern nahe, im leichten grünen Ueberrock und Strohhut, ohne alles Gepäck, wie ein Spaziergänger. »Sie suchen, scheint's, etwas?« fragte Veit grüßend: »Haben Sie vielleicht . . .« »Ich verlor meine Brieftasche. Hätten Sie vielleicht . . .« fiel ihm der Fremde in die Rede mit erwartungsvoller Miene. Der junge Jordan überreichte seinen Fund dem Fremden, der mit sichtlicher Freude dankte, dann aber, wie etwas verlegen, fragte: »Sahen Sie den Inhalt?« Auf Verneinung des glücklichen Finders hin, wiederholte der Andere seinen Dank noch lebhafter und beide setzten gesellschaftlich den Weg mit einander fort. Ihr Gespräch, das lange über Alltägliches umherschweifte, ward für sie bald Anziehender, als sich in Frag' und Antwort ergab, daß Einer wie der Andere Paris und London kannte, aber jeder von anderer Seite Leben und Werth dieser Städte aufgefaßt hatte. »Doch ging's mir,« sagte der Fremde: »merkwürdig! fast nirgends auf der Reise so arg, als hier, in dem verwünschten Ländchen, dessen Boden wir jetzt bewandern. Heut also die Brieftasche verloren; vorgestern dank der elenden Fahrstraße den Reisewagen gebrochen! Im Marktflecken, hinter uns, kein Wagner, kein Schmied, weil gestern, ich weiß nicht welcher Festtag war. Ich verlor einen ganzen Tag dabei, Prozessionen von allen Orten her zu sehen, und Schwärme von Bettlern und Bettlerinnen. Demungeachtet soll die prächtige Abtei neben dem Marktflecken sehr reich sein.« »Ich auf meinen Wanderschaften,« entgegnen der Sohn des Gürtlers: »sah nirgends hungrige Klöster in reichen Dörfern. Fromme Einfalt gibt überall Gut und Land in todte Hand, um dafür Klostersuppen, Bettelstäbe und Anweisungen auf die Freude der Ewigkeit anzunehmen.« Der Fremde lächelte schälkisch, setzte aber hinzu: »Nicht bloß hier, allenthalben in dieser Gegend, scheint ein träges, unwissendes Volk zu wohnen. Nur die Hauptstadt ist schön; sonst sieht man nichts, als gewerblose Städtchen, schmutzige Dörfer, und, beim besten Boden, schlechtbestellte Aecker und Wiesen. Es ist merkwürdig! Ich gestehe, ich bin erstaunt.« »Ich gar nicht, mein Herr,« versetzte Veit: »Wo der dritte Theil des Jahres von Sonn-, Fest- und Feiertagen verschlungen wird, pflegen volle Kirchen, volle Wirthshäuser neben leeren Feldern und leeren Werkstätten selten zu fehlen. Die Regierungen sehen nur zu oft, vor aller Pracht in ihrer Residenz, das Elend der Dörfer nicht.« Der Reisegefährte warf einen sonderbaren Seitenblick auf seinen Nebenmann und äußerte: »Es ist heutiges Tages Mode, ich weiß es, die Regierungen anzuklagen, wenn auch die eifrigste nicht im Stande ist, in einer unbeholfenen, schwerfälligen Volksmasse das Bessere zu befördern.« »Es kömmt wohl immer darauf an, was man unter dem Bessern versteht? Ob verminderte und gleichmäßiger vertheilte Auflagen, neben vergrößerter Freiheit des Verkehrs und Gewerbs; oder ob glänzendere Besoldungen für Höflinge, Ordensträger, Titelherren und Diener des Luxus, auf Kosten des Volks gefüttert? Ob Ballsäle, Opernhäuser und Pracht- und Lustgebäude für reiche Müßiggänger; oder ob Zwangsarbeitstätten für arbeitsscheue Lungerer, zweckmäßigere Besserungsanstalten und Strafhäuser für Sünder? Ob Gestattung von Lotterien, Schlupfwinkel der Unzucht, Liqueurbuden, die das Volk mit Lastern, die Staatskasse aber mit Geld bereichern; oder ob Stadtschulen zur Bildung tüchtiger Gewerbsmänner, Dorfschulen zur Bildung verständigerer Landwirthe. Unsere Staatsmänner und Finanzkünstler sind noch nicht im Reinen über das, was das Bessere sei.« Von diesen Worten etwas befremdet, blieb Veits Begleiter auf seiner Stelle stehen, sah den jungen Mann etwas ernster an und fragte: »Mit wem hab' ich das Vergnügen zu sprechen?« »Ich heiße Jordan; bin aus dem Fürstentum Altenheim; meiner Profession Gürtlergesell, doch auch Stück- und Bildgießer.« »Was?« rief Jener mit einer Stimme des Unglaubens: »Gürtlergesell, Stückgießer, Bildgießer? Merkwürdig!« »Und mit wem,« hob Veit an: »wenn ich wagen darf zu fragen, hab' ich die Ehre zu . . .« Eh' er vollenden konnte, ward ihm die Antwort: »Ich bin Graf Königsfelden. Aber, junger Mann, – also Jordan? aus Altenheim? Gürtlergesell? – Merkwürdig! Sie verrathen mehr Kenntniß und Bildung, als sonst bei Handwerksburschen einheimisch sein mag. Waren Sie vielleicht früher zu höhern Studien bestimmt?