Anton Tschechow Von Frauen und Kindern Gesammelte Romane und Novellen, Band 4 Inhalt Die Jungens Eine Bagatelle Die Kinder Zinotschka Die letzte Mohikanerin Zu Hause Die Hexe Ein Verhängnis Ein Ereignis Die Leichtbeschwingte Wolodja der Große und Wolodja der Kleine Ein Fall aus der Praxis Die Jungens Übersetzt von Alexander Eliasberg »Wolodja ist gekommen!« rief jemand auf dem Hofe. »Woloditschka ist gekommen!« schrie Natalja, ins Eßzimmer hereinlaufend. Die ganze Familie Koroljow, die ihren Wolodja von Stunde zu Stunde erwartete, stürzte zu den Fenstern. Vor der Haustüre hielt ein breiter Schlitten, und vom weißen Dreigespann stieg dichter Nebel auf. Der Schlitten war leer, weil Wolodja schon im Flur stand und mit seinen roten, erfrorenen Fingern den Baschlyk aufband. Sein Gymnasiastenmantel, die Mütze, die Galoschen und die Haare auf seinen Schläfen waren mit Reif bedeckt, und er selbst duftete vom Kopf bis zu den Füßen so appetitlich nach Kälte, daß man, wenn man ihn ansah, den Wunsch hatte, einmal durchzufrieren und »brr!« zu rufen. Die Mutter und die Tante fielen über ihn her und fingen an, ihn zu küssen. Natalja kniete vor ihm nieder und zog ihm die Filzstiefel von den Füßen, die Schwestern kreischten, die Türen knarrten und klopften, und Wolodjas Vater lief in Hemdsärmeln, eine Schere in der Hand, in den Flur und rief erschrocken: »Wir hatten dich aber schon gestern erwartet! Bist du gut angekommen? Wohlbehalten? Du lieber Gott, laßt ihn doch den Vater begrüßen! Oder bin ich nicht sein Vater?« »Wau! Wau!« brüllte im Baß Mylord, ein riesengroßer schwarzer Hund, mit dem Schwanz an die Wände und Möbel klopfend. Alles vermischte sich zu einem einzigen freudigen Laut, der an die zwei Minuten anhielt. Als der erste Freudenausbruch vorbei war, merkten die Koroljows, daß sich im Flur außer Wolodja noch ein anderer in Tücher, Schals und Baschlyks eingewickelter, mit Reif bedeckter kleiner Mann befand. Er stand unbeweglich in einer Ecke, im Schatten, den ein großer Fuchspelz warf. »Woloditschka, wer ist denn das?« fragte die Mutter im Flüsterton. »Ach!« erinnerte sich plötzlich Wolodja. »Ich habe die Ehre vorzustellen, es ist mein Freund Tschetschewizyn, Schüler der zweiten Klasse ... Ich habe ihn als Gast mitgebracht.« »Sehr angenehm, ich heiße Sie willkommen!« sagte der Vater erfreut. »Entschuldigen Sie, ich bin nicht angezogen, ohne Rock. Treten Sie doch näher! Natalja, hilf dem Herrn Tschetschewizyn aus dem Mantel! Mein Gott, jagt doch diesen Hund hinaus! Es ist eine Strafe Gottes!« Eine Weile später saßen Wolodja und sein Freund Tschetschewizyn, durch den stürmischen Empfang betäubt und noch immer rosig vor Kälte, am Tisch und tranken Tee. Die Wintersonne schien durch den Schnee und die Eisblumen an den Fenstern herein, zitterte auf dem Samowar und badete ihre reinen Strahlen im Spülnapf. Im Zimmer war es warm, und die Jungen fühlten, wie in ihren durchfrorenen Körpern, ohne einander nachzugeben, sich kitzelnd die Wärme und die Kälte regten. »Nun, bald haben wir Weihnachten!« sagte in singendem Tonfalle der Vater, sich aus dunkelgelbem Tabak eine Zigarette drehend. »Und ist es lange her, daß wir Sommer hatten und die Mutter beim Abschied von dir weinte? Und jetzt bist du wieder da ... Schnell vergeht die Zeit, mein Bester. Eh' du dich versiehst, ist schon das Alter da. Herr Tschibissow, greifen Sie doch bitte zu, seien Sie ganz ungeniert! Bei uns geht es einfach zu.« Die drei Schwestern Wolodjas, Katja, Ssonja und Mascha, – die älteste von ihnen war erst elf – saßen am Tisch und blickten unverwandt den neuen Bekannten an. Tschetschewizyn war ebenso alt und groß wie Wolodja, doch weniger voll und weiß; er war sehr schmächtig und hatte ein dunkles, sommersprossenbedecktes Gesicht. Seine Haare waren struppig, die Augen enggeschlitzt, die Lippen dick; er war überhaupt nicht schön, und wenn er nicht die Gymnasiastenuniform anhätte, könnte man ihn für den Sohn einer Köchin halten. Er blickte finster drein, schwieg die ganze Zeit und lächelte kein einziges Mal. Die Mädchen sagten sich gleich auf den ersten Blick, daß er ein sehr kluger und gelehrter Mann sein müsse. Er dachte die ganze Zeit über etwas nach und war so in seine Gedanken vertieft, daß er, wenn man an ihn irgendeine Frage richtete, zusammenfuhr, den Kopf schüttelte und um Wiederholung der Frage ersuchte. Die Mädchen merkten, daß auch Wolodja, der sonst immer so lustig und gesprächig gewesen war, diesmal sehr wenig sprach, gar nicht lächelte und gar nicht froh darüber zu sein schien, daß er nach Hause zurückgekehrt war. Während des Teetrinkens wandte er sich an die Schwestern nur ein einziges Mal, und zwar mit sehr seltsamen Worten. Er zeigte mit dem Finger auf den Samowar und sagte: »In Kalifornien trinkt man aber statt Tee – Gin.« Auch er schien mit irgendwelchen Gedanken beschäftigt, und nach den Blicken, die er zuweilen mit seinem Freunde Tschetschewizyn wechselte, zu schließen, hatten beide Jungen die gleichen Gedanken. Nach dem Tee gingen alle ins Kinderzimmer. Der Vater und die Mädchen setzten sich an den Tisch und machten sich wieder an die Arbeit, die durch die Ankunft der Jungen unterbrochen worden war. Sie fertigten aus Buntpapier Blumen und Fransen für den Weihnachtsbaum an. Die Arbeit war interessant, und es ging dabei recht laut zu. Die Mädchen begrüßten jede neu angefertigte Blume mit begeisterten Schreien, selbst mit Rufen des Entsetzens, als wäre die Blume vom Himmel gefallen; auch der Herr Papa geriet oft in Begeisterung und warf mitunter seine Schere zu Boden aus Aerger, daß sie stumpf sei. Die Mama stürzte ab und zu mit besorgtem Gesicht ins Kinderzimmer und fragte: »Wer hat meine Schere genommen? Iwan Nikolajitsch, hast du wieder meine Schere genommen?« »Du lieber Gott, selbst die Schere gönnt man einem nicht!« antwortete Iwan Nikolajitsch mit weinerlicher Stimme. Er warf sich in die Stuhllehne zurück und nahm die Pose eines schwer gekränkten Menschen an; aber nach einer Minute war er schon wieder in heller Begeisterung. Bei seinen früheren Besuchen pflegte sich Wolodja an allen diesen Vorbereitungen zu beteiligen oder in den Hof zu laufen, um zuzusehen, wie der Kutscher und der Hirt den Schneeberg zum Rodeln machten; jetzt aber schenkte er, ebenso wie Tschetschewizyn dem Buntpapier nicht die geringste Beachtung; sie gingen sogar kein einziges Mal in den Pferdestall, sondern setzten sich gleich ans Fenster und begannen zu tuscheln. Dann schlugen sie einen Geographieatlas auf und vertieften sich in die Betrachtung einer Karte. »Zuerst nach Perm ...« sagte leise Tschetschewizyn: »Von dort nach Tjumen ... dann nach Tomsk ... dann ... dann ... nach Kamtschatka ... Von dort bringen uns die Samojeden mit Booten über die Beringstraße ... Und dann sind wir gleich in Amerika. Dort gibt es viel Pelztiere.« »Und Kalifornien?« fragte Wolodja. »Kalifornien ist weiter unten ... Wenn wir einmal in Amerika sind, so ist's auch nach Kalifornien nicht mehr weit. Und den Unterhalt erwerben wir uns durch Jagd und Raub.« Tschetschewizyn ging den Mädchen den ganzen Tag aus dem Wege und blickte sie unfreundlich an. Nach dem Abendtee blieb er aber zufällig an die fünf Minuten mit ihnen allein. Da er sich schämte, noch länger zu schweigen, hüstelte er streng, rieb sich mit der rechten Hand den linken Arm, blickte Katja finster an und fragte: »Haben Sie den Main-Reed gelesen?« »Nein ... Hören Sie, können Sie Schlittschuh laufen?« Tschetschewizyn war aber schon wieder in seine Gedanken vertieft und gab keine Antwort. Er blähte nur die Backen auf und gab einen solchen Laut von sich, als ob er es sehr heiß hätte. Er blickte Katja noch einmal an und sagte: »Wenn die Büffelherde durch die Pampas rennt, so zittert die Erde, und die erschrockenen Mustangs schlagen aus und wiehern.« Tschetschewizyn lächelte wehmütig und fügte hinzu: »Und die Indianer überfallen die Züge. Am schlimmsten sind aber die Moskitos und die Termiten.« »Was ist denn das?« »Eine Art Ameisen, doch mit Flügeln. Die beißen furchtbar. Wissen Sie, wer ich bin?« »Herr Tschetschewizyn.« »Nein. Montigomo, die Habichtkralle, der Häuptling der Unbesiegbaren.« Mascha, die Jüngste, sah ihn erst an, blickte dann auf das Fenster, hinter dem es schon dunkelte, und sagte nachdenklich: »Und wir haben gestern Linsen gehabt.« Die absolut unverständlichen Worte Tschetschewizyns, und daß er immer mit Wolodja tuschelte, und daß Wolodja nicht mehr spielte, sondern über etwas nachdachte, – all das war rätselhaft und seltsam. Die beiden älteren Mädchen, Katja und Ssonja fingen nun an, die Jungens aufmerksam zu beobachten. Wenn die Jungens abends zu Bett gingen, schlichen die beiden Mädchen zur Tür und horchten. Ach, was sie da hören mußten! Die Jungens wollten irgendwohin nach Amerika, um Gold zu graben und hatten schon alles für die Reise fertig: eine Pistole, zwei Messer, Zwieback, ein Vergrößerungsglas, um Feuer zu machen, einen Kompaß und vier Rubel bar. Sie erfuhren, daß die Jungens einige tausend Werst zu Fuß zu gehen hatten; unterwegs mußten sie mit Tigern und mit Wilden kämpfen, dann Gold graben, Elfenbein erbeuten, Feinde töten, Seeräuber sein, Gin trinken und schließlich schöne Frauen heiraten und Pflanzungen bearbeiten. Wolodja und Tschetschewizyn unterbrachen einander immer vor lauter Begeisterung. Tschetschewizyn nannte sich dabei »Montigomo, die Habichtsklaue« und seinen Freund Wolodja – »Bruder Blaßgesicht«. »Paß auf, erzähl' nichts der Mama,« sagte Katja zu Ssonja vor dem Zubettgehen. »Wolodja bringt uns aus Amerika Gold und Elfenbein mit; wenn du es aber der Mama sagst, läßt man ihn nicht gehen.« Einen Tag vor dem Christabend studierte Tschetschewizyn den ganzen Tag die Karte von Asien und schrieb sich etwas auf; Wolodja aber ging matt und mit aufgeschwollenem Gesicht, wie von einer Biene gestochen, von Zimmer zu Zimmer, blickte finster drein und wollte nichts essen. Einmal blieb er im Kinderzimmer vor dem Heiligenbilde stehen, bekreuzigte sich und sagte: »Herr, vergib mir die Sünde! Herr, beschütze meine arme, unglückliche Mama!« Gegen Abend fing er zu weinen an. Vor dem Schlafengehen umarmte er den Vater, die Mutter und die Schwestern ungewöhnlich lange. Katja und Ssonja wußten gut, warum er so war, aber die Jüngste, Mascha, verstand gar nichts, absolut nichts; nur als sie den Tschetschewizyn ansah, wurde sie nachdenklich und sagte aufseufzend: »An Fasttagen, sagt die Kinderfrau, muß man Erbsen und Linsen essen.« Am nächsten Morgen standen Katja und Ssonja früh auf und schlichen leise zur Tür, um zu sehen, wie die Jungens nach Amerika durchbrennen. »Du fährst also nicht mit?« fragte Tschetschewizyn böse: »Sag: du fährst nicht mit?« »Mein Gott!« wimmerte Wolodja leise. »Wie soll ich fahren? Die Mama tut mir leid.« »Bruder Blaßgesicht, ich bitte dich, komm mit! Du hast doch selbst beteuert, daß du hingehst, hast mich überredet, und jetzt, wo man aufbrechen muß, hast du plötzlich Angst bekommen.« »Ich ... ich hab' keine Angst ... mir tut nur die Mama leid.« »Sag: kommst du mit oder nicht?« »Ja, ich komm schon mit ... aber nicht gleich. Ich will noch ein wenig zu Hause bleiben.« »In diesem Falle fahre ich allein!« sagte Tschetschewizyn entschieden. »Werde auch ohne dich auskommen. Und du wolltest noch Tiger jagen und kämpfen! Gib mir meine Zündblättchen zurück!« Wolodja weinte so laut, daß seine Schwestern sich nicht länger beherrschen konnten und gleichfalls in Tränen ausbrachen. Dann wurde alles still. »Du kommst also nicht mit?« fragte Tschetschewizyn wieder. »Ich ... ich komme mit.« »Dann zieh dich an!« Um Wolodja endgültig zu überreden, lobte Tschetschewizyn Amerika, brüllte wie ein Tiger, mimte ein Dampfschiff, fluchte und versprach Wolodja das ganze Elfenbein und alle Tiger- und Löwenfelle. Dieser schmächtige Junge mit dem dunklen Gesicht, mit den struppigen Haaren und Sommersprossen erschien den Mädchen als ein ungewöhnlicher, hervorragender Mensch. Er war ein Held, ein entschlossener, furchtloser Mann und verstand so zu brüllen, daß man, hinter der Tür stehend, wirklich glauben konnte, es sei ein Löwe oder ein Tiger. Als die Mädchen wieder in ihrem Zimmer waren und sich ankleideten, sagte Katja mit Tränen in den Augen: »Ach, ich habe solche Angst!« Bis zwei Uhr, als man sich zu Tisch setzte, war alles ruhig, doch da zeigte es sich, daß die Jungens verschwunden waren. Man schickte ins Dienstbotenzimmer, nach dem Pferdestall, zum Gutsverwalter – sie waren nirgends zu finden. Man schickte aufs Dorf – auch dort waren sie nicht. Auch den Tee trank man ohne sie, und als man sich zum Abendessen setzte, war die Mama sehr unruhig und weinte. Nachts suchte man wieder im Dorfe und ging mit Laternen zum Fluß. Mein Gott, das war eine Unruhe! Am andern Tag kam der Polizeiwachtmeister gefahren, und im Eßzimmer wurde irgendein Papier aufgesetzt. Die Mama weinte. Da hielt aber schon vor der Haustür ein breiter Schlitten, und vom weißen Dreigespann stieg dichter Nebel auf. »Wolodja ist gekommen!« rief jemand auf dem Hofe. »Woloditschka ist gekommen!« schrie Natalja, ins Eßzimmer stürzend. Auch Mylord brüllte »Wau! wau!« Es stellte sich heraus, daß man die Jungens in der Stadt, im Kaufhause angehalten hatte (sie gingen von Laden zu Laden und fragten überall, wo man Schießpulver kaufen könne). Als Wolodja in den Flur trat, fiel er der Mutter um den Hals und brach in Tränen aus. Die Mädchen zitterten und dachten mit Schrecken, was jetzt wohl kommen würde. Sie hörten, wie der Papa sich mit Wolodja und Tschetschewizyn auf sein Zimmer zurückzog und mit ihnen lange sprach; auch die Mama redete und weinte. »Darf man denn das?« ermahnte der Papa. »Wenn man es, Gott behüte, im Gymnasium erfährt, relegiert man euch beide. Sie sollten sich schämen, Herr Tschetschewizyn! Es ist nicht schön! Sie sind der Rädelsführer, und ich hoffe, daß Ihre Eltern Sie bestrafen werden. Darf man denn das? Wo habt ihr übernachtet?« »Auf dem Bahnhofe!« erwiderte Tschetschewizyn stolz. Wolodja mußte liegen und bekam Essigkompressen um den Kopf. Man telegraphierte irgendwohin, und am nächsten Tag erschien eine Dame, die Mutter Tschetschewizyns, und holte ihren Sohn ab. Tschetschewizyn zeigte vor der Abreise eine strenge, hochmütige Miene und sagte beim Abschied zu den Mädchen kein Wort; er ließ sich nur von Katja ihr Heft geben und ihr zum Andenken hinein: »Montigomo die Habichtskralle.« Eine Bagatelle Übersetzt von Alexander Eliasberg Nikolai Iljitsch Bjeljajew, ein Petersburger Hausbesitzer und Turfbesucher, ein wohlgenährter, rosiger junger Mann von etwa zweiunddreißig Jahren kam eines Spätnachmittags zu Frau Olga Iwanowna Irnina, mit der er ein Verhältnis, oder, wie er es zu nennen pflegte, einen langen und langweiligen Roman batte. Und in der Tat: die ersten interessanten und begeisterten Kapitel dieses Romans waren durchgelesen; und die Seiten, die nun folgten, zogen sich in die Länge, ohne etwas Neues oder Interessantes zu bieten. Olga Iwanowna war nicht zu Hause, und unser Held legte sich in Erwartung aufs Sofa im Salon. »Guten Abend, Nikolai Iljitsch!« erklang eine Kinderstimme. »Die Mama kommt gleich. Sie ist mit der Ssonja zur Schneiderin gegangen.« Im gleichen Salon lag auf einem andern Sofa der Sohn Olga Iwanownas, Aljoscha, ein etwa achtjähriger, schlanker, wohlgepflegter Junge, wie nach einem Modebilde mit einer Samtbluse und langen schwarzen Strümpfen bekleidet. Er lag auf einem Atlaskissen und reckte, offenbar einen Akrobaten, den er neulich im Zirkus gesehen hatte, nachahmend, bald den einen und bald den andern Fuß in die Höhe. Wenn seine schönen Beine ermüdeten, machte er dasselbe mit den Armen, oder sprang hastig auf, stellte sich auf alle Viere und versuchte, sich auf den Kopf zu stellen. Das alles machte er mit dem ernstesten Gesicht, keuchend vor Qual, als wäre er selbst nicht froh, daß der liebe Gott ihm einen so unruhigen Körper gegeben hatte. »Ach, guten Abend, mein Freund!« sagte Bjeljajew. »Bist du da? Ich hatte dich gar nicht bemerkt. Geht es der Mama gut?« Aljoscha, der mit der rechten Hand die linke Fußspitze ergriffen und die unnatürlichste Pose angenommen hatte, drehte sich um, sprang auf und blickte hinter dem großen, üppigen Lampenschirm Bjeljajew an. »Was soll ich Ihnen sagen?« begann er achselzuckend. »Der Mama geht es eigentlich niemals gut. Sie ist eine Frau, und den Frauen tut doch immer etwas weh.« Bjeljajew begann, am sich die Zeit zu vertreiben, Aljoschas Gesicht zu betrachten. Solange er bei Olga Iwanowna verkehrte, hatte er dem Jungen niemals Beachtung geschenkt und seine Existenz förmlich übersehen: da steht so ein Junge herum, doch wozu er da ist und welche Rolle er hier spielt, – daran wollte er nicht einmal denken. Das in der Abenddämmerung ungewöhnlich bleiche Gesicht Aljoschas mit den schwarzen Augen, die niemals zu zwinkern schienen, erinnerte Bjeljajew an Olga Iwanowna, wie sie auf den ersten Seiten des Romans gewesen war. Und er fühlte das Verlangen, lieb zu dem Jungen zu sein. »Komm mal her, Kleiner!« sagte er ihm. »Ich will dich mal näher anschauen.« Der Junge sprang vom Sofa und lief zu Bjeljajew heran. »Nun?« begann Nikolai Iljitsch, die Hand auf seine schmächtige Schulter legend. »Wie geht's?« »Was soll ich Ihnen sagen? Früher ging es viel besser.« »Wieso?« »Sehr einfach! Früher bekamen wir, ich und Ssonja, nur Lesen und Klavierübungen auf, und jetzt müssen wir auch noch französische Gedichte auswendig lernen. Sie waren aber neulich beim Friseur!« »Ja, dieser Tage.« »Das sehe ich eben. Ihr Bärtchen ist etwas kürzer geworden. Darf ich es anrühren... Es tut doch nicht weh?« »Nein, es tut nicht weh.« »Warum tut es weh, wenn man an einem einzigen Härchen zupft, und wenn man an vielen Haaren zugleich zupft, – nicht? Ha – ha! Schade, daß Sie keinen Backenbart tragen. Hier müßte man ausrasieren, und an den Seiten ... hier die Haare stehen lassen...« Der Junge schmiegte sich an Bjeljajew und begann mit seiner Uhrkette zu spielen. »Wenn ich aufs Gymnasium komme,« sagte er, »wird mir Mama eine Uhr kaufen. Ich werde sie bitten, daß sie mir auch so eine Uhrkette schenkt... Was für ein Me-dail-lon! Papa hat auch so ein Medaillon, doch auf dem Ihrigen sind hier Streifen, und auf seinem – Buchstaben... Und innen hat er Mamas Bild. Papa hat jetzt eine andere Uhrkette, nicht aus Ringen, sondern wie ein Band...« »Woher weißt du das? Kommst du denn mit dem Papa zusammen?« »Ich? N-nein... Ich...« Aljoscha errötete und begann, auf einer Lüge ertappt, vor lauter Verlegenheit das Medaillon mit dem Fingernagel zu kratzen. Bjeljajew sah ihn unverwandt an und fragte: »Siehst du manchmal den Papa?« »N-ein! ...« »Sprich die Wahrheit, sei aufrichtig... Ich sehe es doch deinem Gesicht an, daß du lügst. Wenn du dich schon einmal verschnappt hast, so mach keine Finten. Sag: siehst du ihn manchmal? Ich frage dich wie ein Freund!« Aljoscha wurde nachdenklich. »Sie werden es doch nicht der Mama sagen?« fragte er. »Was dir nicht einfällt!« »Ihr Ehrenwort?« »Mein Ehrenwort.« »Schwören Sie!« »Du bist unerträglich! Für wen hältst du mich denn?« »Um Gottes willen, sagen Sie es nur nicht der Mama... Erzählen Sie es überhaupt keinem Menschen, denn es ist ein Geheimnis. Wenn es, Gott behüte, die Mama erfährt, so werden wir alle – ich und Ssonja und Pelageja was erleben... Hören Sie also. Den Papa sehen wir, ich und Ssonya, jeden Dienstag und Freitag. Wenn wir am Vormittag mit der Pelageja spazieren gehen, führt sie uns in die Apfelsche Konditorei, unö der Papa erwartet uns schon da... Er sitzt immer in dem kleinen Extrazimmer, Sie wissen, mit dem Marmortisch und der Aschenschale in Form einer Gans ohne Rücken...« »Was macht ihr denn da?« »Gar nichts! Zuerst begrüßen wir uns, dann setzen wir uns alle an den Tisch, und Papa läßt uns Kaffee und Pastetchen bringen. Wissen Sie, die Ssonja ißt Pastetchen mit Fleisch, und ich kann die mit Fleisch nicht ausstehen! Ich liebe die mit Kohl und Eiern. Wir essen uns so voll, daß wir uns später beim Mittagessen bemühen, damit es die Mama nicht merkt, möglichst viel zu essen.« »Worüber sprecht ihr denn da?« »Mit dem Papa? Ueber alles. Er küßt und umarmt uns und erzählt uns verschiedene komische Witze. Wissen Sie, er sagt, daß, wenn wir groß werden, er uns ganz zu sich nehmen wird. Ssonja will nicht, aber ich bin einverstanden. Ohne die Mama wird es natürlich langweilig sein, aber ich werde ihr Briefe schreiben! Ich versteh' es nicht: wir werden sie doch an Feiertagen besuchen können, nicht wahr? Dann hat Papa gesagt, daß er mir ein Pferd kaufen wird. Ein furchtbar guter Mensch! Ich weiß gar nicht, warum ihn die Mama nicht kommen läßt, damit er bei ihr wohnt, und warum sie es nicht haben will, daß wir mit ihm zusammenkommen. Er liebt doch die Mama sehr. Er fragt uns immer aus, wie es der Mama geht und was sie treibt. Als sie krank war, da griff er sich an den Kopf ... so! ... und lief immer auf und ab. Er bittet uns immer, daß wir ihr folgen und sie ehren. Hören Sie, ist es wahr, daß wir unglücklich sind?« »Hm ... Warum?« »Der Papa sagt es. Ihr seid, sagt er, unglückliche Kinder. Es ist doch wirklich merkwürdig! Betet, sagt er, zu Gott für euch und für sie.« Aljoscha heftete seinen Blick auf einen ausgestopften Vogel und wurde nachdenklich. »So, so,« brummte Bjeljajew. »So treibt ihr es. Haltet in Konditoreien Versammlungen ab. Und die Mama weiß nichts davon?« »N–nein ... Woher soll sie es wissen. Die Pelageja wird es ihr doch niemals sagen. Vorgestern brachte uns Papa Birnen mit. So süß wie Marmelade! Ich habe zwei Stück gegessen.« »Hm ... Hör einmal... Hat der Papa nichts über mich gesagt?« »Ueber Sie? Was soll ich Ihnen sagen ...« Aljoscha blickte Bjeljajew prüfend an und zuckte die Achseln. »Nein, er hat nichts Besonderes gesagt.« »Was hat er zum Beispiel gesagt.« »Werden Sie auch nicht böse sein?« »Was dir nicht einfällt! Hat er denn auf mich geschimpft?« »Geschimpft hat er nicht, aber ... wissen Sie, er ist Ihnen böse. Er sagt, daß die Mama durch Sie unglücklich geworden ist und daß Sie Mama zugrunde gerichtet haben. Er ist doch so merkwürdig! Ich erkläre ihm, daß Sie gut sind und die Mama niemals anschreien, und er schüttelt nur den Kopf.« »Hat er das gesagt: daß ich sie zugrunde gerichtet habe?« »Ja. Seien Sie nur nicht böse, Nikolai Iljitsch!« Bjeljajew erhob sich vom Sofa, stand eine Weile da und fing dann an, auf- und abzugehen. »Es ist sonderbar und ... lächerlich!« brummte er, die Achseln zuckend und höhnisch lächelnd. »Er ist an allem schuld, und ich habe sie zugrunde gerichtet. Wie? Dieses Unschuldslamm! Hat er das wörtlich so gesagt, daß ich die Mama zugrunde gerichtet habe?« »Ja, aber ... Sie haben eben gesagt, daß Sie nicht böse sein werden.« »Ich bin gar nicht böse und ... es ist auch nicht deine Sache! Ich bin der Hereingefallene, und da soll ich auch noch der Schuldige sein!« Draußen ging die Klingel. Der Junge rannte hinaus. Nach einer Weile trat ins Zimmer eine Dame mit einem kleinen Mädchen: es war Olga Iwanowna, Aljoschas Mutter. Ihr folgte hüpfend, mit den Armen schlenkernd und laut trällernd Aljoscha. Bjeljajew nickte ihr zu und fuhr fort, auf- und abzugehen. »Natürlich, wen soll man auch anklagen, wenn nicht mich?« murmelte er schnaubend. »Er hat recht! Er ist der gekränkte Gatte!« »Was meinst du eigentlich?« fragte Olga Iwanowna. »Was ich meine? Hör' einmal, was für Dinge dein Herr Gemahl predigt! Ich bin nämlich der Schuft und der Verbrecher. Ich habe dich und die Kinder zugrunde gerichtet. Ihr seid alle unglücklich, und nur ich allein bin so furchtbar glücklich! Furchtbar, furchtbar glücklich!« »Nikolai, ich verstehe nichts! Was ist los?« »Hör' nur, was dieser junge Herr erzählt!« sagte Bjeljajew, auf Aljoscha weisend. Aljoscha wurde erst rot, dann blaß, und sein Gesicht verzerrte sich vor Entsetzen. »Nikolai Iljitsch!« flüsterte er laut. »Psst!« Olga Iwanowna blickte erstaunt auf Aljoscha, dann auf Bjeljajew und dann wieder auf Aljoscha. »Frag' ihn nur!« fuhr Bjeljejew fort. »Deine Pelageja, diese dumme Gans, geht mit den Kindern in Konditoreien und richtet ihnen Zusammenkünfte mit dem Herrn Papa ein. Es handelt sich aber nicht darum, sondern darum, daß der Herr Papa leidet und ich ein Verbrecher und Schurke bin, der euer Leben zerstört hat!« »Nikolai Iljitsch!« stöhnte Aljoscha. »Sie haben doch Ihr Ehrenwort gegeben!« »Ach, laß mich in Ruh!« sagte Bjeljajew, mit der Hand abwehrend. »Hier handelt es sich um etwas Wichtigeres als alle Ehrenworte. Mich empört hier die Heuchelei, die Lüge!« »Ich verstehe gar nichts!« versetzte Olga Iwanowna, und in ihren Augen erglänzten Tränen. »Hör' einmal, Aljoscha,« wandte sie sich an den Sohn: »Kommst du mal mit deinem Vater zusammen?« Aljoscha hörte nicht auf sie und blickte entsetzt Bjeljajew an. »Es kann nicht sein!« sagte die Mutter. »Ich will mal die Pelageja ins Gebet nehmen.« Olga Iwanowna ging hinaus. »Hören Sie, Sie haben doch Ihr Ehrenwort gegeben!« sagte Aljoscha, am ganzen Leibe zitternd. Bjeljajew winkte nur mit der Hand und fuhr fort, auf- und abzugehen. Er dachte nur an die ihm zugefügte Kränkung und merkte nicht mehr die Anwesenheit des Jungen. Er, der erwachsene und ernste Mann hatte ganz andere Sorgen. Aljoscha setzte sich aber in eine Ecke und erzählte mit Entsetzen Ssonja, wie man ihn betrogen hatte. Er zitterte, stotterte und weinte; zum erstenmal in seinem Leben war er so roh mit der Lüge zusammengestoßen; bisher hatte er aber nicht gewußt, daß es in dieser Welt, außer den süßen Birnen, Pasteten und teuren Uhren auch noch vieles andere gibt, wofür seine kindliche Sprache keinen Namen hat. Die Kinder Übersetzt von Wladimir Czumikow Papa, Mama und Tante Nadja sind nicht zu Hause. Sie sind zur Taufe gefahren zu dem alten Offizier, der immer mit dem kleinen Schimmel fährt. Ihre Rückkehr erwartend, sitzen Grischa, Anja, Aljoscha, Ssonja und der Sohn der Köchin, Andrej, im Speisezimmer am Eßtisch und spielen Lotto. Die Wahrheit gesagt, hätten sie schon längst schlafen gehen müssen, aber wie kann man denn einschlafen, ohne von der Mutter erfahren zu haben, was bei der Taufe für ein Kindchen war, und was es zum Abendessen gegeben hat? Der von einer Hängelampe erleuchtete Tisch ist besät mit Ziffern, Nußschalen, Papierschnitzeln und Gläserchen. Vor jedem Spieler liegen zwei Karten und ein Haufen Glasstückchen zum Bedecken der Zahlen. In der Mitte des Tisches steht eine Untertasse mit fünf Einkopekenstücken. Neben der Untertasse ein angebissener Apfel, eine Schere und ein Teller, in den eigentlich die Nußschalen gelegt werden sollen. Die Kinder spielen um Geld. Der Satz ist eine Kopeke. Abmachung: wenn einer mogelt, wird er sofort an die Luft gesetzt. Im Speisezimmer ist außer den Spielern niemand. Die Wärterin, Agafja Iwanowna, sitzt unten in der Küche und zeigt der Köchin das Zuschneiden an, während der ältere Bruder Wassja, seines Zeichens Tertianer, im Salon auf dem Sofa liegt und sich langweilt. Das Spiel ist aufregend. Die größte Erregung liegt auf dem Gesicht von Grischa. Das ist ein kleiner neunjähriger Junge mit einem kahl geschorenen Kopf, Pausbacken und Lippen, so dick wie bei einem Neger. Er geht schon in die Vorbereitungsschule und gilt darum für den allergrößten und klügsten. Spielen tut er ausschließlich wegen des Geldes. Würden auf der Untertasse keine Kopeken liegen, so hätte er sich schon lange schlafen gelegt. Seine braunen Augen laufen unruhig und neidisch auf den Karten der Partner umher. Die Angst, daß er vielleicht nicht gewinnen könnte, der Neid und finanzielle Erwägungen, die seinen glatten Kopf erfüllen, lassen ihn nicht ruhig sitzen und seine Aufmerksamkeit sammeln. Er dreht sich herum wie auf Nadeln. Wenn er gewonnen hat, ergreift er gierig das Geld und steckt es sofort in die Tasche. Seine Schwester Anja, ein Mädchen von acht Jahren mit einem spitzen Kinn und klugen, glänzenden Augen vergeht auch vor Angst, daß jemand gewinnt. Sie wird bald rot, bald blaß und folgt aufmerksam den Bewegungen der Spieler. Die Kopeken interessieren sie nicht. Glück beim Spiel zu haben ist für sie eine Sache des Ehrgeizes. Die andere Schwester Ssonja, die einen Lockenkopf und einen Teint hat, wie man ihn nur bei sehr gesunden Kindern, teuren Puppen und auf Bonbonnieren findet, spielt nur um des Prozesses des Spiels willen. Ihr Gesicht drückt Entzücken aus. Wer auch gewinnt, sie lacht immer gleich und klatscht in die Hände. Aljoscha, ein dickes, kugelrundes Bürschchen, keucht und pustet und stiert die Karten unverwandt an. Er kennt weder Habsucht noch Ehrgeiz. Man jagt ihn nicht vom Tisch, schickt ihn nicht schlafen – das ist auch schon was wert. Dem Ansehen nach ist er phlegmatisch, im Innern aber eine ziemliche Bestie. Er sitzt da, nicht so sehr um des Lotto willen, als wegen der Mißverständnisse, die beim Spiel unvermeidlich sind. Es macht ihm ein unbändiges Vergnügen, wenn einer den andern schlägt oder schimpft. Er müßte aus gewissen Gründen schon lange auf einen Moment weggehen, aber er verläßt den Tisch nicht auf einen Augenblick aus Furcht, daß ihm jemand seine Gläserchen und Kopeken rauben könnte. Da er nur die Einer und die Zahlen, die auf Null endigen, kennt, so bedeckt Anja für ihn die Ziffern. Der fünfte Partner, der Sohn der Köchin, Andrej, ein brünetter, kränklicher Knabe in einer Kattunbluse und mit einem kupfernen Kreuz auf der Brust, steht unbewegt da und schaut die Zahlen nachdenklich an. Gewinn und fremdes Glück haben für ihn keinen Reiz. Er ist ganz versunken in die Arithmetik des Spiels, in die primitive Philosophie desselben; wieviel verschiedene Zahlen gibt es doch auf dieser Welt und wie erstaunlich ist es, daß sie nicht verwechselt werden! Die Zahlen werden von allen, außer von Ssonja und Aljoscha, ausgerufen. Die dauernde Praxis und die Einförmigkeit haben eine Menge technischer und komischer Ausdrücke für die Zahlen geschaffen, so heißt sieben – Schürhaken, elf – Stäbchen, siebenundsiebzig – Ssemjon Ssemjonowitsch, neunzig – Großpapa usw. Das Spiel geht rüstig vorwärts. »Zweiunddreißig!« ruft Grischa, die gelben Zylinderchen aus der Mütze des Vaters herausholend. – »Siebzehn! Schürhaken! Achtunddreißig – Grischa heiß ich.« Anja sah, daß Andrej die achtunddreißig verpaßt hatte. Zu einer anderen Zeit hätte sie ihn darauf aufmerksam gemacht, jetzt aber, wo auf dem Tellerchen neben dem Kopeken auch ihre Eitelkeit liegt, triumphiert sie. »Dreiundzwanzig!« fährt Grischa fort. – »Ssemjon Ssemjonowitsch! Neun!« »Ein Schwabe, ein Schwabe!« ruft Ssonja, auf einen über den Tisch laufenden Schwaben weisend. – »Ai! Schlag ihn nicht,« sagt im Baßton Aljoscha. »Er hat vielleicht Kinder ...« Ssonja verfolgt mit den Augen den Schwaben und denkt an seine Kinder: was müssen das doch für kleine Schwäbchen sein! »Dreiundvierzig! Eins!« fährt Grischa fort, unter dem Gedanken leidend, daß Anja schon zwei Reihen hat. »Sechs!« »Gewonnen! Ich hab' gewonnen!« schreit Ssonja, die Augen kokett verdrehend und lachend. Die Gesichter der Spieler verlängern sich. »Kontrollieren!« sagt Grischa, Ssonja voll Haß betrachtend. Nach dem Recht des Aeltesten und Klügsten hat Grischa sich die entscheidende Stimme erobert. Was er sagt, wird getan. Ssonja wird einer langen und sorgfältigen Kontrolle unterzogen, und zum größten Leidwesen aller Mitspieler zeigt es sich, daß sie nicht gemogelt hat. Die nächste Partie beginnt. »Was ich gestern gesehen habe!« sagt Anja wie für sich. »Filipp Filippowitsch kehrte seine Lider so um, daß er ganz rote Augen bekam, so grausig, wie ein Teufel.« »Ich hab' es auch gesehen,« sagt Grischa. »Acht! Bei uns kann ein Schüler seine Ohren bewegen. Siebenundzwanzig.« Andrej sieht Grischa an, denkt über ewas nach und sagt dann: »Ich kann auch die Ohren bewegen ...« »Nun, zeig mal!« Andrej bewegt die Augen, Lippen und Finger, und es scheint ihm, daß sich auch seine Ohren bewegen. Ein allgemeines Gelächter. »Es ist ein böser Mensch, dieser Filipp Filippowitsch,« seufzt Sonja. »Gestern kommt er zu uns ins Kinderzimmer herein, und ich bin bloß im Hemde ... Und ich schämte mich so!« »Gewonnen!« schreit plötzlich Grischa, das Geld vom Teller wegraffend. »Ich hab' gewonnen! Kontrolliert, wenn ihr wollt!« Der Sohn der Köchin schaut empor und wird blaß. »Ich darf also nicht mehr spielen?« flüstert er. »Warum?« »Weil ... weil ich kein Geld mehr hab'.« »Ohne Geld geht es nicht!« sagt Grischa. Andrej sucht für alle Fälle noch einmal in seinen Taschen. Als er in ihnen nichts, außer Brotkrumen und einem zerkauten Bleistiftende findet, verzieht er seinen Mund und beginnt verzweiflungsvoll mit den Augen zu zwinkern. Gleich fängt er an zu weinen ... »Ich werde für dich setzen!« sagt Ssonja, die seinen Märtyrerblick nicht ertragen kann. »Aber weißt du, du mußt es mir später zurückgeben.« Das Geld wird eingezahlt und das Spiel geht weiter. »Es wird irgendwo geläutet,« sagt Anja und reißt ihre Augen auf. Alle hören auf zu spielen und sehen mit geöffnetem Munde aufs dunkle Fenster. Hinter den Scheiben flackert der Widerschein der Laterne. »Das kommt dir nur so vor.