Edward Bulwer-Lytton Godolphin oder der Schwur Nach der zweiten Auflage des Englischen Originals übersetzt von Louis Lax. Inhalt Erster Band Vorrede. Vorrede zu der zweiten Auflage. Erstes Kapitel. Das Erwachen John Vernons. – Seine letzten Worte. – Beschreibung seiner Tochter, der Heldin des Buches. – Der Schwur. Zweites Kapitel. Bemerkungen über die Verkettung des Lebens. – Der Sarg großer Männer wird immer geehrt. – Konstanze findet eine Zuflucht bei Lady Erpingham. – Die Vorzüge und der Karakter der Heldin. – Das intrigante Temperament. Drittes Kapitel. Einführung des Helden. – Gespräch zwischen ihm und seinem Vater. – Percy Godolphins Karakter als Knabe. – Die Katastrophe seines Schülerlebens. Viertes Kapitel. Percy's erstes Abenteuer als unabhängiger Mensch. Fünftes Kapitel. Die Komödianten. – Godolphin verliebt. – Wirkung des Spiels der Fanny Millinger auf ihn. – Die beiden Anerbietungen. – Godolphin verläßt die Schauspieler. Sechstes Kapitel. Percy als Gast bei Saville. – Er tritt in die Garde und kommt in Mode. Siebentes Kapitel. Godolphin wird entschuldigt, daß er menschliche Gefühle hat. – Godolphin sieht jemand, den er nie wieder sieht. – Die neue Schauspielerin. Achtes Kapitel. Godolphin's Leidenschaft für das Theater. – Sie veranlaßt einen Wechsel in seinen Lebensgewohnheiten. Neuntes Kapitel. Das Vermächtnis. – Ein neuer Fehler von Saville. – Die Art weltlicher Verbindungen. – Godolphin verläßt England. Zehntes Kapitel. Konstanzens Karakter-Bildung. Eilftes Kapitel. Unterredung zwischen Lady Erpingham und Konstanze. – Weitere Angaben über Godolphin's Familie. Zwölftes Kapitel. Beschreibung von Godolphin's Haus. – Erstes Zusammentreffen. – Wirkung auf Konstanze. Dreizehntes Kapitel. Ankündigung eines Balles. – Godolphin's Besuch auf Wendover-Castle. – Sein Benehmen und seine Unterhaltung Vierzehntes Kapitel. Unterredung zwischen Godolphin und Konstanze. – Land- und Stadtleben. Fünfzehntes Kapitel. Die Gefühle Konstanzens und Godolphin's gegen einander. – Die Unterscheidung ihrer Karaktere. – Bemerkungen über die von der Welt auf Godolphin gemachten Wirkungen. – Der Ausritt. – Ländliche Schilderung. – Vorbedeutung. – Das erste undeutliche Geständnis. Sechszehntes Kapitel. Godolphin's Rückkehr nach Hause. – Selbstgespräch. – Lord Erpingham's Ankunft in Wendover-Castle. – Beschreibung des Earls. – Seine Erzählung von Godolphin's Leben in Rom. Siebenzehntes Kapitel. Konstanze in der Toilette. – Ihre Gefühle. – Beschreibung ihrer Schönheit. – Der Ball. – Die Herzogin von Winstoun und ihre Tochter. – Eine Folgerung aus der Natur weiblicher Nebenbuhlerschaft. – Eifersucht eines Liebhabers. – Aristokratische Anmaßung zurückgewiesen. – Das Lauschen an der Wand. – Bemerkungen über das Vergnügen einer öffentlichen Versammlung. – Das Abendessen. – Die Falschheit scheinbarer Munterkeit. – Verschiedene neue und wahre Bemerkungen. – Was zwischen Godolphin und Konstanze vorgeht. Achtzehntes Kapitel. Die Unternehmung. – Die Krisis eines Lebens. Neunzehntes Kapitel. Ein Fant und Wüstling aus der besten (schlechtesten) Schule. – Gespräch über tausend Gegenstände. – Die Verwandlung des sui profusus in den alieni appetens . Zwanzigstes Kapitel. Fanny Millinger erscheint wieder. – Liebe. – Weiber. – Bücher. – Hundert Gegenstände oberflächlich berührt. – Godolphin's Gemüthszustand genauer untersucht. – Das Diner bei Saville. Ein und Zwanzigstes Kapitel. Ein Ereignis von großer Wichtigkeit für die Hauptpersonen dieser Erzählung. – Godolphin verläßt zum zweitenmal England. Zwei und Zwanzigstes Kapitel. Die Braut allein. – Politische und Ehestands-Gespräche. – Konstanzens Genie für Diplomatie. – Der Karakter ihrer Gesellschaften. – Ihr Sieg über Lady Delville. Drei und Zwanzigstes Kapitel. Blick in die wirkliche große Welt hinter den rosigen Vorhängen. – Begründung eines gewissen Instituts. Vier und Zwanzigstes Kapitel. Das besondere Verhältnis der Frauen in den höhern Ständen. – Das Ehestandsleben Konstanzens. Fünf und Zwanzigstes Kapitel. Das Vergnügen, eine Demüthigung zu vergelten. – Konstanzens Vertheidigung der Mode. – Bemerkungen über dieselbe. – Godolphin's Existenz. – Fanny Millinger's Schilderung. – Mangel an Muth bei den Moralischen.   Zweiter Band Erstes Kapitel. Ein Schwärmer und seine Tochter. – Ein Engländer, wie die Ausländer ihn sich denken. Zweites Kapitel. Eine Unterredung, die nicht sehr in das neunzehnte Jahrhundert paßt. – Forschungen über das menschliche Schicksal. – Die Vorhersagung. Drittes Kapitel. Die Jugend der Tochter Volktmanns. – Mysteriöse Unterredung. – Eine unerwartete Rückkehr. Viertes Kapitel. Die Wirkungen der Jahre und der Erfahrung. – Der Italienische Karakter. Fünftes Kapitel. Magnetismus. – Sympathie. – Die Rückkehr der Elemente zu den Elementen. Sechstes Kapitel. Lucillas sonderbares Benehmen. – Godolphin besteht eine schwere Prüfung. – Die Grotte der Egeria und was dort geschieht. Siebentes Kapitel. Die Schwäche der Jugend entspringt nur aus den Gefühlen. Achtes Kapitel. Rückkehr zu Lady Erpingham. – Londoner Gesellschaft. – Aristokratie und aristokratische Gesellschaft. – Lady Erpingham kränkelt. – Lord Erpingham beschließt, auf den Continent zu gehen. – Plutarch über musikalische Instrumente. – Gesellschaft in Erpinghams Haus. – Saville über Gesellschaft und Geschmack am Kleinlichen. – David Mandeville. – Frauen, ihr Einfluß und ihre Erziehung. – Die Nothwendigkeit eines Zweckes. – Religion. Neuntes Kapitel. Rechtfertigung des Ehrgeizes. – Die Wohnung Godolphin's und Lucilla's. – Lucilla's Wesen. – Wirkung glücklicher Liebe auf des weibliche Talent. – Der Abend des Abschieds. – Lucilla allein. – Erprobung einer weltlichen Liebe. Zehntes Kapitel. Godolphin in Rom. – Heilmittel für einen krankhaften Idealismus. – Seine Verlegenheit in Beziehung auf Lucilla. – Gedanken über Bande, die nicht von der Kirche geknüpft sind. – Zusammentreffen mit einem alten Freunde. – Das Colosseum. – Eine Überraschung. Eilftes Kapitel. Gespräch zwischen Godolphin und Saville. – Erklärung gewisser Ereignisse. – Saville's Entschuldigung eines schlechten Herzens. – Godolphin's undeutliches Gefühl für Lady Erpingham. Zwölftes Kapitel. Ein Abend bei Konstanze. Dreizehntes Kapitel. Konstanzes unveränderte Liebe für Godolphin. – Ihre Reue und ihre Hoffnung. – Das Kapitol. – Die verschiedenen Gedanken Godolphins und Konstanzens bei dessen Anblick. – Die zärtlichen Worte Konstanzens. Vierzehntes Kapitel. Lucillas Brief. – Wirkung desselben auf Godolphin. Fünfzehntes Kapitel. Tivoli. – Die Syrenenhöhle. – Das Geständnis. Sechszehntes Kapitel. Lucilla. – Die Einsamkeit. – Der Zauber und der Entschluß. Siebenzehntes Kapitel. Freude und Verzweiflung.   Dritter Band. Erstes Kapitel. Der Liebe Bitterkeit. Zweites Kapitel. Godolphin. Drittes Kapitel. Die Erklärung. – Die nahe Verbindung. – Ist der Idealist zufrieden? Viertes Kapitel. Hochzeit. – Der Zufall. – Liebe. Fünftes Kapitel. Lucilla. Sechstes Kapitel. In welchem zwei dauernd vereinigte Personen entdecken, daß kein Band eine Einigkeit der Gemüther hervorbringen kann. Siebentes Kapitel. Rückkehr nach London. – Fanny Millinger. – Ihr Haus und Souper. Achtes Kapitel. Godolphin beschützt die Künstler. – Umrisse zweier neuer Karaktere. – Unterredung zwischen Konstanze und Godolphin. – Blicke in die politische Zukunft. Neuntes Kapitel. Godolphins Lebensweise. – Einfluß der Meinung und der Lächerlichkeit auf den Sinn der bevorrechteten Klassen. – Lady Erpinghams Freundschaft mit dem verstorbenen König. Sein Leben. Zehntes Kapitel. Radclyffe's und Godolphin's Unterredung. – Die Verschiedenheit des Ehrgeizes. Eilftes Kapitel. Fanny hinter den Coulissen. – Jugend-Erinnerungen. – Souper bei Fanny Millinger. Zwölftes Kapitel. Konstanzens Leben. – Ihr Gefühl für Godolphin. – Ereignisse. – Canning. – Katholische Frage. Dreizehntes Kapitel. Tod Georg IV. – Politischer Standpunkt der Parteien. Vierzehntes Kapitel. Eine Prophezeiung. Fünfzehntes Kapitel. Aberglauben. – Seine wunderbare Wirkung. Sechszehntes Kapitel. Gewalt der Zeit und der Liebe. – Konstanze schwach und gedemüthigt. Siebenzehntes Kapitel. Konstanze macht eine Entdeckung, die sie über Godolphins Wesen aufklärt. Achtzehntes Kapitel. Lord John Russel legt die Bill vor. Neunzehntes Kapitel. Die Wahrsagerin. Zwanzigstes Kapitel. Ahnung. Ein und zwanzigstes Kapitel. Konstanze und die Wahrsagerin. Zwei und zwanzigstes Kapitel. Lucillas Flucht. – Verlegenheit der Lady Erpingham. – Veränderung in Godolphin. – Allgemeine Wahlen. Drei und zwanzigstes Kapitel. Saltream. – Saville's Tod. Vier und zwanzigstes Kapitel. Die Reise und die Überraschung. – Ein Spaziergang in der Sommernacht. Fünf und zwanzigstes Kapitel. Glück schafft Furcht. – »In dem Heute wandelt schon das Morgen.« Sechs und zwanzigstes Kapitel. Letzte Unterredung zwischen Godolphin und Konstanze. – Der Brief. Letztes Kapitel. Das Wiedersehen. – Der Sturm. – Die Katastrophe. Erster Band Vorrede. Die Erzählung gründet sich auf wahrhafte Begebenheiten; der Mittheiler derselben ist weniger Verfasser, als Kompilator. Ihr Hauptzweck besteht in der Darlegung des Einflusses, welchen die große Welt auf die geistvollen, unternehmenden und phantasiereichen Personen beiderlei Geschlechts ausübt, welche mit derselben in Berührung kommen. Sie steht in einiger Verbindung mit der socialen und politischen Zeitgeschichte, und die Zeit selbst ist, mag sie noch so beschäftigt seyn, doch immer egoistisch genug, daß sie nach jedem Widerschein ihrer Züge hinblickt und an der Treue des Spiegels etwas auszusetzen findet. Sollte vielleicht irgend ein Müßiggänger, der Muße genug hat, sie an Nichtigkeiten verschwenden zu können, in ein so unwichtiges Geheimnis dringen wollen, wie der Name des Mannes ist, dessen bescheidene Aufgabe es gewesen ist, aus einer Lebensnotiz einen Roman zusammenzusetzen, so kann ihm versichert werden, daß er seinen Scharfsinn umsonst anstrengen wird: der Verfasser hofft und glaubt, daß er dieses, nur für ihn bedeutende Geheimnis mit in das Grab nehmen wird, welches, nach den Stürmen von Sorgen und Schwächen, nahe und willkommen ihm entgegenlächelt – als der Hafen der Ruhe. *** 23. April 1833. Vorrede zu der zweiten Auflage. Die Dichtung oder vielmehr Kompilation dieses Werkes ist verschiedenen Personen zugeschrieben worden, davon einige so viel Ruf haben, daß ich fast versucht werde, ihr ein Verdienst beizulegen, von dem ich Anfangs keine rechte Ahnung hatte. Es ziemt mir nicht, so schmeichelhaften Angaben zu widersprechen. Ich begnüge mich damit, innerlich über den Mißgriff zu lachen, mit dem man einen Fündling adoptirt hat, der nur Einen Schritt von der Wiege zum Grabe hat. Der wahre Verfasser von Godolphin ist und wird immer unentdeckt bleiben. Er freut sich, der Welt die Früchte seiner Gedanken, seiner Forschungen und seiner Erfahrungen übergeben zu können – und überläßt Andern die Verantwortlichkeit seiner Irrthümer. Einige sagen, dieses Buch sey eine Spielerei von Herrn d'Israeli: andere, es sey entweder eine Nachahmung von Herrn Bulwer, oder ein Sprößling, zu dessen Verleugnung er seine guten Gründe habe. Ich habe gehört, daß man es dem Obersten Caradoc – der Mistreß Norton – dem Türkischen Gesandten – der vereinten Arbeit des Herrn ***, der noch am Leben ist, und der verstorbenen Lady Caroline L**** zugeschrieben hat. Ich vermuthe, daß keine dieser Behauptungen richtig ist, aber sie freuen mich dermaßen, daß ich keiner derselben entschieden widersprechen mag. So viel kann ich jedoch sagen, daß, wenn keine Frau einige Theile dieses Buches geschrieben haben könnte, so auch kein Mann es ganz geschrieben haben kann, und daß es ernstlich und in der That mehr Biographie als Roman ist. Einer, der aus Erfahrung schöpft, kann nicht nachahmen: aber dennoch kann er (Bequemlichkeit halber brauche ich den männlichen Artikel) vielleicht nicht ganz den Styl und die Manier seiner Zeitgenossen vermeiden. Dieselben Gründe, welche die Art und Weise bestimmen, in welcher sie sich ausdrücken, bildten auch seine Denk- und Schreibweise. Ich sehe die Tendenz und Moral dieses Buches sich langsam Bahn machen. Eine Periode in ihrer Wahrheit darstellen, heißt die Ereignisse der nachfolgenden vorauszukünden. Lebe wohl, Leser: willst Du mich entlarvt sehen, mußt Du hinter die Bühne dieser Welt kommen; wenn die Lampen ausgelöscht sind, der Vorhang gefallen ist, wirst Du erfahren, wer ich bin. Aber es gibt Eine Macht, welche Dich hinter diese Coulissen führen kann, und ihr Name ist – Tod. *** 9. August 1833. Erstes Kapitel. Das Erwachen John Vernons. – Seine letzten Worte. – Beschreibung seiner Tochter, der Heldin des Buches. – Der Schwur. – Ist die Nacht still, Konstanze? – Sehr schön: der Mond ist aufgegangen. – Öffne hier die Schläge weiter. Es ist wirklich eine schöne Nacht. Wie herrlich! Komm hieher, mein Kind. Das volle Mondlicht, welches jetzt durch die Fenster strömte, traf nur wenig, dem es einen poetischen Reiz hätte geben können. Das Zimmer war klein, obgleich nicht unsauber in Aufputz und Anordnung. Die Bettvorhänge, von dunklem Indischen Kattun, waren zurückgeschlagen, und zeigten einen, durch Kissen aufgerichteten Mann, der bereits über die mittlere Lebenszeit hinaus war und auf seinem Gesichte die Spuren des nahenden Todes trug. Und doch, was war dies noch für ein Gesicht! Die blasse, breite, erhabene Stirn; die kurze, gewölbte Lippe; das volle Kinn mit seinen Grübchen; der Stempel des Genies auf jedem Zuge, jeder Linie, das Alles trotzte der Krankheit, oder entlehnte vielmehr ihrem geisterhaften Anschein eine noch eindrucksvollere Majestät. Neben dem Bette stand ein Tisch, auf dem Bücher des verschiedenartigsten Inhaltes zerstreut waren. Da lag ein dunkles Werk über finanzielle Berechnungen, dort ein Band wüster Trinklieder, hier die schwungvollen Gedanken von Plato's Phädo, dort die letzte Rede irgend eines Fants von Gesellschafts-Repräsentanten über die Malzsteuer; alte Zeitungen und bestaubte Broschüren vervollständigten dieses wissenschaftliche Durcheinander, und über ihnen erhob sich, traurig genug, die dünne, gespenstische Gestalt einer Phiole und ein mit seinem Löscher bedecktes Licht. Ein leichter Fuß näherte sich dem Bette, und dem sterbenden Manne gegenüber stand ein Mädchen, das sein dreizehntes Jahr hinter sich haben mochte. Aber ihre Züge – die eine ausgezeichnete, man konnte sagen, fürstliche Schönheit verriethen – waren entwickelt, wie bei einem Weibe von doppelten Alter; auf ihrem Gesichte zeigte sich keine Spur von dem Dufte, der weichen Unbestimmtheit des Kindes. Ihre Farbe war bleich, wie der weißeste Marmor, aber klar und durchsichtig; und ihr schwarzes Haar, das sie auf eine damals ungewohnte Weise über der Stirn gescheitelt trug, erhöhte noch den klassischen, statuenartigen Eindruck ihrer edlen Bildung. Der Ausdruck ihrer Züge schien kalt, gemessen, etwas streng, mochte jedoch einigermaßen ihr Herz Lügen strafen, denn wenn sie sich nach dem Mondlichte wandte, konnte man sehen, daß, wenn sie auch nicht weinte, doch Thränen in ihren Augen schwammen, und das Zucken ihrer Lippe zeigte, daß sie nur darum etwas zögerte, auf die Bemerkungen des Leidenden zu antworten, weil es ihr zu schwer wurde, ihrer Bewegung Herrin zu werden. – Konstanze, sagte der Kranke, nach einer Pause, während deren er mit ruhigem Herzen nach dem dunklen Himmel geschaut zu haben schien, den er in seiner sanften Bläue und seinen beredten Sternenglanze aus dem Fenster erblicken konnte, Konstanze, die Stunde kömmt heran; ich fühle es an Zeichen, die mich nicht trügen können. Diese Nacht werde ich sterben. – O Gott, mein Vater! Mein theurer, lieber Vater! Sprich nicht so – ich will zum Doktor gehen – – Mein Kind, nein. Ich verachte, ich verabscheue den Gedanken an Hülfe. Sie verweigerten mir alles, als es noch Zeit war. Sie ließen es mir frei, Hungers zu sterben, oder im Gefängnis zu verfaulen, oder mich aufzuhängen. Sie verließen mich wie einen Hund, und wie ein Hund will ich auch sterben! Die Gerechtigkeit, das tödtliche, erdrückende Gewicht meines letzten Fluches soll nicht um einen Gedanken erleichtert werden. – Heftige Krämpfe beraubten den Kranken der Sprache, und als er durch Medizin und mit Hülfe seiner Tochter wieder zu sich gekommen war, fügte er mit ruhigerer und leiser Stimme hinzu: Ist alles still unten, Konstanze? Sind Alle zu Bett? Die Wirthin – die Diener – die übrigen Miethsleute? – Alle, Vater. – Gut, so werde ich glücklich sterben. Gott sey gelobt, Du bist meine einzige Pflegerin. Ich denke noch an den Tag, wo ich nach einer ihrer wilden Orgien mich krank befand. Krank! Ein erbärmlicher Kopfschmerz – ein Anfall von Spleen – die Krankheit eines verwöhnten Schooßhundes. Gut! Dieselbe Nacht brauchten sie mich, um eine ihrer armseligen Maßregeln – ihrer Parlaments-Anträge – zu unterzeichnen, und da kam ein Prinz, der mir den Puls fühlte, und ein Herzog, der einen Trank mischte, und ein Dutzend Grafen schickten mir ihre Ärzte. Sie hatten mich nöthig damals. Weh mir! Lies mir das Billet dort, Konstanze, Flamborough's Brief. Du willst nicht? Ich sage Dir, lies! Konstanze gehorchte zitternd. »Mein theurer Vernon! »Ich bin wirklich am désespoir über Ihren traurigen Zustand. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie bekümmert es mich macht. Aber Sie wissen, in welcher Verlegenheit ich selbst bin. Apropos, gestern habe ich Seine Königliche Hoheit gesehen: »der arme Vernon, sagte er, ob ihm wohl ein hundert Pfund gelegen kommen?« – Sie sehen, mon cher , wir vergessen Sie nicht. Ach, wie vermißten wir Sie beim Beefsteaks-Klub! Wir werden nie wieder einen so glänzenden Bonvivant finden. Sie würden herzlich lachen, hörten Sie, wie L... Ihre alten Späße nachzubeten sucht. Aber die Zeit drängt: ich muß in das Parlament. Sie wissen, um welche Motion es sich handelt. Wollte Gott, Sie könnten sie statt des eselhaften T... einbringen. Adieu! Ich wünschte, ich könnte selbst kommen und Sie sehen, aber es würde mir das Herz brechen. Soll ich Ihnen einige Bücher von Hoookham's Bibliothek schicken? Immer der Ihrige »Flamborough.« – Das ist der Mann, den ich zum Staatssekretär gemacht habe, sagte Vernon. Sehr gut, sehr gut, es ist sehr gut! Laß mich Dich küssen, Mädchen. Arme Konstanze, Du wirst gute Freunde haben, wenn ich todt bin. Sie werden stolz darauf seyn, Vernon's Tochter helfen zu können, wenn der Tod ihnen gezeigt hat, was sie an Vernon verloren haben. Du bist sehr hübsch. Deiner armen Mutter Augen und Haar – meines Vaters herrliche Stirn und Lippen – und die selbst jetzt so stattliche Gestalt! Sie werden Dir den Hof machen; Du wirst Lords und große Herren genug zu Deinen Füßen haben, aber nie wirst Du diese Nacht, den Todeskampf auf dem Gesicht Deines sterbenden Vaters, das Brandmaal vergessen, das sie in sein Herz gebrannt haben. Und nun, Konstanze, gib mir die Bibel, aus der Du mir diesen Morgen vorgelesen hast – gut – tritt aus dem Licht, richte Deine Augen auf die meinigen und höre zu, als ob die Seele in Deinem Ohre wäre. Als ich noch ein junger Mann war, und mir mühsam einen Weg am Tribunal bahnte, vorsichtig, besonnen, unermüdlich, voll Vertrauen auf den Erfolg – kamen gewisse Lords, die gehört hatten, ich besäße Genie, und mich zu ihrem Werkzeuge machen zu können glaubten, zu mir, und forderten mich auf, in das Parlament zu treten. Ich sagte ihnen, ich sey arm – kürzlich erst verheiratet – mein Ehrgeiz dünke nicht auf Kosten meines Privatvermögens befriedigt zu werden. Sie antworteten mir, sie verpflichteten sich, für mein Vermögen Sorge zu tragen. Ich ließ mich bereden, gab meinen Stand auf, willfahrte ihren Wünschen, wurde berühmt und ein zu Grunde gerichteter Mann! Sie konnten nicht ohne mich diniren, noch ohne mich soupiren, sich nicht ohne mich betrinken, nur in meiner Gesellschaft war ihnen das Vergnügen recht. Was that's, daß während ich zu ihrer Unterhaltung beisteuerte, ich gezwungen war, Schulden auf Schulden zu machen, Elend auf die Zukunft aufzuhäufen, daß ich Bankerott, und Sorgen, und Schande, und ein gebrochenes Herz und einen frühen Tod vorbereitete! Aber gib Acht, Konstanze. Hörst Du auch? Aufmerksam? Gut, merke jetzt, ich bin ein gerechter Mann. Ich tadle meine edlen Freunde, meine wackern Gönner darum nicht. Nein: vergaß ich mein Interesse, zog ich ihr Vergnügen meinem Glück und meiner Ehre vor, so war das mein Verbrechen und ich verdiene die Strafe! Aber, siehst Du die Zeit ging vorüber, und meine Gesundheit war geknickt; die Schulden wuchsen mir über den Kopf; ich konnte nicht bezahlen, man traute meinem Wort nicht mehr, mein Name verlor seinen Klang im Lande. Mit den Kräften verließ mich auch der Genius; ich war meiner Partei nicht mehr nützlich, und als ich auf das Siechbett sank – Du erinnerst Dich daran, Konstanze – kamen die Gerichtsdiener, und schleppten mich fort wegen einer armseligen Schuld – kaum vom Werthe eines jener Abendessen, die ich dem Prinzen auf seinen Wunsch zu geben pflegte. Von der Zeit an verließen mich meine Bekannten! Kein Besuch, kein freundlicher Schritt, keine Dienstleistung für den, dessen Wirkungszeit vorüber war! Der Karakter des armen Vernon war dahin! »Schrecklich in der Klemme – konnte den Gläubigern seine Versprechungen nicht halten – war immer so ausschweifend – ohne Grundsätze – müssen ihn aufgeben!« In diesen Redensarten liegt das Geheimnis ihres Verfahrens. Sie vergaßen, daß für sie, durch sie mein Karakter vernichtet, meine Versprechungen nicht gehalten, der Ruin herbeigeführt worden! Sie bedachten nicht mehr, wie ich ihnen gedient, wie ich meine besten Jahre damit vergeudet hatte, sie zu erheben, ihre Sache in dem lügnerischen Buche der Geschichte zu adeln! An Alles dies dachte niemand: mein Leben theilte sich in zwei Epochen, die eine, in der ich ihnen – die andere, in der ich nichts nützte. Während der ersten wurde ich geehrt, während der letztern ließ man mich verhungern, verkümmern. Wer befreite mich aus dem Gefängnis? Wer erhält mich jetzt? Einer von meiner »Partei« – meine »edlen Freunde« – meine »ehrenwerten, sehr ehrenwerten Freunde?« Nein! Ein Kaufmann, dem ich einmal in meiner Glanzzeit einen Dienst geleistet, und der allein, von allen auf der Welt allein, mich in meinem Drangsal nicht vergaß. Du siehst, Dankbarkeit, Freundschaft keimt nur in den mittleren Regionen; höher hinauf gedeiht sie nicht! Und nun tritt noch näher, denn meine Stimme erlischt, und ich will, daß Du diese Worte deutlich vernehmest. Ich sehe die Zeit kommen, wo die Aristokratie dieses Landes fallen muß. Das Volk drängt nach diesem Ziele. Es wird einst keine Grafenkronen, keine Hermelinmäntel, keine klingenden Titel, kein Erbfolgegesetz, kein Erstgeburtsrecht mehr geben. Ich bin überzeugt von dem, was ich sage, so gewiß je ein Mann von der Wahrheit des Buches überzeugt ist, das ich hier halte. Aber Du, Konstanze, bist Du auch nur ein Kind, ein Mädchen – sollst Dich verpflichten, meinen Wunsch, meinen Fluch im Auge zu behalten, ihn zu erfüllen. Lege Deine Hand auf die meinige: schwöre, daß das ganze Leben durch, bis zum Tode – schwöre! Du sprichst nicht! Wiederhole meine Worte! – Konstanze gehorchte. – Schwöre, daß Du das ganze Leben bis zum Tode, durch Glück und Unglück, durch Schwäche und Macht, dich dazu weihen willst, den Stand zu erniedrigen, zu demüthigen, von dem Dein Vater Undankbarkeit, Kränkung und den Tod empfangen hat! Schwöre, daß Du keinen armen, machtlosen Mann heirathen willst, der Dir nicht die Mittel zu der feierlichen Vergeltung schaffen kann, die ich verlange! Schwöre, daß Du Dich mit einem der Großen zu verbinden suchen willst – nicht aus Liebe, nicht aus Ehrgeiz, sondern aus Haß, aus Rache! Du sollst Dich erheben, um sie, die mich betrogen, zu erniedrigen! In den Kreisen des gesellschaftlichen Lebens sollst Du Dich daran ergötzen, ihre Eitelkeit zu vergällen; bei Staats-Intriguen wirst Du Dich jeder Maßregel anschließen, die sie zum ewigen Sturz verdammen kann. Zu diesem großen Zwecke wirst Du alle Mittel benutzen: – (Was! Du zauderst? Sprich mir nach, sprich, sprich!) Du wirst lügen, Dich schmiegen, kriechen, und das Laster nicht lasterhaft halten, wenn es Dich nur um ein Haar der Rache näher bringt. Mit diesem Fluche auf meine Feinde verbinde ich meinen Segen für Dich, meine theure, theure Konstanze, für Dich, die mich gepflegt, gewartet, alles, nur mich nicht retten konnte. Gott, Gott segne Dich, mein Kind!« – Vernon brach in Thränen aus. Zwei Stunden nach diesem sonderbaren Auftritte, um drei Uhr Morgens, erwachte Konstanze aus einem kurzen, unruhigen Schlummer. Die graue Morgenröthe – denn es war in der Mitte des Sommers – begann schon mit den Schatten und den Sternen der Nacht zu kämpfen. Ein rauher, unbehaglicher Luftzug strich über die Erde und machte es frostig im Sterbezimmer. Konstanze saß an ihres Vaters Bett, die Augen auf ihn gerichtet, und die Wangen noch bleicher, als gewöhnlich, durch das blasse Licht der matten, unerquicklichen Dämmerung. Als Vernon erwachte, wendeten sich seine, vom Tode verglasten Augen matt und trüb gegen sie hin: sein Athem ging in Röcheln über. Einen Augenblick noch fand er die Sprache wieder; ein Strahl schoß über sein Gesicht, als er die letzten Worte von sich stieß – Worte, die schwer und unauslöschlich auf den Herzensgrund seiner Tochter fielen – Worte, welche ihr Leben bestimmten und ihr Schicksal besiegelten: »Konstanze, denk – an den Schwur – die Rache!« Zweites Kapitel. Bemerkungen über die Verkettung des Lebens. – Der Sarg großer Männer wird immer geehrt. – Konstanze findet eine Zuflucht bei Lady Erpingham. – Die Vorzüge und der Karakter der Heldin. – Das intrigante Temperament. Mein Gott, wie sonderbar ist unser Leben! Welches Puppenspiel! Welch schreckliches Räthsel ist das Geschick! Ich setze nie meinen Fuß vor die Thür, ohne daß mich das fürchterliche Dunkel erschreckt, das über dem nächsten Augenblick lagert. Welch gräßliches Ereignis kann meinem Herzen bevorstehen! Sichtbar oder unsichtbar, das Schwert hängt immer über uns. Und mit diesem Leben – diesem Schauplatze der Finsternis und der Furcht – sollen wir so zufrieden seyn, daß wir kein anderes wünschen, verlangen? Wäre ich nicht überzeugt, daß ich unsterblich sey, so schwöre ich, daß ich, ehe eine Stunde vergeht, diese gefährliche, lästige Sterblichkeit abschütteln würde. Konstanze hatte jetzt keine nahen Verwandten mehr auf der Welt. Aber ihr Vater hatte richtig prophezeit: die Eitelkeit ersetzte die Liebe. Vernon, der achtzehn Monate lang vor seinem Tode mit dem bittersten Leiden und Mangel gekämpft – Vernon, den im Leben Alles verlassen hatte, wurde mit dem hohnsprechenden Pompe des Reichthums begraben. Sechs Pairs trugen das Leichentuch; eine lange Reihe Wagen folgte dem Zuge; die Journale waren mit Umrissen zu seiner Biographie und mit Klagen über sein Hinscheiden angefüllt. In Westminster wurde er beigesetzt, und eine Subscription zur Errichtung eines Denkmals vom besten Marmor eröffnet. Lady Erpingham, eine entfernte Verwandte des Verstorbenen, lud Konstanze ein, bei ihr zu leben, und Konstanze willigte natürlich ein, da ihr nichts anderes übrig blieb. Am Tage, wo sie im Hause der Lady Erpingham, in Hillstreet, ankam, waren mehrere Personen im Besuchszimmer gegenwärtig. – Ich fürchte, sagte Lady Erpingham – man sprach von der erwarteten Ankunft Konstanzens – ich fürchte, daß das arme Mädchen ganz betreten seyn wird, wenn es, noch dazu unter so unglücklichen Umständen, eine zahlreiche Gesellschaft findet. – Wie alt ist sie? fragte eine bekannte Schönheit. – Dreizehn Jahre, glaube ich. – Hübsch? – Ich habe sie seit ihrem siebenten Jahre nicht wiedergesehen; damals versprach sie, sehr schön zu werden, aber sie war auffallend schüchtern und schweigsam. – Miss Vernon! meldete der Kammerdiener, die Thür aufreißend. Mit dem langsamen Schritte und der sicheren Haltung des Weibes, aber mit einem weit stolzeren und kälteren Wesen, als Frauen gewöhnlich annehmen, schritt Konstanze Vernon durch den langen Saal und grüßte ihre zukünftige Beschützerin. Obgleich Aller Blicke auf ihr ruheten, erröthete sie doch keineswegs; obgleich die Fürstinnen der Londoner Welt sie umgaben, war ihr Gang und Benehmen doch fürstlicher, als das übrige. Die Gefühle aller Anwesenden erlitten eine vollständige Umwälzung. Man war auf Mitleid gefaßt, aber Mitleid war hier nicht angebracht. Auf Lady Erpingham's Lippen erstarb jedes Wort vornehmer Gönnerschaft, und sie , nicht Konstanze, war betreten und verwirrt. Ich denke schnell über die Jahre wegzugehen, welche verflossen, bis Konstanze zum Weibe heranwuchs. Nur Einen Blick auf ihre Erziehung. Vernon hatte sie nicht allein im Französischen und Italienischen unterrichtet, sondern, da er selbst gründlich und leidenschaftlich sich den gelehrten Studien gewidmet hatte, ihr sogar die Sprachelemente der beiden großen Völker des Alterthumes mitgetheilt. Die Schätze dieser Sprachen machte sie sich später selbst zu eigen. Lady Erpingham hatte eine Tochter, die sich verheirathete, als Konstanze das sechszehnte Jahr erreichte. Konstanze theilte die Vortheile des Unterrichts, den Lady Eleonore Erpingham bei ihren Lehrern und ihrer Erziehung genoß. Miss Vernon zeichnete schön und sang himmlisch, aber in der Wissenschaft der Musik machte sie keine großen Fortschritte. Ihr Sinn war in der That zu ernst, und zu sehr auf andere Dinge gerichtet, als daß sie diesem eifersüchtigsten aller Talente die erforderliche ausschließende Aufmerksamkeit hätte widmen können. Bei allen ihren Reizen und bei allen Vorzügen ihres gebildeten Geistes kam jedoch nichts der ungewöhnlichen Anmuth ihrer Unterhaltung gleich. Unbekümmert um die gewöhnliche Richtschnur, die man mit dem Ausdruck »anständiger Schüchternheit« und »geziemender Bescheidenheit« zu beschönigen pflegt – nahm sie keinen Anstand, die Diskussion über ernstere gewichtigere Gegenstände nicht bloß zu theilen, sondern selbst anzuleiten. Noch weniger vermied sie es, die gewöhnlichen Nichtigkeiten, welche das Wesen der Unterhaltung ausmachen, mit dem Zauber des Witzes selbst mit der väterlichen Quelle, von der er ererbt war, wetteifern konnte. Es kömmt mir zuweilen sonderbar genug vor, daß man jungen Damen so eifrig Talente beibringt, nach welchen der Ehemann nichts frägt, während man gerade die vernachlässigt, welche er hochstellt. Man lehrt sie, zur Schau stellen; er bedarf einer Gefährtin. Er braucht weder ein singendes, noch ein tanzendes, noch ein zeichnendes, er braucht ein redendes Geschöpf. Reden aber lehrt man sie nicht; alles, was sie davon wissen, ist lästern, und das »verstehen sie von Natur.« Konstanze aber sprach wirklich schön; und gar nicht wie eine Pedantin, noch wie eine Schriftstellerin, noch wie eine Französin. Ein Kind wurde eben so bezaubert von ihr, wie ein Gelehrter. Die Beredsamkeit ihres Vaters war auf sie übergegangen; aber bei ihm beherrschte sie, bei ihr nahm sie ein. Noch einen andern Zug hatte sie von ihrem Vater: Vernon hatte (wie die meisten betrogenen Menschen) der Welt durch seine Anklagen Unrecht gethan. Es war nicht seine Armuth und sein Leiden allein, welches seine Partei veranlaßt hatte, mit Kälte auf sein Hinscheiden zu blicken. Sie hatte eine scheinbare Entschuldigung für ihr Zurücktreten – sie zweifelte an seiner Aufrichtigkeit . Allerdings hatte sie keinen genügenden Grund dazu. Kein Politiker neuerer Zeit war konsequenter. Er hatte trotz seiner Armuth Bestechungen, trotz seines Ehrgeizes Stellen ausgeschlagen. Aber – und hier liegt das Geheimnis – er war durch und durch ein Intrigant. In der alten politischen Schule auferzogen, hielt er Ränke für Weisheit, und Falschheit für Kunst des Regierens. Wie Lysander Plutarch's Leben des Lysander. liebte er die Intrigue, und verschmähte doch das eigene Interesse. Niemand war weniger offenherzig und doch rechtlicher. Dieser in allen Ländern so seltene Karakter ist es namentlich in England. Unsere derben Gutsherren, unsere Politiker von Bellamy Besitzer einer Restauration im Unterhause. A.d.Ü. begreifen ihn nicht. Sie bemerkten in Vernon Künste, welche die Feinde täuschten, und fürchteten, sie möchten, obgleich sie seine Freunde waren, auch getäuscht zu werden. Diese Neigung, welche für Vernon so schlimm ausschlug, hatte seine Tochter geerbt. Mit einem finstern, kühnen, leidenschaftlichen Geiste, der einen Mann zu den höchsten Unternehmungen getrieben haben würde, verband sie die weibliche Lust am Geheimnisvollen und Ränkeschmieden. Sie glaubte, um noch etwas von Plutarch und Lysander zu entlehnen, daß »wenn die Löwenhaut nicht ausreichte, man sie durch die des Fuchses ergänzen müsse.« Drittes Kapitel. Einführung des Helden. – Gespräch zwischen ihm und seinem Vater. – Percy Godolphins Karakter als Knabe. – Die Katastrophe seines Schülerlebens. – Percy, vergiß nicht, daß Du morgen wieder in die Schule mußt, sagte Herr Godolphin zu seinem einzigen Sohne. Percy warf die Lippen auf und antwortete nach einer kurzen Pause: Mein Vater, ich denke, ich werde Herrn Saville besuchen. Er hat mich gebeten, ich möchte einen Monat bei ihm zubringen, und er sagt mit Recht, ich würde mehr bei ihm lernen, als bei Dr. Shallowell., wo ich bereits der erste in der höchsten Klasse bin. – Herr Saville ist ein Narr, und Du bist auch einer, antwortete der Vater, der, einen alten wollenen Schlafrock an, eine abgetragene sammtne Kappe auf dem Kopf, und frostig an einem kargen Feuer hockend, kein übles Bild einer Mischung von Hypochondrie und Filzigkeit schien – sprich nicht davon, nach der Stadt zu gehen, aber – – Vater, unterbrach ihn Percy kalt und nachlässig, indem er die Arme übereinanderschlug und trotzig seinem Vater in das Gesicht blickte, Vater, wir müssen uns einander verständigen. Mein Schulengehen, glaube ich, ist eine kostspielige Sache? – Das will ich meinen. Kostspielig? Es ist fürchterlich, gräßlich, zum Ruiniren! Kostspielig! Zwanzig Pfund jährlich für Kost und Latein; fünf Guineen die Wäsche; fünf für Schreiben und Arithmetik. Wäre ich nicht entschlossen, Dir Bildung zu verschaffen, obgleich es Dir an Vermögen fehlen dürfte, so würde ich – ja ich würde – Was ist das? Warum lachst Du? Ist das die Achtung, die Dankbarkeit gegen Deinen Vater? Das klare, verständige Gesicht des Knaben verdunkelte sich etwas. – Laß uns nicht von Dankbarkeit sprechen, sagte er traurig. Gott weiß, wofür Du oder ich Dank schuldig sind. Das Schicksal hat Deinem stolzen Namen nichts als diese nackten Wände und ein Paar unfruchtbarer Felder zurückgelassen; mir gab sie die Liebe eines Vaters, nicht wie die Natur sie geschaffen hat, sondern durch Unglück verkümmert und verbittert. Percy hielt ein und auch sein Vater schien betroffen und ergriffen. Laß, fügte dieser sonderbare Knabe, der etwas über fünfzehn Jahre alt seyn mochte, heiterer hinzu, laß sehen, ob wir die Sache nicht zu unserer gegenseitigen Zufriedenheit ausgleichen können. Du kannst mein Schuldgeld nur mit Mühe auftreiben, und ich bin entschlossen, nicht auf der Schule zu bleiben. Saville ist unser Verwandter; er hat Gefallen an mir gefunden, er hat selbst einen Wink fallen lassen, daß er mir vielleicht sein Vermögen vermachen wird; jedenfalls hat er mir versprochen, mir, so lange ich will, ein Unterkommen und seine Fürsorge zu sichern. Stelle es mir also frei, künftig nach Belieben zu kommen und zu gehen, und ich will mich dagegen verpflichten, Dich um keinen Schilling mehr zu bringen. Soll es gelten? – Du thust mir weh, Percy, sagte der Vater mit schmerzlichem Stolze, ich habe, an Dir wenigstens, das nicht verdient. Du weißt nicht, was Alles dieses Herz verhärtet hat; aber für Dich war es nicht hart, und Hohn von Dir ist, ja, ist Schlangengift. Percy lag denselben Augenblick zu seines Vaters Füßen, ergriff seine beiden Hände, und brach in einen Strom Thränen aus. Vergib mir, sagte er mit gebrochener Stimme, ich wollte Dich nicht kränken. Ich bin ein thörichter Knabe. Schick mich in die Schule. Thue mit mir, was Du willst. – Ja, sagte der alte Mann, langsam den Kopf schüttelnd, Du weißt nicht, welchen Schmerz eines Kindes herbes Wort dem Herzen eines Vaters macht. Aber es ist natürlich, ganz natürlich! Du möchtest mir meine Liebe zum Gelde vorwerfen; das ist eine Sünde, gegen welche die Jugend am wenigsten Nachsicht hat. Aber wie? Kann ich einen Blick auf die Welt werfen, und nicht dessen Werth, dessen Nothwendigkeit erkennen? Jahr für Jahr habe ich seit meinem Mannesalter gestrebt und getrachtet, diese letzten Überbleibsel der Besitzungen meiner Ahnen vor dem Verkauf zu retten. Jahr für Jahr ist das Glück mir aus den Händen gewichen, und nach allen Mühen und am Ende meines langen Lebens stehe ich jetzt hart am Rande des Mangels. Aber Du verstehst nicht, und niemand, dessen Herz nicht von den Jahren zusammengeschrumpft ist, versteht oder würdigt die Gründe, welche meinen Karakter gebildet haben. Aber Du – und seine Stimme wurde weicher, indem er die Hand auf seines Sohnes Haupt legte – aber Du, der fröhliche, hochstrebende Jüngling, Du sollst Dir nicht von den Sorgen, die mich umgeben, die Stirn furchen, die Augen trüben lassen. Geh! Ich will Dich nach der Stadt begleiten; ich will selbst Saville sprechen. Ist es ein Mann, dem ich meinen Sohn, in einem so zarten Alter sicher anvertrauen kann, so sollst Du Deinen Willen haben, und ihn besuchen dürfen. Percy wollte antworten, aber sein Herz wehrte ihm, und ehe der Abend vorüber war, hatte der Letztere sich vorgenommen, so viel als ihm gut dünkte, von der Unterredung zu vergessen. Der ältere Godolphin war einer jener Karaktere, auf die man umsonst einen bedauernden Eindruck zu machen sucht; sein Gemüth gab, wie das Wasser, jedem Schlage nach, schloß sich aber wieder unmittelbar darauf. Es war ihm frühzeitig eingeprägt worden, daß er zum Frommen seiner Besitzungen und seines alten Familiengutes, das er, wie man ihm gelehrt hatte, als den Zweck und Ehrgeiz seines Lebens zu betrachten habe, eine reiche Erbin heiraten müsse. Seine Pläne waren vereitelt worden, aber je mehr sich ihnen entgegenstellte, desto fester klammerte er sich an sie an. Von Natur gütig, gesellig und edelmüthig, war er endlich zur Abgeschiedenheit und zum Geize herabgesunken. Alle übrigen Spekulationen, welche den Glanz seiner Ahnen darstellen sollten, waren mißglückt, und es blieb ihm nur eine, die nie fehl schlägt – die des Sparens . An sie hing er sich jetzt mit Gewalt. Zu Zeiten gab er auch seinen alten Gewohnheiten Raum, aber solche Augenblicke waren selten. Ein kalter, harter, widriger Geiz bildete seinen vorherrschenden Karakterzug. Seinen Sohn hatte er, mit achtzehn Pence in der Tasche, nach einer Schule von zwanzig Pfund jährlich geschickt, wo er, wie natürlich, nichts als Spielen und tolle Streiche lernte: trotzdem glaubte er, daß sein Sohn ihm den unauslöschlichsten Dank schuldig sey. Zum Glück für Percy war er der besondere Liebling eines gewissen, nicht unberühmten Mannes, Namens Saville, und dieser benutzte sein Anrecht als Verwandter, um ihn mit Geld zu unterstützen und in seinem Hause aufzunehmen. Wild, leidenschaftlich, vergnügungssüchtig sehnte sich der junge Godolphin nach diesen gelegentlichen Besuchen, bei denen jedem sein schon von Natur scharfer und durchdringender Geist einen neuen Schwung nahm, und sich zu neuen Plänen erhob. Er war bereits das Oberhaupt der Schüler, die Qual des Direktors, und der Liebhaber von dessen Tochter. Er war erst fünfzehn Jahre alt, und doch schon ein ausgeprägter Mensch. Ein verstockter Stolz, eine verstockte Bitterkeit, offener Witz und unruhiges Wesen verriethen allem Anschein nach mehr Energie, als Liebe. Doch blieb ein gütiges Wort in dem Munde eines Freundes nie ohne Wirkung auf ihn, und während er die Kette zerrissen hätte, konnte man ihn an einem Faden führen. Aber das waren nur Züge des Knaben: die Welt änderte sie gar bald. Der Zweck seines Besuchs bei Saville war nicht berührt worden. Eine kurze Überlegung zeigte Herrn Godolphin, wie unzuverlässig das Versprechen eines Schulknaben war, daß er seinem Vater keinen Schilling mehr kosten solle, und er wußte überdies, daß Saville's Haus eben nicht der Platz sey, wo man am besten Ökonomie lernen könne. Er hielt es daher für klüger, seinen Sohn nach der Schule zurückzuschicken. So begab sich denn Percy Godolphin wieder in die Schule, und drei Wochen später wurde Percy Godolphin wieder aus der Schule ausgestoßen, weil er eine Ohrfeige, die er von Dr. Shallowell erhalten, mit bedeutendem Nachdrucke zurückgegeben hatte. Statt auf seines Vaters Ankunft zu warten, packte Percy seine Kleider zusammen, ließ sich, mit Hülfe des Bettüberzugs, aus dem Zimmer, in welches er eingesperrt worden war, herunter, und befand sich an einem schönen Sommerabend, die Brust voll von dem Gefühl der Unabhängigkeit, und Herrn Saville's letzte Gabe, zehn Guineen, in der Tasche, auf der Straße zwischen *** und London. Viertes Kapitel. Percy's erstes Abenteuer als unabhängiger Mensch. Es war eine schöne, malerisch angelegte Straße, auf welcher der junge Flüchtling, unbekümmert, wohin der Weg führe, seine Reise antrat. Seine Brust war voll von Unternehmungslust und von dem wilden Muthe der Erfahrungslosigkeit. Er war bereits mehrere Meilen gegangen, und schon brach die Abenddämmerung ein, als er nicht weit vor ihm einen Packwagen und daneben einen großen, wohlgebauten Manne gehen sah, der mit einiger Heftigkeit gestikulirte. Godolphin betrachtete ihn neugierig; der Mann drehte sich hastig um, und warf auch seiner Seits einen sprechenden Blick auf den jungen Wanderer. – Sieh da, sagte er mit einem einnehmenden, doch etwas vertraulichen und ungenirten Wesen, wohin des Weges zu dieser Stunde? – Das geht Euch nichts an, Freund, antwortete der Knabe mit dem stolzen Übermuth seines Alters, kümmert Euch um Eure eigenen Angelegenheiten. – Ey, Ihr macht es ja derb, junger Herr, erwiederte der Andere; aber es ist unsere Art, gesprächig zu seyn. Wißt, Herr – der Fremde runzelte die Stirn dazu – daß wir schon manch größern Wünschen, als Ihr, und wegen einer viel kleinern Unverschämtheit, als Ihr zu begehen vermögt, zum Richtplatze geschickt haben. Ein Gelächter aus dem Wagen richtete Godolphin's Augen auf denselben, und er sah aus der offenen Thür desselben ein muthwilliges Frauengesicht, das auf ihn herabblickte. – Ich sehe, sagte Percy, Ihr macht Euch lustig über mich; kommt herunter, meine Schöne, und ich werde Euch nichts schuldig bleiben. Die Dame lachte noch lauter über diese jugendliche Gallanterie des Reisenden, aber der Mann beachtete sie nicht, sondern legte seine Hand auf Percy's Schulter und sagte – – Sir, wohnt Ihr vielleicht in ***? Er nannte die Stadt, der sie jetzt zueilten. – Nein, antwortete Godolphin, sich losmachend. – Ihr werdet aber dort vielleicht übernachten? – Vielleicht. – Ihr seid zu jung, um allein zu reisen. – Und Ihr, entgegnete Godolphin, vor Ärger roth werdend, zu alt, solche ungezogene Bemerkungen zu machen. – Meiner Treu, sagte der Fremde kaltblütig, ich liebe dieses Feuer, mein Heißsporn, und wenn Ihr wirklich die Nacht in *** bleibt, so dächte ich, wir äßen unser Abendbrod zusammen. – Mit Euren wilden Thieren, Freund? Ihr seyd doch wohl so ein Bestienführer, und habt da oben in dem Wagen drei in Flanell eingewickelte Schlangen, und einen weißen Bären und ein halb Dutzend Affen als Lockspeise für einfältige Tröpfe? – Und zu welchen dieser Thiere rechnet Ihr mich, Sir? fragte das Frauenzimmer oben sehr gravitätisch. Percy, den das Gesicht der Fragerin – wie wir denn im fünfzehnten Jahre leicht entzündbar sind – sogleich eingenommen hatte, war im Begriff, mit vielen Komplimenten zu antworten, als plötzlich eine Stimme aus dem Innern des Karrens rief: – Schnell, schnell! Zur Hilfe! Der Strick ist gerissen! Venedig ist heruntergefallen, und der Schneesturm wird auf der Stelle im Feuer liegen! Den Teufel auch! rief der große Mann, sprang in die Maschine und verschwand. Das Mädchen, welches vorher an der Unterhaltung Theil genommen, blieb jedoch ganz ruhig und unbekümmert an dem Schlage sitzen, und Percy erkannte, daß hier Gelegenheit zu einigem Posiren sey. – Ich bitte um Verzeihung, sagte er nach einer Pause, ich sehe jetzt meinen Irrthum ein; Sie sind also die Zierde eines Theaters? – Ein Theater? antwortete das Mädchen kalt. O, wir sind nicht so kitzlich in diesem Punkte, wir sind nur eine Partie herumziehender Komödianten. – Und ist der Herr, der sich so frei und ungezwungen bestimmt, Euer Gatte? – Gott bewahre! Glaubt Ihr, wenn er das wäre, er würde mich hier müßig sitzen lassen, wenn er zu thun hat? Aber dummes Zeug, was versteht Ihr vom verheiratheten Leben? Nein, fügte sie mit einer artigen, affektirten Würde hinzu, ich bin die Belvidera Ottway's Venedig. , die Calista, die Prima Donna der Gesellschaft, stehe unter keinem Zwange, keinem Manne, und verdiene drei und dreißig Schilling die Woche. – Auch unter keinem Liebhaber? fragte Percy mit einer frechen Miene, die er von Saville abgesehen hatte. – Seh einer den Jungen! Nein: auch müßte mein Liebhaber wenigstens eben so groß, eben so reich, und leider auch wenigstens so alt seyn, wie ich. – Das Leider ist nicht von Nöthen, mein Schatz, antwortete Percy, es war mir nicht eingefallen, mich in Euch zu verlieben. – Nicht? Das ist nicht wahr, Ihr dachtet wohl daran, aber warum wollt Ihr nicht mit uns zu Nacht speisen? – Warum sollte ich auch nicht? dachte Percy, da ihm jetzt der Vorschlag auf eine lockendere Weise gemacht wurde. Wenn Ihr mich darum bittet, sagte er, so will ich es thun. – Gut, antwortete die Schauspielerin, so bitte ich Euch darum. Der Held der Gesellschaft kam jetzt wieder zum Vorschein. So, so, sagte er, Ihr habt uns also noch nicht verlassen? – Nein, und ich nehme Eure Einladung an und esse mit Euch. – Das freut mich. Wollt Ihr aber nicht lieber einsteigen und im Wagen bleiben? Wir haben noch zwei Meilen zu machen. Percy benutzte die Erlaubnis, und saß bald neben der hübschen Schauspielerin. Und so, schnell mit seinen neuen Gefährten befreundet und entzückt über sein Abentheuer, fuhr der Sohn des asketischen Godolphin, der Zögling des höfischen Saville, in die Stadt *** ein, und so begann einer seiner ersten unabhängigen Feldzüge in der großen Welt. Fünftes Kapitel. Die Komödianten. – Godolphin verliebt. – Wirkung des Spiels der Fanny Millinger auf ihn. – Die beiden Anerbietungen. – Godolphin verläßt die Schauspieler. Unsere Reisenden hielten an dem ersten Wirthshause der Vorstadt an. Man wies ihnen dort ein großes Zimmer zur ebenen Erde an, das mit Sand bestreut war, und in dessen Mitte ein langer Tisch stand, wobei Percy Muße genug hatte, die Leute zu besehen, denen er sich angeschlossen hatte. Da war erstens ein alter Herr, der seine drei und sechzig Jahre hatte, eine Stutzperücke trug, ziemlich beleibt war und die Liebhaber spielte. Er war eben so vortrefflich als sinniger Romeo, wie als der lebhafte Rapid. Er hatte eine böse Manier, außer der Bühne zu sprechen, was zum Theil daher rührte, daß er alle seine Vorderzähne verloren hatte, weshalb er auch gewöhnlich den Rollen auswich, in denen er viel zu lachen hatte. Dann war da ein kleines Mädchen von ungefähr vierzehn Jahren, das die Engel und die Feen spielte, aber in der Noth als altes Weib einen recht guten Effekt machte. Drittens befand sich darunter ein ziemlich ungebundener Passagier, der wegen seiner starken Stimme und kräftigen Gestalt gewöhnlich die Tyrannen verarbeitete. Er war groß als Macbeth, größer als Bombastes Furioso. Viertens seine Frau, ein artiges, etwas schlumpiges, stark geschminktes Weib. Sie spielte die zweiten Liebhaberinnen, Vertrauten und Kammermädchen, die Emilie der Desdemona. Die Fünfte war Percy's neue Geliebte, ein etwa ein und zwanzig Jahre altes Mädchen mit einer Stumpfnase, schönem braunen Haar, das immer etwas verstört aussah; Mund, Zähne, Grübchen wunderhübsch; mit natürlicher Farbe und einiger Hinneigung zur Fülle, welche den sinnlichen Männern lieber ist, als den poetischen. Fanny Millinger war ein so offenherziges, fröhliches, lebendiges Wesen, daß sie der Abgott der ganzen Gesellschaft geworden war, und selbst ihre Überlegenheit im Spiel keine Eifersucht erregte. Schauspielern steht es frei, dies zu glauben, oder nicht. – Und ist das die ganze Gesellschaft? fragte Percy. – Nein, antwortete Fanny, indem sie ihre Haube abnahm und mit Hülfe eines trüben Spiegels sich die Locken aufwickelte, der Rest ist in ***, wird aber noch in dieser Nacht zu uns stoßen. Wollt Ihr Euch nicht für die Bühne entschließen? Ich wollte, Ihr thätet es. Ihr würdet einen ganz anständigen – Pagen abgehen. – Wahrhaftig? sagte Percy tief beleidigt. – Nun, wird's bald! rief die Schauspielerin, in die Hände schlagend, ohne sich um seinen Ärger zu kümmern, warum nehmt Ihr mir nicht meinen Mantel ab? Warum bringt Ihr mir nicht einen Stuhl herbei? Warum stellt Ihr mir nicht diesen großen Koffer aus dem Wege? Warum – Gott stehe mir bei! – dabei stampfte sie ganz im Ernst mit ihrem kleinen Fuß auf den Boden – das ist mir ein sauberer Liebhaber. – Ah! So bin ich also doch ein Liebhaber? – Dummheit! Setzt Euch beim Essen neben mich. Der junge Godolphin war bezaubert von der muntern Schauspielerin, und begab sich den folgenden Abend mit nicht geringer Spannung in die Theaterloge der kleinen Bühne zu ***, um seine Fanny spielen zu sehen. Man gab den Sieg der Persönlichkeit. Das Lustspiel von Goldsmith. Die früher erwähnte Rolle des Rapid ist aus dem Mittel für Herzweh von Morton, so wie die später angeführte des Sir Pertinax Macsycophant aus dem Weltmann von Maclin. Die nämlichen Rollen wurden im Ganzen erträglich gespielt, obgleich Percy etwas erstaunte, als er einen Mann, der erst heute bei der Gesellschaft erschienen war, und sich der edelsten Zügen von der Welt, einer schönen Römischen Nase und der Stirn eines Weisen zu erfreuen hatte, jetzt in enger Nankinhose und kurzer Jacke als Tony Lumpkin die Gallerie zum immerwährenden Lachen bringen sah. In die Rolle der Heldin legte dagegen Fanny Millinger eine Grazie, eine Zartheit, einen einfachen, und doch so würdigen Karakter wahrer Liebe, daß sie das ganze Publikum überraschte und entzückte. Der Beifall war unendlich, und Percy war ganz stolz, daß er zuerst eine Person bewundert habe, die jetzt jeder bewundern zu wollen schien. Als das Stück zu Ende war, ging er hinter die Coulissen, und fühlte zum erstenmal die Rangstufe, welche geistiges Vermögen verleiht. Das unbedeutende Mädchen, mit dem er noch eben so vertraut gewesen war, und das ihm, dem Knaben, nur für Koketterie, Scherzen und Tändeln geschaffen schien, hatte sich jetzt zu einer solchen Höhe erhoben, daß sie ihn betreten machte und demüthigte. Er blieb scheu und linkisch in einiger Entfernung stehen, warf einen verstohlenen Blick auf sie, hatte aber den Muth nicht, sich zu nähern und ihr ein Kompliment zu machen. Das scharfe Auge der Schauspielerin hatte die Wirkung errathen, die sie gemacht hatte. Sie fühlte sich natürlich geschmeichelt, trat auf Godolphin zu, faßte ihn bei der Schulter, und sagte ihm mit einem Lächeln, das durch die auch nicht abgewischte Schminke nur gehoben wurde: Was ist das für ein unbeholfener Schäfer! Wie, keine Schmeichelei für mich? Geht, geht, Ihr taugt nicht für mich; sucht Euch eine andere Herzenskönigin. – Ihr habt mir Ehrfurcht für Euch angezaubert, sagte Godolphin. Es lag eine Zartheit in dem Ausdruck, die für den Geist des Knaben, obgleich er noch nicht entwickelt war, karakteristisch genug seyn dürfte, und die niedliche Schauspielerin war für einen Augenblick ganz gerührt davon, obgleich sie, trotz ihres sinnigen Spiels, nie zu flüchtig war, als daß sie es für sehr anziehend gehalten hätte, auf die Länge nichts als Ehrfurcht einzuflößen. Da sie im zweiten Stück nichts zu thun hatte, so führte Godolphin sie nach dem Wirthshause zurück. So lange seine zehn Guineen dauerten – und der Leser kann sich denken, daß das eben nicht lange war – blieb Godolphin bei der fröhlichen Truppe als der willkommene und glückliche Liebhaber ihres Hauptmitglieds. Ihr vertraute er seinen Namen und seine Geschichte an, und über die letztere lachte sie herzlich, denn sie war ein ächtes Kind der Venus, und voll Lust an jeder ausgelassenen Tollheit. Aber, sagte sie, ihm liebevoll die Wangen streichelnd, was hindert Euch denn nun, für eine Weile zu uns überzugehen? Ich will Euch in drei Stunden zum Schauspieler bilden. Kommt her und gebt Acht. Die ganze Kunst, die Ihr so bewundert, besteht nur aus einer Reihe von Kunststückchen. Godolphin gerieth in Verlegenheit. Es lag ein versteckter Stolz in ihm, der nicht duldete, daß er sich dem Tadel Anderer unterwerfen sollte. Er hatte keine Neigung zur Nachahmung und bedeutende Angst vor dem Lächerlichen. Diese frühzeitig entwickelten Züge, welche im späteren Leben ihn stets hinderten, einen geeigneten Wirkungskreis für seine natürlichen Kräfte zu finden; welche ihn zu stolz machten, sich viel für seinen Zweck zu tummeln, und zu philosophisch, etwas für den Schein zu thun, waren ihm bei dieser Gelegenheit von Nutzen, und schützten ihn vor der Gefahr, die ihm drohte. Er ließ sich nicht zum Auftreten bereden, und die schöne Fanny gab den Gedanken daran hoffnungslos auf. Aber, sagte sie zärtlich, bei uns könnt Ihr doch wenigstens bleiben und meinen kleinen Verdienst theilen. Godolphin fuhr zurück, und so wunderbar sind die Widersprüche des stolzen menschlichen Herzens, daß dieses edelmüthige Anerbieten der armen Schauspielerin ihm eine solche Unlust und Abneigung einflößte, daß er sich beinah mit dem Gedanken, von ihr zu scheiden, versöhnte. Der Vorschlag schien ihm mit Einem Male die zweideutige Lebensweise, die er begonnen hatte, zu entschleiern. Nein, Fanny, sagte er nach einer Pause, ich bin hier, weil ich mich entschlossen habe, unabhängig zu seyn, und kann also kein abhängiges Loos wählen. – Miss Millinger soll sogleich zur Probe kommen, sagte, den Kopf in das Zimmer steckend, das kleine Mädchen, das die Feen und alten Frauen spielte. – Mein Gott! rief Fanny aufspringend, ist es schon so spät? Ich muß gehen, Adieu! Wir sehen uns noch. Godolphin trat düster und gedankenvoll auf die Straße, und das Erste, was ihm in die Augen fiel, war ein Anschlagzettel an der Mauer, auf welchem seine Person beschrieben und für seine Festnehmung eine Belohnung von zwanzig Guineen zugesichert wurde. »Er kehre zurück zu seinem bekümmerten Vater, hieß es am Schlusse der Aufforderung, und alles soll vergeben seyn.« Godolphin schlich sich nach seinem Zimmer zurück, schrieb einen langen, zärtlichen Brief an Fanny, fügte seine Uhr, als das einzige Andenken, das er im Vermögen habe, bei, gab ihr seine Adresse bei Saville, wartete noch etwas, bis es dunkel wurde, ging dann wieder hinaus, und nahm einen Platz auf der Londoner Postkutsche. Er hatte zwar kein Reisegeld, aber der Kondukteur traute seinem anständigen Aussehen, und am nächsten Morgen war er unter dem Dache Saville's. Sechstes Kapitel. Percy als Gast bei Saville. – Er tritt in die Garde und kommt in Mode. – Und so, sagte Saville lachend, bist Du ihnen wirklich durchgegangen. Das ist herrlich! Aber weißt Du, daß ich Dich um Dein Abentheuer mit dem Schauspieler-Volk beneide. Bei Gott, wäre ich nur einige Jahre jünger, ich würde selbst zu ihnen gehen, und den Sir Pertinax Macsycophant wundervoll geben: ich habe Anlage für das Theater. Aber sag' mir, was denkst Du nun zu thun? Bei mir zu bleiben? Ja? – Nun, ich denke, das wäre das Beste, und jedenfalls die angenehmste Weise, mein Leben zu verbringen. Aber – – Aber was? – Aber ich könnte nicht zufrieden seyn: wenn ich mich von Ihrer Gunst abhängig wüßte. Ich werde deshalb meinem Vater schreiben, den ich übrigens bereits den ersten Tag meiner Ankunft in *** mit Achtung und Herzlichkeit von meinen Verhältnissen in Kenntnis gesetzt habe. Ich hatte ihn damals gebeten, seine Briefe unter Ihrer Adresse abzusenden, aber ich bedaure, daß der Anschlagzettel, der mich so in Schrecken versetzt hat, die einzige Notiz zu seyn scheint, welche er von meiner Anzeige genommen hat. Ich werde ihm daher nochmals schreiben und ihn bitten, mich in die Armee eintreten zu lassen. Es ist zwar eben kein Stand, den ich besonders lieb habe, aber es bleibt mir nichts Anderes übrig, und ich werde doch mein eigener Herr. – Sehr gut, antwortete Saville, und hier hoffe ich Dir von Nutzen seyn zu können. Will Dein Vater die gesetzmäßige Summe für ein Patent in der Garde zahlen, so glaube ich es bewirken zu können, daß Du für dies Geld allein eine Stelle erhälst, was keine kleine Begünstigung ist. Godolphin war entzückt über den Vorschlag, schrieb auf der Stelle an seinen Vater, stellte ihm die Sache dringend vor, und veranlaßte Saville, in einem besonderen Briefe seinen Antrag zu unterstützen. »Sie sehen, mein theurer Sir, schrieb der Letztere, daß Ihr Sohn ein wilder, entschlossener Tollkopf ist. Mit Zwang und Schulen richten Sie nichts aus, bringen Sie ihn deshalb unter die Disziplin des Königlichen Dienstes, und zwingen Sie ihn, von seinem Solde zu leben. Es ist überdies eine wohlfeile Manier, für einen Taugenichts zu sorgen, und da er das Glück haben wird, so frühzeitig in die Armee einzutreten, so kann er in seinem dreißigsten Jahre Oberst mit voller Besoldung seyn. Im Ernst, es ist das Beste, was Sie für ihn thun können, wenn Sie nicht sonst eine Pfründe in Ihrer Familie haben.« Der alte Vater war über diesen Brief und seines Sohnes frühere Entweichung nichts weniger als erfreut, konnte sich jedoch nicht verhehlen, daß wenn er sich den Wünschen seines Sohnes widersetzte, er noch mehr Unruhe davon haben würde. Verlegenheiten und Schwierigkeiten würden sich anhäufen, und ihm nur Kummer machen und Geld kosten. Das jetzige Anerbieten verschaffte ihm dagegen einen schönen Vorwand, sich eine Zeitlang jeder Sorge für seinen Sohn entschlagen zu können, und da er sich täglich mehr in seine engherzige Gewohnheit des einsamen Zusammenscharrens einspann, so freute er sich, daß sich eine Gelegenheit fand, die ihn vor jeder künftigen Unterbrechung schützte, und es ihm möglich machte, sich mit ganzer Seele seiner Lieblingsbeschäftigung hingeben zu können. Nach einer vierzehntägigen Überlegung schrieb er endlich mit kurzen Worten an Saville und an seinen Sohn, machte dem Letztern viele Vorwürfe, und sagte endlich, daß, wenn die Stelle wirklich für die angegebene Summe erlangt werden könne, er ein Opfer bringen und sie sich abdarben wollte. Dies rührte den Sohn, aber Saville lachte ihn aus, und bald darauf stand Percy Godolphin in den Zeitungen als Fähnrich in dem *** Garde-Regiment. Das Leben der Soldaten im Frieden ist die Indolenz selbst. Percy fand Geschmack an den neuen Uniformen und den neuen Pferden, die sämmtlich auf Kredit gekauft waren. Er fand Geschmack an seinen neuen Kameraden; an Bällen, am Hofiren; er verschmähte auch nicht Hydepark von vier bis sechs Uhr, und langweilte sich nicht zu sehr beim Exerziren und bei der Parade. Es that seiner Stellung in der Welt großen Vorschub, daß er der Schützling eines Mannes war, welcher wegen Spiel und Ausschweifung so hoch stand, wie August Saville, und daß er unter solchen Auspizien mit einem Male mitten in die Fluth der »guten Gesellschaft« geworfen wurde, die nur darum die gute heißt, weil alles Gute sorgfältig aus ihrem Kreise verbannt ist. Jung, romanenhaft, kühnen Geistes, mit den klassischen Zügen eines Antinous, und einem artigen Geschick, Schönheiten zu sagen und Verse zu machen – wurde Percy Godolphin, obgleich er seinen Jahren nach eher in die Kinderstube, als in die Welt gepaßt hätte, sehr bald »der lockige Liebling« jener großen Klasse vornehmer Frauen, die nichts zu thun haben, als sich den Hof machen zu lassen, und die, selbst nichts als Kunst, die Liebe am süßesten finden, die aus der natürlichsten Quelle entspringt. Sie lieben das Knabenalter, wenn es nicht blöde ist; und von unserm fünfzehnten bis zu unserm zwanzigsten Jahre ist es nur unsere eigene Schuld, wenn wir nicht allesamt den Juan spielen können. Aber Liebe war nicht die schlimmste Gefahr, welche dem berauschten Knaben drohte. Saville, der verführerischste aller Vormünder, Saville, der durch seinen Witz, seinen guten Ton, seinem Einfluß auf die große Welt allen weniger Hochstehenden und Hochstrebenden ein Gott schien, Saville war Godolphin's beständiger Gesellschafter; und Saville war schlimmer, als ausschweifend, er war ein Spieler! Man sollte denken, daß Spielen das letzte Laster wäre, das die Jugend verstricken könnte, und daß dessen Geiz und Habsucht, seine scheußliche Selbstsucht, seine kalte, berechnende Gemeinheit alles von sich stoßen müßte, was noch andern und süßern Pflichten nachzugehen hat. Aber der Fehler der Jugend ist, daß sie selten widerstehen kann. Das Spiel ist in allen Ländern das Laster der Aristokratie. Die jungen Leute finden es in den besten Zirkeln vor, werden durch Gewohnheit Anderer hingerissen, und zu Grunde gerichtet, sobald sie dieselbe Gewohnheit angenommen haben. – Du siehst so fieberhaft aus, Percy, klagte Saville, als er seinem Zögling im Park begegnete. Aber es ist kein Wunder bei dem höllischen Verlust, den Du gestern Abend gehabt hast. – Es war mehr, als ich bezahlen konnte, antwortete Percy mit zuckendem Munde. – Oh, Du sollst es morgen abzahlen, denn Du sollst heute Abend meinen Gewinn theilen. Siehst du nicht, fügte Saville mit leiserer Stimme hinzu, daß ich nie verliere? – Wie, niemals? – Nie, außer mit Fleiß. Ich spiele kein Spiel, wo es nur auf Zufall ankommt. Whist ist mein Lieblingsspiel. Es ist leider nicht sehr im Gange, und ich muß es daher auch mit anderen Spielen aufnehmen, aber selbst beim Rouge et noir halte ich mich an die Whistregeln. Ich berechne – ich behalte im Kopfe – – Aber Hazard? – Das spiele ich nie, entgegnete Saville feierlich, das ist ein Teufelsspiel und spottet jeder Kunst. Gib das Hazard auf und lerne Ecarté. Es kommt in Mode. Saville nahm sich viel Mühe mit Godolphin, und dieser, der von Natur mehr überlegten, als übereilten Sinnes war, war kein oberflächlicher Schüler. Er wurde bald ein geschickter, glücklicher Spieler, und ergänzte so den Sold des Subalternen. Das war die erste schwere, moralische Verschlechterung in Percy's Karakter, einem Karakter, der ein ganz anderes Wesen, als er wurde, aus ihm hätte machen sollen, aber den weder Laster, noch böses Beispiel zu verderben vermochten. Siebentes Kapitel. Godolphin wird entschuldigt, daß er menschliche Gefühle hat. – Godolphin sieht jemand, den er nie wieder sieht. – Die neue Schauspielerin. Saville galt für den vollendeten Mann von Welt – für klug und herzlos. Wie kam es aber, daß er sich freiwillig so viel Mühe mit einem Knaben, wie Godolphin, gab? Erstens hat man oft bemerkt, daß abgelebte, blasirte Weltmenschen die jungen Leute lieben, in denen sie etwas – ein besseres Etwas erkennen, das ihnen angehört. In Godolphin's Anstand und Muth glaubte Saville das Spiegelbild seiner eigenen äußern Zierlichkeit und ränkevollen Ausdauer, in Godolphin's blühender Phantasie und tiefem Scharfsinn, seine Verschlagenheit und Heuchelei zu sehen. Die Beliebtheit des Knaben schmeichelte ihm, seine Unterhaltung ergötzte ihn. Auch ist niemand so herzlos, daß er nicht einer entschiedenen Zuneigung fähig wäre, wenn sie ihm nicht sehr aus dem Wege liegt, und eine solche Neigung war es, die Saville für Godolphin fühlte. Dann gab es noch einen andern Grund zu dieser Liebe, der anfangs vielleicht zu zart scheinen mochte, als daß er auf einen ausgelernten Wollüstling wirken konnte; in der Nähe besehen, schwindet jedoch diese Zartheit. Saville hatte Godolphin's Mutter geliebt, ihr wenigstens seine Hand angeboten, da man sie für eine Erbin hielt. Er dachte daher, er hätte es nur eben versäumt, Godolphin's Vater zu seyn, und seine Eitelkeit reizte ihn, dem Knaben zu zeigen, was er ihm für ein besserer Vater gewesen wäre, als der ihm von der Vorsehung bestimmte. Schon aus Groll gegen den vorgezogenen Liebhaber kitzelte es ihn, eine kleine, boshafte Rache an Godolphin's Vater zu nehmen, und darauf hin zu arbeiten, daß der Sohn den vorzöge, den die Mutter verworfen habe. Alle diese Gründe fesselten Saville an den jungen Percy, und da er reich, und trotz seiner Vorsichtigkeit und kalten Berechnung verschwenderischer Natur war, so machte ihm die pekuniäre Seite seiner Vormundtschaft keine Sorge. Aber Godolphin, der nicht prachtliebend war, verließ sich nicht zu sehr auf die launische Großmuth eines Egoisten. Fortuna lächelte ihrem jungen Verehrer, und ließ ihm während der kurzen Zeit, in der er sich um ihre Gunst bewerben mußte, wenigstens so viel zuströmen, daß er mit Anstand leben konnte. Die Säle der Gräfin B... schwammen im Licht, und waren schon vollgedrängt von der vornehmen Welt, als Godolphin nach einem langwährenden Dinner bei Saville daselbst eintrat. Er gehörte nicht zu der zahlreichen Klasse von Herren, den Stockpflanzen eines Blumenblattes, die sich in die Schweigsamkeit ihrer Halsbinden eingeschnürt gegen die Mauer drücken. Er ging nicht in der gewöhnlichen Absicht auf Bälle, um sich in der auffallendsten Stellung anstarren zu lassen – ein Beweggrund, der unter den steifen Stutzern Englands so gemein ist. Er ging hin um sich zu amüsiren, und fand er niemand, der ihn dazu verhelfen konnte, so sah er nicht ab, warum er da bleiben sollte. Man sah ihn daher entweder immer reden, tanzen und der Musik zuhören, oder gar nicht. Während er einige Worte mit dem Obersten D..., einem berüchtigten Roué und Spieler, wechselte, sah er, daß ein alter Gentleman in der Kleidung des vorigen Jahrhunderts ihn aufmerksam, und, wie es Percy schien, etwas scharf anblickte. Wohin er sich wenden mochte, Godolphin konnte den Blick nicht los werden, so daß er ihn zuletzt mit gleicher Starrheit und Festigkeit erwiederte. Der alte Gentleman näherte sich langsam. – »Percy Godolphin, nicht wahr?« fragte er. – Das ist mein Name, Sir, antwortete Percy, und der Ihrige? – Thut nichts zur Sache! Doch mögen Sie ihn erfahren. Ich bin Heinrich Johnstone, der alte Harry Johnstone. Sie haben wohl von ihm gehört? Ihres Vaters Cousin. Ich muß Ihnen sagen, junger Herr, daß es mir leid thut, Sie so vertraut mit dem schurkischen Saville zu sehen. Unterbrechen Sie mich nicht, Sir. Ich sage Ihnen, es thut mir leid, daß Sie, so jung und ungewarnt, von jedem der sich dazu die Mühe geben will, von Herz und Seele verdorben, zu Grunde gerichtet werden sollen. Und doch liebe ich Ihr Gesicht. Ja, ich liebe dies Gesicht! Es ist offen und doch gedankenvoll, ungetrübt und doch etwas melancholisch. Sie haben nicht Karl's dunkles Haar, aber Sie sind auch viel, viel jünger. Es freut mich, daß ich Sie gesehen habe. Ich bin absichtlich hieher gekommen. Gute Nacht! – Und ohne eine Antwort abzuwarten, war der alte Mann verschwunden. Als Godolphin sich von seinem Erstaunen erholt hatte, erinnerte er sich, daß sein Vater oft von einem reichen und excentrischen Verwandten, Namens Johnstone, gesprochen hatte. Die Unterredung hatte einen starken, wenn auch nur augenblicklichen Eindruck auf ihn gemacht. Er nahm sich vor, des alten Mannes Wohnung aufzusuchen, aber es kam immer etwas dazwischen, so daß wirklich die beiden Verwandten sich in dieser Welt nicht mehr begegneten. Percy, der sich jetzt nachdenkend durch die Menge wandt, warf sich auf einen Sessel, neben einer fünf und vierzigjährigen Dame, die sich zuweilen damit abgab, ihm den Hof zu machen, da man ja bei so einem Knaben nichts Böses denken konnte. Gleich darauf fragte ein Lord Georg Irgendwer, der herangeschlendert kam, die Lady, ob er sie nicht am vorigen Abend im Theater gesehen habe. – Allerdings, wir waren hingegangen, die neue Schauspielerin zu sehen. Was sie artig ist! So ungeziert! und dabei singt sie so gut. – Recht schön – eh! schnarrte Lord Georg, sich mit der Hand durch sein Haar fahrend. Recht hübsches Mädchen, – eh! Schöne Knöchel! Verzweifelt warm hier, auf Ehre! Und so langweilig! Ach! Godolphin. Denken Sie an den Wattier-Klub. – Und damit schnarrte Seine Herrlichkeit fort. – Von welcher Schauspielerin ist die Rede? – O, sie ist sehr gut. Sie hat in der List der Schönen debutirt. Wir wollen sie morgen sehen, und wenn Sie bei uns essen und unser Kavalier seyn wollen – – Mit dem größten Vergnügen. Ihre Herrlichkeit haben Ihr Taschentuch fallen lassen. – Ich danke, sagte die Lady, sich niederbeugend, bis ihr Haar Godolphin's Wangen berührte, während sie ihm sanft die Hand drückte. Es ist in der That ein Wunder, daß Godolphin kein Geck wurde. Tags darauf speiste er versprochener Maßen bei der Dame, und ging mit ihr in das Theater. Der Augenblick, wo er den ersten Blick auf die Bühne richtete, verkündete ein allgemeiner Beifallssturm das Erscheinen der neuen Künstlerin – Fanny Millinger! Achtes Kapitel. Godolphin's Leidenschaft für das Theater. – Sie veranlaßt einen Wechsel in seinen Lebensgewohnheiten. Dies Ereignis hatte großen Einfluß auf Godolphin's Lebensweise, ja sogar auf seinen Karakter. Er erneuerte seine Bekanntschaft mit der muntern Schauspielerin. Welche Veränderung! riefen Beide. – Die herumziehende Komödiantin berühmt geworden? – Der weggelaufene Junge ein Modeherr. – Sie sind hübscher geworden, Fanny. – Ich gebe das Kompliment zurück, antwortete Fanny mit einem Knixe. Von nun an wurde Godolphin ein treuer Besucher des Theaters, und dadurch gezwungen, ein ganz anderes Leben, als bisher, zu führen. Es gibt in London zwei Klassen liederlicher Menschen: zu der einen gehören die Schmetterlinge der Bälle, Müßiggänger, die nur die Sphäre der Gesellschaft durchschlendern; Allerweltsgäste, alte bekannte Gesichter, die man überall sieht, die jeder kennt; die andere Klasse besteht aus einem wilderen, ungeregelteren Volke, das wenig in Gesellschaft geht, Bälle für eine Plage hält, in Klubs lebt, die Theater besucht, spät in der Nacht in geheimnisvoll aussehenden Wagen herum fährt, und eine große Bekanntschaft unter den Aspasias hat. Das sind die Leute, welche die kritischen Wortführer des Theaters machen: mit schwarzer Halsbinde und den Hut auf einer Seite, sitzen sie in ihren Logen und enscheiden über die Knöchel einer Tänzerin und die Stimme eines Sängers. Sie haben einen Anflug von Literatur, und verbrauchen in ihren Gesprächen viel Französisch: in ihrem ganzen Wesen liegt etwas Romanhaftes, und einige davon haben sogar schon aus Liebe geheirathet. Kurz, in ihrer Natur steckt ein leichtfertiger, liberaler Kontinental-Karakter der Liederlichkeit, der in den kalten, zahmen, schaalen, gezierten eingezwängten Ausschweifungen von nationellerem Gepräge nicht zu finden ist. Aus der ersten Klasse fiel Godolphin in diese letztere, und ob, was gab es da für lustige Morgen in der Wohnung der Schauspielerinnen, was für tolle Soupers nach dem Schauspiel; was für Witz, Laune und Geist, mit dem die Stunden von Mitternacht bis zum Hahnenruf in Rosen gebettet, in Rheinwein versenkt wurden. Nach und nach ist jedoch, als Godolphin die Theater immer eifriger besuchte, weckte der schöne, höhere Sinn, der noch ungestört in seinem Herzen schlummerte, Gefühle in ihm auf, welche seine gemeinen Genossen nicht zu theilen vermochten. Es liegt in theatralischen Vorstellungen etwas, was unausstehlich die romantische Seite unseres Karakters weckt. Die magische Erleuchtung; der Pomp der Scene; die Palläste, Lager, Waldungen; die mitternächtlichen Gegenden; der Widerschein des Mondes im Wasser; die Melodie des tragischen Rhythmus, der Reiz des komischen Witzes; die wunderbare Kunst, welche dem leichtesten Worte des Dichters eine solche Bedeutung gibt; das schöne, falsche, aufgeregte Leben, das sich vor uns entfaltet, das in drei kurze Stunden alles hineindrängt, was unser regster Ehrgeiz wünschen kann – Liebe, Thaten, Krieg, Ruhm; die glühende Steigerung der Gefühle, welche der Bühne eigenthümlich ist, und uns nur in unsern leidenschaftlichsten Augenblicken begegnet: alle diese Aufreizungen unserer Phantasie gehen nicht verloren. Unsere Lust an Luftschlössern und Träumereien wurzelt fester, und wir verschütten ein geistiges Opium, das alle andere Kräfte erschlafft, und nur die der Einbildung erregt. Godolphin wurde besonders von der Bühne gefesselt: es machte ihm Vergnügen, sich von seinen Freunden wegzustehlen, und, allein und unbemerkt, seinen Geist an dem Strom einer Schatten-Existenz zu werden, so lange der Thau noch auf den grünen Blättern des Frühlings perlt, so lange der glänzendere, thatkräftigere Theil der Zukunft uns noch bevorsteht, so lange wir noch nicht wissen, ob nicht das wahre Leben eben so schwärmerisch und reizbar seyn mag, als das falsche – wie tief, wie voll ist da das Entzücken, mit dem wir, wenn auch nur für eine Stunde, und wenn auch unvollkommen, Shakespeare's Gestalten lebend sehen, fühlen, hören! Ihr lieben Ardennen! Sind wir in eurem Walde? Euren »schattigen Hainen, euren stillen Schluchten?« Rosalinde, Jacques, Orlando, seyd ihr wirklich irdische Wesen? Ah, hier geht ein Zauber vor. Und wenn wir uns zurück zum Leben wenden, so wenden wir uns von den Farben, welche das Claude-Glas über eine Winterlandschaft haucht, zu der nackten Landschaft selbst! Neuntes Kapitel. Das Vermächtnis. – Ein neuer Fehler von Saville. – Die Art weltlicher Verbindungen. – Godolphin verläßt England. Aber freilich muß man, wenn man sich die Bühnentäuschung erhalten will, keine Schauspielerin zur Geliebten haben: das führt uns zu sehr hinter die Coulissen. Godolphin fühlte dies so lebhaft, daß er die Stücke, in denen Fanny spielte, am wenigsten liebte. Er wußte zu gut, daß sie ein Weib sey, als daß er sich so weit hätte verblenden können, sie für mehr zu halten. Zum Glück wagte sich Fanny nicht an Shakespeare. Sie war unübertrefflich im Baudeville, in der Posse und den niedrigern Lustspiele, aber die Tragödie hatte sie, seit sie aus den Scheunen hervorgegangen war, wohlweislich aufgegeben. Sie besaß Talent und Scharfblick, und erkannte genau die Bahn, auf der sich ihre Eitelkeit ohne Gefahr und Verletzung ergehen konnte. Und in ihrem Wesen lag eine Einfachheit, eine Offenheit, die sie zu einer sehr angenehmen Gesellschafterin machten. Die Neigung zwischen ihr und Godolphin war nicht sehr heftig: es war ein seidenes Band, das sich bei Gelegenheit hundertmal knüpfen und zerreißen ließ, ohne daß es die so leicht vereinten Herzen sehr verwundet hätte. Auf Godolphin hatte die Neigung selbst gar keinen Einfluß, einen desto größeren aber hatten die Wirkungen derselben. Als er eines Nachts, nach einer mehrtägigen Abwesenheit aus der Stadt, vom Theater nach Hause kam, fand er unter den Briefen, die seiner warteten, einen von seinem Vater. Er hatte einen schwarzen Rand, und war schwarz gesiegelt. Godolphin erschrak: zitternd öffnete er das Schreiben und las, wie folgt: »Theurer Percy! »Ich habe Neuigkeiten für Dich, von denen ich nicht weiß, ob ich sie gut oder bös nennen soll. Dein Cousin, das alte Original, Henry Johnstone, ist gestorben, und hat dir von seinem ungeheuern Vermögen nur die ärmliche Summe von zwanzig tausend Pfund vermacht. Und auch das, denke Dir, nur unter der Bedingung, daß Du aus der Garde trittst, und entweder bei mir wohnst, oder wenigstens bis zu Deiner Mündigkeit London verläßt. Weisest Du diese Bedingungen zurück, so verlierst Du das Legat. Es ist eigen, daß dieser sonderbare Mensch sich so viel um Deine Moralität kümmert, und doch mir nicht einen einzigen Schilling hinterläßt. Aber Gerechtigkeit ist außer Mode, und man frägt nur nach Scheintugend. Ich bitte Dich, wenn Du zu mir kommen solltest, mir zwölf Ellen Flannell, nach beifolgendem Muster, mitzubringen. Snugg in Oxfordstreet, bei Tottenham-Court-Road, ist mein Kaufmann. Es ist gewiß hübsch von dem alten Johnstone, aber es ist bei allem dem auffallend, daß er mich übergangen hat. Wie hast Du ihn kennen gelernt? Die zwanzig tausend Pfund werden unserer armen Besitzung gut thun. Ich bitte Dich, Percy, ich bitte Dich, denke daran. »Ich habe zum erstenmale einen Anfall von der Gicht gehabt. Ich habe zu viel geschwelgt, denke aber, durch gehörige Enthaltsamkeit, mich davon zu kuriren. Viele Komplimente an den glatten Schelm von Saville. »Dein liebevoller A.G.« » Nachschrift. Ich habe die alte Sally wegen ihres Verhältnisses mit dem Fleischerknecht fortgeschickt, denn bei solchen Geschichten kommt man mit dem Fleisch zu kurz. Bess ist jetzt meine einzige Gehilfin, außer dem alten Weibe, das die Ruinen zeigt. Es ist besser so. Was für ein excentrischer Mensch der Johnstone war! Ich hasse excentrische Leute.« Der Brief entfiel Percy's Händen. Und das also war der Erfolg seiner einzigen Unternehmung mit dem armen alten Mann! Solche wunderliche, ungewöhnliche Ereignisse – Ereignisse, welche sein ganzes Leben durchstreiften – waren es, die Godolphin's Geist unbewußt einen Anstrich von Aberglauben gaben. Er gab sich später gern mit höheren Einflüssen und Fügungen ab. Es läßt sich denken, daß er die ganze Nacht kein Auge zuthat. Am frühen Morgen schon suchte er Saville auf und theilte ihm die Nachricht mit, die er erhalten hatte. – Komisch! sagte Saville nachlässig, und doch nicht wenig aufgebracht, daß ein Anderer sich großmüthig gegen Godolphin zeigen wollte, da er denn gleich allen engherzigen Menschen auch eifersüchtig war – komisch! hm! Und du hast ihn doch nur einmal gesehen, und das Eine Mal schimpfte er auf mich. Das wundert mich, da ich mich gegen seinen gemeinen Sohn sehr gefällig gezeigt habe. – Was, er hatte einen Sohn? – Ja, ein zweibeiniges, dürres, knochiges Geschöpf der Art gerieth nach London und war Anfangs ganz verblüfft. Der alte Johnstone war auf dem Lande, hütete seine Frau, die seit ihrer Heirath den Gebrauch ihrer Beine verloren hatte – sie hatte einen heftigen Mann bekommen. Der Knabe, der einzige Sohn und Erbe, kam im kitzlichsten Alter nach der Stadt! – ich wurde bekannt mit ihm – nahm ihn unter meine Flügel – machte einen anständigen Menschen daraus – spielte ein wenig mit ihm – gewann etwas Geld – wollte nichts mehr gewinnen – rieth ihm, die Sache zu lassen – er sey zu jung zum Spielen – vernachlässigte meinen Rath – trieb es fort, und der verdammte Bursche! Eines Tages schnitt er sich den Hals ab, und der Vater warf zu meinem Erstaunen die Schuld auf mich! Godolphin stand starr, in sprachloser Entrüstung. Von dieser Stunde an liebte er Saville nicht mehr. – In der That, fügte Saville kalt hinzu, er hatte bedeutend verloren. Sein Vater war ein strenger, harter Mann, und der arme Junge fürchtete sich vor seinem Zorne. Ich glaube, der Herr Papa hielt mich für einen moralischen Oger, der alle jungen Bursche aufspeist, die ihm in den Weg kommen. Sonst wüßte ich nicht, warum er Dir die zwanzig tausend Pfund nur unter der Bedingung hinterließe, Dich vor mir in Acht zu nehmen und die Höhle zu vermeiden, in der ich hause. Sehr schmeichelhaft! Und wohin willst Du gehen? Nach Spanien? Diese Geschichte hatte Percy tief ergriffen. Es schmerzte ihn wahrhaft, daß er nicht den verlassenen Vater ausgesucht und ihn einigermaßen in seiner letzten Stunde getröstet hatte. Er wußte die warme Sympathie, das zarte Gefühl zu würdigen, welches den alten Mann angetrieben hatte, sich der unbeschützten Lage seines jungen Verwandten zu erbarmen, und seine Gabe mit einer Bedingung zu verknüpfen, welche Percy's Begierden vielleicht auf die so verschaffte Unabhängigkeit beschränkte, jedenfalls aber ihn während der gefährlichen Jahre von einem Schauplatze ewiger Verderbnis entfernen mußte. In diese Gedanken versunken, begab sich Godolphin nach der Wohnung der jetzt berühmten und bewunderten Miss Millinger. Fanny nahm die gute Nachricht von seinem Glücke mit einem Lächeln, und die böse Nachricht von seiner Abreise aus England mit einer Thräne auf. Es gibt Neigungen, deren Tiefe wir so leicht ergründen, daß es dem einen nie einfällt, von dem andern Opfer zu verlangen, welche bei ernsteren Verbindungen unvermeidlich scheinen. Es fiel Fanny nicht ein, ihre theatralische Laufbahn zu verlassen, um Godolphin zu begleiten, und Godolphin fiel es nicht ein, einen solchen Schritt zu verlangen. Das sind ganz angenehme Liaisons, mein guter Leser, das sind die Verhältnisse der großen Welt; fasse sie ins Auge, und lerne die große Welt kennen. Die Einrichtungen waren schnell getroffen. Godolphin wurde sein Offiziers-Patent leicht los. Sechs hundert Pfund jährlich wurde ihm von seinem Vermögen während seiner Minderjährigkeit ausgeworfen. Damit konnte er anständig, wenn auch nicht als Englischer Lord, doch als Weltbürger auftreten. In einem Alter von nicht mehr als sechszehn Jahren, aber mit einem Karakter, den frühzeitige Unabhängigkeit gebildet und auch halb entnervt hatte, sah der junge Godolphin die Küsten Englands aus seinem Gesichte schwinden, und fühlte sich allein in der weiten Welt – der Herr seines eigenen Schicksals. Zehntes Kapitel. Konstanzens Karakter-Bildung. Währenddes wuchs Konstanze Vernon zur schönen Jungfrau auf. Ihre ganze Umgebung trug dazu bei, die finstern Gedanken zu nähren, welche sie ihr ihres Vaters Sterbeworte vermacht hatten. Von Natur stolz und empfindlich, erfüllte sie jede, erst zufällige Hintenanstellung mit tiefem, anhaltenden Grolle. Das verlassene, abhängige Mädchen mußte allerdings mehr als einmal in den bitteren Fall kommen, wo es ihr nicht verborgen bleiben konnte, daß die Welt, welche Rang und Reichthum für die Haupttugenden hält, ihre Stellung nicht vergessen habe. Manch lautes Gelächter, manche absichtliche Seitenbemerkung erreichte ihr stolzes Ohr, und trieb ihr das Blut in die bleichen Wangen. Solche Vorfälle vermehrten noch die natürliche Herbe ihres Geistes, erkälteten den Strom ihrer jugendlichen Neigungen, und schlürften mit unermüdlichem Eifer ihren bitteren und brennenden Haß gegen eine Aristokratie, die sie für eben so anmaßend, als werthlos hält. Einen überlegt feinen und edlen Geschmack mußte die Gemeinheit, der Übermuth von heute und die morgende Demuth, die Verehrung der Gewalt, und die Gleichgültigkeit gegen die Tugend, welche die Tonangeber »der Gesellschaft« bezeichnet, mit Zorn und Verachtung erfüllen, so daß Konstanze die glänzenden Zirkel, nach welchen so Viele mit hoffnungsvoller Sehnsucht aufblicken, nur besuchte, um zu verlachen, zu schmähen, zu verachten. Dieses Gefühl der Geringschätzung war so energisch, wurde so unablässig genährt, daß es noch mit gleicher Bitterkeit obherrschte, als Konstanze später die Königin und Gebieterin dieser großen Welt geworden war, in welcher sie jetzt zwar schon glänzte, aber nur um zu blenden, nicht um zu herrschen. Was ihr Anfangs nur als ein unsinniger, ausgearteter Wunsch ihres Vaters scheinen mochte, wurde, so weit ihre Erfahrung zunahm, ein natürliches, lebenswerthes Gebot. Sie beschloß, die hochmüthigen Anmaßungen um sich her, nicht bloß um ihrem Vater zu gehorchen und ihn zu rächen, sondern auch zur eigenen Befriedigung, zu demüthigen. Aus dieser Verachtung des Ranges entsprang natürlich das Trachten nach dem Range. Die junge Schönheit nahm sich vor, die Liebe aus ihrem Herzen zu verbannen, sich ganz einem einzigen Ziel und Zwecke zu widmen, und Titel und Rang zu erringen, um ihrer Geringschätzung dieser Eigenschaften bei Andern mehr Macht und Bestand zu geben, und oft wiederholte sie in der Mitte der Nacht den Schwur, welcher ihres Vaters letzten Augenblick erheitert hatte, und gelobte sich feierlich, die Liebe in ihrem Herzen zu ersticken, und nur nach Rang, nur nach Ansehen zu heirathen. Als die Tochter eines so berühmten Politikers fand Konstanze natürlich großes Interesse an der Politik. Jedem Gespräch über Staats-Angelegenheiten lieh sie ein aufmerksam gespanntes Ohr. Mit männlicher Wärme schloß sie sich den Ansichten an, welche man damals als das Extrem der Freisinnigkeit betrachtete, und hielt die Laufbahn, welche die gesellschaftliche Ordnung, auf die Männer beschränkt, für die edelste, erhabenste der Welt. Ins Geheim versuchte sie das Geschick, das sie zu einem Weib gemacht und sie verhindert hatte, persönlich die Grundsätze zur Ausführung zu bringen, welche sie so leidenschaftlich angenommen hatte. Dabei vernachlässigte und schonte sie jedoch die glänzende Waffe des Witzes nicht, welche sie mit der ganzen Schärfe und mit der beißenden Energie ihrer Verachtung zu zücken wußte. Der Anmaßung stellte sie Sarkasmen entgegen, und da sie frühzeitig einsehen lernte, daß die Gesellschaft, wie die Tugend zu Boden getreten werden muß, wenn sie verherrlichen soll, so suchte sie sich durch den Stolz ihres Benehmens, die Derbheit ihrer Satyre, die Unabhängigkeit ihres Geistes mehr noch, als durch ihre mannigfaltigen Talente und ihre unvergleichliche Schönheit in Achtung zu setzen. Über Lady Erpingham hatte sie sich nicht zu beklagen; gütig, umgänglich, leichten Sinnes, karakterlos, hatte ihre Gönnerin sie zuweilen durch Vernachlässigung, nie mit Absicht verletzt: im Gegentheil, die Gräfin liebte und bewunderte sie, und nahm es sich so zu Herzen, ihr eine glänzende Verbindung zu schaffen, als ob sie ihre eigene Tochter gewesen wäre. Konstanze liebte deshalb auch Lady Erpingham mit aufrichtiger Innigkeit, und versuchte die niedrige und gemeine Seite ihres Karakters zu vergessen, da sie sonst gerade zu der Art gehört hätte, gegen welche ein Wesen, wie Konstanze, die geringste Nachsicht gezeigt haben würde. Eilftes Kapitel. Unterredung zwischen Lady Erpingham und Konstanze. – Weitere Angaben über Godolphin's Familie. Lady Erpingham war Wittwe; ihr Leibgedinge – denn sie war eine Erbin und eines Herzogs Tochter – war bedeutend, und das vornehme Gut der vielen Besitzungen, welche der reichen und mächtigen Familie Erpingham gehörten, ihr von dem verstorbenen Lord zum Wittwensitz angewiesen worden. Dorthin begab sie sich regelmäßig jeden ersten August, und kam regelmäßig jeden achten Januar zurück. Es war einige Jahre nach Godolphin's Abreise von England, und in dem Sommer des Jahres, in welchem Konstanze in Gesellschaften eingeführt worden war, und nach einem so glänzenden Debut, daß selbst jetzt, so viele Jahre nach diesem Ereignis, der dadurch veranlaßte Eindruck nicht bloß nicht vergessen ist, sondern noch besprochen wird, als Konstanze trotz dem Triumphe ihrer Eitelkeit sich mit Freude dazu anschickte, eine Zuflucht, selbst vor der Bewunderung, in dem Schatten von Wendover-Castle zu suchen – Wann, sagte sie eines Morgens, als sie mit Lady Erpingham auf einer Terrasse unter den Fenstern des Schlosses spazieren ging, von wo man die Gegend meilenweit übersehen konnte, wann wollen Sie, meine theure Lady Erpingham, mit mir gehen, die Ruinen sehen, von denen ich so viel habe reden hören, und zu deren Besuch ich Sie nicht bewegen kann? Blicken Sie auf! Der Himmel ist so klar, daß wir ihre Umrisse sehen können – dort rechts von jener Kirche! Es kann nicht sehr weit von Wendover seyn. – Die Godolphin Priorei ist zwölf Meilen von hier, sagte Lady Erpingham, aber es mag näher scheinen, weil sie auf dem höchsten Punkte der Grafschaft liegt. Der arme Godolphin! Er ist vor Kurzem gestorben. – Lady Erpingham seufzte. – Ich habe Sie nie früher von ihm sprechen hören. – Ich hatte wohl Grund, zu schweigen, Konstanze. Von allen Männern, die mir vorkamen, als ich in Ihrem Alter war, erschien mir keiner reizender. Und doch war ich nicht verliebt in ihn, Konstanze, auch gab er mir keinen Anlaß, es aus Erkenntlichkeit für eine Zuneigung von seiner Seite zu werden. Es war ein Jugendtraum, kurz und nichtig – nichts mehr. – Und der junge Godolphin – der sich in so frühem Alter durch sein excentrisches Leben auf dem festen Lande bekannt gemacht hat? – Das ist sein Sohn, der gegenwärtige Eigenthümer dieser Ruinen, und ich fürchte, daß das sein ganzes Eigenthum ist, wenn man die Überbleibsel eines ihm von einem Verwandten hinterlassenen Legates abrechnet. – So war sein Vater auch ein Verschwender? – Durchaus nicht. Sein Vater aber war über die Gränzen eines bereits verschuldeten Besitzthums hinausgegangen, und hatte dasselbe sehr heruntergebracht. Alles Land, was wir dort sehen, jene Dörfer und Wälder, alles gehörte einst den Godolphin's. Sie waren die älteste und mächtigste Familie in diesem Theile Englands, aber mit jedem Geschlecht schwand das Vermögen, und als Arthur Godolphin – mein Godolphin – die Erbschaft antrat, blieb ihm nur die Wahl zwischen drei Übeln – einem Brod-Studium, dunkler Zurückgezogenheit, oder einer reichen Heirath. Mein Vater, der mich längst für Lord Erpingham bestimmt hatte, ließ sich merken, daß Herr Godolphin in mir nur das letzterwähnte Mittel, sich aufzuhelfen, sehe, und daß dies mein einziger Reiz in seinen Augen sey. Ich habe einigen Grund zu glauben, daß er dem Herzog einen Antrag machte, gegen mich schwieg er, obgleich er hier vielleicht weniger eine abschlägige Antwort zu erwarten gehabt hätte. – Wie ging es ihm zuletzt? – Er heirathete eine Lady, die man für eine Erbin hielt, aber er hatte ihr Vermögen noch kein Jahr in Händen, als es zu einem Prozeß Anlaß gab. Er verlor Prozeß und Mitgift, und was schlimmer war, die Kosten für das Gericht, und die Summe, welche er zurückzahlen mußte, versetzten ihn in eine Lage, die für einen Mann seines Ranges als Armuth gelten konnte. Dies Ereignis bekümmerte und erbitterte ihn tief; er zog sich in jene Ruinen, oder vielmehr in das kleine, anstoßende Haus zurück, und lebte dort bis an sein Ende, jede Gesellschaft vermeidend, und gewiß sein Einkommen nicht überschreitend. – Ich verstehe, er wurde geizig. – So sehr, daß seine Nachbarn ihn einen Knicker nannten. – Und sein Weib? – Die arme Frau! Es war eine recht schöne Dame, und sie starb, glaube ich, an demselben Kummer, der, wenn auch nicht das Leben, doch das Herz ihres Gatten zerfraß. – Hatten sie nur den Einen Sohn? – Bloß den jetzigen Eigenthümer – Percy, glaube ich. Richtig, Percy, nach dem Namen seiner Mutter – Percy Godolphin. – Und wie kam es, daß der arme Knabe so früh in die Welt gestoßen wurde? Entzweite er sich mit Herrn Godolphin? – Ich glaube nicht; aber da Percy ungefähr fünfzehn Jahre alt war, verließ er die ärmliche Schule, in der er erzogen wurde, und wohnte eine Zeitlang bei einem Verwandten, August Saville. Er blieb nur ein Jahr bei ihm in London, und ging trotz seiner Jugend überall mit ihm. Sein Benehmen war, so viel ich mich erinnere, sicher und selbstständig. Ein Verwandter vermachte ihm ein kleines Legat, und darauf ging er allein auf Reisen. – Aber die Ruinen! Der verstorbene Herr Godolphin hinderte doch, trotz seiner Abgeschiedenheit, seine Nachbarn nicht, ihre Neugierde zu befriedigen? – Nein; er war stolz auf das Interesse, welches die Trümmer seines Erbsitzes so allgemein erregten, stolz darauf, sie in Reisebüchern bezeichnet und in Bilderladen gemalt zu wissen; er selbst aber ließ sich nie blicken. Das Häuschen, in welchem er lebte, war, obgleich es an die Ruinen angränzte, natürlich vor jedem Zudrang geschützt, und ist so ummauert, daß der große Genuß Englischer Reisender, an sehenswürdigen Orten durch die Fenster zu blicken, ihnen ganz abgeschnitten war. Bei allem dem hatte ich, so lange Herr Godolphin lebte, den Muth nicht, einen Platz zu besuchen, der in mir nur eine melancholische Erinnerung geweckt haben würde: jetzt dürfte der Schmerz etwas schwächer seyn, und wenn Sie es wünschen, so wollen wir morgen hinüberfahren und die Ruinen besuchen. Überdies ist das der allgemein bestimmte Tag dazu. – Nein, theuerste Lady Erpingham, wenn es Ihnen das geringste Leid verursacht – – Mein liebes Mädchen, unterbrach sie Lady Erpingham, als ein Diener sich näherte und die Ankunft von Gästen auf dem Schlosse meldete. – Wollen Sie nicht in den Saal gehen, Konstanze? sagte die Lady, und begab sich, den Kopf voll von Liebe und Arthur Godolphin, nach ihrem Ankleidezimmer, um frische Schminke aufzulegen. Es wäre ein artiger Spaß für einen der geringeren Teufel gewesen, wenn er, während der ersten Schwärmerei der Lady Erpingham für Arthur Godolphin, ihr die Stunde vorhergesagt hätte, wo sie Arthur Godolphin's Tod als Geizhals erzählen, und fünf Minuten darauf zur Toilette treten würde, um ihre alternden Wangen für das gleichgültige Auge einer gewöhnlichen Bekanntschaft zu schmücken. So geht es in der Welt! Ich für meinen Theil wollte mich verbindlich machen, eine bessere Welt in dem Krähengeniste meinem Fenster gegenüber zu finden. Zwölftes Kapitel. Beschreibung von Godolphin's Haus. – Erstes Zusammentreffen. – Wirkung auf Konstanze. – Aber, fragte Konstanze, als sie am nächsten Tage mit Lady Erpingham die beabsichtigte Wanderschaft nach den Trümmern der Godolphin's Priorei antrat, wenn der verstorbene Herr Godolphin, als er zu Jahren kam, so karg geworden ist, so muß er ja seinem Sohne einigen Zuwachs zu dem Stückchen Landes hinterlassen haben, das wir eben besuchen wollen? – Er muß sicher einiges baares Geld nachgelassen haben, antwortete Lady Erpingham. Ist es aber auf der andern Seite wahrscheinlich, daß ein junger Mann, wie Percy Godolphin auf seine Art gelebt hat, ohne Schulden zu machen? Es läßt sich voraussehen, daß er seine Zuflucht zu den Menschen genommen hat, die so schnell bereit sind, junge, verschwenderische Personen aufzumuntern, und daß die Rückbezahlung an sie mehr als die etwaigen Ersparnisse seines Vaters verschlingen wird. – Leider wahr! sagte Konstanze, und die Unterhaltung ging in Bemerkungen über filzige Väter verschwenderischer Söhne über. Konstanze sprach mit Witz darüber, und Lady Erpingham lachte sich in die beste Laune hinein. Mittag war längst vorüber, als sie an den Ruinen ankamen. Der Wagen hielt vor einem kleinen Gasthause, am Eingange eines offenen Parkes, und Lady Erpingham und ihr Schützling benutzten das schöne Wetter, und gingen langsam zu Fuß weiter nach den Trümmern der Priorei. Je näher sie kamen, desto wilder und romantischer wurde der Schauplatz. Ein langer, durchsichtiger See lag vor ihnen; an dem andern Ufern waren die Ruinen. Das breite Fenster der Vorhalle, die Gothischen Bogen, die zerbrochenen und doch noch majestätischen Säulen, sämmtlich vom Alter geschwärzt und mit Moos überzogen, standen noch und spiegelten sich in dem glatten, schweigenden Wasser. Rings umher und bis zu einer bedeutenden Entfernung lagen Bruchstücke von Steinen, und das Ganze lehnte sich an die Hügel, die mit düsterm, dichten Gebüsche von Fichten- und Lerchenholz bedeckt waren. Links sah man den Strom, der den See mit Wasser versorgte, sich, von Weiden und Erlen überschattet, zwischen Rasen-Ufer verschwinden, und dort kräuselten sich aus einer oder zwei, nur kaum sichtbar werdenden Hütten dünne Rauchsäulen gegen den klaren Himmel auf. Rechts spaltete sich das Land in tausend Thäler und Schluchten: das dem Hirsche so willkommene Farrenkraut, der glänzende Ginster wuchs in Überfluß, und hier und dort zeigten sich dichte Haine oder auch an vereinzelten Punkten (denn hier trug alles den Stempel der Zeitherrschaft) irgend ein abgestorbener Stamm, der selbst sterbend noch von grüner Kraft und gebietender Ehrfurcht zeugte. Als sie über eine Brücke schritten, welche auf beiden Seiten des Flusses, aus einem dicken Buschwerke gleichsam hervortauchte, erblickten sie die kleine Wohnung, welche an die Ruinen stieß. Sie schien ganz mit Epheu bedeckt, und verminderte nicht, sondern erhöhte noch eher den romantischen, imposanten Eindruck des zerfallenden Gemäuers, an dem es sich aufrichtete. Sie öffneten ein kleines Thor an dem äußersten Ende der Brücke und standen in wenigen Augenblicken an dem Eingange der Priorei. Es war eine eichene, mit Nägeln beschlagene Thür. Auf beiden Seiten wuchs Jasmin, der sich herumgeschlungen hatte, daß man nur mit Mühe die Glocke finden konnte. Als die Damen sie endlich ergriffen und angezogen hatten, schallte sie so hell und klangvoll durch die einsame Stille, daß sie einen ergreifenden Eindruck machte. Es liegt etwas Zauberhaftes in der lustigen Stimme einer Glocke, wenn sie durch die Wildnis der Natur hallt, besonders wo die Zeit ihren Einfluß auf die Landschaft ausgeübt hat; denn die Lustigkeit ist etwas gespenstisch und könnte leicht zur Sturmglocke für die Elfenschaar werden, die unser Fußtritt aufgelöst hat. Ein altes Weib, in der artigen Bauerntracht unseres Landes – wenn etwas von der Mode des vorigen Jahrhunderts, die Mütze und das Kopftuch, beibehalten worden ist – erschien auf diesen Ruf. Sie war die einsiedlerische Führerin dieses Platzes. Seit dreißig Jahren hatte sie, eine verlassene, kinderlose Wittwe, daselbst gelebt, und würde von allen Personen, die ich je gesehen habe, die beste Heldin zu einem jener herrlichen Bilder eines stillen (und doch so geistvollen) Lebens abgegeben haben, welche Wordsworth mit der patriarchalischen Zärtlichkeit seines Genius ausgestattet hat. Sie wandten sich durch einen engen Weg und kamen zu den Ruinen der großen Halle. Ihre Gothischen Bogen sprangen auf beiden Seiten leicht in die Höhe, und als die alte Frau ihnen einen breiten, steinernen Kasten geöffnet hatte, der in einem Winkel stand, zeigte sie ihnen die Handschuhe, und den Helm, und die zerfetzten Paniere, welche dem Godolphin gehört hatten, der neben Sidney gefochten, als er, dessen Leben – wie der edelste der Brittischen Lyriker Campbell. sagt – verkörperte Poesie war, auf dem Felde von Zuthphen seine Todeswunde empfing. Von da stiegen sie die zertrümmerte, zerbröckelnde Treppe in ein kleines Zimmer herab, wo die Besucher gewöhnlich sich auszuruhen und sich der Aussicht auf den Garten unten zu erfreuen pflegten. Wo einst das Fenster war, gähnte eine breite Kluft, und um diese Öffnung rankte sich der Epheu in phantastischer Üppigkeit. Eine Art Leiter führte die, welche die Aussicht zu einer kurzen Ausflucht verleitete, von dieser Kluft auf den Boden herab. Und die Aussicht war wirklich verlockend. Ein weicher, grüner Rasenplatz war von Sträuchen und Blumen umkränzt, und in der Mitte durch eine Springquelle geziert. Das Wasser war freilich ausgetrocknet, aber das Becken und der Triton mit seiner gewundenen Muschel waren doch noch da. Ein wenig rechts stand eine alte, mönchische Sonnenuhr, und durch das grüne Laubwerk schimmerte eine jener grauen Statuen, mit denen die Zeit Elisabeths den klassischen Geschmack geschändet hat. Es lag etwas Heiliges, Ehrfurchtgebietendes auf der ganzen Stelle, und als die Alte zu Konstanze sagte: »Wollen Sie nicht hinabgehen, Mylady, und die Uhr und die Quelle ansehen?