« »Das wohl nicht,« entgegnete Veit , und erzählte ohne Bedenken von der Armuth seines Vaters und Großvaters; von den Grundsätzen seiner braven Aeltern; von seinen Schul- und Wanderjahren, und wie er, bei nöthiger Vorbereitung in mathematischen und chemischen Vorkenntnissen, die Museen, Naturalienkabinette, Fabriken und großen Werkstätten im Auslande nicht ohne Nutzen besucht habe. Sein vornehmer Zuhörer, dessen Gesicht ein mit Verwunderung gemischtes Wohlgefallen aussprach, unterbrach die Erzählung häufig mit Fragen, bis hinter ihnen ein zierlicher Reisewagen im starken Trabe daher rollte und das Gespräch endete. Denn der Wagen hielt. Zwei Jäger sprangen hinten vom Hochsitz herab, den Schlag der Chaise zu öffnen. Ein schwarzgekleideter Herr, im Innern des Wagens, entblößte ehrerbietig das Haupt. »Nun, mein Freund,« sagte der Graf und klopfte vertraulich mit der Hand Veits Schulter: »ich bin Ihnen Dank schuldig. Wir sehen uns schon einmal wieder. Ich würde die angenehme Unterhaltung mit Ihnen noch gern fortsetzen. Aber ich habe Eile vonnöthen. Leben Sie wohl!« Damit sprang er in den Wagen; winkte dem zurückbleibenden Fußgänger noch einmal freundlich zu, und der Wagen flog davon. 25. Das Vaterhaus. Wie unbedeutend dies kleine Begegniß sein mochte. half es doch auch den bisherigen Trübsinn des Wanderers ein wenig zerstreuen; bald vergaß er die entehrte Tochter des Goldschmieds, die ihm jetzt eben so widrig, als einst liebenswürdig war. Er machte seine Reise nur langsam, in Kreuz- und Querzügen durch die Rheingegenden, wo ihn die großen gewerbigen Städte mit ihren öffentlichen Anstalten, Kunstwerken, Fabriken und andern Sehenswürdigkeiten magnetisch anzogen. Selbst das, was nicht unmittelbar in sein Fach einschlug, ließ ihn nicht gleichgültig. Er wollte überall lernen, und wißbegierig zeichnete er in seinem Tagebuch eine Menge Dinge an, die ihm späterhin wohl zu statten kommen konnten; oder knüpfte Bekanntschaften an, die ihm zu seinen Geschäften einst nützlich werden konnten. Nach mehrwöchentlichem Umherziehen erblickte er endlich wieder die Kirchthürme und hohen Schloßzinnen von Altenheim vor sich. Es war an einem Sonnabend. In Furcht und Hoffnung: wie er seine Aeltern finden werde, schlug ihm das Herz immer gewaltiger, je heller die Stadt ihm aus dem falben Dunst der Ferne entgegenstieg. Er trat durchs Thor. Ihm schien Alles neu und fremd, obgleich sich in den Straßen wenig verändert hatte. Ein banger und froher Schauer durchfloß ihn, als er zum Schloßplatze gelangte und neben dem stolzen, breiten Gebäude des ehemaligen Goldschmieds das kleine Eckhaus, die bescheidene Wohnung seines biedern Vaters, seiner theuren Mutter sah. Ungewiß, wie es da drinnen stehe, fürchtete er sich fast hineinzugehen. Er wandte sich fragend an eine junge blondköpfige Magd, die, vor dem Hause den Platz zu fegen, mit ihrem Kehrbesen so ämsig beschäftigt war, daß sie erschrocken zurückfuhr, als sie einen rüstigen, starken jungen Mann dicht vor sich wahrnahm. »Kind, fürchte dich nicht!« sagte er zu ihr: »Oder gehörst du vielleicht nicht ins Haus vom Meister Jordan?« Das Mädchen, in der Bestürzung todtenblaß, starrte ihm stumm ins Gesicht; ließ die Arme schlaff hangen; den Besen zur Erde fallen; und stammelte, indem wieder glühendes Roth Stirn, Wangen, Kinn und Hals überzog: »Mein Gott! Nein, du selbst, Veit? Es ist nicht möglich!« Der von dieser Unbekannten, wie ein alter Bekannter, Angesprochene, schaute ihr betroffen in das jugendlich schöne Antlitz und in die ihn anblitzenden blauen Augen und rief: »Es ist nicht möglich! du wärst – wie bist du so groß geworden? Christiane, du? Bist du es?« Das Mädchen ließ den Verwunderten stehen; ließ den Besen liegen; eilte mit Geschrei ins Haus zurück: »Veit! Veit ist da! Veit!« Er folgte ihr. Sprachlos und zitternd erblickte er im Hausgang seine Mutter; und zitternd und sprachlos sank diese in seine Arme. Bald eilte auch Vater Jonas aus der Werkstatt mit hastigen Schritten daher, und wie rußig vom Rauch und Kohlenstaub auch sein Gesicht war, umhalsete er seinen Liebling. »Nun, du dummes Ding!« schrie er fröhlich, und warf Christiane, die bewegungslos dastand, dem Angekommen zu: »Kennst du den Jungen nicht mehr? Heiß ihn willkommen, du Närrchen.« Sie lag schweigend an seinem Herzen. Ihre Lippen brannten gegen die seinigen. Eine Thräne fiel warm von ihren Augen auf seine Wangen. »Feierabend! Feierabend!