« »In der Nacht wird nur auf dem Friedhof geläutet ...« sagt Andrej. »Wozu läutet man denn dort?« »Damit die Räuber nicht in die Kirche einbrechen. Vorm Läuten fürchten sie sich.« »Wozu brechen denn die Räuber in die Kirche ein?« fragt Ssonja. »Das ist doch klar: um die Kirchendiener totzuschlagen!« Eine Minute vergeht im Schweigen. Alle sehen sich um, zucken zusammen und setzen dann das Spiel fort. Dieses Mal gewinnt Andrej. »Er hat gemogelt!« brüllt ohne jede Veranlassung Aljoscha. »Du lügst, ich habe nicht gemogelt!« Andrej erbleicht, verzieht seinen Mund, und, klatsch, gibt er Aljoscha eins auf den Kopf! Aljoscha rollt wütend mit den Augen, springt auf, stemmt sich mit dem einen Knie auf den Tisch und, klatsch, schlägt er seinerseits Andrej ins Gesicht! Beide geben sich noch eine Ohrfeige und heulen. Ssonja, die solche Schreckensszenen nicht vertragen kann, fängt auch an zu weinen, und das Speisezimmer wird von einem vielstimmigen Geheul erfüllt. Aber man glaube nur nicht, daß das Spiel darum ein Ende nimmt. Es vergehen keine fünf Minuten, und die Kinder plaudern und lachen wieder friedlich. Die Gesichter sind verweint, aber das hindert sie nicht, zu lächeln. Aljoscha ist sogar glücklich: es hat ein Mißverständnis gegeben! Ins Speisezimmer tritt der Tertianer Wassja. Er sieht verschlafen und enttäuscht aus. Das ist doch empörend! denkt er, betrachtend, wie Grischa seine mit klirrenden Kopeken gefüllte Tasche befühlt. Wie darf man nur den Kindern Geld geben! Und ihnen das Hazardspiel erlauben! Ein vorzügliches pädagogisches System, das muß man sagen. Empörend! Aber die Kinder spielen so hinreißend, daß er selbst Lust bekommt, sich zu ihnen zu gesellen und sein Glück zu versuchen. »Wartet, ich werde auch mitspielen,« sagt er. »Setz' ein Kopeke!« »Gleich,« sagt er, seine Taschen durchsuchend. »Ich habe keine Kopeke, aber hier ist ein Rubel. Ich setze einen Rubel.« »Nein, nein, nein ... eine Kopeke sollst du setzen!« »Ihr Schafsköpfe. Ein Rubel ist doch jedenfalls mehr wert als eine Kopeke,« erklärt der Gymnasiast. »Wer gewinnt, kann mir ja herausgeben.« »Nein, bitte! Geh lieber weg!« Der Tertianer zuckt die Achseln und geht in die Küche, sich Kleingeld zu verschaffen. Aber auch dort gibt es keine Kopeken. »Dann wechsle mir also,« wendet er sich, aus der Küche zurückkehrend, wieder an Grischa. »Ich werde dir dafür was geben. Du willst nicht? Nun, so verkaufe mir für einen Rubel zehn Kopeken.« Grischa blickte Wassja mißtrauisch an: ob das nicht wieder irgendein Leim, eine Mogelei ist? »Ich will nicht,« sagt er, seine Tasche festhaltend. Wassja gerät außer sich und nennt die Spieler Esel und Dummköpfe. »Wassja, ich werde schon für dich setzen!« sagte Ssonja. »Komm her!« Der Gymnasiast nimmt Platz und sucht sich zwei Karten aus. Anja beginnt die Zahlen zu rufen. »Ich habe eine Kopeke fallen lassen!« erklärt mit aufgeregter Stimme plötzlich Grischa. »Halt!« Die Lampe wird heruntergenommen, und man kriecht unter den Tisch, um die Kopeke zu suchen. Sie fassen mit den Händen Schmutz und Nußschalen, stoßen mit den Köpfen aneinander, aber die Kopeke finden sie nicht. Sie beginnen von neuem zu suchen und fahren damit solange fort, bis Wassja Grischa die Lampe aus den Händen reißt und sie an den Platz stellt. Aber Grischa sucht im Dunkeln weiter. Schließlich ist die Kopeke gefunden. Die Spieler setzen sich an den Tisch, um weiter zu spielen. »Ssonja ist eingeschlafen!« erklärt Aljoscha. Ssonja hat ihr Lockenköpfchen in die Hände gelegt und schläft so süß und ruhig und fest, als wäre sie schon vor einer Stunde eingeschlafen. Während die andern die Kopeke suchten, hat sie der Schlaf ganz unversehens übermannt. »Geh, leg' dich auf Mamas Bett!« sagt Anja, sie aus dem Speisezimmer führend. »Geh!« Sie wird von der ganzen Kinderschar begleitet, und fünf Minuten später gewährt Mamas Bett einen eigentümlichen Anblick. Dort schläft Ssonja. Neben ihr schnarcht Aljoscha. Den Kopf auf deren Füßen, schlafen Grischa und Anja. Daneben hat auch Andrej ein Plätzchen gefunden. Um sie herum liegen die Kopeken, die bis zum neuen Spiel jede Bedeutung und allen Wert verloren haben. Gute Nacht! Zinotschka Übersetzt von Wladimir Czumikow Eine Gesellschaft von Jägern nächtigte auf frischem Heu in einem Bauernhause. Durch die Fenster sah der Mond, auf der Straße hörte man die traurigen Weisen einer Ziehharmonika, das Heu strömte süßlichen, betäubenden Duft aus. Die Jäger sprachen von Hunden, von Frauen, von der ersten Liebe, von Bekassinen. Nachdem die Lebensgeschichten aller bekannten Damen durchgehechelt und einige Dutzend Anekdoten zum besten gegeben waren, gähnte der dickste aus der Gesellschaft, der im Dunkeln wie ein Heuschober aussah, laut und sprach mit saftigem Majorsbaß: »Geliebt zu werden ist kein Kunststück: die Damen sind ja dazu da, um uns zu lieben. Ist aber einer von Ihnen, meine Herren, schon jemals gehaßt, leidenschaftlich, tödlich gehaßt worden? Hat jemand von Ihnen schon Gelegenheit gehabt, die Exaltationen und Orgien des Hasses zu beobachten? Wie?« Es folgte keine Antwort. »Also niemand, meine Herren?« fragte der Majorsbaß.– »Nun, ich meinesteils bin einmal gehaßt worden, gehaßt von einem hübschen Mädchen, und konnte die Symptome eines ersten Hasses an mir selbst studieren. Des ersten, meine Herren, weil das etwas der ersten Liebe ganz Entgegengesetztes war. Uebrigens ereignete sich das, wovon ich eben erzählen will, noch zu einer Zeit, wo ich weder von Haß noch von Liebe etwas verstand. Ich war damals ungefähr acht Jahre alt, aber das macht nichts: hier, meine Herren, spielt nicht er, sondern sie eine Rolle. Nun, ich bitte also um Aufmerksamkeit. An einem schönen Sommerabend vor Sonnenuntergang saßen ich und meine Gouvernante Zinotschka, ein reizendes, sentimentales Persönchen, das eben erst der Pension entwachsen war, in der Kinderstube, und sie unterrichtete mich. Zinotschka guckte zerstreut durchs Fenster und sprach: »Also, den Sauerstoff atmen wir ein. Jetzt sagen Sie mir, Petja, was atmen wir denn aus?« »Kohlensäure,« antwortete ich, ebenfalls zum Fenster hinaussehend. »So,« stimmte Zinotschka bei.– »Und bei den Pflanzen ist es umgekehrt: die atmen Kohlensäure ein und Sauerstoff aus. Kohlensäure ist zum Beispiel im Selterswasser, im Ofendunst enthalten ... Das ist ein sehr schädliches Gas. In der Nähe Neapels befindet sich die sogenannte Hundehöhle, die mit Kohlensäure angefüllt ist; ein Hund, den man da hineinläßt, erstickt und krepiert.« Diese unglückliche Hundehöhle in der Nähe Neapels bildet die äußerste Grenze der chemischen Kenntnisse aller Gouvernanten. Auch Zinotschka, die für den Nutzen der Naturwissenschaften immer sehr heiß eintrat, wußte kaum etwas über die Grenzen dieser Hundehöhle hinaus. »Nun,«– sie ließ mich wiederholen. Ich tat es. Sie fragte, was der Horizont ist. Ich antwortete. Auf dem Hof aber, während wir den Horizont und die Hundehöhle wiederkäuten, rüstete mein Vater sich zur Jagd. Die Hunde heulten, die Pferde tänzelten unruhig, und die Lakaien füllten den Jagdwagen mit allerhand Gerätschaften und Vorräten. Daneben stand eine Equipage, in der meine Mutter und die Schwestern Platz nahmen, um zu Iwanitzkijs zum Namenstage zu fahren. Zu Hause blieben also nur ich und Zinotschka und mein älterer Bruder, der Student, der Zahnschmerzen hatte. Meinen Neid und meine Langeweile können Sie sich vorstellen! »Was atmen wir also ein?« fragte Zinotschka zum Fenster hinausblickend. »Sauerstoff ...« »Ja, und den Horizont nennt man die Stelle, wo der Himmel scheinbar die Erde berührt ...« Die Equipagen setzten sich in Bewegung ... Ich sah, wie Zinotschka aus der Tasche ein Zettelchen nahm, es nervös zusammenknitterte und an die Schläfen preßte, dann plötzlich errötete und nach der Uhr sah. »Also merken Sie es sich,« sagte sie,– »in der Nähe Neapels befindet sich die sogenannte Hundehöhle ...« –Sie sah wieder nach der Uhr und fuhr fort: »Wo der Himmel scheinbar die Erde berührt ...« Die Arme ging in höchster Aufregung durchs Zimmer und sah nochmals nach der Uhr. Bis zum Ende unserer Marter war noch eine gute halbe Stunde. »Jetzt also Arithmetik,« sagte sie schwer atmend und mit dem zitternden Händchen das Aufgabenbuch durchblätternd. – »Lösen Sie bitte die Aufgabe Nummer 325, ich ... ich werde gleich kommen ...« Sie ging hinaus. Ich hörte, wie sie die Treppe hinunterrauschte und sah dann durchs Fenster, wie ihr blaues Kleidchen in der Gartenpforte am Ende des Hofes verschwand. Ihre raschen Bewegungen, die Farbe ihrer Wangen und ihre Aufregung erschienen mir auffallend. Wo war sie hingelaufen und wozu? Da ich gescheiter war, als ich aussah, begriff ich bald alles: sie war in den Garten gelaufen, um die Abwesenheit meiner strengen Eltern zu benutzen und sich an den Himbeeren und Kirschen zu überessen! Wenn es so ist, dann, zum Teufel noch einmal, gehe auch ich Kirschen pflücken! Ich schob das Aufgabenbuch zur Seite und lief in den Garten. Ich bin bei den Kirschen, aber sie ist schon nicht mehr da: an den Himbeeren, den Stachelbeeren und dem Wächterhäuschen vorbei geht sie durch den Gemüsegarten zum Teich hinunter, bleich, beim geringsten Geräusch zusammenzuckend. Ich schleiche ihr nach und sehe, meine Herren, folgendes. Am Ufer des Teiches steht zwischen zwei alten Weiden mein älterer Bruder Sascha; daß er Zahnschmerzen hatte, konnte man ihm am Gesicht gerade nicht ansehen. Er blickt Zinotschka entgegen, und sein ganzes Gesicht erstrahlt in Glück, wie von der Sonne beleuchtet. Zinotschka dagegen geht zaudernd und schweratmend auf ihn zu, als wenn man sie in die Hundehöhle triebe und Kohlensäure atmen ließe ... Man sieht an allem, daß sie zum erstenmal im Leben zu einem Rendezvous geht ... Aber schon hat sie sich ihm genähert ... Eine halbe Minute lang sehen sie sich schweigend an und trauen gleichsam ihren Augen nicht. Darauf stößt irgendeine Kraft Zinotschka in den Rücken, und sie legt ihre Hände Sascha auf die Schultern und lehnt ihr Köpfchen an seine Weste. Sascha lacht, murmelt etwas Unverständliches und legt mit der Unbeholfenheit eines sehr verliebten Menschen seine beiden Handflächen auf Zinotschkas Gesicht. Und das Wetter, meine Herren, ist herrlich ... Eine Anhöhe, hinter der die Sonne versinkt, zwei Weiden, das grüne Ufer, der Himmel – alles das spiegelt sich zusammen mit Zinotschka und Sascha im Teiche wieder. Ringsum alles still natürlich. Ueber dem Schilf schweben Scharen goldiger Libellen, hinterm Garten wird die Herde vorbeigetrieben. Mit einem Wort – ein Gemälde. Von allem, was ich gesehen, begriff ich nur, daß Sascha und Zinotschka sich geküßt hatten. Das ist unanständig. Wenn Mama das erfährt, werden sie beide nicht leer ausgehen. Da ich eine Art unbewußter Scham empfand, ging ich, ohne das Ende des Rendezvous abzuwarten, wieder zurück ins Kinderzimmer. Weil ich nun, wie gesagt, gescheiter war als ich aussah, so saß ich über meinem Aufgabenbuch und dachte und grübelte. Auf meiner Fratze schwamm ein triumphierendes Grinsen. Einerseits war es angenehm, im Besitz eines fremden Geheimnisses zu sein, andererseits war auch das Bewußtsein, daß solche Autoritäten wie Sascha und Zinotschka von mir jetzt jederzeit der Unkenntnis der elementarsten Anstandsregeln bezichtigt werden können – nicht unangenehm. Jetzt sind sie in meiner Macht, und ihre Ruhe hängt durchaus von meiner Großmut ab. Ich werde es ihnen schon zeigen! Als ich schlafen ging, kam Zinotschka wie gewöhnlich herein, um sich zu überzeugen, ob ich gebetet hatte und nicht vielleicht in den Kleidern eingeschlafen war. Ich sah ihr hübsches, glückliches Gesicht und schmunzelte. Das Geheimnis schwoll und drängt heraus. Ich mußte eine Anspielung machen, um mich an dem Effekt zu weiden. »Ich weiß!« sagte ich grinsend. »O – o – o!« »Was wissen Sie?« »O – o! Ich habe gesehen, wie Sie sich bei den Weiden mit Sascha geküßt haben ... Ich ging Ihnen nach und sah alles...« Zinotschka zuckte zusammen, wurde rot und, von meiner ›Anspielung‹ getroffen, sank sie auf den Tisch, auf dem das Wasserglas und der Leuchter standen. »Ich habe gesehen, wie Sie sich ... geküßt haben ...« wiederholte ich kichernd und mich an ihrer Verlegenheit weidend... »Aha! Ich werde es Mama sagen!« Zinotschka sah mich längere Zeit kleinmütig an, ergriff dann, als sie sich überzeugt hatte, daß ich wirklich alles wußte, meine Hand und flüsterte mit bebender Stimme: »Petja, das ist gemein ... Ich flehe Sie um Gottes willen an ... Seien Sie ein Mann ... sagen Sie niemand was ... Anständige Leute spionieren nicht ... Das ist gemein ... Ich flehe Sie an ...« Die Aermste fürchtete meine Mutter, eine gestrenge und tugendhafte Dame, wie Feuer – erstens; zweitens mußte meine grinsende Fratze das Gefühl ihrer ersten reinen und poetischen Liebe profanieren; Sie können sich daher ihre Gemütsstimmung wohl vorstellen! Dank mir schlief sie die ganze Nacht nicht und kam zum Morgentee mit blauen Ringen unter den Augen ... Als ich nach dem Tee Sascha begegnete, hielt ich es nicht aus und prahlte schmunzelnd: »Ich weiß! Ich habe gesehen, wie du gestern Fräulein Zina geküßt hast.« Sascha sah mich an und sagte: »Du bist dumm.« Er war nicht so kleinmütig wie Zinotschka, und der Effekt gelang mir daher nicht. Das reizte mich aber noch mehr. Wenn Sascha nicht erschrak, so glaubte er augenscheinlich nicht daran, daß ich alles gesehen hatte: Warte! dachte ich, ich werde es dir schon beweisen ... Während der Vormittagsstunden sah Zinotschka mich nicht an und stotterte. Anstatt mich kurzerhand zu bestrafen und einzuschüchtern, suchte sie sich bei mir auf jede Weise einzuschmeicheln, stellte mir die besten Noten und klagte dem Vater nicht meine Unarten. Da ich eben klüger war, als ich aussah, so beutete ich das Geheimnis auf jede Weise aus: ich machte meine Aufgaben nicht, schlug im Klassenzimmer Rad und sagte ihr Frechheiten. Mit einem Wort, wäre das damals noch lange so weitergegangen, so hätte ich mich zu einem ganz brauchbaren Erpresser ausgebildet. Es verging also eine Woche. Das fremde Geheimnis reizte und quälte mich wie ein Splitter in der Seele. Ich wollte es, koste es was es wolle, ausplaudern und mich an den Effekt ergötzen. Und endlich, eines schönen Mittags, wo wir recht viel Besuch hatten, schmunzelte ich blödsinnig, blickte Zinotschka hinterlistig an und sagte: »Ich weiß ... O – o – o! Ich habe gesehen ...« »Was weißt du?« fragte die Mutter. Ich blickte Zinotschka und Sascha noch hinterlistiger an. Man hätte es sehen müssen, wie das Mädchen aufflammte, und was Sascha für wütende Augen machte! Ich biß mich auf die Zunge und fuhr nicht fort. Zinotschka erbleichte allmählich, preßte die Lippen zusammen und aß nichts mehr. Am selben Tag, während der Abendstunden, erblickte ich in Zinotschkas Gesicht eine eigentümliche Veränderung. Es schien strenger, kälter, wie aus Marmor, und die Augen sahen so seltsam mir geradeaus ins Gesicht. Ich versichere Sie, solche vernichtende, tötende Augen habe ich nicht einmal bei Windhunden, die den Wolf verfolgen, gesehen! Ihren Ausdruck begriff ich sehr wohl, als Zinotschka plötzlich, mitten in der Stunde, die Zähne zusammenbiß und stammelte: »Ich hasse Sie! Oh, wenn Sie Abscheulicher, Gemeiner, wüßten, wie ich Sie hasse, wie widerwärtig mir Ihr geschorener Kopf, Ihre gemeinen, abstehenden Obren sind!« Aber im selben Augenblick erschrak sie und sagte: »Ich spreche das nicht zu Ihnen, ich lerne eine Rolle ...« Dann, meine Herren, sah ich des Nachts, wie sie an mein Bett herantrat und mir lange ins Gesicht blickte. Sie haßte mich leidenschaftlich und konnte ohne mich nicht mehr leben. Das Anschauen meiner verhaßten Fratze wurde ihr zur Notwendigkeit. Dann entsinne ich mich eines schönen Sommerabends. Es duftete nach Heu, alles war still und so weiter. Der Mond schien. Ich spazierte in der Allee und dachte an Schokolade. Plötzlich tritt an mich die schöne und bleiche Zinotschka heran, faßt mich bei der Hand und beginnt ein ganzes Geständnis. »Oh, wie ich dich hasse! Niemand habe ich so viel Böses gewünscht, wie dir. Begreifst du das? Ich möchte, daß du es begreifst ...!« Verstehen Sie – der Mond, das bleiche Gesicht, von Leidenschaft durchleuchtet, die Stille ... sogar ich junges Kalb empfand ein gewisses Wohlgefühl. Ich hörte ihr zu und sah ihr in die Augen ... Anfangs war es mir angenehm und neu, dann aber wurde mir bange, ich schrie auf und lief spornstreichs nach Hause. Ich beschloß, daß es am besten sei, Mama zu klagen. Ich klagte und erzählte bei dieser Gelegenheit auch, daß Sascha und Zinotschka sich geküßt hatten. Ich war dumm und dachte nicht an die Folgen, sonst hätte ich wohl geschwiegen ... Mama war von meiner Mitteilung ganz entrüstet und sagte: »Das geht dich nichts an. Du bist noch zu jung, um darüber zu sprechen ... Uebrigens ein gutes Beispiel für die Kinder!« Meine Mutter war nicht nur tugendhaft, sondern auch taktvoll. Um keinen Skandal zu machen, kündigte sie Zinotschka nicht sogleich, sondern drängte sie langsam und allmählich aus dem Hause. Ich erinnere mich, als Zinotschka von uns fortfuhr, war der letzte Blick, den sie auf unser Haus warf, nach dem Fenster, an dem ich stand, gerichtet. Und ich versichere Sie, ich entsinne mich dieses Blickes bis zur heutigen Stunde. Zinotschka wurde bald darauf die Frau meines Bruders. Es ist Zinaida Nikolajewna, die Sie ja alle kennen. Hernach traf ich mit ihr zusammen, als ich schon Fähnrich war. Trotz aller Anstrengungen konnte sie in dem bärtigen Fähnrich den gehaßten Petja nicht mehr erkennen, behandelte mich aber doch nicht sehr verwandtschaftlich ... Und auch jetzt noch, trotz meines gutmütigen Bäuchleins und der demütig schimmernden Glatze, sieht sie mich immer noch schief an und fühlt sich nicht recht behaglich, wenn ich meinen Bruder besuche. Augenscheinlich rostet alter Haß ebensowenig, wie alte Liebe ... Oho! Ich höre schon den Hahn krähen. Gute Nacht, meine Herren! Mylord, kusch dich!« Die letzte Mohikanerin Übersetzt von Alexander Eliasberg Ich und der Stabsrittmeister a. D. und Gutsbesitzer Dokukin, bei dem ich im Frühjahr zu Besuch war, saßen eines schönen Morgens in Großvatersesseln und blickten träge zum Fenster hinaus. Die Langeweile war ganz fürchterlich. »Pfui Teufel!« schimpfte Dokukin. »So langweilig ist es, daß ich mich selbst über den Besuch eines Gerichtsvollziehers freuen würde!« – Soll man sich am Ende wieder schlafen legen? – fragte ich mich. Und wir dachten über die Langeweile lange nach, so lange, bis wir durch die schon lange nicht gewaschenen, in allen Farben des Regenbogens schillernden Fenster eine kleine Veränderung im Kreislaufe der Welt gewahrten: der Hahn, der vor dem Tore auf einem Haufen vorjährigen Laubes gestanden und bald den einen, bald den anderen Fuß gehoben hatte (er wollte nämlich beide Füße zugleich heben), fuhr plötzlich zusammen und rannte, wie von einer Schlange gebissen, vom Tore weg. »Jemand kommt gegangen oder gefahren ...« versetzte Dokukin lächelnd. »Wenn uns der Teufel wenigstens Gäste bringen wollte ... Das wäre immerhin lustiger ...« Der Hahn hatte uns nicht getäuscht. Im Tore zeigte sich zuerst ein Pferdekopf unter grünem Krummholz, dann das ganze Pferd und schließlich ein dunkler, schwerer Wagen mit unförmlichen Flügeln, die an die Flügel eines zum Auffliegen bereiten Käfers erinnerten. Der Wagen kam in den Hof, schwenkte schwerfällig um und rollte dröhnend und klirrend zu den Pferdestallungen. Im Wagen saßen zwei menschliche Gestalten: die eine schien weiblich, die andere, die etwas kleiner war, männlich. »Hol der Teufel ...« brummte Dokukin, mich mit erschrockenen Augen ansehend und sich die Schläfe kratzend. »Hab keinen Kummer gehabt, und nun haben mir die Teufel einen geschickt. Nicht umsonst sah ich heute im Traume einen Ofen.« »Warum? Wer ist denn gekommen?« »Meine liebe Schwester mit dem Herrn Gemahl, daß sie...« Dokukin stand auf und ging einmal nervös durch das Zimmer. »Es ist mir sogar kalt ums Herz geworden ...« brummte er. »Es ist zwar Sünde, für seine leibliche Schwester keine verwandtschaftlichen Gefühle übrig zu haben, aber glauben Sie mir: es wäre mir angenehmer, einem Räuberhauptmann im Walde zu begegnen, als sie zu empfangen. Sollen wir uns vielleicht verstecken? Timoschka kann ihr ja vorlügen, daß wir in die Kreisstadt zur Konferenz gefahren sind.« Dokukin rief laut den Timoschka. Es war aber zu spät, um zu lügen und sich zu verstecken. Nach einer Weile tönten aus dem Vorzimmer Stimmen: eine weibliche Baßstimme tuschelte mit einem männlichen Tenor. »Bring' mir unten den Rockbesatz in Ordnung!« sagte die Baßstimme. »Wieder hast du die falsche Hose angezogen!« »Die blaue Hose haben Sie dem Onkel Wassilij Antipytsch geschenkt, und die bunte ließen Sie mich für den Winter aufheben,« rechtfertigte sich der Tenor. »Soll ich den Schal Ihnen nachtragen oder hier lassen?« Die Tür ging endlich auf, und ins Zimmer trat eine etwa vierzigjährige, großgewachsene, volle Dame in blauem Seidenkleide. Ihr rotbackiges, sommersprossiges Gesicht drückte soviel stumpfe Einbildung aus, daß ich sofort begriff, warum Dokukin sie nicht mochte. Der Dame folgte trippelnd ein kleines schmächtiges Männchen in buntem Röckchen, weiter Hose und Samtweste, – engbrüstig, bartlos, mit rotem Näschen. An seiner Weste baumelte eine goldene Uhrkette, die an ein Kettchen, an dem man die Lämpchen vor den Heiligenbildern aufzuhängen pflegt, erinnerte. In seiner Kleidung, seinen Bewegungen, seinem Näschen, in seiner ganzen komischen Figur lag etwas sklavisch Demütiges und Gedrücktes ... Die Dame trat ins Zimmer, wandte sich, ohne uns anzublicken, zu den Heiligenbildern und begann sich zu bekreuzigen. »Bekreuzige du dich auch!« befahl sie ihrem Mann. Das Männchen mit dem roten Näschen fuhr zusammen und begann sich zu bekreuzigen. »Guten Tag, Schwester!« wandte sich Dokukin an die Dame, als jene mit dem Beten fertig war, und seufzte auf. Die Dame lächelte solid und reichte ihre Lippen denen Dokukins. Auch das Männchen bot seine Lippen dar. »Gestatten Sie, daß ich vorstelle ... Meine Schwester Olimpiada Jegorowna Chlykina ... Ihr Gatte, Dossifej Andrejitsch ... Und dieser da ist mein guter Bekannter...« »Freut mich sehr,« sagte Olimpiada Jegorowna gedehnt, ohne mir die Hand zu reichen. »Freut mich sehr ...« Wir nahmen alle Platz. Eine Minute verging in Schweigen. »Hast wohl den Besuch nicht erwartet?« begann Olimpiada Jegorowna, sich an Dokukin wendend. »Ich hatte auch gar nicht die Absicht, dich zu besuchen, lieber Bruder, da muß ich aber zum Adelsmarschall und bin unterwegs eingekehrt...« »Warum fährst du zum Adelsmarschall?« fragte Dokukin. »Warum ich hinfahre? Um mich über ihn zu beschweren!« sagte die Dame mit einem Blick auf ihren Gatten. Dossifej Andrejitsch senkte die Aeuglein, zog die Beine unter den Stuhl ein und hüstelte verlegen in die hohle Hand. »Warum willst du dich über ihn beschweren?« Olimpiada Jegorowna seufzte. »Er hat seinen Stand vergessen!« sagte sie. »Was soll ich tun? Ich habe mich schon bei dir beklagt, lieber Bruder, und auch bei seinen Eltern, war mit ihm beim Geistlichen P. Grigorij, damit er ihm eine Ermahnung erteile, habe auch selbst alle Mittel angewandt, nichts hat geholfen! Nun muß ich notgedrungen den Herrn Adelsmarschall bemühen ...« »Was hat er denn angestellt?« »Nichts hat er angestellt, aber seinen Stand hat er vergessen! Er ist zwar still und respektvoll, trinkt auch nicht, aber was nützt das, wenn er an seinen Stand nicht denkt? Schau ihn nur an, wie er gebückt dasitzt, wie irgendein Bittsteller oder Kleinbürger. Sitzt denn ein Edelmann so? Sitz ordentlich! Hörst du?« Dossifej Andrejitsch reckte den Hals, hob das Kinn, offenbar um sich ordentlich hinzusetzen, und blickte seine Frau scheu und ängstlich an. So blicken kleine Kinder, wenn sie sich einer Schuld bewußt sind. Als ich merkte, daß das Gespräch auf intime Familiendinge kam, erhob ich mich, um hinauszugehen. Die Chlykina merkte diese Bewegung. »Macht nichts, bleiben Sie nur!« sagte sie, um mich zurückzuhalten. »Den jungen Leuten ist es nützlich, solches zu hören. Wir sind zwar nicht gelehrt, kennen aber das Leben besser als Sie. Wir wollen bei dir zu Mittag essen, lieber Bruder,« wandte sie sich an Dokukin. »Bei dir gibt es heute sicher nur Fleischspeisen, du hast wohl vergessen, daß heute Mittwoch ist ...« Sie seufzte. »Laß uns bitte Fastenspeisen zurichten. Etwas anderes werden wir nicht essen, Bruder.« Dokukin rief Timoschka herbei und bestellte Fastenspeisen. »Und wenn wir gegessen haben, fahren wir zum Adelsmarschall...« fuhr die Chlykina fort. »Ich werde ihn flehentlich bitten, sich der Sache anzunehmen. Es ist seine Sache, aufzupassen, daß die Edelleute nicht liederlich werden.« »Ist Dossifej liederlich geworden?« fragte Dokukin. »Als ob du es zum erstenmal hörtest!« erwiderte Chlykina, die Stirne runzelnd. »Dir ist es übrigens ganz gleich ... Auch du denkst nicht allzusehr an deinen Stand ... Wir wollen aber den Herrn jungen Mann fragen. Junger Mann,« wandte sie sich an mich, »halten Sie es für gut, wenn ein Edelmann mit jedem Gesindel verkehrt?« »Es kommt darauf an, mit wem,« sagte ich verlegen. »Zum Beispiel mit dem Kaufmann Gussjew. Ich lasse diesen Gussjew nicht über die Schwelle, er aber spielt mit ihm Dame und nimmt bei ihm zuweilen auch einen Imbiß ein. Ziemt es sich für ihn, mit einem Schreiber auf die Jagd zu gehen? Worüber kann er mit einem Schreiber reden? Wenn Sie es wissen wollen, mein Herr, so darf so ein Schreiber sich gar nicht erlauben, in seiner Gegenwart auch nur einen Ton von sich zu geben, geschweige denn zu sprechen!« »Ich habe einen schwachen Charakter ...« flüsterte Dossifej Andrejitsch. »Ich werde dir schon den Charakter zeigen!« drohte die Frau, mit dem Siegelring gegen die Stuhllehne klopfend. »Ich werde dir nicht erlauben, unsere Familie zu beschmutzen! Du bist zwar mein Mann, ich werde dich aber blamieren! Das mußt du begreifen! Ich habe dich ja zu einem Menschen gemacht! Seine Familie, mein Herr, das Chlykinsche Geschlecht ist ein heruntergekommenes Geschlecht, und wenn ich, eine geborene Dokukina, ihn genommen habe, so muß er das schätzen und fühlen! Er kommt mir auch gar nicht billig zu stehen, mein Herr, wenn Sie es wissen wollen! Was kostete es mich, ihm ein Amt zu verschaffen! Fragen Sie ihn bloß! Wenn Sie es wissen wollen, so kostete mich das Examen für den ersten Dienstrang allein dreihundert Rubel! Und warum bemühe ich mich so? Glaubst du etwa, daß ich mich deinetwegen so abplage, du Maulaffe? Bilde es dir ja nicht ein! Mir ist es nur um unseren Namen zu tun! Wäre nicht der Name, so wärst du bei mir schon längst in der Küche verfault, wenn du es wissen willst!« Der arme Dossifej Andrejitsch hörte zu, schwieg und fuhr zusammen, – ich weiß nicht, ob vor Angst oder Scham. Auch beim Mittagessen gab ihm seine strenge Gattin keine Ruhe. Sie ließ ihn nicht aus den Augen und verfolgte jede seiner Bewegungen. »Tu dir Salz in die Suppe! Wie hältst du den Löffel?! Schiebe die Salatschüssel zur Seite, sonst schmeißt du sie mit dem Aermel um! Zwinkere nicht mit den Augen!« Er aber aß mit größter Eile und zuckte unter ihren Blicken zusammen wie ein Kaninchen unter den Blicken einer Riesenschlange. Er aß mit seiner Frau die Fastenspeisen und schielte begehrlich nach unseren Koteletts. »Sprich das Tischgebet!« sagte ihm die Frau nach dem Essen. »Bedanke dich beim Bruder!« Nach dem Essen begab sich die Chlykina ins Schlafzimmer, um etwas auszuruhen. Als sie draußen war, fuhr sich Dokukin in die Haare und begann auf- und abzugehen. »Was bist du für ein unglücklicher Mensch, mein Bester!« sagte er, schwer atmend, zu Dossifej. »Ich habe kaum eine Stunde mit ihr gesessen und bin schon ganz kaput; wie bist du erst dran, der du bei ihr Tag und Nacht sein mußt! ... Ach! Ein Märtyrer bist du, ein unglücklicher Märtyrer! Ein Kind von Bethlehem, ein von Herodes erschlagenes!« Dossifej zwinkerte mit den Aeuglein und sagte: »Sie ist allerdings streng, doch ich muß für sie Tag und Nacht zu Gott beten, – denn ich empfange von ihr nichts als Liebe und Wohltaten.« »Ein verlorener Mensch!« sagte Dokukin und winkte mit der Hand. »Einst hat er aber Reden in den Adelsversammlungen geschwungen und eine neue Säemaschine erfunden! Zugrunde gerichtet hat die Hexe den Menschen! Du lieber Gott!« »Dossifej!« erklang die Baßstimme. »Wo steckst du denn? Komm her, vertreibe mir die Fliegen!« Dossifej Andrejitsch fuhr zusammen und eilte auf den Fußspitzen ins Schlafzimmer ... »Pfui Teufel!« rief ihm Dokukin nach und spuckte aus. Zu Hause Übersetzt von Alexander Eliasberg »Man ist von den Grigorjews dagewesen, um irgendein Buch zu holen, und ich sagte, Sie seien nicht zu Hause. Der Briefträger brachte die Zeitungen und zwei Briefe. Uebrigens möchte ich Sie, Jewgenij Petrowitsch, auf Sserjoscha aufmerksam machen. Heute und vorgestern sah ich ihn rauchen. Als ich ihm Vorwürfe machte, hielt er sich, wie immer, die Ohren zu und begann laut zu singen, um meine Stimme zu übertönen.« Jewgenij Petrowitsch Bykowskij, Staatsanwalt am Kreisgericht, der soeben aus einer Verhandlung heimgekommen war und sich in seinem Kabinett die Handschuhe auszog, blickte die Gouvernante, die ihm dieses meldete, an und lachte. »Sserjoscha raucht ...« sagte er achselzuckend. »Wie mag wohl dieser Knirps mit einer Zigarette im Munde aussehen. Wie alt ist er denn jetzt?« »Sieben Jahre. Ihnen erscheint es unwichtig, doch in seinem Alter ist das Rauchen eine schlechte und schädliche Angewohnheit, schlechte Angewohnheiten soll man aber gleich am Anfang bekämpfen.« »Sehr richtig. Und wo nimmt er den Tabak her?« »Aus Ihrem Schreibtisch.« »So? In diesem Falle schicken Sie ihn mir einmal her.« Als die Gouvernante gegangen war, setzte sich Bykowskij in den Sessel vor dem Schreibtisch, schloß die Augen und versank in seine Gedanken. Er stellte sich seinen Sserjoscha mit einer riesengroßen, ellenlangen Zigarette im Munde, in ganze Wolken von Tabakrauch gehüllt vor, und diese Karikatur ließ ihn lächeln; zugleich hatte aber das ernste, besorgte Gesicht der Gouvernante in ihm Erinnerungen an die längst vergangene, halb vergessene Zeit wachgerufen, wo das Rauchen in der Schule und im Kinderzimmer den Pädagogen und den Eltern ein eigentümliches, nicht ganz verständliches Grauen einflößte. Es war ein richtiges Grauen. Man züchtigte die Kinder erbarmungslos mit Ruten, relegierte sie von den Schulen und verdarb ihnen das ganze Leben, obwohl keiner der Pädagogen und Väter zu sagen wußte, warum eigentlich das Rauchen so verbrecherisch und schädlich sei. Selbst sehr kluge Menschen unterließen es nicht, gegen ein Laster anzukämpfen, das sie im Grunde gar nicht verstanden. Jewgenij Petrowitsch erinnerte sich seines Gymnasiumdirektors, eines sehr gebildeten und gutmütigen alten Herrn, der beim Anblick eines rauchenden Gymnasiasten immer so furchtbar erschrak, daß er erbleichte, sofort eine außerordentliche Sitzung des Lehrerkollegiums einberief und den Schuldigen zur Dimission verurteilte. Das ist wohl ein Gesetz der menschlichen Gemeinschaft: je unverständlicher ein Uebel ist, um so hartnäckiger und roher kämpft man dagegen. Der Staatsanwalt erinnerte sich auch einiger relegierten Schüler und ihres ferneren Lebenslaufs und mußte sich sagen, daß die Strafe oft viel mehr Böses bewirkt, als das Verbrechen selbst. Der lebendige Organismus hat die Fähigkeit, sich schnell an jede Atmosphäre anzupassen und zu gewöhnen, sonst müßte ja der Mensch jeden Augenblick fühlen, welch unvernünftige Grundlage oft die vernünftigste Tätigkeit hat und wie wenig bewußte Wahrheit und Sicherheit in so verantwortungsvollen und in ihren Resultaten schrecklichen Tätigkeiten noch steckt, wie denen eines Pädagogen, eines Richters, eines Literaten ... Derartige verschwommene und leichte Gedanken, wie sie nur in einem ermüdeten, ausruhenden Hirne entstehen können, zogen Jewgenij Petrowitsch durch den Sinn; man weiß nicht, woher und wozu sie kommen, sie verweilen nur kurze Zeit und scheinen sich nur an der Oberfläche des Gehirns zu regen, ohne in seine Tiefe einzudringen. Für Menschen, die verpflichtet sind, ganze Stunden und sogar Tage amtlich und nur in einer bestimmten Richtung zu denken, sind solche freie häusliche Gedanken ein Komfort, eine angenehme Bequemlichkeit. Es war gegen neun Uhr abends. Oben im ersten Stock ging jemand unaufhörlich auf und ab, und noch höher, im zweiten Stock spielte man vierhändig Tonleitern. Das Auf- und Abgehen des Menschen, der, nach der nervösen Gangart zu schließen, qualvoll an etwas dachte oder Zahnschmerzen hatte, und die eintönigen Tonleitern verliehen der Stille des Abends etwas Einschläferndes und stimmten zu trägen Gedanken. Zwei Zimmer weiter, im Kinderzimmer sprachen die Gouvernante und Sserjoscha. »Der Pa–pa ist gekommen!