« so fühlte Konstanze, daß sie nur darauf gewartet hatte, um ihrem eigenen Drange nachzugeben. Lady Erpingham, die weniger romantisch war, blieb in dem verstörten Zimmer und die alte Frau beehrte, wie natürlich, die ältere Lady mit ihrer Gesellschaft. Konstanze ging also allein die rauhen Stufen hinunter. Als sie an der Springquelle vorbeikam, überfiel sie, die nur selten ein so sanftes und natürliches Gesicht empfunden hatte, eine unbeschreibliche, wonnige Sehnsucht nach Ruhe. Die Stunde, die Stille, der Ort, alles trug dazu bei, ihr Herz in die halbbewußtlosen Träumereien einzuwiegen, in welchen, wie uns die Dichter schildern, einst die Eremiten träge, und bei allem dem doch nicht so thöricht, ihr Leben hinbrachten. »Mich dünkt, dachte sie, wenn ich hier umherblicke, so könnte ich den Zweck meines Lebens aufgeben, auf meine Hoffnungen verzichten, Ehrgeiz und Verstellung vergessen, in diesen Ruinen leben, und, liebend und geliebt, das gewöhnliche Geschick des Weibes erfüllen.« Nachdem sich die stolze und unruhige Konstanze, welche die Liebe als die armseligste aller menschlichen Schwächen verachtete, obwohl sie für jede andere Schwärmerei empfänglich genug war, eine Zeitlang dieser, ihr so fremden Gemüthsstimmung hingegeben hatte, verließ sie den Rasen und drang in die durch den Hain gehenden Schattengänge. Durch das Murmeln eines ungesehenen Baches angezogen, folgt sie dem immer näher kommenden Rauschen, bis sie ihn endlich erblickte. Die Sonne, welche sich nur an einzelnen Stellen durch die Bäume stahl, glitzerte auf dem kalten und dunklen Wasser, während es dahin rieselte, und gab ihr, wie früher schon manchem Dichter, Stoff zu Gleichnissen und moralischen Folgerungen. Sie näherte sich dem Bache und stieß unversehens auf einen jungen Mann, der gegen einen verkrüppelten, über das Wasser gebogenen Baum lehnte, und sich an dem leeren Zeitvertreib ergötzte, Steine in den Bach zu werfen. Sie sah nur sein Profil; aber bei einem schönen Antlitz ist dieser Gesichtsausdruck der beste und vortheilhafteste. Der Fremde, der nur kaum erst aus dem Jünglingsalter getreten seyn konnte, war in tiefe Trauer gekleidet. Er schien von schmalem Wuchs. Eine Reisekappe von Zobel stach gegen das ausnehmend starke und schöne lichtbraune Haar ab. Seine Züge waren von der reinen, strengen Griechischen Form, deren einziger Fehler ist, daß eben durch diese Vollkommenheit sie ein etwas hartes, sprödes Ansehen erhalten. Die Farbe war blaß, sogar bleich, der ganze Schnitt des Kopfes verrieth großen Verstand und jene Tiefe des Geistes, welche man bei niemanden bemerken kann, ohne sich von einer unbestimmten Neugierde und Theilnahme ergriffen zu fühlen. So dunkel und wunderbar sind die Werke der Natur, daß es fast niemanden – ist er auch noch so leichtsinnig und gedankenlos – geben dürfte, der nicht durch den Anblick eines in tiefes Nachsinnen versunkenen Menschen festgehalten, der nicht stillstehen und in die Geheimnisse zu dringen suchen würde, welche die Welt in Bewegung setzen, die unbeschränkt von Natur, aber oft nur zu sehr eingezwängt durch Gewohnheiten ist – die innere Welt. Dies Interesse fesselte auch Konstanze. Sie blieb einen Augenblick stehen, betrachtete das Gesicht des jungen Fremden und wendete sich dann – sie, das besonnenste, stolzeste aller menschlichen Wesen – erröthend und verwirrt, obgleich sie nicht gesehen wurde, schnell um, und hielt nicht eher an, als bis sie wieder zu der alten Frau und zu Lady Erpingham gekommen war. Das alte Weib predigte über die Verdienste des verstorbenen Besitzers der Godolphin's Priorei: »denn, wenn gleich man ihn genau uns dergleichen nannte, so war er doch großmüthig gegen Andere, Mylady. Nur sich allein zwackte er es ab. Aber der jetzige Herr wird ihm nicht nachschlagen.« – Ist Herr Percy Godolphin kürzlich hier gewesen? fragte Lady Erpingham. – Er ist noch hier, Mylady, antwortete die Alte; er ist erst vor zwei Tagen angekommen. – Gleicht er seinem Vater? – Oh, kein Gedanke von einem so schmucken Gentleman! Viel schmaler, und ganz blaß. Er scheint krank. Ja, ja die fremden Länder thun niemandem gut. Im fünfzehnten Jahre war er ein so hübscher Junge, als wie einer, aber jetzt sieht er sich nicht mehr ähnlich. So war es also klar, daß Konstanze am Bach Percy Godolphin gesehen hatte, den Eigenthümer eines Hauses ohne Geldkiste, einer Besitzung ohne Einkünfte, denselben Percy Godolphin, von dem, ehe er noch das Alter erreicht hatte, wo andere die Universität, ja die Schule verlassen, bereits viele günstig, alle mit Interesse sprachen. Konstanze fühlte ein unbestimmtes Gefühl für ihn in ihrer Brust erwachen; sie drängte es zurück, den es war eine Sünde in ihren Augen, mit Theilnahme an einen Mann zu denken, der weder reich, noch angesehen war, und als sie mit Lady Erpingham die Ruinen verließ, theilte sie dieser ruhig ihr Abentheuer mit. Doch war sie nicht aufrichtig, denn obgleich Godolphin's Schönheit gerade von der Art war, welche Konstanze am höchsten bewunderte, so schilderte sie ihn doch durchaus so, wie die alte Frau, und Lady Erpingham dachte sich nach dieser Beschreibung einen kleinen, gelbaussehenden Menschen mit weißen Haaren und einer Stumpfnase. Wahrheit! Wie rauh ist dein Pfad! Hält sich einer, selbst bei der gewöhnlichsten Kleinigkeit, nur zwei Zoll weit an dich? Und doch sind zwei Seiten meiner Bibliothek mit Geschichten angefüllt! Dreizehntes Kapitel. Ankündigung eines Balles. – Godolphin's Besuch auf Wendover-Castle. – Sein Benehmen und seine Unterhaltung Lady Erpingham hatte außer ihrer Tochter (Lady Eleonore, welche mit Herrn Clare, einem reichen Grafschafts-Deputirten, verheirathet war) noch einen Sohn. Der junge Earl war in den letzten zwei Jahren auf Reisen gewesen. Seitdem er seinen Titel geerbt hatte, war er noch nicht in Wendover-Castle gewesen, und Lady Erpingham war nicht wenig erfreut, als sie eines Morgens einen Brief von ihm aus Dover erhielt, in welchem er ihr seinen Besuch ankündigte. Lady Erpingham beschloß, diesem Ereignis zu Ehren, einen großen Ball zu veranstalten. Alle Familien in der Grafschaft, und unter andern auch Herr Godolphin, erhielten Einladungskarten. Einige Tage darauf wurde, als Lady Erpingham und Konstanze sich eben allein im Saale befanden, Herr Percy Godolphin gemeldet. Konstanze erröthete, als sie aufblickte, und Lady Erpingham war betroffen über den Adel seines Anstandes und die Sicherheit seines Benehmens. Und doch war es wesentlich verschieden von dem, welches sie bis jetzt zu bewundern gewohnt war, von dem, welches die Modeherren jener Zeit sich zu eigen gemacht hatten. Die Ruhe, die Nachlässigkeit, das erkünstelt schmachtende Lächeln, die einfältige, und doch so untadlige Kälte der Englischen Feinheit stand in genauem Widerspruch mit dem Auftreten Godolphin's. Kurz, in allem, was er that und sagte, lag etwas Fremdes, Ungewöhnliches. Im Gespräch war er brüsk und enthusiastisch, und bediente sich der Gesten. Sein Gesicht erhellte sich bei jedem Worte, das ihm in ernstern Diskussionen entfiel. Man fühlte bei ihm, daß man in der Nähe eines Mannes von Genie, eines eigenen, verwöhnten Mannes war, der der Einsamkeit seine Gewohnheiten, der Welt seine Anmuth zu danken hatte. Man sprach über die Ruinen der Priorei, und Konstanze verhehlte nicht, ihre Bewunderung über diese romantischen und malerischen Anlagen auszudrücken. Ach, sagte er lächelnd, obwohl mit einem leichten Erröthen, in dem Konstanze einen Anflug von Schmerz entdeckte, ich habe gehört, daß Sie meinen Ruinhaufen besucht haben. Mein Vater fand große Freude an dem Interesse, daß er erregte. Wenn ein stolzer Mann nicht auf Reichthum stolz seyn kann, so wird er sogar auf die Zeichen seiner Armuth stolz. So ging es meinem armen Vater. Wäre er reich gewesen, würden die Ruinen nicht stehen geblieben seyn, und er würde das alte Gebäude wieder hergerichtet haben. Weil er aber arm war, that er sich etwas auf ihr Bestehen zu gut, und dichtete jeder Handvoll Moos einen eigenen Werth an. Aber alles Leben ist nur Täuschung: Stolz, Eitelkeit, Pomp ist überall gleich trüglich. Wie der Spanische Hidalgo, setzen wir unsere Brille auf, wenn wir Kirschen essen, damit sie größer scheinen, als sie sind. Konstanze lächelte, und Lady Erpingham, die mehr Güte, als Delikatesse besaß, fuhr fort, die Priorei und ihre Umgegend anzupreisen. – Der alte Park, sagte sie, mit seinen Blumen und seinem Wasser, ist so schön, Es fehlen nur einige wenige Hirsche, die gerade zahm genug, den Ruinen nahe zu kommen, und doch wild genug sind, bei unserer Annäherung aufzuschrecken. – Da nehmen Sie schon den Reichthum in Anspruch, sagte Godolphin, der, gegen die Gewohnheit der Engländer, gern von seiner Anmuth zu sprechen schien, es ziemt sich nicht für den Eigenthümer der verwüsteten Priorei, an die aristokratischen Auflagen jenes kostspieligen Luxus, der Sucht nach dem Pitoresken zu denken. Ach, ich habe nicht genug, ein Paar versprengte Rebhühner zu füttern, und ich höre, daß, wenn ich über den grünen Platz, der einst ein Park war, hinausgehe, man mich zurückweisen, und mir die Erlaubnis streitig machen würde. – Schießen Sie gern? fragte Lady Erpingham. – Ich glaube, ich würde Geschmack daran finden; doch habe ich in England nie gejagt. – O, so bitte ich Sie, sagte Lady Erpingham herzlich, bringen Sie die erste Woche des Septembers bei uns zu. Lassen Sie sehen: der erste des Monats ist am nächsten Donnerstag; speisen Sie am Mittwoch mit uns. Wir haben, durch Roberts Betrieb, Förster und Hunde genug hier, so daß Sie nur Ihre Flinte mitzubringen brauchen. – Sie sind sehr gütig, meine theure Lady Erpingham, sagte Godolphin mit Wärme; ich nehme Ihre Einladung unbedenklich an. – Ihr Vater war ein sehr alter Freund von mir, sagte die Lady seufzend. – Er war ein alter Bewunderer, antwortete der Gentleman mit einer Verbeugung. Vierzehntes Kapitel. Unterredung zwischen Godolphin und Konstanze. – Land- und Stadtleben. Und Godolphin kam am Mittwoch. Er war voll Leben an dem Tage, er glänzte. Lady Erpingham hielt ihn für den reizendsten aller Männer, und selbst Konstanze vergaß, daß es keine Partie für sie sey. Gebildet und geistreich, wie sie war, mußte sie mit Entzücken seinen glühenden Schilderungen von Gegenden und seiner muthwilligen, und doch melancholischen Ironie gegen die Menschen und ihr Treiben zuhören. Ihrer besondern Geistesbildung zufolge, liebte die das Letztere mehr, als sie das Erstere würdigen konnte, denn in ihrer Natur lag mehr Bitterkeit, als Schwärmerei. Trotzdem schmeichelte seine blühende Sprache, seine strömende Beredsamkeit, selbst bei Beschreibungen, ihrem Ohr und ihrer Phantasie, wenn sie auch nicht bis zu ihrem Herzen drangen, bis sie unmerklich sich von einem Zauber hinreißen ließ, den sie bei Andern fast verachtet hätte. Am andern Morgen streifte Konstanze, die das frühe Aufstehen nicht sehr liebet, von der Schönheit der Mittagsstunde angezogen, durch die Gärten. Sie war überrascht, als die Godolphin's Stimme hinter sich hörte; sie wandte sich um, und er eilte auf sie zu. – Ich glaube, Sie wären auf die Jagd gegangen. – Das war ich, bin aber bereits zurückgekehrt. Ich hatte mich mit Tagesanbruch auf den Weg gemacht, und bin gegen Mittag zurückgekommen, in der Hoffnung, Sie auf Ihrem Spaziergange oder beim Ausreiten begleiten zu dürfen. Konstanze nahm die Zuvorkommenheit lächelnd an, und als sie die geraden Wege des altmodischen, pomphaften Gartens hinaufgingen, lenkte Godolphin das Gespräch auf die Mannigfaltigkeiten der Gartenanlagen; und die Dichter, welche sie am besten beschrieben haben, auf den Unterschied zwischen Stadt- und Landleben, welches die Sänger in allen Zeiten mit so glühenden Worten hervorgehoben haben. Bei diesem Gespräch ließen sich einzelne kontrastirende Punkte in den Karakteren der beiden jungen Leute bemerken. – Ich gestehe, sagte Godolphin, daß ich wenig Zutrauen an die dauernde Neigung eines Stadtbewohners für das Land habe. Wenn wir unsern Geist ganz allen mit den Gegenständen um uns beschäftigen können, wenn der Bach und der alte Baum, und der goldige Sonnenuntergang und die Sommernacht, und das rohe, materielle Leben, das wir überblicken, wenn das unsere Schranken und die fieberhaften Pläne der Zukunft in uns ersticken kann, dann freilich kann ich die Wirklichkeit jenes ruhigen und glücklichen Zustandes begreifen, welchen unsre ältern Poeten als den Bestand des Landlebens entwickelt haben. Nehmen wir aber in diese Schatten die rastlosen und wilden Begierden der Stadt mit hinüber, benutzen wir die gegenwärtige Muße nur zu Anschlägen für eine aufgeregte Zukunft, dann spielen wir umsonst den Eremiten und flüchten in die Einsamkeit. In dem Augenblick, wo die Neuheit der grünen Gefilde dahin ist, wo unsere Entwürfe festgesetzt sind, wünschen wir auch zu ihrer Ausführung nach der Stadt zu eilen. Wir haben dann, mit Einem Worte, unsere Zurückgezogenheit nur als eine Pflanzschule für Pläne gebraucht, die jetzt aufschießen, und umgesetzt werden müssen. – Sie haben Recht, antwortete Konstanze schnell, und wer möchte das Leben verbringen, als ob es ein Traum wäre? Es scheint mir, daß wir die Einsamkeit nur dann gut benutzen, wenn wir sie als Mittel für unsere Zwecke in der Welt nehmen. – Eine sonderbare Lehre, dachte Godolphin, für eine junge Schönheit, deren Kopf voller Haine und Liebe seyn sollte. – In dem Falle, sagte er laut, muß ich zu denen gezählt werden, welche die Zurückgezogenheit mißbraucht haben, denn ich habe mir bis jetzt mit dem Gedanken geschmeichelt, daß ich sie ihm ihrer selbst willen genossen habe. Trotz dem künstelnden Leben, das ich bisher geführt habe, hat doch jede Stimme der Natur eine Macht über mich, der ich nicht widerstehen kann. Welche in einer Stunde erzeugten Gefühle lassen sich auch mit denen vergleichen, welche so sanft und ungerufen in uns aufkeimen, wenn der Wald und das Wasser unsere einzigen Gefährten, die einzige Quelle unserer Aufregung und Berauschung sind! Ist Beschauung nicht besser, als Ehrgeiz? – Ist das Ihr Ernst? fragte Konstanze ungläubig. – Gewiß! Konstanze lächelte, und in dieses reizende Lächeln hätte sich vielleicht Verachtung gemischt, hätte ihr Godolphin nicht wider ihren Willen ein Interesse eingeflößt. Fünfzehntes Kapitel. Die Gefühle Konstanzens und Godolphin's gegen einander. – Die Unterscheidung ihrer Karaktere. – Bemerkungen über die von der Welt auf Godolphin gemachten Wirkungen. – Der Ausritt. – Ländliche Schilderung. – Vorbedeutung. – Das erste undeutliche Geständnis. Um die Stunde, wo Konstanze sichtbar war, hatte Godolphin täglich den Förster entlassen, und sich nach Hause begeben, um sie auf ihren Wegen zu begleiten. Sie gingen und ritten zusammen, Abends lehnte er sich über ihren Stuhl und lauschte ihrem Gesange, denn ob sie gleich wenig von der Instrumentalkunst verstand, so war doch ihre Stimme voll, und übertraf durch ihren Schmelz das Pathos gewöhnlicher Sängerinnen. Lady Erpingham sah mit geheimer Freude auf ein Verhältnis, das ihr eine bevorstehende Liebe anzuzeigen schien. Sie liebte Konstanze um ihrer selbst und Godolphin um seines Vaters willen. Sie dachte unaufhörlich daran, welch reizendes Paar dies geben würde; es konnte nichts Schöneres, so Hochbegabtes geben, und wenn die Klugheit etwas von Armuth dazwischen flüsterte, so erinnerte sich die wackere Gräfin, daß sie von ihrem großen Wittwengelde sich eine Summe erspart habe, die sie immer zu einer Mitgift für Konstanze bestimmt hatte, und welche sie, wenn sie sich mit Godolphin verbinden sollte, noch mit weit größerem Vergnügen hergeben würde. In diesem Vermögen, welches ihnen wenigstens eine unabhängige Lage verschaffen konnte, fügte sie noch die Wichtigkeit hinzu, zu der sich, nach ihrer Meinung, Godolphin endlich durch seine Talente aufschwingen mußte, für welche sie nach ihren aristokratischen Begriffen das Parlament als den einzigen, rechtmäßigen Spielraum hielt. Gegen Konstanze ließ sie sich nichts merken, und war überzeugt, daß die Natur, die Jugend und das Zusammenleben schon das Ihrige thun würden. Der Schein, den Godolphin's Gefühle für Konstanze Vernon annahmen, glich in der That der Liebe, war sogar Liebe selbst, obgleich mehr die Liebe in ihrer Schwärmerei, als in ihre Wirklichkeit. Und was waren die Gefühle Konstanzens für ihn? Das wußte sie damals selbst nicht. Wäre sie nur um einen Gedanken weniger ehrgeizigen oder weniger starken Sinnes gewesen, so würde ihr Herz in Liebe, und zwar in keiner gewöhnlichen Liebe, geschlagen haben. Aber in ihrem nachsinnenden, sich beherrschenden, eigen geformten Geiste gab es noch immer eine Gränze gegen jedes Gefühl, eine Kette für die Schwingen jeden Gedankens, mit Ausnahme derer einer einzigen Gattung, und das war nicht die der Liebe. Es herrschte in jeder Hinsicht ein scharfer Unterschied zwischen den beiden Karakteren, und es war sonderbar genug, daß der weibliche der am wenigsten romantische, und aus den einfacheren Stoffen zusammengesetzte war. Es war eben ein Band von Wordsworth's herrlichen Gedichten erschienen. Ist dies nicht bewunderungswürdig? sagte Godolphin, als er einige jener erhabenen, aber doch zarten und feinen Gedanken vortrug, welche den ländlichen und doch geistvollsten der Dichter bezeichnen. Konstanze schüttelte mit dem Kopfe. – Wie! Sie bewundern dies nicht? – Ich verstehe es nicht. – Welche Poesie bewundern Sie denn? – Diese. Es war Popes Übersetzung der Iliade. – Ja, ja, schon recht, sagte Godolphin, etwas gereizt, das bewundern wir Alle, aber außer dem? Konstanze zeigte auf eine Stelle in Drydens Palamon und Arcite. Godolphin warf seinen Wordsworth weg. – Es ist nicht recht, sagte er, mir so auszuweichen. Nennen Sie mir etwas, was Sie bewundern, und wo es mir wenigstens frei steht, Einwendungen dagegen zu machen – etwas, von dem Sie glauben, daß es im Allgemeinen zu sehr vernachlässigt werde. – Ich bewundere nicht, was allgemein vernachlässigt wird, antwortete Konstanze mit ihrem feinen Lächeln; der Ruf gibt jedem Metall, das innern Werth hat, sein Gepräge. Die Antwort war karakteristisch; Konstanze schätzte den Ruf höher, als das Genie, das ihn errungen hat. – Gut, sagte Godolphin, so wollen wir jetzt einmal sehen, ob wir nicht zu einer Verständigung kommen können. – Er nahm den Comus von Milton auf. Niemand kam ihn an Schönheit des Vortrags gleich; seine Stimme war tief und biegsam, und der Ausdruck seines Gesichts entsprach jedem Wechsel seiner Stimme. Konstanze ward gerührt von dem Leser, nicht von dem Gedicht. Godolphin hatte einen scharfen Blick, er bemerkte es, und ging zu den Reden Satans im verlorenen Paradies über. Die edlen Züge der vor ihm Sitzenden fingen auf der Stelle an sich zu entflammen, die Lippen bebten, die Augen glühten, der Enthusiasmus Godolphin's kam dem Konstanzens nicht gleich. Die rechte Saite war angeschlagen. Muth, Mißtrauen, Ehrgeiz, das begriff sie in seiner ganzen Ausdehnung; aber die Feinheiten des Gedankens, welche die kalten und glänzenden Verse des Comus bezeichnen, der edle Platonismus, die Liebe und seltene Liebe zu dem abstrakten Guten, das war nicht »klangvoll und schmetternd« genug für das Herz eines Weibes, das von Natur zu einer Königin oder Heldin, nicht zu einer Dichterin oder Philosophin bestimmt war. Dagegen hatte gerade das Zarte, Halbverhüllte, Dunkle der Literatur einen besondern Reiz für Godolphin. Mit einem nachdenkenden, läuternden Geiste begabt, hatte er früh angefangen, die gemeinen Gemüthsbewegungen der Menschen zu verachten: der Ruhm ließ ihn kalt, und dem Ehrgeiz hatte er sein Herz verschlossen. Die Liebe war bei ihm – obgleich man ihn, und nicht mit Unrecht, für einen ausschweifenden, vergnügungssüchtigen Mann gehalten hatte – nicht aus den gewöhnlichen Elementen der Leidenschaften zusammengesetzt. Voller Träume, Grübeleien und überspannter Idealisierungen, war es eine Liebe, die für die Dauer nicht kernig genug und von zu seltener Gestaltung schien, als daß sie auf Erwiederung hätte rechnen können. Dies zeigte sich bei seinem Umgange mit Konstanze: Beide fanden sich stets getäuscht. – Sie fühlen dies nicht, sagte Konstanze. – Sie kann mich nicht fassen, seufzte Godolphin. Trotz seines Schwärmens, seiner Träumereien und seiner Liebe für das Geistige und Reine, dürfen wir dennoch Godolphin keinen fleckenlosen Sinn oder Charakter zutrauen. Von Natur voll entschiedener, scharfbezeichneter Eigenschaften, war er durch die eigenthümlichen Elemente unserer Gesellschaft in einen sehr gemischten, unbestimmten Karakter verwandelt worden, der nicht frei von den Gebrechlichkeiten geblieben war, welche uns in einem schwankenden Zustande zwischen Tugend und Laster lassen. Die Energie, welche sein Knabenalter bezeichnet hatte, war in dem indolenten Weltleben abgestumpft und verkrüppelt. Seine Wanderschaft in den zwei letzten Jahren, das süße, poetische Leben des Südens hatten seinen Sinn für das Romantische genährt, und die Leidenschaft für die Beschauung angefacht, welche den geistvollen Vergnügungsmenschen so gewöhnlich erfaßt; denn das Vergnügen hat seine eigene Philosophie – eine trübe, phantastische, und doch tiefe Überzeugung von der Richtigkeit aller Dinge – ein Sehnen nach dem leuchtenden Ideale: Der Flug der Motte nach den Sternen. Salomos Durst nach Vergnügen war der Gefährte seiner Weisheit: Sättigung entsprang aus dem einen – Unzufriedenheit aus der andern. Aber diese, obgleich verführerische Philosophie ist weder fruchtbar, noch heilsam; es ist die Philosophie der Gefühle, nicht der Grundsätze – des Herzens, nicht des Kopfes. Dies zeigte sich bei Godolphin: er entwickelte so viel Feinheit im Moralisten, daß ihm die Moral selbst entschlüpfte. Das einfache Gute und das einfache Schlechte überließ er uns schlichten Leuten zur Erforschung. Die Lehren des Socrates oder Bentham zogen ihn nicht an, weil sie für alle Welt dienen können, dagegen hatte er sich eine dunkle, unsichere Richtschnur entworfen, nach welcher er die Handlungen Anderer abmaß. Er hatte Einbildungskraft, Genie, sogar Herz; er war immer glänzend, zuweilen tief; in Gesellschaft voll Anmuth, obwohl selten gesellig; abgeschieden, und doch ein Weltmann; ein Träumer, und doch ein Roué; großmüthig gegen Einzelne, selbstsüchtig gegen die Masse. Wie viele schöne Eigenschaften waren hier schlimmer, als verschwendet! Wer wird nicht eingestehen, daß er schon mehreren Leuten der Art begegnet ist? Und wer wird nicht das Schicksal eines solchen Mannes bis an sein Ende verfolgen wollen? Eines Tages (es war der letzte, den Godolphin für seinen bereits verlängerten Besuch bestimmt hatte), als die Sonne eben ihrem Untergange nahe war, kehrten Konstanze und Godolphin langsam von ihrem gewöhnlichen Spazierritte zurück. Sie kamen an einen kleinen Wirthshause vorüber, dessen Schild ein Schachfeld führte, und vor welchem sich ein Haufen Bauern versammelt hatte, welche auf die rohe Musik horchten, die ein wandernder Italienischer Knabe seiner Guitarre entlockte. Die Scenerie war ländlich, pittoresk, und als Godolphin sein Pferd anhielt und auf die Gruppe blickte, dachte er nicht, daß er einst mit einer ganz andern, düstern Bewegung diesen Platz wieder sehen sollte. – Unsere Bauern, sagte er, als sie weiter ritten, bedürfen irgend einer sittlichen Erholung, wie derer, welche wir eben gehört haben. Die Musik und der Mohrentanz haben England verlassen, und statt, wie sonst, für das Vergnügen des gedrückten Arbeiters zu sorgen, betrachten unsere Aristokraten jetzt mit wahrer Eifersucht jeden seiner entfernten Versuche zur Festlichkeit. Sie können es nicht ertragen, daß der Bauer lustig ist: Vergnügen und Unordnung sind ihnen gleiche Vergehen. Mitten aus ihren eigenen Spielzirkeln, ihren frechen Ausschweifungen, ihren trunkenen Banketten predigen sie gegen die Liederlichkeit der Armen; und ein Glas Bier zu viel, und eine Zeitung wird in ihren Augen zu einer demokratischen Zügellosigkeit. – Oh, diese Aristokratie, sagte Konstanze bitter. Welche Gemeinheit! Welcher Schmutz! Welche Anmaßung! Aber der Tag muß kommen, wo sie mit Füßen getreten wird. Sie hat gelebt ohne Würde, sie wird fallen ohne Muth. Wie hohl ist schon jetzt ihre wahre Macht! Sie hat schon jetzt keine Vasallen mehr – keine bewaffnete Gewalt. Noch hält sie die öffentliche Meinung, dreht sich diese morgen, so ist sie morgen schwächer, als ein Kind. Sie wird das Spiel, die Wetterfahne jeden Zufalls. – Sie haben Recht, sagte Godolphin, aber Ihre Ansichten überraschen mich. Wie kommen sie in den Mund der hoffähigen und hofirten Miß Vernon? – Glauben Sie mir, sagte Konstanze schnell, gerade unter der Aristokratie stecken ihre bittersten Feinde. Die, welche täglich unter dem System leiden, müssen es mehr verabscheuen, als die Masse, die nur selten in handgreifliche Berührung mit demselben kommt. Seine ewige Gemeinheit thut weher, als seine gelegentliche Gewaltthätigkeit. Godolphin lächelte. – Sie nehmen, sagte er, den Lauf der Welt weniger leicht, als ich. Ich merke, daß geringfügige Dinge Sie verletzen: ich lache darüber. Man kann mich beleidigen, nicht erbittern. Niemand vermag mich niederzubeugen. Ihre Waffe gegen Thoren ist Verachtung, die meine Gleichgültigkeit! – Sie verschwenden zu viel Gefühl und Stroh. Bei diesen Worten ritten sie durch eine seichte Furth des Flusses. – Wir sind nicht weit von der Priorei, fügte Godolphin hinzu, indem er auf die Ruinen zeigte, welche sich grau aus dem grünen Gehölz umher am abendlichen Himmel erhoben. Konstanze seufzte unwillkürlich. Es schmerzte sie, daß sie an die Dürftigkeit ihres Gesellschafters erinnert wurde. Als sie den Hügel hinaufkamen, der sich vom Fluß ab erhob, zeigte sie, um dem Gang ihrer Gedanken eine andere Richtung zu geben, mit Bewunderung auf den blauen Wasserstrom, der sich zwischen wechselreichen Ufern hinwand. Tief und dunkel rauschte das Wasser unter dem Buschwerk, das sich darüber hinausbog. Hier und dort senkte sich das Ufer plötzlich, und vermischte sich mit dem Flusse und hob sich dann wieder auf einmal, mit dichtem und verschlungenem Laube bedeckt. – Wie sonderbar ist es doch, sagte Godolphin, daß zu Zeiten, wenn wir auf gewisse Plätze blicken, uns ein Gefühl überkommt, welches den Schauplatz entweder mit irgend einer nebelhaften, traumgleichen Erinnerung der Vergangenheit, oder mit einer prophetischen, Furcht erregenden Vorbedeutung der Zukunft in Verbindung bringt. Während ich jetzt auf diese Stelle, diese Ufer, diesen schäumenden Strom blicke, scheint es mir, als ob mein Geschick sich in eine geheimnisvolle Sympathie mit dieser Stelle setze – wann – wie – warum, weiß ich, errathe ich nicht; das dunkle, frostige Gefühl drängt sich mir nur auf, ohne daß ich mir Rechenschaft davon geben kann. Jeder hat schon einmal ein ähnliches sonderbares, unbestimmtes Gefühl an gewissen Orten und Zeiten und mit gleichem Unvermögen empfunden, dessen Ursache nachzuspüren. Und um so auffallender ist es, daß mir in der Presse, welche ein Echo für die meisten Gefühle hat, noch kein Versuch vorgekommen ist, dies zu schildern. – Das kömmt daher, sagte Konstanze, weil die Presse eigentlich doch nur eine abgenutzte Nachäfferei der gemeinsten Gefühle ist, und ihr nur durch die Musik der Verse einigen Glanz verleiht. Und wie wenig wissen die Dichter! Sie ersinnen, und ahmen nach – das ist ihr ganzes Geheimnis. – Sie haben vielleicht Recht, sagte Godolphin sinnend, und ich selbst, der ich mir oft eitler Weise eingebildet habe, ich hätte einigen poetischen Sinn, bin durch das Wesen dieses Volkes so abgeschreckt und abgekühlt worden, daß ich jeden Teich dazu mit einer Art Verachtung erstickt habe, und darum arbeitet das Ideal, das keinen Ausgang in mir gefunden, innerlich an mir, und schafft tausend gehaltlose Träume und unlustige, abergläubische Gebilde, wirft mich in das Reich der Schatten und des Unbekannten, und macht mich unzufrieden mit dem kleinlichen Ehrgeize der Welt. – Sie werden wieder erwachen, sagte Konstanze ernst. Godolphin schüttelte mit dem Kopfe und gab keine Antwort. Ihr Weg führt jetzt längs einer grünen Hecke, die sich um einen Hügel wand, von welchem man eine schöne Aussicht hatte. Hütten, Thürme und Haine brachten Leben in die Landschaft, aber es war ein zerstreutes, einsames Leben; und der breite Strom, dessen Wellen in der Entfernung sich nicht über die glatte Spiegelfläche zu erheben schienen, schlängelte sich weithin, schimmernd in dem Sommerlichte, bis er sich in dem dunklen, üppigen Gehölz verlor. Noch einmal hielten Beide ihre Pferde an und wurden auf einmal still, als sie vor sich hinblickten. Godolphin brach zuerst das Schweigen; er erinnerte sich einer Gegend jenes lieblichen Landes, dessen südliche Luft uns Claudes Pinsel, die Feder der Staël geschildert haben. Er sprach zu Konstanze in seiner warmen, leidenschaftlichen Sprache von jenem Lande, jener Gegend. Jeder Baum vor ihm gab ihm Stoff zum Vergleich, und Konstanze lauschte dieser zauberischen Stimme, wie sie von einem Lande erzählte, das der Liebe geweiht ist, mit glänzenden Augen und einer beredten Wange, auf der er – ein vollendeter Kenner weiblicher Geheimnisse – Gedanken las, welche sie nicht ahnte, aber welche er buchstäblich entzifferte. – Und in einer solchen Gegend, fügte er hinzu, sein seelenvolles Auge zu ihr wendend, in einer solchen Gegend hätte ich mich für immer niederlassen können, wäre ich nicht durch den Gedanken, durch das Gefühl zurückgehalten worden, daß ich zu allein gewesen wäre . Auf einem wilden, erhobenen, selbst wüsten Platze können wir einsam leben und doch Nahrung zum Denken finden, nicht aber in seiner so sanften, einschmeichelnden Gegend, wie die, welche ich gesehen habe, und sehe. Dann kömmt, trotz uns, die Liebe über uns; und ich fühle, ich fühle jetzt – seine Stimme zitterte – daß jedes Geheimnis, das wir bisher genährt haben mögen, sich endlich Luft macht. Die Sehnsucht, geliebt zu werden, erdrückt uns; wir bangen nach dem Muthe, es auszusprechen zu dürfen, daß wir lieben. Nie hatte Godolphin bisher, obgleich er sich stets um das Gefühl gedreht hatte, so unumwunden mit Konstanze gesprochen. Auge, Stimme, Wange – alles sprach. Sie fühlte, daß er ihr seine Liebe gestanden hatte! Und war sie nicht glücklich in diesem Gedanken? Sie war es: es war ihr glücklichster Augenblick. Aber mit jenem unbestimmten, unbewußten Zurückschrecken, mit welchem ein Weib, das liebt, eine Liebeserklärung von dem vernimmt, in dessen Mund sie ihm am süßesten ertönt, machte sie stotternd einige Versuche, das Gespräch abzulenken, und beschleunigte dann den Schritt ihres Pferdes. Godolphin suchte einen so interessanten und gefährlichen Punkt nicht wieder zur Sprache zu bringen, nur sagte er, als die Landschaft bei einer Biegung des Weges langsam aus ihren Augen verschwand, mit leiser Stimme und wie zu sich selbst: Wie theuer, unvergänglich wird mir die Erinnerung an diesen Tag seyn! Sechszehntes Kapitel. Godolphin's Rückkehr nach Hause. – Selbstgespräch. – Lord Erpingham's Ankunft in Wendover-Castle. – Beschreibung des Earls. – Seine Erzählung von Godolphin's Leben in Rom. Mit verdrossenem Fuße schritt Godolphin wieder über die Schwelle seines Häuschens. Er trat in ein kleines Zimmer, das aber das größte der Wohnung war. Die wenigen ärmlichen Meubel standen in Unordnung umher; ein altes, zerbrochenes, unbesaitetes Klavier, ein abgenutzter, zerrissener Teppich, in jener Fensterbiegung ein leerer Vogelkäfig, dort ein Bücherbrett mit einigen Dutzend werthlosen Bänden, ein Sopha aus dem vorigen Jahrhundert (wo man, wenn man auch Behaglichkeit kannte, sie doch nicht in Faulheit setzte), kurz, schmal, hochlehnig und hart, das alles, gerade wie sein Vater es zurückgelassen, wie sein Knabenalter es gesehen hatte, begrüßte ihn jetzt mit einem unfreundlichen, frostigen, obwohl bekannten Willkommen. Es war Abend; er verlangte nach Feuer und Licht, und setzte sich, um, während er mit dem Kopfe in der Hand zusah, wie die Flamme düster durch das Gitter des schmutzigen, verbogenen Rostes brach, sich mit seinem eigenen Herzen zu berathen. – So liebe ich also dieses Mädchen, sagte er. Ist es auch wahr? Täusche ich mich nicht? Sie ist arm, hat keine Verbindungen, nichts, den Glanz meines Hauses herzustellen, diese Wohnung wieder aufzubauen, oder jene Güter zurückzukaufen. Ich liebe sie! Ich, der ich den Werth ihres Geschlechts so gut kennen gelernt habe, daß ich hundert- und tausendmal gesagt habe, ich würde mein Leben nicht an eine Fürstin ketten! Die Liebe mag dem Besitze wiederstehen – das ist möglich – aber nicht der Zeit. In drei Jahren würde der Glanz von Konstanzens Antlitz erblichen seyn, und dann wäre ich – was? Mein zerrüttetes Vermögen kann mich, allein, mit meinen geringen Bedürfnissen nicht erhalten. Und wäre ich erst verheirathet! Die stolze Konstanze meine Frau! Nein, nein, nein! Ich darf nicht daran denken. Ich, der Held von Paris! Der Geliebte der La**! Der Zögling Saville's! Ich soll mich so bethören lassen, daß ich von einem solchen Wahnsinn nur träume! Und doch glüht ein Funke in mir, der in der Welt leuchten könnte – ich könnte mich aufschwingen. Es stehen mir Wege offen: die Diplomatie – das Haus der Gemeinen! Wie! Percy Godolphin begeht die Einfalt und wird ehrgeizig! Will sich abmühen, sich quälen, Narren wegen eines Elementar-Prinzips Rede stehen, und am Ende am gebrochenen Herzen oder an einer verlorenen Stelle sterben! Pfui, pfui! Ich verachte die Premiereminister, und kann mich nicht zu ihrem Lehrling hergeben. Das Leben ist zu kurz zur Arbeit. Und nach was streben denn die Leute? Nach Genuß? Aber warum nicht genießen, ohne zu arbeiten? Und Konstanze aufgeben? Pah, da ist nur Ein Weib verloren! So endete das Selbstgespräch eines kaum herangewachsenen Mannes. Die Welt gibt uns bei Zeiten ihren letzten Unterricht, aber aus Furcht, wir möchten nichts mehr von ihrer Weisheit zu entnehmen haben, verwendet sie den Rest unseres Lebens dazu, uns alles, was sie zuerst uns gelehrt hat, wieder aus dem Gedächtnis zu löschen. Währenddes war die Zeit herangekommen, wo Earl Erpingham auf Wendover-Castle eintreffen sollte. Lady Erpingham wünschte natürlich, Anfangs die Gesellschaft ihres Sohnes so ungestört, wie möglich, zu genießen, und hatte am ersten Tage seiner Ankunft nach einer so langen Abwesenheit alle Fremden fern gehalten. Die schwere Reisekutsche war endlich in den Hof gerasselt, und wenige Minuten darauf war ein hoher Mann in der Blüthe des Lebens, in einem weiten, mit Pelz und Sammt besetzten Mantel gehüllt, der seiner Gestalt ein vorteilhaftes Ansehen verlieh, in das Zimmer, und Lady Erpingham umarmte ihren Sohn. Die herzliche und kindliche Weise, mit welcher er ihre Fragen und Glückwünsche erwiederte, änderte sich etwas, als er plötzlich Konstanze bemerkte. Lord Erpingham war kalt, und schämte sich, wie die meisten kalten Männer, eine Neigung zu zeigen. Er grüßte Konstanze ruhig, und, wie er glaubte, nachlässig; seine Blicke wendeten sich jedoch viel öfter zu ihr, als irgend ein Freund Lord Erpingham's diese großen, runden, lichtbraunen Augen je sich zu einer Person hatte wenden sehen. Als der Graf sich zurückzog, um Toilette zum Mittagessen zu machen, konnte Lady Erpingham nicht umhin, indem sie sich die Augen trocknete, gegen Konstanze gewendet auszurufen: Ist es nicht sein schöner Mann? Welche Gestalt! Konstanze schmeichelte nicht ungern, wo sie jemanden gern schmeichelt wissen wollte, und stimmte daher bereitwillig genug in diese mütterliche Ansicht ein. Bis jetzt hatte sie jedoch nichts von Lord Erpingham bemerkt, als seine Größe und seinen Mantel, und als er wieder hereintrat, und sie in das Speisezimmer führte, warf sie einen forschenden, obgleich nur gelegentlichen Blick auf ihn. Lord Erpingham gehörte zu der Klasse von Menschen, von denen die Männer gewöhnlich sagen: Was für ein verdammt hübscher Bursche! Er war über sechs Fuß hoch, was verhältnismäßiger Stämmigkeit, obschon nicht sehr regelmäßig geformt, auch nicht besonders anmuthig in seiner Haltung, aber doch gerade soviel man von einem sechs Fuß hohen Mann verlangen kann. Er hatte eine männliche Gesichtsfarbe, eine Mischung von braun, gelb und roth. Sein Backenbart war sehr stark, schwarz und gut zugeschnitten. Seine Augen waren, wie ich bereits gesagt habe, rund, groß und lichtbraun, also nichtssagend. Seine Zähne waren gut, und seine Nase war zwar weder Griechisch, noch nach dem Adlerschnitt, konnte sich aber doch sehen lassen. Alle Dienerinnen bewunderten ihn, und wenn man ihn ansah, überkam einen das Gefühl, wie schade es sey, daß ein so tüchtiges Subjekt den Grenadieren entgehen sollte. Lord Erpingham war ein Whig von der alten Schule: er haßte die Handelsfreiheit, glaubte aber, daß man Hand an die Tory-Flecken legen müsse. Man hielt ihn allgemein für einen verständigen Mann. Er hatte Blackstone, Montesquieu, Cowper's Gedichte, und den »Rambler« gelesen, und erregte, wenn er sprach, immer große Aufmerksamkeit im Oberhaus. Er war ein Bonvivant, was den Wein betraf; nach einem ausgewählten Essen fragte er nichts. Er war gutmüthig, aber verschlossen, tapfer genug, immer im Nothfall einen Zweikampf anzunehmen, und religiös genug, jede Woche einmal in die Kirche zu gehen – wenn er auf dem Lande war. So weit schien Lord Erpingham nach einem der Helden Sir Walther's geformt, wir müssen aber das Blatt umwenden, und auf die Punkte zeigen, in welchen er von jenen Musterbildern abwich. Gleich der Masse der adligen Whigs, hatte er sehr lockere Ansichten von den Frauen, obwohl er ihnen nicht sehr nachging. Seine Liebschaften hatten sich auf Operntänzerinnen beschränkt, weil man, wie er zu sagen pflegte, bei ihnen nicht so viel Zeit verlöre. Und doch hatte er zu viel von seiner eigenen Welt gesehen, als daß er nicht hätte wissen sollen, daß sich die großen Damen selten viel auf eine abstoßende Sprödigkeit zu gute thun; auch war sein eigenes Ehrgefühl eben nicht der Art, daß er die gefallene Tugend einer Schwester, oder, wäre er verheirathet gewesen, einer Frau sich ausnehmend zu Gemüth gezogen hätte. Trotzdem galt er überall für einen hochherzigen Mann. Man wählte sich ihn zum Schiedsrichter in Streitigkeiten, und erzählte sich, obgleich es nicht wahr war, daß er ein Jahr lang ein Staatsamt bekleidet und darauf bestanden hatte, kein Gehalt anzunehmen. Das war Robert Lord Erpingham. Beim Mittagessen, bei welchem er, zur großen Wonne seiner Mutter, einen höchst bemerkenswerthen Appetit offenbarte, hörte er, so gut als es bei seiner Rücksicht auf die zweckdienlichere Beschäftigung anging, auf Lady Erpingham's Erzählung von den Verhältnissen der Grafschaft, auf ihre langen Antworten auf seine kurzen Fragen, ob alte Freunde todt, oder junge verheirathet wären, und erwachte erst zu einer wärmeren Theilnahme, als er hörte, daß es einen Überfluß an wildem Geflügel gäbe. Nachdem die Diener das Zimmer verlassen und Lord Erpingham sein erstes Glas Bordeaux genommen hatte, kam das Gespräch auf Percy Godolphin. – Er hat vierzehn Tage bei uns zugebracht, sagte Lady Erpingham, und erzählte uns, daß er Dich in Italien getroffen hat, und ließ Dir volle Gerechtigkeit widerfahren. – Wirklich! Hat er sich wirklich herabgelassen, mich zu loben? fiel Lord Erpingham hastig ein, denn Godolphin's Wesen und seine Schwierigkeit gaben seinem Lobe, wenigstens in den Ohren eines Earls, einen seltenen Werth. Ach! Es ist ein wunderlicher Gesell! In Italien hat er ein gar sonderbares Leben geführt. – Das habe ich oft gehört, bemerkte Lady Erpingham. Aber weißt Du, in wie fern? War er sehr ausgelassen? – Das nicht; es lag etwas Geheimnisvolles in seinem Verkehr; er ging wenig mit Engländern um, und nur mit solchen, die hoch spielten. Man sagte, er besitze große Kenntnisse und dergleichen. – Oh, sagte Lady Erpingham, die mit den Rednern und Schönheiten der Zeit gelebt und von ihnen mechanisch die Manier angenommen hatte, eine Periode zu ründen, oh! so ging er vermuthlich mit den Münzkennern, Bilderhändlern, und andern Betrügern um, die auf Unkosten jener Engländer leben, welche sich mit Geschmack begabt oder von Genie heimgesucht wähnen. – Weit gefehlt, entgegnete der Earl, Godolphin ist viel zu gewitzt dazu, und läßt, ich versichere Dich, sich so leicht nicht hintergehen, und ich gestehe, daß er dadurch nichts bei mir verloren hat. Aber nein, er lebte mit Italienischen Doktoren und Gelehrten, und nahm sich insbesondere eines sonderbaren Menschen an, der sich, glaube ich, mit Zaubereien oder so etwas abgab. Godolphin wohnte in einer einsamen Gegend von Rom, und dort waren – wenigstens hieß es so – das Laboratorium, die Tiegel und alle das andere teuflische Zeug in steter Bewegung. – Und doch, sagte Konstanze, halten Sie ihn für zu klug, sich betrügen zu lassen. – Und mit Recht, Miß Vernon; ein Beweis dafür ist, daß niemand geringeres Vermögen hat, und doch höher angeschrieben ist. Er spielt allerdings, aber nur gelegentlich, obgleich ihm in den Spielen, wo es auf Geschick ankömmt, außer Saville niemand gleich steht. Aber auf Saville ruht, unter uns gesagt, doch mehr als bloßer Verdacht, daß er unredlich spiele. – Und Du bist überzeugt, sagte Lady Erpingham ruhig, daß Herr Godolphin sein Glück nur seiner Geschicklichkeit zu danken hat? Konstanzens Augen schossen Blicke auf den Earl. – Gewiß glaube ich das. Niemand hat ihm noch einen einzigen schmutzigen oder gar verdächtigen Streich vorgeworfen, und wie ich bereits gesagt habe, niemand wird mehr in Gesellschaften gesucht, obgleich er ihnen ausweicht; und er hat verdammt Recht, denn sie machen einem verteufelte Langeweile. – Mein lieber Robert, in Deinem Alter! – Aber, fügte der Earl, zu Konstanze gewendet, hinzu, aber, Miß Vernon, jedermann hat seine schwache Seite, und der verschmitzte Italiener mag die seinige getroffen haben, so ein tüchtiger Mann er auch sonst ist, obgleich ich, offenherzig gestanden, glaube, daß er ihn nur unterstützt haben mag, um die Welt zu mystifiziren und sich in das Gerede zu bringen, kurz – aus Eitelkeit. Er ist ein hübscher Mensch, dieser Godolphin – wie? fuhr der Earl mit einem Tone fort, als ob er eine Widerlegung seiner Behauptung erwarte. – Sehr schön, antwortete Lady Erpingham. Welch herrlicher Kopf! – Aber verzweifelt blaß, wie? Und auch nicht die beste Figur; mager, schmalschultrig, wie? Godolphin's Wuchs war untadelhaft, aber unsere ungeschlachten Helden beurtheilen einen Mann von mittlerer Statur, wie Mathematiker einen Punkt definiren, sie sagen, es fehle ihm ganz an Breite und Länge. – Und was meinst Du, Konstanze? sagte Lady Erpingham mit Betonung. Konstanze errieth den Sinn und erwiederte ruhig, daß Herr Godolphin ihr schöner, als alle Männer scheine, die sie kürzlich gesehen habe. Lord Erpingham spielte mit seiner Halsbinde, und Lady Erpingham erhob sich, um das Zimmer zu verlassen. – Ein verdammt hübsches Mädchen! sagte Erpingham, als er die Thüre hinter Konstanze wieder zumachte; aber auch verdammt spitzig, fügte er hinzu, indem er sich wieder auf seinen Stuhl setzte. Siebenzehntes Kapitel. Konstanze in der Toilette. – Ihre Gefühle. – Beschreibung ihrer Schönheit. – Der Ball. – Die Herzogin von Winstoun und ihre Tochter. – Eine Folgerung aus der Natur weiblicher Nebenbuhlerschaft. – Eifersucht eines Liebhabers. – Aristokratische Anmaßung zurückgewiesen. – Das Lauschen an der Wand. – Bemerkungen über das Vergnügen einer öffentlichen Versammlung. – Das Abendessen. – Die Falschheit scheinbarer Munterkeit. – Verschiedene neue und wahre Bemerkungen. – Was zwischen Godolphin und Konstanze vorgeht. Es war am Abend des Balles, der Lord Erpingham's Ankunft zu Ehren gegeben wurde. Konstanze, geschmückt zu Eroberungen, saß allein in ihrem Ankleidezimmer. Ihr Kammermädchen hatte sie so eben verlassen. Eine Menge Lichter warfen ein verschwenderisches Licht auf das antike Zimmer (es war in dem ältesten Theile des Schlosses gelegen), und erleuchteten die hohe Stirn und die vollendeten Züge der Miß Vernon. Als sie sich in ihren Sessel zurücklehnte, ihr Elfenfüßchen auf das niedrige, Gothische Tabouret gestützt, die Arme nachlässig herabhängend, verrieth ihr Gesicht ein tiefes, obwohl nicht heiteres Sinnen, und einen Ausdruck von Unentschlossenheit und wahrer Trauer. Man muß, wie ich bereits angedeutet habe, nicht glauben, daß Konstanzens Loos, ob sie gleich für die bewundertste Schönheit ihrer Zeit galt, ein glückliches war. Sie lebte allerdings mit den Edlen und Mächtigen des Landes, und wurde von ihnen hofirt, trotzdem aber entgingen ihrem durch Stolz und Eifersucht geschärften Ohre die Worte nicht, welche oft mitten aus der glänzenden Menge, die sie an sich zog, den Becher ihres Vergnügens und ihrer Eitelkeit mit Schaam und Ärger verbitterten. Wie! des Vernon's Tochter? Das arme Ding! Sie hängt ganz von Lady Erpingham ab! O! Ich denke, sie wird irgend einen reichen Bürger erschnappen. Solche von übellaunigen Müttern und verwelkten Schönheiten hingeworfene Worte unterbrachen nicht selten ihre kurzen und ermüdenden Triumphe. Sie hörte intrigante Mütter ihre pinselhaften Söhne, die Konstanze in den Staub geblitzt hätte, hätten sie nur ihre Hand zu berühren gewagt, gegen ihre titel- und mittellosen Reize warnen. Sie sah, wie vorsichtige Earls, die heute ganz Zuvorkommenheit und morgen ganz Kälte waren, je nachdem sie irgend etwas vernommen hatten, ihren Herzen vorwarfen, daß sie sich zu sehr von ihrem Zauber hinreißen ließen; wie sie sich selbst zum erstenmal zweifelhaft fragten, ob ein Herz wirklich etwas mehr, als ein Wort für eine poetische Faktion sey, und wie sie sich wunderten, daß ein Blick auf eine so herrliche Schönheit sie zu dem Glauben an die Möglichkeit einer Gemüthsbewegung bringen könnte. Sie war tief verletzt worden von dem herablassenden Patronisiren der Herzoginnen und Chaperons, von den verstockten Winken, wie von den anmuthigen Unterscheidungen, welche in den feinen Zirkeln einen Rang von dem andern sondern und einen erbitterten, ohne daß man das Vergnügen hat, sich davon beleidigt halten zu dürfen. Alles dies, was in der Blüthe, Lust und Fröhlichkeit der Jugend bei jedem andern Weibe unbeachtet vorübergegangen wäre, nagte tief an dem Herzen von Konstanze Vernon. Das Bild ihres sterbenden Vaters, seine Beschwerden, seine Anklagen, deren Gerechtigkeit sie nicht einen Augenblick bezweifelte, stiegen mitten in den glänzendsten Stunden des Tages und des Weltlebens in ihrer Seele auf. Sie gehörte nicht zu den Frauen, deren weiche, sanfte Natur flieht, was sie verwundet: Konstanze war entschlossen zu siegen. Voll Geringschätzung gegen Glanz, Schein und Fröhlichkeit, durstete, schmachtete sie nach nichts, als nach Macht, nach einer Macht, durch die sie für die Kränkungen, von welchen sie getroffen zu seyn glaubte, sich rächen und die Herablassung der Großen zu Huldigungen verkehren konnte. Dieser Zweck, den jedes zufällige Wort, jeder arglose Blick eines Fremden tiefer und tiefer in ihr Herz brannte, erhielt eine Art von heiliger Weihe durch die Beziehung, in welche sie ihn brachte, durch ihres Vaters Andenken und seinen Todeshauch. In diesem Augenblick arbeiteten alle diese bittern, stolzen Gefühle in ihrer Brust, aber sie wurden bekämpft durch Einen süßen und zarten Gedanken, durch das Bild Godolphin's, des verschwenderischen Erben eines zertrümmerten Vermögens und eines gesunkenen Hauses. Sie fühlte es nur zu tief, daß sie ihn liebte, und glaubte, unbekannt mit seinen weltlicheren Eigenschaften, daß er sie mit aller der schwärmerischen Hingebung und der Glut des Genius liebe, welche ihr als das Wesen seines Karakters erschien. Aber diese Überzeugung erregte trotzdem jetzt in ihr keine freudige Stimmung. In der Überzeugung, daß sie ihn zurückweisen müsse, gab sein Bild den Gegenständen und dem Ehrgeize, auf welche sie bis jetzt mit stolzer Lust geblickt hatte, nur eine trübe Färbung. Sie war darum nicht weniger an die großen Träume ihres Geschicks gefesselt, aber der Ruhm und die Täuschung waren erloschen. Sie hatte einen Blick in die Zukunft gethan, und fühlte, daß der Genuß der Macht der Verlust des Glückes sey. Und doch, trotz dieser Überzeugung, gab sie das Glück auf, und klammerte sich an die Macht. Ach, was sind unsere besten und weisesten Theorien, unsere Probleme, unsere Systeme, unsere Philosophie! Die Menschen werden nie aufhören, die Mittel mit dem Zweck zu verwechseln, und, trotz der Lehren der Weisen, ihr Benehmen nicht nach ihrer Überzeugung bestimmen. Wagen auf Wagen rollten unter den Fenstern des Zimmers vorüber, in welchem Konstanze saß, und noch immer rührte sie sich nicht, bis sich endlich eine gewisse Ruhe, wie das Resultat eines plötzlichen Entschlusses, über ihr Gesicht legte. Ihre Wangen rötheten sich wieder, und als sie sich erhob und aufrecht stand mit einer gewissen Ruhe und Energie auf Stirn und Lippe, glänzte ihre Schönheit in einer vielleicht noch nie erreichten Erhabenheit. Indem sie durch das Zimmer schritt, stand sie einen Augenblick vor dem Spiegel still, der ihre herrliche Gestalt in voller Größe zurückstrahlte. Schönheit ist so ganz die Waffe der Frauen, daß sie, selbst im Kummer, ihre Wirkung nicht ganz übersehen können, so wenig wie der sterbende Krieger das Schwert mit Gleichgültigkeit betrachten kann, das ihm Ruhm und Trophäen errungen hat. Auch war Konstanze an diesem Abend gar nicht geneigt, gegen den Effekt, den sie hervorbringen konnte, gleichgültig zu seyn. Sie blickte auf ihr Bild mit einem Triumph, der nicht bloß aus Eitelkeit entsprang. Und welches Glas hat je eine Gestalt zurückgespiegelt, die würdiger gewesen wäre, von einem Perikles verehrt, von einem Apelles gemalt zu werden? Konstanze schien größer, als sie wirklich war. Eine gewisse majesthätische Haltung des Kopfes, der Fall der Schultern, die Breite der Stirn und die außerordentliche Ruhe der Züge gaben ihr ein Aussehen, welche niemand außer ihr erreicht hat, und welches nur die Pasta, wäre sie eine Schönheit gewesen, hätte erlangen können. In dieser Majestät lag nichts Hartes oder Sprödes. Wie viel Männlichkeit auch Konstanze in ihrem Karakter ererbt haben mochte, in ihrem Äußern zeigte sich nichts, was nicht durchaus weiblich war. Ihr Bau war von der Fülle, welche durch jene Frische, die eine müßige Vollkommenheit der Verhältnisse immer den Frauen verleiht, die Erhaltung der Schönheit noch für ein späteres Alter verspricht. Ihre Arme und Hände waren und sind bis heute, eben der Seltenheit wegen, von einer um so auffallendern Schönheit. Nichts ist in Europa ungewöhnlicher, als ein durch Form und Farbe wahrhaft schöner Arm. Man gehe in eine noch so aristokratische Gesellschaft, und man wird nichts als vorstehende Knochen, eckige Ellenbogen, oder eine rothe Haut unter der Hülle jener bauschigen Ärmel sehen, die fast eben so garstig sind. Zur Zeit, von der hier die Rede ist, trug man jene Ärmel noch nicht, und der weiße, runde, blendende, fast bis zur Schulter nackte Arm war von glänzenden Edelsteinen umschlossen, die durch die natürliche Schönheit noch gehoben wurden. Ihr Haar war vom üppigsten, dunkelsten Schwarz, und nach einer damals ungewöhnlichen, obgleich nicht bizarren Weise geordnet, die jetzt von den gemeinsten Gesichtern angenommen ist, obgleich sie sich doch nur für die höchste Schönheit eignet, ich meine jene einfache und klassische Mode, welcher die Franzosen den Namen der Calypso gegeben haben, welcher aber nach meiner Ansicht eben sowohl für eine Göttin der Weisheit, als der Wollust paßt. Ihre langen Augenlieder, die dunklen, und doch zart gezeichneten Brauen erhöhten die Beredsamkeit der blauen Augen und den Ausdruck des Griechischen Profils. Fügen wir den gewölbten Mund hinzu, den hohen Hals, den schlanken Wuchs, einen Fuß, dessen geringste Schönheit seine Kleinheit war, so steht Konstanze Vernon vor uns. Sie ging in ihrer ruhigen, stolzen Weise aus diesem Zimmer in ein anderes, wo sie sich gewöhnlich aufhielt, wenn sie nicht bei Lady Erpingham war. Dort hatte Godolphin mit der Ungezwungenheit der fremden Sitte, und mit der ehrfurchtsvollen, ritterlichen Freiheit seines Benehmens sie oft aufgesucht und sie manche Augenblicke von andern Gesellschaften zurückgehalten, bald einen Vorwand in den Büchern, welche auf dem Tische umherlagen, bald in der Musik, bald in der waldigen Gegend suchend, welche man aus jenen Fenstern im herbstlichen Mondenlichte schwimmen sah. Als diese Erinnerung sie überkam, schwankten ihre Füße, und ihr Gesicht erbleichte; sie blieb einen Augenblick stehen, warf einen schmerzlichen Blick umher, aber riß sich endlich los, stieg die hohe Treppe hinunter, eilte durch die von alten Bannern und verrosteten Helmen verdüsterte Halle und trat mit ihrer Schönheit und ihrem gedankenvollen Herzen in das dichte, heitere Gewimmel. Ihr Auge blickte nach Godolphin umher, fand ihn aber nicht, und sie hatte kaum ihre Nachforschungen beendigt, als Lord Erpingham, der Held des Abends, sich näherte und sie um ihre Hand bat. – Ich habe so eben meine Pflicht erfüllt, sagte er mit einer, bei ihm durchaus nicht gewöhnlichen Gallanterie, und darf jetzt auch an meinen Lohn denken. Ich habe den ersten Tanz mit Lady Margarethe Midgecombe getanzt, und bitte nun um Erfüllung Ihres Versprechens, um den zweiten Tanz. Es lag etwas in diesen Worten, was die krankhafte Reizbarkeit Konstanzens verletzte. Lady Margarethe Midgecombe würde im gemeineren Leben für ein gut aussehendes, gewöhnliches Mädchen gehalten worden seyn, aber sie war eine Herzogstochter und galt für eine Hebe. Ihre kleinen Nase, ihre frische Farbe und ihr einfältiges Lachen, das trotzdem nicht ohne Bosheit war, hieß bezaubernd, und jede Unregelmäßigkeit der Züge, jeder Fehler im Wuchse wurde durch die bei uns so häufige, unsinnige Empfehlung: »ein verzweifelt hübsches Mädchen! Keins von der regelmäßigen Schönheit!« in Verdienst umgewandelt. Nicht bloß in der Grafschaft ***shire, sondern auch in London war Lady Margarethe Midgecombe Konstanze Vernon als Nebenbuhlerin in der Schönheit gegenübergestellt worden. Und Konstanze, die viel zu liebenswürdig, zu kalt, zu stolz war, um nicht die Schönheit Anderer anzuerkennen, wo sie wirklich da war, kränkte sich doch ganz unverhohlen über einen ihrer so unwürdigen Vergleich, und verachtete selbst zu Zeiten ihre eigenen Ansprüche an Bewunderung, da so unendlich schwächere Ansprüche mit ihr um den Preis ringen konnten. Zu diesem herben Gefühle gegen Lady Margarethe kam noch ein anderes, das durch Lady Margarethens Mutter erregt worden war. Die Herzogin von Winstoun war eine Frau von niederer Geburt, die Tochter eines sehr reichen neuen Pairs. Sie hatte sich jedoch mit einem der mächtigsten Herzöge aus der ganzen Pairschaft vermählt, mit einem einfältigen, schwerfälligen Manne mit vier Schlössern, zwei Parken, einer Kohlenmine, einer Zinngrube, sechs Flecken und dreißig Pfründen. Unthätig und zurückgezogen ließ sich der Herzog selten öffentlich sehen; die Sorge, seinen Rang aufrecht zu erhalten, fiel ganz auf die Herzogin, und sie besorgte dies mit einer so ängstlichen Feierlichkeit, als ob sie eines Käsehändlers Tochter gewesen wäre. Stolz, anmaßend und roh, überall gesucht, alles beleidigend, gehaßt und hofirt, so war die Herzogin von Winstoun und vielleicht manche Herzogin vor ihr. Man darf nicht vergessen, daß die Modewelt damals nicht den Depotismus erreicht hatte, den sie jetzt ausübt; sie nahm ihr Gepräge von der Macht an, beherrschte sie nicht. Ich werde es darthun, wie viel von ihrem jetzigen Ansehen diese Mode der Heldin diesen Memoiren zu danken hat. Die Herzogin von Winstoun könnte nicht mehr die große Rolle spielen, wie damals; es liegt ein gewisser guter Geschmack in der Modewelt, welcher die Anmaßung des Ranges zurückstößt, welcher von den Leuten entweder Liebenswürdigkeit, oder Glanz, oder Originalität verlangt, und einfältige Herzöge nach ihrem Verdienst abwägt. In Ermangelung dieser neuen Autorität übte Ihre Gnaden von Winstoun ungestört ihr Recht der Anmaßung. Sie hatte einen ganz besondern Widerwillen gegen Konstanze gefaßt, zum Theil, weil die wenigen guten Beurtheiler der Schönheit, welche sich nicht um Rang und Ruf kümmerten, ganz rücksichtslos erklärt hatten, daß ihre Tochter sich mit Konstanze Vernon nicht messen könne, hauptsächlich aber, weil der schwungvolle Geist und die scharfe Ironie Konstanzens mehr als einmal der Unverschämtheit der Herzogin so heftige und öffentliche Schläge versetzt hatte, daß sie mit Wuth und Erstaunen erkannt hatte, daß es in der Welt ein Weib, und noch dazu ein unvermähltes gäbe, welches die Schroffheit der Herzogin von Winstoun mit gleicher Münze bezahlen könne. Gehässig waren daher die Bemerkungen, die sie über Miß Vernon, wenn sie abwesend war, fallen ließ, und über alle Maaßen hochmüthig war ihr Kopfnicken und der Ton ihrer Sprache, wenn Miß Vernon gegenwärtig war. Wenn die Herzogin von Winstoun daher Konstanze nicht leiden mochte, so können wir wohl annehmen, daß diese es ihr eben so vergalt. Schon der bloße Name erregte ihren Stolz und ihren Ärger, und sie vernahm darum mit einem in einem Weibe ganz natürlichen, obgleich, in dem liebenswürdigen Sinne des Wortes, eben nicht weiblichen Gefühle, daß Lord Erpingham, obwohl er es nicht anders konnte, sie mit dem ersten Tanze beehrt hatte. Als Lord Erpingham sie zu ihrem Platze zurückführte, folgte ihr ein lautes Geflüster der Bewunderung und des Enthusiasmus. Dies machte Erpingham in diesem Augenblick mehr Vergnügen noch, als Konstanze. Von ihrer Schönheit bereits berauscht, war er stolz auf den Eindruck, den sie auf Andere machte, denn dieser Eindruck war ein Kompliment für seinen Geschmack. Er plagte sich, angenehm, ja bezaubernd zu seyn, er affektirte eine sanfte Stimme und versuchte sogar – der Arme! – zu schmeicheln. Die Herzogin von Winstoun saß mit ihrer Tochter hinter ihnen auf einer erhöhten Bank. Sie hatten so die schönste Gelegenheit, die Aufmerksamkeit zu beobachten, mit welcher einer der größten Earls von England die Tochter des größten Redners Englands beehrte. Sie waren erbittert über seinen Mangel an Würde. Konstanze bemerkte diesen Ärger, und lieh sogleich den Komplimenten des Lord Erpingham ein freundlicheres Ohr; ihre Augen glänzten, ihre Wangen rötheten sich, und die guten Leute umher, die Lord Erpingham's ungeheuern Backenbart bewunderten, glauben, Konstanze sey verliebt. In diesem Augenblick trat Percy Godolphin in das Zimmer. Obgleich Percy's Erscheinung nichts Schimmerndes an sich hatte, so erregte sie doch immer Aufmerksamkeit. Sein Gesicht, seine Haltung, seine langen, schönen Locken, seine weiche, fremdartige Kleidung, welcher seine edlen, geistreichen Züge jeden Gedanken an Fadheit nahmen, dies Alles gab seinem Auftreten etwas Ausgezeichnetes, und das durch seinen Ruf als genialer, excentrischer Mensch erregte Interesse erhöhte noch den Eindruck, den die Meldung seines Namens stets hervorbrachte. Aus dem Gedränge der müßigen Gaffer, welche ihn umgaben, während der Verbeugungen der Grafen und des Lächelns der Schönen, richtete Godolphin doch seine ganze Aufmerksamkeit – seine ganze Seele auf den Platz, der durch Konstanze Vernon geheiligt wurde. Er sah sie im Gespräch mit einem reichen, vornehmen, hübschen Manne. Er sah, daß sie mit offenbarer Theilnahme ihm zuhörte, daß er sich mit offenbarer Bewunderung mit ihr unterhielt. Die Brust zog sich ihm zusammen, es wurde ihm weh, dann folgte Ärger, Empfindlichkeit, endlich Wuth und Verzweiflung. Alle seine früheren Entschlüsse, seine Klugheit, sein Weltsinn, seine Vorsicht schwanden auf einmal, er fühlte nur, daß er liebe, verdrängt, verloren sey. Die wilde, wahrhaft heftige Leidenschaftlichkeit seiner Jugend stieß alle Pläne und Gebäude jener sanften und kalten Philosophie über den Haufen, die er von der Welt entlehnt und die er für die Weisheit des Studiums gehalten hatte. Eine Hütte und eine Wüste mit Konstanze – Konstanze sein mit Herz und Hand – wäre ihm als das Paradies erschienen; und er würde keinen Ehrgeiz mehr genährt, keinen Lohn weiter geträumt haben. So viel Wirkung hat die Eifersucht auf uns. Wir sind voll Vertrauen, und schwanken, ob wir eine Gabe annehmen sollen; wir werden eifersüchtig, und wir möchten das Leben hinwerfen, um sie zu erringen. – Was für ein schöner Bursche der Erpingham geworden ist, sagte ein junger Kavallerie-Offizier. Godolphin hörte es und stöhnte laut. – Und mit was für einem verzweifelt hübschen Mädchen er tanzt, fügte ein anderer junger Mann aus Oxford hinzu. – Oh, Miß Vernon; bei Gott, er scheint gefangen. Es wäre eine prachtvolle Partie für sie. – Und für ihn auch, meinte der ritterlichere Oxforder. – Hm! sagte der Offizier. – Ich hörte, fing jener wieder an, sie sollte den jungen Godolphin heirathen. Er hat hier eine Zeitlang gelebt. Sie ritten und gingen täglich miteinander aus. Es ist ein glücklicher Mensch. Ich möchte ihn wohl einmal sehen. – St! sagte eine dritte Person, Godolphin erblickend. Percy trat weiter vor. So sehr er sich auch gewöhnlich zu beherrschen wußte, so konnte er doch nicht ganz die Hölle in seiner Brust verbergen. Seine Stirn zog sich düster zusammen, kaum erwiederte er die Grüße, welche er erhielt, er drängte sich aus der Menge, stahl sich nach einem Platze hinter einem breiten Pfeiler, und heftete dort, ungesehen, seine Blicke auf die Gestalt und die Bewegungen der Miß Vernon. Es traf sich, daß er sich in die Nähe der Herzogin von Winstoun gesetzt hatte, und nachstehende Unterredung mit anhören konnte. Als der Tanz nämlich vorüber war, führte Lord Erpingham Konstanze nach einem Sitze dicht neben Margarethe Midgecombe. Die Herzogin hatte ihren Angriffsplan entworfen, stand auf, als sie Konstanze in ihrem Bereiche sah, und näherte sich mit einer gezwungenen Höflichkeit. – Wie geht es Ihnen, Miß Vernon? Es freut mich doch sehr, daß Sie so wohl aussehen. Ist etwas an dem, was man sagt, wie? Die Herzogin zeigte dabei ihre Zähne, das heißt, sie lächelte. – An was, meinen Ihre Gnaden? – Oh, oh, ich bin überzeugt, Lord Erpingham hat es so gut gehört, wie ich selbst, und ich wünsche – mit einigem Nachdruck – um Ihretwillen, oder in der That vielmehr Beider willen, daß es wahr seyn möge. – Es hieße, sagte die stolze Konstanze mit der Schroffheit, an der sie Gefallen fand, und wegen deren sie seitdem bekannt geworden ist, Ihre und meine Zeit verschwenden, wollte ich warten, bis die Herzogin von Winstoun verständlich spricht. – Aber die Herzogin ließ sich nicht abweisen, als bis sie ihr Vorhaben ausgeführt hatte. – Ey, sagte sie, sich zu Lord Erpingham wendend, so berufe ich mich auf Sie; soll nicht Miß Vernon in diesen Tagen sich mit Herrn Godolphin verbinden? Gewiß – fügte sie mit einer affektirten Gutmüthigkeit und Theilnahme hinzu – gewiß, ich hoffe , daß es zu Stande kömmt. – Auf Ehre, sagte Lord Erpingham, seine berühmten runden Augen weit aufreißend, Sie setzen mich in Erstaunen. Ich habe noch kein Wort davon gehört. – Also noch ein Geheimnis, rief die Herzogin. Schön, schön, ich kann auch ein Geheimnis bewahren. Lady Margarethe schlug die Augen nieder und lachte mit Affektation. – Ich dachte bis jetzt, sagte Konstanze mit großer Ruhe, daß niemand verächtlicher seyn könne, als wer leere Gerüchte aufliest ; aber ich sehe jetzt, daß ich Unrecht hatte: bei weitem verächtlicher noch ist, wer sie erfindet . Die große, mit ihren eigenen Waffen geschlagene Herzogin erröthete vor Ärger selbst durch die Schminke durch, aber Konstanze wendete sich ab, und suchte, noch immer auf Lord Erpingham's Arm gelehnt, einen andern Sitz. Sie fand einen, dem Pfeiler gegenüber, hinter welchem Godolphin saß, und wo er noch immer alles hören konnte, was Konstanze sprach. – Auf Ehre, Miß Vernon, sagte Erpingham, ich bewundere Ihren Geist. Nichts besser, als solch abgeschmacktes Volk, das einem weh tun will, und glaubt, man könne es ihm nicht zurückgeben, gleich niederzuschmettern. Aber sagen Sie doch, und ich hoffe, Sie werden es nicht als Anmaßung nehmen, darf man fragen, ob an diesem Gerüchte etwas Wahres ist? – Durchaus nichts, antwortete Konstanze mit großem Kampfe, aber sicherer Stimme. – Nicht? Ich hätte es denken sollen, hätte es denken sollen, Godolphin ist viel, viel zu arm für Sie. Miß Vernon ist keine Dame, die aus Liebe in eine Hütte heirathet. Konstanze seufzte. Dieser leise, sanfte Ton durchbebte Godolphin's Herz. Er beugte sich vor; er hielt seinen Athem an; er schmachtete nach ihrer Stimme, nach einer Silbe als Antwort, aber sie kam nicht. – Erinnern Sie sich noch an Miß L.....; begann der Earl von Neuem. Doch nein, sie war vor Ihrer Zeit. Sie verheirathete sich mit S....., einem Menschen von demselben Schlage wie Godolphin. Er hatte keinen Schilling, aber er lebte gut, hatte ein Haus in Mayfair, gab Diners, jagt ein Melton, kurz, er spielte hoch. Sie hatte ungefähr zehn tausend Pfund. Sie heiratheten sich und lebten zwei Jahre lang so anständig, wie Sie sich gar nicht denken können. Jedermann bewunderte sie. Sie hielten sich keine verschlossene Kutsche, sondern er fuhr sie zu den Diners in seinem – damals ungewöhnlichen – Französischen Kabriolet. Sie machten keinen Aufwand, keinen Prunk, aber alles war verteufelt nett, ein wahres Hüttenleben, nur lag die Hütte in Curzonstreet. Doch endlich schlug die Karte um; S..... verlor alles, war mehr schuldig, als er bezahlen konnte, wir mußten den Umgang mit ihm abbrechen, und sein Verwandter, Lord ***, der ein Jahr darauf in's Ministerium kam, schaffte ihm eine Stelle beim Zollwesen. Sie lebten jetzt in Pantonville; er trägt einen Pfeffer- und Salzrock, sie eine Haube mit rothen Bändern; sie haben fünf hundert Pfund jährlich und zehn Kinder. So ging es S.....'s Frau, und so dürfte es der Godolphins gehen. O, Miß Vernon kann den nicht heirathen. – Sie haben Recht, sagte Konstanze mit Würde, nur drücken Sie Ihre Meinung mit zu großer Freiheit aus. Ehe Lord Erpingham eine Entschuldigung stammeln konnte, hörten sie ein Geräusch hinter sich; sie wendeten sich um, Godolphin war aufgestanden. Sein Gesicht, welches gewöhnlich den Ausdruck einer strengen Ruhe trug – denn Nachdenken gibt ein strenges Aussehen – bot jetzt den Sprechern einen so düstern, drohenden Anblick dar, daß dem kräftigen Earl einen Augenblick das Herz stockte, und daß Konstanze erschrak, als ob sie ein Gespenst, und nicht die lebende Gestalt ihres Gatten sähe. Aber dieser Ausdruck des Gesichts blieb nur einen Augenblick derselbe. Godolphin grüßte Beide mit einem kalten, höflichen Lächeln, einer glatten Stirn und tiefen Verbeugung, entfernte sich langsam von seinem Platze und verschwand unter der Menge. Es ist ein wunderbares Ding um eine große Gesellschaft. Ein ungeheures Gedränge von Leuten, die sich einander allesamt unendlich gleichgültig sind, kömmt zu einem Vergnügen zusammen, welches der größte Theil derselben für unbeschreiblich ermüdend hält. Wie geistlos, wie eingebildet sind solche Scenen, solche Schauspieler. Welch ein Überrest des Barbarismus, wo man tanzte, weil man nichts zu sagen wußte. Doch wir haben einige Entschuldigung für uns: wir gehen in diese Versammlungen, um unsere Töchter zu verkaufen, oder die Frau eines Nächsten zu verführen. Ein Ballsaal ist der Markt der Schönheit. Nur würde ich es vorziehen, meine Ankäufe auf einem weniger öffentlichen Platze zu machen. – Wie ist's, Godolphin, sagte der junge Lord Belvoir, als sie neben einander auf dem glänzenden Souper saßen, ein Glas Champagner? – Von Herzen gern; aber nicht von dieser Flasche; wir müssen eine neue nehmen, denn dies Glas gilt Lady Delmour, und ihre Gesundheit muß vom ersten Feuer getrunken werden. Nichts Schales, nichts Verdunstetes, nichts, was seine erste Frische verloren hat, darf einer so jugendlichen Schönheit gewidmet seyn. Es wurde eine frische Flasche geöffnet, und Godolphin verbeugte sich gegen Lord Belvoir's Schwester, eine Schönheit und eine Schriftstellerin. Lady Delmour bewunderte Godolphin und war von einem Komplimente geschmeichelt, das niemand, der nur in England auferzogen worden, die kühne Galanterie gehabt hätte, queer übe den Tisch auszusprechen. – Haben Sie getanzt? sagte sie. – Nein. – Was haben Sie denn sonst gethan? – Was sonst? Oh, Lady Delmour, das sollten Sie nicht sagen. – Der Blick, der diese Worte begleitete, gab ihnen die Bedeutung. – Muß ich es erst sagen, fügte er leiser hinzu, daß ich an die Schönste der Damen gedacht habe? – Bah! sagte Lady Delmour, den Kopf abwendend. Dies Bah hat aber seine ganz besondere Bedeutung. Auf den Lippen eines Geschäftsmenschen spricht es Verachtung gegen alles Ideale aus, im Munde eines Politikers stößt es eine Theorie zurück. Mit den drei Buchstaben vernichtet der Philosoph einen Trugschluß, macht sich der reiche Mann von einem Bettler los. Aber auf den Rosenlippen eines Weibes verschwindet die Härte und die Verächtlichkeit, wird Aufmunterung. Bah! sagt eine Dame, wenn man ihr von ihrer Schönheit spricht. Dieselbe Antwort gibt sie erröthend auf unsere Liebeserklärung. Bei Männern ist es die rauheste, bei Frauen die sanfteste Silbe der Sprache. – Bah! sagte Lady Delmoure, ihren Kopf abwendend, aber Godolphin war in einer sonderbaren Stimmung. Wie merkwürdig ist's, daß wir aus unserm Trübsinn solche Heiterkeit hervorziehen können. Auf den Schlag folgte der Blitz; man rege die Nerven des Stolzen durch Verzweiflung und Eifersucht an, und man wird wahnsinnige Heiterkeit und hysterisches Lachen entzünden. Godolphin war liebenswürdig wie ein Engel, und die junge Gräfin entzückt über seine Gallanterie. – Haben Sie je geliebt? fragte sie zärtlich, als sie nach dem Essen allein saßen. – Ach, ja! – Wie oft? – Lesen Sie Marmontels Erzählung von den drei Phiolen, eine andere Antwort habe ich nicht. – O, die herrliche Erzählung! Sie enthält die ganze Geschichte der Männer. Phantasie, Leidenschaft, Liebe, das sind die drei Phiolen, aber wenige trinken von der dritten. Während Godolphin mit Lady Delmour sprach, war dennoch seine ganze Seele bei Konstanze, nur an sie, nur an seine Rache dachte er. Es ist eine auffallende Erscheinung in der Liebe, daß selbst bei der besten Gattung derselben die Eitelkeit so stark betheiligt ist; und es ist die Frage, ob, wenn unsere Geliebte uns einen Andern vorzieht, und unsere Liebe sich deshalb in Haß verwandelt, wir mehr durch den Verlust der Geliebten, als durch den Vorzug eines Andern affizirt werden. Ich bin von Letzterem überzeugt; denn wäre es das Erstere, so würde man nur klagen; aber die Eifersucht macht uns nicht betrübt, sie stachelt uns auf. Aber freilich wenn wir alt werden, und zurückblicken auf diese Haupt-Leidenschaft, so lächeln wir darüber, daß sie solche Thoren aus uns gemacht hat, daß wir solche Wichtigkeit auf sie gelegt haben, so wie über die Millionen, welche sich durch sie haben beherrschen lassen. Die Untersuchung der Leidenschaft der Liebe gleicht der des Karakters irgend eines großen Mannes; wir erstaunen über die Kleinlichkeiten, die in seinem Gefolge sind. Wir fragen verwundert: wie ist es möglich, daß solche Wirkungen aus solchen Ursachen hervorgingen? Godolphin setzte sein sentimentales Gespräch mit Lady Delmour fort, bis ihr Gatte, der viel auf seine Wagenpferde hielt, herankam, und sie fortführte; worauf Percy, fast erfreut über diese Erlösung, in den Ballsaal zurückstürzte, wo, obgleich die Gesellschaft etwas abgenommen hatte, der Tanz doch noch mit dem Eifer fortgesetzt wurde, welcher immer mit dem Vorschreiten der Nacht zuzunehmen scheint. Ich für meinen Theil werfe dann und wann zu so einer späten Stunde einen Blick auf einen Ball als eine Mahnung an die Flüchtigkeit der Zeit. Keine Ergötzlichkeit gehört so wesentlich den jungen Leuten in ihrer ersten Jugend, der gedankenlosen, berauschten Jugend, ihr, deren Blut ein Elixir ist. Dort erkenne ich, vor allen andern Orten, die weite Kluft zwischen mir und meiner Jugend. Ist Konstanze ein Weib, dachte Godolphin, als er in den Ballsaal zurückkehrte, so will ich sie doch noch zu meinem Willen demüthigen. Ich habe die Wissenschaft nicht so lang ergründet, um gerade jetzt, wo ich das erstemal zu triumphiren wünsche, mich überwunden zu sehen. Während dieser Gedanke ihn befreite und anspornte, hielt er sich immer in einiger Entfernung von Konstanzen, doch ohne sie aus den Augen zu verlieren. Er blieb bei Lady Margarethe Midgecombe stehen und redete sie an; trotz der Anmaßung und Unwissenheit der Herzogin von Winstoun wurde er von Mutter und Tochter gut aufgenommen. Es gibt gewisse Personen, welche zu allen Zeiten und in allen Sphären eine gewisse Achtung gebieten, obgleich sie weder durch Reichthum, Rang, noch selbst durch gewissenhafte Moralität erkauft wird. Sie erwerben sie durch die Annahme, daß Talent allein sie schaffen kann, obgleich das Talent sie sich nicht immer erzwingt. Niemand kann, selbst nicht in der frivolen Gesellschaft der großen Welt, auf Huldigung ohne gewisse Eigenschaften Anspruch machen, welche bei einer glücklichern Anleitung ihn zum Ruhme geführt haben würden. Wäre das Studium eines Grammont oder eines C..... bei Zeiten auf solche Gegenstände gerichtet worden, welche erstrebt zu werden verdienen, so ist kaum zu bezweifeln, daß sie, statt Helden eines Zirkels zu werden, sich der Unsterblichkeit werth gemacht haben würden. So hatte der Genius Godolphins einen Glanz um ihn geworfen, daß selbst die Stolzesten sein Entgegenkommen gern aufnahmen und erwiederten, und Lady Margarethe erröthete wirklich vor Vergnügen, als er sie zum Tanz aufforderte. Ein fremder Tanz, der damals nur wenig in England bekannt war, war verlangt worden; es kannten ihn nur die, welche auf dem festen Lande gelebt hatten, und da die Bewegungen desselben eine eigenthümliche Grazie verlangten, so lehnten selbst von diesen Wenigen mehrere es ab, sich zur Schau zu stellen. Zu diesen Tanze führte Godolphin Lady Margarethe. Alles drängte sich herbei, die Tänzer zu sehen, und machte, je nachdem in dem wilden, schwindlichem Kreise sich ein Paar hin und her bewegte, seine Bemerkungen über die Geschmacklosigkeit, oder die Sonderbarkeit, oder die Unschicklichkeit des Tanzes. Als aber Godolphin antrat, änderte sich das Gemurmel mit einem Male. Der langsame und stolze Takt, in dem gerade gespielt wurde, diente ausnehmend dazu, die Grazie und Symmetrie seines Körpers zu entfalten. Lady Margarethe verstand den Tanz wenigstens eben so gut; und das Paar übertraf die übrigen so sehr, daß diese es selbst fühlten, und eines nach dem andern einhielten, und als Godolphin, sobald er sich allein sah, ebenfalls aufhörte, ließen die Zuschauer ihren Beifall lautbarer werden, als dies sonst in einer guten Gesellschaft gewöhnlich geschieht. Als Godolphin abtrat, begegnete sein Blick dem Konstanzens. Aber er fand nicht den Ausdruck darin, den er erwartet hatte: es sprach weder der Zorn der Eifersucht aus demselben, noch die Unruhe verletzter Eitelkeit, noch der Wunsch der Versöhnung. Es schien vielmehr, ein trübes Forschen in demselben zu liegen, das in seine Herz zu dringen und zu entdecken wünschte, ob sie wirklich die Macht besäße, ihn zu verwunden, oder ob jeder sich getäuscht habe. Godolphin ließ Margarethe ohne Umstände stehen, und war in einem Augenblick neben Konstanze. – Sie müssen von dem heutigen Abend entzückt seyn, sagte er bitter, wohin ich mich wende, höre ich nur Ihren Ruhm; jeder bewundert Sie, und er, der Sie nicht so sehr bewundert, als verehrt, er allein ist Ihrer Beachtung würdig. Er, dem nur ein zerrüttetes Vermögen beschieden ward, darf in der That nicht nach dem streben , was Tölpel mit Rang und Geld sich nehmen zu können glauben – die Hand Konstanze Vernon's. Godolphin sprach mit tiefer, ruhiger Stimme. Konstanze wurden todtenblaß, zitterte, antwortete aber nicht sogleich. Sie begab sich nach einem etwas von der Menge entfernten Sitze, Godolphin folgte ihr, und setzte sich neben sie. Dort erst sprach Konstanze, wiewohl mit einiger Anstrengung. – Sie haben gehört, Herr Godolphin, was hier gesprochen worden, und das schmerzt mich! Habe ich Sie beleidigt, so bitte ich Sie um Verzeihung; ich bitte Sie innig, herzlich darum. Gott weiß, ich habe selbst zu viel von unnützen Worten und der geringschätzenden Meinung gelitten, mit welcher diese harte Welt die Armen heimsucht, als daß ich nicht tiefen Kummer und Schaam empfinden sollte; wenn ich auf gleiche Weise einen andern, vor allem aber – Konstanzens Stimme bebte – vor allem aber Sie verletzte. Konstanze wendete, als sie sprach, ihre Augen gegen Godolphin, und sie schwammen in Thränen. Bei dieser zärtlichen Stimme, bei diesem Blick schmolz sein Herz. An ihn hatte die stolze Konstanze diese freundlichen Worte der Entschuldigung gerichtet! An ihn, dessen äußere Umstände ihr, und, wie seine Vernunft ihm sagte, mit Recht ihrer so unwürdig geschildert worden waren! – Oh, Miß Vernon, sagte er leidenschaftlich, Miß Vernon – Konstanze – theure, theure Konstanze! Darf ich Sie auch so nennen? Hören Sie nur Ein Wort. Ich liebe Sie mit einer Liebe, welche mir keine Worte in den Mund gibt, sie Ihnen zu schildern. Ich kenne meine Fehler, meine Armuth, meine Unwürdigkeit, aber – aber – darf ich hoffen? Das ganze Gefühl des Weibes sprach aus Konstanzens Gesicht, als sie diesen Worten lauschte. Die Wangen glühten, die Augen waren feucht, die Brust hob sich. Jedes Wort dieser abgebrochenen Rede sank tief in ihr Herz; nie vergaß sie einen Ton dieser Stimme. Das Kind mag seine Mutter vergessen und die Mutter das Kind verlassen, aber nie, nie schwindet aus dem Herzen einer Frau die Erinnerung an die erste Liebeserklärung dessen, der ihre erste Liebe war. Sie erhob ihre Augen, schlug sie nieder und erhob sie wieder. – Es darf nicht seyn, sagte sie endlich, es ist Thorheit, Wahnsinn von uns Beiden. – Nicht so, nicht so, flüsterte Godolphin mit dem sanftesten Tone einer Stimme, die nie rauh sein konnte. Es mag, wie Sie wollen, Thorheit, Wahnsinn seyn, daß die von allen vergötterte Miß Vernon auf die Erklärung eines so niedrig stehenden Bewunderers hören soll, aber prüfen Sie mich – erproben Sie mich, und Sie werden – ja Sie werden in einigen Jahren eingestehen, daß diese Thorheit das Glück der Vorsicht und des Ehrgeizes übertroffen hat. – Dies, antwortete Konstanze, mit ihrer Bewegung kämpfend, dies ist kein Platz für solch ein Gespräch. Wir wollen uns morgen wiedersehen – in dem westlichen Zimmer. – Die Stunde? – Um zwölf. – Und ich darf hoffen – bis dann wenigstens? Konstanz erblaßte wieder und antwortete mit einer Stimme, welche, obgleich sie kaum die Lippen zu bewegen schien, doch sein plötzliches, wonnevolles Vertrauen trübte und erkältete. – Nein, Percy, es ist keine Hoffnung – keine! Achtzehntes Kapitel. Die Unternehmung. – Die Krisis eines Lebens. Das westliche Zimmer war das bereits erwähnte, in welchem Konstanze sich gewöhnlich aufhielt, wenn nicht Gesellschaft sie in das Versammlungszimmer berief. Ich hätte schon bemerken sollen, daß Godolphin das Anerbieten der Lady Erpingham, wegen der Entfernung und der schlechten Straße über Nacht im Hause zu bleiben, gern angenommen hatte. Vor der bestimmten Stunde war er vor dem bezeichneten Gemach. Er hatte die Zeit verbracht, ohne das Bett zu berühren. Während seines unruhigen Auf- und Abschreitens durch sein Zimmer hatte er die Worte überdacht, mit denen Konstanze jede von ihr selbst angeregte Hoffnung zu vernichten schien. Alle selbstsicheren Pläne oder Bedenklichkeiten waren, wie durch einen Zauberschlag, aus dem Sinne dieses früh in die Form weltlicher Spekulationen gegossen, aber doch noch nicht verhärteten Mannes verschwunden. Er dachte nicht mehr an das, was er mit dem Empfang ihrer Hand aufgeben würde; er dachte mit der Gluth jugendlicher, wahrhafter Liebe an nichts, als an sie. Es war ihm, als wenn in der ganzen Welt nichts als der kleine Fleck existirte, auf dem sie athmete und sich bewegte. Auf Armuth, Entbehrung, Arbeit, den Austausch aller Gewohnheiten seines frühern Lebens gegen die von Berufsgeschäften und Selbstverleugnungen – auf das Alles blickte er nicht sowohl mit Ruhe, als vielmehr mit wahrem Triumphe. – Konstanze sey nur mein, rief er wiederholt, aber eben so oft schlugen jene verhängnisvollen Worte: »Keine Hoffnung! Keine!« in sein Herz, daß er vor Verzweiflung mit dem Zähnen knirschte und murmelte: »Aber sie wird nicht mein – wird nie mein werden!" Ehe jedoch die Mittagsstunde geschlagen hatte, war sein gewöhnliches Vertrauen zum Theil zurückgekehrt. Es war ihm gelungen, den augenscheinlichen Sinn jener Worte einigermaßen wegzuklügeln, und er stieg aus dem Garten, in welchem er durch die frische Luft seine fieberhafte Aufregung abzukühlen gesucht hatte, nach dem Zimmer mit einem allerdings noch zweifelhaften und beklommenen Gefühle, aber doch keineswegs mit völliger Niedergeschlagenheit und Verzweiflung hinauf. Der Tag war trüb. Ein feiner Staubregen, treibendes und doch zusammenhängendes Gewölk, welches keinen Streifen des Himmels sehen ließ, und durch das Stocken des leisesten Hauches zur Erstarrung verdammt schien, verstärkte noch durch seinen unwiderstehlichen Einfluß die niederdrückende, düstere Nacht seiner Gedanken. Er blieb stehen, als er schon eine Hand an die Thür gelegt hatte: er horchte und glaubte, bei der scharfen, schmerzlichen Anspannung des Lebens, welche alle seine Sinne erfüllte, er könne, obgleich noch außerhalb des Zimmers, Konstanzens Athem hören, oder wie durch Begeisterung die Gegenwart ihrer Schönheit erkennen. Er öffnete leise die Thür: alles war still und öde – Konstanze war nicht da! Es war ihm jedoch zu Muthe, als ob diese Abwesenheit ihm Erleichterung gewähre. Er athmete freier und schien gefaßter auf das Zusammentreffen. Er nahm in der Fensterbrüstung Platz; umsonst, er konnte nirgends ruhig bleiben: er ging auf und ab, und blieb nur einen Augenblick stehen, wenn irgend ein Gegenstand ihn an vergangene, ruhigere Stunden erinnerte. Die Bücher, welche er bewundert, und welche er bei seinem Abschiede auf ihren gewöhnlichen Platz in einem andern Theile des Hauses zurückgestellt hatte, entdeckte er jetzt hier auf den Tischen; sie öffneten sich von selbst bei den Stellen, welche er Konstanze vorgelesen hatte: in seiner Gegenwart hatte sie diese Stellen nicht zu bewundern geschienen, in seiner Abwesenheit waren sie ihr theuer geworden. Als er sich mit klopfendem Herzen von diesem schweigenden Beweise ihrer Liebe abwendete, erschrak er vor dem treuen, beinah lebenden Ebenbilde Konstanzens, welches aus einem Rahmen ihm gegenüber, aus dem Portraite ihres Vaters ihm entgegenblickte. Das von einem der besten unserer neuern großen Künstler gemalte Bild stellte Vernon in der stolzesten Epoche seines Glückes und seines Ruhmes dar; er war in der Stellung gemalt, in welcher er eine der schlagendsten Sentenzen einer seiner glänzendsten Reden gesprochen hatte: die Hand war erhoben, der Fuß vorgerückt, die Brust angespannt. Leben, Energie, Sieg blitzten aus den dunklen Augen, athmeten aus den schwellenden Nüstern, strömten von dem begeisterten Munde. Diese edle Stirn – diese regelmäßigen Züge – diese Miene voll der Herrschaft des Genius – glichen auffallend den sanfteren Formen Konstanzens. Durch die Kunst des Malers und den Ausdruck des Portraits wider Willen gefesselt, stand Godolphin bewegungslos aufblickend, bis die Thüre sich öffnete und Konstanze selbst vor ihn trat. Sie lächelte matt, aber doch freundlich, als sie sich näherte, setzte sich und wies ihm einen Stuhl in einer geringen Entfernung an. Er gehorchte schweigend ihrem Winke. – Godolphin! sagte sie sanft und bei dem Klang ihrer Stimme schlug er die Augen vom Boden auf, und richtete sie auf sie mit einem so drängenden, flehenden Blicke, aus dem die Leidenschaft und Beklommenheit seines Herzens so warm sprachen, daß Konstanze die Kraft verlor, weiter zu sprechen. Aber er erkannte, als er auf zu ihr sah, wie gewaltig sein Einfluß gewesen war. Keine Spur von Röthe war auf ihren Wangen; selbst ihre Lippen waren farblos, ihre Augen waren von Thränen angeschwollen, und obgleich sie ruhig und gefaßt schien, war doch die Majestät ihres Wesens verschwunden. Sie schien in sich selbst zurückzubeben. Demuth und Sorge – tiefe, leidenschaftliche, und doch ruhige Sorge hatten den Stolz und die elastische Frische ihrer Schönheit ersetzt. – Godolphin! wiederholte sie nach einer Pause, antworten Sie mir wahr und aufrichtig, nicht mit der Galanterie der gewöhnlichen Welt, sondern mit einem einfachen und offenen Geständnis. Wurden Sie nicht gestern Abend zu Ihren unvorsichtigen Äußerungen durch die Überraschung und Leidenschaftlichkeit des Augenblicks aufgeregt? Haben Sie nicht etwas gesagt, was Sie, wären Sie nur durch ruhige, überlegte Klugheit bestimmt worden, wenigstens unterdrückt hätten? – Miß Vernon, erwiderte Godolphin, alles, was ich gestern Abend gesagt habe, wiederhole ich jetzt mit Ruhe und betonter Überlegung; alles, was ich mir von Glück noch träumen kann, liegt in Ihren Händen. – Ich wünschte in der That, sagte Konstanze schmerzlich, ich brauchte Ihnen nicht zu glauben; ich habe Ihre Worte ernstlich überlegt. Das Geständnis Ihrer Neigung rührt mich, flößt mir Dankbarkeit ein, macht mich stolz – ja wahrhaftig stolz – aber – – Oh, Konstanze, rief Godolphin, sich ihr ungestüm zu Füßen werfend, und mit einer Stimme, aus der Todesangst sprach, Konstanze, stoßen Sie mich nicht zurück! Er ergriff ihre Hand: sie zog sie nicht zurück. Er blickte zu ihr auf: ihr Gesicht glänzte in hoher Röthe, und ehe diese noch ganz verschwunden war, hatte ihre Bewegung sich in Thränen aufgelöst, die dicht und schnell herabströmten. – O, Geliebte, sagte Godolphin mit einer feierlichen Zärtlichkeit, warum kämpfen Sie mit Ihrem eigenen Herzen? Ich lese jetzt in Ihrem Herzen – und das ist nicht gegen mich. – Konstanze weinte noch immer. – Godolphin fuhr fort: Ich weiß, was Sie sagen wollen und was Sie fühlen; Sie denken sich, daß ich – daß wir Beide arm sind, daß Sie nicht die Demüthigungen jener stolzen Armuth ertragen können, welche die zu höherem Glanze Gebornen so schwer überwinden. Sie schämen sich, Ihr Geschick mit dem eines Mannes zu verbinden, der unbesonnen – ausgelassen – selbstsüchtig, wenn Sie wollen, gewesen ist. Sie wagen es nicht, Ihr Glück einem Manne anzuvertrauen, der, wenn er dies vernichtet, Ihnen nichts als Ersatz bieten kann – keinen Rang – kein Vermögen – nichts, was ein zerrissenes Herz heilen, oder seine Wunden wenigstens mit dem reichen Mantel der Macht und des Wohlstandes verhüllen kann. Habe ich nicht Recht, Konstanze? Lese ich nicht in Ihrer Seele? – Nein, sagte Konstanz energisch. Wäre ich die Tochter jedes andern Mannes, als meines Vaters, wäre ich in allen Dingen, in Herz und Geist, dieselbe wie jetzt, und hätte nur Ein Gefühl, Ein Ziel, Eine Erinnerung nicht, so ist Gott mein Zeuge, daß ich nicht an Armuth und nicht an Entbehrung denken würde – ich würde vertrauen – ja, ich traue auch jetzt Ihren Versicherungen. Ihrer Neigung. Haben Sie gefehlt, ich weiß es nicht. Sagt ein Anderer, nicht Sie, mir, daß Sie gefehlt haben, so glaube ich ihm nicht. Ich traue Ihnen ganz und unbedingt. Gott, sage ich, ist mein Zeuge, daß ich, dürfte ich der Stimme meines Herzens gehorchen, freudig, mit Stolz Ihr Schicksal theilen wollte. Sie irren sich, wenn Sie glauben, nur gewöhnliche, niedrige Ehrfurcht könne mich bestimmen. Nein, ich könnte Ihrer würdig seyn! Die Tochter John Vernon's könnte ein würdiges Weib für den Mann der Armuth und des Genies seyn. In Ihrer Armuth könnte ich Sie erheitern, in Ihrer Arbeit Sie unterstützen, in Ihren Unfällen Sie trösten, in Ihrem Glück mit Ihnen triumphiren. Aber – aber es darf nicht seyn. Lassen Sie mich, Godolphin, theurer Godolphin! Es gibt Tausende, welche besser und schöner sind, als ich, und die Ihnen seyn werden, was ich seyn möchte, welche die Macht besitzen, die mir fehlt, und die, statt Ihre Habe zu theilen, sie emporbringen können. Lassen Sie mich; und wenn es Sie trösten, beruhigen kann, so glauben Sie, daß ich nicht unempfindlich gegen Ihren Edelmuth, Ihre Liebe gewesen bin. Meine besten Wünsche, meine heißesten Gebete, meine innigsten Hoffnungen begleiten Sie. Trotz ihrer Thränen, ihrer Bewegung bleib sie doch noch Konstanze. Sie erhob sich, machte ihre Hand von der Godolphin's los, und bereitete sich, das Zimmer zu verlassen. Aber Godolphin hielt, noch immer kniend, ihr Gewand fest, so daß sie nicht fort konnte. – Zerstören Sie nicht wieder, sagte er, das Bild, das Sie selbst mir vorgehalten haben. Sie haben sich als meine Stütze, als meine Helferin, meine Trösterin aufgestellt. Gewiß, Sie können – Sie können das seyn. Sie kennen mich nicht, Konstanze. Lassen Sie mich nur Ein Wort für mich sprechen. Bis jetzt habe ich den Ruhm gescheut und Ehrfurcht vermieden. Das Leben schien mir so kurz, und selbst der Gewinn des Ruhmes so ärmlich, daß ich für keine Arbeit eine Stunde des Genusses opfern möchte. Für Sie will ich gern meiner Lebensweise entsagen. Für mich möchte ich keine Ehrenstelle, für Sie will ich mich um alles bewerben. Keine Arbeit soll mir zu trocken seyn, kein Vergnügen soll mich ablocken. Ich will meinem mächtigen, thörichten Treiben entsagen. Ich will den großen, öffentlichen Kampfplatz betreten, wo alle, die mit Geduld und Energie bewaffnet hinabsteigen, des Sieges gewiß sind. Konstanze, ich bin nicht ohne Talente, obgleich sie vielleicht in mir geschlummert haben, sprechen Sie nur das Eine Wort aus, und Sie wissen nicht, was Sie zu schaffen vermögen. Godolphin hielt die Unentschlossenheit Konstanzens für Theilnahme und fuhr fort: – Wir sind beide verlassen in der Welt, Konstanze, wir sind Waisen, ohne Freunde, ohne Vermögen. Und doch haben wir beide uns einen Weg gebahnt ohne Freunde, und unsere Umgebung beherrscht ohne Vermögen. Beweist dies nicht, daß wir, sind wir vereinigt, unser Geschick uns erzwingen und glänzender machen können. Und allein in der geräuschvollen, streitsüchtigen Welt werden wir uns nach jedem Kampfe zurück zu unserm eigenen Herzen wenden, und dort einen Trost und eine Zuflucht suchen. Alles wird uns nur fester und fester aneinander ketten. Der Gedanke an unsere frühere Einsamkeit, die Hoffnungen unserer Zukunft werden unsere gegenwärtige Liebe nur verstärken. Und wie viel süßer, Konstanze, wird jede Ehrenbezeugung für Sie seyn, wenn wir sie so erwerben, geheiligt durch die Opfer, die wir gebracht, durch den Gedanken an die vielen Stunden, wo wir niedergeschlagen, dennoch einer in dem andern Trost fanden, durch den Gedanken, wie wir durch Sympathie unsere Kränkungen linderten, und selbst den geringsten Erfolg durch die theuren Beziehungen adelten, mit dem wir ihn in Verbindung brachten. Um wie viel süßer werden Ihnen solche Ehrenbezeugungen seyn, als die, über welche Sie jetzt, aber mit kaltem Herzen, gebieten können, welche Sie ermüden, weil sie leicht erlangt sind, welche tief stehen, weil sie nicht durch Ruhm erhoben werden. Oh, Konstanze, sollte ich nicht erhört werden? Hat die Liebe, die Natur, das Herz nicht gesiegt? Während er so sprach, hatte er sich langsam erhoben und seinen Arm um sie geschlungen; ihr Kopf sank auf seine Brust, ihre Hand ruhte in der seinigen, und seine Lippen berührten ungestraft ihre Wange. In diesem Augenblick hing Beider Geschick an Einem Haare. Wie ganz anders wäre das Loos, der Karakter Beider geworden, hätten Kostanzens Lippen das Wort gesprochen, welches das Herz ihr eingab. Und vielleicht hätte sie es gethan, aber als Konstanze die Augen aufschlug, blickte sie auf denselben Gegenstand, der Godolphin vorhin so lebhaft betroffen hatte, und plötzlich, wie durch einen elektrischen Schlag, verwandelte sich die Folge ihrer Gedanken. Vor ihr stand das Bild ihres Vaters. Seine stets so ausdrucksvolle Stellung schien es ihr doppelt in diesem Augenblick und eine gebieterische, drohende Haltung anzunehmen. Es war das Gesicht Vernon's, wie er sprach, warnte, schalt, so wie sie es oft im Privatleben gesehen, wie sie es beim Schlusse seines Lebens voll bitterer Flüche auf seine falschen Freunde gesehen, ja wie sie es, nur schrecklicher, gespenstischer durch die Farbe des Todes, in seiner letzten Stunde gesehen hatte, in der Stunde, wo er sie zur Vollstreckung seiner Rache verpflichtet und ihr befohlen hatte, nicht der Liebe, sondern dem Andenken ihres Vaters zu leben. Mit dem Anblick dieses Antlitzes drängten sich ihr auch die feierliche Erinnerung an jenes düstere Gelübde auf, die Schwäche der Liebe schwand vor der zurückkehrenden Stärke eines Gefühls, das in ihren frühesten Jahren genährt, in ihren Träumen gepflegt, durch ihre Studien gekräftigt, und durch die kühne Energie einer erhabenen und doch fanatischen Natur zum Ziele, ja zur Religion ihres Lebens verhärtet worden war. Sie riß sich los von dem überraschten und bestürzten Godolphin; sie warf sich auf die Knien vor dem Bilde, ihre Lippen bewegten sich schnell, das kurze Gebet um Vergebung war vorüber, und Konstanze stand auf als ein neues Wesen. Sie wendete sich zu Godolphin, erhob ihren Arm gegen das Bild, während sie mit funkelnden Augen ihren Geliebten anblickte und sagte: – Wie Sie jetzt denken, so dachte er, dessen Stimme zu Ihnen aus diesem Rahmen spricht, er, der den Pfad betrat, den Sie wandeln wollen, er, der zu denselben Mühen, demselben Streben dieselben Kräfte, denselben Genius anwendete, über den Sie gebieten wollen, er, der sich erwarb, was auch Sie zuletzt erringen mögen – das Lächeln der Prinzen, das Zutrauen der Vornehmen, die trügerische Höhe, welche nur der größte, beste und weiseste Staatsmann unseres Landes, wenn er nicht durch eine gemeine, intrigante Oligarchie gehoben wird, erreichen kann. Er warnt Sie vor dieser falschen Auszeichnung, vor diesem traurigen Siege. – Oh, Godolphin, fuhr sie fort, als sie von dieser, ihrem gesammelten Wesen ungewöhnlichen Aufregung wieder zu sich gekommen war, oh, Godolphin, ich habe diesen Mann sterbend gesehen, verlassen, allein, von seinem Genius verflucht, von seinem Glück zu Grunde gerichtet. Ich habe ihn sterbend, sterben sehen am gebrochenen, zerrissenen Herzen. Soll noch ein Opfer demselben Fluche erliegen, demselben Geschicke fallen? Kann ich mit schweigendem Herzen bei diesem Opfer wachen, kann ich, überzeugt von seinem sichern Untergange, ihn mit falschen Hoffnungen aufrichten? Nein, nein, fliehen Sie mich, fliehen Sie den Gedanken eines falschen Looses; heirathen Sie ein Mädchen, das Ihnen Reichthum und Rang gibt, und dann , wenn Sie wollen seyen Sie ehrgeizig. Lassen Sie mich mein Geschick, mein Gelübde erfüllen; lassen Sie mir, so elend ich auch werden mag, doch den Trost, daß ich wenigstens kein dauerndes Elend über Sie gebracht habe. Godolphin stürzte ihr nach, aber die Thür schloß sich vor seinen Augen, und er sah Konstanze – als Konstanze Vernon nie wieder. Neunzehntes Kapitel. Ein Fant und Wüstling aus der besten (schlechtesten) Schule. – Gespräch über tausend Gegenstände. – Die Verwandlung des sui profusus in den alieni appetens . Zu der Zeit, von der ich jetzt rede, existirte ein gewisses Haus in Chesterfield-Street, Mayfair, an welchem wenige junge Männer, die nach dem Glanz der Gesellschaft verlangten, vorübergingen, ohne sich nach einer Bekanntschaft mit dessen Bewohner zu sehnen. An dieses kleine, düstere Haus, mit seinen dunkelgrünen Marquisen, und den immer verschlossenen Schlägen knüpfte sich ein Interesse, ein Geheimnis. Hieher begaben sich im Schatten der Nacht die Miethwagen, und aus diesen stiegen Damen aus, die scheinbar besorgt waren, verborgen zu bleiben, deren Ruf aber nicht mehr das Verlarven lohnte. Nur selten kam man in früher Morgenstunde von irgend einem frohen Gelage zurück, ohne hier drei oder vier Wagen halten zu sehen, oder in dem Hause das Getöse einer schwelgerischen Lustbarkeit zu hören. Das Haus war der Wohnsitz eines Mannes, der nie sich öffentlich ausgezeichnet hatte, und doch die größte Rollen in der »Gesellschaft« spielte; der in der Jugend der vollendetste Lovelace gewesen war, und im Alter die Grazie eines Grammont mit dessen verdorbenem Herzen und Mangel an Grundsätzen theilte. Gefürchtet, verachtet, geliebt, gehetzt, verlacht, geehrt, schien August Saville der wahre Genius, die wahre Versinnlichung eines verfeinerten, lasterhaften Lebens. Bisher haben wir nur von ihm gesprochen; jetzt wollen wir ihn schildern. Aus einer edlen, aber verarmten Familie zu der zweideutigen, ärmlichen Stellung eines jüngern Sohnes bestimmt, hatte er sein Leben in ausgelassener, aber nie roher Ausschweifung verbracht. Ungleich andern Männern, welche Jugend, Geld, strotzende Kraft und aristokratischer Übermuth zu Thorheiten verleitet, welche den Geschmack sowohl, wie die Moralität des Weisen verletzen, hatte August Saville nie einen Fehler begangen, der nicht durch Anmuth geadelt, und durch eine tiefe, geschickte Diskretion gelindert worden wäre. Beschützer, systematischer Anhänger des Vergnügens – hatte er doch nie ein Weib um seinen Ruf oder seine Stellung gebracht. Nie hatten seine Intriguen zu einer Trennung, einer Scheidung, einem gemeinen Skandal oder einem Prozeß Anlaß gegeben, sey es nun, daß er die, welche er zur Schuld verführte, auch zu einer schützenden Vorstellungskunst anleitete; sey es, daß er seine Opfer mit einem so richtigen Blick in ihrem Karakter und in ihre Verhältnisse wählte, daß er überzeugt seyn konnte, das von ihm bewahrte Geheimnis werde auch von niemanden sonst aufgedeckt werden. Die ganze Welt erkannte August Saville die höchsten und ausgedehntesten Erfolge zu, niemand aber konnte genau angeben, wer unter den vielen, denen er den Hof machte, ihn zum Sieger gemacht hatte. Dieselbe ruhige, und doch siegreiche Diskretion umgab alles, was er that. Nie hatte er sich herabgelassen, durch Pferde und Wagen sich einen Ruf zu machen; in seiner Equipage verrieth nichts den Ehrgeiz, sich vor andern auszuzeichnen, noch weniger affektirte er jene widerwärtigste aller Prahlereien, jene verletzende Übertreibung der Sauberkeit, jene outrierte Einfachheit, welche unsere jungen Adeligen und aufstrebenden Bankiers so höchst lächerlich für guten Ton halten. Kein Geschirr mit sorgfältiger Vermeidung des Messings; keine Livree, die dem einförmigen Anzug eines Gentlemans gliche; keine Decken ohne das Wappen, dessen sich wahre Würde so wenig schämen soll, als sie darauf stolz zu seyn braucht – verkehrten den einfachen Geschmack in eine Schaustellung der Einfachheit. Er erschien selten auf Wettrennen und jagte nie, obgleich er in der Berechnung der ersteren ein vollendeter Meister, und, was das zweite betrifft, anerkannt einer der vollkommensten Reiter seiner Zeit war. Während er daher in seinem Anzug sorgfältig wählte, was ihn am besten kleidete, vermied er durch Unachtsamkeit gegen Kleinigkeiten den Anschein der Geckenhaftigkeit. Er setzte seinen Werth nicht in die Vortrefflichkeit seiner Stiefeln, und duldete ohne einen Seufzer eine Falte in seinem Rock, und doch gestanden die damaligen Stutzer, daß niemand in seinem Ensemble mehr wie ein Gentleman aussähe, als er, und während er durch ganz andere Mittel, als durch Kleider, zu fesseln suchte, wollte er doch selbst in seiner Kleidung nicht anstoßen. Obgleich er sorgfältig den Karakter eines Witzlings von Profession oder eines Schwätzers vermied, war er doch pikant, witzig und voll Leben in einer Gesellschaft der wenigen Personen, mit welchen er sich aufhielt oder genauer umging, und obgleich er alle Anerbieten, in das öffentliche Leben einzutreten, ausgeschlagen hatte, verstand er doch die ernstern Fragen, welche die Zeit bewegte, zur Genüge, um selbst die, welche am vertrautesten mit ihnen waren, von seiner Kenntnis derselben und seinen Talenten zu überzeugen. Er war in Armuth geboren, und hatte doch beinah dreißig Jahre als ein reicher Mann gelebt. Worin bestand seine Kunst? Er lebte von Andern. Alle Gesellschaftsspiele spielte er mit vollendeter Meisterschaft, und auch bei denen, wo das Glück überwiegt, hat die kalte, systematische Berechnung immer einen Vortheil für sich. Man hatte ihn in der That im Verdacht unrechtlichen Spieles, aber diese Beschuldigung hatte nie den Eifer abgekühlt, mit welchem man ihn aufsuchte. Mit besserm Geschmack, und größerer Popularität und Achtung, als Brummel, S. Pelham von Bulwer. erlangte er eine gleiche, obwohl geheimere Gewalt. Alles war begierig, ihn kennen zu lernen; der junge Neuling fühlte, daß ohne seine Bekanntschaft ihm die Berechtigung zu einem Erfolge in der großen Welt fehle; durch seinen Umgang kam selbst die Gemeinheit zu Ehren. Es ist wahr, daß man ihm, so wie keines Weibes Schande, so auch keines Mannes Ruin vorwerfen konnte, wenn man etwa den zweifelhaften Fall mit dem unglücklichen Johnstone ausnimmt. Er gewann niemanden, war dieser auch noch so eifrig, mehr als einen gewissen Theil seines Vermögens ab, und überließ es seinen Satelliten, ihn ganz zu Grunde zu richten, ja selbst die, welche am meisten Grund hatten, sich über ihn zu beklagen, bemerkten seinen Antheil an ihrem Ruine nicht! Oft hörte man sagen: »Ach, Saville, ich wollte, ich wäre Ihrem Rath gefolgt, und hätte mich zurückgezogen, als ich noch mein halbes Vermögen hatte.