« schrie der Alte zu einer Werkstatt hinein; kehrte zurück und packte noch einmal mit den nackten, sehnigen Armen den Sohn, um ihn von Neuem zu herzen. Doch wozu hier die Freudetrunkenheit der kleinen Familie schildern? Nicht diesen, nicht den folgenden Tag ward man so bald wieder nüchtern. Auch Herr Gideon Kürbis mischte sich in den häuslichen Jubel. Aber er ging gebückt einher; schien älter zu sein, als er wirklich war; und in seinen Blicken lag ein etwas schmerzlicher Ausdruck, selbst wenn er lächelte. Veit wagte nicht, ihn aufs leiseste an Vergangenes zu erinnern; noch weniger vor ihm von der Schauspielerin Ida, oder dem Galeerensträfling Edwin Erwähnung zu thun. Veit war selig. Er glaubte es nie in dem Maße gewesen zu sein. Er lebte ein neues Leben im geliebten Vaterhause, in ständiger Nähe der Aeltern, im Umgang der lieblich aufgeblühten Christiane, die seinem Herzen, bald so nahe, wie eine wirkliche Schwester, bald noch näher, als die wirkliche Schwester, stand. Alles, ja Alles, wie er es vor Jahren verlassen, wie er es von Kindheit an gekannt hatte, war noch dasselbe; nur Christiane nicht. Da standen noch immer die beiden alten weißgescheuerten Tannentische, doch schon mit Runzeln auf der Oberfläche von hervorgetretenen Längefasern des Holzes; da noch die Strohsessel, und Mutter Martha's Lehnstuhl am Fenster, vor welchem er, sonst, als Kind, seine Lektion hergesagt hatte; da hing noch der nämliche kleine Spiegel zwischen den Fenstern; und die Wälderuhr am Ofen ließ noch immer das trauliche Tik Tak ihres Pendels lauten. Vater Jonas in seiner erweiterten Werkstatt, mit mehreren Gesellen und Lehrburschen, hämmerte, löthete, feilte und formte noch immer vom Morgen bis Abend, wie ehemals; die edle Hausfrau flog geschäftig, wie eine Biene umher; sie besorgte die Wirthschaft ohne Magd, seit Christiane herangewachsen war. So ward auch Veit mit Freudigkeit, der er sonst im Hause gewesen. In einfach ausgestatteten Zimmern des obern Stockwerks, die ihm Martha zur Wohnung eingerichtet hatte, vergaß er die prachtreichen Säle, Boudoirs und Vorzimmer von London, Paris und dem Bellarmischen Landgute, Gobelintapeten und Gemälde in Goldrahmen, alle Bequemlichkeiten glänzender Möbel und kunstreiche Gaumseligkeiten der Tafel mit Silbergeschirr. Ohne Verzögern rüstete er gleich in den ersten Tagen schon das Erforderliche zur Anlage seiner Gießereien. Dazu war großer Raum vonnöthen. Aber das weitläufige Nebenhaus gewährte ihn zum Ueberfluß. Steine und Bauholz wurden herbeigeführt; die ehemaligen Gartenanlagen des Herrn Gideon Kürbis, welche bis an die außer der Stadt gelegenen Wiesen rührten, wurden zur Hälfte zerstört; Wagenschopfen, Pferdeställe und andere entbehrliche Gebäulichkeiten des Hofplatzes hinter dem Hause in Schmelzhütten, Kohlenschopfe und Werkstätten mannigfaltiger Gattung verwandelt. Bald kamen Vorräthe von rohen Metallen an, von Instrumenten und Gerätschaften, aus entfernten Städten und Fabriken verschrieben. Veit hatte seine Reisen zu diesem Zweck wohl benutzt und unterwegs vorteilhafte Verbindungen und Uebereinkünfte mit Mechanikern und Großhändlern geschlossen. Ehe das Alles noch ganz vollendet war, wie es werden sollte, erschienen schon die von ihm unterwegs geworbenen Gesellen und Arbeiter; hörte man schon das Geräusch und Getöse von Amboßen, Hämmern, Drehstühlen, Sägen, neben breiten Rauchsäulen, die hoch über den Dächern zerflossen; und las man, über der Hauptpforte des großen Gebäudes am Schloßplatz, auf einem Schilde, in Goldschrift die Worte. »Glocken- und Stück-, Roth- und Gelbgießerei von Veit Jordan.« In Altenheim war eine Gießerei dieser Art und dieses Umfangs die erste. Selbst kleinere Gußwaaren, wie Küchen- und Apothekermörser, Faßhähne, Leuchter, metallene Walzen, Hausglocken u. s. w. wurden großen Theils vom Auslande bezogen. Der junge Anfänger hatte unmäßig zu schaffen, wie man denken kann. Ueberall gab er Anleitung; vertheilte und prüfte er Arbeiten; lehrte er bessere Handgriffe und geschickte Anwendung neuerfundener Werkzeuge; half er Modelle schnitzen und wohlberechnete Formen bilden; oder er saß in einem besondern Laboratorium bei Schmelztiegeln, oder an seinem Schreibepult zur Entwerfung von geschmackvollen Zeichnungen und Besorgung seines Briefwechsels. Daneben war er allsonntäglich der eifrigste Lehrer in der vom Hof-Gürtlermeister gegründeten Schule für Handwerker. 