« sang der Junge. »Der Papa ist ge–kom–men! Pa! Pa! Pa!« »Votre père vous appelle, allez vite!« kreischte die Gouvernante wie ein erschrockener Vogel. »Hören Sie es nicht?« – Was soll ich ihm aber sagen? – fragte sich Jewgenij Petrowitsch. Doch ehe er sich etwas zurechtlegen konnte, trat ins Kabinett sein Sohn, der siebenjährige Sserjoscha. Es war ein schmächtiges, blasses, gebrechliches Kind, dessen Geschlecht man nur an der Kleidung erkennen konnte. Er war körperlich zart wie eine im Treibhaus gezogene Gemüsepflanze, und alles an ihm schien ungewöhnlich zart und weich: die Bewegungen, das lockige Haar, der Blick, die Samtbluse. »Guten Abend, Papa!« sagte er mit weicher Stimme, dem Vater auf den Schoß kletternd und seinen Hals küssend. »Hast du mich gerufen?« »Bitte, bitte, Ssergej Jewgenjewitsch,« erwiderte der Staatsanwalt, ihn leicht zurückstoßend. »Bevor wir uns küssen, müssen wir einmal ernst sprechen ... Ich bin dir böse und liebe dich nicht mehr. Merk es dir: ich liebe dich nicht, und du bist mir kein Sohn mehr ... Jawohl.« Sserjoscha sah den Vater aufmerksam an, lenkte dann den Blick auf den Tisch und zuckte die Achseln. »Was hab' ich dir denn getan?« fragte er verständnislos, mit den Augen zwinkernd. »Ich war heute kein einziges Mal in deinem Zimmer und habe nichts angerührt.« »Natalja Ssemjonowna hat sich soeben beschwert, daß du rauchst ... Ist es wahr? Rauchst du wirklich?« »Ja, ich habe einmal geraucht ... Das ist wahr! ...« »Nun siehst du, jetzt lügst du noch obendrein,« sagte der Staatsanwalt, die Stirn runzelnd, um sein Lächeln zu maskieren. »Natalja Ssemjonowna sah dich zweimal rauchen. Du hast dir also drei Vergehen zuschulden kommen lassen: du rauchst, du nimmst aus der Schublade fremden Tabak und du lügst. Drei Vergehen!« »Ach, ja–a!« erinnerte sich Sserjoscha und lächelte mit den Augen. »Es ist wahr, es ist wahr! Ich habe zweimal geraucht: heute und früher.« »Nun siehst du: also nicht einmal, sondern zweimal ... Ich bin mit dir sehr, sehr unzufrieden! Früher warst du ein guter Junge, jetzt bist du aber, wie ich sehe, schlecht geworden.« Jewgenij Petrowitsch zupfte Sserjoscha den Kragen zurecht und dachte sich: – Was soll ich ihm noch sagen? – »Ja, es ist nicht schön,« fuhr er fort. »Ich hatte es von dir nicht erwartet. Erstens hast du nicht das Recht, fremden Tabak zu nehmen, der dir nicht gehört. Jeder Mensch darf nur über sein eigenes Gut verfügen; wenn er aber fremdes nimmt, so ist er ... kein guter Mensch! (– Es ist nicht das Richtige, was ich ihm da sage! – dachte sich Jewgenij Petrowitsch.) Natalja Ssemjonowna hat zum Beispiel einen Koffer mit Kleidern. Dieser Koffer gehört ihr, und wir, d. h. ich und du, haben nicht das Recht, diesen Koffer anzurühren, denn er gehört nicht uns. Das stimmt doch? Du hast deine Pferdchen und Bildchen ... Ich nehme sie doch nicht? Vielleicht möchte ich sie auch nehmen, aber sie gehören nicht mir, sondern dir!« »Nimm sie, wenn du willst!« sagte Sserjoscha, die Brauen hebend. »Bitte, Papa, genier' dich nicht, nimm! Das gelbe Hündchen auf deinem Tisch gehört ja auch mir, und doch sage ich nichts ... soll es nur hier stehen!« »Du verstehst mich nicht,« versetzte Bykowskij. »Das Hündchen hast du mir geschenkt, es gehört jetzt mir, und ich darf damit alles tun, was ich will; den Tabak habe ich dir aber nicht geschenkt! Der Tabak gehört mir! (– Ich erkläre es ihm ganz falsch! – dachte sich der Staatsanwalt. – Es ist nicht das Richtige! – ) Wenn ich fremden Tabak rauchen will, so muß ich vor allen Dingen um Erlaubnis bitten ...« Bykowskij begann, träge einen Satz an den andern hängend und sich der Kindersprache anpassend, seinem Sohne zu erklären, was Eigentum bedeutet. Sserjoscha starrte ihm auf die Brust und hörte aufmerksam zu (er liebte es, sich in den Abendstunden mit dem Vater zu unterhalten); dann lehnte er sich gegen den Tisch und fing an, seine kurzsichtigen Augen zusammenkneifend, die Papiere und das Tintenfaß zu betrachten. Sein Blick schweifte über den Tisch und blieb am Fläschchen Gummiarabikum hängen. »Papa, woraus macht man Leim?« fragte er plötzlich, das Fläschchen zu seinen Augen hebend. Bykowskij nahm ihm das Fläschchen aus der Hand, stellte es auf seinen Platz und fuhr fort: »Zweitens rauchst du ... Das ist sehr schlimm! Wenn ich rauche, so folgt daraus noch nicht, daß man rauchen darf. Ich rauche und weiß dabei, daß es nicht gut ist, ich mache mir deswegen Vorwürfe und liebe mich nicht ... (– Ein guter Pädagog bin ich! – dachte sich der Staatsanwalt.) Der Tabak ist für die Gesundheit sehr schädlich, und jeder, der raucht, stirbt früher, als er sonst hätte sterben sollen. Besonders schädlich ist es aber für so kleine Kinder wie du. Du hast eine schwache Brust und bist noch nicht kräftig genug; bei schwachen Menschen ruft aber der Tabakrauch Schwindsucht und andere Krankheiten hervor. So ist auch Onkel Ignatij an der Schwindsucht gestorben. Hätte er nicht geraucht, so wäre er vielleicht auch heute noch am Leben.« Sserjoscha sah nachdenklich auf die Lampe, berührte mit den Fingern den Lampenschirm und seufzte. »Onkel Ignatij spielte gut Geige!« sagte er. »Seine Geige ist jetzt bei den Grigorjews!« Sserjoscha lehnte sich wieder gegen den Tischrand und wurde nachdenklich. Auf seinem blassen Gesicht war ein Ausdruck erstarrt, als lausche er oder verfolge die Entwicklung seiner eigenen Gedanken; Trauer und etwas wie Schreck zeigten sich in seinen großen, unbeweglichen Augen. Wahrscheinlich dachte er jetzt an den Tod, der vor so kurzer Zeit seine Mutter und den Onkel Ignatij geholt hatte. Der Tod bringt die Mutter und die Onkels ins Jenseits, ihre Kinder und Geigen bleiben aber auf der Erde zurück. Die Toten wohnen im Himmel, irgendwo bei den Sternen und blicken von dort auf die Erde herab. Ob sie die Trennung ertragen können? – Was soll ich ihm sagen? – dachte sich Jewgenij Petrowitsch. – Er hört mir gar nicht zu. Offenbar hält er weder seine Vergehen, noch meine Gründe für wichtig. Wie soll ich es ihm klar machen? – Der Staatsanwalt erhob sich und fing an, auf- und abzugehen. – Früher, zu meiner Zeit, wurden solche Fragen höchst einfach gelöst, – dachte er sich. – Jeder Junge, den man beim Rauchen erwischte, bekam seine Tracht Prügel. Die Kleinmütigen und Feigen gaben dann das Rauchen wirklich auf, die Klügeren und Tapferen fingen aber nach der Strafe an, den Tabak im Stiefelschaft zu verwahren und in der Scheune zu rauchen. Und wenn man so einen in der Scheune erwischte und wieder bestrafte, so rauchte er von nun an am Fluß ... und so ging es, bis der Junge heranwuchs. Meine Mutter beschenkte mich, um mich vom Rauchen abzuhalten, mit Geld und Süßigkeiten. Heute erscheinen aber alle diese Mittel als nichtig und unmoralisch. Der moderne Pädagog stellt sich auf den Boden der Logik und bemüht sich, daß das Kind sich die guten Prinzipien nicht aus Angst, nicht aus dem Bestreben, sich auszuzeichnen oder belohnt zu werden, sondern bewußt zu eigen mache. – Während er auf- und abging und dachte, war Sserjoscha mit den Beinen auf den Stuhl gestiegen und hatte zu zeichnen angefangen. Damit er die Geschäftspapiere nicht beschmiere und das Tintenfaß nicht anrühre, lagen für ihn ein Stoß eigens für ihn zurechtgeschnittenes Papier und ein Blaustift bereit. »Die Köchin hackte heute Kraut und schnitt sich dabei in den Finger,« sagte er, ein Häuschen zeichnend und die Brauen bewegend. »Sie schrie dabei so, daß wir alle erschraken und in die Küche liefen. Wie dumm sie ist! Natalja Ssemjonowna sagt ihr, daß sie den Finger in kaltes Wasser stecken soll, aber sie nimmt ihn in den Mund und saugt ... Wie kann man nur den schmutzigen Finger in den Mund nehmen! Papa, das ist doch unanständig!« Dann erzählte er, daß während des Mittagessens ein Leierkastenmann mit einem kleinen Mädchen in den Hof gekommen war und das Mädchen zu seiner Musik gesungen und getanzt hatte. – Er hat seine eigenen Gedankengänge! – sagte sich der Staatsanwalt. – In seinem kleinen Kopf ist eine eigene Welt, und er hat seine eigene Anschauung darüber, was wichtig und was unwichtig ist. Um seine Aufmerksamkeit und sein Bewußtsein zu fesseln, genügt es noch nicht, seine kindliche Sprache nachzuahmen; man muß auch auf seine Weise zu denken verstehen. Er verstünde mich sehr gut, wenn der Tabak mir wirklich leid täte, wenn ich mich gekränkt fühlte und weinte. Darum sind auch die Mütter als Erzieherinnen so unersätzlich, weil sie es verstehen, mit den Kindern zu fühlen, zu weinen, zu lachen ... Mit der Logik und der Moral kann man aber nichts ausrichten. Was soll ich ihm noch sagen? Was? – Jewgenij Petrowitsch erschien es sonderbar und komisch, daß er, der gewiegte Jurist, der sich sein halbes Leben lang in allerlei Vorbeugungs- und Strafmaßregeln geübt hatte, auf einmal ratlos war und nicht wußte, was diesem Jungen zu sagen. »Hör' mal, gib mir dein Ehrenwort, daß du nicht mehr rauchen wirst,« sagte er. »Mein Ehrenwort!« sang Sserjoscha, stark auf den Blaustift drückend und sich über die Zeichnung beugend. »Mein E – eh – renwo – ort! Ja! Ja!« – Weiß er denn auch, was das Ehrenwort bedeutet? – fragte sich Bykowskij. – Nein, ich bin ein schlechter Lehrer! Wenn jetzt irgendein Pädagog oder Jurist in meinen Kopf hineinblickte, so würde er mich einen Waschlappen nennen und mir übermäßiges Klügeln vorwerfen ... Aber in der Schule und vor Gericht werden alle diese verdammten Fragen viel einfacher gelöst als zu Hause: zu Hause hat man es mit Menschen zu tun, die man wahnsinnig liebt, die Liebe ist aber anspruchsvoll und macht die Sache kompliziert. Wäre dieser Junge nicht mein Sohn, sondern mein Schüler oder Angeklagter, so wäre ich nicht so feig und hielte meine Gedanken zusammen! ... – Jewgenij Petrowitsch setzte sich wieder vor den Tisch und nahm eine der Zeichnungen Sserjoschas in die Hand. Die Zeichnung stellte ein Haus mit schiefem Dach und mit Rauch dar, der aus den Schornsteinen im Zickzack wie ein Blitz bis an den Rand des Blattes ging; neben dem Hause stand ein Soldat mit Punkten statt Augen und einem Bajonett, das an die Zahl 4 erinnerte. »Der Mann kann doch nicht größer sein als das Haus,« sagte der Staatsanwalt. »Schau nur: dein Dach reicht dem Soldaten gerade bis an die Schulter.« Sserjoscha kletterte ihm wieder auf den Schoß und rückte lange hin und der, bis er endlich eine bequeme Lage fand. »Nein, Papa!« sagte er, nachdem er seine Zeichnung betrachtet. »Wenn du den Soldaten klein zeichnest, wird man seine Augen nicht sehen können.« Sollte er dem widersprechen? Der Staatsanwalt hatte aus täglichen Beobachtungen an seinem Sohne die Ueberzeugung gewonnen, daß die Kinder ebenso wie die Wilden ihre eigenen künstlerischen Ansichten und Forderungen haben, die dem Verständnisse der Erwachsenen verschlossen sind. Bei aufmerksamer Beobachtung hätte Sserjoscha unnormal erscheinen können. Er hielt es für möglich und vernünftig, die Menschen höher als die Häuser zu zeichnen und mit dem Stift außer den Gegenständen auch seine eigenen Empfindungen wiederzugeben. So stellte er die Töne eines Orchesters als sphärische Nebelflecke und das Pfeifen – als einen Spiralfaden dar. In seiner Vorstellung standen die Töne in engen Beziehungen zu den Formen und Farben, und so pflegte er das L immer gelb, das M rot, das A schwarz usw. anzumalen. Sserjoscha gab das Zeichnen auf, rückte noch einmal hin und her, fand eine bequeme Pose und widmete sich dem Barte seines Vaters, zuerst glättete er ihn sorgfältig, dann zerteilte er ihn und versuchte aus ihm einen Backenbart zu machen. »Jetzt siehst du dem Iwan Stepanowitsch ähnlich,« murmelte er: »und gleich wirst du unserm Portier ähnlich sehen. Papa, warum stehen die Portiers vor den Türen? Um die Diebe nicht hereinzulassen?« Der Staatsanwalt fühlte auf seinem Gesicht Sserjoschas Atem, er berührte mit der Wange jeden Augenblick seine Haare, und es war ihm dabei so warm und weich ums Herz, als ruhte nicht nur seine Hand, sondern auch seine Seele auf Sserjoschas Samtbluse. Er sah ihm in die großen dunklen Augen, und es war ihm, als blickten ihn aus diesen Augen auch seine Mutter und seine Frau an und alle, die er je geliebt hatte. – Nun geh hin und schlage ihn ... – dachte er sich. – Denk' dir für ihn eine Strafe aus! Nein, was bin ich für ein Erzieher! Früher waren die Menschen einfacher, sie grübelten weniger und lösten darum solche Fragen tapfer. Wir aber grübeln zu viel, die Logik hat uns vergiftet ... Je intelligenter ein Mensch ist, je mehr er grübelt und ins Detail geht, um so unentschlossener und befangener ist er und um so ängstlicher macht er sich an die Sache. Und in der Tat, wenn man es so bedenkt, wieviel Mut und Selbstvertrauen muß man haben, um es zu unternehmen, einen Menschen zu belehren und zu richten oder ein dickes Buch zu schreiben ... – Es schlug zehn. »Nun, Kind, es ist Zeit für dich,« sagte der Staatsanwalt. »Sag' gute Nacht und geh' zu Bett.« »Nein, Papa,« erwiderte Sserjoscha mit einer Grimasse, »ich bleib' noch ein wenig bei dir. Erzähl' mir etwas! Erzähl' mir ein Märchen.« »Gut, aber gleich nach dem Märchen gehst du zu Bett.« Jewgenij Petrowitsch pflegte Sserjoscha an seinen freien Abenden Märchen zu erzählen. Wie die meisten vielbeschäftigten Menschen, hatte er kein einziges Gedicht im Kopf und kannte kein einziges Märchen, so daß er immer improvisieren mußte. Gewöhnlich fing er ganz nach der Schablone an: »In einem gewissen Königreiche ...« Und weiter häufte er allerlei harmlosen Unsinn an und wußte zu Beginn der Geschichte nie, wie die Mitte und der Schluß ausfallen würden. Er nahm die Bilder, Personen und Situationen aufs Geratewohl, und die Handlung und die Moral ergaben sich irgendwie ganz von selbst, ganz ohne Zutun des Erzählers. Sserjoscha liebte solche Improvisationen, und der Staatsanwalt merkte, daß je anspruchsloser und einfacher die Handlung war, sie auf den Jungen einen um so stärkeren Eindruck machte. »Also hör' zu,« begann er, die Augen zur Decke hebend. »In einem gewissen Königreiche lebte einmal ein alter, uralter König mit einem langen grauen Bart und ... einem so langen Schnurrbart. Er lebte also in einem gläsernen Schlosse, das in der Sonne wie ein großes Stück Eis glänzte und funkelte. Das Schloß aber, mein Lieber, stand in einem riesengroßen Garten, und im Garten wuchsen, weißt du, Apfelsinen, Bergamottbirnen ... Kirschen ... blühten Tulpen, Rosen, Maiglöckchen und sangen bunte Vögel ... Ja ... An den Bäumen hingen gläserne Glöckchen, die im Winde so wunderbar tönten, daß es eine Wonne war, zuzuhören ... Glas klingt nämlich viel sanfter und zarter als Metall ... Nun, und was gab's da noch? Im Garten sprangen Fontänen ... Weißt du noch? du hast auf dem Lande bei Tante Ssonja eine Fontäne gesehen? Also solche Fontänen sprangen im Garten des Königs, aber sie waren noch viel größer, und die Wasserstrahlen reichten bis zu den Wipfeln der höchsten Pappeln hinauf.« Jewgenij Petrowitsch dachte eine Weile nach und fuhr fort: »Der alte König hatte einen einzigen Sohn und Thronerben, einen ebenso kleinen Jungen wie du. Er war niemals unartig, ging immer früh zu Bett, rührte nichts auf dem Tische an und ... und war überhaupt ein kluger Junge. Er hatte aber einen Fehler: – er rauchte ...« Sserjoscha hörte gespannt zu und blickte dem Vater, ohne zu zwinkern, in die Augen. Der Staatsanwalt fuhr fort und fragte sich: – Was weiter? – Er zog die Geschichte sehr in die Länge, trat alles breit und endete so: »Der Prinz wurde vom Rauchen schwindsüchtig und starb, als er erst zwanzig Jahre alt war. Der kranke, alte Vater blieb ohne jede Hilfe. Es war niemand da, um das Königreich zu regieren und das Schloß zu verteidigen. Da kamen die Feinde, töteten den Alten, zerstörten das Schloß, und jetzt gibt es im Garten weder die Kirschbäume, noch die Vögel, noch die Glasglocken. Ja, so ist's, mein Lieber ...« Dieser Schluß kam Jewgenij Petrowitsch selbst lächerlich und naiv vor, aber auf Sserjoscha machte das Märchen einen starken Eindruck. Seine Augen waren wieder von Trauer und etwas wie Entsetzen verschleiert; er blickte eine Weile auf das dunkle Fenster, fuhr dann zusammen und sagte mit verzagter Stimme: »Ich werde nicht mehr rauchen ...« Als er sich verabschiedet hatte und gegangen war, ging sein Vater langsam auf und ab und lächelte. – Man wird sagen, daß es die schöne künstlerische Form war, was auf ihn diesen Eindruck machte, – dachte er sich: – meinetwegen, aber das ist kein Trost. Das ist trotz allem nicht das richtige Mittel ... Warum müssen die Wahrheit und die Moral nicht in ihrer rohen Form, sondern unbedingt mit Beimischungen, wie die Pillen verzuckert und vergoldet, dargereicht werden? Das ist nicht normal ... Fälschung, Betrug ... Kunststücke ... – Er dachte an die Geschworenen, denen man unbedingt eine »Rede« halten muß, an das große Publikum, das die Weltgeschichte nur aus Heldengesängen und historischen Romanen kennt, und an sich selbst, der er seine ganze Lebensauffassung nicht aus Predigten und Gesetzen, sondern aus Fabeln, Romanen und Gedichten geschöpft hatte ... – Die Arznei muß süß sein, und die Wahrheit schön ... Und das hat sich der Mensch seit Adams Zeiten eingeredet ... Uebrigens ... vielleicht ist das auch natürlich und muß so sein ... Gibt es denn in der Natur wenig zweckmäßige Täuschungen und Illusionen? Er machte sich an die Arbeit, aber die trägen, häuslichen Gedanken regten sich noch lange in seinem Kopfe. Die Tonleitern im zweiten Stock waren nicht mehr zu hören, doch der Bewohner des ersten Stocks ging noch immer auf und ab ... Die Hexe Übersetzt von Korfiz Holm Die Nacht war hereingebrochen. Der Küster Ssawelij Gykin lag in seiner Wächterhütte bei der Kirche in dem riesigen Bett und konnte nicht schlafen, wenn er auch gewöhnt war, immer mit den Hühnern einzuschlafen. Unter dem einen Rande der schmierigen, aus verschiedenfarbigen Kattunflicken zusammengestoppelten Bettdecke schauten seine fuchsigen, struppigen Haare hervor, unter dem anderen seine großen, lange nicht mehr gewaschenen Füße. Er horchte ... Sein Wächterhäuschen war direkt in die Friedhofmauer eingebaut, und sein einziges Fenster ging aufs freie Feld hinaus. Draußen tobte ein richtiger Krieg. Schwer war's zu verstehen, wer dort einem andern das Lebenslicht ausblasen wollte, und zu wessen Untergang der Wirrwarr in der Natur sich zusammenballte. Aber nach dem unerbittlichen, bösartigen Geheul schien es einem ans Leben zu gehen. Irgendeine sieghafte Kraft verfolgte einen und jagte ihn übers Feld, toste im Walde und ratterte mit dem Kirchendach, schlug mit harten Fäusten ans Fenster, fegte dahin und heulte, und irgend etwas Besiegtes winselte und weinte ... Das klägliche Weinen ertönte bald vor dem Fenster, bald über dem Dach, dann wieder im Ofen. Es war kein Ruf nach Hilfe darin, nur Trauer und die Erkenntnis, daß es schon zu spät, daß keine Rettung mehr möglich war. Die Schneewehen überzogen sich mit einer dünnen Eisrinde; auf ihnen und an den Bäumen zitterten Tränen, auf den Wegen und Pfaden floß eine Brühe aus Schmutz und geschmolzenem Schnee. Mit einem Wort, auf der Erde war Tauwetter, aber der Himmel sah es nicht durch die Finsternis und schüttelte aus aller Kraft Klumpen von Neuschnee auf die tauende Erde ... Und der Wind jagte taumelnd daher, wie ein Betrunkener. Er erlaubte diesem Schnee nicht, sich auf die Erde zu legen, und drehte ihn in der dunkeln Luft in tollen Kreisen herum, wie er wollte. Gykin horchte auf diese Musik und zog die Stirn kraus. Die Sache war die, daß er wußte oder wenigstens erriet, was dieser ganze Spektakel für einen Zweck hatte und wessen Hände dieses Werk zusammengebraut hatten. »Ich wei – eiß!« murmelte er und drohte unter der Bettdecke jemandem mit dem Finger. »Ich weiß alles!« Am Fenster saß auf einem Hocker die Küsterin Raissa Nilowna. Die blecherne Lampe goß, gleichsam schüchtern und ihrer eigenen Kraft nicht recht trauend, ein mageres und zuckendes Licht auf ihre breiten Schultern, die hübschen, appetitlichen Rundungen ihres Körpers und die dicke Flechte, die den Fußboden erreichte. Die Küsterin nähte Säcke aus grobem Leinen. Ihre Hände rührten sich flink, ihr ganzer Körper, der Blick ihrer Augen, die Brauen, die vollen Lippen, der weiße Hals waren wie erstorben, versunken in die eintönige, mechanische Arbeit, und schienen zu schlafen. Hin und wieder nur hob sie den Kopf, um ihren ermüdeten Hals auszuruhen, schaute flüchtig nach dem Fenster, hinter dem das Unwetter toste, und beugte sich wieder über das Leinen. Keine Wünsche, nicht Trauer, nicht Freude – nichts drückte ihr hübsches Gesicht mit der Stutznase und den Grübchen in den Wangen aus. So drückt ein hübscher Springbrunnen nichts aus, wenn er nicht springt. Jetzt aber hat sie einen Sack fertig. Sie wirft ihn beiseite, dehnt sich behaglich und läßt ihren trüben, unbeweglichen Blick auf dem Fenster haften ... Auf den Scheiben flossen Tränen und schimmerten kurzlebige Schneeflocken. Eine Flocke fällt aufs Glas, sieht die Küsterin an und zerrinnt. »Komm schlafen!« knurrte der Küster. Die Küsterin schwieg. Aber auf einmal bewegten sich ihre Wimpern, und. in ihren Augen blitzte Aufmerksamkeit. Ssawelij, der die ganze Zeit unter der Decke hervor den Ausdruck ihres Gesichts beobachtet hatte, steckte den Kopf heraus und fragte: »Na?« »Nichts ... Ich glaub', da kommt einer gefahren ...« antwortet die Küsterin ganz leise. Der Küster stieß die Decke mit Händen und Füßen von sich, kniete sich im Bett auf und starrte auf seine Frau. Das schüchterne Licht des Lämpchens beleuchtete sein haariges, pockennarbiges Gesicht und fiel auf seinen verfilzten, zotteligen Kopf. »Hörst du?« fragte die Frau. Durch das eintönige Geheul des Unwetters vernahm er einen dünnen, metallischen Klageton, den das Ohr kaum einfangen konnte. Es klang wie das Summen einer Mücke, die sich einem auf die Backe setzen will und böse ist, weil sie verscheucht wird. »Das ist die Post,« knurrte Ssawelij und hockte sich auf die Fersen. Drei Werst von der Kirche führte die Poststraße vorbei. Wenn Wind ging und er von der großen Straße her nach der Kirche stand, konnten die Bewohner des Wächterhäuschens die Glocken hören. »Herrgott, auch ein Vergnügen, bei dem Wetter zu fahren!« seufzte die Küsterin. »Das ist der Dienst. Da heißt's: ob du willst oder nicht, fahr' los!« Der Ton schwebte in der Luft. Dann erstarb er. »Vorbei!« sagte Ssawelij und legte sich nieder. Aber noch hatte er den Kopf nicht unter die Decke gesteckt, da drang der Ton der Glocke deutlich an sein Ohr. Der Küster blickte erregt auf seine Frau, sprang aus dem Bett und ging mit wiegenden Schritten am Ofen vorbei. Die Glocke tönte einen Augenblick, dann erstarb der Ton wieder, wie abgerissen. »Nichts zu hören ...« brummte der Küster, blieb stehen und blinzelte zu seiner Frau hinüber. Aber gerade da klopfte der Wind ans Fenster und trug den dünnen, metallischen Klageton ... Ssawelij wurde bleich, räusperte sich und schlorrte wieder mit den bloßen Füßen über den Boden. »Die Post hat sich verirrt!« knirschte er, boshaft auf seine Frau schielend, »hörst du's? Die Post hat sich verirrt! ... Ich ... weiß schon! Glaubst du, ich ... ich begreif' es nicht?« knurrte er, »ich weiß alles, hol' dich die Pest!« »Was weißt du?« fragte leise die Küsterin, ohne den Blick vom Fenster zu wenden. »Das weiß ich, daß das alles dein Werk ist, du Teufelsmensch! Dein Werk, hol' dich die Pest! Dies Unwetter, und daß die Post sich verirrt hat, das hast du angerührt! Du!« »Du bist ja übergeschnappt, Dummkopf ...« bemerkte die Küsterin ruhig. »Ich merke das schon lange an dir! Als wir geheiratet hatten, hab' ich's am ersten Tag gemerkt, daß du Hündinnenblut im Leibe hast!« »Pfui!« sagte Raissa verwundert und schlug ein Kreuz. »Willst du wohl ein Kreuz schlagen, Trottel!« »Hexe bleibt Hexe,« fuhr Ssawelij mit dumpfer, schluchzender Stimme fort und schnäuzte sich hastig in einen Hemdzipfel. »Wenn du auch meine Frau bist, wenn du auch geistlichen Standes bist, ich sag' es dir ins Gesicht, was du für eine bist ... Du lieber Gott! Sieh darein, Herr im Himmel, und erbarme dich meiner. Voriges Jahr am Tage des Propheten Daniel war ein Unwetter und – nicht wahr? Der Werkmeister kam, sich zu erwärmen. Und dann am Tage des heiligen Alexius, des Mannes Gottes, fing der Eisgang an, und der Böse brachte den Unteroffizier her ... Die ganze Nacht hat der Verfluchte mit dir geschwätzt, und wie er am Morgen herauskam und ich ihn anguckte, da hatte er Ringe unter den Augen und ganz hohle Backen! He? Um Ostern gab es zwei Gewitter, und beide Male kam der Jäger zum Uebernachten her. Ich hab' alles gesehen, hol' ihn die Pest! Alles! Oh, du bist rot geworden, wie ein Krebs! Aha!« »Nichts hast du gesehen ...« »Na ja! Und diesen Winter, vor Weihnachten, am Tage der zehn Märtyrer auf Kreta, als das Unwetter Tag und Nacht anhielt ... weißt du noch? – verirrte sich der Schreiber des Adelsmarschalls und kam hierher, der Hund ... Und du hast dir noch was eingebildet! Pfui, auf einen Schreiber! Das verlohnte sich, seinetwegen das himmlische Wetter aufzurühren! Der Teufel, die Rotznase, so hoch von der Erde, die ganze Fresse voll Finnen, und mit so einem schiefen Hals ... Wär' er ein hübscher Kerl gewesen, meinetwegen, aber so – pfui! Satan!« Der Küster holte Atem, rieb sich die Lippen und horchte. Die Glocke war nicht zu hören, aber der Wind rappelte unter dem Dache, und im Dunkel, das durchs Fenster hereinsah, stöhnte es. »Und jetzt wieder!« fuhr Ssawelij fort, »ich weiß, warum sich die Post verirrt hat. Du darfst mir in die Augen spucken, wenn die Post nicht dich sucht! Oh, der Teufel kennt sein Geschäft, er ist ein guter Spießgeselle. Er führt sie um, führt sie um und führt sie hierher. Ich wei–eiß! Ich se–eh's! Mich betrügst du nicht, Teufelsschelle, Satanswollust! Wie das Unwetter losging, hab' ich gleich deine Gedanken gewußt!« »So ein Dummkopf!« lachte die Küsterin. »Was? Du meinst in deinem dummen Verstand, ich mach' das Unwetter?« »Hm ... Lach' nur! Ob du's bist oder nicht; das weiß ich: wie das Blut in dir zu spielen anfängt, ist auch das Unwetter da, und wie das Unwetter da ist, trägt's auch irgendeinen dummen Kerl hierher. Jedesmal geht es so! Also wirst du's wohl sein!« Der Küster legte einen Finger auf die Stirn, um überzeugender zu wirken, drückte das linke Auge zu und sagte in singendem Tonfall: »O Unverstand! O verfluchte Judasbrut! Bist du wirklich ein Mensch, und keine Hexe, hättest du dir's doch in deinem Stande überlegt und dir gesagt: und was dann, wenn das gar kein Werkmeister war, und kein Jäger, und kein Schreiber, sondern der Teufel in ihrer Gestalt? He? Hättest du dir das nur überlegt!« »Ach, du bist ja dumm, Ssawelij,« seufzte die Küsterin und sah ihren Mann mitleidig an, »als der Vater noch lebte und hier wohnte, da kam allerlei Volk zu ihm, um sich vom Zitterkrampf kurieren zu lassen: Leute aus dem Dorf und den Vorwerken und Armenier aus ihrem Lager. Denk' mal, jeden Tag kamen Leute, und keiner hat sie für Teufel angeredet. Aber wenn jetzt alle Jahre einmal beim Unwetter einer kommt, sich zu wärmen, denkst du dir schon gleich allerlei in deinem dummen Kopf.« Die Logik seiner Frau machte Eindruck auf Ssawelij. Er spreizte die nackten Beine, senkte den Kopf und dachte nach. Er war von seinen Vermutungen noch nicht fest überzeugt, und der offene, gleichmütige Ton der Küsterin hatte ihn ganz aus dem Konzept gebracht, aber nichtsdestoweniger schüttelte er nach einigem Nachdenken den Kopf und sagte: »Es sind ja keine alten, krummbeinigen Männer, die hier übernachten wollen; nur junge Kerle ... Warum das? Und wenn sie sich nur wärmen wollten! Aber sie machen dem Teufel ein Vergnügen. Nein, du Luder, listiger als ihr Weibervolk ist kein Geschöpf auf dieser Welt! Wirklichen Verstand – du lieber Gott! – habt ihr weniger wie ein Star, aber dafür teuflische List – oh, oh, oh! – hilf mir, heilige Mutter Gottes! Hörst du? Da läutet die Post! Das Unwetter hatte kaum angefangen, da wußte ich schon alle deine Gedanken! Behext hast du sie, du Spinne!« »Warum läßt du mich nicht in Ruhe, du Verfluchter?« Die Küsterin verlor die Geduld. »Warum klebst du an mir wie ein Stück Pech?« »Nein, ich laß dich nicht in Ruhe, und wenn heute noch, Gott soll uns bewahren, was passiert ... paß mal auf! ... Wenn was passiert, dann geh' ich morgen ganz früh nach Djakowo zu Hochwürden Vater Nikodemus und sag' ihm alles. ›So und so,‹ sag' ich, ›Hochwürden, verzeihen Sie mir großmütig, aber sie ist eine Hexe.‹ – ›Warum?‹ – ›Hm, wollen Sie wissen warum? Erlauben Sie ... So und so.‹ Und wehe dir, Weib! Nicht allein am jüngsten Gericht, nein, schon in diesem irdischen Leben sollst du gestraft werden! Nicht umsonst sind im Ritual Gebete wider deinesgleichen vorgesehen!« Plötzlich ertönte am Fenster ein Klopfen, so laut und fremdartig, daß Ssawelij bleich wurde und vor Schreck auf einen Stuhl sank. Die Küsterin sprang auf und wurde auch ganz bleich. »Um Gottes willen, laßt uns ein, wir müssen uns wärmen!« ertönte ein zitternder, tiefer Baß. »Wer ist da drin? Habt Mitleid! Wir sind verirrt!« »Wer da?« fragte die Küsterin, die Angst hatte, zum Fenster hinauszusehen. »Die Post!« antwortete eine andere Stimme. »Nicht umsonst hast du gehext!« gestikulierte Ssawelij, »es ist schon so! Ich habe recht ... Aber jetzt paß' mir mal auf!« Der Küster machte vor dem Bette zwei Luftsprünge, warf sich auf das Pfühl und drehte sich mit wütendem Geschnarche zur Wand. Bald darauf fühlte er die Kälte in seinem Rücken. Die Tür kreischte, und auf der Schwelle erschien eine hohe Männergestalt, vom Kopf bis zu den Füßen beschneit. Und dahinter sah man noch eine ebenso weiße Gestalt ... »Soll ich die Säcke hereinbringen?« fragte der zweite mit einer heiseren Baßstimme. »Draußen können sie nicht bleiben!« Als er das gesagt hatte, begann der erste seine Kapuze aufzuknoten, und als sie nicht gleich aufging, riß er sie sich mit der Mütze zusammen vom Kopf und schleuderte sie ärgerlich an den Ofen. Dann zog er den Mantel aus und begann, ohne Guten Abend zu sagen, im Wächterhäuschen auf- und abzugehen. Es war ein junger, hellblonder Postschaffner in einem abgetragenen Uniformrock und schmutzigen, roten Schaftstiefeln. Als das Gehen ihn etwas erwärmt hatte, setzte er sich an den Tisch, streckte die Füße von sich, daß sie auf die Säcke der Küsterin zu stehen kamen, und stützte den Kopf auf die Faust. Sein blasses Gesicht mit den roten Flecken darin trug noch die Spuren des soeben durchlebten Schmerzes und der Furcht. Verzerrt vom Aerger, mit den frischen Spuren der kaum überwundenen physischen und seelischen Leiden, mit dem schmelzenden Schnee in den Brauen, dem Schnurrbart und dem rundgeschnittenen Vollbart, war dieses Gesicht doch hübsch. »Ein Hundeleben!« knurrte der Schaffner und ließ die Augen über die Wände schweifen, als könnte er noch nicht glauben, daß er im warmen Zimmer war. »Viel hat nicht gefehlt, daß uns der Kuckuck geholt hätte! Wenn euer Licht nicht gewesen wäre, dann würde ich für nichts stehen ... Und weiß die Pest, wann das alles mal ein Ende hat! Kein Ziel und kein Ende hat dieses Hundeleben! Wo sind wir denn hingeraten?« fragte er, den Kopf senkend und die Augen auf die Küsterin heftend. »Auf den Guljajewhügel, aufs Gut des Generals Kalinowskij,« antwortete die Küsterin, zusammenfahrend und errötend. »Du, Stepan,« wandte sich der Schaffner an den Kutscher, der, einen großen Ledersack auf dem Rücken, zur Tür hereinkam, »wir find auf den Guljajewhügel geraten!« »Ja ... Hübsch weit!« Das sagte er so, daß es klang wie ein heiserer, zerrissener Seufzer, dann ging er hinaus und brachte gleich darauf einen kleinen Sack, dann ging er noch einmal hinaus, und diesmal brachte er einen Schaffnersäbel, der an einem breiten Lederbandelier hing und in seiner Form an das lange, flache Schwert erinnerte, mit dem man auf billigen Oeldrucken Judith am Lager des Holofernes stehen sieht. Er legte die Kolli längs der Wand nebeneinander, dann ging er auf den Flur hinaus, setzte sich dort hin und zündete seine Pfeife an. »Vielleicht trinkt ihr ein bißchen Tee auf die Fahrt?« fragte die Küsterin. »Wir haben keine Zeit, lange Tee zu trinken,« sagte der Schaffner und runzelte die Brauen, »wir müssen uns schnell erwärmen und losfahren, sonst versäumen wir den Postzug. Zehn Minuten wollen wir sitzen, und dann fahren wir. Aber ihr müßt uns, aus christlicher Barmherzigkeit, den Weg zeigen ...« »Die reine Strafe Gottes, so ein Wetter!« seufzte die Küsterin. »M – ja ... Und ihr selbst? Was tut ihr denn hier?« »Wir? Wir gehören hierher, zur Kirche ... Wir sind von geistlichem Stande ... Da liegt mein Mann! Ssawelij, steh' auf und sag' Guten Abend! Früher war hier eine Pfarrei, aber vor anderthalb Jahren ist sie aufgehoben worden. Selbstverständlich, als die Herrschaft hier noch lebte, gab's auch Leute, da lohnte es sich, eine Pfarrei zu haben, aber jetzt, wo die Herrschaft fort ist, sagen Sie selbst, wovon sollte die Geistlichkeit leben, wenn das nächste Dorf Markowka ist, und dahin sind's fünf Werst! Jetzt ist Ssawelij außeretatsmäßig und ... spielt den Wächter. Er muß die Kirche bewachen ...