« Sie dachten nicht daran, daß die andere Hälfte in Saville's Händen war, weil diese erste Hälfte sie nur angereizt, nicht zu Grunde gerichtet hatte. Außer dieser, so ganz in den gesellschaftlichen Verhältnissen liegende Methode, Geld zu verdienen, hatte Saville seinen Scharfblick und kühlen Geist noch auf andere Spekulationen gerichtet. Ankauf wohlfeiler Pferde und Häuser, Vernutzung des Schwanken in den Fonds, Handel mit allen Arten von Eigenthum, außer vielleicht gestohlenen Gütern, hatten seine ganze Aufmerksamkeit erregt, und in den meisten Fällen waren dergleichen Spekulationen äußerst glücklich ausgeschlagen. Er war daher jetzt, unverheirathet und in mittleren Jahren, ein recht vermögender Mann, und hatte wirklich, ohne sich je karg gezeigt, ohne sich einen Luxus, einen Wunsch versagt zu haben, nichts in Alles, Armuth in Reichthum verwandelt. Es war Mittag und Saville beendigte eben langsam sein Frühstück und unterhielt sich dabei mit einem jungen Manne, der ihm gegenüber nachlässig auf einem Sopha lag. Das Zimmer war in vollkommener Harmonie mit dem Eigenthümer; man sah nirgends Gold, noch Sammt, noch eingelegte Arbeit – was alles nicht zu dem geringen Umfang des Kabinets gepaßt haben würde. Aber die Meubel waren neu, ächt, kostbar und luxuriös, ohne die Prahlerei des Luxus. Einige wenige gute Bilder und verschiedene treffliche Büsten mit Bronzefiguren, auf marmornen Postamenten, gaben dem Zimmer etwas Klassisches, Reizendes. In dem hintern Ankleidezimmer, aus dem man Lord Chesterfields Gärten übersah, schloß sich an das Fenster ein kleines, mit weichen ausländischen Pflanzen gefülltes Gewächshaus, das allein von einem tadelsüchtigen Beobachter für etwas zu weiblich und ungebührlich üppig hätte gehalten werden können. Er selbst war jetzt sieben und vierzig Jahre alt, schlank, mager, ohne abgezehrt zu seyn; die etwas gebogene, aber dabei anmuthige Haltung, ließ seinen Wuchs, der etwas über die gewöhnliche Höhe hinausging, geringer erscheinen. In seiner Jugend war er schön gewesen, doch lag jetzt in seiner Persönlichkeit keine Spur von Reiz mehr, außer dem eines ausnehmend sanften und einschmeichelnden Benehmens. Nur in seiner schmalen, aber hohen Stirn, seiner scharfen Adlernase, seinen grauen Augen und der leicht sarkastischen Krümmung der Lippen verrieth sich etwas von seinem wahren Karakter. Man las oder glaubte auf ihnen den sichern Takt, das Bewußtseyn, Andere bethören zu können, das schnelle, aber stille und geschmeidige Durchschauen Anderer zu lesen, was die Hauptzüge seines Geistes bildete. Und in der That ist von allen Eigenschaften Verstellung die, welche sich am häufigsten in der Physiognomie verräth. Es ist ein Glück, daß die lange Gewohnheit zu betrügen, zu Zeiten ein Zeichen hinterläßt, das selbst betrügt. – Aber Du sagst mir nicht, mein lieber Godolphin, sagte Saville, indem er Brod in seine Schokolade tauchte, Du sagst mir nicht, wie es in Rom gegangen. Waren viele Leute von ächtem Kaliber da? Bursche, die Stich halten und doch Feuer haben? Männer, die uns an unsere Kraft erinnern und sie anregen – mit denen man nicht tändeln, oder müßig gehen kann – die unsere kalte Besinnung, klares Gedächtnis, durchtriebenen Geist in Anspruch nehmen – mit einem Wort, Männer meiner Kunst , der Kunst des Spielens: gab's davon dort? – Nicht viel, aber genug für die Ehre; das Spielen um zu gewinnen, habe ich mir längst verschworen. – Ach, ich dachte mir's immer, daß Dir die Ausdauer fehle, welche zur Karakterstärke gehört. Und wie steht es jetzt mit dem Gelde? Genug, um wieder mit Glanz auftreten zu können? – O ja, wenn ich Lust dazu hätte. Aber ich gehe zurück nach Italien. In einem Monat reise ich wieder ab. – Wie, und eben erst in der Stadt angekommen? Und eine Erbschaft in der Tasche? – Was für eine? – Den Ruf, daß Du eine Besitzung ererbt hat, deren Größe Du, wenn Du klug bist, niemanden angeben wirst. Bist Du so neu, Godolphin, daß Du es nur so hoch wie eine Krume dieses Brodes anschlägst, wie stark die Einkünfte Deiner Güter sind, so lange Du noch so viel Kredit besitzt, als Du wünschest. Kredit! Schöne Erfindung! Die moralische neue Welt, in welche wir fliehen, wenn wir aus der andern verbannt werden. Kredit! Die wahre Barmherzigkeit der Vorsehung, durch welche, wer sonst Hungers sterben würde, in Überfluß lebt und die darbenden Reichen verhöhnt. Kredit! Bewunderungswürdiges System, gleich trefflich für die, welche ihn nehmen, wie für die wenigen Weisen, welche ihn geben. Willst Du Geld von mir borgen, Godolphin? – Zu viel Prozent? – Nun, die Fonds stehen niedrig, ich will mäßig seyn. Doch nein, ich will es mit Dir machen, wie mit Georg Sinclair. Du sollst haben, so viel Du brauchst, und mir dafür nur eine Prämie zahlen, wenn Du eine Erbin heirathest. Was Teufel, Du fährst ja zurück bei dem bloßen Worte »heirathen.« – Es ist ein schlimmes Wort, das einem Mann gleich den Gedanken an einen Strick aufdrängt. – Du hast Recht; daran erkenne ich meinen Zögling. Die alten Theater-Scribenten waren einfältig, als sie sagten, die Männer verlören durch das Heirathen die Freiheit ihrer Person. Freilich verlieren sie ihre Freiheit, aber die des Geistes. Wir hören auf, unabhängig von dem Gerede der Welt zu seyn, wenn wir achtbar werden mit einem Weibe, einem feisten Haushofmeister, zwei Kindern und einer Familienkutsche. Es macht einen Gentleman nicht viel besser, wie einen Spezereikrämer oder einen König! Du hast also Konstanze Vernon nicht gesehen? Weg mit dieser Thorheit, Godolphin! Du wendest Dich ab! Glaubst Du, ich hätte nicht in demselben Augenblick, wo Du ihren Namen nanntest, Deine Schwachheit durchschaut? Und glaubst Du, mein lieber junger Freund, daß ich, der ich beinah ein halbes Jahrhundert durchlebt habe, und unsere Natur und das ganze Thermometer unseres Blutes kenne, darum nur um ein Haar schlechter von Dir denke, weil Du eine Grille, oder, wenn Du willst, eine Leidenschaft für ein Weib gefaßt hast, das einen Einsiedler, oder, was noch kälter ist, einen Wüstling in Feuer setzen würde? Bah, Godolphin, ich bin klüger, als Du mich glaubst. Ich will Dir noch mehr sagen. Um Deinetwillen macht es mich glücklich , daß Du bereits diese unsere gemeinschaftliche Thorheit, die wir alle einmal im Leben durchmachen müssen, bestanden hast, und daß der Anfall vorüber ist. Ich dringe nicht in die Geheimnisse, ich weiß ihre Heiligkeit zu schätzen. Ich frage nicht, wer von Beiden sich zuerst zurückgezogen hat, denn weiter zu gehen, sich zu heirathen, wäre von Beiden Wahnsinn gewesen. Ja, es war unmöglich ; so etwas hätte meinem Zöglinge, dem begabtesten, feinsten, klügsten meiner Zöglinge nicht begegnen können. Aber ich wiederhole es, wie die Sache auch abgebrochen worden seyn mag, ich freue mich, daß es geschehen ist. Man kann nie für eines Menschen Weisheit stehen, bis er wahrhaft und vergeblich geliebt hat. Du weißt, was der moralisirende, abgeschmackte Tölpel, Lord Eduard in der Julie sagt: »Der Pfad der Leidenschaften führt uns zur Philosophie.« Es ist wahr, sehr wahr; und da der Pfad eingeschlagen, ist das Ziel bei der Hand. Jetzt habe ich Vertrauen in Deine Festigkeit, jetzt fühle ich, daß Du in Zukunft nicht Gefahr laufen wirst, das Spielwerk, Weib, zu überschätzen. Du wirst das Kleinod erbetteln, borgen, stehlen, vertauschen, verlieren, alles mit derselben köstlichen Wonne und zugleich mit derselben ruhigen Gleichgültigkeit, mit welcher wir ein geistreiches Spiel und dazu für einen größeren Einsatz spielen. Ich sage größeren, denn wie viel Frauen können wir durch Eine glückliche Wette im Spiel kaufen? – Die Wendung ist derb, sagte Godolphin lächelnd, doch liegt etwas Wahres in Ihren Worten. Der Anfall ist wirklich vorüber, und kann ich je weise werden, so bin ich jetzt auf dem Wege dazu. Doch sprechen Sie nicht mehr davon. – Gewiß nicht, antwortete Saville, der in seinem nie irrenden Takte gerade nur bis zu dem äußersten Punkte gegangen war, und mit Godolphin eine halb sentimentale, halb verständige, durchaus verworfene Gesprächsweise eingegangen war, welche fast immer das Ohr eines Mannes von Phantasie und Welt einnimmt – gewiß nicht, und um von etwas anderem zu reden, so will ich den Egoisten machen und Dir meine Abentheuer erzählen. Saville begann nun seinen heitern, unterhaltenden Bericht über das bunte Leben, das er in den letzten drei Jahren geführt hatte. Die Anekdoten, Scherze, Maximen und Bemerkungen, die er einstreute, gaben der Erzählung ihre Würze. Ein vollendeter Roué affektirt immer einen Hang zu moralisiren: es gehört zu seinem Karakter. Es gibt ein unbestimmtes Gefühl, welches seine Moral und sein System durchdringt. Häufige Aufreizungen, und die darauf folgende Abspannung, die Überzeugung von der Thorheit aller Bestrebungen, der Schaalheit des ganzen Lebens, der Richtigkeit der Liebe und der Treulosigkeit in allen Verhältnissen, der Unglaube an allen Werth, diese Folgen eines ausschweifenden Lebens auf einen Mann von Geist, bringen viele elende, aber auch einige merkwürdige Menschen hervor. Sie gaben einigen der reizendsten Stellen Französischer Prosa und den meisten bezaubernden Werken Lord Byron's ihren Schwung. Ein Profaner dürfte fragen, welche Wirkung ein beinah ähnliches Leben – ein Leben des Luxus, der Trägheit, Ermüdung, überreicher und doch herzloser Liebe auf die tiefe und rührende Weisheit in den Werken dessen gehabt hat, den wir für den ausgezeichnetsten der Menschen halten, und der uns die traurigste der Lehren hinterlassen hat? Diese Geistesrichtung in Saville's Unterhaltung sprach Godolphin bei seiner jetzigen Stimmung an, und der Letztere schmückte sie aus seinem eigenen Gemüthe noch mit einem Reize, der ihr in der That abging. Denn so wie ich in Godolphin zeigen werde, wie das aristokratische Leben den Geist eines Mannes von Genie verschlechtert, so zeige ich in Saville nur die Wirkung, welche dasselbe auf einen Mann von Verstand hat. – Aber, Godolphin, sagte Saville, als er diesen aufstehen und sich zum Fortgehen anschicken sah, Du wirst Doch heut wenigstens bei mir essen? Punkt acht. Ich denke, ich kann Dir einen angenehmen Abend versprechen. Die Linettini und die liebe kleine Fanny Millinger (Deine alte Passion) werden kommen, und ich habe den alten Stracey, den Dichter, eingeladen, daß er Bonmots für sie macht. Der arme alte Stracey! Er geht bei seinen ehemaligen Freunden und Mitliberalen herum, rühmt sich der Gunst, in der er bei den Großen steht, und sieht nicht, daß wir ihn nur benutzen, wie eben ein Puppenspiel oder ein Hundetheater. Welche Thorheit ist es von jedem Manne von Genie (der nicht zugleich von hoher Geburt ist), wenn er glaubt, daß die Großen dieses Landes ihn irgend achten können. Nichts gleicht der geheimen Feindschaft, mit welcher unsere trägen Aristokraten jeden ihre Fassungslosigkeit überragenden Geist betrachten. Parteienpolitik – und den Takt, die Schlauheit, die Sicherheit, welche Parteipolitik allein verlangt, dies können sie würdigen; sie fühlen Achtung für einen Redner, selbst wenn er kein Grafschafts-Repräsentant ist, denn er kann ihnen in ihrem schmutzigen Ehrgeize nach Stellen und Pensionen behülflich seyn, aber einen Dichter, einen Gelehrten – den verhöhnt dies gemeine Volk! – Und doch, sagte Saville, wie wenig Gelehrten erkennen eine uns so augenscheinliche, in der Gesellschaft selbst so oft besprochene Wahrheit. Für ein wenig Aufsehen bei einem Diner, für eine erschmeichelte Bemerkung von einer vornehmen Aspasia, welche die Staël kopirt, gehen sie nicht allein den Ruhm, sondern auch die Achtbarkeit auf. Und das Schlimmste ist, daß ein so erbärmlicher Lohn nur selten länger, als eine Londoner Saison dauert. Wir lassen den bürgerlichen Schriftsteller in diesem Jahr als Wunderthier gelten, aber im nächsten werfen wir ihn ennüyirt bei Seite. Wir verschließen unsere Thür gegen seine alten, einmal hervorgesagten Witze, und lassen uns dafür nach Tisch etwas von den Prager Sängern vorsingen. – Doch sind es nur die Dichter, die thöricht genug sind, sich so täuschen zu lassen. Unter den Prosaikern von wahrem Genie ist keiner so widersinnig. – Und warum das? – Weil die Dichter sich mehr zu Frauen, als an Männer wenden, und unmerklich die Schwächen annehmen, an welche sie sich halten. Ein Dichter, dessen Verse die Weiber entzücken, wird, wenn wir seinen Karakter genau zergliedern, selbst einem Weibe gleichen. – Du liebst die Dichter nicht? Der Ruhm der Vorzeit ist von ihnen gewichen. Ich meine übrigens weniger ihre Werke, als ihren Karakter. Wir haben schöne Dichter die Fülle, aber wenig Poesie, die aus einer großen Seele entsprungen wäre. Die Thür wurde aufgemacht, und ein Herr Glosson angemeldet. Ein kleiner, nett gekleideter, schmunzelnder Mann, geziert, wie ein Advokat, oder Geschäftsführer, trat herein. – Ah, Glosson, sind Sie's? sagte Saville, fast mit einiger Lebhaftigkeit, setzen Sie sich, lieber Herr, setzen Sie sich. Nun! nun! – er rieb sich die Hände – was gibt's Neues, Herr? – Ich denke, Herr Saville, wir werden das Gut vom alten R..... bekommen. Ich bin den ganzen Morgen bei ihm gewesen. Er verlangt sechs tausend Pfund dafür. – Der gewissenlose Hund! Für zwei hat er es von der Krone bekommen. – Sehr wahr, sehr wahr: aber Sie sehen nicht, Sir, Sie sehen nicht, daß es neun werth ist. Schlechte Zeiten – schlechte Zeiten. Begünstigungen von der Krone werden täglich seltener, Herr Saville. – Hm! Es bleibt immer gewagt. Die Zeiten sind schlecht, wie Sie sagen – kein Geld auf dem Markte. Sehen Sie, Glosson, bieten Sie ihm fünf; Sie sollen ein Prozent mehr erhalten, als wenn ich sechs tausend bezahlte, und es soll Ihnen doch nach Verhältnis der letztern Summe berechnet werden. – Ha! ha! ha! Sir, grinste Glosson, Sie belieben zu scherzen, Herr Saville. – Abgemacht. Was gibt's sonst auf dem Markt? Stoßen Sie sich nicht an meinem Freund: Herr Godolphin – Herr Glosson; und jetzt geniren Sie sich nicht weiter und fahren Sie fort. Glosson räusperte sich, verbeugte sich, räusperte sich wieder, und fing dann an, von Häusern zu sprechen, und von Krongütern, und Besitzungen in Wales, und Stellen am Hofe (denn mit einigen der untergeordneten Stellen im Pallaste wurde damals – vielleicht noch jetzt – regelmäßiger Handel getrieben), und Saville, der sich über den Tisch lehnte, seine zarten Hände fest in einander geschlungen, und seinen scharfen, verschmitzten Blick auf den Agenten gerichtet hatte, machte auf den betrachtenden Godolphin einen Eindruck, der ihm wahre Verachtung gegen seinen ehemaligen Freund einflößte. Welcher Anblick, wenn der verschwenderische Lüstling in den habgierigen Spekulanten zusammenschrumpft! Zwanzigstes Kapitel. Fanny Millinger erscheint wieder. – Liebe. – Weiber. – Bücher. – Hundert Gegenstände oberflächlich berührt. – Godolphin's Gemüthszustand genauer untersucht. – Das Diner bei Saville. Godolphin machte sich auf den Weg, Fanny Millinger zu besuchen. Sie war noch immer unverheirathet und in Mode. Es lag eine Art Allegorie des wirklichen Lebens – in der Art, wie sie Göthe ansprechen würde – in der Weise, wie unser Idealist zu gewissen Perioden mit der schönen Darstellerin idealer Schöpfungen in Berührung kam. Es lag einige Moral in der Bahn, in welcher diese beiden Lebensströme – deren einer der Wirklichkeit, der andere der Phantasie angehörte – dahin flatterten und sich zu gewissen Zeiten durchkreuzten. Welcher war der sinnigste – der der Schaubühne, oder der der Weltbühne? Die muntere Fanny freute sich, ihren früheren Liebhaber wiederzusehen. Sie schwatzte in Einem fort von tausend Sachen, ohne die Geistesabwesenheit und den träumenden Blick Godolphin's zu bemerken, bis er selbst sie etwas brüsk unterbrach: – Schon gut, Fanny, schon gut, aber was wissen Sie von Saville? Sie stehen in genauer Verbindung mit ihm, wie? Wir werden uns diesen Abend in seinem Hause treffen. – Oh, das ist in seiner bescheidenen Art ein ganz lieber Mann, und der Einzige, der ein Freund seyn will, ohne von Liebe zu träumen, und das mag ich leiden. Wir armen Schauspielerinnen finden auf unserer Laufbahn so viel, was sich für Liebe ausgibt, daß ein wenig Freundschaft dann und wann etwas Neues ist, das andere, ehrbare Leute gar nicht so würdigen können. Als ich neulich den Gil Blas las – Sie wissen, ich lese nicht viel – frappirte mich eine Stelle, in welcher der liebe Santilaner uns versichert, daß zwischen ihm und der Schauspielerin Laurea eigentlich nie Liebe geherrscht habe. Ich fand dies so naturgemäß, so wahrscheinlich, daß sie eine enge Verbindung mit einander geschlossen, in demselben Hause mit einander gelebt, jede Gelegenheit zur Liebe gehabt, und doch sich nicht geliebt hätten. Denn eben, weil sie eine Schauspielerin und ein leichtes, flüchtiges Geschöpf war, kam es so: die große Zahl der Liebhaber hinderte sie, sich zu verlieben: die Unbedachtsamkeit ihres Lebens machte dem armen Mädchen einen Freund so werthvoll. Es hätte dem Freunde geschadet, wenn er ein Anderer gewesen wäre: es hätte den seltenen in einen Alltagskarakter verwandelt. Derselbe Fall ist es mit mir und Saville: ich liebe seinen Witz, er liebt meine frohe Laune. Wir sehen uns so oft, als ob wir verliebt wären, und doch halte ich es nicht einmal für möglich, daß er mir die Hand küssen könnte. Überhaupt, fuhr Fanny lachend fort, ist Liebe für uns Frauen gar nicht so nothwendig, wie man glaubt. Gute Schriftsteller sagen: »Oh, Männer haben an tausend Sachen zu denken, Frauen nur an Eine.« Das ist Unsinn, lieber Percy, auch die Frauen haben ihre tausend Dinge. Sie haben nicht das Tribunal, aber den Putzladen; sie können nicht fechten, aber sie können am Fenster sitzen und einen Arbeitsbeutel flicken; sie stürzen sich nicht in die Politik, aber sie versenken ihre Seele in Liebe zu einem Papagei oder einem Schoßhunde. Die Männer sollen sich nichts zu Gute thun: die Vorsehung war in dieser Beziehung so gütig gegen das eine Geschlecht, wie gegen das andere; unsere Beschäftigungen sind klein, Ihre groß: aber ein kleiner Gegenstand kann den Geist eben so beschäftigen, wie der erhabenste. – Die unsrigen groß? sagte Godolphin, der von Fanny's Bemerkung etwas betroffen schien, pah! Wo ist das Große in allen den Bestrebungen, welche die Männer gern erheben möchten? Ist Selbstsucht groß? Sind die gemeinen Kniffe, die systematischen Lügen des Gerichtswesens ein großer Beruf? Ist die mechanische Sklaverei des Soldaten, der aus einer thörichten, blinden Eitelkeit ficht, die er Ruhm nennt und nicht zergliedern kann, ist das ein großer Stand? Und das Parlament! Hören Sie das Geschrei, welches weise Männer gegen die schmähliche Bestechlichkeit in diesem Kampfplatze erheben. Bemerken Sie die langweiligen Reden, die hohlen Prahlereien, den ärmlichen, schaalen Lohn, und sagen Sie mir, wo der Nutzen ist. Nein, Fanny, das Sticken eines Beutels, das Häkeln eines Papageis verschaffen, moralisch genommen, eben so hohe Beschäftigungen, als das Gericht, die Armee, der Senat. Nur der Kleinliche spricht von Kleinlichkeiten: es gibt nichts Kleinliches, alle irdischen Beschäftigungen sind sich gleich – sie sind gleich wichtig, wenn sie gleich sehr beschäftigen, denn dem Weisen ist alles verächtlich und werthlos. – Ich glaube, Sie haben Unrecht, sagte die Schauspielerin, ihre artigen Finger gegen die Stirn drückend, um ihn besser zu verstehen, aber ich kann nicht sagen, warum, und ich disputire nie. Ich treibe mich meinen Weg fort, und werfe meine bunten Brocken umher, ohne sie zu vertheidigen, wenn jemand Streit mit ihnen anbinden wollte. Was ich thue, lasse ich Andere thun. Meine Maxime im Reden ist auch meine Maxime im Leben. Ich verlange Freiheit für mich, und lasse Andere gewähren. – Ich sehe, daß Sie viele Bücher um sich stehen haben, obgleich Sie sich gegen das Lesen verwahrt haben. Lernen Sie Philosophie aus ihnen? Denn es scheint mir, daß Sie seit unserer Trennung einen Hang zum Nachdenken angenommen haben, den ich in Ihrem ehemaligen Karakter ganz vermißt habe. – Nun, wenn ich nicht lese, so schöpfe ich mir doch manches ab. Zuweilen verarbeite ich zwölf Romane an einem Morgen. Ich gestehe, diese Werke täuschen allesamt meine Erwartung. Ich verlange mehr wahre Weltkenntnis, als sie darlegen. Sie erzählen uns, wie Lord Arthur aussieht, oder wie Lady Lucy gekleidet war, und schildern die Farbe jener Vorhänge und dieser Augen und so weiter, und die bessere Klasse sagt uns vielleicht noch dazu, was die Heldin fühlte, und versucht, mit aller Gewalt irgend eine Saite des inneren Baues anzuschlagen: aber doch werde ich nicht belehrt – nicht gerührt. Ich erkenne Puppen mit Feiertags-Phrasen, und ich will Ihnen sagen, was Schuld daran ist: die Schriftsteller sind nicht phantasiereich genug, um die Wahrheiten der Gesellschaft schildern zu können. Alte Herren sagen zwar, Romane seyen schlechte Wegweiser für das Leben, weil sie es zu ideal hielten, aber es ist gerade umgekehrt: sie sind zu gemein, zu oberflächlich. Schon ihr Geschwätz über Liebe und das Wesen, das sie davon machen, zeigt, wie leicht bei ihnen der romantische Sinn ist, denn sie sagen nichts Neues darüber, und ächte Phantasie spricht immer neue Gedanken. Habe ich nicht Recht, Percy? Nein, das Leben – so materiell es auch seyn mag – hat doch immer etwas Romantisches an sich. Jeder von uns, selbst ich Arme, besitzt eine Mine von Gedanken, Phantasien und Wünschen, welche die matten, abgedroschenen Bücher nicht erreichen können. Das Herz ist selbst ein Roman. – Ein philosophischer Roman, meine Fanny, voll von Geheimnissen, und Einfällen und Feinheiten, welche sich durch seine tieferen Stellen winden. Aber wie sind Sie so weise geworden? – Schönen Dank! antwortete Fanny mit einem tiefen Knixe. Die Sache ist, daß ich – obgleich Sie es pflichtschuldigst nicht bemerken – älter geworden bin. Wo ich damals fühlte, überlege ich jetzt. Überdies füllt die Bühne uns den Kopf mit einem Schimmer von Weisheit, und gibt uns jene sonderbare Mischung von praktischer Erfahrung und romantischen Begriffen, welche in der That das wahre Bild von neun Menschenherzen unter zehn ist. Da wir eben von Büchern und meinem lieben Gil Blas sprachen, so wünschte ich, ich hätte jemand, der mir einen Roman schriebe, der einen metaphysischen Gil Blas darstellte, der sich mehr mit dem Geiste und nicht, wie Le Sage's Buch, so viel mit Handlungen abgäbe, der seinen Helden als ein Geschöpf der Welt hinstellte, aber doch als eine andere, wenn auch eben so wahre Schöpfung, der uns in dem Karakter eines Mannes ein treues Bild von dem Wesen und den Wirkungen unseres gesellschaftlichen Systems lieferte, und also diesen Mann aus einem bessern Stoffe, als jene unterhaltende Lackeiennatur war, und als Produkt eines kunstvolleren Ranges in der Gesellschaft zusammensetze. Das Buch, welches ich meine, würde trüber, als das Le Sage's, aber eben so getreu nach dem Leben seyn. – Und es würde romantischer werden, wenn ich Sie recht verstanden habe. – Gewiß, sowohl in der Romantik der Ideen, als der Begebnisse. Wie wenige, nebenbei gesagt, wissen eigentlich, was natürliche Romantik ist, denn wenn man fühlt, daß die Ideen in einem Buche oder einem Drama treu dem Karakter entsprechen, dem sie zugeschrieben werden, warum sich darum kümmern, ob die Begebenheiten wahrscheinlich sind? Die gewöhnlichen Leser kümmern sich aber nur um die Handlungen, als ob sie in drei Vierteln der Shakespeare'schen Stücke nur irgend möglich wären. Aber die Leute haben so wenig Natur in sich, daß sie nicht wissen, was natürlich ist. So fuhr Fanny in einer nicht sehr zusammenhängenden Weise fort, Bemerkungen aneinanderreihend, welche, wenn ich nicht irre, zeigen, daß ein ungebildetes, verständiges Mädchen, in dessen Natur eine schnelle Kunstanschauunug liegt, besser den Kritiker spielen kann, als die Pedanten, welche ein Gewerbe daraus machen. Godolphin konnte jedoch nur auf Augenblicke vergessen, welche schwere Last auf seinem Herzen lag. Umsonst suchte er Unterhaltung, während er noch an seiner frischen Wunde blutete. Seine Natur war erschüttert worden: er hatte gegen seinen Willen geliebt, und wie wir gesehen haben, bei seiner Rückkehr nach der Priorei, sogar den Entschluß gefaßt, sich von einer so unvortheilhaften und unklugen Leidenschaft zu heilen. Aber die Eifersucht einer Nacht hatte die Klugheit, welche nie recht zu einem glühenden, hochherzigen Wesen paßt, in den Wind geweht. Die Eifersucht wurde beschwichtigt, gedämpft, aber wie schrecklich, wie betäubend war der Schlag, welcher darauf folgte! Konstanze hatte ihm ihre Liebe gestanden, und ihn doch und für immer abgewiesen! So edel und klar ihr auch ihre Beweggründe zu dieser Zurückweisung scheinen mochten, ihm mußten sie in einem andern Lichte erscheinen. Außer Stande, die Wirkung zu fassen, welche ihres Vaters Sterbeworte und ihr eigener Schwur auf den Geist Konstanzens hervorgebracht hatten, unfähig, es ganz zu erkennen, wie unauflöslich sich diese Erinnerung mit allen ihren Plänen und Aussichten in die Zukunft verschmolzen hatte, wie wunderbar und doch wie natürlich sie weltlichen Ehrgeiz in eine heilige Pflicht verwandelt hatte, außer Stande, sage ich, alle diese verschiedenen, mächtigen, gebieterischen Beweggründe zu begreifen, sah Godolphin in ihrer Weigerung nur den Widerwillen, sein ärmliches Loos zu theilen, und die Sehnsucht nach einer höhern Stellung. Er glaubte daher, daß Gram ein seiner unwerther Tribut sey, und er hielt es seiner Würde gemäß, zu vergessen zu suchen. Jenes wohlthuende, fromme Gefühl, welches bei manchen Herzensverlusten die Erinnerung zur Pflicht macht, und aus dem Schmerz eine sanfte, stillende Lehre zieht, mangelte der gerissenen, gequetschten Brust Godolphin's. Er strebte nur, seinen Kummer zu zerstreuen, und verstieß das Zauberbild des ersten, einzigen Waldes, das er heiß geliebt hatte, aus seinem Geiste. Godolphin fühlte außerdem, daß der einzige Trieb, welcher die erlöschende Energie und Unternehmungslust seiner Jugend an den Ehrgeiz des Lebens hätte knüpfen können, für immer vernichtet sey. An Konstanze, an die stolzen Gedanken, welche sie erweckte, band sich das Streben nach irdischer Ehre, und mit ihr war es zerrissen. Er fühlte wie seine alte Philosophie – die Liebe zur Ruhe und Verachtung des Ruhmes – sich wie ein tiefes Wasser über den glänzenden Schaaren, bei deren Hervortauchen es sich einen Augenblick aufgethan hatte, wieder schloß, und die prunkenden, schimmernden Gebilde auf ewig unter den Wellen begrub. Seiner Talente bewußt, ja durch das unruhige Drängen eines nicht ungewöhnlichen Genies hin und her getrieben, sah Godolphin doch voraus, daß er nun nicht mehr bestimmt sey, eine glänzende Rolle in dem Drama des Lebens zu spielen. Seine Laufbahn war beendet: er konnte noch zufrieden werden – glücklich; aber groß nicht. Er hatte genug von den Autoren und den Dornen gesehen, welche den Pfad der Literatur einschließen, um sich keiner jener Täuschungen hinzugeben, welche das verblendete Streben nach der Wildnis der Schriftstellerei strafen – nach jenem Wege, Ruhm und Haß zu erwerben, zu welchem die, welche sich nicht für wichtigere, glänzendere Geschäfte geeignet fühlen, getrieben werden. Er schrieb wohl gern, und schmückte, da die fehlgeschlagenen Hoffnungen seine Neigung zum Träumen verstärkt hatten, seine Einsamkeit mit den goldenen Palästen und beflügelten Gestalten, welche in unserer Phantasie, der Seele Feenreich, aufblühen. Aber alle diese Gebilde entstanden nur, um die Stunde darauf wieder zerstört zu werden. Ein Glück wäre es für Godolphin, und vielleicht auch für die Welt gewesen, hätte er damals schon das wahre Motiv der menschlichen Handlungsweise erkannt, welches er später, aber zu spät entdeckte. Ein Glück für ihn wäre es gewesen, hätte er erkannt, daß es einen Ehrgeiz gibt, Guthes zu thun , einen Ehrgeiz, nicht bloß, sich zu erheben, sondern den Unglücklichen aufzurichten. Ach, wie öde, wie unfruchtbar und zurückstoßend ist, in Literatur, wie in Politik, jede Straße, die aufwärts zu dem Blendwerke öffentlicher Erhebung führt, wenn man mit einer Seele aufblickt, welche die wahren Elemente des Weisen oder Edlen in sich schließt, wir müßten dann eine Triebfeder in uns haben, welche Kränkung nicht erschlafft, einen Lohn außer uns, welchen die eigene Niederlage nicht vernichtet. Aber ohne einen wahrhaft weisen und guten Freund, von der Welt verdorben, durch fehlgeschlagene Hoffnung erbittert, hatten Godolphin's Talente selbst ihn träge gemacht, seine Weisheit ihn nutzlos seyn gelehrt. Wie die Spinne in einer Zelle, wo kein beflügeltes Insekt je hinkommt, ihr Gespinst webt und wiederwebt, so war auch der grübelnde Sinn des Idealisten verdammt, Netz auf Netz nach jenen Visionen des Schönen und Vollkommenen auszuspannen, welche nie in den dunklen Bereich der Sterblichkeit hinabsteigen können. Die gewöhnliche Krankheit des Genies ist das Schmachten nach einem Geiste, den die Welt nicht kennt. Ach, daß die Täuschungen der Außenwelt, welche die Krankheit heilen sollten, sie nur nähren! Das Diner bei Saville war munter und belebt, wie es bei solchen Gästen zu erwarten war. Wenn nichts auf der Welt lästiger ist, als ein feierliches Banket, so ist auf der andern Seite nichts angenehmer, als jene ungezwungenen, gut eingerichteten Schmausereien, bei denen die Auswahl der Gäste der der Weine gleich kömmt, keine Zurückhaltung sichtbar wird, und wo man in der Absicht, einige Stunden zusammen zu seyn, geneigt ist, sich einander so gut zu unterhalten, als ob man sich nie wieder begegnen würde. Doch dreht sich die Unterhaltung in allen diesen nicht literarischen Gesellschaften mehr um Personen, als um Sachen, und unsere Witzlinge lernen ihre Kunst nur in der Lästerschule. – Denken Sie sich, Fanny, sagte Saville, Clavers ist in seinen alten Tagen ein Stutzer geworden. Er fing als Jockei an, wurde dann ein Wahlagent, dann ein methodistischer Geistlicher, dann ein Häuser-Unternehmer, und hat sich nun in London hineingestürzt, läuft in die Klubs, trägt eine Perücke, studirt sich verliebte Blicke ein, treibt sich mit einem Rohre fuchtelnd im Opernhause umher, stößt in einem Alter von sechs und fünfzig Jahren junge Bursche in seine Seite, und sagt meckernd: » Wir jungen Leute!« – Er miethet Pagen, sagte Fanny, die in dem Park zu ihm kommen, und ihm sauber gestaltete Billets bringen; er öffnet sie mit affektirter Nachlässigkeit, sieht den Überbringer starr an, und ruft laut: »Sagt euerer Gebieterin, ich könnte ihr nichts abschlagen,« und dann trabt er ab mit der Miene eines Menschen, den man auf den Tode verfolgt. – Haben Sie gesehen, was sich Chester für einen ungeheuern Backenbart angeschafft hat? – O ja, antwortete ein Herr de Lacy; A..... sagt, er hätte sie aufgezogen, um seinem häßlichen Gesicht etwas abzuziehen. – Ha! ha! Da haben wir de Lacy. Er schämt sich so sehr, etwas Gescheites zu sagen, daß er alle seine Witze auf A..... schiebt. A..... ist unstreitig der albernste Tölpel von der Welt, und de Lacy hat sich gottloser Weise daran gegeben, ihn zum Witzbold zu stempeln. Der arme A..... kömmt nicht mehr aus der Verlegenheit heraus. Er kann seinen einfältigen Mund nicht mehr aufmachen, ohne daß alle Welt mit Essen einhält und ihn anstarrt, um das Bonmot noch frisch zu erhaschen. – Der Mann seyn sehr dumm, sagte die Linettini artig, aber – sich zu Godolphin wendend – warum Sie nicht sprechen, Monsieur de Dauphin, Sie seyn sehr still. – Ich bin leider so lange aus der Stadt gewesen, daß diese Tagesgeschichten mir ganz Russisch vorkommen. – Aber, rief Saville, das sind auch die Französischen Memoiren für jeden, der sie zum erstenmal in die Hand nimmt, und doch unterhalten uns diese Memoiren genau so, als ob wir mit der beschriebenen Person gelebt hätten. Dasselbe muß von den Gesprächen über Personen gelten. Ich schmeichle mir, Fanny, daß Sie und ich einen Kavalier mit einem oder zwei Worten so gut treffen, daß niemand, der uns hört, mehr von ihm zu wissen braucht. – Ich glaube Ihnen, sagte Godolphin, und das ist auch der Grund, warum Sie nie von sich selbst sprechen. – Bah? Apropos von Egoisten, hast Du Georg Barabel in Rom gesehen? – Ja, er schrieb an seinen Reisen. O, sagte er mir im Coliseum, mich beim Rockknopfe haltend, und was halten Sie für die höchste Gattung literarischer Werke? – Ein Epos, sagte ich, oder vielleicht eine Tragödie, oder eine große Geschichte, oder einen Roman wie Don Quixote. – Nicht doch, antwortete Barabel mit einem wichtigen Blicke, es reicht nichts in der Literatur an ein gutes Reisebuch. Darauf ließ er seine Stimme sinken, und wisperte mir, einen Finger schlau an die Nase haltend, in's Ohr: Ich habe einen Quartband unter der Presse, Sir. – Haha! lachte Stracey, der alte Witzling, sich die Zähne stochernd und zum erstenmal das Wort nehmend, wenn Sie Barabel sagen, Sie hätten eine schöne Frau gesehen, so antwortet er Ihnen mit einem geheimnisvollen Runzeln der Stirn: Schön, Sir? Hat sie gereist? Beantworten Sie das erst. – Aber haben Sie Paulton's neue Equipage gesehen? Brauner Wagen, braune Livree, braunes Geschirr, und braune Pferde, und in der Kutsche sitzt er, und seine Frau vom Kopf bis zum Fuße braun gekleidet. Das Schönste dabei ist, daß Paulton, als er zu seinem Stellmacher gegangen war, um sich den Wagen zu bestellen, ihm gesagt hat: Herr Haulditch, ich werde zu alt, um noch länger exzentrisch zu seyn; ich muß etwas auffallend Einfaches haben. Und so läuft er jetzt in seinem braunen Anstrich durch die Stadt und ruft jedem zu: Glauben Sie mir, es geht nichts über die Einfachheit. – Er hat seinen Kutscher fortgeschickt, weil er weiße Handschuhe statt brauner trug. Was denkt Ihr Euch denn, schrie er, bei Eurem verdammten gemeinen Prunke? Seht Ihr nicht, daß ich mich abquäle, einfach und gesetzt zu werden, und Ihr wollt mir alles verderben, und nicht braun genug seyn? – Godolphin, flüsterte Fanny, Sie scheinen nachdenkend, und doch sind Sie ziemlich unterhaltend. – Meine liebe Fanny, antwortete Godolphin, sich aufrichtend, das Gespräch ist munter, die Schauspieler können ihre Rollen, die Erleuchtung ist glänzend, aber das Stück hat keinen Reiz für mich. Nennen Sie es, wie Sie wollen, die Illusion fehlt mir. Ich sehe den Rahmen und die Malerei, aber – und doch, fort mit diesen Gedanken! Soll ich Ihnen Ihr Glas füllen, Fanny? Ein und Zwanzigstes Kapitel. Ein Ereignis von großer Wichtigkeit für die Hauptpersonen dieser Erzählung. – Godolphin verläßt zum zweitenmal England. Godolphin wurde mit Enthusiasmus von der Londoner Welt bewillkommt. Seine Anmuth, sein Benehmen, sein Geist, sein guter Ton, und sein Glück bei den Frauen bildeten das Thema jeder Gesellschaft. Verse, die man ihm, oftmals irrthümlicher Weise, zuschrieb, gingen geheimnisvoll von Hand zu Hand, und alle beneideten die schöne Muse, welche ihn dazu begeistert hatte. Es ist nicht meine Absicht, das ermüdende Echo der Romanschreiber zu wiederholen, welche von der Modewelle schwätzen, und dies das Leben nennen. Diese Seiten sollen durch keine Beschreibung von rosenfarbigen Vorhängen und eleganten Kabinets, durch keine Aufzählung konventioneller Abgeschmacktheiten, die man mit affektirten Kritiken durchspickt und mit dem Namen eines dramatischen Dialogs beehrt, gehoben werden. Ich habe andere und tieferere Zwecke, wenn ich mich herablasse, die Gewohnheiten und Triebfedern des aristokratischen Lebens zu umreißen. Der Leser muß sich mir ganz hingeben; er muß gefaßt seyn, mit mir durch das Heitere und das Ernste zu wandeln, und ohne Widerstand das düstere und zarte Interesse entwirren, welches ich allein diesen Memoiren ertheilen kann; wo nicht, schließe er lieber gleich dieses Buch. Ich verspreche ihm etwas Neues, aber genau erwogen, ist das Neue nicht leichtfertiger, spielender Art. Aber mitten in diesem Schwindel der Zerstreuung, in welchem Godolphin nach dem Phantome Vergessenheit jagte, seufzte er der Zeit entgegen, die er für seine Abreise bestimmt hatte. Er hörte nichts mehr von Konstanzens jetzigem Leben, desto mehr von ihren früheren Triumphen und Eroberungen. Und fand er wohl je ein Gesicht, und war es auch noch so schön, das nur den Gedanken einer Bewunderung in ihm erwecken konnte, während das Ihrige ihm noch treu aus seiner Erinnerung entgegenblickte. Ich kenne nichts, was eine Gesellschaft mehr in eine Bildergallerie verwandelte, als die Erinnerung an eine verlorne Geliebte. Es gibt nur zwei Heilmittel dafür: Zeit und Einsamkeit. Fremde legen uns eine Neigung zur Empfindsamkeit auf; aber ach! es gibt kein Volk, das deren weniger hätte. Wir streben nur nach Vergnügen, und es gibt in unserer Sprache nicht ein einziges, populäres Werk in Prosa, das die zarteren und sehnsüchtigeren Geheimnisse des Herzens zum Hauptgegenstand hätte. Corinna und Julia ermüden uns, oder wir treiben einen armseligen Spaß mit ihnen. Eines Abends kurz vor seiner Abreise von England hatte eine unbestimmte, schwankende Hoffnung, die Konstanzen zum Ziele hatte, Godolphin bedeutend über das übliche Ziel in einem Hause festgehalten, deren Wirthin mit Lord Erpingham verwandt war. – Haben Sie schon gehört, sagte Lady G....., daß mein Cousin Erpingham sich verheirathet. – Nein, rief Godolphin heftig, und mit wem? – Mit Miß Vernon. So unerwartet dieser Schlag kam, so verzog Godolphin doch keine Miene. – Ist es gewiß? fragte eine andere Dame. – O, durchaus; ich habe es eben erst von Lady Erpingham erfahren. – Und sie ist zufrieden mit dieser Verbindung? – Das kann ich nicht sagen, denn der Brief widerspricht sich in jeder Zeile. Bald wünscht sie sich Glück zu einer so reizenden Schwiegertochter, bald bricht sie plötzlich ab, und klagt, daß die jungen Männer oft so übereilt handelten. Bald macht sie groß Aufhebens von der Partie, die ihrem lieben Pflegekind in den Wurf kommt, bald spricht sie von dem Glück, das Erpingham macht. Kurz, sie weiß nicht, ob sie sich freuen oder grämen soll, und, die Wahrheit zu sagen, es geht mir nicht besser. – Man muß gestehen, sagte die erste Dame, Miß Vernon hat ihre Karten gut gemischt. Lord Erpingham wäre mit seiner Persönlichkeit und seinem Rufe schon an und für sich eine gute Partie gewesen. Sie war immer ein ehrgeiziges Mädchen. – Und stolz, sagte Lady A..... Es kann nicht fehlen, daß Erpingham's Haus jetzt der Sammelplatz aller Schriftstellerinnen, Witzlinge und Gelehrten seyn wird. Miß Vernon, höre ich, ist eine zweite Aspasia. – Ich hasse Mädchen, die so arglistig sind, sagte die andere Dame, die nur eine einzige, häßliche Tochter hatte, welche, in ihrem fünf und dreißigsten Jahre, eben den ersten ihr gemachten Antrag annehmen und sich mit einem jüngern Sohne, einem Gardeoffizier, vermählen sollte, auch halte ich sie für etwas gemein, und zweifle, ob ich sie – patrinisiren werde. – Was denken denn Sie davon, Herr Godolphin? Sie kennen ja Miß Vernon. Godolphin war fort. Zehn Tage nach diesem Gespräch wartete Godolphin in einem Hotel zu Dover auf die Stunde, wo das Paketboot nach Calais abgeht; er nahm die Morning-Post in die Hand, und die erste Stelle, welche ihm in die Augen fiel, war folgende: » Heirath in der vornehmen Welt. – Am vergangenen Donnerstag wurde in Wendover-Castle der Earl von Erpingham mit Konstanze, einzigen Tochter des gefeierten Herrn Vernon, verbunden. Der Anzug der Braut bestand und so weiter,« und darauf folgte das abgedroschene, flitternde Wortgepränge, das klingende Nichts, mit welchem Damen, die Gräfinnen werden, in den Ehestand geläutet werden. – Der Traum ist vorüber, sagte Godolphin schmerzlich, indem er das Journal fallen ließ, bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen, und blieb so bewegungslos, bis man ihm meldete, daß es Zeit war, abzufahren. Und so verließ Percy Godolphin zum zweitenmale die heimathlichen Gestade. Welche Veränderung haben, wenn wir ihn wieder finden, die jetzt in ihm geweckten Gefühle in seinem Karakter hervorgebracht? Die Tropfen, welche in seiner Höhle herabfallen, versteinern, aber zu einer glänzenden Härte. Nichts ist glatter, nichts kälter, als die Weisheit, welche das Werk ehemaliger Thränen, ehemaliger Leidenschaften ist, und sich in einem grübelnden, abgeschiedenen Geiste bildet. Zwei und Zwanzigstes Kapitel. Die Braut allein. – Politische und Ehestands-Gespräche. – Konstanzens Genie für Diplomatie. – Der Karakter ihrer Gesellschaften. – Ihr Sieg über Lady Delville. – Bringe mir das Buch, rücke den Tisch näher und verlaß mich. Die Dienerin gehorchte und die junge Gräfin Erpingham war allein. Allein! Welch ein Wort für eine junge, schöne Frau in den ersten Monaten ihrer Ehe. Allein, und in dem Herzen jener mächtigen Stadt, in welcher Rang und Reichthum – und beides besaß sie – die Götzen sind, die alles verehrt, um die sich alles drängt. Es war ein phantastisches und glänzend dekorirtes Zimmer; doch bestand der Hauptluxus in Blumen und Wohlgerüchen. Aus den offenen Fenstern sah man die Bäume des alten Mall in ihrem reichen Junigrün. Und jener, für London klassische Spaziergang war zu der Stunde, von er ich spreche, voll heitern Lebens, und es lag etwas Frisches, Freudiges in der Luft, der Sonne, und dem Gedränge der Reiter und Fußgänger, welche unten vorüberzogen. Wo ist die Herrlichkeit Deiner Stirn, Konstanze? Wo die stolze Freudigkeit Deiner Augen? Ach, gleichen nicht die Segnungen der Welt den Freikugeln? Die, welche unser Herz durchbohrt, folgt schnell der Gabe, welche unser Herz sich wünschte. Lord Erpingham trat in das Zimmer. Nun, Konstanze, sagte er, willst Du heut ausreiten? – Ich glaube nicht. – Dann wünschte ich, Du besuchtest Lady Delville. Du weißt, Delville gehört zu meiner Partei; wir sitzen neben einander. Du solltest sehr artig gegen sie seyn, aber ich glaube nicht, daß Du es gestern Abend warest. – Du wünschest, daß Lady Delville Deine politischen Interessen unterstütze, und glaubst, wenn ich nicht irre, sie sey bis jetzt nur lau gewesen. – Ganz recht. – Gut, mein Lieber, so bitte ich um unbedingtes Vertrauen. Ich verspreche Dir, wenn Du mich allein gewähren lassen willst, daß Lady Delville, ehe die Saison halb vorüber ist, die eifrigste Anhängerin Deiner Partei seyn soll; nur gehören andere Mittel dazu, als Du vorschlägst. – Aber ich schlage ja gar keine vor. – Doch – Zuvorkommenheit, eine armselige Politik. – Zum Henker, Konstanze, Du willst Doch nicht eine so wichtige Person, wie Lady Delville, durch ein böses Gesicht uns zu lieben zwingen. – Überlaß das nur mir. – Thorheit. – Versuche es nur, mein Lieber. Ich verlange bloß drei Monate. Ich weiß, Du wirst mir später für immer die Leitung der Politik überlassen. Ich bin eine geborne Intrigantin. Bin ich nicht John Vernon's Tochter? – Gut, gut, wie Du willst. Aber ich sehe das Ende kommen. Und heute, willst Du nicht heute Lady Delville besuchen? – Wenn Du es wünschst, gewiß. – Gut. Lady Delville war eine hohe, stolze Dame, die nicht sehr geliebt, und nicht so oft von ihres Gleichen eingeladen wurde, als wenn sie freundlich und flatterhaft gewesen wäre. Konstanze wußte, mit wem sie zu thun hatte. Sie fuhr hin. Lady Delville war zu Hause: die artige, beliebte Mistreß Trevor war bei ihr. Lady Delville empfing sie kalt. – Konstanze war der Stolz selbst. – Sie gehen heute Abend zur Herzogin von Daubigny? sagte Lady Delville im Verlauf ihrer fragmentarischen Unterhaltung. – Nein. Ich liebe angenehme Gesellschaften. Ich habe mir vorgenommen, einen Zirkel zu bilden, zu dem keine einzige unangenehme Person Zutritt erhalten soll. Wollen Sie mir darin beistehen, meine liebe Mistreß Trevor? – Konstanze wendete sich dabei mit ihrem sanftesten Lächeln zu dieser Dame. Mistreß Trevor fühlte sich geschmeichelt. Lady Delville warf sich in die Brust. – Es ist nur eine kleine Gesellschaft bei der Herzogin, sagte die letztere, und nur dem Herzog und der Herzogin von C..... zu Ehren. – O, es sind nur wenig Menschen im Stande, eine anständige Partie für Mitglieder der königlichen Familie zu veranstalten. – Gewiß aber niemand mehr, als die Herzogin von Daubigny; ihr großes Haus, ihr hoher Rang – – Das sind nur ärmliche Zuthaten bei der Bildung einer angenehmen Gesellschaft, sagte Konstanze kalt. Der Fehler gemeiner Seelen ist, daß sie in Titeln allein den Rang suchen. Königliche Hoheiten wollen lieber, als andere, unterhalten seyn, und an Unterhaltung für sie denkt man im Allgemeinen am Wenigsten. Das Gespräch wendete sich auf andere Punkte. Konstanze erhob sich, sie drückte Mistreß Trevor, die sie nur einmal gesehen hatte, warm die Hand. – Morgen, sagte sie, sehen wir einige wenige Personen bei uns; setzen Sie einmal alle Förmlichkeit bei Seite und kommen Sie zu uns. Ich verspreche Ihnen, daß nicht ein einziger langweiliger Mensch zugegen seyn, und daß die Herzogin von Daubigny, wenn sie eingeladen seyn will, eine abschlägige Antwort erhalten soll. Mistreß Trevor nahm die Einladung an. Lady Delville war wüthend. Nie hat sich eine weibliche Zunge besser ausgelassen, als die ihrige auf Kosten dieser unverschämten Lady Erpingham. Und doch war Lady Delville innerlich verdrießlich; zum erstenmal in ihrem Leben war sie verletzt, daß man sie nicht zu einer Partie eingeladen hatte, und eben weil sie sich verletzt fühlte, sehnte sie sich um so mehr, hinzugehen. Der nächste Abend kam. Erpingham's Haus war nicht groß, aber es war gerade geeignet für die Gesellschaft, die dessen schöne Besitzerin gebeten hatte. Statuen, Büsten, Gemälde, Bücher, die theils zerstreut, theils geordnet in den Zimmern umherstanden, gaben Stoff zu einer geistreichen Unterhaltung, oder gaben der Versammlung doch wenigstens einen geistreichen Anstrich. Es waren ungefähr hundert Personen zugegen. Sie waren aus den ausgezeichnetesten Zierden der Zeit zusammengelesen: Musiker, Maler, Schriftsteller, Redner, Herzöge, Prinzen, Schönheiten. Nur eins war unerläßlich, wenn man Zulaß haben wollte – man mußte sich zu freisinnigen Meinungen bekennen. Kein Tory, und war er noch so reich, noch so beredt oder schön, fand Eingang zu diesen Gemächern. Konstanze hatte nie so liebenswürdig geschienen, war nie so einnehmend gewesen. Die Kälte und Anmaßung ihres Wesens war gänzlich verwischt. Sie sprach mit jedem, und gegen jeden war ihre Stimme, ihr Benehmen freundlich, herzlich, vertraulich, aber vertraulich mit einer sanften Würde, welche den Zauber noch erhöhte. Voll Ehrgeiz, nicht bloß zu gefallen, sondern zu bezaubern, hauchte sie alle Grazie der Bildung ihres Geistes in ihre Unterhaltung. Am meisten wurde sie von denen bewundert, die selbst die höchste Vollendung besaßen. Bald sprach sie mit fremden Adligen über jene glänzenden Frivolitäten, in denen oft so viel Geistesschärfe, Weisheit und Karakterforschung liegt; bald ließ sie sich mit glühenden Wangen und feurigen Augen mit Dichtern und Kritikern in Erörterungen über Literatur und Künste ein, bald diskutirte sie in einem entfernten, ruhigen Winkel ernsthaft mit grauen Politikern über Angelegenheiten, in denen selbst sie ihr große Fassungsgabe und Scharfblick zuerkannten, und da sie mit jeder Grazie und jedem Talent eine so seltene Schönheit verband, so läßt sich der Eindruck begreifen, den sie hervorbrachte, und die plötzliche und neue Gährung, die eine so strahlende Armida in der Schaalheit der Gesellschaft verursachen mußte. Die ganze darauf folgende Woche wurde von nichts, als von der Gesellschaft in Erpingham Haus gesprochen. Jeder, der dort gewesen war, hatte die Person von Ruf gefunden, die er am liebsten getroffen hätte. Die Schöne hatte mit dem Dichter gesprochen, und dieser sie bezaubert; der junge Anfänger in einer Wissenschaft hatte dem großen Professor ihrer erhabensten Mysterien seine Huldigung darbringen können; der Staatsmann hatte sich bei dem Schriftsteller bedankt, der seine Maßregeln vertheidigte; der Autor war entzückt von den Schmeicheleien des Staatsmannes. Jeder gestand, daß, obgleich die höchsten Personen des Königreichs zugegen waren, der Klang doch den geringsten Reiz ausgemacht hätte, und die, welche früher Konstanzen zurückstoßend gefunden hatten, waren außer sich vor Entzücken über die Liebenswürdigkeit ihres Benehmens. Jeder, der zu der Coterie zugelassen worden war, that sich überdies etwas auf die Schwierigkeit des Zulasses zu gute, so daß die ganze Welt sich um den Zutritt zu Erpingham Haus riß, zum Theil weil er Unterhaltung verschaffte, hauptsächlich aber, weil er schwer zu erhalten war. So kam es, daß es bald eine Empfehlung für jemand war, wenn man von ihm sagte: er kömmt zu Lady Erpingham. Die, welche etwas von ihrem Geiste hielten, setzten Himmel und Erde in Bewegung, um mit der schönen Gräfin in ein gutes Vernehmen zu kommen. Lady Delville wurde nicht eingeladen. Lady Delville war außer sich; sie affektirte Verachtung, aber es glaubte es ihr niemand. Lord Erpingham machte Konstanzen Vorwürfe darüber. – Du siehst, daß ich Recht hatte. Du hast Lady Delville beleidigt. Sie ist schuld, daß auch Lord Delville jetzt kalt gegen mich geworden ist; und in einigen Wochen wird er ein Tory seyn. Denken Sie daran, Lady Erpingham. – Nur noch einen Monat, antwortete Konstanze lächelnd, und Du wirst sehen. Eines Abends trafen sich Lady Delville und Lady Erpingham in einer großen Gesellschaft. Die Letztere setzte sich neben ihre stolze Feindin und knüpfte, als ob sie ihre Kälte nicht bemerkte, ein Gespräch mit ihr an. Sie sprach von Büchern, Gemälden, Musik; sie war voll Witz und Leben. Lady Delville wurde wider Willen hingerissen und ließ ihre Zurückhaltung etwas fahren. – Meine liebe Lady Delville, sagte Konstanze, plötzlich sich mit dem Scheine freudigen Erstaunens zur Whig-Gräfin wendend, können Sie mir auch vergeben? Ich habe es mir nie gedacht, daß Sie so bezaubernd seyn können. Ich verhehle nie meine Gefühle, und gestehe Ihnen mit Schaam und Bedauern, daß ich bis diesen Augenblick Ihnen, nicht was Ihre Person, sondern was Ihren Geist betrifft, immer diese Ansprüche auf Bewunderung abgestritten habe, welche man, mir gegenüber, Ihnen unaufhörlich zollte. Lady Delville erröthete. – Ich bitte Sie, fuhr Konstanze fort, erlauben Sie mir, Ihre nähere Bekanntschaft zu machen. Wollen Sie am Donnerstag mit uns speisen? Wir werden, mit Ihnen, nur neun Personen haben, aber es sind die neun Personen, die ich am meisten schätze und bewundere. Lady Delville nahm die Einladung an. Von dieser Stunde an war Lady Delville – die Anfangs aus der Tiefe ihres Herzens über Konstanze Vernon's Erhebung zu Rang und Reichthum gegrollt hatte; die, hätte sich Konstanze früher um sie bemüht, immer etwas an ihr gefunden hätte, wogegen sie hätte Geringschätzung affektiren können – von dieser Stunde an war Lady Delville die eifrigste Vertheidigerin und, bald darauf, die aufrichtigste Anhängerin der jungen Gräfin. Drei und Zwanzigstes Kapitel. Blick in die wirkliche große Welt hinter den rosigen Vorhängen. – Begründung eines gewissen Instituts. Die Zeit, von der wir jetzt sprechen, war die glänzendste, welche die Englische Welt seit dem letzten halben Jahrhundert gekannt hat. Lord Byron stand in seinem kurzen, blendenden Zenith; Frau von Staël war in London; der Friede hatte die Aufmerksamkeit der reichen Müßiggänger auf sociale Vergnügungen, auf die Wissenschaften gerichtet. Es herrschte ein Leben, ein Glanz, eine geistige Fülle in unsern Zirkeln, welche wir jetzt nicht mehr finden. Nie könnte ein junges, ehrgeiziges Weib – eine Schönheit und ein Genie – einen besseren Augenblick zur Begründung ihrer Macht finden. Es war schon früh Konstanzens kühner Entschluß gewesen, eine in allen verfeinerten Staaten, jetzt besonders in diesem, bestehende Macht, die des Modetons, auf die äußerste Spitze zu treiben. Sie war vor Allem geschickt, diese geheimnisvolle, schlüpfrige Triebfeder nach ihrem Willen zu handhaben. Ihre Karakterkenntis, ihr Takt, ihre Grazie waren gerade die Talente, welche der Modeton am meisten nöthig machte; und sie wurden jetzt ganz auf diese Sphäre verwendet. Die Rauhheit, welche sie zu Zeiten gegen die bezaubernde Sanftmuth ihres Benehmens abstechen ließ, verstärkte noch die Wirkung ihrer Macht. Einschüchtern ist eben so nöthig, als einzunehmen. Überdies kam die Rauhheit bald zu Ehren; denn sie wurde nur gegen die geübt, welche die Welt gern demüthigen sah. Das bescheidene Verdienst in jedem Range, selbst Anmaßung, wenn nur auf Verdienst begründet, war immer gegen ihre Satyre gesichert. Nur den Übermuth eingebildeter Herzöginnen und dem Geldstolz des Pöbels scheute sie nicht, mit Vorliebe zu erniedrigen. Die Unabhängigkeit ihres Karakters war mit einer ungewöhnlichen Gleichheit des Temperaments verbunden. Konstanze konnte nicht in Leidenschaft gerathen; es lag durchaus nicht in ihrer Natur. Wurde sie verwundet, konnte sie eine beißende Antwort ertheilen, aber nicht die Stirn runzeln, nicht die Stimme erheben. Das war eben der Zauber in ihr, daß sie immer weiblich blieb. Sie brachte junge Leute nie außer Fassung; sie rief sie nie bei ihrem Taufnamen: sie neckte sie nicht, kokettirte nicht: die Blüthe der bescheidenen Züchtigkeit lag noch in unbefleckter Jungfräulichkeit auf ihrer Tugend. Sie, die Gründerin einer neuen Dynastie, vermied, was ihre Nachfolgerinnen und Zeitgenossinnen zu thun für nöthig hielten. Sie war die Leiterin des Modetons, und doch – wunderbare Zusammenstellung – blieb sie achtungswerth. Um diese Zeit wurden einige neue Tänze in England eingeführt, die bei einigen großen Damen, die noch jung genug waren, sie zu tanzen, in große Gunst geriethen. Sie kamen häufig des Morgens zu einander, um die Pas einzuüben. Zu ihnen gehörte auch Lady Erpingham, und ihr Haus wurde der Haupt-Vereinigungspunkt. Was für merkwürdige Anekdoten fallen in jene Zeit! Lord Byron bewarb sich damals um Lady ***, welche zu der Coterie gehörte, und erschien zuweilen bei diesen Proben, um sie zu sehen. Eines Tage sagte er ihr: – Mein Gott, wie können Sie an diesem armseligen Vergnügen Geschmack finden? – O, warum lernen Sie nicht lieber selbst tanzen, und beschämen dadurch die Leute, die sich einbilden, Sie könnten nie heiter seyn? – Ich tanzen! sagte er, vor unterdrückter Wuth erbleichend, und einen Blick auf seinen unglücklichen Fuß werfend, ich tanzen! Ich, den Gott mit einer Mißgestalt verflucht hat, ich! Die arme Lady war von dieser Stunde an von dem Umgang mit ihm zurückgeschreckt. Der junge Markis von Dartington gehörte auch zu den engeren Ausschusse. Berühmt durch sein großes Vermögen, seine persönliche Schönheit und seine Eroberungen hatte er sich vorgenommen, sich in Lady Erpingham zu verlieben. Er widmete sich ihr ausschließlich, schloß sich ihr Morgens bei ihren Spazierritten, Abends bei ihren gesellschaftlichen Lustbarkeiten an. Er hatte sich in sie verliebt? O ja. Liebte er sie? Nicht im Geringsten. Aber er hatte unendlich viele Mußestunden. Was sollte er anders anfangen? Der humoristische, scharfsinnige Verfasser der »Reden und Thaten« hat den Handschuh für die Moral unserer Aristokratie aufgehoben. Aber mein guter Herr Hook, sie liegt ganz außer der Möglichkeit. Eine Aristokratie muß, um Punkte der Geschlechtsverhältnisse, immer unmoralisch seyn, weil sie immer müßig seyn muß. Nur wenn die Leute nicht beschäftigt sind, laufen sie der Frau ihres Nächsten nach! Konstanze erkannte bei Zeiten die Aufmerksamkeiten und die Absichten des Lord Dartington. Es hat seine eigene Schwierigkeit, in der großen Gesellschaft ein solches Entgegenkommen abzuwehren – man wird durch Sprödigkeit so leicht lächerlich. Aber Konstanze entfernte Lord Dartington mit großer Geschicklichkeit. Und zwar so. Eines der Zimmer in Erpingham Haus stieß an ein Gewächshaus. In diesem letzteren saß Konstanze eines Morgens, als Lord Dartington, der mit Erpingham in das Haus gekommen war, zu ihr eintrat. Er war der Mann nicht, der je sentimental werden konnte: es war mehr ein lustiger Liebhaber, mehr der Don Gaolor, als der Amadis, aber bei Konstanze war er trotzdem etwas schüchtern. Doch verließ er sich auf seine schönen Augen und seine blühende Farbe, faßte auf einmal wieder Muth, pflückte eine Blume von derselben Pflanze ab, welche Konstanze eben festband, und sagte: – Ich glaube, es ist irgendwo Sitte, seine Liebe durch Blumen auszudrücken. Darf ich, theure Lady Erpingham, dieser Blume ein Gefühl anvertrauen, das ich fast nicht auszusprechen wage? Konstanze erröthete nicht, und gerieth nicht in Verwirrung, obgleich Lord Dartington beides hoffte und erwartet hatte. Wer von Godolphin geliebt worden war, konnte durch eine Galanterie des Lord Dartington in kein große Bewegung gerathen: sie sah ihm ernst in das Gesicht, und antwortete ihm erst nach einer Weile, mit einem Lächeln, das den Liebhaber, mehr als die finsterste Strenge, beschämte: – Mein lieber Lord Dartington, wir müssen uns einander nicht verkennen. Ich lebe in der Welt wie andere Frauen, aber ich gleiche ihnen doch nicht ganz. Wenn Ihnen an meiner Freundschaft gelegen ist, so lassen Sie mich, wenn wir allein sind, kein galantes Wort mehr hören. In einem vollen Saale mögen Sie mir so viel Komplimente machen, wie Sie wollen. Es wird meiner Eitelkeit schmeicheln, wenn ich Sie in meinem Gefolge habe. Aber jetzt thun Sie mir den Gefallen, und nehmen Sie diese Scheere, und schneiden Sie die verwelkten Blumen von dieser Staude ab. Lord Dartingham schnitt, um mich eines gewöhnlichen Ausdrucks zu bedienen, ein verlegenes Gesicht. Auch war etwas Ärger dabei. Bei ihrer weitsehenden und besonnenen Politik war es aber Konstanzens Wunsch, wenn auch die Liebe, doch durchaus nicht die Verehrung irgend eines Mitgliedes von der Partei ihres Mannes abzukühlen. Mit einem gütigen – aber einem so hohen, königlichen Blicke, der so frei von der kleinlichen, kokettierenden Herablassung gewöhnlicher Frauen war, daß der aufgeweckte Lord sich von der Stunde an wunderte, wie er es nur je sich konnte einfallen lassen, Konstanze, wie andere Damen von Rang, das heißt von Genußsucht, zu behandeln – reichte sie ihm ihre Hand. – Wir bleiben doch Freunde, Lord Dartington? Jetzt, da wir uns kennen, müssen wir es für immer bleiben. Lord Dartingham beugte sich verwirrt über die Hand, welche er berührte; Konstanze ging in das Zimmer, ließ Lord Erpingham wegen Geschäften rufen, und Dartington empfahl sich. Der nächste Tag war bemerkenswerth wegen des Entstehens eines sonderbaren Instituts. Auf Veranlassung der Tänze, von denen oben die Rede war, regte Lady *** die Idee an, einen gewissen Klub wieder ins Leben zu rufen, und wöchentliche Bälle zu geben, die unter dem Patronat gewisser Personen stehen sollten, welche das Recht haben müßten, die Gäste einzuladen. – Wir wollen den Preis für den Zutritt gering ansetzen, rief Lady ***, und die Roturiers ausschließen. Es soll keine Schaustellung von Reichthum, kein Abendessen dabei seyn. Es wird seinen Zweck erfüllen, wenn diese Unterhaltungen sich vollkommen von denen der reichen Bankiers unterscheiden, und die reichen Bankiers nicht affektiren können, mit uns wetteifern zu wollen. – Zur selben Zeit, sagte Konstanze, wollen wir eine Rangordnung festsetzen, die von dem Titularrang unabhängig ist. Wir wollen uns nicht durch eine Frau Herzogin Gesetze diktiren lassen, und den Großen, wie den Reichen den Zutritt verweigern. – In Kurzem, rief die Gräfin ***, welche eine erstaunliche Masse unversorgter Schottischer Cousins und keinen Einfluß bei der Regierung hatte, in Kurzem werden wir im Stande seyn, nur denen, welche wir zulassen, den Modeton zuzuerkennen, und in Kurzem werden wir – unsere Verwandten und Freunde – allein den Modeton bilden. – Wir werden, sagte Konstanze, eine stille, aber vollständige Revolution in unserer großen Welt hervorbringen. Und dies war der Ursprung der Almacks. Vier und Zwanzigstes Kapitel. Das besondere Verhältnis der Frauen in den höhern Ständen. – Das Ehestandsleben Konstanzens. Wer erinnert sich nicht der Zeit, als das erwähnte Institut zuerst aufkam? Wer erinnert sich der Leiden nicht, die es in seiner Kindheit zu bestehen hatte? Aber es wuchs bald aus ihnen heraus, und in einem Jahre riß man sich mehr um dasselbe, als je seitdem, gewiß wenigstens mehr, als jetzt. Ich hasse gemeine Skandale. Ich schreibe nicht gegen diese oder jene Dame; ich nenne daher keine der Patronessen, sage auch nicht, ob Konstanze eine derselben war. Vielleicht lag es in dem Karakter unseres weiblichen Castruccio, daß, wenn sie auch die Gewalt einer Patroneß bekleidete, sie das Gehässige zu vermeiden gewußt hat. Indessen nahm mit jedem Monate, mit jedem Tage der Einfluß der jungen Gräfin zu. Ihr Haus kam, durch den politischen Karakter, den sie ihm gab, in einen wichtigeren und haltbareren Ruf wegen seiner Fröhlichkeiten, als wenn man bloß deren Eleganz und Schönheit gepriesen hätte. In ihren Salons wurden die Maßregeln ihrer Partei besprochen; in ihrem Boudoir, flüsterte man, wurden sie angeordnet. Diese von der Kirche gehaßte, von dem mächtigeren Theile der Aristokratie gefürchtete, und damals vom Volke mit Mißtrauen betrachtete und deshalb verachtete Partei wurde trotzdem durch ihre kluge Gewandtheit aufrecht erhalten und durch ihre geheime Macht verstärkt. Selbst jenes neue Institut, das scheinbar nur für junge Herren und Damen bestimmt war, die bloß Butterschnitten und Quadrillen verlangen, wurde zum Organ politischen Einflusses gemacht. Man gab ihm eine liberale Färbung und verweigerte nur selten Liberalen den Zutritt, so daß es nun Tag zu Tag mehr in Mode kam, liberal zu seyn. Das sind Thatsachen, und zwar von einer Art, welche das Schicksal einer Nation bestimmen, und doch übersieht sie die Geschichte. Arme Geschichte! Sie wähnt, die volle Wahrheit darzustellen, und greift nur nach den grellen Schatten. Konstanze, Gräfin von Erpingham, war jung, reich, reizend wie ein Traum, verehrt wie eine Göttin. Aber war sie glücklich, war ihr Herz voll von den Nichtigkeiten, welche sie umgaben? Tief in ihrer Brust schlummerte ein verhängnisvolles Bild, das sie nicht zu bannen vermochte. Zu allen Stunden und zu allen Zeiten stieg mit klagender, vorwurfsvoller Miene die Gestalt Godolphin's vor ihr auf. Kein anderes menschliches Wesen konnte den Reiz seiner Gegenwart ersetzen. Seine edlen, beredten Züge, die von Geist und Leidenschaft prangten, seine süße, tiefe Stimme, seine an Gemüth und Phantasie so reiche Unterhaltung, und die Zartheit, mit welcher er jedes an sie gerichtete Gefühl zu schmücken wußte (die feinste, anziehendste Schmeichelei für jedes empfindende, gebildete Weib), drängten sich ihr immer und immer wieder von neuem auf, und machten alles, was sie um sich sah, fade, langweilig, albern. Aber diese tiefgewurzelte Schwäche war nicht die einzige Schlange in den Rosen ihres Geschickes. Ich muß hier den Leser um größere Aufmerksamkeit bitten. Das Schicksal der Frauen ist in den feinen Zirkeln der Gesellschaft höchst unnatürlich und unglücklich. Der Landmann und sein Weib stehen auf gleicher Höhe, selbst in Hinsicht des Ehrgeizes: dem einen steht keine Laufbahn offen, die dem andern verschlossen wäre; hier herrscht volle Gleichheit der Mühe und der Arbeit. Ist dies bei den Frauen des hohen Klassen der Fall? Bei den Frauen des Advokaten, des Pairs? Dort haben die Männer ihre Beschäftigungen, die Frauen aber (sie müßten denn, wie die arme Fanny, sich mit Arbeitsbeuteln und Papageien beschäftigen), keine. Sie gehen müßig. Sie beschäftigen die Phantasie und das Herz. Sie verlieben sich und sind unglücklich, oder sie bleiben tugendhaft und werden entweder erschöpft durch die ewige Eintönigkeit, oder verschleudern Geist, Gemüth und Karakter in den winzigsten Nichtigkeiten, die durch ihre einzige Zuflucht gegen Verstockung sind. Ja, es ist ein sonderbarer Fluch für das weibliche Geschlecht, den die Männer nicht berücksichtigen. Einmal verheirathet, haben die Höherstrebenden kein rechtes Ziel mehr für den Ehrgeiz: der Ehrgeiz zehrt an ihrer Ruhe, da er sich an nichts Anderm nähren kann. Dies war Konstanzens Hauptunglück. Ihr erhabener, rastloser, anstrebender Geist lechzte nach einem Wirkungsfelde, und sie fand nur Boudoirs und Ballsäle. Eine Hoffnung blieb ihr allerdings, und diese Hoffnung war die Quelle ihrer Ränke und Intriguen, ihrer Theilnahme an scheinbarem Tande, der Richtung ihrer Energie auf scheinbare Frivolitäten. Diese Hoffnung – dieses Ziel war, die übermüthige Gewalt des Standes zu verringern und zu beugen, zu dem sie selbst gehörte, in den sie nur getreten war, um ihn zu demüthigen, und den sie, da sie seine geheimsten Triebfedern erforscht hatte, mehr als je wegen seiner Seichtigkeit verwünschte, wegen seiner Einbildung verachtete, wegen des finstern, zerstörenden Einflusses verabscheute, den er, wie sie (vielleicht irrthümlich) glaubte, auf die andern Klassen der Gesellschaft ausübte. Aber diese Hoffnung war nur eine ferne, frostige Aussicht. Sie war zu verständig, um an eine zu frühe und wirksame Verbesserung in unserm gesellschaftlichem Zustande zu denken und zu reich begabt, um die Sklavin Einer Idee zu werden. Mit jedem Tage überkam sie mehr der Fluch der Großen – der Überdruß. Die großen Kräfte in ihr verstockten, ihr scharfer Verstand rostete in der Scheide. – Wie geht es zu, sagte sie zu der schönen Gräfin C....., daß Sie immer so munter und voll Leben scheinen, daß Sie bei all Ihrem zarten Gefühle nie um eine Beschäftigung verlegen sind? Sie scheinen nie ermüdet – gelangweilt – wie fangen Sie das an? – Das will ich Ihnen sagen, antwortete die hübsche Gräfin wichtig, ich nehme mir jeden Monat einen andern Liebhaber. Konstanze erröthete und sagte nichts mehr. Viele Frauen würden in ihrer Lage, nach einem fast allgemeinen Beispiele, ermüdet durch ein Leben, an dem das Herz keinen Antheil hat, ohne Kinder, ohne Führer, von allen Seiten und in allen Formen bestürmt und hofirt – viele Frauen würden es, wenn auch nicht mit einer großen Leidenschaft, doch wenigstens mit einer kleinen Caprice versucht haben. Aber Konstanze blieb kalt und glänzend, wie immer – »der von der Sonne nicht bestrahlte Schnee.« Allerdings mag das Andenken an Godolphin sie vor geringeren Gefahren geschützt haben. Der einmal vom Feuer durchglühte Asbest kann nie mehr von ihm verzehrt werden; doch lag in Konstanzens Natur noch eine andere Triebfeder, und das war der Stolz. O Gott, wenn sich die Männer nur träumen ließen, was eine stolze Frau in den Liebkosungen duldet, welche sie demüthigen, so würden sie sich nicht wundern, warum stolze Frauen so schwer zu besiegen sind. Dies ist ein Gegenstand, den wir alle viel erwägen, über den wir aber aus Anstand nicht schreiben dürfen. Aber man denke sich eine lange, stolze, unschuldige Schöne, die mit einem Manne verheirathet ist, den sie weder liebt, noch achtet; sie wird aus diesem Mangel an Liebe wahrscheinlich nicht nur nicht fallen, sondern eher sogar vor dem bloßen Wort Liebe zurückschaudern. Um diese Zeit starb die verwittwete Lady Erpingham, ein Ereignis, welches Konstanzen aufrichtigen Kummer machte, und welches das stärkste Band zerriß, das die junge Gräfin an ihren Gatten fesselte. Lord Erpingham und Konstanze sahen sich in der That von jetzt an nur sehr wenig. Wie die meisten Männer, die ihre sechs Fuß und einen starken Backenbart haben, war er eitel auf seine Person, und wie die meisten reichen Adligen fand er Damen genug, die ihm versicherten, er sey unwiderstehlich. Die kalte und ruhige Höflichkeit Konstanzens hatte ihn bald verdrießlich gemacht, und da er viel mit unverheiratheten Männern lebte, so knüpfte er bald ähnliche Bekanntschaften an, wie diese, Bekanntschaften, welche den Mann leicht dazu bringen, daß er die Frau zu Hause vergißt. Trotzdem fühlte er, daß er glücklich in der Wahl seiner Gattin gewesen war. Sein politischer Einfluß war durch die Klugheit Konstanzens wenigstens verdoppelt worden; sie hatte sein Haus zum glänzendsten von London und seinen Namen zum gesuchtesten auf allen Listen der Pairie gemacht. Obgleich freigiebig, überschritt sie doch das Maaß nicht; obgleich eine Schönheit, hatte sie doch keine Intriguen angeknüpft; obgleich seine Unbeständigkeit am Tage lag, war sie doch nicht eifersüchtig, und wie unordentlich sein Benehmen auch war, setzte sie doch nie sein Interesse hintenan, widersetzte sie sich doch seinen Wünschen nicht, noch änderte sich die gleichmüthige und sanfte Stimmung ihres Temperaments. Über ein solches Weib konnte Lord Erpingham nicht klagen: er achtete sie, lobte sie, fragte sie um Rath und fühlte einige Eifersucht vor ihr. Ach, Konstanze, wärst Du die Tochter eines Pairs oder eines Landmannes gewesen – wärst Du die Tochter des ersten Besten, nur nicht John Vernon's gewesen – welch unschätzbarer, unvergleichlicher Schatz würde dieses Herz, diese Schönheit, dieser Geist gewesen seyn! Fünf und Zwanzigstes Kapitel. Das Vergnügen, eine Demüthigung zu vergelten. – Konstanzens Vertheidigung der Mode. – Bemerkungen über dieselbe. – Godolphin's Existenz. – Fanny Millinger's Schilderung. – Mangel an Muth bei den Moralischen. Es war ein stolzer Augenblick für Konstanze, als die Herzogin von Winstoun und Lady Margarethe an sie schrieben, sich an sie drängten und sich um sie rissen für ein Lächeln, eine Verbeugung, eine Einladung oder eine Karte zu den Almacks. Anfangs hatten sie sich vorgenommen, sie danieder zu reden; überall zu erklären, sie sey eine Plebejerin, verrückt, bizarr, und eine Schriftstellerin. Umsonst. Konstanze stieg täglich höher. Sie kämpfte gegen diese Überzeugung, aber es half nichts. Die erste Person, welche ihnen ihren Fehlgriff klar machte, war der verstorbene König, der damalige Regent; bei einem von ihm veranstalteten Balle hatte er sich den ganzen Abend mit Lady Erpingham beschäftigt. Von dieser Stunde an waren sie von ihrem Unrecht überzeugt, und machten ihr demnach am folgenden Morgen einen Besuch. Konstanze empfing sie mit der Kälte, die sie immer für sie empfunden hatte; trotzdem sagten sie im Fortgehen, sie hätten nie jemand gesehen, dessen Benehmen so fein sey. Sie schickten ihr darauf eine Einladung: sie schlug sie aus; eine zweite – sie schlug wieder aus; eine dritte, in der sie sie baten, sie möchte selbst den Tag bestimmen!!! Sie bestimmte den Tag und ließ sie doch sitzen. Gott weiß, wie unglücklich, wie bestürzt, wie entsetzt sie waren! Ihre liebe Lady Erpingham mußte krank seyn! Sie schickten noch die Woche darauf jeden Tag zu ihr, um sich nach ihrem Befinden erkundigen zu lassen. – Warum, sagte Mistreß Trevor zu Lady Erpingham, warum hören Sie nicht auf, so grausam gegen diese armen Leute zu seyn? Ich weiß, sie waren einmal impertinent, aber jetzt, denke ich, ist es klüger und würdiger, zu verzeihen, und zu thun, als ob man nicht an das Vergangene dächte: Weltleute sollten nicht mit einander hadern. – Sie haben Recht, antwortete Konstanze, und doch irren Sie sich; ich verzeihe und hadere nicht, aber meine Meinung, meine Verachtung bleibt dieselbe, oder ist vielmehr noch gründlicher geworden. Dies Volk verdient nicht, daß man das Vergnügen aufgebe, welches wir alle empfinden, wenn wir unsere Verachtung ausüben. Ich überlasse mich daher, aber ruhig und ohne Affektation, diesem Vergnügen. Überdies gestehe ich Ihnen, meine liebe Mistreß Trevor, daß ich der Meinung bin, daß die bloße Anmaßung auf Titel vollständig zu Boden getreten werden muß, wenn wir aufrichtig die Gesellschaft angenehm machen wollen, und wo finden wir einen bessern Gegenstand für Bestrafung, als in der Herzogin von Winstoun? – Aber, meine theure Lady Erpingham, auch Sie hält man für anmaßend, eben so wie Ihre Freundin, Lady C.....; sind Sie auch sicher, daß der Vorwurf nicht verdient ist? – Ich räume die Gerechtigkeit des Vorwurfs ein; aber Sie müssen bemerken, daß unsere Anmaßung nicht auf den Rang begründet ist; wir haben es uns zum Gewissen gemacht, die Armen, und von allen Zirkeln Ausgeschlossenen, zu beschützen. Sind wir je zurückstoßend gegen Erzieherinnen und Gesellschafterinnen, oder arme Schriftsteller und Musiker? Wenn ein Mann unter seinem Stande heirathet, drehen wir seiner Gattin den Rücken zu? Verschwenden wir nicht im Gegentheil alle mögliche Aufmerksamkeit an sie, und werfen wir nicht über ihre zweideutige und freudenlose Stellung den Schutz der Mode? Nein, nein, unsere Anmaßung ist Gerechtigkeit . Es ist der Wermuthskelch, der zu den Lippen zurückkehrt, die ihn gestillt haben; es ist Anmaßung gegen die Anmaßenden. Überlege Sie es und Sie werden uns Recht geben. – Ich muß wohl; Sie sind das weibliche Ritterthum. Lebte jetzt ein Philosoph für die Welt, ein Helvetius, ein La Bruyere, ein Voltaire, so würde ich ihm nicht eher Ruhe lassen, als bis er ein Buch über die Philosophie der Mode schriebe. Die albernen Romane, die man darüber herausgegeben, haben uns Verdruß, Langeweile gemacht, und uns nichts gelehrt. Der Modeton ist ein leichtes Wort, aber eine große Sache. Es ist die öffentliche Meinung der Herren des gesellschaftlichen Systems. Ist es Mode, das Große nachzuahmen, wie es einst in Rom war, so liegt etwas Hohes, Kräftiges in dem Mark des Staates. Ist es Mode, oberflächlich, gemein, kalt zu seyn, so ist es eine Schmach für die Nation, welche die Meinung solchen Herrschern Preis gibt – ihr Herz ist moralisch erkrankt. Die Mode, welche Konstanze aufbrachte, war edler, paßte aber nicht für die Mehrheit, und wurde von ihren Nachfolgern daher zu tausend Gemeinheiten herabgezogen. Umsonst machen wir Gesetze, wenn ihnen der allgemeine Geist widerstrebt. Konstanze konnte die Großen demüthigen, die Macht der Titel untergraben, aber das war auch Alles. Sie konnte die Stolzen erniedrigen, aber nicht den allgemeinen Standpunkt erheben: an die Stelle der Sklaverei setzte sie nur eine andere – das Volk zog an den Ketten der Mode, wie früher an den Ketten des Titelstolzes. Trotzdem war Konstanze, so getäuscht sie sich auch zuweilen sah, im Ganzen doch zufrieden. Sie sah, daß sie eine Saat gesäet hatte, welche aufgehen, und durch ihren Schatten manche falsche Meinung erfüllen mußte. Durch die Pflege eines Baumes hatte sie vielem Unkraut die Nahrung benommen, und die Zeit mußte kommen, wo auch der Baum niedergehauen, eine freie Luft wehen und an seine Stelle bessere Frucht gepflanzt werden würde. Sie blickte dieser Stunde mit Geduld entgegen. Sie hörte in Gesellschaft viel von Godolphin reden, und alle sprachen mit Theilnahme von ihm, selbst die, welche seine eigentliche, innere Natur nicht begreifen konnten. Durch Meere und Länder von ihm getrennt, schien es ihr nicht gefährlich, sich dem süßen Vergnügen hinzugeben, seine Handlungen erwähnt, und seinen Geist und sein Herz besprechen zu hören. Sie erlaubte sich nicht, ihn zu lieben , denn sie war zu rein, um nicht vor einem solchen Gedanken zurückzuschrecken, oder ihr Sinn war doch nicht so geregelt, so fest nach heiligen Prinzipien gebildet, daß sie sich die Wonne der Erinnerung versagen konnte. Von seiner jetzigen Lebensweise hörte sie weniger. Gelegentliche Nachrichten meldeten seine Wanderschaft von Stadt zu Stadt, von Küste zu Küste, aus den stolzen Kreisen des Wiener Adels zu den düstern Tempeln von Memphis, aber er schien sich nirgends aufzuhalten. Der Gedanke an dies umherschweifende, rastlose Leben – welches sie im Stillen von ihrer Macht überzeugte – gab seinem Bilde einen zärtlicheren, vorwurfsvolleren Ausdruck. Ach, gibt es, wenn wir in die Herzen blicken könnten, wohl Einen beneidenswerthen Menschen? Die Schauspielerin hatte zufällig von Saville Godolphin's Neigung zur schönen Gräfin vernommen. Sie sehnte sich danach, diese einmal zu sehen, und als sie eines Abends im Theater erfuhr, daß Lady Erpingham in der Loge des Lord Kammerherrn sey, so behielt sie kaum die nöthige Ruhe, um mit ihrer gewohnten Vollendung weiter spielen zu können. Sie war höchst betroffen von dem hohen Adel, der auf Lady Erpingham's Gesicht und Gestalt ruhte, und Godolphin stieg in ihrer Achtung, als sie sah, daß er seine Verehrung einer so schönen Göttin gewidmet hatte. Es ist ein sonderbarer Zug der Frauen, daß sie auffallend begierig sind, eine Person zu sehen, welche der Mann geliebt hat, an dem sie selbst Interesse genommen haben, und daß eben dieser Mann in ihrer Achtung steigt oder fällt, je nachdem sie den Gegenstand seiner Liebe bewundern oder sich in ihm getäuscht sehen. Nichts hat mit größerem Erfolg das romantische Interesse geschwächt, welches die weibliche Welt an Lord Byron genommen hatte, als der Anblick der Personen, deren Liebe er sich rühmte. Byron hätte in ihren Augen für tausend Sünden eher Entschuldigung gefunden, als für den Fehler des schlechten Geschmacks. – Und so, sagte Saville, als er eines Abends mit der Schauspielerin speiste, und so glauben Sie, die Welt überschätze Lady Erpingham nicht? – Nein; so würde Medea, wäre sie unschuldig geblieben, ausgesehen haben – voller Majestät, und doch voller Sanftmuth. Es ist das Antlitz einer Königin aus einem frühern Jahrtausend. Ich könnte sie angebetet haben. – Meine kleine Fanny, Sie sind ein sonderbares Geschöpf. Ich glaube, Sie haben einen Anflug von Poesie an sich. – Niemand, als wer gedichtet hat, kann je meinen Karakter verstehen, antwortete Fanny naiv, aber wahr. – Und doch, meine Schöne, haben Sie wenig Ideales an sich. – Nein; aber das rührt daher, daß ich so früh auf mich selbst zurückgeworfen und gezwungen wurde, die Unabhängigkeit als ein Hauptgut zu betrachten. Ich sah bald, daß, wenn ich meinem Herzen hier- und dorthin folgte, wohin es mich führen mochte, ich der Spielball jedes Hauches, das Opfer jedes Zufalls seyn würde: ich wäre der Narr der Romantik geworden, hätte von einem Lächeln gelebt, und wäre zuletzt vielleicht in einem Graben gestorben. Ich machte mich daher an meine Gefühle, und putzte sie aus und verschnitt sie bis zu einer geziemenden Höhe. Und ein Glück, daß ich es that. Was wäre aus mir geworden, wenn ich damals, als ich Godolphin liebte, die ganze Welt meines Herzens auf ihn geladen hätte? – O, er ist edelmütig, und hätte Sie nicht verlassen. – Aber ich würde ihn ermüdet haben, und das wäre genug für mich gewesen. Aber ich liebte ihn sehr, und es war eine reine – ah, lächeln Sie nur – eine reine, uneigennützige Liebe. Ich wurde in meinem Entschlusse, niemand zu sehr zu lieben, nur bestärkt durch die Bemerkung, daß er wohl Neigung, aber keine Sympathie für mich habe. Seine Natur war verschieden von der meinen. Ich bin in allem ein Weib , und Godolphin seufzt unaufhörlich nach einer Göttin . – Ich möchte wohl Ihren Karakter skizziren, Fanny. Er ist originell, obgleich nicht scharf bezeichnet. Ich habe ihn nie in Büchern gefunden, und doch ist er in Beziehung zu Ihrem Geschlecht, wie zur Welt, ganz wahr. – Nur Wenige könnten mich richtig schildern. Die Gefahr dabei ist, daß sie zu viel oder zu wenig aus mir machen würden. Arme Fanny! Du wirst diese Seiten lesen. Werden sie Dich befriedigen? Ich bin überzeugt, daß das Bild treu ist. Du gehörst zu denen, welchen die Welt nie viel Gutes zutraut, aber in Dir liegt doch gar manches Gute. Wenn die Spröden sagen, ich hätte Dich nicht malen sollen, so sage ich ihnen, sie haben Unrecht: denn eben weil die Schriftsteller zu feige gewesen sind, die Wahrheit auszusprechen, wenn gleich sie wußten, daß in ihren Herzen nichts Unreines ist, wenn gleich sie wußten, daß sie nicht verlocken, nur bekehren wollten – weil die Schriftsteller so feige gewesen sind, ihren hohen Beruf so verdreht haben: sind die armen Frauen der ächten Warnung der Moral beraubt worden, schlagen so viele warme Herzen in einer unglücklichen Brust, sind so viele gute Anlagen auf üble Wege gerathen. Shakespeare, Fielding, Göthe, Le Sage! ihr belehrt, weil ihr den Muth habt, die Wahrheit zu lehren! Ehe ich diesen Band schließe, noch eine Bemerkung. Es gibt eine Heerde thörichter Leser, die ihre Stimme gegen ein Buch erheben und rufen: »Ich hasse den Helden« oder »Ich kann die Heldin nicht ausstehen.