26. Ueberraschung um Ueberraschung. Diese Rastlosigkeit, mit Sachkunde und umsichtiger Klugheit verbunden, blieb nicht ohne Erfolg. Er war nach kurzer Zeit im Stande, jedem im Fürstentum, der kleine Gußwaaren zu eigenem Gebrauch oder zum Handel bedurfte, deren zu liefern, feiner und stärker gearbeitet, dennoch mäßigern Preises, als man sie bishin aus entfernten Orten erhalten hatte. Am Ende des ersten Jahres empfing er sogar Bestellungen von ihm bekannten auswärtigen Handlungen und goß er schon, für eine benachbarte Dorfgemeinde, die erste Kirchthurmglocke. Der junge Meister hätte wohl zufrieden sein sollen; und doch war er's nicht; und immer weniger, als er sich aus dem gröbsten Wirrwarr der Geschäfte und Sorgen hervorgearbeitet, Allem in fester Ordnung geregelten Gang gegeben hatte, so daß ihm wieder manche Mußestunde frei blieb. Er hätte sie lieber mit ganz andern Dingen, als nur mit oft überflüssiger Beaufsichtigung seiner Angestellten, ausgefüllt. Denn die Pläne, mit welchen er nach der Vaterstadt zurückgekehrt war, hatte er sich von ziemlich hochfliegender Art geschaffen. Dahin gehörte unter andern, sich nicht mit des Vaters Sonntagsschule zu begnügen, sondern eine großartige Gewerbschule für Künstler, Fabrikanten und Handwerker zu gründen, wie er sie in Paris, München, Karlsruhe und andere Städten bewundert hatte. Darauf mußte er nun leider verzichten. Denn er hatte auf Unterstützung vom alten, guten Fürsten von Altenheim gezählt, bei welchem Vater Jordan wohl angeschrieben stand. Allein der Fürst lebte nicht mehr. Schon anderthalb Monate vor Veits Ankunft, hatte ihn ein Schlagfluß zu den Leichen seiner durchlauchten Vorfahren im Erbbegräbniß versammelt. Der neue Regent, ein Neffe des Verstorbenen, der bisher im Heerdienst einer auswärtigen großen Macht eine Oberbefehlshaberstelle bekleidet hatte, schien zu einer fast überstrengen Sparsamkeit geneigt. Dieser vereinfachte deswegen die Behörden, und ihre Geschäfte; verminderte die Menge der Beamten; verringerte den kostspieligen Uniformprunk des Militärs; ja, beschrankte sogar Feste, Bälle und allen Aufwand des Hofes. Man sah ihn selten. Er war, wie man sagte, unaufhörlich in seinem Kabinete thätig; oder auf Bereisung der Städte und Dörfer seines Landes, wo er sich um deren geringste Zustände, Bedürfnisse und Einrichtungen erkundigte. Geld zusammen zu scharren, oder nicht außer Landes laufen zu lassen, belegte er Branntweinbrennereien und Branntweinschenken mit unverhältnismäßig schweren Abgaben; sogar Verfertigung und Verbrauch dieses Getränks in und für eigene Haushaltungen. Er untersagte alle Glücksspiele und Lotterien im Lande, indem sowohl die entdeckten Kollekteurs, als Käufer von Loosen mit schweren Geldbußen bestraft wurden; ungerechnet andere dergleichen Anordnungen, die er, gleich beim Regierungsantritt, vornahm. Das machte der Mißvergnügten viele im Lande. Einer derselben war, wie gesagt, nun auch Veit, obwohl er weder Branntwein noch Glücksspiel liebte. »Es thut mir sehr leid, den schönen Gedanken aufgeben zu müssen!« sagte er eines Tages zu seinem Vater, mit dem er nach dem Mittagessen vor den Gießereien und Schmieden im Hofplatz auf und ab zu gehen pflegte: »Die Anlagen hier, welche sich gar nicht mit denen von Bellarme vergleichen lassen, haben mir dennoch bedeutendere Kosten verursacht, als ich geglaubt. Es bleiben mir von allem Gewinn und allem in London und Paris Ersparten nur noch wenige Tausend Gulden übrig.« »Ich glaub's!« erwiderte Meister Jordan bedächtig mit dem Kopf dazu nickend: »Wer sich Eierkuchen backen will, muß freilich auch dazu seine Eier zerschlagen. Ich kann dir nicht helfen, bin ein Habenichts, aber froh, nach und nach die Schuld für das Kürbis-Haus, bis auf eine Kleinigkeit, abgetragen zu haben.« »Aber Herzensvater, was meinst du? Soll ich mich an unsern neuen Fürsten wenden? Oder was erwartet, was hofft man eigentlich von ihm? Die Urtheile über ihn widersprechen sich zu sehr.« »Nun, Kind, in Hoffnung schweben, macht ja süßes Leben! Er wenigstens hat es nicht an schönen Verheißungen in seinen gedruckten Proklamationen fehlen lassen, die bei seinem Einzug, an alle Straßenecken gekleistert, zu lesen waren. Nun denn, wir wollen die goldenen Zeiten abwarten. Alle Kirschbäume hängen im Frühjahr voller Blüthen; kömmt man aber nachher, die versprochenen Kirschen zu holen. zieht man mit leerem Korbe heim. Schlag' dir das vor der Hand aus dem Sinn. Ich wollte dir eigentlich heut von ganz andern Dingen reden.