« Und der Postschaffner erfuhr des weiteren, daß Ssawelij sicher eine gute Stelle bekommen hätte, wäre er nur zur Generalin gefahren und hätte sie um ein paar Zeilen an den Bischof gebeten; er wäre nur so faul und ängstlich vor den Leuten, deswegen wäre er nicht zur Generalin gegangen. »Aber ganz gleichviel, wir gehören doch zur Geistlichkeit ...« fügte die Küsterin hinzu. »Wovon lebt ihr denn?« fragte der Schaffner. »Zur Kirche gehört ein Heuschlag und ein Gemüsegarten. Nur kriegen wir wenig davon ...« seufzte die Küsterin, »der Djadkinsche Pfarrer Nikodemus hat gute Augen, er liest hier zweimal im Jahr, an den beiden Nikolaustagen im Sommer und im Winter, die Messe und nimmt dafür fast alles für sich. Und wer sollte ihm das wehren?« »Schwindel!« knirschte Ssawelij. »Vater Nikodemus ist ein heiliger Mann, eine Leuchte der Kirche, und wenn er's nimmt, ist's so im Kirchenstatut vorgeschrieben!« »Hast du einen wütenden Mann!« lachte der Schaffner spöttisch. »Bist du schon lange verheiratet?« »Am Fastnachtssonntag waren's vier Jahre. Früher war mein Vater hier Küster, und nachher, als es mit ihm zu Ende ging, wollte er, daß ich die Stelle erben sollte, und fuhr ins Konsistorium und bat, sie möchten mir irgendeinen unverheirateten Küster als Bräutigam schicken. Und ich hab' ihn geheiratet.« »Aha, du hast also zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen!« sagte der Schaffner und sah auf Ssawelijs Rücken. »Die Stelle hast du gekriegt, und die Frau hast du genommen.« Ssawelij schlug ungeduldig mit dem Fuße aus und drückte sich noch dichter an die Wand. Der Schaffner kam hinter dem Tisch hervor und setzte sich auf den Postsack. Er überlegte einen Augenblick, dann strich er mit den Händen glättend über die Kolli, nahm den Säbel fort und streckte sich aus, einen Fuß ließ er auf den Boden herunterhängen. »Ein Hundeleben ...« knurrte er, während er die Arme unter seinem Kopf kreuzte und die Augen schloß, »einem schäbigen Tataren wünsch' ich so ein Leben nicht.« Bald wurde es still, man hörte nur, wie Ssawelij schnarchte und wie der schlafende Schaffner, ruhig und langsam atmend, bei jedem Atemzug ein dumpfes und gedehntes: K–ch–ch–ch hören ließ ... Hie und da knarrte in seinem Halse irgendein Rädchen, oder sein Fuß rührte sich und raschelte am Sack. Ssawelij kehrte sich auf die andere Seite und schaute sich langsam um. Die Küsterin saß auf dem Hocker, die Wangen in die Hände gestützt und sah dem Schaffner ins Gesicht. Ihr Blick war unbeweglich, wie der eines Menschen, der erstaunt, erschrocken ist. »Na, was glotzt du?« zischte Ssawelij wütend. »Was geht's dich an? Schlaf!« antwortete die Küsterin, ohne den Blick von dem lichtblonden Kopf loszureißen. Ssawelij blies wütend alle Luft aus seiner Brust und drehte sich brüsk zur Wand. Drei Minuten später drehte er sich wieder unruhig um, kniete sich im Bette auf, stützte sich mit den Händen auf das Kissen und sah seine Frau scheel an. Die rührte sich immer noch nicht und schaute auf den Fremden. Ihre Wangen waren bleich geworden, und ihr Blick war in einem seltsamen Feuer entbrannt. Der Küster räusperte sich, rutschte auf dem Bauche aus dem Bett, ging zu dem Schaffner hin und bedeckte sein Gesicht mit dem Sacktuch. »Warum tust du das?« fragte die Küsterin. »Daß ihn das Licht nicht blendet.« »Dann lösch das Licht doch einfach aus!« Ssawelij sah seine Frau mißtrauisch an und näherte seine Lippen der Lampe, aber im selben Augenblick fuhr er zurück und schlug die Hände zusammen. »Na, wenn das keine teuflische List ist!« rief er. »He! Sag' mal, gibt's ein Geschöpf, das schlauer ist, als das Weibergezücht?« »O du Satan, du langröckiger!« zischte die Küsterin, die Stirn in Falten gezogen vor Aerger. »Wart' du nur!« Und sie setzte sich bequemer und starrte wieder den Schaffner an. Das machte nichts, daß sein Gesicht zugedeckt war. Sie interessierte weniger das Gesicht, als der ganze Mann, die Neuheit dieses Menschen. Er hatte eine breite, mächtige Brust, hübsche, schmale Hände, und seine muskulösen, geraden Beine waren viel hübscher und männlicher, als Ssawelijs Schwefelhölzer. Die konnte man nicht mal miteinander vergleichen. »Und wenn ich ein langröckiger, unreiner Geist bin,« sagte Ssawelij, der einen Augenblick so dagestanden hatte, »aber sie dürfen hier nicht schlafen ... Ja ... Es ist eine dienstliche Sache, und wir werden zur Verantwortung gezogen, wenn wir sie hier festhalten. Wenn man die Post fährt, muß man sie fahren, schlafen gibt's da nicht ... He, du!« schrie Ssawelij in den Flur hinaus, »du, Kutscher ... wie heißt du? Soll ich euch den Weg zeigen, was? Steh' auf, wenn man die Post bei sich hat, darf man nicht schlafen!« Und der wild gewordene Ssawelij lief zum Schaffner und riß ihn am Aermel. »He, verehrter Herr! Mußt du fahren, so fahre, mußt du nicht fahren, darfst du aber auch nicht ... schlafen, das geht nicht.« Der Schaffner fuhr auf, setzte sich, ließ seinen trüben Blick durch das Wächterhäuschen wandern und legte sich wieder hin. »Wann willst du denn fahren?« schlug Ssawelij mit der Zunge Alarm und zog ihn am Aermel. »Deshalb ist es doch eine Post, daß sie zur rechten Zeit ankommt, verstanden? Ich zeig' euch den Weg.« Der Schaffner machte die Augen auf. Warm und matt von der Süßigkeit des ersten Schlafes, noch nicht ganz wach, sah er wie in einem Nebel den weißen Hals und den regungslosen, weichen Blick der Küsterin und schloß die Augen und lächelte, als träumte ihm das alles nur. »Wo sollen sie bei dem Wetter denn hinfahren,« so hörte er eine weiche Frauenstimme sprechen, »laß sie doch schlafen! Und mög' es ihnen gut bekommen!« »Und die Post?« eiferte Ssawelij. »Wer bringt die Post hin? Bringst du sie vielleicht hin? Du?« Der Schaffner öffnete wieder die Augen, sah die beweglichen Grübchen im Gesicht der Küsterin, erinnerte sich, wo er war, und verstand Ssawelij endlich. Der Gedanke an die bevorstehende Fahrt in der kalten Dunkelheit lief ihm in kalten Schauern vom Kopf durch den ganzen Körper, und er kroch in sich zusammen. »Fünf Minuten können wir noch schlafen ...« gähnte er, »zu spät kommen wir sowieso.« »Aber vielleicht kommen wir noch gerade zur Zeit!« ertönte die Stimme des Kutschers vom Flur. »Weißt du, das Wetter ist schlecht, und wir können Glück haben, und der Zug hat auch Verspätung.« Der Schaffner stand auf, reckte sich behaglich und machte sich daran, seinen Mantel anzuziehen. Als Ssawelij sah, daß die Gäste Anstalten zum Aufbruch machten, wieherte er förmlich vor Vergnügen. »Hilf mir mal, du!« rief ihm der Kutscher zu, und hob einen Sack vom Fußboden. Der Küster sprang ihm bei und trug mit ihm zusammen die Post auf den Hof hinaus. Der Schaffner begann den Knoten in seiner Kapuze aufzubinden. Und die Küsterin sah ihm in die Augen und wollte ihn förmlich in die Seele hineinkriechen. »Ein Glas Tee sollten Sie trinken ...« sagte sie. »Ich hätte nichts dagegen ... aber die wollen ja fort!« pflichtete er ihr bei. »Zu spät kommen wir sowieso.« »Aber bleiben Sie doch!« flüsterte sie und schlug die Augen nieder und faßte ihn am Aermel. Der Schaffner hatte seinen Knoten endlich entwirrt und hängte die Kapuze unentschlossen über seinen Arm. Es wurde ihm warm, wie er so neben der Küsterin stand. »Was für einen ... Hals du hast ...« Und er berührte ihren Hals mit zwei Fingern. Und als er sah, daß sie keinen Widerstand leistete, glitt er ihr mit der Hand über den Hals, die Schulter ... »Oh, du ...« »Bleiben Sie doch ... Trinken Sie ein Glas Tee.« »Was machst du da? Du verrücktes Gestell!« ertönte vom Hof die Stimme des Kutschers. »In die Quere mußt du's legen.« »Bleiben Sie doch ... Hören Sie, wie der Sturm heult!« Und ob er schon noch nicht ganz aufgewacht war und die Bezauberung des jungen quälenden Schlafes noch nicht hatte von sich abstreifen können, den Schaffner überwältigte plötzlich ein Sehnen, das einen alle Säcke, alle Postzüge vergessen läßt ... alles in der Welt. Erschrocken, gleichsam mit dem Wunsch, zu fliehen, sich zu verstecken, schaute er nach der Tür, faßte die Küsterin um die Taille und beugte sich schon über die Lampe, um das Licht zu löschen, als im Flur Schritte erschollen und der Kutscher sich auf der Schwelle zeigte ... Ueber seine Schulter schaute Ssawelij. Der Schaffner ließ schleunigst seine Hände sinken und stand da, als wäre er tief in Gedanken. »Fertig!« sagte der Kutscher. Der Schaffner stand noch einen Augenblick so, dann hob er mit einem Ruck den Kopf, als wäre er jetzt erst richtig erwacht, und folgte dem Kutscher. Die Küsterin blieb allein. »Na, flink, steig' auf und zeig' uns den Weg!« hörte sie. Träge begann die eine Glocke zu klingeln, dann die andere, und die metallischen Laute zogen sich in einer feinen, langen Kette dahin, fort vom Wächterhäuschen. Als sie allmählich verstummten, riß sich die Küsterin von ihrem Platze los und ging nervös im Zimmer auf und ab. Anfangs war sie bleich, dann aber wurde sie feuerrot. Ihr Gesicht verzerrte sich vor Haß, ihr Atem zitterte, ihre Augen blitzten in wilder, grimmiger Bosheit, und wie sie so wie in einem Käfig hin- und herging, glich sie einer Tigerin, die mit glühendem Eisen gescheucht wird. Einen Augenblick blieb sie stehen und ließ ihre Blicke durch ihr Heim schweifen. Fast das halbe Zimmer nahm das Bett ein. Es zog sich die ganze Wand entlang und bestand aus einem schmutzigen Pfühl, grauen, harten Kopfkissen, der Decke und allerlei schmierigen Lumpen. Das Bett stellte einen formlosen, häßlichen Klumpen dar, beinahe so einen, wie ihn Ssawelij immer auf dem Kopfe hatte, wenn ihn mal die Lust anwandelte, sich die Haare zu ölen. Vom Bette erstreckte sich bis zur Tür, die auf den kalten Flur hinausführte, der dunkle Ofen mit den Töpfen darauf und den Lumpen, die daran hingen. Alles, den soeben fortgegangenen Küster nicht ausgeschlossen, war geradezu unglaublich schmutzig, fettfleckig, verräuchert, so daß der weiße Hals, die feine, zarte Haut der Frau in dieser Umgebung einen ganz seltsamen Eindruck machten. Die Küsterin lief an das Bett und streckte die Hände aus, als wollte sie alles umwerfen und zu Staub zertreten und zerreißen, aber dann, es war, als fürchtete sie sich, den Dreck anzufassen, fuhr sie zurück und begann wieder auf- und abzugehen. Als Ssawelij nach zwei Stunden beschneit und ermattet heimkam, lag sie schon entkleidet im Bett. Ihre Augen waren geschlossen, aber an dem leisen Zittern, das über ihr Gesicht huschte, merkte er, daß sie noch nicht schlief. Auf dem Heimwege hatte er sich das Wort gegeben, bis morgen zu schweigen und sie nicht anzurühren, aber er hielt es nicht aus, er mußte ihr eins versetzen. »Umsonst hast du gezaubert: er ist fort!« sagte er mit schadenfrohem Lächeln. Die Küsterin schwieg, nur ihr Kinn zitterte. Ssawelij zog sich langsam aus, stieg über seine Frau hinweg und legte sich an die Wand. »Und morgen sag' ich es Hochwürden, dem Vater Nikodemus, was du für eine Frau bist!« sagte er und kroch in sich zusammen. Die Küsterin drehte sich schnell herum und funkelte ihn mit den Augen an. »Ich finde schon ohne dich einen Platz,« sagte sie, »und du kannst dir eine Frau im Wald suchen! Was bin ich denn bei dir für eine Frau? Wenn dir doch einer den Schädel einschlüge! Einen schönen Tölpel hab' ich auf dem Halse, so ein Faultier, Gott verzeih mir die Sünde!« »Na, na ... Schlaf!« »Oh, ich Unglückselige!« heulte die Küsterin los. »Wärst du nicht gewesen, hätt' ich vielleicht einen Kaufmann geheiratet, oder gar einen Edelmann. Wärst du nicht, könnte ich jetzt meinen Mann lieben! Wenn dich der Schnee doch verweht hätte! Wärst du doch da auf der Landstraße erfroren, du Mondkalb!« Lange weinte die Küsterin so. Schließlich seufzte sie tief auf und wurde ruhig. Vor dem Fenster wütete noch immer der Schneesturm. Im Ofen, im Schornstein, hinter allen Wänden wehklagte es, aber Ssawelij war es, als wehklagte es in seinem Innern und in seinen Ohren. Heute abend hatte er die feste Ueberzeugung gewonnen, daß seine Vermutungen wegen seiner Frau stimmten. Daß seine Frau im Bunde mit unreinen Mächten Gewalt hatte über die Winde und die Postkutschen, daran zweifelte er nicht mehr im Entferntesten. Aber, und das verdoppelte seinen Kummer, dies Geheimnisvolle, diese übernatürliche, wilde Kraft verlieh dem Weibe, das da neben ihm lag, einen besonderen, unbegreiflichen Reiz, den er früher nie auch nur geahnt hatte. Dadurch, daß er sie in seiner Dummheit, ohne es selbst zu wissen, poetisch machte, wurde sie gleichsam weißer, glatter, unzugänglicher ... »Hexe!« sagte er unwillig, »pfui, du Ekel!« Aber dabei wartete er ab, bis sie ruhig wurde und gleichmäßig zu atmen begann, und dann berührte er ihren Nacken mit einem Finger ... nahm ihren dicken Zopf in die Hand ... Sie merkte nichts ... Da wurde er kühner und streichelte ihren Hals. »Hör', auf!« schrie sie und schlug ihm mit dem Ellenbogen auf das Nasenbein, daß ihm die Funken aus den Augen stoben. Der Schmerz im Nasenbein legte sich bald, aber die Tortur dauerte an. Ein Verhängnis Übersetzt von Wladimir Czumikow Ssofja Petrowna, die Frau des Notars Lubjanzew, eine hübsche junge Frau von fünfundzwanzig Jahren, schritt mit ihrem Villennachbar, dem Rechtsanwalt Iljin, langsam den Waldweg einher. Es war fünf Uhr nachmittags. Ueber dem Weg verdichteten sich die weißen flockigen Wolken, zwischen ihnen durch schaute hier und da die blendende Bläue des Himmels. Die Wolken standen regungslos, als wären sie an den Wipfeln der hohen alten Tannen hängen geblieben. Es herrschte eine stille Schwüle. In der Ferne wurde der Waldweg von einem nicht sehr hohen Eisenbahndamm durchschnitten, auf dem heute zu irgendeinem Zweck ein Posten mit Gewehr auf- und abging. Gleich hinterm Damm sah man eine weiße sechstürmige Kirche mit verrostetem Dach ... »Ich hatte nicht erwartet, Ihnen hier zu begegnen,« sprach Ssofja Petrowna, zu Boden sehend, und berührte mit der Spitze des Schirmes die vorjährigen Blätter, – »und doch freue ich mich, Sie getroffen zu haben. Ich habe Ihnen ein ernstes und endgültiges Wort zu sagen. Ich bitte Sie, Iwan Michailowitsch, wenn Sie mich wirklich lieben und achten, so geben Sie Ihre Nachstellungen auf! Sie folgen mir wie ein Schatten, sehen mich immer mit so schlechten Augen an, schreiben mir merkwürdige Briefe und ... und ich weiß nicht, wann das alles ein Ende nehmen wird! Wozu kann denn das alles führen, mein lieber Gott?« Iljin schwieg. Ssofja Petrowna ging einige Schritte und fuhr dann fort: »Und diese schroffe Wandlung ist mit Ihnen in zwei bis drei Wochen vor sich gegangen nach einer fünfjährigen Bekanntschaft. Ich erkenne Sie nicht wieder, Iwan Michailowitsch!« Ssofja Petrowna warf von der Seite einen Blick auf ihren Begleiter. Er folgte aufmerksam, mit zusammengekniffenen Augen den flockigen Wolken. Der Ausdruck seines Gesichts war boshaft, eigensinnig und zerstreut, wie bei einem Menschen, der leidet und dabei verpflichtet ist, einen Unsinn anzuhören. »Merkwürdig, wie Sie das nicht selbst begreifen!« fuhr Frau Lubjanzew, die Achsel zuckend, fort.– »Verstehen Sie denn nicht, daß Sie da ein sehr unschönes Spiel treiben. Ich bin verheiratet, liebe und achte meinen Mann ... ich habe eine Tochter ... Achten Sie denn das für nichts? Außerdem sind Ihnen, meinem alten Freunde, meine Ansichten über die Familie ... über die Grundlagen der Familie überhaupt ... bekannt.« Iljin räusperte sich ärgerlich und seufzte. »Grundlagen der Familie ...« murmelte er.– »O mein Gott!« »Ja, ja ... Ich liebe meinen Mann, ich achte ihn und schätze jedenfalls die Ruhe der Familie. Ich lasse mich eher töten, als die Ursache des Unglücks von Andrej und meiner Tochter zu werden ... Und ich bitte Sie, Iwan Michailowitsch, um Gottes willen, lassen Sie mich in Ruhe. Wir wollen wie früher gute Freunde sein, und die Seufzer und Klagen, die Ihnen so wenig stehen, lassen Sie in Zukunft weg. Also abgemacht! Kein Wort mehr davon. Sprechen wir von was anderem.« Ssofja Petrowna blickte Iljin wieder von der Seite an. Iljin sah in die Höhe, war bleich und biß sich ärgerlich auf die Lippen. Frau Lubjanzew begriff nicht, worüber er sich ärgerte und empörte, aber seine Blässe rührte sie. »Also seien Sie nicht bös, wollen wir Freunde sein ...« sagte sie freundlich. »Sind Sie einverstanden? Da haben Sie meine Hand.« Iljin nahm ihre weiche, kleine Hand in seine, drückte sie ein wenig und preßte sie an die Lippen. »Ich bin kein Schuljunge,« murmelte er.– »Für mich hat ein Freundschaftsverhältnis mit der geliebten Frau keinen Reiz.« »Genug davon! Die Sache ist entschieden und abgemacht. Da steht eine Bank, setzen wir uns ...« Frau Lubjanzews Seele war vom süßen Gefühl der Ruhe erfüllt: das Schwierigste und Peinlichste war gesagt, die qualvolle Frage war gelöst und zwar endgültig. Jetzt konnte sie wieder leichter aufatmen und Iljin gerade ins Gesicht sehen. Sie sah ihn an, und das egoistische Gefühl der Ueberlegenheit der geliebten Frau dem verliebten Manne gegenüber schmeichelte ihr. Es gefiel ihr, daß dieser starke, riesige Mann mit dem wütenden Gesicht und dem großen, schwarzen Bart, klug, gebildet und talentvoll wie er war, sich gehorsam neben sie setzte und den Kopf senkte. Zwei bis drei Minuten saßen sie schweigend. »Nichts ist entschieden und abgemacht ...« begann Iljin. – »Sie kommen mir da mit Gemeinplätzen: ich achte und liebe meinen Mann ... die Grundlagen der Familie ... Alles das weiß ich auch selbst und könnte Ihnen noch mehr davon sagen. Ich sage Ihnen offen und ehrlich, daß ich mein Betragen für verwerflich und unmoralisch halte. Was wollen Sie mehr? Wozu aber das wiederholen, was schon allen bekannt ist? Anstatt mir Moralpredigten zu halten, sagen Sie mir doch lieber, was ich dann tun soll?« »Ich habe es Ihnen schon gesagt: fahren Sie fort von hier!« »Ich – Sie wissen das ganz gut – war schon fünfmal weggefahren, und immer wieder bin ich auf halbem Wege umgekehrt! Ich kann Ihnen die Fahrkarten zeigen ... Ich habe nicht die Kraft, Sie zu fliehen. Ich kämpfe, kämpfe furchtbar, aber was zum Teufel soll ich machen, wenn ich keine Energie habe und schwach und willenlos bin! Ich kann nicht gegen die Natur! Verstehe Sie mich? Ich kann es nicht! Ich will von hier fliehen, und sie zieht mich an den Rockschößen wieder zurück. Eine verdammte, niederträchtige Schwachheit!« Iljin errötete, stand auf und ging einigemal um die Bank herum. »Wütend bin ich, wie ... , wie ...!« murmelte er, die Fäuste ballend. – »Ich hasse mich selbst und verachte mich! Mein Gott, wie so ein dummer Junge mache ich einer fremden Frau den Hof, schreibe blödsinnige Briefe, erniedrige mich ... a – ah!« Iljin griff nach seinem Kopf, hustete und setzte sich. »Und dazu noch Ihre Unaufrichtigkeit!« fuhr er erbittert fort. »Wenn Ihnen meine Absichten mißfallen, wozu sind Sie denn hierher gekommen? Was zog Sie hierher? In meinen Briefen bat ich Sie bloß um eine kategorische Antwort, ein einfaches Ja oder Nein. Sie aber, anstatt mir schlicht und einfach zu antworten, ziehen es vor, mich täglich zufällig zu treffen und mir Moralpredigten zu halten!« Frau Lubjanzew erschrak und wurde rot. Sie empfand plötzlich jene Geniertheit und Beschämung, von der anständige Frauen befallen werden, wenn man sie unversehens nicht ganz angekleidet erblickt. »Es ist, als ob Sie eine Intrige meinerseits vermuteten ...« stammelte sie. – »Ich habe Ihnen immer eine gerade Antwort gegeben und ... und Sie heute sogar gebeten!« »Ach, in solchen Sachen bittet man doch nicht! Hätten Sie gleich und direkt gesagt: geh'n Sie weg! so wäre ich schon lange nicht mehr hier. Aber Sie sagten es nicht! Noch keinmal haben Sie mir eine direkte Antwort gegeben. Eine sonderbare Unentschlossenheit! Bei Gott, entweder treiben Sie mit mir Ihr Spiel, oder ...« Iljin führte seine Rede nicht zu Ende und stützte seinen Kopf in die Hände. Ssofja Petrowna begann sich ihr Benehmen vom Anfang bis zum Ende ins Gedächtnis zu rufen. Sie erinnerte sich, daß sie alle diese Tage nicht nur in ihren Taten, sondern auch in ihren geheimsten Gedanken immer gegen Iljins Hofmacherei gewesen war, fühlte aber zugleich, daß an den Worten des Advokaten dennoch etwas Wahres war. Da sie aber nicht wußte, worin diese Wahrheit bestand, so verfiel sie auch auf nichts, was sie auf Iljins Klagen hätte erwidern können. Das Schweigen wurde peinlich, und so sagte sie achselzuckend: »Ich soll also auch noch schuld sein? ...« »Ich will Ihnen Ihre Unaufrichtigteit nicht als Schuld anrechnen. – Ich erwähnte das nur unter anderem ... Ihre Unaufrichtigkeit ist natürlich und vollkommen in der Ordnung. Wenn alle Leute untereinander abmachen wollten, gegeneinander aufrichtig zu sein, so würde alles zum Teufel gehn.« Ssofja Petrowna war es jetzt nicht um Philosophie zu tun, aber froh, das Thema wechseln zu können, fragte sie: »Wieso denn?« »Einfach, weil nur Wilde und Tiere aufrichtig sind. Hat einmal die Zivilisation das Bedürfnis nach einem solchen Komfort, wie die Frauentugend z.B. wachgerufen, so findet hier die Aufrichtigkeit schon keinen Platz mehr ... Ja ...« Iljin stieß seinen Stock ärgerlich in den Sand. Ein Steinchen flog beiseite und fiel ins hohe Gras. Der Advokat fuhr fort. Frau Lubjanzew hörte ihm zu, verstand zwar manches nicht, fand aber an seiner Sprache Gefallen. Vor allem gefiel ihr, daß ein talentvoller Mensch mit ihr, einer gewöhnlichen Frau, über »kluge Sachen« sprach. Dann bereitete es ihr großes Vergnügen, zu beobachten, wie sein junges, bleiches, lebendiges und immer noch zorniges Gesicht sich bewegte. Wenn sie auch vieles nicht begriff, so verstand sie doch diese schöne Kühnheit des modernen Menschen, mit der er ohne Zaudern und Zögern die größten Fragen löst und die gewagtesten Konsequenzen zieht. Sie merkte plötzlich, daß sich ihre Augen an ihm weideten, und erschrak darüber. »Verzeihen Sie,« sagte sie rasch, »aber ich verstehe nicht, wozu Sie über Unaufrichtigkeit sprechen? Ich wiederhole meine Bitte nochmals: sei'n Sie mir ein guter, treuer Freund! Lassen Sie mir meine Ruhe! Ich bitte Sie wirklich.« »Gut, ich werde weiter kämpfen!« seufzte Iljin. – »Mit Vergnügen ... Aber ich glaube nicht, daß dabei was herauskommt. Endweder schieß ich mir eine Kugel vor den Kopf, oder – oder fange an, zu trinken. Gut wird's nicht ablaufen! Alles hat seine Grenzen, auch der Kampf gegen die Natur. Sagen Sie, wie kann man gegen den Wahnsinn kämpfen? Oder wenn man Wein getrunken hat, wie kann man da die Erregung überwinden? Was kann ich denn machen, wenn Ihr Bild mir ans Herz gewachsen ist und ohne Unterlaß, Tag und Nacht mir vor den Augen steht, wie jetzt diese Fichte? Nun sagen Sie doch, was für eine Heldentat soll ich vollbringen, um mich aus diesem ekelhaften unglücklichen Zustand zu befreien, wo alle meine Gedanken, Wünsche und Träume nicht mir, sondern irgendeinem Dämon, der in mir steckt, gehören? Ich liebe Sie, liebe Sie so sehr, daß ich ganz aus dem Geleise gekommen bin, meine Geschäfte und Angehörigen, meinen Gott verlassen habe! Noch nie im Leben habe ich so geliebt!« Ssofja Petrowna, die einen solchen Uebergang nicht erwartet hatte, bog ihren Körper zurück und betrachtete erschrocken Iljins Gesicht. Die Tränen standen ihm in den Augen, seine Lippen bebten und über sein ganzes Gesicht war ein hungriger, flehender Ausdruck gegossen. »Ich liebe Sie!« stammelte er, seine Augen ihren großen erschrockenen Augen nähernd. – »Sie sind so schön! Ich leide jetzt, aber ich schwöre Ihnen, mein ganzes Leben möchte ich so sitzen, leiden und in Ihre Augen schauen. Ach ... schweigen Sie, ich bitte Sie!« Ssofja Petrowna war gleichsam überrumpelt und suchte rasch nach Worten, um Iljin zu unterbrechen. »Ich will weggehen« beschloß sie, aber kaum hatte sie eine Bewegung gemacht, um sich zu erheben, als Iljin schon zu ihren Füßen auf den Knien lag ... Er umarmte ihre Knie, blickte ihr ins Gesicht und sprach leidenschaftlich, glühend und schön. Erschrocken und berauscht, hörte sie seine Worte nicht. Gerade jetzt, in diesem gefährlichen Augenblick, wo ihre Knie angenehm zuckten, wie in einem warmen Bad, suchte sie mit einer gewissen Bosheit den Sinn ihrer Gefühle zu analysieren. Sie war empört, daß ihre ganze Person, anstatt von einer protestierenden Tugend, von Schwäche, Faulheit und Leere ergriffen wurde, als wäre sie trunken. Nur in der Tiefe der Seele reizte und neckte sie heimtückisch ein entferntes Etwas: »Warum gehst du denn nicht? Das muß also so sein? Ja?« Sich selbst analysierend, begriff sie nicht, warum sie nicht die Hand, an der sich Iljin wie ein Blutegel festgesogen hatte, zurückzog, und zu welchem Zwecke sie zugleich mit IIjin sich nach beiden Seiten umschaute, ob nicht jemand hersah? Die Fichten und Wolken standen regungslos und schauten ernst und nachdenklich drein. Auf dem Damm stand wie eine Säule der Posten und sah, wie es schien, gerade zur Bank zurück. Laß ihn sehen! dachte Ssofja Petrowna. »Aber ... aber hören Sie!« sagte sie endlich, mit verzweifelter Stimme. »Wozu wird das führen? Was wird daraus werden?« »Ich weiß nicht ... weiß es nicht ...« stammelte er, mit der Hand die unangenehmen Fragen abwehrend. Man hörte den heiseren zitternden Pfiff der Lokomotive. Dieser fremde und kalte Laut der alltäglichen Prosa zwang Frau Lubjanzew, sich aufzuraffen. »Ich habe keine Zeit ... ich muß!« sagte sie, sich rasch erhebend. »Der Zug kommt schon ... Andrej ist gleich da! Er muß zu Mittag essen.« Ssofja Petrowna wandte ihr erhitztes Gesicht dem Damm zu. Zuerst kroch langsam die Lokomotive heran, dann zeigten sich die Waggons. Das war nicht, wie Frau Lubjanzew geglaubt hatte, der Vorortzug, sondern ein Güterzug. In langer Reihe, wie die Tage des Menschenlebens, zogen auf dem weißen Grund der Kirche die Waggons vorüber, und es schien, als wollten sie kein Ende nehmen! Endlich aber war der Zug vorbei und der letzte Wagen mit den Laternen und Kondukteuren verschwand hinter den Bäumen. Ssofja Petrowna wandte sich schroff und ging, ohne Iljin anzusehen, schnell den Waldweg zurück. Sie beherrschte sich wieder. Rot vor Scham und nicht von Iljin beleidigt, nein durch ihre eigene Kleinmütigkeit, ihre eigene Schamlosigkeit, mit der sie, eine moralisch saubere Frau, es einem Fremden erlaubt hatte, ihre Knie zu umfassen, dachte sie jetzt nur daran, möglichst schnell zu ihrer Villa, zu ihrer Familie heimzukehren. Der Advokat konnte ihr kaum folgen. Als der Waldweg nach rechts einbog, kehrte sie sich so rasch nach ihm um, daß sie nur den Staub an seinen Knien sah, und winkte ihm mit der Hand, er solle sie verlassen. Zu Hause angekommen, stand Ssofja Petrowna einige Minuten regungslos in ihrem Zimmer, bald den Tisch, bald das Fenster anstarrend ... »Ein gemeines Frauenzimmer!« schalt sie sich selbst.– »Ein gemeines ...« Wie zum Trotz entsann sie sich aller Einzelheiten, ohne sich etwas zu verbergen, daß sie zwar alle diese Tage gegen IIjins Hofmacherei gewesen sei, daß sie sich aber doch zu einer Auseinandersetzung mit ihm hingezogen fühlte; und nicht nur das: als er zu ihren Füßen lag, da empfand sie einen ungewöhnlichen Genuß. Sie entsann sich alles dessen, ohne sich zu schonen, und jetzt hätte sie sich, vor Scham erstickend, ohrfeigen mögen. »Der arme Andrej!« dachte sie und bemühte sich, bei der Erinnerung an ihren Mann ihrem Gesicht einen besonders zärtlichen Ausdruck zu geben. – »Warja, du mein armes Mädchen, du weißt nicht, was du für eine abscheuliche Mutter hast! Verzeiht mir, meine Lieben! Ich liebe euch so sehr ... so sehr!« Und vom Wunsche beseelt, sich selbst zu beweisen, daß sie noch eine gute Frau und Mutter war, daß die Fäulnis jene »Grundlagen«, von denen sie zu Iljin gesprochen hatte, noch nicht berührt hatte, lief Ssofja Petrowna in die Küche, und überschüttete dort die Köchin mit Vorwürfen, daß sie den Tisch für Andrej Iljitsch noch nicht gedeckt hatte. Sie suchte sich das ermüdete und hungrige Aussehen ihres Mannes vorzustellen, bemitleidete ihn laut und deckte eigenhändig sein Gedeck, was sie früher nie getan hatte. Dann fand sie ihre Tochter Warja, nahm sie auf den Schoß und umarmte sie heftig. Das Mädchen kam ihr etwas kalt und schwer vor, aber sie wollte es sich nicht eingestehen und begann ihr auseinanderzusetzen, wie gut und ehrlich und brav ihr Papa wäre. Als aber bald darauf Andrej Iljitsch selbst ankam, begrüßte sie ihn kaum. Die Flut der gemachten Empfindungen war verschwunden, ohne ihr etwas bewiesen zu haben, und hatte nur einige Gereiztheit und Erbostheit hinterlassen. Sie saß am Fenster, litt und ärgerte sich über sich selbst. Nur im Unglück kann man begreifen, wie schwer es ist, seiner Gefühle und Gedanken Herr zu werden. Ssofja Petrowna erzählte später, daß in ihr »ein Wirrwarr war, in welchem sich zurechtzufinden ebenso schwer war, wie einen Schwarm vorüberfliegender Spatzen zu zählen.« Daraus zum Beispiel, daß sie die Ankunft ihres Mannes nicht freute, daß ihr seine Haltung beim Mittagessen mißfiel, schloß sie plötzlich, daß sie ihren Mann schon zu hassen beginne. Andrej Iljitsch, erschöpft vor Hunger und Müdigkeit, hatte in Erwartung der Suppe sich über die Wurst hergemacht und aß gierig, laut mit den Kiefern arbeitend. »Mein Gott!« dachte Ssofja Petrowna, – »ich liebe und achte ihn, aber ... warum kaut er so ekelhaft?« In ihren Gedanken herrschte eine nicht geringere Unordnung wie in den Gefühlen. Frau Lubjanzew suchte, wie alle im Kampf mit unangenehmen Gedanken unerfahrenen Leute, nicht an ihr Unglück zu denken; und je mehr sie sich mühte, desto deutlicher erstand in ihrer Vorstellung Iljin, der Sand an seinen Knien, die flockigen Wolken ... »Wozu bin ich, dummes Frauenzimmer, nur heute hingegangen?« quälte sie sich selbst. – »Und bin ich denn wirklich so, daß ich nicht für mich selbst einstehen kann?« Die Furcht vergrößert die Gefahr. Als ihr Mann beim letzten Gang war, war sie schon ganz entschlossen, ihm alles zu erzählen, um auf diese Weise der Gefahr zu entrinnen! »Ich muß ernsthaft mit dir sprechen, Andrej,« begann sie nach dem Mittag, als ihr Mann Rock und Stiefel ablegte, um auszuruhen. »Nun!« »Fahren wir fort von hier!« »Hm ... wohin denn? In die Stadt zu ziehen, ist es noch zu früh ...« »Nein, reisen, oder ... sonst was ...« »Reisen ...« brummte der Notar und streckte sich. – »Ich habe auch selber daran gedacht, aber woher das Geld nehmen, und wem soll ich denn mein Bureau übergeben?« Und nach einigem Nachdenken fügte er hinzu: »Natürlich, du langweilst dich ... Fahr, wenn du willst, allein!« Ssofja Petrowna war im ersten Augenblick damit einverstanden. Gleich darauf kam es ihr aber in den Sinn, daß Iljin die Gelegenheit benützen würde, um mit ihr im selben Zuge, in einem Waggon zu fahren ... Sie sann darüber nach und sah dabei auf ihren satten, aber immer noch müden Mann. Zufällig blieb ihr Blick auf seinen kleinen, fast weiblichen Füßen haften, und sie betrachtete seine gestreiften Socken; an den Spitzen beider Socken hing je ein Fädchen ... Hinter den herabgelassenen Stores summte, immerfort ans Fenster schlagend, eine große Hummel. Ssofja Petrowna blickte auf die Fädchen, hörte die Hummel und stellte sich vor, wie sie reisen würde ... Ihr gegenüber sitzt Tag und Nacht, ohne die Augen von ihr zu wenden, Iljin, wütend über seine Schwäche und blaß vor seelischer Ueberwindung. Er nennt sich einen dummen Jungen, macht ihr Vorwürfe, reißt sich das Haar aus dem Kopf, aber sobald es dunkel wird, paßt er den Moment ab, wo die Passagiere einschlafen oder ans Büfett gehen, fällt vor ihr auf die Knie und umarmt ihre Beine, wie damals auf der Bank ... Sie wurde gewahr, daß sie träumte ... »Hör' mal, allein fahre ich nicht!« sagt sie. – »Du mußt mitkommen!« »Phantasien, Ssofotschka!« seufzte Lubjanzew. – »Man muß vernünftig sein und sich nur das wünschen, was möglich ist.