« War es denn die Absicht des Künstlers (ein Autor ist ein Künstler), daß Sie die Helden lieben sollten? Oder war es seine Absicht, daß sein Held natürlich seyn sollte? Haben der Held und die Heldin Fleisch und Blut? Schwanken sie zuweilen? Kämpfen sie mit entgegenstrebenden Leidenschaften? Sind sie bald gut, bald schlecht? Blenden sie jetzt, und empören sie später? Thun sie dies, so sind sie recht, wirklich; aber eben wegen dieser Inkonsequenzen fesseln sie nicht immer die oberflächlichen Bewunderer. Entschiedene, in Einem Gedanken lebende Helden regen das gewöhnliche Interesse freilich mit größerer Kraft an, denn die Millionen seiner Schattirungen, Verwicklungen und Spielarten, welche die menschlichen Karaktere bilden, die allein eine Analyse verdienen, sind nicht für den Leser, der sich unaufhaltsam vom Anfang bis zum Ende durchliest, und nur nach einer rohen Aufregung mittelst alltäglicher Materialien verlangt. Aber für ihn schreibe ich nicht. Ich kann mein Vorhaben verfehlen – ich werde es sogar wahrscheinlich – aber unter zehn tausend wird nicht Einer wissen, ob ich gefehlt, oder nicht, denn niemand wird sich die Mühe geben und untersuchen, was mein Vorhaben ist. Und nun, schöne Konstanze, für jetzt lebe wohl! Ich verlasse Dich, umgeben von Prunk, Pracht und Verehrung. Genieße, wenn Du kannst, das, wofür Du die Liebe geopfert hast! Zweiter Band Erstes Kapitel. Ein Schwärmer und seine Tochter. – Ein Engländer, wie die Ausländer ihn sich denken. Wir müssen jetzt die Leser mit Karakteren bekannt machen, die von den bisher dargestellten sich durchaus unterscheiden. Vor der unsterblichen Stadt, an der Via Appia, wohnte ein wunderlicher, phantastischer Schwärmer, Namens Volktmann. Er war von Geburt aus Däne, und die Natur hatte ihn mit einer Geistesrichtung begabt, die, wäre er im eilften Jahrhundert zur Welt gekommen, ihm ein ausgezeichnetes Leben gesichert hätte. Volktmann war ganz ein Mann der Vorzeit: das Wesen seines Enthusiasmus war prophetisch, mittelalterlich; für die Geschöpfe unserer Zeit hatte er nicht die geringste Sympathie; ihre Liebe, ihr Haß, ihre Politik, ihre Literatur fand keinen Anklang in seiner Brust. Er vermied jedes Zusammentreffen mit ihnen, sein Leben war die Einsamkeit, das Studium seine Beschäftigung, ein Studium, welches ihn täglich untauglicher für den Zweck des Lebens machte. Mit einem Wort, er war ein Sternenseher, ein Gläubiger in der träumerischen, geheimnisvollen Wissenschaft der Astrologie. Zur Bildhauerei auferzogen, hatte er sich frühzeitig nach Rom, als dem Quell der Begeisterung, gewandt, aber schon damals hatte er den äußeren und brütenden Sinn seines nordischen Himmels mitgebracht. Die Bilder der klassischen Welt, die glänzenden, schönen und kalten Gottheiten, deren Gestalt und Natur der Marmor besonders so trefflich verkörpert, sprachen Volktmanns finstere, beschäftigte Einbildungskraft nur wenig an. Treu dem Aberglauben des Nordens, hatte die liebliche Majestät der südlichen Gefilde in ihm nur den Mensch erregt, die Grundsätze, nach denen sie geschaffen waren, auf die Versinnlichung jener wilden Visionen anzuwenden, welche allein seine trübe und wüste Phantasie ins Leben rufen konnte. Diese Richtung der Begeisterung bewahrte ihn wenigstens vor dem ärgsten Fehler des Künstlers – gemeiner Nachahmung. Er blieb originell, und seine Fehler selbst waren erhaben und imposant. Ehe er jedoch die große Erfahrung hatte erlangen können, welche allein das Genie vervollkommnet, hatte sich seine natürliche Energie bereits nach einem andern Kanal gewendet. Während einer Krankheit, welche ihn an der Ausübung seiner Kunst gehindert hatte, war ihm zufällig ein Werk über die Astrologie in die Hände gefallen. Die wilden, betäubenden Theorien dieser Wissenschaft – wenn man sie wirklich so nennen darf – bezauberten und rissen ihn hin. Die hellen, strahlenden Nächte seines Vaterlandes schwebten wieder vor seinen Augen; er erinnerte sich des mystischen, unerklärlichen Eindrucks, mit dem der Anblick der Himmelslichter ihn erfüllt, und bildete sich ein, daß gerade diese Unbestimmtheit seiner Gefühle ein Beweis für das Hellsehen der Wissenschaft sey. Die Söhne des Nordens sind vor allen andern der schwärmerischen Aufregung der Gefühle ausgesetzt, welche die stille, sternenglänzende Nacht erwecken muß. Ein langes, ununterbrochenes, berauschendes Schweigen, welches in ihrem eisigen Klima vom Untergang der Sonne bis zu dem Aufgange herrscht; die plötzlich auftauchenden Meteore, welche mit zauberhaftem Leben am stillen Himmel erhaben hinzucken, der besondere Glanz der Sterne, und selbst der öde, strenge Anblick der Erde, welche sie mit ihrer geisterhaften, kalten Klarheit erleuchten, verstärken die Wirkung der gespenstischen Erzählungen, mit welchen das Ohr der Kindheit erfreut wird, und verknüpfen die dunkleren und phantastischeren Lebenstriebe mit dem Einflusse oder wenigstens mit den Bildern der Nacht und Himmel. Volktmann, der für abergläubische Eindrücke fast noch empfänglicher war, als seine Landsleute, wurde zu der Wissenschaft, mit der er zufällig bekannt geworden, mit einem Alles ausschließenden Interesse hingezogen. Er gab sich diesem neuen Streben mit ganzer Seele hin. Der Marmor wurde immer mehr vernachlässigt, und obgleich er noch von Zeit zu Zeit arbeitete, so hörte er doch auf, diese Kunst als den Zweck seines Lebens und das Ziel seines Ehrgeizes zu betrachten. Zum Glück war Volktmann, wenn auch nicht reich, doch nicht ohne Mittel, ein anständiges, bequemes Leben führen zu können, so daß er, glücklicher wie viele andere, im Stande war, allein seinem Eifer für so unfruchtbare Forschungen zu willfahren. Es verdient bemerkt zu werden, daß, wenn jemand sich einer Beschäftigung widmet, die ihn von der Welt entfernt, jedes große Unglück ihn nur, ohne Hoffnung auf Genesung, in seiner Neigung zur Einsamkeit bestärkte. Die Welt, die ihm zuwider ist, weil sie ihm kein Vergnügen gewährt, wird ihm auf immer verhaßt, sobald sich die Erinnerung eines Kummers an sie knüpft. Volktmann hatte eine Italienerin geheirathet, ein Weib, das ihn innig liebte, und das er mit jener energischen, obwohl nicht zärtlich schmeichelnden Neigung wieder liebte, die bei Männern seines Gleichen so gewöhnlich ist. Heiter und gesellig nach der Art und Weise ihres Landes, war die Italienerin nicht geneigt, den Astrologen bloß in Gemeinschaft der Sterne leben zu lassen. Sie suchte tändelnd und freundlich ihn zu der Gesellschaft der Menschen hinzuziehen, und Volktmann vermochte so wenig, wie irgend ein Erdgeborener, immer dem Einfluß seiner schönen Hausherrin zu widerstehen. Es traf sich, daß eines Tages, als sie eben besonders dringend ihn zur Theilnahme an einer jener Partien zu bewegen suchte, welche die Engländer nicht mit dem Begriffe von Vergnügen zusammenreimen können, weil man in ihnen »konversirt« – Volktmann das Bevorstehen eines großen Unglücks verkündet hatte. In der Ungewißheit über den Karakter der Prophezeiung, da er nicht wußte, ob das Unglück ihn in oder außer dem Hause erwarte, gab er dem Wunsche seiner Frau nach und begleitete sie nach der Wohnung ihrer Freundin. Ein junger Engländer, der kürzlich erst von Rom angekommen war, und der in den Zirkeln jener Stadt bereits wegen seines excentrischen Lebens und wegen seiner Leidenschaft für Schönheiten sich einen Namen gemacht hatte, war in der Gesellschaft zugegen. Er schien betroffen über den Anblick der Gattin des Bildhauers, und sein zuvorkommendes Benehmen erfüllte Volktmann zum ersten- und letztenmale mit den Qualen der Eifersucht: er eilte fort mit seinem Weibe. Bei ihrer Rückkehr nach Hause wurden sie – ein von der Signora getragenes Juwel mochte Aufmerksamkeit erregt haben – in der finstern und schlecht beleuchteten Vorstadt von zwei Räubern angefallen. Obgleich Volktmann keinen Widerstand leistete, benahmen sich die Diebe doch mit roher Gewaltthätigkeit. Die Signora gerieth in eine fürchterliche Angst, ihr Geschrei rief einen Fremden herbei: es war der englische Jüngling, welcher eben Volktmanns Eifersucht erregt hatte. Als galanter Mann an Gefahren gewöhnt, ging der Engländer selten in diesem fremden Lande Nachts ohne Pistolen aus. Beim Anblick der Feuergewehre schwand den Räubern der Muth, sie ließen ihre Beute fahren und entflohen, worauf der Engländer mit Volktmann die Italienerin nach Hause geleitete. Aber der Schreck dieser Begebenheit hatte den zarten Körper zu stark erschüttert, und drei Wochen nach dieser Nacht war Volktmann ein Wittwer. Seine Ehe war nur mit einer Tochter gesegnet worden, welche zur Zeit dieser Katastrophe ungefähr acht Jahre alt war. Die Liebe zu seinem Kinde versöhnte Volktmann noch einigermaßen mit dem Leben, und als die erste Betäubung sich gelegt hatte, kehrte er mit einer jetzt ununterbrochenen Beharrlichkeit zu seiner geliebten Beschäftigung und geheimnisvollen Forschung zurück. Nur Einem Freunde gelang es, häufig Zulaß zu seiner Klause zu erhalten: dies war der junge Engländer. Eine Art von Reue über die Eifersucht, die er empfunden, und zu der sein Weib, obgleich Italienerin, ihm nie nur den Schatten eines Anlasses gegeben, hatte den Widerwillen, der ihn zuerst gegen den jungen Mann ergriffen, in ein Gefühl verwandelt, das durch den Gedanken an die Dahingeschiedene, und durch den unbestimmten Wunsch, ihr wegen seines heimlichen Fehlers Genugthuunug zu geben, sich bis zum Wohlwollen steigerte. Verstärkt wurde dieses noch durch das einnehmende Benehmen des Fremden, durch seine Aufmerksamkeit gegen die Kranke, der er einen Englischen Arzt von großem Ruf – vielleicht den einzigen Doktor in jener Stadt, der etwas gelernt – geschickt hatte, durch das lebendige Interesse, welches er an den Lieblings-Theorien des Astrologen nahm. Volktmanns Mutter war die Tochter Schottischer Eltern gewesen und hatte ihm die Englische Sprache gelehrt. Dieser Umstand trug sehr dazu bei, seinen Umgang mit dem Fremden zu erleichtern, da er in keiner anderen Sprache, außer in dieser und der Dänischen, große Geläufigkeit besaß. Überdies fand er in der Gesellschaft eines Mannes, der so glühenden Sinnes, so voll Empfindung, so melancholisch, jedem abstrakten Studium so ergeben war, ein Vergnügen, welches er unter den feinen, lockern Geistern Italiens nie genossen hatte. Der junge Engländer kam daher oft in das einsame Haus an der Via Appia, und die geheimnisvollen, überirdischen Gespräche des Sternensehers verschafften ihm, der frühzeitig die Spielarten seiner eigenen Klasse zu erkennen gelernt hatte, einen fremdartigen Genuß, der eben noch durch den Gegensatz erhöht wurde, welchen er mit den weltlichen Naturen seines gewöhnlichen Umganges und den ewig wiederkehrenden Beschäftigungen eines vergnügungssüchtigen Lebens offenbarte. Aber noch jemand sah, obwohl nur ein Kind, den Besuchen des schönen Fremden mit sehnsüchtiger Bewegung entgegen. Allein auferzogen, seit ihrer Mutter Tod ohne allen Umgang mit Freundinnen gleichen Alters, kann es nicht befremden, daß bei ihr, die manchen schwachen Wiederschein von ihres Vaters wilden aber erhabenen Forschungen erhielt, der seine mit sonderbaren Zeichen und gewaltigen »Wörtern eines mächtigen Klanges« gefüllten Bücher offen standen, sich etwas Fremdartiges, Außergewöhnliches zu den Elementen des Karakters gesellte, welchen Lucilla Volktmann frühzeitig entwickelte – eines Karakters, der ganz Natur, aber nur bizarrer, ungleicher Natur war. Sie war nicht von stiller, sanfter Gemüthsart, sondern leidenschaftlich, unruhig, wechselnd. Sie lachte und weinte ohne scheinbare Ursache; die Farbe ihres Gesichts blieb sich nicht einen Augenblick gleich, und die launigsten Wechsel eines Aprilhimmels waren die Unveränderlichkeit selbst im Vergleich zu dem Spiel und Glanze des Ausdrucks, der auf ihren Zügen, und in ihren müden, dunkeln, beredten Augen wogte. Ihr Körper glich ihrem Geiste: sie war schön, aber die Schönheit an sich überraschte einen weniger, als der sonderbare Karakter derselben. Ihre Augen waren so dunkel, daß sie Abends schwarz schienen, aber ihre Haare waren hellbraun; ihre Gesichtsfarbe war zart und durchscheinend, zuweilen blaß, zuweilen wie fieberhaft glühend; Zähne und Mund waren unbeschreiblich lieblich, Hände und Füße fast zu klein, und als sie erwachsen war, zeigte ihre nicht hohe Gestalt eine solche Harmonie der Verhältnisse, daß der Geist des Bildhauers sich zuweilen aus dem Nachsinnen des Astrologen fortriß, und mit derselben Bewunderung auf sie blickte, mit welcher er, trotz des Gegenstandes, auf die göttlichen Formen des Phidias oder Canova's geblickt haben würde. Aber hier war die Schönheit in Begleitung einer so endlosen Mannigfaltigkeit von oft wilden, wiewohl immer anmuthigen Bewegungen, daß das Auge sich nach der Ruhe sehnte, die für längere Bewunderung erforderlich ist. Wenn sie angesprochen wurde, antwortete sie nicht oft geradezu, sondern schien mehr auf eine sich selbst gestellte Frage Rede zu stehen; mitten in einer Beschäftigung sprang sie zu einer andern über, ließ auch diese wieder liegen und saß dann in sekundenlangem Schweigen. Es versteht sich, daß diese Beschreibung Lucilla's auf eine um mehrere Jahre spätere Zeit paßte, als wo der junge Engländer zuerst ihre kindische, aber doch glühende Phantasie aufregte. Ihr schien dieses Gesicht mit seinen regelmäßigen, harmonischen Zügen, dem goldenen Haare, dem sanften, stillen, melancholischen Ausdrucke, einer höhern Klasse von Wesen anzugehören, als die waren, welche, mit ihrem grob hervorstehenden Umrissen und ihrer dunklen Farbe, sie umgaben und ihr mißfielen. Sie fand ein eigenes, sie durchschauerndes Vergnügen darin, sich an seine Seite zu schleichen, und unbemerkt zu seinem Gesicht aufzublicken, welches sie in seiner Abwesenheit bei Tage nachzuzeichnen suchte, und Nachts in ihren Träumen hervorrief. Aber nur selten sprach sie mit ihm und sie sprang mit schmerzlichem Erröthen von ihm zurück, wenn er sich ihr mit einer unschuldigen Schmeichelei nähern wollte, wie sie Kinder sonst gewöhnlich verlangen. Einmal jedoch hatte sie Muth, und forderte ihn auf, ihr das Englische zu lehren, einen Wunsch, den er zu erfüllen versprach. Sie lernte die Sprache mit überraschender Leichtigkeit, und da Volktmann ein Freund derselben war, so überwand sie ihre Schwierigkeiten bald dadurch, daß sie sich mit ihrem Vater nur in dieser, ihr unaussprechlich theuer gewordenen Sprache unterhielt. Der junge Fremde war entzückt, wenn er diese sanfte, melodische Stimme, mit ihrem zitternden, Italienischen Accente, die männliche, kräftige Sprache seines Vaterlandes in Musik umwandeln hörte. Unwillkürlich bemächtigte sich seiner ein gewisses zärtliches, ganz eigenes Interesse für dieses sonderbare, bezaubernde Kind – eigen in der That, und unerklärlich, da es nicht ganz das Interesse war, das wir an einem liebenswürdigen Kinde nehmen, und doch auch von keiner interessirten, schlimmern Art war. Wäre etwas Wahres an der Sternenkunde, so würde ich gesagt haben, sie hätte ihm offenbart, daß ihr Schicksal in das seinige greifen würde, und daß in dieser Überzeugung seine Neigung für das Kind seines Freundes etwas Mysteriöses, Ungewöhnliches angenommen hatte. Der Engländer hatte einen romantischen Karakter. Er hatte sich selbst gebildet und seinem oft enthusiastischen und unklaren Geiste durch unregelmäßige, wenn auch zuweilen tiefe Studien seine Richtung gegeben. Seine Einbildungskraft überwog sein Urtheil, und man brauchte nur die erstere zu fesseln, um seinen ganzen Eifer für die erste beste Beschäftigung zu erzielen, bis sein natürlicher Scharfblick ihm endlich deren Trug aufdeckte. Wenn er auch zuweilen – da er sich in jenem raschen Weltleben umhertrieb, welches unsern gesunden Verstand so sehr schärft – über den ausdauernden Eifer des Astrologen lächelte, so theilte er ihn doch noch öfter und wurde, wie mit einem versteckten, aber tiefen Glauben an die von seinem Meister geübten Mysterien, sein Zögling in »der Poesie des Himmels.« Ich fürchte jedoch, daß die Enthusiasten ihre Verblendung auf die Spitze trieben, und sich in noch dunklere, nächtigere Regionen stürzten – ich meine die alten Geheimnisse der Alchymisten. Nacht für Nacht unterwarfen sie diese noch unverständigern Arcana ihrer ernsten Untersuchung und gaben sich ganz jenem schrecklichen Zauber hin, welchen das Streben und die Begierde, die Gränzen unserer Sterblichkeit zu überschreiten, selbst in den bestorganisirten Köpfen hervorbringt. Der so lange von dem grübelnden, einsamen Dänen genährte Gedankenflug war vielleicht eine bessere Entschuldigung für die Schwäche der Leichtgläubigkeit, als die Jugend und die umherschweifende Phantasie des Engländers. Aber der Schauplatz, der für den Einen nichts Lockendes hatte, steigerte bis zum Übermaß die romantische Begeisterung des Andern. Der Engländer blieb, mit kurzen Unterbrechungen, beinahe drei Jahre lang in Rom. Den Abend vor dem Tage, an welchem er eine Nachricht erhielt, die ihn in seine Heimath zurückrief, begab er sich zu einer zufällig etwas spätern Stunde als gewöhnlich, nach dem Hause des Astrologen. Zweites Kapitel. Eine Unterredung, die nicht sehr in das neunzehnte Jahrhundert paßt. – Forschungen über das menschliche Schicksal. – Die Vorhersagung. Beim Hereintreten in das Zimmer sah er Lucilla auf einem niedrigen Sessel neben dem Astrologen sitzen. Sie blickte auf, als sie seinen Fußtritt hörte, schien aber so niedergeschlagen, daß er sich unwillkürlich zu Volktmann hinwendete, um sich Erklärung darüber zu schaffen. Volktmann betrachtete ihn mit stummem Schmerze. – Was ist vorgegangen? – fragte der Engländer – Sie scheinen bekümmert und heißen mich nicht willkommen, wie gewöhnlich. – Ich bin bei den Sternen gewesen – antwortete der Däne. – Sie scheinen keine gute Gesellschaft zu seyn – entgegnete der Engländer – und Ihren Geist nicht sehr erhoben zu haben. – Scherze nicht, Freund – sagte Volktmann – Dein Verlust macht mich traurig. Ich sehe, daß Du bald eine Reise unternehmen mußt, und daß sie nicht erfreulicher Art ist. – Wirklich – antwortete der Engländer lächelnd – nun, ich nehme mir die Freiheit, die Sache zu bezweifeln; Sie wissen besser, als einer, wie oft durch einen Irrthum in der Berechnung oder durch Eile, ja sogar durch überspannte Aufmerksamkeit, astrologische Prophezeihungen einer Täuschung ausgesetzt sind, und jetzt sehe ich so wenig die Möglichkeit meiner Abreise, daß ich die irdische Wahrscheinlichkeit der himmlischen vorziehe. – Meine Tabellen sind richtig, und der Himmel schrieb seinen Beschluß in der deutlichsten Sprache. – Du stehst auf dem Punkte, Rom zu verlassen. – Aus welchen Anlaß? Der Astronom zögerte; der junge Mann wiederholte seine Frage dringender. – Der Mann des vierten Hauses – sagte Volktmann widerstrebend – sitzt in dem eilften Hause. Du weißt, wem diese Stellung Unglück verkündet. – Mein Vater! – rief der Engländer vor Schrecken erbleichend – ich glaube, daß diese Stellung ihn angeht. – So ist's – sagte der Astrolog leise. – Unmöglich! Ich habe erst heute Nachricht von ihm; er ist wohl. Lassen Sie mich die Figuren sehen. Der Fremde überblickte die geheimnisvollen Hieroglyphen der Kunst auf einem Papier, welches vor dem Dänen lag, mit tiefer und forschender Aufmerksamkeit. Ich will den Leser nicht mit den Worten und Figuren von prophetischem Inhalte quälen, welche den Uneingeweihten zurückstoßen, und selbst den Schüler der Wissenschaft verwirren; ich will nur bemerken, daß ein Punkt auffiel, dessen Erklärung einigen Zweifel zuließ. Der Engländer stützte sich darauf und ging in eine sehr gelehrte und erbauliche Debatte ein, in deren Hitze, wie das gewöhnlich geschieht, die Ursache des Streitpunktes ganz vergessen wurde. – Ich weiß nicht – sagte der Engländer – warum ich einer Lehre Glauben schenken soll, welche, Sie allein ausgenommen, alle nicht verrückte Menschen für hohl und abgeschmackt erklären. Man kann annehmen, daß die Menschen sich zu einer unpopulären Theorie nur in dem Verhältnis hinneigen, als sie ihnen schmeichelt oder nützt, aber was Ihre – oder wenn Sie wollen, unsere Theorie betrifft, so hat sie mir noch nichts als Unglück prophezeit. – Dein Lebenshoroskop – entgegnete der Astrolog – ist in der That sonderbar und ominös, aber, wie bei meiner Tochter, scheint die genaue Minute Deiner Geburt, bis beinah zum Belauf einer ganzen Stunde, unbekannt, und mit wie vielen Scharfsinn wir auch, nach Beweisen der Alten, Mittel gefunden haben, die Nativität zu verbessern, so bleibt unsere Vorhersagung doch, so lange die genaue Periode der Geburt nicht festgestellt ist, meiner Ansicht nach immer einiger Unsicherheit unterworfen. Die unverlässigste Methode, die mathematische Zeit auf die wahre zu reduciren, die der »Zufälle« ist in diesem Falle nur theilweise anzuwenden, denn Du hast mit einer nicht streng genug zu tadelnden und nicht tief genug zu beklagenden Nachlässigkeit es versäumt, die Tage niederzuschreiben oder zu merken, an welchen Dich Zufälle – Fieber, gebrochen Glieder u.s.w. betrafen, und diese Unterlassung wirft ein Gewölk über die helle Schrift des Geschickes – – Was – unterbrach der junge Mann, – für mich um so glücklicher ist, da es mir noch immer Aussicht zur Hoffnung läßt. – Und doch – begann Volktmann wieder, als ob er entschlossen gewesen wäre, seinem Freunde jeden Trost abzuschneiden – und doch stimmen Dein Karakter und die Richtung Deiner Gewohnheiten, so wie die Eigenheiten Deiner Person, ja selbst die Maale auf Deiner Haut mit dem Entwurfe Deines Horoscopes überein. – Mag es doch – sagte der Engländer heiter. – Sie räumen mir wenigstens die schönste der irdischen Gaben ein – das Glück, den Frauen zu gefallen, welche allein unser Elend hienieden versüßen. Lieber diese Gabe mit ihrer üblen Begleitung, als alle guten Einflüsse ohne dieselbe. – Aber – sagte der Astrolog – auch hier wirst Du auf Unglück stoßen, denn Saturn hat die Macht, der Venus, welche geneigt war, Dich zu begünstigen, sich entgegenzustellen, und Unglück mag aus der Liebe entspringen, die Du einflößest. Es gibt Einen bemerkenswerthen Punkt in unserer Wissenschaft, der besonders in Deinem Horoscop beachtet zu werden verdient. Die Alten kannten den Planeten Herschels, also auch den Einfluß nicht, welchen dieser trübe, seltsame Körper ausübt. Der Schein des Uranus aber neutralisirt zum großen Theil den Muth, den Ehrgeiz und den Stolz des Herzens, den Du sonst aus der glücklichen Zusammenstellung der Sterne um den Mond und den Merkur bei Deiner Geburt geschöpft haben würdest. Jenes Sehnen über die engen Gränzen der Welt hinaus, jene Neigung zum Träumen, zur leidenschaftlichen Schwärmerei, ja selbst Dein Hang zu diesen verborgenen gestirnten Mysterien, trotz Deines sonst weltlichen Sinnes, das alles dankst Du diesem neuen gewaltigen Planeten. – Und daher vermuthe ich, – sagte der Engländer, der, wie der Astrolog bemerkte, sich wider seinen Willen angezogen fühlte, – und daher dieser Kampf des Weltlichen und Romantischen in meiner Natur; daher bin ich bei Ihnen ein träumerischer Enthusiast und schüttle den Augenblick, wo ich wieder in das bunte Treiben des Lebens trete, diesen Einfluß mit Leichtigkeit ab und hasche fröhlich nach allen Freuden der Gesellschaft. – Von Herzen nie fröhlich , – murmelte der Astrolog; – Saturn und Uranus machen keine aufrichtig frohen Gesellen. – Der Engländer hörte dies nicht, oder stellte sich wenigstens so. – Nein, – begann dieser wieder sinnend, – nein, es ist wahr, daß irgend eine Kraft in mir gegen das, was ich manchmal meine natürliche Anlage nennen möchte, antreibt. So bin ich kühn genug, wißbegierig, nicht taub gegen die Stimme der Eitelkeit, und doch besitze ich keinen Ehrgeiz. Der Wunsch nach Erhebung hat durchaus nichts Lockendes für mich, ich verachte ihn sogar als eine Schwäche. Aber was that das Alles? Desto besser, da, wie Sie prophezeien, mein Leben nur kurz ist. Aber wie kann ich bei meinem Mangel an Ehrgeiz, meinen ruhigen Gewohnheiten, mir denken, daß mein Tod gewaltsam und vorzeitig seyn wird? Während er noch sprach, sprang die junge Lucilla, welche mit starrem Blicke und offenem Munde jedes Wort dieses Gespräches eingesogen hatte, plötzlich auf und verließ das Zimmer. Die Beiden waren dies Kommen und Gehen ohne Ursache und ohne zu sprechen, gewöhnt und setzten ihre Unterredung fort. – Ach, – sagte der Däne, – kann Ruhe des Lebens, oder Vorsicht, oder Klugheit uns gegen unser Geschick bewahren? Kein Zeichen kündet sicherer den Tod, sey es durch Zufall oder durch Mord, als das, welches Hyleg mit Orion und Saturn verbindet. Doch magst Du das Jahr überstehen, in welchem diese Gefahr Dir verkündet ist, und nach dieser Zeit finden, daß Ehre und Glück Deiner warten. Besser, die Drohung des Unglücks im Alter der Kraft zu vernehmen, als in dem des Verfalls. Die Jugend stählt sich gegen Mißgeschick, aber im Alter verschrumpft es das Herz, beugt es den Geist. – Auf jeden Fall, – sagte der Gast stolz, – müssen wir uns bemühen, dem Unglück der Gestirne durch unsere innere Philosophie zu widersprechen. Wir können uns vom Schicksal unabhängig machen, und diese Unabhängigkeit ist besser als Glück. – Er fügte darauf mit geändertem Tone hinzu: – Aber Sie glauben, daß wir durch die Macht anderer Künste den Prophezeiungen der Sterne entgegenarbeiten, sie unterjochen können. – Was sagst Du? Du glaubst doch nicht, daß Alchymie, die Dienerin der himmlischen Heerschaare, ihre Feindin sey? – Nein, aber Sie geben zu, daß wir durch die Gewalt Uriels und den Zauber der Cabala, Übel und Gebrechen, die uns sonst verhängnisvoll werden dürften, abwehren können? – Gewiß, aber ich glaube, daß die Entdeckung dieser kostbaren Geheimnisse uns durch das allwissende Buch bei unserer Nativität vorhergesagt, und daß, wie die Drohung des Übels, so auch die Möglichkeit des Entrinnens uns vorgehalten wurde. Und ich muß gestehen, daß für meinen Theil mir eben die Pflege jener himmlischen Wissenschaften wieder einen Trost mitten unter dem Unglücke gebracht hat, zu dem ich bestimmt bin; so wahr scheint es, daß wir nicht bloß in der äußeren Natur, in den Hauptelementen, und in den Eingeweiden der Erde, sondern auch in uns selbst die Vorbereitungen suchen müssen, mit denen wir an die Vervollkommnung der Weisheit Zoroasters und Hermes gehen sollen. Wir müssen uns von Leidenschaften und irdischen Wünschen losreißen. Eingewiegt in himmlische Träume, müssen wir durch Betrachtung das Wesen aus der Materie herausschmelzen, und nie können wir in die Seele der mystischen Welt dringen, als bis wir selbst den Körper vergessen haben und durch Fasten, Keuschheit und durch Nachdenken, im Fleische selbst zur lebenden Seele geworden sind. Mit immer steigender Beredsamkeit ergoß sich der Astrolog im Preise dieser von der alten Kirche, wiewohl nach den vielen noch existirenden Werken der Alchymisten, mit Unrecht verdammten Kunst. Denn alle dieser Werke bestehen auf der Nothwendigkeit der Tugend, und Besiegung der Leidenschaft, wenn man ein glücklicher Kabalist werden will, eine Vorschrift, die allerdings um so politischer ist, als man jedes Mißglücken nicht der Mangelhaftigkeit der Wissenschaft, sondern der fleischlichen Unvollkommenheit der Adepten zuschreiben konnte. Der junge Mann hörte dem alten Sternenseher mit feuriger Aufmerksamkeit zu. Abgesehen von dem düstern Interesse, welches sich immer, besonders bei einem glühenden, befangenen Gläubigen, an Gespräche über übernatürliche Dinge knüpft, lag etwas in der Sprache und der Persönlichkeit des Astrologen, was die Wirkung der Rede selbst noch unsäglich erhöhte. Wie die meisten Menschen, welche mit der Literatur eines Landes vertraut sind, aber keinen Umgang mit Bewohnern desselben haben, brauchte auch Volktmann mehr die Wörter und Redensarten, welche in Büchern, als welche im gewöhnlichen Leben vorkommen. Dies und eine gewisse Feierlichkeit und Langsamkeit des Sprechens, so wie der Gebrauch des bei uns so seltenen »Du,« gaben seinem Dialekt eine fremdartige Würde, welche ganz zu dem Gegenstande seiner Lieblings-Unterhaltung paßte. Volktmann war mager, sein Gesicht eingefallen, blaß; dünne und frühzeitig gebleichte Locken fielen in Unordnung über die kahle Stirne herab, welche überidische Gedanken gefurcht hatten. Aber wie bei den meisten Menschen, die nur in der Phantasie leben, hatte sich das Leben, das in dem Überreste des Körpers ermattet und erstarrt schien, in das Auge, wie in eine Citadelle zurückgezogen. Der wilde, dunkle Glanz seiner großen, blauen Augen verkündete den ganzen Enthusiasmus des Geistes, und strömte sogar einen Theil seines schauerlichen Feuers auf die aus, auf welchen es ruhte. Kein Maler, Volktmann selbst hätte in der Fülle seiner nordischen Phantasie ein besseres Bild jener fahlen, übersinnlichen Adepten aufstellen können, welche in einem finstern Jahrhundert Leben und Gelehrsamkeit auf die hohle Wissenschaft der Alchymie warfen – Träumer, und Märtyrer ihrer Träume. Mit den Besprechungen solcher Mysterien verbrachten die Enthusiasten den größten Theil der Nacht, und als der Engländer sich endlich zum Aufbruch anschickte, so ließ sich nicht verbergen, daß eine feierliche, ahnungsschwere Bewegung seine Brust bedrückte. – Wir haben – sagte er mit einem Versuche zum Lächeln – von Dingen außerhalb dieses niedern Lebens gesprochen, und da müssen wir schwanken, uns verlieren. Aber eines können wir doch bestimmen; das Leben ist mit Nacht umzogen; Sorgen und Schmerz warten selbst derer, auf welche die Sterne ihren goldigsten Einfluß aufschütten. Wir wissen keinen Tag, was der nächste bringen wird; nein, ich wiederhole es, nein, trotz Ihrer Tabellen, Ihrer Berechnungen und Ihrer Bezeichnungen glücklicher Momente, wir wissen nichts. Aber komme was da wolle, Volktmann, komme was Sie mir vorher verkünden, Hemmungen in meiner Liebe, Täuschungen in meinem Leben, Melancholie in meinem Blute, und ein hastiger Tod in der Würde meiner Mannheit – mich wenigstens, mich, meine Seele, mein Herz, meinen besseren Theil soll nichts niederwerfen, nichts verdüstern, nichts entmuthigen. Ich bewege mich in meinem bestimmten, klaren Kreise; der Ehrgeiz kann mich nicht daraus erheben, das Unglück mich nicht darunter erniedrigen. Volktmann warf einen Blick des Erstaunens und der Bewunderung auf ihn; es giebt nur Ein Feuer, das glänzender, voller ist, als das des Fanatikers – das eines kräftigen, edeln Geistes. – Ach mein junger Freund – sagte er, seinem Gaste die Hände drückend – wollte der Himmel, daß meine Prophezeiungen sich als falsch bewähren; oft, sehr oft sind sie falsch gewesen – fügte er hinzu, seinen Kopf in Demuth beugend – sie mögen es auch in Bezug auf Dich seyn. – So jung, so glanzreich, so schön, so wacker, und doch im Herzen so schwärmerisch. Ich fühle es mit, was Dir begegnen mag, in dieser Welt, tiefer als etwas, was über mich selbst verhängt ist, denn ich bin jetzt ein alter Mann, und gegen Täuschung abgehärtet; die Frische meines Lebens ist dahin, und könnte ich selbst das große Geheimnis erreichen, würde die Kenntnis doch zu spät kommen. Bei meiner Geburt wurde mein Schicksal in so klaren Zeichen enthüllt, daß, während ich Zeit gehabt, mich darin zu fügen, mir kein Zweifel aufstieß, den ich hätte wegklügeln können, denn Jupiter im Krebse, von keinem andern Sterne verdeckt, versprach mir in der That einige Kunde in der Wissenschaft, aber auch ein Leben der Abgeschlossenheit, und eins, das nicht die Früchte tragen werde, welche seine Mühen verdienten. Aber in Deinem Loose liegt so viel Ruhm und Glanz, daß kein gewöhnliches Geschick verloren gehen wird, sollten die bösen Einflüsse die Oberhand gegen Dich erhalten. Aber Du sprichst muthig, wie einer, dessen Geist hochstrebend, obwohl umwölkt und verwirrt ist. Und ich präge es Dir daher nochmals und immer wieder ein, daß nur aus Dir selbst , aus Deinem eigenen Karakter, Deinen eigenen Gewohnheiten alles Übel, außer dem Deines Todes, hervorgehen wird. Bewahre daher, ich beschwöre Dich, bewahre in Deinem Gedächtnis wie ein Juwel den ersten großen Lehrsatz des Alchymisten und des Magiers: Erkenne Dich selbst – Beßre Dich selbst – Bezwinge Dich selbst ; nur aus der Kristalllampe wird das Licht klar hervorleuchten. – Es ist wahrscheinlicher, daß die Sterne sich irren werden – sagte der Engländer – als daß das menschliche Herz sich von seinen Irrthümern bessert. Lebt wohl! Er verließ das Zimmer und eilte durch einen Gang, der nach dem äußern Thore führte. Ehe er es erreichte, öffnete sich plötzlich eine andere Thür, und das Gesicht Lucillas strahlte ihm entgegen. Sie hielt ein Licht in der Hand, und als sie den Engländer anstarrte, sah er, daß sie sehr bleich war und geweint hatte. Sie betrachtete ihn lang und ernst, und dieser Blick machte einen sonderbaren Eindruck auf ihn; es ward ihm schwer, das Schweigen zu brechen. – Gute Nacht, meine schöne Freundin – sagte er – soll ich Dir morgen Blumen mitbringen? Lucilla brach in ein wildes, krampfhaftes Lachen aus, warf plötzlich die Thür zu und ließ ihn im Dunkeln stehen. Die kühle Luft des anbrechenden Morgens erfrischte die Wangen des Engländers, doch blieb ein unangenehmes, drückendes Gefühl auf seinem Herzen. Seine durch die lange Unterhaltung mit dem Schwärmer angegriffenen Nerven zitterten noch von dem plötzlichen Lachen des seltsamen Mädchens, das so ganz von Andern seines Alters abstach. Die Sterne wurden geisterhaft bleich, um den Mond war ein trüber, trauriger Nebeldunst. – Ihr blickt bedeutungsvoll auf mich herab – sagte er halblaut, als er zum Himmel aufsah, und die Aufregung seines Geistes verrieth sich in jedem Laute – Ihr, auf die, wenn unsre Lehre wahr ist, der Allmächtige die Zeichen unsers sterblichen Looses geschrieben hat. Und wenn Ihr die Fluthen der rauschenden Tiefe und den Wechsel des rollenden Jahres bestimmt, warum sollen wir nicht auch glauben dürfen, daß Ihr denselben sympathischen und ungesehenen Einfluß auf das Blut und Herz ausübt, welcher den Karakter – und der Karakter schafft das Leben – bestimmt. – Der Engländer setzte sein Selbstgespräch fort, und fand immer neue Gründe für seine Leichtgläubigkeit, die ihm nur wenig Stoff zu Freude oder Hoffnung gab, bis er an das St. Sebastiansthor gekommen war. In dem Karakter des Reisenden lag in der That Vieles, was zu seinem Horoscop paßte, und diese Überzeugung trug mehr, als ein zufälliges Zusammentreffen von Begebenheiten, dazu bei, ihn zu dem Nachdenken über die eitlen, aber imposanten Aussprüche der prophetischen Astrologie zu drängen. Im Besitze aller der Kräfte, welche einen Mann sich aufzuschwingen befähigen; feurig und doch fein, beredt, müßig, tapfer, und, obgleich nicht veränderlich, doch mit der seltenen Kunst begabt, seine Kräfte zu konzentriren, und so sich schnell alles dessen zu bemeistern, was nur eben die Aufmerksamkeit erregte, verschmähte er es doch, diese Gaben gehörig zu entfalten. Er lebte nur im Genuß. Ein leidenschaftlicher Verehrer der Frauen, Musik, Künste und Wissenschaften, suchte er in der Geselligkeit, nicht in der weltlichen Sphäre, den Zweck seiner Existenz. Und doch war er kein gewöhnlicher Epikuräer. Denn sein Genuß bestand nur aus Elementen, die gemeine Naturen ermüdet hätten. Träume, Beschauung, Einsamkeit, waren ihm zu Zeiten lieber, als heiterere Aristippische Genüsse. Von früher Jugend an Einsamkeit gewöhnt, wurde er selten müde, allein zu seyn. Er suchte die Menge, nicht sich zu unterhalten, sondern Andere zu beobachten. Die Welt war ihm weniger eine Bühne, auf der er selbst eine Rolle zu spielen hatte, als ein Buch, in dem er die Räthsel der Weisheit zu entziffern suchte. Er beobachtete Alles, was um ihn vorging. Nicht durch Lebhaftigkeit, sondern durch Sanftmuth übte er einen Zauber über seine Umgebung aus. Aber unter dieser weichen Hülle schlummerte das Luchsauge nicht. Mit einem Blick durchschaute er einen Karakter, machte jedoch selten Gebrauch von seiner Kenntnis. Er fand Vergnügen darin, in den Menschen zu lesen, es ermüdete ihn aber, sie zu beherrschen. Und so ließ er es geschehen, daß er bei seiner vollendeten Weltkenntnis, in der Übung derselben unkundig erschien. Mit einem Ideal der Liebe und Freundschaft im Geiste, fand er in der Wirklichkeit nichts, was seine Neigung lange hätte fesseln können. So galt er als flatterhaft bei den Frauen, und hatte er unter den Männern keinen ächten Freund. Dieser Karakterzug ist häufig bei Männern von Genie; die Überfülle des Herzens bringt sie in den Ruf der Herzlosigkeit. Doch ist immer Gefahr, daß ein Karakter dieser Art mit den Jahren wird, was er scheint. Nichts verhärtet das Gefühl so, als Verachtung. Am nächsten Morgen erhielt der junge Reisende eine außerordentliche Botschaft von England. Sein Vater war gefährlich krank, und keine Hoffnung, daß er, selbst bei der größten Eile, noch seines letzten Segens theilhaftig werden könnte. Der Engländer erinnerte sich, starr vor Schrecken, seiner Unterredung mit dem Astrologen. Nichts belustigt uns so, als wenn wir eine übernatürliche Furcht, welche sich bereits unserer Vernunft bemächtigt hat, bestätigt sehen; und von allem übernatürlichen Glauben erfüllt und der, daß wir durch eine Vorherbestimmung gefesselt und so nur das Spielwerk eines finstern, unnachlassenden Geschicks sind, am meisten mit Schauder und Kleinmüthigkeit. Der Engländer verließ noch am selben Morgen Rom, und ließ dem Astrologen nur mündlich die Ursache seiner Abreise anzeigen. Volktmann hatte ein vortreffliches Herz, aber es ließ sich doch schwer entscheiden, ob nicht die Freude über den Triumph seiner Prophezeiung in ihm den Schmerz über das Unglück seines Freundes überwog. Drittes Kapitel. Die Jugend der Tochter Volktmanns. – Mysteriöse Unterredung. – Eine unerwartete Rückkehr. Die Zeit schritt langsam vor, und Lucilla wuchs zur Schönheit heran. Die eigenthümlichen Züge ihres Karakters nahmen an Stärke zu, verbargen sich aber mehr unter der natürlichen Schüchternheit der Jungfräulichkeit. In ihrem fünfzehnten Jahre war ihre Gestalt bereits voll aufgeblüht, und das wilde Mädchen zum Weibe gereift. Ein sinnender Ausdruck, der, wenn ihr Gesicht ruhig war, auf Mund und Stirne lang, gab ihr das Aussehen, als sey sie einige Jahre älter, als sie wirklich war, aber wenn dann ihre natürliche Lebhaftigkeit zurückkehrte, wenn man den hellen, muntern Klang ihres herzlichen Lachens hörte, oder wenn die kühle, frische Morgenluft ihr das Blut in die Wangen trieb und ihre Schritte beflügelte, glich ihr Gesicht dem eines Kindes, und stach seltsam, und mit einer gefährlichen Lieblichkeit gegen die reiche Fülle ihrer Gestalt ab. Und doch war Lucilla Volktmann, die mit Niemand Umgang hatte, Allem fremd, was die Welt anging. Ungezügelten Sinnes gab sie dem Kummer oder der Anregung des Augenblicks sich mit einer Heftigkeit hin, welche jeden, der sie in einem solchen Momente sah, erschrecken mußte. Aber nur selten hatten solche Scenen einen Zeugen; sie floh selbst ihren Vater, und verbarg sich an den einsamsten Stellen, um sich dort den Stürmen ihres Innern zu überlassen, und vielleicht fand sie selbst in der einsamen Ungestörtheit dieses schmerzlichen Kummers eine Art Genuß. Volktmann setzte seine Studien indes mit einem Eifer fort, der, wie bei jeder Monomanie, mit den Jahren zunahm, und vergaß in dem zufälligen Eintreffen einiger seiner Prophezeiungen die Irrthümer der übrigen. Er schrieb zuweilen an den Engländer, der, nach einem kurzen Aufenthalte in England, nach dem Kontinente zurückgekehrt war, und jetzt eine lange Reise nach den Haupstädten des Nordens angetreten hatte. Das Leben des Reisenden unterschied sich in der That wesentlich von dem des Astrologen. Die Zeit, Zerstreuung und ein reiferer Verstand hatten ihn von seinem kindischen Hange zu so leeren, nichtigen Studien geheilt. Doch blickte er immer noch mit einer ungeschwächten Theilnahme auf die Zeit seiner Bekanntschaft mit dem Sternenseher, auf ihre langen, schmerzlichen Nachtwachen, auf die ansteckende Zuversicht des Astrologen und auf seine düstern und wilden Versuche in jener alten Wissenschaft zurück, die sich mit den Legenden der frühesten Vorzeit verknüpft. Eines Abends – es waren vier Jahre seit der letzten Scene vergangen, welche wir in dem Hause des Astrologen beschrieben haben – saß Volktmann allein in seinem Lieblingszimmer. Vor ihm lag eine Berechnung, auf der die Tinte noch nicht getrocknet war. Sein Kopf war auf die Brust herab gesunken und er schien in tiefes Sinnen verloren. Seine Gesundheit hatte in der letzten Zeit sehr gelitten, und sein abgezehrtes Gesicht, seine gebeugte Haltung verriethen, daß der Tod sich schon bereit machte, den Schwärmer von einer Welt abzurufen, von deren eigentlichen Genüssen er so spärlich gekostet hatte. Lucilla war den Tag über aus seinem Zimmer verbannt gewesen. Sie wußte, daß jetzt seine Arbeit vorüber sey und trat mit dem Abendessen, dem gewöhnlichen einfachen Mahle der Italiener, der Mais-Polenta, Brod und Früchten, herein, welche er, nach der Weise der Gelehrten, unaufmerksam verzehrte, ohne daß er nach einer Stunde gewußt hätte, ob er wirklich gegessen oder nicht. – Setze Dich, Kind – sagte er freundlich zu Lucilla, – setze Dich nieder. Lucilla gehorchte, und ließ sich auf demselben Stuhle nieder, auf dem sie in jener Nacht gesessen hatte, in welcher der Engländer sie zum letztenmale gesehen. – Ich habe darüber nachgedacht – sagte Volktmann, seine Hand auf ihren Kopf legend – daß ich Dich bald verlassen werde, und ich wünsche sehr, vor meinem Scheiden – Dir einen Beschützer zu suchen. – Ach, Vater – sagte Lucilla, indem ihr die Thränen aus den Augen strömten – sprich nicht so. Gewiß, gewiß Du mußt Dich nicht so dieser ewigen, düstern Abgeschlossenheit überlassen. Du versprachst mir, mich einen dieser Tage nach dem Vatikan zu führen, laß uns morgen gehen; das Wetter ist bisher so schön gewesen, wer weiß, ob es noch lange anhält. – Du hast Recht, und der morgende Tag wird, glaube ich, für unsern Zweck nicht ungünstig seyn, denn der Mond erreicht dasselbe Alter, wie bei meiner Geburt, ein Zufall, den Du Dir merken mußt, mein Kind, weil er besonders günstig für jede Unternehmung ist. Der arme Astrolog verließ so selten sein Haus, daß er den Spaziergang von einer oder zwei Stunden mit Recht als eine Unternehmung betrachten konnte. – Ich hätte gewünscht – fügte er nach einer Pause hinzu – ich hätte gern noch einmal, das heißt binnen Kurzem, unsern Englischen Freund wiedergesehen. Denn Dir die Wahrheit zu sagen, Lucilla, es betreffen ihn, sonderbar genug, gewisse Ereignisse um dieselbe Zeit, in welcher gleich schwere Ereignisse Dir bevorstehen. Dieses Zusammentreffen hat mir eine so warme Theilnahme an dem Loose dieses Fremden eingeflößt. Ich wollte, ich sähe ihn bald wieder. Lucillas schöne Brust hob sich und ihre Wange erglühte. – Du erinnerst Dich des Fremden – fragte Volktmann nach einer Pause. – Ja – antwortete Lucilla, kaum hörbar. – Ich habe in der letzten Zeit nichts mehr von ihm gehört; ich will nach ihm fragen, ehe der Hahn kräht. – Nein, nein, Vater, nicht heute Nacht mehr; Du bedarfst der Ruhe, Dein Auge ist ermüdet. – Mädchen – sagte der Mystiker, die Seele schläft und bedarf des Schlafes nicht; gleich den Sternen, welche, wie der Araber sagt, auch ihre Seele haben, mit der unser inniges Sehnen uns verbindet, so daß wir, durch einen schlummerlosen Eifer, uns zu einem Theil des Himmels selbst machen – gleich den Sternen, sage ich, welche dem menschlichen Auge entschwinden und an dem gemeinen Tage nicht gesehen werden, obgleich währenddes ihr Lauf nicht stillsteht, ihre Stimme nicht verstummt: eben so zieht sich die Seele des Menschen zurück in einen scheinbaren Schlaf, arbeitet aber in Wahrheit und vielmehr mit ungehemmter Kraft fort, da sie freier ist von gewöhnlichen Hindernissen und rohen Fesseln. Und wenn ich diese Nacht mit dem Geiste, welcher die Erde und die Wesen der Erde lenkt, wegen dieses Fremden zu verkehren denke, so soll dies nicht durch Wachen und Rechnen, sondern eben durch den Schlummer geschehen, von dem Du in Deiner geistigen Nacht wähnst, daß er mich von der Hülfe meiner Kunst entblöße. – Kannst Du wirklich – fragte Lucilla halb schüchtern, halb ängstlich – kannst Du wirklich in Deinen Träumen die Personen heraufbeschwören, welche Du zu sehen wünschest, oder aus dem Schlafe eine Verkündung ihres gegenwärtigen Zustandes abnehmen? – Gewiß: es ist dies eine der größten, obgleich vielleicht nicht die ergiebigste unserer Wissenschaften. – Kannst Du mir die Methode lehren? – frage Lucilla ernst. – Alles was die Kunst betrifft, ja; die Hauptsache aber liegt in Dir selbst. Denn wisse, meine Tochter, daß einer, der die überirdische Weisheit sucht, mit langer Arbeit und tiefem Nachdenken seine geringsten irdischen Fähigkeiten bilden und anregen muß. Der Astrolog, welcher bemerkte, daß Lucilla ihm eine so gespannte Aufmerksamkeit lieh, wie sie nicht oft seinen metaphysischen Entwicklungen schenkte, hielt einen Augenblick ein, und fuhr dann mit dem Tone eines Mannes fort, der sich zugleich so klar und so eindringlich auszudrücken wünscht, als es die Natur einer dunkeln Wissenschaft gestattet. – Es giebt zwei Dinge in der äußeren Schöpfung, welche, nach dem großen Hermes, zum Schaffen alles Wunderbaren und Glorreichen genügen – Feuer und Erde. Eben so, mein Kind, liegen in der menschlichen Natur zwei Kräfte, welche Alles hervorbringen, dessen unsere Natur fähig ist – Vernunft und Einbildungskraft. Nun aber hat das Menschengeschlecht, welches weniger Weisheit auf sich, als auf die äußere Welt verwendet, zum großen Theil nur eine dieser Kräfte, und zwar die geringere, passivere, die Vernunft, ausgebildet. Man hat die Erde des menschlichen Herzens bebaut; aber dessen Feuer schlummern, oder sich in Zufälligkeiten und leichtfertigen Richtungen verdunsten lassen. Daher die Unzulänglichkeit des menschlichen Wissens. Erfindungen, die nur auf Vernunft begründet sind, bewegen sich nur in trivialen Kreisen. Wenn einige Wenige mit richtigerm Instinkte sich auf die göttlichen Elemente der Einbildungskraft geworfen haben, so ward sie doch von ihnen nur für die flüchtigeren Künste, für solche verwendet, die mit der Vernunft in keiner Verbindung stehen. Dazu gehört die Poesie, die Musik und andere herrliche Gebilde des Genius, welche die Menschen ergötzen, zähmen, sie aber nicht vorwärts bringen . Im Dienste der Philosophie haben sie, mit wenigen Ausnahmen, diese ruhmreiche, beschwingte Kraft ganz unthätig gelassen. Dort hat man nur die Vernunft zugelassen und die Phantasie sorgfältig als ein trügerisches Meteor gebannt. Nun gieb Acht, mein Kind: ich habe diesen Irrthum in früher Jugend erkannt und zu erforschen beschlossen, was durch die Pflege dieses mißhandelten, zurückgestoßenen Elementes erzielt werden könne, und da ich beim Fortschreiten in den durch diesen Mensch angeregten Studien, in den tiefen, doch anleitenden Schriften der großen Philosophen des Alterthums gefunden habe, daß sie mir in dieser Entdeckung vorausgegangen waren, so nahm ich mir vor, aus ihren Erfahrungen zu lernen, durch welche Mittel die Einbildungskraft am besten genährt und erhoben wird. Durch ängstliches Befolgen ihrer Vorschriften, deren Wahrheit sich bald an den Tag legte, fand ich, daß Einsamkeit, Fakten, angestrengtes Sinnen über das eine Thema, über welches ich mir Belehrung wünschte, die wahren Elemente und Prinzipien dieser wundervollen Kraft sind. Durch diese Mittel und durch dieses Vermögen erwarben die Männer, die in geringeren Wissenschaften so weit hinter uns zurück sind, sich auf den lichten Ebenen Chaldäas, und an den dunklen Gewässern Egyptens ihren durchdringenden Blick in den Schooß der Ereignisse; durch diese Mittel und durch dieses Vermögen erkannten die Einsiedler des Mittelalters nicht allein die räthselhaften Geheimnisse der Sterne, sondern erlangten auch die Herrschaft über die Geister auf, über und unter der Erde, eine Macht, die ihnen allerdings durch die anmaßenden Sophisten der Gegenwart abgestritten wird, für die sich jedoch Beweise in Fülle in ihren Schriften finden. Ja ich begreife, daß durch das beständige Bilden, Nähren, Verfeinern und Erhöhen der Einbildungskraft, selbst die falschen Propheten und die argen Kundigen der schwarzen Cabala, sich das scheinbar unbegreifliche Vermögen erwarben, das Vermögen – Wunder und Mirakel hervorzubringen, welche dem Anscheine nach dem Lauf der Natur Lügen strafen, in Wahrheit ihn aber nur bestäthigen. Durch diesen Geist in dem Fleische, wachsen wir aus dem Fleische heraus, und erreichen es endlich, daß wir die Seelen der Todten sehen, und beschwören, Warnungen vernehmen, Omina hören, und unsern Schlaf mit Träumen umgürten können. – Mir sind – fügte der Cabalist leise hinzu – alle diese Gaben nicht verliehen. Denn ich begann die Kunst, als das erste Feuer der Jugend in mir bereits gedämpft war, und die Schwingen, mit denen ich mich zu erheben suchte, waren daher matter und vom Irdischen zu sehr beschwert. Doch habe ich etwas als Lohn für strenge Enthaltsamkeit und große Arbeit gewonnen und die Herrschaft über das Land der Träume ist wenigstens in meiner Gewalt. – Also – sagte Lucilla traurig – also kann man eine solche Gewalt nicht durch einen Zauberspruch, sondern nur dadurch erhalten, daß man sich längere Zeit der Glut der Phantasie überläßt. – Aber nicht so ganz, meine Tochter; die, welche so die himmlischere Kraft erhoben und gesteigert haben, können zwar allein, und selbst ohne Zauber und Talisman, die gewisse und unwandelbare Gewalt der Träume erhalten, aber auch die stumpfern, trägern Menschen dürfen mit gerechtem Vertrauen, (wiewohl nicht mit Gewißheit) diese Kraft durch Hülfe der Kunst und dadurch zu erlangen hoffen, daß sie die ganze Macht ihrer halbgeweckten Phantasie auf die Person und den Gegenstand richten, den sie im Spiegel des Schlafes zu sehen wünschen. – Und was für ein Mittel müssen die Uneingeweihten brauchen? – fragte Lucilla mit reger Theilnahme. – Das will ich Dir sagen. Zuerst mußt Du auf ein weißes Pergament ein Sonnenbild zeichnen. – Wie das? – So! – antwortete der Astrolog, indem er aus seinen Papieren eins herauszog, auf dem das Bild eines an der Brust eines Engels schlafenden Mannes zu sehen war. – Dies ist gemacht worden zu der rechten Zeit, wo die Sonne in dem neunten der himmlischen Häuser stand und der Löwe seine glänzende Mähne schüttelte, als er den blauen Berg hinaufstieg. Dann bemerkte, daß auf der Figur Dein Wunsch geschrieben werden muß, der Name der Person, oder des Dinges, das Du zu sehen wünschest. Wenn Du dann Deinen Geist zum Glauben an die Wirkung gestimmt hast – denn ohne Glauben bleibt die Einbildung unwirksam und leblos – dann wird das Bild unter dem Kopf des Beschwörers gelegt, und wenn der Mond durch das Zeichen geht, welches in dem neunten Hause seiner Nativität stand, so wird der Traum ihn umgaukeln und seine Seele mit dem Geiste der Erscheinung wandeln. – Gib mir das Bild – rief Lucilla heftig. Der Philosoph schwankte. – Nein Lucilla – sagte er endlich – nein, es ist ein dunkler, unfreundlicher Pfad, der Pfad der Verkündigung und überirdischen Wissenschaften für Alle, außer für die Wenigen, die ihn mit hellem Blick und furchtloser Seele betreten. Er ist nicht geschaffen für Frauen und Kinder – ja nur für die reinsten der Männer; er trocknet die Säfte des Lebens und bleicht die Haare vor der Zeit. Nein, nein, halte Dich an das klare Sonnenlicht und die vergänglichen aber süßen Blumen der Erde; sie sind besser für Dich, mein Kind, und für Deine Jahre, als die fieberhafte Hoffnung des nächtlichen Traumes und der planetarischen Einflüsse. Der Astrolog steckte das Bild wieder zwischen die Blätter eines Buches und warf dieses mit einer bei ihm ungewöhnlichen Vorsicht in ein Fach, das er verschloß. Das schöne Gesicht Lucillas umwölkte sich, aber die leidende Gesundheit ihres Vaters zügelte die Wildheit ihres Temperaments. In demselben Augenblick öffnete sich langsam die Thür und der Engländer stand vor der Tochter und ihrem Vater. Sie bemerkten ihn nicht sogleich. Der alte Diener des Sternensehers hatte ihn eingelassen, und er war ungehindert bis in das wohlgekannte Gemach gedrungen. Als er jetzt vor dem Paare stand, bemerkte er mit einem stillen Lächeln, wie genau dessen jetzige Gruppierung, wie überhaupt der ganze Anblick des Zimmers dem jenes Abends glich, wo er zum Letzenmal dieses Haus betreten hatte; der Vater lehnte sich über den alten abgenutzten Tisch, die Tochter saß neben ihm auf demselben niedrigen Stuhle. Auch der Ausdruck ihrer Gesichter überraschte ihn, denn in ihnen lag derselbe Trübsinn, welcher ihn damals so durchschauert hatte. Die Erinnerung an dieses Zusammentreffen der Umstände konnte den jungen Reisenden nicht eben aufheitern; er blieb noch einen Augenblick stehen, als ob er mit sich selbst zu Rathe ging und trat dann, begierig das Schweigen zu brechen, mit schwerem Geiste vor. Volktmann fuhr auf bei dem Geräusch, und schien, als er in die Höhe blickte, wahrhaft elektrisirt durch die plötzliche Erscheinung dessen, nach dem er sich eben noch so sehr gesehnt hatte. Die Lippen murmelten den Namen des Fremden – Godolphin's – und schlossen sich dann wieder, aber Lucilla sprang von ihrem Sitze auf, schlug die Hände freudig zusammen und stürzte bis vor den unerwarteten Gast. Hier blieb sie plötzlich erröthend, beschämt, erschüttert, und doch voll Entzücken stehen. – Wie, ist das Lucilla – sagte er voll Bewunderung – wie schön ist sie geworden! Als er sich ihr näherte, berührte er mit einem leichten brüderlichen Kusse ihre glühende Wange, und wendete sich dann, ohne ihre Verwirrung zu bemerken, nach dem Astrologen, der sich währenddes etwas von seinem Erstaunen erholt hatte. Viertes Kapitel. Die Wirkungen der Jahre und der Erfahrung. – Der Italienische Karakter. Godolphin kam jetzt täglich in das Haus des Sternensehers. Die physische Veränderung, welche vier Jahre an seinem Freunde hervorgebracht hatten, machte ihn besorgt und er suchte, mit der Wärme eines von Natur theilnehmenden Herzens, die Behaglichkeit und den Genuß eines Lebens zu erhöhen, das offenbar sich zu seinem Ende neigte. Godolphins Gesellschaft schien Volktmann ein Vergnügen zu gewähren, wie des nichts anderes im Stande war. Er unterhielt sich mit ihm über die verschiedenen Zufälle, die beiden seit ihrer Trennung begegnet waren, und bei Allem, was Godolphin erzählte, suchte der Mystiker seinen Freund auf die Erfüllung seiner Prophezeiungen aufmerksam zu machen. Obgleich Godolphin nicht mehr an die Wissenschaft des Schwärmers glaubte, so wollte er seinen Behauptungen doch nicht widerstreiten. Er hatte während seines Lebens nicht viel gefunden, was bei gewöhnlichen Angelegenheiten ihn aus seiner bequemen Ruhe aufgescheucht hätte, und es war nicht leicht, einen Mann von seiner ruhigen Stimmung und selbstzufriedenen Weisheit zum Disputiren zu zwingen. Und dann, wer kann mit dem Fanatismus streiten? Seit der junge Idealist England verlassen, hatten die Elemente seines Karakters das Gebot der Zeit erfüllt, und in dessen allgemeiner Richtung die gebührende Veränderung bewirkt. Der warme Quell der Jugend strömte nicht mehr so frei, wie sonst: die Selbstsucht, welche immer, früher oder später den einzeln stehenden Mann der großen Welt ergreift, war nach und nach in alle Kanäle seines Herzens gedrungen. Da die grübelnde und sinnende Richtung seiner Kräfte sich vom Romantischen zu dem, was er für Philosophie hielt, gewendet hatte, so war der einstige Enthusiasmus zur Klugheit erstarrt. Er haßte die Menschen nicht, liebte sie aber auch nicht mit warmer Liebe, er betrachtete sie mit kaltem, forschenden Blicke. Er glaubte nicht, daß es in der Macht der Regierung stehe, die Masse des Volkes in irgend einem Lande viel glücklicher zu machen, oder höher zu stellen, als sie eben steht. Republiken, pflegte er zu sagen, begünstigten aristokratische Tugenden und der Despotismus vernichte sie, aber in Monarchien, wie Republiken blieben die Holzhauer und Wasserträger, die Menge , innerlich immer dieselbe. Diese Theorie vermehrte seine Gleichgültigkeit gegen den Ehrgeiz. Die Losungsworte der Parteien schienen ihm lächerlich, die Politik im Allgemeinen ein Federball, der durch den Wettstreit lärmender Kinder in Bewegung gehalten werde. Sein Geist wurde daher durch die öffentlichen Angelegenheiten nicht aufgeregt, und hüllte sich in einen Mantel höchst falscher, gefährlicher Philosophie. Sein Hang zu Vergnügungen war durch Erfahrung etwas abgestumpft worden, doch war er noch keineswegs gesättigt oder bekehrt. Nur Ein Gefühl hatte fast noch dieselbe Gewalt in seiner Brust behalten – dies war seine zärtliche Erinnerung an Konstanze, und das hatte auch verhindert, daß irgend eine spätere Intrigue in Liebe ausgeartet wäre. So erscheint uns Godolphin wieder in einem Alter von sechs und zwanzig Jahren. Im Italienischen Karakter lag Vieles, was unser Reisender liebte, namentlich die systematische Liebe zur Bequemlichkeit, die Freundlichkeit, die Zufriedenheit mit der Welt wie sie ist, die moralische Apathie gegen Alles, was das Leben erschüttert, mit Ausnahme Einer Leidenschaft, und die allgemeine Zartheit, Glut und Innigkeit, welche in dieser Leidenschaft entfaltet wird. Der gemeinste Landmann von Rom oder Neapel, obwohl vielleicht nicht in dem freieren Toscana, begreift alles Romantische und Geheimnisvolle der feinsten Gattung von Liebe, zu dessen Ahnung es in England des müßigen Treibens der Aristokratie und der Einigkeit des Genies bedarf. Ja, was noch mehr ist, der ausgelebte Wollüstling, der alle Erfahrungen in der Zügellosigkeit durchgemacht hat, die sich mit den Gränzen einer nordischen Ausschweifung gar nicht vergleichen läßt, behält noch Gefühl für die ersten und unschuldigsten Empfindungen der Leidenschaft. Und wenn der Patriotismus irgendwo in seiner kältesten Reinheit existirt, so ist dies grade unter den Aretins des südlichen Italiens. Diese ideelle Verfeinerung bei so materieller Verhärtung war eine Eigenthümlichkeit, die dem scharfen Auge und Urtheile Godolphins ein immerwährendes Vergnügen bereitete. Er liebte nicht die gewöhnlichen Elemente des Karakters; ihm gefiel zu meist das Abstrakte und schwer zu Ergründende. Er mischte sich viel unter die Römer und ward bald ihr Liebling, hatte jedoch während seines jetzigen Aufenthaltes in der unsterblichen Stadt, auch nicht den entferntesten Umgang mit Engländern. Seine Gleichgültigkeit gegen den Aufwand, und die Unabhängigkeit des einzelnen Mannes von lästigen Verbindungen machten, daß sein Einkommen durchaus für seine Bedürfnisse genügte, aber er mochte doch, wie viele stolze Menschen, es selbst in seinen eigenen Augen nicht sichtbar werden lassen, daß er, neben den verschwenderischen Ausgaben seiner prunksüchtigen Landsleute, nur ärmlich erscheinen müsse. Das Reisen hatte überdies die geistigen Schätze vermehrt, welche der Einsamkeit die Langeweile benehmen. Fünftes Kapitel. Magnetismus. – Sympathie. – Die Rückkehr der Elemente zu den Elementen. Mit jedem Tage nahm die Gesundheit Volktmanns ab. Lucilla allein kannte seine Gefahr nicht. Sie hatte nie die langsame Annäherung des Todes und von allen Krankheiten nur die schnellen, plötzlich endenden Leiden ihrer Mutter gesehen. Mit wahrer Krankheit verbarg sich in ihrem Geiste der Begriff von Ärzten und finstern Zimmern, und da der Astrolog, in seine Berechnungen versunken, keine seiner Gewohnheiten aufgab, so schrieb sie seine gelegentlichen Klagen der Melancholie des abgeschiedenen Lebens zu. Bei viel sitzenden Männern enden Krankheiten, die oft mit der Organisation des Herzens in Verbindung stehen, nicht selten ganz plötzlich: bei Volktmann geschah es so. Eines Tages saß er allein mit Godolphin: ihr Gespräch drehte sich nur um die Lehren des alten Magnetismus, eine Lehre, welche, da sie scheinbar so sehr auf Erfahrung fußt, die übrigen Mysterien überlebt und in dem phantasiereichen Deutschland noch nicht ganz außer Ruf gekommen ist. – Einer der bemerkenswerthesten und tiefsten Punkte in dem, was wir Metaphysik nennen – sagte Volktmann – ist die Sympathie , die nach einigen der Urquell der menschlichen Tugend ist. Sie, sagt man, macht den Menschen gerecht, barmherzig. Wenn einer, der nie gehört hat, daß es Pflicht sey, seinem Nächsten beizuspringen, einen andern ertrinken sieht, so stürzt er in das Wasser und rettet ihn. Warum? Weil unwillkürlich seine Einbildungskraft ihn an die Stelle des Fremden versetzt: die Angst, die er bei dem Wassertode empfinden würde, erschüttert ihn, und in dieser Angst eilt er, ohne ihren Grund zu zersetzen, sich selbst zu retten. Menschlichkeit wird ihm also durch Sympathie gelehrt. Wo liegt aber diese Sympathie? In den Nerven: die Nerven sind das Bindemittel mit der äußeren Natur; je zarter die Nerven, desto stärker die Sympathie, daher Frauen und Kinder empfänglicher für sie sind, als Männer. Geben Sie weiter Acht! Haben diese Nerven nun bloß ein Anziehungsvermögen, der Sympathie der menschlichen Leiden gegenüber, oder nicht auch vielmehr in Beziehung zu den Kräften dessen; was fälschlich die unbelebte Natur genannt wird? Wirken nicht anerkannter Weise die Winde, die Einflüsse des Wetters und der Jahreszeiten auf sie ein? Und wenn Ein Theil der Natur, warum nicht auch Ein anderer, der mit jenem unzertrennlich verbunden ist? Wenn Wetter und Jahreszeiten in Sympathie mit den Nerven stehen, warum nicht auch der Mond und die Sterne, durch welche das Wetter und die Jahreszeiten bestimmt und verändert werden? Ihr Schulmenschen gebt zu, daß die Sympathie einige unserer Handlungen veranlaßt, ich aber sage, sie regiert die ganze Welt, die ganze Schöpfung! Ehe das Kind geboren ist, kann diese geheime Verwandtschaft dasselbe mit dem Gepräge eines Schreckens oder eines Verlangens seiner Mutter bezeichnen. – Und doch – warf Godolphin ein – werden Sie, mit all Ihrem Eifer für die Sympathie, nicht die Sache des Edricius Mohynnus vertheidigen, welcher Wunden mit einem Pulver heilte, daß er nicht auf die Wunde legte, sondern auf ein Tuch, das in deren Blut getaucht wurde. – Nein! durch solche falsche Ableitungen haben anmaßende Quacksalber alle Wissenschaft zu Grunde gerichtet. Aber ich glaube, daß die Sympathie die Kraft hat, uns aus unserm eignen Körper zu entführen und uns mit den Abwesenden wieder zu vereinigen. Daher die Vergleichungen und die Extasen, in welchen der Patient Dir in vollem Ernste und mit der genauesten Umständlichkeit alles erzählen wird, was er weit ab, in andern Theilen der Erde oder über der Erde gesehen und gehört hat; so wie Du ja die beglaubigte Geschichte des Jünglings kennst, der, von einer heftigen Sehnsucht hingerissen, seine Mutter wieder zu sehen, durch diese Sehnsucht in Verzückung gerieth, und sie, obgleich viele Meilen entfernt, mit ihm Zeichen eines körperlichen wirklichen Begegnens wechseln sah. Godolphin wendete sich ab, um ein unwillkürliches Lächeln über die Behauptungen zu verbergen; aber der Mystiker, der es vielleicht bemerkte, fuhr noch heftiger fort: – Ja ich selbst habe zu Zeiten solche Verzückungen, wenn es wirklich Verzückungen sind, empfunden, und habe mit denen geredet, welche von der äußeren Erde hinübergegangen sind – mit meinem Vater und meiner Mutter. Und – fügt er nach einer augenblicklichen Pause hinzu – und ich glaube, daß wir vermittelst der Anziehung dieser ursprünglichen und alles durchdringenden Sympathie, in unsern letzten Augenblicken sogleich in den Schooß derer, welche uns lieben, übergehen können. Denn durch das gespannte und verzückte Sehnen, die Seligen zu schauen und unter ihnen zu seyn, werden wir unmerklich zu ihnen erhoben, so daß, wenn die Stunde gekommen ist, wo das Land zwischen Körper und Geist aufgelöst werden soll, die so erhobene Seele und Begierde nicht mehr nach der Erde zurück kann. Und diese geschärfte und ausgedehnte Sympathie wird, glaube ich, unsere Kräfte, unser ganzes Wesen in dem zukünftigen Leben bestimmen. Da unsere Sympathie dann nur mit dem Unsterblichen in Berührung kommt, so werden wir nothwendig der Natur, welche uns anzieht, theilhaftig werden, und da der Körper nicht mehr die Stärke unserer Sehnsucht hemmt, so werden wir durch den bloßen Wunsch im Stande seyn, uns nach Willkühr von Stern zu Stern, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit zu begeben, wie getragen, und beflügelt durch unsere Wünsche. Godolphin antwortete nichts, denn er erschrak vor der zunehmenden Blässe des Mystikers, und vor der träumerischen und starren Ruhe, welche seine Augen zu ergreifen schien, die sonst gewöhnlich so lebhaft und hell umherstrahlten. Der Tag war seinem Scheiden nah. Lucilla trat in das Zimmer und schmiegte sich an ihres Vaters Seite. – Ist der Abend warm? – Er ist mild und warm. – So gib mir Deinen Arm, ich will mich ein wenig vor die Thüre setzen. Die Römer wohnen in flachen Häusern, wie die Edinburger. Volktmanns Zimmer war im Secundo plano . Er stieg die Treppe mit leichteren Schritten herab, als in den letzten Tagen, setzte sich auf eine Bank vor der Thüre, und schien schweigend und behaglich die sanfte Luft eines Italienischen Abendhimmels einzuathmen. Bald war die Sonne ganz verschwunden, und das dem dortigen Klima eigenthümliche kurze, aber köstliche Zwielicht gefolgt. Wie einen leichten Schleier warf der um diese Stunde zwischen Himmel und Erde schwebende Nebel seinen durchsichtigen Schatten auf das Land, schien einen Augenblick zu zittern und versank. Der Mond erhob sich und warf seine Strahlen auf Volktmanns ernste Züge, an die blühende Farbe, das besorgte Auge Lucillas, auf die nachdenkende Stirne, die bewegungslose Gestalt Godolphins. Es war eine Gruppe von unbeschreiblichem Reize: es herrschte eine Stille, daß der Mystiker glauben mochte, die Erde schweige, um der Stimme des Himmels zu lauschen. Keiner sprach. Der Blick und Geist des Astrologen war nach höheren Regionen gerichtet, und niemand wollte die Betrachtungen des alten, schwärmenden Mannes stören. Godolphin überließ sich, mit verschlungenen Armen und niedergeschlagenem Blicke, seinen eigenen Gedanken, und Lucilla, der Godolphins Gegenwart ein stiller, süßer Zauber war, blickte zwar auf zu dem dunklen Himmel, aber mit dem Herzen einer liebenden Tochter der Erde. Langsam, unbemerkt wurde das Auge des Mystikers immer starrer und starrer. Minuten gingen so dahin, und der Abend ging in Nacht über, und ein kühler Wind, der von den Latinischen Hügeln herabwehte, rief Lucillas Gedanken zu ihrem Vater zurück. Sie legte ihm ihren Mantel zärtlich um die Schultern und flüsterte ihm sanft ins Ohr, er möge sich nicht der Kälte der anbrechenden Nacht aussetzen. Er antwortete nicht, sie erhob ihre Stimme etwas mehr, aber mit ebenso wenig Erfolg. Entsetzt blickte sie auf Godolphin. Er legte seine Hand auf Volktmanns Schultern, beugte sich herab, um mit ihm zu reden, sah den gläsernen, starren Glanz seiner Augen, und das Wort erstarb ihm im Munde. Er griff nach Volktmanns Pulse, er stand still. Er zweifelte nicht mehr an dem Entsetzlichen, und die Tochter, welche noch immer nach ihm blickte, träumte noch nichts von diesem plötzlichen, fürchterlichen Schlage. Still und unbewußt hatte der abgeschlossene Geist des Mystikers seine Klause verlassen – niemand wußte, wann, noch durch welchen letzten Kampf der Natur. Sechstes Kapitel. Lucillas sonderbares Benehmen. – Godolphin besteht eine schwere Prüfung. – Die Grotte der Egeria und was dort geschieht. Wir wollen Godolphins schmerzliche Aufgabe übergehen. Der Leser kann sich Lucillas Gesicht denken: und doch machte ihr seltsames, unergründliches Temperament es selbst der Phantasie fast unmöglich, ihre Leiden oder Freuden zu malen. Man hatte nach dem Bruder ihrer Mutter geschickt; er und sein Weib nahmen Besitz von der Bewohnung des Todes. Dies erhöhte wo möglich noch Lucillas Schmerz. Der apathische und eitle Karakter der mittlern Klassen Roms, wie er auch ihren Verwandten zu Theil geworden war, schnitt durch den Kontrast noch tiefer in ihr Herz. Besonders empörten sie die unnatürlichen Zeremonien eines Römischen Leichenbegängnisses. Die Ausstellung der Leiche – das Schminken des Gesichtes – der Prunk der Prozession, dies alles verletzte die zarte Innigkeit ihres Schmerzes. Aber als dies vorüber – als dem Gepränge des Todes Genüge gethan war, und als sie in dem Hause, in dem ihr Vater alles geordnet und in dem sie selbst einer so ganz unbeschränkten Freiheit überlassen war, als sie hier die Fremden (denn das waren sie ihr) sich mit kaltem Gefühl und leeren Worten dem gemeinen Treiben des Lebens überlassen sah – als sie dieses kleine Hausgeräthe, das, so ärmlich und abgenutzt es war, ihr doch durch tausend theure, kindliche Erinnerungen geheiligt war, verrücken, umherwerfen sah, ja ruhig, oft auch scherzend von ihrem Verkauf reden hörte – als sie sich wie ein Kind, selbst wie ein abhängiges Wesen, behandelt fühlte – als das wilde, freie Geschöpf verdrießlichen Beschränkungen unterworfen, und das gewöhnliche Thun getadelt und gescholten wurde – als sie die niedrigen, gemeinen Naturen erkannte, welche sich anmaßten, sie zu meistern, und sich einer Gewalt in dem Hause dessen zu bemächtigen, dessen erhabene, obwohl irrende, Forschungen, dessen edle, obwohl abstrakte Karakter-Elemente sie genug begriffen, um ihn achten zu können, während das, was sie nicht begriffen, ihre Achtung zur scheuen Ehrfurcht steigerte: – da brachen die heftigeren, zornigen Leidenschaften ihres Wesens hervor; ihr funkelnder Blick, ihre verächtlichen Bewegungen, ihre geheimnisvollen Drohungen und ihr offener Trotz erstaunten jederzeit die abergläubischen Italiener, ergötzten sie zuweilen, erschreckten sie aber noch öfter. Godolphin, der an der Tochter seines Freundes mitleidigen Antheil nahm, kam nach der Bestattung ein- oder zweimal zu ihr, und empfahl durch Geschenke und Versprechungen das unglückliche Mädchen der zärtlichen Fürsorge ihrer Verwandten. Es gibt nichts, was die Italiener nicht versprächen, nicht verkauften, und so erkaufte Godolphin in der That, daß man, was sonst nicht geschehen wäre, Geduld mit Lucillas Temperament hatte. Mehr als ein Monat war bereits seit dem Tode des Astrologen vergangen, und da sich die Zeit der Malaria herannahte, so beschloß Godolphin, sich nach Neapel zu wenden. Zwei Tage vor seiner Abreise begab er sich nach dem Hause an der Via Appia, um Abschied von Lucilla zu nehmen und ihren Verwandten seine letzten Anweisungen zu geben. Ein seltsames, widriges Gesicht blickte ihm durch das eiserne Gittertor entgegen, ehe er Einlaß erhielt, und als er eingetreten war, hörte er Stimmen, die in einem lauten Zank begriffen schienen. Unter diesen vernahm er die sonst so sanfte, silberglöckige Stimme Lucillas, die über ihren gewöhnlichen Umfang hinausgetreten war, und sich in leidenschaftlichen, verachtungsvollen Reden zu ergießen schien. Er eilte in das Zimmer, woher die Stimmen kamen, und das erste, was er erblickte, war Lucilla. Ihr Gesicht war von Zorn geröthet, die Adern ihrer glatten Stirne waren angeschwollen, die schmalen Lippen athmeten die schönste Geringschätzung. Sie stand in einiger Entfernung von den übrigen Personen, die im Zimmer saßen, und ihre Stellung war, trotz ihrer Wuth, aufrecht und selbst majestätisch; ihre Arme waren über der Brust gefaltet, und die ruhige Aufregung ihrer Gestalt stach gegen das Feuer, die Energie und die Beweglichkeit ihrer Züge ab. Bei Godolphin's Erscheinen wurde plötzlich Alles still; der Oheim und die Tante – und diese letztere hatte den meisten Lärm gemacht – nahmen eine ehrfurchtsvolle Stellung vor dem – in ihren Augen – reichen Engländer an, und Lucilla sank in einen Stuhl, bedeckte sich das Gesicht mit ihren kleinen, schönen Händen, und brach, über ihren Zorn und ihre Heftigkeit beschämt, in Thränen aus. – Und was hat es gegeben? – fragte der Engländer mitleidig. Die Italiener eilten ihm Rede zu stehen. Lucilla hatte es für gut befunden, sich jeden Abend vom Hause zu entfernen: gestern hatte man sie auf dem Corso unter dem Gedränge der jungen, müßigen und verworfenen Welt gesehen. Sie mußten ja »das liebe Mädchen« wegen dieser Unbesonnenheit schelten (die Italiener, die gegen die Aufführung ihrer Frauen gleichgültig sind, zeigen im Allgemeinen größere Strenge gegen ihre unverheiratheten Kinder) und sie hatte erklärt, sie werde ihr Leben nicht ändern. – Ist das wahr? – sagte Godolphin sich zu Lucilla wendend; aber sie schluchzte und gab keine Antwort. – Lassen Sie – sagte er – mich allein sie ermahnen; und Onkel und Tante, die die Unziemlichkeit einer solchen Vorstellung im Munde eines sechsundzwanzigjährigen Mannes, einem achtzehnjährigen Mädchen gegenüber, nicht zu bemerken schienen, verließen nicht ohne einen Schwall von Versprechungen und Betheuerungen, das Zimmer. Godolphin war, trotz seiner Jugend, doch nicht ungeeignet für die Aufgabe. Zu der Freundlichkeit seines Wesens gesellte sich sehr viel ruhige Würde und seine Neigung zu Lucilla war bisher so rein gewesen, daß er ohne Verlegenheit wie ein Bruder mit ihr sprechen konnte. Er näherte sich der Ecke, in welcher sie saß, rückte einen Stuhl neben sie, und zog ihre widerstrebende und zitternde Hand mit einer Sanftmuth herab, daß sie mit noch größerer Heftigkeit zu weinen anfing. – Meine theure Lucilla – sagte er – Sie wissen, daß Ihr Vater mich mit seiner Achtung beehrt hat; erlauben Sie mir deshalb darum, mir wegen meiner langen Bekanntschaft mit Ihnen, als Freund, als Bruder mit Ihnen zu reden. – Lucilla zog ihre Hand zurück, gab sie jedoch, wie beschämt über diese Bewegung, ihm zurück. – Sie kennen die Welt nicht so wie ich, liebe Lucilla; denn die Erfahrung in ihrem Verkehr wird nur mit einigen Unkosten erkauft, mit denen Sie verschont bleiben möchten. In allen Ländern, Lucilla, ist eine unverheiratete Frau Gefahren ausgesetzt, welche, hat sie auch selbst nichts verschuldet, ihre ganze Zukunft verbittern können. Eine der größten Gefahren liegt in der Abweichung von ihrer Sitte. Bei dem Weibe, welches sich dies zu Schulden kommen läßt, glaubt jedermann, er sey berechtigt, in seine Gedanken, seine Worte, seine Handlungen eine Freiheit legen zu dürfen, welcher auch Sie sich auszusetzen fürchten müssen. Ihr Oheim und Ihre Tante haben daher Recht, wenn sie Ihnen rathen, nicht allein, besonders nicht Abends, in den Straßen Roms herum zu gehen, und obgleich ihr Rath Ihnen widerwärtig aufgedrungen, unfreundlich gegeben worden seyn mag, so ist er doch dem Grunde nach gut und muß – ja, theuerste Lucilla, muß nothwendig von Ihnen befolgt werden. – Aber – sagte Lucilla durch Thränen – Sie wissen nicht, mit welchen Kränkungen, mit welcher harten Bestrafung ich von ihnen überschüttet worden bin, ich, die bis diesen Augenblick nicht gewußt habe, was Härte, was Kränkungen ist. Ich, die – sie konnte vor Schluchzen nicht vollenden. – Aber, meine junge und schöne Freundin, wie wollen Sie ihr Benehmen bessern, wenn Sie ihnen die Achtung für Sie rauben? Achten Sie sich selbst, Lucilla, wenn Sie wollen, daß Andere Sie achten sollen. Aber vielleicht – zum erstenmal flog dieser Gedanke Godolphin durch den Kopf – vielleicht suchten Sie den Corso nicht um der Menge , sonder nur um Eines willen; vielleicht sind Sie hingegangen, dort – habe ich es errathen – einen Bewunderer, einen Geliebten zu treffen? – Jetzt beleidigen Sie mich! – rief Lucilla heftig. – Ich danke Ihnen für diesen Unwillen und nehme ihn als eine Widerlegung an. Aber hören Sie weiter und verzeihen Sie meine Offenheit. Wenn es unter den vielen Italienischen Jünglingen, welche Sie gesehen haben, einen giebt, mit dem Sie glücklich seyn können, einen der Sie liebt, den Sie nicht hassen, so erinnern Sie sich, daß ich Ihres Vaters Freund, daß ich reich bin und daß ich – – Das ist zu hart, zu grausam! – unterbrach ihn Lucilla, entfernte sich und ging mit großer Bewegung auf und ab. – So ist es das nicht? – fragte Godolphin zweifelnd. – Nein! nein! – Lucilla Volktmann – begann Godolphin wieder mit einer kältern Würde, als er bis jetzt gezeigt hatte – ich verlange einige Aufmerksamkeit, einiges Vertrauen, ja einige Achtung von Ihnen, im Namen Ihres Vaters, im Namen Ihrer frühern Jugend, da ich Ihnen noch meine Muttersprache lehrte und Sie wie ein Bruder liebte. Versprechen Sie mir, daß Sie sich diese Unbesonnenheit nicht mehr wollen zu Schulden kommen lassen, wenigstens bis wir uns wiedersehen, ja daß Sie das Haus nicht verlassen wollen, außer in Gesellschaft eines Ihrer Verwandten. – Unmöglich, unmöglich! – rief Lucilla heftig. Das heißt, mir meinen einzigen Freund nehmen. Das heißt, mein Leben zur Qual, zum Fluche machen. – Nicht so, Lucilla, es soll Ihr Leben nur achtbar, sicher machen. Ich dagegen will mich verpflichten, daß innerhalb dieser Mauern Alle sich nur mit Nachsicht und Güte gegen Sie benehmen sollen. – Ich kümmere mich nicht um Güte, um niemandes Güte, außer des – – Wessen? – fragte Godolphin, als er sah, daß sie nicht vollendete; da sie schwieg, so drang er nicht in sie, sich auszusprechen, – Kommen Sie, Liebe, leisten Sie mir das Versprechen und lassen Sie uns als gute Freunde, nicht in Zorn scheiden. Ich muß jetzt Abschied von Ihnen auf mehre Monate nehmen. – Reisen? – Sie? – Monate? O Gott, sprechen Sie es nicht aus! Bei diesen Worten war sie auf ihn zugestürzt und starrte ihn an mit ihren großen, sprechenden Augen, aus denen eine Wildheit, eine Angst blitzte, deren Grund er noch nicht zu enträthseln vermochte. – Nein, nein – sagte sie, mit einem matten Lächeln – nein, Sie wollen mich nur erschrecken, um mir das Versprechen abzuzwingen. Sie könne mich nicht verlassen. – Aber, Lucilla, ich gebe Sie keiner unfreundlichen Behandlung preis; sie werden, sie dürfen Sie nicht mehr verletzen. – Sagen Sie nur, daß Sie nicht von Rom fortgehen; reden Sie schnell! – Ich gehe in zwei Tagen. – Dann lassen Sie mich sterben! – stöhnte Lucilla mit einem Tone so tiefer Verzweiflung, daß er Godolphin durchschauerte, der jedoch ihren Schmerz (den Schmerz eines bloßen Kindes, eines so wunderlichen, seltsamen Kindes) keiner andern Ursache beimaß, als dem Gefühle der Verlassenheit, welches man in der Jugend so bitter empfindet, wenn man ganz allein sich unter Personen geworfen sieht, die mit unsern Gewohnheiten nicht vertraut, mit unsern Neigungen nicht übereinstimmen. Er suchte sie zu beschwichtigen, aber sie stieß ihn zurück. Ihr Gesicht war in krampfhafter Bewegung, sie ging zweimal durch das Zimmer, dann stellte sie sich ihm gegenüber, und eine gewisse gezwungene Ruhe auf ihrer Stirne schien anzuzeigen, daß sie einen plötzlichen Entschluß gefaßt habe. – Du frägst mich – sagte sie – was mich im Schatten der Nacht in die Straßen trieb, was mir den Muth gab, den Drohungen zu Hause, der Gefahr draußen zu trotzen? – Ja, Lucilla, wollen Sie es mir sagen? – Die Ursache warst Du! – antwortete sie mit leiser Stimme; sie zitterte vor Bewegung, und sank einen Augenblick darauf auf die Kniee vor ihm. Mit einer Verwirrung, die einem so erfahrnen und begünstigten Manne schlecht anstand, suchte Godolphin sie aufzuheben. – Nein, nein! – sagte sie – Sie werden mich jetzt verachten, lassen Sie mich hier liegen, und sterben mit dem Gedanken an Dich. Ja! – fuhr sie mit inniger, schneller Stimme fort, als er sie trotz ihrem Widerstreben von der Erde aufhob und sie mit kalter Zurückhaltung in den Armen hielt – ja, Sie liebte ich, Sie liebte ich von meiner ersten Kindheit an. Wenn Sie hier waren, schien mir das Leben verändert; waren Sie fort, so sehnte ich mich nach der Nacht, um von Ihnen zu träumen. Die Stelle die Sie berührt hatten, bezeichnete ich heimlich, um sie zu küssen und mit ihr zu reden, wenn Sie uns verlassen hatten. Sie reisten ab: vier Jahre gingen vorüber und die Erinnerung an Sie bildete, gestaltete mein ganzes Wesen. Ich liebte die Einsamkeit, denn in der Einsamkeit sah ich Sie – in Gedanken sprach ich mit Ihnen – und ich bildete mir ein, Sie antworten und schalten nicht. Sie kamen zurück – und – und – doch genug. Um Sie zu sehen, zu der Stunde, wo Sie gewöhnlich das Haus verließen; um Sie zu sehen , entfernte ich mich jeden Abend. Ungesehen folgte ich Ihnen, sah, wie Sie in einem jener stolzen Palläste verschwanden, die nie erfahren haben, was Liebe ist. Ich kam weinend nach Hause, aber glücklich. Und glauben Sie, dürfen Sie glauben, daß ich Ihnen je dies gesagt hätte, hätten Sie mich nicht zum Wahnsinn getrieben: hätten Sie mich nicht unbekümmert um alles gemacht, was man künftig von mir denken – was aus mir werden möge? Was soll mir das Leben, wenn Sie fort sind? Und nun habe ich Alles gesagt. Gehen Sie! Sie lieben mich nicht. Ich weiß es, aber sprechen Sie es nicht aus. Gehen Sie, verlassen Sie mich. Warum gehen Sie nicht? Gibt es einen Mann, der ein junges, schönes Weib gestehen hört, daß es ihn liebt, und von dem Gefühle nicht angesteckt wird? Ergriffen, geschmeichelt, fast in Liebe erweicht, fühlte Godolphin die ganze Gefahr des Augenblicks; aber verführen – das junge unerfahrene Mädchen – die Tochter seines Freundes – nein, trotz ihrer Liebe und Hingebung konnte er sie nicht verführen. Doch verflossen einige Augenblicke, ehe er sich hinlänglich fassen und ihr antworten konnte. – Hören Sie mich ruhig an – sagte er endlich – wir sind uns wenigstens ein Paar theure Freunde – ich bitte Sie, hören Sie mich an. Ich, Lucilla, bin ein Mann, dessen Herz vor der Zeit erregt, erschöpft worden; ich habe geliebt, heiß und leidenschaftlich: die Liebe ist vorüber, aber sie hat mich untauglich gemacht für jede ähnliche Liebe, für jede, die ich Ihnen anbieten dürfte. Theuerste Lucilla, ich will Ihnen die Wahrheit nicht verhehlen. Liebte ich Sie, so wäre dies, nicht in den Augen Ihrer Landsleute, (denn bei ihnen sind solche Verbindungen nicht selten) aber in den Augen der Meinigen eine Schande. Soll ich nun einen Theil dieser Schande auf Sie übertragen? Nein, Lucilla. Ihr Gefühl für mich ist – verzeihen Sie mir – nur eine jugendliche, kindische Phantasie; in einigen Jahren werden Sie selbst darüber lächeln. Ich bin einer so reinen, frischen Jugend nicht würdig, aber – er sagte dies mit so leiser Stimme, wie zu sich selbst – so unwürdig wenigstens bin ich nicht, es zu mißbrauchen. – Gehen Sie, sagte Lucilla, gehen Sie, ich bitte Sie darum – Sie stand bewegungslos, bleich, als ob das Leben (das Leben des Lebens war wirklich erloschen) von ihr gewichen wäre. Ihre Augen waren starr, dicke Thränen rollten ungefühlt über ihre Wangen, ein leises Zittern der Lippen verrieth allein, was in ihr vorging. – Mein Gott! – rief Godolphin, aufgestachelt aus seiner gewöhnlichen Ruhe, aus der gelassenen Freundlichkeit, die er als Grundzug anzunehmen gesucht hatte – kann ich dieser Prüfung widerstehen? Ich, dessen Lebenstraum die Liebe gewesen ist, die ich jetzt finden könnte, – ich, der ich nie ein Hindernis gegen einen Wunsch gekannt habe, gegen das ich nicht gekämpft, wenn ich es auch nicht befolgt habe, und geschwächt durch mein gewöhnliches Nachgeben gegen die Versuchung, die nie so stark gewesen ist, als jetzt – aber nein, ich will, ich will diese Liebe durch Selbstbeherrschung, durch Selbstaufopferung verdienen. Er entfernte sich, kehrte aber wieder um, und sank auf die Knie vor Lucilla. – Haben Sie Mitleid mit mir – sagte er mit einer so bewegten Stimme, daß sie alles Blut in das jugendliche Gesicht zurücktrieb, das noch halb von ihm abgewendet war – haben Sie Mitleid mit mir, mit sich selbst. Blicken Sie um sich, wenn ich geschieden bin, und suchen Sie durch einen andern mein Bild zu ersetzen: tausend jüngere, schönere Männer, wärmern, treuern Herzens werden sich um Ihre Liebe bewerben: ihnen wird diese Liebe keine Gefahr, keine Schmach bringen; vergessen Sie mich, wählen Sie einen Andern, Ihnen werde Glück und Achtung. Gönnen Sie mir nur die Stelle eines Freundes, eines Bruders. Ich will für Ihr Wohl, Ihre Freiheit sorgen. Sie sollen nicht mehr eingeschränkt, nicht mehr beleidigt werden. Gott segne Sie, meine theure, theure Lucilla, und glauben Sie mir – seine Stimme wurde immer leiser – daß, wenn ich Sie fliehe, ich edel gehandelt habe und daß es mir einen Kampf kostet, der Ihrer Liebe und Ihrer Liebenswürdigkeit werth ist. Er stürzte fort aus dem Zimmer; Lucilla wendete sich langsam, als die Thür zufiel, und sank bewußtlos zu Boden. Godolphin hatte seiner Bewegung Herr zu werden gesucht, war zu Lucilla's Verwandten gegangen und hatte sie gebeten, ihn diesen Abend in seiner Wohnung zu besuchen, um gewisse Vorschriften und Geld in Empfang zu nehmen, und verließ dann schnell das Haus. Aber statt nach Rom zurückzukehren, führte ihn der Wunsch nach einer kurzen Einsamkeit und Selbstprüfung, der gewöhnlich auf eine heftige Aufregung folgt (und in welcher bei allen ungewöhnlichen Ereignissen Godolphin Rath suchte) nach einer entgegengesetzten Richtung. Unbekümmert, wohin er ging, hielt er nicht eher an, als bis er sich in jenem stillen, grünen Thale befand, in welchem der Wanderer die Grotte der Egeria findet. Es war Mittag und mäßig warm. Die Blätter schlummerten ruhig auf den alten Bäumen, die in dem kleinen Thale zerstreut umher standen, und nur die Eidechse schlüpfte, von dem Fuße des Wanderers aufgestört, schimmernd durch das weiche Gras. Von den Blumen und aus der Luft zitterte zuweilen die Melodie eines einzelnen Vogels – denn in Italien erheben sie selten ihre Stimmen – mit hellem Klange durch die verlassene Wohnung der Nymphe. Dieser Anblick und die schönen Erinnerungen, welche er anregte, weckten ihn aus seinen Träumen. Hieher also, dachte er, hat die Fabel ihren lieblichsten und dauerndsten Zauber verlegt. Hier findet jeder, der die Liebe der Erde gekostet hat, und nach höherer schmachtet, einen Reiz, der ihn stärker anzieht, ihm mehr den Geist füllt, als der Pallast der Cäsaren und das Grabmahl der Scipionen. So staunend und weich gestimmt durch die letzte Scene mit Lucilla, zu der seine Gedanken immer wieder zurückkehrten, trat er ein in die schweigende Höhle, und badete seine Schläfen in dem erquickenden Wasser des Quells. Es war vielleicht gut für Godolphins Tugend, daß Lucilla nicht in diesem Augenblicke ihr unerwartetes Geständnis gemacht hatte. Unaufhörlich wiederholte er, als ob er nach einer Rechtfertigung für seine Entsagung suchte: »Ihr Vater war kein Italiener und nur ein Mann von Gefühl und Eifer: ich darf nicht vergessen, daß er mich liebte.« Das Geständnis des wilden Mädchens, das mit der ganzen Glut, aber auch mit der Unschuld und Unerfahrenheit ihres Karakters abgelegt wurde, hatte seiner Phantasie neue und nicht unliebliche Bilder vorgespiegelt. Er hatte vor dieser Stunde nur eine kühle, fremde Theilnahme für sie gefühlt, aber ist es ein Wunder, daß jetzt, wenn er sich ihre Schönheit, ihre Thränen, ihre leidenschaftliche Hingebung vor Augen rief, das Herz ihm lauter schlug, und daß er sich jenem unbestimmten, wonnigen Schmachten überließ, welches der Vorläufer der Liebe ist? Auch müssen wir dabei seinen eigenen Karakter, der immer sich nach dem Neuen, Ungewöhnlichen sehnt und seine schwärmerische Phantasie bedenken, mit der er sich bereits das Glück ausmalte, mit einem, von allen so verschiedenen Wesen zu leben, dessen Gedanken und Leidenschaften – so wild sie auch seyn mochten – doch nur ihm gewidmet waren. Lange Zeit gab sich Godolphin diesen Träumen hin; endlich ermannte er sich, verscheuchte die Gedanken an eine Liebe, die er auf der einen Seite nicht ohne ein Verbrechen zu begehen, annehmen, auf der andern Seite nicht erwiedern konnte, ohne zu thun, was dem Weltmanne eine unbedingte Thorheit scheinen mußte, und bereitete sich, obwohl widerstrebend, zur Heimkehr vor. Aber wer beschreibt sein Erstaunen, seine Verwirrung, als er vor die Öffnung der Höhle trat und wenige Schritte vor sich Lucilla selbst erblickte? Sie ging allein und langsam, die Augen gesenkt, und bemerkte ihn nicht. Ihr starkes Haar war nach der Sitte der mittleren Klasse Roms mit einem einzigen Bande verziert, und als sie sich mit ihrer schlanken, feinen Gestalt und dem reinen zarten Zügen über den Rasen hin bewegte, schien es, als ob Egeria selbst zu ihrer klagenden Quelle zurückkehrte. Godolphin stand festgebannt, und Lucilla, die gerade auf die Grotte zuschritt, bemerkte ihn erst, als sie fast dicht vor ihm stand. Sie stieß einen leisen Schrei aus, als sie die Augen aufschlug, und versuchte dann – unwillkürlich dem ersten und natürlichen Gefühl des Weibes nachgehend – die Versicherung hervorzustammeln, daß sie dies Begegnis nicht erwartet habe. – Gewiß, gewiß, ich wußte nicht, daß – – Ist dies Ihr Lieblingsplatz? sagte er, verlegen nach Worten suchend. – Ja, antwortete sie leise. Und so war es in der That, denn die Nähe ihres Hauses, die Schönheit des kleinen Thales, und das Interesse, das sich an dasselbe knüpfte, obgleich sie nur unvollständig mit der Geschichte der Nymphe und ihres Königlichen Geliebten bekannt war, hatten es von ihrer Kindheit an zu ihrem auserwählten Aufenthalte, besonders in der gefahrvollen Sommerzeit gemacht, wo alle übrigen Besucher den Ort vermeiden und dieser sich fast immer der ihm so wohlanstehenden Einsamkeit erfreut. Hieher, wo sie ihre frühen Schmerzen ausgehaucht, trieb es sie auch jetzt, hieher floh sie vor den rauhen, widrigen Gestalten ihrer Verwandten, um den widerstrebenden Leidenschaften Luft zu machen, welche der letzte Auftritt mit Godolphin aufgeregt hatte. Schweigend und verlegen standen sie einen Augenblick, bis Godolphin, entschlossen, einem Auftritte ein Ende zu machen, dessen Gefahr er fürchtete, mit abgebrochenen, hastigen Worten zu sagen: – Leben Sie wohl mein süßer Schützling! Leben Sie wohl! Möge Gott Sie schützen! Er reichte ihr seine Hand hin. Lucilla ergriff sie, führte sie an ihre Lippen und badete sie in Thränen. – Ich fühle – sagte das ungewöhnliche Mädchen – ich fühle aus Ihrem Benehmen, daß ich Ihnen Dank schuldig bin! Doch weiß ich nicht, warum. Sie gestehen, Sie könnten mich nicht lieben, meine Neigung betrübe Sie. – Sie fliehen – Sie verlassen mich. Ach, könnten Sie, fühlten Sie nur einen Gedanken von Freundschaft für mich, könnten Sie so handeln? – Lucilla, wie kann ich es aussprechen? Ich kann Sie nicht heirathen? – Wünsche ich es denn? Ich bitte Dich ja nur, mich mit Dir gehen zu lassen, wohin Du gehest. – Armes Kind – sagte Godolphin, sie lange anblickend – siehst Du nicht, daß Du um Deine eigene Schande bittest? Lucilla erschien erstaunt. – Ist Lieben Schande? In Italien denkt man anders. Es ziemt dem Mädchen nicht, sie zu gestehen: aber das hast Du mir ja vergeben. Und wenn Dir folgen, bei Dir, in Deiner Nähe seyn, nur mir, nicht Dir Unglück bringt, so laß es nur über mich kommen, denn es kann nichts seyn in Vergleich zu dem Todesweh Deiner Abwesenheit. Sie blickte schüchtern auf und sah mit Schrecken, daß auf seinem Gesichte Gefühle kämpften, welche seine Antwort zu ersticken schienen. Wenn – rief sie leidenschaftlich – wenn ich etwas verlangt habe, was Schande – wie Du es nennst – oder Kummer über Dich bringen würde, so vergieb mir – ich wußte es nicht – und verlaß mich. Sprichst Du aber nicht von Dir selbst, so glaube, daß Dein Mitleid nur grausame Härte ist. Ich beschwöre Dich, laß mich mit Dir ziehen. Ich habe keinen Freund hier; niemand liebt mich. Ich hasse die Gesichter, die ich sehe; ich verabscheue die Stimmen, die ich höre. Und wäre es auch sonst nichts, so erinnerst Du mich an ihn, der geschieden ist, mit Dir bin ich vertraut, in jedem Blicke von Dir liegt eine Erinnerung an meine Jugend, an meinen so heimlichen Heerd. Nimm mich mit Dir, oder laß mich sterben. Ich will Deinen Verlust nicht überleben. – Sie sprechen von Ihrem Vater – wissen Sie, daß er, wenn ich eingehe was Sie in Ihrer kindlichen Unschuld so unbesonnen verlangen, aus seinem Grabe mich verfluchen würde? – O Gott, nein, das darf nicht seyn! Ich flehe ja, also bin ich schuldig, wenn es eine Schuld ist; aber ist es nicht liebloser von Dir, seine Tochter zu verlassen, als sie zu beschützen? Godolphin kämpfte einen gewaltigen, schrecklichen Kampf. – Was – sagte er, ohne zu wissen, was er sagte, was wird die Welt von Ihnen denken, wenn Sie mit einem Fremden entfliehen? – Für mich giebt es keine Welt, außer Dir. – Was wird Ihr Oheim, was werden Ihre Verwandten sagen? – Was kümmert es mich? Ich werde sie nicht hören. – Nein, nein – sagte Godolphin stolz, nochmals seine Gefühle bezwingend – Lucilla, ich wollte jeden Traum, jede Hoffnung des Lebens aufgeben, könnte ich diese Aufopferung vergelten, und mein Leben bei Dir verbringen, könnte ich Dir gewähren, was Du verlangst, ohne Deine Unschuld zu verderben, aber – aber – – So liebst Du mich! Du liebst mich! – rief Lucilla freudig, ohne an den tiefern Sinn seiner Worte zu denken. Godolphin verlor seine Besonnenheit; er riß Lucilla in seine Arme, bedeckte ihre Lippen und Wangen mit brennenden, leidenschaftlichen Küssen und riß sich dann plötzlich, wie von einer unwiderstehlichen Kraft aufgescheucht, von ihr los und floh mit eiligen Schritten. Siebentes Kapitel. Die Schwäche der Jugend entspringt nur aus den Gefühlen. Es war den Abend vorher, ehe Godolphin Rom verließ. Als er in seine Wohnung trat, bemerkte er im Dunkeln, und in kurzer Entfernung eine in einen Mantel eingehüllte Gestalt, die ihn an Lucilla erinnerte. Ehe er sich davon überzeugen konnte, war sie verschwunden. Als er in seinem Zimmer angekommen war, durchsuchte er eifrig die Papiere auf seinem Tisch: er schien in seiner Erwartung getäuscht zu seyn, und setzte sich verdrießlich nieder. Er hatte Tags zuvor einen langen, herzlichen Brief an Lucilla geschrieben, eine edle Auseinandersetzung seiner Gedanken und Gefühle. So weit er dies einem in ihrer Unerfahrenheit so einfachen und in ihrer Phantasie so ungeregelten Wesen gegenüber thun konnte, hatte er ihr die Art seines Kampfes und seiner Aufopferung erklärt. Er verhehlte ihr nicht, daß er vor ihrem Geständnis den Zustand seines Herzens in Beziehung zu ihr nicht untersucht, so wenig, als daß nachher ein neues, glühendes Gefühl sich in ihm entzündet habe. Er kannte die Frauen zu gut, als daß er nicht überzeugt war, die letzte Erklärung würde der süßeste Toast für ihr Herz und ihre Eitelkeit seyn. Er theilte ihr die Versprechungen mit, welche ihre Verwandten ihm gegeben, sie nicht in ihrer Freiheit zu stören, und ihr alle die Nachsicht zu Theil werden lassen, welche ihre ungezwungene, regellose Lebensweise nöthig machte, und schloß mit den zartesten, achtungsvollsten Ausdrücken einen Wechsel auf eine Summe bei, die zu jeder Zeit sie in den Stand setzen könnte, jede Rücksicht von ihren jetzigen Vormündern zu verlangen, oder, wenn sie es wünsche (obgleich er dabei rieth, dies nur im äußersten Falle zu thun) einen andern Aufenthalt zu wählen. »Schicken Sie mir dafür,« fügte er noch bei, »eine Locke von Ihrem Haare. Ich bedarf nichts, mich an Ihre Schönheit zu erinnern, aber ich sehne mich nach einem Pfande des Herzens, dessen Liebe mich mit so schmerzlichen Stolze füllt. Ich will es als einen Schild gegen die Ansteckung dieser Welt tragen, die ihnen so glücklich fremd geblieben ist – als das Andenken eines Wesens, das über jeden Gedanken der Selbstsucht erhaben ist – als die Versicherung, daß ich mich nicht täusche, nicht träumte, als ich in diesem egoistischen Theile der Erde doch ein so warmes, so reines Gemüth fand, wie das Ihrige. Mögen Sie, wenn wir uns wieder begegnen, einen glücklichern Freund als mich gefunden, und in seiner Zärtlichkeit jeden andern Gedanken an mich aufgegeben, und mir nur eine freundliche Erinnerung bewahrt haben. Schöne und theure Lucilla, leben Sie wohl. Habe ich mich nicht der Wollust, von Ihnen geliebt zu seyn, überlassen, so geschah dies, weil Ihre edle Hingebung in einem gegen Andere zu selbstischen Herzen, eine wahre Liebe für Sie geweckt hat.