« »Und doch, lieber Vater, und doch wär' es für unser gesammtes Land das wohlthätigste Unternehmen. Unsre Handwerker, ich überzeuge mich täglich mehr, gehen immer abwärts. Es wird noch dahin kommen, daß man ihre schwierigsten Arbeiten mit Maschinen verrichtet, schneller als mit den fertigsten Händen.« »Hast Recht, Veit. Vorzeiten konnte man sagen: Handwerk hat goldnen Boden! Heut heißt's: Handwerker müssen Kunstwerker werden , sonst stehen die Fabriken auf goldnem Boden und die Handwerker im Koth. Dein Ziel ist gut und löblich; behalte es nur fest im Auge!« »Ich halte es fest,« entgegnete der junge Mann mit Begeisterung: »Aber ich bedarf zur Ausführung der guten Sache einer mächtigen Stütze!« »Freundchen, eigne Beine sind die besten Stützen,« versetzte der Vater: »an Krücken hinkt man, und wären sie von Elfenbein oder Mahagoni. Glaub' mir's! Sei lustiger Dinge. Damit dir auf dem langen Wege zum Ziel aber die Füße nicht ermüden und du den Muth verlierst, nimm dir noch zwei gesunde Beine dazu. Das ist mein Rath. Zum Beispiel Christianens Füße; ich weiß, sie gibt sie dir gern, und du hättest sie gern. Das haben wir längst bemerkt, Mutter und ich.« Bei diesen sehr unerwarteten Worten stand Veit stumm da, mit einer Glut, wie vom Wiederschein seiner Schmelzöfen übergossen. Dann ergriff er tiefbewegt und heftig des Vaters beide Hände und rief: »Herzensvater, ist's dein reiner Ernst? Ist er's wirklich? Du und die Mutter äußerten immer und immer, ich müße für mein Geschäfte ein reiches Mädchen suchen; darum, nur darum fürchtete . . .« »Aber ist Christiane,« fiel ihm der Alte in die Rede: »ist sie nicht die reichste Bürgerstochter der ganzen Stadt? Welche von Allen darf sich ihr an Vermögen und Reichthum des Geistes und Herzens, Kenntniß und Ameisenfleiß, schöner Demuth und tugendhafter Hoheit gleichstellen?« Veit wollte eben in das Lob einstimmen, sein Entzücken aussprechen, als die Unterredung durch eine neue Ueberraschung abgebrochen wurde. Einer der Arbeiter kam eilfertig herbeigesprungen, und meldete, daß dem jungen Herrn Jordan von einigen Offizieren nachgefragt werde. Wirklich traten drei Personen in den Hof, zwei in Uniform, welche den Rang höherer Artillerie-Offiziere andeutete; der dritte in bürgerlicher Kleidung, schwarzem Frack und rundem Hut. Meister Jonas zog sich zurück; sein Sohn ging unmuthig und verdrossen den Kommenden entgegen. Einer der voranschreitenden Offiziere sagte, indem er auf den Herrn im Frack zurückwies: »Seine Durchlaucht, der Fürst, verlangt Ihre Gießereien zu besichtigen.« »Der Fürst?« stammelte Veit etwas bestürzt, warf einen ängstlichen Blick auf sein Schurzfell, seine aufgestreiften Hemdärmel und die nackten, rußigten Arme. Sein Auge suchte den Fürsten . Da trat ihm der wohlbekannt Graf von Königsfelden entgegen und sagte: »Richtig! Sie sind es selbst! Kennen Sie mich noch? Der Graf von Königsfelden erlaubte sich, Sie auf jener Landstraße ein wenig zu belügen.« »Ihre Durchlaucht wolle geruhen . . .« stammelte der verlegene Glockengießer : »Mein Anzug in diesem Augenblick . . .« »Possen!« unterbrach ihn der Fürst: »Schurzfell und Arbeitskittel ist des Handwerkers wahre Galakleidung. Darin darf er würdig vor jedem König stehen! Ich bin Ihr alter Schuldner, . . . wissen Sie noch, die Brieftasche? – Ich möchte abzahlen. Sie sind Stückgießer. Ich habe fürs Zeughaus eine Batterie Achtpfünder nöthig. Darüber werden diese beiden Herren mit Ihnen ausführlicher sprechen. Der alte Professor der Physik am Gymnasium hat mir von Ihren Plänen gesprochen; mir Ihren Entwurf zur Gründung einer höhern Gewerbschule mitgetheilt. Trotz aller im Lande bestehenden Gewerbsfreiheit, mein Freund, dürfen Sie mir so wenig, als ich Ihnen, ins Handwerk fallen. Ich treibe mein Regenten-Metier gerne selbst. Aber Ihr Rath wird mir lieb sein. Künftig mehr davon! Ich werde Sie zu mir rufen lassen. Jetzt führen Sie mich in alle Ihre Werkstätten umher. Ich weiß, Sie geizen mit der Zeit; ich ebenfalls.