« Wirst schon mitkommen, wenn du's erfährst! dachte Ssofja Petrowna. Nachdem sie einmal beschlossen hatte, auf jeden Fall zu verreisen, fühlte sie sich außer Gefahr. In ihre Gedanken kam allmählich Ordnung, sie wurde wieder fröhlich und erlaubte sich sogar, über alles nachzudenken: was ich auch denke, worüber ich auch phantasiere – fahren muß ich doch! Während der Mann schlief, wurde es allmählich Abend ... Sie saß im Salon und spielte Klavier. Die Musik und hauptsächlich der Gedanke, daß sie brav gehandelt, die drohende Gefahr besiegt hatte, stimmten sie heiter. Andere Frauen, sagte ihr das beruhigte Gewissen, hätten in ihrer Lage kaum der Versuchung standgehalten, während sie vor Scham beinahe gestorben ist, gelitten hat und jetzt vor der Gefahr, die vielleicht gar nicht existiert, flieht! Ihre Tugendhaftigkeit und Entschlossenheit rührten sie so, daß sie sogar ein paarmal einen befriedigten Blick in den Spiegel warf. Als es dunkelte, kamen Gäste. Die Herren setzten sich ins Spielzimmer, während die Damen im Salon und auf der Veranda Platz nahmen. Als letzter kam Iljin. Er war traurig, finster und schien sich nicht wohl zu fühlen. Wie er sich in eine Ecke des Diwans gesetzt hatte, so blieb er auch da den ganzen Abend sitzen. Für gewöhnlich lustig und gesprächig, schwieg er diesmal beharrlich, runzelte die Stirn und rieb sich die Augen. Wenn er auf irgendeine Frage antworten mußte, so lächelte er angestrengt, nur mit der Oberlippe, und antwortete abgerissen, ärgerlich. Einige Male versuchte er, witzig zu sein, aber seine Witze waren scharf und unverschämt. Ssofja Petrowna schien es, daß er nahe daran war, einen hysterischen Anfall zu bekommen. Erst jetzt, am Klavier sitzend, empfand sie es zum ersten Male deutlich, wie trüb es diesem unglücklichen Menschen zumute war, daß er krank bis in die Seele war und nicht wußte, wohin er sollte. Ihretwegen verliert er die besten Tage seiner Jugend und seiner Karriere, gibt sein letztes Geld für die Miete der Villa aus, hat seine Mutter und seine Schwestern verlassen, und – was die Hauptsache ist – siecht im qualvollen Kampf mit sich selbst dahin. Schon aus bloßer, gewöhnlicher Menschenliebe mußte man ihm mehr Ernst und Beachtung widmen ... Sie begriff das alles so klar, daß ihr das Herz schmerzte, und wäre sie jetzt an Iljin herangetreten und hätte ihm ein »Nein« zugerufen, so wäre eine solche Kraft in ihrer Stimme gewesen, daß man ihr unwillkürlich hätte gehorchen müssen. Aber sie stand nicht auf und sagte nichts und dachte überhaupt nicht daran. Die Kleinlichkeit und der Egoismus einer jungen Natur machten sich in ihr vielleicht nie so geltend, wie heute. Sie sah es ein, daß Iljin unglücklich war, daß er auf dem Diwan wie auf Kohlen saß, und er tat ihr leid; zugleich aber erfüllte die Gegenwart eines Menschen, der sie bis zum Schmerz liebte, ihre Seele mit Triumph, mit dem Bewußtsein der Kraft. Sie fühlte ihre Jugend, Schönheit und Unnahbarkeit, und – sie fuhr sowieso weg – und tat sich heute abend den Willen. Sie kokettierte, lachte ohne Unterlaß und sang mit besonderer Empfindung und Begeisterung. Alles belustigte sie, alles erschien ihr lächerlich. Die Erinnerung an das Ereignis auf der Bank, an den zuschauenden Posten belustigen sie. Die Gesten und die frechen Witze Iljins schienen ihr komisch; sogar die Nadel in seiner Krawatte, die sie früher nie bemerkt hatte, machte sie lachen. Die Nadel stellte eine kleine rote Schlange mit Aeuglein aus Brillanten dar; dieses Schlänglein schien ihr so komisch, daß sie es hätte küssen mögen. Sie sang heute nervös, mit einer herausfordernden Trunkenheit, und suchte, wie um den fremden Kummer zu reizen, die traurigsten und melancholischsten Lieder aus, in denen von verlorener Hoffnung, von der Vergangenheit, vom Alter die Rede war ... »Das Alter, es kommt immer näher und näher« ... sang sie ... Und was kümmerte sie das Alter? Es scheint mit mir doch nicht ganz richtig zu sein ... dachte sie zuweilen zwischen dem Lachen und Singen. Die Gäste verabschiedeten sich gegen zwölf Uhr. Als letzter ging Iljin. Ssofja Petrowna fand noch soviel Mut, ihn bis zur letzten Stufe der Veranda zu geleiten. Sie wollte ihm erklären, daß sie mit ihrem Manne verreisen wollte, und sehen, was diese Nachricht für einen Eindruck auf ihn machen würde. Der Mond verbarg sich hinter den Wolken, aber es war dennoch so hell, daß sie sehen konnte, wie der Wind mit den Flügeln seines Radmantels und mit den Vorhängen der Veranda spielte. Sie sah auch, wie bleich Iljin war und wie er sich zu lächeln bemühte und dabei krampfhaft die Oberlippe verzog ... »Ssonja, mein Lieb... mein teures Weib,« stammelte er, ohne sie zu Worte kommen zu lassen. »Meine Liebe, meine Gute!« Im Andrang von Zärtlichkeit, mit tränenerstickter Stimme, überschüttete er sie mit Kosenamen, einer zärtlicher als der andere und sagte zu ihr jetzt schon du, wie zu seiner Frau, seiner Geliebten. Plötzlich und ganz unerwartet für sie umfaßte er mit der einen Hand ihre Taille und ergriff mit der anderen ihren Ellenbogen. »Meine Teure, mein Schatz ...« flüsterte er, indem er sie hinten auf den Nacken küßte, »sei aufrichtig, komm gleich jetzt zu mir!« Sie entwand sich seiner Umarmung, um in Empörung und Entrüstung auszubrechen, aber aus der Empörung wurde nichts, und ihre ganze, vielgepriesene Tugend und Reinheit reichte nur dazu, eine Phrase zu stottern, die in ähnlichen Fällen die allergewöhnlichsten Frauen sagen: »Sie sind verrückt!« »Nein, wirklich, gehen wir!« fuhr Iljin fort. – »Jetzt eben und damals an der Bank habe ich mich überzeugt, daß Sie, Ssonja, ebenso machtlos sind, wie ich ... Auch Sie sind verloren! Sie lieben mich und schachern jetzt nutzlos mit Ihrem Gewissen ...« Als er sah, daß sie sich entfernen wollte, faßte er sie am Spitzenkragen und sprach hastig zu Ende: »Wenn nicht heute, dann morgen – nachgeben werden Sie doch! Wozu dieses Hinausschieben? Meine teure, liebe Ssonja, das Urteil ist gesprochen, wozu seine Vollstreckung aufschieben? Wozu dieser Selbstbetrug?« Ssofja Petrowna riß sich los und verschwand in der Tür. In den Salon zurückgekehrt, schloß sie das Klavier, blickte lange auf ein Notenheft und setzte sich. Sie konnte weder stehen noch denken ... Von der Erregung und der herausfordernden Stimmung waren in ihr nur Schwäche, Faulheit und Langeweile zurückgeblieben. Das Gewissen flüsterte ihr zu, daß sie sich den Abend über schlecht und dumm aufgeführt habe, daß sie sich jetzt eben auf der Veranda habe umarmen lassen und noch im Augenblick in der Taille und am Ellbogen ein gewisses Unbehagen empfinde. Im Salon war niemand, nur ein Licht brannte. Ssofja Petrowna saß auf dem runden Taburett vor dem Klavier, ohne sich zu rühren, als erwartete sie etwas. Und gleichsam, ihre äußerste Erschöpfung und die Dunkelheit benutzend, begann sich ihrer ein dumpfes unüberwindliches Begehren zu bemächtigen. Wie eine Riesenschlange umwand es ihre Seele und ihren Leib, wuchs mit jeder Sekunde und drohte nicht mehr wie früher, sondern stand vor ihr klar, in seiner ganzen Nacktheit ... Eine halbe Stunde lang saß sie, ohne sich zu rühren und den Gedanken an Iljin ganz hingegeben, dann erhob sie sich faul, und schleppte sich mühsam ins Schlafzimmer. Andrej Iljitsch lag schon im Bett. Sie setzte sich ans offene Fenster und gab sich ganz ihrem Wunsche hin. Einen »Wirrwarr« hatte sie nicht mehr im Kopf, alle ihre Gefühle und Gedanken drängten einmütig nach einem bestimmten, klaren Ziel. Sie machte noch einen Versuch, dagegen zu kämpfen, aber gab es gleich wieder auf ... Sie begriff jetzt, wie stark und unerbittlich der Feind war. Um mit ihm zu kämpfen, brauchte man Kraft und Stärke, während ihr Geburt, Erziehung und Leben nichts gegeben hatten, worauf sie sich hätte stützen können. Unmoralisch! Abscheulich! warf sie sich selbst ihre Ohnmacht vor. – Also so eine bist du? Ihre beleidigte Ehrbarkeit fühlte sich so empört durch diese Ohnmacht, daß sie sich selbst alle Schimpfwörter, die sie nur kannte, beilegte und sich viele beleidigende und erniedrigende Wahrheiten sagte. So sagte sie sich, daß sie eigentlich nie moralisch gewesen und nur deswegen nicht früher gefallen wäre, weil sich dazu keine Veranlassung geboten, daß der Kampf, den sie den Tag über geführt, nur ein Spiel, eine Komödie gewesen wäre ... Nehmen wir auch an, daß ich gekämpft habe, dachte sie, aber was ist denn das für ein Kampf! Auch die, die sich verkaufen, kämpfen vorher und verkaufen sich doch! Ein hübscher Kampf: wie die Milch, in einem Tage geronnen! In einem Tage! – Sie bezichtigte sich auch dessen, daß nicht ein wahres Gefühl sie aus dem Hause lockte, nicht die Persönlichkeit Iljins, sondern die Sucht nach den Empfindungen und Reizen, die sie in Zukunft erwarteten ... Eine Sommerfrischlerin, »die sich amüsieren will,« wie es deren ja viele gibt ... Hinterm Fenster auf der Straße hörte man einen Tenor singen. Wenn ich gehen soll, so ist es jetzt Zeit! dachte Ssofja Petrowna. Das Herz klopfte ihr plötzlich mit fürchterlicher Gewalt. »Andrej!« schrie sie beinahe. »Hör', wir ... fahren doch? Ja?« »Ja ... Ich hab' dir doch gesagt: fahr' allein!« »Aber hör' ...« sprach sie, »wenn du nicht mit mir fährst, so riskierst du, mich zu verlieren! Ich glaube, ich bin schon ... verliebt!« »In wen denn?« fragte der Notarius. »Das muß dir gleich sein, in wen!« antwortete Ssofja Petrowna. Andrej Iljitsch erhob sich, ließ die Beine herabhängen und betrachtete staunend die dunkle Gestalt seiner Frau. »Phantasien!« gähnte er. Er glaubte nicht recht daran, erschrak aber doch. Nachdem er etwas nachgedacht und der Frau einige unwesentliche Fragen gestellt hatte, sprach er seine Ansichten über die Familie, über die Untreue aus ... sprach träge und matt einige zehn Minuten und legte sich dann wieder hin. Seine Sentenzen hatten keinen Erfolg. Es gibt in der Welt viele Ansichten, und die Hälfte von ihnen gehört Leuten, die selbst nie eine Gefahr überstanden haben! Trotz der vorgerückten Stunde sah man draußen immer noch Leute gehen. Frau Lubjanzew nahm einen leichten Umwurf, wartete und bedachte sich noch eine Zeitlang ... Sie war noch entschlossen genug, dem schlafenden Manne zuzurufen: »Du schläfst? Ich gehe etwas an die Luft. Kommst du mit?« Das war ihre letzte Hoffnung. Als sie keine Antwort erhielt, ging sie hinaus. Es war windig und kühl. Sie empfand weder den Wind, noch die Dunkelheit und ging immerzu. Eine unüberwindliche Gewalt trieb sie vorwärts, und es schien fast, wenn sie stehen geblieben wäre, hätte sie einen Stoß in den Rücken erhalten ... »Unmoralisch!« murmelte sie mechanisch. »Gemein!« Sie erstickte, verging vor Scham, fühlte nicht, wie sie vorwärts kam, aber das, was sie vorwärts trieb, war stärker als ihre Scham, als der Verstand, als die Furcht ... Ein Ereignis Übersetzt von Wladimir Czumikow Es ist Morgen. Durch die Eisblumen auf den Fensterscheiben fällt das helle Sonnenlicht in die Kinderstube. Wanja, ein etwa sechsjähriger Junge, kurz geschoren, mit einer Nase wie ein Knopf, und seine Schwester Nina, ein vierjähriges pausbäckiges, für sein Alter etwas kleines Mädchen, erwachen und schauen sich durch die Gitter ihrer Bettchen böse an. »Ja, schämt ihr euch denn nicht?« brummt die Wärterin, »alle braven Leute haben schon Tee getrunken, und ihr könnt immer noch nicht die Augen aufkriegen ...« Die Sonnenstrahlen tanzen heiter auf dem Teppich, den Wänden und dem Kleide der Wärterin, als lüden sie ein, mit ihnen zu spielen. Aber die Kinder bemerken das nicht; sie sind heute übler Laune beim Erwachen. Nina wirft die Lippen auf, macht ein saures Gesicht und fangt an zu greinen: »Tee – e – e! Marie! Te – e!« Wanja zieht die Stirne kraus und grübelt, ob er nicht auch einen Grund zum Heulen finden könnte; er blinzelt schon mit den Augen und öffnet den Mund, in diesem Augenblick schallt aus dem Salon die Stimme der Mutter: »Daß nicht vergessen wird, der Katze Milch zu geben! Sie hat jetzt Junge ...« Wanja und Nina machen lange Gesichter und sehen einander fassungslos an, dann schreien sie beide zugleich auf, springen aus den Betten und laufen mit lautem Geschrei, barfuß und im bloßen Hemd, in die Küche.– »Die Katze hat Kinder!« rufen sie. – »Die Katze hat Kinder!« In der Küche steht unter der Bank die kleine Kiste, in der Stepan sonst die Kohlen für den Kamin aus dem Keller heraufträgt. Aus der Kiste guckt die Katze hervor. Ihr graues Frätzchen drückt die äußerste Ermüdung aus. Die grünen Augen mit den schmalen schwarzen Pupillen blicken resigniert und sentimental. Man sieht es ihr an, daß zur Vollständigkeit ihres Glückes bloß »Er« fehlt, der Vater ihrer Kinder, dem sie so rückhaltlos ergeben ist! Sie versucht zu miauen, öffnet das Maul weit, aber aus der Kehle kommt nur ein heiserer Ton ... Man hört das Quieken der Jungen. Die Kinder hocken sich vor die Kiste und beobachten die Katze, ohne sich zu rühren, mit angehaltenem Atem. Sie sind erstaunt und überwältigt und hören nicht, wie die Wärterin, die ihnen nachgelaufen ist, brummt. In beider Augen glänzt die höchste, aufrichtigste Freude. In der Erziehung und im Leben der Kinder spielen die Haustiere eine bescheidene, aber zweifellos wohltuende Rolle. Wer von uns hat nicht seine Erinnerungen an große und starke, doch edelmütige Hunde, an Bologneser, die ein Parasitendasein führten, an Singvögel, die in der Gefangenschaft starben, an stumpfsinnige, doch hochmütige Truthähne, an sanfte, greise Katzen, die es uns nicht übelnahmen, wenn wir ihnen spaßhalber auf die Schwänze traten und die grausamsten Schmerzen zufügten? Mir scheint es sogar zuweilen, daß Geduld, Treue, Verzeihung und Aufrichtigkeit, die unseren Haustieren eigen sind, auf den kindlichen Geist viel stärker und positiver einwirken, als die langen Moralpredigten eines trockenen und blassen deutschen Hauslehrers, oder als die schwer verständlichen Vorträge einer Gouvernante, die den Kindern zu beweisen sucht, daß das Wasser aus Sauerstoff und Wasserstoff besteht. »Oh, wie klein sie sind,« sagt Nina, macht große Augen und lacht hell auf. »Sie sehen ja wie die Mäuschen aus!« »Eins, zwei, drei ...« zählt Wanja. »Drei Kätzchen! Also für mich eins, für dich eins und noch für jemand eins.« »Mrrr ... Mrrr ...« macht die Wöchnerin, geschmeichelt durch die Beachtung, die sie findet. »Mrrr ...« Als die Kinder sich die Kätzchen lange genug angesehen haben, holen sie sie aus der Kiste hervor und drücken sie in den Händen herum. Dann legen sie sie in den Schoß ihrer Hemdchen und laufen so in die Zimmer. »Mama, die Katze hat Kinder gekriegt!« schreien sie. Die Mutter sitzt im Salon mit einem fremden Herrn. Als sie die Kinder erblickt, ungewaschen, unangezogen, mit aufgehobenen Hemden, wird sie verlegen und macht strenge Augen. »Wollt ihr wohl ...« ruft sie, »schämt ihr euch nicht! Macht, daß ihr wegkommt, sonst gibt's Schläge.« Aber die Kinder achten weder auf die Drohungen der Mutter, noch auf die Gegenwart des fremden Herrn. Sie legen die Katzen auf den Teppich und beginnen ein ohrenzerreißendes Geschrei. Um sie herum streicht die Wöchnerin, kläglich weinend. Während hernach die Kinder in ihre Stube gebracht und angekleidet werden, während des Morgengebets und während sie ihren Tee trinken, sind sie die ganze Zeit über vom feurigen Wunsche beseelt, endlich einmal diese prosaischen Verpflichtungen abzutun und wieder in die Küche zu laufen. Die gewöhnlichen Beschäftigungen und Spiele werden vergessen. Die Kätzchen verdunkeln durch ihr Erscheinen auf der Welt alles und treten auf wie eine lebendige Tagesneuigkeit und ein Ereignis. Wenn man Wanja oder Nina für jedes Kätzchen einen Zentner Bonbons oder tausend Groschenstücke geboten hätte, so hätten sie diesen Tausch ohne jedes Schwanken abgelehnt. Bis zum Mittag sitzen sie, ungeachtet der energischen Proteste von Köchin und Wärterin, in der Küche vor der Kiste und machen sich mit den kleinen Kätzchen zu schaffen. Ihre Gesichter sind ernst, wichtig und sorgenvoll. Sie beunruhigt nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Zukunft der Kätzchen. Schließlich entscheiden sie, ein Junges soll zu Hause bei der alten Katze bleiben, um seine Mutter zu trösten, das zweite soll in die Sommerwohnung hinauskommen, und das dritte soll im Keller wohnen, wo es so viele Ratten gibt. »Aber warum sehen sie nicht?« wundert sich Nina, »ihre Augen sind ja blind, wie bei den Bettlern.« Auch Wanja beunruhigt dieser Umstand. Er unternimmt es, einem Kätzchen die Augen zu öffnen, schnauft und pustet lange, aber seine Operation bleibt erfolglos. Nicht wenig beunruhigend ist auch, daß die Kätzchen sich hartnäckig weigern, das angebotene Fleisch und die Milch zu nehmen ... Alles, was man vor ihre Schnäuzchen hinlegt, wird von der grauen Mama aufgefressen. »Hör' doch, wollen wir den Kätzchen Häuser bauen,« schlägt Wanja vor, »sie müssen jedes ein eigenes Haus haben, und die Katze muß zu ihnen zu Besuch kommen.« In den Ecken der Küche werden alte Hutkartons aufgestellt und die Kätzchen dort einquartiert. Aber diese Auflösung der Familie erweist sich als verfrüht: Die Katze geht, immer mit dem sentimentalen und wehmütigen Gesichtsausdruck, von einer Schachtel zur anderen und trägt ihre Kinder wieder an die Stelle zurück. »Die Katze ist ihre Mutter,« bemerkt Wanja, »aber wer ist ihr Vater?« »Ja, wer ist ihr Vater?« wiederholt Nina. »Ohne einen Vater können sie nicht bleiben.« Wanja und Nina beraten lange, wer der Vater der Kätzchen sein soll, und schließlich fällt ihre Wahl auf ein großes, dunkelrotes Pferd mit ausgerissenem Schweif, das in der Kammer unter der Treppe samt anderen Spielzeugüberresten sein Dasein fristet. Es wird aus der Kammer gezogen und neben der Kiste aufgestellt. »Hörst du!« wird ihm befohlen, »hier bleibst du stehen und paßt auf, daß sie artig sind.« Alles geschieht in der ernstesten Weise und mit dem Ausdruck der größten Besorgnis. Außer der Kiste mit den Katzenjungen wollen Wanja und Nina keine andere Welt mehr kennen. Ihre Freude weiß keine Grenzen. Aber auch schwere, qualvolle Augenblicke müssen durchlebt werden. Kurz vor Mittag sitzt Wanja im Kabinett des Vaters und sieht aufmerksam auf den Tisch. Neben der Lampe, auf dem Stempelpapier, krabbelt ein Kätzchen. Wanja beobachtet seine Bewegungen und stößt es bald mit der Bleifeder, bald mit einem Zündhölzchen ... Plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, steht neben dem Tisch der Vater. »Was ist denn das?« hört Wanja seine erzürnte Stimme. »Das ... das ist ein Kätzchen, Papa ...« »Ich werde dir ein Kätzchen zeigen! Siehst du, was du unartiger Junge gemacht hast! Du hast ja all mein Papier verdorben!« Zum großen Erstaunen Wanjas teilt Papa durchaus nicht seine Sympathien für die Kätzchen. Anstatt sich zu freuen und in Entzücken zu geraten, zieht er Wanja am Ohr und ruft: »Stepan! schaff' dieses Ungeziefer weg.« Auch beim Essen gibt es einen Skandal ... Während des zweiten Ganges vernehmen die Speisenden plötzlich ein Gequieke, und nach näherer Untersuchung findet man unter Ninas Schürze ein junges Kätzchen. »Nina! weg vom Tisch!« ruft ärgerlich der Vater. »Den Augenblick werden die Katzen ins Wasser geworfen. Daß ich dieses Ungeziefer nicht mehr im Hause sehe!« Wanja und Nina sind starr vor Schreck. Ganz abgesehen von seiner Schrecklichkeit, droht der Tod im Wasser die Katze und das hölzerne Pferd ihrer Kinder zu berauben und alle Pläne für die Zukunft zu zerstören, jene herrliche Zukunft, wo die eine Katze ihre alte Mutter trösten, die andere in der Sommerfrische leben und die dritte im Keller Ratten fangen soll. Die Kinder beginnen zu weinen und um Gnade für die Katzen zu flehen. Der Vater willigt ein, aber nur unter der Bedingung, daß die Kinder nicht mehr in die Küche gehen und keine Katze mehr anrühren. Nach dem Essen treiben sich Wanja und Nina in allen Zimmern herum und vergehen vor Sehnsucht. Das Verbot, in die Küche zu gehen, bringt sie schier zur Verzweiflung. Sie wollen nicht einmal Süßigkeiten haben und sind eigensinnig und unartig gegen die Mutter. Als am Abend Onkel Petruscha kommt, ziehen sie ihn beiseite und beklagen sich bitter über den Vater, der die Katzen ins Wasser werfen wollte. »Onkel Petruscha,« bitten sie, »sage Mama, sie soll die Kätzchen in die Stube bringen. Sag's ihr.« »Schön, schön!« wehrt sich der Onkel, »schon gut!« Onkel Petruscha kommt gewöhnlich nicht allein. Mit ihm erscheint Nero, eine große dänische Dogge mit hängenden Ohren und einem Schwanz, so hart wie ein Stock. Dieser Hund ist schweigsam, finster und voller Selbstbewußtsein und Würde. Den Kindern schenkt er nicht die geringste Beachtung, und wenn er an ihnen vorbeigeht, schlägt er mit dem Schwanze auf sie los, als wären sie Stühle. Die Kinder hassen ihn von ganzer Seele, aber dieses Mal bezwingen sie ihren Widerwillen und lassen sich von gewissen praktischen Erwägungen bestimmen. »Weißt du was, Nina?« sagt Wanja und reißt die Augen weit auf, »wollen wir doch lieber statt des Pferdes den Nero Vater sein lassen! Das Pferd ist doch tot, und der ist ganz lebendig!« Den ganzen Abend erwarten sie die Zeit, wo Papa sich an den Kartentisch setzen wird und man Nero unbemerkt in die Küche bringen kann ... Jetzt endlich setzt sich Papa zum Spiel, Mama macht sich am Samowar zu schaffen und gibt nicht Acht auf die Kinder ... Der Augenblick ist günstig ... »Wollen wir gehen!« flüstert Wanja der Schwester zu. Aber in diesem Moment kommt Stepan herein und meldet lachend: »Gnädige Frau, der Nero hat die kleinen Katzen aufgefressen!« Nina und Wanja erbleichen und sehen Stepan erschrocken an. »Jawohl,« lacht der Diener, »er ging an die Kiste und fraß sie auf.« Die Kinder glauben, daß jetzt alle Leute, soviel ihrer im Hause sind, in Aufregung geraten und sich auf den Bösewicht Nero stürzen werden. Aber die Leute sitzen ganz ruhig auf ihren Plätzen und wundern sich bloß über den Appetit des großen Hundes. Papa und Mama lachen ... Nero geht um den Tisch, wedelt mit dem Schwanz und leckt sich selbstgefällig das Maul ... Unruhig ist nur die Katze. Mit gestrecktem Schwanz geht sie in dem Zimmer umher, schaut mißtrauisch die Menschen an und miaut wehmütig. »Kinder, es ist schon neun! Schlafenszeit,« ruft Mama. Wanja und Nina legen sich zu Bett, weinen und denken noch lange an die tiefgekränkte Katze und an den grausamen, frechen und unbestraften Nero ... Die Leichtbeschwingte Übersetzt von Alexander Eliasberg I Der Hochzeit Olga Iwanownas wohnten alle ihre Freundinnen und guten Bekannten bei. »Seht ihn nur an: nicht wahr, es ist was an ihm?« sagte sie ihren Freunden, auf ihren Mann zeigend, als wollte sie erklären, warum sie diesen einfachen, sehr gewöhnlichen und durch nichts bemerkenswerten Menschen geheiratet hatte. Ihr Mann, Ossip Stepanytsch Dymow war Arzt und stand im Rang eines Titularrates. Er war an zwei Krankenhäusern angestellt: an dem einen als ein außeretatmäßiger ordinierender Arzt und am anderen als Prosektor. Täglich von neun Uhr früh bis mittag empfing er Kranke und arbeitete in seinem Krankensaal; am Nachmittag fuhr er aber mit der Pferdebahn in das andere Krankenhaus, wo er die Leichen der verstorbenen Kranken sezierte. Seine Privatpraxis war äußerst gering und brachte ihm höchstens fünfhundert Rubel jährlich ein. Das war alles. Was wäre über ihn noch zu sagen? Dabei waren aber Olga Iwanowna, ihre Freunde und guten Bekannten keine ganz gewöhnlichen Menschen. Ein jeder von ihnen war in irgendeiner Beziehung bemerkenswert, hatte einen gewissen Namen und war berühmt; und wenn er noch nicht berühmt war, so berechtigte er wenigstens zu den glänzendsten Hoffnungen. Ein Schauspieler, ein großes, längst erkanntes Talent, ein hübscher, kluger und bescheidener Mann und vorzüglicher Deklamator, der Olga Iwanowna im Sprechen unterrichtete; ein Opernsänger, ein gutmütiger Dicker, der Olga Iwanowna seufzend beteuerte, daß sie sich zugrunde richte: wenn sie nicht so faul wäre und sich zusammennähme, könnte aus ihr eine hervorragende Sängerin werden; ferner einige Maler, und unter diesen der Genre-, Tier- und Landschaftsmaler Riabowskij, ein sehr hübscher blonder junger Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren, der in den Ausstellungen Erfolge hatte und dessen letztes Bild für fünfhundert Rubel verkauft worden war; er korrigierte Olga Iwanownas Studien und sagte ihr, daß aus ihr vielleicht was Rechtes werden könnte; ferner ein Cellist, dessen Instrument förmlich weinte und der ganz offen zu sagen pflegte, daß von allen seinen weiblichen Bekannten ihn nur Olga Iwanowna zu begleiten verstünde; ferner ein junger, doch schon bekannter Literat, der Novellen, Dramen und Erzählungen schrieb. Wer noch? Nun, ein gewisser Wassilij Wassiljewitsch, Gutsbesitzer und Grandseigneur, der aus Liebhaberei Illustrationen und Vignetten zeichnete und ein wunderbares Gefühl für den altrussischen Stil und Volksdichtung hatte; auf Papier, Porzellan und angerußten Tellern schuf er wahre Wunderwerke. In dieser künstlerischen, freien und vom Schicksal verzogenen Gesellschaft, die zwar bescheiden und feinfühlend war, aber an die Existenz von Aerzten nur in Krankheitsfällen dachte und für die der Name Dymow ebenso gleichgültig klang wie etwa Ssidorow oder Tarassow, – in dieser Gesellschaft erschien Dymow fremd, überflüssig und klein, obwohl er groß gewachsen und breitschultrig war. Man hatte den Eindruck, daß er einen fremden Frack anhabe, und sein Bärtchen ließ irgendwie an einen Kommis denken. Wenn er übrigens Dichter oder Maler wäre, so würde man sagen, daß er mit seinem Bärtchen an Zola erinnere. Der Schauspieler sagte Olga Iwanowna, daß sie mit ihren flachsblonden Haaren, im Traukleide außerordentlich einem schlanken Kirschbäumchen gleiche, wenn es im Frühjähr über und über mit zarten weißen Blüten bedeckt sei. »Nein, hören Sie einmal!« sagte ihm Olga Iwanowna, seine Hand ergreifend. »Wie das so plötzlich gekommen ist? Hören Sie nur ... Sie müssen wissen, daß mein Vater am gleichen Krankenhaus wie er angestellt war. Als mein armer Vater erkrankte, saß Dymow Tag und Nacht an seinem Bett. Diese Aufopferung! Hören Sie nur, Rjabowskij ... Auch Sie, Dichter, hören Sie zu, es ist sehr interessant. Kommen Sie nur näher her. Diese Aufopferung, diese aufrichtige Teilnahme! Auch ich schlief die ganzen Nächte nicht und saß immer beim Vater, und plötzlich war's geschehen: ich hatte das Herz des jungen Mannes erobert! Mein Dymow verliebte sich in mich bis über die Ohren. Das Schicksal hat manchmal seltsame Launen. Nun, als mein Vater schon tot war, besuchte er mich ab und zu, traf mich auch manchmal auf der Straße, und eines schönen Abends machte er mir ganz unerwartet den Antrag ... es kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel ... Ich weinte die ganze Nacht durch und verliebte mich auch selbst höllisch. Und nun bin ich, wie Sie sehen, seine Gattin. Nicht wahr, es ist doch etwas Starkes, Mächtiges an ihm, etwas von einem Bären? Jetzt ist sein Gesicht schlecht beleuchtet und nur im Dreiviertelprofil zu sehen, aber schauen Sie nur seine Stirn an, wenn er sich umwendet. Rjabowskij, was sagen Sie zu dieser Stirn? Dymow, wir sprechen eben von dir!« rief sie dem Gatten zu. »Komm mal her. Reich deine brave Hand Rjabowskij! Ja, so. Seid Freunde.« Dymow reichte, gutmütig und naiv lächelnd, Rjabowskij die Hand und sagte: »Freut mich sehr. Unter den Kollegen, die mit mir das Staatsexamen machten, war auch ein gewisser Rjabowskij. Ist es nicht ein Verwandter von Ihnen?« II Olga Iwanowna war zweiundzwanzig und Dymow einunddreißig. Ihr Leben gestaltete sich nach der Hochzeit sehr schön. Olga Iwanowna behängte alle Wände im Salon mit ihren eigenen und fremden, gerahmten und ungerahmten Studien und errichtete neben dem Klavier eine niedliche Dekoration aus chinesischen Papierschirmen, Staffeleien, bunten Lappen, Dolchen, Büsten und Photographien ... Im Eßzimmer beklebte sie die Wände mit Volksbilderbogen, hängte ein paar Bastschuhe und eine Sichel hin, stellte in eine Ecke eine Sense und einen Rechen, und so entstand ein »russisches« Eßzimmer. Im Schlafzimmer drapierte sie die Decke und die Wände mit dunklem Tuch, so daß eine Art Höhle entstand, hängte über den Betten eine venezianische Laterne auf und stellte neben die Türe eine Figur mit einer Hellebarde. Und alle fanden, daß das junge Ehepaar eine entzückende Behausung hatte. Olga Iwanowna stand jeden Morgen gegen elf Uhr auf und spielte Klavier; wenn aber der Tag sonnig war, so malte sie etwas in Oel. Gegen ein Uhr fuhr sie zu ihrer Schneiderin. Da sie und Dymow nur wenig Geld hatten, das gerade zum Leben reichte, so mußte sie, um oft in neuen Toiletten zu erscheinen und Eindruck zu machen, mit Hilfe der Schneiderin allerlei Kunstgriffe anwenden. Sehr oft entstand aus irgendeinem alten, umgefärbten Kleid, aus ganz wertlosen Tüllfetzen, Resten von Spitzen, Plüsch und Seide ein wahres Wunder, etwas Bezauberndes, ein Gedicht. Von der Schneiderin begab sich Olga Iwanowna gewöhnlich zu irgendeiner Schauspielerin, die sie kannte, um die letzten Theaterneuigkeiten zu erfahren und sich bei dieser Gelegenheit auch wegen einer Karte zu einer Premiere oder zu einem Benefiz zu bemühen. Von der Schauspielerin eilte sie in das Atelier eines Malers oder in eine Kunstausstellung und dann zu irgendeiner Berühmtheit, um sie zu sich einzuladen, oder um einen Besuch zu erwidern, oder um einfach etwas zu schwatzen. Ueberall empfing man sie liebenswürdig und mit Freuden und versicherte ihr, daß sie eine nette, liebe, ungewöhnliche Person sei. Diejenigen, die sie für berühmt und bedeutend hielt, nahmen sie wie ihresgleichen auf und prophezeiten ihr einstimmig, daß aus ihr, bei ihrem Talent, Geschmack und Geist, wenn sie sich nur auf etwas Bestimmtes konzentrieren wollte, etwas Bedeutendes werden würde. Sie sang, spielte Klavier, malte, modellierte, beteiligte sich an Liebhabervorstellungen und machte das alles nicht irgendwie, sondern mit ausgesprochenem Talent; ob sie Lampions anfertigte, ob sie sich zu einem Maskenfeste kostümierte, ob sie jemand die Krawatte band, – alles geriet bei ihr ungewöhnlich künstlerisch, graziös und hübsch. Aber in keiner Beziehung äußerte sich ihre Begabung so stark wie in der Fähigkeit, berühmte Menschen auffallend schnell und intim kennen zu lernen. Kaum ließ jemand auch nur ein wenig von sich reden, als sie sofort seine Bekanntschaft machte und ihn zu sich einlud. Jede neue Bekanntschaft war für sie ein wahres Fest. Sie vergötterte die berühmten Menschen, war stolz auf sie und sah sie jede Nacht im Traum. Sie lechzte förmlich nach ihnen und konnte diesen Durst unmöglich stillen. Die alten traten zurück und wurden vergessen, an ihre Stelle kamen neue, sie gewöhnte sich aber sehr bald auch an diese, oder sah sich enttäuscht und lechzte wieder nach neuen berühmten Menschen; sie fand sie und suchte von neuem. Wozu? Gegen fünf Uhr aß sie mit ihrem Manne zu Mittag. Sein einfacher, gesunder Menschenverstand und seine Gutmütigkeit rührten und entzückten sie. Sie sprang jeden Augenblick auf, umschlang seinen Kopf mit den Händen und bedeckte ihn mit Küssen. »Dymow, du bist ein kluger und edler Mensch,« sagte sie ihm, »doch du hast einen großen Fehler. Du interessierst dich gar nicht für die Kunst. Du lehnst die Musik und die Malerei ab.« »Ich verstehe sie nicht,« antwortete er mild. »Ich habe mich mein Lebenlang mit den Naturwissenschaften und mit der Medizin abgegeben und keine Zeit gehabt, mich für die Künste zu interessieren.« »Das ist aber schrecklich, Dymow!« »Warum denn? Deine Bekannten wissen nichts von Naturwissenschaften und Medizin, und du machst ihnen doch keinen Vorwurf daraus. Jeder hat das Seine. Ich habe für die Landschaftsbilder und Opern kein Verständnis, denke mir aber so: wenn die einen klugen Menschen diesen Dingen ihr ganzes Leben widmen, und die anderen klugen Menschen dafür Riesensummen ausgeben, so sind diese Dinge offenbar notwendig. Ich verstehe sie nicht, aber das heißt noch nicht, daß ich sie ablehne.« »Gib mir dein brave Hand, daß ich sie drücke!« Nach dem Essen begab sich Olga Iwanowna zu ihren Bekannten, dann ins Theater oder in ein Konzert und kam erst nach Mitternacht heim. Und so ging es Tag für Tag. Jeden Mittwoch hatte sie eine Abendgesellschaft. Bei diesen Zusammenkünften vertrieben sich die Hausfrau und ihre Gäste die Zeit weder mit Kartenspiel, noch mit Tänzen, sondern mit allerlei Künsten. Der Schauspieler rezitierte, der Sänger sang, die Maler zeichneten in Olga Iwanownas Albums, von denen sie eine Menge besaß, der Cellist spielte, und die Hausfrau selbst zeichnete, modellierte, sang, oder begleitete. In den Pausen zwischen Rezitation, Musik und Gesang sprachen sie über Literatur, Theater und Malerei. Damen waren niemals dabei, weil Olga Iwanowna alle Damen außer den Schauspielerinnen und ihrer Schneiderin für langweilig und banal hielt. Bei jedem Gesellschaftsabend fuhr die Hausfrau bei jedem Läuten an der Tür zusammen und verkündete mit siegreicher Miene: »Das ist er!« wobei sie unter »er« eine neu eingeladene Berühmtheit verstand. Dymow war niemals anwesend, und niemand dachte an seine Existenz. Doch Punkt halb zwölf ging die Eßzimmertüre auf, an der Schwelle erschien Dymow und sagte mit seinem gutmütigen, sanften Lächeln, sich die Hände reibend: »Meine Herren, ich bitte zum Essen.« Alle begaben sich ins Eßzimmer und sahen jedesmal dasselbe Bild: eine Platte mit Austern, ein Stück Schinken oder Kalbfleisch, Sardinen, Käse, Kaviar, eingemachte Pilze, Schnaps und zwei Karaffen Wein. »Mein lieber Maitre d'Hôtel!« sagte Olga Iwanowna, vor Entzücken die Hände zusammenschlagend. »Du bist einfach reizend! Meine Herren, schaut euch nur seine Stirne an! Dymow, zeig' mal dein Profil. Meine Herren, schaut nur: das Gesicht eines bengalischen Tigers, und der Ausdruck ist dabei so gut und sanft wie bei einem Hirsch. Du, Liebster!