« Mit jeder Stunde hatte Godolphin eine Antwort auf dieses Schreiben erwartet. Er erhielt keine – nicht einmal die Locke, um die er gebeten hatte. Er war mißmuthig – böse auf Lucilla – unzufrieden mit sich selbst. – Wie bitter, – sagte er – würde Saville über meine Thorheit lächeln. Ich habe auf die Seligkeit, dieses sonderbare und schöne Geschöpf zu besitzen, verzichtet. Warum? Wegen eines nichtigen, abgeschmackten Skrupels, den sie nicht einmal begreifen kann, und den, bei ihrer freundelosen, verlassenen Lage, die geziertesten ihrer sittenlosen Landsmänninnen als eine lächerliche, übertriebene Gewissenhaftigkeit verspotten würden. Und hätte ich nicht in der That, wäre ich mit ihr von hier entflohen, sie für das ganze Leben glücklicher gemacht, weit glücklicher, als sie es jetzt seyn wird? Sie würde in diesem Glücke nicht, wie ein Englisches Mädchen, die Qual der Schande empfunden haben. Hier wäre dies Band nie als eine Entwürdigung betrachtet worden, und sie, die nur das einfache Gesetz der Natur kennt, glaubt nicht einmal, daß einer es dafür halten könnte . Wird sie nicht bei ihrer Unerfahrenheit, sie, die sich immer von jedem ersten Anstoß bestimmen läßt, als das Opfer eines hinterlistigen, unedlern Liebhaber fallen? Irgend eines Menschen, der sie nicht beschützen, wie ich, sondern sie als das Spielzeug einer Stunde betrachten, und sie wegwerfen wird, sobald seine Leidenschaft gesättigt ist? Gesättigt! Oh, bitterer Gedanke, daß ein anderer sein Haupt an diese Brust legen soll, die jetzt so ganz mein ist! Was habe ich nun gethan? Ich habe mich in den falschen Schein einer hohlen Tugend gehüllt, mein eigenes Glück von mir geworfen, und ihr die Aussicht hinterlassen, für ewig elend, der Schande und dem Mangel durch einen Andern Preis gegeben zu werden! Diese unangenehmen, reuevollen Gedanken wurden nur schwach und gelegentlich durch den Stolz bekämpft, der jeder gerechten oder edeln That folgt, und durch tausend Vermuthungen voll Besorgnis und Zorn über Lucilla's Schweigen verdrängt. Manchmal glaubte er – aber dieser Gedanke glitt schnell vorüber und wurde nie festgehalten – sie würde ihn noch vor seiner Abreise zu sprechen suchen und in dieser Hoffnung begab er sich nicht eher zur Ruhe, als bis die Nacht sich auf die Ruinen der gewaltigen, schweigenden Stadt gesenkt hatte. Dann warf er sich unangekleidet auf ein Sopha, und schlief, aber in mehren Absätzen, eine kurze Zeit. Am nächsten Morgen verschob er seine Abreise bis auf den Mittag, immer noch in der Hoffnung, Lucilla zu sehen. Aber vergebens. Er konnte sich nicht mit dem Glauben schmeicheln, Lucilla wisse nicht genau die Zeit seiner Abreise, denn er hatte sie ihr bestimmt mitgetheilt. Manchmal nahm er sich wieder vor, selbst sie aufzusuchen; aber er kannte die Schwäche seines edlen Entschlusses zu gut, und war trotz des Schwankens im Denken, doch im Handeln tugendhaft genug, nicht einer sichern Niederlage entgegen zu gehen. Endlich warf er sich in einem Augenblicke der Verzweiflung und mit Verwirrung auf Lucilla's Unbeständigkeit und ihre Unfähigkeit, seine Großmuth zu würdigen, in den Wagen, und sagte Rom Lebewohl. Wie einst jeder Hain, durch den der Reisende auf diesem Wege kommt, von einer Nymphe bewacht wurde, so ist er jetzt durch eine Erinnerung geheiligt. Umsonst lastet die todesschwangere Luft auf dem Gebüsch, dem Bach, und dem Gemäuer, der Geist denkt nicht an die Gefahr seiner irdischen Hülle, er fliegt zurück, und schwelgt in der Vergangenheit. Ein sprachloses Entzücken füllt und erbebt das Gemüth. Dort steigen Berge mit ihrem Schneekranze gen Himmel – auf dieser Ebene ist das Grab der Curiatier, und jener beiden unsterblichen Heroen, welche ihrem dritten Bruder den Ruhm des Sieges und die darauf folgende Schmach hinterließen – der See von Nemi, um den noch die heiligen Haine stehen, wo Diana Hippolyt in das Leben zurückrief. Poesie, Fabel und Geschichte wachen über das Land: es ist eine Grabstätte; der Tod ist überall; die Vergänglichkeit auf jedem Steine: aber die Vergangenheit sitzt am Grabe als trauernder Engel, und eine Seele athmet durch die Verwüstung und eine Stimme spricht durch die Stille. Jedes Zeitalter, das verschwunden, hat einen Geist zurückgelassen, und das schöne Land gleicht der Unterwelt, in der trotz ihrer Herrlichkeit der Mensch nicht athmen kann, aber die gefüllt ist mit seligen Phantomen und hehren Schatten. Godolphin eilte weiter. Die Nacht brach ein, als er durch die Pontinischen Sümpfe fuhr. Hier brütet die Luft ihr tödtlichstes Gift, die Einsamkeit hat ihre Seele verloren, alles Leben, außer dem tödtlichen Wachsthum der Verwesung, scheint vernichtet; der Geist erschlafft, der Athem der Natur stockt, und auf den Trümmern der Zeit sitzt starr das Schweigen in den Armen des Todes. Er kam in Terracina an und begab sich zur Ruhe. Sein Schlaf wurde von schrecklichen Träumen gestört: er erwachte erst spät am Mittag, matt und niedergeschlagen. Als sein Diener, der seit einigen Jahren bei ihm war, ihm beim Aufstehen half, bemerkte Godolphin auf seinem Gesicht den bei Personen seiner Klasse gewöhnlichen Ausdruck, wenn sie etwas haben, was sie gern anbringen möchten, und auf Gelegenheit dazu warten. – Nun, Madden – sagte er – Du siehst ja diesen Morgen so wichtig aus. Was giebt es? – Hm! Haben Sie nicht hinter uns, als wir durch den Sumpf kamen, einen Wagen bemerkt? Sie müssen ihn beim Mondlichte in einiger Entfernung gesehen haben! – Zum Teufel, wie soll ich, wenn ich im Wagen sitze, hinter mich sehen? Ich weiß nichts vom Wagen. Was ist damit? – Er ist mit einer Person darin, Sir, bald nach Ihnen angekommen; sie wollte sich nicht zu Bette legen und wartet im Saal auf Sie. – Eine Person? Was für eine Person? – Eine Dame, Sir, eine junge Dame – sagte der Diener, ein Lächeln unterdrückend. – Gerechter Himmel – rief Godolphin – verlaß mich. Der Diener gehorchte. Godolphin zweifelte keinen Augenblick, daß Lucilla ihm so gefolgt sey und wurde tief von diesem Beweise ihrer entschlossenen und rücksichtslosen Liebe erschüttert. Bei einem andern Weibe würde ein so kühner Schritt seinen spröden und etwas Englischen Geschmack empört haben. Aber bei Lucilla entsprang in der That alles, was bei andern unbescheiden gewesen wäre, aus der reinen und fleckenlosen Unwissenheit, welche die gefährlichste, aber auch die reizendste Züchtigkeit ist. Gänzlich abgeschieden von allem Verkehr mit Frauen, durch die wonnigen Poesien und Briefe, die sie zufällig gelesen, mehr aufgeregt, als belehrt, war der Sinn für Unziemlichkeit in ihr ein so unbestimmtes Gefühl, daß jeder Anstoß ihres wilden, leidenschaftlichen Karakters es verwischte, mit fortriß. Unbekannt mit dem, was die weibliche Zurückhaltung erfordert, und selbst mit der Meinung der Welt; in Liebessachen, lockern Begriffs, wie eine Italienerin, sah sie nur etwas Rühmliches darin, ihre Zärtlichkeit, ihre Hingebung einem in ihrer Phantasie so hochstehenden Manne, wie den Englischen Fremden zu widmen. Aber in diese phantastische Verehrung mischte sich, selbst unbewußt, kein einziges schlimmeres, unreineres Gefühl. Mit schwankenden Schritten und klopfendem Herzen suchte Godolphin das Zimmer auf, in welchem er Lucilla zu finden dachte. Und dort saß sie in einem Winkel des Gemaches – das Gesicht mit dem Mantel bedeckt. Er eilte zu ihr, warf sich auf die Knie vor ihr und zog mit schüchterner Hand die Hülle von ihrem Gesicht, und trotz Thränen, Blässe und Erschütterung, war sein Herz doch von dem sanften und liebenden Ausdruck gerührt. – Wirst Du mir verzeihen – rief sie? – Es war Dein eigener Brief, der mich hieher führte. Verlaß mich jetzt, wenn Du kannst. – Nein, nein – rief Godolphin, sie an seine Brust pressend – das Schicksal will es, und ich widersetze mich nicht länger. Ich will Dich lieben, Dir folgen, so lange ich lebe. Ich will Dir Alles seyn, was menschliche Banden bieten können – Vater, Bruder, Geliebter – Alles – nur – er schwieg. Sein Gewissen sprach: »nur nicht Gatte,« aber seine Stimme schwieg. – Ich darf mit Dir gehen? – rief Lucilla außer sich. Das war ihr einziger Gedanke. So wie, wenn der Gedanke an Flucht den Wahnsinnigen einfällt, der Wahnsinn zurückzutreten scheint, und Muth, Klugheit, Vorsicht, Erfindungskraft (Fähigkeiten, welche sie in bessern Tagen nicht kannten), in ihnen wie durch Eingebung aufblitzen, so schien auch der Gedanke, Godolphin wieder zu finden, wie ein neuer Geist in die träumerische Lucilla gefahren zu seyn. Mehr als je, seit seinem Geständnisse von Liebe entflammt, aufgeregt durch seinen Brief, hatte sie den kühnen Schritt beschlossen, den sie auch ausführte. Unweit des Thores von St. Sebastian wohnte ein Vetturino. Ihn hatte sie aufgesucht, und er versprach ihr beim Anblick des Geldes, das ihr Godolphin schickte, sie in jeder beliebigen Richtung nach Neapel zu führen, und sogar mit dem schnelleren Wagen Godolphins Schritt zu halten. Am Morgen seiner Abreise hatte sie die Wohnung Godolphins nicht aus den Augen verloren, und einige Minuten, nach dem er fortgefahren, fuhr auch sie, zitternd aber entzückt, auf derselben Straße dahin. Die Italiener sind gewöhnlich gutmüthig, besonders wenn sie dafür bezahlt werden, und artig gegen Frauen, besonders wenn sie den Einfluß einer tüchtigen Liebe ahnen. Die Vorsicht des Vetturinos ergänzte ihren Mangel an Erfahrung; er hatte sie an die Nothwendigkeit erinnert, sich einen Paß zu verschaffen und versprochen alle anderen Schwierigkeiten auf sich zu nehmen. Und so war jetzt Lucilla unter demselben Dache mit ihn, dem sie Opfer brachte, von denen sie keine Ahnung hatte, und den sie trotz Allem, was später ihre Bande trübte und auflöste, bis zuletzt so heiß und innig liebte, wie im Anfang, mit einer Liebe, welche über das Gefühl des Weibes hinausging, und dem gewöhnlichen Gebete der Zeit trotzte. Auf die blauen Wogen, welche mit tiefem Klange sich an den Festen jenes herrlichen Ufers brachen, von welchem der Berg, der hinter Terracina sich erhebt, den Duft der Orangen und der Citronen zu den Wolken trägt, auf diesen dunklen See warfen die Sterne, wie die Hoffnung einer bessern Welt auf die Nacht und Mühen des Lebens – ihr feierliches, und doch sanftes Licht. An diesem Ufer stand Lucilla und er – der fremde Wanderer, dem sie ihren Frieden und ihre irdischen Hoffnungen anvertraut hatte. Auf ihren Wangen glühte die erste Purpurröthe der Liebe, welche ihr Ziel erreicht hat, jene süße, ruhige Fülle der Zufriedenheit, der himmlischen, Alles besiegenden und doch erliegenden Lust, mit welcher das Herz im Übermaß seines eigenen Entzückens entschlummert. In solchen Augenblicken wollüstiger Ruhe fühlt man nicht die Sorge, die Ahnung des Wechsels, das düstere, unbestimmte Trauern der Leidenschaften. Wie das Wasser, welches vor ihr hinströmte, tief und beredt, war jedes Gefühl in ihr nur der Spiegel eines klaren, wolkenlosen Himmels. Den Kopf leicht gegen die Brust ihres jungen Geliebten gelehnt, fühlte sie das Schlagen seines Herzens, und hörte darin die Stimme dessen, was ihr jetzt die Welt war. Und still und verschwiegen senkte sich um sie die geheimnisvolle, liebliche Nacht herab. Wie wunderbar war dies Gefühl und Bewußtseyn der Einsamkeit! Wie schlossen sie, als es sie durchbebte, sich enger an einander an! Noch umschwebte sie die wonnige, sehnsüchtige Zeit, wo die Berührung ihrer Hände allein ihnen ein Glück gewährte, das Worte nicht ermessen können. Und so oft sein Auge das ihrige suchte, schimmerten Thränen hervor, welche die Empfindsamkeit ihres Wesens, das Glück ihres überströmenden Herzens hervorrief, und die sogleich fortgeküßt wurden. – Blick nicht zum Himmel auf, mein Leben – flüsterte Godolphin – damit Du an keine andere Welt denkst, als an diese. Arme Lucilla! Wird irgend jemand, der müßig über diese Seite blickt, einen Augenblick an dem Quell Deiner kurzen Freuden und an Deinen bittern Sorgen Theil nehmen? Die Seite, in welcher ich, Deiner erwähnend, gern Dein Andenken der Vergessenheit entreißen möchte, diese Seite ist Dein Bild: ein kurzes Daseyn, vermischt mit der Menge, der es nicht gleicht, und dann, im Sturm und Lärm der Welt, vergessen, und auf immer dahin geworfen. Achtes Kapitel. Rückkehr zu Lady Erpingham. – Londoner Gesellschaft. – Aristokratie und aristokratische Gesellschaft. – Lady Erpingham kränkelt. – Lord Erpingham beschließt, auf den Continent zu gehen. – Plutarch über musikalische Instrumente. – Gesellschaft in Erpinghams Haus. – Saville über Gesellschaft und Geschmack am Kleinlichen. – David Mandeville. – Frauen, ihr Einfluß und ihre Erziehung. – Die Nothwendigkeit eines Zweckes. – Religion. Wie wir nach einem langen Traume wieder zu der Beschäftigung des Lebens erwachen, so kehre ich auch mit neu erwachtem und lebhafteren Gefühle von den Karakteren, die der gewöhnlichen Welt so fern stehen, wie Volktmann Astrologen, ja Kabalisten sind übrigens in diesem neunzehnten Jahrhundert nicht so wunderbar selten, wie man glauben möchte. In den Reeden Europas dürfte man noch viele solcher Schwärmer finden und selbst zu Paris habe ich – und gewiß außer mir noch andere – eifrige und enthusiastische Anhänger des Magnetismus gefunden. Im Jahre 1800 gab Lackington einen Quartband unter dem Titel heraus: Magus, ein vollständiges System der geheimen Philosophie, welches über Alchemie, Cabala, natürliche und himmlische Magie handelt etc . – Es ist ein unverschämtes Werk. Wenn Raphael astrologische Handbücher herausgibt, so beweist das nicht, daß er an die darin aufgestellten Wissenschaften glaubte, daß er aber bei ihrer Herausgabe seinen Vortheil fand, beweist die Hinneigung der Käufer zu diesem Glauben. und seine Tochter, zu der glänzenden Heldin meiner Geschichte zurück. In der Londoner Gesellschaft herrscht ein gewisser Ton, welcher den Geist ermattet, ohne ihn aufzuregen und dieses erzeugt mehr, als alles andere, Übersättigung. In den Klassen, welche an die höchsten angränzen, tritt diese Wirkung weniger hervor, denn dort ist doch etwas zu erkämpfen. Die Mode gibt ihnen einen Stachel. Sie ringen danach, es dem Ton der Höherstehenden gleichzuthun. Es ist ein Ehrgeiz nach Kleinigkeiten, aber es ist doch Ehrgeiz. Er zehrt, er eifert, aber er hält sie munter. Die Großen allein sind die Opfer der Langeweile. Je fester ihr Rang steht, je anerkannter ihr guter Ton ist, desto mehr steckt ihr Leben in schalem Überdruß. Konstanze hatte den Gipfel ihrer Wünsche erreicht. Niemand wurde so verehrt, so angebetet. Einen nach dem andern, hatte sie alle gebeugt und gedemüthigt, die, vor ihrer Heirat, ihren Stolz verletzt oder nachher ihren Ansprüchen sich widersetzt hatten: ein Blick von ihr wurde wie ein Triumph aufgenommen, ein Lächeln gab dem Glücklichen einen Rang. Aber diese Macht wurde ihr zum Ekel; ihr Geist stand zu hoch, als daß er durch so erbärmliche Freuden, durch so gestaltlose Auszeichnungen hätte befriedigt werden können, und sie fühlte, daß ihr das Wesentliche des Lebens fehle. Sie war nicht mit Kindern gesegnet oder heimgesucht worden und hatte in ihrem Gatten keinen Freund. Es gab wohl Stunden, wo sie ihre Wahl bereute, so blendend sie auch schien, aber sie klagte nicht über Schmerz, sondern über Einförmigkeit. Noch immer behielt sie jedoch das eine große Ziel ihrer Existenz im Auge, und noch immer arbeitete sie heimlich an dessen Ausführung, an dem Sturze jener mächtigen Gesellschaft, deren leuchtende Zierde sie selbst war. Durch den frühern und kaum gerechtfertigten Haß, den sie der Klasse der Großen geschworen hatte, gegen alles eingenommen, was sie bei ihnen sah, fällte sie über die Gewohnheiten und Gefühle ihrer Umgebungen ein scharfes, feindliches Urtheil. Ihre Anmaßung, ihre Sucht nach dem Scheine, ihr ewiges Konventionsleben widerte sie an, und ihre systematische Herzlosigkeit stieß sie zurück. Sie sah allerdings Talent bei ihnen, aber nur ein flimmerndes, flitterhaftes Talent; ihre Geschicklichkeit schmeckte, wie ihr Liberalismus, nach einer Partei; sie war engherzig in ihrem Streben und schien nur künstlich angenommen. Auf Genie machte Niemand Anspruch, auch wurde es Niemandem zugeschrieben. Vor Allem – und dies ist der karakteristische Zug der Englischen Aristokratie – empört sich Konstanzens Phantasie über den Mangel jedes erhabenen Schwunges, jeder edlen Gesinnung. Oft rief sie mit den Worten eines großen Staatsmannes – und sie haben durch die Zeit noch nichts an ihrer Wahrheit verloren –: »Bei uns ist Alles niedrig, kriechend und gemein.« Dieselbe Kälte des Benehmens, die Verehrung der Hergebrachten, der gemeine Abscheu vor allem Fremdartigen, der höhnische Unglaube an alles Edele, diese Kennzeichen unserer feinsten Zirkel erregten beständig ihre unwillige Verachtung. Sie rühmten sich zuvor ihrer Mildtätigkeit, aber wie Herr Bulwer in seiner Satyre, Paul Clifford , irgendwo bemerkt, Mildthätigkeit ist die Lieblingstugend des Hochmuths. Sie liebten den Prunk einer Subscription, und während sie mit der einen Hand dem Bauer ein Korngesetz auflegten, reichten sie ihm mit der andern einmal des Jahres ein Laib Brod hin. Die Religion wird in ihren Formen von einigen in Ehren gehalten: eine Bibel und eine Gräfin stecken häufig zusammen: aber das kommt daher, daß die Bibel ein aristokratisches Buch sey, daß sie Subordinaton und Abhängigkeit lehre; sie sehen zwar, daß Gott für die nächste Welt keinen Unterschied des Ranges verspricht, aber sie glauben, daß er deshalb auf den Unterschied in dieser dringt. Torys lesen daher die heilige Schrift mehr, als die Whigs. Die erstern sind religiös-, die letztern philosophisch-aristokratisch. Lady Erpingham, die hinter dem dunklen Schirm der Politik stand, sah mit tiefer Geringschätzung die persönlichen und eigensüchtigen Motive, aus welchen die vornehmen Unterstützer freier Ansichten gewöhnlich jene Maßregeln anregten, welchen die gedankenlose Menge ihren stürmischen Beifall zollte: dies Mißverhältnis zwischen den Grundsätzen und den Handlungen ist zwar allen gesellschaftlichen Verbindungen eigen, Konstanze aber, die nur auf Einen Kreis beschränkt war, glaubte, daß diese Falschheit und Unredlichkeit kein allgemeiner, sondern nur ein eigenthümlicher Zug sey. Früh an Verstellung gewöhnt, verbarg die schöne Gräfin noch immer ihre Verachtung, wie ihre Hoffnungen. In weiter Ferne glaubte sie bereits das Thule ihrer Wünsche zu sehen. Mitten in dem tiefen Frieden Europa's erspähte sie die Prinzipe, die, bisher vom Kriege zurückgehalten, in die Knospen traten und Früchte verkündeten. Eifersüchtige, forschende Augen blickten auf die bevorrechtigten Stände, welche sie bis jetzt nur verehrt hatten. Das Volk beobachtete die Spaltungen zwischen den beiden großen Parteien, welche um die Herrschaft kämpften, und erblickte durch die Risse der Parteien, das ferne, aber heitere Licht der Wahrheit. Mit froher Genugtuung erstaunte sie, daß jede Partei, blind gegen die endlichen Folgen des Kampfes, durch jede Maßregel den Sturz des Körpers beförderte, dem sie angehörte. Widerstand gegen volksthümliche Forderungen hieß das Geschrei verstärken und allgemeiner machen; Nachgeben hieß die Masse dem Siege über das Interesse der Wenigen einen Schritt näher bringen. Diese in der Geschichte eines Volkes so schnellen Staatsveränderungen sind in dem Leben des Einzelnen doch nur gedehnte Episoden. Politische Intriguen konnten die Leere nicht ausfüllen, über welche Konstanze täglich klagte, und Privat-Intriguen – der gewöhnliche Trost der Damen ihres Tones, wenn nicht ihres Ranges – gewährten ihr gar keinen Reiz. Wenn Leute nichts zu thun haben, so werden sie nicht selten krank; und so erblich nach und nach die blühende Farbe auf Lady Erpingham's Wangen. Sie wurde mager, die Ärzte spielten auf eine Auszehrung an, und empfahlen ein warmes Klima. Lord Erpingham ergriff diesen Vorschlag mit Freuden, denn er liebte Italien und langweilte sich in England. Einfältige Leute sind oft sehr musikalisch; es ist eine Art Geistesanrecht, das für ihre Fähigkeiten paßt. Plutarch führt irgendwo an, die besten musikalischen Instrumente würden aus den Kinnladen der Esel gemacht. Plutarch hat nie eine gescheutere Bemerkung gemacht. Lord Erpingham hatte in der letzten Zeit sich viel mit Opern abgegeben, und sogar davon gesprochen, selbst eine zu komponiren: und da er nicht selbst Virtuos war, so fand er seinen Trost darin, ein Mäcen zu seyn. Italien bot ihm in dieser Hinsicht tausend Reize; er sprach nur von der Gesundheit seiner Gattin, dachte aber mehr an den Genuß eines guten Orchesters. Unter dem Bedauern der Londoner Welt trafen sie ihre Anstalten, gegen Ende der Saison nach dem Vaterlande Paganinis und Julius Cäsars abzugehen. Zwei Tage vor ihrer Abreise gab Lady Erpingham ihren genauern Bekannten eine Abschieds-Gesellschaft. Saville, der immer danach strebte, mit jedem, der ihm der ausgelegten Mühe werth schien, auf guten Fuße zu stehen, gehörte natürlich zu der Zahl der Gäste. Die Zeit hatte ihn in den letzten Jahren, während deren er aus unsern Augen verschwunden war, etwas mitgenommen. Die Frauen hatten keinen Reiz mehr für seine matter gewordenen Augen. Spiel- und Spekulationssucht hatten alle anderen Wünsche verdrängt. Seine Lebhaftigkeit hatte, da Alter und Kränklichkeit den Strom seines Blutes anhielt und zügelte, bedeutend abgenommen, aber die Unterhaltung hatte für ihn und erlangte durch ihn noch immer ihren gewohnten Reiz. Nur war der sprühende, spielende Witz in ruhiger Ironie verkehrt, und wenn sein Geist nicht aus der Heiterkeit der Gegenwart Blüthen zog, so wurde er doch noch geschärfter durch die Erfahrung der Vergangenheit: Weltkenntnis ist die wahre Quelle des gesellschaftlichen Witzes. – Aber – sagte Saville, indem er sich neben Lady Erpingham setzte – aber wie werden wir es in London aushalten, wenn Sie nicht mehr hier ist? Wenn die Gesellschaft – dieser ewige Trank – uns zu schaal wurde, so warfen Sie Ihre Perlen in den Becher, und jetzt sind wir so verwöhnt, daß wir den Wein nicht mehr werden ohne die Perlen vertragen können. – Aber die Perlen geben dem Weine keinen Geschmack: sie lösen sich nur auf, ohne Zweck, ohne Erfolg. – Ach, meine liebe Lady Erpingham, der Stumpfeste von uns, der einmal die Perlen gesehen hatte, konnte sich doch wenigstens einbilden, daß wir fähig wären, ihren zartern Einfluß zu würdigen. Aber wie sollen wir in dieser kleinen Welt leerer, lästiger Wirklichkeiten, wenn Sie uns verlassen haben, etwas finden, wo wir uns etwas einbilden können? – O, glauben Sie, ich kenne das Gezirpe der Gesellschaft zu gut, als daß ich mir träumen ließe, ich werde nicht leicht ersetzt werden. König folgt auf König ohne Rücksicht auf Beider Verdienste, so folgt in London Idol auf Idol, mag auch das Eine von Diamant, und das andere von Kupfer seyn. Vielleicht finde ich Sie bei meiner Rückkehr zu den Füßen der albernen Lady S. oder in Anbetung vor der gräßlichen Lady Y. Nur der Zufall bestimmt, wer die Herrschaft über Sie erhält: das Gewieher eines Pferdes kann es entscheiden! Le temps assez souvent a rendu legitime Ce qui sembloit d'abord ne se pouvoir sans crime – antwortete Saville, mit einer affektirten, heroischen Miene; die Wahrheit ist, daß wir ein trauriges Volk sind, und daß, wer es bei uns am weitesten bringen will, sich nur am meisten vorzudrängen braucht. Sie wissen, wie Mistreß *** trotz ihrer rothen Arme, ihres rothen Rockes und ihrer City-Aussprache und ihrer City-Verbindungen es bloß durch Ausdauer dahin brachte, eine Person von Wichtigkeit für eben die Gräfinnen zu werden, die sie Anfangs trotz aller Schmeicheleien kaum zu einem Kopfnicken bringen konnte. Wer der Lächerlichkeit und rauhen Begegnung die Stirne bieten kann, braucht es nur zu wünschen , und früher oder später wird er oder sie Mode werden. – Bei allen Veränderungen, die ich bei meiner Rückkehr finden dürfte, bin ich doch von der Unveränderlichkeit Eines Dinges überzeugt: auch dann noch wird niemand für sich selbst zu denken wagen. Der große Mangel in jedem Individuum ist ein Mangel an einer Meinung. Wer z.B. beurtheilt ein Bild nach seiner eigenen Kenntnis von der Malerei? Wer wartet nicht, bis Herr *** oder Lord *** (einer von den sechs oder sieben privilegirten Kennern) sich darüber ausgesprochen hat? Ja nicht allein das Schicksal eines einzigen Bildes, sondern das einer ganzen Malerschule hängt von der Laune irgend eines dieser eigenmächtigen Diktatoren ab. Der König oder der Herzog von *** braucht nur die Holländische Schule zu lieben und sich über die Italienische lustig zu machen, und alsbald wird ein Raphael keinen Käufer finden und ein Teniers übermäßig im Preise steigen. Niederländische Bilder von Leuchtern und Bauern werden mit begierigem Entzücken gesucht; die unangenehmsten Gegenstände der Natur werden die beliebtesten Schätze der Kunst, und wir wetteifern mit einander, die Erhebung unsers Geschmacks dadurch zu bezeugen, daß wir uns um die gemalten Gemeinheiten reißen, durch welche der Geschmack selbst so durchaus herabgewürdigt wird. Es ist jetzt fest bei uns: je niedriger der Gegenstand, desto sicherer sein Glück. Im Theater drängen wir uns nach der Posse, in der Malerei verehren wir die Niederländische Schule; in – – In der Literatur? – sagte Saville. – Nein! Unsere Literatur athmet noch immer etwas Edles. Aber warum? Weil die Wenigen, welche über Bücher, bei ihrem ersten Erscheinen, urtheilen, keine Aristokraten sind. Ein Buch fragt, um Glück zu machen, nicht so sehr, wie ein Gemälde oder ein Ballet, nach der Meinung des Herrn Saville oder der Lady Erpingham. – Sehr wahr! Selbst in unserer Religion entdecke ich diesen Hang zum Kleinlichen. Durch welche Mittel sucht der beliebteste Prediger mit dem größten Erfolge auf seine Zuhörer zu wirken? Spricht er von dem Genusse, den wir in seiner guten Handlung finden, von dem Ruhme einer Selbstaufopferung? Mit einem Worte – setzte Saville hinzu, nicht ohne selbst leicht zu erröthen, daß man ihn bei einer solchen Äußerung ertappe, mit einem Worte, hält er sich an die schönen, Römischen Motive, welche bei den schönen, Römischen Karakteren von solchem Gewicht sind? Beim Himmel, nein! Er erhebt nicht, er schüchtert ein; er muntert nicht auf, er droht uns mit dem höllischen Feuer; er droht uns in die Tugend, er schreckt uns in den Himmel hinein. Genau in dem Verhältnisse, wie ein Prediger diese Mittel braucht, wird er beliebt bei uns. Nun glaube ich aber, daß wir allein niedrige Naturen hauptsächlich durch Furcht regiert werden. Und wenn ich sehe, wie gerne sie sich ängstigen lassen, so glaube ich nicht, daß wir gerechte Ansprüche auf Hoheit machen können. – Eben so – fügte Konstanze hinzu – ist bei unserer Erziehung Furcht die Hauptmethode, nach welcher wir leben. – Ja, bald heißt es: Miß, das werde ich Ihrer Mama sagen; bald: Wenn Du das wieder thust, Bursche, so peitsche ich Dich, daß Du liegen bleiben sollst. – Wie kann es daher fehlen, daß wir, eine so große Nation wir auch sind, doch nur kleine Menschen sind? – Freilich! Wie kanns fehlen? – wiederholte Saville, indem er sich unmittelbar darauf nach einem Spieltische wendete, um an der beabsichtigten Plünderung eines jungen Bankiers Theil zu nehmen, der stolz darauf war, daß ihm Personen von Rang die Ehre anthaten, ihn zu betrügen. In einem andern Zimmer fand Konstanze einen gewissen alten Philosophen, den ich David Mandeville nennen will. In diesem Manne lag etwas, was immer alle die bezauberte, welche Geist genug hatten, mit den gewöhnlichen Bewohnern der mikrokosmischen Gesellschaft unzufrieden zu seyn. Der Ausdruck seines Gesichtes unterschied sich ganz von dem Anderer: aus seinem Antlitze athmete Güte, auf seiner Stirne der Schwung des Geistes. Man sah auf der Stelle, daß er nicht mit nichtigen Leuten lebte, noch sich mit nichtigen Dingen abgab. Aus seinem Blicke strahlte Heiterkeit, aber es war die Heiterkeit des Gedankens. Konstanze setzte sich neben ihn. – Thut es Ihnen nicht leid – sagte Mandeville – daß Sie England verlassen? Sie, die sich zum Mittelpunkte eines Kreises gemacht haben, der in seiner kurzen, blendenden Mannigfaltigkeit vielleicht nie seines Gleichen in diesem Lande gehabt hat? Reichthum – Rang – selbst Witz können Andere um sich versammeln; noch niemand aber hat zuvor Alles, was hoch in der Kunst steht, sich berühmt um die Wissenschaft gemacht hat, weise in Politik und (denn wer außer Ihnen scheute je keine Nebenbuhlerschaft?) selbst durch Schönheit reizend ist, in ein einziges Sternenmeer vereinigt. Ich hätte es leichter für uns gehalten, Armida zu fliehen, als für Armida, diesem Schauplatze ihrer Zauberherrschaft zu entsagen, dem Schauplatze, in welchem Frau von Staël den Reizen ihrer Unterhaltung gehuldigt und Lord Byron die ihrer Persönlichkeit gefeiert hat. Wir können uns denken, welchen Zauber Konstanze um sich verbreitete, wenn selbst Philosophen (und Mandeville vor allen andern) schmeicheln gelernt hatten: aber seine Schmeichelei war Aufrichtigkeit. – Ach – sagte Konstanze seufzend, – selbst wenn Ihr Kompliment ganz wahr wäre, so haben Sie doch nichts genannt, was mir ein Opfer kosten würde. Eitelkeit ist Ein Quell des Glücks, aber er genügt nicht, mich für den Mangel aller übrigen zu entschuldigen. Mit England verlasse ich den Schauplatz einiger Ermüdung; ich unterliege dem Druck des Einerleis und blicke mit Sehnsucht auf die Aussicht einer Veränderung. – Sie Arme! – sagte der alte Philosoph,, indem er schmerzlich zu ihr aufsah – die, im vollen Gange des Glücks, doch mehr Empfindlichkeit für das vertrocknete Rosenblatt, als für die Bequemlichkeit des Lagers hat. – Wohin Sie gehen, wird die feine Gesellschaft Ihnen dieselbe Eintönigkeit darbieten. Alle Höfe sind sich gleich: die Männer haben einen Wechsel in ihrem Thun; aber für Frauen Ihres Ranges ist jeder Schauplatz derselbe. Sie müssen das Ziel nicht außerhalb suchen, sondern sich eins in Ihnen schaffen. Um glücklich zu seyn, müssen wir uns von Andern unabhängig machen. – Sie rathen, wie alle andere Philosophen, das Unmögliche an. – Wie so? Haben nicht die Meisten Ihres Geschlechtes ihren Zweck? Die Einen das Wohl ihrer Kinder, die Andern das Interesse ihrer Gatten, eine Dritte setzt ihre Leidenschaft in Ökonomie, eine Vierte in Verschwendung, eine Fünfte in Modeleben, eine Sechste in Einsamkeit. Ihre Freundin dort ist stets damit beschäftigt, ihre Gesundheit zu pflegen; ihr giebt die Hypochondrie einen Zweck an die Hand. Sie ist wirklich glücklich, daß sie sich für krank hält. Jeder hat seinen Lebenszweck, der ihm die Langeweile vertreibt, nur Sie nicht. – Auch ich habe einen – sagte Konstanze lächelnd – aber er füllt nicht meine ganze Zeit aus. Die Zwischenakte sind länger, als die Akte selbst. – Ist Ihr Ziel Religion? – fragte Mandeville gelassen. Konstanze war betroffen, die Frage war neu. – Ich fürchte, nein – antwortete sie nach einigem Zögern, indem sie den Kopf sinken ließ. – Ich dachte es. Aber hören Sie mich. Der Grund, warum Sie sich mehr ermüdet fühlen, als Ihre Umgebung, ist, daß Ihr Geist mehr Spielraum verlangt. Kleine Seelen finden leicht Beschäftigung; jede Frivolität unterhält sie. Aber ein höheres Gemüth strebt nach Dingen, die außer dem täglichen Bereiche sind; Frivolitäten geben ihm nur eine mechanische Beschäftigung, die Gedanken schreiten rastlos vorwärts. Dies ist der Fall mit Ihnen. Ihr Geist verzehrt Sie. Sie wären glücklich gewesen, ständen Sie nicht so hoch – (Konstanze zuckte zusammen, sie dachte an Godolphin) denn Sie wären dann ehrgeizig gewesen und hätten nach dem Range gestrebt, der Sie jetzt anekelt. Ich halte diese großen Absonderungen der Gesellschaft für so unglücklich, als unnatürlich. Während die Großen eine Schranke gegen das Glück der niedern Klassen bilden, befinden sie sich doch selbst nicht glücklich. Die Dichter haben Recht, wenn sie über das Elend der Könige oder der Adeligen deklamiren, obwohl nicht, wenn sie eben so die Herrlichkeit des Landmannes preisen. Die beiden Extreme berühren sich. Die Welt würde bei weitem glücklicher seyn, bestände sie nur aus Einer großen Mittelklasse. Auf dieses Ziel hin haben wir Philosophen gearbeitet, und dieses Ziel dürfte am Ende erreicht werden. Konstanze fühlte sich durch eine Gesinnung angeregt, welche ihre gekränkten Wünsche rechtfertigte, sprach aber nicht. Mandeville fuhr fort. – Vor Allem unglücklich und falsch aber ist jetzt die Stellung der Frauen. Sie influenzieren die Welt und sind doch aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen. Sie sind die Gefangenen und doch die Despotinnen der Gesellschaft. Haben Sie Talente? Es ist ein Unrecht, sie öffentlich zu zeigen. Und da das Talent nicht erdrückt werden kann, so wird es im Privatleben irregeleitet; sie streben nach der Herrschaft in ihren eigenen beschränkten Zirkeln und das Genie artet in Verschlagenheit aus. Von der Wiege auf zur Verstellung erzogen, sind die schönsten Bewegungen, die herrlichsten Grundsätze mit Falschheit verbrämt. Wie ihre Talente, der Schwingen beraubt, auf der Erde krochen und deren Staub und Schlamm annehmen müssen, so werden auch ihre Neigungen unaufhörlich gehemmt und in konventionelle Pfade gezwängt, und ein selbstständiges Gefühl wird wie ein entschiedenes Verbrechen bestraft. Man lehrt ihnen nicht die gesunden, tüchtigen Lebensprinzipien; Alles, was sie von der Moral erfahren, beschränkt sich auf Formen und Anständigkeit. So werden sie außer Stand gesetzt, die öffentlichen Tugenden und öffentlichen Mängel eines Bruders oder Sohnes zu würdigen, und Ein Grund, warum wir keinen Brutus mehr haben, ist, daß Sie keine Portia haben. – Sie sind streng. – Gegen wen? Die Männer machen die Frauen zu dem, was sie sind. Guter Himmel, wenn ich in ihnen so manchen edlen Keim, so manche schlummernde Liebe, so manchen reinen Enthusiasmus, so manche göttliche Selbsthingebung sehe, und wenn ich dann sehe, wie durch die Verderbtheit der Gesellschaft eben diese Eigenschaften oft so gefahrbringend für ihre Besitzerin werden, so kann ich es nicht tief genug beklagen, daß die Frauen, statt ihren Fesseln zu schmeicheln, sich nicht selbst zu einer Emanzipation vereinigen; so schmerzt es mich, daß sie nicht, statt von Tugend und einfacher Zurückgezogenheit zu winseln, kühnlich fragen, warum man es bei ihnen für gefährlich halte, wenn sie ihren Verstand bilden und ihre Talente ausüben; warum sie nur im Verhältnis, wie sie ihren Geist verschließen, sicher vor Lächerlichkeit oder frei von Schmähungen sind. Die Türkei hat ihr Serail für den Körper, aber die Sitte in Europa hat auch ihr Serail für die Seele. Konstanze lächelte über den Eifer des Philosophen, aber sie war ein Weib, und fühlte sich bewegt. – Vielleicht – sagte sie – dürfte doch noch wie mit dem Fortschreiten der Zeit und der Ereignisse, der Zustand der Frauen, so gut wie der der Männer, verbessert werden. – In der Zukunft ohne Zweifel. Und glauben Sie mir, Lady Erpingham, als Kennerin der Politik: keine legislative Reform allein wird die Menschen verbessern. Der gesellschaftliche Zustand bedarf einer Revolution. Wer darf es wagen, diese zu predigen? – Der erste, tiefe Denker, der, ohne Parteizweck im Auge, den Muth haben wird, die ganze Wahrheit auszusprechen. – Aber Sie fragten mich vor einigen Minuten, ob das Ziel meines Strebens Religion sey. Meine Antwort täuschte Ihre Hoffnung, obgleich sie Sie nicht überraschte. – Allerdings: es tat mir weh, weil in Ihrer Lage Religion allein die traurige Leere Ihrer Zeit ausgefüllt haben würde. Denn mit Ihrem gebildeten, umfassenden Geiste würden Sie die größte der irdischen Fragen nicht aus einem engherzigen, sektirenden Gesichtspunkte betrachtet haben. Sie würden die Religion nicht in dem Gemurmel hergebrachter Worte in einer Kirch oder Kapelle, in einem scheinheiligen Wesen, in einer prahlerischen Wohltätigkeit, einem schroffen Urtheil gegen alles, was außer dem Bereiche Ihrer Meinung ist, gesucht haben. Sie würden in ihr ein wohlthuendes, harmonisches Moralsystem gesehen haben, welches vom Gemurmel nur so viel nimmt, daß es nicht ermüdet, sondern tieferen Eindruck macht. Doch kann eine ächte und reine Religion die Formen ganz entbehren, denn die Formen lehrten zuerst die Menschen, über die Religion zu spotten. Die Wahrheit bedarf zur Verherrlichung ihrer Schönheit keines priesterlichen Zierrathes. Das Ceremoniel, das die Religion unterstützen wollte, hat sie betrogen; es ist der Judas, der den Heiland mit einem Kusse verrathen hat. Aber werfen Sie dies nichtige Ritual weg, das nur menschliche List geschaffen hat, und wie glorreich strahlt uns die Religion entgegen! Wir erblicken die Moral, gekräftigt in ihren irdischen Motiven, und mit einer himmlischen Hoffnung gekrönt. Hier haben wir einen Gegenstand, der unserer edelsten Kräfte würdig ist. Literatur, Wissenschaft, Künste, sind nur die Dienerinnen des Himmels. Was unsere Kräfte erweitert, macht uns geschickter, der Menschheit zu nützen: in jeder Handlung für die Menschen erblicken Sie das wahre Ceremoniel, welches Gott gefällig ist. Hier haben wir keine Zeit für Eintönigkeit. Was ist so mannigfach, als Wohlthun, was so thätig als Barmherzigkeit? Hier erschlafft selbst der Gedanke nicht; denn eine verborgene Energie regt ihn an. Zwei Gefühle genügen, selbst das trägste Temperament gegen Stockung zu bewahren: ein Verlangen und eine Hoffnung. Was sollen wir erst von dem Verlangen, nützlich zu seyn, was von der Hoffnung sagen, unsterblich zu seyn? Eine solche Sprache hatte Konstanze nicht oft gehört, und auch in dem Munde dessen, der sie gehalten, war sie selten. Aber ein Interesse an dem Schicksale und dem Glück eines Wesens, in dem er so viel Bewundernswerthes sah, hatte in Mandeville die Sehnsucht erweckt, daß sie irgend ein Prinzip annehmen möge, was auch er achten könne. Und in seiner Stimme lag eine Wärme, eine Aufrichtigkeit, die Lady Erpingham bis in das Herz drang. Sie drückte ihm schweigend die Hand. Sie dachte noch später über seine Worte nach; aber das aristokratische Leben ist einem dauernden Eindruck, mit Ausnahme dem der Eitelkeit und der Liebe, nicht sehr zugänglich. Die Religion hat zwei Quellen: die Gewohnheit der Jugend, oder den Gedanke an die Zukunft. Aber der Vortheil der erstern war Konstanze nicht beschieden, und wie konnte sich das intrigirende Weib dieser Welt gerne mit tiefen Gedanken an eine andere Welt abgeben? Dies ist das einzige Mal, daß Mandeville in diesem Werke zum Vorschein kommt: ein Bild von der Seltenheit, mit welcher religiöse Weisheit mit dem Schauplatz des wirklichen Lebens verkehrt. – Apropos – sagte Saville, der im Fortgehen Konstanzen an der Thür begegnete, und ihr sein letztes Lebewohl sagte – Sie werden irgendwo in Italien vielleicht meinem alten jungen Freunde, Percy Godolphin, begegnen. Es hat ihm nicht gefallen, mir seinen Aufenthaltsort anzugeben, aber ich höre, daß man ihn kürzlich in Neapel gesehen hat. Konstanze erröthete, ihr Herz schlug heftig, aber sie antwortete mit Gleichgültigkeit und wendete sich ab. Am nächsten Morgen reisten sie nach Italien ab. Aber welche Veränderungen erwarteten Konstanzen binnen einer Woche! Neuntes Kapitel. Rechtfertigung des Ehrgeizes. – Die Wohnung Godolphin's und Lucilla's. – Lucilla's Wesen. – Wirkung glücklicher Liebe auf des weibliche Talent. – Der Abend des Abschieds. – Lucilla allein. – Erprobung einer weltlichen Liebe. Wie ist sie so mißhandelt, verleumdet worden, jene Leidenschaft, die mehr eine Leidenschaft der Seele, als des Herzens ist, die, dem Pseudo-Moralisten verhaßt, von dem wahren Philosophen mit freundlichem, wenn auch mit kritischem Blicke betrachtet wird: der erhabene, strahlenbeschwingte Ehrgeiz. Thoren mögen Dich schmähen, weil Du, wie anderes Hohe, mißbraucht werden kannst. Der Sturm entwurzelt die Eichen, aber für jede Eiche, die er entwurzelt, streut er tausend Eicheln aus; Ixion umfing die Wolke, aber auch der Umarmung entsprang ein Held. Du auch hast Deine Donnerschläge, aber ohne Dich würde das Leben verstocken; Du auch jagest nach Traumbildern, aber selbst sie haben etwas Göttliches in ihren Schöpfungen! Es war das größte, das vorherrschende Unglück in Godolphins Leben, daß er sich frühe eingeredet hatte, er sey über jedes Streben erhaben. Seine Talente zehrten daher an ihm, und statt eines kräftigen, thätig handelnden Weltbürgers, wurde er bald ein indolenter Sinnenmensch, bald ein einsamer Träumer. Er betrachtete das kämpfende Treiben der Welt nicht, wie es ein Mann von gesundem Geiste thun sollte. Aus dieser Schwäche aber entnehmen wir eine Moral. Sie ist nicht schlechter darum, daß sie den gewöhnlichen Phrasen derer entgegensteht, welche der Thatkraft ihre Triebfeder nehmen wollen: Geniale Menschen, welche nicht zugleich Ehrgeiz haben, sind entweder Humoristen, oder hypochondrisch, oder ausschweifend. An dem Ufer eines der Seen Italiens hatten Godolphin und Lucilla ihren Wohnsitz aufgeschlagen; hier dünkte sich der junge Idealist eine Zeitlang glücklich. Nie, wie jetzt, so voller Lust an der Natur, gab er sich ganz dem Zauber des Paradieses hin, das ihn umgab. Er verbrachte die Stunden des langen Sommertages an dem glatten See oder unter den schützenden Bäumen, von denen er umgürtet war. Die Begegnisse, die er in der Welt erlebt hatte, gaben ihm Stoff zu ruhigem Nachdenken und zum erstenmale in seinem Leben ermüdete ihn nicht das Einerlei der Gedanken. Wenn er die Schritte nach Hause wandte, wartete schon die besorgte Lucilla seiner; ihr Auge glänzte bei seinem Nahen, ihr Geist sprang ungezügelt auf und jauchzte vor Freude, und Godolphin, den ihr Entzücken rührte, wurde immer begieriger, sich an demselben zu weiden: er fühlte den Magnet eines eigenen Heerdes. Und doch, als der erste Enthusiasmus der Leidenschaft erlosch, konnte er nicht umhin, einzusehen, daß Lucilla dennoch keine Gefährtin für ihn sey. Ihre Phantasie war allerdings lebendig, und ihre Fassungskraft schnell, aber die Erfahrung hatte ihren Begriffen eine beschränkte Gränze gesetzt. Sie hatte nichts als Liebe und ein regelloses Temperament, das zur Unterhaltung Anlaß geben konnte. Die, denen ihre Erziehung versagt hat, Belehrung aus Sachen zu entnehmen, haben im Allgemeinen das Vermögen, Unterhaltung aus Persönlichkeiten zu schöpfen: sie sprechen von der Lächerlichkeit des Hrn. N. oder von der Abgeschmacktheit des Hrn. X. Unsere Liebenden aber sahen keine Gesellschaft, und so war ihre Unterhaltung nur auf ihre innern Hülfsquellen angewiesen. Überdies war es eine Eigenthümlichkeit Godolphins, daß er sich immer nach Ideen hinneigte, welche selbst für Personen von gebildeterem Geiste zu fein und zu lustig gewesen wären. Konnte Konstanze das Wesen seines Karakters nicht ganz begreifen, so mußte es für Lucilla ein beständiges Geheimnis seyn. Dies erhöhte vielleicht ihre Liebe , aber das Bewußtseyn davon untergrub die seinige . Er fühlte, daß das, was er für seine edelsten Fähigkeiten hielt, nicht gewürdigt wurde. Er war zuweilen aufgebracht gegen Lucilla, daß sie nur die Eigenschaften seines Karakters liebte, welche er mit der übrigen Menschheit theilte. Seine spekulative Hamlet-Natur (wir nehmen hier den Hamlet nach Göthes Ansicht, und verbinden eine gewisse Schwäche mit den schönern Zügen des Königlichen Träumers) floh inbeständig die materielle Welt und schwebte zu luftigen Gebilden auf. Er vermochte nicht die Gegenwart zu schätzen. Hätte Godolphin Lucilla geliebt, wie er sie lieben zu müssen glaubte, so würden die Schönheiten ihres Karakters ihn gegen dessen Fehler verblendet haben, aber seine Leidenschaft war zu übereilt, als daß sie festgewurzelt seyn konnte. Sie war aus der Überzeugung ihrer Neigung entsprungen, nicht Schritt vor Schritt aus seiner eigenen angewachsen. In den Zwischenräumen zwischen Gefallen und Besitz muß die Liebe, wenn sie dauern soll, noch mehre Abschnitte durchschreiten: der Zweifel, die Furcht, der erste Händedruck, der erste Kuß, das alles muß eine Epoche seyn, an welche die Erinnerung sich festhält. In dem Augenblick späterer Kälte oder Erzürnung muß der Geist von der gesättigten Gegenwart zu den tausend zarten und erfrischenden Bildern der Vergangenheit flüchten können. An diesen Bildern verjüngt sich die Liebe wieder. Um welche Masse süßer Betrachtungen, um welchen unendlichen Zauber, der die Beständigkeit erhält, bringt sich die Liebe, in welcher die Erinnerung schon mit dem Besitz anfängt. Trotz ihrer Schlauheit und wilden Zärtlichkeit lag noch etwas in Lucillas Karakter, was außer ihrem Mangel an Bildung, nicht ganz zu den Ideen von dem Wesen paßte, das sich Godolphins Phantasie geschaffen hatte. Seine stille und tiefe Natur verlangte Jemand, dem er sich nicht allein anvertrauen, sondern in dem er Ruhe finden konnte. Daher bestand Ein Reiz, der ihn zu Konstanze hingezogen hatte, in ihrem gleichen und ungetrübtem Temperament. Aber der Geist Lucillas war immer in schimmernder, für ihn ermüdender Bewegung: Unaufhörlich jagten sich Thränen und Lachen. Da sie seinen Karakter nicht begriff, aber nur immer an ihn dachte, so beschäftigte sie sich mit Muthmaßungen und Beargwöhnungen, an deren Verhehlung sie ihre Aufrichtigkeit und ihre Leidenschaftlichkeit verhinderte. Wenn sie ihn Stundenlang betrachtet hatte, so fing sie an zu weinen, daß er sich nicht von seinen Büchern und Träumereien losriß, um sich mit eben so zärtlichen und sehnsüchtigen Augen nach ihr umzusehen. Voll Furcht während seiner Abwesenheit, voll ungetheilter Hingebung in seiner Gegenwart, war sie unglücklich, weil er diese Gefühle nicht mit gleicher Innigkeit erwiderte. Sie begriff nichts von der Liebe, außer was sie selbst fühlte, und sie sah täglich und stündlich, daß er in dieser Liebe nicht mit ihr übereinstimmte, und daher verbitterte sie sich das Leben mit dem Gedanken, daß er ihr Neigung nicht theile. – Du thust uns beiden Unrecht – antwortete er auf ihre thränenschweren Klagen – unser Geschlecht liebt anders, als das eurige. – Ach – erwiederte sie – ich fühlte, daß die Liebe keinen Unterschied kennt; es gibt nur Eine Liebe, aber es mag viele Verfälschungen geben. Godolphin lächelte, daß die unerzogene Tochter der Natur unbewußt die glänzende Sentenz eines der kunstreichsten Maximenschmiede Larochefoucauld. ausgesprochen hatte. Lucilla sah das Lächeln und sogleich flossen ihr Thränen. – Du machst Dich noch lustig über mich. – – Du bist eine kleine Närrin – sagte Godolphin freundlich und küßte den Sturm weg. Und das war immer eine leichte Sache. In Lucillas Aufwallung lag nichts Unweibliches, Eigensinniges: ein gütiges Wort, eine Liebkosung beschwichtigte sie im Augenblick, und verkehrte den vorübergehenden Schmerz in helle Freude. Wer aber weiß, wie lästig die ewige Mühe der Versöhnung für einen grübelnden und indolenten Menschen, wie Godolphin, seyn mußte, wird das Leid begreifen, das ihm selbst ihre Zärtlichkeit verursachte. Es ist auffallend, wie in Frauen, wenn sie den Zweck ihres Lebens erreicht haben, die Richtungen ihres Geistes einen plötzlichen Stillstand erleiden. Daher sehen wir so viele, die vor ihrer Heirath durch den sprudelnden Quell ihrer Talente unsere Bewunderung erregt haben, nach derselben zu bloßen Maschinen herabsinken. Wir erstaunen, daß wir uns je, bei unserer Verehrung, doch vor der blendenden Schärfe eines Verstandes gescheut haben, der jetzt nicht aus den Gränzen des Hauses und Heerdes herauszugehen scheint. So ging es der armen Lucilla; ihr feuriger, rastloser Geist hatte früher jeden Gegenstand in ihrem Bereiche ergriffen: sie hatte sich selbst Musik gelernt; sie hatte Zeichnen, Malen gelernt; kein Buch fiel ihr in die Hände, dem sie nicht eine neue Idee zu entnehmen gesucht hätte. Aber sie war jetzt mit Godolphin zusammen und ihre Gedanken suchten keine andere Beschäftigung mehr, sie wünschte nichts mehr, als seine Liebe, verlangte nichts zu ergründen, als seinen Karakter. Er war der Kreis ihrer Hoffnungen und der Mittelpunkt ihr Herz: alle Linien waren diesem Herzen gleich, wenn sie ihn nur berührten. Es ist klar, daß diese Hingebung sie bei all dem verhinderte, sie zu einer geeigneten Lebensgefährtin für ihn zu machen: sie suchte ihn zu studiren, nicht sich zu vervollkommnen, und so lag eben in ihrer übertriebenen Liebe auch ein Grund, warum diese Liebe nicht erwidert wurde. Aber Godolphin fühlte die ganze Verantwortlichkeit, welche er auf sich genommen hatte. Er fühlte, wie ganz das Glück dieses armen, verlassenen Kindes – denn ein Kind war sie an Karakter und fast noch an Jahren – von ihm abhing. Er richtete sich daher aus seiner gewöhnlichen Selbstsucht auf, und ließ sich nur selten oder nie von der Reizbarkeit hinreißen, welche sie unbewußt, aber unaufhörlich verletzte. Das balsamische, liebliche Klima, die heitere, klare Luft, die majestätische Ruhe, welche auf der herrlichen Gegend um ihre Wohnung ruhte, trug dazu bei, sein Gemüth zu besänftigen. Er beschäftigte sich auch zu Zeiten damit, irgend eine Dichtung auszuarbeiten, an deren Bekanntmachung ihn sein Karakter verhinderte, zu deren Zurückhaltung jetzt jedoch kein Grund mehr ist, und welche, wenn die Welt einiges Interesse an diesem Werke nimmt, eines Tages ans Licht treten dürften. Auch hatte er Lucilla dazu gebracht, sich an eine gelegentliche, aber kurze Abwesenheit zu gewöhnen. Zuweilen verbrachte er zwei oder drei Wochen in Rom, zuweilen in Neapel oder Florenz. Er wußte zu gut, wie nothwendig solche Entfernungen für den Bestand der Liebe und für die Verhinderung jener Übersättigung sind, welche uns mit dem Gewohnheitsleben überschleicht, als daß er sich nicht entschlossen hätte, sie durchzusetzen, obgleich er immer ein Geschäft vorschützte – ein Einwand, dem Lucilla nicht zu widerstehen vermochte, da ihr das Wort schon wie die Bestimmung klang, wie ein Aufruf, dem man, und wäre er noch so gehässig, Gehorsam leisten müsse. Anfangs war sie schon trostlos, wenn er nur zwei Tage ausblieb; aber als sie sah, mit welcher Gluth ihr Geliebter zurückkehrte, mit welcher frischen Lust er ihren Worten, ihrem Gesange lauschte, so fieng sie an, sich einzugestehen, daß selbst im Schlimmen etwas Gutes liegen könne. Nach und nach gewöhnte er sie an längere Entbehrung, und Lucilla verkürzte die Trauerzeit durch tausend kleine Pläne und Überraschungen, mit welchen die Frauen so gerne den geliebten Wanderer bei seiner Rückkehr empfangen. Seine Abreise gab das Zeichen zu einer Veränderung im Garten, im Hause, in den Lauben, und wenn sie dieser Arbeiten müde war, so blieben ihr noch immer seine Briefe, und das Vergnügen, ihm zu schreiben. Es war ein täglicher Rausch! Denn die Worte des Mannes sind liebevoller geschrieben, als gesprochen. Zum Glücke für Lucilla hatten ihre frühe Gewohnheiten und ihre sonderbare Stimmung sie gegen Gesellschaft gleichgültig gemacht und mit der Einsamkeit befreundet. Oft sagte Godolphin, der nicht begriff, wie man ohne Erziehung sich unterhalten könne, voll Mitleid über ihr abgeschiedenes Leben: – Aber Lucilla, wie hast Du den langen Tag verbracht, während ich draußen im Walde oder am See war? Und Lucilla eilte, voll Entzücken, daß sie ihm die Geschichte jeder Stunde erzählen konnte, ihm jeden Vorfall, jeden Gedanken, der ihr aufgestoßen war, mit einer wichtigen und ernsten Umständlichkeit zu beschreiben, welche ihre Fähigkeit, die Welt zu entbehren, zur Genüge darthat. Auf diese Weise verbrachten sie mehr als zwei Jahre, und trotz Allem waren es vielleicht die glücklichsten in Godolphins Leben, Jahre, welche am wenigsten das Ideal seiner Phantasie täuschten. Lucilla hatte eine Tochter gehabt, aber sie war wenige Wochen nach der Geburt gestorben. Sie weinte über die geknickte Knospe, war aber nicht untröstlich; denn vor dem Verluste hatte sie den Glauben gefaßt, daß kein Unglück unersetzlich sey, das nicht Godolphin beträfe. Vielleicht war Godolphin tiefer bekümmert, denn Männer seiner Art lieben es, das Aufwachsen eines geistigen Wesens zu bewachen, und ihre Erziehungs-Schimären in Anwendung zu bringen. Glückliches Kind! Du bist dem Versuche entgangen! Es war am Vorabende einer der periodischen Reisen Godolphins, und diesmal dachte er Rom zu besuchen. Godolphin hatte bis zum Untergange der Sonne am See umhergeschwärmt, und Lucilla war ungeduldig ihm entgegengegangen. Der Tag war schwül gewesen und jetzt lag eine düstere, schwere Stille auf dem sinkenden Abende. Die Tannen, diese finsteren Kinder des Waldes, welche etwas Melancholisches, zuweilen Strenges auf den glänzenden Anblick einer Italienischen Landschaft warfen, schmachteten in der unbeweglichen Luft. Als sie an den Rand des Sees kam, schlummerten auch dessen Wellen dunkel und schweigend, nur die Brandung, die gegen die Steine plätscherte, gab einen leisen, traurigen Ton von sich, und zuweilen auch stieß aus dem Gehölze irgend ein verspäteter Vogel einen kurzen, scharfen Laut aus, und dann wurde Alles wieder athemlose Stille. Es war dort eine Stelle, wo die Bäume sich ringförmig zurückgezogen und einige kahle, gewaltige Steinmassen von Grün unbedeckt gelassen hatten. Es war der einzige Platz in dieser reichen, üppigen Landschaft, der mit deren sanftem Karakter in keiner Harmonie stand: es war wie ein düsterer, trostloser Gedanke auf einer Bahn des Vergnügens. Auf diesem Flecke stand jetzt Godolphin allein und blickte auf das stille Wasser vor ihm. Lucilla erkletterte mit leichten Schritten die rauhen Steine, berührte seine Schulter und warf ihm mit zärtlichem Muthwillen seine Säumnis vor. – Lucilla – sagte er, als wieder Frieden geschlossen war – welchen Eindruck macht diese finstere, prophetische Ruhe vor dem Ausbruche des Sturmes auf Dich? Flößt sie Dir Trauer, oder Nachdenken, oder Furcht ein? – Ich sehe meinen Stern – antwortete Lucilla, auf einem fernen, einsamen Stern zeigend, der, wie eine Insel, in einem Wolkenmeere schwamm, das schwarz und langsam heranzog – ich sehe meinen Stern und ich denke mehr an das kleine Licht, als an die Nacht umher. – Aber er wird sogleich unter den Wolken begraben seyn – sagte Godolphin, über den Aberglauben lächelnd, den Lucilla von ihrem Vater erborgt hatte. – Die Wolken ziehen vorüber und die Sterne bleiben. – Du hast ein leichtes Blut, meine Lucilla. Lucilla seufzte. – Warum seufzest Du, Theuerste? – Weil ich daran denke, wie wenig selbst die, welche uns am meisten lieben, uns kennen. Ich spreche nie von meinen Unruhen und Sorgen. Es gibt Zeiten, wo Du nicht glauben würdest, daß ich zu leicht mich der Hoffnung überlasse. – Und was, arme Kleine, hast Du zu fürchten? – Hast Du es nie für möglich gehalten, daß Du mich einst weniger lieben könntest? – Nein. Lucilla schlug ihr forschendes, dunkles Auge zu ihm auf, und blickte ihm scharf in das Gesicht, aber in seinen ruhigen Zügen, auf seiner glatten Stirne war nichts zu lesen, weder im Guten, noch im Bösen. Sie wendete sich ab. – Ich kann nicht glauben, Lucilla, daß Du je Deine Gedanken, so sehr sie auch umherschweifen, auf die Zukunft richtest. Dehnen sie sich je in den Raum von zehn oder zwanzig Jahren aus? – Nein. Aber Ein Jahr kann die Geschichte meiner ganzen Zukunft enthalten. Als sie noch sprach, thürmten sich die Wolken um den einsamen Stern, auf welchen Lucilla gezeigt hatte. Der Sturm war im Anzuge; sie fühlten seine Nähe und kehrten nach Hause zurück. Es liegt etwas ungewöhnlich Furchtbares in den Stürmen, welche jene sanften, lieblichen Himmelsstriche heimsuchen. Die Seltenheit solcher heftigern Umstimmungen in dem Temperamente der Natur erschüttert uns wie eine prophetische Stimme des Schicksals: es ist wie ein plötzlicher Unfall mitten im Glücke, wie eine Wunde von der Hand der Liebe. Wir haben keine Kraft, dem unerwarteten Schlage zu widerstehen. Als sie die Wohnung erreichten, fielen schon schwere Regentropfen. Sie standen einen Augenblick am Fenster und betrachteten das Leuchten der Blitze, wie sie über den dunklen See hinzuckten. Lucilla, die durch den Einfluß der Natur immer sonderbar angeregt wurde, schmiegte sich bleich und zitternd an Godolphin, aber selbst in der Furcht zeigte sich das Entzücken, daß sie ihm so nahe war, in dessen Liebe sie allein Schutz finden zu können glaubte. O, welche Wonne ist einem Weibe so theuer, als das Gefühl der Abhängigkeit! Arme Lucilla! Es war der letzte Abend, den sie mit ihm verbrachte, an dem sie mit so ganzer Seele hing. Godolphin blieb länger stehen, als Lucilla; als er in ihr Zimmer trat, hatte der Sturm sich gelegt und er fand sie am offenen Fenster, wo sie auf den jetzt heitern und blauen Himmel blickte. In der Ferne schlichen in der tiefen Stille der Mitternacht die Wellen des Sees und spiegelten das Licht der Sterne zurück; hinten erhob eine Bergkette ihre blauen Gipfel in das Firmament, und über einem der höchsten schwebte der auftauchende Mond und warf sein Silberlicht auf die Fichten und zum Theil auf den tiefer liegenden See. Godolphin näherte sich, unbewußt, mit leisem, geräuschlosem Schritte. Es liegt etwas Andächtiges in der Ruhe der Natur; es ist als ob aus dem athemlosen Herzen der Dinge ein Gebet zu dem Schöpfer des All's ausströmte. Man fühlt sich bezwungen durch eine so erhabene Stille; sie verbreitet sich über unsere eigenen Empfindungen und gebietet uns Ehrfurcht. Beide blickten schweigend hinaus, und überließen sich ihren, vielleicht verschiedenen, Gedanken. Endlich sagte Lucilla sanft: Sage mir, hast Du wirklich kein Zutrauen in meines Vaters Glauben? Sind die Sterne wirklich stumm? Ist keine Wahrheit in ihrer Bewegung, kein Gold in ihrem Glanze? – Meine Lucilla, Vernunft und Erfahrung sagen uns, daß die Astrologen einen Traum nähren, der keine Wirklichkeit hat. – Vernunft, gut! Erfahrung? Trieb Dich nicht Deines Vaters tödtliche Krankheit von hier zu derselben Zeit fort, als der meinige Dir Dein Abreise und deren Anlaß vorhersagte? Ich war nur ein Kind damals, aber doch werde ich nie die Blässe Deiner Wangen vergessen, als mein Vater seine Prophezeihung aussprach. – Auch ich, Lucilla, war damals fast nur ein Kind noch. – Aber die Prophezeihung traf ein. – Allerdings; aber wie viel verkündete Volktmann, was sich nicht bestätigte? In der wahren Wissenschaft giebt es keinen Zweifel, keine Ungewißheit. – Und mein Vater – sagte Lucilla, ohne seine Bemerkung zu beachten – sagte immer, daß Dein Loos und meines sich verschlingen würden. – Und die Prophezeiung bestimmte Dich vielleicht für ihre Erfüllung. Du hättest mich am Ende nie geliebt, wenn Deine Gedanken nicht durch die Prophezeihung zu mir hingedrängt worden wären. – Nein, ich dachte an Dich, ehe ich die Verkündigung vernahm. – Aber Dein Vater prophezeite mir Täuschung und Hindernisse in meiner Liebe. – Hatte er nicht Unrecht? Liebe ich nicht Dich? Lucilla warf sich in die Arme ihres Geliebten und murmelte, als sie ihn küßte: Ach, könnte ich Dich glücklich machen! Am folgenden Tage reiste Godolphin nach Rom ab. Lucilla war bei seinem Abschiede sogar niedergeschlagener, als das erstemal, wo er sie verließ. Der Winter kam langsam heran und das Wetter war kalt und unangenehm. Das Jahr war ungewöhnlich stürmisch und feucht, und wenn der Wind jetzt um ihr – ach, jetzt erst recht einsames Haus tobte, und die dicken Tropfen gegen den aufgeregten See trieb, schauderte sie vor ihren eigenen düstern Gedanken und zitterte vor der Verlassenheit der länger werdenden Nächte. Zum erstenmale, seit sie mit Godolphin lebte, suchte sie, obwohl vergebens, in Büchern Trost und Unterhaltung zu finden. Ihr Haus war voller Werke aller Art, aber der Zauber, der sonst aus jeder Seite zu ihr sprach, war gebrochen. Handelte das Buch nicht von Liebe, so besaß es kein Interesse, handelte es davon, so fand sie die Beschreibung matt und falsch. Noch niemand malte die Liebe so, daß es einem Andern ganz befriedigt hätte: dem Einen ist es zu blühend, dem Andern zu gemein: der Gott hat, wie andere Götter, seines Gleichen nicht auf Erden, und jede Wolke, auf die der Stern der Leidenschaft herabscheint, bricht das Licht in tausend verschiedene Strahlen. Als sie eines Tages einige von Godolphin bei Seite gelegte Bücher durchblätterte, und eines zu finden hoffte, in welches er Erklärungen, oder Bemerkungen eingeschrieben hätte, erstaunte sie, als sie darunter mehrere Bände fand, welche ihrem Vater gehört hatten. Godolphin hatte sie nach seinem Tode angekauft, und als Reliquien seines sonderbaren Freundes und als Beweise der mühsamen und überlegten Verirrungen des menschlichen Geistes bei Seite gelegt. Lucilla konnte nur wenige dieser Werke verstehen, denn sie waren größtentheils in andern Sprachen geschrieben, als in den beiden, die sie sprach. Einige jedoch, darunter Manuscripte ihres Vaters, die sauber geschrieben, und wunderbar verziert waren (mehrere Hauptwerke jener eitlen Wissenschaft existiren nur im Manuscript) versuchte sie zu entziffern, indem sie sich die Zeichen und Hieroglyphen in das Gedächtnis zurückrief, welche ihr Vater ihr oftmals erklärt hatte, wenn sie dieselben für ihn kopiren mußte. Noch immer voll unerschütterten Glaubens an die Macht der Gestirne, fand sie einiges Interesse daran, in diesen Geheimnissen zu lesen. Ihr Vater, der heimlich vielleicht gehofft hatte, er werde seinen Namen der Dankbarkeit eines zukünftigen Hermes vermachen, hatte in seinen Manuscripten die zerstreuten Theorien Anderer und viele seiner eigenen Lehren in ein besonderes System gebracht. Über diesen brütete sie besonders, denn sie waren einfacher und faßlicher, als die verwirrten, mystischen Spekulationen in den gedrückten Büchern, und es freute sie, daß sie daselbst neue Gründe für ihre Verehrung der Sterne und der Himmelserscheinungen fand. Doch nahmen verhältnismäßig diese verwirrenden Forschungen ihre Gedanken nur kurze Zeit ein. An Godolphin zu schreiben, von ihm zu hören, wurde ihr ein immer größeres Bedürfnis und ihre Briefe wurden immer länger und füllten sich noch mehr mit den kleinsten Details der Liebe, als in den ersten Tagen ihrer Leidenschaft. Willst Du wissen, ob die Frau, die Du liebst, Dich noch liebt, so verlaß Dich nicht auf ihre Worte, auf ihr Lächeln, wenn Du zugegen bist; untersuche ihre Briefe, wenn sie fern ist, siehe, ob sie, wie sonst, noch bei Kleinigkeiten, aber bei solchen weilt, die Dich angehen. Die Dinge, welche die Gleichgültigen vergessen, gehören zu den köstlichsten Schätzen der Liebe. Aber Lucilla war mit den Briefen, welche sie zur Antwort erhielt, nicht zufrieden, obwohl sie häufig genug kamen: sie waren freundlich, zutraulich, aber es fehlte ein gewisses Etwas: »der beste Theil der Schönheit ist der, den kein Bild ausdrücken kann.« Was das Herz am meisten verlangt, ist, was Worte nicht darstellen können. Rechtlichkeit – Patriotismus – Religion haben ihre Scheinheilige für das Leben; die Leidenschaft gestattet nur Heuchler auf Augenblicke. Zehntes Kapitel. Godolphin in Rom. – Heilmittel für einen krankhaften Idealismus. – Seine Verlegenheit in Beziehung auf Lucilla. – Gedanken über Bande, die nicht von der Kirche geknüpft sind. – Zusammentreffen mit einem alten Freunde. – Das Colosseum. – Eine Überraschung. Godolphin kam in Rom an; es war voller Engländer. Unter ihnen waren einige, deren er sich von England her mit Achtung erinnerte. Er war seiner langen Abwesenheit etwas müde geworden, und mischte sich eifrig in die Gesellschaft derer, welche ihm den Hof machten. Er war den Müßiggängern noch immer ein Gegenstand großen Interesses, und wenn man älter wird, verliert man die Kraft, sich der Aufmerksamkeit zu entziehen. Seine Wichtigkeit gefiel ihm, und er genoß die Süßigkeit der Gesellschaft mit größerer Lust, als bisher. Seine in Vergessenheit begrabenen und durch den Umgang mit Lucilla niegeweckten Talente wurden jetzt unaufhörlich ins Leben gerufen und durch Belohnung angeregt. Er hatte nie so viel Reiz am Glänzen gefunden, denn früher war er selbst von diesem Vergnügen übersättigt gewesen. Jetzt war es ihm durch die lange Entbehrung neu geworden, die Eitelkeit hatte ihr Empfindungsvermögen wieder erlangt. Er war nicht mehr so, wie sonst, in seine idealen Gebilde versunken. Er hatte seiner Phantasie in der Einsamkeit Nahrung genug gegeben, und durch den Erfolg etwas getäuscht, schien ihm die lebende Welt schöner als damals, wo er die Welt der Einbildung noch nicht geprüft hatte. Nichts stärkt die Gesundheit des Geistes mehr, als wenn man dessen Lieblingsschwächen sich durch sich selbst heilen läßt. So bemerkte Göthe in seinem Leben, indem er von Werther spricht, »daß die Ausarbeitung dieses überspannten Werkes ihn selbst von Überspannung geheilt habe.« Godolphin dachte oft an Lucilla, aber hätte er selbst recht in sein Herz schauen können, so hätte er vielleicht gefunden, daß mit der Innigkeit dieser Erinnerung ein gewisses Gefühl der Qual und der Demüthigung verbunden war. Er hatte mit ihr ein zwar romantisches, aber etwas unmännliches Leben geführt, und dachte jetzt, da er sich in dem heiteren, frischen Strom der Welt befand, nicht ohne Widerwillen daran zurück. Er empfand keine Sehnsucht, nach dem stillen See und den dunklen Fichten zurückzukehren, er fühlte, daß Lucilla nicht hinreichte, ihm die Welt zu ersetzen. Er hätte sie gern nach Rom gebracht, um mit ihr mehr des öffentlichen Lebens zu genießen, um ihr Gesellschaft mit der erfrischenden Zerstreuung der Welt zu verbinden. Aber er zitterte, die Unerfahrenheit Lucillas, die der Welt und ihren Wegen so fremd, in allen Dingen so seltsam und kindisch war, den Gefahren auszusetzen, die sie umgeben würden. Er wußte, daß seine »Freunde« die Zurückhaltung seiner erklärten Geliebten sehr wenig in Ehren halten, und daß ihr, die so liebenswürdig, so ungewöhnlich war, die verschlagensten und gewandtesten Intriganten Schlingen legen würden. Godolphin verkannte Lucillas reines und ergebenes Herz nicht, aber er wußte, daß das einzige sichere Gegenmittel gegen die Gefahr der Welt in der Kenntnis der Welt besteht. In Lucilla lag aber nichts, was je die Erlangung dieser Kenntnis versprach; ihre Natur schien ganz von der Unkunde der Natur Anderer abzuhängen. Außer dieser Furcht machte ihn ein gewisses, unbestimmtes Zartgefühl und sein eigenes Gewissen abgeneigt, ihre Verbindung der neugierigen und böswilligen Welt aufzudecken; und die Umstände, so wie Lucillas eigener Wille und ihre rücksichtslose Liebe hatten so viel dazu beigetragen, das arme Mädchen in seine Arme zu treiben, und er hatte so aufrichtig anfangs nicht den egoistischen, sondern den edlern Entschluß gefaßt, bis die Leidenschaft und die Natur einer Versuchung erlag, zu deren Bekämpfung man strengere Grundsätze hätte haben müssen, als Godolphin (der Mann der Indolenz und des Gefühls) haben konnte – daß Godolphin in Betracht seiner Erziehung, seiner Gemüths-Richtung, und der Sitten der Welt vielleicht wegen der Art seiner Verbindung mit Lucilla nicht so streng beurtheilt werden kann. Ich will ihn jedoch nicht entschuldigen, so wenig er es selbst konnte. Oft stieg das Bild Volktmanns vorwurfsvoll vor ihm auf. Auf einem nur von Italienern besuchten Orte lebend, wo das Geflüster der Beschämung ihr Ohr nicht erreicht, seine Gewissensbisse nicht erweckt hatte, schien ihre Lage ihr und ihm nicht so unwürdig und die Reinheit ihres Sinnes ließ selbst den Gedanken daran nicht aufkommen. Aber sie in das Publikum und noch dazu unter seine Landsleute zu führen, welche das Laster überall für gleich halten, da es doch überall, besonders was die Geschlechtsverbindungen betrifft, ein Kind des Klimas ist, wie Polygamie in der Türkei nicht das Vergehen ist, wie Polygamie in England; zu sehen, daß das edle, liebevolle, mit der Sünde so unbekannte Mädchen von Englischen, das heißt, den neugierigen Augen von der Welt abgeschätzt und zu den gemeinsten und verworfensten ihres Geschlechtes, zu denen gestellt werden sollte, welche mit dem Laster prunken oder für Geld die Heiligen spielen: – das war ein Gedanke, den er nicht ertragen konnte, dem er die Einsamkeit vorzog. Aber eben dies Gefühl machte sein Verhältnis zu Lucilla noch verwickelter und brachte ihr Bild immer mehr mit dem ermüdender Absonderung und ewiger Langeweile in Verbindung. Und hier, mein lieber Leser, laß uns einen Augenblick anhalten. Hat es Zeiten gegeben, wo Du in der Hitze und dem Eifer Deines Blutes, Dich gegen die Gesetze der Gesellschaft zu empören dachtest, Zeiten, wo Du mit dem Gedanken an ein leichtgläubiges, unschuldiges, der Welt unkundiges Geschöpf, das Du nicht heirathen, aber mit dem Du leben wolltest, Dir gesagt hat: »Es ist wahr, ich kann nicht heirathen, aber sie soll in meinem Herzen gleich einem Weibe seyn, ich will sie schützen gegen Sorge und Mangel, sie soll in mir keinen Wechsel finden, und vor dem Wechsel des Geschicks will ich sie bewahren« – hat es Zeiten gegeben, wo Du dies gedacht, aber nicht demnach gehandelt hast, so halte ein: ich will nicht wie ein Prediger zu Dir reden, aber Dich warnen, wie einer, der selbst in den Stürmen und Gebrechlichkeiten der Welt wandelte. Ich sage Dir nichts von der Sünde, ich stoße Dich nicht von mir, indem ich Dir Furcht einjage, aber ich sage Dir: halt ein. Kannst Du den bösen Zungen Einhalt thun? Kannst Du den spottenden Blick abwenden? Wenn Du der Welt sagst, sie ist rein, kannst Du die Welt zwingen, sie zu achten? Wenn nicht, so gib acht, welchen ewigen Qualen Dein Herz, wenn es noch einer edlen Aufwallung fähig ist, erliegen wird. Und dann – kannst Du dem ewig veränderlichen, unergründlichen Herzen sagen: Du sollst Dich nicht ändern! Du schwörst ihr eine Treue, die Du selbst für so sicher hälst; wird sie aber morgen noch unerschüttert seyn? Nein, wenn Du die Menschen kennst, so traue Dir nicht. Wer eine Macht über einen anderen erlangt, setzt sich der stärksten Versuchung aus. Besitzest Du das Talent, sie zu verlassen, der Du jede andere Hülfe und Stütze geraubt hast, so wird ein böses Wort, ein kalter Blick, ein gerechter Vorwurf Dir eines Tages vielleicht den Vorwand geben, Deine Flucht zu rechtfertigen . Du wirst finden, daß einer durch die Sitten der Gesellschaft nicht anerkannten Liebe, so lange Du wirklich liebst, die Gesellschaft tausend feindliche Seiten entgegenhält, tausend Bitterkeiten in den Weg legt. Jeden Tag, bei jeder Gelegenheit, wirst Du gekränkt, verletzt, gedemüthigt werden. Du wirst finden, daß ein Wesen, das in Deinen Sorgen Dich aufrecht hält, in Krankheit Dich wartet, das Dich aufheitert, das Dein Trost und Anker ist, daß dies von den Leuten, die Du am meisten verachtest, gemißhandelt wird. Du hast jedem das Recht verliehen, Deine beste Freundin aus einem falschen Gesichtspunkte zu betrachten, ihre Tugenden zu verspotten, ihre Zärtlichkeit zu verhöhnen, Dich, der sie verführt hat, als den Bethörten, und sie, die Du verführt hast, als Deine Schmach, nicht als Dein Opfer zu behandeln. Nein, wer ein rechtliches, ehrenwerthes Gefühl hat, wird kein Weib von sich abhängig machen und ihr die Thore der Welt schließen, ohne früher oder später zu finden, daß er nicht allein sein Gewissen beschwert, sondern auch seine Freiheit und seinen Frieden mehr gelähmt hat, als durch alle Bande der Kirche. Die Moral vergibt zuweilen, die Schicklichkeit nie; haben wir sie einmal beleidigt, bleibt sie unsere ewige Feindin. Von dem Gedanken an Lucilla, der mit so vielem Unangenehmen verknüpft war, wendete sich Godolphin gierig nach den bequemen Genüssen des Lebens, Genüssen, welche keine Sorgen schaffen und nicht die Mühe des Nachdenkens kosten. Der, dessen Anblick unter den vielen Gästen von Rom, Godolphin die größte Freude machte, war sein alter Freund, August Saville. Die zerrüttete Gesundheit, besonders ein Brustanfall, hatte den vollendeten Lüstling nach einem wärmeren Klima getrieben. Das Wiedersehen der beiden Freunde war karakteristisch: es fand bei einer Soiree in einem Englischen Hause Statt. Saville hatte sich eine Whistpartie verschafft. – Sehen Sie nur, Saville, dort ist Godolphin, Ihr alter Freund – rief der Wirth, der dem Spiele zusah, und darauf wartete, daß er selbst eintreten könne. – Still – sagte Saville – machen Sie ihn nicht aufmerksam auf mich, als bis ich den entscheidenden Trick gemacht habe. Trotz dieser Kälte, wo es sich um ein Point handelte, war Saville doch froh, seinen ehemaligen Zögling wiederzufinden. Sie zogen sich in eine Ecke zurück, unterhielten sich von der Welt, und Godolphin brachte sogleich das Gespräch auf Lady Erpingham. – Ach – sagte Saville – aus Deinen Fragen und noch mehr aus dem Tone Deiner Stimme merke ich, daß trotz der mehrjährigen Trennung Du dennoch immer das Gefühl, diese Schwäche bewahrt hast. Bah! – Nicht doch, ich bin ihr nicht Liebe, sondern Rache schuldig. Aber Erpingham? Liebt sie ihn? Er ist hübsch? – Erpingham? Was? So weißt Du nicht? – Was? – Oh nichts. Verzeihe, man erwartet mich am Spiele. Ich bliebe gerne bei Dir, aber Du weißt, man muß nicht egoistisch seyn. Ohne mich ginge die Partie auseinander. Keine Tugend ohne Opfer. – Nur einen Augenblick. Was ist's mit Erpingham? Haben sie sich überworfen? – Bah! Überworfen? Nein. Man darf sogar behaupten, sie liebt ihn jetzt mehr, als je zuvor. – Und Saville hinkte fort zu seinem Tische. Godolphin blieb einige Zeit gedankenvoll stehen. Als er eben fortgehen wollte, sah Saville, der an dem Abende eine schlechte Hand und einen schlechten Mitspieler hatte, und darum etwas weniger Interesse am Spiele nahm, zu ihm auf und winkte ihn zu sich. – Godolphin, mein lieber Junge, ich muß morgen eine Dame zu den Merkwürdigkeiten herumführen – eine Wittwe, und noch dazu eine reiche, schöne Wittwe. Ich bitte Dich, begleite uns, oder triff uns im Coloseum: Ha! klingt das nicht gut? Wie? Um zwei Uhr. Godolphin weigerte sich Anfangs, gab aber einer wiederholten Aufforderung nach. Frei von den geringeren Ruhmwürdigkeiten Roms, aber umschlossen von der gewaltigen Verödung er alten Stadt des Romulus, liegt das wunderbarste Monument Kaiserlicher Pracht – das herrliche Amphitheater, welchem die kolossale Statue des schlechtesten der Kaiser seinen Namen – das Colosseum – gegeben haben soll, mit entwürdigenden Erinnerungen verknüpft und doch Stoff zu den erhabensten Gedanken gebend. Entwürdigend allerdings, denn was kann verächtlicher seyn, als die Vergnügungen eines ausgearteten Volkes, das die Sanftmuth für seine Tyrannen aufbewahrte und rohe Wildheit an seine Schauspiele verschwendete. Reißende Thiere oder christliche Märtyrer, Blut war das einzige Opfer in diesem Tempel. Die Geschichte der Vergangenheit schwebte über diesen mächtigen Bogen, aber die Erinnerung findet nichts, was des Platzes werth wäre. Das Amphitheater wurde erst gebaut, als die Geschichte nur ein Denkmal der Lasterhaftigkeit und Erniedrigung des Menschengeschlechtes geworden war. Der Faun und eine Dryade hatten die Erde verlassen: der süße Aberglaube, die Verehrung der Grotte und der waldigen Hügel warf seinen milden Zauber nicht mehr auf die Arbeiten der Menschen. Die rauheren, aber hehreren Tugenden der Heldenzeit legten in diese Bogen und Säulen keinen erhebenden Gedanken, keine schwungreiche Erinnerung. Nicht bloß die Wärme der Phantasie, auch die Größe der Seele war dahin, der einzige Triumph, der dem Genius noch frei stand, war, das finstere Laster aufzuzeichnen, welches die Weltgeschichte bildete. Tacitus ist der Geschichteschreiber des Colosseums. Aber eben diese Nacht der Vergangenheit gibt dem in diesem gewaltigen Manne aufgeregten Gedanken eine erhabene, trübe Richtung. Ein Gefühl des Ungeheuren, für welches wir keine Worte finden, überkommt uns, wenn wir auf die riesigen Reliquien gigantischer Verbrechen blicken, die für immer von der Welt verschwunden sind. In diesem weiten Raum ging Godolphin, einen Tag nach seinem Zusammentreffen mit Saville, allein umher, und zu der Stunde, wo er den letztern aufzusuchen versprochen hatte, stieg er die Treppe hinan, und sah in einem der Bogen, welche nach den Fichten zeigten, die in weiter Ferne in der Mittagssonne schimmerte, eine Frau in tiefer Trauer, mit welcher Saville zu reden schien. Er trat zu ihnen: die Dame wendete sich um, und er blickte in das bleiche, kummervolle, aber doch noch so herrliche Gesicht Konstanzens. Ihn überraschte dies Wiedersehen; sie schien darauf vorbereitet. Ihre Wangen errötheten, ihre Stimme schien erloschen. Aber Godolphins Bewegung war stärker und ungezügelter: ein heftiges Zittern ergriff ihn, er rang nach Athem. Der Anblick eines aus dem Grabe Erstandenen hätte ihn weniger erschüttert. In dieser unermeßlichen Ruine, auf dem Platze, wo mehr als irgendwo, der Mensch die Bedeutungslosigkeit des einzelnen Lebens und seines kurzen Daseyns fühlt, traf er plötzlich auf das Wesen, das seiner ganzen Existenz ihre Färbung gegeben hatte. Er wurde auf einmal an die große Epoche seines Lebens, und an dessen gänzliche Unwichtigkeit erinnert. Der Gedanke durchzuckte ihn, wie ein blendender, unerträglicher Blitzstrahl und dann sank Alles in Nacht zurück. Er klammerte sich fest an das zerbrochene Geländer. Konstanze schien erstaunt und gerührt über diesen überwältigenden Eindruck, doch die Verstellung, mit welcher die Frauen ihre Empfindungen zu verbergen und andere, die ihnen fremd sind, zu erheucheln gewohnt sind, kam ihr und ihm zu Hülfe. – Wir haben uns seit vielen Jahren nicht gesehen, Herr Godolphin – sagte sie gesammelt, aber mit sanfter Stimme. – Jahre! – wiederholte Godolphin, seiner selbst noch nicht bewußt, und näherte sich ihr mit langsamen, schwankenden Schritten – Jahre! Sie haben sie nicht gezählt! Saville hatte sich bei Godolphins Ankunft etwas zurückgezogenen und beobachtete mit einem sardonischen, obwohl gleichgültigen Lächeln, seines Freundes Schwäche. Er trat jetzt wieder näher, und sagte: – Du mußt mir verzeihen, lieber Godolphin, daß ich Dich nicht früher von Lord Erpingham's Ankunft in Rom in Kenntnis setzte. Aber das Vergnügen ist vielleicht um so größer, je unerwarteter es kommt. Das Wort Erpingham durchzuckte Godolphin auf eine schmerzliche Weise und gab ihm einigermaßen seine Fassung wieder. Er verbeugte sich kalt, und stammelte einige Redensarten her, während deren verschiedene Personen, die zu Lady Erpinghams Gesellschaft gehörten, und umhergeschweift waren, heraufkamen. Zum Glück für die sichere Haltung Beider, wurden sie – die ehemaligen Liebenden – von einander getrennt. – Aber so oft Konstanze ihren Blick auf Godolphin wendete, sah sie jene forschenden, wehmütigen Augen, deren Macht ihr so wohl bekannt war, unbeweglich sie anstarren, als ob sie auf ihren Wangen die Geschichte der Jahre lesen wollten, welche deren Schönheit für einen Anderen gereift hatten. Eilftes Kapitel. Gespräch zwischen Godolphin und Saville. – Erklärung gewisser Ereignisse. – Saville's Entschuldigung eines schlechten Herzens. – Godolphin's undeutliches Gefühl für Lady Erpingham. – Gerechter Gott, so ist Konstanze Vernon wieder frei! – Und wußtest Du das wirklich nicht? Du mußt an Deinem See in der That ein Einsiedler-Leben geführt haben. Lord Erpingham ist schon vor sieben Monaten gestorben. – Träume ich denn? – murmelte Godolphin, als er in dem Zimmer seines Freundes ungestüm auf und ab ging. Saville lag auf einem Sopha, und unterhielt sich damit, verschiedene Tabake auf einem kleinen Tische vor sich untereinanderzumischen. Es ist kläglich, wie oft unsern Freunden unsere wichtigsten Vorfälle als Kleinigkeiten erscheinen. – Aber – sagte Saville, ohne aufzusehen – Du scheinst nicht neugierig zu erfahren, wie und wo er gestorben ist? Du mußt wissen, daß Erpingham zwei Hauptleidenschaften hatte, die eine für die Pferde, die andere für Violonisten. Als er nach Italien abreiste, hoffte er, wie natürlich, die letzten vorzufinden, hielt es aber für zweckmäßig, die ersten mitzunehmen. Er füllte also das Schiff mit diesen vierbeinigen Geschöpfen und vertrieb sich zwei Tage nach der Landung die Langeweile mit einem kleinen Ritte. Er stürzte und wurde sprachlos nach Hause getragen. Der Verlust der Sprache war kein großer Verlust für seine Bekannten, aber er starb in derselben Nacht, und das war in der That ein Verlust, denn er gab sehr schöne Diners; aber bah! – Saville athmete den Geruch einer neuen Mischung ein. Saville hatte eine gefällige Manier, eine Geschichte zu erzählen, besonders wenn sie von dem Tode eines Freundes, oder einer ähnlichen anmuthigen Begebenheit handelte. – Die arme Lady Erpingham war gewaltig erschüttert, und sie hatte Ursache dazu, denn ich glaube, die Trauer steht ihr schlecht. Sie ist in kleinen Tagreisen hierhergekommen, damit die gefeierten Todten die Erinnerung an den Seligen verscheuchen mögen. – Ihr Herz ist nicht besser geworden, Saville. – Herz? Was ist das? O, das Ding, das Dienstmädchen haben, und das ihnen John, der Lackei, entzwei bricht. Herz! Mein lieber Junge, du gewöhnst Dir Phrasen an, und sprichst Worte, die keinen Sinn haben. Godolphin war zu einem Gespräch dieser Art nicht gestimmt, und Saville fuhr etwas ernster fort: – So spricht auch Alles von der Welt! Die Welt! Jeder legt ihr eine andere Bedeutung je nach der Natur des Kreises bei, der seine Welt bildet. Aber wir Alle stimmen in dem Einen, in der Weltlichkeit der Welt überein. Nun aber ist keine Welt so lieblos, als die unsre, die feine, höfische, die große Welt: je feiner die Luft, je schlechter das Wachsthum. All unser Reiz, unser Zauber besteht in einer großen Spottsucht; das Wesen unserer Unterhaltung ist, alle Personen, alle Dinge auf eine hübsche Art lächerlich zu machen. Dieser Ton kann natürlich nicht zum Ernste der Neigungen passen. Mancher arme Teufel unter uns heirathet und läßt sich durch plebejischen Haushalt verderben. Die Gewohnheit fesselt ihn an sein häßliches Weib, und an seine schreienden Kinder, er wird liebevoll und kommt außer Mode. Wir unverheiratheten Männer aber haben für Niemand zu sorgen, als für uns: stirbt jemand, so ändert das nichts in unserer häuslichen Behaglichkeit. Wir finden immer jemand, uns unsern Thee zu machen und uns unsere Magenpillen zu geben. Unsere Verluste treffen uns nicht bis in das Innerste. Wir zucken die Schultern und gehen weiter. So ist es glücklich genug, daß wir aus Mangel an Kummer und Sorge – ich brauche das Wort Dir zu Liebe – hartherzig werden. Wir erstarren in Philosophie, und handeln wir nicht weise, daß wir dieses Leben der Gleichgültigkeit und Isolirung annehmen? Godolphin hörte kaum, was Saville sagte, dieser aber fuhr fort: – Ja, weise! denn diese Welt ist so voll Egoisten, daß, wer nicht eben so ist, im Nachtheil steht. Auch sind wir nicht schlimmer bei unserer Apathie. Scherzen wir über jemandes Unglück, so thuen wir es doch nicht ihm ins Gesicht. Warum soll man nicht aus dem Schlummer, nämlich dem Unglück, Gutes, d.h. Vergnügen ziehen? Drei Menschen in diesem Zimmer können durch einen Spaß über ein im nächsten zerbrochenes Bein erheitert werden: wird das gebrochene Bein darum schlimmer? Wenn aber die drei Menschen durch den Scherz ermuntert werden: ist der Scherz dann etwas Schändliches? Nein, er ist eine Wohlthat. Einige sagen freilich: Ja, aber diese Gewohnheit, das Unglück nicht zu beachten, stumpfe den Willen ab, wo eine Möglichkeit ist, ihm abzuhelfen. Abhelfen! Thorheit! Was können wir abhelfen bei der unendlichen Masse menschlichen Unglücks? Eben so gut können wir einen Tropfen aus dem Ozean schöpfen, und rufen: Haha! wir haben die See verkleinert. Was sind selbst die öffentlichen Mildthätigkeitsanstalten, was die besten Institute? Wie wenigen aus der Menge, und wie wenigen aus diesen Wenigen wird dauernd geholfen? Die Menschen sterben – leiden – verkümmern gerade noch eben so schnell und eben so oft; alle jene Anstalten sind nur Bäume, unter denen das öffentliche Gewissen schlummern kann. Nein, mein Lieber, wohin ich in der Stadt blicke, sagt alles: sorge für Dich selbst. Das ist die wahre Lebensmoral; wer sie im Auge behält, kommt vorwärts, gedeiht, und wird fett; wer nicht, kommt zu uns und borgt Geld, wenn er ein anständiger Mensch ist, oder fällt der Gemeinde zur Last, wenn er ein Plebejer ist. Ich habe mich danach gerichtet, lieber Godolphin, mein ganzes Leben lang, ich bin sehr zufrieden, Zufriedenheit ist ein Zeichen von Tugend – Doch bah! Konstanze war Wittwe. Sie, die Godolphin so leidenschaftlich geliebt hatte, deren Stimme noch jetzt tief in seinem Herzen nachzitterte, und das seit Jahren schlummernde Echo weckte, war frei. Welch ein Heer von Gefühlen regte dieser Gedanke auf! Sie war erschienen, und eine neue Welt aufgegangen. Und ihr Blick, dachte er, war freundlich, ihre Stirn war voll süßer Hoffnung, ihre Erschütterung war sichtlich. Sie liebt mich noch. Soll ich zu ihren Füßen stürzen? Soll ich sie bitten, mir Hoffnung zu geben. Und, oh, auf welches Glück? – Arme Lucilla! Diese Mahnung war eine Schranke, die sich jeder Aussicht auf die Wonne entgegenstellte, welche das Bild Konstanzens in ihm eröffnete. Konnte er, selbst um des Gegenstandes seiner ersten Liebe willen, sie verlassen, die für ihn alles hingeworfen hatte, deren Leben nur in seiner Liebe lag? Selbst die Kälte, mit welcher er, wie er fühlte, die Neigung des armen Mädchens erwidert hatte, machte ihm die Pflichten, die er ihr schuldig war, noch heiliger. War er nicht durch die Ehe mit ihr verbunden, so glaubte er edlen – wenn auch nur gerechten, doch seltenen – Sinnes, daß ihre Bande nur durch den Tod aufgelöst werden könnten. Und jetzt waren diese Bande vielleicht das einzige, was ihn von der Erfüllung seiner frühern Träume abhielt. In diese Gedanken versunken, suchte Godolphin Saville's theilnahmlose Reden unbeachtet vorübergleiten zu lassen, bis der Name Lady Erpinghams seine Aufmerksamkeit erregte. – Du gehst diesen Abend zu ihr – sagte er. – Sie läßt nur ihre genauesten Freunde zu sich, Dich, mich und Lady Charlotte, denn Wittwen scheuen die Bekanntschaften in ihrem ersten Schmerze. Ich richte es jedoch so ein, daß ich immer zu den Zugelassenen gehöre. – Schärfe ist gut für manche Wunde. Godolphin lächelte. – Aber glaubst Du – fuhr Saville fort – daß Milady sich wieder verheiraten wird; oder willst Du selbst es versuchen? Erpingham hat ihr beinahe sein ganzes Vermögen hinterlassen. Godolphin stand erzürnt über Saville's Ton auf. – Unter uns – sagte Saville, ihm Adieu sagend – ich denke nicht, daß sie wieder heirathen wird. Lady Erpingham liebt Freiheit, und selbst der junge Godolphin – und Du bist nicht mehr so hübsch, wie Du warst – dürfte sich hoffnungslos um sie bemühen. Die letzten Worte hatten ein neues Gefühl in Godolphin erregt. Es war also möglich, sogar wahrscheinlich, daß der Kampf, den er bestanden, unnöthig war, und daß er gar nicht in die Verlegenheit gesetzt werden würde, zwischen Konstanze und Lucilla zu wählen. Auf jeden Fall, sagte er beinahe laut, will ich sehen, ob diese Behauptung ihrer frühern Liebe, im Bewußtseyn des heimlichen Wehs, welches ihr Ehrgeiz mir zufügte, Willens ist, mit die Genugtuung zu geben, welche das Schicksal in ihre Hand gelegt hat; dann, dann ist immer noch Zeit zum Opfer. Zwölftes Kapitel. Ein Abend bei Konstanze. Konstanzens Herz sprach aus ihren Augen, als sie Godolphin diesen Abend eintreten sah. Allerdings war ihr Wiedersehen nicht ohne Verlegenheit abgelaufen, aber wer kann zweifeln, daß es Konstanze nicht mehr Freude als Schmerz verursachte? Lord Erpinghams Tod hatte sie tief erschüttert; ihre Gemüther paßten zwar nicht zusammen; doch hatten darin die Großen einen bedeutenden Vortheil. In den vornehmern Klassen fallen sich Mann und Frau nicht durch beständiges Zusammenleben zur Last; verschiedene Wohnungen, verschiedene Stunden und Beschäftigungen erlauben ihnen, das Leben größtentheils für sich zu verbringen, so daß keine Nothwendigkeit für Haß, und das kälteste Gefühl Gleichgültigkeit ist. Noch in der Blüthe der Jugend und im Glanzprunke der Schönheit, war Konstanze jetzt unabhängig geworden. Sie genoß den Reichthum und Rang, den ihre frühere Denkweise für unverläßlich gehalten hatte, und besaß jetzt die Macht, dies nur mit dem theilen zu dürfen, den sie gerne hatte. Natürlich wendete sich bei diesen Gedanken ihr Herz zu Godolphin zurück. Und als sie jetzt, obgleich nur verstohlen, nach ihm hinabblickte, der in geringer Entfernung von ihr saß und seiner Seits auf ein Zeichen ihrer Erinnerung wartete, fühlte sie sich tief ergriffen von der, Andern vielleicht unbedeutend erscheinenden Veränderung, welche die Jahre in ihm hervorgebracht hatten. Sie erinnerte sich seiner Erschütterung, als er sie widersah, und flüsterte sich den süßen Vorwurf zu: Daran bist Du Schuld. Das Feuer, die Gluth des Karakters, welche, als sie ihn zuletzt sah, ihm aus Augen und Miene sprach, war für immer erloschen. Statt des ungleichen Schimmers seiner Unterhaltung, der Heftigkeit seiner Bewegungen, zeigte sich nur gesammelter Ernst und selbst wehmüthige Ruhe. Seine Stirn war von den Furchen des Nachdenkens durchzogen, und das an den Schläfen dünner gewordene Haar verbarg nicht mehr durch seine Üppigkeit die Höhe seiner bleichen Stirn. Der Ausdruck zarter Gesundheit, welcher sie zuerst bei seinem Anblicke eingenommen hatte, war zurückgeblieben, und gab seiner sanften Stimme, dem weichen Glanze seiner Augen, einen unaussprechlichen Reiz. Nach und nach wurde die Anfangs vereinzelte und abgerissene Unterhaltung allgemeiner. Konstanze und Godolphin wurden mit hineingerissen. – Unmöglich – sagte Godolphin – läßt sich das Leben eines südlichen Klimas mit dem vergleichen, welches wir in kälteren Gegenden führen. Die warme Sonne bringt in uns eine Indolenz, eine philosophische Sorglosigkeit hervor, die so gegen den Ehrgeiz und das übrige Streben unserer Nation absticht, daß es uns für immer von unsern Landsleuten absondert. Es ist ein Leben, wie in ewiger Musik; eine sanfte und üppige Poesie des Gefühls, die uns das Handeln, selbst das Bewegen, zuwider macht. Ein Aufenthalt in Italien ist nicht nur schädlich für das Gedeihen des Ehrgeizes, sondern stumpft ihn ab und zerstört sogar den Keim desselben. – In der That – sagte Saville – es macht uns für Alles untauglich, außer für Liebe, eine Beschäftigung, die uns dem einfältigen Theil unseres Geschlechtes gleichstellt. – Thoren können nicht lieben – sagte Lady Charlotte. – Entschuldigen Sie – antwortete Saville – Liebe und Thorheit ist nicht bloß im Französischen synonym. – Die Liebe – sagte Godolphin – welche Sie beide nennen, ist nicht werth, daß man sich darüber streitet. – Welche denn? – fragte Saville. – Die erste Liebe – rief Lady Charlotte. – Nicht so, Herr Godolphin? Godolphin erröthete und sein Blick begegnete dem Konstanzens. Auch sie seufzte und schlug die Augen nieder. Er schwieg. – Nein, Herr Godolphin – sagte Lady Charlotte – ich muß Antwort haben; ich berufe mich auf Sie. – Nun denn – sagte Godolphin mit erzwungener Ruhe – die erste Liebe hat den Vortheil über andere, daß sie gewöhnlich fehlschlägt und daß der Kummer sie ewig frisch erhält. Der Ton seiner Stimme drang Konstanze ins Herz. Den ganzen Abend konnte sie nicht mehr ohne sichtliche Anstrengung sprechen. Dreizehntes Kapitel. Konstanzes unveränderte Liebe für Godolphin. – Ihre Reue und ihre Hoffnung. – Das Kapitol. – Die verschiedenen Gedanken Godolphins und Konstanzens bei dessen Anblick. – Die zärtlichen Worte Konstanzens. Alles, was Konstanze von Andern über Godolphins Leben seit ihrer Trennung hörte, steigerte ihre langgenährte Theilnahme an seinem Schicksale. In Gedanken brachte sie seine wiederholten und dauernden Entfernungen von den Städten, welche Zeit er, wie es hieß, in strenger, dunkler Einsamkeit verbrachte (die Gefährtin dieser Einsamkeit kannte man so wenig als deren Lage) – mit seinem melancholischen Aussehen, mit seinen halb vorwurfsvollen Blicken und mit der Bewegung, die er in seinen Gesprächen mit ihr verraten hatte, in Verbindung. Sie überredete sich, daß sie die Ursache dieses zwecklosen, unerfreulichen Lebens sey. Mit bitterm Schmerze erinnerte sie sich, wie er einstmals gesagt hatte: »Mein Schicksal ruht in Ihrer Hand,« und sie verglich seine lebendige Energie, seinen gebildeten Geist, seine ausgezeichneten Talente mit seinem wirklichen Leben, welches dies Alles so nutzlos für Andere, so nichtig für ihn selbst gemacht hatte. Wenige, sehr wenige nur wissen, wie mächtig das Gefühl zu dem Herzen einer Frau spricht, daß eines Andern Glück von ihr abhänge. Selbst an Abhängigkeit gewöhnt, ist das Gefühl, daß ein Anderer von ihr abhängt, der süßeste Trost ihres Stolzes. Dies ist ein Hauptgrund, warum sie ihre Kinder so liebt; sie würden ihr ungleich weniger theuer seyn, wären sie unabhängig von ihrer Sorge. Und die Jahre, welche die junge Gräfin mit der Nichtigkeit der Welt vertraut gemacht hatten, hatten auch die Quellen ihres Gefühls vertieft, im Verhältnis, wie die des Ehrgeizes gehemmt wurden. Sie konnte, sie wollte sich nicht verhehlen, daß Godolphin sie noch liebe; sie malte sich bereits die Stunde, wo er diese Liebe gestehen und wo sie ihm die Leiden ersetzen würde, die ihre frühere Zurückweisung ihm verursacht hatte. Sie fühlte auch, daß es eine eben so herrliche als edle Aufgabe sey, seinen glänzenden Geist in das Leben zu rufen, und der hinreißenden Beredsamkeit, mit welcher er ihn bekleidete, ihr Ziel zu zeigen. In dieser Hoffnung dachte sie an ihre egoistischen Pläne, ihre politischen Absichten und ihren Wunsch, ihre Gegner zu demüthigen, doch bildete dies, um gerecht zu seyn, nur einen untergeordneten Theil der Gedanken. Ich habe Dich von mir gewiesen, dachte sie, als ich arm und abhängig war; jetzt habe ich Rang und Reichthum und wie gerne will ich dies Alles Dir zu Gebot stellen. Aber Godolphin trat, als ob er diese günstige Neigung nicht wahrnähme, aus seiner Zurückhaltung nicht heraus. Im Gegentheil, seine anfängliche Bewegung und Ergriffenheit war in eine kühle Ruhe übergegangen. Sie trafen sich oft, aber er vermied jedes vertrautere oder persönlichere Gespräch. Dennoch bemerkte sie, daß seine Augen sie beständig suchten und daß ein leichtes Zittern seiner Stirne, wenn er sie anredete, die Gleichgültigkeit seines Benehmens Lügen strafte. Zuweilen weckte ein Wort, eine Berührung all seine übel verhehlten Gefühle, seine Lippen schienen im Begriff, ihren Triumph zu gestehen, aber bald wieder wurde sie, wie durch eine gewaltsame Anstrengung, geschlossen, und oft eilte er, offenbar in der Überzeugung, daß er sich selbst nicht genug traute, plötzlich fort. Kurz, Konstanze sah, daß eine sonderbare Verlegenheit, deren Ursache sie nicht errathen konnte, ihn zurückhalte, und daß sein Benehmen durch irgend einen geheimen Beweggrund geleitet würde, der mit keinem Vorfalle in Verbindung stand, der zwischen ihnen beiden Statt gefunden hatte; denn es war klar, daß nicht Groll gegen sie wegen ihrer erstern Verwerfung ihn zurückscheuchte, da seine Blicke, seine Worte verriethen, daß er das Alles mehr als vergeben hatte. Lady Charlotte Deerham hatte von Saville ihre frühere Neigung erfahren, sie war eine Frau von Welt und hielt es nur für schicklich, ihm jede Gelegenheit zu verschaffen, sie wieder erneuern zu können. Sie suchte daher stets einen Vorwand, sich aus Konstanzens nächster Nähe zu entfernen, wenn Godolphin herankam und sie, wie zufällig, möglichst allein zu lassen: doch war das eine Gefahr, der Godolphin bisher noch entgangen war. Eines Tages machte jedoch das Schicksal seine Vorsicht zu Schanden und es folgte eine Unterredung, welche Konstanze in Verwirrung brachte und den Entschluß Godolphins auf eine schwere Probe setzte. Sie giengen zusammen nach dem Kapitol, von dessen Höhe man vielleicht die imposanteste Aussicht von der Welt hat. Es war ein Anblick, der wesentlich geeignet war, den thätigen, hochherzigen Geist der jungen Gräfin zu wecken und zu erheben. – Glauben Sie – sagte sie zu dem neben ihr stehenden Godolphin – daß irgend jemand diese zahllosen Denkmäler ewigen Ruhmes sehen und nicht über die Alltäglichkeit des gewöhnlichen Lebens seufzen, oder vielmehr sich vor Verlangen verzehrt fühlen kann, sich aus dem gemeinen Geleise zu erheben? – Auf Sie – sagte Godolphin – mag dieser Anblick begeisternd, auf Andere wird er warnend wirken. Die Ruinen, welche wir erblicken, sprechen noch härter von Vergänglichkeit, als von Ruhm. Blicken Sie auf die Stelle, wo einst der Tempel des Romulus stand: dort erhebt sich jetzt die kleine Kirche eines unbekannten Heiligen. Gerade unter Ihnen ist der Tarpejische Felsen, wir können ihn nicht sehen; eine Reihe erbärmlicher Häuser verbirgt ihn uns. Längs der alten Ebene des Campus Martius zeigen sich jetzt die unzähligen Thürme einer neuen Religion und die Palläste eines modernen Geschlechtes. Unter ihnen stehen die Triumphsäulen des Trajan und des Marcus Antonius; aber welche Statuen krönen jetzt ihre Spitzen? Die des heiligen Petrus und des heiligen Paulus. Und diese Wüste menschlicher Werke, dieser Schauplatz menschlicher Revolutionen flößt Ihnen Liebe zum Ruhm ein? Mir beweist er nur dessen Nichtigkeit. Mir scheint ein unwiderstehliches, ein zerschmetterndes Gefühl von der Gehaltlosigkeit und Vergänglichkeit unserer weisesten und kühnsten Unternehmungen über diesem Platze zu schweben und uns zuzurufen. – Sie sind noch immer – sagte Konstanze mit einem halben Seufzer – unempfänglich für Alles, was nicht den Genuß des gegenwärtigen Augenblicks betrifft. – Nein – antwortete Godolphin mit weicher, bebender Stimme – ich bin nicht unempfänglich für den Kummer der Vergangenheit. Konstanze erröthete tief, aber Godolphin, der zu weit gegangen zu seyn fürchtete, fügte schnell hinzu: – Wenden wir unsere Blicke nach jenen Olivenhainen. Dort fern von dem gemeinen Treiben der Menge waren die Sommersitze der kräftigsten, glänzendsten Geister Roms. Dort lebte Horaz und Mäcen, dort vergaß Brutus seinen schroffern Sinn und dort überließ sich der unergründliche und tiefe Augustus jener heitern Erholung, dort brachte er dem Witze, der Poesie und der Weisheit jene Opfergaben, welche uns verführt haben, nur widerstrebend über die Verbrechen seiner frühern und die Heuchelei seiner spätern Jahre Recht zu sprechen. Hier – fügte Godolphin lächelnd hinzu – bietet sich ein neuer Beweis gegen Ihren Ehrgeiz dar. Der Ehrgeiz allein machte Augustus gehässig, sein gelegentliches Vergessen desselben versöhnt uns wieder mit ihm. – Und würden Sie demnach Unthätigkeit für das glücklichste Leben eines Mannes halten, dessen Talente ihn über das Gewöhnliche erheben. – Nein, aber er soll sein Talent der Entdeckung von Vergnügungen, nicht der Arbeit widmen: je größer das Talent, desto feiner unser Empfindungsvermögen, je feiner dieses, desto größer unsere Befähigung für das Vergnügen. Vergnügen also sey unser Ziel. Wir müssen zu ergründen suchen, was am geeignetsten ist, unsern Geschmack zu befriedigen, und einmal gefunden, eifrig darauf hinstreben. – Nicht weiter, das ist nur ein egoistisches unedles System. Sie lächeln, – ich mag nicht philosophisch seyn, ich gebe es zu: aber lieber Eine Stunde des Ruhmes, als ein Leben schwelgender Indolenz. Oh, ich wollte – fügte Konstanze hinzu, wärmer werdend – ich wollte, daß Sie, Herr Godolphin, mit einem so für hohe Leistungen gebildeten Geiste, mit all der Energie der Thatkraft, zu einem – verzeihen Sie mir – würdigen Begriffe von dem Gebrauch des Talentes erwachten. Gewiß, gewiß, Sie müssen empfänglich für den Aufruf seyn, den Ihr Vaterland, den die Menschheit in dieser Epoche an Alle, besonders aber an die ergehen läßt, welche Ihre Vorzüge und Gaben besitzen. Könnten wir nur etwas durch die Oberfläche der Gesellschaft dringen, und nicht sehen, daß große Ereignisse zum Ausbruch reif sind? Wollen Sie leiden, daß Männer, die unter Ihnen stehen, Ihnen zuvorkommen, und unthätig bleiben, während sie den Lohn erringen? Wollen Sie keinen Theil an dem glänzenden Drama nehmen, das sich schon hinter dem dunklen Vorhang des Geschickes verbreitet und eine Welt zu Zuschauern haben wird. Ach, wie stolz, wie glücklich würde ich mich fühlen, könnte ich einen Mann, wie Sie, für die große Sache dieses ehrenvollen Kampfes gewinnen! Godolphins Augen erglänzten auf einen Moment, seine bleichen Wangen glühten, aber die Bewegung verschwand schon wieder, als er antwortete: – Vor acht Jahren, als Konstanze Vernon noch zu mir sprach, hätte ihr Wunsch mich nach ihrem Willen formen können. Jetzt – er kämpfte mit seinen Gefühlen und wendete das Gesicht ab – jetzt ist es zu spät. Konstanze war tief ergriffen. Sie legte ihre Hand leise auf seinen Arm und sagte mit sanfter und weicher Stimme: Nein, Percy, nicht zu spät! In diesem Augenblick und zum Glück für Godolphins Tugend, traten, ehe er etwas erwidern konnte, Saville und Lady Charlotte Deerham zu ihnen. Vierzehntes Kapitel. Lucillas Brief. – Wirkung desselben auf Godolphin. Die ebenerwähnte kurze Unterredung mußte Godolphin zeigen, auf wie schwachen Stützen seine Treue für Lucilla beruhe. Nie früher, nie, selbst nicht in der Blüthenzeit ihrer ersten Leidenschaft, war ihm Konstanze so liebenswürdig erschienen. Ihr Wesen war jetzt so viel sanfter und hingebender, als damals, wo sie beschlossen hatte, weder seinen Bitten, noch ihrem Herzen nachzugeben, daß der Theil ihres Karakters, der seinen Stolz verwundete oder seinen Neigungen widerstrebte, ganz verschwunden schien. Die Welt, welcher sie, wie er, obwohl widerstrebend, sich eingestehen mußte, noch immer zu sehr lebte, schien die natürliche Hochherzigkeit ihres Geistes mehr zu erheben und zu beseelen, als zu den gewöhnlichen Anhängern derselben herabzuziehen. Wenn sie sprach, schwelgte er, obgleich er in seiner Meinung von ihr abwich, in den hohen und kühnen Ansichten, welche sie auffaßte. Er liebte ihre Empörung gegen alles Niedrige und Gemeine, und ihre Leidenschaft für alles Muthige und Erhabene. Nie wurde er aus dem Ideal seines Liebestraumes durch die Äußerung einer kleinlichen Leidenschaft oder eines gehässigen Wunsches herabgestürzt: vieles in ihr war voller Irrthümer, aber selbst in diesen lag Schwung und Adel. Die Jahre, während deren sie getrennt gewesen waren, hatten ihm noch tiefer das Gefühl eingeprägt, wie selten ein solcher Karakter wäre. Alle Gefühle, Empfindungen, Fähigkeiten und Kräfte, welche bei seiner Neigung zu Lucilla geschlummert hatten, wurden zu voller Thätigkeit geweckt, so wie er in Konstanzens Gesellschaft war. Sie nahm sich nicht einen geringfügigen Theil, sie verlangte und erhielt die ganze Herrschaft über seine Seele. Und gegen diese Herrschaft sollte er jetzt kämpfen? Während er so von tausend widerstreitenden Gefühlen erschüttert wurde, wurde ihm plötzlich folgender Brief zugestellt: Brief Lucillas. »Dein letzter Brief, mein Geliebter, war so kurz und übereilt, daß es mich nicht die gewöhnliche Mühe gekostet hat, ihn auswendig zu lernen; auch war ich, die Wahrheit zu sagen, nicht so begierig wie sonst, alle Deine Worte meinem Gedächtnis zu übergeben. Warum, weiß ich nicht, und will ich nicht erforschen, aber es liegt seit unserer letzten Trennung etwas in Deinen Briefen, was mich kalt durchrieselt; es stößt mir das Herz ab. Ich reiße das Siegel mit einer Begierde auf, daß Du lächeln würdest, wenn Du es sehen könntest, und finde ich dann, wie wenig Worte Du mir giebst, von denen ich doch so viele Tage leben soll, so fühle ich mich getäuscht und vernichtet und lege den Brief weg. Dann schelte ich mich selbst und sage: die wenigen Worte wenigstens werden liebevoll seyn, und ich lese sie eins nach dem andern, um nicht zu schnell mit meinem einzigen Trost zu Ende zu kommen. Ach, noch ehe ich am Schlusse bin, sind meine Augen von Thränen verdunkelt; meine volle, lebensfrische Liebe zu Dir scheint bei jeder Zeile erstarrt und gehemmt. Und dann lege ich mich erschöpft nieder und sehne mich nach dem Tode. O Gott, wenn die Zeit gekommen wäre, die ich immer gefürchtet habe, wenn Du mich nicht mehr lieben solltest! Diese Furcht ist so natürlich! Denn was bin ich denn? Wie oft klagst Du, daß ich Dich nicht errathen kann; wie oft ließest Du merken, daß in Deiner Natur so vieles liege, was ich unfähig – unwürdig sey, zu ergründen. Ist dem so, so ist die Furcht natürlich, daß Du andere finden werdest, die Dir mehr zu entsprechen scheinen, und daß die Abwesenheit Dich nur noch mehr an meine Mängel erinnern wird. »Und doch glaube ich, daß ich Dich kenne, doch glaube ich, daß meine Liebe, welche Dir immer folgt, Dich immer bewacht, immer Deine Wünsche zu errathen sucht, in jedes Geheimnis Deines Herzens gedrungen seyn muß: mir fehlt es nur an Worten, meine Gefühle auszudrücken. Du aber wirfst die Schuld auf das Gefühl. Ich weiß nicht, wie ungebildet, wie unwissend ich Dir erscheine und zuweilen – seit Kurzem sogar sehr oft – mache ich mir Vorwürfe, daß ich nicht eifriger gestrebt habe, mich zu einer würdigeren Gefährtin für Dich zu machen. Ich glaube, wenn ich dieselben Mittel, wie andere hätte, so würde ich auch dieselbe Leichtigkeit erlangen, meine Gedanken auszudrücken, und meine Gedanken könntest Du nie tadeln, denn ich weiß, daß sie von einer Liebe zu Dir erfüllt sind, welche keine Frau, nicht die Klügeste, nicht die Glänzendste, die Du sehen magst, nur in der Phantasie erreichen kann. Aber ich habe seit Deiner Abreise diesem Mangel abzuhelfen gesucht, und in alle Bücher gesehen, welche Du gerne gelesen hast, und ich bilde mir ein, daß ich jetzt dieselben Begriffe eingesogen habe, welche Dir gefallen und von denen Du einst wähntest, ich könnte keine Theilnahme dafür fühlen. Wie hast Du Dich geirrt! Ich sehe an den Bemerkungen, welche Du an den Seiten gemacht hast, die Empfindungen, welche Dich am meisten angesprochen haben, aber ich weiß, daß ich sie schon viel, und viel , viel tiefer und lebhafter gefühlt habe, als sie hier vorgetragen sind; nur dachte ich, sie hätten keine Sprache. Mich dünkt, ich habe jetzt die Sprache gelernt, und ich habe mir Lieder gelernt, die Du gerne hören wirst, wenn Du zurückkommst, und ich habe Musik getrieben, und hoffe, ja ich bin überzeugt, jetzt wird Dir die Zeit nicht so schwer vergehen, als das letzte Mal. »Und wann werde ich Dich wieder sehen? Vergieb mir, wenn ich Dich um Beschleunigung Deiner Rückkehr bitte. Du bist länger ausgeblieben als gewöhnlich; aber das würde ich nicht beachten; es ist nicht die Zahl der Tage, sondern der Empfindungen, mit welchen ich sie gezählt habe, die mich mit ängstlicher Sehnsucht nach Deiner geliebten Stimme, nach Deinem Angesicht füllt. Nie empfand ich früher so schmerzlich Deine Abwesenheit, nie war ich so elend. Eine geheime Stimme flüsterte mir zu, daß wir geschieden sind für immer. Ich kann der Ahnung meines Herzens nicht widerstehen. Als mein armer Vater noch lebte, theilte ich, so kindisch ich war, die Gefühle nicht, mit denen er zu sagen pflegte, die Sterne bekümmern uns. Ich konnte nicht in ihnen die Boten der Furcht und die Verkünder schlimmer Nachrichten sehen; sie schienen mir voll Heiterkeit und Zärtlichkeit, dauernde Liebe zu versprechen. Und so oft ich zu ihnen aufblickte, dachte ich an Dich und Dein Bild erschien mir, wie Du weißt, schon damals in unbeschreiblichem, aber nie getrübtem Zauber. Aber jetzt, obgleich ich Dich um so viel stärker liebe, kann ich die Gedanken nicht von einer gewissen Trauer los machen, und so dünken mich auch die Sterne, welche Dir gleich, voll Deines Bildes sind, sich in Trauer zu hüllen. Und das Bett, wo ich diesen Morgen meine Arme nach Dir ausstrecke, und Dich nicht finde, und doch noch den Tag durchzuleben habe, und auf dem ich jetzt diesen Brief an Dich schreibe, denn ich, die sonst mit der Sonne aufstand, bin jetzt zu muthlos, als daß ich nicht versuchen sollte, den lästigen Tag zu kürzen – das Bett habe ich näher an das Fenster rücken lassen, und jede Nacht blicke ich auf zum klaren Himmel, und aus jedem Stern, den ich sehe, habe ich mir einen Freund gemacht. Ich frage ihn nach Dir, zweifle aber, ob Du an mich denkst, wenn Du hinaufsiehst. Ich sehe lieber auf den Himmel, als auf die Erde, denn die Bäume, und das Wasser, und die Hügel umher kannst Du nicht sehen; aber der Himmel, auf den ich blicke, strahlt auch auf Dich herab, und dieser gemeinschaftliche Gefährte verbindet uns noch. Auch habe ich über meines Vaters Lehre gedacht und sie zu erlernen versucht; lächle nur, Deine Abwesenheit hat mich abergläubisch gemacht. »Aber sage mir, Theuerster, Geliebtester, sage mir, wann, oh wann kehrst Du zurück? Nur dies eine Mal noch kehre wieder, wäre es auch nur für einen Tag, und nie mehr will ich Dich verfolgen. Ich kann Dir nicht sagen, wie matt und traurig ich geworden bin; jede Stunde schlägt meinem Herzen wie die Todtenglocke. Komm zurück zu Deiner armen Lucilla, wäre es auch nur, um zu sehen, was Freude ist. Komm – ich weiß, Du kommst. Aber sollte etwas, was ich nicht verstehen kann, Dich zurückhalten, so bestimme den Tag wenigstens – ja die Stunde, wo möglich, in der wir uns wiedersehen werden, und laß den Brief, der mir so glückliche Botschaft bringt, lang und herzlich und voll von Dir seyn, wie sonst Deine Briefe waren. Ich weiß, ich ermüde Dich, aber ich kann Dir nicht helfen. Ich bin schwach, niedergeschlagen, erschöpft, und habe nur noch Kraft genug im Herzen, für Deine Rückkehr zu beten.