« Damit schritt er vorwärts, ohne Antwort zu erwarten. Veit, ganz verblüfft von Allem, was er vernommen, folgte. Er gewann erst wieder Sprache und Fassung, als er dem wißbegierigen Fürsten über Verfertigung der mannigfaltigsten Waaren hundert und hundert Fragen beantworten mußte. Der Besuch dauerte einige Stunden. Der Fürst äußerte Zufriedenheit. Als dieser endlich die geräumigen Anlagen verließ, nahm er den Sohn des Gürtlers beiseite und sagte: »Junger Mann, ich danke Ihnen. Sie sind im Besitz von mehr Kenntnissen, als ich erwartete, und von gemeinnützigern Gesinnungen, als Viele, die höher stehen. Ich werde Sie gebrauchen. Bisher hab' ich in Verwaltung meines Landes, wie billig, nur Schutt weggeräumt, altes Flickwerk abgerissen. Jetzt bin ich daran, neu zu bauen. Wir sprechen uns weiter. Ich werde Sie zu mir rufen lassen. Wegen der Batterie wenden Sie sich an die beiden Artillerie-Obersten. Die polytechnische Schule ist aber meine Sache, sag' ich Ihnen.« Hiemit empfahl er sich. Ende gut, Alles gut. Als am Abend die Familie des Hofgürtlers traulich beisammen saß, glich jeder und jede den Seligen des Himmels. Es war schwer zu sagen, wer von ihnen sich am glücklichsten glaubte, ob das junge Brautpaar, oder das Aelternpaar? Jonas hielt die treue Martha neben sich im Arme. Beide blickten segnend auf ihre Kinder, die ihnen gegenüber einander umschlungen hielten. Tausend Dinge wurden durcheinander besprochen; Gnade und Herablassung des Fürsten; Anfertigung des Geschützes; Vorrichtungen dafür; Gewinn davon; Gründung der neuen Lehranstalt; andre Absichten des Landesherrn; am ausführlichsten aber, ganz natürlich, die künftige Haushaltung der beiden jungen Leute. Es ward einstimmig beschlossen: Es müsse Alles bleiben, wie es bisher gewesen; Aeltern und Kinder unter gleichem Dache, am gleichen Tische; Alles mit einander gemein; Lust und Leid; Einer des Andern Hülfe, Hoffnung und Trost. Und dabei blieb's. Schon folgenden Sonntags ward die Hochzeit verkündet, und einige Wochen später in eben demselben Lustgarten vor den Thoren, in eben der Laube, eben so einfach, gefeiert, wie vor beinahe dreißig Jahren die Hochzeit der Aeltern. Außer Herrn Gideon Kürbis und einem alten Professor, Veits ehemaligem Lieblingslehrer, sah man dabei nur wenige Gäste geladen. Es waren zwei wohlhabende, achtbare Bürger mit ihren Frauen, welche sich dem Jordanschen Hause sehr anhänglich und befreundet schon seit Jahren erwiesen hatten; Handwerker, denen Meister Jordan, bei Anfang ihres Gewerbes, Rathgeber und Vorbild geworden und geblieben war. Frohe Laune, und herzliche Ausbrüche der Liebe, der Freundschaft und Dankbarkeit verschönerten das Festmahl. Auch ließ es Vater Jonas nicht an einer kräftigen Traurede fehlen, wie ehemals; nur der gefüllte Geldbeutel blieb für den Herrn Pfarrer diesmal aus. Man lebte vergnügt bis Abends beim Glase Wein beisammen, während zu Hause auch sämmtlichen Gesellen, Lehrburschen, Arbeitern und Taglöhnern, ohne Ausnahme, ein großes Festmahl den Tag verschönern mußte. Fröhlich hatten sich insgesammt die Wohlbewirtheten, bei der Heimkehr ihrer Meister und Meisterinnen vor dem Eckhause in Reih' und Glied aufgestellt und empfingen sie mit jubelndem Lebehoch, und lärmenden Glückwünschen, so, daß auf dem Schloßplatze eine Menge der Vorübergehenden stehen blieb, Zuschauer des lustigen Getümmels zu sein. Keinem der Begrüßten aber entging dabei das seltsame Gehaben und Thun, gegenseitige muthwillige Zunicken, Flüstern und halbunterdrückte, geheimnißvolle Kichern der alten und jungen Arbeits- und Hausgenossen. Doch nahm man es für Wirkung des guten Weins, und trat ins Haus, wohin sich die Schaar der Jubler schon vorausgedrängt hatte, und in Reih' und Glied, von der Thür bis zur Treppe, den Eingang in die Stuben des Erdgeschosses verrammelt hielt. »Was soll's geben, Leutchen? Laßt uns ein,« rief Vater Jonas: »Fehlt's noch an Wein? Ihr müßt haben, mehr, als genug.« Einer der Altgesellen trat hervor, verbeugte sich tief und hielt eine feierliche Anrede, die er mit der ehrerbietigen Einladung und Bitte schloß, das neuvermählte Paar wolle den Eintritt zuerst in seine eigenen Zimmer halten, und es durch den Segen der würdigen Aeltern weihen lassen. »Da muß man, merk' ich, wohl gehorchen; denn ich sehe, Ihr seid hier die Stärkern!