« Die Gäste aßen, betrachteten Dymows Gesicht und dachten sich dabei: »Er ist in der Tat ein netter Kerl.« Doch bald darauf vergaßen sie ihn und redeten wieder von Theater, Musik und Malerei. Die jungen Gatten waren glücklich, und ihr Leben ging wie geschmiert. Die dritte der Flitterwochen verging übrigens weniger glücklich, sogar recht traurig. Dymow holte sich im Krankenhause die Gesichtsrose und mußte sechs Tage zu Bett liegen und sich seinen schönen schwarzen Haarwuchs vollständig abrasieren lassen. Olga Iwanowna saß an seiner Seite und weinte bitterlich; sobald es ihm aber etwas besser ging, band sie ihm ein weißes Tüchlein um seinen kahlen Kopf und malte nach ihm einen Beduinen. Und beiden war es dabei sehr lustig zumute. Als er wieder gesund war und in seine Krankenhäuser ging, passierte ihm nach drei Tagen ein neues Malheur. »Ich habe Pech, Mama!« sagte er einmal beim Mittagessen. »Heute habe ich vier Leichen seziert und mir dabei zweimal in den Finger geschnitten. Das habe ich erst zu Hause bemerkt.« Olga Iwanowna erschrak. Er lächelte und sagte, daß es nicht der Rede wert sei und daß er sich beim Sezieren oft in die Finger schneide. »Ich lasse mich dabei oft gehen und bin zerstreut, Mama.« Olga Iwanowna erwartete mit Unruhe eine Blutvergiftung und betete jede Nacht zu Gott, aber alles lief gut ab. Und wieder begann das friedliche glückliche Leben ohne Kummer und ohne Unruhe. Die Gegenwart war schön, und in Aussicht stand der Frühling, der schon aus der Ferne lächelte und tausend Freuden verhieß. Das Glück sollte unermeßlich werden. Im April, Mai und Juni die Sommerfrische weit außerhalb der Stadt, Spaziergänge, Studien, Fischfang und Nachtigallengesang; und später, vom Juli bis zum Herbst eine gemeinsame Reise aller Maler zur Wolga, an der sich unbedingt auch Olga Iwanowna beteiligen sollte. Sie hatte sich schon zwei neue Reisekostüme aus Bauernleinen machen lassen, und Farben, Pinsel, Leinwand und eine neue Palette gekauft. Fast jeden Tag kam zu ihr Rjabowskij, um ihre Erfolge in der Malerei zu sehen. Wenn sie ihm ihre Malereien zeigte, steckte er die Hände tief in die Hosentaschen, preßte die Lippen fest zusammen und sagte: »So, so ... Diese Wolke schreit zu sehr: sie ist gar nicht abendlich beleuchtet. Der Vordergrund ist etwas gedrängt und stimmt nicht ganz ... Die Hütte sieht so aus, als ob sie am Ersticken wäre und jämmerlich winselte ... die Ecke da müßten Sie etwas dunkler machen. Doch im ganzen gar nicht übel ... Ich muß es loben.« Je unverständlicher er sprach, um so besser konnte ihn Olga Iwanowna verstehen. III Am zweiten Pfingstfeiertag kaufte Dymow einige Delikatessen und Konfekt und fuhr am Nachmittag zu seiner Frau in die Sommerfrische hinaus. Er hatte sie schon seit zwei Wochen nicht gesehen und sehnte sich nach ihr. Während er im Eisenbahnwagen saß und später im Walde seine Sommerwohnung suchte, fühlte er Hunger und Müdigkeit und dachte nur daran, wie er mit seiner Frau zu zweit zu Abend essen und dann fest einschlafen würde. Mit Vergnügen betrachtete er sein Paket, das Kaviar, Käse und Weißlachs enthielt. Als er endlich seine Sommerwohnung fand und erkannte, ging schon die Sonne unter. Die alte Dienstmagd sagte ihm, daß die Gnädige nicht zu Hause sei und wohl bald kommen würde. Das recht unansehnliche Landhaus mit den niederen, mit Papier beklebten Decken und unebenen Fußböden voller Ritzen enthielt bloß drei Zimmer. In dem einen stand ein Bett, im zweiten lagen auf Stühlen und Fensterbänken Keilrahmen, Pinsel, fettige Papiere und Herrenmäntel und Hüte herum, und im dritten traf Dymow drei ihm unbekannte Männer. Zwei von ihnen hatten schwarze Vollbärte, der dritte aber war bartlos und dick, anscheinend ein Schauspieler. Auf dem Tische kochte ein Samowar. »Was wünschen Sie?« fragte der Schauspieler mit einer Baßstimme, Dymow recht unfreundlich musternd. »Sie suchen wohl Olga Iwanowna? Warten Sie eine Weile, sie muß gleich kommen.« Dymow setzte sich hin und begann zu warten. Der eine von den Schwarzbärtigen blickte ihn verschlafen und gleichgültig an, schenkte sich ein Glas Tee ein und fragte: »Wollen Sie vielleicht Tee?« Dymow hatte zwar Hunger und Durst; da er sich aber den Appetit nicht verderben wollte, verzichtete er auf den Tee. Bald darauf erklangen Schritte und ein ihm wohlbekanntes Lachen; die Tür ging auf, und ins Zimmer stürzte Olga Iwanowna in einem weitkrempigen Hut, mit einem Malkasten in der Hand; ihr folgte mit einem großen Schirm und einem Klappstuhl, lustig und rotbäckig, Rjabowskij. »Dymow!« rief Olga Iwanowna und wurde vor Freude ganz rot. »Dymow!« rief sie noch einmal und schmiegte ihren Kopf und beide Hände an seine Brust. »Du bist es! Warum bist du so lange nicht gekommen? Warum? Warum?« »Wann soll ich denn herkommen, Mama? Ich bin immer beschäftigt, und wenn ich mal freie Zeit habe, so paßt der Fahrplan nicht.« »Aber wie freue ich mich, dich zu sehen! Die ganze Nacht träumte ich von dir und fürchtete immer, du seist erkrankt. Ach, wenn du nur wüßtest, wie lieb, wie willkommen du mir bist! Du wirst mein Retter sein. Du allein kannst mich retten! Morgen soll hier eine höchst originelle Hochzeit stattfinden,« fuhr sie fort, lachend und ihrem Manne die Krawatte bindend. »Der Bräutigam ist ein junger Telegraphist von der Bahnstation, ein gewisser Tschikeldejew. Ein hübscher junger Mann, gar nicht dumm, und hat im Gesicht etwas Starkes, weißt du, etwas von einem Bären ... Er könnte als Modell zu einem Warjagen dienen. Wir, alle Sommerfrischler, nehmen an ihm großen Anteil und gaben ihm das Ehrenwort, zu seiner Hochzeit zu kommen ... Der Mann ist nicht reich, einsam, und schüchtern, und es wäre Sünde, ihm die Anteilnahme zu verweigern. Denke dir nur: gleich nach der Morgenmesse ist die Trauung, dann gehen alle zu Fuß von der Kirche zum Hause der Braut; stell' es dir nur vor: wir gehen durch den Wald, die Vögel singen, überall im Grase Sonnenreflexe, und wir alle bilden bunte Flecken auf grellgrünem Grund – furchtbar originell, ganz im Stile der französischen Impressionisten. Dymow, was soll ich aber zur Trauung anziehen?« fragte Olga Iwanowna mit klagender Miene. »Ich habe hier nichts, buchstäblich nichts! Weder ein Kleid, noch Blumen, noch Handschuhe ... Du mußt mich retten. Wenn du schon mal hergekommen bist, so will es wohl das Schicksal, daß du mich rettest. Liebster, nimm die Schlüssel, fahr' nach Hause und hol' aus der Garderobe mein rosa Kleid. Du kennst es, es hängt gleich vorn ... Dann findest du in der Kammer rechts auf dem Fußboden zwei Pappschachteln. Wenn du die obere aufmachst, so siehst du nur Tüll und Tüll und allerlei Reste, und darunter liegen die Blumen; nimm die Blumen vorsichtig heraus, gib dir Mühe, sie nicht zu zerdrücken und bring' sie her, ich werde selbst die richtigen auswählen ... Und dann kauf mir auch Handschuhe.« »Gut!« sagte Dymow. »Ich fahre morgen in die Stadt und schicke alles her.« »Wieso morgen?« fragte Olga Iwanowna und blickte ihn erstaunt an. »Ist denn morgen noch Zeit! Der erste Zug geht um neun Uhr, und die Trauung ist um elf. Nein, Schatz, es muß heute geschehen, unbedingt heute! Wenn du morgen keine Zeit hast, so schicke die Sachen mit einem Dienstmann. Geh nun ... Gleich muß der Personenzug abgehen. Komm nicht zu spät, Liebster!« »Ach, wie leid es mir tut, dich wieder fortzuschicken,« sagte Olga Iwanowna mit Tränen in den Augen. »Und warum habe ich dumme Gans dem Telegraphisten das Wort gegeben?« Dymow trank schnell sein Glas Tee aus, nahm einen Kringel und ging, mild lächelnd, zur Station. Den Kaviar, den Käse und den Weißlachs verzehrten aber die beiden Schwarzbärtigen und der Schauspieler. IV In einer stillen mondhellen Julinacht stand Olga Iwanowna auf dem Deck eines Wolgadampfers und blickte bald auf das Wasser und bald auf die schönen Ufer. An ihrer Seite stand Rjabowskij und sagte ihr, daß die schwarzen Schatten im Wasser keine Schatten, sondern Träume seien, daß es gut wäre, angesichts dieses verzauberten Wassers mit dem phantastischen Abglanze, angesichts dieses abgrundtiefen Himmels und der traurigen und verträumten Ufer, die von der Nichtigkeit unseres Lebens und von der Existenz einer höheren, ewigen Seligkeit sprechen, in Vergessenheit zu versinken, zu sterben, zu einer Erinnerung zu werden. Die Vergangenheit sei banal und uninteressant, die Zukunft nichtig, diese herrliche, einzige Nacht werde aber bald verrinnen und mit der Ewigkeit zusammenfließen, – wozu solle man dann noch leben? Olga Iwanowna lauschte bald der Stimme Rjabowskijs und bald der Stille der Nacht und dachte daran, daß sie unsterblich sei und niemals sterben werde. Das türkisblaue Wasser, wie sie es noch nie gesehen hatte, der Himmel, die Ufer, die schwarzen Schatten und die ihr selbst unbegreifliche Freude, die ihre Seele erfüllte, sagten ihr, daß aus ihr eine große Künstlerin werden würde und daß ihrer dort, hinter dem Horizonte, jenseits der Mondnacht, im unendlichen Raume Erfolge, Ruhm und die Liebe des Volkes harrten ... Wenn sie, ohne zu zwinkern, lange in die Ferne blickte, glaubte sie große Menschenmassen und Feuer zu sehen und Musik und Rufe der Begeisterung zu hören; und sie sah sich selbst in einem weißen Kleide, von Blumen überschüttet. Sie dachte auch daran, daß an ihrer Seite, an den Bord gelehnt, ein echter großer Mann, ein Genie, ein Auserwählter Gottes stehe ... Alles, was er bisher geschaffen hat, ist schön, neu und ungewöhnlich; und alles, was er mit der Zeit, wenn sein außergewöhnliches Talent gereift und erstarkt ist, schaffen wird, wird erstaunlich und unsagbar erhaben sein; dies kann man schon an seinen Gesichtszügen, seiner Haltung und seinem Verhältnis zur Natur erkennen. Von den Schatten, den abendlichen Tönen, vom Mondglanze spricht er in einer besonderen, nur ihm eigenen Sprache, so daß man unwillkürlich in den Bann seiner Gewalt über die Natur gerät. Er selbst ist sehr hübsch, originell, und sein unabhängiges, freies, aller irdischen Sorgen bares Leben gleicht dem eines Vogels. »Es wird frisch,« sagte Olga Iwanowna und fuhr zusammen. Rjabowskij hüllte sie in seinen Mantel und versetzte traurig: »Ich fühle mich ganz in Ihrer Gewalt. Ich bin ein Sklave. Warum sind Sie heute so bezaubernd?« Er blickte sie die ganze Zeit unverwandt an, seine Augen waren so schrecklich, und sie fürchtete, ihn anzusehen. »Ich liebe Sie wahnsinnig ...« flüsterte er, während sein Atem ihre Wange berührte. »Sagen Sie mir nur ein einziges Wort, und ich werde nicht mehr leben, werde meine Kunst aufgeben ...« murmelte er in höchster Erregung. »Lieben Sie mich, lieben Sie mich ...« »Sprechen Sie nicht so,« sagte Olga Iwanowna, die Augen schließend. »Es ist so schrecklich. Und Dymow?« »Was, Dymow? Warum Dymow? Was geht mich Dymow an? Die Wolga, der Mond, die Schönheit, meine Liebe, mein Entzücken, – es gibt gar keinen Dymow ... Ach, ich weiß nichts ... Ich brauche keine Vergangenheit, schenken Sie mir einen einzigen Augenblick ... nur einen Augenblick!« Olga Iwanowna hatte Herzklopfen. Sie wollte an ihren Mann denken, aber alles Vergangene mit der Hochzeit, mit Dymow, mit ihren Abendgesellschaften erschien ihr so klein, nichtig, trübe, überflüssig und ferne ... Und in der Tat: was ist Dymow? warum Dymow? was geht sie Dymow an? Existiert er überhaupt in der Natur und ist er nicht ein Traum? Ihm, dem einfachen und gewöhnlichen Menschen genügt auch das Glück, das er schon genossen hat, – dachte sie sich, das Gesicht mit den Händen bedeckend. – Soll man uns nur dort verurteilen und verdammen, ich will aber allen zum Trotz zugrunde gehen ... Man muß im Leben alles auskosten. Mein Gott, wie unheimlich und wie schön! – »Nun? Was?« stammelte der Maler, sie umschlingend und ihr gierig die Hände küssend, mit denen sie ihn noch schwach zurückzustoßen versuchte. »Liebst du mich? Ja? Ja? Oh, diese Nacht! Diese herrliche Nacht!« »Ja, diese Nacht!« flüsterte sie, ihm in die Augen blickend, in denen Tränen schimmerten. Dann sah sie sich rasch um, umarmte ihn und küßte ihn auf den Mund. »Das Schiff hält gleich bei Kineschma,« sagte jemand am anderen Ende des Decks. Sie hörten schwere Schritte. Es war ein Kellner aus dem Büfett. »Hören Sie,« sagte ihm Olga Iwanowna, vor Glück lachend und weinend: »Bringen Sie uns Wein.« Der Maler, ganz bleich vor Erregung, setzte sich auf die Bank, blickte Olga Iwanowna vergötternd und dankbar an, schloß dann die Augen und sagte mit einem matten Lächeln: »Ich bin müde.« Und er lehnte seinen Kopf an den Bord. V Der zweite September war ein warmer und stiller, doch trüber Tag. Am frühen Morgen zogen über die Wolga leichte Nebel, und nach neun begann es zu tröpfeln. Und man hatte gar keine Hoffnung, daß der Himmel sich aufheitern würde. Rjabowskij sagte beim Morgentee zu Olga Iwanowna, daß die Malerei die undankbarste und langweiligste Kunst sei, daß er selbst gar kein Künstler wäre, daß nur die Narren glaubten, er habe Talent; und plötzlich ergriff er, so mir nichts, dir nichts, ein Messer und zerkratzte seine beste Studie. Nach dem Tee saß er trübsinnig am Fenster und blickte auf die Wolga hinaus. Alles sprach vom nahenden traurigen und trüben Herbst. Es war, als hätte die Natur die üppigen grünen Teppiche der Ufer, die diamantenen Spiegelungen der Strahlen, die durchsichtige blaue Ferne und alles Elegante und Festliche von der Wolga genommen und in ihre Truhen bis zum nächsten Frühling gepackt; die Raben flogen längs der Ufer und neckten die Wolga: »Nackt! Nackt!« Rjabowskij lauschte ihrem Krächzen und dachte sich, daß sein Talent gänzlich verpufft sei, daß alles in dieser Welt konventionell, relativ und dumm sei und daß er sich an diese Frau nicht hätte binden sollen ... Mit einem Worte, er war übelster Laune und fing Grillen. Olga Iwanowna saß hinter dem Bretterverschlag auf dem Bett, fuhr sich mit den Fingern durch ihre schönen flachsblonden Haare und sah sich bald im Salon, bald im Schlafzimmer, bald im Arbeitszimmer ihres Mannes; die Phantasie versetzte sie ins Theater, zu der Schneiderin und zu den berühmten Freunden. Was mögen sie jetzt wohl treiben? Ob sie sich ihrer erinnern? Die Saison hat schon begonnen, und es wäre Zeit, an die Abendgesellschaften zu denken. Und Dymow? Der liebe Dymow! Wie sanft, kindlich und unglücklich bittet er sie in seinen Briefen, nach Hause zurückzukehren! Jeden Monat schickte er ihr fünfundsiebzig Rubel, und als sie ihm einmal schrieb, daß sie den Malern hundert Rubel schulde, schickte er ihr auch diese hundert Rubel. Dieser gute, großmütige Mensch! Das Herumreisen hatte Olga Iwanowna ermüdet, sie langweilte sich, sie wollte so schnell als möglich von diesen Bauern, von diesem feuchten Wassergeruch fliehen und sich vom Gefühl der körperlichen Unsauberkeit befreien, das sie die ganze Zeit empfand, als sie in Bauernhäusern wohnte und von Dorf zu Dorf zog. Hätte Rjabowskij den anderen Malern nicht das Ehrenwort gegeben, mit ihnen hier bis zum 20. September zu bleiben, so könnte sie schon heute abreisen. Wie schön wäre das! »Mein Gott,« stöhnte Rjabowskij. »Wann kommt endlich die Sonne? Ich kann doch die Landschaft, die ich bei Sonne begonnen habe, nicht ohne Sonne weitermalen! ...« »Du hast ja auch noch eine Skizze mit bewölktem Himmel,« sagte Olga Iwanowna, hinter dem Bretterverschlag hervorkommend. »Weißt du noch, rechts im Vordergrunde ist ein Wald, und links – eine Herde Kühe und Gänse. Jetzt könntest du sie fertigmalen.« »Ach!« sagte der Maler und verzog daß Gesicht. »Fertigmalen! Halten Sie mich denn für so dumm, daß ich nicht weiß, was ich zu tun habe!« »Du bist jetzt ganz anders zu mir!« versetzte Olga Iwanowna mit einem Seufzer. »Na also!« Olga Iwanowna zitterte das Gesicht, sie ging zum Ofen und fing zu weinen an. »Ja, die Tränen fehlten noch gerade. Hören Sie auf! Ich habe tausend Gründe zum Weinen, und doch weine ich nicht.« »Tausend Gründe!« sagte Olga Iwanowna schluchzend. »Der Hauptgrund ist, daß ich Ihnen zur Last geworden bin. Ja!« sagte sie und brach in Tränen aus. »Wenn man schon die Wahrheit sagen soll, so schämen Sie sich unserer Liebe. Sie geben sich alle Mühe, daß die anderen Maler nichts merken, obwohl Sie es gar nicht verheimlichen können und alle schon alles wissen.« »Olga, ich bitte Sie nur um das eine,« sagte der Maler flehend und drückte sich die Hand ans Herz: »Nur um das eine: quälen Sie mich nicht! Sonst will ich von Ihnen nichts.« »Schwören Sie aber, daß Sie mich immer noch lieben!« »Das ist ja ein Martyrium!« sagte der Maler durch die Zähne und sprang auf. »Das endet noch damit, daß ich mich in die Wolga stürze oder verrückt werde! Lassen Sie mich in Ruhe!« »Gut, töten Sie mich, töten Sie mich!« schrie Olga Iwanowna. »Töten Sie mich!« Sie brach wieder in Tränen aus und zog sich hinter den Verschlag zurück. Auf dem Strohdache rauschte der Regen. Rjabowskij griff sich an den Kopf, ging einmal durchs Zimmer, setzte sich mit so entschlossener Miene, als wollte er jemand etwas beweisen, die Mütze auf, nahm das Gewehr und ging aus dem Hause. Als er fort war, lag Olga Iwanowna lange auf dem Bette und weinte. Zuerst dachte sie sich, daß es gut wäre, Gift zu nehmen, damit Rjabowskij sie schon als Leiche antreffe; dann dachte sie aber wieder an ihren Salon, an das Arbeitszimmer ihres Mannes und stellte sich vor, wie sie unbeweglich an Dymows Seite sitzt und die physische Ruhe und Reinheit genießt und wie sie am gleichen Abend in der Oper den Masini hört. Vor Sehnsucht nach der Kultur, nach dem Lärm der Stadt und den Berühmtheiten krampfte sich ihr Herz zusammen. Die Bäuerin trat in die Stube und heizte den Herd ein, um das Mittagessen zu kochen. Die Luft füllte sich mit Ofendunst und wurde blau vor Rauch. Später kamen die Maler in schmutzigen Schaftstiefeln, die Gesichter naß vom Regen; sie sahen sich die Skizzen und Studien an und sagten sich zum Troste, daß die Wolga auch bei schlechtem Wetter ihre Reize habe. An der Wand tickte eine billige Uhr ... Die erfrorenen Fliegen drängten sich in der Ecke bei den Heiligenbildern und summten, und man hörte, wie sich in den dicken Skizzenmappen unter den Bänken die Schwaben regten ... Rjabowskij kam heim, als die Sonne unterging. Er warf seine Mütze auf den Tisch, ließ sich blaß und müde, mit schmutzigen Stiefeln auf die Bank sinken und schloß die Augen. »Ich bin müde ...« sagte er und bewegte die Brauen, um die Lider zu heben. Um ihm zu zeigen, daß sie ihm nicht zürne und ihm wieder gut sei, kam Olga Iwanowna auf ihn zu, küßte ihn stumm und fuhr ihm mit einem Kamm durch seine blonden Haare. Sie wollte seine Frisur in Ordnung bringen. »Was ist?« fragte er zusammenfahrend, als hätte ihn etwas Kaltes berührt, und öffnete die Augen. »Was ist? Ich bitte Sie, lassen Sie mich in Ruhe.« Er schob sie mit den Händen zurück und ging auf die Seite, und sie glaubte in seinem Gesicht Ekel und Aerger zu lesen. In diesem Augenblick brachte ihm die Bäuerin vorsichtig, mit beiden Händen einen Teller mit Kohlsuppe, und Olga Iwanowna sah, wie sie ihre Daumen in der Suppe badete. Das schmutzige Weib mit dem zusammengeschnürten dicken Bauch, die Kohlsuppe, die Rjabowskij mit Gier zu essen begann, die Bauernstube und dieses ganze Leben, das sie früher seiner Einfachheit und malerischen Unordnung wegen so sehr geliebt hatte,–das alles erschien ihr jetzt entsetzlich. Sie fühlte sich gekränkt und sagte kühl: »Wir müssen uns für einige Zeit trennen, sonst können wir uns vor lauter Langeweile ernsthaft verzanken. Ich habe es satt. Heute reise ich ab.« »Wie? Auf des Schusters Rappen?« »Heute ist Donnerstag, um halb zehn geht also der Dampfer.« »So? Ja gewiß ... Nun, verreise ...« sagte er mild, sich den Mund statt mit einer Serviette mit einem Handtuch wischend. »Du langweilst dich hier und hast nichts zu tun. Ich müßte ein großer Egoist sein, um dich zurückzuhalten. Reise nur heim, und nach dem Zwanzigsten sehen wir uns wieder.« Olga Iwanowna packte ihre Sachen in bester Laune, und ihre Wangen röteten sich vor Freude.–Ist es denn wahr, –fragte sie sich,–daß ich meine Skizzen bald in meinem Salon malen, im Schlafzimmer schlafen und auf einem Tischtuch essen werde?–Eine Last war ihr vom Herzen gefallen, und sie zürnte Rjabowskij nicht mehr. »Die Farben und Pinsel lasse ich hier zurück, Rjabuscha,« sagte sie. »Was davon übrig bleibt, wirst du mir zurückbringen ... Paß auf, wenn ich fort bin, sollst du keine Grillen fangen und nicht faul sein, sondern arbeiten. Du bist ja ein tüchtiger Kerl, Rjabuscha.« Um zehn Uhr gab ihr Rjabowskij den Abschiedskuß, wie sie glaubte, um sie nicht auf dem Dampfer in Gegenwart der anderen küssen zu müssen. Dann begleitete er sie zum Landungsplatz. Bald kam das Schiff und nahm sie mit. Sie kam nach Hause nach zweieinhalb Tagen. Ohne den Hut und den Regenmantel abzulegen, ging sie, vor Aufregung schwer atmend, in den Salon und dann ins Eßzimmer. Dymow saß ohne Rock, in aufgeknöpfter Weste vor dem Tisch und wetzte ein Messer an einer Gabel; auf dem Teller vor ihm lag ein Feldhuhn. Als Olga Iwanowna die Wohnung betrat, war sie überzeugt, daß sie alles vor dem Manne verheimlichen müsse, daß sie es fertig brächte und daß sie die Kraft dazu haben würde; als sie aber jetzt sein breites, mildes, glückliches Lächeln und seine freudestrahlenden Augen sah, überkam sie das Gefühl, daß das Geschehene vor ihm zu verheimlichen ebenso gemein, ekelhaft und unmöglich wäre, wie einen Menschen zu verleumden, zu bestehlen oder zu ermorden. Es gab einen Augenblick, wo sie entschlossen war, ihm alles zu sagen. Nachdem sie sich von ihm hatte küssen und umarmen lassen, sank sie vor ihm in die Knie und bedeckte das Gesicht mit den Händen. »Was ist denn? Was hast du, Mama?« fragte er zärtlich. »Hast dich nach mir gesehnt?« Sie hob ihr Gesicht, das vor Scham ganz rot war, und blickte ihn schuldbewußt und flehend an; aber die Angst und die Scham hinderten sie, ihm die Wahrheit zu sagen. »Es ist nichts ...« sagte sie. »Ich bin nur ...« »Setz' dich,« sagte er. Er half ihr aufstehen und nötigte sie in einen Stuhl. »So ... Iß das Feldhuhn. Bist wohl hungrig, du Aermste.« Sie atmete gierig die ihr vertraute Luft ein und aß das Feldhuhn, und er blickte sie mit Rührung an und lachte vor Freude. VI Dymow ahnte wohl schon seit der Mitte des Winters, daß sie ihn hinterging. Ganz als ob er ein schlechtes Gewissen hätte, konnte er seiner Frau nicht mehr gerade in die Augen sehen, lächelte ihr nicht mehr freudig zu und brachte, um mit ihr möglichst wenig allein zu sein, recht oft seinen Kollegen Korosteljow zum Mittagessen mit. Dieser Korosteljow war ein kleines Männchen mit kurzgeschorenem Schädel und etwas abgelebtem Gesicht; wenn er mit Olga Iwanowna sprach, knöpfte er vor lauter Verlegenheit seinen Rock immer auf und zu und zupfte sich mit der rechten Hand den linken Schnurrbart. Während des Mittagessens unterhielten sich die beiden Aerzte darüber, daß der hohe Stand des Zwerchfelles zuweilen unreine Herztöne bewirke, daß die Polynervosen in der letzten Zeit sehr häufig seien, oder daß Dymow gestern bei der Sektion einer Leiche mit der Diagnose »bösartige Anämie« einen Krebs der Bauchspeicheldrüse vorgefunden habe. Und es sah so aus, als führten sie diese medizinische Unterhaltung nur, um Olga Iwanowna die Möglichkeit zu geben, zu schweigen, d. h. zu lügen. Nach dem Essen setzte sich Korosteljow ans Klavier, und Dymow seufzte und sagte ihm: »Ach, Bruder, was soll man noch reden! Spiel' mir etwas Trauriges.« Korosteljow hob die Achseln, spreizte die Finger, schlug einige Akkorde an und sang mit seiner Tenorstimme das Lied: »O zeig' mir nur eine Behausung, wo der russische Bauer nicht stöhnt.« Dymow aber seufzte wieder, stützte das Kinn in die Hand und wurde nachdenklich. In der letzten Zeit benahm sich Olga Iwanowna äußerst unvorsichtig. Jeden Morgen erwachte sie in übelster Laune und mit dem Gedanken, daß sie den Rjabowskij nicht mehr liebe und das alles, Gott sei Dank, zu Ende sei. Nachdem sie aber ihren Morgenkaffe getrunken, sagte sie sich, daß Rjabowskij ihr den Mann genommen habe und daß sie nun ohne Mann und auch ohne Rjabowskij geblieben sei; dann erinnerte sie sich der Erzählungen ihrer Bekannten, daß Rjabowskij für die nächste Ausstellung etwas Erstaunliches, eine Mischung von Landschaft und Genre, im Stile Poljenows vorbereite, worüber alle, die sein Atelier besuchten, ganz entzückt seien; sie sagte sich, daß er es nur unter ihrem Einflusse geschaffen und sich Dank diesem Einflusse überhaupt zum Besten verändert habe. Ihr Einfluß sei so wohltuend und wesentlich, daß er, wenn sie ihn im Stich ließe, zugrunde gehen könnte. Sie erinnerte sich auch, wie er sie das letztemal in einem grauschillernden Röckchen und neuer Krawatte besucht und schmachtend gefragt hatte: »Bin ich nicht hübsch?« Und er war mit seinen langen Locken und blauen Augen in der Tat sehr hübsch (oder kam es ihr nur so vor) und auch freundlich zu ihr. Nachdem sie sich aller dieser Dinge erinnert und alles überblickt hatte, zog sich Olga Iwanowna an und fuhr in großer Erregung zu Rjabowskij ins Atelier. Sie traf ihn lustig und über sein in der Tat wunderbares Bild entzückt an; er sprang herum, machte Dummheiten und beantwortete auch die ernsten Fragen mit Scherzen. Olga Iwanowna war auf das Bild eifersüchtig und haßte es, stand aber aus Höflichkeit an die fünf Minuten stumm vor der Leinwand, seufzte, wie man vor einem Heiligtume seufzt, und sagte leise: »Du hast noch nie etwae Aehnliches gemalt. Weißt du, es ist sogar unheimlich.« Dann begann sie ihn anzuflehen, daß er sie liebe, sie nicht verlasse und sich ihrer, der Armen und Unglücklichen erbarme. Sie weinte, küßte ihm die Hände, verlangte von ihm, daß er ihr seine Liebe schwöre, und erklärte ihm, daß er ohne ihren wohltuenden Einfluß vom richtigen Wege abirren und zugrunde gehen würde. Nachdem sie ihm auf diese Weise seine gute Laune verdorben, fühlte sie sich erniedrigt und begab sich zur Schneiderin oder zu einer befreundeten Schauspielerin, um sich wegen eines Theaterbilletts zu bemühen. Traf sie ihn aber nicht an, so ließ sie ihm einen Brief zurück, in dem sie beteuerte, daß sie, wenn er heute nicht zu ihr käme, Gift nehmen würde. Er bekam Angst, ging zu ihr hin und blieb zum Essen. Ohne sich vor ihrem Gatten zu genieren, sagte er ihr Frechheiten, die sie mit gleicher Münze bezahlte. Beide fühlten, daß sie einander zur Last fielen, daß sie Despoten und Feinde waren, sie schäumten vor Wut und merkten in ihrem Hasse nicht, wie unanständig sie sich benahmen, und daß selbst der kurzgeschorene Korosteljow alles sah. Nach dem Essen fing Rjabowskij an, sich hastig zu verabschieden. »Wo wollen Sie hin?« fragte ihn Olga Iwanowna im Vorzimmer, ihn mit Haß anblickend. Er verzog das Gesicht, kniff die Augen zusammen und nannte irgendeine Dame, eine gemeinsame Bekannte, und es war ihm anzusehen, daß er ihrer Eifersucht spottete und sie bloß ärgern wollte. Sie ging ins Schlafzimmer und legte sich aufs Bett; vor Eifersucht, Aerger, Erniedrigung und Scham zerbiß sie das Kissen und schluchzte laut. Dymow ließ Korosteljow im Gastzimmer zurück, kam verlegen und ratlos zu ihr ins Schlafzimmer und sagte leise: »Weine nicht so laut, Mama ... Wozu? Man muß darüber schweigen ... Man darf es sich nicht anmerken lassen ... Weißt du, was einmal geschehen ist, läßt sich nicht wieder gutmachen.« Ganz ratlos, wie diese schwere Eifersucht, vor der ihr sogar die Schläfen schmerzten, niederzukämpfen, und im Glauben, daß alles sich noch gutmachen ließe, wusch sie sich, puderte das verweinte Gesicht und eilte zu der bekannten Dame. Da sie Rjabowskij bei ihr nicht antraf, rannte sie zu einer anderen, dann zu einer dritten ... Anfangs schämte sie sich dessen, mit der Zeit gewöhnte sie sich aber daran, und es kam vor, daß sie an einem Abend auf der Suche nach Rjabowskij ihre sämtlichen weiblichen Bekannten aufsuchte, und alle wußten es. Einmal sagte sie zu Rjabowskij über ihren Mann: »Dieser Mensch erdrückt mich mit seiner Großmut!« Diese Phrase gefiel ihr so gut, daß sie, wenn sie mit den Malern, die von ihrem Roman mit Rjabowskij wußten, zusammenkam, jedesmal mit einer energischen Handbewegung die Worte sprach: »Dieser Mensch erdrückt mich mit seiner Großmut!« Sonst blieb die ganze Lebensordnung die gleiche wie im vorigen Jahr. Jeden Mittwoch gab es eine Abendgesellschaft. Der Schauspieler rezitierte, die Maler zeichneten, der Cellist spielte, der Sänger sang, und regelmäßig um halb zwölf ging die Eßzimmertür auf, und Dymow sagte lächelnd: »Meine Herren, ich bitte zum Essen.« Olga Iwanowna war ganz wie früher immer auf der Suche nach Berühmtheiten; und wenn sie solche fand, gab sie sich nicht zufrieden und suchte nach neuen. Ganz wie früher kam sie jeden Abend sehr spät heim; wenn sie aber nach Hause kam, schlief Dymow nicht, wie im vorigen Jahre, sondern saß in seinem Zimmer und arbeitete. Er ging erst um drei zu Bett und stand schon um acht auf. Eines Abends, als sie wieder ins Theater wollte, und gerade vor dem Spiegel stand, trat Dymow in Frack und weißer Binde zu ihr ins Schlafzimmer. Er lächelte so mild wie einst und blickte ihr freudig in die Augen. Sein Gesicht strahlte. »Ich habe soeben meine Dissertation verteidigt,« sagte er, Platz nehmend und sich die Knie streichelnd. »Nun, mit Erfolg?« fragte Olga Iwanowna. »Und ob!« sagte er lachend und reckte den Hals, um im Spiegel das Gesicht seiner Frau zu sehen, die mit dem Rücken zu ihm stand und ihre Frisur in Ordnung brachte. »Und ob!« wiederholte er. »Weißt du, es ist sehr möglich, daß man mir die Privatdozentur für allgemeine Pathologie anbietet. Es sieht sehr danach aus.« Seinem seligen strahlenden Gesicht war es anzusehen, daß, wenn Olga Iwanowna mit ihm seine Freude und seinen Triumph teilte, er ihr alles, die Gegenwart wie auch die Zukunft vergeben und alles vergessen würde; sie aber begriff gar nicht, was die Privatdozentur und die allgemeine Pathologie bedeuteten; außerdem fürchtete sie, zu spät ins Theater zu kommen, und sagte nichts. Er blieb noch an die zwei Minuten sitzen, lächelte schuldbewußt und ging. VII Es war ein höchst unruhiger Tag. Dymow hatte heftige Kopfschmerzen; des Morgens hatte er keinen Tee getrunken, war auch nicht in sein Krankenhaus gegangen und lag die ganze Zeit in seinem Zimmer auf dem türkischen Sofa. Olga Iwanowna ging wie gewöhnlich gegen ein Uhr zu Rjabowskij, um ihm ein neu angefangenes Stilleben zu zeigen und um ihn zu fragen, warum er gestern nicht gekommen sei. Sie hielt die Skizze selbst für unbedeutend und hatte sie auch nur gemalt, um einen Vorwand zu haben, den Maler aufzusuchen. Sie trat ein, ohne anzuläuten, und während sie im Vorzimmer die Galoschen auszog, kam es ihr vor, als ob jemand durchs Atelier lief und ein Frauenkleid raschelte; als sie hineinblickte, sah sie noch das Ende eines braunen Rockes hinter dem großen Bild verschwinden, das mit der Staffelei bis zum Fußboden mit einem schwarzen Tuch zugedeckt war. Es war zweifellos eine Frau, die sich da versteckte. Wie oft hatte auch Olga Iwanowna selbst hinter diesem Bilde Zuflucht gefunden! Rjabowskij schien sehr verlegen und über ihren Besuch erstaunt. Er streckte ihr beide Hände entgegen und sagte mit gezwungenem Lächeln: »Ah! Freue mich sehr, Sie bei mir zu sehen. Was werden Sie mir Schönes sagen?« Olga Iwanownas Augen füllten sich mit Tränen. Sie schämte sich, es war ihr bitter zumute, und sie hätte sich auch für eine Million nicht entschlossen, in Gegenwart der fremden Frau, der Nebenbuhlerin und Betrügerin zu sprechen, die jetzt hinter dem Bilde stand und wohl schadenfroh kicherte. »Ich bringe Ihnen eine Skizze ...« sagte sie schüchtern, mit feiner Stimme, und ihre Lippen zitterten. »Ein Stillleben.« »Ah ... eine Skizze?« Der Maler nahm die Skizze in die Hand und ging, sie betrachtend, wie unabsichtlich ins Nebenzimmer. Olga Iwanowna folgte ihm demütig. »Nature morte ... erste Sort',« murmelte er, nach Reimen suchend. »Kurort ... Port ... Hort ...« Aus dem Atelier tönten eilige Schritte und daß Rascheln eines Kleides. Die andere war also weg. Olga Iwanowna hatte das Verlangen, laut aufzuschreien, dem Maler etwas Schweres an den Kopf zu werfen und wegzugehen; sie konnte aber durch ihre Tränen nichts sehen, sie war von ihrer Scham erdrückt und fühlte sich nicht mehr als Olga Iwanowna, nicht als Malerin, sondern als ein elender Wurm. »Ich bin müde ...« sagte der Maler matt, die Skizze noch immer betrachtend und den Kopf schüttelnd, als kämpfe er gegen die Schläfrigkeit an. »Es ist natürlich recht nett, aber heute diese Skizze, im vorigen Jahre eine andere Skizze, und in einem Monat bringen Sie mir wieder eine Skizze ... Ist es denn Ihnen noch nicht zu dumm? An Ihrer Stelle würde ich die Malerei aufstecken und mich ernsthaft der Musik oder etwas anderm widmen. Sie sind ja gar keine Malerin, sondern Musikerin. Ich bin so müde! Gleich werde ich Tee geben lassen ... Ja?