« – Du hast gesiegt, Lucilla, Du hast gesiegt – rief Godolphin, indem er den leidenschaftlichen, vorwurfsvollen Brief küßte und ihn in die Brust steckte – und ich, ich will lieber selbst elend seyn, als Dich dazu machen. Sein Herz schalt ihn selbst wegen dieser letzten Meinung. War es denn ein Unglück, diese reine, hingebende Neigung hinzunehmen, war es ein Opfer, sie zu erwidern? Durch diese Gedanken gepeinigt, und sich nach Ruhe sehnend, eilte er ins Freie; er ging durch die Stadt, kam vor das St. Sebastianstor, erreichte die Via-Appia und erblickte, einsam und düster, wie sonst, das Haus des dahin geschiedenen Volktmann. Beinahe unwillkürlich hatte er diese Richtung eingeschlagen, um sich in seinen Entschlüssen zu bestärken, und sein Gewissen auf dem rechten Wege zu erhalten. Er eilte weiter und ruhte nicht, als bis er an jenem lieblichen, heiligen Platze – dem Thale der Egeria – angekommen war, wo er Lucilla an dem Tage ihres ersten Geständnisses getroffen hatte. Jetzt lag ein Schatten auf der Gegend; der Tag war dunkel und bewölkt, die Vögel schwiegen, die Luft schien gedrückt. Er trat in die Grotte, welche der Schauplatz des schönsten Liebesverhältnisses war, das die Geschichte des milden Südens bewahrt hat. Er rief sich die glühenden, leidenschaftlichen Gefühle zurück, welche er das letztemal, wo in dieser Höhle war, für Lucilla empfunden, und die er irrthümlich für wahre Liebe gehalten hatte. Wie anders sah jetzt, als er um sich blickte, der Platz aus! Damals schienen ihm diese Wände, diese Quelle, selbst jene verstümmelte Statue, die sanften Empfindungen, denen er sich hingab, anzuregen. Jetzt schienen sie ihm seine Schwäche vorzuwerfen. Die zerbrochene Bildsäule des Flußgottes, die öde Stille, durch welche das Wasser des lieblichen Quelles seinen melancholischen Lauf hinzieht, die tiefe, schauerliche Einsamkeit, alles schien beredt zu sprechen, aber nicht von Liebe, sondern von untergegangenen Hoffnungen, und der traurigen Leere, welche darauf folgt. Selbst in dem Alterthume dieser Stelle lag eine Verhöhnung der menschlichen Leidenschaften; fünf und zwanzig Jahrhunderte waren seit der Begebenheit vorüber gegangen, welche sie heiligte, und diese Begebenheit selbst war eine Fabel! Was war bei dieser ungeheuren Aufhäufung des Zeitsandes ein einzelnes Atom? Was war unter den Millionen, welche an dieser verlassenen Stelle geliebt und ihre Liebe vergessen haben, die kurze Leidenschaft Eines Sterblichen, die im Entstehen versiegte! So verschiedenartig moralisirt das Herz im Sinne der Leidenschaften, welche ihm das Thema dazu liefern. Ehe er wieder in seiner Wohnung ankam, war sein Entschluß gefaßt. Den folgenden Tag hatte er Konstanzen nach Tivoli zu begleiten versprochen; er nahm sich vor, dabei Abschied von ihr zu nehmen, und Tags darauf zu Lucilla zurückzukehren. Er erinnerte sich mit bitterm Verdrusse, daß er ihr eine lange Zeit, dreimal so lang, als gewöhnlich, nicht geschrieben hatte. Er beschloß, daß dieser Brief wenigstens ihre Hoffnung nicht täuschen sollte. Er schrieb, und mit all der Wärme einer durch Gewissensbisse wieder erweckten Zärtlichkeit. Er benachrichtigte sie von seiner unverzüglichen Rückkehr, und zwang sich sogar, mit einem heuchlerischen Entzücken davon zu sprechen. Zum erstenmal seit mehreren Wochen war er mit sich selbst zufrieden, als er das Schreiben zusiegelte. Es ist zweifelhaft, ob Lucilla je diesen Brief erhalten hat. Fünfzehntes Kapitel. Tivoli. – Die Syrenenhöhle. – Das Geständnis. Längs der kahlen Campagna, durch eine niedere, schmutzige Reihe Häuser, führt der Weg, bis plötzlich Tivoli uns entgegenlacht. – Oh sehen Sie, sehen Sie – rief Konstanze enthusiastisch, indem sie auf den rauschenden Strom zeigte, der durch dichtes Gehölz und über schroffe Abgründe stürzte. Erstaunt über das Schweigen Godolphins, den solch ein Anblick gewöhnlich begeisterte und entflammte, wendete sie sich schnell um, und der Schwung ihrer Gefühle wurde plötzlich durch die tiefe Niedergeschlagenheit, welche aus seinen Zügen sprach, gedämpft. – In der That, sagte sie, nach einer kurzen Pause, ein muntres Lächeln erzwingend – das ist ärgerlich. Sonst entgeht Ihnen kein grüner Fleck mit einem alten Baume in der Mitte, kein Bach, mit einer Weide daran. Sie zwingen uns, Ihr Entzücken zu theilen, oder zanken mit uns wegen unserer Kälte, und jetzt bei dieser himmlischsten aller Gegenden, jetzt, da selbst Lady Charlotte bewegt ist, und Hr. Saville sich selbst vergißt, sind Sie in das Schweigen der Apathie versunken. Darf man den Grund wissen, wenn er nicht zu hoch ist? – Er ist hier – sagte er schmerzlich, die Hand an die Brust drückend. Konstanze wendete sich ab: sie schmeichelte sich mit der Hoffnung, daß er an frühere Scenen denke, und in dieser Erinnerung an der Zukunft verzweifelte. Sie brachte seine Melancholie mit sich selbst in Berührung und wußte, daß, wenn dies so war, sie sie vertreiben könne. Durch diesen Gedanken begeistert und durch die Schönheit des Morgens und die wundervolle, herrliche Natur belebt, ließ sie ihren Geist frei ausströmen, daß Godolphin bald die Größe seines Opfers vergaß, bald sie desto bitterer empfand. Nach und nach ließ Godolphin seine Zurückhaltung fahren; er theilte den Enthusiasmus Konstanzens und wendete ihre entzückten Blicke auf neue, reizendere Punkte. Sein in den Schätzen der alten Zeiten erfahrener Geist wußte aus jedem Gegenstande Leben zu schöpfen. Der Wasserfall, die Ruine, die Höhle, das steile mit Oliven umgürtete Ufer, die dunkle Pracht des Cypressenhaines, das Brausen des ungestümen Anio – über Alles hauchte er den Zauber der Vergangenheit, die Herrlichkeit der Geschichte und Legende, und die Blüthe der ewigen Poesie, die noch jetzt, um ihre Kinder trauernd, durch die Weinberge des alten Tibur wandelt. Und Konstanze hörte hingerissen zu, bis sie selbst unwillkürlich in Schweigen versank und sich ganz der stolzesten Wonne der Liebe, dem Stolze auf das geliebte Wesen, hingab. Nie war ihr der seltene, vielseitige Genius Godolphins so bewundernswerth erschienen: als er aufhörte zu reden, schien es Konstanze wie eine plötzliche Leere in der Schöpfung. Godolphin und die junge Gräfin waren der kleinen Gesellschaft um mehrere Schritte voraus und sie nahmen jetzt ihren Weg nach der Syrenenhöhle. Der Pfad, welche zu dieser sonderbaren Stelle führt, ist ewig feucht, und so abschüssig und schlüpfrig, daß man, um sich auf den Füßen zu erhalten, sich beständig an das Gebüsch halten muß, welches an der Seite des Abgrundes wächst. – Wir wollen den Führer zurücklassen – sagte Godolphin. – Ich kenne jeden Theil des Weges und bin überzeugt, Sie theilen mit mir den Widerwillen gegen diese plappernden Maschinen, diese lebendigen Merkzeichen der Bewunderung. Lassen Sie ihn Lady Charlotte und Saville, und erlauben Sie mir, Sie zur Höhle zu führen. – Konstanze willigte gerne ein und gieng mit ihm weiter. Saville, dem der schwierige und gefährliche Pfad, der nur zu einem kalten Orte führen sollte, durchaus kein Vergnügen machte, blieb halb zurück und schlug Lady Charlotte vor, dasselbe zu thun. Lady Charlotte zog den Witz ihres Gesellschafters bei weitem der malerischen Gegend vor, und überdies, sagte sie, habe ich auch die Höhle schon gesehen! So warteten sie beide auf die Rückkehr der kühnern Gräfin und ihres Führers. Konstanze, welche den Abfall ihrer Freunde nicht ahnte und wegen der Aufmerksamkeit, die jeder Schritt erforderte, sich nicht ein einziges Mal umsah, setzte ihren Weg fort. Und wie reizend schien ihr jetzt dieser rauhe Pfad, als jeden Augenblick Godolphins Hülfe, Godolphins Hand nöthig wurde; und er, hingerissen, entflammte durch ihre Nähe, ihre Berührung, ihr sanftes, hingebendes Wesen – doch nein, nein, noch war Lucilla nicht vergessen! Endlich standen sie in der Grotte der Syrene. Von diesem Punkte allein übersieht man den schrecklichen Sturz des Wassers, welches herabdonnert, wie mit der Gewalt eines Gottes. Die Felsen um sie tropften, der Strom schäumte zu ihren Füßen. Und immer und immer wieder brauste das tosende Element herab, oben nichts als Wuth, unten nichts als Nacht; dort der Wasserfall, hier der Abgrund. Kein Augenblick der Ruhe in diesem tosenden Treiben, kein Augenblick des Schweigens in diesem tosenden Lärme. Und hier, mitten in diesem gewaltigen, ewigen Kampfe, standen zwei Wesen, die in diesem Augenblicke ganz erfüllt waren von der höchsten Leidenschaft der Menschheit. Und diese Leidenschaft verstummte auch dort nicht; die Stimme der äußern Natur überwältigte die innere nicht. Selbst in dem kalten Dunst, der umhersprühte, fühlte Godolphin die Glut seines Herzens. Konstanze war in ein Chaos von Ehrfurcht und Bewunderung versunken, welches sie ganz der Sprache beraubte. Aber es lag in der Natur ihres seltsamen Geliebten, daß er zu dem Gefühle seiner Kräfte und Leidenschaften grade unter den wilden und ungewöhnlichen Aufregungen des Lebens erwachte. Ein ungestümes Feuer durchglühte seine Adern, durch seinen Geist zuckte jene rasende Überspannung, welche die bekannte und bestrittene Behauptung hervorrief: »Hast Du je mit Deiner Geliebten an einem Abgrund gestanden, und den Wunsch sich in Dir regen gefühlt, Dich mit ihr in die Tiefe zu stürzen? Wenn ja – so hast Du geliebt.« Dies ist ohne Zweifel überspannt, aber es giebt Zeiten, wo die Liebe überspannt ist. Konstanze hatte, ohne es zu wissen, sich enger und enger an Godolphin angeschlossen. Erst stützte er sie mit seiner Hand, dann mit seinem Arm, und endlich, hingerissen durch eine unwiderstehliche Gewalt, zog er sie an seine Brust, und flüsterte ihr zu mit einer Stimme, die ihr selbst unter dem Donner des wüthigen Wassersturzes vernehmlich war: Hier, hier, meine theure, meine einzig Geliebte, hier fühle ich es gegen meinen Willen, daß ich Dich nie ganz, wahrhaft angebetet habe, als erst jetzt. Sechszehntes Kapitel. Lucilla. – Die Einsamkeit. – Der Zauber und der Entschluß. Während diese für Lucilla so verhängnisvollen Ereignisse sich in Rom zutrugen, wandelte sie in rastlosem Kampfe mit ihrem eigenen leidenschaftlichen Herzen, an den Ufern des Sees, dessen schimmernde Glätte die Stimmung ihres Gemüths, dessen Spiegel sie einst in glücklichen Zeiten gewesen war, jetzt verhöhnte. Sie hatte die schwere Last der Zeit den Winter hindurch geschleppt und schon war der sanfte Frühling erwacht, und hatte Leben in das grünende Wachsthum zurückgerufen. Früher hatte diese Jahreszeit einen geheimnisvollen, heiligen Reiz für Lucilla gehabt, jetzt war ihre Stimme verstummt. Die Briefe, welche Godolphin ihr geschrieben, kamen so selten, waren, im Vergleich mit frühern, so gezwungen, daß ihre einzige Erholung von thränenvoller, muthloser Niedergeschlagenheit in einzelnen Anfällen von Zweifel, Eifersucht und Verzweiflung bestand. Es ist der gewöhnliche Lauf der Welt, daß wenn wir einmal jemand Unrecht gethan haben, wir aus einer gewissen Verstimmung, mit welcher das Gewissen das Gefühl der beleidigten Partei verknüpft, in dem Unrecht immer weiter gehen. Und so fühlte Godolphin, im Kampfe mit der Hinneigung zu seiner ersten und nie vergessenen Liebe, die selten mit Erfolg bestrittene Unlust, sich gegen Lucilla zu verstellen. Sogar seine Gewissensbisse machten ihn unfreundlich; das Gefühl, daß er oft schreiben sollte, machte, daß er selten schrieb; und im Bewußtseyn, daß er ihre Sprache liebevoller Eingebung erwidern sollte, zeigte er sich unwillkürlich voller Verdrießlichkeit und Zurückhaltung. Alles dies ist natürlich und scheint uns ganz klar; aber Lucilla kamen eher tausend mysteriöse Dinge in den Sinn, als eine Ahnung der Wahrheit. Währenddes gab sie sich immer eifriger mit jenen Forschungen ab, welche ihr noch die Zeit vertrieben, und ihrer Phantasie schmeichelten. Bei einer so trüglichen, gehaltlosen Wissenschaft kommt es zum Glück nicht darauf an, ob der arme Schüler mit Geschick arbeitet, aber wer je einen Blick auf die verwickelten Formen und die seltsamen Figuren dieser Kunst geworfen hat, dem brauche ich nicht zu sagen, wie langsam die Fortschritte der Tochter in der Wissenschaft ihres Vaters waren. Doch war es schon ein Trost und eine Erholung, nach dem heitern Himmel aufzublicken und Muthmaßungen aus der Sprache der Gestirne zu schöpfen. Aber selbst während sie die Zukunft befragte, dachte sie doch immer an den Geliebten. Allein Tag auf Tag verging, es kam kein Brief oder Schlimmeres noch als keiner. Endlich verlor Lucilla alle Ruhe und Geduld, ihre Nerven geriethen in fieberhafte Aufregung, und die tiefe, ewige Einsamkeit brachte eine Reizbarkeit hervor, welche dem Wahnsinn vorangeht, der zuweilen den Verbrecher in seinem öden Kerker befallen soll. Am Tage, wo sie den eben mitgetheilten Brief an Godolphin schrieb, war jene schmerzliche Empfindlichkeit der Nerven lebhafter als je. Sie sehnte sich danach, irgendwo hin zu fliehen, ja ein oder zwei Mal fiel ihr ein, daß Rom so weit nicht sey, und daß sie so schnell als ihr Brief dort ankommen könnte. Obgleich wir in jenem Brief Lucillas zuerst ihren Wunsch mitgetheilt haben, Godolphin möge zurückkehren, so hatte sie doch zuletzt schon immer (obwohl vielleicht etwas zu zaghaft) darauf hingedeutet. Lucilla hatte keinen Grund zu hoffen, daß ihre Bitte einen bessern Erfolg haben würde, als ihre frühern, und konnte auf keinen Fall annehmen, daß sie unverzüglich erfüllt werden würde. Sie sah neuen Entschuldigungen, neuen Verzögerungen entgegen. Es ist daher kein Wunder, daß die Sehnsucht in ihr immer zunahm, ihrem Briefe nach Rom zu folgen, und obgleich sie durch die Furcht vor Godolphins Unwillen davon abgehalten und noch dazu zurückgeschreckt wurde, diesen Gedanken entschieden festzuhalten, so vertraute sie doch auf die Sanftmuth seines Karakters, und lebte der Überzeugung, daß sein Unwillen nicht von Dauer seyn würde. Trotz dem war es ein kühner Schritt, und Lucilla war zu hingebend, um nicht schüchtern zu seyn, und überdies erschien bei ihrer Unerfahrenheit ihr eine solche Reise als ein fürchterliches Unternehmen. Den Gedanken für sich erwägend, suchte sie ihr gewöhnliches Asyl auf und blätterte zerstreut in den Büchern, in welchen sie seit Kurzem studierte. Als sie zuletzt eins in die Hände nahm, welches sie bisher noch nicht beachtet hatte, fiel ein Papier heraus; sie nahm es auf; es enthielt die Figur, welche der Astrolog seiner Tochter gezeigt und es ihr als einen Zauber geschildert hatte, Träume hervorzubringen, durch welche der Gläubige alles, was er über Personen oder Ereignisse zu wissen verlangte, erfahren könne. Als sie das Bild sah, drängte sich ihrem Geiste die ganze Unterredung auf, welche sie mit ihrem Vater damals gehabt hatte, und sie beschloß noch diese Nacht die Wirksamkeit eines Zaubers zu erproben, auf welchen er so zuverlässig vertraute. Von diesem Wahn erfüllt, wünschte sie begierig die Nacht herbei. Sie blickte, ohne aufzusehen, auf das seltsame Bild und die wunderbaren Zeichen, welche den Zauber bildeten, und ihre Seltsamkeit selbst bestärkte sie, wie natürlich, in ihrem Glauben, und sie fühlte ein schauerliches Beben, als die Abendschatten immer dunkler an den fernen Bergen wurden und die Zeit der Prüfung herannahte. Endlich war es Nacht und Lucilla eilte in ihr Zimmer. Der Himmel war außerordentlich klar und die Sterne schienen mit einem Glanze durch das Fenster, der ihr prophetisch, ahnungsschwer dünkte. Baarfuß, nur in einem leichten Gewande, trat sie zitternd über die Schwelle, blieb einen Augenblick am Fenster stehen und blickte hinaus in die dunkle, stille Nacht. Sie war ein Bild – ich hätte, wäre ich ein Maler gewesen, meine Jugend daran gegeben, es zu malen: halb im Licht – halb im Schatten – Hals und Brust entblößt – Formen und Farben, welche die Natur nie übertroffen hat. Die Arme waren über dem Busen gekreuzt, und das lange Haar wogte, noch dunkler durch diese Beleuchtung, üppig herab. Sie stand still, wie anbetend, und vielleicht betete sie wirklich; ihr Gesicht war etwas erhoben und blickte nach dem Himmel und nach Rom. Aber welches Gesicht! Es war so jung, so kindlich, so züchtig, und doch so gehoben durch den schmerzlichen Zweifel, die übernatürliche Furcht und das himmlische Wesen, welches auf ihrer Stirn, ihren geöffneten Lippen, in ihren funkelnden Augen thronte. Es lag etwas Erhabenes in der Einsamkeit dieser Jugend und in diesem Aberglauben, der nur aus der Tiefe einer unergründlichen und mächtigen Liebe auftauchte. In der Ferne hörte man das Plätschern des Sees an den Ufern – sonst keinen Laut. Lucilla entfernte sich vom Fenster, kniete nieder, schrieb mit zitternder Hand ein Wort unter die Figur – den Namen Godolphins. Dann legte sie das Blatt unter ihr Kissen und der Zauber war vollbracht. Der Astrolog hatte ihr von der nothwendigen Mitwirkung gesprochen, durch welche der Geist das Werk unterstützen muß; aber Lucilla bedurfte keines Anreizes, um ihre Sinne bloß auf die Vision zu richten, welche sie beschwören wollte. Und wunderbar wäre es gewesen, wenn nach dem tiefen, angestrengten Sinnen, mit welchem sie das Bild Godolphins betrachtet hatte, dies Bild nicht, auch ohne cabalistische Formeln, ihr im Traume erschienen wäre. Sie träumte, es sei heller Mittag und sie sitze allein in dem Hause, das sie damals bewohnte, und weinte bitterlich. Plötzlich rief die Stimme Godolphins nach ihr; sie stürzte hinaus, und kaum war sie über die Schwelle getreten, als die Gegend, mit der sie so vertraut war, ihren Blicken entschwand, und sie sich allein fand in einer ungeheuren, unbekannten Wildnis; da war kein Baum und kein Wasser; Alles war dürr, öde und todt. Aber was ihr am sonderbarsten schien, war, daß am Himmel, obgleich er klar und glänzend war, sich doch nicht Sterne noch Sonne zeigten; das Licht schien erstarrt zu ruhen, und kein Leben zu haben. Und sie träumte weiter, daß sie durch die Wüste zog, und daß sie sich manchmal nach Erholung sehnte, aber die Glieder gehorchten dem Willen nicht, und eine Gewalt, die sie nicht beherrschen konnte, trieb sie immer weiter. Und auf einmal hörte es auf, stumm und todt zu seyn. Aus dem Sande, wie aus Erdblasen, brachen hinter einander nichts als scheußliche, kriechende Schatten hervor; schmutzige Weisen drangen in ihr Ohr, bald voll schauderhaften Spottes, bald noch schrecklicheren Begehrens. Die gräßlichen Gestalten drängten sich immer näher und dichter um sie her. Die Angst trieb sie fort und fort, sie stieg schneller dahin, sie suchte zu entkommen; aber je mehr sie eilte, je lauter wurden die Stimmen, je gespenstischer die verfolgenden Schatten; und bei jeder Wendung traten ihr Schandbilder entgegen, vor deren Anblick ihr reiner Sinn zurück schauderte; und da war keine Höhle, sich zu bergen, keine Zuflucht, sich zu retten. Erschöpft und verzweifelt blieb sie endlich stehen; aber jetzt verloren die Gestalten und die Stimmen langsam ihr Schreckliches; ihr Auge und ihr Ohr gewöhnten sich an sie, und am Ende wurden sie ihr Gefährten. Und wieder war die Wildnis verschwunden; sie stand in einer seltsamen Gegend und ihr gegenüber stand Godolphin und starrte sie an mit trauerndem Blicke. Aber es schien viel älter, als er war, und die Spuren der Sorge waren tief in sein Gesicht gegraben, und über ihnen beiden hing eine bleiche, regungslose Wolke, und daraus streckte sich eine riesige Hand hervor, und zeigte mit einem Schattenfinger auf einen Theil der Erde, der in dichtes Dunkel gehüllt war. Als sie mit angestrengtem Auge durch die Finsternis dieser Stelle zu dringen suchte, träumte sie, daß Godolphin verschwunden; und alles tiefe, tiefe Nacht war, aber keine Stille – denn die Winde heulten, und die nahen, zürnenden Wässer rauschten, und sie hörte die Bäume krachen, und fühlte die eisige Luft auf sie einströmen. Der Sturm war entfesselt. Aber mitten durch das Gewirr des gewaltigen Getöses hörte sie deutlich den Schritt eines Pferdes und gleich darauf einen wilden Schrei, in dem sie Godolphins Stimme erkannte, und der die Wuth der Natur durch den gräßlichen Ruf menschlicher Verzweiflung noch entsetzlicher machte. Auf den Schrei folgte ein lauteres Rauschen der Wellen, und ein wilderes Toben der Winde, bis die fürchterliche Angst die Fesseln des Schlafes zerbrach, und sie erwachte. Es war beinahe Tag, aber die Heiterkeit der Nacht war verschwunden; der Regen fiel in Strömen herab, und das Haus bebte vor der Wuth des heftigen Sturmes. Der Traum hatte Lucillas Aberglauben bestärkt. Tausend Besorgnisse, mehr für Godolphin, als für sie, und wenn für sie, doch nur in Beziehung zu ihm, beherrschten ihre Gedanken. Sie konnte nicht länger warten, keinen Aufschub ertragen, sie beschloß nach Rom zu eilen, Godolphin zu sehen. Sie stand auf, weckte ihre Dienerin, und führte noch an demselben Tage ihren Willen aus. Siebenzehntes Kapitel. Freude und Verzweiflung. Es war gegen Abend, als Lucilla vor der Thür erschien, welche zu Godolphins Zimmern führte, und einige Augenblicke davor stehen blieb. Endlich faßte sie Muth. Der Diener, welcher sie einließ, war erstaunt, und außer sich vor Freude, als er Lucilla sah, denn sie war der Abgott Aller, die sie kannten, nur dessen nicht, nach dessen Liebe allein sie strebte. Sein Herr, sagte er, sey nur auf eine kurze Zeit ausgegangen, aber Tags darauf hätten sie nach Hause reisen wollen. – Lucilla erröthete vor Freude, als sie hörte, daß ihr Brief eine so unerwartet schnelle Wirkung hervorgebracht hatte. Sie ging weiter in Godolphins Zimmer. Man sah die Spuren einer bevorstehenden Abreise; sie setzte sich, und wartete, bange und zitternd, auf ihren Geliebten. Ihre Dienerin, die sie begleitet hatte, und mehr an irdische Bedürfnisse dachte, als an Liebe, verließ sie. Sie konnte nicht lange ruhen; sie ging an der langen, spärlich meublirten Stube, wie man sie in Italien findet, in erwartender Bewegung auf und ab. Zuletzt fiel ihr Blick auf einen offenen Brief, der in einer Ecke des Schreibtisches lag. Sie sah zerstreut darauf hin; plötzlich wurde ihre Aufmerksamkeit durch einige Worte gefesselt; waren diese Worte, diese Worte der Leidenschaft, an sie gerichtet? Wenn nicht, o Gott, an wen sonst? Sie gab, wie immer, dem Impulse des Augenblicks nach, und las Folgendes: »Konstanze! Welche Erinnerungen stürmen auf mich ein, indem ich dieses Wort schreibe! Wie viele Jahre ist dieses Wort meinem Herzen ein Talisman gewesen, der nach Willkühr es gelenkt, bewegt hat! Sie sind das erste Weib, das ich wahrhaft geliebt habe. Sie verwarfen mich, und doch konnte ich Sie nicht hassen. Sie wurden das Eigenthum eines Andern, aber meine Liebe wich nicht von Ihnen. Ihre Hand schrieb nach der Zeit unsers Zusammentreffens die Geschichte meines Lebens; meine Gedanken, meine Handlungen, Alles wurde durch Ihren Einfluß bestimmt. Und jetzt, Konstanze, sind Sie frei, und ich liebe Sie heißer, als je! Und Sie , ja Sie würden jetzt mich nicht zurückstoßen. Sie sind weiser geworden, und haben den Werth meines Herzens kennen gelernt. Und doch wird dasselbe Schicksal, das uns bisher geschieden, uns noch ferner scheiden; alle Hindernisse sind verschwunden bis auf Eines, und über das Eine sollen Sie richten. »Als wir uns vor Jahren trennten, unterwarf ich mich nicht geduldig der brennenden Erinnerung, welche Sie mir hinterließen, ich suchte Ihr Bild zu verdrängen und durch Werben um Andere, Sie zu vergessen. Brauche ich es zu sagen, daß der Anblick Anderer das Andenken an Sie nur noch lebhafter auffrischte? Aber unter der Menge Unwürdiger war eine, die ich, hätte ich Sie früher nicht gesehen, vielleicht eben so warm geliebt haben würde, wie Sie, und in der ersten Wallung des Gefühls, in dem ersten Feuer der Ereignisse glaubte ich, ich liebte sie wirklich so. Sie war eine Waise, ein Kind an Jahren und Weltkenntnis, und ich war, ich bin ihr Alles. Sie ist nicht mein durch die Bande der Kirche, aber ich habe ihr eine eben so bindende, heilige Treue gelobt. Soll ich diesen Eid brechen? Soll ich dies Vertrauen betrügen? Soll ich ein Herz zerreißen, das immer mein gewesen ist, inniger mein, als Ihr an tausend Gaben und Hülfsmitteln so reiches Herz je war, oder je seyn kann? Soll ich, der ich geschworen, sie zu beschützen, ich, der ich ihr bereits Ruf und Freunde geraubt habe, ihr noch den Vater, Bruder, Geliebten, Gatten, die Welt selbst – denn bin ich ihr nicht das Alles? – rauben? Nie! Nie! Ich werde elend seyn für das Leben; ich werde wissen, daß Sie frei sind, daß Sie, o Konstanze, Sie mein seyn könnten! Aber sie soll niemals ahnen, was sie mich gekostet hat! Ich bin schon zu kalt, zu undankbar gegen sie gewesen – ich will es gut machen. Mein Herz wird vielleicht in dem Bestreben brechen, aber es soll ihr vergelten. Sie, Konstanze, können in dem Stolze Ihrer hohen Stellung, Ihres kräftigen Geistes, Ihrer geregelten Tugend, (welche durch die hundert Schranken der Sitte eingehegt ist) Sie können vielleicht nicht begreifen, wie rein, wie hingebend die Seele dieses armen Mädchens ist. Ich kann sie nicht mit Schätzen überhäufen, und dann sie verlassen; – meine Liebe ist der einzige Schatz, den sie kennt. Die Erde hat keinen Trost oder Ersatz für den Verlust meiner Neigung; und selbst an den Himmel denkt sie nicht, außer als an den Ort, wo wir auf ewig verbunden seyn würden. Ich weiß, daß sie jetzt fern von hier, einsam da sitze, und nur an ihn denkt, dessen Seele von Liebe zu einer andern bestürmt wird. Meine Briefe, ihr einziges Glück, sind in der letzten Zeit selten und kalt geworden; ich weiß, daß sie ihr Herz zerfleischt haben: ich denke mir ihre Einsamkeit, ihre Trauer, ihre verlassene Jugend, ihren feurigen Geist, der, nicht durch Bildung bereichert, nur in Einem Gedanken lebt und webt. Ehe Sie dies Schreiben erhalten, werde ich auf dem Wege zu ihr seyn. Nie mehr will ich mich der Versuchung aussetzen, die ich bestanden habe. Ich bin nicht eitel, ich täusche mich nicht; ich glaube nicht, ich spotte Ihrer nicht durch den Glauben, als würden Sie lang oder bitterlich meinen Verlust empfinden. Ich habe Sie mehr geliebt, als Sie mich, und Sie haben unzählige Kanäle für Ihre glänzenden Hoffnungen, Ihren weitstrebenden Ehrgeiz. Sie lieben die Welt und die Welt ist zu Ihren Füßen! Wenn Sie sich meiner erinnern, werden Sie vielleicht denken, Sie hätten Grund zu zürnen. Warum drängte ich mich zu Ihnen, da ein Band mir doch die Hoffnung auf Sie versagte? Warum erlaube ich mir ein Wort, einen Blick, der Ihnen sagte, daß ich Sie noch liebte? Warum vor Allem, wagte ich gestern, als wir allein standen, vom Wasserstrome umgeben, mich zu vergessen, Sie an meine Brust zu reißen, und Sie einer Liebe zu versichern, die nur Hohn wäre, wenn ich sie nicht feierlich wiederholen wollte? »Das Alles werden Sie fragen, und wenn die Antwort Ihnen nicht genügt, wird Ihr Stolz mein Andenken in Groll begraben. Auch das – aber hören Sie mich. Konstanze, als ich in meiner ersten Jugend, zur Zeit, wo das Wachs noch weich, der Baum noch zu biegen war, mein Herz und meine Zukunft zu Ihren Füßen niederlegte; als Sie auf das Gebet einer weltlichen, kalten Ehrfurcht (wählen Sie einen anderen Namen, die Sache bleibt dieselbe), mich zurück in die einsame Wüste des Lebens warfen; als Sie mich zurückwiesen, verließen – glauben Sie, obgleich ich Sie immer noch liebte, in diese Liebe habe sich ein Zorn gemischt? Wir sahen uns wieder – aber welche Jahre einer verschwendeten Existenz, getrübter Hoffnungen, abgestorbener Gefühle, waren seitdem mir vergangen! Und wer hat sie so elend gemacht? Sie! Wundern Sie sich, daß menschlicher Stolz menschliche Rache verlangte? Ja! ich sehnte auch mich nach irgend einem Triumphe – ich begehrte zu erproben, ob ich vergessen sey, ob das Herz, welches mich getroffen, verwundend selbst getroffen worden? War dies nicht natürlich? Fragen Sie sich selbst und tadeln Sie mich, wenn Sie können. Aber nach und nach, als ich immer öfter auf eine Schönheit blickte, auf eine Stimme hörte, die sanfter geworden, als sie früher war; als ich fühlte, daß Sie mir einen Ersatz nicht versagen würden – erlosch auch dieser selbstsüchtige Wunsch nach Rache, und alle Gefühle gingen in der einen, der unwiderstehlichen, unendlichen Liebe unter. Und können Sie mich tadeln, daß ich dann – ein Verräther an mir, wie an Ihnen – neben Ihnen weilte? Daß ich so lange kämpfte; ehe ich mich entschließen konnte, das Opfer zu bringen? Ach, es hat mich viel gekostet, gerecht zu seyn. Können Sie mich tadeln, daß ich während der ganzen Zeit meine Worte und Blicke nicht zu beherrschen vermochte? Ja, daß ich gestern, als ich verzweifelnd in dem Gedanken, daß wir für immer scheiden sollten, neben Ihnen stand – als kein Auge in der Nähe war, als Sie mit himmlischer Besorgnis sich an mich schmiegten – als Ihr Athem meine Wangen berührte – als mein Herz das Klopfen Ihres Herzens fühlte – als meine Hand die Hand berührte, welche mir eine Welt schenken konnte, als mein Arm Sie umschlang – oh, können Sie mich tadeln, können Sie sich wundern, daß ich außer mir gerieth, daß Vorwürfe, Gewissen, alles vergessen wurde, und daß ich nur für den Augenblick, nur für Sie fühlte, lebte! Nein, Sie werden die Schwäche der Natur erkennen und nicht mit Härte über mich richten. »Und warum wollten Sie mir die Erinnerung dieses kurzen Augenblicks, dieser stürmischen Umarmung mißgönnen? Wie oft werde ich sie mir in das Gedächtnis zurückberufen! Wie oft werde ich, wenn ich die leichten Schritte des Wesens, zu dem ich jetzt zurückkehre, um mich höre, wie oft werde ich mich selbst betrügen und mir einbilden, es seyen die Ihren! Wenn ich ihren Athem fühle, werde ich nicht träumen, er komme von Ihren Lippen? Werde ich bei ihren Liebkosungen nicht denken, Sie flüsterten mir die Versicherung unaussprechlicher Liebe zu! Verzeihen Sie mir, Konstanze, meine ewig angebetete Konstanze, die ich nie wiedersehen werde, vergeben Sie mir diese heißen Worte, diese augenblickliche Schwäche. Leben Sie wohl! Was auch aus mir werde, Ihnen möge Gott seinen reichsten Segen verleihen! »Noch ein Wort – ich kann diesen Brief noch nicht schließen. Sie erinnern sich, daß Sie mir einst vor Jahren eine Blume geschenkt haben. Ich habe ihre Blätter bis auf diesen Tag bewahrt: aber ich will nicht mehr meine Schwäche nähren, die Sie nur beleidigen und jetzt meiner unwürdig seyn würde. Ich werde Ihnen diese Blätter zurückschicken: sie mögen für mich sprechen, als das Andenken vergangener Tage. Ich muß abbrechen, ich kann nicht mehr; ich muß hinaus und mir Fassung suchen. Und oh! Möge sie, zu der ich morgen eile, deren argwohnloses Herz ich, durch die Versuchung gewarnt, mehr als bisher bewachen, beschützen und trösten will, möge sie nie erfahren, was es mich gekostet hat, sie nicht zu verlassen, nicht zu verrathen.« Und jedes Wort dieses Briefes las Lucilla! Und welcher Schmerz, welche Verzweiflung, welche Hoffnungslosigkeit überfiel sie bei dem Lesen! Alles was das Leben ihr bot, ihr bieten konnte, jede Ruhe und Freude war für immer verwelkt. Als sie bis zum letzten Worte gekommen war, ließ sie stumm den Kopf sinken und es war ihr, als ob ein Fels auf ihr Herz gestürzt sey und es zu Staub zermalmt habe; hätte der Brief nur Ein unerfreuliches Wort, nur einen verletzenden Gedanken gegen sie enthalten, es wäre ein Trost, obwohl ein armseliger gewesen; aber diese grausame Zärtlichkeit, dieser bittere Edelmuth! Und mit welchem Entzücken, mit welcher Wonne hatte sie noch eben daran gedacht, wie sie in ihres Geliebten Arme stürzen würde! Es schien unglaublich, daß nur wenig Minuten hinreichen konnten, eine ganze Existenz zu vernichten, eine ganze Zukunft, ohne einen Strahl der Hoffnung, zu verdunkeln. Sie wurde durch den Schall von Schritten in einem andern Zimmer aufgeschreckt; nicht um die Welt hätte sie jetzt Godolphin begegnen mögen. Der Gedanke seiner Rückkehr gab ihr Kraft, sich aufzurichten. Sie steckte den verhängnisvollen Brief in die Brust, schrieb in auffallend festen Zügen ihren Namen auf ein Stück Papier und legte dies an die Stelle des Briefes. Sie glaubte mit Grund, daß dieser einfache Namen alles sagen werde, was sie selbst jetzt nicht aussprechen konnte. Dann stand sie auf, verließ das Zimmer und schlich leise und verstohlen nach der Straße. Unbekümmert wohin sie ging, eilte sie immer weiter, die Augen auf den Boden geheftet, und das Gesicht im Mantel verbergend. Die Straßen Roms sind nicht so vollgedrängt, wie bei uns, auch herrscht in der durch so viele erhabene Gegenstände geheiligten Stadt nicht die gemeine, zwecklose Neugierde, von der das Englische Publikum heimgesucht ist. Jeder lebt in sich, nicht in seinem Nachbar; die moralische Atmosphäre Roms ist Gleichgültigkeit; Lucilla konnte daher unbeachtet forteilen, bis endlich ihre Knieen zusammenbrachen und sie erschöpft, aber immer noch allen fremd, was um sie her vorging, auf ein Bruchstück antiker Pracht hinstürzte, wie man sie in jeder Straße Roms findet. Der Platz war still und einsam, und lag im Schatten eines Pallastes, der sich dicht daneben erhob. Sie setzte sich und versuchte, ihre Gedanken zu sammeln. Plötzlich wurde der Klang einer Guitarre laut; die Straße herauf kam ein kleiner Trupp wandernder Musiker, die dem neuen Italien noch ein poetisches Leben verleihen: die Wirklichkeit ist fort, aber der Geist weilt noch. Sie blieben vor einem kleinen Hause stehen; Lucilla sah auf, und erblickte ein junges Mädchen, das ein Licht, als wohlbekanntes Signal an das Fenster stellte, und dann entschlüpfte. Währenddes stand der Geliebte (der die Musiker begleitet hatte, und von keinem sehr hohen Range schien) unten in bloßem Haupte und in seinem aufgeschlagenen Blicke lag eine Zärtlichkeit, Liebe und Ehrfurcht, welche der armen Lucilla durch den Kontrast die Erinnerung noch bittrer machte. Die Serenade begann. Die Melodie war unaussprechlich sanft und rührend, und die Worte in jene schwimmende Melancholie getaucht, welche von der Zärtlichkeit, wenn nicht von der Leidenschaft der Liebe unzertrennlich ist. Lucilla horchte unwillkürlich hin, und der Zauber verfehlte seine Wirkung nicht. Die herbe Schale ihres Schmerzes schmolz langsam dahin, und als der Gesang zu Ende war, brach sie in Thränen aus, und schluchzte: »Glückliches, glückliches Mädchen! Sie ist geliebt!« Und hier falle der Vorhang vor Lucilla. Oft, oft sehe ich sie vor mir auf der Straße sitzen, oft sehe ich sie – allein und mit gebrochenem Herzen – in dem Dämmerlichte Roms weinen! Dritter Band. Erstes Kapitel. Der Liebe Bitterkeit. Als Godolphin nach Hause zurückkehrte, fand er die Thür offen, wie Lucilla sie gelassen hatte und er trat schnell in sein Gemach. Er eilte nach dem Tische, auf welchem er in dem Sturm seiner Gefühle den Brief an Konstanze hatte liegen lassen, aber er fand nur das Papier, auf welches Lucilla ihren Namen geschrieben hatte. Während er bestürzt sich darüber verwunderte, traten sein Diener und die Begleiterin Lucillas herein und in wenigen Augenblicken erfuhr er Alles, was sie ihm mitzutheilen hatten: das Übrige erklärte ihm Lucillas Handschrift zur Genüge. Er begriff Alles und schickte in einem Anfall von Reue und Besorgnis seine Diener nach allen Richtungen aus und machte sich selbst auf, um sie aufzusuchen. Er ging nach dem Hause ihrer Verwandten; sie hatten sie nicht gesehen, nichts von ihr gehört. Es war jetzt Nacht und sein Nachforschen auf alle Art erschwert. Keine Spur war zu finden: zuweilen folgte er einer Beschreibung, die ihm zu passen schien, er stürzte nach, fand aber keine Lucilla! Gegen Tagesanbruch kehrte er nach Hause zurück und sein einziger Trost nach dieser langen, vergeblichen Mühe war, daß ihm ihre Dienerin versicherte, sie hätte eine Summe Geldes bei sich, welche ihr in Italien überall Schutz und Theilnahme versichern mußte. Aber allein des Nachts in den Straßen – sie, der die Welt so fremd war – sie, so jung, so reizend – er schauderte bei dem Gedanken, und der Athem verging ihm. Hätte sie Hand an ihr Leben gelegt? Auch dieser schreckliche Gedanke drängte sich ihm auf, daß er ihn nicht los werden konnte; er zitterte, wenn er an ihr leidenschaftliches Wesen dachte und wenn er sich erinnerte, welche Verzweiflung jedes seiner Worte an Konstanze in ihr erregt haben mußte. Und in der That konnte selbst seine Phantasie den tiefen Schmerz ihres zerrissenen Gemüths nicht ermessen. Er kam nur nach Haus, um sogleich wieder fortzueilen. Er wandte sich an die Polizei und an jene thätigen und wachsamen Agenten, welche sich in Rom zu allen Geschäften hergeben, so daß er fast überzeugt seyn konnte, sie würde entdeckt werden. Trotzdem kam der Mittag und der Abend heran, und noch immer ließ sich nichts sehen. Als er mit der schwachen Hoffnung zurückkehrte, daß vielleicht in seiner Wohnung irgend eine Nachricht seiner warten möge, stürzte ihm sein Diener mit einem Briefe entgegen: er war von Lucilla und ihrer würdig. Ich theile ihn dem Leser mit. Lucillas Brief. »Ich habe Deinen Brief an eine Andere gelesen! Sagt Dir das nicht genug, nicht Alles? Alles? Nein! Du kannst Dir nie, nie, niemals sagen, wie gebrochen, zermalmt mein Herz ist. Warum? Weil Du ein Mann bist, und weil Du nie so geliebt hast, wie ich liebe. Ja Godolphin, ich wußte, daß ich nicht fähig war, Deine Liebe zu fesseln. Ich bin ein armes, unwissendes, ungebildetes Mädchen, das nichts im Herzen hat, als eine Welt der Liebe, die sie nie aussprechen konnte. Du sagtest, ich könnte Dich nicht begreifen; ach! wie viel lag hier, liegt hier, in meiner Natur, in meinen Gefühlen, das Deinen Augen ewig unergründlich bleiben wird. »Aber das thut Alles nichts: das Band, das uns verknüpfte, ist auf immer zerrissen. Geh, theurer, theurer Godolphin, und verbinde Dich mit jener Glücklicheren, die so viel besser zu Dir zu passen scheint, als die ungebildete Lucilla. Kümmre Dich nicht um mich: Du bist gütig, sehr gütig gegen mich gewesen. Du hast mir die Hoffnung genommen, aber Du hast mir Stolz dafür gegeben. Der Schlag, der mein Herz zerschmetterte, hat meinen Geist gekühlt. Und wärest Du und ich allein auf der Erde, wir müßten doch getrennt bleiben; meine Welt ist nicht Deine Welt; wenn unsere Herzen nicht mehr zusammen sind, wie kann unsere Verbindung noch bestehen? Und doch wäre es noch etwas, wenn Du, da die Zukunft mir einmal verschlossen ist, mir nicht auch die Vergangenheit geraubt hättest; aber ich habe nicht einmal das Recht, in die Vergangenheit zurückzublicken! Wie! Während mein Herz sich ganz Dir ergoß, während ich keinen andern Gedanken, keinen andern Traum hatte, als Dich, während ich zu Deiner Seite saß und Dich hütete, und Deine Wünsche ablauschte und Deine Gedanken vorherzusehen suchte, während Nachts Dein Haupt an meinem Busen ruhte und ich nicht schlafen konnte vor Wonne, Dich so nahe bei mir zu sehen: währenddes war Dein Herz fern von mir, währenddes schwebten Deine Gedanken nach andern Welten, ich war Dir nur eine Bürde, die Du Dich los zu werden sehntest! Kann ich daher je zu den Stunden zurückblicken, die wir zusammen verlebt haben? Diese ganze Vergangenheit ist nur Eine Folge von Schande und Bitterkeit. Und doch kann ich Dir nicht zürnen; es wäre ein Trost, wenn ich es könnte; je weniger Du mich liebtest, um desto gütiger und großmüthiger bist Du gegen mich gewesen, und Gott wird Dich segnen für Deine Freundlichkeit gegen die arme Waise. Nie hatte ich den Schmerz, ein rauhes Wort, einen drohenden Blick von Dir zu erleiden. Wenn ich auf die Vergangenheit zurückblicke, kann ich nur trauern über die Milde, welche nicht aus Liebe entsprang. Geh Godolphin; ich wiederhole meine Bitte mit Demuth und Aufrichtigkeit. Geh zu ihr, die Du liebst, vielleicht wie ich Dich geliebt habe, geh und ich werde wenigstens etwas Glück für mich aus Deinem Glücke schöpfen. Wir scheiden für immer, aber es ist kein Unfriede zwischen uns; keiner kann dem andern einen Vorwurf machen. Habe ich gesündigt, so geschah es gegen den Himmel und nicht gegen Dich und Du – oh, auch gegen den Himmel war nur mein die volle Schuld. Du wirst in Dein Vaterland zurückkehren, in jenes stolze England, nach dem ich Dich so oft gefragt habe und welches, selbst in Deinen Antworten, mir so kalt und traurig und der Liebe so feindlich schien. Dort wirst Du in Deinen neuen Banden neue Beschäftigung finden und wirst zu glücklich seyn, um an mich zu denken. Zu glücklich? Nein, ich wünschte, ich könnte Dich mir so denken, aber ich, der Du jede Sympathie mit mir abstreitest, habe doch Dein Herz genug durchschaut, um zu fürchten, daß Du, was auch geschehe, nie das Glück suchen werdest, das Du suchst. Du verlangst zu viel Ideales, Du träumst zu gern, um nicht mit dem Wirklichen mißvergnügt zu seyn. Was mir geschehen ist, muß auch meiner Nebenbuhlerin, wird Dir Dein ganzes Leben hindurch geschehen. Dein Körper ist in dieser Welt, Deine Seele in einer andern. Ach! Wie thöricht lasse ich mich gehen, um in Deiner Natur und nicht in den Ereignissen den Schlag zu suchen, der uns scheidet. »Ich will schließen. Ich habe eine Zuflucht in diesem Kloster gefunden: ich bitte, ich beschwöre Dich, suche mich nicht, folge mir nicht: es kann zu nichts dienen. Ich möchte Dich nicht sehen. Der Schleier ist gefallen zwischen Deiner und meiner Welt und es bleibt uns nichts, als uns in Güte und Wohlwollen Lebewohl zu sagen. Lebe wohl denn! Ich denke mir, daß ich jetzt bei Dir bin, ich denke mir, daß meine Lippen Dein langes Haar zurück gehaucht haben, und auf Deine schöne Stirn den Kuß einer Schwester – das wenigstens bleibe ich – einen Schwesterkuß drücken. Wie wir im grauen Dämmerlichte bei unserer letzten Trennung zusammenstanden, als ich in Sorgen und Thränen mein Haupt an Deiner Brust verbarg, wie ich, ohne Ahnung dessen, was kommen würde, mich in Versicherungen unwandelbaren, treuen Sinnes ergoß, wie Du dreimal Dich von mir rissest und dreimal zurückkehrtest und wie ich durch den unfreundlichen Morgennebel Dir nachblicke und Stundenlang glaubte, Deine Worte klängen noch in meinen Ohren, so sage ich Dir auch jetzt, aber mit andern Gefühlen, Lebewohl, Lebewohl für immer! Zweites Kapitel. Godolphin. – Mein Signor, sie will Sie nicht sehen. – Sie haben ihr mein Billet gegeben – Sie haben ihr den Ring gegeben? – Das habe ich, aber sie weigert sich dennoch. – Sie weigert sich? Und ist das ihre ganze Antwort? Keine Zeile, um diese Härte zu mildern? – Signor, ich habe meine Botschaft ausgerichtet. – Grausame! Hartherzige! Glauben Sie nicht, daß ich ein ander Mal bessern Erfolg haben werde? – Das Kloster ist zu bestimmten Zeiten für Freunde offen, doch bin ich nach dem Benehmen der jungen Signora überzeugt, daß Ihre Besuche umsonst seyn werden. – Ja, ja, ich verstehe; Sie möchten sie gern dieser bösen Welt entreißen, möchten menschliche Gefühle hindern, ihre Gedanken zu stören. Guter Gott! Und kann sie, die so glühenden, jugendlichen Sinnes ist, an den Schleier denken? – Sie denkt nicht daran – antwortete die Nonne kalt – sie hat nicht die Absicht, hier lange zu verweilen. – Ich bitte Sie – rief Godolphin eifrig – stehen Sie mir bei, geben Sie sie mir wieder, lassen Sie mich nur einemal zu ihr in diese Mauern und ich will Sie reich machen, ich will – – Leben Sie wohl, Signor. Niedergeschlagen, traurig und doch voll Wuth kehrte Godolphin nach Rom zurück. Lucillas Brief riß an seinem Herzen, wie der Haken eines zerbrochenen Pfeiles; aber die Strenge, mit welcher sie ihn vorzulassen verweigerte, erschien seinem männlichen Stolze wie eine rauhe, gefühllose Beschimpfung. Er wußte nicht, daß die Augen der armen Lucilla hinter den Mauern des Klosters ihn bewacht hatten, und daß, obgleich sie mehr um seinet-, als ihretwillen die erbetene Zusammenkunft ablehnte, sie es sich doch nicht hatte versagen können, ihn noch einmal zu sehen. Er erreichte Rom; auf seinem Tische fand er ein Billet von Lady Charlotte Deerham, in welchem sie ihm sagte, sie hätte gehört, er wolle Rom verlassen, und sie bitte ihn daher, diesen Abend sich ein Lebewohl von ihr zu holen. »Lady Erpingham wird bei mir seyn,« schloß der Brief. Dies weckte eine neue Gedankenreihe. Seit Lucilla's Flucht war kein anderer Gedanke, als der an Lucilla in ihm rege geworden. Wir haben gesehen, wie sein Brief an Lady Erpingham in falsche Hände gekommen war und er hatte keinen zweiten geschrieben. Wie sonderbar mußte Konstanzen sein Benehmen, nach dem Geständnisse in der Syrenenhöhle erscheinen; keine Entschuldigung, keine Erklärung! Und welche Erklärung sollte er jetzt geben? Jetzt war keine Nothwendigkeit vorhanden, die Seligkeit zu fliehen, die seiner in der Liebe seiner angebeteten Konstanze warten mochte. Aber konnte er mit einem Herzen, das noch an dem gewaltsamen Riß eines Bandes blutete, schon wieder ein neues knüpfen? Schwankend, rastlos, aufgeregt und sich selbst verklagend, konnte er die Gedanken nicht ertragen, welche Antwort auf tausend Fragen verlangten; er stürzte aus seinem freudelosen Zimmer und eilte mit brennender Stirn und fieberhaftem Pulse zu Lady Charlotte Deerham. – Guter Gott – rief diese unwillkürlich aus – was sehen Sie so schlimm aus, Herr Godolphin? – Schlimm? Ha, ha! ich habe mich nie wohler befunden, aber ich komme so eben von einer weiten Reise zurück und ich habe seit drei Tagen und drei Nächten nicht gegessen und nicht geschlafen. Ich! Ha, ha! Nein ich bin nicht krank. Und dabei blickte er umher mit Augen, die von Wahnsinn funkelten. Lady Charlotte Deerham trat schaudernd zurück; Godolphin fühlte eine kühle, weiche Hand die seinige berühren, er wendete sich um und blickte in das Gesicht Konstanzes, aus dem staunende Besorgnis sprach. Er stand einen Augenblick starr, ergriff dann diese Hand, preßte sie an seine Lippen, an sein Herz und brach dann plötzlich in Thränen aus. Dieser Anfall rettete sein Leben: mehre Tage noch verbrachte er ohne Bewußtseyn. Drittes Kapitel. Die Erklärung. – Die nahe Verbindung. – Ist der Idealist zufrieden? Da Godolphin sich bald wieder erholte und die beständige Gegenwart Konstanzens, ihre sanfte Stimme, ihr dunkles Auge wieder seinen alten Zauber erneuerte, so wird der Leser leicht errathen, wohin dies nothwendig führen mußte. Einige Wochen lang ward kein Wort von der Syrenenhöhle erwähnt, aber als endlich die erste Andeutung jenes Vorfalles Godolphins Lippen entschlüpfte, so lag er auch in dem nächsten Augenblick zu Konstanzens Füßen, und ihre Hand ruhte in der seinigen und ihr stolzes Antlitz schwamm in der Röthe der ersten Liebe. – Und so – sagte Saville, – und so, Percy Godolphin, bist Du endlich der erklärte Geliebte der Gräfin Konstanze von Erpingham. Wann ist die Hochzeit? – Ich weiß nicht – antwortete Godolphin sinnend. – Wahrhaftig, ich beneide Dich beinahe. Du wirst sechs Wochen lang sehr glücklich seyn, und das ist viel in dieser widerwärtigen Welt; doch je mehr ich Dich ansehe, je mehr söhne ich mich wieder mit mir selbst aus, denn Du scheinst mir nicht so glücklich, als daß ich, August Saville, Dich beneiden sollte, so lange meine Verdauung in Ordnung ist. Woran denkst Du? – An nichts – erwiederte Godolphin theilnahmslos. Die Worte Lucillas lagen schwer auf seinem Herzen, wie eine Prophezeiung, die ihrer Erfüllung entgegen geht: Komme, was da wolle, Du wirst nie das Glück finden, das Du suchst. Du verlangst zu viel Ideales. In diesem Augenblick trat ein Page der Lady Erpingham mit einem Billet von Konstanze und einem Blumenstrauß herein. Niemand schrieb so schön und so geistreich, wie Konstanze und Percy gegenüber war ihr Witz mit so viel Zärtlichkeit vermischt! – Nein – rief er, seine Lippen auf die Blumen drückend – nein, weg mit dieser Drohung, mit Konstanze muß ich glücklich seyn! – Aber das Gewissen flüsterte, noch immer nicht beschwichtigt – Lucilla! Die Hochzeit sollte in Rom seyn. Der Tag war festgesetzt und bei Konstanzens Rang, Schönheit und Ruf machte die Nachricht von diesem Ereignis kein geringes Aufsehen unter den Engländern in Italien. Natürlich wurde viel darüber gesprochen und manches von diesem Geschwätz drang wieder zu den Ohren Konstanzens. Man sagte, sie wäre eine sonderbare Verbindung eingegangen, es wäre eine wunderbare Schwäche in einer so stolzen Frau, daß sie nicht nach höherem geblickt habe, als nach einem einfachen, nicht einmal vermögenden Gentleman, noch einem Menschen, der allerdings hübsch, aber sich doch in nichts ausgezeichnet habe, und sich nicht auszeichnen werde. Konstanze fühlte sich verletzt, nicht durch den gemeinen Hohn, sondern durch die Prophezeiung, daß er sich nicht auszeichnen werde. Rang, Reichthum, Macht, brauchte Godolphin nicht, denn sie wußte, daß sie selbst darüber gebieten konnte, aber sie fühlte auch, daß die edlere Eitelkeit, die in ihr lag, verlangte, daß der Mann ihrer reifen und zweiten Wahl nicht zu der Menge gezählt werden dürfe, über welche doch sein Genie ihn so hoch erhob. Sie fühlte, daß es wesentlich zu ihrem künftigen Glücke gehörte, daß Godolphins Ehrgeiz geweckt werde, daß er ihren Eifer für jene großen Zwecke theile, welche, wie sie sich bewußt war, ihr immer am Herzen liegen würden. – Ich liebe Rom – sagte sie eines Tages leidenschaftlich, als sie in Begleitung Godolphins, den Vatikan verließ – ich fühle meine Seele sich mitten unter den Ruinen erheben. Überall in Italien leben wir in der Gegenwart, nur hier in der Vergangenheit. – Nennen Sie das nicht ein besseres Leben, theure Konstanze; können wir uns die Gegenwart schöner denken? Konstanze erröthete und dankte dem Geliebten mit einem Blicke, der ihm sagte, daß sie ihn verstanden habe. – Und doch – sagte sie, wieder auf ihren Satz zurückkommend – wer kann die Luft einathmen, die voll des Ruhmes ist, und nicht zu Nacheiferung hingerissen werden? O Percy! – Ach Konstanze, und was möchtest Du aus mir machen? Ist es nicht Ruhmes genug, Dein Geliebter zu seyn? – Aber auch die Welt soll so stolz auf meine Wahl seyn, wie ich selbst. Godolphin runzelte die Stirn, und durchschaute in diesen Worten Konstanzens versteckte Meinung. Von seinem Knabenalter an gewöhnt, sich als Abgott verehrt zu sehen, verdroß ihn der Gedanke, daß es einer Anstrengung bedürfe, um sich selbst einer Konstanze würdig zu machen und voll Empfindlichkeit, daß man behaupten könne, er sey eine Verbindung eingegangen, die über seine Ansprüche hinausginge, zog er diese desto eifriger hervor. Godolphin wendete sich finster ab. Konstanze seufzte; sie fühlte, daß sie diesen Punkt nicht mehr berühren durfte. Nach einer Pause kam jedoch Godolphin selbst darauf zurück. – Konstanze – sagte er mit tiefer, fester Stimme – wir müssen uns einander verstehen, Sie sind mir Alles in der Welt: Ruhm und Ehre und Rang und Glück. Bin ich auch Ihnen das Alles? Ist ein Gedanke in Ihrem Herzen, der Ihnen zuflüstert, Sie hätten ihrem Ehrgeiz besser genügen können, Sie hätten Unrecht gehabt, als Sie Ihrer Liebe und nur Ihrer Liebe sich überließen – dann, Konstanze halten Sie ein, es ist noch nicht zu spät. – Verdiene ich das, Percy? – Sie lassen zuweilen Worte fallen, – antwortete Godolphin – welche zu verrathen scheinen, daß die Welt Ihre Wahl bekritteln möchte, und daß irgend eine Anstrengung von meiner Seite nothwendig sey, um Ihre Würde zu behaupten. Konstanze, brauche ich Ihnen zu wiederholen, daß ich sogar den Staub anbete, auf den Sie treten? Aber ich besitze dennoch einen Stolz, eine Achtung meiner selbst, unter die ich nicht sinken kann: wenn Sie das wirklich fühlen oder so denken, so kann ich mich nicht herablassen, selbst mein Glück von Ihnen anzunehmen, so lassen Sie uns scheiden. Konstanze sah, wie seine Lippen bleich wurden und zitterten; daß Herz schmolz ihr, der Stolz verschwand, sie sank an seine Brust und vergaß selbst den Ehrgeiz, ja sie fühlte, daß, obgleich sie innerlich über seine Gesinnung murrte, sie doch eine Art von Adel athmete, den sie achten mußte. Sie strebte daher, ihre weltlichen Pläne für die Zukunft zu unterdrücken und sich mit der Hoffnung zu begnügen, daß Godolphin, einmal auf die Bühne der Englischen Ehrfurcht geworfen, trotz seinen Ansichten aufgespornt werden würde. Und selbst wenn sie zuweilen auch daran zweifelte, so fühlte sie doch, daß seine Gegenwart ihr theurer geworden sey, als Alles Andere. Ja sie stemmte sich gegen ihren eigenen Enthusiasmus, gegen ihre eigene Ruhmbegierde, da sie nicht zu seiner Überzeugung paßte. So wunderbar und unmerklich hatte die Liebe die stolze Energie und den erhabenen Geist der Tochter John Vernons gebeugt! Viertes Kapitel. Hochzeit. – Der Zufall. – Liebe. Es war an dem Morgen, an welchem Konstanze und Godolphin verbunden werden sollten; es war bestimmt worden, daß sie noch denselben Tag nach Florenz abreisen sollte und Konstanze war an ihrer Toilette, als ihre Kammerfrau mit einem Blumenbouquet hereintrat. – Von Percy, von Herrn Godolphin, vermutlich? – fragte sie, es annehmend. – Nein, Mylady; eine junge Frau gab es mir vor dem Pallaste, und bat mich in dem schönsten Englisch, es Ihrer Herrlichkeit zu überreichen, und als ich ihr Geld anbot, wollte sie nichts nehmen, Mylady. – Die Italiener sind artige Leute – antwortete Konstanze, und steckte die Blumen an die Brust. Als Godolphin nach der Ceremonie seiner Gattin in den Wagen half, drängte sich eine, in einem weiten Mantel gehüllte Frau einen Augenblick vor. Godolphin hatte sich in demselben Momente abgewendet, um seinem Diener einen Befehl zu geben, und im nächsten war die Frau schon wieder in die Menge zurück, welche sich um den Wagen versammelt hatte; doch hatte Konstanze deutlich die mit bewunderndem und doch schmerzvollem Ausdruck gesprochenen Worte vernommen: Schön! Wie schön! O Gott! – Hast Du nicht gesehen, was dieses junge Mädchen für herrliche Augen hatte? – fragte Konstanze, als der Wagen fortrollte. – Welches Mädchen? Ich habe nur Dich gesehen. – Horch! Was ist das für ein Lärm hinter uns? – Es ist nur ein junges Mädchen, das in Ohnmacht gefallen ist – sagte der hinten sitzende Diener. – Sie sank gerade vor den Pferden zusammen, aber sie fuhren auf die Seite und thaten ihr nichts. – Das ist ein Glück – sagte Godolphin, sich wieder neben seine junge Frau setzend – fahre schneller zu. In Florenz erzählte Godolphin Konstanzen die Umrisse von Lucillas Geschichte, und Konstanze theilte fast die Empfindungen, mit welchen er sie ihr vortrug. – Ich habe – sagte er – in den Händen der Äbtissin eine Summe hinterlassen, die ganz Lucilla zu Gebot stehen soll, und die ihr, sie mag nun im Kloster bleiben oder nicht, überall ihre Unabhängigkeit sichern wird. Aber ich gestehe, ich möchte jetzt wohl noch einmal nach dem Kloster zurückkehren, um zu hören, für welches Loos sie sich entschieden hat. – Das solltest Du thun – antwortete Konstanze, die in ihrem hohen Gedankenflug keinen Gedanken von Eifersucht kannte – in der That, das ist das wenigste, was Du thun kannst. Und Godolphin drückte auf diesen großmüthigen Mund den süßen Kuß, in welchem sich Hochachtung mit der Einbildungskraft zu verbinden anfängt. Was hat die Erde, was jener ersten, frischen Vereinigung zweier Herzen gliche, die lange getrennt, nun für immer verbunden sind? Das gibt der gesetzlichen Liebe, was die verstohlene nie erreichen kann, das Gefühl der Sicherheit in dem Bunde. Die, deren Liebe sich nicht an den Altar knüpft, können tausend Zufälle trennen, aber in der Liebe, die geweiht ist und die wir zuerst besitzen, kennen wir keine Furcht, und wir schwelgen in dem vollen Genuß der Gegenwart, und vergessen, daß, wenn auch das Schicksal weniger die Macht hat, zu scheiden, doch die Gewohnheit nicht weniger die Gewalt hat, zu erkälten. Wie stark auch die Sympathie zwischen der Frau und dem Geliebten ist, wie sehr auch jeder den andern ergründet zu haben glaubt, so bleibt doch noch eine Welt zu ergründen, so lange die Ehe nicht jenen heiligen und süßen Austausch, alle jene bezaubernden Geständnisse weckt, welche kein gesondertes Interesse und keine ungetheilten Gedanken dulden. Allerdings ist dieses Verhältnis selten und die Ehe im Allgemeinen nur ein Patent für zwei Personen, sich ungestört zanken zu dürfen. Aber es gibt Eins, was doch die Unterhaltung eines jungen Ehepaares von der von Geliebten unterscheidet, die nicht auf einem so gesetzlichen Fuße zu einander stehen – das erstere spricht von der Zukunft! Andere Liebende sprechen von der Vergangenheit; ihre Aussichten sind von Ungewißheit umflort: sie fühlen es und scheuen davor zurück; sie sehen es ein, daß ihre Pläne nicht eins und untheilbar sind. Aber Verheirathete blicken immer in die kommende Zeit und sprechen stets von ihren Plänen: dies vermindert oft die Zärtlichkeit in Neigung, erhöht aber deren Genuß. Godolphin und Konstanze überließen sich untereinander sitzend und auf den silbernen Arno blickend, Hand in Hand der Betrachtung ihres zukünftigen Glückes. – Und was wäre Deine liebste Lebensweise, theurer Percy? – Ich habe keinen Plan mehr, Konstanze. Seit ich Dich mir gewonnen, habe ich alles Träumen aufgegeben. Doch ja: ein Haus in England – denn Du liebst England – nur zehn oder zwanzig Meilen von dem großen Babel entfernt; Bücher, Gemälde, Statuen und alte Bäume, die uns an unsre Normännischen Väter erinnern, welche sie gepflanzt haben, und vor Allem ein rauschender, klarer, durchsichtiger Strom, der durch sie hinfließt, am Ufer drüben einiges Wild, das halb im Ginster verborgen ist; Felsen, die sich darüber erheben, ein Vorrecht der Excentricität, das einem erlaubte, nach Belieben bald die Einsamkeit, bald die Gesellschaft vorzuziehen, und das Haus so voller Gäste, daß es keine Beleidigung für den Einzelnen wäre, wenn man zu Zeiten Allen auswich – – Nur weiter – sagte Konstanze lächelnd. – Ich bin fertig. – Fertig? – Ja, meine schöne Unersättliche. Was möchtest Du noch mehr? – Du sprichst nur von einem Landleben, und das mag in seiner Art drei Monate im Jahr gut seyn. – Für die andern neun wünsche ich mir dann Italien. – Ach Percy, ist Vergnügen, und nur Vergnügen, gemeines Vergnügen, wirklich der einzige Zweck des Lebens? – Gewiß. – Und Thaten, Handlungen, Unternehmungen, sind sie nichts? Godolphin schwieg und warf gedankenlos Steine in das Wasser. Dies erinnerte Konstanzen an das erstemal, wo sie ihn auf dem Gebiete seiner Vorfahren gesehen hatte und sie seufzte, als sie jetzt auf eine Stirn blickte, welcher Verweichlichung und träumerisches Wesen viel von ihrem frühern ritterlichen und ernsten Ausdruck genommen hatten. Fünftes Kapitel. Lucilla. Godolphin war eines Morgens im Begriff nach dem Kloster zu reisen, in welches Lucilla sich zurückgezogen hatte, als ihm ein Schreiben von der Abtissin eben dieses Klosters zugestellt wurde: es war ihm von Rom nachgeschickt worden. Lucilla hatte ihr Asyl drei Tage vor Godolphins Hochzeit verlassen, ohne daß die Abtissin wußte, wohin sie sich gewendet hatte. Doch glaubte sie, sie werde in Rom wohnen bleiben. Sie schloß einen Brief von Lucilla bei, den diese für ihn bei ihrer Abreise zurückgelassen hatte. Er war kurz, aber karakteristisch und lautete so: Lucilla an Godolphin. »Ich kann hier nicht länger bleiben; mein Geist ist nicht zur Ruhe zu bringen und diese Unthätigkeit stürzt mich in Wahnsinn. Ueberdies muß ich Deine Frau sehen; ich werde Deiner Trauung beiwohnen und dann – ja was dann? Godolphin, gib mir das jugendliche, reine Herz zurück, das ich hatte, ehe ich Dich liebte. Damals konnte ich mich mit Allem freuen: – jetzt! Aber ich will nicht murren; es ziemt mir nicht. Ich, die Tochter der Sterne, bin keine liebessieche, schwächliche Sklavin eines eiteln Schmerzes; mein Stolz ist endlich wach geworden, und ich fühle wenigstens die Unabhängigkeit des Alleinseyns. Wild und umherschweifend wird mein zukünftiges Leben seyn. Das Geschick, das mir die Hoffnung versagt, hat mich über alle Furcht erhoben. Die Liebe macht uns ganz zum Weibe, die Liebe hat mich verlassen und etwas Rauhes, Verwegenes, etwas, das Deinem Geschlechte angehört, ist an ihre Stelle gekommen. »Du hast mir Geld zurückgelassen, ich danke Dir, ich danke Dir. Das Herz zerspringt mir fast, indem ich dieses schreibe: konntest Du so widrig von mir denken? Schäme Dich! Wenn mein Kind, unser Kind noch lebte (und oh, Percy, es hatte Deine Augen) ich hätte es lieber Tag für Tag verhungern sehen, ehe ich nur einen Deut von Deiner Großmuth anrührte. Aber das Kind ist todt – Gott sei Dank! Für mich fürchte nichts, ich werde nicht Hungers sterben; diese Hände können mein Leben erhalten. Gott segne Dich, noch immer Geliebter! Wenn ich in Jahren mein Ende sich nahen fühle, so werde ich mich nach Deinem Vaterlande schleppen und noch einmal, ehe ich sterbe, einen Blick auf Dein Angesicht werfen.« Godolphin sank auf einen Stuhl und bedeckte sich das Gesicht mit beiden Händen. Konstanze nahm den Brief auf. Ja – lies nur! sagte er mit hohler Stimme. Als sie geendet hatte, benetzte Konstanze, der hier ein dem ihren so ähnlicher Geist entgegentrat, den Brief mit ihren Thränen. Dies beruhigte – rührte – tröstete Godolphin mehr, als die gesuchtesten Trostsprüche. – Armes Mädchen – sagte Konstanze durch Thränen, – dies darf nicht seyn; sie darf nicht allein auf der weiten Welt, ihrem verzweifelnden Herzen überlassen bleiben. Wir wollen beide nach Rom gehen und sie aufsuchen. Ich will sie bereden, daß sie annimmt, was sie von dir zurück weist. Lucilla war nach Livorno gegangen und hatte dort ein Schiff bestiegen, das nach den nördlichen Küsten Europas bestimmt war. Wollte sie vielleicht das Land ihres Vaters sehen? Mit dieser Hoffnung suchten sie, aus Mangel einer andern, sich zu trösten. Sechstes Kapitel. In welchem zwei dauernd vereinigte Personen entdecken, daß kein Band eine Einigkeit der Gemüther hervorbringen kann. Wochen gingen vorüber und Godolphin hatte sich scheinbar in das Verschwinden und das zweifelhafte Geschick Lucillas gefunden. Es lag nicht in seinem ruhigen, brütenden Wesen, viel Bewegung zu verrathen, aber doch zeigte sich oft, selbst in Konstanzens Gegenwart, eine Wolke auf seiner Stirn und die Anfälle von Zerstreuung, denen er immer wieder ausgesetzt gewesen war, wurden häufiger als je. Konstanze war seit Jahren an die unablässigsten, zuvorkommendsten Aufmerksamkeiten gewöhnt, die sie, jetzt viel allein mit Godolphin, etwas zu vermissen anfing, denn Godolphin konnte ein leidenschaftlicher, romantischer, aber kein sehr achtsamer Liebhaber seyn. Er vernachlässigte die petits soins . Die meisten Ehemänner machen es freilich nicht besser und es ist auch im Allgemeinen für Ehemänner nicht eben nöthig. Aber Konstanze war kein gewöhnliches Weib: sie liebte heiß, aber wie ein stolzes Weib lieben muß. Godolphin gegenüber wurde ihr stolzes Wesen ängstlich und besorgt; sie sprang immer zuerst auf und ihm entgegen, wenn er von seinem einsamen Spaziergängen zurückkehrte; er lächelte ihr mit seiner gewohnten Freundlichkeit zu, aber nicht so dankbar, wie er nach Konstanzens Meinung hätte thun sollen. Er war aber durch die leidenschaftliche Liebe Lucillas zu verwöhnt worden, als daß ihn irgend ein Beweis von Konstanzens Zärtlichkeit sehr hätte überraschen können. Zu stolz, zu sprechen, eine Klage fallen zu lassen, fühlte sich Konstanze doch ununterbrochen verletzt und zwang sich nach und nach – obgleich ihren Gatten noch immer gleich sehr liebend – diese Liebe mehr zu verbergen. O über dies unselige Heimlichthun der Frauen, das sie immer in Widerspruch mit sich selber bringt! Auch Godolphin fand seiner Seits Ursache zum Mißvergnügen. In Konstanzens Karakter lag etwas Glänzendes, rein Geistiges, daß man, wenn man sich in beständiger Berührung mit ihr befand, sich zu Zeiten nach einer menschlichen Schwäche, nach irgend einer Verirrung sehnte, an die man sich halten konnte. Blendend wie Schnee, schmerzte einem das Auge, wenn es zu lang auf sie blickte. Sie hatte in den Jahren ihrer unfreundlichen Ehe ihren Geist aufs Höchste gebildet; wenig Frauen waren so voll von Wissenschaft, ja sogar Gelehrsamkeit; ihre Unterredung ergoß sich immer in einem gleich schimmernden, blüthenreichen, reizenden Strom. Es gab Zeiten, wo Godolphin sich erinnerte, wie hart es ist, einen Band von Gibbon durchzulesen, der Seitenweis so köstlich ist. Ihre Liebe zu ihm war ihm zu geistig, und schien ihm nicht genug menschliche Wärme und Innigkeit zu haben. – Ich habe Dir Deinen Hut gebracht, Percy – sagte Konstanze – Du vergißt, daß jetzt der Thau schnell fällt und daß Dein Kopf unbedeckt ist. – Ich danke – sagte Percy freundlich, obgleich Konstanze dachte, der Ausdruck könne wohl etwas wärmer seyn. – Wie schön ist diese Stunde! Sieh dort hin – der Sonnenstrahl weilt noch auf jenen Hügeln – der einsame Thurm dort in der weiten Ebene – die Tannen, die wir seufzen hören! Das ist ein Anblick, bei dem wir unsere ganze Natur in Liebe schmelzen könnten; die Natur bestimmte uns nie zu dem ernsten, dürren Geschick, dem wir nach leben. Blick um Dich Konstanze, auf jedes Blatt ihres glorreichen Buches; wie glühend ist auf jedes der Spruch geschrieben: Liebe und sey glücklich! Du antwortest nicht? Du bist immer kalt gegen diese Gedanken. – Sie athmen mir zu viel vom Geiste des Epikur – sagte Konstanze lächelnd. Ich ziehe dort jenen alten finstern Thurm, der von ruhmvollen Kämpfen und großen Thaten spricht, der ganzen zarteren Landschaft vor, auf welche die jetzige Entartung des Südens eingedrückt scheint. – Du und Deine Engländer – sagte Godolphin etwas bitter – ihr schwätzt von der Entartung meiner armen Italiener auf eine so unsinnige Art, daß es, ich gestehe es, mich fast zur Verzweiflung bringt. (Konstanze erröthete und biß sich in die Lippen.) Entartung? Warum? Sie genießen, sie nehmen das Leben nach seiner wahren Moral; sie fühlen ihre Sterblichkeit, sind leichtsinnig, zufrieden und sterben. Das ist Entartung? Es mag seyn. Aber für was sollen sie es austauschen? Für die hartherzigen, kalten, wilden Verbrechen des alten Roms, oder für die schmachvolle Heuchelei, die heimliche Schlechtigkeit, den Mord und Trug, welcher das republikanische Venedig bezeichnet? Die Tage des Ruhmes, welche Du beklagst, sind Tage der finstersten Schuld und man schaudert, wenn man liest, was die, welche über das milde und träge Italien moralisiren, zurückwünschen. – Du bist streng – sagte Konstanze mit einem schmerzlichen Tone. – Vergib mir, Theuerste, aber Du bist oft auch streng gegen meine Gefühle. Konstanze schwieg; der Zauber des Sonnenuntergangs war dahin und sie gingen nach Haus zurück, einer gegen den andern etwas erkältet. An einem andern Tage, als der Regen sie am Ausgehen hinderte, sagte Godolphin nach langem Schweigen zu Konstanze, die ihren politischen Freunden Briefe schrieb, in welchen sie kein Wort von Italien und ihrer Liebe erwähnte, sondern sich nur über das geschäftsthätige England ausließ: Willst Du mir nicht etwas vorlesen, liebe Konstanze? Mein Geist ist heut so niedergedrückt. Das Wetter spannt mich ab. Konstanze legte ihre Briefe weg und nahm eines von den vielen Büchern auf, welche auf dem Tische umherlagen. Es war ein Band von einem unserer beliebtesten Dichter. – Ich hasse Poesie – sagte Godolphin mit matter Nachlässigkeit. Hier ist Machiavel's Geschichte des Prinzen von Lucca – sagte Konstanze schnell. – Ja, lies das und erkenne, wie gehässig der Ehrgeiz ist. Und Konstanze las, aber sie gerieth in Feuer, wo Godolphin verächtlich den Mund aufwarf. Trotzdem ward er aus seiner Apathie aufgerissen und er ergoß sich mit der Beredsamkeit, über welche er, einmal aufgeregt, gebieten konnte, in die Lehren seiner eigenthümlichen Philosophie. Konstanze lauschte ihm mit Entzücken; sie theilte nicht die Gesinnung, aber sie staunte über das Genie, mit welchem sie vorgetragen ward. – Ach – sagte sie enthusiastisch – warum sollen diese glänzenden Worte für immer verloren seyn? Warum sie nicht dem fortlebenden Papier übergeben, oder sie auf der Rednerbühne wiederholen, die Dich berühmt und sie unsterblich machen würden. – O ja – sagte Godolphin lachend – das Unterhaus wird eine rechte Sympathie für Philosophie haben! Im Ganzen hatte aber Konstanze doch Recht. Allein der Fluch eines vergnügungssüchtigen Lebens ist keine Abneigung gegen nützliche Thätigkeit. Man spricht von dem Genius, der von Armuth erdrückt und begraben wird. Der Rang und Reichthum hat auch seine stummen Miltone und seine nicht zum Ruhme gekommenen Hampden. Ach, wie viel wahre und tiefe Weisheit finden wir unter den leichtfertigen Weltleuten, wie viele, die in mittleren Ständen sich Ruhm erworben haben würden, starben unbemerkt in der abstumpfenden, erschlaffenden Lust des höhern Ranges. Die beiden Extreme begegnen sich in der Zerstörung geistiger Gaben. Godolphin liefert ein Beispiel von diesem bösen Einfluß, den die Aristokratie selbst auf ihre Lieblinge ausübt. Aber die Welt geht einem Zustande entgegen, wo die beiden feindlich sich gegenüber stehenden Klassen verschwinden müssen. In Amerika kennt man sie schon nicht mehr; aber in Amerika fehlt noch, was Philosophie, Kunde und Wissenschaft zuletzt lehren und verbreiten müssen – die feinere Bildung, welche die Gleichheit gefälliger macht, und die hohe moralische Stimmung, als ein Gegengewicht gegen den Krämergeist, welcher einem Handelsvolke eigen ist. Siebentes Kapitel. Rückkehr nach London. – Fanny Millinger. – Ihr Haus und Souper. Es war in der Mitte des Frühlings und bei Anbruch der Nacht, als unsere Reisenden in London einfuhren. Man fühlt sich ganz sonderbar bewegt, wenn man nach einer längern Abwesenheit wieder in das Getümmel und Gelärm dieser ungeheuren Stadt tritt. Ihr Glanz, Leben und Treiben, die Beweise ihres ehrfürchtigen Strebens, haben etwas unbegreiflich Gewaltiges und Aufregendes, wenn man die majestätische Stille des Kontinents dagegen hält. Konstanze wendete sich unruhig zum Schlage des hinrollenden Wagens heraus. – Oh, wenn ich ein Mann wäre! – sagte sie begeistert. – Und warum? – fragte Godolphin lächelnd. – Warum? Blicke auf den gewaltigen Schauplatz des allgemeinen Ehrgeizes und frage noch warum! Welche stolze Laufbahn steht jedem Bürger in dieser freien Stadt offen! Dort! Sieh dort – das Parlament in seinem beredten Ruhme. – Und dicht dabei – bemerkte Godolphin spöttisch – eine Grabstätte. – Ja – antwortete Konstanze schnell – aber das Grab großer Männer. – Die Opfer ihrer Größe. Nach einer Pause begann Konstanze wieder: Und fühlst Du Dich nicht aufgeregt durch dieses Treiben und Drängen, diesen Glanz und diese Pracht Deiner Vaterstadt? – Ja, ich befinde mich auf dem Markte, wo alle Genüsse zu erkaufen sind. – Pfui! Godolphin zog seinen Mantel fester an, und schob das Fenster hinauf, sich über den abscheulichen Ostwind beklagend. Der Wagen hielt vor dem geschmackvollen Säuleneingange des Erpinghamschen Hauses. Godolphin fühlte sich etwas gedemüthigt bei dem Gedanken, daß er einem andern, einer Frau, diese glänzende Wohnung zu danken habe, aber Konstanze errieth dies Gefühl nicht, eilte die breite Treppe hinan, zeigte auf die Thür, welche zu ihrem Boudoir führte, und sagte: – In diesem Zimmer sind Minister ernannt und gestürzt worden. Godolphin lachte, denn da er den Enthusiasmus nicht theilte, so fühlte er nur die Eitelkeit dieser Ruhmrede. Dies war aber Konstanzens schwache Seite und ihr dunkles Auge sprühte Feuer. Nichts langweilt einen Mann mehr, als die unbehagliche Ruhe, die auf eine Tagereise folgt. Godolphin nahm gähnend seinen Hut, nickte Konstanze zu und wendete sich nach der Thür. – Was ist das, Percy, du willst doch jetzt nicht ausgehen? – Allerdings, Liebe. – Wo denn hin, um des Himmels Willen? – Nach White's Kaffeehaus, mich nach der Oper und der Stärke des Ballets erkundigen. – Ich hatte eben nach Licht geschellt, um Dir das Haus zu zeigen – sagte Konstanze unmuthig und beinah vorwurfsvoll. – Ich danke, Konstanze; dumpfe Zimmer und Ostwinde auf einmal, das ist zu viel. Das Haus sehen? Was kann in Englischen Häusern das Sehen lohnen, wenn man von den Mamor-Pallästen Italiens kommt? Hast Du sonst etwas zu bestellen? – Nichts – sagte Konstanze, mit Thränen in den Augen; Godolphin bemerkte sie nicht; ihm mießfiel nur die kalte Betonung ihrer Antwort und er murmelte, als er die Thür schloß, vor sich hin: kann es wohl eine unzartere Prahlsucht geben? – Und so – sagte Konstanze bitter – kehre ich denn nach England zurück, ohne Freund, ungeliebt, einsam im Herzen und in meinem Streben, wie ich es früher war. Erwache denn, meine Seele! Du bist meine einzige Kraft, meine einzige Stütze. Wie schwach, wie schwach war ich, daß ich diesen Mann liebte, obgleich – Still, still, zur Reue bin ich noch nicht tief genug gesunken. Sie trocknete sich einige Thränen ab, riß sich mit einer gewaltsamen Anstrengung von ihren Gefühlen los, stützte den Kopf auf ihre Hand, und überließ sich, in das Feuer blickend, ernsteren Betrachtungen, welche die Rückkehr in den Kreis ihres frühern Ehrgeizes hervorgerufen hatte. Währenddes begab sich Godolphin nach dem damaligen Haupt-Klub in St. James, dem Sammelplatz aller müßigen Stutzer und zierlichen Politiker. Es gibt zwei Klassen populairer Menschen in London: die eine ist munter, lustig, gut gelaunt, die andere ruhig, anständig, sarkastisch. Zu der einen gehören die Leute, die man verdammt gute Burschen, zu der andern die, welche man verdammt honorige Burschen nennt. In die letztere gehörte Godolphin. Da er nie ein Buch geschrieben, noch sich als ein Genie geltend gemacht hatte, so rechnete man ihm seine geistige Tüchtigkeit nicht als ein Hindernis an. Denn in den Augen jener jungen Herren, welche für ihre Zeitgenossen die Schöpfer des Ruhmes sind, gibt es keinen Ersatz für die Sünde, sich in etwas auszuzeichnen. Der Mensch ist verdammt langweilig mit seinen Büchern und seiner Poesie – sagte ein Erz-Dandy von Byron, als eben Childe Harold allen Frauen den Kopf verdrehte. Es war Gesellschaft bei White, als Godolphin eintrat und alles begrüßte ihn sehr freundschaftlich. – Willkommen, alter Junge – rief der eine. – Der Teufel soll mich holen, ich freue mich, – Sie wiederzusehen – sagte ein anderer. – So haben Sie Lady Erpingham allein in Beschlag genommen, Sie glücklicher Spitzbube – rief ein dritter. – Oh Godolphin – flüsterte ein vierter – wir essen heut Abend bei der kleinen Millinger. Sie erinnern sich doch der Millinger? Sie müssen mitkommen: Sie sind ein alter Liebling, werden gerne gesehen seyn. Übrigens, alles in Ehren, und Lady Erpingham braucht nicht eifersüchtig zu seyn. (Konstanze eifersüchtig auf Fanny Millinger!) Alles in Ehren! kommen Sie, ich fahre Sie hin, mein Kabriolet hält draußen. Alles besser, als seine Verletzung über den Ehrgeiz, dachte Godolphin und ließ sich hinreißen, die Einladung anzunehmen. Godolphins Freund war ein lebhafter, junger Pair, von jenem gutmüthigen, bequemen, nichts übelnehmenden Karakter, welchen indolente Menschen oft einem geistvollern vorziehen, weil der Umgang mit ihm keine Mühe macht. Lord Jocelyn plauderte, als sie durch die hellen Straßen fuhren, über tausend Gegenstände, auf die Godolphin hinhörte, so weit es ihm beliebte, denn Jocelyn war in dem Alter und der Stimmung, wo man sich leicht eines Zuhörers entschlägt. Sie kamen in einer kleinen Villa bei Brompton an; es befand sich ein Garten daran und in einer Ecke eine kleine Laube, was alles sehr niedlich gehalten war. Das Haus war eben erst von oben bis unten weiß angestrichen, und es hatte einen Altan, und die Fenster waren von Spiegelglas mit Mahagoni-Rahmen und durch ein offenes Fenster konnte man inwendig die Stühle sehen, die vergoldet und mit rother Seide überzogen waren – kurz es war eine Wohnung, wie sie sich alle Damen von Fanny Millingers Stand und Karakter einrichten. Als die beiden Gäste durch eine Gothische Halle, die nicht über dreißig Fuß im Geviert hatte und durch ein Gewächshaus mit einem Flußgotte in der Mitte gekommen waren, befanden sie sich in Gegenwart der Schauspielerin. Godolphin war nicht wenig gespannt gewesen, das offne, schöne, heitere Gesicht wieder zu sehen, welches ihm als Knaben entgegen gelacht hatte, und sein Geist flog zu dem Sommerabend zurück, wo der junge Abentheurer mit einem Pulse, der gar sehr von seiner jetzigen schleichenden Mattigkeit abstach, und mit einem Herzen, das im Stolze der ungewohnten Unabhängigkeit glühte, zuerst in die Welt trat. Er zog sich unwillkürlich zurück, als er jetzt auf die Schauspielerin blickte: sie war, wozu sie schon in ihrer Jugend Anlage zeigte, voll und stark geworden. Sie war auffallend, und wenn auch nicht unzierlich, doch theatralisch gekleidet, ihre schönen Hände und Arme waren mit Edelsteinen bedeckt und das ganze Wesen, welches die Bühne verräth, sprach sich in ihrem Äußern noch stärker aus, als bei ihrem ersten Zusammentreffen mit Godolphin; doch herrschte noch immer die alte Heiterkeit und Ungezwungenheit in ihrem Benehmen und in ihrer Stimme, als sie Jocelyn grüßte und darauf ihn nach seinem Freunde fragte. Godolphin ließ seinen Mantel fallen und in demselben Augenblicke stürzte sich mit einem leichten Schrei, der nach Theatereffekt klang, und doch natürlich war, die Schauspielerin in seine Arme. – Oh – sagte sie plötzlich mit einer affektirt ehrbaren Verbeugung – da hätte ich bald vergessen, daß Sie jetzt verheirathet sind. Es ist vorbei mit Spiel und Tanz. Wie lange Jahre haben wir uns nicht gesehen; aber ich habe Sie nie ganz vergessen, obgleich das Theater alles Gedächtnis für die neuen Rollen in Anspruch nimmt. Wissen Sie, daß Ihr Haar, das so schön war, dünn geworden, und nicht mehr so lockig ist. Es ist unartig, daß ich so etwas sage, aber ich sage immer die Wahrheit und mein Herz ist so voll Freude über dies Wiedersehen, daß der Mund überfließt. – Nun – sagte Lord Jocelyn, der währenddes mit einem kleinen Schooßhunde gespielt hatte – werden Sie sich nicht auch bald meiner erinnern? – Ihrer? Ach was! An Sie denkt niemand, außer wenn Sie sprechen und dann mahnen Sie nur, nach der Uhr zu sehen. – Gut gesprochen, Fanny, sehr gut! Wann erwarten Sie Windsor? Er muß bald hier seyn. Sagen Sie mir, können Sie ihn wirklich leiden? Leiden? Ja, sehr gut, und das ist das rechte Wort für Sie, und für Sie Alle. Wenn Liebe über den Strom des Lebens führe, würde mein kleines Schiff in einem Augenblick umstürzen. Aber in der That, ich habe bei den vielen ernsteren Geschäften, über Anziehen und Spielen, nicht Muße genug zu lieben. Und Godolphin, was habe ich mich gebessert! Fragen Sie Lord Jocelyn, ob ich nicht wie ein Engel singe, obgleich meine Stimme kaum stark genug ist, über einen Spieltisch zu reichen; aber auf der Bühne lernt man das Alles ersetzen, und neben der wirklichen Existenz bildet sich eine dichterische, in der wir wie im Zauber leben. Godolphin war erstaunt darüber, wie sehr sich Fanny gleich geblieben war. Das frivole Leben hatte sie nicht erniedrigt, hauptsächlich weil sie kein anderes kannte. Man konnte nicht sagen, daß sie gefallen sey, denn nur das Bewußtseyn der Entwürdigung entwürdigt uns. Jetzt erschien auch Tom Windsor, ein Irländer, der 45 Jahre alt und seinen Landsleuten in nichts, außer im Witz, ähnlich war. Groß, mager, runzlig, aber doch voll Weltkenntnis und Scherze über alles was ihm vorkam; reich und heiter, war er überall beliebt und entpreßte dem armseligen Leben so viel nur möglich war, ohne sich gerade zum entschiedenen Schurken zu machen. Gleich nach ihm hüpfte der hübsche Franzose, d'Aubrey, herein, und auf ihn folgte der junge Spieler St. John. Zuletzt kamen noch zwei Schauspielerinnen und mit ihnen war die Gesellschaft geschlossen. Das Abendessen war prunkvoll, wie das Haus; die besten Weine, die besten Speisen, wurden aufgetischt – die Schauspielerin war reich geworden. Witz, Scherz, Anekdoten sprühten mit dem Champagner umher, und Godolphin bildete sich ein, er sey wieder jung und der ehemalige Verehrer dieses ausgelassenen Lebens geworden. Achtes Kapitel. Godolphin beschützt die Künstler. – Umrisse zweier neuer Karaktere. – Unterredung zwischen Konstanze und Godolphin. – Blicke in die politische Zukunft. – Ja – sagte Godolphin, als er allein an seinem Frühstück saß – denn die Stunden der nimmer ruhenden Konstanze gleichen nicht denen des indolenten, üppigen Godolphin und sie war bereits ausgefahren, schon in Berathung mit einer ränkesüchtigen Gesandtin – ja, ich habe zwei Epochen meines Lebens hinter mir, die romantische und die der Beschauung; mein erstes Lieblingsstudium war Poesie, das nächste Philosophie. Jetzt, da ich reich, ein gemachter Mann und doch noch jung in mein Vaterland zurückkehre, steigt ein neues Leben vor mir auf, nicht das jenes gemeinen, unruhigen Ehrgeizes, der das Leben zur Arbeit macht, und den Konstanze empfiehlt, sondern eine wärmere, frischere Existenz, als die, aus der ich seit kurzem erwacht bin. Wohlleben und Vergnügen sollen mir jetzt werden, was mir Einsamkeit und Nachdenken waren. Ich bin lange genug der Einsiedler gewesen, ich will jetzt gesellig werden lernen. Mit diesem Entschlusse warf sich Godolphin begierig in die Genüsse der Welt; man hofirte ihm, und dafür hofirte er wieder der Gesellschaft. Erpinghams Haus war seit Jahren ein Feen-Pallast gewesen; wer erinnert sich nicht des noch größeren Zaubers, welchen dessen neuer Gebieter über seine Gesellschaften verbreitete? Godolphin hatte immer viel richtigen Sinn für die schönen Künste gehabt. Er verfiel jetzt in die höheren Geistern eigene Sucht, sich Sammlungen anzulegen. Aus seinem geliebten Italien ließ er die schönsten Statuen kommen, die Wände strahlten von den Meisterwerken des Pinsels, die Kabinette waren mit Gemmen gefüllt, die reichen, aber etwas bunten Meubel mußte anderen von reinerem Geschmack Platz machen. Dieselbe Schwierigkeit, welche Godolphin in seinen früheren Gewohnheiten und Empfindungen bezeichnet hatte, bezeichneten ihn auch in seinem neuen Hause; überall herrschte derselbe Durst nach dem Idealen, dieselbe Verehrung des Schönen, dasselbe Streben nach dem Vollkommenen. Konstanze, in der keine Spur von diesem kleinlichen Ehrgeize war, freute sich dennoch, daß Godolphin sich wenigstens mit etwas beschäftigte, und obgleich sie innerlich bedauerte, daß er ihr großes Vermögen zur Befriedigung künstlerischer Launen verschwendete, so erkannte sie doch, daß die leiseste Anspielung darauf, ihn daran erinnern müßte, daß er die Mittel zu seinen kostspieligen Ausgaben ihr zu danken habe. Sie hoffte überdies, daß sein Geist, einmal geweckt, bald dieser Spielereien überdrüssig und sich endlich nach höheren Zwecken sehnen werde. In dieser Erwartung stürzte sie sich eifriger als je, in politische Pläne und Intrigen. Unter den vielen Gästen des Erpinghamschen Hauses befanden sich zwei, welche vorzüglich ausgezeichnet waren, beide von ganz verschiedenem Karakter, aber doch beide der Ausdruck der Gesellschaft, welche sie gebildet hatte. Der eine war ein Pair von großem Reichthum, und bekannt durch seine Talente, und bekannter noch durch sein excentrisches Wesen. Lord Saltream war der einzige Sohn eines Vaters, der die Musik lieber, als seinen Sohn, ja eine unüberwindliche Abneigung gegen ihn gehabt hatte, die erst mit dem Tode des erstern aufhörte. Mit der Mutter war der arme Lord nicht glücklicher gewesen; es war ein rohes, gemeines Weib, mit Gesicht und Seele einer Küchenmagd. Der vernachlässigte Knabe hatte schon frühzeitig große Talente, aber auch, vermuthlich durch jene häuslichen Verhältnisse erbittert, einen reizbaren, kranken Sinn verrathen. Er zeichnete sich im Staatsleben aus, obgleich es ihm an Geistesgegenwart fehlte und hatte, wenn auch nicht mit Ruhm, doch zur Zufriedenheit eines jener Staatsämter des freiesten aller freien Länder bekleidet, welche im Allgemeinen jedem Grafensohne zu Gebote stehen, der gehörig lesen und schreiben kann, und keinen zu heftigen Radikalismus an den Tag legt. Als Lord Saltream jedoch sein großes Erbtheil in die Hände bekam, legte er sein Amt nieder, und vertrieb sich die Zeit damit, Häuser zu bauen und glänzende Festlichkeiten zu geben, bei welchen der Wirth allein sich langweilen durfte. Es war ein außerordentlich belesener und (im Vergleich zu den Kenntnissen der Weltleute) ein gelehrter Mann. Er litt an auffallender Zerstreuung, konnte jedoch höchst liebenswürdig seyn, wenn es ihm gut dünkte. Aber seine Excentrizität selbst machte ihn besonders unterhaltend, denn er hatte sich angewöhnt, seine Gedanken, wie im Schlafe der Wahrheit, laut auszusprechen, und setzte dadurch nicht selten einen ihm eben vorgestellten Höfling in Verlegenheit, wenn er ihm ganz unumwunden seinen Widerwillen gegen ihn offenbarte. Ob diese Gewohnheit unwillkürlich, oder durch eine sarkastische Laune verlanlaßt worden, ist schwer zu entscheiden, im Allgemeinen wurde jedoch angenommen, daß Seine Herrlichkeit keine Ahnung von dieser Geschmacklosigkeit seiner Gedanken habe. Nächst ihm kam der jüngere Sohn einer alten und reichen Familie, die im Genuß alter Titel, neue verschmähte, am häufigsten nach Erpinghamhaus. Stainforth Radclyffe war noch weit unter dreißig Jahren und doch schon ein ausgezeichneter Mann. Unter einem sanften, ruhigen, kalten Äußern verbarg er den entschlossensten, rastlosesten Ehrgeiz, der seinen ganzen Geist beherrschte. Er war ein tiefer Denker, ein tiefer Staatsökonom, ein gründlicher Finanzmann und ein scharfsichtiger Beurtheiler in Sachen der Moral und Gesetzgebung, da er mit seinen Bücherstudien eine instinktartige Menschenkenntnis verband und, wenn er zuweilen seine Einsamkeit verließ, hauptsächlich die aufsuchte, welche sich in den von ihm getriebenen Wissenschaften hervor gethan hatten, um durch ihre Ansichten die seinigen zu berichtigen. In ihm war nichts Flüchtiges, Unentschlossenes, sein ganzes Wesen war strenge Berechnung. Er that nichts, außer mit Rücksicht auf den Endzweck und wenn er nach der Meinung oberflächlicher Menschen am meisten von der Straße abzuirren schien, welche ihre Klugheit angegeben haben würde, so suchte er nur den sichersten und kürzesten Weg. Doch bestand sein Ehrgeiz nicht in dem gemeinen Ehrgeize, sich einen Rang in der Welt zu verschaffen; er kümmerte sich wenig um die erbärmliche Stelle oder Macht, welche die belohnt, die man aufstrebende junge Männer nennt. Sein scharfer Blick drang in Begebenheiten, welche allen noch in tiefe Schatten gehüllt lagen; an dieses ferne, aber gewaltige Ziel knüpfte er seine Wünsche. Er achtete nicht die kleinere, augenblickliche Belohnung, und obgleich er immer – er fühlte, daß dies nothwendig sey – obenan war, so machten ihm doch die Ehrbezeigungen, wegen derer man ihn beneidete, keine Freude. Immer beschäftigt und gedankenvoll ging er, wie gesagt, wenig in die lebensfrohe Welt und war auch, einmal da, nicht im Stande, darin zu glänzen; denn Kleinigkeiten nehmen eben so den ganzen Menschen in Anspruch, wie Wichtigkeiten. Es fehlte ihm nicht an Witz, aber er richtete alle seine Geisteskräfte so sehr auf größere Gegenstände, daß er oft bei kleineren stumpf schien, und doch hatte, wenn er aufgeregt, oder zu Hause war, seine Unterhaltung, wie die eines jeden geistreichen Mannes, seinen eigenthümlichen Reiz. In diesem jungen, ernsten, denkenden Manne lag etwas, was Konstanze auf den ersten Blick bezauberte, sie glaubte in ihm eine Ähnlichkeit mit sich selbst zu finden und Radclyffe's kühner Geist schwang sich noch kühner auf im Verkehr mit dem ihrigen. Ihre Politik war dieselbe; ihr Hauptziel nicht ganz unmöglich und ihr gemeinschaftlicher Ehrgeiz öffnete ihnen einen unerschöpflichen Schatz von Plänen und Versuchen. Radclyffe war Konstanzen's, Saltream Godolphin's Gast, aber Godolphin fühlte sich bald zu dem jungen Politiker hingezogen und Konstanze blieb nicht ohne Interesse für den originellen Pair. – Sie sehen – sagte Konstanze eines Tages, als Radclyffe ihr einen Morgenbesuch machte – Sie sehen, daß trotz der anmaßenden und drückenden Politik unserer Zeit, trotz dem, daß ein Sidmouth und ein Castlereagh an der Regierung sind, sich doch das Streben nach freiern Institutionen immer mehr entwickelt, und daß es, je fester der Frieden steht, desto schneller zur Reife kommen wird. Aus den größern Städten, die bis jetzt noch keine Represäntanten haben und deshalb unzufrieden sind, wird die dramatische Meinung entspringen, welche alle jene ehrwürdigen, aber abgenutzten Mißbräuche umstürzen wird, die sich wie Schranken dem Volksstrome entgegenstemmen. – Wer weiß – sagte Radclyffe lächelnd – ob nicht auch einmal der Kapitalismus seine Hirngespinste erfüllt sehen mag? Ich muß jedoch ernstlich gestehen, daß ich keine Hoffnung für die Whigs sehe; indolent und aristokratisch, würden sie ihre Anhänger durch ihren Mangel an Energie, und das Volk durch ihren Mangel an Wahrheit vor den Kopf stoßen. – Was das betrifft – sagte Konstanze mit größerer Nachlässigkeit, als ihre Whig-Freunde hätten billigen mögen – so ist es gleichgültig, wer die Werkzeuge sind, wenn nur das Prinzip einmal ins Leben tritt. Die erste Wirkung liberaler Meinungen – fuhr sie scharfsichtig fort – ist, daß sie sich der illiberalen Partei aufdringen. Die Feinde der Neuerung bewirken, durch das Gewicht der öffentlichen Meinung hingerissen, die erste Neuerung, und damit zerbricht die Stärke ihrer Partei! Es schleichen sich Spaltungen und Eifersüchteleien ein, und die Liberaleren unter den Illiberalen werfen sich nothgedrungen den Illiberalern unter den Liberalen in die Arme, um bei ihnen die Stütze zu finden, die sie in ihrer eigenen Partei verloren haben. Diese buntscheckige Vereinigung kann nicht lange dauern – das Land reißt und es tritt eine neue Partei auf, denn die alten Tories sind still gestanden, während die Welt vorgeschritten ist. Wir erhalten dann ein Kabinet von noch liberaleren Männern, das jedoch noch mit Mitgliedern der Partei, auf deren Stelle sie treten, ausgefüllt ist, und so wird es weiter gehen, und Ministerium auf Ministerium folgen, und jedes neue wird Verbündete von der populären Seite aufnehmen und einige Veteranen von der weniger populären aufnehmen, bis der Kreislauf von den Tories zu den Gemäßigten, dann zu den Whigs übergehen und vielleicht mit dem Berge hören wird. – Wer weiß – sagte Radclyffe – ob wir nicht, wenn Ihre Prophezeihung wahr ist, am Ende noch den feurigen Brougham in einem Staatsamte, den wackern Althorp auf der Schatzkammerbank, und den strengen Sir Henry Parnell als Verwalter unserer Börsen sehen? – Das ginge in der That über alle scheinbare Möglichkeit – sagte Konstanze lachend – aber selbst daran würde, wenn meine Annahme richtig wäre, daß ein Theil der Neueren sich mit den Alten verschmelzen müsse, es nicht so interessant seyn, Herrn Brougham in Amt und Würde zu sehen, als zu wissen, was seine Anlagen seyn würden. Nehmen Sie einmal Palmerton oder Charles Grant an – antwortete Radclyffe, ebenfalls lachend. Nein – sagte Konstanze – ist der Liberalismus einmal so weit gekommen, so würde er dabei nicht stehen bleiben. Er müßte dann weiter gehen und vielleicht sogar den Coadjutor des kühnen Sir Francis, den jungen Hobhouse selbst ins Ministerium bringen. Dieser Gedanke schien unseren Politikern so unterhaltend, daß sie sich nicht von ihm losmachen konnten und ihn von allen Seiten betrachteten, bis plötzlich Lord Saltream angemeldet wurde. – Ich freue mich, Sie zu sehen, Lady Erpingham – sagte er – in der That, ich freue mich herzlich, aber – setzte er laut vor sich hinmurmelnd hinzu, als er Radclyffe ansichtig wurde – ist der auch hier? Hm! Einfältig! Ich kann die anspruchsvollen jungen Leute nicht leiden. Soll ich wieder fortgehen? Nein, ich will bleiben. Er setzte sich. Radclyffe und Konstanze sahen sich lächelnd an und ersterer trat an ein Fenster. – Sie wissen nicht – sagte Lord Saltream – welche Last mir der Bau eines großen Hauses abgenommen hat. Ich war so mit Geld überladen, daß ich nicht wußte, was ich mit mir selbst anfangen sollte. Es war unumgänglich nothwendig, es auszugeben. Wohlthätigkeit ist ein prahlerisches Laster, Spiele hasse ich, und ich habe keine Frau, die für mich spielt, so daß mein Reichthum mich wahrhaft in Verlegenheit setzte. Endlich fiel mir zum Glück das Bauen ein, und ich versichere Sie, daß ich seitdem meinen Überfluß recht geschwind losgeworden bin, ja ich habe sogar die angenehme Aussicht, daß ich bald nicht reicher mehr seyn werde, als meine Nachbarn. Oh, bauen ist ein herrliches Mittel gegen die Last des Reichthums! Ich muß es Godolphin anempfehlen. Es ist überdies ein National-Gedanke; das ganze Volk, das, nicht wie die einfältigen Zeitungen sagen, von Schulden, sondern von dem Gewicht eines stockenden Kapitals erdrückt wird, hat sich dem Bauen ergeben. Sehen Sie sich nur in London um! Welche Straßen wachsen da aus der Erde! Griechische Tempel im Regentspark und Gothische Kirchen in der Paradiesstraße. Und welches schöne Grabmal für dahingegangene Guineen hat man nicht in St. James unter dem Spottnamen eines Pallastes errichtet! O glauben Sie mir, Lady Erpingham, die Engländer sind ein sehr verständiges Volk, und es wäre Jammerschade, wenn sie von den Sorgen eines zu großen Vermögens geplagt würden. – Eine gute Manier, die Nationalnoth zu rechtfertigen. Sie sollten Ihre Ansichten drucken lassen. »Der Zustand der Armen, von Lord Saltream in zwei Quartbänden, ein Versuch zu beweisen, daß Armuth nur die Unannehmlichkeit eines Überflusses an Reichthum ist.