« sagte Jonas schmunzelnd und erwarte eine kleine Ueberraschung. Veit mit Christianen gingen lachend voran; Vater und Mutter folgten, und wurden nur von zwei Altgesellen begleitet, die ihnen die mit großen Blumengehängen umkränzten Thüren öffneten. Aber welches Erstaunen befiel die Eintretenden! Alles war verwandelt. Jonas warf erst den Blick nach allen Seiten, dann kopfschüttelnd gegen Martha, die ihrerseits, wie versteinert, stehen blieb. Nicht weniger betroffen schauten Veit und Christiane die zierliche, zum Theil prächtige Ausmöblirung der Stube an, die köstlichen Umhänge der Fenster, kunstvoll geschlungen, den breiten, hohen Spiegel dazwischen, schimmernd im Goldrahmen; das Schreibpult von Akajuholz, mit argandscher Bronzelampe darüber; die glänzenden Tische; die gepolsterten Stühle; ein Sopha längs den Wänden. Der Altgesell ward von Allen zugleich mit Fragen über Fragen bestürmt. Er zuckte stilllächelnd die Achseln, als sei ihm keine Antwort erlaubt. Er öffnete die Thür des Nebenzimmers, in welchem Veit Besuche abzunehmen pflegte. Da stand und lag Alles noch weit kostbarer ausgestattet. »Soll ich denn lachen, oder fluchen?« rief Meiste Jordan. »Oder soll ich Hexerei glauben?« »Sprecht ohne Rückhalt!« gebot Veit dem schweigsamen Mitwisser um das geheim getriebene Spiel: »oder ich lasse den gesammten schönen Plunder wieder hinaus auf die Straße stellen. Verderbt mir den heutigen Tag nicht.« Statt ein Wort zu erwidern, überreichte ihm der Altgesell einige Schlüssel und einen kleinen Brief; lächelte dabei etwas triumphirend und sah neugierig herum, als ergötze ihn schon voraus die abermalige Verwunderung der Anwesenden. Veit erbrach das Siegel und las: »Herr Jordan, Sie treten, wie ich vernehme, in den Ehestand. Sie wählen eine vermögenslose Waise, deren Schatz Häuslichkeit und Tugend ist. Erlauben Sie mir, die Ausstattung derselben zu übernehmen. Ich will mich damit keiner frühern Verbindlichkeiten entledigen, sondern nur einer Familie, welche dem Lande schon durch Beispiel, Werk und Rath sehr genützt hat, ein kleines Kennzeichen meiner Dankbarkeit geben, und Sie selbst ermuntern, auf der Bahn Ihres verdienstvollen Vaters weiter zu schreiten.« »Ihr Ihnen wohlgeneigter                                   Gustav , F. v. A.« Veit las in großer Rührung die letzten Zeilen mit bebender Lippe. Es blieb eine Zeit lang tiefe Stille. Christiane faltete die Hände zusammen und blickte himmelwärts, wie Segen zu erflehen. Mutter Martha weinte still ihre Freudenthräne. Jonas entfernte sich ans Fenster, trocknete da die Augen und rief: »Ich sage Euch, Kinder, der Fürst da ist wahrhaftig ein wirklicher Fürst; ich sage, ein ganzer , ein wirklicher Fürst!« Der vergnügte Altgesell aber erzählte nun auf eine Menge eilfertiger Fragen der Frauen, daß ein Privatsekretär des Fürsten erschienen sei, begleitet von einigen Dienern. Er habe im Namen Sr. Durchlaucht die Räumung sämmtlicher Zimmer des neuen Ehepaars befohlen. Jeder hätte dabei Hand anlegen müssen. Dann seien, in einer und derselben Viertelstunde, aus allen Winkeln Tischmacher, Ebenisten, Tapezierer, Kaufmannsdiener, Fayencehändler u. s. w. mit ihren Waaren ins Haus getreten. Es wäre toller Teufelslärmen gewesen. Der Sekretär hätte aber Ordnung gehalten. In kaum drei Stunden Nachmittags habe Alles, was da sei, an seinem Platz gestanden, Kommoden und Schränke, Spiegel und Lampen, Tische und Stühle. Küchengeschirr, Kaffeegeschirr von Porzellan mit Goldrändern. Man hätte an Zauberei glauben können. Jetzt ging's ans Beschauen der vielen Herrlichkeiten. Nichts fehlte; vielmehr Ueberfluß war's für Bedarf einer kleinen Haushaltung. Sogar Nähkissen und Nadelbüchse, Schreibzeug und Spinnrad wurden gefunden. Und mit heimlichem Lachen zog Mutter Martha ihre junge Schwiegertochter in die Schlafkammer. Da stand neben einem der Betten eine zierlich gearbeitete Wiege, mit den kleinen Kissen und Decken, vom feinsten Linnen überzogen, vollständig aufgemacht. Hier möge die Geschichte enden. Nur beigefügt mag noch werden, daß der kenntnißreiche Stück- und Glockengießer von Altenheim wirklich mehr denn einmal zu dem anfangs verkannten, nachher vielgesegneten Landesherrn ins Schloß berufen worden ist. In der That ward, auf Kosten des Staats, im ehemaligen Gideonschen Gebäude, eine höhere Gewerbschule zu wissenschaftlicher und praktischer Vorbildung für Handwerker, mechanische Künstler und Fabrikanten, unter Leitung des jungen Jordan , errichtet. Ihn selbst ernannte der Fürst zum Direktor derselben. Tüchtige Lehrer der Mathematik, Naturgeschichte, Physik, Chemie und Technologie, so wie im Zeichnen, Modelliren und Buchhalten zu haben, wurden diese allzeit erst nach einjähriger Prüfung ihrer Leistungen, dann mit guter Besoldung, bleibend angestellt. Unterricht