« Er ging aus dem Zimmer, und Olga Iwanowna hörte, wie er seinem Diener etwas sagte. Um sich von ihm nicht verabschieden zu müssen, um eine Aussprache zu vermeiden und, vor allem, um nicht in Tränen auszubrechen, eilte sie, solange Rjabowskij noch nicht zurück war, ins Vorzimmer, zog sich die Galoschen an und lief auf die Straße hinaus. Hier holte sie erleichtert Atem und fühlte sich für immer befreit, – von Rjabowskij, von der Malerei und von der schweren Scham, die sie im Atelier so furchtbar bedrückt hatte! Schluß! Sie fuhr zur Schneiderin, von der Schneiderin zu Barnay, der erst gestern angekommen war, von Barnay in die Musikalienhandlung und dachte die ganze Zeit daran, daß sie Rjabowskij einen kalten, harten, stolzen Brief schreiben und im Frühjahr oder im Sommer mit Dymow nach der Krim gehen würde, um sich dort endlich von der Vergangenheit freizumachen und ein neues Leben zu beginnen. Spät abends nach Hause zurückgekehrt, setzte sie sich, ohne sich umzuziehen, ins Gastzimmer und überlegte sich den Brief. Rjabowskij hatte ihr gesagt, daß sie keine Malerin sei; nun wird sie ihm aus Rache schreiben, daß er jedes Jahr immer dasselbe male und jeden Tag dasselbe spreche, daß er gänzlich erstarrt sei und daß aus ihm nicht mehr werden würde, als das, was aus ihm schon geworben sei. Sie wollte ihm auch noch schreiben, daß er vieles ihrem guten Einflusse zu verdanken habe nur daß, wenn er zuweilen schlecht handle, so doch nur darum, weil ihr Einfluß durch verschiedene zweideutige Personen paralysiert werde, von der Art wie die, die sich heute hinter dem Bilde versteckt hatte. »Mama!« rief aus seinem Kabinett Dymow, ohne die Tür zu öffnen. »Mama!« »Was willst du?« »Mama, komme nicht herein, komm nur zur Tür ... Vorgestern habe ich mir im Krankenhause die Diphtherie geholt und jetzt ... fühle ich mich nicht gut. Schicke gleich nach Korosteljow.« Olga Iwanowna nannte ihren Mann, wie alle ihre männlichen Bekannten nie mit dem Vornamen, sondern stets mit dem Familiennamen; sein Vorname Ossip gefiel ihr nicht, weil er an den Lakaien im Gogolschen »Revisor« und an ein bekanntes Wortspiel erinnerte. Jetzt rief sie aber aus: »Ossip, es kann nicht sein!« »Schicke nach ihm! Mir ist gar nicht wohl ...« sagte Dymow hinter der Tür, und sie hörte, wie er wieder zum Sofa ging und sich hinlegte. »Schicke nach ihm!« klang es noch einmal dumpf aus dem Kabinett. – Was ist denn das? – dachte sich Olga Iwanowna, vor Entsetzen erschauernd. – Es ist ja gefährlich! – Sie nahm ohne jede Not die Kerze in die Hand und ging zu sich ins Schlafzimmer; während sie sich überlegte, was sie nun zu tun habe, warf sie zufällig einen Blick in den Spiegel. Mit ihrem blassen, erschrockenen Gesicht, im Jackett mit den Schinkenärmeln und gelben Volants an der Brust und dem ungewöhnlich gestreiften Rock, kam sie sich selbst schrecklich und abstoßend vor. Sie fühlte plötzlich schmerzliches Mitleid mit Dymow, seine Liebe zu ihr tat ihr leid, sein junges Leben und selbst sein verwaistes Bett, in dem er schon so lange nicht mehr geschlafen hatte, und sie mußte an sein gewohntes mildes und demütiges Lächeln denken. Sie weinte bitter und schrieb Korosteljow einen flehentlichen Brief. Es war zwei Uhr Nachts. VIII Als Olga Iwanowna um die achte Morgenstunde, mit einem nach der schlaflosen Nacht schweren Kopf, unfrisiert, unschön, mit schuldbewußter Miene aus dem Schlafzimmer kam, sah sie einen unbekannten Herrn mit schwarzem Vollbart, anscheinend einen Arzt, ins Vorzimmer gehen. Es roch nach Arzneien. Vor der Tür zum Kabinett stand Korosteljow und drehte sich mit der rechten Hand den linken Schnurrbart. »Entschuldigen Sie, ich kann Sie zu ihm nicht hineinlassen,« sagte er mürrisch zu Olga Iwanowna. »Sie können sich anstecken. Außerdem hat es auch keinen Zweck. Er ist sowieso bewußtlos.« »Ist es echte Diphtheritis?« fragte Olga Iwanowna leise. »Ein Mensch, der sich wissentlich in Gefahr begibt, gehört eigentlich vors Gericht,« brummte Korosteljow, ohne Olga Iwanownas Frage zu beantworten. »Wissen Sie, auf welche Weise er sich angesteckt hat? Am Dienstag hat er einem kranken Jungen mit einem Röhrchen die Diphtheriehäute ausgesogen. Wozu? Einfach aus Dummheit ...« »Ist es sehr gefährlich?« fragte Olga Iwanowna. »Ja, man sagt, es sei eine sehr schwere Form. Eigentlich sollte man den Schreck kommen lassen.« Es kam ein kleiner rothaariger Mann mit langer Nase und jüdischem Akzent; nach ihm ein langer, gebückter, mit zerzaustem Haar, einem Protodiakon ähnlich; dann ein junger, sehr dicker, mit rotem Gesicht und einer Brille. Es waren die Aerzte, die sich am Krankenlager ihres Kollegen ablösten. Korosteljow ging, wenn seine Zeit um war, nicht nach Hause, sondern blieb da und irrte wie ein Schatten durch die Zimmer. Das Dienstmädchen brachte den Aerzten Tee und lief oft zur Apotheke, und die Zimmer blieben unaufgeräumt. Es war eine stille und traurige Stimmung. Olga Iwanowna saß bei sich im Schlafzimmer und dachte sich, Gott bestrafe sie dafür, daß sie den Mann hintergehe. Das schweigsame, demütige; unverstandene, durch seine Milde entpersönlichte, charakterlose, in seiner übermäßigen Güte schwache Wesen quälte sich stumpf auf seinem Sofa und klagte nicht. Wenn es aber, und wenn auch nur im Delirium, klagen würde, so müßten alle die Aerzte erfahren, daß hier nicht nur die Diphtherie allein schuld sei. Sie würden den Korosteljow fragen: er weiß alles und blickt die Frau seines Freundes nicht umsonst mit solchen Augen an, als wäre sie die eigentliche Verbrecherin, die Diphtheritis aber nur ihre Mitschuldige. Sie erinnerte sich nun weder jener Mondnacht auf der Wolga, noch der Liebesschwüre, noch des poetischen Lebens im Bauernhause; sie dachte nur noch daran, daß sie aus bloßer Laune mit Armen und Beinen in einen klebrigen Schmutz geraten sei, den sie nie wieder abwaschen könnte ... – Ach, wie furchtbar habe ich gelogen! – sagte sie sich, als sie sich der unruhigen Liebe erinnerte, die zwischen ihr und Rjabowskij war. – Ein Fluch liegt über allem ... – Um vier Uhr setzte sie sich mit Korosteljow an den Mittagstisch. Er aß nichts, trank nur Rotwein und runzelte die Stirn. Auch sie aß nichts. Bald betete sie in Gedanken und gelobte Gott, daß sie Dymow, wenn er gesund werden sollte, lieben und ihm ein treues Weib sein werde. Bald vergaß sie sich, sah Korosteljow an und dachte sich: – Ist es denn nicht langweilig, so ein einfacher, durch nichts bemerkenswerter, unbekannter Mensch zu sein, und obendrein mit einem so abgelebten Gesicht und so schlechten Manieren? – Bald schien es ihr, daß Gott sie augenblicklich töten würde, weil sie, aus Furcht vor Ansteckung, noch kein einziges Mal bei ihrem Mann im Kabinett gewesen war. Im allgemeinen herrschte aber ein stumpfes, elendes Gefühl vor und die Ueberzeugung, daß das Leben schon verdorben sei und sich nicht mehr ändern ließe ... Nach dem Essen brach die Abenddämmerung an. Als Olga Iwanowna ins Gastzimmer trat, schlief Korosteljow auf dem Sofa, ein goldgesticktes Kissen unter dem Kopf. »Kchi-pua ...« schnarchte er: »kchi-pua.« Auch die Aerzte, die einander ablösten, merkten diese Unordnung nicht. Daß ein fremder Mensch im Gastzimmer schlief und schnarchte, die Skizzen an den Wänden, die sonderbare Einrichtung und daß die Hausfrau unfrisiert und unordentlich gekleidet war, – weckte in ihnen nicht das geringste Interesse. Einer der Aerzte lachte einmal zufällig auf, und dieses Lachen klang so sonderbar und scheu, daß es sogar unheimlich war. Als Olga Iwanowna zum zweitenmal ins Gastzimmer kam, schlief Korosteljow nicht mehr, sondern saß und rauchte. »Er hat Diphtherie der Nasenhöhle,« sagt er leise. »Auch das Herz arbeitet schon recht mäßig. Eigentlich steht die Sache schlimm.« »Lassen Sie doch den Schreck kommen,« sagte Olga Iwanowna. »Er war schon da. Er hat ja auch festgestellt, daß die Diphtherie die Nasenhöhle ergriffen hat. Aber was ist Schreck?! Eigentlich nichts. Er heißt Schreck, und ich heiße Korosteljow, – das ist alles.« Die Zeit zog sich entsetzlich in die Länge. Olga Iwanowna lag angekleidet auf dem Bett, das noch vom Morgen her nicht gemacht war, und schlummerte. Es war ihr, als sei die ganze Wohnung vom Fußboden bis zur Decke mit einem einzigen riesengroßen Stück Eisen angefüllt und daß, wenn man dieses Eisen entfernte, allen sofort leicht und lustig ums Herz werden würde. Als sie zu sich kam, besann sie sich, daß es kein Eisen, sondern die Krankheit Dymows war. » Nature morte , Port ...« dachte sie, von neuem einschlummernd. »Port ... Kurort ... Und wie ist es mit Schreck? Schreck, Leck, Heck ... Beck. Und wo sind jetzt meine Freunde? Wissen sie von unserem Unglück? Gott, rette ... beschütze ... Schreck, Leck ...« Und dann kam wieder das Eisen ... Die Zeit schleppte sich langsam dahin, und die Uhr einen Stock tiefer schlug auffallend oft. Jeden Augenblick läutete es, die Aerzte kamen und gingen ... Das Dienstmädchen kam mit einem Tablett, auf dem ein leeres Glas stand, zu ihr ins Schlafzimmer und fragte: »Gnädige, soll ich das Bett machen?« Sie bekam keine Antwort und ging. Die Uhr unten schlug wieder, sie träumte vom Regen auf der Wolga, und wieder kam jemand ins Schlafzimmer, anscheinend ein Fremder. Olga Iwanowna fuhr auf und erkannte Korosteljow. »Wie spät ist es?« fragte sie. »Gegen drei.« »Nun, wie steht's?« »Ach! Ich komme, um es Ihnen zu sagen: es geht zu Ende ...« Er schluchzte auf, setzte sich neben sie aufs Bett und wischte sich die Tränen mit dem Aermel. Sie verstand es nicht gleich, fühlte aber eine plötzliche Kälte und begann sich langsam zu bekreuzigen. »Er stirbt ...« sagte er mit hoher Stimme und schluchzte wieder. »Er stirbt, weil er sich aufgeopfert hat ... Welcher Verlust für die Wissenschaft!« sagte er voll Bitternis. »Mit uns allen verglichen, war er ein großer, ungewöhnlicher Mensch! Welche Begabung! Welche glänzende Hoffnungen!« fuhr Korosteljow fort, die Hände ringend. »Mein Gott, er war ein Gelehrter, wie man einen zweiten nicht mehr findet. Ossip Dymow, Ossip Dymow, was hast du angestellt! Ach, mein Gott!« Korosteljow bedeckte sich vor Verzweiflung das Gesicht mit beiden Händen und schüttelte den Kopf. »Und diese sittliche Kraft!« fuhr er fort, mit steigender Wut gegen jemand. »Eine gute, reine, liebe Seele, ein Mensch aus Kristall! Er diente der Wissenschaft und starb an der Wissenschaft. Er arbeitete wie ein Ochs Tag und Nacht, niemand schonte ihn, und der junge Gelehrte, der zukünftige Professor mußte Praxis suchen und in den Nachtstunden Übersetzungen anfertigen, um diese ... gemeinen Lumpen zu bezahlen!« Korosteljow blickte Olga Iwanowna mit Haß an, ergriff mit beiden Händen das Laken und zerrte daran, als ob es die Schuld trüge. »Er schonte sich selbst nicht, und auch die anderen schonten ihn nicht. Ach, was soll man da noch reden!« »Ja, ein seltener Mensch!« sagte eine Baßstimme im Gastzimmer. Olga Iwanowna erinnerte sich ihres ganzen Lebens mit ihm vom Anfang bis zum Ende, mit allen Einzelheiten, und begriff plötzlich, daß er in der Tat ein ungewöhnlicher, seltener und, im Vergleich zu denen, die sie kannte, großer Mensch war. Sie erinnerte sich auch, wie sich zu ihm ihr verstorbener Vater und alle seine Kollegen verhielten, und begriff, daß sie alle in ihm eine zukünftige Berühmtheit sahen. Die Wände, die Decke, die Lampe und der Teppich auf dem Boden blinzelten ihr höhnisch zu, als wollten sie ihr sagen: »Verpaßt! Verpaßt!« Sie lief weinend aus dem Schlafzimmer, huschte im Gastzimmer an einem unbekannten Menschen vorbei und stürzte ins Kabinett zu ihrem Mann. Er lag unbeweglich auf dem türkischen Sofa, bis zu den Hüften unter der Bettdecke. Sein Gesicht war furchtbar eingeschrumpft, eingefallen und hatte eine graugelbe Farbe, wie sie die Lebenden niemals haben; nur an der Stirn, den schwarzen Augenbrauen und dem bekannten Lächeln konnte man erkennen, daß es Dymow war. Olga Iwanowna betastete ihm schnell die Brust, die Stirn und die Hände. Die Brust fühlte sich noch warm an, aber die Stirn und die Hände waren unangenehm kalt. Und die halbgeöffneten Augen sahen nicht auf Olga Iwanowna, sondern auf die Bettdecke. »Dymow!« rief sie laut: »Dymow!« Sie wollte ihn erklären, daß alles nur eine Verirrung gewesen, daß noch nicht alles verloren sei, daß das Leben noch schön und glücklich werden könne, daß er ein seltener, ungewöhnlicher, großer Mensch sei und daß sie ihn ihr Leben lang verehren und anbeten, vor ihm eine heilige Scheu empfinden würde ... »Dymow!« rief sie, ihn an der Schulter schüttelnd, und konnte nicht glauben, daß er nie wieder erwachen werde. »Dymow, Dymow!« Im Gastzimmer sagte aber Korosteljow zum Dienstmädchen: »Was gibt's noch viel zu fragen? Gehen Sie zum Kirchhofwächter und fragen Sie, wo die Spitalweiber wohnen. Die werden die Leiche waschen und einkleiden und alles besorgen, was nötig ist.« Wolodja der Große und Wolodja der Kleine Übersetzt von Alexander Eliasberg »Laßt mich, ich will selbst kutschieren! Ich setz' mich neben den Kutscher!« sagte Ssofja Lwowna laut. »Kutscher, halt, ich setz' mich zu dir auf den Bock.« Sie stand im Schlitten, und ihr Mann Wladimir Nikitytsch und ihr Jugendfreund Wladimir Michailytsch hielten sie an den Händen, damit sie nicht umfalle. Die Troika raste schnell dahin. »Ich sagte doch, daß man ihr keinen Kognak geben sollte,« flüsterte Wladimir Nikitytsch seinem Begleiter zu. »Was bist du für ein Mensch!« Der Oberst wußte aus Erfahrung, daß bei solchen Frauen, wie seine Ssofja Lwowna eine war, der stürmischen, ein wenig ausgelassenen Lustigkeit gewöhnlich ein hysterisches Lachen und dann Tränen folgten. Er fürchtete, daß er auch jetzt, nach Hause zurückgekehrt, statt zu schlafen, sich mit Umschlägen und Tropfen abgeben müssen werde. »Halt!« schrie Ssofja Lwowna. »Ich will kutschieren.« Sie war wirklich lustig und triumphierte. In den letzten zwei Monaten, seit ihrem Hochzeitstage, hatte sie sich mit dem Gedanken gequält, daß sie den Obersten Jagitsch äußerer Vorteile wegen, oder, wie man es so nennt, » par dépit « geheiratet habe; aber heute hatte sie im Vorstadtrestaurant endlich die Ueberzeugung gewonnen, daß sie ihn leidenschaftlich liebte. Trotz seiner vierundfünfzig Jahre war er noch sehr schlank, lebhaft und gelenkig und verstand so gut Witze zu machen und mit den Zigeunerinnen mitzusingen. Die Alten sind jetzt wirklich tausendmal interessanter als die Jungen, und man könnte meinen, daß sie ihre Rollen vertauscht haben. Der Oberst ist zwar um zwei Jahre älter als ihr Vater, aber was bedeutet dieser Umstand, wenn in ihm, aufrichtig gesagt, unvergleichlich mehr Lebenskraft, Temperament und Frische steckt als in ihr, trotz ihrer dreiundzwanzig Jahre? Oh, Liebster! – dachte sie sich: – Du Herrlicher! Im Restaurant gewann sie ferner die Ueberzeugung, daß vom früheren Gefühl in ihrer Seele nicht ein Funke übriggeblieben war. Gegen ihren Jugendfreund Wladimir Michailytsch, oder kurz Wolodja, den sie noch gestern wahnsinnig, bis zur Verzweiflung geliebt hatte, fühlte sie sich jetzt völlig gleichgültig. Heute Abend erschien er ihr so matt, verschlafen, uninteressant und unbedeutend; seine Kaltblütigkeit, mit der er der Bezahlung der Zeche auszuweichen pflegte, empörte sie dieses Mal, und sie mußte sich sehr zusammennehmen, um nicht zu sagen: »Wenn Sie so arm sind, so bleiben Sie doch zu Hause!« Die ganze Zeche bezahlte der Oberst. Vielleicht weil vor ihren Augen Bäume, Telegraphenstangen und Schneehaufen vorüberflogen, kamen ihr die buntesten Gedanken in den Sinn. Sie dachte sich: die Rechnung im Restaurant machte hundertzwanzig Rubel aus, die Zigeuner bekamen hundert Rubel, und morgen kann sie, wenn sie will, auch tausend Rubel zum Fenster hinauswerfen; aber vor zwei Monaten, vor der Hochzeit besaß sie nicht mal drei Rubel eigenes Geld und mußte sich wegen jeder Bagatelle an den Vater wenden. Diese Veränderung! Ihre Gedanken gerieten durcheinander, und sie erinnerte sich, wie der Oberst Jagitsch, ihr jetziger Gatte, als sie zehn Jahre alt war, ihrer Tante den Hof machte und alle im Hause sagten, daß er sie zugrunde gerichtet habe; die Tante kam auch wirklich oft mit verweinten Augen zu Tische und ging oft auf Reisen, und man sagte von ihr, daß die Arme sich keinen Ort finden könne. Er war damals sehr hübsch und hatte einen ungewöhnlichen Erfolg bei den Frauen; die ganze Stadt kannte ihn, und man erzählte sich, daß er jeden Tag alle seine Verehrerinnen der Reihe nach besuchte, wie ein Arzt seine Patienten. Und auch jetzt ist sein mageres Gesicht, trotz der grauen Haare, der Runzeln und der Brille, besonders im Profil oft herrlich schön. Der Vater Ssofja Lwownas war Militärarzt und diente einst im gleichen Regiment mit Jagitsch. Auch der Vater Wolodjas war Militärarzt und hatte im gleichen Regiment mit ihrem Vater und mit Jagitsch gedient. Trotz seiner oft sehr komplizierten und unruhigen Liebesabenteuer lernte Wolodja ausgezeichnet; nachdem er die Universität mit großem Erfolg absolviert hatte, widmete er sich den fremden Literaturen und schrieb jetzt, wie man sagte, an einer Dissertation. Er lebte bei seinem Vater, dem Militärarzt, in der Kaserne und besaß trotz seiner dreißig Jahre keinen Pfennig eigenes Geld. Ssofja Lwowna und er hatten als Kinder in getrennten Wohnungen gewohnt, doch unter dem gleichen Dache, und er kam oft zu ihr, um mit ihr zu spielen; sie lernten auch gemeinsam tanzen und französisch sprechen; als er aber zu einem schlanken, sehr hübschen Jüngling herangewachsen war, fing sie an, sich seiner zu schämen, dann gewann sie ihn lieb und liebte ihn wahnsinnig bis zur allerletzten Zeit, wo sie den Jagitsch heiratete. Auch er hatte einen ungewöhnlichen Erfolg bei den Frauen, beinahe von seinem vierzehnten Lebensjahre an, und die Damen, die mit ihm ihre Männer hintergingen, rechtfertigten sich damit, daß Wolodja noch klein sei. Kürzlich hatte von ihm jemand erzählt, daß er als Student in einer Pension in der Nähe der Universität gewohnt habe, und so oft man bei ihm anklopfte, hätte man hinter der Tür seine Schritte und dann die leise Entschuldigung gehört: » pardon, je ne suis pas seul .« Jagitsch war von ihm entzückt und segnete ihn zu seiner ferneren Tätigkeit, genau so, wie der alte Derschawin den jungen Puschkin; er liebte ihn auch anscheinend. Sie spielten beide stundenlang stumm Billard oder Piquet, und wenn Jagitsch mit einer Troika ausfuhr, so nahm er immer auch Wolodja mit; Wolodja weihte seinerseits nur Jagitsch allein in die Geheimnisse seiner Dissertation ein. Früher, als der Oberst noch jünger war, standen sie sich oft als Nebenbuhler gegenüber, waren aber niemals aufeinander eifersüchtig. In der Gesellschaft, wo sie verkehrten, hieß Jagitsch – Wolodja der Große, und sein Freund – Wolodja der Kleine. Im Schlitten befand sich außer Wolodja dem Großen, Wolodja dem Kleinen und Ssofja Lwowna noch eine vierte Person – Margarita Alexandrowna, oder, wie man sie allgemein nannte, Rita, eine Kusine der Frau Jagitsch, ein Mädchen von über dreißig Jahren, mit sehr blassem Gesicht, schwarzen Augenbrauen und einem Zwicker auf der Nase, die unaufhörlich, selbst im Froste, Zigaretten rauchte; auf ihrer Brust und ihren Knien war immer Zigarettenasche. Sie sprach durch die Nase, dehnte jedes Wort, war kühl, konnte Liköre und Kognak in beliebigen Mengen vertragen, wurde niemals betrunken und pflegte matt und langweilig zweideutige Witze zu erzählen. Zu Hause las sie vom Morgen bis zum Abend dicke Monatsschriften, die sie mit Asche überschüttete, oder aß gefrorene Aepfel. »Ssofja, sei nicht so verrückt,« sagte sie mit singender Stimme. »Es ist sogar dumm.« An der Stadtgrenze schlug die Troika ein langsameres Tempo ein; Häuser und Menschen flogen vorüber, und Ssofja Lwowna wurde still, schmiegte sich an ihren Mann und gab sich ihren Gedanken hin. Wolodja der Kleine saß ihr gegenüber. Jetzt gesellten sich zu ihren lustigen und leichten Gedanken auch düstere. Sie dachte sich: dieser Mensch, der ihr gegenüber sitzt, weiß, daß sie ihn geliebt hat, und glaubt sicher, daß sie den Obersten par dépit geheiratet hat. Sie hat ihm noch kein einziges Mal ihre Liebe gestanden und auch nicht gewollt, daß er es wisse; sie verheimlichte ihr Gefühl, aber seinem Gesicht konnte man ansehen, daß er sie vollkommen durchschaute, und das tat ihrem Ehrgeiz weh. Das Erniedrigendste an ihrer Lage aber war, daß dieser Wolodja der Kleine ihr nach ihrer Hochzeit plötzlich in auffallender Weise seine Aufmerksamkeit zuwendete, was früher nie der Fall war; er saß stundenlang an ihrer Seite, schwieg oder redete irgendeinen Unsinn; und auch jetzt im Schlitten trat er ihr, ohne mit ihr zu sprechen, leicht auf den Fuß und drückte ihre Hand; offenbar hatte er nur darauf gewartet, daß sie sich verheirate; es war auch offenbar, daß er sie verachtete, und daß sie in ihm nur ein ganz bestimmtes Interesse als ein schlechtes und verdorbenes Frauenzimmer weckte. Und wenn sich in ihrer Seele der Triumph und die Liebe zum Mann mit dem Gefühl der Erniedrigung und des verletzten Stolzes mischten, geriet sie in eine eigentümliche Raserei und hatte den Wunsch, auf den Bock zu steigen, zu schreien und zu pfeifen ... Gerade als sie am Frauenkloster vorbeifuhren, ertönte das Dröhnen der großen, viele Zentner schweren Glocke. Rita bekreuzigte sich. »In diesem Kloster wohnt unsere Olja,« sagte Ssofja Lwowna. Auch sie bekreuzigte sich und fuhr zusammen. »Warum ist sie eigentlich ins Kloster gegangen?« fragte der Oberst. » Par dépit ,« antwortete Rita böse, offenbar mit einer Anspielung auf die Ehe Ssofja Lwownas mit Jagitsch. »Dieses › par dépit ‹ ist jetzt Mode. Eine Herausforderung an die ganze Welt. Sie war so lustig, eine raffinierte Kokette, liebte nur die Bälle und ihre Kavaliere, und jetzt haben wir's! Damit alle staunen!« »Es ist nicht wahr,« sagte Wolodja der Kleine, seinen Pelzkragen umlegend, so daß sein hübsches Gesicht sichtbar wurde. »Es war kein par dépit , sondern ein unsagbares Grauen. Ihren Bruder Dmitrij hat man nach Sibirien verschickt, und niemand weiß, wo er jetzt ist. Und ihre Mutter starb vor Kummer.« Und er stülpte den Kragen wieder auf. »Olja hat ganz recht getan,« fügte er dumpf hinzu. »Als Pflegetochter zu leben, dazu noch mit einem solchen Goldkinde wie Ssofja Lwowna, sowas überlegt man sich erst!« Ssofja Lwowna hörte in seiner Stimme einen verächtlichen Unterton und wollte ihm eine Frechheit sagen, sagte aber nichts. Ihrer hatte sich wieder die gleiche tolle Stimmung bemächtigt; sie stellte sich im Schlitten auf und schrie mit weinerlicher Stimme: »Ich will zur Frühmesse! Kutscher, zurück! Ich will die Olja sehen!« Sie wandten um. Die Klosterglocke dröhnte tief und sprach, wie es Ssofja Lwowna vorkam, von Olja und von ihrem Leben. Nun begann man auch in den anderen Kirchen zu läuten. Als der Kutscher das Dreigespann anhielt, sprang Ssofja Lwowna aus dem Schlitten und ging allein, ohne Begleiter, mit schnellen Schritten zum Klostertor. »Mach' es, bitte, etwas schneller!« rief ihr der Mann zu. »Es ist schon spät!« Sie passierte ein dunkles Tor und ging die Allee entlang, die vom Tore zur Hauptkirche führte; der Schnee knirschte unter ihren Füßen, und das Glockengeläute tönte direkt über ihrem Kopfe und durchdrang gleichsam ihr ganzes Wesen. Da ist schon die Kirchentür, drei Stufen führen hinab, dann kommt die Vorhalle mit Darstellungen von Heiligen zu beiden Seiten, es riecht noch Wacholder und Weihrauch; dann kommt noch eine Türe, eine dunkle kleine Gestalt macht sie vor ihr auf und verbeugt sich tief, fast zur Erde ... Der Gottesdienst hat noch nicht begonnen. Eine Nonne geht vor der heiligen Wand hin und her und entzündet die Kerzen, eine andere zündet die Lichter im Kronleuchter an. Hier und dort stehen an den Säulen und vor den Seitenkapellen unbewegliche schwarze Gestalten. »So werden sie jetzt hier bis zum Morgen stehen!« dachte sich Ssofja Lwowna, und es kam ihr hier so finster, kalt und langweilig vor, viel öder als auf einem Friedhofe. Gelangweilt betrachtete sie die unbeweglichen, gleichsam erstarrten Gestalten, und plötzlich krampfte sich ihr Herz zusammen. In einer der Nonnen, die klein gewachsen war, schmächtige Schultern und ein schwarzes Tüchlein auf dem Kopfe hatte, erkannte sie, sie wußte selbst nicht woran, Olja, obwohl Olja, als sie ins Kloster ging, voller und vielleicht auch größer ausgesehen hatte. Unentschlossen, in starker Erregung ging Ssofja Lwowna auf die Novize zu, blickte ihr über die Schulter ins Gesicht und erkannte Olja. »Olja!« rief sie und schlug die Hände zusammen. Vor Erregung konnte sie kaum sprechen. »Olja!« Die Nonne erkannte sie sofort; sie hob erstaunt die Brauen, und ihr blasses, reines, frisch gewaschenes Gesicht und selbst das weiße Tuch, das unter dem schwarzen hervorlugte, erstrahlten vor Freude. »Da hat mir der Herr ein Wunder beschert!« sagte sie und schlug gleichfalls ihre mageren blassen Hände zusammen. Ssofja Lwowna umarmte und küßte sie fest, fürchtete aber dabei, daß die Nonne den Weingeruch spüren könnte. »Wir fuhren eben vorbei und erinnerten uns deiner,« sagte sie, wie nach schnellem Gehen keuchend. »Mein Gott, wie blaß du bist! Ich ... ich freue mich sehr, dich zu sehen. Nun, wie geht's? Langweilst du dich nicht?« Ssofja Lwowna blickte auf die anderen Nonnen zurück und fuhr mit gedämpfter Stimme fort: »Bei uns gibt es viele Neuigkeiten ... Weißt du, ich habe Wladimir Nikitytsch Jagitsch geheiratet. Du kannst dich seiner sicher erinnern ... Ich bin mit ihm sehr glücklich.« »Nun, Gott sei gelobt. Und wie geht es deinem Papa?« »Es geht ihm gut. Er denkt oft an dich. Besuch' uns doch in den Feiertagen, Olja. Hörst du?« »Ich werde kommen,« sagte Olja und lächelte. »Ich werde am zweiten Feiertag kommen.« Ssofja Lwowna fing, sie wußte selbst nicht warum, zu weinen an. Nachdem sie eine Weile leise geweint hatte, wischte sie sich die Augen und sagte: »Es wird Rita sehr leid tun, daß sie dich nicht gesehen hat. Sie ist hier mit uns. Auch Wolodja ist hier. Sie warten draußen vor dem Tor. Wie froh wären sie, wenn sie dich sehen könnten! Komm doch zu ihnen hinaus, der Gottesdienst hat ja noch nicht angefangen.« »Gut, gehen wir,« sagte Olja. Sie bekreuzigte sich dreimal und ging mit Ssofja Lwowna zum Ausgang. »Du sagst also, daß du glücklich bist, Ssonetschka?« fragte sie, als sie vor dem Tore waren. »Sehr glücklich!« »Gott sei Dank.« Als Wolodja der Große und Wolodja der Kleine die Nonne erblickten, stiegen sie aus dem Schlitten und begrüßten sie mit Ehrfurcht; sie waren beide von ihrem blassen Gesicht und dem schwarzen Nonnengewand sichtlich gerührt, und beiden war es angenehm, daß sie sich ihrer erinnert hatte und herausgekommen war, um sie zu begrüßen. Damit sie es nicht kalt habe, hüllte sie Ssofja Lwowna in den Plaid und schlug einen Schoß ihres Pelzmantels um sie. Die vor kurzem vergossenen Tränen hatten ihre Seele erleichtert und erheitert, und sie freute sich, daß diese lärmende, unruhige und im Grunde genommen unreine Nacht unerwartet ein so reines und sanftes Ende genommen hatte. Um Olja möglichst lange bei sich zu behalten, machte sie den Vorschlag: »Wir wollen sie etwas spazieren fahren! Olja, setz dich, wir fahren nur eine Weile.« Die Männer erwarteten, daß die Nonne sich weigern würde, – die Heiligen pflegen ja nie Troika zu fahren, – doch zu ihrem Erstaunen willigte sie ein und stieg in den Schlitten. Während die Troika in der Richtung zur Stadt dahinsauste, schwiegen sie alle und waren nur um das eine besorgt, daß Olja es bequem und warm habe, und ein jeder dachte, wie sie früher gewesen war und was aus ihr geworden ist. Jetzt hat sie ein leidenschaftsloses, ausdrucksloses, kaltes und blasses Gesicht, so durchsichtig, als hätte sie in ihren Adern statt Blut Wasser. Aber vor zwei oder drei Jahren war sie so voll und rotbackig gewesen, hatte nur von Verehrern gesprochen und wegen jedes Unsinns wie wahnsinnig gelacht ... Vor der Stadtgrenze wandte die Troika wieder um; als sie nach zehn Minuten vor dem Kloster hielt, stieg Olja aus dem Schlitten. Jetzt läuteten schon alle Glocken durcheinander. »Der Herr sei euch gnädig,« sagte Olja und verbeugte sich tief auf Nonnenart. »Komm doch zu uns, Olja.« »Gut, ich werde kommen.« Sie entfernte sich mit schnellen Schritten und verschwand bald im dunklen Tore. Als die Troika weiterfuhr, überkam alle auf einmal, sie wußten selbst nicht warum, eine gedrückte Stimmung. Alle schwiegen. Ssofja Lwowna fühlte sich plötzlich schwach und ließ den Mut sinken; daß sie die Nonne gezwungen hatte, sich in den Schlitten zu setzen und in einer nicht ganz nüchternen Gesellschaft Troika zu fahren, erschien ihr jetzt dumm und taktlos, beinahe als Blasphemie; zugleich mit dem Rausche hatte sich in ihr auch der Wunsch verflüchtigt, sich selbst zu betrügen, und es war ihr nun klar, daß sie ihren Mann nicht liebte und auch nicht lieben konnte, daß alles nichts als Unsinn und Dummheit war. Sie hatte ihn geheiratet, weil er, wie ihre Institutsfreundinnen sagten, blödsinnig reich war, weil sie fürchtete, wie die Rita als alte Jungfer sitzen zu bleiben, weil ihr Vater, der Militärarzt, ihr auf die Nerven ging und weil sie Wolodja den Kleinen ärgern wollte. Hätte sie vor der Heirat ahnen können, daß es so schwer, unheimlich und häßlich werden würde, so wäre sie um nichts in der Welt zur Trauung gegangen. Das Unglück ließ sich jetzt nicht wieder gutmachen. Sie mußte sich damit abfinden. Sie kamen nach Haus. Als Ssofja Lwowna sich in ihr warmes weiches Bett legte und unter die Decke schlüpfte, erinnerte sie sich wieder der dunklen Kirchenvorhalle, des Weihrauchgeruchs und der Gestalten an den Säulen, und es wurde ihr ganz unheimlich bei dem Gedanken, daß diese Gestalten, solange sie schliefe, unbeweglich stehen würden. Die Frühmesse wird furchtbar lange dauern, dann kommen die Horen, dann die Spätmesse und ein Bittgottesdienst ... – Es gibt aber einen Gott, es gibt ihn bestimmt, und ich werde unbedingt sterben, folglich muß ich früher oder später auch an meine Seele, an das ewige Heil denken, wie Olja. Olja ist jetzt gerettet, sie hat alle Fragen gelöst ... Wenn es aber keinen Gott gibt? Dann ist ihr Leben verloren. Wie ist es aber verloren? Warum verloren? – Nach einer Minute denkt sie sich wieder: – Gott ist, der Tod wird unbedingt kommen, und man muß an sein Seelenheil denken. Wenn Olja in diesem Augenblick ihren Tod vor sich sieht, so wird sie nicht erschrecken. Sie ist bereit. Das Wichtigste aber ist, daß sie die Lebensfrage für sich schon gelöst hat. Gott ist ... ja ... Gibt es aber keinen anderen Ausweg, als ins Kloster zu gehen? Das bedeutet doch, sich vom Leben loszusagen, sein Leben zugrunde zu richten ... – Ssofja Lwowna wurde es ein wenig unheimlich zumute, und sie vergrub den Kopf unter das Kissen. »Man soll nicht daran denken,« flüsterte sie. »Nein, das soll man nicht ...« Jagitsch ging, leise mit den Sporen klirrend, im Nebenzimmer auf dem Teppich auf und ab und dachte über etwas nach. Ssofja Lwowna kam der Gedanke, daß dieser Mensch ihr nur aus einem Grunde wert und lieb sei: weil auch er Wladimir heiße. Sie setzte sich im Bette auf und rief zärtlich: »Wolodja!« »Was willst du?« fragte der Mann. »Nichts.« Sie legte sich wieder hin. Sie hörte Glockengeläute, das vielleicht sogar von jenem Kloster kam: sie erinnerte sich wieder der Vorhalle und der dunklen Gestalten; sie dachte wieder an Gott und an den unvermeidlichen Tod, und zog die Bettdecke über den Kopf, um das Glockengeläute nicht mehr zu hören: sie sagte sich, daß dem Alter und dem Tode ein unendliches Leben vorangehen werde: sie werde von Tag zu Tag mit der Nähe eines ungeliebten Mannes, der eben ins Schlafzimmer gekommen ist und sich gerade auszieht, rechnen und in sich die hoffnungslose Liebe zu einem anderen jungen, reizenden und, wie sie glaubte, ungewöhnlichen Manne ersticken müssen. Sie blickte ihren Mann an und wollte ihm gute Nacht sagen, fing aber statt dessen plötzlich zu weinen an. Sie ärgerte sich über sich selbst. »Nun, jetzt geht die Musik los!« sagte Jagitsch. Sie beruhigte sich, doch spät, erst um die zehnte Morgenstunde: sie hörte auf zu weinen und am ganzen Körper zu zittern, bekam aber dafür heftige Kopfschmerzen. Jagitsch wollte zur Spätmesse gehen und brummte im Nebenzimmer seinen Burschen an, der ihm beim Anziehen half. Leise mit den Sporen klirrend, kam er ins Schlafzimmer, um etwas zu holen, kam dann noch einmal, diesmal mit Epauletten und Orden, vor Rheuma leicht hinkend, und Ssofja Lwowna schien es aus irgendeinem Grunde, daß er wie ein Raubtier schleiche und lausche. Dann hörte sie, wie Jagitsch telephonierte. »Sind Sie so gut, verbinden Sie mich mit der Wassiljewschen Kaserne!« sagte er. Nach einer Minute fuhr er fort: »Die Wassiljewsche Kaserne? Rufen Sie, bitte, den Doktor Ssalimowitsch zum Telephon ...« Nach einer weiteren Minute: »Wer ist am Telephon? Bist du es, Wolodja? Freut mich sehr. Liebster, bitte deinen Vater, er möchte sofort zu uns kommen, meine Gattin ist nach der letzten Nacht ganz aus dem Leim gegangen. Du sagst, er ist nicht zu Hause? Hm ... Ich danke. Sehr schön ... du erweist mir damit einen großen Dienst ...