« Es würde ungeheuer abgehen. – Sehr verbunden für den Gedanken. Ich werde mich drangeben und das Buch Southey widmen, der großen Respekt für Genies hat, die nicht Schriftsteller von Profession sind, und eine Schmeichelei auf ihn mit einer dreimonatlichen Unsterblichkeit in dem Quarterley Review belohnt. Aber die Bücher sind so einfältig. Machen Sie ihnen nicht die schrecklichste Langweile? Hier hielt Lord Saltream einige Augenblicke ein, blickte starr vor sich hin und murmelte dann: Soll ich ihr die Geschichte erzählen? Ja, ich will sie ihr erzählen; aber nein, ich will nicht – das wird zuletzt lästig, und ich wollte, sie gingen fort. – Und damit drehte der Earl seinen Stuhl nach dem Kamin und versank in ein hartnäckiges Schweigen. So verging einige Zeit. Radclyffe war längst fort, Lady Erpingham's Kutsche hielt vor dem Thor und wartete auf Konstanze, die sich vorgenommen hatte, einen Besuch abzustatten. – Es thut mir leid, Lord Saltream, daß ich Sie verlassen muß; ich muß mich fast schämen, aber – – Ohne Umstände, meine liebe Lady Erpingham. Ich bedaure es wirklich, Sie so schnell gehen zu sehen, aber andermal hoffe ich, werden Sie mich auf längere Zeit besuchen. – Lord Saltream zog die Glocke. – Lady Erpinghams Equipage – ich empfehle mich Ihnen. Und der Earl führte Konstanze sehr höflich zu ihrem eigenen Zimmer heraus. – Was für ein sonderbarer Mensch – sagte Lady Erpingham zu sich selbst; – aber wo ist Godolphin? Ach ich sehe ihn jetzt kaum noch. – Sie eilte in den Wagen und fuhr zur Herzogin von W.. Als sie durch den Park kam, sah sie Godolphin unter einer Gruppe verschwenderischer Modeherren, unter allen bemerkbar durch die Schönheit seines Pferdes und durch den bleichen und geistreichen Adel seines Gesichtes. Er hatte eben angefangen, seine neue Theorie zu verwirklichen und der Langeweile nicht durch Arbeit, sondern durch Vergnügen zu entgehen. Aber man kann den Durst nicht so leicht durch Wein, als durch Wasser löschen. – Das ist ein gefährliches, intrigirendes Weib – sagte die Herzogin von W. zu ihrem berühmten Gemahle, als Konstanze sie verlassen hatte. – Thorheit! Weiber sind nie gefährlich. Lady Erpingham kehrte nach Hause zurück und zog sich für den Mittag an, denn sie und Godolphin speisten außer dem Hause und so auch einmal zusammen. Auf Percys Arm gelehnt stieg sie aus ihrem Boudoir in den Saal herunter, um dort auf ihre Kutsche zu warten und siehe, Lord Saltream war noch da und schlummerte auf dem Sopha. – Himmel, Mylord! – rief Konstanze erstaunt – Sind Sie wirklich so lange hier eingeschlossen gewesen, seit ich Sie so ohne Umstände verlassen habe? – Ach Lady Erpingham! – Darauf verfiel er wieder in sein lautes Selbstgespräch – Vermuthlich kommen sie, um bei mir zu essen; das trifft sich recht dumm und die schönen Damen nehmen sich ganz verzweifelte Freiheiten! Hm! (laut) Es ist spät, und ich bin den ganzen Tag nicht ausgewesen. Ach, Godolphin! Es freut mich, Sie hier zu sehen, nur fürchte ich, Sie werden ein schlechtes Essen bekommen. – Nicht doch, S...'s Koch ist mit recht berühmt – sagte Godolphin lächelnd. S...'s – das mag seyn. (für sich) was zum Teufel meint er damit? (laut) Meiner ist auch gut, nur muß er sich vorbereiten können, besonders, wenn es so schwierige Gäste gilt. – Aber mein lieber Saltream – rief Godolphin lachend – denken Sie denn, Sie sind zu Hause? – Ha! Auf mein Wort – antwortete Saltream nach einer langen Pause und sehr verwundert – das dachte ich wirklich. Lord S... gab vortreffliche Diners. Er ist seitdem wegen dieses großen legislativen Talentes zum Pair erhoben worden. Es war eine recht angenehme Gesellschaft in seinem Hause versammelt, aber es schlug acht und es wurde noch nicht angerichtet und der Wirth wurde verdrießlich. – Wen erwarten Sie noch? fragte Godolphin. – Saltream. – Saltream? rief Godolphin. – Saltream! sagte Lady Erpingham. – Saltream – wiederholte Saville – ei, er hat ja mich und eine Menge andere Leute eingeladen, heute bei ihm zu speisen! – Lord Saltream! – erwiederte der Kammerdiener und der Earl trat herein. – Er hatte seine Zerstreutheit abgeworfen, und war köstlich; er entschuldigte sich wegen seines langen Ausbleibens in einem Strome von Witzworten und als er Lady Erpingham nach dem Speisesaal führte, streute er Epigramme auf den Weg. Der erste Gang war vortrefflich: Lord Saltream war die Seele der Gesellschaft, aber schon beim zweiten Gang wurde er düster, seine Stirn runzelte sich, er blickte verlegen, ärgerlich um sich, verfärbte sich, biß sich in die Lippen und brach endlich in die Worte aus: – Auf Ehre, Lady Erpingham, ich muß Sie tausendmal um Verzeihung bitten. Mylord (er wendetete sich zu dem Wirthe) ich bitte Sie, meinem Schurken von Koch zu vergeben, denn ich begreife wirklich nicht, es ist mir rein unerklärlich, und wie gesagt, ich muß Sie um Entschuldigung wegen des schlechten Dinners bitten, denn es ist in der That abscheulich. Neuntes Kapitel. Godolphins Lebensweise. – Einfluß der Meinung und der Lächerlichkeit auf den Sinn der bevorrechteten Klassen. – Lady Erpinghams Freundschaft mit dem verstorbenen König. Sein Leben. Das Leben, welchem Godolphin sich jetzt ergab, war der Art, wie es ein sehr reicher, geistvoller Mann führen kann – nach der Vorschrift einer verfeinerten Üppigkeit. Er näherte sich dem Alter, wo die Poesie des Herzens erblaßt. Es stand ihm ein beinahe unerschöpflicher Reichthum zu Gebote und da er keinen Beweggrund zur Entwicklung seiner Kräfte hatte, so suchte er jetzt in Vergnügungen, was er früher von der Phantasie begehrt hatte. Da er den Ehrgeiz verachtete, so hatten seine Talente keinen andern Wirkungskreis, als den die Gesellschaft darbietet, und so wurde ihm die Gesellschaft, ihr Beifall und ihre Achtung nach und nach wichtiger, als es sich seine Philosophie träumen ließ. In welchem Kreise wir auch leben, die Meinung dieses Kreises wird früher oder später eine Herrschaft über uns üben. Das ist der Grund, warum ein Leben des Vergnügens zuletzt den stärksten Geist frivol macht. Der Gesetzgeber, der Gelehrte, alle werden unmerklich durch das Urtheil der Genossenschaft, zu der sie gehören, durch den Zirkel, in dem sie sich bewegen, umgebildet und verwandelt. Am meisten aber ist dies bei den Müßiggängern der großen Welt der Fall, bei denen der Hauptstoff des Gesprächs ohnehin nur das Ich ist. Da aber in der letztern Klasse die Lächerlichkeit eine mächtigere und gefürchtetere Gottheit ist, als unter der, welche ernstern Beschäftigungen obliegt, so zwingt sie deren Mitglieder, durch eine beständige Angst vor ihren Schlägen, zu einer gleichmäßigeren, unveränderlicheren Unterwürfigkeit unter das Urtheil Anderer. Die Lächerlichkeit erschlafft in denen, welche sie beherrscht, jede Energie. Wenn Jemand sich eine Stellung in der großen Welt geschaffen, wenn er ein gewisses Alter erreicht hat, so mag er nicht irgend ein geistiges Unternehmen wagen, welches den Theil Achtung oder Beliebtheit, den man ihm bis jetzt zugesteht, auf die Spitze stellt. Er setzt sich nicht einer Niederlage im Parlamente, einer scharfen Kritik in der literarischen Welt aus; er hat keine Lust, eine neue Eifersucht gegen sich zu erregen und gefällige, gehorsame Diener in erbitterte Nebenbuhler umzuwandeln. Die geachtesten Mitglieder beider Häuser des Parlaments, die berühmtesten Schriftsteller betrachteten Godolphin jetzt als einen Mann von Witz und Genie, als einen Mann, dem sein Haus, sein Reichthum, seine Frau einen Einfluß gaben, wie er Wenigen zu Theil wird. Warum sollte er dies Alles auf das Spiel setzen und eine Vergleichung herausfordern? In seinem Kreise war er der Erste, warum sich der Wahrscheinlichkeit aussetzen, in einem anderen der Zweite zu werden? Dieser Beweggrund, welcher ins Geheim die Hälfte der Aristokraten, und noch dazu die tüchtigen, d.h. die bescheidenen und geachteten beherrscht, die, welche den Einfältigen und Eitlen ihren verachteten, nicht zu beneidenden Ruf lassen, verstärkte noch Godolphins philosophische Gleichgültigkeit gegen den Ehrgeiz. Vielleicht wäre er, wenn seine Lage nicht so glänzend gewesen, oder wenn er seiner Neigung zur Einsamkeit treu geblieben wäre, welche die Jugend als die beste Pflegerin ihrer Träume so sehr liebt, in seinem jetzigen Alter, wo der Ehrgeiz, wenn er auch bisher geschwiegen, plötzlich laut wird, zu einem entschlossenen, kräftigeren und aufstrebenderen Sinne erwacht. Aber in den Genüssen, welche ihn umgaben, die im Allgemeinen nur die Belohnung sind, für die man arbeitet, hätte selbst ein Ehrgeiziger seiner Natur vergessen können. Er wurde nicht durch verletzte Eitelkeit, durch das Gefühl, daß er zurückgesetzt werde, (diesen großen Sporn für stolze Seelen) zu jenen Anstrengungen angeregt, durch welche wir die Verläumdungen Lügen zu strafen suchen. Es war »der Spiegel der Mode«, beliebt und bewundert und das Glück, das er durch die Verbindung mit der berühmten, reichen und schönen Gräfin von Erpingham gemacht hatte, wurde, wie dies immer bei dem Gefolge der Fall ist, als ein Beweis seines Genies, als ein Zeichen seiner Verdienste angesehen. Doch ließ sich nicht verkennen, daß ein stilles, gegenseitiges Gefühl einer getäuschten Erwartung an dem glänzenden Leben von Mann und Frau zehrte. Godolphin verlangte von Konstanze mehr Sanftmuth, Hingebung und Gefälligkeit, als in ihrer Natur lag, und Konstanze kränkte sich ununterbrochen darüber, daß sie in Godolphin keine Sympathie mit ihren Plänen, keine Theilnahme für ihren Enthusiasmus fand. Da der eine nur für Vergnügungen, die andere nur für den Ehrgeiz lebte, so ließ sich in ihre Umgange keine Geistesverwandtschaft denken. Sie liebten sich noch, sogar mit Wärme und sie stritten nicht mit einander; aber es glaubte eben der eine nicht, daß ihm der andere sehr liebe, und so suchten beide außer dem Hause die Freundschaft und die Beschäftigung, die ihnen im Hause fehlte. Konstanze war ein großer Liebling des verstorbenen Königs, und sie wurde stets zu dem engern Kreise der Gäste in Windsor gezogen. Godolphin, der die Langeweile für das ärgste der menschlichen Leiden hielt, konnte seinen Geschmack und seine Gewohnheiten nicht zu einer strengen, bestimmten Lebensweise zwingen, wie hoch auch der Kreis stehen mochte, in dem sie als Gesetz galt. Er wollte unterhalten seyn, nicht unterhalten. Niemand war geeigneter, einen Hof zu schmücken, niemand aber konnte weniger den Höfling spielen. Er bewunderte das Benehmen des Monarchen, er huldigte der natürlichen Schärfe seines Verstandes, aber da er gewohnt war, der Gesellschaft Gesetze zu geben, so war er zu stolz, sich nach der Vorschrift eines andern zu richten, was häufig der Fall bei denen ist, welche das Recht haben, mit den Großen zu leben, nicht bloß von ihnen geduldet werden. Es war ganz zum ersten Aristokraten geschaffen, der sich wesentlich von dem Schmeichler eines noch größeren Mannes unterscheidet; und seinem Erfolg bei Hofe stand nicht weniger der ihm angeborne Stolz, als die angenommene Philosophie seines Cynismus im Wege. Der König war Anfangs artig genug gegen Lady Erpingham's Gatten, aber er war so scharfsichtig, gar bald zu bemerken, daß er nicht gebührend bewundert werde, Godolphin aber war bei dem ersten Zeichen von Kälte froh, eine Entschuldigung zu finden, verschwor sich das Schloß auf ewig und ließ Konstanze allein die Ehre der Königlichen Gastlichkeit genießen. Die Welt hätte darin vielleicht einen Anlaß zu Lästerungen gefunden, aber in Konstanzens Schönheit lag etwas, was ein Dichter den Engeln zuschreibt – sie drang ins Herz, gebot den Sinnen aber Ehrfurcht. Zehntes Kapitel. Radclyffe's und Godolphin's Unterredung. – Die Verschiedenheit des Ehrgeizes. – Ich weiß nicht – sagte Godolphin, als er mit Radclyffe eines Tages spazieren ritt, ich weiß nicht, was ich heute Abend anfangen soll. Lady Erpingham ist nach Windsor, ich bin zu keinem Dinner eingeladen und bin der Bälle überdrüssig. Sollen wir zusammen essen und dann ruhig in das Theater gehen, wie wir es vor zehn Jahren gethan haben mögen? – Gern. Sind Sie noch ein Freund der Bühne? Ich glaube einmal von Ihnen gehört zu haben, daß es früher Ihr liebstes Vergnügen war. – Ich mag es noch leiden, nur ist der Glanz davon verschwunden. Ich bin auf eine recht unselige Weise schwierig geworden. Ich bedarf jetzt eines vortrefflichen Spiels und eines vortrefflichen Stücks. Der kleinste Fehler, die leiseste Abweichung von der Natur raubt mir den Genuß an dem Ganzen. – Das ist ein Fehler, der bei Ihnen auf Alles einwirft. – Sie haben Recht – antwortete Godolphin gähnend – aber haben Sie schon meinen neuen Canova gesehen? – Nein; ich mache mir nichts aus Statuen und verstehe nichts von den schönen Künsten. – Welch ein Geständnis! – Es ist allerdings ein seltenes Geständnis, aber ich glaube, daß man sich den Geschmack an den Künsten, wie an Trüffeln und Oliven, erst erwerben muß. Die Leute schwätzen sich in die Bewunderung hinein, wo sie erst gleichgültig geblieben sind. Aber wie können Sie, Godolphin, bei Ihren Talenten, das Leben mit solchen Läppereien versplittern? – Sie sind sehr gütig – sagte Godolphin ungeduldig – aber erlauben Sie mir zu bemerken, daß ich Ihre Lebenszwecke für Läppereien halte. Einfältige, langweilige Ehrenbezeigungen, ein Name in den Zeitungen, vielleicht eine Stelle im Ministerium, die durch eine aufgeopferte Jugend und ein entwürdigtes Mannesalter erkauft wird – nein, Radclyffe, das ist nichts für mich; ich verlange einen heitern, funkelnden Glanz des Lebens, ich will vor den traurigen Jahren des Alters und Siechens wenigstens genießen. Das ist wahre Weisheit! Ihr Glaube ist – Aber – sagte Godolphin lachend – ich will Ihre Anzüglichkeit nicht nachahmen. – Nun, Sie thuen ja Ihr Möglichstes, um zu genießen. Sie leben gut und prächtig, Ihr Haus ist herrlich, Ihre Villa reizend. Lady Erpingham ist die schönste Frau ihrer Zeit und als ob das Alles noch nicht genug wäre, so duldet auch die Hälfte der hübschen Frauen Londons Sie zu ihren Füßen – und doch sind Sie nicht glücklich. – Freilich nicht, aber wer ist es denn? – rief Godolphin heftig. – Ich – antwortete Radclyffe trocken. – Sie? Hm! – Sie glauben mir nicht? – Ich habe kein Recht, daran zu zweifeln; aber sind Sie nicht ehrfürchtig? Und ist nicht der Ehrgeiz voller Angst und Sorge, mit Kränkung bei einer Niederlage, mit Unzufriedenheit beim Erfolge gepaart? Beweist nicht schon das Wort Ehrfurcht, d.h. der Wunsch, etwas zu seyn, was Sie nicht sind, Ihre Ungenügsamkeit mit dem, was Sie sind? – Sie sprechen von einem gewöhnlichen Ehrgeize. – Und was, o erhabenster aller Weisen, was ist denn Ihr Ehrgeiz? – Nicht der, den Sie beschreiben. Sie sprechen von dem Ehrgeiz für sich selbst; der meine hat das Eigene, daß er für Andere arbeitet. Vor einigen Jahren schuf ich mir einen Plan, in dem, wie ich mir einbildete, das Wohl der Menschheit liege. Sie lächeln dazu. Nun, ich prahle nicht mit dem Tugendwerthe meines Traumes, aber die Philanthropie war mein Steckenpferd, wie Statuen das Ihrige sind. Um diesen Plan zu verwirklichen, sind große Veränderungen nöthig, und ich strebe, ich arbeite auf diese Veränderungen hin. Ich bin dabei nicht unempfindlich für den Ruhm, sondern wünsche sogar ihn zu empfangen, aber er würde mir nur dann Freude machen, wenn er aus gewissen Quellen entspringt. Ich brauche das Gefühl, daß ich ausführen kann, was ich versuche, und wünsche nur den Ruhm, der aus der dauernden Dankbarkeit meiner Nebenmenschen, nicht dem, der aus ihrem augenblicklichen Beifall hervorgeht. Ich bin eitel, sehr eitel, und Eitelkeit war vor einigen Jahren noch der stärkste Zug meines Karakters. Ich maße mir nicht an, diese Schwäche besiegen zu können, aber ich benutze sie zu meinen Zwecken. Ich bin eitel genug, um einigen Glanz für mich zu wünschen, aber das Licht muß von Thaten ausgehen, die ich für wahrhaft achtungswerth halte. – Das ist Alles gut – sagte Godolphin, der sich wider Willen etwas angezogen fühlte – aber der eine Ehrgeiz gleicht dem andern, insoweit mit beiden beständige Verdrießlichkeiten und Demüthigungen verbunden sind. – Nicht ganz – antwortete Radclyffe – denn wenn jemand nach etwas strebt, was er für lebenswerth hält, so tröstet ihn die Redlichkeit seiner Absichten für ein Mißglücken des Erfolges, während der egoistische Ehrgeizige keinen Trost in seinen verfehlten Versuchen hat; er wird durch die äußere Welt gedemüthigt und hat keine innere Welt, bei welcher er sich erholen könnte. – O Menschen – rief Godolphin bitter – wie täuscht ihr euch doch ewig! Hier haben wir den Durst nach Macht, und er nennt sich Liebe für die Menschheit. – Glauben Sie mir – sagte Radclyffe so warm, und mit einem so tiefen Ernst in seinem sprechenden, feurigen Auge, daß Godolphin aus seinem Scepticismus erschüttert wurde – glauben Sie mir, beides können verschiedene und doch verbundene Leidenschaften seyn! Eilftes Kapitel. Fanny hinter den Coulissen. – Jugend-Erinnerungen. – Souper bei Fanny Millinger. Man gab Pizarro und Fanny Millinger spielte die Cora. Godolphin und Radclyffe befanden sich hinter den Coulissen. – Ach – sagte Fanny, die in ihrem weißen, Peruanischen Kostüm wartete, bis es an ihr war, auf der Bühne zu erscheinen – ach Godolphin, dies erinnert mich an alte Zeiten. Wie manches Jahr ist schon vergangen, seit Sie so viel Vergnügen an diesem theatralischen Leben fanden. Ich weiß noch recht gut, wie Ihr sinnendes Auge und Ihre gedankenvolle Stirne sich aus der Theaterloge dort zu mir hinwendete, und denken Sie noch daran, wie artig Sie über die verlassene Bühne zu moralisiren pflegten, wenn das Stück aus war? Manchmal warteten Sie auf eben diesen Brettern, um mich nach Hause zu führen. Ach, die Zeiten haben sich geändert. – Ja, Fanny, wir haben seitdem neue Gefühlswelten durchschritten. Könnte uns das Leben noch seyn, was es damals war, so würden wir uns von neuem lieben, aber sagen Sie mir, Fanny, hat nicht die Erfahrung Sie weiser gemacht? Suchen Sie nicht, sich mehr der Gegenwart zu erfreuen, die Frucht auf den Zweigen der Zeit zu pflücken, ehe sie überreif wird? Ich wenigstens thue es. Ich habe meine Jugend verträumt, suche aber die Jahre des Mannes zu genießen. – Dann – sagte Fanny mit der Schnelligkeit, mit welcher in Herzenssachen die Frauen alle unsere Philosophie aus dem Felde schlagen – dann kann ich wetten, daß Sie seit unserer Trennung jemand geliebt oder verloren haben. Der Schmerz, welcher den thätigen Geist in einen träumerischen verkehrt, drängt den Träumer zur Thätigkeit, gleichviel ob in Geschäften oder in Vergnügungen. So ist's – sagte Godolphin, indem ein Schatten über seine ernste Stirne zog. – Es ist so – sagte Godolphin gedankenvoll, und Lucillas Bild stieg vor ihm auf und ergriff ihn schmerzlich, wie die Rache des Gewissens. – Es ist so – sagte er abgewendet für sich – und diese Worte eines leichtsinnigen Mundes haben mir einige Beweggründe meines jetzigen Lebens enthüllt. Aber fort mit dem Nachdenken! Ich habe es mir verschworen! Meine schöne Cora – sich wieder zur Schauspielerin wendend – Sie sind eine wahre Staël an Weisheit, aber wir wollen nicht weise seyn, denn das ist die ärgste unserer Thorheiten. Geben Sie uns nicht heute Abend eines Ihrer reizenden Soupers? – Gewiß! Ihr Freund wird hoffentlich mitkommen. Es war eine Zeit, in der er der Munterste der Munteren war, aber die Jahre und der Ruhm haben ihn geändert. – Radclyffe fröhlich? Oh was? – sagte Godolphin erstaunt. – Ja, ja, wundern Sie sich nur, aber bemerken Sie nur dies Lächeln – das spricht von alten Zeiten. Godolphin wandte sich zu seinem Freunde und sah in der That um die feinen Lippen seines ernsten Gesichtes ein so launiges, schelmisches Lächeln spielen, daß der ganze Karakter des Mannes verändert schien, aber fast in demselben Augenblicke verschwand auch das Lächeln, und Radclyffe lehnte ernsthaft die Einladung ab. Cora mußte auf die Bühne; ein Beifallssturm erschütterte das Haus. – Wie brav sie spielt! – rief Radclyffe feurig. – Ja – antwortete Godolphin, indem er mit verschlungenen Armen ruhig hinblickte – aber welche Aufklärung über das menschliche Herz ertheilt uns dies gute Spiel! Bemerken Sie diesen funkelnden Blick, die wogende Brust, diesen leidenschaftlichen Erguß, diese erstickte Stimme; die Zuschauer zerfließen in Thränen. Die ganze Seele dieses Weibes hängt an ihrem Kinde! Bah! Kein Gedanken daran. Sie fühlt nicht mehr, als die Bretter, auf denen wir stehen; sie denkt vermuthlich an das vergnügte Souper, das uns bevorsteht, und wenn sie hinter die Coulissen kommt, ruft sie: Habe ich es nicht gut gemacht? – Nein – sagte Radclyffe – gewiß fühlt sie, während sie das Gefühl schildert. – Sie? Schon vor Jahren verrieth sie mir, daß die ganze theatralische Wissenschaft nur aus einer Reihe von Kunstgriffen bestehe. Es ist alles reine Künstelei auf und außerhalb der Bühne. Die edle Beredsamkeit ist auch nichts weiter; die Philosophie, Poesie, es ist Alles falsch, alles Heuchelei. Der verdammte Mond – sagte Byron eines Tags zu mir, als wir in Venedig zusammen waren und nach ihm aufsahen – er macht mir immer Fieber, aber ich habe ihn gut in meinen Gedichten besungen, Godolphin, wie? – Aber – – Verschonen Sie mich mit Ihrem Aber – unterbrach ihn Godolphin mit dem muthwilligen Eigensinne, der ihn so liebenswürdig kleidete. – Sie sind jünger als ich; wenn Sie einmal eben so lang gelebt haben, wie ich, so sollen Sie auch das Recht haben, meiner Moral zu widersprechen; aber eher nicht. Godolphins Wagen fuhr die Schauspielerin nach Hause. Auch Fannys Leben war nur auf Vergnügungen ausgerichtet, und sie verschwendete eben so ihr Geld dazu, obgleich sie nicht denselben feinen Geschmack hatte. Großmüthig und freigebig, wie alle ihres Standes, wie Alle, welche das Geld leicht verdienen, war sie wohlthätig gegen Alle und üppig für sich selbst. An dem Abendessen nahmen vier männliche Gäste Theil. Godolphin, Saville, Lord Jocelyn, und Lord Saltream. Es gehörte auch zu den Eigenthümlichkeiten des Letzteren, daß er gelegentlich derartige Belustigungen aufsuchte, obgleich er kein Vergnügen an ihnen zu finden schien. Es war im Frühsommer, die Vorhänge waren zurückgeschlagen, die Fenster halb offen und der kleine Grasplatz vor dem Hause schwamm im Mondlichte. Die Gäste waren aufgeregt. – Füllt mir das Glas – rief Godolphin. – Champagner ist des Knaben Trank, ich will mich Con amore zu ihm wenden. Fanny, thun Sie mir Bescheid, doch halt, erst ein Toast! – Nun: Hoffnung bis ins Alter und dann Erinnerung! – Theater-Floskeln! – brummte Saville, der einen breiten Schirm zwischen sich und das Fenster gestellt hatte – keine Sentimentalität unter Freunden! – Stören Sie uns nicht, Saville – sagte Godolphin – eben so gut können Sie sagen, keine Musik in einer Oper. Solche Artigkeiten geben der Unterhaltung ihr Kolorit. Aber ihr Roués seyd so verdammt prosaisch, daß ihr es gerne sähet, wir würfen uns dem Laster entgegen, ohne eine Blume auf dem Wege zu pflücken. – Laster! – rief Saville. – Ich muß Dir Deine Schimpfreden zurückgeben. In Deiner Gesellschaft habe ich erst meinen Karakter verdorben, und jetzt drehst Du die Klage um gegen den armen Teufel, den Du verführt hast. – Sie erinnern mich – entgegnete Godolphin heiter – an den Rath eines Spanischen Hidalgo an seinen Diener: »wähle Dir nur einen Herrn, der ein gutes Gedächtnis hat; denn wenn er nicht zahlt, so wird er doch wenigstens nicht vergessen, daß er Dir schuldig ist.« In Zukunft werde ich meinen Umgang nur auf die beschränken, die, wenn sie zuletzt Wüstlinge geworden, noch des guten Raths gedenken, den ich ihnen gegeben habe. –Einstweilen – sagte die schöne Fanny, an einem Hähnchen kauend – muß ich doch erinnern, daß Herr Saville seinen Wein immer ohne Toast trinkt – weil er letzteren für unnütze Zeitverschwendung hält. – Wein – sagte Lord Saltream erst zu sich, dann laut. – Still! – flüsterte Fanny – Lord Saltream hat sich seine Rolle überhört und tritt auf. – Wein ist grade das Gegentheil der Liebe. Die alten Zecher können nicht früh genug zur Flasche kommen, und die alten Liebhaber halten es ewig mit dem Toaste. – Sehen Sie, Saville, wie es Ihnen wegen eines Scherzes auf mich geht – sagte Godolphin. – Aber kommen Sie, und lassen Sie uns die Sache abmachen. Der Toast hat uns voneinander gebracht, das Glas soll uns versöhnen. Wollen Sie Champagner? – Alles für ein ruhiges Leben, sogar Champagner – antwortete Saville, indem er mit einem spöttischen Ausdrucke von Geduld seine spitzen Züge in die freundlichste Ruhe zu glätten suchte. – Ihre Witze sind mir zu scharf. Also Champagner. Nun, meine süße Fanny – Saville setzte das Glas, an dem er kaum genippt hatte, wieder hin, und machte ein saures Gesicht – fahren Sie fort; ich bitte noch um einen Witz, denn ich finde, ich kann Ihre Satyre wenigstens besser vertragen, als Ihren Wein. Fanny war in Einer Geschäftigkeit, denn das unterscheidet die Schauspielerinnen eben von den Damen, daß in den ersteren keine Ruhe ist. – Eine frische Flasche Champagner! Was muß denn mit dieser vorgegangen seyn? – Die Bemerkung hatte der armen Fanny wirklich Schmerz verursacht. Saville freute sich darüber, denn er rächte sich wegen eines Scherzes immer durch eine Bosheit. – Seyen Sie ruhig – sagte Godolphin – es ist unserm Freunde nur Spaß. Ihr Champagner ist vortrefflich, Fanny. Apropos, Saville, wo ist der junge Greenbough geblieben? Er ist wie verschwunden. Es geht die Sage, er sey in Ihrer Gesellschaft herunter gekommen und habe sich seitdem nicht wieder in die Höhe bringen können. – Die Sage ist die gefälligste Metze von der Welt. Ihrem Gerede nach verschwinden alle Tauben auf meinem Hofe. Aber im Ernste, Greenbough ist fort – nach Amerika, steckt bis über den Kopf in Schulden – Ehrenschulden. Darin aber – fügte er langsam hinzu – liegt eben der Unterschied zwischen dem Gentleman und dem Emporkömmling. Wenn der Gentleman alles verloren hat, schneidet er sich den Hals ab; der Parvenu schneidet seine Gläubiger. Ich bin wirklich recht bös auf Greenbough, daß er sich nicht umgebracht hat. Ein junger Mensch, der so lange von mir protegirt wurde – es ist verdammt undankbar von ihm. – Er war wohl stark in Ihrer Schuld? sagte Lord Jocelyn, dem der Wein zu Kopfe stieg. Saville sah ihn scharf an. – Lord Jocelyn, ich bitte um eine Prise. Es war wirklich eine feine Bemerkung, und man sieht, daß Sie große, im Ernste große Weltkenntnis haben. Aber er war wirklich tief in meiner Schuld. Ich führte den Schlingel in die Welt ein, und er ist mir alle die Tausende schuldig, welche er die Ehre gehabt hat, in guter Gesellschaft zu verspielen. – Wissen Sie – sagte Godolphin, nachdem er sich etwas von dem Lachen erholt hatte, zu dem er durch die Angabe von dieser Verpflichtung aufgeregt worden – wissen Sie, daß ich manchmal glaube, Lady Erpingham hat Recht – – Das nimmt mich Wunder – unterbrach ihn Saville trocken. – Wenn sie sagt – fuhr Godolphin fort, ohne daß er that, als ob er die Unterbrechung bemerkt hätte – daß die Art zu sprechen, welche Sie und Ihre Partei an sich haben, mehr dazu beiträgt, die von ihr prophezeite Revolution hervorzubringen, als Sie sich träumen lassen. Und es ist allerdings wahr, daß dieselbe liebenswürdige Anmaßung in Frankreich den tiefen Haß gegen den dortigen Adel erweckte, welcher hernach seine Vernichtung beförderte. Saville stellte das Glas Madeira mit Wasser, welches er eben an den Mund setzen wollte, wieder hin und dachte eine Weile nach. – Es ist etwas dran – sagte er – aber ich bin acht und fünfzig Jahre alt und es kann nicht mehr zu meiner Zeit vorfallen. – Wahrhaftig – rief Jocelyn über den Tisch herüber – das ist eine verdammte gescheute Bemerkung von Euch, Godolphin. – Beneidenswerthes Anerkenntnis! – sagte Saville feierlich – o seltner Jüngling! – Und ich glaube – fuhr Jocelyn fort – daß die sogenannten Moderomane uns verteufelt haben, denn sie stellen uns ja ganz gehässig und herzlos vor. Ich kann mir nichts Gutes mehr von der Gesellschaft denken, seit ich eines von diesen Büchern gelesen habe. – Ein zweiter Timon! – rief Saville. – Aber liebe Fanny, Sie sind so still. Um Himmels Willen, machen Sie diesen Predigten ein Ende. Lord Jocelyn ist zu tiefsinnig für ein Souper. Er muß Morgens genossen werden. Fanny, bereuen Sie zuweilen? – O ja, einige meiner Einladungen – erwiderte Fanny lebhaft. – Vortrefflich, nur zu anzüglich für Godolphin. Apropos, Percy, weißt Du, daß mein armer, guter Freund Jasmin gestorben ist? Er verschied bei einer prächtigen Partie Whist. Er hatte gerade noch Zeit: vier Honneurs zu rufen, als der Tod ihn abtrumpfte. Es hat mich recht erschüttert, denn er war nach mir der beste Spieler im Club. Die plötzlichen Todesfälle sind doch recht schrecklich, besonders wenn man das Spiel in Händen hat. – Das ist wahr, recht unangenehm – wiederholte Lord Jocelyn, der eben anfing, Whist zu lernen. – Es ist wunderbar – sagte Saville – wie oft die letzten Worte eines Menschen so seinem Leben entsprechen: es ist wie die Moral in der Fabel. Das beste Beispiel davon finde ich in Lord Chesterfield, dessen schöne Seele mit der erhabenen, unnachahmlichen Sentenz aufflog: Gebt Darell einen Sessel! – Herrlich! rief Jocelyn. – Saville, eine Partie Ecarté? Wie der Löwe in der Menagerie, auf das Hündchen, mit demselben verächtlichen Erbarmen blickte Saville auf Jocelin. – Infelix puer! – murmelte Lord Saltream – Infelix puer, et impar congressus Achilli. – Von Herzen gern – antwortete Saville endlich – doch nein; wir haben vom Tod gesprochen und solche Gedanken wecken das Gewissen. Lord Jocelyn, ich spiele nie geringer, als um – – Ich weiß es, um ein Dutzend Füchse – rief Jocelyn triumphirend. – Füchse? Sie müssen schon einen Bären anbinden. – Einen Bären? was ist das? – Die ganzen Einkünfte eines Irländischen Pairs und ich richte es immer so ein, daß ich nie das erste Spiel verliere. – Solche Menschen sind gefährlich – sagte Lord Saltream mit halb geschlossenen Augen. O Nacht – rief Godolphin mit einer theatralischen Geste – Du bist für Gesang und Mondschein und das Lachen von Frauen geschaffen. Fanny, ich bitte um einen Gesang. Und Fanny, welche, seit Saville den Champagner getadelt hatte, verdrießlich geworden war – den sie hielt etwas auf Bon ton in ihrer Art, lächelte wieder, setzte sich, vom Mondlicht beschienen, an das Piano, und sang mit einem Blick auf Godolphin, ein Lied, das er früher gern gehört hatte. Zwölftes Kapitel. Konstanzens Leben. – Ihr Gefühl für Godolphin. – Ereignisse. – Canning. – Katholische Frage. Während Godolphin auf solche Art, abwechselnd mit feinerer, aristokratischer Verschwendung sein Leben verbrachte, wurde Konstanze immer mächtiger und der Mittelpunkt und die Seele einer großen politischen Partei. Wenige Frauen in England haben sich je mit größerer Thätigkeit und Geschicklichkeit in die Politik gemischt, als Lady Erpingham. Ihre Freunde waren allerdings nicht im Amte, aber sie sah die Zeit schnell herankommen, wo ihre Meinungen zur Herrschaft gelangen mußten. Sie fing an, das Intrigiren des politischen Ehrgeizes um seiner selbst willen zu lieben; sie wußte, daß sie nichts weiter werden konnte, daß ihr Geschlecht ihr weiter nichts erlaubte; trotzdem hörte sie nicht auf zu arbeiten und zu wirken. Das Verhängnis ihres Vaters trieb sie noch immer an; der Schwur an seinem Sterbebette erschien ihr noch immer wie eine feierliche Mahnung; und die Demüthigungen, welche sie in ihrer frühern Lage empfunden, und die Huldigungen, welche ihr später zu Theil wurden, nährten die Entrüstung ihres stolzen Geistes über die Anmaßungen der großen Welt und ihre Verachtung gegen deren knechtischen Sinn. Das Modesystem, welches sie hauptsächlich eingeführt und das nach ihrer Ansicht einen von Rang und Reichthum unabhängigen Maßstab aufstellen sollte, war durch die Natur seiner Anhänger zu einer gemeinen Frechheit entwürdigt worden, die noch schlimmer war, als die stumpfe Einfalt, welche es ersetzen sollte. Doch tröstete sie noch der Gedanke, daß durch dieses System der Weg zu bessern Veränderungen führte. Die Götzen des Ranges und des Reichthums waren zerbrochen, und sie glaubte, daß über kurz oder lang ein reinerer Dienst eingeführt werden würde. Gewiß waren auch unter dem alten Französischen Regime Frauen genug, die gleich ihr dachten, gewiß aber keine, die wie sie handelte, mit Entschlossenheit und das Ziel immer vor Augen. Welch herrliches, warnendes Bild finden wir in den unterhaltenden Memoiren des Grafen Segur! Wie bewundernswürdig schildert dies angenehme Geschwätz den geistigen Zustand des Französischen Adels! »Er macht sich über die alten Sitten lustig, ist entzückt von Voltaires Philosophie, spielt den Liberalen aus Mode, hüpft munter über Blumen hin, welche seinen Blicken den Abgrund verbergen!« In England gibt es weniger Blumen und der Abgrund wird deshalb weniger furchtbar seyn. Die getäuschten Hoffnungen nach der Verbindung mit Godolphin, der verachtungsvolle Groll, den sie gegen die Vergnügungen hegte, welche ihn von ihr abzogen, verstärkten noch ihren Widerwillen gegen die Gewohnheiten der Aristokratie und die Thätigkeit ihrer politischen Intrigen. Ihr Geist wurde immer männlicher, ihr dunkles Auge glühte mit einem düsteren Feuer, ihr schöner Mund wurde immer karger mit seinem Lächeln, und die Würde, welche immer auf ihrem Wesen ruhte, wurde herber und gebietender. Diese Veränderung konnte aber nicht dazu dienen, ihr Godolphin näher zu bringen. Er, der gegen Kälte so empfindlich, so anspruchsvoll war, glaubte, sie liebe ihn nicht mehr, sie bereue die Verbindung, die sie mit ihm eingegangen war. Sein Stolz wendete ihn immer mehr von ihr ab, und er suchte nur desto eifriger die Orte auf, wo alles dem geliebten, bewunderten, glänzenden Godolphin entgegenlachte. Noch ein anderer Punkt schürte die scharfe, bittere Stimmung an. Er hatte zum Ankauf einiger berühmten Kunstgegenstände eine bedeutende Summe Geldes erheben wollen, wozu jedoch Lady Erpinghams Einwilligung nothwendig war. Als er dies bei ihr in Anregung brachte, weigerte sie sich zwar nicht, aber sie schwankte doch. Sie schien verlegen, und wie es schien, mißvergnügt. Seine Empfindlichkeit gerieth sogleich in Aufruhr und er berührte die Sache nicht mehr, blieb ihr jedoch innerlich bös wegen ihrer Zurückhaltung. Nichts vergißt der Stolz so schwer, als eine kalte Aufnahme in Geldangelegenheiten. Godolphin hat jedoch später entdeckt, daß er in diesem Falle Konstanze Unrecht gethan hatte. Bei all dem fühlten Beide mit der Zeit wieder eine Sehnsucht nach einander, und wären sie allein auf einer Insel gewesen, hätten sie Muße und Gelegenheit zu einem offenen Austausch ihrer Gedanken und Gesinnungen gefunden, so würden sie mit Erstaunen erkannt haben, wie sehr sie sich gegenseitig noch liebten, und ihre Neigung würde stärker geworden seyn, als sie je war. Aber wenn in dem bewegten Leben ein Ehepaar einmal eine scheinbare Gleichgültigkeit hat einschleichen lassen, so ist der Stein des Anstoßes schwer wegzuräumen, um so mehr, wenn die Frau so stolz wie Konstanze, der Mann so anspruchsvoll, wie Godolphin ist! Allein da beide ein vortreffliches Temperament hatten und sich daher nie zankten, so lag die Gleichgültigkeit mehr auf der Oberfläche und drang nicht ein. Vor den Augen der Welt waren sie ein einander sehr zugethanes Paar, und ihre Ehe wäre von Rochefoucauld unter die sehr glücklichen gezählt worden. Währenddes machte, wie Konstanze vorhergesagt hatte, das Land immer neue Fortschritte in der liberalen Meinung. Canning kam jetzt an das Ruder, und die katholische Frage war in Jedermanns Munde. Diese Maßregel bewies – indem die Ansprüche einiger Pairs und Gentlemans, in das Parlament und zu Stellen zu kommen, nicht Aufsehen erregten, als das anwachsende Elend des Volkes und die Übel der Armengesetze – wie wesentlich aristokratisch der Geist der obern Klassen war; und obgleich sie, an und für sich betrachtet, von keiner Bedeutung für das Wohl eines großen Volkes war, so brachte sie doch der Verfolgungssucht um einer Meinung willen den ersten schweren Schlag bei, und in diesem Lichte betrachtete sie auch Konstanze. Hätte den Gesetzgebern nur das Wohl des Volkes am Herzen gelegen, so würde ohne Zweifel eine tüchtige Reform der Criminalgesetze ihre Aufmerksamkeit mehr in Anspruch genommen haben, als das Recht der Katholiken, im Parlament zu sitzen; aber das eine war für die Großen, das andere für die Niedrigen, und die Aristokratie eröffnet immer durch Streitigkeiten unter sich dem Volke die erste Bresche. Es war glänzende Gesellschaft in Erpingenhaus und die Häupter der Partei waren zugegen, doch auch unter ihnen herrschte Spaltung und einige waren insgeheim für Anschließung an die Verwaltung Cannings, andere hatten es bereits offen gethan und noch andere verharrten in trotziger, eifersüchtiger Opposition. Das Herz Konstanzens war für die Letzteren. – Bei alle dem, Lady Erpingham – sagte Lord Paul Plympton – ein junger Pair, der eine einfältige Geschichte geschrieben hatte, und dem man daher viel Glück im parlamentarischen Leben verkündete, bei alle dem glaubte ich doch, daß Sie zu streng gegen Canning sind; er hat gewiß sehr liberale Ansichten. – Hat er je ein Gesetz zum Besten der arbeitenden Klassen durchgehen lassen? Nein, Lord Paul, sein Whiggismus ist den Pairs und sein Torysmus dem Volk zugewendet. Er vertheidigt mit demselben Eifer die katholische Frage und das Blutbad von Manchester. – Aber Sie müssen doch einen Unterschied zwischen dem rechten Liberalismus, welcher für Bildung und Besitz sorgt, und dem gefährlichen machen, welcher der unwissenden Menge den Zügel schießen läßt. – Den Ersten hat der Whig – sagte Radclyffe ernst – den anderen der Reformer; nicht wahr? Der Whig denkt an die Besitzenden eines Landes, der Reformer an das Volk, wie? – Ja! Ich glaube, die Definition ist so übel nicht – antwortete Lord Paul mit wichtiger Miene. – Wahre Politiker – sagte Herr Benson, ein einflußreiches Mitglied des Unterhauses – müssen sich nach den Umständen richten. Canning ist vielleicht nicht ganz, was wir wünschen, aber er muß doch unterstützt werden. Ich gestehe, daß ich großmüthig seyn werde. Ich kümmere mich nicht um Macht und Stellen, aber Canning ist von Feinden umgeben, welche auch Feinde des Volkes sind, und aus dem Zwecke werde ich ihn unterstützen. – Brav, Benson! – rief Lord Paul. – Brav, Benson – wiederholten einige Andere, die nur auf eine Gelegenheit gewartet hatten, um sich auch zu erklären – das heißt schön gehandelt! – Herrlich! – Wie ein Mann! – Bei Gott, die Uneigennützigkeit selbst. In demselben Augenblick trat der Herzog von Aspindale in den Saal. – Ach, Lady Erpingham, Sie hätten diesen Abend sollen im Oberhause seyn. Wir haben eine Rede gehabt! Canning ist zerschmettert, nieder auf immer! – Eine Rede? Von wem? – Von Lord Grey. Es war schrecklich, die Rache eines Lebens zusammengedrängt in eine einzige Stunde: das Ministerium ist erschüttert. – Hm! – sagte Benson aufstehend – ich muß doch einmal zu Brooke gehen und mich näher erkundigen. – Ich gehe mit – sagte Lord Paul. Ein paar Tage später legte Herr Benson eine Petition vor; und spielte dabei in den lebendsten Ausdrücken auf die meisterhafte Rede an, welche ein edler Earl gehalten habe und Lord Paul Plympton sagte: sie sey in der That unvergleichlich. – Das nenne ich schön gehandelt! – Herrlich! – Wie ein Mann! – Bei Gott, wie die Uneigennützigkeit selbst. Und Canning starb; sein kühner Geist verließ das in eine Menge kleiner Parteien zertheilte, politische Schlachtfeld. Seit seinem Tode haben die beiden großen Parteien, in welche die Bewerber der Macht getheilt waren, nie wieder ihre frühere Stärke erlangt. Die Schranke, welche seine Politik zu entfernen gesucht hatte, wurde durch seinen Nachfolger, den Herzog von Wellington, noch mehr erschüttert, und hätte nicht die Reformfrage wieder die vereinzelten, zerstreuten Kämpfer auf beiden Seiten um Ein bestimmtes Pannier gesammelt, so würden Whigs und Torys, bei den vielen kleinlichen Zersplitterungen und abweichenden Schattirungen, vielleicht für immer die beiden unterscheidenden Hauptfarben ihrer von einander getrennten Parteien verloren haben. Canning starb, und mit verdoppelten Kräften wurde jetzt das Rad der politischen Intrigen geschwungen. Der schnelle Wechsel, die kurzen Ministerien, die Muße eines langen Friedens, die Last der Schuld, die Schriften der Philosophen, der Mangel eines großen Geistes unter dem Torys, alles dies brachte schnell, obwohl unmerklich, die Volksstimmung auf, welche, einmal allgemein erweckt, nicht mehr zu beseitigen ist. Dreizehntes Kapitel. Tod Georg IV. – Politischer Standpunkt der Parteien. Mit dem Tod Georgs IV. brach eine neue Ära an. In den letzten Jahren dieses Monarchen hatte sich ein neuer Geist im Lande aufgemacht, der bis zu den Mauern seiner Abgeschiedenheit gedrungen war. Es läßt sich nicht leugnen, daß die verschiedenen Ausgaben seiner Regierung, die sich nicht mehr unter der jugendlichen Anmuth des Prinzen, unter dem kriegerischen Triumph des Volkes verbargen, mehr als alle theoretischen Spekulationen den Wunsch nach einer politischen Veränderung erregt hatten. Der kürzeste Weg zu großer Freiheit geht durch geplünderte Börsen. Konstanze war während der letzten Krankheit des Königs viel in Windsor. Es war die traurigste Zeit, die je in dem Raume eines Pallastes geherrscht hatte. Die Memoiren des prachtliebenden Ludwigs XIV. können dem Leser den besten Begriff von den letzten Tagen Georgs IV. beibringen. Wie jener große König war er der Repräsentant einer besondern Epoche und auch er hatte noch in dem traurigen Verfall des Alters viel von den Gewohnheiten der Jugend bewahrt. Es war ein betrübter Anblick, wie er, der eine so hohe, glänzende Rolle gespielt, seine letzten Kräfte erschöpfte, ein Anblick, der noch schmerzlicher wurde, wenn durch Krankheit und Schwäche Anklänge seines ehemaligen Geistes durchbrachen. Georg IV. starb, sein Bruder folgte ihm und England athmete freier und blickte um sich und fühlte, daß die lange erwartete Veränderung endlich bevorstehe. Die Französische Revolution, das neue Parlament, Brougham's, Hume's Wiedererwählung, der Ausbruch des Staunens und Unwillens über des Herzogs von Wellington denkwürdige Worte gegen die Reform, alles verrieth den Anbruch einer neuen Epoche: das Whig-Ministerium wurde ernannt, ernannt wurden unter der unzufriedenen Stimmung der City und dem Argwohn der Volksfreunde, unter Tumulten und Brandstiftungen in den Provinzen und unter Kämpfen und Wirren im Auslande. Konstanze hat eine eigene Stellung in diesen Veränderungen; ihre Vertrautheit mit dem verstorbenen König war keine Empfehlung bei der Whig-Regierung seines Nachfolgers. Ihre Macht hatte, wie dies der Macht der Mode in stürmischen Zeiten immer ergehen muß, einen Stoß erlitten; und da sie in der letzten Zeit in etwas mit den Hauptparteien der Whigs zerfallen war, so konnte sie auch keinen Antheil an ihrem Erfolge in Anspruch nehmen. Sie hielt sich still auf ihrer Höhe: ihre Gesellschaft war so gesucht und so glänzend wie je, aber die kleinen Versammlungen politischer Intriganten hatten aufgehört. Sie ließ geheimnisvolle Winke fallen, daß man noch abwarten müsse, was die Minister für eine Reform vorschlagen, welche Ökonomie sie einführen würden. Die Torys, besonders der gemäßigtere Theil derselben, fingen jetzt an, ihr den Hof zu machen; während die Whigs, in dem Stolze ihres Sieges und zu beschäftigt, um an Frauen zu denken, sie vernachlässigten. Konstanze empfand das tief, obwohl es ihr mehr Verachtung, als Verdruß einflößte: die Zeit hatte auch ihren Widerwillen gegen die Aristokratie geschärft und sie betrachtete die Whigs nicht als das, was sie durch den Drang der Umstände geworden waren, sondern vielmehr wie Spieler, die mit demokratischen Marken um einen aristokratischen Einsatz spielen. Sie vergalt ihre Vernachlässigung mit Geringschätzung und die stille Neutralität wurde bald von ihnen als eine geheime Feindschaft betrachtet. Aber bei alledem war Konstanze Weib genug, um sich innerlich doch gekränkt und verletzt durch eben das zu fühlen, was sie zu verachten schien. Ihre frühern Freunde hatten ihr keine Stelle bei Hofe angeboten; die Vertraute Georg IV. war nicht mehr Vertraute des Lord Grey. In einem Alter, wo die Schönheit ihres Zaubers nicht mehr sicher ist, empfand sie die Abnahme ihres persönlichen Einflusses als eine persönliche Beleidigung und in diesem Kummer wendete sie sich mit schmerzlichen Seufzern zu den Bildern jenes häuslichen Glücks, welches auf immer ihr verloren schien. Neben der offneren, sichtlichern Fluth der Politik, lief noch ein verborgener Strom theoretischer Ansichten. Während die praktischen Politiker ihre einstweilige Rolle spielten, verbreiteten andere Spekulanten und Gleichheitsprediger ihre Lehren, welche ihnen zu einem unsterblichen Ziele zu führen schien. Konstanze, welche immer mehr eine sociale, als eine legislative Reform gewünscht hatte, wendete sie sich mit einiger Theilnahme zu diesen Anregern eines großartigen Versuches. Die schöne Gräfin lauschte den Reden der enthusiastischen Anhänger St. Simon's und Owen's, erwog ihre Erörterungen und sann über ihre Hoffnungen. Aber sie hatte zu viel in der wirklichen Welt gelebt, ihre Gedanken waren zu rein weltlich, um durch Lehren bekehrt zu werden, die, so sehr sie anzogen, in ihren Entschlüssen doch so abschreckend waren. Sie beschränkte sich wieder auf sich selbst und wartete in trüber und gedankenvoller Ruhe ab, was geschehen würde, überzeugt, daß Alles doch wieder vergehen müsse. Vierzehntes Kapitel. Eine Prophezeiung. Währenddes ließ sich Godolphin von der Flut seines Glückes hintreiben. Er lebte hauptsächlich in Gesellschaft von Epikuräern, welche er sich aus den witzigsten und umgänglichsten Londoner Lüstlingen zusammengesucht hatte. Sein natürliches Genie, sein träumerisches Wesen war endlich so herabgesunken, daß er sich zum Diktator der Theater, zum Patron der Sänger, zum Orakel in der Musik, zum Muster in Festlichkeiten und Equipagen hergab. Der Schwindelgeist dieses ausgelassenen Lebens ließ ihn jedoch eine Zeit zum Überlegen und er glaubte, vielleicht nicht ganz mit Unrecht, daß der beste Weg, das Gleichgewicht des Herzens zu erhalten, darin bestehe, daß man dessen Empfänglichkeit abstumpfte. Wie die unregelmäßigen Figuren, wenn sie mit unaufhörlicher Schnelligkeit herumgeschwungen werden, als ein vollkommener Kreis erscheinen, so verliert auch unser Leben, einmal in eine Bahn geschleudert, welche keine Rast zuläßt, seine Ecken und Unebenheiten und eilt mit gleicher Schnelligkeit und mit einem falschen Scheine von Symmetrie dahin. Eines Tages besuchte Godolphin Saville, der jetzt alt, abgelebt und schnell dem Grabe zueilend, noch die wenigen Blumen am Rande desselben pflückte und Scherze über seinen eigenen Verfall machte, die ihm jedoch nicht aus dem Herzen kamen. Er traf dort die Schauspielerin, die ihm ebenfalls einen Besuch machte, und die mit ihrer gewöhnlichen Lebhaftigkeit plauderte, während sie zugleich eine Börse häckelte. – Der Himmel weiß – sagte Saville – was die Zeit noch bringen wird. Mir schwindelt der Kopf bei dem Sturm der Ereignisse. Fanny, geben Sie mir meine Dose. Nun, ich denke, meine letzte Stunde ist nicht mehr weit, und ich hoffe wenigstens als Gentleman zu sterben. Der Gedanke ist mir zuwider, daß ich noch zu einem gemeinen Mann revolutionirt werden könnte. Das ist die einzige Revolution, von der ich einen Begriff habe. Was sagst Du dazu, Godolphin? Alles wird jetzt Politiker; der junge Sunderland mit seiner Brokatweste fährt Tag für Tag nach dem Parlament, ißt bei Bellamy kaltes Rindfleisch, und spricht von nichts, als von der verdammt schönen Rede Sir Roberts. Revolution! Zum Wetter, die Revolution ist schon da! Revolutionen verändern nur das Wesen der Gesellschaft. Und hat sich das in den letzten sechs Monaten nicht genug geändert? Wahrhaftig, ich glaube, ihr seyd alle toll geworden. – Ich nicht. So lange ich lebe, werde ich immer mir die gemeine Plage des Ehrgeizes verschwören. Andere mögen Staaten regieren oder zu Grunde richten; gleich dem Herzog von Lauzun will ich, selbst wenn schon die Guillotine hergerichtet ist, nur an meine Austern und meinen Champagner denken. – Ein edles System! – sagte Fanny, lächelnd. – Laßt die Welt untergehen und bringt mir mein Biscuit! Und das ist Godolphins Motto? – Es ist das Motto des Lebens. – Ja, des vornehmen. – Fanny, werden Sie nicht satyrisch, Sie, die nicht einmal eine tragische Schauspielerin sind. Aber es ist wahr, trotz dem kleinlichen Lärm Ihres Standes liegt doch etwas Erhabenes in demselben. Die Stürme der Nationen erschüttern die Bühne nicht; Sie hüllen sich in ein anderes Leben; die Atmosphäre der Poesie umgürtet Sie. Sie sind wie die Elfen, welche unter den Menschen lebten, nur des Nachts sichtbar waren und ihre phantastischen Streiche mitten unter den Leidenschaften spielten, die sie umgaben, unter Sorge, Verbrechen, Geiz, Liebe, Wuth, Üppigkeit und Mangel, welche nur den größeren Wesen der Erde zu Theil werden. Sie sind wirklich zu beneiden, Fanny. – Ach nein, ich werde alt. – Alt! – rief Saville. – Nennen Sie das Wort nicht! Hm! Hm! Dieser verdammte Husten! Aber zum Teufel mit der Politik, sie weckt nur unangenehme Gedanken. Es freut mich, mein alter Junge, es freut mich, daß Du noch immer diese erhabene Gleichgültigkeit gegen das thörichte Treiben um uns her, gegen die Insekten bewahrt hast, welche sich in dem gewaltigen Meere der Ereignisse abquälen, das sie nicht beherrschen können, und in dem sie, kaum daß sie es berühren, auch schon untersinken – – Oder von den Fischen, ihren Leidenschaften, verschlungen werden – ergänzte Godolphin. – Etwas Neues! – rief Saville – ich will etwas wahrhaft Neues haben; schneiden Sie mir die ganze Politik der Times mit Ihrer Scheere heraus, Fanny, und lesen Sie mir das Übrige vor. Fanny gehorchte. – Brand in Marylebone. – Das ist nichts Neues. Weg damit. – Schreiben eines Radikalen. – Dummheit! Was sonst? – Auswanderung: nicht weniger als fünf und sechzig – – Um Himmels willen, halten Sie ein. Was kümmre ich, der ich im Begriff bin, aus der Welt zu scheiden, mich um Leute, die ein Land verlassen? Laß sein, Kind, und gieb das Blatt an Godolphin, er weiß besser, was verständige Leute interessiert. – Weinverkauf bei Lord Lysart. – Ach – rief Saville – das lasse ich mir gefallen, das sind Neuigkeiten, das ist interessant. Fanny gab sich wieder an das Häkeln. Als über die Weine genug gesprochen war, kam folgender Artikel an die Reihe: »Man trägt sich in der Welt mit einer thörichten Geschichte über Lord Grey und seine Erscheinung; die Erscheinung steckt aber nur in den einfältigen Köpfen der Erfinder dieser Anekdote, und ist vermuthlich das Gespenst von Old Sarum. Wir bemerken bei dieser Gelegenheit, daß jetzt eine berühmte Wahrsagerin viel Aufsehen in London macht. Wir glauben, daß die geschlagenen Torys nächstens ihre Orakelsprüche bekannt machen werden. Sie ist gerade zur rechten Zeit gekommen, um das Durchgehen der Reformbill prophezeien zu können, ohne Gefahr zu laufen, als Betrügerin erkannt zu werden.« – Es ist wahr – sagte Saville – ich höre Wunder von dieser Wahrsagerin. Sie erräth Alles mit der größten Genauigkeit, und alle alten Weiber beiderlei Geschlechts drängen sich in Lohnkutschen zu ihr, und spielen heut den Narren, um morgen gescheiter zu seyn. Hast Du sie gesehen, Fanny? – Ja – antwortete die Schauspielerin sehr ernst – und in der That, sie hat mich erschüttert. Ihr Gesicht ist so imponirend, ihr Auge so wild, und in ihren Reden liegt so viel Enthusiasmus, daß sie einen wider Willen hinreißt. Glauben Sie an Astrologie, Percy? – Einst, ja – erwiederte Godolphin mit einem erstickten Seufzer – aber hält sich diese Seherin denn an Astrologie und nicht an Karten? Das Letztere ist eine bequeme Manier, das Publikum zu hintergehen. – O – antwortete Fanny eifrig – ich versichere Sie, diese Frau ist keine gewöhnliche Wahrsagerin; sie spricht viel von Magnetismus, besteht auf der Mitwirkung unserer eigenen Einbildungskraft; hat nichts mit allen den äußerlichen Scharlatanerien zu thun, kurz, sie hat entweder einen neuen Weg entdeckt, die Zukunft zu erfahren, oder irgend eine vergessene Kunst, die Leute zu täuschen, aufgefunden. Sie müssen sie auch einmal sehen, Godolphin. – Nein, ich liebe diese Art Betrügerei nicht – antwortete Godolphin schnell, wendete sich ab und versank in finstere Träume. Fünfzehntes Kapitel. Aberglauben. – Seine wunderbare Wirkung. Es war wirklich in London eine Frau erschienen, welche in den letzten Jahren sich auf dem Continente durch die Kühnheit bekannt gemacht hatte, mit welcher sie die befremdendsten Lehren verbreitete und von dem angeblichen Eintreffen ihrer Prophezeiungen sprach. Sie erklärte, daß sie an alle Dogmen glaube, welche der Morgenröthe der neuen Philosophie vorangingen und ihre wunderbare, lebhafte und düstere Beredsamkeit unterstützte die Theorien, welche, obgleich der Menge unverständlich, doch den Einzelnen anzog. Niemand kannte ihr Vaterland, obgleich man glaubte, sie käme aus dem Norden Europa's. Sie lebte einsam, suchte keine Bekanntschaften; sie war schön, aber ihre Schönheit war nicht irdischer Art; die Männer bewunderten sie, ohne ihr den Hof zu machen, und obgleich die Lästerung früher auch sie nicht verschont hatte, so lebte sie doch jetzt ganz außer dem Bereiche menschlicher Leidenschaften. Die Frau Liehbur (unter diesem Namen war die Wahrsagerin bekannt) wurde auch in der That nicht für eine Betrügerin, sondern eher für eine Fanatikerin gehalten. Sie war verrückt, aber mit einer gewissen Methode in ihrer Verrücktheit; ein übernatürlicher, fürchterlicher Geist hauste in ihr und sprach aus ihrem Munde; ihre eigene Stimme bebte, und sie wurde durch ihr Orakel mehr erschüttert, als sogar ihre Zuhörer. In Wien und Paris hatte sie sich großen, selbst einen furchtbaren Ruf gemacht, die größten Männer dieser Hauptstädte hatten sie befragt und äußerten sich mit einer gewissen ehrfürchtigen Scheu über ihre Aussprüche. Sie wirkte auf die Phantasie und diese erfüllte hinterher, was sie prophezeit hatte; der Glaube sicherte die Erfüllung der Wunder, denen er entgegensah. Mancher träumt, daß er zu einer bestimmten Stunde sterben werde, die Stunde kömmt und der Traum verwirklicht sich. Der kräftigste Zauber ist nichts im Vergleich gegen die Phantasie selbst. Macbeth ward zum Mörder, nicht weil die Hexen es verkündeten, sondern weil ihr Verkündigen den Gedanken daran erweckte. Die Wahrsagerin kannte dieses Prinzip sehr gut und wirkte auf die allen gemeinschaftliche Triebfeder und säete ihre Sprüche auf diesen fruchtbaren Boden. In London gibt es immer Leute genug, die dem Neuen nachlaufen und Madame Liehbur kam bald in Mode. Man hat Minister, bis an den Hals vermummt, aus ihrer Thüre eilen sehen, und selbst der kälteste aller lebenden Weisen gestand, daß sie ihm Sachen offenbart habe, die sie durch menschliche Mittel nicht erfahren habe können. Aber welches Zeitalter ist frei von Täuschung? Man läuft im neunzehnten Jahrhundert einer Thorheit noch eben so gut nach, wie im achten. Es war Abend, und Radclyffe, der unter der Gallerie des Unterhauses einer langweiligen Diskussion zugehört hatte, kam heraus, um frische Luft zu schöpfen und wanderte, angezogen durch die heitere Frische der Luft, bis zu dem naheliegenden Kirchhofe. Hier ging er sinnend auf und ab, als er die Gestalt eines Mannes erblickte, der an einem Grabstein stand, und mit sich selbst zu sprechen schien. Radclyffe sah ihm genau in das Gesicht und erkannte Lord Saltream. Auch der Earl wendete sich plötzlich um und bemerkte Radclyffe. – Ha! sagte er freundlich – hat dieser Platz auch für Sie Reiz? Ich habe mich aus dem Oberhause weggestohlen und blicke auf diese bescheidenen Gräber, um mich mit mir selbst zu versöhnen, daß ich dem Ehrgeize abtrünnig werde. Sehen Sie hier, wie die Unterscheidungen, die wir im Leben machen, noch über das Grab reichen. Innerhalb dieser Mauern dort schlummern die Großen, draußen die Niedrigen, eine Mauer ist die ganze Schranke zwischen der Westminsterabtei und einem Kirchhofe; aber könnten die Todten fühlen, würde es sie nicht mehr freuen, in dem Schooße der grünen Erde, in den Strahlen der freundlichen Sterne zu liegen, als unter der traurigen Last von Steinen und Kalk zu schmachten? Es ist die Täuschung des Lebens – was prächtig ist, glauben wir, müsse auch glücklich gut seyn. Glauben Sie mir, der aristokratische Rang gleicht nur dem Marmordenkmal, auf welches wir falsche Berichte von unserer Würde schreiben, ohne jemanden zu täuschen, noch uns zu erfreuen und wahrlich der Bürger der reinen freien Luft hier draußen ist mehr zu beneiden. Radclyffe verstummte, denn so sprach Lord Saltream sonst nicht. – Ich bin – antwortete er – nicht Ihrer Meinung, daß der niedrigere Stand der glücklichere sey; dies ist ein aristokratischer Sophismus, der unser Gewissen wegen unserer Vortheile beschwichtigt. Wir essen die Leckerbissen des Lebens, ohne uns Vorwürfe zu machen, wenn wir uns nur sagen können: ach der verdammte Kerl, der dort an einer Brodrinde nagt, ist viel besser daran! Aber Sie sind nicht wohl, Mylord – fuhr er fort, seine Hand an Saltreams Stirne legend, der plötzlich schwankte und sich an Radclyffe festhalten mußte. – Mir ist schon besser; es ist seltsam – so – so – so, es geht schon. Radclyffe, haben Sie das Weib gesehen? Die Frau – wie heißt sie doch – nicht ganz wie der Deutsche Historiker, aber es klingt beinahe so – Liehbur, richtig. Gehen Sie zu ihr, und Sie sollen sehen, wie sie Ihrem Schicksal, Ihrem Herzen die Larve abziehen wird. – Sie scherzen! – Scherzen! Freilich, es ist nur ein Scherz. Als ob ich so etwas glauben würde! Radclyffe, sagen Sie mir, hält man mich nicht für wunderlich, exzentrisch? Bin ich nicht anders, wie die gewöhnlichen Menschen? – Das sind die meisten tüchtigen Männer. – Ja, wir büßen unser geringes Talent theuer genug. Die Anstrengung des Geistes zehrt an dem Körper und dann zerfrißt die Übermüdung des Körpers wieder etliche Saiten des Geistes: ich kenne das. Aber jenes Weib hat mir etwas gesagt, was mich verfolgt, mich peinigt. – Saltream erblaßte, seine Lippen zitterten und Thränen stürzten ihm aus den Augen. – Wie meinen Sie das? Sie können nicht so kindisch seyn, Saltream! Diese Betrügerin kann Sie nicht hintergangen haben? Was sagte sie? – Geben Sie Acht – antwortete der Earl flüsternd – ehe ein Jahr um ist, wird es heißen, ich sey toll. Radclyffe war erschüttert und suchte nur den Eindruck, dem Saville's Geist erlag, theils zu beschwichtigen, theils wegzuscherzen. Es schien ihm mit vieler Mühe zu gelingen. – Kommen Sie – sagte Lord Saltream sich nach der Straße wendend – mein Wagen hält dort, wir wollen zusammen zu Lady Erpingham. Ist nicht heute ihr Gesellschaftsabend? – Radclyffe's Züge schienen einen andern Ausdruck anzunehmen; er schwankte, willigte jedoch endlich ein, den Earl zu begleiten. Es waren nur wenige Personen in Erpinghams Hause, und als sie eintraten, war Madame Liehbur das Thema des allgemeinen Gespräches. Lord Saltream beobachtete ein strenges Schweigen. Es wurden so viel Anekdoten erzählt, so viel Falsches mit scheinbar Wahrem vermischt, daß Lady Erpinghams Neugierde rege wurde und sie sich entschloß, bei erster Gelegenheit die neue Cassandra zu besuchen. Godolphin saß von der Unterhaltung entfernt und spielte ruhig Ecarté. Konstanzens Blicke schlichen sich zuweilen zu ihm hin, und wenn sie sich seufzend abwandte, sah sie, daß Radclyffes gedankenvolles Auge auf ihr ruhte, und die stolze Konstanze erröthete, obgleich sie kaum wußte, warum. Sechszehntes Kapitel. Gewalt der Zeit und der Liebe. – Konstanze schwach und gedemüthigt. Um diese Zeit begann der zarte Körper Lady Erpinghams die Folgen eines Lebens zu empfinden, welches, müßig und geschäftig zugleich, am meisten die Kräfte erschöpft. Sie litt an keiner eigentlichen Krankheit, sie hatte keine wirklichen Schmerzen, aber Nachts überfiel sie ein Fieber, dem am folgenden Tag eine matte Schwäche folgte. Sie war melancholisch und niedergeschlagen; die Thränen kamen ihr oft in die Augen, ohne daß sie einen Grund dafür wußte; bei einem plötzlichen Lärm fuhr sie zusammen, ihre Nerven waren angegriffen; eine schreckliche Mahnung, daß die Jugend uns verlassen hat. In Krankheiten erkennen wir, in wie weit wir auf andere rechnen können, besonders wenn das Unwohlseyn jenen unbestimmten und gefährlichen Karakter trägt, wo unsere Umgebung nicht aus Scham oder Schreck zu unserer Pflege getrieben wird, wo die Sorge und die Wartung eine Folge der Sympathie sind, welche wahre tiefe Liebe allein erfüllt. Dieser Gedanke regte sich in Konstanze, als sie eines Morgens allein und in einer Stimmung saß, wo weder Bücher, Musik, noch Vergnügungen die düstern Bilder einer schmerzlichen Erinnerung und eines entmuthigten Daseyns zerstreuen oder erheitern. Ihr gegenüber hing das Bild ihres Vaters, das bereits seit längerer Zeit von Wendover-Castle nach London gebracht worden war, da Konstanze es immer vor Augen haben wollte. Ach, dachte sie, auf das stolze geistvolle Gesicht blickend, welches ihr zugekehrt war, ach, obgleich in einem andern Kreise, ist Dein Loos, Vater, doch auch das meinige geworden: unbelohntes Mühen, verletzte Gefühle, vergessene Opfer; ja, mein Loos ist zum Theil noch härter gewesen, denn Dir ward doch wenigstens in Deiner thätigen, glänzenden Laufbahn ewige Anerkennung und fortdauernder Triumph. Aber ich, ein Weib, das seines Geschlechtes wegen aus dem Kampfe und dem Siege ausgeschlossen ist, habe nur die undankbare Arbeit, über die Belohnungen zu sinnen, welche andere ärndten sollen. Für die erbärmliche Ränke, die elenden Intrigen, das Treiben und Streben, habe ich keine Ehre, für die Demüthigung keine Rache; und doch habe ich für Deine Sache gearbeitet, und könntest Du in mein Herz sehen, so würdest Du mich bemitleiden und mich loben. Als Konstanze ihre Blicke abwendete, sah sie in einen Spiegel, welcher das Bild ihrer erhabenen, aber schon getrübten, schwindenden Schönheit zurückwarf; die matten Augen, die magern Wangen, einige Furchen, verriethen den Lauf der Jahre. Es gibt Momente, wo die Zeit, welche wir vergessen haben, ihre Wirkung uns plötzlich vor Augen hält, wo die Veränderung, die wir nicht beachteten, gespenstisch vor uns auftaucht, und wo wir glauben möchten, diese Furchen hätten sich erst vor einer Stunde in unsere Züge gegraben. Ein solcher Moment kam jetzt für Konstanze; sie erschrak vor ihrem Bild und wendete sich unwillkührlich von dem zu wahren Spiegel ab. Neben ihr auf dem Tische lag ein Medaillon, das Godolphin ihr kurz vor seiner Heirath mit seinen Haaren geschenkt hatte: seine Einfachheit fiel unter den vielen Kostbarkeiten und Juwelen auf, unter denen es lag. Als sie es ansah, flog ihr Herz zu dem Tage zurück, an welchem er, ewige Liebe schwörend, in ihren Armen lag. Ach, ihr glücklichen Tage, seufzte die Verlassene, werdet ihr je zurückkehren! Und sie nahm das Medaillon, küßte es und weinte, von unzähligen Erinnerungen der Vergangenheit erweicht, still vor sich hin. Und doch, sagte sie, nach einer Weile sich die Thränen trocknend, und doch ist diese Schwäche meiner unwürdig. Allein, schwermüthig, krank, an Körper und Geist zerfallen, wie ich bin, nähert er sich mir doch nicht; ich bin ihm nichts, nichts der ganze weiten Welt. Mein Herz, mein Herz, finde Dich in Dein Geschick! Was Du von der Wiege gewesen bist, sollst Du auch bis zum Grabe seyn. Ich habe nicht einmal die Zärtlichkeit eines Kindes zu hoffen, die Zukunft ist nur eine öde Leere. Konstanze kämpfte noch mit diesen Gedanken, als Stainforth Radclyffe, den sie nie abweisen ließ, ihr plötzlich gemeldet wurde. Die Zeit, welche früher oder später die Ausdauer, obwohl mit einer trügerischen Münze lohnt, hatte Radclyffe ein Aufgeld auf künftige Ehre gegeben. Sein Name stand hoch in der Literatur und wurde allgemein geachtet, er war ein Mann, dem Alles eine glänzende Zukunft versprach. Er saß allerdings noch nicht im Parlament, dem großen Kampfplatze, wo in England der Ruf errungen wird, aber nur, weil er sich geweigert hatte, unter den Auspizien irgend eines Gönners einzutreten und seine tiefen, politischen Kenntnisse und sein kühner, ehrgeiziger, hochstrebender Geist fand darum nicht weniger Anerkennung. Die Freundschaft zwischen ihm und Konstanze hatte noch an Innigkeit zugenommen, um so mehr, da sie in ihren politischen Ansichten übereinstimmten, obgleich sie aus verschiedenen Quellen, die ihren aus Leidenschaft, die seinen aus Überlegung entsprangen. Konstanze trocknete schnell ihre Thränen, als Radclyffe sich näherte, und wühlte in den vor ihr liegenden Papieren, um ihre Bewegung zu verbergen. – Sie kommen – sagte sie mit erzwungener Laune – zur guten Stunde, mich in meiner Einsamkeit etwas zu erheitern. Ich habe eben Briefe durchgesehen, die schon so viele Jahre alt sind, daß ich mich wohl erinnern mußte, wie bald ich nicht mehr junge seyn werde: ein Gedanke, der keiner Frau angenehm ist. – Ich kann Ihnen kein Kompliment darauf erwidern – antwortete Radclyffe – aber Lady Erpingham verdient Strafe, daß sie es nur für möglich hält, sei könnte je weniger reizend seyn, als sie ist. – Ach – sagte Konstanze ernst – wie wenig bleibt den Frauen außer dem Triumph der Jugend und Schönheit! Wie ist unser Ehrgeiz in allen andern höheren Gegenständen so gänzlich beschränkt und gefesselt. Der menschliche Geist muß ein Ziel für sein Streben haben; wie kann uns Ihr Geschlecht daher unsere Frivolität vorwerfen, da nur das frivole Streben uns von der Gesellschaft eingeräumt wird? – Und ist Liebe Frivolität? Ist die Herrschaft des Herzens nichts? – Ja – sagte Konstanze energisch – denn diese Herrschaft dauert nicht. Aber wir sind die Sklaven dieser Herrschaft, die wir gründen wollen; wir möchten geliebt seyn und lieben selbst zu sehr. Wir legen unser Alles, unsere Gedanken, Hoffnungen, Gefühle, alle Schläge unseres Herzens an einen Punkt und wenn wir uns aus den Sorgen und Täuschungen des Lebens zurückziehen möchten, so finden wir das Heiligthum uns verschlossen; wir lieben, werden aber nicht mehr geliebt. Konstanze hatte in dem Drang ihrer Empfindung ihr Gesicht aufgerichtet; und ihre thränenfeuchten Augen, ihre glühenden Wangen, und ihre bebenden Lippen erschütterten Radclyffe auf das Tiefste. Er stand unwillkürlich auf; er näherte sich bewegt Konstanze, bezwang aber plötzlich seine Aufregung und murmelte etwas Unverständliches vor sich hin. Nein – sagte Konstanze schmerzlich, kaum auf ihn hörend – umsonst sind wir ehrgeizig. Wir täuschen uns nur, wir sind nicht hart, nicht spröde genug für die Leidenschaft. Man wende sich an unser Gefühl und sogleich tritt unsere Schwäche hervor und ich – ich – wollte Gott, ich wäre eine arme Bäurin und nicht, was ich bin. Konstanze sank, von ihrem bittern Gefühle überwältigt, auf ihren Stuhl zurück und bedeckte sich das Gesicht mit beiden Händen. Konnte ein Mann dies sehen und sich nicht bewegt fühlen? Konnte Radclyffe diesen Mund über dem Mangel an Liebe klagen hören, und nicht die Liebe gestehen, die in seinem eigenen Herzen loderte? Lange, still und kräftig hatte er gegen seine Leidenschaft für Konstanze angekämpft, welche sein häufiger Umgang mit ihr genährt hatte, und welche aus dem Bewußtseyn entsprungen war, daß sie das einzige Weib sey, welches seinem Karakter entspreche und jetzt weinte eben dieses stolze Weib verlassen, vernachlässigt, schmerzvoll über ihre liebloses Schicksal, und er lag nicht zu ihren Füßen! Er sprach nicht, rührte sich nicht, aber seine Brust hob sich schwer, und sein Gesicht war bleich wie der Tod. Es gelang ihm, sich zu beherrschen. Alles in Radclyffe gehorchte dem Idol, das er, schon vor Konstanze, angebetet hatte, alles Gefühl in ihm war, wenn auch feurig, doch auch edel, hochherzig. Die Schärfe seines Verstandes erlaubte ihm keine egoistischen Sophismen; und er hätte eher sein Haupt auf den Block gelegt, als ein Wort von der Liebe verrathen, welche, einmal gestanden, Konstanzens und seiner unwürdig seyn mußte. Es entstand eine Pause. Lady Erpingham erholte sich, beschämt über ihre eigene Schwäche, langsam und schweigend. Endlich nahm Radclyffe das Wort, und seine anfangs zitternde, unsichere Stimme wurde bald bestimmter, ernster. – Nie, Konstanze, werde ich das Geständnis vergessen, welches Ihre Aufregung meiner – meiner Freundschaft anvertraut hat. Ich suche es zu verdienen. Vergessen Sie nicht, meine theure Freundin – daß das Leben zu kurz für Mißverständnisse ist, bei welchen unser Glück betheiligt ist. Sie glauben, daß – daß Godolphin Ihre Neigung zu ihm nicht erwidre. Seyn Sie mir nicht bös, theure Lady Erpingham, ich fühle, daß es unzart ist, diesen Gegenstand zu berühren, aber meine Theilnahme für Sie macht mich kühn. Ich kenne Godolphins Herz; er mag leichtsinnig, unaufmerksam seyn, aber er liebt Sie so heiß als je, er liebt Sie von ganzem Herzen. Konstanze hörte, so gedemüthigt sie war, ihn mit athemloser Erwartung an; ihre Wangen waren mit glühender Röthe überzogen, und diese Röthe war für Radclyffe zugleich eine Marter und eine Belohnung. – In diesem Augenblicke – fuhr er mit erzwungener Ruhe fort – in diesem Augenblicke klagt er über eben diese Kälte bei Ihnen, welche Sie ihm vorwerfen. Verzeihen Sie mir, Lady Erpingham: Godolphins Natur ist ungewöhnlich, anspruchsvoll, wunderlich. Haben Sie sie auch hinreichend ergründet, erwogen? Nehmen Sie Rücksicht darauf, suchen Sie ihr zu genügen, und wenn seine Liebe Ihnen lohnen kann, so werden Sie diesen Lohn erhalten. Gott segne Sie, theuerste Lady Erpingham! Radclyffe eilte aus dem Zimmer. Siebenzehntes Kapitel. Konstanze macht eine Entdeckung, die sie über Godolphins Wesen aufklärt. Wenn Konstanze auch sich, oder vielmehr ihren erschütterten Nerven, ihrer zunehmenden Schwäche bittre Vorwürfe darüber machte, daß sie vor einem Fremden, und noch dazu vor einem Manne verrathen habe, wie sehr ihr Glück von dem Herzen ihres Gatten abhinge, wenn auch ihr Gewissen es schnell tadelte, daß sie einem Andern ihre häuslichen Beschwerden mitgetheilt hatte, so konnte sie doch auf der anderen Seite das lebhafte Entzücken nicht bemeistern, mit welchem sie sich die Worte zurückrief, die ihr so feierlich Godolphins Liebe zusicherten. Sie hatte einen festen Glauben an Radclyffes Scharfblick und Aufrichtigkeit und wußte, daß er weder täusche, noch leicht getäuscht werden konnte; hatte sie auch wirklich Godolphins Natur genug erforscht, sich ihr genug gefügt? Hatte Sie, selbst vernachlässigt, nicht Gleiches mit Gleichem erwidert? Daß Radclyffe, der alte, strenge Radclyffe etwas mehr wie Freundschaft für sie empfinde, fiel ihr im Traum nicht bei und die bloße Vermuthung hätte ihn auf immer aus ihrer Nähe verbannt. Und obgleich es Radclyffe in seiner glänzenden, unternehmenden Jugend nicht an den Künsten gefehlt hatte, welche bei den Frauen selbst Haß in Liebe verwandeln können, so hätten doch hundert mal stärkere Zauberkräfte ihm nichts bei Konstanze genutzt. Konstanze schwelgte in süßen Erinnerungen. Ihr Herz dachte zurück an ihre erste Liebe in den Schattengängen von Wendover, an das erste Geständnis des schönen, enthusiastischen Jünglings, als er an ihrem Altare einen Genius, ein Herz darbringen wollte, das Früchte tragen konnte, welche die Indolenz des späteren Lebens, die Lethargie der getäuschten Hoffnung vor der Zeit vernichtete. Wenn er jetzt taub war gegen die von ihr so hoch gestellten Lebensprinzipien, so war sie ja gewissermaßen selbst Schuld daran. Hatte es nicht einen Tag gegeben, wo er zu arbeiten, zu streben, die Richtung seines Geistes, um einer Verbindung mit ihr willen, zu opfern gelobt hatte? Hatte sie auch Recht, daß sie sich so streng an ihres Vaters Sterbeworte hielt? Sie blickte um Antwort nach ihres Vaters Bilde und zum erstenmale schien ihr dies kühne, beredte Gesicht kalt und stumm sie anzusehen. Stunden vergingen mit diesen Betrachtungen und Mitternacht kam, ohne daß Konstanze ihr Zimmer verließ. Sie schellte ihrer Kammerfrau und fragte, ob Godolphin zu Hause sey. Er war vor einer Stunde gekommen und hatte sich, über Müdigkeit klagend, zur Ruhe begeben. Konstanze entließ die Dienerin und schlich sich in sein Gemach. Er schlief bereits; sein Kopf ruhte auf seinem Arme und sein schönes Haar fiel wild über das Gesicht herab, das sich jetzt unter dem Einfluß eines Traumes bewegte. Konstanze stellte das Licht zurück und setzte sich neben ihn und bewachte seinen Schlaf, der, wenn er ihn auch schnell befallen hatte, doch unruhig und bewegt war. Zuletzt sprach er vor sich hin. – Ja, Lucilla – sagte er – ja, ich sage Dir, Du bist gerächt. Ich habe Dich nicht vergessen! Ich habe es nicht vergessen, daß ich Dich betrogen, verlassen habe! Aber war es meine Schuld? Nein, nein. Und doch habe ich darum nicht weniger es zu vergessen gesucht. Diese elenden Ausschweifungen, diese frostigen Vergnügungen sind sie nicht Dein Werk? Und nun kommst Du – Du – o – laß – verschone mich! Erschrocken zog sich Konstanze zurück. Das war ein neuer Schlüssel zu Godolphins jetzigem Leben, zu seinem Durste nach Vergnügungen. Hatte er wirklich die Qualen des Gewissens zu fliehen gesucht? Statt ihn mit der Vergangenheit auszusöhnen, hatte sie ihn also allein dem Kampfe mit bitteren Gedanken überlassen und die Aufopferung der Aufgegebenen in ein helleres Licht gegen die Gleichgültigkeit der Gewonnenen gesetzt? Sie schlich sich in ihr Zimmer zurück, um sich still mit ihrem Herzen zu berathen. – Mein theurer Percy – sagte sie am nächsten Tage, als er nachlässig vor seinem Ausreiten in ihr Boudoir trat. – Ich habe Dich um etwas zu bitten. – Wer hat je Lady Erpingham etwas abgeschlagen? – Du wenigstens gewiß nicht. Aber ich habe eine große Bitte. – Sie ist gewährt. – Ich wünsche, daß wir den Sommer in –shire verbringen. Godolphins Stirn umzog sich. – In Wendover, Konstanze? – sagte er, nach einer Weile. – Wir sind seit unserer Heirath noch nicht da gewesen – sagte Konstanze ausweichend. – Hm! Wie Du willst. – Es war der Ort, Percy, wo Du mir zuerst Deine Liebe gestandest. Die Betonung dieser Worte schlug die rechte Saite in Godolphins Brust an; er blickte auf und sah, daß ihre thränenschweren Augen auf ihn gerichtet waren. – Konstanze – sagte er ergriffen – wer hätte gedacht, daß Dir diese Erinnerung noch werth sey? – Ach, wie kann ich sie je vergessen? Damals liebtest Du mich! – Und ich wurde verworfen. – Oh, ich glaube jetzt, daß ich Unrecht hatte. – Nein, Konstanze, Du hattest Unrecht, daß Du, um Deines eigenen Glückes willen, mich nicht zum Zweitenmale verwarfst. – Percy! Konstanze! – Dieses Wort wurde mit einem Ausdrucke gesprochen, welcher Konstanzen ermuthigte. Sie warf sich an Godolphins Brust und flüsterte: Habe ich Dir weh getan, so vergib mir; laß uns einander wieder seyn, was wir waren. Eine solche Sprache in dem Munde eines Weibes, bei dem so zärtliches, schmachtendes Flehen nicht gewöhnlich war, mußte Godolphin erschüttern. Er drückte sie fest an sich und küßte sie leidenschaftlich und sagte: – Sey immer so, Konstanze, und Du wirst mir mehr sein, als je. Achtzehntes Kapitel. Lord John Russel legt die Bill vor. Diese Versöhnung war nicht von so kurzer Dauer, wie dies gewöhnlich zu sein pflegt. Es gibt ein Chinesisches Sprichwort, welches sagt: »Wie nahe sind sich zwei Herzen, wenn kein Falsch zwischen ihnen ist;« und da dieses Mißverständnis zwischen ihren gegenseitigen Gefühlen entfernt war, so wurde ihnen ihre Neigung erst offenbar. Und Konstanze, die sich ihren frühern Stolz vorwarf, legte in ihr Benehmen gegen ihren Gatten eine solche hingebende Zärtlichkeit, wie er sie gerade am meisten sich bei ihr gewünscht hatte, und die ihn daher auch am stärksten zu ihr hinzog. Um diese Zeit brachte Lord John Russel seine Reformbill vor das Parlament. Lady Erpingham saß in dieser denkwürdigen Nacht auf der Gallerie des Unterhauses; alle ihre Gefühle machten, wie es Andern auch erging, zuerst dem des Staunens Platz. Sie ging nach Hause und eilte in Godolphins Bibliothekzimmer. Den Kopf auf die Hand gestützt, war dieser sonderbare Mensch, mitten unter den Ereignissen, welche Europa erschütterten, jetzt mit den alten Spitzfindigkeiten Spinozas beschäftigt. Mit der Zutraulichkeit neu erwachter Liebe legte sie ihre Hand auf seine Schulter und erzählte ihm mit schnellen Worten die Nachricht, welche auf dem Wege war, ganz England aufzuregen und zu erfreuen. – Wird es Dir Freude machen, liebe Konstanze? – sagte er freundlich – Ist es ein Schlag für die Oligarchie, welche Du hassest und ich bemitleide? Oder wird es sie durch Preisgebung des Gehässigen retten? Wird das Abschneiden des Geschwulstes das Ganze erhalten oder tödten? – Erhalten, wenn die Reform dabei stehen bleibt, tödten, wenn der Zeitgeist, der jetzt mehr Spielraum erhält, schneller in seinem Lauf dahin stürzt. O Vater! Wollte Gott, Du hättest diesen Tag gesehen! Eben dieses System, dieses Gönnersystem beugte ihn und rieb ihn auf, brachte ihn um. Und jetzt soll ich es zerstört sehen! – So willst Du also in Ernst zu den Whigs übergehen, Konstanze? – Ja, denn ich werde dort die Wahrheit und das Volk finden. Godolphin lachte über diese Französische Übertreibung, aber Konstanze verzieh ihm. Die Londoner Damen waren ziemlich getheilt über die Verdienstlichkeit der Bill. Konstanze war die erste, welche sich für sie erklärte. Dies überraschte sowohl Whigs als Torys, aber man betrachtete sie als eine wichtige Verbündete, so wichtig, als eine Frau es seyn kann. In ihrem Auge funkelte wieder ein neues Leben, ihr Schritt war stolzer, ihre Stirn heiterer. Es war die glücklichste Zeit ihres Lebens; sie war glücklich in der Erinnerung ihrer Liebe, glücklich in dem nahenden Triumph ihres Hasses. Neunzehntes Kapitel. Die Wahrsagerin. In Leicester Square steht ein altes, finsteres Haus, in welchem damals die geheimnisvolle Madame Liehbur wohnte. Es war schon Nachmittag und sie saß allein in ihrem Gemache, welches durch Vorhänge gegen das Eindringen der Sonnenstrahlen geschützt war. In dem großen Zimmer war kein Zeichen von der trugvollen Kunst, welche sie übte. Ein paar Deutsche Bücher lagen auf dem Tisch neben ihr, aber sie enthielten neue Poesien, nicht veraltete Systeme. Die Schwärmerin starrte vor sich hin und schien den Gedanken zu folgen, welche bereits seit Jahren ihre sichere Richtschnur verloren hatten: ihr Kopf war ein ödes, von seinem Herrn verlassenes Haus, in dem fremdartige Geister ihren spukhaften Sitz aufgeschlagen hatten. Auch konnte man sich kein Gesicht denken, das besser zu dem Karakter paßte, welchen das seltsame Weib angenommen hatte. Die dunklen Locken theilten sich über einer Stirn, auf welcher die hervorragenden Schläfen dem Schädellehrer das Übergewicht verrathen hätten, welches die träumerische Phantasie über die ernsteren Geisteskräfte übte. Ihre Augen hatten den tiefen Ausdruck, den feurigen Glanz, welcher so sehr auf den Zuschauer wirkt, weil er von den Gedanken spricht, welche nicht dieser Alltagswelt angehören und weil er die Scheu, Ehrfurcht und Schwermuth einflößt, welche jeden ankommt, der einem Wahnsinnigen gegenüber steht. Ihre Züge waren edel, und von dem schönen Griechischen Ebenmaß, mit welchem der Maler die Sybilla malt; aber die Wangen waren eingefallen, und auf ihrer Marmorblässe trat ein einzelner brennender Fleck hervor; ihre Lippen dagegen waren noch voll und roth und zeigten durch ihre zitternde Beweglichkeit häufig die schimmernd weißen Zähne, welche zwar die Schönheit des Gesichts vollendeten, aber doch auch den schrecklichen Eindruck ihrer glühenden Augen und die geheimnisvolle Wirkung ihres plötzlichen und düsteren Lächelns erhöhten. Wenn ihr Gesicht ruhig war, so konnte man sehen, daß ihre Gesundheit zerrüttet war, und daß sie nicht lange mehr auf einer Welt zu wandeln hatte, auf der ihre Seele bereits keine Heimath mehr hatte; aber so wie sie sprach, rötheten sich die Wangen, und der schnelle, glänzende Wechsel ihrer Züge täuschte das Auge und verbarg die Verheerung des Wurmes, der an ihrem Innern nagte. – Ja – sagte sie endlich, und zwar in einem Englisch, aus dem etwas von einem fremden Accent herausklang – ja ich bin in seiner Stadt, einige Schritte von seinem Hause, ich habe ihn gesehen, ihn gehört. Nacht für Nacht, im Regen und im Wehen der schneidenden Winde, bin ich zu seiner Wohnung gewandelt. Und ich hätte meine Stimme erheben und eine Prophezeihung erschallen lassen können, die ihn aus seinem Schlummer geweckt hätte, wie die Posaune des jüngsten Gerichtes! Aber ich erstickte den Ruf meiner Seele und schwieg. O Gott, was habe ich gesehen, gefühlt, erfahren, seit ich zuletzt ihn gesprochen habe! Aber wir werden uns wieder treffen, und ehe das Jahr seinen Kreislauf vollendet, werde ich den Kuß seiner Lippen fühlen und sterben. Sterben! Welche Ruhe, welche Wonne liegt in diesem Worte! Die brennende Last dieser schrecklichen Wissenschaft, welche ich auf mich geladen, fällt von mir; das Gedächtnis schwindet; Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist gebannt, und es folgt ein langer Schlaf mit den glänzenden Träumen eines sanften Himmels und seiner Gegenwart. Die Thür ging auf und ein schwarzes Mädchen von ungefähr zehn Jahren in ihrer Mohrentracht, meldete die Ankunft eines neuen Besuchers. Das Gesicht der Madame Liehbur nahm auf einmal den Ausdruck kalter, gelassener Ruhe an; sie befahl den Fremden hereinzuführen und gleich darauf erschien Stainforth Radclyffe. – Du verkennst mich und meine Kunst – sagte die Wahrsagerin – ich mische mich nicht in die Pläne und Intriguen der Weltleute; ich enthülle nur die Wahrheit. – Pah! – sagte Radclyffe – dieses Geschwätz kann mich nicht täuschen; Sie üben Ihre Kunst für Geld, ich verlange Eine Probe davon und Sie mögen Ihren Lohn dafür verlangen. Wir wollen nach der Weise dieser Welt sprechen und die der andern den Thoren überlassen. – Und doch – sagte sie sinnend – hast auch Du Kummer gekannt, und die, welche selbst gelitten, sollten milder von einander denken. Willst Du meine Künste erst selbst erproben, ehe Du sie für andere begehrst? – O ja, wenn Du meinen Träumen die Todten zurückgeben kannst. – Ich kann es – antwortete die Prophetin ernst. Radclyffe lachte bitter. – Weg mit dem Unsinn; oder wenn Du mich überzeugen willst, so rufe die Erscheinung, die ich zu sehen wünsche. – Und glaubst Du, eitler Mann – erwiederte die Fremde stolz – ich mache auf das Vermögen, von dem Du sprichst, Anspruch? Ich kann es allerdings, aber nicht wie die alten Betrüger, die sich an plumpe äußere Beschwörungen hielten, eine Zauberkraft, die nur sie allein übten. Ich vermag die Todten Dir vorzuführen, aber Du selbst mußt auf Dich wirken. – Possen! Was muß ich thun? – Willst Du drei Tage fasten, Dich drei Nächte des Schlafes enthalten und mich dann wieder besuchen? – Nein, schöne Zauberin, eine solche Vorübung machen, hieße zuviel von einem Neophyten verlangen. Drei Tage ohne Speise, drei Nächte ohne Schlaf? Dann werden Sie mich selbst von den Todten zu wecken haben. – Und kannst Du – sagte die Wahrsagerin mit großer Würde – und kannst Du hoffen, Du seyst einer Offenbarung aus einer höhern Welt würdig, die Riegel der Gräber würden sich aufthun und ihre fürchterlichen Schätze zeigen, und die Todten ins Leben zurückkehren, wenn Du anstehst, Dein Fleisch zu kreuzigen und die irdischen Banden zu lockern, welche Deinen Geist fesseln und bannen? Ich sage Dir, daß nur, wenn die Seele sich von ihrem Körper losmacht, der innere reine Geist erwachen und das volle Bewußtseyn des Unsichtbaren und Göttlichen auf sie herabsteigen kann. – Und was – fragte Radclyffe, den mehr die Stimme und Erscheinung der Frau, als ihre Worte befangen machten – was würden Sie dann thun, wenn ich mich der Posse unterwerfe? – Ich würde die nackten Nerven jener großen Kraft, welche Du die Einbildung nennst, bis zu ihrer äußersten Empfindlichkeit, selbst bis zur Qual, erwecken, jene Kraft, welche bei Träumen und Visionen herrscht, welche in den Herzen der Melodien lebt, welche die Weisen des Orientes begeisterte und im Sturm und Ungewitter zuerst die Begriffe von einem Gott erzeugte, jener Kraft, welche dem Geiste ist, was die Gottheit dem Universum – die Schöpferin Alles, was da ist. Diese Kraft würde ich aus ihrem gewöhnlichen Schlummer wecken, in dem sie mit eingezogenen Schwingen ruht, und nur durch vereinzeltes Auffahren, durch kurze Bewegungen ihr Leben verräth, und durch diese Kraft würdest Du sehen, fühlen, erkennen und bestehen. So daß es wäre, als ob der Körper nicht existirte, als ob Du schon ganz geistig, ganz Seele wärest. So würdest Du im Leben lernen, was Dir nach dem Tode bevorstehen mag, und so mag die Seele schon jetzt mit der Seele verkehren, die Vergangenheit beschwören und vorherwissend auf dem dunklen Strom der Zukunft hineilen. Ein kurzes, flüchtiges, aber theuer erkauftes Vorrecht. Sey weise, und zweifle daran, sey glücklich, und lache dazu. Radclyffe fühlte sich wider Willen durch die feierliche Neuheit dieser Sprache und die tiefe Schwermuth ergriffen, mit welcher die Prophetin diese Worte fallen ließ. – Und wie – sagte er nach einer Pause – wie und durch welche Kunst werden Sie dann die Einbildungskraft wecken? – Frage nicht, ehe die Zeit zur Prüfung gekommen ist. – Aber können Sie sie in jedermann wecken? Bei dem Stumpfsinnigen, Materiellen – so gut als bei dem Geistvollen, dem Enthusiasten? – Nein! Aber der Stumpfsinnige, Materielle wird auch die Probe nicht bestehen. Wenige außer denen, welchen das Schicksal große Rollen in dem Drama des Lebens zutheilt, kommen je zu dem Punkte, wo ich ihnen die Zukunft lehren kann. – Meinen Sie damit, daß sich Ihre Hauptanhänger unter den Großen befinden? Verzeihen Sie mir, aber ich glaubte, die Abergläubischen fänden sich fast immer unter den Unwissenden, den Menschen von niederer Geburt. – Ja; sie befragen aber nur den, der ihrer Leichtgläubigkeit imponirt, ohne, wie ich, strenge Opfer an Zeit und Genüssen zu verlangen. – Die Kühnen, Entschlossenen, deren Geist auf große Dinge, und stolze Träume gerichtet ist, das sind Männer, welche die Reize des Augenblicks verschmähen, welche begierig sind, die ferne Zukunft zu durchschauen, welche wissen, wie sehr ihre Laufbahn, nicht durch Genie, sondern durch irgend ein seltsames Zusammentreffen von Ereignissen, oder eine geheimnisvolle Einwirkung des Geschicks geordnet wird. Die Großen sind immer glücklich und darum forschen sie am meisten nach den Beschlüssen des Glückes. Der Einfluß, welchen der Enthusiasmus, sey er falsch oder begründet, auf uns ausübt, ist so groß, daß selbst der Scharfsinnige, feste Radclyffe, der mit der tiefsten Verachtung gegen die Wahrsagerin in das Zimmer getreten war, und sich zum Theil von dem Wunsche, die Schwäche Lord Saltreams eben so zu heilen, wie sie entstanden war, zum Theil durch die ihm eigenthümliche Forschungssucht dazu hatte verleiten lassen, zu überlegen anfing, ob er der in ihm erregten Neugierde nachgeben und sich der vorläufigen Buße unterwerfen sollte, welche die Prophetin verlangte. Die Frau fuhr fort: – Die Sterne, das Clima und der Mondeswechsel haben Einfluß auf uns. Und warum auch nicht! Wirken sie nicht auch auf die übrige Natur? Aber wir können ihre erhabenen und verborgenen Geheimnisse nur enthüllen, wenn wir dem schöpferischen Geiste Freiheit geben, welcher zuerst uns ihr Grundwesen gelehrt hat, und welcher, einmal von der Erde erlöst, die Macht haben wird, ihre glänzenden Gefilde zu durchschreiten. Wisse denn, daß die Einbildungskraft und die Seele nur Eins und unteilbar ist. Auf diesem Satze beruht meine ganze Lehre. – Und welche andere Vorübungen müßte ich machen, wenn ich Ihrer Lehre folgte? – Hast Du Dich erst verpflichtet, sie zu übernehmen, sage ich Dir mehr. – Ich verpflichte mich. – Willst Du es beschwören? – Ich schwöre. Die Wahrsagerin erhob sich – und – Zwanzigstes Kapitel. Ahnung. An demselben Abend trat Konstanze in Godolphins Zimmer, der bleich, erschüttert und beinahe bewußtlos sich gegen die Wand lehnte. – Guter Gott, Du bist krank – rief sie und schlang ihren Arm um seinen Nacken. Er sah sie lang und nachdenkend an und athmete schwer, bis er sich endlich ganz erholte und niedersetzte. Nach einer Weile ergriff er Konstanzens Hand und sagte: – Höre mich, Konstanze. Meine Gesundheit, fürchte ich, ist gebrochen; ich werde durch schreckliche Bilder