in französischer und englischer Sprache empfing man unentgeldlich am Gymnasium. Reichlich stattete auch Fürst Gustav dazu die Naturalien- und Modellsammlungen, und die technologische Bibliothek aus. Meister Jonas , unermüdlich, blieb noch viele Jahre lang in seiner gemeinnützigen Thätigkeit wirksam. Es gelang ihm in der Hauptstadt die Gründung eines Handwerker-Bundes . Da ward von den Meistern Besseres und Wichtigeres, als vor Zeiten in den Zünften besprochen, berathen und beschlossen; z. B. welche Gewerbe fehlen noch im Lande? wie sind sie herbeizuschaffen? Was für Gesellen verpflichtet sich jeder Meister von seiner Werkstatt auszuschließen, sobald sie das Handwerk entehren, wie Saufbrüder, Spieler, Blaumontagskerle, schwindelnde Kommunistenhelden u. dgl. Dieser Handwerkerbund aber hatte nach und nach bedeutsamere Folgen, als der Fürst anfangs davon erwartet hatte, z. B. eine jährliche öffentliche Gewerbsausstellung ; eine vierteljährliche Waarenschau bei allen Meistern, durch erwählte Sachkundige, zur Prüfung der Waarengüte und Berichterstattung darüber im Rath des Bundes; eine Krankenkasse für Gesellen, eine Wittwen - und Waisenkasse für Handwerker, wozu denn Jonas wieder mit freigebiger Hand Grund legte. Sein Sohn eiferte ihm nach. Durch Vertrauen und Gunst, deren er bei dem einsichtsvollen Fürsten bleibend genoß, gelang ihm die Ausführung manches Unternehmens, welches in vielen andern Ländern nur noch frommer Wunsch geblieben ist. Das Schullehrer-Seminar wurde mit einigem Garten-, Acker-, Reb- und Wiesenland ausgestattet und ein Lehrer der Landwirtschaft angestellt, damit die Seminaristen dereinst in den Dörfern fähig wären, die erwachsene Jugend mit den zweckmäßigsten Verbesserungen der Landökonomie bekannt zu machen. – Ein ehemaliges reiches Frauenstift, worin bisher etwa zwanzig Töchter angesehener Familien mit vielem Aufwand im Französischen und Italienischen, in Musik, Tanz, Stickereimachen und andern Damengeschäften Unterricht genossen hatten, ward ganz aufgehoben, und statt dessen in jeder Gemeinde des gesammten Landes eine Arbeitsschule für das weibliche Geschlecht gestiftet, in welchen, statt der 20 Dämchen, bei 20,000 junge Mädchen im Nähen von Gewand aller Art, im Flicken und Stricken und andern häuslichen Verrichtungen, Anweisung und Uebung erhielten, zugleich auch an größere Reinlichkeit, Ordnung und Sittsamkeit gewöhnt wurden. Die Wirkungen aller dieser und andrer öffentlichen Anstalten traten freilich nur nach einem Jahrzehend heller hervor; herrlicher und heller aber nach einem Zeitraum von zwanzig Jahren, als ein neues, ein besseres Volk aus den verschiedenen Bildungsstiftungen hervorgegangen war. Man kennt den allgemein verbreiteten Wohlstand im Fürstenthum Altenheim, wo vorzeiten noch der fünfte oder vierte Theil der Einwohner zur ärmsten Klasse gehörte. Die Städte verschönern sich immer mehr bei dem zunehmenden Gewerbfleiß und Kunstsinn der Bürger. Die Dörfer fordern und gewinnen von jeder Spanne ihres Bodens höhern Zins; die ehemalige Unreinlichkeit und Rohheit in Nahrung, Kleidung und Wohnung der Landleute ist fast gänzlich verschwunden. Nur noch alte Frauen und Männer, eingerostet geblieben in vieljähriger Gewohnheit und Unwissenheit, klagen über Verschlimmerung der Zeiten; klagen, beim Anblick gesitteterer Lebensweise, über Ueppigkeit und Hoffart der heutigen Welt; beim fortschreitenden Aussterben des Aberglaubens, über Verfall der Religion und über Unglauben der Menschen. Sie meinen, der jüngste Tag der Welt schaue klar zu den Fenstern herein. Meister Jonas aber, als schon die siebenziger Jahre sein Haar versilbert hatten, stand, fast noch einem kräftigen Dreißiger gleich, hochbeglückt neben der frommen Martha, im Kreise seiner Kinder und Kindeskinder, verehrt von seinen Mitbürgern, verehrt von seinem Fürsten. Oft erzählte er noch von seiner Knabenzeit, wie er da mit Vater Thaddäus , dem Kesselflicker, hausirend umhergezogen war; und das Gesicht glänzte ihm, von innigem Vergnügen, wenn er mit jener Zeit die großen Verwandlungen verglich, von denen er sich nicht einbilden konnte, daß er auch selber großen Antheil an ihrem Dasein gehabt habe. Dann pflegte er zu rufen: »Hab' ich's nicht immer gesagt? Nur heller Verstand im Kopf, Liebe des Nächsten im Herzen, Genügsamkeit im Magen und Arbeitsamkeit in den Fingern – dann hat Handwerk goldnen Boden! «