« Jagitsch kam nun zum dritten Male ins Schlafzimmer, beugte sich über seine Frau, bekreuzigte sie, ließ sich von ihr die Hand küssen (alle Frauen, die ihn liebten, pflegten ihm immer die Hand zu küssen, und er war es so gewöhnt) und sagte, daß er zum Essen zurückkehren werde. Und dann ging er. Gegen zwölf Uhr meldete das Dienstmädchen den Besuch Wladimir Michailytschs. Ssofja Lwowna zog schnell, vor Müdigkeit und Kopfschmerzen wankend, ihren neuen wunderbaren, pelzverbrämten, fliederfarbenen Morgenrock an und brachte flüchtig ihr Haar in Ordnung: sie fühlte in ihrer Seele unsagbare Zärtlichkeit und zitterte vor Freude und vor Angst, daß er wieder weggehen könnte. Sie wollte nur einen Blick auf ihn werfen. Wolodja der Kleine kam als offizieller Besuch, ganz wie sich's gehört, in Frack und weißer Binde. Als Ssofja Lwowna in den Salon kam, küßte er ihr die Hand und bedauerte lebhaft, daß sie sich unwohl fühle. Sie setzten sich, und er lobte ihren Morgenrock. »Mich hat die gestrige Begegnung mit Olja so aufgeregt,« sagte sie. »Anfangs war es mir unheimlich, aber jetzt beneide ich sie. Sie ist ein unerschütterlicher Fels, der sich nicht mehr verrücken läßt. Hat sie aber wirklich keinen anderen Ausweg gehabt, Wolodja? Bedeutet denn dieses Begrabensein bei lebendigem Leibe die Lösung aller Lebensfragen? Das ist ja der Tod und kein Leben.« Als sie Olja erwähnte, drückte das Gesicht Wolodjas des Kleinen Rührung aus. »Sie sind ein kluger Mensch, Wolodja,« sagte Ssofja Lwowna. »Lehren Sie mich, daß ich ihrem Beispiele folgen soll. Ich bin zwar ungläubig und werde nie ins Kloster gehen, kann aber doch wohl etwas tun, was dem gleich käme. Mein Leben ist nicht leicht,« fuhr sie nach einer Pause fort. »Belehren Sie mich doch. Sagen Sie mir etwas Überzeugendes, nur ein Wort.« »Ein Wort? Ich bitte sehr: Tararabumdiä.« »Wolodja, weshalb verachten Sie mich?« fragte sie lebhaft. »Sie sprechen zu mir in einer besonderen, verzeihen Sie, geckenhaften Sprache, wie man mit seinen Freunden und anständigen Frauen nicht zu sprechen pflegt. Sie haben Erfolg als Gelehrter, Sie lieben die Wissenschaft, warum sprechen Sie aber mit mir nie von der Wissenschaft? Warum? Bin ich unwürdig?« Wolodja der Kleine verzog geärgert das Gesicht und sagte: »Warum verlangen Sie plötzlich nach der Wissenschaft? Wollen Sie vielleicht auch eine Verfassung? Oder vielleicht gar Stockfisch mit Meerrettich?« »Also gut, ich bin eine unbedeutende, schlechte, prinzipienlose, beschränkte Frau ... Ich habe eine Menge Fehler, ich bin überspannt und verdiene jede Verachtung. Sie sind aber zehn Jahre älter als ich, Wolodja, und mein Mann ist um dreißig Jahre älter. Ich bin vor Ihren Augen aufgewachsen, und Sie hätten, wenn Sie gewollt hätten, aus mir alles machen können, sogar einen Engel. Aber Sie ... (ihre Stimme zitterte) Sie behandeln mich schrecklich. Jagitsch hat mich als alter Mann geheiratet, und Sie ...« »Genug, genug,« sagte Wolodja, näher rückend und ihr beide Hände küssend. »Wir wollen es den Schopenhauers überlassen, zu philosophieren und Beliebiges zu beweisen; wir wollen nur Ihre Händchen küssen.« »Sie verachten mich und wissen gar nicht, wie sehr ich darunter leide!« sagte sie unsicher, denn sie wußte im voraus, daß er es ihr nicht glauben würde. »Wenn Sie aber wüßten, wie sehr ich eine andere werden und ein neues Leben beginnen möchte! Ich denke daran mit Begeisterung,« sagte sie, während ihr vor Begeisterung wirklich Tränen in die Augen traten. »Ich will ein guter, ehrlicher Mensch sein, niemals lügen, ein Lebensziel haben ...« »Bitte, bitte, spielen Sie keine Komödie! Ich mag es nicht!« sagte Wolodja mit unzufriedener Miene. »Ganz wie auf der Bühne. Wir wollen uns wie Menschen benehmen.« Damit er nicht böse werde und nicht weggehe, fing sie an, sich zu rechtfertigen und ihm zuliebe zu lächeln. Dann brachte sie aber wieder die Rede auf Olja und darauf, wie gerne sie alle Lebensfragen lösen und ein Mensch werden möchte. »Ta–ra–ra–-bumdiä ...« sang er leise. »Tara–ra – bumdiä!« Und plötzlich nahm er sie um die Taille. Sie aber legte ihm, ohne zu wissen, was sie tat, beide Hände auf die Schultern und sah eine Minute lang entzückt, wie berauscht auf sein kluges, spöttisches Gesicht, auf seine Augen und auf seinen schönen Bart ... »Du weißt es ja schon selbst längst, wie ich dich liebe!« gestand sie ihm. Sie errötete schmerzlich und fühlte, wie sich sogar ihre Lippen vor Scham verzerrten. »Ich liebe dich. Warum quälst du mich?« Sie schloß die Augen und küßte ihn fest auf den Mund, lange, vielleicht eine ganze Minute lang, konnten sie diesen Kuß nicht abbrechen, obwohl sie wußte, wie unanständig es war, daß er selbst sie verurteilen würde und daß das Dienstmädchen hereinkommen könnte ... »Oh, wie du mich quälst!« wiederholte sie. Als er nach einer halben Stunde, nachdem er das, was er haben wollte, bekommen hatte, im Eßzimmer saß und aß, lag sie vor ihm auf den Knien und blickte ihm gierig in die Augen; und er sagte ihr, daß sie einem Hündchen gleiche, das auf ein Stückchen Schinken warte. Dann setzte er sie sich auf ein Knie, wiegte sie wie ein Kind und sang: »Tara rabumdiä ... Tara – rabumdiä!« Und als er sich verabschiedete, fragte sie ihn mit leidenschaftlicher Stimme: »Wann? Heute? Wo?« Und sie streckte beide Hände nach seinem Munde aus, als wollte sie die Antwort mit den Händen auffangen. »Heute wird es kaum gehen,« sagte er, nachdem er etwas nachgedacht hatte. »Vielleicht morgen.« Und sie trennten sich. Vor dem Essen fuhr Ssofja Lwowna ins Kloster, aber man sagte ihr, daß Olja irgendwo bei einer Leiche die Psalmen lese. Aus dem Kloster fuhr sie zu ihrem Vater und traf auch ihn nicht an. Dann wechselte sie die Droschke und begann planlos durch die Straßen und Gassen herumzufahren. So fuhr sie bis zum Abend. Dabei mußte sie aus irgendeinem Grunde an jene Tante mit den verweinten Augen denken, die sich gleichfalls keinen Ort finden konnte. Nachts fuhren sie aber wieder mit einer Troika und hörten Zigeunergesang in einem Vorstadtrestaurant. Und als sie am Kloster vorbeifuhren, dachte Ssofja Lwowna wieder an Olja, und es wurde ihr unheimlich beim Gedanken, daß es für die Frauen und Mädchen ihrer Kreise keinen anderen Ausweg gäbe, als unaufhörlich Troika zu fahren, oder ins Kloster zu gehen und das Fleisch abzutöten ... Am nächsten Tag hatte sie aber eine Zusammenkunft mit Wolodja, und Ssofja Lwowna fuhr wieder allein mit einer Droschke durch die Stadt und dachte an die Tante. Nach acht Tagen gab ihr Wolodja der Kleine den Laufpaß. Und dann begann wieder ein langweiliges, uninteressantes und zuweilen auch qualvolles Leben. Der Oberst und Wolodja der Kleine spielten stundenlang Billard und Piquet. Rita erzählte langweilig und fade ihre Witze, Ssofja Lwowna fuhr immer mit Droschken herum und bat ihren Mann, mit ihr wieder einmal Troika zu fahren. Sie kam fast jeden Tag ins Kloster, setzte Olja zu, beklagte sich über ihre unerträgliche Qual und weinte. Dabei hatte sie das Gefühl, daß sie in die Klosterzelle etwas Unreines, Jämmerliches, Abgelebtes hereinbrachte. Olja aber sagte ihr mechanisch, wie man eine Lektion aufzusagen pflegt, daß alles keine Bedeutung habe, daß alles vergänglich sei und daß Gott ihr verzeihen werde. Ein Fall aus der Praxis Der Professor erhielt ein Telegramm von der Ljalikowschen Fabrik: man bat ihn, möglichst sofort zu kommen. Erkrankt war die Tochter irgendeiner Frau Ljalikow, offenbar der Besitzerin der Fabrik; sonst konnte man aus dem langen, ungeschickt aufgesetzten Telegramm nichts verstehen. Der Professor fuhr auch gar nicht hin, sondern schickte an seiner Statt seinen Assistenten Koroljow. Von Moskau mußte man zwei Stationen mit der Eisenbahn fahren, und von da an die vier Werst mit dem Wagen. Koroljow wurde an der Bahnstation von einer Troika abgeholt; der Kutscher hatte einen Hut mit Pfauenfedern auf und beantwortete alle Fragen wie ein Soldat: »Zu Befehl, nein!« –»Zu Befehl, ja!« Es war Sonnabend, und die Sonne ging eben unter. Von der Fabrik zur Station wanderten ganze Scharen von Arbeitern, die vor den Pferden, mit denen Koroljow fuhr, die Mützen zogen. Der Assistent geriet in den Bann des Abends, der Landgüter und Villen zu beiden Seiten der Straße, der Birken und der ganzen stillen Stimmung, und es war ihm, als bereiteten sich auch das Feld, der Wald und die Sonne zugleich mit den Arbeitern vor, einen ganzen Tag zu ruhen und vielleicht auch zu beten ... Koroljow war in Moskau geboren und aufgewachsen, kannte das flache Land nicht, interessierte sich niemals für Fabriken und war noch niemals in einer solchen gewesen. Er hatte aber einiges über die Fabriken gelesen und mit Fabriksherren verkehrt und gesprochen; und sooft er in der Ferne oder in der Nähe eine Fabrik sah, kam ihm der Gedanke, daß von außen besehen alles wohl still und ordentlich sei, innen aber undurchdringliche Roheit und stumpfer Egoismus der Besitzer, langweilige und ungesunde Arbeit der Arbeiter, Zank, Schnaps und Ungeziefer herrschen. Als die Arbeiter jetzt ehrerbietig und scheu vor seinem Wagen auswichen, sah er ihren Gesichtern, ihren Mützen, ihrer Gangart physische Unsauberkeit, Trunksucht, Nervosität und innere Unsicherheit an. Der Wagen rollte durch das Fabrikstor. Zu beiden Seiten huschten kleine Arbeiterhäuser, Frauengesichter, Wäsche und Bettdecken vor den Türen vorbei. »Obacht!« schrie der Kutscher, ohne die Pferde anzuhalten. Da ist der geräumige Hof ohne Gras, und darin stehen fünf, voneinander entfernte, riesengroße Gebäude mit Kaminen, Lagerschuppen, Baracken, und alles ist grau, wie mit Staub überhaucht. Hie und da sind ärmliche Gärtchen und grüne und rote Dächer der Beamtenhäuser zu sehen. Der Kutscher hielt plötzlich vor einem frisch mit grauer Farbe gestrichenen Hause; davor befand sich ein kleiner Vorgarten mit staubbedecktem Flieder, und auf der gelben Freitreppe roch es stark nach Farbe. »Bitte, Herr Doktor,« sagten einige Frauenstimmen im Flur und im Vorzimmer; auch Seufzer und Flüstern waren zu hören. »Bitte, wir haben Sie kaum erwarten können ... ein wahres Unglück. Wollen Sie, bitte, hier eintreten.« Frau Ljalikow, eine ältere korpulente Dame im schwarzen Seidenkleid mit modernen Aermeln, doch nach dem Gesicht zu schließen eine einfache, ungebildete Person, sah den Arzt besorgt an und wagte nicht, ihm die Hand zu reichen. Neben ihr stand ein weibliches Wesen mit kurzem Haar, mit einem Zwicker auf der Nase, in einer buntfarbigen Bluse, hager und nicht mehr jung. Die Dienerschaft nannte sie Christina Dmitrijewna, und Koroljow erriet, daß es die Gouvernante war. Sie war offenbar, als die gebildetste Person im Hause, beauftragt, den Arzt zu empfangen; sie fing jedenfalls sofort an, in großer Hast die Ursachen der Krankheit mit kleinlichen, überflüssigen Details darzulegen, doch ohne zu erwähnen, wer krank sei und um was es sich eigentlich handle. Der Doktor und die Gouvernante saßen und sprachen, und die Frau des Hauses stand unbeweglich bei der Tür und wartete. Koroljow erfuhr aus dem Gespräch, daß die Patientin die einzige Tochter und Erbin der Frau Ljalikow, Lisa, ein etwa zwanzigjähriges junges Mädchen sei; sie sei schon seit langem krank und hätte sich von verschiedenen Aerzten behandeln lassen; in der letzten Nacht, vom Abend bis zum Morgen, hätte sie solches Herzklopfen gehabt, daß kein Mensch im Hause geschlafen habe; man hätte gefürchtet, sie könnte sterben. »Man kann wohl sagen, daß sie schon seit der frühesten Kindheit kränkelt,« berichtete Christina Dmitrijewna mit singender Stimme, sich jeden Augenblick die Lippen mit der Hand wischend. »Die Aerzte sagen, es seien die Nerven; als sie aber klein war, haben ihr die Aerzte die Skrofeln ins Innere gejagt, und ich glaube, das Ganze kommt davon.« Nun ging man zu der Kranken. Schon ganz erwachsen, groß und gut gebaut, doch unschön und der Mutter ähnlich, mit den gleichen kleinen Augen und der unverhältnismäßig kräftig entwickelten unteren Gesichtshälfte, unfrisiert, bis zum Kinn unter der Bettdecke steckend, machte sie im ersten Augenblick auf Koroljow den Eindruck eines unglücklichen, armen Geschöpfes, das man hier aus Mitleid aufgenommen habe, und er konnte gar nicht glauben, daß sie die Erbin der fünf großen Fabriksgebäude sei. »Wir kommen zu Ihnen,« begann Koroljow, »um Sie zu kurieren. Guten Tag.« Er nannte seinen Namen und drückte ihr die Hand – eine große, unschöne, kalte Hand. Sie setzte sich auf und ließ sich, offenbar schon seit langem an ärztliche Besuche gewöhnt und ohne sich zu genieren, daß ihr Hals und ihre Brust entblößt waren, behorchen und beklopfen. »Ich habe Herzklopfen,« sagte sie. »Die ganze Nacht war so schrecklich ... ich bin beinahe vor Schreck gestorben! Geben Sie mir irgend etwas.« »Gewiß, gewiß! Beruhigen Sie sich nur.« Koroljow untersuchte sie und zuckte die Achseln. »Das Herz arbeitet tadellos,« sagte er, »alles ist in bester Ordnung. Wahrscheinlich sind die Nerven etwas überspannt, aber das kommt so häufig vor. Der Anfall ist anscheinend zu Ende. Versuchen Sie mal einzuschlafen.« In diesem Augenblick brachte man eine Lampe herein. Die Kranke kniff die Augen zusammen, griff sich plötzlich an den Kopf und begann zu schluchzen. Und der Eindruck eines unglücklichen, unschönen Wesens war plötzlich verschwunden, und Koroljow sah nicht mehr die kleinen Augen und die roh entwickelte untere Gesichtshälfte; er sah nur einen sanften, gequälten Ausdruck, der so verständig und rührend war, und sie erschien ihm auf einmal so schlank, frauenhaft und einfach, daß er das Bedürfnis fühlte, sie nicht mit einer Arznei oder ärztlichem Rat, sondern mit einfachen freundlichen Worten zu beruhigen. Die Alte umschlang ihren Kopf und drückte ihn an sich. Wieviel Verzweiflung und Gram drückte das Gesicht der Mutter aus! Sie hatte ja die Tochter großgezogen, hatte nicht gegeizt und ihr ganzes Leben hingegeben, um der Tochter Französisch, Tanzen und Musik beibringen zu lassen: sie hatte für sie an die zehn Lehrer gehalten, immer die besten Aerzte konsultiert und eine Gouvernante aufgenommen; und nun konnte sie nicht begreifen, woher diese Tränen kamen, welche Ursache dieses ganze Elend hatte; sie begriff nichts und war ratlos, und ihr Gesicht drückte Schuldbewußtsein, Unruhe und Verzweiflung aus, als hätte sie etwas sehr Wichtiges versäumt, als hätte sie etwas unterlassen, jemand zu berufen vergessen, – doch wen, das wußte sie nicht. »Lisa, nun bist du wieder so ... schon wieder,« sagte sie, die Tochter an sich drückend. »Meine Liebe, mein Kind, mein Täubchen, sag', was ist mit dir! Hab' Mitleid mit mir, sag' es.« Die beiden weinten bitterlich. Koroljow setzte sich auf den Bettrand und nahm Lisas Hand. »Beruhigen Sie sich doch, wozu weinen?« sagte er freundlich. »Es gibt doch in der Welt nichts, was diese Tränen verdiente. Wir wollen nicht mehr weinen. Sie sollen nicht ...« Und dabei dachte er sich: – Die sollte man längst verheiraten. – »Unser Fabriksarzt gab ihr Kali bromati,« sagte die Gouvernante, »ich sehe aber, daß es ihr schadet. Ich glaube, daß man gegen Herzbeschwerden nur Tropfen geben soll. Ich habe vergessen, wie die heißen ... Vielleicht Maiglöckchentropfen.« Und dann kamen wieder allerlei Einzelheiten. Sie unterbrach den Arzt, ließ ihn nicht zu Worte kommen, und ihr Gesicht hatte einen leidenden Ausdruck, als hielte sie sich, als der gebildetste Mensch im Hause, für verpflichtet, mit dem Arzte ununterbrochen über Medizin zu sprechen. Koroljow wurde es langweilig. »Ich finde nichts Besonderes,« sagte er der Mutter, das Krankenzimmer verlassend. »Wenn Ihre Tochter bisher vom Fabriksarzt behandelt wurde, so soll er sie nur weiter behandeln. Die Behandlung war richtig, und ich sehe keine Notwendigkeit, den Arzt zu wechseln. Wozu auch? Die Krankheit ist ja so gewöhnlich, es ist nichts Ernstes ...« Er sprach langsam und zog sich dabei die Handschuhe an. Frau Ljalikow stand aber unbeweglich da und sah ihn mit verweinten Augen an. »Bis zum Neunuhrzug bleibt mir nur noch eine halbe Stunde,« sagte er. »Ich hoffe, daß ich nicht zu spät komme.« »Können Sie denn nicht bei uns bleiben?« fragte sie, und Tränen liefen ihr wieder die Wangen herab. »Ich muß mich schämen, Sie zu belästigen, aber seien Sie so gut ... um Gottes willen,« fuhr sie leise fort, auf die Tür zurückblickend. »Uebernachten Sie doch bei uns. Ich hab' nur das eine Kind ... Solche Angst hat sie uns in der vergangenen Nacht gemacht, daß ich gar nicht zu mir kommen kann ... Fahren Sie, um Gottes willen, noch nicht weg ...« Er wollte ihr sagen, daß er in Moskau viel Arbeit habe, daß ihn seine Familie erwarte; es fiel ihm schwer, den ganzen Abend und die ganze Nacht ohne besondere Notwendigkeit in einem fremden Hause zuzubringen. Als er aber ihr Gesicht ansah, seufzte er und begann die Handschuhe wieder auszuziehen. Im Saal und im Gastzimmer wurden ihm zu Ehren alle Lampen und Lichter angezündet. Er saß vor dem Klavier und blätterte in den Noten, dann sah er sich die Bilder und Bildnisse an den Wänden an. Die goldgerahmten Oelbilder stellten Krimlandschaften dar, ein stürmisches Meer mit einem Schiffchen, einen katholischen Mönch mit einem Weinglas in der Hand, und alles war trocken, glatt und talentlos ... Auf den Bildnissen fand er kein einziges schönes, interessantes Gesicht; lauter breite Backenknochen und erstaunte Augen. Ljalikow, der Vater Lisas, hat auf dem Bilde eine niedere Stirne und ein selbstzufriedenes Gesicht; die Uniform sitzt auf seinem unförmlichen, unadligen Körper wie ein Sack; an der Brust prangt eine Medaille und ein Ehrenzeichen vom Roten Kreuz. Die Kultur ist ärmlich, der Luxus ebenso zufällig, sinnlos und unbequem wie diese Uniform; die Fußböden glänzen unerträglich, der Lüfter wirkt aufreizend, und der Arzt mußte unwillkürlich an die Geschichte vom Kaufmann denken, der ins Bad mit der Medaille am Halse zu gehen pflegte. Im Vorzimmer wurde geflüstert, jemand schnarchte leise. Plötzlich klangen aus dem Hofe scharfe, metallische Töne, wie sie Koroljow noch niemals gehört hatte und die er auch jetzt nicht begreifen konnte; sie weckten in seiner Seele einen sonderbaren, unangenehmen Widerhall. – Ich glaube, ich würde hier um nichts in der Welt wohnen bleiben, – sagte er sich und machte sich wieder an die Noten. »Herr Doktor, ich bitte zum Essen!« rief ihn mit leiser Stimme die Gouvernante. Er ging ins Eßzimmer. Auf dem großen Tisch stand eine Menge von Delikatessen und Weinen, am Abendessen nahmen aber nur zwei Personen teil: er und Christina Dmitrijewna. Sie trank Madeira, aß sehr schnell und erzählte, ihn durch ihren Zwicker anblickend: »Die Arbeiter sind mit uns sehr zufrieden. Wir haben hier auf der Fabrik jeden Winter Theatervorstellungen, und die Arbeiter wirken selbst mit; dann gibt es Vorträge mit Lichtbildern, eine ausgezeichnete Teestube, – was kann man noch verlangen? Sie sind uns sehr zugetan, und als sie hörten daß es Lisa schlechter geht, ließen sie einen Bittgottesdienst abhalten. Sie sind zwar ungebildet, fühlen aber doch mit.« »Es sieht beinahe so aus, als ob Sie hier keinen einzigen Mann im Hause hätten,« sagte Koroljow. »Keinen einzigen. Pjotr Nikanorowitsch ist vor einundeinhalb Jahren gestorben, und wir sind allein geblieben. So leben wir zu dritt. Im Sommer hier, und im Winter in Moskau, auf der Poljanka. Ich bin bei ihnen schon seit elf Jahren und werde wie eine Eigene behandelt.« Zum Abendessen gab es Sterlett, Hühnerkoteletts und Kompott; dazu teure französische Weine. »Herr Doktor, seien Sie bitte ganz ungeniert,« sagte Christina Dmitrijewna, essend und sich den Mund mit den Fäustchen abwischend. Es war ihr anzusehen, daß sie hier im Hause mit Wohlbehagen lebte. »Essen Sie, bitte.« Nach dem Abendessen brachte man den Doktor in ein Zimmer, wo für ihn ein Bett bereit stand. Er wollte aber noch nicht schlafen, es war schwül und es roch nach Farbe; er zog sich den Mantel an und ging ins Freie. Draußen war es kühl; die Morgendämmerung brach eben an, und in der feuchten Luft zeichneten sich deutlich die fünf Fabriksgebäude mit ihren hohen Kaminen, die Baracken und Schuppen ab. Des Sonntags wegen wurde nicht gearbeitet, alle Fenster waren dunkel, und nur in einem der Gebäude brannte eine Esse; zwei Fenster waren rot, und aus dem Kamin stieg zugleich mit dem Rauch zuweilen auch Feuer auf. Weit hinter dem Fabrikhofe quakten die Frösche und schlug eine Nachtigall. Beim Anblick der Fabrikgebäude und der Baracken, in denen die Arbeiter schliefen, kamen ihm wieder die Gedanken, die ihm immer beim Anblick von Fabriken zu kommen pflegten. Trotz aller Theateraufführungen, Lichtbildvorträge, Fabriksärzte und aller Verbesserungen, unterschieden sich die Arbeiter, denen er heute, auf dem Wege von der Bahn begegnete, äußerlich durch nichts von den Arbeitern, die er in seiner Kindheit gesehen hatte, als es noch keine Aufführungen und Verbesserungen gab. Als Arzt, der über die chronischen Leiden, deren Grundursachen unbegreiflich und unheilbar waren, richtig urteilte, betrachtete er auch die Fabriken als ein Mißverständnis, dessen Ursache ebenso unklar und irreparabel war, und hielt alle Verbesserungen im Leben der Arbeiter zwar nicht für überflüssig, setzte sie aber der Behandlung unheilbarer Krankheiten gleich. – Das ist natürlich ein Mißverständnis, – dachte er sich, die vom Feuer rot erleuchteten Fenster betrachtend. – Die einundeinhalb bis zweitausend Menschen, die hier unermüdlich arbeiten und einen schlechten Kattun herstellen, werden nie satt und erholen sich nur manchmal in der Branntweinschenke von diesem Alpdruck; hundert Menschen beaufsichtigen die Arbeit, und das ganze Leben dieser hundert Menschen vergeht im Aufschreiben der Strafabzüge, in Schimpfen und Ungerechtigkeit; und nur diese drei Menschen, die sogenannten Besitzer, haben Vorteile davon, obwohl sie selbst gar nicht arbeiten und den schlechten Kattun verachten. Was sind das aber für Vorteile, und wie genießen sie sie? Frau Ljalikow und ihre Tochter sind unglücklich, es ist ein Jammer, sie anzusehen, und nur Christina Dmitrijewna, die dumme alte Jungfer mit dem Zwicker lebt in Freuden. So arbeitet man in diesen fünf Gebäuden und verkauft auf den asiatischen Märkten den schlechten Kattun, nur um Christina Dmitrijewna die Möglichkeit zu geben, Sterlett zu essen und Madeira zu trinken. Plötzlich erklangen wieder die seltsamen Töne, die Koroljow schon vor dem Abendessen gehört hatte. In der Nähe eines der Fabriksgebäude schlug jemand gegen ein Eisenbrett; er schlug und hielt die Töne gleich wieder auf, so daß es kurz, scharf und unrein klang, wie »drr ... drr ... drrr ...« Nach einer Pause von einer halben Minute erklangen bei einem anderen Gebäude ebenso kurze und unangenehme, doch etwas tiefere Töne, wie: »drn ... drn ... drn ...« Elf Nachtwächter schlugen offenbar die Stunde. In der Nähe des dritten Gebäudes erklang es plötzlich wie: »schak ... schak ... schak ...« Und so tönte es vor allen Gebäuden, neben den Baracken und hinter dem Tore. Es war, als stieße diese Töne in der nächtlichen Stille jenes Ungeheuer mit den blutroten Augen, der Teufel selbst aus, der hier die Besitzer, wie die Arbeiter in seiner Gewalt hatte und die einen, wie die andern betrog. Koroljow ging aus dem Hofe ins freie Feld. »Wer da?« rief ihn am Tore eine rohe Stimme an. –Es ist wie im Zuchthause ...– sagte er sich und gab keine Antwort. Draußen schmetterten die Frösche und die Nachtigallen lauter, und die Mainacht ließ sich stärker fühlen. Von der Station her klang das Dröhnen eines Zuges; irgendwo krähten verschlafene Hähne, die Nacht war aber trotzdem still, und die Welt lag im ruhigen Schlafe. Im Felde, unweit der Fabrik, stand ein Balkengerüst, daneben war Material für einen Neubau aufgeschichtet. Koroljow setzte sich auf die Bretter und dachte weiter: –Wohl fühlt sich hier nur die Gouvernante, und die ganze Fabrik arbeitet nur für sie und zu ihrem Vergnügen. Es sieht aber nur so aus, und sie ist wie eine Strohpuppe. Die Hauptperson, für die hier alles geschieht, ist der Teufel.– Und er dachte an den Teufel, an den er nicht glaubte, und blickte auf die beiden Fenster zurück, in denen Licht brannte. Es war ihm, als sähe ihn mit diesen feuerroten Augen der Teufel selbst an, jene unbekannte Gewalt, die die Beziehungen zwischen den Starken und Schwachen, diesen groben Fehler geschaffen hatte, den man jetzt nicht wieder gutmachen kann. Der Starke muß den Schwachen am Leben hindern,–das ist ein Naturgesetz; es ist aber nur in einem Zeitungsartikel oder in einem Lehrbuch verständlich und erfaßbar, doch in dem Brei, den das alltägliche Leben darstellt, im Gewirr all der Kleinlichkeiten, aus denen die Beziehungen unter den Menschen gewoben sind, ist es kein Gesetz mehr, sondern ein logischer Unsinn, denn der Schwache, wie der Starke fallen ihren gegenseitigen Beziehungen zum Opfer, indem sie sich einer unbekannten, außerhalb des Lebens stehenden, dem Menschen fremden, lenkenden Gewalt beugen. Das dachte sich Koroljow, als er auf den Brettern saß, und allmählich überkam ihn ein Gefühl, als sei diese unbekannte, geheimnisvolle Gewalt in der Nähe und blicke ihn an. Der Osten wurde indessen immer heller, und die Zeit verging schnell. Die fünf Fabrikgebäude mit ihren Kaminen, die sich vom grauen Grunde der Morgendämmerung abhoben, während keine Seele in der Nähe war und alles ausgestorben zu sein schien, boten einen ganz besonderen Anblick, einen ganz anderen als am Tage; man vergaß die Dampfmaschinen, die elektrische Einrichtung und die Telephone, die in diesen Gebäuden waren, und dachte unwillkürlich an Pfahlbauten, an die Steinzeit und fühlte die Gegenwart einer rohen, unbewußten Gewalt ... Und wieder hörte er: »Drrr ... drr ... drr ...« Zwölf Mal. Dann wurde alles still. Nach einer halben Minute erklang es aber am anderen Ende des Hofes: »Drn ... drn ... drn ...« –Wie unangenehm!–dachte sich Koroljow. »Schak ... schak ...« ertönte es an einer dritten Stelle, abgerissen, scharf, gleichsam verärgert: »schak ... schak ...« Um Mitternacht zu schlagen, brauchte man an die vier Minuten. Dann wurde alles wieder still; und wieder kam eine Stimmung, als ob alles ausgestorben wäre. Koroljow saß noch eine Weile da, kehrte dann ins Haus zurück, legte sich aber noch lange nicht. In den anliegenden Zimmern wurde geflüstert, und er hörte das Schlürfen von Morgenschuhen und bloßen Füßen. –Hat sie am Ende wieder einen Anfall? – fragte sich Koroljow. Er ging hinaus, um nach der Kranken zu sehen. In den Zimmern war es schon ganz hell, und im Saal zitterte auf dem Fußboden ein schwacher Sonnenschein, der durch den Morgennebel hereindrang. Die Tür zu Lisas Zimmer stand offen, und sie selbst saß, in einen Schal und Morgenrock gehüllt und unfrisiert, in einem Sessel neben dem Bett. Die Fenstervorhänge waren heruntergelassen. »Wie fühlen Sie sich?« »Ich danke.« Er befühlte ihren Puls und strich ihre Haare, die in die Stirn gefallen waren, zurück. »Sie schlafen nicht,« sagte er. »Draußen ist das schönste Wetter, es ist Frühling, die Nachtigallen schlagen, Sie aber sitzen im Dunkeln und grübeln über etwas.« Sie hörte ihm zu und sah ihm ins Gesicht; ihre Augen blickten traurig und klug, und es war in ihnen zu lesen, daß sie ihm etwas sagen wollte. »Haben Sie das oft?« fragte er. Sie bewegte die Lippen und antwortete: »Sehr oft. Fast jede Nacht ist es mir so schwer ums Herz.« In diesem Augenblick begannen die Nachtwächter draußen die zweite Stunde zu schlagen. Es tönte: »drr ... drr ...«, und sie fuhr zusammen. »Beunruhigen Sie diese Töne?« fragte er. »Ich weiß nicht. Alles beunruhigt mich hier,« antwortete sie nachdenklich. »Alles beunruhigt mich. In Ihrer Stimme höre ich Teilnahme; gleich als ich Sie sah, sagte ich mir, daß ich mit Ihnen über alles sprechen kann.« »Sprechen Sie doch bitte.« »Ich will Ihnen meine Ansicht sagen. Ich glaube, daß ich gar nicht krank bin; ich habe aber diese Unruhe und Angst nur darum, weil es so sein muß und gar nicht anders sein kann. Selbst der gesündeste Mensch wird unruhig, wenn vor seinem Fenster ein Räuber schleicht. Ich werde oft von Aerzten behandelt,« fuhr sie fort, sich in den Schoß blickend und verlegen lächelnd, »ich bin natürlich dankbar und leugne den Erfolg der Behandlung nicht; aber ich möchte einmal auch nicht mit einem Arzte, sondern mit einem nahen Menschen, mit einem Freunde sprechen, der alles verstünde und mich überzeugte, daß ich recht oder unrecht habe.« »Haben Sie denn keine Freunde?« fragte Koroljow. »Ich bin einsam. Ich habe wohl meine Mutter, die ich liebe, und doch bin ich einsam. So hat sich einmal mein Leben gefügt ... Die Einsamen lesen viel, aber sprechen und hören wenig; das Leben ist für sie ein Geheimnis; sie sind mystisch veranlagt und sehen oft den Teufel dort, wo er nicht ist. Auch die Tamara bei Lermontow war einsam und sah den Teufel.« »Lesen Sie viel?« »Sehr viel. Ich habe ja immer freie Zeit, vom Morgen bis zum Abend. Am Tage lese ich, und nachts habe ich einen leeren Kopf und Schatten statt Gedanken.« »Sehen Sie etwas in der Nacht?« »Nein, aber ich fühle ...« Sie lächelte wieder, hob die Augen und blickte den Arzt so klug und so traurig an; und es war ihm, als vertraue sie ihm, als wolle sie mit ihm aufrichtig sprechen und als habe sie die gleichen Gedanken wie er. Sie schwieg aber. Vielleicht wartete sie, daß er etwas sage. Und er wußte, was er ihr zu sagen hatte; ihm war es klar, daß sie so schnell als möglich diese fünf Fabriksgebäude und die Million, wenn sie eine solche habe, verlassen müsse, daß sie den Teufel fliehen solle, der sie nachts anstarre; es war ihm auch klar, daß auch sie dasselbe dachte und nur darauf wartete, daß jemand, dem sie vertraute, ihr es bestätigte. Er wußte aber nicht, wie es ihr zu sagen. Wie? Man schämt sich, einen Verurteilten zu fragen, wofür er verurteilt worden ist; ebenso vermeidet man auch einen Reichen zu fragen, wozu er das viele Geld brauche, warum er mit seinem Reichtum so schlecht wirtschafte und warum er nicht darauf verzichte, selbst wenn er darin sein Unglück sähe; und wenn man schon darüber zu sprechen beginnt, so wird es gewöhnlich ein verschämtes, verlegenes, langes Gespräch. –Wie soll ich es sagen?–fragte sich Koroljow.–Und soll ich es ihr überhaupt sagen? Und er sagte das, was er sagen wollte, nicht direkt, sondern auf Umwegen: »Als Besitzerin dieser Fabrik und reiche Erbin sind Sie unzufrieden, glauben nicht an Ihr Recht und können deshalb nicht schlafen. Das ist natürlich besser, als wenn Sie zufrieden wären, ruhig schliefen und glaubten, daß alles in Ordnung sei. Ihre Schlaflosigkeit ist ehrenvoll; in jedem Falle ist sie ein gutes Zeichen. Bei unsern Eltern wäre so ein Gespräch, wie wir es jetzt führen, undenkbar: nachts sprachen sie nicht, sondern schliefen fest. Doch wir schlafen schlecht, verzehren uns in Unrruhe und quälen uns immer mit der Frage, ob wir Recht oder Unrecht haben. Für unsere Kinder und Enkel wird aber diese Frage–ob sie Recht haben oder nicht–schon gelöst sein. Sie werden alles besser überblicken können als wir. Das Leben wird erst in fünfzig Jahren schön sein; schade, daß wir es nicht mehr erleben. Es wäre doch interessant, einen Blick darauf zu werfen.« »Was werden denn die Kinder und die Enkel tun?« fragte Lisa. »Ich weiß nicht ... Wahrscheinlich werden sie alles im Stich lassen und weggehen.« »Wohin werden sie gehen?« »Wohin? ... Wohin Sie wollen,« sagte Koroljow und lachte. »Gibt es denn wenig Orte, an die sich ein guter, kluger Mensch zurückziehen kann?!« Er sah nach der Uhr. »Die Sonne ist aufgegangen,« sagte er. »Es ist für Sie Zeit zu schlafen. Ziehen Sie sich aus und schlafen Sie wohl. Ich freue mich sehr, Sie kennen gelernt zu haben,« fuhr er fort, ihr die Hand drückend. »Sie find ein lieber, interessanter Mensch. Gute Nacht!« Er ging auf sein Zimmer und legte sich schlafen. Am nächsten Morgen, als der Wagen für ihn bereitstand, kamen alle auf den Flur, um ihn zu begleiten. Lisa war sonntäglich weiß gekleidet, hatte eine Blume im Haar und sah bleich und matt aus; sie blickte ihn wie gestern mit klugen und traurigen Augen an, lächelte und sprach und hatte dabei einen Ausdruck, als wollte sie etwas Besonderes und Wichtiges sagen – doch nur ihm allein. Man hörte die Lerchen singen und die Kirchenglocken läuten. Die Fenster in den Fabrikgebäuden glänzten so lustig, und als Koroljow durch den Hof und dann die Straße zur Station fuhr, dachte er nicht mehr an die Arbeiter, noch an die Pfahlbauten und den Teufel, sondern nur an die vielleicht schon nahe Zeit, wo das Leben ebenso hell und heiter sein wird wie dieser stille Sonntagsmorgen; und er dachte auch, wie angenehm es sei, an einem solchen Frühlingsmorgen in einer bequemen Equipage, mit einer Troika zu fahren und sich von der Sonne wärmen zu lassen.