gequält, ein magischer Einfluß verfolgt mich. Mehrere Nächte hat mich, vor dem Einschlafen, ein kaltes Zittern geschüttelt, das Haar sträubte sich mir und mein Blut schien zu erstarren. Ich versuchte zu sprechen, zu schreien, aber meine Zunge klebte mir am Gaumen und ich fühlte, daß ich keine Gewalt über mich habe. Plötzlich und mitten in diesem Todeskampfe versank ich in schweren Schlaf, aber dann stiegen wüste Träume auf, in denen die Tochter Volktmanns die Hauptrolle spielte, aber ihr Gesicht ist verändert, ruhig, unbewegt, und es starrt mich an, mit Augen, die mir in der Seele brennen. Der Traum verschwindet, ich erwache, aber ermattet, erschöpft. Ich habe Ärzte um Rath gefragt, Medizin genommen, aber ich kann den Zauber nicht brechen, die Angst und die Träume nicht verscheuchen. Und jetzt eben, Konstanze, jetzt eben – Du selbst, das Fenster nach der Straße ist offen, das Gartenthor ist unverschlossen – ich schlug die Augen auf und oh, in trübem Mondlicht blickte mich das Gesicht meiner Träume, das Gesicht Lucillas an, aber wie war es verändert! Barmherziger Himmel! ist es ein Trug, oder wäre Lucilla wirklich in England? Stehen diese Träume, diese Schrecken, in Verbindung mit der geheimnisvollen Sympathie, welche uns immer verband, und welche nach der Verkündigung ihres Vaters erst mit unserem Leben enden sollte? Godolphin zeigte so selten seine Bewegungen und hier waren sie so heftig, daß es Konstanzen an Muth fehlte, sie zu beschwichtigen, zu zerstreuen: sie war selbst bestürzt, erschüttert und blickte voll Furcht nach dem Fenster, die Erscheinung könnte sich wieder zeigen. Aber draußen war alles still, kein Blatt rührte sich, keine menschliche Gestalt war zu sehen. Sie wendete sich wieder zu Godolphin, küßte die Tropfen von seiner Stirn und preßte seinen Kopf an ihre Brust. – Ich habe eine Ahnung – sagte er – daß bald etwas Schreckliches geschehen wird. Ich fühle etwas, als ob mir eine große Krise des Lebens bevorstünde, und als ob ich aus der hellen sichtlichen Welt in die dunklen Regionen übergehen müßte. Konstanze, es verfolgen mich fremdartige Zweifel über die Wahl meines verflossenen Lebens. Ich habe nur die Gegenwart gesucht, ich habe den Ehrgeiz und die Arbeit mir verschworen und die Zukunft verlacht; meine Hand hat nach den Rosenblättern gegriffen und sie sind mir in der Hand verwelkt. Meine Jugend entflieht und was hätte ich thun können, wenn ich einem anderen Glauben gefolgt wäre! Doch still davon! Meine Nerven sind angegriffen und ich spreche wie ein Thor. Leihe mir den Arm, Konstanze, wir wollen in den Saal gehen und uns Musik bestellen. Im Laufe des Abends sprach Lord Saltream auf seinem Wege nach dem Oberhause bei Godolphin an. Der Trübsinn Beider zog sie zu einander hin; sie näherten sich dem beinahe erloschenen Feuer und sprachen über Dinge, die für die gewöhnliche Welt zu ernst gewesen wären. Lord Saltream erzählte von der Madame Liehbur, ihrem Gespräch, dessen Wirkung auf ihn, dem Zauber, mit welchem sie auf seine Phantasie gewirkt hatte und dessen Natur er nie offenbaren zu wollen geschworen hatte, von der düstren Zukunft, welche ihm enthüllt worden. Dabei schauderte er und theilte Godolphin die gräßliche Verkündigung mit, die er auch Radclyffe bereits bekannt hatte. Godolphin hörte ihm mit tiefem Interesse zu; seine ewige nächtliche Qual, die Erscheinung am Fenster, alles regte eine abergläubische Stimmung in ihm an. Konstanze saß daneben und sagte nichts, obgleich sie sich mit Schmerz wunderte, wie ein solcher Eindruck auf einem Mann von solchem Geiste möglich sey. Lord Saltream war einer der politischen Pessimisten; er glaubte, das Land stände am Rande einer furchtbaren Revolution, er war überzeugt, daß die durch die Meinung erwartete Veränderung nur die Folge von Gewaltthätigkeiten seyn würde. – Es ist auffallend – sagte er – daß, selbst in neuen aufgeklärten Zeiten, sobald sie von Unruhen bewegt sind, es einen Ueberfluß an Schwärmern und Propheten gibt, daß sie selbst unter den ernstern forschenden Geistern Proselyten machen. Bei der Revolution, welche das Haus Braganza auf den Thron von Portugal brachte, sehen wir, wie die dunkelsten Theorien Mode werden und selbst die Anführer leiten. In Frankreich kamen mit dem ersten Ausbruche der Revolution alle Arten von Prophezeiungen zum Vorschein; eine fanatische Sekte gab vor, sie lehre die Zukunft und zählte zu ihren Anhängern einige der späteren Hauptpersonen dieser schrecklichen Tragödie. Selbst vor dem Fall Napoleons kamen ähnliche Ausgeburten in Mode und die verwirrtesten Spekulationen gingen Hand in Hand mit der schlagenden Wahrheit. Blicken Sie auf unseren Bürgerkrieg gegen Karl I. zurück und erinnern Sie sich des unendlichen Aberglaubens, welcher in jener stürmischen Zeit auftauchte und jetzt wo, wie es auch enden möge, eine große Veränderung in Meinungen und Systemen unseres Landes bevorsteht, werden vernünftige, ruhige, nachdenkende Menschen, wie wir, von einem Aberglauben ergriffen, von dem wir früher keinen Gedanken hatten, und der uns jetzt bis ins Innerste erschüttert. Es ist, als ob die Gährung und Aufregung des allgemeinen Geistes auch in kleinen individuellen Kanälen brauste, und zu gleicher Zeit die gewaltige Eiche und den bescheidenen Halm aus seiner Ruhe risse. Mit solchen, durch Anekdoten gemischten Gesprächen, verging der Abend. Konstanze wachte die ganze Nacht bei Godolphin und merkte mit stummem Entsetzen auf die Zuckungen, welche seinen Schlaf störten, auf den Schaum, der sich um seinen Munde sammelte, auf den Schrei, den er ausstieß. Aber sie fühlte sich belohnt, als er beim Grauen des Tages erwachte, den Blick zu ihrem besorgten zärtlichen Auge aufschlug, an ihre Brust stürzte und den himmlischen Segen für ihre Liebe herabflehte. Ein und zwanzigstes Kapitel. Konstanze und die Wahrsagerin. Konstanze fühlte einen sonderbaren Verdacht in sich aufkeimen, und sie beschloß, um Godolphins Willen, ihm nachzuspüren. Sie warf ihren Mantel um, setzte eine große entstellende Haube auf und begab sich in das Haus der Madame Liehbur. Das Mohrenmädchen öffnete Konstanze die Thür, und ihr seltsamer Anzug, ihre Afrikanischen Züge, die noch durch lange schimmernde Ohrringe gehoben wurden, schienen der Lady Erpingham, die ein Lächeln nicht unterdrücken konnte, zu den übrigen Scharlatanereien der Wahrsagerin zu gehören. Sie antwortete auf Lady Erpinghams Frage nur durch ein Zeichen, daß sie verstanden habe, sprang dann gewandt die Treppe hinauf und führte Konstanze in ein Vorzimmer, von wo sie nach wenigen Minuten Zulaß zu dem Gemach der Madame Liehbur erhielt. Die Wirkung, welche die persönliche Schönheit der Prophetin auf alle, welche sie sahen, hervorbrachte, sprach auch aus dem staunenden Blick der Lady Erpingham. Sie beugte ihr stolzes Haupt mit unwillkürlicher Scheu, und nahm den Platz ein, welchen ihr die Schwärmerin anwies. – Und was – sagte die Wahrsagerin mit dem fremden Klange ihrer weichen Stimme – was bringt Dich hieher? Möchtest Du die Gabe gewinnen, oder hast Du sie verloren, sie, welche unser armes Geschlecht so hoch über ihren Werth schätzt? Möchtest Du von Liebe mit der Deuterin der Träume, mit der Priesterin der Zukunft sprechen? Während Madam Liehbur feurigen Blickes sprach, betrachtete die Gräfin durch ihren Schleier das schöne Gesicht vor ihr, verglich es mit der Beschreibung, welche Godolphin von der Tochter des Bildhauers gemacht hatte, und ihr Argwohn wurde nur bekräftigt. – Ich suche nicht, was Sie meinen – sagte Konstanze – obgleich ich, wenn auch ohne bestimmten Punkt, doch Sie über die Zukunft befragen möchte. Es sucht jeder gern in diese dunkeln, unsren Blicken entzogenen Klüfte zu dringen, welche Ihrer Macht unterworfen seyn sollen. – Deine Stimme ist sanft, aber befehlend, und Dein Wesen ist stattlich, wie einer, die an Höfen gelebt hat. Lüfte den Schleier, damit ich in Dein Angesicht blicke und aus seinen Zügen das Schicksal lese, welches Dein Karakter für Dich geschaffen hat. – Ach – antwortete Konstanze – das Leben verräth wenig von seinen vergangenen Ereignissen durch äußere Zeichen. Wenn Sie keine höhere Kunst besitzen, als die auf den Linien des Gesichtes beruhen, so werde ich bleiben, was ich bin, eine Zweiflerin an Ihrer Macht. – Die Stirn, die Lippen und die Augen und der ganze Ausdruck, sind keine so trüglichen Merkmale, als Du glaubst. – Dann will ich aus diesen Zeichen Ihr eigenes Schicksal lesen, wie Sie das meinige lesen möchten. Die Sybille fuhr zusammen und wehrte ungeduldig mit der Hand ab; aber Konstanze fuhr fort: – Sie sind unter einem südlichen Himmel geboren; Sie wurden auferzogen unter den Trugbildern, welche Sie jetzt lehren; sie wurden geliebt, verlassen; Sie sind in dem Vaterlande Ihres Geliebten. Ist es nicht so? Bin ich nicht auch ein Orakel? Die geheimnisvolle Frau sank zurück auf ihren Stuhl; ihre Lippen erbleichten, ihre Hände ballten sich, ihr Auge starrte auf ihren Gast. – Wer sind Sie! – rief sie endlich mit gellender Stimme. Wer von meinem Geschlecht kennt meine unselige Geschichte? Sprechen Sie! Sagen Sie mir mehr. Überzeugen Sie mich, ob Sie bloß zufällig mein Geheimnis erraten haben, oder ob Sie ein Recht haben, es zu wissen. – Verließ nicht Ihr Vater – fuhr Konstanze mit dem schwärmerischen Ausdrucke fort, den sie der, mit welcher sie sprach, entlehnte, seine kalte Heimath, um sie mit dem blauen Himmel Roms zu vertauschen? Und klingt nicht der Name Percy Godolphins noch in den Ohren Lucilla Volktmanns? Die Wahrsagerin stieß einen lauten Schrei aus und sank leblos zu Boden. Bestürzt und ihre Vorschnelligkeit bereuend, eilte Konstanze zu ihrem Beistande herbei. Sie hob das arme Geschöpf auf, welchem sie unbewußt so bitteres Weh bereitet hatte; sie machte ihr das Kleid auf und bemerkte, daß sie um den Hals ein breites elfenbeinernes Band trug, auf welchem sich viele seltsame Zeichen und Bilder befanden. Dieser Beweis, daß die Prophetin nicht bloß andere, sondern auch zunächst sich selbst täuschte, rührte die Gräfin. Während sie Lucilla's Schläfe rieb, trat die Mohrin, welche den Schrei vernommen hatte, in das Zimmer. Sie schien erstaunt und erschrocken über den Zustand ihrer Gebieterin und ergoß sich in einer Konstanzen unbekannten Sprache, in eine Fluth von Ausrufen, welche ein Gemisch von Klagen und Vorwürfen schienen. Sie ergriff Lady Erpingham's Hand, schleuderte sie unwillig zurück, legte das bleiche Gesicht Lucillas an ihre Brust und bedeutete Lady Erpingham sich zu entfernen, aber Konstanze, die das Gehorchen wenig verstand, blieb neben der noch immer bewegungslosen Lucilla, welche erst spät und langsam und mit schweren Seufzern zum Leben und Bewußtseyn erwachte. Während die Gräfin Lucilla beisprang, hatte sie ihren Schleier bei Seite geworfen und die Augen der Wahrsagerin öffneten sich, um eine Schönheit zu sehen, die, einmal erblickt, nicht mehr zu vergessen war. Unwillkürlich schloß sie die Augen wieder und stöhnte laut; schnell aber sammelte sie all ihren Muth, zog ihre Hand aus der Konstanzens und befahl ihrer Mohrin, sie wieder zu verlassen. – Also Percys, Godolphins Weib, sagte Lucilla nach einer Pause, sein Englisches Weib ist es, welches gekommen ist, die gefallene, entehrte Lucilla zu sehen, und doch – fügte sie hinzu, indem ihre Stimme eine unbeschreibliche, schmerzliche Weichheit annahm – und doch habe ich an seinem Herzen geruht und war ihm theuer und heilig, wie Du. Geh, stolze Lady, geh. Überlasse mich meinem Wahnsinne, meinem Unglück, meiner Einsamkeit. Geh! – Theure Lucilla – sagte Konstanze herzlich, indem sie wieder ihre Hand zu ergreifen suchte – stoßen Sie mich nicht von sich zurück. Ich habe lange an Ihrem edlen, obgleich irrenden Herzen, an ihrem harten, bitteren Unglück Theil genommen. Betrachten Sie mich als eine Freundin, als eine Schwester. Lassen Sie sich bewegen, dies sonderbare, unstete Leben aufzugeben, wählen Sie sich selbst eine Heimath; ich bin reich, und was Sie wünschen, soll Ihnen zu Gebote stehen. Er soll nichts mehr von Ihnen erfahren, Sie müßten denn, um die Gewissensbisse zu beschwichtigen, welche die Erinnerung an Sie noch in ihm erweckt, selbst mit Ihrer eigenen Hand ihm anzeigen wollen, daß Sie wohl sind, und Ihre frühere Verzeihung nicht widerrufen. Kommen Sie, theure Lucilla – setzte die hochherzige Konstanze hinzu, indem sie ihren Arm um den schwächlichen Körper Lucillas schlang, die jetzt weinte, als ob das Herz ihr brechen sollte – kommen Sie, gönnen Sie mir die hohe Freude, für Ihr künftiges Wohl sorgen zu können. Ich war die Ursache all ihres Elends; ohne mich wäre Godolphin für immer der Ihre gewesen, würde er durch eine Heirath das Ihnen zugefügte Unrecht gut gemacht haben, ohne mich hätten Sie nicht wie eine Geächtete die ungastliche Erde durchzogen. Lassen Sie mich Ihnen in etwas ersetzen, was ich Ihnen zugefügt habe. O, sprechen Sie mit mir, Lucilla! – Ja ich will zu Ihnen sprechen – sagte die arme Lucilla und warf sich nieder und umfaßte mit heißer Dankbarkeit die Knie der freundlichen Trösterin; seit langen – ich darf nicht daran denken, seit wie langen Jahren habe ich nicht die Stimme der Theilnahme vernommen. Unter fremde Gesichter ward ich geschleudert, harte Worte habe ich gehört und wenn ich aus den Träumen meiner Jugendzeit mir dieses Leben gebildet habe, welches Sie, aber mit Unrecht, gering schätzen, so that ich es nur, damit ich allein und unabhängig da stehen könne, gefürchtet und nicht verachtet. Und nun sprechen Sie, Sie, die ich bewundere und beneide und mehr als ein lebendes Weib verehren möchte, denn er liebt Sie und hält Sie seiner würdig; nun sprechen Sie mir zu, wie eine Schwester und – und – sie konnte vor Schluchzen nicht weiterreden, und Konstanze selbst, die gleich sehr angegriffen war und sie vergeblich aufzurichten suchte, kniete ebenfalls nieder und umfing sie zärtlich und bemühte sich weinend, sie zu trösten. Dies war ein schöner Augenblick in dem Leben Konstanzens; nie schien sie höher, edler, als da sie, sich selbst erniedrigend, zur Seite des armen Opfers ihres Gatten kniete und ihr von Zukunft, Glück und Erbarmen sprach. Aber diese Träume konnten den verstörten, irren Geist Lucillas nicht lange fesseln und beruhigen. Als sie sich etwas gefaßt hatte, stand sie auf, warf die wild um ihre Schläfen wallenden Haare zurück und sagte mit ruhiger, aber klagender Stimme: – Ihre Hülfe kommt zu spät. Ich bin dem Tode nah. Er kommt schnell, schnell. Ich habe nichts mehr, als eben diese Visionen, diese Gewalt, oder, wie Sie es nennen, diesen Trug, von dem Sie mich losreißen wollen. Nein, blicken Sie mich nicht so verwundert, so vorwurfsvoll an. Wissen Sie nicht, daß Menschen in Armuth, Krankheit und ähnlichem Elend sich an den schöpferischen Geist in ihnen geklammert haben, an eine mit Wahngebilden bevölkerten Welt, welche sie Poesie nennen. Und dieser Reichthum waren ihnen schätzbarer als alles, was Vermögen und Prunk ihnen bieten konnten! So – fuhr Lucilla mit glühendem, wahnsinnigem Enthusiasmus fort – so ist meine eingebildete Welt, meine Begeisterung, was andern die Poesie seyn mag. Ich kann mich irren in der Wahrhaftigkeit meines Glaubens. Es gibt Zeiten, wo mein Kopf kalt ist und mein Körper ruht und ich allein sitze und an die Vergangenheit denke und mein Vertrauen erschüttert und meinen Eifer gelähmt fühle. Aber dieser Gedanke tröstet mich nicht, sondern peinigt mich und schnell stürze ich mich in den Zauber und in die Träume, die mich meinem lebenden Ich entreißen. – O Lady, schön und glücklich, wie Sie sind, möchte doch eine Zeit kommen, wo Sie glauben können, daß selbst Wahnsinn eine Erholung ist. Denn wenn es Nacht um uns auf Erden ist und die Weltkinder schlafen, ist es eine wilde Lust, allein zu sitzen, zu wachen und zu vergessen, daß wir leben und elend sind. Die Sterne sprechen mit wunderbarer, begeisternder Stimme zu uns, und sie reden von dem Untergange der Menschen und dem Sturze der Reiche und verkünden die fernen Ereignisse, wie sie sie den alten Chaldäern offenbart haben. Und dann heißen uns die Winde, die auf und ab ziehen, mit sich gehen und den Gesang der mitternächtlichen Geister hören, denn sie wissen – flüsterte sie lächelnd, und legte die Hand auf den Arm der schaudernden Konstanze, welche jetzt erst sah, wie vergebens hier jede Hülfe sey – daß die Welt zweien Arten von Wesen hingegeben ist, welche leben und eine Seele haben: die eine ist körperlich und sichtlich wie wir, die andere herrlicher, aber unsichtbar für unseren stumpfen Blick, obgleich ich sie wohl erschaut habe – feierliche Schatten, schrecklich sogar in ihrer Heiterkeit; die Nacht ist die Zeit ihres Wirkens, wie uns der Tag; sie wandeln in den Sternenstrahlen, und fliegen auf den Fittichen der Winde. Und mit ihnen und durch ihre Gedanken erhebe ich mich von dem, was ich bin und war. Ach Lady, wollen Sie mir diesen Trost nehmen? – Aber – sagte Konstanze, die aus dem sanften Wesen, welches Lucilla's Wahnsinn trug, Muth schöpfte und sie nur zu beruhigen, und nicht ihr in ihrem jetzigen Erguß zu widersprechen suchte – aber, Lucilla, auf dem Lande, an irgend einem ruhigen und sichern Orte könnten Sie sich auch diesen Visionen überlassen und die Sorgen und Verlegenheiten meiden, welche Sie jetzt plagen müssen. Sie brauchten nicht das gefährliche, umherstreifende Leben zu führen, welches Sie nicht selten Beleidigungen und der Unzufriedenheit mit Ihnen selbst aussetzen muß. – Sie irren sich, Lady – sagte die Wahrsagerin stolz – es kennt mich niemand, der mich nicht fürchtet. Ich bin mächtig und ich halte meine Macht fest – sie richtet mich auf; was wäre ich ohne sie? Ein gebeugtes, verlassenes, elendes Weib. Nur die Macht, welche ich besitze, die geheimsten Tiefen der Menschen zu erschüttern, versöhnt mich mit mir und der Vergangenheit. Und ich bin nicht arm – schloß sie, als mit der eigenthümlichen Wunderlichkeit ihrer Krankheit ein neuer Argwohn in ihr erwachte – ich brauche keines Fremden Barmherzigkeit, ich habe genug gelernt, um mich selbst zu erhalten. Wenn ich wollte, könnte ich reich seyn. – Und – sagte Konstanze, die erkannte, daß sie für den Augenblick ihre wohlwollende Absicht aufgeben müsse – Godolphin – verzeihen Sie ihm noch? Es war, als ob dies Wort zauberhaft auf den fiebernden Sinn der armen Schwärmerin wirkte; sie ließ das stolz aufgerichtete Haupt sinken; eine tiefe Röthe flog über ihre bleiche Wange, sie zitterte heftig und sank einige Augenblicke darauf auf ihren Sessel zurück und bedeckte sich das Gesicht mit beiden Händen. Ach – sagte sie sanft – das Wort führt mich in meine Jugend zurück, als ich noch keine Gewalt begehrte, außer der, welche der Liebe mir über Ein Herz verlieh; es führt mich zurück zu dem blauen See Italiens und den schwankenden Tannen und unserer einsamen Wohnung und meines Kindes fernem Grabe. – Sage mir – rief sie wieder aufspringend – hat er mich nicht in seinen Träumen gesehen? Bin ich nicht seiner Seele erschienen, als der Körper, erstarrt und gefesselt, uns nicht mehr trennte und ich mich in heimlicher Stunde vor seinen Blick zauberte? Sage mir, hat er Dir nicht gestanden, daß Lucilla ihn auf seinem Lager verfolgte? Wenn ich mich irre, so ist mein Zauber nichtig, meine Macht war ein Wahn, und ich bin das hülflöse Geschöpf, für das Du mich hälst. Trotz ihres Verstandes und ihres festen Sinnes schauderte Konstanze doch bei diesen geheimnisvollen Worten, da sie dadurch an das, was ihr Percy von seinen Träumen gesagt hatte und an die Angst erinnert wurde, von der sie selbst ihn in seinen Schlafe bewegt gesehen hatte. Sie schwieg und Lucilla betrachtete sie mit einer Art Triumph. – Meine Kunst ist also doch nicht so leer, als Du denkst. Aber still! Vergangene Nacht habe ich ihn gesehen, nicht im Geist, sondern von Angesicht zu Angesicht, denn ich wandere zuweilen um sein Haus (einst war sein Haus auch mein Haus) und er sah mich und war niedergeschmettert von Furcht, denn in diesen Zügen konnte er nicht die lebende Lucilla wiedererkennen. Aber gehe zu ihm – Du sein Weib, ganz sein – geh zu ihm, sage ihm – doch nein, sage ihm nichts von mir. Er darf mich nicht aufsuchen, wir dürfen nicht zusammen treffen; denn, oh Lady (und Lucilla's Gesicht nahm einen so traurigen, so übernatürlich schmerzlichen Ausdruck an, daß Worte dessen tiefen, feierlichen Kummer nicht schildern können) wenn wir beide wieder zusammentreffen, mit einander zu sprechen, wenn ich noch einmal diese Hand berühre, noch einmal seinen süßen Athem fühle, dann ist meine letzte Stunde vor der Thür und Gefahr, finstre, plötzliche, tödtliche Gefahr ist ihm auf der Ferse. Lucilla schloß, während sie so sprach, die Augen, als ob sie irgend ein schreckliches Gesicht aus ihren Blicken bannen wollte, und Konstanze sah sich angstvoll um, als ob sie fürchtete, es müsse sich jetzt eine Erscheinung zeigen. Lucilla aber schritt schweigend durch das Zimmer und winkte Konstanzen, ihr zu folgen. Sie traten in ein anderes Gemach; vor einer Nische hing ein schwarzer Vorhang. Lucilla zog ihn langsam bei Seite und Konstanze wandte ihre Augen von einem blendenden Licht ab, das ihr entgegenstrahlte; als sie wieder hinblickte, sah sie eine Glasscheibe, die mit vielen Hieroglyphen und schön gearbeiteten Engelsgestalten bedeckt war und um die Scheibe waren viele Sterne und Planeten in gehöriger Ordnung angebracht. Diese waren durch irgend einen chemischen Prozeß erleuchtet und schimmerten mit einem hellen Silberlichte. Und Konstanze sah, daß die Scheibe sich drehte, und daß die Sterne sich mit drehten, aber jeder mit einer besondern Bewegung, und in der Mitte der Scheibe waren Stäbe, wie Zeiger einer Uhr, die sich, aber so langsam, bewegten, daß man nur bei langem Hinsehen es bemerkte. Während Konstanze staunend dies sonderbare Werk betrachtete, zeigte Lucilla auf einen Stern, der heller leuchtete, als die übrigen, und um die Hälfte der Scheibe unter ihm war ein anderer, matter, bleicher Stern, der, wenn man genau Acht gab, in schnellerm und unregelmäßigerm Laufe zu kreisen schien, als die andern. – Der glänzende Stern – sagte sie – ist sein, und der trübe, erlöschende mein Bild. In der Bahn, die sie beide durcheilen, müssen sie endlich sich begegnen, und wenn sie sich begegnen, so steht das ganze Werk – das Geschäft der Scheibe ist gethan für immer. Diese Zeiger offenbaren stündlich die Fortschritte zu diesem Ziele. So zähle ich die Tage meines Geschickes, so kenne ich, fast bis auf eine Sekunde, die Zeit, in welcher ich zu meinem Vater im Himmel zurückkehren werde. – Und nun – fuhr die Träumerin fort, als sie den Vorhang fallen ließ, die Hand ihres Gastes ergriff und sie in das äußere Zimmer zurückführte – und nun leben Sie wohl! Sie haben mich gesucht, und wie ich fühle, nur aus edlen, großmüthigen Absichten. Wir werden uns nie wieder begegnen. Sagen Sie Ihrem Manne nicht, daß Sie mich gesehen haben. Er wird bald, nur allzubald, von mir hören; gern würde ich ihm diesen Schmerz ersparen, so wie – sie wurde bleich bei diesen Worten – so wie die Gefahr dabei; aber das Schicksal verbietet es. Was geschrieben ist, ist geschrieben, und wer kann den Spruch Gottes aus den Sternen auslöschen, die sein Buch sind? Leben Sie wohl! Es sind hohe Gedanken auf Ihre Stirn geschrieben, mögen sie Ihnen Glück bereiten, oder, wo sie das nicht vermögen, Sie trösten und aufrecht halten. Leben Sie wohl; ich habe noch nicht vergessen, dankbar zu seyn und ich wage noch zu beten. Lucilla küßte die Hand, welche sie ergriffen hatte, wendete sich schnell ab, und eilte in das Zimmer zurück, welches sie eben verlassen hatte; sie schloß die Tür ab, und ließ die verstummte, betäubte Konstanze allein die traurige Stätte verlassen. Mit unsichren Schritten stieg sie die Treppe herab, an welcher die kleine Mohrin sie erwartete. Bei ihrer aufgeregten Phantasie schien ihr in dem Blicke der jungen Afrikanerin und dem Schimmer ihrer weißen Zähne etwas Übernatürliches, Gespenstisches. Sie eilte nach ihrem Wagen, den sie an der Ecke der Straße gelassen hatte, und schöpfte frischen Athem, als sie ihn erreichte; sie warf sich zurück in die weichen Kissen, und fühlte sich ganz erschöpft von diesem wunderbaren Ereignis, das ihr fast wie ein Traum vorkam, wenn sie auf den lichten Tag und das lärmende Treiben der Straßen hinausblickte. Zwei und zwanzigstes Kapitel. Lucillas Flucht. – Verlegenheit der Lady Erpingham. – Veränderung in Godolphin. – Allgemeine Wahlen. Konstanze schickte noch an demselben Abend nach dem berühmtesten Arzte in London, jenem feinen, geschmeidigen Manne, der für die Krankheiten eines Boudoirs geschaffen scheint, der aber unter seinem zuvorkommenden Wesen eine tiefe und genaue Kenntnis verbirgt, genau freilich nur in Vergleich zu Andren, denn eine positive Kenntnis der Pathologie besitzt eigentlich niemand in unsern civilisirten Ländern. Man heilt uns nicht; das höchste ist, daß man uns nicht umbringt. Konstanze erzählte diesem Arzte mit möglichster Schonung den unglücklichen Zustand Lucillas und die Angst, welche ihr deren geistiger und körperlicher Zustand einflößte. Der Doktor versprach, Tags darauf vorzusprechen; er fuhr schon Mittags hin – Lucilla war fort. Geheimnisvoll, wie ein Traum, war sie gekommen, um zu warnen, zu schrecken und zu verschwinden. Niemand wußte, wohin sie sich gewendet hatte, die Mohrin allein hatte sie begleitet. Konstanze machte diese Nachricht tiefen Kummer, denn sie hatte bereits Luftschlösser gebaut, welche die arme Lucilla mit hergestellter Gesundheit und ohne den Schmerz der Vergangenheit bewohnen sollte. Noch hoffte die Gräfin, daß Lucilla ihr wenigstens schreiben und ihr ihren Aufenthaltsort anzeigen werde, aber Tage gingen vorüber und es kam kein Brief. Konstanze erkannte, daß ihre freundlichen Absichten in Bezug auf Lucilla unerfüllt bleiben sollten. Sie wußte nicht, ob sie Godolphin ihre Unterredung mit Lucilla mittheilen sollte, oder nicht. Sie sah, welch tiefes, schmerzliches Interesse das Andenken an ein so ungewöhnliches, phantastisches Geschöpf in einem Herzen weckte, welches so gern sich zu düsteren Betrachtungen hinneigte und sie zitterte bei dem Gedanken, welche Gefühle die Schilderung der Geisteszerrüttung einer Person in ihm erregen müßte, deren Leben er so schrecklich zerstört hatte. Sie beschloß daher, für den Augenblick und bis jede Hoffnung verschwunden sey, Lucilla wieder zu entdecken, Godolphin Alles zu verschweigen. Sie wurde in diesem Entschluß nur bestärkt, als sie sah, daß er nach und nach sich überredete, Lucilla's Erscheinen am Fenster sey nur eine Wirkung seiner erhitzten Phantasie gewesen. Seine Nächte blieben wieder frei von den schrecklichen Träumen, welche ihn bisher gemartert hatten und selbst die kalte, überlegte Konstanze konnte sich kaum des Gedankens enthalten, daß, als Lucilla in der Nähe war, eine geheime Sympathie zwischen Godolphin und der Sternenseherin auf seine Träume gewirkt habe, die mit ihrer Entfernung verschwunden sey. Zum erstenmal zeigte sich auch jetzt eine merkliche Veränderung in Godolphins Gewohnheiten, die nach und nach selbst seine Denkweise ergriff. Die Verschwendung hatte keinen Reiz mehr für ihn, der leichte Witz seiner Schmeichler machte keinen Eindruck auf ihn, und derselbe Durst nach Idealen, welcher ihn in den höheren Zweck des Lebens verstimmt hatte, verleidete ihm auch dessen schimmernde Freuden. Die Veränderung war natürlich und die Ursache nicht schwer zu ergründen. Godolphin hatte jetzt ein Alter erreicht, wo der Karakter eines Menschen immer einem großen Wechsel unterliegt, wo eine Krisis in dem Fieber des Lebens eintritt und unser moralischer Tod oder unsere Wiedergeburt feierlich besiegelt wird. Es traf sich, daß durch einen Zufall in dieser kritischen Periode das lange gelockerte, aber nie zerrissene Band mit Konstanze wieder enger angezogen wurde. Das Reich der Leidenschaft, des unaussprechlichen Sehnens war freilich vorüber, aber es wurde von einer Freundschaft ersetzt, welche in den beiden so lange getrennten Herzen fast wie durch ein Wunder hervortrat. Die Erfahrung der letzten Jahre hatte Godolphin aber gelehrt, wie schaal und unbefriedigend alle andern Banden waren, denen er sich so ganz hingegeben hatte. Er staunte, wenn er neben Konstanzen saß, und ihre Zärtlichkeit an die Vergangenheit erinnerte, ihr Witz die Gegenwart belebte, und seine Phantasie noch Glück und Ruhm über die Zukunft ergoß, daß er so lange gegen die Wonne unempfindlich geblieben war, welche er jetzt in dem Umgange mit ihr empfand. Er vergaß, daß Beider Gefühle und Neigungen mehr geneigt waren, sich in einander zu schicken, daß Konstanze willig seinen Aussichten von einem idealen, falschen Spiritismus zuhörte, und daß er zu ihren sanguinischen Träumen und Plänen ihrer Politik nur noch freundlich, nicht mehr verächtlich lächelte. Zum Glück für sie war es auch eine Zeit, wo jeder, selbst wenn er nie an politisches Treiben gedacht hatte, in den gewaltigen Kampf der Interessen hineingezogen wurde, welcher wenige gleichgültig, niemanden neutral ließ. Jede Coterie hatte ihr politisches Losungswort, jedes Diner ertönte von der Suppe bis zum Kaffee von den Verdiensten der Bill; wohin sich Godolphin auch flüchten mochte, überall verfolgte ihn die Reform, und so drängte sich nach und nach die anfangs verspottete, allgemeine Bewegung auch seinem Geiste auf. – Warum – sagte er eines Tages zu Radclyffe, dem er im Park begegnete, denn seit der letzten erwähnten Unterredung zwischen Konstanzen und Radclyffe kam dieser nur selten mehr nach Erpingham-Haus – warum sollte ich nicht einen noch unerprobten Versuch machen? Ich hatte mir einen Plan ersonnen und ihn strenge befolgt. Ich habe nur für mich und für das Vergnügen gelebt. Ich habe einen Zauberkreis um mich gezogen, aber dem Zauberer selbst blieb alles schaal und nüchtern. Ich habe geträumt und bin erwacht. Aber welche Lebensweise soll nun an die Stelle derer treten, die ich verlasse? Soll ich wieder England verlassen, irgend einen unbereisten Winkel der Erde aufsuchen? Soll ich mich auf das Land zurückziehen und schreiben, oder soll ich mich mit meinen Zeitgenossen in den großen Schlund der Ereignisse stürzen und den Streit mitkämpfen? Sie sind ein verständiger Mann, Radclyffe, rathen Sie mir. – Ach – antwortete Radclyffe – es nutzt nicht, jemandem zum Glück zu rathen, der nichts als sich zum Zweck hat. Es gehört entweder Enthusiasmus oder die äußerste mechanische Kälte dazu, uns mit den Sorgen und Kränkungen des Lebens zu versöhnen. Man muß nichts, oder für andere fühlen. Schließen Sie sich einem großen Zwecke an, verfolgen sie ihn muthig, hoffen Sie zuversichtlich auf dessen Erfolg, und Sie werden auf dem Strome desselben, zwar bewegt von Stürmen, aber doch unerschüttert von dem Hauche hingleiten, welcher die individuellen Anstrengungen vernichten würde. Die größern öffentlichen Zwecke lassen uns unseren geringern Privatkummer vergessen. Um glücklich zu seyn, lieber Godolphin, muß man nicht an sich denken. Ein poetisches, begehrliches Temperament nagt an Ihrer Zufriedenheit. Lernen Sie Wohlthun; es ist das einzige Mittel gegen ein kränkliches Gemüth. Godolphin wurde von dieser Bemerkung um so mehr ergriffen, als er das höchste Vertrauen in Radclyffes innigste Aufrichtigkeit und in seine bewährte Klugheit setzte. Er blickte seinen Rathgeber scharf an und antwortete nach einer kurzen Pause: – Ich glaube wirklich, daß Sie recht haben und daß ich in wenigen kurzen Sätzen das Geheimnis eines unzufriedenen Lebens erfahren habe. Godolphin hätte gern Gelegenheit gesucht, mehr darüber mit Radclyffe zu sprechen, aber die Ereignisse trennten sie. Das Parlament wurde aufgelöst. Welch eine Masse historischer Begebenheiten liegt in diesen Worten? Im Augenblick, wo der König in diese Maßregel willigte, zeigte auch jedem weitsichtigen Blicke sich die ganze Folge der späteren Ereignisse wie in einem Spiegel. Da das Parlament zur Zeit des wärmsten Enthusiasmus des Volkes aufgelöst wurde, so mußte eine große Majorität wiedererwählt werden. Eine zweite Bill mußte durchgehen, den Pairs vorgelegt werden, und wer sah nicht ein, daß sie, übermüthig und doch ohnmächtig, nachgeben oder untergehen mußten? Von diesem Augenblick an war das Volk geborgen. Konstanze sah mit dem ersten Blicke, was kommen würde; sie sah es und frohlockte. Die Herrlichkeit war auf immer von den Pairs geschwunden! Ihr Vater war gerächt. Sie hörte ihn verächtlich aus der Tiefe des Grabes herauflachen. London wurde auf einmal leer. England war nur ein Wahlplatz. Godolphin blieb fast allein. Zum erstenmal überkam ihn ein Gefühl von Erniedrigung, von Bedeutungslosigkeit, welches seine Eitelkeit verletzte und erbitterte. Er war nichts in diesem großen Kampfe. Der bewunderte, geistreiche, glänzende Godolphin, sank unter den gemeinsten Abentheurer, unter den gewöhnlichsten Schreier; ja der niedrigste Bürgersmann, der seinen Stand im Staate fühlte, mischte sich in die Wahl und half in der gewaltigen Schlacht zwischen dem Alten und Neuen. Dies Gefühl gab dem neuen Streben, welches in ihm keimte, einen höheren Schwung und Konstanze bemerkte mit lebhaftem Entzücken, daß er jetzt mit Theilnahme auf ihre Pläne hörte und das politische Feld mit forschendem Blicke untersuchte. Als er eines Morgens langsam nach Whitehall ging, eilte Radclyffe an ihm vorüber. – Wohin so schnell? – Zu Ellice, um die Stadt zu bestimmen, welche ich repräsentieren möchte; kommen Sie mit, Sie können mir vielleicht von Nutzen seyn. Godolphin nahm Radclyffes Arm an und sie gingen zusammen nach jenem Hause in Richmond-Terrace, welches damals einen merkwürdigen, lärmenden Schauplatz darbot, und als der Punkt, von welchem die Sieger in dem großen politischen Rennen ausliefen, ein gewisses Interesse in den Augen Aller haben muß, sie mögen nun für oder gegen das große Experiment seyn, in welchem gebildetete Leute auf die Probe gestellt werden, ob sie gesunden Menschenverstand in der Wahl eines Stellvertreters zeigen würden. Godolphin betrachtete dieses aufregende, tumultuarische Schauspiel mit ruhigen Blicken. Die beiden Zimmer waren mit verschiedenen Gruppen gefüllt, die eifrig sprachen, und erhitzt, fieberhaft aussahen. Hier überredete eine Deputation einen schwankenden Kandidaten, schnell zuzugreifen; hier feilschte ein Schottischer Baronet wegen der Kosten mit einem spitzen, bebrillten Advokaten, dessen rollendes Auge währenddes nach einem weniger knauserigen Kandidaten suchte. Dort stand ein bleicher, hagerer Mann, der seine Konstitution vor den Kopf gestoßen, weil er sie in Schedula A votirt hatte, und der jetzt fürchtete, auch sein ganzes politisches Leben möge von nun an in Schedula A liegen. Wohin Godolphin blickte, sah er nur Leben, Geschäftigkeit, Lords, Abentheurer, Bankerutirer, Grauköpfe, bartlose Jünglinge. Alles drängte sich durcheinander, und doch schien auch hier Alles wieder durch selbstische Absichten geschieden, und jeder in dem andern zugleich einen Anhänger derselben Sache, und doch einen Nebenbuhler zu sehen. An einem Tische saßen mehre Leute und schrieben, und zuweilen schlich das Chaos durch das Zimmer, nicht ohne sogleich von hundert Armen festgehalten und von hundert Zungen angesprochen zu werden. Es dauerte jedoch nicht lange, so wurde auch Godolphin von diesem Treiben aufgeregt. Niemand kann Alles sich um einen drängen sehen und dabei ganz ruhig bleiben. Alle seine Bekannten winkten ihm in der Eile zu und riefen: Ach, Godolphin! Und um welchen Platz bewerben Sie sich? Und Godolphin schämte sich zuletzt, nur immer antworten zu müssen: Um gar keinen. In diesem Augenblick trat ein berühmter Wahlagent zu ihm. – Kann ich Ihnen in etwas dienen, Herr Godolphin? Ich weiß einen vortrefflichen Sitz in Schedula A . Sie bekommen sein letztes Blut; aber es muß abgezapft werden. Sie verstehen mich? – Ich denke doch, daß keine Wahl dabei Statt findet. – Nicht die Geringste. – Auch kein Diner? – Auch nicht. – Keine Reise? – Nur bis zu Ihrem Bankier. – Herrliches System! rief Godolphin energisch, und das will man abschaffen! Nein, Hr. *** ich suche keinen Sitz im Parlamente und danke Ihnen. Der Agent zog ab. Godolphin bereute fast seinen Entschluß, er wollte den Agenten zurückrufen, aber er war bereits in eifrigem Gespräch mit einem andern jungen Mann. Das wäre gerade das, dachte Godolphin, was für mich paßte. Ich hätte keine Mühe, gar nichts. Was würde Konstanze staunen, sich freuen! Es wäre doch eine Veränderung; und wenn es mich auch bald langweilte, so wäre ich doch mitten im Kreise dieser regen Interessen, die immer der Untersuchung werth sind, wenn auch nur, um über ihr vieles Lärmen um nichts zu lachen. Ich hatte Unrecht und will; um Konstanzens willen, es versuchen. Godolphin ging zu dem Agenten. – Ich bitte um Verzeihung, Sir – sagte Hr. ***, der noch den jungen Mann bearbeitete, in einem Augenblick stehe ich Ihnen zu Diensten. – Nicht einen Augenblick – antwortete Godolphin. Hr. *** wendete sich widerstrebend zu ihm. – Hr. ***, Ihr Preis? – Dreitausend Pfund. – Was, für die wenigen Monate? – Aber welche Bequemlichkeit! Nicht einmal eine Reise! – Das ist wahr. Sie sollen das Geld haben. – Abgemacht – rief der Agent sich verbeugend. Wird es auch bei einem reformirten Parlamente sich so bequem machen lassen? dachte Godolphin. Drei und zwanzigstes Kapitel. Saltream. – Saville's Tod. Dieses Ereignis hätte allerdings eine große Epoche in Godolphins Leben werden können, wenn ihm nicht eine so nahe Gränze gesetzt gewesen wäre. Aber selbst in diesem Fall hätte er, da der Ehrgeiz so lange von seiner Denkweise verworfen worden und seine ruhige, gleichgültige Gemüthsstimmung so wenig zu den heftigen und nächtlichen Kämpfen des Parlaments paßte, schwerlich sich einen hohen, dauernden Ruf in einer Laufbahn erworben, in welcher entweder Hartnäckigkeit oder Enthusiasmus nöthig ist, um nicht den häufigen Kränkungen und Täuschungen zu erliegen, welchen auch der glänzendste Neuling ausgesetzt ist. In diesem Augenblicke wurde jedoch bei Godolphin eine ernste Gedankenfolge rege. Er dachte über sein vergangenes Leben nach und das Resultat befriedigte ihn nicht. Er sah sich von gewaltigen Ereignissen umgeben: sollte er nie Theil an ihnen nehmen? Die Natur hatte Godolphin vielleicht zum Dichter geschaffen, denn, mit Ausnahme der Ruhmsucht, waren alle Eigenschaften eines Dichters in ihm zur Ausbildung gekommen, und sein ganzes Daseyn war in den Schatten einer nicht ausgesprochenen poetischen Stimmung gehüllt. Dies hatte ihn gegen die Geschäftswelt abgestumpft und ihn in das Land der Träume eingeschlossen; dies hatte ihm jene rastlose, unbestimmte Unzufriedenheit mit dem Bestehenden, den Durst nach dem Idealen eingeflößt; dies hatte ihn schwierig in der Liebe, verdrießlich bei Vergnügungen gemacht; dies war Schuld, daß er in einem Athem nach Allem verlangte und Alles verachtete. Es gibt vielleicht viele solcher Menschen, die mit dem Wesen eines Poeten, nicht das poetische Vermögen haben, ihre Gefühle auszuströmen; welche die Welt der Phantasie durchstreiften, ohne den Zauberstab in dem Dunkel ihres Geistes zu finden, der der Phantasie Form und Leben gegeben haben würde. Aber ach, welche Existenz kann mangelhafter seyn, als die eines Menschen, der die Seele, aber nicht die Geschicklichkeit eines Dichters hat; der das Sehnen und Leiden kennt, aber nicht den Trost und Lohn? Diese Wolke träumerischen Schwärmens fing jedoch endlich an, sich vor Godolphin zu zertheilen: er gewann eine klare, bestimmte Aussicht auf den großen Lebenszweck und er fühlte, daß er betäubt in der Krise des Lebens stehe. Konstanze gerieth in beinahe fieberhaftes Entzücken, als sie die Nachricht von Godolphins förmlichen Eintritt in das öffentliche Leben erhielt, welches ihr als die edelste Laufbahn erschien und ihre lebhafte Freude trug dazu bei, in Godolphin die letzten Zweifel darüber zu verscheuchen, ob er auch recht gethan, einen solchen Entschluß zu ergreifen. London war jetzt leer und langweilig, denn alles war zu den allgemeinen Wahlen geströmt, und auch Konstanze beschloß jetzt, mit Godolphin nach –shire zu gehen und zum Erstenmale nach ihrer Heirath das stattliche Wendover zu besuchen. An dem Tage vor der Abreise überfiel Godolphin plötzlich eine tiefe, unwillkürliche Schwermuth. Der Tag war ungewöhnlich schön und klar, und der Luft fehlte es dabei nicht an der Frische, welche die Hitze nicht zu drückend macht; es schien, als ob das Wetter den Trübsten aufheitern müsse, aber auf Godolphin machte es nicht den geringsten Eindruck. Er ging träumend durch die Straßen, bis er sich vor dem Hause des Lord Saltream befand. Ich will hinein – dachte Percy – und von meinem originellen Freunde Abschied nehmen. Aber während er noch an der Thüre stand, und der Duft der Blumen von dem Balkon auf ihn herabströmte, kam Lord Saltream plötzlich herunter und streifte an Godolphin vorüber, ohne daß er ihn zu bemerken schien. – Wohin so schnell, Saltream? – fragte Percy. Lord Saltream blieb stehen. – Ah, sind Sie es? Kommen Sie zu mir? Treten Sie herein; Sie wollen vermutlich hier essen, wie? Es ist doch noch nicht acht? – Noch nicht drei – sagte Godolphin lachend. – Nicht drei? Gott steh uns bei! Also so – fuhr der Earl mit einem ihm eigenthümlichen, feierlichen Ausdruck fort – so also handeln wir an unserer großen Zerstörerin! Welcher Mangel an Achtung gegen eine so große Macht! Sie zu vergessen, die uns nicht vergißt; die Zeit zu vernachlässigen, die ewig an uns nagt und zehrt, und unsere Existenz verschlingt. Ist es nicht einfältig, wenn man sagt, die Zeit tödten? Das tödten, was der Mörder von uns Allen ist? Aber was giebt es Neues? – Nichts, als das unablässige Triumphgeschrei der Reform. – So gehts; ich bin mein ganzes Leben hindurch ein Stück von einem Liberalen gewesen, und bin jetzt auf einmal von allen meinen damaligen Kollegen überholt worden, die mich sonst schalten, daß ich ein zu großer Whig sey. Ist das nicht seltsam? Es ist wirklich wie beim Kammer-Vermiethen, dem Kinderspiel: die, welche einen Platz gefunden haben, sind ganz zufrieden, und nur ich Armer, der in der Mitte verlassen stehe, denke, es ließe sich wohl besser einrichten. Im Ganzen ist die Reform doch ein wahnsinniges Projekt. – Sie werden freilich durch die neue Bill kein besseres Haus, keine schönere Bibliothek, kein bequemeres Leben erhalten. – Gut getroffen; aber geben Sie acht, die Whigs spielen mit einem gefährlichen Messer. – Und darauf ließ sich Saltream in eine lange Erörterung ein, in welcher er zu beweisen suchte, daß Alles bisher ganz gut gegangen sey. Godolphin lenkte des Earls Aufmerksamkeit auf die fürchterliche Verarmung der großen Volksmasse – und dann – fuhr er fort – lassen Sie uns einmal den Blick auf uns selbst, auf die Lilien wenden, die nicht arbeiten. Sind wir wirklich so glücklich mit unsern alten Auszeichnungen und gesellschaftlichen Absonderungen, daß wir zittern sollten, wenn selbst die wildesten Phantasien der Radikalen verwirklicht würden? Ich für meinen Theil glaube, es geht uns wie den privilegirten Theater-Unternehmern: wir machen einen großen Aufwand, entfalten vielen Glanz, sind reich an Garderobe und Dekorationen, aber innerlich sind wir wurmstichig und das Monopol hat uns zu Grunde gerichtet. Wer von uns fand je ein geeignetes Feld für seine Talente? Wo ist unser moralischer Zweck, unser nützlicher Ehrgeiz? Sind wir nicht durch die Verhältnisse, welche uns einzwängen, zu einem unbefriedigten, krankhaften Leben, zu entnervenden Beschäftigungen, zu entwürdigenden Kleinlichkeiten verurtheilt? Antworten Sie mir darauf, Saltream. Sie sind, mehr als einer, in aristokratischen Auszeichnungen bevorzugt; alles, was das jetzige System Ihnen geben kann, gehört Ihnen – unermeßlicher Reichthum, hohe Stellung, Genie, Witz, Gelehrsamkeit, politischer Ruf, das Vermögen, Alles um sich zu vereinigen, wonach die Menschen am meisten streben. Aber sind Sie glücklich? Ist nicht Sättigung die unvermeidliche Folge einer solchen indolenten Fähigkeit des Genießens? Würde eine Veränderung, selbst in Ihrem glänzenden Geschick so schrecklich seyn? Sind Sie überzeugt, daß ein bescheideneres Loos Ihnen weniger Freude gewähren wird? Lord Saltream schien von diesen Fragen betroffen; er durchschaute auf der Stelle die Folgerungen, welche man aus seiner Antwort ziehen könne und schwieg einige Augenblicke. Endlich sagte er: – Bei mir, Godolphin, ist es ein anderer Fall. Mein Körper ist schwächlich. Wenn ich unglücklich bin, so liegt die Schuld an physischen, nicht an moralischen Verhältnissen. – Aber muß, wenn die Mehrheit von uns dieselbe Antwort gäbe, der moralische Zustand welcher so viele Beweise von Unzufriedenheit, selbst aus physischen Ursachen, an den Tag legt, nicht einigen Verdacht erregen? – Man wirft mir vor – sagte Saltream leise vor sich hin, ohne auf die letzte Frage zu hören – ich hätte kein Herz. Allerdings sind mir glühende Affekte fremd, aber ich bin auch frühzeitig an Körper und Geist verdorben und abgestumpft worden. Godolphin hat Recht, ich besitze Gelehrsamkeit, Reichthum, Rang; aber dasselbe hat auch Lord Londonberry; und jedes Weib schwört mir für zehn tausend Pfund, daß es mich liebt. Kein Herz! Gut, aber wer hat denn das? Die Welt ist kein lebendes Wesen, es ist ein Uhrwerk, das nicht durch das Strömen des Blutes, sondern durch Mechanismus in Bewegung gehalten wird. Soll ich Godolphin zu Tische einladen und den Weisen mit ihm spielen? Nein, ich will nach Hause gehn und denken. Denken? Ja. – Darauf schien er sich plötzlich zu erinnern, daß Godolphin vor ihm stehe, und er sagte laut: – Wie ist mir denn, ich glaube, Sie sind verheirathet, Godolphin! Richtig. Was rathen Sie mir? Ich denke auch ernstlich daran. – Sie haben Recht, heirathen Sie. – Und warum? – Weil Sie einen Wecker brauchen; ein Amt, das ein Weib gut versteht. – Adieu, Godolphin. Apropos, ich hoffe, Sie werden doch gegen die Radikalen unterzeichnen? Godolphin sah ruhig dem sonderbaren, zerstreuten Earl nach. – Ja – dachte er – das Wesen dieses Mannes mahnt uns stärker, als Radclyffes erhabenste Beweisgründe, daß wir das Leben unter eine strenge Kontrolle stellen sollten. Dem Eindruck, welchen dieses kurze Gespräch auf Godolphin gemacht hatte, folgte am Abend ein noch trüberer. Saville war gefährlich erkrankt und man hatte Godolphin rufen lassen. Er fand den alten Epikuräer am Rande des Grabes, aber in vollem Besitz seiner Geisteskräfte. Das Sterbezimmer war ein Bild seines Lebens: außer Godolphin war kein einziger Freund zugegen. Saville hatte vielleicht ein Dutzend natürlicher Kinder – wo waren sie? Er hatte sie ihrem Geschicke überlassen. Er wußte nichts von ihrem Leben, sie nichts von seinem Tode. In seiner einsamen Selbstsucht sollte er jetzt die kleinliche Seele eines Mannes von gutem Ton aushauchen. Doch muß man Saville die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß, wenn es ihm an der Theilnahme und der Pflege fehlte, welche die Bande der Natur uns verschaffen, er auch ganz und gar nicht nach derselben verlangte. Er wimmerte nicht über sein Hinscheiden: der Champagner war bis auf den letzten Tropfen ausgeleert, und der Tod warf nur, wie ein ächter, fröhlicher Geselle, das leere Glas entzwei. – Ja, mein Freund – sagte Saville matt, drückte aber noch mit seinen schwachen Fingern Godolphins Hand – das Spiel ist aus, die Lichter erlöschen, und sogleich wird der letzte Gast Abschied nehmen und alles dunkel werden. – Der Arzt näherte sich dem Bette mit einem stärkenden Tranke. Der Sterbende heftete, ehe er ihn nahm, seine Augen auf den Arzt, und so gläsern der Blick schon war, so lag doch immer noch etwas von seiner ehemaligen forschenden Schärfe darin. – Seien Sie aufrichtig, lieber Herr und sagen Sie mir, wie viele Stunden Sie noch diesen Athem zurückhalten können? Der Doktor sah Godolphin an. – Ich verstehe – fuhr Saville fort – Sie wollen nicht heraus damit. Ohne Umstände, lieber Mann, und denken Sie besser von meinen Nerven. Ein Gentleman ist auf alles gefaßt. Nur einen Roturier kann der Tod, oder sonst etwas, überraschen. Wie viele Stunden also habe ich noch zu leben? – Ich fürchte, nicht viele mehr, vielleicht noch bis zu Tages Anbruch. – Mein Tag – sagte Saville so trocken, als es sein Keuchen ihm erlaubte – bricht erst um zwölf Uhr an. Gut, gut. Geben Sie mir den Trank. Ich will nicht schlafen, und mich um keine Minute betrügen lassen. So, so! Mir ist schon besser. Adieu, Doktor. Wo ist mein Hund? Er soll zu mir herauf kommen. Komm hier, komm hier, du armer, armer Schelm! Lieg still! Und nun, Godolphin, ein Paar Worte zum Abschiede. Ich habe Dich immer sehr gern gehabt. Du warst mein Zögling und bist gut angeschlagen. Du hast Dich nicht von den gemeinen, bürgerlichen Leidenschaften nach Stellen, Macht und Ehren hinreißen lassen. Du hast Macht über die Macht selbst gehabt; Du hast kein Amt. aber Du hast die Mode. Du hast die größte Partie in England gemacht, denn es war sehr gescheut, Konstanze Vernon nicht zu heirathen, aber noch gescheuter, Lady Erpingham zur Frau zu nehmen. Du selbst an der Spitze der Gesellschaft, Du hast einen vortrefflichen Geschmack und gibst Dein Geld anständig aus. Das Alles muß Dein Gewissen sehr beruhigen und das ist ein wundervoller Trost! Halt Dir immer das Gewissen rein, denn es ist eine Wohltat auf dem Sterbebette, wie es auch in dieser Stunde eine große Wohltat für mich ist. Und ich habe meine Rolle honorig gespielt – wie? Ich habe das Leben genossen, so sehr ein so einfältiges Ding zu genießen ist; ich habe geliebt, gespielt, getrunken, aber ich habe nie meinen Karakter als Gentleman auf das Spiel gesetzt. Dem Himmel sey Dank, ich habe mir keine Vorwürfe deshalb zu machen! Folge meinem Beispiele und Du wirst einen ebenso leichten Tod haben. Ich habe Dir meine Korrespondenz und mein Tagebuch hinterlassen: wenn Du willst, kannst Du es drucken lassen, wo nicht, es verbrennen. Es ist voll unterhaltender Anekdoten, aber Du weißt, ich mache mir nichts aus Ruhm, besonders nach dem Tode. Wie gesagt, Du kannst nach Gutdünken mit meinem literarischen Nachlaß verfahren. Sorge für meinen Hund, es ist ein artiges Geschöpf, und laß mich still beerdigen. Keine Geschmacklosigkeit – kein Prunk – keine Grabinschrift. Ich bin froh, daß ich vor der verdammten Revolution sterbe, die uns bevorsteht. Ich mag nicht in Gefahr kommen, mit dem ersten besten plebejischen Deputirten trinken zu müssen. Du denkst anders und ich habe nichts dagegen: Toleranz ist der Denkspruch eines Gentlemans. Ich bin der Typus eines Systems: ich sterbe vor dem System; mein Tod ist der Verkünder seines Sturzes. Nach dieser abgebrochenen Erklärung wendete Saville den Kopf ab: sein Atem wurde schwerer, und er sank in den Schlummer, den er hatte von sich weisen wollen. Das dauerte ungefähr eine Stunde, dann starb er; ohne Kampf glitt er, wie ein Kind, aus dem Schlaf in den Tod hinüber. Sic transit gloria mundi! Als Godolphin zum Erstenmale die Augen von dem Todten abwendete, fielen sie auf Fanny Millinger, welche in den letzten Tagen viel bei Saville gewesen war, da ihr Geheimnis ihn unterhielt und sie gutmüthig genug war, sich dazu herzugeben. Man hatte auch sie bei der plötzlichen Verschlimmerung Savilles rufen lassen, aber sie hatte zu spielen und konnte erst kommen, als alles schon vorüber war. Schweigend und erschüttert stand sie, Godolphin gegenüber, neben dem Bette. Sie hatte sich nicht einmal Zeit genommen, ihr Theaterkostüm abzulegen, und der falsche Flitter schimmerte vor den Augen ihres ehemaligen sich unmuthig abwendenden Liebhabers. Welche Mahnung an das bis jetzt verbrachte Leben! Welche Satire auf dessen nichtiges Wesen! Nach einigen Augenblicken kam sie zu Godolphin in das verlassene Wohnzimmer herunter. Sie ergriff seine Hand und Thränen – denn sie weinte leicht – strömten über die Wangen und wuschen die dicke Schminke ab, die nur kaum die Runzeln verbarg, welche die Zeit seit Kurzem in dies Gesicht gegraben, das Godolphin einst so weich und schön gekannt hatte. – Der arme Saville! – sagte sie schluchzend. – Er ist ohne Schmerzen geschieden. Ach, er hatte das beste Gemüth von der Welt. Godolphin saß am Schreibtische des Verstorbenen und stützte seine Stirn auf die Hand, welche die Schauspielerin ihm freigelassen hatte. – Fanny – sagte er nach einer Pause bitter – die Welt ist in der That nur eine Bühne. Sie hat einen vollendeten Schauspieler, obgleich nur für kleine Rollen, verloren. Die Bemerkung war, obwohl es so schien, nicht unfreundlich gemeint, denn auch er hatte Thränen in den Augen. – Ach – sagte sie – das Theater hat uns in der That in unserer Jugend manches gelehrt, was die wirkliche Welt uns nicht besser hätte lehren können. – Das Leben – bemerkte Godolphin etwas später – unterscheidet sich nur dadurch von dem Schauspiel, daß es keinen Plan hat: es ist alles unbestimmt, flüchtig, unzusammenhängend – und der Vorhang fällt, ehe das Geheimnis enthüllt ist. Das waren die letzten Worte, die Godolphin mit der Schauspielerin gewechselt hat. Vier und zwanzigstes Kapitel. Die Reise und die Überraschung. – Ein Spaziergang in der Sommernacht. Dies Ereignis hielt Godolphin noch einige Tage länger in London zurück. Er sorgte für die Bestattung Saville's, und wohnte der Eröffnung seines Testaments bei. Wie Saville im Leben den Nothleidenden nie eine hülfreiche Hand geliehen, wie er nur die Reichen aufgesucht hatte, so vermachte er auch jetzt sein Vermögen nur den Vermögenden. Der reiche Godolphin war sein Haupterbe. Von seinen Kindern war gar keine Rede, seiner armen Verwandten war nicht gedacht. Und darin, wie in den übrigen Artikeln seines letzten Willens, folgte Saville nur den Vorschriften der Welt. Schnell rollte der Wagen dahin, der Konstanze und Godolphin der verödeten Stadt entführte. Klar war der sommerliche Himmel, heiter lächelten die grünen Felder zu beiden Seiten der Straße. Die Natur war wach und geschäftig. Welch herrlicher Gegensatz zu dem künstlichen Treiben, das sie hinter sich gelassen hatten. Konstanze that alles Mögliche, den Geist ihres Gatten zu erheitern, und es gelang ihr; in dem engen Raume, der sie umschloß, strömte ihre Unterhaltung von vertraulicher, inniger Liebe über. Seit dem ersten Monate ihrer Verbindung hatten sie nicht mit weniger Zurückhaltung, mit mehr Hingebung zu einander gesprochen. Der einzige Unterschied war nur, daß sie damals von der Zukunft, jetzt mehr von der Vergangenheit sprachen. Sie bedauerten das Unrecht, das sie einer dem andern gethan und wünschten sich Hand in Hand Glück zu ihrer jetzigen Eintracht. Sie gaben zu, wie alles, was der Liebe fremd war, sie getäuscht hatte, und da sie nicht mehr so viel von der Liebe verlangten, so fühlten sie erst ihre wahre Wichtigkeit. Ach, warum verlieren wir Alle so manches Jahr damit, daß wir nach dem Glück suchen, ohne dessen Natur zu erforschen. Wir gleichen dem, der sich allerlei Bücher in hundert Sprachen anschafft, und da er sie nicht versteht, sich wundert, daß sie ihm kein Vergnügen bereiten. Noch oft drängte sich jedoch Konstanzen ein düstres Bild auf. Die geheimnisvolle, verlassene Lucilla wurde auch im Glück nicht von ihr vergessen. Manchmal fühlte sie, während ihrer kurzen Reise, sich versucht, die Geschichte dieses unglücklichen Geschöpfes mitzutheilen, aber wenn sie auf Godolphins Gesicht blickte, aus dem ein innrer Frohsinn sprach, wie sie ihn seit Jahren nicht mehr bei ihm gesehen hatte, so konnte sie es nicht über ihr Herz bringen, ihn wieder durch so traurige Erzählungen zu verstimmen. Alle ihre Versuche, Lucilla's Aufenthaltsort zu entdecken, waren vergeblich. Trotz dem verfolgte sie eine trübe Ahnung, daß vielleicht mit jedem Augenblick, vielleicht in Gegenwart Godolphins, ihr diese Entdeckung bevorstehe und besorgt blickte sie bei jeder Station, wo sie Pferde wechselten, zum Wagen hinaus und fürchtete, die finstern, bangen Züge der Wahrsagerin möchten plötzlich zum Vorschein kommen und den freundlichen Zauber zerstören, der jetzt auf Godolphins Gemüt lag. Gegen Abend fuhr der Wagen langsam einen hohen, steilen Weg hinan; es war noch eine Stunde vor Sonnenuntergang und zur Rechten glänzten in den schrägen, milden Strahlen die reichen von Hecken durchschnittenen Felder, aus welchen sich hier und da plötzlich eine Eiche oder Ulme erhob und ihren langen Schatten hinwarf. Zur Linken waren die Äcker mit Heerden von Schafen bedeckt, aber man sah keinen Hirten, noch sonst ein menschliches Wesen. Aus den dichten Baumgruppen blickten jedoch einige freundliche Hütten hervor, und gaben der Landschaft einen heitern, stillen Ausdruck, der ganz zu ihr paßte. Das geschäftige Drängen in Konstanzens Brust ruhte, und Godolphins Seele schwamm in den Reizen dieser Stunde und fühlte jene träumerische Glückseligkeit, welcher der Himmel selbst wäre, wenn sie die Stunde überlebte. – Konstanze – flüsterte er – so kehren wir denn endlich zu diesen Scenen zurück! Aber wann sollen wir sie wieder verlassen? Laß uns hier weilen und unsere Jugend erneuern. Konstanze seufzte, aber vor Wonne, und drückte Godolphins Hand an ihre Lippen. Und als sie jetzt den Gipfel des Hügels erreichten, flog eine plötzliche Röthe über Godolphins Wangen. – Ich irre mich nicht – sagte er – hier die Gegend. Dort das Thal! Das ist nicht die Straße nach Wendover Schloß; das – das ist meines Vaters Haus! – Es ist es, und doch nicht dasselbe. Und in der That lag dort schimmernd im Abendlicht das Haus, in welchem Godolphin seine Kindheit verbracht hatte. Dort rauschte munter der Strom; dort zog sich der Park mit seinen alten Bäumen hin; aber die Ruinen! Die verfallenden Bogen, der geborstene Thurm standen allerdings noch, aber es waren neue Bogen, neue Thürme erstanden, und so geschickt mit dem Ganzen verbunden, daß Godolphin glauben konnte, die Hallen seiner Ahnen seyen, wenn auch nicht in ihrem alten Umfange, doch in ähnlicher Form und selbst in einer Größe wieder hergestellt worden, welche das stolze Herz ihres letzten Besitzers befriedigt haben würde. Godolphins Blicke wendeten sich forschend zu Konstanzen. – Es hätte – sagte sie – mehr den alten Verhältnissen entsprechen können, aber dazu hätte der Bau unser halbes Leben in Anspruch genommen. – Aber auch so müssen Jahre dazu gehört haben. – Allerdings. – Und es ist Dein Werk, Konstanze? – Für Dich. – Und darum schwanktest Du, als ich Dich um Erhebung des Geldes für den Ankauf der Gemälde bat? – Ja. Verzeihst Du mir jetzt? – Theuerste Konstanze – sagte er, seine Arme um sie schlingend – wie sehr habe ich Dir Unrecht gethan. Ich hielt Dich für kalt, theilnahmlos, und währenddes rächtest Du Dich auf eine so edle Weise an den Kränkungen, die ich Dir bereitete. O warum ahnte, warum wußte ich das nicht früher? Warum spartest Du uns nicht beiden ein so langes Mißverständnis? – Ich hatte Unrecht, lieber Percy, aber ich sah dieser Stunde immer mit einem Entzücken entgegen, dessen ich mich nicht zu berauben vermochte. Ich dachte stets, daß, wenn Du dieses Werk fertig sähest, Du fühlen würdest, wie ganz Du immer in meinem Gedanken lebtest, und daß Du mir deshalb manchen Fehler verzeihen dürftest. Ich wußte, daß ich Deines Vaters höchsten Wunsch erfüllte; ich wußte, daß Du immer, obwohl vielleicht unbewußt, diesen Wunsch theiltest. Ich bedaure darum, daß bis jetzt Alles nur noch so unvollkommen geschehen ist. – Aber – fuhr Godolphin fort, der, je näher sie kamen, desto gespannter auf das neue Gebäude blickte – aber wie kam es, daß ich nie auf anderm Wege davon erfuhr? – Erinnerst Du Dich nicht mehr, wie unser Gutsnachbar Dartmour zu uns kam, und Dir ein Kompliment wegen Deiner beabsichtigten Verbeßrungen machte? Du hieltst es damals für Ironie, und drehtest dem bestürzten Manne den Rücken zu. Sie fuhren jetzt durch das Thor, welches mit Godolphins Wappen geschmückt war, und befanden sich einige Augenblicke darauf in dem wiederhergestellten Hofe der Priorei. Schwerlich hätte Konstanze durch irgend etwas Godolphin mehr rühren und schmeicheln können, als durch diese Überraschung, denn seine frühere Armuth hatte etwas von dem Ahnenstolz in ihm erweckt, welcher nur dem Armen gut ansteht, und obgleich das Band zwischen ihm und seinem Vater auf keiner zu großen Liebe beruhte, so bedauerte er doch aufrichtig, daß sein Vater nicht lange genug gelebt hatte, um an seinem Reichthum Theil nehmen und denselben zur Verwirklichung der Wünsche benützen zu können, deren Ausführung ihm selbst versagt worden war. Godolphin war überdies seiner Natur nach ganz geeignet, das zarte Benehmen Konstanzens gehörig zu würdigen und es tief zu empfinden, daß, währen der einen von dem ihrigen so abweichenden Weg ging, sie mitten in ihren ehrgeizigen Plänen im Stillen und ohne Dank an der Freude dieser Stunde arbeitete. Er dankte ihr nicht viel mit Worten, aber seine Blicke verriethen, was er fühlte, und Konstanze war überreich belohnt. Obgleich der neue Theil des Gebäudes nicht ausgedehnt seyn konnte, so entsprach doch jedes Zimmer den großartigen Verhältnissen, welche Godolphins glänzender Geschmack verlangte, und welche allein zu den alten Ruinen paßten. Konstanze hatte ihren Takt darin bewährt, daß sie die Ruine selbst nicht hatte anrühren lassen, aber sie war mit den neuen Zusätzen und mit den Zimmern des alten Hauses, welches ganz umgeformt worden war, so künstlich verbunden, daß größere Wirkung dadurch, als durch manches weitläufigere und anspruchsvollere Gothische Bauwerk hervorgebracht wurde. Godolphin sah sich Alles genau an und war entzückt über den richtigen Takt, mit welchem das Ganze bis in das Kleinste angeordnet war. Der Abend war außerordentlich schön, und sie gingen im heitern Mondlichte nach der Stelle, wo Konstanze zuerst Godolphin gesehen hatte. Auf dem murmelnden Bache schwammen die Wasservögel, und hie und da rauschte es plötzlich auf im Wasser, wenn ein räuberischer Fisch auf seine Beute schoß. Die Luft war mit balsamischen Düften gefüllt, die Vögel der Nacht schwirrten umher, dort flatterte ein Schmetterling von den Blumen auf und flog, durch den Strahl eines Sternes gelockt, zu dem Lichte auf, das er nicht erreichen konnte. Und die Sterne selbst blickten mit ihren Augen ewiger, unsäglicher Liebe auf Godolphin herab, wie damals, als er mit ihr, für die er allein eine Welt war, an Italiens See schwärmte. Nie, nie konnte er zu diesen geheimnisvollen bleichen Sonnen aufsehen, und nicht mit Schmerz an Lucilla denken! Es herrschte ein Band zwischen ihr und ihnen, das er nicht zu lösen vermochte; stets lag für ihn selbst in ihrem feierlichen milden Gange etwas, was ihm wie eine düstere, furchtbare Drohung erschien. Fünf und zwanzigstes Kapitel. Glück schafft Furcht. – »In dem Heute wandelt schon das Morgen.« Erste Liebe! Wie die Erde zu ihrem Frühling zurückkehrt und wieder neu grünt, so wenden auch wir uns zu der Blüthenzeit des Lebens und vergessen die Jahreszeiten, die dazwischen hingezogen sind! Ob in Godolphin und Konstanze eine Ahnung seyn mochte, daß ihr jetziges Glück nicht dauern werde, ob sie trotz der tiefen Ruhe fühlten, daß der Sturm schon zur Hand sey, weiß ich nicht: so viel ist gewiß, daß beide jetzt nicht wie Geschöpfe, die schon so lange an Einer Kette zogen, sondern wie Liebende fühlten, die kaum erst verbunden worden. Die Einsamkeit, die so sehr gegen ihr bisheriges Leben abstach, erinnerte an den Zauber, welcher der ersten jugendlichen Liebe so eigen ist. Allerdings hätte dies nicht lange von Bestand seyn können; aber das Schicksal ließ es bis zu dem letzten Augenblick der kurzen Spanne dauern, die ihrer Verbindung noch vergönnt war. Alles athmete hier die Erinnerungen ihrer Jugend. Dort lag Godolphins Haus, nach welchem die stolze Waise aus dem prächtigen Hause von Wendover so oft sehnsüchtig geblickt hatte; dort war die Stelle, auf welcher er, aus der fieberhaften Aufregung der Welt erwachend, seine ersten Träume von ihr genährt hatte. Der ganze Schauplatz war wie ein Bad für ihre Liebe, das sie stärkte, erfrischte. Sie gingen, lasen, dachten zusammen. Es war ein fortwährender Rausch. Die Welt war ringsum in Bewegung: sie fühlten es nicht. Der Ehrgeiz hatte sein Ideal erreicht. Die Zeit hatte den Glanz der Schönheit getrübt: sie sahen es nicht; sie waren sich jung und schön, wie sonst. Konstanze lauschte auf die Tritte des Geliebten. Sie konnte es nicht ertragen, ihn nur auf einen Augenblick zu missen: eine unbestimmte Furcht ergriff sie, wenn sie ihn nicht sah. Im Schlummer streckte sie die Arme aus, um von seiner Nähe sich zu überzeugen; all ihr Stolz, ihre Kälte, schienen wie durch Zauber geschwunden, sie liebte mit der zärtlichen, hingebendsten Liebe. Geht, o Lenker der Zukunft, ein dunkles, prophetisches Gefühl in uns auf, wenn die Stunde des Unheils, der fürchterlichen, unersetzlichen Vernichtung eines Lebens sich nähert? War nicht etwas Übernatürliches in der Tiefe und Gewalt dieser neuerwachten Leidenschaft? Zitterten sie nicht in ihrer Liebe? Sie klammerten sich an die Stunden, denn vor ihnen lag die Ewigkeit. Eines Abends lastete ein solches Vorgefühl auf Konstanze. Sie preßte Godolphins Hand, und als er den Druck erwiderte, warf sie sich an seine Brust und brach in Thränen aus. Godolphin erschrak, er bedeckte ihr Gesicht mit Küssen, und fragte nach der Ursache dieser Bewegung. – Ich weiß keinen Grund – sagte Konstanze sich erholend – ich fühle nur, daß dies Glück unmöglich dauern kann. Das Übermaß setzt mich in Schrecken. Als sie sprach, erhob sich der Wind und wehte klagend durch die breiten Blätter einer Kastanie, unter welcher sie standen: die heitere Ruhe des Abends schien dahin und ein trüber, unfreundlicher Geist durch die Luft zu ziehen, eine Veränderung, wie sie in unserm Clima so gewöhnlich ist. Godolphin schwieg einige Augenblicke, denn der Gedanke harmonirte mit den seinigen. – Und wäre es wirklich so? – sagte er endlich. – Sollte es wirklich kein dauerndes Glück für uns hienieden geben? Muß der Kummer immer der Freude auf den Fuß folgen? Sollen wir nie sagen dürfen, der Hafen ist erreicht und wir sind geborgen? Nein – fuhr er mit größerer Wärme fort – nein, laß uns nicht diesen finstern Glauben hegen. Es gibt keine Erfahrung für die Zukunft; eine Stunde widerspricht der andern und das Gewesene ist kein Beweis für das Kommende. Wir haben in uns selbst die Welt entdeckt, die so lange unserm Gesichte verborgen war, wir könnten sie nicht wieder verlieren, der Tod allein kann uns trennen. – O der Tod! – sagte Konstanze schaudernd. – Zittre nicht vor einem Worte, Konstanze. Wir sind noch im Mittag des Lebens und warum sollen wir, wie die Egyptier, das Gespenst zu unsern Festen laden? Und wenn der Tod kommt, während wir uns so lieben, ist er nicht schöner, als das Alter, das uns erstarrt? Oh, wenn diese schmale Zeitklippe nur ein Ruhepunkt in dem großen Erbtheile der Unsterblichkeit ist, warum sich dann mit so sinnlosen Worten, wie Leben und Tod, quälen? Der Tod – das Abtreten von der Scene unsres langen Wirkens. Wie viele Scenen haben wir noch vor uns! Wir kommen nur vorwärts auf unserm Wege, sind aber nicht am Ziele. Laß uns diesen Glauben erhalten, Konstanze, und jede Furcht einer Trennung verwerfen. Konstanzens Blicke hafteten auf Godolphins Gesicht, und die tiefe Ruhe, welche auf demselben herrschte, ging in ihre Seele über und beschwichtigte ihre Klage. Godolphin hatte den Gedanken an die Zukunft, wie alle Idealisten, glühend aufgefaßt, aber nur selten ausgesprochen, und Konstanze hörte ihn jetzt zum ersten und einzigen Male über seine Lippen kommen. Sie kehrten nach Hause zurück. In dem Buche, welches sie vornahmen, ist noch die Seite bezeichnet, wo Godolphins weiche Stimme zum letztenmale beim Vorlesen in Konstanzens Herz gedrungen war. Kann sie je es wieder aufnehmen? Sechs und zwanzigstes Kapitel. Letzte Unterredung zwischen Godolphin und Konstanze. – Der Brief. Sie waren für keinen der vielen Besuchenden, welche über die Priorei herfielen, zu sprechen gewesen, hatten es jedoch für nöthig empfunden, die Höflichkeit der Nachbarn dadurch zu erwidern, daß sie sie alle auf einmal zu einer großen Gesellschaft einluden. Der Tag für das große Fest war bereits bestimmt; es sollte unmittelbar nach dem Schluß der Wahlen Statt finden und gewissermaßen zu ihrer Ehre seyn. Unmuthig gingen Godolphin und Konstanze daran, sich zu ihrer Gesellschaft – es war gerade an dem folgenden Tage nach dem eben beschriebenen Abend – vorzubereiten und sie lachten – aber das Lachen kam ihnen nicht aus dem Herzen – über die Unruhe, welche ihnen zum erstenmale ein Ball machte, nachdem sie Jahre lang mit fast nichts anderm sich abgegeben hatten. Der Tag war gewöhnlich still und trüb gewesen; die Sonne war nicht ein einzigesmal zum Vorschein gekommen, und als der Abend herankam, zeigten sich immer deutlicher die Spuren eines herannahenden Ungewitters. – Ich fürchte – sagte Godolphin – wir werden kein günstiges Wetter für unsere Gesellschaft haben. Zum Glück sind nach einer allgemeinen Wahl die Nerven der Leute ziemlich abgehärtet, denn was sind die matten, kurzen Tumulte der Natur gegen die heftigen, ewig dauernden Leidenschaften des Menschen? – Eine tiefe Bemerkung auf einen feuchten Abend, lieber Percy – antwortete Konstanze lächelnd. – Du weißt – entgegnete er eben so – ich kann über das Anziehen eines Handschuhes philosophieren. – Die Zeit flog ihnen schnell mit Sprechen dahin, als Konstanze plötzlich aufsprang und sich erinnerte, daß es spät genug sey, an ihre Toilette zu denken. – Trage dies heute, Theuerste – sagte Godolphin, indem er eine Rose von einem Stocke brach, der neben dem Fenster stand, trage dies zum Andenken an jenen Ball im Wendover-Schloß, der, obwohl er für mich traurig genug ausfiel, doch so glückliche Rückerinnerungen hinterlassen hat. – Konstanze steckte die Rose vor ihre Brust; die Blätter waren frisch und glänzend – so auch ihre Hoffnungen für die Zukunft. Er küßte sie auf die Stirn, als sie sich trennten – Sie sahen sich nie wieder. Godolphin blieb zurück und wendete sich nach dem Fenster, welches auf den grünen Platz hinausging, der ihn hinablockte zu den Blumen, die sich längs desselben bis zu den dunkeln, starren Bäumen hinzogen, welche den Rasen einschlossen. Die Ruhe der Natur, welche dem Sturme vorangeht, hatte immer einen besonderen Reiz für seinen Geist gehabt. Beinahe instinktmäßig verließ er das Haus, und ging träumend weiter, bis er sich an dem klaren See befand. Dort stand er still und starrte auf die düstern Schatten, welche die Bogen der Priorei und die hohen Bäume umherwarfen. Nicht die leichteste Bewegung zeigte sich auf der Spiegelglätte des Wassers; die Vögel waren zur Ruhe, man hörte keinen Laut, außer dem Rauschen des fernen Baches, welcher in den See strömte. Alles war stumm, nur dieser lebensvolle Fluß ließ, als er über sein steiniges Bett rieselte, seine klagende Stimme nie ausgehen. Das Wogen eines Stromes ist wie die Seele einer Landschaft: er kennt keine Ruhe, keinen Schlaf, er arbeitet immer und belebt alles umher. Der schwere Körper der Natur mag ruhen, aber der Geist des Wassers rastet keinen Augenblick. Langsam und mit übereinander geschlagenen Armen ging Godolphin endlich weiter. Vor seinen Augen lagen die wohlbekannten Tummelplätze seiner Kindheit. Die Gedanken seiner Jugend tauchten wieder vor ihm auf und mahnten ihn an unbefriedigte Träume, an getäuschte Hoffnungen. – Aber endlich – rief er laut – endlich bin ich doch glücklich. Ich habe die Brücke des Lebens überschritten, welche uns von den Thorheiten der Jugend trennt und bessere Aussichten und edlere Wünsche breiten sich vor mir aus. Welche Welt von Weisheit liegt in dem Einen Ausspruche Radclyffe's »Wohlthun ist das beste Heilmittel gegen Idealismus.« Wenn wir für Andre leben, verlangen wir keine Wunder mehr für uns selbst. Welche Pflichten habe ich bis jetzt schon erfüllt? Ich entsagte dem Ehrgeize, weil er unweise sey, und damit entsagte ich der Weisheit selbst. Ich lebte den Vergnügungen, ich lebte ein Leben der Täuschung. Ohne eine lasterhafte Anlage bin ich in hundert Laster verfallen; ich habe nie egoistisch gehandelt , und bin doch immer ein Egoist gewesen. Ich nährte hohe Gedanken – aber zu welchem Zweck? Ich war ein Dichter im Herzen, ein Lüstling im Leben. Wenn mein Interesse in eine offene Reibung mit dem eines andern gekommen wäre, so hätte ich das meinige geopfert, aber ich habe nie daran gedacht, ob nicht meine eigene Existenz in einem ewigen Kriege mit dem allgemeinen Interesse lebte. Zu tiefsinnig, um ohne ein leitendes Prinzip zu leben, war doch das Eine Prinzip, das ich wählte, ein Mißgriff. Ich habe alles genossen: Jugend, Gesundheit, Freiheit, Liebe, Vergnügen, Die Frauen waren meine erste Leidenschaft; – um welche Frau habe ich mich vergebens beworben? Ich habe mir eingebildet, daß meine Zukunft von Konstanzens Lächeln abhinge – Konstanze liebte mich und wies mich zurück. Ich schrieb meine Verirrungen dieser Abweisung zu, Konstanze wurde mein – wie habe ich sie gut gemacht? Dunkle, uneingestandene Gewissensbisse haben mich wegen Lucilla's verfolgt. Aber warum habe ich das an ihr verübte Unrecht nicht durch Wohltaten gegen Andere ausgeglichen? Ist nicht Reue, die nicht in That übergeht, ein moralischer Trug? Wenn eine Sünde gegen Einen unwiderbringlich ist, kann sie durch tugendhafte Handlungen gegen Andere gesühnt werden. Aber war mein Benehmen gegen Lucilla so tadelnswerth? Warum martert mich das Gewissen deswegen? Habe ich sie nicht geflohen? Zwang sie nicht selbst mich zu unserer Verbindung? Hatte ich nicht mehr Geduld mit ihr, als später mit Konstanzen? Entschloß ich mich nicht, Konstanzen, so sehr ich sie liebte, um Lucilla's Willen zu entsagen? Wer verhinderte dies Opfer, wer verließ mich, wer bewirkte die Trennung? Lucilla. Nein, so weit ist meine Sünde nur leicht. Aber hätte ich nicht Alles verlassen, ihr folgen, sie entdecken, und ihr die Mittel aufzwingen müssen, die sie gegen Mangel, ja vielleicht ein Verbrechen schützten? Ja, darin liegt meine Sünde, die Sünde meiner Natur, die Sünde aller Weltkinder, die passive Sünde . Ich konnte mein Glück, aber nicht meine Indolenz opfern: ich war nicht ungroßmüthig, ich war träge. Aber ist es denn zu spät? Kann ich sie nicht noch aufsuchen und meinen Geist von der ängstlichen Bürde befreien, welche die Erinnerung an sie mir auflegt? Ach, Ein Gewissensbiß um eines Wesens willen, das uns geliebt hat, ist unerträglicher, als das schwärzeste Verbrechen! Godolphin war mit diesen Gedanken immer weiter gegangen, bis die sinkende Nacht ihn an andere Pflichten mahnte. Er kehrte nach Hause zurück und trat in sein Zimmer. Schon waren mehrere Gäste angelangt, Godolphin war auch mit seinem Anzuge beschäftigt, als ein Diener an die Thür klopfte und ihm ein Billet überbrachte. – Lege es auf den Tisch – sagte er – es ist vermutlich die Entschuldigung eines Gastes, der nicht zum Balle kommen kann. – Ein Bursche – antwortete der Diener – hat es von S– (einem etwa vier Meilen entfernten Dorfe) gebracht und wartet auf Antwort. Er hatte Befehl, so schnell er konnte, herzureiten. Godolphin nahm nicht ohne Unmuth das Billet an, aber kaum sah er die Handschrift, so entsank es auch seinen Händen; seine Wangen, seine Lippen wurden todtenbleich; das Herz schien ihm zu stocken; es war, als ob das Leben wie durch ein furchtbares Gift plötzlich erstarrt sey. Er raffte sich endlich gewaltsam auf, riß das Siegel ab, und las Folgendes: »Percy Godolphin, die Stunde ist gekommen – noch einmal müssen wir uns wiedersehen. Ich lade Dich, Geliebter, zu dieser Zusammenkunft – zum Sterbebette! Komm! Lucilla Volktmann.« – Macht der Gräfin keine Unruhe – sagte Godolphin mit leiser, ruhiger Stimme zum Diener – führt ein Pferd nach der Hinterthür und schickt mir den Überbringer dieses Billets herauf. Der Bote erschien – es war ein Dorfbursche von achtzehn bis zwanzig Jahren. – Ihr habt diesen Brief gebracht? – Ja, Euer Gnaden. – Von wem? – O, von einer fremden Frau, die im »Schachbrett« liegt, und es nicht lange mehr machen wird. Sie ist todtkrank, Herr, und es geht schnell zu Ende. Godolphin rang krampfhaft die Hände. – Und wie lang ist sie schon dort? – Sie ist vor zwei Stunden angekommen. Sie kam in einer Kalesche und war so schlecht, daß wir gleich nach dem Doktor schickten. Er sagt, sie könne die Nacht nicht überstehen. Godolphin ging einige Minuten auf und ab und getraute sich nicht zu sprechen. Der Bursche stand an der Thür, zupfte an seinem Hute und sah sich einfältig um. – Kam sie allein? – Wie, Euer Gnaden? – War niemand bei ihr? – O ja, ein kleines, schwarzes Mädchen. Sie schickte mich auch mit dem Brief fort. – Das Pferd ist gesattelt – sagte der Diener. – Aber wollen Sie nicht lieber den Wagen nehmen? Es sieht sehr finster aus, und es wird bald regnen. Auch ist die Furth von S– in dieser Dunkelheit schwer zu passiren. – Still! – rief Godolphin mit blitzenden Augen und einem kurzen, krampfhaften Lachen. – Soll ich mit Muße und Bequemlichkeit mich zu diesem Sterbebette begeben? Er eilte die Treppe hinunter und nach der Hinterpforte an einem Theile des alten Gebäudes. Ein Knecht hielt das ungeduldig schnaubende Pferd, das schnellste seines vortrefflichen Marstalls, und das matt flackernde Licht, das ein anderer Diener hielt, zeigte nur eben den schwer umwölkten Himmel und die düstern Ruinen. Godolphin sah nichts von Allem, er murmelte etwas vor sich hin, und sprang endlich in den Sattel; die Funken stoben unter den Hufen seines Pferdes, und der letzte Erbe eines ritterlichen Geschlechtes schied von den Hallen seiner Väter. Die Worte, welche er vor sich hin gesprochen, und welche sein Kammerdiener aufgefangen hatte, und später abergläubisch oft wiederholte, waren die aus Lucillas Brief: die Stunde ist gekommen! Letztes Kapitel. Das Wiedersehen. – Der Sturm. – Die Katastrophe. Auf dem ärmlichen Lager des Wirthshauses ruhte der aufgeriebene Körper der sterbenden Tochter des Astrologen. Der Dorfarzt saß neben ihr und schien, so abgehärtet und entsetzt durch die wilden Reden und den gräßlichen Schrei, der zuweilen aus dem Munde der Kranken hervorbrach. Die Worte wurden allerdings in einer dem Doktor fremden Sprache gesprochen, in einer Sprache, die nicht geschaffen ist, Schrecken einzuflößen, die nur Liebe, Musik und Poesie athmet, in der Sprache des milden Südens, aber mit dieser Stimme hervorgestoßen, in welcher die Leidenschaften der Seele noch mit der zunehmenden Schwäche rangen, klangen selbst die sanften Laute rauh und furchtbar; und die wild flatternden Locken der Leidenden, das irre Feuer der hohlen Augen, die verrenkten Bewegungen der magern, abgezehrten Arme gaben den unverständlichen Worten einen schweren Nachdruck und verriethen die finstre Gewalt des Wahnsinns, welcher in ihnen wüthete. Ein einziges Licht, das auf einem plumpen Tische dem Bett gegenüber stand, erhellte nur spärlich die finstere Stube, und durch das Fenster sah man bereits die ersten Blitze des nahenden Gewitters hinzucken. An der andern Seite des Lagers stand stumm, gespannt, thränenlos die kleine Mohrin, welche Lucilla's einzige Dienerin war – ihre Augen hafteten an der Dulderin mit treuer, unwandelbarer Liebe, ihre Ohren lauschten mit der ihrem Stamme eigenthümlichen Schärfe, ob sie nicht trotz dem wachsenden Getöse des Sturmes, dem Lärm im Hause, den Schall eines heraufsprengenden Pferdes vernehmen könnte, der ihr Godolphins Ankunft verkünden sollte. Plötzlich schwieg Lucillas Stimme, wie erschöpft durch den Paroxismus; und sie lag so still, so regungslos, daß es, hätte nicht der Arzt jetzt ihre Hand ergreifen können, und den schwachen, unregelmäßigen Puls gefühlt, fast schien, als sey der gequälte Geist bereits aus seinen Banden erlöst. Diese Erstarrung dauerte jedoch nur wenige Minuten, dann plötzlich richtete sie sich auf, eine leichte Röthe flog über ihre hohlen Wangen, sie legt sinnend den Finger an die Lippen, lächelte und sagte mit leiser, aber klarer Stimme: Horch, er kommt! Die Mohrin schlich sich aus dem Zimmer, öffnete die Thüre und lauschte. Sie aber hörte noch nichts; erst nach einigen Augenblicken tönte der Hufschlag in ihr Ohr; es sprengte näher, hielt vor dem Thor des Wirthshauses, stürzte die Treppe hinauf – Godolphin war im Zimmer – war am Bette – die arme Kranke lag in seinen Armen; ergriffen, besänftigt und überwältigt gab sich Lucilla seinen Liebkosungen hin, sie schwelgte in dem Schluchzen seiner Thränen erstickten Stimme, sie fühlte wie in glücklicheren Tagen den Zauber seiner Küsse ihr Herz durchglühen. Ein Augenblick der Jugend, der Liebe und der Hoffnung brach wie ein Strahl in diese schreckensvolle, finstere Stunde; heiße Thränen strömten ihr unbewußt aus den brennenden Augen und spülten die drückende Last von ihrem Herzen. Die Mohrin schritt durch das Zimmer, legte eine Hand auf die Schulter des Arztes und zeigte auf die Thüre. Lucilla und Godolphin blieben allein. – Oh – sagte er, als er endlich seiner Sprache wieder Herr werden konnte – müssen wir so uns wiederfinden? Sage nicht, Lucilla, daß Du sterben mußt. Hab Erbarmen, habe Mitleid mit Deinem Verführer. Du darfst nicht sterben. Er konnte nicht weiter reden; er sank auf ihr Bett, bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und weinte bitterlich. Der lichte Augenblick Lucillas war schon wieder vorübergegangen; sie gerieth wieder in ihre Verzückungen, obgleich diese jetzt eine mildere, feierlichere Gestalt annahmen. – Klage nicht Dich an – rief sie – die gemeinsamen Sterne allein tragen die Schuld. Aber konnte ich, da sie damals so glänzend und lieblich schienen, während sie mir das Band zwischen Dir und mir enthüllten, konnte ich träumen, daß ihre stumme, leuchtende Sprache je düstere Wahrheiten verkünden konnte. Oh Percy, seit wir geschieden sind, ist mir die Erde nicht wie die Erde erschienen; mein Leben hat seine Natürlichkeit verloren; ein wüster, irrer Geist ist in meine Brust eingezogen und hat mein Gehirn erfüllt und meine Gedanken beherrscht, und jede Triebfeder meines Daseyns bewegt: die Sonne, und die Luft, das grüne Gras, die Frische und Herrlichkeit der Welt hat sich mir mit einem Nebel bedeckt, aus welchem nur trübe, gräßliche Schatten hervorschimmerten. Aber Du, Geliebter, an dessen Brust ich so selige Träume geträumt, hast keine Schuld. Nein, wir können die Macht nicht anklagen, die uns niederschmettert: die Himmel sind außer dem Bereiche unserer Vorwürfe; sie lächeln zu unserem Todesringen, und lassen unbewegt und theilnahmslos, die Zeit über unsere gebrochenen Herzen wegrollen. Und was ist seit Deinem letzten Kusse auf diese sterbenden Lippen mein Loos gewesen? Godolphin – Lucilla zog sich zurück von ihm und schauderte wie vor einer schmerzlichen Erinnerung – Godolphin, diese Lippen haben andere Küsse geduldet, diese Ohren sind durch die Stimme der Gemeinheit entweiht worden, und in wüstem Schwelgen und noch wüsterer Leidenschaft habe ich über das Grab meiner Seele gelacht. Aber ich bin ein armes Wesen, arm, sehr arm, verrückt. – Percy, sie sagen, ich sey verrückt. – Plötzlich, wie dies in der Art ihrer Krankheit lag, davon abspringend, fuhr sie fort: Ich habe Deine Braut gesehen, Percy, als Du sie von Rom fortführtest, und die Räder Deines Wagens streiften mich, denn ich warf mich ihnen entgegen, aber sie tödten mich nicht, da die Geister droben es anders gefügt hatten, und ich wanderte über die Welt; aber – setzte sie mit einem schrecklichen, leichtsinnigen Lachen hinzu – Du sollst nicht erfahren, wohin und mit wem, denn, Du weißt, Schatz, man darf nicht Alles ausplaudern, und ich suchte Dich zu vergessen, und über der Anstrengung bekam mein Gehirn einen Stoß. Ich fühlte, wie mein Körper hinwelkte, und man sagte mir, mein Schicksal sey entschieden, und da entschloß ich mich, nach England zu gehen, und meine erste Liebe noch einmal wiederzusehen, und so kam ich, und sah Dich, Godolphin, und ich sah aus den Furchen Deiner Stirne, und aus dem sinnenden Blicke Deiner Augen, daß Dein glänzendes Loos Dich nicht zufrieden gemacht habe. Und dann kam ein stattliches Wesen zu mir und ich erkannte sie, um deretwillen Du mich verlassen hast; sie sagte mir, was Du mir sagst, ich sollte leben und die Vergangenheit vergessen. Unsinn, Unsinn! Aber mein Herz ist stolz, wie ihres, und ich wollte nicht auf die Freundlichkeit einer siegreichen Nebenbuhlerin hören, und ich floh, gleichviel, wohin. Aber höre mich, Percy, höre mich: mein Unglück hat mich weise in der Wissenschaft gemacht, welche nicht von dieser Welt ist und ich wußte, daß einst wir uns wiedersehen würden, und daß es in dieser Stunde geschehen mußte, und ich zählte Minute für Minute mit ausgelassener Freude die Tage, welche mich diesem Zusammentreffen und dem Tode näher brachten. Hüte Dich! – rief sie darauf, ihre Stimme bis zu einem wilden Schrei erhebend – hüte Dich, Percy! das Tosen des Wassers dringt in mein Ohr – es thut sich auf – es rauscht zusammen! Hüte Dich! Auch Dein Ende ist vor der Thür! Unmittelbar nach diesen Worten verfiel Lucilla wieder in ihre frühern Rasereien. Ein Schrei folgte dem andern; sie erkannte Niemanden, selbst Godolphin nicht. Mit Qualen und Kämpfen schien sich die Seele von dem Körper loszureißen. Stunden gingen vorüber – es wurde Mitternacht – hell und deutlich drangen die Schläge einer Uhr in das Zimmer. – Still! – reif Lucilla auffahrend – still! – In demselben Augenblicke theilten sich vor dem Fenster gegenüber die schweren Wolken, und hoch und fern brach ein einzelner Stern durch sie hervor. – Es ist Deiner, Godolphin, Deiner – nach dem einsamen Sterne zeigend – er ruft Dich. Lebe wohl, aber nicht auf lange! Die Mohrin stürzte mit einem lauten Schrei näher; sie legte ihre Hand auf Lucillas Brust; das Herz stand still, der Athem war entflohen, das Feuer war in der Asche erstickt – der wunderbare Geist war vielleicht bei den Sternen, nach deren Geheimnissen er sich so fruchtlos gesehnt hatte. Finster goß der Regen herab; von den fernen Bergen her konnte man das Rauschen der angeschwollenen Ströme hören, wie sie in die Thäler hinabstürzten. Die dunkle, feste Wolkenmasse war gebrochen, und die Dünste trieben schnell am Himmel hin und ließen hier und da einen Stern durchschimmern, bis er wieder von der Nacht verschlungen wurde. Am Rande des Horizontes zuckten noch einzelne Blitze hin; die Bäume krachten und stöhnten unter der Gewalt des Regens und des Sturmes, aber gesenkten Hauptes jagte ein Reiter durch das Wetter und fühlte nicht dessen Wüthen in dem Sturme seiner eigenen Gefühle. Neben einem Strome, der auch schon von dem Regen angeschwollen war, hatten Zigeuner ihr Lager aufgeschlagen, und einige dieser braunen Wanderer, die vielleicht noch auf die Rückkehr eines Theils der Bande warteten, der auf Beute ausgezogen war, hatten sich in ihrem Zelte um ein flackerndes Feuer gelagert. Sie sahen den Reiter dem Strome zueilen. – Sieh den blanken Schatz – sagte einer von der Bande; es ist derselbe, den wir am Abend oben durch die Furth haben waten sehen. Er hat den kürzern Weg eingeschlagen, der Dummkopf, und wird wieder herum bis zur Furth reiten müssen: ein hübsch Wetter, sich so herumzutreiben. – Pah – sagte eine alte Hexe – mir machts Spaß, wenn ich die stolzen Herren auch einmal in Sturm und Wetter sehe, das uns immer trifft. Es ist nur eine Meile bis zur Furth. Ich wollte, es wären ihrer zwanzig. – Hallo! – rief der erste – der Narr reitet ins Wasser. Er wird ersaufen; die Ufer sind zu hoch und zu steil, als daß Mann oder Roß hinauf könnten! Hallo! – Der Zigeuner lief mit der Theilnahme, welche selbst der verhärteste Mensch fühlt, wenn er Jemand anders unmittelbar vor seinen Augen in einer drohenden Gefahr sieht, hinaus in den tobenden Sturm und schrie dem Reiter zu, er solle still halten. Einen Augenblick schauderte Godolphins Pferd vor dem rauschenden Strome zurück: tiefes Dunkel lag auf dem Wasser und der Reiter sah die Höhe des jenseitigen Ufers nicht. Der Ruf des Zigeuners schallte in sein Ohr wie der Ruf der Todten, die er eben verlassen hatte, er stieß dem widerspenstigen Tiere die Fersen in die Seite und jagte in den Strom hinab. – Die Fackeln! Zündet die Fackeln an! – rief der Zigeuner, und in wenigen Augenblicken war das Ufer von Holzscheiten, die man aus dem Feuer gerissen hatte, erleuchtet, aber der Regen löschte sie beinah augenblicklich aus. Doch konnte man eben sehen, daß das edle Thier die Wellen durchschnitt, und daß Godolphin seinen Irrthum bemerkt und den Kopf des Pferdes nach der Furth zu gelenkt hatte. Aber das war auch Alles, was die Zigeuner bemerken konnten, und sie riefen Godolphin nur zu, er solle nach der Stelle zurückkehren, wo er hereingeritten sey, und einige Augenblicke darauf hörten sie wirklich, mehre Schritte weiter hinauf, das Pferd das dort steil und schroff sich erhebende Ufer hinanklimmen und sich durch das Buschwerk brechen, welches sich längs desselben hinzog. Sie glaubten zu gleicher Zeit einen Schall vernehmen, als ob etwas Schweres in das Wasser stürzte, aber sie hielten es für ein losgerissenes Stück Erde oder Fels, und kehrten nach ihrem Zelte zurück, überzeugt, daß der verwegene Reiter der Gefahr, in die er sich so tollkühn begeben habe, glücklich entronnen sey. – In derselben Nacht kam das Pferd Godolphins mit leerem Sattel an dem Thore der Priorei an, wo Konstanze in Todesangst, bleich, dem Sturme ausgesetzt stand und auf die Rückkehr Godolphins oder der nach ihm ausgeschickten Boten wartete. Beim Anbruch des Tages wurde seine Leiche an einer seichten Stelle der Furth gefunden; eine Verletzung an der Schläfe, wie von einem Schlage, machte es wahrscheinlich, daß er beim Ersteigen des Ufers von einem der herüberhängenden Zweige einen Stoß bekommen und dadurch in das Wasser zurückgeschleudert worden war. Schreiben Konstanzens, Gräfin von Erpingham, an *** August 1832. Ich habe das Werk gelesen, welches Sie so gütig gewesen sind mit Hülfe der genauen Kenntnis, welche Sie selbst von den darin erwähnten Personen besitzen, aus den Ihnen mitgetheilten Papieren zusammen zu setzen. Sie haben in vielen Punkten meine Wünsche übertroffen. Es lag mir eines Theils daran, daß die Welt eine Geschichte erhielte, aus welcher tief eindringende, und wie ich fest glaube, allgemein heilsame Lehren geschöpft werden können; auf der andern Seite war mir aber auch darum zu thun, das Ganze in ein solches Gewand gehüllt zu sehen, daß die Namen der wahren Karaktere dieses Dramas ein ewiges Geheimnis blieben. Beide Zwecke haben Sie erreicht. Ich halte es für unmöglich, daß Jemand dies Werk, welches jetzt dem Publikum übergeben werden soll, lesen könne, ohne die Wahrheit der aus demselben hervorgehenden Moral zu fühlen und ohne aus tausend untrüglichen Zeichen zu erkennen, daß dessen allgemeine Anlage nicht auf Dichtung, sondern auf Wirklichkeit beruhe. Sie haben sich nur einige leichte Änderungen und Zusätze erlaubt, um, was man nicht weniger dem Lebenden, als dem Andenken der Todten schuldig ist, die Namen der Personen dem Leser desto sichrer zu entrücken. In so weit sage ich Ihnen meinen herzlichsten Dank; dagegen haben Sie in einem Punkte sich desto mehr zu schulden kommen lassen. Sie haben dem edlen Karakter, den Sie unter dem Namen Godolphin darzustellen glauben, durchaus seine Gerechtigkeit nicht widerfahren lassen; Sie haben seine Züge mit einem harten, unfreundlichen Pinsel entworfen und die wenigen Schwächen, welche er besessen haben mag, so hervorgehoben, daß sie im Vordergrunde des Bildes stehen, während sein hohes Ehrgefühl, sein glänzender Verstand, die reichen Schätze seines Geistes, sein warmer Edelmuth im Schatten bleiben. O Gott! Mußte solch ein Geschick ein Wesen seiner Art treffen! Und noch dazu in der Glorie des Lebens, als eben sein Geist zu dem Bewußtseyn seiner Kraft und seines rechten Strebens erwacht war! Welch unseliges System, das bis zu seinem sieben und dreißigsten Jahre durch das nichtige Treiben des aristokratischen Lebens einen solchen Genius, ein so zartes, gefühlvolles Herz irre leiten konnte. Der Leser wird, wenn er zu diesem Satze kommt, mich gegen den Vorwurf einer Ungerechtigkeit gegen Godolphin's Karakter rechtfertigen; er spricht grade das aus, was meine wahrheitstreue Darstellung offen legen soll – nämlich den Eindruck unserer wirklichen Welt auf den idealischen, phantasiereichen Menschen. Aber ich kann, ich kann nicht davon sprechen. Ich muß die Feder niederlegen; morgen will ich mich zwingen, meine Behauptung wieder aufzunehmen. – Ich habe gestern gesagt, Sie hätten ihm Unrecht gethan. Ich bitte Sie, diesen Karakter umzuformen und dem Andenken eines Mannes Genüge zu leisten, den Niemand ohne Bewunderung sah, den Niemand kannte, ohne ihn zu lieben. Wie sehr haben Sie auf der andern Seite mir geschmeichelt, die doch so eitel, stolz und unweiblich, nichts als bittern Gedanken, trüben Plänen nachgehangen hat. Diese Schmeichelei verbirgt mich am sichersten, und darum allein will ich Sie nicht bitten, die traurige, reizlose Wahrheit an ihre Stelle zu setzen. Aber während ich es mit Qual und Schaam fühle, wie richtig Sie die scheinbare Vernachlässigung des Dahingeschiedenen schildern, welche nur aus dem Stolze entsprang, der sich vernachlässigt glaubte, so haben Sie doch nicht genug, nein nicht im entferntesten genug von der wirklichen Liebe gesagt, welche ich stets für ihn hegte, obgleich in ihr doch der einzige sanfte, versöhnende Theil meiner Natur liegt. Aber wer kann wissen, wer beschreiben, was ein Anderer fühlt? Selbst ich wußte nicht, wie stark ich fühlte, als bis der Tod es mich lehrte. Seit ich das Buch ganz durchgelesen habe, verfolgt mich Ein Gedanke: wie wunderbar es ist, daß ich einen Verlust überleben konnte, daß die spröden Saiten meines Herzens nicht schon längst gerissen sind, daß ich lebe und dazu mitten unter der Welt lebe! Ja, aber nicht mit der Welt; und in diesem Bewußtseyn schreite ich noch auf der kahlen, öden Lebensbahn dahin. Von nun an und für immer von den zarteren Gefühlen ausgeschlossen, welche das Erbtheil meines Geschlechtes sind, ohne Mutter, Gatte, Kind, oder Freund, ungeliebt und ohne Liebe, stütze ich mich auf den Glauben, daß ich, so viel dies Frauen frei steht, dazu beigetragen habe, die große Veränderung zu fördern, welche der Welt bevorsteht und ich tröste mich mit der festen Überzeugung, daß früher oder später eine Zeit kommen wird, wo die ungebührlichen Ungleichheiten in der Vertheilung des Lebens – welche nicht bloß mir, sondern allen, die ich bewundert und geliebt habe, unheilvoll gewesen sind, welche die Großen herzlos, und die Niedrigen knechtisch, welche das Genie entweder zum Feinde der Menschheit oder zum Opfer seiner eigenen Größe machen, welche das energische Streben entwürdigen, jede adelige Gesinnung zersplittern, welche das Herzerkälten, die Talente fesseln und nur die allgemeine Entwicklung des Mittelmäßigen und Launen begünstigen – wo diese, wenn auch nicht ganz beseitigt, doch zu natürlichern, freiern Elementen der Gesellschaft umgeschmolzen werden dürften. Ach, einsam zu Hause müssen wir von außen den einzigen Trost, die einzige Beschäftigung unsers Lebens erwarten.